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Sämtliche Werke 9-10 (part 1 of 5)

Part 1 of 5 · Dostoyevsky, Fyodor · Public domain text

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Contents (5)

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Sämtliche Werke 9-10

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Erste Abteilung: Neunter und zehnter Band

F. M. Dostojewski

Die Brüder Karamasoff

Roman

R. Piper & Co. Verlag, München

R. Piper & Co. Verlag, München, 1914 Vierte Auflage

Copyright 1914 by R. Piper & Co., G. m. b. H., Verlag in München.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht stirbt, so bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es viele Früchte.

Ev. Johannis, Kap. XII, 24.

Inhalt

Erstes Buch: Die Geschichte einer Familie Seite I. Kap. Fedor Pawlowitsch Karamasoff 1 II. „ Der erste Sohn 7 III. „ Die zweite Frau und deren Kinder 12 IV. „ Der dritte Sohn Aljoscha 23 V. „ Die Startzen 38

Zweites Buch: Die unschickliche Versammlung I. Kap. Die Ankunft im Kloster 55 II. „ Der alte Narr 64 III. „ Die gläubigen Weiber 80 IV. „ Die kleingläubige Dame 94 V. „ Und es geschehe also 108 VI. „ Wozu lebt solch ein Mensch? 125 VII. „ Der Seminarist und Streber 144 VIII. „ Der Skandal 160

Drittes Buch: Die Wollüstlinge I. Kap. In der Bedientenstube 176 II. „ Lisaweta Ssmerdjäschtschaja 186 III. „ Die Beichte eines heißen Herzens. In Versen 193 IV. „ Die Beichte eines heißen Herzens. In Prosa 208 V. „ Die Beichte des heißen Herzens. „Kopfüber hinab“ 222 VI. „ Ssmerdjäkoff 237 VII. „ Die Kontroverse 247 VIII. „ Beim Gläschen 257 IX. „ Die Wollüstlinge 271 X. „ Beide zusammen 281 XI. „ Noch ein verlorener Ruf 301

Viertes Buch: Ausbrüche I. Kap. Pater Ferapont 316 II. „ Beim Vater 335 III. „ Die kleinen Schuljungen 344 IV. „ Bei Chochlakoffs 352 V. „ Im Empfangssalon 364 VI. „ In der Stube 385 VII. „ Und in frischer Luft 400

Fünftes Buch: Pro und Contra I. Kap. Das Verlöbnis 420 II. „ Ssmerdjäkoff mit der Gitarre 440 III. „ Die beiden Brüder 452 IV. „ „Empörung“ 470 V. „ „Der Großinquisitor“ 492 VI. „ Ein vorläufig noch sehr unklares Gespräch 532 VII. „ „Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein 553 Vergnügen“

Sechstes Buch: Ein russischer Mönch I. Kap. Der Staretz Sossima und seine Gäste 569 II. „ Aufzeichnungen aus dem Leben des in Gott verschiedenen Priestereinsiedlermönches, des Staretz Sossima, zusammengestellt nach dessen eigenen Worten von Alexei Fedorowitsch Karamasoff. Biographische Aufzeichnungen a) Vom jungen Bruder des Staretz Sossima 577 b) Von der Heiligen Schrift im Leben des Staretz 584 Sossima c) Erinnerungen des Staretz Sossima aus den 594 Knaben- und Jugendjahren seines weltlichen Lebens. Das Duell d) Der geheimnisvolle Gast 607 III. „ Aus den Gesprächen und Predigten des Staretz Sossima e) Einiges über den russischen Mönch und seine 630 Bedeutung f) Einiges über Herren und Diener: Kann es 635 zwischen Herr und Diener eine geistige Bruderschaft geben? g) Vom Gebet, von der Liebe und von der Berührung 642 mit anderen Welten h) Kann man Richter über seinesgleichen sein? Vom 647 Glauben bis ans Ende i) Von der Hölle und vom höllischen Feuer. Eine 651 mystische Betrachtung

Siebentes Buch: Aljoscha I. Kap. Der Verwesungsgeruch 656 II. „ Solch ein Augenblick 678 III. „ Das Zwiebelchen 688 IV. „ Die Hochzeit zu Kana in Galiläa 722

Achtes Buch: Mitjä I. Kap. Kusjma Ssamssonoff 731 II. „ Ljägawyj 750 III. „ Die Goldgruben 763 IV. „ In der Dunkelheit 784 V. „ Der plötzliche Entschluß 795 VI. „ „Ich fahre!“ 825 VII. „ Der Erste und Unbestrittene 840 VIII. „ Rausch 871

Neuntes Buch: Die Voruntersuchung I. Kap. Der Anfang der Laufbahn des Beamten Perchotin 897 II. „ Der Alarm 910 III. „ Der Gang der Seele durch die Hölle. Das erste 922 Purgatorium IV. „ Zweites Purgatorium 939 V. „ Das dritte Purgatorium 954 VI. „ Der Staatsanwalt 976 VII. „ Mitjäs großes Geheimnis 991 VIII. „ Die Aussagen der Zeugen. „Das Kindichen“ 1014 IX. „ Wie Mitjä fortgeführt wurde 1032

Zehntes Buch: Die Knaben I. Kap. Koljä Krassotkin 1041 II. „ Die Gören 1051 III. Kap. Die Schüler 1062 IV. „ Shutschka 1077 V. „ An Iljuschas Bettchen 1092 VI. „ Frühe Entwicklung 1122 VII. „ Iljuscha 1135

Elftes Buch: Iwan Fedorowitsch I. Kap. Bei Gruschenka 1143 II. „ Das kranke Füßchen 1162 III. „ Das Teufelchen 1182 IV. „ Die Hymne und das Geheimnis 1194 V. „ „Nicht du, nicht du!“ 1221 VI. „ Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff 1233 VII. „ Der zweite Besuch bei Ssmerdjäkoff 1252 VIII. „ Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff 1271 IX. „ Der Teufel. Iwan Fedorowitschs Alb 1303 X. „ „Das hat Er gesagt!“ 1341

Zwölftes Buch: Der Justizirrtum I. Kap. Der verhängnisvolle Tag 1352 II. „ Die gefährlichen Zeugen 1366 III. „ Die ärztliche Expertise und die Geschichte von 1383 dem einen Pfund Nüsse IV. „ Das Glück lächelt Mitjä 1393 V. „ Die Katastrophe 1410 VI. „ Die Rede des Staatsanwalts: Die Charakteristik 1428 VII. „ Der Überblick 1448 VIII. „ Über Ssmerdjäkoff 1459 IX. „ Der Schluß der Rede des Staatsanwalts: Der Gipfel 1479 der Psychologie. Die jagende Troika X. „ Die Rede des Verteidigers. Ein Stock hat zwei 1503 Enden XI. „ Kein Geld. Keine Beraubung 1512 XII. „ Und kein Mord 1524 XIII. Kap. Der Übertreter des Gebots 1539 XIV. „ Das Urteil der Bauern 1555

Epilog I. Kap. Pläne zu Mitjäs Rettung 1569 II. „ Auf einen Augenblick ward die Lüge Wahrheit 1579 III. „ Iljuschas Beerdigung. Die Rede am großen Stein 1595

Zur Einführung. Bemerkungen über Dostojewski

Zwanzig Jahre haben wir nach dem Tode Dostojewskis gebraucht, um zu begreifen, daß wir heute keine zufällige „Degeneration“, keinen zeitweiligen „Niedergang“, keine, wie man meint, aus dem Westen herübergebrachte Dekadenz, sondern das lange vorbereitete, natürliche und notwendige Ende der russischen Literatur erleben. Furchtbar ist es uns, das einzugestehen. Vielleicht aber liegt in diesem Furchtbaren zugleich auch Freudiges für uns, vielleicht ist die russische Literatur, so groß sie auch sein mag, doch noch kleiner als das russische Leben? Vielleicht ist das Ende der russischen Literatur d. h. unserer großen russischen Anschauungsweise, der Anfang zu der großen russischen Tat?

Erst jetzt, da die russische Literatur ihr Ende erreicht hat, oder wenigstens ein vollkommen bestimmter, unwiederholbarer Kreis ihrer Entwicklung sich abschließt, erst jetzt fangen wir an zu verstehen, was eigentlich von den dreißiger bis zu den achtziger Jahren des XIX. Jahrhunderts in Rußland vor sich gegangen ist, von Puschkins „Onégin“ bis zu „Anna Karenina“ und den „Brüdern Karamasoff“. Um in der Weltkultur etwas dieser plötzlichen Offenbarung, oder richtiger, etwas diesem Ausbruch geistiger Kräfte Ähnliches zu finden, müßte man zur Entwicklung der griechischen Tragödie von Äschylos’ „Prometheus“ bis zu Euripides’ „Alkestis“ oder zur Geschichte der Malerei der italienischen Renaissance zurückgreifen.

Acht Jahrhunderte lang, seit dem Anfang Rußlands bis zu Peter, schliefen wir; in dem Jahrhundert von Peter bis Puschkin begannen wir zu erwachen; und dann, in dem halben Jahrhundert von Puschkin bis Tolstoj und Dostojewski, durchlebten wir nach dem plötzlichen Erwachen, das erfolgt war, drei ganze Jahrtausende der westeuropäischen Menschheit. Der Atem vergeht einem von dieser Schnelligkeit des Erwachens, die der Schnelligkeit eines Steinfluges in den Abgrund gleichkommt. L. Tolstoj und Dostojewski – diese beiden Gipfel der russischen Kultur – wurden vom ersten Strahl der furchtbaren Sonne erleuchtet, wie bis jetzt noch kein einziger aller Gipfel der westeuropäischen Kultur erleuchtet worden ist. Diese furchtbare Sonne aber, das ist der Gedanke an das Ende der Weltgeschichte.

Ich fühle die mir drohende Gefahr, das Heiligste lächerlich zu machen, denn für die Kinder dieses Jahrhunderts, für die Menschen der ewigen Mittelmäßigkeit, des endlosen „Fortschritts“, der Weiterentwicklung der Welt, gibt es nichts Lächerlicheres, Dümmeres, Unwahrscheinlicheres, Beleidigenderes als diesen Hauptgedanken des ganzen Christentums – der Gedanke an das Ende der Welt. Doch ich beruhige mich damit, daß mich jetzt ja doch niemand oder so gut wie niemand hören wird: meine Worte, die uns wie Donnergetöse betäuben, werden den „Menschen dieses Jahrhunderts“ kaum vernehmbares Geflüster scheinen.

„Allem ist das Ende nahe,“ „Kinder, es ist die letzte Stunde,“ wiederholte vor dem Tode der hundertjährige Greis, der geliebte Jünger des Herrn, der an Seinem Herzen geruht und das Geheimnis dieses Herzens gehört hatte – Johannes, „der Sohn der Gewitter“. Ja, je näher wir dem Herzen des Herrn sind, um so verständiger wird dieser sein geheimer Gedanke – der Gedanke an das Ende.

Fast zwei Jahrtausende sind seit der Zeit vergangen, als dieses Wort gesagt ward: „Das Ende der Welt ist nahe“ – das Ende aber kommt nicht. „Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles, wie es von Anfang der Kreatur gewesen ist“ (Zw. Sendschr. Petri III, 4). Und gerade jetzt glauben die Menschen mehr denn je, daß es ein Ende überhaupt nicht geben werde, daß eher seine Worte vergehen werden, als Himmel und Erde. Doch selbst wenn die Zentripetalkraft unseres Planeten noch für ganze zwei Jahrtausende ausreichte – für zwei Augenblicke vor dem Angesicht des Ewigen – was hat das zu sagen? Ist es doch unmöglich, daß wir das nicht sehen, was wir erblickt haben.

Gleich denen, die, auf einer Höhe stehend, über die Köpfe der Menschen hinweg das ihnen Nahende erblicken, während dieses der unter ihnen stehenden Masse vorläufig noch unsichtbar ist, haben wir, über alle kommenden Jahrhunderte und möglichen geschichtlichen Ereignisse hinweg, das Ende der Weltgeschichte erblickt.

Das Anzeichen unserer neuen Annäherung an Christus ist dieser plötzlich zu gleicher Zeit auf allen äußersten, höchsten Punkten des Menschengeistes aufdämmernde Gedanke an das Ende. „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß,“ also spricht Zarathustra-Nietzsche. „Das Menschengeschlecht muß erlöschen“ – stimmt L. Tolstoj Nietzsche bei. „Das Ende der Welt kommt,“ gibt auch Dostojewski zu.

Alle drei haben sie sich auf diese für die zeitgenössischen Menschen des unendlichen „Fortschritts“ lächerlichste und unwahrscheinlichste, für uns furchtbarste und glaubwürdigste Prophezeiung gleichsam verschworen: „Das Ende ist nahe“.

Nicht umsonst stimmt das, was auf den höchsten Gipfeln der russischen und universalen Kultur aufgedämmert ist, mit dem überein, was in dem tiefsten Elemente des russischen Volkes vor sich geht: nicht umsonst hat in den letzten drei Jahrhunderten gerade das russische Volk so hartnäckig und unablässig wie kein einziges der anderen westeuropäischen Völker über das Ende der Welt nachgedacht.

Wir sind „Dekadente“, obgleich auch unsere „Dekadenz“ vielleicht etwas Verwandtes, Volkliches, Russisches ist – das nicht von außen, sondern von innen kommt, nicht aus Westeuropa, sondern aus der Tiefe, aus dem blutverwandtesten Mutterschoß der russischen Erde (ist denn Dostojewski vom Gesichtspunkte des klassischen, akademischen Puschkin nicht „dekadenter“ als wir alle?); vielleicht ist auch unsere „Dekadenz“ gleichfalls etwas Historisch-Natürliches, etwas Notwendiges, denn was sind wir anderes, als das natürliche und notwendige Ende der russischen Literatur, die selbst das Ende von etwas noch Größerem ist? Mögen wir die Schwächsten der Schwachen sein. „In der Schwäche vollendet sich unsere Kraft.“ Unsere Kraft aber besteht darin, daß uns selbst der Mächtigste aller Teufel mit keiner einzigen Verlockung der ewigen Mittelmäßigkeit, des unendlichen „Fortschritts“ gewinnen kann. Wir nehmen keine Durchschnittsphilosophie an, denn wir glauben an das Ende, sehen das Ende, wollen das Ende, denn wir selbst – sind das Ende oder wenigstens der Anfang vom Ende. In unseren Augen liegt ein Ausdruck, der noch nie in Menschenaugen gelegen hat; in unseren Herzen ist ein Gefühl, das kein einziger Mensch nun schon seit neunzehn Jahrhunderten mehr empfunden hat, seit der Zeit, als dem Einsiedler von Pathmos die Vision erschien: „Und der Geist und die Braut sagen: komm! und der es hört, sage: komm! Es spricht, der solches zeuget: wahrlich, ich komme bald! Amen. Wahrlich, komme, Herr Jesus Christus!“

Wir sind wie Gräser auf dem äußersten Rande eines steilen Abhanges, auf einer Höhe, wo nichts mehr wächst. Dort unten in den Tälern reichen hohe Eichenbäume mit ihren Wurzeln bis tief hinein in die Erde. Wir aber sind die Schwachen, Kleinen, von der Erde aus kaum Sichtbaren, wir stehen unbeschützt vor allen Winden und Stürmen, fast wurzellos, fast verwelkt. Dafür stehen wir früh morgens, wenn die Wipfel der Eichen noch dunkel sind, schon im Licht; wir sehen das, was noch niemand sieht; wir sind die ersten, die die Sonne des großen Tages sehen; wir sind die ersten, die zu Ihm sagen:

„Wahrlich, Herr, komme!“

Dmitri Mereschkowski.

Vorwort

Die „Brüder Karamasoff“ sind das Epos aller der dunklen Innenmächte, die durch das Russentum drängen. In seinen anderen Romanen, vor allem in „Rodion Raskolnikoff“ und in den „Dämonen“, hat sich Dostojewski mit erklärt zeitlichen Werten, moralkritischen oder kritischpolitischen, auf eine neue und großartige Weise auseinandergesetzt. In den „Karamasoffs“ dagegen ist Allgemein-Volkliches und im volklichen Sinne Ewiges ausgedrückt. Deshalb wirken jene in ihrer Knappheit und Schärfe fast wie Dramen, die „Brüder Karamasoff“ dagegen sind in der heiligen Schwere, mit der ihr erregender und leidenschaftlicher Inhalt vorgetragen wird, ein echtes Epos.

Zwar sollte noch ein großer Schlußteil das für alles Russentum geradezu typische Geschlecht der Karamasoff unmittelbar einführen in religiös-politische Gegenwartskonflikte. Ausdrücklich kündete Dostojewski an: „Dieser Schlußteil wird die Tätigkeit meines Helden (Aljoscha Karamasoff) in unserer Zeit bringen, gerade im gegenwärtigen Augenblick.“ Aber dieser Schlußteil ist ungeschrieben geblieben. Warum? Der äußere Grund lautet: Dostojewski starb über der Vollendung seines Hauptwerkes. Etwa vom Jahre 1870 an hatte ihn die Idee der „Brüder Karamasoff“ beschäftigt. Doch immer wieder schob sich zwischen die Niederschrift anderes: die „Dämonen“ und die Hauptmasse seiner kritischen Schriften, in denen er gleichfalls seine tiefsten und notwendigsten russischen Gedanken ausdrücken konnte – bis er dann endlich in den Jahren 1879 und 1880 sein Werk wenigstens zu der vollendeten und doch unabgeschlossenen Form brachte, in der wir es heute kennen. Das Jahr 1881 aber war dann, schon im Januar, das Todesjahr Dostojewskis.

Doch die Beziehungen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Werke eines Genies und dem Leben des Genies pflegen niemals bloß äußerliche zu sein. Diese inneren Gründe, die Dostojewski verwehrten, das Epos der Karamasoff in einem Umkreise abzurunden, der alle russischen Möglichkeiten in der Summe erfaßte und aussprach, hat zuerst Mereschkowski klar erkannt: „Die ‚Brüder Karamasoff‘ zu Ende zu führen, das war, wie sich zeigte, unmöglich für Dostojewski, denn dieses Ende war im Leben noch nicht vorhanden; und als hätte er selbst gefühlt, daß er alles getan, was möglich war, verließ er das Leben – er starb.“ Gleichwohl liegt in den „Brüdern Karamasoff“ das Russentum, so weit es und so wie es sich bis heute entwickelt hat, in mächtiger Basis aufgerollt. Und vielleicht ist gerade ihr Prototypisches, daß Dostojewski wenigstens im Gedanken und in der Absicht den Versuch machte, den zentralen Ausdruck allen Russentums der Gegenwart wie der Zukunft aus dem Riesenplane zu heben. Das war nur möglich auf dem Wege einer vorbildhaften russischen Einheldigkeit, die an die Stelle des problematischen und nihilistischen Heldentums trat, das Dostojewski in seinen früheren Romanen auf dem Hintergrunde des leidenden und doch so wirklichen Heldentums in der russischen Volksbreite geschildert hatte. Von den drei Brüdern Karamasoff war Mitjä, der Enthusiast, der unendliche Lebensbejaher, die verkörperte Grundlage eines volklich-russischen Heldentums, in dem sich Güte mit Gewaltsamkeit, Empfindung mit Überschwang zu einer Einheit verband. Darüber hinaus sollte Aljoscha Karamasoff in der Kraft seiner naiven Reinheit zum russischen Einhelden auswachsen. Oder wäre nicht vielleicht doch Iwan Karamasoff, der Ideologe, dieser Einheld geworden? Aber hier bricht das Werk ab, wie hier das russische Leben abbricht, das nach außen als ein so festes und schweres Massiv erscheint und doch in seinem Innern von zersplitternden und zersetzenden Dualismen erfüllt ist, die sich nicht selbst befruchten, sondern eher gegenseitig aufheben.

Moeller van den Bruck.

Erstes Buch. Die Geschichte einer Familie

I. Fedor Pawlowitsch Karamasoff

Alexei Fedorowitsch Karamasoff war der dritte Sohn des Gutsbesitzers unseres Gouvernements Fedor Pawlowitsch Karamasoff, der seinerzeit – vor jetzt gerade dreizehn Jahren – durch sein tragisches und dunkles Ende, auf das ich noch später zu sprechen kommen werde, so viel von sich reden machte. Vorläufig will ich über diesen „Gutsbesitzer“, wie man ihn gewöhnlich bei uns nannte, obgleich er in seinem ganzen Leben fast nie auf seinem Gute wohnte, nur bemerken, daß er ein sehr eigenartiger Mensch war, ein Typ, den man aber, genau genommen, nicht einmal so selten antrifft: der Typ eines nichtsnutzigen und ausschweifenden Menschen, der zu gleicher Zeit ganz auffallend närrisch ist, – jedoch zu jener besonderen Art von Narren gehört, die ihre Geschäftchen immer vorzüglich zu machen verstehen, und zwar scheint das das einzige zu sein, was sie verstehen. Fedor Pawlowitsch, zum Beispiel, begann mit fast nichts in der Tasche. Von den Gutsbesitzern war er einer der ärmsten: er fuhr uneingeladen zu allen Bekannten zum Besuch und lebte so als ewiger Gast auf Kosten fremder Menschen, aber nach seinem Tode erwies es sich, daß er allein an barem Kapital runde hunderttausend Rubel besaß. Und doch war er sein ganzes Leben lang einer der einfältigsten Narren unseres Gouvernements. Ich will damit nicht sagen, daß er etwa dumm gewesen wäre – größtenteils sind diese Narren sogar sehr klug und schlau –, sondern gerade einfältig, und dazu war es bei ihm noch eine ganz besondere Einfältigkeit, eine nationale.

Er war zweimal verheiratet gewesen und hatte drei Söhne, – den ältesten, Dmitrij Fedorowitsch, von der ersten Frau; die beiden anderen, Iwan und Alexei, von der zweiten. Die erste Gemahlin Fedor Pawlowitschs stammte aus dem wohlhabenden und angesehenen Adelsgeschlecht der Miussoffs, – gleichfalls Gutsbesitzer unseres Bezirks. Wie es kam, daß dieses reiche Mädchen – das dazu noch hübsch war und zu den temperamentvollen, intelligenten Frauen gehörte, die man in unserer Generation so häufig antrifft, die aber auch schon in der vergangenen auftauchten –, solch einen jämmerlichen Menschen heiraten konnte, will ich weiter nicht zu erklären versuchen. Kannte ich doch ein junges Mädchen, allerdings war es eines aus der vorigen „romantischen“ Generation, das sich nach etlichen Jahren rätselhafter Liebe zu einem Mann, den es zu jeder Zeit ruhig hätte heiraten können, schließlich die unüberwindlichsten Hindernisse ausdachte, die eine Vereinigung unbedingt ausschlossen, und die sich darauf in einer stürmischen Nacht von einem hohen Ufer, das fast einem Felsen glich, in einen ziemlich tiefen und reißenden Strom hinabstürzte und in ihm ertrank, – eigentlich doch nur deshalb, um der Shakespeareschen Ophelia zu gleichen. Ja, es ist sogar anzunehmen, daß sie, wenn an der Stelle des malerischen Felsens nur ein prosaisches, flaches Flußufer gewesen wäre, an die phantastische Idee, aus Liebe in den Tod zu gehen, überhaupt nicht gedacht hätte. Dieser Selbstmord ist aber Tatsache, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß sich in unseren beiden letzten Generationen nicht selten Ähnliches zugetragen hat. Auch die Heirat Adelaida Iwanowna Miussoffs war ein Schritt von derselben Art und zweifellos auf fremde Einflüsse zurückzuführen. Vielleicht wollte sie durch ihn ihre weibliche Selbständigkeit beweisen, gegen die gesellschaftlichen Fesseln, gegen den Despotismus ihrer Eltern und Verwandten auftreten, und vielleicht hatte ihr noch die bereitwillige Phantasie die Überzeugung eingeflößt, wenn auch nur auf einen Augenblick, daß Fedor Pawlowitsch trotz seiner Rolle als ewiger Freischlucker einer der geistreichsten und eigenartigsten Spötter dieser Übergangsepoche sei, die zweifellos zu Besserem führte, obgleich er in Wirklichkeit doch nichts als ein boshafter Narr war. Das eigentlich Reizvolle der Sache bestand jedoch darin, daß sie von ihm entführt wurde – das aber war für sie ausschlaggebend. Hinzu kam, daß Fedor Pawlowitsch damals unbedingt, gleichviel mit welchen Mitteln, Karriere machen wollte, und so war er denn infolge seiner sozialen Lage geradezu gezwungen, sie zu entführen: war doch die Aussicht auf eine Mitgift und die Gelegenheit, zu einer reichen und angesehenen Familie in so nahe Beziehung zu treten, gar zu verführerisch. Was nun die beiderseitige Liebe anbelangt, so war die überhaupt nicht vorhanden, weder von seiten der Braut, noch, trotz deren Schönheit, von seiten Fedor Pawlowitschs, – eine Tatsache, die in ihrer Art denn auch den einzigen Ausnahmefall im Leben Fedor Pawlowitschs bildete, dieses größten Lüstlings, der sein Leben lang immer sofort bereit war, nach einerlei was für einem Weiberrock zu langen, wenn er ihn nur anlockte. So war also diese Frau die einzige, die, was seine Leidenschaft anbetraf, nicht den geringsten Eindruck auf ihn gemacht hatte.

Adelaida Iwanowna kam denn auch schon bald nach der Entführung zur Überzeugung, daß sie für ihren Mann nur Verachtung empfinden konnte, und so stellten sich die Folgen dieser Heirat unverzüglich ein. Ungeachtet dessen, daß ihre Familie sich sehr bald darauf mit der Tatsache aussöhnte und der Entlaufenen die Mitgift auszahlte, kam es zwischen den Eheleuten doch zu unaufhörlichen Szenen. Später erzählte man, daß die junge Frau unvergleichlich mehr Anstand und Vornehmheit bewiesen habe als Fedor Pawlowitsch, der sich, wie man es jetzt genau weiß, fast ihr ganzes Geld, an fünfundzwanzigtausend Rubel, sofort einsteckte, so daß sie von diesen Tausenden nichts mehr zu sehen bekam. Das Gütchen jedoch und das Haus in der Stadt, die gleichfalls zu ihrer Mitgift gehörten, wollte er lange Zeit unbedingt auf seinen Namen überführen, und er würde auch bestimmt erreicht haben, was er wollte, da sein unaufhörliches Betteln und seine unverschämten Erpressungsversuche in ihr nur Verachtung und Ekel hervorriefen, und sie vielleicht aus seelischer Ermüdung, und um ihn los zu werden, schließlich eingewilligt hätte. Zum Glück aber trat ihre Familie für sie ein und machte diesen Erpressungsversuchen ein Ende. Wahr ist gleichfalls, daß zwischen ihnen nicht selten Prügeleien stattfanden, doch war es nach der Überlieferung nicht Fedor Pawlowitsch, der schlug, sondern Adelaida Iwanowna, die eine heißblütige, kühne, ungeduldige Dame von bräunlicher Gesichtsfarbe und nicht geringer körperlicher Kraft war. Schließlich aber hielt sie es doch nicht mehr aus und lief Fedor Pawlowitsch mit einem in Armut verkommenen Seminaristen, der übrigens Lehrer war, einfach davon, und überließ ihm außer ihrem Kapital noch ihren dreijährigen Sohn Mitjä.[1] Fedor Pawlowitsch machte aus seinem Hause sofort einen Harem und ein Lokal für die wüstesten Gelage, von Zeit zu Zeit aber fuhr er zu allen Bekannten, also fast durch das ganze Gouvernement, und beklagte sich mit Tränen in den Augen über Adelaida Iwanowna, wobei er so ausführlich von seinem Eheleben erzählte, wie es ein anderer Ehemann schon allein aus Schamgefühl nie getan haben würde. Es schien ihm beinahe angenehm und womöglich noch schmeichelhaft zu sein, diese lächerliche Rolle des gekränkten Gatten zu spielen und anderen sein Leid in allen Farben auszumalen. „Man könnte ja wirklich glauben, Fedor Pawlowitsch, daß Sie einen höheren Rang erhalten haben, so zufrieden scheinen Sie trotz Ihres vermeintlichen Kummers zu sein,“ sagten ihm denn auch manche, denen er sein Leid klagte, nicht ohne spöttische Verachtung. Viele fügten sogar noch hinzu, er solle sich doch nicht verstellen, da er ja im Grunde nur froh sei, eine neue Narrenrolle spielen zu können, und sich bloß, um die Komik zu erhöhen, den Anschein gäbe, als bemerke er die eigene Lächerlichkeit nicht. Wer aber kann es wissen, vielleicht war das alles wirklich ganz naiv von ihm? Endlich gelang es ihm, seiner Flüchtigen auf die Spur zu kommen. Die Arme befand sich in Petersburg, wohin sie mit ihrem Seminaristen gefahren war, und wo sie in der größten Ungebundenheit lebte. Fedor Pawlowitsch traf sofort große Anstalten zur Reise nach Petersburg – warum aber und wozu dorthin? – das wußte er natürlich selbst nicht. Vielleicht wäre er damals auch wirklich abgefahren, doch nachdem er einen so großen Entschluß gefaßt hatte, fühlte er sich sofort vollkommen berechtigt, sich zur Stärkung auf einen so weiten und schweren Weg vorher noch dem uferlosesten Trunk zu ergeben. Inzwischen aber erhielt die Familie seiner Frau die Nachricht von deren Tode. Sie war ganz plötzlich gestorben, irgendwo in einer Dachkammer, am Typhus, wie die einen behaupteten, oder wie die anderen meinten – vor Hunger. Als der gerade betrunkene Fedor Pawlowitsch die Nachricht vom Tode seiner Frau erhielt, soll er auf die Straße hinausgelaufen sein, die Hände wie zum Dank zum Himmel emporgehoben und laut ausgerufen haben: „Herr, nun lässest du mich in Frieden fahren!“ – Andere aber sagen, er habe wie ein kleines Kind geweint, und zwar so sehr, daß man für ihn trotz der Verachtung Mitleid habe empfinden können. Es ist sehr leicht möglich, daß sowohl das eine wie das andere wahr ist, daß er sich über seine Befreiung von ihr gefreut, und zu gleicher Zeit über ihren Tod geweint hat – beides zusammen. In den meisten Fällen sind die Menschen, und sogar Bösewichte, viel naiver und aufrichtiger, als wir es von ihnen voraussetzen. Ja, und wir selbst sind es doch gleichfalls. –

II. Der erste Sohn

Man kann sich natürlich denken, welch ein Erzieher oder Vater solch ein Mensch sein konnte. Fedor Pawlowitsch vergaß das Kind vollständig, doch nicht etwa aus Bosheit oder aus irgendwelchen beleidigten Gattengefühlen, sondern ganz einfach, weil er es eben vollkommen vergaß. Solange er noch trauerte, klagte und weinte und sein Haus dabei in eine unzüchtige Höhle verwandelte, nahm sich des kleinen, dreijährigen Knaben Grigorij, der treue Diener seines Hauses, an – wenn dieser es nicht getan hätte, so würde der Kleine kaum ein Hemdchen zum Wechseln gehabt haben, da auch die Familie seiner Mutter ihn in der ersten Zeit gleichfalls ganz vergaß. Sein Großvater Miussoff, der Vater Adelaida Iwanownas, war schon gestorben, und dessen Witwe, Mitjäs Großmutter, war nach Moskau übergesiedelt und dort erkrankt; ihre jüngeren Töchter heirateten gerade, und so blieb denn Mitjä ein ganzes Jahr beim Diener Grigorij und lebte in dessen Wohnung auf dem Hofe. Übrigens, wenn sich der Vater seiner auch erinnert hätte (denn er konnte doch unmöglich von seiner Existenz überhaupt nichts wissen), so würde er ihn doch selbst wieder in die Leutewohnung auf den Hof geschickt haben, da das Kind ihm bei diesem Völlerleben nur im Wege gewesen wäre. Doch da kehrte eines schönen Tages der Vetter der Verstorbenen, Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, aus Paris zurück, wo er viele Jahre hindurch gelebt hatte. Er war damals noch ein ganz junger Mann, der sich aber unter den Miussoffs doch schon als aufgeklärter Großstädter und Ausländer auszeichnete; er fühlte sich von jeher als Europäer, und am Ende seines Lebens konnte er zu den Liberalen der vierziger und fünfziger Jahre gezählt werden. Natürlich stand er mit allen liberalen Größen seiner Epoche in Rußland wie im Auslande in Verbindung, kannte persönlich Proudhon und Bakunin, und liebte zum Schluß seiner Wanderschaft ganz besonders, sich der drei Tage der Pariser Februarrevolution zu erinnern und anzudeuten, daß er selbst beinahe auf den Barrikaden gestanden hätte. Das waren für ihn die schönsten Erinnerungen seiner Jugendjahre. Er besaß ein ansehnliches Vermögen – nach den früheren Verhältnissen gerechnet, ungefähr tausend Seelen. Sein wundervolles Gut lag ganz in der Nähe unsres Städtchens und grenzte an die Ländereien des berühmten Klosters, mit dem Miussoff sofort, nachdem er sein Erbe angetreten hatte, einen Prozeß begann (wegen irgendwelcher Rechte auf den Fischfang im Fluß oder auf das Holzfällen in einem Walde, ich weiß es nicht mehr ganz genau), da er als aufgeklärter Mensch selbstverständlich für seine bürgerliche Pflicht hielt, mit den „Klerikalen“ Prozeß zu führen. Als er nun das Schicksal Adelaida Iwanownas, deren er sich natürlich noch sehr gut erinnerte und für die er sich früher sogar interessiert hatte, erfuhr, und von ihrem Sohn Mitjä hörte, beschloß er sofort, sich trotz seines heftigen Unwillens über Fedor Pawlowitsch, in die Sache einzumischen. Bei der Gelegenheit war es denn, daß er Fedor Pawlowitsch zum erstenmal sah und kennen lernte. Er erklärte sich bereit, die Erziehung Mitjäs auf sich zu nehmen. Noch lange nachher erzählte er, gewissermaßen zur Charakterisierung Fedor Pawlowitschs, daß dieser, als er ihm von Mitjä gesprochen, ein Gesicht gemacht habe, als ob er überhaupt nicht verstehen könne, von welch einem Kinde die Rede sei und ersichtlich sogar sehr erstaunt gewesen wäre, zu hören, daß bei ihm im Hause irgendwo ein kleiner Sohn lebte. Wenn Pjotr Alexandrowitsch in seiner Erzählung auch etwas übertrieben haben mag, so muß doch immerhin etwas Wahres daran gewesen sein. Außerdem aber liebte es Fedor Pawlowitsch tatsächlich, sich plötzlich zu verstellen, oder eine ganz unerwartete Rolle zu spielen, und zwar, was die Hauptsache dabei schien, ohne daß die geringste Notwendigkeit dazu vorhanden gewesen wäre, mitunter sogar zu seinem eigenen Nachteil, wie z. B. in diesem Falle. Dieser Zug ist übrigens vielen Leuten eigen, und sogar sehr klugen Leuten, nicht nur solchen wie Fedor Pawlowitsch. Miussoff führte also die Sache durch und wurde sogar als Vormund des Knaben eingesetzt (zusammen mit Fedor Pawlowitsch natürlich), da doch dem Kleinen nach dem Tode der Mutter immerhin das Gütchen und das Haus verblieben. Mitjä wurde denn auch wirklich in das Haus Pjotr Alexandrowitschs gebracht; der aber hatte keine Familie, und da er selbst, nachdem er seine Wirtschafts- und Geldangelegenheiten auf dem Gute geordnet hatte, so schnell als möglich und auf lange Zeit wieder nach Paris eilte, so wurde das Kind einer Tante, einer älteren Dame, die in Moskau wohnte, anvertraut. Und so kam es denn, daß auch Miussoff in Paris den Knaben vollständig vergaß, besonders als diese Februarrevolution ausbrach, die ihm so imponierte, daß er sie sein Lebtag nicht vergessen konnte. Die Moskauer Dame aber starb bald darauf, und Mitjä kam zu einer ihrer verheirateten Töchter. Ich glaube, er hat dann noch einmal, zum viertenmal, das Nest gewechselt. Doch darüber werde ich mich weiter nicht verbreiten, da ich noch viel über diesen Erstling Fedor Pawlowitschs zu erzählen habe; ich will mich jetzt nur auf die notwendigsten Mitteilungen beschränken, ohne die ich den Roman nicht beginnen kann.

Dieser Dmitrij Fedorowitsch war der einzige von den drei Söhnen Fedor Pawlowitschs, der mit dem Bewußtsein aufwuchs, daß er immerhin über einige Mittel verfügte und, wenn er mündig geworden, unabhängig sein werde. Seine Kinder- und Jugendjahre verlebte er ziemlich unordentlich: das Gymnasium beendete er nicht, darauf kam er auf eine Kriegsschule, diente dann im Kaukasus, hatte dort ein Duell, wurde deswegen degradiert, diente sich aber wieder in die Höhe, führte ein wildes Leben und gab verhältnismäßig viel Geld aus. Vor seiner Mündigkeit bekam er von Fedor Pawlowitsch kein Geld, lebte daher bis dahin von Schulden. Fedor Pawlowitsch, seinen Vater, lernte er erst nach seiner Mündigkeit kennen; er kam damals zum erstenmal in unsere Stadt, um sich mit ihm über seine Vermögensverhältnisse auszusprechen. Wie es schien, gefiel ihm sein Vater nicht, denn er verließ ihn sofort wieder, als er eine gewisse Summe erhalten und mit ihm über die weiteren Einnahmen seines Gutes verhandelt hatte; doch konnte er weder die Einkünfte, noch den Wert des Gutes jemals von seinem Vater erfahren. (Bitte das wohl zu beachten.) Fedor Pawlowitsch aber bemerkte damals sofort (und auch dies bitte nicht zu vergessen), daß Mitjä sich von seinem Vermögen eine unrichtige und übertriebene Vorstellung machte, womit Fedor Pawlowitsch jedoch sehr zufrieden war, denn er hatte dabei seine eigenen Berechnungen. Er sagte sich, daß der junge Mann leichtsinnig, stürmisch, leidenschaftlich, ungeduldig war und wild lebte, daß man ihn aber, wenn man ihm immer wieder etwas schickte, sehr wohl beruhigen könnte, wenn auch natürlich immer nur auf kurze Zeit. So begann dann Fedor Pawlowitsch seinen Sohn zu exploitieren, d. h. er speiste ihn mit kleinen Almosen und zufälligen Sendungen ab, und zum Schluß, als Mitjä nach vier Jahren seine Geduld endlich verlor und zum zweitenmal in unser Städtchen kam, um noch einmal mit seinem Vater die Angelegenheit zu besprechen, da erwies sich plötzlich zu seinem größten Erstaunen, daß er überhaupt nichts mehr zu verlangen hatte, daß er mit dem erhaltenen Gelde schon der Schuldner seines Vaters geworden war, daß er nach der und der Abmachung, die er selbst einmal, dann und dann, gewünscht, kein Recht mehr hatte, noch irgendetwas zu verlangen usw. Der junge Mann war sehr betroffen, witterte einen Betrug, geriet außer sich und schien fast den Verstand zu verlieren. Dieser Umstand führte dann zu der Katastrophe, deren Wiedergabe der Gegenstand meines ersten, einführenden Romanes, oder besser gesagt, sein äußerer Anlaß ist. Doch bevor ich zu dem Roman übergehe, muß ich noch von den beiden anderen Söhnen Fedor Pawlowitschs, Mitjäs Brüdern, erzählen, und erklären, wie er zu diesen beiden gekommen war.

III. Die zweite Frau und deren Kinder

Nachdem Fedor Pawlowitsch sich des vierjährigen Mitjä entledigt hatte, heiratete er kurz darauf zum zweitenmal. Diese Ehe dauerte acht Jahre. Ssofja Iwanowna, seine zweite Frau, war gleichfalls noch sehr jung, als er sie heiratete. Er lernte sie in einem andern Gouvernement kennen, wohin er in „Geschäftchen“ mit einem Juden gefahren war, denn wenn Fedor Pawlowitsch auch unsolide und ausschweifend lebte und viel trank, so hörte er doch nie auf, für die vorteilhafte Umsetzung seines Kapitals zu sorgen und überall gute Geschäftchen zu machen, wenn auch immer auf betrügerische Weise. Ssofja Iwanowna war als Tochter eines kleinen Diakons und als Ganzwaise in dem reichen Hause ihrer Wohltäterin, Erzieherin und Peinigerin, der angesehenen alten Witwe des Generals Worochoff, aufgewachsen. Ausführlicheres über sie weiß ich nicht, nur hörte ich, daß man die bescheidene, demütige Kleine einmal in der Kleiderkammer aus einer Schlinge gezogen hatte – so schwer war es ihr gewesen, die Launen und ewigen Vorwürfe dieser anscheinend bösen Alten zu ertragen, die aber eigentlich nur vom Nichtstun und der Langeweile zu diesem unerträglichen, launischen Parasit geworden war. Fedor Pawlowitsch warb um ihre Hand; man zog Erkundigungen über ihn ein und setzte ihn vor die Tür – da schlug er dann der Waise, wie bei seiner ersten Heirat, eine Entführung vor. Es ist sehr möglich, daß auch sie ihn um nichts in der Welt geheiratet haben würde, wenn sie etwas mehr über ihn erfahren hätte. Aber sie lebte ja in einem andern Gouvernement, und was hätte denn auch ein sechzehnjähriges Mädchen von allem dem verstanden, ganz abgesehen davon, daß sie vorgezogen hätte, in den Fluß zu gehen, als noch länger bei ihrer Wohltäterin zu bleiben. So vertauschte denn die Ärmste ihre Wohltäterin mit einem Wohltäter. Fedor Pawlowitsch, oder vielmehr seine Frau, bekam diesmal keine Kopeke Mitgift, da die Generalin über die Entführung in Wut geriet und nichts gab und sie obendrein noch beide verfluchte; er rechnete aber auch nicht darauf, sondern berauschte sich an der eigenartigen Schönheit dieses zarten Mädchens und vor allem an ihrem unschuldigen Ausdruck, der ihn, den Lüstling, der bis dahin nur der lasterhafte Liebhaber gemeiner Frauenschönheit gewesen war, ganz betroffen gemacht hatte. „Diese unschuldigen Äuglein fuhren mir wie ein Rasiermesser übers Herz!“ erzählte er später mit seinem gemeinen Lachen. Aber auch das konnte für solch einen Menschen, wie Fedor Pawlowitsch, nur einen sinnlichen Reiz haben. Da sie also gar keine Mitgift bekam, machte er mit ihr weiter keine Zeremonien und benutzte es, daß sie vor ihm, wie er sagte, „schuldig“ war und er sie „aus der Schlinge gezogen“ hatte, benutzte außerdem noch ihre phänomenale Güte und Unselbständigkeit, und trat jeglichen ehelichen Anstand einfach mit Füßen. So führte er nach wie vor die berüchtigsten Weibsbilder in sein Haus und feierte ungestört seine Orgien mit ihnen. Als charakteristischen Zug will ich hier noch anführen, daß der Diener Grigorij, ein finsterer, eigensinniger und dummrechthaberischer Mensch, der seine frühere Herrin, Adelaida Iwanowna, geradezu gehaßt hatte, nun aber entschieden zur neuen Herrin hielt, diese immer verteidigte, Fedor Pawlowitsch auf eine für einen Diener fast unerhörte Weise ihretwegen durchschimpfte, und einmal sogar, als wieder eine Orgie gefeiert wurde, alle Weiber mit Gewalt aus dem Hause jagte. Die unglückliche, von Kindheit an so verschüchterte junge Frau bekam späterhin ein nervöses Frauenleiden, das man sonst wohl am häufigsten im Volke antrifft, bei den Bäuerinnen, die dann „Klikuschi“[2] genannt werden. Durch die schrecklichen, hysterischen Anfälle dieser Krankheit verlor die Arme zeitweilig sogar ihren Verstand. Sie gebar aber Fedor Pawlowitsch doch zwei Söhne, Iwan und Alexei, den älteren im ersten Jahr ihrer Ehe und drei Jahre danach den jüngeren. Als sie starb, war der kleine Alexei kaum vier Jahre alt, doch jedenfalls war Eines Tatsache, wie unglaublich es klingen mag: er konnte sich, wie ich genau weiß, seiner Mutter noch sein ganzes Leben lang erinnern, wenn diese Erinnerung auch etwas verschwommen, wie ein halber Traum war. Nach ihrem Tode geschah mit ihren beiden Söhnen genau dasselbe, was mit dem ersten, Mitjä, geschehen war: sie wurden vom Vater vollkommen vergessen und kamen zu demselben Grigorij in dieselbe Stube. In dieser Stube fand sie denn auch die alte Generalin, die Wohltäterin und Erzieherin ihrer Mutter. Sie lebte noch und konnte selbst nach acht Jahren die ihr zugefügte Beleidigung nicht vergessen. Vom Leben und Treiben ihrer Ssofja war sie alle diese acht Jahre hindurch unter der Hand ganz genau unterrichtet worden, und als sie gehört hatte, wie krank diese war und welche Scheußlichkeiten sie umgaben, hatte sie sich zwei oder dreimal ihren Bedienten gegenüber geäußert, es geschehe ihr ganz recht, so strafe Gott sie für ihre Undankbarkeit.

Genau drei Monate nach dem Tode Ssofja Iwanownas erschien nun plötzlich die Generalin persönlich in der Stadt und fuhr geradenwegs zu Fedor Pawlowitsch, blieb im ganzen nur eine halbe Stunde in der Stadt, richtete aber in dieser kurzen Zeit sehr viel aus. Es war zur Abendzeit. Fedor Pawlowitsch, der sie acht Jahre lang nicht gesehen hatte, empfing sie in betrunkenem Zustande. Man sagt, daß sie ihm sofort ohne jegliche vorhergehende Erklärung zwei tüchtige, lautschallende Ohrfeigen gegeben und ihn dann noch dreimal kräftig an den Haaren gezogen habe. Darauf – das ist Tatsache – begab sie sich, ohne ein Wort zu verlieren, geradenwegs in die Leutewohnung auf den Hof zu den beiden Knaben. Sie überzeugte sich auf den ersten Blick, daß sie ungewaschen waren und schmutzige Wäsche anhatten, verabfolgte daher dem Diener Grigorij gleichfalls eine Ohrfeige und erklärte ihm darauf kurz und bündig, daß sie die beiden Kinder mitnehmen werde. Sie wickelte sie so wie sie waren in ein Plaid ein, setzte sie auf den Wagen und fuhr mit ihnen davon. Grigorij ertrug diese Ohrfeige wie ein ergebener Sklave, wurde nicht grob und sagte kein Wort, und als er die alte Dame zum Wagen begleitete, verneigte er sich noch tief vor ihr und sagte nur ernst und ehrerbietig, daß Gott es ihr für die Waisen lohnen werde, wofür ihm aber die Generalin im Fortfahren zurief: „Du aber bist und bleibst doch ein alter Esel.“ Fedor Pawlowitsch überlegte sich die Sache und fand, daß es sehr gut war, so wie es gekommen war, und widersetzte sich der Generalin, der er sogar die formelle Erlaubnis gab, seine Kinder zu erziehen, in keinem einzigen Punkte. Von den erhaltenen Ohrfeigen aber erzählte er sofort selbst in der ganzen Stadt.

Die Generalin starb jedoch schon bald darauf und vermachte in ihrem Testament jedem der Kleinen tausend Rubel – „Zu ihrer Bildung zu verwenden, und daß dieses Geld unbedingt für sie verausgabt wird, aber so, daß es bis zu ihrer Mündigkeit ausreicht, denn diese Gabe muß für solche Kinder genügen; wenn es aber jemandem gefällt, so mag er seinen eigenen Beutel öffnen“ usw. Ich habe das Testament nicht selbst gelesen, aber ich hörte, daß es in dieser Art und jedenfalls in recht sonderbarem Tone abgefaßt gewesen sei. Der Haupterbe der Alten erwies sich indessen als sehr ehrenwerter Mensch: es war das der Adelsmarschall eines Kreises in jenem Gouvernement, Jefim Petrowitsch Polenoff. Er verhandelte mit Fedor Pawlowitsch brieflich über die Erziehung der Kinder, erriet sofort, daß Geld von diesem Vater nicht zu bekommen war – obgleich dieser nie geradezu absagte, sondern in solchen Fällen die Sache nur hinzog und dabei sogar in Gefühlsduselei verfiel – und nahm sich der Waisen persönlich an; er gewann namentlich den jüngeren Bruder Alexei sehr lieb und so wurde denn dieser lange Zeit ganz in seiner Familie erzogen. Wenn diese Jungen für ihre Erziehung und Bildung jemandem zu Dank verpflichtet waren, so waren sie es ausschließlich Polenoff, diesem ehrenwertesten und humansten Menschen, den man sich nur denken kann. Er bewahrte den Kleinen ihre tausend Rubel auf, die ihnen die Generalin hinterlassen hatte, so daß sie bis zu deren Mündigkeit mit den Prozenten auf je Zweitausend anwuchsen, bestritt die Erziehungskosten aus seiner eigenen Tasche, und verausgabte natürlich für jeden von ihnen viel mehr als tausend Rubel. Auf eine ausführliche Erzählung ihrer Kinder- und Jugendjahre kann ich mich wiederum nicht einlassen, daher werde ich nur die springenden Punkte aus ihrem Leben angeben. Über den älteren, Iwan, teile ich nur mit, daß er als düsterer und verschlossener Knabe aufwuchs, weit entfernt davon, schüchtern zu sein, aber es war – als ob er von Kindheit an gefühlt hätte, daß er in einer fremden Familie erzogen wurde und von fremder Barmherzigkeit lebte, und daß ihr Vater ein Mensch war, von dem zu sprechen man sich schämen mußte. Dieser Knabe bewies schon seit der frühesten Kindheit (so erzählte man wenigstens) eine außergewöhnliche und glänzende Begabung. Wie es geschah, daß er schon mit dreizehn Jahren die Familie Jefim Petrowitschs verließ und in ein Moskauer Gymnasium eintrat und bei der Gelegenheit zu einem erfahrenen und berühmten Pädagogen in Pension kam, zu einem Jugendfreunde Polenoffs, weiß ich nicht genau. Wie Iwan später selbst erzählte, war es sozusagen aus Jefim Petrowitschs „begeisterter Liebe zu guten Taten“ geschehen: Jefim Petrowitsch hätte sich nämlich für die Idee begeistert, daß die genialen Fähigkeiten des Knaben auch von einem genialen Pädagogen ausgebildet werden müßten. Übrigens waren beide schon tot, sowohl Polenoff wie auch der geniale Pädagoge, als Iwan das Gymnasium beendete und auf die Universität ging. Da aber Jefim Petrowitsch das von der Generalin den Kindern hinterlassene Geld schlecht angelegt hatte, so verzögerte sich infolge der bei uns unvermeidlichen Formalitäten die Auszahlung des Geldes dermaßen, daß der junge Mann in den zwei ersten Jahren auf der Universität gezwungen war, seinen Lebensunterhalt und das Studium sich selbst zu verdienen. Ich muß hier bemerken, daß er damals nicht einmal den Versuch machte, sich mit seinem Vater brieflich über eine Unterstützung zu verständigen – vielleicht aus persönlichem Stolz oder auch aus Verachtung, vielleicht aber auch aus kühler, gesunder Einsicht, da er sich wohl sagen konnte, daß von Papachen eine Unterstützung nicht zu erwarten war. Wie dem aber auch sein mochte, jedenfalls wußte sich der junge Mann sofort zu helfen und sich durch Arbeit das nötige Geld zu beschaffen: zuerst durch Stunden für zwanzig Kopeken, und darauf durch Zeitungsberichte von zehn Zeilen über Straßenvorfälle, mit der Unterschrift „Ein Augenzeuge“. Diese Berichte, sagt man, sollen stets so eigenartig und geistreich verfaßt gewesen sein, daß sie bald vorzüglich bezahlt wurden; so bewies er allein schon dadurch seine praktische und geistige Überlegenheit im Vergleich zu jenem großen Teil unserer unglücklichen und notleidenden studierenden Jugend beiderlei Geschlechts, die in den Großstädten gewöhnlich vom Morgen bis zum Abend die Türschwellen der Redaktionen abläuft, und sich nichts Besseres ausdenken kann, als ewig ein und dieselbe Bitte um Übersetzung aus dem Französischen oder um Kopierarbeit zu wiederholen. Iwan Fedorowitsch gab auch später seine Verbindungen mit den Redaktionen nie ganz auf, und in den letzten Jahren auf der Universität veröffentlichte er dann sehr talentvolle Abhandlungen über Bücher und Spezialfragen, die ihn sogar in den literarischen Kreisen bekannt machten. Doch erst in der allerletzten Zeit lenkte er plötzlich die Aufmerksamkeit eines weit größeren Kreises von Lesern auf sich: kurz nachdem er die Universität verlassen hatte und sich gerade anschickte, für seine zweitausend Rubel ins Ausland zu reisen, veröffentlichte er in einer der großen Tageszeitungen einen ganz besonderen Artikel, der geradezu Aufsehen erregte und sogar die Aufmerksamkeit der Spezialisten auf ihn lenkte. Es war das ein Artikel über eine Frage, die ihm, wie man meinen sollte, ganz fern liegen mußte, denn er hatte Naturwissenschaft studiert. Der Artikel behandelte die damals überall besprochene Frage „Kirchenjustiz“. Er untersuchte zuerst etliche schon geäußerte Meinungen und kam dann auf seine persönliche Anschauung der Sache. Besonders fiel der Ton auf und das Unerwartete seiner Schlüsse. Viele Geistliche hielten den Autor entschieden für einen von den Ihrigen. Und plötzlich begannen nicht nur die Anhänger der Staatspartei, sondern sogar die Atheisten ihm immer lebhafter ihren Beifall zu zollen. Schließlich aber behaupteten einige kluge Leute, die eine etwas feinere Nase hatten, daß der ganze Artikel nur eine freche Farce und eine Verhöhnung sei. Ich erwähne die Geschichte nur darum, weil dieser Artikel auch in dem bei unserer Stadt gelegenen berühmten Kloster bekannt wurde und die Mönche, die sich sehr für die aufgeworfene Kirchengerichtsfrage interessierten, einfach vor den Kopf stieß. Wie groß war die Verwunderung, als man auch den Namen des Autors erfuhr und somit, daß er ein Kind unserer Stadt und der Sohn „dieses selben Fedor Pawlowitsch“ sei! Da aber erschien der Autor selbst in unserer Stadt.

Warum Iwan Fedorowitsch zu uns kam, das fragte ich mich auch damals schon mit einer gewissen Unruhe. Diese so verhängnisvolle Ankunft, die den Anfang so vieler Ereignisse bildete, blieb für mich noch lange nachher unaufgeklärt und ist es teilweise vielleicht auch jetzt noch. Überhaupt war es sonderbar, daß dieser junge Mann, der so stolz, so gelehrt und dem Anschein nach gleichzeitig so vorsichtig war, plötzlich in dieses berüchtigte Haus kam, zu diesem Vater, der ihn bis dahin völlig ignoriert hatte, der ihn nicht einmal kannte, sich kaum seiner erinnerte und ihm natürlich auf keinen Fall und unter keinen Bedingungen Geld gegeben hätte, selbst wenn der Sohn ihn um welches gebeten haben würde, der sich aber trotzdem beständig fürchtete, daß seine Söhne Iwan und Alexei doch auch einmal kommen und ihn dann um Geld bitten könnten. Und siehe da, plötzlich kommt der junge Mann in das Haus solch eines Vaters, lebt mit ihm einen Monat und dann noch einen, und beide leben miteinander, wie man es sich besser nicht wünschen könnte. Wahrlich, das setzte nicht nur mich in Erstaunen, sondern auch noch viele andere.

Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der Vetter der ersten Frau Fedor Pawlowitschs, war kurz vorher aus Paris, wo er sich endgültig niedergelassen hatte, auf einige Zeit wieder in die Heimat gekommen und wohnte damals auf seinem Gute. Ich erinnere mich noch, daß gerade er mehr als alle anderen über dieses gute Einvernehmen erstaunt war, als er diesen ihn sehr interessierenden jungen Mann kennen lernte, dem er, nebenbei bemerkt nicht ganz ohne Neid, Kenntnisse zugestehen mußte, die die seinigen weit überstiegen. „Er ist sehr stolz,“ sagte er damals von Iwan Karamasoff, „wird sich immer sein Geld selbst verdienen und besitzt bereits so viel, daß er ins Ausland reisen kann – was also sucht er noch hier? Es ist doch allen klar, daß er nicht zum Vater gekommen ist, um Geld zu holen, ganz abgesehen davon, daß der Vater ihm doch auf keinen Fall welches geben würde. Zu trinken und ausschweifend zu leben, liebt er auch nicht, und doch kann der Alte ohne ihn kaum noch auskommen, dermaßen gut vertragen sich die beiden!“

Und so war es auch. Der junge Mann hatte ersichtlich einen großen Einfluß auf den Vater; der schien ihm sogar zu gehorchen, wenn er auch bisweilen unglaublich und geradezu heimtückisch eigensinnig sein konnte; ja, er fing sogar an sich anständiger aufzuführen.

Erst später stellte sich heraus, daß Iwan Fedorowitsch zum Teil auf die Bitte seines älteren Bruders Dmitrij Fedorowitsch gekommen war, den er kurz vorher zum erstenmal gesehen und kennen gelernt hatte, doch mit dem er schon längere Zeit vor seiner Fahrt hierher in einer wichtigen Angelegenheit, die wiederum nur Dmitrij Fedorowitsch anging, im Briefwechsel gestanden hatte. Was das für eine Angelegenheit war, wird der Leser späterhin bis in alle Einzelheiten erfahren. Nichtsdestoweniger schien mir Iwan Fedorowitsch auch dann noch rätselhaft, als ich schon alles, selbst diesen sonderbaren Umstand, wußte, und sein Aufenthalt bei uns immerhin unerklärlich.

Ich füge noch hinzu, daß Iwan Fedorowitsch zwischen dem Vater und dem älteren Bruder Dmitrij Fedorowitsch, der gegen den Vater eine gerichtliche Klage einzureichen beabsichtigte, der Vermittler und Friedensstifter zu sein schien.

Die Familie war damals, wie ich schon erwähnte, zum erstenmal vollzählig versammelt, und so sahen sich denn auch einige ihrer Glieder zum erstenmal im Leben. Nur der jüngste Sohn, Alexei Fedorowitsch, lebte schon seit fast einem Jahr bei uns; ihn hatten wir von den drei Brüdern zuerst kennen gelernt. Über ihn bereits in meiner Einleitung etwas zu sagen, ist mir aber am schwersten. Nur kann ich das eine, wie ich sehe, nicht umgehen, da es eine sehr sonderbare Tatsache zu erklären gilt, nämlich: warum ich meinen Helden schon in der ersten Szene seines Romans in der Kutte eines Klosternovizen vorführen muß. Denn fast seit einem Jahr lebte er schon in unserem Kloster und beabsichtigte, wie es schien, sich für sein ganzes Leben in ihm einzuschließen.

IV. Der dritte Sohn Aljoscha[3]

Er zählte erst zwanzig Jahre (sein Bruder Iwan war vierundzwanzig und der älteste Bruder Dmitrij achtundzwanzig Jahre alt). Vor allem möchte ich bemerken, daß dieser Jüngling durchaus kein Fanatiker war und, wenigstens meines Erachtens, auch kein Mystiker. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich in ihm einfach einen jugendlichen Menschenfreund sehe. Wenn er aber ins Kloster ging, so tat er das nur, weil das Klosterleben einen tiefen Eindruck auf ihn machte und ihm als Ideal eines Ausgangs seiner sich aus dem Dunkel des Bösen dieser Welt zum Licht der Liebe sehnenden Seele erschien. Und einen so tiefen Eindruck machte dieses Leben auf ihn wohl nur, weil er dort im Kloster einen so ungewöhnlichen Menschen antraf: unseren berühmten Staretz[4] Sossima, an den er sich sofort mit der ganzen großen ersten Liebe seines heißen, sehnsüchtigen Herzens hing. Übrigens will ich nicht bestreiten, daß er schon damals sehr sonderbar war; ja, er war es eigentlich schon seit seiner frühesten Kindheit. Als seine Mutter starb, hatte er kaum das vierte Jahr erreicht, und doch erinnerte er sich, wie ich schon erwähnte, ihres Gesichts, ihrer Liebkosungen, „ganz, als ob sie lebend vor mir stände“. Solche Erinnerungen kann man bekanntlich aus noch jüngeren Jahren haben, schon aus dem zweiten Lebensjahre, doch treten sie im späteren Leben nur wie helle Punkte aus der Dunkelheit hervor, wie ein hellgebliebenes Eckchen eines riesigen Bildes, das bis zur Unkenntlichkeit nachgedunkelt und verloschen ist – bis auf diesen einen begrenzten Fleck. So war es auch mit seiner Erinnerung. Er entsann sich eines stillen Sommerabends: durch das offene Fenster fallen die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne in das Zimmer und in die Ecke auf das Heiligenbild, vor dem das Lämpchen brennt (der schrägen Sonnenstrahlen erinnerte er sich am besten), vor dem Heiligenbild kniet seine Mutter, die „Klikuscha“, die hysterisch weint, schluchzt und Schmerzensschreie ausstößt; sie zieht ihn zu sich heran, umarmt ihn so fest, daß es ihm weh tut, und während sie die Muttergottes um Schutz für ihn anfleht, hebt sie ihn zum schimmernden Heiligenbild empor, als ob sie ihn unter den Schutz der Muttergottes stellen wollte ... und plötzlich kommt die Kinderfrau ins Zimmer hereingestürzt und reißt ihn ganz erschrocken aus den Händen der Mutter. Das war das Bild. Er erinnerte sich auch noch des Gesichtes der Mutter in jenem Augenblick; er sagte: „Es muß wie wahnsinnig, wie verzückt gewesen sein und doch wunderbar schön, wenigstens darnach zu urteilen, wie ich es noch vor mir sehe“. Doch liebte er es nicht, davon zu sprechen. Als Knabe, und auch späterhin als Jüngling, war er wenig mitteilsam und gar nicht gesprächig, doch war er es nicht etwa aus Schüchternheit, sondern aus ganz anderen Gründen, aus gleichsam unbewußten, innerlichen Empfindungen, die eigentlich nur ihn persönlich angingen und mit anderen Menschen nichts zu tun hatten, die aber für ihn so wichtig waren, daß er seine Umgebung darüber ganz zu vergessen schien. Doch er liebte die Menschen: er glaubte an sie sein ganzes Leben hindurch und doch hielt ihn niemand für beschränkt oder naiv. Es war etwas in ihm, was ihm die Menschen zu richten verbot, und ihm immer zuflüsterte, daß er nicht der Richter der Menschen sein, nicht das Verurteilen auf sich nehmen wolle und darum auch unter keiner Bedingung verurteilen werde. Es schien sogar, daß er alles zugab und nichts verurteilte, wenn er auch oftmals selbst schwer darunter litt. Ja, schließlich konnte ihn nichts und niemand mehr weder in Erstaunen setzen noch erschrecken, und das war eigentlich schon von seiner frühesten Jugend an der Fall. Als er mit zwanzig Jahren rein und keusch zu seinem Vater kam, in diese Höhle schmutzigen Lasters, entfernte er sich nur schweigend, wenn er es nicht mehr mit ansehen konnte; doch tat er das ohne den geringsten Ausdruck von Verachtung und Verurteilung, einerlei wessen. Sein Vater, der als ehemaliger Freischlucker gegen solche Beleidigungen ungemein feinfühlig und mißtrauisch war, und ihn denn auch sehr voreingenommen empfing („Er schweigt zu viel und denkt mir viel zu viel,“ sagte er), kam schon nach kurzer Zeit, nach kaum zwei Wochen, immer häufiger zu ihm, um ihn zu umarmen und zu küssen, allerdings mit trunkenen Tränen und in berauschter Rührseligkeit, doch ersichtlich auch, weil er ihn aufrichtig immer mehr lieb gewann, so, wie er vielleicht noch nie jemanden geliebt hatte.

Ja, alle Menschen liebten diesen Jüngling, überall brachte man ihm, wo er auch erschien, schon von Kindheit an sofort Liebe entgegen. Im Hause seines Wohltäters und Erziehers Jefim Petrowitsch Polenoff hatten ihn alle so lieb, daß man ihn wirklich wie einen leiblichen Sohn behandelte. Und doch kam er in dieses Haus in so jungen Jahren, daß es unmöglich ist anzunehmen, er habe durch Schlauheit oder die Kunst zu gefallen oder sich einzuschmeicheln, die allgemeine Liebe erworben. So trug er denn diese Gabe, in allen Liebe zu erwecken, ganz unbewußt in sich, sie lag sozusagen schon in seiner Natur. Dasselbe geschah mit ihm auch in der Schule, während man doch hätte glauben können, daß er gerade zu jenen Kindern gehörte, die in den Kameraden gewöhnlich Spott hervorrufen, nicht selten aber Mißtrauen und sogar Haß. Er war zum Beispiel immer nachdenklich und schien sich gern von allen abzusondern. Er liebte es schon von Kindheit an, sich in einen Winkel zurückzuziehen und Bücher zu lesen. Und doch liebten ihn auch seine Schulkameraden sogar so auffallend, daß man ihn tatsächlich während seiner ganzen Schulzeit den allgemeinen Liebling nennen konnte. Er war selten ausgelassen, selten auch nur lustig; aber ein jeder, der ihn ansah, wußte sofort, daß er nicht finster oder mürrisch war, sondern heiter und gutmütig. Unter seinen Altersgenossen suchte er nie sich hervorzutun. Vielleicht kam dies daher, daß er niemanden und nichts fürchtete, und doch begriffen die Knaben sofort, daß seine Unerschrockenheit keine Prahlerei sein konnte und er selbst nicht einmal wußte, daß er kühn und furchtlos war. Beleidigungen trug er nie nach. Es kam vor, daß er nach einer Stunde dem Beleidiger antwortete oder mit ihm selbst so heiter und zutraulich ein Gespräch begann, als ob niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre. Und nie hatte es dabei den Anschein, daß er absichtlich vergessen oder dem Beleidiger verzeihen wollte, sondern es geschah immer ganz harmlos von ihm, als ob er es gar nicht für eine Beleidigung gehalten hätte – und das war es, was die Kinder bestrickte und sie ihm unterwarf. Nur eine Eigenschaft hatte er, die in allen Klassen des Gymnasiums, von der niedrigsten bis zur höchsten, in den Kameraden immerwährend den Wunsch erweckte, ihn zu necken, nicht etwa aus Bosheit, sondern einfach, weil es ihnen Spaß machte. Das waren seine Scham und seine Keuschheit. Er konnte gewisse Worte und gewisse Gespräche über Frauen nicht ertragen. Diese „gewissen“ Worte und Gespräche sind zum Unglück in den Schulen unausrottbar. In der Seele und im Herzen reine Jungen, fast noch Kinder, lieben es zuweilen, in den Klassen unter sich und auch laut von solchen Sachen, Bildern und Vorstellungen zu sprechen, über die selbst einfache Soldaten nicht sprechen würden, denn Soldaten wissen und verstehen vieles nicht von dem, was ganz jungen Kindern unserer höheren Gesellschaft schon bekannt ist. Eine Sittenverderbnis kann man das nicht gut nennen, ein wirklicher innerer Zynismus ist es auch nicht, wohl aber ist es ein äußerer Zynismus, den man oft für vornehm, „schneidig“ und womöglich noch für nachahmungswürdig hält. Als man nun bemerkte, daß „Aljoschka Karamasoff“, wenn man „davon“ sprach, seine Finger in die Ohren steckte, so versammelte man sich um ihn und riß ihm mit Gewalt die Hände fort und schrie ihm dann Gemeinheiten in beide Ohren: er jedoch riß sich los, wälzte sich auf dem Fußboden herum, versuchte sich zu verstecken und zu bedecken, ertrug aber, ohne ihnen ein Wort zu erwidern, ohne zu schreien, schweigend die Beleidigung. Zu guter Letzt ließen sie ihn denn auch in Ruh und neckten ihn nicht mehr als „das Mädchen“, sahen aber in der Beziehung doch mit Bedauern auf ihn herab. Als Schüler war er einer von den besseren, doch niemals war er der erste.

Als Polenoff starb, blieb Aljoscha noch zwei Jahre im Kreisgymnasium. Die untröstliche Gemahlin Jefim Petrowitschs begab sich sofort nach seinem Tode, und zwar auf lange Zeit, mit ihrer ganzen Familie, die nur aus Wesen weiblichen Geschlechts bestand, nach Italien. Aljoscha kam zu zwei Damen, die er früher niemals gesehen hatte, zu entfernten Verwandten Jefim Petrowitschs; unter welchen Bedingungen, das wußte er selbst nicht. Charakteristisch, und das sogar im höchsten Grade, war diese eine Eigenschaft an ihm, daß er sich niemals darum bekümmerte, auf wessen Kosten er lebte. Darin war er der größte Gegensatz seines älteren Bruders Iwan Fedorowitsch, der die zwei ersten Jahre auf der Universität Not litt und sich durch seine eigene Arbeit ernährte, und es von Kindheit an immer bitter empfunden hatte, daß er auf fremde Kosten, auf die seines Wohltäters, leben mußte. Diese sonderbare Charaktereigenschaft Aljoschas konnte man indessen nicht streng verurteilen, denn ein jeder, der ihn nur etwas näher kennen lernte, überzeugte sich alsbald, daß Aljoscha in der Beziehung zu dem Typ der gleichsam einfältigen Jünglinge gehörte, die, wenn man ihnen ein ganzes Kapital gäbe, es bei der ersten Gelegenheit fortgeben würden, sei es zu einem guten Zweck oder einfach einem gewandten Menschen, wenn er sie darum bäte. Ja, und überhaupt kannte er nicht den Wert des Geldes – versteht sich, nicht im buchstäblichen Sinne gesprochen. Aber wenn man ihm Taschengeld gab, um das er niemals selbst bat, so wußte er wochenlang nicht, was er mit ihm anfangen sollte, oder er gab es sofort, und ohne zu berechnen, aus. Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, ein Mensch, der in Geldsachen und bourgeoisen Ehrbegriffen sehr empfindlich war, sprach über Alexei einmal folgenden Aphorismus aus: „Er ist vielleicht der einzige Mensch auf der Welt, der, wenn man ihn plötzlich allein und ohne Geld auf einem Platze einer ihm unbekannten Millionenstadt ließe, weder verloren gehen würde, noch vor Kälte oder Hunger sterben, denn man würde ihm sofort zu essen geben, ihm sofort alles verschaffen, ohne daß er sich auch nur anzustrengen brauchte oder sich erniedrigen müßte, und ohne daß er dem Gönner zur Last fiele, im Gegenteil, man würde es sich noch zur Ehre anrechnen.“

Das Gymnasium beendete er nicht; er hatte noch ein ganzes Jahr vor sich, als er plötzlich seinen Damen erklärte, daß er wegen einer Sache, die sich in seinem Kopf festgesetzt hatte, zu seinem Vater fahren müsse. Die Damen waren sehr betrübt und erschrocken darüber und wollten es ihm zuerst nicht gestatten. Die Fahrt kostete nicht viel, doch die Damen erlaubten ihm nicht, seine Uhr zu dem Zwecke zu versetzen – ein Geschenk, das er zur Erinnerung von der Familie seines Wohltäters erhalten hatte, als diese ins Ausland abgereist war – und statteten ihn selbst nicht nur mit reichen Mitteln, sondern auch noch mit neuen Kleidern und guter Wäsche aus. Er gab ihnen aber die Hälfte des Geldes zurück und erklärte ihnen, daß er durchaus in der dritten Klasse fahren wolle. Als er dann in unserem Städtchen ankam, antwortete er auf die ersten Fragen seines Vaters: „Warum hast du dich denn hierher begeben, ohne deinen Kursus beendet zu haben?“ einfach überhaupt nichts, sondern war, wie man sich allgemein erzählte, in sich gekehrt und nachdenklich. Bald darauf brachte man heraus, daß er das Grab seiner Mutter suchte. Er sagte später sogar selbst, daß er nur darum gekommen sei. Aber es ist wohl kaum anzunehmen, daß dies allein der Grund seiner Reise war. Viel wahrscheinlicher ist, daß er sich damals selbst nicht erklären konnte, was er wollte: irgend etwas hatte sich in seiner Brust erhoben, etwas, das ihn schon auf einen neuen, unbekannten und unvermeidlichen Weg zog. Fedor Pawlowitsch konnte ihm übrigens den Platz, wo er seine zweite Frau begraben hatte, nicht zeigen, da er nach der Beerdigung niemals mehr an ihrem Grabe gewesen war, und daher im Laufe der Jahre ganz vergessen hatte, wo sie eigentlich beerdigt lag ...

Noch ein Wort über Fedor Pawlowitsch. Er hatte längere Zeit über nicht in unserem Städtchen gelebt. Im dritten oder vierten Jahre nach dem Tode seiner Frau war er in den Süden Rußlands gereist und zu guter Letzt in Odessa angekommen, wo er einige Jahre verlebte. Nach seinen eigenen Worten hatte er sich dort mit vielen „Juden und Jüdchen der verschiedensten Sorten“ angefreundet, und war zum Schluß sogar „bei richtigen Hebräern“ empfangen worden. Es ist wohl anzunehmen, daß er in dieser Periode seines Lebens die besondere Kunst entwickelt hatte, aus allem Geld herauszuschlagen und so sein Kapital beträchtlich zu vergrößern. Er kehrte erst drei Jahre vor der Ankunft Aljoschas endgültig in unser Städtchen zurück. Seine früheren Bekannten fanden ihn sehr gealtert, obgleich er noch längst kein Greis war; auch hielt er sich nicht etwa anständiger, sondern womöglich noch unanständiger. Vor allem tat sich in dem alten Narren das Bedürfnis kund, jetzt auch andere zu Narren zu machen. Mit Frauen verkehrte er nicht nur wie früher, sondern tat es noch gemeiner, noch widerlicher. In kurzer Zeit gründete er viele neue Schenken in unserem Gouvernement. Es war klar, daß er mindestens hunderttausend Rubel Kapital besitzen mußte. Viele von den Stadteinwohnern, aber auch viele vom Lande, wurden denn auch alsbald seine Schuldner, doch natürlich nur unter den sichersten Garantieen. Äußerlich veränderte er sich in der letzten Zeit ganz ansehnlich: er bekam etwas Aufgedunsenes, das er früher nicht gehabt hatte, schien sich auch von seinen Handlungen nicht mehr Rechenschaft ablegen zu können, bekundete einen gewissen Leichtsinn, begann mit dem einen und endete mit etwas ganz anderem, wurde auffallend unruhig und betrank sich immer öfter, und wenn ihn nicht zuweilen sein treuer Diener Grigorij, der in der Zwischenzeit gleichfalls recht gealtert war, fast wie seinen Zögling bewacht und beschützt hätte, so würde er sich vielleicht durch seine Lebensweise ernste Unannehmlichkeiten zugezogen haben. Die Ankunft Aljoschas machte aber in moralischer Beziehung doch einen gewissen Eindruck auf ihn: es schien, als ob in diesem verderbten Alten etwas von dem wiedererwachte, was in seiner Seele schon längst verstummt war.

„Weißt du auch, Alexei,“ sagte er oftmals, wenn er ihn betrachtete, „daß du ihr sehr ähnlich bist, ich meine der Klikuscha?“ So nannte er stets seine verstorbene Frau, die Mutter Iwans und Aljoschas. Das Grab der „Klikuscha“ zeigte dem Jungen schließlich der Diener Grigorij. Er führte ihn auf unseren Friedhof, und dort zeigte er ihm in einer entlegenen Ecke eine kleine, nicht gerade teuere, doch immerhin sauber gearbeitete gußeiserne Platte, auf der sogar eine Inschrift stand: der Name, das Geburts- und Todesjahr der Verstorbenen, und darunter war noch ein vierstrophiger Spruch eingraviert, einer von den allgemein gebräuchlichen auf den Gräbern des Mittelstandes. Diese Platte erwies sich zu Aljoschas nicht geringer Verwunderung als ein Liebeswerk Grigorijs. Er hatte sie selbst auf dem Grabe der armen „Klikuscha“ errichten lassen, auf seine Kosten, nachdem Fedor Pawlowitsch, den er mehrmals mit der Erinnerung an dieses Grab geärgert hatte, schließlich nach Odessa gefahren war und hinfort nicht nur von Gräbern, sondern auch von allem Gewesenen nichts mehr wissen wollte. Aljoscha äußerte am kleinen Grabe seiner Mutter keinerlei besondere Rührung; er hörte nur der wichtig und ernst vorgetragenen Erzählung Grigorijs von der Errichtung der Grabplatte zu, stand mit gesenktem Kopf, und sprach die ganze Zeit über kein Wort. Seit jenem Tage war er vielleicht im ganzen Jahr kein einziges Mal wieder auf den Kirchhof gegangen. Doch auf Fedor Pawlowitsch machte auch diese kleine Episode einen gewissen Eindruck, was sich in einer sehr originellen Weise äußerte. Er nahm plötzlich tausend Rubel und brachte dieses Tausend in unser Kloster, um Seelenmessen für seine verstorbene Frau lesen zu lassen, doch nicht für die zweite, die Mutter Aljoschas, die „Klikuscha“, sondern für die erste, Adelaida Iwanowna, die ihn geprügelt hatte. Am Abend dieses Tages betrank er sich, und schimpfte dann in Aljoschas Gegenwart gewaltig über die Mönche. Selbst war er nichts weniger als ein religiöser Mensch; er hatte vielleicht kein einziges Mal im Leben ein Fünfkopekenlicht vor ein Heiligenbild gestellt. Aber gerade solche Burschen können zuweilen ganz sonderbare Ausbrüche plötzlicher Gefühle und plötzlicher Gedanken haben.

Ich sagte schon, daß sein Gesicht aufgedunsen war. Seine Züge drückten damals etwas aus, das scharf die Charakteristik und das Wesentliche seines durchlebten Lebens kennzeichnete. Außer den langen und fleischigen Säcken unter seinen kleinen, ewig unverschämten, mißtrauischen und spöttischen Äuglein, außer einer Menge kleiner, tiefer Runzeln in seinem kleinen, doch fetten Gesicht, hing sich an sein spitzes Kinn noch ein großes, fleischiges und sackartig längliches Doppelkinn, das ihm ein ganz besonders widerlich-lüsternes Aussehen verlieh. Hinzu füge man jetzt noch einen großen, sinnlichen Mund mit fleischigen Lippen, hinter denen man die kleinen Stummel schwarz gewordener, fast verfaulter Zähne sah. Wenn er zu sprechen begann, spritzte jedesmal Speichel von seinen Lippen. Übrigens liebte er selbst, über sein Gesicht zu scherzen, obgleich er, wie es schien, ganz zufrieden mit ihm war. Besonders wies er auf seine Nase hin, die nicht sehr groß, doch sehr schmal und stark gebogen war: „Echt römisch,“ pflegte er zu sagen, „zusammen mit dem Doppelkinn die echte Physiognomie eines alten römischen Patriziers aus der Verfallszeit.“ Darauf, glaube ich, war er sogar ziemlich stolz.

Eines Tages nun, bald nachdem Aljoscha das Grab seiner Mutter besucht hatte, erklärte dieser plötzlich seinem Vater, daß er in das Kloster eintreten wolle, und daß die Mönche bereit seien, ihn als Novizen aufzunehmen. Er fügte noch hinzu, daß es sein heißer Wunsch sei, und daß er jetzt von ihm, seinem Vater, die feierliche Erlaubnis dazu erbäte. Der Alte wußte schon, daß der Staretz Sossima, der in der Einsiedelei des Klosters lebte, auf seinen „sanften, stillen Jungen“ einen tiefen Eindruck gemacht hatte.

„Dieser Staretz ist bei ihnen noch der ehrlichste von allen,“ brummte er vor sich hin, nachdem er Aljoschas Bitte, über die er sich weiter gar nicht wunderte, angehört hatte. „Hm ... sieh mal einer an, wohin du willst ... Also dorthin willst du, mein sanfter Junge!“ Er war halbtrunken, und plötzlich verzog sich sein Gesicht zu einem langen, stumpfen Grinsen, das aber doch nicht einer gewissen Schlauheit und Hinterlist entbehrte: „Hm ... weißt du, ich ahnte es ja, daß du gerade mit irgend so etwas enden würdest, kannst du dir das vorstellen? Gerade darauf hattest du’s doch abgesehen. Nun, was, meinetwegen ... Du hast doch deine Zweitausend, das wäre denn die Aussteuer. Ich aber werde dich, mein Liebling, nie verlassen, und auch jetzt werde ich dir alles geben, was du zum Eintritt nötig hast, wenn sie’s verlangen. Nun, und wenn sie’s nicht verlangen, warum dann aufdrängen, nicht wahr? Geld gibst du ja nur wie’n Kanarienvogel aus, kaum zwei Körnchen in einer Woche ... Hm ... weißt du, bei einem bekannten Kloster gibt’s so eine kleine Vorstadt, und alle wissen dort schon, daß in ihr nur die ‚Klosterweiber‘ leben, so werden sie dort allgemein genannt, etwa dreißig an der Zahl, glaube ich ... Ich war dort mal, nicht uninteressant, natürlich in ihrer Art, so als Abwechslung einmal. Gemein war nur der furchtbare Russizismus, nicht eine einzige Französin war dabei, könnten aber sein, denn die Mittel sind bedeutend. Nun, werden’s schon bald riechen und angeflogen kommen. Hier aber, alle Achtung, hier gibt’s keine Klosterweiber, Mönche an zweihundert Stück. Alle ehrsam, nichts zu sagen. Fasten bloß. Ich muß gestehen ... Hm! Also du willst zu den Mönchen gehen? Aber du tust mir doch leid, Aljoscha, wirklich, glaub mir, ich habe dich liebgewonnen! ... Übrigens, das wäre eine günstige Gelegenheit: Du kannst dort auch für uns Sünder beten, haben wir doch hier schon gar zu viel gesündigt. Ich habe immer daran gedacht: wer wird einmal für mich beten? Gibt es in der Welt auch nur einen einzigen Menschen, der für mich beten wird? Du mein lieber Junge, ich bin doch in dieser Beziehung ganz furchtbar dumm, du glaubst es nicht, wie dumm! Ganz furchtbar. Siehst du: wie dumm ich aber nun auch bin, an dieses denke ich doch ununterbrochen, ununterbrochen, d. h. versteht sich, so mitunter, aber ich denke doch immerhin daran! Es kann doch nicht sein, denke ich, daß die Teufel vergessen sollten, mich mit Ofenkrücken oder spitzen Haken zu sich hinabzuziehen, wenn ich gestorben bin? Nun, und da denke ich denn so: Haken? Woher nehmen sie die? Schön, – Haken! – aber was für welche? Etwa eiserne? Wo werden sie denn dort geschmiedet? Oder haben sie dort womöglich so ’ne ganze Fabrik? Im Kloster glauben doch die Mönche sicherlich, daß es in der Hölle, zum Beispiel, einen Plafond, eine Decke gibt. Ich aber, siehst du, bin bereit, an die Hölle zu glauben, nur muß sie ohne Decke sein; das ist gewissermaßen delikater, aufgeklärter – das heißt lutherischer. Im Grunde aber sollte man meinen, – ist’s denn nicht einerlei: mit ’ner Decke oder ohne Decke? Das aber ist ja die verflixte Frage! Nun, sage doch selbst: wenn es keine Decke gibt, so gibt es folglich auch keine Haken. Gibt’s aber keine Haken, so geht ja die ganze Hölle flöten, dann ist ja das Ganze nur ’ne Fabel; also – wiederum unwahrscheinlich: wer wird mich dann noch mit Ofengabeln hinunterziehen, denn wenn man nicht einmal mich hinunterzieht, wer soll dann überhaupt noch gezogen werden, und wo ist dann die Gerechtigkeit in der Welt? Il faudrait les inventer, diese Ofengabeln, speziell für mich, für mich allein, denn, ach Aljoscha! – wenn du wüßtest, was ich für ein Schandkerl bin! ...“

„Aber dort gibt es doch gar keine Ofengabeln,“ sagte still und ruhig Aljoscha, der ernst den Vater betrachtete.

„Stimmt, nur Schatten von Ofengabeln. Ich weiß, ich weiß. Das ist, wie ein Franzose die Hölle beschreibt: J’ai vu l’ombre d’un cocher qui avec l’ombre d’une brosse frottait l’ombre d’une carrosse. Aber woher weißt du denn, mein Täubchen, daß es dort keine Ofengabeln gibt? Bleib mal erst ein bißchen bei den Mönchen, dann wirst du schon was andres anstimmen, wirst piepen, wie die Alten singen. Doch, übrigens, gehe hin, wenn du willst, trachte, bis zur Wahrheit vorzudringen und komm dann her erzählen: es wird doch immerhin leichter sein, ins Jenseits abzugehen, wenn man genau weiß, wie’s dort eigentlich zugeht. Und dort bei den Mönchen ist’s auch anständiger für dich als hier bei mir, dem alten Trinker und den Mädels ... wenn auch dich, wie einen Engel, nichts berührt. Nun, vielleicht wird dich auch dort nichts berühren, nur darum erlaube ich dir alles, weil ich eben darauf hoffe. Deinen Verstand hat doch nicht der Teufel aufgefressen. Wirst entflammen und erlöschen, gesund werden und zurückkommen. Ich aber werde dich erwarten. Fühle ich doch, daß du der einzige Mensch auf der ganzen Welt bist, der mich nicht verurteilt hat, du mein lieber Junge, das fühle ich doch, wie soll ich denn das nicht fühlen! ...“

Und er fing sogar an zu flennen. Er war ein sentimentaler Mensch. Er war gemein und sentimental zugleich.

V. Die Startzen

Vielleicht werden meine Leser denken, Aljoscha Karamasoff sei ein kränklicher, ekstatischer, dürftig entwickelter Jüngling gewesen, ein bleicher Träumer, ein blutarmer, kraft- und saftloser Mensch. Im Gegenteil: Aljoscha war schon ein stattlicher, neunzehnjähriger junger Mann mit einem hellen, offenen Blick und strotzte fast vor Gesundheit. Er war sogar sehr hübsch, prächtig gewachsen, dabei von mittelhohem Wuchs, dunkelblond, das Gesicht von einem regelmäßigen, etwas länglichen Oval, in dem die glänzenden, dunkelgrauen Augen weit auseinanderstanden, war sehr nachdenklich und – wenigstens schien es so – sehr ruhig. Man wird vielleicht sagen, daß rote Wangen weder Fanatismus noch Mystizismus ausschließen; ich aber glaube, daß Aljoscha mehr als sonst jemand Realist war. O, versteht sich, im Kloster glaubte er vollkommen an Wunder, doch meiner Meinung nach machen Wunder einen Realisten niemals irre. Nicht die Wunder führen den Realisten zum Glauben. Wenn der echte Realist ungläubig ist, wird er immer die Kraft und die Fähigkeit in sich finden, dem Wunder nicht zu glauben, wenn aber das Wunder vor ihm zur unabweisbaren Tatsache wird, so wird er eher seinen Sinnen nicht trauen, als daß er die Tatsache zugäbe. Oder gibt er sie auch einmal zu, so wird er sie doch nur als ganz natürlichen Vorgang zugeben, der ihm nur bis dahin noch unbekannt war. Im Realisten wird der Glaube nicht durch das Wunder hervorgerufen, sondern das Wunder durch den Glauben. Wenn der Realist einmal glaubt, so muß er gerade infolge seines Realismus unbedingt auch das Wunder zugeben. Der Apostel Thomas sagte, daß er nicht eher glauben werde, als bis er selbst sähe, als er aber sah, da rief er: „Mein Herr und mein Gott!“ Machte ihn das Wunder glauben? Wahrscheinlich nicht, sondern er glaubte ausschließlich darum, weil er glauben wollte, und vielleicht glaubte er in seinem Innersten schon damals vollkommen, als er sagte, er werde nicht eher glauben, als bis er selbst sähe.

Oder vielleicht wird man sagen, Aljoscha sei stumpf gewesen, unentwickelt, habe das Gymnasium nicht beendet usw. Letzteres ist allerdings wahr, doch wäre es eine große Ungerechtigkeit, zu sagen, daß er dumm gewesen sei. Ich wiederhole, was ich schon einmal gesagt habe: Der einzige Grund, warum er diesen Weg einschlug, war der, daß nur dieser Weg allein auf ihn damals einen tiefen Eindruck machte und ihm mit einemmal das ganze Ideal der Erlösung seiner leidenschaftlich aus der Finsternis zum Licht strebenden Seele zeigte. Jetzt bedenke man noch, daß er seinem Alter nach teilweise schon unserer neuen Zeit angehörte, also schon von Natur ehrlich war, nach Wahrheit verlangte, sie suchte, an sie glaubte und mit der ganzen Kraft seiner Seele der Wahrheit unmittelbar teilhaftig werden wollte, sich nach einer Heldentat sehnte, und zwar mit dem bedingungslosen Wunsch, für diese Tat womöglich alles, selbst das Leben zu opfern. Nur sehen es diese Jünglinge leider nicht ein, daß das Opfer des Lebens in den meisten Fällen vielleicht das leichteste von allen Opfern ist, und daß, zum Beispiel, von seinem in Jugend schäumenden Leben fünf oder sechs Jahre schwerem, mühsamem Studium der Wissenschaft zu opfern – und wenn auch nur, um in sich die Kraft zur Förderung dieser selben Wahrheit und zur Ausführung derselben Heldentat, für die man schwärmt, und die zu erfüllen man sich vorgenommen hat, zu verzehnfachen – daß solch ein Opfer vielen von ihnen weit über ihre Kräfte geht. Aljoscha erwählte bloß den Weg, der allen anderen entgegengesetzt war, doch tat er es mit demselben heißen Verlangen nach einer schnellen Heldentat. Kaum war er in ernstem Nachdenken von der Überzeugung, daß es Unsterblichkeit und Gott gibt, ergriffen worden, als er sich natürlicherweise sofort sagte: „Ich will für die Unsterblichkeit leben, auf einen Kompromiß aber gehe ich nicht ein.“ Ebenso wäre er, wenn er sich überzeugt hätte, daß es Unsterblichkeit und Gott nicht gibt, sofort zu den Atheisten und Sozialisten übergegangen (denn der Sozialismus ist nicht nur eine Arbeiterfrage oder eine Frage des sog. vierten Standes, sondern hauptsächlich eine atheistische Frage, die Frage der gegenwärtigen Inkarnation des Atheismus, die Frage des „Turmes zu Babel“, der gerade ohne Gott gebaut wird, nicht zur Erreichung des Himmels von der Erde aus, sondern zur Niederführung des Himmels auf die Erde). Es schien Aljoscha sogar sonderbar und unmöglich, so weiter zu leben. Es steht geschrieben: „Verteile dein Gut und folge mir nach, wenn du vollkommen sein willst.“ Und so sagte sich denn auch Aljoscha: „Ich kann doch nicht an Stelle meines ganzen Gutes nur zwei Rubel geben, und anstatt des ‚folge mir nach‘ nur zur Kirche gehen.“ Von den Eindrücken seiner Kinderjahre erinnerte er sich vielleicht noch einiger aus unserem Kloster, wohin ihn die Mutter oftmals mitgenommen hatte. Vielleicht waren auch die schrägen Strahlen der Abendsonne, die auf das schimmernde Heiligenbild fielen, als ihn seine Mutter, die Klikuscha, zu jenem hingehalten hatte, auf ewig in seine Seele gefallen. Nachdenklich und still war er damals, als er herkam, vielleicht nur, um zu sehen: Ist hier alles, oder sind auch hier nur zwei Rubel? – Da traf er im Kloster diesen Staretz ...

Dieser Staretz war, wie ich schon früher sagte, der Staretz Sossima. Doch hier sehe ich mich gezwungen, zunächst ein wenig zu erläutern, wer und was diese „Startzen“ in unseren Klöstern eigentlich sind. Es tut mir nur leid, daß ich mich in dieser Frage nicht ganz maßgebend fühle; ich werde mich daher mit einer kurzen, mehr oberflächlichen Erklärung begnügen. Viele Sachkundige behaupten, daß das Startzentum bei uns in unseren russischen Klöstern erst seit sehr kurzer Zeit eingeführt sei, kaum seit hundert Jahren, während es im ganzen orthodoxen Osten, besonders auf dem Sinai und dem Athos, schon seit mehr denn tausend Jahren vorkomme. Es wird zwar behauptet, daß das Startzentum auch bei uns früher, schon in den ältesten Zeiten, bestanden habe, dann aber infolge der vielen Heimsuchungen Rußlands, infolge des Tatarenjochs, der inneren Unruhen, der Unterbrechung unserer früheren Verbindungen mit dem Westen und schließlich der Eroberung Konstantinopels durch die Türken vergessen worden sei. Aufgekommen aber wäre es jetzt wieder seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts durch einen der großen Eiferer, Paissij Welitschkowskij und seine Schüler, doch ist es noch heute, also selbst nach fast hundert Jahren, nur in sehr wenigen Klöstern eingeführt, und nicht selten ist es sogar als in Rußland unerhörte Neuerung nahezu Verfolgungen ausgesetzt gewesen. Zu besonderer Blüte kam es bei uns in Rußland in der berühmten Einsiedelei der Koselskischen Optina. Wann und durch wen es auch in unserem, ganz nahe bei der Stadt gelegenen Kloster eingeführt worden ist, weiß ich nicht; doch sind dort schon drei Startzen gewesen, von denen der Staretz Sossima der dritte und der letzte Nachfolger war. Auch er siechte schon in Krankheit und Schwäche dahin. Durch wen man ihn aber ersetzen sollte, das wußte man noch nicht einmal. Für unser Kloster war das eine wichtige Frage, da es sich bis dahin eigentlich noch durch nichts ausgezeichnet hatte: Es gab in ihm weder Gebeine Heiliger noch „wunderbar erschienene,[5] wundertätige Heiligenbilder“, und nicht einmal alte Sagen, die es mit unserer Geschichte verknüpft oder von ihm Großes, um das Vaterland Verdienstvolles zu berichten gewußt hätten. Aufgeblüht aber und in ganz Rußland bekannt geworden war es gerade durch seine Startzen, die zu sehen und zu hören Pilger in Scharen von weitem herkamen und oft Tausende von Werst zu Fuß zurücklegten. Doch was ist nun solch ein Staretz? Der Staretz ist einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und seinen Willen aufnimmt. Wenn man einen Staretz gewählt hat, sagt man sich von dem eigenen Willen los und gibt ihn dem Staretz zu vollem Gehorsam mit vollständiger Selbstverleugnung. Diese Prüfung, diese furchtbare Lebensüberwindung nimmt der sich dem Staretz Ergebende freiwillig auf sich: in der Hoffnung, nach langer Prüfung sich selbst überwinden zu können, sich seiner selbst dermaßen zu bemächtigen, daß er endlich durch lebenslänglichen Gehorsam die volle Freiheit erlange, – das heißt, um vor sich selbst frei zu sein, auf daß er dem Los derer entgehe, die das ganze Leben verleben und doch ewig ihr eigener Knecht bleiben. Diese Einrichtung, ich meine das Startzentum, ist nicht theoretisch entstanden, sondern hat sich im Osten aus der Praxis ergeben und ist heutzutage schon tausendjährig. Die Verpflichtungen dem Staretz gegenüber sind nicht etwa der gewöhnliche „Gehorsam“ (oder „Dienst“), der in unseren russischen Klöstern seit jeher üblich ist; nein, hier handelt es sich um die ewige Beichte aller sich dem Staretz Ergebenden und die unlösbare Verbindung zwischen dem Gebundenen und dem Bindenden. Man erzählt sich zum Beispiel, daß einmal in den ältesten Zeiten des Christentums ein derart Gebundener eine Buße, die ihm von seinem Staretz auferlegt worden war, nicht erfüllt und das Kloster verlassen hatte, und in ein anderes Land, ich glaube aus Syrien nach Ägypten, gezogen war. Dort hatte er lange Zeit Großes vollbracht, und schließlich war er für seinen Glauben den Märtyrertod gestorben. Als aber die Kirche ihn, den sie fast schon als Heiligen ehrte, bestatten wollte, da war der Sarg plötzlich bei den Worten des Diakonus: „Katechumenen, geht hinaus“, mit der in ihm liegenden Leiche des Märtyrers von der Stelle gerückt und zur Kirche hinausgeworfen worden, und also war es dreimal geschehen. Erst später hatte man erfahren, daß der heilige Dulder den Gehorsam gebrochen und seinen Staretz verlassen hatte, und darum konnte ihm ohne die Erlaubnis dieses Staretz, selbst trotz seiner großen Taten, nicht verziehen werden. Und seine Bestattung konnte erst stattfinden, als sein Staretz ihn der Buße enthoben hatte. Natürlich ist das nur eine alte Legende, doch will ich noch eine andere Begebenheit aus unserer Zeit erzählen: Einer unserer zeitgenössischen Mönche hatte sich in das Kloster des Athos zurückgezogen, und plötzlich befiehlt ihm sein Staretz, Athos zu verlassen – Athos, das er bis in die tiefste Tiefe seiner Seele in Liebe eingeschlossen hatte! – und zuerst nach Jerusalem und dann zurück nach Rußland, in den Norden, nach Sibirien zu gehen: „Dort ist dein Platz, nicht hier.“ Der erschrockene und vor Leid niedergedrückte Mönch ging nach Konstantinopel zum Ökumenischen Patriarchen und flehte ihn an, ihn des Gehorsams zu entbinden; da aber antwortete ihm der Ökumenische Machthaber, daß nicht nur er, der Ökumenische Patriarch, ihn nicht befreien könne, sondern daß es auf der ganzen Erde keine Macht gäbe, die ihn von dem, was ihm einmal sein Staretz auferlegt hätte, entbinden könnte, abgesehen natürlich von dem Staretz selbst. So haben denn die Startzen in gewissen Fällen eine grenzenlose und unvergleichliche Macht. Das ist auch der Grund, warum bei uns das Startzentum in vielen Klöstern auf solche Feindseligkeit stieß. Indessen aber wurden die Startzen im Volk alsbald sehr geachtet und verehrt. Zu den Startzen unseres Klosters kamen sowohl die einfachsten als die vornehmsten Leute, um ihnen kniend ihre Zweifel, Sünden und Leiden zu beichten und sie um Rat und Leitung zu bitten. Dagegen führten dann die Gegner der Startzen unter anderen Beschuldigungen aus, daß hierbei das Mysterium der Beichte eigenmächtig und leichtsinnig profaniert werde – obgleich in diesem Falle das ununterbrochene Beichten des sich ihm ergebenden Klosterbruders oder Weltlichen keineswegs als Mysterium aufgefaßt wurde. Es endete schließlich damit, daß das Startzentum sich doch behauptete und allmählich in den Klöstern verbreitete. Allerdings ist auch das wahr, daß dieses erprobte und schon tausendjährige Mittel zur sittlichen Auferstehung des Menschen von der Sklaverei zur Freiheit und zur moralischen Vervollkommnung sich in ein zweischneidiges Schwert verwandeln kann, so daß es manchen vielleicht, statt zur Demut und endgültigen Selbstüberwindung, zu satanischem Stolz, also zu Ketten, nicht aber zur Freiheit führt.

Der Staretz Sossima war fünfundsechzig Jahre alt; er stammte aus einer Gutsbesitzerfamilie, war als Junge Kadett gewesen und hatte im Kaukasus als Oberleutnant gedient. Zweifellos hatte er auf Aljoscha durch irgendeine ganz besondere Eigenschaft seiner Seele einen so tiefen Eindruck gemacht. Aljoscha lebte in seiner unmittelbaren Nähe, in seiner Zelle, da der Staretz ihn sehr liebgewonnen hatte. Ich muß noch bemerken, daß Aljoscha, als er damals im Kloster lebte, noch durch nichts gebunden war, zu jeder Zeit aus dem Kloster gehen und ganze Tage lang fortbleiben konnte, und wenn er die Kutte trug, so geschah es von ihm freiwillig, um nicht unter den anderen im Kloster aufzufallen, und natürlich gefiel es ihm auch selbst, die Kutte zu tragen. Vielleicht wirkten auf seine jugendliche Phantasie auch die Macht und der Ruhm, die seinen Staretz ununterbrochen umgaben. Von dem Staretz Sossima sagte man, er hätte in all den Jahren dermaßen viel Geständnisse und Geheimnisse in seine Seele aufgenommen, daß er schließlich schon auf den ersten Blick in das Gesicht des Unbekannten erraten könne, womit jemand zu ihm kam, was er suchte, und sogar, welch eine Qual sein Gewissen peinigte, und ihn, noch bevor der Andere ein Wort gesprochen, durch diese Kenntnis seines Geheimnisses in Erstaunen setzte, verwirrte und nicht selten erschreckte. Dabei fiel es Aljoscha besonders auf, daß viele, wenn nicht alle, die das erstemal zum Staretz zu einem Gespräch unter vier Augen kamen, ängstlich und unruhig bei ihm eintraten, dafür aber beinahe immer heiter und glücklich wieder fortgingen, daß selbst das finsterste Gesicht sich in ein fröhliches verwandelte. Auch wunderte es ihn sehr, daß der Staretz keineswegs streng war; im Gegenteil, er war stets heiter. Die Mönche sagten von ihm, daß er mit seiner Seele am meisten an denen hinge, die sündiger wären, und den am meisten liebte, der am sündigsten war. Unter den Mönchen gab es selbst bis zu seinem Lebensende noch manche, die ihn haßten und beneideten, doch war ihre Zahl schon recht klein geworden, und auch sie schwiegen, obgleich zu ihnen sogar sehr bekannte und im Kloster hochangesehene Mönche gehörten, wie zum Beispiel einer der ältesten Einsiedler, Pater Ferapont, der ein großer Schweiger und außergewöhnlicher Faster war. Doch immerhin hielt schon die übergroße Mehrzahl unbedingt zum Staretz Sossima, und von ihnen liebten ihn viele von ganzem Herzen; einige aber hingen geradezu fanatisch an ihm. Letztere sagten sogar – übrigens sagten sie es doch nicht ganz laut –, daß er ein Heiliger sei, daß darüber kein Zweifel bestehen könne, und da sie seinen nahen Tod voraussahen, so erwarteten sie sogar Wunder und schon in nächster Zukunft von dem Verscheidenden großen Ruhm fürs Kloster. Auch Aljoscha glaubte widerspruchslos an die wundertätige Kraft des Staretz, ganz wie er widerspruchslos auch an die Geschichte von dem dreimal aus der Kirche hinausgeflogenen Sarge glaubte. Er sah es, wie viele, die mit kranken Kindern oder erwachsenen Kranken hinkamen und den Staretz baten, seine Hände auf sie zu legen und ein Gebet über ihnen zu sprechen, alsbald wiederkehrten – viele sogar schon am nächsten Tage – und weinend vor dem Staretz niederfielen, um ihm für die Heilung ihrer Kranken zu danken. War’s nun wirklich Heilung, oder war’s nur eine natürliche Erleichterung – das konnte für Aljoscha weiter keine Frage sein, denn er glaubte bedingungslos an die geistige Kraft seines Lehrers, dessen Ruhm für ihn gleichsam sein eigener Triumph war. Besonders jedoch erbebte sein Herz und verklärte sich sein ganzes Gesicht, wenn der Staretz zu dem Volke, das ihn an der Pforte der Einsiedelei erwartete, hinausging. Diese Pilger kamen von weit her, von allen Gauen Rußlands, um den Staretz zu sehen und seinen Segen zu empfangen. Sie knieten vor ihm nieder, weinten, küßten seine Füße, küßten die Erde, auf der er stand, und die Weiber hielten ihm ihre Kinder hin oder führten ihm eine kranke Klikuscha zu.

Der Staretz redete mit ihnen, sprach über ihnen ein kurzes Gebet und segnete sie dann. In der letzten Zeit war er durch seine Krankheit so schwach geworden, daß er nicht mehr die Zelle verlassen konnte, und dann warteten die Pilger im Kloster oft tagelang auf sein Erscheinen. Niemals fragte sich Aljoscha, warum das Volk den Staretz so liebte, warum die Leute vor ihm niederfielen und vor Rührung weinten, sobald sie nur sein Antlitz sahen. O, er begriff vorzüglich, daß es für die demütige Seele des einfachen Russen, die von Leid und Arbeit zerquält ist, und vor allem durch die immerwährende Ungerechtigkeit und die Sünde – wie durch die eigene, so auch durch die Sünde der ganzen Welt –, keinen größeren Trost und kein größeres Verlangen gibt, als ein Heiligtum oder einen Heiligen zu finden, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten: „Wenn es auch bei uns Sünde, Unwahrheit und Versuchung gibt, so gibt es dort irgendwo auf Erden doch einen Heiligen und Höheren; dafür hat er die Wahrheit, dafür kennt er die Wahrheit: also ist sie auf Erden noch nicht gestorben, also wird sie einmal auch zu uns kommen und sich über die ganze Erde verbreiten, wie es verheißen ist.“

Aljoscha wußte, daß nur das Volk so fühlt und so denkt – das begriff er wohl; doch daran, daß gerade der Staretz dieser Heilige, dieser Hüter der Gotteswahrheit in den Augen des Volkes war – daran zweifelte er auch keinen Augenblick, gleich diesen weinenden Bauern und ihren kranken Weibern, die ihre Kinder dem Staretz entgegenbrachten. Die Überzeugung, daß der Staretz sterbend oder erst durch seinen Tod dem Kloster ungewöhnlichen Ruhm verschaffen werde, herrschte in Aljoschas Seele vielleicht sogar noch stärker als in allen anderen Anhängern des Staretz. Und überhaupt erhob sich und entbrannte in dieser ganzen letzten Zeit eine unbestimmbare, tiefe, flammende Begeisterung immer stärker und stärker in seinem Herzen. Es verwirrte ihn nicht im geringsten, daß dieser Staretz doch immerhin als ein einzelner vor ihm stand: „Gleichviel, er ist heilig, in seinem Herzen liegt das Geheimnis der Erneuerung aller, jene Kraft, die endlich die Wahrheit auf der Erde aufrichten wird, und alle werden heilig sein, und alle werden einander lieben, und es wird weder Reiche noch Arme, weder sich Überhebende noch Erniedrigte mehr geben, sondern es werden alle wie Kinder Gottes sein, und es wird das wahre Reich Christi beginnen.“ Das war es, wovon Aljoschas Herz träumte.

Ich glaube, die Ankunft seiner beiden Brüder, die er bis dahin überhaupt noch nicht gekannt hatte, machte einen ungewöhnlich starken Eindruck auf ihn. Mit seinem ältesten Bruder, Dmitrij Fedorowitsch, freundete er sich schneller und näher an, obgleich jener erst später ankam, als mit dem zweiten, seinem leiblichen Bruder Iwan Fedorowitsch. Es reizte ihn heftig, seinen Bruder Iwan näher kennen zu lernen; doch dieser lebte schon ganze zwei Monate beim Vater, sie aber waren sich noch immer nicht nähergetreten, was um so auffallender war, als sie sich sogar ziemlich oft sahen: Aljoscha war selbst schweigsam und schien etwas zu erwarten, schien sich irgendeiner Sache zu schämen; sein Bruder Iwan jedoch hörte, wie es schien, bald gänzlich auf, an ihn auch nur zu denken, obgleich Aljoscha zu Anfang sehr wohl seine langen, fragenden Blicke auf sich ruhen gefühlt und auch bemerkt hatte. Aljoscha schrieb diese Gleichgültigkeit seines Bruders, die ihn nicht wenig befangen machte, ihrem Alters- und besonders Bildungsunterschied zu. Doch machte sich Aljoscha auch noch andere Gedanken: ein so geringes Interesse für ihn und so wenig Teilnahme konnte bei Iwan vielleicht von etwas ganz anderem herrühren, das ihm, Aljoscha, völlig unbekannt blieb. Aus irgendeinem Grunde schien es ihm immer, daß Iwan mit etwas Besonderem beschäftigt war, mit etwas Innerlichem und Ungeheurem, daß er zu einem bestimmten Ziele strebte, vielleicht zu einem sehr schweren, so daß es ihm jetzt nicht um Brüder zu tun war, und daß dies also der einzige Grund sein konnte, warum er auf ihn, Aljoscha, so zerstreut blickte. Auch dachte Aljoscha noch darüber nach, ob sich darin nicht eine gewisse Verachtung des klugen Atheisten für ihn, den dummen Novizen, verbarg. Er wußte es, daß sein Bruder Atheist war. Diese Verachtung aber, selbst wenn sie vorhanden gewesen wäre, hätte ihn nicht kränken können; doch trotz allem erwartete er mit einer ihm selbst unerklärlichen, ihn verwirrenden Unruhe, wann denn der Bruder ihm endlich würde nähertreten wollen. Dmitrij Fedorowitsch äußerte sich über Iwan stets mit der größten Hochachtung und sprach überhaupt immer ganz besonders durchdrungen und begeistert von ihm. Durch ihn erfuhr denn auch Aljoscha alle Einzelheiten jener wichtigen Angelegenheit, die in der letzten Zeit seine beiden älteren Brüder so sonderbar und eng verbunden hatte. Diese begeisterten Äußerungen Dmitrijs über seinen Bruder Iwan waren in Aljoschas Augen um so auffallender, als Dmitrij im Vergleich zu Iwan so gut wie ganz ungebildet war und sie beide, wenn man sie als Persönlichkeiten und Charaktere verglich, einen so schroffen Gegensatz bildeten, wie man ihn sich größer nicht hätte vorstellen können.

Zu dieser Zeit fand dann die Zusammenkunft in der Zelle des Staretz statt, oder richtiger, die Familienversammlung aller Glieder dieser uneinigen Familie, die einen so ungewöhnlichen Eindruck auf Aljoscha machte. Der Vorwand, unter dem man zusammenkam, war natürlich erlogen. Gerade damals hatten die Uneinigkeiten zwischen Dmitrij Fedorowitsch und seinem Vater wegen der Vermögensabrechnungen einen Punkt erreicht, an dem jede Verständigung ausgeschlossen schien. Ihr Verhältnis zueinander spitzte sich immer mehr zu und wurde unerträglich. Ich glaube, Fedor Pawlowitsch war der erste, der scherzend vorschlug, sich doch in der Zelle des Staretz zu versammeln, und wenn auch nicht gerade seine Vermittlerschaft zu suchen, so sich doch immerhin etwas anständiger zu besprechen, wobei die Würde und die Person des Staretz natürlich einen gewissen Einfluß in gutem Sinne haben könnte. Dmitrij Fedorowitsch, der nie beim Staretz gewesen war und ihn nie gesehen hatte, glaubte natürlich, daß man ihn mit dem Staretz schrecken wollte; schließlich aber nahm er den Vorschlag an, besonders deshalb, weil er sich im Herzen für viele, gar zu heftige Ausfälle gegen den Vater heimlich ernste Vorwürfe machte. Bei der Gelegenheit will ich noch bemerken, daß er nicht im Hause seines Vaters lebte, wie Iwan Fedorowitsch, sondern ganz am anderen Ende der Stadt eine Wohnung gemietet hatte.

Hinzu kam jetzt noch, daß Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der zu jener Zeit gerade auf seinem Gute lebte, ganz besonders diese Idee Fedor Pawlowitschs gefiel. Als Liberaler der vierziger und fünfziger Jahre, Freigeist und Atheist, nahm er mehr aus Langeweile oder aus leichtsinniger Zerstreuungssucht an dieser ganzen Angelegenheit lebhaften Anteil. Er wollte plötzlich ungeheuer gern das Kloster und den „Heiligen“ sehen, und da sich sein alter Prozeß mit dem Kloster wegen der Grenze ihrer Güter und irgendwelcher Rechte auf das Holzfällen im Walde und den Fischfang im Fluß immer noch hinzog, so beeilte er sich jetzt, diesen Umstand zur Einwilligung des Staretz auszunutzen, unter dem Vorwande, daß er selbst mündlich mit dem Prior besprechen wollte, ob sich der Streit nicht irgendwie gütlich beilegen ließ. Einen Gast, der mit so wohlgesinnten Absichten kam, mußte man im Kloster selbstverständlich aufmerksamer und zuvorkommender empfangen als einen gewöhnlichen Neugierigen. Und infolge aller dieser Kombinationen konnte man dann einen gewissen Einfluß vom Kloster aus auf den kranken Staretz erwarten, denn sonst war die Hoffnung, vom Staretz empfangen zu werden, ziemlich gering: er verließ in letzter Zeit fast überhaupt nicht mehr seine Zelle und empfing selbst nicht einmal außergewöhnlichen Besuch. Nun, und so endete es denn auch damit, daß der Staretz seine Einwilligung gab und Tag und Stunde bestimmt wurde. „Wer hat mich berufen, ihr Richter zu sein?“ sagte er nur lächelnd zu Aljoscha.

Als Aljoscha von dieser Zusammenkunft erfuhr, erschrak er. Der einzige von allen, der diesen Besuch ernst nehmen konnte, war sein Bruder Dmitrij; die anderen jedoch würden alle aus leichtsinnigen und für den Staretz vielleicht sogar beleidigenden Gründen kommen – das war es, was Aljoscha sich sagte. Sein Bruder Iwan und Miussoff würden aus Neugier kommen, vielleicht sogar aus einer sehr rohen, sein Vater aber, um als Narr irgendeine dumme Szene zu machen. O, wenn Aljoscha auch schwieg, so kannte er seinen Vater doch schon zur Genüge. Ich wiederhole es: Dieser Jüngling war keineswegs so naiv einfältig, wie alle glaubten. Mit schweren Gefühlen erwartete er den festgesetzten Tag. Zweifellos sorgte er sich im Herzen viel darum, daß alle diese Familienzwistigkeiten sich nicht beilegen ließen. Doch trotzdem galt seine größte Sorge dem Staretz: er zitterte für ihn, fürchtete, daß sie ihn beleidigen könnten, fürchtete besonders den feinen, immer höflichen Spott Miussoffs und das stolze Schweigen seines intelligenten Bruders Iwan. Er wollte es sogar wagen, dem Staretz etwas davon zu sagen, ihn vorzubereiten, bedachte sich aber und sagte nichts. Nur ließ er am Vorabend seinem Bruder Dmitrij durch einen Bekannten sagen, daß er ihn sehr liebe und von ihm die Erfüllung des Versprechens erwarte. Dmitrij wurde nachdenklich, denn er konnte sich auf keine Weise erinnern, was er ihm versprochen haben sollte, und antwortete nur mit einem Brief, in dem er schrieb, daß er sich aus allen Kräften „von einer Niedrigkeit“ zurückhalten werde, und wenn er auch den Staretz und ihren Bruder Iwan sehr hoch achte, so sei er doch überzeugt, daß es sich um eine Falle für ihn oder um eine unwürdige Komödie handele. „Nichtsdestoweniger werde ich eher meine Zunge hinunterschlucken, als daß ich den Respekt vor dem heiligen Manne, den Du so verehrst, irgendwie vergessen sollte,“ schloß Dmitrij seinen kurzen Brief. Aljoscha fühlte sich aber durch ihn nicht sonderlich beruhigt.

Zweites Buch. Die unschickliche Versammlung

I. Die Ankunft im Kloster

Es war ein schöner, warmer und klarer Augusttag. Der September stand schon vor der Tür. Man hatte verabredet, daß sich alle gleich nach dem zweiten Hochamt, also ungefähr um halb zwölf Uhr, beim Staretz versammeln sollten. Unsere Klostergäste geruhten aber nicht, zum Gottesdienst zu kommen, sondern erschienen erst, als er gerade beendet war. Sie kamen in zwei Wagen angefahren: im ersten, einem eleganten kleineren Gefährt, das mit zwei teuren Pferden bespannt war, Pjotr Alexandrowitsch Miussoff mit seinem entfernten Verwandten Pjotr Fomitsch Kalganoff. Das war ein junger Mann von zwanzig Jahren, der sich vorbereitete, eine russische Universität zu besuchen, doch wußte er noch immer nicht, welche; Miussoff dagegen, bei dem er augenblicklich wohnte, beredete seinen jungen Verwandten, mit ihm nach Zürich oder Jena zu fahren, um dort die Universität zu besuchen und sein Studium zu beenden. Der junge Mann aber konnte sich noch immer nicht recht entscheiden. Er war nachdenklich und schien meist zerstreut zu sein. Er hatte ein angenehmes Gesicht, war stark gebaut und ziemlich hoch von Wuchs. Sein Blick konnte mitunter ganz auffallend unbeweglich sein: wie alle zerstreuten Menschen blickte er einen dann lange und starr an, ohne aber dabei etwas zu sehen. Er war schweigsam und ein wenig ungeschickt, doch kam es vor – übrigens nur, wenn er mit jemandem unter vier Augen war –, daß er plötzlich äußerst gesprächig, scherzhaft, heftig oder heiter sein, und herzlich, doch Gott weiß, über was eigentlich, lachen konnte. Aber seine Lebhaftigkeit verging gewöhnlich ebenso schnell, wie sie kam. Gekleidet war er immer gut, wenn nicht gar gesucht. Er besaß schon ein gewisses Vermögen und hatte die besten Aussichten, noch viel mehr zu erben. Mit Aljoscha war er befreundet.

Im zweiten Wagen, in einer äußerst alten, stöhnenden, doch recht umfangreichen Kutsche, vor der zwei alte Schimmel trabten, die aber hinter Miussoffs leichtem Gefährt beträchtlich zurückblieben, kam Fedor Pawlowitsch Karamasoff mit seinem zweiten Sohn Iwan Fedorowitsch angefahren. Dmitrij Fedorowitsch hatte man schon am vorhergehenden Tage die Stunde angesagt, doch trotzdem war er nicht zu sehen. Man ließ die Wagen außerhalb der Klostermauer bei der Herberge halten, stieg aus und trat zu Fuß durch das Klostertor ein. Außer dem alten Karamasoff hatte von den übrigen drei, wie es schien, kein einziger je ein Kloster von innen gesehen; Miussoff aber war vielleicht schon seit dreißig Jahren nicht mehr in einer Kirche gewesen. Er blickte mit einer Neugier um sich, die nicht ganz ohne eine gewisse gemachte Ungezwungenheit war. Doch leider gab es für seinen ausschauenden Verstand im Innern der Klostermauern außer den übrigens sehr einfachen Kirchen- und Wirtschaftsgebäuden nichts Besonderes zu entdecken. Aus der Kirche strömte sich bekreuzend das Volk, die Mützen in der Hand. Unter dem einfachen Volk fielen zwei oder drei Damen der höheren Gesellschaft sowie ein alter General auf: alle standen sie im großen Zimmer der Herberge. Bettler umringten alsbald die Neuangekommenen, doch keiner von ihnen gab etwas. Nur Petruscha Kalganoff nahm aus seiner Börse ein Zehnkopekenstück, das er verlegen einem Weibe zusteckte, wobei er hastig hervorstieß: „Richtig verteilen.“ Die anderen sagten ihm nichts darauf, so daß er ganz grundlos verwirrt wurde; trotzdem wurde er, als er bemerkte, daß die anderen dies schweigend übersahen, noch verlegener.

Etwas war aber sehr sonderbar: man sollte meinen, daß Gäste, wie sie, ganz anders empfangen werden müßten; Karamasoff hatte vor noch nicht langer Zeit tausend Rubel geschenkt, und Miussoff war der reichste Gutsbesitzer und der sozusagen gebildetste Mensch, von dem man hier im Kloster teilweise geradezu abhing, da der Prozeß, den man mit ihm wegen des Fischrechts im Fluß führte, noch nicht beendet war. Und siehe da: keine einzige der offiziellen Persönlichkeiten des Klosters war zu ihrem Empfang erschienen. Miussoff blickte zerstreut auf die Grabsteine an der Kirche und wollte schon bemerken, daß das Recht, an einem so „heiligen“ Ort begraben zu liegen, den Leidtragenden nicht wenig aus der Tasche gezogen haben müsse, schwieg aber und sagte nichts: die gewöhnliche liberale Ironie verwandelte sich in ihm fast in Zorn.

„Teufel, wo gibt es denn hier bei dieser blödsinnigen Einrichtung so etwas, wo man sich erkundigen kann ... Das muß man doch endlich feststellen, sonst verlieren wir hier bloß unsere kostbare Zeit,“ brummte er leise, als wollte er es nur so vor sich hinsagen.

Da trat ein älterer, kahlköpfiger Herr dienstbereit auf sie zu, ein Herr mit ungemein freundlich blickenden und etwas hervorstehenden Augen, der einen weiten Sommermantel trug. Er zog den Hut und stellte sich mit wahrhaft honigsüßer Stimme als Tulascher Gutsbesitzer Maximoff vor.

„Der Staretz Sossima lebt in der Einsiedelei, hermetisch verschlossen, hermetisch, vierhundert Schritt vom Kloster, durch das Wäldchen, durch das Wäldchen ...“

„Das weiß ich selbst, daß man durch das Wäldchen zu ihm gehen muß,“ unterbrach ihn Fedor Pawlowitsch Karamasoff, „aber den Weg dorthin hab ich total vergessen, bin lange nicht mehr hier gewesen.“

„Hier, hier, gleich durch diese Pforte und dann gerade durch das Wäldchen ... durch das Wäldchen. Wenn gefällig ... ich muß selbst ... ich werde selbst ... Hier, sehen Sie, hier ...“

Sie traten aus dem Torgang und schritten auf den Wald zu. Der Gutsbesitzer Maximoff, ein Mann von sechzig Jahren, ging nicht eigentlich, sondern lief geradezu neben ihnen her, während er sie dabei mit einer krampfhaften, schier unglaublichen Neugier betrachtete, wobei seine Glotzäugigkeit noch unangenehmer auffiel.

„Wir sind in einer besonderen Angelegenheit zum Staretz gekommen,“ bemerkte mit strenger Miene Miussoff. „Diese ‚Persönlichkeit‘ hat uns sozusagen eine Audienz gewährt, und daher müssen wir Sie bitten, obgleich wir Ihnen für das Wegweisen sehr dankbar sind, doch nicht mit uns zusammen einzutreten.“

„Ich war ja schon, ich war ja schon ... Un chevalier parfait!“ versicherte sofort der Gutsbesitzer und knipste mit den Fingern vor Begeisterung.

„Wer ist ein Chevalier?“ fragte Miussoff.

„Der Staretz, der prachtvolle Staretz, der Staretz! ... Die Ehre und der Ruhm des ganzen Klosters! Sossima! Das ist solch ein Staretz ...“

Seine krause Rede wurde unterbrochen: Ein kleiner, bleicher, magerer Mönch in einer Kutte kam ihnen nachgelaufen. Karamasoff und Miussoff blieben stehen. Der Mönch verbeugte sich tief und sagte höflich:

„Seine Hochehrwürden, der Prior, läßt Sie alle, meine Herren, bitten, nach Ihrem Besuch in der Einsiedelei zu ihm zum Mittagsmahl zu kommen. Und Sie gleichfalls,“ fügte er, sich an Maximoff wendend, hinzu.

„Das werde ich unbedingt!“ rief der alte Karamasoff, ungemein erfreut über die Einladung, „unbedingt! Und wissen Sie, wir haben uns alle das Wort gegeben, uns hier anständig aufzuführen ... Und Sie, Miussoff, werden Sie auch kommen?“

„Warum sollte ich denn nicht? Wozu bin ich denn sonst hergekommen, wenn nicht, um hier alle diese Bräuche kennen zu lernen. Nur eines macht mir Bedenken, und das ist gerade, was ich jetzt mit Ihnen, Fedor Pawlowitsch ...“

„Ja, meinen Sohn Dmitrij Fedorowitsch gibt’s aber vorläufig noch nicht.“

„Und er täte gut, überhaupt nicht zu kommen; ist mir denn diese Ihre ganze schmutzige Geschichte etwa angenehm, und zudem noch mit Ihnen als Zugabe! – Wir werden gern der freundlichen Einladung Folge leisten, überbringen Sie Seiner Hochehrwürden unseren besten Dank,“ sagte er darauf zum Mönch.

„Ich soll Sie zum Staretz führen,“ antwortete der Mönch.

„Dann werde ich jetzt solange zum Prior gehen!“ sagte eilig der Gutsbesitzer Maximoff.

„Der Prior ist augenblicklich in Anspruch genommen ... aber ... wie Sie wollen ...“ meinte etwas unentschlossen der Mönch.

„Ein äußerst zudringlicher Kauz,“ bemerkte Miussoff laut, als Maximoff zum Kloster zurückeilte.

„Gleicht ungemein dem berühmten Herrn von Sohn,“ sagte plötzlich der alte Karamasoff.

„Das scheint das einzige zu sein, was Sie sagen können ... Warum soll er denn Herrn von Sohn gleichen? Haben Sie überhaupt jemals Herrn von Sohn gesehen?“

„Selbstverständlich: auf der Photographie. Er gleicht ihm fabelhaft, sag ich Ihnen, wenn auch nicht in den Gesichtszügen, sondern in etwas ganz Unerklärlichem. Von Sohns Doppelgänger, mit einem Wort. Das sehe ich ihm sofort an der Physiognomie an.“

„Nun, meinetwegen,“ bemerkte Miussoff gereizt, „Sie sind ja Kenner in solchen Sachen. Nur noch eines, Fedor Pawlowitsch: Sie geruhten soeben selbst daran zu erinnern, daß wir uns das Wort gegeben haben, uns anständig aufzuführen, wie Sie sich wohl noch entsinnen werden. Ich sage Ihnen: Vergessen Sie das nicht! Sollten Sie aber wieder anfangen, den Narren zu spielen, so werde ich es, glauben Sie mir, nicht dulden, daß man mich hier mit Ihnen auf eine Stufe stellt! ... Sehen Sie, was das für ein Mensch ist,“ fügte er darauf, zum Mönch gewandt, hinzu, „ich fürchte mich geradezu, mit ihm bei anständigen Menschen einzutreten.“

Auf den blassen, blutleeren Lippen des kleinen Mönches erschien ein feines, verschwiegenes Lächeln, das in seiner Art doch eine gewisse Geriebenheit verriet, aber er antwortete nicht, und es war nur zu augenscheinlich, daß er aus dem Gefühl der eigenen Würde heraus schwieg. Miussoff runzelte die Stirn.

„Ach, der Teufel hole sie allesamt; das ist ja doch bloß eine in Jahrhunderten ausgearbeitete Äußerlichkeit; in Wirklichkeit ist es nur Scharlatanerie und Blödsinn.“

„Ah, da sind wir also glücklich angelangt: da ist die Einsiedelei!“ rief Fedor Pawlowitsch. „Die Mauer und die Pforte sind aber geschlossen, wie ich sehe.“

Und er begann, sich eifrig vor den Heiligenbildern zu bekreuzen, die über und zu beiden Seiten der Pforte gemalt waren.

„In ein fremdes Kloster soll man nicht mit seinem Reglement eintreten,“ bemerkte er. „Im ganzen suchen hier in dieser Einsiedelei fünfundzwanzig Heilige ihr Seelenheil, beobachten einander und vertilgen Sauerkohl. Und kein einziges Frauenzimmerchen darf hier durch diese Pforte treten, das ist das Bemerkenswerteste dabei, und das ist wirklich so. Aber, mein Lieber, wie kommt es – ich habe nämlich trotzdem gehört, daß der Staretz auch Damen empfängt?“ damit wandte er sich plötzlich an den Mönch.

„Aus dem Volk sind auch jetzt Weiber hier; sehen Sie dort, sie warten an der Galerie. Für die höheren Damen aber sind hier bei der Galerie, außerhalb der Einfriedung, zwei Zimmerchen angebaut, diese Fenster dort, und der Staretz kommt dann zu ihnen durch den inneren Gang, wenn er gesund ist, also immer außerhalb der Einfriedung. Auch jetzt ist dort eine vornehme Dame, eine Gutsbesitzerin aus dem Charkoffschen, Frau Chochlakoff; sie erwartet ihn mit ihrer gelähmten Tochter. Wahrscheinlich hat er versprochen, zu ihnen hinauszukommen, obgleich er in letzter Zeit so schwach geworden ist, daß er sich kaum noch dem Volk zeigen kann.“

„Also gibt es immerhin doch noch ein Schlupfloch, das aus der Einsiedelei zu den Weibern führt? Das heißt, heiliger Vater, glauben Sie um Gottes willen nicht, daß ich irgend etwas! – ich meinte ja nur so. Wissen Sie, auf dem Athos, Sie haben es vielleicht schon gehört, ist nicht nur der Besuch von Frauen verboten, sondern überhaupt jede Gotteskreatur weiblichen Geschlechts; weder werden dort Hühnchen geduldet, noch Putchen, noch Kälbchen ...“

„Fedor Pawlowitsch, ich werde sofort zurückgehen und Sie allein eintreten lassen! Man wird Sie hier sowieso hinausschmeißen, das prophezeie ich Ihnen!“

„Aber was tue ich Ihnen denn, Pjotr Alexandrowitsch? Sehen Sie doch mal,“ rief er plötzlich, da er durch die Pforte trat, „sehen Sie doch, in welch einem Rosental sie hier leben!“

Tatsächlich waren dort, wenn auch keine Rosen, so doch überall, wo man sie nur hatte pflanzen können, eine Menge seltener und schöner Herbstblumen. Augenscheinlich pflegte sie eine geübte Hand. Blumenbeete lagen zwischen Gräbern, und Blumen wuchsen als Spalier an der Mauer. Das einstöckige Holzhäuschen, in dem sich die Zelle des Staretz befand, war mit seiner Galerie vor dem Eingang gleichfalls von Blumen umgeben.

„War denn das auch beim früheren Staretz Warssonofij so? Der soll ja, wie man sagt, Schönheit überhaupt nicht geliebt haben, soll sogar das schöne Geschlecht mit dem Stock geschlagen haben,“ bemerkte Fedor Pawlowitsch, als er die Stufen hinanstieg.

„Der Staretz Warssonofij war zuweilen allerdings etwas wunderlich, aber auch viel Unwahres wird von ihm erzählt. Mit dem Stock hat er niemanden geschlagen,“ antwortete der Mönch. „Bitte sich hier einen Augenblick zu gedulden, ich werde Sie anmelden.“

„Fedor Pawlowitsch, zum letztenmal die Bedingung, hören Sie! Führen Sie sich gut auf, sonst haben Sie es mit mir zu tun,“ gelang es Miussoff, ihm noch schnell zuzuflüstern.

„’s ist wirklich unbegreiflich, warum Sie dermaßen erregt sind,“ bemerkte spöttisch Fedor Pawlowitsch, „oder fürchten Sie sich wegen Ihrer Sünden? Man sagt ja, daß er es an den Augen erkenne, womit man zu ihm kommt. Und wie hoch Sie plötzlich seine Meinung schätzen, Sie, solch ein Pariser und Fortschrittler! Sie setzen mich ja heute wahrhaftig in Erstaunen.“

Doch Miussoff konnte nichts mehr auf diesen Sarkasmus entgegnen: man bat sie einzutreten.

„Wie ich mich kenne, werde ich jetzt zu streiten anfangen, wie immer, wenn ich gereizt bin, ... werde heftig werden – und mich und die Idee erniedrigen, das weiß ich schon im voraus,“ fuhr es Miussoff noch durch den Kopf, als er ins andere Zimmer trat.

II. Der alte Narr

Sie betraten das Zimmer fast zu gleicher Zeit mit dem Staretz, der bei ihrem Erscheinen sofort seinen kleinen Schlafraum verlassen hatte. Sein Erscheinen erwarteten in der Zelle schon seit längerer Zeit zwei Priestermönche der Einsiedelei, der Pater Bibliothekar und der Pater Paissij, ein kranker, noch nicht alter, jedenfalls aber sehr gelehrter Mann, wie es hieß. Außerdem erwartete ihn noch stehend in einem Winkel ein junger, etwa zweiundzwanzigjähriger Bursche in einem Zivilrock, ein Seminarist und zukünftiger Theologe, der, unbekannt warum, von der ganzen Klosterbrüderschaft gönnerhaft beschützt wurde. Er war ziemlich groß von Wuchs, hatte ein frisches Gesicht mit breiten Kinnbacken, kluge und aufmerksame, schmale, braune Augen. Auf seinem Gesicht drückte sich vollkommene Ehrerbietung aus, doch war es eine anständige Ehrerbietung, d. h. ohne sichtbares sich Einschmeichelnwollen. Die eingetretenen Gäste begrüßte er nicht einmal mit einer Verbeugung, wie eine ihnen nicht gleichstehende, sondern untergeordnete oder gar von ihnen abhängige Person.

Der Staretz Sossima erschien in Begleitung Aljoschas und eines Novizen. Die Priestermönche erhoben sich und verneigten sich tief vor ihm, wobei sie mit den Fingern den Boden berührten, und küßten ihm darauf, nachdem sie sich bekreuzt hatten, ehrfürchtig die Hand. Der Staretz erteilte ihnen seinen Segen, verneigte sich vor einem jeden von ihnen ebenso tief, wobei er gleichfalls den Fußboden mit den Fingern berührte und auch von ihnen ihren Segen erbat. Die ganze Zeremonie ging sehr ernst vor sich, durchaus nicht wie irgendein alltäglicher Brauch, sondern fast mit einem tiefen Gefühl. Miussoff aber argwöhnte plötzlich, daß alles ihretwegen absichtlich so ernst und feierlich gemacht werde. Er stand, da er als erster eingetreten war, vor den anderen. Nun hätte er, ganz abgesehen von seinen Ideen, einfach aus gewöhnlicher Höflichkeit (da hier nun einmal solche Bräuche waren), auf den Staretz zutreten, und, wenn ihm auch nicht gerade die Hand küssen, so ihn doch wenigstens um seinen Segen bitten müssen. Das hatte er sich am Abend vorher sogar schon vorgenommen. Als er aber jetzt alle diese Verbeugungen sah, änderte er im Augenblick seinen Entschluß: wichtig und ernst machte er eine tiefe, gesellschaftliche Verbeugung und trat darauf zurück. Genau dasselbe tat auch Fedor Pawlowitsch, der diesmal wie ein Affe Miussoff auf ein Haar kopierte. Iwan Fedorowitsch machte ernst und höflich seine Verbeugung, doch gleichfalls „Hände an den Nähten“, Kalganoff dagegen verwirrte sich dermaßen, daß er überhaupt nicht grüßte. Der Staretz ließ seine zum Segen erhobene Hand wieder sinken, und bat sie, indem er sich zum zweitenmal vor ihnen verneigte, Platz zu nehmen. Aljoscha stieg das Blut ins Gesicht; er schämte sich – seine schlechten Ahnungen hatten ihn also nicht getäuscht!

Der Staretz setzte sich auf ein kleines, altmodisches Ledersofa aus rotem Holz, den Gästen aber wies er an der entgegengesetzten Wand vier Stühle an, die alle in einer Reihe standen, gleichfalls aus rotem Holz waren und einen stark abgenutzten Lederbezug hatten. Die Priestermönche setzten sich etwas abseits, der eine bei der Tür, der andere am Fenster. Der Seminarist, Aljoscha und der Novize blieben stehen. Die Zelle war nicht gerade groß und hatte so ein, fast möchte man sagen, welkes Aussehen. Die Sachen und die Möbel, nur die notwendigsten, waren von ganz einfacher Arbeit, fast ärmlich. Zwei Blumentöpfe auf dem Fensterbrett und in der Ecke viele Heiligenbilder – darunter ein sehr großes der Muttergottes, das wahrscheinlich schon lange vor der Kirchenspaltung[6] gemalt worden war. Vor ihm brannte ein Lämpchen. Daneben hingen zwei andere Heiligenbilder mit reicher Verzierung, etwas weiter zwei kleine Cherubim, Ostereier aus Porzellan, ein katholisches Kreuz aus Elfenbein mit einer es umarmenden Mater dolorosa, und dann hingen an den Wänden noch einige ausländische Gravüren großer italienischer Meister der vergangenen Jahrhunderte. Neben diesen schönen und teuren Gravüren hingen aber die allereinfachsten russischen Buntdrucke verschiedener Heiliger, Märtyrer, Erzbischöfe usw., kurz, Bilder, wie sie zu einer Kopeke das Stück auf allen Jahrmärkten verkauft werden. Ebenso hingen an den anderen Wänden noch mehrere Bilder lebender wie verstorbener Geistlicher. Miussoff streifte mit seinem Blick nur flüchtig diesen ganzen „Heiligenkram“ und richtete ihn dann fest auf das Gesicht des Staretz. Er schätzte seinen Blick sehr hoch: er hatte diese an ihm jedenfalls verzeihliche Schwäche, verzeihlich, wenn man bedenkt, daß er ein Mann von fünfzig Jahren war, also schon ein Alter erreicht hatte, in dem ein kluger, wohlsituierter Weltmann zu seiner eigenen Person immer ehrerbietiger wird – und wäre es unwillkürlich.

Im ersten Augenblick gefiel ihm der Staretz nicht. Allerdings war in dessen Gesicht etwas, das vielen, auch außer Miussoff, nicht gefallen hätte. Er war ein mittelgroßer, gebeugter Mann mit sehr schwachen Füßen, erst fünfundsechzig Jahre alt, doch erschien er infolge seiner Krankheit wenigstens um zehn Jahre älter. Sein mageres Gesicht war von kleinen, feinen Runzeln übersät, besonders um die Augen herum. Diese Augen waren nicht groß, wohl aber hell und glänzend wie zwei leuchtende Punkte. Nur an den Schläfen hatte er noch ein wenig graues Haar, das Bärtchen war spitz und klein und spärlich, die Lippen aber, die häufig lächelten, waren so schmal wie zwei dünne Schnürchen. Die Nase war nicht gerade lang, dafür aber fast so spitz wie ein Vogelschnabel.

„Allem Anschein nach ein boshaftes und kleinlich-anmaßendes Männchen,“ zuckte es Miussoff durch den Kopf. Er war sehr unzufrieden mit sich.

Da schlug die Uhr und half somit, ein Gespräch zu beginnen. Es schlug von einer billigen Wanduhr mit Gewichten in schnellen Schlägen gerade zwölf.

„Genau die festgesetzte Stunde!“ rief Fedor Pawlowitsch, „mein Sohn Dmitrij Fedorowitsch ist aber noch immer nicht erschienen. Ich bitte für ihn um Entschuldigung, heiliger Staretz!“ (Aljoscha fuhr zusammen, als er das „heiliger Staretz“ hörte.) „Ich selbst dagegen bin immer pünktlich auf die Minute, da ich weiß, daß Pünktlichkeit die Höflichkeit der Könige ist.“

„Soviel ich weiß, sind Sie nichts weniger als ein König,“ brummte Miussoff, der sich schon nicht mehr recht in der Gewalt hatte.

„Stimmt! Nichts weniger als ’n König. Und denken Sie nur, Pjotr Alexandrowitsch, das wußte ich ja selbst, bei Gott! Und sehen Sie, immer muß ich alles so mal à propos sagen! Ehrwürden!“ rief er darauf mit einem ganz plötzlichen, unerwarteten Pathos aus: „Sie sehen vor sich einen leibhaftigen Narren! Habe die Ehre, mich Ihnen als solchen vorzustellen. Alte Angewohnheit – leider! Daß ich aber am unrechten Ort und zur unrechten Zeit zuweilen etwas lüge, o, das geschieht sogar mit Absicht von mir, um andere zu erheitern und ihnen angenehm zu sein. Denn das muß man doch, nicht wahr? Wissen Sie, einmal, so vor etwa sieben Jahren, kam ich in ein Städtchen, es gab Geschäftchen abzuwickeln, wollte dort mit ein paar Kaufleuten eine Kompanie gründen. Kurz, wir gehen zum Kreispolizeichef – man mußte ihn doch um dies und jenes bitten –, um ihn zu einem Schmaus einzuladen. Er kommt heraus, groß, dick, blond und mürrisch, – eines der gefährlichsten Subjekte in solchen Fällen: ‚Herr Isprawnik,‘[7] sage ich zu ihm, ‚seien Sie unser Naprawnik!‘ – ‚Was soll ich sein?‘ fragte er. Ich sehe schon in der ersten Viertelsekunde, daß die Sache schief gegangen ist, er steht steif, fixiert mich: ‚Ich erlaubte mir, nur zu scherzen,‘ sage ich, ‚bloß so zur allgemeinen Heiterkeit, da Herr Naprawnik unser bekannter russischer Dirigent und Kapellmeister der kaiserlichen Oper ist, wir aber zur Harmonie unseres Unternehmens gleichfalls so etwas wie einen Kapellmeister brauchen‘ ... Kurz und gut, ich erkläre ihm vernünftig den ganzen Vergleich, nicht wahr, er aber sagt: ‚Ich bin der Isprawnik und verbitte mir unpassende Witzchen mit meinem Titel,‘ – kehrt sich um und geht! Ich ihm nach, rufe: ‚Ah, selbstverständlich sind Sie nur Isprawnik und kein Naprawnik!‘ – Er aber sagt nichts darauf und geht, geht wahrhaftig! Und was glauben Sie wohl: unsere ganze Geschichte ging aus dem Leim! Und immer bin ich so, immer verpfusche ich mir alles selbst mit meiner Liebenswürdigkeit! – Einmal, das ist jetzt schon viele Jahre her, sagte ich zu einer angesehenen, sogar einflußreichen Persönlichkeit: ‚Ihre Frau Gemahlin ist etwas sehr kitzlich,‘ – in dem Sinne, meine ich, was die Ehre anbetrifft, ich meine – in moralischer Hinsicht; er aber fragt mich: ‚Haben Sie sie denn gekitzelt?‘ Wart, denke ich, werde mir ein Witzchen erlauben: ‚Versteht sich,‘ sage ich. Nun, darauf hat er mich aber etwas anders gekitzelt ... Doch das ist schon so lange her, daß man sich weiter nicht mehr schämt, es zu erzählen. Und immer schade ich mir selbst auf diese Weise.“

„Das tun Sie ja auch jetzt wieder,“ brummte Miussoff mit Verachtung.

Der Staretz betrachtete sie beide stumm.

„Und ob! Stellen Sie es sich nur vor, Pjotr Alexandrowitsch, ich wußte das ja selbst, ich ahnte es bereits, als ich den Mund auftat und, wissen Sie, ich wußte sogar, daß Sie zu mir als erster diese Bemerkung machen würden. In diesen Sekunden, Ehrwürden, wenn ich sehe, daß der Spaß mir nicht gelingt, trocknen mir allmählich beide Wangen an das Zahnfleisch der unteren Kinnbacken an, und es kommt so etwas wie ein Krampf über mich: Das habe ich von Jugend auf, als ich noch bei den Edelleuten aus Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen wurde und mir auf diese Weise, also dafür, daß ich bei ihnen lustiger Gast war, mein Brot verdiente. Ich bin ein eingefleischter Narr, bin’s von Kindesbeinen an, bin so geboren, Ehrwürden, ’s ist angeborene Blödsinnigkeit, wie gesagt! Oder möglich, daß sich ein unreiner Geist in mir verbirgt, will’s nicht verreden, übrigens, keines großen Kalibers, denn ein bedeutenderer würde sich ein anderes Quartier mieten, nur ist damit nicht gesagt, daß er dabei das Ihrige, Pjotr Alexandrowitsch, wählen würde, denn, nicht wahr, auch Sie sind ja kein bedeutendes Quartier. Dafür aber bin ich gläubig, glaube an Gott! Nur in der letzten Zeit habe ich so einige Bedenken gekriegt, dafür aber sitze ich jetzt hier in Erwartung heiliger Worte. Ich, Ehrwürden, bin wie Diderot. Kennen Sie die Geschichte, wie der Philosoph Diderot zum Metropoliten Platon kam? – zur Zeit der Kaiserin Katharina? Er kommt herein und sagt direkt, ganz ohne jegliche Einleitung: ‚Es gibt keinen Gott.‘ Worauf der große Kirchenvater seine Hand erhebt und sagt: ‚Rede nur, Sinnloser, in deinem Herzen trägst du Gott!‘ Diderot ihm sofort zu Füßen: ‚Ich glaube,‘ ruft er aus, ‚und empfange die Taufe.‘ Und so wurde er denn auch sofort getauft. Fürstin Daschkowa hob ihn aus der Taufe, und Potemkin war sein Pate ...“

„Fedor Pawlowitsch, das ist unerträglich! Sie wissen es ja selbst, daß Sie lügen, daß diese dumme Anekdote nichts weniger als wahr ist, wozu machen Sie denn diese Faxen?“ unterbrach ihn mit zitternder Stimme Miussoff, der sich nicht länger beherrschen konnte.

„Mein ganzes Leben lang habe ich’s ja geahnt, daß sie nicht wahr ist!“ bestätigte sofort und gleichsam in heller Begeisterung Fedor Pawlowitsch. „Meine Herren, ich werde Ihnen dafür die ganze Wahrheit sagen! Großer Staretz! Verzeihen Sie mir: das letzte, dieses von der Taufe Diderots, habe ich mir selbst soeben ausgedacht, erst jetzt, genau, als ich es erzählte, früher ist es mir nie in den Kopf gekommen. Hab’s mir nur so zur Pikanterie ausgedacht. Darum mache ich ja nur diese Faxen, Pjotr Alexandrowitsch, um sympathischer zu sein. Zuweilen weiß ich übrigens selbst nicht, warum. Und was den Diderot betrifft, so habe ich dieses: ‚rede nur, Sinnloser,‘ etwa zwanzigmal von den hiesigen Gutsbesitzern erzählen gehört, hab’s bereits als halbes Kind gehört, als ich bei ihnen lebte; auch von Ihrer lieben Tante, Pjotr Alexandrowitsch, von Mawra Fominitschna, habe ich’s gehört. Alle sind sie durch die Bank, bis auf den heutigen Tag, noch überzeugt, daß der gottlose Diderot zum Metropoliten Platon über Gott disputieren gegangen ist ...“

Miussoff erhob sich, nicht nur, weil er die Geduld verloren hatte, sondern er tat es offenbar, weil er im Augenblick in seiner Erregung nichts anderes zu tun wußte. Er war empört und sagte sich, daß er dadurch selbst lächerlich werde. Ja, in der Zelle ging wirklich etwas ganz Unmögliches vor sich. Diese Zelle, in der vielleicht schon seit vierzig oder fünfzig Jahren, noch bei den früheren Startzen, die Fremden empfangen wurden, hatte nur tiefste Ehrfurcht gesehen. Alle, die in ihr empfangen worden waren, hatten gewußt, daß man ihnen damit eine große Gnade erwies. Viele sanken auf die Knie und erhoben sich erst, wenn sie fortgehen mußten. Viele sogar von den „höheren“ Persönlichkeiten, sogar viele Gelehrte, ja, selbst viele Freigeister, die entweder aus Neugierde oder aus sonst einem Grunde gekommen waren, machten es sich alle, bis auf den letzten, beim Eintritt in die Zelle zur ersten Pflicht, sich während des Besuchs tief ehrerbietig, tadellos zu benehmen, um so mehr, als man nicht für Geld empfangen wurde, sondern aus Liebe und Mitleid. Und die hinkamen, waren entweder Reuige, die Trost suchten, oder Menschen, die einer schweren Frage ihrer Seele eine Antwort suchen wollten, oder einen schweren Augenblick im Leben des eigenen Herzens zu überwinden hatten, und die dann um Beistand, Rat und Hilfe baten. So riefen denn solche Possen, wie sie plötzlich Fedor Pawlowitsch an diesem Ort trieb, bei den übrigen Anwesenden oder wenigstens bei einigen von ihnen stumme Verwunderung und erstauntes Nichtverstehenkönnen hervor. Die Priestermönche, die übrigens ihren Gesichtsausdruck nicht im geringsten veränderten, warteten ernst und aufmerksam, was der Staretz sagen werde, doch bereiteten auch sie sich schon vor, wie Miussoff, aufzustehen. Aljoscha war dem Weinen nahe und stand stumm mit gesenktem Kopf. Am sonderbarsten schien ihm, daß sein Bruder Iwan Fedorowitsch, der einzige, auf den er gehofft hatte, und der allein solch einen Einfluß auf seinen Vater besaß, daß er ihn hätte zügeln können, jetzt vollkommen unbeweglich auf seinem Stuhl saß, den Blick zu Boden gesenkt hielt, und, wie es schien, mit einer geradezu wißbegierigen Neugier abwartete, womit das enden werde, ganz als ob er selbst nur eine fremde Nebenperson wäre. Auf Rakitin, den Seminaristen, wagte Aljoscha nicht einmal einen Blick zu werfen, obgleich er ihn gut kannte, und ihm fast nahe stand: oh, er kannte dessen Gedanken nur zu gut (vielleicht er allein im ganzen Kloster).

„Entschuldigen Sie mich ...,“ begann Miussoff zum Staretz gewandt, „wenn ich Ihnen vielleicht gleichfalls als Teilnehmer an diesem unwürdigen Scherz erscheine. Meine Schuld besteht bloß darin, daß ich geglaubt habe, selbst so einer, wie Fedor Pawlowitsch, würde, wenn er an solch einem Ort ist, seine Pflichten begreifen ... Ich hätte es nicht gedacht, daß man dafür noch um Verzeihung werde bitten müssen, daß man mit ihm zusammen eintritt ...“

Miussoff sprach seinen Satz nicht zu Ende und wollte schon ganz verwirrt hinausgehen.

„Beunruhigen Sie sich nicht, ich bitte Sie darum,“ sagte der Staretz und erhob sich plötzlich, trotz seiner kranken Füße, von seinem Platz, ergriff Miussoff an beiden Händen und nötigte ihn, sich wieder auf den Stuhl zu setzen. „Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum, und besonders bitte ich Sie, mein Gast zu sein;“ und nachdem er sich nochmals verbeugt hatte, setzte er sich wieder auf sein kleines Sofa.

„Großer Staretz, sprechen Sie es aus: beleidige ich Sie durch meine Lebhaftigkeit oder nicht?“ rief plötzlich Fedor Pawlowitsch, wobei er auf dem Stuhl nach vorn rückte und mit den Händen schon die Armlehnen seines Stuhles ergriff, als ob er mit der Antwort zugleich aufspringen wollte.

„Und auch Sie bitte ich aufrichtig, sich nicht zu beunruhigen und sich keinen Zwang anzutun,“ sagte ihm eindringlich der Staretz. „Seien Sie ganz wie zu Haus. Und vor allem, schämen Sie sich nicht so sehr Ihrer selbst, denn nur daher kommt bei Ihnen alles.“

„Ganz wie zu Haus? Das heißt wohl so recht natürlich? O, das ist viel, viel zu viel, doch – nehme es in Rührung an! Wissen Sie, gesegneter Vater, beschwören Sie mich nicht auf das Natürliche, riskieren Sie es lieber nicht ... Bis zur Natürlichkeit komme ich ja noch nicht einmal bei mir selbst. Ich warne Sie nur, um Sie vor Schlimmem zu bewahren. Na ja, und was das übrige anbetrifft, so liegt das noch in der Finsternis der Unbekanntheit, obgleich mich gewisse Leute gern anschwärzen wollen. Das ist an Ihre Adresse gesagt, Pjotr Alexandrowitsch. Ihnen aber, heiligstes Wesen, Ihnen sage ich folgendes: ‚Ich spreche meine Begeisterung aus!‘“ Er erhob sich, erhob die Hände und rief: „‚Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brüste, die dich genährt,‘ besonders die Brüste! Sie haben mich soeben mit Ihrer Bemerkung: ‚Schämen Sie sich nicht so sehr Ihrer selbst, denn nur daher kommt alles,‘ mit dieser Bemerkung haben Sie mich einfach durchbohrt und mir gezeigt, daß Sie in meinem Innersten lesen. Das ist es ja, daß es mir immer scheint, wenn ich zu Leuten hineingehe, daß ich gemeiner als alle bin, und daß mich alle für einen Narren halten, und darum denke ich: ‚wart, werde meinetwegen den Narren spielen, fürchte eure Meinung nicht, denn ihr seid doch alle, bis auf den letzten, gemeiner als ich!‘ Sehen Sie, und darum bin ich denn Narr, bin vor Scham Narr, großer Staretz, nur vor Scham! Nur aus Argwohn bin ich frech, mache ich sofort Skandal. Denn wäre ich überzeugt, wenn ich eintrete, daß mich alle sofort für den liebenswürdigsten und klügsten Menschen halten, – Herrgott, was würde ich dann für ein guter Mensch sein! Mein Lehrer!“ rief er aus und sank ganz plötzlich auf die Knie nieder, „was soll ich tun, um das ewige Leben zu erwerben?“

Selbst jetzt war es schwer, zu sagen, ob er scherzte, oder ob er tatsächlich so begeistert war?

Der Staretz blickte ihn an und sagte lächelnd:

„Das wissen Sie selbst schon längst, was man dazu tun muß, Verstand haben Sie genug: Ergeben Sie sich nicht dem Trunk, mäßigen Sie sich in Ihren Worten, ergeben Sie sich nicht der Sinnenlust und vor allem nicht der Vergötterung des Geldes, und schließen Sie Ihre Trinkstuben, wenn nicht alle, falls Ihnen das unmöglich ist, so doch wenigstens zwei oder drei. Und die Hauptsache, das allerwichtigste – lügen Sie nicht.“

„Das geht wohl auf das von dem Diderot?“

„Nein, nicht nur auf die Geschichte vom Diderot. Die Hauptsache ist, belügen Sie sich nicht selbst. Wer sich selbst belügt und auf seine eigene Lüge hört, kommt schließlich dazu, daß er keine einzige Wahrheit mehr, weder in sich noch um sich, unterscheidet, das aber führt zu Nichtachtung sowohl seiner selbst als der anderen. Wer aber niemanden achtet, der hört auch auf zu lieben; um sich aber ohne Liebe zu beschäftigen und zu zerstreuen, ergibt er sich den Leidenschaften und rohen Ausschweifungen und steigt in seinen Lastern hinab bis zum Viehischen; und also geschieht das nur durch seine fortwährende Lüge, den Menschen wie sich selbst gegenüber. Wer sich selbst belügt, kann sich auch am ehesten beleidigt fühlen. Ist es doch mitunter sogar sehr angenehm, sich gekränkt zu fühlen, ist’s nicht so? Und der Mensch weiß es doch selbst, daß ihn niemand gekränkt hat, daß er sich selbst die Kränkung ausgedacht und vorgelogen hat zur vermeintlichen Zierde, daß er es selbst vergrößert hat, daß er aus einer Erbse einen Berg macht, – er weiß es selbst nur zu gut, und doch fühlt er sich gekränkt, fühlt er sich bis zum Wohlbehagen gekränkt, bis zur Empfindung eines Genusses, und das bringt ihn dann bis zur wahren Feindschaft gegen die Menschen ... Aber so stehen Sie doch auf, setzen Sie sich doch, ich bitte Sie darum; das sind doch gleichfalls nur erlogene Gebärden.“

„Heiligster Mensch! Lassen Sie mich Ihre Hand küssen,“ rief aufspringend Fedor Pawlowitsch begeistert aus, beugte sich geschwind und drückte schmatzend einen Kuß auf die magere Hand des Staretz. „Das ist es ja, das ist’s: jawohl, geradezu angenehm ist es, sich gekränkt zu fühlen! Das haben Sie so schön gesagt, wie ich es überhaupt noch nicht gehört habe. Das ist es ja, mein Lebelang habe ich mich bis zum Genuß gekränkt gefühlt, habe mich nur um der Ästhetik willen gekränkt gefühlt, denn es ist nicht nur angenehm, sondern zuweilen sogar hübsch, gekränkt zu sein; – das haben Sie vergessen, hinzuzufügen, großer Staretz: wirklich hübsch. Das werde ich mir ins Notizbuch schreiben! Aber gelogen habe ich entschieden mein ganzes Leben, an jedem Herrgottstag, in jeder Stunde und Minute; bin die leibhaftige Lüge, bin der Vater der Lüge! Übrigens verhaue ich mich wahrscheinlich wieder im Text, sagen wir lieber, der Sohn der Lüge, das dürfte ja auch schon genügen. Nur ... hören Sie, mein Engel ... so etwas wie das vom Diderot kann man zuweilen doch erfinden! Diderot schadet weiter nicht, aber so gewisse Wörtchen können mitunter schaden. Ach, bei der Gelegenheit, großer Staretz, hätt’s beinahe total vergessen, und hab’s mir doch schon seit drei Jahren fest vorgenommen, mich hier danach zu erkundigen, gerade hier anzufragen und es positiv zu erfahren – wollten Sie aber nicht vorher Pjotr Alexandrowitsch sagen, daß er mich nicht unterbricht! – also, ich wollte sagen: ist es wahr, großer Mann, was in der Vita Sanctorum irgendwo geschrieben steht, von irgendeinem heiligen Wundertäter, den man um seines Glaubens willen gemartert hat? Es heißt dort nämlich, daß er, nachdem man ihn schließlich enthauptet hatte, aufgestanden sei, seinen Kopf aufgehoben und ihn ‚liebevoll geküßt‘ habe, und lange so mit ihm in den Armen herumgegangen sei, das Haupt immer ‚liebevoll küssend‘. Ist das nun wahr oder nicht, meine ehrenwerten Väter?“

„Nein, das ist nicht wahr,“ sagte der Staretz.

„So etwas steht überhaupt nicht in der Vita Sanctorum. Von welch einem Heiligen soll denn das geschrieben stehen?“ fragte der eine Priestermönch, der Pater Bibliothekar.

„Das weiß ich selbst nicht, von welch einem. Weiß es nicht und ahne es nicht einmal. Hab’s nur so reden hören, bin aber betrogen worden. Und wissen Sie, wer es erzählt hat? Nun, dieser selbe Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der sich soeben dermaßen über den Diderot zu entrüsten geruhte; er selbst ist es, der es erzählt hat!“

„Niemals habe ich Ihnen das erzählt! Mit Ihnen spreche ich überhaupt nicht!“

„Stimmt, Sie haben es nicht mir erzählt; aber Sie haben es in einer Gesellschaft erzählt, in der auch ich mich befand, und das war so vor ungefähr vier Jahren. Ich erwähne es ja nur aus dem einen Grunde, weil Sie, Pjotr Alexandrowitsch, durch diese spaßige Geschichte meinen Glauben erschütterten. Sie wußten es nicht und ahnten es nicht; ich aber kehrte mit erschüttertem Glauben heim, und seit der Zeit wird er immer noch mehr erschüttert. Ja, Pjotr Alexandrowitsch, Sie waren die Ursache eines großen Falles! Das ist nicht bloß so ein Geschichtchen von Diderot!“

Der alte Karamasoff geriet bereits in Pathos, doch war allen vollkommen klar, daß er sich wieder nur verstellte. Miussoff aber war doch tief verletzt.

„Welch ein Unsinn,“ sagte er gekränkt. „Ich habe es vielleicht wirklich einmal gesagt ... nur nicht Ihnen. Ich habe es selbst von anderen gehört. Man hat es mir in Paris erzählt; es war ein sehr gelehrter Franzose, der sich speziell mit russischer Theologie beschäftigte ... hatte lange in Rußland gelebt ... er sagte, es werde bei uns nach der Frühmesse in der Vita Sanctorum gelesen ... Ich habe es zwar selbst nicht gelesen ... und werde es auch nicht ... als ob man wenig bei Tisch spricht? ... Wir tafelten damals gerade ...“

„Ja, Sie tafelten damals gerade; ich aber verlor dabei meinen Glauben!“ neckte der alte Karamasoff geflissentlich weiter.

„Was geht mich Ihr Glaube an!“ fuhr Miussoff auf, bezwang sich aber plötzlich und fügte nur mit Verachtung hinzu: „Sie machen wirklich alles gemein, womit Sie in Berührung kommen.“

Der Staretz erhob sich von seinem Platz.

„Entschuldigen Sie mich, meine Herren, ich muß Sie auf wenige Minuten verlassen,“ sagte er, sich an alle wendend, „ich werde von Leuten erwartet, die noch vor Ihnen gekommen sind. Sie aber, lügen Sie ein für allemal nicht mehr,“ fügte er mit heiterem Gesicht zu Fedor Pawlowitsch gewendet hinzu.

Er verließ die Zelle. Aljoscha und der Novize gingen ihm sofort nach, um ihn die Treppe hinunterzugeleiten. Aljoscha war fast atemlos, war froh, fortgehen zu können, doch freute es ihn besonders, daß der Staretz nicht gekränkt, sondern heiter zu sein schien. Der Staretz wollte zur kleinen Galerie gehen, um die ihn Erwartenden zu segnen. Aber Fedor Pawlowitsch hielt ihn noch an der Zellentür auf:

„Gesegneter Mensch!“ rief er gefühlvoll, „erlauben Sie mir, noch einmal Ihre Hände zu küssen! Nein, mit Ihnen kann man doch reden! Sie glauben, daß ich immer so dumm bin und so den Narren spiele? So sage ich Ihnen denn, daß ich es die ganze Zeit mit Absicht getan habe, um Sie zu erproben. Die ganze Zeit befühle ich Sie ja doch nur, ob man mit Ihnen auch leben kann? Hat denn meine Wenigkeit Platz neben Eurer Hoheit!? Stelle Ihnen einen Belobigungsschein aus: man kann wahrhaftig mit Ihnen leben! Jetzt aber verstumme ich, verstumme für die ganze Zeit. Werde mich auf meinen Lehnstuhl setzen und verstummen! Jetzt ist die Reihe an Ihnen, Pjotr Alexandrowitsch, zu sprechen; jetzt sind Sie als Hauptperson zurückgeblieben ... auf zehn Minuten.“

III. Die gläubigen Weiber

Diesmal warteten unten an der kleinen Holzgalerie, die an der Außenseite der Einfriedigungsmauer angebaut war, nur Frauen, etwa zwanzig Weiber aus dem Volk. Man hatte sie benachrichtigt, daß der Staretz endlich käme, und alle hatten sich daraufhin erwartungsvoll herangedrängt. Auf die Galerie war auch Frau Chochlakoff mit ihrer Tochter gekommen, doch blieb sie in der anderen, für vornehme Gäste reservierten Hälfte. Frau Chochlakoff, eine reiche und stets geschmackvoll gekleidete Dame, war noch ziemlich jung, an sich sehr nett, etwas bleich vielleicht, mit sehr lebhaften, fast ganz schwarzen Augen. Sie war erst dreiunddreißig Jahre alt und seit fünf Jahren Witwe. Ihre vierzehnjährige Tochter hatte gelähmte Füße, und so wurde denn das arme Ding, das seit einem halben Jahr nicht gehen konnte, in einem langen Rollstuhl auf Gummirädern geschoben. Sie hatte ein ganz reizendes Gesichtchen, von der Krankheit sah es allerdings etwas abgezehrt aus, doch war es nichtsdestoweniger stets lustig. Etwas Schalkhaftes spielte in ihren großen, dunklen Augen mit den langen Wimpern. Die Mutter beabsichtigte schon seit dem Frühling, mit ihr ins Ausland zu reisen, hatte aber im Sommer ihr Gut nicht verlassen können. In unserer Stadt wohnte sie bereits seit einer Woche, wohl mehr aus geschäftlichen Gründen, als um hier zu beten; doch hatte sie vor drei Tagen schon einmal den Staretz besucht. Jetzt aber waren sie plötzlich wiedergekommen, obgleich sie wußten, daß er so gut wie niemanden mehr empfangen konnte, und hatten unentwegt um das „Glück, dem großen Arzt danken zu können“, gebeten. Inzwischen warteten sie auf ihn. Die Mutter saß auf einem Stuhl neben dem Rollstuhl ihrer Tochter. Zwei Schritt von ihnen stand ein alter Mönch, der aus einem fernen, unbekannten Kloster im Norden gekommen war. Er wartete gleichfalls auf den Segen des Staretz. Doch dieser schritt, als er auf die Galerie trat, geradenwegs zum Volk. Man drängte sich sofort zur kleinen, dreistufigen Treppe, die von der niedrigen Galerie auf den Rasen hinabführte. Der Staretz blieb auf der obersten Stufe stehen, nahm das Epitrachelion um und begann die sich zu ihm drängenden Frauen zu segnen. Man zog auch eine „Klikuscha“ an beiden Händen zu ihm heran. Kaum aber hatte diese den Staretz erblickt, als sie plötzlich ganz absonderlich zu kreischen, zu schnucken und am ganzen Körper zu zittern begann, so, wie kleine Kinder zittern, wenn sie Krämpfe haben. Der Staretz breitete sein Epitrachelion mit einer Handbewegung über ihren Kopf, sprach ein kurzes Gebet – und sie verstummte und beruhigte sich sofort. Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, doch in meiner Kindheit habe ich häufig auf dem Lande und in Klöstern solche „Klikuschi“ gesehen und gehört. Sie wurden zum Gottesdienst geführt; sie kreischten oder bellten wie Hunde durch die ganze Kirche, doch wenn die geweihten Gaben des heiligen Abendmahles herausgetragen und sie dann zu ihnen geführt wurden, so hörte die „Besessenheit“ sofort auf, und die Kranken beruhigten sich stets auf einige Zeit. Mir fiel das als Kind ungemein auf, und ich wunderte mich nicht wenig darüber. Doch schon damals erfuhr ich auf meine Fragen von verschiedenen benachbarten Gutsbesitzern und besonders in der Stadt von meinen Lehrern, daß alles nur Verstellung sei, um nicht arbeiten zu müssen, und daß diese Krankheit mit der gehörigen Strenge stets auszurotten sei, wobei es dann noch zur Bekräftigung dieser Behauptung verschiedene Anekdoten gab. Späterhin aber erfuhr ich zu meinem Erstaunen von Medizinern, von Spezialisten, daß hierbei von Verstellung überhaupt nicht die Rede sein könne, daß das ganz einfach eine furchtbare Frauenkrankheit sei, die, wie es scheint, am häufigsten hier bei uns in Rußland vorkommt und von dem schweren Los unserer Bauernweiber zeugt, eine Krankheit, die von der allzu früh begonnenen, anstrengenden Arbeit nach einer schweren, unnormalen Entbindung ohne jede ärztliche Hilfe herrührt, oder auch von aussichtslosem Leid, von Schlägen usw., was gewisse Frauennaturen denn doch nicht ertragen können. Was aber die sonderbare und sofortige Heilung des „besessenen“ und tobenden Weibes anbetrifft, die man mir als Verstellung erklärt hatte oder als eine Posse, die womöglich von dem „Klerus“ selbst arrangiert werde, so ging sie wahrscheinlich gleichfalls auf ganz natürliche Weise vor sich: Sowohl die Kranke als die Weiber, die sie zur Hostie führten, glaubten daran, wie an eine allbekannte Wahrheit, daß der unreine Geist, der sich der Kranken bemächtigt hatte, diese einfach verlassen müsse, weil er es nicht ertragen könne, wenn man sie zum Altar bringt und sie vor der Hostie niederkniet. Darum aber ging dann in dem nervösen und natürlich auch psychisch kranken Weibe gewissermaßen eine Erschütterung des ganzen Organismus vor sich, die selbstverständlich durch die Erwartung des unbedingten Wunders hervorgerufen wurde, ja, infolge des unerschütterlichen Glaubens daran, daß es geschehen werde, hervorgerufen werden mußte. Und so geschah es denn auch, wenn auch nur auf eine Minute. Und so geschah es denn auch diesmal, kaum daß der Staretz die Kranke mit dem Epitrachelion bedeckt hatte.

Viele von den sich zu ihm drängenden Weibern brachen unter dem Eindruck des Augenblicks in Tränen der Rührung und der Begeisterung aus; andere wiederum drängten sich zu ihm, um wenigstens den Saum seines Gewandes zu küssen; wieder andere murmelten Gebete oder Segenssprüche vor sich hin. Er segnete sie alle, und mit einigen von ihnen sprach er auch. Die „Klikuscha“ kannte er schon von früher, sie wurde aus einem Dorfe, das nur sechs Werst vom Kloster entfernt war, zu ihm gebracht, und zwar hatte man das schon des öfteren getan.

„Du dort, du bist von fern hergekommen!“ sagte er zu einem noch ziemlich jungen Weibe, das aber sehr mager und im Gesicht nicht etwa bloß sonnverbrannt, sondern geradezu schwarz war. Sie lag auf den Knien und sah mit unbeweglichem Blick auf den Staretz. In ihrem Blick lag etwas wie Verzückung.

„Von weitem, Vater, von weitem, dreihundert Werst von hier. Von weitem, Vater, von weitem,“ sagte das Weib, die Worte fast singend, wobei es den Kopf langsam hin und her wiegte und die Hand an die Wange legte. Und ihre ganze Sprache war wie ein Klagegesang.

Es gibt im Volk stummes und vielgeduldiges Leid: es zieht sich in sich selbst zurück und schweigt. Doch gibt es auch anderes Leid: das bricht einmal in Tränen aus, und von dem Augenblicke an geht es dann in Klage oder Gebet über. Dies kommt besonders bei den Frauen vor. Doch ist es nicht leichter als das schweigende Leid. Die Klage lindert nur dadurch das Leid, daß sie das Herz zerreißt. Solch ein Leid verlangt nicht einmal nach Trost, es nährt sich am Gefühl seiner Unstillbarkeit, an seiner Trostlosigkeit. Die Klage aber ist nur das Bedürfnis, die schmerzende Wunde immer wieder zu berühren.

„Du bist wohl vom Kleinbürgerstande?“ fragte der Staretz, der sich aufmerksam in ihr Gesicht hineinsah.

„Aus der Stadt sind wir, Vater, aus der Stadt, sind einfache Leute, sind vom Bauernstande, wohnen aber in der Stadt, Vater, in der Stadt. Bin gekommen, um dich zu sehen. Wir haben von dir gehört, Vater, viel gehört. Habe mein Söhnchen, mein Kleines, beerdigt, bin gegangen, um zu Gott zu beten. Bin in drei Klöstern gewesen, doch alle sagen sie mir: ‚Gehe hin, Nastassjuschka, gehe hin, zu ihm,‘ zu dir, mein Liebling, soll ich gehen. So bin ich gekommen, war gestern im nächtlichen Gottesdienst, und heute bin ich zu dir gekommen.“

„Worüber weinst du?“

„Über mein Söhnchen, Vater, ein dreijähriges Kindchen war’s, nur noch drei Monate fehlten, und es wäre drei Jahre alt gewesen. Um mein Söhnchen quäle ich mich, Vater, um mein Söhnchen. Es war das letzte, das mir blieb, vier hatten wir, vier, Nikituschka und ich. Aber die Kinderchen bleiben nicht bei uns, du Guter, sie bleiben nicht. Die drei ersten begrub ich, begrub sie, und es tat mir nicht gar so weh; diesen letzten aber begrub ich, und nun kann ich ihn nicht mehr vergessen. Es ist mir, als ob er hier vor mir steht und nicht fortgeht. Hat mir die Seele ausgesogen. Betrachte ich seine Sächelchen, seine Hemdchen oder seine kleinen Stiefelchen, da stöhne ich und heule auf. Breite alles aus, was von ihm übriggeblieben ist, jedes kleine Sächelchen, sehe und heule. Sage Nikituschka, meinem Manne: Laß du mich, Lieber, beten gehen. Droschkenkutscher ist er, nicht arm sind wir, Vater, nicht arm, er ist sein eigener Herr, alles gehört uns selbst, die Pferde und auch die Wagen. Aber wozu nützt uns jetzt unser Besitz? Wieder wird er jetzt fehlgehen, mein Nikituschka, das ist schon so, ohne mich, und ist auch immer so gewesen: Wenn ich mich nur von ihm abwende, wird er sofort wieder schwach. Aber jetzt denke ich gar nicht mehr an ihn. Bin jetzt schon drei Monate fort von Hause. Habe vergessen, alles vergessen, und will auch nichts wissen; was soll ich jetzt mit ihm? Es ist aus mit ihm, habe mit allem abgeschlossen, mit allem. Würde ich doch jetzt nicht mein Haus sehen wollen und all mein Hab und Gut, und würde ich doch auch nichts mehr sehen!“

„Höre mich, Mutter,“ sagte der Staretz, „einstmals erblickte ein alter Heiliger im Tempel eine weinende Mutter, wie du, und sie weinte gleichfalls über ihr kleines Kind, um ihr einziges, das Gott von ihr zu sich genommen hatte. ‚Oder weißt du nicht,‘ sprach der Heilige zur Mutter, ‚wie kühn diese Kindlein vor dem Throne Gottes sind? Gibt es doch niemanden, der im Himmelreiche kühner wäre, denn sie. Du, Herr, hast uns das Leben geschenkt, sagen sie zu Gott, und kaum, daß wir es erschauten, da nahmst du es wieder von uns. Und so kühn bitten und flehen sie, daß der Herr sie alsbald zu Engeln macht. Und darum,‘ sprach der Heilige, ‚freue du dich, Weib, und weine nicht, denn dein Kind ist bei Gott und weilet in seiner Engelschar.‘ Also sprach in alten Zeiten der Heilige zum weinenden Weibe. War aber ein großer Heiliger, wie also hätte er ihr Unwahrheit sagen können? So wisse denn auch du, Mutter, daß auch dein Kind vor dem Throne Gottes steht und fröhlich und selig ist, und Gott für dich bittet. Und darum weine auch du nicht, sondern freue dich.“

Das Weib hörte ihn an, die Wange in die Hand gestützt. Sie seufzte tief.

„Damit hat mich auch Nikituschka getröstet, Wort für Wort, wie du es sagst: ‚Was weinst du,‘ sagt er, ‚unser Söhnchen ist jetzt bestimmt beim lieben Herrgott und singt dort mit den Engelein.‘ Das sagt er mir, weint aber dabei selbst, ich sehe es ja, weint, wie ich weine. ‚Das weiß ich, Nikituschka,‘ sage ich, ‚wo sollte er denn sonst sein, wenn nicht beim lieben Herrgott, nur ist er nicht bei uns, Nikituschka, sitzt nicht mehr hier neben uns, wie er früher saß!‘ Wenn ich nur ein einziges Mal ihn wiedersehen könnte, nur ein einziges Mal, würde ja nicht zu ihm gehen, würde kein Wörtchen sagen, würde mich in der Ecke verstecken, nur ein Minutchen, nur ein einziges, ihn sehen, ihn hören, wie er auf dem Hof spielt, oder hereinkommt und mit seinem Stimmchen ruft: ‚Mammi, wo bist du?‘ Nur einmal noch will ich hören, wie er im Zimmer herumtrippelt, nur ein einziges Mal, mit seinen Beinchen, tipp tapp, und so schnell, schnell geht’s, ich weiß noch, wie er zuweilen so zu mir gestrampelt kam, schrie und lachte dabei ... wenn ich nur einmal noch seine Schrittchen hören könnte, nur einmal, ich würde ihn gleich wiedererkennen! Aber er ist nicht mehr, Vater, er ist nicht mehr, und niemals mehr werde ich ihn hören. Sieh, hier ist sein Gürtelchen, er aber ist nicht mehr da, und niemals mehr, niemals mehr werde ich ihn sehen noch hören! ...“

Sie zog einen kleinen mit Borten bestickten Gürtel hervor, den sie in den Busen gesteckt hatte, doch kaum sah sie ihn an, da brach sie auch schon in Tränen aus; ihr ganzer Körper wurde vom Schluchzen erschüttert, sie bedeckte die Augen mit den Händen, doch die Tränen flossen durch die Finger über die Hände herab.

„So hat auch Rachel über ihre Kinder geweint und sich nicht trösten können; das sind die Schranken, die euch Müttern hier auf Erden gezogen worden sind. Und so gib dich denn nicht damit zufrieden, Weib, tröste dich nicht, und laß dich nicht trösten, sondern weine, nur wisse in jeder Stunde, in der du weinst, daß dein Sohn einer der Engel Gottes ist, daß er von dort auf dich niederschaut, dich sieht, und sich deiner Tränen freut, und sie Gott dem Herrn zeigt. Und lange noch, Mutter, wirst du die Tränen deines großen Schmerzes weinen, doch schließlich werden sie sich in eine stille Freude verwandeln, und deine bitteren Tränen werden dann nur Tränen einer stillen Rührung sein, eine Herzensläuterung, die vor allen Sünden bewahrt. Deines Sohnes aber werde ich im Gebete gedenken. Wie hieß er mit Namen?“

„Alexei, Vater.“

„Ein lieber Name. Nach dem Gottesknecht Alexei?“

„Nach dem Gottesknecht, Vater, ja, nach dem Gottesknecht, nach dem Gottesknecht Alexei.“

„Das war ein heiliger Mann! Ich werde seiner gedenken, Mutter, und auch deiner Trauer in meinem Gebet, und auch deines Mannes werde ich gedenken, auf daß es ihm wohl ergehe, und er gesund bleibe. Nur ist es Sünde von dir, ihn so allein zu lassen. Kehre zurück zu deinem Manne und beschütze ihn. Sonst sieht es dein Sohn von droben, daß du seinen Vater verlassen hast, und er wird über euch weinen: Warum störst du also seine Seligkeit? Denn er lebt doch, er lebt, denn die Seele ist ewig lebendig, und wenn du ihn auch nicht im Hause siehst, so ist er doch unsichtbar bei euch. Wie soll er nun in euer Haus kommen, wenn dir dein Haus, wie du sagst, nicht mehr lieb ist? Und zu wem soll er kommen, wenn er nicht euch beide, Vater und Mutter, beisammen findet? Sieh, jetzt träumst du von ihm, und das quält dich, dann aber wird er dir sanfte Träume schicken. Geh zu deinem Manne, Weib, kehre noch heutigen Tages zu ihm zurück, Mutter.“

„Ich werde gehen, du mein Lieber, werde gehen, wie du sagst. Hast mir mein Herz erleichtert! ... Nikituschka, du mein Nikituschka, erwartest mich wohl, mein Täubchen,“ begann sie vor sich hinzusagen, doch der Staretz wandte sich schon zu einem alten Mütterchen, das städtisch, aber ganz sonderbar und altmodisch gekleidet war. An ihren Augen konnte man sehen, daß sie etwas Besonderes auf dem Herzen hatte und gekommen war, um es mitzuteilen. Sie war die Witwe eines Unteroffiziers aus unserem Städtchen. Ihr Sohn Wassenjka hatte irgendwo im Kommissariat gedient, war aber dann nach Sibirien, nach Irkutsk, gefahren. Zweimal hatte er ihr von dort geschrieben, dann aber hatte sie ein ganzes Jahr lang keine Nachricht mehr von ihm erhalten. Sie hatte sich darauf wohl nach ihm erkundigt, doch genau genommen, wußte sie nicht recht, wo man sich eigentlich erkundigen sollte.

„Nun sagte mir noch neulich Stepanida Iljinitschna Bedrjägina, die Kaufmannsfrau, sie ist sehr reich – sie sagte mir, laß doch, Prochorowna, für deinen Sohn eine Seelenmesse lesen. Dann wird seine Seele Heimweh bekommen, und er wird dir sofort einen Brief schreiben. Das ist schon mehrmals erprobt worden und hat sich immer als richtig erwiesen, sagt Stepanida Iljinitschna. Nur denke ich so bei mir ... weiß nicht, was ich tun soll ... Sage du mir, unser Augenlicht, was soll ich tun, soll ich die Messe für seine Seele lesen lassen?“

„Du solltest an so etwas überhaupt nicht denken. Es ist schon eine Schande, solches auch nur zu fragen. Und wie wäre denn das möglich, daß man für eine lebende Seele die Totenmesse lesen läßt, und dazu noch die leibliche Mutter. Das wäre eine große Sünde, wäre wie Zauberei, und nur wegen deiner Unwissenheit sei es dir verziehen. Bete lieber zur Muttergottes für seine Gesundheit und auf daß sie dir deine unrechten Gedanken verzeihe. Und höre, was ich dir noch sagen werde, Prochorowna: Dein Sohn wird bald entweder selbst zu dir zurückkehren, oder er wird dir einen Brief schicken. Das wisse. Gehe jetzt und sei ruhig. Dein Sohn lebt, das sage ich dir.“

„Unser Lieber, du unser Augenlicht, Gott schütze dich, unser Wohltäter, weiß ich doch, daß du für uns alle betest und für alle unsere Sünden!“

Der Staretz aber hatte schon zwei brennende Augen bemerkt, mit denen ihn eine magere, dem Anscheine nach schwindsüchtige, doch noch junge Bäuerin unverwandt ansah. Sie blickte ihn stumm an, ihre Augen baten um etwas, doch schien sie Angst zu haben, näher zu kommen.

„Womit bist du gekommen, mein Kind?“

„Erlöse meine Seele, Vater,“ sagte sie leise und unübereilt, kniete nieder und verbeugte sich vor ihm bis zur Erde.

„Ich habe gefehlt, mein Vater, ich fürchte meine Sünde.“

Der Staretz setzte sich auf die unterste Stufe, die Bäuerin näherte sich ihm, ohne sich dabei von den Knien zu erheben.

„Ich bin Witwe, schon das dritte Jahr,“ begann sie halb flüsternd, wobei sie fast zusammenschauerte. „Schwer hatte ich es in der Ehe, alt war er, und schmerzhaft schlug er mich. Dann wurde er krank und lag zu Bett; und so denke ich, wie ich ihn so sehe, wenn er aber gesund wird und wieder aufsteht, was dann? Und da kam mir dieser selbe Gedanke! ...“

„Wart,“ sagte der Staretz und näherte sein Ohr ganz dicht ihren Lippen. Sie fuhr mit leisem Flüstern in ihrer Beichte fort, doch konnte man nichts mehr verstehen. Sie war bald zu Ende damit.

„Das dritte Jahr?“ fragte der Staretz.

„Das dritte. Zuerst dachte ich nicht daran, jetzt aber ist das Kränkeln gekommen und damit auch die Seelenangst.“

„Bist du von weitem hergekommen?“

„Über fünfhundert Werst von hier.“

„Hast du es in der Beichte gestanden?“

„Habe gestanden, habe es zweimal gestanden.“

„Hat man dich zum Abendmahl zugelassen?“

„Ja, man ließ mich zu. Ich fürchte mich, fürchte mich, zu sterben.“

„Fürchte nichts, und fürchte dich niemals, und ängstige deine Seele nicht. Wenn nur die Reue in dir nicht verarmt – wird Gott dir alles verzeihen. Gibt es doch keine Sünde, kann es doch auf der ganzen Welt keine so große Sünde geben, die Gott der Herr dem wahrhaft reuigen Sünder nicht verziehe. Und kann doch der Mensch nie und nimmer eine so große Sünde begehen, daß sie die endlose Liebe Gottes ganz erschöpfte. Oder glaubst du, daß es eine Sünde gäbe, die größer wäre als die Liebe Gottes? Trage nur Sorge um die Reue, sei unermüdlich im Bereuen, doch die Angst sollst du von dir scheuchen. Glaube daran, daß Gott dich so liebt, wie du es dir gar nicht denken kannst, daß er dich zusammen mit deiner Sünde und dich in deiner Sünde liebt. Weißt du nicht, daß es geschrieben steht: Über einen reuigen Sünder wird im Himmel mehr Freude sein, als über zehn Gerechte? So geh denn hin und fürchte dich nicht. Laß dich von den Menschen nicht erbittern und ärgere dich nicht über Kränkungen. Dem Verstorbenen vergib im Herzen alles, söhne dich aus mit ihm in Wahrheit. Wenn du bußfertig bist, so liebst du, liebst du aber, so bist du schon Gottes Kind ... Liebe erkauft alles, Liebe rettet alles. Wenn du schon mich, der ich doch ein ebenso sündiger Mensch bin wie du, gerührt hast und ich Mitleid mit dir empfinde, um wieviel mehr wird es dann Gott tun. Die Liebe ist ein so unschätzbarer Schatz, daß du mit ihr die ganze Welt kaufen kannst und nicht nur deine, sondern auch fremde Sünden auskaufst. So gehe jetzt hin in Frieden und fürchte dich nicht.“

Dreimal schlug er das Kreuz über sie, nahm dann von seinem Halse ein kleines Heiligenbild und legte es um ihren Hals. Schweigend neigte sie sich vor ihm bis zur Erde. Er erhob sich, und blickte heiter auf ein gesundes Bauernweib, das ein Brustkind auf den Armen trug.

„Bin aus Wyschegorje, Liebster.“

„Immerhin sechs Werst von hier, hast noch dazu das Kindchen getragen. Was wolltest du?“

„Dich sehen wollte ich; ich bin doch schon früher bei dir gewesen, oder hast du’s vergessen? Dann hast du wohl kein großes Gedächtnis, wenn du mich schon vergessen hast! Die Leute sprachen dort bei uns, daß du krank sein sollst; da dachte ich, wart, werde ich selbst hingehen, sehen, was er macht. Und da sehe ich dich nun; was bist du denn für ein Kranker? Wirst noch zwanzig Jahre leben, wirklich! Gott mit dir! Und als ob du wenig Fürbitter hättest! Wie sollst du denn krank sein?“

„Ich danke dir für alles, Liebe.“

„Wart, ich habe noch eine kleine Bitte an dich, sie ist nicht groß: Hier sind sechzig Kopeken, gib sie, Liebster, einer, die ärmer ist als ich. Als ich herkam, dachte ich so bei mir: Besser, ich gebe es durch ihn; er wird schon wissen, wer es nötig hat.“

„Ich danke dir, Liebste, danke, meine Gute. Ich habe dich lieb, du Gute; ich werde unbedingt so handeln, wie du wünscht. – Ist es ein Mädchen?“

„Ein Mädchen, Liebster, Lisaweta.“

„Der Herr segne euch beide, dich wie die kleine Lisaweta. Mein Herz hast du mir erheitert, Mutter. Lebt wohl, meine Lieben, lebt wohl, meine teuren Lieben!“

Er segnete alle und verneigte sich tief vor ihnen.

IV. Die kleingläubige Dame

Die zugereiste Gutsbesitzerin, die dem ganzen Gespräch des Staretz mit dem einfachen Volk zugehört hatte, vergoß stille Tränen und tupfte sie mit ihrem Batisttüchlein ab. Sie war eine gefühlvolle Weltdame mit in gar manchen Dingen wahrhaft guten Neigungen. Als der Staretz endlich auch zu ihr trat, begrüßte sie ihn ganz begeistert.

„Ich habe soviel, soviel empfunden beim Anblick dieser rührenden Szene ...“ Vor Erregung stockte sie im Sprechen. „O, ich verstehe nur zu gut, daß das Volk Sie liebt, ich liebe es auch selbst, ich will es lieben, und wie sollte man es auch nicht lieben, dieses prachtvolle, in seiner Größe so treuherzige, russische Volk!“

„Wie steht es mit der Gesundheit Ihrer Tochter? Man sagte mir, daß Sie mit mir sprechen wollten?“

„O, ich habe darum gebeten, gefleht! ich war bereit, auf die Knie zu fallen und meinetwegen drei Tage lang vor Ihren Fenstern zu knien, bis Sie mich dann endlich empfangen hätten! Wir sind zu Ihnen gekommen, großer Arzt, um Ihnen unseren heißen, heißen Dank auszusprechen! Sie haben doch meine Lisa ganz gesund gemacht, aber ganz, und wodurch? – Durch Ihr Gebet am Donnerstag, dadurch daß Sie Ihre Hände beim Gebet auf sie gelegt haben! Wir sind hergekommen, um diese Hände zu küssen, um unsere Gefühle, unsere Ehrfurcht auszudrücken!“

„Wieso habe ich sie geheilt? Sie liegt doch noch im Rollstuhl?“

„Aber sie fiebert jetzt in der Nacht überhaupt nicht mehr, zwei Nächte nicht mehr, seit Donnerstag!“ sagte nervös erregt die Dame. „Und nicht nur das allein, auch ihre Füße sind erstarkt. Heute morgen stand sie ganz gesund auf, sie hat die ganze Nacht geschlafen; sehen Sie doch, wie rosig sie heute ist, wie ihre Augen glänzen! Sonst weinte sie immer, jetzt aber lacht sie, ist lustig und fröhlich. Heute wollte sie unbedingt, daß man sie auf die Füße stelle, und so stand sie eine ganze Minute ohne jede Stütze. Sie hat mit mir gewettet, daß sie nach zwei Wochen Walzer tanzen werde. Ich ließ den hiesigen Doktor Herzenstube zu mir bitten; er aber zuckte bloß mit den Achseln und sagte: ‚Das überrascht mich, ist mir unverständlich!‘ Und Sie verlangen, daß wir Sie nicht mehr beunruhigen sollen, daß wir nicht danken? Lise, bedank dich doch, aber so bedanke dich doch!“

Lisas reizendes, lachendes Gesichtchen wurde plötzlich ganz ernst; sie erhob sich im Stuhl, soweit sie es konnte, blickte ernst den Staretz an und legte ihre Händchen vor ihm zusammen, doch konnte sie sich nicht bezwingen und fing von neuem an zu lachen ...

„Über ihn, ach, ich lache ja nur über ihn!“ rief sie, auf Aljoscha weisend, in kindlichem Unwillen über sich selbst, weil sie nicht ernst geblieben war und gelacht hatte. Wer Aljoscha, der einen Schritt hinter dem Staretz stand, betrachtet hätte, der würde die Röte bemerkt haben, die auf einen Augenblick in sein Gesicht stieg. Seine Augen blitzten auf, und er senkte den Blick zu Boden.

„Sie hat einen Auftrag an Sie, Alexei Fedorowitsch ... Wie geht es Ihnen?“ wandte sich die Mama an Aljoscha und streckte ihm ihr reizendes behandschuhtes Händchen entgegen. Der Staretz sah sich hastig nach Aljoscha um und betrachtete ihn lange Zeit sehr aufmerksam. Jener näherte sich Lisa und reichte ihr ein wenig ungeschickt lächelnd die Hand. Lise machte ein wichtiges Gesichtchen.

„Katerina Iwanowna schickt Ihnen durch mich diesen Brief,“ sagte sie und überreichte ihm ein kleines Schreiben. „Sie läßt Sie sehr, sehr bitten, zu ihr zu kommen und so schnell als möglich, und nicht nur zu versprechen, sondern bestimmt zu kommen.“

„Sie bittet mich, zu ihr zu kommen? Zu ihr, mich ... Warum denn?“ stotterte Aljoscha höchst verwundert. Er sah plötzlich ganz besorgt aus.

„O, es handelt sich natürlich um Dmitrij Fedorowitsch und ... um alle diese jüngsten Begebenheiten,“ erklärte flüchtig die Mama. „Katerina Iwanowna hat sich jetzt zu etwas entschlossen ... zu diesem Zweck aber muß sie Sie sehen – warum? Das weiß ich natürlich nicht; aber sie läßt Sie bitten, sobald als möglich zu kommen. Und Sie kommen doch, nicht wahr? Kommen Sie unbedingt, hier gebietet es sogar die Christenpflicht.“

„Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen,“ sagte Aljoscha immer noch ganz verwundert.

„O, das ist ein so edles, ein so unerreichbar edles Mädchen! ... Schon allein, was sie gelitten hat ... Bedenken Sie doch nur, was sie ertragen hat, und was sie jetzt ertragen muß, und bedenken Sie nur, was sie noch erwartet! ... Es ist schrecklich, wirklich schrecklich, wenn man das bedenkt!“

„Gut, ich werde hingehen,“ beschloß Aljoscha, nachdem er das kurze, rätselhafte Schreiben überflogen hatte, das außer der dringenden Bitte, zu ihr zu kommen, weiter nichts, keine einzige Erklärung enthielt.

„Ach, wie nett das von Ihnen ist, und es wird herrlich sein!“ rief Lisa ganz entzückt aus. „Ich habe Mama immer gesagt: Er wird bestimmt nicht kommen, um keinen Preis wird er kommen! Wie nett, wie reizend Sie sind! Ich habe mir immer gedacht, daß Sie reizend sind, und es ist mir angenehm, Ihnen das jetzt sagen zu können.“

„Lise!“ rief ernst die Mama, doch lächelte auch sie gleich wieder.

„Sie haben uns ganz vergessen, Alexei Fedorowitsch; Sie kommen ja gar nicht mehr zu uns! Lise aber hat mir schon zweimal gesagt, daß sie sich nur in Ihrer Gesellschaft wohl fühle.“

Aljoscha erhob den gesenkten Blick, wurde plötzlich wieder über und über rot und lachte abermals, ohne selbst zu wissen, warum. Der Staretz aber beobachtete ihn nicht mehr; er unterhielt sich bereits mit dem Mönch, der, wie schon erwähnt, neben Lisas Rollstuhl auf sein Erscheinen gewartet hatte. Es war dem Aussehen nach ein ganz einfacher Mönch, ein Mensch mit einer kleinen, doch unzerstörbaren Weltanschauung, dabei aber gläubig und in seiner Art ungemein starrköpfig. Er sagte, daß er aus dem fernen Norden gekommen sei, aus Obdorsk vom heiligen Silvester, – aus einem armen, kleinen Kloster, in dem nur neun Mönche lebten. Der Staretz segnete ihn und forderte ihn auf, einerlei wann, zu ihm in die Zelle zu kommen.

„Wie können Sie so was erreichen?“ fragte plötzlich der Mönch, wobei er ernst und feierlich auf Lisa hinwies. Er fragte es in betreff ihrer „Heilung“.

„Davon zu sprechen, ist natürlich noch zu früh. Erleichterung ist nicht völlige Heilung und kann auch durch andere Ursachen hervorgerufen worden sein. Und selbst das wird nicht anders als nach Gottes Wunsch und durch Gottes Kraft geschehen sein. Alles kommt von Gott. Besuchen Sie mich bald, Pater,“ fügte er nochmals hinzu, „denn nicht zu jeder Zeit kann ich aufstehen; ich bin krank und weiß, daß meine Tage gezählt sind.“

„O nein, nein, Gott wird Sie nicht von uns nehmen; Sie werden noch lange, lange leben!“ fiel die Mama ihm ins Wort. „Und woran sind Sie denn erkrankt? Sie sehen so gesund aus, so fröhlich und glücklich!“

„Heute fühle ich mich auch viel besser, aber ich weiß, daß es nur eine Erleichterung auf eine Minute ist. Ich kenne jetzt meine Krankheit und kann mich nicht mehr darüber täuschen. Wenn ich Ihnen aber so fröhlich und glücklich scheine, so hätten Sie mich mit nichts so erfreuen können wie durch diese Bemerkung. Denn zum Glück sind die Menschen geschaffen, und wer vollkommen glücklich ist, der darf sich selbst sagen: ‚Ich habe das Gebot Gottes auf dieser Welt erfüllt.‘ Alle Heiligen, alle heiligen Märtyrer sind glücklich gewesen.“

„O wie schön Sie reden, welch große und hohe Worte Sie gebrauchen,“ sagte begeistert die Mama. „Wenn Sie etwas sagen, so durchdringen Sie einen gleichsam. Und doch! ... das Glück, ja, das Glück – wo ist es? Wer kann von sich sagen, daß er glücklich sei? O, wenn Sie schon so gut gewesen sind, heute nochmals zu uns zu kommen, so hören Sie denn auch alles, was ich Ihnen das vorige Mal nicht sagen konnte, was ich nicht zu sagen wagte, alles, worunter ich so lange, so lange schon leide! Ich leide, verzeihen Sie mir, ich leide ...“ Und sie faltete in einem plötzlich sie überkommenden heißen Gefühl die Hände vor ihm.

„Worunter denn so besonders?“

„Ich leide ... unter meinem Unglauben ...“

„Unglauben an Gott?“

„O nein, nein, daran wage ich nicht einmal zu denken: aber das Leben im Jenseits – das ist solch ein Rätsel! Und niemand, niemand kann genau auf die Frage antworten! Hören Sie mich an, Sie tiefer Kenner der Menschenseele; ich habe natürlich keine Ansprüche darauf, daß Sie meinen Worten vollen Glauben schenken, aber ich versichere Ihnen, daß ich jetzt nicht aus Leichtsinn rede: Der Gedanke an das Leben nach dem Tode regt mich Unglückliche auf, bis zur Beängstigung, bis zum Entsetzen bringt er mich! Und ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll, niemals habe ich gewagt ... Und sehen Sie, jetzt habe ich gewagt, mich an Sie zu wenden ... O Gott, für was werden Sie mich nun halten!“ Und sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

„Beunruhigen Sie sich nicht wegen meiner Meinung,“ entgegnete der Staretz. „Ich glaube vollkommen an die Aufrichtigkeit Ihres Kummers.“

„O, ich danke Ihnen dafür! Sehen Sie, ich schließe die Augen und denke: Wenn alle glauben, so – woher kommt das? Jetzt aber versichert man, das sei zuerst nur aus der Furcht vor den Schrecken einflößenden Naturerscheinungen gekommen, und daß es alles das überhaupt nicht gäbe. Wie nun, denke ich, ich habe geglaubt so lange ich lebe – und da sterbe ich nun, und plötzlich ist nichts da, und nur ‚Kletten wachsen auf meinem Grabe‘, wie ich vor kurzem bei einem Schriftsteller las. Das ist doch entsetzlich! Wodurch den Glauben wiedergewinnen, wodurch? Und wissen Sie, ich habe eigentlich nur als ganz kleines Mädchen geglaubt, mechanisch, ohne etwas dabei zu denken ... Wodurch sich nun überzeugen? Ich bin zu Ihnen gekommen, um vor Ihnen niederzuknien und Sie zu fragen; denn wenn ich jetzt diese Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lasse, so wird mir doch in meinem ganzen Leben niemand mehr darauf Antwort geben. Womit nun beweisen, wodurch sich überzeugen? O, das ist ein zu großes Unglück! Ich stehe und sehe, daß allen alles einerlei ist, oder fast allen, niemand denkt jetzt daran, nur ich allein kann das nicht mehr ertragen. Das ist ja entsetzlich, ganz entsetzlich, einfach tötend!“

„Zweifellos tötend. Doch beweisen läßt sich hierbei nichts, wohl aber kann man sich überzeugen.“

„Wie? Wodurch?“

„Durch die Erfahrung der werktätigen Liebe. Bemühen Sie sich, Ihre Nächsten tätig und unermüdlich zu lieben. In dem Maße, wie Sie in der Liebe fortschreiten, werden Sie sich auch vom Sein Gottes und von der Unsterblichkeit Ihrer Seele überzeugen. Wenn Sie aber in Ihrer Liebe zum Nächsten bis zur vollen Selbstverleugnung gekommen sind, dann werden Sie auch den vollen Glauben errungen haben, und kein Zweifel wird sich dann mehr in Ihre Seele einschleichen können. Das ist eine alterprobte Wahrheit.“

„Durch werktätige Liebe? Aber da erhebt sich die andere Frage, und was das für eine Frage ist! Sehen Sie: ich liebe die Menschheit dermaßen, daß ich – werden Sie es mir glauben? – zuweilen daran denke, alles zu verlassen, alles, was ich habe, Lise und alles, alles, und barmherzige Schwester zu werden. Ich schließe die Augen, denke und träume, und in diesen Augenblicken fühle ich eine unüberwindliche Kraft in mir. Keine Wunden, keine eiternden Beulen könnten mich abschrecken, ich würde sie mit meinen eigenen Händen waschen und verbinden; ich möchte die Wärterin dieser Leidenden sein und wäre bereit, diese Schwären zu küssen ...“

„Und selbst das ist schon viel und gut, daß Ihre Gedanken davon träumen und nicht von anderem. Bestimmt werden Sie doch noch eine gute Tat tun, wenn auch vielleicht nur aus Versehen ...“

„Ja, aber wie lange könnte ich denn dieses Leben aushalten?“ fragte erregt, fast außer sich, die Dame. „Das ist ja die Hauptfrage! Das ist die allerquälendste Frage! Ich schließe die Augen und frage mich: Wie lange würdest du auf diesem Wege gehen können? Und wenn der Kranke, dessen Wunden du wäschst, dir nicht sofort seine ganze Dankbarkeit schenkt, dich im Gegenteil womöglich noch mit Launen quält, ohne deine menschenfreundliche Aufopferung zu schätzen oder auch nur zu beachten, dich anschreit, sogar roh von dir verlangt, was du doch freiwillig gibst, sich sogar bei den Vorgesetzten über dich beklagt – wie das doch häufig Schwerleidende tun –, was dann? Wird dann deine Liebe noch fortdauern oder nicht? Und denken Sie sich, ich habe mir selbst sofort angstvoll eingestanden: wenn es etwas gibt, was meine ‚tätige‘ Liebe zur Menschheit sofort erkalten machen könnte, so ist das einzige die Undankbarkeit. Mit einem Wort, ich bin eine Arbeiterin um Lohn, ich verlange den Lohn sofort; ich meine, daß man mich lobt, ich verlange Gegenliebe als Lohn für meine Liebe. Anders bin ich überhaupt nicht fähig, jemanden zu lieben!“

Es schien ein Anfall der aufrichtigsten Selbstgeißelung über sie gekommen zu sein. Als sie geendet hatte, blickte sie mit einer geradezu herausfordernden Entschlossenheit auf den Staretz.

„Was Sie mir sagen, hat mir fast Wort für Wort einmal, es ist schon lange her, ein Arzt gesagt,“ bemerkte dieser. „Es war ein bereits bejahrter und zweifellos kluger Mensch. Er sprach ebenso aufrichtig wie Sie, wenn auch halb scherzend, jedenfalls aber traurig scherzend. Ich liebe die Menschheit, sagte er, doch wundere ich mich über mich selbst: je mehr ich die Menschheit im allgemeinen liebe, desto weniger liebe ich die Menschen im einzelnen, das heißt, als einzelne Personen genommen. In Gedanken, sagte er, bin ich nicht selten zu ganz sonderbaren Absichten, der Menschheit zu dienen, gekommen, und vielleicht wäre ich wirklich fähig gewesen, mich für die Menschen kreuzigen zu lassen, wenn das, sagen wir, irgendwie unbedingt vonnöten gewesen wäre; indessen aber könnte ich nicht einmal zwei Tage lang mit irgend jemandem in einem Zimmer leben, was ich aus mehrfacher Erfahrung weiß. Kaum daß jemand bei mir ist, so verletzt er schon meine Persönlichkeit, meine Eigenliebe und beeinträchtigt meine Freiheit. In vierundzwanzig Stunden kann ich den besten Menschen hassen: den einen, weil er langsam ißt bei Tisch, den anderen, weil er Schnupfen hat und sich immer schnauben muß. Und so werde ich, sagte er, sofort ein Menschenfeind, sobald ich nur mit Menschen in Berührung komme. Dafür aber wurde, je mehr ich die Menschen im einzelnen haßte, meine Liebe zur Menschheit im allgemeinen immer größer und leidenschaftlicher.“

„Aber was soll man denn tun? Was soll man denn in diesem Falle tun? Das ist doch zum Verzweifeln!“

„Nein, denn auch das genügt, daß Sie sich darum grämen. Tun Sie, was in Ihren Kräften steht, und auch das wird Ihnen angerechnet werden. Sie haben schon vieles getan, denn Sie haben sich so tief und aufrichtig selbst erkannt! Wenn Sie aber auch mit mir nur deswegen so aufrichtig gesprochen haben, um von mir nur ein Lob zu hören für Ihre Aufrichtigkeit, so werden Sie natürlich mit Ihrer werktätigen Liebe nichts erreichen, so wird alles nur in Ihren Gedanken bleiben, und das ganze Leben wird wie ein Phantom vorüberfliehen. Dann werden Sie natürlich auch das jenseitige Leben vergessen und sich schließlich vielleicht irgendwie beruhigen.“

„Sie haben mich vernichtet! Erst jetzt, erst in diesem Augenblick, da Sie sprachen, begriff ich, daß ich wirklich nur Ihr Lob für meine Aufrichtigkeit erwartete, als ich Ihnen sagte, ich würde Undankbarkeit nicht ertragen können. Sie haben mich ganz begriffen, und Sie haben mich mir selbst erklärt!“

„Sagen Sie das jetzt wirklich ganz aufrichtig? Nun, dann kann ich Ihnen sagen: Jetzt, nach solch einem Bekenntnis, glaube ich, daß Sie aufrichtig und im Herzen ein guter Mensch sind. Wenn Sie auch das Glück nicht erreichen sollten, so denken Sie daran, daß Sie auf einem guten Wege sind, und bemühen Sie sich, nicht von ihm abzugehen. Die erste Bedingung ist: vermeiden Sie die Lüge, jede Lüge, die Lüge vor sich selbst ganz besonders. Geben Sie acht auf Ihre Lüge und beobachten Sie sie in jeder Stunde, in jeder Minute. Desgleichen vermeiden Sie Launenhaftigkeit, sich selbst sowohl als anderen gegenüber. Das, was Ihnen im Herzen schlecht erscheint, wird schon allein dadurch, daß Sie es in sich bemerken, geläutert. Meiden Sie die Furcht, obgleich Furcht nur die Folge jeder Lüge ist. Lassen Sie sich niemals durch Ihren eigenen Kleinmut vom Werben um Liebe abschrecken, sogar Ihre eigenen, schlechten Handlungen in der Beziehung brauchen Sie nicht so sehr zu fürchten. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nichts Beruhigenderes sagen kann, denn die werktätige Liebe ist im Vergleich zur schwärmerischen Liebe etwas Grausames und Abschreckendes. Die schwärmerische Liebe lechzt nach einer schnellen Heldentat, die man in kurzer Zeit vollbringen kann, und zwar unbedingt so, daß alle sie beachten. Dabei kommt es wirklich so weit, daß man bereit ist, das Leben hinzugeben, wenn es nur nicht lange dauert, sondern schnell vollbracht ist, wie auf der Bühne, und alle es sehen und loben. Die werktätige Liebe dagegen, die ist Arbeit und Ausdauer, für einige sogar eine ganze Wissenschaft. Ich aber sage Ihnen, in derselben Minute, in der Sie sich mit Entsetzen gestehen, daß Sie sich trotz all Ihrer Bestrebungen nicht nur dem Ziele nicht genähert, sondern sich von ihm scheinbar noch entfernt haben – in diesem Augenblick, das sage ich Ihnen, werden Sie mit einemmal das Ziel erreichen und über sich klar die wundertätige Kraft des Herrn fühlen, die Kraft Gottes, der Sie immer geliebt hat und Sie die ganze Zeit unsichtbar lenkt. Verzeihen Sie, aber ich muß jetzt gehen, man erwartet mich. Auf Wiedersehen.“

Die Dame weinte.

„Lise, Lise, o segnen Sie sie, segnen Sie sie!“ bat sie erregt.

„Nun, Ihr Töchterchen zu lieben, lohnt sich gar nicht. Ich habe sehr wohl gesehen, wie unartig sie die ganze Zeit gewesen ist,“ sagte scherzend der Staretz. „Warum haben Sie die ganze Zeit über Alexei gelacht?“

Lise hatte sich tatsächlich die ganze Zeit nur mit dieser kleinen Spitzbüberei beschäftigt. Sie hatte es schon längst bemerkt, daß Aljoscha verlegen wurde, wenn sie ihn ansah, und daß er sich immer bemühte, sie nicht anzusehen; nun, und das fand sie ungeheuer interessant. Aufmerksam wartete sie und suchte sie, seinen Blick zu erhaschen. Aljoscha aber, der den unverwandt auf ihn gerichteten Blick nicht ertragen konnte, bezwang sich, bezwang sich wieder, und plötzlich, – plötzlich blickte er doch selbst, von einer unbezwingbaren Kraft angezogen, zu ihr hin, worauf Lise ihm natürlich sofort triumphierend ins Gesicht lachte. Aljoscha wurde immer verlegener und ärgerte sich immer mehr über sich selbst. Zu guter Letzt wandte er sich ganz von ihr ab und versteckte sich halbwegs hinter dem Rücken des Staretz. Doch schon nach kurzer Zeit wandte er sich, wieder von dieser unbezwingbaren Kraft angezogen, vorsichtig ein wenig zur Seite, um zu sehen, ob er betrachtet werde oder nicht, und da sah er denn, daß Lise, die sich ganz über die Armlehne ihres Stuhles bog, ihn von der Seite betrachtete und krampfhaft den Augenblick erwartete, da er sich nach ihr umsehen werde; als sie aber dann seinen Blick auffing, lachte sie so lustig auf, daß selbst der Staretz nicht ernst bleiben konnte.

„Sie Unart Sie, warum machen Sie ihn denn so verlegen?“

Lise wurde plötzlich ganz unerwarteterweise feuerrot, ihre Augen blitzten auf, ihr Gesichtchen aber wurde furchtbar ernst, und dann kam es in heißer, unwilliger Klage hastig, erregt aus ihr heraus:

„Ja, aber warum hat er alles vergessen? Er hat mich auf den Armen getragen, als ich klein war, und wir haben zusammen gespielt! Und später hat er mich lesen gelehrt, ist deswegen zu uns gekommen, wissen Sie das auch? Und als er vor zwei Jahren fortfuhr, sagte er noch, er würde nie vergessen, daß wir ewige Freunde sind, ewige, ewige Freunde! Und jetzt fürchtet er mich auf einmal! Werde ich ihn denn beißen oder aufessen? Warum will er nicht zu mir kommen, warum spricht er nicht mit mir? Warum will er nicht zu uns kommen? Oder erlauben Sie es ihm nicht? Wir wissen doch, daß er sonst überall hingeht. Ich kann ihn doch nicht dazu zwingen, er muß von selbst kommen; er hätte selbst daran denken müssen, wenn er es nicht vergessen hat. Nein, er kommt nicht, er sucht jetzt hier sein Seelenheil! Wozu haben Sie ihm diesen langschößigen Lappen angezogen? ... Er wird ja fallen, wenn er läuft ...“

Und plötzlich bedeckte sie das Gesicht mit der Hand und lachte, lachte unbezwingbar, unaufhörlich ihr gezogenes, nervöses, schüttelndes und unhörbares Lachen.

Der Staretz hatte sie lächelnd angehört, und zärtlich segnete er sie; als sie aber darauf seine Hand küssen wollte, preßte sie diese plötzlich an ihre Augen und brach in Tränen aus:

„Seien Sie nicht böse auf mich, ich bin so dumm, bin überhaupt nichts wert ... Aljoscha hat vielleicht recht, ganz recht, wenn er zu einer so Dummen nicht kommen will.“

„Ich werde ihn ganz bestimmt zu Ihnen schicken,“ versprach ihr lächelnd der Staretz.

V. Und es geschehe also

Die Abwesenheit des Staretz aus der Zelle dauerte im ganzen vielleicht nur fünfundzwanzig Minuten. Es war schon halb eins, doch Dmitrij Fedorowitsch war noch immer nicht gekommen, obgleich sich alle nur seinetwegen versammelt hatten. Trotzdem schien man ihn fast ganz vergessen zu haben, und als der Staretz wieder in die Zelle trat, fand er seine Gäste in lebhaftem Gespräch vor. An diesem Gespräch beteiligten sich vor allen anderen Iwan Fedorowitsch und die beiden Priestermönche. Auch Miussoff mischte sich in das Gespräch ein, dem Anscheine nach sogar sehr hitzig, doch hatte er wieder kein Glück: er blieb ersichtlich zweitrangig, und man antwortete ihm nur wenig, so daß dieser neue Umstand seine ganze sich anstauende Reizbarkeit nur noch verstärkte. Es gab aber noch einen anderen Grund, warum er so reizbar war; er hatte nämlich auch früher schon Iwan Fedorowitsch im Wissen zu überbieten gesucht; doch da es ihm immer mißlungen war, konnte er dessen gewisse Nachlässigkeit ihm gegenüber um so weniger kaltblütig ertragen:

„Bis jetzt wenigstens bin ich auf der Höhe alles dessen gewesen, was in Europa das Fortgeschrittenste war; diese neue Generation aber will uns einfach ignorieren,“ dachte er empört bei sich. Fedor Pawlowitsch, der doch freiwillig sein Wort gegeben hatte, sich auf den Stuhl zu setzen und hinfort zu schweigen, schwieg tatsächlich eine gewisse Zeitlang, beobachtete aber mit einem kleinen, maliziös-spöttischen Lächeln seinen Nachbar Miussoff, dessen Reizbarkeit ihn augenscheinlich freute. Er hatte sich schon längst vorgenommen, diesem gewisse Dinge heimzuzahlen, und wollte jetzt die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Schließlich hielt er es nicht mehr aus, beugte sich zum Ohr seines Stuhlnachbars und neckte ihn, halblaut flüsternd, geflissentlich noch einmal:

„Warum gingen Sie denn vorhin nach dem ‚küßte es liebend‘ nicht fort, und warum ließen Sie sich dazu herab, in so unanständiger Gesellschaft zu bleiben? Ich werd’s Ihnen sagen, warum: Weil Sie sich erniedrigt und beleidigt fühlten, und so blieben Sie denn, um zur Rache Ihren Verstand leuchten zu lassen. Und jetzt werden Sie für keinen Preis früher fortgehen, als bis Sie Ihren Verstand gezeigt haben.“

„So fangen Sie schon wieder an? Ich gehe sofort!“

„Als letzter, als letzter werden Sie fortgehen, Pjotr Alexandrowitsch!“ neckte noch einmal Fedor Pawlowitsch. Das war fast im selben Augenblick, als der Staretz wieder eintrat.

Das Gespräch verstummte sofort; doch der Staretz, der wieder seinen alten Platz einnahm, blickte alle so freundlich an, als wolle er sie mit dem Blick auffordern, doch fortzufahren. Aljoscha aber, der jeden Ausdruck seines Gesichtes kannte, sah deutlich, daß er furchtbar müde und überanstrengt war. In der letzten Zeit seiner Krankheit war er schon mehrere Male vor Erschöpfung in Ohnmacht gefallen. Sein Gesicht war fast ebenso bleich wie vor einer Ohnmacht, und seine Lippen wurden ganz blaß. Doch augenscheinlich wollte er die Versammelten nicht fortschicken, und zwar schien er dabei noch ein besonderes Ziel zu haben – welch eines nur? Aljoscha beobachtete ihn gespannt.

„Wir sprechen über seinen ungemein interessanten Artikel,“ sagte der Priestermönch Pater Jossiff, der Bibliothekar, zum Staretz, und wies dabei auf Iwan Fedorowitsch. „Er bringt in diesem Artikel viel Neues vor, doch kommt es, glaube ich, auf dasselbe hinaus. Bei Gelegenheit der Erörterung der kirchlich-zivilen Justizfrage, und des Umfanges ihrer Berechtigung, hat er mit einem kleinen Zeitungsartikel dem Geistlichen geantwortet, der über diese Frage ein ganzes Buch geschrieben hat.“

„Leider habe ich Ihren Artikel nicht gelesen, aber ich habe von ihm gehört,“ sagte der Staretz, der Iwan Fedorowitsch aufmerksam anblickte.

„Er nimmt einen interessanten Standpunkt ein,“ fuhr der Pater-Bibliothekar fort. „Wie es scheint, verneint er in der Frage der kirchlichen Ziviljustiz die Trennung von Kirche und Staat.“

„Das ist sehr interessant; aber in welchem Sinne meinen Sie das?“ fragte der Staretz Iwan Fedorowitsch.

Der antwortete ihm; doch tat er es nicht etwa mit einer herablassenden Höflichkeit, wie Aljoscha noch vor kurzem befürchtet hatte, sondern bescheiden und zurückhaltend, mit augenscheinlicher Zuvorkommenheit und offenbar ohne jeden Hintergedanken:

„Ich gehe von der Überzeugung aus, daß diese Verwechselung der Elemente, d. h. des Wesens der Kirche mit dem Wesen des Staates, beide als einzelne Begriffe genommen, natürlich ewig sein wird, obgleich sie überhaupt nicht sein dürfte, und man die beiden niemals nicht nur in ein normales, sondern selbst nicht einmal in ein einigermaßen befriedigendes Verhältnis wird bringen können, da die ganze Sache sich auf einer Lüge aufbaut. Ein Kompromiß zwischen dem Staate und der Kirche in Fragen, wie zum Beispiel der des Gerichts, ist meines Erachtens schon allein ihrem Wesen nach unmöglich. Der Geistliche, dem ich in meinem Artikel entgegnet habe, behauptet, daß die Kirche im Staat eine ganz genaue und bestimmte Stellung einnehme. Ich aber antwortete ihm, daß die Kirche im Gegenteil den ganzen Staat in sich einschließen müßte, nicht aber in ihm nur eine bestimmte Ecke einnehmen sollte, und daß dies, wenn es jetzt aus bestimmten Gründen unmöglich ist, dem Wesen der Dinge nach doch unbedingt das feste und erste Ziel der ganzen Weiterentwicklung des Christentums sein müßte.“

„Das ist vollkommen richtig,“ sagte fest, doch nervös, Pater Paissij, der schweigsame und gelehrte Priestermönch.

„Der reinste Ultramontanismus!“ rief Miussoff aus, der vor Ungeduld ein Bein über das andere schlug.

„Ach, wir haben ja nicht einmal Berge!“ meinte Pater Jossiff, worauf er, zum Staretz gewandt, fortfuhr: „Er antwortet unter anderem auch auf folgende, grundlegende und wesentliche Behauptungen seines Gegners, des Geistlichen – beachten Sie es wohl. Erstens, sagt der Geistliche: ‚Es kann und darf sich kein einziger gesellschaftlicher Verband die Macht, über die bürgerlichen und politischen Rechte seiner Mitglieder zu verfügen, aneignen.‘ Zweitens: ‚Die Macht des Kriminal- und Zivilgerichts darf nicht der Kirche gehören, denn die ist mit ihrem Wesen als göttliche Einrichtung und als Verband der Menschen zu religiösen Zwecken unvereinbar,‘ und schließlich drittens: ‚Daß die Kirche kein Reich von dieser Welt sei‘ ...“

„Das allerunwürdigste Wortspiel für einen Geistlichen!“ unterbrach wieder ungeduldig Pater Paissij. „Ich habe dieses Buch gelesen, auf das Sie geantwortet haben,“ sagte er zu Iwan Fedorowitsch, „und ich war nicht wenig erstaunt über die Worte des Geistlichen, daß die Kirche ‚kein Reich von dieser Welt‘ sei. Wenn sie nicht von dieser Welt wäre, so könnte sie folglich überhaupt nicht auf der Welt existieren. Im heiligen Evangelium sind die Worte: ‚nicht von dieser Welt‘ nicht in diesem Sinne gebraucht. Mit solchen Worten aber zu spielen, geht nicht an. Unser Herr Jesus Christus ist doch nur deswegen gekommen, um die Kirche gerade hier auf Erden zu gründen. Das Himmelreich ist natürlich nicht von dieser Welt, sondern im Himmel, doch kann man in dasselbe nicht anders eingehen als durch die Kirche, die auf der Erde gegründet und errichtet ist. Und darum sind alle Wortspiele in diesem Sinne unmöglich und unwürdig. Die Kirche aber ist in Wahrheit Herrschaft hier auf Erden und ihr ist bestimmt, zu herrschen, und ihr Ziel kann zweifellos nur eines sein: Ihre Herrschaft über die ganze Welt auszudehnen, – wie es uns auch die Verheißung sagt ...“

Er verstummte plötzlich, als ob er sich bezwingen wollte. Iwan Fedorowitsch, der ihm höflich und aufmerksam zugehört hatte, fuhr mit ungewöhnlicher Ruhe wie vorher bereitwillig und offenherzig, zum Staretz gewandt, in seiner Erklärung fort:

„Der ganze Gedanke, den ich in meinem Artikel entwickelt habe, besteht darin, daß das Christentum in den ersten drei Jahrhunderten auf der Erde bloß in Gestalt einer Kirche erschien und auch nur Kirche war. Als aber das heidnische römische Imperium christlich werden sollte, war es ja nur natürlich, daß es, indem es christlich wurde, die Kirche bloß in sich aufnahm, selbst aber fortfuhr, in äußerst vielen Dingen wie früher ein heidnischer Staat zu bleiben. Und im Grunde genommen, hätte es zweifellos anders überhaupt nicht geschehen können. Es blieb in Rom, als Imperium genommen, gar zu viel von der alten Zivilisation und der heidnischen Weisheit übrig, wie zum Beispiel die Ziele und Grundsätze des Imperiums selbst. Die Kirche Christi jedoch konnte, als sie in den Staat eintrat, natürlich nichts von ihrem Grundgedanken, diesem Stein, auf dem sie stand, aufgeben oder abtreten und konnte also nur ihre Ziele verfolgen, die ihr einmal vom Herrn selbst gesetzt und angewiesen waren, wie unter anderem: Die ganze Welt und damit folglich auch das ganze frühere heidnische Imperium in Kirche zu verwandeln. So muß denn also – versteht sich, vom zukünftigen Ziel der Kirche gesprochen – nicht die Kirche sich einen bestimmten Platz im Staate suchen, wie ‚jeder andere gesellschaftliche Verband‘ oder wie ‚ein Verband der Menschen zu religiösen Zwecken‘ – so drückt sich der geistliche Autor, dem ich entgegnete, über die Kirche aus –, sondern im Gegenteil, jeder Erdenstaat müßte sich zum Schluß vollkommen in Kirche verwandeln und nichts anderes werden als bloß Kirche, und sich dann natürlich von allen seinen Zielen, die mit den Zielen der Kirche nicht übereinstimmen, einfach abwenden. Das alles würde den Staat als solchen in nichts erniedrigen, ihm weder seine Ehre noch seinen Ruhm als Großmacht nehmen, noch würde es den Ruhm seiner Herrscher schmälern, sondern würde den Staat nur von dem falschen, noch heidnischen und irreführenden Weg auf den richtigen und wahren Weg stellen, auf den einzigen, der zu ewigen Zielen führt. Darum hätte der Autor des Buches über die Grundlagen des kirchlich-zivilen Gerichts ganz richtig geurteilt, wenn er bei seiner Untersuchung und Feststellung dieser Grundlagen dieselben als einen zeitlichen, in unserer sündigen, noch unvollendeten Zeit notwendigen Kompromiß und sonst nichts weiter behandelt hätte. Sobald aber der Autor dieser ‚Grundlagen‘ sich erdreistet, zu erklären, daß seine Grundlagen, die er jetzt aufstellt, und die teilweise Pater Jossiff soeben aufzählte, unerschütterliche, elementarische und ewige seien, geht er direkt gegen die Kirche vor und gegen ihre heilige, ewige und unerschütterliche Bestimmung. Das ist der ganze Standpunkt meines Artikels.“

„Das heißt also, kurz gesagt,“ begann wieder Pater Paissij, jedes Wort betonend, „nach gewissen Theorien, die sich in unserem neunzehnten Jahrhundert nur zu deutlich ausgeprägt haben, soll sich die Kirche in Staat verwandeln – gleichsam aus einer niedrigeren Form in eine höhere –, um darauf ganz in ihm zu verschwinden, indem sie vor der Wissenschaft, dem Zeitgeist und der Zivilisation zurücktritt, ihnen also einfach Platz macht. Wenn sie das aber nicht will und sich dem widersetzt, so wird ihr im Staat gleichsam nur eine gewisse Ecke eingeräumt, und selbst die nur unter Aufsicht. Und das geschieht jetzt überall in den gegenwärtigen europäischen Ländern. Nach der russischen Auffassung und Zuversicht dagegen soll sich nicht die Kirche in Staat verwandeln, wie aus einem niedrigeren in einen höheren Typ, sondern der Staat soll sich vorbereiten, einzig und allein Kirche und nichts weiter als das zu werden. Dieses sei sein Endziel. Und also geschehe es, Amen!“

„Nun, ich muß gestehen, Sie haben mich jetzt wieder etwas ermutigt,“ sagte Miussoff und schlug ein Bein übers andere. „Soweit ich es verstehe, handelt es sich also um die Verwirklichung irgendeines Ideals, eines unendlich fernen, bei der Wiederkunft des Herrn. Nun, dagegen habe ich nichts. Ein wunderschöner utopischer Traum von der Abschaffung der Kriege, Diplomaten, Banken usw. Etwas, was sogar wie Sozialismus aussieht. Ich aber dachte schon, daß das alles Ernst sei, und die Kirche jetzt bereits über Kriminalfragen richten, zu Ruten und Zwangsarbeit und vielleicht sogar zur Todesstrafe verurteilen solle.“

„Wenn es nur ein einziges kirchlich-ziviles Gericht gäbe, so würde die Kirche auch jetzt nicht zur Zwangsarbeit oder zur Todesstrafe verurteilen. Das Verbrechen und seine Auffassung müßten sich dann selbstverständlich ganz verändern, natürlich allmählich, nicht plötzlich und nicht sofort, immerhin ziemlich bald ...“ sagte ruhig, und ohne mit der Wimper zu zucken, Iwan Fedorowitsch.

„Meinen Sie das etwa im Ernst?“ Miussoff blickte ihn aufmerksam an.

„Wenn alles Kirche wäre, so würde die Kirche den Verbrecher oder den Ungehorsamen ausschließen, nicht aber Köpfe fällen,“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort. „Nun frage ich Sie aber, wohin würde dann der Exkommunizierte gehen? Dann müßte er ja nicht nur von den Menschen, wie jetzt, sondern auch von Christus fortgehen. Dann würde er sich mit seinem Verbrechen nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen die Kirche Christi vergangen haben. Das ist natürlich im strengsten Sinne auch jetzt so, doch ist es immerhin nicht offiziell erklärt, und so findet sich denn heute der Verbrecher sehr häufig mit seinem Gewissen auf diese Weise ab, indem er sich sagt: ‚Habe wohl gestohlen, greife aber nicht die Kirche an, bin Christus kein Feind.‘ Das sagt sich heutzutage fast ausnahmslos jeder Verbrecher. Wenn aber die Kirche an Stelle des Staates getreten ist, dann könnte er es sich schwerlich sagen, es sei denn, daß er die ganze Kirche auf der ganzen Welt verneinte: ‚Alle irren sich, alle sind vom richtigen Wege abgekommen, alle sind Pseudokirche, nur ich allein, der Mörder und Dieb – bin die wahre christliche Kirche.‘ Das aber sich zu sagen, ist doch sehr schwer und verlangt ungeheure Bedingungen, setzt Umstände voraus, die es nicht häufig gibt. Jetzt nehmen Sie andererseits jene Auffassung des Verbrechens, wie sie die Kirche hat: Wird sich dann die allgemeine Auffassung des Verbrechens nicht ändern müssen, im Vergleich zur gegenwärtigen, fast heidnischen Auffassung, wird sie sich dann nicht vielmehr aus der Idee, das kranke Glied mechanisch abtrennen zu müssen, wie es jetzt zum Schutze der Gesellschaft getan wird, wahrhaft und nicht nur scheinbar in die Idee der Wiedergeburt des Menschen, seiner Auferstehung und Rettung verwandeln ...“

„Was soll denn das jetzt wieder bedeuten? Ich höre wieder auf, zu verstehen,“ unterbrach Miussoff, „wieder irgendeine Phantasie! etwas Formloses, aus dem man überhaupt nicht klug werden kann. Wie meinen Sie das – ‚ausschließen‘ und was soll das für eine Exkommunikation sein? Ich vermute stark, daß Sie einfach nur zu scherzen belieben, Iwan Fedorowitsch.“

„Aber genau genommen ist es ja auch jetzt ganz dasselbe,“ sagte plötzlich der Staretz, und sofort wandten sich aller Blicke ihm zu, „denn wenn es jetzt keine Kirche Christi gäbe, so hätte der Verbrecher keinen einzigen Halt nach dem Verbrechen und nicht einmal die Möglichkeit einer Buße, das heißt, einer wirklichen und nicht, wie Sie sagten, mechanischen Buße, die in der Mehrzahl der Fälle nur das Herz erbittert – sondern die wirkliche Buße, die einzige abschreckende und die einzige friedenbringende Buße, die in der Erkenntnis des eigenen Gewissens liegt.“

„Erlauben Sie, wie meinen Sie das?“ erkundigte sich mit dem lebhaftesten Interesse Miussoff.

„Ich meine das so,“ begann der Staretz. „Alle diese Verschickungen, die Zwangsarbeit und früher noch die Körperstrafe verbessern niemanden, und vor allem schrecken sie keinen einzigen Verbrecher ab; die Zahl der Verbrechen verringert sich nicht etwa, sondern vergrößert sich noch immer. Das müssen Sie mir doch vollkommen zugeben. Und so ergibt sich, daß die Gesellschaft auf diese Weise keineswegs beschützt ist, denn wenn auch das schädliche Mitglied mechanisch abgetrennt und weit fortgeschickt wird, aus den Augen, aus dem Sinn, so wird es doch sofort durch einen anderen Verbrecher, vielleicht sogar durch zwei Verbrecher, ersetzt. Wenn es etwas gibt, das die Gesellschaft in unserer Zeit beschützt und sogar den Verbrecher selbst bessert und in einen anderen Menschen verwandelt, so ist das wiederum nur das Gebot Christi, das sich in der Erkenntnis des eigenen Gewissens kundtut. Nur wenn er sich seine Schuld als Sohn der Gemeinschaft Christi, das heißt, der Kirche, eingesteht, sieht er auch seine Schuld vor der Gemeinschaft selbst, das heißt, vor der Kirche, ein. Somit ist denn der gegenwärtige Verbrecher einzig vor der Kirche fähig, seine Schuld anzuerkennen, nicht aber vor dem Staat. Und darum, wenn nun das Gericht der Gemeinschaft als Kirche gehören würde, dann würde dieselbe wissen, wen sie aus der Verbannung zurückführen und wieder aufnehmen könnte. Jetzt jedoch entfernt sich die Kirche, da sie wohl die Möglichkeit allein des sittlichen Verurteilens, nicht aber ein aktives Gericht hat, von der aktiven Buße des Verbrechers ganz von selbst. Sie schließt ihn nicht aus und verläßt ihn nie mit ihrem väterlichen Trost. Ja, sie bemüht sich sogar, mit dem Verbrecher die ganze christliche, kirchliche Gemeinschaft zu erhalten: Sie läßt ihn zum Gottesdienst, zum Abendmahl zu, sie gibt ihm Almosen und verhält sich zu ihm mehr wie zu einem Verführten, als wie zu einem Schuldigen. Und was würde mit dem Verbrecher geschehen, o Gott! wenn auch die christliche Gemeinschaft, das heißt die Kirche, ihn ebenso verstoßen würde, wie ihn das bürgerliche Gesetz verstößt und ausschließt? Was würde mit ihm geschehen, wenn jedesmal und sofort nach der Strafe des staatlichen Gesetzes auch die Kirche ihn mit der Ausschließung strafte? Eine größere Verzweiflung kann es ja gar nicht geben, wenigstens nicht für den russischen Verbrecher, denn die russischen Verbrecher sind noch gläubig. Doch übrigens, wer kann es wissen: vielleicht würde dann etwas ganz Furchtbares geschehen: das verzweifelte Herz des Verbrechers würde vielleicht völlig den Glauben verlieren, und was dann? Doch die Kirche zieht sich als zärtliche und liebende Mutter freiwillig von einer aktiven Bestrafung zurück, da der Schuldige auch ohne ihre Strafe durch das staatliche Gericht sowieso schon gar zu grausam bestraft ist, ihn aber wenigstens irgend jemand bemitleiden muß. Vor allem deswegen, weil das Gericht der Kirche das einzige ist, welches nichts als die Wahrheit enthält und sich infolgedessen wesentlich und sittlich mit keinem einzigen anderen Gericht, nicht einmal zu einem provisorischen Kompromiß, vereinigen kann. Hierbei kann man sich nicht auf Vergleiche einlassen. Der ausländische Verbrecher, sagt man, bereue selten, denn sogar die jetzt sich verbreitenden Lehren bestärken ihn in dem Gedanken, daß sein Verbrechen kein Verbrechen sei, sondern nur eine Auflehnung gegen die ungerecht unterdrückende Macht. Die Gesellschaft scheidet ihn vollkommen mechanisch durch die über ihn triumphierende Macht aus und begleitet diese Ausscheidung noch mit Haß – wenigstens sagen sie in Europa selbst so von sich –, mit Haß und vollster Gleichgültigkeit für ihres Bruders weiteres Schicksal. So geschieht denn dort alles ohne das geringste kirchliche Mitleid, denn in vielen Fällen gibt es dort überhaupt keine Kirchen mehr, es gibt dort nur noch Kleriker, Kirchendiener und prachtvolle Kirchengebäude; die Kirchen selbst jedoch streben dort schon längst nach dem Übergang aus der niedrigeren Form der Kirche in die höhere Form des Staates, um in ihm ganz zu verschwinden. So ist es, glaube ich, wenigstens in den lutherischen Ländern. In Rom aber wird ja schon seit tausend Jahren an Stelle der Kirche der Staat verkündet. Darum also hält sich der Verbrecher selbst nicht mehr für ein Glied der Kirche und verbleibt als Ausgestoßener in der Verzweiflung. Wenn er aber in die Gesellschaft zurückkehrt, so geschieht dies nicht selten mit solch einem Haß, daß die Gesellschaft ihn ganz von selbst wieder ausstößt. Womit das endet, können Sie sich selbst sagen. In vielen Fällen könnte es scheinen, daß es auch bei uns dasselbe sei: Doch das ist es ja gerade, daß es bei uns außer dem staatlichen Gericht noch die Kirche gibt, die niemals die Verbindung mit dem Verbrecher, als mit ihrem lieben und immer noch teuren Sohne, aufgibt. Und überdies gibt es bei uns noch – und wenn auch meinetwegen nur geistig – das Gericht der Kirche, das jetzt allerdings noch nicht in Tätigkeit ist, doch immerhin für die Zukunft lebt; und wenn es sich auch nur im Geiste erhält, so wird es doch vom Verbrecher selbst fraglos durch den Instinkt seiner Seele schon jetzt anerkannt. Und auch das ist ganz richtig, was hier vorhin gesagt wurde: Wenn das Gericht der Kirche wirklich und in seiner ganzen Macht eingeführt werden würde, das heißt, wenn die ganze Gesellschaft sich ausschließlich in Kirche verwandeln sollte, so würde nicht nur das Gericht der Kirche selbst auf die Besserung des Verbrechers in einer Weise einwirken, wie es jetzt ganz undenkbar ist, sondern es würden sich vielleicht auch die Verbrechen in unglaublichem Maße verringern, im Verhältnis zu früher gesprochen. Und auch darüber kann kein Zweifel bestehen, daß die Kirche den zukünftigen Verbrecher und das zukünftige Verbrechen in vielen Fällen ganz anders auffassen würde, als man es jetzt auffaßt, und daß sie es verstehen würde, den Ausgestoßenen zurückzuführen, den Böses Sinnenden zu warnen und den Gefallenen wieder aufzurichten. Allerdings,“ fuhr der Staretz lächelnd fort, „vorläufig ist ja die christliche Gesellschaft noch selbst nicht fertig und steht nur auf den sieben Gerechten; da aber diese nicht aussterben werden, so bleibt sie immerhin unerschütterlich in der Erwartung ihrer vollständigen Verwandlung aus der Gesellschaft, als einer fast noch heidnischen Verbindung, in die einzige ökumenische und herrschende Kirche. Und also geschehe es, und wenn auch zu Ende der Zeiten, denn nur diesem allein ist vorherbestimmt, in Erfüllung zu gehen! Und wozu sich durch die lange Zeit verwirren lassen, das Geheimnis der Zeiten und des Endzieles liegt in der Allwissenheit Gottes, in seiner Vorsehung und seiner Liebe. Und was nach menschlichem Ermessen sehr weit entfernt ist, das kann nach der Vorherbestimmung Gottes vielleicht schon vor der Tür stehen. Hoffen wir, daß dieses also ist! Amen!“

„Amen, Amen!“ wiederholte andächtig und streng Pater Paissij.

„Sonderbar, höchst sonderbar!“ meinte Miussoff nicht etwa heftig, wohl aber wie mit einem heimlichen, sagen wir – Unwillen.

„Was scheint Ihnen denn so sonderbar?“ erkundigte sich vorsichtig Pater Jossiff.

„Ja, was bedeutet denn das eigentlich?“ fuhr Miussoff sofort auf, als ob er sich plötzlich nicht mehr zurückhalten wollte. „Der Staat wird auf der Erde beseitigt, die Kirche aber wird zum Staate erhoben! Das ist ja nicht mehr Ultramontanismus, das ist einfach Erz-Ultramontanismus! Das hat sich selbst Papst Gregor der Siebente nicht einmal träumen lassen!“

„Verzeihung, Sie haben es gerade umgekehrt aufgefaßt!“ sagte streng Pater Paissij. „Nicht die Kirche verwandelt sich in Staat, beachten Sie das wohl. Das ist Rom und sein Ideal. Das ist die dritte Versuchung des Teufels! Sondern im Gegenteil: Der Staat verwandelt sich in Kirche, erhebt sich bis zur Kirche und wird Kirche auf der ganzen Erde, – was dem Ultramontanismus Roms und Ihrer Auffassung vollkommen entgegengesetzt und nur die große Bestimmung der Rechtgläubigkeit auf Erden ist. Von Osten her kommt das Licht.“

Miussoff schwieg bedeutsam. Seine ganze Gestalt drückte ungewöhnliche persönliche Würde aus. Ein ungemein herablassendes Lächeln erschien auf seinen Lippen. Aljoscha hatte alles mit stark klopfendem Herzen verfolgt. Dieses ganze Gespräch regte ihn bis in die Grundtiefen auf; zufällig blickte er zu Rakitin hinüber: der stand unbeweglich auf seinem alten Platz an der Tür und beobachtete und hörte aufmerksam zu, obgleich er den Blick gesenkt hielt. Doch an der lebhaften Farbe seines Gesichts erriet Aljoscha, daß auch Rakitin vielleicht nicht weniger als er selbst erregt war; Aljoscha wußte, was ihn erregte.

„Gestatten Sie mir, meine Herren, Ihnen eine kleine Geschichte zu erzählen,“ sagte plötzlich eindringlich und mit gewissermaßen besonders würdevoller Miene Miussoff. „Es war vor etlichen Jahren in Paris, kurz nach der Dezemberrevolution, da traf ich einmal, als ich im Hause eines sehr hochstehenden Mannes – er war damals einer von der Regierung – meine Aufwartung machte, da traf ich, wie gesagt, dort in seinen Empfangsräumen einen ungemein interessanten Herrn. Dieses Individuum war nicht gerade Detektiv, aber doch so etwas in der Art eines Direktors, sagen wir, eines ganzen Kommandos politischer Detektivs – in seiner Art ein ganz einflußreicher Mann. Nun, ich knüpfte mit ihm ein Gespräch an, da er mich ungemein interessierte, und da er nicht als Bekannter, sondern als untergebener Beamter mit einer gewissen Art von Rapporten gekommen war, so teilte er mir, da er sah, wie ich bei seinem Vorgesetzten empfangen wurde, seinerseits einige Amtsgeheimnisse mit – nun, versteht sich, nur bis zu einem gewissen Grade, das heißt, er war eher nur höflich als gerade aufrichtig, so wie die Franzosen höflich zu sein verstehen, um so mehr, als er in mir einen Ausländer erkannte. Doch ich begriff ihn sehr gut. Das Gespräch drehte sich um die sozialistischen Revolutionäre, die damals verfolgt wurden. Ich übergehe die Hauptpunkte des Gesprächs; ich will nur eine sehr interessante Bemerkung, die er plötzlich fallen ließ, wiedergeben: ‚Diese Sozialisten, Anarchisten, Atheisten und Revolutionäre fürchten wir nicht sonderlich,‘ sagte er, ‚wir beobachten sie nur, und im übrigen sind uns alle ihre Schachzüge bekannt. Unter ihnen aber gibt es, wenn auch nicht viele, so doch einige besondere Leute: das sind Christen, die an Gott glauben, zu gleicher Zeit aber auch Sozialisten sind. Sehen Sie, die sind es, die wir am meisten fürchten; das ist ein gefährliches Volk! Der christliche Sozialist ist viel gefährlicher als der atheistische Sozialist.‘ Diese Worte frappierten mich auch damals schon; jetzt aber, hier bei Ihnen, meine Herren, sind sie mir wieder eingefallen ...“

„Das heißt, daß Sie sie auf uns anwenden und auch in uns Sozialisten sehen?“ fragte gerade heraus, ohne alle Umschweife Pater Paissij.

Doch bevor noch Miussoff an eine Antwort denken konnte, öffnete sich die Tür, und Dmitrij Fedorowitsch, der sich so unverzeihlich verspätet hatte, trat ein. Man hatte ihn, wie es schien, ganz vergessen, und sein plötzliches Erscheinen rief im ersten Augenblick sogar ein gewisses Erstaunen hervor.

VI. Wozu lebt solch ein Mensch?

Dmitrij Fedorowitsch, mittelgroß, mit einem sympathischen Gesicht, war erst achtundzwanzig Jahre alt, sah jedoch weit älter aus. Er war muskulös, und man konnte ihm eine bedeutende körperliche Kraft ansehen, doch drückte sich in seinem Gesicht zugleich etwas Krankhaftes aus. Er war mager, die Wangen waren eingefallen, und er hatte eine sonderbare, ungesunde, bleiche Farbe. Seine ziemlich großen, dunklen, etwas hervorstehenden Augen blickten scheinbar in fester Beharrlichkeit und doch gewissermaßen unbestimmt. Selbst wenn er erregt war oder gereizt sprach, gehorchte sein Blick, wie es schien, nicht seiner inneren Stimmung und drückte etwas anderes aus, zuweilen sogar etwas, was seinen Worten oder der Situation gar nicht entsprach. „Es ist schwer zu sagen, woran er eigentlich denkt,“ äußerten sich zuweilen Menschen, die mit ihm gesprochen hatten. Andere wiederum, die in seinen Augen etwas Nachdenkliches, Trauriges sahen, waren erstaunt, ihn ganz plötzlich lachen zu hören, was von seinen heiteren, spielerischen Gedanken in dem Moment zeugte, als seine Augen noch so düster und trübe geblickt hatten. Übrigens war sein etwas krankhaftes Aussehen noch aus einem besonderen Grunde begreiflich: man sprach ja allgemein von dem ungewöhnlich unruhigen und flotten Leben, dem er sich gerade in der letzten Zeit bei uns ergeben hatte. Man sprach auch von den unglaublichen Zornausbrüchen, zu denen er sich in den Streitigkeiten mit seinem Vater wegen des ihm vorenthaltenen Geldes hatte hinreißen lassen; in der Stadt liefen darüber sogar mehrere Anekdoten um. Es ist wahr, daß er auch schon von Natur reizbar war, „von unregelmäßigem, veränderlichem Gemüt,“ wie sich unser Friedensrichter Ssemjon Iwanowitsch Katschaljnikoff in einer Gesellschaft einmal charakteristisch über ihn äußerte. Er war tadellos und elegant gekleidet: in einem zugeknöpften Gehrock, mit schwarzen Handschuhen, den Zylinder in der Hand, trat er ein. Als Offizier, der erst vor kurzem seinen Abschied genommen hatte, trug er einen Schnurrbart und ein glattrasiertes Kinn. Sein dunkelblondes Haar war kurzgeschoren und an den Schläfen etwas nach vorn gekämmt; er hatte einen energischen Gang, schritt weit aus wie eben ein Frontoffizier. Er blieb auf der Schwelle stehen und, nachdem sein Blick alle Anwesenden überflogen hatte, schritt er entschlossen auf den Staretz zu, in dem er sofort die Hauptperson erraten hatte. Er verneigte sich tief vor ihm und bat ihn um seinen Segen. Der Staretz erhob sich und segnete ihn. Dmitrij Fedorowitsch küßte ihm ehrerbietig die Hand und sagte darauf ungewöhnlich erregt, fast gereizt:

„Verzeihen Sie, bitte, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Der Diener Ssmerdjäkoff, den mein Vater zu mir geschickt hatte, sagte mir auf meine wiederholte Frage nach der Zeit des Besuches zweimal in der bestimmtesten Weise, daß er zu 1 Uhr angesagt worden sei, und jetzt erfahre ich plötzlich ...“

„Beunruhigen Sie sich nicht,“ unterbrach ihn der Staretz, „Sie haben sich etwas verspätet; aber das hat ja nichts zu sagen ...“

„Ich bin Ihnen sehr dankbar und habe auch von Ihrer Güte nicht weniger erwartet.“

Nachdem er dies hervorgestoßen, verbeugte sich Dmitrij Fedorowitsch noch einmal vor ihm, darauf aber wandte er sich zu seinem Vater und machte vor ihm plötzlich eine ehrerbietige und tiefe Verbeugung. Man sah ihm an, daß er sich diese Höflichkeit vorgenommen hatte und sie wirklich aufrichtig meinte, da er es für seine Pflicht hielt, wenigstens auf diese Weise seine Ehrerbietung sowie seine guten Absichten auszudrücken. Fedor Pawlowitsch aber, der zuerst vor Überraschung nicht recht wußte, wie ihm geschah, fand sich nach einem Augenblick doch wieder auf seine Art: Er sprang hastig von seinem Stuhl auf und antwortete seinem Sohne auf die Höflichkeit mit ganz genau solch einer Verbeugung. Sein Gesicht wurde plötzlich wichtig und bedeutsam, was ihm einstweilen ein entschieden böses Aussehen verlieh. Dmitrij Fedorowitsch begrüßte schweigend mit einem kurzen Gruß die übrigen Anwesenden und ging dann mit seinen großen, gleichmäßigen Schritten zum Fenster, wo er sich auf den einzigen freien Stuhl setzte, nicht weit vom Pater Paissij, und sitzend vorgeneigt, sofort dem unterbrochenen Gespräch zuhören zu wollen schien.

Die ganze Unterbrechung hatte nicht mehr als zwei Minuten gedauert, und so war es nur selbstverständlich, daß das Gespräch wieder aufgenommen wurde. Diesmal hielt es Miussoff nicht für nötig, auf die bestimmte und fast gereizte Frage des Paters zu antworten.

„Gestatten Sie, dieses Thema abzubrechen,“ sagte er mit einer gewissen gesellschaftlichen Nachlässigkeit. „Zudem ist dieses Thema doch etwas schwierig; sehen Sie, Iwan Fedorowitsch lächelt über uns: er muß wahrscheinlich etwas besonders Interessantes auf diese Frage zu antworten haben. Fragen Sie daher, bitte, ihn.“

„O, nichts Besonderes, außer der kleinen Bemerkung,“ entgegnete sofort Iwan Fedorowitsch, „daß der europäische Liberalismus, im allgemeinen, und sogar unser russischer liberaler Dilettantismus schon längst und nicht etwa selten die Endresultate des Sozialismus mit denen des Christentums verwechseln. Diese unsinnige Folgerung ist natürlich ein charakteristischer Zug; übrigens verwechseln den Sozialismus mit dem Christentum, wie man sieht, nicht nur die Liberalen und Dilettanten, sondern mit ihnen in vielen Fällen auch noch die Gendarmen, versteht sich, nur die ausländischen. Ihre Pariser Geschichte ist wirklich recht charakteristisch, Pjotr Alexandrowitsch!“

„Im übrigen bitte ich nochmals um die Erlaubnis, dieses Thema abzubrechen,“ wiederholte Miussoff, „dafür aber werde ich Ihnen eine äußerst interessante und charakteristische Geschichte von Iwan Fedorowitsch erzählen. Vor nicht länger als fünf Tagen erklärte er in einer hiesigen vornehmlich aus Damen bestehenden Gesellschaft während eines Disputs feierlichst, daß es auf der ganzen Erde entschieden nichts gäbe, was den Menschen veranlassen könnte, Seinesgleichen zu lieben, daß solch ein Naturgesetz: der Mensch muß die Menschheit lieben – überhaupt nicht vorhanden und, wenn es bis jetzt auf der Erde trotzdem Liebe gäbe, dieses nicht nach dem Naturgesetz, sondern einzig darum so sei, weil die Menschen noch an ihre Unsterblichkeit glaubten. Iwan Fedorowitsch fügte bei der Gelegenheit noch en parenthèse hinzu, daß darin gerade das ganze Naturgesetz bestünde, so daß, wenn man im Menschen den Glauben an seine Unsterblichkeit vernichtete, in ihm nicht nur die Liebe, sondern überhaupt jede lebendige Kraft zur Fortsetzung des irdischen Lebens versiegen würde, und nicht nur das: es würde dann nichts Unsittliches mehr geben, sagte er, alles würde dann erlaubt sein, sogar die Menschenfresserei. Und auch damit war’s noch nicht genug: er schloß mit der Behauptung, daß sich für jede Privatperson, wie hier zum Beispiel ich, die weder an Gott noch an ihre Unsterblichkeit glaubt, das sittliche Gesetz der Natur in das volle Gegenteil des früheren religiösen Gesetzes verwandeln müsse, und daß ein Egoismus sogar bis zum Verbrechen dem Menschen nicht nur erlaubt sein, sondern für ihn als unvermeidlicher, vernünftigster und womöglich gar edelster Ausweg in seiner Lage anerkannt werden müsse. Nach diesem Paradoxon, meine Herren, können Sie auf das übrige schließen, was unser lieber paradoxer Exzentriker, Iwan Fedorowitsch, proklamiert und vielleicht auch noch zu proklamieren beabsichtigt.“

„Erlauben Sie,“ rief plötzlich ganz unerwartet Dmitrij Fedorowitsch dazwischen, „habe ich recht gehört: ‚Das Verbrechen muß nicht nur erlaubt sein, sondern sogar als unvermeidlicher und vernünftigster Ausweg aus der Lage eines jeden Gottlosen anerkannt werden!‘ War es so oder nicht?“

„Genau so,“ sagte Pater Paissij.

„Das werde ich mir merken!“

Und Dmitrij Fedorowitsch verstummte ebenso plötzlich, wie er sich in das Gespräch hineingemischt hatte. Alle blickten ihn neugierig an.

„Ist das von den Folgen, die der Verlust des Glaubens der Menschen an die Unsterblichkeit ihrer Seele haben würde, wirklich Ihre Überzeugung?“ fragte plötzlich der Staretz Iwan Fedorowitsch.

„Ich habe das einmal behauptet. Es gäbe keine Tugend, wenn es keine Unsterblichkeit gibt.“

„Selig sind Sie, wenn das Ihr Glaube ist, oder aber maßlos unglücklich!“

„Warum denn unglücklich?“ fragte Iwan Fedorowitsch lächelnd.

„Weil Sie selbst aller Wahrscheinlichkeit nach weder an die Unsterblichkeit Ihrer Seele glauben, noch daran, was Sie von der Kirche und über die Kirchenfrage geschrieben haben.“

„Vielleicht haben Sie recht ... Aber immerhin habe ich doch nicht nur gescherzt ...“ gestand plötzlich sonderbarerweise Iwan Fedorowitsch, wobei er übrigens flüchtig errötete.

„Nicht nur gescherzt, das ist wahr; diese Idee hat sich in Ihrem Herzen noch nicht entschieden, und so quält sie das Herz. Doch auch der Märtyrer liebt es zuweilen, mit seiner Verzweiflung zu spielen, gewissermaßen gleichfalls aus Verzweiflung. Vorläufig spielen auch Sie aus Verzweiflung, wenn Sie Zeitungsartikel schreiben und in Gesellschaften disputieren, ohne dabei selbst an Ihre Dialektik zu glauben, über die sie bei sich mit wehem Herzen lachen ... Dieses Problem ist in Ihnen nicht gelöst, und darin besteht Ihr großes Leid, denn es heischt unerbittlich eine Lösung ...“

„Aber kann es denn in mir überhaupt gelöst werden? Gelöst im positiven Sinne?“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort, sonderbar zu fragen, wobei er immer noch mit einem unerklärlichen Lächeln auf den Staretz blickte.

„Wenn es sich nicht im positiven Sinne lösen kann, so wird es sich auch niemals im negativen Sinne lösen, Sie kennen doch selbst diese Eigenschaft Ihres Herzens, darin besteht seine ganze Qual. Danken Sie dem Schöpfer, daß er Ihnen ein höheres Herz gegeben hat, das fähig ist, sich mit dieser furchtbaren Frage zu quälen, ‚trachtend nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist, denn unser Leben ist im Himmelreich‘. Gebe Gott, daß Ihr Herz noch auf Erden seine Lösung finde, und möge Gott Ihre Wege segnen!“

Der Staretz erhob die Hand und wollte schon von seinem Platz aus das Zeichen des Kreuzes über Iwan Fedorowitsch machen. Doch der erhob sich plötzlich, trat zu ihm und empfing den Segen; darauf küßte er ihm die Hand und kehrte stumm zu seinem Platz zurück. Der Ausdruck seines Gesichts war entschlossen und ernst. Diese Handlung, sowie das ganze vorhergegangene sonderbare Gespräch mit dem Staretz, das man von Iwan Fedorowitsch niemals erwartet hätte, schienen alle durch ihre Rätselhaftigkeit und fast Feierlichkeit stutzig zu machen, so daß das Schweigen eine ganze Minute andauerte. Auf Aljoschas Gesicht drückte sich beinahe Schrecken aus. Da aber zuckte Miussoff plötzlich mit den Achseln, und sofort sprang auch der alte Karamasoff auf.

„Göttlicher, heiligster Staretz!“ rief er pathetisch aus, auf Iwan Fedorowitsch weisend. „Das ist mein Sohn, Leib von meinem Leib, mein liebster Leib! Das ist mein ehrerbietigster, sozusagen Karl Moor, jener dort aber, mein Sohn Dmitrij Fedorowitsch, der jetzt erst eingetreten ist und gegen den ich bei Ihnen mein Recht suche – das ist der unehrerbietigste Franz Moor – beide aus Schillers ‚Räubern‘ –, ich selbst aber, ich selbst bin in diesem Falle natürlich der regierende Graf von Moor! Jetzt urteilen Sie! Und retten Sie! Wir bedürfen nicht nur Ihrer Gebete, sondern auch Ihrer Weissagungen.“

„Reden Sie, ohne dabei den Narren zu spielen, und beginnen Sie nicht mit Beleidigungen Ihrer Angehörigen,“ sagte der Staretz mit schwacher, erschöpfter Stimme. Ersichtlich wurde er immer müder, und seine Kräfte verließen ihn fast wahrnehmbar.

„Diese unwürdige Komödie habe ich schon vorausgeahnt!“ rief unmutig Dmitrij Fedorowitsch, der gleichfalls aufsprang. „Verzeihen Sie, ehrwürdiger Vater,“ wandte er sich an den Staretz, „ich bin nur ein ungebildeter Mensch und weiß sogar nicht einmal, wie man Sie anreden muß, man hat Sie aber betrogen, und es war von Ihnen eine viel zu große Güte, uns hier zu empfangen. Mein Vater will es nur zu einem Skandal bringen, wozu er den nötig hat – das weiß ich nicht; doch wird er dabei schon auf seine Rechnung kommen. Er hat bei allem, was er tut, seine besondere Rechnung; übrigens glaube ich zu wissen, wozu ...“

„Natürlich beschuldigen sie mich alle, alle beschuldigen sie mich!“ rief seinerseits der alte Karamasoff; „auch Pjotr Alexandrowitsch beschuldigt mich! Das haben Sie getan, Pjotr Alexandrowitsch, das haben Sie ...!“ rief er plötzlich, sich zu Miussoff umdrehend, heftig, obgleich es diesem gar nicht eingefallen war, ihm zu widersprechen. „Man beschuldigt mich, ich soll das Geld meiner Kinder in meine Stiefel gesteckt haben und allen das Fell über die Ohren ziehen. Aber erlauben Sie, gibt es denn etwa kein Gericht? Dort würde man Ihnen, Dmitrij Fedorowitsch, nach Ihren eigenen Quittungen, Briefen und Kontrakten sofort verrechnen, wieviel Sie besaßen, wieviel Sie durchgebracht haben und wieviel Ihnen übrigbleibt! Warum vermeidet es Pjotr Alexandrowitsch, die Sache vors Gericht zu bringen? Dmitrij Fedorowitsch ist ihm doch kein Fremder! Er tut’s aber nicht, weil alle auf mich loshacken; Dmitrij Fedorowitsch jedoch ist mir in Summa noch schuldig, und nicht etwas, sondern viele Tausende, was ich mit allen Dokumenten beweisen kann! Die ganze Stadt schnattert ja von seinen überall bekannten Trinkgelagen! Dort aber, wo er in Garnison stand, dort hat er tausend oder zweitausend Rubel hinausgeworfen, um ehrsame Mädchen zu verführen; ja ja, das wissen wir, Dmitrij Fedorowitsch, samt allen sekreten Ausführlichkeiten, – das kann ich gleichfalls beweisen ... Heiligster Vater, werden Sie’s glauben: hat das edelste aller Mädchen bestrickt, eine Tochter aus gutem Hause, mit einem Kapital, die Tochter seines früheren Kommandeurs, eines tapferen, verdienten Obersten, der schon Orden und sogar die Anna mit den Schwertern am Halse trug, hat das Mädchen mit einem Heiratsantrag kompromittiert; jetzt ist sie hier, ist Waise, seine Braut; er aber geht vor ihren Augen mit einer hiesigen Kurtisane. Und wenn auch diese Dame mit einem ehrenwerten Menschen in sozusagen bürgerlicher Ehe gelebt hat, so ist sie doch, was den Charakter anbetrifft, sehr unabhängig, ist für alle eine uneinnehmbare Festung, als ob sie eine rechtmäßige Frau wäre; denn sie ist tugendhaft – ja! meine heiligen Väter, sie ist tugendhaft! Und Dmitrij Fedorowitsch will nun diese Festung mit goldenem Schlüssel öffnen, weswegen er sich denn jetzt auf das Geld, das ich ihm schulden soll, versteift, es herauspressen will; inzwischen aber hat er schon Tausende ihretwegen verzettelt. Ihretwegen borgt er ununterbrochen Geld, und unter anderem auch bei wem, was glauben Sie wohl? Soll ich’s sagen oder nicht, Mitjä!“

„Schweigen Sie!“ schrie Dmitrij Fedorowitsch. „Warten Sie, bis ich hinausgegangen bin; aber in meiner Gegenwart dürfen Sie sich nicht unterstehen, das edelste Mädchen, die Tochter meines Kommandeurs, zu beschimpfen ..., allein schon, daß Sie überhaupt nur ein Wort von ihr gesagt haben, ist eine Schmach für sie ... Das erlaube ich nicht!“

Er war atemlos.

„Mitjä! Mitjä!“ rief schwachnervig der Alte und preßte sich Tränen aus den Augen. „Wozu gibt es denn einen Vatersegen? Was aber dann, wenn ich dich verfluche?“

„Unverschämter Heuchler!“ schrie ihn Dmitrij Fedorowitsch wütend an.

„Das sagt er dem Vater, dem Vater! Was wird er dann noch den anderen sagen? Meine Herren, stellen Sie sich vor: Hier ist ein armer, doch ehrenwerter Mensch, ein verabschiedeter Hauptmann; er hat Unglück gehabt und den Abschied bekommen, doch nicht durch ein Urteil, sondern ohne seiner Ehre verlustig zu gehen; wohnt hier mit seiner zahlreichen Familie. Vor drei Wochen aber hat ihn unser Dmitrij Fedorowitsch im Restaurant am Bart gepackt und ihn an diesem selben Bart hinaus auf die Straße gezogen, wo er ihn dann öffentlich durchgeprügelt hat, und das nur darum, weil jener in einer gewissen Angelegenheit mein heimlicher Bevollmächtigter ist.“

„Nichts als Lüge! Von außen sieht es wie Wahrheit aus, doch inwendig ist nichts als Lüge!“ rief Dmitrij Fedorowitsch zitternd vor Wut. „Ich will meine Handlungen nicht rechtfertigen; ja, ich gestehe selbst vor allen Menschen: Ich habe wie ein Tier an diesem Hauptmann gehandelt, und meine tierische Wut tut mir jetzt leid, ich schäme mich deswegen; aber dieser Hauptmann, Ihr Bevollmächtigter, war zu dieser selben Dame gegangen, von der Sie äußerten, daß sie eine Kurtisane sei, und hatte ihr in Ihrem Namen vorgeschlagen, sie solle alle meine Wechsel, die sich in Ihren Händen befinden, nehmen und sie einklagen, um mich auf diese Weise, wenn ich mit meiner Vermögensabrechnung Ihnen zu sehr auf den Hals rücke, einfach ins Gefängnis zu bringen. Und Sie machen mir jetzt meine Gefühle für diese Dame zum Vorwurf, während Sie sie doch selbst gelehrt haben, mich zu fangen! Sie erzählte es ja Allen ganz offen; sie hat es mir selbst erzählt und sich dabei über Sie lustig gemacht! Ins Gefängnis aber wollen Sie mich nur darum bringen, weil Sie ihretwegen auf mich eifersüchtig sind, weil Sie selbst begonnen haben, sich mit Ihrer gemeinen Liebe dieser Dame zu nähern, und das weiß ich wiederum durch sie selbst, und sie hat es mir wiederum lachend – hören Sie! – über Sie lachend erzählt. Da sehen Sie jetzt, meine heiligen Väter, wie dieser Mensch ist, dieser dem ausschweifenden Sohne Vorwürfe machende Vater! Meine Herren, verzeihen Sie mir meinen Zorn; aber ich ahnte ja schon, daß dieser verschlagene, hinterlistige Greis Sie alle hier zusammengerufen hat, um es zu einem Skandal zu bringen. Ich kam her, um zu verzeihen, wenn er mir seine Hand entgegengestreckt hätte, und selbst um Verzeihung zu bitten! Da er aber hier nicht nur mich beleidigt hat, sondern auch das edelste Mädchen, deren Namen ich aus Hochachtung nicht unnütz aussprechen will, so entschloß ich mich, sein ganzes Spiel aufzudecken, obgleich er doch mein Vater ist ...“

Er konnte nicht weitersprechen. Seine Augen blitzten, und er atmete schwer. Doch auch die anderen in der Zelle Anwesenden waren erregt. Außer dem Staretz erhoben sie sich alle von ihren Plätzen; die beiden Priestermönche blickten streng drein, warteten aber ab, was der Staretz sagen werde. Der war ungewöhnlich bleich, doch nicht vor Aufregung, sondern infolge seiner krankhaften Schwäche.

Ein flehendes Lächeln lag auf seinen Lippen; zuweilen erhob er die Hand, wie um die Tobenden aufzuhalten, und natürlich hätte eine Bewegung von ihm genügt, um den ganzen Auftritt zu beenden; aber er schien es selbst nicht zu wollen, schien noch irgend etwas abzuwarten und beobachtete nur aufmerksam, als ob er noch etwas begreifen wollte, als ob er sich über irgend etwas noch nicht klar geworden sei. Endlich unterbrach Miussoff, der sich endgültig erniedrigt und beschimpft fühlte, das Schweigen.

„An diesem Skandal sind wir alle schuld!“ sagte er erregt, „doch immerhin habe ich mir so etwas nicht träumen lassen, als ich herkam, obgleich ich wußte, mit wem ich es zu tun hatte ... Dem muß sofort ein Ende gemacht werden! Ehrwürden, glauben Sie mir, daß mir alle hier zutage gekommenen Einzelheiten nicht bekannt waren; ich hätte sie nicht für möglich gehalten, erst jetzt erfahre ich zum erstenmal ... Der Vater ist auf den Sohn eifersüchtig wegen eines Weibes, das ein unanständiges Leben führt, und verabredet sich selbst mit diesem gemeinen Geschöpf, den Sohn ins Gefängnis zu bringen! ... Und in solch einer Gesellschaft hat man mich herzukommen gezwungen ... Ich bin betrogen worden! Und ich erkläre hiermit, daß ich nicht weniger als alle anderen betrogen worden bin ...“

„Dmitrij Fedorowitsch!“ rief plötzlich mit einer ganz sonderbaren, ihm ganz fremden Stimme Fedor Pawlowitsch: „Wenn Sie nicht mein Sohn wären, so würde ich Sie unverzüglich fordern ... auf Pistolen, auf drei Schritt Distanz ... übers Schnupftuch, übers Schnupftuch!“ schrie er, mit den Beinen stampfend.

Es kommt zuweilen vor, daß alte Lügner, die sich ihr ganzes Leben lang verstellt haben, plötzlich vor Erregung tatsächlich zittern und weinen – wenn sie sich in ihrer Verstellung schon gar zu sehr verrannt haben –, ungeachtet dessen, daß sie sich selbst noch im selben Augenblick – oder noch vor einer Sekunde – haben zuflüstern können: „Du bist ja doch ein Lügner, alter schamloser Narr; bist ja auch jetzt ein Komödiant trotz deines ganzen ‚heiligen‘ Zornes.“

Dmitrij Fedorowitschs Gesicht verfinsterte sich unheimlich, und mit unbeschreiblicher Verachtung blickte er auf seinen Vater.

„Ich glaubte ... ich glaubte,“ sagte er sonderbar leise und zurückhaltend, „ich würde mit meinem Schutzengel, mit meiner Braut, in die Heimat zurückkehren, um ihn hier im Alter zu pflegen, und jetzt sehe ich vor mir nur einen ausschweifenden Lüstling und den gemeinsten Komödianten!“

„Auf Pistolen!“ schrie wieder der Alte atemlos, und Speichel spritzte bei jedem Wort von seinen Lippen. „Sie aber, Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, merken Sie sich, mein Verehrtester, daß es vielleicht in Ihrer ganzen Sippe – weder jetzt noch früher – kein höheres und ehrenwerteres – hören Sie, ehrenwerteres – Weib jemals gegeben hat als dieses ‚gemeine Geschöpf‘, wie Sie jene Dame vorhin zu nennen wagten! Sie aber, Dmitrij Fedorowitsch, haben gegen dieses ‚gemeine Geschöpf‘ Ihre Braut eingetauscht, somit also selbst gefunden, daß Ihre Braut nicht einmal deren Schuhsohlen wert ist, derart ist also dieses Geschöpf!“

„Welch eine Schmach!“ entrang es sich dem Pater Jossiff.

„Ja, eine Schmach und eine Schande ist es!“ rief plötzlich Kalganoff, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, mit seiner brechenden und vor Erregung zitternden Stimme und wurde über und über rot.

„Wozu lebt solch ein Mensch!“ stieß fast außer sich vor Wut, fast brüllend, Dmitrij Fedorowitsch hervor, wobei er ganz absonderlich die Schultern hob, so daß er beinahe gekrümmt aussah. „Nein, sagt mir doch, kann man es noch länger zulassen, daß er mit seiner Person die Erde schändet?“ Er blickte sich, auf seinen Vater weisend, im Kreise um. Er sprach langsam und gemessen.

„Hört ihr, hört ihr, Mönche, den Vatermörder!“ damit stürzte sich Fedor Pawlowitsch auf den Pater Jossiff. „Das ist die Antwort auf Ihr ‚welch eine Schmach!‘ Was ist eine Schmach? Dieses ‚gemeine Geschöpf‘, dieses Weib, das ein ‚unanständiges Leben führt‘, ist vielleicht heiliger als ihr selber, meine Herren Hieromonachen, die ihr hier euer Seelenheil sucht! Sie ist vielleicht in ihrer Jugend gefallen, als Opfer ihrer Umgebung; sie hat eben ‚viel geliebt‘; jenem Weibe aber, das ‚viel geliebt‘ hatte, wurde von Christus alles vergeben ...“

„Christus hat ihr nicht für diese Liebe vergeben ...“ stieß ungeduldig der sonst so sanfte Pater Jossiff hervor.

„Nein, für diese, für diese selbe, hört ihr, Mönche, gerade für diese! Ihr sucht hier in Sauerkraut euer Seelenheil und glaubt, daß ihr Gerechte seid! Ihr eßt bloß Gründlinge, pro Tag ’nen einzigen Gründling, und glaubt mit Fischfleisch Gott zu kaufen!“

„Unmöglich, unmöglich!“ hörte man in der Zelle von allen Seiten.

Doch diese ganze, bis zur Unanständigkeit getriebene Szene sollte in der unvorhergesehensten Weise enden. Plötzlich erhob sich der Staretz von seinem Platz. Aljoscha gelang es noch, obgleich er vor Angst um ihn und um die anderen seine Geistesgegenwart ganz verloren hatte, ihn beim Aufstehen mit der Hand zu stützen. Der Staretz schritt der Richtung nach auf Dmitrij Fedorowitsch zu, und als er bei ihm angelangt war, dicht vor ihm stand – fiel er plötzlich vor ihm auf die Knie nieder. Aljoscha glaubte zuerst, er sei vor Schwäche zu Boden gefallen, doch das war es nicht. Nachdem der Staretz niedergekniet war, verneigte er sich vor Dmitrij Fedorowitsch in einer vollen, deutlichen, bewußten Verbeugung und berührte sogar mit der Stirn den Boden. Aljoscha war so verwundert, daß er ihm nicht einmal half, aufzustehen. Ein schwaches Lächeln schimmerte kaum merklich auf seinen Lippen.

„Verzeihen Sie, verzeihen Sie alle!“ sagte er, sich nach allen Seiten hin vor seinen Gästen verneigend.

Dmitrij Fedorowitsch stand eine Weile wie vom Schlag gerührt: vor ihm eine Verbeugung bis zur Erde – was war das? ... „O Gott!“ stammelte er endlich und stürzte, das Gesicht mit den Händen bedeckend, aus dem Zimmer hinaus. Ihm folgten hastig alle anderen Gäste, die in der Verwirrung ganz vergaßen, sich noch vom Staretz zu verabschieden. Nur die beiden Priestermönche baten ihn wieder um seinen Segen.

„Was war denn das für eine Verbeugung bis zur Erde, wohl wieder mal was Symbolisches?“ versuchte der plötzlich aus irgendeinem Grunde ganz zahm gewordene Fedor Pawlowitsch ein Gespräch zu beginnen; übrigens wagte er nicht, seine Frage an jemanden persönlich zu stellen. In diesem Augenblick verließen sie gerade die Einsiedelei.

„Für eine Irrenanstalt und Verrückte bin ich nicht verantwortlich,“ entgegnete sofort Miussoff bissig, „dafür aber verzichte ich auf Ihre Gesellschaft, Fedor Pawlowitsch, und das, glauben Sie mir, ein für allemal! Wo ist denn dieser Mönch ...?“

„Dieser Mönch“, d. h. jener, der sie zum Prior zu Tisch gebeten hatte, ließ nicht auf sich warten. Als sie hinaustraten, sahen sie ihn an der Treppe stehen, als ob er sie die ganze Zeit erwartet hätte.

„Haben Sie die Güte, verehrter Pater,“ sagte Miussoff gereizt zu ihm, „mich gehorsamst Seiner Hochwürden zu empfehlen, mich selbst aber, Miussoff, zu entschuldigen, da ich infolge plötzlich eingetretener und unvorhergesehener Umstände unmöglich die Ehre haben kann, trotz meines aufrichtigen Wunsches, an seiner Mahlzeit teilzunehmen.“

„Aber dieser unvorhergesehene Umstand – das bin ja ich!“ griff sofort Fedor Pawlowitsch auf. „Hören Sie, Pater, Pjotr Alexandrowitsch will ja bloß nicht mit mir zusammen hingehen, sonst aber würde er mit Handkuß hingehen! Und Sie werden’s auch, Pjotr Alexandrowitsch; haben Sie die Güte, zum Pater Prior zu gehen, und – ich wünsche Ihnen vorzüglichen Appetit! Denn ich bin es, der sich zurückzieht, nicht Sie. Zu Hause, zu Hause werde ich essen, hier aber fühle ich mich unfähig dazu, Pjotr Alexandrowitsch, mein allerliebster Anverwandter!“

„Ich bin nicht Ihr Anverwandter und bin es nie gewesen, Sie niedriger Mensch!“

„Das habe ich ja absichtlich gesagt, um Sie so ein wenig zu necken, da Sie sich so gern von der Verwandtschaft lossagen wollen, obgleich Sie doch immer mein lieber Verwandter bleiben, da helfen Ihnen keine Finten, kann’s Ihnen in den Kirchenbüchern nachweisen. Dir, Iwan, werde ich schon zur rechten Zeit die Pferde herschicken; bleib also hier, wenn du willst. Ihnen aber, Pjotr Alexandrowitsch, gebietet sogar der Anstand, jetzt zu seiner Hochehrwürden zu gehen; man muß doch seine Entschuldigung machen für das, was wir dort beide losgeschossen haben ...“

„Ja, ist es denn auch wahr, daß Sie zurückfahren wollen? Lügen Sie nicht wieder einmal?“

„Pjotr Alexandrowitsch, wie sollte ich das, nach allem, was geschehen ist! Habe mich hinreißen lassen! Bin aber erschüttert! Und man schämt sich doch, weiß Gott. Meine Herrschaften, der eine hat ein Herz wie Alexander der Große, der andere aber – wie ein Schoßhündchen Fidelka. Nun, ich habe letzteres. Habe Angst bekommen! Wie soll ich denn noch nach solch einer Eskapade zu einem Mittagsmahle gehen und Klostersaucen schlecken? Schäme mich, kann nicht, entschuldigen Sie mich!“

„Weiß der Teufel, wie aber, wenn er mich wieder betrügt!“ dachte nachdenklich Miussoff, der stehen geblieben war und mit fragend mißtrauischem Blick der Gestalt des sich entfernenden alten Narren folgte. Da wandte sich jener noch einmal um, und da er Miussoffs beobachtenden Blick bemerkte, warf er ihm eine Kußhand zu.

„Und Sie? Werden Sie zum Prior gehen?“ fragte Miussoff schroff Iwan Fedorowitsch.

„Warum denn nicht? Und zudem hat mich der Prior gestern noch besonders eingeladen.“

„Zum Unglück fühle ich mich wirklich fast verpflichtet, zu diesem verfluchten Mittagsmahl zu gehen,“ fuhr Miussoff mit derselben Gereiztheit bitter fort, ohne weiter zu beachten, daß der kleine Mönch dabei war und alles hörte. „Man muß dort wenigstens seine Entschuldigung machen wegen der Geschichten, die wir hier angerichtet haben, und erklären, daß nicht wir es gewesen sind ... Was meinen Sie?“

„Ja, man muß erklären, daß nicht wir es gewesen sind. Und mein Vater wird ja nicht dabei sein,“ meinte Iwan Fedorowitsch.

„Das fehlte noch! Mit Ihrem Vater! Dieses verfluchte Mittagsmahl!“

Einstweilen gingen sie doch alle drei. Der kleine Mönch schwieg und spitzte die Ohren. Unterwegs, als sie durch das Wäldchen gingen, bemerkte er nur einmal, daß Seine Hochwürden schon lange warteten und sie sich um eine ganze halbe Stunde verspätet hätten. Er erhielt aber keine Antwort. Miussoff blickte haßerfüllt Iwan Fedorowitsch von der Seite an:

„Und er geht auch wirklich hin, als wäre überhaupt nichts vorgefallen!“ dachte er bei sich. „Eherne Stirn und Karamasoffsches Gewissen!“

VII. Der Seminarist und Streber

Aljoscha führte seinen Staretz in das kleine Schlafgemach und ließ ihn sich auf das Bett niedersetzen. Es war ein kleines Zimmer, in dem nur die notwendigsten Möbel standen. Das eiserne Bett war klein und schmal, und auf ihm lag anstatt einer Matratze nur eine Filzdecke. In der Ecke unter den Heiligenbildern stand sein Lesepult, und auf ihm lagen ein Kreuz und die Bibel. Der Staretz sank erschöpft auf das Bett; seine Augen glänzten, und er atmete nur schwer. Nachdem er sich gesetzt hatte, richtete er seinen Blick auf Aljoscha und betrachtete ihn aufmerksam, als ob er über etwas nachdächte.

„Geh, mein Liebling, geh, Porfirij wird hier bei mir bleiben, du aber mußt dich beeilen. Du bist dort nötig, geh zum Prior, bediene beim Essen.“

„Bitte, erlauben Sie mir, hier zu bleiben,“ bat Aljoscha leise.

„Du bist dort nötiger. Dort herrscht kein Friede. Du wirst dich nützlich machen können. Wenn die Dämonen sich erheben, so sprich ein Gebet. Und wisse, mein Sohn“ (der Staretz liebte es, ihn so zu nennen), „daß auch hinfort nicht hier dein Platz ist. Denk daran, Jüngling. Wenn es Gott gefallen wird, mich in die Ewigkeit abzurufen – so gehe fort aus dem Kloster. Verlaß es ganz.“

Aljoscha fuhr zusammen.

„Was hast du? Nicht hier ist jetzt dein Platz. Ich segne dich zu deiner großen Aufgabe in der Welt. Lang ist noch deine Wanderschaft, mein Sohn. Und auch heiraten wirst du müssen, Jüngling, du mußt es. Alles wirst du ertragen müssen, bis du wieder da anlangst, von wo du ausgegangen bist. Und du wirst viel zu tun haben. Doch an dir zweifle ich nicht und darum schicke ich dich. Christus ist mit dir. Bewahre du ihn, so wird auch er dich bewahren. Großes Leid wirst du erfahren, und in diesem Leid wirst du glücklich sein. Und hier hast du mein Vermächtnis: Suche im Leid das Glück. Arbeite, arbeite unermüdlich. Behalte hinfort meine Worte, denn wenn ich auch noch mit dir sprechen werde, so sind doch nicht nur meine Tage, sondern selbst meine Stunden gezählt.“

Im Antlitz Aljoschas drückte sich wieder eine mächtige Bewegung aus. Seine Mundwinkel zitterten.

„Was hast du nur wieder?“ fragte sanft lächelnd der Staretz. „Mögen weltliche Tränen ihre Sterbenden begleiten, hier aber freuen wir uns des in die Ewigkeit Eingehenden. Wir freuen uns und beten für ihn. Geh jetzt. Ich muß beten. Gehe und beeile dich. Sei bei deinen Brüdern. Nicht nur bei einem, sondern bei beiden, mein Sohn.“

Der Staretz erhob die Hand zum Segen. Aljoscha wagte nicht, zu widersprechen, obwohl er so gern bei ihm geblieben wäre. Auch wollte er noch fragen, und schon schwebte ihm die Frage auf der Zunge, was diese Verbeugung bis zur Erde vor seinem Bruder Dmitrij bedeuten sollte? – Aber er wagte es nicht. Er wußte, daß der Staretz es ihm auch ungefragt gesagt haben würde, wenn es möglich gewesen wäre. Also hatte er es selbst nicht gewollt. Diese Verbeugung aber hatte auf Aljoscha einen furchtbaren Eindruck gemacht; er glaubte blind, daß in ihr ein geheimnisvoller Sinn lag – eine geheimnisvolle und vielleicht entsetzliche Bedeutung. Als er aus der Einfriedung der Einsiedelei trat, um noch zur rechten Zeit ins Kloster zum Mittagsmahl des Priors zu gelangen, natürlich, nur um bei Tisch zu bedienen, zog sich ihm plötzlich schmerzhaft das Herz zusammen, und er blieb stehen: In seinen Ohren erklangen von neuem die Worte des Staretz, die seinen nahen Tod verkündet hatten. Was aber der Staretz vorhersagte und noch dazu mit solch einer Bestimmtheit, das mußte auch in Erfüllung gehen – dieser Glaube war für Aljoscha heilig. Wie aber sollte er dann ohne ihn bleiben, wie ihn nicht mehr sehen, wie ihn nicht mehr hören? Und wohin sollte er dann gehen? Nicht weinen und das Kloster verlassen, o Gott! Lange schon hatte Aljoscha nicht mehr so großes Leid empfunden. Er schritt schneller durch den Wald, der die Einsiedelei vom Kloster trennte, und da ihn seine Gedanken fast erdrückten, blickte er hinauf in die Wipfel der hundertjährigen Kiefern zu beiden Seiten des schmalen Waldwegs. Es war nicht weit bis zum Kloster: fünfhundert Schritt, nicht mehr. Zu dieser Tageszeit hätte er eigentlich niemanden treffen können, doch plötzlich erblickte er bei einer Wegbiegung Rakitin, den Seminaristen, der jemanden zu erwarten schien.

„Wartest du etwa auf mich?“ fragte Aljoscha, als er ihn erreicht hatte.

„Hast’s erraten,“ antwortete Rakitin. „Du begibst dich zum Prior. Ich weiß; bei ihm gibt es heute wieder ein Essen. Seitdem er damals den Bischof und den General Pachatoff aufgenommen, weißt du noch, hat es bei ihm solch ein Mahl nicht mehr gegeben. Ich werde nicht dabei sein, du aber geh mal hin, um die Saucen zu reichen. Sage mir aber vorher eines, Alexei: Was hat diese Vision des Staretz zu bedeuten? Das ist es, was ich dich fragen will.“

„Welch eine Vision?“

„Nun, diese Verbeugung vor deinem Brüderlein Dmitrij Fedorowitsch. Und wie er noch mit der Stirn auf den Boden knallte!“

„Du sprichst vom Staretz Sossima?“

„Von wem denn sonst?“

„Knallte? ...“

„Ach so, hab mich unehrerbietig ausgedrückt. Nun, meinetwegen. Aber was hat denn diese Vision zu bedeuten?“

„Ich weiß es nicht, Mischa, was sie zu bedeuten hat.“

„Das konnte ich mir ja denken, daß er’s dir nicht erklären würde. Gescheites steckt dabei natürlich nichts dahinter; wie’s scheint, wieder nur die ewigen Heilsdummheiten. Aber das Kunststück wurde absichtlich gemacht. Jetzt werden alle Kirchenschwalben in der Stadt losschnattern, und dann wird’s vom einen zum anderen durch das ganze Gouvernement gehen: ‚Was hat wohl diese Vision zu bedeuten?‘ Der Alte ist ja wirklich mit Seherkraft begabt: hat ein Kriminalverbrechen gewittert. Es stinkt bei euch.“

„Was für ein Kriminalverbrechen?“

Augenscheinlich wollte Rakitin etwas sagen.

„Dasselbe, das in eurer Familie begangen werden wird. Und zwar wird es zwischen deinen Brüdern und deinem reichen Papachen unbedingt dazu kommen. Und so hat denn Sossima auf alle zukünftigen Fälle mit der Stirn den Fußboden berührt. Was dann später auch geschehen mag, jedenfalls wird’s heißen: ‚Ach, das hat doch der heilige Staretz prophezeit,‘ – obgleich, sage doch selbst, was soll denn das für eine Prophezeiung sein? Nein, das war sozusagen eine sinnbildliche, eine allegorische Handlung, und weiß der Teufel, was noch! Man wird’s ausposaunen und behalten: Hat das Verbrechen vorausgesehen, den Verbrecher erkannt. Alle sich blödsinnig stellenden Stadtverrückten tun dasselbe: Bekreuzen sich vor der Schenke, auf die Kirche aber werfen sie Steine. So tut’s auch dein Staretz: Den Gerechten mit dem Knüppel raus, dem Mörder aber eine Verbeugung bis zur Erde.“

„Was für ein Verbrechen? Welch einem Mörder? Was sagst du?“ Aljoscha stand wie erstarrt, da blieb auch Rakitin stehen.

„Welch einem? Als ob du’s nicht wüßtest? Ich könnte wetten, daß du schon selbst daran gedacht hast. Aber wart mal, das ist ja ganz interessant: Hör, Aljoscha, du sagst doch immer die Wahrheit, wenn du dich auch immer zwischen die Stühle setzt: hast du daran gedacht, oder hast du nicht daran gedacht, antworte?“

„Ich habe daran gedacht,“ antwortete Aljoscha leise. Selbst Rakitin wurde etwas verlegen.

„Was du sagst? Also auch du hast schon daran gedacht?“ rief er erstaunt.

„Ich ... ich ... nicht gerade, daß ich gedacht habe,“ murmelte Aljoscha, „als du aber jetzt anfingst, so sonderbar darüber zu sprechen, da schien es mir, daß ich selbst daran gedacht habe.“

„Siehst du, und wie deutlich du das ausdrückst! Also heute hast du beim Anblick deines Papachen und deines Brüderleins Mitjenka an ein Verbrechen gedacht? Also täusche ich mich doch nicht?“

„Aber wart, wart doch,“ unterbrach ihn erregt Aljoscha, „woraus schließt du das alles? ... Und vor allen Dingen: Warum beschäftigt dich das so?“

„Zwei verschiedene Fragen auf einmal, doch sind sie beide verständlich. Ich werde jede einzeln beantworten. Woraus ich das schließe? Nichts würde ich hieraus schließen, wenn ich deinen Bruder Dmitrij Fedorowitsch heute nicht ganz erkannt hätte, ganz plötzlich, und ganz und gar durchschaut hätte. An so einem einzigen Zuge begriff ich mit einem Schlage den ganzen Menschen. Bei diesem allerehrlichsten, doch wollüstigen Menschen gibt es eine Grenze, die man nicht überschreiten darf, oder er spießt mit seinem Messer selbst das Papachen auf. Papachen aber ist ein stets besoffener und zügelloser Wüstling, niemals und in nichts wird er maßzuhalten verstehen, wie er es nie verstanden hat – sie werden sich beide nicht beherrschen und plumps, beide in den Graben purzeln ...“

„Nein, Mischa, nein, wenn es nur das ist, so ... so hast du mich beruhigt. Dazu wird es nicht kommen.“

„Warum aber zitterst du am ganzen Körper? Weißt du was? Mag er auch ein ehrlicher Mensch sein, der Mitjenka – er ist dumm, aber ehrlich; aber, aber er ist ein Wollüstling. Das ist die richtige Bezeichnung für sein ganzes inneres Wesen. Und das hat er vom Vater, der hat ihm seine gemeine Lüsternheit vermacht. Ich muß mich immer nur über dich wundern, Aljoscha: Wie bist du noch so ganz Knabe? Du bist doch auch ein Karamasoff! Ist doch in eurer Familie die Sinnlichkeit bis zur chronischen Entzündung gesteigert. Nun, und diese drei Wollüstlinge beobachten jetzt einer den anderen ... mit Messern in den Stiefelschäften. Drei sind mit den Köpfen aneinandergestoßen, du aber bist vielleicht der vierte.“

„Aber in ihr täuschst du dich. Dmitrij ... verachtet sie,“ sagte Aljoscha fast zusammenzuckend.

„Wen, Gruschenka etwa? Nein, mein Lieber, die verachtet er nicht! Wenn er sogar seine Braut gegen sie eingetauscht hat, so verachtet er sie nicht. Hier ... hier, weißt du, ist etwas, was du noch nicht verstehen kannst. Wenn sich der Mensch in irgendeine Schönheit, in den weiblichen Körper oder selbst nur in einen Teil des weiblichen Körpers verliebt – ein Wollüstling kann das wohl verstehen –, so gibt er für ihn seine eigenen Kinder hin, verkauft Vater und Mutter, Rußland und das Vaterland. Ist er ehrlich, so wird er stehlen gehen; ist er sanftmütig, so wird er morden; ist er treu – verraten. Puschkin, der Sänger der Weiberfüßchen, hat diese Füßchen in Gedichten besungen, andere besingen sie nicht, können aber auf diese Füßchen nicht ohne Erregung blicken. Und nicht nur auf die Füßchen ... Hier, mein Lieber, hilft keine Verachtung – selbst wenn er Gruschenka verachtete. Oder gut, er verachtet sie, kann sich aber doch nicht losreißen.“

„Das verstehe ich,“ platzte ganz unvermutet Aljoscha heraus.

„Was du sagst? Mußt es ja wirklich verstehen, wenn es so plötzlich und so unverhofft aus dir herausfährt!“ rief schadenfroh Rakitin. „Es kam ja fast ganz aus Versehen aus dir heraus. Um so wertvoller das Geständnis: Also bereits bekanntes Thema für dich, hast schon darüber nachgedacht, über die Wollust! Ach, du unberührtes Mädchen! Du, Aljoscha, bist ein Duckmäuser, still und verschwiegen, schön, du bist ein Heiliger, gebe es zu, aber du bist verschlossen, und der Teufel mag wissen, woran du schon gedacht hast, was dir alles schon bekannt ist! Bist ’ne Jungfer und bist schon in solche Tiefen hinabgestiegen! Ich beobachte dich schon lange. Auch du bist ein Karamasoff, ein echter Karamasoff – also haben doch die Herkunft und der Stamm etwas zu bedeuten! Nach dem Vater Wollüstling, nach der Mutter geistesschwacher Heiliger. Warum zitterst du? Oder sage ich die Wahrheit? Weißt du was: Gruschenka hat mich gebeten, ‚bring ihn – das heißt also, dich – bring ihn her, ich werde ihm die Kutte abziehen.‘ Und wie sie noch gebeten hat: Bring ihn und bring ihn! Ich frage mich nur, wodurch du für sie so interessant bist? Weißt du, auch sie ist ein ungewöhnliches Weib!“

„Grüße sie und sage ihr, daß ich nicht kommen werde,“ sagte Aljoscha mit einem verzogenen Lächeln. „Du, Michail, sprich aus, was du vorhin sagen wolltest, ich werde dir dann auch meine Gedanken sagen.“

„Was ist hier auszusprechen, es ist doch klar. Das Ganze, mein Lieber, ist eine alte Geschichte. Wenn auch du schon in dir den Wollüstling fühlst, was ist dann dein Bruder Iwan, dein leiblicher Bruder? Auch er ist doch ein Karamasoff, darin besteht ja euer ganzes Karamasoffsches Problem: Wollüstlinge, Besitzgierige und Heilige! Dein Bruder Iwan schreibt jetzt vorläufig scherzweise aus irgendeiner theologischen, allerdümmsten, unbekannten Berechnung Zeitungsartikel, ist aber dabei Atheist, und diese Gemeinheit gesteht er zum Überfluß noch selbst ein, dieser dein Bruder Iwan. Außerdem will er seinem älteren Bruder die Braut abspenstig machen und wird, wie’s scheint, auch dieses Ziel erreichen. Und wie noch: mit Mitjenkas eigener Erlaubnis – denn Mitjenka tritt ihm ja selbst seine Braut ab, um sie vom Halse zu haben und von ihr schneller ganz zu Gruschenka übergehen zu können. Und das alles bei seiner edlen Denkweise und Uneigennützigkeit, vergiß das nicht! Der Teufel soll aus euch klug werden: Mitjä sieht seine Gemeinheit selbst ein und rennt doch mit dem Kopf voran in sie hinein! Höre weiter. Nun aber kommt der Alte und kreuzt Mitjenkas Weg – der Vater! Der ist doch jetzt plötzlich wie besessen hinter Gruschenka her; bei ihm fließt ja schon der Geifer aus den Mundwinkeln, wenn er sie bloß von weitem sieht; hat er doch nur ihretwegen in der Zelle diesen Skandal gemacht, weil Miussoff sich erdreistete, sie ein gemeines Geschöpf zu nennen; ist wie ein Kater in sie verliebt. Früher diente sie ihm bloß für Geld zu gewissen dunklen Trinkstubengeschäftchen, jetzt aber hat er sie entdeckt und ist wie rasend geworden, drängt sich täglich mit Anträgen, natürlich mit unanständigen, an sie heran. Nun und auf diesem Wege werden sie dann aneinanderprallen, das Papachen mit dem Söhnchen. Gruschenka aber entscheidet sich noch für keinen von beiden, macht vorläufig noch Winkelzüge und führt sie beide an der Nase herum, überlegt sich, welcher vorteilhafter wäre; denn wenn man dem Papachen auch viel Geld abzapfen könnte, so heiratet er dafür doch nicht, und womöglich wird er zum Schluß noch knickerig und hängt den Beutel höher oder schließt ihn ganz. In diesem Falle hat auch Mitjenka seinen Wert: Geld hat er zwar nicht, dafür aber ist er fähig, zu heiraten. Ja, dazu ist er fähig! Die Braut zu verlassen, Katerina Iwanowna, die schön, wunderschön, reich, adlig und die Tochter eines Obersten ist, und Gruschenka zu heiraten, die gewesene Maitresse eines alten, ausschweifenden Krämers, des Stadthaupts Ssamssonoff. Aus alledem kann wirklich ein Kriminalverbrechen zustande kommen, und darauf wartet nur dein Bruder Iwan, dann würde er in der Wolle sitzen: würde Katerina Iwanowna, nach der er vor Sehnsucht vergeht, erwerben und dazu noch die Sechzigtausend ihrer Mitgift schnappen. Für einen Habenichts, wie er, ist das für den Anfang sehr verlockend. Und vergiß dabei nicht: nicht nur, daß er Mitjä damit nicht beleidigt, er verpflichtet ihn sich noch bis zum Grabe. Ich weiß doch, daß Mitjä selbst noch in der vergangenen Woche im Gasthaus geschrien hat, nachdem er sich in Gesellschaft von Zigeunerinnen angetrunken, daß er seiner Braut, der Katjenka, nicht wert sei, sein Bruder Iwan aber, der sei es! Und was Katerina Iwanowna anbetrifft, so wird sie solch einen Bezauberer, wie Iwan Fedorowitsch, schließlich doch nicht verschmähen; sie schwankt ja schon jetzt zwischen beiden. Wodurch hat nur dieser Iwan euch alle dermaßen bestrickt, daß ihr ihn ausnahmslos so ehrfurchtsvoll verehrt? Er lacht doch einfach über euch: sitze in der Wolle, denkt er, und wärme mich auf eure Rechnung!“

„Woher weißt du das? Warum sprichst du so überzeugt?“ fragte plötzlich Aljoscha schroff und runzelte die Stirn.

„Warum fragst du das jetzt, und warum fürchtest du meine Antwort schon im voraus? Gibst damit doch selbst zu, daß ich die Wahrheit gesagt habe.“

„Du magst ihn nicht; Iwan läßt sich nicht durch Geld verlocken.“

„Was du sagst? Und die Schönheit Katerina Iwanownas? Da handelt es sich nicht um Geld allein, obgleich sechzigtausend Rubel ein verlockendes Sümmchen sind.“

„Iwan denkt höher; ihn werden auch Tausende nicht anlocken. Iwan sucht nicht Geld, nicht Wohlleben. Vielleicht sind es Qualen, die er sucht.“

„Was soll denn das bedeuten? Ach, ihr Edelleute!“

„Ja, Mischa, seine Seele ist stürmisch, sein Verstand liegt in Fesseln; er trägt große, noch unentschiedene Gedanken mit sich. Er ist einer von denen, die nicht Millionen brauchen, sondern Probleme lösen müssen.“

„Literarischer Diebstahl, Aljoscha! Du kopierst deinen Staretz in schönen Phrasen. Und was für ein Rätsel euch dieser Iwan aufgegeben hat!“ sagte Rakitin mit unverhohlener Bosheit. Sein Gesicht veränderte sich sogar, und seine Lippen verzogen sich. „Und das Rätsel ist dazu noch dumm, ’s ist dabei nichts zu erraten! Streng dein Gehirn etwas an und denk mal nach, dann wirst du’s einsehen. Sein Artikel ist lächerlich und absurd. Und hörtest du vorhin seine dumme Theorie: ‚Gibt es keine Unsterblichkeit der Seele, so gibt es auch keine Tugend, folglich ist alles erlaubt.‘ – Und Mitjenka, weißt du noch, wie der ausrief: ‚Das werde ich mir merken!‘ – Wahrlich – eine verlockende Theorie für Spitzbuben ... Ich schimpfe wieder, das ist dumm ... nicht für Spitzbuben, sondern für schuljungenhafte Aufschneider – mit ‚unergründlicher Gedankentiefe‘. Ein Prahlhänschen, und der ganze Kern: ‚Einerseits ist es unmöglich, zuzugeben, und andererseits – ist es unmöglich, nicht anzuerkennen!‘ Seine ganze Theorie ist eine Gemeinheit. Die Menschheit wird in sich selbst die Kraft finden, für die Tugend zu leben, sogar ohne dabei an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben! In der Liebe zur Freiheit, zur Gleichheit, Brüderlichkeit wird sie sie finden ...“

Rakitin ereiferte sich dermaßen, daß er sich kaum noch beherrschen konnte. Doch plötzlich brach er ab, als ob ihm etwas eingefallen wäre.

„Nun genug,“ meinte er mit schiefem Lächeln. „Warum lachst du? Denkst wohl, daß ich ein Hundsfott bin?“

„Nein, ich dachte nicht einmal daran, das zu denken. Du bist klug, aber ... laß gut sein, ich lächelte nur so aus Dummheit; ich verstehe, daß du dich ereiferst, Mischa. Aus deiner Erregung habe ich erraten, daß du selbst nicht gleichgültig bist gegen Katerina Iwanowna, und das, Freund, habe ich schon längst vermutet; darum aber liebst du auch meinen Bruder Iwan nicht. Bist du eifersüchtig auf ihn?“

„Und auf ihr Geld? Sag nur, was du denkst.“

„Nein, das werde ich nicht sagen; ich will dich nicht beleidigen.“

„Glaub’s, weil du es sagst. Aber der Teufel hole euch alle mitsamt eurem lieben Iwan! Kein einziger von euch will’s begreifen, daß man ihn auch ohne Katerina Iwanowna nichts weniger als lieben kann. Und warum soll ich ihn denn lieben, Teufel noch eins! Würdigt er mich doch dessen, sogar persönlich über mich zu schimpfen. Warum soll ich dann kein Recht haben, auch über ihn zu schimpfen?“

„Ich habe noch nie gehört, daß er etwas über dich gesagt hat, weder Gutes noch Schlechtes; er spricht überhaupt nicht von dir.“

„Ich aber habe gehört, daß er mich vor drei Tagen bei Katerina Iwanowna, was das Zeug hält, heruntergerissen hat – dermaßen also interessiert er sich für meine Wenigkeit. Und wer auf wen eifersüchtig ist – das weiß ich nicht! Er hat geruht, den Gedanken auszudrücken, daß ich, wenn ich mich nicht bald für die Karriere des Erzbischofs entscheide und mich nicht als Mönch einkleiden lasse, unbedingt nach Petersburg fahren würde, um dort an einer großen Zeitung anzukommen, unbedingt in die kritische Abteilung, um etwa zehn Jahre zu schreiben und dann das Blatt auf meinen Namen zu überführen. Darauf würde ich’s weiter herausgeben, und zwar unbedingt mit einer liberalen und atheistischen Tendenz, mit sozialistischer Färbung, doch dabei wohl auf der Hut sein, das heißt also, im Grunde weder auf dieser noch auf jener Seite stehen und den Eseln Sand in die Augen streuen. Das Ende meiner Karriere wäre nach der Weissagung deines lieben Brüderchens: daß die sozialistische Färbung mich nicht hindern würde, die Abonnementsgelder zurückzulegen und mit ihnen bei passender Gelegenheit unter Anleitung irgendeines Juden zu spekulieren, bis ich mir ein kapitales Haus in Petersburg aufgebaut habe, um in dasselbe die ganze Redaktion überzuführen und in die übrigen Etagen Mieter aufzunehmen. Er hat sogar den Platz fürs Haus schon bestimmt: an der neuen Steinbrücke, die jetzt, wie es heißt, in Petersburg vom Liteinyj auf die Wyborger Seite projektiert wird ...“

„Ach, Mischa, das wird doch auch genau so sein, aufs Wort genau!“ rief plötzlich Aljoscha aus und lachte fröhlich auf.

„Ah – auch Sie ergehen sich in Sarkasmen, Alexei Fedorowitsch?“

„Nein, nein, ich scherzte nur, verzeih! Ich habe ganz anderes im Sinne. Aber erlaube: Wer hat dir das so bis in alle Einzelheiten erzählen können, von wem hättest du das hören können? Persönlich konntest du doch nicht bei Katerina Iwanowna sein, als er von dir sprach?“

„Ich war allerdings nicht bei ihr, dafür aber war Dmitrij Fedorowitsch dort, und so hörte ich es denn später mit eigenen Ohren von ihm, das heißt, wenn du willst, er sagte es nicht mir, sondern ich hörte es, unfreiwillig natürlich, denn ich saß in Gruschenkas Schlafzimmer und konnte nicht hinausgehen, solange er sich im vorderen Zimmer befand.“

„Ach richtig, ich hatte es fast vergessen, sie ist ja mit dir verwandt.“

„Verwandt? Gruschenka, diese Gruschenka mit mir verwandt?“ schrie Rakitin, ganz rot im Gesicht. „Du hast wohl den Verstand verloren! Deinem Gehirnkasten scheint ja die Vernunft völlig abhanden gekommen zu sein!“

„Wie, ist sie denn wirklich nicht mit dir verwandt? Ich habe es so gehört ...“

„Wo hast du das hören können? Nein, ihr, meine Herren Karamasoff, ihr spielt euch ja wahrlich als große, erhabene, alte Edelleute auf, während doch dein Vater als Narr von einem fremden Tisch zum anderen lief und Gnadenbrot aß! Gut, ich bin bloß ein Popensohn und vor euch Adligen nur eine Blattlaus, aber beleidigt mich deshalb nicht so sorglos auf Schritt und Tritt! Auch ich habe eine Ehre, Alexei Fedorowitsch. Ich kann nicht mit Gruschenka verwandt sein, mit einer öffentlichen Dirne, das bitte ich zu begreifen!“

Rakitin war ungewöhnlich gereizt.

„Verzeih mir, um Gottes willen, ich konnte das doch nicht ahnen, und zudem – wieso ist sie denn eine öffentliche? Ist sie etwa ... so eine?“ fragte plötzlich errötend Aljoscha. „Ich versichere dir, ich habe es so gehört, daß du mit ihr verwandt sein sollst. Du gehst so oft zu ihr und hast mir dabei selbst gesagt, daß du mit ihr kein ... Liebesverhältnis hast ... Ich hätte daher nie gedacht, daß du sie so verachtest! Und hat sie das denn wirklich verdient?“

„Wenn ich sie besuche, so kann ich dazu meine Gründe haben; das mag dir genügen. Was aber die Verwandtschaft anbetrifft, so wird dein Brüderchen oder vielleicht sogar das Papachen eher dich mit dieser Verwandtschaft beglücken, als daß ich mit ihr verwandt wäre. So, da sind wir ja. Schieb mal jetzt in die Küche ab. O! was ist denn das, was hat das zu bedeuten? Etwa zu spät gekommen? Aber so schnell konnten sie doch nicht abspeisen? Oder haben hier wieder die Karamasoffs etwas Schönes angerichtet? Bestimmt wird’s so sein! Da kommt ja auch schon dein Papachen und hinter ihm Iwan Fedorowitsch. Kommen beide vom Prior heraus. Da ruft ihnen ja noch Pater Issidor etwas von der Treppe nach. Ah, und auch dein Vater schreit jetzt und fuchtelt mit den Armen, schimpft natürlich. Ah, und da fährt ja schon Miussoff in seinem Wagen fort, siehst du, dort fährt er. Und da läuft ja auch noch Maximoff – aber dort gibt’s unbedingt einen Skandal! Haben wohl überhaupt nicht gespeist! Oder sollten sie womöglich den Prior verprügelt haben? Oder selbst verprügelt worden sein? Das wäre was! ...“

Rakitin hatte es erraten. Es war tatsächlich zu einem Skandal gekommen, zu einem unerhörten und ganz unerwarteten Skandal. Und alles war „aus Begeisterung“ geschehen.

VIII. Der Skandal

Als Miussoff, Iwan Fedorowitsch und Kalganoff beim Prior eintraten, ging in ersterem als aufrichtigem, anständigem und feinfühligem Menschen eine in ihrer Art sehr delikate Veränderung vor sich: Er schämte sich plötzlich, sich noch zu ärgern. Er sagte sich, daß er den elenden Fedor Pawlowitsch im Grunde viel zu gering schätzen müßte, um seinetwegen die Kaltblütigkeit zu verlieren, wie er es in der Zelle des Staretz leider getan hatte. „Wenigstens sind die Mönche hier an nichts schuld,“ entschied er bei sich, als er die Treppe hinaufstieg, „und wenn auch hie anständige Leute sind – dieser Pater Nikolai, dieser Prior, ist, glaube ich, gleichfalls von adliger Herkunft –, warum soll ich dann nicht liebenswürdig und höflich mit ihnen sein? ... Werde nicht streiten, kann ja sogar beistimmen, nehme sie mit Liebenswürdigkeit und ... und ... beweise ihnen zum Schluß, daß ich nicht zur Gesellschaft dieses Aesop, dieses Narren, dieses Pierrot gehöre, und ebenso hereingefallen bin, wie sie alle ...“

Das umstrittene Recht auf das Waldfällen und den Fischfang (wo sich dieser Wald und diese Flußstelle befanden, wußte er selbst nicht einmal), beschloß er, ihnen endgültig abzutreten, ein für allemal, und das sofort (um so mehr, als das Ganze nur sehr wenig kostete), und alle seine Klagen gegen das Kloster zurückzuziehen.

Diese guten und wohlgemeinten Vorsätze verstärkten sich noch mehr in ihm, als sie in das Speisezimmer des Priors eintraten. Übrigens war es nicht gerade ein Speisezimmer, da der Prior nur zwei Zimmer bewohnte, allerdings viel größere und bequemere als der Staretz. Doch die Einrichtung zeichnete sich ebensowenig durch Luxus aus: die Möbel waren aus rotem Holz mit Lederbezug, alt, Fasson der zwanziger Jahre; der Fußboden war sogar ungestrichen; dafür aber glänzte alles vor Sauberkeit, und vor den Fenstern standen viele teure Blumen. Das Schönste war in diesem Augenblick gewissermaßen der Tisch: das Tischtuch war blendend weiß, und alles, was darauf stand, glänzte gleichfalls vor Sauberkeit; drei Sorten prachtvoll gebackenes Brot, zwei Flaschen Wein, zwei Flaschen Met vom vorzüglichen Klosterhonig und eine große Glaskanne mit Kwas,[8] der im Kloster selbst gebraut wurde und in der ganzen Umgegend berühmt war. Schnaps gab es nicht. Rakitin wußte später zu erzählen, daß zu diesem Diner fünf Gänge bereitet worden waren: Es gab Sterletsuppe mit Fischpiroggen, dann einen ganz besonders zubereiteten Fisch, darauf in Scheiben gebratenen roten Fisch, Gefrorenes und Kompott, und zum Schluß noch eine süße Speise in der Art eines Blanc-manger. Das alles hatte Rakitin herausgeschnüffelt, war sogar zu diesem Zweck in die Küche des Priors gegangen, wo er noch von früher her seine Verbindungen hatte. Er hatte nämlich überall Verbindungen und verstand, alles zu erfahren, was er erfahren wollte. Er hatte ein unruhiges, neidisches Herz. Über seine ziemlich gute Begabung wußte er selbst vollkommen Bescheid, doch vergrößerte er sie noch in seinem Eigendünkel. Er wußte, daß er in seiner Art bestimmt ein Tatmensch sein werde; doch quälte Aljoscha, der ihm sonst sehr zugetan war, besonders das eine, daß sein Freund Rakitin unehrlich war und sich das entschieden nicht selbst eingestand, im Gegenteil, da er wußte, daß er niemals Geld vom Tisch stehlen würde, sich tatsächlich für einen über alles erhaben ehrlichen Menschen hielt. Daran konnte nicht nur Aljoscha, sondern überhaupt niemand etwas ändern.

Rakitin war als tieferstehende Persönlichkeit natürlich nicht zur Tafel eingeladen, dafür aber waren es Pater Jossiff und Pater Paissij und mit ihnen noch ein dritter Priestermönch. Sie erwarteten bereits im Speisezimmer den Prior, als Miussoff, Kalganoff und Iwan Karamasoff eintraten. Desgleichen wartete noch abseits stehend der Gutsbesitzer Maximoff. Der Prior trat zur Begrüßung der Gäste bis in die Mitte des Zimmers vor. Es war ein hochgewachsener, magerer, noch kräftiger, alter Mann mit stark ergrautem, dunklem Haar, das ein langes, einfaches, doch bedeutendes Gesicht umrahmte. Schweigend begrüßte er die Gäste, die aber traten diesmal alle auf ihn zu, um den Segen zu empfangen. Miussoff beabsichtigte sogar, seine Hand zu küssen, doch der Prior zog noch vorher ganz unauffällig seine Hand so fort, daß es nicht zum Kusse kam. Dafür aber küßten sie Kalganoff und Iwan Karamasoff in der offenherzigsten und einfachsten Weise.

„Wir müssen sehr um Entschuldigung bitten, Ew. Hochehrwürden,“ begann Miussoff lächelnd, doch immerhin in wichtigem und höflichem Ton, „daß wir allein kommen, ohne den gleichfalls von Ihnen eingeladenen Fedor Pawlowitsch; er war gezwungen, von Ihrer Aufforderung abzusehen, und nicht ohne Grund. In der Zelle beim ehrwürdigen Staretz Sossima ließ er sich, durch den unglücklichen Streit mit seinem Sohne aufgebracht, zu einigen durchaus unpassenden Worten hinreißen ... kurz, zu durchaus unanständigen Äußerungen ... was Ew. Hochehrwürden, wie es scheint“ (er warf einen Blick auf die beiden Priestermönche), „schon bekannt sein dürfte. Und darum, weil er selbst, wie gesagt, sich schuldig fühlt und aufrichtig bereut, schämte er sich, der freundlichen Aufforderung Folge zu leisten, und so bat er uns, mich wie seinen Sohn Iwan Fedorowitsch, Ihnen, Hochehrwürden, sein ganzes aufrichtiges Bedauern sowie seine Reue auszudrücken ... Kurz, er hofft, es später wieder gutmachen zu können, und läßt Sie jetzt nur um Ihren Segen und um gütiges Vergessenwollen des Vorgefallenen bitten ...“

Miussoff verstummte. Als er die letzten Worte seiner Tirade sprach, war er mit sich bereits vollkommen zufrieden, ja, er war es sogar dermaßen, daß von seinem ganzen Zorn in seiner Seele nicht einmal eine Spur nachblieb. Er liebte wieder aufrichtig die Menschheit. Der Prior, der ihm mit ernster Miene zugehört hatte, neigte ein wenig das Haupt und sagte zur Antwort:

„Es tut mir aufrichtig leid um den Abwesenden. Vielleicht hätte er uns beim Mahle liebgewonnen, wie auch wir ihn. Ich bitte, meine Herren.“

Da geschah es aber, daß Fedor Pawlowitsch seinen letzten Streich spielte. Ich muß bemerken, daß er tatsächlich schon fortfahren wollte und wirklich die Unmöglichkeit empfand, nach seinem schmachvollen Betragen in der Zelle des Staretz zum Prior zur Tafel zu gehen, als ob nichts geschehen wäre. Es ist zwar nicht anzunehmen, daß er sich gar so sehr schämte oder selbst beschuldigte; vielleicht war sogar ganz das Gegenteil der Fall; doch wie dem auch war, jedenfalls fühlte er, daß es nicht anging, zur Tafel zu erscheinen. Als aber sein alter Wagen bei der Herberge vorfuhr und er sich anschickte, einzusteigen, fiel ihm plötzlich etwas ein: Es waren seine eigenen Worte, die er beim Staretz gesprochen hatte: „Es scheint mir immer so, wenn ich irgendwo eintrete, daß ich gemeiner als alle bin, und daß mich alle für einen Narren halten, und so denke ich denn: wart, werde jetzt absichtlich den Narren spielen, denn ihr seid doch alle bis auf den letzten, ohne Ausnahme, dümmer und gemeiner als ich.“ Er wollte sich an allen für seine eigenen Schändlichkeiten rächen. Und da fiel ihm auch noch ein, wie man ihn früher einmal gefragt hatte: „Warum hassen Sie denn diesen Menschen so sehr?“ und wie er darauf in einem Anfall seiner Narrenschamlosigkeit geantwortet hatte: „Warum? Sehen Sie: Er hat mir nichts getan, das ist wahr, dafür aber habe ich ihm eine gewissenlose Gemeinheit angetan, und kaum war es geschehen, da haßte ich ihn auch schon gerade deswegen.“ Als ihm jetzt diese Worte einfielen, lachte er in minutenlangem Nachdenken leise und boshaft vor sich hin. Seine Augen blitzten, und sogar die Lippen zitterten. „Wenn du angefangen hast, mußt du auch beenden,“ sagte er plötzlich entschlossen. Sein geheimstes Gefühl in diesem Augenblick hätte man in folgenden Worten ausdrücken können: „Jetzt kannst du dich ja doch nicht mehr rehabilitieren, geh einfach und spuck sie bis zur letzten Schamlosigkeit an: Seht, schäme mich nicht vor euch, und weiter nichts!“ Dem Kutscher befahl er, zu warten, er selbst aber kehrte mit schnellen Schritten ins Kloster zurück und begab sich geradeswegs zum Prior. Er wußte zwar noch nicht genau, was er machen würde, doch wußte er, daß er seiner nicht mehr mächtig war und sich – nach dem geringsten Anstoß – sofort bis zur letzten Grenze der Gemeinheit hinreißen lassen werde, – übrigens, nur bis zur letzten Grenze der Gemeinheit, keineswegs aber bis zu einem Verbrechen oder bis zu einem Ausfall, für den ihn das Gericht verurteilen könnte. In der Beziehung verstand er sich immer zu beherrschen, worüber er sich sogar selbst bei manchen Gelegenheiten nicht wenig wunderte.

Er erschien also im Speisezimmer des Priors gerade in dem Augenblick, als das Gebet beendet war und alle zum Tisch traten. Er blieb auf der Schwelle stehen, betrachtete die Anwesenden und lachte ein langes, schamloses, boshaftes Gelächter, wobei er allen verwegen in die Augen blickte.

„Und die glauben, ich sei fortgefahren!“ rief er laut durch den ganzen saalartigen Raum.

Einen Moment blickten ihn alle unverwandt an, und plötzlich fühlten sie alle, daß sofort etwas Widerliches, Ungereimtes geschehen und zweifellos einen Skandal nach sich ziehen werde. Miussoff verfiel denn auch in einer Sekunde aus der edelsten Stimmung in die grimmigste Wut. Alles, was sich in seinem Herzen schon besänftigt hatte, erhob sich mit einem Schlage und brauste auf:

„Nein, das ist zu viel!“ schrie er auf, „nein, das ertrage ich nicht ... auf keinen Fall!“

Das Blut schoß ihm in den Kopf. Er verwirrte sich sogar im Satz, doch war es ihm jetzt nicht mehr um die Ausdrucksformen zu tun. Er griff nach seinem Hut.

„Was kann er auf keine Weise?“ fragte Fedor Pawlowitsch. „‚Erträgt es nicht und kann es nicht!‘ – was ist denn das, was er nicht kann? Ew. Hochehrwürden, soll ich eintreten oder nicht? Empfangen Sie den Gast?“

„Bitte, von ganzem Herzen,“ entgegnete der Prior. „Meine Herren! Darf ich mir erlauben,“ fügte er plötzlich hinzu, „Sie von ganzem Herzen zu bitten, ihren zufälligen Streit zu vergessen und sich in Liebe und verwandtschaftlicher Eintracht nach einem Gebet zu Gott an unserer bescheidenen und friedlichen Tafel zu vereinigen ...“

„Nein, nein, unmöglich,“ rief Miussoff ganz außer sich.

„Wenn es Pjotr Alexandrowitsch unmöglich ist, so ist es auch mir unmöglich, auch ich will dann nicht bleiben. Mit diesem Vorsatz bin ich hergekommen. Von jetzt ab werde ich überall mit Pjotr Alexandrowitsch zusammen sein: Wenn Sie fortgehen, Pjotr Alexandrowitsch, so gehe auch ich, bleiben Sie – bleibe auch ich. – Mit der verwandtschaftlichen Eintracht haben Sie ihn am meisten verletzt, Hochehrwürden: Er will mich doch nicht als seinen Anverwandten anerkennen. Nicht wahr, von Sohn? Da ist ja auch von Sohn. Guten Tag, von Sohn.“

„Sie ... sagen das zu mir?“ fragte stotternd der verwunderte Gutsbesitzer Maximoff.

„Versteht sich, zu dir!“ schrie Fedor Pawlowitsch, „zu wem denn sonst? Hochehrwürden kann doch nicht Herr von Sohn sein!“

„Aber auch ich bin doch nicht von Sohn, ich bin Maximoff.“

„Nein, du bist von Sohn. Ew. Hochehrwürden wissen wahrscheinlich nicht, wer von Sohn ist? Es gab mal solch ’nen Kriminalprozeß: Er wurde in einem unzüchtigen Hause –, so, glaube ich, benennt ihr hier die Bordelle – ermordet und beraubt und trotz seines ehrwürdigen Alters in einen Kasten eingepackt, letzterer vernagelt, und aus Petersburg per Eisenbahn als Frachtgut nach Moskau expediert. Während der Verpackung aber sangen die ausgelassenen Tänzerinnen entsprechende Lieder und schlugen die Harfen wundervoll dazu, äh, wollte sagen: sie spielten, spielten auf dem Klavier dazu. Und dieser selbe von Sohn ist er, er! Er ist einfach von den Toten auferstanden, nicht wahr, von Sohn?“

„Wie? Was? Was soll das bedeuten?“ ertönten Stimmen aus der Gruppe der Priestermönche.

„Gehen wir!“ rief Miussoff Kalganoff zu.

„Nein, nein, erlauben Sie!“ hielt Fedor Pawlowitsch sie auf und trat noch einen Schritt vor. „Erlauben Sie mir, daß ich mich ausspreche. Dort in der Zelle hat man mich verleumdet, soll mich unehrerbietig aufgeführt haben, und die Unehrerbietigkeit soll gerade darin bestanden haben, daß ich ihnen die paar Worte von den Gründlingen gesagt habe. Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, mein Anverwandter, liebt es, daß in der Rede plus de noblesse que de sincérité sei, ich aber liebe es umgekehrt, daß in meiner Rede plus de sincérité que de noblesse ist, und – überhaupt, der Teufel hole die noblesse! Nicht wahr, von Sohn? Erlauben Sie, ehrwürdiger Prior, wenn ich auch ein Narr bin und selbst freiwillig den Narren spiele, so bin ich doch ein Ritter von Ehre und will es rund heraussagen. Ja, ich bin ein Ritter von Ehre, in Pjotr Alexandrowitsch steckt aber nur – kondensierte Eigenliebe und weiter nichts. Vielleicht bin ich nur deswegen hierhergefahren, um das hier zu besehen und mich auszusprechen. Ich habe einen Sohn, der hier sein Seelenheil finden will: Ich bin sein Vater, sorge mich um ihn und muß mich auch sorgen. Bis jetzt hörte ich nur zu und verstellte mich und beobachtete im geheimen, jetzt aber will ich den letzten Akt der Vorstellung spielen. Wie ist’s denn bei euch? Was bei euch einmal fällt, das liegt auch schon. Was einmal gefallen ist, das hat ewig zu liegen. Was denn sonst? Ich aber will mich erheben. Heilige Väter, die Beichte ist ein großes Sakrament, für das auch ich andächtige Ehrfurcht empfinde, und ich bin bereit, mich ihm in Demut zu unterwerfen. Und da muß ich plötzlich in der Zelle sehen, wie hier alle auf den Knien liegen und laut beichten. Ist es denn erlaubt, laut zu beichten? Von den heiligen Kirchenvätern ist die Ohrenbeichte eingeführt, und nur so wird eure Beichte ein Sakrament sein, und so ist es von alters her gebräuchlich. Denn sonst, wie soll ich ihm in Gegenwart aller so einfach erklären, daß ich zum Beispiel dieses und jenes ... nun, eben dieses und jenes, Sie verstehen doch? ... Mitunter ist es schon unanständig, es auch nur zu sagen. Das ist doch ein Skandal! Nein, Pater Prior, mit Euch kann man ja noch Sektierer werden ... Bei der ersten Gelegenheit schreibe ich an den Synod, meinen Sohn Alexei nehme ich aber fort von hier.“

Eine Anmerkung. Fedor Pawlowitsch hatte irgendwo die Glocken läuten gehört. Es hatten sich nämlich boshafte Klatschereien verbreitet, die schließlich selbst zum Erzbischof gedrungen waren (nicht nur in unserem Kloster, sondern auch in anderen, wo sich das Startzentum festgesetzt hatte): daß die Startzen viel zu sehr geachtet würden, sogar zum Nachteil des Ansehens der Äbte, und unter anderem, daß die Startzen die Beichte mißbrauchten usw. usw. Kurz, es waren ganz unsinnige Beschuldigungen, die denn auch alsbald bei uns, wie überall, von selbst vergessen wurden. Aber der dumme Teufel, der Fedor Pawlowitsch ergriffen hatte und ihn jetzt an den Nerven irgend wohin, immer weiter und tiefer in einen schmachvollen Abgrund zog, flüsterte ihm plötzlich diese verjährte Anschuldigung zu, und Fedor Pawlowitsch sprach sie sofort aus, obgleich er selbst nicht wußte, noch sich überhaupt denken konnte, um was es sich dabei eigentlich handelte. Auch verstand er nicht einmal, die Sache richtig auszudrücken, und zudem hatte diesmal niemand in der Zelle des Staretz gekniet oder gar laut gebeichtet, so daß Fedor Pawlowitsch selbst nichts von dem gesehen haben konnte und nur die alten Gerüchte und Klatschereien, deren er sich dunkel erinnerte, nachsprach. Kaum jedoch hatte er seine dumme Bemerkung gemacht, als er auch schon fühlte, daß er ganz gehörigen Unsinn gesagt hatte, und so wollte er plötzlich allen Anwesenden, am meisten aber sich selbst, beweisen, daß er durchaus keinen Unsinn gesagt habe. Und obgleich er selbst vorzüglich wußte, daß er mit jedem weiteren Wort zu dem Gesagten noch mehr und noch dümmeren Unsinn hinzufügen werde, konnte er sich doch nicht bezwingen und flog hinab, wie auf einer Rutschbahn.

„Welch eine Niedertracht!“ rief Miussoff empört aus.

„Verzeihen Sie,“ sagte plötzlich der Prior. „Es ist gesagt: ‚Und viele redeten wider mich und brachten sogar unsaubere Sachen wider mich vor; als ich aber alles gehört, sprach ich bei mir selbst: Diese Arznei ist von Christus gesandt, um meine eitle Seele zu heilen.‘ Und darum danken auch wir Ihnen demütig, unser werter Gast.“

Und er verneigte sich tief vor ihm.

„Ta–ta–ta! Scheinheiligkeit und alte Phrasen! Alte Phrasen und alte Heuchelei! Alte Lüge und die alten Faxen der Verbeugungen bis zur Erde! Wir kennen diese Verbeugungen! ‚Einen Kuß auf die Lippen und einen Dolch ins Herz,‘ wie in Schillers Räubern. Ich will keine Falschheit, Väter, ich liebe die Wahrheit! Die aber liegt nicht in den Gründlingen, und das habe ich verkündet! Sie, meine Heiligen, warum fasten Sie denn eigentlich? Warum erwarten Sie dafür Belohnungen im Himmelreich? Für so eine Belohnung würde ja auch ich fasten! Nein, mein heiliger Mönch, sei lieber im Leben wohltätig, bringe lieber, anstatt daß du dich hier zu fertig gebackenen Broten zurückziehst, der Menschheit Nutzen, und ohne dafür noch eine Belohnung dort oben zu erwarten, – das dürfte wohl etwas schwieriger sein. Ew. Hochehrwürden, ich verstehe gleichfalls, schön zu reden. Aber was haben Sie denn hier aufgetischt?“ fragte er, sich plötzlich unterbrechend, und trat näher. „Hm! Portwein, keine üble Nummer, Honig, wahrscheinlich von den Gebrüdern Jelissejeff,[9] ach, ihr heiligen Väter! Das sieht anders aus als Gründlinge! Und auch die Flaschen haben sie nicht vergessen, he–he–he! Wer aber hat das alles hergebracht? Das ist ja der russische Bauer, der Arbeitssklave, der die wenigen Kopeken, die er mit seinen schwieligen Händen verdient, von seinem Munde und seiner Familie abspart, um sie herzubringen trotz der schreienden Not unseres Staates! Nein, ihr, meine heiligen Väter, ihr saugt ja das Volk aus!“

„Das ist von Ihnen wirklich schon mehr als unwürdig,“ sagte Pater Jossiff. Pater Paissij schwieg hartnäckig. Miussoff stürzte hinaus, und ihm folgte Kalganoff.

„Nun, meine Heiligen, nach Pjotr Alexandrowitsch gehe auch ich! Werde nie mehr herkommen, und wenn ihr mich auch auf den Knien darum bätet, komme nicht! Habe euch tausend Rubel geschenkt, da habt ihr jetzt wieder die Ohren gespitzt, he–he–he! Nein, mehr gibt’s nicht! Ich räche mich für meine vergangene Jugend, für meine ganze Erniedrigung!“ rief er in einem Anfall gespielter Empfindsamkeit aus und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Viel hat dieses liebe Kloster in meinem Leben bedeutet! Viel bittere Tränen habe ich seinetwegen vergossen! Ihr habt meine Frau, die Klikuscha, gegen mich aufgehetzt! Ihr habt mich in sieben Kirchen verflucht, habt’s in der ganzen Umgegend verbreitet! Jetzt Strich drunter, meine Väter, heutzutage ist man liberal, jetzt haben wir das Jahrhundert der Dampfschiffe und Eisenbahnen! Nicht tausend, nicht hundert Rubel, nicht hundert Kopeken bekommt ihr mehr von uns zu sehen!“

Noch eine Anmerkung: Niemals hatte unser Kloster etwas Besonderes in seinem Leben bedeutet, und niemals hatte er seinetwegen irgendwelche Tränen vergossen. Er aber ließ sich dermaßen hinreißen, daß er einen Augenblick fast selbst daran glaubte; ihm traten vor Rührung Tränen in die Augen, doch in derselben Sekunde fühlte er, daß es für ihn Zeit war, kehrtzumachen. Der Prior senkte ein wenig den Kopf und sagte auf seine boshafte Lüge wieder mit eindringlicher Stimme:

„Es ist wiederum gesagt: ‚Ertrage freudig das dir zugefügte Unrecht, lasse dich dadurch weder verwirren, noch nähre deswegen Haß gegen deinen Widersacher‘. Also werden auch wir tun.“

„Weiß schon, ‚und halte noch die andere Backe hin!‘ und so weiter, der ganze Gallimatthias! Man kennt doch den Rummel! Aber jetzt gehe ich. Meinen Sohn Alexei nehme ich mit väterlicher Vollmacht ein für allemal von hier fort. Iwan Fedorowitsch, mein gehorsamster Sohn, erlauben Sie, Ihnen zu befehlen, mir zu folgen! Und, von Sohn, was hast du noch hier zu suchen? Komm mit mir in die Stadt! Bei mir ist es lustiger. Im ganzen nur ’ne lumpige Werst, und dafür gibt’s anstatt Fastenbutter Ferkelbraten mit Kartoffelbrei; werden nicht übel schmausen; verspreche dir guten Kognak und nachher noch Likörchen; habe auch Mamurowka[10] ... Ei, von Sohn, versäume doch dein Glück nicht!“

Schreiend und gestikulierend ging er hinaus. Und da erblickte ihn denn Rakitin und machte Aljoscha auf ihn aufmerksam.

„Alexei!“ rief ihm der Vater von weitem zu, als er ihn erblickte, „heute noch ziehe ganz zu mir über, auch das Kissen und das Federbett schlepp mit – daß von dir hier keine Spur mehr nachbleibt, hörst du!“

Aljoscha blieb ganz erstarrt stehen und verfolgte nur schweigend und aufmerksam, was vor seinen Augen geschah. Fedor Pawlowitsch kletterte inzwischen in seinen Wagen, und nach ihm schickte sich schweigend und sichtlich geärgert auch Iwan Fedorowitsch an, einzusteigen, ohne sich vorher von Aljoscha zu verabschieden, oder sich auch nur nach ihm umzuwenden. Da aber kam es noch zu einer lächerlichen und fast unglaublichen Szene, die den ganzen unerhörten Skandal gleichsam abschloß. Plötzlich erschien am Wagentritt der Gutsbesitzer Maximoff. Er war atemlos herangelaufen, um sich nicht zu verspäten. Rakitin und Aljoscha sahen, wie er lief. Er beeilte sich dermaßen, daß er in der Angst, zurückzubleiben, den einen Fuß schon auf den Wagentritt setzte, obgleich auf ihm noch der linke Fuß Iwan Fedorowitschs stand, und, mit der einen Hand sich an den Bockrand klammernd, mehrmals hopste, um schneller einzusteigen.

„Ich auch, ich auch, auch ich komme mit!“ rief er, immer hopsend, unter dünnem, fröhlichem Gelächter mit einem seligen Gesicht, und natürlich zu allem bereit. „Nehmen Sie auch mich mit!“

„Na, habe ich’s nicht gesagt, daß das von Sohn ist!“ rief triumphierend Fedor Pawlowitsch. „Der echte, von den Toten auferstandene von Sohn! Wie hast du dich denn von dort losgerissen? Was hast du denn dort vorvonsohniert? Und wie hast du nur dem schönen Mahle den Rücken gekehrt? Dazu muß man doch eine eherne Stirn haben! Ich habe sie, über deine aber, Bruder, wundere ich mich! Nun, spring herein, hop! Laß ihn, Wanjä,[11] es wird lustiger sein! Er kann sich hier irgendwie vor den Füßen hinlegen. Wirst du vor den Füßen liegen, von Sohn? Oder soll man ihn neben dem Kutscher unterbringen? ... Spring mal auf den Bock, von Sohn.“

Doch Iwan Fedorowitsch, der sich inzwischen schon gesetzt hatte, stieß plötzlich Maximoff mit aller Kraft vor die Brust, so daß der weit zurückflog. Es war nur ein Zufall, daß er nicht hinfiel.

„Fahr zu!“ rief Iwan Fedorowitsch wütend den Kutscher an.

„Aber, was fällt dir ein? Was sollte denn das bedeuten? Warum hast du ihn so fortgestoßen?“ fuhr zwar Fedor Pawlowitsch sofort auf, doch der Wagen rollte schon davon. Iwan Fedorowitsch antwortete nicht.

„Sieh mal einer an, wie du bist!“ brummte Fedor Pawlowitsch nach zwei Minuten Schweigen und schielte nur vorsichtig auf seinen Sohn. „Hast selbst diesen ganzen Klosterbesuch ausgedacht, selbst alles angestiftet, selbst gutgeheißen, warum ärgerst du dich denn jetzt?“

„Sie haben wirklich genug Blödsinn geschwatzt, erholen Sie sich doch etwas,“ schnitt ihm Iwan Fedorowitsch grob das Wort ab.

Fedor Pawlowitsch schwieg wieder etwa zwei Minuten lang.

„Ein Gläschen Kognak wäre jetzt nicht übel,“ bemerkte er bedeutsam. Doch Iwan Fedorowitsch antwortete wieder nicht.

„Nun, wenn wir ankommen, wirst auch du eins trinken.“

Iwan Fedorowitsch schwieg immer noch.

„Aber Aljoscha werde ich doch aus dem Kloster nehmen, obgleich das Ihnen, mein ehrerbietigster Karl von Moor, sehr unangenehm sein wird.“

Iwan Fedorowitsch zuckte verächtlich mit den Achseln, wandte sich von ihm ab, und blickte auf die Landstraße. Darauf wurde während der ganzen Fahrt kein Wort mehr gesprochen.

Drittes Buch. Die Wollüstlinge

I. In der Bedientenstube

Das Haus Fedor Pawlowitsch Karamasoffs lag nicht im Zentrum der Stadt, doch war es auch nicht gerade sehr weit davon entfernt. Es war schon ziemlich alt, machte aber trotzdem einen guten Eindruck: es war einstöckig, mit einem spitzen Giebel, grau angestrichen und hatte ein rotes Blechdach. Übrigens konnte es noch lange so stehen. Im Inneren war es geräumig und gemütlich. Es gab in ihm viel verschiedene Dach- und Rumpelkammern, eigenartige Verstecke und ganz unvermutete Treppchen. Auch Ratten gab es in ihm, doch Fedor Pawlowitsch konnte sich nicht recht über sie ärgern. „’S ist doch immerhin nicht so langweilig am Abend, wenn man allein bleibt,“ pflegte er zu sagen. Er aber hatte wirklich die Angewohnheit, die Dienstboten für die Nacht in das Nebengebäude auf dem Hof zu schicken und sich dann allein im großen Hause einzuschließen. Dieses Nebengebäude auf dem Hof war gleichfalls groß und gemütlich; in ihm wurde das Essen gekocht, obgleich auch das große Haus eine Küche hatte, doch Fedor Pawlowitsch konnte den Küchengeruch nicht vertragen, und so wurden denn die Speisen im Winter wie im Sommer über den Hof gebracht. Überhaupt war das Haus für eine große Familie gebaut, und man hätte das Fünffache an Herrschaft und Dienerschaft bequem in ihm unterbringen können; doch damals wohnten im großen Hause nur Fedor Pawlowitsch und sein zweiter Sohn, Iwan Fedorowitsch, und im Nebengebäude nur die drei Bedienten: der alte Grigorij, seine Frau, die alte Marfa, und der Diener Ssmerdjäkoff, ein noch junger Mensch. Ich sehe, daß ich etwas ausführlicher von diesen drei Dienstboten berichten muß. Von dem alten Grigorij Wassiljewitsch Kutusoff habe ich übrigens schon gesprochen; das war ein strenger, starrköpfiger Mensch, der hartnäckig und unablenkbar seine Ziele verfolgte, wenn nur so ein Ziel aus irgendwelchen Gründen – häufig aus erstaunlich unlogischen – vor ihm als unwandelbare Wahrheit erschien. Überhaupt war er ein ehrlicher, unbestechlicher und treuer Diener. Sein Weib, Marfa Ignatjewna, wollte nach der Aufhebung der Leibeigenschaft unsäglich gern von Fedor Pawlowitsch fortgehen und nach Moskau ziehen, um dort irgendein kleines Geschäft zu gründen (sie hatten beide ein kleines Kapital), und kam ihrem Mann immer wieder mit diesem Plan, wenn sie sich auch sonst stets widerspruchslos vor seinem Willen beugte; Grigorij aber behauptete, daß das Weib lüge, „denn jedes Weib ist unehrlich“, und daß es ihnen nicht zustände, den früheren Herrn, wie er auch sein mag, zu verlassen, denn „das ist jetzig also unsere Pflicht“.

„Begreifst du auch, was das ist – Pflicht?“ wandte er sich an Marfa Ignatjewna.

„Was Pflicht ist, das schon, Grigorij Wassiljewitsch; aber wo hier etwas von Pflicht sein soll, davon begreife ich nichts,“ antwortete Marfa Ignatjewna.

„Nun, so begreif’s dann nicht; es bleibt doch so, wie’s ist. Schweig aber lieber.“

Und dabei blieb es denn auch: sie zogen nicht fort, und Fedor Pawlowitsch bestimmte für sie ein Monatsgehalt, zwar kein großes, aber er zahlte es doch aus. Zudem wußte Grigorij, daß er auf seinen Herrn einen gewissen Einfluß hatte; das fühlte er, und so war es auch in der Tat: der schlaue und eigensinnige Fedor Pawlowitsch, der, wie er sich selbst ausdrückte, „in manchen Lebensdingen“ einen sehr festen Charakter bewies, war zu seiner eigenen nicht geringen Verwunderung wiederum äußerst charakterschwach in gewissen anderen „Lebensdingen“. Er wußte selbst ganz genau, in welchen Dingen er es war; wußte es, und fürchtete sich vor vielem. In diesen gewissen „Lebensdingen“ hieß es, auf der Hut sein, und dann war es schwer, ohne einen zuverlässigen Menschen auszukommen; Grigorij aber war der zuverlässigste von allen. Es kam sogar vor, daß Fedor Pawlowitsch mitunter auch Prügel verabfolgt wurden, und zwar gehörige, und dann hatte ihm immer Grigorij herausgeholfen und nachher eine Predigt gehalten. Doch Prügel allein schreckten Fedor Pawlowitsch nicht: es gab dagegen höhere Fälle, und sogar sehr zarte und verzwickte, in denen Fedor Pawlowitsch selbst nicht einmal imstande gewesen wäre, dieses ungewöhnliche Bedürfnis nach einem treuen und nahestehenden Menschen, das er dann augenblicks in sich fühlte, zu erklären. Das waren fast krankhafte Augenblicke: Der verderbte und in seiner Wollust oftmals wie ein böses Insekt grausame Fedor Pawlowitsch empfand zuweilen, wenn er trunken war, eine geistige Angst und eine moralische Erschütterung, die beinahe physisch, wenn man sich so ausdrücken kann, auf seine Seele wirkten. „Die ganze Seele sitzt mir dann zitternd in der Kehle,“ äußerte er sich zuweilen über diese sonderbaren Anwandlungen. Und in diesen Augenblicken liebte er es, wenn irgendwo in der Nähe, es brauchte nicht einmal in seinem Zimmer zu sein, meinetwegen auch nur im Nebengebäude auf dem Hof, ein ihm ergebener Mensch war, einer, der aber keineswegs ihm glich, nicht verdorben, sondern ehrlich und streng war, der selbst die ganze Liederlichkeit mit ansah und alle Geheimnisse kannte, doch aus Ergebenheit und Anhänglichkeit alles zuließ, und – die Hauptsache – keine Vorwürfe machte und mit nichts drohte, weder mit dem Diesseits noch mit dem Jenseits, im Notfalle ihn aber beschützte – vor wem? Vor irgendeinem Unbekannten, doch Furchtbaren und Gefährlichen. Es mußte unbedingt gerade ein anderer Mensch sein, ein alter und freundschaftlicher, den brauchte er, um ihn im „kranken Augenblick“ rufen zu können, natürlich nur, um sein Gesicht zu sehen, meinetwegen auch ein Wort mit ihm zu wechseln, irgendein nebensächliches: ärgerte er sich deswegen nicht, dann werde es dem Herzen leichter, ärgerte er sich aber, nun, dann wurde man etwas trauriger! Es kam vor – übrigens nur äußerst selten –, daß Fedor Pawlowitsch sogar mitten in der Nacht über den Hof zu Grigorij ging und ihn auf einen Augenblick zu sich rief. Der kam dann auch; doch Fedor Pawlowitsch sprach mit ihm dummes Zeug und entließ ihn bald wieder, nicht selten sogar noch mit einer spöttischen Bemerkung oder einem Scherz, selbst aber legte er sich, kräftig ausspuckend, schlafen und schlief dann den Schlaf eines Gerechten. Auch nach der Ankunft Aljoschas geschah mit Fedor Pawlowitsch etwas Ähnliches. Aljoscha „eroberte sein Herz“ sofort durch den einen Umstand, daß er „lebte, alles sah und nichts verurteilte“, und außerdem noch durch das Unglaubliche: daß er nicht die geringste Verachtung für ihn, den Alten, zeigte, sondern im Gegenteil, immer freundlich war und eine ganz natürliche, offenherzige Anhänglichkeit an ihn, der sie doch so wenig verdient hatte, zu haben schien. Das war für den alten Herumtreiber und familienlosen Wüstling eine Überraschung, die ihn ganz stutzig machte: nein, das kam für ihn, der bis dahin nur Unzucht geliebt hatte, doch zu unerwartet! Als Aljoscha in das Kloster ging, gestand er sich, daß er etwas begriffen hatte, was er bis dahin nicht hatte begreifen wollen.

Ich erwähnte schon einmal, wie Grigorij, der Diener, Adelaida Iwanowna, die erste Frau Fedor Pawlowitschs und die Mutter Dmitrij Fedorowitschs gehaßt, und wie er dagegen die zweite Frau, die Klikuscha Ssofja Iwanowna, sogar gegen seinen Herrn verteidigt hatte und überhaupt gegen jeden, der es sich einfallen ließ, ein leichtfertiges oder schlechtes Wort über sie zu sagen. Sein Mitleid mit dieser unglücklichen Frau ließ es ihn allmählich als seine heilige Pflicht empfinden, sie zu beschützen, so daß er auch noch nach zwanzig Jahren keine einzige schlechte Anspielung, einerlei von wem, ertragen konnte. Äußerlich war Grigorij ein kalter Mensch mit ziemlich wichtiger Miene, der nur wohlbedachte, niemals leichtsinnige Worte sprach, wofern er überhaupt sprach. Unmöglich war es gleichfalls, nach dem Äußeren zu schließen, ob er seine ebenso wortkarge, ihm stets ergebene Marfa Ignatjewna liebte oder nicht; er aber liebte sie wirklich, und sie fühlte das wohl. Diese Marfa Ignatjewna war nicht nur keine dumme Frau, sondern war vielleicht sogar klüger als ihr Mann, oder wenigstens in Lebensfragen weit vernünftiger; indessen unterwarf sie sich ihm widerspruchslos schon gleich zu Anfang der Ehe und achtete ihn selbstverständlich wegen seiner, wie sie meinte, geistigen Überlegenheit. Bemerkenswert ist, daß sie beide ihr ganzes Leben lang auffallend wenig miteinander sprachen, es sei denn über die notwendigsten alltäglichen Dinge. Grigorij bedachte alles allein, und Marfa Ignatjewna hatte schon längst ein für allemal begriffen, daß ihr Mann ihrer Ratschläge nicht bedurfte, dafür aber ihr Schweigen zu schätzen wußte und das auch für ihr Bestes hielt. Schlagen tat er sie eigentlich nicht, abgesehen von einem einzigen Ausnahmefall. Im ersten Jahr der Ehe Adelaida Iwanownas mit Fedor Pawlowitsch waren einmal auf dem Gutshof die damals noch leibeigenen jungen Mädchen und Weiber versammelt worden, um der Herrschaft vorzutanzen und zu singen. Der Chor begann „Auf grünen Wiesen und Auen“, und plötzlich sprang Marfa Ignatjewna, die damals noch ein junges Weib war, vor und tanzte die „Rußkaja“ in einer ganz besonderen Weise, nicht so, wie das Volk sie tanzt, sondern wie es ihr früher, als sie noch Leibeigene der reichen Miussoffs gewesen war, zu den Theateraufführungen im Herrenhause ein aus Moskau bestellter Ballettmeister gezeigt hatte. Grigorij sah, wie sein Weib tanzte; doch nach einer Stunde belehrte er sie eines Besseren, indem er auf sie einhieb und sie an den Haaren zog. Damit war das Prügeln abgetan; es wiederholte sich niemals mehr, denn Marfa Ignatjewna hatte sich geschworen, nie wieder die „Rußkaja“ zu tanzen.

Kinder schenkte ihnen Gott leider nicht; sie hatten zwar einmal ein Kleines gehabt, aber das war alsbald gestorben. Grigorij jedoch liebte kleine Kinder sehr und verheimlichte das nicht einmal, das heißt, er schämte sich nicht, es zu zeigen. Den kleinen dreijährigen Dmitrij Fedorowitsch hatte er, als dessen Mutter fortgelaufen war, zu sich genommen und hatte sich mit ihm fast ein ganzes Jahr lang abgegeben, ihn eigenhändig gekämmt, gewaschen und im kleinen Waschtrog gebadet. Darauf hatte er sich auch mit den zwei anderen Kleinen, Iwan und Aljoscha, abgeplagt, was ihm später die Ohrfeige von der Generalin eintrug; doch davon habe ich ja schon gesprochen. Das eigene Kindchen aber erfreute ihn nur mit der Hoffnung, solange Marfa Ignatjewna noch schwanger war. Als aber der Junge geboren wurde, da erfüllte er sein Herz mit Angst und Trauer: denn das Kind hatte sechs Finger. Als Grigorij das sah, war er dermaßen erschrocken und erschüttert, daß er bis zur Taufe kein Wort mehr sprach und in den Garten ging, um dort mit sich allein zu sein. Es war gerade Frühling, und so grub er denn im Gemüsegarten Beete. Am dritten Tage mußte das Kind getauft werden; Grigorij hatte inzwischen Zeit gehabt, sich zu bedenken. Als er ins Haus trat, wo sich schon die ganze Verwandtschaft und die Gäste versammelt hatten und sogar Fedor Pawlowitsch in höchsteigener Person als Pate erschienen war, erklärte er plötzlich, daß man das Kind „eigentlich überhaupt nicht taufen sollte“ – verbreitete sich jedoch nicht weiter über seine Meinung, sondern blickte nur stumpf und aufmerksam auf den Popen.

„Warum nicht?“ erkundigte sich in heiterer Verwunderung der Geistliche.

„Weil ... das ist ein Drache ...“ brummte schließlich Grigorij.

„Wieso, was für ein Drache?“

Grigorij schwieg eine Zeitlang.

„Eine Verwechslung der Natur ...“ murmelte er, wenn auch sehr undeutlich, so doch fest überzeugt; augenscheinlich wollte er sich nicht darüber aussprechen.

Man lachte natürlich und taufte das arme Kind. Grigorij betete eifrig, änderte aber seine Meinung über das Neugeborene nicht im geringsten. Übrigens verhinderte er nichts, nur bemühte er sich in den ganzen zwei Wochen, die das schwächliche Kindchen lebte, dasselbe überhaupt nicht zu bemerken, und verließ, so oft er nur konnte, das Haus. Als aber der Knabe nach zwei Wochen am Milchfieber starb, da legte er ihn sorgfältig in den kleinen Sarg, blickte ihn in tiefer Trauer an, und als sein kleines Grab zugeschüttet wurde, da kniete er nieder und verneigte sich vor dem Grabe. Seit der Zeit sprach er lange Jahre kein einziges Mal von seinem Kinde, und selbst Marfa Ignatjewna wagte nicht, in seiner Gegenwart ihres toten Kleinen zu erwähnen; konnte sie aber sonst mit irgend jemandem von ihrem „Kindchen“ sprechen, so tat sie es immer nur flüsternd, selbst wenn Grigorij überhaupt nicht im Hause war. Es fiel ihr auf, daß Grigorij Wassiljewitsch seit jener Beerdigung sich ganz besonders mit „Religiösem“ zu beschäftigen begann, das Leben der Heiligen las, doch nur still für sich, wozu er dann seine silberne Brille mit den großen, runden Gläsern aufsetzte. Nur selten las er laut vor, höchstens zur Fastenzeit. Er liebte das Buch Hiob sehr, wußte sich von irgend jemandem die mystischen „Predigten unseres von Gott erleuchteten Paters Issaak Ssirin“ zu verschaffen, las sie unermüdlich jahrelang, verstand so gut wie überhaupt nichts davon und schätzte vielleicht gerade darum dieses Buch am meisten. In der letzten Zeit begann er sich für die Geißler[12] zu interessieren, von denen sich einige in der Nachbarschaft eingefunden hatten. Er war sichtlich erschüttert, fand es aber doch nicht für richtig, zu einem anderen Glauben überzutreten. Seine Belesenheit „in göttlichen Dingen“ äußerte sich nur auf seinem Gesicht in einem noch wichtigeren Ausdruck.

Vielleicht war er auch zum Mystizismus geneigt. Und da mußte es noch geschehen, daß ihn nach der Geburt seines sechsfingrigen Sohnes und dessen Tode eine ganz sonderbare Überraschung erwartete, die, wie er sich selbst äußerte, in seiner Seele auf ewig einen „Stempel“ hinterließ. Es war in der Nacht desselben Tages, an dem der kleine Sechsfingrige begraben worden war, als Marfa Ignatjewna plötzlich erwachte und das Weinen eines neugeborenen Kindes zu vernehmen glaubte. Sie erschrak und weckte ihren Mann. Grigorij horchte hinaus, meinte aber, daß eher jemand stöhne, „wahrscheinlich ein Weib“. Er erhob sich und kleidete sich an. Es war eine ziemlich dunkle Mainacht; als er auf die Treppe hinaustrat, hörte er deutlich, daß das Gestöhn aus dem Garten kam. Die Hoftür aber zum Garten wurde jeden Abend verschlossen, anders jedoch, als durch diese Tür oder unmittelbar aus dem Hause, konnte man nicht in den Garten gelangen, denn er war von einem hohen, starken Zaun umgeben. Grigorij kam zurück, nahm den Gartenschlüssel und die Laterne und ging schweigend hinaus in den Garten, ohne auf das Entsetzen Marfa Ignatjewnas zu achten, die immer noch behauptete, sie höre das Weinen eines kleinen Kindes, und das sei bestimmt ihr Söhnchen, das sie rufe. Hier hörte er deutlich, daß das Gestöhn aus ihrem kleinen Badehause, das nicht weit von der Hoftür im Garten stand, kam, und daß es wirklich eine Frauenstimme war. Als er die Tür des Häuschens öffnete, bot sich ihm ein Schauspiel, das ihn erstarren machte: die Stadtverrückte, die sich überall herumtrieb und allen bekannt war, namens Lisaweta Ssmerdjäschtschaja, die auf unerklärliche Weise in dieses Badehaus gekommen war, hatte gerade ein Kind geboren. Das Neugeborene lag neben ihr, sie aber wand sich in Todeskrämpfen. Sie sprach nichts, sie konnte ja überhaupt nicht richtig sprechen. Doch von ihr muß ich etwas mehr erzählen.

II. Lisaweta Ssmerdjäschtschaja

Hier gab es einen besonderen Umstand, der Grigorij tief erschütterte und ihn in einem früheren, unangenehmen, wenn nicht ekelhaften Verdacht bestärkte. Diese Lisaweta war sehr klein von Wuchs, „zwei Arschin und vielleicht noch eine Kleinigkeit war das Mädchen hoch“, wie mitleidig einige unserer gottesfürchtigen Greisinnen nach ihrem Tode sagten, wenn sie ihrer gedachten. Ihr zwanzigjähriges, gesundes, breites und rotwangiges Gesicht war vollkommen idiotisch, der Blick ihrer Augen unbeweglich und unangenehm, wenn auch ruhig. Sie ging im Sommer wie im Winter barfuß und nur in einem hanfleinenen Hemde. Ihr fast schwarzes, ungewöhnlich dickes Haar war so kraus wie die Wolle eines Schafes und stand wie eine große Mütze auf ihrem Kopf; außerdem war es voller Schmutz, Erdstückchen und Blätter, Holzspänchen und Stroh- und Grashälmchen, denn sie schlief immer auf der Erde. Ihr Vater war ein obdachloser, heruntergekommener, kranker Kleinbürger Ilja, der trank und schon viele Jahre als Arbeiter bei einem wohlhabenden Kleinbürger diente. Lisawetas Mutter war vor langer Zeit gestorben. Der ewig kranke und wütende Ilja schlug seine Tochter ganz unbarmherzig, wenn sie ihm unter die Augen kam; doch geschah das nur selten, denn sie lebte überall in der Stadt herum, als geistesschwaches, heiliges Gotteskind. Alle Welt, die Wirtsleute ihres Vaters, der Vater selbst und sogar viele Mitleidige, meistens Kaufmannsfamilien und Kaufmannsfrauen, versuchten nicht einmal, Lisaweta etwas anständiger anzukleiden, um sie nicht so im Hemd herumlaufen zu lassen; nur im Winter zogen sie ihr immer einen Schafpelz und Stiefel an; sie aber, die sich alles ruhig anziehen ließ, ging dann gewöhnlich zur Kirchentür und zog sich dort alles wieder aus, was man ihr angezogen hatte – ob es nun ein Tuch, ein Rock, ein Pelz oder sonst was war –, ließ es daselbst vor der Kirche liegen und ging dann wieder nur mit dem Hemd bekleidet fort. Einmal, als der neue Gouverneur unsers Gouvernements auch unser Städtchen besuchte, fühlte er sich in seinen besten Gefühlen tief gekränkt, als er diese Lisaweta erblickte, und wenn er auch einsah, daß es eine Geistesschwache war, wie ihm sofort gemeldet wurde, so meinte er doch, daß ein junges Mädchen, das nur in einem Hemde herumlaufe, den Anstand verletze: darum dürfe das in Zukunft nicht mehr vorkommen. Doch der Gouverneur fuhr wieder fort, und Lisaweta ließ man, wie sie war. Schließlich starb auch ihr Vater, und sie wurde als Waise den Gottesfürchtigen noch lieber. Man schien sie tatsächlich zu lieben, selbst die Straßenjungen neckten sie nicht, und doch sind unsere kleinen Jungen, besonders die Schulrangen, eine naseweise, unverfrorene Bande. Sie trat in fremde Häuser ein, doch niemand schrie sie an oder wies ihr die Tür, im Gegenteil, man war immer gut zu ihr und gab ihr stets etwas. Gab man ihr Geld, so brachte sie es sofort in irgendeine Armenbüchse an der Kirche oder am Gefängnis; gab man ihr auf dem Markt einen Kringel oder ein Weißbrot, so gab sie es sofort dem ersten kleinen Kinde, das sie erblickte, oder sie blieb gar vor einer unserer reichsten Damen stehen und gab es der; und die Damen nahmen es dankend und sogar freudig entgegen. Sie selbst aber nährte sich nur von Schwarzbrot und Wasser. Zuweilen trat sie in einen teuren Laden ein und setzte sich; überall lag teure Ware, sogar loses Geld, doch niemandem fiel es ein, auf sie achtzugeben, denn alle wußten, daß man Tausende auf den Ladentisch legen konnte, daß sie aber keine Kopeke anrühren werde. In die Kirche ging sie nur selten; sie schlief entweder vor der Kirchentür, oder sie kletterte über einen Flechtzaun (bei uns gibt es noch heute viel solcher Zäune) und schlief dann in einem Gemüsegarten. Nach Haus, das heißt ins Haus jener Kleinbürger, bei denen ihr Vater diente, ging sie ungefähr nur einmal in der Woche, im Winter jedoch täglich zur Nacht, und dann schlief sie entweder im Flur oder im Kuhstall. Man wunderte sich, daß sie solch ein Leben aushalten konnte; doch sie hatte sich schon daran gewöhnt; wenn sie auch klein von Wuchs war, so war sie doch ungewöhnlich stark gebaut. Einige behaupteten, sie täte das alles nur aus Stolz, doch fand das keinen rechten Glauben; sie konnte ja nicht einmal richtig sprechen, nur zuweilen bewegte sie die Zunge und stieß irgendwelche lallende Laute hervor – wo konnte da von Stolz die Rede sein! Und so geschah es denn einmal (es ist schon lange her), daß in einer warmen und hellen Septembernacht bei Halbmond, zu einer nach unseren Begriffen sehr späten Stunde, eine stark angeheiterte Gesellschaft, etwa fünf oder sechs Herren, aus dem Klub durch die Hinterstraßen nach Hause ging. Zu beiden Seiten der Straße zogen sich niedrige Zäune hin, hinter denen die Gemüsegärten der an den größeren Straßen stehenden Häuser lagen; diese Hinterstraße jedoch führte zu einer kleinen Brücke über einen breiten, versumpften Graben, der bei uns wohl das Flüßchen genannt wurde. Da bemerkte unsere lustige Gesellschaft am Zaun zwischen Nesseln und Salbei die schlafende Lisaweta. Die Herren blieben lachend stehen und begannen in nicht wiederzugebender Weise über sie zu witzeln. Einer von ihnen, ein junger Milchbart, stellte plötzlich die exzentrische Frage: „Könnte irgend jemand, einerlei wer, dieses Tier für ein Weib halten, meinetwegen jetzt gleich usw.“, womit er ein ganz unmögliches Thema anschlug. Alle meinten darauf mit stolzem Widerwillen, daß dies undenkbar wäre. Doch in dieser angeheiterten Gesellschaft befand sich auch Fedor Pawlowitsch, und sofort sprang er vor und behauptete, man könne sie wohl für ein Weib halten, sogar sehr, und daß es hierbei sogar eine gewisse Art von Pikanterie gäbe, usw. usw. Es ist wahr, damals drängte er sich schon gar zu absichtlich in die Rolle des Narren; er liebte es sehr, die anderen zu belustigen und dabei den Gleichstehenden zu spielen, in Wirklichkeit aber war er doch der echte Ham unter ihnen. Das war gerade in der Zeit, als er aus Petersburg die Nachricht von dem Tode seiner ersten Frau erhalten hatte und darauf mit dem Trauerflor am Hut dermaßen trank und sich so unanständig aufführte, daß sich viele, selbst die Liederlichsten, bei seinem Anblick unangenehm berührt fühlten. Die Bande lachte natürlich über die unerwartete Behauptung Fedor Pawlowitschs; einer von ihnen versuchte, ihn noch mehr aufzustacheln, doch die anderen schimpften nun erst recht, natürlich immer unter allgemeiner Heiterkeit, und endlich gingen sie alle ihres Weges. Später schwor Fedor Pawlowitsch, daß auch er damals mit den anderen fortgegangen sei; vielleicht war er es auch, das weiß niemand genau und kann es auch nicht wissen, doch nach fünf oder sechs Monaten sprach man allgemein und aufrichtig empört davon, daß die Lisaweta schwanger sei. Man fragte und riet, auf wen die Sünde fiele, wer der Schänder wäre? Und da verbreitete sich denn in der ganzen Stadt das Gerücht, daß es gerade Fedor Pawlowitsch Karamasoff sei. Woher aber war dieses Gerücht gekommen? Von jenen Herren, die sie damals bemerkt hatten, war zurzeit nur noch ein einziger in der Stadt, und das war ein schon bejahrter Staatsrat, ein Vater erwachsener Töchter, der es bestimmt nicht verbreitet haben würde, selbst wenn er etwas Positives gewußt hätte; die übrigen Kumpane waren aber alle verreist. Doch das Gerücht fuhr fort, hartnäckig gerade auf Fedor Pawlowitsch hinzuweisen. Der machte sich natürlich nicht viel daraus; Kaufleuten und einfachen Bürgern hätte er darauf überhaupt nicht geantwortet. Damals war er stolz und sprach nur in seiner Gesellschaft von höheren Beamten und Edelleuten, die er so vorzüglich zu unterhalten verstand. Da trat denn Grigorij heftig für seinen Herrn ein und verteidigte ihn nicht nur gegen alle Klatschereien, sondern geriet sogar seinetwegen in ernsten Streit, überzeugte aber schließlich doch viele von Fedor Pawlowitschs Unschuld in diesem Falle. „Sie, diese elende Herumtreiberin, ist selbst an allem schuld,“ behauptete er steif und fest, und der Schänder sei niemand anderes als der „Schrauben-Karp“ (ein in der ganzen Stadt berüchtigter Verbrecher, der gerade zu der Zeit aus dem Gefängnis unserer Gouvernementsstadt entsprungen war und sich darauf in unserer kleinen Kreisstadt herumgetrieben hatte). Diese Beschuldigung schien glaubwürdig, denn man erinnerte sich noch des Entsprungenen; erinnerte sich, daß er gerade in jenen Herbstnächten die Stadt unsicher gemacht und drei Menschen überfallen und beraubt hatte. Doch all diese Erörterungen verminderten keineswegs die Sympathie für die arme Idiotin, im Gegenteil, sie verstärkten sie nur noch; alle beschützten sie und taten ihr Gutes. Und Frau Kondratjewa, eine wohlhabende Kaufmannswitwe, richtete es so ein, daß Lisaweta schon Ende April ganz bei ihr blieb und bis zur Entbindung bei ihr bleiben sollte. Sie wurde unermüdlich bewacht; trotzdem gelang es ihr am Abend des letzten Tages, heimlich zu entkommen. Wie sie in ihrem Zustande über den hohen, starken Zaun in den Karamasoffschen Park hatte klettern können, ist ein Rätsel geblieben. Wahrscheinlich ist es ganz natürlich geschehen, denn Lisaweta, die wie eine Katze über die Zäune kletterte, um in fremden Gemüsegärten zu nächtigen, wird wohl ebenso auch auf den hohen Zaun Fedor Pawlowitschs gekommen und dann zu ihrem Unglück heruntergesprungen sein, trotz ihres Zustandes. Grigorij stürzte nach dem ersten Schreck zurück zu Marfa Ignatjewna, die er zur Hilfe in das Badehaus schickte, selbst aber lief er zu einer alten Hebamme, die in der Nachbarschaft wohnte. Das Kind wurde gerettet, doch Lisaweta starb schon beim ersten Morgengrauen. Grigorij nahm das Neugeborene, brachte es ins Haus, hieß Marfa Ignatjewna sich hinsetzen und legte ihr dann das Kind auf den Schoß, an die Brust: „Eine Waise ist Gotteskind und unser aller Kind, für uns beide aber erst recht unser Kind. Das hat unser totes Söhnchen geschickt, und geboren ist es von einem Teufelssohn und einer Gerechten. Nähre es, und weine jetzt nicht mehr.“ Und so erzog denn Marfa Ignatjewna den kleinen Jungen. Er wurde Pawel getauft und allmählich, ohne daß es jemand bestimmt hätte, ganz von selbst Fedorowitsch gerufen. Fedor Pawlowitsch hatte nichts dagegen einzuwenden und fand das alles sogar sehr spaßhaft, obgleich er immer noch fortfuhr, seine Vaterschaft zu verneinen. In der Stadt gefiel es, daß er das Kind angenommen hatte. Später dachte sich Fedor Pawlowitsch auch noch einen Familiennamen für den Jungen aus: er nannte ihn Ssmerdjäkoff nach dem Spitznamen seiner Mutter Lisaweta Ssmerdjäschtschaja.[13] Also dieser Ssmerdjäkoff wurde dann Fedor Pawlowitschs Koch und zweiter Diener; er lebte in dem Nebengebäude auf dem Hof zusammen mit dem alten Grigorij und der alten Marfa. Eigentlich müßte ich noch vieles gerade über ihn sagen, doch will ich jetzt nicht die Aufmerksamkeit meines Lesers zu sehr für die Dienstboten in Anspruch nehmen, daher gehe ich jetzt wieder zu meinen Hauptpersonen über; wird sich doch über Ssmerdjäkoff noch später, im Verlauf der ganzen Geschichte, einiges sagen lassen.

III. Die Beichte eines heißen Herzens. In Versen

Als Aljoscha den Befehl seines Vaters, mit allen Kissen und Federbetten das Kloster zu verlassen, vernommen hatte, blieb er in nicht geringer Verwunderung zurück. Ich will damit nicht sagen, daß er etwa wie ein Pfosten stehen blieb, nein, er ging sogar noch in die Küche des Priors, um dort zu erfahren, was sein Vater oben angestiftet hatte. Dann erst machte er sich auf den Weg, in der Hoffnung, unterwegs mit sich über alles ihn Quälende ins reine zu kommen. Der Befehl seines Vaters, mit „Kissen und Federbetten nach Hause zu kommen“, schreckte ihn nicht im geringsten. Er begriff nur zu gut, daß dieser Befehl, der ihm so laut zugerufen worden war, nur „in der Hitze“ gegeben sein konnte, sozusagen zur Verschönerung, – etwa in der Art, wie vor kurzem ein Kleinbürger an seinem Namenstage aus Wut darüber, daß man ihm nicht mehr Schnaps gegeben, in Gegenwart der Gäste plötzlich seine eigenen Teller und Schüssel zerschlagen, seine, wie seines Weibes Kleider zerrissen, die eigenen Möbel zertrümmert und die Fensterscheiben eingeschlagen hatte. Am nächsten Tage bedauerte natürlich der nüchtern gewordene Kleinbürger seine zerschlagenen Tassen und Teller ... Aljoscha wußte, daß auch sein Vater ihn am nächsten Tage wieder zurück ins Kloster gehen lassen werde oder vielleicht schon nach wenigen Stunden. War er doch überzeugt, daß der Vater nicht ihn, sondern einen anderen hatte kränken wollen. Aljoscha war sogar fest überzeugt, daß niemand in der Welt ihn jemals würde beleidigen wollen, und es auch nicht könne. Das war für ihn ein Axiom, das er ohne Bedenken angenommen hatte, und so machte er sich denn in dieser Hinsicht ohne die geringste Sorge auf den Weg.

Doch in diesem Augenblick quälte ihn eine ganz andere Angst, die um so quälender war, als er sie sich nicht recht erklären konnte: Es war die Angst vor einem Weibe, und zwar gerade vor Katerina Iwanowna, die ihn in dem von Lisa Chochlakoff überbrachten Brief so inständig zu ihr zu kommen bat, nicht nur bat, sondern verlangte. Dieser Brief nun und die Notwendigkeit, zu ihr zu gehen, hatten sofort ein quälendes Gefühl in seinem Herzen hervorgerufen; und den ganzen Morgen, je mehr die Zeit vorrückte, desto heftiger quälte ihn dieses Gefühl, trotz aller darauffolgenden Szenen in der Zelle des Staretz, wie auch später bei der Abfahrt des Vaters. Nicht die Ungewißheit, wovon sie mit ihm sprechen werde, und was er ihr antworten sollte, ängstigte ihn; auch nicht das Weib überhaupt fürchtete er in ihr: O, Frauen kannte er natürlich wenig, immerhin hatte er von Kindesbeinen an bis zum Eintritt ins Kloster nur bei Frauen gelebt. Er fürchtete gerade Katerina Iwanowna. Er fürchtete sie bereits seit dem Augenblick, da er zum erstenmal bei ihr gewesen war. Nun kam aber noch das hinzu, daß er sie im ganzen nur zwei, oder genau genommen, dreimal gesehen und nur einmal, wenn auch ganz zufällig, ein paar Worte mit ihr gewechselt hatte. Er erinnerte sich ihrer als eines schönen, stolzen, gebieterischen Mädchens. Doch nicht ihre Schönheit verwirrte ihn, sondern etwas ganz anderes. Und gerade die Unerklärlichkeit seiner Angst verstärkte diese in ihm noch. Daß die Absichten des jungen Mädchens edel waren, wußte er: Sie wollte seinen Bruder Dmitrij, der sich ihr gegenüber schon vergangen hatte, retten, und zwar wollte sie das nur aus Hochherzigkeit. Doch trotz dieser Erkenntnis und aller Gerechtigkeit, die er diesen guten und edlen Gefühlen unbedingt widerfahren lassen mußte, lief ein Frösteln über seinen Rücken, als es ihm einfiel, daß er schon bald bei ihr sein werde.

Er überlegte hin und her und sagte sich, daß er seinen Bruder Iwan Fedorowitsch, der ihr so nahe stand, nicht bei ihr antreffen werde: Iwan war jetzt bestimmt bei seinem Vater. Dmitrij dagegen würde er ganz sicher nicht antreffen, und er ahnte es, warum nicht. Also würde ihr Gespräch unter vier Augen stattfinden. Er wäre aber doch so gern noch vor diesem schrecklichen Gespräch zu seinem Bruder Dmitrij gegangen. Ohne den Brief zu zeigen, hätte er mit ihm über einiges sprechen können. Doch Dmitrij wohnte weit ab und war jetzt bestimmt nicht zu Hause. Aljoscha blieb einen Augenblick stehen, dann aber entschloß er sich. Er schlug hastig ein Kreuz, wie er es immer zu tun pflegte, und ein flüchtiges Lächeln erschien auf seinen Lippen; dann ging er mit festen Schritten weiter zu der gefürchteten Dame.

Er wußte, wo sie wohnte. Doch wenn er durch die Große Straße, über den Platz usw. gegangen wäre, so wäre es ein sehr weiter Weg gewesen. Unser kleines Städtchen ist nämlich sehr zerstreut gebaut, zwischen den Häusern ziehen sich oft große Gärten hin, und so sind denn auch die Entfernungen nicht gering. Zudem erwartete ihn doch der Vater, der vielleicht seinen Befehl noch nicht vergessen hatte, infolgedessen aber, wenn Aljoscha nun nicht sofort zu ihm kam, leicht gereizt und eigensinnig werden konnte! Darum mußte sich Aljoscha sehr beeilen. Diese letzte Erwägung brachte ihn auf den Gedanken, den Weg abzukürzen, nämlich durch die Hinterstraßen zu gehen, die er schon wie seine fünf Finger kannte. Dieses „durch die Hinterstraßen“ bedeutete aber fast ohne Straßen gehen, längs einsamer Gemüsegärten und zuweilen selbst unter Hindernissen, da es über kleinere Zäune klettern oder durch fremde Höfe gehen hieß, wo ihn übrigens ein jeder kannte und freundlich grüßte. Auf diese Weise kürzte er den Weg bis zur Großen Straße um die Hälfte. Hier kam er an einer Stelle sogar sehr nahe am väterlichen Hause vorüber, da er längs dem Nachbargarten, der zu einem alten, kleinen, schiefen Häuschen mit vier Fenstern gehörte, gehen mußte. Die Besitzerin dieses Häuschens war, wie Aljoscha wußte, eine städtische Kleinbürgerin, eine halbgelähmte Greisin; sie lebte hier mit ihrer Tochter, einer bereits zivilisierten Kammerzofe, die in der Großstadt bei Generälen gedient hatte, jetzt aber schon seit einem Jahre bei der alten Mutter sich aufhielt und in aufgeputzten Kleidern einherstolzierte. Mutter und Tochter waren nun sehr verarmt, und so gingen sie denn als Nachbarn täglich in die karamasoffsche Küche, wo sie Suppe und Brot bekamen. Marfa Ignatjewna gab es ihnen gern. Und die Tochter kam wohl zum Essen holen, verkaufte aber kein einziges ihrer teuren Kleider, von denen eines sogar eine riesenlange Schleppe haben sollte. Dieses letztere hatte Aljoscha ganz zufällig von seinem Freunde Rakitin gehört, dem wirklich alles in der Stadt bekannt war, und hatte es, nachdem er es gehört, natürlich sofort wieder vergessen. Doch als er jetzt am Garten dieser Nachbarin vorüberging, fiel ihm plötzlich wieder die Schleppe ein; er erhob seinen nachdenklich gesenkten Kopf und ... hatte eine ganz unerwartete Begegnung.

Hinter dem Zaun stand, auf irgend etwas hinaufgestiegen, bis zur Brust über dem Zaunrand, sein Bruder Dmitrij Fedorowitsch, der ihm mit den Armen aus allen Kräften irgendwelche Zeichen machte, ihn augenscheinlich heranwinkte, doch wie es schien, nicht nur zu rufen, sondern auch nur ein Wort laut zu sprechen sich fürchtete. Aljoscha ging schnell zum Zaun.

„Gut, daß du selbst aufblicktest, sonst hätte ich dich womöglich noch anrufen müssen,“ flüsterte ihm hastig und erfreut Dmitrij Fedorowitsch zu. „Spring rüber! Schnell! Ach, wirklich großartig, daß du gekommen bist. Ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht ...“

Aljoscha war gleichfalls erfreut, nur wußte er nicht, wie er es anstellen sollte, über den Zaun zu kommen. Doch Mitjäs Reckenhand ergriff schon seinen Ellenbogen, um beim kühnen Sprung zu helfen. Aljoscha nahm seine Kutte auf und sprang mit der Gewandtheit eines barfüßigen Straßenbengels über den Zaun.

„So, famos, gehen wir!“ stieß Mitjä leise entzückt hervor.

„Wohin?“ fragte gleichfalls leise Aljoscha, der sich nach allen Seiten umblickte und sich in einem völlig verlassenen Garten sah, in dem außer ihnen niemand zu sehen war. Der Garten war klein, doch immerhin war das Häuschen mehr als fünfzig Schritt von ihnen entfernt. „Aber hier ist doch kein Mensch, warum flüsterst du?“

„Warum ich flüstere? Ach, ja, Teufel noch eins!“ rief plötzlich Dmitrij Fedorowitsch mit voller, lauter Stimme: „Ja, warum flüsterte ich nur? Da siehst du’s selbst, wie dumm man zuweilen ist. Ich bin heimlich hergekommen und bewache ein Geheimnis. Die Erklärung wird gleich folgen. Da nun hierbei so viel Geheimnis war, fing ich auch geheimnisvoll, wollte sagen, nur ganz leise zu sprechen an und flüsterte wie ein Esel, während das doch gar nicht nötig ist. Gehen wir! Siehst du, dorthin! Bis dahin sei still. Ach, küssen will ich dich!

Heil dem Höchsten in der Welt, Heil dem Höchsten auch in mir ...

Das habe ich vorhin die ganze Zeit hier auf der Bank wiederholt, bevor du kamst ...“

Der Garten war ziemlich groß und nur ringsum am Zaun mit Bäumen bepflanzt, mit Apfelbäumen, Ahorn, Linden und Birken. In der Mitte des Gartens war ein freier, grüner Platz, eine Wiese, von der im Sommer einige Pud Heu geerntet wurden. Vom Frühling bis zum Herbst wurde dieser Garten von der Besitzerin für ein paar Rubel vermietet. Es waren dort auch einige Beete mit verschiedenen Sträuchern: Stachelbeeren, Johannisbeeren und Himbeerstauden, doch zogen die sich gleichfalls längs des Zaunes hin, und beim Hause waren dann noch ein paar Gemüsebeete. Dmitrij Fedorowitsch führte seinen Bruder in die vom Hause entfernteste Ecke des Gartens. Dort bemerkte Aljoscha plötzlich zwischen alten Linden, dichtem Holundergebüsch und spanischem Flieder eine uralte, schiefe Laube, unter deren Bretterdach, das nicht mehr grün, sondern schon schwarz war, man immerhin noch vor dem Regen hätte Schutz finden können. Diese Laube war, Gott weiß wann, vielleicht vor fünfzig Jahren gebaut worden, von dem früheren Besitzer des Häuschens, Alexander Karlowitsch von Schmidt, einem Oberstleutnant a. D., wie man sich erzählte. Doch alles war schon verfault: Die Bohlen wackelten, und es roch nach feuchtem Holz. In der Mitte stand auf eingerammtem Pfosten ein noch etwas grüner Tisch, um den auf gleichfalls eingerammten Pflöcken drei Bänke standen. Aljoscha war sofort die gehobene Stimmung seines Bruders aufgefallen – als sie jetzt in die Laube traten, bemerkte er auf dem Tisch eine halbe Flasche Kognak und ein Gläschen.

„Ja, das ist Kognak!“ sagte Mitjä lachend, „du aber fragst dich schon: ‚Sollte er wieder trinken?‘ Glaube nicht dem Phantom.

Glaube nicht der stumpfen Masse, Oh, vergiß die Zweifel alle ... usw.

Ich trinke nicht, ich ‚nasche‘ bloß, wie dein Freund, das Schwein Rakitin, sagt, der angehende Staatsrat. Setze dich. Aljoscha, ich würde dich jetzt am liebsten einfach so nehmen und an mein Herz pressen, aus allen Kräften würde ich dich an mich drücken, denn ... im Grunde – begreifst du das? – im Grunde – behalte das! – liebe ich auf der ganzen Welt nur dich allein!“

Er sprach die letzten Worte fast wie in einem Rausch, wie in Verzückung.

„Nur dich allein und dann noch eine ‚Niederträchtige‘, in die ich mich verliebt habe, und durch die ich verloren bin. Doch sich verlieben, heißt nicht lieben. Sich in jemanden verlieben kann man auch, wenn man ihn haßt. Behalte das! Jetzt spreche ich vorläufig noch mit heiterer Miene! Setze dich dorthin, hinter den Tisch. Ich werde mich hierher neben dich setzen, dich betrachten und die ganze Zeit sprechen. Du sollst schweigen, ich aber werde alles erzählen, denn jetzt ist es Zeit dazu. Aber, weißt du, ich glaube, es ist doch besser, wenn wir leise sprechen, denn hier ... hier ... können überall die unerwartetsten Ohren horchen. Ich werde alles erklären. Wie gesagt: Erklärung folgt. Warum nur sehnte ich mich nach dir, warum nur erwartete ich dich in all diesen Tagen? – Ich habe mich hier doch schon seit fünf Tagen verankert. – Alle diese Tage? Weil ich nur dir allein alles sagen kann, dir allein, das ist es ja, denn ich brauche dich, denn morgen werde ich aus den Wolken herabfliegen, denn morgen wird das Leben enden und neu beginnen ... Hast du es jemals gefühlt, oder weißt du, wie das ist, wenn man im Traum von einem Berge in ein tiefes, dunkles Loch fällt? Nun, auch ich fliege jetzt hinab, doch nicht im Traum. Fürchte mich aber nicht, und auch du sollst dich nicht fürchten. Das heißt, ich fürchte mich wohl, aber es ist – so süß. Das heißt, nicht süß, sondern ein Rausch des Entzückens ... Ach, nun hol’s der Teufel, einerlei, was das ist. Stark oder schwach oder weibisch – einerlei! Besingen wir lieber die Natur! Sieh, wieviel Sonne hier ist, der Himmel so rein, so hell und hoch, die Blätter sind noch alle grün, ganz wie im Sommer. Vier Uhr nachmittags, diese Stille! ... Wohin wolltest du gehen?“

„Zum Vater, und zuerst wollte ich noch zu Katerina Iwanowna gehen.“

„Zu ihr und zum Vater! Herrgott! Das ist mir mal ein Zusammentreffen! Ja, warum rief ich dich denn, warum ersehnte ich dich, warum dürstete und lechzte ich denn mit allen Ecken und Kanten meiner Seele gerade nach dir? Um dich von mir gerade zum Vater und dann zu ihr, zu Katerina Iwanowna, zu schicken und damit die ganze Geschichte zu beenden, mit ihr wie mit ihm! Ich hätte ja einen jeden schicken können, aber ich wollte nur einen Engel schicken. Und siehe, du wolltest von selbst zu ihr und zum Vater gehen!“

„Wolltest du mich wirklich schicken?“ fragte hastig mit einem krankhaften Gesichtsausdruck Aljoscha, fast gegen seinen Willen.

„Wart, – du wußtest es doch. Ich sehe schon, daß du bereits alles begriffen hast. Aber sage noch nichts, schweige. Bedaure nicht und weine nicht!“

Dmitrij Fedorowitsch erhob sich nachdenklich und legte den Finger an die Stirn:

„Sie muß dich selbst gerufen haben, sie hat dir einen Brief geschrieben oder vielleicht sonst etwas, darum wolltest du zu ihr gehen, denn sonst wäre es dir doch nicht eingefallen?“

„Ja, sie hat mir geschrieben, hier,“ sagte Aljoscha und zog den Brief aus der Tasche. Mitjä durchflog ihn schnell.

„Und du gingst durch die Hinterstraßen! O Götter, ich danke euch, daß ihr ihn durch die Hinterstraßen und mir in die Arme führtet, wie das goldene Fischlein dem alten, törichten Fischer im Märchen. Höre, Aljoscha, Freund und Bruder. Jetzt will ich dir alles sagen. Denn irgend jemandem muß man es doch sagen. Dem himmlischen Engel habe ich es schon gesagt, jetzt muß ich es auch dem irdischen Engel sagen. Das bist du. Du wirst es anhören, du wirst dann urteilen, und du wirst verzeihen ... Gerade das aber habe ich nötig, daß mir ein höheres Wesen verzeiht. Höre: Wenn sich zwei Wesen plötzlich von allem Irdischen losreißen und irgendwohin in etwas Unbekanntes fliegen, oder wenigstens einer von ihnen, und kurz vorher, also – vor dem Aufbruch oder dem Verderben zum anderen geht und ihm sagt: Tue das und das für mich, etwas, worum man sonst nie bittet oder höchstens auf dem Sterbebett, – würde der es dann wirklich verweigern ... wenn er sein Freund, sein Bruder ist?“

„Ich werde es tun,“ sagte Aljoscha, „sage nur, was es ist, und sage es etwas schneller.“

„Schneller ... Hm. Beeile dich nicht so, Aljoscha. Du beeilst dich und bist unruhig. Jetzt hat’s keine Eile mehr. Jetzt ist die Welt in eine neue Bahn gelenkt. Ach, Aljoscha, schade, daß du noch nie bis zur Begeisterung gedacht hast! Doch, übrigens, was sage ich? Du sollst etwa nicht bis zur Begeisterung gedacht haben! Wovon rede ich Dummkopf?

‚Edel sei der Mensch!‘

– Wer hat das gesagt?“

Aljoscha beschloß zu warten. Er sah ein, daß er jetzt hier vielleicht am nötigsten war. Mitjä sann einen Augenblick nach, den Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt. Beide schwiegen sie.

„Ljoscha,“ sagte plötzlich Mitjä, „nur du allein wirst nicht lachen! Ich würde am liebsten meine ... Beichte ... mit Schillers Hymne an die Freude beginnen ... Aber ich verstehe kein Deutsch, weiß nur, daß sie ‚An die Freude!‘ heißt. Denk nicht, daß ich betrunken bin und darum so schwatze. Ich bin durchaus nicht betrunken. Kognak ist Kognak, doch ich brauche zwei Flaschen, um mich anzutrinken, –

Silen der feiste, kahlköpfige, Ritt trunken auf stolperndem Esel ...

ich aber habe noch keine Viertelflasche getrunken und bin nichts weniger als Silen. Bin nicht trunken, wohl aber bin ich stark, denn ich habe auf ewig meinen Entschluß gefaßt. Verzeih mir die dummen Gedichte ... Heute wirst du mir vieles verzeihen müssen und nicht nur Gedichte. Beunruhige dich nicht, ich bin ganz ruhig und werde sofort zur Sache kommen. Will aus meiner Seele keine Mördergrube machen. Wart, wie war doch dieses Gedicht ...“

Er erhob den Kopf, sann ein wenig nach, und plötzlich begann er begeistert:

Scheu in des Gebirges Klüften Barg der Troglodyte sich; Der Nomade ließ die Triften Wüste liegen, wo er strich. Mit dem Wurfspieß, mit dem Bogen Schritt der Jäger durch das Land; Weh dem Fremdling, den die Wogen Warfen an den Unglücksstrand!

Und auf ihrem Pfad begrüßte, Irrend nach des Kindes Spur, Ceres die verlass’ne Küste, Ach, da grünte keine Flur! Daß sie hier vertraulich weile, Ist kein Obdach ihr gewährt; Keines Tempels heitre Säule Zeuget, daß man Götter ehrt.

Keine Frucht der süßen Ähren Lädt zum reinen Mahl sie ein, Nur auf gräßlichen Altären Dorret menschliches Gebein. Ja, so weit sie wandernd kreiste, Fand sie Elend überall, Und in ihrem großen Geiste Jammert sie des Menschen Fall.

Ein Schluchzen rang sich aus Mitjäs Seele heraus, und er umklammerte Aljoschas Hand.

„Freund, mein Freund, gesunken ist der Mensch, tief gesunken! Der Mensch hat so viel Qualen auf der Erde zu ertragen, hat so viel im Leben zu leiden! Glaub nicht, daß ich nur ein Narr im Offiziersrock bin, einer, der Kognak trinkt und ausschweifend lebt. Freund, denke ich doch fast an nichts anderes, als an diesen erniedrigten Menschen – wenn ich nicht lüge. Gott, laß mich jetzt nicht lügen, nicht mich selbst loben! Ich denke an diesen Menschen, weil ich selbst so ein Mensch bin.

Daß der Mensch zum Menschen werde, Stift er einen ew’gen Bund Gläubig mit der frommen Erde, Seinem mütterlichen Grund ...

Nur sage mir jetzt: Wie soll ich mich auf ewig mit der Erde verbinden? Ich küsse doch nicht die Erde, ich schneide ihr doch nicht die Brust auf; oder soll ich etwa ein Bauer werden und pflügen oder ein Hirt? Ich gehe und lebe und weiß nicht: Bin ich in Schande und Gestank geraten oder ins Licht und in die Freude? Siehst du, das ist mein Unglück, denn alles auf der Welt ist Rätsel! Und wenn es vorkam, daß ich mich in die tiefste, allertiefste Schmach der Ausschweifung warf (das aber kam so häufig vor, daß es eigentlich ununterbrochen geschah), so sagte ich immer dieses Gedicht von der Ceres vor mich hin. Ob es mich besser machte? Niemals! Denn ich bin ein Karamasoff. Und wenn ich schon einmal in den Abgrund fliege, so fliege ich mit dem Kopf voran und den Fersen nach oben, und ich bin sogar zufrieden damit, daß ich in einer so erniedrigenden Stellung falle, und finde das schön für mich. Und siehe: Gerade in dieser Schmach und Schande stimme ich dann plötzlich die Hymne an. Mag ich verflucht sein, mag ich niedrig und gemein sein, doch laßt auch mich den Saum jenes Gewandes küssen, in das sich mein Gott hüllt; mag ich auch zur selben Zeit dem Teufel folgen, so bin ich doch dein Sohn, Herr, und liebe dich und fühle eine Freude, ohne die die Welt nicht stehen und nicht sein könnte.

Freude trinken alle Wesen An den Brüsten der Natur; Alle Guten, alle Bösen Folgen ihrer Rosenspur. Küsse gab sie uns und Reben, Einen Freund, geprüft im Tod; Wollust ward dem Wurm gegeben Und der Cherub steht vor Gott.

Doch nun Schluß mit den Gedichten! Ich vergoß vorhin Tränen, aber du, laß mich ruhig weinen. Mag das auch eine Dummheit sein, über die alle lachen würden, nur du lache nicht. Wie deine Augen brennen, Ljoscha! Doch nun, wie gesagt, Schluß mit den Gedichten. Ich will dir jetzt von dem Wurme erzählen, von diesem selben, den die Erde mit Wollust beschenkt hat ... Weißt du, mein Freund, dieser Wurm, das bin ja ich, ich selbst, und das ist ganz speziell nur von mir gesagt. Und wir alle, wir Karamasoffs, sind alle so, und auch in dir, du keuscher Knabe, lebt dieser Wurm und gebiert schon Stürme in deinem Blut. Das – sind Stürme, denn die Wollust ist – Sturm, mehr als Sturm! Die Schönheit ist ein furchtbares und schreckliches Ding! Furchtbar, weil sie unbestimmbar ist, und bestimmen kann man sie nicht, weil Gott nur Rätsel gegeben hat. Hier nähern sich die Ufer; hier leben alle Widersprüche beisammen. Weißt du, Freund, ich bin sehr ungebildet, aber ich habe viel darüber nachgedacht. Es gibt so furchtbar viel Geheimnisse! Zu viele Rätsel bedrücken den Menschen auf Erden. Da heißt es, sie lösen, so gut man’s kann, und trocken aus dem Wasser kommen. Die Schönheit! Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand – meistens sind es sogar Männer mit edlem Herzen und hohem Verstand – mit dem Ideal der Madonna beginnt und bei dem Weibe Sodoms endet. Noch furchtbarer aber ist, wer mit dem Ideale Sodoms in der Seele doch das Ideal der Madonna nicht verneint, nach der sein Herz lechzt und glüht; wahrlich, wahrlich, es glüht und sehnt sich nach ihr, wie in der Jugend, in den noch lasterlosen Jahren. Nein, weit ist der Mensch, sogar allzuweit, ich würde ihn enger machen. Weiß der Teufel, was er eigentlich ist! Was dem Verstande Schmach scheint, erscheint dem Herzen gewöhnlich als Schönheit. Ist denn in Sodom Schönheit? Glaube mir, für die übergroße Mehrzahl der Menschen sitzt sie gerade in Sodom, – wußtest du schon um dieses Geheimnis oder nicht? Schrecklich ist das eine, daß die Schönheit nicht nur etwas Furchtbares, sondern auch etwas Geheimnisvolles ist. Hier ringen Gott und Teufel, und der Kampfplatz – ist des Menschen Herz ... Übrigens, das ist ja immer so: Was einem weh tut, davon redet man. Höre, jetzt komme ich zur Sache.

IV. Die Beichte eines heißen Herzens. In Prosa

„Ich führte dort ein wüstes Leben. Papa sagte vorhin beim Staretz, ich hätte mehrere Tausende für die Verführung ehrsamer Mädchen verschwendet. Das ist eine schweinische Verleumdung, niemals habe ich das getan. Was aber auch geschah, so bedurfte es ‚dazu‘ – eigentlich nie Geld. Geld, das ist bei mir – accessoire, ich weiß nicht was, es muß nur vorhanden sein. Heute ist eine vornehme Dame meine Liebe, morgen an ihrer Stelle ein kleines Straßenmädel. Ich liebe diese wie jene, werfe das Geld mit vollen Händen hinaus, bestelle Musik, Zigeuner. Wenn sie welches braucht, gebe ich natürlich auch ihr, denn sie nehmen es, und wie noch, das muß man allerdings zugeben, und zufrieden sind sie und dankbar. Viele Damen haben mich geliebt, nicht alle, aber doch viele, viele; ich aber liebte immer Winkelgassen, einsame, dunkle Sackgassen, – dort, dort gibt es Abenteuer, dort findet man Unerwartetes, dort wachsen berauschende Blumen im Schmutz. Ich meine das allegorisch, Freund. In unserem Städtchen gab es solche Winkelgassen nicht in Wirklichkeit, dafür aber gab es sie in anderer Beziehung. Wenn du wärest, was ich bin, so würdest du begreifen, was diese letzteren bedeuten. Ich liebte die Ausschweifung, liebte auch den Schmutz der Ausschweifung. Ich liebte die Grausamkeit; bin ich denn kein blutsaugendes Tier, kein bösartiger Wurm? Wie gesagt – bin Karamasoff! Einmal im Winter arrangierte die ganze Gesellschaft ein Picknick; wir fuhren in Troiken hinaus; in der Dunkelheit, im Schlitten begann ich das kleine Händchen des jungen Mädchens, das bei mir saß, zu drücken, und zwang sie zu Küssen. Sie war die Tochter eines Beamten, ein armes, liebes, sanftes Ding war’s. Sie erlaubte es, vieles erlaubte sie in der Dunkelheit. Die arme Kleine glaubte wohl, daß ich am nächsten Tage zu ihnen kommen würde, um einen Heiratsantrag zu machen, denn vor allen Dingen schätzte man mich doch als Heiratskandidaten. Ich aber sprach darauf fünf Monate kein Wort mehr mit ihr, keine Silbe. Wohl sah ich, wie an Tanzabenden – wir taten doch überhaupt nichts anderes als tanzen – aus der Saalecke mich ihre Augen verfolgten, o, ich sah, wie sie brannten – im Feuer heiligen Unwillens. Doch dieses Spiel ergötzte meine Wollust, ergötzte den Wurm, den ich in mir nährte. Nach fünf Monaten heiratete sie einen Beamten und fuhr fort ... in Haß und – vielleicht immer noch in Liebe zu mir. Jetzt leben sie glücklich. Hatte ich doch niemandem etwas davon gesagt, das behalte, ich hatte sie nicht in üblen Ruf gebracht; denn wenn ich auch niedrige Wünsche habe und das Niedrige liebe, so bin ich doch nicht ehrlos. Du errötest, und deine Augen blitzen wieder. Nun, es ist auch genug für dich – genug von diesem Schmutz. Und das ist doch alles noch so: pauldekocksche Blümchen, obgleich der grausame Wurm schon wuchs, schon in der Seele wucherte. Hier gibt es ein ganzes Album Erinnerungen, Freund. Mag Gott ihnen, den lieben Kleinen, Gesundheit schicken! Ich liebte es, beim Abschied ohne Groll auseinanderzugehen. Und niemals erzählte ich etwas, keine einzige brachte ich in schlechten Ruf. Doch genug. Glaubst du wirklich, daß ich dich nur wegen dieser Dummheiten hergerufen habe? Nein, ich werde dir eine interessantere Geschichte erzählen; doch wundere dich nicht, daß ich mich nicht vor dir schäme und scheinbar noch froh bin.“

„Das sagst du jetzt, weil ich erröte,“ bemerkte Aljoscha plötzlich. „Nicht wegen deiner Worte erröte ich und nicht wegen deiner Taten, sondern weil ich dasselbe bin, was du bist.“

„Wer, – du? Nun, da hast du etwas weit vorbeigetroffen.“

„Nein, durchaus nicht so weit,“ sagte eifrig Aljoscha. (Augenscheinlich hatte er diesen Gedanken schon lange gehabt.) „Es sind ein und dieselben Stufen; ich bin noch auf der niedrigsten, du aber bist schon oben, sagen wir, auf der dreißigsten. So sehe ich die Sache an, jawohl, es ist ein und dasselbe, vollkommen gleich. Wer die unterste Stufe betritt, der wird unbedingt auch einmal auf die oberste treten.“

„So ist es wohl am besten, sie überhaupt nicht zu betreten?“

„Wer es kann, ja – der sollte sie überhaupt nicht betreten.“

„Du aber – kannst du das?“

„Ich glaube, nicht.“

„Schweig, Aljoscha, schweig, Liebling, ich möchte deine Hand küssen, so, aus Rührung. Dieser Racker Gruschenka ist wirklich ein Menschenkenner – sie sagte mir vor nicht langer Zeit, sie werde dich irgendeinmal fressen! Doch ich schweige schon, schweige schon! Gehen wir jetzt von dem Häßlichen, diesem Fliegenschmutz, zu meiner Tragödie über, die gleichfalls von Fliegen beschmutzt ist, ich meine, von Gemeinheiten aller Art. Die Sache ist nämlich die: Wenn der Alte auch beim Staretz das von der Verführung ehrsamer Mädchen gelogen hat, so war es doch im Grunde in meiner Tragödie genau so – nur war es das einzige Mal, und auch da kam es nicht dazu. Der Alte aber weiß von dieser Geschichte nichts: Ich habe sie niemandem erzählt; du bist der erste, der sie hört, natürlich abgesehen von unserem Bruder Iwan, Iwan weiß alles. Er weiß es schon längst; aber Iwan ist ein – Grab.“

„Iwan ein – Grab?“

„Ja.“

Aljoscha hörte mit größter Spannung zu.

„In jenem Bataillon, im Linienregiment, in dem ich nach dem Duell stand, war ich doch gewissermaßen unter Aufsicht, selbst als Fähnrich wurde ich wie etwa ein Verschickter behandelt. Das Städtchen aber nahm mich mit offenen Armen auf. Geld verschwendete ich sehr viel; man glaubte, daß ich reich sei, und ich glaubte es ja auch selbst. Aber, weißt du, ich gefiel ihnen, wie es schien, noch durch etwas anderes. Wenn sie auch die Köpfe schüttelten, so liebten sie mich doch wirklich aufrichtig. Plötzlich aber hatte mein Oberstleutnant etwas gegen mich. Er suchte mir immer etwas anzuhängen, ich aber war vollkommen im Recht, und die ganze Stadt stand für mich, so konnte er mich nicht allzusehr schikanieren. Natürlich lag die Schuld an mir; ich erwies ihm absichtlich nicht die schuldige Ehrerbietung; war stolz. Dieser alte Starrkopf, der übrigens durchaus kein übler Mensch, sondern ein gutmütiger, gastfreier, älterer Herr war, hatte zweimal geheiratet, doch beide Frauen waren schon gestorben. Die erste war einfacher Herkunft gewesen und hatte ihm nur eine Tochter hinterlassen, die gleichfalls ziemlich einfach aussah; sie war damals schon ein vierundzwanzigjähriges Mädchen und lebte mit ihrer Tante, der Schwester ihrer Mutter, beim Vater. Die Tante war eine schweigsame Person, ihre Nichte jedoch, also die älteste Tochter meines Oberstleutnants, war das temperamentvolle Gegenteil. Weißt du, Liebling, ich sage gern ein gutes Wort, wenn ich an jemanden zurückdenke: Niemals habe ich einen Frauencharakter gesehen, der prächtiger gewesen wäre als der Charakter dieses Mädchens, Agafja hieß sie, Agafja Iwanowna. Ja, und an sich sah sie gar nicht übel aus, für russischen Geschmack – hochgewachsen, stark, fest gebaut, prachtvolle Augen, das Gesicht allerdings etwas einfach. Sie heiratete nicht, obgleich zwei bei ihr ansprachen, sie lehnte vielmehr ab, verlor aber nicht ihr heiteres Gemüt. Wir traten uns beide näher – doch nicht in diesem Sinne, nein, es war rein, einfach freundschaftlich. Bin ich doch häufig Frauen ganz sündenlos nähergetreten, eben wie ein Freund. Schwatzte mit ihr so aufrichtig, Herrgott! – sie aber lachte nur. Viele Frauen lieben solche Aufrichtigkeit, behalte das, sie aber war doch noch ein junges Mädchen, was mich ungemein amüsierte. Und dann noch eines: Man konnte sie unmöglich gnädiges Fräulein nennen. Sie und ihre Tante lebten beim Vater, doch wie soll ich sagen, sie erniedrigten sich selbst freiwillig, stellten sich jedenfalls mit der ganzen übrigen Gesellschaft nicht auf gleichen Fuß. Alle hatten sie gern und hatten sie nötig, denn was die Schneiderkunst anbetrifft, war sie eine Autorität: hatte wirklich Talent; Geld nahm sie natürlich nicht für ihre Hilfe, machte man ihr aber Geschenke, so nahm sie diese an und freute sich. Der Oberstleutnant aber, o – der! Der war die erste Persönlichkeit der Stadt, lebte auf großem Fuß, gab Diners und Bälle. Als ich hinkam, sprach man gerade in der ganzen Stadt davon, daß bald auch seine zweite Tochter, die schönste aller Schönheiten, aus der Hauptstadt zum Besuch nach Hause kommen werde, da sie dort soeben ihr aristokratisches Institut verlassen hätte. Diese zweite Tochter nun – das war Katerina Iwanowna, sein einziges Kind von der zweiten Frau. Diese seine zweite Frau war aus vornehmem Hause gewesen, Tochter eines angesehenen Generals, glaube ich; doch hatte sie, wie ich genau weiß, kein Geld in die Ehe gebracht. Also mußte sie dafür eine gute Verwandtschaft gehabt haben und vielleicht noch irgendwelche Hoffnungen auf Erbschaften, aber bar jedenfalls nichts. Damals war sie, wie gesagt, schon tot, und er war Witwer. Als aber dann die Tochter ankam, nur zum Besuch, nicht auf immer, belebte sich sofort die ganze Stadt, sogar unsere vornehmsten Damen – zwei Exzellenzen, die Frau des Obersten und alle, die nach ihnen kamen, rissen sich geradezu um sie. Sie war die Königin der Bälle; man arrangierte für sie Ausfahrten, Schlittenpartien, lebende Bilder zum Besten armer Gouvernanten usw. Ich schwieg, ich führte mein Leben unverändert so fort, und gerade damals schoß ich so ein besonderes Stückchen los, daß die ganze Stadt auf dem Kopf stand. Ich sehe, sie mißt mich einmal so mit dem Blick, auf dem Balle beim Batteriekommandeur war’s; ich aber ließ mich noch immer nicht vorstellen: Nun, verschmähte es, ihre Bekanntschaft zu machen. Erst nach einiger Zeit ließ ich mich vorstellen, begann ein Gespräch; sie antwortete kaum, verzog nur spöttisch verächtlich die Lippen. Warte, denke ich, dafür werde ich mich rächen! Vor allen Dingen fühlte ich, daß Katjenka nicht etwa ein unschuldiges Pensionsdämchen war, sondern eine Persönlichkeit mit Charakter, ein stolzes, doch wirklich edles Weib, und zwar ein kluges und gebildetes – ich aber war weder klug noch edel. Du glaubst, ich beabsichtigte damals ihr einen Heiratsantrag zu machen? Fiel mir nicht ein! Ich wollte mich ganz einfach dafür rächen, daß sie mich, der ich doch solch ein famoser Bursche war, absichtlich nicht beachtete. Inzwischen ging mein Leben unverändert weiter, lebte in dulci jubilo. Schließlich gab mir mein Oberstleutnant drei Tage Stubenarrest, und gerade in dieser Zeit schickte mir der Alte von hier aus sechstausend Rubel, nachdem ich den formellen Verzicht auf alles und jedes geleistet hatte, ich meine, daß wir quitt seien und daß ich nichts mehr verlangen werde. Ich begriff damals keinen Deut von der ganzen Geldgeschichte mit dem Vater. Offen gestanden, bis ich herkam, begriff ich noch immer nichts, vielleicht bis zu diesen letzten Tagen, vielleicht aber begreife ich auch heute noch nichts davon. Doch zum Teufel damit, davon später. Damals aber, als ich diese Sechstausend erhalten hatte, erfuhr ich plötzlich durch einen Freund – er schrieb mir einen Brief – eine für mich ungemein interessante Sache, nämlich, daß man mit unserem Oberstleutnant nicht ganz zufrieden war, daß man ihn sogar im Verdacht hätte, das Regimentsgeld zu anderen Zwecken zu verwenden, kurz – seine Feinde bereiteten ihm eine Überraschung vor, und wirklich, alsbald kam der Divisionsgeneral und wusch ihm ganz unglaublich den Kopf. Ziemlich kurze Zeit darauf, bekam er den Befehl, sein Abschiedsgesuch einzureichen. Ich will mich hier nicht weiter bei den Einzelheiten aufhalten, wie alles herauskam, und so weiter und so weiter, er hatte wirklich viele Feinde. Man bemerkte sofort, daß alle ungemein kühl gegen ihn und seine ganze Familie wurden und sich dann plötzlich von ihm zurückzogen. Nun, und so kam es denn zu meinem ersten ‚Scherz‘: Zufällig treffe ich Agafja Iwanowna, mit der ich immer gut Freund war, und plötzlich sage ich zu ihr: ‚Wissen Sie, Ihrem Vater fehlen viertausendfünfhundert Rubel Krongelder.‘ – ‚Was sagen Sie? Wie kommen Sie darauf? Vor kurzem war noch der General hier, und es fehlte doch nichts ...‘ – ‚Damals nicht, doch jetzt fehlen sie in der Kasse.‘ Sie erschrak natürlich furchtbar: ‚Ängstigen Sie mich, bitte, nicht; wer hat es Ihnen gesagt?‘ – ‚Beunruhigen Sie sich nicht,‘ sage ich, ‚ich werde es niemandem sagen, Sie wissen doch selbst, daß ich in der Beziehung ein Grab bin, doch hören Sie, was ich Ihnen in dieser Angelegenheit noch sagen will, nur so „auf alle Fälle“: Wenn man von Ihrem Vater die viertausendfünfhundert Rubel verlangt, er sie aber nicht hat, so schicken Sie lieber, anstatt ihn auf seine alten Tage noch vors Gericht und dann als Soldat nach Sibirien zu bringen, schicken Sie dann lieber Ihre Schwester Katerina Iwanowna heimlich zu mir; man hat mir gestern mein Geld gesandt, ich würde ihr dann gerne die viertausendfünfhundert geben und das Geheimnis hoch und heilig bewahren.‘ – ‚Ach,‘ sagte sie, ‚wie gemein Sie sind,‘ – sie sagte es gerade so – ‚wie niederträchtig gemein! Wie wagen Sie es, so etwas zu sagen!‘ Sie ging maßlos empört fort; ich aber rief ihr noch einmal nach, daß ich das Geheimnis heilig halten werde. Diese beiden Weiber, die Agafja und ihre Tante – das schicke ich voraus –, erwiesen sich in dieser ganzen Geschichte als die reinen Engel; die Schwester aber, die stolze Katjä, wurde von ihnen geradezu vergöttert, sie erniedrigten sich freiwillig vor ihr, waren fast ihre Kammerzofen. Selbstverständlich hatte ihr damals Agafja diese Geschichte – ich meine, unser Gespräch – sofort wiedererzählt. Das erfuhr ich später ganz genau. Sie verheimlichte es also nicht vor ihr! Nun wohl, das aber war’s ja gerade, worauf ich rechnete.

„Da kommt nun mit einemmal der neue Major an, um das Bataillon zu übernehmen. Übernimmt es; doch siehe, der alte Oberstleutnant wird plötzlich krank, kann sich nicht bewegen, sitzt zweimal vierundzwanzig Stunden zu Haus und – übergibt nicht die Kasse. Unser Doktor Krawtschenko versicherte später, er sei wirklich krank gewesen; nur hatte ich schon längst unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit etwas anderes erfahren: daß die Summe jedesmal nach der Revision auf einige Zeit verschwand, und zwar schon seit vier Jahren. Der Oberstleutnant lieh sie nämlich dem ehrlichsten Menschen der Welt, unserem Kaufmann Trifonoff, einem alten Witwer mit langem Bart und goldener Brille. Jener fuhr dann auf die Jahrmärkte, setzte dort das Geld in Umsatz und händigte hernach dem Oberstleutnant die ganze Summe ungeschmälert wieder ein, brachte ihm Geschenke und Delikatessen mit, und mit den Delikatessen auch die Prozente. Diesmal aber – ich erfuhr es ganz zufällig von einem dummen Bengel, dem Söhnchen Trifonoffs, ja, seinem Söhnchen und Erben, dem verderbtesten Jungen, den die Welt je hervorgebracht –, diesmal aber war Trifonoff zurückgekehrt und hatte nichts wiedergegeben. Der Oberstleutnant stürzte natürlich zu ihm: ‚Wie, ich habe nichts von Ihnen erhalten,‘ war dessen Antwort, ‚und wie hätte ich überhaupt etwas von Ihnen erhalten können?‘ Nun, und da saß denn unser Oberstleutnant zu Haus, den Kopf mit einem Handtuch umwickelt; alle drei bemühten sie sich um ihn, legten ihm Eis an die Schläfen. Da kommt plötzlich eine Ordonnanz mit dem Buch und dem Befehl: ‚Sofort die Kasse übergeben, binnen zwei Stunden.‘ Er unterzeichnete – ich habe diese Unterschrift später selbst gesehen –, erhob sich, sagte, er wolle seine Uniform anziehen, ging in sein Schlafzimmer, nahm seine zweiläufige Jagdflinte, lud sie, nahm eine gute Soldatenkugel, zog den rechten Stiefel aus, stützte sich mit der Brust auf die Flinte und begann mit dem Fuß den Hahn zu suchen. Agafja aber, der meine Worte nicht aus dem Sinn gekommen waren, hatte schon so etwas Ähnliches erwartet und war zur rechten Zeit herangeschlichen. – Sie stürzte natürlich hinein, ergriff ihn hinterrücks: die Kugel flog in die Decke und verwundete niemanden. Nun, und dann kamen auch die anderen hinzugelaufen, ergriffen ihn, nahmen ihm die Flinte fort, hielten ihn fest ... Das erfuhr ich alles erst später ausführlich. Ich saß gerade zu Hause; es dämmerte bereits. Ich wollte ausgehen, hatte mich angezogen, frisiert, mein Taschentuch parfümiert, nahm schon meine Mütze, als plötzlich die Tür aufgeht, und – vor mir steht in meiner Wohnung Katerina Iwanowna ...

„Es gibt sonderbare Zufälle: Niemand hatte es damals in der Dämmerung auf der Straße bemerkt, daß sie zu mir gekommen war. Ich aber wohnte bei zwei uralten Beamtenwitwen; zwei ehrerbietige, alte Weiber waren’s, gehorchten mir in allem und schwiegen später über diesen Besuch auf meinen Befehl wie zugenäht ... Natürlich begriff ich sofort alles. Sie trat herein und sah mich unbeweglich an. Ihre dunklen Augen blickten entschlossen, fast sogar herausfordernd, doch auf den Lippen und um den Mund herum, das sah ich, lag Unentschlossenheit.

„‚Meine Schwester hat mir gesagt, Sie würden viertausendfünfhundert Rubel dafür geben – wenn ich selbst sie abholen käme ... ich selbst zu Ihnen. Ich bin gekommen ... geben Sie! ...‘ Sie konnte nicht mehr, der Atem blieb ihr stehen; sie erschrak, die Stimme versagte ihr, und die Mundwinkel und die Linien um die Lippen erzitterten. Aljoschka, hörst du – oder schläfst du?“

„Mitjä, ich weiß, daß du die ganze Wahrheit sagen wirst,“ stieß Aljoscha erregt hervor.

„Ja, die werde ich sagen ... Wenn ich die ganze Wahrheit sagen soll, so war es so, ich werde mich selbst nicht schonen. Der erste Gedanke war – ein Karamasoffscher. Weißt du, einmal hatte mich eine giftige Spinne gebissen, zwei Wochen lag ich darauf im Fieber; nun, so fühlte ich auch jetzt, wie eine giftige Spinne in mein Herz biß. Das heimtückische Insekt, begreifst du? Ich maß sie mit dem Blick vom Kopf bis zu den Füßen. Hast du sie gesehen? Schön ist sie! Doch nicht das machte damals ihre Schönheit aus. Schön war sie in jener Stunde dadurch, daß sie edel, ich aber ein Schuft war, daß sie stolz in ihrem hochherzigen Opfer für den Vater vor mir stand, ich aber ein scheußliches Insekt vor ihr war. Und von mir, dem Schuft und niedrigen Insekt, hängt sie ganz ab, ganz, ganz und gar, mit Seele und Leib. Ganz, wie sie dort vor mir steht. Ich sage dir, Freund: Dieser Gedanke, dieser Gedanke der giftigen Spinne packte mein Herz dermaßen, daß es vor Qual vergehen wollte ... Man sollte meinen, einen Kampf hätte es überhaupt nicht mehr geben können: einfach wie eine boshafte Tarantel verfahren, ohne jedes Mitgefühl ... Ich glaubte zu ersticken. Hör, ich wäre doch sofort, am nächsten Tage schon, zu ihnen gefahren und hätte um ihre Hand gebeten, um das alles sozusagen in der anständigsten Weise zu decken, und somit hätte niemand etwas Schlechtes sagen können. Denn wenn ich auch ein Mensch mit niedrigen Begierden bin, so bin ich doch ehrenhaft, so habe ich doch meine Ehre. Und plötzlich, in derselben Sekunde, flüsterte mir etwas ins Ohr: ‚Aber morgen wird doch solch eine, wenn du mit dem Heiratsantrag kommst, dich überhaupt nicht empfangen, wird dich durch den Kutscher vom Hof treiben lassen‘: ‚Erzähl es doch der ganzen Stadt, wenn du willst, ich fürchte dich nicht!‘ – Ich blickte sie an: Meine Stimme hatte nicht gelogen: so würde es sein, selbstverständlich, genau so. Daß man mich morgen hinauswerfen werde, konnte ich schon jetzt an ihrem Gesichte sehen. Die Wut kochte in mir auf; mich überkam die Lust, das Gemeinste, Schweinischste zu begehen, wie es etwa die elende Krämerseele eines Ladenkaufmanns fertig gebracht hätte: sie spöttisch anzublicken und gleich hier noch, so lange, wie sie vor mir stand, ein paar Worte zu sagen, so mit einer gewissen Intonation, wie es nur ein Kaufmann zu sagen versteht:

„‚Was – viertausend! Das fehlte noch! Ich habe doch nur gescherzt! Sie sind wirklich gar zu leichtgläubig, meine Gnädigste; zweihundert Rubelchen würde ich, nun, meinetwegen, noch mit Vergnügen und sehr gerne geben, aber viertausend, Fräuleinchen, sind doch kein Geld, das man für so leichtsinnige Sachen zum Fenster hinauswirft. Haben sich unnütz zu bemühen geruht.‘

„Sieh, ich hätte dann natürlich alles verloren; sie wäre fortgelaufen, doch dafür wäre es teuflische Rache gewesen und hätte für alles andere entschädigt. Ich hätte freilich mein ganzes Leben lang vor Reue geweint. Aber nur jetzt ihr dieses Stückchen spielen! Glaubst du mir, kein einziges Mal war es mit mir geschehen, noch mit keinem einzigen Weibe, daß ich sie in solch einer Minute gehaßt hätte – doch glaube mir, sieh, ich bekreuze mich: auf diese aber blickte ich drei oder fünf Sekunden lang so haßerfüllt, mit solch einem Haß – mit demselben wütenden Haß, von dem es bis zur Liebe, zur sinnlosesten, wahnsinnigsten Liebe – nur ein Haarbreit ist! Ich trat ans Fenster, preßte die Stirn an das befrorene Glas, und ich weiß noch, das Eis brannte wie Feuer auf meiner Stirn. Ich hielt sie nicht lange auf, hab keine Angst, Bruder. Ich wandte mich wieder um, ging zum Tisch, schloß das Schubfach auf und nahm die fünftausendrublige Banknote au porteur (sie lag in meinem französischen Lexikon). Ich zeigte sie ihr schweigend, schob sie in ein Kuvert, überreichte es ihr, öffnete ihr selbst die Tür zum Vorzimmer, trat darauf einen Schritt zurück und verneigte mich tief vor ihr in der ehrerbietigsten, aufrichtigsten Weise, glaub es mir! Sie fuhr zusammen, blickte mich starr eine Sekunde lang an, wurde dann furchtbar bleich, wie ein Handtuch, und plötzlich – gleichfalls ohne ein Wort zu sagen, doch nicht mit einem Ruck, sondern so weich kniete sie gerade vor mir nieder, verbeugte sich leise tief, tief – und – berührte mit der Stirn den Boden! Nicht etwa schulmädchenhaft, nein – russisch! Sie erhob sich und lief hinaus. Als sie hinausgelaufen war – weißt du, ich hatte den Säbel schon umgeschnallt –, riß ich meinen Säbel aus der Scheide und wollte mich erstechen. Warum? – Das weiß ich nicht, und es wäre natürlich eine furchtbare Dummheit gewesen, aber wahrscheinlich vor Begeisterung. Begreifst du auch, daß man sich vor Begeisterung, einer gewissen Art von Begeisterung, töten kann? Doch ich erstach mich nicht, ich küßte nur die Klinge und schob sie wieder in die Scheide – was ich übrigens jetzt auch nicht zu erwähnen brauchte. Ich glaube sogar, daß ich soeben in der Erzählung aller dieser Kämpfe etwas weitschweifig gewesen bin, um mich herauszustreichen. Aber ... nun schön, meinetwegen, mag’s auch so gewesen sein, der Teufel hole alle Spione des Menschenherzens! Das ist also meine ganze ‚Geschichte‘ mit Katerina Iwanowna. Jetzt wissen davon Iwan und du – und sonst niemand.“

Dmitrij Fedorowitsch erhob sich, tat erregt ein paar Schritte hin und her, zog sein Taschentuch heraus, trocknete sich die Stirn, setzte sich darauf wieder hin, doch nicht auf den früheren Platz, sondern an der anderen Tischseite, so daß Aljoscha sich seitlich zu ihm wenden mußte.

V. Die Beichte des heißen Herzens. „Kopfüber hinab“

„Jetzt kenne ich die erste Hälfte dieser Geschichte,“ sagte Aljoscha.

„Die erste Hälfte verstehst du: Das ist ein Drama und spielte sich dort ab. Die zweite Hälfte jedoch ist eine Tragödie und wird sich hier abspielen.“

„Von der zweiten Hälfte verstehe ich vorläufig noch nichts,“ sagte Aljoscha.

„Und ich etwa? Glaubst du, daß ich etwas davon verstehe?“

„Wart, Dmitrij, hier ist vor allem eines von Wichtigkeit: Sag mir, du bist doch verlobt, auch jetzt noch verlobt mit ihr?“

„Ich verlobte mich mit ihr nicht gleich darauf, sondern ungefähr erst nach drei Monaten. Am nächsten Tage, nachdem sie bei mir gewesen war, sagte ich mir, daß die Geschichte erledigt und abgetan sei, daß es eine Fortsetzung nicht mehr geben werde. Jetzt noch mit einem Heiratsantrag zu kommen, schien mir taktlos, niedrig. Ihrerseits ließ sie in den ganzen sechs Wochen, die sie noch in der Stadt verlebte, kein Wort von sich hören. Das heißt, abgesehen von dem einen Mal: am nächsten Tage kam nämlich ihre Stubenmagd heimlich zu mir und übergab mir, ohne ein Wort zu sagen, einen kleinen Packen. Draufgeschrieben war nur die Adresse: Dem und dem. Ich machte es auf: der Rest von den Fünftausend. Sie hatte ja im ganzen nur viertausendfünfhundert nötig gehabt, und beim Verkauf der Banknote war es ungefähr auf einen Verlust von zweihundert und einiges herausgekommen. Sie schickte mir im ganzen, ich glaube, zweihundertsechzig Rubel zurück, ich weiß es nicht mehr genau, und sonst nichts, nur das Geld – keinen Brief, kein Wörtchen, keine Erklärung. Ich durchsuchte das ganze Papier nach irgendeinem Bleistiftzeichen – n–nichts! Nun, ich lebte inzwischen für mein übriges Geld flott drauflos, so daß auch der neue Major gezwungen war, mir einen Verweis zu geben. Der Oberstleutnant aber übergab glücklich die Kasse zur nicht geringen Verwunderung seiner Kameraden, denn niemand hatte von ihm den Besitz der ganzen Summe erwartet. Er übergab sie, erkrankte aber gleich darauf, lag drei Wochen, dann kam plötzlich Gehirnerweichung hinzu, und nach fünf Tagen war er tot. Man beerdigte ihn mit allen militärischen Ehren, denn er hatte noch nicht den Abschied bekommen. Katerina Iwanowna, ihre Schwester und Tante fuhren nach Moskau, schon am zehnten Tage nach der Beerdigung. Und da erst, vor der Abfahrt, am selben Tage, an dem sie fortfuhren (ich hatte sie nicht gesehen und nicht begleitet), erhalte ich einen kleinen Brief, blau, teures Papier, und auf dem ganzen Bogen steht nur eine einzige Zeile, mit der Bleifeder geschrieben: ‚Ich werde Ihnen schreiben, warten Sie. K.‘ Und das war alles.

„Das übrige laß mich dir kurz in zwei Worten erklären. In Moskau veränderten sich ihre Verhältnisse mit Blitzesschnelle und ebenso unerwartet, wie es in arabischen Märchen zu geschehen pflegt. Eine alte Generalin, ihre reichste Verwandte, verlor plötzlich ihre beiden nächsten Nichten, beide starben in ein und derselben Woche an den Pocken. Die erschütterte Alte freute sich über Katjä, als hätte sie in ihr eine leibliche Tochter gefunden und veränderte das Testament sofort zu ihren Gunsten. Doch das war für die Zukunft, vorläufig aber werden ihr achtzigtausend Rubel sofort blank und bar ausgezahlt – das wäre deine Aussteuer, mach damit, was du willst. Hysterisches Frauenzimmer, habe sie später in Moskau beobachtet. Nun und: plötzlich erhalte ich per Post viertausendfünfhundert Rubel – bin natürlich wie vom Schlage gerührt. Nach drei Tagen kommt der versprochene Brief. Ich habe ihn auch jetzt bei mir, ich habe ihn immer bei mir; ich werde auch mit ihm sterben – willst du, daß ich ihn dir zeige? Du mußt ihn unbedingt lesen: Sie bietet sich als Braut an, bietet sich selbst an, sagt: ‚Ich liebe Sie sinnlos, wenn Sie mich auch nicht lieben, einerlei, seien Sie nur mein Mann. Fürchten Sie nichts – ich werde Ihre Freiheit in nichts beeinträchtigen, werde nur eines Ihrer Möbel sein, der Teppich, auf dem Sie gehen ... Ich will Sie ewig lieben, ich will Sie vor sich selbst retten ...‘ Aljoscha, ich bin es nicht wert, diese Zeilen auch nur wiederzugeben, mit meinen gemeinen Worten und in einem gemeinen Ton, meinem immer gemeinen Ton, von dem ich mich niemals habe losmachen können! Dieser Brief durchdrang mich bis in alle Ewigkeit – und tut er es nicht heute noch? Ist mir denn heute leicht zumut? Damals schrieb ich ihr sofort die Antwort. Ich konnte unmöglich selbst nach Moskau fahren. Schrieb sie mit Tränen; nur einer Sache schäme ich mich maßlos: Ich erwähnte, daß sie jetzt reich sei – ich, der ich doch nur ein bettelarmer Soldat war – erwähnte das Geld! Ich hätte das stillschweigend ertragen müssen, aber die Feder schrieb es von selbst. Gleich darauf, am selben Tage noch, schrieb ich nach Moskau auch an Iwan und erklärte ihm alles, so gut es brieflich ging, in sechs Bogen, und bat ihn, zu ihr zu gehen, schickte ihn zu ihr. Warum blickst du mich so an? Nun ja, Iwan verliebte sich in sie, ist auch jetzt noch in sie verliebt, ich weiß es genau. Eurer Meinung nach beging ich eine Dummheit, und so urteilt auch die ganze Welt, vielleicht aber wird gerade diese Dummheit uns alle retten! Ach! Siehst du denn nicht, wie sie ihn verehrt, wie hoch sie ihn achtet? Kann sie denn überhaupt, wenn sie uns beide vergleicht, solch einen wie mich lieben, und das noch nach allem, was hier vorgefallen ist?“

„Ich bin überzeugt, daß sie gerade so einen wie dich liebt und nicht so einen wie ihn.“

„Sie liebt ihre eigene Hochherzigkeit, aber nicht mich,“ kam es plötzlich fast ingrimmig über Dmitrij Fedorowitschs Lippen. Er lachte kurz auf, doch schon nach einer Sekunde blitzten seine Augen, und er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.

„Ich schwöre es dir, Aljoscha,“ rief er, in einer furchtbaren Wut auf sich selbst, „glaub es mir oder glaub es mir nicht, doch so wahr, wie Gott heilig und Christus unser Herr ist, schwöre ich dir, daß ich, wenn ich auch soeben über ihre Gefühle lachte, doch weiß, daß diese ihre Gefühle ebenso rein sind wie die Gefühle eines himmlischen Engels! Das ist ja die Tragödie, daß ich das genau weiß! Was will es besagen, daß der Mensch ein wenig deklamiert? Deklamiere ich denn etwa nicht? Und doch bin ich aufrichtig, ehrlich aufrichtig. Was aber Iwan anbetrifft, so begreife ich doch, mit welch einem Fluch er jetzt auf die Fügung der Natur blicken muß, und das noch bei seinem Verstande! Wem – bedenke doch nur – wem der Vorzug gegeben wird! Dem Scheusal, diesem Wüstling, der selbst als Verlobter, und obwohl ihn alle beobachten, von seinem wüsten Leben nicht lassen kann – und das vor den Augen seiner Braut, seiner Braut! Und nun wird solch einer, wie ich, vorgezogen, und Er wird verschmäht! Und warum nur? Weil das Mädchen aus Dankbarkeit ihr Leben und ihr Schicksal vergewaltigen will! O Sinnlosigkeit! Ich habe Iwan in diesem Sinne niemals etwas gesagt, und Iwan hat natürlich auch zu mir mit keiner Silbe davon gesprochen, nie, nie etwas erwähnt. Doch das Schicksal wird entscheiden, und der Würdige wird an die Stelle des Unwürdigen treten, und der Unwürdige wird auf ewig in der Winkelgasse verschwinden – in seiner schmutzigen Winkelgasse, und dort wird er im Schmutz und Gestank freiwillig und mit Entzücken zugrunde gehen. Ach, wieder rede ich fades Zeug, meine Worte sind alle so abgenutzt, stelle sie immer irgendwie aufs Geratewohl. Doch so, wie ich es bestimmt habe, so wird es sein. Ich in die Winkelgasse, und sie muß Iwan heiraten.“

„Erlaube, Mitjä,“ unterbrach ihn Aljoscha ungewöhnlich erregt. „Du hast mir bis jetzt noch immer nicht das eine erklärt: Du bist doch mit ihr verlobt, bist doch ihr Verlobter? Wie willst du dann die Verlobung aufheben, wenn sie, deine Braut, es nicht will?“

„Ja, ich bin ihr Verlobter, die Verlobung wurde in Moskau gleich nach meiner Ankunft gefeiert, wie es sich gehört, in großer Gala, mit Heiligenbildern und so: comme il faut. Die Generalin segnete mich, und – was glaubst du wohl – beglückwünschte sogar Katjä: Du hast eine gute Wahl getroffen, ich kenne ihn ganz. Und denk doch, Iwan liebte sie nicht, und sie wünschte ihm auch kein Glück. In Moskau besprach ich noch vieles mit Katjä; ich sagte ihr, wer ich bin, beschönigte nichts, sprach aufrichtig und edel. Sie hörte bis zum Schluß zu, nun, und:

‚Süße Verwirrung gab es, Und manch zärtliches Wort ...‘

„Nun, es gab auch stolze Worte. Sie rang mir damals das große, heilige Versprechen ab, mich zu bessern. Ich gab das Versprechen. Und nun ...“

„Was?“

„Und nun habe ich dich hergerufen und über den Zaun gelockt, heute, heutigen Datums – behalt das! – um dich heute noch zu Katerina Iwanowna zu schicken, und ...“

„Und?“

„Und ihr durch dich sagen zu lassen, daß ich niemals mehr zu ihr kommen werde – und ihr meinen Abschiedsgruß sende.“

„Wie ist das nur möglich?“

„Aber darum schicke ich doch dich, anstatt daß ich selbst hingehe, weil das unmöglich ist, denn wie sollte ich ihr selbst das sagen?“

„Aber wohin willst du denn?“

„In die Winkelgasse.“

„Zu Gruschenka?“ rief Aljoscha und sah ihn erschrocken und traurig an. „So hat Rakitin vielleicht doch die Wahrheit gesagt? Ich glaubte, daß du nur so zu ihr gingest, und das wäre alles.“

„Und das als – Verlobter? Meinst du das im Ernst? Wie ist denn das möglich, wenn man solch eine Braut hat, und ... und so öffentlich? Nein, meine Ehre habe ich noch, sei unbesorgt. Sowie ich zu Gruschenka zu gehen begann, hörte ich sofort auf, Katjäs Verlobter und ein Ehrenmann zu sein, das begreife ich doch selbst. Warum siehst du mich so an? Ja, siehst du, ich ging ganz zuerst hin, um sie zu prügeln. Ich erfuhr es aus sicherer Quelle, daß dieser Gruschenka von Papachens Anwalt, jenem rotbärtigen Hauptmann, mein Wechsel übergeben worden war, damit sie ihn einklage, um mich still zu machen. Und so begab ich mich denn zu Gruschenka, um sie zu verprügeln. Ich hatte sie auch früher schon flüchtig gesehen. Sie frappiert nicht sonderlich. Von dem alten Kaufmann wußte ich, der jetzt zum Überfluß noch krank, halb gelähmt ist, ihr aber doch ein bedeutendes Sümmchen hinterlassen wird. Auch wußte ich, daß sie Geld zu verdienen liebt, sogar viel verdient, ihr Geld zu hohen Prozenten verleiht, daß sie schlau und erbarmungslos ist. Ich ging, um sie zu schlagen und – blieb bei ihr. Das Gewitter zog auf, der Blitz schlug ein, die Seuche steckte mich an, und ich bin ihr anheimgefallen. Weiß ich doch, daß jetzt alles aus ist, daß es jetzt nie mehr etwas anderes geben wird. Der Ring der Zeiten ist vollendet; das ist alles. Damals aber befanden sich gerade, wie vom Verhängnis geschickt – in meiner Tasche, in meiner, obgleich ich doch nichts mehr besaß, dreitausend Rubel. Wir fuhren dann sofort nach Mokroje, das ist fünfundzwanzig Werst von hier. Ich bestellte Zigeuner und Zigeunerinnen hin, Champagner, ließ dort allen Bauern, Weibern, Mädeln Champagner geben, bis sie betrunken waren, warf die Tausende hinaus. Nach drei Tagen war alles durchgebracht. Du glaubst, ich hätte etwas erreicht? Nicht einmal an sich herankommen ließ sie! Ich sage dir: Gruschenka, der Racker, hat solch eine Linie, die sich selbst an ihrem Füßchen wiederholt, sogar im kleinen Zehchen des linken Fußes. Hab selbst gesehen und geküßt, aber das ist auch alles – ich schwöre es dir! Sie sagt: ‚Wenn du willst, werde ich dich heiraten, denn du hast ja nichts. Versprich mir, daß du mich nicht schlagen und mir alles zu tun erlauben wirst, was ich will, dann werde ich dich vielleicht heiraten,‘ und lacht. Auch jetzt lacht sie!“

Dmitrij Fedorowitsch erhob sich plötzlich, fast jähzornig und war wie trunken. Seine Augen wurden rot von andringendem Blut.

„Und du willst sie wirklich heiraten?“

„Sobald sie will, ... sofort – will sie nicht! So bleibt es denn, wie es ist; werde Hofknecht bei ihr werden. Du ... du, Aljoscha ...“ rief er, blieb vor ihm stehen, ergriff ihn an den Schultern und schüttelte ihn plötzlich aus aller Kraft, „– weißt du auch, du unschuldiger Knabe, daß das Fieberwahn ist, sinnloser Fieberwahn? Jawohl, hier ist Tragödie! So höre denn, Alexei, ich kann wohl ein niedriger Mensch sein, mit niedrigen, verderblichen Leidenschaften, doch ein Dieb, ein Taschendieb, ein kleiner, schmutziger Taschendieb kann Dmitrij Karamasoff nie und nimmer sein! Nun, und so wisse denn jetzt, daß ich ein Dieb bin, ein gemeiner Taschendieb! Gerade kurz vordem, als ich zu Gruschenka ging, um sie durchzuprügeln, ruft mich am selben Morgen Katerina Iwanowna zu sich und bittet mich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, damit es vorläufig niemand erfahre (warum es niemand erfahren darf, weiß ich nicht, augenscheinlich aber war’s wohl so nötig), und bittet mich, in die Gouvernementsstadt zu fahren, und von dort aus durch die Post dreitausend Rubel nach Moskau an Agafja Iwanowna zu schicken, und zwar darum aus der Gouvernementsstadt, damit man es hier nicht erführe. Mit diesen Dreitausend ging ich zu Gruschenka, und mit eben diesem Gelde fuhren wir nach Mokroje. Später tat ich so, als ob ich tatsächlich in die Gouvernementsstadt gefahren wäre, schickte ihr aber keine Postquittung zu, ließ sagen, ich hätte das Geld abgeschickt und würde bald selbst mit der Quittung kommen, habe sie aber bis heute noch nicht hingebracht – ‚hab’s vergessen!‘ Nun aber – nun gehst du heute hin und sagst ihr: ‚Er hat mich beauftragt, Ihnen seinen Abschiedsgruß zu überbringen.‘ Sie wird dich wohl fragen: ‚Und das Geld?‘ Da könntest du ihr denn sagen: ‚Er ist ein niedriger Wollüstling, ein Mensch mit unbezähmbaren Leidenschaften. Er hat damals Ihr Geld nicht abgeschickt, sondern durchgebracht, denn er konnte sich als niedriges Tier nicht zügeln.‘ Und du könntest noch hinzufügen: ‚Doch ist er deswegen kein Dieb, hier sind Ihre Dreitausend, er schickt Ihnen das Geld zurück, übersenden Sie es selbst Agafja Iwanowna, mich aber beauftragte er Ihnen seinen Abschiedsgruß zu überbringen.‘ ‚Ja, aber,‘ wird sie dich fragen: ‚Und wo ist das Geld?‘“

„Mitjä, du bist unglücklich, das ist wahr! Aber doch nicht so sehr, wie du denkst, töte dich nicht durch Verzweiflung, töte dich nicht!“

„Ach, du glaubst, ich würde mich erschießen, wenn ich nicht irgendwoher die Dreitausend bekomme, um sie ihr zurückzugeben? Das ist es ja, daß ich mich nicht erschießen werde! Ich habe jetzt nicht die Kraft dazu, später vielleicht einmal, jetzt aber werde ich zu Gruschenka gehen ... Bin sowieso verloren!“

„Und was willst du bei ihr?“

„Werde ihr Gemahl sein, wenn sie mich dessen für würdig hält – wenn aber ihre Liebhaber kommen, werde ich ins andere Zimmer gehen. Werde die schmutzigen Galoschen ihrer Freunde reinigen, den Ssamowar anblasen, ihr Laufbursche sein ...“

„Katerina Iwanowna wird alles verstehen,“ sagte Aljoscha plötzlich sehr ernst, „sie wird die ganze Tiefe dieser Qual verstehen und alles verzeihen. Sie hat einen klaren Verstand und ein großes Herz, sie wird begreifen, daß man unglücklicher als du nicht sein kann.“

„Nein, sie wird nicht verzeihen,“ meinte Mitjä lächelnd. „Hier, Freund, handelt es sich um etwas, das kein Weib verzeihen kann. Weißt du aber, was jetzt das Beste wäre?“

„Was?“

„Ihr die Dreitausend zurückzugeben.“

„Aber woher sie nehmen? Hör, Mitjä, ich habe zweitausend, Iwan wird auch noch tausend geben, da hast du die drei, nimm sie und gib sie ihr.“

„Haha, wann werden denn diese Dreitausend hier ankommen? Du bist ja noch nicht einmal mündig, und doch mußt du unbedingt, un–be–dingt heute noch zu ihr gehen und meinen Gruß bestellen, einerlei, ob mit oder ohne Geld, denn länger kann ich das nicht so hinziehen – wie die Dinge jetzt liegen, ist es ganz unmöglich. Morgen wär’s schon zu spät, viel zu spät. Alexei, geh zum Vater!“

„Zum Vater?“

„Ja, bevor du zu ihr gehst, geh noch zum Vater. Er hat Dreitausend bereit liegen, erbitt sie von ihm.“

„Aber er wird sie doch nicht geben, Mitjä.“

„Fehlte noch, daß er sie gibt, ich weiß, daß er nichts geben wird. Weißt du, Alexei, was Verzweiflung ist?“

„Ich weiß es.“

„Hör: Juridisch schuldet er mir nichts mehr. Ich habe schon alles von ihm bekommen, alles, ich weiß es. Aber moralisch schuldet er mir noch, das ist doch wahr, nicht? Denn nur dank der Achtundzwanzigtausend meiner Mutter hat er die Hunderttausend verdienen können. Mag er mir jetzt nur Dreitausend von den ganzen Achtundzwanzigtausend geben, nur drei, und er würde meine Seele aus der Hölle erlösen, es wird ihm für viele Sünden angerechnet werden! Ich aber würde, wenn er noch diese Dreitausend geben wollte, nie mehr etwas von ihm erbitten, ich gebe dir mein Wort darauf, – er würde nichts mehr von mir hören. Ich gebe ihm zum letztenmal Gelegenheit, sich als Vater zu erweisen. Sage ihm, daß ihm Gott selbst noch diese letzte Gelegenheit schickt.“

„Aber er wird doch ganz bestimmt nichts geben, Mitjä.“

„Ich weiß es, daß er nichts geben wird, weiß es selbst ganz genau. Und jetzt erst recht nicht. Ich weiß sogar noch viel mehr: Erst jetzt, erst in diesen Tagen, vielleicht erst gestern, hat er es im Ernst erfahren (unterstreich das im Ernst), daß Gruschenka vielleicht wirklich nicht scherzt und mich vielleicht wirklich heiraten will. Er kennt diesen Charakter, kennt diese Katze. Nun, sage doch selbst, soll er mir jetzt zum Überfluß auch noch Geld geben, er, der doch selbst ihretwegen schon den Verstand verloren hat? Aber auch das ist noch nicht alles, ich weiß noch mehr: Ich weiß, daß bei ihm seit fünf Tagen dreitausend Rubel bereit liegen, in Hundertrubelscheine ausgewechselt, und in einem großen Kuvert unter fünf Siegeln, das noch mit einem roten Bändchen kreuzweis umbunden ist. Siehst du, wie genau ich alles weiß! Und auf dem Kuvert steht geschrieben: ‚Meinem Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen will,‘ das hat er selbst draufgekratzt heimlich in der Stille, und niemand weiß, daß bei ihm dieses Geld bereit liegt, außer dem Diener Ssmerdjäkoff, an dessen Ehrlichkeit der Alte mindestens ebenso fest glaubt wie an seine eigene Existenz. Und jetzt erwartet er Gruschenka schon seit drei oder vier Tagen, hofft, daß sie nach den Dreitausend kommen wird, hat er ihr es doch sagen lassen, und sie hat darauf geantwortet: ‚Vielleicht, ja vielleicht werde ich kommen.‘ Aber wenn sie jetzt zum Alten kommt, wie kann ich sie dann heiraten? Begreifst du jetzt, warum ich hier heimlich sitze, und wem ich auflauere?“

„Doch nicht Gruschenka?“

„Ja, Gruschenka. Hier in diesem Hause hat sich Foma eine Kammer gemietet, bei diesen liederlichen Weibsbildern. Foma ist unser gewesener Soldat, stand in meiner Kompagnie. Er dient ihnen jetzt gewissermaßen, wacht in der Nacht, und am Tage geht er Birkhühner schießen, und davon lebt er. Ich habe jetzt hier bei ihm Anker geworfen. Doch weder er noch die beiden Weiber wissen es, daß ich hier auf der Lauer sitze.“

„Nur Ssmerdjäkoff weiß es?“

„Nur er allein. Er wird es mir denn auch sagen, wenn sie zum Alten kommt.“

„Und er hat dir auch das vom Kuvert gesagt?“

„Ja, er. Aber das ist das größte Geheimnis. Selbst Iwan weiß weder von dem Gelde noch sonst etwas. Der Alte aber will Iwan unbedingt auf zwei oder drei Tage nach Tschermaschnjä schicken: Es hat sich ein Käufer für den Wald gefunden, will ihn für Achttausend fällen, und so bittet denn der Alte himmelhoch Iwan: ‚Hilf mir, fahr selbst hin,‘ – damit wäre er ihn auf zwei-drei Tage los. Er will nämlich, daß Gruschenka in seiner Abwesenheit kommt.“

„Dann erwartet er sie also auch heute?“

„Nein, heute wird sie nicht kommen, aller Voraussicht nach. Sie wird bestimmt nicht kommen!“ rief Mitjä plötzlich erregt. „Auch Ssmerdjäkoff glaubt, daß sie nicht kommen wird. Der Alte trinkt jetzt wieder, sitzt mit Iwan bei Tisch. Geh, Alexei, bitte ihn um diese Dreitausend ...“

„Mitjä, Lieber, was ist mit dir!“ rief Aljoscha aufspringend und blickte erregt in das entstellte Gesicht Dmitrij Fedorowitschs. Einen Moment glaubte er schon, daß jener irrsinnig geworden sei.

„Was hast du? Ich bin nicht wahnsinnig,“ sagte Dmitrij Fedorowitsch, und sein Auge blickte aufmerksam und fast triumphierend den Bruder an. „Ja, ich schicke dich zum Vater und weiß, was ich tue: Ich glaube an ein Wunder.“

„An ein Wunder?“

„An ein Wunder der Vorsehung Gottes. Gott kennt mein Herz. Er sieht meine ganze Verzweiflung. Er sieht alles. Sollte Er wirklich das Grauenvolle zulassen? Aljoscha, ich glaube an ein Wunder, geh!“

„Ich werde gehen. Wirst du hier warten?“

„Ja. Ich weiß, daß du nicht so bald zurückkommen wirst, das kann man doch nicht gleich, nach dem ersten Wort! Er ist jetzt betrunken. Ich werde hier sitzen und warten, drei Stunden, vier Stunden, fünf, sechs, sieben Stunden ... Nur mußt du wissen, daß du heute, und wenn auch um Mitternacht, zu Katerina Iwanowna gehen wirst, mit oder ohne Geld, um ihr zu sagen: ‚Er schickt Ihnen seinen Abschiedsgruß.‘ Ich will, daß du es ihr gerade mit diesen Worten sagst: ‚Abschiedsgruß‘.“

„Mitjä! Plötzlich aber kommt Gruschenka heute ... oder wenn nicht heute, dann morgen ... oder übermorgen?“

„Gruschenka? Werde sehen, werde hineinstürzen und verhindern ...“

„Wenn aber ...“

„Und wenn aber, dann schlage ich tot. So überlebe ich es nicht.“

„Wen willst du erschlagen?“

„Den Alten. Sie werde ich nicht erschlagen.“

„Dmitrij, was redest du!“

„Ich weiß es doch nicht, weiß es selbst nicht ... Vielleicht werde ich ihn auch nicht erschlagen, vielleicht aber doch. Ich fürchte, er wird mir in dem Augenblick zu widerlich werden mit seinem Gesicht. Ich hasse sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, sein schamloses Gelächter. Ich fühle schon den Ekel. Das ist es, was ich fürchte. Und so werde ich mich denn nicht bezwingen können ...“

„Ich gehe, Mitjä. Ich glaube, daß Gott es lenken wird, nach seinem besseren Wissen, damit das Entsetzliche nicht geschehe.“

„Ich aber werde hier sitzen und auf das Wunder warten. Doch wenn das Wunder nicht geschieht, so ...“

Nachdenklich ging Aljoscha zu seinem Vater.

VI. Ssmerdjäkoff

Er traf seinen Vater noch beim Mittagessen an. Der Tisch war wie gewöhnlich im Saal gedeckt, obgleich es im Hause auch ein großes Speisezimmer gab. Dieser Saal war jedoch der größte Raum im ganzen Hause und mit einem etwas unmodischen Prunk ausgestattet. Die Möbel waren sehr alt, in Weiß und Gold, mit rotem, altem, halbseidenem Bezug. An den Pfeilern zwischen den Fenstern waren Spiegel eingesetzt in alten, geschnitzten, verschnörkelten und gleichfalls weiß-goldenen Rahmen. Die Wände, deren weiß-goldene Papiertapeten schon an vielen Stellen Risse hatten, schmückten zwei große Porträts: das eine das Bildnis irgendeines Fürsten, der vor etwa dreißig Jahren unser General-Gouverneur gewesen war, und das andere – irgendeines Erzbischofs, der gleichfalls nicht mehr lebte. In der vorderen Ecke hingen einige Heiligenbilder, vor denen zur Nacht das Lämpchen angezündet wurde ... weniger aus Frömmigkeit, vielmehr um zu verhüten, daß es in der Nacht im Zimmer ganz dunkel wurde. Fedor Pawlowitsch ging sehr spät zu Bett, erst um drei oder vier Uhr morgens, bis dahin aber ging er entweder im Zimmer herum, oder er saß im Lehnstuhl und sann. Das war ihm so zur Gewohnheit geworden. Nicht selten schlief er ganz allein im großen Hause, da er zur Nacht alle Dienstboten in das Nebengebäude schickte, doch blieb jetzt in letzter Zeit der Diener Ssmerdjäkoff bei ihm und schlief dann im Vorzimmer auf der Truhe. Als Aljoscha eintrat, war das Mittagessen schon beendet, es wurden bereits eingemachte Früchte und Kaffee gereicht. Fedor Pawlowitsch liebte nach dem Essen Süßigkeiten und Kognak als Abschluß. Iwan Fedorowitsch saß auch noch bei Tisch und trank seinen Kaffee. Die beiden Diener, Grigorij und Ssmerdjäkoff, waren gleichfalls zugegen. Die Herrschaft wie die Dienerschaft war ersichtlich ungewöhnlich heiter gestimmt. Fedor Pawlowitsch lachte laut; Aljoscha hörte schon im Vorzimmer ein schreiendes, ihm von früher so gut bekanntes Gelächter und sagte sich sofort, daß sein Vater, nach der Art dieses Gelächters zu urteilen, noch längst nicht betrunken, sondern vorläufig nur aufgeräumt war.

„Ah, da kommt auch er, da ist er ja!“ rief Fedor Pawlowitsch ungeheuer erfreut über Aljoschas Kommen. „Gesell dich zu uns, setz dich, hier, so, willst du ein Täßchen Kaffee, – das ist doch Fastengetränk, ganz heiß, vorzüglich, sieh! Kognak biete ich dir gar nicht an, zu profan für dich, oder willst du, willst du doch? Wart, ich werde dir lieber ein Likörchen geben, pikfein! sage ich dir. – Ssmerdjäkoff, geh mal schnell, sieh im Schränkchen, auf dem zweiten Brett rechts, – fix!“

Aljoscha wollte auch für den Likör danken, doch sein Vater ließ ihn kaum zu Wort kommen.

„Einerlei, er wird sofort gebracht, sofort, sofort, wenn nicht für dich, dann für uns,“ unterbrach er ihn strahlend. „Doch halt, hast du überhaupt zu Mittag gegessen?“

„Ja, ich habe schon gegessen,“ sagte Aljoscha, der in Wirklichkeit nur ein Stück Brot in der Küche des Priors genossen und Kwas dazu getrunken hatte. „Aber heißen Kaffee würde ich ganz gern trinken.“

„Das ist brav von dir! Er wird Kaffee trinken! Soll man ihn nicht noch schnell heiß machen? Nein, nein, nicht nötig, er kocht ja noch jetzt. Es is’ ’n tadelloser Mokka, Ssmerdjäkoffscher! In Pasteten und Piroggen ist Ssmerdjäkoff ein wahrer Künstler, sag ich dir, richtig: und auch noch in Fischsuppe, das ist wahr. Du mußt einmal unbedingt zu Fischsuppe kommen, melde dich aber vorher an ... Ach! ganz verschwitzt, da fällt mir soeben ein, ich befahl dir doch vorhin, heute noch samt Kissen und Federbetten zu mir überzusiedeln? He–he, hast die Federbetten mitgeschleppt, wie? He–he–he! ...“

„Nein, ich habe sie nicht mitgebracht,“ sagte Aljoscha gleichfalls lächelnd.

„Ah – nun, aber ’nen Schreck hast du doch vorhin bekommen, gesteh’s nur, wie, nicht? Ach du, mein Herzensjunge, wie könnte ich dich nur beleidigen! Weißt du, Iwan, ich kann’s nicht ansehen, wenn er einem so in die Augen blickt und dabei lacht, kann’s wahrhaftig nicht! Mein ganzes Zwerchfell beginnt gleich über ihn zu lachen, ich liebe ihn doch! Aljoschka, laß mich dir meinen väterlichen Segen geben.“

Aljoscha erhob sich, doch Fedor Pawlowitsch hatte sich schon besonnen.

„Nein, nein, nicht jetzt, jetzt werde ich dich nur einmal bekreuzen, so, setz dich. Jetzt gibt’s aber ’nen Heidenspaß, gerade auf dein Thema, wirst dich krank lachen! Bei uns hat endlich einmal Bileams Esel das Maul aufgetan, und wie noch, und wie noch, ach Gott!“

Als Bileams Esel erwies sich der Diener Ssmerdjäkoff. Es war das ein noch ziemlich junger Mann von etwas über vierundzwanzig Jahren. Er war sehr menschenscheu und schweigsam. Doch nicht etwa scheu im gewöhnlichen Sinne oder verschämt, nein, dem Charakter nach war er sogar hochmütig und anmaßend, ja, er schien sogar alle zu verachten. Ich sehe mich veranlaßt, gerade bei dieser Gelegenheit schon einiges über ihn zu sagen. Erzogen hatten ihn Marfa Ignatjewna und Grigorij Wassiljewitsch, doch der Knabe wuchs „ohne jede Dankbarkeit“ auf, wie sich Grigorij über ihn äußerte, als scheues, mißtrauisches Kind. In seiner Kindheit liebte er es sehr, Katzen zu erhängen und sie dann mit großen Zeremonien zu beerdigen. Zu diesem Zweck nahm er sich ein Bettuch um, das wohl das Meßgewand ersetzen sollte, und sang und schwenkte irgend etwas über der toten Katze wie ein Weihrauchfaß. Alles das tat er heimlich, so daß es niemand sehen konnte. Einmal überraschte ihn doch Grigorij bei dieser feierlichen Handlung und bestrafte ihn schmerzhaft. Der Junge schlich sich in die Ecke und schielte von dort eine ganze Weile lang nur mißtrauisch auf seine Erzieher. „Er liebt uns nicht, diese Mißgeburt,“ sagte Grigorij zu Marfa Ignatjewna, „scheint gar niemanden zu lieben. Bist du überhaupt ein Mensch,“ wandte er sich plötzlich an den Jungen, „nein, du, du bist kein Mensch, du bist aus Badstubennässe entsprossen, jetzt weißt du, wer du bist!“ Wie sich später herausstellte, konnte ihm Ssmerdjäkoff diese Worte nie verzeihen. Grigorij brachte ihm das Schreiben und Lesen bei, und als der Knabe zwölf Jahre alt wurde, begann er ihn in biblischer Geschichte zu unterrichten. Doch das gute Vorhaben sollte ein schnelles Ende nehmen. In der zweiten oder dritten Stunde erlaubte sich der Knabe plötzlich zu lächeln.

„Was fehlt dir?“ fragte Grigorij sofort und blickte ihn streng über die große, runde Brille an.

„N–nichts ... Gott der Herr schuf die Welt am ersten Tage, die Sonne aber, den Mond und die Sterne erst am vierten. Wie konnte es dann am ersten Tage Tag sein, wenn es dunkel war?“

Grigorij erstarrte. Der Junge blickte spöttisch seinen Lehrer an. In seinem Blick lag sogar etwas hochmütig Herausforderndes. Das war zu viel für Grigorij.

„Wie es sein konnte? So konnte es sein!“ schrie er seinen Schüler an und gab ihm zur Erklärung eine schallende Ohrfeige. Der Junge ertrug die Ohrfeige, ohne ein Wort zu sagen, zog sich aber wieder auf einige Tage in seinen Winkel zurück. Da aber geschah es, daß er, gerade als eine Woche nach dieser Ohrfeige vergangen war, zum erstenmal einen Anfall der Fallsucht bekam, von der er nicht mehr geheilt werden sollte. Als Fedor Pawlowitsch das erfuhr, veränderte er plötzlich sein Verhalten zu dem Knaben. Früher schien er ganz gleichgültig auf ihn zu blicken, obgleich er ihn nie schimpfte und ihm, wenn er ihn auf dem Hofe traf, gewöhnlich ein paar Kopeken gab. Zuweilen schickte er gut gelaunt vom Tisch etwas Süßes für den Jungen, aber das war auch alles. Doch als er von der Krankheit erfuhr, begann er sofort für ihn zu sorgen, ließ den Arzt rufen, ließ ihn behandeln. Nur zeigte sich leider, daß nichts dabei zu machen war. Im Durchschnitt hatte er ungefähr einen Anfall monatlich, und zwar zu verschiedenen Zeiten. Die Anfälle waren verschieden stark, zuweilen leicht, zuweilen sehr heftig. Fedor Pawlowitsch verbot Grigorij strengstens, den Jungen körperlich zu bestrafen und erlaubte von da ab, daß der Knabe auch zu ihm ins Herrenhaus kam. Ihn irgend etwas lernen zu lassen, verbot er vorläufig gleichfalls. Einmal aber, als der Knabe schon fünfzehn Jahre alt war, bemerkte Fedor Pawlowitsch, daß er sich am Bücherschrank herumtrieb und sich bemühte, durch das Glas die Titel zu entziffern. Fedor Pawlowitsch hatte im Hause eine ziemliche Menge alter Bücher, doch hatte ihn noch niemand mit einem Buch in der Hand gesehen. Er übergab sofort den Bücherschrankschlüssel dem kleinen Ssmerdjäkoff. „Da, nimm, lies soviel du willst, kannst mein Bibliothekar sein; das ist immerhin besser, als daß du dich auf dem Hof herumtreibst. Sieh mal, dieses Buch kannst du lesen,“ – und Fedor Pawlowitsch gab ihm Gogols „Abende auf dem Meierhof bei Dikanka“.

Der Junge las das Buch, blieb aber unbefriedigt von dem Werk, lachte kein einziges Mal, im Gegenteil, beendete es eher mürrisch und verstimmt.

„Nun? Gefällt es dir denn nicht?“ erkundigte sich Fedor Pawlowitsch.

Ssmerdjäkoff schwieg.

„Sprich, Esel.“

„Alles das ist unwahr geschrieben,“ brummte schließlich Ssmerdjäkoff mit einem halben Lächeln.

„Noch was Neues! Äh, zum Teufel mit dir, bist doch ’ne Dienerseele. Wart, hier hast du Ssmaragdoffs ‚Allgemeine Geschichte‘, darin ist nichts gelogen, lies mal das.“

Doch Ssmerdjäkoff las von Ssmaragdoffs „Allgemeiner Geschichte“ kaum die ersten zehn Seiten, als ihm auch dieses Buch langweilig erschien. Und so schloß sich denn der Bücherschrank wieder für ihn. Bald darauf meldeten aber Marfa und Grigorij ihrem Herrn, daß Ssmerdjäkoff seit einiger Zeit ein furchtbarer Mäkler geworden sei: Sitzt bei Tisch, nimmt den Löffel und beginnt plötzlich in der Suppe zu suchen und zu suchen, rückt den Teller hin, rückt ihn her, nimmt einen Löffel voll, hebt ihn auf, hält ihn gegen das Licht, läßt die Suppe langsam vom Löffel auf den Teller zurückfließen.

„Was? Ist eine Schabe drin?“ fragt Grigorij.

„Eine Fliege vielleicht,“ bemerkt Marfa.

Doch der Sauberkeit liebende Jüngling antwortete nie, und mit dem Brot, dem Fleisch und allen Speisen geschah dasselbe: Auf einmal hebt er an der Gabel ein Stück Fleisch empor, betrachtet es wie unterm Mikroskop, scheint lange unschlüssig zu sein, bis er sich endlich doch entschließt, das Stück in den Mund zu befördern. „Sieh doch, was das für ein Herr wird,“ brummte zuweilen Grigorij bei seinem Anblick. Als Fedor Pawlowitsch von dieser neuen Eigenschaft Ssmerdjäkoffs hörte, beschloß er sofort, ihn Koch werden zu lassen und zur Erlernung dieser Kunst nach Moskau zu schicken. Ssmerdjäkoff blieb etliche Jahre in Moskau und kehrte dann stark verändert wieder zurück. Er war auffallend gealtert, ganz unverhältnismäßig zu seinen Jahren, sein Gesicht war runzelig und gelb geworden, er glich beinahe einem Sektierer. Innerlich war er jedoch derselbe, der er vor der Fahrt nach Moskau gewesen war: War ebenso ungesellig und empfand auch nicht das geringste Bedürfnis nach Umgang mit anderen Menschen. Wie wir später erfuhren, soll er auch in Moskau stets geschwiegen haben; die Stadt selbst hatte ihn sehr wenig angezogen, und so hatte er denn auch nur sehr wenig von ihr gesehen, das meiste gar nicht beachtet. Einmal soll er auch im Theater gewesen sein, doch hieß es, daß er verstimmt und unzufrieden mit dem Gesehenen heimgekehrt sei. Dafür aber kam er bei uns gut gekleidet wieder an, in einem reinen, schwarzen Überrock und mit guter Wäsche. Er bürstete seine Kleider sorgfältigst zweimal täglich, und seine kalbledernen Stiefel putzte er mit einer ganz besonderen, englischen Wichse so lange, bis sie wie Spiegel glänzten. Er erwies sich als vorzüglicher Koch. Fedor Pawlowitsch setzte ihm denn auch ein festes Monatsgehalt aus, das Ssmerdjäkoff aber restlos für Kleider, Pomaden, Parfüm usw. verbrauchte. Was das weibliche Geschlecht anbetraf, so schien er es nicht weniger zu verachten als das männliche, war im Umgang mit ihm sehr zurückhaltend, wenn nicht gar unnahbar. Fedor Pawlowitsch begann aber bald noch mit anderen Augen seinen Ssmerdjäkoff zu betrachten. Die Sache war nämlich die, daß die Anfälle seiner Krankheit häufiger und stärker auftraten als früher und an diesen Tagen das Essen von Marfa Ignatjewna zubereitet werden mußte, was Fedor Pawlowitsch durchaus nicht mehr paßte.

„Warum hast du denn jetzt die Anfälle so oft?“ fragte er seinen neuen Koch mit einem aufmerksamen Seitenblick auf ihn. „Wenn du vielleicht irgendeine heiraten würdest; willst du, ich werde dich verheiraten!“

Auf solche Reden antwortete Ssmerdjäkoff kein Wort, er erbleichte nur vor Unwillen. Fedor Pawlowitsch gab ihn schließlich auf. Vor allen Dingen hatte er sich ein für allemal überzeugt, daß Ssmerdjäkoff ehrlich war und nie etwas stehlen werde. Er hatte nämlich einmal in etwas stark angeheitertem Zustande auf seinem eigenen Hof drei Hundertrubelscheine verloren, die er kurz vorher erhalten hatte, doch vermißte er sie erst am nächsten Tage; als er sie aber in allen Taschen zu suchen begann, bemerkte er plötzlich, daß sie alle drei auf seinem Schreibtisch lagen. Wie waren sie dorthin gekommen? Ssmerdjäkoff hatte sie gefunden und hingelegt. „Nun, mein Lieber, solch einen wie du habe ich denn doch noch nicht gesehen,“ meinte Fedor Pawlowitsch und schenkte ihm zehn Rubel. Ich muß hinzufügen, daß er nicht nur von seiner Ehrlichkeit überzeugt war, sondern ihn auch noch aus einem unbekannten Grunde liebte, obgleich jener ihn ebenso scheel ansah wie alle anderen, und ihm gegenüber ebenso wortkarg war. Nur selten begann er von selbst zu sprechen. Wenn damals jemand bei seinem Anblick gefragt hätte: Wofür interessiert sich eigentlich dieser Mensch, was hat er am häufigsten im Sinn, so hätte man es wirklich nicht sagen können. Währenddessen aber kam es vor, daß er im Hause oder auf dem Hof oder auch auf der Straße plötzlich tief nachdenklich stehen blieb und so zuweilen ganze zehn Minuten lang dastand. Ein Physiognomiker hätte gesagt, daß es weder Nachdenklichkeit noch Grübelei war, sondern so eine gewisse Kontemplation. Von dem Maler Kramski gibt es unter anderem ein sehr bemerkenswertes Bild: es heißt „Der Beschauliche“. Mitten auf dem verschneiten Waldwege steht in einem alten Mäntelchen und in alten Bastschuhen ein Bäuerlein, steht ganz allein, und als ob er ganz in Gedanken versunken wäre, doch er denkt nichts, er ist nur „beschaulich“. Würde man ihn stoßen, so würde er zusammenfahren und einen, wie aus dem Schlaf erwachend, ansehen, ohne jedoch etwas zu verstehen. Zwar würde er sofort zu sich kommen, doch wollte man ihn fragen, woran er gedacht, als er stand, so würde er es bestimmt nicht sagen können – dafür aber wird er zweifellos die Empfindung, die er während der Zeit seiner „Beschaulichkeit“ gehabt, auf ewig in seinem Innern behalten. Diese Empfindungen sind ihm teuer, und sicher sammelt er sie in sich auf, ohne es auch nur zu wissen – warum und wozu weiß er bestimmt gleichfalls nicht: Vielleicht macht er sich dann plötzlich auf und pilgert nach Jerusalem zum Heiligen Grabe, vielleicht aber ergreift ihn auch die Sehnsucht nach dem Heimatdorf, oder vielleicht geschieht das eine wie das andere. Solcher Menschen gibt es viele im Volk. Und einer von denen war nun zweifellos Ssmerdjäkoff, und bestimmt sammelte er gleichfalls gierig seine Eindrücke, fast ohne selbst zu wissen, warum.

VII. Die Kontroverse

Aber siehe da, plötzlich tat Bileams Esel das Maul auf. Das Thema war ein ganz sonderbares, zufälliges: Grigorij hatte am Morgen, als er beim Kolonialwarenhändler Lukjanoff einkaufte, durch diesen von einem russischen Soldaten gehört, der irgendwo fern an der Grenze bei den Asiaten, in deren Gefangenschaft er geraten war, den Märtyrertod für seinen Glauben erduldet hatte. Seine Peiniger hatten von ihm unter Androhung der größten Foltern verlangt, vom Christentum zum Islam überzutreten, er aber hatte sich die Haut abziehen lassen und war, den Namen Christi preisend, gestorben. Die Nachricht von dieser Heldentat hatte gerade in den Morgenblättern gestanden. Grigorij nun erlaubte sich, bei Tisch das Gehörte zu erzählen. Fedor Pawlowitsch sah es auch früher schon nicht ungern, wenn Grigorij, nachdem er alles serviert hatte, noch bei Tisch stehen blieb, denn er liebte es, beim Dessert zu sprechen oder zu scherzen, und wenn er allein speiste, so tat er es eben mit Grigorij. Diesmal war er besonders gut gelaunt. Als er nun beim Kognak die erwähnte Geschichte von dem gemarterten Soldaten hörte, meinte er, man müsse diesen Märtyrer sofort heilig sprechen und seine abgezogene heilige Haut in irgendein Kloster bringen, und schloß mit dem Ausruf: „Wie das Volk und Geld anziehen würde!“ Grigorij runzelte die Stirn, da er sah, daß Fedor Pawlowitsch sich nicht im geringsten rühren ließ, sondern wie gewöhnlich mit seiner Religionsspötterei begann – als plötzlich Ssmerdjäkoff, der an der Tür stand, spöttisch lächelte. Ssmerdjäkoff hatte auch früher häufig zum Schluß der Mahlzeit mit Grigorij im Zimmer gestanden, seit der Ankunft Iwan Fedorowitschs jedoch war er ausnahmslos jedesmal erschienen.

„Was hast du?“ fragte Fedor Pawlowitsch, der das Lächeln bemerkt und sofort erraten hatte, daß es sich auf Grigorij bezog.

„Ich erlaube mir nur zu meinen,“ sagte Ssmerdjäkoff plötzlich mit ganz unerwartet lauter Stimme, „daß, wenn die Tat des lobenswerten Soldaten auch sehr gewaltig ist, wie ich meine, es doch hinwiederum keine Sünde gewesen wäre, wenn er sich in besagter Bedrängnis beispielsweise von Christi Namen und von seiner eigenen Taufe losgesagt hätte, um auf selbige Weise sein Leben für gute Taten zu erhalten, mit welchen er im Laufe der Jahre seine Kleinmütigkeit auskaufen könnte.“

„Wie soll denn das keine Sünde sein? Du faselst, mein Lieber, dafür kommst du direkt in die Hölle, wo man dich noch wie Hammelbraten rösten wird,“ widersprach ihm Fedor Pawlowitsch.

In dem Augenblick trat Aljoscha ein, und Fedor Pawlowitsch freute sich ungemein über sein Kommen.

„Ein Thema für dich, für dich!“ rief er fröhlich kichernd Aljoscha zu.

„Geröstetwerden wie Hammelbraten? Das ist nicht so, und es wird mir dort nichts dafür geschehen, und nach aller Gerechtigkeit muß dort auch nichts Derartiges sein,“ bemerkte Ssmerdjäkoff solide überzeugt.

„Wie das, nach aller Gerechtigkeit?“ fragte Fedor Pawlowitsch noch lustiger und versetzte Aljoscha mit dem Knie unter dem Tisch heimlich einen Stoß.

„Ein gemeiner Mensch ist er, und das ist alles!“ platzte plötzlich Grigorij heraus und blickte dabei Ssmerdjäkoff offen in die Augen.

„In betreff des gemeinen Menschen gedulden Sie sich etwas, Grigorij Wassiljewitsch,“ entgegnete ruhig und zurückhaltend Ssmerdjäkoff, „und bedenken Sie lieber selbst, daß ich, wenn ich einmal in die Gefangenschaft der Henker der Christenheit gefallen bin und sie von mir verlangen, den Namen Gottes zu verfluchen und mich von meiner heiligen Taufe loszusagen, ich also durch meine eigene Vernunft zu selbiger Tat ermächtigt bin, denn hierbei kann von Sünde gar keine Rede sein.“

„Das hast du ja schon gesagt, schwatz nicht so viel, sondern beweise!“ rief Fedor Pawlowitsch.

„Suppendreher!“ stieß Grigorij verächtlich zwischen den Zähnen hervor.

„In betreff des Suppendrehers gedulden Sie sich gleichfalls, und bedenken Sie es lieber, ohne zu schimpfen, selbst, Grigorij Wassiljewitsch. Denn kaum, daß ich zu meinen Peinigern sage: ‚Nein, ich bin kein Christ, und ich verfluche meinen wahrhaftigen Gott,‘ so bin ich auch schon in selbigem Augenblick von Gottes höchstem Gericht verurteilt und ganz speziell verdammt und von der heiligen Kirche ausgeschlossen, ganz wie eine Heide, und das sogar in demselben Moment, nicht nur Augenblick, wie ich dieses – nicht nur ausspreche, sondern nur bloß denke auszusprechen, so daß hierbei noch keine Viertelsekunde verstreicht, bevor ich schon ausgeschlossen bin. Ist es so, oder ist es nicht so, Grigorij Wassiljewitsch?“

Er wandte sich mit sichtlicher Genugtuung immer an Grigorij, obgleich er nur auf die Frage Fedor Pawlowitschs antwortete, und das auch sehr gut begriff, doch tat er absichtlich so, als ob ihm Grigorij diese Fragen stellte.

„Iwan!“ rief plötzlich Fedor Pawlowitsch, „beug dich ganz nah zu mir. Das macht er alles nur deinetwegen, will, daß du ihn lobst. Und du lob ihn auch.“

Iwan Fedorowitsch hörte vollkommen ernst die begeisterte Mitteilung seines Vaters an.

„Wart, Ssmerdjäkoff, halt noch einen Augenblick das Maul,“ rief wieder Fedor Pawlowitsch. „Iwan, beug dich wieder zu mir.“

Iwan Fedorowitsch beugte sich wieder mit dem ernstesten Gesicht zu ihm.

„Ich liebe dich ganz ebenso wie Aljoschka. Glaub nicht, daß ich dich vielleicht nicht liebe. – Kognak?“

„Meinetwegen.“

„Nun, bist ja schon gehörig angetrunken,“ dachte Iwan Fedorowitsch, der seinen Vater scharf anblickte, bei sich. Den Diener Ssmerdjäkoff aber beobachtete er sehr interessiert.

„Du bist auch jetzt verflucht!“ platzte wieder Grigorij heraus. „Wie wagst du überhaupt ...“

„Schimpf nicht, Grigorij, schimpf nicht!“ unterbrach ihn Fedor Pawlowitsch.

„Gedulden Sie sich nur noch kurze Zeit, Grigorij Wassiljewitsch, und hören Sie weiter, da ich noch nicht geendet habe. Denn also, wenn mich Gott verflucht, bin ich doch schon in demselben Moment gleich einem Heiden und meiner Taufe ledig, als ob ich nie getauft gewesen wäre. Ist nun wenigstens das so oder nicht?“

„Komm zum Schluß, zum Schluß, mein Lieber,“ rief Fedor Pawlowitsch, der mit Genuß aus seinem Gläschen nippte.

„Wenn ich aber zu selbiger Zeit schon nicht mehr Christ war, so habe ich alsomit auf die Frage: ‚Bin ich Christ oder nicht?‘ nicht gelogen, denn ich bin dann doch schon von Gott selber meines Christentums entbunden, von wegen meines bloßen Gedankens, noch bevor ich ein Wort zu meinen Peinigern gesprochen habe. Wenn ich aber alsomit auf diese Weise des Christentums entbunden bin, mit welcher Gerechtigkeit wird man dann noch in jener Welt von mir Verantwortung dafür verlangen, daß ich Christum verleugnet habe, während ich doch schon vor meiner Verleugnung, schon für den bloßen Gedanken, der doch ganz von selber kommt, meiner Taufe entbunden war? Wenn ich aber nicht mehr Christ bin, kann ich mich doch alsomit auch nicht von Christus lossagen, denn was man nicht hat, das kann man auch nicht fortwerfen. Denn sagen Sie doch selbst, Grigorij Wassiljewitsch, wer wird denn von einem heidnischen Tataren, meinetwegen selbst im Himmelreich, dafür Rechenschaft fordern, daß er nicht als Christenkind geboren ist, und wer wird ihn dort dafür strafen, wenn man noch bedenkt, daß man von einem Ochsen nicht zwei Felle abziehen kann. Wird doch der allmächtige Gott, selbst wenn er ihn nach seinem Tode danach fragt, ihn nur ganz wenig bestrafen, denke ich – da es doch nicht gut geht, daß er gar nicht strafen wird –, ich meine, wenn Gott der Herr es sich selbst überlegt, daß der Sohn doch nichts dafür kann, daß er von heidnischen Eltern auf die Welt gekommen und Heide geworden ist. Gott der Herr kann doch nicht den Tataren vergewaltigen, ihn nehmen und schlankweg sagen, daß auch er Christ gewesen sei? Das hieße dann doch, daß der Allerhalter die reinste Unwahrheit sagt. Kann denn aber der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde auch nur ein einziges erlogenes Wort sagen?“

Grigorij war sprachlos und starrte nur mit weit aufgerissenen Augen auf den Redner. Wenn er auch nicht recht verstand, was er sagte, so begriff er plötzlich von diesem ganzen Gerede doch so viel, daß er mit dem Ausdruck eines Menschen dastand, der plötzlich mit der Stirn an eine Wand gestoßen ist. Fedor Pawlowitsch trank sein Gläschen aus und lachte ein helles, halbtrunkenes Lachen, als Ssmerdjäkoff geendet hatte.

„Aljoschka, Aljoschka, wie findest du das! Sieh doch einer, als was für ein Kasuist der sich entpuppt! Iwan, er muß irgendwo bei Jesuiten in der Schule gewesen sein. Sag mir doch, du mein stinkender Jesuit, du Jesuitssmerdjätschij – na, ’s kommt doch auf eins heraus –, wo hast du das gelernt? Nur laß dir gesagt sein, daß du lügst, mein lieber Kasuist, du lügst wie gedruckt, wie gedruckt! Weine nicht, Grigorij, wir werden ihn sofort aufs Haupt schlagen. Hör jetzt, Esel, und antworte dann: Schön, du bist vor deinen Peinigern im Recht, aber innerlich hast du dich doch von deinem Glauben damit losgesagt, und du sagst ja selbst, daß du noch in selbiger Stunde verflucht wirst, wenn du aber schon einmal verflucht bist, so, was glaubst du wohl, wird man dir dann noch in der Hölle dafür wie einem braven Jungen das Köpfchen streicheln? Was meinst du dazu, du mein lieber Jesuit?“

„Das ist so, wie es ist; es ist doch klar, daß ich mich dann in mir selber gleichfalls von der Kirche losgesagt habe, aber trotzdem kann hierbei keine spezielle Sünde sein, oder wenn, dann doch nur eine kleine und äußerst alltäglich gewöhnliche.“

„Wie das, äußerst alltäglich gewöhnliche?“

„Du lügst, Verfluchter!“ stieß Grigorij ingrimmig hervor.

„Urteilen Sie doch selbst, Grigorij Wassiljewitsch!“ Ruhig und gemessen, mit dem vollen Bewußtsein des Sieges und doch mit einer gewissen Großmut dem geschlagenen Gegner gegenüber, fuhr Ssmerdjäkoff in seiner Auseinandersetzung fort. „Urteilen Sie doch selbst: es steht doch in der Bibel geschrieben: Wenn Sie einen Glauben auch nur von der Größe eines Senfkörnchens haben und dabei diesem Berge sagen, daß er ins Meer rutschen soll, selbiger Berg es unverzüglich tun werde, dieweil Sie es so befehlen. Wenn ich alsomit ein Ungläubiger bin, Sie aber, Grigorij Wassiljewitsch, ein so gewaltiger Gläubiger sind, daß Sie mich wegen meiner besagten Ungläubigkeit sogar mannigfach beschimpfen, so versuchen Sie es doch, sagen Sie diesem Berge, daß er nicht bis ins Meer – nun, bis zum Meer ist es sehr weit von hier –, sondern meinetwegen auch nur in unser stinkendes Flüßchen, das hier hinterm Garten fließt, rutschen soll, dann werden Sie selber sehen, noch im selben sogenannten Moment, daß nichts von der Stelle rutscht und alles so bleibt, wie es war und ist, wieviel Sie auch schreien wollten. Das aber bedeutet, daß auch Sie nicht in der vorgeschriebenen Weise glauben und nur andere dafür alleweil mannigfach beschimpfen. Und wenn man hinwiederum nimmt, daß heutzutage niemand, nicht nur Sie allein nicht, sondern überhaupt niemand, angefangen sogar von den Allerhöchsten bis zum letzten Bauernkerl, einen Berg ins Meer rücken kann, außer vielleicht irgendeinem einzigen Menschen auf der ganzen Welt – zwei wären schon viel –, und auch die suchen vielleicht dort irgendwo in der ägyptischen Wüstenei als Einsiedler ihr Heil, so daß man sie vielleicht überhaupt nicht finden kann ... also wenn es so ist, wenn alle anderen sich als Ungläubige erweisen, also wird dann all diesen anderen gegenüber, außer diesen beiden Einsiedlern, Gott der Herr in seiner großen Barmherzigkeit, die doch so bekannt ist, wohl Gnade vor Recht walten lassen? Alsomit hoffe auch ich, daß Gott der Herr mir verzeihen wird, wenn ich einmal gezweifelt habe und darüber Tränen der Reue vergieße.“

„Halt!“ schrie plötzlich Fedor Pawlowitsch in der größten Begeisterung dazwischen, „also daß es zwei solche gibt, die den Berg von der Stelle rücken können, nimmst du schließlich doch an? Iwan, behalte das, schreib’s auf: Hierin hat sich das ganze russische Volk geäußert!“

„Ja, das haben Sie richtig bemerkt, daß das ein russischer Zug im Volksglauben ist,“ stimmte Iwan Fedorowitsch mit beifälligem Lächeln zu.

„Ah, du gibst es zu! Also ist es so, wenn sogar du es zugibst! Aljoschka, das ist doch wahr? Genau so ist doch der russische Glaube?“

„Nein, Ssmerdjäkoff hat durchaus keinen russischen Glauben,“ sagte Aljoscha ernst und überzeugt.

„Ich rede nicht von seinem Glauben, sondern nur von diesem einen Zug, von diesen zwei Einsiedlern, nur von diesem einen kleinen Zug: Das ist doch russisch, aber echt russisch!“

„Ja, dieser Zug ist allerdings ganz russisch,“ meinte Aljoscha lächelnd.

„Hör, Bileams Esel, dein Wort ist ’nen Rubel wert, werde ihn dir noch heute geben, doch im übrigen lügst du trotzdem, das sage ich dir, lügst wie gedruckt! Laß es dir jetzt gesagt sein, Dummkopf, daß wir alle hier im Leben bloß aus Leichtsinn nicht glauben, wir haben keine Zeit dazu: erstens wächst uns die Arbeit schon über den Kopf, und zweitens hat uns Gott nur wenig Zeit gegeben, hat im ganzen für den Tag nur vierundzwanzig Stunden bestimmt, so daß man ja nicht einmal Zeit zum Ausschlafen hat, von Bereuen schon gar keine Rede. Du aber hast dort vor den Quälgeistern deinen Glauben in einem Augenblick verleugnet, da du an nichts anderes mehr als nur an deinen Glauben zu denken hattest, als es gerade hieß, deinen Glauben zeigen! Das ist doch so, mein Lieber, denke ich?“

„So ist es schon, aber urteilen Sie selbst, Grigorij Wassiljewitsch, daß es doch um so mehr erleichtert, je mehr es so ist. Denn wenn ich im selbigen Moment so wahrhaftig glaube, wie es geboten ist zu glauben, dann wäre es wirklich Sünde, wenn ich für meinen Glauben keine Qualen auf mich nehmen wollte, und zu den verfluchten Mohammedanern übertreten würde. Aber dann würde es doch überhaupt nicht bis zum Foltern kommen, denn dann brauchte ich doch nur im selbigen Moment zu dem Berge zu sagen: erdrücke den Henker, und der Berg würde ihn sofort wie eine Wanze plattdrücken, und ich würde fortspazieren, als ob nichts gewesen wäre, lobsingend und den Namen Gottes preisend. Wenn ich es aber in diesem selbigen Moment versuchte und absichtlich dem Berg zuschrie: ‚erdrücke meine Henker‘, der Berg sie aber nicht erdrückt, wie soll ich dann, sagen Sie doch selbst, wie soll ich dann nicht zweifeln, und dazu noch in einer so furchtbaren Stunde der gewaltigen Todesangst? Und überdies weiß ich dann noch, daß ich des Himmelreichs sowieso nicht in der Vollkommenheit teilhaftig werde – sintemal sich doch der Berg auf mein Wort hin nicht gerührt hat, alsomit heißt es, daß man meinem Glauben droben doch nicht gerade sonderlich glaubt, und mich alsomit nicht gar so große Belohnungen daselbst erwarten – warum soll ich mir dann überdies, und schon ohne jeden Vorteil für mich, noch meine Haut abziehen lassen? Denn selbst wenn sie mir meine Haut schon bis zur Hälfte abgerissen haben, so wird doch der Berg auf mein Wort oder Geschrei nicht von der Stelle rücken. Aber in solch einem Moment können einen doch nicht nur Zweifel befallen, sondern kann man sogar vor Angst selbst den Verstand verlieren, so daß ein Überlegen und jegliches Denken ganz und gar unmöglich wird. Wodurch bin ich dann so besonders sündig, wenn ich, dieweil ich weder hier noch dort dafür Belohnung sehe, wenigstens mir meine Haut bewahre? Darum aber nähre ich im Vertrauen auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes die Hoffnung, daß mir alsomit ganz verziehen werden wird ...“

VIII. Beim Gläschen

Der Streit war beendet, doch sonderbar: der so gut aufgelegte Fedor Pawlowitsch wurde plötzlich verdrießlich. Er ärgerte sich und goß sich wieder einen Kognak hinter die Binde – es war schon ein ganz überflüssiges Gläschen.

„Ach, packt euch, ihr Jesuiten allesamt, hinaus!“ schrie er mit einem Male die Dienstboten an. „Scher dich, Ssmerdjäkoff. Werde dir heute den versprochenen Rubel geben, jetzt aber marsch. Sei nicht traurig, Grigorij, schieb ab zu Marfa, sie wird dich trösten, schlafen legen ... Die Kanaillen lassen einen wirklich nicht in Ruhe ein Stündchen nach dem Essen sitzen,“ schimpfte er verstimmt, als sich die Dienstboten auf seinen Befehl sofort zurückgezogen hatten. „Ssmerdjäkoff kriecht jetzt jeden Tag nach dem Essen her. Du bist es, der ihn so interessiert. Womit hast du es ihm denn angetan?“ fragte er Iwan Fedorowitsch.

„Eigentlich mit nichts,“ entgegnete der, „es ist ihm eingefallen, mich zu verehren; er ist eine Lakaienseele, ein echter Ham. Übrigens fortschrittlicher Humus, wenn die Zeit kommt.“

„Fortschrittlicher?“

„Es wird andere und bessere geben, aber auch solche wird es geben. Zuerst werden es solche sein, nach ihnen aber bessere.“

„Und wann wird denn die Zeit kommen?“

„Anbrennen wird die Rakete, aber vielleicht doch nicht aufsteigen. Vorläufig liebt das Volk noch nicht sonderlich diesen ‚Suppendrehern‘ zuzuhören.“

„Das ist’s ja, solch ein Bileams Esel denkt und denkt, und – der Teufel mag wissen, was sich der Kerl schließlich zusammendenkt.“

„Speichert Gedanken auf,“ meinte Iwan lächelnd.

„Sieh, ich weiß zum Beispiel, daß er auch mich nicht leiden kann, ganz wie alle anderen, dich ganz genau so wenig, obgleich dir scheint, es sei ihm eingefallen, dich ‚zu verehren‘. Aljoschka natürlich schon längst nicht, den verachtet er einfach. Aber er stiehlt nicht, er klatscht nicht, hält das Maul wie festgenäht, trägt nichts auf den Markt zum Durchhecheln, macht seine Pasteten einfach großartig, und zudem – ach, zum Teufel mit ihm, nein, wirklich, lohnt es sich denn überhaupt, über ihn zu sprechen!?“

„Natürlich lohnt es sich nicht.“

„Und was da seine Gedanken anbetrifft, die er sich im stillen macht, so im allgemeinen gesagt, muß man den russischen Bauer einfach versohlen, merk dir das. Das hab ich immer behauptet: Unser Bauer ist ein Spitzbube, es lohnt sich nicht, ihn zu bedauern; gut, daß er auch jetzt noch zuweilen versohlt wird. Unser Vaterland ist stark geworden durch die Birkenrute. Wenn sie die Wälder abholzen, wird auch Rußlands ganze Kraft flöten gehen. Ich, weißt du, bin immer für die klugen Leute. Jetzt hat man aufgehört, die Bauern zu prügeln, hält sich für zu klug dazu, und so prügeln sich jetzt die Kerls selbst untereinander. Oh, sie täten gut, wenn sie das Prügeln aufrechterhielten. Mit welch einem Maß du missest, wird dir wieder gemessen werden, oder wie es da ... Kurz und gut, es wird wieder gemessen, das ist ja die Hauptsache. Rußland aber ist nichts als eine Schweinewirtschaft. Mein Lieber, wenn du wüßtest, wie ich Rußland hasse ... das heißt, nicht Rußland, aber alle diese Laster ... meinetwegen auch ganz Rußland. Tout cela c’est de la cochonnerie. Weißt du, was ich liebe? Ich liebe Witz und Scharfsinn!“

„Sie haben schon wieder ein Glas ausgetrunken. Das sollten Sie lieber nicht mehr tun.“

„Wart, ich werde gleich noch eins trinken, und dann noch eins, und dann meinetwegen Schluß. Nein, wart, du hast mich unterbrochen. In Mokroje fragte ich einmal auf der Durchfahrt einen Alten, er aber sagt mir: ‚Am meisten lieben wir es,‘ sagt er, ‚Mädels zu Prügelstrafe zu verurteilen, und dreschen lassen wir sie dann immer von den Burschen. Am nächsten Tage aber nehmen sich die Burschen dann immer die zur Braut, die sie am Tag vorher gedroschen haben, und so haben denn schließlich die Mädels auch nichts dagegen.‘ He, wie findest du diesen Marquis de Sade, Wanjä? Aber sag, was du willst, es steckt doch Scharfsinn darin. Sollen wir nicht mal hinfahren, es uns anzusehen? Was? Aljoschka, warum wirst du so rot? Schäm dich nicht, Kindchen. Schade, daß ich vorhin beim Prior nicht zu Tisch blieb, hätte den Mönchen von diesen Dorfmädels erzählen müssen. Aljoschka, sei nicht bös, daß ich deinen Prior kränkte. Weißt du, mein Lieber, mich packt zuweilen die Wut. Denn wenn Gott ist, wenn er wirklich existiert, – nun ja, natürlich, dann bin ich schuldig und werde es verantworten müssen, aber wenn es Ihn überhaupt nicht gibt, wozu braucht man sie dann noch, diese deine Patres? Dann ist’s doch viel zu wenig, sie zu köpfen, halten sie doch die ganze Entwicklung auf! Wirst du’s mir glauben, Iwan, das peinigt meine besten Gefühle. Nein, du glaubst es mir nicht, ich sehe es an deinen Augen. Du glaubst den Leuten, wenn sie sagen, daß ich im ganzen nur ein Hansnarr sei. Aljoscha, glaubst du mir, daß ich im ganzen nicht nur ein Narr bin?“

„Ich glaube es, daß Sie nicht nur das sind.“

„Und ich glaube dir, daß du es glaubst, und daß du aufrichtig sprichst. Du blickst mich aufrichtig an und sprichst auch aufrichtig. Iwan aber nicht. Iwan ist hochmütig ... Aber trotzdem würde ich mit deinem Kloster ein Ende machen. Diese ganze Mystik einfach beseitigen und auseinanderjagen, um alle diese Esel zur Vernunft zu bringen. Und wieviel Silber, wieviel Gold dabei in den Münzhof kommen würde!“

„Wozu denn beseitigen?“ fragte Iwan.

„Damit die Wahrheit schneller durch die Wolken bricht und überall erstrahlt, siehst du jetzt, warum!“

„Aber wenn diese Wahrheit erstrahlt, so wird man doch Sie als ersten berauben und dann ... beseitigen.“

„Wieso? Ach, natürlich, weiß der Teufel, du hast recht! Ich Esel!“ fuhr Fedor Pawlowitsch sofort auf, und schlug sich leicht mit der Hand vor die Stirn. „Nun, dann mag also dein liebes Kloster stehen bleiben so lang es will, Aljoschka, wenn’s so ist. Weißt du auch, Iwan, daß das von Gott dann wahrscheinlich unbedingt absichtlich so eingerichtet worden ist? Iwan, sag: gibt es Gott oder gibt es ihn nicht? Wart: sage deine Überzeugung, sag es im Ernst! Warum lachst du wieder?“

„Ich lache nur, weil Sie selbst vorhin eine scharfsinnige Bemerkung machten über Ssmerdjäkoffs Glauben an die zwei Einsiedler, die einen Berg versetzen könnten.“

„Ja, bin ich denn jetzt ihm ähnlich?“

„Sogar sehr.“

„Nun, schön, also bin auch ich ein Russe, so habe auch ich einen russischen Zug, aber auch dich, mein Philosoph, kann man auf solch einem Zuge ertappen. Willst du, soll ich? Wetten wir, daß ich dich morgen noch auf solch einem ertappe! Aber trotzdem sag, gibt es Gott oder gibt es Ihn nicht? Nur im Ernst! Ich will es jetzt im Ernst wissen.“

„Nein, es gibt keinen Gott.“

„Aljoschka, gibt es einen Gott?“

„Es gibt einen Gott.“

„Iwan, aber gibt es Unsterblichkeit, nun, dort, irgendeine, nun, meinetwegen eine ganz kleine, klitzekleine?“

„Nein, auch Unsterblichkeit gibt es nicht.“

„Überhaupt keine?“

„Überhaupt keine.“

„Das heißt, eine absolute Null oder doch etwas? Vielleicht ist doch noch etwas? Das ist doch immer noch nicht Nichts!“

„Eine absolute Null.“

„Aljoscha, gibt es Unsterblichkeit?“

„Ja, es gibt eine Unsterblichkeit.“

„Gott und Unsterblichkeit?“

„Ja, Gott und Unsterblichkeit.“

„Hm! Wahrscheinlicher ist, daß Iwan recht hat. Herrgott, wenn man bloß bedenkt, wieviel der Mensch Glauben hingegeben hat, wieviel Kräfte aller Art er ganz umsonst für diese Idee vergeudet hat, und das schon so viele Jahrtausende! Wer macht sich denn so lustig über den Menschen, Iwan? Zum letztenmal noch einmal, aber jetzt positiv: gibt es einen oder nicht? Ich frage zum letztenmal!“

„Und zum letztenmal – nein.“

„Wer macht sich denn so lustig über uns Menschen, Iwan?“

„Der Teufel vielleicht,“ meinte Iwan Fedorowitsch lächelnd.

„Ja, gibt es denn einen Teufel?“

„Nein, auch einen Teufel gibt es nicht.“

„Schade. Weiß der Teufel noch eins, was ich mit demjenigen machen würde, der zum erstenmal Gott ausgedacht hat! Ihn einfach zu erhängen wäre ja viel zu wenig!“

„Dann würde es überhaupt keine Kultur geben, wenn man sich nicht Gott ausgedacht hätte.“

„Nicht geben? Ohne Gott, meinst du?“

„Ja. Und auch Ihren Kognak gäbe es dann nicht. Aber jetzt werde ich doch die Flasche fortstellen müssen.“

„Wart, wart, wart, mein Lieber, noch ein einziges kleines Gläschen. Ich habe Aljoschka gekränkt. Du ärgerst dich doch nicht, Alexei? Du mein lieber Alexeitschik, bist doch mein einziger Alexeitschik!“

„Nein, ich ärgere mich nicht. Ich kenne Ihre Gedanken. Ihr Herz ist besser, als Ihr Kopf.“

„Was, mein Herz soll besser sein als mein Kopf? Großer Gott, und wie er das noch sagt!? Iwan, liebst du Aljoschka?“

„Ich liebe ihn.“

„Ist recht so, sollst ihn auch lieben.“ (Fedor Pawlowitsch war bereits stark berauscht.) „Hör, Aljoscha, ich sagte deinem Staretz vorhin eine Grobheit. Nun, ich war erregt. Aber in diesem Staretz steckt doch Scharfsinn, er kann wirklich geistreich sein, was meinst du, Iwan?“

„Warum nicht.“

„Doch, doch, il y a du Piron là dedans. Das ist ein Jesuit, ein russischer, versteht sich. Als edles Wesen, das er ist, kocht in ihm dieser gewisse verborgene Unwille darüber, daß er sich verstellen muß ... den Heiligen spielen.“

„Aber er glaubt doch an Gott.“

„Nicht für ’ne halbe Kopeke! Und du wußtest das nicht? Er sagt es doch allen selbst, das heißt, nicht allen, sondern nur allen klugen Leuten, die zu ihm kommen. Dem Gouverneur Schulz hat er ganz offen gesagt: ‚credo, weiß aber selbst nicht, woran.‘“

„Unmöglich!“

„Genau so, sag ich dir. Aber ich achte ihn sehr. Es ist etwas Mephistophelisches in ihm, oder richtiger, etwas aus Lermontoffs ‚Helden unserer Zeit‘ ... Arbenin oder wie der Kerl da heißt ... das heißt, sieh mal, er ist ein Lüstling; er ist dermaßen Lüstling, daß ich auch jetzt noch für meine Tochter zittern würde, oder für meine Frau, wenn sie zu ihm beichten ginge. Weißt du, wenn er davon erzählt ... Einmal, vor drei Jahren, lud er uns zu sich zum Tee ein, Tee mit einem pikfeinen Likörchen (die Damen schicken ihm alles zu), wie er aber dann von den alten Zeiten zu erzählen begann, da haben wir uns nur den Leib gehalten vor Lachen ... Besonders wie er eine Halbgelähmte geheilt hätte. ‚Wenn’s nur meine Füße erlaubten,‘ sagte er, ‚würde ich Ihnen ein gewisses Tänzchen vortanzen‘ ... Nun, wie? Wie findet ihr ihn? ‚Hab in meinem Leben den Leuten nicht wenig blauen Dunst vorgemacht,‘ sagt er. Vom Kaufmann Demidoff hat er sich runde Sechzigtausend eingezogen.“

„Wie, gestohlen?“

„Der brachte sie zu ihm wie zu einem heiligen Menschen: ‚Verwahr sie, morgen ist bei mir Haussuchung.‘ Nun, der verwahrte sie denn auch. ‚Du hast doch,‘ sagt er darauf, ‚die Sechzigtausend für die Kirche gespendet.‘ Sagte ihm: ‚Ein Schuft bist du.‘ ‚Nein,‘ sagt er, ‚bin kein Schuft, bin nur eine weit angelegte Natur‘ ... Übrigens, das war nicht er ... Das war ein anderer. Ich hab sie nur verwechselt ... ohne es selbst zu bemerken. Nun, jetzt noch ein Gläschen und dann Schluß, nimm die Flasche fort, Iwan. Ich habe gelogen, warum hast du mich nicht unterbrochen, Iwan ... und gesagt, daß ich lüge?“

„Ich wußte, daß Sie es selbst sagen würden.“

„Du lügst, das hast du aus Bosheit nicht getan, nur aus Bosheit. Du verachtest mich. Du bist hergekommen zu mir und verachtest mich jetzt in meinem eigenen Hause.“

„Ich werde sehr bald fortfahren; der Kognak ist Ihnen nicht gerade zuträglich.“

„Ich hab dich himmelhoch gebeten, nach Tschermaschnjä zu fahren ... auf ein, zwei Tage, du aber fährst nicht.“

„Morgen, wenn es Ihnen so sehr darum zu tun ist.“

„Wirst ja doch nicht fahren. Du willst hier auf mich aufpassen, mich bespionieren, siehst du, was du willst, eine böse Seele bist du, und darum wirst du auch nicht fahren.“

Der Alte hörte nicht auf. Er hatte jene Phase der Trunkenheit erreicht, in der viele bis dahin friedliche Trinker sich plötzlich ärgern wollen.

„Was siehst du mich an? Was hast du für Augen? Deine Augen sehen mich an und sagen mir: ‚Betrunkene Fratze.‘ Mißtrauisch sind deine Augen, mit Verachtung blicken deine Augen ... Du bist hergekommen, weil du was ganz Besonderes im Sinne hast. Sieh, Aljoscha blickt einen an, und seine Augen strahlen dabei; der hat keine Hintergedanken. Aljoscha verachtet mich nicht. Aljoscha, du sollst Iwan nicht lieben!“

„Ärgern Sie sich nicht über meinen Bruder! Hören Sie endlich auf, ihn zu beleidigen!“ sagte plötzlich Aljoscha heftig.

„Was, wieso – ich, nun, meinetwegen. Ach, mein Kopf schmerzt. Nimm den Kognak fort, Iwan, zum drittenmal sag ich es dir schon.“ Er verstummte, wurde nachdenklich, und allmählich verzog sich sein Gesicht zu einem schlauen, breiten Lächeln. „Sei nicht bös, Iwan, ärgere dich nicht über den alten Taugenichts. Ich weiß, daß du mich nicht liebst, aber trotzdem ärgere dich nicht. Wofür sollte man mich auch lieben. Wenn du nach Tschermaschnjä fährst, werde ich dich besuchen, Delikatessen mitbringen. Ich werde dir dort ein Mädel zeigen, ich habe sie mir schon längst gemerkt. Vorläufig ist sie noch ein Barfüßchen. Aber laß dich dadurch nicht abschrecken, verachte sie nicht, die Barfüßchen – Perlen, sag ich dir!“

Und er drückte schmatzend einen Kuß auf seine Handfläche.

„Für mich,“ begann er plötzlich ganz belebt, als sei er im Augenblick nüchtern geworden, sobald er nur auf sein Lieblingsthema kam, „für mich ... Ach ihr! Kinderchen! Kleine Ferkelchen seid ihr! Für mich ... hat es sogar in meinem ganzen Leben kein einziges verächtliches Weib gegeben, das ist die Regel, an die ich mich halte! Könnt ihr das begreifen? Ach, wie sollt ihr denn das begreifen können: bei euch fließt ja noch Kindermilch anstatt Blut in den Adern, seid ja doch noch nicht mal aus dem Ei gekrochen! Nach meiner Überzeugung kann man in jedem Weibe ungewöhnlich viel, hol’s der Teufel, Interessantes finden, etwas, das man bei keiner einzigen anderen wiederfinden kann, – nur muß man es zu finden verstehen, das ist der Haken! Dazu gehört eben ein Talent! Unmögliche hat’s für mich überhaupt nicht gegeben: schon allein das, daß sie Weib ist, schon allein das – ist die Hälfte des Ganzen ... aber wie sollt ihr das begreifen! Selbst in den alten Jungfern findest du zuweilen noch so etwas, daß du dich über die übrigen Esel nur wundern kannst, wie sie sie nur haben alt werden lassen, ohne es überhaupt zu bemerken! Die Barfüßigen und Ausrangierten muß man ganz zuerst in Erstaunen setzen, – siehst du, so muß man sie anfassen. Und du wußtest das noch nicht? In Erstaunen muß man sie setzen, in eine Verwunderung, die zum Entzücken wird, die sie schließlich wie Begeisterung durchdringt, daß sich solch ein vornehmer Herr in solch einen Schmutzfink, wie sie, hat verlieben können. ’s ist wahrhaftig schön, daß es immer Hamiten und Herren auf der Welt geben wird, dann wird es auch immer solch eine kleine Scheuermagd geben, und immer auch einen Herrn für sie, das aber ist doch alles, was zum Lebensglück nötig ist! Wart ... hör mal, Aljoschka, mit deiner verstorbenen Mutter machte ich es ebenso, ich setzte sie gleichfalls in Erstaunen, nur kam es dabei anders heraus. Bin lange Zeit nicht zärtlich zu ihr, dann aber, wenn die Minute kommt – falle ich plötzlich vor ihr nieder, krieche auf den Knien vor ihr herum, küß ihr die Füßchen und bringe sie jedesmal, jedesmal – erinnere mich dessen noch wie heute – zu solch einem kleinen Lachen, solch einem trockenen, hellen, nicht lauten, nervösen ganz besonderen Lachen. Nur sie allein hatte solch ein Lachen. Ich weiß, daß damit bei ihr immer die Krankheit anfängt, daß sie morgen als Klikuscha rufen wird, und daß dieses kleine, trockene Lachen nichts weniger als Begeisterung bedeutet ... nun, einerlei, wenn auch Betrug, aber immerhin doch Begeisterung. Seht ihr, was das heißt, in allem so etwas zu finden verstehen! Einmal, weiß ich noch, war Beljäwski – ein hübscher, steinreicher Junge, hatte sich in sie verliebt und kam daher häufig zu uns ... Na ja, was ich sagen wollte, dieser Beljäwski also gab mir plötzlich in meinem eigenen Hause eine Ohrfeige, und zwar in ihrer Gegenwart. Als sie das sah, solch ein Lamm, – ich dachte, sie schlägt mich tot! ‚Jetzt bist du beschimpft,‘ schreit sie, ‚beschimpft, du hast von ihm eine Ohrfeige bekommen! Du hast mich,‘ sagt sie, ‚an ihn verkauft ... Wie hat er es wagen können, dich in meiner Gegenwart zu schlagen! Wage es nicht mehr, zu mir zu kommen, nie mehr, nie mehr! Geh sofort, fordere ihn auf Pistolen‘ ... So daß ich sie damals zur Beruhigung ins Kloster schleppen mußte, die heiligen Väter stellten sie durch Gebete wieder her. Aber, bei Gott, das hatte ich doch nicht von meiner kleinen Klikuscha erwartet! Nur einmal, höchstens einmal, es war noch im ersten Jahr: sie betete damals schon gar zu viel, besonders an den Feiertagen der Muttergottes, dann jagte sie sogar mich fort, in mein Kabinett – schlafen. Ich dachte, wart, werde diese ganze Mystik aus ihr heraustreiben! ‚Siehst du,‘ sage ich, ‚siehst du, das ist dein Heiligenbild, sieh, hier ist es, sieh, ich hab es abgenommen: und jetzt sieh, du hältst es für wundertätig, ich aber werde es jetzt gleich hier vor deinen Augen anspucken, und nichts wird dafür mit mir geschehen!‘ ... Wie sie das sah, Herrgott, denke ich: jetzt wird sie mich totschlagen! Sie aber sprang nur auf, krampfte die Hände zusammen, dann bedeckte sie mit ihnen das Gesicht, erzitterte am ganzen Körper und fiel zu Boden ... einfach so ... Aljoscha, Aljoscha! Was hast du, was fehlt dir?“

Der Alte sprang erschrocken auf. Aljoschas Gesicht hatte sich seit dem Augenblick, da der Vater von seiner Mutter zu sprechen begann, allmählich verändert. Er wurde rot, seine Augen flackerten auf, und die Lippen erzitterten ... Der trunkene Alte schwatzte weiter, daß ihm der Speichel von den Lippen spritzte, und bemerkte nichts davon – bis zu dem Augenblick, da mit Aljoscha plötzlich etwas sehr Sonderbares geschah, und zwar wiederholte sich bei ihm genau dasselbe, was der Alte gerade von seiner „Klikuscha“ erzählte. Aljoscha sprang plötzlich auf, krampfte die Hände zusammen, bedeckte dann mit ihnen das Gesicht und fiel wie vom Blitz getroffen zurück auf den Stuhl; er erbebte plötzlich von einem hysterischen Anfall erschütternder Tränen und schluchzte lautlos. Die ungewöhnliche Ähnlichkeit mit der Mutter frappierte den Alten ganz besonders.

„Iwan, Iwan! Gib schnell Wasser,“ rief er erregt. „Das ist ganz wie sie, ganz genau so wie sie, wie damals seine Mutter! Bespritz ihn ein bißchen mit dem Wasser, so machte auch ich es mit ihr. Er weint wegen seiner Mutter ... wegen seiner Mutter ...“

„Ich glaube, seine Mutter war auch meine Mutter, was meinen Sie wohl?“ stieß plötzlich in unbezwingbarer, zorniger Verachtung Iwan Fedorowitsch hervor.

Der Alte fuhr zusammen vor seinem lodernden Blick. Doch da geschah etwas sehr Sonderbares, allerdings nur auf eine Minute: der Alte schien wirklich vergessen zu haben, daß die Mutter Aljoschas auch die Mutter Iwans war ...

„Wie das – deine Mutter?“ murmelte er verständnislos. „Wie meinst du das? Von welch einer Mutter sprichst du? ... ja, war sie denn auch ... Ach, richtig! Teufel! Sie ist ja auch deine! Ach, Teufel! Nun, das, mein Lieber, das war mir ganz entfallen, verzeih, ich aber glaubte, Iwan ... He–he–he!“

Ein trunkenes, halb sinnloses Lächeln zog wieder sein Gesicht in die Breite. Da hörten sie plötzlich vom Vorzimmer her Geräusch und Gepolter und lautes Geschrei: die Saaltür flog auf, und herein stürzte Dmitrij Fedorowitsch. Der Alte warf sich entsetzt zu Iwan:

„Er schlägt mich tot, er schlägt mich tot! Beschütz mich, beschütz mich!“ rief er heiser und klammerte sich angstvoll an den Rock seines Sohnes Iwan Fedorowitsch.

IX. Die Wollüstlinge

Gleich nach Dmitrij Fedorowitsch stürzten auch Grigorij und Ssmerdjäkoff in den Saal. Sie waren es gewesen, die sich ihm im Vorzimmer entgegengestellt hatten, um ihn nicht hereinzulassen (infolge der ausdrücklichen Anweisung Fedor Pawlowitschs, die dieser schon vor etlichen Tagen gegeben hatte). Grigorij benutzte es, daß Dmitrij Fedorowitsch unschlüssig stehen blieb, um sich im Saale umzublicken, und lief zu der Tür, die dem Eingange gegenüber lag, und die zu den anderen Zimmern, dem Kabinett und dem Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs führte: er schloß beide Türflügel und stellte sich dann mit ausgebreiteten Armen davor, als ob er bereit gewesen wäre, diesen Eingang bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Als Dmitrij Fedorowitsch das bemerkte, stieß er einen heiseren, kurzen Schrei aus und stürzte sich auf Grigorij.

„Also dort ist sie! Dort hat man sie versteckt! Fort, Schuft!“

Er wollte Grigorij fortreißen, doch der stieß ihn zurück. Außer sich vor Jähzorn, holte Dmitrij Fedorowitsch weit aus und schlug den alten Diener mit aller Kraft aufs Haupt. Grigorij brach zusammen und fiel zu Boden, Dmitrij Fedorowitsch aber, der über ihn hinwegsprang, stieß die Tür auf und stürzte in die anderen Zimmer. Ssmerdjäkoff blieb im Saal zurück, war bleich und zitterte, und hielt sich ganz fern in einer Ecke.

„Sie ist hier!“ schrie Dmitrij Fedorowitsch. „Ich habe selbst gesehen, wie sie um die Hausecke bog, nur konnte ich sie nicht einholen. Wo ist sie? Wo ist sie?“

Dieser Schrei: „Sie ist hier!“ machte einen unglaublichen Eindruck auf Fedor Pawlowitsch. Die ganze Angst und der höllische Schrecken verließen ihn mit einemmal.

„Halt ihn, halt ihn!“ gröhlte er und jagte Dmitrij Fedorowitsch nach.

Grigorij hatte sich inzwischen erhoben, doch schien er noch nicht recht zu sich zu kommen. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha liefen eilig ihrem Vater nach. Da hörte man im dritten Zimmer etwas fallen und klirrend zerschlagen: es war eine große Vase (keine von den teueren), die auf einem hohen Marmorsockel stand, und die Dmitrij Fedorowitsch beim Vorüberlaufen umgeworfen hatte.

„Pack ihn!“ schrie der Alte heiser. „Zu Hilfe! Polizei!“

Doch Iwan Fedorowitsch und Aljoscha holten schon den Alten ein und brachten ihn mit Gewalt in den Saal zurück.

„Wozu laufen Sie ihm nach! Damit er Sie unfehlbar erschlägt!“ rief Iwan Fedorowitsch zornig seinem Vater zu.

„Wanjetschka, Ljoschetschka, sie soll hier sein, hier, Gruschenka! Er sagt, er habe sie selbst gesehen, habe gesehen, wie sie hergelaufen ist ...“

Er verschluckte sich. Er hatte diesmal Gruschenka gar nicht erwartet, und nun machte ihn die plötzliche Nachricht, daß sie gekommen sei, ganz verrückt. Er zitterte am ganzen Körper und schien völlig von Sinnen zu sein.

„Sie haben es doch selbst gesehen, daß sie nicht gekommen ist!“ rief Iwan Fedorowitsch ärgerlich.

„Aber vielleicht doch durch jenen Eingang?“

„Aber jener Eingang ist doch verschlossen, und der Schlüssel steckt, soviel ich weiß, in Ihrer eigenen Tasche ...“

Da erschien Dmitrij Fedorowitsch wieder im Saale. Er hatte natürlich jenen Eingang verschlossen gefunden, und der Schlüssel befand sich tatsächlich in Fedor Pawlowitschs Tasche. Die Fenster aller Zimmer waren gleichfalls geschlossen: folglich konnte Gruschenka unmöglich hinausgegangen sein.

„Halt ihn!“ schrie sofort Fedor Pawlowitsch kreischend auf, als er Dmitrij wieder erblickte. „Er hat dort bei mir im Schlafzimmer Geld gestohlen!“

Und im Augenblick hatte er sich von Iwan losgerissen, um sich wieder auf Dmitrij Fedorowitsch zu stürzen. Der erhob aber seine Hände und packte plötzlich den Alten an den beiden letzten Haarbüscheln, die ihm noch an den Schläfen geblieben waren, riß ihn kräftig zur Seite und schleuderte ihn dann aus aller Kraft zu Boden, worauf er dann dem Liegenden noch zwei-, dreimal mit dem Stiefelabsatz ins Gesicht schlug. Der Alte stöhnte ächzend. Doch schon bändigte Iwan Fedorowitsch seinen älteren Bruder, obgleich er längst nicht so stark war wie dieser und riß ihn fort vom Vater. Aljoscha half ihm dabei noch mit seiner kleinen Kraft, indem er den Bruder von vorne umklammerte.

„Mitjä, Wahnsinniger, du hast ihn ja totgeschlagen!“ rief Iwan.

„Das hat er auch verdient!“ schrie atemlos Dmitrij. „Wenn ich ihn aber noch nicht totgeschlagen habe, so werde ich ihn noch totschlagen. Werdet ihn nicht davor bewahren können!“

„Dmitrij, geh sofort hinaus!“ rief Aljoscha gebieterisch.

„Alexei! Sag du mir, dir allein werde ich glauben: War sie hier, oder war sie nicht hier? Ich habe selbst gesehen, wie sie am Zaun aus der Querstraße hierher einbog. Ich rief sie an, und da lief sie fort ...“

„Ich schwör es dir, daß sie nicht hier war, es hat sie hier überhaupt niemand erwartet!“

„Aber ich hab sie doch selbst gesehen ... Dann muß sie wohl ... Ich werde sofort erfahren, wo sie ist ... Leb wohl, Alexei! Dem Äsop jetzt von Geld kein Wort, zu Katerina Iwanowna aber unverzüglich, und sage unbedingt: ‚Er schickt seinen Abschiedsgruß! Gerade Abschiedsgruß, und seinen ergebensten Diener!‘ Beschreibe ihr die Szene!“

Inzwischen hatten Iwan und Grigorij den Alten aufgehoben und in einen Lehnstuhl gesetzt. Sein Gesicht war blutig, doch war er noch bei Besinnung und fing gierig die Schreie Dmitrijs auf. Er glaubte immer noch, daß Gruschenka sich irgendwo im Hause versteckt habe. Dmitrij Fedorowitsch warf noch einmal beim Fortgehen einen haßerfüllten Blick auf ihn.

„Ich bereue dein Blut nicht!“ rief er ihm zu, „hüte dich, Alter, und vergiß das nicht, denn auch ich werde etwas nicht vergessen! Verfluche dich, und sage mich von dir auf ewig los ...“

Damit verließ er das Zimmer.

„Sie ist hier, sie ist bestimmt hier! Ssmerdjäkoff, Ssmerdjäkoff,“ krächzte kaum hörbar der Alte und winkte mit dem Zeigefinger Ssmerdjäkoff zu sich heran.

„Sie ist nicht hier, begreifen Sie es doch, Sie verrückter Alter,“ schrie ihn plötzlich wutbebend Iwan Fedorowitsch an. „So, jetzt wird er auch noch ohnmächtig! Wasser, ein Handtuch! Schlaf nicht, Ssmerdjäkoff!“

Erschrocken lief Ssmerdjäkoff nach dem Wasser. Fedor Pawlowitsch wurde schließlich ins Schlafzimmer gebracht, ausgekleidet und ins Bett gelegt; dann bekam er noch eine kalte Kompresse auf den Kopf, der mit einem Handtuch umbunden wurde. Ganz schwach vom Kognak, von der starken Erregung und schließlich von den Schlägen, schloß er, sowie er das Kissen berührte, die Augen und schlief wahrscheinlich sofort ein. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha kehrten wieder in den Saal zurück. Ssmerdjäkoff trug die Scherben der zerschlagenen Vase hinaus, Grigorij aber stand in finsterem Schweigen am Tisch.

„Solltest nicht auch du dich lieber ins Bett legen und ein nasses Handtuch um den Kopf wickeln?“ wandte sich Aljoscha an Grigorij. „Tu’s nur, wir werden hier bei ihm bleiben; Dmitrij hat dich so unvorsichtig geschlagen ... gerade auf den Kopf.“

„Er hat mich geschlagen!“ sagte Grigorij finster und deutlich vor sich hin.

„Er hat auch den Vater geschlagen, nicht nur dich!“ bemerkte mit etwas spöttisch verzogenen Lippen Iwan Fedorowitsch.

„Ich habe ihn eigenhändig gebadet ... Er aber hat mich geschlagen!“ wiederholte Grigorij.

„Weiß der Teufel, wenn ich ihn nicht fortgezogen hätte, würde er ihn ja womöglich noch totgeschlagen haben. Wieviel brauchte es denn, um ihn totzuschlagen?“ raunte Iwan Fedorowitsch Aljoscha zu.

„Gott behüte davor!“ sagte Aljoscha.

„Warum soll er denn davor behüten,“ fuhr Iwan mit boshaft verzogenem Gesicht in demselben Geflüster fort. „Das eine Geschmeiß wird das andere Geschmeiß verschlingen, und damit geschieht ihnen beiden recht!“

Aljoscha fuhr zusammen.

„Ich werde selbstverständlich einen Totschlag nicht zulassen, wie ich ihn auch heute verhindert habe. Bleib du hier, Aljoscha, ich werde hinausgehen, mein Kopf schmerzt.“

Aljoscha ging ins Schlafzimmer zum Vater und saß an seinem Bett hinter dem Schirm ungefähr eine ganze Stunde. Plötzlich öffnete der Alte die Augen und blickte lange schweigend Aljoscha an; er schien sich des Vorgefallenen zu erinnern und nachzudenken. Mit einemmal aber drückte sich eine ganz ungewöhnliche Erregung in seinem Gesichte aus.

„Aljoscha,“ flüsterte er ängstlich, „wo ist Iwan?“

„Auf dem Hof, er klagte über Kopfschmerzen. Er bewacht uns.“

„Gib mir den kleinen Spiegel, sieh, dort steht er!“

Aljoscha gab ihm einen kleinen, dreiteiligen Spiegel, der auf der Kommode stand. Der Alte warf einen neugierigen Blick hinein und betrachtete sich dann aufmerksam: Die Nase war ziemlich stark geschwollen, und auf der Stirn war über der linken Augenbraue ein großer, blutunterlaufener Fleck.

„Was sagt Iwan? Aljoscha, mein Lieber, du mein einziger Sohn, weißt du, ich fürchte mich vor Iwan, ich fürchte Iwan mehr als Dmitrij. Nur dich allein fürchte ich nicht!“

„Sie brauchen sich auch vor Iwan nicht zu fürchten, Iwan ärgert sich nur, aber er wird Sie verteidigen und beschützen.“

„Aljoscha, aber er? Wollte zu Gruschenka laufen! Mein Engel, sag mir die Wahrheit; war Gruschenka vorhin hier, oder war sie nicht hier?“

„Niemand hat sie hier gesehen. Das war nur ein Selbstbetrug von ihm; sie ist überhaupt nicht hier gewesen!“

„Aber Mitjä will sie doch heiraten, denk nur, heiraten!“

„Sie wird ihn nicht nehmen.“

„Wird nicht, wird nicht, wird nicht, wird bestimmt nicht, um keinen Preis! ...“ rief der Alte freudig belebt immer wieder, als ob man ihm nichts Angenehmeres hätte sagen können. In der Begeisterung ergriff er Aljoschas Hand und preßte sie krampfhaft an sein Herz. In seinen Augen erglänzten sogar Tränen. „Das Heiligenbild, weißt du, dieses von der Mutter Gottes, von dem ich vorhin erzählte, nimm du lieber an dich, nimm es mit, wohin du willst. Und ich erlaube dir auch, wieder ins Kloster zurückzugehen ... ich scherzte ja nur, sei nicht bös. Mein Kopf schmerzt, Aljoscha ... Ljoscha, beruhige du mein Herz, sei ein Engel, sag die Wahrheit!“

„Sie fragen noch immer, ob sie hier war oder nicht?“ fragte Aljoscha traurig.

„Nein, nein, nein, ich glaube dir, nur höre: Geh selbst zu Gruschenka, oder versuch sie sonst irgendwie zu sehen; frag sie schnell, so schnell als möglich, errat es selbst mit deinen Augen: Zu wem will sie, zu mir oder zu ihm? Wie? Was? Kannst du’s, oder kannst du’s nicht?“

„Wenn ich sie sehen sollte, werde ich sie fragen,“ sagte Aljoscha halblaut und ein wenig verwirrt.

„Nein, sie wird es dir nicht sagen,“ unterbrach ihn der Alte, „sie ist zu schlau dazu. Sie wird schließlich noch dich zu küssen anfangen und sagen, daß sie dich will. Sie ist eine Betrügerin, sie ist schamlos, nein, du darfst nicht zu ihr gehen, darfst nicht, hörst du!“

„Und es wäre auch wirklich nicht gut, Papa, wirklich nicht.“

„Wohin schickte er dich vorhin, rief dir noch zu: ‚Geh hin!‘ als er hinauslief?“

„Er schickte mich zu Katerina Iwanowna.“

„Nach Geld? Er will Geld haben?“

„Nein, nicht nach Geld.“

„Er hat kein Geld, keine Kopeke. Weißt du, Alexei, ich werde mich noch in dieser Nacht bedenken, du aber geh jetzt. Vielleicht triffst du auch sie ... Nur komme du morgen unbedingt wieder her, morgen früh, unbedingt. Ich werde dir morgen ein Wörtchen sagen; wirst du kommen?“

„Gut, ich werde kommen.“

„Wenn du aber kommst, dann mach so, als ob du von selbst kämest, um mich zu besuchen. Sag niemandem, daß ich dich gerufen habe, und Iwan sag kein Wort davon!“

„Gut.“

„Aber jetzt geh, mein Engel, vorhin tratst du für mich ein, werd es dir mein Lebtag nicht vergessen. Morgen aber werde ich dir etwas sagen ... nur muß ich noch etwas nachdenken.“

„Wie fühlen Sie sich denn jetzt?“

„Morgen, morgen steh ich auf, werde ganz gesund sein, ganz gesund, ganz gesund! ...“

Als Aljoscha über den Hof ging, fand er seinen Bruder Iwan auf der Bank an der Hoftür. Er saß und schrieb mit der Bleifeder etwas in sein Notizbuch. Aljoscha teilte ihm mit, daß der Vater aufgewacht und bei voller Besinnung sei und ihm erlaubt habe, zur Nacht wieder ins Kloster zurückzukehren.

„Aljoscha, es würde mir sehr lieb sein, dich morgen früh zu treffen,“ sagte, sich erhebend, Iwan ungemein freundlich – mit einer Liebenswürdigkeit, die Aljoscha ganz unerwartet kam.

„Ich werde morgen bei Chochlakoffs sein,“ sagte Aljoscha, „und vielleicht werde ich dann auch zu Katerina Iwanowna gehen, wenn ich sie jetzt nicht antreffen sollte ...“

„Und jetzt gehst du also zu Katerina Iwanowna? Um den ‚Abschiedsgruß‘ zu überbringen?“ fragte Iwan plötzlich lächelnd. Aljoscha wurde verlegen.

„Ich habe, glaube ich, alles aus seinen Worten, die er dir noch zurief, erraten – und noch aus einigen früheren Äußerungen ... Dmitrij hat dich bestimmt gebeten, zu ihr zu gehen und zu sagen, daß er ... nun ... nun ... mit einem Wort, seine ‚Reverenz‘ macht?“

„Wanjä! Womit wird diese ganze furchtbare Geschichte mit dem Vater und Dmitrij noch enden?“ fragte Aljoscha angstvoll seinen Bruder.

„Das läßt sich nicht voraussagen. Mit nichts vielleicht; die Geschichte wird verjähren. Dieses Frauenzimmer ist ein – Tier. Jedenfalls muß man den Alten im Hause bewachen und Dmitrij nicht ins Haus lassen.“

„Iwan, erlaube mir, noch etwas zu fragen: Hat denn wirklich jeder Mensch das Recht, wenn er auf die übrigen Menschen blickt, zu entscheiden, wer von ihnen es wert ist zu leben, und wer es nicht mehr wert ist?“

„Wozu hier die Frage nach der Würdigkeit hineinmischen? Diese Frage wird in den Herzen der Menschen meistens durchaus nicht auf Grund der Würdigkeit entschieden, sondern auf Grund ganz anderer, viel natürlicherer Dinge. Was aber das Recht betrifft – wer hat denn nicht das Recht, zu wünschen?“

„Doch nicht den Tod des anderen?“

„Und warum schließlich nicht auch den Tod? Und warum sich denn selbst belügen, wenn alle Menschen so leben und am Ende auch anders überhaupt nicht leben können. Fragst du das wegen meiner Worte: ‚Das eine Geschmeiß wird das andere verschlingen!‘ Erlaube dann, in solch einem Falle auch dich zu fragen: Hältst du auch mich wie Dmitrij für fähig, das Blut des Äsop zu vergießen, nun, sagen wir, ihn zu erschlagen, wie?“

„Was fällt dir ein, Iwan! Nicht mit einem einzigen Gedanken habe ich daran gedacht! Und auch Dmitrij halte ich nicht für fähig ...“

„Nun, auch dafür hab Dank,“ sagte Iwan lächelnd. „Wisse, daß ich ihn immer beschützen werde, doch meinen Wünschen lasse ich im gegebenen Falle die vollste Freiheit. Also auf Wiedersehen bis morgen. Verurteile und betrachte mich nicht als einen Verbrecher,“ fügte er mit einem Lächeln hinzu.

Sie drückten sich so fest die Hand, wie sie es vorher noch nie getan hatten. Aljoscha fühlte, daß sein Bruder sich als erster ihm einen Schritt näherte, und daß er das unbedingt mit einer bestimmten Absicht tat.

X. Beide zusammen

Als Aljoscha das Haus seines Vaters verließ, fühlte er sich noch niedergeschlagener und bedrückter, als er vorhin bei seinem Eintritt gewesen war. Sein Verstand schien ihm gleichsam ganz zerstückt und zerstreut zu sein, und zu gleicher Zeit fühlte er, daß er sich fürchtete, das Verstreute zu vereinigen und sich über die allgemeine Ursache und Bedeutung aller quälenden Widersprüche, die er an diesem Tage empfunden hatte, klar Rechenschaft abzulegen. Es war ein bedrückendes, unerklärliches Gefühl, das fast an Verzweiflung grenzte, und das Aljoscha noch nie in seinem Herzen empfunden hatte. Über allen anderen quälenden Zweifeln und Rätseln stand wie ein Berg die eine verhängnisvolle, unlösbare Frage: Womit wird es zwischen dem Vater und dem Bruder dieses furchtbaren Weibes wegen enden? Jetzt war er selbst Augenzeuge gewesen und hatte sie beide in ihrer Eifersucht gesehen. Doch unglücklich, wirklich und furchtbar unglücklich konnte nur Dmitrij sein: ihn erwartete zweifellos großes Leid. Nun aber erwies sich auch, daß es noch andere Menschen gab, die all dieses gleichfalls anging und vielleicht noch viel mehr anging, als Aljoscha sich früher gedacht hatte. Es stellte sich plötzlich sogar etwas Rätselhaftes heraus. Sein Bruder Iwan war ihm einen Schritt näher getreten, was er solange schon gewünscht hatte, und siehe, jetzt fühlte er plötzlich, daß ihn diese Annäherung erschreckte. Und jene Frauen? Wie sonderbar: vorhin war er so unruhig und befangen gewesen, als er sich zu Katerina Iwanowna aufgemacht hatte, nun aber beeilte er sich selbst, schneller zu ihr hinzukommen, ganz als ob er erwartete, bei ihr Rat zu finden. Und doch war es jetzt schwerer, den Auftrag auszurichten als vorhin: die Geldangelegenheit war endgültig entschieden, und Dmitrij, so sagte sich Aljoscha, würde sich jetzt für ehrlos und hoffnungslos verloren halten und darum sich auch in nichts mehr zügeln, sondern sich geradeaus, kopfüber in den Abgrund stürzen. Und zudem hatte er noch befohlen, Katerina Iwanowna auch die letzte Szene zu erzählen.

Es war schon sieben Uhr und es dunkelte bereits, als Aljoscha bei Katerina Iwanowna eintrat. Sie hatte ein sehr geräumiges und bequemes Haus an der Großen Straße gemietet. Aljoscha wußte, daß sie zusammen mit zwei Tanten wohnte; doch war die eine nur die Tante ihrer Stiefschwester Agafja Iwanowna. Das war jene schweigsame Person, die im Hause ihres Vaters, des Oberstleutnants, damals, als sie aus dem Institut nach Hause zum Besuch gekommen war, sie wie eine Magd bedient hatte. Die andere Tante dagegen war eine vornehme, doch gleichfalls arme Dame, eine Moskowiterin. Es hieß, daß sie beide in allen Dingen Katerina Iwanowna gehorchten und bei ihr nur als „Anstandsdamen“ wohnten. Katerina Iwanowna jedoch gehorchte nur ihrer Gönnerin, der alten Generalin, die krankheitshalber in Moskau geblieben war, und der sie wöchentlich zwei Briefe mit ausführlichen Nachrichten über sich schreiben mußte.

Als Aljoscha in das Vorzimmer trat und die Zofe, die ihm die Tür geöffnet hatte, ihn anzumelden bat, schien man im Saal von seiner Ankunft schon zu wissen (vielleicht hatte man ihn vom Fenster aus gesehen), nur hörte Aljoscha noch ein Geräusch wie von hastig forteilenden Frauenschritten und Kleiderrauschen: vielleicht liefen zwei oder drei Frauen aus dem Zimmer. Es schien ihm sonderbar, daß er durch seinen Besuch solch eine Aufregung hervorrief; er wurde aber sofort gebeten, in den Saal einzutreten. Es war das ein großes, elegant, durchaus nicht nach provinziellem Geschmack reich möbliertes Zimmer: kleine Sofas, Couchetten, Chaiselongues, kleine und große Tische waren geschmackvoll gruppiert; an den Wänden hingen Gemälde, Vasen und Lampen standen auf den Tischen und auf besonderen Ständern viele Blumen. Da die Dämmerstunde schon vorrückte, war es etwas dunkel im Saal; Aljoscha bemerkte aber doch auf dem Sofa, auf dem man augenscheinlich noch vor kurzem gesessen hatte, einen seidenen Überwurf und auf dem Tisch davor zwei unausgetrunkene Tassen Schokolade, Biskuit, eine Kristallschale mit blauen Weintrauben und eine andere mit Konfitüren. Es mußte jemand zu Gast gewesen sein. Aljoscha erriet, daß er einen Besuch gestört hatte und runzelte die Stirn; da aber wurde auch schon eine Portiere zurückgeschlagen, und Katerina Iwanowna trat mit schnellen Schritten auf ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen. Im selben Augenblick brachte das Mädchen zwei brennende Lichte und stellte sie auf den Tisch.

„Gott sei Dank, daß auch Sie endlich gekommen sind! Den ganzen Tag habe ich Gott gebeten, er möge Sie doch endlich zu mir schicken! Setzen Sie sich, bitte.“

Die Schönheit Katerina Iwanownas hatte Aljoscha schon früher frappiert, als ihn sein Bruder Dmitrij auf ihren ausdrücklichen Wunsch ihr vorgestellt hatte. Zu einem Gespräch war es damals zwischen ihnen nicht gekommen. Katerina Iwanowna hatte geglaubt, er sei verlegen geworden, und hatte daher, gleichsam um ihn zu schonen, die ganze Zeit nur mit Dmitrij Fedorowitsch gesprochen. Aljoscha hatte geschwiegen, beobachtet und vieles sehr gut erkannt. Ihn hatten das sichere Auftreten, die stolze Liebenswürdigkeit, das Selbstbewußtsein des hochmütigen Mädchens in Erstaunen gesetzt, und Aljoscha fühlte, daß es wirklich so war, daß Dmitrij nichts vergrößerte oder übertrieb. Er fand ihre großen, dunkelbraunen, feurigen Augen wundervoll und fand, daß sie besonders gut zu ihrem länglichen, blaß-gelblichen Gesicht standen. Doch war in diesen Augen, wie in den Linien der wundervoll geschnittenen Lippen etwas, in das sich sein Bruder wohl verliebt haben konnte, doch das er vielleicht nicht lange lieben werde. Diese Beobachtung teilte er dann auch seinem Bruder mit, als der nach dem Besuch in ihn drang und ihn bat, nicht zu verheimlichen, welch einen Eindruck sie auf ihn gemacht hatte.

„Du wirst mit ihr glücklich sein; aber vielleicht ... wird es kein ruhiges Glück werden.“

„Das ist’s ja; solche Menschen bleiben wie sie sind, die geben sich nicht mit ihrem Schicksal zufrieden. Also du glaubst, daß ich sie nicht ewig lieben werde?“

„Nein, vielleicht wirst du sie ewig lieben; aber vielleicht wirst du mit ihr nicht immer glücklich sein.“

Als Aljoscha damals seine Meinung geäußert hatte, war er vor Ärger über sich, daß er den Bitten seines Bruders Gehör gegeben und so „dumme“ Gedanken ausgesprochen hatte, heftig errötet, denn sofort, nachdem er es getan, war ihm seine Äußerung furchtbar dumm erschienen, und es war ihm sehr peinlich gewesen, daß er so vorwitzig über eine Frau geurteilt hatte. Um wieviel größer war nun seine Verwunderung, als er jetzt schon beim ersten Blick auf die ihm entgegentretende Katerina Iwanowna fühlte, daß er sich damals vielleicht sehr versehen hatte. Ihr Gesicht strahlte diesmal von unverfälschter, offenherziger Güte, von gerader, lebhafter Herzlichkeit. Von dem ganzen früheren „Stolz und Hochmut“, die Aljoscha das erstemal so betroffen gemacht hatten, war jetzt nur noch eine kühne, edle Energie und ein gewisser klarer, mächtiger Glaube an sich selbst zu bemerken. Schon nach dem ersten Blick auf sie, schon nach den ersten Worten begriff Aljoscha, daß ihr die ganze Tragik ihres Verhältnisses zu dem von ihr so geliebten Menschen durchaus kein Geheimnis war, daß sie vielleicht schon alles wußte, alles. Und doch lag soviel Licht auf ihrem Antlitz, soviel Glaube an die Zukunft. Aljoscha fühlte sich plötzlich im Ernst vor ihr schuldig, und es war ihm fast, als ob er es mit Absicht geworden wäre. Sie hatte ihn sofort besiegt und angezogen. Außerdem fiel ihm auch schon nach ihren ersten Worten auf, daß sie sehr erregt war, was bei ihr nur selten vorkam; es war eine Erregung, die beinahe sogar einer Art Begeisterung glich.

„Ich habe Sie darum so sehnsüchtig erwartet, weil ich jetzt nur von Ihnen allein die ganze Wahrheit erfahren kann, nur von Ihnen allein!“

„Ich bin gekommen ...“ begann Aljoscha verwirrt, „ich ... er hat mich geschickt –“

„Ah, er hat Sie also geschickt; nun, das ahnte ich ja. Jetzt weiß ich alles, alles!“ rief Katerina Iwanowna mit aufblitzenden Augen aus. „Warten Sie, Alexei Fedorowitsch, ich werde Ihnen zuerst sagen, warum ich Sie so erwartete. Sehen Sie, ich weiß vielleicht viel mehr als Sie selbst; ich brauche nicht Nachrichten von Ihnen, sondern etwas anderes: ich will Ihre eigene, persönliche Meinung, ich will den Eindruck wissen, den er zuletzt auf Sie gemacht hat; ich will, daß Sie mir ganz aufrichtig sagen, ohne jede Ausschmückung, ganz brutal sogar (o, so brutal, wie Sie nur wollen!), wie Sie ihn jetzt, nach Ihrem heutigen Wiedersehen, selbst beurteilen. Das wird vielleicht noch besser sein, als wenn ich, zu der er nicht mehr kommt, mich persönlich mit ihm aussprechen würde. Verstehen Sie, was ich von Ihnen will? Jetzt sagen Sie mir, womit er Sie zu mir geschickt hat (ich wußte ja, daß er Sie zu mir schicken werde!); sprechen Sie ganz einfach, sagen Sie alles, bis aufs letzte Wort! ...“

„Er sagte mir, ich soll Ihnen ... seinen Abschiedsgruß überbringen und sagen, daß er nicht mehr kommen werde ... und grüßen läßt.“

„Seinen Abschiedsgruß? Hat er das so gesagt, so sich ausgedrückt?“

„Ja!“

„Vielleicht flüchtig, nebensächlich, ohne so genau ans Wort zu denken?“

„Nein, er befahl gerade, ich solle dieses Wort überbringen: ‚seinen Abschiedsgruß‘. Er bat mich dreimal darum, damit ich es nicht vergesse.“

Katerina Iwanowna schoß das Blut ins Gesicht.

„Helfen Sie mir jetzt, Alexei Fedorowitsch; jetzt bedarf ich Ihrer Hilfe: Ich werde Ihnen zuerst sagen, was ich denke, und Sie sollen mir dann nur sagen, ob Sie es für richtig halten oder nicht. Also hören Sie: Wenn er Ihnen ganz flüchtig gesagt hätte, mir seinen Abschiedsgruß zu überbringen, ohne auf dem Wort zu bestehen, ohne es zu unterstreichen, so wäre alles aus ... Das wäre das Ende! ... Wenn er aber so besonders auf diesem Wort bestand, wenn er Sie so besonders beauftragt hat, mir gerade den Abschiedsgruß zu überbringen – so muß er sehr erregt, vielleicht außer sich gewesen sein. Er entschloß sich vielleicht erst und erschrak vor seinem Entschluß! Er ist nicht festen Schrittes von mir fortgegangen, sondern hat sich hinab in den Abgrund gestürzt. Die ausdrückliche Betonung dieses Wortes kann ja nur Prahlerei gewesen sein.“

„Ja, ja!“ bestätigte Aljoscha lebhaft, „jetzt scheint es mir auch so.“

„Wenn das aber so ist, dann ist er noch nicht verloren! Er ist nur sehr verzweifelt; aber ich kann ihn noch retten. Warten Sie: Hat er zu Ihnen nicht noch etwas von Geld gesprochen, von dreitausend Rubeln?“

„Er hat nicht nur davon gesprochen, sondern das war es gerade, was ihn am meisten bedrückte. Er sagte, er sei jetzt ehrlos geworden, und jetzt wäre schon alles einerlei,“ antwortete Aljoscha erregt, da er fühlte, wie sich von neuem Hoffnung in seinem Herzen erhob, und daß es möglicherweise wirklich noch eine Rettung für seinen Bruder gab. „Aber wie ... wissen Sie denn etwas von diesem Geld?“ fragte er erschrocken und verstummte plötzlich.

„Schon lange und ganz genau. Ich telegraphierte nach Moskau und erfuhr sofort, daß man das Geld nicht erhalten hatte. Er hatte also damals das Geld nicht abgeschickt! Aber ich schwieg. In der vorigen Woche erfuhr ich dann, wie sehr er gerade damals das Geld nötig gehabt hatte, und wie sehr er es noch jetzt nötig hat ... Ich verfolge ja doch nur ein einziges Ziel: Er soll wissen, zu wem er immer zurückkehren kann, und wer sein treuester Freund ist. Er aber will nicht glauben, daß ich das bin; er will mich nicht einmal näher kennen lernen; er sieht auf mich nur wie auf ein – Weib. Diese ganze Woche hat mich nur die eine furchtbare Sorge gequält: Was soll ich tun, damit er sich nicht der Verausgabung dieser Dreitausend vor mir schämt? Oder mag er sich auch schämen, vor allen, vor sich selbst; aber vor mir soll er sich nicht schämen. Gott gesteht er doch alles, ohne sich zu schämen. Warum weiß er noch immer nicht, wieviel ich für ihn ertragen kann? Warum, warum kennt er mich nicht; wie wagt er es, mich noch immer nicht zu kennen, nach allem, was schon geschehen ist? Ich will ihn auf ewig retten; mag er mich meinetwegen als seine Braut vergessen! Und nun fürchtet er sich vor mir – wegen seiner Ehre? Ihnen alles zu sagen, hat er sich doch nicht gefürchtet; warum habe ich denn bis jetzt noch nicht dasselbe Vertrauen verdient?“

Die letzten Worte sprach sie mit Tränen in den Augen; Tränen rollten ihr über die Wangen.

„Ich muß Ihnen noch mitteilen,“ sagte Aljoscha mit zitternder Stimme, „was, kurz bevor ich herkam, geschehen ist.“

Und er erzählte ihr die ganze Szene; erzählte, daß ihn Dmitrij zum Vater mit der Bitte um Geld geschickt hatte, wie er aber dann selbst hereingestürzt war, den Vater verprügelt und ihm, Aljoscha, dann noch einmal und eindringlich befohlen hatte, den „Abschiedsgruß“ zu überbringen ... – „Und darauf ging er zu jener ...“ fügte Aljoscha leise hinzu.

„Und Sie glauben, daß ich das nicht überwinden kann? Er glaubt, daß ich’s nicht kann? Aber er wird sie ja nicht heiraten!“ Sie lachte nervös auf. „Kann denn ein Karamasoff ewig in dieser Leidenschaft bleiben? Das ist Leidenschaft, aber nicht Liebe. Er wird sie nicht heiraten, denn sie wird ihn nicht heiraten ...“ sagte sie wieder mit sonderbarem Lachen.

„Er wird sie vielleicht doch heiraten,“ sagte Aljoscha traurig, den Blick zu Boden gesenkt.

„Ich sage Ihnen, er wird sie nicht heiraten! Dieses Mädchen – ist ein Engel, wissen Sie das auch? Wissen Sie das?“ rief plötzlich in ganz auffallender Begeisterung Katerina Iwanowna. „Das ist das phantastischste aller phantastischen Geschöpfe! Ich weiß, wie bezaubernd sie ist, aber ich weiß auch, wie gut sie ist, wie charakterfest, wie edel. Warum sehen Sie mich so an, Alexei Fedorowitsch? Wundern Sie meine Worte, oder glauben Sie mir vielleicht nicht? Agrafena Alexandrowna, mein Engel!“ rief sie plötzlich jemandem zu, zur Tür des Nebenzimmers gewandt, „kommen Sie her zu uns, hier ist ein lieber Mensch, Aljoscha Karamasoff, er weiß alles, zeigen Sie sich ihm!“

„Ich wartete die ganze Zeit hinter der Portiere nur darauf, daß Sie mich rufen,“ antwortete darauf eine weiche, etwas süßliche Frauenstimme.

Die Portiere wurde zurückgeschlagen und ... Gruschenka trat lachend ins Zimmer. Sie näherte sich dem Tisch. Aljoscha fühlte, daß ihn etwas durchzuckte. Er umklammerte sie geradezu mit seinem ganzen Blick und konnte die Augen nicht mehr von ihr abwenden. Das also war sie, sie, dieses furchtbare Weib, – das „Tier“, wie sich vor einer halben Stunde Iwan über sie geäußert hatte. Und nun stand vor ihm, wie es auf den ersten Blick schien – das gewöhnlichste und einfachste Geschöpf, ein gutes, liebes Wesen, zwar ein hübsches Weib, aber eines, das so ähnlich allen anderen hübschen, doch „gewöhnlichen“ Frauen war. Allerdings war sie schön, sogar sehr schön, – eine russische Schönheit, wie sie von vielen so leidenschaftlich geliebt wird. Sie war ziemlich groß, doch etwas kleiner als Katerina Iwanowna (da diese schon von sehr hohem Wuchs war), in der Gestalt recht voll, mit weichen, gleichsam „lautlosen“ Körperbewegungen, als ob dieselben, wie ihre Stimme, gleichfalls so sonderbar, fast süßlich ausgearbeitet wären. Sie kam nicht wie Katerina Iwanowna ins Zimmer, – mit munteren, festen Schritten; nein, unhörbar näherte sie sich ihnen. Keinen Schritt hörte man auf dem Fußboden. Weich ließ sie sich auf den Lehnstuhl nieder, weich rauschte ihr prächtiges schwarzes Seidenkleid, und verzärtelt hüllte sie ihren vollen, wie Schaum weißen Hals und ihre breiten Schultern in einen teuren schwarzen Schal. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, und ihr Gesicht drückte auch genau dieses Alter aus. Ihr Teint war sehr weiß, und nur ihre Wangen hatten einen blaßrosa Schimmer. Das Gesicht war vielleicht etwas zu breit, und der untere Kiefer trat ein wenig vor. Die Oberlippe war schmal und fein, doch die Unterlippe war voller und fast wie geschwollen. Aber ihr prachtvolles, reiches, dunkelblondes Haar, die dunklen, feingezeichneten Augenbrauen und ihre wundervollen graublauen Augen mit den langen Wimpern hätten selbst den gleichgültigsten und zerstreutesten Menschen, einerlei wo, in der Volksmenge, beim Spaziergang, im Gedränge auf der Straße gezwungen, plötzlich vor diesem Gesicht stehenzubleiben und es auf lange in der Erinnerung zu behalten. Am meisten machte Aljoscha der naive, gutmütige Ausdruck dieses Gesichts betroffen. Sie blickte ihn an wie ein Kind, freute sich über irgend etwas wie ein Kind, und sie „freute“ sich gerade, als sie sich ihnen näherte, wie wenn sie mit kindlich ungeduldiger, zutraulicher Neugier etwas Besonderes erwarte. Ihr Anblick machte das Herz froh, – das fühlte Aljoscha. Es war noch etwas in ihr, worüber er sich nicht hätte Rechenschaft geben können, vielleicht weil er es nicht verstand, etwas, das aber auch ihm sich unbewußt mitteilte, nämlich wiederum diese Weichheit, Zärtlichkeit der Körperbewegungen, diese katzenhafte Unhörbarkeit ihrer Schritte. Und doch war es eine starke, volle Gestalt. Unter dem weichen Schal zeichneten sich breite, volle Schultern ab, eine hohe, noch ganz jugendliche Brust. Dieser Körper hatte vielleicht die Formen der Venus von Milo, obgleich er auch jetzt schon in den Verhältnissen etwas übertrieben sein mußte, – das konnte man ahnen. Kenner russischer Frauenschönheit hätten vielleicht bei Gruschenkas Anblick gesagt, daß solche frische, noch jugendliche Schönheiten schon mit dreißig Jahren die Harmonie verlieren, daß auch das Gesicht dann schon verschwommen aussieht, daß um die Augen herum und auf der Stirn ungewöhnlich schnell kleine Fältchen entstehen und die Gesichtsfarbe ihre Zartheit verliert und rot wird. Mit einem Wort, daß es eine flüchtige Schönheit war, eine Augenblicksschönheit, die man so häufig gerade bei der russischen Frau findet. Doch daran dachte Aljoscha natürlich nicht in diesem Augenblick. Nur – wie bezaubert er auch war, so fragte er sich doch mit einer gewissen unangenehmen Empfindung: Warum zieht sie die Worte so in die Länge, warum kann sie nicht natürlich sprechen? Sie tat es augenscheinlich, weil sie diese gezogene und verstärkt-süßliche Aussprache schön fand. Das war natürlich nur eine dumme Angewohnheit schlechten Tones, die von ihrer geringen Bildung und von Kindheit an falschen Auffassung des Vornehmen zeugte. Und doch erschien Aljoscha diese singende Aussprache der Worte fast wie ein unmöglicher Widerspruch zu diesem kindlich-offenherzigen und gutmütig-freudigen Gesichtsausdruck, zu diesem stillen, glücklichen Leuchten ihrer Kinderaugen! Katerina Iwanowna zog sie sofort auf den Lehnstuhl neben sich und küßte sie entzückt mehrmals auf ihre lachenden Lippen. Sie schien in sie geradezu verliebt zu sein.

„Wir sehen uns heute zum ersten Male, Alexei Fedorowitsch,“ sagte sie ganz berauscht; „ich wollte sie kennen lernen, sie sehen, ich wollte selbst zu ihr gehen, sie aber kam schon auf meine erste Bitte zu mir. Ich wußte es ja, daß wir beide alles sofort gutmachen würden, alles! Mein Herz fühlte es voraus ... Man bat mich himmelhoch, diesen Schritt zu unterlassen, aber ich ahnte ja, daß hier die Rettung war, und täuschte mich nicht. Gruschenka hat mir jetzt alles erzählt und erklärt, alle ihre Absichten; sie ist wie ein guter Engel zu mir gekommen und hat mir Ruhe und Freude gebracht ...“

„Sie haben mich nicht verachtet, liebes, wertes Fräulein,“ sagte Gruschenka in ihrem gezogenen, singenden Tone und immer noch mit demselben freudigen Lächeln.

„Sagen Sie mir nie mehr, nie mehr so etwas, Sie schlimme Zauberin! Sie und verachten! Sehen Sie, ich werde gleich noch einmal ihre Lippen abküssen. Sie sind bei Ihnen ganz wie geschwollen, also damit sie noch mehr anschwellen, küsse ich sie, und werde sie wieder küssen, und wieder ... Sehen Sie, wie sie lacht, Alexei Fedorowitsch, wirklich, das Herz lacht einem, wenn man diesen Engel ansieht ...“ Aljoscha war rot im Gesicht und zitterte. Es war ein bebendes, unmerkliches Zittern.

„Sie hätscheln mich, liebes Fräulein, ich aber bin Ihrer Liebkosung vielleicht gar nicht wert.“

„Nicht wert! Sie soll ihrer nicht wert sein!“ rief wieder mit derselben Begeisterung Katerina Iwanowna. „Wissen Sie auch, Alexei Fedorowitsch, daß wir ein phantastisches Köpfchen haben, ein eigenwilliges, aber stolzes, überstolzes Herzchen haben! Wir sind edel, Alexei Fedorowitsch, wir sind großmütig, wissen Sie das auch? Wir waren nur unglücklich. Wir waren nur zu schnell bereit, einem unwürdigen oder vielleicht auch nur leichtsinnigen Menschen jedes Opfer zu bringen. Es war einmal einer, gleichfalls ein Offizier, wir gewannen ihn lieb und gaben ihm alles; das war schon vor langer Zeit, vor fünf Jahren war’s, er aber vergaß uns, er heiratete eine andere. Jetzt ist er verwitwet, jetzt hat er geschrieben und kommt schon her – und wissen Sie auch, daß wir ihn allein, nur ihn allein die ganze Zeit über geliebt haben, bis auf den heutigen Tag! Er wird herkommen, und Gruschenka wird wieder glücklich sein, doch all diese fünf Jahre lang war sie unglücklich. Und wer kann ihr denn etwas vorwerfen, wer kann sich ihrer Zuneigung rühmen? Nur dieser eine gelähmte Greis, dieser Kaufmann, – aber er war eher unser Vater, unser Freund und Beschützer. Er fand uns damals in der Verzweiflung, in Qualen, verlassen von dem, den wir über alles liebten ... sie wollte sich ja damals ertränken, der Alte hat sie doch gerettet, gerettet!“

„Sie verteidigen mich schon gar zu sehr, mein liebes Fräulein, Sie übertreiben,“ sang wieder Gruschenka.

„Ich verteidige? Wie soll ich darauf kommen, und darf hier überhaupt jemand etwas zu verteidigen wagen? Gruschenka, mein Engel, geben Sie mir Ihr Händchen, ach, sehen Sie doch, Alexei Fedorowitsch, dieses kleine, weiche, reizende Händchen! – Es hat mir Glück gebracht und mich wieder aufgerichtet und dafür werde ich es gleich küssen, so, so und so!“ Und sie küßte dreimal ganz verzückt Gruschenkas wirklich reizendes, vielleicht nur etwas zu volles Händchen. Gruschenka ließ es unter nervösem, doch hellem, reizendem Lachen geschehen: es war ihr augenscheinlich sehr angenehm, daß das „liebe Fräulein“ ihre Hand küßte.

„Vielleicht ist das doch etwas zu viel der Begeisterung,“ fuhr es flüchtig Aljoscha durch den Sinn. Er errötete. Sein Herz war die ganze Zeit so sonderbar unruhig.

„Beschämen Sie mich doch nicht, indem Sie mir so in Alexei Fedorowitschs Gegenwart die Hand küssen.“

„Ja, wollte ich Sie denn damit beschämen?“ fragte Katerina Iwanowna etwas verwundert, „ach, meine Liebe, wie falsch Sie mich verstehen!“

„Und Sie verstehen mich vielleicht auch gar nicht so, liebes Fräulein, ich bin vielleicht viel schlechter, als ich hier vor Ihnen scheine. Im Herzen bin ich schlecht; bin eigensinnig. Den armen Dmitrij Fedorowitsch habe ich damals aus reiner Spottlust gefesselt.“

„Aber jetzt retten Sie ihn doch selbst! Sie haben es mir doch versprochen. Sie werden ihm vernünftig zureden, werden ihm sagen, daß Sie einen anderen lieben, schon lange, und daß er Sie heiraten will ...“

„Ach nein, das habe ich Ihnen nicht versprochen. Sie haben es nur selbst gesagt, ich aber – ich habe Ihnen so etwas gar nicht versprochen.“

„Dann habe ich Sie wohl nicht recht verstanden,“ sagte Katerina Iwanowna etwas leiser und schien ein wenig zu erbleichen, „Sie versprachen ...“

„Ach nein, Sie Engel, davon habe ich nichts versprochen,“ unterbrach Gruschenka sie leise und ruhig, immer mit demselben heiteren, unschuldigen Ausdruck. „Und da sehen Sie jetzt gleich, wertes Fräulein, wie schlecht und eigensinnig ich bin. Wenn ich etwas will, so tue ich es auch. Vorhin habe ich Ihnen vielleicht etwas versprochen, jetzt aber denke ich: Plötzlich gefällt er mir wieder, Mitjä, meine ich, – gefiel er mir doch schon einmal sehr; fast eine ganze Stunde lang gefiel er mir. Und jetzt werde ich vielleicht gehen und ihm sofort sagen, daß er fortan bei mir bleiben soll ... Sehen Sie, wie unbeständig ich bin ...“

„Vorhin sprachen Sie ... ganz anders ...“ murmelte Katerina Iwanowna kaum hörbar.

„Ach, vorhin! Aber mein Herz ist doch zärtlich und dumm. Und wenn man nur bedenkt, was er meinetwegen ertragen hat! Und plötzlich komme ich nach Hause, und es tut mir leid um ihn, – was dann?“

„Ich hatte nicht erwartet ...“

„Ach, Fräulein, wie gut und edel Sie jetzt im Vergleich zu mir erscheinen. Sehen Sie, jetzt werden Sie mich dummes Geschöpf nicht mehr lieben, weil ich solch einen Charakter habe. Geben Sie mir Ihr liebes Händchen, Sie Engel,“ bat sie zärtlich und nahm fast andächtig die Hand Katerina Iwanownas. „Nun, liebes Fräulein, werde auch ich Ihr Händchen nehmen und ebenso küssen, wie Sie meine Hand küßten. Sie küßten dreimal, ich aber müßte sie Ihnen dreihundertmal dafür küssen, um es quittzumachen. Und so mag es denn auch sein; dann aber, wie Gott will, vielleicht werde ich ganz Ihre Sklavin werden und Ihnen alles sklavisch zu Gefallen tun. Wie Gott will, so mag es sein, ohne alle Besprechungen und Versprechungen untereinander. Ihr Händchen, Ihr liebes Händchen, Fräulein, Ihr Händchen! Mein liebes Fräulein, Sie – Sie unglaubliche Schönheit!“

Sie zog wirklich die Hand an ihre Lippen, allerdings mit einer sonderbaren Absicht: um die Küsse zu „quittieren“! Katerina Iwanowna zog ihre Hand nicht fort. Mit scheuer Hoffnung vernahm sie die letzten Worte und das so sonderbar geäußerte Versprechen Gruschenkas, ihr vielleicht alles „sklavisch“ zu Gefallen tun zu wollen. Sie blickte ihr angestrengt in die Augen. Sie sah in diesen Augen immer denselben offenherzigen, zutraulichen Ausdruck, immer dieselbe klare Munterkeit ... „Sie ist vielleicht nur sehr naiv,“ dachte Katerina Iwanowna einen Augenblick mit neuer Hoffnung im Herzen. Gruschenka zog inzwischen langsam die Hand immer höher an ihre Lippen. Doch kurz vor ihren Lippen zögerte sie plötzlich und hielt inne, als ob sie über etwas nachdachte.

„Aber wissen Sie was, Sie Engel,“ sagte sie plötzlich mit der zärtlichsten, süßesten Stimme, „wissen Sie was: Ich werde Ihr Händchen jetzt einfach nicht küssen.“ Und sie lachte ein kleines, heiteres Lachen.

„Wie Sie wollen ... Was sagen Sie?“ fuhr Katerina Iwanowna jäh auf.

„So behalten Sie denn das zur Erinnerung, daß Sie meine Hand geküßt haben, ich aber die Ihre nicht.“ Es blitzte etwas in Gruschenkas Augen. Sie blickte aufmerksam Katerina Iwanowna an.

„Unverschämte!“ stieß plötzlich Katerina Iwanowna hervor, als ob sie mit einemmal etwas begriffen hätte; sie wurde feuerrot und sprang auf. Ohne sich zu beeilen, erhob sich auch Gruschenka.

„So werde ich es denn auch gleich Mitjä erzählen, wie Sie mir dreimal die Hand geküßt haben, ich aber die Ihre überhaupt nicht. Und wie er darüber lachen wird!“

„Hinaus, Sie gemeines Geschöpf, hinaus!“

„Ach, schämen Sie sich, Fräulein, ach, schämen Sie sich, das steht Ihnen wohl gar nicht zu, liebes Fräulein.“

„Hinaus, feile Dirne!“ schrie Katerina Iwanowna. Jeder Nerv zitterte in ihrem verzerrten Gesicht.

„Also schon feil. Sind Sie doch selbst als junges Mädchen in der Dämmerung zu Herren nach Geld gegangen, um Ihre Schönheit zu verkaufen, das weiß ich doch, weiß ich doch!“

Katerina Iwanowna stieß einen kurzen Schrei aus und wollte sich auf sie stürzen, aber Aljoscha gelang es noch, sie mit aller Gewalt zurückzuhalten:

„Kein Wort mehr, keinen Schritt! Sagen Sie nichts, antworten Sie nicht, sie geht ja schon fort, sie wird sogleich fortgehen!“

In dem Augenblick stürzten auf ihren Schrei hin die beiden Tanten in den Saal und nach ihnen das Stubenmädchen. Alle liefen sie zu ihr und umringten sie.

„Ja, ich gehe,“ sagte Gruschenka, die vom Sofa ihren Umwurf nahm. „Aljoscha, mein Lieber, begleite mich!“

„Gehen Sie, gehen Sie doch schneller fort!“ bat Aljoscha flehend.

„Lieber Aljoschenka, begleite mich! Ich werde dir unterwegs ein schönes, schönes Wörtchen sagen! Ich habe ja nur für dich, Aljoschenka, diese Szene gespielt. Begleite mich, Liebling, wirst später damit zufrieden sein.“

Aljoscha wandte sich von ihr ab. Gruschenka lief hell lachend aus dem Hause.

Katerina Iwanowna hatte einen Nervenanfall. Sie schluchzte, konnte nicht atmen, glaubte zu ersticken. Alle bemühten sich um sie.

„Ich habe Sie gewarnt,“ sagte ihr die ältere Tante, „ich habe Sie immer wieder von diesem Schritt abzuhalten versucht ... Sie sind viel zu heißblütig, wie kann man nur als Dame so etwas tun! Sie kennen diese Geschöpfe nicht; von dieser aber sagt man, sie soll die Schlimmste von allen sein ... Nein, Sie sind viel zu eigenwillig!“

„Das ist ja ein Tiger!“ schrie Katerina Iwanowna außer sich. „Warum hielten Sie mich zurück, Alexei Fedorowitsch, ich hätte sie durchgeprügelt, durchgeprügelt!“

Sie hatte nicht die Kraft, sich vor Aljoscha zusammenzunehmen, vielleicht wollte sie es auch nicht einmal.

„Peitschen muß man sie, auf dem Schafott, durch den Henker, öffentlich! ...“

Aljoscha zog sich erschrocken zur Tür zurück.

„Aber, o Gott!“ rief plötzlich Katerina Iwanowna, die Hände ringend. „Er! er hat so unmenschlich sein können, so unmenschlich! Er hat dieser Dirne erzählt, was dort war, damals, an jenem schrecklichen, entsetzlichen, verfluchten, ewig verfluchten Tage! ‚Sind doch Ihre Schönheit verkaufen gegangen, liebes Fräulein!‘ Und sie weiß das! Ihr Bruder ist ein Schuft, Alexei Fedorowitsch!“

Aljoscha wollte etwas sagen, aber er fand kein einziges Wort. Sein Herz krampfte sich zusammen vor Schmerz.

„Gehen Sie fort, Alexei Fedorowitsch! Ich schäme mich, mir ist so furchtbar zumut! Morgen ... ich flehe Sie an, kommen Sie morgen! Verurteilen Sie mich nicht, verzeihen Sie, ich weiß noch nicht, was ich mit mir machen werde.“

Aljoscha trat auf die Straße. Er wankte beinahe. Er wollte gleichfalls weinen wie sie. Da kam ihm das Stubenmädchen nachgelaufen.

„Das gnädige Fräulein hat vergessen, Ihnen diesen Brief von Fräulein Chochlakowa zu übergeben; er lag bei ihr seit dem Mittag.“

Aljoscha nahm ganz mechanisch das kleine rosa Kuvert und steckte es, ohne es selbst zu gewahren, in die Tasche.

XI. Noch ein verlorener Ruf

Das Kloster war nur etwas über eine Werst von der Stadt entfernt. Aljoscha schritt eilig aus auf der zu dieser Stunde ganz einsamen Straße. Die Nacht brach schon an: auf dreißig Schritt konnte man die Gegenstände nur schwer unterscheiden. Ungefähr auf der Hälfte des Weges kam ein Kreuzweg. Dort am Kreuzweg stand an einem einsamen Silberweidenbaum eine Menschengestalt. Kaum hatte Aljoscha den Kreuzweg betreten, als die Gestalt sich vom Baume loslöste, ihm entgegenstürzte und mit grimmig wilder Stimme rief:

„Den Beutel oder das Leben!“

„Ach, das bist du, Mitjä!“ sagte höchst erstaunt Aljoscha, der zuerst doch etwas zusammengefahren war.

„Ha–ha–ha! Das hattest du wohl nicht erwartet? Ich fragte mich: Wo soll ich dich erwarten? Bei ihrem Hause? Von dort aber führen drei Wege hierher, und ich könnte dich verfehlen. Endlich kam ich darauf, hier zu warten, denn hier muß er unbedingt vorübergehen, dachte ich, einen anderen Weg gibt’s nicht zum Kloster. Nun, sag die Wahrheit, schone mich nicht ... Was ist mit dir?“

„Nichts, Mitjä ... ich, nur so, vom Schreck. Ach, Dmitrij! Vorhin – dieses Blut unseres Vaters ...“ Aljoscha schluchzte auf; er hatte schon lange in Tränen ausbrechen wollen, jetzt aber war ihm, als ob etwas in seiner Seele plötzlich zerrisse. „Du hättest ihn beinahe erschlagen ... Du verfluchtest ihn ... und jetzt ... hier ... jetzt scherzest du noch ... Beutel oder Leben!“

„Ach ja, nun – was? Unpassend, nicht? Paßt nicht zu meiner Lage?“

„Ach nein, nicht das ... ich war nur so ...“

„Wart, bleib stehn. Sieh die Nacht, sieh, wie dunkel die Nacht ist, die Wolken, sieh, wie dunkel, und welch ein Wind sich erhoben hat! Ich hatte mich hier unter der Weide versteckt, erwartete dich, und plötzlich ein Gedanke (bei Gott!): Wozu sich denn noch weiter plagen, worauf noch warten? Hier ist eine Weide, ein Taschentuch hast du, ein Hemd hast du, eine Schlinge läßt sich im Augenblick zusammendrehen, kannst sie noch obendrein anfeuchten und – nicht mehr die Erde belasten, sie nicht mehr durch dein niedriges Leben entehren! Da höre ich, ein Mensch kommt – du! Herrgott, es war ganz, als ob plötzlich etwas zu mir niederfliege: also gibt es doch noch einen Menschen, den auch ich liebe, da kommt, da ist er, dieser Mensch, mein liebstes, kleines Brüderchen, das ich am meisten auf der Welt liebe, das einzige, was ich wirklich so, so lieb habe! Ja: so lieb warst du mir plötzlich, ich liebte dich so in diesem Augenblick, daß ich dachte: Werfe mich sofort an seinen Hals und küsse ihn! Da kam aber dieser dumme Gedanke: Werde einen Scherz machen, ihn erschrecken. Und da schrie ich denn wie ein alter Esel: ‚Den Beutel oder das Leben‘! Verzeih die Narrheit – das ist doch nur Unsinn, in der Seele ist es auch bei mir – ... anständig ... Nun aber, zum Teufel damit, sag, wie es dort war? Was sagte sie? Schlag mich nieder, zermalme mich, brauchst mich nicht zu schonen! Sie geriet wohl außer sich?“

„Nein, nicht das ... Es war dort ganz anders, Mitjä. Dort ... Ich traf sie beide zusammen an.“

„Wen denn, was für beide?“

„Gruschenka war bei Katerina Iwanowna.“

Dmitrij Fedorowitsch erstarrte.

„Unmöglich!“ stieß er hervor, „du phantasierst! Gruschenka bei ihr?“

Aljoscha erzählte ihm alles, was er von dem Augenblick an, da er bei Katerina Iwanowna eingetreten war, gesehen und gehört hatte. Er erzählte zehn Minuten lang, allerdings nicht gleichmäßig und zusammenhängend, aber er verstand es, alles klar darzustellen; er hob die bedeutungsvollen Worte hervor, die wichtigsten Bewegungen, und gab häufig nur durch eine kurze Bemerkung deutlich seine eigenen Gefühle wieder. Dmitrij hörte schweigend zu, blickte starr mit einer sonderbaren Unbeweglichkeit vor sich hin, doch Aljoscha sah, daß er schon alles begriffen hatte und den ganzen Zusammenhang verstand. Sein Gesicht wurde, je mehr die Erzählung verrückte, nicht etwa nur finster, nein, drohend. Er hatte die Stirn gerunzelt, preßte die Zähne zusammen; sein unbeweglicher Blick wurde gleichsam noch unbeweglicher, starrer, furchtbarer ... Um so unerwarteter war es, als sich plötzlich mit unglaublicher Hastigkeit sein ganzes Gesicht, das bis dahin zornig und wild gewesen war, veränderte; die zusammengepreßten Lippen öffneten sich, und Dmitrij Fedorowitsch lachte das allerunbezwingbarste, natürlichste Lachen. Er schüttelte sich buchstäblich vor Lachen; lange Zeit konnte er überhaupt nicht sprechen vor Lachen.

„Und hat die Hand auch richtig nicht geküßt! Nicht geküßt, und ist so fortgelaufen!“ rief er in geradezu krankhaftem Entzücken, – in schamlosem Entzücken könnte man vielleicht sagen, wenn dieses Entzücken nicht so ungekünstelt gewesen wäre. „Also sie schrie, sie sei ein Tiger! Das ist sie ja auch, ein Tiger! Also aufs Schafott soll man sie bringen? Ja, ja, das müßte man, das muß man, das ist auch meine Meinung, daß man es tun muß, schon lange müßte man’s! Siehst du, Bruder, meinetwegen aufs Schafott, aber vorher muß man noch geheilt werden. O, ich erkenne die Königin der Unverschämtheit, hierin ist sie ganz enthalten, ganz, in diesem Händchen hat sie sich ganz ausgesprochen, hierin liegt das ganze infernale Weib. Das ist die Königin aller infernalen Weiber, die man sich in der Welt nur denken kann! In seiner Art kann’s einen wirklich entzücken! Also sie lief nach Haus? Ich wollte schon ... Ach, dann werde ich ... schnell zu ihr eilen! Aljoschka, sei mir nicht böse, ich gebe ja vollkommen zu, daß es zu wenig wäre, sie zu erdrosseln ...“

„Aber Katerina Iwanowna?“ fragte Aljoschka traurig.

„Auch die durchschaue ich, ganz und gar durchschaue ich sie jetzt, wie noch nie zuvor! Das ist eine wahre Entdeckung aller vier Erdteile, aller fünf! Solch ein Schritt! Das ist gerade diese selbe Katjenka, das Pensionsmädel, das mit dem hochherzigen Entschluß, den Vater zu retten, sich nicht fürchtete, zu einem dummen rohen Offizier in der Dämmerung zu laufen, wobei sie riskierte, so unsagbar beleidigt zu werden! Doch unser Stolz! das Bedürfnis zu wagen! das Schicksal herauszufordern! diese Herausforderung ins Unermeßliche! Du sagst, die Tante hat sie aufgehalten? Diese Tante, weißt du, ist selbst eine eigenmächtige Person, ist doch die leibliche Schwester jener moskauschen Generalin; sie hat früher die Nase noch höher getragen als Katjä, aber da wurde ihr Mann wegen Bestehlung der Kronkasse verurteilt, verlor alles, verlor sein ganzes Hab und Gut – und seine stolze Frau Gemahlin senkte darauf etwas den Ton, hat ihn auch seit der Zeit nicht wieder erhoben. Also sie hat Katjä zurückgehalten, und die hat natürlich nicht auf sie gehört. ‚Kann alles besiegen,‘ denkt sie, ‚alles ist mir untertan; wenn ich will, bezaubere ich auch Gruschenka,‘ und – hat sich natürlich selbst geglaubt, hat sich selbst aufgestachelt, wer ist denn jetzt daran schuld? Du glaubst, sie hat mit Absicht als erste das Händchen der anderen geküßt, Gruschenkas Hand, aus schlauer Berechnung? Nein, sie hatte sich wirklich, wirklich in Gruschenka verliebt, das heißt, nicht in Gruschenka, sondern in ihre eigene Idee, in ihre Phantasie, darum, siehst du, weil das, sozusagen, ihre Idee war, ihre eigene Phantasie. Liebling, Aljoscha, wie bist du nur von ihnen losgekommen, wie hast du dich gerettet? Bist wohl einfach fortgelaufen, mit aufgenommenen Rockschößen? Ha–ha–ha!“

„Dmitrij, es ist dir, glaub ich, nicht einmal aufgefallen, wie beleidigend das für Katerina Iwanowna ist, daß du Gruschenka von jenem Tage erzählt hast? so daß die ihr jetzt ins Gesicht hat schleudern können: ‚Sie sind doch selbst zu Herren Ihre Schönheit verkaufen gegangen!‘ Bruder, gibt es denn überhaupt noch eine größere Beleidigung als diese?“

Am meisten quälte Aljoscha der Gedanke, daß sein Bruder sich gleichsam über Katerina Iwanownas Erniedrigung zu freuen schien, obgleich das natürlich ganz ausgeschlossen war.

„Ach, Teufel!“ Dmitrij Fedorowitschs Gesicht verfinsterte sich plötzlich unheimlich, und er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Erst jetzt verfiel er darauf, obgleich Aljoscha alles erzählt, nichts verschwiegen hatte, auch Katerina Iwanownas Schrei nicht: „Ihr Bruder ist ein Schuft!“ – „Ja, wirklich, es kann sein, daß ich Gruschenka von jenem ‚verhängnisvollen Tage‘, wie Katjä sagt, erzählt habe. Ja, richtig, ich hab’s ihr erzählt, ich weiß, ich weiß! Das war damals in Mokroje, ich war betrunken, die Zigeunerinnen sangen ... Aber ich schluchzte doch, ich schluchzte doch selbst, ich lag auf den Knien, ich betete zu Katjä, und Gruschenka begriff das doch. Sie begriff damals alles, ich weiß noch, sie weinte selbst ... Äh, Teufel! und konnte es denn jetzt anders sein? Damals weinte sie, jetzt aber ... Jetzt ‚den Dolch ins Herz‘! So sind die Weiber!“

Er verstummte und dachte nach.

„Ja, ich bin ein Schuft! Das steht nun fest!“ sprach er plötzlich mit düsterer Stimme vor sich hin. „Einerlei, geweint oder nicht geweint! Kannst dort melden, daß ich die Bezeichnung annehme, – wenn das zu trösten vermag. Und nun genug, leb wohl, wozu so viel schwatzen!! Heiteres gibt es nicht. Du gehst deinen Weg, ich den meinen. Und ich will dich auch nicht mehr sehn, bis zu irgendeiner letzten Minute. Leb wohl, Alexei!“ Er drückte Aljoscha fest die Hand und ging, immer noch mit gesenktem Kopf, als ob er sich losgerissen hätte, mit schnellen Schritten in die Stadt zurück. Aljoscha blickte ihm nach; er glaubte noch nicht, daß er wirklich fortging.

„Wart, Alexei, noch ein Bekenntnis! Dir allein werde ich es sagen!“ rief plötzlich Dmitrij Fedorowitsch und kehrte zurück: „Sieh mich an, sieh mich aufmerksam an, sieh hier, hier – bereitet sich eine furchtbare Ehrlosigkeit vor.“ (Als er dieses „sieh hier“ sagte, schlug er sich in einer so sonderbaren Weise mit der Faust auf die Brust, als ob diese Unehre gerade auf seiner Brust läge oder dort sich verberge, auf einem bestimmten Fleck, in einer Tasche vielleicht, oder in etwas eingenäht am Halse hinge.) „Du kennst mich nun schon: Ich bin ein Schuft, ein erklärter Schuft! Doch wisse, was ich auch getan habe, früher, jetzt, oder noch später tun werde, – nichts, nichts kann sich in der Gemeinheit mit dieser Ehrlosigkeit vergleichen, die ich gerade jetzt, gerade in diesem Augenblick hier, hier auf meiner Brust trage, gerade hier, sieh hier, – die schon geschieht und sich vollzieht, und die aufzuhalten vollkommen in meiner Macht liegt, merk dir das, ich kann sie aufhalten oder ausführen! Nun, so wisse denn, daß ich sie ausführen und nicht aufhalten werde. Heute in der Laube erzählte ich dir alles: nur das eine erzählte ich dir nicht, denn selbst ich hatte keine genügend eherne Stirn dazu! Ich kann noch stehen bleiben; wenn ich stehen bleibe, kann ich noch morgen die ganze Hälfte der verlorenen Ehre wiedergewinnen, aber ich werde nicht stehen bleiben, ich werde das gemeine Vorhaben ausführen, und so sei du hinfort Zeuge, daß ich im voraus und wissentlich sage: Verderben und Finsternis! Zu erklären ist nichts, wirst es schon zur rechten Zeit erfahren. Stinkende Winkelgasse und ein infernales Weib! Leb wohl. Bete nicht für mich, bin’s nicht wert, und es ist auch gar nicht nötig, nicht nötig ... bedarf dessen überhaupt nicht! Fort! ...“

Und er entfernte sich plötzlich, diesmal aber kehrte er nicht mehr zurück. Aljoscha ging zum Kloster.

„Wie, wie werde ich ihn denn nie mehr wiedersehen? was sagte er?“ fragte er sich, und es schien ihm undenkbar, daß er ihn nicht mehr wiedersehen werde. „Morgen noch muß ich ihn unbedingt zu sehen versuchen, ich werde ihn schon finden, werde ihn unbedingt aufsuchen! Was wollte er nur damit sagen? Was meinte er? ...“

* * * * *

Er ging von außen um das Kloster herum und dann durch den Kiefernwald geradeswegs zur Einsiedelei. Ihm wurde bald aufgemacht, obgleich man dort sonst zu so später Stunde niemanden mehr einzulassen pflegte. Sein Herz zitterte, als er in die Zelle des Staretz trat: – Warum, warum nur war er fortgegangen, warum hatte ihn jener ‚in die Welt‘ geschickt? Hier war Ruhe, hier war das Heil, dort aber – war Unruhe, dort war Finsternis, in der man sich sofort verirrte und verlor ... –

In der Zelle befanden sich der Novize Porfirij und der Priestermönch Paissij, der den ganzen Tag in jeder Stunde einmal kam, um sich nach dem Befinden des Staretz zu erkundigen, mit dem es, wie Aljoscha mit Schrecken hörte, immer schlechter wurde. Sogar die übliche allabendliche Unterweisung der Brüderschaft hatte diesmal nicht stattfinden können. Gewöhnlich versammelte sich des Abends nach dem Gottesdienst die Brüderschaft des Klosters noch vor dem Schlafengehen in der Zelle des Staretz, und ein jeder beichtete ihm dann laut seine Vergehen, seine sündigen Gedanken und Träume, die er am Tage gehabt, Versuchungen und sogar Streitigkeiten mit den anderen, falls solche vorgekommen waren. Viele beichteten kniend. Der Staretz erließ die Sünden, versöhnte, unterwies und belehrte, legte Bußen auf, segnete und entließ. Gegen diese „Beichte“ der Brüderschaft erhoben sich aber die Gegner der Startzen; sie sagten, das sei eine Profanation der Beichte als Sakrament, obgleich es in diesem Falle doch etwas ganz anderes war. Man machte die geistliche Obrigkeit sogar darauf aufmerksam, daß solch ein Beichten nicht nur zu nichts führe, sondern tatsächlich und mit Fleiß in Sünde und Versuchung bringe und Anstoß gäbe. Man sagte, vielen Brüdern sei dieses Beichten lästig, doch wollten sie sich nicht absondern und kämen nur zu dem Staretz, damit man sie nicht böser Gedanken verdächtige und für stolz hielte. Man erzählte sich sogar, daß einzelne aus der Brüderschaft auf dem Wege zum Staretz unter sich abmachten: „Ich werde sagen, daß ich mich heute morgen über dich geärgert habe, und du bestätige es,“ – damit man etwas zu beichten hätte und auf diese Weise loskäme. Aljoscha wußte, daß das wirklich zuweilen vorkam. Auch wußte er, daß es unter der Brüderschaft einige Mönche gab, die darüber sehr ungehalten waren, daß sogar die Briefe, die die Einsiedler von ihren Verwandten erhielten, zuerst zum Staretz gebracht wurden, der sie dann erbrach und noch vor dem betreffenden Adressaten las. Es wurde natürlich vorausgesetzt, daß alles freiwillig und aufrichtig geschah, von Herzen kam, aus freier Ergebung und um der Erlösung willen – doch in Wirklichkeit geschah es gar manches Mal sehr wenig von Herzen, im Gegenteil, sogar mit Falschheit und erheuchelter Demut. Doch die Älteren und Erfahreneren der Brüderschaft bestanden darauf, da sie der Meinung waren: „Wer aufrichtig in diese Mauern eingetreten ist, um hier seine Erlösung zu finden, für den wird das alles nur Heil bringen und von großem Nutzen sein; wem aber das lästig ist, und wer darüber murrt, der ist überhaupt kein Mönch und ganz umsonst ins Kloster gekommen – der gehört in die Welt. Vor der Sünde und dem Teufel kann man sich nicht nur in der Welt, sondern selbst im Gotteshause nicht schützen – folglich braucht man mit der Sünde nicht Nachsicht zu haben.“

„Er ist sehr erschöpft, jetzt ist er eingeschlafen,“ flüsterte Pater Paissij Aljoscha zu, nachdem er ihn gesegnet hatte. „Man kann ihn nur schwer aufwecken; aber man braucht ihn ja auch nicht zu wecken. Vor fünf Minuten erwachte er von selbst, bat, der Brüderschaft seinen Segen zu überbringen, und ließ sie bitten, für ihn Nachtgebete zu sprechen. Am Morgen will er noch einmal das heilige Abendmahl nehmen. Er gedachte deiner, Alexei, fragte, ob du fortgegangen seiest, und man sagte ihm, daß du in der Stadt wärest. ‚Dazu habe ich ihm meinen Segen gegeben: dort ist sein Platz vorläufig, nicht hier,‘ – also sprach er von dir. Liebend gedachte er deiner, mit sichtlicher Sorge; erkennst du auch, wessen du gewürdigt worden bist? Warum hat er dir das nur bestimmt, eine Zeitlang draußen in der Welt zu bleiben? Er sieht wohl etwas voraus in deinem Schicksal! Behalte aber, Alexei, wenn du nun auch in die Welt zurückkehrst, daß es doch nur eine von deinem Staretz dir auferlegte Buße ist, und daß du es nicht zu eitlem Leichtsinn und zu weltlicher Freude tun sollst ...“

Pater Paissij ging hinaus. Aljoscha wußte jetzt, daß die Todesstunde des Staretz nicht mehr fern war, wenn er auch noch einen oder zwei Tage leben konnte. Und so beschloß er sofort, am nächsten Tage, trotz der Versprechen, die er seinem Vater, Chochlakoffs, seinem Bruder Iwan und Katerina Iwanowna gegeben hatte, überhaupt nicht aus dem Kloster zu gehen, um bei seinem Staretz bis zu dessen Tode bleiben zu können. Sein Herz erglühte in Liebe zu ihm, und er machte sich bittere Vorwürfe, daß er in der Stadt einen Augenblick ganz hatte vergessen können, wer hier im Kloster auf dem Sterbebett lag – der Mensch, den er vor allen am meisten verehrte und am höchsten achtete. Er ging leise in die kleine Schlafzelle des Staretz, kniete dort nieder und verneigte sich vor dem Schlafenden bis zur Erde. Der schlief still und ruhig; gleichmäßig und fast unmerklich atmete er; sein Antlitz war gleichfalls ruhig.

Aljoscha kehrte in das vordere Zimmer zurück – in dasselbe, in dem der Staretz am Morgen den Besuch empfangen hatte –, zog seine Stiefel aus und legte sich fast ganz angekleidet auf das kleine, schmale Ledersofa, auf dem er schon seit langer Zeit in jeder Nacht schlief, nur legte er sich noch sein Kopfkissen unter. Das Federbett aber, das sein Vater ihm befohlen hatte, nach Haus mitzunehmen, brauchte er schon seit langer Zeit nicht mehr. Er nahm nur seine Kutte ab und bedeckte sich mit ihr an Stelle einer Bettdecke. Doch vorher kniete er jedesmal nieder und betete lange. In seinem heißen Gebet bat er Gott nicht etwa, ihm seine Verwirrung zu erklären, nein, er sehnte sich nur nach der freudigen Rührung, der früheren Rührung, die immer seine Seele so erfreut hatte, nach der Preisung Gottes, aus der gewöhnlich sein ganzes Abendgebet bestand. Diese Freude, die ihn dann überkam, brachte ihm einen leichten und ruhigen Schlaf. Als er jetzt wieder betete, berührte er plötzlich ganz aus Versehen den kleinen, harten Brief in seiner Tasche, den ihm Katerina Iwanownas Stubenmädchen auf der Straße übergeben hatte. Es verwirrte ihn zwar ein wenig, doch betete er ruhig zu Ende; darauf – nach einigem Schwanken – erbrach er das Kuvert: in ihm lag ein Brief an ihn, unterschrieben „Lise“. Es war dieselbe junge Tochter der Frau Chochlakoff, die am Morgen beim Staretz so sehr über Aljoscha gelacht hatte.

„Alexei Fedorowitsch,“ schrieb sie, „ich schreibe Ihnen ganz heimlich, niemand weiß es, auch Mama nicht, und ich weiß selbst, daß es nicht gut ist. Aber ich kann nicht mehr leben, wenn ich Ihnen nicht das sage, was in meinem Herzen aufgestiegen ist, das aber darf niemand außer uns beiden bis zur rechten Zeit erfahren. Doch wie soll ich Ihnen nur das sagen, was ich Ihnen so gern sagen will? Das Papier, sagt man, nicht, und ich weiß selbst, daß es nicht richtig ist. Aber und daß es ganz ebenso errötet, wie ich jetzt über und über erröte. Lieber Aljoscha, ich liebe Sie, liebe Sie schon von Kindheit an, schon seit Moskau, als Sie noch gar nicht so waren wie jetzt, und ich liebe Sie fürs ganze Leben. Natürlich mit der Bedingung, daß Sie das Kloster verlassen. Was unser Alter anbetrifft, so werden wir so lange warten, wie es das Gesetz verlangt; bis dahin werde ich bestimmt, unbedingt gesund sein, werde gehen und tanzen können. Darüber lohnt sich kein Wort zu verlieren.

Sehen Sie, wie ich alles bedacht habe; nur eines kann ich mir nicht vorstellen: was Sie von mir denken werden, wenn Sie das lesen? Ich lache immer und bin unartig, und heute noch habe ich Sie geärgert; aber ich versichere Ihnen, ich habe, bevor ich zu schreiben begann, vor der Mutter Gottes gebetet, und auch jetzt bete ich und weine beinahe.

Mein Geheimnis ist jetzt in Ihren Händen; ich weiß nicht, wie ich Sie morgen, wenn Sie zu uns kommen, ansehen soll. Ach, Alexei Fedorowitsch, was dann, wenn ich mich wieder nicht beherrschen kann und wie ein albernes Geschöpf bei Ihrem Anblick abermals zu lachen anfange? Sie werden mich dann doch für eine schändliche Spötterin halten und meinem Brief gar keinen Glauben schenken, und darum flehe ich Sie an, Lieber, falls Sie nur etwas Mitleid mit mir haben: wenn Sie morgen eintreten, so sehen Sie mir nicht gar zu offen in die Augen, weil ich, wenn ich Sie sehe, vielleicht unbedingt plötzlich zu lachen anfangen werde. Zudem werden Sie noch immer in diesem langen Kittel stecken ... Sogar jetzt läuft es mir kalt über den Rücken, wenn ich daran denke; darum aber sehen Sie mich, wenn Sie hereinkommen, einige Zeit überhaupt nicht an; sehen Sie auf Mama oder zum Fenster hinaus ...

Da habe ich Ihnen jetzt einen Liebesbrief geschrieben; mein Gott, was habe ich getan! Aljoscha, verachten Sie mich nicht, und wenn es etwas sehr Schlechtes ist und ich Sie betrübt habe, so verzeihen Sie mir. Jetzt ist das Geheimnis meines vielleicht auf ewig verlorenen guten Rufes in Ihren Händen.

„Ich werde heute unbedingt weinen. Auf Wiedersehen! Bis zu diesem schrecklichen Wiedersehen! Lise.

P. S. Aljoscha, nur kommen Sie unbedingt, unbedingt, unbedingt! Lise.“

Aljoscha las in großer Verwunderung, las zweimal, dachte dann nach, und plötzlich lachte er leise und herzlich auf. Doch schon fuhr er zusammen, selbst dieses Lachen schien ihm sündhaft. Aber nach einem Augenblick lachte er von neuem vor sich hin, ebenso still und ebenso glücklich. Langsam schob er den Brief wieder in das kleine, rosa Kuvert, bekreuzte sich dann und legte sich schlafen. Die Unruhe seiner Seele war vergangen. „Herrgott, erbarme dich ihrer aller, beschütze die Unglücklichen, die im Sturm kämpfen, und lenke Du sie. Die Wege sind in deiner Hand; wäge Du und lenke ihre Wege zum Besten, und errette sie. Du bist die Liebe, Du wirst allen auch Freude senden!“ flüsterte Aljoscha sich bekreuzend und sank in sanften Schlaf.

Viertes Buch. Ausbrüche

I. Pater Ferapont

Frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde Aljoscha geweckt. Der Staretz war aufgewacht und fühlte sich sehr schwach, wollte trotzdem aufstehen und sich in seinen Lehnstuhl setzen. Er war bei voller Besinnung; sein Gesicht jedoch war, wenn auch sehr ermüdet, hell und klar, fast könnte man sagen – freudig, und der Blick ruhig, heiter und willkommenheißend. „Möglich, daß ich den begonnenen Tag nicht überleben werde,“ sagte er zu Aljoscha; darauf wollte er unverzüglich beichten und das Abendmahl nehmen. Sein Beichtvater war von jeher Pater Paissij; nach dem Empfang der beiden Sakramente begann die letzte Ölung. Die Priestermönche versammelten sich, und die Zelle füllte sich allmählich mit den Bewohnern der Einsiedelei. Inzwischen wurde es Tag. Da kam man auch aus dem Kloster zu ihm. Nach dem Frühgottesdienst wollte der Staretz sich von allen verabschieden, und er küßte einen jeden. Da die Zelle so klein war, gingen die früher Gekommenen hinaus, um den neu Ankommenden Platz zu machen. Aljoscha stand neben dem Staretz, der sich wieder in den Lehnstuhl gesetzt hatte. Er sprach und lehrte so viel er konnte; seine Stimme war allerdings schwach, aber doch noch ziemlich fest. „Ich habe euch so viel Jahre gelehrt und daher so viel gesprochen, daß mir das Sprechen gewiß zur Gewohnheit geworden ist, doch euch durch Sprechen zu unterweisen – das ist so stark in mir eingewurzelt, daß mir Schweigen vielleicht sogar schwerer fallen würde als das Reden, meine Lieben – selbst jetzt, bei meiner Schwäche,“ scherzte er mit gerührtem Blick auf die sich zu ihm Drängenden. Aljoscha erinnerte sich noch später dessen, was der Staretz damals gesagt hatte. Wohl sprach er noch deutlich und sogar mit ziemlich fester Stimme, doch seine Rede war schon etwas zusammenhanglos. Er sprach über vieles; wie es schien, wollte er alles aussprechen, vor dem Tode alles noch einmal sagen, alles im Leben Unausgesprochene, und nicht nur allein um der Predigt willen, sondern gleichsam aus dem Verlangen heraus, seine Freude und seine Begeisterung mit allen und allem zu teilen, noch einmal im Leben sein Herz auszuschütten ...

„Liebet einander,“ lehrte der Staretz (wie sich Aljoscha dessen später erinnerte). „Liebet Gottes Volk. Sind wir doch, weil wir uns hier in diesen Mauern eingeschlossen haben, nicht heiliger als die Weltlichen; im Gegenteil, ein jeder Hergekommene hat sich allein schon dadurch, daß er hergekommen ist, im Herzen eingestanden, daß er schlechter ist als die Weltlichen und alles und jedes auf Erden. Und je länger der Einsiedler in diesen Mauern lebt, um so aufrichtiger und tiefer muß er dies erkennen; denn tut er es nicht, so hat er wahrlich keine Ursach gehabt, herzukommen. Wenn er aber zu dieser Erkenntnis gekommen ist, daß er nicht nur schlechter als alle Weltlichen, wohl aber noch vor allen Menschen für alle und alles schuldig ist, an allen Sünden der Menschen im allgemeinen wie im einzelnen, dann erst wird der Zweck unserer Absonderung erreicht sein. Denn wisset, meine Lieben, daß ein jeder von uns schuldig ist für alle und alles auf der Welt, das ist unanfechtbar – und nicht nur durch die allgemeine Weltschuld, sondern ein jeder einzeln für alle Menschen und für jeden Menschen auf dieser Erde. Diese Erkenntnis ist die Krone des Lebens sowohl jedes Einsiedlers wie jedes Menschen in dieser Welt – sind doch die Mönche keine anderen Menschen als die Weltlichen, wohl aber sind sie solche, die den Menschen auf Erden als Beispiel dienen sollten. Dann erst, wenn alle das verstanden haben, wird sich unser Herz in dieser unendlichen, allumfassenden Liebe weiten, die keine Sättigung, also auch keinen Tod kennt. Dann wird ein jeder von euch die Kraft haben, die ganze Welt durch seine Liebe zu erkaufen und mit seinen Tränen die Sünden der Welt abzuwaschen ... Ein jeder gehe seinem Herzen nach, ein jeder beichte sich selbst unermüdlich. Vor eurer Sünde fürchtet euch nicht, selbst wenn ihr sie erkannt habt; tragt nur Sorge, daß die Reue nicht vergehe, doch sollt ihr mit Gott nie Handel treiben. Und wiederum sage ich euch: Seid nicht stolz, weder vor den Geringen noch vor den Mächtigen. Haßt auch nicht, die euch verleugnen, euch schmähen und verleumden; haßt nicht die Atheisten, nicht die Lehrer des Bösen, nicht die Materialisten, sogar die Schlechten von ihnen nicht, nicht nur die Guten nicht, denn auch unter den Schlechten sind viele Gute, besonders in unserer Zeit. Gedenkt ihrer im Gebet also, wie ich euch sage: Vater unser, errette und behüte alle, die niemand haben, der für sie betet; erlöse auch die, welche nicht zu dir beten wollen. Und fügte noch hinzu: Nicht aus Stolz oder Hochmut bitte ich dich, Vater, also, denn ich selbst bin der Schlechten Schlechtester ... Liebet Gottes Volk, lasset nicht die Herde von Fremdlingen forttreiben, denn wahrlich, ich sage euch, wenn ihr in Faulheit und eurem geringschätzenden Hochmut einschlaft oder gar in verderblichem Eigennutz, so werden sie von allen Seiten kommen und euch eure Herde abspenstig machen. Verkündet unermüdlich dem Volke das heilige Evangelium ... Treibt nicht Wucher ... Hängt euer Herz nicht an Gold und Silber, trachtet nicht danach, sucht nicht, es zu erraffen ... Glaubt und haltet das Banner hoch, und erhebt es hoch, hoch ...“

Der Staretz sprach übrigens abgerissener, als es hier wiedergegeben ist und wie es Aljoscha später niedergeschrieben hat. Zuweilen hörte er ganz auf zu sprechen, als ob er wieder Kräfte sammelte, doch war er ersichtlich in innerer Ekstase. Man hörte ihm mit tiefer Rührung andächtig zu, obgleich sich viele über seine Worte wunderten und sie unklar fanden. Später erinnerte man sich wieder dieser Worte. Als Aljoscha auf einen Augenblick die Zelle verließ, war er erstaunt über die allgemeine Erregung und Erwartung der sich in und vor der Zelle drängenden Brüderschaft. Diese Erwartung äußerte sich bei vielen in ungewöhnlicher Spannung, bei anderen wiederum in feierlicher Stimmung. Alle erwarteten sie, daß etwas Großes sofort nach dem Verscheiden des Staretz geschehen werde. Diese Erwartung war sogar von einem gewissen Standpunkt aus unernst, doch selbst die Strengsten der Brüderschaft konnten sich nicht enthalten, sie zu teilen. Am strengsten war das Gesicht Pater Paissijs. Aljoscha verließ die Zelle, da ihn der aus der Stadt gekommene Rakitin geheimnisvoll durch einen Klosterbruder hatte herausrufen lassen. Rakitin übergab ihm einen sonderbaren Brief von Frau Chochlakoff. Sie teilte Aljoscha eine wichtige und sehr zur rechten Zeit gekommene Nachricht mit. Am Tage vorher war nämlich mit vielen anderen Weibern aus dem Volke auch ein altes Mütterchen aus der Stadt, die Unteroffizierswitwe Prochorowna, zum Staretz gekommen. Sie hatte den Staretz gefragt, ob sie für ihren Sohn Wassenjka, der fern nach Sibirien, nach Irkutsk, gefahren war, und von dem sie schon seit einem Jahr keine Nachricht erhalten hatte, eine Seelenmesse solle lesen lassen; worauf ihr der Staretz so etwas streng verboten und gesagt hatte, daß eine Seelenmesse für einen Lebenden ebensogut wie Zauberei wäre. Darauf hatte er ihr wegen ihrer Unwissenheit verziehen und zum Schluß noch hinzugefügt, „als ob er im Buche der Zukunft gelesen“ (schrieb Frau Chochlakoff in ihrem Brief), „daß ihr Sohn Wassjä am Leben sei und alsbald entweder selbst zu ihr kommen oder einen Brief schicken werde und sie nach Haus gehen und alles erwarten solle. Und was glauben Sie wohl!“ schrieb Frau Chochlakoff in ihrer Begeisterung: „– Die Prophezeiung ist buchstäblich in Erfüllung gegangen, und sogar noch mehr als das!“ Kaum war sie nach Haus zurückgekehrt, als man ihr einen aus Sibirien angekommenen Brief übergeben hatte. Und das wäre noch nicht alles: In diesem Brief, der auf der Reise in Jekaterinenburg geschrieben war, teilte der Sohn Wassjä seiner Mutter mit, daß er mit einem anderen Beamten nach Rußland zurückkehre und vielleicht schon nach drei Wochen „seine Mutter zu umarmen“ hoffe. Frau Chochlakoff bat Aljoscha eindringlich, dieses neue „Wunder der Prophezeiung“ dem Prior sowie der ganzen Brüderschaft mitzuteilen. „Alle sollen das erfahren, alle, alle!“ – Damit schloß sie ihren Brief. Dieser Brief war sehr schnell geschrieben; die Eile und Erregung der Schreiberin sprachen aus jeder Zeile. Aber Aljoscha brauchte der Brüderschaft nichts mehr mitzuteilen; alle wußten es schon. Rakitin hatte dem Klosterbruder nach der Bitte, Aljoscha herauszurufen, noch den Auftrag gegeben, untertänigst Seiner Hochehrwürden dem Pater Paissij zu melden, er, Rakitin, habe ihm eine Sache von solcher Wichtigkeit mitzuteilen, daß er nicht um eine Minute die Mitteilung hinausschieben dürfe, für seine Dreistigkeit aber kniend um Verzeihung bäte. Da nun der Klosterbruder zuerst zu Pater Paissij mit Rakitins Bitte gegangen war, so blieb Aljoscha nichts mehr übrig, als sofort dem Pater den Brief als bestätigendes Dokument zu übergeben. Und siehe, selbst dieser strenge, mißtrauische Mensch konnte nicht ganz sein Gefühl verbergen, nachdem er die Nachricht von dem „Wunder“ mit finsterem Gesicht gelesen hatte. Seine Augen blitzten auf, und die Lippen lächelten stolz und überzeugt.

„Wer weiß, was wir noch erleben werden?“ entfuhr es ihm plötzlich gleichsam gegen seinen Willen.

„Ja, was werden wir noch erleben, was werden wir noch erleben?“ wiederholten in der Runde die Mönche. Doch Pater Paissij, dessen Gesicht sich von neuem verfinstert hatte, bat alle, wenigstens „bis dahin“ niemandem laut davon Mitteilung zu machen: „bis es sich bestätigt – denn viel ist doch auch Leichtgläubigkeit in den Menschen, und vielleicht ist alles ganz natürlich geschehen,“ fügte er vorsichtig hinzu, als ob er damit sein Gewissen beruhigen wollte; doch bemerkten alle sehr wohl, daß er selbst an seine Einwendung nicht glaubte. Selbstverständlich wurde das „Wunder“ noch in derselben Stunde im ganzen Kloster bekannt, und auch viele Weltliche, die zur Liturgie in die Klosterkirche gekommen waren, erfuhren es. Am meisten aber war der kleine Mönch „vom heiligen Silvester“ aus Obdorsk über das Wunder erstaunt. Er hatte am Tage vorher zusammen mit Frau Chochlakoff auf den Staretz gewartet, und als sie von ihrer „geheilten“ Tochter gesprochen, den Staretz ungewöhnlich ernst gefragt, wie er solches tun könne. Jetzt aber war er wie vor den Kopf gestoßen und wußte kaum noch, woran er eigentlich glauben sollte. Er hatte nämlich am Abend vorher, nach dem Gespräch mit dem Staretz Sossima auf der Galerie, den Klosterpater Ferapont in seiner abgesonderten Zelle hinter dem Bienengarten besucht und von ihm einen ungewöhnlichen und beängstigenden Eindruck davongetragen. Dieser Pater Ferapont war derselbe alte Einsiedler, der große Schweiger und Faster, dessen ich schon einmal erwähnt habe: als Gegner des Staretz Sossima und des Startzentums überhaupt, das er für eine schädliche und leichtsinnige Neuerung hielt. Diesen aber als Gegner zu haben, war sehr gefährlich, obgleich er, als Schweiger, fast überhaupt nicht sprach. Gefährlich war er vor allem dadurch, daß ihm viele aus der Brüderschaft seine Gegnerschaft lebhaft nachempfanden und viele von den weltlichen Besuchern ihn für einen großen Gerechten und Glaubenseiferer hielten, obschon sie in ihm einen unzweifelhaft Geistesschwachen nicht verkennen konnten. Aber diese heilige Geistesschwäche nahm sie gerade am meisten für ihn ein. Dieser Pater Ferapont ging z. B. nie zum Staretz Sossima. Zwar lebte auch er in der Einsiedelei, doch wurde er mit den dort üblichen Regeln nicht weiter belästigt, da er sich ja doch wie ein Geistesschwacher benahm. Er war etwa fünfundsiebzig Jahre alt, wenn nicht mehr, und lebte bei der Zaunecke hinter dem Bienengarten der Einsiedelei in einer alten, morschen Holzzelle, die dort schon vor langer Zeit, noch im vorigen Jahrhundert, für einen gleichfalls großen Faster und Trappisten, den Pater Jonas, erbaut worden war. Dieser Pater Jonas war hundertfünf Jahre alt geworden, und noch jetzt erzählte man sich im Kloster wie in der Umgegend merkwürdige Geschichten von ihm. Pater Ferapont hatte endlich durchgesetzt, daß man ihm erlaubte, sich in diese einsame Zelle zurückzuziehen, und so lebte er denn schon sieben Jahre in dieser kleinen Hütte, die aber von innen auffallend einem kleinen Bethaus glich, da alle Wände mit vielen, vielen geschenkten Heiligenbildern behangen waren und vor ihnen Tag und Nacht viele, viele geschenkte Lämpchen brannten, die mit Öl zu füllen, anzuzünden, sie zu besorgen und nach ihnen zu sehen, Pater Feraponts einzige Arbeit war. Er aß, wie man erzählte (und es war auch wahr), nur zwei Pfund Brot in drei Tagen, nie mehr; das wurde ihm alle drei Tage von dem daselbst im Bienengarten wohnenden Bienenwärter gebracht; doch auch mit diesem wechselte Pater Ferapont nur höchst selten ein paar Worte. Diese vier Pfund Brot und Sonntags das Abendmahlbrötchen, das ihm der Prior jedesmal pünktlich nach dem Hochamt schickte, waren die ganze Nahrung, die er in einer Woche zu sich nahm. Das Wasser dazu wurde ihm täglich im Kruge gebracht. Zur Liturgie oder zum Gottesdienst kam er nur selten. Fromme Pilger, die ihn besuchten, sahen, daß er zuweilen den ganzen Tag im Gebet auf den Knien lag und kein einziges Mal aufblickte. Ließ er sich einmal mit jemandem in ein Gespräch ein, so war er immer sehr lakonisch, jedenfalls sehr sonderbar und gewöhnlich sehr grob. Es kam wohl zuweilen vor – allerdings nur äußerst selten –, daß er selbst mit den Pilgern zu sprechen begann; doch sprach er dann meistenteils nur ein paar sonderbare Worte zu ihnen, die den armen Leuten viel zu denken gaben, da sie stets rätselhaft blieben, denn Pater Ferapont ließ sich durch keine Bitten mehr bewegen, eine Erklärung zu seinem Ausspruch zu geben. Die Priesterwürde besaß er nicht; er war nur ein gewöhnlicher Mönch. Unter den einfachen Leuten hatte sich das Gerücht verbreitet, daß Pater Ferapont mit den himmlischen Geistern in Verbindung stehe und mit ihnen rede, darum aber im Verkehr mit den Menschen schweige; doch glaubten daran nur die Allerungebildetsten. Der kleine Mönch aus Obdorsk nun hatte sich gegen Abend in den Bienengarten gewagt und war dann nach der Angabe des Bienenwärters, eines gleichfalls sehr schweigsamen und mürrischen Mönches, in der Richtung zur Zaunecke auf die Suche nach der Hütte Pater Feraponts gegangen. „Kann sein, daß er dir was sagt, kann aber auch sein, daß du nichts von ihm zu hören bekommst,“ sagte ihm der Bienenwärter. Das Mönchlein näherte sich nach seinen eigenen Worten in großer Angst und Ehrfurcht. Es war schon eine ziemlich späte Stunde. Pater Ferapont saß diesmal an der Tür der Zelle auf einer niedrigen, kleinen Bank. Über ihm rauschte sacht im Abendwind der Wipfel einer mächtigen, alten, uralten Ulme. Abendkühle schlich sich heran. Der kleine Obdorsksche Mönch fiel vor dem Gebenedeiten nieder, verneigte sich vor ihm bis zur Erde und bat ihn um seinen Segen.

„Willst du nicht, daß auch ich vor dir niederfalle, Mönch?“ fragte Pater Ferapont. „Erhebe dich!“

Das Mönchlein erhob sich gehorsam.

„Segne mich und sei gesegnet. Setz dich neben mich. Von woher hat’s dich hergeführt?“

Was am meisten das arme Mönchlein in Erstaunen setzte, war, daß Pater Ferapont trotz seines so strengen Fastens und seines hohen Alters, ein dem Ansehen nach wirklich noch starker Mann war, daß er sich jedenfalls ganz gerade hielt, doch von Wuchs, nicht im geringsten gebeugt war und ein, wenn auch mageres, so doch gesundes, frisches Gesicht hatte. Zweifellos besaß er auch noch eine bedeutende körperliche Kraft. Gebaut war er geradezu athletisch, und trotz seines hohen Alters war er noch nicht einmal ganz ergraut; er hatte sogar sehr dichtes Haupt- und Barthaar, das früher ganz schwarz gewesen sein mußte; hatte große, leuchtende, graue Augen – doch sperrte er die Augenlider so weit auf, daß es einem sofort auffiel. Das O sprach er stets stark betont und als deutliches O aus.[14] Gekleidet war er in eine lange, sackartige Kutte aus grobem „Sträflingstuch“, wie man diesen Stoff früher nannte, und mit einer dicken Schnur umgürtet. Der Hals und die Brust waren bloß. Ein beinahe schwarzes Hemd von gröbster Leinwand, das monatelang nicht von seinem Körper kam, blickte unter dem Kittel hervor. Es hieß, daß er unter diesem Kittel dreißigpfündige Ketten trug. Seine nackten Füße staken in alten, fast gänzlich auseinanderfallenden Schuhen.

„Ich komme aus der kleinen Obdorskschen Mönchsherberge des heiligen Silvester,“ antwortete demütig der kleine Mönch, doch blickten seine flinken Äuglein wohl etwas ängstlich, aber immerhin recht neugierig den Einsiedler an.

„Kenn ihn; hab bei ihm gewohnt. Was macht er jetzt, ist er gesund?“

Diese sonderbare Frage machte das Mönchlein nicht wenig betreten; es begann etwas zu stottern ...

„Einfältige Menschenkinder seid ihr! Wie haltet ihr das Fasten ein?“

„Unsere Speiseregel ist nach alter Einsiedlersatzung folgende: Während der großen Fastenzeit vor Ostern gibt es am Montag, Mittwoch und Freitag nichts, am Dienstag und Donnerstag für die Brüderschaft weiße Brote, Gerstentrank mit Honig, Schellbeeren oder gesalzenen Kohl und Hafermehlbrei. Am Sonnabend Weißkohl, Erbsen, Grütze mit Hanfsaft, alles in Öl. In der Woche zum Kohl noch getrockneten Fisch und Grütze. In der Karwoche aber vom Montag bis zum Sonnabend, also sechs Tage, nichts als Brot und Wasser und rohes Kraut, und auch das nur mit Enthaltsamkeit. Dann kann man wieder so essen wie in der ersten Fastenwoche; aber am heiligen Karfreitag wird nichts gegessen, und also auch am heiligen Sonnabend fasten wir bis zur dritten Morgenstunde, und dann dürfen wir etwas Brot mit Wasser und jeder je ein Gläschen Wein trinken. Am heiligen Gründonnerstag aber essen wir Gekochtes ohne Öl, trinken Wein mit etwas Trockenkost dazu; denn also ist auch auf dem heiligen Konzil zu Laodicäa gesagt worden: ‚Wenn ihr die ganze heilige Fastenzeit einhaltet, dann aber einen der letzten vier Tage freigebt, so habt ihr die ganze heilige Fastenzeit geschändet.‘ So ist es bei uns. Was aber ist das im Vergleich zu Euch, großer Vater,“ fügte das Mönchlein, dreister geworden, hinzu, „denn Ihr genießet doch das liebe runde Jahr und auch zu den heiligen Osterfeiertagen, wenn doch alle essen, nur Brot und Wasser, und was an Brot bei uns nur auf zwei Tage reicht, das genügt Euch für alle sieben Herrgottstage der Woche. Wahrlich, sie ist wunderbar, Eure so große Enthaltsamkeit.“

„Und die Pfefferschwämme?“ fragte plötzlich Pater Ferapont.

„Pfefferschwämme?“ fragte das Mönchlein erstaunt.

„Nun ja; ich werde auch noch von ihrem Brot fortgehen, brauch’s überhaupt nicht, gehe in den Wald, werde dort von Pfefferschwämmen oder Beeren leben; sie aber gehen hier nirgends fort von ihrem Sauerteig, sind also dem Teufel untertan, daß sie an ihn gebunden bleiben. Heutzutage reden die Unflätigen, es sei unnütz, so viel zu fasten. Das kommt alles nur von ihrer Unersättlichkeit und ihrem stinkenden Hochmut.“

„Ach ja, das ist wohl wahr!“ meinte das Mönchlein seufzend.

„Hast du aber bei ihnen auch die Teufel gesehen?“ fragte Pater Ferapont.

„Bei welchen ‚ihnen‘?“ erkundigte sich vorsichtig und schüchtern das Mönchlein.

„Im vergangenen Jahr ging ich am Karfreitag hinauf zum Prior, das war denn auch das letztemal, seitdem bin ich nie mehr dort gewesen. Sah, bei dem einen sitzt er auf der Brust, versteckt sich unter der Kutte, nur die Hörner gucken noch raus; beim anderen sitzt er in der Tasche, lauert nur noch vorsichtig mit flinken, kleinen Augen, hat Angst vor mir; beim dritten hat er sich im Bauch niedergelassen, an der unflätigsten Stelle seines Leibes; dem vierten hat er sich einfach an den Hals gehängt, und der trägt ihn wie nichts, bemerkt ihn überhaupt nicht.“

„Ihr ... Ihr seht so etwas?“ erkundigte sich das Mönchlein wieder.

„Sag ich dir doch, daß ich sie sehe, durch und durch sogar. Als ich dann langsam vom Prior fortging, da, sieh – sitzt einer hinter der Tür, will sich dort vor mir verstecken, solch ein fester Junge, eine oder anderthalb Arschin groß oder noch größer, mit einem dicken, dunkelbraunen, langen Schwanz, das Ende aber vom Schwanz war zwischen die Türspalte geraten – da war ich nicht dumm und knallte die Tür zu und klemmte seinen Schwanz ein. Wie er quiekte, wie er um sich schlug! Ich aber machte das Zeichen des Kreuzes dreimal nacheinander und kreuzte ihn einfach tot. Er krepierte denn auch auf der Stelle, wie eine plattgedrückte Spinne. Jetzt muß dort das Aas in der Ecke wohl schon verwest sein und stinken, sie aber sehen es weder, noch riechen sie es. Ein Jahr lang bin ich nicht mehr dort gewesen; nur dir hab ich’s gesagt, weil du doch ein Fremdling bist.“

„Furchtbar sind Eure Worte! Aber wie, großer, gebenedeiter Vater,“ – das Mönchlein wurde etwas mutiger – „ist es wahr, was man sich in fernen Gauen Rußlands von Euch erzählt, daß Ihr, wie es heißt, sogar mit dem Heiligen Geiste in fortwährendem Verkehre stehet?“

„Wenn er kommt, kommt’s vor.“

„Wie kommt er denn?“

„Geflogen kommt er.“

„In welcher Gestalt denn?“

„Als Vogel.“

„Also der Heilige Geist in Gestalt einer Taube?“

„Manchmal der Heilige Geist, manchmal der Heilgeist. Der Heilgeist ist was anderes, der kann auch als ein anderer Vogel herniederfahren: als Schwälbchen, als Stieglitz, als Meise.“

„Aber wie unterscheidet Ihr ihn denn von einer gewöhnlichen Meise?“

„Er spricht.“

„Aber wie spricht er denn? In welcher Sprache?“

„In menschlicher.“

„Aber was sagt er denn zu Euch?“

„Heute sagte er, daß ein Esel mich besuchen und dumme Fragen stellen werde. Willst wahrlich nicht wenig wissen.“

„Furchtbar sind Eure Worte, gebenedeiter, heiligster Vater,“ sagte das Mönchlein kopfschüttelnd; doch in seinen erschrockenen Äuglein lag ein bißchen Mißtrauen.

„Siehst du hier diesen Baum?“ fragte nach einigem Schweigen Pater Ferapont.

„Jawohl, heiliger Vater.“

„Deiner Meinung nach ist’s eine Ulme, meiner Meinung nach aber ist’s ein ganz anderes Ding.“

„Was ist es denn?“ Das Mönchlein schwieg in vergeblicher Erwartung.

„Meistens in der Nacht,“ sagte plötzlich nach längerem Schweigen Pater Ferapont. „Siehst du diese zwei großen Äste? In der Nacht streckt Christus von dort seine Arme mir entgegen und sucht mich mit diesen Armen, das sehe ich deutlich, und ich zittere. Furchtbar, o furchtbar!“

„Was ist denn dabei furchtbar, wenn es Christus selbst ist?“

„Er kann mich doch erfassen und emportragen.“

„Lebendig?“

„Hast du denn von Elias nichts gehört? Er umfaßt einen und trägt einen fort ...“

Obschon der kleine Obdorsksche Mönch nach diesem Gespräch nicht wenig nachdenklich in die ihm angewiesene Zelle eines der Klosterbrüder kam, so fühlte er sein Herz doch mehr zum Pater Ferapont als zum Staretz Sossima hingezogen. Das arme Mönchlein war vor allen Dingen fürs Fasten, und da sollte es, seiner Meinung nach, niemanden weiter wundernehmen, wenn solch ein Faster, wie Pater Ferapont, auch „Wunderbares erschaute“. Seine Worte waren allerdings etwas absonderlich gewesen, aber wer konnte denn außer Gott wissen, was sich in ihnen verbarg, in diesen Worten, und doch konnte man allen anderen um Christi willen Einfältigen kein einziges solcher Worte und keine einzige solcher Taten nachrühmen. An den eingeklemmten Teufelsschwanz war er nicht etwa im bildlichen, sondern im buchstäblichen Sinn des Wortes mit ganzer Seele und mit wahrem Vergnügen zu glauben bereit. Außerdem war er immer sehr voreingenommen gegen das Startzentum gewesen, das er bis jetzt nur vom Hörensagen kannte und wie viele andere gleichfalls für eine schädliche Neuerung hielt. Noch war er keinen ganzen Tag im Kloster gewesen, als er schon das geheime Murren einiger freimütiger Klosterbrüder wider das Startzentum vernommen hatte. Zudem war er schon von Natur ungewöhnlich neugierig und für alles interessiert, weshalb er denn auch immer umherschnüffelte und überall spionierte. Das war nun der Grund, warum ihn die Nachricht von dem neuen „Wunder“, das der Staretz Sossima vollbracht haben sollte, so erregte. Aljoscha erinnerte sich später, daß er in der Menge, die sich vor der Zelle des Staretz drängte, mehrmals die kleine Gestalt des herumschnüffelnden Gastes vom heiligen Silvester bemerkt hatte, wie der Kleine von Gruppe zu Gruppe ging, überall horchte und fragte. Doch damals beachtete er ihn nicht weiter; erst später fiel es ihm wieder ein ... Und war ihm doch auch an jenem Tage nicht darum zu tun: dem Staretz Sossima, der sich wieder sehr müde gefühlt und sich hingelegt hatte, war plötzlich, schon im Einschlafen, Aljoscha eingefallen, und so hatte er ihn sofort zu sich rufen lassen. Aljoscha eilte zu ihm. Beim Staretz befanden sich gerade nur Pater Paissij, der Priestermönch Pater Jossiff und der Novize Porfirij. Der Staretz schlug seine müden Augen auf, blickte Aljoscha aufmerksam an und fragte ihn plötzlich:

„Erwarten dich nicht die Deinen, mein Sohn?“

Aljoscha erschrak und stotterte etwas.

„Bedürfen sie nicht deiner? Hast du gestern nicht jemandem versprochen, heute hinzukommen?“

„Ja ... meinem Vater ... den Brüdern ... auch anderen ...“

„Siehst du, geh unbedingt hin, sei nicht traurig. Wisse, daß ich nicht sterben werde, ohne in deiner Gegenwart mein letztes Wort hier auf Erden gesagt zu haben. Dir werde ich dieses Wort sagen, dir vermache ich es, dir, mein geliebter Sohn, denn ich weiß, daß du mich liebst. Jetzt aber geh zu denen, welchen du versprochen hast zu kommen.“

Wie schwer es Aljoscha auch war, jetzt fortzugehen, so gehorchte er doch widerspruchslos. Aber die Verheißung, das letzte Wort des Staretz hier auf Erden zu hören, und zwar als ein Vermächtnis an ihn, Aljoscha, erschütterte und begeisterte seine Seele. Er beeilte sich, schneller in die Stadt zu gehen, um schneller wieder zurückkehren zu können. Da sprach noch Pater Paissij, als Aljoscha mit ihm die Zelle des Staretz verließ, einige Worte zu ihm, die einen tiefen und unerwarteten Eindruck auf ihn machten.

„Denke daran, Jüngling,“ sagte der Pater, „daß die weltliche Wissenschaft, die zu einer großen Macht geworden ist, namentlich im letzten Jahrhundert alles niedergerissen hat, was uns Himmlisches in den Büchern der Heiligen vermacht worden. Nach einer grausamen Analyse scheint bei den Gelehrten dieser Welt vom ganzen früheren Heiligtum überhaupt nichts übriggeblieben zu sein. Sie haben es aber stückweise analysiert, doch der Geist des Ganzen ist ihnen entgangen. Man kann sich wirklich nur wundern, wie blind sie in der Beziehung sind. So steht denn das Ganze auch jetzt noch unerschüttert vor ihnen, und die Geister der Hölle können ihm nichts anhaben. Hat es denn nicht neunzehn Jahrhunderte gelebt, lebt es denn nicht auch jetzt noch in Regungen der Seelen einzelner wie in den Bewegungen ganzer Volksmassen? Sogar in den Regungen dieser selben, die alles zerstört haben, in den Seelen der Atheisten, lebt es wie früher unzerstört und unerschütterlich fort. Denn auch die, die sich vom Christentum losgesagt haben und gegen dasselbe eifern, haben in ihrem Innersten doch das Wesen dieses selben Christus behalten, denn bis jetzt ist weder ihre Weisheit, noch die Glut ihres Herzens fähig gewesen, ein anderes, höheres Ideal des Menschen und seiner Menschenwürde hervorzubringen, als das von Christus gegebene. Was sie aber an Versuchen hervorgebracht haben, ist nichts als Mißgestalt. Behalte das besonders, Knabe, denn dein scheidender Staretz hat dich für die Welt bestimmt. Vielleicht wirst du, wenn du dieses großen Tages gedenkst, auch meiner Worte gedenken, die ich dir von Herzen als Geleit gebe, denn jung bist du, die Welt aber ist voll schwerer Versuchungen, und ihnen sind deine Kräfte nicht gewachsen. Jetzt geh, mein verwaister Junge.“

Mit diesen Worten segnete ihn Pater Paissij. Als Aljoscha das Kloster verließ und noch all diese unerwarteten Worte überdachte, begriff er plötzlich, daß er in diesem sonst so strengen Mönche einen neuen herzlichen Freund und ihn heiß liebenden neuen Führer gefunden hatte – ganz, als ob sein Staretz ihm Pater Paissij als Vermächtnis hinterlassen wollte. „Vielleicht ist auch wirklich so etwas zwischen ihnen verabredet worden,“ dachte Aljoscha. Die unerwarteten und lehrreichen Worte Pater Paissijs, die er soeben vernommen hatte, zeugten jedenfalls von dem Anteil desselben: Er beeilte sich offenbar, den jungen Geist zum Kampf mit den Versuchungen zu wappnen und die ihm anvertraute junge Seele unter seinen Schutz zu nehmen.

II. Beim Vater

Ganz zuerst ging Aljoscha zu seinem Vater. Als er sich dem Hause näherte, fiel ihm ein, daß ihn der Vater gebeten hatte, möglichst vorsichtig einzutreten, damit sein Bruder Iwan es nicht höre oder sonstwie bemerke. „Warum wohl?“ fragte sich Aljoscha. „Wenn er mir allein etwas heimlich zu sagen hat, warum soll ich denn deswegen heimlich eintreten? Vielleicht hatte er es gestern in der Erregung anders gemeint, sich aber nur nicht richtig ausgedrückt,“ dachte er schließlich. Trotzdem war er froh, als ihm Marfa Ignatjewna, die ihm die Hofpforte aufschloß (Grigorij war, wie sich zeigte, unwohl und lag zu Bett), auf seine Frage mitteilte, daß Iwan Fedorowitsch schon vor zwei Stunden fortgegangen sei.

„Und der Vater?“

„Sind aufgestanden, trinken Kaffee,“ antwortete Marfa Ignatjewna etwas trocken.

Aljoscha trat ein. Der Alte saß in Hausschuhen und in einem alten Mantel allein am Tisch und sah zum Zeitvertreib, übrigens ohne große Aufmerksamkeit, irgendwelche Rechnungen durch. Er war ganz allein im Hause; Ssmerdjäkoff war einkaufen gegangen. Doch die Rechnungen schienen ihn nicht sonderlich zu beschäftigen. Er war allerdings früh aufgestanden und versuchte, munter zu sein, denn er wollte auf keinen Fall krank scheinen, doch sah er noch müde und angegriffen aus. Seine Stirn, auf der sich über Nacht die blutunterlaufenen Flecke noch verdunkelt hatten, war mit einem roten Tuch umwunden. Die Nase war gleichfalls über Nacht gehörig angeschwollen, und auch auf ihr zeichneten sich einige weniger bedeutende blutunterlaufene Flecke ab, die dem Gesicht entschieden ein ganz besonders gereiztes und böses Aussehen verliehen. Der Alte wußte das auch selbst und blickte daher dem eintretenden Aljoscha nichts weniger als freundlich entgegen.

„Der Kaffee ist kalt,“ sagte er kurz, „biete ihn dir auch nicht an. Ich sitze heute selbst auf dem Trockenen, das heißt, werde nichts als Fastenfischsuppe genießen, fordere daher auch niemanden zum Essen auf. Wozu hast du dich herbemüht?“

„Um mich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen,“ sagte Aljoscha.

„So, und außerdem hab ich dir gestern befohlen, herzukommen. Solch ’n Blödsinn. Hast aber umsonst geruht, dich zu bemühen. Übrigens wußt ich’s ja, daß du dich sofort ranschleppen wirst ...“

Alles, was er sprach, sagte er im feindseligsten Tone. Er erhob sich vom Stuhl und blickte besorgt in den Spiegel (vielleicht zum vierzigstenmal an diesem Morgen), um wieder seine Nase zu betrachten. Auch versuchte er, das rote Tuch auf der Stirn zurechtzuzupfen, damit es etwas hübscher aussähe.

„Ein rotes ist doch immerhin etwas besser, im weißen sieht man ja sofort wie ein wandelndes Lazarett aus,“ bemerkte er bissig. „Nun, wie ist’s denn dort bei dir? Was macht dein Alter?“

„Es geht ihm sehr schlecht; er wird vielleicht heute noch sterben,“ antwortete Aljoscha; doch der Vater hörte ihm schon nicht mehr zu und hatte auch seine Frage sofort wieder vergessen.

„Iwan ist fortgegangen,“ sagte er plötzlich. „Er macht jetzt Mitjka mit aller Gewalt die Braut abspenstig – einzig darum lebt er hier,“ fügte er mit boshaft verzogenen Lippen hinzu und blickte Aljoscha an.

„Hat er das wirklich Ihnen selbst gesagt?“ fragte Aljoscha.

„Jawohl und schon vor langer Zeit. Was glaubst du wohl: vor nicht weniger als drei Wochen hat er’s selbst ausgesprochen. Ist doch nicht hergekommen, um mich heimlich aufzuspießen! Zu irgendeinem Zweck muß er doch gekommen sein?“

„Warum, weshalb reden Sie so?“ fragte Aljoscha erschrocken und verwirrt.

„Um Geld bittet er mich nicht, das ist wahr; aber er wird ja auch von mir keinen Heller zu riechen bekommen. Ich, mein liebster Alexei Fedorowitsch, ich beabsichtige nämlich, möglichst lange hier in dieser Welt zu leben, das lassen Sie sich ein für allemal gesagt sein, damit Sie’s nur wissen; darum aber brauche ich jede Kopeke, und je länger ich lebe, um so nötiger habe ich sie,“ fuhr er fort, im Zimmer auf und ab schreitend, die Hände in den Taschen seines breiten, gelben, befleckten Sommermantels. „Jetzt bin ich immerhin noch ein Mann, hab’ erst fünfundfünfzig auf dem Buckel; und will mich noch mindestens zwanzig Jahre zu den Männern zählen. Wenn ich dann alt werde und widerlich – dann werden sie doch nicht mehr gutwillig zu mir kommen; nun, und dann wird man’s eben mit den Gelderchen machen müssen. Also baue ich jetzt vor und sammle, sammle – für mich allein, mein verehrter Herr Sohn, damit Sie’s nur beizeiten wissen; denn ich beabsichtige in meiner Liederlichkeit bis zu meinem Ende zu leben, das lassen Sie sich gesagt sein. Liederlich zu leben, ist doch am schönsten; alle schimpfen darüber, und doch leben sie alle ebenso, bloß tun sie es alle heimlich, ich aber tue es öffentlich. Wegen dieser meiner Offenherzigkeit schimpfen ja jetzt sämtliche Schweine über mich. Für dein Paradies aber danke ich untertänigst, das kann mir gestohlen werden, damit du’s nur weißt, mein lieber Alexei Fedorowitsch; und ’s wäre ja auch für einen anständigen Menschen unanständig, dorthin zu kommen, selbst wenn es so etwas geben würde. Meiner Meinung nach schläft man einfach ein und wacht nicht mehr auf, und weiter gibt es nichts. Wollt ihr meiner noch gedenken, Seelenmessen für mich lesen lassen, na, meinetwegen, wenn’s euch Spaß macht; wollt ihr nicht, na, dann hol euch allesamt der Teufel. Das ist meine ganze Philosophie. Gestern bei Tisch redete Iwan nicht schlecht, wenn wir auch alle betrunken waren. Iwan ist ein Prahlhans, und von so ’ner großen Gelehrsamkeit oder Bildung merk ich nichts bei ihm ... er lächelt bloß und macht sich innerlich lustig über dich, versteht aber zu schweigen – das ist alles, was er kann.“

Aljoscha hörte zu und schwieg.

„Warum spricht er nicht mit mir? Spricht er aber mal mit mir, so verstellt er sich ... ’n Schuft ist dein Iwan! Gruschenka aber werde ich heiraten, sobald ich nur will. Denn mit Geld in der Tasche braucht man nur zu wollen, mein verehrter Alexei Fedorowitsch, und alles geschieht, was man will. Das aber ist es ja, was Iwan fürchtet, und darum bewacht er mich hier, damit ich nicht heirate, und darum hetzt er auch Dmitrij, daß er Gruschenka nehme. Auf diese Weise will er mich von Gruschenka fernhalten – als ob ich ihm Geld hinterließe, wenn ich sie nicht heirate! – und andererseits, wenn Mitjka die Gruschenka heiratet, so fällt ihm noch dessen reiche Braut zu; siehst du jetzt, was für Berechnungen er hat! ’n Schuft ist dein ganzer Iwan!“

„Sie sind heute noch von dem gestern Erlebten gereizt; Sie müßten sich etwas erholen, zu Bett gehen,“ sagte Aljoscha.

„Sieh, wenn du mir das sagst,“ bemerkte plötzlich der Alte, als ob es ihm zum erstenmal aufgefallen wäre, „dann ärgere ich mich nicht über dich; auf Iwan aber, wenn er mir dasselbe gesagt hätte, würde ich sofort spinnwütend geworden sein. Nur mit dir allein bin ich ein paar Augenblicke lang gut gewesen, denn sonst bin ich ja doch ein böser Mensch.“

„Nein, Sie sind kein böser Mensch, Sie sind nur ein verdorbener Mensch,“ sagte Aljoscha lächelnd.

„Hör, ich wollte schon diesen Räuber Mitjka heute einsperren lassen, und eigentlich weiß ich auch jetzt noch nicht genau, was ich tun werde. Heutzutage ist es ja wohl höchst modern, Väter und Mütter für ein Vorurteil zu halten; aber nach dem Gesetz, glaube ich wenigstens, ist es selbst in unserer aufgeklärten Zeit noch nicht schwarz auf weiß erlaubt, seine Väter an den Haaren zu reißen, auf dem Fußboden herumzuschleifen und mit den Absätzen ins Gesicht zu treten, dazu in deren eigenem Hause! Und dann sich noch zu brüsten, später wiederzukommen, um einen ganz totzuschlagen, dazu alles in Gegenwart von Zeugen! Ich könnte ihn, wenn ich wollte, für das Gestrige sofort einsperren lassen.“

„Aber Sie werden es doch nicht tun?“

„Iwan riet mir ab. Ich pfeife natürlich auf Iwan; aber mir ist dabei etwas anderes eingefallen ...“

Er näherte sich Aljoscha, beugte sich zu ihm nieder und fuhr in geheimnisvollem Geflüster fort:

„Lasse ich den Schuft festsetzen, so erfährt sie es und läuft sofort zu ihm; hört sie dagegen, daß er mich, den schwachen Greis, halb totgeschlagen hat, so ist es möglich, daß sie ihm den Rücken kehrt und mich besuchen kommt ... Wir kennen doch die Weiber – immer das Entgegengesetzte! Itsch, dann erst recht! Ich kenne sie wie meine fünf Finger! Aber willst du nicht ’nen kleinen Kognak? Trink mal ’n bissel Kaffee; er ist zwar nur lauwarm, aber er kann dir nicht schaden; werde dir ein Viertelgläschen hineingießen, das gibt dem Zeug ’nen andern Geschmack.“

„Nein, danke, nicht nötig. Dieses Brötchen werde ich mir in die Tasche stecken, wenn Sie erlauben,“ sagte Aljoscha und steckte sich ein Dreikopeken-Franzbrot in die Tasche seiner Kutte. „Und auch Sie sollten heute lieber keinen Kognak trinken,“ meinte er mit einem etwas besorgten Blick auf das Gesicht des Vaters.

„Du hast recht, er reizt nur und gibt keine Ruh. Aber ein einziges Gläschen ... Ich nehm ihn aus dem Schränkchen ...“

Er zog seine Schlüssel aus der Tasche und schloß das Schränkchen auf, goß sich ein Gläschen ein und schloß dann das Schränkchen wieder zu.

„So, Schluß damit. Von einem Kognak werde ich doch nicht krepieren.“

„Sie sind davon immerhin schon freundlicher geworden,“ meinte Aljoscha lächelnd.

„Hm! Dich liebe ich auch ohne Kognak; mit Schuften aber bin auch ich ’n Schuft. Wanjka will nicht nach Tschermaschnjä fahren – warum nicht? Mich bespionieren will er: ob ich Gruschenka viel gebe, wenn sie kommt. Alle sind Schufte! Und diesen Iwan erkenne ich überhaupt nicht an, will nichts von ihm wissen, kenne ihn überhaupt nicht! Von wo mag solch einer nur hergekommen sein? Gar nicht wie unsereiner; weiß der Teufel, was der Kerl für eine Seele hat. Und als ob ich ihm etwas hinterlassen werde! Nicht mal ’n Testament werde ich hinterlassen, damit ihr’s nur wißt, meine Verehrtesten! Mitjka aber, den schlag ich platt wie eine Schabe. Wenn diese schwarzen Biester nachts in mein Zimmer kommen, so knacke ich sie immer mit dem Pantoffel: es knallt, daß es eine wahre Freude ist, wenn man drauftritt und sie platzen. So wird auch dein Mitjka platzen, wenn ich ihn plattdrücke. Sage ‚dein Mitjka‘, weil du ihn ja so ins Herz geschlossen hast. Sieh, du liebst ihn; ich aber fürchte mich deshalb nicht, weil du ihn liebst. Wenn ihn aber Iwan liebte, so würde ich für mich, weil der ihn liebt, Angst bekommen. Aber Iwan liebt niemanden, Iwan ist kein Mensch wie wir; solche Menschen, wie Iwan, das, weißt du, sind nicht Menschen, das ist aufgewirbelter Staub ... kommt ein Wind, so wird der Staub verweht ... Gestern kam mir eine Dummheit in den Kopf, als ich dir befahl, heute herzukommen; wollte durch dich etwas von Mitjka erfahren ... wenn man ihm Eintausend, nun, sagen wir Zweitausend, hinschmisse, er hat doch nichts – ob er sich dann wohl dazu verstehen würde, sich von hier zu packen, aber ganz und gar, auf fünf Jahre oder besser auf fünfunddreißig, und ohne Gruschenka, versteht sich, sich vielmehr ganz von ihr loszusagen, was meinst du?“

„Ich ... ich werde ihn fragen ...“ stotterte Aljoscha leise. „Wenn Sie alle Dreitausend geben würden, so wäre es vielleicht möglich, daß er ...“

„Du lügst! Und jetzt ist es überhaupt nicht nötig zu fragen! Hab mich anders bedacht. Das war nur so’n dummer Gedanke, der mir gestern in die Dachstube kletterte. Nichts gebe ich, nicht einmal zu riechen kriegt er was, meine Gelderchen brauche ich für mich allein!“ Der Alte wurde wütend und fuchtelte mit den Armen. „Werde ihn auch ohnedem wie ’ne Schabe plattdrücken. Sag du ihm nichts, sonst faßt er womöglich noch Hoffnung. Und auch du hast hier nichts bei mir zu suchen, schieb mal ab! Und diese seine Braut, die Katerina Iwanowna, die er so sorgfältig die ganze Zeit vor mir verbirgt, wird die ihn nun nehmen oder nicht? Du gingst doch gestern zu ihr, wie?“

„Sie will ihn um keinen Preis verlassen.“

„Ja, gerade solche werden ja von den zärtlichen Damen geliebt, solche Durchgänger und Schufte! Taugen nichts, das sag ich dir, diese blassen Fräulein; da ist doch ganz was andres so’n ... Na, du solltest mal sehn, wenn ich seine Jahre hätte und mein damaliges Gesicht – denn mit achtundzwanzig Jahren war ich hübscher als er –, so würde ich ganz genau so wie er siegen und Triumphe feiern. Solch eine Kanaille! Aber Gruschenka kriegt er doch nicht, kriegt er doch nicht! ... Werde ihn vernichten, zu Dreck machen!“

Bei den letzten Worten wurde er wieder wild.

„Aber jetzt kannst auch du dich packen, hast nichts hier bei mir zu suchen,“ sagte er barsch.

Aljoscha trat zu ihm, um sich zu verabschieden, und küßte ihn auf die Schulter.

„Was soll das?“ fragte der Alte etwas verwundert. „Werden uns doch noch sehen. Oder glaubst du, daß wir uns nicht mehr sehen werden?“

„Durchaus nicht, ich tat es nur so, ganz zufällig.“

„Nun ja, auch ich sagte es nur so ...“ Der Alte blickte ihn an. „Hör mal, hör,“ rief er ihm plötzlich noch nach; „komm einmal zur Fischsuppe her, werde eine kochen lassen, eine besondere, pikfeine, nicht so wie heute, komm bestimmt! Komm morgen, hörst du, unbedingt morgen!“

Kaum war Aljoscha hinausgegangen, als der Alte wieder zu seinem Schränkchen trat und sich noch ein halbes Gläschen hinter die Binde goß.

„Jetzt aber Schluß!“ murmelte er, räusperte sich krächzend, schloß das Schränkchen wieder zu und steckte den Schlüssel in die Tasche; darauf ging er ins Schlafzimmer, legte sich erschöpft aufs Bett und schlief im Augenblick fest ein.

III. Die kleinen Schuljungen

„Gott sei Dank, daß er mich nicht nach Gruschenka gefragt hat,“ dachte seinerseits Aljoscha, als er das Haus des Vaters verließ und sich zu Frau Chochlakoff auf den Weg machte, „sonst hätte ich ja schließlich von der gestrigen Begegnung mit Gruschenka erzählen müssen.“ Aljoscha fühlte es schmerzlich, daß die Widersacher sich über Nacht mit neuen Kräften von neuem erhoben und ihre Herzen sich mit dem anbrechenden Tage von neuem verhärtet hatten. „Der Vater ist gereizt und wütend, er hat sich jetzt etwas ausgedacht und scheint dabei bleiben zu wollen. Und Dmitrij? Der wird über Nacht gleichfalls einen Entschluß gefaßt haben und wird wahrscheinlich ebenso gereizt und wütend sein ... und wer weiß, was er sich noch ausgedacht hat ... O, unbedingt muß ich mir heute noch die Zeit nehmen, ihn, einerlei wo, aufzusuchen. Ja, das muß ich unbedingt tun ...“

Doch Aljoscha hatte nicht lange Zeit zum Nachdenken: unterwegs stieß ihm etwas zu, das anscheinend nicht so wichtig war, ihn aber doch ungewöhnlich erschütterte. Kaum war er über den großen Platz gegangen und in eine Nebenstraße eingebogen, um in die Michailoff-Straße zu gelangen – die von der Großen Straße nur durch einen kanalartigen Graben getrennt war (unsere ganze Stadt ist von derartigen Kanälen oder breiten Gräben durchzogen), als er unten am Graben, nicht weit von einer Brücke, eine Gruppe kleiner Schüler, Jungen von etwa neun bis zwölf Jahren bemerkte. Sie waren auf dem Heimweg aus der Schule und trugen ihre Ränzchen auf dem Rücken oder hatten lederne Büchersäcke an Riemen über die Schulter gehängt; einige waren nur in Jäckchen, andere in Mäntelchen, und ein paar von ihnen hatten hohe Stulpenstiefelchen an, mit Falten in den Stiefelschaften, auf die kleine Knaben stets sehr stolz sind, doch die eigentlich nur wohlhabende Eltern, die ihre Kinder verwöhnen, kaufen können. Die ganze kleine Gesellschaft sprach äußerst lebhaft: man schien sich zu beraten. Aljoscha konnte niemals teilnahmslos an kleinen Kindern vorübergehen (in Moskau war er immer stehen geblieben, um sie zu beobachten), und obwohl er am meisten die Dreijährigen liebte, so gefielen ihm doch auch kleine Schuljungen von zehn Jahren sehr. Darum aber verspürte er jetzt große Lust, so sehr er auch in Sorge war, zu ihnen zu gehen und mit diesen Jungen etwas zu sprechen. Er näherte sich ihnen und betrachtete ihre rosigen, lebhaften Gesichtchen; plötzlich fiel ihm auf, daß ein jeder von ihnen einen Stein in der Hand hielt, einige sogar zwei. Zugleich bemerkte er, daß auf der anderen Seite des Kanals, ungefähr dreißig Schritt von der erregten Gruppe, am Zaun noch ein Knabe stand, gleichfalls ein kleiner Schüler, der auch solch ein Büchertäschchen trug, etwa zehn Jahre alt war oder etwas jünger, ein bleicher kränklicher Kleiner mit dunklen, blitzenden Augen. Er stand und beobachtete aufmerksam die Gruppe der sechs anderen kleinen Schüler, die offenbar seine Schulkameraden waren, doch mit denen er in Fehde zu liegen schien. Aljoscha trat zu ihnen heran und sagte, an einen blonden rotbackigen Knaben in schwarzem Jäckchen sich wendend, indem er ihn betrachtete:

„Als ich solch eine kleine Büchertasche trug, wie du sie hast, trug man sie auf der linken Seite, um bequem mit der rechten Hand hineinlangen zu können; du aber trägst die Tasche auf der rechten Seite, so kannst du sie doch nicht so leicht erreichen.“

Aljoscha hatte ganz unbeabsichtigt mit dieser sachlichen Bemerkung begonnen, ohne zu wissen, daß ein Erwachsener, wenn er das Zutrauen eines Kindes oder gar einer ganzen Gruppe Kinder gewinnen will, gerade so ernst und sachlich beginnen und sie unbedingt als vollkommen gleichstehend behandeln muß; Aljoscha hatte aus dem Instinkt heraus das Richtige getroffen.

„Aber er ist doch ein Linkpfot,“ antwortete sofort ein anderer Knabe, ein gesunder, mutiger Junge von etwa elf Jahren. Die Augen der übrigen fünf richteten sich forschend auf den Jüngling in der Mönchskutte.

„Er – er wirft auch die Steine mit der linken Hand,“ bemerkte ein dritter.

In dem Augenblick flog auf die Gruppe ein Stein, streifte nur leicht den „Linkpfot“, war aber geschickt und kräftig geschleudert worden. Er kam von dem kleinen Knaben, der auf der anderen Seite des Grabens stand.

„Gib ihm eins, ziel aber gut, Ssmuroff!“ riefen sofort alle erregt dem „Linkpfot“ zu.

Doch Ssmuroff (der „Linkpfot“) ließ nicht lange warten und zahlte sofort heim; er zielte und schleuderte seinen Stein auf den Knaben jenseits des Grabens, traf ihn aber nicht: der Stein schlug an den Zaun. Der Knabe jenseits des Grabens schleuderte sofort noch einen Stein auf die feindliche Gruppe und traf diesmal – Aljoscha ziemlich schmerzhaft an der Schulter: er hatte auch ersichtlich gerade auf ihn gezielt. Seine Taschen waren voll von Steinen, das konnte man auf dreißig Schritt an seinen abstehenden Paletotseiten erkennen.

„Er hat auf Sie gezielt, absichtlich gerade auf Sie! Sie sind doch ein Karamasoff, nicht wahr, ein Karamasoff?“ schrien unter erregtem Lachen die Knaben. „Jetzt aber alle auf einmal! Eins, zwei, drei!“

Und sechs Steine flogen auf Kommando aus der Gruppe über den Graben. Ein Stein traf den Jungen am Kopf und er fiel hin, doch sprang er im Augenblick wieder auf und fing an, wie rasend geworden, seine Steine auf die Feinde zu schleudern. Es begann ein lebhaftes Bombardement; es zeigte sich, daß auch einige von den Sechsen Steine vorrätig in den Taschen hatten.

„Was fällt euch ein! Schämt ihr euch nicht! Sechs gegen einen, ihr könnt ihn ja totschlagen!“ rief Aljoscha erschrocken aus.

Er sprang schnell vor, den fliegenden Steinen entgegen, um so mit seinem Körper den Kleinen jenseits des Grabens zu schützen. Drei oder vier von den Jungen hielten eine Minute lang inne.

„Er hat selbst angefangen!“ rief ein Kleiner in einer roten Bluse mit hoher Kinderstimme, „er ist ein Schuft, er hat neulich Krassotkin mit dem Federmesser gestochen, so daß Blut floß. Krassotkin wollte nur nicht klagen gehn, ihn aber muß man durchprügeln ...“

„Warum das? Ihr neckt ihn wahrscheinlich?“

„Ha! jetzt hat er Sie wieder mit einem Stein in den Rücken getroffen! Er kennt Sie!“ schrien die Kinder. „Jetzt zielt er nur auf Sie, nicht auf uns! Nun aber alle Mann hoch, schieß gut, Ssmuroff!“

Und wieder begann das Bombardement, diesmal aber recht erbittert. Da schlug ein Stein den kleinen Knaben vor die Brust: er schrie auf und lief weinend den Berg hinauf zur Michailoff-Straße. In der Gruppe erhob sich sofort ein Triumphgeschrei: „Acha hat Angst bekommen, läuft fort, Bastwisch!“

„Sie wissen nicht, Karamasoff, was das für ein gemeiner Junge ist, ihn totschlagen wäre noch viel zu wenig,“ sagte der Knabe in der Jacke, anscheinend der älteste von den Sechsen.

„Wieso?“ fragte Aljoscha, „petzt er etwa?“

Die Knaben tauschten gleichsam spöttische Blicke untereinander aus.

„Gehen Sie auch in die Michailoffstraße?“ fragte derselbe Knabe. „So holen Sie ihn doch ein ... Sehen Sie, er ist wieder stehen geblieben, er wartet und sieht gerade auf Sie.“

„Ja, er sieht gerade auf Karamasoff, auf Karamasoff!“ riefen sofort auch die anderen.

„Fragen Sie ihn, ob er solch einen Badequast, solch einen rötlich-gelben Lindenbastwisch, mit dem man scheuert oder sich wäscht, ob er solch einen Bastwisch liebt? Hören Sie, fragen Sie ihn gerade so!“

Alle lachten. Aljoscha blickte sie an, und sie blickten wiederum ihn an.

„Gehn Sie nicht, er wird Sie hauen,“ sagte ihn warnend der kleine Ssmuroff.

„Nach dem Bastwisch werde ich ihn nicht fragen, denn wahrscheinlich neckt ihr ihn aus irgendeinem Grunde gerade damit, aber ich werde ihn fragen, warum ihr ihn so haßt ...“

„Fragen Sie nur, fragen Sie nur!“ war die lachende Antwort.

Aljoscha ging über die Brücke und dann den Berg hinauf, längs dem Zaun, gerade auf den von seinen Kameraden geächteten Knaben zu.

„Seien Sie vorsichtig!“ schrien ihm noch die anderen warnend nach, „er hat keine Angst vor Ihnen, er wird Sie plötzlich stechen, hinterrücks ... wie er Krassotkin gestochen hat.“

Der Knabe erwartete ihn, ohne sich zu rühren. Als Aljoscha sich ihm näherte, sah er vor sich einen Knaben von höchstens neun Jahren, eines von den schwächlichen und kleinen Kindern, mit einem bleichen und mageren, länglichen Gesichtchen, mit großen, dunklen und böse ihm entgegenblickenden Augen. Sein Mäntelchen war schon ziemlich alt und vertragen und viel zu eng und zu knapp: er war aus ihm bereits ganz herausgewachsen. Die bloßen Hände hingen aus kurzgewordenen Ärmelchen heraus. Auf dem rechten Knie hatten die Höschen einen großen Flecken, und der rechte Stiefel hatte vorn bei der großen Zehe ein großes Loch, das stark mit Tinte eingeschmiert war. Beide Taschen seines Mäntelchens waren voll von Steinen. Aljoscha blieb zwei Schritt vor ihm stehen und blickte ihn fragend an. Der Kleine, der an Aljoschas Augen erriet, daß dieser ihn nicht schlagen werde, schien sich ein wenig zu schämen, und er begann sogar ungefragt zu sprechen:

„Ich bin allein, und sie sind sechs ... Ich werde sie alle ganz allein verprügeln,“ sagte er mit blitzenden Augen.

„Der eine Stein muß dich sehr schmerzhaft getroffen haben,“ bemerkte Aljoscha.

„Ich aber habe Ssmuroff an den Kopf getroffen!“ rief der Knabe triumphierend.

„Sie sagten mir, daß du mich kennst und aus einem besonderen Grunde absichtlich auf mich mit den Steinen geworfen hättest?“ fragte Aljoscha.

Der Knabe blickte ihn finster an.

„Ich kenne dich nicht. Kennst du mich denn?“ fuhr Aljoscha in seinen Fragen fort.

„Gehn Sie fort!“ schrie ihn plötzlich der Knabe gereizt an, ohne aber sich selbst vom Platz zu rühren, als ob er noch etwas erwartete, und wieder blitzten seine dunklen Augen böse auf.

„Gut, ich werde fortgehen,“ sagte Aljoscha, „nur kenne ich dich nicht, und du sollst nicht glauben, daß ich dich etwa necken will. Deine Kameraden sagten mir, wie du geneckt wirst, ich aber will dich wirklich nicht necken, nun, leb wohl!“

„Kuttenmönch, hosenloser Kuttenmönch!“ höhnte der Knabe geflissentlich und verfolgte ihn immer noch mit demselben boshaften, herausfordernden Blick; er stellte sich auch schon in Positur, da er offenbar glaubte, Aljoscha werde sich unbedingt auf ihn stürzen – doch Aljoscha blickte sich nur einmal nach ihm um und ging. Er hatte aber noch nicht drei Schritte gemacht, als ihn ein ziemlich großer Stein, der größte, den der Knabe gehabt hatte, schmerzhaft in den Rücken traf.

„Also hinterrücks? Dann ist es also wahr, was sie von dir gesagt haben, daß du hinterrücks überfällst?“ fragte Aljoscha, der stehen geblieben war und sich zurückwandte, doch diesmal schleuderte der Knabe mit wahrer Wut wieder einen Stein auf Aljoscha und würde ihn gerade ins Gesicht getroffen haben, wenn Aljoscha nicht den Arm zum Schutz erhoben hätte: so schlug der Stein an seinen Ellenbogen.

„Schämst du dich nicht! Was habe ich dir getan?“ rief Aljoscha.

Der Knabe wartete schweigend und herausfordernd, wie es schien, nur darauf, daß Aljoscha sich jetzt auf ihn stürzen werde; als er aber sah, daß dieser es selbst jetzt nicht tat, geriet er wie ein kleines Tier außer sich vor Wut. Er stürzte sich auf Aljoscha und packte, noch bevor dieser sich rühren konnte, mit beiden Händen dessen linke Hand und biß krampfhaft in den Mittelfinger. Wie Klammern hielten die kleinen Zähne den Finger (etwa zehn Sekunden lang) fest. Aljoscha schrie auf vor Schmerz und versuchte mit aller Gewalt seinen Finger herauszuziehen. Endlich ließ ihn der Knabe los und sprang geschwind auf die frühere Entfernung zurück. Das Fleisch des Fingers war durchgebissen, gerade beim Nagel, tief, bis auf den Knochen, und blutete stark. Aljoscha zog sein Taschentuch hervor und umwickelte fest seine verwundete Hand. Eine gute Minute lang war er damit beschäftigt.

Während dieser ganzen Zeit erwartete der Knabe stillschweigend, was nun kommen werde. Da erhob endlich Aljoscha seinen stillen Blick und richtete ihn auf den Knaben.

„Nun gut,“ sagte er, „du hast mich schmerzhaft gebissen, nun ist es genug. Jetzt sage mir aber, was ich dir getan habe?“

Der Knabe blickte ihn verwundert an.

„Ich kenne dich nicht, ich sehe dich zum erstenmal,“ fuhr Aljoscha ebenso ruhig fort, „aber es kann doch nicht sein, daß ich dir nichts Böses getan habe, denn umsonst würdest du mir doch nie solch einen Schmerz zugefügt haben. So sag doch, was ich dir getan und womit ich das von dir verdient habe?“

Statt zu antworten, fing der Knabe laut zu weinen an, und plötzlich lief er fort. Aljoscha ging ihm langsam nach in die Michailoffstraße, und lange noch sah er, wie weit vor ihm der Knabe lief, ohne sich umzusehen und ohne im Laufen innezuhalten, und wie er wahrscheinlich immer noch laut weinte. Er nahm sich fest vor, sobald er die Zeit hätte, den Kleinen aufzusuchen und die Erklärung seines sonderbaren Hasses zu fordern.

IV. Bei Chochlakoffs

Er erreichte indessen bald das Chochlakoffsche Haus. Es war ein zweistöckiges, hübsches, herrschaftliches Steingebäude, eines der schönsten Häuser in unserem Städtchen. Obgleich Frau Chochlakoff größtenteils im Nachbargouvernement lebte, wo sie ein Gut hatte, oder in Moskau, wo sie ein Haus besaß, so behielt sie doch auch in unserem Städtchen dieses von ihrem Vater oder Großvater geerbte Haus und wollte es weder vermieten noch verkaufen. Und wenn das Gut, das sie in unserem Gouvernementskreise besaß, auch das größte von ihren drei Gütern war, so lebte sie doch nur sehr selten in unserem Städtchen. Sie kam Aljoscha schon im Vorzimmer entgegen.

„Sagen Sie doch, haben Sie meinen Brief mit der Nachricht von dem Wunder erhalten?“ begann sie erregt in ihrer nervösen Weise.

„Ja, ich habe ihn erhalten.“

„Sagen Sie doch, haben Sie ihn auch allen gezeigt, allen davon erzählt? Er hat der Mutter den Sohn wiedergegeben!“

„Er wird heute sterben,“ sagte Aljoscha.

„Ich weiß, ich habe es schon gehört, o, wieviel ich mit Ihnen zu sprechen habe! Über alles, alles das, mit Ihnen oder einerlei mit wem. Nein, nein, nur mit Ihnen, nur mit Ihnen allein! Und wie schade, daß ich ihn auf keine Weise mehr sehen kann! Die ganze Stadt ist erregt, alle sind in großer Erwartung. Aber jetzt: Wissen Sie auch, daß Katerina Iwanowna augenblicklich bei uns ist?“

„Ach, das trifft sich gut!“ sagte Aljoscha erfreut. „Dann kann ich sie ja hier bei ihnen sprechen, sie bat mich gestern, heute zu ihr zu kommen.“

„Ich weiß alles, ich weiß alles! Ich habe alles ganz genau erfahren, was gestern bei ihr geschehen ist ... und alle diese entsetzlichen Geschichten mit diesem ... Geschöpf! C’est donc tragique, ich würde an ihrer Stelle, – ich weiß nicht, was ich an ihrer Stelle getan hätte! Aber Ihr Bruder, ich meine Dmitrij Fedorowitsch, was sagen Sie zu dem? – O Gott, Alexei Fedorowitsch, ich, ich komme ganz aus dem Konzept. Stellen Sie sich vor: jetzt sitzt hier bei uns Ihr Bruder, nicht jener, nein, der andere, Iwan Fedorowitsch, er sitzt dort und spricht mit ihr: o, es ist ein feierliches Gespräch ... Und wenn Sie sich nur denken könnten, was jetzt zwischen ihnen geschieht, – Katerina Iwanowna vergewaltigt sich, das ist ganz schrecklich, das ist, ich werde Ihnen sagen, was das ist: Das ist ein grausames Märchen, an das man unmöglich glauben kann! Beide stürzen sie sich ins Unglück, beide wissen das ganz genau, und beide finden sie Vergnügen daran, sich unglücklich zu machen, es scheint ihnen Genuß zu bereiten! Ach, wie ich Sie erwartet habe, wie ich Sie ersehnt habe! Ich, wissen Sie, ich kann das nicht mehr ertragen! Ich werde Ihnen gleich alles erzählen, aber jetzt noch was anderes, und das ist die Hauptsache, – ach Gott, ich hatte es beinahe ganz vergessen, daß das die Hauptsache ist. Sagen Sie doch, warum bekam Lise jetzt wieder ihre hysterischen Anfälle? Als sie nur hörte, daß Sie zu uns kämen, begann sofort der Anfall.“

„Mama, das ist jetzt vielleicht mit Ihnen der Fall, aber nicht mit mir,“ ertönte plötzlich irgendwoher Lisas hohes Stimmchen: Die Tür zum Nebenzimmer zeigte eine kleine, kleine Spalte, und die Stimme klang genau so, wie wenn jemand furchtbar gern lachen will, doch mit aller Gewalt das Lachen unterdrückt. Aljoscha hatte diese Spalte schon früher bemerkt und war überzeugt, daß Lise ihn von ihrem Stuhl aus durch ebendiese Spalte beobachtete, obgleich er sie nicht sehen konnte.

„Schäme dich, Lise, schäme dich ... es ist schon möglich, daß ich von deinen eigensinnigen Launen noch krank werde, aber, wissen Sie, Alexei Fedorowitsch, sie ist so krank, die ganze Nacht war sie krank, fieberte und stöhnte! Nur mit genauer Not habe ich noch den Morgen und Doktor Herzenstube erwarten können. Er sagte, er könne es nicht begreifen, und man müsse abwarten. Dieser Herzenstube sagt jedesmal, wenn er kommt, er könne es nicht begreifen. Wie Sie sich aber dem Hause näherten, schrie sie auf, bekam ihren Anfall und befahl der Magd, sie hierher in ihr früheres Zimmer zu schieben ...“

„Aber Mama, ich wußte ja gar nicht, daß er sich dem Hause näherte, ich wollte durchaus nicht deswegen in dieses Zimmer geschoben werden.“

„Du solltest nicht lügen, Lise, ich habe selbst gesehen, wie Julija mit der Nachricht zu dir gelaufen kam, daß Alexei Fedorowitsch zu uns käme; sie hatte ja die ganze Zeit auf deinen Befehl Wache gestanden.“

„Liebstes Mamachen, das ist wirklich furchtbar wenig scharfsinnig von Ihnen. Wenn Sie mir aber einen großen Gefallen erweisen wollen, so sagen Sie, bitte, liebste Mama, dem sehr geehrten Herrn Alexei Fedorowitsch, daß er schon allein dadurch, daß er heute zu uns kommt, nach allem, was gestern geschehen ist, und obgleich man sich hier über ihn lustig macht, nur beweist, wie wenig gewitzigt er ist.“

„Lise, du erlaubst dir wirklich unerhört viel! Ich versichere dir, daß ich endlich zu strengen Maßregeln greifen werde. Wer soll denn über ihn lachen? ich freue mich so sehr darüber, daß er gekommen ist – ich habe ihn so nötig, er ist mir ganz unentbehrlich! Ach, Alexei Fedorowitsch, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin!“

„Aber was fehlt Ihnen denn, liebste Mama?“

„Ach, immer deine Kapricen, Lise, deine Unbeständigkeit, deine Krankheit, diese furchtbare Nacht, dein Fieber, dieser fürchterliche, ewige Herzenstube; ach, das Schreckliche ist ja, daß er ewig, ewig und ewig hier sitzt! Und überhaupt alles, alles ... Und dann kommt noch dieses Wunder hinzu! O, Sie wissen nicht, Alexei Fedorowitsch, wie mich dieses Wunder erschüttert hat! Und jetzt noch hier in meinem Salon diese ganze Tragödie; nein, nein, das kann ich nicht ertragen, das kann ich nicht, ich sage es Ihnen im voraus, daß ich es nicht kann! Oder vielleicht ist es auch nur eine Komödie und keine Tragödie ... Sagen Sie, wird der Staretz Sossima noch bis morgen leben? Ach Gott! Was ist heute mit mir! Ich schließe beständig die Augen und sehe ja selbst ein, daß ich Unsinn rede, leeren Unsinn.“

„Ich würde Sie sehr bitten,“ unterbrach Aljoscha sie plötzlich, „mir ein kleines Stück Leinwand zu geben, um meinen Finger zu verbinden. Ich habe ihn stark verletzt, und jetzt tut er mir unerträglich weh.“

Aljoscha wickelte das Taschentuch ein wenig los: Große Blutflecke waren durch das ganze Tuch gedrungen. Frau Chochlakoff schrie auf, schloß krampfhaft die Augen und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

„Gott, wieviel Blut! Wie furchtbar!“

Doch sowie Lise durch die Spalte Aljoschas blutiges Taschentuch sah, riß sie sofort die Tür auf, daß die mit der Klinke krachend an die Wand schlug.

„Kommen Sie her, kommen Sie her zu mir,“ rief sie gebieterisch und eigensinnig, „jetzt aber ohne Dummheiten! Gott! Warum standen Sie nur so lange, warum sagten Sie kein Wort? Mama, er hätte verbluten können! Wo haben Sie das gemacht, wie nur? Ganz zuerst Wasser, Wasser! Man muß die Wunde waschen; den Finger einfach in kaltes Wasser stecken, damit der Schmerz betäubt wird, und dann einfach drinhalten ... Ach, schneller, schneller Wasser, Mama, in die kleine Schale. Aber schneller doch!“ rief sie nervös. Sie war maßlos erregt; Aljoschas Wunde hatte sie heftig erschreckt.

„Soll man nicht nach Herzenstube schicken?“ fragte Frau Chochlakoff ängstlich.

„Mama, Sie werden mich noch töten! Ihr Herzenstube wird kommen und wieder nur sagen, daß er es nicht begreifen kann! Wasser, Wasser! Mama, gehen Sie um Gottes willen selbst und machen Sie Julija Eile, die bleibt immer irgendwo stecken; jetzt wird sie vielleicht ertrunken sein samt ihrem Wasser! Aber schneller doch, Mama, ich sterbe sonst ...“

„Aber das ist doch nicht so gefährlich!“ rief Aljoscha aus, den wiederum der Schreck der Damen erschreckte.

Da kam auch schon die Zofe mit dem Wasser. Aljoscha tauchte den Finger hinein.

„Mama, bringen Sie um Gottes willen Scharpie und diese trübe Flüssigkeit – ach, wie heißt sie doch, mit der man kühlt, wenn man sich geschnitten hat? Wir haben sie, ich weiß es genau; Mama, Sie wissen es doch auch, wo diese Flasche ist, in Ihrem Schlafzimmer, rechts im kleinen Medizinschränkchen, dort ist eine große Flasche und Scharpie ...“

„Ich werde alles sofort bringen, Lise, nur schrei nicht so und rege dich nicht auf. Sieh, wie mutig Alexei Fedorowitsch sein Unglück trägt. Aber wo haben Sie sich nur so entsetzlich verletzt?“

Frau Chochlakoff ging eilig hinaus, um die Sachen zu bringen. Darauf hatte Lisa nur gewartet.

„Vor allem antworten Sie mir auf eine Frage,“ sagte sie hastig zu Aljoscha, „wo haben Sie sich so verletzt? Ich habe dann noch von ganz anderem mit Ihnen zu sprechen. Nun?“

Aljoscha begann sofort, da er fühlte, daß ihr die Zeit bis zur Rückkehr der Mutter kostbar war, von der Begegnung mit den Schuljungen zu erzählen, natürlich nur in großen Zügen, ohne alles Nebensächliche. Als Lise zu Ende gehört hatte, schlug sie die Hände zusammen.

„Aber wie konnten Sie nur, wie konnten Sie sich nur, und dazu noch in der Kutte, mit Schulbuben einlassen!“ rief sie zornig aus, ganz, als ob sie ein Recht auf ihn besäße. „Nach alledem sind Sie ja selbst ein kleiner Junge, der allerkleinste, den es überhaupt nur geben kann! Aber Sie müssen mir unbedingt diesen scheußlichen Frechling aufsuchen, denn hier steckt sicherlich ein Geheimnis dahinter ... Jetzt das zweite, doch vorher noch eine Frage. Können Sie, trotz des Schmerzes, von ganz dummen Sachen reden, aber vernünftig reden?“

„Das kann ich sehr gut, und ich fühle ja auch gar keinen so großen Schmerz mehr im Finger.“

„Das kommt daher, daß Ihr Finger im Wasser ist. Aber man muß jetzt neues Wasser nehmen, denn es wird ja sofort warm. Julija, bring sofort ein Stück Eis aus dem Keller und eine neue Schale mit Wasser. So, jetzt sind wir sie los, nun schnell zur Sache: Bitte, lieber Alexei Fedorowitsch, geben Sie mir geschwind den Brief zurück, den ich Ihnen gestern übergeben ließ, schnell, denn Mama kann ja sofort zurückkommen, schneller doch! – ich will nicht ...“

„Ich ... ich habe ihn nicht bei mir.“

„Das ist nicht wahr, Sie haben ihn schon bei sich. Ich wußte es ja, daß Sie so antworten würden. Sie haben ihn in der Tasche. Ich habe diesen dummen Scherz die ganze Nacht so furchtbar bereut. Geben Sie ihn mir sofort zurück!! Sofort!“

„Ich ... ich habe ihn im Kloster gelassen.“

„Aber Sie müssen mich ja unbedingt für ein kleines Mädchen halten, für ein ganz kleines Baby, nach einem so dummen Brief! Ich bitte Sie sehr um Verzeihung für den dummen Scherz; aber den Brief müssen Sie mir unbedingt zurückbringen, wenn Sie ihn wirklich nicht bei sich haben – heute noch bringen Sie ihn mir, hören Sie, unbedingt, unbedingt!“

„Heute kann ich unmöglich kommen; ich kehre ins Kloster zurück und werde zwei, drei, vielleicht auch vier Tage nicht herkommen können, denn der Staretz Sossima ...“

„Vier Tage, das fehlte noch! Hören Sie, sagen Sie – Sie haben wohl furchtbar über mich gelacht?“

„Nicht ein bißchen habe ich gelacht.“

„Warum denn nicht?“

„Weil ich an alles sofort geglaubt habe.“

„Sie beleidigen mich!“

„Wieso? Nicht im geringsten. Ich glaubte sofort, als ich ihn durchlas, daß alles auch so geschehen werde, denn ich muß nach dem Tode des Staretz Sossima sofort das Kloster verlassen. Darauf werde ich noch ein Jahr das Gymnasium besuchen und dann mein Abiturium machen, und wenn Sie das gesetzliche Alter erreicht haben, heiraten wir uns einfach. Ich werde Sie lieben. Ich habe zwar noch keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken; aber ich denke doch, daß ich eine bessere Frau als Sie nicht finden kann, und der Staretz hat mir befohlen, zu heiraten ...“

„Aber ich bin doch eine garstige Mißgeburt; man schiebt mich ja seit sechs Monaten im Rollstuhl!“ sagte Lisa mit verlegenem Lachen, und ihr Gesichtchen wurde rot.

„Ich selbst werde Sie im Rollstuhl schieben; übrigens bin ich überzeugt, daß Sie bis dahin schon gesund sein werden.“

„Aber Sie sind ja verrückt!“ fuhr Lisa nervös fort. „Aus einem kleinen Scherz solch einen Unsinn zu machen! ... Ach, da ist ja auch Mamachen ... vielleicht sehr zur rechten Zeit gekommen. Mama, wie Sie sich immer verspäten, wie kann man nur alles so langsam machen! Julija kommt schon aus dem Keller mit dem Eis zurück!“

„Ach, Lise, wenn du doch nicht immer so schreien wolltest, das ist wirklich das Furchtbarste. Von diesem Schreien werde ich ... was kann ich denn dafür, wenn du die Scharpie an einen anderen Ort getan hast ... Ich suchte und suchte ... Ich vermute stark, daß du sie absichtlich vorher versteckt hast ...“

„Aber wie konnte ich’s denn wissen, daß er mit einem gebissenen Finger ankommen würde, sonst, allerdings – hätte ich es vielleicht wirklich mit Absicht getan. Meine liebe Engelsmama, Sie fangen wirklich an, außerordentlich scharfsinnige Sachen zu sagen.“

„Ach, meinetwegen; aber denk doch nur, Lise, welche Erschütterung das für die Nerven ist, dieser gebissene Finger und alles andere noch dazu! Lieber Alexei Fedorowitsch, mich töten nicht die Einzelheiten, nicht irgend so ein Herzenstube, sondern alles zusammen, das Ganze, das ist es, was mich umbringt!“

„Ach, Mama, lassen Sie doch den armen Herzenstube in Ruh,“ sagte Lisa lachend, „geben Sie mir nur schneller die Scharpie und das Wasser. Das ist einfach Bleiwasser, Alexei Fedorowitsch, mir ist jetzt der Name wieder eingefallen; es ist ganz großartig zu Kompressen. Mama, stellen Sie sich nur vor, er hat sich unterwegs auf der Straße mit kleinen Schuljungen geprügelt, und einer von ihnen hat ihn gebissen; nun, sagen Sie doch selbst, ist er nicht nach alledem selbst ein kleiner Knabe, ein ganz – ganz kleiner, und kann man ihm daraufhin wohl erlauben zu heiraten, denn, denken Sie sich doch nur, Mama, er will schon heiraten! Stellen Sie sich ihn nur als Ehemann vor, ist das nicht zum Lachen, ist das nicht ganz entsetzlich!“

Und Lise lachte wieder ihr nervöses, leises Lachen und blickte schelmisch zu Aljoscha auf.

„Wie denn das, Lise, wen soll er denn jetzt heiraten? Solche Scherze sind sehr unpassend für dich ... Und denk doch nur, wenn dieser Junge vielleicht die Tollwut gehabt hat!“

„Ach, Mama! Gibt es denn überhaupt tollwütige Kinder?“

„Warum nicht, du tust wirklich, als ob ich eine Dummheit gesagt hätte. Den Jungen hat vielleicht ein toller Hund gebissen, und nun beißt wiederum der Junge. Sehen Sie doch, wie gut sie Ihren Finger verbunden hat, ich hätte das nie so gut gemacht. Schmerzt er noch sehr?“

„O, nur noch ein wenig.“

„Fürchten Sie vielleicht das Bleiwasser?“ erkundigte sich Lise.

„Nun, genug, Lise, ich habe es vielleicht doch etwas übereilt gesagt: das vom tollwütigen Knaben – du mußt natürlich gleich spotten. – Ach, fast hätte ich’s vergessen: Katerina Iwanowna bat mich sofort, als sie nur hörte, daß Sie gekommen seien, flehentlich, flehentlich, Sie zu ihr zu bringen; sie erwartet Sie sehr!“

„Ach, Mama! Gehen Sie doch allein zu ihr; er kann wirklich nicht sofort hingehen, er leidet viel zu sehr.“

„Aber gar nicht; ich kann sehr gut zu ihr gehen ...,“ sagte Aljoscha.

„Wie! Sie gehen? Also so sind Sie, so sind Sie?“

„Wieso? Ich werde doch, sobald ich dort fertig bin, sogleich wieder herkommen, und dann können wir weitersprechen, so viel Sie wollen. Ich möchte Katerina Iwanowna sobald wie möglich sprechen, da ich frühzeitig ins Kloster zurückkehren will.“

„Mama, nehmen Sie ihn nur und bringen Sie ihn fort. Bemühen Sie sich nicht, Alexei Fedorowitsch, nachher noch zu mir zu kommen, gehen Sie nur sofort ins Kloster, dorthin gehören Sie ja! Ich aber will jetzt schlafen, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.“

„Ach, Lise, das ist ja nur Scherz von dir; aber wirklich, wie wäre es, wenn du jetzt etwas schlafen würdest?“ meinte Frau Chochlakoff.

„Ich weiß nicht, wodurch ich ... Ich werde gern noch drei Minuten hierbleiben, wenn Sie wollen, sogar fünf,“ stotterte Aljoscha.

„Sogar fünf! So bringen Sie ihn doch schneller fort, Mama, das ist ja ein Monstrum!“

„Lise, du bist wohl nicht recht gescheit! Gehen wir, Alexei Fedorowitsch, sie ist heute gar zu kapriziös, ich fürchte mich, sie zu reizen. O, welch ein Jammer, mit einem nervösen Kinde zusammenzuleben! Aber sie ist vielleicht wirklich während des Gesprächs mit Ihnen schläfrig geworden. Wie haben Sie sie nur so schnell eingeschläfert, und wie glücklich sich das trifft!“

„Ach, Mama, das haben Sie ganz reizend gesagt, dafür gebe ich Ihnen einen Kuß!“

„Und ich dir gleichfalls, Lise. Hören Sie, Alexei Fedorowitsch,“ sagte darauf Frau Chochlakoff in erregtem, geheimnisvollem Flüsterton, als sie mit Aljoscha zum Salon ging, „ich will Ihnen nichts, nichts sagen, Sie werden es gleich selbst sehen, was dort vor sich geht – das ist ja ganz entsetzlich, entsetzlich, die phantastischste Komödie tragischer Art: sie liebt Ihren Bruder Iwan Fedorowitsch, redet sich aber selbst aus allen Kräften ein, daß sie Ihren Bruder Dmitrij Fedorowitsch liebe. Das ist doch furchtbar! Ich werde zusammen mit Ihnen hineingehen, und wenn man mich nicht fortschickt, bis zum Schluß dort bleiben.“

V. Im Empfangssalon

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