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Sämtliche Werke 5-6 (part 4 of 4)

Part 4 of 4 · Dostoyevsky, Fyodor · Public domain text

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Source: Project Gutenberg e-text #61906, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (4)

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Sämtliche Werke 5-6 (part 4 of 4)

Seit ich fortgefahren bin, lebe ich auf der sechsten Station beim Stationschef. Seine Bekanntschaft habe ich vor fünf Jahren in Petersburg in der wüsten Zeit gemacht. Niemand weiß es, daß ich bei ihm bin. Schreiben Sie unter seinem Namen. Die Adresse füge ich bei.

Nicolai Stawrogin.«

Darja Pawlowna ging sofort zu Warwara Petrowna und gab ihr den Brief. Diese las ihn durch und bat darauf Dascha, sie allein zu lassen, da sie den Brief noch einmal lesen wolle. Aber sie rief sie schon sehr bald zurück.

»Wirst du fahren?« fragte sie fast zaghaft.

»Ja, ich werde fahren,« antwortete Dascha.

»Dann mach dich bereit! Wir fahren zusammen!«

Dascha sah sie fragend an.

»Was soll ich hier jetzt noch? Ist es nicht einerlei, wo ich weiterlebe? Ich werde mich gleichfalls in Uri aufnehmen lassen und in der Schlucht leben ... Sei unbesorgt, werde euch nicht stören.«

Sie begannen schnell einzupacken, um noch mit dem Mittagzuge abfahren zu können. Es war aber noch keine halbe Stunde vergangen, als Alexei Jegorytsch aus Skworeschniki eintraf und meldete, daß Nicolai Wszewolodowitsch plötzlich am Morgen angekommen war, mit dem Frühzuge, und sich in Skworeschniki befinde, aber »in einem Zustande, daß der Herr auf die Fragen nicht zu antworten geruhten, durch alle Zimmer gingen, und sich dann in seiner Hälfte eingeschlossen haben ...«

»Ich bin ohne Befehl des Herrn hergefahren, um zu melden,« fügte Alexei Jegorytsch verhalten, mit sehr aufmerksamem Blick hinzu.

Warwara Petrowna sah ihn durchdringend an und fragte nicht weiter. Im Augenblick war der Wagen bereit. Sie fuhr mit Dascha nach Skworeschniki. Während der Fahrt soll sie sich mehrmals bekreuzt haben.

In »seiner Hälfte« waren alle Türen unverschlossen, doch Nicolai Wszewolodowitsch war nirgendwo zu finden.

»Sollte der Herr nicht vielleicht im oberen Stock sein?« fragte Fomuschka vorsichtig.

Es war sonderbar, daß diesmal mehrere Dienstboten Warwara Petrowna in die »Hälfte des Herrn« folgten, während die anderen im großen Saal warteten. Noch nie hatten sie es gewagt, so die Etikette zu überschreiten. Warwara Petrowna bemerkte es wohl, aber sie schwieg.

Man stieg in den oberen Stock. Dort waren nur drei Zimmer, doch in keinem einzigen fand man ihn.

»Ja, sollte der Herr nicht vielleicht dahin gegangen sein?« fragte jemand und wies auf die Tür zur Dachkammertreppe.

Tatsächlich war diese sonst stets geschlossene kleine Tür zur Dachkammer diesmal offen. Eine schmale, lange und sehr steile Treppe führte hinauf.

»Dorthin gehe ich nicht! Aus welchem Grunde hätte er dorthin gehen sollen?« fragte Warwara Petrowna, unheimlich erbleichend, und sah sich nach den Dienstboten um. Die sahen sie an und schwiegen. Dascha zitterte.

Dann stürzte Warwara Petrowna die Treppe hinauf. Dascha folgte ihr. Doch kaum hatte Warwara Petrowna in die Dachkammer hineingesehen, als sie aufschrie und bewußtlos hinfiel.

Der Bürger des Kantons Uri hing hier gleich hinter der kleinen Tür. Auf dem kleinen Tisch lag ein Stück Papier, auf dem mit Blei gekritzelt die Worte standen:

»Niemanden beschuldigen. Ich selbst.«

Auf demselben Tischchen lag ferner ein Hammer, ein Stück Seife und ein großer Nagel. Die starke seidene Schnur, mit der Nicolai Stawrogin sich erhängt hatte, war dick eingeseift. Alles wies auf volle Absicht hin und auf klares Bewußtsein bis zum letzten Augenblick.

Die Annahme, daß die Tat in geistiger Umnachtung oder im Irrsinn geschehen sei, wurde von unseren Ärzten nach der Obduktion mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen.

Erster Anhang. Material zum Roman »Die Dämonen«. Aus den Notizbüchern F. M. Dostojewskis[55]

1. Januar 1870.

Stawrogin (der Fürst)

Der vollkommen entgegengesetzte Typ jenes Sprosses aus gräflichem Hause, den Graf Tolstoi in »Kindheit und Jugend« dargestellt hat[56]. Ein Typ aus der Urbevölkerung, der unbewußt von seiner eigenen typischen Kraft beunruhigt wird, ganz unmittelbar, und die nicht weiß, worauf sie sich aufbauen [fußfassen] könnte. Solche autochthonen Typen sind häufig entweder Stenka Rasins[57] oder Danila Filippowitschs[58], oder sie gehen bis zum Äußersten des Geißler- oder Skopzentums. Es ist das eine außergewöhnliche, für sie selbst schwere unmittelbare Kraft, die etwas verlangt und sucht, worauf sie Fuß fassen [stehen bleiben] und das sie sich zur Richtschnur nehmen könnte, die bis zur Qual Ruhe, Erlösung von den Stürmen verlangt und die vorläufig doch unmöglich nicht stürmen kann bis zu der Zeit, da sie die Beruhigung findet. Er stellt sich schließlich auf Christus, doch sein ganzes Leben war Sturm und Unordnung. (Die Masse des Volkes lebt unmittelbar, still und harmonisch, urtümlich, doch kaum zeigt sich in ihr Bewegung, d. h. einfache Lebensfunktion, so stellt sie immer diese Typen hervor). Es ist eine unumfaßbare unmittelbare Kraft, die Ruhe sucht, die erregt ist bis zu Schmerzen und die sich während der Zeit des Suchens und des Umherirrens mit Freuden in ungeheuerliche Abweichungen und Experimente stürzt, bis sie auf einer so starken Idee Fuß faßt, die ihrer unmittelbaren tierischen Kraft vollkommen proportional ist, -- auf einer Idee, die dermaßen stark ist, daß sie diese Kraft endlich organisieren und bis zu weihevoller Stille beruhigen kann.

Überhaupt ein ernsterer Charakter, ernst bis zur Seltsamkeit. Ist zurückgekehrt mit Gedanken und Fragen, die ihn um so mehr stutzig machen, als ihm alles neu ist. Manche halten ihn für einen Nihilisten (z. B. die Mutter), ja er gilt sogar allgemein für einen Nihilisten. Nur Gr. sieht, daß das nicht ein Nihilist ist (aber was denn sonst?). Er meint, ein von sich selbst eingenommener Tor, wie es ihrer viele unter ihnen gibt. Der Fürst spottlacht immer, was Gr. mißfällt und verletzt. Gr. denkt schließlich, W. habe den Fürsten in der Hand. Mitunter überraschen Gr. am Fürsten Ausbrüche sowohl von Ernst wie von Zartheit. Ein sehr ernstes Gespräch. Ein tiefer Zug, daß der Fürst sehr viel und aufmerksam zuhört. Aber die Mutter fürchtet ihn doch immer. W. nahm ihn schon in die Hand (d. h. er glaubte, daß es ihm gelungen sei), doch bald wurde es selbst dem sorglosen W. klar, daß das etwas anderes war. Er will übrigens dennoch (auf den Rat und die Warnungen U--ffs hin) den Fürsten in den Mord hineinziehen. Doch W. ist bloß leichtsinnig und sorglos, wenn es aber nötig ist -- sehr klug: er gewahrt plötzlich, daß er den Fürsten nicht in den Mord hineinziehen kann, daß es hier gar nicht das ist, was er vermutet hatte, daß der Fürst nur zuhört, schweigt und aufpaßt, ja sogar selbst auf Sch--ffs Seite steht. Da löst W. mit einem Schlage das Mordproblem auf eine andere Weise und umgeht den Fürsten. Der Verdacht fällt dennoch zum Teil auf den Fürsten; doch nun nimmt plötzlich der Fürst selbst die Sache in die Hand und enthüllt sich.

Er wird mit einem Schlage Herr der Sache und besiegt U--ff; dieser gesteht. Geht geradeswegs zum Zögling, zeigt ihr seine ganze tiefe Liebe, stellt aber Bedingungen -- sie ist mit Begeisterung einverstanden. Neue Menschen, erneutes Leben! Götzen zerstören und Schiffe verbrennen. Ist, falls nötig, bereit, sich von der Erbschaft loszusagen; doch die Mutter zittert schon und fügt sich. Schreckt den Gouverneur und den großen Schriftsteller. Hat großmütig Mitleid mit der jungen Schönheit, die er brutal und schroff verstößt wegen eines leichtfertigen Ausfalls. (Anfangs scherzte er mit ihr; sie hielt ihn für einen Nihilisten und ließ es sich einfallen, mit ihm ein wenig zu spielen; er ließ sie brutal im Stich, war aber im Unrecht: denn es war nicht Verderbtheit, wie ihm schien, sondern leichtfertige und gewissensruhige Überzeugung.) Überhaupt: er überzeugt sich, daß ehrlich und besonders ein neuer Mensch zu sein, nicht so leicht ist, daß dazu nicht Enthusiasmus allein genügt, was er auch ihr, dem Zögling seiner Mutter, erklärt: »Ich werde kein neuer Mensch sein, ich bin viel zu unoriginell dazu,« sagt er, »aber ich habe endlich einige wertvolle Ideen gefunden, an die ich mich jetzt halten will.« Doch vor jeder Wiedergeburt oder Auferstehung -- Selbstüberwindung; und deshalb: »du bist mir nötig, du wirst mich retten mit deiner Stille«. Er sagt: »Früher verurteilte ich den Nihilismus und war sein erbitterter Feind, jetzt aber sehe ich ein, daß die Schuldigsten und Schlechtesten wir, die Herren, sind, wir vom Erdboden Losgerissenen, und darum müssen zuerst wir uns umgestalten. Wir sind die Hauptfäulnis, auf uns ruht der Hauptfluch und aus uns ist alles gekommen.«

7. März 1870.

Stawrogin (Fürst)

Der Fürst war der ausschweifendste Mensch und ein hochmütiger Aristokrat. Er hat sich bereits bekannt gemacht als ein Erzfeind der Aufhebung der Leibeigenschaft und als ein Unterdrücker der Bauern.

Er ist Ideenmensch. Die Idee, die ihn einmal ergreift, beherrscht ihn ganz; herrscht aber dann nicht so sehr in seinen Gedanken, als wie sie sich in ihm verkörpert, in seine Natur übergeht (immer mit Leiden und Unruhe), und dann, einmal in seiner Natur inkarniert, verlangt sie ihre sofortige Umsetzung in die Tat.

Während seiner Abwesenheit aus unserer Stadt hat er seine Überzeugungen geändert. Seine Überzeugungen ändern heißt für ihn sofort auch sein ganzes Leben ändern, so daß er schon mit der geheimen Absicht zurückkehrt, sich von der Erbschaft loszusagen und mit allem zu brechen. Er ist plötzlich ein furchtbarer Skeptiker geworden, ist maßlos mißtrauisch und vermutet immer das Schlimmste, -- eine Erscheinung, die bei einem festen Menschen, für den sich entscheiden, die Schiffe verbrennen und handeln heißt, sehr verständlich ist. Dieser Mensch kann noch vor dem Entschluß zweifeln, wenn er noch nicht ganz überzeugt ist; zweifelt er aber, so wird er infolge der Leidenschaftlichkeit seiner Natur zum Skeptiker bis zum Zynismus.

Die Ideen Goluboffs sind: Ergebung und Selbstüberwindung und daß Gott und das Himmelreich in uns liegen, in der Selbstbeherrschung, desgleichen die Freiheit.

11. März 1870.

Der letzte Entwurf zum Fürsten Stawrogin

Als der Fürst ankam, hatte er bereits alle Zweifel überwunden. Er ist -- ein neuer Mensch. Er bricht mit zwei Mädchen, beabsichtigt auch mit der Mutter zu brechen. Besessen von wahnsinniger, nach innen geschlagener und verhaltener Energie, spricht er sich wenig aus, schaut spöttisch und skeptisch zu, wie ein Mensch, der schon die endgültige Lösung und die große Idee gefunden hat. Er hört vorläufig alle an, widerspricht selten. Macht sich innerlich hochmütig lustig über Gr., ist krankhaft betroffen durch Sch. und sieht vollkommen deutlich dessen Buchgelehrtheit und Aussichtslosigkeit, beginnt mit Erstaunen und Neugier W. zu beobachten und horcht gespannt -- da er endlich erraten will: worauf diese Menschen so fest stehen können? (NB. Mit W. frühere Beziehungen.) Einzig Goluboff erschüttert ihn, doch mit Enthusiasmus gesteht er ihm (aber kurz, in zwei Worten), daß dieses ganz und gar auch sein Gedanke ist, die von ihm gefundene Überzeugung. Er ist zurückgekehrt, um seine Verstöße, Beleidigungen usw. in der Stadt wieder gutzumachen. Versöhnt sich mit den Beleidigten, nimmt eine Ohrfeige hin, tritt für die verübte Religionsspötterei ein, sucht die Mörder auf, und schließlich erklärt er feierlich dem Zögling, daß er sie liebt, erklärt die Bedingungen. Sie bestehen darin, daß er von nun an ein Russischer Mensch ist und daß man sogar an das glauben muß, was von ihm bei Goluboff gesagt wurde, (daß Rußland und der russische Gedanke die Menschheit retten wird). Er betet vor Heiligenbildern usw. Während der ganzen Zeit, die er in der Stadt verlebt, zeichnet er sich durch die wildeste Energie in der neuen Überzeugung aus und setzt seine Mutter in Erstaunen. Dem Zögling sagt er, er habe sie beobachtet und sich überzeugt, daß er sie liebt und mit ihr auferstehen wird, wenn sie dieselben Überzeugungen hat. Und dann plötzlich erschießt er sich.

Stawrogin (der Fürst) und Schatoff

Der Hauptgedanke, an dem der Fürst krankt und den er in sich trägt, ist folgender: wir haben die Rechtgläubigkeit, unser Volk ist groß und schön, weil es glaubt und weil es die Rechtgläubigkeit hat; wir Russen sind stark und stärker als alle, weil wir eine unermeßliche rechtgläubige Volksmasse haben. Würde im Volk der Glaube an die Rechtgläubigkeit wankend werden, so würde es sofort anfangen sich zu zersetzen, ein Vorgang, der bei den Völkern des Westens bereits begonnen hat, denn im Westen hat man den Glauben (Katholizismus, Protestantismus, Sekten, Entstellungen des Christentums) schon eingebüßt, und hat ihn dort einbüßen müssen. (Bei uns ist natürlich die obere Volksschicht, die sogenannte höhere Gesellschaft, eine angeschwemmte Schicht, aus dem Westen übernommen -- folglich hier nur »Gras im Feuer« und hat nichts zu bedeuten.)

Jetzt aber fragt es sich: wer kann denn glauben? Glaubt denn auch nur jemand (von den Panslawen und selbst Slawophilen)? und schließlich sogar die Frage: kann man überhaupt glauben? Wenn man es aber nicht kann, wozu dann so viel von der Kraft des russischen Volkes, die in der Rechtgläubigkeit liegen soll, reden? Folglich ist diese Kraft nur eine Frage der Zeit. Dort hat die Zersetzung, der Atheismus, früher begonnen, bei uns -- wird sie eben später beginnen, beginnen aber wird sie unbedingt mit der Ausbreitung des Atheismus. Wenn das aber sogar unvermeidlich ist, so muß man sogar wünschen, daß es noch schneller geschehe -- je schneller desto besser.

(Der Fürst bemerkt plötzlich, daß er mit den Anschauungen W--s übereinstimmt: daß alles verbrennen das Beste ist.)

Es ergibt sich also folgendes:

1. daß die geschäftigen Leute, die diese Frage für leer und überflüssig halten und glauben, daß man auch ohne sie auskommen könne, Pöbel und Insekten sind, Gras im Feuer;

2. daß es sich um die dringende Frage handelt: kann man, wenn man zivilisiert, d. h. Europäer ist, überhaupt glauben? Ich meine: einwandlos an die Göttlichkeit des Gottessohnes Jesus Christus glauben? (Denn nur darin besteht doch der ganze Glaube, daß man an Christi Göttlichkeit glaubt.)

NB. Auf diese Frage antwortet die Zivilisation durch Tatsachen mit einem Nein (Renan) und mit dem Beweis, daß die Gesellschaft das reine Verständnis Christi nicht hat rein erhalten können (der Katholizismus ist Antichrist, Hure, der lutherische Protestantismus aber ist Molokanentum)[59].

3. Wenn es aber so ist (d. h. wenn man also nicht daran glauben kann), vermag dann die Menschheit überhaupt ohne Glauben zu leben (mit der Wissenschaft z. B., Alexander Herzen)?[60] Die sittlichen Grundlagen werden den Menschen durch Offenbarung gegeben. Vernichtet man im Glauben bloß irgend etwas, so stürzt die ganze sittliche Grundlage des Christentums ein, denn (alles ist untereinander verbunden) das eine zieht das andere nach sich.

Ist nun also eine andere, eine wissenschaftliche Sittlichkeit (ein wissenschaftliches Ethos) überhaupt möglich?

Wenn nicht, so wird folglich die Sittlichkeit nur vom russischen Volke aufbewahrt, denn das russische Volk ist rechtgläubig.

Wenn aber die Rechtgläubigkeit für den Zivilisierten unmöglich ist (und in hundert Jahren wird halb Rußland zivilisiert sein), so ist folglich alles nur ein Naturspiel, und die ganze Kraft Rußlands nur eine zeitweilige. Auf daß sie jedoch ewig sei, ist voller Glaube an alles unbedingt erforderlich ... Aber kann man denn glauben?

Zuerst, vor allen anderen Dingen, gilt es, diese Frage zu lösen: Kann man überhaupt ernstlich und wahrhaft glauben?

Hierin liegt alles, der ganze Lebensknoten des russischen Volkes, seine ganze Bestimmung in der Zukunft und sein ganzes zukünftiges Sein.

Ist es aber unmöglich, so zu glauben, dann ist es doch durchaus nicht so unverzeihlich, wenn jemand verlangt, daß man alles verbrennen soll. Beide Forderungen sind vollkommen gleich menschenfreundlich. (Langes Leiden und dann Tod oder kurzes Leiden und Tod. Das Letztere ist selbstverständlich menschenfreundlicher.)

Das also wäre das Rätsel?

NB. Sie können natürlich gegen die Richtigkeit der logischen Folgerung obiger Thesen vieles einwenden, können streiten, nicht zustimmen, z. B. von der gelehrten rechten Seite behaupten, daß das Christentum nicht in der Form des lutherischen Protestantismus fallen werde, d. h. indem man Christus nur als gewöhnlichen Menschen, als segensreichen Philosophen auffaßt (denn das ist doch der Ausgang des lutherischen Protestantismus), oder von der linken Seite behaupten, das Christentum sei keineswegs eine Notwendigkeit für die Menschheit und durchaus nicht die Quelle des lebendigen Lebens (die hitzigen Kleinen schreien ja schon, daß es sogar schädlich sei), daß z. B. die Wissenschaft der Menschheit das lebendige Leben sowie das vollendetste sittliche Ideal geben könne. Diese Widersprüche sind natürlich zu erwarten, ist doch die Welt voll von ihnen und das wird sie ja noch lange sein. Aber Sie, Schatoff, und ich, wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist, daß Christus-Mensch im Gegensatz zu Christus-Gottessohn weder Erlöser noch Quelle des Lebens sein kann, daß die Wissenschaft allein niemals das ganze menschliche Ideal erfüllen wird, und daß die Lebensquelle, die Beruhigung des Menschen und die Rettung aller Menschen vor der Verzweiflung und die Bedingung sine qua non für das Sein der ganzen Welt in diesen Worten enthalten ist: Und das Wort ward Fleisch, und im Glauben an diese Worte. Früher oder später werden doch alle darin übereinstimmen, und somit ist denn wieder die ganze Frage nur: Kann man an all das glauben, woran zu glauben die Rechtgläubigkeit befiehlt? Wenn nicht, so ist es viel besser und humaner -- alles zu verbrennen und sich Werchowenski anzuschließen.

Stawrogin (der Fürst) und Schatoff

Der Fürst: »Ich mache Sie darauf aufmerksam, und ich hebe es noch ganz besonders hervor, daß diese Fragen unvergleichlich wichtiger sind, als sie zu sein scheinen, wenn auch das sehr alte Neue an ihnen nur dies ist, daß wir beide ihre unermeßliche Bedeutung und die unbedingte Notwendigkeit ihrer Lösung erkannt haben.«

»Ach! Wozu auf ganze tausend Jahre vorauslösen!« rief Schatoff (d. h. also die langsame Zersetzung). »Besser ist, wir leben in der Gegenwart und erfüllen das Gegenwärtige, ohne daran zu zweifeln, daß weiterhin Gott helfen wird.«

»Versuchen Sie es, so zu leben!« sagte der Fürst lachend und ging.

Stawrogin (der Fürst) und Schatoff

»Darum ist Werchowenski auch so ruhig,« sagt der Fürst, »weil er überzeugt ist, daß das Christentum für das lebendige Leben der Menschheit nicht nur nicht unbedingt nötig, sondern sogar positiv schädlich sei, und daß die Menschheit, wenn man das Christentum vollkommen ausrottete, sofort zu neuem, wirklichem Leben aufleben würde. Darin besteht seine furchtbare Kraft. Sie werden sehen: der Westen wird mit diesen Leuten nicht fertig werden, alles wird dort durch sie untergehen.«

»Und was wird dann sein?«

»Eine tote Maschine, die natürlich nicht zu verwirklichen ist, aber ... vielleicht ist sie doch zu verwirklichen, denn in ein paar Jahrhunderten wird man die Welt schon so weit ertöten können, daß sie vor Verzweiflung wirklich lieber wird tot sein wollen. >Berge fallt über uns und deckt uns zu.< Und so wird es auch sein. (Wenn z. B. die Mittel der Wissenschaft sich für die Ernährung als unzureichend erweisen und es eng sein wird, auf der Welt zu leben, so wird man die Neugeborenen in ... werfen oder aufessen. Mich soll es nicht wundern, wenn das eine wie das andere geschieht. Es wird so sein müssen, besonders wenn die Wissenschaft es so für richtig hält).«

»Erklären Sie das näher,« sagt Schatoff.

»Wenn die Nahrungsmittel sich verringern und man mit keiner Wissenschaft weder Nahrung noch Holz zum Heizen erlangen kann, die Menschheit sich aber immer noch vermehrt, so wird man die Vermehrung aufhalten müssen. Die Wissenschaft sagt: >Du bist nicht schuld daran, daß die Natur es so eingerichtet hat<, und allem voran geht der Selbsterhaltungstrieb, folglich heißt es, die Neugeborenen verbrennen. Das ist die Moral der Wissenschaft. Malthus hat durchaus nicht so unrecht mit seiner Theorie, nur ist bis jetzt noch zu wenig Zeit vergangen, um sie durch praktische Erfahrung bestätigt zu sehen. Blicken Sie etwas weiter, fragen Sie sich, was dann sein wird; und wird denn Europa eine Bevölkerung ohne Nahrung und Heizmaterial aushalten können? Und wird dann die Wissenschaft zur rechten Zeit helfen, selbst wenn sie helfen könnte? Das Verbrennen der Kinder wird zur Angewohnheit werden, denn alle sittlichen Grundlagen im Menschen, der einzig seinen eigenen Kräften überlassen ist, -- sind bedingt. Der Wilde Nordamerikas skalpiert seinen Feind, wir aber finden das vorläufig noch schändlich (wenn wir auch selbst eine Unzahl von vielleicht noch schlimmeren Gemeinheiten begehen, Gemeinheiten, die wir nicht einmal bemerken oder womöglich für Tugenden halten). Jetzt sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, daß das Christentum eine Notwendigkeit ist und (ein Geschenk) eine Gnade Gottes für die Menschheit, die der Mensch allein, von sich aus, nie würde erlangt haben, -- wenn Sie glauben, daß der Mensch von seiner Wiege an in unmittelbarer Verbindung mit Gott steht, zuerst durch die Offenbarung und dann durch das Wunder der Erscheinung Christi, und schließlich, wenn Sie glauben, daß der Mensch, nur auf seine eigenen Kräfte angewiesen, ganz auf sich allein gestellt, unfehlbar untergegangen wäre, und man folglich glauben muß, daß Gott mit dem Menschen in unmittelbarer Verbindung steht, -- dann (d. h. wenn Sie sich dem Christentum ergeben haben) würden Sie sich niemals mit dem Gefühl des Kinder-Verbrennens aussöhnen. Da haben Sie jetzt eine vollkommen andere Sittlichkeit. Folglich enthält nur das Christentum allein das lebendige Wasser, kann nur das Christentum allein den Menschen zu den Quellen der Wasser des Lebens bringen und ihn vor der Zersetzung bewahren. Ohne Christentum wird sich die Menschheit zersetzen und untergehen.

Also kann man sowohl an dieses wie an jenes glauben. Somit besteht denn die Frage bloß darin, was denn eigentlich richtiger ist und wo die Quellen des lebendigen Wassers sind. Meiner Meinung nach wird die Menschheit mit der Wissenschaft allein, wenn diese es bis zu Gleichgültigkeit gegen die Neugeborenen gebracht hat, verwildern und aussterben, und darum ist verbrennen besser als sterben. Doch andererseits glaube ich fest, daß das Christentum die Menschheit retten würde.«

Schatoff: »Wie, wie?«

Der Fürst: »Es enthält alle Bedingungen zur Rettung wie der Sklaven so auch der Herren. Wenn man sich vorstellt, daß alle Christusse wären, würde dann der Pauperismus überhaupt möglich sein? Im Christentum wäre sogar der Mangel an Nahrung und Heizmaterial erträglich (nicht die Neugeborenen umbringen, sondern selbst für meinen Bruder sterben).«

Schatoff: »Wenn das so ist, worin besteht dann das Problem?«

Der Fürst: »Immer in dem einen: kann denn ein zivilisierter Mensch überhaupt glauben?

Nur aus Leichtsinn stellt der Mensch diese Frage nicht auf den ersten Plan. Übrigens, viele mühen sich darum, schreiben und reden darüber. Wir sorgen uns aus Leichtsinn und aus Ärger nur um das Gegenwärtige und glauben, das sei alles, was nötig ist. Andere wiederum denken sich verschiedene Verdauungsphilosophien aus, in dem Sinne, daß das Christentum sogar mit der unendlichen Entwickelung der Zivilisation, nicht nur mit der gegenwärtigen allein, vereinbar sei. Aber wir beide wissen doch, daß das alles Unsinn ist und daß es nur zwei Initiativen gibt: entweder der Glaube oder Verbrennen. Werchowenski hat sich für das zweite entschieden und ist stark und ruhig. Ich beobachte ihn jetzt, um festzustellen, was in seiner Kraft aus der Überzeugung kommt und was einfach nur aus der Natur.«

Stawrogin (der Fürst) und Schatoff

Schatoff: »Wenn der Mensch sich verändern wird -- wie wird er dann mit seinem Verstande leben können? Der Besitz des Verstandes entspricht nur dem gegenwärtigen Organismus.«

Der Fürst: »Woher wissen Sie, ob der jetzige Verstand überhaupt nötig sein wird?«

Schatoff: »Was denn sonst? Wohl etwas Höheres?«

Der Fürst: »Zweifellos etwas viel Höheres.«

Schatoff: »Ja, kann es denn überhaupt etwas Höheres als den Verstand geben?«

Der Fürst: »So fragt die Wissenschaft, aber -- sehen Sie, dort an der Wand kriecht eine Wanze. Die Wissenschaft weiß, daß sie ein Organismus ist, daß sie irgendein Leben lebt und Eindrücke hat, sogar ihre eigene Vorstellung, und Gott weiß was noch alles. Kann aber die Wissenschaft auch das Wesen des Lebens, der Vorstellungen und Empfindungen der Wanze erfahren und sie mir mitteilen? Das kann sie natürlich nicht und das wird sie auch niemals können. Um das erfahren zu können, müßte man wenigstens auf eine Minute selbst zur Wanze werden. Wenn der Wissenschaft das unmöglich ist, so kann ich annehmen, daß sie mir auch das Wesen eines anderen höheren Organismus oder Seins nicht mitzuteilen vermag, und folglich auch nicht den Zustand des Menschen nach seiner Ausartung im Millennium, wenn es dann auch meinetwegen keinen Verstand mehr geben sollte.«

»Sie haben mich ganz wirr gemacht,« sagt Schatoff, »aber ich werde von Ihnen nicht ablassen.«

Der Fürst: »Ich verstehe nicht, warum Sie den Besitz des Verstandes, d. h. der Erkenntnis, für das höchste Sein von allen, die es überhaupt geben kann, halten? Meiner Meinung nach ist das schon nicht die Wissenschaft, sondern der Glaube, und schließlich kann man sagen, daß hier wiederum ein Gaukelspiel der Natur vorliegt, und zwar: sich selbst zu schätzen (im Ganzen, d. h. als einzelner Mensch in der Menschheit), ist zur Erhaltung des Menschen unbedingt nötig. Ein jedes Wesen muß sich für das Allerhöchste halten. Die Wanze hält sich bestimmt für höher als Sie, und sie würde bestimmt nicht zu einem Menschen werden wollen, ganz abgesehen davon, daß sie es nicht kann, sondern würde unbedingt gerade Wanze bleiben wollen. Die Wanze ist ein Geheimnis, und schließlich ist alles ein Geheimnis. Warum leugnen Sie die Geheimnisse anderer? Und merken Sie sich noch, daß der Unglaube dem Menschen vielleicht gerade deswegen angeboren ist, weil der Unglaube den Verstand über alles stellt, da aber der Verstand nur dem menschlichen Organismus eigen ist, so kann und will er auch nicht ein Leben in einer anderen Gestalt verstehen, d. h. ein Leben nach dem Tode, und darum glaubt er nicht, daß es höher sei. Andererseits ist dem Menschen schon von Natur das Gefühl der Verzweiflung und des auf ihm ruhenden Fluches eigen, denn der menschliche Verstand ist so eingerichtet, daß er beständig an sich nicht glaubt, sich selbst nicht befriedigt, und darum ist er geneigt, seine Existenz für ungenügend zu halten. Daraus ergibt sich der Drang zum Glauben an ein Leben jenseits des Grabes. Wir sind offenbar Übergangswesen und unser Dasein auf der Erde ist augenscheinlich der Vorgang oder das unausgesetzte Dasein einer Puppe, die sich in einen Schmetterling verwandelt. Erinnern Sie sich des Ausspruchs: der Engel fällt niemals, der Teufel ist so gefallen, daß er immer liegt, der Mensch fällt und kann auferstehn. Ich glaube, die Menschen werden entweder Teufel oder Engel. Man sagt, ewige Strafe sei ungerecht, und die französische Verdauungsphilosophie hat sich ausgedacht, daß allen verziehen wird. Aber das Erdenleben ist doch ein Prozeß der Umgeburt. Wer ist schuld daran, daß man sich in einen Teufel umwandelt? Alles wird natürlich aufgewogen werden. Aber das ist doch eine Tatsache, ein Resultat -- ganz genau so, wie sich auch auf der Erde bei allem immer eines aus dem anderen ergibt. Und vergessen Sie auch nicht, daß >die Zeit nicht mehr sein wird<, wie der Engel in der Apokalypse schwört. Und vergessen Sie gleichfalls noch das eine nicht, daß die Teufel -- wissen! Folglich haben auch die Naturen des Jenseits Erkenntnis und Gedächtnis, und nicht nur der Mensch allein, allerdings -- vielleicht nicht menschliche Erkenntnis und menschliches Gedächtnis. Sterben kann man gar nicht. Sein ist, aber Nichtsein ist überhaupt nicht.«

Schatoff: »Solcher Gespräche, wie das unsrige, gibt es in Rußland unendlich viele. Aber ... wie, wenn Sie sich über mich nur lustig machen?«

»Und was wäre denn dabei so schlimm?« fragte der Fürst lachend.

Schatoff: »Ich glaube es nicht. Ein Mensch, der die Rechtgläubigkeit als das Wesen Rußlands begriffen hat, und das noch so begriffen hat wie Sie, kann nicht darüber spotten.«

Der Fürst: »Das tue ich ja auch gar nicht.«

Schatoff: »Wirklich nicht? Ich bin ein Buchmensch. Ich würde gern kein Buchmensch sein. Was muß ich dazu tun?«

Der Fürst: »Glauben Sie.«

Schatoff: »An die Rechtgläubigkeit und Rußland?«

Der Fürst: »Ja.«

Schatoff: »Ja, natürlich, dann ist man erlöst. Ich ... vielleicht glaube ich. Warum schweigen Sie?«

Der Fürst: »Sie glauben also nicht.«

Schatoff: »Und Sie?«

Der Fürst: »Aber was habe ich denn damit zu tun?«

Schatoff: »Sollten wir uns beide wirklich auch ohne Worte verstehen?«

Der Fürst: »Leben Sie wohl ... Und erlauben Sie, Schatoff, Sie noch auf eines aufmerksam zu machen: Sie sagten vorhin: >ich werde nicht von Ihnen ablassen!< Das wünsche ich durchaus nicht, im Gegenteil, ich wünsche, daß Sie mich vollkommen in Ruhe lassen. Ich sage das im Ernst. Ich habe meine Gründe ...«

Stepan Trophimowitsch Werchowenski und Schatoff

Stepan Trophimowitsch zitiert Tschatzki[61]:

»Zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel, Wie Flut und Ebbe wechselnd nach stehendem Gesetz ...«

Schatoff greift sofort auf: »Tschatzki begriff überhaupt nicht, als beschränkter Dummkopf, bis zu welch einem Grade er dumm war, als er dieses, was Sie da soeben zitierten, sagte. Er ruft im stärksten Unwillen: >Den Wagen mir, den Wagen!< weil er nicht einmal fähig ist, von selbst darauf zu verfallen, daß man die Zeit auch anders als >zur Feder von den Karten, von ihr zurück zum Spiel< verbringen kann -- sogar in dem damaligen Moskau! Er war Herr und Gutsbesitzer und für ihn existierte außer seinem Kreise überhaupt nichts, -- das ist der Grund, warum er über das Leben der höheren Moskauer Gesellschaft in solche Verzweiflung gerät, ganz als ob es außer diesem Leben in Rußland ein anderes gar nicht gegeben hätte. Das russische Volk übersah er einfach, wie dies alle unsere >Vorderen<[62] taten, übersah es um so mehr, je mehr er zu den >Vorderen< gehörte. Je mehr Herr er war und je mehr Vorderster, um so mehr empfand er Haß -- nicht gegen die russischen Einrichtungen, sondern gegen das russische Volk. Über das russische Volk, über seinen Glauben, seine Geschichte, seine Sitten, seine Bedeutung und seine große Millionenmasse dachte er sich nichts mehr als über den Pachtzinsparagraphen. Und genau so dachten auch die Dekabristen[63] und Professoren und Dichter und Liberalen, und überhaupt alle Reformatoren bis zum Zar-Befreier.[64]

Tschatzki ließ sich von seinen Bauern Pacht zahlen, um mit diesem Gelde in Paris leben zu können, Cousin zu hören und womöglich mit Tschaadajeffschem[65] oder Fürst Gagarinschem[66] Katholizismus zu enden oder, wenn er Freidenker war, mit einem Haß auf Rußland, wie etwa Belinski und tutti quanti[67]. Vor allem aber: er konnte es sich nicht einmal vorstellen, daß es in Rußland noch eine andere Welt als die der Moskauer höheren Gesellschaft geben könnte, weil -- er selbst ein Moskauer Herr und Gutsbesitzer war. Und um wieviel doch diese stumpfsinnigen, kartenspielenden Moskowiter klüger waren als er! Aber wenn er auch dumm war, dafür hatte er ein gutes Herz, wenn er auch nicht von weitem her war, dafür war sein Gedanke doch originell -- denn damals waren doch diese Tiraden gegen Moskau immerhin originell! Aber Sie, Sie, was sind Sie, wenn Sie das jetzt wiederholen? Oh, wenn Sie wüßten, wie weit Sie sogar hinter den damaligen kartenspielenden und ihren Dienst tuenden Moskowitern zurückgeblieben sind, und dabei halten Sie und Ihresgleichen sich immer noch für >Vordere<! Wer auf den alten Formen des Liberalismus reitet, der ist schon zurückgeblieben. Die Form des Liberalismus muß immer originell sein, jede Generation muß eine neue haben. Ich spreche nicht vom Wesen des Liberalismus, sondern von seiner Form. Liberalismus, der mit Antinationalismus und persönlichem Haß gegen Rußland endet, ist Rückstand und Blödsinn, Sie aber sehen das nicht ein und halten es noch für das Vorderste und Höchste, das es überhaupt gibt.

Und bitte auch nicht zu vergessen, daß der Zar das Volk befreit hat, nicht Sie und Ihre Zeitgenossen. Herrgott, Sie haben ja noch nicht einmal begriffen, daß die Zaren unvergleichlich liberaler und fortgeschrittener waren, als Sie, denn die Zaren sind immer Hand in Hand mit dem Volke gegangen, sogar zu Birons[68] Zeiten. Der Gedanke, das Volk zu befreien, war den Zaren schon längst vertraut, dem Dekabristen Tschatzki aber kam er überhaupt nicht in den Sinn. Ja, diese Tschatzkis wurden manchmal sogar wegen grausamer Behandlung ihrer Bauern unter Kuratel gestellt, -- und warum nur? Waren sie denn so schlechte Menschen? Taten sie es etwa aus Bosheit? Keineswegs. Sie taten es, weil sie einfach nicht origineller auf Rußland zu sehen verstanden, weil sie ihre Moskauer höhere Gesellschaft für ganz Rußland hielten. Ich könnte wetten, daß die Dekabristen das Volk sofort befreit hätten, bestimmt aber ohne ihm Land zu geben -- wofür das Volk ihnen unbedingt sofort die Köpfe abgedreht und ihnen damit zu ihrer größten Verwunderung bewiesen hätte, daß nicht die Moskauer Gesellschaft allein ganz Rußland ausmacht. Aber, schließlich -- auch ohne Köpfe hätten sie nichts verstanden, obgleich es gerade ihre Köpfe waren, die sie am meisten am Verstehen hinderten. Nein, mit Verlaub, das war Raskol, seit Peter dem Großen hat es bei uns zwei Raskole gegeben, einen oberen und einen unteren«.[69]

Stepan Trophimowitsch und Schatoff

»Sie, meine Herren, Sie Verneiner Gottes und Christi, haben nicht einmal daran gedacht, wie ohne Christus alles in der Welt sofort schmutzig und sündhaft wird. Sie verurteilen Christus und lachen über Gott, aber was für Beispiele geben Sie denn der Menschheit? Wie kleinlich sind Sie, wie verderbt, wie neidisch, wie ruhmsüchtig! Indem Sie Christus beseitigen --, entfernen Sie das unerreichbare Ideal der Schönheit und Güte aus der Menschheit. Und was schlagen Sie zum Ersatz Gleichwertiges vor?«

Stepan Trophimowitsch: »Ich glaube, hierüber ließe sich noch ein wenig streiten -- aber wer hindert einen denn, wenn man an Christus nicht als an Gott glauben will, ihn als Ideal der Vollkommenheit und sittlichen Schönheit zu verehren?«

Schatoff: »Und zu gleicher Zeit doch nicht an >das Wort ward Fleisch< zu glauben, d. h. daß das Ideal leibhaftig gegenwärtig war, folglich auf Erden nicht unmöglich und der ganzen Menschheit wirklich erreichbar ist? Ja, kann denn die Menschheit ohne diesen Trost auskommen? Aber Christus ist ja doch nur deswegen gekommen, damit die Menschheit es erfahre, daß auch ihre irdische Natur, der menschliche Geist wirklich in einem so himmlischen Glanze tatsächlich und leibhaftig erscheinen kann, und nicht nur geistig, als Ideal -- daß das sowohl möglich wie natürlich ist. Die Anhänger Christi, die dieses durchleuchtete Fleisch vergötterten, bewiesen unter den grausamsten Martern, welch ein Glück es ist, diese Leibhaftigkeit in sich zu tragen, der Vollkommenheit dieser Gestalt nachzuahmen und an ihre Leibhaftigkeit zu glauben. Die anderen aber, die da sahen, welch ein Glück diese Leibhaftigkeit gab, kaum daß der Mensch anfing, ihrer teilhaftig zu werden und sich in Wirklichkeit ihrer Schönheit zu nähern, -- wunderten sich, staunten, und wollten schließlich selbst diese Seligkeit genießen: sie wurden Christen und freuten sich schon im voraus der Qualen. Das Ganze liegt hier eben darin, daß >das Wort< wirklich >Fleisch ward<. Darin liegt der ganze Glaube und der ganze Trost der Menschheit, der Trost, auf den sie niemals verzichten wird. Das aber ist es ja gerade, was Sie und Ihresgleichen der Menschheit nehmen wollen. Übrigens, Sie würden es ihr nehmen können, wenn Sie ihr etwas Besseres als Christus zeigen könnten. So zeigen Sie es doch!«

* * * * *

Stepan Trophimowitsch sagt: »Immerhin muß man sich doch über das übermäßige Quantum Dummheit wundern, das in Rußland steckt.«

Der Fürst: »Aber das sind doch alles nur unreife Knaben, die weder von der Gesellschaft noch vom Volk etwas verstehen.«

Stepan Trophimowitsch: »Die aber bei uns doch so viel Stützkraft gefunden haben und finden, und zu denen alles hinströmt, -- wenn auch die Hinströmenden meinetwegen nur Knaben und Mädchen sind, so sind es doch nicht zehnjährige, sondern immerhin zwanzig- und über zwanzigjährige. In diesem Alter aber ist es nicht mehr statthaft, so dumm zu sein.«

Schatoff: »Ich bitte Sie! Sind denn bei uns nicht alle so dumm, selbst die Sechzigjährigen der gebildeten Gesellschaft nicht ausgenommen? Treten doch ganze Zeitungen und Zeitschriften, ernste Menschen, sogar Professoren und Direktoren und alle möglichen Autoritäten für die Idee der Aufteilung Rußlands und die Lostrennung unserer Grenzprovinzen ein! Ist das denn nicht ebenso dumm?

Waren Sie es nicht selbst, Stepan Trophimowitsch, der uns noch vor kurzem erzählte, wie die Herren Literaten oder die literarischen Herren mit Belinski darüber diskutiert haben, wie dieses oder jenes in der Zukunftsgesellschaft sein werde? Alles ist doch aus Ihrer Generation gekommen, stammt aus Ihrer Zeit. Waren Sie denn klüger? Ist denn die Idee, daß alle Völker des Westens national sein und wir sie deswegen achten und die Sonderheit der ganzen nationalen Entwicklung eines jeden Volkes andächtig anerkennen müssen, die Russen aber unter keinen Umständen sie selbst sein dürfen, und ihnen nicht einmal in Gedanken etwas Besonderes, Eigenes zugestanden werden darf[70], -- ist diese Idee etwa nicht dümmer, als was diese Knaben in ihren Proklamationen von den Genossenschaften reden? Ja, genau genommen stützen sich diese Knaben gerade auf die Anschauungen Ihrer Generation, denn Ihre Generation hat durch die Unkenntnis Rußlands und die Verleugnung seiner Selbständigkeit die ganze Sache eingebrockt. Was aber diese Knaben anbetrifft, so stellen sie sich ja durch ihr Programm selbst in ein Kriegsverhältnis zu jeder Gesellschaft, also dürfen sie sich auch nicht wundern oder sich beklagen, wenn die Gesellschaft sie vernichtet. Sie sagen, daß sie vor moralischen Pedanterien nicht zurückschrecken, sondern morden und brennen werden, folglich kann man auch mit ihnen so verfahren. Wenn sie die Regierung geschlachtet haben werden, wollen sie nur ein paar Tage Zeit lassen, damit alle ihr Hab und Gut ihnen übergeben, sich von allem Besitz auf ewig lossagen und sich in die Genossenschaften als Schuster einschreiben können. Folglich können alle, die das nicht wollen, auch mit ihnen ebenso zeremonielos verfahren.«

Schatoff

Schatoff spricht während der Sitzung:

»Ich schäme mich, ein solches Programm mit meinem Namen zu unterschreiben. (In wenigen Tagen sind dann alle Schuster.) Zehnjährige Knaben sind klüger als Sie. Nach dem Ton des Programms zu urteilen, sind Sie, meine Herren, vollkommen überzeugt, daß alle, hingerissen von Ihrer Kühnheit, Weib, Kind, Besitz und Kirchen verlassen werden, um mit Ihnen zu stehlen, zu morden und zu brennen. Aus Ihren Worten ersieht man, wie fest Sie glauben, daß das Volk den Zaren hasse und nur darauf warte, endlich alles von sich werfen und sich Ihnen anschließen zu können. Sie sind ja sogar dermaßen davon überzeugt, daß Sie mit ruhigem Gewissen bereits angefangen haben, sowohl zu rauben, wie zu brennen und zu morden. Sie sind so unreife Knaben, daß Sie nicht einmal die gewöhnliche Eigenliebe der Menschen in Betracht ziehen -- ganz abgesehen von alldem anderen --, wenn Sie glauben, die Menschen werden zu Ihnen gelaufen kommen, zu Ihnen, den grünen Jungen! Sie sind dermaßen flach und dumm, daß Sie überzeugt sind, Sie hätten eine große Entdeckung gemacht, ohne auch nur ein einziges Mal auf den Gedanken zu kommen, daß die Menschheit das alles wohl schon längst getan hätte, wenn das die Wahrheit wäre, und nicht tausend Jahre lang gelitten hätte, einzig um auf Sie zu warten. Sie schämen sich nicht, so zu lügen, wie Sie es in Ihren Proklamationen tun, wenn Sie die Tatsachen entstellen und dazu übernaiv bemerken, dies sei eben jesuitisch und die Jesuiten seien gewandte Leute, und daß Sie genau so wie die Jesuiten handeln werden; und dabei lassen Sie es sich nicht einmal träumen, daß jede Lüge und jede Entstellung der Tatsachen in ungewöhnlich kurzer Zeit an den Tag kommt, und daß dann die Menschen sehen werden, daß Sie absichtliche Lügner sind, und daß Ihnen dann niemand folgen wird. Sie sind, im Gegenteil, wie dumme Jungen fest überzeugt, daß die Lügen weiter nichts auf sich hätten, daß sie vielmehr allen gefallen und die Menschen sich über Ihre geschickten Lügen nur freuen und alles, was sie bis dahin heilig gehalten, was sie geliebt, im Stich lassen werden -- Gott, Weib und Kinder, Ordnung, Anstand --, um zu Ihnen überzulaufen, einzig weil Sie morden und brennen -- ohne dabei selbst zu wissen, warum und wozu eigentlich. Sie schämen sich nicht, zu schreiben, daß Sie dem Achtzigmillionenvolke eine Frist von nur ein paar Tagen geben werden, innerhalb welcher Zeit es sein Hab und Gut Ihnen auszuliefern, die Kinder zu verlassen, die Kirchen zu beschimpfen und sich in die Genossenschaften als Schuster einzuschreiben habe. Sie sind überzeugt, daß alle die Kirchen hassen und die Ehe als Last empfinden und sich nur nach den Aluminiumpalästen sehnen, in denen man nach Herzenslust tanzen und die gemeinsamen Frauen und Männer in besondere Zimmer führen kann[71]. Sie verfallen gar nicht darauf, daß eine so kindische Auffassung der Sache, als handle es sich hierbei um ein Spielzeug, nur verrät, daß Sie noch Bengel sind, denen man schmerzhaft die Rute geben müßte; und die Gesellschaft achten Sie so gering, daß Sie sich nicht einmal bemüht haben, die Proklamation sorgfältiger zu redigieren. Wenn das Publikum lesen wird, wie kindisch Rußland Ihrer Meinung nach verfahren könnte, wie es in ein paar Tagen alles hinwerfen und sich verwandeln soll, wird es sich nur über Ihre Dummheit wundern; doch wenn es sehen wird, daß Sie außerdem noch Bösewichter sind, wird es Sie als schädliche Irrsinnige beseitigen, und zwar mit aller Strenge beseitigen. Doch leider sind ja auch Alle nicht klüger als Sie und das kommt alles nur daher, ist nur deshalb so, weil sie sich vom Boden losgelöst und nicht ein eigenes, sondern ein fremdes Leben geführt und beständig unter Vormundschaft gelebt haben.«

»Man hat in diesem unter Vormundschaft verlebten Leben gar zu Weniges lieb gewonnen, um für dieses Leben einzustehen. Es hat sich viel Unzucht und Leichtsinn aufgehäuft. Wenn man sich um das Leben gemüht, wenn man es sich durch Arbeit erworben hätte, selbständig, mit Leid und Kampf, mit Mühen und Plagen und allen Freuden des Erfolges nach dem Kampf, doch vor allen Dingen durch Arbeit -- die eigene Mühe ist ja die Hauptsache --, nicht aber nur unter administrativer Vormundschaft, so hätte man Tatsachen erworben, viele Erlebnisse aufgespeichert, es würden sich lebendige Erinnerungen an den Kampf und die Arbeit erhalten, und dieses Erlebte und Durchlebte würde allen teuer sein. Teuer wäre dann auch das Andenken an die verstorbenen Tatmenschen und hoch würde man die lebenden Tatmenschen schätzen, die dann einen ganz anderen Einfluß auf die Menschen hätten, und nicht so leichtsinnig wie jetzt würde die Gesellschaft dann auf jeden Schwindel dummer und verderbter, seelenloser Bengel antworten. Wahrlich, sie ist uns eine gute Lehre! -- diese deutsche Vormundschaft! O Gott, was für eine Lehre das ist! Es gibt kein einziges Volk, keine einzige Nation in Europa, die sich nicht aus eigener Kraft hat retten können, -- selbst in der flammendsten Revolution, selbst auf den Barrikaden ist das erste, was geschieht, daß eine neue Ordnung festgesetzt wird und die Diebe, Plünderer und Brandstifter erschossen werden. Sie aber, Sie wollen bei uns ein Achtzigmillionenvolk einzig durch Brandstiftung, Totschlag und Zarenmord anlocken und für sich Sympathie erwecken! So glauben Sie, daß diese Gesellschaft überhaupt nichts aus ihrem durchlebten Leben achte, und daß dieses Leben unter administrativer Vormundschaft so schön gewesen sei! Zu was sind Sie entartet? Und Sie, Sie sehen noch immer nicht, daß das Volk sich schon vollständig, aber vollständig von Ihnen losgesagt hat! Nun wohl! -- versuchen Sie es doch noch einmal, das Volk unter Vormundschaft zu nehmen, versuchen Sie es doch! Wahrlich, Sie haben doch schon gar zu holsteinisch auf das Volk gesehen!«

Und dann sofort der Verfasser der Chronik von sich aus: So sprach Sch. wie außer sich, und vielleicht war in seinen Worten auch wirklich einiges doch ganz Wahres. In der Tat, Vormundschaft und Entfremdung vom Volke haben ja gerade das bewirkt, daß die Gesellschaft erstens nichts mehr hat, was ihr teuer ist und wofür sie einstehen würde, und zweitens, da sie sieht, daß hingegen dem Volk zweifellos das Eigene teuer ist und es dafür einsteht und dabei ein so volles Leben lebt -- so hat das der Gesellschaft den Vorwand gegeben, das Volk nun endgültig zu hassen, also gerade seines vollen Lebens wegen. Ich verstehe jetzt, was Schatoff sagen wollte, als er von diesem Haß der Belinski und unserer sämtlichen Westler gegen das Volk sprach, und wenn sie selbst diesen Haß leugnen wollen, so ist es klar, daß sie selbst ihn nicht erkennen. Ja, so war es doch: sie glaubten, daß sie das Volk »hassend liebten«, und so sagten sie es auch von sich. Aber sie schämten sich nicht einmal ihres Ekels vor dem Volke, wenn sie praktisch mit ihm in Berührung kamen. (In der Theorie allerdings liebten sie es.)

Stepan Trophimowitsch (Gr.) sagt: »Ja, aber das Volk wurde doch ebenso bevormundet, wie die anderen, und Sie geben doch selbst zu, daß es russisches Volk geblieben und nicht unter der Vormundschaft entartet ist und nicht Rußland haßt.«

Schatoff: »Das Volk wurde mit der deutschen Reform verschont und von Anfang an als hoffnungslos aufgegeben. Man erlaubte ihm auch sofort wieder, den Bart zu tragen. Damals hielt man das Volk für etwas Unwichtiges, man sah auf dasselbe wie auf Rohmaterial oder Steuerzahler herab. Zwar bevormundete man es streng, das ist wahr, aber sein inneres, eigenes Leben ließ man ihm unangerührt, und wenn es auch viel zu erdulden und viel zu leiden hatte, so endete es doch damit, daß es auch sein Leiden lieb gewann. Dagegen wurden alle Russen der oberen Gesellschaftsschicht zu Deutschen, und diese vom Erdboden Losgerissenen hatten dann bald nur für Deutschland noch Liebe übrig, für ihr Vaterland aber und für ihr eigenes Volk nur Verachtung und Haß. So war es ja überall. So begannen auch in Litauen die Stammrussen ihre eigene Rasse zu mißachten.«

Fragen und Antworten

»Sie bieten das Glück an. Aber selbst wenn wir annehmen, daß Sie im Endziel des Strebens vollkommen recht haben (was natürlich absurd ist, doch worüber ich vorläufig nicht streiten will), so ersieht man doch schon aus Ihrer Proklamation[72], bis zu welch einem Grade Ihre Köpfe unreif, flach und leichtsinnig sind und somit -- wie wenig sie zum Erreichen Ihres eigenen Zieles taugen. Sollten Sie denn wirklich nicht einsehen, daß eine Umwandlung, wie die, die Sie vorschlagen, eine Umgeburt des einzelnen Menschen wie des ganzen Volkes, sich doch nicht so leicht und schnell vollziehen kann, wie Sie glauben!? Denn Sie sagen doch, daß alles mit dem Beil und durch Raub gemacht werden werde, auf daß sich aber der Mensch von Gott, von der Liebe zu Christus, von der Liebe zu seinen Kindern und von seinen Pflichten ihnen gegenüber lossage, von seiner Persönlichkeit und ihrer Sicherstellung, -- dazu sind Jahrhunderte noch zu wenig. In Jahrtausenden hat sich z. B. die gesellschaftliche, juridische Sicherstellung im Staate herausgearbeitet, und doch -- bis zu welch einem Grade ist sie noch überall unzureichend! So langsam arbeitet sich in der Praxis selbst ein so alltägliches Bedürfnis eines jeden Menschen heraus! Darum aber, wenn auch das, was bereits ist, was sich bereits herausgearbeitet hat, meinetwegen auch unzureichend ist, so wird der Mensch doch nicht so leicht darauf verzichten und Ihnen nachlaufen: denn wenn es auch nicht gut, wenn es auch nur wenig ist, so ist damit doch immerhin schon etwas da, bei Ihnen aber ist nichts, denn Sie sagen ja selbst ganz offen, daß alles auf Grund liebevoller Vereinbarung geschehen und niemandem und für nichts eine Garantie geboten werden soll, wenn's nicht gerade die Genossenschaft betrifft. Um Fragen einfach abzuschneiden, behaupten Sie kurzweg, daß es in der neuen Gesellschaft Verletzungen nicht mehr geben werde und folglich seien Garantien gar nicht nötig. Aber so etwas kann doch nur ein Verrückter behaupten, der noch nichts erprobt hat, und so ohne alle Unterlagen, wie Sie da Ihre Versicherungen abgeben.

Wenn aber der Mensch nicht einmal darauf leicht verzichten wird, wie wird er sich dann noch von seinen Kindern, von seiner Liebe zu ihnen, von Gott und schließlich von seiner ganzen Freiheit lossagen? Sie antworten auf keine einzige der Fragen, die die ganze Menschheit erregen, Sie schieben alles beiseite. Doch wenn Sie die Fragen nicht beantworten, wie wollen Sie dann die Aufgaben lösen? Und deshalb -- wie könnten denn alle sich Ihnen anschließen und sich sofort zu der neuen Gesellschaft umschaffen [umgebären]? Ihnen wird nur ein Häufchen leichtsinniger Menschen folgen oder Nichtswürdige, die Sie mit der Aussicht auf Plünderung anlocken. Wenn aber so etwas nur in Jahrhunderten entstehen kann, wie können Sie dann versprechen, dasselbe in wenigen Tagen zu schaffen (wie Sie sich ja buchstäblich ausdrücken)? Also sind Sie nun nach alledem nicht leichtsinnig, und welch eine Verantwortung übernehmen Sie für die Ströme von Menschenblut, die Sie vergießen wollen? Aufbauen ist schwer; darum reißen Sie auch nur nieder, weil das am leichtesten ist.«

»Überhaupt keine Verantwortung, wir bringen einfach unsere Köpfe. Die zukünftige Gesellschaft wird vom Volke geschaffen werden nach der allgemeinen Zerstörung, je schneller desto besser.«

»Aber erstens, das Volk wird nicht anfangen dreinzuschlagen, wenn es nicht weiß, wofür; hauen, brennen und plündern wird nur ein Haufe geheimer Bösewichter. Denn das Volk kann doch nicht Ihr Programm annehmen: Vernichtung der Persönlichkeit, des Eigentums, Gottes und der Familie. Ich sage nochmals: selbst wenn Ihr Programm gerecht wäre, könnte es doch nur im Laufe von Jahrhunderten angenommen werden, in Jahrhunderten friedlicher, praktischer Studien und Entwicklung. Und selbst wenn das Volk sich vom Aufruhr und Plündern hinreißen lassen sollte, so wird es sich doch sofort wieder beruhigen und dann etwas anderes aufbauen, jedenfalls aber auf seine Art, und -- nun ja -- vielleicht sogar etwas noch viel Schlechteres.«

»Meinetwegen; aber auch das ist schon gut, daß wenigstens eine Welt untergeht. Dann wird eben eine andere Welt beginnen, meinetwegen eine mit Fehlern, eine vom Volk errichtete, aber sicher wird sie schon ein wenig besser sein. Wenn man dann deren Fehler erkannt hat, werden wir oder unsere Nachfolger auch diese Welt wieder stürzen, und so weiter, bis schließlich unser ganzes Programm durchgesetzt ist. Doch auch beim ersten Experiment werden wir unseren Zweck schon damit erreichen: daß erst einmal das Prinzip des Beiles und der Revolution angenommen wird.«

»Aber auf Grund wessen sind Sie denn so überzeugt, daß Ihr Programm unfehlbar ist? Wie nun, wenn das alles nur Unsinn ist und die absurdeste Unkenntnis der menschlichen Natur im allgemeinen und des russischen Volkes im besonderen? Sie können das Gegenteil doch mit nichts beweisen, höchstens den Einwand vorbringen, daß es Ihnen unfehlbar erscheint. Aber es ist doch möglich, daß Sie alle sehr dumm sind und es Ihnen nur deshalb so erscheint; dann aber können Sie doch nicht verlangen, daß alle übrigen Menschen ausschließlich zu diesem Zweck gleichfalls zu Dummköpfen werden, nur um Ihnen folgen zu können. Aber siehe da, Sie weigern sich ja, darüber auch nur zu reden. Sie sagen: wer nicht für uns ist, der ist wider uns, und weihen alle, die entgegengesetzter Meinung und Überzeugung sind, einfach dem Tode, wobei Sie ganz zu vergessen scheinen, daß Streit unter allen Umständen Entwicklung der Sache ist. Und mit welch einer Wut erkennen Sie diejenigen nicht einmal an, die gegen Sie sogar handeln werden, da sie mit Ihren Überzeugungen nicht übereinstimmen.«

»Alles das ist Unsinn und Finessen!«

»Wenn Sie aber nicht mit aller Sicherheit wissen, daß Ihr Programm richtig ist, wie können Sie dann das Verbrechen der Zerstörung auf Ihr Gewissen nehmen?«

»Wir glauben aber, daß unser Programm richtig ist, und daß ein jeder, der es annimmt, glücklich wird. Deshalb entscheiden wir uns auch fürs Blut, denn nur mit Blut wird Glück erkauft.«

»Wenn es aber nicht damit erkauft wird, was dann?! Geglaubt wird nur an Gott, im Leben aber sind Tatsachen erforderlich.«

»Wir sind überzeugt, daß man es damit kaufen kann, und das genügt uns.«

»Oh Ihr Unseligen! Mich freut nur eines: daß es Ihnen um keinen Preis gelingen wird, denn Sie kennen das Volk nicht. Gesetzt, Ihnen gelingen einige Plünderungen, Brandstiftungen, Morde und Verführungen, nehmen wir selbst an, daß Sie es bis zu einem Aufstande bringen, das ganze Volk aber wird Sie dafür doch sofort aufknüpfen; nicht aber Ihr Programm annehmen, denn dieses Programm ist widernatürlich und außerdem auf der größten Unkenntnis des russischen Volkes aufgebaut. Niemals wird der Mensch Ihnen seinen Glauben, seine Familie ausliefern und in dieses Zuchthaus übersiedeln, das Sie ihm in Ihrem Programm anbieten, und niemals wird er seine persönliche Freiheit für eine solche Knechtschaft verkaufen ... Das Volk aber wird Ihnen niemals seinen Zar-Befreier ausliefern.«

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Sie wollen morden und plündern, weil das am leichtesten ist. Diese Lehre tauchte in Frankreich gerade damals auf, als die Kommunisten überall durchfielen und sich als nichtswürdige Bengel erwiesen.

Stepan Trophimowitsch und Pjotr Stepanowitsch Werchowenski

»Ich mache die Sache, weil sie gemacht werden muß. Damit (mit der Zerstörung) muß naturgemäß jede Sache beginnen; das weiß ich, und darum beginne ich eben. Das Ende geht mich nichts an, ich weiß nur, daß man damit beginnen muß, alles übrige ist nur zeitraubendes Geschwätz. Alle diese Reformen und Korrekturen und Verbesserungen -- sind Unsinn. Je mehr man reformiert und verbessert, um so schlimmer ist's, denn auf diese Weise erhält man noch einige Zeit künstlich das Leben eines Dinges, das doch unbedingt sterben und einstürzen muß. Je schneller desto besser, je früher damit begonnen wird, um so besser. (Zuerst natürlich Gott, Verwandtschaft, Familie usw.) Man muß alles zerstören, um das neue Gebäude aufbauen zu können, das alte Gebäude aber mit Stützen noch zu stützen, ist nichts weiter als eine Pfuscherei.«

»Nun, z. B., du weißt, daß du früher oder später doch einmal sterben mußt, warum erschießt du dich denn nicht jetzt gleich -- je schneller desto besser?«

»Einzig weil ich noch nicht will und weil die Sache gemacht werden muß.«

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»Ich bin kein Genie, und ich will auch gar nicht eines sein, aber ich weiß, daß man es jetzt machen muß, und so mache ich es denn. Auch ihr wußtet das, du und deine Generation, doch ihr weintet bloß. Wir aber weinen nicht, sondern tun's einfach.«

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Stepan Trophimowitsch und Pjotr Werchowenski

»Der verstorbene Belinski beschimpfte Christus, hätte dabei aber nicht einmal einem Huhn etwas zuleide tun können.«

»Oh, in der Wirklichkeit und im Verstehen der wirklichen Dinge war Belinski sehr schwach. Turgenjeff hatte ganz recht, als er von ihm sagte, daß er, Belinski, sogar wissenschaftlich sehr wenig gewußt habe. Aber er begriff doch besser als sie alle. Du lachst, du scheinst sagen zu wollen: viel haben sie wahrlich allesamt begriffen! Mein Freund, ich erhebe keinen Anspruch auf das Begreifen der Einzelheiten des wirklichen Lebens. Doch ich kam ja auf Belinski zu sprechen. Ich erinnere mich des Schriftstellers D., der damals fast noch ein Jüngling war[73]. Belinski wollte ihn zum Atheismus bekehren und nach den Entgegnungen D's, der Christus verteidigte, begann er Christus zu schmähen. >Und immer macht er, wenn ich schimpfe, eine so betrübte, niedergeschlagene Physiognomie,< sagte Belinski plötzlich, indem er mit dem gutmütigsten, unschuldigsten Lachen auf D. wies. Einmal traf dieser D. zufällig Belinski am Bahnhof der erst im Bau befindlichen ersten Eisenbahnstrecke. >Ich kann nicht kaltblütig warten<, sagte Belinski zu ihm, >ich habe mir den Weg hierher zum Spaziergang erwählt und jeden Tag sehe ich mir den Bahnbau an.< Oh, wenn er, der Arme, gewußt hätte, mit welchen Augen damals viele auf diese Eisenbahn sahen, besonders die Erbauer der Bahn! Belinski sagte: >Ich bin nicht so wie die anderen, ich bin schon, wie Sie sehen, gerade davon krank. Wenn ich verscharrt sein werde, -- wird man erfahren, wen man begraben hat.<[74] D. schloß sich ihm an und begann über die Eisenbahn zu sprechen, dann über die zukünftigen Eisenbahnen überhaupt, über die Beheizung der Wagen und schließlich über die Beheizungsfrage in Moskau, wo das Brennholz immer teurer wurde und in Zukunft, wenn Moskau der Knotenpunkt aller Eisenbahnen sein wird, noch sehr viel teurer werden müsse. Wahrscheinlich werde man das Holz dann mit der Bahn aus den waldreichen Gegenden herbeischaffen. Da begann Belinski zu lachen über diese, wie ihm schien, geringe Kenntnis der Wirklichkeit: >Brennholz will er mit der Eisenbahn befördern!< Das erschien ihm ungeheuerlich. Stellen Sie sich vor, er glaubte wirklich, daß man mit der Eisenbahn nur Passagiere, von Waren aber höchstens die feinsten und wertvollsten articles de Paris{[280]} befördern werde. Das war seine Kenntnis der Wirklichkeit ... Aber er begriff doch mehr als alle.«

»Dann haben alle wohl viel begriffen!«

»Mein Freund, ich habe mich vom tätigen Leben zurückgezogen ... Jetzt unter den Tätigen sein, das will und kann ich nicht ...«

»Ja, zu was könntest du jetzt auch noch taugen!«

Charakteristik Pjotr Werchowenskis

»Eigentlich geht mich ja weder das Volk noch die Kenntnis desselben etwas an. Ich weiß nur, daß man das Volk jetzt zu einem Aufstand bringen kann, und das ist alles, worauf es ankommt.«

Wenn er vom Volk spricht, bekundet er plötzlich in einem Punkt eine himmelschreiende und ganz sonderbare Unwissenheit und Ahnungslosigkeit (eine unbedingt so sonderbare, daß die Ungeheuerlichkeit sofort in die Augen springt.) Unter Gelächter wird er überführt, werden seine Behauptungen widerlegt; aber bemerkenswert ist, daß ihn das nicht im geringsten verwirrt, weder wankt er, noch ist er pikiert, ja er fühlt sich nicht einmal in seiner Eigenliebe verletzt. Unglaublich kaltblütig und nachlässig nimmt er es hin:

»Vielleicht ist es auch so,« sagt er, »aber das ist doch ganz einerlei, nicht darauf kommt es an, sondern darauf, daß man jetzt einen Aufstand machen kann, und so will ich ihn denn jetzt machen.«

Man antwortet ihm, daß auch ein Aufruhr ihm bestimmt nicht gelingen wird, wenn er nicht das Volk kennt, und daß die Proklamation eine Absurdität ist.

»Das ist Unsinn,« antwortet er, »laßt mich nur eine Viertelstunde ohne Zensur mit dem Volke sprechen, und es wird mir sofort folgen.«

Man versichert ihm, daß das Volk weit fester sitze, er aber sagt: »Na, das ist erst recht Unsinn!« und weist auf die Tatsachen hin -- Räuberhorden, Brandstiftungen, von Sohn[75] --. »Und ihr seht es ja selbst ein, daß das eine unentschiedene Sache ist, da ihr jetzt selbst verstummt und nichts mehr zu sagen wißt. (Auf die goldene Urkunde[76] hin ging doch das Volk, warum soll es auf die Proklamationen hin nicht gehen?«)

Ist mitunter ganz entsetzlich unwissend. Den ernsten Einwendungen seines Vaters (z. B., daß nicht die ganze Natur des Menschen bekannt ist und der Verstand nur 1/20 des ganzen Menschen ausmacht) schenkt er überhaupt keine Beachtung und will und versucht auch nicht einmal, ihm zu entgegnen, gibt sogar offen zu, daß er das nicht weiß, aber: »nicht darauf kommt es an«.

Ist in seiner Unwissenheit vollkommen ruhig.

Die Rede seines Vaters bei der Fürstin hat er nicht einmal gehört.

Und dabei schlägt er den Vater doch vollkommen. (»Mit ihm kann man nicht streiten,« sagt der Vater.)

Die Streitfragen der Slawophilen und Westler sind ihm nicht einmal annähernd bekannt, er hat nur gehört, daß es so etwas wie Slawophile und Westler gibt, aber: »alles das ist Unsinn« und »nicht darum handelt es sich.«

Schreibt sogar unorthographisch.

Charakteristik Stepan Trophimowitschs

Porträt eines reinen und idealen Westlers mit allen Schönheiten.

Lebt vielleicht (in Moskau) in einer Gouvernementshauptstadt.

Die charakteristischen Züge. -- Eine lebenslängliche Ziellosigkeit und Unfestigkeit in den Ansichten und in den Gefühlen, unter der er früher gelitten hat, die aber jetzt zu seiner zweiten Natur geworden ist. (Der Sohn macht sich darüber lustig.)

Ist zum drittenmal verheiratet. (Ein höchst charakteristischer Zug.)

Wünscht sehnsüchtig, verfolgt zu werden, und liebt es, von den früheren Verfolgungen, denen er ausgesetzt gewesen, zu sprechen.

Ein Mensch der vierziger Jahre. Denkt gern an dieses Jahrzehnt und die Überlebenden zurück (»ich und Timofei Granowski«).

Er ist -- ein berühmt gewesener Name (zwei oder drei Artikel, eine kritische Untersuchung, Reise durch Spanien, handschriftliche Aufzeichnungen über den Krimkrieg, die unter seinen Bekannten von Hand zu Hand gingen und ihm die Verfolgung eingetragen haben). Stellt sich unbewußt auf ein Piedestal, wie etwa eine Reliquie, die man anbeten kommt -- liebt das. Spricht häufig ohne Fürwörter.

Ist wirklich ehrlich, rein und hält sich für die tiefste Allwissenheit. Widerstandsunfähigkeit in Ansichtssachen.

Großer Poet, jedoch nicht ohne Phrase.

Hat das russische Leben ganz übersehen.

»Tschurrt sich«[77] vor dem Nihilismus und begreift ihn nicht.

55 Jahre alt. Literarische Erinnerungen: Belinski, Granowski, Herzen, Turgenjeff u. a.

Liebt Champagner.

Rolle eines Ssacks[78].

Liebt es, Klagebriefe zu schreiben. Hat hier und da Tränen vergossen.

»Laßt mir Gott und die Kunst. Trete auch Christus ab.«

George Sand und seine Götzen blicken fortwährend durch den Ernst hervor.

Echter Dichter. Dies irae, Goldenes Zeitalter, Griechische Götter! Ein inspiriertes Kapitel. Hat das Pekuniäre gut geordnet. Bildchen, Memoirchen (usw. in dieser Art).

Sein Sohn wird im Auslande erzogen.

Noch eine Gestalt: junge Frau (seit vier Monaten schwanger).

NB. Beweint alle seine Frauen und heiratet immer wieder.

»Kann mich nicht zufrieden geben, sehne mich ewig.«

Ist klug und geistreich.[79]

Zweiter Anhang. Bruchstück aus einem bisher unveröffentlichten Kapitel des Romans »Die Dämonen«[80]

I.

... Ungefähr um halb elf erreichte Stawrogin die hohe Pforte unseres Spasso-Jefimjeffschen Bogorodskischen Klosters, das außerhalb der Stadt am Fluß lag. Erst hier schien er wieder zu sich zu kommen und sich plötzlich einer Sache zu erinnern: er blieb stehen, befühlte hastig und erregt seine Seitentasche, und -- ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Nachdem er eingetreten war, erkundigte er sich bei einem kleinen Klosterdiener, den er hier erblickte, wie er zu dem im Kloster lebenden Bischof Tichon gelangen könnte. Der Kleine verneigte sich mehrmals untertänigst vor ihm und bat ihn höflich, ihm zu folgen; doch an der Treppe, die an dem einen Ende des langen zweistöckigen Klostergebäudes lag, machte ihm ein dicker, grauhaariger Mönch den Gast geschickt und wie mit vollstem Recht einfach abspenstig. Dieser führte nun Stawrogin durch einen langen, schmalen Korridor, verneigte sich gleichfalls fortwährend vor ihm oder eigentlich nickte er nur immer wieder mit dem Kopf, da ihm das Verbeugen bei seiner Korpulenz augenscheinlich schwer fiel, und forderte ihn ununterbrochen auf, ihm zu folgen, obgleich Stawrogin das ohnehin schon tat. Der Mönch stellte auch noch verschiedene Fragen an ihn und sprach vom Archimandriten, da er aber keine Antwort erhielt, verstummte er ehrerbietig. Stawrogin fiel es auf, daß man ihn im Kloster zu kennen schien, obgleich er doch, soweit er sich erinnern konnte, nur in der Kindheit hier gewesen war. Als sie bei der letzten Tür des Korridors angelangt waren, blieb der Mönch stehen und öffnete sie mit einer Miene, als ob er der Bischof selber wäre, erkundigte sich familiär bei dem flink herbeigelaufenen Zellendiener, ob man eintreten könne, stieß aber dann, ohne die Antwort abzuwarten, die Tür weit auf und ließ mit einer Verbeugung den »teuren« Gast an sich vorüber. Nachdem er aber den klingenden »Dank« empfangen hatte, verschwand er mit einer Geschwindigkeit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte.

Stawrogin trat in das kleine Zimmer, und fast im selben Augenblick erschien in der Tür des Nebenzimmers eine hohe, hagere Gestalt: es war ein Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, in einem einfachen Leibrock, wie er unter dem Meßgewand getragen wird, ein Mensch, der dem Aussehen nach leidend war, ein sonderbar unbestimmtes Lächeln hatte und einen sonderbaren, gleichsam scheuen Blick. Das war jener Tichon, dessen Namen Stawrogin zum erstenmal von Schatoff gehört hatte.

Stawrogin hatte inzwischen Näheres über ihn zu erfahren gesucht, doch was er an Urteilen über ihn zu hören bekam, war sehr verschieden und sogar äußerst widerspruchsvoll gewesen. Trotzdem hatten selbst die entgegengesetztesten Aussagen etwas Gemeinsames gehabt, und zwar: sowohl die Anhänger wie die Gegner Tichons (und solche gab es) hatten alle gleichsam irgend etwas von ihm verschwiegen -- die einen wahrscheinlich aus Geringschätzung oder Verachtung, die anderen, die Anhänger und sogar die leidenschaftlichsten, aus einer gewissen Scheu, als ob sie etwas von ihm hätten verheimlichen wollen, irgendeine seiner Schwächen, vielleicht sogar -- eine gewisse Unzurechnungsfähigkeit. Stawrogin hatte erfahren, daß er schon seit sechs Jahren in unserem Kloster wohnte, und daß zu ihm nicht nur das einfache Volk pilgerte, sondern auch die angesehensten Persönlichkeiten fuhren, daß er sogar im fernen Petersburg leidenschaftliche Anhänger und vornehmlich Anhängerinnen hatte. Andererseits aber hatte er von einem würdevollen alten »Klubherrn«, und zwar einem gottesfürchtigen, gehört, daß »dieser Tichon« so gut wie vollkommen verrückt oder wenigstens ein ganz unbegabter Mensch sei und »zweifellos mitunter trinke«. Hierzu möchte ich von mir aus bemerken, obgleich ich damit vorgreife, daß letzteres entschieden nicht der Wahrheit entsprach; er hatte nur kranke Füße -- irgendein hartnäckiges rheumatisches Leiden -- und von Zeit zu Zeit war er irgendwelchen nervösen Krämpfen oder Anfällen unterworfen. Ferner hatte Stawrogin gehört, daß der zurückgezogene Bischof -- sei es aus Charakterschwäche oder aus einer »bei seinem Rang unverzeihlichen Nachlässigkeit« -- es nicht verstanden habe, im Kloster besondere Ehrfurcht für sich zu erwecken. Es hieß sogar, daß der Archimandrit, ein in seinen Amtspflichten sehr strenger Mann, der außerdem wegen seiner Gelehrsamkeit berühmt war, zu Tichon ein gewissermaßen feindliches Gefühl nähre und ihm -- natürlich nicht offen, sondern nur mittelbar -- unordentliches Leben und fast Ketzerei vorwerfe. Die Brüderschaft des Klosters verhielt sich zu dem Kranken, wenn auch nicht gerade nachlässig, so doch, sagen wir, familiär.

Die zwei Zimmer, aus denen die Zelle Tichons bestand, waren etwas sonderbar eingerichtet. Neben den klobigen alten Klostermöbeln, deren Lederbezug schon recht abgenutzt war, befanden sich daselbst drei oder vier elegante Gegenstände: ein teurer Lehnstuhl, ein prachtvoller großer Schreibtisch, ein teurer geschnitzter Bücherschrank, Tischchen und Etageren -- lauter geschenkte Sachen; auf dem Fußboden ein kostbarer bucharischer Teppich und neben ihm eine einfache geflochtene Matte. An den Wänden hingen Gravüren mit mythologischen oder »weltlichen« Darstellungen, in der Ecke aber war ein großer Heiligenschrank, dessen Heiligenbilder in Gold und Silber schimmerten. Eines von ihnen war sehr alt und enthielt Reliquien. Seine Bibliothek, hieß es, sollte gleichfalls sehr sonderbar zusammengesetzt sein: neben den Werken der großen Kirchenväter sollte sie Werke »der Theaterdichtkunst (!), vielleicht aber noch schlimmere« enthalten.

Nach den ersten Begrüßungsworten, die aus einem ungewissen Grunde von beiden ein wenig befangen und sogar kaum verständlich ausgetauscht wurden, führte Tichon den Gast in sein Kabinett, wies ihm einen Platz neben dem Tisch auf dem Sofa an, und setzte sich selbst auf einen geflochtenen Lehnstuhl. Stawrogin war immer noch sehr zerstreut -- er schien es von einer inneren, bedrückenden Erregung zu sein. Man hätte glauben können, daß er sich zu etwas Ungewöhnlichem entschlossen habe, das, einmal getan, nicht mehr rückgängig zu machen wäre, dessen Erfüllung aber seine Kraft doch zu übersteigen schien. Er blickte sich im Zimmer um, doch augenscheinlich ohne etwas zu bemerken; er dachte, doch wußte er natürlich selbst nicht, was. Die Stille weckte ihn schließlich und es schien ihm plötzlich, daß Tichon gleichsam verschämt die Augen zu Boden gesenkt hielt und daß ein ganz überflüssiges, unbeholfenes Lächeln um seine Lippen spielte. Das rief sofort Widerwillen in ihm hervor; er wollte schon aufstehen und weggehen, um so mehr, als Tichon seiner Meinung nach entschieden betrunken war. Da erhob aber Tichon plötzlich die Augen und sah ihn mit einem so festen, gedankendurchdrungenen Blick an und zu gleicher Zeit mit einem so unerwarteten und rätselhaften Ausdruck, daß er fast zusammenfuhr. Es schien ihm plötzlich aus irgendeinem Grunde, daß Tichon schon wisse, warum er zu ihm gekommen war, daß man ihn schon von seinem Besuch benachrichtigt habe (obgleich kein Mensch in der ganzen Welt diesen Grund seines Besuches wissen konnte), und wenn er nicht als erster zu sprechen anfing, dies nur deshalb nicht tat, weil er ihn schonen wollte, -- vielleicht weil er fürchtete, ihn zu demütigen.

»Sie kennen mich?« fragte Stawrogin schroff. »Habe ich mich Ihnen vorgestellt oder nicht, als ich eintrat? Ich bin so zerstreut ...«

»Sie haben sich nicht vorgestellt, aber ich habe Sie schon einmal vor vier Jahren gesehen, hier im Kloster ... zufällig.«

Tichon sprach nicht schnell, gleichmäßig, mit einer weichen Stimme, und er sprach die Worte klar und deutlich aus.

»Vor vier Jahren bin ich überhaupt nicht in diesem Kloster gewesen,« entgegnete Stawrogin in einem Ton, der an Grobheit grenzte; »nur als Knabe bin ich hier gewesen, als Sie noch gar nicht hier waren.«

»Vielleicht haben Sie es vergessen?« bemerkte Tichon vorsichtig, doch ohne darauf zu bestehen.

»Nein, ich habe es nicht vergessen; und es wäre auch lächerlich, wenn ich mich dessen nicht mehr erinnern würde,« bestand Stawrogin wiederum unverhältnismäßig heftig auf seiner Behauptung. »Sie haben vielleicht nur von mir gehört und sich dann irgendeine Vorstellung von mir gemacht, und so glauben Sie jetzt, daß Sie mich gesehen hätten.«

Tichon schwieg. Da bemerkte Stawrogin, daß es über sein Gesicht zuweilen wie ein Nervenzucken lief, ein Kennzeichen seiner Krankheit.

»Ich sehe nur, daß Sie heute nicht ganz wohl sind,« sagte er, »ich glaube, ich tue besser, wenn ich fortgehe.«

Er erhob sich sogar vom Sofa.

»Ja, ich fühle seit gestern starke Schmerzen in den Füßen, und in der Nacht habe ich wenig geschlafen ...«

Tichon verstummte. Seinen Gast aber hatte die vorige Nachdenklichkeit schon von neuem und ganz plötzlich überfallen. Das Schweigen dauerte lange an, mehr als zwei Minuten.

»Sie haben mich vorhin beobachtet?« fragte Stawrogin plötzlich erregt und mißtrauisch.

»Ich habe Sie angesehen und mich dabei der Gesichtszüge Ihrer Mutter erinnert. Zwischen Ihnen und ihr ist bei äußerer Unähnlichkeit viel innere, geistige Ähnlichkeit.«

»Durchaus keine Ähnlichkeit, besonders keine geistige. Sogar überhaupt keine!« rief Stawrogin wieder ganz unverhältnismäßig erregt und heftig. »Sie sagen das nur so aus Mitleid zu mir und ... Unsinn! ... Kommt denn meine Mutter hierher?«

»Ja, zuweilen.«

»Das wußte ich nicht. Habe es niemals von ihr gehört. Kommt sie oft?«

»Fast in jedem Monat einmal; aber auch öfter.«

»Habe es niemals gehört. Kein einziges Mal ... Nie gehört ... Sie haben dann natürlich von ihr schon erfahren, daß ich verrückt bin?« fügte er plötzlich hinzu.

»Nein, nicht gerade verrückt. Übrigens habe ich auch von dieser Auffassung gehört, aber von anderen.«

»Sie haben wohl ein gutes Gedächtnis, wenn Sie so viele Dummheiten behalten können. Und von der Ohrfeige haben Sie gleichfalls gehört?«

»Ja, einiges.«

»Das heißt also alles. Sie haben ja ungemein viel Zeit übrig. Und vom Duell?«

»Auch vom Duell.«

»Sie hören hier allerdings erstaunlich viel. Wozu druckt man bei uns eigentlich Zeitungen? Schatoff hat Ihnen wohl gesagt, daß ich kommen werde? Nicht?«

»Nein. Ich kenne Herrn Schatoff, aber jetzt habe ich ihn lange nicht mehr gesehen.«

»Hm. Was haben Sie dort für eine Karte? Sehe ich recht! Die Karte des letzten Krieges! Was machen Sie denn damit?«

»Ich orientiere mich auf der Landkarte nach dem Text. Es ist eine interessante Beschreibung.«

»Zeigen Sie; ja, das ist keine schlechte Darstellung. Aber doch eine sonderbare Lektüre für Sie.«

Er zog das Buch zu sich heran und blickte flüchtig hinein. Es war eine umfangreiche Geschichte des letzten Krieges, gut dargestellt, -- übrigens nicht so sehr vom militärischen als vielmehr vom rein literarischen Standpunkte aus. Nachdem er das Buch zu sich umgedreht hatte, schob er es plötzlich ungeduldig wieder zurück.

»Ich weiß wirklich nicht, warum ich hergekommen bin!« stieß er gereizt hervor, Tichon gerade in die Augen blickend, als ob er von ihm eine Antwort darauf erwartete.

»Sie scheinen auch nicht ganz gesund zu sein?«

»Ja, ich bin nicht ganz gesund.«

Und plötzlich erzählte er in kurzen, schroffen Worten -- manches war nur schwer zu verstehen --, daß er besonders nachts so etwas wie Halluzinationen unterworfen sei, daß er zuweilen irgendein boshaftes, ein spöttisches und »vernünftiges« Wesen neben sich sehe oder fühle, »in verschiedenen Gestalten und von verschiedenem Charakter, doch ist es stets ein und dasselbe Wesen -- ich aber ärgere mich dann immer ...«

Wild und wirr war dieses Geständnis; man hätte wirklich glauben können, daß ein tatsächlich Wahnsinniger es machte. Doch bei alledem sprach Stawrogin mit einer so sonderbaren Aufrichtigkeit, wie sie wohl noch nie jemand an ihm gesehen hatte, mit einer Offenheit, die ihm sonst gar nicht eigen war, daß man glauben konnte, der frühere Mensch in ihm sei plötzlich -- und auch für ihn selbst ganz unverhofft -- spurlos verschwunden. Er schämte sich nicht im geringsten, die Angst zu zeigen, die er vor seinem Gespenst hatte. Doch das währte nur einen Augenblick und verschwand dann ebenso schnell, wie es sich eingestellt hatte.

»Aber alles das ist natürlich Unsinn,« unterbrach er sich plötzlich ärgerlich. »Ich werde zum Arzt gehen.«

»Tun Sie das unbedingt,« riet ihm Tichon zu.

»Sie sagen das so bestimmt ... Haben Sie denn solche Menschen schon je gesehen, wie mich, mit solchen Erscheinungen?«

»Ja, aber nur sehr selten. Ich erinnere mich nur noch eines Offiziers, nach dem Tode seiner Frau, seines unersetzlichen Kameraden. Von einem anderen habe ich nur gehört. Beide sind sie im Auslande geheilt worden ... Leiden Sie schon lange daran?«

»Ungefähr seit einem Jahr, aber das ist ja alles Unsinn. Ich werde zum Arzt gehen. Das ganze ist ja doch nur ein Unsinn, ein furchtbarer Unsinn! Das bin ich selbst in verschiedenen Gestalten und weiter ist es nichts. -- Da ich soeben diese ... Phrase hinzugefügt habe, denken Sie jetzt gewiß, daß ich immer noch zweifle und mich noch nicht überzeugt habe, daß ich es bin und nicht wirklich der Teufel?«

Tichon blickte ihn fragend an.

»Und ... Sie sehen ihn wirklich?« fragte er, ohne die Erklärung Stawrogins, daß es ganz zweifellos eine krankhafte Halluzination sei, überhaupt zu beachten, »sehen Sie wirklich eine Gestalt?«

»Sonderbar, daß Sie das noch fragen, nachdem ich Ihnen doch schon gesagt habe, daß ich ihn sehe,« entgegnete Stawrogin, nach jedem Wort mehr und mehr gereizt. »Selbstverständlich sehe ich ihn. Ich sehe ihn so, wie ich jetzt Sie vor mir sehe, zuweilen aber sehe ich ihn und bin doch nicht überzeugt, daß ich sehe, obgleich ich sehe ... zuweilen aber bin ich überzeugt, daß ich sehe, und ich weiß bloß nicht, wen ich sehe: mich oder ihn ... Ach, Unsinn ist das alles! Sie aber -- können Sie sich denn das ganz und gar nicht vorstellen, daß es wirklich ein Teufel ist?« fügte er lachend die Frage hinzu: er ging etwas gar zu schnell auf den spöttischen Ton über. »Das wäre doch Ihrem Beruf angemessener?«

»Es ist wahrscheinlich nur Krankheit, wenn es auch ...«

»Wenn es auch was?«

»Wenn es auch Teufel zweifellos gibt, doch kann man sie sehr verschieden auffassen.«

»Ich werde Ihnen sagen, warum Sie vorhin Ihren Blick senkten,« unterbrach ihn Stawrogin mit gereiztem Spott. »Sie schämten sich für mich, weil ich -- an den Teufel glaube, doch unter dem Anscheine, daß ich selbst nicht glaube, Ihnen schlau die Frage stellte: gibt es ihn in Wirklichkeit oder nicht?«

Tichon lächelte unbestimmt.

»Und wissen Sie, es steht Ihnen durchaus nicht, wenn Sie die Augen niederschlagen: es ist unnatürlich, geziert und lächerlich. Und um Ihnen in der Grobheit Genüge zu tun, werde ich Ihnen sofort vollkommen ernst und unverschämt die ganze Wahrheit sagen: ja, ich glaube an den Teufel, glaube kanonisch an ihn, an den Teufel als Persönlichkeit, nicht als Allegorie, und ich brauche überhaupt niemanden zu fragen oder etwas über ihn erfahren zu wollen, -- da haben Sie alles! Sie müssen jetzt sehr froh sein ...«

Nervös, unnatürlich lachte er auf.

Tichon blickte ihn mit einem weichen, beinahe ein wenig schüchternen Blick fast neugierig an.

»Glauben Sie an Gott?« warf ihm plötzlich Stawrogin die Frage zu.

»Ich glaube.«

»Es steht doch geschrieben, wenn du glaubst und dem Berge befiehlst, von der Stelle zu rücken, so wird er von der Stelle rücken ... Übrigens, Blödsinn! Aber ich will Sie doch fragen: werden Sie einen Berg von der Stelle rücken oder nicht?«

»Wenn Gott es befiehlt, werde ich auch Berge versetzen,« sagte Tichon leise und zurückhaltend, und allmählich senkte er wieder den Blick.

»Nun, das ist ebensogut, wie: Gott macht es selbst. Nein, Sie, Sie, als Belohnung für den Glauben an Gott?«

»Es kann sein, daß ich ihn vielleicht auch nicht von der Stelle rücken werde.«

»>Vielleicht<? Das ist nicht übel. Warum zweifeln Sie denn?«

»Ich glaube nicht vollkommen.«

»Wie? Sie nicht vollkommen? Nicht ganz?«

»Ja ... vielleicht glaube ich nicht vollkommen.«

»Nun! Aber wenigstens glauben Sie doch, daß Sie ihn mit Gottes Hilfe von der Stelle rücken würden, und das ist schließlich nicht wenig. Das ist immerhin mehr, als jenes >très peu<{[281]} eines, der gleichfalls Bischof, Erzbischof war ... Allerdings -- das ist wahr -- unter dem Säbel ... Sie sind natürlich auch Christ?«

»Deines Kreuzes, Herr, werde ich mich nicht schämen,« sagte Tichon flüsternd, -- es war ein sonderbares Flüstern, und er senkte den Kopf noch tiefer. Seine Mundwinkel zuckten nervös.

»Aber kann man auch an den Teufel glauben, wenn man überhaupt nicht an Gott glaubt?« fragte Stawrogin lächelnd.

»Oh, sogar sehr, das tun fast alle,« sagte Tichon, erhob seinen Blick und lächelte gleichfalls.

»Ich bin überzeugt, daß Sie solch einen Glauben immerhin achtbarer finden, als volle Glaubenslosigkeit ... Oh, Pope!« rief Stawrogin auflachend. Wieder lächelte Tichon ihm zu.

»Im Gegenteil, der vollständige Atheismus ist weit achtbarer, als die weltliche Gleichgültigkeit,« entgegnete er heiter und gutmütig.

»Oho, also so sind Sie!«

»Der vollständige Atheist steht auf der vorletzten höchsten Stufe zum vollständigsten Glauben -- mag er sie dann betreten oder nicht --, der Gleichmütige dagegen hat überhaupt keinen Glauben außer einer schlechten Angst.«

»Aber Sie ... -- Haben Sie die Apokalypse gelesen?«

»Ja.«

»Erinnern Sie sich der Stelle: >Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe ...<«

»Ich weiß, wundervolle Worte.«

»Wundervoll? Sonderbarer Ausdruck für einen Bischof, und überhaupt sind Sie ein Sonderling ... wo haben Sie hier das Buch?« fragte Stawrogin auffallend eilig und erregt und seine Augen suchten es auf dem Tisch, »ich will es Ihnen vorlesen ... haben Sie die russische Übersetzung?«

»Ich weiß, ich kenne die Stelle, ich kenne sie ganz genau,« sagte Tichon.

»Kennen Sie sie auswendig? Sagen Sie sie!« ...

Er senkte schnell die Augen, stützte beide Hände auf die Knie und wartete ungeduldig.

Tichon sagte Wort für Wort:

»Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das saget Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich, und habe gar satt, und bedarf nichts; und weißt nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß ...«

»Genug,« unterbrach ihn Stawrogin, »das ist für die Mittelsorte, für die Gleichmütigen, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe Sie sehr.«

»Und ich Sie,« sagte Tichon halblaut.

Stawrogin verstummte und versank wieder in seine Gedanken. Das kam wie ein Anfall über ihn, schon zum drittenmal. Und auch das »ich liebe Sie« hatte er wie in einem Anfall gesagt, wenigstens ganz überraschend für sich selbst. Es verging mehr als eine Minute.

»Ärgere dich nicht,« sagte Tichon plötzlich ganz leise, und berührte mit dem Finger vorsichtig, als ob er sich scheue, seinen Ellenbogen.

Stawrogin fuhr zusammen und runzelte unwillig die Stirn.

»Woher wissen Sie, daß ich mich ärgerte?« fragte er hastig. Tichon wollte etwas sagen, doch er unterbrach ihn in ungewöhnlicher Erregung.

»Warum glaubten Sie, daß ich mich unbedingt ärgern mußte? Ja, ich ärgerte mich, Sie haben recht, und gerade deswegen, weil ich Ihnen gesagt hatte: >ich liebe Sie<. Sie haben recht, aber Sie sind ein grober Zyniker, niedrig denken Sie von der menschlichen Natur. Es hätte kein Ärger zu sein brauchen, wenn es nur ein anderen Mensch gewesen wäre, und nicht ich ... Übrigens, hier handelt es sich nicht um den Menschen, sondern um mich. Immerhin sind Sie ein Sonderling und ein Geistesschwacher ...«

Er regte sich immer mehr auf und, sonderbar, tat sich in den Worten überhaupt keinen Zwang an:

»Hören Sie, ich liebe keine Spione und Psychologen, wenigstens nicht solche, die in meine Seele kriechen. Ich rufe niemanden in meine Seele, ich brauche niemanden, ich verstehe mit mir selbst auszukommen. Sie glauben, daß ich Sie fürchte?« fragte er mit lauterer Stimme und erhob herausfordernd sein Gesicht. »Sie sind wohl vollkommen überzeugt, daß ich gekommen bin, Ihnen ein >furchtbares< Geheimnis zu offenbaren? Nun, so hören Sie denn, daß ich Ihnen überhaupt nichts sagen werde, nichts von einem Geheimnis, denn ich habe Sie überhaupt nicht nötig ...«

»Es hat Sie betroffen gemacht, daß das Lamm den kalten mehr liebt als den bloß lauen,« sagte Tichon, »Sie wollen nicht nur lau sein. Ich ahne es, daß eine ungewöhnliche, vielleicht furchtbare Absicht Sie quält. Wenn es so ist, so flehe ich Sie an, quälen Sie sich nicht und sagen Sie alles, womit Sie gekommen sind.«

»Und Sie wissen es so genau, daß ich mit irgend etwas gekommen bin?«

»Ich ... erriet es an Ihrem Gesicht,« flüsterte Tichon und senkte wieder den Blick.

Stawrogin war etwas bleich und seine Hände zitterten ein wenig. Einige Sekunden lang sah er unbeweglich und stumm Tichon an, als ob er sich endgültig entschlösse. Dann zog er aus der Seitentasche seines Rockes irgendwelche Druckbogen hervor und legte sie auf den Tisch.

»Das sind die Blätter, die zur Verbreitung bestimmt sind,« sagte er mit einer etwas stockenden Stimme. »Wenn auch nur ein einziger Mensch sie liest, dann, das sage ich Ihnen, werde ich sie nicht mehr verbergen, dann werden alle sie lesen. So ist es beschlossen. Ich habe Sie überhaupt nicht nötig, denn ich habe selbst schon alles bei mir beschlossen. Aber lesen Sie ... Während des Lesens sagen Sie nichts, aber wenn Sie es gelesen haben -- dann sagen Sie alles ...«

»Soll ich?« fragte Tichon unentschlossen, zögernd.

»Lesen Sie; ich bin schon längst ruhig.«

»Nein, ohne Brille kann ich es nicht entziffern ... kleine Schrift ... ausländisch.«

»Hier ist die Brille,« sagte Stawrogin, reichte sie ihm vom Tisch und lehnte sich zurück in die Ecke des Sofas. Tichon versenkte sich in die Lektüre.

II.

Der Druck war tatsächlich ausländisch -- drei broschierte Druckbogen von gewöhnlichem Postpapier kleineren Formats. Wahrscheinlich hatte er sie in einer der geheimen russischen Druckereien im Auslande setzen lassen. Auf den ersten Blick glichen sie sehr einer Proklamation. Als Überschrift stand: »Von Stawrogin«.

Ich nehme dieses Dokument unverändert in meine Chronik auf. Wahrscheinlich kennen es jetzt schon viele. Ich habe mir nur erlaubt, die orthographischen Fehler zu korrigieren, die ziemlich zahlreich waren und die mich sogar gewissermaßen wundernahmen, da doch der Autor immerhin ein gebildeter und belesener Mensch war (natürlich relativ gesprochen). Im Stil dagegen habe ich nichts verändert, trotz der Unrichtigkeiten und sogar Unklarheiten. Jedenfalls ersieht man aus ihnen, daß der Verfasser kein Schriftsteller war.

Nur eine Bemerkung will ich mir doch noch erlauben, obgleich ich damit vorgreife. Meiner Meinung nach ist dieses Dokument -- ein krankhaftes Erzeugnis, ein Werk des Teufels, der sich dieses Menschen bemächtigt hatte. Es ist, wie wenn ein Kranker, den ein großer, scharfer Schmerz peinigt, sich in seinem Bette wälzt, einzig in dem Verlangen, eine Stellung einzunehmen, die ihm wenigstens auf einen Augenblick Erleichterung schafft, oder nicht einmal Erleichterung, sondern bloß den alten Schmerz durch einen anderen Schmerz verdrängt, wenn auch nur auf einen Augenblick. Und dann kommt es ihm natürlich nicht mehr auf die Schönheit oder Vernünftigkeit der Stellung an. Der Ausgangspunkt dieses Dokuments war -- das furchtbare, ungeheuchelte Bedürfnis einer Strafe, einer öffentlichen Hinrichtung. Und dabei war dieses Bedürfnis, das Kreuz auf sich zu nehmen, in einem Menschen, der an das Kreuz nicht glaubte, -- »doch auch das macht schon eine Idee aus«, -- wie einmal Stepan Trophimowitsch gesagt hat, wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhange.

Und doch wirkt dabei das ganze Dokument wie etwas Wildes und Verwegenes, obgleich es anscheinend mit einer ganz anderen Absicht geschrieben worden ist. Der Autor erklärt darin, daß er das »unmöglich nicht schreiben konnte«, daß er dazu »gezwungen« war -- und das ist ziemlich wahrscheinlich: er hätte gern den Kelch umgangen, wenn er es gekonnt hätte, aber er konnte es, wie es scheint, tatsächlich nicht und griff nur nach der Möglichkeit einer neuen Gewalttat. Ja, fürwahr: ein Kranker wälzt sich auf dem Lager und will den einen Schmerz durch den anderen betäuben -- und siehe, da schien ihm der Kampf mit der Gesellschaft die leichteste Lage, und so wirft er denn der Gesellschaft die Herausforderung zu. Ja, schon aus der Tatsache, daß ein solches Dokument entstehen konnte, fühlt man eine neue, unerwartete und ehrfurchtslose Herausforderung der Gesellschaft. Da heißt es: nur schnell irgendeinen Feind finden ...

Doch wer weiß, vielleicht ist das Ganze, d. h., sind diese Blätter mit der ihnen zugedachten Veröffentlichung -- wiederum nichts anderes, als ein gebissenes Gouverneursohr, nur in einer anderen Gestalt? Warum mir das sogar jetzt noch in den Sinn kommt, jetzt, nachdem sich schon so vieles erklärt hat, -- das weiß ich selbst nicht. Ich führe weiter keine Beweise an gegen eine etwaige Vermutung, die Tat, von der in dem Dokument die Rede ist, sei falsch, d. h., vollkommen erdichtet. Am wahrscheinlichsten ist, daß man die Wahrheit irgendwo in der Mitte suchen muß ... Doch ich greife zu weit vor; es ist besser, ich wende mich zu dem Dokument selbst zurück.

* * * * *

Und Tichon las folgendes:

Anmerkung

S. 160. Die Antwort Kirilloffs auf die Frage nach Gott ist ein absoluter Widerspruch, wie nein und ja: »Jewó njet, no on jestj«. Man könnte ebensogut sagen: »Er ist nicht, aber es gibt ihn.«

S. 896 sagt Schatoff zu Kirilloff: »Gib mir, Bruder, ich gebe es dir morgen wieder.« Die Anrede mit dem Wort »Bruder« ist unter Russen so üblich, wie im Deutschen die Anrede mit »Freund« oder »Lieber«.

Die russische Frau wird von russischen Männern häufig »Freund« genannt, obschon es die Form »Freundin« auch gibt. Es ist das psychologisch nicht unwichtig.

E. K. R.

Fußnoten

[1] Das Wort »bürgerlich« ist hier und im folgenden nur als parteipolitische Bezeichnung zu verstehen, wie es nach der französischen Revolution und besonders im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts von liberalen, für europäische Kultur und Bürgerfreiheit schwärmenden, republikanisch oder mindestens konstitutionell gesinnten Russen mit Stolz gebraucht wurde. Es bezeichnete unter den russischen Schillerianern den »sich seiner Würde bewußten Kulturmenschen«, im Gegensatz zum »Untertan« der herrschenden Autokratie. E. K. R.

[2] Die Klassiker der russischen Literatur sind fast alle zeitweise verbannt gewesen oder haben unter geheimer polizeilicher Aufsicht gestanden. Vgl. S. 1119. Die nach Sibirien verbannten Dekabristen wurden geradezu als heilige Opfer verehrt. Vgl. Anm. S. 1093, 1094. E. K. R.

[3] Ein Kreis junger Dichter in den dreißiger und vierziger Jahren. Lyriker, schwächere Romantiker, die sich fast alle den sozialen und politischen Fragen fernhielten. Ihre zum Teil melancholisch-pessimistischen Dichtungen wurden von dem berühmten Kritiker und »Realisten« Belinski alsbald schonungslos kritisiert und damit war ihr Ruhm untergraben. E. K. R.

[4] Die vier bedeutendsten literarisch-politischen Persönlichkeiten derselben Zeit. Vgl. die Anmerkungen S. 1099, 1112, 1118 und 1081. E. K. R.

[5] Der unter Nikolai I. gebräuchliche vorsichtige Ausdruck für das Eingreifen der politischen Geheimpolizei -- der sogenannten »Dritten Abteilung« --, vor der niemand sicher war. E. K. R.

[6] D. h., er ist um Mitteilung seines politischen Bekenntnisses ersucht worden wegen einiger Äußerungen in einem Privatbrief über innerpolitische Maßnahmen (»Umstände«). Die Dritte Abteilung der Geheimpolizei kontrollierte auch die Privatkorrespondenz, und ein jeder, der zu einer Universität in Beziehung stand, galt unter Nikolai I. bereits für »verdächtig«. E. K. R.

[7] Humoristische Anspielung auf die am 23. April 1849 in Petersburg verhafteten 30 »Petraschewzen«, von denen 20 -- unter diesen auch Dostojewski -- zum Tode verurteilt, doch zu Zuchthaus und Verbannung begnadigt wurden. Über die von einzelnen Petraschewzen geplante Fourier-Übersetzung vgl. Bd. XI der Ausgabe, »Autobiographische Schriften«, S. 87. E. K. R.

[8] Die übliche Umschreibung für »von der Dritten Abteilung verfolgt, bezw. bestraft worden sein«. E. K. R.

[9] Der unter Nikolai I. mundtot gemachten Fortschrittler. E. K. R.

[10] Eine Art Whistspiel. Wörtlich: Unsinn, Wirrwarr. E. K. R.

[11] Vgl. S. 1118, Anm. E. K. R.

[12] Die ersten Jahre nach der drückenden Regierungszeit Nikolais I. (1825--55), als unter dem jungen »Zar-Befreier« die großen Reformen vorbereitet wurden, bis 1861, 62. E. K. R.

[13] Die regierungsfeindlichen russischen Zeitschriften erschienen in der Schweiz und in London und waren in Rußland nur als Konterbande erhältlich. E. K. R.

[14] Verfasser eines empfindsamen Buches über die Schrecken der Leibeigenschaft »Eine Reise von Petersburg nach Moskau«; wurde dafür sofort (1790) zum Tode verurteilt, doch schließlich nur in Ketten nach Ostsibirien verschickt, später von Paul I. begnadigt. Beging Selbstmord, als man ihm wieder mit Sibirien drohte. E. K. R.

[15] Wjek, »Das Jahrhundert«, hier als Titel einer Zeitschrift gedacht. L. Kambek ein Kritiker. E. K. R.

[16] Eine Redensart wie »am Ende der Welt,« wo Makar noch nie gewesen ist, unter jenen Umständen in Petersburg das Verbannungsland Sibirien. E. K. R.

[17] Der Tag der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861. E. K. R.

[18] Vgl. Vorbemerkung. E. K. R.

[19] Eine Dorfgeschichte von Grigorowitsch, die 1847 eine neue Anschauungsweise einleitete (daß der Bauer auch ein Mensch sei) und der Literatur ein neues Stoffgebiet erschloß. E. K. R.

[20] Der Führer einer größeren Schar aufsässiger Bauern nach der Bauernbefreiung. Vgl. S. 1115, 2. Anmerkung. E. K. R.

[21] Der Aufstand der Polen im Jahre 1863 hatte zur Folge, daß der russische Nationalstolz mächtig hervorbrach. E. K. R.

[22] Die beste deutsche Schule in Petersburg. E. K. R.

[23] Fürst von Nowgorod, 1151--1202, fiel auf einem Eroberungszuge gegen die Polowzer. Anspielung auf den sorglosen Willen dieses Fürsten zu nationaler (normannischer!) Ausbreitung. E. K. R.

[24] Gogol bekannte sich seit 1846 zur offiziellen Orthodoxie. E. K. R.

[25] Vetter und Cousine dürfen sich nach den Satzungen der russischen Kirche nicht heiraten. E. K. R.

[26] In Karmasinoff hat Dostojewski I. Turgenjeff karikiert. E. K. R.

[27] Zu Kirilloffs eigenartig falscher Ausdrucksweise Näheres in der »Vorbemerkung«. E. K. R.

[28] Der Held in Lermontoffs Roman »Der Held unserer Zeit«: Eroberer von Frauenherzen. E. K. R.

[29] Die Gutsbesitzerin Frau Korobotschka in Gogols Roman »Die toten Seelen«: der Typ einer beschränkten, engherzigen, geizigen alten Frau. E. K. R.

[30] Antwort Gogols auf den Vorwurf, seine Menschen seien nur mit Spott und Verachtung geschaut, weshalb er auch nicht einen guten Zug an ihnen wahrgenommen habe. Dostojewski hat dagegen in seinem ersten Werk denselben unscheinbaren russischen Menschen als einen Träger größter Menschenliebe und seelischer Zartheit geschildert -- als Protest gegen Gogols Darstellung. E. K. R.

[31] Volkstümliche Anrede der Droschkenkutscher. E. K. R.

[32] Die orthodoxe Kirche ließ damals eine Ehescheidung noch nicht zu. E. K. R.

[33] Teilnehmer an der Verschwörung und dem Aufstande gegen die Autokratie im Dezember 1825 -- meist Gardeoffiziere und die geistige Elite Rußlands. Die Führer wurden gehenkt, die übrigen auf Lebenszeit nach Sibirien verbannt (Siehe Anhang). E. K. R.

[34] Im Roman »Väter und Söhne« -- der erste Versuch einer Charakterisierung des »Nihilisten«: von der Zensur sehr entstellt, da sie alle geschilderten guten Eigenschaften Basaroffs strich. E. K. R.

[35] Der Typ eines Gutsbesitzers in Gogols Roman »Die toten Seelen«: »Ein durchtriebener leichtsinniger Kerl, Schwätzer, Lügner, unehrlicher Spieler ... der schnell mit jedem bekannt wird und, bevor man sich's versieht, einen duzt ... Er erzählte lügenhafte Anekdötchen, brachte Zwietracht zwischen Verlobte. Er war überhaupt sehr vielseitig und stets zu allem bereit. Was er tat, geschah aber nicht aus Gewinnsucht, sondern infolge einer eigentümlichen Sprunghaftigkeit und Unruhe des Charakters.« E. K. R.

[36] Die altrussische Sitte, nach der Kinder ihre Eltern nicht duzen durften, besteht auch heute noch in allen guten russischen Familien, während das »Du« nur in herzlicher, unformeller Unterhaltung üblich ist. E. K. R.

[37] Siehe Anmerkung S. 313. E. K. R.

[38] Anführer des Kosakenaufstandes von 1667--71. Freiheitsheld. 1671 hingerichtet. E. K. R.

[39] Burschikose Abkürzung für Petersburg. E. K. R.

[40] 1861. Siehe Anm. S. 451. E. K. R.

[41] Nach altrussischem Brauch werden Leichen in offenem Sarge auf den Kirchhof getragen, wo der Sarg erst vor der Versenkung in die Gruft geschlossen wird. E. K. R.

[42] Siehe S. 307, 430, 431. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft durch Alexander II. (1861) machte sich alsbald unter dem zum Teil schwer geschädigten Landadel eine reaktionäre Gegenbewegung bemerkbar, die die Regierung zeitweilig nicht wenig beunruhigte. Zwanzig Jahre später konnte man ihr öffentlich die Schuld an dem Attentat auf den Zaren (13. III. 1881, einen Monat nach dem Tode Dostojewskis) zuschreiben, während es im Grunde eine Tat des »Terrorismus« war: gleich den vielen anderen Attentaten (seit 1866) eine Antwort der revolutionären Jugend auf die scharfen Maßnahmen gegen ihre Führer und Kameraden. E. K. R.

[43] Berühmter Roman des »Realisten« und radikalen Publizisten Tschernyschewski (1828--1889, seit 1865 politischer Sträfling): geschrieben während der Untersuchungshaft 1863, als Kunstwerk belanglos, doch als anschauliche Vorführung der erstrebten Reformen -- u. a. die Möglichkeit der Ehescheidung -- von ungeheuerem Einfluß auf die Jugend. E. K. R.

[44] Kondratij F. Rylejeff, geb. 1795, Dichter, von Puschkin und Byron beeinflußt, suchte durch Verherrlichung historischer Gestalten Bürgersinn und Unabhängigkeitsgefühl zu wecken, wurde als einer der 121 »Dekabristen« (siehe Anm. Bd. I, S. 300) abgeurteilt und am 14. Juli 1826 als einer der fünf zum Tode durch den Strang Verurteilten gehängt. Seine »Dumy« (historische Lieder der Ukraine) waren lange Zeit nur handschriftlich verbreitet. E. K. R.

[45] Die orthodoxe Kirche schied damals noch keine Ehe, die in ihr geschlossen worden war, und grundsätzlich steht sie auch heute noch auf dem Standpunkt, daß eine Ehe »nur der Tod lösen darf«. E. K. R.

[46] In den letzten Lebensjahren Belinskis ist Dostojewski (von 1845--1848) an diesen Abenden persönlich zugegen gewesen. E. K. R.

[47] Sekte der Schneidlinge, die ein legendäres Buch für die einzige göttliche Offenbarung hält. E. K. R.

[48] Anspielung auf den Heiland der Geislersekte. E. K. R.

[49] Die Hauptperson in Lermontoffs Roman »Der Held unserer Zeit« (1841), meist für ein Produkt des Byronismus in Rußland gehalten, im Grunde jedoch etwas typisch Russisches: ein skeptisch-blasierter »überflüssiger Mensch«, seelisch Nihilist, doch ohne die Kraft und den Enthusiasmus der späteren sogenannten »Nihilisten«, die Tolstoi »die einzigen Gläubigen« genannt hat und die z. T. auch hier in den »Dämonen« geschildert sind. E. K. R.

[50] Bis zur Zeit der Aufklärung in Rußland verbreitete Vorstellung vom Weltall, dessen Maschinerie angeblich von Engeln aufgezogen wurde. E. K. R.

[51] Die »gemäßigt« liberale Petersburger Tageszeitung »Die Stimme«, deren Bedeutung damals (1871) schon zurückgegangen war. Auch die übrigen Masken verspotten liberale oder nicht ausgesprochen nationalistische Zeitschriften. E. K. R.

[52] Der Typ einer beschränkten, engherzigen, geizigen Frau in Gogols Roman »Die toten Seelen«: in ihren Kombinationsversuchen kommt sie auf Vermutungen, die kein Mensch für möglich halten würde, -- eine Charakterzeichnung von so genialem Realismus, daß ihr Name bereits adjektivisch gebraucht wird. E. K. R.

[53] Roman von Drushinin, der 1847 großen Beifall fand: der Mann verzeiht seiner reuig zuückgekehrten Frau und das Glück ist nachher »tiefer«. E. K. R.

[54] Eine Art Whistspiel. E. K. R.

[55] In formgetreuer Wiedergabe der zum Teil sprunghaft notierten Sätze. E. K. R.

[56] Irtenjeff -- Tolstois jugendliches Selbstporträt. E. K. R.

[57] Anführer des Kosakenaufstandes von 1667--1670. Machte das Land von Kasan bis Persien unsicher, wollte dann gegen die unbeliebten moskauschen Bojaren ziehen, wurde jedoch geschlagen, gefangen und hingerichtet. Vielbesungener Freiheitsheld (s. S. 378). E. K. R.

[58] Der als Gott-Vater angebetete Heilige der Geißlersekte. Mitte des XVII. Jahrhunderts. Spielt innerhalb der Sekte eine größere Rolle als der Papst im Katholizismus. Der jeweilige regierende Nachkomme Danilas nennt sich »Christus«. S. 650, 651, Anspielung, daß Stawrogin als »Prinz Iwan« mehr sein würde als ein »Iwan Filippowitsch«. Der »Zarewitsch Iwan« ist »der lichte Prinz« im russischen Märchen. E. K. R.

[59] Molokanen (Milchesser), russische Sekte an der Wolga seit dem Anfang des XIX. Jahrhunderts, so genannt, da sie auch in der Fastenzeit Milch genießen. Protestantisch insofern, als sie die Bibel sehr hoch halten und die Entstehung der Sekte auf Berührung mit den protestantischen deutschen Kolonisten zurückzuführen ist. Im übrigen glauben sie das Urchristentum zu besitzen, und ein jeder kann sich die Heilige Schrift nach eigener Überzeugung auslegen. E. K. R.

[60] Herzen, dem Sohn der Protestantin Louise Haag, war der um jeden Preis geforderte blinde orthodoxe Glaube der Slawophilen -- besonders der Romantiker unter diesen -- ebenso unmöglich, wie die mokante Skepsis seines Vaters, des russischen Aristokraten Jakowleff. Die Wissenschaft war für ihn »gleichfalls Liebe«. Das Gefühl der Religion ersetzte ihm eine hohe Meinung von der »Würde des Menschen«. Auf dieser Grundlage bekämpft Herzen das absolutistische Regierungssystem zunächst als Republikaner, in seinen letzten Lebensjahren jedoch nicht mehr als prinzipieller Antimonarchist. Als Fortsetzer der aufrufenden Arbeit Belinskis, als Publizist und glänzender Schriftsteller hatte er um die Mitte des 19. Jahrhunderts (1848--63) den größten Einfluß auf die geistige Entwicklung Rußlands. (Geb. 1812 in Moskau, seit 1847 Emigrant, 1870 gest. in Paris.) Dostojewski hat erst später (1876 im »Jüngling«, 1880 in der »Puschkinrede«) die Westler, zu denen Herzen, Belinski, Tschaadajeff und Granowski gezählt wurden, gleichfalls als Träger der »russischen Idee« anerkannt. E. K. R.

[61] Die Hauptperson in Gribojedoffs klassischer Komödie »Verstand schafft Leid« (geschrieben 1823, durfte erst 1833 verstümmelt gedruckt werden): Tschatzki kehrt von seinen Reisen im Auslande, erfüllt von Heimatliebe, nach Moskau zurück, ärgert sich aber sogleich dermaßen über seine Landsleute, über ihren gedankenlosen Materialismus, ihr Strebertum, das für sie der einzige Antrieb zu ihrem Staatsdienst ist, über ihre stolzlose Ausländerverehrung, daß er noch am selben Tage in Verzweiflung nach seinem Wagen ruft, um wieder zu verreisen. Der aufrüttelnde Einfluß dieser im Originaltext bis in die sechziger Jahre nur handschriftlich, doch in ungezählten Tausenden von Exemplaren verbreiteten Satire ist nicht abzuschätzen: Die Jugend wollte sich nicht mehr zu diesen von D. von Wisin, Gribojedoff, Gogol usw. gezeigten Spiegelbildern der Gesellschaft entwickeln, gab in den dreißiger Jahren mit Tschaadajeff Rußland fast auf, nannte sich international, um in den vierziger Jahren mit Belinski, in den fünfziger Jahren mit Herzen, in den sechziger Jahren mit Tschernyschewski immer wieder -- wie diese -- auf dem Umwege über Europa erst recht zu Rußland zurückzukehren. Ihr Anschluß an Dostojewski -- nach ihrem Anschluß an Tolstoi -- steht im wesentlichen erst noch bevor. E. K. R.

[62] Die im Russischen übliche Bezeichnung für geistige Führer, Koryphäen, wie überhaupt für fortschrittlich gesinnte bedeutende Menschen. Hier von dem slawophilen Schatoff-Dostojewski in feindlich herabsetzendem Sinne gebraucht, da die Fortschrittler meist Westler waren oder für Westler gehalten wurden. E. K. R.

[63] Siehe S. 300, Anm. Die Gründer des geheimen »Wohlfahrtsvereins« und der anderen Geheimbünde -- meist Offiziere, sowie ehemalige Freimaurer oder Söhne von solchen -- erstrebten anfangs (etwa 1816--18) nur eine freiheitliche Umgestaltung der russischen Autokratie nach westlichen Vorbildern (England). Doch ihr bedeutendster Vertreter, Oberst Paul von Pestel (Adjutant des Feldmarschalls Grafen Wittgenstein und Haupt des Südlichen Geheimbundes in Kiew) war von Anfang an für die Republik und die Beseitigung des Kaiserhauses. Pestel arbeitete für Rußland eine Verfassung in Anlehnung an die der Nordamerikanischen Staaten und der Schweiz aus, ging aber in vielem sehr viel weiter und plante bereits eine Bodenreform auf staatswirtschaftlicher Grundlage, weshalb er »ein Sozialist vor dem Sozialismus«, aber wegen seines Absolutismus auch »eher ein Bonaparte als ein Washington« genannt worden ist. Das Land sollte nach seinem Plan den Bauern überwiesen werden, da anderenfalls die Proklamation der Republik »nur eine leere Namensänderung wäre«. (Das hat Dostojewski noch nicht gewußt).

Der plötzliche Tod Alexanders I. und die Ungewißheit über seinen Nachfolger verleitete die Geheimbündler zu einem verfrühten Aufstand (am 14. Dezember 1825 -- daher »Dekabristen«), der von Nikolai I. mit Kartätschen niedergeschlagen wurde. Es folgten über 1000 Verhaftungen. Die Tragödie der Hinrichtung ihrer Führer durch den Strang (ursprünglich sollten die 5 Hauptschuldigen, Oberst von Pestel, Oberst Murawjoff, der »heilige« Dichter Rylejeff u. a. gevierteilt, 31 guillotiniert, die übrigen als Sträflinge nach Sibirien verbannt werden), sowie die Haltung der Verurteilten bis zur Hinrichtung oder während ihres sibirischen Martyriums, das von ihren Frauen freiwillig geteilt wurde, hatte zur Folge, daß die Dekabristen als Helden und Märtyrer verehrt wurden und so unzählige Nachfolger fanden. Aus dieser besonders durch die Dekabristen in Rußland hervorgerufenen Verehrung der politischen Verbannten ist dann auch Stepan Trophimowitschs leidenschaftlicher Wunsch, ein »Verbannter« und »Verfolgter« zu sein, zu erklären, und weshalb um diese beiden Worte ein gewisser »klassischer Glanz spielt« (siehe Seite 2.) Die literarischen und politischen Schriften der Dekabristen sind zum Teil erst in jüngster Zeit herausgegeben worden, zum Teil sind sie auch jetzt noch unveröffentlicht. E. K. R.

[64] Alexander II., der 1861 die Leibeigenschaft aufhob. E. K. R.

[65] Tschaadajeffs Vorliebe für den Papismus war so bekannt, daß sogar das Gerücht von seinem Übertritt eine Zeitlang glaubwürdig erschien. E. K. R.

[66] Freund und Zeitgenosse Tschaadajeffs, wurde Jesuit, gab 1862 eine Auswahl von Tschaadajeffs Schriften heraus. E. K. R.

[67] In späteren Jahren (1877) urteilt Dostojewski gerechter über Belinski. Vgl. Bd. XI., »Alte Erinnerungen«. E. K. R.

[68] Günstling der Zarin Anna Iwanowna, die ihn 1737 zum Herzog von Kurland erhob. Nach ihrem Tode (1740) Vormund des minderjährigen Thronfolgers Iwan und Regent, im selben Jahr von dessen Mutter Anna Leopoldowna nach Sibirien verbannt, im nächsten Jahre von der Zarin Elisabeth zurückgerufen. Zeichnete sich durch Grausamkeit in der Regierung aus; ließ zwar vom Volk Abgaben für frühere Jahre eintreiben, verfolgte aber besonders den russischen Adel und die Geistlichkeit. E. K. R.

[69] Raskol = Spaltung: Bezeichnung für die russische Kirchenspaltung, d. h. die Absonderung der sogenannten Altgläubigen von der Staatskirche wegen der Korrektur der Gesang- und Gebetbücher, die durch das Abschreiben immer fehlerhafter geworden waren und deshalb 1654 auf Anordnung des Patriarchen Nikon in ihrem richtigen Text neuhergestellt wurden. Mit diesem Raskol ist hier von Dostojewski die erste Absonderung einer unteren Volksschicht gemeint. Mit der zweiten Absonderung einer oberen Schicht seit Peter sind die Westler gemeint -- das Westlertum der russischen Herrenkaste als Folge der Europäisierung Rußlands durch Peter den Großen. E. K. R.

[70] Dostojewski hat ursprünglich Tschaadajeff zur Hauptfigur eines Romans machen wollen, den bedeutenden »Westler«, der in einem Schreiben von Rußland gesagt hatte, es habe keine Geschichte, keine Tradition, »denn es hatte und hat keine leitende Idee, die Völker aber leben und gedeihen nur, wenn sie eine [eigene] Idee haben und verwirklichen.« Nach der Veröffentlichung seines »Schreibens« suchte Tschaadajeff sich in einer »Apologie« zu rechtfertigen, in der er seine Kritik Rußlands zum Teil abschwächt, doch auch so blieb sie für Dostojewski zeitlebens ein Dorn im Fleisch. E. K. R.

[71] Anspielung auf Tschernyschewskis berühmten Roman »Was tun?« (1863), in dem von der Heldin vier im Traume geschaute Zukunftsvisionen erzählt werden (Aluminiumpaläste des Volkes, Arbeit bei Gesang, Wanderung nach dem Süden, freie Liebe usw.). Den ungeheuren Erfolg jedoch errang der phantastische Roman -- nach den künstlerisch hochwertigen, doch als Spiegelbilder der Gegenwart auf die Jugend »trostlos« wirkenden Werken Gogols, Herzens, Turgenjeffs -- durch die mit größtem Temperament und Optimismus gezeigte Rettungsmöglichkeit aus diesem »korrumpierten« Leben: »ins Volk« zu gehen, selbst wieder Volk zu werden. Die Ausführung dieser Idee durch die Helden des Romans wirkte dazu wie eine Offenbarung und bewog unzählige Menschen der gebildeten Schicht, ihr Leben hinfort buchstäblich unter dem Volk wie unter Gleichstehenden zu verbringen oder sich ihm ganz zu widmen. Die Möglichkeit zu gläubiger Hingabe war für sie natürlich wichtiger als die Frage nach dem künstlerischen Wert des Romans oder manchem selbstgeübten Dilettantismus. Zudem lag in dieser Idee etwas sehr Russisches, das einem noch unbewußten Triebe in den Menschen jener Zeit entgegenkam. Auch Tolstoi und viele andere sind ja später diesen Weg gegangen. Überdies waren die im Roman geschilderten Menschen in ihrer sich als Selbstverständlichkeit gebenden Menschlichkeit trotz aller Utopien so entwaffnend, wie es etwa hier in den »Dämonen« nicht die lauten Revolutionäre, sondern die fast stummen, doch im Innersten neuen Menschen sind. (Auch die vier starken, stolzen Frauengestalten in den »Dämonen« haben in der russischen Literatur viele Vorgängerinnen). Daher Dostojewskis Geständnis im 9. Kapitel: »Oh, wie quälte ihn dieses Buch!« usw. und seine wiederholten leidenschaftlichen Angriffe gegen die übernaiven Zukunftsträume in diesem Roman, die bei der Jugend die radikalsten politischen Forderungen zur Folge hatten, jeden lebenserfahrenen Menschen aber beängstigen mußten. E. K. R.

[72] Näheres über diese und andere Proklamationen, die zu Anfang der sechziger Jahre verbreitet wurden, siehe Band XI der Ausgabe »Autobiographische Schriften«, Seite 169--173. E. K. R.

[73] D. war Dostojewski selbst, der in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr (1845) Belinski kennen lernte. Dasselbe Erlebnis hat Dostojewski später noch ausführlicher wiedergegeben: in Bd. XI, »Autobiographische Schriften«, Seite 313. E. K. R.

[74] Belinski war schwindsüchtig und starb schon 1848, siebenunddreißig Jahre alt. (Auch seine späteren, von der Jugend gleichfalls angeschwärmten Nachfolger, die als Kritiker den Kampf gegen die »Kunst um der Kunst willen« immer radikaler fortsetzten, sind jung gestorben: Dobroljuboff 1861 mit vierundwanzig Jahren, Pissareff 1868 mit siebenundzwanzig Jahren. Dobroljuboffs Art, dem berühmten Turgenjeff Wahrheiten ungeniert ins Gesicht zu sagen, ist in der Unverfrorenheit Pjotr Werchowenskis gegenüber Karmasinoff wiedergegeben.) E. K. R.

[75] Ein Herr, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einem Petersburger öffentlichen Hause ermordet wurde. Die gerichtliche Untersuchung des Falles ergab ein abschreckendes Bild von der großstädtischen Verrohung. E. K. R.

[76] Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft verbreitete sich unter den Bauern das Gerücht, der Zar habe ihnen viel mehr Land zugedacht, und in einer Goldenen Urkunde (sie glaubten, Zarenworte würden nur in Gold geschrieben) sei dies zu lesen, aber die Beamten und der Adel hätten die Urkunde unterdrückt. Gegen die aufsässigen, plündernden Bauernhaufen mußte wiederholt Militär vorgeschickt werden. E. K. R.

[77] »Tschurr« heißt »Grenze«, doch bei Spielen im Freien zugleich: »Ich darf nicht angerührt werden! ich stehe außerhalb (der Grenzen) des Spiels!« -- Aus dem süddeutschen »Bonde!« und dem norddeutschen »Es brennt!« läßt sich keine ähnlich drastische Ableitung bilden, die das Verhalten Stepan Trophimowitschs so erschöpfend bezeichnete: die wenig männliche Art, sich persönlich vor einer Gefahr zu sichern, indem man sich mit einem billigen Mittelchen dem Kampfe entzieht, sich für unantastbar erklärt und »abgrenzt«.

[78] In Drushinins Roman »Polinka Ssacks« der Gatte, der seiner Frau den Ehebruch verzeiht, selbst jedoch bald darauf an Tuberkulose stirbt. E. K. R.

[79] Dostojewski hat die Gestalt des Stepan Trophimowitsch zum Teil nach dem schönen, doch sehr unbedeutenden Dichter Kukolnik gezeichnet, dessen Romane Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre noch Beifall gefunden hatten, ein Jahrzehnt später jedoch schon vergessen waren, -- zum Teil nach dem bekannten Moskauer Geschichtsprofessor T. N. Granowski, dem Freunde von Herzen, Belinski, Bakunin, Stankewitsch u. a., die um 1840 im geistigen Leben Moskaus eine Rolle spielten. Auch Granowski war eine schöne Erscheinung, von gepflegtem Äußeren, das (nach Herzens Ausspruch) ein wenig an einen feinen protestantischen Pastor erinnerte. Seine Frau war eine Deutsche, kinderlos, in ihrer Erscheinung ihm so ähnlich, daß sie wie seine Schwester wirkte. Seit 1839 hielt Granowski, der bei den Studenten und freien Zuhörern sehr beliebt war, und auch sonst allgemein verehrt wurde, an der Moskauer philosophischen Fakultät seine Vorlesungen, doch war es ihm u. a. verboten, über die Reformation oder eine Revolution zu lesen, da die Aufgabe der seit dem Dekabristenaufstand vom Zaren gehaßten Universitäten nichts weiter sein sollte, als die Erziehung der Studenten »zu treuen Söhnen der orthodoxen Kirche, zu treuen Untertanen für den Kaiser und zu guten Bürgern für das Vaterland«. Während der Regierung Nikolais I. (1825--1855) hatte jeder Schriftsteller von einigem Wert unter dem geistigen Druck und den persönlichen Verfolgungen der Reaktion zu leiden. So war das »Verfolgtwerden« unbedingt eine Ehre. Stepan Trophimowitschs Ehrgeiz und zugleich Furchtsamkeit in der Beziehung ist durchaus lebenswahr geschildert, obschon sich für diesen Zug keine Porträtähnlichkeit nachweisen läßt: Kukolnik war in seinen patriotischen Dramen Überpatriot, Granowski als Westler zwar liberal gesinnt, doch ein Charakter, dem ähnliche kleine Eitelkeiten und Schwächen fern lagen. 1876 schreibt Dostojewski selbst über Granowski: »Das war einer unserer ehrlichsten Stepan Trophimowitsche (in meinem Roman >Die Dämonen< der Typ des Idealisten der vierziger Jahre, den unsere Kritiker richtig gezeichnet fanden ...) und vielleicht sogar einer ohne den geringsten komischen Zug, der diesem Typ sonst leicht anhaftet ...« Während Granowskis Freunde, die Hegelverehrer Bakunin, Belinski, Herzen u. a. später Atheisten und Sozialisten wurden, blieb Granowski bei seinem Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und hielt es mit den deutschen Romantikern.

Gegen diesen sogenannten »Idealismus der vierziger Jahre«, den Stepan Trophimowitsch vertritt, läßt Dostojewski die historischen Nachfolger dieser Idealisten, die in den Seminaristen und dem Anhang Pjotr Stepanowitschs geschildert sind, den sogenannten »Realismus der sechziger Jahre« ausspielen: Der unrussischen Romantik und dem unrussischen Symbolismus (in Karmasinoffs Potpourri »Merci« und in Stepan Trophimowitschs »Dichtung in lyrisch-dramatischer Form«, wie in seiner unrussischen Schwärmerei für Abstraktionen) werden die von den Seminaristen vergötterten Naturwissenschaften und die angewandte entsprechende Philosophie, d. i. radikale Politik, entgegengestellt.

Die Reden Schatoffs in den Notizbuchentwürfen sind Entgegnungen auf fast wörtlich wiedergegebene Aussprüche Bakunins, des Begründers des revolutionären Anarchismus, und des Terroristen Netschajeff.

Letzterer (Prototyp Pjotr Werchowenskis) hatte die Lehre Bakunins -- von der Notwendigkeit der radikalen Zerstörung der bisherigen Gesellschaftsform, damit die neue Form vom Volk nach ganz anderen, wirklich neuen Grundsätzen geschaffen werden könne -- sogleich in die Tat umzusetzen versucht und 1869 in Moskau die Mitglieder seines Geheimbundes zur Ermordung eines ihrer Genossen (des Studenten Iwanoff) zu zwingen gewußt. Wie W. Ssolowjoff hervorhebt, ist in den »Dämonen« »der Netschajeffprozeß vorweggenommen«. Der Roman war 1871 zum Teil schon gedruckt, als der Prozeß erst begann. (Näheres über Netschajeff und die Netschajewzen -- den »Prozeß der Siebenundachtzig« -- siehe Band XI, »Autobiographische Schriften«, S. 323--351.) Netschajeff selbst entkam zunächst nach der Schweiz, wurde aber 1872 an Rußland ausgeliefert und starb nach zwanzigjähriger Kerkerhaft im Schlüsselburger Gefängnis. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen Charakter von »stählerner Energie«. Seine Ideen über die »Pandestruktion« veröffentlichte er 1869 in Genf in einem Blatt, das er »Das Volksgericht« nannte. Pläne für den zukünftigen Aufbau wurden von ihm überhaupt nicht geduldet. Unter sein Bild schrieb er die Worte: »Das Werk der Zerstörung ist getan, -- das Werk des Aufbaus steht bevor und wird nicht nur eine Generation beschäftigen.« Von seinem Grundsatz, daß auch Jesuitismus und Macchiavellismus im Kampf der Klassen als Mittel anzuwenden seien, haben sich seine Lehrer Bakunin und andere Anarchisten alsbald losgesagt.

In der Philosophie Kirilloffs hat Dostojewski die Gedanken Michael Bakunins wiedergegeben und weitergesponnen, -- wie übrigens auch in den folgenden Romanen »Der Jüngling«, »Die Brüder Karamasoff«, und in kleineren Werken. Bakunin wollte vor allem »die Idee >Gott< in den Menschen töten«.

Vorläufer Stawrogins sind in gewissem Sinne fast alle Helden Puschkins. Aber auch Tschatzki und die Helden Lermontoffs, Gontscharoffs, Turgenjeffs u. a. sind eine Vorbereitung zu dieser Gestalt. E. K. R.

[80] S. Bd. I, Vorbemerkung. E. K. R.

Übersetzung französischer Textstellen

{[1]} Sie haben mich wie eine alte Stoffmütze behandelt!

{[2]} das heißt, ein [Narr], der meine Existenz einfach zerschmettern kann

{[3]} in jedes Land, ..., wo Makar seine Kälber auf die Weide bringt

{[4]} Ich bin ein [einfacher Schmarotzer], nichts mehr! Aber wirklich nichts mehr!

{[5]} unter den Seminaristen

{[6]} Lieber Freund

{[7]} Blumenstrauß der Kaiserin (französische Parfümmarke)

{[8]} für unser heiliges Rußland

{[9]} aber lassen Sie uns unterscheiden

{[10]} Unter uns gesagt

{[11]} Haudegen

{[12]} ausgezeichnete Freundin

{[13]} Sie wissen, unter uns ... Mit einem Wort

{[14]} um uns seine Macht zu zeigen

{[15]} was für eine wilde Idee!

{[16]} meine gute Freundin

{[17]} Schönes Kind!

{[18]} Aber, meine Liebe ...

{[19]} Aber, meine gute Freudin

{[20]} Und dann, da wir immer mehr Mönche als Gründe finden

{[21]} Nun ja, Teuerste

{[22]} und dann

{[23]} Ein Hitzkopf, aber ein guter Mensch.

{[24]} Oh, ein dumme Geschichte! Gute Freundin, ich habe auf Sie gewartet, um Ihnen zu erzählen ...

{[25]} Alle klugen und fortschrittlichen Männer Rußlands waren, sind und werden immer [Kartenspieler] und [Trinker] sein

{[26]} Aber, unter uns

{[27]} Mein Liebster, ich bin ein ...

{[28]} Aber sie ist ein Kind!

{[29]} Ja, ich benutzte das falsche Wort ... Aber ... Es spielt keine Rolle ...

{[30]} gleich

{[31]} Ja, ja, ich kann nicht

{[32]} diesem lieben Sohn

{[33]} Er ist so ein Kindskopf!

{[34]} Und schließlich das Lächerliche

{[35]} Ich bin ein Galeerensträfling, ein Badinguet (Deckname Napoleons III. auf der Flucht), ein ...

{[36]} Mir doch egal!

{[37]} Das ist mir egal, und ich rufe die Freiheit aus! Zum Teufel mit Karmazinoff! Zum Teufel mit Lembke!

{[38]} Sie werden mich unterstützen als Freund und Zeuge, nicht wahr?

{[39]} ja, das ist das Wort

{[40]} oder etwas in dieser Art

{[41]} ich erinnere mich. Schließlich ...

{[42]} er war wie ein kleiner Idiot

{[43]} Wie!

{[44]} von userem armen Freund

{[45]} unser heiliges Rußland

{[46]} Aber das geht vorbei.

{[47]} ... zum Unglück. Sie werden mich begleiten, nicht wahr?

{[48]} Oh großer, gütiger Gott!

{[49]} und ich beginne zu glauben

{[50]} In Gott? Ein Gott hoch oben, der groß und gütig ist?

{[51]} Er tut alles, was ich will.

{[52]} Gott, Gott! ... Endlich eine Minute Glück!

{[53]} Sie und das Glück, Sie kommen zur gleichen Zeit!

{[54]} Aber

{[55]} ich war so nervös und krank. Und dann ...

{[56]} Das ist ein Träumer von hier. Er ist der beste und jähzornigste Mann der Welt.

{[57]} und sie werden ihm eine Gefälligkeit erweisen

{[58]} Mein Freund!

{[59]} Letztendlich ist es lächerlich.

{[60]} Dieser Mawrikij

{[61]} ein anständiger Mann, immerhin ...

{[62]} an diese arme Freundin ... schließlich

{[63]} Tante, Tante

{[64]} Diese arme Tante

{[65]} dieser Liputin, den ich nicht verstehe ...

{[66]} Ich bin undankbar!

{[67]} alles ist gesagt, ... Es ist schrecklich!

{[68]} Sie ist ein Engel

{[69]} Nun ja

{[70]} schließlich

{[71]} Die arme Freundin

{[72]} Zwanzig Jahre!

{[73]} Er ist ein Ekel. Doch, ...

{[74]} ein anständiger Mann, immerhin

{[75]} Diese Leute glauben, daß die Natur und die menschliche Gesellschaft in Wirklichkeit anders sind, als Gott sie gemacht hat

{[76]} Mit dieser lieben Freundin

{[77]} Aber laß uns von etwas anderem sprechen.

{[78]} in der Schweiz

{[79]} Das war dumm, aber was kann man tun? Alles ist gesagt.

{[80]} Schließlich -- alles ist gesagt

{[81]} Der liebe Gott

{[82]} wenn es Wunder gibt?

{[83]} und lasse alles gesagt sein!

{[84]} was man Altar nennt!

{[85]} Lassen Sie mich allein, mein Freund

{[86]} sehen Sie

{[87]} Aber Lisa, was haben Sie denn?

{[88]} liebe Kusine

{[89]} Aber meine gute und ausgezeichnete Freundin ... welche Unruhe!

{[90]} das schmerzende Pochen

{[91]} Kurz gesagt, das ist ein verlorender Mann, wie ein entlaufender Sträfling.

{[92]} Das ist ein unredlicher Mann, und ich glaube, er ist ein entlaufender Sträfling oder etwas Ähnliches.

{[93]} Peter, mein Kind

{[94]} Aber mein Kind!

{[95]} possenhafter Charakter

{[96]} Sie haben Recht

{[97]} Erhaben!

{[98]} Sohn, lieber Sohn

{[99]} Er lacht.

{[100]} Sei's drum

{[101]} Ja, das ist das Wort

{[102]} Krach um seinen Namen machen, [ohne zu bemerken, daß] sein Name ...

{[103]} Er lacht. Er lacht viel ... Er lacht ständig

{[104]} Umso besser. Doch lassen wir das.

{[105]} Ich wollte ihn bekehren. [Sie lachen natürlich.] Das arme [Tantchen], sie wird Schönes zu hören kriegen!

{[106]} Dort ist irgendwas Blindes und Verdächtiges.

{[107]} Das sind einfach nur Faulenzer

{[108]} Ihr seid Faulpelze! Eure Flagge ist ein Lumpen, machtlos!

{[109]} Eine Dummheit dieser Art

{[110]} Du verstehst es nicht. Doch lassen wir das.

{[111]} Verstehen Sie?

{[112]} Kalesche

{[113]} gebührend

{[114]} mit voller Kraft

{[115]} wohltätiger Kauz

{[116]} Quadrille der Literatur

{[117]} Laßt ihr unreines Blut über unsere Felder fließen!

{[118]} Keinen Zoll von unserer Erde, nicht einen Stein aus unserem Festungen!

{[119]} Ja, dieser Vergleich ist erlaubt. Es war wie ein kleiner Donkosake, der auf seinem eigenen Grab hüpft.

{[120]} Ich habe das vergessen.

{[121]} Genug!

{[122]} Teuerste, genug!

{[123]} mangelndes Benehmen

{[124]} ohne daß es sichtbar wird!

{[125]} Vorwarnung

{[126]} Endlich ein Freund!

{[127]} Bitte entschuldigen Sie, Ich habe seinen Namen vergessen. Er ist nicht von hier, ... eine irgendwie dumme und deutsche Physignomie. Er heißt Rosenthal.

{[128]} Sie kennen Ihn? Irgendeine Stumpfsinnigkeit und Selbstzufriedenheit ist in seiner Gestalt, und dennoch etwas Strenges, Steifes und Ernsthaftes.

{[129]} Die kenne ich.

{[130]} ja, ich erinnere mich, er hat dieses Wort benutzt

{[131]} Er hält sich zurück

{[132]} Jedenfalls schien er zu glauben, daß ich ihn angreife und direkt niederschlage. All die Leute aus den unteren Schichten sind so.

{[133]} Seit zwanzig Jahren bin ich bereit.

{[134]} Ich war würdevoll und ruhig.

{[135]} und kurzum, all das

{[136]} und einige meiner historischen, kritischen und politischen Entwürfe

{[137]} Ja, so war es

{[138]} Er war allein, ziemlich allein, [übrigens war noch jemand] im Vorzimmer, ja, ich erinnere mich. Und dann ...

{[139]} Sehen Sie, ich war stark erregt. Er redete und redete ... über einen Haufen Sachen ...

{[140]} Ich war stark erregt, aber würdevoll, seien Sie versichert.

{[141]} Wissen Sie, er sprach den Namen Telätnikoff an

{[142]} der mir immer noch fünfzehn Rubel vom Whist schuldet, nebenbei gesagt. Na ja, ich habe es nicht ganz verstanden.

{[143]} was denken Sie? Letztendlich stimmte er zu

{[144]} und nichts mehr

{[145]} als Freunde, und ich bin voll und ganz einverstanden.

{[146]} Meine Feinde ... und dann, wozu soll dieser Staatsanwalt gut sein, dieses Schwein von einem Staatsanwalt, der mich zweimal beleidigte und der letztes Jahr bei der charmanten und schönen Natalia Pawlowna eine feine Abreibung erhalten hatte, als er sich in ihrem Boudoir versteckte. Und dann, mein Freund

{[147]} wenn man diese Dinge in seinem Zimmer hat, und wenn sie kommen um dich festzunehmen

{[148]} Schick sie fort ... und es geht mir auf die Nerven.

{[149]} Man muß vorbereitet sein, sehen Sie, ... jederzeit

{[150]} Sehen Sie, mein Teuerster

{[151]} Das kommt aus Petersburg

{[152]} Sie haben mich mit diesen Leuten zusammengebracht!

{[153]} Mit diesen Freidenkern der Feigheit!

{[154]} Wissen Sie, ... als wenn ich hier eine Art Skandal produziere.

{[155]} Meine Karriere ist heute beendet, ich fühle es.

{[156]} Ich schwöre es Ihnen

{[157]} Was wissen Sie davon

{[158]} meine Karrriere is zu Ende

{[159]} was wird sie sagen

{[160]} Sie wird mich ihr ganzes Leben lang verdächtigen

{[161]} Das ist unwahrscheinlich ... Und dann, die Frauen

{[162]} Man muß würdevoll und ruhig bei Lembke sein.

{[163]} Oh, glauben Sie mir, ich werde ruhig sein! ... auf dem Höhepunkt von allem, was am heiligsten ist ...

{[164]} Gehen wir!

{[165]} Alles für das Beste in der besten aller möglichen Welten.

{[166]} Meine Stunde hat geschlagen.

{[167]} Sie machen nichts als Dummheiten

{[168]} Ausgezeichneter Freund!

{[169]} Dieser liebe Mann

{[170]} und da man überall mehr Mönche als Vernunft findet

{[171]} Bezaubernd, die Mönche

{[172]} aber lassen Sie uns hier abbrechen, meine Liebe

{[173]} dieser lieben Freindin

{[174]} in vollem Umfang

{[175]} meine Damen

{[176]} Das ist Dummheit in Reinform, etwa wie eine einfache Chemikalie.

{[177]} nebenbei gesagt

{[178]} Lockspitzel!

{[179]} Möge Gott dir vergeben, mein Freund, und möge Gott dich beschützen.

{[180]} mit der Zeit

{[181]} Was mich betrifft

{[182]} diese armen Leute haben manchmal so bezaubernde Worte voller Philosophie

{[183]} Mein Kind!

{[184]} Oh, das sind die armen kleinen Taugenichtse, sonst nichts, die kleinen [Närrchen] -- Das ist das Wort

{[185]} Oh, gestern war er so geistreich

{[186]} Welche Schande!

{[187]} Charmante Dame, Sie werden mir vergeben, nicht wahr?

{[188]} den Kindern

{[189]} Sie werden mir verzeihen, nicht wahr

{[190]} Arme Mutter!

{[191]} Sie sind traurig, nicht wahr?

{[192]} Wir sind alle traurig, aber wir müssen vergeben. Lisa, lassen sie uns vergeben

{[193]} man muß vergeben, vergeben und vergeben!

{[194]} zweiundzwanzig Jahre!

{[195]} Im Haus des Kaufmanns, wenn es den Kaufmann denn gibt!

{[196]} Aber wissen Sie wie spät es ist?

{[197]} Existiert Rußland? Ha, das sind Sie, lieber Hauptmann!

{[198]} Oh, mein Gott

{[199]} Es lebe die Republik

{[200]} Es lebe die demokratische, soziale und universale Republik, oder Tod! ... Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod.

{[201]} von Kirilloff, einem russischen Gentleman und Weltbürger

{[202]} einem russischen Gentleman-Seminaristen und Bürger der zivilisierten Welt!

{[203]} geborene Garin

{[204]} Reisetasche

{[205]} wie ein

{[206]} Diesen Kaufmann

{[207]} Es lebe die Fernstraße

{[208]} Ich habe zusammen vierzig Rubel, er wird das Geld nehmen und mich trotzdem töten.

{[209]} Gott sei Dank

{[210]} unentschieden ... und dann

{[211]} Das fängt beruhigend an.

{[212]} Das ist sehr beruhigend ... das ist im höchsten Grad beruhigend

{[213]} Ich bin jemand anderes.

{[214]} aber schließlich

{[215]} Das ist reizend

{[216]} Ja, so könnte man das übersetzen.

{[217]} Das ist sogar besser, ich habe vierzig Rubel, aber ...

{[218]} Um es auszusprechen

{[219]} meine Freunde

{[220]} Sie wollte es

{[221]} Ach wie schön!

{[222]} einen Fingerbreit Wodka

{[223]} ein kleines bißchen

{[224]} Ich bin ziemlich krank, aber es ist nicht schlimm, krank zu sein

{[225]} Eine Dame, die auch so aussah

{[226]} Ah ... aber ich glaube das ist das Evangelium ...

{[227]} Sie sind, was man eine Bibelverkäuferin nennt?

{[228]} Ich habe nichts gegen des Evangelium, und ...

{[229]} Das Leben Jesu

{[230]} Mir scheint es, daß alle nach Spassoff gehen ...

{[231]} Aber sie ist eine Dame und eine wahre Respektsperson

{[232]} Dieses kleine Stück Zucker ist nichts ...

{[233]} makellos respektvoll

{[234]} Sie sind keine dreißig Jahre alt

{[235]} Aber, mein Gott

{[236]} Diese Bösewichte, diese Unglücklichen!

{[237]} Bah, ich werde zum Egoisten!

{[238]} Aber was ist mit dem Mann los?

{[239]} Mein Gott, meine Freunde

{[240]} Aber meine teure und neue Freundin

{[241]} Aber was tun, und ich bin begeistert!

{[242]} nicht wahr?

{[243]} Ich liebe die Menschen, das ist unerläßlich, aber es scheint mir, daß ich ihnen niemals nahe war. Stasie ... Es versteht sich von selbst, daß sie aus dem Volk stammt ... aber von den wahren Menschen

{[244]} Liebe und unvergleichliche Freundin

{[245]} liebste Unschuldige. Das Evangelium ... Sie sehen, von nun an werden wir zusammen beten

{[246]} etwas ganz neues dieser Art

{[247]} zugegebenermaßen

{[248]} und dieser netten Undankbaren auch ...

{[249]} Liebe Unvergleichbare, für mich ist eine Frau alles!

{[250]} Es wird zu kalt. Übrigens, ich habe vierzig Rubel und hier ist das Geld

{[251]} Laß uns nicht mehr reden, weil es mir weh tut

{[252]} Weil wir reden müssen. Ja teure Freundin, ich habe Ihnen viel zu sagen.

{[253]} Wie, Sie kennen schon meinen Namen?

{[254]} Genug mein Kind, [ich flehe Sie an,] wir haben unser Geld und dann -- und dann den gütigen Gott.

{[255]} Genug, genug, Sie quälen mich

{[256]} Es ist nichts, wir werden warten

{[257]} Sie sind edel wie eine Marquise!

{[258]} wie in Ihrem Buch!

{[259]} Genug, genug, mein Kind

{[260]} wissen Sie

{[261]} Bin ich wirklich so krank? Aber es ist nichts Ernstes.

{[262]} Oh, ich erinnere mich, ja, die Apokalypse. Lesen Sie, lesen sie.

{[263]} und wir werden zusammen weggehen

{[264]} diese Schweine

{[265]} in diesem Buch

{[266]} ein Vergleich

{[267]} Ja, dieses Rußland, was ich immer geliebt habe.

{[268]} und die andern mit ihm

{[269]} Sie werden später verstehen ... Zusammen werden wir es später verstehen.

{[270]} Schau, ein See

{[271]} Und ich werde das Evangelium predigen ...

{[272]} Sie ist ein Engel ... Sie war mehr als ein Engel für mich

{[273]} Ich liebte Sie!

{[274]} Ich liebte sie man ganzes Leben lang ... zwanzig Jahre!

{[275]} Eine Stunde, [und dann] -- eine Brühe, einen Tee ... endlich ist er so glücklich.

{[276]} Ja, meine Freunde, ... Die ganze Zeremonie

{[277]} Mein Vater, ich danke Ihnen, und Sie sind sehr gut, aber ...

{[278]} Dies ist mein Glaubensbekenntnis.

{[279]} Ich habe mein ganzes Leben gelogen

{[280]} Pariser Artikel

{[281]} sehr wenig

Anmerkungen zur Transkription

Die »Sämtlichen Werke« erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Erste Abteilung: Fünfter Band. Erste Abteilung: Sechster Band. Die Dämonen R. Piper & Co. Verlag, München, 1921. 11. bis 20. Tausend

Für diese ebook-Ausgabe wurden der fünfte und der sechste Band vereinigt. Band 6 beginnt mit »Elftes Kapitel«.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der »Sämtlichen Werke« vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Die Bearbeiter haben diesem Text Übersetzungen der französischen Textstellen in Form von Fußnoten hinzugefügt und der public domain zur Verfügung gestellt.

Diese zusätzlichen Fußnoten sind mit { } markiert.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen (»«) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (><) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe »ä« (oder auch »jä«) steht für den kyrillischen Buchstaben »ja«. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

Agafja (Agaphia) Bogojawlenskstraße (Bogojavlenskschen Straße) Marja Ignatjewna (Maria Ignatjewna) Iwan (Iwán) Iwanoff (Iwanow) Nicolai (Nikolai) Nicolajewitsch (Nikolajewitsch) Nicolajewna (Nikolajewna) Praskowja (Proskowja) Semjonytsch (Ssemjonytsch) Stawrogin (Stowrogin) Stepan (Stephan) Zarewitsch (Zaréwitsch)

Die abweichende Schreibweise der Namen im Personenverzeichnis wurde unverändert übernommen, da sie die Aussprache verdeutlichen soll.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 14]: ... die nur miteinander streiten, das ganzen Leben in ... ... die nur miteinander streiten, das ganze Leben in ...

[S. 37]: ... jetzt irgendein Andrejeff, un rechtgläubiger Narr mit ... ... jetzt irgendein Andrejeff, c'est à dire un rechtgläubiger Narr mit ...

[S. 78]: ... sozialen Republik und Harmonie« hätten sein können. ... ... sozialen Republik und Harmonie« hätte sein können. ...

[S. 120]: ... ganze ungewöhnlichen Pose vor mir stehen. ... ... ganz ungewöhnlichen Pose vor mir stehen. ...

[S. 139]: ... mir zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert ... ... mich zu viel Geld kosten, und das ist er auch gar nicht wert ...

[S. 200]: ... beiden hatte man an Lebädkin vermietet. An Möbel ... ... beiden hatte man an Lebädkin vermietet. An Möbeln ...

[S. 330]: ... zu ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen ... ... zu Ihren Diensten stehe, jederzeit und unter allen ...

[S. 464]: ... wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt bost, ... ... wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ...

[S. 784]: ... hielt, sich daraus einen Vers zu machen oder etwas ... ... hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas ...

[S. 880]: ... oder Geld, davon schon ganz zu geschweigen. Du hast ... ... oder Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast ...

[S. 1073]: ... autochthone Typen sind häufig entweder Stenka Rasins ... ... autochthonen Typen sind häufig entweder Stenka Rasins ...

[S. 1085]: ... sehen Sie einmal: wenn sie glauben, daß das Christentum ... ... sehen Sie einmal: wenn Sie glauben, daß das Christentum ...

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