Sämtliche Werke 9-10 (part 3 of 5)
Am Tage nach seinem Gespräch mit Aljoscha auf dem Felde (nach welchem Mitjä die ganze Nacht nicht hatte schlafen können), erschien er um zehn Uhr morgens im Hause Ssamssonoffs und ließ sich bei ihm anmelden. Es war ein altes, düsteres, sehr großes, zweistöckiges Haus mit einem Anbau und Nebengebäuden auf dem Hof. In der unteren Etage lebten die beiden verheirateten Söhne Ssamssonoffs mit ihren Familien, eine alte Schwester von ihm und eine unverheiratete Tochter. Im Anbau des Hauses waren zwei seiner Kommis untergebracht, von denen einer wiederum Vater einer zahlreichen Familie war. Alle diese Familien lebten eingeengt und eingezwängt in ihren kleinen Wohnungen, doch den ganzen oberen Stock seines Hauses bewohnte der Alte allein und erlaubte nicht einmal, daß seine Tochter bei ihm wohnte, die ihn pflegte, und zu bestimmten Stunden und auf die immerwährenden Rufe jedesmal zu ihm von unten nach oben laufen mußte, ungeachtet ihrer schwachen Brust. Dieser obere Stock bestand aus einer Menge großer Paradezimmer, die auf alte, kaufmännische Art ausgestattet waren: mit langen, langweiligen Reihen plumper angestrichener Sessel und Stühle aus rotem Holz an den Wänden, mit kristallenen Kronleuchtern in Überzügen, mit alten, trüben Spiegeln zwischen den Fenstern. Alle diese Zimmer waren unbewohnt, denn der kranke Alte hatte sich in ein einziges kleines Zimmer zurückgezogen, in ein abgelegenes, kleines Schlafzimmer, wo ihm eine alte Magd, die ihre Haare mit einem Tuch umwickelt trug, und ein Bursche, der auf der Truhe im Vorzimmer schlief, aufwarteten. Wegen seiner geschwollenen Füße konnte der Alte überhaupt nicht mehr allein gehen und erhob sich daher sehr selten aus seinem Ledersessel; die Alte, die ihm aufstehen half, führte ihn dann ein- oder zweimal durch das Zimmer. Er war streng und wortkarg; selbst mit der Alten sprach er kaum. Als man ihm den „Hauptmann“, wie der Alte Dmitrij Fedorowitsch zu nennen pflegte, meldete, befahl er, ihn abzuweisen. Aber Mitjä bestand darauf und bat, ihn noch einmal anzumelden. Kusjma Kusjmitsch erkundigte sich ausführlich beim Burschen nach dem Besuch: „Wie sieht er aus? Ist er nicht betrunken? Ist er vielleicht aufgebracht?“ und erhielt zur Antwort, daß er „nüchtern“ sei, aber auf keinen Fall fortgehen wolle. Der Alte befahl, ihn noch einmal abzuweisen. Da schrieb Mitjä, der das alles vorausgesehen und sich für den Fall mit Bleistift und Papier versorgt hatte, auf eine Karte: „In einer sehr dringlichen Angelegenheit, die Agrafena Alexandrowna betrifft,“ und schickte sie dem Alten. Nach einigem Nachdenken befahl der Alte dem Burschen, den Gast in den Saal zu führen; die Alte aber schickte er zum jüngeren Sohn nach unten, mit der Weisung, der möge sofort sich zu ihm nach oben begeben. Dieser jüngere Sohn, ein Mann von fast sieben Fuß Länge und von außergewöhnlicher Kraft, mit glattrasiertem Gesicht und in deutscher Kleidung (Ssamssonoff selbst trug einen russischen Leibrock und einen langen Bart), erschien sofort und ohne ein Wort zu reden. Alle zitterten sie vor dem Vater. Der Vater hatte den jungen Mann nicht etwa aus Furcht vor dem „Hauptmann“ rufen lassen, denn er war nichts weniger als furchtsam, sondern vielmehr, um auf jeden Fall einen Zeugen zugegen zu haben. In Begleitung des Sohnes und des Burschen, die ihn unter den Armen gestützt hielten, erschien der Alte endlich im Saal. Man sollte meinen, daß auch er eine genügend starke Neugier empfinden mußte. Der Saal, in dem Mitjä wartete, war ein sehr großes, dunkles, die Seele des Menschen bedrückendes Gemach, mit zwei übereinanderliegenden Fensterreihen und mit einer Galerie; die Wände waren marmorartig bemalt, und an der Decke hingen drei große Kristall-Kronleuchter in Überzügen. Mitjä saß auf einem kleinen Stuhl neben der Tür und wartete in nervöser Ungeduld. Als der Alte in der gegenüberliegenden großen Tür erschien, sprang Mitjä sofort vom Stuhl auf und ging ihm mit seinen festen Offiziersschritten entgegen. Er war gut gekleidet: in zugeknöpftem Gehrock, einen schwarzen, englischen Hut in der Hand und in schwarzen Handschuhen, fast genau so, wie er am Tage vorher beim Staretz zur Familienversammlung erschienen war. Der Alte erwartete ihn stehend, würdig und streng, und Mitjä fühlte sofort, daß jener ihn, solange er auf ihn zuging, musternd betrachtete. Das Gesicht Kusjma Kusjmitschs war in der letzten Zeit ganz aufgeschwollen und setzte Mitjä etwas in Erstaunen: seine untere und ohnehin schon dicke Lippe glich jetzt geradezu einem hängenden, dicken Fleischlappen. Würdig und schweigend verneigte er sich vor dem Gast und wies ihm einen Sessel neben dem Diwan an; er selbst aber ließ sich – von seinem Sohne gestützt und schwer ächzend – Mitjä gegenüber auf dem Diwan nieder. Mitjä empfand, als er die Anstrengung des Alten sah, in seinem Herzen sofort etwas wie zartfühlende Reue wegen seiner Belästigung eines so würdigen, kranken Greises.
„Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr,“ fragte endlich der Alte, nachdem er sich gesetzt hatte, langsam, deutlich, streng, doch in höflichem Tone.
Mitjä fuhr zusammen und wollte schon vom Stuhl aufspringen, besann sich aber und blieb sitzen. Darauf fing er sofort mit lauter Stimme, sich überstürzend, mit unruhigen Gesten und in großer Aufregung zu reden an. Es war, wie wenn ein Mensch an der letzten Grenze angelangt ist, unmittelbar vor dem Untergang steht und noch einen letzten Ausweg sucht, – gelingt es ihm nicht, ihn zu finden, so springt er sofort ins Wasser. Alles das begriff der alte Ssamssonoff sofort, doch sein Gesicht blieb unveränderlich und kalt wie das eines Götzenbildes. Mitjä wußte nicht recht, wie er ihn anreden sollte.
„Der sehr geehrte Kusjma Kusjmitsch,“ begann er endlich, „wird wohl schon oft genug von meinen Streitigkeiten mit meinem Vater, Fedor Pawlowitsch Karamasoff, gehört haben, der mich des Erbes meiner leiblichen Mutter beraubt hat ... da ja die ganze Stadt davon spricht ... denn hier reden doch alle von Dingen, die sie nichts angehen ... Außerdem hätten Sie von Gruschenka ... pardon: von Agrafena Alexandrowna ... der von mir hochgeehrten und hochgeachteten Agrafena Alexandrowna ...“ So begann Mitjä und verwirrte sich schon bei den ersten Worten. Doch ich will hier nicht seine ganze Rede wortwörtlich wiederholen, sondern nur den Inhalt derselben. Zunächst ging’s folgendermaßen weiter: Mitjä hätte sich schon vor drei Monaten „absichtlich“ mit einem Advokaten aus der Gouvernementsstadt beraten, „mit dem berühmten Advokaten Pawel Pawlowitsch Korneplodoff. Sie werden diesen Namen wahrscheinlich schon gehört haben? Ein kluger Kopf, ein fast staatsmännischer Verstand ... er kennt Sie ... er hat Ihrer im besten Sinne erwähnt ...“ Mitjä verlor schon wieder den Faden. Aber das hielt ihn nicht im geringsten auf, er überhastete sich und strebte immer weiter. Dieser Korneplodoff hätte nun, nachdem er die Dokumente, die Mitjä ihm stellen konnte, zur Durchsicht verlangt (von den Dokumenten sprach Mitjä sehr unklar, und er beeilte sich offenbar, über diesen Punkt hinwegzukommen), ihm gesagt, daß man in betreff des Gutes Tschermaschnjä, das Mitjä mütterlicherseits zukam, tatsächlich einen Prozeß gegen den alten Lüstling beginnen könne ... „denn es sind doch nicht alle Türen verschlossen! Wer soll es denn sonst wissen, wenn nicht die Juristen, wo man durchschlüpfen kann!“ Mit einem Wort, man könne noch auf eine Abzahlung von sechstausend, sogar siebentausend Rubel von seiten Fedor Pawlowitschs hoffen. Denn Tschermaschnjä sei immerhin nicht weniger als fünfundzwanzigtausend wert, „das heißt achtundzwanzig – was sage ich –, dreißig, dreißigtausend, Kusjma Kusjmitsch, und denken Sie sich doch, ich hab nur siebzehntausend von ihm ausgezahlt erhalten! ... Ich habe die Sache damals nur deswegen liegen lassen, weil ich nichts mit dem Gericht zu tun haben wollte, doch als ich herkam, fiel ich geradezu aus den Wolken: Er bereitete eine Gegenklage vor!“ (Hier verwirrte sich Mitjä von neuem und übersprang daher auch diesen Punkt.) „Mit einem Wort, wollen Sie vielleicht, sehr geehrter Kusjma Kusjmitsch, alle meine Ansprüche auf dieses Gut übernehmen, und mir dafür nur dreitausend Rubel geben ... Sie können dabei in keinem Falle etwas verlieren, dessen versichere ich Sie bei meiner Ehre, sondern Sie können statt dreitausend, sechs- bis siebentausend gewinnen ... Die Hauptsache ist aber, daß man die Sache so schnell als möglich erledigt, wenn möglich sogar heute schon ... Ich werde Ihnen beim Notar, oder wie da ... Mit einem Wort, ich bin zu allem bereit, ich werde Ihnen alle Dokumente einhändigen, die Sie nur wollen, alles unterschreiben ... und wir würden dieses Papier sofort aufsetzen, und wenn es nur möglich, ja wenn es nur irgend möglich ist, sogleich heute alles erledigen ... Sie würden mir die Dreitausend geben ... Denn welcher Kapitalist hier in der Stadt könnte sich mit Ihnen messen? ... und Sie würden mich retten vor ... mit einem Wort, Sie würden meinen Kopf retten, um einer hochherzigen ... Ich hege die edelsten Gefühle zu einer gewissen Dame, die Sie nur zu gut kennen, und die Sie väterlich beschützen. Es sind hier, wenn Sie wollen, drei mit den Köpfen zusammengestoßen, denn das Schicksal – das ist etwas Grausames! Der Realismus, Kusjma Kusjmitsch, der Realismus! Da man Sie aber schon seit langem ausschließen muß, so bleiben nur noch zwei Köpfe ... pardon, ich drücke mich vielleicht nicht ganz geschickt aus ... ich bin kein Literat. Das heißt, der eine Kopf, das bin ich, und der andere – das ist das Ungeheuer! Und so wählen Sie denn. Alles liegt jetzt in Ihren Händen ... drei Schicksale und zwei Lose ... Verzeihen Sie, ich habe mich versprochen ... doch Sie verstehen schon ... ich sehe es an Ihren ehrwürdigen Augen, daß Sie verstanden haben ... Wenn Sie aber nicht verstehen wollen, so ist es heute noch aus mit mir!“
Mitjä hielt plötzlich in seiner sinnlosen Rede inne und erwartete eine Antwort auf seinen dummen Vorschlag. Bei der letzten Phrase hatte er plötzlich gefühlt, daß nun alles verloren war – und hauptsächlich, daß er einen schrecklichen Unsinn zusammengesprochen hatte. „Sonderbar, als ich herkam, schien mir alles so klar und gut, und jetzt ist alles Unsinn!“ ging es ihm plötzlich durch seinen hoffnungslosen Kopf. Die ganze Zeit, während er sprach, saß der Alte unbeweglich da und beobachtete ihn mit einem eisigen Ausdruck. Nachdem er ihn eine Weile auf seine Antwort hatte warten lassen, sagte er endlich im kühlsten und teilnahmlosesten Tone:
„Entschuldigen Sie, aber mit solchen Sachen befassen wir uns nicht.“
Mitjä fühlte, daß seine Füße schwach wurden.
„Was soll ich jetzt tun, Kusjma Kusjmitsch?“ murmelte er erblassend. „Was glauben Sie, jetzt bin ich doch verloren?“
„Entschuldigen Sie ...“
Mitjä stand noch immer da und starrte vor sich hin, und plötzlich bemerkte er, daß im Gesicht des Alten etwas zuckte. Er schrak zusammen.
„Sehen Sie, mein Herr, solche Sachen – passen mir nicht,“ sagte langsam der Alte, „mit dem Gericht und mit den Advokaten, das ist das reine Unglück! Doch wenn Sie wollen, ich kenne einen Menschen, an den Sie sich damit wenden könnten ...“
„Mein Gott, wer ist das? ... Sie retten mich, Kusjma Kusjmitsch!“ stotterte Mitjä.
„Er ist kein Hiesiger, und auch jetzt befindet er sich nicht hier. Er ist Bauer, handelt mit Wald und heißt Ljägawyj. Mit Fedor Pawlowitsch verhandelt er schon ein Jahr lang wegen des Waldes von Tschermaschnjä; sie können mit dem Preis nicht übereinkommen, wie Sie vielleicht gehört haben. Jetzt ist er wieder hergekommen und hält sich beim Popen Iljinskij auf, zwölf Werst von der Station Wolowje entfernt, im Dorfe Iljinskoje. Er hat auch an mich in dieser Angelegenheit geschrieben, das heißt, er hat mich wegen des Waldes um Rat gefragt. Fedor Pawlowitsch wollte selbst hinfahren. Wenn Sie jetzt Fedor Pawlowitsch zuvorkommen und dem Ljägawyj dasselbe vorschlagen, was Sie mir vorgeschlagen haben, so könnte er ...“
„Ein genialer Gedanke!“ unterbrach ihn Mitjä begeistert. „Gerade ihm, gerade ihm muß man das in die Hand geben! Er will den Wald kaufen, man verlangt einen hohen Preis von ihm, und da, da gibt man ihm ein Dokument mit dem Anrecht auf den ganzen Besitz in die Hände, hahaha!“ Und Mitjä lachte plötzlich sein trockenes, kurzes Lachen, und zwar so unerwartet, daß Ssamssonoff mit dem Kopf zurückzuckte.
„Wie soll ich Ihnen dafür danken, Kusjma Kusjmitsch!“ stieß Mitjä aufgeregt hervor.
„Ich bitte, nicht der Mühe wert,“ erwiderte Ssamssonoff mit einem Kopfneigen.
„Sie wissen gar nicht, Sie haben mich gerettet, mein Vorgefühl hat mich zu Ihnen geführt ... Also, auf zu diesem Popen! Ich eile, ich fliege sofort ... Ich habe auf Ihre Krankheit keine Rücksicht genommen ... Aber ich werde es Ihnen nie vergessen! Ein russischer Mensch sagt Ihnen das, Kusjma Kusjmitsch, ein russischer Mensch!“
„Sehr wohl.“
Mitjä wollte bereits die Hand des Alten ergreifen, um sie zu schütteln, doch etwas Böses blitzte in dessen Augen auf. Mitjä ließ seine Hand sinken, machte sich aber seines Argwohns wegen sofort Vorwürfe. „Er ist ermüdet ...“ ging es ihm durch den Sinn.
„Für sie! Für sie! Kusjma Kusjmitsch! Sie verstehen mich doch, alles ist ja für sie!“ rief er plötzlich laut durch den ganzen Saal, verbeugte sich, drehte sich auf dem Hacken hastig um und ging mit denselben raschen, gleichmäßigen Schritten, ohne sich umzukehren, dem Ausgang zu. Er zitterte vor Begeisterung. „Alles war schon verloren, da hat mich mein Schutzengel gerettet! ... Und wenn schon selbst solch ein Geschäftsmann wie dieser Alte –, welch ein edler Greis, welch eine Haltung! – mir diesen Ausweg zeigt, so ... so ist doch wenigstens schon der Weg gefunden! Ich werde sofort hinfahren. Vor der Nacht bin ich dann wieder zurück, und die Sache ist erledigt. Der Alte hat sich doch nicht über mich lustig machen wollen?“ So dachte Mitjä bei sich, als er in seine Wohnung eilte. Es konnte ihm auch gar nicht anders scheinen: entweder, es war ein sachlicher Rat (von solch einem Geschäftsmann!) mit Sachkenntnis gegeben, oder – oder aber der Alte hatte sich wirklich über ihn lustig gemacht! Leider war der zweite Gedanke der richtige. Später, lange nachher, als die ganze Katastrophe schon geschehen war, gestand der alte Ssamssonoff selbst lachend, daß er sich über den „Hauptmann“ tatsächlich lustig gemacht hatte. Er war ein böswilliger, kalter und höhnischer Mensch, und dazu war er noch voller krankhafter Abneigungen. Die begeisterte Stimmung des „Hauptmanns“, die dumme Überzeugung dieses „Verschwenders und Verschleuderers“, daß er, Ssamssonoff, auf so einen „wilden Plan“ hereinfallen könnte, die Eifersucht wegen Gruschenka, um derentwillen dieser „Herumtreiber“ zu ihm gekommen war, um für irgendeinen wilden Blödsinn Geld zu erhalten – ich weiß nicht, was in dem Alten in jenem Augenblick aufstieg, als Mitjä vor ihm stand und fühlte, daß seine Füße schwach wurden, und er sinnlos ausrief, daß er verloren sei: aber in dieser Minute sah der Greis mit unendlicher Wut auf ihn und nahm sich vor, ihn zum besten zu haben. Als Mitjä hinausgegangen war, befahl Kusjma Kusjmitsch, bleich vor Zorn, seinem Sohn, dafür zu sorgen, daß von diesem Herumtreiber hinfort selbst nicht der Schatten mehr vor seine Augen komme, nicht einmal auf den Hof solle man ihn lassen, geschweige denn ...
Er beendete seine Drohung nicht, doch der Sohn, der ihn oft im Zorn gesehen hatte, erzitterte vor Furcht, denn so war der Vater noch nie gewesen. Noch eine ganze Stunde nachher bebte der Alte vor Wut, und zum Abend hin erkrankte er und schickte nach dem Arzt.
II. Ljägawyj
So mußte sich Mitjä denn aufmachen, doch Geld, um die Pferde zu bezahlen, besaß er nicht: im ganzen hatte er noch zwei Zwanzigkopekenstücke, das war aber auch alles, was ihm von seinem früheren Wohlstande verblieben war. Aber bei ihm zu Haus lag noch eine alte silberne Uhr, die schon längst zu gehen aufgehört hatte. Er nahm sie und brachte sie zu einem Uhrmacher, einem Juden, der seinen kleinen Laden am Markt hatte. Der gab für sie sechs Rubel. „So viel? Das hatte ich gar nicht erwartet!“ rief Mitjä entzückt aus (er war die ganze Zeit über noch begeistert), steckte sich die sechs Rubel ein und eilte nach Haus. Zu Hause borgte er von seinen Hauswirten noch drei Rubel dazu; sie gaben sie ihm mit Vergnügen, ungeachtet dessen, daß es ihr letztes Geld war – so sehr liebten sie ihn. Mitjä erzählte ihnen sofort in seiner Begeisterung, daß sein Schicksal sich jetzt entscheiden werde, erzählte ihnen in großer Eile fast seinen ganzen „Plan“, den er soeben noch Ssamssonoff vorgelegt hatte, darauf den Rat Ssamssonoffs, alle seine Hoffnungen usw. usw. Die Hauswirte waren auch schon früher in viele seiner Geheimnisse eingeweiht worden und betrachteten ihn als einen zu ihnen Gehörigen, und durchaus nicht als stolzen Herrn Leutnant. Nachdem er auf diese Weise also neun Rubel zusammengebracht hatte, schickte er nach Postpferden, um zur Station Wolowje zu fahren. Auf diese Weise konnte später die Tatsache festgestellt werden, daß Mitjä „am Tage vor dem Ereignisse keinen Kopeken besessen hatte, und daß er, um sich das Geld, das er zur Fahrt nötig hatte, zu verschaffen, seine Uhr verkauft und drei Rubel von den Hauswirten geborgt hatte, und das alles vor Zeugen.“
Ich hebe diese Tatsache schon jetzt hervor, später wird sich erklären, warum ich es tue.
Wenn nun Mitjä auch während der ganzen Fahrt bis zur Station Wolowje, vor Freude darüber, daß jetzt endlich sich alles lösen und „alle diese Gemeinheiten“ ein Ende nehmen würden, förmlich berauscht war, so zitterte er trotz alledem vor Angst bei dem schrecklichen Gedanken: „Was wird Gruschenka während meiner Abwesenheit tun? Wenn sie sich nun gerade heute entschließt, zum Vater zu gehen?“ Darum hatte er ihr auch nicht gesagt, daß er fortfahren werde und den Hauswirten strengstens verboten, zu verraten, wohin er sich begeben hatte, falls jemand kommen sollte, um nach ihm zu fragen. „Ich muß unbedingt, unbedingt noch heute abend zurückkehren,“ sagte er sich immer wieder, „und diesen Ljägawyj müßte man eigentlich mitschleppen, damit man alle Formalitäten sofort erledigen kann ...“ So träumte Mitjä mit bangem Herzen, doch leider sollten sich diese Träume nicht nach seinem „Plane“ verwirklichen. Erstens: er verspätete sich, da er von der Station Wolowje einen Nebenweg eingeschlagen hatte. Der Nebenweg war aber nicht zwölf, sondern achtzehn Werst lang. Zweitens traf er den Iljinskijschen Popen nicht zu Haus, da jener auf ein benachbartes Gut gefahren war. Als Mitjä ihm mit seinen müdegejagten Pferden auf das Gut nachfuhr und ihn endlich fand, wurde es schon Nacht. Das „Väterchen“, dem Äußeren nach ein bescheidener und liebenswürdiger Mensch, erklärte sofort bereitwillig, daß dieser Ljägawyj sich wohl zuerst bei ihm aufgehalten habe, doch jetzt sich in Ssuchoj Possjolok, wo er Wald kaufe, beim Buschwächter befinde, und dort in dessen Hütte übernachten werde. Auf die inständigen Bitten Mitjäs, ihn sofort zu diesem Ljägawyj zu bringen und ihn dadurch zu „retten“, weigerte sich das Väterchen zuerst, schließlich aber willigte es doch ein, ihn nach Ssuchoj Possjolok zu führen, da es augenscheinlich selbst eine große Neugierde empfand. Zum Unglück riet er aber Mitjä, mit ihm zu Fuß dahin zu gehen, da es nur etwas mehr als eine Werst entfernt sei. Mitjä, versteht sich, willigte sofort ein und ging mit seinen langen Schritten drauflos, so daß das arme Väterchen fast hinter ihm herlaufen mußte. Es war das noch kein alter, doch ein sehr vorsichtiger Mensch. Mitjä sprach sofort wieder begeistert mit ihm über seine Pläne, verlangte voll Unruhe seinen Rat in betreff Ljägawyjs und sprach überhaupt den ganzen Weg. Das Väterchen hörte ihm aufmerksam zu, riet ihm aber wenig. Auf die Fragen Mitjäs antwortete es ausweichend: „Ich weiß es nicht, ich, ich weiß es nicht, wie soll ich das wissen“ usw. Als Mitjä von seinen Streitigkeiten mit Fedor Pawlowitsch wegen seiner Erbschaft erzählte, erschrak das Väterchen sogar, da es in irgendwelchen Dingen von Fedor Pawlowitsch abhängig war. Mit Verwunderung fragte der Pope übrigens Mitjä, warum er diesen Holzhändler Gorstkin „Ljägawyj“ nannte, und er erklärte Mitjä ausführlich, daß jener, wenn er auch Ljägawyj hieße, sich doch nicht Ljägawyj nenne; mit diesem Namen kränke man ihn bis aufs Blut, und Mitjä solle ihn nur ja Gorstkin anreden, denn sonst würde aus der Sache nichts werden, und „er würde Sie überhaupt nicht anhören“, schloß das Väterchen. Mitjä war darüber sehr verwundert und erklärte ihm, daß Ssamssonoff selbst jenen Holzhändler so genannt habe! Als der Priester das hörte, brach er das Gespräch sofort ab, obgleich es besser gewesen wäre, wenn er Mitjä seinen Verdacht mitgeteilt hätte: daß Ssamssonoff, wenn er ihn zu diesem Bauer, als zu „Ljägawyj“ geschickt hat, sich über ihn nur habe lustig machen wollen, und daß dabei etwas nicht ganz in Ordnung sein müsse. Doch Mitjä hatte keine Zeit, jetzt „an solche Kleinigkeiten“ zu denken. Er beeilte sich, schritt weit aus, und erst, als er in Ssuchoj Possjolok angelangt war, erriet er, daß sie nicht eine Werst, wohl aber drei Werst gegangen waren; das ärgerte ihn ein wenig, aber er schwieg darüber. Sie traten in die Hütte. Der Buschwächter, ein Bekannter des Väterchens, wohnte in der einen Hälfte der Hütte, in der anderen, in der „guten Stube“, rechts vom Flur, hatte sich Gorstkin einquartiert. Sie traten in die gute Stube, und es wurde für sie sofort ein Talglicht angezündet. Die Stube war stark geheizt. Auf einem Tannenholztisch stand ein verlöschter Ssamowar, ein Teebrett mit Tassen, eine geleerte Flasche Rum, ein fast geleerter Liter Branntwein und Reste von Weizenbrot. Der Angereiste selbst lag ausgestreckt auf einer Holzbank, hatte seinen zusammengerollten Überrock statt eines Kissens unter den Kopf geschoben und schnarchte laut. Mitjä war einen Augenblick unentschlossen. „Man muß ihn wecken! Meine Angelegenheit ist zu wichtig, und ich habe es so eilig, ich muß heute noch zurückfahren,“ sagte Mitjä in seiner Erregung; das Väterchen und der Wächter standen dabei, schweigend, und keiner äußerte seine Meinung. Mitjä ging zum Schlafenden und versuchte ihn zu wecken, rüttelte ihn kräftig, aber der Schlafende wachte nicht auf. „Er ist betrunken!“ rief Mitjä erschrocken aus, „was soll ich jetzt tun, mein Gott, was soll ich jetzt tun!“ Und plötzlich begann er in seiner Ungeduld den Schlafenden an den Händen und Füßen zu zerren, seinen Kopf zu schütteln, ihn aufzuheben und auf die Bank zu setzen, doch seine ganze lange Liebesmüh war umsonst: der Betrunkene brummte und grunzte nur und fing schließlich an kräftig, wenn auch undeutlich zu schimpfen.
„Nein, besser, Sie schieben es noch auf,“ sagte endlich das Väterchen, „er ist augenblicklich nicht imstande ...“
„Er hat den ganzen Tag getrunken,“ berichtete nun auch der Buschwächter.
„Mein Gott!“ rief Mitjä ganz verzweifelt, „wenn Sie nur wüßten, wie sehr die Sache drängt, in welch einer Verzweiflung ich mich jetzt befinde!“
„Aber es wäre auch für Sie besser, bis zum Morgen zu warten,“ meinte wieder das Väterchen.
„Bis zum Morgen? Erbarmen Sie sich, das ist unmöglich!“ Und in seiner Verzweiflung wollte er sich wieder auf den Betrunkenen stürzen, um ihn zu wecken, doch ließ er sofort davon ab, da er die Nutzlosigkeit dieser Anstrengung einsah. Der Pope schwieg, der verschlafene Wächter stand mit düsterer Miene da.
„Herrgott, welche furchtbaren Tragödien die Wirklichkeit doch mit den Menschen aufführt!“ rief Mitjä verzweifelt aus. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er stand schweigend da. Das Väterchen benutzte den Augenblick, um ihm noch einmal vernünftig zuzureden: daß, wenn es ihm auch gelänge, den Schlafenden aufzuwecken, dieser in seiner Betrunkenheit doch nicht zu solch einem Gespräch fähig sein werde, „und da Ihre Sache von so großer Wichtigkeit ist, so wäre es besser, sie bis zum Morgen aufzuschieben ...“ Mitjä breitete nur die Arme aus und schickte sich wohl oder übel drein.
„Väterchen, ich werde mit dem Licht hierbleiben und werde einen Augenblick zu erhaschen versuchen. Wenn er aufwacht, werde ich sofort beginnen ... Das Licht werde ich dir bezahlen,“ sagte er zum Wächter gewandt, „für das Nachtlogis gleichfalls, wirst noch an Dmitrij Karamasoff denken. Was wird aber nun aus Ihnen, Väterchen, ich weiß nicht, wo Sie bleiben sollen, wo Sie sich hinlegen könnten ...“
„Nein, ich gehe zu mir nach Haus. Ich werde auf seiner Stute zurückreiten,“ sagte das Väterchen, auf den Wächter weisend. „Leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen guten Erfolg.“
Und so geschah es denn auch. Der Pope ritt auf der kleinen Stute davon, froh darüber, daß er sich endlich von der Sache losgemacht hatte. Doch schüttelte er noch lange nachdenklich sein Haupt und dachte unruhig darüber nach, ob es nicht besser wäre, morgen frühzeitig seinen Gönner Fedor Pawlowitsch von diesem bemerkenswerten Fall zu benachrichtigen, „denn ist die Stunde, in der er es erfährt, ungünstig, so kann er noch wütend werden und seine Güte zu mir einschränken.“ Der Waldwächter kratzte sich hinterm Ohr und ging schweigend in seine Kammer. Mitjä setzte sich auf die Bank, um, wie er gesagt hatte, den Augenblick zu erhaschen! Schwermut breitete sich wie Nebel über seine Seele; es war eine tiefe, lähmende Schwermut! Und doch gaben ihm die Sorgen keine Ruh. Er saß da und grübelte und konnte sich trotzdem nicht klar und schlüssig werden. Das Licht brannte nieder; ein Heimchen zirpte hin und wieder, und in dem geheizten Zimmer wurde es unerträglich beklemmend. Plötzlich sah er einen Garten vor sich, einen Gang hinter dem Garten, im Hause des Vaters öffnete sich geheimnisvoll eine Tür, und durch die Tür schlüpfte Gruschenka ... Er sprang auf.
„Die Tragödie!“ sagte er zähneknirschend, mechanisch ging er zum Schlafenden und betrachtete ihn. Es war ein hagerer, noch nicht alter Bauer mit länglichem Gesicht, rötlichen Locken und einem langen, dünnen roten Bart, in einem Kattunhemd und in schwarzer Weste, aus deren Tasche die silberne Kette einer silbernen Uhr heraushing. Mitjä betrachtete diesen Menschen mit unbeschreiblichem Haß, und es war ihm aus irgendeinem Grunde besonders widerwärtig, daß er Locken hatte. Hauptsächlich aber war für ihn beleidigend, daß er, Mitjä, jetzt hier bei ihm stehend warten mußte, mit dieser unaufschiebbaren Angelegenheit, dabei noch so viel opferte, so viel wagte und so gequält war, während dieser Faulpelz, „von dem jetzt mein ganzes Schicksal abhängt, schnarcht, als ob nichts wäre, als befände er sich auf einem anderen Planeten. Oh, Ironie des Schicksals!“ rief Mitjä verzweifelt aus, verlor plötzlich ganz den Kopf und stürzte sich wieder auf den Menschen, um ihn zu wecken. In einer Art Raserei riß er ihn herum, stieß ihn, schlug ihn, doch als er nach fünf Minuten nichts erreichte, kehrte er in kraftloser Verzweiflung wieder auf seine Bank zurück und setzte sich wieder hin.
„Dumm, dumm ist es!“ murmelte er. „Und ... wie ist das alles ehrlos!“ fügte er plötzlich noch aus irgendeinem Grunde hinzu. Ihm tat der Kopf entsetzlich weh: „Sollte ich es nicht ganz aufgeben? Fortfahren?“ dachte er einen Augenblick. „Nein, ich bleibe lieber bis zum Morgen. Jetzt bleibe ich erst recht! Wozu bin ich denn hergekommen? Ja, und wie soll ich denn jetzt von hier fortkommen? Oh, ich Esel!“
Der Kopfschmerz wurde aber immer stärker. Unbeweglich saß er da, und unversehens war er sitzend eingeschlafen. Wahrscheinlich hatte er zwei bis drei Stunden geschlafen. Als er erwachte, glaubte er, sein Kopf müsse zerspringen, er hätte schreien mögen vor Schmerz. In seinen Schläfen hämmerte das Blut, und in den Ohren summte es. Zuerst konnte er noch lange nicht zu sich kommen: nicht begreifen, was mit ihm eigentlich geschehen war. Endlich begriff er, daß im überheizten Zimmer ein schrecklicher Dunst war, und daß er vielleicht hätte sterben können. Der betrunkene Bauer aber lag und schnarchte wie zuvor; das Licht war heruntergebrannt und drohte zu erlöschen. Mitjä stürzte wankend hinaus in den Flur und in die Stube des Wächters. Der erwachte sofort, doch als er hörte, daß in der anderen Stube Dunst sei, machte er sich zwar sofort auf, um hinzugehen, nahm aber diese Tatsache mit sonderbarem Gleichmut auf, was Mitjä äußerst erstaunte und beleidigte.
„Aber er ist vielleicht gestorben, gestorben, und was dann ... was dann?“ schrie ihn Mitjä außer sich an.
Man öffnete die Tür, das Fenster, das Ofenrohr. Mitjä schleppte einen Eimer voll Wasser aus dem Flur und befeuchtete sich den Kopf, und als er darauf ein Handtuch gefunden hatte, steckte er es ins Wasser und legte es dem Ljägawyj auf die Stirn. Der Wächter verhielt sich gleichgültig zu allem, was geschah. Als er das Fenster geöffnet hatte, sagte er mürrisch: „So, ist schon gut,“ und ging wieder fort. Er überließ Mitjä eine Blechlaterne. Mitjä mühte sich noch eine halbe Stunde um den Betrunkenen, machte ihm Kompressen um den Kopf und beabsichtigte im Ernst, die ganze Nacht über nicht mehr zu schlafen, doch gequält und ermüdet setzte er sich wieder auf eine Minute hin, um etwas aufzuatmen, und im selben Augenblick fielen ihm auch schon die Augen zu: ganz unbewußt streckte er sich auf der Bank aus und – schlief wie ein Toter.
Er erwachte sehr spät. Es war schon etwa neun Uhr morgens. Die Sonne schien hell durch die beiden Fensterchen in die Stube. Der lockige Bauer von gestern saß bereits angekleidet auf der Bank. Vor ihm stand ein kochender Ssamowar und ein neuer Liter Branntwein. Der gestrige, alte Liter war schon geleert und der neue Liter bis zur Hälfte ausgetrunken. Mitjä sprang auf und bemerkte sofort, daß der verfluchte Bauer wieder betrunken war, schwer betrunken. Er sah ihn eine Minute lang starr an. Der Bauer betrachtete ihn gleichfalls schweigend mit einem schlauen Blick und beleidigender Ruhe, wenn nicht gar mit verächtlichem Hochmut. So schien es wenigstens Mitjä. Er stürzte auf ihn zu.
„Erlauben Sie, sehen Sie ... ich ... Sie werden wohl schon von dem Buschwächter in der Stube drinnen gehört haben: ich bin der Leutnant Dmitrij Karamasoff, der Sohn des alten Karamasoff, von dem Sie hier Wald kaufen wollen.“
„Das lügst du,“ sagte bestimmt und ruhig der Bauer.
„Wieso lüge ich? Sie kennen doch Fedor Pawlowitsch?“
„Gar keinen Fedor Pawlowitsch kenne ich,“ sagte der Bauer mit schwerlallender Zunge.
„Aber den Wald, den Wald wollen Sie doch von ihm kaufen! Wachen Sie doch auf, besinnen Sie sich doch! Das Väterchen, Pawel Iljinskij, hat mich hergebracht ... Sie haben an Ssamssonoff geschrieben, und er hat mich zu Ihnen geschickt ...“
Mitjä holte tief Atem.
„Du lügst!“ wiederholte Ljägawyj langsam, deutlich und mit steifer Zunge. Mitjä fühlte, daß ihm die Füße kalt wurden.
„Erbarmen Sie sich, das ist doch kein Spaß! Sie haben vielleicht einen Rausch ... Sie wissen vielleicht nicht was Sie sagen ... sonst ... sonst verstehe ich nichts!“
„Du bist ein Färber!“
„Erbarmen Sie sich, ich bin doch Karamasoff, Dmitrij Karamasoff, ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen ... einen vorteilhaften Vorschlag ... sehr vorteilhaft ... und gerade in betreff des Waldes ...“
Der Bauer strich sich wichtig den Bart.
„Nein, du hast die Lieferung übernommen, und bist als Schuft daraus hervorgegangen. Ein Schuft bist du!“
„Ich versichere Ihnen, daß Sie sich irren!“ Mitjä rang fast die Hände vor Verzweiflung. Der Bauer strich sich immer noch den Bart, und plötzlich kniff er listig die Augen zusammen.
„Nein, weißt du, was du mir zeigen kannst? Zeige mir solch ein Gesetz, nach dem es erlaubt ist, Gemeinheiten zu machen, hörst du! Ein Schuft bist du, verstehst du, was ich dir sage?“
Mitjä wandte sich finster von ihm ab, und plötzlich war es ihm, als wenn ihn „etwas vor die Stirn schlug,“ wie er sich selbst später ausdrückte. „Plötzlich kam eine Erleuchtung über mich, ein Licht ging mir auf, und ich verstand alles.“ Er stand und konnte nicht begreifen, wie er als einsichtiger Mensch sich mit solch einer Dummheit hatte befassen, wie er sich die ganze Zeit mit diesem Ljägawyj hatte abgeben können. „Und ich habe ihm noch den Kopf gekühlt!“ ... „Betrunken ist der elende Kerl, betrunken bis zum Delirium, und er wird noch eine ganze Woche trinken – wie lange soll ich da warten? Wie aber, wenn Ssamssonoff mich absichtlich hergeschickt hat? Wie, wenn sie ... Oh, mein Gott, was habe ich getan! ...“
Der Bauer saß da, betrachtete ihn und schmunzelte. Unter anderen Umständen hätte Mitjä diesen Dummkopf aus Wut vielleicht erschlagen; in diesem Augenblick fühlte er sich aber so schwach wie ein Kind. Still ging er zur Bank, nahm seinen Mantel, zog ihn schweigend an und ging zur Stube hinaus. Den Buschwächter fand er in der anderen Stube nicht vor, es war niemand da. Er nahm aus seiner Tasche Kleingeld, an fünfzig Kopeken, und legte es auf den Tisch – für das Nachtlager, für das Licht und „die Störung“. Als er aus der Hütte hinaustrat, sah er, daß ringsherum nur Wald war und sonst nichts. Er ging aufs Geratewohl weiter, ohne darüber nachzudenken, ob man nach rechts oder nach links von der Hütte abbiegen mußte; gestern abend hatte er in der Eile nicht auf den Weg geachtet. Er fühlte gegen niemanden Haß in seiner Seele, nicht einmal Ssamssonoff konnte er hassen. Er schritt auf dem schmalen Waldwege gedankenlos und wie verloren einher, „mit einer verlorenen Idee“ und kümmerte sich überhaupt nicht darum, wohin er ging. Ihn hätte ein Kind überwältigen können, dermaßen müde war er plötzlich, sowohl körperlich wie seelisch. Indessen fand er sich doch irgendwie aus dem Walde heraus – plötzlich lagen vor ihm unabsehbare Strecken abgeernteter kahler Felder. „Welch eine Verzweiflung, welch ein Tod ringsum!“ sagte er vor sich hin und schritt weiter, immer weiter ...
Da kam ein Fuhrmann mit einem alten kleinen Kaufmann auf diesem Nebenwege dahergefahren. Mitjä erkundigte sich bei ihnen nach dem Weg, und da hörte er denn, daß die beiden auch nach Wolowje fuhren. Sie kamen mit dem Preis überein, und Mitjä wurde als Reisegefährte mitgenommen. Nach drei Stunden kamen sie an. Auf der Wolowjeschen Station bestellte Mitjä sofort Postpferde zur Rückkehr in die Stadt, und da erst fühlte er einen unerträglichen Hunger. Während die Pferde angespannt wurden, bereitete man ihm einen Eierkuchen. Er verzehrte ihn sofort, aß ein großes Stück Brot, es fand sich auch noch Wurst dazu, die er gleichfalls aufaß: dazu trank er drei Schnäpse. Als er sich so gestärkt hatte, wurde er wieder munter, und auch in seiner Seele wurde es heller. Er jagte in die Stadt zurück und feuerte den Postknecht zu noch größerer Schnelligkeit an. Und plötzlich kam ihm eine gute Idee, die sich alsbald zu einem neuen „unwandelbaren“ Plan entwickelte, nämlich, wie er sich noch vor dem Abend dieses verfluchte Geld verschaffen könnte. „Und sich vorzustellen, nur vorzustellen, daß wegen dieser lumpigen dreitausend Rubel ein Mensch zugrunde gehen soll!“ rief er mit Verachtung aus. „Heute noch muß es sich entscheiden!“ Und wenn ihn nicht fortwährend der Gedanke an Gruschenka und daran, was alles inzwischen geschehen sein konnte, gequält hätte, so wäre er vielleicht wieder ganz heiter geworden. Doch der Gedanke an sie bohrte sich wie ein scharfes Messer in seine Seele. Endlich langte er wieder in der Stadt an, und sofort eilte er zu Gruschenka.
III. Die Goldgruben
Es war dies jener Besuch Mitjäs bei ihr, von dem sie Rakitin und Aljoscha am Abend desselben Tages mit Schrecken erzählt hatte. Sie erwartete damals schon seit einiger Zeit den berittenen Boten aus Mokroje und war daher sehr froh, daß Mitjä weder gestern noch heute zu ihr gekommen war, und vielleicht vor ihrer Abfahrt überhaupt nicht wiederkommen würde. Und nun plötzlich überraschte er sie. Das Weitere ist uns bekannt. Um ihn los zu werden, überredete sie ihn, sie zu Kusjma Ssamssonoff zu begleiten, zu dem sie, wie sie sagte, unbedingt gehen mußte, um „Geld zu zählen“, und als Mitjä sie dann begleitet hatte, nahm sie ihm das Wort ab, sie um Mitternacht wieder abzuholen, um sie nach Haus zu bringen. Mitjä war mit dieser Abmachung sehr zufrieden: „Sie wird bei Kusjma sitzen, und folglich nicht zum Vater gehen ... wenn sie nur die Wahrheit sagt,“ fügte er sofort hinzu. Doch schien ihm dieses Mal, daß sie nicht log. Seine Eifersucht war von der Art, daß er während der Trennung von dem geliebten Weibe sich Gott weiß was für Schrecken ausdachte: was alles mit ihr geschieht und wie sie ihm „untreu“ ist. Doch kaum ist er dann – erschüttert, zerschmettert, und fest überzeugt, daß alles verloren sei, daß sie ihn schon verraten habe – wieder bei ihr angelangt: so sind nach dem ersten Blick in ihr Gesicht, in das lachende, fröhliche und zärtliche Gesicht der Geliebten, wieder alle Qualen vergessen, er schöpft wieder Hoffnung, verliert sofort jeglichen Verdacht, schämt sich seiner Eifersucht und schilt sich ihretwegen. Nachdem er Gruschenka zu Ssamssonoff begleitet hatte, ging er zu sich nach Haus. Oh, er hatte heute noch soviel zu erledigen! Aber seinem Herzen war doch ein wenig leichter. „Nur muß ich noch sehen, daß ich von Ssmerdjäkoff sofort erfahre, ob sie nicht gestern abend beim Alten gewesen ist, bei Fedor Pawlowitsch ... unbedingt!“ ging es ihm durch den Kopf. So gelang ihm also noch nicht einmal, bis zu seiner Wohnung zu gehen, als die Eifersucht in seinem unruhigen Herzen schon wieder aufloderte.
Eifersucht! „Othello ist nicht eifersüchtig, er ist vertrauensselig,“ hat Puschkin gesagt, und schon allein diese eine Bemerkung zeigt die ungewöhnliche Tiefe unseres großen Dichters. Othellos Seele ist nur zermalmt, und seine ganze Weltanschauung hat sich getrübt, denn er hat „sein Ideal verloren“. Aber Othello wird sich nicht verstecken, wird nicht spionieren, nicht auflauern: er ist vertrauensselig! Im Gegenteil, man mußte ihn darauf bringen, ihn geradezu darauf stoßen, ihn mit aller Gewalt dazu anfachen, damit er auf einen Verrat verfiel. Anders ist es mit dem Eifersüchtigen. Man kann sich die ganze Schmach und die sittliche Erniedrigung gar nicht ausdenken, zu der ein Eifersüchtiger fähig ist, und in die er ohne jegliche Gewissensbisse verfallen wird. Oh, nicht, daß es etwa nur gemeine und schlechte Seelen wären! Im Gegenteil, mit reiner Liebe und großer Selbstaufopferung im Herzen, kann der Eifersüchtige sich zu gleicher Zeit unter Tischen verstecken, die gemeinsten Leute bestechen und sich mit den letzten Gemeinheiten eines Spionentums befreunden. Othello hätte sich niemals mit einem Verrat aussöhnen können – er hätte verziehen, nie aber sich ausgesöhnt – obgleich seine Seele unschuldig und gut wie die Seele eines Kindes war. Anders der wahre Eifersüchtige. Es ist schwer, sich vorzustellen, wonach er sich wieder aussöhnen, und was er alles verzeihen kann! Der Eifersüchtige verzeiht von allem am ehesten, und das wissen auch die Frauen. Der Eifersüchtige ist fähig (versteht sich, nach einer furchtbaren Szene), alles zu verzeihen, sogar einen fast erwiesenen Verrat, sogar Umarmungen und Küsse, die er selbst gesehen hat, wenn er nur zu gleicher Zeit hoffen kann, daß es „zum letztenmal“ gewesen ist, und daß sein Gegner von Stund an verschwinden, ans andere Ende der Welt fortfahren wird, oder daß er selbst sie irgendwohin entführen kann, an einen Ort, wo es seinem furchtbaren Gegner unmöglich ist, sie zu erreichen. Versteht sich, die Aussöhnung dauert nur eine Stunde, denn wenn der Gegner auch wirklich auf immer verschwindet, so wird er doch morgen einen anderen, einen neuen Gegner finden, und er wird aufs neue eifersüchtig sein. Und was liegt ihm so an dieser Liebe, und was ist diese Liebe wert, die so gehütet und belauscht, die so bewacht werden muß? Das ist eine Frage, die ein Eifersüchtiger überhaupt nicht versteht, und doch gibt es unter ihnen Männer, die wirklich hochherzig sind. Bemerkenswert ist darum, daß dieselben hochherzigen Menschen in irgendeinem Kämmerlein lauschend und spähend stehen können; obgleich sie nur zu gut mit ihrem „hohen Herzen“ die ganze Schmach begreifen, in die sie sich freiwillig selbst begeben haben, so werden sie doch in dieser Minute, wenigstens während sie da im Kämmerlein stehen, gar keine Gewissensbisse empfinden. Bei Mitjä, wenn er Gruschenka sah, verlor sich die Eifersucht ganz, und für den Augenblick war er voll Vertrauen und Anständigkeit und verachtete sich selbst wegen seiner schlechten Gefühle. Aber das bedeutete nur, daß in seiner Liebe zu dieser Frau etwas Höheres lag und nicht nur eine Leidenschaft für jene „Körperbiegung“, wie er es selbst geglaubt und wovon er noch mit Aljoscha gesprochen hatte. Sobald aber Gruschenka verschwunden war, begann Mitjä wieder, sie aller Niedrigkeiten des Verrats zu verdächtigen. Und dabei fühlte er dann nicht die geringsten Gewissensbisse.
So loderte denn auch jetzt die Eifersucht wieder in ihm auf. Vor allen Dingen mußte er sich beeilen und sich für jeden Fall etwas Geld verschaffen. Die gestrigen neun Rubel waren für die Fahrt aufgegangen, und ganz ohne Geld, das wußte er, konnte man ja keinen einzigen Schritt tun. So hatte er denn auch unterwegs, zusammen mit seinem neuen Plane, überlegt, von wo er sich dieses Geld verschaffen konnte. Er besaß noch zwei gute Duellpistolen mit Patronen, und wenn er sie bis jetzt noch nicht versetzt hatte, so hatte er dies nur darum nicht getan, weil er sie von allen seinen Sachen am meisten liebte. Im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ hatte er flüchtig einen jungen Beamten kennen gelernt, von dem er wußte, daß er ein unverheirateter, wohlhabender Mensch war, der bis zur Leidenschaft Gewehre, Pistolen, Revolver, Degen kaufte, sie an den Wänden seines Zimmers aufhing, um sie dann seinen Bekannten zu zeigen und damit zu prahlen, daß er Meister im Erklären der verschiedenen Systeme sei, wie man sie laden, wie man sie abfeuern müsse usw. Mitjä dachte denn auch nicht lange darüber nach und begab sich sofort zu ihm, um seine Pistolen für zehn Rubel zu versetzen. Der Beamte bat Mitjä hocherfreut, sie ihm ganz zu verkaufen, doch Mitjä willigte nicht ein. Dieser gab ihm die zehn Rubel und erklärte ihm, daß er keine Prozente dafür nehmen werde. Sie schieden als Freunde. Mitjä beeilte sich, zu Fedor Pawlowitsch oder vielmehr in die Laube am Gartenzaun zu gelangen, um so schnell als möglich mit Ssmerdjäkoff zu sprechen.
Auf diese Weise konnte man später wieder die Tatsache feststellen, daß Mitjä drei oder vier Stunden „vor dem Ereignisse“ (von dem später die Rede sein wird), keine Kopeke Geld besaß, und daß er für zehn Rubel einen Lieblingsgegenstand versetzte, nach drei Stunden aber – Tausende in den Händen hatte ... Doch ich greife vor.
Bei Marja Kondratjewna (der Nachbarin Fedor Pawlowitschs) erwartete ihn eine Nachricht, die ihn sehr erregte: er erfuhr, daß Ssmerdjäkoff krank war. Er hörte die Geschichte vom Sturz in den Keller an, von der Ankunft des Doktors, von den Bemühungen Fedor Pawlowitschs um den Kranken, und mit großem Interesse vernahm er von der Abfahrt Iwan Fedorowitschs nach Moskau. „Wahrscheinlich passierte er die Station Wolowje früher als ich,“ dachte Dmitrij Fedorowitsch, aber die Krankheit Ssmerdjäkoffs beunruhigte ihn doch sehr. „Wie wird es denn jetzt sein, wer wird jetzt für mich aufpassen, wer wird es mir melden?“ fragte er sich. Gierig begann er die Frauen auszufragen, ob sie gestern abend nichts bemerkt hätten. Diese verstanden sehr gut, um was es sich für ihn handelte, und beruhigten ihn vollkommen: „Niemand war da,“ sagten sie, „nur Iwan Fedorowitsch nächtigten im Hause, alles war in der größten Ordnung.“ Mitjä überlegte. Selbstverständlich mußte er auch heute aufpassen, aber wo? – Hier oder beim Ssamssonoffschen Hause? Er beschloß, dies hier wie dort zu tun, je nach den Umständen, zunächst aber, zunächst ... Die Sache war nämlich die, daß es jetzt „diesen Plan“ auszuführen galt, den „neuen und richtigen“ Plan, den er sich auf der Fahrt ausgedacht hatte, und der sich nun nicht mehr aufschieben ließ. Mitjä entschloß sich, eine Stunde für ihn zu opfern ... „In einer Stunde werde ich alles erfahren, alles erledigt haben, und dann begebe ich mich sofort zu Ssamssonoffs, erfahre dort beim Hofknecht, ob Gruschenka da ist, komme dann sofort wieder hierher und bleibe bis elf Uhr hier, darauf hole ich sie von Ssamssonoff ab und bringe sie nach Haus.“
Er begab sich in seine Wohnung, wusch sich, kämmte sich und bürstete seine Kleider, kleidete sich an und ging darauf zu Frau Chochlakoff. Ja, leider – das war sein ganzer Plan. Er hatte beschlossen, diese Dame um dreitausend Rubel anzugehen. Und wieder war in ihm ein ungewöhnliches Vertrauen aufgetaucht, daß sie ihm seine Bitte nicht abschlagen werde. Vielleicht wird man sich darüber wundern, warum er, wenn er zu ihr solch ein Zutrauen hatte, dann nicht schon früher zu jemand aus seiner Bekanntschaft gegangen war, statt zu Ssamssonoff, der zu einer so ganz anderen, ihm fremden Gesellschaftsschicht gehörte, daß er nicht einmal gewußt hatte, wie er ihn anreden sollte. Die Sache verhielt sich aber so, daß er im letzten Monat die Bekanntschaft mit Frau Chochlakoff ganz vernachlässigt hatte und auch früher nur wenig mit ihr bekannt gewesen war; zudem wußte er, daß sie ihn nicht mochte, daß sie ihn haßte, lange schon, und zwar nur darum, weil er der Verlobte Katerina Iwanownas war, während sie plötzlich dringend wünschte, daß Katerina Iwanowna nicht ihn, sondern „den lieben ritterlichen Iwan Fedorowitsch mit dem exquisiten Auftreten“ heirate. Die Manieren Mitjäs dagegen gefielen ihr nicht. Auch hatte Mitjä über sie gelacht und einmal sogar von ihr geäußert, daß diese Dame „ebenso lebhaft wie ungebildet“ sei. Und siehe da, nun war ihm auf dem Wege der Gedanke gekommen: „Wenn sie so dagegen ist, daß ich Katerina Iwanowna heirate, – er wußte, daß diese ihre Abneigung fast hysterisch war – warum sollte sie mir da nicht die dreitausend Rubel geben, damit ich mit dem Gelde auf immer von hier fortgehe und auf diese Weise Katjä verlasse? Wenn solche verwöhnten Damen, wie die Chochlakoff einmal ihre Kapricen bekommen, so geben sie sich ja doch nicht eher zufrieden, als bis sie ihren Willen durchgesetzt haben. Zudem ist sie ja so reich,“ dachte Mitjä. Was nun den „Plan“ anbelangt, so war er derselbe, das heißt, er sah die Abtretung seiner Rechte auf Tschermaschnjä vor, nur diesmal nicht als kaufmännisches Geschäft, wie gestern bei Ssamssonoff. Auch wollte er diese Dame nicht wie Ssamssonoff mit der Möglichkeit, drei oder vier Tausend dabei zu gewinnen, anlocken, sondern es sollte nur eine anständige Sicherstellung für seine Schuld sein. Bei diesem Gedanken geriet Mitjä wieder in Begeisterung, – aber so geschah es ja immer mit ihm, bei allen seinen Unternehmungen und plötzlichen Entschlüssen. Jedem neuen Gedanken ergab er sich bis zur Leidenschaft. Nichtsdestoweniger fühlte er plötzlich, als er die Treppe zum Hause der Frau Chochlakoff hinaufstieg, ein Frösteln im Rücken. In dieser Sekunde wurde ihm bewußt und geradezu mathematisch klar, daß es seine letzte Hoffnung war, und daß ihm dann, wenn auch dieser Versuch nicht gelang, in der ganzen Welt nichts mehr verblieb, „als jemandem den Hals umzudrehen, um ihm nur die dreitausend Rubel zu rauben – und weiter nichts“ ... es war halbacht Uhr, als er die Türklingel zog.
Am Anfang schien ihm das Glück hold zu sein. Kaum hatte er sich anmelden lassen, als er auch schon mit außergewöhnlicher Bereitwilligkeit sofort empfangen wurde. „Ganz als hätte sie mich erwartet,“ dachte Mitjä bei sich, und kaum war er in den Salon eingetreten, als ihm die Dame des Hauses auch schon eilig entgegentrat und ihm geradeheraus erklärte, daß sie ihn tatsächlich erwartet habe ...
„Ich habe Sie erwartet, oh, wie ich Sie erwartet habe! Und ich hätte doch gar nicht annehmen können, daß Sie zu mir kommen würden, sagen Sie sich doch selbst, Dmitrij Fedorowitsch, wundern Sie sich über meinen Instinkt, ich erwartete Sie schon den ganzen Morgen, und ich war überzeugt, daß Sie heute kommen würden.“
„Das ist allerdings sonderbar, gnädige Frau,“ bemerkte Mitjä erstaunt und setzte sich etwas schwerfällig, „doch ... ich komme in einer sehr wichtigen Angelegenheit ... die wichtigste aller wichtigsten ... das heißt, gnädige Frau, wichtig ist sie nur für mich, und ich ...“
„Ich weiß es, Dmitrij Fedorowitsch, daß die Sache wichtig ist, oh, das sind bei mir nicht irgendwelche Vorgefühle oder Ansprüche auf Wunder – haben Sie schon vom Staretz Sossima gehört? – hier, hier handelt es sich um Mathematik. Sie mußten kommen, nach alledem, was sich mit Katerina Iwanowna zugetragen hat. Sie konnten nicht anders, Sie mußten zu mir kommen! Das war doch Mathematik!“
„Das ist der Realismus des Lebens, gnädige Frau, das ist es! Aber erlauben Sie – indessen, ich wollte ...“
„Ganz recht, der Realismus des Lebens, Dmitrij Fedorowitsch. Auch ich bin jetzt nur noch für den Realismus, denn was Wunder betrifft, so bin ich gründlich geheilt. Haben Sie schon gehört, daß der Staretz Sossima gestorben ist?“
„Nein, gnädige Frau, ich höre es zum erstenmal,“ sagte Mitjä ein wenig erstaunt. Vor seinem Geist tauchte die Gestalt Aljoschas auf.
„Heute in der Nacht ist er gestorben, und stellen Sie sich vor ...“
„Gnädige Frau,“ unterbrach sie Mitjä, „ich kann mir nur vorstellen, daß ich mich in der verzweifeltsten Lage befinde, und wenn Sie mir nicht helfen, so stürzt alles zusammen, und ich selbst bin verloren. Verzeihen Sie mir, bitte, den trivialen Ausdruck, ich bin aber wie im Fieber ...“
„Ich weiß, ich weiß, daß Sie wie im Fieber sind, ich weiß alles, Sie können ja auch gar nicht in einem anderen Seelenzustande sein, und was Sie mir darüber auch noch zu sagen hätten, ich weiß alles im voraus. Ich habe mir schon längst Ihr Schicksal vorgestellt, Dmitrij Fedorowitsch, ich verfolge es und versuche, es zu begreifen ... Oh, glauben Sie mir, ich bin ein erfahrener Seelenarzt, Dmitrij Fedorowitsch ...“
„Gnädige Frau, wenn Sie ein erfahrener Arzt sind, so bin ich ein erfahrener Kranker,“ – Mitjä mußte sich schon anstrengen, um liebenswürdig zu bleiben – „und ich fühle es voraus, wenn Sie sich sogar bemühen, mein Schicksal zu verfolgen, so werden Sie mich auch vor meinem Untergang bewahren, und darum erlauben Sie mir endlich, Ihnen meinen Plan vorzulegen, mit dem ich gewagt habe, bei Ihnen zu erscheinen ... Ihnen zu sagen, was ich von Ihnen erwarte ... Ich bin gekommen, gnädige Frau ...“
„Lassen Sie das, das ist nebensächlich. Und was meine Hilfe anbelangt, so sind Sie nicht der erste, dem ich zu etwas verholfen habe, Dmitrij Fedorowitsch. Sie haben vielleicht von meiner Cousine Beljmjossoff gehört? Ihr Mann war so gut wie verloren; es stürzte bei ihm alles zusammen, wie Sie sich soeben ausdrückten, Dmitrij Fedorowitsch, und was glauben Sie, ich riet ihm, ein Gestüt anzulegen, und jetzt geht es ihm großartig. Verstehen Sie etwas von Pferdezucht, Dmitrij Fedorowitsch?“
„Nicht das geringste, gnädige Frau, ach Gott, nicht das geringste!“ rief Mitjä in nervöser Ungeduld und wollte sich schon erheben. „Ich bitte Sie nur, meine Gnädigste, mich anzuhören, gestatten Sie mir nur, daß ich zwei Minuten spreche, damit ich Ihnen zuerst mein ganzes Projekt vorlegen kann, um dessentwillen ich gekommen bin. Außerdem ist meine Zeit kostbar, ich habe Eile! ...“ sagte Mitjä hastig, denn er fühlte, daß sie sofort wieder zu sprechen anfangen würde. „Ich bin aus Verzweiflung ... in der letzten Minute der Verzweiflung ... gekommen, um Sie um Geld zu bitten ... um von Ihnen dreitausend Rubel zu borgen, unter der Garantie, unter der sichersten Garantie, gnädige Frau ... Erlauben Sie, daß ich Ihnen ...“
„Das tun Sie alles später, später!“ Frau Chochlakoff winkte mit der Hand ab – „Sie können mir ja nichts Neues sagen, ich weiß alles schon im voraus, wie ich Ihnen bereits gesagt habe. Sie bitten um eine Summe, Sie haben dreitausend Rubel nötig, aber ich werde Ihnen mehr geben, unendlich mehr, ich werde Sie retten, Dmitrij Fedorowitsch, aber sie müssen mich vorher anhören!“
Mitjä sprang auf. „Gnädige Frau, sollten Sie wirklich so gütig sein!“ rief er ganz begeistert und ergriffen aus. „Herrgott, Sie haben mich gerettet. Sie retten einen Menschen, gnädige Frau, vor dem Selbstmorde, vor der Pistole ... Meine ewige Dankbarkeit ...“
„Ich gebe Ihnen unendlich, unendlich mehr als dreitausend!“ beteuerte Frau Chochlakoff mit strahlendem Lächeln, sehr erfreut über Mitjäs Begeisterung.
„Unendlich? So viel ist ja nicht einmal nötig. Nötig sind nur die verhängnisvollen Dreitausend, ich bin aber meinerseits bereit, als Garantie für diese Summe ... mit einem Wort, zu garantieren, abgesehen von einer unermeßlichen Dankbarkeit ... Ich will Ihnen den Plan vor ...“
„Genug, Dmitrij Fedorowitsch, gesagt, getan,“ schnitt ihm Frau Chochlakoff mit dem erhabenen Triumph einer Wohltäterin das Wort ab. „Ich habe Ihnen versprochen, Sie zu retten, und ich werde es auch tun. Ich rette Sie wie meinen Schwager Beljmjossoff. Was meinen Sie zu Goldgruben, Dmitrij Fedorowitsch?“
„Zu Goldgruben, gnädige Frau? Ich habe niemals daran gedacht ... ich weiß nicht ...“
„Dafür aber habe ich für Sie daran gedacht! Ich habe hin und her gedacht. Einen ganzen Monat habe ich mit diesem Gedanken an Sie gedacht. Ich habe Sie mir hundertmal daraufhin angesehen und mir gesagt: Das ist ein energischer Mensch, der müßte in die Goldgruben. Ich habe sogar ihren Gang studiert und mich überzeugt, daß Sie viele Goldadern finden werden.“
„Aus meinem Gang schließen Sie das, gnädige Frau?“ Mitjä lächelte.
„Warum denn nicht, selbstverständlich aus Ihrem Gang. Leugnen Sie etwa, daß man den Charakter eines Menschen nach seinem Gang beurteilen kann? Die Naturwissenschaft bestätigt es gleichfalls. Oh, ich bin jetzt ganz und gar Realistin, Dmitrij Fedorowitsch. Ich bin seit dem heutigen Tage, nach dieser ganzen Geschichte im Kloster, die mich so aufgeregt hat, vollkommene Realistin und möchte mich am liebsten in eine praktische Tätigkeit stürzen. Ich bin geheilt ... J’en ai assez. ‚Genug!‘ wie Turgenjeff sagt.“
„Aber, gnädige Frau, diese Dreitausend, mit denen Sie mich so großmütig ...“
„Die werden Ihnen nicht entgehen, Dmitrij Fedorowitsch,“ unterbrach ihn sofort wieder Frau Chochlakoff, „diese Dreitausend haben Sie so gut wie in der Tasche, und nicht dreitausend, sondern drei Millionen, Dmitrij Fedorowitsch, in der allerkürzesten Zeit! Ich werde Ihnen alles sagen. Sie werden Goldgruben finden und Millionen verdienen, dann werden Sie zurückkehren und hier eine Tätigkeit beginnen und werden hier auch uns zugute kommen. Muß man denn immer alles den Juden überlassen? Sie werden große Gebäude aufführen und die verschiedensten Unternehmungen machen. Sie werden den Armen helfen, und die werden Sie segnen. Jetzt leben wir im Jahrhundert der Eisenbahnen, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden berühmt und dem Finanzministerium unentbehrlich werden, da es uns jetzt doch so an Geld gebricht. Das Fallen des Kreditrubels raubt mir den Schlaf, Dmitrij Fedorowitsch, von der Seite kennt man mich noch gar nicht.“
„Gnädige Frau, oh, meine Gnädigste!“ unterbrach sie Dmitrij Fedorowitsch wieder mit einem beunruhigenden Vorgefühl, „ich werde Ihrem Rat gewiß Folge leisten, Ihrem gewiß sehr klugen Rat, gnädige Frau ... ich werde mich vielleicht hinbegeben, vielleicht ... in Ihre Goldgruben ... und werde in den nächsten Tagen noch einmal zu Ihnen kommen, um darüber zu reden ... aber die Dreitausend, die sie mir so großmütig ... Oh, Sie würden mich erlösen, und wenn es möglich wäre, vielleicht heute schon ... Das heißt, sehen Sie, ich habe jetzt keinen Augenblick Zeit zu verlieren, keine Stunde ...“
„Genug davon, Dmitrij Fedorowitsch, hören Sie mich!“ unterbrach ihn Frau Chochlakoff hartnäckig. „Zuerst eine Frage: Werden Sie zu den Goldgruben fahren oder nicht? Sie müssen sich jetzt definitiv entscheiden, antworten Sie mathematisch!“
„Ich fahre, gnädige Frau, ich fahre schon ... Ich fahre, wohin Sie wollen, gnädige Frau ... jetzt aber ...“
„Warten Sie!“ rief Frau Chochlakoff wieder dazwischen, sprang auf und eilte zu ihrem prächtigen Schreibtisch mit seinen unzähligen kleinen Schubfächern und riß ein Fach nach dem anderen auf, indem sie sich beim Suchen sehr beeilte.
„Dreitausend!“ dachte Mitjä, und es wurde ihm fast schwach zumut, „und das sofort, ohne jegliche Papiere, ohne jede Garantie. Oh, das ist anständig gehandelt! Eine großartige Frau, wenn sie nur nicht so gesprächig wäre.“
„Hier!“ rief freudig erregt Frau Chochlakoff, die zu Mitjä zurückkehrte, „hier, das war es, was ich suchte!“
Es war ein kleines silbernes Heiligenbild an einer Schnur, eines von denen, die man zusammen mit dem Kreuz trägt.
„Das ist aus Kiew, Dmitrij Fedorowitsch,“ fuhr sie andächtig fort, „aus den Reliquien der Heiligen Warwara. Erlauben Sie mir, es Ihnen selbst um den Hals zu hängen und Sie damit für Ihr neues Leben und zu Ihren neuen Unternehmungen zu segnen.“
Und sie legte ihm tatsächlich das Heiligenbild um den Hals. In großer Verwirrung beugte sich Mitjä vor und half ihr dabei, so gut es ging, und schob es dann mit vieler Mühe durch den Stehkragen auf die Brust.
„So, jetzt können Sie fahren!“ rief Frau Chochlakoff aus und setzte sich feierlich wieder auf ihren Platz.
„Gnädige Frau, ich bin so gerührt ... und ich weiß gar nicht, wie ich danken soll ... für solche Gefühle, aber ... wenn Sie wüßten, wie teuer mir jetzt die Zeit ist! Die Summe, die Sie in Ihrer Großmut mir ... Oh, gnädige Frau, wenn sie schon einmal so gut sind, so rührend großmütig zu mir,“ rief Mitjä plötzlich begeistert aus, „so erlauben Sie mir, Ihnen alles zu sagen ... was Sie übrigens schon lange wissen ... Ich liebe ein Wesen ... Ich bin Katjä untreu geworden ... Katerina Iwanowna wollte ich sagen ... Oh, ich habe unmenschlich und ehrlos an ihr gehandelt, doch habe ich mich in die andere verliebt ... in ein Wesen, das Sie, Gnädigste, das Sie vielleicht verachten ... da Sie von ihr vielleicht alles wissen, von der ich aber nicht mehr lassen kann, und darum muß ich jetzt die dreitausend ...“
„Lassen Sie das alles, Dmitrij Fedorowitsch!“ unterbrach ihn Frau Chochlakoff in entschiedenstem Tone, „lassen Sie das, und besonders die Frauen. Ihr Ziel – sind die Goldgruben, und Frauen dahin mitzunehmen, lohnt sich nicht. Später, wenn Sie zurückkehren, reich und berühmt, so finden Sie sicher eine Herzensfreundin in der höchsten Gesellschaft. Das wird dann schon ein Mädchen aus der neuen Generation sein, mit Kenntnissen und ohne Vorurteile. Bis zu der Zeit wird die Frauenfrage, von der jetzt alles spricht, schon gelöst sein, und eine neue Frau wird auferstehen ...“
„Gnädige Frau, das ist es ja nicht – nicht das ...“ Dmitrij Fedorowitsch legte fast schon flehend beide Hände zusammen.
„Gerade das, Dmitrij Fedorowitsch, gerade das, das haben Sie nötig, danach streben Sie, ohne es selbst zu wissen. Gegen die Frauenfrage habe ich nichts einzuwenden, ich bin sogar ganz dabei, Dmitrij Fedorowitsch. Die weibliche Ausbildung und die politische Rolle der Frauen in der Zukunft – sehen Sie, das ist mein Ideal. Ich selbst habe eine Tochter, und von der Seite kennt man mich noch wenig. Ich habe in der Angelegenheit dem Schriftsteller Schtschedrin geschrieben. Dieser Schriftsteller hat mich über die Bedeutung der Frau so aufgeklärt, daß ich ihm im vorigen Jahre einen anonymen Brief geschrieben habe, nur zwei Zeilen: ‚Ich umarme und küsse Sie, mein Schriftsteller, im Namen der zeitgenössischen Frau. Fahren Sie fort, so zu wirken.‘ Ich unterschrieb: ‚eine Mutter‘. Ich wollte zuerst ‚eine zeitgenössische Mutter‘ unterschreiben, doch dann entschloß ich mich, einfach ‚eine Mutter‘ zu schreiben; es lag mehr sittliche Schönheit darin. Und das Wort ‚zeitgenössisch‘ hätte ihn an die Revue ‚der Zeitgenosse‘ erinnern können – das aber ist für ihn in Anbetracht der heutigen Zensur eine unangenehme Erinnerung ... Ach, mein Gott, was haben Sie?“
„Gnädige Frau,“ rief Mitjä endlich und rang die Hände in stummer Verzweiflung, „Sie werden mich noch zum Weinen bringen, gnädige Frau, wenn Sie das, was Sie so großmütig versprochen haben, noch aufschieben ...“
„Weinen Sie nur, Dmitrij Fedorowitsch, weinen Sie nur! Das sind schöne Gefühle ... Ihnen steht ein so schwerer Weg bevor! Die Tränen werden Ihnen Erleichterung bringen, später, wenn Sie zurückkehren, werden Sie sich freuen. Sie müssen direkt aus Sibirien zu mir kommen, um sich mit mir zusammen zu freuen ...“
„Doch erlauben Sie auch mir,“ brüllte Mitjä auf ... „zum letzten Male flehe ich Sie an, sagen Sie mir, bitte, kann ich heute die versprochene Summe erhalten? Wenn nicht, wann kann ich dann kommen, um sie zu empfangen?“
„Welch eine Summe, Dmitrij Fedorowitsch?“
„Die versprochenen Dreitausend ... die Sie so großmütig waren ...“
„Dreitausend? Sie meinen – Rubel! O nein, ich habe keine dreitausend bei mir,“ erwiderte Frau Chochlakoff in ruhiger Verwunderung. Mitjä erstarrte ...
„Wie haben Sie denn ... soeben ... äußerten Sie ... Sie sagten sogar, daß sie schon so gut wie in meiner Tasche wären ...“
„O nein, Sie haben mich nicht recht verstanden, Dmitrij Fedorowitsch. Wenn das so ist, so haben Sie mich gar nicht verstanden. Ich sprach doch von den Goldgruben ... Es ist wahr, ich versprach Ihnen mehr, unendlich mehr als dreitausend, ich verstehe jetzt alles, aber ich meinte doch nur die Goldgruben.“
„Und das Geld? Die Dreitausend?“ rief Dmitrij Fedorowitsch ganz von Sinnen aus.
„Oh, wenn Sie darunter Geld verstanden haben, ich habe es nicht. Ich habe jetzt gar kein Geld, Dmitrij Fedorowitsch, ich streite soeben mit meinem Verwalter um Geld, und in diesen Tagen habe ich selbst von Miussoff fünfhundert Rubel geliehen. Nein, nein, Geld habe ich nicht bei mir. Und wissen Sie, Dmitrij Fedorowitsch, wenn ich es auch hätte, so würde ich es Ihnen doch nicht geben. Erstens borge ich nie Geld. Geld borgen, heißt sich Feinde machen. Und Ihnen hätte ich es unter keinen Umständen gegeben, aus Liebe zu Ihnen, um Sie zu retten, hätte ich Ihnen keines gegeben, denn Sie haben nur das eine nötig: die Goldgruben, die Goldgruben, die Goldgruben ...“
„Oh, daß doch der Teufel!“ brüllte Mitjä auf und schlug vor Wut aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.
„Ach, ach mein Gott!“ schrie Frau Chochlakoff ängstlich auf und flog in die fernste Ecke des Empfangssalons.
Mitjä spuckte nur einmal wütend aus und eilte mit großen Schritten aus dem Zimmer, aus dem Hause, hinaus auf die Straße, in die Finsternis. Er ging wie ein Irrsinniger und schlug sich mit der Hand fortwährend auf die Brust, – auf dieselbe Stelle, auf die er sich vor zwei Tagen, als er spät abends in der Dunkelheit zu Aljoscha nochmals zurückgegangen war, bei seinen letzten Worten immer wieder geschlagen hatte. Was dieses Schlagen auf die Brust und gerade auf diese Stelle bedeutete, und was er damit sagen wollte, war vorläufig noch ein Geheimnis, das keine Menschenseele kannte, und das er damals nicht einmal Aljoscha verraten hatte. In diesem Geheimnis lag für ihn mehr als Schande: das war sein Untergang und sein Selbstmord – so hatte er es beschlossen –, wenn er nicht irgendwoher diese dreitausend Rubel erhielt, um sie Katerina Iwanowna abzugeben, und damit von seiner Brust, „von dieser Stelle auf der Brust“, die Schmach, die er auf ihr trug und die sein Gewissen bis zum Wahnsinn quälte, abwerfen konnte. (Es wird dem Leser späterhin erklärt werden, was das zu bedeuten hatte.) Jetzt aber, nachdem seine letzte Hoffnung untergegangen war, wankte dieser körperlich so starke Mann wie ein Wahnsinniger durch die Dunkelheit. Und noch war er nicht weit gegangen, als er plötzlich in Tränen ausbrach und wie ein kleines Kind schluchzte. Er ging weiter und wischte sich, ohne zu wissen, was er tat, mit der Hand die Tränen ab. So kam er auf den großen Platz, und plötzlich fühlte er, daß er mit dem ganzen Körper an etwas angeprallt war. Das schrille Geschrei eines alten Weibes, das er fast umgeworfen hatte, brachte ihn wieder zur Besinnung.
„Jesus Marie, kannst einen noch so totschlagen! Wo hast du deine Augen, Strolch!“
„Wie, sind Sie es?“ fragte Mitjä, der in ihr trotz der Dunkelheit die alte Dienstmagd Kusjma Ssamssonoffs zu erkennen glaubte.
„Und wer sind Sie denn, Väterchen?“ fragte die Alte sofort mit ganz veränderter Stimme. „Ich kann in dieser Dunkelheit nicht die Hand vor den Augen sehn.“
„Sie leben doch bei Kusjma Kusjmitsch, nicht wahr, Sie dienen doch bei ihm?“
„Jawohl, Väterchen, wollte soeben nur mal zu Prochorytsch bißchen hinübergehen ... Aber dich, Väterchen, kann ich ganz und gar nicht wiedererkennen.“
„Sagt mir doch, Mütterchen, ist Agrafena Alexandrowna augenblicklich noch bei ihm?“ fragte Mitjä bebend vor Erwartung. „Ich hatte sie zu ihm hin begleitet.“
„Jawohl, Väterchen, sie kam heute wieder mal zu ihm, saß ein Weilchen und ging dann wieder fort.“
„Wie? Sie ist fortgegangen?“ schrie Mitjä. „Wann ging sie fort?“
„Als sie gekommen war, sie saß nur ein Minutchen bei uns, erzählte dem alten Herrn ein Märchen, erheiterte ihn und ging dann wieder fort; hatte es sehr eilig.“
„Du lügst, verfluchtes Weib!“ brüllte Mitjä.
„Jesus Marie!“ stotterte die Alte erschrocken, doch von Mitjä war schon jede Spur verschwunden. Er lief bereits so schnell er nur konnte zu Gruschenka. (Das war kaum eine Viertelstunde nach ihrer Abfahrt.) Fenjä saß mit ihrer Großmutter, der Köchin Matrjona, in der Küche, als plötzlich der „Herr Hauptmann“ hereinstürzte. Als sie ihn erblickte, schrie sie auf vor Schreck.
„Du schreist also?“ brüllte Mitjä das entsetzte Mädchen an. „Wo ist sie?“ Doch noch bevor Fenjä eine Antwort finden konnte, stürzte er ihr plötzlich zu Füßen.
„Fenjä, um Christi unseres Herrn willen, sage, wo ist sie?“
„Väterchen, Erbarmung, ich weiß nichts, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, ich weiß gar nichts, schlagen Sie mich tot, ich weiß nichts ... Sie sind doch selbst zusammen mit ihr fortgegangen ...“
„Sie ist zurückgekommen! ...“
„Täubchen, ist nicht zurückgekommen, ich schwöre dir bei Gott, ist nicht zurückgekommen!“
„Du lügst,“ schrie Mitjä sie an, „schon aus deiner Angst kann ich schließen, wo sie ist! ...“
Er stürzte hinaus. Die erschrockene Fenjä war froh, daß sie so billig davongekommen war, begriff aber sehr gut, daß sie das nur seiner Eile zu danken hatte. Aber noch im Fortstürzen setzte er Fenjä und die alte Matrjona durch eine gar zu unbegreifliche Tat in Erstaunen. Auf dem Küchentisch stand nämlich ein Mörser mit einer messingnen kleinen, etwa nur zwanzig Zentimeter langen Mörserkeule. Mitjä, der mit der einen Hand schon die Tür geöffnet hatte, ergriff nun plötzlich diese Mörserkeule, steckte sie sich in die Seitentasche – und fort war er.
„Großer Gott, er will jemanden totschlagen!“ rief Fenjä erschrocken aus und schlug die Hände zusammen.
IV. In der Dunkelheit
Wohin eilte er?
„Wo kann sie denn sein, wenn nicht beim Vater? Von Ssamssonoff ist sie geradeswegs zu ihm gegangen, das ist doch klar! Die ganze Intrige, der ganze Betrug liegt doch auf der Hand ...“
Das waren die Gedanken, die wie ein Wirbelsturm durch seinen Kopf stoben. Doch nicht in den Nachbargarten zu Marja Kondratjewna wollte er laufen, nein: „Dorthin ist es überflüssig, ganz überflüssig ... nicht das geringste Geräusch ... sonst könnten sie es sofort sagen ... Marja Kondratjewna gehört natürlich auch zur Verschwörung. Ssmerdjäkoff gleichfalls ... alle sind sie bestochen ... gekauft ...“ Und im Augenblick veränderte er seinen Plan; er machte einen großen Umweg durch eine Nebengasse, lief durch die Dmitrowskistraße, dann über die kleine Brücke und gelangte in eine einsame Querstraße, die an keinem einzigen Hause, sondern nur an Gärten vorüberführte. Auf der einen Seite zog sich der Flechtzaun eines Gemüsegartens hin und auf der anderen der hohe starke Bretterzaun, der den ganzen Karamasoffschen Besitz einschloß. Hier suchte er sich zum Überklettern eine bequemere Stelle aus, und zwar war dies wahrscheinlich dieselbe, wo nach der Überlieferung, die ihm bekannt war, auch die Lisaweta Ssmerdjäschtschaja übergeklettert war. „Wenn selbst die hinübergekommen ist,“ flog es ihm plötzlich – Gott weiß warum – durch den Sinn, „wie soll es mir dann nicht gleichfalls gelingen?“ Er trat einen Schritt zurück und machte dann einen Satz in die Höhe – es gelang, er bekam mit der Hand den oberen Rand des Zaunes zu fassen, zog sich mit einem energischen Ruck hinauf und setzte sich oben rittlings auf den Zaun. Nicht weit vom Zaun stand das Badehäuschen, doch sah er von seinem Platze aus auch die erhellten Fenster des Herrenhauses. „Richtig! Das Schlafzimmer des Alten ist erleuchtet, sie ist dort!“ Er sprang sofort in den Garten hinab. Obgleich er wußte, daß Grigorij krank war und vielleicht auch Ssmerdjäkoff, und daß ihn folglich so leicht niemand hören konnte, so nahm er sich doch unwillkürlich in acht, blieb nach dem Sprung regungslos stehen und lauschte lange. Doch überall war totes Schweigen; es herrschte die atemlose Ruhe einer völlig windstillen Nacht; kein Blatt, kein Lüftchen regte sich.
„... Und es flüstert nur die Stille ...“
Dieser Vers fiel ihm plötzlich ein, doch ebenso schnell vergaß er ihn auch wieder. „Wenn nur niemand gehört hat, wie ich herabgesprungen bin? Es scheint aber doch nicht.“ Nachdem er so eine Weile gestanden hatte, ging er vorsichtig weiter, immer auf dem Rasen, da auf den Wegen der Kies geknirscht hätte. Er ging hinter Bäumen und Gebüsch vorsichtig weiter, setzte immer nur leise einen Fuß vor und horchte auf jeden seiner Schritte. So kam er nach ungefähr fünf Minuten zum erleuchteten Fenster. Er erinnerte sich, daß dort unter den Fenstern einige hohe, dichte Holunder- und Schneeballensträucher standen. Die Ausgangstür, die an der linken Seite der Gartenfassade des Hauses lag, war sorgfältig verschlossen und verriegelt, wovon er sich beim Vorübergehen absichtlich und genau überzeugte. Endlich erreichte er die Sträucher vor den Fenstern und versteckte sich vorsichtig hinter ihnen. Er wagte kaum zu atmen. „Jetzt muß man etwas warten,“ dachte er, „vielleicht hat doch jemand meine Schritte gehört ... damit er sich dann beruhigt ... nur muß ich mich in acht nehmen, daß ich nicht huste oder niese ...“
Er wartete etwa zwei Minuten lang, aber sein Herz schlug so heftig, daß er nach Atem rang. „Nein, das Herzklopfen wird nicht vorübergehen,“ dachte er, „ich kann nicht länger warten.“ Er stand hinter einem Strauch im Dunkeln, doch die andere Seite des Strauches war hell beleuchtet durch den Lichtschein, der aus dem Fenster in den Garten fiel. „Schneeballen, Mehlbeeren, wie rot sie sind!“ flüsterte er, ohne zu wissen, warum, leise vor sich hin. Vorsichtig, mit schleichenden, unhörbaren Schritten näherte er sich dem Fenster und hob sich auf die Fußspitzen. Das ganze kleine Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs lag vor ihm wie auf der Handfläche. Es war kein großes Zimmer und obendrein in der ganzen Breite durch einen vielteiligen roten „chinesischen“ Bettschirm – so nannte ihn Fedor Pawlowitsch – in zwei Hälften geteilt. „Der Chinesische,“ zuckte es durch Mitjäs Gedanken, „und hinter dem Bettschirm ist Gruschenka.“ Er betrachtete Fedor Pawlowitsch. Der hatte einen neuen seidenen Schlafrock an – so hatte ihn Mitjä noch nie gesehen – und um den Leib war er mit einer seidenen Schnur, an der seidene Quasten hingen, gegürtet. Unter dem Kragen des Schlafrocks sah man die feinste Wäsche von teurem holländischem Linnen, und vorne auf der Brust war das Hemd mit goldenen Knöpfen geschlossen. Kopf und Stirn waren mit demselben rotseidenen Tuch, in dem ihn am Morgen auch Aljoscha gesehen hatte, umbunden. „Hat sich in Gala geworfen,“ dachte Mitjä. Fedor Pawlowitsch stand in der Nähe des Fensters, augenscheinlich in Gedanken versunken. Plötzlich hob er den Kopf, horchte ein wenig und trat, da er nichts Verdächtiges gehört hatte, an den Tisch, goß sich ein halbes Gläschen Kognak ein und kippte es. Darauf seufzte er tief, so daß sich die ganze Brust hob, stand wieder eine kleine Weile nachdenklich auf demselben Fleck, ging dann gleichsam zerstreut zum Pfeilerspiegel, schob mit der rechten Hand ein wenig die rote Binde von der Stirn hinauf und begann seine blauen Flecke und Beulen zu betrachten, die noch nicht vergangen waren. „Er ist allein,“ dachte Mitjä, „nach allem zu urteilen muß er allein sein.“ Fedor Pawlowitsch wandte sich vom Spiegel ab, und plötzlich trat er zum Fenster; er blickte hinaus in den dunklen Garten. Mitjä war sofort zurückgesprungen.
„Sie schläft bei ihm vielleicht schon – hinter dem chinesischen Schirm?“ Dieser Gedanke fuhr ihm wie ein Blitz durchs Herz. Da wandte sich Fedor Pawlowitsch zurück und ging fort vom Fenster. „Nein, er hat durch das Fenster nach ihr ausgeschaut, sie ist also nicht bei ihm! Warum sollte er denn sonst ans Fenster treten und hinaussehen? ... Nein, die Ungeduld verzehrt ihn ... und nur darum ist er ans Fenster getreten.“ Mitjä schlich sich wieder zum Fenster und sah wieder hinein. Der Alte saß schon am Tisch und war, wie es schien, sehr niedergeschlagen. Endlich legte er beide Arme auf den Tisch und stützte den Kopf in die rechte Hand, während die linke auf dem Tisch liegen blieb. Mitjä beobachtete ihn gierig.
„Er ist allein, ganz allein,“ sagte er sich wieder. „Wenn sie bei ihm wäre, würde er ein anderes Gesicht machen.“ Doch sonderbar: in seinem Herzen erhob sich darob, daß sie nicht beim Alten war, ein ganz unsinniger Ärger. „Nicht deswegen, weil sie nicht hier ist,“ sagte er sich sofort als Antwort auf dieses Gefühl, kaum daß es ihm zum Bewußtsein gekommen war, „sondern weil ich doch auf keine Weise genau erfahren kann, ob sie hier ist oder nicht.“ Später erinnerte sich Mitjä, daß seine Gedanken in diesen Minuten ungewöhnlich klar und deutlich gewesen waren, daß er sich alles bis auf das letzte Tüpfelchen genau überlegt hatte. Aber der Druck, der sich infolge der Ungewißheit, ob sie nun da sei oder nicht, und infolge seiner Unentschlossenheit auf seine Seele legte, vergrößerte sich von Sekunde zu Sekunde und wurde unerträglich. Und plötzlich entschloß er sich: er streckte die Hand aus und klopfte leise an den Fensterrahmen. Er klopfte das „Zeichen“, das zwischen dem Alten und Ssmerdjäkoff verabredet war: zuerst zweimal etwas leiser und dann dreimal schneller tuck-tuck-tuck – das Zeichen, das „Gruschenka ist gekommen“ bedeuten sollte. Der Alte fuhr zusammen, hob den Kopf, sprang auf und stürzte zum Fenster. Mitjä hatte sich schon aus dem Lichtschein in die Dunkelheit zurückgezogen. Fedor Pawlowitsch öffnete geschwind das Fenster und steckte den Kopf heraus.
„Gruschenka, bist Du es? Wo bist Du denn?“ fragte er mit gerader bebender Stimme in freudig-ängstlichem Flüstertone. „Sag doch, wo Du bist, mein Herzblatt, mein Engelchen, wo bist Du denn?“ Vor Erregung klappte seine Stimme über.
„Er ist allein!“ sagte sich Mitjä – jetzt erst war er wirklich überzeugt.
„Wo bist Du nur?“ fragte wieder der Alte und steckte den Kopf noch weiter zum Fenster hinaus, so daß auch die Schultern mit aus dem Fenster ragten, und blickte sich nach allen Seiten, nach links und rechts um. „So komm doch her, mein Engelchen, ich habe auch ein Geschenkchen für dich bereit, komm nur, ich werde es dir zeigen!“
„Aha, damit meint er das Paket mit den Dreitausend,“ dachte Mitjä.
„Aber wo bist Du nur? ... Oder ist sie bei der Tür? Warte, ich werde sofort aufmachen ...“
Und der Alte kroch fast aus dem Fenster, um durch die Dunkelheit besser nach rechts zur Tür sehen zu können. Noch eine Sekunde – und er wäre unbedingt zur Tür gelaufen, um sie für Gruschenka aufzumachen, ohne ihre Antwort abzuwarten. Mitjä betrachtete ihn von der Seite und rührte sich nicht. Das ganze ihm so verhaßte Profil des Alten, das herabhängende Doppelkinn, die Hakennase, die fleischigen, in süßer Erwartung lächelnden Lippen, alles das war von links aus dem Zimmer grell durch die Lampe beleuchtet. Eine unbändige, sinnlose Wut raste plötzlich in Mitjäs Herzen auf: „Da ist er, mein Nebenbuhler, mein Peiniger, der Quälgeist meines Lebens!“ Wie eine heiße Welle überkam ihn plötzlich diese sinnlose Wut, von der er vor vier Tagen in der Laube, wahrscheinlich in einem Augenblick der Vorahnung, zu Aljoscha gesprochen hatte, als Antwort auf dessen Fragen: „Wie kannst du nur sagen, daß du den Vater erschlagen wirst?“
„Ich weiß es ja nicht, ich weiß es nicht,“ hatte er damals gesagt, „vielleicht werde ich ihn auch nicht erschlagen, vielleicht aber doch. Ich fürchte, daß mir sein Gesicht in dem Augenblick gar zu widerlich sein wird. Ich hasse sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, seinen schamlosen Spott. Mich überkommt dann ein unerträglicher persönlicher Ekel. Das ist es, was ich fürchte, denn in dem Augenblick werde ich mich nicht beherrschen können.“
Und der persönliche Ekel wurde von Sekunde zu Sekunde unerträglicher, als er so stand und das Profil des Alten betrachtete. Er war seiner Sinne nicht mehr mächtig, und plötzlich riß er die messingne Mörserkeule aus der Tasche hervor ...
* * * * *
„Gott jedoch beschützte mich,“ sagte Mitjä später. Kurz vorher war der Kranke Grigorij Wassiljewitsch erwacht. Am Abend war an ihm das bewußte Heilmittel, von dem Ssmerdjäkoff Iwan Fedorowitsch erzählt hatte, angewandt worden, d. h. Marfa Ignatjewna hatte ihm mit jenem starken geheimnisvollen Kräuteraufguß eine halbe Stunde lang den Rücken gerieben und ihm dann mit einem bestimmten Gebet das Übriggebliebene zu trinken gegeben, worauf er eingeschlafen war. Marfa Ignatjewna aber hatte dann noch den Rest ausgetrunken und war, da sie sonst nie Spirituosen trank, von diesem einen Schluck Branntwein wie eine Tote eingeschlafen. Nun aber war Grigorij ganz unerwarteterweise wieder aufgewacht. Er besann sich zuerst ein wenig und setzte sich im Bett auf, fühlte aber sofort einen heftigen Schmerz im Kreuz. Darauf dachte er wieder etwas nach, stand aber dann auf und kleidete sich schnell an. Vielleicht fühlte er Gewissensbisse, weil er geschlafen hatte, während doch das Haus „in einer so gefährlichen Zeit“ unbewacht war. Denn Ssmerdjäkoff lag, vom Anfall völlig entkräftet, regungslos im Nebenzimmer. Marfa Ignatjewna rührte sich gleichfalls nicht. „Ist schwach geworden,“ dachte Grigorij und ging ächzend hinaus auf die Treppe. Eigentlich wollte er nur „ein wenig sehn“, da er nicht imstande war, zu gehen, die Schmerzen im Kreuz und im rechten Bein wurden gar zu heftig. Da aber fiel ihm ein, daß er das Pförtchen, das vom Hof in den Garten führte, nicht verschlossen hatte. Grigorij war der genaueste und pünktlichste Mensch, der nur einmal eingeführte Ordnung und langjährige Gewohnheit kannte. Hinkend und schmerzgekrümmt stieg er die Treppe hinab und ging zur Gartenpforte. Richtig, sie war weit offen. Er trat in den Garten ein: vielleicht hatte er irgendeinen Verdacht geschöpft oder einen Laut gehört ... als er aber nach links blickte, sah er den Lichtschein aus dem Zimmer des Herrn und das offene, leere Fenster, – es blickte niemand mehr hinaus.
„Warum ist es offen? Jetzt ist nicht mehr Sommer,“ dachte Grigorij. Und plötzlich, gerade im selben Augenblick, huschte etwas Sonderbares im Garten vorbei. Ungefähr vierzig Schritt vor ihm schien in der Dunkelheit ein Mensch vorüberzulaufen, wie ein Schatten huschte er durch den Garten.
„Herrgott!“ stammelte Grigorij, und dann stürzte er besinnungslos, alle Kreuzschmerzen vergessend, dem gespenstischen Schatten nach. Er nahm aber einen kürzeren Weg zum Zaun, der Garten war ihm offenbar bekannter als dem Flüchtling, der zuerst die Richtung nach dem Badehäuschen einschlug, dann um das Häuschen herumlief und zum Zaun stürzte ... Grigorij verfolgte ihn, ohne ihn aus dem Auge zu lassen, und lief, was er laufen konnte. Er erreichte den Zaun in dem Augenblick, als der Flüchtling schon hinüberkletterte. Außer sich schrie Grigorij auf, stürzte zum Zaun und klammerte sich mit beiden Händen an den Fuß des auf dem Zaune Sitzenden.
Da! Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen! Er erkannte ihn, das war er, „der Unmensch, der Vatermörder!“
„Vatermörder!“ schrie der Alte, und der Schrei hallte durch die lautlose Nacht über die ganze Umgegend hin. Doch das war auch alles, was er noch schreien konnte: plötzlich stürzte er, schwer getroffen, zusammen. Mitjä sprang wieder in den Garten hinab und beugte sich über den am Boden Liegenden. Die messingne Mörserkeule, die er noch in der Hand hatte, warf er mechanisch zur Seite in das Gras. Sie fiel etwa zwei Schritt von Grigorij hin, doch nicht ins Gras, sondern auf den Weg, gerade auf die sichtbarste Stelle. Er untersuchte hastig den Liegenden. Der Kopf des Alten war ganz von Blut überströmt. Mitjä befühlte den Kopf von allen Seiten. Er erinnerte sich später deutlich, daß er sich in dieser Minute unbedingt hatte „vollkommen überzeugen“ wollen, was mit dem Alten geschehen war: ob er ihm den Schädel eingeschlagen oder ihn durch den Schlag auf den Scheitel nur betäubt hatte. Aber das Blut strömte, strömte unaufhörlich und benetzte wie ein warmer Strom Mitjäs bebende Finger. Er erinnerte sich später auch noch, daß ihm eingefallen war, sein reines Taschentuch, das er vor dem Gang zu Frau Chochlakoff zu sich gesteckt hatte, aus der Rocktasche hervorzuziehen, um damit sinnloserweise das Blut von der Stirn und dem Gesicht des Alten abzuwischen. Aber auch das Taschentuch war im Augenblick von Blut durchtränkt.
„Gott, warum habe ich das getan?“ sagte sich Mitjä, wie aus einem Traum erwachend. „Wenn ich ihm schon den Schädel eingeschlagen habe, wie soll ich mich dann überzeugen ... Ach, ist denn jetzt nicht alles einerlei!“ fügte er plötzlich hoffnungslos hinzu, „– habe ich ihn erschlagen, dann habe ich ihn erschlagen ... Bist mir in den Weg gekommen, Alter, so liege denn!“ sagte er laut vor sich hin, und plötzlich stürzte er wieder zum Zaun, sprang hinab in die Nebenstraße und lief fort. Das blutdurchtränkte Taschentuch hielt er noch zusammengeballt in der rechten Faust, und so steckte er es beim Laufen in die hintere Rocktasche. Er lief, so schnell er konnte, und einige wenige Fußgänger erinnerten sich später, in dieser Nacht einen wie wahnsinnig laufenden Menschen gesehen zu haben. Er stürzte zum Hause der Morosowa, wo Gruschenka wohnte.
Fenjä war inzwischen, oder vielmehr gleich nach seinem Fortgange, zum Oberhofknecht Nasar Iwanowitsch gelaufen und hatte ihn zitternd angefleht, den „Hauptmann um Christi willen weder heute noch morgen hereinzulassen“. Nasar Iwanowitsch hatte sie ruhig angehört und versprochen, ihre Bitte zu erfüllen, doch war er bald drauf zur Herrin gerufen worden, und so hatte er seinen Neffen, einen Burschen von etwa zwanzig Jahren, der erst vor kurzem vom Lande eingetroffen war, auf dem Hof zurückgelassen, hatte aber vergessen, ihm etwas von Fenjäs Bitte in betreff Karamasoffs zu sagen. Als Mitjä das Hoftor erreicht hatte, klopfte er heftig. Der Bursche erkannte ihn sofort: Mitjä hatte ihm schon des öfteren ein gutes Trinkgeld gegeben. Er riß sofort die Tür auf und beeilte sich, lächelnd zu melden, daß Agrafena Alexandrowna nicht zu Haus sei.
„Wo ist sie denn, Prochor?“ fragte Mitjä und blieb stehen.
„Sie ist doch vorhin fortgefahren, so vor zwei guten Stunden, nach Mokroje, mit Timofei, dem Kutscher, der Herr kennen ihn wohl.“
„Fortgefahren? Warum?“ schrie Mitjä.
„Das kann ich nicht wissen, zu einem Offizier, heißt es, der hat sie rufen lassen und auch die Pferde von dort nachgeschickt ...“
Mitjä ließ ihn stehen und lief wie ein Halbwahnsinniger zu Fenjä.
V. Der plötzliche Entschluß
Sie saß mit ihrer Großmutter in der Küche, beide wollten sie gerade schlafen gehen. Im Vertrauen auf Nasar Iwanowitsch hatten sie die Küchentür wieder nicht verriegelt.
Da stürzte Mitjä hinein, warf sich auf Fenjä und packte sie an der Kehle.
„Sage sofort, wo sie ist, mit wem ist sie in Mokroje!“ brüllte er außer sich.
Beide Weiber schrien auf.
„Ach, ich werde alles sagen, ach, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, werde gleich alles sagen, nichts verheimlichen,“ stammelte schnell, doch mit steifer Zunge, die tödlich erschrockene Fenjä, „sie ist nach Mokroje zum Offizier gefahren.“
„Zu was für einem Offizier?“ brüllte Mitjä.
„Zu ihrem früheren Offizier, zu demselben, zu ihrem früheren, den sie vor fünf Jahren gehabt hat, der sie verlassen hat und fortgefahren ist,“ stotterte, immer noch sich überstürzend, Fenjä so schnell, wie sie nur konnte.
Dmitrij Fedorowitschs Hände, mit denen er ihren Hals zusammengepreßt hatte, sanken herab. Er stand schweigend vor ihr, bleich wie ein Toter, doch an seinen Augen sah man, daß er alles mit einem Male begriffen hatte, alles, alles bis aufs Letzte hatte er begriffen und alles Unausgesprochene erraten. Doch war es der armen Fenjä natürlich nicht um diese Beobachtungen zu tun – ob er alles begriffen hatte oder nicht. Wie sie bei seinem Eintritt auf der Truhe gesessen hatte, so blieb sie auch jetzt sitzen; sie zitterte am ganzen Körper – hielt nur die Hände wie zum Schutz vor sich erhoben, und schien in dieser Stellung erstarrt zu sein. Der Blick ihrer angsterweiterten Pupillen war regungslos auf sein Gesicht geheftet. Seine beiden Hände waren rot von Blut, und auf der Stirn und der rechten Wange war sein Gesicht gleichfalls mit Blut besudelt; er hatte sich wahrscheinlich beim Laufen mit den blutigen Händen den Schweiß von der Stirn gewischt. Fenjä war einer Ohnmacht nahe. Die alte Matrjona, die zuerst mit einem Schrei aufgesprungen war, starrte ihn gleichfalls wie eine Irrsinnige an. Dmitrij Fedorowitsch stand ungefähr eine Minute lang, und dann setzte er sich, ohne recht zu wissen, warum, neben Fenjä auf einen Stuhl nieder.
Er saß und sah vor sich hin: er schien nicht zu denken, sondern gleichsam nur erschrocken, durch den Schreck gelähmt zu sein. Es war ihm alles so klar wie der Tag: dieser Offizier – er wußte von ihm, hatte von ihm gehört, wußte ja alles ganz genau, Gruschenka hatte ihm selbst alles erzählt. Er wußte auch, daß dieser Offizier ihr vor einem Monat einen Brief geschrieben hatte. Also einen Monat, einen ganzen Monat hatte sich alles im geheimen hinter seinem Rücken abgespielt, einen ganzen Monat, bis zur Ankunft dieses neuen Menschen – er aber hatte nicht einmal an ihn gedacht! Wie war das nur gekommen, wie war das möglich gewesen, daß er nicht mehr an ihn gedacht hatte? Wie war es doch nur gekommen, daß er damals diesen Offizier so ganz vergessen hatte? – gleich nachdem sie es ihm erzählt hatte? Das war die Frage, die wie ein Ungeheuer vor ihm stand. Und er schaute es an, dieses Ungeheuer, und der Schreck rief in ihm ein Gefühl wie Kälte hervor.
Und plötzlich begann er zu sprechen. Er wandte sich zu Fenjä und sprach leise und sanft: wie ein ruhiger und lieber Knabe sprach er zu ihr, ganz als hätte er völlig vergessen, wie sehr er sie erschreckt, beleidigt und gepeinigt hatte. Er fragte sie mit erstaunlicher, in seiner Verfassung unglaublicher Logik, und Fenjä, die zwar immer noch scheu auf seine blutigen Hände schielte, antwortete mit gleichfalls erstaunlicher Bereitwilligkeit auf jede Frage, die er an sie stellte, als wenn sie sich beeilen wollte, ihm die ganze „wahrhaftige Wahrheit“ zu sagen. Allmählich fing sie geradezu mit einer gewissen Freudigkeit an, ihm auch Ungefragtes zu erzählen, doch tat sie es nicht etwa, um ihn zu quälen, sondern als wollte sie sich beeilen, ihm von Herzen dienstlich zu sein. Sie erzählte ihm alles, was am Tage geschehen war, erzählte ausführlich von Aljoschas und Rakitins Besuch, wie sie, Fenjä, Wache gestanden hatte, wie ihre Herrin abgefahren war, und vorher noch Aljoscha durch das Fenster einen Gruß an ihn, Mitjenka, bestellt hatte, daß er nicht vergessen solle, „daß sie ihn ein Stündchen lang geliebt habe“. Als Mitjä von diesem Gruß hörte, lächelte er, und auf seinen bleichen Wangen erschien eine helle Röte. Da fragte ihn Fenjä, deren ganze Angst wieder vergangen war:
„Aber was haben Sie denn für Hände, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, sie sind ja ganz blutig!“
„Ja,“ sagte Mitjä mechanisch, blickte zerstreut auf seine Hände und vergaß sie sofort wieder, und mit ihnen auch Fenjäs Frage. Er versank wieder in Schweigen. Er war nun schon seit etwa zwanzig Minuten in der Küche. Sein erster Schreck war vergangen, doch wurde er ersichtlich von einem verzweifelten Entschluß beherrscht. Er erhob sich vom Stuhl und lächelte nachdenklich.
„Herr, was ist denn mit Ihnen geschehen?“ fragte Fenjä, die wieder auf seine Hände wies, – sie sagte es so mitleidig, als wäre sie jetzt im Leid der einzige ihm nahestehende Mensch.
Mitjä warf nochmals einen Blick auf seine Hände.
„Das ist Blut, Fenjä,“ sagte er und blickte sie mit einem sonderbaren Ausdruck an, „das ist Menschenblut. Gott, warum ist es nur vergossen worden! Aber ... Fenjä ... hier gibt es einen Zaun“ (er blickte sie an, als wollte er ihr ein Rätsel aufgeben), „ein hoher Zaun, der dem Ansehen nach schrecklich aussieht, aber ... morgen, wenn der Tag erwacht, ‚wenn die Sonne sich goldrot erhebt‘, dann ... dann wird Mitjä Karamasoff über diesen hohen Zaun springen ... Du weißt nicht, Fenjä, welchen Zaun ich meine, nun, tut nichts ... einerlei, wirst es morgen erfahren und dann alles begreifen ... jetzt aber leb wohl! Ich will nicht stören, werde mich fortschaffen, werde verstehen, mich rechtzeitig fortzuschaffen ... Ach, lebe, lebe, du meine Freude! Hast mich ein Stündchen geliebt, so vergiß denn auch fernerhin nicht Dmitrij Karamasoff, Mitjenka ... Sie nannte mich doch immer Mitjenka, weißt du noch, Fenjä?“
Mit diesen Worten verließ er plötzlich die Küche. Doch dieses Fortgehen erschreckte Fenjä noch mehr, als es sein unerwartetes Wiedererscheinen getan hatte, trotz der zusammengepreßten Kehle. –
Genau zehn Minuten danach trat Dmitrij Fedorowitsch bei jenem jungen Beamten, Pjotr Iljitsch Perchotin, bei dem er seine Pistolen versetzt hatte, ein. Es war schon halb neun Uhr und Pjotr Iljitsch, der zu Hause seinen Tee getrunken hatte, war gerade im Begriff, nach sorgfältiger Toilette in das Gasthaus „Zur Hauptstadt“ zu gehen, um dort Billard zu spielen. Mitjä war noch zur rechten Zeit gekommen, um ihn anzutreffen. Als der ihn aber erblickte und die Blutflecken auf dem Gesicht bemerkte, fragte er ihn erschrocken:
„Nanu, was ist denn mit Ihnen passiert?“
„Ich bin wegen meiner Pistolen gekommen und habe Ihnen das Geld gebracht. Ich danke Ihnen. Nur bitte schnell, Pjotr Iljitsch, ich habe es sehr eilig.“
Pjotr Iljitsch jedoch kam aus dem Erstaunen nicht heraus, er wunderte sich immer mehr; in Mitjäs rechter Hand bemerkte er einen Packen Geldscheine, und das Auffallende dabei war, daß er dieses Geld so in der Hand hielt und so damit eintrat, wie sonst niemand Geld zu halten und einzutreten pflegt. Er hatte alle Scheine in der rechten Hand und hielt die Hand gerade vor sich, als wenn er sie jedem zeigen wollte. Der Knabe, den Perchotin als Bedienten bei sich hatte, sagte später aus, daß Mitjä auch ins Vorzimmer so mit dem Gelde eingetreten sei, wahrscheinlich also auch auf der Straße die Hand ebenso gehalten hatte. Es waren alles Hundertrubelscheine, lauter regenbogenfarbene, und er hielt sie mit blutbeschmutzten Fingern. Späterhin, bei dem Verhör, das man anstellte, antwortete Perchotin auf die Frage, wieviel Scheine es gewesen wären, daß er dies nicht genau sagen könne: vielleicht zweitausend Rubel, vielleicht aber auch dreitausend, denn das Paket sei recht groß gewesen, „ziemlich fest“, doch wolle er nicht darauf bestehen, da ein Irrtum in solchen Dingen sehr leicht möglich sei, besonders wenn man nicht häufig so viel Geldscheine, so als Paket in der Hand gehalten, gesehen hat. Was ihm aber an Dmitrij Fedorowitschs Verfassung aufgefallen war, das drückte er später folgendermaßen aus: „Er war damals, wie mir schien, nicht recht bei Sinnen, doch nicht etwa betrunken, sondern – wie soll ich sagen? – er war gleichsam in Ekstase, war sehr zerstreut, zu gleicher Zeit aber sehr – ich möchte sagen: konzentriert, wie wenn er beständig an ein und dasselbe gedacht hätte, wie wenn er etwas vergeblich zu erfassen gesucht hätte und es ihm dabei doch unmöglich gewesen wäre, sich zu etwas zu entschließen. Er beeilte sich sehr, antwortete schroff und sonderbar; in manchen Augenblicken jedoch schien er keineswegs traurig oder bedrückt, sondern sogar heiter zu sein.“ –
„Aber was ist denn mit Ihnen passiert, was haben Sie nur?“ fragte Perchotin nochmals, indem er den Gast immer noch scheu betrachtete. „Haben Sie sich verwundet, sind Sie gefallen? Sehen Sie doch hier, wie Sie aussehen!“
Er ergriff ihn am Ellenbogen und zog ihn vor den Spiegel. Als Mitjä sein mit Blut besudeltes Gesicht erblickte, fuhr er zusammen und runzelte zornig die Stirn.
„Ach zum Teufel! Das fehlte gerade noch,“ stieß er brummend hervor, legte schnell das Geld aus der rechten Hand in die linke und griff mit der rechten hastig nach dem Taschentuch in der hinteren Rocktasche. Aber das Tuch war ganz blutdurchtränkt: kein einziger weißer Fleck war zu sehen, und es war nicht nur trocken geworden, sondern war buchstäblich hart getrocknet und wollte sich daher nicht auseinanderfalten lassen. Mitjä schleuderte es wütend fort.
„Hol’s der Teufel! Haben Sie nicht irgendeinen Lappen hier ... zum Abwischen?“
„So haben Sie sich nicht verletzt? Aber wo haben Sie sich denn so mit Blut besudelt? Wollen Sie sich nicht lieber waschen, ach, selbstverständlich, kommen Sie, hier ist der Waschtisch.“
„Waschen? Ja, das ist gut ... nur wohin soll ich denn das tun?“ Und er hielt in einer ganz sonderbaren Hilflosigkeit Perchotin die Geldscheine hin und blickte ihn dabei so fragend an, als müßte jener bestimmen, wohin er sein Geld legen sollte.
„Das Geld? Stecken Sie es doch in die Tasche, oder legen Sie es hier auf den Tisch; es wird schon nicht verloren gehn.“
„In die Tasche? Ja, in die Tasche. Das ist gut. ... Nein, sehen Sie mal, das ist doch alles Unsinn!“ sagte er plötzlich laut, gleichsam aus der Zerstreutheit erwachend. „Sehen Sie: wir wollen zuerst diese Sache erledigen, ich meine die Pistolen, Sie geben sie mir zurück, und hier ist Ihr Geld ... denn ich habe sie sehr nötig ... und Zeit – Zeit habe ich keinen Augenblick. –“ Damit nahm er den obersten Hundertrubelschein und hielt ihn Perchotin hin.
„So viel werde ich nicht herauszugeben haben,“ bemerkte der, „haben Sie nicht kleineres Geld?“
„Nein,“ sagte Mitjä, der wieder das Geldpaket betrachtete, aber er schien es selbst nicht genau zu wissen, und so blätterte er mit den Fingern die ersten zwei, drei Scheine zurück. „Nein, es sind nur solche,“ sagte er und blickte Perchotin wieder fragend an.
„Wie sind Sie denn plötzlich so reich geworden?“ fragte jener. „Warten Sie, ich werde den Jungen zu Plotnikoffs schicken, die schließen ihr Geschäft immer etwas später, – dort wird man es noch auswechseln. He, Mischa!“ rief er in das Vorzimmer.
„Zu Plotnikoff! Das ist großartig!“ rief Mitjä begeistert, als hätte ihn mit einem Male ein großer Gedanke erleuchtet. „Mischa,“ wandte er sich zum eingetretenen Jungen, „lauf zu Plotnikoff und sage, daß Dmitrij Karamasoff sofort hinkommen wird ... Doch hör, hör, daß sie Champagner, sagen wir drei Dutzend Flaschen einpacken, wie damals, als ich nach Mokroje fuhr ... Ich nahm damals vier Dutzend mit“ (damit wandte er sich plötzlich zu Perchotin), „sie wissen schon, hab keine Bange, Mischa, aber hör: daß sie den Käse nicht vergessen, die Straßburger Pasteten, geräucherte Forellen, Schinken und Kaviar, kurz und gut, alles, was sie da haben, so ungefähr für hundert, hundertzwanzig Rubel wie damals ... Aber hör noch: daß sie auch die Süßigkeiten nicht vergessen, Birnen, Wassermelonen, etwa zwei oder drei oder vier, halt, nein, von Wassermelonen genügt eine, dafür aber viel Schokolade, Karamellen, Ziehbonbon – kurz, alles, was ich auch damals nach Mokroje mitnahm, mit dem Champagner zusammen für dreihundert Rubel ... Nun, und auch jetzt soll es genau so viel sein. Aber vergiß nichts, Mischa, wenn du nur Mischa ... Er heißt doch Mischa, nicht wahr?“ unterbrach er sich, zu Perchotin gewandt.
„Warten Sie doch,“ unterbrach ihn Perchotin, der ihn unmutig angehört und beobachtet hatte, „bestellen Sie das lieber selbst, wenn Sie hinkommen, der Junge wird doch nur alles verwechseln.“
„Verwechseln, ja, das sehe ich, er wird alles verwechseln. Ach, Mischa, ich wollte dich fast abküssen für den kleinen Dienst ... Wenn du es nicht verwechselst, gebe ich dir zehn Rubel, spring aber schnell hinüber ... Champagner ist die Hauptsache, daß sie den Champagner einpacken und Kognak und Portwein und Rheinwein, kurz, alles wie es damals war ... Sie wissen schon, wie es damals war!“
„Aber so hören Sie doch auf!“ unterbrach ihn Perchotin ungeduldig. „Lassen Sie doch den Jungen endlich hinlaufen, er kann dort das Geld wechseln und sagen, daß sie noch nicht schließen sollen, und Sie gehen dann selbst hin und bestellen persönlich alles, was Sie wollen ... Geben Sie Ihren Hundertrubelschein, marsch, Mischa, lauf, daß deine Beine fliegen!“
Perchotin wollte, wie es schien, den Jungen absichtlich schnell aus dem Zimmer haben, denn dieser stand mit offenem Munde vor dem Gast und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf dessen blutbefleckte Stirn und die blutigen bebenden Hände mit dem Geldpaket und begriff vor Angst und Erstaunen wahrscheinlich kaum die Hälfte von dem, was Mitjä ihm sagte.
„So, jetzt kommen Sie und waschen Sie sich,“ befahl Perchotin kurz. „Legen Sie das Geld auf den Tisch, oder stecken Sie es in die Tasche ... So, nun kommen Sie. Aber ziehen Sie sich doch den Rock aus.“ Und er half ihm, sich seines Rockes zu entledigen, doch plötzlich schrie er auf.
„Was, Donner! Ihr Rock ist ja gleichfalls blutig!“
„Das ... das kommt nicht vom Rock ... Nur ein wenig hier am Ärmel ... und das hier ist, wo das Taschentuch gelegen hat. Es ist aus der Tasche durchgesickert. Ich habe mich bei Fenjä auf das Taschentuch gesetzt, und da ist denn das Blut durchgesickert,“ erklärte Mitjä sofort mit geradezu rührender Vertrauensseligkeit.
Perchotin hörte mit finsterer Stirn zu.
„Das sind ja schöne Geschichten! ... Sie haben wohl eine Prügelei gehabt?“ brummte er.
Darauf begann das Waschen. Perchotin hielt die Kanne und goß das Wasser über. Mitjä beeilte sich und seifte daher die Hände nur wenig ein. (Seine Hände zitterten, wie Perchotin sich später erinnerte.) Da befahl ihm Perchotin sofort, die Hände besser einzuseifen und stärker zu reiben. Er war Mitjä bereits überlegen und wurde es mit jeder Minute mehr. Bei der Gelegenheit will ich noch bemerken, daß der junge Mann von Charakter nichts weniger als schüchtern war.
„Da, unter den Nägeln haben Sie das Blut noch nicht genügend abgerieben; so, jetzt waschen Sie sich das Gesicht, hier, höher, noch höher: bei der Schläfe, beim Ohr ... Und Sie wollen in diesem Hemde fahren? Wohin fahren Sie denn? Sehen Sie doch, die ganze Manschette des rechten Ärmels ist mit Blut – ...“
„Ja, mit Blut,“ bemerkte Mitjä, der die Hand hob, um den Hemdärmelaufschlag zu betrachten.
„So wechseln Sie die Wäsche.“
„Keine Zeit. Ich, sehen Sie, ich werde ...“ fuhr Mitjä, der sich schon Gesicht und Hände getrocknet hatte und sich wieder den Rock anzog, mit derselben Zutraulichkeit fort, „ich werde hier den Hemdärmelrand einfach so umbiegen, man wird es unter dem Rock gar nicht sehen ... So, sehen Sie, nicht wahr?“
„Jetzt sagen Sie, wo Sie sich so zugerichtet haben? Haben Sie sich mit jemandem geprügelt? Im Gasthaus vielleicht? Etwa wieder mit dem Hauptmann, wie damals? Sie haben ihn wohl wieder am Bart gezogen?“ fragte Perchotin vorwurfsvoll. „Oder wen haben Sie sonst noch geprügelt ... oder am Ende gar totgeschlagen?“
„Unsinn!“ sagte Mitjä.
„Wieso Unsinn?“
„Ach, das ist doch ganz überflüssig,“ sagte Mitjä plötzlich lächelnd. „Ich habe soeben eine Alte auf dem großen Platze erdrückt.“
„Erdrückt? Eine Alte?“
„Einen Alten!“ schrie Mitjä lachend, mit offenem Blick in Perchotins Gesicht, und zwar so laut, als wenn jener taub gewesen wäre.
„Teufel noch eins, eine Alte, einen Alten ... Haben Sie jemanden totgeschlagen?“
„Wir haben uns wieder versöhnt. Wir prallten zusammen – und versöhnten uns ... an einem anderen Ort. Wir gingen als Freunde auseinander. Ein dummer Alter ... aber er hat mir verziehen ... jetzt hat er mir bestimmt schon verziehen ... Wäre er aufgestanden, so hätte er mir nicht verziehen,“ fügte Mitjä plötzlich, mit den Augen zwinkernd, hinzu. „Nur, wissen Sie, zum Teufel mit ihm, hören Sie, Pjotr Iljitsch, zum Teufel mit ihm, das ist jetzt ganz überflüssig! Jetzt in dieser Stunde will ich nicht!“ Mitjä brach in bestimmtem Tone kurz ab.
„Ich wollte Sie nur fragen, was für ein Vergnügen es Ihnen macht, mit fremden Menschen anzubinden ... wie Sie auch damals wegen solcher Lappalien mit diesem Hauptmann anbändelten ... zuerst eine Prügelei und dann ein Gelage – das ist Ihr ganzer Charakter! Drei Dutzend Flaschen Champagner! – Was fangen Sie denn damit an?“
„Bravo! Geben Sie jetzt die Pistolen. Bei Gott, ich habe keine Zeit. Ich würde gern mit dir etwas sprechen, mein Täubchen, wie Fenjä sagt, aber ich habe keine Zeit. Und es ist auch nicht nötig, es ist zu spät zum Sprechen. Ah! wo ist denn das Geld, wo habe ich es hingelegt?“ fragte er erstaunt und begann die Hände in die Tasche zu stecken.
„Auf den Tisch haben Sie es doch selbst gelegt ... dort, da liegt es ja. Hatten Sie es vergessen? Sie gehen ja mit Ihrem Gelde wahrlich so um, als wäre es Kehricht oder Wasser. Hier sind Ihre Pistolen. Sonderbar, um sechs versetzten Sie sie für zehn Rubel, und jetzt scheinen Sie ja Tausende in den Fingern zu haben. Wieviel sind es denn, zwei oder drei?“
„Drei, natürlich,“ sagte Mitjä lachend und steckte das Geld in die Hosentasche.
„Aber so werden Sie es doch verlieren. Haben Sie etwa Goldgruben geerbt?“
„Goldgruben? Goldgruben! Hahaha!“ Mitjä lachte, lachte unbändig. „Perchotin, sagen Sie, Liebster, wollen Sie nicht in den Goldgruben nach Gold graben? Dann wird Ihnen eine hiesige Dame sofort Dreitausend vorschießen, damit Sie nur hinfahren. Mir hat sie sie vorgeschossen, dermaßen liebt sie die Goldgruben! Kennen Sie Frau Chochlakoff?“
„Ich bin ihr nicht vorgestellt, aber ich habe sie gesehen und auch von ihr gehört. So hat sie Ihnen diese Dreitausend gegeben? Ist’s möglich?“ Perchotin blickte ihn ungläubig an.
„Wissen Sie, wenn morgen die Sonne goldrot emporsteigt, wenn der ewig junge Phöbus, Gott preisend und lobsingend, im Sonnenwagen am Himmel emporjagt, – so gehen Sie zu ihr, zu Frau Chochlakoff, und fragen Sie sie, ob sie mir die Dreitausend vorgeschossen hat oder nicht? Erkundigen Sie sich mal!“
„Ich kenne Ihre Beziehungen nicht ... wenn Sie so sagen, dann wird sie sie Ihnen wohl gegeben haben ... Und Sie gehen jetzt, nachdem Sie das Geld erhalten haben, anstatt nach Sibirien Gold graben, für alle drei ... Ja, wohin wollen Sie denn jetzt eigentlich fahren?“
„Nach Mokroje.“
„Nach Mokroje? Aber es ist doch Nacht!“
„Es war einmal ein Mann, der war in allem Meister, doch sieh, da ward er dumm und saß dann fest im Kleister,“ sagte plötzlich Mitjä.
„Wieso im Kleister? Mit Dreitausend in der Hand sitzt man nicht im Kleister.“
„Ich rede nicht von den Tausenden. Hol sie der Teufel, die Tausende! Ich rede von des Weibes Herz:
‚Weibersinn ist leicht und flatterhaft, Kennt keine Treu und ist nicht tugendhaft.‘
Ich bin mit Ulysses vollkommen einverstanden; das hat er gesagt.“
„Ich verstehe Sie nicht.“
„Betrunken, wie?“
„Nein, nicht betrunken, aber schlimmer als das.“
„Mein Geist ist trunken, Pjotr Iljitsch, geistig bin ich trunken, aber genug, genug davon!“
„Was tun Sie, Sie laden die Pistole?“
„Ja, ich lade die Pistole.“
Mitjä, der den Pistolenkasten geöffnet und das Pulverhorn genommen hatte, schüttete bereits vorsichtig die Ladung hinein und schlug sie dann sorgfältig fest zu. Darauf nahm er die Kugel, doch bevor er sie hineinschob, hielt er sie zwischen zwei Fingern zum Licht, um sie zu betrachten.
„Warum betrachten Sie die Kugel?“ fragte sofort Perchotin, der ihn unruhig und besorgt beobachtete.
„Nur so. Ein plötzlicher Einfall. Wenn du dir vorgenommen hättest, diese Kugel dir in den Kopf zu jagen, würdest du sie dann, wenn du die Pistole ladest, betrachten, oder würdest du sie so einfach hineinstoßen?“
„Warum sollte ich sie denn betrachten?“
„Wenn sie in dein eigenes Hirn eindringen soll, so ist es doch interessant, zu sehen, wie sie eigentlich aussieht ... Aber übrigens, was rede ich für einen Unsinn, das war nur so ein dummer Gedanke. So, fertig.“ Er hatte die Kugel mit Werg festgestampft. „Pjotr Iljitsch, lieber Pjotr Iljitsch, das war ja nur Unsinn, wenn du wüßtest, was für ein Unsinn! Gib mir mal jetzt ein Stückchen Papier.“
„Da ist Papier.“
„Nein, glattes, reines, auf dem man schreiben kann. Ja, solches.“ Und Mitjä ergriff eine Feder, die auf dem Tisch lag und schrieb schnell zwei Zeilen auf das Papier, das er dann zweimal zusammenfaltete und in die Westentasche steckte. Die Pistolen legte er zurück in den Kasten, verschloß ihn mit dem kleinen Schlüssel, und nahm ihn dann vom Tisch. Er blieb vor Perchotin stehen, blickte ihn lange an und lächelte gedankenverloren.
„Gehen wir jetzt,“ sagte er.
„Wohin wollen Sie? Nein, hören Sie, das geht nicht ... Sie wollen sich diese Kugel wahrscheinlich in Ihren Kopf jagen ...“ sagte Perchotin unmutig.
„Die Kugel war doch Unsinn! Ich will leben! Ich liebe das Leben! Das laß dir gesagt sein. Den goldlockigen Phöbus liebe ich, und ich liebe sein heißes Licht ... Pjotr Iljitsch, lieber Mensch, verstehst du, den Weg freizugeben?“
„Wie das, den Weg freizugeben?“
„Ich meine, aus dem Wege zu treten. Dem geliebten und gehaßten Wesen den Weg freizugeben? Und daß auch das Gehaßte lieb werde, – so muß man den Weg freizugeben verstehen! Und ihnen sagen: Gott mit euch, geht, geht vorüber, ich aber ...“
„Sie aber?“
„Genug, gehen wir.“
„Weiß Gott, ich muß jemanden rufen, damit man Sie nicht dorthin läßt.“ Perchotin blickte ihn scharf an. „Warum wollen Sie denn jetzt nach Mokroje?“
„Dort ist ein Weib, hörst du, ein Weib! So. Das mag dir als Erklärung genügen. Genug. Gehen wir!“
„Hören Sie, Karamasoff, Sie sind ein wilder Mensch, aber Sie haben mir immer, ich weiß nicht warum, gefallen ... ich beunruhige mich Ihretwegen.“
„Ich danke dir, Bruder. Ich bin wild, sagtest du? Ja, die Wilden, die Wilden! Ich habe es ja immer gesagt: die Wilden! Ah, das ist Mischa, ich hatte ihn schon ganz vergessen.“
Mischa war atemlos mit dem ausgewechselten Gelde eingetreten und meldete, daß bei Plotnikoff alle Kommis und Jungen bereits Flaschen, Fisch und Tee „zusammenschleppten“ und alles sofort fertig sein werde. Mitjä nahm einen Zehnrubelschein und reichte ihn Perchotin und einen anderen Zehnrubelschein wollte er dem Jungen geben.
„Nicht! Das verbiete ich Ihnen!“ Perchotin hielt ihn sofort auf. „In meinem Hause dürfen Sie das nicht ohne meine Erlaubnis tun, und es wäre auch nur eine schlechte Erziehung für den Jungen ... wenn ich es erlauben wollte. Stecken Sie Ihr Geld ein, nicht dorthin, stecken Sie es in diese Tasche, werden es sonst verlieren. Morgen werden Sie es vielleicht nötig haben, und dann müßten Sie wieder Ihre Pistolen versetzen. Warum wollen Sie es denn in die Seitentasche stecken? So werden Sie es doch nur verlieren!“
„Hör, lieber Mensch, fahren wir zusammen nach Mokroje?“
„Wozu soll ich dorthin fahren?“
„Hör, ich werde sofort eine Flasche bestellen, trinken wir auf das Leben! Ich will auf das Leben trinken, aber mit dir zusammen will ich trinken. Ich habe doch noch nie mit dir getrunken, nicht wahr?“
„Meinetwegen, das kann man im Gasthaus besorgen, gehen wir hin, es war gerade meine Absicht, zu einer Partie Billard hinzugehen.“
„Nein, dazu haben wir keine Zeit, aber wir können bei Plotnikoff trinken, im Hinterzimmer. Willst du, ich werde dir ein Rätsel zum Raten aufgeben?“
„Nun, gib’s nur auf.“
Mitjä zog aus der Westentasche den soeben geschriebenen Zettel hervor, faltete ihn auseinander und zeigte ihn ihm. Mit deutlicher und großer Handschrift stand darauf geschrieben:
„Ich strafe mich für mein durchlebtes Leben und bestrafe damit mein Leben.“
„Nein, weiß Gott, ich muß jemanden rufen, ich werde sofort ...,“ murmelte Perchotin vor sich hin, als er den Zettel gelesen hatte.
„Wirst keine Zeit mehr dazu haben, mein Täubchen, gehen wir und trinken wir. Nun, rechtsum kehrt, vorwärts – marsch!“
Die Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff lag an derselben Straße, nur ein paar Häuser weit von Perchotins Wohnung, gerade an der Straßenecke. Es war die größte Delikatessenhandlung in unserer Stadt. Die Inhaber waren reiche Kaufleute, und das Geschäft ging nicht so übel. Es war dort alles zu haben, was auch in der Großstadt jedes größere Kolonialwarengeschäft hat: Weine von den Brüdern Jelissejeff, Früchte, Zigarren, chinesischer Tee, Zucker, Kaffee usw. Es waren immer drei Kommis und zwei Laufburschen beschäftigt. Obwohl unser Bezirk verarmt, der Handel zurückgegangen war und die Gutsbesitzer fortzogen, so blühte doch dieses Kolonialwarengeschäft nach wie vor und vergrößerte sich noch mit jedem Jahr, denn die Zahl der Käufer dieser Gegenstände verringerte sich nicht, sondern wuchs eher. Dmitrij Fedorowitsch wurde ungeduldig erwartet. Man erinnerte sich noch gar zu gut, wie er vor vier Wochen ebenso plötzlich Weine, Delikatessen und Süßigkeiten bestellt hatte, Ware für mehrere hundert Rubel bar (auf Kredit hätte man ihm natürlich nichts gegeben), und ebensogut wußte man, daß er auch damals ebenso wie jetzt einen ganzen Packen Hundertrubelscheine in der Hand gehalten hatte, wußte, wie er mit dem Gelde umgegangen war, wie großartig er alles bestellt hatte, ohne je nach einem Preise zu fragen, ohne nachzudenken oder nachdenken zu wollen, wieviel Ware er nahm. Sprach doch die ganze Stadt nachher, daß er damals, als er mit Gruschenka nach Mokroje gefahren war, in einer Nacht und an dem folgenden Tage dreitausend Rubel ausgegeben hatte und ohne einen roten Heller zurückgekommen war. Ein ganzes Zigeunerlager, das sich damals bei uns niedergelassen hatte, war von ihm hinbestellt worden, und dieses schlaue Volk, hieß es, hätte ihm in der Trunkenheit unzähliges Geld abgezapft und seine teuren Weine wie Flußwasser (nur mit anderen Folgen) getrunken. Man erzählte sich lachend, wie er in Mokroje schmutzige Bauernkerle mit Champagner und die Dorfmädel und Weiber mit teurem Konfekt und Straßburger Pasteten traktiert hatte. Desgleichen lachte man, besonders im Gasthaus „Zur Hauptstadt“, über Mitjäs aufrichtiges Eingeständnis (natürlich lachte man ihm nicht ins Gesicht, denn das wäre etwas zu gefährlich gewesen), daß er von Gruschenka für diese ganze „Eskapade“ nichts als die Erlaubnis erhalten hatte, „einen Kuß auf ihr Füßchen drücken zu dürfen und weiter nichts“.
Als Mitjä und Perchotin sich dem Laden näherten, sahen sie, daß vor der Tür eine Troika hielt; der Wagen war mit einem Teppich bedeckt und die Pferde mit Glocken und Schellen geschmückt. Andrei, der Kutscher, ging auf und ab und wartete auf Mitjä. Im Laden hatte man eine Kiste bereits „erledigt“ und wartete nur noch auf Mitjäs Erscheinen, um sie zu vernageln und auf den Wagen zu heben. Perchotin wunderte sich.
„Aber wo hast du so schnell die Troika hergenommen?“ fragte er erstaunt.
„Als ich zu dir ging, traf ich ihn unterwegs, ich meine den Andrei, und da befahl ich ihm, sofort anzuspannen und hier vorzufahren. Wozu Zeit verlieren? Das vorige Mal fuhr ich mit Timofei, aber diesmal ist mir Timofei mit meiner Zauberin vorausgefahren. He, Andrei, werden wir sehr viel später ankommen?“
„Höchstens ein Stündchen, Herr, werden sie früher ankommen als wir, und selbst nicht mal das!“ versicherte Andrei eilfertig. „Ich habe Timofei abfahren sehen, ich weiß, wie der fahren wird. Die fahren nicht wie wir, Herr, wie sollen die denn so wie wir fahren! Mehr als eine Stunde kommen sie sicherlich nicht früher an!“ beteuerte Andrei eifrig. Es war ein noch nicht alter, rothaariger und hagerer Mann im Leibrock. Seinen Mantel trug er auf dem linken Arm.
„Fünfzig Rubel Trinkgeld, wenn wir nur eine Stunde später hinkommen.“
„Für eine Stunde bin ich sicher! Ach, Herr, die werden nicht mal ’ne halbe Stunde früher ankommen, von ’ner ganzen schon ganz zu schweigen!“
Mitjä war zwar sehr beschäftigt mit dem Anordnen, doch gab er seine Befehle auffallend zerstreut, er sprach sie fast nie zu Ende. Perchotin fand es geboten, sich in die Sache einzumischen.
„Für vierhundert Rubel, nicht weniger als für vierhundert, damit es ganz genau so viel ist, wie damals,“ kommandierte Mitjä. „Vier Dutzend Flaschen Champagner, keinen Tropfen weniger!“
„Wozu soviel, wer wird das austrinken? Halt!“ rief Perchotin. „Was ist das für eine Kiste? Was ist hier eingepackt? Diese Kiste soll für vierhundert Rubel Weine und Delikatessen enthalten?“
Ihm wurde aber sofort von den dienstbeflissenen Kommis in höflichster Redeweise auseinandergesetzt, daß in dieser ersten Kiste nur ein halbes Dutzend Flaschen Champagner und „alle möglichen notwendigen Konserven und sofort nötige Delikatessen“ eingepackt seien, sowie Schokolade, Früchte, Kaviar, Lachs usw., daß aber der „große Bedarf“ sofort eingepackt und noch in dieser Stunde mit einer anderen Troika abgeschickt werden würde, so wie es auch das vorige Mal geschehen sei, und daß also die Sachen für den „großen Bedarf“ höchstens eine Stunde später als der Herr in Mokroje ankommen würden.
„Nur nicht später als nach einer Stunde, und möglichst viel Schokolade und Makronen, die werden von den Mädels am liebsten gegessen,“ setzte Mitjä noch eifrig hinzu.
„Nun gut, also noch Makronen. Aber was fängst du mit vier Dutzend Flaschen Champagner an? Eines genügt vollkommen!“ sagte Perchotin geärgert.
Er erkundigte sich nach den Preisen, verlangte die Rechnung und wollte sich nicht beruhigen. Kurz, er rettete im ganzen etwa hundert Rubel. Es endete damit, daß alles in allem nur für dreihundert Rubel Ware eingepackt werden sollte.
„Ach, zum Teufel!“ Perchotin bedachte sich eines anderen. „Was geht das mich an! Tu mit deinem Gelde, was du willst, wenn du es so mühelos bekommen hast!“
„Komm her, mein lieber Nationalökonom, komm her, ärgere dich nicht.“ Damit zog ihn Mitjä in das Hinterzimmer. „Man wird uns sofort eine Flasche herbringen. Ach was, fahren wir zusammen hin, du bist ein lieber Mensch, ich liebe solche wie du.“
Mitjä setzte sich auf einen geflochtenen Stuhl vor einen kleinen Tisch, der mit einem äußerst befleckten Tischtuch bedeckt war. Perchotin ließ sich ihm gegenüber auf irgendeiner anderen Sitzgelegenheit nieder. Im selben Augenblick wurde auch schon der Champagner gebracht. Es wurde noch gefragt, ob die Herren nicht Austern wünschten, „prima Qualität, letzte Sendung ...“
„Ach, zum Teufel mit den Austern, ich will sie nicht, nicht nötig,“ stieß Perchotin geradezu wütend hervor.
„Ja, wir haben keine Zeit zum Austernschlürfen,“ meinte Mitjä, „und ich habe auch keinen Appetit auf Austern. Weißt du, Freund,“ sagte er plötzlich gefühlvoll, „ich habe niemals diese ganze Unordnung geliebt.“
„Wer liebt denn überhaupt so etwas! Vier Dutzend, das ist doch wirklich ... für Bauernkerle!“
„Ich rede nicht davon. Ich meinte die höhere Ordnung. Es ist keine Ordnung in mir, keine höhere Ordnung ... Aber ... das ist jetzt vorüber, wozu noch darüber trauern. Das kommt jetzt zu spät, hol’s der Teufel, wenn er will! Mein ganzes Leben war Unordnung, jetzt muß man einmal Ordnung schaffen. Hm, du glaubst wohl, daß ich Witze reißen will?“
„Du phantasierst im Fieber, aber machst keine Witze.
‚Heil dem Höchsten in der Welt, Heil dem Höchsten auch in mir!‘
– Diese Worte haben sich einmal, irgend einmal aus meiner Seele gerungen, nicht als Gedicht, nein, es waren Tränen ... Ich habe sie selbst gedichtet ... natürlich nicht damals, als ich den Hauptmann am Bärtchen zog ...“
„Wie kommst du auf ihn?“
„Wie ich auf ihn zu sprechen komme? Unsinn! Alles nähert sich dem Ende, alles gleicht sich aus, ein Strich – und das Fazit.“
„Nein, weiß Gott, mir kommen deine Pistolen nicht aus dem Sinn.“
„Auch die Pistolen sind Unsinn! Trink und phantasiere nicht. Ich liebe das Leben, habe es gar zu lieb, so lieb, daß es fast schon niedrig ist. Doch genug davon! Auf das Leben, Täubchen, auf das Leben laß uns trinken, ich schlage einen Toast auf das Leben vor! Warum bin ich nur so zufrieden mit mir? Ich bin ein niedriger Mensch, aber ich bin zufrieden mit mir. Und doch – es quält mich, daß ich niedrig und trotzdem mit mir zufrieden bin. Ich segne die Schöpfung, ich bin bereit, Gott zu segnen und seine Schöpfung, aber ... man muß ein scheußliches Insekt vernichten, damit es nicht mehr umherkriecht, nicht anderen das Leben verdirbt ... Trinken wir auf das Leben, Bruder! Was gibt es Schöneres als das Leben? Nichts, nichts! Auf das wogende Leben und auf eine Königin aller Königinnen!“
„Schön, trinken wir auf das Leben, und meinetwegen auch auf deine Königin.“
Sie tranken jeder ein Glas. Mitjä war trotz seiner Begeisterung und Ekstase gewissermaßen traurig – als wenn eine Sorge hinter ihm stünde und er sie nicht loswerden könnte.
„Mischa ... das ist doch dein Mischa, der soeben eintrat? Mischa, Täubchen, Mischa, komm her, trink dieses Glas auf Phöbus, den goldlockigen Jüngling, der morgen ...“
„Warum gibst du ihm Champagner!“ rief Perchotin gereizt und versuchte ihn aufzuhalten.
„Nun, erlaub doch, laß doch, warum willst du es nicht? – laß, ich will.“
„Ach nun!“
Mischa trank das Glas aus, machte einen schönen Bückling und lief fort.
„So wird er es länger behalten,“ meinte Mitjä. „Ein Weib liebe ich, ein Weib! Was ist das Weib? Die Königin der Erde! Traurig ist mir zumut, Pjotr Iljitsch. Weißt du noch, wie Hamlet sagt: ‚Mir ist so schwer ums Herz, so schwer, Horatio ... Ach, armer Yorik!‘ Dieser Yorik bin vielleicht ich. Ja, jetzt bin ich Yorik, und ein Schädel später.“
Perchotin hörte zu und schwieg; da verstummte auch Mitjä.
„Was ist das da für ein Hündchen?“ fragte er plötzlich zerstreut einen Kommis, als er in der Ecke ein kleines Bologneserhündchen mit schwarzen Augen bemerkt hatte.
„Das gehört Warwara Alexejewna, unserer Gnädigen,“ entgegnete der Kommis höflich, „sie hat es vorhin hergebracht und hier vergessen, da wird man es ihr zurückbringen müssen.“
„Ich habe einmal ein ähnliches gesehen ... im Regiment ...“ sagte Mitjä gedankenverloren, „nur hatte es sich die Hinterpfötchen gebrochen ... Pjotr Iljitsch, ich wollte dich noch fragen, gut, daß es mir einfällt: Hast du je in deinem Leben gestohlen – oder nie?“
„Was soll das?“
„Nein, ich frage dich nur so. Ich meine, aus der Tasche eines anderen Menschen etwas Fremdes? Ich rede nicht von der Staatskasse, die wird natürlich von allen gerupft und auch von dir, versteht sich ...“
„Geh zum Teufel.“
„Ich meine aber Fremdes: gleich aus der Tasche, aus dem Portemonnaie?“
„Von meiner Mutter habe ich einmal einen Zwanziger gestohlen, ich war ein neunjähriger Knabe. Ich nahm ihn leise vom Tisch und verbarg ihn in der Faust.“
„Nun, und?“
„Nun, nichts weiter. Drei Tage verwahrte ich ihn, dann schämte ich mich, gestand es und gab ihn zurück.“
„Nun, und dann?“
„Das ist doch klar: ich wurde gedroschen. Aber wozu fragst du, hast du etwa selbst gestohlen?“
„Hab’ gestohlen,“ sagte Mitjä mit einem verschmitzten Lächeln.
„Was hast du gestohlen?“
„Von meiner Mutter einen Zwanziger, ich war ein neunjähriger Knabe, nach drei Tagen gab ich ihn zurück.“
Als er das gesagt hatte, erhob er sich plötzlich.
„Herr, wollen wir uns nicht beeilen?“ ertönte von der Tür Andreis Stimme.
„Ist alles bereit? Gehen wir!“ Mitjä fuhr unmutig auf. „Noch das letzte Wort und ... Dem Andrei einen Schnaps auf den Weg! Und auch ein Glas Kognak für ihn außer dem Schnaps! Dieser Kasten (mit Pistolen) kommt unter den Sitz. Leb wohl, Pjotr Iljitsch, denk nicht schlecht von mir!“
„Aber du kommst doch morgen zurück?“
„Unbedingt.“
„Werden der Herr vielleicht jetzt die kleine Nota begleichen?“ fragte freundlich ein flink herbeigesprungener Kommis.
„Ach, ja, natürlich! Versteht sich!“
Und wieder zog er alle Scheine aus der Tasche heraus, nahm die obersten drei regenbogenfarbenen und warf sie auf den Ladentisch. Dann eilte er hinaus. Ihm folgte unter Bücklingen und mit guten Wünschen auf die Reise das ganze Personal. Andrei räusperte sich und sprang auf seinen Platz. Doch kaum wollte Dmitrij einsteigen, als plötzlich Fenjä auftauchte. Sie kam atemlos herangelaufen, schlug die Hände flehend zusammen und stürzte mit einem Schrei vor Mitjä auf die Knie nieder.
„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, Täubchen, bringen Sie sie nicht um! Und ich, ich habe Ihnen alles erzählt in der Angst! ... Und auch ihn bringen Sie nicht um, das ist doch der Frühere, ihr Liebster! Er wird jetzt Agrafena Alexandrowna heiraten, er ist doch nur deswegen aus Sibirien zurückgekehrt ... Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, richten Sie nicht fremdes Leben zugrunde!“
„Aha, das also ist es! Nun, da kann er ja was Schönes anrichten!“ brummte Perchotin vor sich hin. „Jetzt begreife ich ... jetzt hat alles seine Erklärung ... Dmitrij Fedorowitsch, gib mir mal sofort die Pistolen her, wenn du ein Mensch sein willst,“ rief er ihm laut zu, „hörst du!“
„Die Pistolen? Wart, mein Täubchen, ich werde sie unterwegs in den Graben werfen,“ sagte Mitjä. „Fenjä, stehe auf, liege nicht so vor mir auf den Knien. Niemanden wird Mitjä, dieser dumme Mensch, zugrunde richten, hinfort niemanden mehr. Und noch eines, Fenjä,“ rief er ihr, bereits einsteigend, zu, „ich habe dich vorhin gekränkt und habe dir weh getan, verzeih es mir und vergib dem Bösewicht ... willst du es aber nicht vergeben, nun dann meinetwegen auch nicht! Jetzt ist doch schon alles einerlei! Fahr zu, Andrei, geschwind!“
Andrei zog die Leine an und knallte mit der Peitsche: Glocken und Schellen ertönten.
„Leb wohl, Pjotr Iljitsch! Dir die letzte Träne! ...“
„Er ist nicht betrunken und schwatzt doch wie im Delirium!“ dachte Perchotin bei sich, als die Troika wie der Wind um die Ecke gebogen und verschwunden war. Er hatte sich vorgenommen, so lange zu warten, bis man die zweite Troika mit den übrigen Vorräten abgeschickt hätte, denn er sagte sich, daß man bei der Gelegenheit wahrscheinlich tüchtig betrügen wollte; doch plötzlich drehte er sich ärgerlich um und begab sich zu seiner Billardpartie.
„Ein Esel, wenn auch sonst ein netter Junge ...“ brummte er unterwegs vor sich hin. „Von einem gewissen Offizier, diesem Vormaligen der Gruschenka, habe ich gehört. Nun, wenn er jetzt zurückgekehrt ist ... Ach, die verfluchten Pistolen! Zum Teufel, was geht das schließlich mich an, ich bin doch nicht seine Kindermagd! Mag er doch! Aber es wird ja nichts geschehen. Hunde, die bellen, beißen nicht. Solche Leute trinken und prügeln sich, prügeln sich und versöhnen sich. Sind denn das Tatmenschen? Doch was war das mit dem ‚ich werde den Weg freigeben, strafe mich für mein Leben‘? Ach was, Geschwätz. Er hat doch wahrlich nicht wenig ähnliches Zeug geredet, wenn er betrunken war. Jetzt aber war er wirklich nicht betrunken. ‚Mein Geist ist trunken‘ – schönen Stil lieben die Schufte. Ach, was geht das mich an, bin doch nicht seine Kindermagd. Und das Prügeln stets erstes Lebenselement! Sein ganzes Gesicht war mit Blut besudelt. Und das ganze Taschentuch ... Pfui Teufel, jetzt liegt es bei mir auf dem Fußboden ... Schweinerei!“
In der schlechtesten Gemütsverfassung erreichte er endlich das Gasthaus „Zur Hauptstadt“ und begann sofort die Partie. Das Spiel zerstreute ihn. Man begann darauf eine zweite Partie, und plötzlich ließ er im Gespräch mit seinem Partner die Bemerkung fallen, daß Dmitrij Karamasoff wieder Geld in Fülle besitze, etwa dreitausend Rubel, daß er es selbst gesehen habe, und daß Mitjä wieder nach Mokroje zu einem Gelage mit Gruschenka gefahren sei. Diese Nachricht wurde mit erstaunlicher Aufmerksamkeit aufgenommen. Und alle sprachen sonderbarerweise vollkommen ernst darüber, keineswegs scherzend oder gleichgültig. Sie unterbrachen sogar das Spiel.
„Dreitausend? Woher hat er die denn plötzlich bekommen?“
Man begann ihn auszufragen. Daß Frau Chochlakoff ihm das Geld gegeben habe, wurde stark bezweifelt.
„Oder hat er vielleicht den Alten beraubt?“
„Weiß der Teufel, dreitausend! Da muß irgend etwas nicht in Ordnung sein.“
„Hat er sich denn nicht immer gerühmt, daß er den Vater erschlagen werde, das haben wir doch alle gehört! Und gerade von dreitausend Rubeln sprach er das letztemal ...“
Perchotin hörte zu, und seine Antworten wurden immer trockener und knapper. Vom Blut, das Mitjä an den Händen und auf dem Gesicht gehabt hatte, sagte er nichts, obgleich er auf dem Wege zum Gasthaus eigentlich beabsichtigt hatte, auch davon zu erzählen. Man begann die dritte Partie, und das Gespräch über Mitjä verstummte allmählich. Nachdem aber Perchotin die dritte Partie beendet hatte, wollte er nicht weiter spielen; er legte das Queue hin und ging fort, ohne zu Abend zu essen. Als er auf den Platz hinaustrat, blieb er, in Zweifel befangen und verwundert über sich selbst, stehen. Er hatte beschlossen, sofort zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen, um dort zu erfahren, ob nicht etwas Besonderes geschehen war.
„Ach was,“ dachte er, „ich soll dort wegen irgendeiner Dummheit, denn mehr wird ja doch nicht dahinter stecken, fremde Menschen aus dem Schlafe wecken und womöglich noch einen Skandal hervorrufen. Teufel! was geht das mich an!“
In hundsgemeiner Stimmung begab er sich geradeswegs nach Hause, doch plötzlich fiel ihm Fenjä ein. „Ich Esel, warum erkundigte ich mich nicht bei ihr, dann würde ich jetzt alles wissen.“ Und das eigensinnige Verlangen, mit ihr zu sprechen, wurde so stark in ihm, daß er auf halbem Wege kurz entschlossen kehrtmachte und sich zum Hause der Morosowa, wo Gruschenka wohnte, begab. Beim Hoftor angelangt, klopfte er, und der Laut, der in der nächtlichen Stille erschallte, weckte ihn wieder auf: er ernüchterte und ärgerte ihn zugleich. Zudem rührte sich nichts: alles schien im Hause zu schlafen. „Und auch hier wird es schließlich nur auf einen Skandal hinauskommen!“ dachte er fast mit einem Schmerz in der Brust. Doch anstatt fortzugehen, begann er von neuem zu klopfen, und zwar klopfte er vor Wut aus aller Kraft. Der Lärm schallte durch die ganze Straße. „Ich werde sie doch noch wachrütteln, zum Trotz!“ brummte er, und mit jedem Schlag wuchs sein Ärger, und mit jedem Schlage klopfte er lauter, immer lauter.
VI. „Ich fahre!“
Inzwischen raste die Troika auf der Landstraße dahin. Bis nach Mokroje waren es etwas mehr als zwanzig Werst, doch Andrei jagte dermaßen, daß er in einer Stunde anzukommen hoffen konnte. Die scharfe Fahrt schien Mitjä zu beleben. Die Nacht war still und fast kalt; am klaren Himmel flimmerten lautlos die großen, hellen Sterne. Es war dieselbe Nacht und vielleicht auch dieselbe Stunde, in der Aljoscha zur Erde niederfiel und „in Verzückung schwor, die Erde bis in alle Ewigkeit zu lieben“. Doch in Mitjäs Seele war Unruhe, dunkle Unruhe. Und wenn auch viele Gefühle in seiner Seele miteinander rangen, so strebte doch sein ganzes Wesen nur zu ihr, zu ihr, seiner Königin, zu der ihn die rasenden Tiere brachten, – um sie noch einmal, zum letztenmal, zu sehen! Ich will hier nur noch eines sagen, wenn man es mir auch vielleicht nicht glauben wird: Dieses eifersüchtige Herz empfand für den neuen Nebenbuhler, für diesen plötzlich aus der Erde aufgetauchten sogenannten „früheren Offizier“, nicht den geringsten Haß. Jeder andere Nebenbuhler, wäre ein solcher neben ihm aufgetaucht, hätte ihn vor Eifersucht rasend gemacht, und vielleicht hätte er dann wieder seine Hände mit Blut besudelt, – doch für diesen, für diesen „ihren Ersten“ empfand er nicht einmal ein feindseliges Gefühl. Allerdings hatte er ihn noch nicht gesehen, aber: „Hier ist es ihr Recht und auch seines; hier ist es ihre erste Liebe, die sie in den ganzen fünf Jahren nicht vergessen hat, hier kann niemand mehr etwas streitig machen. Fünf Jahre lang hat sie ihn geliebt, und ich – warum habe ich mich zwischen sie zu drängen versucht? Was hatte ich dabei zu tun? Tritt zur Seite, Mitjä, und gib den Weg frei! Und was will ich jetzt noch? Jetzt ist ja auch ohne den Offizier alles aus! Selbst wenn er gar nicht wieder aufgetaucht wäre – es ist ein für allemal alles zu Ende ...“
Ungefähr in diesen Worten würde er seine Empfindungen ausgedrückt haben, wenn er nur imstande gewesen wäre, zu denken. Denken aber war ihm unmöglich. Sein ganzer Entschluß war eigentlich ohne jeden Gedanken entstanden, in einer Sekunde war er aufgetaucht, sofort gefühlt und wortlos, gedankenlos mit allen Folgen von ihm als selbstverständlich aufgenommen worden. Das war in der Küche bei Fenjä schon bei deren ersten gestammelten Worten geschehen. Und doch war trotz des gefaßten Entschlusses Unruhe in seiner Seele; selbst die Entschlossenheit brachte keine Ruhe. Gar zu vieles stand hinter ihm und quälte ihn. Und eben dies kam ihm zuweilen so sonderbar vor. Er hatte doch schon eigenhändig seinen Urteilsspruch geschrieben: „Ich strafe mich für mein durchlebtes Leben,“ und der Zettel war doch hier in seiner Westentasche, und die Pistole war doch schon geladen, und er hatte ja schon beschlossen, wie er morgen den ersten lichten Strahl des „goldlockigen Phöbus“ begrüßen werde – und doch konnte er das Gewesene, das hinter ihm stand und ihn quälte, nicht abschütteln, das fühlte er bis zum körperlichen Schmerz, und der Gedanke daran hatte sich wie Verzweiflung an seine Seele festgesogen. Es kam ein Augenblick, in dem er die Pistole herausreißen und aus dem Wagen springen wollte, um alles sofort zu beenden, ohne auf den goldlockigen Phöbus zu warten. Aber auch dieser Augenblick verging wie ein Funken. Und die Troika jagte, „die Entfernung verschlingend“, und in dem Maße, wie er sich ihr näherte, verscheuchte der Gedanke an sie mehr und mehr alle anderen, ihn zerrenden Schreckgespenster. Oh, er wollte sie nur einmal noch sehen, nur noch einmal, und wenn auch nur von ferne, flüchtig! „Sie ist jetzt mit ihm zusammen, nun, so werde ich denn sehen, wie sie jetzt mit ihm zusammen ist, mit ihrem früheren Liebsten, das ist ja alles, was ich will.“ Und noch niemals hatte sich in ihm so viel Liebe zu diesem Weibe, das so verhängnisvoll für ihn geworden war, in seinem Herzen erhoben, so viel neue, noch nie empfundene Gefühle, Gefühle, die für ihn selbst ganz unerwartet kamen, Gefühle, die wie Gebete fromm und bis zur Weichheit zärtlich waren. „Ich werde den Weg freigeben und vergehen! Und ich vergehe auf Erden!“ sagte er sich in einem Anfall hysterischer Ekstase.
Fast eine Stunde lang jagten sie schon. Mitjä schwieg, und Andrei, der sonst recht gesprächig war, hatte auch noch kein Wort gesprochen, ganz, als hätte er sich gefürchtet zu sprechen, und trieb nur seine „Renner“ an, seine braune, hagere, wilde Troika. Da schrie ihm plötzlich Mitjä entsetzt zu:
„Andrei! ... Aber wenn sie schon schlafen?“
Dieser Gedanke war ihm ganz plötzlich gekommen, denn vorher hatte er an diese Möglichkeit überhaupt nicht gedacht.
„Ja, es ist wohl anzunehmen, daß sie sich schon hingelegt haben.“
Mitjä runzelte finster die Stirn, ein krankhaftes Gefühl erfaßte ihn. „Nein, wirklich, was dann, wenn er ankommt ... mit diesen Gefühlen ... und sie schlafen bereits ... und auch sie schläft vielleicht gleichfalls ... im selben Hause ...?“ Ein böser Gedanke stieg in seinem Herzen auf.
„Schneller, Andrei, jage!“ schrie er außer sich.
„Aber es kann auch sein, daß sie sich noch nicht hingelegt haben,“ meinte Andrei nach einem Weilchen Nachdenken. „Timofei sagte, daß sich ihrer dort viele versammelt haben ...“
„Auf der Poststation?“
„Nein, nicht dort; bei Plastunoffs, im Einkehrhaus, also sozusagen in der Herberge, das wäre so eine freie Station für die Reisenden, ohne Post.“
„Ich weiß, ich weiß. Aber was sagst du da von vielen, die sich dort versammelt hätten? Wie viele? Wer das?“ Mitjä war durch die unerwartete Nachricht außergewöhnlich erregt.
„Timofei erzählte so. Alles Herren: aus der Stadt zwei, was für welche, weiß ich nicht, aber sie sollen aus der Stadt sein und dann noch zwei andere, angereiste, wie er sagte, und wer kann wissen, vielleicht noch jemand, ich hab ihn nicht viel ausgefragt. Sie haben angefangen Karten zu spielen, sagte er.“
„Karten?“
„So ist denn wohl möglich, daß sie noch nicht schlafen, wenn sie Karten zu dreschen angefangen haben. Was wird es denn jetzt viel an der Zeit sein, gut, wenn es elf ist.“
„Schneller, Andrei, so jage doch!“ schrie ihm Mitjä abermals zu.
„Nur möchte ich gern fragen, Herr,“ begann nach kurzem Schweigen Andrei, „weiß nur bloß nicht, wie ich das machen soll, damit der Herr sich nicht ärgert.“
„Was?“
„Vorhin fiel Fedossja Markowna vor dem Herrn auf die Knie und bat, ihre Herrin und noch jemand nicht umzubringen ... So denk ich denn, ich bringe ihn jetzt wohl hin ... Verzeiht, Herr, ich fragte nur so aus Gewissensangst, vielleicht habe ich was Dummes gesagt.“
Mitjä faßte ihn plötzlich hinterrücks an den Schultern.
„Du bist doch ein Kutscher? Ein Kutscher, nicht wahr?“ fragte er erregt.
„Nun ja, wie man’s nimmt, eigentlich ein Fuhrmann ...“
„Weißt du nicht, daß man ausbiegen und anderen den Weg freigeben muß? Oder glaubst du, daß man drauflosfahren muß, wenn auch die anderen dabei in den Graben stürzen oder unter deine Räder kommen? Nein, Andrei, überfahre niemanden! Man darf nicht Menschen überfahren, man darf den Menschen nicht das Leben zerstören. Wenn du aber ein Leben zerstört hast, so strafe dich selbst ... wenn du es verdorben hast, wenn du nur jemandem das Leben verdorben hast – so richte dich und verschwinde!“
Diese Worte sprudelten wie im Krampf aus ihm hervor. Andrei wunderte sich über den Herrn, setzte aber doch das Gespräch fort.
„Da hat der Herr ein wahres Wort gesagt: Das darf man nicht, einen Menschen überfahren, auch quälen nicht, und wenn’s auch nur ein Vieh ist, denn auch ein Vieh ist als Vieh von Gott geschaffen, selbst so ein Pferd. Mancher aber jagt wie blind drauflos, und wenn’s dann halten heißt, dann ist’s zu spät, er jagt dir schnurstracks ...“
„In die Hölle?“ fiel Mitjä ein und lachte darauf sein unerwartetes, eigenartig kurzes Lachen. „Andrei, du goldene Seele, sag!“ Mitjä faßte ihn wieder hinterrücks an den Schultern, „sag, wird Dmitrij Karamasoff schnurstracks in die Hölle kommen oder nicht, was meinst du?“
„Das kann ich nicht wissen, Täubchen, das wird von Euch abhängen, denn Ihr seid doch bei uns, wie ... Seht, Herr, als Gottes Sohn ans Kreuz geschlagen war und starb, da ging er vom Kreuz schnurstracks in die Hölle und befreite alle Sünder, die sich dort quälten. Und da ächzte die Hölle, weil, wie sie glaubte, hinfort niemand mehr hinkommen werde, also keine Sünder mehr. Und da sagte der Herr zur Hölle: ‚Ächze nicht, Hölle, denn es werden hinfort viele Reiche und Herrscher und Richter und Mächtige und Würdenträger zu dir kommen, und du wirst hinfort wiederum genau so gefüllt sein, wie du es von Ewigkeit warst, bis daß ich wiederkomme.‘ Und das ist wahr, das hat der Herr genau so gesagt ...“
„Eine Volkslegende, prachtvoll! Zieh dem Linken eins über, Andrei!“
„Das ist schon so, Herr, für wen die Hölle bestimmt ist,“ – Andrei zog dem Linken eins über – „der kommt hinein, und was für welche hineinkommen, das hat der Herr damals der Hölle vorausgesagt. Aber Ihr seid doch für mich wie ein klein Kindchen ... so kommt Ihr mir immer vor ... Und wenn der Herr auch jähzornig ist, das ist wohl wahr, so wird doch Gott Euch für Euer gutes Herz vergeben.“
„Und du, vergibst du mir, Andrei?“
„Was habe ich Euch denn zu vergeben, Herr, Ihr habt mir doch nichts Schlechtes getan.“
„Nein, für alle, für alle du allein, jetzt gleich, sofort, hier im Wagen, auf der Fahrt, vergibst du mir für alle? Sprich, du Volksseele!“
„Ach Herr! Es wird einem ganz bange, Euch zu fahren. Eure Worte sind heute ganz wunderlich ...“
Mitjä hörte nicht, was Andrei brummte. Er betete wie wahnsinnig und flüsterte angstvoll vor sich hin.
„Vater unser, nimm mich in meiner ganzen Gottlosigkeit, aber richte mich nicht! Ruf mich nicht vor deinen Richterstuhl, laß mich ohne Gericht vorübergehn ... Richte mich nicht, denn ich habe mich selbst gerichtet. Richte mich nicht, denn ich liebe Dich, Herr! Niedrig bin ich, aber ich liebe Dich; schickst Du mich in die Hölle, so werde ich Dich auch dort lieben, werde auch von dort zu Dir emporschreien, daß ich Dich ewig, ewig liebe ... Doch laß auch mich zu Ende lieben ... jetzt hier zu Ende lieben, nur noch fünf Stunden bis zum ersten warmen Strahl Deines Lichts ... Denn ich liebe die Königin meiner Seele! Ich liebe sie, und ich kann nicht anders als sie lieben. Du siehst mich doch ganz, Du kennst mich ganz, Du weißt doch, wie ich bin! Richte mich nicht, ich habe mich schon gerichtet; ich werde vor ihr niederstürzen und sagen: Es war recht von dir, daß du an mir vorübergingst ... Lebe wohl und vergiß dein Opfer, beunruhige dich niemals meinetwegen!“
„Mokroje!“ rief Andrei und wies mit der Peitsche nach vorn.
Im bleichen Dunkel der Sternennacht hoben sich vor ihnen schwarze, kleine Häusermassen aus der Erde empor; stellenweise lagen sie dichter, stellenweise verstreuter. Das Dorf Mokroje zählte etwa zweitausend Einwohner. Zu dieser Stunde lag es schon in tiefem Schlaf, nur hier und da blitzten noch ein paar bescheidene Lichter durch die Nacht.
„Jage, jage, Andrei, ich komme angefahren!“ rief Mitjä wie im Fieber.
„Sie schlafen noch nicht!“ sagte Andrei, und wies mit der Peitsche auf das Plastunoffsche Haus, das gleich bei der Einfahrt ins Dorf lag, und dessen sechs Fenster, die auf die Straße sahen, hell erleuchtet waren.
„Sie schlafen nicht!“ griff Mitjä jubelnd auf. „Jage, Andrei, galoppiere, fahre donnernd vor! Damit sie hören, wer angefahren kommt! Ich! Ich komme angefahren!“ rief Mitjä atemlos, außer sich.
Andrei setzte seine dampfende, abgejagte Troika in Galopp und jagte tatsächlich donnernd zur Vorfahrt. Mitjä sprang vom Wagen. Der Hauswirt war schon im Begriff gewesen, schlafen zu gehen, doch hatte er plötzlich von ferne das Wagenrollen vernommen und war daher neugierig auf die Treppe hinausgetreten, um zu sehen, wer zu so später Stunde so wild daher jagte.
„Trifon Borissytsch, bist du es?“ fragte Mitjä.
Trifon Borissytsch beugte sich vor, blickte angestrengt durch das Dunkel und eilte dann geschwind in unterwürfigem Entzücken die Treppe hinab, dem Gaste entgegen.
„Väterchen, Dmitrij Fedorowitsch! Seid Ihr es wirklich, den wir sehen?“
Dieser Trifon Borissytsch war ein starkgebauter und gesunder Mann, mittelgroß, mit einem etwas dicken Gesicht, das gewöhnlich eine strenge und wichtige Miene annahm, besonders im Verkehr mit den Mokrojaner Bauern, doch dafür die Fähigkeit besaß, den Ausdruck ganz unverhofft schnell in das Gegenteil zu verwandeln, sobald Trifon Borissytsch einen Verdienst witterte. Gekleidet war er stets auf russische Bauernart: er trug ein russisches Hemd mit seitlichem Schluß und ein ärmelloses Wams. Er besaß bereits ein bedeutendes Kapital, doch hatte er noch viel höhere Ziele im Sinn. Ungefähr die Hälfte der Mokrojaner Bauern schuldete ihm. Er aber ließ von ihnen auf Grund ihrer Schulden, von denen sie sich nie befreien konnten, sein Land, das er von Gutsbesitzern pachtete oder auch kaufte, unentgeltlich bearbeiten. Er war Witwer und hatte vier erwachsene Töchter; die eine von ihnen war schon Witwe, lebte daher mit ihren zwei kleinen Kindern, seinen Enkeln, bei ihm, und arbeitete für ihn wie eine Tagelöhnerin. Die zweite Tochter hatte einen kleinen Beamten, irgendeinen aufgedienten Schreiber geheiratet, und in einem der Zimmer des Absteigequartiers hing unter den Familienbildern auch die Miniaturphotographie dieses Beamten in Uniform und mit Achselklappen. Die beiden jüngeren Töchter zogen sich zu Kirchenfesten, oder wenn sie zu Besuch gingen, hellblaue oder hellgrüne Kleider an, die nach französischer Mode genäht waren: Kleider mit langen Schleppen und gerafften Taillen und Röcken. Doch das hinderte nicht, daß sie am nächsten Morgen wie auch an Werktagen beim ersten Hahnenschrei aufstanden, mit Birkenbesen die Zimmer ausfegten, das Waschwasser hinaustrugen und die Betten machten. Trifon Borissytsch aber liebte es noch trotz der bereits erworbenen Tausende von leutseligen Gästen ein Überflüssiges zu nehmen, und da er von Dmitrij Fedorowitsch vor kaum einem Monat zwei-, wenn nicht ganze dreihundert Rubel verdient hatte, so begrüßte er ihn natürlich hocherfreut, – glaubte er doch schon in der Art, wie der Gast angefahren kam, eine Gewähr für guten Verdienst zu sehen.
„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, können wir Euch wieder beherbergen?“
„Halt, Trifon Borissytsch,“ begann Mitjä, „zuerst die Hauptsache: Wo ist sie?“
„Agrafena Alexandrowna?“ Der Wirt verstand ihn sofort und blickte ihm scharf ins Gesicht. „Ja, auch sie ist hier ... sitzt mit ...“
„Mit wem, mit wem?“
„Es sind Durchreisende ... Der eine ist Beamter, wahrscheinlich ein Pole, nach der Sprache zu urteilen, und er hat auch die Pferde nach ihr geschickt. Und der andere, der mit ihm ist, ist sein Freund oder sein Reisebegleiter, wer kann das wissen; sind in Zivil ...“
„Nun, und leben sie flott, auf großem Fuß – reiche Leute?“
„Ach wo! ganz kleine Leute, Dmitrij Fedorowitsch.“
„Kleine? Und die anderen?“
„Die sind aus der Stadt, nur zwei Herren ... Sie sind aus Tschernaja zurückgekommen und vorläufig hiergeblieben. Der eine, der junge, muß wohl ein Verwandter von Herrn Miussoff sein, nur habe ich seinen Namen vergessen ... und den anderen werdet Ihr wohl auch kennen: der Gutsbesitzer Maximoff, er sagt, er sei ins Kloster gefahren, jetzt aber fährt er mit diesem Verwandten von Herrn Miussoff ...“
„Und das ist die ganze Gesellschaft?“
„Die ganze.“
„Halt, Trifon Borissytsch, sage jetzt das Wichtigste: Was macht sie, wie ist sie?“
„Ja, sie ist vorhin angekommen und sitzt jetzt mit ihnen.“
„Ist sie fröhlich? Lacht sie?“
„Nein, sie scheint nicht gerade sehr fröhlich zu sein ... Sitzt sogar ganz gelangweilt, wie es scheint. Hat dem jungen Herrn das Haar gekämmt ...“
„Dem Polen, dem Offizier?“
„Nein, das ist doch kein junger Herr und doch auch gar kein Offizier; nein, dem jungen Herrn, dem Verwandten von Herrn Miussoff ... nur habe ich vergessen, wie er heißt ...“
„Kalganoff?“
„Richtig! Herr Kalganoff!“
„Gut, ich werde schon selbst sehen. Spielen sie Karten?“
„Haben gespielt und dann aufgehört, haben schon Tee getrunken, und der Beamte hat Liköre verlangt.“
„Halt, Trifon Borissytsch, ich werde schon alles selbst sehen, aber jetzt zurück zur Hauptsache: sind keine Zigeuner hier?“
„Von Zigeunern ist jetzt nichts zu hören, Dmitrij Fedorowitsch, die Obrigkeit hat sie vertrieben, aber es gibt hier ein paar Juden, die spielen auf Zimbeln und Geigen, nicht weit von hier, in Roshdestwenskoje, man könnte sofort nachschicken, wenn’s beliebt. Sie würden sofort kommen.“
„Nachschicken, unbedingt nachschicken!“ rief Mitjä belebt. „Und auch die Mädchen zum Chor, wie damals, die Marja unbedingt, auch Stepanida, Arina. Zweihundert Rubel für den Chor!“
„Ach, für solches Geld kann ich dir, Väterchen, das ganze Dorf auftreiben, wenn sie auch jetzt schon alle schnarchen. Aber sind sie denn das wert, Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, diese Bauern und Dorfmädels? Für so ein gemeines Pack so viel Geld hinzuschleudern! Unser Bauer und teure Zigarren rauchen, Gott, was versteht er denn davon! Du aber, Väterchen, hast ihnen von der besten Sorte gegeben! Er stinkt ja nur, der Räuber! Und die Mädels, das sind doch alles Lausefratzen! Ich werde für dich, Väterchen, meine eigenen Töchter unentgeltlich aufwecken, von so viel Geld gar nicht zu reden, sie sind nur gerade schlafen gegangen, aber ich werde sie schon mit einem Rippenstoß wachkriegen und singen machen! Ach, Väterchen, hast die Bauernkerle mit Champagner traktiert – wo soll das hin!“
Trifon Borissytschs Bedauern war etwas überflüssig: er hatte damals eigenhändig sechs Flaschen Champagner im Keller versteckt und unter dem Tisch einen Hundertrubelschein aufgehoben und in der Faust behalten.
„Trifon Borissytsch, ich habe hier doch etwas mehr als tausend Rubel durchgebracht, weißt du noch?“
„Väterchen, natürlich! haben vielleicht ganze Dreitausend hier in Mokroje gelassen!“
„Nun, so wisse denn, daß ich auch jetzt dasselbe tun werde, siehst du?“
Und damit zog er wieder das ganze Paket Geldscheine aus der Hosentasche und hielt sie dem Wirt unter die Nase.
„Jetzt höre mich und mach die Ohren auf: nach einer Stunde kommt der Wein an, die Delikatessen, Pasteten, Süßigkeiten – alles sofort nach oben. Diese Kiste, die hier im Wagen ist, gleichfalls sofort nach oben, aufbrechen und den Champagner sofort in Eis hereinbringen ... Aber vor allem den Chor, die Mädels, die Marja unbedingt ...“
Er wandte sich zum Wagen zurück und zog unter dem Sitz den Pistolenkasten hervor.
„Hier, Andrei, die Abrechnung! Hier, fünfzehn Rubel für die Fahrt und hier fünfzig Rubel Trinkgeld ... für deine Bereitwilligkeit, für deine Liebe ... Gedenke des Herrn Karamasoff!“
„Habe Angst, Herr!“ sagte Andrei schwankend, „für fünf Rubel Trinkgeld besten Dank, aber mehr nehm’ ich nicht, Trifon Borissytsch ist Zeuge. Verzeiht, Herr, mein dummes Wort ...“
„Was fürchtest du?“ Mitjä maß ihn mit dem Blick. „Nun, hol dich der Teufel, wenn’s so ...“ und er warf ihm die fünf Rubel zu. „Jetzt, Trifon Borissytsch, führ mich so leise hinein, daß ich sie vorher alle sehen kann, ohne dabei von ihnen gesehen zu werden. Wo sind sie denn, im blauen Zimmer?“
Trifon Borissytsch warf einen etwas furchtsamen Blick auf Mitjä, tat aber sofort gehorsam, wie ihm geheißen war: vorsichtig führte er ihn in den Flur, ging dann allein in das große erste Zimmer, das neben dem blauen Zimmer, in dem die Gäste saßen, lag, und brachte das Licht hinaus. Darauf führte er Mitjä leise hinein und brachte ihn in die dunkelste Ecke, von wo aus er ungehindert die Gäste, ohne selbst gesehen zu werden, betrachten konnte. Doch Mitjä stand dort nicht lange und konnte auch fast überhaupt nichts sehen: er erblickte sie – sein Herz begann zu klopfen, und vor seinen Augen flimmerte es. Sie saß an einer Seite des Tisches in einem Lehnstuhl, und neben ihr, auf dem Sofa, saß der nette, noch ganz junge Kalganoff; sie hatte seine Hand erfaßt und lachte, wie es schien. Kalganoff aber, der sie gar nicht ansah, sprach laut und fast ärgerlich zu Maximoff, der Gruschenka am Tisch gegenüber saß. Maximoff wiederum lachte herzlich. Auf dem Sofa saß außerdem noch er und neben ihm, auf einem Stuhl, mehr an der Wand, ein anderer Unbekannter. Jener auf dem Sofa saß in auffallend ungenierter Pose und rauchte eine Pfeife; es schien Mitjä, daß es ein untersetztes Männchen von nicht hohem Wuchse war, der ein breites Gesicht hatte und sich über irgend etwas ärgerte – mehr konnten seine flimmernden Augen nicht unterscheiden. Sein Freund jedoch, der andere Unbekannte, schien von ungewöhnlich hohem Wuchs zu sein. Das war alles, was er sah. Er rang nach Atem. Er hatte noch keine ganze Minute gestanden, als er seinen Pistolenkasten auf die Kommode stellte und sich zu der Gesellschaft ins blaue Zimmer begab – eiskalt am ganzen Körper und fast besinnungslos.
„Ach!“ rief Gruschenka erschrocken aus; sie war die erste, die ihn bemerkte.
VII. Der Erste und Unbestrittene
Mitjä trat mit seinen großen, strammen Offiziersschritten sofort bis dicht an den Tisch heran.
„Meine Herren,“ begann er laut, doch hielt er beinahe bei jedem Worte inne, „ich ... ich – oh nichts! Fürchten Sie nichts!“ rief er, sich plötzlich zu Gruschenka wendend, die sich im Lehnstuhl ängstlich zu Kalganoff bog, dessen Hand sie krampfhaft umklammerte. „Ich ... ich bin gleichfalls ... auf der Durchreise. Ich bleibe nur bis zum Morgen. Meine Herren, gestatten Sie einem vorüberfahrenden Reisenden ... mit Ihnen die Zeit bis zum ... Morgen zu verbringen? Nur bis zum Morgen, zum letztenmal in diesem Zimmer mit Ihnen zusammen?“
Die letzten Worte sprach er zum wohlbeleibten Männlein mit der Pfeife gewandt. Dieser setzte würdig seine Pfeife ab und sagte streng:
„Pane,[21] wir sein hier privatim. Hier befienden sich aber noch merrere ander Ziemer ...“
„Ach, das sind Sie, Dmitrij Fedorowitsch, das ist ja herrlich!“ rief plötzlich Kalganoff dazwischen. „So setzen Sie sich doch her zu uns, guten Tag!“
„Guten Abend, teurer Mensch ... Sie sind unschätzbar! Ich habe Sie immer gern gehabt ...“ erwiderte Mitjä freudig und streckte ihm sofort die Hand entgegen.
„Au, wie stark Sie drücken! Sie haben mir beinahe alle Finger zerbrochen,“ sagte Kalganoff lachend.
„So drückt er einem immer die Hand,“ griff fröhlich, doch noch mit etwas schüchternem Lächeln Gruschenka auf. Sie hatte sich, wie es schien, inzwischen überzeugt, daß Mitjä nicht Händel suchte, und blickte ihn mit großer Teilnahme, wenn auch immer noch mit einer gewissen Unruhe, aufmerksam an. Es fiel ihr etwas Neues an ihm auf, das sie noch nie bemerkt hatte, und das sie jetzt gerader ängstigte – hätte sie doch auch nie von ihm erwartet; daß er in einem solchen Augenblick so hereintreten und so sprechen werde.
„Guten Abend,“ sagte bescheiden und süßlich von links her der Gutsbesitzer Maximoff. Mitjä wandte sich sofort eilig zu ihm.
„Ach, ich hatte ganz vergessen, daß auch Sie hier sind, verzeihen Sie!“ Er schüttelte ihm die Hand. „Es freut mich sehr, daß Sie gleichfalls hier sind. – Meine Herren, ich ...“ (Er wandte sich von neuem zu dem Pan mit der Pfeife, da er ihn für die Hauptperson hielt) „Ich bin hergeeilt ... Ich wollte den letzten Tag und die letzte Stunde hier in diesem Zimmer verbringen, in diesem Zimmer ... wo ich schon einmal meine Göttin angebetet habe! Verzeihung, Pane!“ rief er erregt, als wüßte er selbst kaum, was er sagte. „Ich bin hergeeilt und habe mir geschworen ... oh, fürchten Sie nichts, es ist meine letzte Nacht! Trinken wir, Pane, zum Friedensschluß! Der Wein wird sofort gebracht ... Hier, damit bin ich gekommen.“ – Er zog plötzlich sein ganzes Geld hervor. – „Erlauben Sie, Pane! Ich will Musik, Fröhlichkeit, Lachen haben, alles wie früher ... Aber der Wurm, der unnütze Wurm wird über die Erde kriechen und verschwinden und vergehen! Meines Freudentages will ich in meiner letzten Nacht gedenken! ...“
Er glaubte zu ersticken. Ach, vieles, vieles wollte er sagen, doch es kamen fast nur abgerissene, sonderbare Ausrufe aus ihm heraus. Der Pan blickte unbeweglich ihn, seinen Packen Kassenscheine, Gruschenka, und nochmals ihn an und war ersichtlich vor den Kopf gestoßen.
„Wenn erlaubt meine Kruléwa ...“ begann er, doch Gruschenka unterbrach ihn sofort.
„Was ist das: Kruléwa! Soll das etwa Königin bedeuten? Wie lächerlich sich doch diese Leute mit ihrem Sprechen machen! Setz dich, Mitjä, wovon redest du, was wolltest du sagen? Bitte, schrecke mich nicht. Du wirst mich doch nicht ängstigen? Wenn du es nicht tust, werde ich mich sehr darüber freuen, daß du gekommen bist ...“
„Ich, ich schrecken?“ rief Mitjä plötzlich laut, seine Hände erhebend. „– Oh, geht vorüber, geht, ich trete aus dem Wege, ich werde nicht dazwischen treten! ...“ Und plötzlich fiel er, ganz unerwartet für alle, und am unerwartetsten natürlich für sich selbst, auf einen Stuhl nieder und brach in Schluchzen aus ... Er kehrte sich ab zur anderen Wand und umklammerte mit den Armen die Stuhllehne so fest, als wenn er sie krampfhaft an sein Herz pressen wollte.
„Da haben wir’s, da haben wir’s, wie du wirklich bist!“ sagte Gruschenka vorwurfsvoll. „Ganz so kam er auch einmal zu mir: fängt plötzlich an zu sprechen, ich aber verstehe nichts. Und einmal begann er ebenso zu schluchzen, und jetzt hier zum zweitenmal – solch eine Schande! Warum weinst du denn? Das fehlte noch, deswegen zu weinen! Es ist doch wahrlich kein Grund dazu vorhanden!“ fügte sie plötzlich rätselhaft hinzu, mit einer gewissen Gereiztheit jedes Wort betonend.
„Ich ... ich weine nicht ... Nun, freuen wir uns!“ Im Augenblick hatte er sich auf dem Stuhl umgedreht und lachte auch schon: es war aber nicht sein gewöhnliches kurzes Lachen, sondern ein ganz eigentümlich unhörbares, langes, krampfhaftes und erschütterndes Lachenwollen.
„Nun, nun, schsch! – lach nicht so ... Aber sei fröhlich, nun, sei doch fröhlich!“ beredete ihn Gruschenka. „Ich bin sehr froh darüber, daß du gekommen bist, Mitjä, hörst du, daß ich mich sehr darüber freue? Ich will, daß er hier bei uns bleibt,“ sagte sie befehlerisch scheinbar zu allen, doch galten ihre Worte eigentlich nur dem Pan auf dem Sofa. „Ich will es, ich will es! Wenn er fortgeht, so gehe auch ich fort, ganz einfach!“ fügte sie mit plötzlich glühendem Blick hinzu.
„Was wollen meine Kruléwa, is Gesetz,“ sagte der Pan und küßte ihr galant die Hand. „Ich biete die Pan zu sein von unser Kompagnie!“ sagte er liebenswürdig zu Mitjä. Mitjä sprang sofort wieder auf, offenbar mit der Absicht, nochmals eine Rede zu halten, aber es kam etwas anderes über seine Lippen.
„Trinken wir, Pane!“ stieß er nur kurz hervor. Alle brachen darüber in Lachen aus.
„Gott! Und ich glaubte schon, daß er wieder reden will!“ rief Gruschenka nervös aus. „Hörst du, Mitjä, daß du nicht mehr so aufspringst! ... Daß du Champagner mitgebracht hast, ist großartig. Ich werde mittrinken, Liköre kann ich nicht ausstehen. Das beste aber ist doch, daß du selbst gekommen bist, es war hier sterbenslangweilig ... Oder bist du gekommen, um hier wieder, wie damals, durchzugehen? Aber so steck doch das Geld ein! Wo hast du so viel Geld hergenommen?“
Mitjä schob die Geldscheine, die er immer noch in der Faust gehalten hatte, und die von allen, besonders von den Polen, bemerkt worden waren, hastig und verwirrt in die Tasche. Er errötete. Da brachte der Wirt den Champagner herein. Mitjä ergriff die Flasche, war aber so zerstreut, daß er nicht wußte, was er mit ihr anfangen sollte. Kalganoff nahm sie ihm lachend ab und schenkte an seiner Stelle ein.
„Noch, noch eine Flasche!“ rief Mitjä dem Wirt zu, ergriff sein Glas und stürzte es hinab, ohne vorher mit dem Pan, den er doch zum Friedenstrunk aufgefordert hatte, anzustoßen, oder auf die anderen zu warten. Sein ganzes Gesicht veränderte sich im Augenblick. Der feierliche, fast tragische Ausdruck, mit dem er eingetreten war, veränderte sich in einen geradezu kindlichen. Es war, als hätte sich der ganze Mensch besänftigt und ergeben. Schüchtern und freudig blickte er alle an, fast könnte man sagen, mit dem dankbaren Ausdruck eines schuldigen Hundes, den man wieder gestreichelt und ins Zimmer gelassen hat. Er schien alles vergessen zu haben und betrachtete alle Anwesenden geradezu verzückt mit einem kindlichen Lächeln, das zuweilen von einem kurzen nervösen Lachen unterbrochen wurde. Gruschenka konnte er nicht anders als lachend ansehen, und er setzte sich mit seinem Stuhl ganz nah zu ihr. Allmählich hatte er sich auch die beiden Polen genauer angesehen, doch ohne sich dabei etwas zu denken. Der Pan auf dem Sofa frappierte ihn durch seine sonderbare Haltung, den polnischen Akzent und, vor allen Dingen, – durch die Pfeife. „Nun, was ist denn dabei, es ist doch sehr gut so, daß er die Pfeife raucht,“ meinte Mitjä schließlich bei sich. Das etwas aufgedunsene Gesicht des vielleicht schon vierzigjährigen Polen mit der auffallend kleinen Nase, unter der das spärliche, gefärbte kohlschwarze Schnurrbärtchen zu zwei Nadelspitzen zusammengedreht war, rief in Mitjä gleichfalls nicht das geringste Bedenken hervor. Selbst die jämmerliche Perücke des Pans, die in Sibirien angefertigt war, an den Schläfen mit auffallend albern nach vorn gekämmtem Haar, erregte weiter keinen Verdacht in ihm. „Es muß wohl so sein, wenn man eine Perücke trägt,“ überlegte er in seliger Stimmung. Der andere Pan, der an der Wand saß und jünger war als der auf dem Sofa, blickte frech und herausfordernd die ganze Gesellschaft an und hörte mit stummer Verachtung der Unterhaltung zu: doch auch dieser junge Mann fiel Mitjä nur durch seine Länge auf, die sich allerdings sehr grotesk neben der Kürze des älteren Pans ausnahm. „Wenn der sich erhebt, kann er sich ja den Schädel an der Decke einschlagen,“ zuckte es Mitjä flüchtig durch den Sinn. Ebenso flüchtig dachte er auch daran, daß der lange Pan, der wahrscheinlich der Freund und Gehilfe des kleinen Pan auf dem Sofa war, gewissermaßen sein Leibwächter zu sein schien, und daß der Kleine natürlich über den Langen das Kommando führte. Aber auch das schien Mitjä wunderschön, und er hatte nichts dagegen einzuwenden. In dem „gestreichelten Hunde“ war jede Rivalität erstorben. Von Gruschenkas rätselhaften Worten hatte er noch nichts begriffen, ebensowenig wie er sich nach der Ursache ihrer ganzen Veränderung gefragt hatte. Er sagte sich nur mit langsam, doch, wie er glaubte, laut klopfendem Herzen, daß sie ihm „verziehen“ und ihn zu sich, ganz dicht an ihren Stuhl, herangewinkt hatte. Er glaubte zu vergehen vor Glück und wollte aufjauchzen, als er sah, wie sie das Glas hob und einen kleinen Schluck Champagner schlürfte. Das allgemeine Schweigen fiel ihm ganz plötzlich auf, und er blickte gleichsam erwartungsvoll alle Anwesenden an: „Aber warum sitzen wir denn so stumm, warum wird nichts gesprochen?“ schien sein lächelnder Blick zu fragen.
„Er hat die ganze Zeit gefaselt, und wir haben hier alle gelacht,“ sagte da Kalganoff, auf Maximoff weisend, als hatte er Mitjäs Blick verstanden.
Mitjä wandte seinen Blick sofort Kalganoff zu und dann sogleich zur Seite zum Gutsbesitzer Maximoff.
„Gefaselt?“ fragte er mit seinem kurzen, gehackten Lachen, als wäre er über irgend etwas sehr erfreut. „Ha – ha!“
„Ja. Stellen Sie sich vor, er behauptet, daß in den zwanziger Jahren unsere ganze Kavallerie Polinnen geheiratet habe. Das ist doch der unglaublichste Unsinn, habe ich nicht recht?“
„Polinnen?“ fragte Mitjä, der bereits in ausgesprochener Begeisterung war.
Kalganoff begriff sehr gut Mitjäs Beziehungen zu Gruschenka, erriet auch ihr Verhältnis zum Pan, aber das Ganze interessierte ihn nicht sonderlich, vielleicht sogar überhaupt nicht; ihn interessierte am meisten Maximoff. Er war ganz zufällig mit ihm hergekommen und den beiden Polen hier im Gasthaus zum erstenmal begegnet. Gruschenka jedoch kannte er schon von früher: er war sogar einmal mit einem seiner Freunde bei ihr gewesen. Damals hatte er ihr nicht gefallen. Hier aber war sie sehr nett zu ihm: vor Mitjäs Ankunft hatte sie ihm sogar den Kopf gestreichelt, doch hatte er sich dazu sehr gleichgültig verhalten. Er war ein noch ganz junger Mann von kaum zwanzig Jahren, stets nach der Mode gekleidet, hatte ein nettes, zartes Gesicht und prächtiges, dunkelblondes, dichtes Haar. In diesem Gesichtchen lagen wundervolle, hellblaue Augen, mit einem klugen, zuweilen sogar über seine Jahre hinaus tiefen Ausdruck, obgleich der junge Mann manches Mal ganz wie ein Kind blicken und reden konnte, was ihn aber, ungeachtet dessen, daß er es selbst sehr wohl wußte, nicht im geringsten genierte. Überhaupt war er sehr eigenartig, sogar eigensinnig, wenn auch immer freundlich. Zuweilen lag in seinem Gesichtsausdruck etwas Starres und Hartnäckiges: er blickte einen an, hörte einem zu, schien aber dabei ganz mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Bald wurde er gleichgültig und träge, bald wiederum regte er sich wegen einer scheinbar ganz bedeutungslosen Sache mehr als nötig auf.
„Denken Sie sich, ich führe diesen Menschen schon vier Tage lang mit mir herum,“ fuhr er fort, die Worte gleichsam aus Trägheit in die Länge ziehend, doch tat er es nicht mit einer unangenehmen Geziertheit, sondern ganz natürlich, „... seit jenem Tage, als wir im Kloster waren – Sie wissen doch noch –, und Ihr Bruder ihn aus dem Wagen hinausstieß und er zurückflog. Damals interessierte er mich gerade durch diesen Umstand, und ich nahm ihn aufs Gut mit, aber er lügt die ganze Zeit, so daß man sich wirklich für ihn schämen muß. Ich bringe ihn jetzt zurück ...“
„Pan habben Pani polska[22] garr niecht gesenn, err sackt was garr niecht kann sein,“ bemerkte der Pan mit der Pfeife zu Maximoff. Er sprach das Russische ganz gut, wenigstens viel besser, als er sich anstellte, sprach aber die russischen Worte, wenn er sie überhaupt gebrauchte, stets mit möglichst hartem polnischen Akzent aus.
„Aber ... ich – ich war doch selbst mit einer polnischen Pani verheiratet!“ verteidigte sich Maximoff stotternd.
„Aber haben Sie denn etwa in der Kavallerie gedient? Sie sagten es doch von unserer Kavallerie! Sind Sie denn je Kavallerist gewesen?“ mischte sich sofort Kalganoff ein.
„Ha – ha, natürlich, ist er denn ein Kavallerist?“ fragte lachend Mitjä, der gierig zuhörte und seinen fragenden Blick sofort jedem zuwandte, der zu sprechen begann, als hätte er Gott weiß was von jedem zu hören erwartet.
„Nein, sehen Sie mal,“ sagte Maximoff, sich zu ihm wendend, „ich – ich rede nicht davon, daß diese kleinen Panénki ... niedlich sind ... wenn sie mit unseren Ulanen Masurka tanzen ... und wenn sie abgetanzt hat, so springt sie ihm sofort auf die Knie, wie ein Kätzchen ... ein weißes ... und der – der Pan-oijez und die Pani-matka sehen’s und erlauben’s ... jawohl, und erlauben’s ... und der Ulan geht morgen ansprechen ... jawohl ... und hält um ihre Hand an, hi – hi!“ Und Maximoff kicherte.
„Pan laidak!“ brummte plötzlich der lange Pan auf dem Stuhl, und schlug das eine lange Bein über das andere lange. Mitjä fiel der riesige Schmierstiefel mit der dicken und schmutzigen Sohle besonders auf. Überhaupt waren beide Pane recht schmierig gekleidet.
„Warum soll er denn ein Strolch sein? Warum schimpft er?“ fragte Gruschenka sofort ärgerlich.
„Pani Agrippina, Pan hat in Pollen nur gesenn Bauermätchen, niecht vornemme Pani,“ bemerkte der Pan mit der Pfeife zu Gruschenka.
„Das ist sicker!“ meinte der lange Pan verächtlich.
„Das fehlt noch! So lassen Sie ihn doch sprechen! Warum stören Sie die Menschen beim Reden? Mit Ihnen ist es wenigstens nicht langweilig,“ sagte Gruschenka bissig.
„Ick större niecht, Pani,“ bemerkte bedeutsam der Pan auf dem Sofa mit einem langen Blick auf Gruschenka, verstummte wichtig und begann dann wieder an seiner Pfeife zu saugen.
„Aber nein, nein, der Pan hat ja ganz recht bemerkt, daß er keine Polinnen kennt!“ fiel wieder erregt Kalganoff ein, als hätte es sich um weiß Gott was für eine wichtige Sache gehandelt. „Er ist ja überhaupt nicht in Polen gewesen, wie kann er dann über Polen sprechen? Sie haben doch nicht in Polen geheiratet, nicht wahr?“
„N – nein, im-im Smolenskschen Gouvernement. Nur hatte der Ulan sie schon früher von dort mi-mi-mitgebracht, meine Frau, meine zukünftige, mitsamt der Pani-matka und der Tante und noch einer Verwandten mit einem erwachsenen Sohn, da-da-das aber war wirklich aus Polen, aus-aus Polen ... und er trat sie mir ab. Das war ein Leutnant, ein-ein sehr hübscher junger Mann. Zuerst hatte er sie selbst heiraten wollen, aber dann heiratete er sie doch nicht, denn es hatte sich inzwischen erwiesen, daß sie lahm war ...“
„Dann haben Sie eine Lahme geheiratet?“ fragte Kalganoff lachend.
„Eine Lahme. Das-das hatten sie mir beide verheimlicht und mich so ein bißchen betrogen. Ich-ich dachte, daß sie nur hüpfte ... sie hüpfte immer und ich dachte, daß sie vor lauter Freude ...“
„Vor Freude darüber, daß Sie sie heiraten wollten?“ schrie fast vor Lachen Kalganoff mit seiner hellen Kinderstimme.
„Jawohl, vor Freude. Doch da kam es heraus, daß sie es aus einem-einem ganz anderen Grunde tat. Später, als wir getraut waren, gestand sie mir alles gleich nach der Trauung, am-am selben Abend, und bat sehr gefühlvoll um Verzeihung; über eine Pfütze, sagte sie, sei sie in jungen Jahren gesprungen und habe sich dabei das Füßchen beschädigt, hi – hi!“
Kalganoff lachte sein jubelndes Kinderlachen und sank vor Lachen ganz zurück an die Lehne des Sofas. Da lachte auch Gruschenka, durch sein Lachen angesteckt. Mitjä schien den Gipfel des Glücks erreicht zu haben.
„Wissen Sie, wissen Sie, jetzt hat er einmal die Wahrheit gesagt!“ rief Kalganoff Mitjä zu. „Und wissen Sie, er ist zweimal verheiratet gewesen, – das war seine erste Frau, seine zweite Frau aber hat ihn verlassen und lebt auch jetzt noch, wissen Sie das schon?“
„Ist’s möglich?“ fragte Mitjä erstaunt und wandte sich hastig zu Maximoff. Auf seinem Gesicht drückte sich maßlose Verwunderung aus.
„Jawohl, sie verließ mich, ich-ich habe diese Unannehmlichkeit gehabt,“ bestätigte Maximoff bescheiden. „Mit einem Mßjö. Aber die Hauptsache: sie hatte sich vorher mein ganzes Gütchen auf ihren Namen verschreiben lassen. Du, sagte sie, bist ein gebildeter Mensch, du wirst auch so dein Brot finden. Und damit saß ich denn. Mir sagte einmal ein ehrenwerter Erzbischof: ‚Deine erste Frau war lahm, deine zweite war aber gar zu leichtfüßig,‘ hihi!“
„Hören Sie doch, hören Sie doch!“ fuhr Kalganoff auf, „wenn er auch lügt – und er lügt viel –, so lügt er doch nur, um andere zu erheitern: das ist doch nicht niedrig, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe ihn zuweilen. Er ist ein niedriger Mensch, aber er ist so natürlich, nicht? Was meinen Sie? Andere sind niedrig aus Berechnung, um daraus irgendeinen Nutzen zu ziehen, er aber tut es ganz aufrichtig, von Herzen, von Natur. Denken Sie sich, so behauptet er zum Beispiel – wir haben uns gestern die ganze Zeit unterwegs darüber gestritten –, er behauptet, Gogol hätte in seinen ‚Toten Seelen‘ über ihn geschrieben. Wissen Sie noch, dort kommt auch ein Gutsbesitzer Maximoff vor, den Nosdreff durchgeprügelt hat, weswegen dieser dann vor Gericht kommt: ‚Wegen persönlicher Beleidigung des Gutsbesitzers Maximoff in betrunkenem Zustande,‘ – nun, Sie wissen doch! Und was glauben Sie wohl, denken Sie sich, er behauptet nun, daß er das gewesen sei, daß man ihn durchgedroschen habe! Nun, sagen Sie doch selbst, ist denn das überhaupt möglich? Tschitschikoff[23] fuhr spätestens in den zwanziger Jahren, zu Anfang der zwanziger Jahre umher, so daß die Jahre überhaupt nicht stimmen können. Wie konnte man ihn also damals durchpeitschen! Das ist doch ganz ausgeschlossen, ganz unmöglich! Nicht?“
Es war schwer zu sagen, warum sich Kalganoff so aufregte, jedenfalls tat er es aufrichtig. Mitjä teilte sein Interesse von ganzem Herzen.
„Nun, wenn man ihn aber gleichfalls durchgeprügelt hat!“ rief er lachend.
„Nicht gerade, daß ich-ich durchgeprügelt worden wäre, sondern nur so ...“ versuchte Maximoff einzuwenden.
„Wieso nur so? Da heißt es doch entweder oder?“
„Ktura godsina, Pane?“ (Wieviel Uhr ist es?) fragte mit gelangweilter Miene der Pan mit der Pfeife den Pan auf dem Stuhl.
Der zuckte mit den Achseln; sie besaßen beide keine Uhr.
„Was soll das wieder heißen?“ fuhr Gruschenka sofort auf. „Lassen Sie doch wenigstens andere reden! Wenn Sie sich langweilen, so sollen sich die anderen wahrscheinlich mitlangweilen!“ Sie schien absichtlich Streit mit ihnen zu suchen.
Es war das erstemal, daß dies Mitjä flüchtig auffiel. Doch nun antwortete der Pan mit sichtlicher Gereiztheit:
„Pani, iech habbe niechts gesackt dagegen, keine Wort.“
„Ach, schon gut, du aber erzähl weiter,“ rief Gruschenka Maximoff zu. „Warum seid ihr denn alle verstummt?“
„Hier-hierbei ist nichts zu erzählen, denn es-es sind doch nur Dummheiten,“ griff eilfertig Maximoff auf, – sichtlich sehr zu erzählen bereit, doch anstandshalber etwas geziert – „und Gogol hat doch alles nur allegorisch gemeint, und so sind auch alle Familiennamen allegorisch. Nosdreff hieß doch gar nicht Nosdreff, sondern Nossoff, und Kuwschinnikoff ist ganz unkenntlich, denn er hieß Schkwornjeff. Nur Fenardi hieß tatsächlich Fenardi, bloß war er kein Italiener, sondern ein Russe, Petroff hieß er, und Mamsell Fenardi war sehr nett, die Beinchen in Trikot, reizende Beinchen, und das Röckchen war so kurz und ganz mit Pailetten benäht, und sie drehte sich auf der Fußspitze, nur dauerte das nicht vier Stunden, sondern nur vier Minuten ... und sie bestrickte alle ...“
„Aber weswegen gab es denn die Prügel, warum wurdest du denn durchgeprügelt?“ schrie ihn lachend Kalganoff an.
„Wegen Piron,“ antwortete Maximoff.
„Wegen Piron? Wer ist denn das?“ fragte Mitjä in seliger Stimmung.
„Das ist ein bekannter französischer Schriftsteller, Piron. Wir zechten alle, es – es war eine große Gesellschaft, wir tranken Wein. Zur Jahrmarktszeit. Sie hatten mich dazu eingeladen, und ich begann zuerst mit Epigrammen: ‚Bist du es, Boileau? Welch lächerlich Gewand!‘ Boileau aber antwortet, er begebe sich auf einen Maskenball, das heißt, er geht in eine Badstube, hi – hi, und da bezogen sie es auf sich. Ich aber sagte schnell ein anderes, das allen Gebildeten gut bekannt ist, ein etwas scharfes:
‚Ein Faun bin ich und Du bist Sappho, Die Dichterin, die hehre, Doch fandst Du leider noch immer nicht, Den geraden Weg zum Meere.‘
Doch sie ärgerten sich darüber noch mehr und fingen an, mich deswegen auf höchst unanständige Weise zu schimpfen, ich aber wollte es wieder gutmachen und erzählte zu meinem Pech, um meine Aktien zu verbessern, eine sehr gebildete Anekdote von Piron, wie man ihn in die Académie Française nicht hat aufnehmen wollen, und wie er daraufhin für seinen Grabstein ein Epitaphium geschrieben hat:
‚Ci-gît Piron qui ne fut rien Pas même un académicien.‘
Und da nahmen sie mich denn und prügelten mich durch.“
„Aber wofür denn, weswegen?“
„Wegen meiner Bildung. Als ob es wenig Gründe gäbe, warum die Menschen einen durchprügeln können,“ schloß Maximoff bescheiden und lehrhaft zugleich.
„Ach, genug davon, wie dumm das ist, ich will nichts mehr davon hören. Ich dachte, es wäre was Lustiges,“ sagte plötzlich Gruschenka mißgestimmt. Mitjä erschrak und hörte sofort auf zu lachen. Der lange Pan erhob sich vom Stuhl und begann, die Hände auf dem Rücken, mit der hochmütigen Miene eines Menschen, der sich in solcher Gesellschaft langweilt, durch das Zimmer zu spazieren, aus einer Ecke in die andere.
„Der stampft aber!“ bemerkte Gruschenka mit einem verächtlichen Blick auf den Langen.
Mitjä wurde unruhig, und zudem bemerkte er noch, daß der Pan auf dem Sofa gerade ihn gereizt anblickte.
„Pane,“ rief Mitjä ihm zu, „trinken wir, Pane! Und auch der andere Pan soll trinken: Trinken wir, Panowe!“
Er stellte schnell drei Gläser zusammen und schenkte ein.
„Auf Polens Wohl, Panowe, ich trinke aufs Wohl Ihres Polen, meine Herren, auf das Polenland!“ rief Mitjä laut.
„Bardso mi to milo, Pane“ (das ist mir sehr angenehm, mein Herr) „wirr trinken mit Sie,“ sagte würdevoll und doch wohlgeneigt der Pan auf dem Sofa und nahm sein Glas.
„Und auch der andere Pan, wie heißt der Kerl? – Heda, helleuchtender Edelmann, nimm dein Glas!“ rief Mitjä sich umdrehend.
„Pan Wrublewskij,“ sagte der Pan auf dem Sofa.
Der Pan Wrublewskij trat, auf seinen langen Beinen schaukelnd, an den Tisch und nahm stehend das Glas.
„Auf Polen, Panowe, Hurra!“ rief Mitjä mit erhobenem Glase.
Alle drei tranken sie die Gläser aus. Mitjä ergriff die Flasche und füllte von neuem die drei Gläser.
„Jetzt auf Rußlands Wohl, Panowe, und trinken wir Brüderschaft!“
„Schenk auch uns ein,“ sagte Gruschenka, „auf Rußlands Wohl will auch ich trinken.“
„Ich gleichfalls,“ sagte Kalganoff.
„Und auch ich-ich würde gern ... auf Rußland, unser Russéjuschka, unser Mütterchen,“ sagte Maximoff kichernd.
„Alle, alle!“ rief Mitjä begeistert. „Heda, Wirt, noch Flaschen her!“
Es wurden von den sechs mitgenommenen noch drei hereingebracht. Mitjä schenkte sofort ein.
„Auf Rußlands Wohl, Hurra!“ rief er stolz.
Alle tranken, außer den beiden Polen, und Gruschenka leerte ihr Glas auf einen Zug. Von den Polen jedoch berührte keiner das Glas.
„Was soll denn das bedeuten, Panowe?“ schrie Mitjä. „Also so seid ihr?“
Da nahm Pan Wrublewskij sein Glas und sagte mit lautschallender Stimme:
„Auf Rußland in den Grenzen von siebzehnhundert und zweiundsipzick!“
„Oto bardso penkne!“ (So ist es gut!) rief sofort der andere Pan, und beide leerten sie ihre Gläser bis auf den letzten Tropfen.
„Dummes Pack!“ kam es plötzlich überzeugt aus Mitjä heraus.
„Pa – ne!!“ schrien sofort drohend die beiden Polen, wie Hähne auf Mitjä losfahrend. Besonders brauste Pan Wrublewskij auf.
„Kann man denn niecht libben seine Land?“ schrie er drohend.
„Schweigt! Keinen Streit! Daß ihr mir hier keinen Streit beginnt, verstanden!“ rief Gruschenka gebieterisch dazwischen, und sie stampfte mit dem Fuß auf.
Ihr Gesicht hatte sich gerötet, ihre Augen glühten. Das kam von dem soeben getrunkenen Glase. Mitjä erschrak maßlos.
„Panowe, Verzeihung! Es war meine Schuld, ich werde nicht mehr ... Wrublewskij, Pan Wrublewskij, ich werde nicht mehr ...“
„Aber so schweig doch du wenigstens, und setz dich endlich!“ fuhr ihn Gruschenka geärgert und heftig an.
Alle setzten sich, alle verstummten, alle blickten einander an.
„Meine Herren, ich trage die Schuld an allem!“ begann Mitjä, der von Gruschenkas Worten nichts verstanden hatte, von neuem. „Warum nur sitzen wir so? Was könnten wir beginnen ... damit es wieder lustig wird, wieder lustig?“
„Ja, es ist wahr: es ist nichts weniger als lustig,“ meinte Kalganoff träge mit brummig vorgeschobenen Lippen.
„Wie wäre es, wenn-wenn wir ein Spielchen machten wie vorhin? ...“ fragte Maximoff kichernd.
„Karten? Famos!“ griff Mitjä sofort auf. „Wenn nur die Panowe ...“
„Pusno, Pane!“ sagte gleichsam widerstrebend der Pan auf dem Sofa.
„Ja, eetwas pusno,“ meinte auch Pan Wrublewskij.
„Pusno? Was heißt das nun wieder?“ fragte Gruschenka.
„Das heißen spät, Pani, später Stunde,“ erläuterte der Pan auf dem Sofa.
„Ach! immer ist Ihnen alles zu spät, immer ist Ihnen nichts recht!“ Gruschenka war wütend. „Selbst sitzen Sie da, wie die verkörperte Langeweile, und da sollen sich wohl die anderen Ihnen zur Gesellschaft gleichfalls langweilen! Bevor du kamst, Mitjä, saßen sie dort ebenso langweilig und stumpfsinnig und ärgerten sich über mich ...“
„Meine Göttin!“ unterbrach sie der Pan auf dem Sofa, „was Göttin sackt, soll sein. Iech sehen serr gutt Ihr Ärger und so iech bien traurig. Pane, iech bien fertig,“ sagte er darauf bereitwillig zu Mitjä.
„Schön, fang an, Pane,“ rief Mitjä, der aus seiner Tasche das Geld herauszog und zwei Hundertrubelscheine vor sich auf den Tisch legte.
„Ich möchte viel an dich verspielen, Pan. Nimm die Karten, leg die Bank auf. Du hältst die Bank!“
„Karten müssen sein von Wirt, Pane,“ sagte nachdrücklich und ernst der kleine Pan.
„Das sein iemer beste Manier,“ meinte auch Pan Wrublewskij.
„Vom Wirt? Ah so, ich verstehe, gut, meinetwegen auch vom Wirt. – Ein Spiel Karten, Trifon Borissytsch!“ rief Mitjä dem Wirt zu.
Trifon Borissytsch brachte ein neues Spiel, das noch nicht entsiegelt war, und meldete Mitjä, daß die Mädchen sich schon versammelt hätten, die Juden mit den Zimbeln gleichfalls bald kommen würden, der Wagen aber aus der Stadt mit den übrigen Sachen noch nicht zu sehen sei. Mitjä sprang sofort auf und eilte ins andere Zimmer, um dort Anordnungen zu treffen. Es waren aber erst drei Mädchen gekommen, und auch die Marja war noch nicht erschienen. Überhaupt wußte er nicht, warum er eigentlich aufgestanden und hinausgelaufen war: er befahl nur, die Süßigkeiten aus der Kiste hervorzuholen und sie unter die Mädchen zu verteilen.
„Und Andrei Branntwein, eine ganze Flasche Branntwein dem Andrei,“ befahl er eilig, „ich habe ihn gekränkt.“
Da berührte ihn jemand an der Schulter: es war Maximoff, der ihm nachgelaufen war.
„Geben Sie mir fünf Rubel,“ bat er flüsternd, „ich würde gern auch ein-ein Spielchen machen, hihi!“
„Famos, vorzüglich! Nehmen Sie zehn, hier!“
Mitjä zog wieder alle Scheine aus der Tasche und suchte zehn Rubel hervor.
„Und wenn du das verlierst, so komm wieder, komm wieder ...“
„Gut, ich danke,“ flüsterte Maximoff freudig und lief zurück in den Saal.
Auch Mitjä kehrte sofort zurück und entschuldigte sich, daß er auf sich hatte warten lassen. Die Polen hatten sich schon zurechtgesetzt und entsiegelten das neue Spiel. Sie blickten bereits viel freundlicher drein, fast konnte man sagen, wohlwollend. Der Pan auf dem Sofa hatte eine neue Pfeife angeraucht und schickte sich an, die Karten zu mischen. Auf seinem Gesichte drückte sich sogar eine gewisse Feierlichkeit aus.
„Auf die Plätze, Panowe!“ kommandierte Pan Wrublewskij.
„Nein, ich werde nicht mehr spielen,“ erklärte Kalganoff, „ich habe schon vorhin fünfzig Rubel an sie verspielt.“
„Der Pan war unglicklich, der Pan kann sein widder glicklich,“ bemerkte, halb zu ihm gewandt, der Pan auf dem Sofa.
„Wie hoch spielen wir? à discrétion?“ fragte Mitjä eifrig.
„Serr woll, Pane, vielleicht hundert, zweihundert, wieviel Pan will setzen.“
„Eine Million!“ rief Mitjä auflachend.
„Pan Hauptmann haben gehert von Pan Podwyssotzkij?“
„Von welchem Podwyssotzkij?“
„In Warschawa wird gehalten Bank à discrétion von wer will. Kommt herein Pan Podwyssotzkij, sieht er tausend Gulden und sackt: ‚va banque‘. Banquier sackt zu ihm: ‚Pane Podwyssotzkij, setzen du Gold oder setzen du auf Gónor (Ehre)?‘ – ‚Auf Gónor, Pane,‘ sackt Podwyssotzkij. – ‚Serr gutt so, Pane.‘ – Der Banquier mischen taille, Podwyssotzkij nimmt tausend Gulden. – ‚Wart, Pane,‘ sackt der Banquier, nimmt Kasten heraus und gipt ein Millionn, ‚nimm, Pane, das ist dein Recknung!‘ Bank war Millionn. – ‚Das ick nickt wußte,‘ sackt Podwyssotzkij. – ‚Pane Podwyssotzkij,‘ sackt Banquier, ‚du hast setzen auf Gónor, und wir setzen auf Gónor!‘ – Podwyssotzkij nahm Millionn.“
„Das ist nicht wahr,“ sagte Kalganoff.
„Pane Kalganoff, in addeligger Kompani wird nickt so gesprochen.“
„Das glaube ich, daß ein polnischer Spieler dir so eine Million hergeben wird!“ rief Mitjä, aber er besann sich sofort: „Verzeih, Pane, bin schuldig, bin schuldig, ja, er gibt sie heraus, selbstverständlich gibt er sie heraus, eine Million, na Gónor, auf polnische Ehre! Sieh, wie gut ich po polski spreche, ha – ha! Hier, ich setze zehn Rubel auf den Buben.“
„Und ich setze ein Rubelchen aufs Dämchen, auf das nette kleine Coeur-Dämchen, auf die kleine Panénotschka, hihi!“ kicherte Maximoff, schob seine Karte vor, beugte sich dann plötzlich stark nach vorn und bekreuzte sich heimlich und schnell unter dem Tisch. Mitjä gewann. Auch das „Rubelchen“ gewann.
„Eine Ecke umgebogen!“ rief Mitjä.
„Und ich wieder ein Rubelchen, ein Simplum nach dem anderen, ganz bisselchen,“ murmelte Maximoff, selig über das gewonnene „Rubelchen“.
„Geschlagen!“ rief Mitjä. „Verdoppele auf die Sieben!“
Er verlor wieder.
„Hören Sie auf,“ sagte plötzlich Kalganoff.
„Verdoppele, verdoppele!“ rief Mitjä, doch alles, was er verdoppelnd setzte, verlor er. Die „Rubelchen“ dagegen gewannen.
„Verdoppele!“ rief Mitjä jähzornig.
„Habben zweihundert Rubel verspielt, Pane. Wollen Sie noch zweihundert setzen?“ erkundigte sich der Pan auf dem Sofa.
„Wie, schon zweihundert verspielt? Dann also noch zweihundert! Die ganzen zweihundert als Doublé!“ Und Mitjä zog sein Geld aus der Tasche und warf zwei Hundertrubelscheine auf die Dame, als plötzlich Kalganoff sie mit der Hand bedeckte.
„Genug!“ rief er mit seiner hellen Stimme.
„Was fällt Ihnen ein?“ Mitjä blickte ihn fragend an.
„Genug, ich will es nicht! Sie werden nicht mehr spielen.“
„Warum nicht?“
„Darum nicht. Spucken Sie aus und gehen Sie fort. Ich lasse es nicht zu!“
Mitjä blickte ihn verwundert an.
„Laß es bleiben, Mitjä, er hat vielleicht ganz recht, und du hast doch schon genug verloren,“ sagte Gruschenka, und ein sonderbarer Ton klang in ihrer Stimme.
Beide Polen erhoben sich sofort mit tiefgekränkter Miene.
„Scherzest du, Pane?“ fragte der kleine Pan, mit strengem Blick Kalganoff messend.
„Wie, Sie waggen so was macken?“ schrie auch Wrublewskij Kalganoff an.
„Ruhe! Un – ter – stehen Sie sich nicht, zu schreien!“ rief Gruschenka zornig. „Ach ihr krähenden Truthähne!“
Mitjä blickte alle der Reihe nach an: es war etwas im Gesichte Gruschenkas, das ihn betroffen machte ... Und plötzlich zuckte ihm wie ein Blitz etwas ganz Neues durch den Kopf, – ein ganz absonderlicher, neuer Gedanke.
„Pan Agrippina!“ begann der Kleine, rot vor Zorn, doch plötzlich trat Mitjä an ihn heran und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter.
„Hochwohlgeborener, auf zwei Worte.“
„Was Sie wollen, Pane?“
„Dorthin, in jenes Zimmer, in das andere Gemach, will dir zwei Worte sagen, wirst mit ihnen zufrieden sein.“
Der kleine Pan wunderte sich und blickte etwas ängstlich zu Mitjä auf. Übrigens war er sofort einverstanden damit, nur stellte er die eine Bedingung, daß auch Pan Wrublewskij mit ihm käme.
„Ah, der Leibwächter, nicht wahr? Meinetwegen, auch er ist dabei nötig. Sogar unbedingt!“ rief Mitjä. „und jetzt vorwärts, Panowe!“
„Wohin, wohin wollt ihr?“ fragte Gruschenka erregt.
„Wir sind im Augenblick wieder hier,“ antwortete Mitjä.
Eine gewisse Kühnheit, ein ganz unerwarteter verwegener Mut leuchtete plötzlich aus seinem Gesicht. Nein, das war nicht mehr derselbe, der vor einer Stunde eingetreten war. Er führte die Polen in das Zimmer rechts, nicht in das große, in dem sich die Mädchen zum Chor versammelten und der Tisch in aller Eile gedeckt wurde, sondern in das Schlafzimmer, in dem Koffer, Truhen und zwei Betten mit je einem Berg von Kopfkissen in Kattunbezügen standen. Hier brannte in der hinteren Ecke auf einem kleinen ungestrichenen Tisch ein einziges Licht. Der kleine Pan und Mitjä setzten sich an diesem Tisch einander gegenüber, und der lange Pan Wrublewskij setzte sich neben sie, die Hände auf dem Rücken. Beide Polen blickten streng, doch mit nicht zu verbergender Neugier drein.
„Mit was ich kann dinnen dem Pan?“ stotterte der Kleine.
„Mit folgendem, Pane, ich werde nicht viel sprechen: Hier hast du Geld“ – er zog seine Hundertrubelscheine heraus – „willst du dreitausend Rubel, so nimm sie und fahre, wohin du willst.“
Der Pan blickte ihn forschend mit weit offenen Augen an, als wäre sein Blick an Mitjäs Gesicht angewachsen.
„Dreitausend, Pane?“
„Dreitausend, Panowe, drei! Hör mich, Pane, ich sehe, daß du ein vernünftiger Mensch bist. Nimm die Dreitausend und pack dich zum Teufel und vergiß auch nicht, Wrublewskij mitzunehmen, hörst du? Aber sofort, noch in dieser Minute, und zwar auf ewig, hörst du, Pane, auf ewig. Durch diese Tür dort gehst du hinaus. Was hast du – einen Mantel, einen Pelz? Ich werde ihn herbringen. Sofort wird dir eine Troika angespannt und dann – do widsenja, Panowe, auf Nimmerwiedersehen. Nun?“
Mitjä zweifelte nicht an der Zusage. Im Gesicht des Pans zuckte es, als wenn er einen großen Entschluß gefaßt hätte.
„Und das Geld, Pane?“
„Mit dem Gelde machen wir es so: fünfhundert Rubel sofort bar für die Fahrt und als Handgeld und die zweitausendfünfhundert morgen in der Stadt – bei meiner Ehre, ich hole sie, wenn nicht anders, unter der Erde hervor!“ rief Mitjä.
Die Polen tauschten einen Blick. Der Gesichtsausdruck des Kleinen veränderte sich zum schlimmeren.
„Siebenhundert, siebenhundert, nicht fünfhundert, sofort blank und bar!“ bot Mitjä an, da er die Veränderung bemerkt hatte und etwas Ungünstiges ahnte. „Was hast du, Pane? Glaubst du nicht? Ich kann dir doch nicht sofort alle Dreitausend geben. Sonst gebe ich sie, und du kehrst womöglich morgen schon zu ihr zurück ... Und ich habe augenblicklich auch gar nicht so viel bei mir, sie liegen bei mir zu Haus in der Stadt,“ stotterte Mitjä angstvoll, ohne sich dessen klar bewußt zu sein, was er tat, da ihm der Mut mit jedem Worte immer mehr gesunken war. „Bei Gott, sie liegen dort, wohl aufgehoben, in einem Kuvert ...“
In einer Sekunde veränderte sich das Gesicht des kleinen Pans: ein Ausdruck unbeschreiblicher persönlicher Würde lag plötzlich darauf.
„Wohlen Sie niecht nooch eetwas?“ fragte er ironisch. „Pfä! Wirklich pfä!“ Und er spuckte zur Seite.
Seinem Beispiel folgte sofort Pan Wrublewskij; er spuckte gleichfalls aus.
„Du spuckst doch nur darum, Pane,“ sagte Mitjä wie ein Verzweifelter, der einsieht, daß alles verloren ist, „nur darum, weil du von ihr noch mehr zu bekommen hoffst! Schnapphähne seid ihr beide, das sage ich euch!“
„Ich bien beleidickt bies auf letzte Grad!“ rief, rot wie ein Krebs, der kleine Pan und ging schnell wie in heftigem Unwillen, und als wolle er nichts mehr hören, hinaus aus dem Zimmer. Ihm folgte, schaukelnd auf den langen Beinen, in hohen Schmierstiefeln Pan Wrublewskij. Nach ihnen verließ, verwirrt und verdutzt, auch Mitjä das Zimmer. Er fürchtete Gruschenka, denn er sagte sich, daß der Kleine wahrscheinlich sofort alles erzählen werde. Und so war es auch. Der Pan trat in den Saal und majestätisch auf Gruschenka zu, vor der er sich theatralisch aufstellte.
„Pani Agrippina, ich bien bis auf letzte Grad beleidickt!“ begann er, doch Gruschenka schien plötzlich beim ersten polnischen Wort aus der Haut zu fahren.
„Russisch, sprich russisch, daß du mir kein einziges polnisches Wort mehr zu sagen wagst!“ schrie sie ihn an. „Du hast doch früher russisch gesprochen, wie kannst du denn das in fünf Jahren verlernt haben!“
Sie wurde bleich vor Zorn.
„Pani Agrippina ...“
„Ich heiße Agrafena, Gruschenka! Sprich russisch, oder ich will kein Wort von dir hören!“
Der Pan keuchte und schwitzte vor Gónor und fuhr radebrechend und aufgeblasen in russischer Sprache fort:
„Pani Agrafena, iech gekomen bien zu vergessen Altes und es zu verzeihen, zu vergessen, was is gewesen von früher ...“
„Was zu vergessen? Was zu verzeihen? Mir zu verzeihen bist du hergekommen?“ unterbrach ihn Gruschenka aufspringend.
„Wie gesagt, Pani, ich bien niecht kleinmütig, ich bien großmütig. Abber ich warr in Erstaunen, zu sehen deine Liebhabber. Pan Mitjä hat mir gegebben in ander Ziehmer Dreitausend, daß ich soll gehen weg, ich abber habb gespuckt in Pan sein Physiognomie!“
„Was? Er hat dir für mich Geld gegeben?“ schrie Gruschenka krankhaft auf. „Ist das wahr, Mitjä? Wie hast du es gewagt? Bin ich denn käuflich?“
„Pane,“ schrie Mitjä den Kleinen an, „sie ist rein und ist mir heilig, und niemals bin ich ihr Liebhaber gewesen! Das hast du gelogen ...“
„Unterstehe dich nicht, mich vor ihm zu verteidigen!“ rief Gruschenka außer sich. „Nicht aus Tugend bin ich ehrlich gewesen, und nicht etwa, weil ich Kusjma Ssamssonoff fürchtete, nein, um vor ihm stolz sein zu können, um das Recht zu haben, ihn Schuft zu nennen, wenn ich ihn wiedersehe! Ist es möglich, daß er von dir nicht das Geld angenommen hat?“
„Er nahm es ja, nahm es doch!“ rief Mitjä auflachend. „Nur wollte er sofort alle Dreitausend haben, und ich bot ihm nur Siebenhundert als Handgeld an.“
„Aha, natürlich: er hat gehört, daß ich jetzt Geld habe, und so ist er denn zur Trauung gekommen!“
„Pani Agrippina,“ schrie der Pan, „ich bien Ritter, bien Edelmann, kein Laidack! Ich bien gekomen um dich heiraten, sehe abber neue Pani, niecht alte von früher, sondern eine, was is eigensinig und schamlos!“
„So pack dich fort, dahin, woher du gekommen bist! Ich werde sofort befehlen, daß man dich hinauswirft und dann fliegst du!“ keuchte Gruschenka besinnungslos. „Ach, dumm, dumm war ich, fünf Jahre mich deswegen zu quälen! Ach, nicht seinetwegen, nicht seinetwegen, nur aus Wut auf mich, habe ich mich gemartert! Und das ist ja gar nicht er! Sah er denn so aus? Das ist ja sein Vater, oder weiß Gott wer! Wo hast du denn diese Perücke bestellt? Jener war ein Falke, du aber bist wie ein alter Enterich ... jener lachte und sang mir Lieder vor ... Und ich, ich! – fünf Jahre lang habe ich geweint, ich dummes, niedriges, ehrloses Geschöpf, oh! ...“
Sie sank auf ihren Lehnstuhl zurück und vergrub das Gesicht in den Händen.
Da ertönte plötzlich im Nebenzimmer links der Chorgesang der endlich versammelten Dorfmädchen – es war ein lustiges Tanzlied.
„Das ist aber ein Sodom!“ brüllte plötzlich Pan Wrublewskij ziemlich akzentfrei. „Wirt, schmeiß die Unverschämten hinaus!“
„Was hast du hier zu schreien? Willst du wohl das Maul halten!“ wandte sich der Wirt mit ganz unerklärlicher Unhöflichkeit an Wrublewskij.
„Rindvieh!“ brüllte der ihn an.
„Rindvieh? Darf ich fragen, mit was für Karten du gespielt hast? Ich gab dir mein neues Spiel, du aber hast es versteckt! Mit falschen Karten spielst du! Und für falsche Karten kann ich dich jederzeit nach Sibirien transportieren lassen, weißt du das auch, denn das ist ebensogut wie falsches Papiergeld ...“
Und zum Sofa tretend, schob er die Hand zwischen die Lehne und das Polster und zog von dort ein neues Spiel Karten hervor.
„Das sind meine Karten, sehen Sie, meine Herrschaften, ganz neu, noch unentsiegelt!“ Er erhob die Hand, so daß alle das Kartenpaket sehen konnten. „Ich hab doch von der Tür aus gesehen, wie er meine Karten dorthin stopfte und seine Karten dafür herausnahm. Ein Spitzbube bist du, aber kein Pan!“
„Und ich habe gesehen, wie der andere Pan zweimal eine falsche Karte aufschlug!“ rief Kalganoff dazwischen.
„Diese Schande, so eine Schmach!“ stieß Gruschenka, vor Scham errötend, hervor. „Gott, so einer!“
„Und ich ahnte es!“ rief Mitjä.
Doch kaum hatte er es ausgerufen, als Pan Wrublewskij wütend und verwirrt sich zu Gruschenka wandte, und mit der Faust drohend, sie anschrie:
„Dirne!“
Noch aber war sein Schimpfwort nicht verhallt, als Mitjä ihn schon mit beiden Armen ergriffen und aufgehoben hatte und ihn im Augenblick hinaustrug, in dasselbe Zimmer, in dem sie vorher gesprochen hatten.
„Ich habe ihn auf den Fußboden hingelegt!“ rief er, sofort wieder eintretend, von der Tür aus, noch atemlos von der Aufregung. „Die Kanaille läßt es sich noch einfallen, zu schlagen ... aber keine Bange, der kommt von dort nicht wieder! ...“ Er schloß den einen Türflügel und rief, den anderen Türflügel noch weit offen haltend, dem kleinen Pan zu:
„Hochwohlgeborener, ist es nicht gefällig, gleichfalls hier einzutreten? Pschepróscham! Wirr bitten untertänickst!“
„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch,“ rief klagend Trifon Borissytsch, „so nehmt ihnen doch Euer Geld ab, was Ihr verloren habt! Das ist doch ebensogut wie von Euch gestohlen!“
„Nein, ich will ihnen meine fünfzig Rubel nicht wieder abnehmen,“ sagte Kalganoff.
„Und auch ich will meine Zweihundert nicht wiedernehmen,“ rief Mitjä, „werde es auf keinen Fall tun, mag er sie zum Trost behalten.“
„Ja, ja, so ist es recht, Mitjä, ein feiner Kerl bist du!“ rief Gruschenka sofort, – ein merklich schadenfroher Ton klang in ihrem Beifallsruf.
Der kleine Pan begab sich, puterrot vor Wut, doch ohne ein Atom von seiner Würde zu verlieren, bereits zur Tür, als er plötzlich stehen blieb und sich zu Gruschenka zurückwandte:
„Pani,“ sagte er, „wenn du wohlen komen miet miech, kom, wen niecht – lebb woll!“
Und wichtig, fauchend vor Wut und Aufgeblasenheit, trat er durch die Tür. Das war ein Mann von Charakter. Trotz allem, was geschehen war, hatte er doch noch nicht die Hoffnung verloren, daß sie mit ihm gehen werde, – so hoch schätzte er sich selbst. Mitjä aber schlug krachend die Tür hinter ihm zu.
„Schließen Sie sie ein,“ sagte Kalganoff.
Doch da kreischte schon das Schloß: Die Pane hatten sich von innen eingeschlossen.
„Herrlich!“ rief boshaft und unbarmherzig Gruschenka. „Herrlich! Dorthin gehören sie!“
VIII. Rausch
Es begann eine Orgie, ein Fest über die ganze Erde hinweg! Gruschenka war die erste, die nach Wein rief: „Trinken will ich, betrunken will ich sein, oh, ganz betrunken, so wie damals, weißt du noch, Mitjä, weißt du, als wir uns hier anfreundeten!“ Mitjä selbst war wie im Fieber, und er „ahnte sein Glück“. Übrigens wurde er von Gruschenka immer wieder fortgeschickt: „Geh, sei lustig, sag ihnen, daß sie tanzen sollen, damit sich alle freuen, auch Hund und Katze, wie im Volkslied, alles, alles, wie damals, wie damals!“
Und Mitjä stürzte fort, um alles so anzuordnen, wie sie wollte. Der Chor hatte sich im Nebenzimmer versammelt, denn das blaue Zimmer, in dem man saß, war zu klein dazu, da es durch einen Kattunvorhang in zwei Hälften geteilt war. In der zweiten Hälfte stand ein riesengroßes Bett mit weichen Daunenkissen und einem ganzen Berg von Kopfkissen in Kattunbezügen. Solche Betten gab es in jedem der vier Gastzimmer. Gruschenka setzte sich an die Tür, wohin Mitjä ihren Lehnstuhl für sie gebracht hatte: so hatte sie auch „damals“ gesessen und dem Tanz zugesehen. Von den Mädchen waren wieder dieselben gekommen; keine einzige fehlte. Die jüdischen Musikanten waren mit Geigen, Zithern und Zimbeln gleichfalls angelangt, und schließlich kam auch die erwartete Fuhre mit den übrigen Vorräten und Weinen an. Mitjä war sehr in Anspruch genommen. Im vorderen Zimmer hatten sich noch andere Zuschauer versammelt, Weiber und Männer, die sich, als die Mädchen zum Chorgesang aufgetrieben worden waren, gleichfalls erhoben hatten, da sie sich wieder einmal eine ähnlich märchenhafte Bewirtung, wie sie ihnen vor einem Monat zuteil geworden war, versprachen. Mitjä begrüßte und umarmte die Bekannten, erinnerte sich der Gesichter, entkorkte Flaschen und schenkte allen ein, die sich ihm näherten. Der Champagner schmeckte eigentlich nur den Mädchen gut, die Männer zogen ihm Rum und Kognak vor, und besonders heißen Punsch. Auf Mitjäs Befehl wurde für alle Mädchen Schokolade gekocht; drei Ssamoware kochten die ganze Nacht Wasser für Tee und Punsch, damit alle sich bewirten konnten. Mit einem Wort, es begann etwas ungeheuer Sinnloses, doch Mitjä schien gerade in seinem Elemente zu sein, und je sinnloser alles wurde, desto mehr belebte sich sein ganzes Wesen. Hätte ihn jemand von den Bauern um Geld gebeten, so würde er sofort seine ganze Barschaft hervorgezogen und nach links und rechts, ohne zu bedenken, die Geldscheine hingegeben haben. Das war denn auch wahrscheinlich der Grund, warum Trifon Borissytsch, der, wie es schien, bereits jeden Gedanken an Schlaf in dieser Nacht aufgegeben hatte, Mitjä auf keinen Augenblick verließ, sich immer in seiner Nähe zu schaffen machte, und so auf seine Art Mitjäs Interessen bewachte. Er hatte nur ein einziges Glas Punsch getrunken, war also noch vollständig nüchtern, und so trat er denn, wenn er es für nötig fand, an Mitjä heran und beredete ihn, hielt ihn auf, ließ es nicht zu, daß er den Bauern „wie damals“ Zigarren und Rheinwein gab, und – um Gottes willen! – erst recht kein Geld, und war sehr ungehalten darüber, daß diese Dorfmädchen Liköre tranken und teure Süßigkeiten aßen. „Das ist doch nichts als die reine Verlaustheit, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte er unwillig. „Ich werde jeder von ihnen Fußtritte geben, und befehlen, sich das noch zur Ehre anzurechnen, – derart ist das Pack!“ Mitjä erinnerte ihn noch einmal an Andrei und befahl, ihm Punsch zu geben. „Ich habe ihn vorhin gekränkt,“ wiederholte er mit weicher und gerührter Stimme. Kalganoff wollte zuerst von Wein nichts wissen, und auch der Gesang gefiel ihm anfangs nicht, doch als er noch zwei Glas Champagner getrunken hatte, wurde auch er ungewöhnlich munter und guter Laune, schritt im Zimmer auf und ab, lachte, lobte alles und jedes, die Lieder sowohl wie die jüdische Musikkapelle. Maximoff, der selig und betrunken war, verließ ihn nicht auf einen Schritt. Gruschenka, die gleichfalls schon einen kleinen Rausch hatte, machte Mitjä auf Kalganoff aufmerksam: „Wie reizend er ist, was für ein prächtiger Junge!“ Und Mitjä trat sofort entzückt zu Kalganoff und küßte sein junges Knabengesicht und küßte darauf auch noch seinen treuen Begleiter Maximoff. Oh, er ahnte vieles: zwar hatte sie ihm noch nichts gesagt, was zu Hoffnungen berechtigte, und augenscheinlich bezwang sie sich sogar absichtlich, um ihm noch nichts zu sagen; nur hin und wieder fing er ihren spähenden und heißen Blick auf. Schließlich erfaßte sie plötzlich fest seine Hand und zog ihn zu sich nieder. Das war, als sie im Lehnstuhl an der Tür saß.
„Wie konntest du nur so eintreten, als du vorhin ankamst, sag? Wie konntest du so eintreten! ... Ich erschrak so maßlos. Wie konntest du mich ihm nur abtreten? Sag, wolltest du das wirklich?“
„Ich wollte deinem Glück nicht im Wege sein,“ sagte Mitjä selig. Sie wußte es auch, ohne daß er es ihr sagte.
„Nun geh ... sei lustig.“ Damit schickte sie ihn wieder fort. „So sei doch nicht traurig, ich werde dich wieder rufen.“
Und er ging abermals fort, sie aber hörte von neuem dem Gesang zu, doch ihr Blick folgte ihm unverwandt, wo er auch war oder ging, und nach einer Viertelstunde rief sie ihn wieder zu sich, und wieder eilte er selig zu ihr hin.
„So, setz dich jetzt her zu mir, erzähl mir, wie du gestern erfahren hast, daß ich hierhergefahren war. Von wem erfuhrst du es ganz zuerst?“
Und Mitjä erzählte alles, erzählte zusammenhanglos, zerstreut, erregt und sehr eigentümlich, verstummte mehrmals ganz plötzlich und zog finster die Brauen zusammen.
„Was hast du, warum runzelst du die Stirn?“ fragte sie.
„Nichts ... ich habe dort einen Kranken zurückgelassen. Wenn er wieder gesund wird, wenn ich wüßte, daß er gesund wird, oh, zehn Jahre meines Lebens würde ich dafür geben!“
„Nun, Gott mit ihm, wenn er krank ist. Und du wolltest dich wirklich morgen erschießen, du dummer Junge, und warum nur? Weißt du, gerade solche Unbesonnene, wie du, liebe ich,“ flüsterte sie mit etwas schwerer Zunge. „So würdest du für mich alles tun? Sag? Und wolltest du dich, kleiner Dummkopf, tatsächlich deswegen erschießen? Nein, weißt du, wart damit noch ein wenig, morgen werde ich dir vielleicht etwas Schönes sagen ... nicht heute, nein, morgen. Du aber würdest es wohl gern schon heute hören? Nein, heute will ich nicht ... Nun geh, geh jetzt, freue dich.“
Einmal aber rief sie ihn ganz erschrocken und besorgt zu sich.
„Was hast du? Ich sehe es, daß dich etwas bedrückt. Nein, leugne nicht, ich sehe es, ich kenne dich,“ sagte sie und blickte ihn aufmerksam mit unbeweglich offenen Augen an. „Du küßt dort wohl die Bauern ab und lachst, aber ich sehe trotzdem dieses Etwas. Nein, amüsiere dich lieber, denn ich freue mich, und so sollst du dich gleichfalls freuen ... Einen von denen, die hier sind, habe ich lieb, rat mal, wer das ist? ... Ach, sieh doch: mein Herzensjunge ist eingeschlafen, er hat wohl zu viel getrunken, der Kleine.“
Sie meinte Kalganoff. Der war auf dem Sofa mittlerweile eingenickt. Doch war er nicht vom Weine allein eingeschlafen, sondern er war traurig geworden, oder, wie er sich ausdrückte: es war ihm „langweilig“ geworden. Die Lieder der Dorfmädchen hatten ihn zum Schluß stark herabgestimmt, da sie, in Zusammenwirkung mit den genossenen Getränken, in ein für ihn gar zu Zügelloses und Unzüchtiges ausarteten. Und nicht minder die Tänze: zwei von den Mädels hatten sich als Bären verkleidet, und Stepanida, ein anderes Mädel, ging mit einem Stock voran und spielte den Bärenführer, der die beiden „zeigte“. „Munterer, Maria,“ rief sie, „oder sonst kriegst du Prügel, hier, mit diesem Stock!“ Schließlich purzelten die Bären irgendwie in ganz besonders unanständiger Weise zu Boden, was lautes Gelächter des versammelten, dichtgedrängten Publikums von Männern und Weibern hervorrief. – „Nun, nun, laßt sie doch, laßt sie doch sich amüsieren,“ hatte Gruschenka mit seligem Gesichtsausdruck gesagt, „haben sie auch einmal eine Gelegenheit, sich zu freuen, warum sollen sie es denn nicht tun? Nein, laßt sie, laßt sie, laßt sie sich ihres Lebens freuen.“ Kalganoff aber hatte dreingeschaut, als hätte er sich mit irgend etwas beschmutzt. „Nichts als eine Schweinerei, diese ganzen Volksgeschichten,“ hatte er gemeint und sich zum Sofa zurückgezogen. „Das sollen ihre Frühlingsspiele sein, wenn sie die Sonne die ganze Nacht über hüten!“ Besonders mißfallen hatte ihm ein Liedchen mit einer munteren Tanzweise, das davon erzählte, wie der Herr ausfährt und die Mädchen „probiert“:
Der Herr fuhr aus, die Mädchen zu erproben, Ob sie lieben oder nicht?
Doch den Mädchen scheint es, daß man den Herrn nicht lieben könne, es hieß:
Der Herr, der wird mich schlagen, Und ich kann mich dann plagen.
Darauf fährt der Zigeuner aus, doch auch ihn konnte man nicht lieben, denn:
Ach, der liebt nicht mich, Der liebt ja nur das Stehlen, Und ich kann mich dann grämen.
Und so fuhren viele vorüber, selbst ein Soldat; doch der wurde mit Verachtung zurückgewiesen:
Der wird nur den Ranzen tragen und ich ...
Hier folgte ein gar zu derber Vers, der aber vollkommen offenherzig vorgesungen wurde und beim angeheiterten Publikum geradezu Furore machte. Schließlich endete es mit dem Kaufmann:
Da fuhr denn auch der Kaufmann aus Die Mädchen zu probieren, Ob sie lieben oder nicht?
Und da zeigte es sich, daß man ihn sogar sehr liebte, denn:
Der Kaufmann wird hübsch Handel treiben, Und ich kann dann die Herrin bleiben.
Kalganoff war darob ganz böse geworden:
„Das ist ja ein vollkommen modernes Lied,“ hatte er laut und unwillig gesagt, „wer dichtet ihnen denn solche Lieder? Es fehlte noch, daß die Eisenbahnaktionäre und die Juden herumziehen, die Mädchen zu probieren: die würden alle besiegen.“ Und fast gekränkt hatte er gesagt, daß er sich langweile, und hatte sich auf das Sofa gesetzt, wo er dann eingeschlafen war. Sein reizendes Gesicht war etwas bleich geworden, und der Kopf war an das Kissen der Sofalehne zurückgesunken.
„Sieh doch, wie reizend er ist,“ sagte Gruschenka, als sie Mitjä zu ihm geführt hatte. „Ich habe ihm vorhin das Köpfchen gestreichelt. Wie Flachs ist sein Haar, und so dicht ...“
Sie beugte sich gerührt über ihn und küßte ihn auf die Stirn. Kalganoff schlug sofort die Augen auf und blickte sie an, erhob sich und fragte mit der besorgtesten Miene: „Wo ist Maximoff?“
„Hör doch, was seine erste Sorge ist!“ sagte Gruschenka lachend. „So sitz doch ein Weilchen mit mir. Mitjä, such ihm seinen Maximoff auf.“
Da zeigte sich, daß Maximoff jetzt die Mädchen auf keinen Augenblick mehr verließ, nur hin und wieder lief er zum Tisch, um ein Gläschen Likör zu trinken, und Schokolade hatte er schon tassenweise getrunken. Sein Gesicht war rot, die Nase blaurot, und die Augen waren feucht geworden und blickten süßlich-selig drein. Er kam sofort herbeigelaufen und meldete, daß er sogleich nach einem „besonderen Motivchen“ die Sabotière tanzen werde.
„Man hat mich doch, als ich-ich noch klein war, in diesen französischen Tänzchen unterrichtet ...“
„Nun geh, geh mit ihm, Mitjä, ich werde von hier aus zusehen, wie er dort tanzt.“
„Nein, auch ich, auch ich will ihn tanzen sehen,“ rief Kalganoff, womit er in der allernaivsten Weise Gruschenkas Einladung, neben ihr zu sitzen, verschmähte. Und so begaben sich denn alle hin, um zuzusehen. Maximoff führte tatsächlich seinen Tanz aus, doch außer Mitjä konnte er niemanden so recht entzücken. Der ganze Tanz bestand in Hopsern, wobei die Füße zur Seite geworfen wurden, so daß die Stiefelsohlen nach oben kamen, und bei jedem Sprung schlug Maximoff mit der flachen Hand auf die Sohle. Kalganoff gefiel der Tanz gar nicht, Mitjä aber umarmte den Tänzer vor Entzücken.
„Bravo, großartig! Nun, bist du müde, was? Willst du etwas? Ein Bonbon, wie? Oder willst du eine Zigarette?“
„Ein Zigarettchen, bitte.“
„Willst du nicht auch trinken?“
„Ich habe hier Likörchen ... Aber haben Sie nicht noch etwas Schokoladenkonfekt?“
„Auf dem Tisch ist doch eine ganze Fuhre, nimm was du willst, du Taubenseele!“
„Nein, ich will – will eines mit Vanille ... etwas Besonderes für alte Menschen ... hi – hi!“
„Nein, mein Freund, so etwas Besonderes gibt es nicht.“
„Hören Sie!“ sagte plötzlich der Alte, ganz zu Mitjäs Ohr gebeugt, „dies eine Mädel, die Marjuschka, hi – hi! Könnt ich nicht, wenn’s-wenn’s möglich wäre, ihre Bekanntschaft machen, dank Ihrer Güte ...“
„Oho, sieh mal einer, was dir in den Sinn gekommen ist! Nein, Freund, du faselst ...“
„Ich-ich tue doch niemandem was Schlechtes,“ flüsterte Maximoff wehmütig.
„Nun gut, gut. Aber Freund, das geht nicht, hier wird nur gesungen und getanzt ... übrigens – hol’s der Teufel! Wart ... Trink vorläufig, iß, zerstreue dich. Brauchst du Geld?“
„Später vielleicht ein bißchen,“ meinte Maximoff schmunzelnd.
„Gut, gut ...“
Mitjä brannte der Kopf. Er ging hinaus in den Flur und trat auf die obere kleine Galerie, die auch auf dem Hof einen Teil des ganzen Gebäudes umgab. Die frische Luft belebte ihn. Er stand in der Dunkelheit an die Wand gelehnt, in einer Ecke, und plötzlich faßte er sich mit beiden Händen an den Kopf. Seine zerstreuten Gedanken sammelten sich schnell, seine Empfindungen vereinigten sich zu einer einzigen Vorstellung, und alles wurde ihm klar. Eine furchtbare, grausige Erleuchtung war’s! „Wenn ich mich schon erschieße, wann soll es denn geschehen, wenn nicht jetzt?“ zuckte es ihm durch den Kopf. „Einfach den Pistolenkasten herbringen und hier, gerade hier in dieser schmutzigen, dunklen Ecke mit allem ein Ende machen.“ Eine ganze Minute lang war er unentschlossen. Vorhin, als er hergejagt war, hatte hinter ihm die Schande gestanden, begangener Diebstahl und dieses Blut, oh, dieses Blut! ... Doch da war ihm leichter zumut gewesen, oh, viel leichter! Damals hatte er doch mit allem abgeschlossen; er hatte sie verloren, hatte sie abgetreten, sie war für ihn verschwunden, untergegangen, – oh, da war es leichter gewesen, das Todesurteil an sich zu vollziehen. Wenigstens war es ihm unbedingt notwendig, ganz unvermeidlich erschienen, denn wozu dann noch leben, hatte er sich gefragt? Jetzt aber! War es denn jetzt dasselbe wie damals? Jetzt war doch schon ein Schrecknis, ein Gespenst beseitigt: der „Erste“, ihr Alleinberechtigter, dieser fatale Mensch war verschwunden. Das große Schreckgespenst war so klein geworden, so lächerlich: man hatte es im Nebenzimmer hinter Schloß und Riegel einfach eingesperrt. Und niemals wird es mehr ängstigen! Sie schämt sich seiner, und in ihren Augen hat er klar gelesen, wen sie jetzt liebt. Ach, jetzt nur leben, leben! Und da – gerade jetzt nicht leben können! Oh, verflucht! „Gott, erwecke den Toten am Zaun! Gott, mein Gott, laß diesen furchtbaren Kelch an mir vorübergehen! Hast Du doch Wunder getan, und an ebenso großen Sündern wie ich! Aber wie, wenn der Alte lebt? Oh, dann werde ich die Schande der anderen Schmach vernichten, ich werde das gestohlene Geld zurückerstatten, alles zurückgeben, aus der Erde hervorkratzen ... Es wird keine Spur mehr von der Schande übrigbleiben, außer in meinem Herzen, und dort wird sie bis in alle Ewigkeit brennen! Aber nein, nein, das sind ja unmögliche, kleinmütige Träume! Oh, Fluch!“
Und doch war es ihm, als fühlte er einen hellen Hoffnungsstrahl durch das Dunkel leuchten. Er riß sich plötzlich los von der Ecke und stürzte in die Zimmer zu ihr, wieder zu ihr, seiner Königin! „Ist denn eine Stunde, eine Minute ihrer Liebe nicht das ganze Leben wert, wenn auch in Qualen der Schmach und Schande?“ Diese wilde Frage machte sein Herz klopfen. „Zu ihr, zu ihr allein, sie sehen, sie hören und an nichts denken, alles andere vergessen, und wenn auch nur diese eine Nacht – eine Stunde, einen Augenblick lang!“ Kurz vor der Tür zum Flur, noch auf der Galerie, stieß er mit dem Wirt Trifon Borissytsch zusammen. Der kam ihm finster und besorgt vor und schien ihn zu suchen.
„Was ist – Borissytsch, suchst du mich?“
„Nein, nicht Euch,“ sagte der Wirt etwas erschrocken, wie es Mitjä schien. „Warum sollte ich Euch suchen? Aber ... wo wart Ihr denn?“
„Warum bist du plötzlich so mißgestimmt? Ärgerst du dich etwa? Wart, bald kannst du schlafen gehn ... Wie spät ist es denn eigentlich schon?“
„Es wird drei sein, vielleicht aber auch schon vier.“
„Dann machen wir ein Ende damit, dann ist es genug!“
„Aber ich bitte, es hat doch nichts zu sagen. Solange es Euch beliebt, Herr ...“
„Was hat der Kerl?“ fuhr es Mitjä durch den Sinn, und er trat eilig in das Zimmer, in dem die Mädchen tanzten. Doch Gruschenka war nicht da. Im blauen Zimmer war sie gleichfalls nicht zu sehen; nur Kalganoff allein schlummerte auf dem Sofa. Mitjä blickte hinter den Vorhang – dort war sie. In der Ecke saß sie auf einer Truhe, hatte sich mit den Armen und dem Kopf auf das daneben stehende Bett gestützt und weinte, war dabei aus allen Kräften bemüht, ihr Schluchzen zu ersticken, damit es niemand höre. Als sie Mitjä bemerkte, streckte sie ihm die Hand entgegen, und als er zu ihr stürzte, preßte sie seine Finger wie im Krampf.
„Mitjä, Mitjä, ich habe ihn doch geliebt!“ raunte sie ihm qualvoll zu, „so geliebt, diese ganzen fünf Jahre, die ganze, ganze Zeit. Sag, habe ich ihn oder habe ich nur meinen Haß geliebt? Nein, ihn! Ach, ihn! Ich lüge doch, wenn ich sage, daß ich meinen Haß und nicht ihn geliebt habe! Mitjä, ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt, und er war damals so freundlich zu mir, so lustig und sang mir Lieder vor ... Oder sollte es mir, dem dummen Kinde, damals nur so geschienen haben? ... Jetzt aber, o Gott! – das ist ja gar nicht er, gar nicht derselbe! Und auch das Gesicht ist ein ganz anderes, ich erkannte ihn zuerst nicht einmal. Als ich mit Timofei herfuhr, dachte ich die ganze Zeit, die ganze Zeit: ‚Wie werde ich ihm entgegentreten, was werde ich ihm sagen, wie werden wir uns in die Augen blicken können? ...‘ Meine Seele wollte vergehen. Und da komme ich hier an und er – ach, als hätte er mir Spülicht übergegossen! Redet wie ein Schulmeister, alles so pedantisch, wichtig, aufgeblasen, empfängt mich so unnahbar, daß ich ganz verdutzt war. Ich wußte kein Wort zu sagen. Anfangs glaubte ich, daß er sich vor diesem anderen, seinem langen Polen, schämt. Ich saß, betrachtete sie beide und dachte: Warum verstehe ich denn plötzlich nicht mehr mit ihm zu sprechen? Weißt du, das hat seine Frau aus ihm gemacht, dieselbe, wegen der er mich damals verließ, und die er dann heiratete ... Sie, sie hat ihn dort so umgemodelt. Mitjä, diese Schande, diese Schande ertrage ich nicht! Mitjä, wenn du wüßtest, wie ich mich schäme, Mitjä, für mein ganzes Leben! Verflucht seien diese ganzen fünf Jahre, verflucht!“ Und sie brach wieder in Tränen aus und schluchzte, doch Mitjäs Hand ließ sie nicht mehr los, sie hielt sie krampfhaft fest.
„Mitjä, Liebling, wart, geh nicht fort, ich habe dir etwas zu sagen,“ raunte sie ihm plötzlich, das Gesicht zu ihm erhebend, zu. „Höre, sage du mir, wen ich liebe? Ich habe hier von allen nur einen lieb. Wer mag nun das wohl sein? Sieh, das sollst du mir sagen.“ Auf ihrem von den Tränen geschwollenen Gesicht erschien ein Lächeln, und ihre Augen glänzten im Halbdunkel. „Es kam vorhin ein Falke her, und als ich ihn erblickte, da rief mir das Herz zu: ‚Wie dumm du bist, sieh, den dort, den allein liebst du!‘ – so flüsterte mir im Augenblick das Herz zu. Du tratest ein, und alles erleuchtetest du, – du! ‚Aber was fürchtet er?‘ fragte ich mich. Denn du fürchtetest dich doch, nicht wahr, du konntest ja kaum sprechen. ‚Er kann doch nicht diesen ... diesen fürchten,‘ dachte ich, – kannst du dich denn überhaupt vor jemandem fürchten? ‚Nein, mich fürchtet er, mich, nur mich allein!‘ dachte ich. So hat dir also Fenjä erzählt, wie ich Aljoscha durch das Fenster zugerufen habe, daß ich Mitjenka im ganzen ein Stündchen geliebt hätte und nun fortführe, um einen anderen zu ... lieben? Mitjä, ach Mitjä, wie konnte ich dummes Geschöpf glauben, daß ich nach dir noch einen anderen lieben könnte! Verzeihst du mir, Mitjä? Verzeihst du mir oder nicht? Liebst du mich? Liebst du mich?“
Sie sprang auf und faßte ihn mit beiden Händen an den Schultern. Mitjä blickte ihr stumm vor Entzücken in die leuchtenden Augen, in das Gesicht, auf ihre lächelnden Lippen, und plötzlich riß er sie in seine Arme, preßte sie wie mit Klammern an sich und küßte sie, küßte sie.
„Und verzeihst du mir, daß ich dich gequält habe? Ich habe euch alle doch nur aus Haß, wegen meiner Liebe zu ihm, so gequält. Ich habe doch den Alten absichtlich, aus Bosheit um den Verstand gebracht ... Weißt du noch, wie du einmal bei mir trankst und darauf das Glas zerschlugst? Das habe ich nicht vergessen, und so habe ich heute gleichfalls mein Glas zerschlagen. Ich trank auf mein ‚niedriges Herz‘! Mitjä, mein lichter Falke, warum küßt du mich nicht? Hast mich nur einmal geküßt und bist dann erstarrt, hörst du ... Wozu mich anhören! Küß mich, küß mich stärker, so, so. Liebt man, dann soll man auch lieben! Ich werde jetzt deine Sklavin sein, mein ganzes Leben lang deine Sklavin! Süß ist es, Sklavin zu sein! ... Küß mich! Schlage mich, quäle mich, tu mir etwas an ... Ach, wirklich, du solltest mich foltern ... Nein! nicht! ... wart, später, so will ich nicht ...“ – Und sie stieß ihn plötzlich zurück. „Geh fort, Mitjä, ich werde jetzt Wein trinken, ich will mich antrinken, ich will betrunken tanzen, ich will, ich will!“
Sie riß sich von ihm los und lief fort. Mitjä folgte ihr wie im Traum. „Meinetwegen, meinetwegen ... was jetzt auch geschehen mag, – für eine Minute gebe ich die ganze Welt hin,“ fuhr es ihm wirr durch den Kopf. Gruschenka leerte auf einen Zug noch ein ganzes Glas Champagner. Sie setzte sich in den Lehnstuhl, auf ihren alten Platz und lächelte selig! Ihre Wangen glühten, die Lippen schienen zu brennen, über ihre Augen legte sich ein matter Schimmer, und der Blick blinkte verführerisch. Selbst Kalganoff schien ihn zu spüren, und er trat an sie heran.
„Hast du es gefühlt, mein Herzensjunge, wie ich dich vorhin küßte, als du schliefst?“ fragte sie ihn mit etwas schwerer Zunge. „Betrunken bin ich jetzt, siehst du ... Und du nicht? Aber warum trinkt Mitjä nicht? Warum trinkst du nicht, Mitjä? Sieh, ich habe schon getrunken, du aber trinkst nicht ...“
„Ich bin ja schon betrunken! Auch so schon trunken ... trunken von dir, jetzt aber will ich es auch noch vom Weine werden.“
Er stürzte noch ein Glas hinab und – es schien ihm selbst sonderbar – erst von diesem Glase wurde er betrunken, ganz plötzlich, bis dahin war er immer noch nüchtern gewesen. Das fühlte er jetzt deutlich, da er wirklich betrunken wurde. Von diesem Augenblicke an begann alles sich vor ihm wie im Rausch zu drehen. Er ging, lachte, sprach mit allen und tat es doch, wie ohne zu wissen, was er tat. Nur ein einziges, unbewegliches, brennendes Gefühl trug er fortwährend mit sich herum, „ganz wie eine glühende Kohle“, sagte er später. Er trat zu ihr, setzte sich neben sie hin, blickte sie an, hörte ihr zu ... Sie aber wurde ungemein gesprächig: rief alle zu sich heran, winkte plötzlich auch ein Chormädchen zu sich, und wenn die dann zu ihr kam, küßte sie sie oder machte mit der Hand das Zeichen des Kreuzes über sie. Vielleicht fehlte nur noch etwas, und sie wäre in Tränen ausgebrochen. Am meisten belustigte sie Maximoff. Der kam immer wieder zu ihr gelaufen, um ihr die Hand „und jedes Fingerchen“, wie er sagte, zu küssen, und zum Schlusse tanzte er noch zu einem alten Liede, das er selbst sang, einen Volkstanz. Mit besonderer Liebe trug er vor:
„Schweinchen macht chruchru, chruchru, Kälbchen macht mumu, mumu, Entlein macht quaqua, quaqua, Gänschen macht gaga, gaga. Doch Spätzchen ging auf frischem Heu spazieren, Konnte nur zipzirrip, zipzirrip tirillieren, Zipzirrip, zipzirrip tirillieren!“
„Gib ihm etwas, Mitjä,“ sagte Gruschenka, „schenk ihm etwas, er ist doch arm. Ach ihr Armen, Erniedrigten! ... Weißt du, Mitjä, ich werde ins Kloster gehen. Nein, im Ernst, einmal werde ich ins Kloster gehen. Aljoscha hat mir heute Worte fürs ganze Leben gesagt ... Ja ... Heute aber wollen wir noch tanzen. Morgen ins Kloster, heute aber noch getanzt. Ich will ausgelassen sein, ihr Guten. Nun, und was ist denn dabei? Gott wird es verzeihen. Wenn ich Gott wäre, würde ich allen Menschen vergeben. ‚Ihr meine lieben, kleinen Sünder,‘ würde ich sagen, ‚von heute ab vergebe ich euch allen.‘ Und ich werde um Verzeihung bitten. ‚Vergebt, ihr guten Leute, einem dummen Weibe.‘ Ja, genau so. ‚Ein Tier bin ich, ja, das bin ich.‘ Beten will ich. Ich habe im ganzen nur ein Zwiebelchen gegeben. Ja, ein Scheusal wie ich will beten. Mitjä, laß sie tanzen, störe sie nicht. Alle Menschen auf der Welt sind gut, alle bis auf den letzten. Es ist schön, in der Welt zu leben. Wenn wir auch schlecht sind, es ist doch schön auf der Welt. Schlecht und gut sind wir, schlecht und gut ... Nein, sagt mir, ich frage euch, kommt alle her, ich frage euch, sagt mir alle folgendes: Warum bin ich so gut? Ich bin doch gut – bin sehr gut ... Nun, darum also: Warum bin ich so gut?“
So stammelte Gruschenka, indem sie immer berauschter wurde, und zu guter Letzt erklärte sie, selbst tanzen zu wollen. Sie erhob sich aus dem Lehnstuhl und wankte.
„Mitjä, laß mich nicht mehr trinken,“ sagte sie, „ich werde bitten, gib du mir aber nichts mehr, hörst du. Wein gibt keine Ruhe. Und alles dreht sich, auch der Ofen, alles dreht, dreht sich. Tanzen will ich. Sie sollen alle herkommen, zusehen, wie ich tanze ... wie schön und gut ich tanze ... wie?“
Und sie machte bereits Ernst mit ihrer Absicht: zog ihr kleines, weißes Batisttüchlein hervor, nahm es mit zwei Fingern der rechten Hand am Zipfelchen, um es beim Tanz zu schwenken. Es sollte der Nationaltanz werden! Mitjä eilte ins vordere Zimmer, die Mädchen verstummten und bereiteten sich vor, auf den ersten Wink den Chorgesang zum Nationaltanz anzustimmen. Als Maximoff hörte, daß Gruschenka selbst tanzen wollte, ward er ganz Begeisterung und begann sofort – so gut es bei seinem Alter ging – den Kasatschock ihr entgegen zu tanzen, wozu er etwas atemlos sang:
Kleine Hexe, schlanke Beinchen, Weiche Hüften, Ringelschweinchen!
Doch Gruschenka winkte ihm mit dem Tüchelchen ab und schickte ihn zurück.
„Sch – sch! Mitjä, warum kommen sie denn nicht? Alle sollen herkommen ... zusehen. Ruf auch jene beiden, die Eingeschlossenen ... Warum hast du sie eingeschlossen? Sag ihnen, daß ich tanze, ich will, daß auch sie zusehen, wie ich tanze ...“
Mitjä ging etwas schwankend zur verschlossenen Tür und begann mit den Fäusten bei den Panen anzuklopfen.
„He, ihr ... Podwyssotzkijs! Kommt heraus, sie will tanzen, läßt euch rufen.“
„Laidack!“ schrie zur Antwort einer von den Panen.
„Und du bist ein Oberlaidack! Ein ganz gemeiner, kleinlicher Schuft bist du, verstanden!“
„Wenn Sie doch endlich aufhören wollten, sich über Polen lustig zu machen!“ bemerkte ungehalten Kalganoff, der jetzt gleichfalls zu viel getrunken hatte.
„Schweig, Knabe! Wenn ich ‚Schuft‘ zu ihm sage, so heißt das noch nicht, daß ich es zu ganz Polen sage. Ein Schuft macht vorläufig noch nicht ganz Polen aus. Schweig, ein netter Junge bist du. Da – nimm ein Bonbon.“
„Ach, wie sie sind! Gar nicht wie Menschen. Warum wollen sie sich denn nicht versöhnen?“ sagte Gruschenka und trat vor zum Tanz.
Der Chor fiel schmetternd ein: „Auf grünen Fluren in kühlem Schatten ...“ Gruschenka warf den Kopf in den Nacken, ihre Lippen öffneten sich halb, sie lächelte, schwenkte schon das Taschentuch und plötzlich – wankte sie und blickte sich verwundert im Kreise um.
„Bin schwach ...“ sagte sie stammelnd mit einer geradezu müde gequälten Stimme, „verzeiht, bin zu schwach ... ich kann nicht ... es war meine Schuld ...“
Sie verbeugte sich vor dem Chor und machte dann nach allen vier Seiten hin eine Verbeugung.
„Meine Schuld ... Verzeiht ...“
„Hat sich bißchen angetrunken, die Herrin, bißchen angetrunken die schöne Herrin,“ ertönten unter den Zuschauern einige Stimmen.
„Haben sich etwas angeheitert,“ erklärte kichernd Maximoff den Mädchen.
„Mitjä, bring mich fort ... nimm mich, Mitjä,“ sagte Gruschenka erschöpft.
Mitjä, der schon neben ihr stand, hob sie im Augenblick hoch auf die Arme und eilte mit seiner Last zurück hinter den Vorhang. „Nun, jetzt werde ich lieber fortgehen,“ dachte Kalganoff und verließ das blaue Zimmer. Vorsichtig schloß er hinter sich beide Türflügel. Doch das Fest im Saal wurde tobend fortgesetzt, viel ausgelassener als vorher. Mitjä legte Gruschenka auf das große Bett und küßte sie, als hätte er sich im Kuß an ihren Lippen festgesogen.
„Rühr mich nicht an ...“ bat sie ihn stammelnd, mit flehender Stimme. „Rühr mich nicht an, bevor ich nicht dein bin ... Ich habe gesagt, daß ich dein bin, aber du rühr mich nicht an ... schone mich, bitte ... Nicht neben jenen, nicht in ihrer Gegenwart. Er ist hier. Widerlich ist es hier ...“
„Ich gehorche! ... Mit keinem Gedanken ... Ich bete dich an ...“ murmelte Mitjä. „Ja, widerlich ist’s hier, oh, verflucht!“
Und ohne sie aus den Armen zu lassen, kniete er neben dem Bett nieder.
„Ich weiß, du bist wohl ein Tier, aber du bist doch edel,“ sagte Gruschenka mit schwerer Zunge. „Es muß ehrenhaft sein ... von nun an wird es ehrenhaft sein ... und auch wir müssen ehrenhaft sein, auch wir wollen gut sein, keine Tiere, sondern gut ... Bring mich fort, bring mich weit fort, hörst du ... Ich will nicht hier ... nein, weit fort, weit ...“
„Oh, ja, ja, unbedingt!“ Und er preßte sie in seinen Armen. „Ich bringe dich fort, fortfliehen werden wir ... Oh, mein ganzes Leben gebe ich sofort dafür hin – wenn ich nur um dieses Blut wüßte! ...“
„Was für ein Blut?“ fragte Gruschenka verwundert.
„Nichts, nichts!“ stieß Mitjä knirschend hervor. „Gruscha, du willst, daß hinfort alles ehrenhaft sei, ich aber – bin – ein – Dieb. Ich habe von Katjä Geld gestohlen.“
„Von Katjä? Von dem Fräulein? Nein, du hast nicht gestohlen. Gib ihr, nimm von mir ... Was brauchst du? Jetzt ist alles, was mein ist – dein. Was ist uns Geld?? Wir würden es ohnehin durchbringen ... Wir sind die rechten, die es halten könnten. Wir beide aber wollen lieber gehen und die Erde pflügen. Mit diesen meinen Händen will ich die Erde aufscharren. Arbeiten muß man, sich mühen muß man, hörst du? Aljoscha hat es gesagt. Ich werde dir nicht Geliebte sein, ich werde dir treu sein, werde deine Sklavin sein, werde für dich arbeiten. Wir werden zum Fräulein gehen und sie bitten, daß sie uns verzeiht, und dann werden wir fortfahren. Und du bring ihr das Geld zurück, mich aber liebe ... Sie jedoch, hörst du, sie sollst du nicht lieben. Jetzt darfst du sie nicht mehr lieben. Wenn du sie noch liebst, werde ich sie erwürgen ... Werde ihr beide Augen mit einer Nadel ausstechen ...“
„Dich liebe ich, dich allein! Ich werde dich auch in Sibirien lieben, ewig ...“
„Warum in Sibirien? Aber warum schließlich auch nicht, meinetwegen auch nach Sibirien, wenn du willst, mir soll’s recht sein ... einerlei ... wir werden arbeiten ... in Sibirien ist Schnee ... Ich liebe es, im Schlitten über Schneefelder zu fahren ... das Pferd muß eine Glocke am Krummholz haben ... Hörst du, eine Glocke klingt ... Wo klingt nur die Glocke? Es fährt jemand ... da hat sie auch schon aufgehört.“
Erschöpft schloß sie die Augen und schien einzuschlafen. Es hatte in der Tat irgendwo in der Ferne eine Glocke geklungen, und dann – hatte sie plötzlich aufgehört zu klingen. Mitjä senkte seinen Kopf auf ihre Brust. Er merkte nicht, wie die Glocke zu klingen aufgehört hatte, hatte es auch nicht gemerkt, wie plötzlich der Chorgesang verstummt war und an Stelle des Geräusches und trunkenen Lärmes im ganzen Hause Totenstille eintrat. Gruschenka schlug die Augen auf.
„Was ist das? Habe ich geschlafen? Ja ... Glockenklang ... Ich schlief und mir träumte: es war, als wenn ich über Schneefelder fuhr ... die Glocke klang, und ich schlummerte mit offenen Augen. Es war, als führe ich mit meinem Geliebten, mit dir. Und weit, weit fuhren wir. Ich umarmte und küßte dich, schmiegte mich an dich, ich glaube, mich fror, und der Schnee schimmerte ... Weißt du, wenn in der Nacht der Schnee schimmert und der Mond scheint, und es war, als ob ich nicht auf der Erde wäre ... Da erwachte ich, und du warst bei mir, Geliebter, wie wundervoll ...“
„Bei dir,“ murmelte Mitjä und küßte ihr Kleid, ihre Brust, ihre Hände.
Und plötzlich schien ihm etwas so sonderbar: es schien ihm, als ob sie gerade vor sich hinblicke, doch nicht auf ihn, nicht in sein Gesicht, sondern über seinen Kopf hinweg, aufmerksam, unbeweglich und ganz eigentümlich starr. Und plötzlich drückte sich in ihrem Gesichte Verwunderung aus, fast Schreck.
„Mitjä,“ flüsterte sie plötzlich, „wer blickt von dort auf uns her?“
Mitjä wandte sich um und sah, daß tatsächlich jemand durch den Vorhang sie gleichsam zu beobachten schien. Ja, es schien nicht nur einer zu sein. Er sprang auf und trat auf den Beobachter zu.
„Hierher, darf ich bitten, hierher zu uns,“ sagte nicht laut, doch bestimmt und fest eine unbekannte Stimme zu ihm.
Mitjä trat hinter dem Vorhang hervor und blieb unbeweglich stehen. Das ganze Zimmer war voll von Menschen, doch nicht von denen, die noch vor kurzem dagewesen waren, sondern von ganz anderen, neuangekommenen. Ein plötzlicher Frostschauer lief ihm über den Rücken, und er fuhr zusammen. Alle diese Menschen erkannte er auf den ersten Blick. Dieser große, wohlbeleibte Herr im grauen Uniformpaletot mit der Kokarde an der runden Karakulmütze, das war der Kreisrichter, der Chef der Landpolizei, Michail Makarytsch Makaroff. Und dieser „schwindsüchtige“, saubergekleidete Stutzer, „immer in so blankgeputzten Stiefeln“ – das war der Stellvertreter des Staatsanwalts. „Er besitzt eine Uhr im Wert von vierhundert Rubeln, er hat sie mir gezeigt,“ dachte Mitjä. Und dieser jugendliche Kleine mit der Brille ... Mitjä hatte nur seinen Namen vergessen, aber er kannte auch ihn, er hatte ihn gesehen: das war der Untersuchungsrichter des Gerichtshofes, der erst vor kurzer Zeit bei uns eingetroffen war. Und dieser dort – war der Polizeimeister, Mawrikij Mawrikitsch, den kannte er ja ganz genau, – ein alter Bekannter. Aber diese dort mit den Blechschildern, was wollen denn die? Und dann noch zwei Unbekannte, Bauernkerle wahrscheinlich ... Und dort an der Tür Kalganoff und Trifon Borissytsch ...
„Meine Herren ... Was soll das, meine Herren?“ fing Mitjä an, doch plötzlich – rief er außer sich, als wäre er nicht mehr er selbst gewesen, laut, mit der ganzen Stimme:
„Ich be – grei – fe!“
Der jugendliche Kleine mit der Brille drängte sich plötzlich etwas vor und, zu Mitjä tretend, begann er, wenn auch ein wenig würdevoll, so doch gewissermaßen ziemlich eilig:
„Wir haben an Sie ... Kurz, ich bitte Sie hierher, hierher zum Sofa ... Gewisse Umstände machen es unbedingt notwendig, daß wir Sie um gewisse Erklärungen bitten.“
„Der Alte!“ schrie Mitjä außer sich auf. „Der Alte und sein Blut! ... Ich begreife!“
Und wie von einem Keulenschlage getroffen, sank er, oder richtiger gesagt fiel er auf einen Stuhl, der neben ihm stand.
„Du begreifst? Du hast es begriffen! Du Vatermörder und Ungeheuer, das Blut deines erschlagenen alten Vaters schreit hinter dir her!“ brüllte plötzlich, auf Mitjä zutretend, der alte Polizeichef ihn an.
Er war außer sich, war dunkelrot vor Zorn und zitterte am ganzen Körper.
„Aber das ist unmöglich, so geht das nicht!“ rief der kleine junge Mann. „Michail Makarytsch, Michail Makarytsch! So geht das nicht, das geht wirklich nicht so! ... Ich bitte Sie, mich allein sprechen zu lassen. Ich hätte nie von Ihnen erwartet, daß Sie so ...“
„Aber das ist ja nicht möglich, meine Herren, das ist ja Wahnsinn!“ schrie wieder der Alte. „Sehen Sie ihn an: in der Nacht, betrunken, mit einem liederlichen Mädchen, in dem Blute seines Vaters ... Wahnsinn, Wahnsinn!“
„Ich bitte Sie nochmals ernstlich, lieber Michail Makarytsch, dieses Mal Ihre Gefühle zu beherrschen,“ flüsterte dem Alten schnell der stutzerhafte Stellvertreter des Staatsanwalts zu, „anderenfalls wäre ich gezwungen, Maßregeln zu ergreifen.“
Aber der kleine Untersuchungsrichter unterbrach ihn; er wandte sich zu Mitjä und sagte mit fester Stimme, laut und wichtig:
„Herr Leutnant Karamasoff, ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie angeklagt sind, Ihren Vater Fedor Pawlowitsch Karamasoff in dieser Nacht ermordet zu haben ...“
Er fügte noch etwas hinzu, auch der Stellvertreter des Staatsanwalts wandte noch etwas ein, doch Mitjä, der wohl ihre Worte hörte, begriff sie nicht mehr. Sein wilder Blick ging verständnislos von einem der Anwesenden zum anderen.
Neuntes Buch. Die Voruntersuchung
I. Der Anfang der Laufbahn des Beamten Perchotin
Pjotr Iljitsch Perchotin, den wir vor dem Hause der Kaufmannswitwe Morosoff verlassen hatten, klopfte unentwegt und mit jedem Schlage stärker an das fest verschlossene Hoftor, bis er schließlich den Hofknecht aus dem Bett geklopft hatte. Als Fenjä, die sich vor Erregung und „Gedanken“ noch nicht entschlossen hatte, zu Bett zu gehen, ein so unbändiges Klopfen am Hoftor hörte, verlor sie vor Schreck fast die Besinnung. Sie war sofort überzeugt, daß der Ruhestörer kein anderer sein konnte als Dmitrij Fedorowitsch (obgleich sie selbst gesehen hatte, wie er mit Andrei fortgefahren war), denn sie sagte sich, daß so „gebieterisch“ nur er allein klopfen könne. So stürzte sie denn unverzüglich zum Hofknecht, der sich bereits zum Hoftor begab, und bat ihn himmelhoch, nicht zu öffnen und niemanden hereinzulassen. Der Alte wurde nachdenklich, erkundigte sich aber doch nach dem Namen des Klopfenden, und als er hörte, wer es war, und daß man Fedossja Markowna (Fenjä) in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte, entschloß er sich, das Fußpförtchen aufzuschließen. Als Perchotin mit dem Hofknecht, den Fenjä mit seiner Erlaubnis gebeten hatte, „von wegen des Bedenklichen“ mitzukommen, in die Küche eingetreten war, begann er unverzüglich sie auszufragen, und so erfuhr er denn alsbald das Wichtigste, nämlich: daß Dmitrij Fedorowitsch, als er fortgestürzt war, um Gruschenka zu suchen, die Mörserkeule ergriffen und in die Tasche gesteckt hatte, dann aber ohne dieselbe, doch mit blutigen Händen zurückgekehrt war. „Und das Blut triefte noch von ihm, triefte noch, triefte nur so von ihm!“ beteuerte Fenjä, die sich in der Aufregung dieses grauenhafte Bild wahrscheinlich ganz unwillkürlich schuf. Daß Mitjäs Hände mit Blut besudelt waren, hatte auch Perchotin gesehen, hatte ja selbst geholfen, sie reinzuwaschen, aber nicht darum handelte es sich jetzt, ob sie schnell oder langsam trocken geworden waren, sondern darum, wohin er, Dmitrij Fedorowitsch, mit der Mörserkeule gelaufen war, d. h., woraus man mit Bestimmtheit schließen konnte, daß es gerade zu seinem Vater gewesen sein mußte? Danach erkundigte sich Perchotin ausführlich, und obwohl er, genau genommen, nichts Bestimmtes erfuhr, so trug er doch die Überzeugung davon, daß Dmitrij Fedorowitsch einzig und allein zum Vater gelaufen sein konnte, und daß dort folglich „etwas“ geschehen sein mußte. „Als er aber zurückkam,“ unterbrach Fenjä erregt seinen Gedankengang, „und ich ihm alles gestanden hatte, da versuchte ich, ihn etwas auszufragen. ‚Täubchen Dmitrij Fedorowitsch,‘ sagte ich, ‚warum sind denn Ihre beiden Hände so blutig?‘ – Da antwortete er mir, daß es Menschenblut sei, und daß er einen Menschen erschlagen habe ...“ Sie sagte, er habe ihr ohne weiteres alles gestanden und habe ersichtlich bereut, doch plötzlich sei er wieder wie ein Irrsinniger hinausgelaufen. „Da setzte ich mich und fing an nachzudenken,“ fuhr Fenjä fort, „und ich fragte mich, wohin er wohl so gelaufen sein mag? Da sagte ich mir, er wird nach Mokroje fahren und dort Agrafena Alexandrowna totschlagen. So lief ich denn hinaus, um ihn vielleicht noch in seiner Wohnung anzutreffen und himmelhoch zu bitten, daß er sie nicht totschlägt, und da traf ich ihn unterwegs bei Plotnikoffs und sah, daß er gerade nach Mokroje abfahren wollte, seine Hände aber schon reingewaschen waren.“ (Die reinen Hände hatte Fenjä sofort bemerkt.) Die alte Köchin Matrjona bestätigte, so weit sie konnte, die Aussagen ihrer Enkelin. Perchotin stellte noch einige Fragen und verließ dann in noch größerer Erregung das Haus der Morosowa, als er das Gasthaus verlassen hatte.
Man sollte meinen, daß es für ihn das Nächstliegende gewesen wäre, zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen und sich dort zu erkundigen, ob nicht etwas Besonderes geschehen war, und dann erst, wenn sich sein Verdacht bestätigt hatte, zum Polizeichef zu gehen, wie er es sich fest vorgenommen. Aber das war so eine Sache. – Die Nacht war dunkel, das Hoftor des Karamasoffschen Hauses groß und schwer, das Klopfen nicht hörbar, und er hätte lange klopfen müssen – mit Fedor Pawlowitsch aber war er nur ganz oberflächlich bekannt. Und da würde er denn das ganze Haus aufwecken: man machte ihm auf, und es zeigte sich, daß nichts geschehen war, – und der spottlustige Fedor Pawlowitsch erzählt morgen in der ganzen Stadt die Geschichte, wie Pjotr Iljitsch Perchotin, der ihm völlig unbekannt ist, um Mitternacht zu ihm gelaufen kommt und wie ein Verrückter am Hoftor klopft, um zu erfahren, ob ihn nicht jemand totgeschlagen habe. Das aber wäre ein Skandal, und so etwas fürchtete Perchotin am meisten. Nichtsdestoweniger war die Unruhe, die ihn mit sich fortriß, so stark, daß er sich – allerdings fluchend, mit dem Fuß aufstampfend und mit einem Schimpfwort an die eigene Adresse – unverzüglich auf den Weg machte, doch diesmal nicht zu Fedor Pawlowitsch, sondern zu Frau Chochlakoff. Er beschloß, sie ohne alle Umschweife zu fragen, ob sie heute zu der und der Stunde Dmitrij Karamasoff dreitausend Rubel gegeben habe, und wenn sie dies verneinte, sofort zum Polizeichef zu gehen; falls sie es aber bejahte, alles bis auf den nächsten Tag aufzuschieben und zu sich nach Haus zurückzukehren. Nun sollte man mit Recht meinen, daß der Entschluß des jungen Mannes, in der Nacht, fast um elf Uhr, in das Haus einer ihm ganz unbekannten Dame zu gehen und sie womöglich aus dem Schlaf zu wecken, um an sie eine in ihrer Art gewiß etwas verfängliche Frage zu stellen, vielleicht noch vielmehr Aussichten bot, einen Skandal hervorzurufen, als wenn er zu Fedor Pawlowitsch gegangen wäre. Aber das geschieht bekanntlich – besonders in solchen oder ähnlichen Fallen – nicht selten mit den Entschlüssen der korrektesten und phlegmatischsten Leute. Übrigens war Perchotin in dieser Nacht nichts weniger als phlegmatisch. Sein ganzes Leben lang erinnerte er sich später, wie seine unbezwingbare Unruhe schließlich so groß geworden war, daß sie ihm Qual verursacht und ihn eigentlich gegen seinen Willen immer weiter getrieben hatte. Es versteht sich daher von selbst, daß er sich auf dem ganzen Wege zu ihr über seine Handlung ärgerte, aber: „Ich setze es durch, was es auch koste, ich setze es doch durch,“ wiederholte er mindestens zehnmal zähneknirschend vor sich hin. Und richtig – er führte auch durch, was er sich vorgenommen hatte.
Es schlug gerade elf, als er sich dem Hause Frau Chochlakoffs näherte. In den Hof wurde er ziemlich bald eingelassen, doch auf die Frage, ob die gnädige Frau schon schlafe oder noch auf sei, konnte der Hofknecht nichts Bestimmtes sagen, außer daß sie sich um diese Zeit gewöhnlich schon zurückzuziehen pflege. „Aber der Herr kann es doch versuchen; will man empfangen, so empfängt man, will man nicht, dann nicht. Nur muß der Herr sich oben anmelden.“ Perchotin stieg die Paradetreppe hinauf, doch hatte er hier einen schweren Stand. Der Diener weigerte sich, ihn anzumelden, rief aber schließlich wenigstens die Zofe heraus. Perchotin bat höflich, aber in sehr bestimmtem Tone, ihn bei der gnädigen Frau anzumelden, und unbedingt noch hinzuzufügen, daß er in einer äußerst wichtigen Angelegenheit die gnädige Frau unverzüglich sprechen müsse, sich anderenfalls nie erdreistet hätte usw. Die Kammerzofe ging. Er blieb im Vorzimmer zurück und wartete. Frau Chochlakoff schlief allerdings noch nicht, hatte sich aber schon in ihr Schlafgemach zurückgezogen. Sie war seit dem Besuch Mitjäs sehr angegriffen und fühlte schon im voraus, daß sie in dieser Nacht der Migräne, die in solchen Fällen stets einzutreten pflegte, nicht entgehen werde. Sie hörte verwundert den Bericht ihrer Zofe an, befahl aber doch gereizt, den Herrn abzuweisen, wenn auch der unerwartete Besuch eines „hiesigen Beamten“, wie die Zofe sagte, „zu dieser Stunde!“ nicht wenig ihre Neugier reizte. Doch Perchotin war diesmal hartnäckig wie ein Maulesel (mit dieser Bezeichnung bedachte er sich selbst während des Wartens). Als er die Absage vernommen hatte, bat er sehr bestimmt und nachdrücklich, ihn nochmals anzumelden, und zwar gerade mit den Worten: daß es eine „äußerst wichtige Angelegenheit sei, und die gnädige Frau es vielleicht später bedauern werde, wenn sie ihn jetzt nicht empfinge.“ „Es war mir damals geradezu, als wenn ich einen Berg unaufhaltsam hinabglitt,“ sagte er später bei der Wiedergabe jener Erlebnisse und der Schilderung seiner Empfindungen in jenen Stunden. Die Zofe betrachtete ihn nicht wenig erstaunt, ging aber doch, um ihn noch einmal anzumelden. Frau Chochlakoff war sehr betroffen durch das sonderbare Auftreten des nächtlichen Besuchers. Sie dachte nach und erkundigte sich, wie denn „dieser Mensch“ aussähe, und erfuhr, daß er „sehr anständig gekleidet, jung und sehr höflich“ sei. Ich muß hier noch bemerken, daß Perchotin als junger Mann tatsächlich gut aussah und das auch selbst von sich wußte. Frau Chochlakoff entschloß sich endlich, den Herrn zu empfangen. Sie war bereits in ihrem Hausrock und in Pantöffelchen, und so nahm sie noch einen Schal um. Perchotin wurde in den Empfangssalon gebeten, in dem sie vor kurzem auch Mitjä empfangen hatte. Er trat ein. Gleich darauf erschien auch die Hausfrau. Sie blickte ihn streng und mit etwas erstaunt fragendem Blick an. Ohne ihn aufzufordern, Platz zu nehmen, fragte sie:
„Sie wünschen?“
„Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich es gewagt habe, Sie zu so später Stunde zu belästigen. Es handelt sich um unseren gemeinsamen Bekannten Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff,“ begann Perchotin, doch kaum hatte er diesen Namen ausgesprochen, als im Gesichte der Dame eine ungewöhnliche Veränderung vor sich ging und sie ihn heftig unterbrach:
„Wie lange, wie lange wird man mich noch mit diesem furchtbaren Menschen peinigen!“ rief sie empört. „Wie wagen Sie es, mein Herr, eine Ihnen ganz unbekannte Dame in ihrem Hause zu dieser Stunde zu beunruhigen ... bei ihr zu erscheinen, um von einem Menschen zu sprechen, der sie hier, in diesem selben Empfangssalon vor drei Stunden beinahe erschlagen wollte, wenigstens hier mit den Füßen gestampft hat und schließlich in einer Art und Weise hinausgelaufen ist, wie sonst niemand ein anständiges Haus verläßt. Wissen Sie auch, mein Herr, daß ich mich über Sie bei Ihren Vorgesetzten beklagen werde ... Ich bitte Sie, mich sofort zu verlassen ... Ich ... ich bin Mutter, ich werde sofort ... ich ... ich ...“
„Erschlagen!? So wollte er auch Sie erschlagen?“
„Ja, hat er denn sonst jemanden schon umgebracht?“ erkundigte sich Frau Chochlakoff ungestüm.
„Haben Sie die Güte, mich anzuhören, gnädige Frau, nur eine halbe Minute lang, und ich werde Ihnen in zwei Worten alles erklären,“ sagte Perchotin entschlossen. „Heute um fünf Uhr nachmittags borgte Herr Karamasoff, als Kamerad, zehn Rubel von mir, und ich weiß daher bestimmt, daß er kein Geld besaß. Und heute um neun Uhr abends kam er wieder zu mir und hielt ein Geldpaket in der Hand: es waren lauter Hundertrubelscheine, im ganzen ungefähr zwei-, wenn nicht dreitausend Rubel. Seine Hände jedoch und das Gesicht waren mit Blut befleckt, und er sprach und blickte einen an, als hätte er den Verstand verloren. Auf meine Frage, woher er so viel Geld bekommen habe, antwortete er, daß er es kurz vorher von Ihnen erhalten habe, daß Sie ihm dreitausend Rubel vorgestreckt hätten, damit er nach Sibirien in die Goldgruben fahre ...“
Eine nervöse, krankhafte Erregung drückte sich im Gesichte Frau Chochlakoffs aus.
„Mein Gott! Er hat seinen alten Vater erschlagen!“ rief sie erschrocken, die Hände zusammenschlagend. „Ich habe ihm nichts gegeben, nichts, nichts! Oh, laufen Sie, eilen Sie! ... Sprechen Sie kein Wort mehr! Retten Sie den alten Herrn, laufen Sie zu seinem Vater, oh, laufen Sie! ...“
„Erlauben Sie, gnädige Frau, so haben Sie ihm also kein Geld gegeben? Wissen Sie genau, daß Sie ihm nichts gegeben haben?“
„Nichts, nichts habe ich ihm gegeben! Ich habe es ihm abgeschlagen, denn er versteht ja mit Geld gar nicht umzugehen. Er verließ mich wutschnaubend, und hier im Salon stampfte er sogar mit den Füßen. Er wollte sich auf mich stürzen, aber ich rettete mich noch rechtzeitig, indem ich dorthin in die Ecke lief ... Und ich werde Ihnen noch sagen, wie einem Menschen, dem ich nichts mehr verheimlichen will, daß er mich sogar beinahe angespien hat, können Sie sich so etwas vorstellen? Aber warum stehen wir denn? Ach, setzen Sie sich, bitte. Verzeihen Sie, ich ... Oder laufen Sie lieber, laufen Sie, Sie müssen eilen, um den unglücklichen alten Herrn vor diesem schrecklichen Tode zu bewahren!“
„Wenn er ihn aber schon erschlagen hat?“
„Ach, mein Gott, das ist ja wahr! Aber was sollen wir denn jetzt tun? Was meinen Sie, was wir tun müssen?“
Inzwischen hatten sie beide Platz genommen. Perchotin setzte ihr in kurzen Worten, doch ziemlich deutlich den ganzen Tatbestand auseinander, oder wenigstens das, was er miterlebt hatte, erzählte ihr auch noch von seinem Gespräch mit Fenjä, und daß Mitjä die Mörserkeule mitgenommen hatte. Alle diese Einzelheiten regten die nervöse Dame in einer Weise auf, wie es stärker nicht gut möglich gewesen wäre. Sie zitterte und hielt die Hände an die Schläfen ...
„Stellen Sie sich vor, ich habe das vorausgefühlt! Ich besitze diese Fähigkeit – alles, was ich mir vorstelle, geht in Erfüllung. Und wieviel, wievielmal habe ich diesen schrecklichen Menschen angesehen und jedesmal dabei gedacht: Dieser Mensch wird mich erschlagen. Und so ist es jetzt auch gekommen ... Das heißt, wenn er jetzt auch nicht mich erschlagen hat, sondern seinen Vater, so ist das doch bestimmt nur deswegen geschehen, weil Gottes sichtbarer Finger ihn von mir abgelenkt hat. Und außerdem wird er sich geschämt haben, das zu tun, denn ich habe ihm mit diesen Händen ein kleines Heiligenbild umgehängt, hier, auf dieser Stelle, ein kleines Medaillon mit Reliquien von der heiligen Warwara ... Mein Gott, wie nah ich dem Tode in diesem Augenblick war, ohne es zu ahnen! Ich trat ganz dicht an ihn heran, und er neigte den Kopf, damit ich es ihm bequemer um den Hals legen konnte! Wissen Sie, Pjotr Iljitsch ... verzeihen Sie, ich glaube, Sie sagten, daß Sie so hießen – wissen Sie, ich glaube nicht an Wunder, aber dieses Heiligenbild und diese auf der Hand liegende wunderbare Rettung – das erschüttert mich dermaßen, daß ich wieder an alles mögliche zu glauben anfange. Haben Sie vom Staretz Sossima gehört? ... Ach, ich weiß nicht, wovon ich wieder rede ... Aber stellen Sie sich vor, dann hat er mich trotz dieses Heiligenbildes am Halse beinahe angespien ... Natürlich ist das kein Totschlag, aber immerhin ... und jetzt ist er ins Dorf gefahren! Aber wohin sollen wir jetzt, was sollen wir tun, was meinen Sie?“
Perchotin erhob sich und erklärte, daß er geradeswegs zum Polizeichef gehen und ihm alles erzählen werde, der könne dann tun, was er für gut befinde.
„Ach, das ist ein prächtiger, ein ganz prächtiger Mensch, ich kenne Michail Makarowitsch persönlich. Ja, gehen Sie unbedingt zu ihm. Wie findig Sie sind, wie gut Sie sich das ausgedacht haben. Wissen Sie, ich wäre an Ihrer Stelle bestimmt nicht darauf verfallen!“
„Aber ich bitte Sie, es ist doch ganz natürlich ... Ich bin selbst ein guter Bekannter Michail Makarowitschs,“ bemerkte Perchotin, der immer noch stand, und nicht wußte, wie er sich von der liebenswürdigen Dame schneller verabschieden sollte.
„Und wissen Sie, wissen Sie,“ unterbrach sie ihn, „Sie müssen mich unbedingt benachrichtigen von allem, was Sie dort sehen und erfahren ... und was schließlich an den Tag kommt ... und wie man ihn verurteilt, und wohin man ihn verschickt ... Sagen Sie, bei uns gibt es doch keine Todesstrafe? Aber kommen Sie, unbedingt, um mich von dem Ergebnis Ihres Gesprächs zu benachrichtigen, wenn auch um drei Uhr nachts, wenn nicht anders, auch um vier, oder gar um halb fünf ... Befehlen Sie, mich aufzuwecken, unbedingt, was es auch koste ... O mein Gott, ich werde ja überhaupt nicht einschlafen können. Oder sollte ich nicht selbst mit Ihnen fahren? ...“
„N – nein, gnädige Frau, doch wenn Sie vielleicht so freundlich wären, ein paar Zeilen zu schreiben, auf alle Fälle, daß Sie Herrn Karamasoff kein Geld gegeben haben, so wäre das vielleicht nicht überflüssig ... ich meine, auf alle Fälle ...“
„Unbedingt!“ Frau Chochlakoff eilte zu ihrem Schreibtisch. „Sie erschüttern mich einfach durch Ihre Umsicht in solchen Dingen, vraiment! ... Sie sind ein hiesiger Beamter? Das freut mich, daß Sie hier angestellt sind ...“
Und noch während sie das sprach, schrieb sie mit ihrer großen Handschrift auf einen Bogen Postpapier diese Zeilen:
„Nie in meinem Leben habe ich dem unglücklichen Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff (ich sage unglücklich, denn das ist er jetzt) dreitausend Rubel geliehen, weder heute, noch sonst wann, niemals! Das beschwöre ich bei allem, was es Heiliges auf unserer Welt gibt.
Katerina Chochlakowa.“
„Hier! Da haben Sie es!“ Und sie überreichte es Perchotin. „Aber jetzt gehen Sie, retten Sie. Das ist eine große Tat von Ihnen.“
Und sie machte dreimal das Zeichen des Kreuzes über ihm. Darauf begleitete sie ihn noch bis zum Vorzimmer.
„Ich bin Ihnen so dankbar! Sie werden es mir nicht glauben, wie dankbar ich Ihnen dafür bin, daß Sie ganz zuerst zu mir gekommen sind. Wie kommt es, daß wir uns früher noch nicht begegnet sind? Es wird mich sehr freuen, Sie auch fernerhin in meinem Hause zu empfangen. Wie angenehm es ist, daß Sie als Beamter gerade hier Ihre Anstellung haben ... und so geschickt sind Sie in solchen Dingen ... Seien Sie überzeugt, daß ich alles, was in meiner Macht steht, für Sie tun werde ... Eine so tüchtige Kraft muß man zu schätzen wissen, und man wird es auch, man wird es auch, seien Sie überzeugt! Oh, ich protegiere immer die Jugend, ich habe ein Faible für Jugend! Unsere Jugend ist doch das Fundament unseres ganzen, jetzt so schwer niedergedrückten Vaterlandes, sie ist doch die ganze Hoffnung unseres Rußland ... Oh, gehen Sie, gehen Sie ...“
Perchotin eilte bereits fort, sonst hätte sie ihn vielleicht noch nicht so bald entlassen. Übrigens hatte sie auf ihn einen ganz sympathischen Eindruck gemacht, sogar einen so sympathischen, daß dieser Eindruck teilweise selbst seinen Ärger über diese fremde Angelegenheit, in die er sich dummerweise hineingezogen sah, milderte. Der Geschmack der Menschen ist bekanntlich sehr verschieden. So dachte denn auch Perchotin, angenehm berührt, daß Frau Chochlakoff „keineswegs so bejahrt“ sein könne: „Im Gegenteil, ich hätte sie für ihre Tochter gehalten.“
Und was wiederum Frau Chochlakoff betrifft, so war sie geradezu bezaubert durch den jungen Mann. „Wieviel Verständnis für alles Ernste, wieviel Korrektheit, und das in einem so jungen Mann unserer Zeit, und noch dazu bei solchen Manieren und solchem Äußern! Da wird nun geredet von den heutigen jungen Leuten, sie verständen nichts! Da habt ihr ein Beispiel“ usw. So kam es, daß sie das „schreckliche“ Ereignis selbst ganz vergaß. Erst als sie zu Bett ging, fiel ihr wieder ein, wie nah sie dem Tode gewesen war! „Entsetzlich, entsetzlich, wenn man daran denkt!“ flüsterte sie. Das hinderte aber nicht, daß sie alsbald in festen süßen Schlaf sank. Ich hätte mich übrigens nie entschlossen, hier von so nebensächlichen Einzelheiten zu erzählen, wenn die soeben geschilderte Begegnung Perchotins mit der jugendlichen Witwe nicht das Sprungbrett zu der ganzen Laufbahn dieses umsichtigen und korrekten jungen Beamten geworden wäre. Noch jetzt erinnert man sich seiner kopfschüttelnd und bewunderungsvoll in unserem Städtchen, und auch ich werde vielleicht noch einiges über ihn zu sagen haben, bevor ich meine lange Erzählung von den Brüdern Karamasoff abschließe.
II. Der Alarm
Unser Kreispolizeichef Michail Makarowitsch Makaroff, ein verabschiedeter Oberstleutnant, war Witwer und ein guter Mensch. Er war vor kaum drei Jahren in unser Städtchen versetzt worden, doch hatte er bereits fertig gebracht, sich die allgemeine Sympathie zu erwerben, und zwar vor allen Dingen dadurch, daß er verstand, die Gesellschaft zu vereinigen. Er hatte immer Gäste im Hause, und es schien, daß er ohne sie überhaupt nicht leben konnte. Irgend jemand mußte unbedingt mit ihm speisen, wenn es auch nur ein einziger Gast war – ohne Gäste setzte man sich bei ihm nie zu Tisch. Er gab natürlich auch große Diners aus sehr verschiedenen, häufig etwas wunderlichen Anlässen. Wurden auch keine ausgesuchten Delikatessen geboten, so war doch die Tafel immer reich besetzt, und die Fischpasteten und alle Nationalpirogen großartig gebacken, und die Weine bestachen, wenn nicht durch die Qualität, so doch durch die Quantität. Das Billardzimmer war sogar sehr anständig ausgestattet, d. h. an den Wänden hingen in schwarzen Rahmen Bilder von englischen Rennpferden, was bekanntlich die obligatorische Billardzimmerdekoration in der Wohnung jedes unverheirateten Herrn ist. Jeden Abend wurde Karten gespielt, wenn auch nur an einem einzigen Tisch. Sehr oft jedoch versammelte sich bei ihm die ganze höhere Gesellschaft unserer Stadt mit Müttern und Töchtern zu Tanzabenden. Michail Makarowitsch war, wie gesagt, Witwer. Gleichwohl lebte er als „Familienvater“ in seinem Hause, da er seine verwitwete Tochter mit deren beiden Töchtern, also seinen Enkelinnen, zu sich genommen hatte. Diese Enkelinnen waren erwachsene junge Damen, die ihre Erziehung schon überstanden hatten. Sie waren beide von angenehmem Äußeren, waren beide heiter und unterhaltend, und so zogen sie – obwohl alle wußten, daß sie keine „Partien“ waren, da sie nichts mitbekommen sollten – doch unsere männliche Jugend der besseren Gesellschaft in das Haus ihres Großpapas.
Was nun Michail Makarowitschs Beruf anbetraf, so war es in der Beziehung nicht sonderlich gut mit seinen Kenntnissen bestellt, doch erfüllte er schließlich seine Pflicht nicht schlechter als viele andere. Wenn man aufrichtig sein soll, so war er als Mensch ziemlich ungebildet und als Beamter um die Erwerbung einer klaren Vorstellung von den Grenzen seiner administrativen Macht wenig besorgt. Gewisse Reformen der gegenwärtigen Regierung konnte er immer noch nicht recht begreifen, oder er begriff sie unter auffallenden Irrtümern. Doch geschah das weniger aus Unbegabtheit als infolge einer recht ausgeprägten Sorglosigkeit, und da er sich versicherte, nie die Zeit zu haben, hinter die Dinge zu kommen. „Ich bin, meine Herren, mit Leib und Seele Soldat, und daher ist mir alles Zivile etwas gegen den Strich,“ äußerte er über sein Beamtentum. Selbst von den Prinzipien der letzten großen Reform, der Aufhebung der Leibeigenschaft, hatte er sich noch immer keine feste und genaue Vorstellung zu machen vermocht; doch vergrößerte er von Jahr zu Jahr, und zwar unwillkürlich, und durch praktische Erfahrungen, sein diesbezügliches Wissen, da er nämlich selbst Gutsbesitzer war. Perchotin wußte, daß er bei ihm bestimmt wenigstens einen Gast antreffen werde – nur wußte er natürlich nicht, wen. Währenddessen saßen bei Michail Makarowitsch der Staatsanwalt und unser Kreisarzt Warwinskij, ein junger Mann, der erst vor kurzem aus Petersburg zu uns gekommen war, und der seine Studien an der Petersburger Universität glänzend beendet hatte. Der Staatsanwalt jedoch, oder vielmehr der Stellvertreter des Staatsanwalts, der aber bei uns allgemein nur der Staatsanwalt genannt wurde, Hippolyt Kirillowitsch, war ein bemerkenswerter Mann, noch nicht alt, etwa fünfunddreißig, neigte leider stark zur Schwindsucht, und war sehr mager, wofür dann seine kinderlose Gattin um so korpulenter war. Es hieß, daß er sehr eigensüchtig und ehrgeizig sei, doch war er, bei einem tüchtigen Verstande, in der Seele ein guter Mensch. Ich glaube, das ganze Unglück seines Charakters bestand darin, daß er von sich eine etwas höhere Meinung hatte, als seine Begabung erlaubte. Das war wohl auch der Grund, warum er immer irgendwie unruhig zu sein schien. Und dazu hatte er noch einige höhere und sogar künstlerische Ansprüche, zum Beispiel ein guter Psychologe zu sein, die menschliche Seele ganz besonders gut zu kennen und die Gabe zu besitzen, den Verbrecher und sein Verbrechen richtig zu erkennen und zu beurteilen. In bezug auf diese Fähigkeiten war er reizbar und leicht beleidigt, hielt sich sofort für im Dienst umgangen oder gar zurückgesetzt, und war immer überzeugt, daß man ihn in den „höheren Sphären“ nicht zu schätzen wisse, und daß er daselbst viele Feinde habe. In trüben Stunden versicherte er sogar, daß er zur Advokatur übertreten werde. Da kam plötzlich der Kriminalprozeß der Karamasoffs wegen des Vatermordes und rüttelte Hippolyt Kirillowitsch auf. „Das ist ein Prozeß, der in ganz Rußland bekannt werden wird,“ sagte er. Doch ich greife vor.
Im Nebenzimmer saß bei den jungen Damen auch unser junger Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der erst vor zwei Monaten aus Petersburg zu uns gekommen war. Später wunderte man sich nicht wenig darüber, daß alle diese Amtspersonen sich „gerade am Abend des Verbrechens im Hause der exekutiven Macht“ versammelt hatten. Indessen hatte sich das in ganz natürlicher Weise so getroffen: Die Frau Hippolyt Kirillowitschs, also des Staatsanwalts, litt schon den zweiten Tag an Zahnschmerzen, und so mußte der Herr Staatsanwalt doch irgendwohin vor ihrem Gestöhn flüchten. Der Kreisarzt jedoch konnte allein schon seinem Wesen nach den Abend nicht anders verbringen als am Kartentisch. Und Nikolai Parfenowitsch Neljudoff hatte es sich schon vor drei Tagen vorgenommen, an diesem Abend zu Michail Makarowitsch zu gehen, und zwar ganz zufällig, um hinterlistig die älteste Enkelin, Olga Michailowna, zu erschrecken, ihr nämlich plötzlich zu sagen, daß er um ihr „Geheimnis“ wisse: daß heute ihr Geburtstag sei, und daß sie dies absichtlich verheimlicht habe, um nicht wieder die ganze Gesellschaft zu einem Ball einladen zu müssen. Es war zu erwarten, daß man den Abend lustig verbringen werde, da Scherze über ihr Alter, über das „Geheimnis“, das er jetzt allen erzählen konnte, ihre vermutliche Angst deswegen usw. usw. genügend Stoff zum Lachen abgeben konnten. Der liebenswürdige junge Mann war in solchen Dingen ein großer Schlingel, wie ihn unsere Damen lachend nannten, und was ihm sehr zu gefallen schien. Übrigens war er gut erzogen, aus, guter Familie, hatte ein gutes Auftreten und gute Manieren, und wenn er auch ein Lebemann war, so blieb er doch ein innerlich unschuldiger und immer wohlerzogener, anständiger junger Mann. Was sein Äußeres anbelangt, so war er ziemlich klein von Wuchs und von schwächlichem, zartem Körperbau. An seinen schmalen und bleichen Fingern glänzten stets ein paar große teure Ringe. Wenn er seine Amtspflicht erfüllte, kam immer eine gewisse selbstbewußte Würde über ihn, als hielte er seine Bedeutung und seine Pflicht für etwas Heiliges. Besonders gut verstand er es, bei Verhören von Mördern und anderen Verbrechern aus dem Volke, dieselben durch seine Fragen zu verblüffen, und in ihnen, wenn auch nicht gerade Hochachtung für sich, so doch etwas wie bewunderndes Erstaunen zu erwecken.
Als Perchotin beim Kreispolizeichef eintrat, blieb er ganz verdutzt stehen: er sah sofort, daß man schon alles wissen mußte. Man hatte die Karten im Stich gelassen, alle standen und berieten sich, und auch Nikolai Parfenowitsch war von den Damen herbeigeeilt und sah ungemein kampfbereit und entschlossen aus. Perchotin wurde mit der überraschenden Mitteilung empfangen, daß der alte Fedor Pawlowitsch Karamasoff am selben Abend in seinem Hause erschlagen worden war, erschlagen und beraubt. Erfahren hatte man es vor ein paar Minuten auf folgende Weise:
Marfa Ignatjewna, die Frau des am Zaun von Mitjä verletzten Grigorij, schlief nach der eingenommenen Medizin ungewöhnlich fest in ihrem Bett und hätte wahrscheinlich bis zum Morgen so geschlafen – plötzlich aber wachte sie auf: der epileptische Schrei Ssmerdjäkoffs, der bewußtlos im Nebenzimmer gelegen hatte, war ihr durch Mark und Bein gefahren. Dieser Schrei, mit dem gewöhnlich die epileptischen Anfälle begannen, machte auf Marfa Ignatjewna stets einen so schrecklichen Eindruck, daß sie davon fast krank wurde. Sie hatte sich noch immer nicht an ihn gewöhnt, obgleich sie ihn doch oft genug gehört hatte. Halb besinnungslos sprang sie auf und stürzte in das Nebenzimmer zu Ssmerdjäkoff. Doch dort war es stockdunkel, und sie hörte nur, wie der Kranke unheimlich schnarchte und um sich schlug. Da schrie auch Marfa Ignatjewna auf, und rief ihren Mann, doch plötzlich fiel ihr ein, daß Grigorij, als sie aufgesprungen war, nicht neben ihr gelegen hatte. Sie lief zurück zum Bett und betastete es, doch das Bett war leer. „So ist er fortgegangen, – wohin?“ Sie lief hinaus auf die Treppe und rief einmal ängstlich seinen Namen. Sie erhielt natürlich keine Antwort, aber es schien ihr, als hörte sie durch die windstille Nacht irgendwoher, gleichsam fern aus dem Garten, Gestöhn zu sich dringen. Sie horchte auf: da kam es wieder durch die Nacht, und sie hörte deutlich, daß es aus dem Garten kam. „Heilige Marie, das ist ja ganz wie damals die Lisaweta im Badehäuschen!“ dachte sie erschrocken. Ängstlich stieg sie die Stufen hinab, und da erst gewahrte sie, daß das Gartenpförtchen offen war. „Sicher ist er dort, mein Lieber,“ dachte sie, und ging zum Pförtchen. Doch dort vernahm sie plötzlich ganz deutlich, daß Grigorij sie rief: „Marfa, Marfa!“ mit schwacher, angstvoller Stimme, die wie ein Gestöhn klang. „Großer Gott, beschütz uns vor Unheil,“ flüsterte sie zitternd und eilte dann hin, woher der Ruf kam, und fand ihren Grigorij. Nur fand sie ihn nicht am Zaun, wo er niedergefallen war, sondern ungefähr zwanzig Schritt vom Zaun entfernt. Später stellte sich heraus, daß er, zu sich gekommen, zu kriechen begonnen hatte, und so aus eigener Kraft, natürlich mit Unterbrechungen und unter erneuter Besinnungslosigkeit, sich so weit geschleppt hatte. Marfa Ignatjewna bemerkte sofort, daß sein Gesicht blutüberströmt war, und sie begann laut zu schreien. Grigorij konnte nur leise und zusammenhanglos stammeln: „Erschlagen ... hat den Vater erschlagen ... was schreist du, dummes Weib ... lauf, ruf ...“ Doch Marfa Ignatjewna schrie unentwegt, so laut sie konnte. Da bemerkte sie aber, daß beim Herrn das Fenster offen und das Zimmer hell erleuchtet war, und sie lief, Fedor Pawlowitsch laut zu Hilfe rufend, hin zum Fenster. Als sie aber rufend in das Zimmer sah, erblickte sie etwas Grauenvolles: der Herr lag lang ausgestreckt auf dem Fußboden, regungslos. Sein heller Schlafrock und das weiße Hemd auf der Brust waren von Blut überströmt. Das Licht auf dem Tisch beleuchtete grell die roten Blutlachen und das starre Totengesicht der Leiche Fedor Pawlowitschs. Im größten Entsetzen taumelte Marfa Ignatjewna vom Fenster zurück und stürzte, so schnell sie konnte, aus dem Garten, riß den Riegel der Pforte auf und lief in die Nebengasse zur Nachbarin, zu Marja Kondratjewna. Dort klopfte sie wie wahnsinnig an die Fensterläden, bis sie schließlich beide Frauen, die natürlich schon fest schliefen, aufweckte und diese erschrocken ans Fenster gelaufen kamen. Marfa Ignatjewna erzählte, so gut sie konnte, d. h. schreiend und heulend, das Hauptsächliche und rief sie zu Hilfe. Es traf sich, daß auch Foma gerade bei ihnen übernachtete. Er wurde im Augenblick aus dem Bett gezogen, und so liefen denn alle drei zurück an den Ort des Verbrechens. Unterwegs erinnerte sich Marja Kondratjewna, am Abend, ungefähr um neun Uhr, einen lauten, durchdringenden Schrei gehört zu haben, und wie es ihr geschienen hatte, war er aus dem Karamasoffschen Garten gekommen. Das war derselbe Schrei gewesen, den Grigorij am Zaun ausgestoßen hatte, bevor er von Dmitrij Fedorowitschs Schlage zu Boden gestürzt war – sein Schrei: „Vatermörder!“
„Ich hörte nur einen Schrei, es muß ein Mensch geschrien haben, und dann war wieder alles still,“ erzählte Marja Kondratjewna, während sie hinliefen. Im Garten hoben sie alle drei Grigorij auf und trugen ihn mit vereinten Kräften in die Leutewohnung. Sie machten sofort Licht, und da sahen sie, daß Ssmerdjäkoff noch immer um sich schlug: von den Augen im Krampf war nur das Weiße zu sehen, und Schaum stand ihm vor dem Munde. Grigorijs Kopf wurde mit Wasser und Essig gewaschen. Er kam alsbald zu sich, und seine erste Frage war: „Lebt der Herr noch, oder ist er tot?“ Da liefen denn die beiden Frauen und Foma zum Herrenhause, und erst jetzt bemerkten sie, daß nicht nur das Fenster, sondern auch die Tür, die aus dem Hause in den Garten führte, weit offen war, während der Herr sich doch schon seit einer Woche an jedem Abend fest und sorgfältig einzuschließen pflegte und sogar Grigorij strengstens verboten hatte, was auch geschehen sollte, an die Tür oder das Fenster zu klopfen. Als sie nun diese offene Tür sahen, wollte niemand zum Herrn hineingehen, „damit man nicht am Ende noch uns für die Mörder hält.“ Als sie darauf noch unentschlossen zu Grigorij zurückkehrten, befahl der sofort, unverzüglich zum Polizeichef zu laufen. So machte sich denn Marja Kondratjewna auf und lief zu Michail Makarowitsch, bei dem sie alle in nicht geringe Aufregung versetzte. Perchotin erschien vielleicht nur fünf Minuten später, so daß seine Aussagen nicht mehr vage Vermutungen waren, sondern durch das Beweismaterial, das er vorbrachte, nur noch den allgemeinen Verdacht, wer der Mörder sein konnte, verstärkten. Perchotin selbst hatte sich bis zum letzten Augenblick noch immer geweigert, daran zu glauben.
Man beschloß, energisch zu handeln. Der Gehilfe des Polizeimeisters wurde sofort beauftragt, vier Zeugen für die Haussuchung und zur Hilfeleistung aufzutreiben, und dann begab man sich zum Karamasoffschen Hause, wo man nach allen vorschriftsmäßigen Regeln, die ich hier nicht weiter erörtern will, den Tatbestand aufnahm. Der Kreisarzt, der als junger Praktikant noch für Ausnahmefälle interessiert war, hatte natürlich sofort gebeten, die Herren begleiten zu dürfen. Ich will hier nur noch kurz bemerken, daß sie Fedor Pawlowitsch tot vorfanden, mit eingeschlagenem Schädel. Womit aber war der Schädel eingeschlagen worden? Am wahrscheinlichsten wohl mit derselben Waffe, mit der der Mörder später auch Grigorij zu Boden gestreckt hatte. Man verhörte Grigorij, dem inzwischen die nötige ärztliche Hilfe zuteil geworden war, und erfuhr von ihm, in ziemlich zusammenhängender Rede, obwohl er nur leise und mit Unterbrechungen sprechen konnte, was er gesehen hatte. Daran begab man sich mit einer Laterne zum Zaun, begann dort zu suchen und fand sogleich die Mörserkeule, die auf dem Gartenwege, auf der sichtbarsten Stelle lag. Im Zimmer Fedor Pawlowitschs war keinerlei verdächtige Unordnung zu bemerken, doch hinter dem „chinesischen“ Schirm fand man vor dem Bett ein großes Kuvert von dickem Papier in Kanzleiformat, mit der Aufschrift: „Ein kleines Geschenk für meinen Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen will,“ und darunter war gleichfalls von Fedor Pawlowitsch, wahrscheinlich etwas später, noch hinzugefügt, „und Küchelchen“. Auf der anderen Seite des Kuverts waren drei große Siegel von rotem Siegellack, doch das Kuvert war bereits aufgerissen und leer: das Geld war herausgenommen. Auch fand man dort noch auf dem Fußboden ein rosarotes Bändchen, mit dem das Kuvert kreuzweis umbunden gewesen war. Von den Aussagen Perchotins machte auf den Staatsanwalt und den Untersuchungsrichter besonders die eine Mitteilung großen Eindruck: daß Dmitrij Fedorowitsch sich bestimmt am Morgen erschießen werde, daß er es beschlossen, in seiner Gegenwart die Pistole geladen, den Zettel geschrieben und in die Tasche gesteckt habe usw., und daß Mitjä auf Perchotins Drohung, es jemandem anzuzeigen, lächelnd geantwortet hatte: „Kommst zu spät, mein Lieber.“ Daraus ging hervor, daß man sich so schnell als möglich nach Mokroje aufmachen mußte, um den Verbrecher, noch bevor er seine Absicht verwirklichen konnte, zu verhaften. „Das ist doch klar, das liegt doch auf der Hand!“ wiederholte der Staatsanwalt, der die ganze Zeit über sehr lebhaft war. „Das ist so echt ihre Art, ich meine, die Art der Verbrecher seines Schlages: morgen erschieße ich mich, vorher aber geh ich noch einmal durch.“ Die Schilderung, wie Mitjä bei Plotnikoff Wein und Eßwaren bestellt und mitgenommen hatte, brachte den Staatsanwalt nur noch mehr auf. „Erinnern Sie sich noch, meine Herren, jenes jungen Burschen, der den Kaufmann Oljssufjeff erschlagen hatte und für die geraubten tausendfünfhundert Rubel sich frisieren ließ und sich gleichfalls, ohne das Geld ordentlich zu verstecken, unverzüglich zu den Frauenzimmern begab.“ Einstweilen aber ging es nicht an, sich sofort nach Mokroje aufzumachen, da die Voruntersuchung im Hause Fedor Pawlowitschs, die Verhöre und Formalitäten noch nicht beendet waren. Das nahm noch viel Zeit in Anspruch, und so schickte man vorläufig Mawrikij Mawrikjewitsch Schmerzoff, der am Tage vorher in die Stadt gekommen war, um sein Monatsgehalt in Empfang zu nehmen, nach Mokroje voraus. Er wurde beauftragt, wenn er dort angekommen sei, den „Mörder“ ganz unauffällig, „damit er nicht den geringsten Verdacht schöpfe“, zu bewachen, bis die anderen nachgekommen wären, und inzwischen auch den Dorfschulzen, den Bauernamtmann und Zeugen aufzutreiben. Das tat denn auch Mawrikij Mawrikjewitsch. Er blieb inkognito und weihte nur Trifon Borissytsch, bei dem er schon oft abgestiegen war, und der ihn gut kannte, zum Teil in sein Geheimnis ein. Das war kurz vorher geschehen, als Mitjä dem Wirt in der Dunkelheit auf der kleinen Galerie begegnet war und in dessen Reden wie im ganzen Verhalten zu ihm eine Veränderung wahrgenommen hatte. So wußte weder Mitjä noch sonst jemand von den Gästen, daß er bewacht wurde. Der Pistolenkasten war von Trifon Borissytsch bereits an einem verschwiegenen Orte wohlweislich versteckt worden. Erst um fünf Uhr morgens, also noch vor Tagesanbruch, kam die Obrigkeit, der Kreispolizeichef, der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter in zwei Wagen, jeder mit einer Troika bespannt, in Mokroje an. Der Doktor war in der Stadt zurückgeblieben, da er am Morgen die Obduktion der Leiche des Erschlagenen vornehmen wollte und ihn außerdem der Zustand des kranken Dieners Ssmerdjäkoff außerordentlich interessierte.
„So heftigen und so lange andauernden Anfällen der Epilepsie, die sich im Verlaufe von ganzen achtundvierzig Stunden ununterbrochen wiederholen, begegnet man nur äußerst selten, das ist ein Fall, der der Wissenschaft gehört,“ hatte er, ganz Interesse, seinen abfahrenden Partnern gesagt, und die hatten ihn lachend beglückwünscht. Bei der Gelegenheit hatten sich auch noch der Staatsanwalt sowie der Untersuchungsrichter gemerkt, daß der Doktor in überzeugtem Tone noch hinzugefügt hatte, Ssmerdjäkoff werde den Morgen nicht mehr erleben.
Nach dieser langen, doch unvermeidlichen Erklärung kehre ich wieder zu dem Zeitpunkt meiner Erzählung zurück, wo ich sie im vorhergehenden Buche unterbrochen habe.
III. Der Gang der Seele durch die Hölle. Das erste Purgatorium
So saß Mitjä und sah mit wildem Blick die Anwesenden die rings um ihn standen, an, ohne zu verstehen, was man zu ihm sprach. Plötzlich stand er auf, hob die Arme empor und rief laut:
„Ich bin unschuldig! An diesem Blute trage ich keine Schuld! An dem Blute meines Vaters bin ich unschuldig ... Ich wollte ihn erschlagen, aber ich habe es nicht getan! Ich bin unschuldig!“
Doch kaum hatte er das ausgesprochen, als Gruschenka den Vorhang zur Seite riß und sich nach zwei Schritten wie gebrochen dem Polizeichef zu Füßen warf.
„Ich bin es, ich! Ich Sündige, ich trage die Schuld!“ rief sie mit einer Stimme, einer Verzweiflung, die die Seele zerriß. Ihr Gesicht war von Tränen überströmt, und in verzweifelter Selbstanklage erhob sie flehend die Hände. „Meinetwegen hat er gemordet! Ich habe ihn so weit gebracht, ich bin es, die ihn so gemartert hat! Und auch den armen Alten habe ich gequält und so weit gebracht! Ich bin die Schuldige, die Hauptschuld trage ich allein, ich bin die erste Schuldige!“
„Ja, du bist die Schuldige! Du bist die Hauptverbrecherin! Du schamloses, verderbtes Weib, du bist die Hauptschuldige!“ schrie, mit der Faust drohend, der Polizeichef sie an.
Doch er wurde sofort und fast mit Gewalt besänftigt. Der Staatsanwalt umfaßte ihn sogar mit beiden Armen.
„Das geht denn doch nicht, Michail Makarowitsch ... auf diese Weise stören Sie nur die Untersuchung ... und schaden der Sache ...“ redete er ihm zu.
„Maßregeln ergreifen, Maßregeln ergreifen, unbedingt Maßregeln!“ brauste auch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff nervös auf, „anders ist es ganz unmöglich, entschieden ganz unmöglich! ...“
„Richtet uns zusammen!“ fuhr Gruschenka außer sich fort, immer noch auf den Knien liegend, „richtet uns zusammen hin, ich gehe mit ihm selbst in den Tod!“
„Gruscha, du! mein Leben du, mein Blut, mein Heiligstes!“ Mitjä stürzte zu ihr nieder und preßte sie in der Umarmung wild und verzweifelt an sich. „Glauben Sie ihr nicht,“ rief er, „an nichts ist sie schuldig, an keinem Blute und an nichts, nichts, nicht die geringste Schuld kann sie treffen!“
Er erinnerte sich später noch dunkel, daß ihn mehrere Männer mit Gewalt von ihr fortrissen, daß sie plötzlich hinausgebracht wurde, und daß er schließlich, schon am Tisch auf einem Stuhl sitzend, wieder zur Besinnung gekommen war. Neben und hinter ihm standen die Leute mit den Blechschildern auf der Brust. An der anderen Seite des Tisches, ihm gegenüber auf dem Sofa, saß Neljudoff, der Untersuchungsrichter, und redete ihm immer wieder zu, aus dem Glase, das vor ihm stand, etwas Wasser zu trinken. „Das wird Sie erfrischen und beruhigen, fürchten Sie sich nicht, beunruhigen Sie sich nicht,“ fügte er immer wieder äußerst höflich hinzu. Später erinnerte sich Mitjä noch, daß die großen Ringe des Sprechers ihn plötzlich lebhaft interessiert hatten, der eine Ring mit einem Amethyst und der andere mit einem hellgelben, klaren Stein von wundervollem Feuer. Und lange noch nachher erinnerte er sich verwundert, wie diese Ringe seinen Blick unwiderstehlich während dieses ganzen schrecklichen Verhörs immer wieder angezogen, und wie er sich aus irgendeinem Grunde weder von ihnen hatte losreißen, noch sie, als für seine Lage doch völlig gleichgültige Gegenstände, hatte vergessen können. Links, seitlich von Mitjä, saß auf dem Platz, wo zu Anfang des Abends Maximoff gesessen hatte, der Staatsanwalt, und rechts von ihm –, auf dem Platz, den Gruschenka eingenommen hatte, saß ein rotwangiger junger Mann in einem abgetragenen Rock, der einer Jägerjoppe glich. Vor ihm befand sich bereits ein Tintenfaß und Papier. Das war der Schriftführer des Untersuchungsrichters, den dieser aus der Stadt mitgenommen hatte. Der Polizeichef stand aber jetzt am Fenster, am anderen Ende des Zimmers neben Kalganoff, der sich dort auf einen Stuhl niedergelassen hatte.
„Trinken Sie doch Wasser!“ wiederholte sanft, vielleicht schon zum zehntenmal der Untersuchungsrichter.
„Ich habe getrunken, meine Herren ... aber ... nun, was, meine Herren, erdrücken Sie mich, richten Sie mich hin, entscheiden Sie über mein Geschick!“ rief Mitjä der ihn mit unheimlich starrem Blick aus weit offenen Augen ansah.
„Also, Sie behaupten positiv, am Tode Ihres Vaters Fedor Pawlowitsch Karamasoff unschuldig zu sein?“ fragte freundlich, doch nachdrücklich der Untersuchungsrichter.
„Ja, ich bin unschuldig! Schuld bin ich an einem anderen Blute, am Blute eines anderen alten Mannes, doch nicht am Blute meines Vaters. Und ich bereue es! Ich habe den Alten erschlagen, erschlagen und niedergestreckt ... Doch schwer ist es, dieses Blutes wegen für ein anderes Blut einstehen zu müssen, für ein furchtbares Blut, an dem ich unschuldig bin ... Es ist eine furchtbare Anklage, meine Herren ... als hätte man mich mit einem Keulenschlag auf den Kopf getroffen! Aber wer hat denn den Vater erschlagen, wer hat ihn erschlagen? Wer anders hat ihn denn erschlagen können, wenn ich es nicht war? Da muß ein Wunder geschehen sein, etwas Ungereimtes, etwas Unmögliches, Undenkbares! ...“
„Ja, das ist es nun, wer anders hätte ihn erschlagen können? ...“ begann der Untersuchungsrichter, doch der Staatsanwalt (wir wollen ihn der Kürze wegen so nennen, obgleich er nur der Stellvertreter des Staatsanwalts war) wechselte mit ihm einen Blick und sagte dann zu Mitjä gewandt:
„Sie beunruhigen sich diesmal ganz unnötigerweise wegen des Dieners Grigorij Wassiljewitsch. Ich kann Ihnen mitteilen, daß er lebt; er ist bald darauf wieder zu sich gekommen und wird trotz der schweren Verletzung, die, nach seiner und jetzt auch nach Ihrer Aussage, Sie ihm zugefügt haben, wahrscheinlich am Leben bleiben, oder vielmehr bestimmt, wenigstens nach der Aussage des Arztes.“
„Er lebt? So ist er nicht erschlagen?“ schrie Mitjä wie wahnsinnig auf und hob die Hände empor. Sein ganzes Gesicht strahlte. „Mein Herr und mein Gott, ich danke Dir für das Wunder, das Du für mich, den Sünder und Missetäter hast geschehen lassen, daß Du mein Gebet erhört hast! ... Ja, ja, auf mein Gebet hin ist es geschehen – ich habe doch die ganze Nacht gebetet!“
Und er bekreuzte sich dreimal. Er war ganz atemlos vor Freude.
„Nun und von diesem Grigorij haben wir die so wichtigen Aussagen gegen Sie erhalten, daß ...“ wollte der Staatsanwalt fortfahren, doch Mitjä sprang plötzlich vom Stuhl auf und unterbrach ihn:
„Auf einen Augenblick, meine Herren, um Gottes willen, nur auf eine Minute; ich will nur schnell zu ihr laufen ...“
„Erlauben Sie! Das ist unmöglich! In diesem Augenblick ist das ganz ausgeschlossen!“ rief mit einer Stimme, die vor Erregung ganz schrill klang, der Untersuchungsrichter, der sofort gleichfalls aufgesprungen war. Mitjä wurde von den Männern mit den Blechschildern auf der Brust ergriffen, doch setzte er sich bereits von selbst wieder auf seinen Stuhl.
„Wie schade! Ich wollte ja nur auf einen Augenblick zu ihr ... um ihr zu sagen, daß es abgewaschen ist, daß es verschwunden ist, dieses Blut, das die ganze Nacht mein Herz gequält hat, daß ich jetzt nicht mehr ein Mörder bin, wie ich glaubte! Meine Herren, sie ist doch jetzt meine Braut!“ sagte er plötzlich begeistert, ganz verzückt und jubelnd, während seine seligen Blicke von dem einen zum anderen gingen. „Oh, ich danke Ihnen, meine Herren! Wenn Sie wüßten, was diese Mitteilung für mich ist! Sie haben mich von den Toten auferweckt! ... Dieser Greis – der hat mich doch auf den Armen getragen, mich als dreijähriges Kind im Waschtroge gebadet, als mich alle vergessen hatten, er war wie ein leiblicher Vater zu mir! ...“
„Also, Sie ...“ wollte wieder der Untersuchungsrichter beginnen.
„Gestatten Sie, meine Herren, nur noch eine Minute!“ unterbrach Mitjä von neuem; er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Nur einen Augenblick, um mich etwas zu sammeln, nur einmal aufzuatmen, meine Herren. So etwas erschüttert einen unglaublich, der Mensch ist doch kein – Trommelfell, meine Herren!“
„Würden Sie nicht etwas Wasser trinken ...“ forderte wieder der Untersuchungsrichter ein wenig zerstreut auf.
Da ließ aber Mitjä auch schon die Hände sinken, und lachend lehnte er sich zurück. Sein Blick war wieder munter, und der ganze Mensch schien sich in dieser einen Minute verändert zu haben. Auch sein ganzer Ton und seine ganze Haltung waren verändert: er saß wieder als Gleichgestellter unter ihnen, wie er vielleicht gestern, als noch nichts geschehen war, mit diesen seinen früheren Bekannten irgendwo in der Gesellschaft zusammengesessen hätte. Übrigens muß ich hier noch bemerken, daß er zu Anfang seines Aufenthaltes bei uns im Hause des Polizeichefs sehr herzlich empfangen worden war; doch später, besonders im letzten Monat, hatte Mitjä seine Besuche in diesem Hause fast ganz eingestellt; und so hatte denn Michail Makarowitsch bei Begegnungen, z. B. auf der Straße, stets eine wichtige Miene gemacht und seinen Gruß eigentlich nur aus Höflichkeit erwidert, was von Mitjä sehr wohl bemerkt worden war. Mit dem Staatsanwalt war er nur ganz oberflächlich bekannt, doch der Gemahlin desselben – es war eine nervöse und phantastische Dame –, hatte er zuweilen seine Aufwartung gemacht, wenn es auch immer nur höchst ehrerbietige und rein gesellschaftliche kurze Visiten gewesen waren. Eigentlich hatte er selbst nicht recht gewußt, warum er zu ihr ging, doch hatte sie ihn jedesmal sehr freundlich empfangen und für ihn ein Interesse gezeigt, das sich bis zur letzten Zeit nicht verringert hatte. Mit dem jungen Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff hatte er aus Mangel an einer Gelegenheit noch nicht Freundschaft geschlossen, doch war er auch mit ihm zusammengekommen und hatte sogar zweimal mit ihm gesprochen – beide Male über das weibliche Geschlecht.
„Sie, Nikolai Parfenowitsch, sind ja, wie ich sehe, ein famoser Untersuchungsrichter,“ begann Mitjä lachend, „aber ich werde Ihnen jetzt selbst bei der Sache behilflich sein. Oh, meine Herren, jetzt bin ich ja erlöst, – Grigorij lebt! ... Und tragen Sie es mir nicht nach, daß ich mich so ohne Umstände und gerade heraus an Sie wende. Zudem bin ich noch ein wenig betrunken, das gestehe ich ganz offen ein. Ich glaube, ich hatte die Ehre, Nikolai Parfenowitsch ... die Ehre und das Vergnügen, bei meinem Verwandten Miussoff Ihre Bekanntschaft zu machen ... Das heißt, meine Herren, ich erhebe ja keinen Anspruch auf völlige Gleichstellung mit Ihnen ... Ich begreife doch, als was ich in diesem Augenblick vor Ihnen sitze. Auf mir ruht ... wenn Grigorij gegen mich ausgesagt hat ... so ruht, – nun, versteht sich, es lastet auf mir ein schrecklicher Verdacht! Entsetzlich, entsetzlich! – ich verstehe das doch vollkommen! Aber zur Sache, meine Herren, ich bin bereit, und wir werden das alles im Augenblick erledigen, denn, nicht wahr, wenn ich weiß und Ihnen sage, daß ich unschuldig bin, so kann doch alles sofort erledigt werden! Nicht wahr, meine Herren?“
Mitjä sprach rasch und viel, er sprach unruhig, doch von ganzem Herzen aufrichtig – als hielte er seine Zuhörer für seine besten Freunde.
„Also: wir können somit niederschreiben, daß Sie die gegen Sie erhobene Anklage radikal zurückweisen?“ fragte Neljudoff, der Untersuchungsrichter, eindringlich, und diktierte darauf, zum Schreiber gewandt, halblaut, was dieser zu notieren hatte.
„Niederschreiben? Sie wollen das niederschreiben? Nun, so schreiben Sie nieder, soviel Sie wollen ... ich habe nichts dagegen, Sie haben mein volles Einverständnis. Meine Herren ... Nur, sagen Sie ... Halt, nein, warten Sie, schreiben Sie so: Ihn trifft die Schuld an ... nun, an Gewalttätigkeiten, schweren Verletzungen, die er dem armen Alten zugefügt hat, darin bekennt er sich schuldig. Nun und dann noch für mich, in meinem Inneren, in der Tiefe des Herzens bin ich schuldig, – aber das ist nicht mehr nötig, aufzuschreiben“ (er wandte sich an den Schreiber), „das sind bereits meine privaten Angelegenheiten, das geht Sie, meine Herren, nichts mehr an, diese tiefsten Herzensgeheimnisse, das heißt ... ‚Was aber die Ermordung des alten Vaters betrifft‘ – schreiben Sie – ‚so ist er – unschuldig!‘ Das ist Wahnsinn, das ist vollkommener Wahnsinn! ... Ich werde es Ihnen beweisen, und Sie werden sich sofort überzeugen. Sie werden noch lachen, meine Herren, Sie werden noch über Ihren Verdacht lachen! ...“
„Beruhigen Sie sich, Dmitrij Fedorowitsch,“ – damit erinnerte ihn der Untersuchungsrichter an seine Aufführung und wollte offenbar durch die eigene Ruhe die Erregung des anderen besänftigen. „Bevor wir das Verhör fortsetzen, würde ich, vorausgesetzt, daß Sie einwilligen zu antworten, gerne nochmals von Ihnen die Bestätigung der Tatsache vernehmen wollen, daß Sie den verstorbenen Fedor Pawlowitsch, wie es scheint, nicht geliebt und mit ihm fortgesetzt Streit gehabt haben ... Wenigstens haben Sie hier vor ungefähr einer Viertelstunde, wenn ich mich nicht täusche, selbst etwas Derartiges geäußert: daß Sie sogar die Absicht gehabt hätten, ihn zu erschlagen. ‚Ich habe ihn nicht erschlagen, aber ich wollte ihn erschlagen!‘ riefen Sie aus, soviel ich mich dessen erinnere.“
„Ich soll das ausgerufen haben? Nun ja, das kann sehr wohl sein! Meine Herren, allerdings, zum Unglück wollte ich ihn erschlagen, sogar mehreremal habe ich es gewollt ... zum Unglück, leider!“
„Also, Sie wollten es. Würden Sie nicht auch bereit sein, uns zu erklären, welches die Ursachen Ihres Hasses auf Ihren Vater waren?“
„Was ist da zu erklären, meine Herren!“ sagte Mitjä mit finsterem Gesicht, zuckte mit der einen Schulter und senkte den Blick zu Boden. „Ich habe doch meine Gefühle wahrlich nicht verborgen, die ganze Stadt spricht ja davon, – alle Menschen im Gasthause haben es gehört. Noch vor ein paar Tagen habe ich es im Kloster, in der Zelle des Staretz Sossima erklärt ... Und am Abend desselben Tages habe ich den Vater noch verprügelt und beinahe totgeprügelt, und dann noch geschworen, wiederzukommen und ihn ganz zu erschlagen, und alles in Gegenwart von Zeugen ... Oh, Zeugen gibt es zu Tausenden! Habe ich doch den ganzen Monat zu allen davon gesprochen, alle sind Zeugen! ... Die Tatsache liegt ja auf der Hand, die Tatsache spricht, schreit, aber – die Gefühle, meine Herren, die Gefühle, um die es sich dabei handelt, die sind etwas anderes. Sehen Sie, meine Herren“ (Mitjäs Gesicht verfinsterte sich), „ich glaube, daß Sie nicht berechtigt sind, mich nach meinen Gefühlen zu fragen. Für Sie bin ich natürlich überführt, ich begreife das sehr gut, aber das – das geht nur mich etwas an, das ist meine Sache, meine innere, intime Angelegenheit, jedoch ... da ich auch früher schon meine Gefühle nicht verheimlicht habe ... im Gasthause zum Beispiel, und allen und jedem davon gesprochen habe, so ... so werde ich auch jetzt kein Geheimnis daraus machen ... Sehen Sie, meine Herren, ich begreife sehr gut, daß in diesem Falle schwere Beweise gegen mich vorliegen: ich habe allen gesagt, daß ich ihn totschlagen werde, und plötzlich ist er erschlagen: wer soll es nun getan haben, wenn nicht ich? Ha – ha! Ich entschuldige Sie, meine Herren, ich entschuldige Sie vollkommen. Bin ich doch selbst ganz betroffen, denn wer kann ihn schließlich in diesem Falle erschlagen haben, wenn nicht ich? So verhält es sich doch, nicht wahr? Wenn ich es nicht getan habe, wer dann, wer dann? Meine Herren,“ rief er plötzlich unruhig, „ich will es wissen, ich verlange von Ihnen, daß Sie mir sagen, meine Herren: Wo ist er erschlagen worden? Wie erschlagen, womit und wie? Sagen Sie es mir!“
Sein fragender Blick ging zwischen dem Staatsanwalt und dem Untersuchungsrichter hin und her.
„Wir fanden ihn auf dem Fußboden seines Schlafzimmers ausgestreckt auf dem Rücken liegen. Die Schädeldecke war eingeschlagen,“ sagte der Staatsanwalt.
„Grauenvoll!“ Mitjä fuhr plötzlich zusammen und bedeckte das Gesicht, den Arm auf den Tisch stützend, mit der rechten Hand.
„Wir fahren also fort im Verhör,“ begann wieder der Untersuchungsrichter. „Also: Was war die Ursache Ihres Hasses auf Fedor Pawlowitsch? Ich glaube, Sie haben öffentlich gesagt, daß es Eifersucht gewesen sei?“
„Nun ja, Eifersucht, und nicht nur Eifersucht allein.“
„Und Streit wegen Geld?“
„Nun ja, auch wegen Geld.“
„Und, wenn ich mich nicht täusche, handelte es sich dabei um dreitausend Rubel, die angeblich als ihr Erbteil Ihnen nicht ausgezahlt worden seien?“
„Was für Dreitausend! Mehr, viel mehr!“ rief Mitjä auffahrend, „mehr als sechs, mehr als zehn vielleicht. Ich habe es allen gesagt, überall erzählt! Aber ich hatte schon beschlossen, nun, meinetwegen, mich mit Dreitausend zufrieden zu geben. Diese Dreitausend hatte ich dermaßen nötig, dermaßen ... so daß ich diese dreitausend Rubel, die er, das wußte ich, unter seinem Kopfkissen für Gruschenka bereit hielt, einfach als mein Geld betrachtete, das er von mir gestohlen hatte. Ja, meine Herren, ich hielt es für mein Eigentum, für mein gestohlenes Eigentum ...“
Der Staatsanwalt tauschte mit dem Untersuchungsrichter einen bedeutsamen Blick aus, und es gelang ihm noch, diesem einen kleinen Wink zu geben.
„Auf diesen Punkt werden wir noch später zurückkommen,“ bemerkte sofort der Untersuchungsrichter, „vorläufig erlauben Sie nur, gerade das zu notieren: daß Sie das Geld in jenem Kuvert gleichsam als Ihr Eigentum angesehen haben.“
„Schreiben Sie es nur auf, meine Herren, ich begreife ja sehr gut, daß das wiederum ein Verdachtsmoment gegen mich ist. Aber ich fürchte keine Verdachtsmomente und rede selbst wider mich. Hören Sie, ich selbst! Sehen Sie, meine Herren, Sie halten mich, scheint es, für einen ganz anderen Menschen, als ich bin,“ fügte er finster und traurig hinzu. „Mit Ihnen spricht ein Edelmann, ein Mensch, der wirklich edel ist, das ist das Wichtigste – das bitte ich nicht zu vergessen –, ein Mensch, der eine Unmenge von Schändlichkeiten begangen hat, dessen Gesinnung aber immer edel gewesen und geblieben ist. Ich meine, wenn man mich als Menschen nimmt ... im tiefsten Inneren, nun, mit einem Wort ... Nein, ich verstehe mich nicht auszudrücken ... gerade das hat mich mein ganzes Leben lang gequält, daß ich mich nach dem Edlen gesehnt habe, sozusagen ein Märtyrer des Edlen gewesen bin, ein Mensch, der das Edle mit der Laterne gesucht hat, mit der Laterne des Diogenes, und doch habe ich mein ganzes Leben lang nur Schändlichkeiten begangen, wie wir es ja alle tun, meine Herren ... das heißt, nein, wie ich allein, meine Herren, nicht wie wir alle, sondern wie ich allein, ich versprach mich, wie ich allein, ich allein, meine Herren! ... Mein Kopf tut mir weh,“ sagte er gequält, und seine Brauen zogen sich wie im Schmerz zusammen. „Sehen Sie, meine Herren, mir gefiel sein Äußeres nicht, das Ehrlose an ihm, seine Prahlereien, und daß er alles Heilige unter die Füße trat, sein verhöhnender Spott und seine Gottlosigkeit, – scheußlich, scheußlich! Aber jetzt, da er tot ist, denke ich anders.“
„Inwiefern anders?“
„Nicht anders, aber es tut mir leid, daß ich ihn so gehaßt habe.“
„Sie wollen wohl sagen, daß Sie Reue empfinden?“
„Nein, nicht gerade Reue, schreiben Sie das nicht auf. Ich bin selbst nicht gut, meine Herren, ja, ich bin auch nicht gerade sehr schön, und darum hatte ich gar kein Recht, ihn widerlich zu finden, das ist es! Das können Sie meinetwegen aufschreiben.“
Nachdem Mitjä das gesagt hatte, wurde er plötzlich auffallend traurig. Er war schon seit einiger Zeit immer finsterer geworden. Und da, gerade in diesem Augenblick, kam wieder etwas Unerwartetes dazwischen. Man hatte nämlich Gruschenka zwar aus dem Zimmer entfernt, doch nicht sehr weit fortgebracht: nur in das dritte Zimmer von dem blauen Zimmer, in dem das Verhör stattfand. Es war das ein kleiner einfenstriger Raum, der gleich neben dem großen Zimmer lag, in dem der Chor gesungen und die Mädchen getanzt hatten. Dort saß sie inzwischen, und nur Maximoff war bei ihr. Dieser war über die Maßen betroffen und hatte unglaubliche Angst, weswegen er sich denn auch an sie geradezu angeklammert hatte, als wäre sie seine einzige Rettung. Vor ihrer Tür stand nur ein Bauer mit einem runden Blechschild auf der Brust. Gruschenka weinte, doch plötzlich, als ihr Leid übergroß wurde, sprang sie auf und stürzte mit dem lauten Schrei: „Wehe mir, wehe mir!“ hinaus aus dem Zimmer zu ihrem Mitjä. Das geschah so unerwartet, daß niemand die Geistesgegenwart hatte, sie sofort aufzuhalten. Als Mitjä ihren Schrei hörte, erzitterte er zuerst, dann sprang er wie außer sich auf und stürzte ihr entgegen. Doch man ließ sie wieder nicht zusammen kommen, sie konnten sich nur einen Augenblick sehen. Drei oder vier Männer hielten ihn mit aller Gewalt zurück: er riß seine Arme los, stieß, schlug, aber vergeblich. Auch sie war ergriffen worden, und er sah nur noch, wie sie mit einem Schrei die Arme ihm entgegenstreckte, als sie hinausgebracht wurde. Nachdem dieser Zwischenfall vorüber war, fand er sich, als er zur Besinnung kam, wieder auf seinem Platz gegenüber dem Untersuchungsrichter und heftig auffahrend schrie er ihn an:
„Was hat sie Ihnen getan? Warum quälen Sie sie? Sie ist unschuldig, ganz unschuldig! ...“
Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter beruhigten ihn. So verging einige Zeit, etwa zehn Minuten. Da trat Michail Makarowitsch (der Polizeichef) wieder ein und sagte laut und sichtlich erregt zum Staatsanwalt:
„Sie ist entfernt, sie ist jetzt nach unten gebracht, – gestatten Sie mir, meine Herren, nur ein Wort zu diesem Unglücklichen zu sagen? In Ihrer Gegenwart, meine Herren, in Ihrer Gegenwart!“
„Bitte,“ entgegnete der Untersuchungsrichter, „in diesem Falle haben wir nichts dagegen einzuwenden.“
„Dmitrij Fedorowitsch, höre, mein Sohn,“ begann Michail Makarowitsch zu Mitjä gewandt, und sein Gesicht drückte aufrichtiges, fast väterliches Mitleid mit dem Unglücklichen aus. „Ich habe deine Agrafena Alexandrowna nach unten begleitet und sie dort den Wirtstöchtern übergeben, und außerdem ist noch dieses alte Männchen, der Maximoff, beständig bei ihr, und ich habe ihr zugeredet, hörst du? habe ihr zugeredet und sie beruhigt, ihr erklärt, daß du dich jetzt rechtfertigen mußt, daß sie dich darum nicht stören soll, da sie dich sonst aufregen würde und du dich verwirren und falsch gegen dich aussagen könntest, verstehst du? Na, mit einem Wort, ich habe ihr zugeredet, und sie hat es begriffen. Sie ist ein kluges Weib, sie ist gut, sie wollte sogar mir altem Manne die Hand küssen, und sie hat für dich gebeten. Sie selbst hat mich zu dir geschickt, um dir sagen zu lassen, daß du ihretwegen ruhig sein sollst, aber es ist auch nötig, nötig, daß ich jetzt zu ihr gehe und ihr sage, daß du ruhig bist und dich ihretwegen nicht mehr aufregst. Versteh mich recht und beruhige dich hübsch. Ich fühle, daß ich ihr gegenüber schuldig bin, ich habe mich vorhin fortreißen lassen, sie hat ein echt christliches Herz, jawohl, meine Herren, das ist eine fromme Seele, die keine Schuld kennt. Also, was soll ich ihr nun sagen, Dmitrij Fedorowitsch, wirst du ruhig sein oder nicht?“
Der alte gute Mann sprach viel überflüssiges Zeug, doch Gruschenkas Leid, das aufrichtige Menschenleid hatte sein gutes Herz dermaßen ergriffen, daß ihm Tränen in den Augen standen. Mitjä sprang ungestüm auf.
„Verzeihen Sie, meine Herren, erlauben Sie, oh, erlauben Sie!“ rief er. „Michail Makarowitsch, Sie prächtiger, herzensguter Mensch, ich danke Ihnen für alles, was Sie für sie getan haben! Ich werde, ich werde ruhig sein, werde fröhlich sein, überbringen Sie ihr das in Ihrer Herzensgüte! Sagen Sie ihr, daß ich ganz heiter bin, daß ich sogar lachen werde, da ich jetzt weiß, daß sie in Ihnen einen so guten Schutzgeist hat, Michail Makarowitsch. Ich werde sofort alles erledigen, und sobald ich hier frei bin, komme ich unverzüglich zu ihr, sie wird schon sehen, sie soll nur noch etwas warten! Meine Herren,“ wandte er sich plötzlich an den Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt, „jetzt werde ich Ihnen meine ganze Seele ausschütten, ich werde alles aufdecken, und wir erledigen dann im Augenblick die ganze Geschichte. Zum Schluß werden wir noch lachen, nicht wahr, das werden wir doch? Aber, meine Herren, dieses Weib – das ist die Königin meiner Seele! Oh, erlauben Sie mir, das zu sagen, wenigstens das muß ich Ihnen offenbaren ... Ich sehe doch, daß ich es mit Ehrenmännern zu tun habe. Sie ist mein Licht, sie ist mein Heiligtum, und wenn Sie nur wüßten! Haben Sie ihren Schrei gehört? ‚Mit dir auch in den Tod!‘ – Und was habe ich ihr gegeben, ich Bettler, ich, der ich nichts habe, nichts bin, wofür schenkt sie mir diese Liebe, bin ich denn solcher Liebe wert, bin ich plumpe, schändliche Kreatur mit dem abscheulichen Gesichte solcher Liebe wert, daß sie zusammen mit mir sogar zur Zwangsarbeit verschickt werden will? Um für mich zu bitten, warf sie sich auf die Knie, sie, die Stolze, die unschuldig, ganz und gar unschuldig ist! Wie soll ich sie nun nicht vergöttern, wie soll ich nicht aufschreien, nicht ihr entgegenstürzen, wie vorhin? Oh, meine Herren, verzeihen Sie! Doch jetzt, jetzt bin ich beruhigt.“
Er fiel auf den Stuhl zurück, und das Gesicht mit den Händen bedeckend, schluchzte er plötzlich wie im Krampf auf. Doch das waren glückliche Tränen. Er faßte sich aber sofort. Der alte Polizeichef war sehr zufrieden, und auch die Juristen schienen es zu sein: sie fühlten, daß das Verhör jetzt eine andere Wendung nehmen werde. Mitjä wurde geradezu fröhlich.
„Nun, meine Herren, jetzt gehöre ich Ihnen, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung. Und ... wenn nur nicht alle diese nebensächlichen Kleinigkeiten wären, so würden wir sofort ins reine kommen. Dieser verdammte Kleinkram! – Ich gehöre Ihnen, meine Herren, aber, das schwöre ich Ihnen, die Hauptsache ist beiderseitiges Zutrauen, – Ihrerseits zu mir und meinerseits zu Ihnen, – anders kommen wir nie zu Ende. Ich sage es in Ihrem Interesse. Doch jetzt zur Sache, meine Herren, zur Sache! Die Hauptbedingung: wühlen Sie sich nicht so in meine Seele hinein, quälen Sie sie nicht mit Nebensächlichem, sondern fragen Sie nur, was zur Sache gehört, fragen Sie nach den Tatsachen, und ich werde Sie sofort zufrieden stellen. Mit den unbedeutenden Details aber zum Teufel!“
Das Verhör begann von neuem.
IV. Zweites Purgatorium
„Sie glauben nicht, Dmitrij Fedorowitsch, wie sehr Sie uns durch Ihre Bereitwilligkeit ermutigen ...“ begann Neljudoff, der Untersuchungsrichter, mit belebtem Gesicht und augenscheinlich angenehm berührt, was man am Blick seiner großen, hellgrauen, etwas hervorstehenden Augen sah, die übrigens sehr kurzsichtig waren, und von denen er soeben die Brille abgenommen hatte. „Sie haben da eine vollkommen richtige Bemerkung gemacht in betreff des beiderseitigen Vertrauens, ohne das es bei Verhören von ähnlicher Wichtigkeit nun einmal nicht geht, das heißt in Fällen, wenn der Verdächtigte tatsächlich sich zu rechtfertigen hofft, wenigstens es versuchen will und wahrscheinlich auch kann. Seien Sie überzeugt, daß wir alles tun werden, was an uns liegt. Sie haben auch bereits Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie wir die Sache führen ... Sie stimmen mir doch bei, Hippolyt Kirillowitsch?“ wandte er sich plötzlich an den Staatsanwalt.
„Oh, selbstverständlich,“ bestätigte der sofort, doch war der Ton seiner Worte etwas trocken im Vergleich zur liebenswürdigen Rede des Untersuchungsrichters.
Hier muß ich noch eine Bemerkung hinzufügen: Neljudoff, der, wie bereits erwähnt, erst vor kurzem bei uns angekommen war, hatte gleich, schon seit dem ersten Anfang seiner Tätigkeit in unserer Stadt, für unseren Hippolyt Kirillowitsch eine außerordentliche Hochachtung empfunden und war ihm von Herzen zugetan. Er war vielleicht der einzige Mensch, der einwandlos an die ungewöhnlichen psychologischen und rednerischen Begabungen unseres „zurückgesetzten“ Hippolyt Kirillowitsch glaubte, wie er auch überzeugt war, daß man ihn bei der Beförderung übersehen hatte. Er hatte von ihm schon in Petersburg gehört. Dafür war denn wiederum Neljudoff der einzige Mensch in der ganzen Welt, den unser „beleidigter“ Staatsanwalt aufrichtig liebgewann. Auf dem Wege nach Mokroje hatten sie sich schon über gewisse Punkte besprochen, und so begriff denn Neljudoffs spitzfindiger Verstand sofort die Bedeutung jeden Winkes, jeder Bewegung im Gesichte seines älteren Amtsgenossen: es genügte ihm ein halbes Wort, ein Blick, ein Augenzwinkern.
„Meine Herren,“ fuhr Mitjä geschäftig auf, „überlassen Sie es ruhig mir, alles zu erklären, ich werde alles sachgemäß darstellen, nur bitte ich Sie, mich nicht mit dem Kleinzeug zu unterbrechen.“
„Das ist natürlich das Beste. Ich danke Ihnen. Doch bevor wir dazu übergehen, bitte ich Sie, vorher nur noch eine Tatsache konstatieren zu dürfen, da sie für uns von großer Wichtigkeit ist, nämlich in betreff jener zehn Rubel, die Sie gestern abend, ungefähr um fünf Uhr, von Ihrem Freunde Pjotr Iljitsch Perchotin geborgt haben, wofür Sie ihm Ihre Pistolen als Pfand gaben.“
„Ja, ich hatte sie versetzt, meine Herren, für zehn Rubel versetzt, was ist denn dabei? Und das ist alles. Als ich von der Fahrt in die Stadt zurückgekehrt war, ging ich sofort zu ihm hin und versetzte sie.“
„Ah, Sie waren also ausgefahren? Sie hatten die Stadt verlassen?“
„Ja, ich war ausgefahren, über vierzig Werst war ich gefahren. Wie, und Sie wußten das noch nicht, meine Herren?“
Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter blickten sich flüchtig an.
„Überhaupt ... wie wäre es, wenn Sie Ihre Erzählung mit der systematischen Wiedergabe alles dessen, was Sie gestern seit dem Morgen getan haben, beginnen würden? Erlauben Sie, daß ich Sie zum Beispiel frage: warum verließen Sie die Stadt, wann sind Sie fortgefahren und wann zurückgekehrt ... und alle diese Tatsachen ...“
„Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?“ fragte Mitjä laut auflachend. „Ja, genau genommen, muß man nicht mit dem gestrigen, sondern mit dem vorgestrigen Tage beginnen, vom frühen Morgen an, dann erst werden Sie verstehen können, wie und warum ich ging und fuhr. Ich ging, meine Herren, vorgestern am Vormittag zum hiesigen Großkaufmann Ssamssonoff, um von ihm unter der besten Sicherstellung dreitausend Rubel zu borgen – ich hatte mich plötzlich zu diesem Äußersten entschlossen, meine Herren ...“
„Gestatten Sie, daß ich Sie auf einen Augenblick unterbreche,“ hielt ihn höflich der Staatsanwalt auf, „wozu hatten Sie plötzlich diese Summe nötig, und warum gerade so viel, gerade dreitausend Rubel?“
„Ach, meine Herren, es wäre wirklich besser, es ginge ohne Nebensächlichkeiten! Wie, wann und warum, und warum genau so viel und nicht so viel, und dieses ganze Drum und Dran ... man könnte es nicht einmal in drei Bänden erzählen, es wäre noch ein Epilog erforderlich!“
Mitjä sagte dies mit der gutmütigen, doch ungeduldigen Familiarität eines Menschen, der die ganze Wahrheit sagen will und die besten Absichten hegt.
„Meine Herren,“ rief er sofort, gleichsam sich besinnend, „verzeihen Sie mir die Unhöflichkeit. Ich bitte Sie nochmals, mir zu glauben, daß ich die vollste Ehrerbietung empfinde und sehr gut die gegenwärtige Situation verstehe. Glauben Sie nicht, daß ich betrunken bin. Ich bin bereits ganz nüchtern geworden. Und schließlich, was wäre denn auch dabei, das würde ja weiter nicht stören, denn bei mir ist es doch:
Ist er nüchtern, so ist er klug, d. h. dumm, Ist er trunken, so ist er dumm, d. h. klug.
Ha – ha! Übrigens, ich sehe, meine Herren, daß mir vorläufig noch nicht zusteht, zu scherzen, – vorläufig, das heißt, bis wir ins reine gekommen sind. Erlauben Sie, daß ich die nötige Würde bewahre. Ich begreife doch, was für ein Unterschied augenblicklich zwischen uns besteht: ich sitze ja vor Ihnen als Verbrecher, bin also alles andere, nur nicht auf gleicher Gesellschaftsstufe mit Ihnen, und Ihre Pflicht ist, mich jetzt zu verhören und zu beobachten. Sie werden mir doch für die Verletzung Grigorijs nicht wie einem braven Jungen noch obendrein das Köpfchen streicheln. Es ist ja wahr! Man kann doch nicht alten Männern ungestraft den Schädel einschlagen. Sie werden mich seinetwegen, nun, sagen wir auf ein halbes Jahr, nun, auf ein Jahr ins Zuchthaus einsperren, ich weiß nicht, wie man da bei Ihnen verurteilt wird, – aber doch ohne Verlust meiner Rechte, nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Also wie gesagt, meine Herren, ich begreife vollkommen den Unterschied ... Aber Sie müssen mir auch zugeben, daß Sie mit solchen Fragen selbst Gott den Herrn aus dem Konzept bringen könnten: wo bist du gegangen, wie bist du gegangen, wann bist du gegangen, warum bist du gegangen, und so weiter? Ich kann doch dabei nur konfus werden, und Sie fassen dann alles, was ich sage, buchstäblich als Wahrheit auf und nehmen es natürlich sofort zu Protokoll – was kommt dabei schließlich heraus? Nichts kommt dabei heraus! ... Ach, nun, hol’s der Teufel, habe ich einmal angefangen zu schwatzen, so muß ich mich auch aussprechen, und Sie, meine Herren, verzeihen Sie mir bitte, als Menschen höherer Bildung und Ehrenmänner, die Sie sind. Ich will mit der Bitte schließen: versuchen Sie doch, meine Herren, diese abgedroschenen Verhörsvorschriften in diesem Falle einmal zu vergessen. Da heißt es denn, zuerst mußt du etwas ganz Unwichtiges fragen: wie er aufgestanden ist, was er gegessen hat, wie er gespuckt, und wohin er gespuckt hat, ‚und nachdem auf diese Weise die Aufmerksamkeit des Verbrechers eingeschläfert ist‘, – ihn plötzlich mit der wichtigsten Frage verblüffen: ‚Wie hast du erschlagen, wie bestohlen?‘ Haha! Das ist doch der ganze Bürogeist, der da drinsteckt, das sind doch Ihre Regeln und Formeln, dahinter versteckt sich ja Ihre ganze Schlauheit! Aber mit solchen Kniffen können Sie höchstens Bauern fangen, – nicht mich. Ich kenne doch die Sache, ich bin doch selbst Offizier gewesen und weiß daher, wie es in den Büros hergeht. Hahaha! Ärgern Sie sich nicht, meine Herren, Sie verzeihen mir doch den Ausfall gegen die Pedanten in Ihrem Fach?“ rief er lachend und blickte sie mit einer fast wundernehmenden Gutmütigkeit an. „Das hat doch Mitjä Karamasoff gesagt, folglich kann man es verzeihen, denn einem klugen Menschen kann man es nicht verzeihen, dem Mitjä aber selbstverständlich! Haha!“
Neljudoff hörte zu und lachte gleichfalls. Der Staatsanwalt lachte zwar nicht, beobachtete jedoch Mitjä mit scharfem Blick ungeheuer aufmerksam, als wollte er sich kein einziges Wort, nicht die geringste Bewegung oder Veränderung seines Gesichtes entgehen lassen.
„So haben wir ja auch mit Ihnen zuerst angefangen,“ meinte Neljudoff immer noch lachend, „wir haben an Sie keine einzige Frage von der Art gestellt, wie: Wann sind Sie aufgestanden, was haben Sie gegessen, und so weiter, sondern wir sind gleich auf das Wesentlichste übergegangen.“
„Ich weiß, ich weiß! Ich habe es wohl verstanden und verstehe es auch zu schätzen, und noch mehr schätze ich es, daß Sie so gütig zu mir sind, was Ihrer Gesinnung nur Ehre macht. Wir drei sind hier zusammengekommen, drei Ehrenmänner, und so mag denn auch alles auf dem gegenseitigen Zutrauen gebildeter Menschen beruhen, dreier Menschen derselben Gesellschaftsklasse, die durch ihren Adel und ihre Ehre verbunden sind. Jedenfalls erlauben Sie mir, Sie in dieser Stunde meines Lebens für meine besten Freunde zu halten, gerade in dieser Stunde, da meine Ehre so erniedrigt wird. Das verletzt Sie doch nicht, meine Herren, nicht wahr?“
„Im Gegenteil, Dmitrij Fedorowitsch, Sie haben das alles so vortrefflich ausgedrückt,“ stimmte ihm der Untersuchungsrichter ernst, doch wohlwollend bei.
„Und die Nebensachen, alle diese spitzfindigen Fußangeln zum Teufel,“ rief Mitjä ganz Feuer und Flamme, „sonst kommt doch nur Unsinn heraus, nicht wahr? ...“
„Ich billige vollkommen Ihren vernünftigen Vorschlag,“ unterbrach ihn plötzlich der Staatsanwalt zu ihm gewandt, „indessen kann ich nicht von meiner Frage ablassen. Es ist für uns von gar zu großer Wichtigkeit zu wissen, wozu Sie diese Summe brauchten, warum gerade dreitausend Rubel?“
„Wozu ich sie brauchte? Nun, für dieses und jenes ... nun, sagen wir, um eine Schuld zu bezahlen.“
„An wen zu bezahlen?“
„Das zu sagen, weigere ich mich, meine Herren! Sehen Sie, ich tue es nicht etwa darum, weil ich es nicht sagen kann, oder es nicht wage und mich fürchte, denn das ist doch nur eine Kleinigkeit, die zu erwähnen sich nicht lohnt, sondern ich sage es deshalb nicht, weil es sich hier um mein Prinzip handelt: das ist mein Privatleben, und ich erlaube niemandem, sich in dasselbe einzumischen. Das ist mein Prinzip. Ihre Frage hat mit der Sache nichts zu tun, und alles, was nicht zur Sache gehört, ist meine Privatangelegenheit. Eine Schuld wollte ich abzahlen, eine Ehrenschuld, doch an wen – das sage ich nicht!“
„Gestatten Sie, daß wir dies niederschreiben,“ sagte der Staatsanwalt.
„Bitte. Schreiben Sie es geradeso: daß ich es nicht sage, nicht sage. Schreiben Sie, daß ich es sogar für ehrlos halte, das zu sagen. Weiß Gott, Sie haben aber viel Zeit zum Schreiben!“
„Gestatten Sie noch, mein Herr, Sie daran zu erinnern, falls Sie es nicht wissen sollten,“ sagte sofort mit besonderem und sehr strengem Nachdruck der Staatsanwalt, „daß Sie das volle Recht haben, auf die Fragen, die wir Ihnen vorlegen, die Antwort zu verweigern, und wir wiederum kein Recht haben, die Antworten Ihnen irgendwie abzunötigen, wenn Sie aus diesem oder jenem Grunde nicht antworten wollen. Das hängt ganz von Ihrer persönlichen Erwägung ab. Doch fällt uns hierbei die Aufgabe zu, Sie in solchem Fall auf den Schaden aufmerksam zu machen, den Sie sich selbst dadurch zufügen, wenn Sie sich weigern, die eine oder andere Aussage zu machen.“
„Meine Herren, ich ... ärgere mich ja nicht ... ich ...“ stotterte Mitjä etwas verwirrt durch den Nachdruck der Bemerkung des Staatsanwalts. „Nun ja, dieser selbe Ssamssonoff, zu dem ich damals ging ...“
Ich werde natürlich nicht die ganze Erzählung dessen, was dem Leser bereits bekannt ist, wiederholen. Dmitrij Fedorowitsch wollte alles ganz ausführlich erzählen und doch in seiner Ungeduld möglichst schnell alles abmachen. Aber je mehr er aussagte, um so mehr wurde auch aufgeschrieben, und so mußte er immer wieder unterbrochen werden. Das mißfiel ihm sehr, und er ärgerte sich, wenn auch vorläufig noch in gutmütiger Weise. Allerdings rief er zuweilen: „Meine Herren, das würde selbst einen Gott aus der Haut bringen“ oder: „Meine Herren, wissen Sie auch, daß Sie mich ganz unnütz aufreizen?“ Doch verlor er dabei noch nicht seine freundschaftliche gutmütige Stimmung. So erzählte er denn, wie Ssamssonoff ihn vor zwei Tagen „zum Narren gehabt“ hatte (das hatte er inzwischen vollkommen erraten). Die Mitteilung vom Verkauf der Uhr für sechs Rubel, um sich Geld zur Fahrt zu verschaffen, erweckte sofort das größte Interesse der Juristen, die davon noch nichts gewußt hatten, und zu Mitjäs maßlosem Ärger fanden sie es für nötig, die Tatsache ausführlich aufzuschreiben, als wiederholte Bestätigung dessen, daß er schon am Abend des vorhergehenden Tages keine Kopeke mehr besessen hatte. Mitjäs Gesicht wurde allmählich immer düsterer. Er erzählte noch von der Fahrt zum Ljägawyj und von der Nacht, die er in der dunsterfüllten Stube verbracht hatte, und kam dann auf seine Rückkehr in die Stadt zu sprechen. Hier begann er, ohne darum gebeten zu sein, ausführlich seine Eifersuchtsqualen wegen Gruschenka zu schildern. Man hörte ihm schweigend und aufmerksam zu und merkte sich besonders das eine: daß er schon seit längerer Zeit einen Beobachtungsposten in der Hinterstraße hatte, von wo aus er Gruschenka auflauerte, und daß Ssmerdjäkoff ihm Nachrichten überbrachte. Letzteres wurde ausführlich niedergeschrieben und gut behalten. Von seiner Eifersucht sprach Mitjä erregt und viel, und wenn er sich auch dessen schämte, daß er seine intimsten Gefühle so preisgab, so „schmachvoll“ an die Öffentlichkeit preisgab, so zwang er sich doch immer wieder zur Überwindung seiner Scham, um die ganze Wahrheit zu sagen. Die teilnahmlose Strenge der Blicke des Untersuchungsrichters und besonders des Staatsanwalts, die während der ganzen Zeit seiner Erzählung auf ihn gerichtet waren, verwirrten ihn schließlich ziemlich stark. „Dieser Milchbart, mit dem ich noch vor ein paar Tagen Dummheiten über die Weiber geschwatzt habe, und dieser schwindsüchtige Staatsanwalt sind es wahrlich nicht wert, daß ich so mein Innerstes aufdecke,“ ging es ihm durch den Sinn. „Oh, die Schande! Doch – ‚Trage dein Leid, mein Herz, ergib dich und schweige‘ –.“ Mit diesem Dichterausspruch überwand er seinen traurigen Gedanken und nahm sich von neuem zusammen, um fortzufahren. Als er zur Erzählung seines Besuches bei Frau Chochlakoff kam, ärgerte er sich noch nachträglich über sie und wollte schon eine kleine lustige Anekdote über diese Dame erzählen, die er vor kurzem gehört hatte, doch der Untersuchungsrichter bat ihn höflich, zu „Wesentlicherem“ überzugehen. Endlich, als er seine Verzweiflung schilderte, wie er aus dem Chochlakoffschen Hause hinausgelaufen war und einen Augenblick sogar daran gedacht hatte, wenn nicht anders, irgend jemanden zu erdrosseln, um sich diese Dreitausend zu verschaffen, wurde er wieder unterbrochen, um auch das, daß er jemanden hatte „erdrosseln“ wollen, niederschreiben zu lassen. Mitjä ließ es wortlos geschehen. Schließlich gelangte er bei dem Augenblick an, wo er plötzlich erfahren hatte, daß er von Gruschenka betrogen worden war, und daß sie Ssamssonoff, bald nach seiner Trennung von ihr vor der Haustür, wieder verlassen hatte, während er im Glauben gewesen war, daß sie bis Mitternacht beim Alten bleiben werde. „Wenn ich in dem Augenblick diese Fenjä nicht erschlug, so geschah das nur deshalb nicht, weil ich keine Zeit dazu hatte,“ entfuhr es ihm plötzlich an dieser Stelle. – Und auch das wurde sorgfältig niedergeschrieben. Mitjä wartete mit düsterem Gesicht und wollte darauf zur Erzählung übergehen, wie er zum Vater in den Garten gelaufen war, – als ihn plötzlich der Untersuchungsrichter unterbrach und aus seinem großen Portefeuille, das neben ihm auf dem Sofa lag, und das er jetzt aufschlug, eine messingne Mörserkeule hervorzog.
„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte er Mitjä.
„Ach, ja!“ sagte er, finster lächelnd, „selbstverständlich! Geben Sie her, zeigen Sie mir ... Äh, Teufel, nicht nötig!“
„Sie haben vergessen, seiner Erwähnung zu tun,“ bemerkte der Untersuchungsrichter.
„Ach, Teufel! Ich hätte es wahrlich nicht verheimlicht, da seien Sie unbesorgt, ohne dieses Ding wäre es ja doch nicht gegangen, was meinen Sie? – Ich hatte es im Augenblick nur ganz vergessen.“
„Würden Sie die Güte haben, sachlich zu erklären, wie und wo Sie sich mit dieser Mörserkeule bewaffnet haben.“
„Zu Befehl, ich werde die Güte haben, meine Herren.“
Und Mitjä erzählte, wie er sie bei Fenjä in der Küche ergriffen hatte und dann hinausgelaufen war.
„Was beabsichtigten Sie damit zu tun, welches Ziel hatten Sie im Auge, als Sie sich mit dieser Waffe versahen?“
„Welches Ziel? Überhaupt kein Ziel! Ich nahm sie und lief hinaus.“
„Aber warum nahmen Sie sie denn, wenn Sie kein Ziel im Auge hatten?“
In Mitjä brauste der Unwille auf. Starr blickte er dem „Milchbart“ in die Augen und lächelte finster und boshaft. Der wahre Grund seiner Wut war aber eigentlich der, daß er sich immer mehr dessen schämte, so ausführlich und mit solchen Herzensergüssen „diesen Leuten“ von seiner Eifersucht erzählt zu haben.
„Äh, ich spucke darauf!“ entfuhr es ihm plötzlich.
„Sie meinten? ...“
„Nun, um mich der Hunde zu erwehren ... in der Dunkelheit ... für alle Fälle.“
„Haben Sie auch früher, wenn Sie in der Nacht hinausgingen, eine Waffe mitgenommen, wenn Sie die Dunkelheit so fürchten?“
„Ach, zum Teufel, pfui! Meine Herren, mit Ihnen kann man wirklich nicht reden!“ rief Mitjä über die Maßen gereizt und vor Wut hochrot im Gesicht. Plötzlich wandte er sich zum Schreiber und schrie ihm mit einer Stimme, die die Wut nur zu deutlich verriet, zu:
„Schreibe sofort ... sofort ... daß ich die Mörserkeule ergriffen habe, ‚um hinzulaufen und meinen Vater zu erschlagen, Fedor Pawlowitsch ... durch einen Schlag auf den Schädel!‘ Nun, sind Sie jetzt zufrieden, meine Herren? Hat jetzt Ihre liebe Seele Ruh?“ fragte er mit herausforderndem Blick auf den Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt.
„Wir begreifen sehr gut, daß Sie diese Worte soeben in der Gereiztheit und im Ärger über uns und unsere Fragen gesprochen haben, – über die Fragen, die wir an Sie stellen, und die Sie für Fußangeln oder lächerliche Hintergedanken halten, die aber in Wirklichkeit von großer Wichtigkeit sind und nur zur Sache führen,“ gab der Staatsanwalt trocken zur Antwort.
„Aber erbarmen Sie sich, meine Herren! Ja, ich habe eine Mörserkeule ergriffen ... Nun, wozu nimmt man zuweilen, wenn man erregt ist, irgendeinen Gegenstand in die Hand? Ich weiß nicht, wozu. Ich nahm das Ding und lief hinaus. Und das ist alles. Das ist doch wirklich ... Meine Herren, passons, oder ich schwöre Ihnen, ich sage kein Wort mehr!“
Er setzte den Ellenbogen auf die Tischkante und stützte den Kopf in die Hand. So saß er, halb abgewandt von ihnen und bemühte sich, zur Wand blickend, das in ihm aufsteigende schlechte Gefühl niederzuringen. Er wollte am liebsten sofort aufstehen und erklären, daß er kein Wort mehr sagen werde, „bringen Sie mich meinetwegen aufs Schafott!“
„Meine Herren,“ sagte er plötzlich, nur mit Mühe sich bezwingend, „sehen Sie, ich höre Sie fragen, und es kommt mir dabei vor, wie ... Wissen Sie, ich habe zuweilen einen Traum, sehr oft sogar ... einen ganz besonderen Traum ... Mir träumt, daß mich jemand verfolgt, irgend jemand, vor dem ich mich entsetzlich fürchte, er verfolgt mich in der Dunkelheit, in der Nacht, sucht mich, und ich verstecke mich vor ihm hinter der Tür oder hinter einem Schrank, verstecke mich in ganz erniedrigender Weise, und die Hauptsache ist, er weiß ganz genau, wo ich mich vor ihm verstecke, aber er tut absichtlich, als wüßte er nicht, wo ich bin, er verstellt sich, um mich länger zu quälen, um sich an meiner Angst zu weiden ... Und so machen auch Sie es jetzt! Genau so!“
„Also solche Träume haben Sie?“ erkundigte sich der Staatsanwalt.
„Ja, solche Träume ... Aber wollen Sie das vielleicht nicht auch niederschreiben?“ fragte Mitjä mit boshaft verzogenem Lächeln.
„Nein, das wollen wir nicht niederschreiben, aber immerhin haben Sie doch interessante Träume.“
„Jetzt aber ist es kein Traum mehr! Das ist der Realismus, meine Herren, der Realismus des Lebens! Ich bin der Wolf, Sie sind die Jäger, nun, so hetzen Sie mich denn!“
„Sie haben ganz grundlos diesen Vergleich gemacht ...“ wollte der Untersuchungsrichter mit außerordentlich sanfter Stimme beginnen, doch Mitjä unterbrach ihn.
„Nein, nicht grundlos, meine Herren, nicht grundlos!“ Er brauste wieder auf, doch hatte er durch den Ausbruch des plötzlichen Zornes sein Herz erleichtert, und so wurde er jetzt mit jedem Wort wieder ruhiger und gutmütiger. „Sie können einem Verbrecher oder Verurteilten, den Sie mit Ihren Fragen foltern, meinetwegen nicht glauben, aber an dem edelmütigsten Menschen, meine Herren, an dem edelsten Aufschwung der Seele – das sage ich dreist! – nein! an dem dürfen Sie nicht zweifeln ... dazu haben Sie kein Recht ... aber –
‚Trage dein Leid, mein Herz, Ergib dich und schweige!‘
Nun, was, – soll ich fortfahren?“ brach er finster ab.
„Bitte, haben Sie die Güte,“ antwortete der Untersuchungsrichter.
V. Das dritte Purgatorium
Mitjä sprach zwar in rauhem Tone und mürrisch, doch bemühte er sich augenscheinlich, nicht das geringste zu vergessen, vielmehr alles bis ins kleinste wiederzugeben. Er erzählte, wie er über den Zaun in den Garten des Vaters hinabgesprungen war, wie er sich zum Fenster geschlichen, und was er dort gesehen hatte. Klar, bestimmt, als wolle er jedes Wort prägen, sprach er von seinen Gefühlen, die ihn in jenen Augenblicken im Garten erregt hatten, als er so krampfhaft erfahren wollte, ob Gruschenka beim Vater war oder nicht. Doch sonderbar, sowohl der Staatsanwalt wie der Untersuchungsrichter hörten ihm diesmal mit einer auffallenden Zurückhaltung zu, blickten ihn trocken an und stellten viel weniger Fragen. „Scheinen sich geärgert zu haben und gekränkt zu sein,“ dachte Mitjä, „ach nun, hol sie der Teufel!“ Als er erzählte, wie er sich entschlossen hatte, dem Vater das Zeichen zu geben, daß Gruschenka gekommen sei, um sich zu vergewissern, ob er allein war, und wie der Alte das Fenster geöffnet hatte, da beachtete keiner von den Juristen das Wort „Zeichen“, als ob sie überhaupt nicht verstanden hätten, welche Bedeutung dieses Wort hatte, so daß es selbst Mitjä auffiel. Als er dann schließlich zu dem Augenblick kam, wie er beim Anblick des beleuchteten Profils seines Vaters den Haß in sich auflodern gefühlt und die Mörserkeule aus der Tasche gerissen hatte, da hielt er plötzlich wie absichtlich inne. Er saß und blickte zur Wand und wußte, daß die anderen mit ihren Blicken gleichsam wie gebannt an ihm hingen.
„Nun, und?“ fragte der Untersuchungsrichter, „Sie rissen die Waffe heraus und ... was geschah darauf?“
„Was darauf geschah? Und darauf erschlug ich ihn – zielte genau auf den Scheitel und schlug ihm den Schädel ein ... So muß es doch gewesen sein, nach Ihrer Meinung, nicht wahr?“
Sein ganzer Zorn, der sich bereits besänftigt hatte, erhob sich im Augenblick wieder mit überwältigender Macht.
„Ja, nach unserer Meinung,“ bestätigte der Untersuchungsrichter, „nun, und nach Ihrer?“
Mitjä senkte den Blick und schwieg lange.
„Nach meiner Meinung, meine Herren, meiner Meinung nach war es so,“ sagte er leise. „Waren es jemandes Tränen, war es ein Gebet meiner Mutter zu Gott, oder umschwebte mich ein lichter Geist in jenem Augenblick – ich weiß es nicht, aber der Teufel war niedergerungen. Ich stürzte fort vom Fenster und lief zum Zaun ... Mein Vater erschrak, denn da erst bemerkte er mich: er schrie auf und sprang zurück vom Fenster, – das weiß ich noch ganz genau. Ich aber lief durch den Garten zum Zaun ... und dort war es, wo Grigorij mich einholte und mich am Bein ergriff, als ich schon auf dem Zaun saß ...“
Mitjä erhob endlich den Blick zu seinen Zuhörern. Es schien, daß diese ihn mit der ruhigsten Aufmerksamkeit betrachteten. Da war es Mitjä, als krampfte sich seine Seele vor Unwillen zusammen.
„Aber Sie, meine Herren, Sie machen sich ja jetzt nur lustig über mich!“ unterbrach er sich.
„Wie kommen Sie darauf?“ fragte der Untersuchungsrichter.
„Weil Sie mir kein Wort davon glauben, darum! Ich begreife doch, daß das der Hauptpunkt ist, zu dem ich gekommen bin: mein Vater liegt jetzt dort mit eingeschlagenem Schädel, und ich, – nachdem ich so tragisch geschildert habe, wie ich ihn erschlagen wollte und schon die Mörserkeule herausriß, – ich laufe plötzlich fort vom Fenster ... Das ist doch eine Dichtung! In Versen sogar! Da kann man jedes Wort dem braven Jungen glauben! Haha! Spötter sind Sie, meine Herren!“
Und er drehte sich mit dem ganzen Körper auf dem Stuhl herum, so daß der Stuhl in den Fugen krachte.
„Aber haben Sie vielleicht bemerkt,“ fragte plötzlich der Staatsanwalt, als ob er Mitjäs Aufregung weiter gar nicht beachtete, „haben Sie es nicht zufällig bemerkt, als Sie vom Fenster zum Zaun liefen: war die Tür, die am anderen Ende der Gartenfassade des Hauses liegt, offen oder geschlossen?“
„Nein, sie war nicht offen.“
„Nicht?“
„Sie war sogar verschlossen, und wer konnte sie denn öffnen? Warten Sie, – die Tür!“ rief er plötzlich, gleichsam sich besinnend und fast zusammenzuckend, „– haben Sie die Tür denn etwa offen vorgefunden?“
„Ja, offen.“
„Aber wer hat sie denn öffnen können, wenn Sie es nicht selbst getan haben?“ fragte Mitjä höchst verwundert.
„Die Tür stand weit offen, und der Mörder Ihres Vaters ist zweifellos durch diese Tür eingedrungen, und nachdem er ihn ermordet hatte, wieder durch dieselbe Tür hinausgegangen,“ sagte langsam und deutlich der Staatsanwalt, indem er jede Silbe gleichsam einzeln aussprach. „Das ist uns vollkommen klar. Der Mord ist ganz augenscheinlich im Zimmer verübt worden, und nicht durch das Fenster, was vollkommen deutlich aus der Lokalinspektion hervorgeht, aus der Lage des Körpers und aus allem. Über diesen Punkt kann kein Zweifel bestehen.“
Mitjä war unglaublich betroffen.
„Aber das ist doch unmöglich, meine Herren!“ rief er ganz aus der Fassung gebracht, „ich ... ich bin nicht hineingegangen ... ich, bestimmt, ich versichere Sie, die Tür war die ganze Zeit, während der ich im Garten war, und als ich aus dem Garten hinauslief, verschlossen. Ich stand nur unter dem Fenster, und das war alles, alles ... Ich erinnere mich dessen haarscharf bis zum letzten Augenblick. Und selbst wenn ich mich nicht genau erinnern würde, so weiß ich doch genau, daß das unmöglich ist, denn die Zeichen waren doch nur mir, Ssmerdjäkoff und ihm, dem Toten, bekannt, und ohne diese Zeichen hätte er niemandem auf der Welt die Tür aufgemacht.“
„Zeichen? Was sind denn das für Zeichen?“ fragte sogleich mit gieriger, fast krampfhafter Neugier der Staatsanwalt. Er hatte plötzlich seine ganze gemessene Zurückhaltung verloren.
Er fragte, als wenn er sich vorsichtig heranschleichen wollte. Er witterte eine wichtige Tatsache, die ihm noch unbekannt war, und sofort empfand er auch die größte Angst, Mitjä könnte sie ihm vielleicht nicht ganz aufdecken wollen.
„Ah – ah, und Sie wußten das nicht einmal?“ fragte Mitjä und blinzelte ihm mit mokantem Lächeln spöttisch boshaft zu. „Wenn ich das nun nicht sage? Von wem soll man das dann erfahren? Von diesen Zeichen wußten doch nur der Verstorbene, ich und Ssmerdjäkoff, das sind alle, die was davon wußten, – und noch der Himmel wußte es, aber der wird es Ihnen doch nicht sagen. Und doch – wie interessant ist dieses Pünktchen! Weiß der Teufel, was man noch alles darauf gründen könnte, ha – ha! Beruhigen Sie sich, meine Herren, ich werde es Ihnen sagen. Sie denken sich da sonst wieder Dummheiten zusammen. Überhaupt, Sie wissen gar nicht, mit wem Sie zu tun haben! Sie, meine Herren, haben es mit einem Angeklagten zu tun, der freiwillig gegen sich selbst aussagt, der zu seinem eigenen Nachteil aussagt! Ja, das ist so, denn ich bin ein Mensch von Ehre, Sie aber – sind es nicht!“
Der Staatsanwalt schluckte wortlos alle Pillen hinunter, er zitterte nur vor Ungeduld, diese neue Tatsache zu erfahren. Mitjä erzählte umständlich von den Zeichen und setzte alles genau auseinander, was damit irgendwie in Verbindung stand. Er sagte, daß Fedor Pawlowitsch sie sich für Ssmerdjäkoff ausgedacht hatte, er erklärte ihnen, was das erste Zeichen bedeuten sollte, klopfte sogar die Zeichen auf dem Tisch vor, und auf die Frage des Untersuchungsrichters, ob denn auch er, Mitjä, an das Fenster des Vaters das Zeichen „Gruschenka ist gekommen“, geklopft habe, antwortete er mit fester Stimme, daß er geradeso geklopft habe, so nämlich: tuck-tuck ... tuck-tuck-tuck, – was bedeutete: „Gruschenka ist gekommen“.
„So, jetzt denken Sie sich was Schönes zusammen!“ brach Mitjä kurz ab und wandte sich wieder mit unverhohlener Verachtung von ihnen ab.
„Und um diese Zeichen wußten nur Ihr verstorbener Vater, Sie und der Diener Ssmerdjäkoff? Und sonst niemand?“ erkundigte sich noch einmal der Untersuchungsrichter.
„Ja, der Diener Ssmerdjäkoff und dann noch der Himmel. Schreiben Sie auch den Himmel auf; das wird nicht überflüssig sein; und auch Ihnen wird Gott noch zustatten kommen.“
Natürlich begann wieder das Schreiben, doch als man damit fertig war, fragte der Staatsanwalt unvermittelt, als ob ihm ganz plötzlich ein neuer Gedanke gekommen wäre:
„Aber wenn um diese Zeichen auch Ssmerdjäkoff gewußt hat und Sie auf das bestimmteste jede Schuld am Tode Ihres Vaters von sich weisen, so fragt sich doch, ob nicht er durch das verabredete Zeichen Ihren Vater veranlaßt hat, ihm die Tür aufzumachen und dann also ... ob nicht Ssmerdjäkoff den Mord verübt hat?“
Mitjä blickte mit unsäglich spöttischem, doch zu gleicher Zeit auch sprühend haßerfülltem Blick dem Staatsanwalt in die Augen. Lange und wortlos sah er ihn so an, bis schließlich der Staatsanwalt zu blinzeln begann.
„Da haben Sie wieder den Fuchs gefangen!“ sagte Mitjä, endlich das Schweigen brechend, „und dem schlauen Tier den Schwanz eingeklemmt, haha! Ich durchschaue Sie vortrefflich, Herr Staatsanwalt. Sie glaubten wohl, daß ich sofort aufspringen und mich an das klammern werde, was Sie mir vorgesagt haben, daß ich sofort losschreien werde: ‚Ah, richtig, Ssmerdjäkoff, das ist der Mörder!‘ Gestehen Sie nur, daß Sie gerade etwas in der Art erwartet haben, gestehen Sie es, dann werde ich fortfahren.“
Doch der Staatsanwalt gestand nichts. Er schwieg und wartete.
„Sie haben sich verrechnet, ich werde nicht Ssmerdjäkoff beschuldigen!“ sagte Mitjä.
„Und Sie verdächtigen ihn nicht einmal?“
„Verdächtigen Sie ihn denn?“
„Auch dieser Verdacht ist geäußert worden.“
Mitjä blickte stumpf zu Boden.
„Meine Herren, Scherz beiseite,“ sagte er düster. „Hören Sie mich: Ganz zuerst, ja bereits in dem Augenblick, als ich von dort“ – er wies auf die Portiere – „hervorgestürzt war und Sie alle hier erblickte, zuckte mir schon dieser Gedanke durch den Kopf: ‚Ssmerdjäkoff!‘ dachte ich sofort. Darauf saß ich hier am Tisch und schrie, daß ich unschuldig bin an diesem Blut, und bei mir denke ich die ganze Zeit: ‚Ssmerdjäkoff, bestimmt Ssmerdjäkoff!‘ Und meine Seele konnte diesen Ssmerdjäkoff nicht loswerden. Und schließlich jetzt ... dachte ich plötzlich gleichfalls ‚Ssmerdjäkoff‘, aber nur einen Augenblick, gleich darauf dachte ich: ‚Nein, nicht Ssmerdjäkoff!‘ Das ist keine Tat für ihn, meine Herren!“
„Haben Sie auch keinen Verdacht an einen anderen Menschen?“ fragte vorsichtig der Untersuchungsrichter.
„Ich weiß nicht, wer oder was ... ob die Hand des Himmels oder des Teufels ihn erschlagen hat, aber ... jedenfalls nicht Ssmerdjäkoff!“ sagte Mitjä bestimmt.
„Aber warum behaupten Sie denn so überzeugt und so nachdrücklich, daß er es nicht sei?“
„Nach meiner Überzeugung, nach dem Eindruck, den er auf mich gemacht hat. Weil Ssmerdjäkoff einer der niedrigsten Menschen und ein furchtbarer Feigling ist. Oh, der ist nicht nur ein Feigling, der ist die Quintessenz aller Feigheiten in der Welt zusammengenommen, die jetzt in Menschengestalt auf zwei Beinen geht. Er ist von einem Huhn geboren ... Wenn er mit mir sprach, so zitterte er vor Angst, ich könnte ihn erschlagen, während ich ihn doch mit keinem Finger anrührte, nicht einmal die Hand erhob. Er fiel vor mir auf die Knie nieder und weinte, – er hat mir sogar einmal diese selben Stiefel geküßt, buchstäblich geküßt und mich angefleht, ihn ‚nicht zu ängstigen‘. Hören Sie, ‚nicht zu ängstigen‘ – was ist das für ein Wort? Ich habe ihn sogar beschenkt. Das ist ein kränkliches Huhn, das außerdem noch die Fallsucht hat, ein Mensch mit einem schwachen Verstande, einer, den jeder achtjährige Knabe verprügeln kann. Ist denn das überhaupt ein Mensch? Nein, Ssmerdjäkoff kann es nicht gewesen sein, meine Herren. Und auch aus Geld macht er sich nichts, er wollte nicht einmal was für seine Dienste von mir annehmen ... Und warum hätte er ihn denn erschlagen sollen? Er ist doch vielleicht sein Sohn, sein unehelicher Sohn, wissen Sie das auch?“
„Wir haben von diesem Gerücht gehört. Aber auch Sie haben doch gesagt, daß Sie Ihren Vater erschlagen wollten.“
„Ah, Sie werfen einen Stein in meinen Garten, wie man zu sagen pflegt, damit ich es nicht vergesse! Ein schmachvoller, gemeiner Stein ist es, meine Herren! Ich aber fürchte mich nicht! Meine Herren, ich verstehe nicht, wie Sie, Sie mir das ins Gesicht sagen können! Das ist niedrig von Ihnen, niedrig, weil ich selbst Ihnen gesagt habe, daß ich ihn nicht nur erschlagen wollte, sondern sogar erschlagen konnte, und ich habe noch freiwillig gestanden, daß ich ihn beinahe auch wirklich erschlagen hätte! Aber ich habe ihn doch nicht erschlagen! Davor hat mich doch mein Schutzengel bewahrt! – das ist es, was Sie noch nicht bedacht haben ... Und darum ist es niedrig, niedrig von Ihnen! Hören Sie, Herr Staatsanwalt: Ich habe ihn nicht erschlagen!“
Er atmete schwer. Noch war er während des ganzen Verhörs kein einziges Mal so erregt gewesen.
„Aber was hat er Ihnen denn gesagt, der Ssmerdjäkoff?“ fragte er plötzlich auffahrend, nach einem kurzen Schweigen. „Darf ich Sie danach fragen?“
„Durchaus. Sie können uns alles fragen, was den Tatbestand betrifft,“ antwortete der Staatsanwalt mit kalter und strenger Miene, „und wir sind, ich wiederhole es, sogar verpflichtet, auf jede Ihrer Fragen einzugehen. Wir fanden den Diener Ssmerdjäkoff, nach dem Sie sich erkundigen, bewußtlos vor, in einem sehr starken Epilepsieanfall, der sich vielleicht zum zehntenmal wiederholte. Der Arzt, der mit uns gekommen war und den Kranken untersuchte, sagte uns, daß er wahrscheinlich nicht mehr bis zum Morgen leben wird.“
„Nun, dann hat der Teufel den Vater erschlagen!“ entfuhr es Mitjä plötzlich, als hätte er sich sogar bis zu diesem letzten Augenblick noch immer zweifelnd gefragt: „Ist es Ssmerdjäkoff oder nicht Ssmerdjäkoff?“
„Darauf werden wir noch später zurückkommen,“ entschied der Untersuchungsrichter, „würden Sie jetzt nicht Ihre Aussagen fortsetzen wollen.“
Mitjä bat, sich einen Augenblick erholen zu dürfen. Das wurde ihm höflich erlaubt. Nachdem er eine Weile still vor sich hingesonnen hatte, fuhr er fort. Es wurde ihm aber augenscheinlich schwer. Er war abgequält, beleidigt und moralisch erschüttert. Zudem begann der Staatsanwalt – jetzt bereits ganz absichtlich – ihn durch immerwährende „dumme“ Fragen nach den „geringfügigsten Nebensachen“ zu reizen. Kaum hatte Mitjä erzählt, wie er, auf dem Zaune sitzend, Grigorij mit der Mörserkeule auf den Kopf geschlagen hatte, da er von diesem am linken Bein festgehalten worden war, als ihn der Staatsanwalt auch schon unterbrach und ihn bat, genauer zu beschreiben, wie er auf dem Zaun gesessen hatte. Mitjä wunderte sich darüber.
„Herrgott, ich saß oben auf dem Zaun, rittlings, wie man eben auf einem Zaune sitzt: das eine Bein hier, das andere dort ...“
„Und die Mörserkeule?“
„Die Mörserkeule hatte ich in der Hand.“
„Nicht in der Tasche? Erinnern Sie sich dessen so genau? Holten Sie weit aus zum Schlage?“
„Wahrscheinlich, aber warum fragen Sie das?“
„Würden Sie vielleicht die Güte haben, sich so auf den Stuhl zu setzen, wie Sie damals auf dem Zaun saßen, und uns das anschaulich vorzumachen, wie Sie ausholten, nach welcher Seite hin, und wie Sie geschlagen haben?“
„Wollen Sie sich etwa über mich lustig machen?“ fragte Mitjä, und er maß den Staatsanwalt mit stolzem Blick von oben bis unten. Doch der zuckte mit keiner Wimper.
Mitjä wandte sich brüsk um, setzte sich rittlings auf den Stuhl und holte mit der Hand wie zum Schlage aus.
„So habe ich geschlagen! So! Was wollen Sie jetzt noch?“
„Ich danke Ihnen. Würden Sie sich jetzt vielleicht die Mühe nehmen, uns genau zu erklären: Warum Sie eigentlich nochmals hinabsprangen, zu welchem Zweck, welch eine Absicht hatten Sie, als Sie es taten?“
„Nun, Teufel ... ich sprang einfach zum verletzten Alten hinab ... Ich weiß nicht, wozu!“
„Während Sie so erregt waren? – und auf der Flucht?“
„Ja, ich war erregt und auf der Flucht.“
„Wollten Sie ihm helfen?“
„Was helfen! ... Ja, vielleicht auch helfen, ich weiß es nicht mehr.“
„Ohne zu wissen, was Sie taten? Das heißt, Sie waren wohl etwas ... gewissermaßen besinnungslos?“
„Oh, nein, durchaus nicht, ich erinnere mich des Vorganges ganz genau, bis aufs letzte. Ich sprang in den Garten zurück, um zu sehen, was ich angerichtet hatte, und ich wischte ihm das Blut mit meinem Taschentuch ab.“
„Wir haben Ihr Taschentuch gesehen. Sie hofften den Verletzten ins Leben zurückzurufen?“
„Ich weiß nicht, ob ich es noch hoffte. Ich wollte mich einfach nur überzeugen, ob er noch lebte oder nicht.“
„Aha, Sie wollten sich also überzeugen. Nun, und überzeugten Sie sich?“
„Ich bin kein Arzt, ich konnte nicht feststellen, ob er tot war oder noch lebte. Ich lief fort im Glauben, daß ich ihn erschlagen hätte – und da ist er nun wieder zu sich gekommen!?“
„Vorzüglich, ich danke Ihnen,“ schloß der Staatsanwalt. „Das war alles, was ich wissen wollte. Bitte, fahren Sie fort.“
Armer Mitjä! Es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, zu sagen – obgleich er sich dessen sehr wohl erinnerte –, daß er aus Mitleid hinabgesprungen war, daß er sogar beim Anblick des vermeintlich Erschlagenen traurig vor sich hingemurmelt hatte: „Bist mir in den Weg gekommen, armer Alter, nun, so liege denn.“ Daher schloß der Staatsanwalt aus seinen Aussagen, daß Mitjä „in jenem Augenblick und trotz seiner Aufregung“ nur zu dem einen Zweck hinabgesprungen war, um sich zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seines Verbrechens lebte oder tot war. Wie groß mußte folglich die Entschlossenheit, Kaltblütigkeit und Überlegungskraft dieses Menschen selbst in „solch einem Augenblick“ gewesen sein usw. usw. Der Staatsanwalt war sehr zufrieden. Er hatte einen nervösen Menschen „durch Kleinigkeiten so weit gereizt, daß der sich doch noch versprochen hatte“.
Mitjä fuhr gepeinigt zu erzählen fort. Er wurde aber alsbald wieder unterbrochen; diesmal vom Untersuchungsrichter.
„Wie konnten Sie zur Magd Fedossja Markowna in die Küche gehen, da Sie doch blutbefleckte Hände hatten?“
„Aber ich wußte es doch gar nicht, ich hatte es ja gar nicht bemerkt, daß ich blutig war!“ sagte Mitjä.
„Diese Aussage ist sehr glaubwürdig, das kommt sehr oft in solchen Fällen vor,“ sagte der Staatsanwalt mit einem Blick auf den Untersuchungsrichter.
„Tatsächlich, ich hatte es überhaupt nicht bemerkt, da haben Sie ganz recht, Herr Staatsanwalt,“ bestätigte Mitjä nochmals.
Darauf folgte die Erzählung von seinem plötzlichen Entschluß, sich zu „beseitigen“ und „die Glücklichen ungestört an sich vorübergehen zu lassen“. Doch konnte er nicht mehr, wie kurz vorher, von der „Königin seiner Seele“ erzählen und sein Herz aufdecken. Es wäre ihm zu peinvoll, zu qualvoll und zuwider gewesen, davon vor diesen kalten Menschen zu reden, die sich „wie Wanzen an mir festgesogen haben“. Und darum antwortete er auf die wiederholte Frage nur kurz und schroff:
„Nun, ich beschloß einfach, mich zu erschießen. Wozu sollte ich noch leben? – Diese Frage stellte sich ganz von selbst. Ihr ... Derjenige, dem ihre erste Liebe gehört hatte, ihr Beleidiger war mit seiner Liebe zurückgekehrt, um nach fünf Jahren das Vergangene wieder gutzumachen und um sie zu heiraten. Nun und da begriff ich, daß für mich alles verloren war ... Und hinter mir lag dieses Blut, das Blut Grigorijs ... Wozu da noch leben? Nun, und so ging ich denn zu Perchotin, um die versetzten Pistolen auszulösen, um sie zu laden und mir bei Sonnenaufgang eine Kugel vor den Kopf zu schießen ...“
„Und in der Nacht noch ein tolles Gelage?“
„Ja, ein tolles Gelage. Ach zum Teufel, kommen Sie schneller zu einem Schluß, meine Herren. Erschießen wollte ich mich unbedingt ... hier, nicht weit, ungefähr um fünf Uhr morgens, und in meiner Tasche lag schon der Zettel bereit ... den hatte ich bei Perchotin geschrieben, als die Pistole geladen war. Hier ist das Ding, lesen Sie. Nicht Ihnen erzähle ich das!“ fügte er plötzlich verächtlich hinzu. Er hatte das Papier aus der Westentasche hervorgezogen und auf den Tisch geworfen. Die Juristen lasen interessiert, was er am Abend vorher geschrieben hatte. Der Zettel wurde, wie es sich gehört, ins Protokoll aufgenommen.
„Und die Hände zu waschen fiel Ihnen noch immer nicht ein, selbst als Sie bei Herrn Perchotin eintraten? So fürchteten Sie also keinen Verdacht?“
„Was für einen Verdacht? Verdacht – oder nicht, das war mir ganz egal ... ich hatte doch schon beschlossen, nach Mokroje zu fahren und mich hier bei Sonnenaufgang zu erschießen, und niemand hätte vorher was erfahren oder mich daran hindern können. Denn wenn nicht dieser Zufall mit dem Vater dazwischen gekommen wäre, so hätten Sie doch nicht so bald von dem Vorgefallenen erfahren, und wären dann natürlich auch nicht hergekommen. Oh, das hat der Teufel getan, der Teufel hat den Vater erschlagen, durch den Teufel haben auch Sie es so schnell erfahren! Wie sind Sie nur so schnell hergekommen? Das ist doch wahrlich kaum glaublich!“
„Herr Perchotin hat uns mitgeteilt, daß Sie, als Sie bei ihm eingetreten sind, in der Hand ... in der blutigen Hand Ihr Geld gehalten haben ... ein ganzes Paket Hundertrubelscheine – und das hat der Knabe, der bei ihm aufwartet, gleichfalls gesehen.“
„Ja, so war es, ich erinnere mich dessen.“
„Jetzt gilt es, hier noch eine kleine Frage zu erledigen. Können Sie uns vielleicht mitteilen,“ begann äußerst milde der Untersuchungsrichter, „wo Sie plötzlich soviel Geld hergenommen hatten, da doch aus dem Tatbestand und aus der Zeitberechnung klar hervorgeht, daß Sie von Fedossja Markowna direkt zu Herrn Perchotin gegangen sind, sich also nicht vorher in Ihre Wohnung begeben haben?“
Der Staatsanwalt runzelte ein wenig die Stirn über die so auf die Spitze getriebene Frage, aber er unterbrach Neljudoff nicht.
„Nein, ich bin allerdings nicht nach Haus gegangen,“ antwortete Mitjä offenbar sehr ruhig, doch hielt er den Blick zu Boden gesenkt.
„In diesem Fall erlauben Sie wohl,“ fuhr Neljudoff gleichsam näherschleichend fort, „meine Frage zu wiederholen: Woher nahmen Sie plötzlich eine so große Summe, wenn Sie, nach Ihrer eigenen Aussage, noch um fünf Uhr ...“
„Wenn ich um fünf Uhr noch kein Geld hatte und für zehn Rubel die Pistolen bei Perchotin versetzte, dann Frau Chochlakoff um dreitausend Rubel anborgen wollte und von der nichts bekam, und so weiter die ganze Litanei,“ unterbrach Mitjä gereizt. „Ja, sehen Sie mal, meine Herren, um fünf Uhr keine zehn Rubel, und da plötzlich Tausende in den Fingern, – verdächtig, wie? Wissen Sie, meine Herren, Sie zittern ja jetzt alle beide vor Angst, ‚er könnte am Ende nicht sagen, wo er das Geld hergenommen hat, und was dann?‘ Ja, so ist es auch, meine Herren: Ich sage es nicht, Sie haben es erraten, Sie werden es nicht erfahren,“ sagte Mitjä entschlossen und bestimmt.
Die Juristen schwiegen beide eine Weile.
„Sie sehen doch ein, Herr Karamasoff, daß das zu erfahren für uns von großer Wichtigkeit ist,“ sagte schließlich ruhig und bescheiden der Untersuchungsrichter.
„Ich sehe dies vollkommen ein, aber ich sage es trotzdem nicht.“
Da mischte sich auch der Staatsanwalt hinein und erinnerte wieder daran, daß der Angeklagte zwar nicht zu antworten brauchte, wenn er das für sich für vorteilhafter hielt usw., doch hinsichtlich des Schadens, den sich der Angeklagte durch das Verschweigen seiner Geldquelle zufüge, und besonders noch, da es sich dabei um eine Frage von solcher Wichtigkeit handelte, so ...
„Und so weiter, meine Herren, und so weiter. Genug, ich habe den Sermon schon gehört!“ unterbrach Mitjä wieder ungeduldig. „Ich begreife selbst sehr gut, von welcher Wichtigkeit diese Frage ist, daß es der Hauptpunkt ist, aber ich sage es trotzdem nicht!“
„Uns kann es ja schließlich gleichgültig sein, das ist nicht unsere Sache, sondern Ihre, und Sie schaden sich dadurch nur,“ bemerkte der Untersuchungsrichter etwas gereizt.
„Scherz beiseite, meine Herren, sehen Sie: –“ Mitjä erhob den Blick und sah sie beide fest an. „Ich hab es schon gleich zu Anfang vorausgefühlt, daß wir gerade in diesem Punkt mit den Köpfen aneinanderprallen würden. Als ich meine Aussagen begann, lag alles andere noch neblig in weiter Ferne, alles wogte noch verschwommen durcheinander, und ich war sogar so naiv, daß ich mit dem Vorschlag, ‚uns gegenseitig volles Vertrauen zu schenken‘ begann. Jetzt sehe ich ein, daß von Vertrauen hier überhaupt nicht die Rede sein kann, denn wir mußten doch einmal auf diesen verfluchten Punkt stoßen. Nun, und jetzt sind wir auch glücklich da angelangt! Es geht nicht, und das genügt. Übrigens, ich mache Ihnen keine Vorwürfe, Sie können mir nicht aufs Wort glauben, das begreife ich doch!“
Er verstummte. Sein Gesicht war düster.
„Aber könnten Sie nicht, ohne im geringsten Ihren Entschluß, das Hauptsächlichste zu verschweigen, aufzugeben, könnten Sie uns nicht trotzdem wenigstens einen kleinen Wink geben oder andeuten, welcher Art die Gründe sind, die Sie zu einer so gefährlichen, für Sie gefährlichen Verheimlichung eines so wichtigen Punktes bewegen?“
Ein trauriges und gleichsam nachdenkliches Lächeln erschien auf Mitjäs Lippen.
„Ich bin sogar viel gütiger, als Sie von mir glauben, meine Herren. Ich werde Ihnen sagen, warum ich es nicht tun kann, und werde Ihnen auch den gewünschten Wink geben, obgleich Sie das eigentlich gar nicht wert sind. Hören Sie, meine Herren, ich verschweige es darum, weil darin eine Schmach für mich liegt. Jawohl, in der Antwort auf die Frage: Woher ich dieses Geld genommen habe, liegt für mich eine Schmach, mit der man selbst die Ermordung und Beraubung meines Vaters nicht vergleichen könnte – wenn ich ihn erschlagen und beraubt hätte. Das ist der Grund, warum ich es nicht sagen kann. Wegen der Schande kann ich es nicht. Wie, meine Herren, Sie wollen auch das niederschreiben?“
„Ja, das muß aufgeschrieben werden,“ sagte der Untersuchungsrichter.
„Das sollten Sie lieber nicht tun, meine Herren, das von der ‚Schmach‘. Das habe ich Ihnen doch nur aus Anständigkeit gesagt, ich hätte es nicht zu sagen gebraucht, ich habe es Ihnen sozusagen geschenkt. Und Sie wollen das gleich schwarz auf weiß niederschreiben! – Ach nun, schreiben Sie, schreiben Sie, was Sie wollen,“ brach er verächtlich und gereizt ab, „– ich fürchte Sie nicht und ... bleibe stolz vor Ihnen!“
„Und würden Sie nicht auch sagen, welcher Art diese Schmach wäre?“ fragte wieder freundlich der Untersuchungsrichter.
Der Staatsanwalt runzelte geärgert die Stirn.
„Nein, c’est fini, geben Sie sich weiter keine Mühe. Und wozu sich besudeln? Hab mich schon sowieso an Ihnen besudelt. Sie sind es nicht wert, weder Sie noch sonst jemand ... Genug davon, meine Herren, ich sage nichts mehr.“
Es war gar zu bestimmt gesagt. Der Untersuchungsrichter gab es auf, weiter in ihn zu dringen, doch da sah er am Blick des Staatsanwalts, daß dieser die Hoffnung noch nicht verloren hatte.
„Aber können Sie nicht wenigstens das eine angeben: Wie groß war die Summe, die Sie in der Hand hielten, als Sie bei Herrn Perchotin eintraten, wieviel Rubel waren es?“
„Nein, das will ich nicht angeben.“
„Herrn Perchotin haben Sie, glaube ich, gesagt, daß es dreitausend gewesen seien, die Sie angeblich von Frau Chochlakoff erhalten hätten.“
„Es ist möglich, daß ich ihm das gesagt habe. Aber genug, meine Herren, ich sage nicht, wieviel es waren.“
„Dann haben Sie wohl die Güte, zu erzählen, wie Sie hierher nach Mokroje gefahren sind, und alles, was Sie nach der Ankunft hier getan haben.“
„Ach Gott, fragen Sie das doch hier die Leute. Aber, übrigens, ich kann es ja meinetwegen auch selbst erzählen.“
Er erzählte trocken, flüchtig. Von seiner Liebe sprach er kein Wort. Dafür aber erzählte er, wie er den Entschluß, sich zu erschießen, aufgegeben hatte, „infolge der veränderten Lage der Dinge“. Er erzählte, ohne zu begründen, ohne auf die Einzelheiten einzugehen. Und auch die Juristen unterbrachen ihn nicht mehr; es waren das für sie augenscheinlich Nebensachen, die sie weniger interessierten.
„Das werden wir noch alles nachprüfen, da wir darauf beim Verhör der Zeugen zurückkommen müssen; dasselbe wird selbstverständlich in Ihrer Gegenwart stattfinden,“ sagte der Untersuchungsrichter und schloß damit das Verhör. „Jetzt aber werden Sie vielleicht so freundlich sein, alles hierher auf den Tisch zu legen, was Sie bei sich haben, und vor allem das ganze Geld, welches sich augenblicklich in Ihrem Besitze befindet.“
„Das Geld, meine Herren? Bitte, ich verstehe, daß das notwendig ist. Es wundert mich, daß Sie nicht schon früher Ihre Neugier zu befriedigen versucht haben. Allerdings, ich saß ja unter Ihren Augen, wäre ja auch nicht fortgegangen. Nun, hier ist es, mein ganzes Geld, zählen Sie mal nach, nehmen Sie. So, – das ist alles, glaube ich.“
Er durchsuchte seine sämtlichen Taschen und zog alles hervor, was er an Geldstücken fand, selbst das Kleingeld. In seiner Westentasche fand er noch zwei Zwanziger. Man zählte das Geld, und es zeigte sich, daß es nur achthundertsechsunddreißig Rubel und vierzig Kopeken waren.
„Und das ist alles?“ fragte der Untersuchungsrichter.
„Alles.“
„Sie sagten soeben, als Sie Ihre Aussagen machten, daß Sie in der Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff dreihundert Rubel bezahlt haben. Herrn Perchotin haben Sie zehn Rubel gegeben, für die Fahrt zwanzig, hier haben Sie zweihundert verspielt, dann ...“
Der Untersuchungsrichter rechnete alles zusammen, was Mitjä noch außerdem bezahlt hatte, und Mitjä half ihm dabei bereitwillig. Jeder Kopeke erinnerte man sich, und alles wurde aufgeschrieben. Darauf rechnete der Untersuchungsrichter oberflächlich die Zahlen zusammen.
„Folglich müssen Sie mit diesen achthundert anfänglich ungefähr tausendfünfhundert Rubel gehabt haben?“
„Folglich,“ sagte Mitjä trocken.
„Wie kommt es aber, daß alle behaupten, Sie hätten viel mehr gehabt?“
„Mögen sie es doch behaupten.“
„Und Sie selbst haben es doch gleichfalls behauptet.“
„Ja, auch ich habe es behauptet.“
„Das werden wir noch kontrollieren ... beim Verhör der anderen Personen. Ihres Geldes wegen beunruhigen Sie sich nicht, es wird, wie es sich gehört, aufbewahrt werden und nach Beendigung des ganzen ... zu Ihrer Verfügung stehen, wenn es sich erweist, oder vielmehr, wenn bewiesen wird, daß Sie auf dasselbe unstreitiges Anrecht besitzen. Nun, und jetzt ...“
Der Untersuchungsrichter erhob sich und erklärte Mitjä mit fester Stimme, daß er gezwungen und verpflichtet sei, eine genaue Untersuchung und Besichtigung „sowohl Ihrer Kleider als auch alles übrigen“ vorzunehmen ...
„Bitte, meine Herren, ich kann alle Taschen umkehren, wenn Sie wollen.“
Und er machte sich allen Ernstes daran, seine Taschen umzukehren.
„Nein, Sie werden sich entkleiden müssen.“
„Was? Entkleiden? Pfui Teufel! Untersuchen Sie doch so! Geht es denn nicht auch so?“
„Das ist unmöglich, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden Ihre Kleider ablegen müssen.“
„Wie Sie wollen,“ brummte Mitjä, der sich schließlich mit finsterer Miene fügte, „nur bitte nicht hier, sondern wenigstens hinter dem Vorhange. Wer wird denn die Besichtigung vollziehen?“
„Natürlich hinter dem Vorhange,“ sagte der Untersuchungsrichter und nickte zum Zeichen des Einverständnisses noch mit dem Kopf. Sein junges Gesicht drückte eine ganz besondere Wichtigkeit aus.
VI. Der Staatsanwalt
Es begann etwas, was Mitjä nie erwartet hätte, und was ihn nicht wenig in Erstaunen setzte. Nie im Leben hätte er gedacht, selbst im letzten Augenblick nicht, daß jemand so mit ihm umgehen könnte, mit Dmitrij Karamasoff! Vor allem lag darin etwas Erniedrigendes für ihn: etwas so „Anmaßendes und Nichtachtendes“ seiner Person. Es wäre weiter nicht schlimm gewesen, hätte er den Rock ausziehen müssen; man ersuchte ihn aber, sich noch weiter zu entkleiden. Und eigentlich ersuchte man ihn nicht einmal darum, sondern man befahl es ihm geradezu – was er nur zu gut fühlte. Aus Stolz und Verachtung unterwarf er sich wortlos. Außer dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt traten hinter den Vorhang, um der Durchsuchung beizuwohnen, auch noch einige Bauern, „natürlich zur Sicherheit,“ dachte Mitjä, „vielleicht aber auch zu einem anderen Zweck“.
„Was, soll ich etwa auch noch das Hemd ausziehen?“ fragte er scharf; doch der Untersuchungsrichter antwortete ihm nicht; er war mit dem Staatsanwalt in die Besichtigung des Rockes, der Beinkleider, der Weste und der Mütze vertieft, und man sah es ihnen an, daß die Untersuchung sie beide ungemein interessierte. „Die genieren sich wahrlich nicht ein bißchen,“ dachte Mitjä, „nicht einmal die nötige Höflichkeit beobachten sie.“
„Ich frage Sie zum zweitenmal: Soll ich das Hemd ausziehen oder nicht?“ fragte er noch schärfer und gereizter.
„Beunruhigen Sie sich nicht, wir werden es Ihnen sagen,“ antwortete der Untersuchungsrichter in etwas obrigkeitlichem Ton. Wenigstens schien dies Mitjä so.
Mittlerweile fand zwischen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt eine eifrige halblaute Beratung statt. Auf dem linken Rockschoß hatten sie große Blutflecken entdeckt, die bereits ganz trocken und hart waren. Desgleichen fanden sie auch auf den Beinkleidern Blutflecke. Der Untersuchungsrichter befühlte eigenhändig in Gegenwart der Bauernzeugen den Rockkragen, die Aufschläge und alle Nähte der Kleidungsstücke, – offenbar suchte er nach etwas, und das konnte natürlich nur Geld sein. Doch das Kränkendste für Mitjä war, daß sie ihren Verdacht nicht einmal verbargen, den Verdacht, er hätte das Geld in seine Kleider einnähen können. „Sie gehen ja wirklich mit mir um, als hätten sie es mit einem Diebe und nicht mit einem Offizier zu tun,“ dachte er ingrimmig. Und ihre Gedanken teilten sie sich untereinander geradezu verblüffend offen und ungeniert mit. So lenkte zum Beispiel der Schriftführer, der gleichfalls hinter den Vorhang gekommen war, eifrig zuhörte und untersuchen half, die Aufmerksamkeit des Untersuchungsrichters auf die Mütze, die danach nicht minder sorgfältig befühlt wurde. „Wissen Sie noch, wie damals der Schreiber Gridjenka hereinfiel?“ fragte der Schriftführer. „Er fuhr im Sommer hin, um das Gehalt für die Kanzleibeamten in Empfang zu nehmen, und als er zurückkam, sagte er, er hätte das ganze Geld in betrunkenem Zustande unterwegs verloren, – und wo fand man es? Im Mützenrand: Die Hundertrubelscheine waren zu Spiralen zusammengerollt und gerade hier eingenäht.“ Beide Juristen erinnerten sich noch sehr gut des Falles Gridjenka, und so wurde denn beschlossen, Mitjäs Mütze und Kleider zur genaueren Untersuchung zurückzubehalten.
„Erlauben Sie!“ rief plötzlich Neljudoff, der Untersuchungsrichter, als er den dunklen Rand an Mitjäs rechter Manschette bemerkte. „Erlauben Sie, ist das, ist das etwa Blut?“
„Ja, Blut,“ sagte Mitjä kurz.
„Das heißt, was für ein Blut ist es? ... und warum ist der Manschettenrand so umgebogen?“
Mitjä erzählte, wie die Manschette blutig geworden war, als er Grigorij das Blut vom Gesicht abgewischt hatte, und wie er darauf beim Händewaschen bei Perchotin auf den Gedanken gekommen war, den blutigen Rand einfach umzubiegen, so gut es ging.
„Dann müssen wir auch Ihr Hemd nehmen, das ist sehr wichtig ... Es gehört zu den Beweisstücken.“
Mitjä errötete und wurde wild.
„Soll ich denn nackend bleiben?“ schrie er.
„Beunruhigen Sie sich nicht ... wir werden dem schon irgendwie abzuhelfen wissen, jetzt aber ziehen Sie bitte auch die Socken aus.“
„Sagen Sie das im Ernst?“ fragte Mitjä mit blitzenden Augen.
„Uns ist es nicht um Scherz zu tun!“ wies ihn der Untersuchungsrichter streng zurück.
„Nun, wenn es so sein muß ... werde ich ...“ brummte Mitjä, setzte sich aufs Bett und schickte sich an, seine Socken auszuziehen. Es war für ihn unerträglich: alle waren angekleidet, nur er allein war ausgekleidet und, sonderbar – entkleidet kam er sich vor ihnen fast schuldig vor, und vor allen Dingen fühlte er sich selbst mit einemmal viel niedriger als sie und gab in seinem Bewußtsein zu, daß sie nun das volle Recht hatten, ihn zu verachten. „Wenn alle entkleidet sind, so schämt man sich weiter nicht, ist man aber ganz allein entkleidet und wird man dann noch von allen besehen, so ist es – eine Schmach!“ ging es ihm immer wieder durch den Sinn. „Das ist ja ganz wie im Traum,“ dachte er, „nur im Traum habe ich zuweilen solche Schmach empfunden.“ Doch die Socken auszuziehen, war ihm eine ganz besondere Qual, denn sie waren nicht ganz rein, und auch die Unterbeinkleider waren es nicht, und jetzt konnten das alle sehen. Doch vor allen Dingen liebte er seine Füße nicht; er hatte die beiden großen Zehen aus irgendeinem Grunde sein ganzes Leben lang für mißgestaltet gehalten, besonders den einen häßlichen, platten und irgendwie dumm nach unten gebogenen Nagel der großen Zehe am rechten Fuß. Jetzt würden das alle sehen! Vor unerträglicher Scham wurde er noch gröber, und zwar absichtlich. Er riß sich selbst das Hemd vom Leibe.
„Wollen Sie nicht noch wo nachsuchen, wenn Sie sich nicht schämen?“
„Nein, vorläufig ist dies nicht nötig.“
„Wie, und ich soll hier so nackend bleiben?“ schrie er sie wild an.
„Ja, das ist vorläufig nicht zu ändern ... Setzen Sie sich solange, bitte, hierher. Sie können sich in die Bettdecke einhüllen, wenn Sie wollen, ich ... ich werde das jetzt fortbringen.“
Alle Sachen wurden den Zeugen gezeigt, man schrieb darauf das Ergebnis der Besichtigung auf, und schließlich ging der Untersuchungsrichter fort, und die Kleidungsstücke wurden ihm nachgetragen. Ihm folgte bald nachher auch der Staatsanwalt. So blieben mit Mitjä nur die Bauern zurück, die schweigsam ringsum standen und ihn nicht aus dem Auge ließen. Mitjä hüllte sich in die Decke, ihn fror. Seine nackten Füße baumelten über den Bettrand, und es wollte ihm in keiner Weise gelingen, die Decke so umzunehmen, daß sie auch die Füße bedeckte. Der Untersuchungsrichter blieb auffallend lange fort, „folternd lange“. „Der Kerl behandelt mich ja wie ein Hundejunges,“ dachte Mitjä knirschend. „Dieser Lump von Staatsanwalt ist gleichfalls hinausgegangen; bestimmt aus Verachtung: es wird ihm ekelhaft geworden sein, einen Nackten anzusehen.“ Mitjä war immer noch im Glauben, daß seine Kleider inzwischen besichtigt wurden und man sie ihm bald zurückbringen werde. Wie groß war daher sein Unwille, als Neljudoff plötzlich mit ganz anderen Kleidern, die ein Bauer ihm nachtrug, zurückkam.
„Da haben Sie jetzt auch die Kleider,“ sagte er gutgelaunt und augenscheinlich sehr zufrieden mit dem Ergebnis seines Ganges. „Herr Kalganoff opfert in diesem interessanten Fall sowohl einen Anzug wie auch ein reines Hemd für Sie. Zum Glück hatte er das alles im Koffer bei sich. Ihre Unterkleider und die Socken können Sie behalten.“
Mitjä geriet außer sich, als er das hörte.
„Ich will keine fremden Kleider!“ schrie er wütend, „geben Sie mir meine eigenen!“
„Das ist unmöglich.“
„Geben Sie mir meine! – zum Teufel mit Kalganoff und seinen Kleidern, und er selbst voran!“
Man mußte ihm lange zureden. Schließlich beruhigte er sich ein wenig. Man erklärte ihm, daß seine Kleider, da sie mit Blut befleckt waren, als Beweisstücke zurückbehalten werden mußten, daß man also nicht einmal das Recht hätte, ihm seine Kleider wiederzugeben – „im Hinblick auf den möglichen Ausgang der Sache“, was Mitjä denn auch zu guter Letzt halbwegs einsah. Er verstummte finster und überwand sich allmählich so weit, daß er sich ankleidete. Er bemerkte nur beim Anziehn der Kleider, daß sie teurer waren als seine alten Kleider, und er sagte, daß er sich nicht wolle „gnädig beschenken lassen“. Außerdem seien sie „beleidigend eng“. „Soll ich etwa eine Vogelscheuche in ihnen spielen ... zu Ihrem Ergötzen?“
Ihm wurde wieder zugeredet, daß es durchaus nicht so schlimm sei, daß er auch hierin wieder übertreibe, daß Herr Kalganoff zwar von Wuchs ein wenig größer sei, aber, wie gesagt, eben nur ein wenig, und daß höchstens die Beinkleider vielleicht etwas zu lang wären. Der Rock aber war in den Schultern tatsächlich zu eng.
„Teufel, man kann ihn ja kaum zuknöpfen,“ brummte Mitjä wütend. „Haben Sie die Güte, und lassen Sie Herrn Kalganoff unverzüglich sagen, daß nicht ich ihn um seine Kleider gebeten habe ... daß ich gegen meinen Willen zur Vogelscheuche aufgeputzt werde.“
„Herr Kalganoff begreift das sehr gut und bedauert ... das heißt, nicht seine Kleider bedauert er, sondern diesen ganzen Vorfall,“ sagte Neljudoff, nachlässig die Worte brummend.
„Er kann sich selbst bedauern! – Nun, wohin jetzt? Oder soll ich immer noch hier sitzen?“
Man bat ihn, wieder „in jenes Zimmer“ zu kommen. Mitjä trat finster vor Ärger hinter dem Vorhange hervor und bemühte sich, niemanden anzusehen. In den fremden Kleidern fühlte er sich wie beschimpft, sogar vor diesen Bauern, vor dem Dorfschulzen und diesem Trifon Borissytsch, dessen Gesicht flüchtig an der Tür auftauchte und verschwand. „Der wollte mich wohl in den neuen Kleidern sehen,“ dachte Mitjä. Er setzte sich auf seinen früheren Platz. Es kam ihm alles wie ein Albdruck, wie etwas ganz Ungereimtes vor, und er glaubte einen Augenblick, den Verstand verloren zu haben.
„Nun, was kommt jetzt? – Rutenhiebe sind ja das einzige, was gerade noch fehlte ...,“ sagte er, innerlich wutknirschend, zum Staatsanwalt.
An den Untersuchungsrichter wollte er sich überhaupt nicht mehr wenden, und er tat absichtlich, als hielte er es unter seiner Würde, mit ihm noch zu sprechen. „Der Kerl hat meine Socken betrachtet, als wäre er blind, und der Schuft hat noch absichtlich befohlen, die Socken umzukehren, um allen zu zeigen, was für unsaubere Wäsche ich habe.“
„Jetzt werden wir wohl zum Verhör der Zeugen übergehen müssen,“ sagte der Untersuchungsrichter, gleichsam als Antwort auf Mitjäs Frage.
„Ja,“ sagte der Staatsanwalt nachdenklich, als ob er gleichfalls sich noch einiges überlegte.
„Wir haben alles getan, Dmitrij Fedorowitsch, was wir für Sie tun konnten,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „nachdem wir aber bei Ihnen auf eine so bestimmte Weigerung gestoßen sind, die Herkunft der bei Ihnen befindlichen Summe zu erklären, so sehen wir uns in diesem Augenblick ...“
„Was ist das für ein Stein?“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä, wie aus tiefen Gedanken auffahrend, und er wies auf einen der großen Ringe, die die rechte Hand Neljudoffs schmückten.
„Stein?“ fragte verwundert der Untersuchungsrichter.
„Ja, dieser dort ... der Ring am Mittelfinger, mit den Adern, was ist das für ein Stein?“ fragte Mitjä ganz absonderlich gereizt und eigensinnig wie ein kleines Kind.
„Das ist ein Rauchtopas,“ sagte Neljudoff lächelnd, „wenn Sie ihn besehen wollen, so werde ich ihn abnehmen ...“
„Nein, nein, nehmen Sie ihn nicht ab!“ schrie ihn Mitjä, der sich plötzlich besonnen hatte und über sich selbst in Wut geriet, wild an. „Nehmen Sie ihn nicht ab, es ist nicht nötig ... Teufel ... Meine Herren, Sie haben meine Seele besudelt! Glauben Sie wirklich, ich würde es vor Ihnen verheimlichen, wenn ich tatsächlich meinen Vater erschlagen hätte? Glauben Sie, ich würde dann lügen, Winkelzüge machen und mich verstecken? Nein, nie würde das Dmitrij Karamasoff tun, das würde er nie ertragen, und wenn ich schuldig wäre, so, das schwöre ich Ihnen, würde ich nicht bis zu Ihrer Ankunft und dem Sonnenaufgang gewartet haben, wie ich es mir vorgenommen hatte, sondern hätte mich schon früher vernichtet, ohne die Morgenröte zu erwarten! Das fühle ich. Oh, nicht in zwanzig Jahren Leben habe ich so viel gelernt, wie ich in dieser einen verfluchten Nacht gelernt habe! ... Und wäre ich denn so, so in dieser Nacht gewesen, in diesem Augenblick jetzt hier auf dieser Stelle vor Ihnen, – würde ich so sprechen, so mich bewegen, so Sie und die Welt ansehen, wenn ich ein Vatermörder wäre ... während sogar der aus Versehen begangene Todschlag Grigorijs mir diese ganze Nacht keine Ruhe gegeben hat, – nicht etwa aus Angst, oh! nicht weil ich eine Strafe gefürchtet hätte! Aber die Schmach! Und Sie verlangen, daß ich solchen Spöttern wie Sie, die nichts sehen und nichts glauben, solchen blinden Maulwürfen und Zynikern, auch noch diese neue Schändlichkeit, die ich begangen habe, aufdecken und erzählen soll, daß ich noch diese neue Schande aufdecken soll, selbst wenn mich das sofort von Ihrer Anschuldigung befreien könnte? ... Lieber als Zwangsarbeiter nach Sibirien! Wer die Tür zu meinem Vater geöffnet hat und durch diese Tür eingetreten ist, der hat ihn auch erschlagen, der hat ihn auch bestohlen! Wer das gewesen ist – ich weiß es nicht, und es quält mich, daß ich es nicht weiß, ich weiß nur eines: Dmitrij Karamasoff ist es nicht gewesen, das sage ich Ihnen! – Und das ist alles, was ich Ihnen sagen kann, doch genug, genug, lassen Sie mich jetzt in Ruhe ... Verschicken Sie mich, köpfen Sie mich, aber nur reizen Sie mich nicht mehr. Ich habe mein letztes Wort gesprochen. Rufen Sie Ihre Häscher.“
Mitjä hatte gesprochen, als wäre er fest entschlossen, nichts mehr zu sagen. Der Staatsanwalt hatte ihn die ganze Zeit scharf beobachtet, und kaum war Mitjä verstummt, da sagte er mit der kältesten und ruhigsten Miene, als handelte es sich um die gleichgültigsten Dinge:
„Gerade in bezug auf diese offene Tür, an die Sie soeben erinnerten, können wir Ihnen sehr zur rechten Zeit, nämlich gerade jetzt, eine Aussage des alten Grigorij Wassiljewitsch mitteilen, die für uns wie für Sie von großer Bedeutung ist. Der alte Diener, den Sie verletzt haben, hat uns auf unsere Fragen hin mitgeteilt, und zwar auf das bestimmteste, daß bereits in dem Augenblick, als er auf das Geräusch hin, das er, auf der Treppe stehend, im Garten zu vernehmen geglaubt hatte, zum Pförtchen gegangen und durch dieses offenstehende Pförtchen in den Garten eingetreten war – daß ihm bereits damals, noch bevor er Sie in der Dunkelheit laufen gesehen hatte, auf den ersten Blick nach links das hellerleuchtete offene Fenster und zu gleicher Zeit die viel näher zu ihm liegende offene Tür aufgefallen sei, dieselbe Tür, von der Sie behaupten, daß sie während der ganzen Zeit Ihres Aufenthaltes im Garten geschlossen gewesen sei. Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß Grigorij Wassiljewitsch auf das bestimmteste überzeugt ist, Sie seien aus dieser Tür herausgelaufen, obgleich er Sie natürlich nicht herauslaufen gesehen hat, da Sie erst in einiger Entfernung, inmitten des Gartens zum Zaun laufend, vor ihm aufgetaucht sind ...“
Mitjä war schon in der Mitte der Rede aufgesprungen.
„Unsinn!“ brüllte er plötzlich außer sich auf. „Das ist ein schändlicher Betrug! Er konnte keine offene Tür sehen, denn sie war damals geschlossen ... Er lügt!“
„Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß er diese Aussage nur infolge seiner festen Überzeugung gemacht hat. Er schwankt nicht, er besteht darauf. Wir haben ihm die Frage mehrmals aufs schärfste gestellt.“
„Ja, auch ich habe ihn mehreremal ausdrücklich danach gefragt,“ bestätigte eifrig der Untersuchungsrichter.
„Das ist nicht wahr, das ist aber doch nicht wahr! Das ist entweder eine Verleumdung oder die Halluzination eines Verrückten,“ schrie Mitjä, „es hat ihm einfach so geschienen, im Fieber von der Wunde, nach dem Blutverlust, als er erwachte ... und so phantasiert er noch jetzt.“
„Schön, aber er hat ja die offene Tür nicht nach der Verletzung am Zaun, als er später zu sich kam, sondern vorher, als er in den Garten trat, gesehen.“
„Aber das kann nicht sein, das ist unmöglich! Das sagt er aus Haß gegen mich, er will mich verleumden ... Er hat das nicht sehen können ... Ich bin nicht durch die Tür gegangen ...“ beteuerte Mitjä atemlos.
Da wandte sich der Staatsanwalt zum Untersuchungsrichter und sagte ihm bedeutsam:
„Zeigen Sie es.“
„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte jener, indem er ein großes Kuvert von dickem Papier in Kanzleiformat auf den Tisch legte. Auf der anderen Seite desselben waren noch drei rote Siegel zu sehen. Das Kuvert aber war leer und an einer Seite aufgerissen.
Mitjä starrte es mit weit aufgerissenen Augen an.
„Das ... das wird wohl das Kuvert vom Vater sein,“ murmelte er, „– dasselbe, in dem diese Dreitausend lagen ... und wenn die Aufschrift, erlauben Sie: ‚und Küchelchen‘ ... da! – Dreitausend!“ schrie er auf, „Dreitausend, sehen Sie hier?“
„Natürlich sehen wir es, aber das Geld haben wir nicht mehr im Kuvert gefunden, es war leer und lag auf dem Fußboden, gleich vor dem Bett hinter dem Schirm.“
Einige Sekunden lang stand Mitjä wie vom Schlage gerührt.
„Meine Herren, das ist Ssmerdjäkoff!“ schrie er plötzlich laut. „Der hat ihn erschlagen, der hat ihn auch bestohlen! Nur er allein wußte es, wo das Kuvert beim Vater versteckt war ... Er ist es gewesen, das ist jetzt klar!“
„Aber auch Sie wußten doch um das Kuvert, und daß es unter dem Kopfkissen lag.“
„Niemals habe ich das gewußt! Ich habe es doch niemals gesehen, erst jetzt sehe ich es zum erstenmal. Ich hatte nur durch Ssmerdjäkoff davon gehört ... Er allein wußte, wo der Vater das Kuvert versteckt hatte, ich aber habe es überhaupt nicht gewußt ...“ rief Mitjä atemlos.
„Aber Sie haben es uns doch selbst vorhin gesagt, daß das Kuvert bei Ihrem verstorbenen Vater unter dem Kopfkissen gelegen habe. Sie sagten gerade unter dem Kopfkissen, folglich haben Sie doch gewußt, wo es gelegen hat.“
„So haben wir es auch niedergeschrieben!“ bestätigte der Untersuchungsrichter.
„Unsinn! Blödsinn! Ich habe durchaus nicht gewußt, daß es unter dem Kopfkissen lag. Ja, vielleicht hat es dort überhaupt nicht gelegen ... Ich habe es ganz aufs Geratewohl gesagt, daß es unter dem Kissen gewesen sei ... Aber was sagt Ssmerdjäkoff? Haben Sie ihn gefragt, wo es gelegen hat? Was sagt Ssmerdjäkoff? Das ist das Wichtigste ... Ich habe es mir einfach auf den Hals gelogen ... Ich habe es gelogen, ganz unüberlegt habe ich es gesagt, daß es unter dem Kissen gelegen habe, und Sie glauben jetzt ... Gott, Sie wissen doch, wie sich einem plötzlich etwas von der Zunge reißt, ohne zu wollen, spricht man es aus, ganz von selbst sagt es sich! Gewußt aber hat es nur Ssmerdjäkoff, nur Ssmerdjäkoff allein und sonst niemand! ... Er hat auch mir gesagt, wo es lag! Aber das ist er, er! Er hat es getan, ganz zweifellos hat er es getan; das ist mir jetzt so klar wie das Sonnenlicht!“ rief außer sich Mitjä, der verzweifelnd überzeugen wollte und zusammenhanglos sich wiederholte und überstürzte. „So begreifen Sie doch, und verhaften Sie ihn, nur schneller, schneller ... Er hat ihn erschlagen, als ich fortgelaufen war und Grigorij bewußtlos am Boden lag, das ist doch jetzt klar ... Er hat das Zeichen gegeben, und der Vater hat ihm die Tür aufgemacht ... Denn nur er allein kannte die Zeichen, wie mein Vater glaubte, und ohne Zeichen hätte mein Vater nie, nie die Tür aufgemacht ...“
„Sie vergessen aber wieder den einen Umstand,“ bemerkte mit derselben ruhigen Zurückhaltung, doch diesmal bereits wie mit dem Anflug eines Triumphgefühls der Staatsanwalt, „daß es überflüssig war, die Zeichen zu geben, wenn die Tür schon offen stand, als Sie noch im Garten waren ...“
„Die Tür, die Tür ...“ murmelte Mitjä und starrte wortlos den Staatsanwalt an; kraftlos sank er wieder auf den Stuhl.
Alle schwiegen.
„Ja, die Tür! ... Das ist ein Phantom! Gott ist gegen mich! Gott der Herr ist gegen mich!“ rief Mitjä aus, mit sinnlos gewordenem Blick vor sich hinstarrend.
„Nun sehen Sie,“ begann wichtig der Staatsanwalt, „Sie sehen doch jetzt selbst ein, Dmitrij Fedorowitsch: einerseits haben wir diese Aussage über die offene Tür, aus der Sie herausgelaufen sein müssen, – eine Aussage, die sowohl uns wie Sie stutzig macht; und anderseits – Ihr unbegreifliches, hartnäckiges und fast verzweifeltes Schweigen in betreff der Herkunft des Geldes, das sich plötzlich in Ihren Händen befindet, während Sie noch vor drei Stunden nach Ihrer eigenen Aussage Ihre Pistolen versetzt haben, um wenigstens zehn Rubel zu bekommen! Nun urteilen Sie im Hinblick auf diese Tatsache selbst: An was sollen wir glauben, und an was uns halten? Und werfen Sie uns nicht vor, daß wir ‚kalte Zyniker und Spötter‘ seien, die nicht imstande sind, den edlen Ausbrüchen Ihres Herzens zu glauben ... Versuchen Sie, sich in unsere Lage zu versetzen und die Dinge von unserem Standpunkte aus zu betrachten ...“
Mitjä befand sich in unbeschreiblicher Erregung, er war ganz bleich geworden.
„Gut!“ rief er plötzlich, „ich werde Ihnen mein Geheimnis aufdecken, ich werde Ihnen sagen, woher ich das Geld genommen habe! ... Ich werde meine Schmach aufdecken, um nachher weder Sie noch mich anklagen zu müssen.“
„Glauben Sie mir, Dmitrij Fedorowitsch,“ fiel sofort mit fast freudig gerührter Stimme Neljudoff ein, „daß jedes aufrichtige und volle Bekenntnis Ihrerseits, das Sie jetzt beim ersten Verhör ablegen, späterhin einen großen Einfluß auf Ihr Los und seine Wendung zum Guten haben kann und sogar ...“
Doch der Staatsanwalt stieß ihn unbemerkt unter dem Tisch an, und so konnte der andere noch rechtzeitig verstummen. Mitjä hatte übrigens gar nicht gehört, was jener sprach.
VII. Mitjäs großes Geheimnis
„Meine Herren,“ begann er immer noch in derselben Aufregung, „dieses Geld ... ich will alles eingestehen ... dieses Geld gehörte mir.“
Beim Staatsanwalt und Untersuchungsrichter wurden sogar die Gesichter länger: nicht das hatten sie erwartet.
„Wieso gehörte es Ihnen,“ stotterte Neljudoff, „da Sie doch noch um fünf Uhr desselben Tages nach Ihrer eigenen Aussage ...“
„Ach, zum Teufel mit fünf Uhr desselben Tages und eigene Aussage, nicht darum handelt es sich jetzt! Dieses Geld gehörte mir, mir, das heißt, es war von mir gestohlen ... das heißt also, es war nicht mein Geld, sondern gestohlenes, von mir gestohlenes Geld, und zwar waren es tausendfünfhundert Rubel, die ich die ganze Zeit bei mir hatte ...“
„Aber von wo hatten Sie das Geld denn hergenommen?“
„Vom Halse, meine Herren, hatte ich es hergenommen, hier von diesem Halse ... in ein Stück Zeug eingenäht, hing es an meinem Halse, schon lange, einen Monat lang, ja, so lange habe ich es in Schmach und Schande mit mir herumgetragen.“
„Aber von wem haben Sie es denn ... sich angeeignet?“
„Sie wollten wohl sagen: gestohlen? Sprechen Sie nur das Wort deutlich aus. Denn für mich ist es ebensogut, als hätte ich es gestohlen. Wenn Sie aber wollen, so habe ich es mir – angeeignet. Meiner Meinung nach habe ich es gestohlen. Und gestern abend, da stahl ich es denn auch in der Tat.“
„Gestern abend? Aber Sie sagten doch soeben, Sie hätten das Geld schon vor einem Monat ... erhalten!“
„Ja, aber nicht vom Vater, nicht von meinem Vater, beunruhigen Sie sich nicht, nicht von meinem Vater habe ich es gestohlen, sondern von ihr. Lassen Sie mich alles ruhig erzählen. Unterbrechen Sie mich nicht. Das ist doch schwer ... Sehen Sie: ungefähr vor einem Monat rief, mich Katerina Iwanowna Werchoffzewa zu sich, meine gewesene Braut ... Kennen Sie sie?“
„Wie sollten wir nicht, natürlich.“
„Ich weiß, daß Sie sie kennen. Sie hat die edelste Seele, die edelste aller edlen, doch haßt sie mich schon lange, lange ... und ich habe es verdient, oh, und wie noch, wie verdient!“
„Katerina Iwanowna?“ fragte verwundert der Untersuchungsrichter.
Auch der Staatsanwalt starrte ihn verwundert an.
„Oh, sprechen Sie ihren Namen nicht unnütz aus! Ich bin ein Schuft, daß ich sie nenne. Ja, ich habe wohl gesehen, wie sehr sie mich haßt ... schon lange, schon seit jenem ersten Tage, seit jener ersten Begegnung dort in meiner Wohnung ... Doch genug, genug davon, Sie sind nicht würdig, davon auch nur etwas zu wissen, und das ist auch gar nicht nötig ... Zur Sache gehört nur, daß sie mich vor ungefähr einem Monat zu sich rief, mir dreitausend Rubel einhändigte, damit ich sie ihrer Schwester und noch einer Verwandten nach Moskau schickte – als ob sie es nicht selbst tun konnte! ... und ich ... das war gerade in jener Schicksalsstunde meines Lebens, als ich ... nun, mit einem Wort, als ich mich gerade in eine andere verliebt hatte, in sie, in sie, die jetzt dort unten sitzt, Gruschenka ... Ich brachte sie damals hierher, nach Mokroje, und brachte hier in zwei Tagen die Hälfte dieser verfluchten Dreitausend durch, das heißt also tausendfünfhundert Rubel, und die andere Hälfte behielt ich zurück. Nun, und diese anderen Tausendfünfhundert, die ich zurückbehalten hatte, trug ich an meinem Halse, als Amulett ... Gestern abend aber habe ich das Geld vom Halse abgerissen und habe es durchgebracht. Der Rest von achthundert Rubeln, den Sie, Nikolai Parfenowitsch, jetzt an sich genommen haben, ist alles, was von den Tausendfünfhundert noch übriggeblieben ist.“
„Erlauben Sie, wie denn das? Sie haben doch damals hier vor einem Monat Dreitausend und nicht Tausendfünfhundert durchgebracht! Das wissen doch alle!“
„So, wer weiß es denn? Wer hat das Geld gezählt? Wem habe ich es zu zählen gegeben?“
„Aber hören Sie mal, Sie haben doch selbst allen gesagt, daß Sie runde Dreitausend durchgebracht haben.“
„Das ist wahr, daß ich es allen gesagt habe, ich habe es sogar der ganzen Stadt gesagt, und die ganze Stadt hat es nachgesprochen, und alle glaubten es, und auch hier in Mokroje glaubt man, daß es Dreitausend gewesen sind. Nur habe ich trotzdem nicht mehr als anderthalb Tausend hier verpraßt und die anderen anderthalb Tausend in das Zeugstück eingenäht. Sehen Sie, meine Herren, wie es war, woher ich dieses Geld ...“
„Das ... das ist ganz wunderbar ...“ stotterte Neljudoff.
„Gestatten Sie zu fragen,“ sagte schließlich der Staatsanwalt, „haben Sie wenigstens irgend jemandem von diesem Umstande früher Mitteilung gemacht ... das heißt, daß Sie die anderen anderthalb Tausend damals vor einem Monat zurückbehalten hatten?“
„Nein, ich habe niemandem etwas davon gesagt.“
„Das ist sonderbar. Und Sie wissen genau, daß Sie es wirklich keinem einzigen Menschen gesagt haben?“
„Keinem einzigen Menschen. Niemandem, niemandem.“
„Aber warum denn dieses Schweigen darüber? Was veranlaßte Sie, das so geheimzuhalten? Ich werde mich deutlicher aussprechen: Sie haben uns also Ihr Geheimnis aufgedeckt, das nach Ihren Worten so schmachvoll sein soll, obgleich im Grunde – natürlich nur relativ gesprochen – diese Handlung, das heißt, die Aneignung fremden Geldes, und dazu noch selbstverständlich nur eine zeitweilige Aneignung, obgleich diese Handlung – wenigstens meines Erachtens – nur eine äußerst leichtsinnige Handlung ist und längst nicht so schmachvoll – wenn man außerdem noch Ihren Charakter in Betracht zieht ... Oder nennen wir sie sogar im höchsten Grade tadelnswert und so weiter, – so ist es deswegen noch nicht eine weiß Gott wie schmachvolle Tat ... Sehen Sie, ich meine das so: Daß diese dreitausend Rubel Fräulein Werchoffzeff gehörten, das hatten in diesem Monat schon viele ohne Ihr Eingeständnis erraten, und auch ich habe schon früher von diesem Gerücht gehört ... Michail Makarowitsch hat es gleichfalls gehört. Kurz, dieses Gerücht war in der letzten Zeit ein bereits allbekannter Stadtklatsch. Und zudem sollen auch Sie, wenn ich mich nicht täusche, einem Herrn eingestanden haben, daß Sie dieses Geld von Fräulein Werchoffzeff erhalten hätten ... Darum nun wundert es mich, daß Sie bis jetzt, das heißt bis zum gegenwärtigen Augenblick, aus dieser – nach Ihren Worten – zurückgelegten Summe von tausendfünfhundert Rubeln ein so großes Geheimnis gemacht haben, und daß Sie die Aufdeckung dieses Geheimnisses vorhin für eine so große Schmach hielten ... Es ist unwahrscheinlich, daß das Eingeständnis dieses Geheimnisses Ihnen so viel Qual bereitet hätte ... Sie sagten doch noch vor einer Minute, daß Sie eher als Zwangsarbeiter nach Sibirien gehen als das Geheimnis aufdecken würden ...“
Der Staatsanwalt verstummte. Er war in Hitze geraten und hatte seinen Ärger, wenn nicht seine Wut zu verbergen vergessen. Es hatte sich zuviel davon in ihm angesammelt, und so hatte er denn auch nicht mehr an schöne Redewendungen gedacht, sondern fast verwirrt gesprochen.
„Nicht in den Anderthalbtausend lag die Schmach, sondern darin, daß ich diese Anderthalbtausend von jenen Dreitausend abgeteilt hatte,“ sagte Mitjä mit fester Überzeugung.
„Aber wie denn,“ fragte der Staatsanwalt gereizt auflachend, „was ist denn dabei so schmachvoll, wenn Sie von bereits tadelnswert oder, wenn Sie wollen, meinetwegen auch schmachvoll angeeigneten Dreitausend die Hälfte nach Ihrem Ermessen abgeteilt haben? Viel wichtiger ist doch, daß Sie sich diese Dreitausend angeeignet haben, als das, was Sie mit ihnen nachher getan haben. Übrigens, warum haben Sie denn diese Hälfte abgeteilt? Wozu, zu welchem Zweck haben Sie das getan – können Sie es uns sagen?“
„Oh, meine Herren, in dem Zweck liegt ja doch die ganze Schmach!“ rief Mitjä. „Aus Berechnung habe ich die Anderthalbtausend abgeteilt, und diese Berechnung ist ja die ganze Gemeinheit ... Und diese Gemeinheit habe ich einen ganzen Monat mit mir herumgetragen!“
„Das begreife ich nicht.“
„Dann wundere ich mich über Sie. Aber es ist wahr, ich werde mich deutlicher erklären müssen; es ist vielleicht wirklich nicht ganz klar. Hören Sie und passen Sie auf: Ich eigne mir dreitausend Rubel an, die mir, die meiner Ehre anvertraut waren, und ich bringe das ganze Geld in einer Nacht durch und komme am nächsten Morgen zu ihr und sage: ‚Katjä, ich bin schuldig, ich habe deine Dreitausend durchgebracht.‘ Nun, was, ist das schön? Nein, das ist nicht schön, – es ist unehrlich und schlecht, ich bin ein Tier oder ein Mensch, der sich sowenig bezwingen kann, daß er tierisch wird, nicht wahr? Aber ich bin doch deswegen noch kein Dieb? Doch kein bewußter Dieb, doch kein Dieb, der aus Berechnung stiehlt, das müssen Sie mir doch zugeben! Ich habe das Geld durchgebracht, aber ich habe es nicht gestohlen! Jetzt nehmen wir den zweiten noch vorteilhafteren Fall. Geben Sie gut acht auf mich, ich könnte womöglich wieder aus dem Konzept kommen. – Der Kopf geht mir irgendwie ganz absonderlich rund. – Also der zweite Fall: ich verprasse hier nur Anderthalbtausend, also die Hälfte. Am folgenden Tage gehe ich zu ihr und bringe ihr die zweite Hälfte zurück: ‚Katjä, nimm diese Hälfte von mir, dem Scheusal und leichtsinnigen Schufte, wieder zurück und schicke sie selbst nach Moskau, denn die eine Hälfte habe ich in dieser Nacht durchgebracht, also würde ich wahrscheinlich auch mit der zweiten Hälfte dasselbe tun; nimm es, um mich davor zu bewahren.‘ Nun, was wäre ich in diesem Falle? Natürlich alles mögliche, ein Tier und ein leichtsinniger Mensch, aber immerhin doch kein Dieb, kein ausgesprochener Dieb, denn wenn ich ein Dieb wäre, so würde ich bestimmt nicht den Rest zurückgebracht, sondern auch ihn mir angeeignet haben. So müßte sie sich doch sagen, daß ich, wenn ich den Rest so bald zurückgebracht habe, dann auch das andere Geld, das durchgebrachte, zurückbringen würde, daß ich mein Leben lang nur darauf bedacht sein würde, dafür arbeiten würde – jedenfalls aber das Geld mir verschaffen und ihr abgeben würde. So bin ich dann wohl ein Schuft, aber kein Dieb, kein Dieb, sagen Sie, was Sie wollen, aber kein Dieb!“
„Nun ja, zugegeben, daß das ein gewisser Unterschied ist,“ sagte mit kaltem Lächeln der Staatsanwalt, „so ist doch sonderbar, daß Sie darin einen dermaßen verhängnisvollen Unterschied sehen.“
„Ja, ich sehe darin einen dermaßen verhängnisvollen Unterschied! Ein Schuft kann jeder sein, und das ist auch, genau genommen, ein jeder. Ein Dieb aber kann nicht jeder sein, sondern nur ein Erzschuft. Ach, nun, ich verstehe nicht, mich da, wie es sich gehört, mit allen Feinheiten auszudrücken ... Ich meine, ein Dieb ist gemeiner als ein Schuft, ja, das ist meine Überzeugung. So hören Sie denn: Ich trage das Geld einen ganzen Monat mit mir herum, morgen aber kann ich mich entschließen, es abzugeben, und dann bin ich kein Schuft mehr ... und da kann ich mich nun nicht dazu entschließen, obwohl ich mir jeden Tag sage: ‚Entschließe dich, entschließe dich, Schuft‘, und so kann ich mich einen ganzen Monat lang nicht entschließen! Ist das nun schön, ist das, Ihrer Meinung nach, nun etwa schön?“
„Nun ja, das ist allerdings nicht gerade schön, das begreife ich sehr wohl, aber darüber streite ich auch nicht,“ sagte der Staatsanwalt, diesmal wieder zurückhaltend. „Und überhaupt wollen wir jede Erörterung über diese Feinheiten und Unterschiede vorläufig beiseite lassen, und, wenn es Ihnen gefällig ist, zum Sachlichen übergehen. Das aber wäre, wenn Sie uns jetzt erklären wollten, was Sie noch nicht getan haben, obgleich von uns die Frage schon gestellt worden ist: Warum teilten Sie zuerst das Geld, das heißt, warum wollten Sie die eine Hälfte der ganzen Summe aufbewahren, wenn Sie die andere hier verzettelten? Wozu, speziell zu welchem Zweck gedachten Sie diese anderen Anderthalbtausend zu verwenden? Ich bestehe ganz besonders auf dieser Frage, Dmitrij Fedorowitsch.“
„Ach, ja, in der Tat!“ rief Mitjä und schlug sich vor die Stirn. „Verzeihen Sie, ich erschwere Ihnen nur das Verständnis und vergesse ganz das Hauptsächliche zu erklären, sonst hätten Sie ja auch sofort begriffen, denn in diesem Zweck, in diesem Zweck liegt ja gerade die Schmach! Sehen Sie, hier kam immer der Alte dazwischen, der Verstorbene, und belästigte immer Agrafena Alexandrowna, und ich war eifersüchtig, da ich glaubte, daß sie zwischen mir und ihm schwankte. Und so dachte ich denn jeden Tag: Was aber dann, wenn sie sich plötzlich entscheidet, wenn sie müde wird, mich zu quälen und mir plötzlich sagt: ‚Dich liebe ich und nicht ihn, bring mich sofort ans Ende der Welt,‘ und ich habe dann nur zwei Zwanziger in der Tasche, was soll ich dann tun, womit sie fortbringen? – Dann wäre ich doch verloren gewesen! Ich kannte sie doch damals noch nicht und verstand sie auch nicht, ich glaubte, daß sie nur Geld haben wollte, und daß sie mir meine Armut nicht verzeihen würde. Und da zähle ich denn tückisch die Hälfte von den Dreitausend ab und nähe sie kaltblütig mit der Nadel ein, nähe sie mit Berechnung ein, nähe sie bei völliger Nüchternheit ein, und erst darauf, nachdem ich sie eingenäht habe, fahre ich hinaus, um nun die andere Hälfte zu verprassen! Das, meine Herren, das ist eine Gemeinheit! Haben Sie es jetzt begriffen?“
Der Staatsanwalt lachte schallend auf und der Untersuchungsrichter gleichfalls.
„Meiner Meinung nach ist das sogar sehr vernünftig und sittlich, daß Sie sich gemäßigt und nicht alles durchgebracht haben,“ meinte immer noch lachend der Untersuchungsrichter, „denn was ist denn schließlich dabei?“
„Das ist dabei, daß ich gestohlen habe, begreifen Sie das doch endlich! O Gott, Sie entsetzen mich durch Ihren Mangel an Verständnis! Die ganze Zeit, während der ich diese Tausendfünfhundert auf meiner Brust eingenäht trug, sagte ich mir an jedem Tage und in jeder Stunde: ‚Du bist ein Dieb, du bist ein Dieb!‘ Deswegen wütete ich doch den ganzen Monat, deswegen suchte ich doch Händel im Gasthaus, deswegen verprügelte ich doch meinen Vater, weil ich mich als Dieb fühlte! Selbst dem Aljoscha, meinem jüngsten Bruder, konnte ich mich nicht entschließen, von diesen Tausendfünfhundert etwas zu sagen: dermaßen fühlte ich, daß ich ein Schuft und ein Taschendieb war! Aber wissen Sie, meine Herren, daß ich trotzdem die ganze Zeit, während der ich das Geld auf meiner Brust trug, an jedem Tage und in jeder Stunde mir noch sagen konnte: ‚Nein, Dmitrij Karamasoff, du bist vielleicht doch kein Dieb.‘ Und warum nicht? – ‚Weil du morgen hingehen und Katjä die Tausendfünfhundert zurückgeben kannst!‘ Und erst gestern entschloß ich mich, dieses eingenähte Geld von meinem Halse zu reißen, als ich von Fenjä zu Perchotin ging, bis dahin hatte ich es nicht fertig gebracht. In demselben Augenblick erst, in dem ich das tat, wurde ich endgültig ein unbestreitbarer Dieb, fürs ganze Leben ein Dieb und ein ehrloser Mensch. Warum? Weil ich zusammen mit diesem Zeuge, in dem das Geld eingenäht war, auch meinen Vorsatz zerriß, zu Katjä zu gehen und ihr zu sagen: ‚Ich bin ein leichtsinniger Schuft, aber kein Dieb!‘ Begreifen Sie es jetzt, begreifen Sie es?“
„Warum entschlossen Sie sich denn gerade gestern abend dazu?“ fragte der Untersuchungsrichter.
„Warum? Lächerlich, das noch zu fragen! – Weil ich mich zum Tode verurteilt hatte, weil ich beschlossen hatte, mich um fünf Uhr morgens hier in Mokroje bei Sonnenaufgang zu erschießen. ‚Es ist doch einerlei,‘ dachte ich, ‚ob ich als Schuft oder als Ehrenmann sterbe!‘ Aber nein, das ist doch nicht einerlei, wie sich erwiesen hat! Werden Sie mir glauben, meine Herren, nicht das quälte mich heute nacht am meisten, daß ich den alten Diener erschlagen hatte und mir Sibirien drohte – und noch dazu wann? in demselben Augenblick, nachdem sie mir gesagt hatte, daß sie mich liebe, nachdem sich der Himmel wieder über mir aufgetan! Oh, das quälte wohl auch, aber doch nicht so ... doch nicht so, wie dieses verfluchte Bewußtsein, daß ich von meinem Halse doch dieses verfluchte Geld abgerissen und verschleudert hatte, daß ich – endgültig ein Dieb war! Oh, meine Herren, ich sage es Ihnen nochmals mit meinem Herzblut: Viel habe ich in dieser Nacht erkannt! Ich erkannte, daß als Schuft nicht nur zu leben unmöglich ist, sondern daß man als Schuft nicht einmal sterben kann ... Nein, meine Herren, sterben muß man ehrenhaft! ...“
Mitjä war sehr bleich. Er sah erschöpft und gemartert aus, obschon er aufs äußerste erregt war.
„Ich fange an, Sie zu begreifen, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte langsam, mit weicher, fast mitleidiger Stimme der Staatsanwalt. „Aber alles das, verzeihen Sie, sind meiner Meinung nach nur Nerven ... sind Ihre angegriffenen Nerven und weiter nichts. Warum sind Sie denn, um sich von diesen Qualen zu befreien, und anstatt sich einen ganzen Monat damit weiterzuquälen, mit den tausendfünfhundert Rubeln nicht zu jener Dame gegangen, die sie Ihnen zuerst eingehändigt hatte? um ihr das Geld zurückzugeben und dann, nachdem Sie sich mit ihr ausgesprochen hätten, ihr alles zu erklären? und um schließlich, angesichts Ihrer damaligen Lage, die Sie uns doch so verzweifelt geschildert haben, ein anderes Arrangement zu versuchen, eines, das sich einem ganz von selbst aufdrängt ... nämlich – nach dem edelmütigen Bekenntnis aller Ihrer Fehler ... kurz, warum hätten Sie nicht die Summe, die Sie für Ihre Ausgaben nötig hatten, von ihr erbitten sollen? – eine Summe, die sie angesichts Ihrer Verzweiflung in ihrer großen Herzensgüte Ihnen bestimmt nicht verweigert haben würde, besonders wenn Sie dafür ein Dokument ausgestellt hätten oder sagen wir, selbst wenn Sie jene Rechte auf Ihr Eigentum, die Sie dem Kaufmann Ssamssonoff und Frau Chochlakoff angeboten haben, auf sie übertragen hätten? Sie halten doch diese Rechte noch bis auf den heutigen Tag für so viel wert?“
Mitjä schoß das Blut ins Gesicht.
„Ist das möglich, daß Sie mich wirklich für einen solchen Schuft halten? Sie haben das doch nicht im Ernst gesagt, das kann doch nicht sein!“ rief er empört aus, und er blickte dem Staatsanwalt in die Augen, als könnte er nicht an das glauben, was er von ihm gehört hatte.
„Ich versichere Sie, daß ich es im Ernst gesagt habe ... Warum glauben Sie, daß es nicht im Ernst gemeint sein könnte?“ fragte der Staatsanwalt seinerseits verwundert.
„Oh, wie gemein das gewesen wäre! Meine Herren, wissen Sie auch, wie Sie mich quälen! Aber, es sei drum, ich werde Ihnen alles sagen, ich werde Ihnen meine ganze Gemeinheit eingestehen ... ich tue es, um gerade Sie dadurch zu beschämen, und Sie werden sich selbst wundern, bis zu welch einer Niedrigkeit die menschlichen Gefühle in Ihren Kombinationen sinken können. So hören Sie denn, daß auch ich daran gedacht habe, an genau dasselbe, was Sie soeben aussprachen, Herr Staatsanwalt! Ja, meine Herren, auch ich habe diesen Gedanken gehabt in diesem letzten Monat, so daß ich mich fast schon entschloß, zu Katjä zu gehen, ja, dermaßen gemein war ich! Doch zu ihr zu gehen, ihr meine Untreue einzugestehen und auf Grund dieses Verrates, zur Ausführung dieses Verrates, für die bevorstehenden Ausgaben dieses Verrates, von ihr, ihr selbst, von Katjä, das Geld zu bitten – zu bitten, hören Sie, zu bitten! – und dann sie sofort zu verlassen und mit der anderen fortzufahren, mit ihrer Gegnerin, die sie haßt, und durch die sie beleidigt worden ist, und wie noch beleidigt, – Sie sind verrückt geworden, Herr Staatsanwalt!“
„Verrückt oder nicht verrückt, aber, es ist wahr, ich bedachte im Augenblick nicht ... daß hierbei die weibliche Eifersucht in Frage kam ... wenn wirklich von Eifersucht die Rede sein konnte, wie Sie behaupten ... das heißt, es konnte sich hierbei allerdings um etwas Derartiges handeln,“ meinte der Staatsanwalt lächelnd.
„Das aber wäre doch eine solche Gemeinheit gewesen!“ – Mitjä schlug fast rasend vor Zorn mit der Faust krachend auf den Tisch – „das hätte denn doch dermaßen gestunken, daß, daß ... ich weiß nicht, wie ich das nennen soll! Und wissen Sie auch, daß sie imstande gewesen wäre, mir dieses Geld tatsächlich zu geben, sie hätte es getan, hätte es sogar bestimmt getan, aus Rache hätte sie es gegeben, zur Stillung ihres Rachedurstes, aus Verachtung zu mir hätte sie es gegeben. Denn auch sie ist eine infernale Seele, ein Weib, das mächtigen Zornes fähig ist! Ich aber würde das Geld angenommen haben, oh, ich würde es genommen haben, und dann würde ich mein ganzes Leben lang ... o Gott! Verzeihen Sie, meine Herren, ich schreie ja nur deswegen so, weil ich diesen Gedanken noch vor kurzem tatsächlich gehabt habe, vor drei Tagen noch, als ich mich mit dem Ljägawyj herumplagte, und dann noch gestern, ja, noch gestern, den ganzen Tag gestern, ich weiß noch ganz genau, die ganze Zeit gestern bis zu jenem Vorfall ...“
„Bis zu welchem Vorfall?“ griff der Untersuchungsrichter sofort auf, doch Mitjä überhörte die Frage.
„Ich habe Ihnen ein furchtbares Bekenntnis abgelegt,“ sagte er finster. „So schätzen Sie es doch, meine Herren. Nein, das wäre zu wenig, zu wenig, zu wenig ist es, das nur zu schätzen, – heilig halten sollen Sie es! ... Wenn Sie es aber nicht tun, wenn auch das an Ihren Seelen vorübergeht, ohne sie zu berühren, dann ... dann achten Sie mich ja überhaupt nicht, meine Herren, das sage ich Ihnen, und ich ... ich werde vergehen vor Schande, daß ich es solchen Menschen bekannt habe, wie Sie sind! Oh, ich werde mich erschießen! Ja, ich sehe ja schon, daß Sie mir nicht glauben, ich sehe es, ich sehe es! Wie, auch das wollen Sie niederschreiben?“ rief er plötzlich angstvoll.
„Ja, das, was Sie soeben geäußert haben,“ sagte der Untersuchungsrichter, der ihn verwundert betrachtete, „daß Sie bis zum letzten Augenblick noch daran gedacht haben, zu Fräulein Werchoffzeff zu gehen, um sie um diese Summe zu bitten ... Glauben Sie mir, das ist eine Aussage von großer Wichtigkeit für uns, Dmitrij Fedorowitsch, über diesen ganzen Vorfall ... und besonders für Sie, besonders für Sie.“
„Haben Sie Erbarmen, meine Herren!“ rief Mitjä, der in der Verzweiflung die Hände erhob, „schreiben Sie doch wenigstens das nicht auf, so schämen Sie sich doch wenigstens diesmal! Ich habe mein Herz vor Ihnen in zwei Hälften gerissen, und Sie benutzen das, um mit ihren Fingern an der Rißstelle in beiden Hälften herumzubohren ... O Gott!“
In der Verzweiflung senkte er seinen Kopf und verbarg sein Gesicht in den Händen.
„Regen Sie sich nicht so auf, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte der Staatsanwalt, „es wird Ihnen alles, was niedergeschrieben ist, vorgelesen werden, und das, womit Sie nicht einverstanden sind, können Sie dann nach ihrem Wunsch ändern. Jetzt aber will ich noch einmal meine Frage wiederholen, zum drittenmal: Haben Sie denn wirklich niemandem, keiner einzigen lebenden Seele etwas von diesem eingenähten Gelde gesagt? Ich muß Ihnen gestehen, daß es kaum möglich ist, sich das vorzustellen.“
„Niemandem, niemandem! Ich habe es Ihnen doch schon gesagt! Wenn Sie mir nicht glauben, so haben Sie ja nichts begriffen! Dann – lassen Sie mich aber auch in Ruhe.“
„Wie Sie wünschen. Aber dieser Punkt muß sich noch aufklären, und wir haben ja schließlich auch noch viel Zeit vor uns, um ihn aufzuklären. Nur bedenken Sie selbst: Wir haben vielleicht zehn, zwanzig, dreißig Zeugen, die aussagen, daß Sie, Sie selbst gesagt und sogar ausgeschrien haben, Sie hätten Dreitausend und nicht anderthalb Tausend verschleudert, und auch gestern, als Sie plötzlich im Besitze des vielen Geldes waren, haben Sie gleichfalls gesagt, daß Sie wiederum dreitausend Rubel mitgebracht hätten ...“
„Ach, nicht zehn, sondern hundert, Hunderte von Zeugen haben Sie, zweihundert, dreihundert Menschen haben das gehört, tausend Menschen!“ rief Mitjä.
„Nun sehen Sie, alle, alle sagen dasselbe. Und dieses Wort ‚alle‘ hat doch etwas zu bedeuten.“
„Nichts hat es zu bedeuten, denn ich habe nur so geschwatzt, und mir haben es die anderen einfach nachgeschwatzt.“
„Aber wozu hatten Sie denn nötig, so zu schwatzen, wie Sie sagen?“
„Das mag der Teufel wissen, wozu. Um zu prahlen, vielleicht ... so ... ‚Seht, wieviel Geld ich verschwendet habe‘ ... Vielleicht auch, um dieses eingenähte Geld zu vergessen ... ja, ja, gerade das war es, deshalb! ... Teufel ... zum wievielten Male fragen Sie mich das? Nun, ich habe Unsinn geschwatzt und damit abgemacht, hatte einmal gesagt dreitausend, und dann wollte ich nicht mehr was anderes sagen. Weshalb schwatzt denn der Mensch zuweilen Unsinn?“
„Das ist sehr schwer zu entscheiden, Dmitrij Fedorowitsch, weshalb der Mensch zuweilen Unsinn schwatzt,“ sagte der Staatsanwalt eindringlich. „Aber sagen Sie, war dieses Amulett, wie Sie es nennen, das Sie am Halse trugen, groß?“
„Nein, nicht groß.“
„Wie groß etwa?“
„Wenn Sie einen Hundertrubelschein einmal zusammenfalten, so haben Sie die Größe.“
„Wäre es nicht besser, Sie zeigten mir dieses zerrissene Zeug? Sie müssen es doch noch irgendwo bei sich haben.“
„Äh, Teufel ... welche Dummheiten ... ich weiß nicht, wo es ist.“
„Aber erlauben Sie, einstweilen: Wo und wann haben Sie es denn von Ihrem Halse abgenommen? Sie sind doch, wie Sie selbst aussagen, nicht nach Hause gegangen?“
„Als ich von Fenjä fortging, auf dem Wege zu Perchotin, unterwegs riß ich es ab und nahm das Geld heraus.“
„In der Dunkelheit?“
„Wozu braucht man denn dabei ein Licht? Ich habe das mit dem Finger in einem Augenblick getan.“
„Ohne Schere, auf der Straße?“
„Auf dem Großen Platz, glaube ich; wozu eine Schere? Es war ein altes Stück Zeug, das sofort durchriß.“
„Und wohin legten Sie es dann?“
„Dort, wo ich es durchriß, warf ich es auch fort.“
„Auf welcher Stelle?“
„Auf dem Großen Platz, habe ich Ihnen doch schon gesagt, Herrgott, auf dem Großen Platz! Der Teufel weiß, wo es gerade war. Was haben Sie nur davon?“
„Das ist sehr wichtig, Dmitrij Fedorowitsch: es handelt sich um Sachbeweise zu Ihren Gunsten, wie können Sie das nur nicht einsehen? Wer hat Ihnen denn vor einem Monat geholfen, die Sache einzunähen?“
„Niemand hat mir geholfen, ich habe selbst genäht.“
„Verstehen Sie denn zu nähen?“
„Jeder Soldat muß zu nähen verstehen – was ist denn dabei zu verstehen!“
„Wo haben Sie denn das Material hergenommen, ich meine das Zeug, in das Sie es eingenäht haben?“
„Sie wollen sich wohl lustig machen?“
„Durchaus nicht, wir sind zu nichts weniger als zum Lachen aufgelegt, Dmitrij Fedorowitsch.“
„Ich weiß nicht mehr, wo ich den Lappen hernahm, irgendwoher habe ich ihn jedenfalls genommen.“
„Wie sonderbar, daß Sie sich gerade dessen nicht entsinnen.“
„Aber bei Gott, ich weiß es nicht mehr, es ist möglich, daß ich irgend etwas von der Wäsche zerrissen habe.“
„Das ist sehr interessant: dann könnte man in Ihrer Wohnung dieses Wäschestück finden, von dem Sie das Stück abgerissen haben. Was war es denn für ein Zeug, Leinwand oder Baumwolle?“
„Der Teufel weiß, was es war. Warten Sie ... Ich, ich glaube ... ich habe es von nichts abgerissen. Es war Kattun ... Ich hatte es, glaube ich, in die Haube meiner Hauswirtin eingenäht.“
„In die Hau–be der Hauswirtin?“
„Ja, ich hatte mir diese Haube eingesackt.“
„Wie das – eingesackt?“
„Sehen Sie, ich habe tatsächlich, jetzt fällt es mir wieder ein, einmal irgendwie diese Haube genommen, um irgend was abzuwischen, vielleicht war es nur irgendein Staub, den ich abwischen wollte. Ich nahm das Ding eben an mich, denn es war doch ein Ding, das zu nichts taugte, und dann trieb sich der Fetzen dort bei mir herum, und da waren nun plötzlich diese Tausendfünfhundert, und ich wußte nicht, in was ich sie einnähen sollte ... Nun glaube ich, daß ich gerade diesen Lappen dazu nahm. Ein altes weißes Leinenstück, oder wie diese Zeuge da heißen, eines, das schon tausendmal gewaschen war.“
„Und Sie erinnern sich dessen ganz genau, Sie wissen es bestimmt?“
„Ich weiß nicht, wie bestimmt. Ich glaube, daß es dieselbe Haube war. Ach, nun, zum Teufel damit.“
„In dem Falle könnte sich Ihre Hauswirtin vielleicht erinnern, daß ihr diese Sache damals abhanden gekommen ist?“
„Ach wo, sie hat es überhaupt nicht bemerkt. Ein alter Fetzen, sage ich Ihnen doch, ein ganz altes Ding, das keine halbe Kopeke wert war.“
„Und woher nahmen Sie die Nadel und den Faden?“
„Ich breche ab, ich will nicht mehr. Genug darüber!“ sagte Mitjä, dem die Geduld riß.
„Und gleichfalls sonderbar ist, daß Sie sich so gar nicht mehr erinnern können, auf welcher Stelle des Großen Platzes Sie dieses Futteral fortgeworfen haben.“
„So lassen Sie doch heute den ganzen Platz fegen, vielleicht finden Sie es dann,“ sagte Mitjä, kurz auflachend. „Genug, meine Herren, genug,“ sagte er mit müdgequälter Stimme. „Ich sehe es doch klar: Sie glauben mir nicht! Nichts glauben Sie mir, nicht für eine Kopeke. Aber es ist das meine Schuld und nicht Ihre, ich hätte nicht so dumm von Vertrauen reden sollen. Warum, warum habe ich mich mit der Aufdeckung meines Geheimnisses beschmutzt! Und Sie, meine Herren, Sie lachen doch nur darüber, das sehe ich ja an Ihren Augen. Sie sind es, Staatsanwalt, der mich dazu gebracht hat! Singen Sie sich jetzt einen Siegeshymnus, wenn Sie es können ... Oh, seid verflucht, ihr Folterknechte!“
Sein Kopf sank herab, und er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter schwiegen beide. Nach einer Minute erhob er wieder den Kopf und blickte sie wie sinnlos an. Sein Gesicht drückte jetzt unabwendbare, unfaßbare, erdrückende Verzweiflung aus, und es war, als wäre er gleichsam in sich selbst verstummt, während er auf dem Stuhle saß und sich nicht mehr fühlte. Indessen mußte die Sache beendet werden: man mußte unverzüglich zum Verhör der Zeugen übergehen. Es war bereits acht Uhr morgens. Die Lichter hatte man schon längst ausgelöscht. Michail Makarowitsch und Kalganoff, die während der ganzen Zeit des Verhörs ein- und ausgegangen waren, verließen diesmal wieder das Zimmer. Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter sahen gleichfalls sehr abgespannt aus. Der Morgen war trübe; es regnete wie aus Eimern, und der ganze Himmel war gleichmäßig grau. Mitjä blickte gedankenlos zu den Fenstern.
„Darf ich einmal zum Fenster hinaussehen?“ fragte er plötzlich den Untersuchungsrichter.
„Oh, gewiß, soviel Sie wollen,“ antwortete jener.
Mitjä erhob sich und trat ans Fenster. Der Regen peitschte gegen die kleinen grünlichen Fensterscheiben. Gerade vor dem Hause lag die schmutzige Fahrstraße, in deren Radspuren sich schmutziges, braungraues Regenwasser angesammelt hatte, und dort weiterhin im Regennebel sah man die dunklen, armen, unansehnlichen Bauernhütten, die, wie es schien, durch den Regen noch dunkler und noch trauriger und ärmer geworden waren. Mitjä erinnerte sich des „goldlockigen Phöbus“, und wie er sich bei seinem ersten Morgenstrahl hatte erschießen wollen. „Nun was, an einem solchen Morgen wäre es ja schließlich noch besser gewesen,“ dachte er mit einem bitteren Lächeln. Und plötzlich, mit einem wuchtigen Fausthieb von oben nach unten durch die Luft, wandte er sich vom Fenster zu den „Folterknechten“ zurück:
„Meine Herren!“ rief er, „ich sehe ja, daß ich verloren bin. Aber sie? Sagen Sie mir, meine Herren, ich flehe Sie an, sagen Sie mir, was mit ihr geschehen wird? Es ist doch nicht möglich, daß auch sie meinetwegen ins Unglück gestürzt wird? Sie ist doch unschuldig, sie war doch gestern nicht bei voller Besinnung, als sie schrie, daß sie an allem die Schuld trage. An nichts, an nichts trägt sie eine Schuld! Es hat mich diese ganze Nacht gequält, als ich hier vor Ihnen saß ... Geht es nicht an, können Sie mir nicht sagen, was Sie jetzt mit ihr tun werden?“
„In der Beziehung können Sie vollkommen ruhig sein, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte sofort mit sichtlicher Eilfertigkeit der Staatsanwalt, „wir haben bis jetzt keinerlei Ursache, die Dame, von der Sie reden, auch nur im geringsten sonderlich zu beunruhigen. Im weiteren Verlaufe der Sache wird sich, hoffe ich, gleichfalls erweisen ... Im Gegenteil, wir werden in der Beziehung alles tun, was in unserer Macht steht. Sie können vollkommen ruhig sein.“
„Ich danke Ihnen, meine Herren, ich wußte es, wußte, daß Sie ehrenhafte und gerechte Menschen sind, abgesehen von allem ... Sie haben mir eine Last vom Herzen genommen ... Nun, was werden wir denn jetzt machen? Ich bin bereit.“
„Ja, man wird sich beeilen müssen. Wir müssen sofort zum Verhör der Zeugen übergehen. Das muß natürlich in Ihrer Gegenwart geschehen, und darum ...“
„Sollte man nicht vorher etwas genießen, eine Tasse Tee zum Beispiel?“ unterbrach ihn Neljudoff, „wir dürften sie uns doch wohl verdient haben?“
Man beschloß, falls unten der Tee bereit wäre – was man sicher annehmen konnte, da Michail Makarowitsch hinausgegangen war – vorläufig nur ein Glas zu trinken und im Verhör fortzufahren, „unbedingt fortzufahren“, das „Frühstück“ jedoch noch hinauszuschieben, bis zu einer freieren Stunde. Der Tee war fertig und wurde ihnen im Augenblick gebracht. Mitjä dankte zuerst für den Tee, den ihm der Untersuchungsrichter freundlich anbot, dann aber bat er selbst darum und trank das Glas gierig aus. Er sah seltsam übermüdet aus. Was konnte ihm, hätte man meinen sollen, diesem Recken mit seiner bekannten Körperkraft, ein Trinkgelage und eine durchschwärmte Nacht, selbst eine wie diese, unter den stärksten seelischen Erschütterungen, ausmachen? Er selbst aber fühlte, daß er sich kaum auf dem Stuhle halten konnte, und daß von Zeit zu Zeit sich alle Gegenstände vor seinen Augen drehten. „Es fehlt nur noch ein wenig, und ich fange an zu phantasieren,“ dachte er bei sich.
VIII. Die Aussagen der Zeugen. „Das Kindichen“
Es begann nun das Verhör der Zeugen. Ich werde jedoch meine Erzählung nicht mehr mit derselben Ausführlichkeit fortsetzen, wie ich bisher getan habe. So werde ich denn auch übergehen, wie Neljudoff, der Untersuchungsrichter, einem jeden vortretenden Zeugen zuerst einschärfte, daß er nach Wahrheit und Gewissen auszusagen habe und späterhin seine Aussage unter dem Eide werde bekräftigen müssen. Wie man schließlich von jedem Zeugen verlangte, daß er das Protokoll seiner Aussagen unterschrieb usw., usw. Ich will hier nur noch bemerken, daß der Hauptpunkt, auf den die ganze Aufmerksamkeit der Zeugen gelenkt wurde, immer diese Frage nach der Höhe der Geldsumme war: waren es zuerst dreitausend oder anderthalbtausend Rubel gewesen, die Dmitrij Fedorowitsch hier in Mokroje vor einem Monat ausgegeben hatte, und ob es abermals drei oder nur anderthalb Tausend gewesen waren, mit denen er jetzt gekommen war. Es zeigte sich leider, daß alle Aussagen gegen Mitjä waren, alle ohne Ausnahme, ja einige von den Zeugen brachten noch neue Tatsachen vor, die Mitjäs Aussage fast verblüffend widerlegten. Als erster wurde Trifon Borissytsch verhört. Er trat ohne die geringste Scheu an den Tisch, mit einer Miene, die strengen und ernsten Unwillen gegen den Angeklagten ausdrückte, was ihm zweifellos den Anschein eines wahrheitsliebenden, sich selbst achtenden Mannes verlieh. Er sprach wenig, zurückhaltend, wartete die Fragen ab, antwortete genau und wohlbedacht. In der bestimmtesten Weise und ohne zu zweifeln sagte er aus, daß Mitjä vor einem Monat unmöglich weniger als dreitausend Rubel verausgabt haben könne, „was hier gleichfalls alle Bauern bezeugen können“, da sie es außerdem noch mit eigenen Ohren von „Mitrij Fedorowitsch“ mehrmals gehört hätten. „Wieviel Geld hat er nicht den Zigeunern hingeworfen,“ sagte Trifon Borissytsch unwillig. „Die haben ja allein an die tausend gefressen, da sei einer unbesorgt!“
„Ich habe ihnen vielleicht nicht einmal fünfhundert gegeben,“ bemerkte Mitjä finster, „nur habe ich es damals nicht gezählt, da ich betrunken war, schade darum ...“
Mitjä saß, seitdem man die Zeugen verhörte, an der einen Seite des Tisches, mit dem Rücken zum Vorhang. Er hörte finster zu und sah traurig und müde aus, als wollte er sagen: „Ach, sagt aus, was ihr wollt, mir ist jetzt alles gleich!“
„Mehr als tausend haben diese Kanaillen geschluckt, Mitrij Fedorowitsch,“ behauptete Trifon Borissytsch überzeugt. „Ihr warft doch blindlings, und das Lumpenpack hatte man bloß aufzupflücken. Das ist doch kein Menschenvolk, das sind doch nur Spitzbuben und Pferdediebe; jetzt sind sie von hier fortgejagt, sonst würden sie vielleicht selber aussagen, wieviel sie von Euch bekommen haben. Und ich habe doch selber dazumal das Geld in Euren Händen gesehen, – gezählt hab ich es ja nicht, das stimmt, Ihr habt es mir ja nicht zu zählen gegeben, – aber so nach dem Augenmaß kann ich wohl sagen, daß es ein dicker Batzen war, viel mehr als tausendfünfhundert ... was, tausendfünfhundert! Auch wir haben Geld gesehen und wissen, was Geld ist, können daher auch beurteilen ...“
In bezug auf die gestrige Summe sagte Trifon Borissytsch sofort aus, daß Dmitrij Fedorowitsch „ihm selber“, gleich nachdem er aus dem Wagen gestiegen war, gesagt habe, daß er Dreitausend mitgebracht.
„Wirklich, Trifon Borissytsch?“ sagte Mitjä, „habe ich wirklich so rund herausgesagt, daß ich Dreitausend mitgebracht hätte?“
„Jawohl habt Ihr das gesagt, Mitrij Fedorowitsch. In Andreis Gegenwart habt Ihr es sogar gesagt. Andrei ist auch jetzt noch hier, ist noch nicht fortgefahren, laßt ihn doch reinrufen. Und dort in der großen Stube rieft Ihr, als Ihr dem Chor soviel gabt, daß Ihr jetzt auch noch das sechste Tausend hierlassen wolltet, – mit den übrigen, das heißt zusammengerechnet, muß das wohl so zu verstehen sein. Stepan und Ssemjon haben’s mit eigenen Ohren gehört und auch Herr Pjotr Fomitsch Kalganoff, der dazumal akkurat neben Euch stand, wird es vielleicht behalten haben ...“
Die Aussage von dem sechsten Tausend machte einen ganz besonderen Eindruck auf die Juristen. Die neue Redaktion gefiel: drei und drei macht zusammen sechs, das bedeutet also, daß es damals dreitausend waren und auch jetzt dreitausend, da wären denn die ganzen sechstausend, – das ist doch klar.
Man befragte unverzüglich alle, die Trifon Borissytsch als Ohrenzeugen angegeben hatte, den Stepan und den Ssemjon und Andrei, und dann auch Pjotr Fomitsch Kalganoff. Die beiden Bauern und der Kutscher Andrei bestätigten die Aussage Trifon Borissytschs, ohne zu schwanken. Außerdem wurde noch nach den Äußerungen Andreis sorgfältig alles niedergeschrieben, was der von seinem Gespräch mit Mitjä zu erzählen wußte: „Wohin also werde ich, Dmitrij Fedorowitsch, kommen; in den Himmel oder in die Hölle, und wird man mir dort in jener Welt verzeihen oder nicht?“ Der „Psychologe“ Hippolyt Kirillowitsch hörte das mit einem feinen Lächeln an und empfahl zum Schluß auch diese Aussage – darüber, wohin Dmitrij Fedorowitsch kommen werde – zu dem Tatsachenmaterial hinzuzufügen.
Kalganoff, den man hatte rufen lassen, trat mit einem mürrischen und eigensinnigen Ausdruck ein und sprach mit dem Staatsanwalt und dem Untersuchungsrichter in einer Weise, als sähe er sie zum erstenmal im Leben, während er doch mit ihnen täglich bei Bekannten zusammengetroffen war. Er begann damit, daß er „nichts davon wisse und auch nichts wissen wolle“. Doch das von dem sechsten Tausend hatte auch er gehört, und er bestätigte, daß er in dem Augenblick neben Mitjä gestanden. Auf die Frage, wieviel Geld Mitjä in der Hand gehabt hätte, sagte er mürrisch: „Ich weiß nicht wieviel.“ Daß die Polen beim Kartenspiel betrogen hatten, bestätigte er gleichfalls. Auch erklärte er auf die wiederholten Fragen, daß nach der Einsperrung der beiden Polen Mitjä in der Gunst Agrafena Alexandrownas gestiegen sei, und daß sie gesagt habe, sie liebe ihn. Über Agrafena Alexandrowna äußerte er sich nur zurückhaltend und sehr achtungsvoll, als wäre sie eine Dame der besten Gesellschaft; er erlaubte sich kein einziges Mal, sie einfach „Gruschenka“ zu nennen. Trotz des unverhohlenen Widerwillens, mit dem Kalganoff antwortete, befragte ihn der Staatsanwalt unbarmherzig lange, und so erfuhr er denn erst durch ihn die Details dessen, was sozusagen den „Roman“ Mitjäs in dieser Nacht ausmachte. Mitjä unterbrach Kalganoff kein einziges Mal. Endlich wurde der arme Jüngling entlassen, und er entfernte sich sofort mit unverhohlener Wut.
Darauf wurden die Polen befragt. Sie waren in ihrem Zimmer zu Bett gegangen, doch hatte ihre Ruhe nicht lange gedauert, und geschlafen hatten sie eigentlich überhaupt nicht. Als die Autoritäten angekommen waren, hatten sie sich schnell wieder angekleidet und sorgfältig Toilette gemacht, da sie sich sagten, daß man sie gleichfalls bestimmt vernehmen werde. Sie traten würdevoll ein, doch sah man ihnen nur zu deutlich an, daß ihr Herz nicht auf der Höhe war. Der „Kommandierende“, d. h. der kleine Pan, war, wie sich herausstellte, ein verabschiedeter Beamter der zwölften Rangklasse, der in Sibirien als Viehdoktor gedient hatte und Mussjälowitsch hieß. Pan Wrublewskij jedoch stellte sich vor als „freipraktizierender Dentist“, was wir sonst gewöhnlich „Zahnarzt“ nennen. Beide wandten sich mit ihren Antworten immer an Michail Makarowitsch, obgleich der sie nichts fragte und weiterhin am Fenster stand, den sie aber wegen seiner Uniform als Polizeichef für die Hauptperson hielten und nach jedem Wort „Pane Obrist“ nannten. Erst nach mehreren Fragen und den wiederholten Hinweisen Michail Makarowitschs errieten sie endlich, daß sie sich mit ihren Antworten nur an Neljudoff, den Untersuchungsrichter zu wenden hatten. Bei der Gelegenheit zeigte sich, daß sie sogar sehr richtig Russisch sprechen konnten, abgesehen von der Aussprache einzelner Worte. Pan Mussjälowitsch begann auch von seinen Beziehungen zu Gruschenka, den früheren wie den gegenwärtigen, stolz und glühend zu erzählen, so daß Mitjä sofort außer sich geriet und schrie, so einem „Schuft“ erlaube er nicht, in seiner Gegenwart so zu sprechen! Worauf Pan Mussjälowitsch die Herrn Richter sofort auf das Wort „Schuft“ aufmerksam machte und sie bat, diese Beleidigung ins Protokoll aufzunehmen. Mitjä brauste auf vor Wut.
„Ja, ein Schuft, ein Schuft ist er! Schreiben Sie es nur auf und schreiben Sie noch hinzu, daß ich trotzdem sage, daß er ein Schuft ist!“ schrie er zornig.
Neljudoff ließ es wohl ins Protokoll eintragen, bewies aber bei diesem unangenehmen Zwischenfall die lobenswerteste Sachlichkeit und ein gutes Verständnis für die Leitung des Verhörs: nach einer strengen, kurzen Ermahnung Mitjäs brach er selbst sofort alle weiteren Fragen, die mehr die romanhafte Seite der Sache betrafen, ab und ging zum „Wesentlichen“ über. „Wesentlich“ war besonders eine Aussage der Pane, die bei den Juristen ein ungewöhnliches Interesse erweckte: die Mitteilung nämlich, daß Mitjä dem Pan Mussjälowitsch in jenem kleinen Zimmer dreitausend Rubel Abstandsgeld angeboten hatte mit dem Vorschlag: „siebenhundert sofort bar und die anderen zweitausenddreihundert morgen früh in der Stadt“, wobei er sein Ehrenwort gegeben hatte, daß das Geld morgen zur Stelle sein werde, da er es im Augenblick nicht bei sich hätte, das Geld aber in der Stadt liege. Mitjä bemerkte zuerst in der Hitze, daß er es nicht so gesagt habe: er werde ihnen das Geld morgen bestimmt in der Stadt geben. Doch auch Pan Wrublewskij bestätigte die Aussage des kleinen Pans. Da gestand Mitjä denn nach kurzem Nachdenken mürrisch ein, daß es wahrscheinlich so gewesen sein werde, wie die Polen sagten, daß er in jenem Augenblick erregt gewesen sei und vielleicht auch so gesagt habe. Der Staatsanwalt klammerte sich gleichsam an diese Aussage: jetzt war es für ihn klar (und so legte man es in der Folge auch aus), daß die Hälfte oder ein Teil der Dreitausend, die Mitjä so plötzlich in die Hände bekommen hatte, von ihm irgendwo in der Stadt versteckt sein mußte, vielleicht auch hier in Mokroje, wodurch jener allerdings bedenkliche Punkt seine Erklärung fand, daß man bei ihm nur achthundert Rubel vorgefunden hatte, – ein Umstand, der bis jetzt, wenn auch nur ein einziger und ziemlich belangloser, aber immerhin doch ein gewisser Beweis zu Mitjäs Gunsten gewesen war. Und nun stürzte auch dieser einzige Beweis zu seinen Gunsten ein. Auf die Frage des Staatsanwalts: wo er denn diese zweitausenddreihundert Rubel hergenommen hätte, um sie dem Pan zu geben, wenn er doch selbst behauptete, daß er im ganzen nur noch tausendfünfhundert besessen habe, und auf was hin er das sogar mit seinem Ehrenwort habe bekräftigen können, antwortete Mitjä ruhig und fest, daß er dem „Polacken“ morgen nicht Geld, sondern die formelle Übertragung seiner Rechte auf das Gut Tschermaschnjä habe anbieten wollen, wie er sie auch dem Kaufmann Ssamssonoff und Frau Chochlakoff angeboten hätte. Der Staatsanwalt freilich lächelte über diese „Naivität der Ausflucht“.
„Und Sie glauben, er wäre darauf eingegangen, diese ‚Rechte‘ an Stelle der baren zweitausenddreihundert Rubel anzunehmen?“
„Selbstverständlich wäre er darauf eingegangen,“ sagte Mitjä auffahrend. „Ich bitte Sie, hierbei sind doch nicht nur zwei, sondern vier, sechs, sogar zehntausend herauszuschlagen! Er hätte sofort seine kleinen Winkeladvokaten beauftragt, Polacken und Juden, und hätte nicht nur dreitausend, sondern ganz Tschermaschnjä herausgeschlagen!“
Die Aussagen Pan Mussjälowitschs wurden natürlich gleichfalls ausführlichst niedergeschrieben. Damit sahen sich die Polen entlassen. Daß sie beim Kartenspiel betrogen hatten, wurde fast gar nicht erwähnt. Neljudoff war ihnen gar zu dankbar und wollte sie daher nicht weiter mit Fragen belästigen, um so weniger, als das alles nur ein dummer Streit in der Trunkenheit gewesen sein konnte. Als ob es wenig Dummheiten in dieser Nacht gegeben hätte! ... So behielten denn die Polen die zweihundertfünfzig Rubel in der Tasche.
Darauf wurde nach dem alten Maximoff geschickt. Er erschien sehr zaghaft, näherte sich mit kleinen Schritten und sah dabei gehörig zerzaust und recht niedergeschlagen aus. Die ganze Zeit hatte er unten bei Gruschenka mäuschenstill gesessen und eine Miene gemacht, „als ob sofort Tränlein aus seinen Äuglein tröpfeln würden,“ wie später Michail Makarowitsch sagte, „und dann hätte er sie natürlich hübsch artig mit seinem blaukarierten Schnupftuch abgewischt“. Jedenfalls hatte Gruschenka ihn noch getröstet. Das alte Kerlchen bekannte sofort dem Untersuchungsrichter, daß er schuldig sei, da er von Dmitrij Fedorowitsch „zehn Rubel genommen habe, um-um-um ... ich bin doch ein ganz armer Mensch!“ und daß er bereit sei, sie ihm zurückzugeben ... Auf die direkte Frage Neljudoffs, „ob er nicht wisse, wieviel Geld Dmitrij Fedorowitsch in der Hand gehabt hatte, als er von ihm die zehn Rubel erhielt,“ antwortete Maximoff mit voller Überzeugung: „Zwanzigtausend.“
„Haben Sie früher einmal zwanzigtausend Rubel, in einer Hand gehalten, gesehen?“ fragte der Untersuchungsrichter lächelnd.
„Wie-wie denn nicht! Ich habe es genau gesehen, nur-nur waren es nicht zwanzigtausend, sondern sie-sie-sieben, als nämlich meine Frau mein Gütchen verpfändete. Sie ließ mich aber das Geld nur von weitem sehen. Es war ein-ein dickes Päckchen, alles Regenbogen. Und auch Dmitrij Fedorowitsch hatte nur Hundertrubelscheine ...“
Er wurde bald entlassen. Schließlich kam die Reihe auch an Gruschenka. Die Juristen fürchteten offenbar den Eindruck, den ihr Erscheinen auf Dmitrij Fedorowitsch machen konnte, und Neljudoff murmelte sogar ein paar Worte zu Mitjä, um ihn vorzubereiten und ein wenig zu ermahnen, worauf Mitjä nur stumm den Kopf senkte, womit er zu verstehen gab, daß er „keine Szene machen werde“. Michail Makarowitsch führte sie in höchst eigener Person ins Zimmer. Sie trat mit strengem, fast finsterem Gesichtsausdruck ein, äußerlich schien sie ganz ruhig zu sein. Sie setzte sich leise auf den ihr angewiesenen Stuhl gegenüber Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, dem Untersuchungsrichter. Sie war sehr bleich, und wie es schien, fand sie es kalt, denn sie hüllte sich fröstelnd in ihren prachtvollen schwarzen Schal ein. Es waren die ersten Fieberschauer einer Erkältung – der Anfang der Grippe, an der sie nach dieser Nacht lange Zeit schwer krank zu Bett lag. Ihr strenges Aussehen, ihr gerader und ernster Blick und das ruhige Auftreten machten auf alle einen vorzüglichen Eindruck. Nikolai Parfenowitsch Neljudoff war eigentlich sofort „ganz hin“. Er gestand später selbst, wenn er irgendwo von der Begebenheit erzählte, daß er erst da zum erstenmal gesehen habe, „wie schön dieses Weib“ sei, denn vorher hätte er sie wohl flüchtig gesehen, aber doch immer nur für „etwas von der Art einer Kreisstadthetäre gehalten“. „Sie hat Manieren, wie eine Dame der besten Gesellschaft,“ beteuerte er einmal in der Begeisterung und zufällig gerade in einer Damengesellschaft. Man hörte ihn mit dem größten Unwillen an und nannte ihn dafür hinfort einen „verdorbenen Schlingel“, womit er sehr zufrieden war. Als Gruschenka ins Zimmer trat, streifte sie Mitjä nur einmal ganz flüchtig mit dem Blick, und diese Ruhe beruhigte dann auch ihn, der ihr zuerst erregt entgegengesehen hatte. Nach den ersten notwendigen Fragen und Vorbemerkungen stellte Nikolai Parfenowitsch, zwar etwas stotternd und betreten, aber doch mit voller Beibehaltung der größten Höflichkeit und Ernsthaftigkeit, folgende Frage: In welchen Beziehungen sie zu dem Leutnant a. D. Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff gestanden habe, worauf sie still und fest antwortete:
„Er war mein Bekannter, als Bekannten habe ich ihn im letzten Monat empfangen.“
Auf die weiteren, interessiert gestellten Fragen erklärte sie mit voller Aufrichtigkeit, daß er ihr wohl in manchen „Stunden“ gefallen, sie ihn aber nicht geliebt, sondern nur „aus dummer Bosheit“ zum besten gehabt habe, ganz wie sie es auch mit jenem „Alten“ getan hätte. Sie sagte, sie habe gesehen, wie Mitjä auf Fedor Pawlowitsch und auf alle Welt eifersüchtig gewesen sei, doch das hätte sie nur amüsiert. Zu Fedor Pawlowitsch zu gehen, daran habe sie überhaupt nicht gedacht, da sie sich über ihn nur lustig gemacht habe. „In diesem ganzen Monat war es mir nicht um sie zu tun; ich erwartete einen anderen Menschen, der ankommen sollte, um seine Schuld an mir wieder gutzumachen ... Nur glaube ich,“ schloß sie plötzlich, „daß dieses Sie weiter nicht zu interessieren braucht, und ich Ihnen darüber nichts zu sagen habe, denn das dürfte doch nur meine persönliche Angelegenheit sein.“
Nikolai Parfenowitsch gehorchte sofort; er ließ sofort alle „romantischen“ Punkte beiseite und ging unverzüglich zum „Ernsten“ über, das heißt also zu jener Frage der dreitausend Rubel. Gruschenka bestätigte, daß von Mitjä vor einem Monat in Mokroje tatsächlich dreitausend Rubel verschleudert worden seien, und wenn sie selbst auch das Geld nicht gezählt habe, so hätte sie doch von Dmitrij Fedorowitsch gehört, daß es so viel gewesen sei.
„Hat er es Ihnen unter vier Augen gesagt oder in Gegenwart anderer, oder haben Sie nur gehört, wie er es anderen gesagt hat?“ erkundigte sich sofort der Staatsanwalt.
Gruschenka erklärte darauf, daß er es sowohl in Gegenwart anderer, als auch zu anderen gesagt, daß sie es aber auch unter vier Augen von ihm gehört habe.
„Haben Sie es einmal von ihm unter vier Augen gehört oder mehrmals?“ erkundigte sich wieder der Staatsanwalt, und er erfuhr, daß sie es mehrmals gehört hatte.
Hippolyt Kirillytsch war mit dieser Aussage sehr zufrieden. Aus dem weiteren Verhör ergab sich ferner noch, daß Gruschenka gleichfalls gewußt hatte, woher dieses Geld stammte, – daß es Dmitrij Fedorowitsch von Katerina Iwanowna gegeben worden war.
„Aber haben Sie nicht wenigstens einmal gehört, daß hier vor einem Monat nicht dreitausend, sondern weniger verschleudert worden sei, und daß Dmitrij Fedorowitsch von den Dreitausend die ganze Hälfte für sich aufbewahrt habe?“
„Nein, davon habe ich niemals etwas gehört,“ sagte Gruschenka.
Weiterhin erfuhren die Juristen von ihr noch, daß Mitjä ihr im ganzen letzten Monat häufig gesagt hatte, daß er kein Geld habe. „Er hoffte aber immer, von seinem Vater welches zu erhalten,“ schloß Gruschenka.
„Aber hat er nicht einmal in Ihrer Gegenwart gesagt ... oder vielleicht flüchtig irgendwie angedeutet,“ fiel sofort Neljudoff ein, „daß er eventuell seinen Vater erschlagen wolle?“
„Ach, leider hat er es gesagt!“ sagte Gruschenka aufseufzend.
„Einmal oder des öfteren?“
„Des öfteren hat er es gesagt, doch immer nur dann, wenn er aufgebracht oder zornig war.“
„Und haben Sie geglaubt, daß er es ausführen werde?“
„Nein, niemals habe ich das geglaubt!“ antwortete sie mit fester Stimme. „Ich habe immer auf seine edle Gesinnung gehofft.“
„Meine Herren, erlauben Sie mir,“ rief plötzlich Mitjä dazwischen, „erlauben Sie, daß ich in Ihrer Gegenwart nur ein Wort zu Agrafena Alexandrowna sage?“
„Sprechen Sie,“ – Neljudoff erlaubte es ihm.
„Agrafena Alexandrowna,“ sagte, sich vom Stuhl erhebend, Mitjä, „glaube Gott und mir: An dem Blute meines gestern erschlagenen Vaters bin ich nicht schuldig, ich bin unschuldig daran!“
Und nachdem er das gesagt hatte, setzte er sich wieder auf den Stuhl. Gruschenka erhob sich, wandte sich zur Ecke, in der das Heiligenbild hing, und bekreuzte sich andächtig.
„Gelobt seist Du, mein Herr und Gott!“ sagte sie mit ganzer Inbrunst und tief erschütterter Stimme. Und ohne sich zu setzen, wandte sie sich darauf zu Neljudoff und fügte noch laut hinzu: „Was er soeben gesagt hat, daran glauben Sie! Ich kenne ihn: Unwahres schwatzen kann er, wenn es sich um einen Scherz oder seinen Eigensinn handelt, doch wenn es sich um eine Gewissenssache handelt, so wird er nie lügen. Dann wird er stets die Wahrheit sagen, und daran glauben Sie!“
„Hab Dank dafür, Agrafena Alexandrowna, du hast mich wieder aufgerichtet,“ sagte Mitjä mit unsicherer Stimme.
Auf die Frage nach dem gestrigen Gelde sagte sie, daß sie nicht wüßte, wieviel es gewesen sei, dafür aber gehört habe, wie er zu anderen gesagt hatte, daß er wieder mit Dreitausend angekommen sei. Und was die Herkunft des Geldes betrifft, so habe er ihr allein unter vier Augen gesagt, daß er es von Katerina Iwanowna „gestohlen“ hätte, und sie habe ihm darauf geantwortet, daß es nicht „gestohlen“ sei, und daß er ihr morgen das Geld zurückgeben müsse. Auf die wiederholte Frage des Staatsanwalts, von welchem Gelde er gesagt hätte, daß es „gestohlen“ sei – von dem gestrigen oder den anderen Dreitausend vor einem Monat – erklärte sie, daß er es von jenem anderen vor einem Monat gesagt, daß wenigstens sie ihn so verstanden habe.
Endlich wurde auch Gruschenka entlassen, wobei ihr Nikolai Parfenowitsch Neljudoff noch dienstbeflissen mitteilte, daß sie, falls sie es wünschte, ungehindert jeden Augenblick in die Stadt zurückkehren könne, und daß er, falls er seinerseits irgendwie gefällig sein könnte, zum Beispiel hinsichtlich der Pferde, oder, zum Beispiel, falls sie einen Begleiter wünschte, ... seinerseits, wie gesagt, mit dem größten Vergnügen ...
„Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit,“ unterbrach ihn Gruschenka, mit einer leichten Verneigung des Kopfes, „ich werde mit dem kleinen alten Herrn, dem Gutsbesitzer, zurückkehren, ich werde ihn in die Stadt bringen, doch vorläufig möchte ich, wenn Sie es gestatten, hier abwarten, was mit Dmitrij Fedorowitsch geschehen wird.“
Sie verließ das Zimmer. Mitjä war ruhig und schien wieder Mut und Kraft geschöpft zu haben, – doch schien das nur eine kurze Zeit so. Es überkam ihn immer wieder eine ganz sonderbare körperliche Schwäche, und je länger die Verhandlung dauerte, desto häufiger und stärker fiel ihn diese Schwäche an. Seine Augen fielen ihm fast zu vor Müdigkeit. Endlich war auch das Zeugenverhör beendet. Dann schritt man zur endgültigen Redaktion des Protokolls. Mitjä erhob sich und ging von seinem Stuhl in die Ecke zum Vorhang, wo er sich auf eine große, mit einem Teppich bedeckte Truhe hinlegte und sofort einschlief. Da hatte er einen sonderbaren Traum, der eigentlich gar nicht zu seiner Stimmung paßte. Es war ihm, als fahre er irgendwo in der Steppe, dort, wo früher vor langer Zeit sein Regiment gestanden hatte: und er fährt in einem offenen Wagen, in dem vor ihm noch der Kutscher sitzt, ein Bauer, und es schneit und regnet. Nur scheint es kalt zu sein, etwa Anfang November, und der Schnee fällt in dichten nassen Flocken und taut sofort auf, sobald er die Erde berührt. Und der Bauer knallt mit der Peitsche, und die beiden Pferde greifen tüchtig aus. Der Bauer hat einen langen Bart, er ist aber noch nicht alt, ungefähr fünfzig Jahre, und er hat einen grauen Bauernkittel an. Und da sieht er in der Ferne ein Dorf, die Hütten sind schwarz, ganz schwarz, und die Hälfte der Hütten ist abgebrannt, und es starren von ihnen nur noch die verkohlten Dachsparren durch den grauen Tag. Und vor der Einfahrt ins Dorf haben sich an der Landstraße die Bauernweiber aufgestellt, viele Weiber, eine ganze Reihe, und alle haben sie so magere und abgezehrte, ganz absonderlich braune Gesichter. Besonders die eine am Rande, eine skelettartige, hohe Gestalt: sie scheint vierzig Jahre alt zu sein, vielleicht ist sie auch nur zwanzig, ihr Gesicht ist lang, mager, und auf dem Arme trägt sie ein weinendes Kindchen, ihre Brüste aber müssen ganz ausgetrocknet sein, keinen Tropfen Milch mehr enthalten. Und das Kindchen weint und weint, und es streckt die Ärmchen aus, nackte magere Ärmchen mit kleinen Fäustchen, die vor Kälte ganz blau sind.
„Warum weinen sie? Worüber weinen sie?“ fragt Mitjä, indem er in seinem Wagen an ihnen vorüberfliegt.
„Das ist das Kindichen,“ antwortet ihm der Bauer, mit dem er fährt, „das Kindichen weint.“
Und Mitjä ist ganz verdutzt darüber, daß er es so auf seine Art sagt: „das Kindichen“, und nicht das Kindchen. Und es gefällt ihm, daß der Bauer Kindichen gesagt hat: es ist, als ob mehr Mitleid darin läge.
„Aber warum weint es?“ fragte Mitjä ungeduldig weiter, als wenn er zu dumm wäre, um es zu begreifen. „Warum sind seine Ärmchen bloß, warum wird es nicht eingewickelt?“
„Das Kindichen hat’s kalt, die Kleiderchen sind dünn und feucht, und da wärmen sie das Körperchen nicht mehr.“
„Aber warum ist das so? Warum?“ fragt immer drängender der dumme Mitjä.
„Weil sie doch arm sind, abgebrannt, Brot haben sie kein Stückchen mehr; sie bitten für den abgebrannten Ort.“
„Nein, nein,“ ruft Mitjä, als verstehe er noch immer nicht, „aber so sag mir doch: Warum stehen so die abgebrannten Mütter, warum sind sie arm, warum ist das Kindichen arm, warum ist die Steppe so nackt, warum umarmen sie sich nicht, warum küssen sie sich nicht, warum singen sie nicht fröhliche Lieder, warum sind sie so schwarz geworden von dem schwarzen Elend, warum wird das Kindichen nicht genährt?“
Und er fühlt, daß er sinnlos und unvernünftig fragt, aber er hatte unbedingt geradeso fragen wollen, und er glaubt, daß er auch geradeso habe fragen müssen. Und er fühlt noch, daß sich in seinem Herzen eine noch nie empfundene Rührung erhebt, daß er weinen möchte, daß er für alle etwas tun will, auf daß das Kindichen nicht mehr weine, auf daß auch die schwarze verhärmte Mutter des Kindichens nicht mehr weine, auf daß von diesem Augenblicke an niemand mehr eine Träne vergieße, und daß er sofort, unverzüglich so etwas tun will, ohne Aufschub oder Verzug, ohne Rücksicht oder Bedenken, mit der ganzen Karamasoffschen zügellosen Leidenschaft.
„Und ich bin bei dir, jetzt verlasse ich dich nie mehr, das ganze Leben lang gehe ich mit dir,“ ertönen neben ihm Gruschenkas liebeatmende, inbrünstige Worte.
Und da entbrennt sein ganzes Herz und strebt zu etwas Lichtem, Lichtem, und leben will er, leben, auf einem Wege will er gehen, gehen zu dem neuen ihm winkenden Lichte, nur schneller, schneller, jetzt gleich, sofort!
„Was? Wohin?“ ruft er aus, schlägt die Augen auf und setzt sich auf seine Truhe, als ob er aus einer Ohnmacht erwache, und lächelt verklärt.
Vor ihm stand, etwas zu ihm herabgebeugt, Nikolai Parfenowitsch Neljudoff und forderte ihn auf, das Protokoll anzuhören und dann zu unterzeichnen.
Mitjä erriet, daß er vielleicht eine Stunde geschlafen hatte oder noch länger, aber er hörte nicht, was Neljudoff zu ihm sprach. Es machte ihn plötzlich stutzig, daß auf der Truhe ein Kopfkissen lag und er auf ihm geschlafen hatte; vorhin aber, als er todmüde hier eingeschlafen war, da hatte er kein Kissen gesehen.
„Wer hat mir dieses Kissen unter den Kopf geschoben? Wer ist dieser gute Mensch gewesen?“ rief er mit einem begeisterten, dankbaren Gefühl und einer gleichsam vor Tränen bebenden Stimme, als hätte man ihm weiß Gott was für eine große Wohltat erwiesen.
Er hat es nie erfahren, wer dieser gute Mensch gewesen war. Vielleicht hatte es einer von den Ortsbewohnern oder der kleine Schreiber Nikolai Parfenowitschs aus Mitleid getan. Mitjä aber fühlte, wie seine ganze Seele vor Tränen gleichsam erbebte. Er trat zum Tisch und sagte, daß er alles unterzeichnest werde, was sie von ihm verlangten.
„Ich habe einen guten Traum gehabt, meine Herren,“ sagte er, und seine Worte klangen so sonderbar, und er sprach sie mit einem ganz neuen, freudeverklärten Gesicht.
IX. Wie Mitjä fortgeführt wurde
Als das Protokoll unterzeichnet war, wandte sich Nikolai Parfenowitsch mit feierlicher Miene an den Angeklagten und verlas die „Verfügung“, – daß in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, an dem und dem Ort der Untersuchungsrichter des und des Kreisgerichtshofs nach dem Verhör des und des (d. h. Mitjäs), der angeklagt war, das und das verübt zu haben (alle Anklagen waren peinlich genau aufgezählt), und in Anbetracht dessen, daß der Angeklagte, der sich der Verbrechen, die ihm zur Last gelegt werden, nicht für schuldig bekenne, anderseits nichts zu seiner Rechtfertigung vorzubringen habe, während die Zeugen (die und die) und die Umstände (die und die) ihn vollständig überführen, er, der Untersuchungsrichter usw. auf Grund der und der Paragraphen des Strafgesetzbuches usw. verfüge: um dem und dem (Mitjä) die Möglichkeit zu nehmen, sich der Untersuchung und dem Gericht zu entziehen, ihn in das und das Gefängnis einzuschließen, wovon dem Angeklagten Mitteilung zu machen, die Kopie dieser Verfügung dem Vertreter des Staatsanwalts einzuhändigen sei usw. usw. Kurz, es wurde Mitjä mitgeteilt, daß er von diesem Augenblicke an ein Gefangener war, und daß man ihn unverzüglich in die Stadt führen werde, um ihn dort im Gefängnis unterzubringen. Mitjä der alles aufmerksam angehört hatte, zuckte nur mit den Schultern.
„Nun was, meine Herren, ich kann Ihnen keinen Vorwurf machen, ich bin bereit ... Ich sehe es ja ein, daß Ihnen weiter nichts zu tun übrig bleibt.“
Nikolai Parfenowitsch erklärte ihm darauf in möglichst sanfter Weise, daß ihn Mawrikij Mawrikjewitsch, der Polizeioffizier unseres Städtchens, der kurz vorher in Mokroje angekommen war, sofort in die Stadt bringen werde ...
„Einen Augenblick,“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä und sich an alle Anwesenden wendend, sagte er mit überströmendem Gefühl: „Meine Herren, alle sind wir grausam, alle sind wir Unmenschen, alle Menschen machen wir weinen, alle Menschen, Mütter und Kinder, doch von allen – mag das jetzt so entschieden sein – von allen bin ich der allerniedrigste Unmensch. Mag das jetzt einmal gesagt sein! An jedem Tage meines Lebens habe ich mich vor die Brust geschlagen und mir vorgenommen, mich zu bessern, und doch habe ich jeden Tag wieder dieselben Scheußlichkeiten begangen. Jetzt begreife ich, daß für solche Menschen, wie mich, ein Schlag nötig ist, ein Schicksalsschlag, damit sie wie mit einer Wurfschlinge gefangen und von einer äußeren Kraft bezwungen werden. Niemals, niemals hätte ich mich aus eigener Kraft erhoben! Nun aber hat der Donner gegrollt und der Blitz hat mich getroffen. Ich nehme die Qual der Anklage und meiner öffentlichen Schmach auf mich, ich will leiden, und ich will mich durch das Leid läutern! Und das wird mir jetzt vielleicht auch gelingen – was meinen Sie, meine Herren, wird es mir gelingen? Doch nun hören Sie es noch einmal, ich sage es Ihnen zum letzten Male: Am Blut meines Vaters bin ich unschuldig! Ich nehme die Strafe nicht deshalb auf mich, weil ich ihn etwa erschlagen habe, sondern dafür, daß ich ihn hab erschlagen wollen und vielleicht auch tatsächlich erschlagen hätte ... Doch immerhin, ich will mit Ihnen kämpfen, um mein Leben kämpfen, und das kündige ich Ihnen jetzt im voraus an. Ich werde mit Ihnen bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, und dann wird Gott entscheiden! Leben Sie wohl, meine Herren, und tragen Sie es mir nicht nach, daß ich Sie während des Verhörs angeschrien habe, oh, es war mir ja noch alles so unklar ... Nach einer Minute bin ich Arrestant, doch jetzt streckt Ihnen Dmitrij Karamasoff zum letztenmal noch als freier Mensch seine Hand entgegen, zum letzten Abschiedshändedruck. Ich will mich von Ihnen verabschieden, von den Menschen will ich Abschied nehmen ...“
Seine Stimme wurde unsicher, und er streckte in der Tat seine Hand aus, doch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der von allen am nächsten bei ihm stand, zog plötzlich, als ob er zusammengezuckt wäre, seine Hände zurück und kreuzte sie auf dem Rücken. Mitjä hatte es sofort bemerkt, und fuhr zusammen. Seine hingehaltene Hand ließ er im Augenblick herabsinken.
„Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen,“ stotterte Neljudoff etwas verwirrt, „wir werden sie in der Stadt fortsetzen, und ich bin natürlich meinerseits gern bereit, Ihnen jeden Erfolg zu wünschen ... zu Ihrer Rechtfertigung ... Und was Sie als Persönlichkeit betrifft, Dmitrij Fedorowitsch, so bin ich immer geneigt gewesen, Sie für einen sozusagen mehr unglücklichen als schuldigen Menschen zu halten ... Wir sind hier alle bereit, wenn ich wagen darf, im Namen aller zu reden, wir alle sind bereit, Sie für einen im Grunde edlen Menschen zu halten, der sich nur leider von einigen Leidenschaften in etwas gar zu starker Weise beherrschen läßt ...“
Die zarte kleine Gestalt Nikolai Parfenowitschs drückte zum Schluß der Rede die ganze Höhe seiner Würde als Untersuchungsrichter aus. Mitjä zuckte plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß dieser „dumme Junge“ ihn gleich unter den Arm fassen werde, um ihn scherzend in eine Ecke zu führen und dort ihr Gespräch über die „Mädels“, das sie vor ein paar Tagen gehabt hatten, wieder aufzunehmen. Doch – fliegen denn nicht selbst einem Verbrecher, der zum Tode geführt wird, nicht zur Sache gehörende und vielleicht gar alberne Gedanken durch den Kopf?
„Meine Herren, ich weiß, Sie sind gut, – kann ich sie noch einmal sehen, mich zum letztenmal von ihr verabschieden?“ fragte Mitjä.
„Oh, natürlich ... nur ... in Anbetracht ... mit einem Wort: Es geht nicht, daß ... unter vier Augen geht es nicht, aber in Gegenwart ...“
„Schön, meinetwegen in Ihrer Gegenwart!“
Gruschenka wurde hinaufgebeten, doch es kam nur zu einer ganz kurzen, wortkargen Abschiedsszene, die Nikolai Parfenowitsch eigentlich wenig befriedigte. Gruschenka verneigte sich tief vor Mitjä.
„Ich habe dir gesagt, daß ich dein bin und ewig dein bleiben werde. Mit dir gehe ich bis in die Ewigkeit, wohin man dich auch verschicken sollte. Leb wohl, du, der du dich unschuldig zugrunde gerichtet hast!“
Ihre Lippen bebten, Tränen blitzten an ihren Wimpern und rollten plötzlich herab.
„Gruscha, vergib mir meine Liebe, vergib mir, daß ich durch meine Liebe auch dich ins Unglück stürze.“
Mitjä wollte noch etwas sagen, doch jäh brach er ab und ging hinaus. Er wurde im Augenblick von Männern umringt, die ihn nicht aus den Augen ließen. Unten vor der Treppe, wo er noch gestern mit Andreis Troika dröhnend vorgefahren war, standen zwei Wagen bereit. Mawrikij Mawrikjewitsch, ein stämmiger, kleiner Mann mit einem aufgedunsenen Gesicht, schien durch etwas sehr gereizt zu sein, wahrscheinlich durch irgendeinen Zwischenfall oder eine unvorhergesehene Unordnung; jedenfalls schrie er wütend, und man sah ihm an, daß er sich ärgerte. So forderte er denn auch Mitjä etwas gar zu barsch auf, in den Wagen einzusteigen. „Früher, als ich ihm im Gasthause ‚zur Hauptstadt‘ Wein und alles mögliche vorsetzte, hatte der Mensch ein ganz anderes Gesicht,“ dachte Mitjä, als er einstieg. Auch Trifon Borissytsch stieg die Treppe hinab. An der Hofpforte drängten sich Leute: Bauern, Weiber, Fuhrknechte, Kutscher, und alle starrten sie Mitjä an.
„Lebt wohl, Ihr Gottesmenschen!“ rief ihnen Mitjä vom Wagen zu.
„Vergib auch du uns, Väterchen,“ hörte man zwei, drei Stimmen den Gruß erwidern.
„Nun, auch du leb wohl, Trifon Borissytsch!“
Doch Trifon Borissytsch wandte sich nicht einmal nach ihm um, vielleicht weil er gar zu beschäftigt war. Er schrie gleichfalls und gab verschiedene Befehle, denn der zweite Wagen, in dem zwei Gerichtsdiener Mawrikij Mawrikjewitsch und Mitjä begleiten sollten, war noch nicht ganz zur Abfahrt bereit. Der Fuhrknecht, der sie fahren sollte, zog vorläufig noch langsam seinen Kittel an und redete wortreich darüber, daß nicht er, sondern Akim an der Reihe sei, zu fahren. Akim aber war nicht zur Stelle; da lief man denn, um den Akim zu suchen; der Bauer bestand aber auf dem Seinen und bat, daß man warten solle.
„Ach, Mawrikij Mawrikjewitsch, dieses Bauernpack ist doch bei uns ganz ohne jedes Schamgefühl!“ rief Trifon Borissytsch kummervoll. Und zu dem Fuhrknecht: „Dir hat Akim noch vorgestern einen Fünfundzwanziger gegeben, und du hast ihn versoffen, jetzt aber reißt du wieder das Maul bis an die Ohren. Ich wundere mich nur tagaus, tagein über Ihre Güte, Mawrikij Mawrikjewitsch, hat doch dieses Lumpenpack so was nicht mal von weitem verdient. Ich weiß, was ich sage!“
„Aber wozu brauchen wir denn noch eine zweite Troika?“ mischte sich da Mitjä in die Angelegenheit ein. „Fahren wir nur ruhig in einer, Mawrikij Mawrikjewitsch, ich werde ja nicht rebellieren, nicht von dir fortlaufen, wozu also die Bedeckung?“
„Bitte, gefälligst zu begreifen, mein Herr, daß Sie nicht so zu mir zu reden haben, falls Sie es noch nicht wissen sollten. Ich verbitte mir Ihr Du und desgleichen Ihre Ratschläge, die Sie für bessere Gelegenheiten aufsparen können ...“ schrie plötzlich, wild aus sich herausfahrend, Mawrikij Mawrikjewitsch Mitjä an, – als hätte er sich über die Gelegenheit gefreut, seine Galle an ihm auslassen zu können.
Mitjä schwieg. Das Blut war ihm heiß ins Gesicht gestiegen. Nach einem Augenblick fror ihn plötzlich sehr. Der Regen hatte aufgehört, doch der trübe Himmel war ganz von Wolken bedeckt, und ein scharfer Wind blies ihm gerade ins Gesicht. „Sollte das etwa ein Fieberschauer sein?“ dachte Mitjä, der sich in den Schultern schüttelte. Endlich stieg auch Mawrikij Mawrikjewitsch ein, setzte sich gewichtig und breit hin, wobei er – als bemerke er es überhaupt nicht – Mitjä gehörig an die andere Seitenlehne preßte. Freilich war er nicht bei guter Laune, und der ihm zuteil gewordene Auftrag behagte ihm sehr wenig.
„Leb wohl, Trifon Borissytsch!“ rief Mitjä nochmals zurück, und er fühlte selbst, daß er es nicht aus Gutmütigkeit, sondern aus Bosheit, gegen seinen Willen gerufen hatte.
Doch Trifon Borissytsch stand stolz auf seiner Treppe, hielt die Hände auf dem Rücken und sah Mitjä ohne mit der Wimper zu zucken an; er blickte streng und geärgert und antwortete auf Mitjäs Gruß kein Wort.
„Leben Sie wohl, Dmitrij Fedorowitsch, leben Sie wohl!“ ertönte plötzlich die Stimme Kalganoffs, der ganz unerwartet von irgendwoher aufgetaucht war.
Er eilte zum Wagen und streckte Mitjä die Hand entgegen. Er war ohne Mütze herausgelaufen. Mitjä gelang es noch, seine Hand zu erfassen und einmal zu drücken.
„Leb wohl, du lieber Mensch, werde dich und deine Großmut nie vergessen!“ rief er ihm heiß zu.
Da zogen aber die Pferde an, und ihre Hände wurden auseinander gerissen. Die Glocken tönten ... – so wurde Mitjä fortgeführt.
Kalganoff aber lief in den Flur, setzte sich dort in eine dunkle Ecke, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Lange saß er so und weinte, – er weinte, als wäre er noch ein kleiner Knabe und nicht ein zwanzigjähriger junger Mann. Oh, er war fast ganz von Mitjäs Schuld überzeugt! „Was sind denn das für Menschen, wie können denn, danach zu urteilen, die Menschen überhaupt sein!“ rief er innerlich in bitterer Schwermut, wenn nicht gar Verzweiflung. Er verlor allen Lebensmut: „Ich will überhaupt nicht mehr leben,“ sagte er grollend, und „ist denn das Leben das wert, ist es das wert?“ rief der betrübte Jüngling immer wieder aus.
Zehntes Buch. Die Knaben
I. Koljä Krassotkin
Anfang November. Die Kälte war bei uns schon auf elf Grad gestiegen, und dazu kam noch Glatteis. Auf die gefrorene Erde war nachts etwas trockener Schnee gefallen, und nun fegte ihn ein kalter, scharfer Wind durch die langweiligen Straßen des Städtchens und besonders über den Marktplatz in unermüdlichen Stößen vor sich her. Der Morgen ist bewölkt, doch der Schneefall hat schon aufgehört.
Nicht weit vom Marktplatz, in der Nähe der Plotnikoffschen Kolonialwarenhandlung, steht das kleine, von außen wie von innen sehr saubere Haus der Witwe des verstorbenen Beamten Krassotkin. Der Gouvernementssekretär Krassotkin war schon vor langer Zeit gestorben, vor etwa vierzehn Jahren; seine Witwe aber, ein etwa dreißigjähriges und noch immer sehr nettes appetitliches Frauchen, lebte in ihrem schmucken Häuschen „vom eigenen Kapital“. Sie lebte sittsam und bescheiden und hatte einen zärtlichen, sanften, im allgemeinen recht heiteren Charakter. Sie war bereits mit achtzehn Jahren Witwe geworden, nachdem sie mit ihrem Mann nur ein Jahr lang zusammengelebt und ihm kurz vor seinem Tode einen Sohn geboren hatte. Seit der Zeit, seit dem Tode ihres Mannes, widmete sie sich ganz der Erziehung dieses ihres einzigen Söhnchens Koljä, und wenn sie ihn auch alle diese vierzehn Jahre geradezu abgöttisch liebte, so machte sie mit ihm, versteht sich, weit mehr Leiden durch, als er ihr Freuden bereitete, da sie jeden Tag für ihn zitterte und fast verging vor Angst, er könnte sich erkalten, erkranken, sich beim Spielen Schaden tun, auf einen Stuhl klettern und herunterfallen usw. usw. Als aber Koljä die Vorschule und späterhin unser Progymnasium zu besuchen begann, da fing sie an, alle Wissenschaften zu studieren, um ihm beim Lernen helfen und mit ihm die Aufgaben durchnehmen zu können. Sie suchte mit seinen Lehrern und deren Frauen bekannt zu werden, lud sie zum Kaffee ein, sie verwöhnte und hätschelte sogar seine Schulkameraden, damit sie ihren Koljä nicht anrührten, nicht verspotteten, oder gar – Gott behüte! – verprügelten. Sie brachte es so weit, daß die Knaben schließlich über ihn lachten und ihn als „das Muttersöhnchen“ neckten. Koljä aber verstand es, sich zu verteidigen. Er war ein mutiger Junge und „furchtbar stark“, wie das Gerücht zu melden wußte, das sich bald in der Klasse verbreitete, war gewandt, charakterfest, kühn und unternehmungslustig. Er lernte gut, und es hieß sogar unter den Kameraden, daß er in der Arithmetik und allgemeinen Geschichte selbst dem Lehrer, Herrn Dardaneloff, ein Bein stellen könne. Wenn nun der Junge auch etwas „von oben herab“ war und das Nasenspitzchen oft gehörig emporreckte, so war er doch ein guter Kamerad, der sich nie überhob. Die Achtung der Mitschüler nahm er übrigens als etwas Selbstverständliches hin. Die Hauptsache war, daß er Maß hielt, daß er sich bei Gelegenheit selbst zurückzuhalten verstand, und daß er in seinem Verhalten zu den Lehrern niemals die letzte, sehr bemerkbare Grenze überschritt, über die hinaus die Streiche nicht mehr verziehen werden können, da sie dann bereits zu „Unordnung, Rebellion und Verletzung der Vorschriften“ führen. Und doch war er nichts weniger als abgeneigt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit wie der ausgelassenste Schulbub ausgelassen zu sein, oder vielmehr nicht so sehr ausgelassen zu sein, als etwas Besonderes anzustiften, einen ganz besonders tollen Streich zu spielen, „Extrafurore“ zu machen, sich einen „Schick“ zu geben, kurz, sich irgendwie auffallend auszuzeichnen. Vor allem war er sehr ehrgeizig. Sogar seine Mama verstand er in ein untergeordnetes Verhältnis zu sich zu bringen, ja, er beherrschte sie fast despotisch. Sie hatte sich ihm widerspruchslos untergeordnet, oh, schon lange war er der Herr im Hause! Nur den einen Gedanken konnte sie nicht ertragen: daß ihr Junge sie „wenig liebe“. Es schien ihr immer, daß ihr Koljä „nichts für sie fühle“, und so kam es denn vor, daß sie, in Tränen aufgelöst, ihm wegen seiner Kälte zu ihr Vorwürfe machte. So etwas liebte der Junge äußerst wenig, und je mehr Herzensergüsse man von ihm verlangte, um so zurückhaltender wurde er. Das geschah aber von ihm nicht absichtlich, wie es schien, sondern ganz unwillkürlich, – so war nun einmal sein Charakter. Doch die Mutter täuschte sich: er liebte seine Mama sogar sehr, nur liebte er keine „Kälberzärtlichkeiten“, wie er sich in seinem Schülerjargon ausdrückte. Sein Vater hatte viele Bücher hinterlassen, die von der Mutter in einem großen Schrank aufbewahrt wurden. Koljä machte sich bald daran, diese Bücher zu lesen. Die Mama beunruhigte das weiter nicht; sie wunderte sich vorläufig nur über ihren Jungen, wie der so ganze Stunden lang am Bücherschrank stehen und lesen konnte. Daher hatte denn Koljä in kurzer Zeit schon manches gelesen, was er in so jungen Jahren gar nicht zu wissen gebraucht hätte.
In der letzten Zeit aber hatte er ein paar Streiche gespielt, die die Mama ernstlich beunruhigten. Es waren das nicht irgendwelche sittlich bedenkliche, bösartige Stückchen, sondern wahrhaft tollkühne, halsbrecherische Wagnisse gewesen. Die Mama hatte nämlich Ende Juli, in der Ferienzeit, mit ihrem Jungen eine Verwandte besucht, deren Mann auf der nächsten Eisenbahnstation, siebzig Werst von unserem Städtchen, angestellt war. (Es war das dieselbe Eisenbahnstation, von der einen Monat darauf Iwan Fedorowitsch Karamasoff nach Moskau reiste.) Das erste, was Koljä bei seinen Verwandten tat, war, daß er sich genau die Lokomotiven besah, sich mit der Maschine gut bekannt machte, alle Räder untersuchte usw., denn er sagte sich, daß er mit diesen Kenntnissen seinen Mitschülern imponieren werde. Es fanden sich noch ein paar andere Knaben dazu, mit denen er sich anfreundete; die einen von ihnen wohnten daselbst auf der Station, die anderen in der Nachbarschaft, – im ganzen hatten sich sechs oder sieben Jungen im Alter zwischen zwölf und fünfzehn Jahren zusammengetan, darunter zwei Gymnasiasten aus unserer Stadt. Diese Jungen spielten und tollten zusammen, und siehe da, am vierten oder fünften Tage des Besuchs – Frau Krassotkin und Koljä waren nur auf etwa eine Woche hingefahren – kam es unter ihnen zu einer ganz unglaublichen Wette um zwei Rubel: und zwar handelte es sich um folgendes:
Koljä, der Jüngste unter ihnen, und daher von den anderen etwas herablassend Behandelte, hatte aus knabenhaftem Ehrgeiz oder aus unverzeihlicher Tollkühnheit vorgeschlagen, nachts, wenn der Elfuhrzug käme, so lange zwischen den Schienen zu liegen, bis der Eilzug über ihn hinweggegangen wäre. Allerdings waren verschiedene Versuche gemacht worden, die ergeben hatten, daß man sehr wohl so zwischen den Schienen liegen und sich an den Boden drücken konnte, ohne vom Zug berührt zu werden, der dann in der größten Geschwindigkeit über einen hinwegsausen werde. Trotzdem jedoch – besten Dank für das Liegen! Koljä aber behauptete steif und fest, daß er sich hinlegen und liegen bleiben werde. Er wurde zuerst ausgelacht, ein Prahlhänschen, ein Aufschneider genannt, und durch diese Neckereien nur noch mehr zu seinem Vorhaben gereizt. Das Entscheidendste dabei war, daß diese Fünfzehnjährigen schon gar zu wichtig vor ihm taten und ihn zuerst als „Kleinen“ überhaupt nicht in ihre „Clique“ hatten aufnehmen wollen, was ihm denn doch zu sehr „an die Ehre“ ging. Und so ward beschlossen, am Abend aufzubrechen und ungefähr auf eine Werst längs dem Eisenbahndamm weiterzugehen, um dann bis elf den Zug, der dort von der Station aus bereits in Gang gekommen sein würde, zu erwarten. Der Abend kam, man versammelte sich und machte sich auf den Weg. Die Nacht brach an: es war eine mondlose, nicht nur dunkle, sondern fast pechschwarze Nacht. Kurz vor elf legte Koljä sich zwischen den Schienen hin. Die übrigen fünf, die die Wette eingegangen waren, warteten zuerst mit beklommenem Herzen, zuletzt aber in Angst und Reue unten am Bahndamm im Gebüsch. Endlich, – ein Pfiff und fernes Rollen zeigten an, daß der Schnellzug die Station verließ. Da tauchten auch schon in der Nacht zwei feurige Augen auf und fauchend raste das Ungetüm heran. „Lauf Koljä! Lauf fort!“ schrien fünf angsterstickte Stimmen aus dem Gebüsch. Es war aber schon zu spät: der Zug war schon da und sauste vorüber. Die Jungen stürzten den Damm hinauf zu Koljä: er lag regungslos zwischen den Schienen. Man rüttelte ihn, rief ihn an, und versuchte ihn schließlich aufzuheben. Da stand er plötzlich von selbst auf und ging schweigend den Bahndamm hinab. Unten angelangt, erklärte er, daß er absichtlich unbeweglich liegen geblieben sei, um ihnen Angst zu machen. Doch war das nicht ganz wahrheitsgetreu: er hatte tatsächlich die Besinnung verloren, wie er später, nach langer Zeit, seiner Mama gestand. So hatte er sich denn den Ruhm, ein „Tollkühner“ zu sein, für alle Zeiten erworben. Er kehrte nur sehr bleich zur Station zurück und erkrankte am Tage darauf an einem leichten Nervenfieber, doch war er bald wieder ungemein lebhaft, lustig und zufrieden. Der Streich wurde nicht gleich bekannt; erst als er wieder zurückgekehrt war und wieder in die Schule ging, verbreitete sich die tolle Geschichte, dank den beiden Gymnasiasten, die dabei gewesen waren, unter den Schülern unseres Progymnasiums, bis sie schließlich auch der Schulobrigkeit zu Ohren kam. Da aber stürzte Koljäs Mama hin zu den Direktoren, um für ihren Sohn Verzeihung zu erflehen, und erreichte denn auch, daß der sehr geachtete und einflußreiche Lehrer Dardaneloff für ihren Jungen eintrat und ihn verteidigte, und daß man die Sache zu guter Letzt auf sich beruhen ließ, als wäre überhaupt nichts geschehen. Dieser Dardaneloff, ein unverheirateter und noch nicht alter Mann, war nämlich schon seit etlichen Jahren glühend in Frau Krassotkin verliebt und hatte ihr auch schon einmal, vor etwa einem Jahr, in der ehrerbietigsten Weise und halb vergehend vor Angst und Verlegenheit einen Heiratsantrag gemacht; sie aber hatte ihn ohne weiteres abgewiesen, da sie eine Wiederverheiratung als einen Verrat an ihrem Sohne empfunden hätte. Trotzdem hatte Dardaneloff vielleicht doch das Recht, nach gewissen Anzeichen zu schließen, daß er der hübschen Dame nicht unsympathisch war. Der tolle Streich Koljäs schien nun das Eis gebrochen zu haben, und ihm war für seine freundliche Verwendung eine leise Andeutung, daß er hoffen könne, zuteil geworden, freilich nur eine sehr entfernte. Da aber Dardaneloff, was Rücksichtnahme und Zartgefühl betraf, ein wahres Phänomen war, so genügte das vollkommen, um ihn unendlich glücklich zu machen. Den Knaben liebte er sehr, nur hielt er es für erniedrigend, sich bei ihm einzuschmeicheln, daher verhielt er sich zu ihm in der Klasse stets streng und anspruchsvoll. Und auch Koljä „hielt ihn sich in respektvoller Entfernung“. Er bereitete sich zu den Stunden ausgezeichnet vor, behauptete sich in der Klasse als zweiter Schüler, war im Umgang mit ihm etwas trocken, und die ganze Klasse glaubte, daß er in der allgemeinen Geschichte Dardaneloff sogar schlagen könne. Und tatsächlich hatte Koljä ihm einmal die Frage gestellt: Wer hat Troja gegründet? – worauf der Lehrer nur „im allgemeinen“ geantwortet hatte, von den Bewegungen der verschiedenen Völker, von ihren Wanderungen und Niederlassungen und Übersiedlungen, von der Tiefe der Zeiten, von den Mythen und Dichtungen gesprochen: doch auf die Frage, wer, d. h. welche Personen Troja gegründet hatten, darauf konnte er nicht antworten, und im übrigen fand er die Frage müßig. Die Knaben waren überzeugt, daß Dardaneloff einfach nicht wußte, wer Troja gegründet hatte. Koljä aber hatte im Ssmaragdoff, der sich gleichfalls im Bücherschrank des Vaters fand, alles Nähere über die Gründung Trojas nachgelesen. Schließlich interessierte es alle Knaben, wer nun der eigentliche Gründer Trojas war, Koljä Krassotkin aber deckte sein Geheimnis nicht auf, und so genoß er denn allein den Ruhm des Wissens.
Da kam nun dieser Eisenbahnstreich dazwischen, und Koljäs Verhalten zur Mutter erfuhr eine Veränderung. Als Anna Fedorowna (so hieß Frau Krassotkin) von der „Heldentat“ ihres Sohnes erfuhr, fiel sie beinahe in Ohnmacht vor Angst, obgleich doch keinerlei Gefahr mehr vorhanden war. Sie bekam die heftigsten nervösen Anfälle, die mit Unterbrechungen mehrere Tage lang andauerten, so daß Koljä ernstlich erschrak und ihr sein heiliges Ehrenwort gab, nie mehr ähnliche Tollkühnheiten zu begehen. Er schwur es ihr auf den Knien vor dem Heiligenbilde, schwur es beim Andenken seines Vaters, wie es seine Mama verlangte, wobei der „männliche, erwachsene“ Koljä wie ein sechsjähriger Knabe vor lauter „Gefühl“ weinte, und Mutter und Sohn sich in den Armen lagen und bis zum Abend schluchzten. Am nächsten Morgen war Koljä ebenso „gefühllos“, wie früher, nur wurde er von da an schweigsamer, bescheidener, strenger und nachdenklicher. Das hinderte freilich nicht, daß er nach anderthalb Monaten wieder einen Streich spielte, durch den sein Name sogar unserem Friedensrichter bekannt wurde. Doch davon später. Die Mutter fuhr fort zu zittern und sich zu quälen, und Dardaneloff schöpfte, im Verhältnis wie ihre Angst wuchs, immer mehr Hoffnung.
Ich muß noch bemerken, daß Koljä in dieser Hinsicht seinen Lehrer sehr gut verstand und sogar ganz durchschaute und ihn, versteht sich, wegen dieser seiner „Gefühlsduseleien“ tief verachtete. Früher hatte er einmal die Unzartheit gehabt, diese Verachtung seiner Mama zu verstehen zu geben, und er hatte außerdem noch angedeutet, daß er sehr wohl wisse, welche Absichten Dardaneloff hege. Aber nach jenen schrecklichen nervösen Anfällen der Mutter änderte er sich auch in dieser Beziehung. Er erlaubte sich hinfort keine einzige Anspielung mehr und äußerte sich über Dardaneloff der Mutter gegenüber stets sehr achtungsvoll, was die feinfühlige Anna Fedorowna sofort mit grenzenloser Dankbarkeit in ihrem Herzen empfand, – dafür aber selbst bei der leisesten Erwähnung Dardaneloffs, etwa im Gespräch mit einem unbefangenen Gast, wenn Koljä dabei war, wie eine Rose erglühte. Koljä dagegen schaute dann mit krauser Stirn zum Fenster hinaus, oder er betrachtete umständlich und äußerst interessiert seine Stiefelspitzen, oder er rief barsch seinen „Pereswonn“ heran, ein langhaariges, zottiges und häßliches Hundevieh, das er vor einem Monat irgendwo „aufgegabelt“ und nach Haus „bugsiert“ hatte, nun im Hause wie ein großes Geheimnis hütete und keinem einzigen seiner Kameraden zeigte. Er tyrannisierte den armen Köter ganz entsetzlich, drillte ihn unermüdlich, bis er ihm alle möglichen Künste „eingefuchst“ hatte, und brachte es schließlich so weit, daß der arme Hund jedesmal heulte, wenn er in die Schule ging, und wenn er wieder zurückkehrte, vor Freude „rappeldoll“ wurde, winselte, sich auf den Rücken warf, alle Stückchen vormachte und wie besessen an ihm hinaufsprang – und das alles nicht auf Befehl, sondern aus bloßem Überschwang seiner Begeisterung und seines dankbaren Hundeherzens.
Ich habe übrigens zu erwähnen vergessen, daß Koljä Krassotkin derselbe Knabe war, der von Iljuscha, dem Sohn des verabschiedeten Hauptmanns Ssnegireff, in der Schule mit dem Federmesser in den Oberschenkel gestochen worden war, als die Schüler jenen, seines Vaters wegen, „Bastwisch“ geneckt hatten.
II. Die Gören
Also an jenem frostigen Novembersonntagmorgen, an dem der scharfe Winterwind den trockenen Schnee durch die Straßen fegte, saß Koljä Krassotkin ganz allein zu Hause. Es hatte schon elf geschlagen, und er mußte in einer „äußerst wichtigen und positiv unaufschiebbaren Angelegenheit ausgehen“ – und da sah er sich nun gezwungen, als einziger Beschützer zu Hause zu sitzen, denn es hatte sich so gemacht, daß alle älteren Bewohner des Hauses wegen eines sehr sonderbaren und gewiß höchst seltenen Vorfalles fortgegangen waren. Im Hause der Frau Krassotkin wohnte nämlich in der zweiten, kleinen Wohnung, die nur aus zwei Wohnzimmern bestand und von der Wohnung Frau Krassotkins durch einen Korridor getrennt war, die Frau eines Doktors mit ihren zwei kleinen Kindern zur Miete. Diese Doktorsfrau war mit Anna Fedorowna in gleichem Alter und hatte sich herzlich mit ihr angefreundet; der Doktor aber war schon vor etwa einem Jahr verreist, zuerst nach Orenburg und dann nach Taschkent, und hatte nun seit einem halben Jahre nichts mehr von sich hören lassen, so daß seine Frau sich blind geweint hätte, wenn nicht die Freundschaft mit Anna Fedorowna ihr Trost und Stütze gewesen wäre. Nun, und da mußte es denn zur Krönung aller Schicksalsschläge noch geschehen, daß Katerina, die einzige Magd der „Doktorin“, in der letzten Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag ihrer Herrin zu deren Verblüffung mitteilte, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach am nächsten Morgen niederkommen werde. Wie es möglich gewesen war, daß niemand früher etwas davon gemerkt hatte, blieb allen ein Rätsel. Die erschrockene, arme Frau überlegte sich die schwierige Sache und beschloß darauf, ihre Magd, solange es noch Zeit war, zur Hebamme in eine für solche Fälle eingerichtete Anstalt zu bringen. Da sie mit ihrer Magd sehr zufrieden war und diese um keinen Preis verlieren wollte, so führte sie ihren Vorsatz auch unverzüglich aus und blieb außerdem noch vorläufig bei ihr. Darauf, am Sonntagmorgen, wurde auch Frau Krassotkin um ihre gütige Fürsprache und Protektion gebeten, da sie in diesem Falle bei gewissen Personen irgend etwas erbitten konnte. So kam es denn, daß beide Damen nicht zu Hause waren, und da auch Frau Krassotkins Magd, Agafja, auf den Markt gegangen war, mußte Koljä zeitweilig als Beschützer und Wächter der kleinen „Knirpse“ zu Hause bleiben. Diese „Knirpse“ waren die beiden Gören der Frau Doktor, ein Knabe und ein Mädel. Das Haus zu bewachen, fürchtete sich Koljä nicht, und zudem war ja noch Pereswonn bei ihm, der aber auf Befehl seines Herrn im Vorzimmer unter der Bank „tot“ liegen mußte, und der gerade deswegen jedesmal, wenn Koljä auf der „Runde durch die Zimmer“ an ihm vorüberkam, mit bittendem Blick ihn ansah und zweimal mit der Rute kräftig auf den Fußboden schlug. Leider aber hörte er noch immer nicht den rufenden Pfiff des Herrn. Koljä warf nur einen drohenden Blick auf den armen Köter, und sofort stellte sich dieser gehorsam wieder „tot“. Dafür aber waren es die beiden Gören, die sogenannten „Knirpse“, die ihn beunruhigten. Auf den Vorfall mit Katerina blickte er selbstverständlich mit der tiefsten Verachtung herab, die verwaisten „Knirpse“ dagegen liebte er sehr. Er hatte ihnen ein Kinderbuch zur Zerstreuung gebracht, denn Nastjä, das ältere, achtjährige Mädchen, konnte schon lesen, und der jüngere „Knirps“, der siebenjährige Kostjä, hörte „furchtbar gern“ zu, wenn Nastjä ihm vorlas. Koljä Krassotkin hätte sie nun allerdings noch viel unterhaltsamer zerstreuen können, zum Beispiel mit Pferdchen- oder Soldaten- oder Versteckspielen. Das war früher auch schon mehr als einmal geschehen, so daß sich das Gerücht, Krassotkin spiele zu Hause mit den Kindern der Mieterin Pferdchen, und ahme im Springen, Galoppieren und Kopfneigen kunstvoll die Allüren des Deichselpferdes der Troika nach, sogar in der Schule verbreitet hatte. Krassotkin aber war gelungen, sich voll Stolz zu verteidigen, indem er den Mitschülern seinen Standpunkt klarlegte: mit Altersgenossen, d. h. also mit Dreizehnjährigen, wäre es seiner Meinung nach allerdings eine Schmach, „in unserem Jahrhundert“ noch Pferdchen zu spielen, er aber tue es nur für die „kleinen Knirpse“, da er sie sehr gern habe, und im übrigen habe niemand das Recht, von ihm über seine Gefühle Rechenschaft zu fordern. Dafür wurde er denn auch von den beiden Kleinen geradezu vergöttert. Diesmal aber war ihm nicht nach Spielchen zu Sinn. Er war mit einer äußerst wichtigen persönlichen Angelegenheit beschäftigt: ihm stand, wie es schien, etwas fast Geheimnisvolles bevor. Inzwischen aber verging die Zeit, und Agafja, mit der die Gören sehr gut allein hätten bleiben können, wollte immer noch nicht vom Markt zurückkehren. Er war schon mehrmals über den Flur gegangen und hatte die Tür zur Wohnung der Frau Doktor geöffnet und besorgt die Kleinen betrachtet, die auf seinen Befehl artig vor dem Kinderbuch saßen und ihm jedesmal, wenn er die Tür aufmachte, mit ganzem Mund entgegen lächelten, in der Erwartung, daß er diesmal ganz sicherlich eintreten und Ihnen etwas Schönes und Lustiges vormachen werde. Koljä aber war sichtlich mit anderem beschäftigt und kam nicht herein. Da schlug es elf, und er beschloß endgültig, auf diese „verdammte Agafja“ nicht mehr länger als zehn Minuten zu warten, wenn sie aber selbst dann noch nicht gekommen wäre, einfach fortzugehen, – versteht sich, wenn ihm die „Knirpse“ vorher das Wort gegeben hatten, daß sie ohne ihn nicht Angst bekommen, nicht unartig sein und nicht weinen würden. Mit diesen Gedanken zog er seinen kleinen wattierten Wintermantel mit dem Kottikkragen an, hing sein Büchertäschchen über die Schulter und ging, trotz der wiederholten Bitten seiner Mama, „bei dieser Kälte nicht ohne Galoschen auszugehen,“ in bloßen Stiefeln und nur mit einem verächtlichen Blick auf seine Galoschen, zur Tür hinaus. Als Pereswonn ihn nach dem Mantel greifen sah, fing er sofort an, stärker mit der Rute auf den Boden zu schlagen, reckte nervös den Hals immer wieder wie suchend ihm entgegen und machte bereits quiekende Versuche zu einem klagenden Geheul. Koljä aber beschloß, als er diese Erregung seines Köters bemerkte, den gegebenen Befehl noch nicht aufzuheben, „da man ihn an Disziplin gewöhnen muß“, und erst als er die Flurtür öffnete, pfiff er. Pereswonn fuhr auf wie toll und sprang geradezu außer sich vor Freude zu seinem jungen Tyrannen. Koljä schritt über den Flur und öffnete die Tür zu den Knirpsen. Die saßen wie früher am Tischchen, lasen aber nicht mehr, sondern stritten sich. Diese beiden Kinder stritten häufig miteinander über verschiedene ungelöste Lebensprobleme, nur war es immer Nastjä, das ältere Mädchen, die den Sieg davon trug; dafür ging denn Kostjä jedesmal, wenn er mit ihr nicht übereinstimmen konnte, zu Koljä Krassotkin, um an ihn als an die letzte Instanz zu appellieren, und wie der dann entschied, so blieb es auch, da er für beide Teile absolute Autorität war. Diesmal schien ihm der Streit der „Knirpse“ etwas interessanter, und so blieb er an der Tür noch ein Weilchen stehen, um der Debatte zuzuhören. Die Kinder hatten natürlich sofort bemerkt, daß er wieder eingetreten war, und so setzten sie ihren Streit noch lebhafter fort.
„Niemals, niemals werde ich glauben, daß die Ammen die kleinen Kinder im Gemüsegarten zwischen den Kohlbeeten finden,“ beteuerte Nastjä, ganz Feuer und Flamme. „Jetzt ist doch schon Winter, und Kohlbeete gibt es überhaupt nicht mehr, wo soll nun die Amme das Töchterchen für Katerina hernehmen?“
„Da haben wir’s!“ dachte Koljä bei sich.
„Oder sieh, es kann doch auch so sein: die Ammen finden sie irgendwo, bringen sie aber nur denen, die verheiratet sind.“
Klein Kostjä blickte das Schwesterchen aufmerksam an, hörte tiefsinnig zu und überlegte.
„Wie dumm du bist, Nastjä,“ sagte er schließlich überzeugt, ohne sich aber dabei aufzuregen, „was kann denn Katerina für ein Kind haben, wenn sie keinen Mann hat?“
Nastjä fuhr sofort auf:
„Ach, du verstehst mich nicht,“ sagte sie gereizt, „vielleicht hat sie einen Mann gehabt, nur sitzt er jetzt im Gefängnis, und da hat sie nun ein Kind bekommen.“
„Ja, aber hat sie denn einen Mann im Gefängnis?“ erkundigte sich wichtig der positive Kostjä.
„Oder nein,“ unterbrach ihn Nastjä ungestüm, indem sie ihre erste Hypothese völlig vergaß, „einen Mann hat sie nicht, da hast du recht, sie will aber gern einen Mann haben, und da hat sie angefangen zu denken, wie sie einen Mann bekommen würde, und hat immer daran gedacht, so lange daran gedacht, bis sie nun nicht einen Mann, dafür aber ein Kindchen bekommen hat.“
„Nun, das ist was anderes,“ meinte Kostjä bekehrt, „du hast das aber früher nicht gesagt, wie sollte ich es da wissen!“
„Hört mal, ihr Gören,“ unterbrach Koljä Krassotkin eintretend die Unterhaltung, „ihr seid ja, wie ich sehe, gefährliches Gewächs.“
„Und auch Pereswonn ist mit Ihnen gekommen?“ erkundigte sich selig lächelnd klein Kostjä und bemühte sich, mit seinen kleinen Fingern wie Erwachsene zu schnippen, um auf diese Weise Pereswonn heranzulocken.
„Also hört mal, ich habe ein ernstes Wort mit euch zu reden,“ hub Krassotkin gewichtig an. „Ihr könntet mir nämlich einen großen Gefallen erweisen. Agafja hat sich natürlich ein Bein gebrochen, das steht fest, sonst wüßte ich wirklich nicht, warum sie sich dermaßen verspätet. Ich aber muß in einer äußerst wichtigen Angelegenheit ausgehen, ich kann die Sache unmöglich noch weiter hinausschieben. Werdet ihr mich nun gehen lassen oder nicht?“
Die Kinder blickten sich gegenseitig besorgt an, ihre lächelnden Gesichter verwandelten sich in unruhig fragende. Übrigens begriffen sie noch nicht ganz, was man von ihnen verlangte.
„Werdet ihr nicht unartig sein in meiner Abwesenheit? Nicht auf den Schrank klettern und euch die Beine brechen? Nicht Angst bekommen und losweinen, wenn ihr allein seid?“
In den Gesichtern der Kinder drückte sich tiefes Herzeleid aus.
„Ich könnte euch dafür ein nettes Dingelchen zeigen, eine kleine messingne Kanone, aus der man mit wirklichem Pulver schießen kann.“
Die Gesichter der Kinder erhellten sich augenblicklich.
„Zei – eigen Sie uns bitte das Kanonchen,“ bat selig klein Kostjä.
Koljä Krassotkin fuhr mit der Hand in seine Büchertasche, entnahm ihr eine kleine bronzefarbene Kanone und stellte sie auf den Tisch.
„Das glaub ich, zei – ei – eigen Sie! Seht, sie rollt auf Rädern“ – er rollte die Kanone über den Tisch – „und auch schießen kann man aus ihr. Mit Schrot laden und schießen.“
„U – und schießt sie auch tot?“
„Alle schießt sie tot, nur muß man vorher zielen.“
Und Krassotkin erklärte ihnen, wohin man das Pulver schütten, wohin man das Schrotkorn stecken mußte; er zeigte ihnen ein kleines Loch, das sogenannte Zündloch, wo man das Pulver anzündete, und erzählte darauf, daß die Lafette nach dem Schuß zurückweiche. Die Kinder hörten mit runden Augen und fabelhaftem Interesse zu. Am meisten frappierte sie, wie es wohl kam, daß die Lafette nach dem Schuß zurückrollte.
„Aber haben Sie auch Pulver?“ erkundigte sich Nastjä.
„Versteht sich.“
„Oh, dann zeigen Sie uns, bitte, auch das Pulver,“ bat Nastjä gedehnt mit einschmeichelndem Kinderlächeln.
Koljä Krassotkin fuhr wieder mit der Hand in die Büchertasche und entnahm ihr eine kleine Flasche, in der tatsächlich etwas „wirkliches“ Schießpulver war. In einer kleinen Papierdüte hatte er noch ein paar Schrotkörner. Er schüttete sich sogar etwas von dem Schießpulver auf die Handfläche.
„Seht, nur darf hier kein Feuer in der Nähe sein, sonst entzündet es sich und sprengt uns alle in die Luft,“ warnte Koljä und erreichte damit einen noch größeren Effekt.
Die Kinder betrachteten das Pulver geradezu mit andächtiger Furcht, die das Vergnügen natürlich noch erhöhte. Klein Kostjä interessierte sich besonders für das Schrot.
„Schrot aber brennt nicht?“ erkundigte er sich.
„Nein, Schrot brennt nicht.“
„Schenken Sie mir etwas Schrot,“ bat er mit zärtlich-schüchterner Stimme.
„Meinetwegen, Schrot kannst du ein wenig bekommen, da nimm, nur zeige es deiner Mama nicht früher, als bis ich wieder zurückgekommen bin, sonst denkt sie, daß es Pulver sei und fällt in Ohnmacht vor Schreck oder gibt euch Ruten.“
„Mama schlägt uns niemals mit Ruten,“ bemerkte sofort Nastjä.
„Ich weiß, ich sagte es auch nur so. Eure Mama aber sollt ihr niemals betrügen, nur dieses eine Mal ... wie gesagt, nur bis ich wiederkomme. Also, kann ich nun fortgehen? Werdet ihr nicht ohne mich Angst bekommen? Werdet ihr nicht weinen, wenn ich euch allein lasse?“
„Doch, wir wer – den wo – o – ohl wei – nen,“ kam es langsam und klagend aus klein Kostjä heraus, dessen Gesicht bereits Anstalten machte, sich zum Weinen zu verziehen.
„Ja, wir werden bestimmt weinen, bestimmt!“ beteuerte auch Nastjä etwas ängstlich.
„Ach, Kinder, Kinder, wie gefährlich sind doch eure Jahre! ... Nun, nichts zu machen, ihr Küchel, man wird, weiß Gott wie lange, bei euch sitzen müssen. Zeit aber, Zeit habe ich keinen Augenblick zu verlieren!“
„A – ber werden Sie auch Pereswonn wie tot liegen lassen?“ fragte klein Kostjä halb bittend, halb neugierig.
„Ja, was ist zu machen, man wird Pereswonn vorführen müssen. Ici, Pereswonn!“
Und Koljä begann zu befehlen und ließ den Hund alle Stückchen vormachen, die er konnte. Pereswonn war ein zottiger, mittelgroßer Hofköter, dessen Fell in ganz absonderlichen graulila Farben schimmerte. Er war einäugig, das rechte Auge fehlte ihm, und das linke Ohr war eingeschnitten, so daß es zwei Spitzen hatte. Er winselte und sprang herum, ging auf den Hinterfüßen, saß, warf sich auf den Rücken, alle vier Pfoten in die Luft und lag in dieser Stellung regungslos, „wie tot“. Gerade während dieser letzten Kunstleistung öffnete sich die Tür, und Agafja, Frau Krassotkins Küchenmagd, trat mit dem überladenen Marktkorb am Arm ins Zimmer. Es war das ein vierzigjähriges, pockennarbiges Frauenzimmer. Sie blieb auf der Schwelle stehen und betrachtete den Hund. Koljä unterbrach übrigens seine Vorstellung nicht eher, wie sehnsüchtig er Agafja auch erwartet hatte, als bis Pereswonn die festgesetzte Zeit auf dem Rücken gelegen hatte: dann erst pfiff er ihm. Der Hund sprang sofort wie außer sich auf und bellte und wußte sich nicht zu lassen vor Freude darüber, daß er seine Pflicht erfüllt hatte.
„Sieh mal einer an, was das für’n Hund is!“ meinte Agafja wohlwollend.
„Warum aber bist denn du Vertreterin des Weiblichen so spät zurückgekommen?“ fragte Koljä streng.
„Vertreterin des Weiblichen, – da hör doch einer man bloß! So’n kleiner Pilz, so’n Naseweis!“
„Naseweis?“
„Was denn sonst? Was geht’s denn deine Nase an, ob ich zu spät oder zu früh komme? Wenn ich zu spät komme, dann komme ich nun eben zu spät, dann heißt dies, daß es so richtig ist, daß ich zu spät komme, dann habe ich eben zu spät kommen müssen,“ brummte Agafja, die sich am Ofen zu tun machte, doch war sie weder böse noch unzufrieden, sondern im Gegenteil, sogar sehr zufrieden, als hätte es sie gefreut, mit dem kleinen Herrensohn mal ein bissel knurren zu können.
„Hör mal, leichtsinniges Frauenzimmer,“ begann Krassotkin, sich von seinem Platz erhebend, „kannst du mir schwören bei allem, was es Heiliges hier in dieser Welt gibt und außerdem womöglich bei noch etwas, daß du während meiner Abwesenheit die beiden Gören nicht aus dem Auge lassen wirst? Ich muß ausgehen.“
„Warum soll ich dir denn schwören?“ fragte Agafja gutgelaunt. „Ich werd schon sowieso auf die Knirpse aufpassen.“
„Nein, du mußt es mir bei deiner Seelen Seligkeit schwören. Sonst gehe ich nicht fort.“
„Dann nicht. Was geht’s mich an? Sitz zu Hause, wenn du willst. Draußen ist es auch schon kalt.“
„Hört mal, ihr Knirpse,“ wandte sich Koljä an die Kleinen, „Agafja wird bei euch bleiben, bis ich zurückkehre, oder bis eure Mama wiederkommt, denn auch für sie wäre es Zeit. Außerdem wird Agafja euch etwas zu essen geben. Das wirst du doch, Agafja?“
„Schon möglich.“
„Dann also auf Wiedersehen, ihr beide, ich verlasse euch mit ruhigem Herzen. Du aber, Alte,“ sagte er halblaut und mit männlichem Ernst, als er an Agafja vorüberging, „du wirst ihnen, hoffe ich, nicht wieder eure üblichen Weiberdummheiten über die Katerina vorlügen, mußt doch ihr junges Alter berücksichtigen. – Ici, Pereswonn!“
„Nu, Gott mit dir,“ brummte Agafja, diesmal aber etwas ärgerlich. „Da sieh einer an, so’n Wicht! Müßte selber noch was überkriegen für solche Worte.“
III. Die Schüler
Koljä hörte sie nicht mehr. Endlich also konnte er gehen, Gott sei Dank! Als er hinaustrat, warf er einen spähenden Blick ringsum, zuckte einmal vor Kälte mit den Schultern, dachte: „Hm, scharfer Frost!“ und schritt die Straße entlang bis zur nächsten Querstraße, in die er rechts einbog, um auf den Marktplatz zu gelangen. Als er am letzten Hause vor dem Platz angelangt war, blieb er an der Hofpforte stehen, zog eine kleine Pfeife aus der Tasche und pfiff aus Leibeskräften, als wolle er ein verabredetes Zeichen geben. Er brauchte nicht lange zu warten: im Augenblick öffnete sich das Hinterpförtchen, und ein rotwangiger, etwa elfjähriger Junge schlüpfte geschwind auf die Straße. Er war gleichfalls in ein warmes, sauberes, elegantes Mäntelchen gekleidet. Das war der kleine Ssmuroff, ein Schüler der Vorbereitungsklasse, während Koljä Krassotkin schon in der Sexta saß, der Sohn eines wohlhabenden Beamten, dem die Eltern allem Anscheine nach verboten hatten, mit dem „tollkühnen“ Krassotkin zu verkehren. Diesmal war er denn auch offenbar heimlich davongeschlichen. Dieser Knabe war derselbe, der, wie der Leser sich vielleicht noch erinnern wird, zusammen mit anderen Schülern vor etwa zwei Monaten mit Steinen nach Iljuscha geworfen und darauf Alexei Karamasoff noch einiges über den ausgestoßenen Jungen jenseits des Grabens erzählt hatte.
„Ich habe dich jetzt genau eine Stunde lang erwartet, Krassotkin,“ sagte mit strenger Miene der kleine Ssmuroff, während sie beide dem Marktplatze zuschritten.
„Ich habe mich verspätet,“ antwortete Krassotkin würdevoll. „Es gibt Umstände. Wird man dich nicht durchbläuen, wenn man erfährt, daß du mit mir gehst?“
„Ach, so hör doch auf, als ob ich noch durchgebläut würde! Kommt auch Pereswonn mit?“
„Ja, auch Pereswonn.“
„Und du wirst ihn auch dorthin mitnehmen?“
„Ja, auch dorthin.“
„Ach, wenn’s doch Shutschka wäre!“
„Das ist unmöglich. Shutschka gibt es nicht mehr. Shutschka ist in der Finsternis des Unbekannten verschwunden.“
„Ach, aber ginge es nicht so ...“ – der kleine Ssmuroff blieb unter dem Eindruck des Gedankens mitten auf der Straße stehen – „Iljuscha sagt doch, daß Shutschka auch so zottig und grau gewesen sei, – könnte man da nicht sagen, daß Pereswonn jener selbe Shutschka sei, vielleicht wird er es auch glauben?“
„Mein Junge, scheue die Lüge, das wäre Punkt eins; selbst dann, wenn es sich um einen guten Zweck handelt, Punkt zwei. Vor allem aber will ich hoffen, daß du dort nichts von meinem Besuch hast verlauten lassen.“
„Gott behüte, ich verstehe doch, um was es sich dabei handelt. Aber auch mit Pereswonn kann man ihn nicht trösten,“ meinte Ssmuroff seufzend. „Weißt du, sein Vater, der Hauptmann, der sogenannte Bastwisch, sagte uns, daß er ihm heute ein junges Hündchen bringen werde, einen echten kleinen Bullenbeißer mit einem schwarzen Schnäuzchen. Er hofft Iljuscha damit zu trösten, nur weiß ich nicht, ob es ihm gelingen wird.“
„Wie steht es denn mit ihm, mit Iljuscha, meine ich?“
„Ach, schlecht, sehr schlecht! Ich glaube, er hat die Schwindsucht. Er ist sonst vollkommen bei Besinnung, aber er atmet so schwer, so beängstigend. Vor ein paar Tagen bat er, man solle ihn im Zimmer etwas gehen lassen; man zog ihm seine Stiefelchen an, und er ging, fiel aber schon nach den ersten Schritten hin. ‚Ach,‘ sagte er, ‚ich habe dir doch gesagt, Papa, das ist nur von den schlechten Stiefeln gekommen, in ihnen war es auch früher unbequem zu gehen.‘ Er glaubte, er sei wegen der Stiefel gefallen, aber es war doch nur aus Schwäche. Er wird keine Woche mehr leben. Doktor Herzenstube kommt häufig hin. Jetzt sind sie wieder reich, haben viel Geld.“
„Diese Banditen!“
„Wer das?“
„Diese Ärzte und das ganze medizinische Pack, im allgemeinen gesprochen ... und im einzelnen, versteht sich, noch mehr. Ich verneine die Medizin. Eine total unnütze Einrichtung. Übrigens werde ich das alles noch eingehender untersuchen. Aber was sind denn das für Sentimentalitäten, die ihr da eingeführt habt? Die ganze Klasse scheint sich ja täglich bei ihm zu versammeln?“
„Gar nicht! Es gehen bloß zehn von uns täglich hin, jeden Tag.“
„Mich wundert schließlich nur die Rolle, die Alexei Karamasoff dabei spielt: sein Bruder wird morgen oder übermorgen wegen Vatermordes verurteilt werden, er aber hat noch Zeit zu Sentimentalitäten mit kleinen Jungen.“
„Gar nicht, da ist nichts von Sentimentalitäten. Du gehst doch jetzt selbst hin, um dich mit Iljuscha zu versöhnen.“
„Versöhnen! Lächerlicher Ausdruck. Übrigens gestatte ich niemandem, meine Handlungen zu analysieren.“
„Wie sich aber Iljuscha über deinen Besuch freuen wird! Er ahnt nicht, daß du kommst. Warum wolltest du denn solange nicht zu ihm mitkommen?“ fragte Ssmuroff, der von ganzem Herzen dem kranken Iljuscha nachfühlte.
„Lieber Junge, das ist meine und nicht deine Sache. Ich gehe, weil das mein eigener freier Wille ist, euch aber hat alle ohne Ausnahme Alexei Karamasoff hingeschleppt, das ist doch wohl ein Unterschied. Und überhaupt, woraus schließt du, daß ich hingehe, um mich mit ihm auszusöhnen? Was ist das für ein dummer Ausdruck.“
„Aber uns hat ja gar nicht Karamasoff hingebracht, gar nicht er! Wir fingen ganz von selbst an, hinzugehen, zuerst allerdings noch zusammen mit Karamasoff. Und es ist auch nichts vorgekommen, gar keine Dummheiten. Zuerst ging nur einer, dann ein zweiter, dritter und so weiter. Der Vater war furchtbar froh darüber, daß wir kamen. Weißt du, er wird bestimmt den Verstand verlieren, wenn Iljuscha stirbt. Er weiß ja schon, daß Iljuscha sterben wird. Iljuscha hat nach dir gefragt, aber er hat weiter nichts hinzugefügt. Er fragt nur und verstummt dann gleich. Aber sein Vater wird den Verstand verlieren oder sich erhängen. Er hat sich ja auch früher schon wie ein Verrückter aufgeführt. Weißt du, er ist ein edler Mensch, das war damals nur ein Irrtum. An allem trägt nur dieser Vatermörder die Schuld, weil er ihn damals verprügelt hat – daraus ist jetzt alles entstanden.“
„Immerhin ist Karamasoff ein Rätsel für mich. Ich hätte schon lange seine Bekanntschaft machen können, aber ich liebe in gewissen Fällen, stolz zu sein. Zudem habe ich mir schon eine gewisse Ansicht über ihn gebildet, die es jetzt nur noch zu untersuchen und zu vervollständigen gilt.“
Koljä verstummte bedeutsam, und Ssmuroff schwieg gleichfalls. Ssmuroff blickte natürlich nur andächtig zum Älteren empor und wagte nicht einmal, daran zu denken, sich mit ihm gleichzustellen. Er war maßlos interessiert durch die Bemerkung Koljäs, er gehe aus „eigenem freien Willen“ hin, da sich hinter diesem Ausspruch sicherlich die Lösung jenes Rätsels verbarg, warum er nicht schon früher zu Iljuscha mitgekommen war, und warum er sich gerade heute dazu entschlossen hatte. Sie gingen über den Marktplatz, auf dem diesmal viele Fuhren standen und viel angetriebenes Geflügel gackerte und schrie. Die Marktweiber saßen wie gewöhnlich unter ihren Zeltdächern und verkauften ihre Ware, Weißbrot, Pfefferkuchen, Garn usw. Derartige sonntägliche Märkte werden bei uns höchst naiverweise Jahrmärkte genannt, und solcher Jahrmärkte gibt es bei uns gar viele im Jahr. Pereswonn lief in der besten Gemütsverfassung vor ihnen her, schwenkte unermüdlich bald nach rechts, bald nach links ab, um irgendwo irgend etwas zu beschnuppern. Traf er mit anderen Hunden zusammen, so blieb er mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit stehen, um sich mit ihnen nach allen Hunderegeln zu beriechen.
„Ich liebe es, die realen Vorgänge zu beobachten,“ sagte plötzlich Koljä. „Hast du schon beobachtet, wie die Hunde sich beschnuppern, wenn sie zusammentreffen? Das muß bei ihnen so ein Naturgesetz sein.“
„Ja, das ist wahr, wirklich lächerlich.“
„Das heißt, durchaus nicht lächerlich, das war eine falsche Bemerkung von dir. In der Natur gibt es nichts Lächerliches, obwohl manches dem Menschen mit seinen Vorurteilen auch lächerlich erscheinen mag. Wenn Hunde denken und kritisieren könnten, so würden sie in den sozialen Beziehungen der Menschen, ihrer Herren, ebensoviel, wenn nicht noch mehr, für sie Lächerliches finden, – sogar sehr viel mehr. Ich wiederhole das nur darum, weil ich fest überzeugt bin, daß es bei uns tatsächlich noch viel mehr Dummheiten gibt. Das ist, nebenbei bemerkt, ein Ausspruch von Rakitin, ein sehr bemerkenswerter sogar. Ich bin Sozialist, Ssmuroff.“
„Was ist das?“ fragte Ssmuroff naiv.
„Das ist, wenn alle gleich sind, alle sind dann einer Meinung, es gibt keine Ehen, und die Religion und alle Gesetze sind dann so, wie es jedem beliebt, nun und so weiter alles übrige. Du bist noch nicht reif dazu, für dich ist das noch zu früh ... Aber es ist heut doch gehörig kalt.“
„Ja. Zwölf Grad. Papa sah vorhin nach dem Thermometer.“
„Hast du nicht bemerkt, Ssmuroff, daß es mitten im Winter, selbst wenn es fünfzehn oder achtzehn Grad sind, gar nicht so kalt ist, wie zum Beispiel jetzt, zu Anfang des Winters bei zwölf, wenn die Kälte ganz plötzlich einsetzt und noch wenig Schnee gefallen ist? Das bedeutet, daß die Menschen sich noch nicht an die Kälte gewöhnt haben. Bei den Menschen kommt alles auf Gewohnheit an. Selbst in den staatlichen und politischen Beziehungen. Gewohnheit ist bei ihnen die erste und größte Triebfeder. Sieh doch, was das für ein komischer Kauz ist!“
Koljä wies auf einen langen Bauer im Pelz, der neben seiner Fuhre stand und vor Kälte die behandschuhten Hände zusammenschlug. Sein langer blonder Bart, der sein sympathisches Gesicht umrahmte, war vom Frost ganz bereift.
„Dieser Bauer hat einen ganz bereiften Bart!“ sagte Koljä laut, als er an ihm vorüberging.
„Viele haben heute einen bereiften Bart,“ sagte ruhig und wohlbedacht der Bauer.
„So reiz ihn doch nicht,“ bat Ssmuroff leise Krassotkin.
„Macht nichts, er wird sich nicht ärgern, er ist ein braver Mann. – Leb wohl, Matwei.“
„Leb wohl.“
„Heißt du denn Matwei?“
„Jawohl. Wußtest du es nicht?“
„Nein, ich sagte es aufs Geratewohl.“
„Nun sieh mal! Bist wohl noch Schulbub?“
„Natürlich.“
„Nun was, wirst du auch gedroschen?“
„Nicht gerade, daß – aber es kommt vor.“
„Aber dann auch feste?“
„Ohne dem geht’s nicht.“
„Ja ja!“ Der Bauer seufzte von ganzem Herzen auf.
„Leb wohl, Matwei.“
„Leb wohl, bist ’n guter Bursch, jawohl.“
Die beiden Jungen gingen weiter.
„Das war ein guter Kerl,“ sagte Koljä zu Ssmuroff. „Ich rede gern mit dem einfachen Volke. Es freut mich immer, wenn ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen kann.“
„Warum aber hast du ihm vorgelogen, daß wir in der Schule gedroschen würden?“ fragte Ssmuroff.
„Man mußte ihn doch beruhigen!“
„Wieso?“
„Sieh mal, Ssmuroff, ich mag es nicht, nochmals gefragt zu werden, wenn man mich nicht nach dem ersten Wort verstanden hat. Manches läßt sich überhaupt nicht erklären. Er glaubt, daß jeder Schüler gedroschen wird, und seiner Meinung nach muß das auch so sein: Was ist denn das für ein Schüler, der nicht seine Portion Wichse kriegt? denkt er bei sich. Und nun soll ich ihm plötzlich sagen, daß es bei uns nie Prügel gibt! Damit würde ich ihn doch tief betrüben. Übrigens kannst du das noch nicht verstehen. Wer mit dem Volk reden will, der muß vorher das Reden erlernen.“
„Nur mach diesmal, bitte, keine Geschichten, sonst kommt wieder so ein Skandal heraus, wie damals mit der Gans.“
„Hast du denn etwa Angst?“
„Lach nicht, Koljä, bei Gott, ich habe Angst. Mein Vater würde furchtbar böse werden. Man hat mir streng verboten, mit dir zu verkehren.“
„Beunruhige dich nicht, diesmal wird nichts geschehen. Guten Morgen, Natascha,“ rief er einer der Marktweiber unter einem Schutzdach zu.
„Was bin ich für eine Natascha, Marja heiß ich,“ rief die Händlerin, ein noch junges Weib, mit hoher Fistelstimme fast schreiend zur Antwort.
„Das ist gut, daß du Marja heißt, leb wohl!“
„Ach, du Galgenstrick, bist noch keine Elle lang, nicht mal auf der Erde zu bemerken und bist doch schon wie die anderen!“
„Habe keine Zeit, keine Zeit für dich, nächsten Sonntag kannst du es mir erzählen,“ rief Koljä, heftig mit der Hand abwinkend, als hätte sie mit ihm angebändelt und nicht er mit ihr.
„Was soll ich dir denn nächsten Sonntag erzählen? Hast selber angefangen und nicht ich, du Frechling,“ schrie Marja aufgebracht, „eine tüchtige Tracht Prügel hast du verdient, wir kennen dich dummen Jungen schon von früher!“
Unter den benachbarten Händlerinnen erhob sich ein Lachen, als plötzlich aus dem Bogengang der nächsten Handlung ein aufgebrachter Bursche, dem Aussehen nach ein Kleinkrämer, hervorstürzte und Koljä wütend mit der Faust drohte. Es war das kein städtischer Händler, sondern einer von den „Jahrmarktsleuten“, ein noch junger Mann in einem langschößigen blauen Bauernkittel und einer Mütze mit ledernem Schirm auf dem Kopf. Sein Gesicht war lang, blaß und pockennarbig. Er befand sich in geradezu unsinniger Erregung und konnte zuerst kaum ein Wort hervorbringen, er drohte immer nur mit der Faust.
„Ich kenne dich!“ rief er endlich, „ich kenne dich!“
Koljä sah ihn scharf an. Er konnte sich nicht recht entsinnen, was er diesem Menschen angetan, oder wo er ihn getroffen hatte. Das war aber schließlich nicht wunderlich, da er ja so unzählige Händel auf der Straße gehabt hatte.
„Du kennst mich?“ fragte er ihn ironisch.
„Ich kenne dich, ich kenne dich!“ wiederholte immer wieder der dumme Bursche.
„Nun, um so besser für dich. Ich habe keine Zeit, leb wohl!“
„Was, du wirst noch frech?“ schrie der andere auffahrend. „Du wirst obendrein noch frech? Ich kenne dich! So ein freches Luder, wie du eins bist, gibt’s ja kein zweites!“
„Das, Freund, ist jetzt nicht deine Sache, ob ich frech bin oder nicht,“ sagte Koljä von oben herab, blieb stehen und blickte ihn wieder scharf an.
„Wieso denn nicht meine Sache?“
„Sehr einfach: weil sie es nicht ist.“
„So – o? Wessen denn sonst, wenn nicht meine? Wen soll es denn sonst was angehen?“
„Das, mein Freund, geht jetzt nur Trifon Nikititsch an, aber nicht dich.“
„Was für einen Trifon Nikititsch?“ fragte in dummer Verwunderung, doch immer noch sehr aufgebracht, der Bursche und starrte Koljä verständnislos an. Koljä maß ihn mit dem Blick.
„Bist du zur Himmelfahrt gegangen?“ fragte er ihn plötzlich streng.
„Zu was für einer Himmelfahrt? Warum, wieso? Nein, ich bin nicht gegangen,“ antwortete noch verdutzter der Bursche.
„Kennst du Ssabanejeff?“ fuhr Koljä noch strenger fort zu fragen.
„Was für einen Ssabanejeff? Nein, ich kenne ihn nicht.“
„Nun, dann hol dich der Teufel, wenn du selbst ihn nicht kennst!“ brach Koljä plötzlich ab und ging, plötzlich nach rechts abschwenkend, seines Weges, als hätte er es verachtet, mit einem solchen Tölpel noch weiter zu reden, der nicht einmal Ssabanejeff kannte.
„Warte, he, du! Bleib doch stehen! Welch einen Ssabanejeff meinst du?“ rief ihm, halb sich besinnend, der Bursche in noch größerer Erregung nach. „Was sagte er eigentlich?“ fragte er plötzlich die Marktweiber, indem er sie dumm anglotzte.
Die Weiber lachten.
„Ein kluger Schlingel,“ meinte eine von ihnen.
„Was für einen Ssabanejeff? Wen meinte er damit?“ fragte immer noch erregt und völlig vor den Kopf gestoßen der Bursche.
„Ach, das wird wohl der Ssabanejeff sein, der bei Kusjmitscheffs einmal diente, ja, den wird er damit gemeint haben!“ sagte schließlich eines der Weiber.
Der Bursche blickte sie groß an.
„Bei Kusj–mi–tscheffs?“ fragte ein anderes Marktweib, „aber der hieß doch nie und nimmer Trifon? Der hieß doch Kusjma, der Bengel aber sagte doch Trifon Nikititsch, da hast du’s nun, wie soll denn das derselbigte sein?“
„Ach was, das ist weder Trifon noch Ssabanejeff, das ist Tschishoff,“ mischte sich ein drittes Weib ein, das bis dahin geschwiegen und ernst zugehört hatte. „Der hieß man aber Alexei Iwanowitsch. Tschishoff mit Familiennamen und sonstig Alexei Iwanowitsch.“
„Jawohl ich weiß es selber auch ganz genau, das kann doch niemand nicht anders sein als Tschishoff,“ bestätigte eifrig ein viertes Weib.
Der betölpelte Bursche blickte verständnislos bald die eine, bald die andere an.
„Warum aber hat er denn gefragt, ihr guten Leute, sagt mir doch wenigstens, warum er mich das gefragt hat!“ rief er schließlich halb verzweifelt aus. „‚Kennst du Ssabanejeff?‘ Der Teufel kann nun wissen, was das für’n Ssabanejeff ist!“
„So nimm doch Vernunft an, Mensch, und hör, was man dir sagt: Nicht Ssabanejeff meint er, sondern Tschishoff, Alexei Iwanowitsch Tschishoff, hast’s nu verstanden?“ schrie ihm eifrig eines der Weiber zu.
„Was Teufel für’n Tschishoff? Nu, sag doch, mach doch das Maul uff, wenn du’s weißt! Nu, was für einer?“
„Na, wen denn sonstig, wenn nicht den langen mit der roten Nase, der im Sommer hier auf dem Markt saß?“
„Aber, was Teufel geht mich denn dieser Tschishoff an, sagt mir doch wenigstens das, ihr guten Leute, was?“
„Ja, das weiß ich doch auch nicht, ich meine ja man bloß.“
„Wer kann denn wissen, was er dich angeht,“ meinte eine andere, „das mußt du selber wissen, wenn du darüber so’n Geschrei erhebst. Der Bub hat’s doch dir gesagt, nicht uns, du dummer Mensch. Oder kennst du ihn denn wirklich selber nicht?“
„Wen?“
„Nun, den Tschishoff doch, den selbigten, sollte ich meinen!“
„Ach, der Teufel hole den Tschishoff und dich noch dazu! Durchbläuen werde ich ihn, den Hund! Er hat sich über mich was lustig gemacht!“
„Was, den Tschishoff willst du durchbläuen? Da sieh dich man vor, daß du nicht selber ’ne Tracht abkriegst! Dumm bist du genug dazu.“
„Nicht den Tschishoff, doch nicht den Tschishoff, du giftiges Weibsbild, – den Frechling, diesen Bengel, werde ich durchbläuen! Der soll nur sehen, der kommt mir jetzt gerade recht! Also zum besten will er mich haben, nasführen will er mich, wart nur, ich werd dir Mores lehren!“
Die Weiber lachten. Koljä schritt schon längst mit siegesbewußter Miene davon. Ssmuroff ging neben ihm und blickte sich noch ein paarmal nach der schreienden Gruppe um. Er war gleichfalls lustig gestimmt, trotz seiner Furcht, Koljä könnte wieder eine „Geschichte“ machen und diesmal auch ihn „hereinbringen“.
„Nach was für einem Ssabanejeff fragtest du ihn?“ erkundigte er sich bei Koljä, obgleich er die Antwort schon ahnte.
„Wie soll ich’s denn wissen, nach welch einem? Jetzt haben sie was, worüber sie bis zum Abend schreien können. Ich versetze den Dummköpfen in allen Gesellschaftsschichten gern einen geistigen Nasenstüber. Da steht der Kerl immer noch wie ein Ochs am Berge. Merk dir eines, man sagt: ‚Es gibt nichts Dümmeres als einen dummen Franzosen,‘ aber weißt du, auch die russische Physiognomie kann sich sehen lassen. Nun, sag doch selbst, ist es diesem Bauern dort nicht aufs Gesicht geschrieben, daß er dumm ist, da, diesen Bauern da, meine ich, wie?“.
„Laß ihn, Koljä, gehen wir vorüber.“
„Um nichts in der Welt werde ich so vorübergehen, ich bin jetzt gerade gut dazu aufgelegt. Heda! Guten Tag, Bauer!“
Es war ein kräftiger, älterer Bauer, der langsam an ihnen vorüberging. Er hatte ein rundes, einfaches Gesicht und einen leicht ergrauten Bart. Auf den Gruß hin erhob er den gesenkten Kopf und blickte den forschen Schulbuben an. Wahrscheinlich hatte er schon etwas getrunken.
„Nun, guten Tag, wenn du nicht scherzest,“ gab der Bauer langsam zur Antwort.
„Und wenn ich scherze?“ fragte Koljä lachend.
„Wenn du aber scherzest, dann nur zu, Gott mit dir. Das tut nichts, das kann man. Scherzen kann man immer.“
„Verzeih, Freund, ich habe in der Tat gescherzt.“
„Nun, macht nichts, Gott wird dir verzeihen.“
„Aber verzeihst auch du mir?“
„Von ganzem Herzen, Kleinerchen. Geh mal nur vorwärts.“
„Ei sieh mal, wie du bist! Du bist ja, weiß Gott, ein kluger Mann.“
„Klüger als du gewiß,“ antwortete der Bauer mit derselben würdigen Ruhe.
„Wirklich?“ Koljä war etwas verdutzt.
„Verlaß dich drauf.“
„Übrigens kannst du recht haben.“
„Das will ich meinen.“
„Leb wohl, Bauer.“
„Leb wohl.“
„Die Bauern sind sehr verschieden,“ sagte Koljä zu Ssmuroff, als sie weitergingen, nach einigem Schweigen. „Woher wußte ich nur, daß ich auf einen Klugen stoßen würde? Ich bin immer bereit, im Volke Klugheit anzuerkennen.“
Da schlug es fern von der Turmuhr der Kathedrale halb zwölf. Die Knaben beeilten sich und gingen sehr schnell und fast ohne zu sprechen. Bis zur Wohnung des Hauptmanns Ssnegireff war es noch ziemlich weit. Als sie etwa noch zwanzig Schritt vom Hause entfernt waren, blieb Koljä plötzlich stehen und gab Ssmuroff den Befehl, vorauszugehen und Karamasoff zu ihm herauszuschicken.
„Man muß sich zuerst ein wenig beschnuppern,“ fügte er nur kurz hinzu.
„Aber warum denn das?“ Ssmuroff wollte ihn noch überreden, sofort mitzugehen. „Komm doch so, man wird sich furchtbar freuen. Was hat denn das für einen Witz, hier in der Kälte Bekanntschaft zu machen?“
„Es genügt, wenn ich weiß, wozu es nötig ist, daß ich ihn herausrufen lasse,“ schnitt Koljä geradezu despotisch jede weitere Einwendung ab (ein Verfahren, das er besonders gern im Verkehr mit den „Kleinen“ anzuwenden pflegte), und Ssmuroff lief sofort eilig ins Haus, um dem Befehl nachzukommen.
IV. Shutschka
Koljä lehnte sich mit wichtiger Miene an den Zaun und erwartete Aljoschas Erscheinen. Eigentlich hatte er sich schon lange auf diesen Augenblick vorbereitet, denn im Grunde wollte er mehr als gern seine Bekanntschaft machen. Viel hatte er von ihm gehört, besonders durch die kleineren Schüler, doch hatte er sich absichtlich immer überlegen-gleichmütig gestellt, wenn man von ihm sprach, hatte sogar Aljoschas Tun „kritisiert“, was jedoch nicht hinderte, daß er aufmerksam zuhörte, wenn man von ihm sprach. Ja, er wollte ungeheuer gern Alexei Karamasoff kennen lernen, denn in allem, was er über ihn gehört hatte, war etwas ungemein Sympathisches und Anziehendes gewesen. So war denn auch dieser Augenblick am Zaun ein sehr wichtiger: vor allen Dingen durfte man sich nicht blamieren, man mußte sich eben vollkommen selbständig zeigen, denn: „Sonst könnte er merken, daß ich dreizehnjährig bin, und mich für einen ebensolchen Knaben halten wie jene Kleinen. Was hat er nur an ihnen? Sollte ich ihn das nicht vielleicht fragen, wenn er kommt? Das Gemeine ist nur, daß ich noch so klein von Wuchs bin. Tusikoff zum Beispiel, ist doch jünger als ich und trotzdem um einen halben Kopf länger. Nur mein Gesicht ist nicht so dumm. Ich bin nicht gerade schön zu nennen, ich weiß, ich habe ein scheußliches Gesicht, aber dafür ist es klug. Auch darf ich nicht gar zu freundlich sein, ich muß mich sogar unbedingt zurückhaltender zeigen, denn wenn man ihn gleich mit offenen Armen empfängt, kann er ja denken ... Pfui, das wäre aber gemein, wenn er dächte, daß ich –! ...“
So regte Koljä sich unnütz auf, während er wartete und sich aus allen Kräften bemühte, eine möglichst ungezwungene Haltung anzunehmen. Am meisten quälte ihn, daß er so klein von Wuchs war, ja, gar nicht so sehr das „scheußliche“ Gesicht, wie gerade der kleine Wuchs quälte ihn. Zu Hause hatte er schon im vorigen Jahre mit der Bleifeder ein Zeichen an der Wand gemacht, das seine Größe an dem und dem Tage angab, und seit der Zeit ging er alle zwei Monate einmal an diese Wand, um zu messen, wieviel er inzwischen gewachsen war. Doch leider wuchs er sehr langsam, was ihn bisweilen fast zur Verzweiflung brachte. Was nun sein Gesicht anbelangt, so war es durchaus nicht „scheußlich“, sondern sogar recht nett: ein weißes, etwas blasses Knabengesicht mit Sommersprossen auf dem Näschen. Seine grauen, nicht großen, doch lebhaften Augen blickten dreist in die Welt, und oftmals wurden sie dunkel von tiefem Gefühl. Die Kinnbacken waren etwas breit, die Lippen klein und ziemlich schmal, dafür aber sehr rot; die Nase war gleichfalls klein, und die Spitze guckte impertinent in die Luft: „Eine ausgesprochene Stumpfnase, das reinste Exemplar von dieser Sorte!“ sagte sich Koljä, wenn er vor dem Spiegel stand und ihm jedesmal tief verstimmt wieder den Rücken kehrte. „Und ist denn das Gesicht auch wirklich klug?“ fragte er sich mitunter, wenn er selbst daran zu zweifeln begann. Übrigens muß man nun nicht denken, daß die Sorge um seinen Wuchs und die Nase seine ganze Seele erfüllte. Nein, das war durchaus nicht der Fall. Wie schwer auch die Minuten vor dem Spiegel zuweilen waren, er vergaß sie doch schnell und auf lange Zeit, indem er sich mit Leib und Seele den „Ideen und dem wirklichen Leben“ hingab, wie er selbst seine Tätigkeit bezeichnete.
Aljoscha erschien sehr bald und trat schnell auf Koljä zu. Dieser hatte sofort bemerkt, daß Aljoscha auffallend freudig aussah. „Sollte er sich wirklich über mich so freuen?“ dachte Koljä, angenehm berührt. Bei der Gelegenheit mag noch erwähnt werden, daß Aljoscha sich in der Zwischenzeit sehr verändert hatte. Er hatte die Kutte ausgezogen und trug einen kurzen, tadellos gearbeiteten Rock, einen runden, weichen Filzhut und kurzgeschorenes Haar. Das alles stand ihm vortrefflich. Er sah geradezu schön aus. Sein anziehendes Gesicht hatte einen heiteren Ausdruck, doch war diese Heiterkeit von einer ganz eigenartigen Stille und Ruhe. Zu Koljäs Verwunderung kam Aljoscha so, wie er im Zimmer gesessen hatte, zu ihm heraus, trotz der scharfen Kälte ohne Überzieher. Augenscheinlich hatte er sich sehr beeilt.
Aljoscha streckte ihm sofort die Hand entgegen.
„Da sind Sie ja endlich! Wie wir Sie erwartet haben!“
„Ich hatte meine Gründe, die Sie sofort erfahren werden. Jedenfalls freut es mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich habe eigentlich schon lange auf die Gelegenheit gewartet ... ich habe viel von Ihnen gehört ...“ sagte Koljä etwas außer Atem.
„Wir wären ja auch so zusammengekommen; auch ich habe viel von Ihnen gehört; hierher aber sind Sie leider etwas zu spät gekommen.“
„Ja, sagen Sie doch, wie steht es hier?“
„Iljuscha geht es sehr schlecht, er wird nicht mehr lange leben.“
„Was? Wie ist das möglich? Aber da müssen Sie doch zugeben, Karamasoff, daß die Medizin nichts als Quacksalberei ist!“ rief Koljä aufrichtig empört.
„Iljuscha hat oft, sehr oft nach Ihnen gefragt, sogar in der Nacht, wenn er phantasierte, hat er Ihren Namen genannt. Daraus sieht man, wie lieb Sie ihm gewesen sind ... früher ... vor jenem Messerstich Außerdem gibt es noch andere Gründe, die ... Sagen Sie, ist das Ihr Hund?“
„Ja. Mein Pereswonn.“
„Und nicht Shutschka?“ Aljoscha blickte traurig und enttäuscht Koljä in die Augen. „So ist denn Shutschka wirklich ganz und gar verschwunden?“
„Ich weiß, daß Sie alle gern Shutschka wiederfinden wollten, ich habe es gehört,“ sagte Koljä mit rätselhaftem Lächeln. „Hören Sie, Karamasoff, ich werde Ihnen die ganze Sachlage erklären, ich bin ja hauptsächlich nur darum gekommen, und deswegen habe ich Sie auch herausrufen lassen, um Ihnen vorher die ganze Episode zu erzählen, ich meine, bevor wir hineingehen,“ begann Koljä lebhaft. „Sehen Sie, Karamasoff, im Frühling trat Iljuscha in die Vorbereitungsklasse ein. Nun, man weiß doch, wie die ist: Kleine, dumme Jungen, Iljuscha wurde sofort von allen geneckt. Ich beobachtete, da ich doch zwei Klassen höher sitze, alles nur aus der Ferne. Ich sah, es ist ein kleiner, schwächlicher Junge, aber er duckt sich nicht, er prügelt sich mit jedem, der ihn neckt, er ist stolz, die Augen blitzen nur so. Solche Jungen gefallen mir. Sie aber neckten ihn noch mehr. Hauptsächlich taten sie es darum, weil er damals ganz alte Kleider trug. Seine Höschen kletterten an den Beinchen hinauf und die Stiefelspitzen waren entzwei und glichen zwei hungrigen Mäulchen. Darum neckten sie ihn und machten sich über ihn lustig. Nein, das liebe ich nicht. Ich griff sofort ein und gab ihnen gehörig Extrapfeffer. Ich verhaue sie doch, sie aber vergöttern mich trotzdem, wissen Sie das schon, Karamasoff?“ – prahlte Koljä halb unbewußt. „Und überhaupt habe ich Kinder ganz gern. Mir sitzen außerdem noch zu Hause zwei Nestlinge auf dem Halse, heute haben sie mich sogar unverzeihlich lange aufgehalten. So hörten die Jungen denn auf, Iljuscha zu necken oder zu verprügeln, da ich ihn unter meine Protektion genommen hatte. Ich sah sofort, daß er stolz war, sehr stolz, das sage ich Ihnen, aber schließlich unterwarf er sich mir ganz, geradezu sklavisch. Er erfüllte jeden Befehl, den ich gab, gehorchte mir wie einem Gott, und war bald auf dem besten Wege, mich zu imitieren. In den Pausen zwischen den Stunden kam er jedesmal sofort zu mir, und wir spazierten dann zusammen. Sonntags kam er gleichfalls zu mir. Bei uns im Gymnasium lacht man darüber, wenn ein Älterer mit einem von den Kleinen geht und sich dazu noch so kameradschaftlich zu ihm verhält. Aber das ist ja nur ein Vorurteil. Es ist nun einmal mein Einfall, ich will es so, und damit basta, nicht wahr? Ich belehre ihn also, trage viel zu seiner Entwicklung bei, – und warum, sagen Sie doch selbst, warum soll ich das nicht tun, wenn er mir gefällt? Da haben wir doch zum Beispiel Sie, Karamasoff; Sie haben sich ja gleichfalls mit diesen Kindern angefreundet, das bedeutet doch, daß Sie auf die junge Generation einwirken wollen, daß Sie sie entwickeln wollen, kurz, daß Sie nützlich sein wollen, nicht wahr? Und ich muß gestehen, dieser Ihr Charakterzug, von dem ich viel gehört habe, hat mich am meisten interessiert. Übrigens zur Sache: Ich bemerkte also bald, daß in dem Jungen sich eine gewisse Empfindsamkeit, eine gewisse Sentimentalität entwickelte, ich aber, wissen Sie, bin ein ausgesprochener Feind aller Kälberzärtlichkeiten, und zwar schon von Geburt an. Und zudem sind das doch Widersprüche: er ist stolz, mir aber sklavisch ergeben, – sklavisch ergeben, und plötzlich blitzen die Äuglein auf, und er will nicht einmal mehr übereinstimmen mit mir, streitet, kriecht womöglich an der Wand hinauf! Ich habe mitunter Ideen verfochten, er aber fängt plötzlich an mir zu widersprechen, nur sind es, wie ich alsbald einsehe, nicht die Ideen, die er angreift, sondern er empört sich gegen mich persönlich, weil ich seine Zärtlichkeit mit Kaltblütigkeit erwidere. Nun, und um ihn jetzt zu erziehen, werde ich, je zärtlicher er zu mir wird, desto kälter zu ihm. Ich tat es absichtlich. Meiner Überzeugung nach mußte ich es gerade so machen. Mein Ziel war, seinen Charakter zu bilden, auszugleichen, einen Menschen aus ihm zu machen ... nun, und so weiter ... Sie verstehen mich natürlich auch ohne Worte. Plötzlich bemerke ich, er ist niedergeschlagen, den einen Tag, den zweiten, dritten – und diesmal nicht wegen der Zärtlichkeiten oder Nichtzärtlichkeiten, sondern aus einem anderen, gewichtigeren, höheren Grunde. Was ist denn das für eine Tragödie, denke ich. Ich dringe in ihn, bis ich schließlich die ganze Sache erfahre. Er war auf irgendeine Weise mit dem Diener Ihres verstorbenen Vaters, der damals noch lebte, mit dem Ssmerdjäkoff, zusammengekommen, und dieser hatte ihm, dem dummen kleinen Jungen, etwas ganz Blödsinniges gezeigt, das heißt vielmehr etwas wahrhaft tierisch Rohes – nämlich aus Brot, aus weichem, teigartigem Brot, eine Kugel zu kneten, eine Stecknadel hineinzustecken und diesen Brotball dann einem Hofhunde vorzuwerfen – einem von jenen verhungerten, die die Bissen gierig hinunterschlucken –, und dann zuzusehen, was der Hund macht. Und so hatten sie denn beide so eine Kugel fabriziert und diesem selben zottigen Hunde vorgeworfen, dem Shutschka, der dort auf dem Hof, wo er war, überhaupt nichts zu fressen bekam, und nur die ganze Nacht in den Wind hinausheulte. – Lieben Sie dieses dumme Gebell, Karamasoff? Ich kann es nicht ausstehen! – Nun, der verhungerte Hund hatte natürlich sofort zugeschnappt und hinuntergeschluckt, und dann hat er gleich zu heulen und zu winseln angefangen, ja, er hat sich immer winselnd im Kreise herumgedreht und dann plötzlich ist er winselnd und aufheulend fortgelaufen und – verschwunden. So hat es mir Iljuscha selbst erzählt. Er gestand es mir und weinte dabei, umklammerte mich und weinte herzbrechend. ‚Er lief und winselte, lief und winselte,‘ wiederholte er immer wieder, dermaßen hatte ihn dieses Bild gepackt. Das waren also Gewissensbisse bei ihm. Ich nahm es ernst. Ich wollte ihm hauptsächlich wegen des früheren Verhaltens eine Lektion erteilen, und so habe ich denn, ich muß gestehen, etwas Komödie gespielt, mich absichtlich verstellt, als wäre ich in einer Weise empört darüber, wie ich es in Wirklichkeit vielleicht gar nicht war. ‚Du hast eine niedrige, schändliche Tat begangen,‘ sage ich zu ihm, ‚du bist ein Schurke. Ich werde natürlich nicht ausposaunen, was du getan hast, aber vorläufig breche ich jeden Verkehr mit dir ab. Ich werde mir die Sache noch überlegen und dich dann durch Ssmuroff wissen lassen – durch denselben Knaben, mit dem ich heute gekommen bin, der Sie soeben herausgerufen hat, er ist mir immer ergeben gewesen –, ob ich hinfort noch mit dir Umgang pflegen kann, oder ob ich dich als einen erklärten Schuft überhaupt nicht mehr kennen will.‘ Das ging ihm schrecklich nahe. Offen gestanden, ich fühlte schon damals, daß ich vielleicht doch zu streng war, aber was sollte ich tun – das war nun einmal mein Prinzip. Darauf, am nächsten Tage, schicke ich Ssmuroff zu ihm und lasse sagen, daß ich ‚nicht mehr mit ihm sprechen werde‘ – das sagt man so bei uns, wenn zwei Kameraden ihre Freundschaft brechen. Das Geheimnis bestand aber darin, daß ich ihn nur ein paar Tage lang in Acht und Bann halten und ihm dann wieder die Hand reichen wollte, wenn ich seine Reue sehen würde. Das war meine feste Absicht. Aber was glauben Sie wohl, nachdem er Ssmuroff angehört hat, schreit er ihm mit blitzenden Augen zu: ‚Sage Krassotkin, daß ich von jetzt ab allen Hunden solche Brotkugeln mit Stecknadeln vorwerfen werde, allen, allen!‘ – Aha, dachte ich, das Kerlchen rebelliert, ein freier Geist scheint sich eingeschlichen zu haben, nun, den muß man ausräuchern. Und ich begann ihm meine tiefe Verachtung zu zeigen; wenn wir einander begegneten, wandte ich mich von ihm ab, oder ich lächelte ironisch. Da aber kam plötzlich diese Geschichte mit dem Vater dazwischen, Sie wissen doch, mit dem Bastwisch. Jetzt sehen Sie, wie er schon vorbereitet war – zu dieser ganzen Katastrophe mit dem Vater. Als aber die Knaben sahen, daß ich ihn verlassen hatte, da ging es wieder los mit dem Necken: ‚Bastwisch, Bastwisch!‘ Und da begannen denn zwischen ihnen wieder die Schlachten mit Kieselsteinen. Das tut mir jetzt schrecklich leid, denn ich glaube, damals haben sie ihn einmal furchtbar verprügelt. Eines Tages aber warf er sich auf dem Hof gegen die ganze Bande, als wir Älteren gerade nach der letzten Stunde die Schule verließen, und ich blieb etwa zehn Schritt von ihm stehen und sah ihm zu. Auf Ehrenwort, ich erinnere mich nicht mehr, ob ich damals gelächelt habe oder nicht; ich weiß nur noch, daß er mir in dem Augenblick maßlos, nein wirklich, maßlos leid tat. Noch einen Augenblick – und ich hätte mich dazwischen geworfen, um ihn zu verteidigen. Da aber erblickte er mich plötzlich; ich weiß nicht, was er in meinem Blick gesehen hat, – er riß sein Federmesser heraus, stürzte sich auf mich und stach mich in den Schenkel, hier, gerade hier am rechten Bein. Ich rührte mich nicht, ich muß gestehen, ich bin zuweilen recht tapfer, Karamasoff. Ich blickte ihn nur verächtlich an, als wollte ich mit dem Blick sagen: ‚Willst du mich vielleicht noch einmal stechen, zum Dank für meine Freundschaft, so stehe ich zu Diensten.‘ Er aber stach nicht zum zweitenmal, er hielt es nicht aus, er erschrak selbst, warf das Messer fort, weinte laut auf und lief davon. Ich petzte natürlich nicht und befahl auch den anderen, zu schweigen, damit es die Lehrer nicht erführen, und selbst meiner Mutter sagte ich es erst, als alles schon zugeheilt war. Und die Narbe war ja auch ganz unbedeutend, nur so eine etwas tiefere Schramme. Darauf höre ich, daß er am selben Tage noch eine Schlacht geliefert und Sie in den Finger gebissen hat, – aber Sie begreifen doch, in welch einer Verfassung er sich damals befand! Nun, jetzt ist es nicht mehr gutzumachen. Ich war damals sehr dumm: als er darauf erkrankte, ging ich nicht hin, um ihm alles zu verzeihen, ich meine, um mich wieder in aller Freundschaft mit ihm zu versöhnen. Das ist nun die ganze Geschichte ... nur glaube ich, daß ich es dumm gemacht habe ...“
„Ach, wie schade,“ unterbrach ihn Aljoscha erregt, „daß ich nicht früher von diesen Ihren Beziehungen zu ihm erfahren habe, sonst wäre ich schon längst zu Ihnen gekommen und hätte Sie gebeten, mit mir zusammen Iljuscha zu besuchen. Glauben Sie mir, er hat im Fieber fast nur von Ihnen phantasiert. Ich ahnte nicht, wie teuer Sie ihm sein müssen. Und haben Sie denn Shutschka wirklich nicht gesucht und nicht gefunden? Sein Vater und die Knaben haben in der ganzen Stadt nachgefragt. Wissen Sie, er hat dreimal während der Krankheit, in Tränen aufgelöst, gesagt: ‚Ich bin nur davon krank, Papa, daß ich Shutschka damals umgebracht habe, dafür bestraft mich jetzt Gott.‘ Von diesem Gedanken kann man ihn nicht abbringen! Wenn man ihm aber jetzt diesen Hund wiederbringen und ihm zeigen könnte, daß er nicht gestorben ist und lebt, so würde er vielleicht vor Freude noch gesund werden. Wir haben alle auf Sie gehofft.“
„Aber warum denn gerade auf mich? Warum sollte denn gerade ich Shutschka finden?“ fragte Koljä mit auffallender Wißbegier. „Warum hofften Sie nicht auf einen anderen?“
„Ja, es hieß, daß Sie den Hund krampfhaft suchten, und wenn Sie ihn gefunden hätten, zu Iljuscha bringen würden. Ssmuroff ließ einmal etwas in der Art verlauten. Wir bemühen uns vor allem, ihn zu überzeugen, daß der Hund lebt, daß wir ihn irgendwo gesehen hätten. Die Knaben brachten ihm ein lebendiges Häschen mit, er sah es aber nur einmal an, lächelte kaum und bat, es wieder aufs Feld zu bringen und freizulassen. Dies taten wir denn auch. Und soeben kehrte sein Vater zurück und brachte ihm einen ganz kleinen Bullenbeißer mit, er hatte ihn sich irgendwoher verschafft. Er hoffte, ihn damit zu trösten, aber es kam, glaube ich, umgekehrt heraus, denn Iljuscha wurde nur noch trauriger ...“
„Aber sagen Sie mir noch eines, Karamasoff: dieser Vater, was ist der eigentlich? Ich kenne ihn, aber was ist er im Grunde ... Ihrer Meinung nach – ein Narr, ein Bajazzo?“
„O nein. Es gibt Menschen, die das Leben in Tiefe empfinden, zu gleicher Zeit aber wie von der Welt unter die Füße getreten sind. Das Possentreiben ist bei ihnen wie eine boshafte Ironie denen gegenüber, welchen sie infolge ihrer eingefleischten Schüchternheit nicht die Wahrheit ins Gesicht zu sagen sich erdreisten können. Glauben Sie mir, Krassotkin, solches Narrenspielen ist zuweilen sehr tragisch. Für ihn gibt es jetzt außer Iljuscha nichts mehr auf der Welt. Iljuscha ist für ihn die ganze Welt. Wenn Iljuscha nun stirbt, wird er entweder geisteskrank werden oder sich das Leben nehmen. Davon bin ich so gut wie überzeugt, nachdem ich ihn jetzt wieder gesehen habe.“
„Ich verstehe Sie, Karamasoff, ich sehe, Sie kennen den Menschen gut,“ sagte Koljä ernst.
„Als ich aber vorhin den Hund bei Ihnen sah, dachte ich, daß es Shutschka sei, den Sie mitgebracht haben, und freute mich für Iljuscha.“
„Warten Sie, Karamasoff, vielleicht werden wir Shutschka noch finden ... Das hier ist mein Pereswonn. Ich werde ihn später ins Zimmer hineinlassen und mit ihm Iljuscha vielleicht mehr zerstreuen, als mit einem echten Bullenbeißer. Warten Sie, Karamasoff, Sie werden sofort etwas erfahren ... Ach, mein Gott, da halte ich Sie, ohne mir dabei etwas zu denken, hier im Freien solange auf!“ unterbrach sich Koljä plötzlich ganz erschrocken. „Sie stehen im leichten Rock bei dieser Kälte, und ich denke nicht einmal daran! Sehen Sie, sehen Sie, was für ein Egoist ich bin! Oh, wir sind alle riesige Egoisten, Karamasoff!“
„Beruhigen Sie sich, es ist allerdings kalt, aber ich erkälte mich nicht so leicht. Doch gehen wir jetzt. Bei der Gelegenheit: Wie heißen Sie? Ich weiß: Koljä, aber wie weiter?“
„Nikolai, Nikolai Iwanow Krassotkin, oder, wie man im Bureaustil sagt: Sohn des Iwan Krassotkin,“ sagte Koljä und lachte – weiß Gott, worüber. Doch plötzlich fügte er hinzu:
„Ich hasse natürlich meinen Namen Nikolai.“
„Warum denn das?“
„Er ist so trivial, so beamtenmäßig ...“
„Und Sie sind dreizehn Jahre alt?“ fragte Aljoscha.
„Das heißt, vierzehn, in zwei Wochen vierzehn, also sehr bald. Ich muß Ihnen im voraus meine größte Schwäche eingestehen, Karamasoff, dies mag das erste Bekenntnis nach der Bekanntschaft mit Ihnen sein. Ich will es nur Ihnen sagen, damit Sie sofort mein ganzes Wesen durchschauen können. Also: Ich hasse es, wenn man mich nach meinem Alter fragt, es ist sogar noch mehr als nur Haß, was ich dabei empfinde ... Und dann ... man verleumdet mich ... Da heißt es zum Beispiel, ich hätte mit den Schülern der Vorbereitungsklasse Räuber gespielt. Daß ich mit ihnen gespielt habe, ist allerdings Tatsache, daß ich es aber zu meinem Vergnügen getan hätte, ist eine entschiedene Verleumdung. Ich habe Grund anzunehmen, daß dieses Gerücht auch bis zu Ihnen gedrungen ist, aber ich versichere Ihnen: ich habe nicht zu meinem Vergnügen gespielt, sondern um den Kleinen ein Vergnügen zu bereiten, denn ohne mich verstanden sie sich nichts auszudenken. Und nun verbreiten die Klatschbasen solchen Unsinn über mich! Unsere holde Stadt sollte eigentlich ‚Klatschstadt‘ heißen, das sage ich Ihnen!“
„Und wenn Sie auch zu Ihrem eigenen Vergnügen gespielt hätten, was wäre denn dabei?“
„Aber, ich bitte Sie, zum eigenen Vergnügen! ... Sie werden z. B. doch nicht anfangen mit kleinen Kindern Pferdchen zu spielen?“
„Sehen Sie doch die Sache von einem anderen Standpunkte aus an,“ sagte Aljoscha lächelnd: „Ins Theater zum Beispiel fahren Erwachsene, im Theater aber werden doch auch nur die Erlebnisse von Helden dargestellt, zuweilen gleichfalls mit Räubern und Krieg. Ist das nun nicht ganz dasselbe, frage ich Sie, nur in einer etwas anderen Art? Wenn aber Jungen in der Erholungspause Krieg spielen oder Räuber, wie Sie sagten, – das ist doch nichts anderes als entstehende Kunst, oder das in der jungen Seele entstehende Bedürfnis nach Kunst. Und gar manchesmal werden diese Spiele viel besser komponiert als die Vorstellungen im Theater. Der Unterschied besteht bloß darin, daß man ins Theater fährt, um dort Schauspieler zu sehen, hier aber die Jungen selbst Schauspieler sind. Aber das ist ja doch nur natürlich.“
„Ist das wirklich Ihre Ansicht? Ist das Ihre Überzeugung?“ Koljä sah ihn groß und aufmerksam an. „Wissen Sie, Karamasoff, Sie haben einen außerordentlich interessanten Gedanken ausgesprochen. Wenn ich nach Haus komme, werde ich meinen Hirnkasten wegen dieser Frage etwas in Bewegung setzen. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, ich habe es eigentlich nicht anders erwartet, als daß man von Ihnen noch manches lernen könnte. Ja, ich bin gekommen, um von Ihnen zu lernen, Karamasoff,“ sagte Koljä zum Schluß mit männlich fester, doch nichtsdestoweniger begeisterter Stimme.
„Und ich werde von Ihnen lernen,“ sagte Aljoscha lächelnd, indem er ihm die Hand drückte.
Koljä war sehr zufrieden mit Aljoscha. Am angenehmsten berührte ihn, daß jener sich ihm gegenüber ganz wie zu einem gleichstehenden Kameraden verhielt, „wie zu dem erwachsensten Menschen“.
„Ich werde Ihnen dort in der Stube gleich ein famoses Kunststück zeigen, Karamasoff, das wird gleichfalls eine Theatervorstellung werden,“ sagte er mit etwas nervösem Lachen. „Zu dem Zweck bin ich ja eigentlich nur gekommen.“
„Gehen wir zuerst nach links zu den Hausleuten. Dort legen alle ihre Mäntel ab. Im Zimmer ist es eng und heiß.“
„Oh, das ist nicht nötig, ich bin doch nur auf einen Augenblick gekommen, ich werde so im Überzieher eintreten. Pereswonn muß hier im Flur bleiben und wie tot liegen. Ici, Pereswonn, couche-toi und stirb! – Sehen Sie, er stellt sich tot. Ich werde jetzt vorläufig allein eintreten und zuerst die Umgebung inspizieren, und dann im richtigen Moment pfeife ich: ‚ici, Pereswonn!‘ und Sie werden sehen, er wird sofort wie tollgeworden hereinsausen. Nur darf Ssmuroff nicht vergessen, rechtzeitig die Tür aufzumachen. Doch ich werde schon sehen, daß alles richtig klappt, lassen Sie mich nur machen ...“
V. An Iljuschas Bettchen
In dem uns bekannten Zimmer, das der Hauptmann Ssnegireff mit seiner Familie bewohnte, war die Luft in diesem Augenblick ebenso drückend, wie das Zimmer selbst durch die zahlreichen kleinen Gäste eng wurde. Es saßen wieder einmal mehrere Knaben bei Iljuscha. Wenn sie auch alle, wie Ssmuroff, bereit waren, zu leugnen, daß Aljoscha Karamasoff sie zu Iljuscha geführt und alles zu ihrer Anfreundung getan hatte, so war dies doch einmal so. Seine ganze Kunst bestand in diesem Falle nur darin, daß er sie ihm alle einzeln und ohne jegliche „Kälberzärtlichkeiten“ zuführte, als geschehe es ganz unabsichtlich, womöglich halb aus Versehen. Das war für Iljuscha eine große Freude gewesen. Als er die fast zärtliche Freundschaft dieser seiner früheren Feinde sah, war er tief gerührt. Nur Koljä Krassotkin fehlte noch, und das lag wie eine drückende Last auf seinem Herzen. Wenn es in seinen bitteren Erinnerungen etwas ganz besonders Bitteres gab, so war das gerade dieser Vorfall mit Koljä, seinem früheren einzigen Freunde und Verteidiger, auf den er sich damals mit dem Messer gestürzt hatte. Das sagte sich auch der kleine, gescheite Ssmuroff, der als erster zu Iljuscha gekommen war. Koljä Krassotkin hatte aber auf Ssmuroffs entfernte Andeutung, daß Aljoscha „in einer gewissen Angelegenheit“ vielleicht zu ihm kommen werde, sofort kurz jeden weiteren Annäherungsversuch abgeschnitten, indem er Ssmuroff barsch auftrug, „Karamasoff“ zu sagen, daß er selbst wisse, was er zu tun habe, daß er niemanden um Rat bitte und im übrigen, wenn er zu dem Kranken ginge, das dann tun würde, wenn es ihm angemessen scheine – er habe dabei seine „persönliche Berechnung“. Das war vor etwa zwei Wochen gewesen. Daraufhin hatte Aljoscha es unterlassen, seine anfängliche Absicht auszuführen und zu Krassotkin zu gehen. Dafür aber war der kleine Ssmuroff zweimal von ihm zu Koljä geschickt worden. Aber Koljä hatte beide Male in der gereiztesten und schroffsten Weise abgesagt: „Sage Karamasoff, daß ich dann, wenn er zu mir kommt, überhaupt nicht zu Iljuscha gehen werde, und im übrigen bitte ich, mich nicht ewig mit dieser Sache zu belästigen.“ Selbst Ssmuroff hatte noch am Sonnabend nicht gewußt, daß es Koljäs Absicht war, an diesem Sonntag Iljuscha zu besuchen. Erst am Abend hatte Koljä ihm beim Abschied gesagt, er solle ihn am nächsten Morgen auf dem Hof erwarten, er würde mit ihm zusammen zu Ssnegireffs gehen, hatte aber streng verboten, irgend jemand von seinem Kommen zu benachrichtigen. Ssmuroff gehorchte. Der Gedanke jedoch, daß er auch den verlorenen Hund mitbringen werde, war Ssmuroff auf Grund einiger von Koljä flüchtig hingeworfener Worte gekommen. Er hatte nämlich gesagt: „Esel sind sie, wenn sie den Hund nicht finden können, vorausgesetzt, daß er noch lebt.“ Als aber Ssmuroff nach einiger Zeit schüchtern eine Anspielung darauf gemacht hatte, da war Krassotkin „höllisch wütend“ geworden. „Ich bin doch nicht so dumm, daß ich in der ganzen Stadt einen fremden Hund suche, wenn ich meinen Pereswonn habe! Und wie kann man nur so was Dummes denken, daß ein Hund, der eine Stecknadel hinuntergeschluckt hat, am Leben bleibe! Das sind ja nur Sentimentalitäten und weiter nichts!“
Inzwischen verging die Zeit. Iljuscha hatte sein Bettchen in der Ecke unter den Heiligenbildern seit ganzen zwei Wochen nicht mehr verlassen. In die Schule war er seit jenem Tage, an dem er Aljoscha in den Finger gebissen hatte, nicht mehr gegangen. Am selben Tage war er auch erkrankt, doch konnte er im ersten Monat noch allein aufstehen und etwas im Zimmer oder auch im Flur umhergehen. Schließlich aber wurde er so schwach, daß er sich ohne Hilfe seines Vaters kaum noch bewegen konnte. Der Vater zitterte für ihn, hörte sogar ganz auf zu trinken und wurde geradezu tiefsinnig vor Angst bei dem Gedanken, sein Junge könnte sterben. Wenn er ihn bei einem kurzen Gang durch die Stube unter den Armen gestützt und dann wieder ins Bettchen gelegt hatte, lief er nachher jedesmal hinaus auf den Flur, in die dunkelste Ecke, preßte dort die Stirn an die Wand und weinte ganz eigentümlich: kaum hörbar, da es ja Iljuscha nicht zu Ohren kommen durfte – doch konnte man glauben, aus diesem eintönigen Weinen seine ganze ohnmächtige Verzweiflung herauszuhören.
Wenn er dann ins Zimmer zurückkehrte, fing er gewöhnlich an, seinen lieben Jungen mit irgend etwas zu zerstreuen. Er erzählte ihm Märchen oder lustige Geschichten, oder er kopierte lächerliche Typen, die er gesehen hatte, oder er imitierte selbst Tiere, indem er ihre Laute nachzuahmen versuchte. Iljuscha jedoch litt darunter, wenn sein Vater sich in dieser Weise verstellte und Narrenpossen trieb. Er bemühte sich krampfhaft, nicht zu zeigen, daß es ihm unangenehm war, aber er sagte sich mit brennendem Weh im Herzen, daß sein Vater in der Gesellschaft erniedrigt war, und immer wieder kehrten seine Gedanken zu jenem „furchtbaren Tage“ zurück. Auch Ninotschka, Iljuschas gelähmte, bescheidene, stille Schwester, liebte es nicht, wenn der Vater sich in dieser Weise erniedrigte (Warwara Nikolajewna war schon längst wieder nach Petersburg gefahren, um dort den Vorlesungen zu folgen), dafür aber fand das geistesschwache Mamachen wahre Freude daran und lachte von ganzem Herzen, wenn ihr Mann sich wie ein Bajazzo gebärdete. Nur damit konnte man sie zerstreuen und trösten, sonst weinte sie fortwährend und beklagte sich launisch, daß alle sie vergäßen, daß niemand sie achte, daß alle sie beleidigten usw. usw. In den letzten Tagen aber hatte auch sie sich verändert. Sie sah häufiger in die Ecke zu Iljuscha hinüber und schien nachdenklicher zu sein. Sie wurde viel schweigsamer und ruhiger, und wenn sie weinte, so weinte sie still vor sich hin, damit es die anderen nicht hörten. Der Hauptmann bemerkte verwundert diese Veränderung; sie betrübte und erschreckte ihn zu gleicher Zeit. Die Besuche der Knaben paßten ihr zuerst gar nicht und ärgerten sie nur, allmählich aber gefielen ihr die fröhlichen Geschichten und das laute Geplapper der Kinder immer mehr, und bald freute sie sich dermaßen über jeden Besuch, daß sie womöglich geweint hätte, wenn die Knaben nicht mehr gekommen wären. Wenn sie etwas erzählten oder Spielchen spielten, so lachte sie vor Freude und schlug in die Hände. Zuweilen rief sie sogar einige von ihnen zu sich und küßte sie. Besonders liebte sie den kleinen Ssmuroff. Was nun den Hauptmann betrifft, so hatte der Besuch der Kinder, die in sein Haus kamen, um Iljuscha zu zerstreuen und zu erheitern, seine Seele gleich mit freudigem Entzücken erfüllt und sogar mit einer Hoffnung, Iljuscha werde nun aufhören, sich zu grämen, und vielleicht sogar schneller davon gesund werden. Oh, er zweifelte keinen Augenblick daran – trotz seiner ganzen Angst um Iljuscha –, daß sein Junge plötzlich wieder gesund werden würde. Er empfing die kleinen Gäste fast andächtig, tat für sie alles, was er konnte, bediente sie sogar und war bereit, sie auf seinem Rücken reiten zu lassen, was er dann auch ausführte; dieses Spiel gefiel aber Iljuscha nicht, und so wurde es sofort aufgegeben. Er kaufte für sie Konfekt, Pfefferkuchen, Nüsse, arrangierte ganze Teekränzchen für die Kleinen und strich ihnen selig Butterbrote. Geld hatte er während dieser ganzen Zeit übergenug. Jene zweihundert Rubel von Katerina Iwanowna hatte er genau so angenommen, wie es von Aljoscha vorausgesagt worden war. Später war Katerina Iwanowna, nachdem sie von Iljuschas Krankheit und ihren Verhältnissen Näheres gehört hatte, selbst zu ihnen gekommen, war mit der ganzen Familie bekannt geworden und hatte sogar das schwachsinnige Mamachen bezaubert. Seit der Zeit versiegten ihre Unterstützungen nicht mehr, und der Hauptmann, der in der Angst um Iljuscha seine früheren „Ehrbegriffe“ ganz vergaß, nahm das Geld gehorsam an. Doktor Herzenstube kam auf Katerina Iwanownas Ersuchen jeden zweiten Tag zu ihnen, um den Kleinen zu untersuchen, doch kam bei seinen Besuchen wenig Gescheites heraus, obgleich er ihn mit Arzeneien geradezu vollstopfte. Dafür wurde von ihnen an diesem Sonntagvormittag ein anderer Arzt erwartet, und zwar ein berühmter Professor aus Moskau. Katerina Iwanowna hatte ihn für viel Geld aus Moskau verschrieben, – doch nicht speziell für Iljuschetschka, sondern zu einem anderen Zweck, von dem weiterhin die Rede sein wird. Als er dann angekommen war, hatte sie ihn gebeten, auch Iljuscha zu besuchen, wovon der Hauptmann schon vorzeitig benachrichtigt worden war. Daß Koljä Krassotkin kommen werde, wußte er dagegen nicht und vermutete es nicht einmal, obwohl er ihn schon lange sehnsüchtig herbeiwünschte, denn er sah nur zu gut, wie sehr es Iljuscha quälte, daß gerade Koljä noch immer nicht kam. Als nun Koljä die Tür aufmachte und eintrat, standen der Hauptmann und alle Knaben dichtgedrängt an Iljuschas Bettchen und betrachteten interessiert den kleinen Bullenbeißer, den der Vater kurz vorher gebracht hatte, und der erst Sonnabend Abend auf die Welt gekommen, doch nichtsdestoweniger schon vor einer Woche gekauft worden war. Das sollte ein Ersatz sein für Shutschka, den von Iljuscha umgebrachten Hund. Iljuscha hatte schon vor drei Tagen gehört, daß er einen kleinen Hund bekommen werde, und zwar keinen gewöhnlichen, sondern einen echten Bullenbeißer (was natürlich sehr wichtig war). Nun lag er da und tat aus Zartgefühl, als freue er sich über das Geschenk, doch alle, der Vater wie die Knaben, sahen wohl, daß dieses neue Hündchen die Erinnerung an Shutschka vielleicht noch stärker in seinem Herzen hervorrief. Das kleine Hundejunge lag neben ihm auf dem Bettchen und krabbelte mit seinen dicken Beinchen; Iljuscha lächelte müde und streichelte ihn mit seiner kleinen, bleichen, abgezehrten Hand. Das kleine Tierchen gefiel ihm sogar sehr, aber ... es war doch immer noch nicht Shutschka! Ja wenn man Shutschka und das Kleine zusammen gehabt hätte, dann wäre das Glück vollständig gewesen!
„Krassotkin!“ rief da einer von den Knaben, der Koljä zuerst bemerkt hatte. Alle erschraken anfänglich, die Knaben traten auseinander und blieben zu beiden Seiten des Bettchens stehen, so daß Iljuscha plötzlich Koljä erblickte. Der Hauptmann stürzte ihm sofort dienstbeflissen entgegen.
„Bitte ... gefälligst ... unser werter Gast!“ brachte er etwas stotternd hervor. „Iljuschetschka, Herr Krassotkin ist zu dir zum Besuch gekommen.“
Doch Krassotkin, der ihm nur eilig die Hand reichte, bewies sofort seine gute Erziehung: er wandte sich von der Tür gleich zu der Frau des Hauses, zu der gelähmten Gattin des Hauptmanns, die in ihrem großen Lehnstuhl saß und im Augenblick äußerst ungehalten darüber war, daß die Knaben so dicht Iljuschas Bett umstanden und sie somit den Hund nicht sehen konnte. Er verbeugte sich ungemein höflich vor ihr, machte einen tadellosen Kratzfuß, wandte sich darauf zu Ninotschka und grüßte auch sie, als Dame, in derselben Weise. Diese Höflichkeit machte auf die kranke Frau einen sehr angenehmen Eindruck.
„Da sieht man doch gleich, daß es ein gut erzogener junger Mann ist,“ sagte sie mit einem Kopfneigen, indem sie die Hände auseinanderführte, „denn sonst, unsere übrigen Gäste, die kommen ja einer auf dem anderen angeritten.“
„Wieso, Mamachen, wieso denn einer auf dem anderen, wie meinst du das?“ fragte zwar freundlich, aber doch etwas ängstlich und betreten der Hauptmann seine Frau.
„So, sie kommen eben hereingeritten. Draußen im Flur setzt sich der eine dem anderen auf die Schultern und kommt dann so in eine wohlerzogene Familie hereingeritten, kreuzbeinig auf dem anderen. Was ist denn das für ein Gast?“
„Aber wer denn das, Mamachen, wer ist denn so hereingekommen?“
„Dieser dort ist auf jenem hereingekommen und der andere auf jenem ...“
Doch Koljä stand schon an Iljuschas Bettchen. Der Kranke erbleichte. Er richtete sich in seinem Bettchen auf und sah Koljä unbeweglich ins Gesicht. Der hatte seinen früheren, kleinen Freund schon seit zwei Monaten nicht mehr gesehen und blieb daher bei seinem Anblick ganz betroffen stehen: er hatte sich nicht denken können, daß er ein so mageres und gelbes Gesichtchen, so brennende, übernatürlich große Augen, so abgemagerte Händchen sehen werde. Mit trauriger Verwunderung bemerkte er, daß Iljuscha tief und schnell atmete, und daß seine Lippen trocken waren. Er trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und fragte ganz verwirrt:
„Nun, mein Freund ... wie geht es dir?“ Aber seine Stimme brach ihm plötzlich ab, es fehlte ihm an Ungezwungenheit, in seinem Gesicht zuckte etwas, seine Lippen bebten. Iljuscha lächelte ihm schmerzlich zu, konnte aber kein Wort hervorbringen. Da hob Koljä plötzlich seine Hand und strich Iljuscha über das Haar.
„Tut nichts!“ flüsterte er ihm leise zu, teils um ihn zu trösten, teils ... er wußte selbst nicht, warum er es sagte. Einen Augenblick schwiegen sie wieder.
„Wie, du hast einen jungen Hund?“ fragte Koljä plötzlich im gleichgültigsten Ton.
„Ja – a – a ...“ antwortete Iljuscha, mit tonloser leiser Stimme, als wäre er außer Atem.
„Eine schwarze Nase hat er, das bedeutet, daß er zu den bösen, den Kettenhunden gehört,“ sagte ernst und gewichtig Koljä, als ob es sich nur um den Hund und die schwarze Nase handelte. In Wirklichkeit aber bekämpfte er immer noch sein Gefühl, um nicht wie ein „Kleiner“ in Tränen auszubrechen; er konnte sich noch immer nicht beherrschen. „Wenn der groß wird, muß er an die Kette kommen, das weiß ich.“
„Er wird riesig groß werden!“ rief einer von den Knaben aus.
„Sicher!“
„Ein Bullenbeißer, der wird so groß wie ein Kalb,“ ertönten mehrere Stimmen durcheinander.
„Wie ein Kalb, wie ein echtes Kalb!“ fuhr plötzlich der Hauptmann dazwischen, „ich habe absichtlich einen so bösen ausgesucht, den allerbösesten, auch seine Eltern sind groß und böse, ungefähr so hoch vom Fußboden ... Setzen Sie sich hierher aufs Bett zu Iljuscha, oder wenn nicht dorthin, dann hier auf die Truhe. Wir bitten ergebenst, unser werter Gast ... langersehnter Gast ... Waren Sie mit Alexei Fedorowitsch zusammen?“
Krassotkin setzte sich aufs Bettchen zu Iljuschas Füßen. Er hatte sich unterwegs zurecht gelegt, womit er das Gespräch beginnen sollte, doch hatte er jetzt ganz den Faden verloren.
„Nein ... ich bin mit Pereswonn ... Ich habe jetzt einen Hund, Pereswonn. Ein slawischer Name. Er wartet dort ... wenn ich pfeife, stürzt er sofort herein. Ich habe nämlich auch einen Hund,“ – er wandte sich hastig zu Iljuscha – „erinnerst du dich noch Shutschkas, Freund?“ platzte er plötzlich mit der Frage heraus, die dem Kranken wie Feuer durch Mark und Bein fuhr.
Iljuschas Gesichtchen verzog sich. Gequält sah er Koljä in die Augen. Aljoscha, der an der Tür stand, runzelte die Stirn und wollte Koljä abwinken, daß er nicht von Shutschka sprechen solle, aber der bemerkte es nicht oder wollte es nicht bemerken.
„Wo ist ... Shutschka?“ fragte Iljuscha mit versagender Stimme.
„Nun, Bruder, dein Shutschka ist perdu! Der ist nicht mehr zu finden.“
Iljuscha schwieg, doch sah er noch einmal Koljä lange und unverwandt an. Aljoscha erhaschte einen Blick von Koljä und winkte ihm aus allen Kräften ab, der wandte sich aber wieder zurück und gab sich den Anschein, als hätte er nichts bemerkt.
„Fortgelaufen ist er und umgekommen. Wie sollte er auch nicht nach einem solchen Frühstück umkommen,“ sagte Koljä schneidend und unbarmherzig, indessen schien ihm aber doch die Stimme nicht recht zu gehorchen. „Dafür habe ich Pereswonn ... Ein altslawischer Name ... Ich habe ihn mitgebracht, ich werde ihn dir zeigen ...“
„Ist nicht nötig!“ unterbrach ihn plötzlich Iljuschetschka.
„Nein, nein, du mußt ihn durchaus sehen ... Er wird dich zerstreuen. Ich habe ihn absichtlich hergebracht ... er ist ebenso langhaarig wie jener ... Erlauben Sie, gnädige Frau, meinen Hund hereinzurufen?“ wandte er sich plötzlich an Frau Ssnegireff in großer Aufregung.
„Nicht, nicht!“ rief Iljuscha mit trauriger Stimme aus. Vorwurfsvoll blickten seine Augen.
„Würden Sie vielleicht ...“ der Hauptmann stürzte von der Kiste, auf der er an der Wand gesessen hatte, vor. „Sie würden vielleicht ... zu einer anderen Zeit ...“ stotterte er, aber Koljä, der auf dem Seinen bestand, ließ sich nicht mehr aufhalten und rief Ssmuroff zu: „Ssmuroff, öffne die Tür!“ und wie der sie geöffnet hatte, pfiff er einmal kurz dem Hunde, und Pereswonn stürzte ins Zimmer.
„Hopp, Pereswonn, mach den Diener, den Diener!“ schrie Koljä, erhob sich und zog den Hund, der auf den Hinterbeinen aufrecht stand, an Iljuschas Bett heran. Da ereignete sich aber etwas ganz Unerwartetes: Iljuscha zuckte zusammen und beugte sich mit dem ganzen Körper vor, beugte sich über Pereswonn und sah ihn wie erstarrt an:
„Das ist ja ... Shutschka!“ rief er plötzlich mit vor Freude und Leid zitterndem Stimmchen aus.
„Und was glaubtest du denn?“ rief Krassotkin mit lauter Stimme, beugte sich zum Hunde nieder, ergriff ihn und hob ihn zu Iljuscha aufs Bett.
„Sieh, Freund, sieh, dieses Auge fehlt, und hier das linke Ohr ist eingerissen, genau die Merkmale, die du mir angegeben hast. Nach diesen Merkmalen habe ich ihn denn auch gefunden. Gleich damals, so schnell wie möglich. Er gehörte ja niemandem, er war ja herrenlos!“ erklärte er, sich an den Hauptmann, an seine Frau, an Aljoscha wendend, und dann fuhr er wieder zu Iljuscha fort, – „er war bei Fedotoffs auf dem Hinterhof, er hoffte wohl da was abzukriegen, die fütterten ihn aber nicht, ein Landstreicher ist er ja, einer aus dem Dorf ... So habe ich ihn aufgefunden ... Siehst du, Freund, er hat damals dein Stück nicht hinuntergeschluckt. Denn wenn er es verschluckt hätte, dann wäre er ja doch sicher krepiert, sicherlich! Er muß es folglich zur rechten Zeit noch ausgespien haben, denn er lebt ja noch. Du hast es nur nicht bemerkt, wie er es ausspie. Ausgespien hat er es, die Stecknadel wird aber seine Zunge gestochen haben, darum hat er denn auch so gewinselt. Und du dachtest, daß er es ganz hinuntergeschluckt hätte. Er wird ja schon furchtbar gewinselt haben, das glaube ich, denn bei Hunden ist die Haut im Maule sehr zart ... zarter als beim Menschen, viel zarter!“ bestand Koljä eifrig darauf, mit heißem und vor Begeisterung strahlendem Gesicht.
Iljuscha konnte kein Wort hervorbringen. Er starrte mit seinen großen und erschrocken aufgerissenen Augen, mit offenem Munde und bleich wie ein Handtuch Koljä an. Wenn der harmlose Krassotkin nur gewußt hätte, wie gefährlich eine solche Aufregung auf die Gesundheit des kranken Knaben wirken mußte, so hätte er sich niemals zu einem solchen Stückchen entschlossen, wie er es jetzt aufführte. Doch von allen Anwesenden im Zimmer verstand dies nur Aljoscha. Der Hauptmann dagegen verwandelte sich ganz und gar in einen kleinen Knaben.
„Shutschka! Also das ist Shutschka?“ rief er mit seliger Stimme. „Iljuschetschka, das ist ja Shutschka, dein Shutschka! Mamachen, das ist ja Shutschka!“ Er fing beinahe an zu weinen.
„Und ich habe das nicht erraten können!“ rief Ssmuroff bekümmert. „Das ist wieder ganz Krassotkin! Ich sagte ja, daß er ihn finden wird, und da hat er ihn nun auch wirklich gefunden!“
„Da hat er ihn nun auch wirklich gefunden!“ wiederholte ein anderer freudig.
„Feiner Kerl, Krassotkin!“ rief ein Dritter.
„Feiner Kerl, feiner Kerl!“ riefen die Jungen jetzt alle und wollten schon applaudieren.
„Wartet, wartet!“ versuchte Krassotkin sie zu überschreien, „ich werde euch erzählen, wie es geschah! Die Sache war nämlich so und nicht anders! Ich habe ihn aufgesucht, zu mir gebracht, versteckt und einfach eingeschlossen und ihn bis auf den letzten Tag niemand gezeigt. Nur Ssmuroff allein sah ihn vor zwei Wochen, aber ich versicherte ihm, daß es Pereswonn sei, und so hat er ihn nicht erkannt. In der Zwischenzeit brachte ich ihm aber alle diese Stückchen bei; seht nur, seht nur, was er alles kann! Ich habe ihn das alles gelehrt, um ihn dir, Freund, so gut abgerichtet zu bringen. Sieh nur, Freund, wie dein Shutschka jetzt ist! Habt ihr hier nicht ein Stückchen Fleisch, er wird euch gleich ein Stückchen vormachen, daß ihr vor Lachen umfallt. – Fleisch, ein Stückchen, ist hier wirklich keines zu haben?“
Der Hauptmann stürzte durch den Flur in die Stube der Wirtsleute, wo man das Essen kochte. Koljä aber beeilte sich, um nicht seine teure Zeit zu verlieren, Pereswonn den Befehl zu geben: „Stirb!“ Der drehte sich plötzlich auf den Rücken um, streckte alle Viere in die Luft und lag unbeweglich. Die Jungen lachten, Iljuscha sah mit seinem traurigen Lächeln auf den Hund, doch am meisten von allen gefiel es dem „Mamachen“, daß Pereswonn gestorben war. Sie lachte von Herzen darüber und rief dem Hunde schmeichelnd zu:
„Pereswonn, Pereswonn!“
„Er wird sich nicht erheben, er wird sich nicht erheben!“ rief Koljä überzeugt und stolz, „wenn auch die ganze Welt ihn rufen würde. Ich aber brauche ihn nur einmal zu rufen, und sofort wird er aufspringen! Ici, Pereswonn!“
Der Hund sprang auf, sprang an ihm empor und heulte vor Freude. Der Hauptmann kam mit einem gekochten Stück Rindfleisch herbeigestürzt.
„Ist es nicht zu heiß?“ fragte geschäftig und vorsorglich Koljä, der das Stück an sich nahm. „Nein, es ist nicht heiß, Hunde lieben ja sonst nichts Heißes. Sehen Sie alle ... Iljuschetschka, sieh, so sieh doch, Freund, warum siehst du nicht? Ich habe ihn ihm gebracht, und nun will er nicht sehen!“
Das neue Kunststück bestand darin, daß dem unbeweglich dastehenden Hunde das Stück Fleisch gerade auf die Nase gelegt wurde. Das arme Tier mußte mit dem Stück Fleisch auf der Nase unbeweglich dastehen, wie sein Herr ihm befohlen hatte. Doch Pereswonn hatte nur eine kleine Minute lang auszuhalten.
„Pill!“ rief Koljä, und das Stück flog im Nu von der Schnauze ins Maul.
Das Publikum drückte natürlich begeistert seine Verwunderung darüber aus.
„Und sind Sie wirklich, sind Sie wirklich nur darum die ganze Zeit nicht gekommen, weil Sie den Hund dressieren wollten?“ rief Aljoscha vorwurfsvoll aus.
„Gerade darum!“ gestand Koljä gutmütig ein. „Ich wollte ihn in seinem Glanze zeigen.“
„Pereswonn! Pereswonn!“ rief Iljuscha dem Hunde schmeichelnd zu und schnippte mit seinen abgemagerten Fingerchen, wie man es zu tun pflegt, wenn man einen Hund zu sich heranlocken will.
„Was rufst du ihn! Er soll sofort zu dir ins Bett springen. Ici, Pereswonn!“ Koljä schlug mit der flachen Hand aufs Bett.
Und Pereswonn flog wie ein Pfeil aufs Bett zu Iljuscha. Dieser umarmte seinen Kopf mit beiden Armen, und Pereswonn leckte ihm sofort die Wange. Iljuschetschka preßte ihn an sich und versteckte sein Gesicht vor den anderen im langhaarigen Fell des Hundes.
„Mein Gott, mein Gott!“ murmelte der Hauptmann.
Koljä setzte sich wieder auf das Bett zu Iljuscha.
„Iljuscha, ich kann dir noch etwas zeigen. Ich habe dir die kleine Kanone gebracht. Erinnerst du dich noch, wie ich dir von dieser kleinen Kanone erzählte, und du ausriefst: ‚Ach, wenn ich sie doch auch sehen könnte!‘ Nun, jetzt habe ich sie dir gebracht.“
Koljä zog aus seiner Büchertasche die kleine Kanone hervor, die er auch schon den Knirpsen gezeigt hatte. Er beeilte sich sehr dabei, weil er selbst so glücklich war: Zu einer anderen Zeit würde er gewartet haben, bis der effektvolle Eindruck, den soeben Pereswonn gemacht hatte, etwas nachgelassen hätte, jetzt aber beeilte er sich, denn: „Wenn sie das so glücklich macht, so gebe ich ihnen noch mehr Glück!“ dachte er, selbst ganz trunken vor Seligkeit.
„Dieses Ding habe ich schon lange beim Beamten Morosoff gesehen, und jetzt habe ich es ihm abgenommen, – für dich, Freund, für dich! Das Ding stand bei ihm so da, ohne daß er sich etwas aus ihm machte. Er hatte es vom Bruder bekommen. Ich habe es gegen ein Buch aus Papas Schrank: ‚Der Verwandte Mohammeds oder die heilende Dummheit‘, eingetauscht. Hundert Jahre alt ist das Buch, in Moskau ist es erschienen, als es noch keine Zensur gab. Morosoff ist aber ein Liebhaber solcher Sachen. Er dankte mir noch ...“
Koljä hielt die kleine Kanone hoch, damit alle sie sehen konnten. Iljuscha richtete sich im Bett auf und betrachtete, den rechten Arm um den Hals Pereswonns geschlungen, ganz entzückt das Spielzeug. Doch der Effekt erreichte den höchsten Grad, als Koljä erklärte, daß er auch Pulver bei sich habe, und daß man sofort aus ihr schießen könne, wenn nur die Damen nichts dagegen hätten. „Mamachen“ verlangte natürlich, man möge ihr das Spielzeug näher zu betrachten geben, was sofort erfüllt wurde. Die kleine Kanone auf den blanken Rädern gefiel ihr ungeheuer, und sie rollte sie auf ihren Knien hin und her. Auf die Frage, ob sie zu schießen erlaube, gab sie sofort ihre Einwilligung, ohne übrigens zu begreifen, um was es sich handelte. Koljä zeigte das Pulver und das Schrot. Der Hauptmann übernahm, als früherer Offizier, das Laden und schüttete nur eine ganz kleine Portion Pulver in die Kanone; das Schrot bat er für ein anderes Mal aufzubewahren. Die Kanone wurde auf den Fußboden gestellt und auf eine leere Wand gerichtet, darauf stopfte man ins Zündloch drei kleine Pulverkörner und zündete sie mit einem Streichhölzchen an. Es erfolgte ein glänzender Schuß. „Mamachen“ zuckte zusammen, lachte aber sogleich auf vor Freude. Die Knaben hatten mit stummem Entzücken zugeschaut, doch am seligsten von allen war der Hauptmann: Das mußte doch seinem Iljuscha Freude bereiten! Koljä nahm die Kanone und schenkte sie unverzüglich Iljuscha, zusammen mit dem Pulver und Schrot.
„Das ist für dich, für dich!“ wiederholte er in seiner Glückseligkeit.
„Ach, schenken Sie sie mir! Nein, schenken Sie die kleine Kanone lieber mir!“ bat Mamachen plötzlich wie ein kleines Kind.
Ihr Gesicht drückte ängstliche Unruhe aus, in der Furcht, daß man sie ihr nicht schenken würde. Koljä war ganz verwirrt. Der Hauptmann wurde unruhig.
„Mamachen, Mamachen,“ rief er zu ihr laufend, „die Kanone gehört dir, dir, aber wir lassen sie nur bei Iljuscha, denn man hat sie ihm geschenkt, doch sonst wird sie dir gehören. Iljuscha wird sie dir zum Spielen geben, sie wird euch beiden zusammen gehören, beiden ...“
„Nein, ich will nicht zusammen, nein, mir soll sie gehören und nicht Iljuscha!“ bestand Mamachen auf ihrem Willen und wollte schon zu weinen anfangen.
„Mama, nimm sie für dich, nimm sie, Mama!“ rief plötzlich Iljuscha. „Krassotkin, kann ich sie meiner Mama schenken?“ wandte er sich mit bittender Miene zu Krassotkin, da er fürchtete, daß jener beleidigt sein würde, wenn er dessen Geschenk anderen gab.
„Gewiß kannst du das!“ willigte Krassotkin sofort ein, nahm die Kanone aus Iljuschas Hand und überreichte sie selbst mit der höflichsten Verbeugung dem Mamachen.
Die weinte fast vor Rührung.
„Iljuschetschka, mein Liebling, da sieht man, wer sein Mamachen liebt!“ sagte sie gerührt, und sie begann sofort wieder die Kanone auf ihren Knien hin- und herzurollen.
„Mamachen, erlaube, daß ich dir die Hand küsse!“ Ihr Gemahl lief wieder zu ihr hin und führte sofort seine Absicht aus.
„Und wer noch ein lieber junger Mann ist, das ist dieser gute Junge da!“ sagte Mamachen, auf Krassotkin weisend.
„Pulver werde ich dir soviel wie du nur willst bringen, Iljuscha. Wir machen jetzt selbst Pulver. Borowikoff weiß die Mischung: Vierundzwanzig Teile Salpeter, zehn Teile Schwefel und sechs Teile Birkenkohle, alles zusammen gemischt und gestoßen, Wasser hinzugefügt, ein weicher Teig daraus gemacht, zwischen Leder gerieben – und dann hat man das Pulver!“
„Mir hat Ssmuroff von eurem Pulver schon erzählt, aber Papa sagt, es sei kein wirkliches Pulver,“ antwortete Iljuscha.
„Wie denn, nicht wirkliches?“ Koljä errötete. „Es brennt doch. Ich weiß übrigens nicht ...“
„Nein, ich meinte nur so,“ wandte der Hauptmann ganz schuldbewußt ein. „Es ist wahr, ich habe gesagt, daß das echte Pulver nicht so zubereitet wird, doch das will nichts sagen, man kann auch so ...“
„Ich weiß es nicht, Sie müssen es besser wissen. Wir haben es in einem steinernen Pomadentopf angebrannt, es brannte vorzüglich, es brannte ganz ab, nur ein wenig Ruß blieb nach. Es war ja nur eine weiche Masse, wenn man die aber durchs Fell reibt ... Übrigens, Sie wissen es besser, ich weiß es nicht ... Aber den Bulkin hat sein Vater des Pulvers wegen durchgedroschen, hast du das schon gehört?“ wandte er sich wieder an Iljuscha.
„Ja, ich habe davon gehört,“ antwortete Iljuscha. Er hatte mit unendlichem Interesse und mit Entzücken Koljä zugehört.
„Wir hatten eine ganze Flasche Pulver zubereitet, und er hielt sie unter seinem Bett versteckt. Der Vater hatte es aber bemerkt. ‚Damit kannst du uns ja alle in die Luft sprengen,‘ hat er gesagt und ihn sofort durchgeprügelt. Und er soll sogar die Absicht gehabt haben, sich beim Gymnasialdirektor über mich zu beschweren ... Jetzt darf sein Sohn nicht mehr mit mir verkehren, jetzt darf niemand mehr mit mir verkehren. Auch Ssmuroff darf es nicht, bei allen bin ich verschrien, – man sagt, ich sei ein ‚Tollkühner‘.“ Koljä lächelte geringschätzig. „Das kommt alles von der Eisenbahnaffäre.“
„Ach ja, auch wir haben von Ihrem Stückchen gehört!“ fiel sofort der Hauptmann ein. „Wie haben Sie nur dort unten gelegen? Hatten Sie denn wirklich gar keine Angst, unter dem Eisenbahnzuge zu liegen? War es denn nicht furchtbar?“
Der Hauptmann versuchte, sich bei Koljä einzuschmeicheln.
„Nicht besonders,“ erwiderte Koljä nachlässig. „Meinen Ruhm hat mir nur diese verfluchte Geschichte mit der Gans verdorben,“ sagte er zu Iljuscha gewandt. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, sich gleichmütig zu stellen, so konnte er sich doch nicht beherrschen und fiel immer wieder aus dem Ton.
„Ach ja, von der Gans habe ich auch gehört!“ rief Iljuscha lachend und über das ganze Gesicht strahlend. „Man hat mir davon erzählt, aber wie war es denn, ich habe nicht recht verstanden: bist du wirklich vom Richter verurteilt worden?“
„Es war eine nichtssagende Lappalie, ein dummer Scherz, aus dem man wieder einmal einen Elefanten gemacht hat,“ begann Koljä aufgeräumt. „Ich ging nämlich einmal hier über den Marktplatz, als gerade Gänse angetrieben wurden. Ich bleibe also stehen und betrachte sie. Da bemerke ich, daß neben mir ein Bursche steht, Wischnjäkoff – er ist jetzt Laufbursche bei Plotnikoffs – ja, daß er neben mir steht und mich ansieht. Und plötzlich fragt er mich: ‚Warum siehst du denn so auf die Gänse?‘ Ich blickte ihn an: eine dumme runde Fratze, der Kerl ist etwa zwanzig Jahre alt. Ich, wissen Sie, lehne das Volk nie ab. Ich habe es gern, mit dem Volke ... Jedenfalls sind wir zurückgeblieben im Vergleich zum Volke – das ist ein Axiom. Sie belieben zu lächeln, Karamasoff?“
„Gott bewahre! Ich bin ganz Ohr!“ antwortete Aljoscha mit der offenherzigsten Miene, und der argwöhnische Koljä beruhigte sich.
„Meine Theorie, Karamasoff, ist klar, und einfach,“ fuhr er wieder aufgeräumt fort. „Ich glaube an das Volk und bin immer bereit, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne es dabei im geringsten zu beschönigen, das ist sine qua ... Ja, richtig, ich erzählte ja von der Gans. Ich wende mich also an diesen Dummkopf und antworte ihm: ‚Ich denke darüber nach, was die Gans sich jetzt wohl denken mag.‘ Er sieht mich völlig blödsinnig an. ‚Was kann sich denn eine Gans denken?‘ fragt er. – ‚Nun, sieh mal,‘ sage ich, ‚dort steht eine Fuhre mit Hafer. Aus dem einen Sack fallen die Haferkörner heraus, und die Gans streckt den Hals genau vor dem Rade, ganz unten, nach den Körnern aus – siehst du sie?‘ – ‚Jawohl,‘ sagt er. – ‚Nun also,‘ sage ich, ‚wenn man nun den Wagen ein ganz klein wenig vorrückte – wird dann das Rad der Gans den Hals abschneiden oder nicht?‘ – ‚Selbstverständlich wird es ihn abschneiden,‘ sagt er und grinst übers ganze Maul, zerschmilzt einfach vor Wonne. – ‚Nun, dann los, Junge!‘ sage ich. – ‚Los!‘ sagt er. Wir brauchen uns nicht viel anzustrengen; er stellte sich ganz unauffällig an den Pferdekopf, ich zur Seite, um die Gans richtig hinzusteuern. Der Bauer aber gähnte und sprach mit einem anderen, so daß ich schließlich nichts zu dirigieren hatte: Die Gans streckte ganz von selbst den Hals wieder nach den Haferkörnern aus, genau vor dem Rade. Ich zwinkerte dem Burschen zu, er zog unmerklich ein wenig den Zaum und – kr – rack, fährt das Rad der Gans über den Hals. Natürlich mitten durch. Und da mußte es der Zufall gerade so fügen, daß im selben Augenblick alle auf uns sahen. Da war denn das Geschrei groß: ‚Das hat er absichtlich so gemacht!‘ – ‚Nein, ich habe es nicht absichtlich getan!‘ sagt der Bursch. Nun, versteht sich: ‚Zum Friedensrichter!‘ schreien sie. Auch ich wurde gepackt. – ‚Auch du warst dabei,‘ heißt es, ‚du bist der Anstifter, dich kennt ja schon der ganze Markt!‘ Mich kennt nämlich tatsächlich der ganze Markt,“ fügte Koljä selbstgefällig hinzu. „So pilgerten wir denn, alle Mann hoch, zum Friedensrichter. Auch der Leichnam unseres Opfers, die Gans, wurde mitgeschleppt. Meinem Burschen aber fiel mittlerweile das Herz in die Hosen. Er weint – weint wie ein altes Weib. Wir kamen also richtig beim Friedensrichter an. Der Viehhändler schreit: ‚Auf diese Weise kann man sie – d. h. die Gänse – ja alle um einen Kopf kürzer machen!‘ Nun, versteht sich, zuerst das Zeugenverhör. Der Friedensrichter erledigte die Sache sofort: Für die Gans dem Viehhändler einen Rubel zu zahlen, die Gans aber mag der Bursche behalten. Und daß man hinfort sich solche Scherze nicht mehr erlaube! Der Bursche aber weint immer noch wie ein altes Weib und jammert: ‚Das war nicht ich, ich bin ganz unschuldig, er hat mich dazu verleitet!‘ und will die ganze Schuld auf mich abwälzen. Ich antwortete mit voller Kaltblütigkeit, daß ich ihn zu nichts verleitet habe, daß ich nur den Grundgedanken gegeben und es bloß so als Plan ausgeheckt habe. Der Friedensrichter Nefedoff lächelte und ärgerte sich natürlich sofort darüber, daß er gelächelt hatte. ‚Ich werde Sie,‘ sagt er zu mir, ‚sofort bei Ihrem Schuldirektor anzeigen, damit es Sie weiterhin nicht mehr gelüstet, ähnliche Pläne zu machen, statt hinter den Schulbüchern zu sitzen.‘ Das hat er nun nicht getan, aber die Geschichte hat sich doch allmählich verbreitet und ist dann auf diese Weise unserer Schulobrigkeit zu Ohren gekommen – man hat dort bekanntlich sehr lange Ohren! Am meisten hat sich unser ‚Klassiker‘ Kolbassnikoff darüber empört, aber Dardaneloff ist wiederum für mich eingetreten. Dafür ist nun Kolbassnikoff wütend wie ein grüner Esel. Du, Iljuscha, du weißt doch schon, daß er sich verheiratet hat? Er hat von Michailoffs tausend Rubel Mitgift bekommen, die Braut aber hat einen Rüssel, sage ich dir, na, prima Qualität und in höchster Potenz. Die Quintaner haben denn auch sofort ein Epigramm verfaßt:
Es ging die Nachricht von Mund zu Mund: ‚Kolbassnikoff hat sich verlobt!‘ Ganz Quinta ward aber sprachlos zur Stund ...
und so weiter, – furchtbar komisch! Ich werde es dir einmal bringen. Gegen Dardaneloff aber habe ich nichts: Es ist ein Mensch mit Kenntnissen, mit reellen Kenntnissen. Solche Leute achte ich ... Das hat natürlich nichts damit zu tun, daß er mich verteidigt hat ...“
„Aber du hast ihm doch mit der Frage, wer Troja gegründet habe, ein Bein gestellt!“ bemerkte plötzlich Ssmuroff, der in diesem Augenblick auf seinen „Freund Krassotkin“ ungemein stolz war. Die Gänsegeschichte hatte ihm gar zu sehr gefallen.
„Wirklich? So ist es also wahr?“ griff sofort der Hauptmann dieses Thema auf. „Mit der Frage, wer Troja gegründet hat? Auch ich habe schon davon gehört, wie Sie ihm damit ein Bein gestellt haben. Iljuscha hat es mir damals erzählt ...“
„Er weiß alles, Papa, er weiß am meisten von uns allen!“ fiel nun auch Iljuscha stolz und freudig ein, „er tut nur so, als ob er so einer wäre, aber er ist doch bei uns in allen Fächern der erste ...“
Iljuscha blickte Koljä in grenzenlosem Glück selig lächelnd an.
„Ach, das von Troja ist doch nur Unsinn, nur ein Scherz. Ich halte diese Frage selbst für müßig,“ meinte Koljä mit stolzer Bescheidenheit.
Es war ihm inzwischen gelungen, in den richtigen Ton hineinzukommen, doch war er trotzdem etwas unruhig: Er fühlte, daß er sehr aufgeregt war und von der Gans z. B. schon gar zu lebhaft erzählt hatte. Aljoscha aber hatte während der ganzen Erzählung geschwiegen und war unerschütterlich ernst. Das nagte nun dem selbstgefälligen Knaben am Herzen. „Oder sollte er vielleicht deswegen schweigen,“ fragte er sich, „weil er mich verachtet und bei sich denkt, daß ich von ihm gelobt werden will? In dem Falle, wenn er es wagt, so etwas zu denken, werde ich ...“
„Ja, ich halte diese Frage für unbedingt müßig,“ sagte er nochmals und brach stolz ab.
„Ich weiß aber, wer Troja gegründet hat,“ sagte plötzlich ganz unerwartet ein kleiner Knabe, der bis dahin noch kein Wort gesprochen hatte, überhaupt schweigsam und ersichtlich schüchtern war. Er sah sehr nett aus und schien etwa elf Jahre alt zu sein. Er hieß Kartascheff.
Koljä blickte sich verwundert und wichtig nach dem Kleinen, der bei der Tür saß, um. Die Sache war nämlich die, daß die Frage, wer nun eigentlich Troja gegründet hatte, für alle Schüler zu einem interessanten Problem geworden war. Um die Namen der Gründer zu erfahren, mußte man im Ssmaragdoff nachlesen. Den aber besaß außer Koljä niemand. Nun hatte der kleine Kartascheff, während Koljä mit anderem beschäftigt gewesen war, flugs den Ssmaragdoff, der zwischen seinen Schulbüchern gelegen hatte, aufgeschlagen und zufällig gerade die Stelle gefunden, die von der Gründung Trojas handelte. Das war schon vor verhältnismäßig ziemlich langer Zeit geschehen, aber er hatte sich immer gescheut und geschämt, den anderen Jungen zu sagen, daß er es gleichfalls wußte, und teilweise fürchtete er sich auch, da daraus leicht etwas entstehen oder Koljä ihn in Verlegenheit bringen konnte. Nun aber hatte er plötzlich nicht an sich halten können und doch gesagt, was er schon lange hatte sagen wollen.
„Na, wer denn?“ fragte Koljä von oben herab, da er dem Kleinen am Gesicht ansah, daß jener es in der Tat wußte, und er bereitete sich natürlich sofort auf die Folgen vor. In die allgemeine Stimmung war plötzlich ein Mißton gekommen.
„Troja gründeten Teukros, Dardanos, Illys und Tros,“ sagte der Junge laut, langsam und deutlich, und kaum hatte er es ausgesprochen, als er auch schon errötete – und zwar so errötete, daß er einem leidtat, wenn man ihn ansah. Die Augen aller Knaben waren unverwandt auf ihn gerichtet, etwa eine Minute lang, und dann plötzlich wandten sich aller Blicke von ihm auf Koljä. Der blickte immer noch mit verächtlicher Kaltblütigkeit auf den Kleinen.
„Das heißt, wie haben sie denn gegründet?“ geruhte er endlich zu fragen. „Und was heißt das überhaupt, eine Stadt oder ein Reich gründen? Sind sie etwa hingekommen und haben sie dann jeder einen Ziegelstein hingelegt, wie?“