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Sämtliche Werke 5-6 (part 3 of 4)

Part 3 of 4 · Dostoyevsky, Fyodor · Public domain text

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Source: Project Gutenberg e-text #61906, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (4)

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Sämtliche Werke 5-6 (part 3 of 4)

»Nicolai Wszewolodowitsch, mir schreibt irgendein Hauptmann, der sich für Ihren Verwandten ausgibt, für den Bruder Ihrer Frau, ein Hauptmann namens Lebädkin, fortwährend unanständige Briefe, in denen er sich über Sie beklagt und sich bereit erklärt, Geheimnisse, die Sie betreffen, mir mitzuteilen. Wenn Sie tatsächlich sein Verwandter sind, so verbieten Sie ihm doch derlei Beleidigungen und befreien Sie mich von diesen Belästigungen.«

Eine ungeheuere Herausforderung lag in diesen Worten, und das begriffen alle. Die Beschuldigung lag auf der Hand, wenn sie auch für sie selbst vielleicht ganz überraschend kam. Es war, wie wenn ein Mensch die Augen schließt, die Zähne zusammenbeißt und sich vom Dach hinabstürzt.

Doch die Antwort Nicolai Stawrogins war noch sonderbarer. Vor allem war schon das seltsam, daß er durchaus nicht erstaunt oder erschrocken zu sein schien und Lisa bis zum Schluß mit der ruhigsten Aufmerksamkeit anhörte. Weder Verwirrung noch Zorn drückte sich auf seinem Gesicht aus. Und einfach, fest, sogar mit voller Bereitwilligkeit, antwortete er auf die verhängnisvolle Frage:

»Ja, ich habe das Unglück, mit diesem Menschen verwandt zu sein. Ich bin der Mann seiner Schwester, der geborenen Lebädkina, jetzt schon seit fast fünf Jahren. Seien Sie versichert, daß ich ihm Ihre Forderungen in kürzester Zeit ausrichten werde, und ich verbürge mich dafür, daß er Sie hinfort nicht mehr belästigen wird.«

Nie werde ich das Entsetzen vergessen, das sich in Warwara Petrownas Gesicht ausdrückte. Wie von Sinnen erhob sie sich von ihrem Stuhl und streckte langsam wie zur Abwehr die rechte Hand vor sich aus. Nicolai Wszewolodowitsch sah sie an, sah Lisa an, die Zuschauer, und plötzlich lächelte er mit grenzenlosem Hochmut; und wortlos, ohne sich zu beeilen, verließ er den Salon. Alle sahen, wie Lisa vom Diwan aufsprang, kaum daß Stawrogin sich zur Tür wandte, und bereits eine Bewegung machte, um ihm nachzueilen, doch schon im nächsten Augenblick kam sie zur Besinnung und lief nicht, sondern ging still und leise, gleichfalls ohne ein Wort zu sagen und ohne jemanden anzusehen, hinaus, natürlich in Begleitung Mawrikij Nicolajewitschs, der sofort an ihrer Seite war ...

Von der Aufregung und dem Gerede an diesem Abend in der Stadt schweige ich lieber. Warwara Petrowna hatte sich in ihrem Stadthause eingeschlossen, und Nicolai Wszewolodowitsch war, wie man zu berichten wußte, ohne die Mutter gesehen zu haben, nach Skworeschniki gefahren. Stepan Trophimowitsch bat mich am Abend, zu »cette chère amie«{[173]} zu gehen und anzufragen, ob er nicht zu ihr kommen dürfe. Ich wurde aber nicht empfangen. Er war maßlos erschüttert und weinte sogar. »Solch eine Ehe! Solch eine Ehe! Solch ein Schrecken in der Familie!« wiederholte er einmal über das andere. Aber zwischendurch gedachte er doch auch Karmasinoffs und schimpfte furchtbar über ihn. Zu dem Vortrag, den er auf der literarischen Matinee am nächsten Tage halten wollte, bereitete er sich eifrig vor, und -- o künstlerische Natur! -- tat es vor dem Spiegel. Und er suchte alle geistreichen Bemerkungen und alle Bonmots zusammen, die er je im Leben gemacht und die er in einem besonderen Heftchen notiert hatte, um sie nun in seinen Vortrag über die Sixtinische Madonna hineinzuflechten. »Mein Freund, ich tue das ja nur für die große Idee,« sagte er zu mir, offenbar um sich zu rechtfertigen. »Cher ami, ich habe mich nach fünfundzwanzigjährigem Stillsitzen plötzlich von meinem Platze gerissen und bin losgefahren, wohin -- das weiß ich nicht, aber ich bin losgefahren ...«

Sechzehntes Kapitel. Die Matinee

I.

Das Fest fand statt, ungeachtet der bedenklichen Ereignisse des vorhergegangenen »Spigulinschen« Tages. Ja, ich glaube, selbst wenn Lembke in der dazwischenliegenden Nacht gestorben wäre, hätte das Fest an diesem Vormittage doch seinen Anfang genommen -- eine so große und besondere Bedeutung legte ihm Julija Michailowna bei. Zum Unglück blieb sie bis zum letzten Augenblick in ihrer Verblendung und begriff die Stimmung der Gesellschaft überhaupt nicht. Zu guter Letzt glaubte niemand mehr, daß der feierliche Tag ohne irgendein ungeheueres Ereignis vorübergehen werde, oder ohne »Entscheidung«, wie einige, sich im voraus die Hände reibend, sagten. Freilich bemühten sich viele, eine sehr finstere und politische Miene zur Schau zu tragen; doch -- im allgemeinen gesprochen -- den russischen Menschen freut nun einmal über alle Maßen jeglicher öffentliche skandalöse Tumult. Allerdings kam bei uns noch etwas unvergleichlich Ernsteres hinzu, als es bloße Skandalsucht gewesen wäre: es war da eine allgemeine Gereiztheit, etwas unstillbar Böses; anscheinend hatten alle alles bis zum schrecklichsten Überdruß satt. Es hatte sich ein gewisser irreführender Zynismus eingenistet, ein Zynismus, zu dem man sich anstrengte, der einem über die eigene Kraft ging. Nur die Damen waren sich über ihre Gefühle im klaren, wenn auch nur in einem Punkte, und zwar: in ihrem unbarmherzigen Haß gegen Julija Michailowna. In diesem Punkte stimmten alle verschiedenen Richtungen unserer Damenwelt überein. Julija Michailowna aber ahnte nichts davon und war noch bis zur letzten Stunde überzeugt, daß sie »umschwärmt« und alle Welt ihr »fanatisch ergeben« sei.

Ich habe schon erwähnt, daß in unserer Stadt mittlerweile verschiedene sonderbare und befremdliche Gestalten aufgetaucht waren. In den trüben Zeiten des Schwankens oder in Zeiten des Übergangs finden sich immer und überall verschiedene Leutchen ein. Ich rede nicht von den sogenannten »Anführern«, die stets allen voran (das ist ihre wichtigste Sorge, daß es allen voran geschieht) zu einem -- wenn auch sehr oft allerdümmsten, so doch immerhin mehr oder weniger bestimmten -- Ziele eilen. Nein, ich rede nur von dem Gesindel selbst. In jeder Übergangszeit pflegt dieses Gesindel, das in jeder Gesellschaft zu finden ist, sich zu erheben, und zwar nicht nur ohne ein Ziel, sondern sogar ohne auch nur eine Spur von einem Gedanken zu haben; statt dessen drückt es aus allen Kräften bloß Unruhe und Ungeduld aus. Indes pflegt dieses Gesindel, ohne sich dessen bewußt zu werden, fast immer unter das Kommando jenes kleinen Häufchens der »Anführer« zu geraten, die mit einem bestimmten Ziel handeln, und jenes Häufchen lenkt dann diesen ganzen Kehricht wohin es ihm gefällt, wenn es nur nicht selber aus vollkommenen Idioten besteht, was übrigens auch vorzukommen pflegt. Jetzt, wo alles schon der Vergangenheit angehört, sagt man bei uns, die Internationale habe Pjotr Stepanowitsch gelenkt, dieser aber wiederum Julija Michailowna, von der dann nach seinem Kommando alle möglichen Leute gelenkt worden seien. Und jetzt wundern sich alle unsere soliden, klugen Köpfe über sich selbst: wie hatten sie damals nur so versagen, so ihre Pflicht verabsäumen können? Doch worin nun eigentlich die Unruhe unserer Zeit bestand oder wovon und zu was es einen Übergang bei uns gab -- das weiß ich nicht, und ich denke, das vermag niemand zu sagen, oder höchstens ein paar auswärtige Beobachter. Indessen war es nicht zu leugnen, daß plötzlich die erbärmlichsten Leutchen ein gewisses Übergewicht bekamen, sich u. a. erlaubten, alles Heilige laut zu kritisieren, während sie früher nicht einmal gewagt hätten, auch nur den Mund aufzutun; und die angesehensten Leute, die bis dahin in so wohltuender Weise die Oberhand gehabt hatten, begannen plötzlich, diesen Leuten zuzuhören und selber zu schweigen, manche aber fingen schon an, ihnen schmählichst und mit schadenfrohem Grinsen zuzunicken. Irgendwelche Lämschins, Telätnikoffs, kleine Gutsbesitzer Tentetnikoffs, einheimische Schmutznasen, Radischtscheffs, wehleidig und hochmütig lächelnde Jüdchen, Lachbrüder unter angereisten Reisenden, Dichter mit Großstadtrichtung und Dichter, die sich statt durch Richtung oder Talent, durch Wamse und Schmierstiefel auszeichneten, Majore und Obersten, die sich über die Sinnlosigkeit ihres Berufs lustig machten und für einen Rubel mehr sofort bereit waren, ihren Degen abzulegen und sich als bessere Schreiber in die Eisenbahnverwaltung zu drücken; Generale, die es vorzogen, Advokaten zu werden, gerissene Vermittler, vielversprechende Geschäftsleute, unzählige Seminaristen, Frauen, die die Frauenfrage personifizierten, -- all das bekam bei uns das Übergewicht. Und über wen? Über den Klub, über alte Würdenträger, über Generale mit Stelzfüßen, über unsere strengsten und unzugänglichsten Damen der Gesellschaft. Wenn schon eine Warwara Petrowna (bis zu der Katastrophe mit ihrem Sohne) sich derartig von diesem ganzen Pack ausnutzen und lenken ließ, so ist den anderen unserer Minerven ihre damalige Dummheit, die sich so betölpeln ließ, zum Teil doch wohl verzeihlich. Heute sieht man in alledem, wie ich schon erwähnte, die Wirkung der Internationale. Diese Ansicht hat sich so festgesetzt, daß man in diesem Sinne sogar angereisten Fremden die Vorgänge erklärt. Und noch kürzlich hat der Ratsherr Kubrikoff, ein Mann von zweiundsechzig Jahren, mit dem Stanislausorden am Halse, unaufgefordert in überzeugtem Tone gesagt, daß er im Laufe von ganzen drei Monaten unzweifelhaft unter dem Einfluß der Internationale gestanden habe. Als man ihn jedoch, bei aller Achtung, die man seinem Alter und seinen Verdiensten schuldig ist, bat, sich näher zu erklären, da konnte er allerdings keinerlei Belege dafür anführen, außer dem einen, daß er es »mit allen Sinnen so empfunden« habe. Und überzeugt blieb er bei seiner Behauptung, so daß man schließlich nach Begründungen nicht weiter in ihn drang.

Doch ich sage nochmals: eine kleine Gruppe Vorsichtiger, die sich schon gleich zu Anfang abgesondert hatte, hielt sich dennoch abseits, und zwar womöglich hinter verschlossenen Türen. Doch welches Türschloß hält dem Naturgesetz stand? Auch in den vorsichtigsten Familien wachsen genau so wie in allen anderen Töchter heran, die einmal tanzen wollen. Nun, und so kam es denn, daß auch alle diese Abgesonderten sich zu guter Letzt gleichfalls in die Liste zum Gouvernantenfest eintrugen. Der Ball sollte ja so glänzend, so unvergleichlich werden; man erzählte schon Wunderdinge, sprach von zugereisten Fürsten mit Lorgnettes, von den zehn Anordnern, lauter jungen Kavalieren, die eine Bandschleife an der linken Schulter tragen sollten. Manche wußten zu berichten, daß Karmasinoff zur Erhöhung der Einnahme eingewilligt habe, sein »Merci« in dem Kostüm einer Gouvernante vorzulesen, und daß die »Quadrille der Literatur« gleichfalls in Kostümen getanzt werden und jedes Kostüm eine bestimmte literarische Richtung darstellen werde; und zu guter Letzt werde in einem besonderen Kostüm der »ehrliche russische Gedanke« -- an sich schon eine vollkommene Neuheit -- auftreten und tanzen. Wie sollte man da seinen Namen nicht auf die Liste setzen? Und so zeichneten sich denn alle ein.

II.

Das Fest war nach dem Programm in zwei Teile geteilt: zunächst, am Vormittage, von zwölf bis vier, sollte die literarische Matinee stattfinden, der Ball aber sollte erst abends um zehn Uhr beginnen und dann die ganze Nacht dauern. Doch gerade in dieser Teilung lagen die Keime zur Unzufriedenheit und Unordnung. Vor allem konnte sich auf dieser Grundlage das Gerücht verbreiten, daß es nach der literarischen Matinee in der angeblich nur zu diesem Zweck vorgesehenen Pause ein Frühstück geben werde, selbstredend unentgeltlich, und zwar ein Frühstück mit Champagner. Der hohe Preis der Eintrittskarten (die Karte kostete drei Rubel) verlieh diesem Gerücht etwas durchaus Glaubwürdiges, was zu seiner Verbreitung nicht wenig beitrug. »Würde ich denn sonst für nichts und wieder nichts mich eingeschrieben haben? Das Fest währt ja vierundzwanzig Stunden, na also -- ernährt einen dann auch. Sonst würde man ja verhungern.« So philosophierte man ganz allgemein bei uns. Ich muß aber gestehen, daß Julija Michailowna selbst durch ihren Leichtsinn diesem verderblichen Gerücht Vorschub geleistet hatte. Schon vor einem Monat, in der ersten Begeisterung für ihren großen Plan, hatte sie jedem ersten besten von ihrem Fest erzählt; und daß auf diesem Fest Reden und Toaste gehalten werden würden, hatte sie sogar in eine der hauptstädtischen Zeitungen lanciert. Gerade diese Toaste hatten es ihr damals angetan: wollte sie doch selber eine Rede halten, die sie im stillen denn auch schon auszuarbeiten begann. Diese Tischrede sollte unser Hauptziel erklären und was sie auf ihre Fahne geschrieben hatte (ich wette, daß die Arme es nicht einmal zu einem Entwurf einer solchen Tischrede gebracht hat), sollte dann als »Korrespondenz« in die Zeitungen der Hauptstadt gelangen, die höchsten Vorgesetzten zugleich rühren und begeistern, um dann in alle Gouvernements zu flattern und überall Bewunderung wie Nachahmung zu finden. Doch zu Tischreden gehört nun einmal Champagner, und da man Champagner doch nicht gut auf nüchternen Magen trinken kann, so war selbstredend eine Tafel und ein Frühstück Voraussetzung. Später aber, als sich dank ihrer Bemühungen schon ein Komitee gebildet hatte und man sich ernstlich an die Sache machte, ward ihr sogleich klar und überzeugend bewiesen, daß, wenn man an ein Festessen dachte, für die Gouvernanten nur eine sehr geringe Summe verbliebe, selbst bei einer noch so hohen Einnahme. Die Frage war somit: entweder ein Gastmahl im Stile Belsazars, mit Reden und einigen neunzig Rubeln für die armen Gouvernanten, oder die Beschaffung einer ansehnlichen Summe durch ein Fest, das man sozusagen nur um der Form willen veranstaltete. Übrigens wollte das Komitee damit allen hochfliegenden Plänen zunächst nur einen Dämpfer aufsetzen, denn man war ja selbst keineswegs nur für das eine oder das andere, sondern man hatte sich eine dritte Möglichkeit ausgedacht, die sowohl versöhnend wie vernünftig war, nämlich ein in jeder Beziehung gutes Festessen, jedoch ohne Champagner, und folglich als Ergebnis einen recht annehmbaren Betrag für die Gouvernanten. Aber darauf ging Julija Michailowna nicht ein; ihr Charakter verachtete die kleinbürgerliche Mitte. Und so beschloß sie sofort, daß, wenn das erste Projekt sich nicht verwirklichen ließ, man sich für das andere Extrem entscheiden müsse, also für eine ungeheuere Einnahme, deren Höhe den Neid aller anderen Gouvernements erwecken mußte.

»Das Publikum muß doch endlich einsehen,« schloß Julija Michailowna ihre temperamentvolle Erklärung auf der Sitzung des Komitees, »daß der humanitäre Zweck unvergleichlich erhabener ist, als kurze körperliche Genüsse, daß das Fest im Grunde nur die Verkündung einer großen Idee ist, und deshalb muß es sich mit einem so ökonomisch wie nur möglich veranstalteten kleinen deutschen Ball begnügen, der einzig pro forma gegeben wird -- wenn man ohne diesen unausstehlichen Ball nun einmal nicht auskommen kann!« -- so sehr war er ihr plötzlich verhaßt.

Schließlich war es aber dem Komitee doch gelungen, sie zu besänftigen. So hatte man denn u. a. die »Quadrille der Literatur« und ähnliche ästhetische Scherze als Ersatz für körperliche Genüsse in Vorschlag gebracht. Und auf eben dieser Sitzung hatte dann auch Karmasinoff endgültig eingewilligt, sein »Merci« vorzutragen (bis dahin hatte er alle mittels ausweichender Antworten in quälender Ungewißheit belassen) um somit in unserem unenthaltsamen Publikum sogar jeden Gedanken an Essen und Trinken schon im voraus zu ersticken. Auf diese Weise hatte dann der Ball wiederum eine großartige Anziehungskraft erhalten, wenn auch eine von ganz anderer Art. Um jedoch nicht völlig dem Irdischen zu entschweben, beschloß man, zu Anfang des Balles Tee mit Zitrone und kleinem rundem Gebäck zu reichen, darauf einen Kühltrank und Limonade, und zum Schluß sogar noch Eis -- doch das sollte denn auch alles sein. Für diejenigen aber, die immer und überall Hunger und besonders Durst zu verspüren pflegen, wollte man dann noch am Ende der Zimmerflucht ein Büfett errichten, das Prochorytsch (der erste Koch des Klubs) übernehmen sollte. Natürlich mußte für die verabfolgten Speisen und Getränke gezahlt werden, was gleich am Eingang auf einem besonderen Plakat dem Publikum mitzuteilen war. Doch während der Matinee sollte das Büfett unbedingt geschlossen bleiben, damit auch nicht das geringste Geräusch den Vortrag störte, obgleich man für das Büfett einen Raum vorsah, der fünf Zimmer von dem weißen Saal entfernt war, in dem Karmasinoff sein »Merci« vorzutragen eingewilligt hatte. Merkwürdigerweise wurde diesem Ereignis, dem Vortrag dieses »Merci«, wie mir scheint, von dem Komitee eine übertriebene Bedeutung beigelegt, und das taten sogar die nüchternsten Leute. Von den poetischen Naturen aber hatte z. B. die Gattin des Adelsmarschalls Karmasinoff schon mitgeteilt, daß sie sogleich nach dem Vortrag an der Wand ihres weißen Saales eine Marmorplatte anbringen lassen werde, auf der mit goldenen Lettern das Ereignis verewigt werden sollte, daß in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, hier in diesem Saal der große russische und europäische Schriftsteller, seine Feder niederlegend, persönlich sein »Merci« gesprochen und somit zum erstenmal von dem russischen Publikum, in Gestalt der Vertreter unserer Stadt, Abschied genommen hat, und daß schon abends auf dem Ball, also kaum einige fünf Stunden nach dem Vortrage, alle diese Gedächtnistafel würden lesen können. Wie ich genau weiß, war es vor allen anderen gerade Karmasinoff gewesen, der verlangt hatte, daß das Büfett während der Matinee, wenn er las, unter keiner Bedingung geöffnet werde, trotz der Einwände etlicher Komiteemitglieder, daß ein solches Ansinnen sich mit unseren Landesbräuchen nicht ganz in Übereinstimmung befinde.

So lagen die Dinge in Wirklichkeit, während man in der Stadt immer noch an ein Festmahl im Stile Belsazars glaubte, d. h. an unentgeltliches Essen und Trinken auf Kosten des Komitees. Daran glaubte man bis zur letzten Stunde. Unsere jungen Damen träumten nur noch von Konfekt und Eis. Man wußte, daß die Sammlung ungeheuer reich ausgefallen war, daß die ganze Stadt sich eifrigst zum Fest vorbereitete, daß sogar aus der Umgegend viele kommen würden, und daß die Eintrittskarten bei diesem Andrang nicht ausreichten. Bekannt war gleichfalls, daß außer der Einnahme durch den Verkauf der Eintrittskarten noch bedeutende Schenkungen gemacht worden waren: Warwara Petrowna beispielsweise hatte für ihre Eintrittskarte dreihundert Rubel gezahlt und zur Ausschmückung des Saales alle Blumen und Blattpflanzen ihrer Orangerie hergegeben. Die Gattin des Adelsmarschalls (ein Mitglied des Komitees) stellte das Haus und die Beleuchtung, der Klub die Musikkapelle, die Bedienung und den Koch. Hinzu kamen noch andere Schenkungen, wenn auch nicht so bedeutende, weshalb denn auch das Komitee schon den Gedanken erwog, den Preis für die Eintrittskarte von drei Rubel auf zwei Rubel herabzusetzen. Man hatte nämlich zu Anfang tatsächlich befürchtet, es vermöchten doch nicht alle jungen Damen drei Rubel dafür auszugeben, und in Erwägung gezogen, ob man nicht Familienkarten ausgeben sollte, wobei man besonders an die Familien dachte, in denen es viele Töchter gab. Aber diese Befürchtung erwies sich als überflüssig; im Gegenteil, gerade die Töchter erschienen vollzählig. Selbst die ärmsten Beamten führten ihre sämtlichen Töchter heran, und es war ja klar, daß sie, falls sie keine Töchter gehabt hätten, auch im Traum nicht daran gedacht haben würden, ihren Namen auf die Liste zu setzen. Ja, ein armseliger kleiner Sekretär erschien mit ganzen sieben Töchtern, dazu noch die Frau und eine Nichte, und jede von ihnen hielt eine Eintrittskarte zu drei Rubel in der Hand. Man kann sich also vorstellen, was für eine Revolution das in der Stadt abgab! Man bedenke bloß das eine, daß die Teilung des Festes zweierlei verschiedene Toiletten für jede Dame verlangte: ein Kleid für die literarische Matinee und ein Ballkleid für den Abend. Man bedenke, was das für manche Verhältnisse bedeutete! Wie sich später herausstellte, hatten denn auch viele aus den mittleren Klassen zu diesem Tage so ziemlich alles versetzt, was sie besaßen, sogar ihre Bettwäsche, ja, manche hatten womöglich ihre Matratzen zu den Juden getragen, von denen sich seit nun schon zwei Jahren erschreckend viele in unserer Stadt festgesetzt haben und immer mehr sich festsetzen. Fast alle Beamten hatten ihr Monatsgehalt vorausgenommen und von den Gutsbesitzern hatten manche sogar ihr notwendigstes Vieh verkauft, und all das nur, um ihre Damen als Marquisen und Komtessen auf den Ball zu führen und damit keine der anderen nachstehe. Die Toiletten waren diesmal von einer bei uns noch nie gesehenen Kostbarkeit. Schon zwei Wochen vor dem Fest war die ganze Stadt geradezu vollgestopft mit Familienanekdoten, die von unseren jungen Spottvögeln mit Vergnügen am »Hofe« Julija Michailownas zum besten gegeben wurden. Bald folgten ganze Familienkarikaturen. Ich habe selbst etliche dieser Spottzeichnungen in Julija Michailownas Album gesehen. All das kam aber selbstredend auch denen zu Ohren, die den Stoff zu diesen Anekdoten und Karikaturen abgaben, -- und das war wohl der Grund, wie mir scheint, weshalb in den Familien gerade in der letzten Zeit ein solcher Haß gegen Julija Michailowna sich aufspeicherte. Ich rede nicht von heute: denn jetzt schimpfen natürlich alle über sie und knirschen, wenn sie an diese Zeit denken. Nein, schon damals war es vorauszusehen, daß, wenn der Ball nicht geradezu glänzend ausfiel und das Komitee auch nur den geringsten Anlaß zur Unzufriedenheit gab, der Ausbruch des allgemeinen Unwillens ein ungeheuerer werden würde. Und eben deshalb erwartete denn im geheimen wohl ein jeder einen Skandal; wenn aber ein Skandal schon so erwartet wurde, wie hätte er dann noch ausbleiben können?

Um punkt zwölf Uhr begann das Orchester mit klingendem Spiel. Da ich zu den Festordnern gehörte, d. h. einer von den zehn »jungen Kavalieren mit der Bandschleife an der Schulter« war, so blieb ich Augenzeuge aller Ereignisse dieses blamablen Tages. Das Fest begann mit einer furchtbaren Drängerei am Eingange. Wie es kam, daß alles schon vom ersten Schritt an fehlschlug oder versagte, wie z. B. die Polizei? Dem Publikum kann ich keinen Vorwurf machen: die Familienväter waren es nicht, die die Drängerei hervorriefen, im Gegenteil, man sagt sogar, sie seien schon auf der Straße ein wenig scheu geworden, als sie den für unsere Stadt ungewöhnlichen Andrang erblickten und dazu diese ungeduldige Menge, die das Haus förmlich belagerte und sich gerader hineinwälzte, statt ruhig einzutreten. Dabei fuhren unausgesetzt Equipagen vor, die schließlich die ganze Straße versperrten. Im übrigen bin ich heute überzeugt, daß manche Leute, die eigentlich zum abscheulichsten Pöbel unserer Stadt gehörten, von Lämschin und Liputin einfach ohne Eintrittskarten eingeführt wurden, und vielleicht noch von einigen anderen, die gleichfalls »Anordner« waren. Wenigstens erschienen auch vollkommen unbekannte Personen, die aus Kreisstädten oder Gott weiß woher angereist waren. Diese Wilden begannen nun, kaum daß sie den Saal betreten hatten, sogleich und merkwürdig übereinstimmend (ganz als wären sie instruiert worden) nach dem Büfett zu fragen, und als sie erfuhren, daß es jetzt noch kein Büfett gab, da fingen sie sofort und ohne jede Politik mit einer bei uns bisher unerhörten Frechheit zu schimpfen an. Allerdings waren einige von ihnen bereits betrunken erschienen. Viele waren zunächst verblüfft durch die nie geschaute Pracht des Saales, verstummten im ersten Augenblicke und sahen sich nur mit offenem Munde die Herrlichkeit an. Freilich war dieser große Weiße Saal tatsächlich sehr prunkvoll: zwei Stockwerke hoch, mit alter Deckenmalerei, die von goldenen Verzierungen umrahmt war, mit Chören und Spiegelwänden, mit roten Vorhängen zwischen weißen Wandflächen, mit Marmorstatuen (gleichviel was für welchen, aber immerhin Statuen), mit alten, schweren Möbeln aus der Napoleonischen Zeit, weiß mit Gold und mit rotem Samt ausgeschlagen. An dem einen Ende des Saales erhob sich eine Tribüne für die Vortragenden und der ganze Saal war, wie das Parkett eines Theaters, mit Stühlen in dichten Reihen völlig angefüllt, ausgenommen nur die drei breiten Durchgänge für das Publikum. Doch schon nach den ersten Augenblicken der Bewunderung und des Schweigens begannen die sinnlosesten Fragen und Bemerkungen. »Wir wollen vielleicht überhaupt keine Vorträge ... Wir haben unser Geld gezahlt ... Man hat das Publikum unverschämt betrogen ... Wir, nicht Lembkes, sind hier die Herren! ...« Kurz, es war, als habe man sie nur zu diesem Zweck hereingelassen. Unter anderem erinnere ich mich besonders eines Zwischenfalles, bei dem der junge angereiste Fürst mit dem hohen steifen Kragen und dem Aussehen einer Holzpuppe sich auszeichnete. Auf Julija Michailownas dringende Bitte hin hatte auch er schließlich eingewilligt, das Festordnerband an seine linke Schulter zu stecken und somit zu unserem Kollegen zu werden. Tags zuvor, an eben jenem denkwürdigen Vormittage, hatte ich ihn in Julija Michailownas Salon zum erstenmal gesehen. Nun zeigte es sich, daß diese stumme Wachsfigur, wenn auch nicht zu sprechen, so doch auf ihre Art zu handeln verstand. Als nämlich ein riesiger, pockennarbiger verabschiedeter Hauptmann, unterstützt von einem ganzen Haufen ihm nachdrängender fragwürdiger Gestalten, dem jungen Fürsten auf den Leib rückte und unablässig nach dem Büfett fragte, da winkte dieser kurz entschlossen einen Polizisten heran, und der angetrunkene Ruhestörer wurde ungeachtet seiner Proteste und seines Schimpfens einfach aus dem Saal entfernt. Inzwischen begann auch schon das »eigentliche« Publikum zu erscheinen und zog sich in drei langen Fäden durch die drei Durchgänge zwischen den Stuhlreihen zu den Plätzen hin. Das schlechtere Element im Hintergrunde wurde kleinlauter und beruhigte sich nach und nach, aber das »gute« Publikum sah doch beunruhigt und befremdet aus; manche Damen aber schauten entschieden mit Bangen drein.

Schließlich hatten sich alle gesetzt; nun verstummte auch die Musik. Man schnaubte sich, man sah sich um ... Kurz, man wartete mit schon gar zu feierlicher Miene -- was bereits an und für sich ein schlechtes Zeichen ist. Doch »die Lembkes« erschienen noch immer nicht. Seiden, Samt und Brillanten glänzten und funkelten von allen Seiten; Parfüm verbreitete sich in der Luft. Die Herren trugen alle ihre Orden auf der Brust, die Militärs und die Beamten waren selbstredend in Galauniform. Endlich erschien auch die Gattin des Adelsmarschalls mit Lisa. Noch nie war Lisa so blendend schön gewesen wie an diesem Vormittage. Sie trug ein entzückendes Kleid. Ihre Haare lagen in Locken, ihre Augen glänzten, in ihrem ganzen Gesicht lag ein Lächeln. Wie man sah, machte sie auf alle einen großen Eindruck. Man steckte die Köpfe zusammen und tuschelte. Jemand meinte, ihre Augen hätten, als sie in den Saal trat, Stawrogin gesucht. Doch weder Stawrogin noch seine Mutter waren erschienen. Damals begriff ich den Ausdruck ihres Gesichts nicht: warum war so viel Glück, Freude, Energie und Kraft in diesem Gesicht? Ich dachte an den Vorfall des vorhergegangenen Tages und stand verständnislos vor einem Rätsel.

Doch Lembkes erschienen noch immer nicht. Das war der schwerste Fehler, der gemacht wurde. Später erfuhr ich, daß Julija Michailowna bis zum letzten Augenblick auf Pjotr Stepanowitsch gewartet hatte. Ohne Pjotr Stepanowitsch konnte sie nun einmal nichts mehr unternehmen, wenn sie sich das auch nie eingestand. Nebenbei bemerkt, hatte Pjotr Stepanowitsch auf der letzten Komiteesitzung es abgelehnt, ein Festordnerband zu tragen, und damit Julija Michailowna bis zu Tränen gekränkt. Nun kam er obendrein nicht. Was mochte das bedeuten? Und tatsächlich blieb Pjotr Stepanowitsch den ganzen Tag über verschwunden: zu der literarischen Matinee erschien er einfach überhaupt nicht. Und zu Julija Michailownas Verzweiflung konnte ihr auch kein Mensch sagen, wo er steckte, und bis zum Abend hatte ihn niemand gesehen.

Inzwischen wurde das Publikum immer ungeduldiger. Auch auf der Tribüne erschien noch niemand. In den letzten Reihen des Saales applaudierte man grundlos, ganz wie im Theater, wenn man zu lange auf die Vorstellung warten muß. Die Väter und Mütter wurden unmutig: »Lembkes tun ja wirklich furchtbar wichtig,« hieß es. Einige wußten zu erzählen, daß Lembke krank sei. Andere äußerten laut die Vermutung, daß das Fest wohl aufgeschoben werden würde.

Aber endlich erschienen sie doch. Andrei Antonowitsch führte Julija Michailowna am Arm. Sofort versanken alle Märchen und die Wirklichkeit trat in ihr Recht. Zudem schien Lembke selbst bei voller Gesundheit zu sein. Überhaupt waren es in der höheren Gesellschaft nur wenige gewesen, die vermutet hatten, daß es mit Lembke irgendwie nicht ganz stimmte. Seine Amtsführung hielten alle für gut. Sogar die Rutengeschichte bezog man in dieses Urteil ein. »Das wäre von Anfang an das Richtige gewesen,« sagten die Honoratioren, »sonst beginnen sie immer mit der Philantropie, bis sie schließlich doch bei der Strenge enden, ohne zu wissen, daß gerade diese zur Philantropie als erstes nötig ist.« So urteilte man im Klub und verurteilte eigentlich nur Lembkes Aufregung. »So etwas muß man mit Kaltblütigkeit machen,« hieß es, »aber er ist es eben noch nicht gewöhnt.«

Mit besonderer Neugier richteten sich die Blicke auf Julija Michailowna. Man wird von mir gewiß nicht verlangen, daß ich bis in alle Einzelheiten weiß, was am Tage vorher zwischen ihr und Lembke noch geschehen war: das ist und bleibt ein Geheimnis, ein Frauengeheimnis. Ich weiß nur eines: daß sie am Abend in das Arbeitszimmer Andrei Antonowitschs gegangen und bis weit nach Mitternacht bei ihm geblieben war. Jedenfalls hatte Andrei Antonowitsch sich beruhigt und es war ihm ausdrücklich vergeben worden. Das Ehepaar hatte sich ausgesprochen, alles sollte vergessen sein ... und als am Ende seiner weitläufigen Erklärungen von Lembke dennoch auf die Knie fiel, gequält von der entsetzlichen Erinnerung, daß er zu guter Letzt die Hand gegen sie erhoben hatte, da hatten die schönen Händchen und schließlich auch die Lippen seiner Gattin die glühenden Ergießungen der Reue dieses ritterlich zartfühlenden, doch nun von Rührung überwältigten Mannes wunderbar zu beschwichtigen gewußt.

Jetzt sahen alle in ihrem Gesicht eitel Glück. Mit offener Miene, in einer prachtvollen Toilette schritt sie am Arm ihres Gemahls durch den mittleren Gang. Offenbar war sie auf der Höhe ihrer Wünsche: das Fest, das Ziel und die Krönung ihrer ganzen Politik, war verwirklicht. Bei ihren Plätzen -- in der ersten Reihe vor der Tribüne -- angelangt, blieben beide Lembkes stehen, grüßten und erwiderten die Grüße nach allen Seiten. Sie wurden sofort umringt. Die Adelsmarschallin schritt auf sie zu ... Doch da passierte ein garstiges Mißverständnis: das Orchester, das bisher geschwiegen hatte, schmetterte plötzlich mir nichts, dir nichts einen Tusch in den Saal, -- nicht etwa irgendeinen Marsch oder sonst ein Stück, sondern einfach einen Tusch, wie im Klub, wenn dort bei einem offiziellen Diner ein Hoch ausgebracht wurde. Heute weiß ich, daß Lämschin dahintersteckte, der gleichfalls zu den Festordnern gehörte und als solcher diesen Tusch angeblich zu Ehren der erschienenen Lembkes anbefohlen hatte. Natürlich konnte er sich immer noch damit entschuldigen, daß er es aus Dummheit oder aus Übereifer getan habe ... Doch ach, damals wußte ich noch nicht, daß jene an Entschuldigungen schon gar nicht mehr dachten und mit diesem Tage alles zu beenden glaubten. Zur Erhöhung der Peinlichkeit der Situation, die im Publikum teils Befremden, teils ein gewisses Lächeln hervorrief, wurde plötzlich im Hintergrunde des Saales, oben auf dem Chor, Hurra! geschrien, gleichfalls wie Lembkes zu Ehren. Der Stimmen waren zwar nur wenige, aber ich muß gestehen, sie hörten doch nicht so bald auf. Julija Michailowna schoß das Blut in die Wangen, ihre Augen flammten. Lembke blieb vor seinem Platz kerzengerade stehen und übersah, sich zu den Ruhestörern umwendend, mit majestätischem und strengem Blick den Saal ... Man redete ihm aber schnell zu, sich doch nur zu setzen. Mit Schrecken bemerkte ich auf seinem Gesicht dasselbe gefährliche Lächeln, mit dem er tags zuvor im Salon seiner Gemahlin Stepan Trophimowitsch angesehen hatte, bevor er auf ihn zutrat. Wie mir schien, nahm sein Gesicht auch jetzt einen gewissermaßen unheilvollen Ausdruck an und, was das schlimmste dabei war, einen gleichzeitig lächerlichen: den Ausdruck eines Gatten, der sich schließlich -- also sei es denn! -- zum Opfer bringt, nur um den höheren Zielen und Zwecken seiner Gattin zu dienen ... Julija Michailowna winkte mich schnell zu sich heran und flüsterte mir zu, ich solle sofort zu Karmasinoff eilen und ihn beschwören, unverzüglich zu beginnen, doch kaum hatte ich mich umgewandt, um hinauszueilen, da geschah schon eine zweite Schändlichkeit, eine noch viel größere als die erste. Auf der Tribüne, auf der leeren Tribüne, wohin alle Blicke und alle Erwartungen sich wandten und auf der man zunächst nur einen Stuhl und einen Tisch und auf letzterem ein Glas Wasser auf silbernem Tablett sah -- auf dieser selben leeren Tribüne erschien plötzlich die kolossale Gestalt des »Hauptmanns« Lebädkin in Frack und weißer Binde. Ich war so bestürzt, daß ich meinen Augen nicht traute. Augenscheinlich wurde der Hauptmann selbst etwas verlegen und blieb hinten auf der Tribüne stehen. Da ertönte plötzlich aus dem Publikum ein erstaunter Ausruf: »Lebädkin! du?« -- und die dumme, rote Fratze des Hauptmanns (er war vollkommen betrunken) verzog sich zu einem breiten, stumpfsinnigen Grinsen. Er hob die Hand, rieb sich die Stirn, schüttelte plötzlich seinen struppigen Kopf und trat, wie auf einmal zu allem entschlossen, zwei Schritte vor und -- platzte plötzlich in Lachen aus, nicht in ein lautes, aber gallertiges, langes, glückliches Lachen, von dem die ganze schwere Masse seines Körpers ins Schaukeln geriet und die Äuglein im Fett nahezu verschwanden. Bei diesem Anblick begann fast die Hälfte des Publikums zu lachen, in den hinteren Reihen klatschte man Beifall. In dem ernsten Publikum dagegen sah man sich befremdet an und wechselte finstere Blicke; aber das währte alles kaum länger als eine halbe Minute. Da eilten schon Liputin (mit der Festordnerschleife) und zwei Diener herbei; sie faßten behutsam den Hauptmann unter den Armen und Liputin flüsterte ihm etwas zu. Lebädkin sah ihn unwirsch an, brummte aber schließlich: »Nun denn, wenn's so besser ist!« und schlug einmal mit der Hand durch die Luft, worauf er dem Publikum seine riesige Rückseite zuwandte und mitsamt seinen Begleitern verschwand. Doch einen Augenblick später erschien Liputin wieder auf der Tribüne. Auf seinen Lippen lag das süßeste Lächeln, wenn es auch immer noch, wie stets bei ihm, an eine Mischung von Essig und Zucker gemahnte, und in der Hand hielt er ein Blatt Papier. Mit kleinen, schnellen Schritten trat er an den vorderen Rand der Tribüne.

»Meine Damen und Herren!« begann er, sich an das Publikum wendend. »Durch Unachtsamkeit ist ein komisches Mißverständnis entstanden, das jetzt aber schon beseitigt ist. Hoffnungsvoll habe nunmehr ich den Auftrag übernommen und zugleich die ehrerbietigste Bitte eines unserer hiesigen Dichter ... Durchdrungen, wie er ist, von dem humanen und hohen Ziele ... ungeachtet seines äußeren Zustandes ... von demselben Ziele, das uns alle hier vereinigt hat ... die Tränen der armen gebildeten Mädchen unseres Gouvernements hinfüro abzuwischen, ... will dieser Herr, das heißt, ich meine, dieser unser einheimischer Dichter ... obzwar er sein Inkognito gewahrt zu sehen wünscht ... würde er, wie gesagt, dennoch sehr wünschen, daß seine Dichtung vor Beginn des Balles vorgetragen werde ... das heißt, ich wollte vielmehr sagen: vor Beginn der literarischen Vorträge. Obzwar nun besagtes Gedicht im Programm nicht vorgesehen ist ... sintemal es uns erst vor einer halben Stunde zugestellt wurde ... aber es will uns (wen meinte er damit? Ich gebe diese zerhackte und unklare Rede wortwörtlich wieder) dennoch scheinen, daß es, im Hinblick auf die Naivität des Gefühls, die mit Humor verbunden ist, daß ... wie gesagt, daß das Gedicht dennoch vorgetragen zu werden verdiente, das heißt, nicht als etwas Ernstzunehmendes, sondern bloß als etwas zum Feste Passendes ... ich meine, zu der Idee ... Um so mehr, als es ja nur ein paar Zeilen sind ... wozu ich nunmehr um die Erlaubnis des hochverehrten Publikums gebeten haben wollte.«

»Lesen Sie!« dröhnte eine Stimme aus den letzten Reihen.

»So soll ich es vorlesen?«

»Jawohl! Lesen! Vorlesen! Lesen!« riefen jetzt schon viele Stimmen.

»Also denn -- mit Erlaubnis des verehrten Publikums ...« Liputin verbeugte sich und wand sich mit demselben süßen Lächeln.

Aber es war doch, als könne er sich trotzdem nicht entschließen, und wie mir schien, war er merklich aufgeregt. Bei aller Frechheit, die solche Leute wie Liputin besitzen, werden sie manchmal doch unsicher. Übrigens wäre ein Seminarist von heute gewiß nicht unsicher geworden, aber Liputin gehörte ja schließlich doch noch zur alten Generation.

»Ich schicke voraus, oder vielmehr, ich habe die Ehre, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Gedicht keine Ode ist, wie sie früher zu Festen verfaßt wurden, sondern es ist sozusagen eher ein Scherz, jedoch unstreitig ein gefühlvoller, der überdies mit spielerischer Heiterkeit verbunden ist und dabei sozusagen die realste Wirklichkeit zum Gegenstande hat ...«

»Lesen! Lies doch! Nur los!«

Liputin faltete sein Papier auseinander. Natürlich kam niemand mehr dazu, den Vortrag zu verhindern. Zudem trug auch Liputin das Band eines Festordners an der Schulter, und so deklamierte er denn mit heller Stimme darauf los.

»Unserer einheimischen Gouvernante zum Gouvernantenfest von einem Dichter gewidmet:

Lebe hoch! o Gouvernante! Freue dich und jubiliere, Denn jetzt bleibst du nicht mehr Tante, Oh, sei stolz und triumphiere!«

»Das hat ja Lebädkin gemacht!« »Das ist ja ein echter Lebädkin!« ertönten aus den hinteren Reihen des Saales mehrere Stimmen. Viele lachten, manche klatschten sogar Beifall.

»Feministin oder sonst was! -- Schrecklich ist's, wenn man bedenkt, Wie du früher dich gequält hast, Und dich nutzlos angestrengt!«

»Hurra! Hurra!« unterbrach man wieder in den letzten Reihen.

»Lehren, hieß es, dumme Göhren Manch französisches Gedicht, Doch die wollten dich nie hören, Wie das nun mal Kindespflicht.

Ja, so war's, so ist's gewesen, Doch das laß begraben sein. Der Reformen großer Besen Führt 'ne andre Wertung ein ...«

»Bra--avoooo!«

»Also hör': seit dem Betriebe Der Reformen -- jetzt gib acht! -- Wird die Freiheit und die Liebe Einzig noch vom Geld gemacht ...«

»Stimmt! Bravooo! Hurra!«

»Ja, mein Fräulein, sie ist bitter, Diese Wahrheit, -- nämelich: Auch der allergrößte Ritter Nimmt nicht ohne Mitgift dich!«

»Stimmt! stimmt! Das ist der wahre Realismus! Ohne Mitgift keinen Schritt!«

»Drum, -- da wir nun tanzend spenden Eine Mitgift für das Weib, Die wir dir dann übersenden Zu 'nem bessren Zeitvertreib -- Feministin oder sonst was: (Bleibst doch stets vom selben Holz) Mit 'ner Mitgift bist du etwas, Spuck auf alles und sei stolz!«

Ich muß gestehen, ich traute meinen Ohren nicht. Das war eine so erklärte Gemeinheit, daß die Möglichkeit, Liputin etwa mit Dummheit zu entschuldigen, von vornherein ganz ausgeschlossen erschien. Und gerade Liputin war doch alles andere eher als dumm. Die Absicht, die dahinter steckte, war mir denn auch sofort klar: hier sollte Unordnung geschaffen werden, und dazu war allerdings keiner geeigneter, als Liputin.

Übrigens schien Liputin selbst zu fühlen, daß er doch ein zu starkes Stück auf sich genommen hatte. Er stand noch immer auf der Tribüne und war sich offenbar nicht klar darüber, ob er noch etwas hinzusetzen sollte oder nicht. Ein Teil des Publikums hatte das Gedicht übrigens ganz ernst genommen. Die andere Hälfte war freilich um so gekränkter. Julija Michailowna erzählte später, sie sei einer Ohnmacht nahe gewesen. Einer der ehrwürdigsten alten Herren unserer Stadt erhob sich sogar und verließ mit seiner Frau am Arm den Saal. Und wer weiß, vielleicht hätte dieses Beispiel auch noch andere nach sich gezogen, wenn nicht gerade jetzt Karmasinoff auf der Tribüne erschienen wäre. Sein kleines Figürchen war tadellos gekleidet, selbstredend in Frack und weißer Binde. In der Hand hielt er ein Heftchen. Julija Michailowna sah ihn wie erlöst an, als wäre er ihr Retter ...

Doch ich war schon hinter den Kulissen: ich mußte unter allen Umständen mit Liputin sprechen.

»Das haben Sie absichtlich getan!« rief ich empört und packte ihn am Arm.

»Bei Gott, ich habe gar nicht daran gedacht,« log er und spielte den Unglücklichen. »Die Verse hatte man mir soeben erst gegeben, ich dachte, es wäre ein lustiger Scherz ...«

»Das haben Sie durchaus nicht gedacht! Halten Sie denn wirklich diesen Blödsinn in Knüttelversen für einen Scherz?!«

»Ja, gewiß, jawohl.«

»Das lügen Sie einfach! Und man hat Ihnen diese Verse durchaus nicht erst vorhin gebracht. Sie, Sie selbst haben diese Reime zusammen mit Lebädkin geschmiedet, vielleicht noch gestern abend, damit es nur ja zum Skandal kommt! Die letzte Strophe war schon sicher von Ihnen. Und warum erschien denn Lebädkin im Frack? Schon daraus geht hervor, daß alles von Ihnen vorbereitet war: das Gedicht sollte er wohl selber vortragen, nach Ihrer Absicht! Wenn er sich nur nicht wieder betrunken hätte!«

»Was geht das Sie an?« fragte mich da Liputin plötzlich mit sonderbarer Ruhe.

»Wie soll mich das nichts angehen? Sie tragen doch gleichfalls das Festordnerband ... Wo ist Pjotr Stepanowitsch?«

»Ich weiß nicht, hier irgendwo. Was soll das alles?«

»Was das soll? Daß ich Sie jetzt durchschaue! Es ist einfach eine Intrige gegen Julija Michailowna -- damit Sie's wissen!«

Liputin sah mich von der Seite an.

»Ja, und was geht das Sie an?« fragte er nochmals, lächelte, zuckte mit den Achseln und ging davon.

Mich überlief es kalt. So gingen denn alle meine Vorahnungen schon in Erfüllung. Und ich hatte immer noch gehofft, mich getäuscht zu haben! Was sollte ich tun? Ich hätte mich gern mit Stepan Trophimowitsch beraten, aber der stand vor dem Spiegel und probierte auf verschiedene Arten zu lächeln; zwischendurch blickte er immer wieder auf ein Blatt Papier, auf dem er sich seine Notizen gemacht hatte. Er sollte gleich nach Karmasinoff an die Reihe kommen und war jetzt nicht imstande, mit mir auch nur ein Wort zu sprechen. Sollte ich zu Julija Michailowna eilen? Doch dazu war es noch zu früh: sie mußte eine noch viel nachhaltigere Lehre bekommen, um von der Überzeugung, alle Welt sei ihr »fanatisch ergeben«, geheilt zu werden. Sie hätte mir doch nicht geglaubt und mich nur für einen »Gespensterseher« gehalten. Ja, und was konnte sie jetzt noch tun? »Ach,« dachte ich, »was geht denn das schließlich mich an, ich nehme meine Schleife von der Schulter und gehe nach Hause, sobald es anfängt.« (Ich gebrauchte wirklich diesen Ausdruck: »sobald es anfängt«, ich erinnere mich noch genau.)

Aber jetzt mußte ich doch vor allen Dingen Karmasinoff hören! Als ich noch ein letztes Mal hinter die Kulissen sah, bemerkte ich, daß da eine Menge mir ganz unbekannter Leute sich angesammelt hatte, darunter sogar Frauen. Dieses »hinter den Kulissen« war ein recht enger Raum, eigentlich ein Korridor, der den Saal mit den anderen Räumen verband und zum Publikum hin mit einem Vorhang abgeschlossen war. In diesem Korridor warteten die Vortragenden, bis sie an die Reihe kamen. Besonders setzte mich einer in Erstaunen: der Nächstfolgende nach Stepan Trophimowitsch. Das war auch so etwas wie ein Professor, der sich freiwillig aus irgendeiner Lehranstalt wegen irgendwelcher Studentengeschichten entfernt hatte und aus irgendeinem Grunde erst ein paar Tage vorher in unserer Stadt aufgetaucht war. Auch ihn hatte man Julija Michailowna empfohlen und sie hatte ihn fast mit Ehrfurcht empfangen. Er war bei ihr den Abend vorher eingeladen gewesen, hatte während des ganzen Essens geschwiegen und nur hin und wieder mokant zum Tone und zu den Scherzen der anderen Gäste, Julija Michailownas Suite, gelächelt, und auf alle durch sein beleidigendes Aussehen und Benehmen einen unangenehmen Eindruck gemacht. Julija Michailowna hatte ihn selbst darum gebeten, auf dem Fest zum Besten der Gouvernanten irgend etwas vorzutragen. In diesem Augenblick ging er aus einer Ecke in die andere, ganz wie Stepan Trophimowitsch, flüsterte auch vor sich hin, sah aber dabei zu Boden und nicht in den Spiegel. Zwar studierte und probierte er nicht zu lächeln, aber er lachte von Zeit zu Zeit grimmig in sich hinein. Es war klar, daß man auch mit ihm nicht sprechen durfte. Er war klein von Wuchs, etwa vierzig Jahre alt, kahlköpfig, mit einem ergrauenden Bärtchen. Gekleidet war er anständig. Am merkwürdigsten an ihm war, daß er bei jeder Wendung, die er machte, seine rechte Faust erhob, sie über seinem Haupte schüttelte und dann plötzlich niederfallen ließ, als wollte er einen Gegner kurz und klein schlagen. Und diese Bewegung machte er fast jede Minute einmal. Mir wurde angst und bange. Ich machte mich davon, um, wie gesagt, Karmasinoff zu hören.

III.

Im Saale war wieder etwas nicht ganz in Ordnung. Jedes Genie in Ehren! Und volles Verständnis für seine Eigentümlichkeiten im voraus! Aber warum müssen sich Genies, wenn sie älter werden, so oft wie -- nun, einfach wie kleine Knaben benehmen? Selbst wenn man ein Karmasinoff war und mit der Würde von fünf Kammerherren auftrat, wie konnte er nur ein solches Publikum eine ganze Stunde mit einem solchen Aufsatz langweilen? Nicht mehr als zwanzig Minuten hätte man es mit einem leicht verständlichen literarischen Vortrag ungestraft unterhalten dürfen. Dabei war man ihm, als er zuerst auftrat, äußerst ehrerbietig begegnet: selbst die allergesetztesten Herren hatten Wohlgefallen und Neugier, die Damen sogar Entzücken bekundet. Der Begrüßungsapplaus war indessen nur kurz und abgerissen gewesen. Dafür war aber in den letzten Reihen auch kein einziger Ausfall erfolgt. Und auch dann, als Karmasinoff zu sprechen angefangen hatte, geschah zunächst nichts eigentlich Störendes: lediglich Verwunderung griff allmählich um sich. Nur ganz am Anfang hatte sich ein kleiner Zwischenfall zugetragen: als Karmasinoffs piepsendes und quäkendes Stimmchen ertönte, lachte im Publikum jemand einfach laut auf. Ich habe schon früher erzählt, daß Karmasinoff eine hohe, schreiende Stimme hatte, die einer Frauenstimme glich, ein Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, daß er fein und vornehm lispelte. Die Umsitzenden wiesen den Störer übrigens sofort durch Zischen zur Ruhe, und so konnte denn Karmasinoff ungestört seine Rede beginnen. Zunächst erklärte er, daß er »ursprünglich überhaupt nicht habe lesen wollen« (was zu erklären eigentlich gar nicht nötig war), denn es gebe Zeilen, die »so unmittelbar aus dem Herzen fließen«, daß man sie gar nicht an die Öffentlichkeit tragen dürfe (ja warum trug er sie denn?). Aber da man ihn nun einmal so gebeten habe, so tue er es doch, und da er jetzt seine Feder für immer hingelegt und sich geschworen habe, nichts mehr zu schreiben, und weil das nun einmal beschlossene Sache sei, so habe er dieses Abschiedsopus doch noch geschrieben; und da er sich gelobt, nie etwas öffentlich vorzulesen, niemals und unter keiner Bedingung, so werde er denn jetzt einmal eine Ausnahme machen und, also sei es, dieses letzte Opus einem Publikum persönlich vorlesen, usw. usw. -- noch allerhand in diesem Sinne.

Doch das wäre alles noch nicht so schlimm gewesen, und wer kennt denn schließlich nicht die Vorreden der Autoren? Ich will aber zugeben, daß bei der geringen literarischen Bildung unseres Publikums und der Reizbarkeit der hinteren Reihen auch das schon aufreizend mitwirken konnte. Nun wohl: wäre es unter diesen Umständen nicht weit besser gewesen, er hätte eine kurze Novelle vorgetragen oder ein kleines Geschichtchen von der Art, wie er sie früher manchmal schrieb -- zwar gedrechselt und geziert, aber mitunter doch ganz witzig? Damit wäre alles gerettet gewesen. Aber es sollte nun einmal nicht sein. Und so begann denn die Litanei! Oh Gott, was hatte er da alles zusammengetragen! Ich bin überzeugt, daß selbst ein Großstadtpublikum schließlich einen Starrkrampf bekommen hätte, nicht bloß ein Publikum wie unseres. Man denke sich das gezierteste und müßigste Geschwätz in einer Länge von fast zwei Druckbogen; und das trug dieser Herr zum Überfluß mit einer gewissen wehmütigen Herablassung vor, als wenn er eine Gnade erwiese, und schon darin allein lag etwas nahezu Beleidigendes für unser Publikum. Das Thema ... Aber wer konnte denn daraus klug werden, aus diesem Thema! Das war gewissermaßen ein Bericht über irgendwelche Eindrücke, untermischt mit irgendwelchen Erinnerungen. Doch Eindrücke wovon? Erinnerungen an was? -- Wie sehr unsere Gouvernementsköpfe während der ganzen ersten Hälfte des Vortrags auch die Stirn in Falten legten, -- sie konntens doch nicht bewältigen, so daß sie die zweite Hälfte bloß aus Höflichkeit anhörten. Nun ja, es war da viel von Liebe die Rede, von der Liebe des Genies zu einer Person, aber ich muß gestehen, das wirkte einigermaßen peinlich. Es paßte irgendwie nicht recht zu dem kleinen, dicken Figürchen des genialen Schriftstellers (wenigstens für mein Empfinden), daß er von seinem ersten Kuß sprach ... Und zudem sollten diese Küsse, was wiederum verletzend wirkte, durchaus ganz anders geküßt worden sein, als von der ganzen übrigen Menschheit, und dazu noch unter ganz besonderen Nebenumständen. Bei Karmasinoffs erstem Kuß wuchs ringsum Ginster (unbedingt gerade Ginster, oder wenigstens irgend so ein Kraut, von dem man sich erst nach einem botanischen Handbuch eine Vorstellung machen kann). Der Himmel aber hatte derweil unbedingt einen violetten Farbenton, den natürlich noch nie zuvor ein Sterblicher bemerkt hat, obschon ihn alle zwar gesehen haben, sogar schon mehrfach, doch ihn wahrzunehmen hat eben bisher noch kein einziger verstanden. »Nun aber seht,« -- so ungefähr wirkte Karmasinoffs Art -- »ich allein habe diesen Farbenton zum erstenmal wahrgenommen und beschreibe ihn jetzt euch Tölpeln wie eine ganz bekannte Sache!« Der Baum dagegen, unter dem das interessante Paar Platz genommen, war durchaus orangefarben. Der Ort, wo sie saßen, lag irgendwo in Deutschland. Plötzlich sahen sie Pompejus oder Kassius am Abend vor einer Schlacht und die Kälte der Begeisterung durchdrang sie sofort alle beide. Dann begann eine Nixe im Gebüsch zu zirpen und im Schilf spielte plötzlich Gluck auf der Geige. Das Stück, das er vortrug, wurde en toutes lettres{[174]} genannt, doch blieb es trotzdem uns allen unbekannt, so daß man in einem Musiklexikon nachschlagen müßte. Währenddessen aber stieg ein Nebel auf und ballte sich und ballte sich, und ballte sich so, daß er alsbald eher Millionen von Kissen glich, als einem Nebel. Plötzlich aber verschwand alles und das große Genie begibt sich an einem Wintertage, jedoch bei Tauwetter, über das Eis der Wolga. Zweieinhalb Seiten Übergang; und dennoch kommt er nicht hinüber, sondern fällt in ein Loch im Eise. Das Genie sinkt, versinkt, -- Sie meinen, es ertrinkt? Nein, es denkt auch nicht einmal daran: es fiel überhaupt nur deshalb in das Loch, um in dem Augenblick, als es schon bis über die Nase im Wasser versank und bereits zu schlucken begann, plötzlich ein Eisstückchen zu erblicken, ein winziges Eiskörnchen von der Größe einer kleinen Erbse, aber so rein und klar »wie eine gefrorene Träne«. In diesem Eisperlchen spiegelte sich dann Deutschland oder richtiger der Himmel Deutschlands, und das Spiel der Regenbogenfarben in diesem Eisperlchen erinnerte ihn an just die Träne, die, »weißt du noch, aus deinem Auge rann, als wir unter dem smaragdenen Baume saßen und du freudig ausriefst: >Es gibt kein Verbrechen!< -- >Ja<, sagte ich unter Tränen, >doch wenn es so ist, dann gibt es auch keine Gerechten<. Wir schluchzten auf und nahmen Abschied voneinander.« Sie ging an einen Meeresstrand und er begab sich in eine Höhle tief unter der Erde: er sinkt also hinab und hinab, drei Jahre lang sinkt er genau unter dem Moskauer Ssuchareffturm hinab, bis er plötzlich mitten im Innern der Erde ein Lämpchen findet und vor diesem Lämpchen einen Asketen. Der Asket betet. Das Genie drückt die Stirn an ein kleines vergittertes Fensterchen. Und plötzlich vernimmt es einen Seufzer. Sie glauben, der Asket habe geseufzt? Weit gefehlt! Das Genie wird doch nicht einen Asketen beachten! Nein, das war nur so ein Seufzer, doch dieser Seufzer erinnerte ihn an ihren ersten Seufzer vor siebenunddreißig Jahren, »als wir, weißt du noch, in Deutschland unter dem achatenen Baume saßen und du zu mir sprachst: >Wozu lieben? Sieh, ringsum blüht es ockergelb und ich liebe, doch das Gelb wird aufhören zu blühen und ich werde aufhören zu lieben<. -- Dann ballte sich wieder ein Nebel zusammen, Ernst Amadeus Hoffmann erschien, eine Nixe flötete eine Melodie von Chopin und plötzlich tauchte aus dem Nebel über den Dächern Roms, einen Lorbeerkranz im Haar, Ancus Marcius auf. Ein Schauer der Ekstase lief uns über den Rücken und wir trennten uns auf ewig« usw. usw.

Mit einem Wort, wenn ich es auch vielleicht nicht richtig wiedergebe oder es überhaupt nicht wiederzugeben verstehe, so war doch der Sinn des Geschwätzes gerade von dieser Art. Und dann: was ist das doch für eine schmähliche Sucht in unseren großen Geistern, Witze und Wortspiele im »höheren« und »literarischen« Sinne anzubringen! Der große europäische Philosoph, der große Gelehrte, Erfinder, der mühevoll Schaffende und Märtyrer, -- alle diese sich Mühenden und Beladenen sind für unser großes russisches Genie entschieden nur so eine Art Köche in seiner Küche. Er ist der Herr, sie aber erscheinen vor ihm mit der Zipfelmütze in der Hand und warten auf seine Befehle. Allerdings, er spöttelt hochmütig auch über Rußland, und überhaupt ist ihm nichts so angenehm, wie den Bankrott Rußlands in jeder Hinsicht vor den großen Geistern Europas wieder einmal festzustellen. Doch was ihn selbst betrifft, -- oh, mit Verlaub, er selbst hat sich über diese großen Geister Europas natürlich schon längst emporgeschwungen: für ihn sind sie bloß Material zu seinen Wortspielen. Er nimmt eine Idee, die nicht in seinem Kopfe entstanden ist, verknüpft sie mit ihrer Antithese und das Wortspiel ist fertig. Es gibt Verbrechen, es gibt kein Verbrechen; es gibt keine Wahrheit, also gibt es auch keine Gerechten; Atheismus, Darwinismus, Moskauer Glocken ... Doch wehe, er glaubt schon nicht mehr an Moskauer Glocken. Rom, Lorbeeren ... Doch er glaubt nicht einmal an Lorbeeren ... Hier ein obligatorischer Anfall von Byronschem Weltschmerz, dort eine Heinesche Grimasse, dann wiederum Anklänge an Petschorin[49], -- und so ging das fort und fort, wie eine in Schwung geratene Maschine ... »Übrigens, so lobt mich doch, lobt mich doch, denn das liebe ich über alle Maßen! Und ich sage ja nur so, daß ich die Feder für immer aus der Hand lege; nein, wartet nur und ihr werdet meiner noch dreihundertmal überdrüssig werden, werdet noch müde werden, mich zu lesen ...«

Natürlich konnte das kein gutes Ende nehmen; das Schlimme war aber, daß es damit nun überhaupt anfing. Schon lange hatte im Saale ein Räuspern, Hüsteln, Schnauben begonnen, ein Hin- und Herrücken auf den Stühlen und Husten, kurz, es gab alle die bekannten Lebenszeichen, die stets einzusetzen pflegen, wenn bei einer literarischen Veranstaltung der Vortragende, wer er auch sei -- ja selbst wenn er das größte Genie ist --, das Publikum länger als zwanzig Minuten in Anspruch nimmt. Doch der geniale Schriftsteller merkte nichts davon. Er fuhr fort zu lispeln und zu schnarren, ohne das Publikum überhaupt einer Beachtung zu würdigen, so daß schließlich eine allgemeine Verständnislosigkeit Platz griff. Und da nun geschah es, daß aus einer der hinteren Reihen plötzlich eine einsame, doch laute Stimme sich vernehmen ließ:

»Gott, was für ein Unsinn!«

Das war irgend jemandem wohl ganz unfreiwillig entschlüpft und gewiß -- davon bin ich überzeugt -- ohne jede Absicht einer Demonstration. Ein Mensch war einfach müde geworden. Doch Herr Karmasinoff brach sofort ab, blickte spöttisch aufs Publikum, und plötzlich fragte er mit derselben affektierten Aussprache und der Miene eines verletzten Kammerherrn:

»Mir scheint, meine Herrschaften, Sie sind des Zuhörens bereits gehörig überdrüssig?«

Gerade hiermit aber beging er einen unverzeihlichen Fehler: daß er überhaupt ein Gespräch anknüpfte. Denn mit dieser Frage forderte er doch eine Antwort heraus, gab er jedem beliebigen aus dem Gesindel der hinteren Reihen die Möglichkeit, ja das Recht, nun gleichfalls laut im Saale zu reden, während man anderenfalls, wenn diese Frage und Unterbrechung nicht erfolgt wäre, sich zwar noch weiter geschnaubt und geschnaubt, aber schließlich doch alles bis zum Ende angehört hätte ... Oder erwartete er vielleicht als Antwort auf seine Frage stürmischen Beifall? Der blieb jedoch vollständig aus; im Gegenteil: alle waren gleichsam erschrocken, zogen sich in sich selbst zurück und verhielten sich ganz still.

»Sie haben Ancus Marcius überhaupt nie gesehn, das sind lauter stilisierte Phrasen!« ertönte plötzlich eine gereizte, vor Verbissenheit schon überreizte Stimme.

»Natürlich nicht!« stimmte sofort eine andere Stimme bei. »Heutzutage gibt's keine Gespenster, es gibt nur noch Naturwissenschaften. Werden Sie mit diesen fertig!«

»Meine Herrschaften, nichts habe ich weniger erwartet, als solche Einwendungen,« sagte Karmasinoff, in der Tat maßlos verwundert. -- Dem großen Genie war in Karlsruhe das Vaterland völlig fremd geworden.

»In unserem Jahrhundert ist es eine Schande, solchen Schwindel vorzutragen! -- gleich dem von den drei Walfischen, auf denen die Welt ruhen soll!«[50] schmetterte plötzlich eine Jungfrau in den Saal. »Zudem haben Sie, Karmasinoff, überhaupt nicht in das Innere der Erde zu einem Asketen hinabsinken können. Und wer redet denn jetzt noch von Asketen?«

»Meine Herrschaften, am meisten wundert mich, daß das so ernst genommen wird. Übrigens ... übrigens ... Sie haben vollkommen recht. Niemand achtet die reale Wahrheit mehr als ich ...«

Er lächelte zwar ironisch, war aber merklich doch sehr betroffen. Der Ausdruck seines Gesichts sagte indessen geradezu wörtlich: »Ich bin doch nicht so einer, wie ihr glaubt, ich bin doch ganz eurer Meinung, nur lobt mich, lobt mich mehr, lobt mich soviel wie möglich; denn das liebe ich über alles ...«

»Meine Herrschaften,« rief er schließlich, aber nun schon durchaus verletzt, »ich sehe, daß mein armes Poemchen hier deplaziert war. Ja und auch ich selbst bin hier, wie mir scheint, deplaziert.«

»Er zielte auf eine Krähe, traf aber eine Kuh!« schrie nun bereits mit lautester Stimme irgendein Esel in den Saal, wahrscheinlich ein Angeheiterter, doch diesen Ausruf hätte man schon unter keinen Umständen beachten sollen.

»Ein wahres Wort!« Dazu respektloses Lachen.

»Eine Kuh, sagen Sie?« griff dagegen Karmasinoff das Sprichwort sofort auf. Seine Stimme wurde immer kreischender. »Bezüglich des Vergleichs mit Krähen und Kühen erlaube ich mir keine Äußerung, meine Herrschaften. Ich achte sogar jedes Publikum doch allzusehr, um mir Vergleiche, und seien es auch ganz unschuldige, zu erlauben. Aber ich dachte ...«

»Ach, mein Herr, Sie sollten doch lieber nicht gar so ...,« fiel ihm jemand aus den letzten Reihen ins Wort.

»... aber ich dachte, daß ich, da ich nun meine Feder für immer aus der Hand lege und Abschied nehme von meinem Leser, wenigstens bis zum Ende angehört werden würde ...«

»Ja, aber ja, wir wollen Sie doch auch anhören, wir wollen doch ...« ertönten ein paar endlich mutig gewordene Stimmen aus der ersten Reihe.

»Lesen Sie, lesen Sie!« fielen mehrere begeisterte Damenstimmen ein und schließlich ertönte auch ein Applaus, freilich nur ein dünner, spärlicher.

Karmasinoff lächelte schief und erhob sich von seinem Platz.

»Glauben Sie mir, Karmasinoff, wir alle halten es sogar für eine Ehre,« konnte sich selbst die Adelsmarschallin nicht enthalten zu versichern.

»Herr Karmasinoff,« erklang plötzlich eine junge, frische Stimme aus der Tiefe des Saales. Es war die Stimme eines sehr jungen Lehrers aus der Kreisschule, eines stillen, anständigen und prächtigen Menschen, der noch nicht lange Zeit bei uns weilte. Er war jetzt sogar von seinem Platze aufgestanden. »Herr Karmasinoff, wenn ich das Glück gehabt hätte, so zu lieben, wie Sie es uns beschreiben, so hätte ich wirklich nicht davon in einem Aufsatz gesprochen, der zum öffentlichen Vorlesen bestimmt war ...«

Dabei errötete er über und über.

»Meine Herren,« rief Karmasinoff, »ich habe nichts mehr hinzuzufügen! Ich übergehe den Schluß und entferne mich. Erlauben Sie mir nur noch, die letzten Zeilen zum Abschied zu lesen!«

Und ohne sich hinzusetzen, begann er sogleich: »Ja, mein Freund und Zuhörer, lebe wohl! -- lebe wohl, mein Leser, ich bestehe nicht einmal darauf, daß wir als Freunde scheiden: In der Tat, wozu dich beunruhigen? Schilt, wenn du willst, schilt, wenn es dir Vergnügen macht! Aber mich deucht, es wäre besser, wir vergäßen uns für immer. Und wenn ihr alle, meine Zuhörer, plötzlich so gut wäret, mich auf den Knien und mit Tränen in den Augen zu bitten: >Schreibe noch, Karmasinoff, -- für uns, für das Vaterland, für die Nachwelt, für die Lorbeerkränze!< so würde ich euch sogar dann noch antworten, selbstredend mit allem Dank: >Nein, wir haben uns schon genug miteinander abgegeben, liebe Kompatrioten, merci! Es ist Zeit, daß wir uns trennen! Merci, merci, merci!<«

Karmasinoff verbeugte sich zeremoniell, -- und ganz rot im Gesicht, als hätte man ihn gekocht, begab er sich hinter die »Kulissen«.

»Niemand wird auf die Knie fallen, eitle Phantasie!« rief ihm eine Stimme nach.

»Was für eine Eigenliebe!«

»Aber das ist doch Humor,« glaubte jemand erklären zu müssen.

»Nein, verschonen Sie uns bitte mit solchem Humor.«

»Das war einfach eine Frechheit, meine Herren!«

»Na, wenigstens hat er endlich Schluß gemacht!«

»Das war aber eine Langeweile! -- daß Gott erbarm'!«

Aber alle diese unhöflichen Ausrufe der letzten Reihen wurden übertönt von dem Applaus des anderen Publikums. Man rief Karmasinoff hervor. Einige Damen, an der Spitze Julija Michailowna und die Adelsmarschallin, versammelten sich vor der Tribüne. In den Händen hielt Julija Michailowna ein weißes Samtkissen, auf dem ein Lorbeerkranz in einem zweiten Kranz von Rosen lag.

»Lorbeer!« rief Karmasinoff mit einem feinen und etwas boshaften Lächeln. »Ich bin natürlich gerührt und ich nehme diesen im voraus geflochtenen Kranz, der noch nicht verwelkt ist, mit aufrichtigem Danke an: aber ich versichere Sie, Mesdames,{[175]} ich bin plötzlich soweit Realist geworden, daß ich Lorbeeren heutzutage in den Händen eines Kochs besser aufgehoben fände, als in den meinigen ...«

»Ja, ein Koch ist auch nützlicher!« rief der Seminarist, der mit auf der »Sitzung« bei Wirginskis gewesen war.

Die Ordnung wurde gestört. In vielen Reihen stieg man auf die Stühle, um besser die Zeremonie der Überreichung des Lorbeerkranzes sehen zu können.

»Ich würde jetzt für einen Koch noch drei Rubel zuzahlen,« ertönte eine laute Stimme.

»Ich gleichfalls!«

»Ich auch!«

»Gibt es denn hier wirklich kein Büfett?«

»Meine Herren, das ist einfach ein Betrug ...«

Immerhin bewahrten die Ruhestörer noch einigen Respekt vor unseren Honoratioren und den anwesenden Polizeioffizieren. Ungefähr zehn Minuten nachher hatten sie sich denn auch alle wieder gesetzt. Aber die ursprüngliche Ordnung war doch nicht mehr vorhanden. Und in diesem Anfangsstadium eines drohenden Tumults mußte nun der arme Stepan Trophimowitsch auftreten ...

IV.

Ich hielt es nicht aus und eilte doch noch zu ihm hinter die Kulissen, um ihn anzuflehen, jetzt seinen ganzen Vortrag aufzugeben, ein Unwohlsein vorzuschützen und nach Hause zu fahren. Es sei nun alles schon verspielt und verloren, auch ich würde mein Festordnerband ablegen, meinen Ehrenposten aufgeben und mit ihm davongehen. Er war in diesem Augenblick gerade im Begriff, die Tribüne zu betreten: nun blieb er stehen, maß mich hochmütig vom Kopf bis zu den Füßen und fragte mit geradezu feierlichem Ernst:

»Wie kommen Sie dazu, mein Herr, von mir eine solche Schändlichkeit zu erwarten?«

Ich trat zurück, überzeugt, daß er ohne Katastrophe von dort nicht zurückkehren werde. In vollständiger Mutlosigkeit stand ich da, als plötzlich wieder die Figur des angereisten Professors vor mir auftauchte. Er ging immer noch auf und ab, in sich versunken und vor sich hinmurmelnd, aber ein triumphierendes Lächeln glitt hin und wieder über sein Gesicht, und von Zeit zu Zeit hob er immer noch die Faust, um sie dann wuchtig niedersausen zu lassen. Ich trat ganz unabsichtlich auf ihn zu.

»Wissen Sie,« sagte ich, »erfahrungsgemäß hört kein einziges Publikum länger als zwanzig Minuten jemandem zu. Selbst die größte Berühmtheit wird es keine halbe Stunde ...«

Er blieb stehen. Ein ungeheurer Hochmut lag auf seinem Gesicht.

»Seien Sie unbesorgt,« brummte er verächtlich und ging an mir vorüber.

In dieser Minute ertönte im Saale die Stimme Stepan Trophimowitschs.

»Ach, daß Euch der ...!« fluchte ich und eilte in den Saal.

Stepan Trophimowitsch hatte sich in den Stuhl gesetzt, noch bevor die Ordnung im Saale einigermaßen hergestellt war. Aus den ersten Reihen empfingen ihn nicht gerade wohlwollende Blicke. Im Klub hatte man in der letzten Zeit aufgehört, ihn besonders zu schätzen oder gar zu lieben. Aber immerhin war es schon viel, daß man ihn nicht einfach auszischte. Mich hatte die ganze Zeit die fixe Idee verfolgt, daß etwas Derartiges geschehen werde. Vermutlich bemerkte man ihn bei der allgemeinen Unordnung zunächst gar nicht. Doch was konnte er denn überhaupt erwarten, wenn man sogar mit Karmasinoff so verfahren war? Er war bleich; aus seiner Aufregung ersah ich, der ich ihn doch so gut kannte, daß er sein Erscheinen auf dieser Tribüne selber als eine Art Schicksalsfügung empfand. So stand er denn nach zehn Jahren wieder vor der Öffentlichkeit! Lieb und teuer war mir dieser Mensch. Und was fühlte ich nicht alles für ihn, als ich nun seine ersten Worte vernahm!

»Meine Damen und Herren!« stieß er hervor, wie zu allem entschlossen, und doch mit einer Stimme, die vor innerer Erregung gleichsam keinen Atem hatte. »Meine Damen und Herren! Noch heute morgen lag einer dieser verbotenen und gesetzwidrigen Aufrufe vor mir, und ich stellte mir wohl zum hundertsten Mal die Frage: >Worin besteht das Geheimnis ihrer Macht?<«

Der ganze Saal verstummte im Augenblick; alle Blicke wandten sich ihm zu. Kein Zweifel: wenigstens hatte er es verstanden, gleich mit den ersten Worten zu fesseln. Sogar hinter den Kulissen steckte man die Köpfe hervor: Liputin und Lämschin lauschten geradezu gierig. Julija Michailowna rief mich wieder mit einem Wink zu sich.

»Halten Sie ihn auf, was es auch koste, halten Sie ihn auf!« flüsterte sie mir erregt zu.

Ich zuckte nur mit der Achsel. Wie konnte man einen Menschen, der sich schon zu allem entschlossen hatte, noch aufhalten? Und ich verstand Stepan Trophimowitsch nur zu gut.

»Aha, von den Proklamationen!« flüsterte man im Publikum.

»Meine Damen und Herren, ich habe das ganze Geheimnis erraten. Das Geheimnis ihrer Macht und ihres Erfolges liegt in ihrer -- Dummheit!« (Seine Augen erglänzten.) »Ja, wäre das eine erklügelte Dummheit, eine Dummheit aus Berechnung -- oh, dann wäre sie genial! Aber man muß den Verfassern volle Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie bringen sie nicht aus Berechnung, nein, sondern es ist einfach die allernaivste, die alleroffenherzigste, die allerbilligste Dummheit -- c'est la bêtise dans son essence la plus pure, quelque chose comme un simple chimique.{[176]} Wäre das alles ein wenig klüger ausgedrückt, so würde ein jeder die ganze Armseligkeit dieser billigen Dummheit einsehen. So dagegen bleiben alle in der Ungewißheit, denn keiner will es doch glauben, daß es wirklich so erstklassig dumm sei. >Es kann doch nicht sein, daß nichts dahinter stecke<, sagt sich ein jeder, und man sucht nach dem geheimen Sinn, glaubt an ein Geheimnis und will zwischen den Zeilen lesen. Damit aber ist der Erfolg schon gesichert! Oh, noch nie hat die Dummheit eine so feierliche Belohnung erhalten, ungeachtet dessen, daß sie sie so oft verdient ... Denn, en parenthèse,{[177]} die Dummheit, wie das höchste Genie, sind innerhalb des Geschickes der Menschheit beide von gleichem Nutzen.«

»Sentenzen der vierziger Jahre!« hörte man eine übrigens recht bescheidene Stimme sagen.

Doch nun war es mit der Ruhe zu Ende: alles schrie und lärmte los.

»Meine Herren, Hurra! Ich schlage vor, einen Toast auf die Dummheit auszubringen!« rief Stepan Trophimowitsch, den ganzen Saal gleichsam herausfordernd.

Ich lief zu ihm, unter dem Vorwande, Wasser ins Glas zu gießen.

»Stepan Trophimowitsch, lassen Sie davon ab, Julija Michailowna bittet Sie inständig ...« flüsterte ich schnell.

»Nein, lassen Sie von mir ab, Sie müßiger junger Mann!« rief er mir mit lauter Stimme zu.

Ich zog mich zurück.

»Messieurs!« fuhr er fort, »wozu die Aufregung, warum dieses Geschrei des Unwillens, das ich höre? Ich bin ja mit dem Olivenzweig gekommen. Ich bringe das letzte Wort, denn in dieser Sache habe ich das letzte Wort -- und wir können uns versöhnen.«

»Fort mit ihm!« riefen die einen.

»Ruhig, laßt doch hören, laßt ihn zu Ende sprechen!« schrien die anderen.

Besonders regte sich der junge Lehrer auf, der, nachdem er einmal zu sprechen gewagt hatte, nun sich nicht mehr halten konnte.

»Messieurs, das letzte Wort in dieser Sache ist -- die gegenseitige Vergebung. Ich, ein alter Mann, ich erkläre feierlich, daß der Geist des Lebens noch ebenso stürmt wie früher und die lebendige Kraft auch in der jungen Generation nicht versiegt ist. Der Enthusiasmus unserer jetzigen Jugend ist noch ebenso rein und licht, wie er es zu meiner Zeit war. Es ist nur eines geschehen: man hat die Ziele geändert, die eine Schönheit ward durch die andere ersetzt! Das ganze Mißverständnis liegt nur darin, was ist schöner: Shakespeare oder ein Paar Stiefel, Rafael oder ein Petroleur?«

»Das ist eine Anklage!« brüllte man irgendwoher.

»Das sind kompromittierende Fragen!«

»Agent-provocateur!«{[178]}

»Ich aber erkläre,« rief Stepan Trophimowitsch wie rasend, »ich aber erkläre, daß Shakespeare und Rafael -- höher als die Aufhebung der Leibeigenschaft, höher als das Volk, höher als der Sozialismus, höher als die gesamte junge Generation, höher als die Chemie, höher fast als die ganze Menschheit stehen, und vielleicht die höchste Frucht sind, die es überhaupt geben kann! Die Form der Schönheit ist damit schon erreicht, die Prägung, ohne die ich vielleicht gar nicht einwilligen würde, zu leben ... O Gott!« er erhob die Arme, »vor zehn Jahren habe ich das in Petersburg genau so von einer Tribüne den Menschen zugerufen, mit denselben Worten, und ebensowenig haben sie mich damals verstanden, haben gelacht und gepfiffen wie jetzt ... O ihr kleinen, kleinen Menschen, was fehlt euch, daß ihr das nicht verstehen könnt? Ja, wißt ihr denn nicht, wißt ihr denn nicht, daß ohne den Engländer die Menschheit noch leben kann, auch ohne den Deutschen, ohne den russischen Menschen schon ohne weiteres, auch ohne die Wissenschaft, auch ohne Brot, nur ohne die Schönheit, nur ohne Schönheit kann sie nicht leben, denn da gäbe es überhaupt nichts mehr zu tun auf der Welt! Hier liegt das ganze Geheimnis, liegt die ganze Weltgeschichte! Selbst die Wissenschaft würde ohne die Schönheit nicht einen Augenblick bestehen -- wißt ihr das auch, ihr Lacher --, alles würde sich in Hamitentum verwandeln, nichts mehr würdet ihr erfinden, nicht einmal einen Nagel! ... Dabei bleibe ich!« und er schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.

Viele sprangen von ihren Plätzen, andere drängten sich näher zu der Tribüne. Alles das geschah schneller, als sich's beschreiben läßt, und erst recht schneller, als daß man Vorsichtsmaßregeln hätte treffen können -- wenn man überhaupt welche hätte treffen wollen!

»Ihr habt es gut, ihr Verwöhnten an euren vollen Tischen!« brüllte schon unmittelbar vor der Tribüne der Seminarist und fletschte Stepan Trophimowitsch höhnisch an.

Der bemerkte es und trat sofort bis an den äußersten Rand:

»Habe nicht ich, nicht ich soeben noch gesagt, daß der Enthusiasmus unserer jungen Generation ebenso rein und licht ist wie früher, und daß sie nur deshalb ins Verderben geht, weil sie sich in den Formen des Schönen täuscht? Ist euch das zu wenig? Und wenn ihr bedenkt, daß ein gebeugter und beleidigter Vater zu euch spricht, ist es dann, -- o ihr kleinen Menschen! ... Kann man denn überhaupt noch leidenschaftsloser und klarer schauend über den Ansichten stehen? Undankbare, ungerechte Menschen ... warum wollt ihr nicht Frieden schließen ...«

Und plötzlich brach er in hysterisches Schluchzen aus. Er wischte sich mit den Fingern die Tränen ab. Die Brust und die Schultern zitterten vor Schluchzen -- er vergaß alles um sich her.

Eine wirkliche Panik ergriff das Publikum, fast alle erhoben sich von ihren Plätzen. Auch Julija Michailowna erhob sich schnell und zog ihren Mann von seinem Stuhle in die Höhe.

»Stepan Trophimowitsch!« brüllte triumphierend der Seminarist. »Hier in der Stadt und in der Umgegend treibt sich jetzt ein entsprungener Zuchthäusler herum, Fedjka mit Namen. Er stiehlt überall und vor nicht langer Zeit hat er einen neuen Mord verübt. Gestatten Sie die Frage: wenn Sie ihn vor fünfzehn Jahren nicht zur Begleichung einer Kartenschuld als Rekruten verkauft hätten, wäre er dann auch nach Sibirien gekommen? Hätte er dann auch Menschen ermordet im Kampfe ums Dasein? Was sagen Sie dazu, Herr Ästhetiker?«

Ich verzichte darauf, die nun folgende Szene zu beschreiben. Zunächst ertönte ein rasender Applaus. Es applaudierten natürlich nicht alle, vielleicht nur der fünfte Teil des Saales, aber der applaudierte dafür auch wie wahnsinnig. Der Rest des Publikums strömte zum Ausgang, der applaudierende Teil dagegen zur Tribüne hin, und so entstand ein allgemeines Gewühl. Damen schrien auf. Junge Mädchen weinten und wollten nach Hause. Lembke stand noch immer an seinem Platz und sah drohend um sich. Julija Michailowna verlor zum erstenmal in ihrem Leben völlig den Kopf. Stepan Trophimowitsch schien von den Worten des Seminaristen zuerst völlig zerschmettert zu sein, doch plötzlich erhob er beide Hände und rief:

»Ich schüttle den Staub von meinen Füßen und verfluche ... Das ist das Ende ... das Ende ...«

Und sich umkehrend lief er, gestikulierend und noch mit den Händen drohend, hinter die Kulissen.

»Er hat die Gesellschaft beleidigt! ... Er schmäht uns! Werchowenski!« schrie man.

Und schon wollte man hinter ihm her stürzen, was in diesem Augenblick schwer zu verhindern gewesen wäre, -- aber siehe da! nun sollte noch die letzte Katastrophe wie eine Bombe in die Versammlung einschlagen! Der dritte Redner, jener Maniak, der hinter den Kulissen hin und her geschritten war und in einem fort die Faust hochgehoben hatte, erschien plötzlich auf der Tribüne.

Er hatte entschieden das Aussehen eines Verrückten. Mit breitem, triumphierendem Lächeln, voll unermeßlichen Selbstvertrauens übersah er die aufgeregte Menge, und es schien ihn nicht im geringsten zu verwirren, daß er vor solchem Publikum reden sollte, vielmehr schien er an der Unordnung sogar seine Freude zu haben, und zwar so augenscheinlich, daß gerade das die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte.

»Wer ist denn das?« hörte man fragen. »Was will denn der noch? Still! Pst! Was?«

»Meine Herren!« begann dieser Mensch, ganz am äußersten Rande der Tribüne stehend, schreiend laut und fast mit einer ebenso kreischend-weibischen Stimme, wie Karmasinoff sie hatte, nur lauter und ohne das aristokratische Lispeln.

»Meine Herren! Vor zwanzig Jahren, am Vorabend unseres Krieges mit dem halben Europa, war Rußland das Ideal aller Staats- und Geheimräte! Die Literatur stand im Dienst der Zensur! An den Universitäten lehrte man exerzieren! Das Heer wurde zum Ballett! Das Volk aber bezahlte stier und stumm Abgaben, schwieg und schmachtete unter der Knute der Leibeigenschaft! Patriotismus wurde zum Geschäft: man erpreßte von Lebenden und von Toten! Die nicht Schmiergelder nahmen, galten für revolutionär, denn sie störten die Harmonie! Die Birkenwälder wurden rasiert als Hilfe zur Aufrechterhaltung dieser Ordnung. Europa zitterte. Doch in Rußland hatte es in dem ganzen sinnlosen Jahrtausend seiner Existenz noch niemals elender ausgesehen! Rußland war nur noch eine einzige Schmach und weiter nichts!« Und mit einer wüsten Bewegung erhob er die Faust, schüttelte sie drohend über seinem Haupte und ließ sie dann ingrimmig niedersausen, als wollte er mit einem einzigen Schlage einen unsichtbaren Gegner zerschmettern.

Ein unbändiges Gebrüll erhob sich von allen Seiten. Ohrenbetäubendes Klatschen und Trampeln erschütterte den Saal. Es applaudierte schon beinahe die Hälfte der Anwesenden. Die Harmlosesten wurden mitgerissen: Rußland wurde öffentlich geschmäht, entehrt, vor dem ganzen Publikum heruntergerissen -- wie sollte man da nicht brüllen vor Entzücken?

»Das ist's! ... Der weiß es! ... Der hat recht! Hurra ... Das ist besser als Ästhetik! ... Hurra!«

Triumphierend fuhr der Maniak in seiner Rede fort: »Seit der Zeit sind zwanzig Jahre vergangen! Die Universitäten haben sich vermehrt! Das Exerzieren in den Hörsälen ist zur Legende geworden! An Offizieren im Heer fehlt's jetzt zu Tausenden! Die Eisenbahnen haben alles Kapital verschlungen und Rußland wie mit einem Spinngewebe überzogen, so daß man in zehn bis fünfzehn Jahren vielleicht auch wirklich wird reisen können. Die Brücken brennen nur selten, aber die Städte dafür um so häufiger. Auf den Gerichten werden salomonische Urteile gefällt, doch die Geschworenen nehmen Schweigegelder an, um nicht Hungers zu sterben! Die befreiten Leibeigenen peitschen sich jetzt gegenseitig, an Stelle der Gutsbesitzer, die es früher taten! Ozeane von Schnaps trinkt man aus, damit das Budget zustande kommt! Und in Nowgorod hat man vor der alten und unnützen Sophienkirche eine kolossale Kugel aufgestellt und feierlich enthüllt, als Denkmal der tausendjährigen Unordnung und Sinnlosigkeit, die wir jetzt glücklich hinter uns haben! Europa aber ärgert sich und fühlt sich von neuem beunruhigt ... Fünfzehn Jahre der Reformen! Indessen ist Rußland noch niemals, nicht einmal in den groteskesten Zeiten seines ganzen unsinnigen Bestehens, zu solch einer ...«

Seine letzten Worte wurden schon vom Gebrüll der Menge verschlungen. Man sah nur noch, wie er wieder die Faust erhob und sie dann wieder niedersausen ließ. Der Jubel überstieg bereits alle Grenzen. Man schrie, man heulte, man klatschte unbändig in die Hände. Sogar einzelne Damen riefen: »Genug! Besseres können Sie nicht mehr sagen!« Man war wie betrunken. Oben auf der Tribüne aber stand der Redner, überschaute alle und schmolz gleichsam in seinem Triumphgefühl.

Ich sah nur noch, wie Lembke in unaussprechlicher Aufregung irgendjemandem irgendetwas befahl. Neben ihm stand Julija Michailowna kreideweiß. Der junge Fürst näherte sich ihnen schnell. Sie flüsterte ihm etwas zu. Doch in diesem Moment sah ich schon mehrere Herren auf der Tribüne, meist offizielle Persönlichkeiten, die sich blitzschnell auf den Redner warfen und ihn hinter die Kulissen schleppten. Irgendwie gelang es aber diesem doch noch, sich loszureißen, und im Augenblick stand er wieder auf der Tribüne, um, mit erhobener Faust, gerade noch schreien zu können:

»Aber noch nie ist Rußland zu solch einer ...«

Doch schon hatte man ihn wieder gepackt, überwältigt und schleppte ihn weg. Sogleich stürmte ein ganzer Haufe von etwa fünfzehn Mann hinter die Kulissen, um ihn zu befreien, stürmte seitlich an der Tribüne vorüber, riß eine Barriere um ...

Ich sah nur noch, daß plötzlich -- ich traute meinen Augen nicht -- die Studentin (Wirginskis Schwester) auf der Tribüne stand. Sie hielt dieselbe Papierrolle in der Hand, war ebenso angezogen, ebenso rundlich, doch hinter ihr standen noch zwei oder drei Gesinnungsgenossinnen und zwei oder drei Genossen, unter diesen auch ihr Todfeind, der Gymnasiast. Ich vernahm sogar noch ihre ersten Worte:

»Ich bin gekommen, um Ihnen von den Leiden der unglücklichen Studenten zu erzählen und alle zu einem Protest aufzurufen!« ...

Doch da lief ich schon hinaus. Mein Festordnerband steckte ich in die Tasche, durch eine Hintertür gelangte ich auf die Straße. Mein erster Weg war natürlich zu Stepan Trophimowitsch.

Siebzehntes Kapitel. Das Ende des Festes

I.

Stepan Trophimowitsch empfing mich nicht. Er hatte sich eingeschlossen und schrieb. Auf mein Klopfen und Rufen hin antwortete er mir nur durch die verschlossene Tür:

»Lieber Freund, ich habe mit allem abgeschlossen, wer kann noch mehr von mir verlangen?«

»Sie haben gar nicht mit allem abgeschlossen! Sie haben nur das Ihre dazu beigetragen, daß alles zusammenbrach! Im Ernst, Stepan Trophimowitsch, machen Sie die Tür auf, man muß Vorkehrungen treffen. Die Bande kann schließlich noch zu Ihnen kommen, um Sie zu beschimpfen ...«

Ich hielt mich für berechtigt, streng mit ihm zu reden. Vor allem fürchtete ich, daß er irgendeine Torheit begehen könnte. Aber zu meinem Erstaunen stieß ich bei ihm auf feste Entschlossenheit.

»Wenn Sie mich nur nicht als erster beleidigen wollten. Ich danke Ihnen für alles Gewesene, aber ich muß Ihnen wiederholen, daß ich mit allem abgeschlossen habe, mit dem Guten, wie mit dem Bösen. Ich schreibe soeben einen Brief an Darja Pawlowna, die ich unverzeihlicherweise bis jetzt ganz vergessen hatte. Morgen bringen Sie ihr dann den Brief, wenn Sie so freundlich sein wollen. Heute aber -- >Merci<.«

»Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, daß die Sache ernster ist, als Sie glauben. Oder glauben Sie vielleicht, daß Sie dort jemanden zerschmettert haben? Ach, doch nur sich selbst, wie ein leeres Glas!« (Oh, ich war roh und grausam; heute ist mir das eine schmerzliche Erinnerung!) »An Darja Pawlowna haben Sie jetzt entschieden nichts zu schreiben ... und was wollen Sie jetzt ohne mich anfangen? Was wissen Sie denn von der Wirklichkeit? Sicher haben Sie jetzt irgendeine besondere Absicht! Was haben Sie vor, Stepan Trophimowitsch? Sicher werden Sie sich noch einmal blamieren, wenn Sie wieder etwas unternehmen ...«

Er stand auf und kam zur Tür.

»Sie haben noch nicht lange mit diesen Leuten verkehrt, und doch haben Sie deren Sprache und Ton schon angenommen. Dieu vous pardonne, mon ami, et Dieu vous garde.{[179]} Aber ich habe in Ihnen immer einen gewissen inneren Anstand wahrgenommen, und so hoffe ich, daß Sie noch zur Besinnung kommen werden -- après le temps{[180]} natürlich, wie wir alle, wir russischen Menschen. Was Ihre Bemerkung über meine Unkenntnis der Wirklichkeit betrifft, so möchte ich Sie an einen alten Gedanken von mir erinnern: daß bei uns in Rußland unzählige Menschen sich nur damit beschäftigen, mit größtem Wuteifer und mit einer Unermüdlichkeit, die an Fliegen im Sommer gemahnt, über alle anderen herzufallen, indem sie ihnen Unkenntnis der Wirklichkeit vorwerfen. Jedem Menschen machen sie den Vorwurf, er sei >unpraktisch<, nur sich selbst machen sie ihn nie. Cher, bedenken Sie, daß ich erregt bin, und quälen Sie mich nicht. Noch einmal Dank für alles und scheiden wir voneinander, wie Karmasinoff vom Publikum -- das heißt, vergessen wir uns gegenseitig so großmütig wie möglich. Das war von ihm übrigens nur eine Finte, daß er seine alten Leser so inständig bat, ihn zu vergessen. Quant à moi,{[181]} so bin ich nicht so selbstsüchtig und verlasse mich vor allem auf die Jugend Ihres unversuchten Herzens: wozu sollten Sie sich lange eines nutzlosen Greises erinnern? Darum, mein Freund, >leben Sie mehr<, wie mir Nastassja zu meinem letzten Namenstage wünschte (ces pauvres gens ont quelque fois des mots charmants et pleins de philosophie{[182]}). Nicht zu viel Glück wünsche ich Ihnen, das würde langweilig werden. Aber ich wünsche Ihnen auch kein Unglück, sondern sage nur wie der Volksmund: >Leben Sie mehr<! Und versuchen Sie irgendwie, sich nicht zu grämen. Diesen überflüssigen Wunsch füge ich noch von mir aus hinzu. Und nun leben Sie wohl. Im Ernst gesagt: leben Sie wohl. -- Bleiben Sie nicht an meiner Tür, ich werde nicht aufmachen.«

Er ging auch tatsächlich fort von der Tür und ich konnte nichts weiter von ihm erfahren. Ungeachtet seines Geständnisses, daß er »erregt« sei, hatte er langsam, fließend und eindringlich gesprochen. Natürlich war er mir aus irgendeinem Grunde gram und rächte sich nun auf diese Weise. Vor allem aber brachten ihn die Tränen, die er am Morgen vor dem Publikum geweint, wenn er auch vorher einen halben Sieg errungen hatte, in eine etwas komische Lage, und das fühlte er wohl selbst. Nun war aber gewiß kein Mensch gerade um die Schönheit und die Strenge der äußeren Formen -- selbst im Verkehr mit seinen Freunden -- so besorgt wie Stepan Trophimowitsch. Oh, ich mache ihm keinen Vorwurf! Damals aber war es eben diese Erwägung, daß ein Mensch, der sich trotz aller Erschütterung in dieser gewissen Pedanterie und diesem Sarkasmus treu blieb, doch wohl nicht so erschüttert sein konnte, um nun geneigt zu sein, etwas Tragisches oder Außergewöhnliches zu unternehmen. So dachte ich damals bei mir, aber, o Gott, wie täuschte ich mich! Ich ließ doch gar zu vieles außer acht ...

Hier möchte ich nun, obgleich ich damit den Ereignissen vorgreife, einige Zeilen aus dem Brief mitteilen, den Darja Pawlowna am anderen Tage tatsächlich erhielt.

»Mon enfant!{[183]} Meine Hand zittert, aber ich habe mit allem abgeschlossen. Sie waren nicht zugegen bei meinem letzten Zusammenstoß mit den Menschen, bei diesem >Vortrag<, und Sie taten recht. Aber man wird Ihnen erzählen, daß in unserem an Charakteren gänzlich verarmten Rußland ein Mensch sich erhoben und trotz der Gefahren, die er lief, diesen kleinen Dummköpfen die ganze Wahrheit gesagt hat, das heißt: daß sie dumme Närrchen sind. Oh, ce sont des pauvres petits vauriens et rien de plus, des petits Närrchen -- voilà le mot!{[184]} Der Würfel ist gefallen. Ich verlasse diese Stadt. Ich kehre niemals wieder. Ich weiß noch nicht, wohin ich meinen Fuß setzen werde. Alle, die ich liebte, haben sich von mir abgewandt. Nur Sie, Sie reines und gutes Geschöpf, Sie Sanfte, deren Schicksal sich beinahe mit dem meinen vereinigt hätte, nach dem Willen eines kapriziösen und herrschsüchtigen Frauenherzens, Sie, die vielleicht mit Verachtung auf mich herabsehen, seit ich am Vorabend unserer nicht zustande gekommenen Heirat meine kleinmütigen Tränen vergossen habe; Sie, die in mir gewiß nichts anderes sehen können, als einen lächerlichen Menschen, nur Sie, oh, nur Sie grüße ich noch! Nur Ihnen noch diesen letzten Schrei meines Herzens, Ihnen meine letzte Pflicht, Ihnen allein! Kann ich Sie doch nicht so auf ewig verlassen! -- mit der Vorstellung von mir als einem undankbaren, unwissenden, selbstsüchtigen Toren, wie mich Ihnen wohl täglich ein undankbares und grausames Herz schildert, ein Herz, das ich -- o Schmerz! -- nicht vergessen kann ...«

Der Brief war auf einem Bogen großen Formats geschrieben und vier Seiten lang ...

... Ich pochte noch dreimal an die Tür, nachdem er mit den Worten, er werde nicht aufmachen, ins Zimmer zurückgegangen war. Dann rief ich ihm zu, daß er heute noch dreimal Nastassja zu mir schicken werde mit der Bitte, zu ihm zu kommen, aber dann werde das gleichfalls vergeblich sein. Damit ging ich fort und begab mich zu Julija Michailowna.

II.

Hier sollte ich Zeuge einer empörenden Szene werden: die arme Frau wurde auf eine geradezu infame Weise betrogen. Ich sah es, aber ich war ja machtlos. Was hätte ich ihr denn sagen sollen? Ich hatte ja selbst nur erst unklare Vorgefühle, doch keinen einzigen Beweis für meinen Verdacht.

Als ich eintrat, lag sie weinend unter Eau de Cologne-Kompressen und Eiswasser auf der Chaiselongue. Vor ihr standen Pjotr Stepanowitsch, der ununterbrochen redete, und der junge Fürst, der ununterbrochen schwieg, als hätte man ihm mit einem Schlüssel den Mund verschlossen.

Unter Tränen warf sie Pjotr Stepanowitsch seine »Abtrünnigkeit« vor. Sonderbar war dabei, daß sie nur ihm allein und seiner Abwesenheit das Mißlingen und den ganzen Zusammenbruch des Festes zuschrieb.

An Pjotr Stepanowitsch selber fiel mir eine merkwürdige Veränderung auf: er war ungewöhnlich ernst und offenbar mit irgendwelchen Gedanken beschäftigt. Sonst war er ja nie ernst gewesen, sondern hatte immer gelacht, selbst dann, wenn er sich ärgerte -- und er ärgerte sich oft. Auch jetzt war er sichtlich geärgert, sprach grob, nachlässig und rücksichtslos, voll Hast und Ungeduld. Er versicherte, daß er die ganze Zeit mit Kopfschmerzen und Übelkeit bei Gaganoff gelegen hätte, zu dem er, wie er sagte, schon am frühen Morgen gegangen wäre: an ein Erscheinen auf der Matinee sei auch nicht einmal zu denken gewesen.

Jetzt drehte sich der ganze Streit hauptsächlich darum, ob die andere Hälfte des Festes, der Ball am Abend, stattfinden sollte oder nicht?

Julija Michailowna wollte unter keiner Bedingung auf ihm erscheinen -- oder vielmehr, sie wollte mit aller Gewalt darum gebeten werden, und zwar gerade von Pjotr Stepanowitsch. Sie hörte noch immer auf ihn wie auf ein Orakel, und da es durchaus in seinen dunklen Plänen lag, daß der Ball heute noch stattfand und Julija Michailowna auf ihm erschien, so bat er denn auch.

»Warum weinen Sie denn? Sie müssen natürlich wieder eine Szene machen! Wir aber müssen jetzt zu einem Entschluß kommen. Was am Morgen verdorben wurde, machen wir am Abend wieder gut! Auch der Fürst ist ganz meiner Meinung. Tja, wenn der Fürst nicht gewesen wäre, womit würde das wohl geendet haben!«

Daß dies auch die Meinung des Fürsten sei, war nun freilich nicht ganz richtig. Dieser war nämlich zunächst nur dafür, daß der Ball stattfand, nicht aber dafür, daß Julija Michailowna auf ihm erschien. Schließlich schien er aber auch dagegen nichts mehr einzuwenden zu haben.

Mich setzte nun vor allem die unglaubliche Frechheit Pjotr Stepanowitschs in Erstaunen. Daß an den gewöhnlichen Klatschgeschichten, die über die Art seines Verhältnisses zu Julija Michailowna umliefen, kein wahres Wort war, wußte ich. Er beherrschte diese Frau einfach dadurch, daß er auf alle ihre gesellschaftlichen Träume und ehrgeizigen Pläne, auf ihre Absicht, im Gouvernement eine besondere Rolle zu spielen und selbst den Petersburgern zu imponieren, in geschickter Weise einging und ihr mit den gröbsten Schmeicheleien um den Mund redete. Aber erstaunlich war es doch, wie rasch er sich jetzt wieder bei ihr in Gunst zu setzen wußte.

Als sie mich eintreten sah, rief sie mit blitzenden Augen:

»Da! fragen Sie ihn, er ist die ganze Zeit nicht von mir gewichen, ganz wie der Fürst! Und Sie, -- erklären Sie ihm doch bitte, daß dieser ganze Skandal nichts als eine Verschwörung gegen mich und Andrei Antonowitsch war! Oh, die hatten sich alle verschworen! Sie hatten einen gemeinsamen Plan! Es war alles im voraus darauf abgesehen!« ...

»Sie irren sich, wie immer! Stets ein Poem im Kopf! Ich bin übrigens froh, den Herrn ...« er tat, als habe er meinen Namen vergessen ... »er wird uns seine Meinung sagen.«

»Ich bin ganz der Ansicht Julija Michailownas,« beeilte ich mich zu erklären. »Daß eine Verabredung vorlag, das sah man doch nur zu deutlich. Ich bringe Ihnen im übrigen hier meine Bänder, Julija Michailowna. Ob der Ball zustande kommt oder nicht, das ist natürlich nicht meine Sache. Doch meine Rolle als Anordner ist zu Ende. Entschuldigen Sie, aber ich kann nicht gegen meine Überzeugung handeln und -- gegen allen gesunden Menschenverstand.«

»Hören Sie, hören Sie!« rief sie und schlug die Hände zusammen.

»Ich höre ja schon ... Aber was ich noch sagen wollte,« wandte sich Pjotr Stepanowitsch zu mir, »ich bin jetzt überzeugt, daß alle irgend etwas gegessen haben müssen, wovon sie krank geworden sind. Meiner Meinung nach ist nichts geschehen, nichts, was nicht auch früher schon bei solchen Festen fast immer geschehen ist. Was für eine Verabredung sollte denn das gewesen sein? Es sind da ein paar scheußliche Dummheiten passiert, aber was hat das mit einer Verschwörung zu tun? Das war nicht gegen Julija Michailowna persönlich, sondern höchstens gegen ihre Günstlinge und Schützlinge gerichtet! Julija Michailowna! Was habe ich Ihnen den ganzen Monat ununterbrochen vorgehalten? Wovor habe ich Sie gewarnt? Nun, sagen Sie mir doch: wozu, wozu brauchten Sie dieses ganze Volk da? -- Wozu mit solch einem Pack sich abgeben? Warum und wozu war das nötig?«

»Wann haben Sie mich gewarnt? Im Gegenteil, Sie begünstigten das, Sie verlangten sogar ... Sie selbst haben mir allerhand sonderbare Menschen zugeführt!«

»Im Gegenteil, ich habe mich mit Ihnen wegen dieser Leute herumgestritten, aber nicht sie begünstigt und eingeführt! Jetzt soll ich es gewesen sein, der dieses Pack hier eingeführt hat, womöglich noch in letzter Zeit, als sie schon zu Dutzenden herbeiströmten, um diese >literarische Quadrille< mitzumachen! Ich könnte wetten, daß es gerade diese Mimen gewesen sind, die alles mögliche Volk ohne Billetts eingeführt haben.«

»Das dürfte stimmen!« bemerkte ich.

»Sehen Sie, schon müssen Sie mir recht geben. Und erinnern Sie sich doch nur, welch ein Ton hier in der letzten Zeit eingerissen war! Das war ja schon die richtige Gemeinheit, das war ja ein Skandal und Lärm, daß einem die Ohren davon weh taten! Und wer begünstigte das? Wer deckte das alles mit seiner Autorität? Wer hat hier alle irre gemacht? Wer hat hier alle Spießer erbittert? Sind doch in Ihrem Album alle hiesigen Familiengeheimnisse karikiert! Und haben nicht Sie, gerade Sie alle unsere Stegreifdichter und Karikaturisten verwöhnt, haben Sie sich nicht sogar von einem Lämschin die Hand küssen lassen? Und hat nicht in Ihrer Gegenwart der Seminarist einen Staatsrat beschimpfen dürfen und der Tochter des Staatsrats mit seinen Schmierstiefeln das Kleid abgetreten? Warum wundern Sie sich nun noch, daß das Publikum Ihnen jetzt nicht gerade freundlich gesinnt ist?«

»Aber das haben doch alles Sie selbst ... O Gott!«

»Ich? ich habe Sie immer nur gewarnt! Worüber hätten wir uns denn sonst die ganze Zeit gestritten?«

»Aber Sie lügen mir ja ins Gesicht!«

»Nun ja, das kostet Ihnen ja weiter nichts, so was zu sagen. Sie haben jetzt ein Opfer nötig, an dem Sie Ihren Ärger auslassen können -- da komme ich Ihnen gerade recht. Ich werde mich lieber an Sie wenden, Herr ...« Er konnte sich offenbar noch immer nicht auf meinen Namen besinnen. »Zählen wir's doch an den Fingern ab: ich behaupte, daß außer der Liputingeschichte keine einzige Verabredung sich nachweisen läßt, kei--ne ein--zige! Das werde ich Ihnen sogleich beweisen; aber nehmen wir zuerst Liputin. Er trat mit dem Gedicht des Dummkopfs Lebädkin auf -- schön! oder vielmehr, das war nicht schön. Aber was soll denn das für eine >Verschwörung< sein? Er kam sich einfach geistreich vor! Im Ernst: geistreich! Er wollte einen Witz machen, uns unterhalten, erheitern, -- verlassen Sie sich darauf! ... und nicht nur uns, sondern vor allen anderen die Protektrice Julija Michailowna erheitern! Und das ist alles! Sie glaubens nicht? Aber war denn das nicht ein Witz in genau demselben Tone, wie er hier schon den ganzen letzten Monat herrschte? Und wenn Sie wollen, daß ich alles sage: bei Gott, unter anderen Umständen wäre er vielleicht auch glatt durchgegangen! Der Scherz war meinethalben roh, na, sagen wir, war vielleicht ein starkes Stück, aber an sich doch schließlich witzig.«

»Wie! Sie halten diese elende Handlungsweise Liputins auch noch für geistreich?« fragte Julija Michailowna empört, »eine solche Dummheit, eine solche Taktlosigkeit, eine solche Niederträchtigkeit und Gemeinheit, dieser Anschlag! Ja, dann gibt es keine andere Erklärung: dann sind Sie selbst mit jenen im Bunde!«

»Na, natürlich doch! Ich saß ja hinter den Kulissen, habe von dort aus die ganze Maschine dirigiert. -- Wenn ich hinter einer Verschwörung gesteckt hätte, dann, glauben Sie mir, dann wäre das nicht bei Liputin allein geblieben! Folglich steckte ich wohl auch, Ihrer Meinung nach, hinter meinem Papachen? damit er absichtlich einen solchen Skandal heraufbeschwört? Ja, sagen Sie doch: wer ist nun daran schuld, daß man auch Papachen zum Lesen aufforderte? Wer hat Ihnen noch gestern davon abgeraten, noch gestern, gestern!!«

»Oh, hier il avait tant d'esprit,{[185]} und ich rechnete so auf ihn! Und dann, er hat doch Manieren! Ich dachte: er und Karmasinoff ... und nun statt dessen!« ...

»Tja, und nun statt dessen! Aber ungeachtet des tant d'esprit, hat Papachen alles verpfuscht. Doch da ich das voraussah, so hätte ich, als Mitglied der überzeugend nachweisbaren Verschwörung gegen Ihr Fest, Ihnen doch wohl nicht abgeraten, diesen Ziegenbock zum Gärtner zu machen? Ist's nicht so? Indessen habe ich Ihnen tatsächlich abgeraten, habe noch gestern abgeraten, und zwar, weil ich schon so 'ne Vorahnung hatte, wie das enden würde. Natürlich habe ich nicht alle Details vorausgesehen, das wäre ja auch gar nicht möglich gewesen: er hat doch sicher selber nicht gewußt, womit er im nächsten Augenblick herausplatzen wird. So 'n nervöser Alter ist doch überhaupt kein Mensch mehr! Aber man kann da noch manches retten: schicken Sie gleich morgen, zur Genugtuung des Publikums, zwei Ärzte zu ihm, die sich nach seinem Gesundheitszustande erkundigen, oder schon heute, und dann so -- na, auf administrativem Wege in eine Kaltwasserheilanstalt mit ihm. Wenigstens würden dann alle lachen und einsehen, daß man keine Ursache hat, sich gekränkt zu fühlen. Ich kann ja noch heute auf dem Ball unter der Hand ein paar diesbezügliche Erklärungen abgeben, da ich ja der Sohn bin. Eine andere Sache ist es mit Karmasinoff, der hat sich schön als grüner Esel entpuppt und seinen Gallimathias eine ganze Stunde lang geleiert, -- na, mit dem steckte ich Ihrer Ansicht nach doch zweifellos unter einer Decke! Den habe ich wohl ausdrücklich gebeten, mitzutun, um Julija Michailowna zu schaden!«

»Oh, Karmasinoff, quelle honte!{[186]} Ich verging, ich verging vor Schande für unser Publikum!«

»Na, ich wäre nicht vergangen, sondern hätte lieber ihm das Gehen beigebracht. Das Publikum war durchaus im Recht. Aber wer ist nun in diesem Fall wieder der Schuldige? Habe etwa ich Ihnen auch diesen aufgebunden? Habe ich bei seiner Vergötterung mitgeholfen? Doch, zum Teufel mit ihm! Aber der dritte, der Maniak, der Politiker! Das war schon eine andere Nummer! An dem haben sich schon alle versehen, aber nicht ich allein etwa!«

»Ach, reden Sie nicht davon, das ist schrecklich, schrecklich! Daran bin ich, ich allein schuld!«

»Tja, freilich, aber nun muß ich Sie doch verteidigen. So etwas kann niemand voraussehen, -- und wer, zum Teufel, kennt sich denn heute unter diesen >Aufrichtigen< überhaupt noch aus? Vor so einem ist man selbst in Petersburg nicht sicher. Er war Ihnen doch empfohlen! und wie noch! Sehen Sie nun nicht ein, daß Sie sogar verpflichtet sind, auf dem Ball zu erscheinen? Man weiß doch, daß Sie es waren, die ihn auf die Tribüne brachte: darum müssen Sie nun öffentlich zu erkennen geben, daß Sie sich mit ihm nicht solidarisch fühlen, daß der Kerl schon in den Händen der Polizei ist und daß man Sie auf unerklärliche Weise betrogen hat. Sie müssen es mit Unwillen kundgeben, daß Sie das Opfer eines Verrückten gewesen sind. Denn daß der Kerl ein Verrückter ist, sieht doch ein jeder! Ich kann diese Beißenden nicht ausstehen. Freilich rede ich selber manchmal noch schärfer, aber ich tu's doch nicht von der Tribüne aus! Und da reden noch die Leute wie absichtlich gerade jetzt von dem Senator!«

»Von was für einem Senator? Wer redet ...?«

»Tja, was weiß ich! Aber wie, haben Sie denn nichts von einem Senator gehört?«

»Einem Senator? Nein!«

»Ja, sehen Sie, man erzählt sich, daß irgendein Senator hierher geschickt werde, und daß man Sie von Petersburg aus absetzen will. Ich habe es von vielen gehört.«

»Ich allerdings auch!« bestätigte ich.

»Wer hat das gesagt?« fuhr Julija Michailowna auf und das Blut schoß ihr ins Gesicht.

»Wer das zuerst gesagt hat? ... Wie soll ich das wissen. Die ganze Stadt redet so. Besonders gestern sprach man davon. Alle tun so ernst dabei, obgleich man gar nicht recht klug daraus werden kann. Natürlich -- die bißchen Klügeren und Kompetenteren, die reden ja nicht davon, aber auch von diesen hören manche aufmerksam zu.«

»Welch eine Niederträchtigkeit! Und ... welch eine Dummheit!«

»Na, wie gesagt, und schon deshalb müssen Sie erscheinen, um diesen Dummköpfen ...«

»Ich sehe ein, ja, ich fühle es jetzt selbst, daß ich verpflichtet bin ... aber wie, wenn mich eine neue Schande erwartet? Und wenn der Ball am Ende gar nicht zustande kommt? Keiner wird kommen, keiner, keiner! Sie werden sehen!«

»Ach, da sollte man die Menschen nicht kennen! Wo blieben denn da die Toiletten? Sie als Frau sollten sich das doch selbst sagen! Sonderbare Menschenkenntnis!«

»Die Adelsmarschallin wird bestimmt nicht erscheinen!«

»Zum ... was ist da denn nun eigentlich passiert! Warum soll sie denn nicht erscheinen?« rief er plötzlich ganz wütend vor Ungeduld.

»Die Schmach, die Blamage! Ich weiß nicht, was passiert ist, ich weiß nur, daß es mir nach alledem unmöglich ist, hinzugehen!«

»So! Warum denn nicht? Ja, woran sind Sie denn eigentlich schuld? Ist denn nicht das Publikum an allem schuld? Wo waren denn die Stadtältesten, die Familienväter? -- deren Pflicht wäre es doch gewesen, die Taugenichtse zurückzuhalten. In keiner Gesellschaft und überhaupt nirgendwo kann die Polizei allein für alles einstehen. Bei uns verlangt aber jeder, der eintritt, daß hinter ihm ein Polizist stehe und ihn beschütze. Niemand begreift hier, daß jede Gesellschaft sich selbst beschützen muß. Aber was machen bei uns die Herren Honoratioren samt Frauen und Töchtern in solchen Fällen? Sie schweigen und blähen sich! spielen die Gekränkten! Nicht einmal diese Bengel von Störenfrieden im Zaum zu halten verstehen sie, selbst dazu reicht ihr gesellschaftlicher Instinkt nicht aus!«

»Ach, das ist ja nur zu wahr! Sie schweigen, blähen sich und ... sehen sich um.«

»Und wenn das wahr ist, so muß man das auch so sagen, daß alle es hören, furchtlos und streng! Sie müssen auf dem Ball erscheinen, und in den Zeitungen muß es stehen, daß Sie erschienen sind! Ich werde die Sache selbst in die Hand nehmen und Ihnen alles arrangieren. Wir bringen den Bericht in die Petersburger >Stimme< und in die >Börsennachrichten<. Versteht sich: mehr Aufmerksamkeit, das Büfett strenger beaufsichtigen, den Fürsten bitten, den Herrn da bitten! Und dann müssen Sie erscheinen, offen vor aller Welt, am Arme Andrei Antonowitschs. Wie geht es ihm übrigens?«

»Oh, wie ungerecht, wie falsch, wie beleidigend haben Sie immer über diesen engelsguten Menschen geurteilt!« rief Julija Michailowna plötzlich, mit ganz überraschender Glut, fast unter Tränen aus und drückte ihr Taschentuch an die Augen.

Diese Wendung kam für Pjotr Stepanowitsch so unerwartet, daß er im Augenblick nicht wußte, was er sagen sollte.

»Aber ich bitte Sie, ich ... ja, was denn! ... ich habe doch immer ...«

»Niemals, niemals, niemals haben Sie ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen!«

»Eine Frau kann man doch nie auskennen!« brummte Pjotr Stepanowitsch mit einem eigentümlichen Spottlächeln.

»Das ist der gerechteste, der feinfühlendste Mensch! Der beste, der gütigste von allen!«

»Aber ... ich bitte Sie, ich ... wieso, ich habe doch immer -- namentlich in betreff der Güte ... habe ich ihm immer ...«

»Nein, niemals! Aber lassen wir das. Ich bin schlecht für ihn eingetreten. Und vorhin hat diese Jesuitin, die Adelsmarschallin, auch einige sarkastische Bemerkungen wegen gestern fallen lassen.«

»Oh, der ist es jetzt nicht mehr ums Gestrige zu tun, die hat von heute genug! Aber machte es Ihnen denn wirklich etwas aus, wenn sie nicht auf den Ball käme? Denn natürlich wird sie nicht kommen, nachdem sie selbst in einen solchen Skandal verwickelt worden ist! Möglich, daß sie nicht schuld ist, aber die Reputation ist doch hin: schmutzige Hände!«

»Was heißt das? ... ich verstehe nicht, -- warum schmutzige Hände?« Julija Michailowna sah ihn verständnislos an.

»Das heißt, ich will ja nichts behaupten, aber die ganze Stadt läutet es schon aus, daß sie die Geschichte begünstigt habe.«

»Was? Aber was denn begünstigt?«

»Ja, wissen Sie es denn noch nicht?« rief er mit vorzüglich gespieltem Erstaunen. »Stawrogin und Lisaweta Nicolajewna!« ...

»Wie? Was?« riefen wir alle.

»Ja, wissen Sie denn wirklich noch nichts? Na, hören Sie mal! Aber es haben sich doch soeben Tragiromane abgespielt! -- Es hat Lisaweta Nicolajewna gefallen, sich unmittelbar aus der Equipage der Adelsmarschallin in die Equipage Stawrogins hinüberzusetzen und >mit diesem letzteren< nach Skworeschniki zu entschlüpfen, mitten am hellichten Tage. Erst vor einer Stunde, noch nicht einmal einer Stunde.«

Wir erstarrten. Natürlich stürzten wir uns dann ins Ausfragen, doch wunderlicherweise konnte er, obschon er selbst »zufällig« Augenzeuge gewesen sein wollte, von den näheren Umständen nichts Genaues erzählen. Geschehen war es angeblich folgendermaßen: Als die Adelsmarschallin nach der Matinee Lisa und Mawrikij Nicolajewitsch in ihrer Equipage heimbrachte und der Wagen vor dem Hause von Lisas Mutter (deren Füße immer noch krank waren) hielt, da wartete nicht weit, ungefähr fünfundzwanzig Schritt von der Vorfahrt, etwas abseits, eine andere Equipage. Und kaum war Lisa vor der Treppe ausgestiegen, -- da sei sie sofort zu jener Equipage geeilt; der Schlag habe sich geöffnet, sei zugeklappt; Lisa habe Mawrikij Nicolajewitsch nur noch zugerufen: »Schonen Sie mich!« -- und die Equipage sei in voller Karriere davongefahren nach Skworeschniki. Auf unsere hastigen Fragen: War das eine Verabredung? Wer saß in jener Equipage? -- antwortete Pjotr Stepanowitsch, er wisse nichts; zweifellos sei das abgekartet gewesen, doch Stawrogin habe er in der Equipage nicht gesehen; vielleicht saß nur der Kammerdiener im Wagen, der alte Alexei Jegorytsch. Auf die Frage: »Wie kam es denn, daß gerade Sie zugegen waren? Und woher wissen Sie, daß die Equipage nach Skworeschniki gefahren ist?« -- antwortete er, daß er zugegen gewesen sei, weil er gerade vorüberging, und als er da Lisa erblickte, sei er sogar zu jener Equipage geeilt (und dennoch wollte er nicht gesehen haben, wer in der Equipage saß, ein so neugieriger Mensch wie er!), Mawrikij Nicolajewitsch aber sei ihr nicht nur nicht nachgejagt mit dem anderen Gefährt, sondern habe nicht einmal versucht, Lisa zurückzuhalten, ja er habe noch mit beiden Händen die Adelsmarschallin zurückgehalten, die mit lauter Stimme geschrien habe: »Sie fährt zu Stawrogin! zu Stawrogin!« Da aber riß mir die Geduld und ich schrie, toll vor Wut, Pjotr Stepanowitsch ins Gesicht:

»Das hast du, Schurke, alles veranstaltet! Nur dazu hast du auch den ganzen Vormittag gebraucht! Du hast Stawrogin geholfen, du hast die Equipage hingebracht, du hast sie aufgenommen, den Schlag geöffnet und zugeklappt ... du, du, du! ... Julija Michailowna, das ist Ihr Feind, er wird auch Sie ins Verderben bringen! Nehmen Sie sich in acht vor ihm!«

Und ich stürzte Hals über Kopf hinaus.

Noch heute begreife ich nicht und wundere mich, wie ich ihm das damals so zuschreien konnte. Aber ich hatte den Zusammenhang erraten: es war fast alles tatsächlich so geschehen, wie ich es ihm dort ins Gesicht schrie, doch das stellte sich erst später heraus. Das Entscheidende war wohl die gar zu offenkundige Unnatürlichkeit der Art, wie er die Nachricht mitteilte. Er hatte sie nicht sofort erzählt, als erste und außergewöhnliche Neuigkeit, sondern hatte getan, als wüßten wir sie bereits, als hätten wir sie schon von anderen hören können, -- was doch in dieser kurzen Zeit ganz unmöglich war. Und selbst wenn uns diese Kunde schon zu Ohren gekommen wäre, so hätten wir doch nicht so lange darüber geschwiegen, bis er davon anfing. Auch konnte er, gleichfalls wegen der Kürze der Zeit, unmöglich schon gehört haben, daß »die ganze Stadt« der Adelsmarschallin eine Schuld daran zuschrieb oder sonst etwas »ausläutete«. Zudem hatte er, als er uns Auskunft gab, etwa zweimal ganz eigentümlich, gewissermaßen gemein und leichtfertig, gelächelt, wahrscheinlich in dem Glauben, daß er uns Dummköpfe schon vollkommen überzeugt habe. Doch jetzt war es mir nicht mehr um ihn und seine Entlarvung zu tun; da ich ihm die wichtigste Tatsache doch glaubte, lief ich geradezu außer mir von Julija Michailowna weg. Diese Katastrophe traf mich mitten ins Herz. Ich hätte weinen mögen vor Schmerz, ja vielleicht weinte ich auch wirklich. Ich wußte nicht und konnte nicht überlegen, was jetzt zu tun wäre. So eilte ich denn zunächst zu Stepan Trophimowitsch, aber der ärgerliche Mensch machte wieder nicht auf. Nastassja versicherte ehrfurchtsvoll flüsternd, daß er sich schlafen gelegt habe, doch ich glaubte ihr das nicht. Im Hause Lisas erfuhr ich einiges von den Dienstboten; sie bestätigten die Flucht, wußten aber selbst nichts Näheres. Im Hause herrschte große Unruhe; die kranke gnädige Frau hatte einen Ohnmachtsanfall nach dem anderen und Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihr. Es erschien mir unmöglich, Mawrikij Nicolajewitsch herausbitten zu lassen. Bezüglich Pjotr Stepanowitschs sagte man mir auf meine Frage, daß er in den letzten Tagen allerdings sehr oft ins Haus gekommen sei, manchmal sogar zweimal am Tage. Die Dienstboten waren traurig und sprachen von Lisa mit einer gewissen ganz besonderen Ehrerbietung; sie wurde von ihnen geliebt. Daß sie verloren, rettungslos verloren war, -- daran zweifelte ich nicht, aber die psychologische Seite der Tat konnte ich entschieden nicht begreifen, besonders nicht nach der Szene zwischen Lisa und Stawrogin am vergangenen Tage bei Julija Michailowna. Mich in der Stadt bei schadenfrohen Bekannten zu erkundigen, unter denen die Nachricht sich jetzt natürlich schon verbreitet hatte, erschien mir widerlich, ja und für Lisa auch erniedrigend. Doch sonderbar war, daß ich zu Darja Pawlowna ging, wo ich übrigens nicht empfangen wurde (im Stawroginschen Hause wurde seit dem vergangenen Tage niemand empfangen); und ich weiß auch nicht, was ich ihr hätte sagen mögen und wozu ich dorthin eilte. Von dort begab ich mich zu ihrem Bruder. Schatoff hörte mich finster und schweigend an. Erwähnen muß ich, daß ich ihn in einer so düsteren Stimmung antraf, wie noch nie zuvor; er war wie ganz in Gedanken vertieft und hörte mich an, als müßte er sich dazu überwinden. Er sagte so gut wie nichts und begann in seiner Dachstube auf und ab zu gehen, aus einer Ecke in die andere, wobei er lauter als sonst mit den Stiefeln auftrat. Als ich die Treppe bereits hinuntergegangen war, rief er mir plötzlich nach, ich solle doch zu Liputin gehen: »Dort werden Sie alles erfahren.« Zu Liputin ging ich nicht, doch, nachdem ich schon weit gegangen war, kehrte ich wieder um und ging zu Schatoff zurück, und nachdem ich die Tür halb aufgemacht, fragte ich lakonisch und ohne alle Erklärungen: ob er nicht heute noch zu Marja Timofejewna gehen könnte? Als Antwort darauf schimpfte Schatoff und ich ging weg. Ich füge hier gleich hinzu, um es nicht zu vergessen, daß er noch an demselben Abend tatsächlich nach jener äußersten Vorstadt zu Marja Timofejewna gegangen ist, die er seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatte. Er fand sie bei bester Gesundheit und in heiterer Stimmung, Lebädkin dagegen in schwerer Betrunkenheit schlafend auf dem Diwan im ersten Zimmer. Schatoff war dort um neun Uhr abends. Das sagte er mir bereits am folgenden Tage, als wir uns in der Eile auf der Straße begegneten. Gegen zehn Uhr abends aber entschloß ich mich doch noch, auf den Ball zu gehen, freilich nicht mehr als »Festordner« (mein Band war ja auch bei Julija Michailowna geblieben), sondern nur aus quälender Neugier: ich wollte hören (ohne zu fragen), wie man im allgemeinen über alle diese Vorfälle sprach. Und dann wollte ich auch Julija Michailowna sehen, wenn auch nur von ferne. Ich machte mir Vorwürfe und bereute es sehr, daß ich vorhin so von ihr weggelaufen war.

III.

Diese ganze Nacht mit ihren fast absurden Ereignissen und mit ihrem entsetzlichen »Ausgang« gegen Morgen kommt mir noch immer wie ein gräßlicher Traum oder Albdruck vor und ist -- wenigstens für mich -- der schwerste Teil meiner Chronik. Ich kam zwar etwas spät auf den Ball, doch immerhin noch rechtzeitig, um sein Ende mitzuerleben, -- so früh war es ihm bestimmt, sein Ende zu finden. Die Uhr ging schon auf elf, als ich an der Vorfahrt des Hauses der Adelsmarschallin anlangte. Derselbe weiße Saal, in dem die literarischen Vorträge stattgefunden hatten, war bereits, trotz der kurzen Zwischenzeit, ausgeräumt und in den Haupttanzsaal, wie man annahm, »für die ganze Stadt«, verwandelt worden. Aber wie schlimm meine Befürchtungen, nach diesem Verlauf der Matinee, für den Ball auch waren, eine solche Wirklichkeit hatte ich doch nicht vorausgesehen: von der höheren Gesellschaft hatte sich auch nicht eine einzige Familie eingefunden; selbst die Beamten von auch nur einiger Bedeutung fehlten alle; das aber war doch schon ein äußerst starkes Symptom. Was nun die Damen und jungen Mädchen betrifft, so erwiesen sich Pjotr Stepanowitschs Berechnungen (jetzt war seine Hinterlist schon offenkundig) als im höchsten Grade falsch: es waren nur äußerst wenige erschienen; auf vier Herren kam vielleicht eine Dame, und was waren das für Damen! »Irgendwelche« Frauen von Oberoffizieren gewöhnlicher Linienregimenter, von Postbeamten und anderen beamteten kleinen Leuten, drei Frauen von Ärzten mit ihren Töchtern, zwei bis drei Gutsbesitzerinnen (von den ärmeren dieses Standes), die sieben Töchter und die eine Nichte jenes Sekretärs, den ich gelegentlich schon erwähnt habe, Kaufmannsfrauen ... War das die Gesellschaft, die Julija Michailowna vorzufinden erwartet hatte? Selbst von den Kaufleuten war fast die Hälfte fern geblieben. Was nun die Männer anbelangt, so bildeten sie, trotz der geschlossenen Abwesenheit unserer ganzen Notabilität, dennoch eine dichte Masse, aber diese Masse machte einen zweideutigen, Mißtrauen erweckenden Eindruck. Natürlich gab es da auch ein paar überaus stille und ehrenwerte Offiziere mit ihren Frauen, ein paar gehorsamste Familienväter, wie z. B. jener selbe Sekretär und Vater seiner sieben Töchter. Doch alle diese stillen bescheideneren Leute waren sozusagen nur »in Ermangelung eines anderen Auswegs« gekommen, wie sich einer dieser Herren buchstäblich ausdrückte. Andererseits aber hatte sich die Menge der kecken Persönlichkeiten, im Vergleich zum Vormittage, anscheinend noch vermehrt und desgleichen die Anzahl solcher, die offenbar ohne Eintrittskarten hereingelassen waren, -- diesen Verdacht hatten ich und Pjotr Stepanowitsch bereits am Nachmittage ausgesprochen. Vorläufig saßen sie alle noch im Büfettraum, und zwar begaben sie sich, wenn sie erschienen, sofort geradenwegs dorthin, wie zu einem verabredeten Sammelplatz. Wenigstens hatte ich diesen Eindruck. Das Büfett befand sich ganz am Ende der Zimmerreihe in einem geräumigen Saal, wo Prochorytsch sich mit sämtlichen Verlockungen der Klubküche etabliert und eine verführerische Ausstellung aller Imbisse, Liköre und Getränke aufgebaut hatte. Hier fielen mir Gestalten auf, die fast in zerrissenen Röcken, wenigstens in höchst zweifelhaften, gar zu wenig ballmäßigen Anzügen erschienen waren; dazu waren sie augenscheinlich nur mit größter Mühe und selbstredend nur für kurze Zeit ernüchtert, Leute, die man Gott weiß wo aufgetrieben hatte, jedenfalls nicht Einheimische, sondern Hergereiste aus anderen Städten. Es war mir natürlich bekannt, daß vom Komitee nach Julija Michailownas Idee beschlossen worden war, den Ball nach durchaus demokratischen Grundsätzen zu veranstalten, »ohne selbst Kleinbürgern den Zutritt zu verweigern, falls es geschehen sollte, daß jemand dieses Standes eine Eintrittskarte erwirbt«. Diese Worte hatte sie in ihrem Komitee dreist aussprechen können, denn sie durfte überzeugt sein, daß es von den ausnahmslos bettelarmen Kleinbürgern unserer Stadt auch nicht einem in den Sinn kommen würde, für drei Rubel eine Eintrittskarte zu lösen. Nichtsdestoweniger bezweifelte ich, daß man diese finsteren Leute in den fast zerrissenen Röcken hereinlassen konnte, selbst wenn das Komitee noch so demokratisch gesinnt war. Aber wer hatte sie denn jetzt hereingelassen und zu welchem Zweck schließlich? Liputin und Lämschin waren ihres Amtes als Festordner bereits enthoben (was sie jedoch nicht hinderte, auf dem Ball anwesend zu sein, zumal sie auch zu den in der »Quadrille der Literatur« Mitwirkenden gehörten); doch an die Stelle Liputins war jetzt, zu meiner Verwunderung, jener selbe Seminarist getreten, der durch seinen Zusammenstoß mit Stepan Trophimowitsch mehr als alles andere den »Skandal der Matinee« heraufbeschworen hatte, und Lämschin wurde gar ersetzt durch -- Pjotr Stepanowitsch in eigener Person. Was konnte man in dem Falle noch erwarten?

Ich versuchte, von den Gesprächen einiges aufzufangen. Manche Ansichten überraschten durch ihre Ungereimtheit. So wurde z. B. in einer Gruppe behauptet, diese ganze Geschichte mit Stawrogin und Lisa sei von Julija Michailowna arrangiert worden und sie habe von Stawrogin Geld dafür angenommen. Man nannte sogar die Summe. Man behauptete, daß sogar das ganze Fest von ihr zu diesem Zweck veranstaltet worden sei; eben deshalb sei auch die halbe Stadt nicht gekommen, nachdem man erfahren, um was es sich handelte; Lembke selbst aber sei dadurch so erschüttert worden, daß diese Erschütterung seinen Verstand »zerrüttet« habe und nun »führe« sie ihn als Verrückten umher. -- Hierzu gab es viel Gelächter, sowohl lautes, offenes, wie heiseres, gemeines und lautlos verschlagenes, hinter dem sich eigene Gedanken bargen. Auch der Ball wurde von allen fürchterlich kritisiert und auf Julija Michailowna wurde schon ohne jede Rücksicht geschimpft. Es war das überhaupt ein merkwürdig ungeordnetes, bruchstückhaftes, betrunkenes und ruheloses Schwatzen, so daß es schwer hielt, sich darauf einen Vers zu machen oder etwas Bestimmtes daraus zu folgern. Doch in demselben Büfettsaal hatten sich auch viele harmlos lustige Leute niedergelassen, sogar einzelne Damen von der Sorte, die man mit nichts in Erstaunen setzen oder einschüchtern kann, äußerst liebenswürdige und lustige Geschöpfe, meist jene erwähnten Offiziersfrauen mit ihren Männern. Sie hatten sich in Gruppen an mehreren Tischchen niedergelassen und tranken fröhlich Tee. Der Büfettsaal wurde zur warmen Herberge nahezu für die Hälfte des erschienenen Publikums. Und dieses ganze hier versammelte Publikum mußte doch bald, wenn die Quadrille der Literatur begann, voll Neugier auf einmal in den Tanzsaal fluten. Es war geradezu unheimlich, sich das auch nur vorzustellen.

Inzwischen hatte man im weißen Saale, dank der Mitwirkung des jungen Fürsten, drei magere Quadrillen zustande gebracht. Die jungen Töchter tanzten also und die Eltern sahen zu und freuten sich. Doch selbst von diesen ehrenwerten Familienhäuptern begannen schon viele heimlich zu überlegen, wie sie sich, nachdem die Töchter ihr Vergnügen gehabt, zeitiger entfernen könnten, und nicht erst dann, »wenn's anfängt«. Daß es aber unfehlbar wieder »anfangen« werde, davon waren entschieden alle überzeugt.

Julija Michailownas Gemütszustand zu schildern, dazu wäre ich wohl kaum imstande. Ich habe dort nicht mit ihr gesprochen, obschon ich ziemlich in ihrer Nähe war. Meinen Gruß erwiderte sie nicht, da sie ihn nicht bemerkte (sie bemerkte ihn tatsächlich nicht). In ihrem Gesicht lag etwas Krankhaftes, ihr Blick war hochmütig und voll Verachtung, aber unstät und erregt. Sie überwand sich mit sichtlicher Qual, -- doch wozu eigentlich und für wen? Sie hätte unbedingt den Ball verlassen und vor allen Dingen ihren Gatten heimbringen sollen, sie aber blieb! Dabei konnte man es schon ihrem Gesicht ansehen, daß die Augen ihr nun »endlich aufgegangen« waren und daß sie auf nichts mehr hoffte. Sie rief auch nicht ein einziges Mal Pjotr Stepanowitsch zu sich (der ging ihr auch, glaube ich, schon selbst aus dem Wege; ich sah ihn im Büfettraum, er war übertrieben lustig). Aber sie blieb doch auf dem Ball und ließ ihren Mann nicht auf einen Augenblick von ihrer Seite. Oh, sie hätte noch vorhin am Nachmittage jede Anspielung auf seinen Gesundheitszustand mit aufrichtiger Empörung zurückgewiesen. Jetzt aber mußten ihr auch in der Beziehung die Augen endlich aufgegangen sein. Mir wenigstens war es schon auf den ersten Blick klar, daß sein Zustand sich im Vergleich zum Vormittage verschlimmert hatte. Er machte den Eindruck, als sei er sich überhaupt nicht dessen bewußt, wo er sich befand. Hin und wieder richtete er seinen Blick plötzlich mit ganz unerwarteter Strenge auf den einen oder anderen, zweimal z. B. auch auf mich. Einmal begann er zu sprechen, begann laut und wichtig, sprach aber den Satz nicht zu Ende, wodurch er einen bescheidenen alten Beamten, der zufällig in seiner Nähe stand, geradezu erschreckte. Doch selbst dieser Teil des Publikums, das im weißen Saale anwesend war, selbst diese Bescheidenen und Scheuen gingen finster und ängstlich Julija Michailowna aus dem Wege, obschon sie gleichzeitig äußerst sonderbare Blicke auf ihren Gemahl warfen, Blicke, deren Unverwandtheit und Offenheit mit der sonstigen Schüchternheit dieser Leute gar zu wenig harmonierte.

»Sehen Sie, gerade dieser Zug war es, der mich plötzlich durchbohrte, und ich begann endlich zu erraten, wie es um Andrei Antonowitsch stand,« sagte Julija Michailowna später einmal zu mir.

Ja, wieder war sie die Schuldige. Wahrscheinlich hatte sie sich am Nachmittage, als nach meiner Flucht aus ihrem Hause auf Pjotr Stepanowitschs Zureden hin beschlossen worden war, daß der Ball stattfinden und sie auf ihm erscheinen solle, -- wahrscheinlich hatte sie sich dann wieder in das Kabinett ihres Gatten begeben, zu ihrem Andrei Antonowitsch, den, wie sie meinte, nur der Skandal der Matinee »erschüttert« hatte, und dort wird sie wohl wieder alle ihre Verführungskünste angewandt haben, um ihn zum Mitgehen zu bewegen. Wie groß mußte demnach ihre Qual jetzt sein! Und dennoch blieb sie auf dem Ball! War es nun ihr Stolz, der sie trotz aller Pein auf ihrem Platz auszuharren zwang, oder hatte sie bereits den Kopf verloren -- ich weiß es nicht. Jedenfalls versuchte sie in geradezu erniedrigender Weise und mit freundlichem Lächeln (bei ihrem Hochmut!) einzelne Damen in ein Gespräch zu ziehen, doch die wurden sofort unsicher, antworteten mißtrauisch und einsilbig mit einem »ja« oder »nein« und gingen ihr sichtlich aus dem Wege.

Von den wirklichen Würdenträgern unserer Stadt befand sich auf diesem Ball nur ein einziger, -- jener selbe wichtige General a. D., von dem ich schon einmal erzählt habe: der bei der Adelsmarschallin nach dem Duell zwischen Stawrogin und Gaganoff seiner alten Gewohnheit gemäß »gerade davon laut zu sprechen anfing, wovon alle nur heimlich zu flüstern wagten«, und der somit wieder einmal der allgemeinen Spannung die Tür öffnete. Jetzt spazierte er würdevoll durch alle Säle, beobachtete und hörte zu und bemühte sich, durch sein Mienenspiel recht offenkundig zu zeigen, daß er nur so, um die Sitten zu beobachten, mehr Studien halber, als um eines reinen Vergnügens willen, gekommen sei. Er endete damit, daß er sich ganz und gar Julija Michailowna zugesellte und nicht einen Schritt von ihr wich, sichtlich bestrebt, sie zu ermutigen und zu beruhigen. Gewiß war er ein Mensch von großer Herzensgüte, sehr vornehm und bereits so alt, daß man von ihm sogar Mitleid hinnehmen konnte; doch sich gestehen zu müssen, daß dieser alte Schwätzer sie, Julija Michailowna, zu bemitleiden und fast zu beschützen wagte, indem er sehr wohl begriff, daß er ihr mit seiner Anwesenheit eine Ehre erwies, das war doch mehr als ärgerlich. Der General aber hielt unentwegt Stand und schwatzte ohne aufzuhören.

»Hm, man sagt, keine Stadt könne bestehen ohne sieben Gerechte ... sieben, glaub' ich, müssen es sein, entsin--ne mich nicht mehr genau der vor--schriftsmäßigen Zahl. Ich weiß nicht, wieviele von diesen sieben ... unzwei--felhaft Gerechten unserer Stadt ... die Ehre haben auf Ihrem Ball anwesend zu sein, doch was mich betrifft, so beginne ich, trotz der Anwesenheit derselben, mich nicht außer--halb jeder Gefahr zu empfinden. Vous me pardonnerez, charmante dame, n'est-ce pas?{[187]} Ich spreche natürlich allegorisch. Begab mich vorhin zum Büfett, bin aber faktisch froh, daß ich heil und ganz wieder herausgekommen bin ... Unser unschätz--barer Prochorytsch ist dort nicht an seinem Platz, und mich deucht, zum Morgen hin wird seine ganze Bude vertilgt sein. Übrigens, amüsant. Warte nur noch auf diese >Quadrille der Li--te--ratur<, dann aber -- ins Bett. Verzeihen Sie das schon einem alten Podagristen, muß mich früh hinlegen. Aber auch Ihnen würde ich raten, >in die Federchen zu gehen<, wie man aux enfants{[188]} zu sagen pflegt ... Bin eigentlich wegen der jungen Schön--heiten gekommen ... die ich natürlich nirgendwo in solcher Voll--zähligkeit antreffen könnte, wie hier ... Alle von jenseits des Flusses, und dorthin pflege ich nicht zu fahren. Die Frau eines Leutnants ... ich glaube, von den Jägern ... ist sogar wirklich nicht übel ... hm, in der Tat ... und das weiß sie auch selbst. Hab' mit ihr gesprochen; schlagfertig und ... so, nun ja. Nun und die Mädel, gleichfalls frisch ... Ja; aber das ist auch alles. Außer der Frische fak--tisch nichts. Übrigens, amüsant. Wenigstens für mich. Es gibt da Knöspchen ... nur die Lippen ein wenig dick. Überhaupt ist in der russischen Schönheit der Frauenantlitze wenig von jener Regelmäßigkeit vorhanden und ... und ein bißchen läuft sie doch auf einen Pfannkuchen hinaus ... Vous me pardonnerez, n'est-ce pas{[189]} ... übrigens immer bei gleichzeitig schönen Augen ... lachenden Augen. Diese Knöspchen sind so in den ersten zwei Jahren ihrer Jugend be--zau--bernd, sogar drei Jahre lang ... dann aber, nun ja, dann werden sie unwiderruflich dick ... wodurch sie in ihren Männern jenen traurigen In--dif--ferentismus erzeugen, der die Entwicklung der Frauenfrage so überaus begünstigt ... vorausgesetzt, daß ich diese Frauenfrage richtig verstehe ... Hm! Der Saal ist nicht übel; die Räume schön geschmückt. Es hätte schlechter sein können. Die Musik könnte sogar sehr viel schlechter sein ... ich sage nicht >sollte<. Ein übler Eindruck, daß überhaupt wenig Damen vorhanden sind. Die Toiletten übergehe ich. Böse ist, daß dieser dort in den grauen Beinkleidern sich so unverhüllt Cancan zu tanzen erlaubt. Ich würde es verzeihen, wenn es von ihm aus Freude geschähe, und zumal er ein hiesiger Apotheker ist ... aber um elf ist es immer--hin noch zu früh, selbst für einen Apotheker ... Dort im Büfettsaal begannen zwei sich zu prügeln und wurden nicht hinausbefördert. Um elf aber müssen Raufbolde noch hinausbefördert werden, gleichviel welcher Art die Sitten des Publikums sonst sind ... ich will nicht sagen, um drei Uhr morgens, dann muß man der öffentlichen Meinung schon eine Konzession machen, -- vorausgesetzt, daß dieser Ball die dritte Morgenstunde überhaupt erlebt ... Warwara Petrowna aber hat doch nicht Wort gehalten, und ihre Blumen sind nicht eingetroffen. Hm! Die hat jetzt an anderes zu denken, als an Blumen. Pauvre mère!{[190]} Und die arme Lisa, -- Sie haben doch schon gehört? Man sagt, eine geheimnisvolle Geschichte und ... und wieder ist dieser Stawrogin in der Arena ... Hm! Ich müßte nun doch ins Bett ... Meine Nase nickt schon von selbst. Aber wann wird denn eigentlich diese >Quadrille der Li--te--ratur< beginnen?«

Und schließlich begann denn auch die »Quadrille der Literatur«. Wenn in der letzten Zeit irgendwo in der Stadt das Gespräch auf den bevorstehenden Ball gekommen war, dann hatte man bereits nach den ersten Worten unfehlbar von dieser »Quadrille der Literatur« gesprochen, und da sich niemand eine Vorstellung von dieser Aufführung machen konnte, so erregte sie natürlich übermäßige Neugier. Das aber war schon an sich die größte Gefahr für einen Erfolg, und -- wie groß war daher die Enttäuschung!

Eine Seitentür des weißen Saales, die bis dahin geschlossen war, wurde geöffnet und plötzlich erschienen ein paar Masken im Saal. Das Publikum drängte sich sofort gierig um sie herum. Im Augenblick verbreitete sich die Kunde bis zum Büfett und schon stürzte, wälzte sich von dort der ganze Menschenschwarm bis auf den letzten zum weißen Saal, in den er wie eine Flut hineinbrach. Die Masken begannen sich zum Tanze aufzustellen. Es gelang mir noch, mich bis zu den ersten Reihen durchzudrängen und ich blieb dicht hinter Lembkes und dem alten General stehen. Da tauchte plötzlich flink Pjotr Stepanowitsch neben Julija Michailowna auf, nachdem er sich ihr bis dahin gar nicht gezeigt hatte.

»Ich sitze die ganze Zeit am Büfett und beobachte,« flüsterte er ihr mit der Miene eines schuldbewußten Schulbuben zu, die er übrigens absichtlich annahm, um sie noch mehr aufzubringen.

Sie wurde feuerrot vor Zorn.

»Wenn Sie mich doch wenigstens jetzt nicht mehr betrügen wollten, Sie unverschämter Mensch!« entfuhr es ihr fast mit lauter Stimme, so daß es die Umstehenden hörten.

Pjotr Stepanowitsch schlüpfte, äußerst zufrieden mit sich selbst, wieder flink davon.

Es wäre schwer, sich eine armseligere, billigere, noch talentlosere und fadere Allegorie vorzustellen, als es diese »Quadrille der Literatur« war. Und gewiß hätte man nichts ersinnen können, das weniger zu unserem Publikum paßte, als diese Allegorie; dabei hieß es, daß Karmasinoff sie erdacht habe. Freilich, in Szene gesetzt war sie von Liputin, der sich mit dem lahmen Lehrer beraten hatte (mit demselben, der an jenem Abend auch bei Wirginski war). Aber die Idee stammte doch von Karmasinoff und man sagte, er habe sogar selbst mitwirken, sich maskieren und eine besondere, selbständige Rolle übernehmen wollen. Die Quadrille bestand aus sechs kläglichen Maskenpaaren, ja eigentlich waren es nicht einmal richtige Masken, denn die Maskerade bestand nur darin, daß sie sich etwa einen künstlichen Bart oder sonst einen billigen Blödsinn angeklebt hatten. Da war z. B. ein älterer Herr, nicht groß von Wuchs, im Frack -- also genau so angezogen, wie alle Herren auf einem Ball erscheinen --, mit einem ehrwürdigen grauen Bart (der Bart war allerdings nur angeklebt und das war seine ganze Verkleidung). Dieser Herr strampelte, trippelte und tänzelte mit biederem Gesichtsausdruck fast nur auf einer Stelle umher, ohne sich recht vom Fleck zu bewegen. Dazu brachte er mit gemäßigtem, doch schon heißer gewordenem Baßstimmchen allerhand Laute hervor. Diese Heiserkeit der Stimme aber sollte eine unserer bekannten Tageszeitungen gerade besonders charakterisieren[51]. Dieser Maske vis-à-vis tanzten zwei Riesen X und Z, und zwar waren ihnen diese Buchstaben am Frack angesteckt, doch was dieses X und dieses Z bedeuten sollten, das blieb unaufgeklärt. »Der ehrliche russische Gedanke« wurde dargestellt von einem Herrn in mittleren Jahren mit einer Brille, im Frack, in Handschuhen und -- in Fesseln (es waren richtige eiserne Fesseln, wie sie Gefangenen angelegt werden). Unter dem Arm trug dieser »Gedanke« eine Mappe mit Akten über eine zu unternehmende Sache oder eine bevorstehende »Tat«. Aus seiner Fracktasche schaute ein entsiegelter, aus dem Auslande gekommener Brief hervor, der die Ehrlichkeit des »ehrlichen russischen Gedankens« allen denen, die seine Ehrlichkeit bezweifelten, verbürgen sollte. Dies alles wurde von den Festordnern bereits mündlich erklärt, denn lesen konnte man den aus der Tasche hervorlugenden Brief natürlich nicht. In der erhobenen rechten Hand hielt der »ehrliche russische Gedanke« einen Pokal, ganz als wollte er einen Toast ausbringen. Zu beiden Seiten dieses Gedankens und in einer Reihe mit ihm tanzten zwei kurzgeschorene Nihilistinnen; ihm gegenüber aber tanzte ein gleichfalls schon älterer Herr, im Frack, doch mit einem schweren Knüppel in der Hand: diese Gestalt sollte eine gefürchtete, doch nicht in Petersburg erscheinende Zeitschrift darstellen. Der Knüppel aber sollte wohl sagen: »Wenn ich mal zuschlage, bleibt von meinem Feinde nur noch ein nasses Fleckchen übrig.« Doch ungeachtet seines Knüppels konnte er auf keine Weise den durch die Brillengläser unverwandt auf ihn gerichteten Blick des »ehrlichen russischen Gedankens« ertragen, weshalb er sich alle Mühe gab, nach links oder rechts diesem Blick auszuweichen, und jedes Mal, wenn es zum pas de deux kam, wand, drehte, kringelte er sich förmlich und wußte nicht, wohin er sehen sollte, -- so sehr quälte ihn wahrscheinlich das Gewissen ... Doch wer kann schließlich alle diese stumpfsinnigen erklügelten Witzchen aufzählen und behalten! Alles war von dieser Art, so daß ich mich zu guter Letzt qualvoll zu schämen begann. Und siehe, genau dieselbe Empfindung gleichsam eines Schamgefühls spiegelte sich auch in allen übrigen Gesichtern des Publikums wieder, sogar in den mürrischsten Physiognomien aus dem Büfettraum. Eine Zeitlang schwiegen alle und sahen mit geärgerter Verständnislosigkeit zu. Wenn ein Mensch sich schämt, fängt er gewöhnlich an sich zu ärgern und ist dann zum Zynismus geneigt. Allmählich aber begann ein Gebrumm:

»Was soll das denn eigentlich bedeuten?« brummte in einer Gruppe jemand von denen, die das Büfett belagert hatten.

»Irgend 'nen Blödsinn.«

»Das soll eine Art Literatur sein. Die >Stimme< wird kritisiert.«

»Was geht das mich an!«

In einer anderen Gruppe:

»Diese Esel!«

»Nein, nicht sie sind die Esel, sondern die Esel sind wir.«

»Warum bist du denn ein Esel?«

»Nein, ich bin kein Esel, aber ...«

»Na, wenn selbst du kein Esel bist, dann bin ich schon lange keiner!«

In einer dritten Gruppe:

»Mit einem Tritt sie alle hinauswerfen und dann hole sie der Teufel!«

»... Den ganzen Saal ausfegen ...«

In einer vierten:

»Daß die Lembkes sich nicht schämen, zuzusehen!«

»Warum sollen sie sich denn schämen? Du schämst dich doch nicht?«

»Nein, ich schäme mich schon, er aber ist noch der Gouverneur!«

»Ja, und du bist nur ein Schwein ...«

»In meinem ganzen Leben habe ich noch nie einen so einfachen Ball erlebt,« sagte eine Dame gehässig in nächster Nähe von Julija Michailowna, sichtlich mit dem Wunsch, gehört zu werden.

Diese Dame -- eine korpulente und geschminkte Frau von etwa vierzig Jahren, in einem grellfarbenen Seidenkleide -- war in der Stadt zwar allen Leuten bekannt, doch wurde sie in keinem Hause empfangen. Sie war die Witwe eines Staatsrates, der ihr ein hölzernes Wohnhaus und eine karge Pension hinterlassen hatte, aber sie lebte gut und hielt sich sogar eigene Pferde. Vor etwa zwei Monaten hatte sie als erste von allen Damen bei Julija Michailowna ihre Visite machen wollen, war aber von dieser nicht empfangen worden.

»Und das war ja auch wirklich vorauszusehen,« fügte sie hinzu, indem sie frech Julija Michailowna in die Augen sah.

»Wenn es vorauszusehen war, warum sind Sie dann noch erschienen?« fragte plötzlich Julija Michailowna, die sich nicht mehr bezwingen konnte.

»Ach, aber doch wirklich nur aus Gutgläubigkeit!« versetzte jene Dame sofort schlagfertig und im Augenblick ungemein belebt (sie hätte gar zu gern einen Wortwechsel angeknüpft), doch der alte General trat zwischen sie und Frau von Lembke.

»Chère dame,« -- er beugte sich zu Julija Michailowna -- »wenn ich einen Rat geben dürfte, so wäre es der, jetzt heimzufahren. Wir behindern die Gesellschaft nur, ohne uns wird man sich vortrefflich amüsieren. Sie haben alles getan, was nötig war, haben den Ball eröffnet, nun und ... jetzt überlassen Sie die Leute sich selbst ... Zumal auch Andrei Antonowitsch sich an--schei--nend nicht wohl fühlt ... Ich meine, damit ihm nicht hier noch ein Unglück zustößt ...«

Doch es war bereits zu spät.

Herr von Lembke hatte schon die ganze Zeit die Tänzer der »Quadrille« mit einer gewissen ungehaltenen Verständnislosigkeit betrachtet, als aber die ersten kritischen Bemerkungen im Publikum laut wurden, begann er sich sogleich unruhig umzuschauen. Da fielen ihm offenbar zum erstenmal auch einzelne Gestalten aus dem Büfettraum auf; sein Blick drückte das größte Befremden aus. Plötzlich erscholl lautes Gelächter über eines der in der »Quadrille« produzierten Stückchen: der Herausgeber der »gefürchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden Zeitschrift«, der mit dem Knüppel in der Hand tanzte, empfand wohl endgültig, daß er die Brillengläser des »ehrlichen russischen Gedankens« nicht mehr zu ertragen vermochte, und da er nicht wußte, wie er ihnen ausweichen sollte, begann er plötzlich, in der letzten Tour, den Brillengläsern verkehrt, d. h. auf den Händen, mit den Beinen in der Luft, entgegen zu gehen, was gleichzeitig die bekannte Entstellungsmanier der »gefürchteten, doch nicht in Petersburg erscheinenden Zeitschrift« veranschaulichen sollte, die unter Umständen selbst die gesunde Vernunft auf den Kopf stellt. Da nur Lämschin auf den Händen zu gehen verstand, hatte er es übernommen, den Herausgeber mit dem Knüppel zu mimen. Julija Michailowna hatte nicht das Geringste davon gewußt, daß jemand auf den Händen gehen werde. »Das hatte man mir verheimlicht, absichtlich verheimlicht!« sagte sie später immer wieder, als sie in ihrer Verzweiflung und Empörung mir alles erzählte. Das Gelächter der Menge wurde natürlich nicht von der Allegorie hervorgerufen, an die man überhaupt nicht dachte, sondern galt einfach dem Anblick eines auf den Händen gehenden Menschen in einem Frack, dessen Schoße nun selbstredend umgeklappt herabhingen.

Lembke brauste auf und bebte vor Erregung.

»Der Nichtswürdige!« schrie er, indem er auf Lämschin wies. »Ergreift den Spitzbuben! Umkehren! Umkehren auf die Füße ... der Kopf ... damit der Kopf nach oben ... oben!«

Lämschin sprang wieder auf die Füße. Das Gelächter verstärkte sich.

»Hinausjagen alle Spitzbuben, die da lachen!« befahl plötzlich Lembke.

Die Menge begann zu murren und zu johlen.

»So geht das denn doch nicht, Exzellenz.«

»Das Publikum darf man nicht beschimpfen.«

»Selber ein Esel!« tönte es irgendwoher aus einer ferneren Ecke.

»Die Flibustiers!« rief jemand vom entgegengesetzten Ende des Saales.

Lembke drehte sich bei diesem Ruf hastig nach dieser Seite hin um und wurde ganz bleich. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem stumpfsinnigen Lächeln, als habe er plötzlich etwas begriffen, als erinnere er sich an etwas.

»Meine Herren« ... angstvoll wandte sich Julija Michailowna an die näherrückende Menge, während sie gleichzeitig ihren Mann mit sich fortzuziehen suchte, »entschuldigen Sie Andrei Antonowitsch, meine Herren, Andrei Antonowitsch fühlt sich nicht wohl ... er ist krank ... entschuldigen Sie ... verzeihen Sie ihm, meine Herren!«

Ich hörte es mit eigenen Ohren, wie sie »verzeihen Sie« sagte. Die Szene spielte sich sehr schnell ab. Aber ich weiß noch genau, daß schon in diesem Augenblick ein Teil des Publikums wegdrängte zum Ausgang des Saales, gleichsam erschrocken, und zwar geschah das gerade nach diesen Worten Julija Michailownas. Ich erinnere mich sogar noch eines hysterischen weiblichen Ausrufs halb unter Tränen:

»Ach, wieder ist's ganz so wie am Vormittage!«

Und plötzlich, mitten in dieses bereits beginnende Gedränge, schlug auf einmal wieder eine Bombe ein, also tatsächlich »ganz so wie am Vormittage«:

»Es brennt! Die ganze Vorstadt brennt überm Fluß!«

Ich erinnere mich bloß nicht, wo dieser entsetzliche Schrei zuerst erschallte: ob im Saal oder -- ich glaube, es kam jemand aus dem Vestibül, vom Eingang hereingestürzt. Jedenfalls entstand sofort ein solcher Tumult, daß ich nicht einmal versuchen will, ihn zu schildern. Von dem Publikum, das sich zum Ball noch eingefunden hatte, stammte die Mehrzahl aus eben jener Vorstadt: es waren zumeist die Besitzer der dort, auf der anderen Seite des Flusses, belegenen hölzernen Häuser, oder deren Einwohner. Man stürzte zu den Fenstern, im Nu waren die Vorhänge zur Seite gezogen, die Stores herabgerissen. Die Vorstadt lohte. Freilich, der Brand begann erst, aber es lohte schon an drei ganz verschiedenen Stellen, -- und gerade das war das Erschreckendste.

»Brandstiftung!« -- »Die Spigulinschen!« brüllte man im Gedränge.

Ich habe noch ein paar überaus charakteristische Ausrufe behalten:

»Hat doch mein Herz das vorausgefühlt, daß sie brandstiften werden, das hat es die ganzen letzten Tage vorausgefühlt!«

»Die Spigulinschen, die Spigulinschen, wer denn sonst!«

»Man hat uns absichtlich hier versammelt, um dort derweil anzünden zu können!«

Diesen letzten, wunderlichsten Schrei stieß eine Frauenstimme aus; es war der unbedachte, der unwillkürliche Schrei einer Koróbotschka[52], die ihr Hab und Gut brennen sieht. Alles stürzte zum Ausgang. Das Gequetsche und Gedränge im Vorraum beim Suchen nach den Pelzen, Tüchern und Umhängen, das Gekreisch erschreckter Frauen und das Weinen der Töchter werde ich nicht weiter beschreiben. Es ist kaum anzunehmen, daß hierbei direkt gestohlen wurde, doch es ist schließlich kein Wunder, daß bei einem solchen Durcheinander manche ohne ihre Überkleider, die nicht zu finden waren, wegfuhren, worüber noch lange nachher in der Stadt vieles erzählt wurde, natürlich mit Erdichtungen und Übertreibungen. Lembke und Julija Michailowna wurden in der Tür von der Menge nahezu erdrückt.

»Alle zurückhalten! Nicht einen hinauslassen!« brüllte plötzlich Lembke, indem er drohend die Hand gegen die Andrängenden ausstreckte. »Alle einzeln strengstens untersuchen, sofort!«

Die Antwort darauf war aus dem Saal ein Hagel von kräftigen Schimpfwörtern.

»Andrei Antonowitsch! Andrei Antonowitsch!« rief Julija Michailowna in vollständiger Verzweiflung.

»Als erste verhaften!« schrie dieser und wies streng mit dem Finger auf sie. »Als erste untersuchen! Der Ball war inszeniert zum Zweck der Brandstiftung ...«

Sie stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht (oh, dieser Ohnmachtsanfall war natürlich schon ein echter). Ich, der Fürst und der General stürzten zur Hilfe herbei; auch andere halfen uns in diesem schweren Augenblick, sogar einige von den Damen. Wir trugen die Unglückliche aus dieser Hölle zu ihrer Equipage; doch sie kam erst unterwegs, kurz vor ihrem Hause, zu sich und ihr erstes war, daß sie wieder nach Andrei Antonowitsch rief. Nach dem Zusammenbruch aller ihrer Phantastereien verblieb ihr als einziges nur noch ihr Andrei Antonowitsch. Es wurde sofort nach dem Doktor geschickt. Ich wartete eine ganze Stunde bei ihr, der Fürst gleichfalls; der General wollte in einer Anwandlung von Großmut (obgleich ihm der Schreck arg in die Glieder gefahren war) die ganze Nacht »am Bette der Unglücklichen« verbringen, schlief aber schon nach zehn Minuten, noch bevor der Arzt erschien, im Saal auf einem Lehnstuhl ein, wo wir ihn dann auch so schlafen ließen.

Dem Polizeimeister, der vom Ball zur Brandstätte eilte, gelang es noch, Andrei Antonowitsch gleich nach uns hinauszuführen, und er wollte ihn zu Julija Michailowna in den Wagen setzen, indem er aus allen Kräften Seiner Exzellenz zuredete, »der Ruhe zu pflegen«. Ich verstehe nicht, warum er das nicht durchsetzte. Selbstredend wollte Andrei Antonowitsch von Ruhe nichts wissen und strebte mit Gewalt zur Brandstätte; aber das war doch kein vernünftiger Grund. So endete es denn damit, daß der Polizeimeister ihn noch in seinem eigenen Wagen zur Brandstätte brachte. Später erzählte er, Lembke habe unterwegs die ganze Zeit gestikuliert und »solche Ideen als Befehle hervorgestoßen, daß es wegen ihrer Ungewöhnlichkeit unmöglich war, sie auszuführen«. So ist denn nachher auch rapportiert worden: daß Se. Exzellenz sich zu der Zeit, infolge der »Plötzlichkeit des Schrecks«, bereits im Fieberdelirium befunden habe.

Es erübrigt sich wohl, zu erzählen, wie der Ball endete. Einige Dutzend Taugenichtse und sogar ein paar Damen blieben in den Sälen. Die Polizei war nicht mehr da. Das Orchester mußte spielen, denn die Musikanten, die weggehen wollten, wurden verprügelt. Zum Morgen hin war »Prochorytschs ganze Bude« vertilgt, man soff bis zur Bewußtlosigkeit, tanzte den Kamarinskij ohne Zensur, besudelte die Räume; und erst bei Morgengrauen langte ein Teil dieser Bande, vollkommen betrunken, auf dem erlöschenden Brandplatz an, -- zu neuen Unruhen. Die andere Hälfte blieb und schlief gleich dort in den Sälen in steif besoffenem Zustande, mit allen Folgen eines solchen, auf den Plüschdiwans und in den Ecken auf dem Fußboden. Am nächsten Morgen wurden sie -- das war das erste, was man tat -- an den Beinen hervorgezogen und hinausgeschleift auf die Straße. Und damit endete das Fest zum Besten der Gouvernanten unseres Gouvernements.

IV.

Die Feuersbrunst erschreckte unser Publikum vom anderen Flußufer gerade dadurch am meisten, daß es sich hierbei um eine so offenkundige Brandstiftung handelte. Beachtenswert ist, daß schon nach dem ersten Schrei »wir brennen«, sofort auch geschrien wurde, »die Spigulinschen« seien die Brandstifter. Jetzt hat es sich bereits mit aller Sicherheit herausgestellt, daß in der Tat drei »Spigulinsche« an der Brandstiftung beteiligt waren, aber nur drei, nicht mehr; alle anderen Arbeiter der Fabrik wurden vollkommen freigesprochen, sowohl von der öffentlichen Meinung, wie vom Gericht. Außer diesen drei Taugenichtsen (von denen einer bald gefangen wurde und alles gestand, während man der beiden anderen noch bis heute nicht habhaft geworden ist), war zweifellos auch der sogenannte »Zuchthäusler-Fedjka« an der Brandstiftung beteiligt. Das ist aber auch alles, was man bisher über die Entstehung des Brandes sicher weiß; die Vermutungen sind eine Sache für sich. Was nun diese drei Taugenichtse zu dieser Tat bewogen hat, ob sie von jemandem dazu angestiftet worden sind oder nicht -- diese Fragen sind selbst heute noch schwer zu beantworten.

Das Feuer verbreitete sich infolge des starken Windes und da die Vorstadt dort überm Fluß fast nur aus hölzernen Häusern bestand, sowie infolge der Brandstiftung an drei verschiedenen Stellen, mit unglaublicher Schnelligkeit und Gewalt (übrigens ging der Brand genau genommen doch nur von zwei Stellen aus, denn an der dritten Stelle gelang es, das Feuer fast gleich nach seinem Ausbruch zu ersticken, wovon später noch die Rede sein wird). Aber in den Berichten der Residenzblätter wurde unser Unglück doch stark vergrößert: was niederbrannte, war nicht mehr (ja vielleicht sogar noch weniger) als ungefähr der vierte Teil der ganzen Vorstadt überm Fluß. Unsere Feuerwehr, deren Mannschaft im Verhältnis zur Ausdehnung der Stadt und der Einwohnerzahl nur ein schwaches Häuflein ist, verrichtete ihre Aufgabe doch mit großer Hingabe und Sorgfalt. Dennoch hätte sie wohl kaum des Brandes Herr werden können, selbst bei einmütiger Unterstützung von seiten der Bevölkerung, wenn der Wind sich nicht gedreht und kurz vor Morgengrauen plötzlich ganz gelegt hätte.

Als ich kaum eine Stunde nach der Flucht vom Ball am anderen Ufer anlangte, tobte das Feuer bereits mit größter Wut. Die ganze Straße, die dem Fluß parallel läuft, lohte. Es war taghell. Das Bild, das die Brandstätte bot, werde ich nicht weiter beschreiben: wer kennt es in Rußland nicht? In den Quergassen neben der brennenden Hauptstraße war ein maßloses Hasten und Gedränge. Hier war das Feuer mit Sicherheit zu erwarten und die Einwohner schleppten ihr Hab und Gut hinaus, gingen aber vorläufig doch noch nicht weg von ihren Häusern und saßen wartend auf ihren hinausgeschafften Kästen und Federbetten, ein jeder vor seinen Fenstern. Ein Teil der männlichen Einwohnerschaft verrichtete schwere Arbeit: da wurden erbarmungslos Zäune gefällt, ja wurden sogar ganze Hütten abgetragen, die nahe dem Feuer und unter dem Winde standen. Aus dem Schlaf geweckte kleine Kinder weinten, und Weiber, die ihr Gerümpel schon herausgeschleppt hatten, jammerten und heulten. Andere, die mit dem Herausschaffen noch nicht fertig waren, schafften inzwischen schweigend und energisch noch weiter heraus, was sie besaßen. Funken und fliegende Feuerbrände sprühten weit mit dem Winde; man löschte sie nach Möglichkeit. Auf dem Brandplatze selbst drängten sich die Zuschauer, die aus allen Ecken und Enden der Stadt herbeigelaufen waren. Manche halfen löschen, andere gafften nur so als Liebhaber. Ein großes Feuer in der Nacht macht immer einen erregenden und lustigen Eindruck; darauf beruhen die Feuerwerke. Doch bei diesen verläuft das Feuerspiel in schönen Linien und Formen und erweckt im Zuschauer, da er sich selbst vollkommen außer Gefahr weiß, eine fröhliche und leichte Empfindung, wie nach einem Glase Champagner. Etwas anderes ist ein wirklicher Brand: hierbei erzeugen der Schrecken und das doch immer vorhandene Gefühl einer gewissen persönlichen Gefahr im Zuschauer (selbstredend nicht im Bewohner des brennenden Hauses), neben dem erwähnten lustigen Eindruck eines nächtlichen Feuers, eine Art Gehirnerschütterung und wirken wie eine Herausforderung seiner eigenen zerstörenden Instinkte, die sich, ach! in jeder Seele verbergen, selbst in der Seele des sanftmütigsten Familienmenschen und Titularrats ... Diese lichtscheue Empfindung ist fast immer berauschend. »Ich weiß wirklich nicht, ob man einem Schadenfeuer ohne ein gewisses Vergnügen zusehen kann?« Diesen Satz sprach einmal wortwörtlich Stepan Trophimowitsch zu mir, als wir von einem nächtlichen Brande, dessen Zuschauer er ganz zufällig geworden war, heimgingen -- noch unter dem ersten Eindruck des Anblicks. Natürlich würde sich der nämliche Liebhaber nächtlicher Feuersbrünste auch selbst ins Feuer stürzen, um aus den Flammen ein Kind oder eine Greisin zu retten; aber das ist doch schon ein ganz anderes Kapitel.

Ich schob mich hinter anderen Neugierigen durch das Gedränge und kam so ohne zu fragen zur wichtigsten und gefährlichsten Stelle, wo ich endlich Lembke erblickte. Ich suchte ihn im Auftrage von Julija Michailowna. Seine Stellung war seltsam und außergewöhnlich. Er stand auf einem niedergerissenen Bretterzaun; links von ihm, keine dreißig Schritte weit, ragte das schwarze Gerüst eines fast schon ganz ausgebrannten zweistöckigen hölzernen Hauses empor, mit Löchern statt der Fenster in beiden Stockwerken, mit eingestürztem Dach und mit immer noch leckenden Feuerzungen an den verkohlten Balken. Im Hintergrunde des Hofes, etwa zwanzig Schritt von diesem Hause, begann gerade ein gleichfalls zweistöckiges Nebengebäude zu brennen, und um dieses mühte sich aus allen Kräften die Feuerwehr. Rechts von Lembke wurde ein ziemlich großes hölzernes Gebäude, das zwar noch nicht brannte, aber schon mehrmals Feuer gefangen hatte, von der Feuerwehr und anderen Helfern zu retten gesucht, obschon es zweifellos nicht zu retten war. Lembke schrie und gestikulierte -- er stand mit dem Gesicht zu jenem Nebengebäude auf dem Hof -- und gab Befehle, die niemand ausführte. Ich dachte schon, daß man ihn hier ganz sich selbst überlassen und sich von ihm völlig zurückgezogen habe. Wenigstens fiel es mir auf, daß die dichte und aus Menschen sehr verschiedenen Standes bestehende Menge -- es waren da auch Herren und sogar der Oberpriester unserer Kathedralkirche -- seinen Ausrufen wohl neugierig und verwundert zuhörte, jedoch niemand mit ihm sprach oder den Versuch machte, ihn wegzuführen. Lembke, der bleich, doch mit blitzenden Augen dastand, stieß allerdings die sonderbarsten Dinge hervor; zum Überfluß war er noch ohne Hut, den er schon längst verloren hatte.

»Alles Brandstiftung! Das ist Nihilismus! Wenn hier etwas loht, so ist das der Nihilismus!« vernahm ich von ihm fast mit Entsetzen, und wenn das auch schon vorauszusehen gewesen war, so hat doch die greifbare Wirklichkeit immer etwas Erschütterndes in sich.

»Exzellenz,« -- neben ihm stand plötzlich ein Revierschutzmann -- »wenn Euer Exzellenz geruhen wollten, es mit der häuslichen Erholung zu versuchen ... Denn hier ist doch schon das bloße Stehen gefährlich, Exzellenz.«

Dieser Polizeimann war, wie ich später erfuhr, vom Polizeimeister absichtlich zu Andrei Antonowitsch abkommandiert worden, mit dem Auftrage, auf ihn acht zu geben und nach Möglichkeit zu versuchen, ihn nach Hause zu bringen, im Falle einer Gefahr aber, wenn nötig, sogar Gewalt anzuwenden -- ein Auftrag, der ersichtlich über die Kraft des Beauftragten ging.

»Die Tränen der Abgebrannten werden weggewischt werden, aber die Stadt werden sie niederbrennen. Das sind alles die vier Schurken, vier und ein halber! Man verhafte den Schurken! Er schleicht sich in die Ehre der Familien ein. Zum Anzünden der Häuser hat man die Gouvernanten benutzt. Das ist gemein, gemein! Ach, was tut der dort!« rief er plötzlich, als er auf dem Dach des nun bereits brennenden Nebengebäudes einen Feuerwehrmann erblickte, unter dem das Dach schon durchgebrannt war und um den ringsum Flammen hervorschlugen. »Holt ihn herunter, er wird durchs Dach fallen, er wird anbrennen, löscht ihn ... Was tut er dort?«

»Er löscht selbst, Exzellenz.«

»Das ist unwahrscheinlich. Die Feuersbrunst ist in den Gehirnen der Menschen, aber nicht auf den Dächern der Häuser. Man soll ihn herunterholen und alles liegen lassen! Lieber liegen lassen, lieber liegen lassen! Mag es selbst irgendwie! ... Ach, wer weint dort noch? Eine Alte! Eine Alte schreit, warum hat man die Alte vergessen?«

Tatsächlich: im unteren Stock dieses bereits brennenden Nebenhauses schrie ein altes Weib, eine achtzigjährige Verwandte des Kaufmanns, dem das Haus gehörte. Aber man hatte sie nicht dort vergessen, sondern sie war selbst in das Haus zurückgekehrt, so lange das noch möglich war, mit der wahnsinnigen Absicht, aus ihrem Kämmerlein an der Ecke des Hauses ihr Federbett zu retten. Fast erstickend im Rauch und schreiend vor Hitze, denn die Flammen hatten das Kämmerlein nun schon erreicht, mühte sie sich, mit ihren altersschwachen Armen das Pfühl durch den Fensterrahmen, dessen Glasscheibe herausgeschlagen war, hindurchzuzwängen. Lembke stürzte zu ihr, um ihr zu helfen. Alle sahen, wie er zum Fenster lief, einen Zipfel des Pfühls ergriff und es mit aller Gewalt durch das Fenster zu ziehen begann. Da wollte es das Unglück, daß in eben diesem Augenblick ein herausgebrochenes Brett vom Dach herabfiel und den Helfer traf; es schlug ihn nicht tot, nur das eine Ende traf ihn am Halse, doch damit war die Laufbahn Andrei Antonowitschs eigentlich beendet, wenigstens bei uns; der Schlag warf ihn um und er blieb bewußtlos liegen.

Endlich brach ein trübes, düsteres Morgengrauen an. Der Brand sank in sich zusammen; nach dem Winde trat plötzlich Windstille ein und dann begann ein langsamer, feiner Regen, wie durch ein feines Sieb. Ich war schon in einer anderen Gegend dieser Vorstadt, weit von jener Stelle, wo Lembke hingefallen war, und hier hörte ich unter den Leuten sehr sonderbare Gespräche. Eine seltsame Tatsache stellte sich heraus: ganz am Rande der Vorstadt, hinter Gemüsegärten auf freiem Platz, über fünfzig Schritte weit von den nächsten Gebäuden, stand ein erst kürzlich erbautes, nicht großes hölzernes Wohnhaus, und dieses entlegene Haus hatte ganz zu Anfang des Brandes gleichfalls, ja womöglich noch früher als alle anderen, zu brennen begonnen. Selbst wenn es niedergebrannt wäre, hätte es bei seiner einsamen Lage keines der anderen Häuser dieser Vorstadt anstecken können, und umgekehrt: auch wenn der ganze Stadtteil auf dieser Seite des Flusses niedergebrannt wäre, so hätte einzig dieses Haus verschont bleiben können, sogar bei noch so starkem Winde. Also mußte es selbständig und für sich allein in Brand geraten sein und folglich nicht ohne besondere Ursache. Doch die Hauptsache war, daß man ihm zum Niederbrennen keine Zeit gelassen hatte und daß in seinem Inneren dann sonderbare Dinge entdeckt worden waren. Der Besitzer dieses neuerbauten Hauses, ein Kleinbürger, der in der nächsten Gasse wohnte, war sogleich bei Ausbruch des Feuers herbeigeeilt und hatte noch rechtzeitig den Brand ersticken können, indem er mit Hilfe der Nachbarn den in Brand gesteckten Holzvorrat für den Winter, dessen Stapel an der einen Seitenwand des Hauses stand, auseinanderriß und löschte.

Doch in dem Hause hatten Menschen gewohnt: der in der Stadt wohlbekannte »Hauptmann« Lebädkin mit seiner Schwester und einer schon älteren Arbeiterin als Aufwartefrau. Und diese drei Einwohner, der Hauptmann, seine Schwester und die Arbeiterin, wurden nun, als man in das Haus eindrang, ermordet und augenscheinlich beraubt vorgefunden. (Eben hierher hatte sich dann der Polizeimeister vom Brandplatz begeben, kurz bevor Lembke das Pfühl rettete.) Bei Morgengrauen hatte sich das Gerücht von der Untat schon verbreitet und eine ungeheure Menge der verschiedensten Menschen, darunter sogar viele der soeben Abgebrannten, strömte zu diesem abgelegenen neuen Hause. Es war schwer, näher zu gelangen, so groß war dort das Gedränge. Man erzählte mir sogleich, daß man den Hauptmann mit durchgeschnittener Kehle, angekleidet auf der Schlafbank liegend, gefunden habe. Wahrscheinlich sei er wieder steif betrunken gewesen und man habe ihn wohl nur so hingeschlachtet, ohne daß ihm zu Bewußtsein kam, was da geschah. Blut aber sei aus ihm so viel geflossen »wie aus einem Ochsen«. Seine Schwester Marja Timofejewna dagegen sei von Messerstichen »ganz zerstochen« und habe an der Tür auf dem Fußboden gelegen, also habe sie mit dem Mörder gewiß schon im Wachen gekämpft und sich wohl wie rasend gewehrt. Der Aufwartefrau, die anscheinend gleichfalls vorher erwacht war, sei der Schädel eingeschlagen.

Wie der Besitzer des Hauses erzählte, sei der »Hauptmann« noch am Morgen dieses Tages betrunken zu ihm gekommen, habe geprahlt und viel Geld gezeigt, an die zweihundert Rubel. Die alte, abgenutzte grüne Brieftasche des »Hauptmanns« fand man leer auf dem Boden liegen; doch Marja Timofejewnas Koffer war unangerührt, ebenso die silberne Verzierung des Heiligenbildes. Desgleichen fand man alles, was der »Hauptmann« an Kleidern besessen, vollzählig vor. Daraus ersah man, daß der Dieb sich beeilt hatte und jedenfalls ein Mensch gewesen sein mußte, der den Hauptmann und seine Gewohnheiten gut kannte, es nur auf das bare Geld abgesehen hatte und wußte, wo dieses sich befand. Hätte der Besitzer des Hauses den Brand nicht sofort bemerkt, so hätte der angezündete Holzstapel sicher das Haus in Brand gesteckt, »vor den verkohlten Leichen aber wäre man schwerlich hinter den wahren Sachverhalt gekommen«.

So wurde der Tatbestand wiedergegeben. Hinzu kam dann noch ein Bericht: daß der eigentliche Mieter dieser Wohnung der Herr Stawrogin sei, Nicolai Wszewolodowitsch, der einzige Sohn der Generalin Stawrogina. Er sei sogar persönlich gekommen, um die Wohnung zu mieten, habe noch sehr zugeredet, denn der Besitzer habe sie gar nicht vermieten, sondern hier eine Kneipe einrichten wollen, aber Nicolai Wszewolodowitsch habe auf den Preis nicht geachtet und die Miete gleich für ein halbes Jahr vorausbezahlt.

»Dieser Brand ist nicht ohne Grund entstanden,« hörte man in der Menge sagen.

Doch die Mehrzahl schwieg. Die Gesichter waren finster, aber eine große, sichtliche Empörung war eigentlich nicht wahrzunehmen. Nur erzählte man sich ringsum noch mehr Geschichten von dem Herrn Stawrogin. So sprach man u. a. auch davon, daß die Ermordete seine Frau war, gestern aber habe er aus einem der ersten Häuser der Stadt, aus dem der Generalin Drosdowa, ein junges Mädchen, die Tochter der Generalin, zu sich gelockt, »auf unehrliche Weise«, und daß man eine Klage über ihn nach Petersburg einreichen werde. Daß aber seine Frau nun ermordet worden ist, das sei doch, wie man sieht, nur deshalb geschehen, damit er frei werde und jetzt die Drosdowa heiraten könne.

Skworeschniki war nicht mehr als nur zwei und eine halbe Werst entfernt und ich weiß noch, mir kam der Gedanke: sollte ich nicht dorthin Nachricht schicken? Übrigens ist es mir nicht aufgefallen, daß jemand die Menge im besonderen aufgehetzt hätte, das muß ich schon der Wahrheit gemäß sagen, wenn mir auch flüchtig zwei oder drei Fratzen aus der Schar der »Büfettleute« auffielen, die gegen Morgen auf der Brandstätte erschienen und die ich sofort wiedererkannte. Doch besonders erinnerlich ist mir ein hagerer, großer Bursche, ein Kleinbürger, mit ausgemergeltem Gesicht und krausem Haar, dazu wie mit Ruß geschwärzt, -- ein Schmied, wie ich später erfuhr. Er war nicht betrunken, doch, im Gegensatz zu der finster dastehenden Menge, wie außer sich. Er wandte sich immer wieder an das ringsum stehende Volk, aber ich erinnere mich nicht mehr seiner Worte. Alles, was er zusammenhängend hervorbrachte, war nicht länger als: »Ja aber wie denn, Brüder, wie ist denn das? Bleibt das nun alles so und wird da nichts geschehen?« und er gestikulierte mit den Armen.

Achtzehntes Kapitel. Ein beendeter Roman

I.

Aus dem großen Saal des Herrenhauses von Skworeschniki (demselben Saal, wo die letzte Zusammenkunft von Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch stattgefunden hatte) konnte man das Feuer wie auf der Handfläche sehen. Bei Tagesgrauen, zwischen fünf und sechs Uhr morgens, stand dort, rechts am letzten Fenster des Saales, Lisa und sah starr in den verlöschenden Widerschein des Brandes. Sie war allein. Sie trug dasselbe Kleid, in dem sie auf dem Fest erschienen war, ein duftiges, zartgrünes Gewand, von Spitzen überrieselt, doch schon zerdrückt und jetzt in der Hast unordentlich angezogen. Als sie plötzlich bemerkte, daß es über der Brust nicht richtig geschlossen war, errötete sie und hakte es schnell zu, raffte ihr rotes Tuch vom Lehnstuhl auf, das sie gestern beim Eintreten dorthin geworfen hatte und schlang es sich um den Hals. Ihr prachtvolles Haar fiel in gelösten Locken auf ihre rechte Schulter. Ihr Gesicht sah müde aus, besorgt, doch ihre Augen brannten unter den zusammengezogenen Brauen. Sie trat wieder ans Fenster und drückte ihre heiße Stirn an das kalte Glas. Die Tür öffnete sich und Nicolai Wszewolodowitsch trat ein.

»Ich habe einen Diener zu Pferde hingeschickt,« sagte er, »in zehn Minuten werden wir alles wissen. Die Leute sagen, daß der Stadtteil über dem Fluß, rechts von der Brücke, niedergebrannt sei. Das Feuer soll um Mitternacht ausgebrochen sein; jetzt ist es schon im Abflauen.«

Er ging nicht bis ans Fenster heran, sondern blieb drei Schritte hinter ihr stehen; sie wandte sich nicht nach ihm um.

»Nach dem Kalender hätte es schon seit einer Stunde hell sein müssen, und noch ist es dunkel wie in der Nacht,« sagte sie ärgerlich.

»Die Kalender lügen alle,« bemerkte er schon mit liebenswürdigem Spott, schämte sich aber sofort und fügte schnell hinzu: »Nach dem Kalender ist es langweilig zu leben, Lisa.«

Aber er fühlte, daß er dadurch das Gesprochene nur noch schlimmer gemacht hatte. Ärgerlich über sich selbst schwieg er ganz. Lisa lächelte bitter.

»Sie scheinen in einer so niedergeschlagenen Stimmung zu sein, daß Ihnen zu einem Gespräch mit mir sogar die Worte fehlen. Aber beruhigen Sie sich, Sie haben das sehr zur rechten Zeit gesagt: ich lebe immer nach dem Kalender. Jeder meiner Schritte ist nach dem Kalender berechnet. Sie wundern sich?«

Sie wandte sich schnell vom Fenster ab und setzte sich in den Sessel.

»Bitte, setzen Sie sich gleichfalls. Wir werden nicht lange zusammen sein und ich möchte alles sagen, was ich sagen mag ... Warum sollten nicht auch Sie alles sagen, was Sie vielleicht sagen wollen?«

Nicolai Wszewolodowitsch setzte sich neben sie und nahm leise, beinahe furchtsam, ihre Hand.

»Was bedeutet diese Sprache, Lisa? Woher das plötzlich? Was soll das bedeuten: >Wir bleiben nicht lange zusammen<? Das ist schon der zweite rätselhafte Ausspruch in dieser halben Stunde nach deinem Erwachen aus dem Schlaf.«

»Sie fangen an, meine rätselhaften Aussprüche zu zählen?« fragte sie lachend. »Aber erinnern Sie sich, daß ich gestern, als ich eintrat, mich als eine Tote Ihnen vorstellte? Sehen Sie, das haben Sie für nötig befunden, zu vergessen. Zu vergessen oder zu überhören.«

»Ich erinnere mich nicht, Lisa. Warum als Tote? Man muß leben ...«

»Und Sie verstummen? Ihnen ist ja die Beredsamkeit ganz und gar abhanden gekommen. Ich habe meine Stunde auf der Welt zu Ende gelebt und nun ist es genug. Erinnern Sie sich noch Christophor Iwanowitschs?«

»Nein, ich erinnere mich nicht,« -- sein Gesicht verfinsterte sich.

»Nicht Christophor Iwanowitschs? -- in Lausanne? Er verdroß Sie doch zu guter Letzt so entsetzlich. Wenn er kam, sagte er immer: >Ich komme nur auf einen Augenblick<, und dann blieb er den ganzen Tag. Ich möchte es nicht wie Christophor Iwanowitsch machen und den ganzen Tag bleiben.«

Eine schmerzhafte Empfindung spiegelte sich in seinem Gesicht wider.

»Lisa, es tut mir weh um diese verzerrte Sprache. Diese Grimasse kostet dich selbst zu viel. Wozu das alles? Warum?«

Seine Augen brannten.

»Lisa,« rief er aus, »ich schwöre es dir, ich liebe dich jetzt mehr als gestern, als du bei mir eintratest!«

»Was für ein sonderbares Geständnis! Was soll das jetzt, dieses Gestern und Heute, und wozu beides mit dem Maß messen?«

»Du verläßt mich nicht,« fuhr er fast verzweifelt fort, »wir verreisen zusammen, heute noch! Nicht? Nicht?«

»Ah, pressen Sie meine Hand nicht so schmerzhaft! Wohin sollen wir denn heute noch reisen? Wieder irgendwohin, um >aufzuerstehen<? Nein, genug der Versuche ... und das geht mir auch zu langsam; ich bin nicht fähig dazu. Das ist zu hoch für mich. Wenn wir reisen sollen, dann schon gleich nach Moskau und dort Visiten machen und selbst empfangen -- das ist mein Ideal, wie Sie wissen, ich habe Ihnen schon in der Schweiz nicht verheimlicht, wie und wer ich bin. Da es uns aber unmöglich ist, nach Moskau zu reisen und dort Visiten zu machen, weil Sie verheiratet sind, so reden wir lieber gar nicht davon.«

»Lisa! Was war denn das gestern?«

»Es war das, was es war.«

»Das ist unmöglich! Das ist grausam!«

»Was tut's denn, daß es grausam ist? Und wenn es grausam ist, so tragen Sie es doch!«

»Sie rächen sich an mir für die gestrige Phantasie ...« sagte er halblaut, mit dem Versuch, boshaft zu lächeln.

Lisa flammte auf.

»Was für ein niedriger Gedanke!«

»Warum schenkten Sie mir dann ... >so viel Glück<? Habe ich ein Recht, das zu erfahren?«

»Nein, Sie müssen sich schon irgendwie ohne Rechte behelfen; krönen Sie die Niedrigkeit Ihrer Vermutung nicht mit einer Dummheit. Heute wird es Ihnen nicht gelingen. Übrigens, fürchten Sie nicht gar die Meinung der Welt, und daß man Sie für dieses >so viel Glück< verurteilen wird? Oh, wenn es das ist, so beunruhigen Sie sich um Gottes willen nicht. Sie haben ja in diesem Fall nicht die geringste Veranlassung gegeben und sind niemandem Verantwortung schuldig. Als ich gestern Ihre Tür aufmachte, da wußten Sie nicht einmal, wer da eintrat. Es war eben nur meine Phantasie, um Ihren Ausdruck zu gebrauchen, und nichts weiter. Sie können allen dreist und siegesbewußt in die Augen blicken!«

»Deine Worte, dein Hohn, jetzt schon eine ganze Stunde, bringen die Kälte des Grauens über mich! Dieses >Glück<, von dem du so gehässig sprichst, kostet mich ... alles. Kann ich dich denn jetzt verlieren? Ich schwöre dir, ich liebte dich gestern weniger. Warum nimmst du mir denn heute alles wieder? Weißt du auch, was sie mich kostet, diese neue Hoffnung? Ich habe sie mit dem Leben bezahlt!«

»Mit dem eigenen oder dem anderer?«

Stawrogin stand hastig auf.

»Was heißt das?« fragte er und sah sie starr an.

»Bezahlen Sie mit Ihrem oder mit meinem Leben? Das war es, was ich damit fragen wollte. Oder haben Sie jetzt völlig aufgehört, zu verstehen?« Das Blut schoß ihr ins Gesicht. »Warum sind Sie aufgesprungen? Warum starren Sie mich mit solch einem Ausdruck an?« Lisa blickte ihm plötzlich angstvoll in die Augen. »Sie erschrecken mich ... Was fürchten Sie denn so? Ich habe es schon die ganze Zeit bemerkt, daß Sie etwas fürchten, gerade jetzt, in dieser Minute ... Mein Gott, wie blaß Sie werden!«

»Wenn du irgend etwas weißt, Lisa, ich schwöre dir, ich weiß nichts ... und habe soeben überhaupt nicht davon gesprochen, als ich sagte, daß ich es mit dem Leben bezahlt hätte ...«

»Ich verstehe Sie gar nicht,« sagte sie ängstlich stockend.

Da erschien schließlich ein langsames, nachdenkliches Lächeln auf seinen Lippen. Er setzte sich still wieder hin, stützte die Ellenbogen auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Ein böser Traum und Wahn ... Wir sprachen von zwei ganz verschiedenen Dingen.«

»Ich weiß nicht, wovon Sie gesprochen haben. Aber wußten Sie denn gestern wirklich nicht, daß ich Sie heute verlassen würde? Wußten Sie das wirklich nicht? Lügen Sie nicht! Sagen Sie, wußten Sie es oder wußten Sie es nicht?«

»Ich wußte es ...« sagte er leise.

»Nun also, was wollen Sie dann noch: Sie wußten es und nahmen den >Augenblick<. Wozu nun diese Abrechnungen?«

»Sage mir die ganze Wahrheit,« rief er in tiefem Leid: »als du gestern meine Tür aufmachtest, wußtest du es selbst, daß du sie nur auf eine Stunde aufmachtest?«

Sie sah ihn mit Haß an.

»Es ist doch wahr, daß selbst der ernsteste Mensch die sonderbarsten Fragen stellen kann. Was beunruhigen Sie sich deswegen? Sollte es wirklich aus Eigenliebe geschehen, weil eine Frau Sie zuerst verläßt, und nicht Sie die Frau? Wissen Sie, Nicolai Wszewolodowitsch, ich merke unter anderem, seit ich bei Ihnen bin, daß Sie furchtbar großmütig zu mir sind, und gerade das kann ich von Ihnen nicht ertragen.«

Er erhob sich vom Platz und ging ein paar Schritte durchs Zimmer.

»Gut, mag das nun so enden ... Aber wie konnte das alles geschehen?«

»Auch eine Sorge! Und die Hauptsache -- Sie wissen das ja selbst, so gut, als hätten Sie es an den Fingern abgezählt, wissen es besser, als alle auf der Welt, und rechneten sogar selbst damit! Ich bin eine höhere Tochter, mein Herz ist in der Oper erzogen, sehen Sie, das war die Ursache, das ist die ganze Lösung des Rätsels!«

»Nein.«

»Darin liegt nichts, was Ihre Eigenliebe kränken könnte. Es ist einfach die Wahrheit. Es begann mit einem schönen Augenblick, den ich nicht ertrug. Vor drei Tagen, als ich Sie vor aller Welt >beleidigte< und Sie mir so ritterlich antworteten, fuhr ich nach Hause und sagte mir, daß Sie mich gemieden hatten, weil Sie verheiratet waren, und nicht aus Verachtung, was ich als Dame der Gesellschaft am meisten fürchtete. Ich begriff, daß Sie mich Unsinnige beschützten, indem Sie mich mieden. Sehen Sie wohl, wie ich Ihre Großmut schätze. Da sprang dann Pjotr Stepanowitsch für Sie ein und erklärte mir alles. Er offenbarte mir, daß ein großer Gedanke Sie beherrsche, ein Gedanke, vor dem er und ich nichts sind, aber daß ich Ihnen dennoch >im Wege< stehe. Und sich zählte er immer mit; er wollte unbedingt, daß wir zu dreien seien, und er sprach noch die phantastischsten Dinge, sprach von einer großen Barke mit Rudern aus nordischem Ahorn, wie es in irgendeinem russischen Liede heißt. Ich lobte ihn, sagte ihm, er sei ein Dichter, und er nahm das alles für die barste Münze. Da ich aber auch ohnedem schon längst wußte, daß ich nur für einen Augenblick ausreichen würde, so nahm ich mich und entschloß mich. Nun, und das war alles, aber jetzt genug davon, und bitte keine Erklärungen mehr. Sonst geraten wir womöglich noch in Streit. Wie gesagt, fürchten Sie niemanden, ich nehme alles auf mich. Ich bin schlecht, kapriziös, ich habe mich von der opernhaften Barke blenden lassen, ich bin eine junge Dame der Gesellschaft ... Aber wissen Sie, ich habe bei alledem doch gedacht, daß Sie mich furchtbar lieben. Verachten Sie nicht die Törin und lachen Sie nicht über diese Träne, die jetzt fiel. Ich liebe es sehr, >mich selbst bemitleidend< zu weinen. Nun, genug, genug. Ich bin zu allem unfähig und Sie sind zu allem unfähig; zwei Nasenstüber beiderseits, finden wir uns also damit ab. Wenigstens leidet so die Eigenliebe nicht.«

»Ein Traum und Wahn!« rief Nicolai Wszewolodowitsch und schritt, die Hände ringend, im Zimmer auf und ab. »Lisa, du Arme, was hast du dir angetan?«

»Habe mich am Licht verbrannt, und das ist alles. Wie, Sie weinen doch nicht gleichfalls? Seien Sie anständiger, seien Sie gefühlloser ...«

»Warum, warum bist du zu mir gekommen?«

»Aber verstehen Sie denn nicht endlich, in welch eine komische Lage Sie sich mit solchen Fragen selbst bringen?«

»Warum hast du dich selbst zugrunde gerichtet, so ungeheuerlich und töricht! Und was soll jetzt geschehen?«

»Und das ist Stawrogin, der >blutdürstige Stawrogin<, wie hier eine Dame, die in Sie verliebt ist, Sie nennt! Hören Sie, ich habe es Ihnen doch schon gesagt: ich habe mein Leben auf eine Stunde gesetzt und bin jetzt ruhig. Tun Sie dasselbe auch mit Ihrem Leben ... übrigens, wozu sollten Sie das, Sie werden noch viele solcher >Stunden< und >Augenblicke< haben!«

»Ebensoviele wie du: ich gebe dir mein heiliges Wort, nicht eine Stunde mehr als du!«

Er ging immer noch auf und ab und sah ihren schnellen, durchbohrenden Blick nicht, in dem plötzlich gleichsam Hoffnung aufleuchtete. Aber dieser Lichtstrahl erlosch in derselben Minute.

»Wenn du den Preis meiner jetzigen unmöglichen Aufrichtigkeit wüßtest, Lisa, wenn ich dir nur enthüllen könnte ...«

»Enthüllen? Sie wollen mir irgend etwas enthüllen? Gott bewahre mich vor Ihren Enthüllungen!« unterbrach Sie ihn fast mit Schrecken.

Er blieb stehen und wartete in Unruhe.

»Ich muß Ihnen gestehen, in mir hat sich schon damals, schon in der Schweiz, der Gedanke festgesetzt, daß Sie etwas Entsetzliches auf der Seele haben müssen, etwas Schmutziges und Blutiges, und ... gleichzeitig etwas, das Sie furchtbar lächerlich macht. Hüten Sie sich, mir das zu enthüllen, wenn es so ist: ich würde Sie verspotten. Ich würde über Sie lachen solange Sie leben ... Oh, Sie erbleichen wieder? Ich werde ja nicht, ich werde nicht, ich gehe gleich fort.« Und sie erhob sich schnell mit einer angeekelten und verachtenden Bewegung.

»Quäle mich, richte mich, schütte alle Wut über mich aus!« rief er in Verzweiflung. »Du hast das volle Recht dazu! Ich wußte, daß ich dich nicht liebe, und richtete dich zugrunde. Ja, ich >nahm den Augenblick<, ich nahm ihn an: ich hatte noch eine Hoffnung ... schon lange ... eine letzte ... Ich konnte dem Licht nicht widerstehen, das plötzlich mein Herz erhellte, als du bei mir eintratst, allein, als erste. Ich glaubte plötzlich ... Vielleicht glaube ich auch jetzt noch ...«

»Eine so edle Aufrichtigkeit bezahle ich Ihnen mit gleichem: ich will nicht Ihre barmherzige Schwester sein. Es ist möglich, daß ich wirklich Krankenpflegerin werde, wenn ich nicht heute noch zur rechten Zeit zu sterben verstehe; aber wenn ich das auch würde, so ginge ich doch nicht zu Ihnen, obschon Sie selbstredend jedem Bein- oder Armlosen gleichwertig sind. Es hat mir immer geschienen, daß Sie mich an irgendeinen Ort bringen würden, wo eine böse Riesenspinne von Menschengröße sitzt, und wir würden dort unser Lebelang auf diese Spinne sehen und uns vor ihr fürchten. Und darüber wird dann unsere gegenseitige Liebe vergehen. Wenden Sie sich an Daschenka; die wird mit Ihnen gehen, wohin Sie wollen.«

»Sie konnten es auch jetzt nicht unterlassen, sie zu erwähnen?«

»Das arme Hündchen! Grüßen Sie sie von mir. Wußte sie es, daß Sie sie schon damals in der Schweiz für Ihr Alter bestimmten? Welch eine Fürsorge! Welch eine Vorsicht! -- Ach! Wer ist da?«

In der Tiefe des Saales hatte sich kaum die Tür geöffnet: ein Kopf schob sich durch und zog sich schnell wieder zurück.

»Bist du es, Alexei Jegorytsch?« fragte Stawrogin.

»Nein, das bin nur ich,« sagte Pjotr Stepanowitsch, der sich nun von neuem und diesmal gleich bis zur Hälfte durch die Tür schob. »Guten Tag, Lisaweta Nicolajewna; auf alle Fälle wünsche ich einen guten Morgen. Wußte ich's doch, daß ich Sie beide in diesem Saal antreffen würde. -- Ich bin wirklich nur auf einen Augenblick gekommen, Nicolai Wszewolodowitsch, -- bin um jeden Preis hergeeilt, nur auf ein paar Worte ... die allernotwendigsten ... nur ein paar Wörtchen!«

Stawrogin ging, aber nach drei Schritten kehrte er zu Lisa zurück.

»Wenn du jetzt gleich etwas erfahren wirst, Lisa, so wisse: ich bin schuld!«

Sie fuhr zusammen und sah ihn scheu an; doch er ging schnell hinaus.

II.

Das Zimmer, in das sich Pjotr Stepanowitsch zurückzog, war ein großes ovales Vorzimmer. Bis zu seinem Erscheinen hatte der alte Diener Alexei Jegorytsch hier gesessen, den hatte er aber jetzt weggeschickt.

Nicolai Wszewolodowitsch schloß die Saaltür hinter sich und blieb in Erwartung stehen. Pjotr Stepanowitsch sah ihn schnell und prüfend an.

»Nun?«

»Das heißt, wenn Sie es schon wissen sollten --« begann Pjotr Stepanowitsch eilig und als wolle er mit den Augen Stawrogin in die Seele springen, »so ist selbstverständlich niemand von uns schuld daran, besonders nicht Sie, denn es ist nur ein zufälliges Zusammentreffen ... eine Reihe von Zufällen ... mit einem Wort, juridisch kann man Ihnen nichts anhaben, und ich bin nur gekommen, um Sie zu benachrichtigen.«

»Sie sind verbrannt? Ermordet?«

»Ermordet, aber nicht verbrannt, das ist eben das Dumme! Doch ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich bin nicht schuld daran! Das heißt, wenn Sie die ganze Wahrheit wissen wollen: sehen Sie, ich hatte wirklich einmal den Gedanken -- Sie selbst haben ihn mir eingegeben (nicht im Ernst, natürlich, Sie neckten mich ja nur damit, denn Sie werden doch nicht im Ernst so etwas sagen!) -- doch ich hätte mich niemals zur Ausführung entschlossen, für nichts in der Welt, nicht für hundert Rubel, -- denn ich habe ja gar keinen Vorteil davon, gar keinen -- das heißt, ich, ich persönlich ...« (Er überhastete sich furchtbar und sprach wie eine Plappermühle.) »Aber nun hören Sie, was für ein Zusammentreffen von Zufällen: ich gab ihm von meinem Gelde, von Ihrem war nicht ein Rubel dabei, Sie wissen das selbst, ich gab also dem betrunkenen Dummkopf Lebädkin zweihundertunddreißig Rubel, vor drei Tagen, noch am Abend, -- hören Sie: vor drei Tagen, und nicht erst gestern nach der Matinee, beachten Sie das: das ist sehr wichtig! Denn ich wußte damals noch nicht, ob Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen fahren würde oder nicht: -- gab ihm von meinem eigenen Gelde, nur darum, weil Sie nun mal die Idee hatten, Ihr Geheimnis allen aufzudecken. Nun, darüber werde ich mich nicht weiter verbreiten, ... das ist Ihre Sache ... Ritter, und so weiter ... Ich gestehe aber, ich wunderte mich doch sehr, als ob ich mit einer Keule einen Schlag vor den Kopf bekommen hätte. Da mir aber diese Tragödien scheußlich langweilig geworden waren -- ich spreche jetzt, merken Sie sich das wohl, im Ernst, wenn ich auch burschikose Ausdrücke gebrauche --, da nun alles das meine Pläne kreuzte, so schwor ich mir, Lebädkin, was es auch koste, und auch ohne Ihr Wissen, nach Petersburg zu schicken. Nur einen Fehler habe ich da vielleicht begangen: ich gab ihm das Geld in Ihrem Namen! War das nun ein Fehler oder nicht? Vielleicht war es auch kein Fehler! Aber hören Sie jetzt, hören Sie, wohin das alles geführt hat ... --«

Im Eifer der Rede war er Stawrogin immer näher gerückt und wollte ihn schließlich am Rockaufschlag anfassen (vielleicht, bei Gott, mit Absicht). Stawrogin schlug ihm mit einem heftigen Schlag die Hand herunter.

»Wie ... was!? ... Na ... bloß, so können Sie einem ja die Hand brechen ... Die Hauptsache ist nun, was daraus alles entstanden ist ...« schnatterte er dann schon weiter, ohne sich über den Schlag viel zu wundern. »Am Abend gebe ich ihm das Geld, damit er mit seiner Schwester am nächsten Morgen, sowie es hell wird, sich davonmacht: beauftrage mit dieser Sache den Schuft Liputin, der ihn selbst einpacken und fortschicken soll. Aber der Schuft Liputin mußte mit dem Publikum seinen dummen Schulbubenstreich machen, -- Sie haben wohl schon davon gehört? auf der Matinee? Nun hören Sie, hören Sie doch: beide betrinken sich und schmieden Verse. Liputin zieht dem anderen einen Frack an und versteckt ihn hinter den Kulissen (mir versichert er dabei, er habe ihn am Morgen auf die Bahn gebracht), um ihn im gegebenen Moment auf die Tribüne zu schubsen. Lebädkin aber betrinkt sich inzwischen wieder vollständig. Darauf folgt der bekannte Skandal -- Lebädkin wird steif betrunken nach Hause gebracht, schlafend, Liputin nimmt ihm die zweihundert Rubel aus der Brieftasche und läßt ihm nur das Kleingeld. Zum Unglück aber hatte Lebädkin schon am Morgen das Geld gezeigt und damit herumgeprahlt. Da aber Fedjka nur darauf wartete -- er hatte bei Kirilloff etwas davon gehört (erinnern Sie sich noch Ihrer Anspielung?), so entschloß er sich, die Gelegenheit zu benutzen. Ich bin aber doch froh, daß Fedjka wenigstens das Geld nicht vorgefunden hat, -- dabei hat der Schurke eigentlich auf Tausende gerechnet! Er beeilte sich also, aber das Feuer scheint ihn dann selbst erschreckt zu haben ... Glauben Sie, mir ist dieser Brand wie ein Keulenschlag vor den Kopf! Das ist ja ... der Teufel weiß, was das ist! Das ist eine solche Eigenmächtigkeit ... Sehen Sie, ich werde Ihnen, da ich so viel von Ihnen erwarte, nichts verheimlichen: ich habe schon lange selber diese Idee, Feuer anzulegen, in mir herumgetragen. Das ist so populär, so volklich ... aber ich habe sie immer für die kritische Zeit aufbewahrt, für den großen Augenblick, wenn wir uns alle erheben und ... Und da haben sie das jetzt plötzlich eigenmächtig und ohne Befehl getan, und das noch in einem Augenblick, wo man den Atem anhalten und alles verheimlichen müßte! Nein, das ist eine solche Eigenmächtigkeit! ... Ich weiß ja noch nichts darüber: man spricht von zweien aus der Spigulinschen Fabrik ... wenn aber von den unseren jemand dabei war, wenn auch nur einer seine Hand dabei im Spiele hat -- gnade ihm Gott! Sehen Sie, was das heißt, sie ein bißchen vernachlässigen! Oh, dieses demokratische Pack mit seinen >Fünfern< ist, das sehe ich, eine schlechte Stütze! Ein einziger großartiger, götzenhafter, despotischer Wille tut not, einer, der sich nicht auf etwas Zufälliges und außerhalb Stehendes stützt ... Dann werden auch die >Fünfer< gehorsam und vielleicht noch von Nutzen sein. Doch jedenfalls, wenn sie jetzt auch alle schreien und in die Trompete blasen, daß Stawrogin sich von seiner Frau befreien wollte, und daß darum die Stadt brennen mußte, so --«

»Also man schreit das schon?«

»Das heißt, nein, noch gar nicht, und ich muß gestehen, ich habe davon bis jetzt noch nichts gehört, aber was ist mit dem Volk denn anzufangen, besonders mit den Abgebrannten? Vox populi, vox Dei! Braucht es denn viel Zeit, um selbst das dümmste Gerücht zu verbreiten? Sie, wie gesagt, haben sich vor nichts zu fürchten. Juridisch ist alles einwandfrei, vor Ihrem Gewissen gleichfalls, denn Sie wollten das doch nicht? Sie wollten das doch nicht? Beweise gibt es keine, alles war nur Zufall ... Es sei denn, daß Fedjka sich Ihrer damaligen unvorsichtigen Worte bei Kirilloff erinnert (wozu haben Sie sie damals auch ausgesprochen?), aber das beweist doch nichts. Und Fedjka machen wir schnell mundtot. Ich werde ihm noch heute ...«

»Und die Leichen sind gar nicht verbrannt?«

»Nein: diese Kanaille hat nichts wie es sich gehört zu machen verstanden. Aber ich freue mich vor allen Dingen, daß Sie so ruhig sind ... denn wenn Sie daran auch gar keine Schuld tragen, nicht mal in Gedanken, so ist es doch -- na, immerhin. Jedenfalls werden Sie mir aber zugeben, daß das alles sehr schön Ihre Angelegenheiten in Ordnung bringt: Sie sind plötzlich ein freier Witwer und können noch in dieser Stunde das schönste Mädchen mit einem riesigen Vermögen heiraten, -- ein Mädchen, das noch dazu schon in Ihren Händen ist. Sehen Sie, was ein einfacher, grober Zufall alles tun kann, nicht wahr?«

»Sie wollen mich einschüchtern, Sie Dummkopf?«

»Nun, schon gut, schon gut, warum gleich Dummkopf, und was ist das für ein Ton? Wer sollte sich mehr freuen, als Sie? Ich bin hergelaufen, um Sie zu benachrichtigen ... Womit sollte ich Sie denn einschüchtern? Als ob ich Ihnen zu drohen nötig hätte! Ich brauche Ihren freien Willen, aber nicht einen erzwungenen! Sie sind das Licht und die Sonne. Ich fürchte Sie, aber nicht Sie mich! Ich bin doch nicht Mawrikij Nicolajewitsch ... Stellen Sie sich vor, ich sause hierher in einer Droschke -- und wen sehe ich? -- Mawrikij Nicolajewitsch! An Ihrem Gartenzaun, ganz am Ende des Gartens, -- im Mantel, völlig durchnäßt, er muß wohl die ganze Nacht dort gewartet haben! Wunderbar! Wie weit die Menschen doch den Verstand verlieren können!«

»Mawrikij Nicolajewitsch! Ist das wahr?«

»Es ist wahr, es ist wahr. Steht am Gartenzaun. Von hier -- na, dreihundert Schritte von hier, wenn ich mich nicht irre. Ich beeilte mich, an ihm vorüber zu kommen, aber er hat mich doch gesehen. Sie wußten es nicht? In dem Fall bin ich sehr froh, daß ich nicht vergessen habe, es Ihnen mitzuteilen. Sehen Sie, solch einer ist am gefährlichsten! wenn der einen Revolver bei sich hat! und zuletzt, die Nacht, die Nässe, die Erregung, und dann -- wie ist denn seine Lage jetzt, ha, ha! Was meinen Sie, warum sitzt er da?«

»Er wartet natürlich auf Lisaweta Nicolajewna.«

»So--o! Ja warum sollte sie denn zu ihm hinausgehen? Und ... in diesem Regen ... so ein Esel!« ...

»Sie wird sogleich zu ihm hinausgehen.«

»Aha! Das ist mir mal eine Neuigkeit! Also ... Aber hören Sie, jetzt hat sich doch Ihre Situation völlig geändert: wozu braucht sie jetzt den Mawrikij? Sie sind doch jetzt ein freier Witwer und können sie doch morgen heiraten? Weiß sie noch nichts? Dann überlassen Sie es mir, ich werde gleich alles in Ordnung bringen. Wo ist sie, man muß ihr doch auch eine Freude machen!«

»Eine Freude?«

»Sie fragen noch! Gehen wir.«

»Und Sie glauben, daß sie vor diesen Leichen nichts errät?« fragte Stawrogin, indem er ihn mit halb zugekniffenen Augen ansah.

»Natürlich nicht,« antwortete Pjotr Stepanowitsch, den Dummen spielend, »denn juridisch ... Ach, Sie! Und wenn sie es auch errät! Von den Frauen wird das alles so schnell abgetan! Sie kennen die Frauen noch nicht! Außerdem muß sie Sie doch ganz einfach heiraten, denn sie hat sich doch nun mal kompromittiert, ganz abgesehen davon, daß ich ihr von der >Barke< schon erzählt habe: und habe gesehen, daß man gerade damit Eindruck auf sie macht -- da sieht man gleich, von welchem Kaliber das Mädchen ist. Beruhigen Sie sich, sie wird über diese Leichen so hinwegtreten, wie nichts! Außerdem sind Sie ja doch tatsächlich ganz unschuldig, vollständig unschuldig, nicht wahr? Sie wird die Erinnerung an diese Leichen nur aufbewahren, um Sie vom zweiten Jahre Ihrer Ehe an damit zu peinigen. Jedes Weib, das zum Altar geht, rächt sich so an ihrem Mann, aber was dann sein wird ... was wieder übers Jahr sein wird? Ha, ha, ha!«

»Sie sind mit einer Droschke gekommen? Die Droschke wartet noch? Dann fahren Sie in dieser Droschke mit Lisa zu Mawrikij Nicolajewitsch. Sie hat mir soeben gesagt, daß sie mich nicht lieben kann, daß sie von mir geht, da wird sie selbstverständlich keine Equipage von mir annehmen.«

»Aber was soll denn das bedeuten? Ist das wirklich ihr Ernst? Was hat denn das veranlassen können?« Pjotr Stepanowitsch sah ihn mit einem recht dummen Gesicht an.

»Sie hat es irgendwie erraten, in dieser Nacht, daß ich sie gar nicht liebe ... was sie natürlich schon immer gewußt hat.«

»Ja, aber wie -- lieben Sie sie denn nicht?« fragte Pjotr Stepanowitsch mit der Miene grenzenlosen Erstaunens. »Aber wenn das so ist, warum haben Sie ihr das dann nicht gestern gleich gesagt, daß Sie sie nicht lieben? Das ist doch eine schreckliche Gemeinheit von Ihnen, und wie stehe ich denn jetzt vor ihr da?«

Stawrogin begann plötzlich zu lachen.

»Ich lache über meinen Affen,« erklärte er sofort.

»Ah! Sie haben's durchschaut, daß ich den Bajazzo spiele!« Pjotr Stepanowitsch lachte sogleich furchtbar lustig mit. »Ich hab's ja nur getan, um Sie zu amüsieren! Stellen Sie sich vor, ich hab's doch im Augenblick, wie Sie aus der Tür traten, Ihrem Gesicht angesehen, daß es bei Ihnen >Unglück< gegeben hat. Vielleicht sogar einen vollständigen Mißerfolg, wie? Nun, ich möchte schwören,« rief er, sich vor Entzücken fast verschluckend, »daß Sie die ganze Nacht im Saal nebeneinander wie Puppen auf den Stühlen gesessen, über hohe Sachen sich gestritten und so die ganze kostbare Zeit verbracht haben ... Doch, verzeihen Sie, verzeihen Sie, was geht das mich an! Ich wußte ja schon gestern, daß es bei Ihnen mit einer Dummheit enden werde. Ich habe sie Ihnen ja auch überhaupt nur gebracht, um Ihnen ein Vergnügen zu verschaffen, und um Ihnen zu beweisen, daß Sie es mit mir nicht langweilig haben werden! Dreihundertmal kann ich Ihnen noch mit so was dienen! Ich liebe es überhaupt, den Menschen gefällig zu sein. Und wenn Sie sie jetzt also nicht mehr brauchen, worauf ich ja rechnete, dann -- nun ja, dann bin ich eben hierhergefahren, um ...«

»So haben Sie sie mir also nur zu meinem Vergnügen gebracht?«

»Wozu denn sonst?«

»Und nicht deshalb, um mich zu zwingen, meine Frau zu ermorden?«

»So--o, ja haben Sie sie denn ermordet? Was für ein tragischer Mensch Sie sind!«

»Gleichviel, Sie haben sie ermordet.«

»Wieso denn ich? Aber ich sage Ihnen doch, ich bin da auch nicht mit einem Tropfen beteiligt. Indessen, Sie fangen an mich zu beunruhigen ...«

»Fahren Sie fort, Sie sagten: >Wenn Sie sie also jetzt nicht mehr brauchen, so ...<«

»So überlassen Sie sie mir, selbstverständlich! Ich werde sie glänzend mit Mawrikij Nicolajewitsch verheiraten, den nicht ich unten am Gartenzaun aufgestellt habe -- setzen Sie sich nicht auch das noch in den Kopf! Ich fürchte ihn jetzt sogar. Wahrhaftig, wenn er vorhin einen Revolver gehabt hätte! ... Gut, daß auch ich einen habe! Da ist er --« (er zog einen Revolver aus der Tasche, zeigte ihn, steckte ihn aber schnell wieder ein), »ich habe ihn wegen des weiten Weges zu mir gesteckt ... Übrigens, ich werde das alles im Augenblick beilegen: es wird ihr gerade jetzt wegen Mawrikij am Herzchen nagen ... es muß ja so sein ... und wissen Sie, bei Gott, sie tut mir sogar ein wenig leid! Bringe ich sie wieder mit Mawrikij zusammen, so wird sie von Stund an nur an Sie denken, Sie verhimmeln und ihn schelten, -- ein Weiberherz! Nun, Sie lachen schon wieder? Es freut mich riesig, daß Sie so heiter geworden sind. Nun, wie -- gehen wir? Ich fange sogleich von Mawrikij an, von denen aber ... den Toten ... wissen Sie, sollte man nicht jetzt lieber darüber schweigen? Sie wird es ja später doch erfahren.«

Plötzlich stand Lisa in der Tür.

»Was werde ich erfahren? Wer ist tot? Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch?«

»Ah! Sie haben uns belauscht?«

»Was sagten Sie von Mawrikij Nicolajewitsch? Ist er tot?«

»Ah! so haben Sie doch nichts gehört! Beruhigen Sie sich, Mawrikij Nicolajewitsch lebt und ist gesund, wovon Sie sich schon im Augenblick werden überzeugen können, denn er steht hier unten, am Wege, am Gartenzaun ... und steht dort, glaube ich, die ganze Nacht, durchnäßt, im Mantel ... Ich fuhr an ihm vorüber, er hat mich gesehn.«

»Das ist nicht wahr. Sie sagten ... Wer ist getötet?«

»Ermordet ist nur meine Frau, ihr Bruder Lebädkin und die Aufwärterin,« sagte Stawrogin mit fester Stimme.

Lisa zuckte zusammen und erbleichte unheimlich.

»Ein ganz sonderbarer Zufall, Lisaweta Nicolajewna, der dümmste Fall von einem Raubmord,« trommelte sofort wieder Pjotr Stepanowitsch los -- »ein Räuber, der den Brand benutzen wollte: der Dummkopf Lebädkin hatte allzu offen sein Geld gezeigt ... das benutzte dann Fedjka, ein entsprungener Zuchthäusler -- Sie werden von ihm gehört haben ... Ich bin sofort hierher geeilt ... ich war wie von einem Stein getroffen, wie Sie sich denken können, und Stawrogin war denn auch so erschüttert, als ich ihm das Geschehene mitteilte. Wir berieten uns gerade: ob man es Ihnen jetzt gleich sagen sollte oder noch nicht?«

»Nicolai Wszewolodowitsch, sagt er die Wahrheit?« brachte Lisa kaum hörbar hervor.

»Nein, er sagt die Unwahrheit.«

»Wie, die Unwahrheit?« fuhr Pjotr Stepanowitsch erschrocken auf. »Was soll denn das wieder heißen?«

»Mein Gott, ich verliere den Verstand!« schrie Lisa auf.

»Bedenken Sie doch, daß der Mensch ja wahnsinnig ist!« suchte Pjotr Stepanowitsch alles zu überschreien, »denn immerhin, es ist doch nun mal seine Frau, die man erschlagen hat! Sehen Sie doch, wie bleich er ist ... Er war doch die ganze Nacht mit Ihnen zusammen, hat Sie nicht auf eine Minute verlassen, da kann er es doch nicht getan haben, wer wird denn ihn verdächtigen?!«

»Nicolai Wszewolodowitsch, sagen Sie mir wie vor Gott, ob Sie schuld sind oder nicht, und ich schwöre Ihnen, ich werde Ihrem Wort glauben, wie dem Worte Gottes, und bis ans Ende der Welt werde ich Ihnen folgen, oh, ich folge! Ich folge wie ein Hündchen ...«

»Was quälen Sie sie, warum, wozu, Sie phantastischer Kopf!« rief Pjotr Stepanowitsch wütend. »Lisaweta Nicolajewna, hören Sie mich an, Wort für Wort: er ist unschuldig, im Gegenteil, er ist wie vernichtet, er ist krank und phantasiert, Sie sehen es doch! In nichts, in nichts ist er schuldig! Das haben Raubmörder getan, denen man vielleicht schon morgen auf der Spur sein wird! Das hat Fedjka, der Zuchthäusler, getan, und noch einige aus der Spigulinschen Fabrik, die ganze Stadt spricht schon davon, deshalb bin ich ...«

»Ist es so? Ist es so?« Am ganzen Körper zitternd erwartete Lisa ihren Urteilsspruch.

»Ich habe nicht gemordet und ich war dagegen, aber ich wußte, daß man sie umbringen werde und habe nichts getan, um den Mord zu verhindern. Gehen Sie von mir, Lisa,« murmelte Stawrogin und ging in den Saal.

Lisa bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging hinaus aus dem Hause. Pjotr Stepanowitsch wollte ihr schon nachstürzen, kehrte aber sofort um und ging in den Saal zu Stawrogin.

»Also so sind Sie? So sind Sie? Also nichts fürchten Sie?« stieß er, wie irrsinnig vor Wut, unzusammenhängend, mit Schaum vor dem Munde, hervor.

Stawrogin stand in der Mitte des Saales und erwiderte kein Wort. Er griff mit der linken Hand in sein Haar und lächelte blicklos. Pjotr Stepanowitsch riß ihn heftig am Ärmel.

»Jetzt sind Sie verloren! Was? Also darauf haben Sie es angelegt? Alle geben Sie preis! Und selbst gehen Sie ins Kloster oder zum Teufel! Aber ich werde Ihnen ja doch den Garaus machen, auch wenn Sie mich nicht fürchten sollten!«

»Ach, Sie sind es, der hier plappert?« Stawrogin bemerkte ihn jetzt erst. Und plötzlich, wie erwachend, rief er: »Laufen Sie, laufen Sie ihr nach, befehlen Sie einen Wagen, verlassen Sie sie nicht ... Laufen Sie, laufen Sie doch! Bringen Sie sie nach Haus, damit es niemand weiß, und sie nicht dorthin geht ... zu den Leichen ... den Leichen ... Setzen Sie sie mit Gewalt in die Equipage ... Alexei Jegorytsch! Alexei Jegorytsch!«

»Still, schreien Sie nicht! Sie ist jetzt schon in Mawrikijs Armen ... Mawrikij wird sich nicht in Ihre Equipage setzen. Bleiben Sie! Das hier ist wichtiger, als die Equipage!«

Er riß wieder den Revolver hervor. Stawrogin sah ihn ernst an.

»Nun was, erschießen Sie mich,« sagte er leise, beinahe versöhnlich.

»Pfui Teufel, welch eine Lüge der Mensch auf sich laden kann!« Pjotr Stepanowitsch erzitterte förmlich. »Bei Gott, ja, man sollte Sie totschlagen! Wahrlich, sie mußte ja einfach auf Sie spucken! ... Was können Sie denn noch für eine tragende Barke sein, Sie alter, morscher, hölzerner Kahn, der nur noch zum Abbruch taugt! ... Nun, wenn Sie sich doch wenigstens aus Bosheit, aus Bosheit jetzt aufrafften! Ach! So ist Ihnen wohl schon alles gleich, wenn Sie bereits selber um eine Kugel in Ihre Stirn bitten?«

Stawrogin lächelte sonderbar.

»Wenn Sie nicht solch ein Narr wären, so würde ich jetzt vielleicht >ja< sagen ... Wenn Sie nur ein bißchen klüger wären ...«

»Gut, mag ich ein Narr sein, aber ich will nicht, daß Sie, meine wichtigere Hälfte, auch ein Narr sind! Verstehen Sie mich?«

Stawrogin verstand ihn, vielleicht konnte nur er allein ihn verstehen. War doch Schatoff erstaunt gewesen, als Stawrogin ihm gesagt hatte, daß in Pjotr Stepanowitsch Enthusiasmus sei.

»Gehen Sie jetzt zum Teufel, morgen werde ich vielleicht irgend was aus mir herausbringen. Kommen Sie morgen wieder.«

»Ja? Ja?«

»Was kann ich wissen! ... Gehen Sie zum Teufel, zum Teufel!«

Und er verließ den Saal.

»Wer weiß, vielleicht ist es auch besser so,« murmelte Pjotr Stepanowitsch und steckte den Revolver wieder ein.

III.

Er eilte hinaus, um Lisaweta Nicolajewna einzuholen. Sie war noch nicht weit gekommen: -- ein paar Schritte vom Hause entfernt, erreichte er sie. Alexei Jegorytsch, der ihr im Frack und ohne Hut, in einem Abstande von einem Schritt, in ehrerbietiger Haltung folgte, suchte sie zurückzuhalten: er sprach auf sie ein und suchte ihr vergeblich klar zu machen, daß sie doch auf die Equipage warten müsse; der Alte war dabei dem Weinen nahe.

»Mach dich fort, der Herr wünscht Tee,« damit schob Pjotr Stepanowitsch den Alten beiseite und legte Lisaweta Nicolajewnas Hand auf seinen Arm.

Sie zog die Hand nicht fort: offenbar war sie noch gar nicht bei voller Besinnung.

»Erstens müssen Sie nicht dahin, nicht am Park vorüber,« begann Pjotr Stepanowitsch, »sondern hierher. Zweitens können Sie unmöglich zu Fuß gehen, denn bis zu Ihnen sind es gute drei Werst, und Sie sind nur in einem leichten Kleide. Wenn Sie nur ein wenig warten wollten. Ich bin in einer Droschke gekommen und die wartet noch auf mich. Ich werde Sie sofort hineinsetzen und dann so zurückbringen, daß niemand Sie sieht.«

»Wie gut Sie sind ...« sagte Lisa freundlich.

»Aber ich bitte Sie, in einem solchen Fall würde doch jeder humane Mensch an meiner Stelle ebenso ... --«

Lisa sah ihn an und war verwundert.

»Ach, mein Gott, und ich dachte, daß immer noch der Alte ...«

»Hören Sie mal, es freut mich sehr, daß Sie es so ruhig auffassen, denn alles das ist doch ein fürchterliches Vorurteil. Wäre es also nicht das Vernünftigste, ich befehle dem Alten, sofort die Equipage anspannen zu lassen? Das dauert höchstens zehn Minuten, und wir gehen so lange auf die Treppe zurück und warten, wie?«

»Ich möchte zuerst ... wo sind die Ermordeten?«

»Natürlich! Das befürchtete ich ja! Nein, die lassen wir hübsch beiseite. Und das ist auch nichts für Sie!«

»Ich weiß, wo sie sind, ich kenne das Haus.«

»Nun, was, was wissen Sie? Ich bitte Sie, jetzt im Regen, im Nebel (da habe ich mir eine schöne Verpflichtung aufgeladen!) ... Hören Sie, Lisaweta Nicolajewna, entweder oder: Sie können mit mir auf die Droschke warten und gehen jetzt keinen Schritt weiter, oder aber, wenn Sie noch zwanzig Schritte weiter gehen, so erblickt uns Mawrikij Nicolajewitsch.«

»Mawrikij Nicolajewitsch! Wo? Wo?«

»Nun, wenn Sie zu ihm gehen wollen, so kann ich Sie meinethalben noch ein Stückchen begleiten und Ihnen zeigen, wo er steht. Ich selbst aber mache dann meinen ergebensten Diener: ich möchte jetzt nicht mit ihm sprechen.«

»Er wartet auf mich, mein Gott!« Sie blieb plötzlich stehen und wurde über und über rot. --

»Nun, was soll das! Wenn er ein Mensch ohne Vorurteile ist! Wissen Sie, Lisaweta Nicolajewna, das ist ja alles nicht mehr meine Sache, -- ich bin ja ganz unbeteiligt dabei, das wissen Sie selbst. Aber ich will doch Ihr Bestes ... Wenn es mit unserer >Barke< nun einmal nichts ist, wenn es sich herausgestellt hat, daß sie nur ein alter, verfaulter Kahn war, der nur noch zum Abbruch taugt ...«

»Ach, wunderbar!« Lisa lachte hysterisch auf.

»Ja, wunderbar, aber dabei fließen Ihnen die Tränen über die Wangen. Da ist mehr Festigkeit nötig. Die Frau soll den Männern nicht nachstehen. In unserer Zeit, wenn die Frau ... pfui, zum Teufel!« (Pjotr Stepanowitsch hätte beinahe ausgespuckt.) »Und die Hauptsache, nichts bedauern: vielleicht wird sich alles noch zum besten kehren. Mawrikij Nicolajewitsch ist ein Mensch ... mit einem Wort, ein gefühlvoller Mensch, wenn auch nicht gesprächig, was übrigens nichts auf sich hat, vorausgesetzt, daß er nur ein vorurteilsfreier Mensch ist ...«

»Wunderbar, wunderbar,« lachte Lisa immer noch.

»Ach nun, zum Teufel ... Lisaweta Nicolajewna,« sagte Pjotr Stepanowitsch plötzlich pikiert, »ich rede doch nur in Ihrem Interesse ... denn was geht das schließlich mich an? Ich war Ihnen gestern zu Diensten, habe getan, was Sie selbst wollten, und heute ... Nun sehen Sie, von hier sieht man schon Mawrikij Nicolajewitsch! Dort steht er und sieht uns nicht. Haben Sie >Polinka Sachs< gelesen, Lisaweta Nicolajewna?« -- »Was ist das?«

»Das ist eine Erzählung. Ich habe Sie als Student mal gelesen ... Da läßt ein Mann seine Frau auf der Villa wegen Untreue verhaften ...[53] Ah, nun, zum Teufel damit! Sie werden sehen, daß Mawrikij Nicolajewitsch Ihnen, noch bevor Sie zu Hause ankommen, einen Heiratsantrag macht. Er sieht uns noch immer nicht.«

»Ach, möge er uns auch nicht sehen!« rief Lisa plötzlich in großer Angst. -- »Gehen wir fort, fort! In den Wald, aufs Feld!« Und sie lief zurück.

»Aber Lisaweta Nicolajewna, das ist doch so kleinmütig!« rief Pjotr Stepanowitsch hinter ihr drein. »Und warum wollen Sie denn nicht, daß er Sie sieht? Im Gegenteil, blicken Sie ihm offen und stolz in die Augen ... Wenn Sie etwa deswegen ... ich meine, wegen der ... Jungfernschaft ... so ist das doch das größte Vorurteil von allen, ist doch eine solche Rückständigkeit ... Aber wohin gehen Sie denn, wohin? Teufel, da läuft sie nun ... Kehren wir doch lieber zu Stawrogin zurück! Nehmen wir meine Droschke! ... Wohin laufen Sie? Dort ist das Feld, und ... So! -- da ist sie nun gefallen!«

Er blieb stehen. Lisa war wie ein Vogel davongeflogen, ohne zu wissen, wohin. Pjotr Stepanowitsch war schon auf fünfzig Schritt zurückgeblieben. Da stolperte sie über einen kleinen Erdhügel und fiel.

Im selben Augenblick hörte man einen kurzen Schrei: das war Mawrikij Nicolajewitsch, der sie jetzt plötzlich erblickt und fallen gesehen hatte, und im Augenblick schon quer über das Feld zu ihr lief.

Pjotr Stepanowitsch stand im Nu hinter dem Parktor und zog sich dann schleunigst zurück, um sich ohne Zeitverlust in seine Droschke zu setzen.

Mawrikij Nicolajewitsch aber stand schon, angstvoll erschrocken, neben Lisa, half ihr aufstehen und hielt, über sie gebeugt, ihre Hand in seinen Händen. Das Unglaubliche, Unmögliche, das in dieser Begegnung lag, erschütterte ihn so, daß ihm Tränen über das Gesicht rannen. Er hatte sie erblickt, wie sie, die er so andächtig verehrte, wie wahnsinnig über das Feld lief, und das zu dieser Stunde, bei solchem Wetter, im Kleide, im zarten Kleide von gestern, das jetzt zerdrückt und vom Fall beschmutzt an ihr herabhing ... Er konnte kein Wort hervorbringen, nahm hastig seinen Mantel ab und bedeckte mit zitternden Händen ihre Schultern. Plötzlich schrie er auf: er hatte gefühlt, wie sie mit ihren Lippen seine Hand berührte.

»Lisa!« rief er aus, »ich verstehe nichts, aber stoßen Sie mich nicht von sich!«

»Oh, ja, gehen wir schnell von hier weg, verlassen Sie mich nicht!« und sie zog ihn an der Hand mit sich fort.

»Mawrikij Nicolajewitsch,« erschreckt senkte sie die Stimme, »dort tat ich die ganze Zeit sehr tapfer, aber hier fürchte ich den Tod. Ich werde sterben, ich werde bald sterben, aber ich fürchte mich zu sterben,« flüsterte sie, und preßte krampfhaft seine Hand.

»Oh, wenn doch irgend jemand! ...« er blickte sich in Verzweiflung um. »Wenn doch ein Vorüberfahrender! Ihre Füße werden naß, Sie ... werden den Verstand verlieren!«

»Tut nichts, tut nichts,« beruhigte sie ihn, »mit Ihnen zusammen fürchte ich mich weniger, halten Sie mich an der Hand, führen Sie mich ... Wohin gehen wir jetzt? Nach Hause? Nein, ich will zuerst die Leichen sehn! Die Menschen sagen, daß man seine Frau ermordet hat, er aber sagt, er habe sie selbst ermordet; aber das ist doch nicht wahr, das ist doch nicht wahr? Ich möchte selbst die Ermordeten sehen ... die für mich ... ihretwegen hat er diese Nacht aufgehört, mich zu lieben ... Ich werde sie sehen und alles erfahren. Schnell, schnell, ich kenne dieses Haus ... es hat dort gebrannt ... Mawrikij Nicolajewitsch, mein Freund, verzeihen Sie mir Ehrlosen nicht! Warum mir verzeihen? -- Warum weinen Sie? Geben Sie mir eine Ohrfeige und schlagen Sie mich tot hier auf dem Felde, wie einen Hund!«

»Niemand ist jetzt Ihr Richter,« sagte Mawrikij Nicolajewitsch fest, »möge Gott Ihnen verzeihen, am wenigsten von allen aber bin ich Ihr Richter!«

Doch sonderbar wäre es, wollte man ihr Gespräch wiedergeben. Dabei gingen sie weiter, Hand in Hand, schnell und eilig, wie Halbwahnsinnige -- gerade in der Richtung zur Brandstätte.

Mawrikij Nicolajewitsch hatte noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, irgendwo einen Wagen anzutreffen, aber ringsum blieb alles still und leer. Ein feiner, dünner Nebelregen verschleierte die ganze Landschaft. Jedes Licht und jede Farbe sog er auf und verwandelte Nähe und Ferne, Himmel und Erde unterschiedslos in eine einzige rauchige, bleierne Masse. Es war schon längst Tag und doch schien es noch nicht hell geworden zu sein. Und plötzlich tauchte aus diesem rauchigen, kalten Nebel eine Gestalt auf und kam den beiden entgegen, eine eigentümliche, seltsame Figur.

Ich glaube, ich hätte meinen Augen nicht getraut, wenn ich an Lisaweta Nicolajewnas Stelle gewesen wäre; sie aber, im Gegenteil, sie schrie freudig auf und erkannte den Menschen sofort: Es war Stepan Trophimowitsch.

Auf welche Weise er aus dem Hause gekommen war, wie er den Gedanken der Flucht, diese erklügelte Idee, verwirklicht hatte -- davon später.

Er wird wohl schon an diesem Morgen Fieber gehabt haben, aber selbst die Krankheit, von der er übrigens selber vielleicht nichts gemerkt hat, vermochte ihn nicht zurückzuhalten. Tapfer stapfte er auf dem vom Regen aufgeweichten Wege darauf los. Offenbar hatte er bei seinem Unternehmen möglichst allein sein wollen, trotz seiner ganzen Lebensunerfahrenheit.

Angezogen war er reisemäßig, das heißt, er hatte einen Mantel an, der von einem breiten lackledernen Gurt zusammengehalten wurde. Die Beinkleider staken in hohen, glänzenden Stiefelschäften, in denen er noch nicht recht zu gehen verstand. Augenscheinlich war alles neu und erst in diesen Tagen angeschafft. Ein Hut mit breitem Rand, ein wollener, fest um den Hals geschlungener Schal, ein Stock in der rechten Hand und in der Linken ein kleiner, aber sehr fest vollgestopfter Reisesack, vollendeten sein Kostüm. In derselben rechten Hand hielt er dann noch einen aufgespannten Regenschirm. Diese drei Gegenstände zu schleppen, den Regenschirm, den Stock und den Handkoffer, war ihm schon in der ersten Stunde recht unbequem, in der zweiten aber bereits furchtbar schwer.

»Sind Sie das wirklich?« rief Lisa, und betrachtete ihn mit einem traurigen Erstaunen, nachdem der erste Ausbruch ihrer unbewußten Freude vorüber war.

»Lise!« fuhr Stepan Trophimowitsch auf. »Chère, chère, sind Sie es wirklich ... in diesem Nebel? Sehen Sie, das Morgenrot! Vous êtes malheureuse, n'est-ce pas?{[191]} Ich sehe, ich sehe schon, erzählen Sie nichts und fragen Sie auch mich nicht. Nous sommes tous malheureux, mais il faut les pardonner tous. Pardonnons, Lise,{[192]} und wir werden frei sein auf ewig. Um sich von der Welt zu lösen und vollständig frei zu werden -- il faut pardonner, pardonner et pardonner!«{[193]}

»Aber warum knien Sie denn vor mir nieder?«

»Weil ich, indem ich von der Welt Abschied nehme, in Ihrem Bilde von meinem ganzen vergangenen Leben Abschied nehmen will!« Er weinte und führte ihre beiden Hände an seine verweinten Augen. »Ich knie jetzt vor allem, was in meinem Leben schön war, ich küsse es und danke ihm! Jetzt habe ich mich in zwei Hälften geteilt: dort der Wahnsinnige, der vom Himmel träumte, vingt-deux ans!{[194]} hier der niedergebeugte und verfrorene alte Erzieher ... chez ce marchand, s'il existe pourtant ce marchand{[195]} ... Aber wie Sie durchnäßt sind, Lise!« rief er plötzlich, wieder aufstehend, denn er fühlte, daß auch seine Knie auf der feuchten Erde naß geworden waren. »Und wie ist das möglich, Sie in diesem Kleide? ... und zu Fuß, und auf freiem Felde ... Sie weinen? Vous êtes malheureuse? Ja richtig, ich habe doch etwas gehört ... Aber woher kommen Sie denn?« verdoppelte er seine Fragen, mit tiefer Verwunderung Mawrikij Nicolajewitsch ansehend, »mais savez-vous l'heure qu'il est?«{[196]}

»Stepan Trophimowitsch, haben Sie dort etwas von Ermordeten gehört ... Ist es wahr? Ist es wahr?«

»Diese Menschen! Ich sah den Feuerschein ihrer Taten die ganze Nacht am Himmel. Sie konnten ja gar nicht anders enden!« (Seine Augen flammten wieder auf.) »Ich laufe aus dem Dunst eines Fiebertraumes, laufe und suche Rußland, -- existe-t-elle la Russie? Bah, c'est vous, cher capitaine!{[197]} Niemals habe ich daran gezweifelt, daß ich Sie bei einem großen Ereignis treffen würde. ... Nehmen Sie aber wenigstens meinen Schirm! Und -- warum denn gerade zu Fuß? Um Gottes willen, nehmen Sie doch wenigstens meinen Schirm, denn ich werde sowieso irgendwo ein Fuhrwerk mieten. Sehen Sie, ich bin darum zu Fuß, weil Stasie« (das heißt: Nastassja) »es sonst durch die ganze Stadt geschrien hätte, daß ich fortfahre! So bin ich möglichst inkognito entschlüpft. Ich weiß nicht, in der Zeitung schreibt man jetzt von Mord und Totschlag auf den Landstraßen -- aber es kann doch nicht sein, denke ich, daß mich Räuber überfallen? Chère Lise, sagten Sie nicht, man hätte jemand ermordet? Oh, mon Dieu,{[198]} wie sehen Sie aus?«

»Gehen wir, gehen wir!« rief Lisa wieder hysterisch weinend, und zog Mawrikij Nicolajewitsch mit sich fort. »Warten Sie, Stepan Trophimowitsch,« sie kehrte plötzlich zu ihm zurück, »warten Sie, lieber Armer, ich werde Sie segnen. Vielleicht wäre es besser, Sie zu binden, aber ich segne Sie lieber. Beten auch Sie für die >arme< Lisa -- so, ein wenig, ohne sich zu sehr anzustrengen, ja? Mawrikij Nicolajewitsch, geben Sie diesem Kinde seinen Schirm wieder, geben Sie unbedingt, unbedingt! So ... Gehen wir, gehen wir!«

Sie langten vor dem verhängnisvollen Hause gerade in dem Augenblicke an, als die Volksmenge, die sich dort angesammelt hatte, davon sprach, wie vorteilhaft es für Stawrogin doch sei, daß man »seine Frau« ermordet hatte. Einige waren sehr erregt. Andere hörten schweigend zu. Am lebhaftesten ging es wie gewöhnlich unter den Angetrunkenen her: Schreihälse, Leute aller Art standen in Gruppen zusammen und erörterten heftig gestikulierend das Geschehene. Besonders fiel mir wieder jener Kleinbürger auf, der Schmied, den man sonst als stillen Menschen kannte, der aber, wenn ihn etwas seelisch aus dem Gleichgewicht brachte, dann plötzlich aus Rand und Band geraten konnte.

Ich habe davon, was jetzt geschah, nicht alles gesehen: zu oft schob sich die Menge vor.

Zuerst erblickte ich Lisa, plötzlich mitten im dichtesten Haufen, und ich erstarrte vor Schreck. Mawrikij Nicolajewitsch sah ich dagegen nicht, wahrscheinlich war er im Gedränge von ihr abgekommen, vielleicht nur auf ein paar Schritte. Natürlich mußte Lisa, die sich wie eine Irrsinnige durch die Menge drängte, allen auffallen, alle erregen.

»Da ist die Stawroginsche!« rief mit einemmal jemand.

»Sie morden nicht nur, sie wollen sich die Bescherung auch noch ansehen!« rief ein anderer.

In diesem Augenblick sah ich, wie über ihrem Haupte eine Hand sich erhob und auf sie niederschlug.

Lisa stürzte zu Boden.

Hinter ihr ertönte ein wilder Schrei und Mawrikij Nicolajewitsch suchte sich mit aller Kraft zu ihr Bahn zu brechen und riß und stieß den Menschen, der ihm im Wege stand. Da wurde auch er schon von eben jenem Kleinbürger gepackt und zu Boden geworfen. Für einen Augenblick verschwamm alles im Gewühl. Einmal sah ich auch Lisa wieder: sie hatte sich erhoben, aber da traf sie schon ein zweiter, noch furchtbarerer Schlag. Ich konnte nichts mehr sehen. Da drängte aber die Menge schon zurück, es bildete sich ein leerer Kreis um die wie tot Daliegende: über sie gebeugt sah ich Mawrikij Nicolajewitsch, blutüberströmt, wimmernd vor Schmerz und verzweifelnd die Hände ringend. Ich weiß nicht mehr, was weiter geschah. Aber ich erinnere mich noch, wie ich plötzlich sah, daß man Lisa davontrug: man sagte, sie lebte noch.

Der Schmied und noch drei andere wurden verhaftet. Vor Gericht erklärten sie später, daß sie selbst nicht wüßten, wie es eigentlich geschehen war. Auch ich war als Zeuge geladen und auch ich konnte nichts anderes aussagen, als daß es sich meiner Meinung nach um eine jähe, blinde und gleichsam zufällige Tat der Menge gehandelt hatte, um eine fast unbeabsichtigte, ja fast sogar unbewußte Tat, bei der es Schuldige eigentlich nicht gab. Das ist auch jetzt noch meine Meinung.

Neunzehntes Kapitel. Der letzte Beschluß

I.

An diesem Morgen ist Pjotr Stepanowitsch von sehr vielen gesehen worden, und sie alle sagen jetzt aus, er habe sich in einem ungewöhnlich angeregten Zustande befunden.

Um zwei Uhr nachmittags sprach er bei Gaganoff vor, der erst vor einem Tage von seinem Gut in die Stadt gekommen war und bei dem sich nun ein ganzer Schwarm von Gästen eingefunden hatte, die alle viel und eifrig über die Ereignisse sprachen. Dort hatte Pjotr Stepanowitsch dann noch weit mehr als die anderen gesprochen und schließlich auch erreicht, was er wollte. Vor allem sprach er über Julija Michailowna, ein Thema, das nach dem Vorgefallenen natürlich ungemein interessierte. Er erzählte von ihr, als ihr Vertrauter, der er kürzlich noch gewesen war, viele unerwartete Einzelheiten, und aus Versehen, selbstredend nur aus Versehen, teilte er einige ihrer Bemerkungen über einzelne allen bekannte Persönlichkeiten mit, womit er sofort die Eigenliebe mehrerer Anwesenden empfindlich traf. Es kam bei ihm heute alles so unklar und wirr heraus, ganz so wie bei einem nicht sehr schlauen Menschen, der sich von seinem ehrlichen Gewissen gezwungen sieht, so schnell wie möglich einen ganzen Berg angesammelter Mißverständnisse abzutragen, und der nun in seiner gradherzigen Ungewandtheit selbst nicht weiß, wo er anfangen und wo er enden soll. Ziemlich unvorsichtig, selbstverständlich nur unvorsichtig wirkte es auch, als er die Bemerkung fallen ließ, daß Julija Michailowna um das Ehegeheimnis Stawrogins gewußt und die ganze Intrige geleitet habe. In dieser Weise habe sie dann auch ihn, Pjotr Stepanowitsch, »hereingezogen«, weil er doch auch in diese arme Lisa verliebt war, und dabei habe sie ihn sogar so »gehandhabt«, daß er Lisa beinahe selbst im Wagen zu Stawrogin begleitet hätte.

»Ja, ja, meine Herren, Sie haben gut lachen, aber wenn ich nur gewußt hätte, wenn ich's nur gewußt hätte, womit das alles enden würde!« schloß er sein Gerede.

Auf verschiedene erregte Fragen nach Stawrogin erklärte er noch, und zwar mit unerschütterlicher Bestimmtheit, daß die ganze Katastrophe mit den Lebädkins bloß ein reiner Zufall wäre: schuld an ihr sei einzig und allein Lebädkin selbst, da er das erhaltene Geld offen in den Kneipen gezeigt hatte. Das setzte er ganz besonders gut auseinander.

Einer der Zuhörer bemerkte darauf, daß er sich vergeblich »verstelle«, daß er im Hause Julija Michailownas gegessen, getrunken und fast schon geschlafen habe, nun aber sie als erster verleumde -- was doch wohl nicht gerade so schön sei, wie er zu glauben scheine.

Doch Pjotr Stepanowitsch verteidigte sich sofort:

»Ich habe nicht deswegen dort gegessen und getrunken, weil ich kein Geld für meine Kost ausgeben wollte, und kann nichts dafür, daß man mich immer eingeladen hat. Im übrigen erlauben Sie mir wohl, selbst zu beurteilen, wie viel Dankbarkeit ich dafür jemandem schuldig bin.«

Der Eindruck, den seine langen, krausen Reden machten, war im allgemeinen für ihn durchaus vorteilhaft. »Mag er auch nicht von weitem her sein,« meinte man im allgemeinen, denn einige in dem Kreise hielten ihn in der Tat nur für einen unbedeutenden Studenten oder für nicht sehr viel mehr, »aber was kann er denn für Julija Michailownas Dummheiten? Im Gegenteil, jetzt stellt es sich ja heraus, daß er sie noch zurückgehalten hat ...«

Plötzlich, noch während er bei Gaganoff war, bald nach zwei Uhr, kam die Nachricht, daß Stawrogin, über den so viel geredet wurde, mit dem Mittagszuge nach Petersburg abgereist sei. Diese Kunde überraschte alle nicht wenig und erregte neue Dispute; viele runzelten die Stirn. Pjotr Stepanowitsch war so betroffen, daß, wie man erzählt, sein ganzes Gesicht sich veränderte und er sonderbar ausrief: »Wer hat ihn denn fortlassen können?« Und er verließ sogleich die Gesellschaft. Aber man hat ihn an diesem Tage noch in drei oder vier anderen Häusern gesehen.

In der Dämmerstunde gelang es ihm endlich, wenn auch erst nach vieler Mühe, zu Julija Michailowna, die nichts mehr von ihm wissen wollte, vorzudringen. Von dieser ihrer Begegnung erfuhr ich erst drei Wochen später, und zwar von Julija Michailowna selbst, -- es war kurz vor ihrer Abreise nach Petersburg: sie teilte mir allerdings nichts Näheres mit, sondern bemerkte nur zusammenschaudernd, er hätte sie damals »über alle Maßen in Erstaunen versetzt«. Ich nehme an, daß er ihr einfach gedroht hat, sie als Helfershelferin anzuzeigen, wenn es ihr einfiele, irgend etwas zu »sagen«. Die Notwendigkeit aber, sie einzuschüchtern, war mit seinen damaligen Absichten, die sie natürlich nicht kannte, eng verbunden, und erst später, nach fünf Tagen, erriet sie, warum er ihrem Schweigen noch nicht getraut und sich vor neuen Ausbrüchen ihres Unwillens gefürchtet hatte.

Es war gegen acht Uhr abends und schon ganz dunkel, als am Rande der Stadt, in einem kleinen, schiefen Häuschen, in dem der Fähnrich Erkel wohnte, die Unsrigen sich versammelten. Diese Zusammenkunft der »Fünf« war von Pjotr Stepanowitsch selbst angesagt worden, er aber, der präsidieren sollte, verspätete sich unverzeihlich: die fünf warteten schon über eine Stunde auf ihn. Der junge Erkel war derselbe Fähnrich, der an jenem Abend bei Wirginski die ganze Zeit mit einem Bleistift in der Hand und einem Notizbuch vor sich stumm dagesessen hatte. Er war vor nicht langer Zeit bei uns eingetroffen, hatte sich in einer stillen Gasse am Rande der Stadt bei zwei alten Schwestern aus dem Bauernstande eingemietet und sollte schon bald wieder wegreisen. Bei ihm nun war es wohl am unauffälligsten, sich zu versammeln. Dieser sonderbare Junge zeichnete sich durch eine ganz außergewöhnliche Schweigsamkeit aus: er konnte zehn Abende in lustiger Gesellschaft und bei den ungewöhnlichsten Gesprächen zubringen, ohne selbst ein Wort zu sprechen, und bloß mit seinen großen Kinderaugen aufmerksam die Sprechenden beobachten und ihnen zuhören. Sein Gesicht war reizend und sogar durchaus nicht dumm. Zur »Fünf« gehörte er zwar nicht, doch die anderen glaubten, er hätte irgendwelche besonderen Aufträge. Jetzt weiß man, daß er überhaupt keine Aufträge gehabt hat und vielleicht selbst nicht einmal seine Stellung zu den anderen begriff. Er richtete sich einfach in allen Dingen nach Pjotr Stepanowitsch, den er erst vor kurzem kennen gelernt hatte. Ich glaube, wenn er statt seiner irgendein Monstrum kennen gelernt hätte und von diesem unter irgendeinem sozial-romantischen Vorwande überredet worden wäre, eine Räuberbande zu gründen und zur Kraftprobe irgendeinen ersten Besten zu ermorden und zu bestehlen -- er hätte es getan, er wäre hingegangen und hätte den ersten Besten ermordet und bestohlen. Er besaß noch irgendwo eine kranke Mutter, der er die Hälfte seines armseligen Gehaltes zuschickte, -- wie muß die wohl dieses blonde Köpfchen ihres Einzigen geküßt, wie für ihn gezittert, wie für ihn gebetet haben! Ich erzähle so viel von ihm, weil er mir so leid tut.

Die Versammelten waren sehr erregt. Die Ereignisse der letzten Nacht hatten sie doch betroffen gemacht, und ich glaube, ihnen war sogar recht bange geworden. Der simple, wenn auch systematisch vorbereitete Skandal, an dem sie bis jetzt so eifrig Anteil genommen, hatte sich plötzlich auf eine für sie ganz unerwartete Weise entladen. Der Brand, die Ermordung der Lebädkins, die Wut des Volkes auf Lisa und deren Tod -- das waren lauter Überraschungen, die sie in ihrem Programm nicht vorgesehen hatten. Erregt warfen sie der sie lenkenden Hand Despotismus und Unaufrichtigkeit vor, und, während sie nun auf Pjotr Stepanowitsch warteten, redeten sie sich so in Hitze, daß sie zum Schluß beschlossen, endgültig eine kategorische Erklärung von ihm zu verlangen; sollte er aber auch diesmal eine Antwort umgehen wollen, so wollte man die »Fünf« einfach auflösen und an ihrer Stelle einen neuen geheimen Verband zur »Propaganda der Idee« gründen -- jetzt aber von sich aus und auf wirklich gleichberechtigenden und demokratischen Grundsätzen. Liputin, Schigaleff und der Volkskenner unterstützten besonders diesen Gedanken. Lämschin schwieg, doch sah er einverstanden aus. Wirginski war noch unentschlossen und wollte erst noch Pjotr Stepanowitsch anhören. Und so kam denn der Beschluß zustande, nach dem man zuerst Pjotr Stepanowitsch noch einmal vernehmen sollte. Dieser aber kam noch immer nicht; eine solche Vernachlässigung trug entschieden nicht zur Beruhigung der Gemüter bei. Erkel schwieg natürlich und reichte bloß den Tee herum, den er persönlich von den beiden Schwestern in Gläsern auf einem Teebrett brachte, da er das Dienstmädchen nicht hereinlassen wollte und auch den Samowar nicht im Zimmer aufstellen ließ.

Endlich erschien Pjotr Stepanowitsch. Es war schon neun Uhr. Er trat mit schnellen Schritten an den runden Tisch vor dem Sofa, an dem die Gesellschaft Platz genommen hatte, behielt die Mütze in der Hand und für Tee dankte er. Er sah böse, streng und hochmütig aus. Offenbar hatte er den Gesichtern sofort angemerkt, daß man »rebellierte«.

»Bevor ich meinen Mund aufmache, bringen Sie Ihre Sachen vor. Scheinen ja so was zu beabsichtigen,« bemerkte er mit einem bösen Spottlächeln, während seine Augen über die Physiognomien glitten.

Da begann Liputin »im Namen aller« und erklärte mit einer Stimme, der man das Gekränktsein anhörte, daß man, wenn man so fortfahren wollte, um seinen eigenen Kopf spielte. Oh, nicht, daß sie sich fürchteten, nein, durchaus nicht, und sie seien sogar zu allem bereit, jedoch nur für die allgemeine Sache! (Bewegung und Zustimmung der anderen.) Darum soll man aber aufrichtig zu ihnen sein, damit sie im voraus Bescheid wüßten, denn »wohin soll das sonst führen?« (wieder zustimmende Bewegung und ein paar dumpfe Kehllaute). So zu handeln sei aber erniedrigend und gefährlich ... Nicht, daß man sich fürchte, wie gesagt, aber wenn nur ein einziger handeln wolle und die anderen bloß gehorchen müßten, so könne zum Beispiel dieser eine lügen und die anderen fielen dann alle »wie die Tölpel herein«, (Ausrufe: ja, ja! Allgemeine Zustimmung.)

»Zum Teufel, was wollen Sie denn?«

»Was für eine Beziehung haben die Intrigen des Herrn Stawrogin zu der allgemeinen Sache?« brauste Liputin auf. »Mag er da meinetwegen auf irgendeine geheimnisvolle Weise zur Zentrale gehören, -- wenn nur diese phantastische Zentrale überhaupt existiert! -- Das ist es, was wir wissen wollen! Und währenddessen wird ein Mord begangen, die Polizei aufgeweckt -- und nach dem Faden kann man bis zum Knäuel gehen.«

»Sie werden mit diesem Stawrogin schon hereinfallen, und wir gleichfalls,« fügte der Volkskenner hinzu.

»Und ganz unnütz für die allgemeine Sache,« schloß Wirginski wehmütig.

»Welch ein Blödsinn! Dieser Mord ist ein Zufall, von Fedjka begangen, um zu rauben.«

»Hm! Ein merkwürdiges Zusammentreffen,« meinte Liputin gewunden.

»Aber wenn Sie wollen, so sind gerade Sie daran schuld.«

»Wieso ich?«

»Ja, gerade Sie. Erstens haben Sie selbst an dieser Intrige teilgenommen, und zweitens, die Hauptsache, Ihnen war befohlen, Lebädkin fortzuschicken, das Geld hatten Sie schon erhalten -- was aber taten Sie? Wenn Sie ihn fortgeschickt hätten, wäre nichts passiert.«

»Was? Aber waren denn Sie es nicht selbst, der die Idee gab, daß es nicht übel wäre, wenn man ihn das Gedicht vorlesen ließe?«

»Eine Idee ist kein Befehl. Der Befehl war: abschicken!«

»Befehl! Ein etwas sonderbarer Ausdruck ... Nein, im Gegenteil, Sie befahlen ja gerade, das Abschicken aufzuschieben.«

»Sie haben sich getäuscht und nichts als Dummheit und Eigenmächtigkeit gezeigt. Der Mord aber ist Fedjkas Sache, und der hat ihn aus keinem anderen Grunde begangen, als dem, zu rauben. Sie hören bloß, daß man so redet, und schon glauben Sie alles aufs Wort! Haben ja einfach Angst bekommen! Stawrogin ist nicht so dumm, und der Beweis -- er ist um zwölf Uhr mittags nach einer Aussprache mit dem Vizegouverneur fortgefahren: wenn etwas derartiges gewesen wäre, so hätte man ihn nicht am hellichten Tage nach Petersburg reisen lassen!«

»Aber wir behaupten ja gar nicht, daß Herr Stawrogin selber ermordet hat!« versetzte Liputin bissig und schon ohne Zurückhaltung. »Er hat sogar überhaupt nichts davon wissen können, ganz so wie ich; Sie aber wissen nur zu gut, daß ich von nichts wußte, wenn ich auch gleichzeitig selber wie ein Schaf in den Kessel kroch!«

»Wen beschuldigen Sie denn?« fragte Pjotr Stepanowitsch und sah ihn finster an.

»Ja, eben dieselben, die es nötig haben, Städte in Brand zu stecken.«

»Das Dümmste ist dabei, daß Sie sich herauszureden suchen. Übrigens, wollen Sie nicht so freundlich sein, das durchzulesen und dann den anderen zu zeigen. Nur zur Kenntnisnahme.« Mit diesen Worten zog er Lebädkins Brief an Lembke aus der Tasche und reichte ihn Liputin. Der las den Brief augenscheinlich erstaunt durch und reichte ihn dann nachdenklich dem nächsten. Der Brief machte schnell die Runde um den Tisch.

»Ist das aber auch wirklich Lebädkins Handschrift?« erkundigte sich Schigaleff.

»Ja, es ist seine Handschrift,« bestätigten Liputin und Tolkatschenko (der Volkskenner).

»Ich zeigte ihn nur zur Kenntnisnahme, und da ich wußte, daß Sie sich Lebädkins Tod so zu Herzen nehmen,« sagte Pjotr Stepanowitsch, indem er den Brief wieder zu sich steckte. »Auf diese Weise hat uns nun Fedjka vollkommen zufällig von einem sehr gefährlichen Menschen befreit. So kann einem manchmal der Zufall zustatten kommen! Lehrreich, nicht wahr?«

Die fünf tauschten schnell vielsagende Blicke aus.

»Jetzt aber, meine Herren, ist die Reihe an mir, zu fragen,« sagte Pjotr Stepanowitsch, und nahm eine steifere Haltung an. »Gestatten Sie mir, Sie zu fragen, aus welchem Grunde Sie ohne Erlaubnis die Stadt in Brand gesteckt haben?«

»Wa--as! Was heißt das? Wir die Stadt in Brand gesteckt? Der Kerl ist wohl krank!« ertönten erregte Ausrufe in der Runde.

»Ich verstehe ja, Sie waren schon zu sehr in Schwung gekommen,« fuhr Pjotr Stepanowitsch unbeirrt fort, »aber so etwas ist doch nicht mehr ein Skandälchen mit Julija Michailowna. Ich habe Sie, meine Herren, hierhergerufen, um Ihnen die Größe der Gefahr zu zeigen, einer Gefahr, die Sie sich so dumm auf den Hals geladen haben und die jetzt außer Ihnen noch so viele andere bedroht.«

»Erlauben Sie, wir wollten gerade Sie auf diesen Grad von Despotismus, mit dem man hinter dem Rücken der Mitglieder eine so ernste und zugleich so sonderbare Maßregel getroffen hat, aufmerksam machen,« sagte fast unwillig der bis dahin schweigsame Wirginski.

»Sie leugnen also? Ich aber behaupte, daß Sie die Stadt in Brand gesteckt haben, Sie allein, meine Herren, und sonst niemand. Meine Herren, leugnen Sie es nicht, ich bin genau unterrichtet. Mit Ihrer eigenmächtigen Handlung haben Sie sogar die allgemeine Sache der Gefahr ausgesetzt. Sie sind hier nur ein einziger kleiner Knoten in einem riesigen Netz, und sind der Zentrale blinden Gehorsam schuldig. Währenddessen haben aber drei von Ihnen die Spigulinschen zur Brandstiftung überredet, ohne dazu auch nur die geringste Instruktion zu haben.«

»Welche drei? Wer das? Welche drei von uns?«

»Vorgestern haben Sie, Tolkatschenko, gegen vier Uhr nachts Fomka Sawjäloff in der Kneipe >Zum Vergißmeinnicht< zur Brandstiftung beredet.«

»Aber hören Sie mal!« rief dieser aufspringend. »Ich habe ihm kaum ein Wort gesagt, ja, und selbst das ganz absichtslos, ganz einfach, nur so, weil man ihn mit den anderen am Morgen geprügelt hatte! Und ich ließ es gleich wieder bleiben, da ich sah, daß er doch zu betrunken war. Hätten Sie mich jetzt nicht daran erinnert, so würde ich es überhaupt ganz vergessen haben! Von diesem einen Worte konnte kein Brand entstehen!«

»Sie sind wie der Mann, der sich wundert, daß von einem einzigen kleinen Funken eine ganze Pulverfabrik in die Luft fliegt.«

»Ich habe es ihm in der Ecke und flüsternd ins Ohr gesagt ... Wie haben Sie das überhaupt erfahren können?« fragte plötzlich Tolkatschenko, selbst ganz betroffen.

»Ich saß dort unterm Tisch. Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren, ich weiß jeden einzelnen Ihrer Schritte. Sie belieben hämisch zu lächeln, Herr Liputin? Ich weiß aber, zum Beispiel, daß Sie vorgestern um Mitternacht in Ihrem Schlafzimmer Ihre Frau gekniffen haben.«

Liputin blieb der Mund offen und er wurde blaß.

(Später stellte es sich heraus, daß Pjotr Stepanowitsch von dieser nächtlichen Heldentat Liputins durch dessen Magd Agafja, der er von Anfang an für Spionage Geld gezahlt hatte, unterrichtet worden war.)

»Dürfte ich eine Tatsache konstatieren?« fragte plötzlich Schigaleff, sich vom Stuhl erhebend.

»Konstatieren Sie.«

Schigaleff setzte sich und sammelte seine Gedanken.

»Soweit ich verstanden habe, und man kann ja da gar nichts mißverstehen, haben Sie selbst in der ersten Zeit und später noch einmal äußerst beredt -- wenn auch gar zu theoretisch -- von Rußland ein Bild entworfen, nach dem es von einem endlosen Netz von Fünfergruppen bedeckt ist. Jede der tätigen Gruppen hat, indem sie Proselyten macht und sich ins Endlose verzweigt, die Aufgabe, mit systematisch sich ausbreitender Propaganda das Ansehen der Regierung und ihrer Vertreter zu untergraben, in den Dörfern Zweifel, Zynismus, Skandale, volle Glaubenslosigkeit um jeden Preis zu verbreiten, was dann alles die Sehnsucht nach einem besseren Zustande hervorrufen soll, und schließlich mit Brandstiftungen, als dem volkstümlichsten Mittel, das Land im vorgeschriebenen Moment, wenn's nicht anders geht, selbst ins Verderben zu stürzen. -- Sind das Ihre Worte, die buchstäblich zu behalten ich mich bemüht habe? Ist das Ihr Programm, das Sie in der Eigenschaft eines von dem Zentralkomitee Bevollmächtigten uns mitgeteilt haben? eines zentralen, aber für uns bis jetzt vollkommen unbekannten und nahezu phantastischen Komitees?«

»Allerdings, nur könnten Sie sich kürzer fassen.«

»Jeder hat das Recht, so zu sprechen, wie er spricht. Indem Sie uns zu verstehen geben, daß es solcher einzelnen Knotenpunkte eines großen Netzes, das ganz Rußland bedeckt, schon mehrere hundert gibt, und indem Sie die Voraussetzung entwickeln, daß, falls jede Gruppe ihre Sache erfolgreich macht, ganz Rußland zum festgesetzten Termin, auf das Signal ...«

»Ach, zum Teufel, auch ohne Sie hat man schon genug zu tun!« fiel ihm Pjotr Stepanowitsch ungeduldig ins Wort und bewegte sich auf seinem Sessel.

»Gut, ich werde mich kürzer fassen und nur noch eine Frage stellen: wir haben doch schon mehrere Skandale hier gehabt, wir haben die Unzufriedenheit der Bevölkerung gesehen, wir waren anwesend und beteiligten uns bei dem Sturz der hiesigen Administration und, endlich, sahen wir mit eigenen Augen den Brand. Womit sind Sie nun unzufrieden? Ist das nicht Ihr Programm? Und wessen können Sie uns beschuldigen?«

»Der Eigenmächtigkeit!« schrie Pjotr Stepanowitsch jähzornig auf. »Solange ich hier bin, haben Sie nicht das Recht, ohne meine Erlaubnis zu handeln. Basta! Jetzt ist die Anzeige bereits fertig und vielleicht morgen oder heute Nacht schon wird man Sie alle verhaften. Da haben Sie es jetzt! Ich weiß es genau.«

Nun blieben schon alle Münder offen.

»Man wird Sie nicht nur als Brandstifter verhaften, sondern als >Fünf<! Dem Denunzianten ist das ganze Geheimnis des Netzes bekannt. Sehen Sie jetzt, was Sie da angerichtet haben!«

»Bestimmt Stawrogin!« rief Liputin plötzlich.

»Wie ... warum Stawrogin?« Pjotr Stepanowitsch stockte gleichsam. »Nein --« er faßte sich sofort wieder »-- es ist Schatoff! Ich nehme an, Sie wissen alle, daß Schatoff seinerzeit auch zu uns gehörte. Ich muß gestehen, daß ich, der ich ihn von Personen, denen er vertraute, habe beobachten lassen, zu meinem Erstaunen erfahren mußte, daß ihm sogar die ganze weitere Einrichtung des Netzes kein Geheimnis ist, und daß er ... mit einem Wort -- alles weiß. Um sich nun von der Beschuldigung der früheren Teilnahme zu befreien, will er jetzt alle anzeigen. Bis gestern schwankte er vielleicht noch und ich schonte ihn. Jetzt aber haben Sie ihm mit dieser Brandstiftung den letzten Stoß versetzt: jetzt ist er erschüttert, aufgebracht, entschlossen. Morgen werden wir alle verhaftet ... als Brandstifter und politische Verbrecher.«

»Ist das wahr? ... Wie kann Schatoff das wissen? ...«

Die Aufregung war unbeschreiblich.

»Es ist vollkommen wahr. Ich habe nicht das Recht, Ihnen die Wege, auf denen ich alles erfahren habe, mitzuteilen. Nur eines kann ich für Sie tun: durch einen Menschen kann ich auf Schatoff so weit einwirken, daß er, ohne Verdacht zu schöpfen, die Denunziation noch aufschiebt, aber nur auf vierundzwanzig Stunden -- länger geht es nicht. Mehr tun -- kann ich nicht. Und so können Sie sich noch bis übermorgen früh sicher fühlen.«

Alle schwiegen.

»Ja -- kann man ihn denn nicht zum Teufel schicken!« schrie da als erster Tolkatschenko.

»Hätte man schon längst tun sollen!« rief Lämschin und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Aber wie?« brummte Liputin.

Pjotr Stepanowitsch griff sofort diese Frage auf und setzte seinen Plan auseinander. Der bestand darin, Schatoff zur Abgabe der versteckten Setzmaschine an den einsamen Ort zu locken, wo sie vergraben war, morgen bei Anbruch der Nacht, und dann -- »dort schon das Nötige zu erledigen«. Pjotr Stepanowitsch erging sich in vielen wesentlichen Einzelheiten, die ich jetzt übergehe, und setzte noch einmal umständlich das uns schon bekannte Verhältnis Schatoffs zur Zentrale auseinander.

»Das ist schon so,« bemerkte Liputin etwas unsicher, »aber nun wieder ... ein neuer Fall von derselben Art ... ob das nicht doch zu auffallend sein wird ...«

»Allerdings,« bestätigte Pjotr Stepanowitsch, »aber auch das ist vorgesehen. Wir haben ein Mittel, den Verdacht vollständig abzulenken.«

Und mit der vorigen Ausführlichkeit erzählte er von Kirilloff, von dessen Absicht, sich zu erschießen, und daß er versprochen habe, mit dem Selbstmord bis zur bestimmten Zeit zu warten, und obendrein noch einen Brief, in dem er alles auf sich nahm, was man ihm in die Feder diktierte, zu hinterlassen.

»Seine feste Absicht, sich das Leben zu nehmen -- sie ist philosophisch, doch meiner Meinung nach einfach verrückt --, wurde dort bekannt,« fuhr Pjotr Stepanowitsch fort zu erklären. »Dort aber verliert man weder ein Haar noch ein Stäubchen umsonst, alles wird zum Nutzen der allgemeinen Sache verwandt. Da man den Nutzen, den er damit bringen konnte, sofort einsah und sich überzeugte, daß sein Vorsatz unerschütterlich war, so gab man ihm das Geld zur Rückreise nach Rußland (aus irgendeinem Grunde wollte er nur in Rußland sterben), gab ihm einen Auftrag, den zu erfüllen er auf sich nahm (was er auch getan hat), und außerdem verpflichtete man ihn zu dem besagten Versprechen, sich erst dann zu erschießen, wenn man ihm das Signal geben würde. Er versprach alles. Und nicht zu vergessen, daß er aus ganz besonderen Gründen der Sache angehört und selbst wünscht, ihr nützlich zu sein. Mehr darf ich Ihnen nicht mitteilen. Morgen, nach Schatoff, werde ich ihm den Brief diktieren, daß er Schatoff umgebracht hat. Das wird sehr glaublich erscheinen: sie waren beide Freunde, fuhren zusammen nach Amerika, dort haben sie sich entzweit, und das wird alles im Brief erklärt werden ... und ... und ich glaube, je nach den Umständen, wird man ihm vielleicht noch einiges diktieren können, zum Beispiel, was die Proklamationen betrifft, und vielleicht teilweise auch den Brand. Übrigens, darüber werde ich noch nachdenken. Beruhigen Sie sich, er hat keine Vorurteile: er unterschreibt alles.«

Trotzdem wurden einige Zweifel laut. Die Geschichte erschien doch zu phantastisch. Von Kirilloff hatten alle schon mehr oder weniger gehört. Liputin natürlich am meisten.

»Plötzlich kann er aber nachdenken und nicht mehr wollen,« sagte Schigaleff, »denn so oder so, wie man's auch nimmt, er ist doch nun einmal verrückt, also kann man da gar nicht sicher sein.«

»Seien Sie unbesorgt, er wird wollen,« schnitt Pjotr Stepanowitsch kurz ab. »Nach jener Abmachung bin ich verpflichtet, ihn am Vorabend zu benachrichtigen, also heute noch. Ich würde vorschlagen, daß Liputin mit mir zu ihm geht und sich selbst überzeugt und Ihnen dann mitteilt -- er kann ja von dort hierher zurückkehren --, ob ich die Wahrheit gesagt habe, oder nicht. Übrigens,« brach er plötzlich ab, maßlos gereizt und hochmütig, als ob er diesen Leuten schon zuviel Ehre antat, wenn er sich in dieser Weise mit ihnen abgab, »übrigens, machen Sie, was Sie wollen. Wenn Sie sich nicht entschließen, so ist der Bund zerrissen -- und zwar einzig wegen Ihres Ungehorsams und Verrats. So sind wir denn von diesem Augenblick an getrennt -- ein jeder für sich. Doch vergessen Sie nicht, daß Sie sich in diesem Fall, außer der Schatoffschen Anzeige und deren Folgen, noch eine andere kleine Unannehmlichkeit zuziehen, die Ihnen bei der Gründung Ihrer Gruppe bestimmt und unmißverständlich erklärt wurde, wessen Sie sich wohl noch erinnern werden. Was mich betrifft, meine Herren, so fürchte ich Sie nicht gerade sonderlich ... Aber denken Sie nur nicht, daß ich mich mit Ihnen gar so eng verbunden fühle ... Übrigens, das ist ja gleichgültig.«

»Nein, wir entschließen uns,« erklärte Lämschin.

»Einen anderen Ausweg gibt es nicht,« murmelte Tolkatschenko, »und wenn Liputin uns das von Kirilloff bestätigt, so ...«

»Ich bin dagegen! Ich protestiere mit allem, was mir heilig ist, gegen einen solchen blutigen Entschluß!« rief Wirginski, plötzlich aufstehend.

»Aber?« fragte Pjotr Stepanowitsch.

»Was >aber<?«

»Sie sagten >aber< ... und ich warte.«

»Ich glaube, ich sagte nicht >aber< ... Ich wollte nur sagen, daß, wenn man sich dazu entschließt, so ...«

»So?«

Wirginski verstummte.

»Ich denke, man kann sich über die eigene Lebensgefahr hinwegsetzen,« sagte plötzlich Erkel, der jetzt zum erstenmal den Mund auftat, »-- wenn das aber der allgemeinen Sache schaden kann, so, denke ich, darf man es nicht mehr wagen ... sich über die eigene Lebensgefahr hinwegzusetzen ...«

Er verwirrte sich und wurde rot. Wie beschäftigt auch ein jeder mit sich selbst war, sie blickten ihn doch alle erstaunt an -- dermaßen unerwartet kam es, daß auch er einmal sprach.

»Ich bin für die allgemeine Sache,« sagte plötzlich Wirginski leise.

Alle erhoben sich von den Plätzen. Es wurde beschlossen, einander am nächsten Tage um die Mittagszeit noch einmal zu benachrichtigen, ohne daß sich alle zu versammeln brauchten, und dann alles endgültig festzusetzen. Die Stelle, wo die Setzmaschine vergraben war, wurde mitgeteilt, und jedem seine Rolle und seine besondere Aufgabe eingeschärft. Darauf begaben sich Liputin und Pjotr Stepanowitsch, ohne Zeit zu verlieren, zu Kirilloff.

II.

An Schatoffs Denunziation zweifelte niemand; aber auch daran, daß Pjotr Stepanowitsch mit ihnen wie mit Hampelmännern spielte, zweifelte niemand. Trotzdem wußten sie alle, daß sie am nächsten Tage vollzählig zum Stelldichein erscheinen würden, und sie wußten, daß Schatoffs Schicksal entschieden war. Sie hatten das Gefühl, wie Fliegen in das Spinngewebe einer großen, giftigen Spinne gefallen zu sein; sie waren alle erbost, aber sie zitterten vor Angst.

Pjotr Stepanowitsch hatte zweifellos sträflich unrecht an ihnen getan; es wäre alles viel harmonischer und leichter gewesen, wenn er sich nur ein wenig bemüht hätte, die Wirklichkeit zu verschönen. Anstatt die Tat in einem anständigen Licht zu zeigen, sie als eine altrömisch-staatsbürgerliche Heldentat oder etwas Ähnliches auszumalen, hatte er nur die plumpe Angst vor sie hingestellt und die Gefahr für die eigene Haut, was doch schon einfach unhöflich war. Natürlich: alles ist nur Kampf ums Dasein, und ein anderes Prinzip gibt es überhaupt nicht, das weiß doch ein jeder, aber schließlich ... immerhin ...

Doch Pjotr Stepanowitsch hatte keine Zeit, die alten Römer und ihre Tugenden heraufzubeschwören. Die Flucht Stawrogins hatte ihn für einen Augenblick vollständig aus der Fassung gebracht. Daß Stawrogin vor seiner Abfahrt den Vizegouverneur gesprochen habe, hatte er ihnen einfach vorgelogen: das war es ja gerade, daß er fortgefahren war, ohne auch nur einen Menschen zu sehen, selbst die eigene Mutter nicht! Und war es nicht tatsächlich rätselhaft, daß man ihn so ganz unbehelligt gelassen hatte? (Späterhin mußte die Stadtobrigkeit darüber besondere Rechenschaft geben.) Pjotr Stepanowitsch hatte sich den ganzen Tag überall nach Näherem erkundigt, jedoch nichts erfahren. Noch nie war er so beunruhigt, so erregt gewesen. Aber wie sollte er denn auch so einfach, so plötzlich auf Stawrogin verzichten können! Das war der Grund, warum er mit den »Unsrigen« nicht so rücksichtsvoll umging. Dazu banden sie ihm noch die Hände: er wollte Stawrogin sofort nachfahren, und statt dessen mußte er hier bleiben, um vorher noch auf alle Fälle die fünf »unlösbar zusammenzubinden«. Sein Vorhaben mit Schatoff hielt ihn zurück. »Werde doch diese fünf nicht umsonst aus der Hand lassen, können mir noch sehr zustatten kommen.« So ungefähr wird er wohl bei sich gedacht haben, denke ich mir.

Pjotr Stepanowitsch war wirklich fest überzeugt, daß Schatoff denunzieren werde. Alles, was er den »Unsrigen« von der Anzeige gesagt hatte, war natürlich gelogen, denn nie hatte er eine solche bei Schatoff gesehen, noch ähnliches von seinen Spionen gehört; aber er war nun einmal überzeugt davon und konnte sich folglich nichts anderes denken. Er glaubte, Schatoff werde auf keinen Fall das jetzt Geschehene ruhig hinnehmen -- den Tod Lisas, Marja Timofejewnas Ermordung -- und sich gerade jetzt zur Denunziation entschließen. Wer kann es wissen, vielleicht hatte er auch einige Gründe, gerade das von Schatoff zu erwarten. Bekannt ist jetzt nur, daß er Schatoff persönlich haßte. Es hatte einmal einen Streit zwischen ihnen gegeben, Pjotr Stepanowitsch aber verzieh nie eine Beleidigung. Ich glaube sogar, daß dieses Persönliche der hauptsächlichste Beweggrund war.

Die Bürgersteige sind in unserer Stadt sehr schmal, doch Pjotr Stepanowitsch schritt gerade in der Mitte, somit den ganzen Fußweg mit seiner Person einnehmend, und ohne Liputin überhaupt zu beachten. Dieser mußte nun entweder einen Schritt hinter ihm herlaufen oder, um mit ihm sprechen zu können, auf der schmutzigen Fahrstraße neben ihm traben. Plötzlich erinnerte sich Pjotr Stepanowitsch, wie er selbst vor zwei Tagen so durch den Schmutz gelaufen war, um mit Stawrogin, der ganz so wie er jetzt mitten auf dem Bürgersteig ging, Schritt halten und sprechen zu können. Ihm fiel der ganze Weg zu Wirginski ein und eine grenzenlose Wut ergriff ihn jäh.

Doch auch Liputin verging der Atem vor Wut ob dieser beleidigenden Unhöflichkeit. Mochte Pjotr Stepanowitsch mit den »Unsrigen« umgehen, wie er wollte, aber mit ihm? -- mit ihm! Er, Liputin, wußte doch mehr von der ganzen Geschichte, als alle die anderen der »Fünf«, er stand der Sache doch am nächsten, war am intimsten eingeweiht und hatte doch bisher, wenn auch nur mittelbar, aber jedenfalls erfolgreich, bei allen diesen Anzettelungen mitgewirkt! Oh, er wußte, daß Pjotr Stepanowitsch ihn sogar schon jetzt vernichten konnte, wenn es ihm darauf ankam, sagen wir, in einem äußersten Fall. Aber er haßte ihn schon lange; und weit mehr noch, als wegen dieser Gefahr, haßte er ihn wegen seines anmaßend-hochmütigen Verhaltens. Und jetzt, wo man sich zu einer solchen Sache entschließen mußte, erboste er sich über diese Umgangsart mehr als alle die anderen zusammen. Doch ach, trotzdem wußte er, daß er morgen bestimmt als erster »wie ein Sklave« zur Stelle sein und womöglich noch die anderen heranschleppen werde! Aber wenn er jetzt, noch vor morgen, diesen Pjotr Stepanowitsch auf irgendeine Weise hätte totschlagen können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen, so hätte er es unbedingt getan.

In seine Empfindungen versunken, schwieg er und trottete hinter seinem Quälgeist her, der ihn ganz vergessen zu haben schien. Da blieb Pjotr Stepanowitsch plötzlich auf einer unserer belebtesten Straßen stehen und trat in ein Gasthaus.

»Wohin denn?« rief erschrocken Liputin. »Das ist doch ein Gasthaus!«

»Ich will ein Beefsteak essen.«

»Ich bitte Sie! ... aber hier ist es doch allezeit vollgepfropft!«

»Macht nichts.«

»Aber ... wir verspäten uns! Es ist schon gleich zehn.«

»Zu dem da kann man nie zu spät kommen.«

»Aber ich komme dann doch zu spät! Die warten doch dort auf mich!«

»Na, mögen sie doch. Es wäre nur dumm von Ihnen, wenn Sie zu jenen noch zurückkehrten. Dank der Schererei mit Ihnen da habe ich heute noch nicht zu Mittag gespeist. Zu Kirilloff aber kommt man je später, desto besser.«

Pjotr Stepanowitsch wünschte in einem besonderen Zimmer zu speisen. Liputin setzte sich geärgert und gekränkt in einen Sessel und sah zu, wie er aß. Es verging eine gute halbe Stunde. Pjotr Stepanowitsch beeilte sich nicht, aß mit großem Appetit, klingelte und verlangte anderen Senf, darauf Bier und sprach die ganze Zeit über kein Wort. Er war tief nachdenklich -- er konnte tatsächlich beides zugleich: mit Appetit essen und tief nachdenklich sein. Liputins Haß steigerte sich schließlich so weit, daß er nicht mehr fähig war, seine Blicke von ihm loszureißen: das war fast schon eine Art Nervenkrampf. Er begleitete jedes Stückchen Fleisch vom Teller bis zum Munde, und er haßte Pjotr Stepanowitsch sogar schon dafür, wie er den Mund aufmachte, wie er kaute, wie er die saftigeren Bissen sich schmecken ließ, ja er haßte schließlich das Beefsteak selbst. Zum Schluß begann alles sich vor seinen Augen zu drehen; dazu im Kopf ein leises Schwindelgefühl; heiß und kalt lief es ihm abwechselnd über den Rücken.

»Sie haben nichts zu tun, lesen Sie dies,« sagte plötzlich Pjotr Stepanowitsch und warf ihm ein Blatt Papier zu.

Liputin näherte sich dem Licht. Das Papier war mit einer kleinen, unleserlichen Handschrift eng beschrieben und fast auf jeder Zeile korrigiert. Als er es durchgelesen, bemerkte er, daß Pjotr Stepanowitsch schon bezahlt hatte und bereits im Begriff war, fortzugehen. Auf der Straße reichte ihm Liputin das Papier zurück.

»Behalten Sie es,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »werde Ihnen später sagen, wozu. Übrigens: wie finden Sie es?«

Liputin erbebte förmlich vor Wut.

»Ich finde ... eine solche Proklamation ... ist nichts weiter als eine einzige blödsinnige Lächerlichkeit ...«

Seine Wut brach durch; es war ihm, als werde er plötzlich hochgehoben und weggetragen.

»Wenn wir uns entschließen,« sagte er, am ganzen Körper vibrierend, »solche Proklamationen zu verbreiten, so erreichen wir nur, daß man uns ob unserer Dummheit und Unkenntnis der wahren Verhältnisse einfach verachtet!«

»Hm! Ich denke anders,« meinte Pjotr Stepanowitsch, fest weiterschreitend.

»Ich aber so. Sollten Sie das wirklich selbst verfaßt haben?«

»Das ist nicht Ihre Sache.«

»Ich glaube auch, daß das jämmerliche Gedicht >Die helle Persönlichkeit<, diese erbärmlichste Reimerei, die es überhaupt geben kann, nie und nimmer von Herzen selbst verfaßt worden ist!«

»Das ist nicht wahr, das Gedicht ist gut.«

»Ich wundere mich auch darüber,« fuhr Liputin zitternd und atemlos fort, »wie man uns überhaupt anempfehlen kann, so zu handeln, daß alles zusammenkracht. In Europa mag das zu wünschen, und für Europa mag's auch das einzig Richtige sein, denn dort gibt es Proletariat, wir aber sind hier, meiner Meinung nach, bloß Liebhaber und tun nur groß.«

»Ich dachte, Sie wären Fourierist.«

»Bei Fourier ist das ganz anders, ist es gar nicht das.«

»Ich weiß, daß es Unsinn ist.«

»Nein, das ist es nicht bei Fourier ... Verzeihung, aber ich kann unmöglich glauben, daß im Mai der Aufstand beginnen werde!«

Liputin knöpfte sogar seinen Mantel auf, dermaßen heiß war ihm geworden.

»Na, genug davon. Jetzt aber, damit ich es nicht vergesse,« Pjotr Stepanowitsch ging erstaunlich kaltblütig auf ein anderes Thema über, »dieses Blatt werden Sie eigenhändig setzen und drucken. Schatoffs Setzmaschine graben wir aus und morgen noch nehmen Sie sie zu sich. In möglichst kurzer Zeit setzen Sie und drucken Sie so viele Exemplare davon wie nur möglich, und dann werden wir sie den ganzen Winter über verbreiten. Die Mittel werden Ihnen angewiesen werden. So viele Exemplare wie nur möglich! Man wird sich von verschiedenen Stellen an Sie wenden.«

»Nein, erlauben Sie schon, ich übernehme nicht eine solche ... Ich lehne es ab.«

»Und werden es doch übernehmen. Ich handle nach der Instruktion der Zentrale und Sie müssen gehorchen.«

»Ich glaube aber, daß unsere ausländischen Zentren die russische Wirklichkeit vergessen und jede Verbindung mit ihr eingebüßt haben, und darum einfach phantasieren ... Ich glaube sogar, daß statt der vielen Hunderte von >Fünfer<-Gruppen in Rußland wir allein die einzige sind, und ein Netz überhaupt nicht existiert!« keuchte Liputin endlich hervor.

»Um so verächtlicher von Ihnen, daß Sie, ohne an die Sache zu glauben, ihr doch nachgelaufen sind ... und jetzt noch mir nachlaufen wie ein Hündchen.«

»Nein, ich laufe nicht nach. Wir haben das volle Recht, zurückzutreten und eine neue Gesellschaft zu gründen.«

»R--rrrüpel!« donnerte plötzlich Pjotr Stepanowitsch drohend und mit blitzenden Augen.

Beide standen sich eine Zeitlang gegenüber. Dann wandte sich Pjotr Stepanowitsch und setzte selbstbewußt seinen Weg fort.

Wie ein Blitz zuckte es durch Liputins Kopf:

»Ich kehre um und gehe zurück. Wenn ich jetzt nicht umkehre, so werde ich nie mehr umkehren.«

So dachte er genau zehn Schritte lang, beim elften aber flammte in ihm ein neuer und tollkühner Gedanke auf: er kehrte nicht um und ging nicht zurück.

Sie näherten sich dem Filippoffschen Hause, doch noch bevor sie es erreichten, bogen sie in eine Quergasse ein, oder richtiger, in einen Fußweg auf dem abschüssigen Grabenrande am Zaun, an dem man sich halten mußte, um nicht auszugleiten. An der dunkelsten Ecke dieses alten schiefen Zaunes nahm Pjotr Stepanowitsch ein Brett heraus und kroch dann selbst schnell durch die Öffnung. Liputin wunderte sich, kroch aber trotzdem nach. Daran lehnten sie das Brett wieder so an, wie es vorher gestanden hatte. Das war derselbe geheime Gang, durch den Fedjka sich nachts zu Kirilloff stahl.

»Schatoff darf es nicht wissen, daß wir hier sind,« flüsterte Pjotr Stepanowitsch in strengem Tone Liputin zu.

III.

Kirilloff saß wie gewöhnlich um diese Zeit auf seinem harten Sofa beim Tee. Er stand nicht auf, um den Eintretenden entgegenzugehen, warf nur erschrocken den Oberkörper vor und sah ihnen erregt entgegen.

»Sie irren sich nicht,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »ich komme deswegen ...«

»Heute?«

»Nein, nein, morgen ... ungefähr um dieselbe Zeit.«

Und Pjotr Stepanowitsch setzte sich schnell an den Tisch und betrachtete mit einiger Unruhe Kirilloff. Der hatte sich aber schon wieder beruhigt und sah wie gewöhnlich aus.

»Sehen Sie, diese da wollen es nicht glauben,« Werchowenski wies mit dem Kopf auf Liputin. »Sie ärgern sich doch nicht darüber, daß ich ihn mitgebracht habe?«

»Heute nicht. Aber morgen will ich es allein.«

»Aber nicht früher, als bis ich gekommen bin, und dann in meiner Gegenwart --«

»Ich würde lieber nicht in Ihrer Gegenwart --«

»Sie erinnern sich doch noch, daß Sie versprachen, alles zu schreiben und zu unterzeichnen, was ich Ihnen diktiere?«

»Mir ist alles einerlei. Aber werden Sie jetzt lange bleiben?«

»Ich muß einen gewissen Menschen sprechen und ungefähr eine halbe Stunde bleiben, dann gehe ich, aber diese halbe Stunde bleibe ich noch.«

Kirilloff schwieg. Liputin hatte sich inzwischen etwas abseits, unter dem Bilde des Bischofs auf einen Stuhl gesetzt. Der vorige tollkühne Gedanke bemächtigte sich seiner mehr und mehr. Kirilloff bemerkte ihn an der dunklen Wand fast gar nicht. Liputin kannte die Theorie Kirilloffs schon von früher und hatte sie immer verlacht, jetzt aber schwieg er und sah sich finster im Zimmer um.

»Ich möchte ganz gern Tee trinken,« sagte Pjotr Stepanowitsch, »habe soeben ein Beefsteak gegessen und rechnete eigentlich darauf, bei Ihnen den Tee zu trinken.«

»Trinken Sie, wenn Sie mögen.«

»Früher boten Sie ihn selbst an,« bemerkte Pjotr Stepanowitsch säuerlich.

»Das ist einerlei. Auch Liputin mag trinken.«

»Nein, danke, ich ... kann nicht.«

»Kann nicht oder will nicht?« Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell zu ihm um.

»Ich werde bei ihm nicht noch anfangen Tee zu trinken,« lehnte Liputin ausdrucksvoll ab.

Pjotr Stepanowitsch zog die Brauen zusammen.

»Das riecht nach Mystizismus. Der Teufel soll aus euch allen klug werden!«

Niemand antwortete ihm. Sie schwiegen wohl eine ganze Minute.

»Aber eines weiß ich,« fügte er plötzlich schroff hinzu, »kein einziges Vorurteil kann auch nur einen von uns abhalten, seine Pflicht zu erfüllen.«

»Stawrogin ist fortgefahren?« fragte Kirilloff.

»Ja.«

»Das hat er gut gemacht.«

Pjotr Stepanowitschs Augen blitzten schon auf, doch er bezwang sich.

»Mir kann's gleich sein, was Sie denken, wenn nur ein jeder sein Wort hält.«

»Ich werde mein Wort halten.«

»Übrigens, ich war immer überzeugt, daß Sie Ihre Pflicht erfüllen würden, wie ein unabhängiger und fortgeschrittener Mensch.«

»Sie aber sind lächerlich.«

»Meinetwegen, es freut mich sehr, daß ich Sie erheitere. Es freut mich immer, wenn ich mit irgend etwas gefällig sein kann.«

»Sie wollen furchtbar gern, daß ich mich erschieße und fürchten doch, daß ich plötzlich nicht will.«

»Das heißt, sehen Sie mal, Sie haben ja selbst Ihren Plan mit unserer Tätigkeit verbunden. Da wir nun mit Ihrer Absicht gerechnet haben, so ist schon Verschiedenes unternommen worden, so daß Sie jetzt auf keine Weise mehr zurücktreten können.«

»Nur nichts von Pflicht.«

»Verstehe, verstehe, es ist Ihr eigener freier Wille. Nur, daß sich dieser Ihr freier Wille in Tat umsetzt.«

»Und ich werde alle Ihre Gemeinheiten auf mich nehmen müssen?«

»Hören Sie, Kirilloff, haben Sie vielleicht plötzlich Angst bekommen? Wenn Sie zurücktreten wollen, so sagen Sie es bitte gleich.«

»Ich habe keine Angst bekommen.«

»Ich meinte nur, weil Sie etwas viel fragen.«

»Werden Sie bald fortgehen?«

»Sie fragen schon wieder?«

Kirilloff betrachtete ihn mit Verachtung.

»Nun, sehen Sie mal,« fuhr Pjotr Stepanowitsch, der sich immer mehr ärgerte und beunruhigte, fort, doch ohne den richtigen Ton finden zu können, -- »Sie wollen um der Einsamkeit willen, daß ich fortgehe, um sich sammeln zu können, doch all das sind gefährliche Anzeichen, für Sie, für Sie vor allen anderen. Sie wollen viel denken. Meiner Meinung nach wäre es besser, nicht zu denken, sondern es ohne dem zu tun. Nein, Sie -- wirklich, Sie beunruhigen mich.«

»Mir ist nur das nicht recht, daß in jenem Augenblick solch ein Ekel bei mir sein wird, wie Sie.«

»Nun, das ist doch einerlei. Ich kann ja auch hinausgehen und so lange draußen auf der Treppe stehen. Wenn Sie aber sterben wollen und dabei so wenig gleichmütig sind, so -- nun, ich meine, das ist alles sehr gefährlich. Ich werde also auf die Treppe gehen und Sie können meinetwegen denken, was Sie wollen: daß ich nichts von Ihnen verstehe, daß ich als Mensch unermeßlich tief unter Ihnen stehe ...«

»Nein, nicht unermeßlich. Sie haben Begabungen; aber Sie verstehen sehr vieles nicht, weil Sie ein niedriger Mensch sind.«

»Freut mich, freut mich. Wie gesagt, es freut mich sehr, Zerstreuung zu bieten ... in einer solchen Minute.«

»Sie begreifen nichts.«

»Das heißt, ich ... jedenfalls höre ich mit Hochachtung --«

»Sie können nichts. Sie können sogar jetzt nicht Ihre kleinliche Wut verstecken, obgleich es für Sie doch unvorteilhaft ist, sie zu zeigen. Sie werden mich ärgern und ich werde vielleicht plötzlich noch ein halbes Jahr wollen ...«

Pjotr Stepanowitsch sah nach der Uhr.

»Ich habe niemals etwas von Ihrer Theorie verstanden, aber ich weiß, daß Sie sie nicht für uns ausgedacht haben, folglich werden Sie es auch ohne uns tun. Auch weiß ich, daß nicht Sie die Idee verschlungen haben, sondern die Idee hat Sie verschlungen, also werden Sie es auch nicht aufschieben.«

»Wie? Mich hat die Idee verschlungen?«

»Ja.«

»Und nicht ich die Idee? Das ist gut gesagt. Sie haben einen kleinen Verstand. Nur necken Sie, ich aber bin stolz darauf.«

»Vorzüglich, sehr schön so. Gerade so muß es ja sein, daß Sie stolz darauf sind.«

»Genug, Sie haben ausgetrunken, gehen Sie jetzt.«

»Zum Teufel, da wird man wohl müssen,« Pjotr Stepanowitsch erhob sich. »Aber immerhin ist es noch früh. Hören Sie, Kirilloff, bei der Mäßnitschicha treffe ich diesen Menschen, Sie wissen schon? Oder hat auch sie gelogen?«

»Werden ihn nicht treffen, denn er ist hier und nicht da.«

»Wie, hier! zum Teufel, wo?«

»Sitzt in der Küche, ißt und trinkt.«

»Wie wagt der Kerl! ...« Pjotr Stepanowitsch wurde rot vor Zorn. »Er war verpflichtet zu warten ... Unsinn! Er hat ja weder Geld noch einen Paß!«

»Ich weiß nicht. Er ist gekommen, um sich zu verabschieden. Ist angekleidet und bereit, geht fort und kommt nicht wieder. Er sagte, daß Sie ein gemeiner Mensch sind und will nicht auf Ihr Geld warten.«

»A--ah! Er fürchtet, daß ich ... nun ja, ich kann ihn auch jetzt, wenn ... Wo ist er, in der Küche?«

Kirilloff öffnete eine Seitentür zu einem kleinen, dunklen Zimmer, aus dem drei Stufen in die Küche hinabführten. Von der Küche war, gleich bei der Tür, durch eine Bretterwand eine Kammer abgeteilt, in der gewöhnlich das Bett des Dienstmädchens stand. Hier saß nun in der Ecke unter den Heiligenbildern Fedjka vor einem unbedeckten Brettertisch, auf dem ein halbes Liter Schnaps, Brot auf einem Teller und in einer irdenen Schüssel ein kaltes Stück Rindfleisch und Kartoffeln standen. Er aß mit Genuß und schien schon halb betrunken zu sein, doch war er in kurzem Pelz und augenscheinlich zum Aufbruch bereit. Hinter der Bretterwand in der Küche summte schon der Samowar, doch der war nicht für Fedjka aufgestellt, sondern Fedjka selbst blies ihn jeden Abend mit seiner ganzen Lungenkraft für »Alexei Nylitsch« an, »dieweil Sie daran überaus gewöhnt sind, nachts immerzu Tee zu trinken!« Ich vermute stark, daß das Rindfleisch und die Kartoffeln, da kein Mädchen im Hause war, von Kirilloff selbst schon am Morgen für Fedjka gebraten worden waren.

»Was ist dir eingefallen?« rief Pjotr Stepanowitsch und stürzte die Stufen hinunter. »Warum hast du nicht dort auf mich gewartet, wo man es dir befohlen hat?«

Und zornig schlug er mit der Faust auf den Brettertisch.

Fedjka nahm eine würdevollere Haltung an.

»Du, wart ein bißchen, Pjotr Stepanowitsch, wart ein bißchen,« sagte er, fast mit stutzerhafter Deutlichkeit die Worte aussprechend, »du mußt als erste Pflicht verstehen, daß du hier auf edlen Besuch bei Herrn Kirilloff, Alexei Nylitsch, bist, bei dem du dessen Stiefel putzen kannst, denn er ist vor dir ein gebildeter Verstand, du aber bist nur ein -- Pfui!«

Und er spie elegant zur Seite, daß der Speichel trocken wie ein Wurf zu Boden flog. Man sah ihm Hochmut, Entschlossenheit und ein gewisses, höchst gefährliches, trügerisch ruhiges Klugredenwollen an -- bis zum ersten Ausbruch. Doch Pjotr Stepanowitsch hatte schon keinen Sinn mehr dafür, auf die Gefahr zu achten, und das vertrug sich schließlich auch nicht mit seiner Auffassung der Dinge. Und die Ereignisse und Mißerfolge dieses Tages hatten ihn zudem schon um jede Überlegung gebracht ... Liputin, der über den drei Stufen in der Tür stehen blieb, sah neugierig aus dem dunklen Zimmer in die Kammer hinab.

»Willst du, oder willst du nicht einen richtigen Paß haben und gutes Geld zur Fahrt, wohin man dir gesagt hat? Ja oder nein?«

»Siehst du, Pjotr Stepanowitsch, du hast mich von Anfang an betrogen, und darum bist du vor mir der reine Gauner, bist ganz wie eine verfluchte Hundelaus, -- siehst du, dafür halt ich dich. Du hast mir für unschuldiges Blut großes Geld und das Blaue vom Himmel herunter versprochen, und für Herrn Stawrogin hast du geschworen, und was ist dahinter? Es kommt immer nur deine Gaunerei heraus! Ich, so wie ich bin, bin mit keinem Tropfen Blut daran schuld, nicht, daß da tausendfünfhundert, dir aber hat Herr Stawrogin neulich so um die Ohren gewischt, daß auch wir das schon wissen. Jetzt drohst du mir von neuem und versprichst mir Geld, aber wofür -- darüber schweigst du. Ich aber denke so bei mir: du schickst mich nach Petersburg, um dich an Herrn Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch, zu rächen und rechnest auf meine Leichtgläubigkeit. Und somit gehst du als der erste Mörder aus allem hervor. Und weißt du auch, was du mit allein diesem einen Punkte schon wert geworden bist, daß du an Gott selbst, den wahrhaftigen Schöpfer, wegen deiner Verderbnis nicht mehr glaubst? Das ist schon ebenso wie Heide sein, stehst also auf einer Stufe mit Tatar oder Mordwine. Herr Kirilloff, Alexei Nylitsch, der ein großer Philosoph ist, hat dir schon mehrmals den wahren Gott, den heiligen Schöpfer aller Dinge, erklärt, und desgleichen die ganze Schöpfung der Erde wie alle zukünftigen Schicksale und die Verwandlung aller Kreaturen und alles Gewürms aus dem Buch der Apokalypse. Du aber bist wie ein unverständiges Götzenbild und verharrst in Taubheit und Stummheit, und hast dazu auch den Offizier Erteleff gebracht, ganz wie der leibhaftige Bösewicht und Verführer, so da heißt Atheist ...«

»Ach du, besoffene Fratze! -- Beraubt selbst Heiligenbilder und verkündet jetzt noch Gott!«

»Ja, siehst du, Pjotr Stepanowitsch, ich sage dir ganz aufrichtig, daß ich sie beraubt habe, aber ich habe bloß ein einziges Perlchen rausgenommen, und was kannst du wissen, vielleicht hat sich meine reuige Träne in demselben Augenblick im Schmelzofen des Allerhöchsten verwandelt für irgendein Unrecht, das mir geschehen ist, da ich doch nicht mal was habe, wo ich mein Haupt hinlegen kann. Weißt du auch aus den Büchern, daß einmal in alten Zeiten ein Kaufmann mit ganz genau so einem Tränenseufzer und Gebet wie ich aus dem Heiligenschein der heiligen Mutter Gottes eine Perle stibitzt und dann später kniefällig vor allem Volk das ganze Geld der Gottesmutter zu Füßen gelegt hat, und daß ihn da die heilige Fürsprecherin mit dem goldgestickten Tuch gesegnet hat, daselbst vor allem Volk, so daß denn schon damals ein Wunder daraus geschah und von der Obrigkeit anbefohlen wurde, alles buchstäblich in die Reichsbücher einzutragen. Du aber hast eine Maus hineingesteckt, also hast du Gott selber beschimpft. Und wenn du nicht mein angeborener Herr wärst, den ich, als ich noch ein Junge war, auf meinen Armen gewiegt habe, so würde ich dich jetzt, so wie du da bist, mit eins totschlagen, ohne hier anders vom Fleck zu gehen!«

Pjotr Stepanowitsch geriet in maßlosen Zorn.

»Sprich, hast du heute Stawrogin gesehen?«

»Das darfst du nicht wagen, daß du mich ausfragen tust. Herr Stawrogin steht in dieser Sache nur in Verwunderung vor dir da und hat sich nicht mal mit 'nem Wunsch dran beteiligt, was aber von einer Anordnung oder Geld, davon schon ganz zu schweigen. Du hast mich rundherum betrogen!«

»Das Geld bekommst du, und die zweitausend bekommst du auch, in Petersburg, am angegebenen Ort, alle auf einmal, und wirst noch mehr bekommen.«

»Du, mein Bester, du lügst nur wieder, und es ist mir fast lustig zu sehen, was für ein leichtgläubiger Verstand du bist. Herr Stawrogin steht vor dir wie auf einer hohen Treppe und du kläffst nur von unten wie ein dummes Hündchen, während er von oben auf dich auch nur zu spucken schon für eine große Ehre für dich halten würde.«

»Aber weißt du auch,« rief Pjotr Stepanowitsch in rasender Wut, »daß ich dich, Schurke, nicht einen Schritt von hier lasse und dich sofort der Polizei übergebe!«

Fedjka sprang auf und seine Augen blitzten vor Jähzorn. Pjotr Stepanowitsch riß seinen Revolver hervor. Und nun kam es zu einem widerlichen kurzen Auftritt: noch bevor Pjotr Stepanowitsch zielen konnte, hatte Fedjka sich schon im Nu geduckt, gedreht und schlug ihn aus aller Kraft auf die Wange. Und schon im selben Augenblick klatschte der zweite furchtbare Schlag, dann der dritte, der vierte, immer auf die Wange. Pjotr Stepanowitsch stand wie duselig, seine Augen stierten, er murmelte etwas, und plötzlich stürzte er jäh zu Boden.

»Da habt ihr ihn, nehmt ihn jetzt!« rief Fedjka mit einer triumphierenden Wendung, ergriff seine Mütze, zog schnell unter der Bank ein Bündel hervor und war verschwunden.

Pjotr Stepanowitsch lag röchelnd am Boden. Liputin dachte schon, er werde gleich sterben. Kirilloff lief schnell in die Küche.

»Mit Wasser muß man ihn!« rief er.

Er schöpfte in Hast mit einem Blechgefäß Wasser aus dem Eimer, kam schnell zurück und goß es ihm über den Kopf. Pjotr Stepanowitsch bewegte sich, erhob den Kopf, setzte sich langsam auf und blickte unverständig vor sich hin.

»Nun, wie ist es?« fragte Kirilloff.

Pjotr Stepanowitsch sah ihn unbeweglich, doch noch ohne ihn zu erkennen, an. Da bemerkte er aber Liputin, der aus der dunklen Tür hervorgetreten war, und lächelte sein altes gemeines Lächeln. Plötzlich griff er schnell nach seinem auf der Diele liegenden Revolver und sprang auf.

»Wenn es Ihnen morgen einfallen sollte, fortzulaufen ... wie der Schuft Stawrogin,« schrie er in wildem Ausbruch, kreidebleich, Kirilloff an, die Worte stockend und unklar hervorstoßend, »so hänge ich Sie am anderen ... Ende der Welt ... wie eine Fliege auf ... zerdrücke Sie ... verstanden!«

Und er zielte mit dem erhobenen Revolver gerade auf Kirilloffs Stirn, -- doch schon in derselben Sekunde besann er sich, riß seine Hand zurück, steckte den Revolver wieder in die Tasche und stürzte, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause. Liputin lief ihm nach. Sie krochen wieder durch den Zaun und gingen, wie sie gekommen waren, auf dem schrägen Grabenrande, sich an den Brettern haltend, bis zur Bogojawlenskstraße. Pjotr Stepanowitsch ging so schnell, daß Liputin ihm kaum nachkommen konnte. Am nächsten Kreuzweg blieb er plötzlich stehen.

»Nun?« wandte er sich herausfordernd nach Liputin um.

Liputin erinnerte sich des Revolvers und zitterte noch von dem, was geschehen war; aber die Antwort fiel ihm plötzlich wie von selbst von den Lippen:

»Ich denke ... ich denke, daß man >bis nach Taschkent< keineswegs so sehnsüchtig darauf wartet, was >der Student< da anpreist.«

»Haben Sie gesehen, was Fedjka in der Küche trank?«

»Was er trank? Branntwein trank er.«

»Nun, so wissen Sie denn, daß er zum letzten Mal im Leben Branntwein getrunken hat. Ich empfehle, für fernere Erwägungen das zu behalten. Jetzt aber scheren Sie sich zum Teufel! Bis morgen sind Sie weiter nicht nötig ... Nur -- denken Sie an mich! keine Dummheiten machen!«

Liputin jagte Hals über Kopf nach Haus.

IV.

Liputin hatte sich schon vor langer Zeit einen Paß auf einen fremden Namen besorgt. Es ist eigentlich eine sonderbare Vorstellung, daß dieser ordentliche kleine Mensch, dieser eigensinnige Familientyrann und vor allem Beamte (wenn er auch Fourierist war), daß dieser Kapitalist und Kuponschneider schon vor langer Zeit auf den phantastischen Gedanken hatte verfallen können, sich auf alle Fälle so einen Paß zu verschaffen, um sich mit ihm ins Ausland zu retten, wenn ... Er gab also doch die Möglichkeit dieses »Wenn« zu, obschon er gewiß nicht hätte formulieren können, was er unter diesem »Wenn« verstand ...

Jetzt aber hatte es sich plötzlich selbst formuliert, und noch dazu auf die allerunerwartetste Weise. Jener tollkühne Gedanke, mit dem er bei Kirilloff eingetreten war, nachdem er Pjotr Stepanowitschs »R--rrrüpel« eingesteckt hatte, bestand darin, morgen noch, womöglich vor Sonnenaufgang, alles zu verlassen und sich ins Ausland in Sicherheit zu bringen! Wer nicht glauben will, daß so phantastische Dinge in unserer alltäglichen Wirklichkeit geschehen, der möge sich die Lebensgeschichten unserer gegenwärtigen Emigranten im Ausland einmal näher ansehen. Kein einziger von ihnen hat eine vernünftigere Flucht hinter sich. Immer war es die gleiche ungebändigte Herrschaft der Hirngespinste und nichts weiter.

Als Liputin zu Hause anlangte, war das erste, was er tat, daß er seinen Reisesack hervorholte und zu packen begann. Seine größte Sorge war das Geld, wie viel und wie er es retten konnte. Jawohl: »retten«, denn seiner Meinung nach durfte er nicht eine Stunde mehr säumen und mußte womöglich schon bei Sonnenaufgang unterwegs sein. Auch wußte er noch nicht recht, wo er am besten in den Zug steigen sollte; schließlich entschloß er sich, irgendwo auf der zweiten oder dritten Station einzusteigen, bis dorthin aber zu Fuß zu laufen. So plagte er sich denn mit seinem Reisesack herum, einen ganzen Wirbelsturm von Gedanken im Kopf, und -- plötzlich warf er alles hin und sank mit einem tiefen Stöhnen auf seinen Diwan und streckte sich auf ihm aus.

Er fühlte deutlich, und plötzlich erkannte er ganz klar, daß er flüchten, nun ja, daß er wirklich flüchten werde, daß er aber die Frage, ob er vor oder nach Schatoff flüchten sollte, jetzt zu beantworten vollkommen außerstande war. Er empfand sich nur noch als einen willenlosen Körper, eine passive Masse, die schon von einer fremden unheimlichen Kraft gelenkt wurde, und er fühlte, daß er, obschon er einen Auslandspaß besaß und ohne weiteres »vor Schatoff« flüchten konnte (nur deshalb hatte er sich doch so beeilt), -- daß er trotzdem nicht »vor Schatoff«, sondern unbedingt erst »nach Schatoff« flüchten werde, und daß es so schon beschlossen, unterschrieben und versiegelt war. In unerträglicher Qual, zitternd und sich über sich selbst wundernd, seufzend und vergehend vor Angst, erlebte er doch noch, ohne selbst recht zu wissen wie, auf dem Diwan liegend, den nächsten Morgen. Und dann erst erhielt er den entscheidenden Stoß, der seinem schwankenden Entschluß die endgültige Richtung gab. Es war schon elf Uhr, als er die Tür seines Zimmers aufschloß und hinaustrat. Und das erste, was er von den Seinigen erfuhr, war, daß der Räuber, Mörder und entsprungene Zuchthäusler Fedjka, der alle in Schrecken versetzt, Kirchen beraubt und Häuser in Brand gesteckt hatte, daß Fedjka, der berüchtigte Fedjka, den unsere Polizei schon lange verfolgte und immer noch nicht hatte finden können, früh morgens, sieben Werst von der Stadt, erschlagen gefunden worden war. Die ganze Stadt wußte es bereits. Liputin stürzte aus dem Hause, um Näheres darüber zu erfahren. Er hörte, daß man Fedjka, der allem Anscheine nach beraubt worden war, mit zerspaltenem Kopf gefunden, und daß die Polizei auf Grund einiger Anhaltspunkte den Spigulinschen Fomka, mit dem Fedjka bei Lebädkins zweifellos zusammen gemordet und angezündet hatte, für den Mörder hielt. Offenbar waren die beiden unterwegs in Streit geraten, wegen der von Fedjka bei Lebädkin angeblich geraubten und unterschlagenen großen Summe Geldes, die er mit Fomka, wie man annahm, noch nicht geteilt hatte ... Liputin lief noch zu dem Hause, in dem Pjotr Stepanowitsch wohnte, und erfuhr dort, daß der junge Herr, der zwar erst um ein Uhr nachts nach Hause gekommen sei, doch seelenruhig bis acht Uhr morgens in seinem Bett geschlafen habe. Augenscheinlich war also an dem plötzlichen Tode Fedjkas nichts Ungewöhnliches, zumal ja Banditen meistens ein solches Ende nehmen: aber das verhängnisvolle Übereinstimmen der Prophezeiung, daß Fedjka an diesem Abend »zum letztenmal Branntwein getrunken« habe, mit der nackten Tatsache seines gewaltsamen Endes, war doch so seltsam und unheimlich, daß Liputin plötzlich aufhörte unschlüssig zu sein. Als er nach Hause zurückkam, stieß er mit einem Fußtritt den Reisesack unter den Diwan und am Abend war er der erste auf dem zum Stelldichein mit Schatoff angegebenen Platz, allerdings -- mit dem Paß in der Tasche.

Zwanzigstes Kapitel. Die Reisende

I.

Die Katastrophe mit Lisa und der Tod Marja Timofejewnas hatten auf Schatoff einen erschütternden und niederdrückenden Eindruck gemacht. Als ich am Morgen mit ihm zusammentraf, erschien er mir ganz verstört. Später ging er zur Mordstätte, um die Leichen zu sehen, doch soviel ich weiß, ist er an diesem Tage weder vernommen worden, noch hat er unaufgefordert irgend etwas ausgesagt. Aber je mehr der Tag vorrückte, desto mehr quälte er sich. Es gab da einen Augenblick, in dem er schon aufstehen wollte, hingehen und -- alles sagen. Was dieses »Alles« war, das wußte er freilich selbst nicht genau. Beweise besaß er keine; er hatte nur seine dunklen Ahnungen, die lediglich zu seiner eigenen Überzeugung genügten. Er hätte schließlich bloß sich selbst angegeben als ehemaliges Mitglied eines geheimen Bundes. Doch auch dazu wäre er bereit gewesen, wenn er nur in seinem Sturz diese »Schurken« -- so lautete sein eigener Ausdruck -- mitgerissen hätte!

Pjotr Stepanowitsch hatte diesen Ausbruch richtig vorausgesehen und genau gewußt, wieviel er wagte, wenn er sein furchtbares Vorhaben auch nur um einen Tag hinausschob. Aber dann hatte ihn doch wieder sein Selbstvertrauen und seine höhnische Verachtung für »diese Leutchen« zu dem Aufschub bestimmt. Er würde mit diesem unschlauen Schatoff schon fertig werden, sagte er sich: er würde ihn einfach diesen ganzen Tag über bewachen lassen und, wenn es not tat, auch früher schon entscheidend eingreifen.

Einstweilen aber rettete Pjotr Stepanowitsch und die Seinen etwas vollkommen Unerwartetes, das niemand von ihnen hätte voraussehen können.

Gegen acht Uhr abends -- gerade als die Unsrigen sich bei Erkel versammelt hatten, auf Pjotr Stepanowitsch warteten, sich ärgerten und aufregten -- lag Schatoff mit Kopfschmerzen und in leichtem Fieber auf seinem Bett, in der Dunkelheit, ohne Licht. Er quälte sich, entschloß sich, aber konnte sich immer wieder nicht endgültig entschließen: fühlte vielmehr fluchend, daß das doch alles zu nichts führen werde.

Allmählich schlief er ein. Ihm träumte, daß er in seinem Bett mit Schnüren gebunden sei und sich nicht bewegen könne, indes durch das ganze Haus furchtbare Schläge hallten, Schläge an den Zaun, an die Hoftür, an die Wand des Flügels, in dem Kirilloff wohnte --, so daß das ganze Haus zitterte und in seinen Fugen krachte, während zugleich eine ferne, bekannte, aber ihn quälende Stimme klagend seinen Namen rief.

Plötzlich wachte er auf und erhob sich im Bett. Zu seiner Verwunderung dauerten die Schläge an die Hoftür immer noch fort, und wenn sie auch längst nicht mehr so überlaut und hallend waren, wie im Traum, so waren sie doch stark und heftig genug, und auch die sonderbare quälende Stimme fuhr fort, von Zeit zu Zeit ihn von der Pforte her zu rufen, nur jetzt nicht mehr klagend, sondern, im Gegenteil, ungeduldig und gereizt.

Dazwischen hörte er noch eine andere tiefe, brummige, aber ruhigere Stimme.

Er sprang erschrocken sofort auf, öffnete das Klappfenster und steckte den Kopf hinaus.

»Wer da?« rief er hinunter.

»Wenn Sie Schatoff sind,« klang in einem eigentümlich stolzen Ton von unten eine Frauenstimme zurück, »so haben Sie die Güte, offen und ehrlich zu sagen, ob Sie mich hereinlassen wollen oder nicht?«

Er hatte diese Stimme erkannt.

»Marie! ... Bist du es?«

»Ja, gewiß bin ich es, Marja Schatowa. Aber ich bin mit einer Droschke hier und kann nicht länger --«

»Sofort ... ich will nur das Licht ...« Schatoff sprang eilig und aufgeregt zurück, begann mit zitternden Händen die Streichhölzer zu suchen, die sich aber, wie gewöhnlich in solchen Fällen, nicht finden ließen, warf dabei noch den Leuchter mit dem Licht um, und da von unten wieder die ungeduldige Stimme erklang, ließ er schließlich alles liegen und stürzte Hals über Kopf die steile Treppe hinunter, um die Hofpforte zu öffnen.

»Haben Sie die Güte, so lange diese Tasche zu halten, bis ich diesen Mann hier bezahle,« empfing ihn unten Frau Marja Schatowa und reichte ihm eine ziemlich leichte Handtasche aus Segeltuch mit Blechbeschlag. Sie selbst aber wandte sich gereizt an den Droschkenkutscher.

»Sie verlangen viel zu viel. Wenn Sie mich hier eine ganze Stunde lang durch diese schmutzigen Straßen gefahren haben, so sind Sie daran schuld, denn folglich haben Sie nicht einmal gewußt, wo diese verdrehte Straße eigentlich ist. Bitte die dreißig Kopeken zu nehmen und mir zu glauben, daß Sie weiter nichts erhalten werden.«

»Ach, Fräuleinchen, Sie haben mich doch selbst zuerst in die Wosnessensksche Straße befohlen, und diese hier ist die Bogojawlensksche. Die Wosnessensksche war meilenweit: haben bloß meinen Wallach unnütz in Schweiß gebracht.«

»Wosnessensksche, Bogojawlensksche, -- das müssen Sie als Einwohner besser wissen als ich, und zudem irren Sie sich: ich habe Ihnen ganz zuerst nur das Filippoffsche Haus genannt, und Sie behaupteten, Sie wüßten, wo das sei.«

»Hier, hier sind noch fünf Kopeken,« damit zog Schatoff sein letztes Geldstück aus der Westentasche.

»Was soll das? Sie werden hier nichts bezahlen!« fuhr Frau Schatowa auf, doch der Kutscher setzte schon seinen »Wallach« in Bewegung, und Schatoff zog sie an der Hand durch die Pforte auf den Hof und führte sie in den finsteren Flur.

»Schneller, Marie, schneller ... das sind doch lauter Nebensachen und ... Wie du naß geworden bist! Vorsichtig, hier geht es hinauf -- wie schade, daß ich das Licht nicht ... die Treppe ist steil, halt' dich am Geländer ... Nun, hier, das ist meine Stube. Verzeih, daß ich kein Licht ... Ich werde sofort ...«

Er hob im Dunkeln den Leuchter vom Boden auf, doch die Streichholzschachtel konnte er noch immer nicht finden. Marja Schatowa stand solange mitten im Zimmer, schweigend und ohne sich zu bewegen.

»Gott sei Dank, endlich! Hier ist sie!« rief er schließlich freudig und zündete das Licht an.

Marja Schatowa sah sich flüchtig im Zimmer um.

»Man hat mir zwar schon gesagt, daß Sie in einem entsetzlichen Zimmer wohnen, aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so wäre,« sagte sie launisch und ging zum Bett. »Ach, ich bin müde!« und sie sank kraftlos auf das harte Lager. »Bitte, legen Sie die Reisetasche hin und setzen Sie sich selbst auf einen Stuhl. Oder wie Sie wollen, nur zappeln Sie mir nicht so vor den Augen herum ... Ich bin nur auf kurze Zeit zu Ihnen gekommen, bis ich eine Arbeit gefunden habe, denn ich kenne hier niemanden und mein Geld ist zu Ende ... Wenn ich Ihnen aber lästig falle, so haben Sie die Güte und sagen Sie's bitte gleich! Ich werde morgen irgend etwas von meinen Sachen verkaufen, um mir im Gasthaus ein Zimmer nehmen zu können ... Ach, nur müde bin ich jetzt!«

Schatoff erbebte am ganzen Körper.

»Wozu, Marie, das ist doch nicht nötig, nicht nötig, du brauchst nicht ins Gasthaus zu gehen! Was für ein Gasthaus überhaupt? Warum das, wozu?« und flehend faltete er die Hände.

»Nun, wenn man ohne Gasthaus auskommen kann, meinetwegen -- aber man muß trotzdem die Sache klarlegen. Sie erinnern sich wohl noch, Schatoff, daß wir in Genf zwei Wochen und einige Tage als Ehepaar gelebt haben, vor -- nun sind es schon drei Jahre, daß wir auseinandergegangen sind, übrigens ohne besonderen Streit. Aber denken Sie nur nicht, daß ich gekommen bin, um irgendeine der früheren Dummheiten wieder zu beginnen! Ich bin nur zurückgekehrt, um mir eine Arbeit zu suchen, und wenn ich gerade in diese Stadt kam, nun, so geschah es, weil mir heute alles gleich ist. Ich bin vor allem nicht gekommen, um irgend etwas zu bereuen. Denken Sie nur das nicht!«

»Oh, Marie! Das ist doch alles unnötig, gar nicht nötig!« stammelte Schatoff undeutlich.

»Nun, wenn das so ist, wenn Sie so weit gescheit sind, daß Sie das verstehen können, so will ich mir erlauben hinzuzufügen, daß ich, wenn ich jetzt zu Ihnen gekommen bin, es zum Teil auch deswegen getan habe, weil ich Sie für keinen -- gemeinen Menschen halte, sondern vielleicht sogar für einen viel besseren, als die anderen -- Schurken alle!«

Ihre Augen blitzten auf. Sie mußte wohl viel von irgendwelchen »Schurken« erlitten haben!

»Ich meine das ganz im Ernst. Ich will mich durchaus nicht etwa über Sie lustig machen, wenn ich Ihnen sage, daß Sie gut sind. Ich habe es offen gesagt und Schönrednerei kann ich nicht leiden, das wissen Sie. Doch was rede ich? Es ist ja alles Unsinn. Ich habe immer gehofft, daß Sie vernünftig genug sein würden, um nicht lästig zu werden ... Ach, genug, nur müde bin ich!«

Und sie sah ihn mit langem, gequältem, müdem Blick an. Schatoff stand vor ihr, fünf Schritte weit, und hörte scheu, aber gleichsam erneut, mit einem eigentümlichen Strahlen im Gesicht, was sie sagte. Dieser starke und rauhe Mensch, der immer wie mit gesträubtem Fell wirkte, wie ein Rühr-mich-nicht-an, dieser Mensch wurde plötzlich ganz weich und wie von innen erhellt. In seiner Seele erzitterte etwas ganz Unerwartetes, ganz Ungewöhnliches. Drei Jahre Trennung, drei Jahre zerrissene Ehe hatten in seinem Herzen nichts zerstört. Vielleicht hatte er an jedem Tage dieser drei Jahre an sie gedacht, an dieses teure Wesen, das einst zu ihm gesagt, daß es ihn »liebe«. Für Schatoff hatte das eine Welt bedeutet: für ihn, der sich nicht einmal zu träumen erlaubt hatte, daß ihm je irgendein Weib sagen könnte, es »liebe« ihn. Er war keusch und schamhaft bis zur Wildheit, hielt sich für eine Mißgeburt, haßte sein Gesicht und seinen Charakter, und verglich sich mit irgendeinem Monstrum, das man eigentlich nur auf Jahrmärkten herumschleppen und zeigen konnte. Deshalb gab es für ihn nichts Heiligeres, als Wahrheit und Ehrlichkeit, und war er in seiner ganzen finsteren, stolzen, jähzornigen und schweigsamen Art seinen Überzeugungen bis zum Fanatismus ergeben! Und nun stand dieses einzige Wesen, das ihn zwei Wochen lang geliebt hatte -- daran glaubte er immer, immer, -- dieses Wesen, das er so maßlos hoch über sich stellte, obschon er alle ihre Verirrungen kannte und ruhig und nüchtern über sie urteilte: dieses Wesen, dem er alles, aber auch alles verzieh (das stand für ihn einfach außer Frage, ja eher kam es bei ihm noch umgekehrt heraus: daß er vor ihr ganz allein der Schuldige war), nun stand diese Frau, diese Marja Schatowa plötzlich wieder vor ihm, er sah sie wieder in seiner Wohnung ... es war fast unmöglich, das zu fassen! So überrascht war er, und es lag für ihn in diesem Ereignis so viel von etwas unsagbar Furchtbarem, und doch zu gleicher Zeit so viel Glück, daß er gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte, vielleicht aber auch gar nicht wollte. Er ging und stand wie im Traum, und erst, als sie ihn mit diesem gequälten Blick ansah, da begriff er plötzlich, daß dieses einzige geliebte Geschöpf unsäglich gelitten haben mußte. Bei diesem Gedanken setzte sein Herzschlag aus. Voll Schmerz und Mitleid sah er sie an: in diesem müden Frauengesicht war der Glanz der ersten Jugend schon erloschen. Sie war gewiß immer noch schön -- in seinen Augen immer noch wie früher eine Schönheit. (In Wirklichkeit war sie fünfundzwanzig Jahre alt, ziemlich stark gebaut, über mittelgroß -- größer als Schatoff --, mit braunem, prachtvollem Haar, schmalem, bleichem Gesicht und großen dunklen Augen, in denen jetzt ein fiebriger Glanz lag.) Aber die leichtsinnige, naive und gutmütige frühere Energie, die ihr großer Zauber gewesen war, hatte sich in diesen drei Jahren in mürrische Reizbarkeit, Enttäuschung und fast in Zynismus verwandelt, in einen Zynismus, an den sie sich freilich noch nicht gewöhnt zu haben schien und der sie selbst sogar quälen mochte. Doch Schatoff sah vor allem, daß sie krank war. Und trotz all seiner Angst vor ihr, trat er plötzlich zu ihr und erfaßte ihre beiden Hände:

»Marie ... weißt du ... du bist vielleicht sehr müde, um Gottes willen, sei nicht böse ... Wenn du einwilligen wolltest, zum Beispiel, ein wenig Tee zu trinken, wie? Tee erfrischt doch sehr, nicht? Wenn du nur wolltest --?«

»Was ist hier zu wollen? Natürlich will ich! was Sie noch immer noch für ein Kind sind! Wenn Sie Tee haben, so geben Sie ihn. Wie eng es bei Ihnen ist! Wie kalt es hier ist!«

»Oh, ich werde sofort Holz ... ja, Holz ... Holz habe ich!« Schatoff ging hin und her, »-- Holz -- ja, aber ... das heißt ... übrigens auch Tee, sofort!« Und plötzlich, wie nach einem harten Entschluß, schlug er mit der Hand und ergriff seine Mütze.

»Wohin gehen Sie denn? Also haben Sie keinen Tee?«

»Gleich, sofort, sofort wird alles da sein ... ich ...«

Er nahm seinen Revolver vom Bücherbrett.

»Ich werde schnell diesen Revolver verkaufen ... oder versetzen ...«

»Was für Dummheiten, und wie lange das dauern wird! Nehmen Sie hier mein Geld, wenn Sie nichts haben, hier sind achtzig Kopeken, glaub ich, -- alles, was ich besitze. Bei Ihnen ist es ja wie in einer Irrenanstalt.«

»Nicht nötig, nicht nötig, dein Geld, ich werde sofort, im Augenblick ... ich werde ohne Revolver ...«

Und er lief geraden Wegs zu Kirilloff. Das war etwa zwei Stunden vor Pjotr Stepanowitschs und Liputins Besuch bei diesem. Schatoff und Kirilloff sahen sich, obwohl sie auf demselben Hof wohnten, fast nie, und auch wenn sie sich zufällig einmal trafen, so grüßten sie sich weder, noch sprachen sie ein Wort miteinander: sie hatten zu lange in Amerika nebeneinander »auf dem Fußboden gelegen«.

»Kirilloff, Sie haben immer Tee: können Sie mir Tee und einen Samowar geben?«

Kirilloff, der in seinem Zimmer wieder auf und ab ging (gewöhnlich die ganze Nacht aus einer Ecke in die andere), blieb plötzlich stehen und sah aufmerksam Schatoff an, jedoch ohne besondere Verwunderung, obgleich dieser ganz unerwartet hereingestürzt war.

»Tee ist da. Zucker auch. Ein Samowar auch. Aber der Samowar ist nicht nötig, der Tee ist heiß. Setzen Sie sich und trinken Sie einfach.«

»Kirilloff, wir haben beide in Amerika gelegen ... Meine Frau ist zu mir gekommen ... Ich ... Geben Sie mir Tee ... und ich brauche auch den Samowar.«

»Wenn die Frau, so brauchen Sie den Samowar. Aber den Samowar später. Ich habe zwei. Jetzt nehmen Sie die Teekanne vom Tisch. Heiß, ganz heiß. Nehmen Sie alles, nehmen Sie Zucker, den ganzen. Brot ... Brot ist viel da, nehmen Sie alles Brot. Habe auch Kalbsbraten. Geld einen Rubel.«

»Gib mir, Freund, ich gebe es dir morgen wieder! Ach, Kirilloff!«

»Das ist die Frau, die von der Schweiz? Das ist gut. Und das, daß Sie zu mir gekommen sind, ist auch gut.«

»Kirilloff!« rief Schatoff, der die Teekanne in den Arm nahm und in die Hände Zucker und Brot: »Kirilloff! Wenn Sie ... wenn Sie sich doch von Ihren schrecklichen Phantasien lossagen und Ihren atheistischen Wahnsinn lassen könnten ... was würden Sie dann für ein Mensch sein, Kirilloff!«

»Ich sehe, Sie lieben Ihre Frau nach der Schweiz. Das ist gut, falls nach der Schweiz. Wenn Sie noch Tee brauchen, kommen Sie wieder. Kommen Sie die ganze Nacht, ich schlafe nicht. Der Samowar wird heiß sein. Nehmen Sie den Rubel, hier. Gehen Sie zur Frau, ich werde bleiben und werde an Sie und Ihre Frau denken.«

Marja Schatowa schien mit der Schnelligkeit, mit der Schatoff alles besorgt hatte, zufrieden zu sein und machte sich hastig an den Tee. Doch trank sie nur eine halbe Tasse, und aß nur ein kleines Stückchen vom Brot. Für den von Kirilloff angebotenen Kalbsbraten dankte sie mit gereizter Launenhaftigkeit.

»Du bist krank, Marie, das ist alles so krankhaft an dir ...« bemerkte Schatoff schüchtern; scheu bemüht, ihr zu dienen.

»Natürlich bin ich krank; bitte, setzen Sie sich. Wo haben Sie den Tee hergenommen, da Sie keinen hatten?«

Schatoff erzählte kurz von Kirilloff. Sie hatte von diesem schon einiges gehört.

»Ich weiß, daß er verrückt ist; bitte, von was anderem; als ob es nicht genug Toren gäbe! So waren Sie in Amerika? Ich habe davon gehört, Sie haben von dort geschrieben.«

»Ja, ich ... habe nach Paris geschrieben.«

»Genug, und bitte von was anderem. Sie sind aus Überzeugung Slawophile?«

»Ich ... das heißt, nicht daß ich gerade ... Infolge der Unmöglichkeit, Russe zu sein, bin ich Slawophile geworden,« sagte er, gezwungen lächelnd, mit der Schwerfälligkeit eines Menschen, der zur unrechten Zeit und nur mit genauer Not einen Witz zustande bringt.

»Sie sind nicht Russe?«

»Nein, ich bin nicht Russe.«

»Nun, das sind alles Dummheiten. Setzen Sie sich doch endlich, ich bitte Sie. Was laufen Sie immer hin und her? Sie denken, ich phantasiere? Vielleicht werde ich auch phantasieren. Sie sagen, es gibt hier nur Sie und ihn im Hause?«

»Ja, nur wir zwei ... und unten wohnte ...«

»Und alles solche Kluge! Wer wohnte unten? Sie sagten >unten<?«

»Jetzt nicht mehr ... --«

»Was, >jetzt nicht mehr<? Ich will es wissen.«

»Ich wollte nur sagen, daß jetzt nur wir zwei hier wohnen, unten aber wohnten früher Lebädkins ...«

»Das sind die, die man heute Nacht ermordet hat?« fuhr sie plötzlich auf. »Ich hörte davon. Wie ich ankam, hörte ich davon. Und dann hat es gebrannt?«

»Ja, Marie, ja, und vielleicht begehe ich eine furchtbare Erbärmlichkeit in diesem Augenblick, wenn ich diese Schurken ungestraft lasse ...«

Er war aufgestanden und schritt wie ein Verzweifelnder mit erhobenen Armen durch das Zimmer.

Aber Marie verstand ihn nicht ganz. Sie war zu zerstreut. Sie fragte mehr, als daß sie zuhörte.

»Ja, schöne Sachen spielen sich hier bei euch ab. Ach, wie das alles gemein ist! Was für Schurken sie alle sind! Aber so setzen Sie sich doch, ich bitte Sie, endlich einmal! -- oh, wie Sie mich reizen!«

Und erschöpft senkte sie den Kopf auf das Kissen.

»Marie, ich werde ja nicht ... Du legst dich vielleicht ein wenig hin, Marie?«

Sie antwortete nicht und schloß nur übermüdet die Augen. Sie schlief fast sofort ein. Ihr bleiches Gesicht sah in diesem Augenblick wie das einer Toten aus. Schatoff sah sich im Zimmer um, setzte das Licht fester in den Leuchter, sah noch einmal unruhig auf ihr Antlitz, preßte fest die Hände vor sich zusammen und ging dann leise auf den Fußspitzen aus dem Zimmer in den Treppenflur. Dort stellte er sich mit dem Gesicht in eine Ecke, stützte die Stirn an die Wand und stand so zehn Minuten lang reglos. Er hätte wohl noch länger so gestanden, doch plötzlich vernahm er unten auf der Treppe leise, vorsichtige Schritte.

Jemand kam die Treppe herauf.

Schatoff erinnerte sich, daß er die Hofpforte zu schließen vergessen hatte.

»Wer da?« fragte er verhalten.

Der Unbekannte stieg langsam höher, ohne zu antworten. Als er oben angelangt war, blieb er stehen. Ihn zu erkennen war in der Dunkelheit unmöglich. Plötzlich hörte man die vorsichtige Frage:

»Iwan Schatoff?«

Schatoff nannte seinen Namen und streckte schnell den Arm aus, um dem Fremden den Weg zu verlegen; dieser aber griff nach seiner Hand und -- in derselben Sekunde fuhr Schatoff zusammen, als hätte er ein Reptil berührt.

»Warten Sie hier,« flüsterte er schnell, »kommen Sie nicht herein, ich kann Sie jetzt nicht empfangen. Meine Frau ist angekommen. Ich bringe das Licht her.«

Als er mit dem Licht zurückkehrte, sah er einen jungen Fähnrich vor sich stehen, dessen Namen er nicht kannte, dessen Gesicht er aber schon einmal irgendwo gesehen haben mußte.

»Erkel,« stellte sich der Jüngling vor. »Sie haben mich bei Wirginski gesehen.«

»Ich erinnere mich; Sie saßen und schrieben. Hören Sie,« brauste Schatoff plötzlich auf, wild und wütend auf den Jungen zuschreitend, wenn er auch die Stimme immer noch dämpfte. »Sie haben beim Händedruck ein Zeichen gemacht. Wissen Sie, daß ich auf alle diese Zeichen einfach spucke! Ich erkenne sie nicht an ... will sie nicht ... Ich könnte Sie gleich die Treppe hinunter werfen, wissen Sie das auch ...!«

»Nein, das weiß ich gar nicht, und ich verstehe auch gar nicht, warum Sie sich so ärgern,« sagte der Gast ganz ungekränkt und fast gutmütig. »Ich soll Ihnen nur etwas mitteilen, und darum bin ich gleich heute gekommen, um nicht unnütz Zeit zu verlieren. Sie haben eine Druckmaschine, die nicht Ihnen gehört und über deren Verbleib Sie Rechenschaft zu geben verpflichtet sind, wie Sie wohl selbst wissen werden. Man hat mich nun beauftragt, von Ihnen zu verlangen, diese Druckmaschine morgen um Punkt sieben Uhr abends Liputin zu übergeben. Und außerdem hat man mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, daß man weiter nichts mehr von Ihnen verlangen wird.«

»Nichts mehr? Hat man das ausdrücklich --?«

»Nicht das geringste. Ihre Bitte wird erfüllt und Sie sind von jetzt ab für immer ausgeschlossen. Dieses Ihnen mitzuteilen, hat man mich, wie gesagt, beauftragt.«

»Wer hat Sie beauftragt?«

»Die, die mir das Zeichen mitteilten.«

»Kommen Sie aus dem Auslande?«

»Das ... das kann Ihnen, glaube ich, gleichgültig sein.«

»Eh, zum Teufel! Aber warum sind Sie nicht früher gekommen, wenn Sie beauftragt waren?«

»Ich folgte den Instruktionen und ich war nicht allein.«

»Verstehe, verstehe schon, Sie waren nicht allein. Eh ... Teufel! Aber warum ist denn Liputin nicht selbst gekommen?«

Der Fähnrich überhörte die Frage.

»So werde ich denn morgen um sechs zu Ihnen kommen und wir gehen dann zu Fuß -- dorthin. Außer uns dreien wird niemand da sein.«

»Werchowenski auch nicht?«

»Nein. Werchowenski fährt morgen vormittag mit dem Elfuhrzuge fort.«

»Dachte ich es mir doch!« murmelte Schatoff knirschend und schlug sich mit der Faust aufs Bein. »Er zieht los, die Kanaille!«

Er dachte einen Augenblick erregt nach. Erkel sah ihn aufmerksam an, schwieg und wartete.

»Wie wollen Sie denn die ganze Druckerpresse wegschaffen? So etwas kann man doch nicht einfach ausgraben und in der Hand forttragen.«

»Das ist auch gar nicht nötig. Sie zeigen uns nur die Stelle und wir überzeugen uns, ob sie wirklich dort vergraben ist. Wir wissen doch nur im allgemeinen, wo der Ort ist, aber nicht genau, an welcher Stelle. Haben Sie sonst jemandem die Stelle gezeigt?«

Schatoff sah ihn an.

»Und Sie, Sie, solch ein Knabe, -- solch ein dummer kleiner Knabe, -- auch Sie sind mit dem Kopf in diese Falle gekrochen, wie ein richtiges Schaf? Aber was! -- die brauchen ja gerade solchen Saft! Nun, gehen Sie! E--eeh! dieser Schuft! dieser! -- Er hat euch alle betrogen und nun macht er sich selbst aus dem Staube!«

Erkel sah ihn klar und ruhig an, aber als verstehe er ihn nicht ganz.

»Werchowenski geflohen! Also richtig geflohen!« knirschte Schatoff voll Ingrimm.

»Aber er ist ja noch hier, er ist ja noch gar nicht fortgefahren. Er wird erst morgen fortfahren,« bemerkte Erkel weich und begütigend. »Ich forderte ihn ausdrücklich auf, als Zeuge bei der Übergabe zugegen zu sein; an ihn ging auch meine ganze Instruktion,« plauderte er als junger unerfahrener Knabe aus. »Aber er willigte leider nicht ein, und dabei sagte er dann, daß er in diesen Tagen fortfahren müsse.«

Schatoff blickte noch einmal mitleidig auf den naiven armen Jungen und schlug dann mit der Hand, als wollte er sagen: »Lohnt es sich denn überhaupt, daß man sie bedauert?«

»Gut, ich komme,« sagte er plötzlich kurz, »aber gehen Sie jetzt, marsch!«

»Also ich werde Sie morgen um Punkt sechs abholen,« sagte Erkel nochmals, grüßte dann höflich und stieg, ohne sich zu beeilen, die Treppe hinunter.

»Kleiner Dummkopf!« konnte sich Schatoff nicht enthalten, ihm nachzurufen.

»Wie?« fragte der andere schon von unten zurück.

»Nichts, gehen Sie.«

»Ich dachte, Sie sagten noch etwas.«

II.

Erkel war nur insofern ein »Dummkopf«, als der Hauptverstand in seinem Kopfe fehlte, eben der, auf den es ankommt, sozusagen der Kopf im Kopfe; doch von dem kleinerem dem untergeordneten Verstande hatte er eine ganze Menge, sogar so viel, daß dieser schon an Schlauheit grenzte. Fanatisch, kindlich der »allgemeinen Sache« ergeben, im Grunde aber nur Pjotr Werchowenski, hatte Erkel den Auftrag nach der Instruktion ausgeführt, die ihm bei der Verteilung der Rollen erteilt worden war. Pjotr Stepanowitsch hatte sich nämlich an jenem Abend, nachdem er ihm die Rolle des Abgesandten zugewiesen, noch die Zeit genommen, ungefähr zehn Minuten mit ihm unbelauscht zu sprechen. Sie waren zu dem Zweck zur Seite getreten. Erkels ganzer Ehrgeiz ging dahin, der »allgemeinen Sache« zu dienen, und um ihretwillen ordnete er sich blind jedem fremden Willen unter. Da nun aber solche Jünglinge, wie er, sich das Einer-Sache-dienen immer nur in Verbindung mit einer bestimmten Person vorstellen können, die ihrer Meinung nach die Idee dieser Sache repräsentiert, so richtete sich sein Wille schließlich ganz nach dem Pjotr Stepanowitschs. Erkel, der gefühlvolle, freundliche und gute Erkel, war vielleicht der kälteste und gefühlloseste unter den Mördern, mit denen Werchowenski Schatoff umstellt hatte. Ohne jeglichen persönlichen Haß, aber auch ohne mit der Wimper zu zucken, hätte er an dessen Ermordung teilgenommen.

Es war ihm unter anderem anbefohlen worden, bei der Überbringung seiner Botschaft an Schatoff die Umgebung desselben gut zu mustern: als ihn nun Schatoff auf der Treppe empfing und ihm in der Aufregung mitteilte -- wahrscheinlich ganz unwillkürlich --, daß seine Frau zurückgekehrt sei, da war Erkels instinktive Schlauheit groß genug, um ihm sofort zu sagen, daß er hier nicht die geringste Neugier weiter zeigen dürfe, während er gleichzeitig blitzschnell begriff, von welcher ungeheuren Bedeutung die Rückkehr dieser Frau für das Gelingen oder Nichtgelingen ihres Vorhabens sein konnte ...

Mit dem letzteren sollte er nur zu recht haben: Marja Ignatjewnas Rückkehr rettete geradezu die »Schurken«, da sie Schatoff von jenen gefährlichen Gedanken ablenkte, und half ihnen noch, sich seiner zu »entledigen« ... Diese plötzliche Ankunft seiner Frau regte ihn maßlos auf, warf seine Gedanken in ganz neue Gleise und ließ ihn für sich selbst jede Vorsicht vergessen. Ja, gerade der Gedanke an seine eigene Gefahr kam ihm jetzt, wo er mit so ganz anderem beschäftigt war, am allerwenigsten in den Sinn. Im Gegenteil, die Nachricht, daß Werchowenski am nächsten Tage fliehen werde, beruhigte ihn in der Beziehung vollständig. Und an der Richtigkeit dieser Nachricht zweifelte er um so weniger, als sie andererseits seinen Verdacht vollkommen bestätigte.

Nachdem er in das Zimmer zurückgekehrt war, setzte er sich still in eine Ecke, stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub sein Gesicht in den Händen. Bittere Gedanken quälten ihn ...

Und plötzlich hob er den Kopf, stand auf und ging auf den Fußspitzen zum Bett, um sie zu sehen.

»Herrgott! Sie wird doch morgen bestimmt erkranken, es hat ja jetzt schon angefangen! Sie hat sich natürlich auf der Reise erkältet. Wie sollte sie auch nicht! -- ist sie doch gar nicht mehr an unser rauhes Klima gewöhnt! Und dann die Waggons, dazu noch die dritte Klasse, und draußen Sturm und Regen. Dabei hat sie nur so ein leichtes Mäntelchen an! Und sie sollte ich nun verlassen, so allein hier lassen, ohne jede Hilfe? Und ihr Reisetäschchen, wie leicht und klein das ist, wiegt ja keine zehn Pfund! Die Arme, wie erschöpft sie ist, wie viel sie ertragen hat! Sie ist stolz, darum klagt sie nicht! Aber erbittert, erbittert ist sie! Kommt noch die Krankheit hinzu -- selbst ein Engel ist in der Krankheit gereizt! Wie trocken und heiß jetzt ihre Stirn sein muß, was für Schatten unter den Augen liegen und ... und wie schön dieses ovale Gesicht ist und dieses herrliche Haar, wie ...«

Aber er wandte schnell die Augen von ihr, ging eilig in seine Ecke zurück, wie erschrocken schon bei dem bloßen Gedanken, in ihr etwas anderes zu sehen, als ein unglückliches, gequältes Wesen, dem er helfen mußte.

»Was sind das hier für Hoffnungen! Oh, wie niedrig, wie gemein der Mensch doch ist!«

Er setzte sich wieder, vergrub wieder das Gesicht in den Händen und begann zu denken, ließ Erinnerungen an sich vorüberziehen ... und wieder träumte er von Hoffnungen.

»Ach, müde bin ich, müde!« fiel ihm ihr Ausruf, ihre schwache kranke Stimme ein. »Herrgott! wie sollte ich sie denn jetzt verlassen -- achtzig Kopeken ihr ganzes Geld! Gleich hielt sie ihr Beutelchen hin, wie klein, wie alt es war! ... Ist hergekommen, um zu arbeiten, zu verdienen, eine Stelle zu suchen -- was weiß sie denn von Stellen, was weiß sie denn von Rußland! Das ist doch alles wie bei störrischen kleinen Kindchen, alles eigene Phantasie, alles frei erdacht; und nun ärgert sie sich, die Arme, warum Rußland nicht ihren ausländischen Illusionen gleicht! Oh, ihr Unglücklichen, oh, ihr Unschuldigen! ... Aber hier ist es wirklich kalt ...«

Und er erinnerte sich plötzlich, daß sie über Kälte geklagt und er ihr versprochen hatte, einzuheizen.

»Holz ist hier, das könnte ich hereinholen, aber wenn sie dabei aufwacht? Es wird schon gehen! Aber wie wird es nun mit dem Kalbsbraten? Sie wird aufwachen und dann vielleicht doch essen wollen ... Nun, das später! Kirilloff schläft die ganze Nacht nicht. Aber womit könnte ich sie nur zudecken, sie schläft so fest! Und sie wird es bestimmt kalt haben, bestimmt kalt!«

Er trat noch einmal leise zu ihr: der Kleiderrock hatte sich ein wenig verschoben und ihr Bein war fast bis zum Knie unbedeckt. Schatoff sah erschrocken weg, zog dann schnell seinen warmen Mantel aus und breitete ihn, bemüht, nichts zu sehen, über die entblößte Stelle. Er selbst blieb in einem dünnen alten Rock.

Das vorsichtige Anheizen des Ofens, das leise Herumgehen auf den Fußspitzen, das Betrachten der Schlafenden, das Denken in der Ecke -- all das nahm viel Zeit in Anspruch. Es vergingen zwei, drei Stunden. Inzwischen waren Werchowenski und Liputin auf dem Schleichwege zu Kirilloff gekommen und hatten ihn auf demselben Wege schon wieder verlassen. Endlich schlummerte auch Schatoff in seiner Ecke ein. Da stöhnte sie plötzlich: sie erwachte und rief ihn. Er sprang wie ein Verbrecher auf.

»Marie! Ich war eingeschlafen ... sei nicht bös, Marie. Ach, wie gemein ich bin, Marie!«

Sie hatte sich ein wenig erhoben, sah sich verschlafen und erstaunt um, als ob sie noch gar nicht recht begriff, wo sie sich befand, doch plötzlich fuhr sie unwillig, zornig auf.

»Ich habe Ihr Bett eingenommen, ich bin vor Müdigkeit einfach so eingeschlafen ... Warum haben Sie das zugelassen? Warum haben Sie mich nicht sofort aufgeweckt? Wie haben Sie gewagt zu denken, daß ich Ihnen zur Last fallen will?«

»Wie hätte ich dich denn aufwecken können, Marie?«

»Es war Ihre Pflicht, mich aufzuwecken! Für Sie ist hier kein zweites Bett und ich habe Ihr Bett eingenommen. Sie hätten mich nicht in diese falsche Situation bringen sollen. Oder glauben Sie, daß ich gekommen bin, um Ihre Wohltaten auszunutzen? Sie werden sich sofort auf Ihr Bett legen, -- und ich lege mich in der Ecke auf ein paar Stühle ...«

»Marie, ich habe hier gar nicht so viel Stühle und es ist auch nichts da, was ich unterbreiten könnte!«

»Nun, dann einfach auf die Diele. Sie müßten ja sonst selbst auf der Diele schlafen. Ich will mich auf die Diele legen, sofort, sofort!«

Sie erhob sich und wollte einen Schritt vorwärts treten, doch plötzlich nahm ein unerträglicher krampfartiger Schmerz ihr alle Kraft und alle Entschlossenheit und sie sank laut aufstöhnend aufs Bett zurück. Schatoff lief erschrocken zu ihr, und Marie, die ihr Gesicht im Kissen verbarg, ergriff seine Hand und preßte und bog seine Hand wie im Krampf in ihren Händen.

So verging eine ganze Minute.

»Marie, Liebling, hier ist ein Doktor Frenzel, ich kenne ihn, sogar sehr gut ... Ich werde zu ihm laufen, wie?«

»Unsinn!«

»Warum Unsinn? Sage, Marie, was tut dir denn weh? ... Sonst könnte man auch einen heißen Umschlag machen ... vielleicht auf den Magen, zum Beispiel ... Das verstehe ich auch ohne Doktor ... Oder ein Senfpflaster ...«

»Was?« fragte sie verwundert und sah ihn, den Kopf leicht erhebend, erschrocken an.

»Das heißt, was denn, Marie?« fragte Schatoff, der sie nicht verstand. »Was fragst du? O Gott, ich rede vielleicht wirklich Unsinn! Marie, vergib, aber ich kann nichts verstehen ...«

»Ach, lassen Sie mich, das geht Sie auch gar nichts an ... das zu verstehen ... Wäre ja auch nur komisch!« und sie lachte bitter auf. »Erzählen Sie mir irgend etwas. Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen Sie. Stehen Sie nicht bei mir und sehen Sie mich nicht an, darum bitte ich Sie ganz besonders -- schon zum fünfhundertstenmal!«

Schatoff begann auf und ab zu gehen, sah zu Boden und strengte sich mit aller Gewalt an, nicht zu ihr hinzusehen.

»Hier -- sei nicht böse, Marie, ich flehe dich an --, hier unten ist Kalbsbraten, nicht weit, und Tee ... Du hast vorhin so wenig gegessen ...«

Sie winkte eigensinnig und geärgert mit der Hand ab.

Schatoff biß sich in Verzweiflung auf die Lippe.

»Hören Sie, ich habe die Absicht, hier in der Stadt eine Buchbinderei zu eröffnen. Mit Teilhabern. Da Sie hier leben und die Verhältnisse kennen, so sagen Sie mir, was Sie dazu meinen: wird es sich lohnen oder nicht?«

»Ach, Marie, bei uns liest man doch keine Bücher. Und es gibt ja auch gar keine! Wie soll er sich denn da Bücher einbinden lassen?«

»Wer >Er<?«

»Der hiesige Leser, der hiesige Einwohner überhaupt, Marie.«

»So sprechen Sie doch verständlich! Denn was heißt das: >er<! -- wer aber dieser >er< ist -- ist mir unbekannt. Sie kennen die Grammatik nicht mehr.«

»Das war doch im Geiste der Sprache ... Marie,« murmelte Schatoff.

»Ach, gehen Sie mir mit Ihrem Geist! Habe das satt. Warum würde denn der hiesige Leser oder Einwohner nicht einbinden lassen?«

»Weil, ein Buch lesen und ein Buch einbinden lassen -- zwei ganz verschiedene Zeiten der Entwicklung sind, und zwar zwei riesig große. Zuerst lernt er allmählich das Lesen, in Jahrhunderten natürlich, aber zerreißt und vernachlässigt das Buch, da er es noch nicht für eine ernste Sache hält. Ein Buch aber einbinden lassen, heißt schon das Buch achten, bedeutet, daß er nicht nur das Lesen lieben gelernt hat, sondern auch als eine große Sache anerkennt. Bis zu dieser Periode ist Rußland noch nicht gekommen. Europa bindet schon lange ein.«

»Das ist, wenn auch pedantisch ausgedrückt, doch nicht dumm gedacht und erinnert mich an die Zeit von vor drei Jahren. Sie konnten zuweilen ganz geistreich sein, vor drei Jahren.«

Sie sagte das ebenso gereizt, wie alle ihre früheren eigensinnigen Phrasen.

»Marie, Marie,« wandte sich Schatoff gerührt zu ihr, »oh, Marie! Wenn du wüßtest, was alles in diesen drei Jahren vergangen und verschwunden ist! Ich hörte, daß du mich später verachtet haben sollst, weil ich meine Überzeugungen geändert habe! Aber was habe ich denn fortgeworfen? Doch nur die Feinde des lebendigen Lebens, veraltete Liberale, die sich vor persönlicher Unabhängigkeit fürchten, die Lakaien der Gedanken, Feinde der Persönlichkeit und Freiheit, die altersschwachen Anpreiser des Toten und der stinkenden Verwesung! Was steht denn hinter ihnen? -- doch nur Greisenhaftigkeit, die goldene Mittelmäßigkeit, spießerhafteste, erbärmlichste Unbegabtheit, neidische Gleichheit, Gleichheit ohne persönliche Würde, eine Gleichheit, wie ein Lakai sie begreift, oder höchstens wie ein Franzose von dreiundneunzig sie begriff ... Doch die Hauptsache: überall sind Schurken, Schurken und Schurken!«

»Ja, Schurken gibt es viele,« sagte sie kurz.

Sie lag ausgestreckt auf dem Bett, ein wenig auf der Seite, reglos, als fürchte sie, sich zu bewegen, den Kopf auf dem Kissen zurückgebogen, und sah mit müdem, doch heißem Blick auf die Zimmerdecke. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen trocken und heiß.

»Du stimmst mir bei, Marie, du stimmst mir bei?« rief Schatoff aus.

Sie wollte den Kopf schütteln zum Zeichen der Verneinung, doch plötzlich wurde sie wieder von einem Krampf erfaßt. Wieder verbarg sie das Gesicht in dem Kissen und wieder preßte sie mit aller Kraft die Hand Schatoffs, der, außer sich vor Angst, zu ihr gestürzt war.

»Marie, Marie! Aber das ist vielleicht etwas furchtbar Ernstes, Marie!«

»Schweigen Sie ... Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht!« rief sie fast jähzornig und drehte den Kopf auf dem Kissen, daß nun wieder ihr Gesicht zu sehen war. »Wagen Sie es nicht, mich mit Ihrem Mitleid anzusehen! Gehen Sie im Zimmer herum und sprechen Sie, sprechen Sie!«

Schatoff ging wieder auf und ab und gab sich verzweifelte Mühe, nur von Gleichgültigem zu sprechen.

»Womit beschäftigen Sie sich hier?« fragte sie, mit gereizter Ungeduld ihn unterbrechend.

»Ich arbeite bei einem Kaufmann im Kontor. Wenn ich wollte, Marie, könnte ich hier ganz gutes Geld verdienen.«

»Desto besser für Sie ...«

»Ach, denk nur nicht, Marie, ich ... ich habe das nur so gesagt ...«

»Und was tun Sie denn sonst noch? Was predigen Sie denn jetzt? Sie können doch nicht anders, als predigen. Das gehört schon einmal zu Ihrem Charakter!«

»Ich predige Gott, Marie.«

»An den Sie selbst nicht glauben. Diese Idee habe ich nie begreifen können.«

»Lassen wir das, Marie, davon können wir später sprechen.«

»Was war diese Marja Timofejewna hier?«

»Davon wollen wir auch später sprechen, Marie.«

»Wagen Sie es nicht, mir solche Bemerkungen zu machen! Ist es wahr, daß ihr Tod ein Verbrechen ... dieser Menschen ist?«

»Zweifellos,« preßte Schatoff durch die Zähne hervor.

Marie erhob plötzlich den Kopf und rief krankhaft erregt:

»Wagen Sie es nie mehr, mir davon zu sprechen, nie mehr, nie mehr!«

Und wieder fiel sie zurück, wieder übermannt von einem krampfartigen Schmerz. Das war schon der dritte Anfall. Ihr Gestöhn wurde lauter -- laut bis zum Geschrei.

»O Sie unerträglicher Mensch! O Sie entsetzlicher Mensch!« Sie warf sich hin und her, sie stieß erbarmungslos Schatoff fort, der am Bett stand und sich über sie beugte.

»Marie, ich werde alles tun, was du willst ... ich werde gehen ... sprechen ...«

»Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, was begonnen hat!«

»Was hat begonnen, Marie?«

»Ach, wie soll ich es wissen! Weiß ich denn etwas davon? ... Oh, verfl...! Oh ... im voraus sei schon alles verflucht!«

»Marie, wenn du nur sagen wolltest, was begonnen hat ... denn sonst ... wie soll ich denn sonst etwas verstehen?«

»Sie sind ein abstrakter Schwätzer ... Oh ... alles ... alles sei verflucht!«

»Marie! Marie!«

Er begann schon ernstlich zu befürchten, daß sie wahnsinnig geworden sei.

Da richtete sie sich plötzlich halb auf und sah ihn mit furchtbarer, krankhafter, ihr Gesicht entstellender Wut an:

»Ja, sehen Sie denn noch immer nicht, daß ich mich in Geburtswehen quäle? Mag es im voraus verflucht sein, dieses Kind!«

»Marie,« rief Schatoff, der jetzt endlich begriff, um was es sich handelte. »Marie ... Warum hast du das nicht gleich gesagt?« Er besann sich sofort, und plötzlich ergriff er in energischer Entschlossenheit seine Mütze.

»Wußte ich es denn, als ich hier eintrat? Wäre ich denn sonst zu Ihnen gekommen? Man sagte mir: erst nach zehn Tagen! Aber wohin gehen Sie denn, wohin wollen Sie, unterstehen Sie sich nicht!« ...

»Nach der Hebamme! Ich verkaufe den Revolver: ganz zuerst muß jetzt Geld --!«

»Wagen Sie es nicht, unterstehen Sie sich nicht, nach der Hebamme zu gehen, einfach ein Weib, irgendeine Alte, ich habe noch achtzig Kopeken im Geldbeutel ... Bauernweiber gebären doch ohne fremde Hilfe ... Und krepiere ich, um so besser ...«

»Das Weib schaffe ich zur Stelle, eine Alte gleichfalls. Nur wie ... wie soll ich, Herrgott, wie soll ich dich so allein lassen, Marie?«

Doch er sagte sich, daß es immerhin besser war, sie jetzt allein zu lassen, als später ohne Hilfe zu sein, und er eilte wie gehetzt die Treppe hinunter.

III.

Ganz zuerst lief er zu Kirilloff. Es war schon gegen ein Uhr nachts. Kirilloff stand mitten im Zimmer.

»Kirilloff, meine Frau gebiert!«

»Das heißt, wie?«

»Sie gebiert, sie gebiert ein Kind!«

»Sie ... täuschen sich auch nicht?«

»O nein, nein, sie hat schon Krämpfe! ... Sie braucht ein Weib, irgendeine Alte, unbedingt, sofort ... Kann man sie bekommen? Sie hatten hier doch immer viele alte Weiber ...«

»Sehr schade, daß ich nicht zu gebären verstehe,« sagte Kirilloff ernst und nachdenklich, »das heißt, nicht ich gebären, aber so zu machen, daß ich nicht zu gebären verstehe ... oder ... Nein, das verstehe ich schon nicht zu sagen.«

»Sie wollen wohl sagen, daß Sie bei der Geburt nicht zu helfen verstehen? Aber davon spreche ich ja nicht! Eine Alte, ein altes Weib, ich bitte Sie um ein altes Weib, eine Krankenwärterin, Pflegerin, Aufwärterin!«

»Die Alte wird da sein, nur vielleicht nicht gleich. Wenn Sie wollen, werde ich anstatt ...«

»Unmöglich! -- ich laufe jetzt zur Wirginskaja, zur Hebamme ...«

»Gemeines Frauenzimmer.«

»Ja, Kirilloff, ja, aber sie ist die beste! O ja, das wird alles ohne Ehrfurcht, ohne Freude, mürrisch, mit Geschimpf und Gotteslästerungen geschehen -- bei einem so großen, heiligen Geheimnis, wie es die Geburt eines neuen Menschen ist! ... Oh, und sie -- sie verflucht das Kind schon jetzt! ...«

»Wenn Sie wollen, ich ...«

»Nein, nein, aber während ich laufe (oh, ich werde die Wirginskaja schon heranschleppen!) währenddem könnten Sie von Zeit zu Zeit zu meiner Treppe gehen und vorsichtig hinaufhorchen, doch unterstehen Sie sich nicht, hineinzugehen, Sie würden sie erschrecken, hören Sie, daß Sie nicht hineingehen, horchen Sie bloß so -- auf alle Fälle! Nur wenn etwas Äußerstes geschehen sollte -- gehen Sie hinein!«

»Verstehe. Geld noch einen Rubel. Hier. Ich wollte morgen ein Huhn, jetzt will ich nicht. Laufen Sie schnell, laufen Sie so schnell Sie können. Der Samowar ist die ganze Nacht.«

Kirilloff ahnte nichts von den Absichten gegen Schatoff. Auch früher war ihm die Gefahr unbekannt gewesen, die Schatoff drohte. Er hatte nur gehört, daß Schatoff alte Abrechnungen mit »diesen Leuten« habe, doch wußte er nichts Näheres darüber, obschon er selbst durch gewisse Instruktionen aus dem Auslande (übrigens waren es nur ganz unverfängliche) mit dem »Fall Schatoff« gewissermaßen verknüpft war. Doch in der letzten Zeit hatte er alles abgelehnt, hatte sich von allem zurückgezogen, besonders was die »allgemeine Sache« irgendwie anging, und sich ganz seinem kontemplativen Leben hingegeben. Pjotr Werchowenski, der auf der Sitzung doch eigentlich nur deshalb Liputin aufgefordert hatte, mitzukommen, um ihn zu überzeugen, daß Kirilloff den »Fall Schatoff« tatsächlich auf sich nehmen werde, hatte im Gespräch mit Kirilloff kein Wort über Schatoff verloren, ja, ihn nicht einmal erwähnt: offenbar mit Absicht, da er nicht sicher war, ob Kirilloff nicht alles ablehnen würde, wenn er erfuhr, daß Schatoff als Opfer mit hineingezogen werden sollte. So hatte er denn diesen Teil der ganzen Angelegenheit auf den folgenden Tag verschoben, wenn die Tat bereits geschehen und alles schon »einerlei« war. Liputin war es allerdings aufgefallen, daß Pjotr Stepanowitsch gerade über Schatoff kein Wort sagte, doch war er andererseits selbst zu aufgeregt gewesen, um ihn darauf aufmerksam zu machen.

Schatoff lief so schnell er nur konnte zu Wirginskis, fluchend über die Entfernung, die ihm heute endlos erschien.

An dem Hause mußte er lange klopfen: alles schlief natürlich. Doch Schatoff schlug rücksichtslos und mit aller Kraft an die Fensterläden. Der Hofhund schlug an, riß an seiner Kette und heulte und bellte, daß sämtliche Hunde der Umgegend gleichfalls anschlugen.

»Wer klopft? Was wünschen Sie?« ertönte endlich an einem Fenster die weiche Stimme Wirginskis, deren Sanftheit in so gar keinem Verhältnis zu der Störung stand.

Der Fensterladen wurde geöffnet und gleich darauf auch das Klappfenster.

»Wer ist da? Wer ist der Schuft?« kreischte wütend die Stimme der alten Jungfer, Wirginskis Schwägerin, deren Ton schon mehr als im Verhältnis zu der »Beleidigung« stand.

»Ich bin Schatoff, meine Frau ist zu mir zurückgekehrt und wird gleich gebären ...«

»So mag sie doch, scheren Sie sich zum Kuckuck!«

»Ich bin nach Arina Prochorowna gekommen, ohne Arina Prochorowna gehe ich nicht fort!«

»Sie kann doch nicht zu jedem gehen! In der Nacht ist eine andere Praxis ... Scheren Sie sich zur Makschejewa, und daß Sie sich nicht unterstehen, noch weiterzulärmen!« rief zornknatternd die Weiberstimme.

Doch Schatoff hörte gleichzeitig, wie Wirginski sie zu beschwichtigen und zu unterbrechen suchte. Die alte Jungfer aber ließ ihn einfach nicht zu Wort kommen und verteidigte ihren Platz am Fenster.

»Ich gehe nicht fort!« schrie Schatoff wieder.

»Warten Sie, warten Sie!« rief Wirginski und es gelang ihm endlich, die alte Jungfer zu verdrängen. »Ich bitte Sie, Schatoff, warten Sie noch fünf Minuten, ich werde Arina Prochorowna wecken, nur bitte klopfen Sie nicht mehr und schreien Sie bitte nicht ... Oh, wie ist das schrecklich!«

Nach fünf endlosen Minuten erschien dann schließlich Arina Prochorowna.

»Ihre Frau ist zu Ihnen gekommen?« ertönte ihre Stimme durch das Klappfenster, und zwar, zu Schatoffs nicht geringer Verwunderung, diesmal durchaus nicht geärgert, sondern höchstens befehlend wie gewöhnlich -- aber anders verstand Arina Prochorowna überhaupt nicht zu sprechen.

»Ja, meine Frau -- und sie bekommt ein Kind.«

»Marja Ignatjewna?«

»Ja, Marja Ignatjewna. Natürlich, Marja Ignatjewna!«

Ein Schweigen entstand. Schatoff wartete. Hinter dem Fenster hörte er flüstern.

»Ist sie schon vor langer Zeit angekommen?« fragte Frau Wirginskaja wieder.

»Heute abend, um acht. Bitte schnell, wenn Sie können!«

Wieder wurde im Hause geflüstert, wieder schienen sie sich zu beraten.

»Hören Sie, irren Sie sich nicht? Hat sie selbst Sie zu mir geschickt?«

»Nein, sie hat mich nicht geschickt, sie will nur ein Weib haben, ein einfaches Weib, um mich nicht mit Ausgaben zu belasten, aber seien Sie unbesorgt, ich werde alles bezahlen.«

»Gut, ich komme, ob Sie zahlen oder nicht. Ich habe stets die selbständigen Anschauungen Marja Ignatjewnas zu schätzen gewußt, wenn sie sich auch meiner vielleicht nicht mehr erinnert. Haben Sie die notwendigsten Sachen?«

»Ich habe nichts, aber es wird alles, alles gleich zur Stelle sein! ... Also Sie kommen?«

Damit lief Schatoff auch schon fort: diesmal zu Lämschin.

»Es gibt doch in diesen Leuten noch Großmut!« dachte er auf dem Wege. »Die Überzeugungen und der Mensch, -- das sind, glaube ich, in vielem zwei ganz verschiedene Dinge. Ich habe ihnen vielleicht in manchem Unrecht getan! ... Alle Menschen sind schuldig, alle sind schuldig und ... wenn doch alle das einsehen würden! ...«

Bei Lämschin brauchte er nicht lange zu klopfen: es wurde überraschend schnell geöffnet. Lämschin war aber auch schon beim ersten Schlag aus dem Bett gesprungen und steckte -- mit bloßen Füßen, nur im Hemd -- im Nu den Kopf zum Luftfenster hinaus, ungeachtet dessen, daß er sich so einen Schnupfen zu holen riskierte; er aber war sonst sehr vorsichtig und stets um seine Gesundheit besorgt. Doch diese Scharfhörigkeit und Eile hatten einen besonderen Grund: Lämschin hatte nämlich nach der Sitzung bei Erkel überhaupt nicht einschlafen können und den ganzen Abend und die halbe Nacht nur so gezittert vor Aufregung. Ihm schwante die ganze Zeit, daß sogleich gewisse ungebetene und unerwünschte Gäste bei ihm erscheinen würden. Denn ihn, Lämschin, quälte am meisten die Nachricht von Schatoffs Denunziation. Und nun plötzlich, wie absichtlich, wurde so furchtbar laut und befehlend an sein Fenster geklopft! ...

Als er Schatoff erblickte, erschrak er so, daß er sofort das Fenster zuschlug und ins Bett zurücklief. Schatoff aber begann wütend zu rufen und zu klopfen.

»Wie dürfen Sie so schreien und klopfen mitten in der Nacht?« rief das Jüdchen drohend und doch fast vergehend vor Angst, -- und auch das erst nach ganzen zwei Minuten der Unentschlossenheit und erst nachdem er sich überzeugt hatte, daß Schatoff ganz allein gekommen war.

»Hier haben Sie Ihren Revolver, nehmen Sie ihn zurück und geben Sie mir fünfzehn Rubel.«

»Was soll das heißen, sind Sie besoffen? Das ist Raubmord! Und ich erkälte mich nur. Warten Sie, ich nehme ein Plaid um.«

»Geben Sie sofort fünfzehn Rubel. Wenn nicht, so werde ich bis zum Morgen klopfen und schreien. Ich schlage Ihnen das Fenster ein!«

»Aber ich werde die Polizei rufen und man nimmt Sie in Arrest!«

»Ah, und bin ich denn stumm? Als ob ich nicht auch die Polizei rufen kann? Wer hat die wohl mehr zu fürchten, Sie oder ich?«

»Und Sie können so häßliche Absichten haben ... Ich weiß, worauf Sie anspielen ... Warten Sie, warten Sie um Gottes willen, klopfen Sie nicht mehr! Erbarmen Sie sich, wer hat denn Geld in der Nacht? Wozu brauchen Sie überhaupt Geld, wenn Sie nicht betrunken sind?«

»Meine Frau ist zu mir gekommen. Ich habe Ihnen zehn Rubel abgelassen, habe kein Mal geschossen, -- nehmen Sie den Revolver, nehmen Sie ihn sofort!«

Lämschin streckte mechanisch seine Hand aus dem Fenster und nahm den Revolver entgegen: einen Augenblick wartete er, dann aber steckte er plötzlich den Kopf hinaus und lispelte mit steifer Zunge, ohne selbst zu begreifen, was er tat, und mit einem Schauer im Rücken:

»Sie lügen, zu Ihnen ist gar keine Frau gekommen ... Das ... das ... Sie wollen einfach irgendwohin fliehen!«

»Sie Kalb, wohin soll ich denn fliehen? Euer Pjotr Werchowenski flieht, aber nicht ich. Ich war soeben bei der Wirginskaja und sie war sofort bereit, zu mir zu kommen. Entschließen Sie sich! Meine Frau quält sich, ich brauche Geld, geben Sie das Geld!«

Ein ganzes Feuerwerk von Gedanken sprühte sogleich im findigen Kopfe Lämschins auf. Alles nahm in seinen Augen plötzlich eine andere Wendung, aber die Angst ließ ihn immer noch nicht klar überlegen.

»Ja aber, wie ist denn das ... Sie leben doch nicht mit Ihrer Frau?«

»Für solche Fragen schlage ich Ihnen den Schädel ein!«

»Ach, mein Gott, verzeihen Sie, ich begreife, ich war nur so bestürzt ... Aber ich verstehe, verstehe. Aber ... aber wird denn Arina Prochorowna wirklich kommen? Sie sagten, daß sie schon gegangen sei? Wissen Sie, das ist doch gar nicht wahr. Sehen Sie, sehen Sie, sehen Sie, wie Sie die Unwahrheit sagen, auf jedem Schritt!«

»Sie ist jetzt bestimmt schon bei meiner Frau ... Halten Sie mich nicht auf, ich bin nicht schuld daran, daß Sie dumm sind.«

»Das ist nicht wahr, ich bin gar nicht dumm. Verzeihen Sie, aber ich kann auf keine Weise ...«

Und er wollte schon, ganz aus der Fassung gebracht, zum drittenmal das Luftfenster schließen. Doch Schatoff brüllte derart auf, daß der Kleine sofort wieder den Kopf zum Fenster hinaussteckte.

»Aber das ist doch schon einfach eine ... eine Beschlagnahme der Persönlichkeit! Was wollen Sie denn von mir, nun, was, was denn, formulieren Sie es doch! Und beachten Sie, beachten Sie, mitten in solch einer Nacht!«

»Fünfzehn Rubel verlange ich, Schafskopf!«

»Aber ich, ich will den Revolver vielleicht gar nicht zurücknehmen! Sie haben gar nicht das Recht, so was zu verlangen. Sie haben das Ding gekauft -- damit ist alles fertig, und Sie haben nicht das Recht! ... Solch eine Summe habe ich überhaupt nicht in der Nacht! Wo soll ich solch eine Summe hernehmen in der Nacht?«

»Du hast immer Geld bei dir; ich habe dir zehn Rubel abgelassen, aber du bist ja ein bekannter Judenlümmel!«

»Kommen Sie übermorgen, -- hören Sie, übermorgen früh, punkt zwölf Uhr, und ich gebe Ihnen alles, alles, ist's recht?«

Schatoff schlug wieder unbändig an den Fensterrahmen.

»Zehn Rubel her, und morgen früh fünf!«

»Nein, _über_morgen früh fünf, aber morgen kann ich bei Gott nicht. Kommen Sie lieber gar nich! Kommen Sie lieber gar nich!«

»Zehn Rubel, sag ich; o Schuft!«

»Aber warum schimpfen Sie denn so? Warten Sie, ich muß doch erst Licht machen! Sie haben den Kitt von den Scheiben losgeschlagen ... Wer schimpft denn so in der Nacht? Hier!« und er reichte einen Schein aus dem Fenster.

Schatoff ergriff ihn, -- es war ein Fünfrubelschein.

»Das sind ja nur fünf!«

»Bei Gott, ich kann nicht, und wenn Sie mich erstechen, ich kann nicht, übermorgen kann ich alles, aber jetzt kann ich gar nichts.«

»Ich gehe nicht früher fort!« schrie Schatoff.

»Nu, nehmen Sie noch das, nu, hier ist noch, sehen Sie, hier ist noch, aber mehr gebe ich nich. Schreien Sie sich meinetwegen die Kehle kaputt, ich geb nich mehr, was Sie da auch nich machen -- geb nich mehr, geb nich, geb nich!«

Er war außer sich, in Verzweiflung, in Schweiß. Die beiden Geldscheine, die er noch gab, waren nur Einrubelscheine. Im ganzen hatte Schatoff sieben Rubel bekommen.

»Daß dich der Teufel hole, ich komme morgen. Und ich haue dich, Lämschin, wenn du die acht Rubel nicht bereit hast!«

»Und morgen bin ich einfach nich zu Haus, Dummkopf!« dachte Lämschin blitzschnell.

»Warten Sie, warten Sie, Herr Schatoff!« rief er ihm plötzlich nach. »Warten Sie, kommen Sie zurück! -- Sagen Sie, bitte, ist es wirklich wahr, was Sie gesagt haben, daß Ihre Frau zurückgekommen ist?«

»Esel!« sagte Schatoff ausspuckend und lief so schnell er konnte nach Hause.

IV.

Arina Prochorowna wußte nichts von dem in der Sitzung gefaßten Beschluß. Wirginski, der ganz schwach nach Hause gekommen war, hatte ihr in seiner Aufregung zwar einiges mitgeteilt, alles jedoch noch nicht zu sagen gewagt. Im Grunde war es nur die Nachricht von Schatoffs bevorstehender Denunziation, die sie erfahren hatte. Wirginski fügte wohl noch hinzu, daß er an diese Nachricht selber nicht ganz glaube, doch Arina Prochorowna war nichtsdestoweniger heftig erschrocken. Aus diesem Grunde entschloß sie sich sofort, als Schatoff sie zu seiner Frau rief, trotz ihrer Müdigkeit (sie hatte in der Nacht vorher auch schon entbunden) zu ihm zu gehen. Sie hatte schon längst, wie sie sagte, diesen Schatoff für fähig gehalten, »eine bürgerliche Gemeinheit zu begehen«, und glaubte darum an eine Anzeige von seiner Seite weit eher als ihr Mann. Als sie aber hörte, daß Marja Ignatjewna zurückgekehrt war, da schöpfte sie sofort neue Hoffnung: Schatoffs Angst, der verzweifelte Ton seiner Bitte ließen sie eine gewisse »Umwandlung in den Gefühlen des Verräters« ahnen. Ein Mensch, dachte sie, der sich entschlossen hat, sich selbst zu verderben, nur um andere auszuliefern, würde anders aussehen und anders sprechen. Jedenfalls entschloß sich Arina Prochorowna sofort, alles mit eigenen Augen zu untersuchen. Und auf Wirginski wirkte der Entschluß seiner Frau unendlich beruhigend -- als ob man ihm »fünf Pud« von der Seele genommen hätte! Auch in ihm stieg eine neue Hoffnung auf: das Aussehen Schatoffs schien ihm im höchsten Grade Werchowenskis Verdacht zunichte zu machen.

Schatoff hatte sich nicht getäuscht: als er zurückkam, fand er Arina Prochorowna schon in seinem Zimmer. Sie war erst vor ein paar Minuten eingetroffen, hatte den unten an der Treppe Wacht haltenden Kirilloff mit Verachtung weggejagt und sich schnell und so gut das möglich war, mit Marie verständigt. Angetroffen hatte sie ihre Patientin »in der gemeinsten Verfassung«, das heißt, böse, gereizt und »im allerdümmsten Kleinmut« -- aber schon nach wenigen Worten hatte sie Maries sämtliche Einwendungen besiegt.

»Was jammern Sie da, daß Sie keine teure Hebamme haben wollen?« sagte sie gerade in dem Augenblick, als Schatoff eintrat, »der reinste Blödsinn, verdrehte Gedanken, die von Ihrem unnormalen Zustande kommen. Mit Hilfe irgendeines alten Bauernweibes hätten Sie fünfzig Chancen, schlecht zu enden, jawohl, und dann gibt es schon mehr Scherereien und Ausgaben, als wenn Sie eine teure nehmen. Und woher wissen Sie überhaupt, daß ich teuer bin? Sie können später bezahlen, von Ihnen werde ich nicht mehr verlangen als recht ist, und ich garantiere für eine gute Entbindung: bei mir werden Sie schon nicht sterben, das ist bei mir noch nie vorgekommen. Und das Kind -- das kann ich Ihnen morgen noch in einer Anstalt unterbringen, und später geben wir es ins Dorf zur Erziehung, womit die Sache dann abgetan ist. Sie aber werden schnell gesund, machen sich an eine vernünftige Arbeit und >entschädigen< dann meinetwegen Schatoff für das Zimmer und die Ausgaben, die durchaus nicht so groß sein werden ...«

»Ach, nicht das ... Ich habe nicht das Recht, ihn zu belästigen ...«

»Sehr rationell und bürgerlich gedacht, aber, wie gesagt, Schatoff wird fast überhaupt keine Auslagen haben, glauben Sie mir, -- wenn er sich nur aus einem phantastischen Herrn in einen Menschen mit vernünftigen Ideen verwandeln wollte! Vor allem sollte man ihn keine Dummheiten machen, nicht gleich lostrommeln und mit herausgestreckter Zunge durch die Stadt rennen lassen! Er hat jetzt hier zu bleiben! Wenn man ihn nicht mit Gewalt festhält, so schleppt er uns bis zum Morgen womöglich noch sämtliche Ärzte zusammen: er hat doch bei mir alle Hunde zum Kläffen gebracht! Ärzte brauchen wir nicht, ich habe schon gesagt, daß ich für alles garantiere. Ein altes Weib kann man meinetwegen noch zur Bedienung annehmen, das kostet auch weiter nicht viel. Übrigens kann er sich auch selbst nützlich machen, er braucht doch nicht nur zu Dummheiten fähig zu sein. Er hat doch Arme und Beine, kann also in die Apotheke laufen, ohne dabei irgendwie Ihre Gefühle mit >Wohltaten< zu verletzen. Was Teufel >Wohltaten<! Hat er Sie denn nicht selbst in diese Lage gebracht? Er hat Sie doch damals zum Bruch mit dieser Familie getrieben, in der Sie Lehrerin waren, mit dem selbstsüchtigen Ziel, Sie dann heiraten zu können!? Wir haben doch davon gehört ... Übrigens kam er doch selbst angelaufen und hat bei uns geschrien und getobt wie ein Verrückter. Ich binde mich wahrhaftig niemandem auf und bin nur um Ihretwillen gekommen, aus Prinzip, weil wir unter uns zur Solidarität verpflichtet sind. Das habe ich ihm übrigens auch gesagt. Wenn ich aber nach Ihrer Meinung hier überflüssig bin, dann sagen Sie es nur und -- leben Sie wohl! Daß bloß kein Unglück geschieht, was so leicht zu verhüten wäre.« Und sie erhob sich sogar schon von ihrem Stuhl.

Marie war aber so hilflos, litt dermaßen und -- um die Wahrheit zu sagen -- fürchtete sich so maßlos vor dem, was ihr bevorstand, daß sie es jetzt selbst nicht mehr wagte, die Wirginskaja von sich zu lassen. Dafür aber war ihr diese Frau plötzlich geradezu verhaßt: die sprach da von ganz anderem, nur nicht von dem, was in Maries Seele vorging! Doch die Möglichkeit, in den Händen einer ungeschickten Hebamme zu sterben, besiegte den Widerwillen. Zu Schatoff jedoch wurde sie von nun an noch herrischer, noch unnachsichtiger: schließlich verbot sie ihm nicht nur, sie anzusehen, sondern er durfte nicht einmal mit dem Gesicht zu ihr gewandt stehen. Dabei wurden ihre Schmerzen immer stärker und ihre Flüche und selbst Schimpfworte immer sinnloser.

»Ach, was da! wir schicken ihn einfach hinaus,« schnitt Arina Prochorowna kurz ab. »Mit seinem Gesicht erschreckt er Sie nur: bleich ist er wie ein Toter! Was haben denn Sie zu fürchten, Sie komischer Mensch? Das ist mir mal eine Komödie!«

Schatoff antwortete nicht: er hatte sich vorgenommen, um nicht unnütz zu reizen, einfach nichts zu erwidern.

»Ach, habe ich dumme Väter in solchen Fällen gesehen! Die verlieren nun mal immer den Verstand. Aber die haben dann doch wenigstens ...«

»Hören Sie auf, oder gehen Sie, damit ich endlich sterbe! Kein Wort mehr! Ich will nicht, will nicht!« keuchte Marie in Qualen.

»Da kann man ja überhaupt nichts mehr sprechen! Ich sehe nur, daß Sie die Vernunft verloren haben. Doch zur Sache: sagen Sie, haben Sie schon etwas vorbereitet? Antworten Sie, Schatoff, denn sie hat jetzt keinen Sinn dafür.«

»Sagen Sie, bitte, was denn eigentlich nötig ist.«

»Also nichts vorbereitet.«

Sie zählte ihm das unbedingt Nötige auf, wirklich nur das Notwendigste.

Einiges fand sich auch bei Schatoff. Marie zog einen kleinen Schlüssel hervor und reichte ihn ihm, damit er in ihrer Reisetasche suche. Da aber seine Hände zitterten, so dauerte es etwas länger, bis er das ihm unbekannte Schloß aufgemacht hatte, worüber Marie wieder außer sich geriet, doch als nun Arina Prochorowna ihm helfen und schneller öffnen wollte, da erlaubte sie wieder unter keiner Bedingung, daß diese ihre Tasche anrühre, und bestand mit kindischem Geschrei und Weinen darauf, daß nur Schatoff allein sie öffne.

Nach anderen Sachen mußte er zu Kirilloff gehen. Kaum aber war er aus dem Zimmer, da rief ihn Marie auch schon wie rasend wieder zurück und beruhigte sich erst, nachdem Schatoff sofort wieder von der Treppe zurückgelaufen kam und ihr dann auseinandersetzte, daß er nur auf eine Minute und auch nur nach dem Notwendigsten fortgehen und sofort wieder da sein werde.

»Na, Sie zu befriedigen ist aber schwer,« meinte Arina Prochorowna lachend, »bald muß man mit dem Gesicht zur Wand stehen und darf sich nicht mal umkehren, bald ist es wieder so nicht recht; und wenn man Ihretwegen auf einen Augenblick fortgehen muß, fangen Sie zu weinen an. Na, nun regen Sie sich aber nicht so auf, reiben Sie sich nicht die verweinten Augen, -- ich lache doch nur.«

»Er darf sich nicht unterstehen, überhaupt etwas zu denken!«

»Tatata, wenn er nicht wie ein Bock in Sie verliebt wäre, würde er doch nicht die Hunde der ganzen Stadt zum Heulen bringen und wie verrückt durch die Straßen rennen! Bei mir hat er fast den Fensterrahmen herausgeschlagen.«

V.

Schatoff traf Kirilloff immer noch im Zimmer auf- und abgehend an, aber er war so zerstreut und mit sich beschäftigt, daß er die Ankunft von Schatoffs Frau einfach vergessen hatte, Schatoff selber jetzt zwar anhörte, doch ihn zuerst gar nicht verstand.

»Ach ja,« erinnerte er sich dann plötzlich, und es war, als risse er sich nur mit großer Anstrengung und nur auf einen Augenblick von irgendeinem ihn beherrschenden Gedanken los, »ja ... die Frau ... Frau oder altes Weib? Warten Sie: und Frau, und altes Weib? Ich weiß schon. Ich war da. Die Alte wird kommen, nur nicht gleich. Nehmen Sie das Kissen. Was noch? Ja ... Warten Sie, kommt es bei Ihnen auch vor, Schatoff, daß Sie Minuten ewiger Harmonie haben?«

»Wissen Sie, Kirilloff, das geht nicht so weiter! Sie müssen sich wieder angewöhnen, in der Nacht zu schlafen.«

Jetzt erst erwachte Kirilloff und -- sonderbar: er sprach mit einemmal viel zusammenhängender und richtiger, als er sonst zu tun pflegte; wahrscheinlich hatte er alles das schon lange in Gedanken formuliert und vielleicht sogar aufgeschrieben:

»Es gibt Sekunden, es sind im ganzen nur fünf oder sechs auf einmal, und plötzlich fühlen Sie die Gegenwart der ewigen Harmonie; einer vollkommen erreichten. Das ist nichts Irdisches; ich rede nicht davon, ob es himmlisch ist, sondern daß ein Mensch in irdischer Gestalt das nicht aushalten kann. Man muß sich physisch verändern oder sterben. Das ist ein klares und unbestreitbares Gefühl. Als ob man plötzlich die ganze Natur fühlt und plötzlich sagt: ja, es ist richtig. Gott hat, als er die Welt schuf, am Abend jedes Schöpfungstages gesagt: >Ja, es ist richtig, es ist gut.< Das ... das ist nicht ein Ergriffensein, sondern nur so, -- Freude. Man verzeiht auch nichts, denn es gibt nichts mehr, was zu verzeihen wäre. Es ist nicht, daß man liebt, oh, -- das hier ist höher als Liebe! Das Furchtbarste ist, daß es so schrecklich klar ist und eine solche Freude. Wenn es mehr als fünf Sekunden wäre, so würde die Seele es nicht aushalten und müßte vergehen. In diesen fünf Sekunden durchlebe ich das Leben und würde für sie mein ganzes Leben hingeben, denn sie sind das wert. Um zehn Sekunden zu ertragen, muß man sich physisch verändern. Ich denke, der Mensch muß aufhören, zu gebären. Wozu Kinder, wozu Entwicklung, wenn das Ziel erreicht ist? Im Evangelium ist gesagt, daß man nach der Auferstehung nicht mehr gebären, sondern wie Engel Gottes sein wird. Ein Fingerzeig. Ihre Frau gebiert?«

»Kirilloff, haben Sie das oft?«

»In drei Tagen einmal, in einer Woche einmal.«

»Haben Sie nicht die Fallsucht?«

»Nein.«

»Dann werden Sie sie bekommen. Nehmen Sie sich in acht, Kirilloff, ich habe gehört, daß die Fallsucht gerade so beginnen soll. Mir hat ein Epileptiker Wort für Wort so wie Sie den Zustand vor dem Anfall geschildert: fünf Sekunden gab auch er an, und auch er sagte, daß man mehr nicht ertragen könne. Denken Sie an Mohammeds Krug, der nicht Zeit hatte, überzufließen, während der Prophet auf seinem Pferde das Paradies umflog. Der Krug -- das sind dieselben fünf Sekunden; das erinnert zu sehr an Ihre Harmonie, und Mohammed war bekanntlich Epileptiker. Nehmen Sie sich in acht, Kirilloff, vor der Fallsucht!«

»Die kommt zu spät,« sagte Kirilloff mit stillem Lächeln.

VI.

Die Nacht verging. Schatoff wurde fortgeschickt, gescholten, zurückgerufen und wieder gescholten. Maries Angst um ihr Leben erreichte den höchsten Grad: sie schrie, daß sie leben wolle, »unbedingt, unbedingt!« und »nicht sterben! nicht sterben!« Wäre Arina Prochorowna nicht bei ihr gewesen, so hätte es schlimm werden können; doch allmählich bekam sie die nervöse Patientin vollkommen in ihre Hand, bis diese schließlich wie ein Kind jedem einzelnen ihrer Worte gehorchte. Arina Prochorowna faßte sie -- ihr erprobtes Mittel -- mit Strenge an, sparte sich, wie gewöhnlich, jede Freundlichkeit, tat aber sonst meisterhaft ihre Pflicht.

Der Tag brach an.

Arina Prochorowna fiel es plötzlich ein, zu erzählen, daß Schatoff im Augenblick vorher auf den Treppenflur hinausgegangen sei, um zu Gott zu beten, und sie lachte darüber. Marie begann gleichfalls zu lachen, hart und höhnisch, als ob ihr von diesem Lachen leichter würde.

Schließlich wurde Schatoff ganz hinausgeschickt. Ein kalter, feuchter Morgen brach an. Er stützte wieder die Stirn an die Flurwand, und stand so, wie er vorhin gestanden hatte, als Erkel zu ihm gekommen war. Er zitterte am ganzen Körper und fürchtete sich zu denken, aber sein Denken heftete sich an alles vor seinem Geist Erscheinende, wie es im Traum zu geschehen pflegt. Die Gedanken zogen ihn immer wieder mit sich fort, rissen aber dabei selbst fortwährend ab, wie mürbe Fäden.

Aus dem Zimmer drang schon nicht mehr Gestöhn: das waren vielmehr entsetzliche, rein tierische Schreie, unerträgliche, unmögliche. Er wollte sich die Ohren zuhalten, doch konnte er es nicht und sank auf die Knie, unbewußt, immer nur das eine Wort stammelnd: »Marie, Marie, Marie!«

Und dann plötzlich hörte er einen neuen Schrei, der ihm durch Mark und Bein fuhr und ihn aufspringen machte -- den schwachen, zitternden Schrei eines Kindes. ... Er bekreuzte sich und stürzte ins Zimmer. In Arina Prochorownas Händen wimmerte und bewegte sich mit winzigen Händchen und Füßchen ein rotes, runzliges, kleines Wesen, das bis zur Kläglichkeit hilflos war, das aber schrie und sich kund tat, ganz als hätte es gleichfalls ein großes Recht auf das Leben ...

Marie lag wie ohnmächtig in den Kissen: nach einer Minute erst schlug sie die Augen auf und sah sonderbar, ganz sonderbar Schatoff an: das war ein ganz neuer Blick -- was für einer, das konnte er noch nicht verstehen, aber noch nie vorher hatte er einen ähnlichen Blick an ihr bemerkt.

»Ein Knabe? ein Knabe?« fragte sie mit leiser, schwacher Stimme Arina Prochorowna.

»Ein Bengel!« rief die zurück, die gerade das Kleine einwickelte.

Als sie das Kindchen eingepackt hatte und sich nun anschickte, es zwischen zwei Kissen quer aufs Bett zu legen, gab sie es auf einen Augenblick Schatoff, damit er es halte. Marie, die das bemerkt hatte, winkte ihn heimlich heran, als ob sie sich vor Arina Prochorowna fürchtete. Er verstand sie sofort und trat mit dem kleinen Wesen zu ihr, damit sie es sehen konnte.

»Wie ... nett er ist ...« flüsterte sie lächelnd, mit schwacher Stimme.

Arina Prochorowna bemerkte zufällig Schatoffs Gesichtsausdruck und brach in heiteres Lachen aus: »Was der aber für ein Gesicht macht! So etwas habe ich noch nie gesehn!«

»Lachen Sie nur, Arina Prochorowna ... Das ist eine große Freude ...« sagte Schatoff mit einfältig seligem Gesichtsausdruck: nach den paar Worten, die Marie über das Kind gesagt hatte, war er geradezu erstrahlt.

»Ach, was ist denn das für eine große Freude!« lachte Arina Prochorowna, die geschäftig im Zimmer hin und her ging.

»Das Geheimnis, daß es ein neues Wesen auf der Welt gibt; das große und unerklärliche Geheimnis, Arina Prochorowna -- wie schade, daß Sie das nicht verstehen!«

Schatoff sprach wirr, wie benommen und verzückt. Als ob irgend etwas in seinem Kopfe hin und her wogte und sich von selbst, ohne seinen Willen, aus seiner Seele ergoß.

»Es waren zwei, und plötzlich ist ein dritter Mensch, ein neuer Geist, ein ganzer, in sich vollendeter, wie ihn Menschenhand nimmer erschaffen kann; ein neuer Gedanke und eine neue Liebe ... sogar unheimlich ... Und es gibt nichts Höheres auf der Welt!«

»Der redet was zusammen! Das ist doch einfach die Weiterentwicklung des Organismus und nichts anderes, nichts von Geheimnissen,« sagte Arina Prochorowna wieder mit aufrichtig heiterem Lachen. »So wäre ja jede Fliege ein Geheimnis. Nur sehen Sie: überflüssige Menschen sollten lieber nicht geboren werden. Schmiedet erst alles so um, daß sie nicht mehr überflüssig sind, dann könnt ihr sie gebären. Denn sonst -- da muß man ihn nun übermorgen in die Findelanstalt schleppen ... Übrigens, so muß es auch sein.«

»Niemals werde ich ihn von mir fort in eine Anstalt geben!« sagte Schatoff, den Blick zu Boden gesenkt, mit fester Stimme.

»Sie adoptieren ihn?«

»Er ist mein Sohn.«

»Natürlich, er heißt Schatoff, nach dem Gesetz ist er ein Schatoff, und Sie haben keine Ursache, sich als Wohltäter des Menschengeschlechts aufzuspielen. Ohne Phrasen geht's ja nicht. Nun, nun, schon gut, nur noch eines, meine Herrschaften,« schloß sie endlich, sich bereits ankleidend, »ich muß nämlich jetzt gehen. Ich werde am Vormittag wiederkommen und auch am Abend, falls es nötig sein sollte; jetzt aber muß ich, da hier alles so glücklich überstanden ist, zu meinen anderen Patientinnen, die warten schon lange auf mich. Sie haben dort irgendwo eine Alte ... Aber Alte hin, Alte her, deshalb können auch Sie sich immer noch nützlich machen. Daß Sie sie mir nicht allein lassen! -- setzen Sie sich als liebes Männchen an ihr Bett -- Marja Ignatjewna wird Sie, glaub' ich, jetzt nicht mehr fortjagen ... nun, nun, ich scherze ja nur ...«

Bei der Pforte, die Schatoff für sie aufschloß, sagte sie noch zu ihm:

»Sie haben mich für mein ganzes Leben erheitert! Geld nehme ich von Ihnen nicht, werd' noch im Schlaf lachen müssen. Komischeres als Sie in dieser Nacht, habe ich in meinem Leben noch nicht gesehn.«

Sie ging vollkommen zufrieden fort. Nach Schatoffs Aussehen und allen seinen Worten war es für sie klar wie das Sonnenlicht, daß dieser Mensch »sich jetzt in die Rolle des Vaters einfühlen wird und der letzte Lappen ist«, -- ans Denunzieren also überhaupt nicht denken werde. So eilte sie denn, obgleich die Wohnung einer Patientin am Wege lag, zuerst nach Haus, um diese Beobachtungen ihrem Mann zur Beruhigung mitzuteilen.

»Marie, sie hat dir gesagt, daß du nicht gleich schlafen sollst, wenn das auch, fürchte ich, sehr schwer ist ...« begann Schatoff schüchtern. »Ich werde mich hier ans Fenster setzen und auf dich acht geben, nicht?«

Und er setzte sich hinter dem Diwan ans Fenster, doch so, daß sie ihn auf keine Weise sehen konnte. Aber es verging nicht eine Minute, da rief sie ihn schon wieder und bat gereizt, ihr das Kissen zurechtzurücken. Er versuchte es vorsichtig. Sie sah böse zur Wand.

»Nicht so, ach, nicht so ... Was für ungeschickte Hände!«

Schatoff bemühte sich, es besser zu machen.

»Beugen Sie sich zu mir,« sagte sie plötzlich und gab sich die größte Mühe, ihn nicht anzusehen.

Er zuckte erschrocken zusammen, doch beugte er sich gehorsam zu ihr nieder.

»Noch ... nicht so ... näher,« und plötzlich umschlang ihr linker Arm ungestüm seinen Hals und er fühlte ihren starken, feuchten Kuß auf seiner Stirn.

»Marie!«

Ihre Lippen bebten, sie bezwang sich sichtlich, doch plötzlich richtete sie sich halb auf und sagte mit blitzenden Augen:

»Nicolai Stawrogin ist ein Lump!«

Und kraftlos, als ob ihr plötzlich alle Stützen entzogen worden wären, fiel sie, hysterisch aufschluchzend, mit dem Gesicht auf das Kissen und drückte fest, fest Schatoffs Hand in ihren glühenden Händen.

Von diesem Augenblick an ließ sie ihn nicht mehr von sich, und wollte »unbedingt, unbedingt«, daß er an ihrem Bett sitzen blieb. Sprechen konnte sie nur wenig, aber sie sah ihn an und lächelte ihm zu wie eine Glückselige. Sie schien plötzlich ganz unklug, eine ganze Törin geworden zu sein. Alles war jetzt gleichsam verwandelt. Schatoff weinte bald wie ein kleiner Knabe, bald sprach er Gott weiß wovon, sprach wild, wie benommen, begeistert; er küßte ihre Hände, und sie hörte ihm wie berauscht zu, vielleicht ohne zu verstehen, was er sprach, streichelte liebkosend mit ihrer geschwächten Hand sein Haar und schien sich an ihm nicht satt sehen zu können. Er erzählte ihr von Kirilloff, erzählte davon, daß sie beide jetzt »von neuem und auf ewig« zu leben beginnen würden, sprach von Gott und davon, daß alle Menschen gut seien ... Und in der Begeisterung holten sie dann wieder das Kindchen hervor, um es von neuem zu betrachten.

»Marie,« rief er, als er das Kindchen in den Armen hielt, »nun hat das ein Ende, das mit den alten Quälereien und der ganzen veralteten Schmach! Wollen wir uns jetzt auf den neuen Weg durcharbeiten, wir drei zusammen, ja, ja! ... Ach so: wie werden wir ihn denn nennen, Marie?«

»Ihn? Wie wir ihn nennen werden?« fragte sie verwundert, und plötzlich drückte sich in ihrem Gesicht ein unsagbarer Schmerz aus.

Sie erhob die Hände, blickte Schatoff vorwurfsvoll an und warf sich dann aufschluchzend mit dem Gesicht auf das Kissen.

»Marie, was hast du?« rief er maßlos erschrocken.

»Und Sie konnten ... konnten ... Oh, Sie Undankbarer!«

»Marie vergib, Marie ... Ich habe ja nur gefragt, wie wir ihn nennen sollen. Ich weiß nicht ...«

»Iwan! Iwan!« rief sie, ihr glühendes, tränenüberströmtes Gesicht wieder erhebend. »Haben Sie denn wirklich an irgendeinen anderen furchtbaren Namen denken können!?«

»Marie, um Gottes willen, beruhige dich! Oh, wie du nervös bist!«

»Eine neue Kränkung, daß Sie das den Nerven zuschreiben! Ich könnte wetten; wenn ich gesagt hätte, ihn ... mit jenem anderen schrecklichen Namen zu nennen, so wären Sie sofort einverstanden gewesen, hätten es nicht einmal bemerkt! Oh, ihr Undankbaren, ihr Niedrigen, alle, alle!«

Nach einer Minute versöhnten sie sich natürlich wieder. Schatoff beredete sie schließlich, einzuschlafen. Sie tat es denn auch, doch gab sie seine Hand auch jetzt noch nicht frei, wachte oft auf und blickte ihn an, ganz als hätte sie gefürchtet, er könnte fortgegangen sein, bis sie dann von neuem einschlief.

Kirilloff schickte die Alte, um zu »gratulieren«, und sandte zugleich heißen Tee, heiße, selbstgebratene Koteletts und Bouillon mit Weißbrot für »Marja Ignatjewna«. Die Kranke trank gierig die Bouillon aus und zwang auch Schatoff, von den Koteletts zu essen, worauf die Alte das Kind von neuem einwickelte.

Die Zeit verging. Schatoff schlief endlich gleichfalls ein, mit dem Kopf auf ihr Kissen gebeugt, todmüde. So fand sie Arina Prochorowna, die richtig ihr Wort hielt und wiederkam. Lachend weckte sie die beiden auf, sprach mit Marie über das Nötige, besah das Kindchen und verbot Schatoff wieder strengstens, die Kranke zu verlassen. Darauf ging sie, nach einem Witz über das »Ehepaar«, in dem etwas Verachtung und Hochmut lag, ebenso befriedigt fort, wie am Morgen.

Es war schon dunkel, als Schatoff erwachte. Er zündete schnell das Licht an und lief nach der Alten. Gerade als er aus dem Zimmer trat, hörte er unten auf der Treppe die leisen, vorsichtigen Schritte eines Menschen, der herauf stieg. Er blieb erschrocken stehen. Es war Erkel.

»Nicht weiter!« flüsterte ihm Schatoff zu, erfaßte hastig seine Hand und zog ihn mit sich nach unten zur Hofpforte. »Warten Sie hier, ich komme gleich, ich hatte Sie ganz und gar vergessen!«

Er beeilte sich dermaßen, daß er nicht mal zu Kirilloff ging, sondern nur die Alte herausrief. Marie geriet in Verzweiflung darüber, daß er »auch nur daran denken« konnte, sie allein zu lassen!

»Dafür ist es der allerletzte Schritt!« rief er begeistert. »Dann kommt der neue Weg, und niemals, niemals mehr werden wir an den alten Schrecken zurückdenken!«

Es gelang ihm schließlich, sie irgendwie zu beruhigen. Er versprach ausdrücklich, um neun Uhr wieder zurück zu sein. Darauf küßte er sie fest, küßte das Kindchen und lief dann schnell nach unten zu Erkel.

Sie begaben sich nach Skworeschniki in den Stawroginschen Park, wo Schatoff vor anderthalb Jahren an einer einsamen Stelle am Rande des Parkes, dort, wo schon der alte Kiefernwald begann, die ihm anvertraute Druckmaschine vergraben hatte. Es war ein wilder, abgelegener Ort, der weit vom Herrenhause lag. Von der Bogojawlenskschen Straße war er ungefähr eine Stunde entfernt.

»Sollen wir denn den ganzen Weg zu Fuß gehen? Ich nehme eine Droschke.«

»Ich möchte Sie sehr bitten, keine Droschke zu nehmen,« entgegnete Erkel. »Der Droschkenkutscher wäre sonst auch ein Zeuge.«

»Zum Henker! ... Nun, einerlei, nur beenden, beenden!«

Sie gingen sehr schnell.

»Erkel, Sie kleiner Knabe!« rief Schatoff plötzlich und blieb stehen, »sind Sie in Ihrem Leben schon einmal glücklich gewesen?«

»Sie sind jetzt wohl sehr glücklich?« fragte Erkel neugierig.

Einundzwanzigstes Kapitel. Die mühevolle Nacht

I.

Wirginski beeilte sich im Laufe des Tages, zu allen »Unsrigen« zu laufen, um ihnen mitzuteilen, daß Schatoff »bestimmt nicht denunzieren werde«, da jetzt seine Frau zu ihm zurückgekehrt und er Vater geworden sei, und daß man, »da man doch das Menschenherz kennt«, unmöglich irgendeine Gefahr von seiner Seite zu befürchten habe. Aber außer Erkel und Lämschin traf Wirginski zu seiner Verwunderung niemand zu Hause.

Erkel hörte ihn schweigend an und sah ihm klar in die Augen. Auf die Frage aber: »Werden Sie um sechs Uhr zu ihm gehen?« antwortete er mit dem ungetrübtesten Lächeln, daß er »ganz selbstverständlich« zu ihm gehen werde.

Lämschin lag, augenscheinlich wirklich krank, zu Bett und hatte sogar die Decke um den Kopf gewickelt. Als Wirginski eintrat, erschrak er entsetzlich, und als Wirginski zu sprechen begann, fing er zur Antwort plötzlich an wie verrückt unter der Decke mit Händen und Füßen abzuwinken, was wohl so viel bedeuten sollte, wie: man solle ihn doch nur ums Himmels willen damit verschonen! Wirginskis Ausführungen über Schatoff ließen ihn aber doch aufhorchen. Die Nachricht, daß Wirginski von den anderen niemanden angetroffen hatte, regte den Kleinen aus irgendeinem Grunde furchtbar auf, doch beunruhigte auch er wiederum Wirginski mit der Mitteilung von Fedjkas Tod (Liputin hatte ihm diese Neuigkeit gebracht), den er hastig und zusammenhanglos erzählte. Auf die Frage aber, die Wirginski an ihn stellte: »Soll man nun hingehen oder soll man nicht hingehen?« begann er wieder mit Händen und Füßen unter der Decke abzuwinken, wobei er diesmal flehentlich hervorstieß, er sei ja doch »bloß eine Nebenperson! Weiß nichts, gar nichts!« Und zum Schluß: »Lassen Sie mich in Ru--u--uh!«

Bedrückt und erregt kehrte Wirginski wieder heim. Was ihn am meisten bedrückte, war vielleicht, daß er seine Sorgen vor seiner Familie verbergen mußte. Er hatte sich so daran gewöhnt, seiner Frau alles mitzuteilen, daß er Geheimnisse kaum mehr ertragen konnte, und wenn jetzt nicht plötzlich ein neuer Gedanke, ein gewisser friedenstiftender Plan in ihm aufgetaucht wäre, so hätte er sich wohl auch wie Lämschin vor Seelenangst zu Bett legen müssen. Aber dieser neue Plan stärkte ihn allmählich und zum Schluß glaubte er sogar so fest an die Möglichkeit, ihn verwirklichen zu können, daß er der Dämmerung fast mit Ungeduld entgegensah und schon früher als verabredet zum Treffpunkt aufbrach.

Es war das ein sehr finsterer Ort am Rande des Parkes von Skworeschniki. Ich bin später hingegangen, um mir die Stelle genau anzusehen: wie muß es ihnen dort unheimlich gewesen sein, an jenem rauhen, dunklen Herbstabend ...

Es war so dunkel unter den Bäumen, daß man auf zwei Schritte den anderen nicht mehr sehen konnte, doch Pjotr Stepanowitsch, Liputin und später auch Erkel brachten Laternen mit. Ich weiß nicht, von wem und zu welchem Zweck hier irgendeinmal vor langer Zeit aus großen unbehauenen Steinen eine Grotte erbaut worden war. Der Tisch und die Bänke waren jetzt schon längst verfault und auseinander gefallen. Ungefähr zweihundert Schritte rechts von dieser Grotte endete der dritte Teich des Parks. Diese drei Teiche zogen sich, vom Herrenhause an, über eine Werst weit einer hinter dem anderen durch den ganzen Park. Es war schwer anzunehmen, daß man irgendein Geräusch, Geschrei oder selbst einen Schuß im Stawroginschen Herrenhause hören würde. Da Nicolai Wszewolodowitsch am Tage vorher fortgefahren und Alexei Jegorowitsch wieder in die Stadtwohnung zurückgekehrt war, so durften im Herrenhause nicht mehr als fünf oder sechs Dienstboten verblieben sein, lauter mehr oder weniger sozusagen invalide Leute. Jedenfalls konnte man annehmen, wenigstens mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß selbst in dem Falle, daß jemand von ihnen Schreie hörte, er sich doch nicht von der warmen Ofenbank erheben würde.

Zwanzig Minuten nach sechs hatten sich schon alle -- außer Erkel, der mit Schatoff kommen sollte -- an der bezeichneten Stelle eingefunden. Pjotr Stepanowitsch kam diesmal nicht zu spät: er erschien zusammen mit Tolkatschenko, der finster und besorgt aussah und dessen ganze vorgespiegelte, frech-prahlerische Entschlossenheit verschwunden war. Tolkatschenko verließ Pjotr Stepanowitsch heute fast nicht auf einen Schritt, war ihm plötzlich, wie es schien, unermeßlich zugetan und flüsterte ihm jeden Augenblick geschäftig irgend etwas zu; dieser antwortete ihm meist überhaupt nicht oder brummte geärgert nur ein paar Worte, um ihn loszuwerden.

Schigaleff und Wirginski waren sogar ein wenig früher eingetroffen als Pjotr Stepanowitsch. Als er erschien, traten sie sofort ein wenig zur Seite, in tiefem und offenbar absichtlichem Schweigen. Pjotr Stepanowitsch erhob die Laterne und betrachtete sie ungeniert mit beleidigender Aufmerksamkeit. »Die wollen wieder reden,« zuckte es ihm durch den Kopf.

»Lämschin ist nicht gekommen?« fragte er Wirginski. »Wer hat es gesagt, daß er krank ist?«

»Ich bin hier,« meldete sich Lämschin, plötzlich hinter einem Baum hervortretend.

Er war in einem warmen Paletot und dazu noch in ein großes Plaid fest eingewickelt, so daß man ihn sogar mit der Laterne nur schwer in dieser Umhüllung erkennen konnte.

»Also fehlt nur noch Liputin?«

Da trat Liputin schweigend aus der Grotte. Pjotr Stepanowitsch erhob wieder die Laterne.

»Warum haben Sie sich dorthin verkrochen, warum kamen Sie nicht gleich heraus?«

»Ich nehme an, daß wir alle das Recht der Freiheit bewahren ... unserer Bewegungen ...« erwiderte Liputin, wahrscheinlich, ohne selbst recht zu wissen, was er eigentlich sagen wollte.

»Meine Herren!« Pjotr Stepanowitsch erhob die Stimme -- gab somit zum erstenmal den Flüsterton auf, was einen gewissen Eindruck machte: »Sie verstehen, hoffe ich, daß wir hier nichts mehr breitzutreten brauchen. Gestern ist alles gesagt und durchgekaut worden, klar und bestimmt. Aber vielleicht will doch noch jemand, wie ich nach dem Ausdruck der Gesichter vermute, irgend etwas sagen? In dem Fall bitte ich, sich zu beeilen! Hol's der Teufel, wir haben wenig Zeit und Erkel kann ihn jeden Augenblick bringen ...«

»Er wird ihn unbedingt mitbringen,« bemerkte aus einem unbekannten Grunde Tolkatschenko.

»Wenn ich mich nicht irre, so muß er zuerst die Druckmaschine abliefern?« erkundigte sich Liputin, wiederum gleichsam, als ob er selbst nicht wußte, wozu er das eigentlich fragte.

»Selbstverständlich, wozu denn Sachen verlieren!« Pjotr Stepanowitsch erhob wieder die Laterne und beleuchtete Liputins Gesicht. »Aber wir sind doch gestern übereingekommen, daß man sie nicht wortwörtlich in Empfang zu nehmen braucht. Er soll Ihnen nur die Stelle zeigen, wo sie hier vergraben ist, später können wir sie dann selbst herausgraben. Ich weiß, daß sie hier irgendwo zehn Schritt von irgendeiner Ecke der Grotte liegt ... Aber zum Teufel, Liputin, wie haben Sie das nur vergessen können!? Es war doch abgemacht, daß Sie ihn allein treffen und wir erst später hervortreten ... Sonderbar, daß Sie noch fragen, -- oder taten Sie es bloß so?«

Liputin schwieg mit finsterem Gesicht.

Alle schwiegen. Der Wind schaukelte die Wipfel der alten Kiefern.

»Ich hoffe, meine Herren, daß ein jeder seine Pflicht tun wird,« sagte Pjotr Stepanowitsch, der die Geduld verlor, sichtlich gereizt.

»Ich weiß, daß Schatoffs Frau zu ihm zurückgekehrt ist und heute Nacht ein Kind geboren hat,« begann plötzlich Wirginski aufgeregt, gestikulierend und sich so überstürzend, daß er kaum die Worte hervorzubringen vermochte. »Und da man doch das Menschenherz kennt ... können wir sicher sein, daß er jetzt nicht denunzieren wird ... er ist jetzt glücklich ... Ich war heute schon bei allen, fand aber niemanden zu Hause ... Ich meine, daß jetzt vielleicht nichts mehr zu befürchten ist ... --«

Er brach ab vor Atemlosigkeit.

»Wenn Sie, Herr Wirginski, plötzlich glücklich geworden wären,« -- Pjotr Stepanowitsch trat auf ihn zu, »würden Sie dann etwas aufschieben, was Sie sich vorgenommen haben, nicht eine Anzeige, davon kann hier natürlich nicht die Rede sein, -- aber irgendeine gewagte, bürgerliche Tat, die Sie schon vor Ihrem Glück beschlossen haben und die auszuführen Sie für Ihre Pflicht und Schuldigkeit halten, trotz der Gefahr für Sie und der Möglichkeit, Ihr Glück zu verlieren?«

»Nein, ich würde es nicht aufschieben! Auf keinen Fall würde ich es aufschieben!« beteuerte Wirginski mit einem ganz eigentümlich tölpelhaften Übereifer und wieder ganz in Bewegung.

»Sie würden lieber wieder unglücklich sein wollen, als die Tat nicht ausführen -- und sich für einen Lump halten, nicht wahr?«

»Ja, ja ... Ich würde sogar ganz im Gegenteil ... würde sogar ein ganzer Lump sein wollen ... Das heißt, nein ... nicht so ... durchaus nicht ein Lump, sondern ... ich wollte sagen: im Gegenteil, lieber vollkommen unglücklich, als ein Lump ...«

»Nun, so merken Sie sich, daß Schatoff diese Anzeige für seine bürgerliche Heldentat hält, für eine Tat, die er seiner höchsten Überzeugung schuldig ist. Und der Beweis: daß er doch auch sich selbst damit in Gefahr begibt und der Regierung ausliefert, obschon man ihm für die Anzeige natürlich manches verzeihen wird. So einer wird sein Vorhaben schon nie aufgeben. Den kann kein Glück besiegen: schon am nächsten Tage würde er sich besinnen, sich Vorwürfe machen, hingehen und es tun. Außerdem kann ich kein besonderes Glück darin erblicken, daß die Frau nach drei Jahren zu ihm zurückgekehrt ist, um Stawrogins Kind zu gebären.«

»Aber es hat doch noch niemand seine Anzeige gesehen,« sagte Schigaleff plötzlich und eindringlich.

»Die Anzeige habe ich gesehen,« rief Pjotr Stepanowitsch, »sie ist fertig, und dieses müßige Gerede ist furchtbar dumm, meine Herren!«

»Ich aber,« fuhr plötzlich Wirginski auf, »ich protestiere ... ich protestiere aus aller Kraft ... Ich will ... Hören Sie, was ich will: ich will, daß wir, wenn er kommt, ihm alle entgegengehen und ihn alle fragen: wenn es wahr ist, so soll er bereuen, und wenn er sein Ehrenwort gibt, so soll man ihn wieder freilassen. Auf jeden Fall aber -- Verhör, und das Urteil nach dem Verhör! Und nicht, daß wir uns alle verstecken und ihn dann überfallen.«

»Auf ein Ehrenwort die ganze allgemeine Sache setzen! -- das ist schon die Höhe aller Dummheit! Hol's der Teufel, wie das dumm ist!! Und was ist das für eine Rolle, die Sie im Augenblick der Gefahr spielen?«

»Ich protestiere, ich protestiere, ich protestiere,« wiederholte Wirginski immer wieder.

»Jedenfalls schreien Sie nicht so, wir können sonst das Signal nicht hören. Schatoff, meine Herren ... (Teufel noch eins, wie das jetzt dumm ist!) Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Schatoff Slawophile ist, das heißt so viel, wie einer der dümmsten Menschen ... Aber übrigens, zum Teufel, das ist schließlich gleichgültig! Sie bringen mich nur aus dem Konzept! ... Schatoff, meine Herren, war ein verbitterter Mensch, und da er immerhin noch zum Verband gehörte, ob er es wollte oder nicht, so hoffte ich bis zum letzten Augenblick, daß die allgemeine Sache sich seiner noch einmal werde bedienen können -- und zwar gerade als eines verbitterten Menschen. Ich habe ihn gehegt und geschont, trotz der ausdrücklichsten Instruktionen ... Ich habe ihn noch hundertmal mehr geschont, als er es wert war! Er aber endete damit, daß er seine Anzeige verfaßte, und nun -- hol's der Teufel, das ist ja zum Anspucken! ... Im übrigen soll es jetzt nur jemand von Ihnen zu versuchen wagen, sich noch zurückzuziehen! Kein einziger von Ihnen hat das Recht, die gemeinsame Sache zu verlassen! Sie können ihn meinetwegen noch alle vorher abküssen, wenn Sie durchaus wollen, aber die allgemeine Sache auf ein Ehrenwort hin aufs Spiel zu setzen, dazu haben Sie nicht das Recht! So können nur Schweine handeln, oder solche, die von der Regierung bestochen sind!«

»Wer ist denn hier von der Regierung bestochen?« warf Liputin dazwischen.

»Sie vielleicht. Es wäre schon besser, wenn Sie ganz den Mund hielten, Liputin. Sie sprechen ja nur so, nur aus Angewohnheit. Bestochen, meine Herren, sind alle diejenigen, die im Augenblick der Gefahr feig werden. Aus Angst findet sich immer ein Rüpel, der in der letzten Minute hinläuft und losschreit: >Ach, verzeihen Sie mir, und ich werde alle ausliefern!< Aber wissen Sie auch, meine Herren, daß man Sie jetzt für keine einzige Anzeige mehr begnadigen wird? Wenn man vielleicht auch Milderungsgründe zulassen würde -- nach Sibirien ginge es doch mit jedem von Ihnen! Abgesehen davon, daß Sie auch einem gewissen anderen Richtschwert nicht entgehen würden. Dieses andere Schwert aber ist etwas schärfer, als das der Regierung.«

Pjotr Stepanowitsch war so wütend, daß er viel Überflüssiges sagte. Da trat Schigaleff fest drei Schritte auf ihn zu.

»Seit dem gestrigen Abend habe ich die Sache bedacht,« begann er überzeugt und methodisch wie immer. (Ich glaube, selbst wenn die Erde sich in diesem Augenblick unter ihm aufgetan hätte, auch dann würde er weder den Ton, noch einen Ausdruck seiner Auseinandersetzung geändert haben.) »Und nachdem ich die Sache bedacht, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß der beabsichtigte Mord nicht nur ein Verlust der kostbaren Zeit ist, die zu etwas weit Wesentlicherem und Näherliegendem verwandt werden könnte, sondern außerdem jenes verhängnisvolle Abweichen von der geraden Straße darstellt, das der Sache immer am meisten geschadet und ihren Erfolg auf Jahrzehnte hinausgeschoben hat, indem es die Sache dem Einfluß leichtsinniger und vornehmlich politischer Menschen, statt reinen Sozialisten unterstellt hat. Ich bin einzig zu dem Zweck hergekommen, um gegen das beabsichtigte Vorhaben offen zu protestieren und dann -- mich von diesem Augenblick an, den Sie, ich weiß nicht warum, den Augenblick der Gefahr nannten, zurückzuziehen. Ich gehe fort -- doch nicht aus Furcht vor der Gefahr oder aus besonderen Gefühlen zu Schatoff, den >abzuküssen< ich absolut keine Lust habe, sondern einzig, weil diese Sache vom Anfang bis zum Ende buchstäblich meinem Programm widerspricht. Eine Denunziation haben Sie von mir nicht zu fürchten. Sie können ruhig sein -- ich werde Sie nicht anzeigen.«

Und damit wandte er sich und ging.

»Teufel, er geht ihnen entgegen und wird Schatoff warnen!« rief Pjotr Stepanowitsch und riß seinen Revolver hervor.

Man hörte das Knacken des Hahnes.

»Sie können überzeugt sein,« wandte sich Schigaleff ruhig wieder zurück, »daß ich, wenn ich Schatoff unterwegs treffen sollte, ihn vielleicht noch grüßen werde, ihn warnen aber, das ist nicht meine Sache!«

»Aber wissen Sie auch, mein Herr Fourier, daß Ihnen das teuer zu stehen kommen kann?«

»Ich bitte Sie, zu beachten, daß ich kein Fourier bin. Dadurch, daß Sie mich mit diesem süßlichen, apathischen Abstrahisten verwechseln, beweisen Sie nur, daß Sie mein Manuskript, wenn es auch in Ihren Händen gewesen ist, überhaupt nicht verstanden haben. In betreff Ihrer Rache aber sage ich Ihnen nur, daß Sie ganz umsonst den Hahn gespannt haben, in diesem Augenblick ist das für Sie durchaus unvorteilhaft. Wenn Sie mir aber für morgen oder übermorgen drohen, so brächte Ihnen die Ausführung, außer unnützer Mühe, doch keinen Gewinn: mich würden Sie zwar erschießen, früher oder später aber würden Sie doch zu meinem System kommen. Leben Sie wohl.«

In diesem Augenblick ertönte ungefähr zweihundert Schritte weit aus dem Park, von der Seite des Teiches her, ein heller Pfiff. Liputin antwortete, wie verabredet, sofort gleichfalls mit einem Pfiff -- er hatte sich zu diesem Zweck am Morgen eine Kinderpfeife aus gebranntem Ton für eine Kopeke auf dem Markt erstanden, da er sich auf seinen ziemlich zahnlosen Mund nicht ganz verlassen konnte.

Erkel hatte Schatoff schon vorher mitgeteilt, daß er mit Liputin einen Pfiff austauschen werde.

»Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde abseits von ihnen vorübergehen und sie werden mich gar nicht bemerken,« sagte Schigaleff in eindringlichem Flüsterton.

Und er ging ohne Hast und ohne den Schritt zu beschleunigen, tatsächlich durch den dunklen Park nach Haus.

Heute ist es bis in die kleinsten Einzelheiten bekannt, wie diese schreckliche Tat geschah. Zuerst trat Liputin Erkel und Schatoff ein paar Schritte von der Grotte entgegen. Schatoff grüßte ihn nicht und gab ihm auch nicht die Hand, sondern sagte sofort eilig und laut:

»Wo ist denn hier die Anhöhe? Haben Sie nicht noch eine Laterne? Fürchten Sie sich nicht, hier ist so gut wie kein Mensch in der Nähe, wir könnten selbst mit Kanonen schießen, in Skworeschniki würde es doch niemand hören. Das ist übrigens hier, genau hier, genau auf dieser Stelle ...«

Und er stieß mit dem Fuß auf die Erde -- es war gerade zehn Schritt von der hinteren Ecke der Grotte zum Walde hin. In diesem Augenblick stürzte sich, hinter einem Baum hervorlaufend, Tolkatschenko auf ihn, während Erkel ihn hinterrücks an den Ellenbogen packte und Liputin sich von vorne auf ihn warf. Die drei schlugen ihn sofort zu Boden und drückten ihn an die Erde. Da erst lief Pjotr Stepanowitsch mit dem Revolver herbei. Man sagt, Schatoff habe gerade noch Zeit gehabt, seinen Kopf zu ihm zu wenden und ihn zu erkennen. Drei Laternen erhellten die Szene. Schatoff stieß plötzlich einen kurzen und verzweifelten Schrei aus; doch man ließ ihm keine Zeit zum Schreien: Pjotr Stepanowitsch setzte ihm genau und sicher den Revolver mitten auf die Stirn, fest und senkrecht, und -- drückte den Hahn ab. Der Schuß war, glaube ich, nicht sehr laut, wenigstens hat ihn in Skworeschniki niemand gehört. Gehört hat ihn natürlich Schigaleff, der erst einige dreißig Schritte gegangen war -- gehört hatte er auch den Schrei, doch hat er sich nach seiner eigenen Aussage weder umgewandt, noch war er stehen geblieben. Der Tod trat fast augenblicklich ein. Die volle Geistesgegenwart -- doch Kaltblütigkeit wohl kaum -- behielt nur Pjotr Stepanowitsch. Er hockte sich hin und durchsuchte eilig, doch mit fester Hand, die Taschen des Toten. Geld fand sich nicht in ihnen (Marja Ignatjewnas Beutelchen war unter ihrem Kissen geblieben); nur ein paar nichtssagende Zettelchen zog er hervor: einen Kontorzettel, ein Notizblatt mit dem Titel irgendeines Buches und eine alte ausländische Gasthausrechnung, die sich weiß Gott auf welche Weise zwei Jahre in Schatoffs Tasche erhalten hatte. Die Papiere steckte Pjotr Stepanowitsch zu sich, und als er plötzlich bemerkte, daß alle die Leiche umstanden, sie ansahen und nichts taten, begann er wütend und unhöflich zu schimpfen und sie anzutreiben. Tolkatschenko und Erkel liefen sogleich, sich nun wieder besinnend, in die Grotte und brachten zwei Steine, jeder an zwanzig Pfund schwer, die sie schon am Morgen vorbereitet, das heißt, fest mit Schnüren umbunden hatten. Da man verabredet hatte, die Leiche in den nächsten, den dritten Teich zu versenken, so mußten ihr diese Steine an den Hals und die Beine gebunden werden. Pjotr Stepanowitsch band sie an: Erkel und Tolkatschenko reichten sie ihm nur hin. Erkel gab ihm seinen Stein zuerst, und während Pjotr Stepanowitsch ihn murrend und schimpfend an die Füße der Leiche band, hielt Tolkatschenko seinen schweren Stein diese ganze ziemlich lange Zeit über senkrecht an den Schnüren in der Luft, wobei er sich stark und fast wie ehrerbietig mit dem ganzen Oberkörper nach vorne beugte, um ihn ohne Zeitverlust sofort hinreichen zu können, und verfiel kein einziges Mal darauf, die schwere Last inzwischen auf die Erde zu stellen. Als dann endlich beide Steine angebunden waren und Pjotr Stepanowitsch sich erhob, um zunächst seinen Blick prüfend über die Gesichter der Anwesenden zu führen -- da geschah plötzlich etwas ganz Sonderbares, etwas, das niemand erwartet hatte und das alle nicht wenig in Erstaunen setzte.

Wie schon erwähnt, standen fast alle und taten nichts. Wirginski war, als die anderen sich auf Schatoff gestürzt hatten, wohl auch hinzugelaufen, doch hatte er weder geholfen, ihn zu halten, noch ihn überhaupt angerührt. Lämschin aber war erst nach dem Schuß unter den anderen aufgetaucht. Während der ganzen, vielleicht zehn Minuten währenden Untersuchung der Taschen und Anbindung der Steine hatten sie dann alle gleichsam einen Teil ihres Bewußtseins verloren. Sie standen um Pjotr Stepanowitsch herum und empfanden, statt Unruhe oder Erregung, zunächst nur so etwas wie Verwunderung. Liputin stand ganz vorn neben der Leiche. Wirginski, der sich hinter ihn gestellt hatte, sah über Liputins Schulter mit einer sonderbaren und gewissermaßen nebensächlichen Neugier auf die Leiche; ja er hob sich sogar auf die Fußspitzen, um besser sehen zu können. Lämschin aber versteckte sich hinter Wirginski und blickte nur zuweilen furchtsam hinter diesem hervor, worauf er sich dann sofort wieder versteckte. Als nun die Steine angebunden waren und Pjotr Stepanowitsch sich erhob, begann Wirginski auf einmal zu zittern, und plötzlich -- warf er die Arme hoch und rief traurig mit lauter Stimme:

»Das ist doch nicht das! nicht das! Nein, das ist doch gar nicht das!«

Er hätte vielleicht noch etwas hinzugefügt zu seinem verspäteten Ausruf, aber Lämschin ließ ihm keine Zeit dazu: plötzlich packte er ihn hinterrücks und quetschte ihn mit aller Gewalt und schrie dabei ein ganz unmögliches Geschrei. Es gibt Augenblicke eines starken Schreckens, in denen der Mensch plötzlich wie nicht mit seiner eigenen Stimme aufschreit, sondern mit einer, die man nie an ihm gehört hat und deren Vorhandensein in ihm man nie für möglich gehalten hätte, und das kann manchmal sogar recht unheimlich sein. Lämschin schrie nicht mit einer menschlichen, sondern mit einer gleichsam tierischen Stimme. Dabei preßte er Wirginski krampfhaft von hinten zusammen, schrie ohne Unterlaß, schrie ohne Atem zu schöpfen, schrie immer ein und denselben Ton, während ihm die Augen fast hervorquollen und der Mund unheimlich weit aufgerissen blieb; mit den Beinen aber strampelte er so zitterschnell, als ob er mit ihnen einen Trommelwirbel auf der Erde schlagen wollte. Wirginski erschrak dermaßen, daß er selbst sofort wie ein Wahnsinniger losschrie und sich in einer so grimmigen Wut, wie man sie von Wirginski nie im Leben erwartet hätte, aus Lämschins Krallen zu befreien suchte, auf ihn, den er nur schwer fassen konnte, mit den Fäusten nach hinten losschlug, ihn kniff und kratzte. Endlich gelang es Erkel, Lämschin von ihm loszureißen. Doch kaum war Wirginski entsetzt gleich auf zehn Schritt von ihm fortgelaufen, da stürzte sich Lämschin, der nun Pjotr Stepanowitsch erblickte, plötzlich mit neuem Geschrei auf diesen, stolperte jedoch über die vor seinen Füßen liegende Leiche und riß Pjotr Stepanowitsch im Fall mit sich zu Boden. Er umkrallte ihn aber so fest und drückte seinen Kopf so krampfhaft an dessen Brust, daß weder Pjotr Stepanowitsch selbst, noch Tolkatschenko, noch Liputin ihn im ersten Augenblick losreißen konnten. Pjotr Stepanowitsch schrie, schimpfte, schlug ihn mit den Fäusten auf den Kopf, bis es ihm endlich gelang, sich irgendwie zu befreien; im Augenblick riß er seinen Revolver hervor -- doch Lämschin, den die anderen an den Armen hielten, fuhr fort zu schreien, trotz des auf ihn zielenden Revolvers, er schrie, schrie wie besessen! Bis schließlich Erkel, der schnell sein Taschentuch zusammengerollt hatte, ihm dieses gewandt in den aufgesperrten Mund steckte, so daß der Schrei dann ganz von selbst plötzlich abbrach. Tolkatschenko band ihm sofort mit einem Stück der übrig gebliebenen Schnur die Hände auf dem Rücken zusammen.

»Das ist sehr sonderbar,« sagte Pjotr Stepanowitsch und betrachtete in beunruhigter Verwunderung den Verrückten.

Er war sichtlich betroffen.

»Ich hatte ihn ganz anders eingeschätzt,« fügte er nachdenklich hinzu.

Vorläufig übergab man ihn Erkel, denn man mußte sich mit der Fortschaffung der Leiche beeilen: es war so viel geschrien worden, daß es doch jemand gehört haben konnte. Tolkatschenko und Pjotr Stepanowitsch nahmen die Laternen und hoben den Kopf des Toten, Liputin und Wirginski faßten ihn an den Füßen, und so wurde er dann getragen. Mit den beiden Steinen war die Last sehr schwer, die Entfernung aber betrug über zweihundert Schritte. Der Stärkste von ihnen war Tolkatschenko. Er gab wohl den Rat, gleichmäßig zu gehen, doch niemand hörte auf ihn, und so ging man denn, wie es gerade kam. Pjotr Stepanowitsch ging rechts und trug, ganz niedergebeugt, auf seiner Schulter den Kopf des Toten, wobei er noch mit der linken Hand den Stein von unten hielt. Da Tolkatschenko während der ganzen ersten Hälfte des Weges nicht darauf verfiel, den Stein gleichfalls zu stützen, so schrie ihn Pjotr Stepanowitsch schließlich fluchend an. Der Schrei war kurz und seltsam in der Stille: schweigend trugen sie weiter, bis plötzlich, schon dicht am Teich, wieder Wirginski, der unter der Last ganz gebeugt ging und wie erschöpft von ihrer Schwere, mit derselben lauten und weinenden Stimme ausrief:

»Das ist nicht das, nein, nein, das ist gar nicht das!«

Die Stelle, wo dieser dritte, ziemlich große Teich aufhört, zu dem man den Toten trug, war die einsamste und abgelegenste des ganzen Parks. Der Teich ist dort am Ufer vergrast. Sie stellten die Laternen nieder, schwenkten die Leiche hin und her und warfen sie ins Wasser. Ein dumpf-hohler Laut erscholl und klang lange nach. Pjotr Stepanowitsch erhob die Laterne und alle reckten neugierig die Hälse, um zu sehen, wie der Körper versank, aber es war schon nichts mehr zu sehen: die Leiche mit den beiden Steinen war sogleich versunken. Die dicken Wellenringe, die sich über die Fläche des Teiches ausbreiteten, vergingen schnell. Die Tat war vollbracht.

»Meine Herren,« wandte sich Pjotr Stepanowitsch an alle, »jetzt gehen wir auseinander. Zweifellos müssen Sie nunmehr jenen Stolz empfinden, der mit der Erfüllung einer freien Pflicht verknüpft ist. Sollten Sie vielleicht bedauerlicherweise für solche Gefühle zu erregt sein, so werden Sie sie zweifellos morgen empfinden, wenn es schon eine Schande wäre, sie nicht zu empfinden. Die unverzeihliche Erregung Lämschins will ich als eine Art Fieberdelirium auffassen, zumal er ja tatsächlich seit dem Morgen krank sein soll. Ihnen aber, Wirginski, wird schon der erste Augenblick freien Nachdenkens beweisen, daß man im Interesse der allgemeinen Sache unmöglich auf ein Ehrenwort eingehen konnte, sondern einzig und allein so handeln mußte, wie wir es getan haben. Die Zukunft wird Ihnen zeigen, daß Schatoffs Anzeige schon fertig war. Ich bin bereit, auch Ihre Ausrufe zu vergessen. Eine Gefahr für uns ist nicht vorhanden. Es wird niemandem einfallen, irgendeinen von Ihnen zu verdächtigen, vorausgesetzt natürlich, daß Sie sich zu benehmen wissen. So hängt denn die Hauptsache ganz von Ihnen ab und von Ihrer Überzeugung, richtig gehandelt zu haben, -- eine Überzeugung, die, wie ich hoffe, sich schon morgen in Ihnen befestigen wird. Darum haben Sie sich ja auch -- unter anderem -- zu einer geschlossenen Organisation, zu einer freien Gesellschaft Gleichdenkender zusammengetan, um für die allgemeine Sache im gegebenen Moment die Energie miteinander zu teilen, und, wenn es nötig ist, einer den anderen zu beobachten und immer auf dem Posten zu sein. Jeder von Ihnen ist zu einer höheren Rechenschaft verpflichtet. Sie sind berufen, ein altersschwaches und im Stillstand langsam zu stinken anfangendes Reich zu erneuern. Das sollen Sie stets zu Ihrer Aufmunterung vor Augen haben! Ihre ganze Aufgabe besteht vorläufig nur darin, darauf hinzuwirken, daß alles zusammenstürzt: das Reich wie seine Moral. Übrigbleiben werden nur wir, die wir uns schon dazu vorausbestimmt und vorbereitet haben, die Macht in unsere Hände zu nehmen. Die Klugen ziehen wir zu uns herüber, und auf den Dummen reiten wir. Im übrigen muß man die Generation neu erziehen, um sie der Freiheit würdig zu machen. Noch viele Tausend Schatoffs stehen uns bevor. Wir organisieren uns, um die ganze Richtung in die Hand zu bekommen, da wäre es dumm, alles, was müßig daliegt und das Maul aufsperrt, nicht mitzunehmen. Ich begebe mich jetzt sofort zu Kirilloff und zum Morgen hin werde ich von ihm besagtes Dokument erhalten, in dem er vor dem Tode alles auf sich nimmt. Nichts kann wahrscheinlicher sein, als diese Kombination. Erstens stand er mit Schatoff auf feindschaftlichem Fuße: sie haben zusammen in Amerika gelebt, also haben sie Zeit gehabt, sich zu überwerfen. Man weiß, daß Schatoff seine Überzeugungen geändert hat; folglich ist ihre Feindschaft wegen dieser Überzeugungen entstanden. Hinzu käme noch die Furcht vor einer Denunziation. Das wird auch alles so geschrieben werden. Zum Schluß wird noch erwähnt, daß Fedjka in Kirilloffs Wohnung geschlafen hat. Das alles wird jeden Verdacht von Ihnen entfernen, denn es wird die Schafsköpfe in eine ganz andere Richtung treiben. Morgen, meine Herren, werden wir uns nicht sehen: ich muß auf ganz kurze Zeit in den nächsten Kreis fahren. Aber übermorgen werden Sie meine Mitteilungen erhalten. Ich würde Ihnen eigentlich raten, morgen zu Hause zu bleiben. Jetzt aber gehen wir alle je zwei zusammen auf verschiedenen Wegen zurück. Sie, Tolkatschenko, bitte ich, sich Lämschins anzunehmen und ihn nach Hause zu bringen. Sie können ihm alles auseinandersetzen und vor allen Dingen erklären, daß er mit seinem Kleinmut in erster Linie sich selbst schadet. Ihrem Schwager, Schigaleff, Herr Wirginski, ganz wie auch Ihnen, will ich nicht mißtrauen. Er wird nicht denunzieren. Es bleibt nur seine Handlung zu bedauern. Übrigens hat er ja noch nicht gesagt, daß er aus dem Verbande austreten will. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen. Doch jetzt schnell, meine Herren; wenn jene auch Schafsköpfe sind, so kann doch Vorsicht immerhin nicht schaden ...«

Wirginski ging mit Erkel in die Stadt zurück. Letzterer trat noch, bevor er Lämschin Tolkatschenko überließ, mit diesem zu Pjotr Stepanowitsch und sagte, daß Lämschin sich besonnen habe, bereue, um Verzeihung bitte und sogar selbst nicht mehr wisse, was eigentlich vorhin mit ihm geschehen war. Pjotr Stepanowitsch ging allein fort: er wählte den längsten Weg, an der anderen Seite der Teiche, am Rande des Parkes entlang. Zu seiner Verwunderung holte ihn, als er schon die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, plötzlich Liputin atemlos ein.

»Pjotr Stepanowitsch, aber Lämschin wird doch denunzieren!«

»Nein, er wird zur Besinnung kommen und sich sagen, daß er dann als erster nach Sibirien ginge. Jetzt wird niemand mehr denunzieren. Auch Sie nicht.«

»Aber Sie?«

»Zweifellos werde ich Sie alle verschwinden lassen, sobald Sie sich nur einfallen ließen, etwas verraten zu wollen, und das wissen Sie. Aber Sie werden nicht denunzieren. Sind Sie mir deshalb zwei Werst nachgelaufen?«

»Pjotr Stepanowitsch, Pjotr Stepanowitsch, aber wir werden uns doch vielleicht nie mehr sehen!«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Sagen Sie mir nur eines!«

»Nun, was denn? Übrigens wünsche ich, daß Sie sich packen.«

»Nur eine Antwort, aber daß sie auch richtig ist: sind wir die einzige >Fünf< in der Welt, oder ist es wahr, daß es einige Hundert solcher >Fünfer<-Gruppen gibt? Ich frage im höheren Sinne, Pjotr Stepanowitsch!«

»Das sehe ich Ihrer Verfassung an. Aber wissen Sie auch, daß Sie noch weit gefährlicher sind, als Lämschin?«

»Ich weiß, ich weiß, aber -- die Antwort, Ihre Antwort!«

»Sie dummer Mensch! Jetzt könnte es Ihnen, denke ich, doch schon ganz gleichgültig sein, ob es eine oder tausend sind.«

»Also eine! Ich wußte es ja!« rief Liputin. »Ich habe es ja die ganze Zeit gewußt, daß es nur eine ist, bis jetzt, die ganze Zeit ...«

Und ohne eine andere Antwort abzuwarten, kehrte er um und verschwand schnell in der Dunkelheit.

Pjotr Stepanowitsch wurde ein wenig nachdenklich.

»Nein, keiner wird denunzieren,« murmelte er dann überzeugt vor sich hin, »aber die >Fünf< muß eine Gruppe bleiben und gehorchen, oder ich werde sie ... Es ist doch ein Lumpenzeug, wirklich, dieses Volk!«

II.

Werchowenski ging zuerst zu sich nach Hause und packte, ohne sich im geringsten zu beeilen, seinen Reisekoffer. Um sechs Uhr morgens ging der Schnellzug ab. Den »Unsrigen« hatte er zwar gesagt, er werde nur auf kurze Zeit in die nächste Kreisstadt fahren, aber, wie es sich später herausstellen sollte, hatte er doch ganz andere Absichten. Als er mit dem Einpacken fertig war, bezahlte er seine Wirtin, die von ihm schon früher von seiner Abreise benachrichtigt worden war, und fuhr dann mit einer Droschke zu Erkel, der nicht weit vom Bahnhof wohnte. Und dann erst, nach ein Uhr nachts, begab er sich zu Kirilloff und benutzte wieder den geheimen Gang durch den Zaun.

Pjotr Stepanowitschs Stimmung war furchtbar. Außer verschiedenen anderen, für ihn sehr wichtigen Unannehmlichkeiten (er hatte noch immer nichts über Stawrogin erfahren können) soll er noch im Laufe des Tages von irgendwoher (am wahrscheinlichsten wohl aus Petersburg) eine geheime Mitteilung erhalten haben, nach der ihm schon in nächster Zeit eine gewisse Gefahr drohte.

Natürlich erzählt man sich jetzt bei uns viele Geschichten und Einzelheiten über diese ganze Zeit, doch wieviel mag davon wahr sein? Das Nähere werden wohl nur die wissen, die sich von Amts wegen mit der ganzen Angelegenheit haben beschäftigen müssen. Ich für mein Teil nehme denn auch nur nach meinen eigenen Erwägungen an, daß Pjotr Stepanowitsch außer in unserer Stadt noch andere Verbindungen hat haben können, und in dem Fall ist es allerdings sehr leicht möglich, daß man ihm jetzt auf der Spur war. Ja, ich bin sogar trotz des zynischen und schrecklichen Zweifels selbst in Liputin fest überzeugt, daß Pjotr Stepanowitsch noch zwei, drei andere »Fünfer«-Gruppen gegründet hatte, und daß er in allen größeren Städten, wenn auch vielleicht nicht durchweg »Fünfer«-Gruppen hatte, so doch geheime Verbindungen und Beziehungen zu allen möglichen Menschen unterhielt. Nicht später als drei Tage nach seiner Abreise erhielt unsere Stadtobrigkeit aus Petersburg denn auch tatsächlich den Befehl, ihn zu verhaften: für welche Vergehen, ob für die bei uns begangenen oder andere -- das weiß ich nicht. Dieser Befehl traf hier gerade noch zur richtigen Zeit ein, um den unheimlichen Eindruck und die Angst verstärken zu helfen, die plötzlich unsere immer noch so leichtsinnige Gesellschaft samt Polizei und Verwaltung ergriffen hatte, als mit einem Male die geheimnisvolle und schwerwiegende Ermordung des Studenten Schatoff, sowie die rätselhaften Umstände, von denen sie begleitet war, bekannt wurden. Aber der Befehl selbst kam zu spät: Pjotr Stepanowitsch war schon unter fremdem Namen in Petersburg, von wo aus er dann schnell über die Grenze entwischte. -- Doch ich greife vor.

Als Werchowenski bei Kirilloff eintrat, sah er böse und zanksüchtig aus: es war, als ob er Kirilloff außer der Hauptsache noch ganz persönlich etwas antun, sich an ihm für irgend etwas noch ganz besonders rächen wollte.

Kirilloff war über sein Erscheinen gleichsam erfreut; man sah, daß er schon furchtbar lange und in krankhafter Ungeduld auf ihn gewartet hatte. Sein Gesicht war bleicher als gewöhnlich, der Blick der dunklen Augen schwer und unbeweglich.

»Ich dachte, Sie kommen nicht,« sagte er schwer von der Sofaecke aus, in der er übrigens sitzen blieb, statt seinem Gast entgegenzugehen.

Pjotr Stepanowitsch blieb vor ihm stehen und musterte zunächst, bevor er ein Wort sprach, prüfend Kirilloffs Gesicht.

»Also alles in Ordnung und wir treten von unserem Vorhaben nicht zurück, das ist brav!« sagte er mit beleidigend gönnerhaftem Lächeln. »Nun, und daß ich etwas spät gekommen bin,« fügte er mit gemeiner Scherzhaftigkeit hinzu, »darüber hätten Sie sich doch nicht zu beklagen: habe Ihnen doch somit drei Stunden geschenkt.«

»Ich will von Ihnen gar keine überflüssigen Stunden geschenkt haben, und du kannst mir überhaupt nichts schenken ... Dummkopf!«

»Was?« Pjotr Stepanowitsch fuhr schon auf, beherrschte sich aber sofort. »Das ist mir mal eine Empfindlichkeit! Ach so, wir sind wohl erzürnt?« fragte er scharf, mit demselben beleidigenden Hochmut. »In so einem Augenblick ist Ruhe mehr am Platz. Am besten wäre es aber, sich für Kolumbus zu halten, und auf mich wie auf eine Maus, die einen überhaupt nicht beleidigen kann, herabzusehen. Das habe ich schon gestern anempfohlen.«

»Ich will nicht auf dich wie auf eine Maus sehen.«

»Was soll das, ein Kompliment? ... Hm, auch der Tee ist kalt -- also alles drunter und drüber. Nein, das ist mir zu unzuverlässig. Ah! aber was sehe ich denn dort auf dem Fensterbrett?« (er ging hin). »Wahrhaftig -- ein Huhn mit Reis! ... Warum haben Sie mir das bis jetzt noch nicht angeboten? Wir befanden uns also in einer Gemütsverfassung, die sogar ein Huhn ...«

»Ich habe gegessen, und das ist nicht Ihre Sache. Schweigen Sie!«

»Oh, natürlich, und zudem ist das an sich ja auch ganz gleichgültig. Bloß mir ist es jetzt nicht gleichgültig: denken Sie sich, ich habe heute so gut wie gar nicht zu Mittag gespeist und darum, wenn jetzt dieses Huhn, wie ich annehme, nicht mehr nötig ist, -- wie?«

»Essen Sie, wenn Sie können.«

»Ei, danke, und dann nachher noch Tee.«

Er setzte sich im Nu an den Tisch, am anderen Ende des Sofas, und machte sich mit ungewöhnlicher Gier ans Essen; doch gleichzeitig beobachtete er jeden Augenblick sein Opfer. Kirilloff sah ihm mit bösem Widerwillen regungslos zu, wie außerstande, seinen Blick von ihm loszureißen.

»Einstweilen,« -- Pjotr Stepanowitsch sah plötzlich auf, fuhr aber fort zu essen -- »wie wird es denn damit? Also, wir treten nicht zurück, wie? Und der Zettel?«

»Ich habe in dieser Nacht festgestellt, daß es mir einerlei ist. Werde schreiben. Die Proklamationen?«

»Ja, auch die Proklamationen. Übrigens, ich werde Ihnen diktieren. Ihnen ist es doch ganz gleich. Könnte denn der Inhalt Sie in diesen Minuten wirklich noch beunruhigen?«

»Das geht dich nichts an.«

»Natürlich nicht. Übrigens ... im ganzen nur ein paar Zeilen: daß Sie mit Schatoff die Proklamationen verbreitet haben, unter anderem, mit Hilfe Fedjkas, der sich hier in Ihrer Wohnung verborgen hat. Dieser letzte Punkt über Fedjka und die Wohnung ist sehr wichtig, sogar der allerwichtigste. Sehen Sie, ich bin ganz aufrichtig zu Ihnen.«

»Schatoff? Warum mit Schatoff? Auf keinen Fall schreibe ich von Schatoff.«

»Das fehlte noch, was macht Ihnen denn das aus? Schaden können Sie ihm ja doch nicht mehr.«

»Seine Frau ist zu ihm gekommen. Sie wachte auf und schickte zu mir fragen, wo er ist?«

»Sie hat zu Ihnen geschickt, um zu erfahren, wo er ist? Hm ... das ist nicht ... Dann könnte sie ja wieder schicken ... Hören Sie, niemand darf erfahren, daß ich hier bin ...«

Pjotr Stepanowitsch wurde unruhig.

»Sie wird nicht erfahren, schläft wieder. Bei ihr ist eine Frau, Arina Wirginskaja.«

»Schön, schön, und ... wird es auch nicht hören, denke ich? Wissen Sie, wäre es nicht besser, die Flurtür zu verriegeln?«

»Wird nichts hören. Und wenn Schatoff kommt, verstecke ich Sie ins andere Zimmer.«

»Schatoff wird nicht kommen; und Sie werden schreiben, daß Sie sich mit ihm wegen Verrat und Denunziation überworfen haben ... heute Abend ... und die Ursache seines Todes sind.«

»Er ist tot!« stieß Kirilloff aufspringend hervor.

»Heute um acht Uhr abends, oder richtiger, gestern um acht Uhr abends, denn jetzt ist es schon ein Uhr.«

»Du hast ihn ermordet! ... Und ich habe das gestern vorausgewußt!«

»Wäre auch was gewesen, das nicht vorauszusehen! Hier, sehen Sie, mit diesem Revolver!« (Er zog seinen Revolver aus der Tasche, anscheinend nur um ihn zu zeigen, doch steckte er ihn nicht wieder zurück, sondern behielt ihn in der rechten Hand, wie in Bereitschaft.) »Sie sind doch ein sonderbarer Mensch, Kirilloff, Sie wußten ja schon längst, daß es mit diesem dummen Menschen gerade ein solches Ende nehmen mußte. Was ist denn hier noch vorauszusehen? Ich habe es Ihnen schon mehrmals förmlich in den Mund gelegt. Schatoff bereitete eine Anzeige vor: ich beobachtete ihn; man konnte ihn auf keine Weise so lassen. Ja, und auch Sie hatten doch den Auftrag, auf ihn aufzupassen: Sie haben mir doch selbst noch vor drei Wochen ...«

»Schweig! Das hast du ihn dafür, daß er dir in Genf ins Gesicht gespuckt hat!«

»Auch dafür, und auch noch für anderes. Für vieles andere; übrigens ohne jede Bosheit meinerseits. Warum da aufspringen? Wozu Posen annehmen? Oho! Also so sind wir! ...«

Er sprang auf und erhob seinen Revolver. Kirilloff hatte nämlich seinen Revolver, der schon seit dem Morgen geladen war, vom Fensterbrett genommen. Pjotr Stepanowitsch stellte sich in Positur und zielte auf Kirilloff. Der lachte böse auf.

»Gesteh nur, Schurke, du hast deinen Revolver bloß darum genommen, daß ich dich erschieße ... Aber ich werde dich nicht erschießen ... obgleich ... obgleich ...«

Und wieder erhob er seinen Revolver und zielte auf Pjotr Stepanowitsch, wie außerstande, auf das Vergnügen zu verzichten: sich vorzustellen, wie das wäre, wenn er Pjotr Stepanowitsch jetzt mit einem Schuß niederstrecken würde. Pjotr Stepanowitsch wartete immer noch in Positur, wartete bis zum letzten Augenblick, wartete mit gespanntem Hahn, wobei er doch riskierte, selbst eine Kugel in die Stirn zu bekommen: von diesem »Maniak«, wie er Kirilloff kurzweg nannte, war das zu erwarten. Aber der »Maniak« ließ schließlich die Hand sinken, atemlos und zitternd und unfähig zu sprechen.

»Sie haben gespielt, nun und genug jetzt.« Pjotr Stepanowitsch senkte gleichfalls seinen Revolver. »Ich wußte es ja, daß Sie spielten. Nur, wissen Sie, Sie wagten doch viel: ich hätte abdrücken können.«

Und er setzte sich ziemlich ruhig wieder auf das Sofa und goß sich -- übrigens doch mit ein wenig zitternder Hand -- Tee ein. Kirilloff legte den Revolver auf den Tisch und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ich werde nicht schreiben, daß ich Schatoff getötet habe, und ... ich werde jetzt überhaupt nichts schreiben. Es wird keinen Zettel geben!«

»Nicht?«

»Nein.«

»Welch eine Gemeinheit und was für eine Dummheit!« Pjotr Stepanowitsch wurde vor Wut ganz fahl im Gesicht. »Aber ich habe ja schon so etwas geahnt. Wissen Sie auch, daß ich mich nicht überrumpeln lasse! Aber, -- wie Sie wollen! Wenn ich Sie mit Gewalt zwingen könnte, so würde ich es tun. Sie sind übrigens ein Schurke,« er verlor immer mehr seine Selbstbeherrschung, »Sie haben sich damals von uns Geld geliehen und uns dafür Langes und Breites versprochen ... Nur werde ich Sie doch nicht ganz ohne Resultat verlassen, werde wenigstens sehen, wie Sie sich jetzt selbst die Kugel durch den Kopf jagen.«

»Ich will, daß du sofort gleich hinausgehst.« Kirilloff blieb entschlossen vor ihm stehen.

»Nein, das tue ich auf keinen Fall,« lehnte Pjotr Stepanowitsch ab und ergriff wieder seinen Revolver. »Jetzt kann Ihnen ja aus Wut und Bosheit einfallen, alles aufzuschieben und morgen noch hinzugehen und zu denunzieren, um wieder Geld zu erhalten: dafür wird doch gut gezahlt. Hol' Sie der Teufel, solche Leutchen wie Sie sind zu allem fähig! Nur beunruhigen Sie sich nicht, ich habe alles vorgesehen: ich werde nicht vorher fortgehen, als bis ich Ihnen mit diesem Revolver gleichfalls den Schädel geöffnet habe, wie dem Schufte Schatoff. Wenn Sie selbst zu feige werden und es aufschieben wollen! Hol' Sie der Teufel!«

»Du willst wohl unbedingt auch mein Blut sehen?«

»Nicht aus Bosheit will ich es. Begreifen Sie doch, daß es mir persönlich ganz gleichgültig ist. Ich will es nur, um für unsere Sache ruhig sein zu können. Daß man sich auf einen Menschen nicht verlassen kann, sehen Sie doch selbst. Ich verstehe nichts davon, was Sie da ... -- ich meine, warum Sie sich umbringen wollen. Nicht ich habe diese Phantasie für Sie ausgedacht, sondern Sie selbst, und mitgeteilt haben Sie Ihre Ideen zuerst nicht mir, sondern den anderen ausländischen Gliedern. Und vergessen Sie nicht, daß niemand es aus Ihnen herausgezogen hat, es kannte Sie ja auch niemand, sondern Sie selbst sind gekommen und haben Ihre Gedanken mitgeteilt -- aus Sentimentalität wahrscheinlich. Wer ist aber jetzt daran schuld, wenn damals daraufhin ein Plan für gewisse Taten hier in der Stadt entworfen wurde, und die Hauptsache: mit Ihrer Einwilligung und auf Ihren Vorschlag hin (vergessen Sie das nicht: auf Ihren Vorschlag hin!). Schon deshalb denke ich, daß Sie die Sache jetzt nicht mehr im Stiche lassen dürfen. Sie haben sich so benommen, daß Sie schon zu viel wissen. Wenn Sie nun Furcht bekommen haben und morgen hingehen, um zu denunzieren, wird das für uns dann vorteilhaft sein, oder nicht, was meinen Sie? Nein, Sie haben sich verpflichtet, Sie haben Ihr Wort gegeben, haben Geld genommen. Das können Sie alles unmöglich leugnen ...«

Pjotr Stepanowitsch ereiferte sich mächtig, aber Kirilloff hörte ihm schon längst nicht mehr zu, sondern schritt wieder in Gedanken versunken auf und ab.

»Schatoff tut mir leid,« sagte er endlich und blieb wieder vor Pjotr Stepanowitsch stehen.

»Aber mir tut er ja auch lei... --«

»Schweig, Schurke!« brüllte Kirilloff wild auf und machte eine furchtbare und unzweideutige Bewegung. »Ich schlage dich tot!«

»Nun, nun, nun, schon gut, ich habe gelogen, ich gebe selber zu, es tut mir um ihn nicht ein bißchen leid; nun, schon gut!« Pjotr Stepanowitsch war ängstlich aufgesprungen und hielt den Arm wie zum Schutz erhoben.

Kirilloff wandte sich plötzlich still von ihm ab und begann von neuem durch das Zimmer zu schreiten.

»Ich werde es nicht aufschieben, gerade jetzt will ich mich umbringen: alle sind solche Schurken!«

»Nun, das ist doch ein Gedanke! Selbstverständlich sind alle Schurken, und da es einen anständigen Menschen auf der Welt anekelt, so ...«

»Dummkopf, ich bin ganz eben so ein Schurke wie du, wie alle, aber kein anständiger. Ein anständiger ist noch niemals nirgends gewesen.«

»Na, endlich also erraten! Haben Sie denn wirklich bis jetzt noch nicht begriffen, Kirilloff, Sie mit Ihrem Verstande, daß alle ein und dieselben sind, daß es weder bessere noch schlechtere Menschen gibt, sondern nur klügere und dümmere, und daß, wenn alle Schurken sind (was nebenbei bemerkt Unsinn ist), es folglich einen Nichtschurken auch gar nicht geben kann?«

»Ah! Und du lachst wirklich nicht?« fragte ihn Kirilloff mit einer gewissen Verwunderung. »Du sprichst mit Eifer und einfach ... Haben denn auch solche wie du Überzeugungen?«

»Kirilloff, ich habe nie verstehen können, warum Sie sich töten wollen. Ich weiß nur, daß Sie es aus Überzeugung ... aus fester Überzeugung wollen. Aber wenn Sie das Bedürfnis fühlen, sich, wie man sagt, mitzuteilen, so stehe ich zu Ihrer Verfügung ... Nur muß man die Zeit im Auge behalten ...«

»Wieviel ist die Uhr?«

»Oho, punkt zwei,« sagte Pjotr Stepanowitsch mit einem Blick auf seine Uhr, und er zündete sich eine Zigarette an.

»Ich glaube, ich werde doch noch mit ihm fertig,« dachte er bei sich.

»Ich habe dir nichts zu sagen,« brummte Kirilloff.

»Ich erinnere mich noch, daß da irgend etwas von Gott dabei war ... Sie haben es mir doch einmal erklärt, oder sogar zweimal ... Wenn Sie sich erschießen, so werden Sie Gott, so war es doch, wenn ich mich nicht täusche?«

»Ja, ich werde Gott.«

Pjotr Stepanowitsch lächelte nicht einmal, er wartete; Kirilloff blickte ihn fein an.

»Sie sind ein politischer Betrüger und Intrigant, Sie wollen mich auf die Philosophie hinüberleiten und in Begeisterung bringen, und eine Versöhnung mit mir machen, um den Ärger zu vertreiben, und wenn ich mich versöhne, dann den Brief erbitten, daß ich Schatoff getötet habe.«

Pjotr Stepanowitsch antwortete fast mit natürlicher Offenherzigkeit.

»Nun, mag ich das auch gedacht haben. Nur -- ist Ihnen denn das in diesen letzten Augenblicken nicht ganz gleichgültig, Kirilloff? Worüber zanken wir uns überhaupt, sagen Sie doch bitte selbst: Sie sind solch ein Mensch, und ich bin wieder solch ein Mensch, nun, und was liegt denn daran? Und beide noch dazu ...«

»Schurken.«

»Gut, meinetwegen auch Schurken. Sie wissen doch, daß das nur Worte sind.«

»Ich habe mein ganzes Leben nicht gewollt, daß es nur Worte sind. Ich habe auch nur deswegen gelebt, weil ich das immer nicht wollte. Ich will auch jetzt jeden Tag, daß es nicht nur Worte sind.«

»Nun ja, ein jeder sucht, wo er es besser hätte. Ein Fisch ... das heißt, jeder sucht seinen Komfort ... in seiner Art; und das ist alles. Außerordentlich lange schon bekannt.«

»Komfort, sagst du?«

»Nun, lohnt es sich denn, sich um Worte zu streiten?«

»Nein, du hast das gut gesagt: meinetwegen -- Komfort. Gott ist unentbehrlich und darum muß er sein.«

»Nun, und wunderbar.«

»Aber ich weiß, daß es ihn nicht gibt und nicht geben kann.«

»Das ist schon richtiger.«

»Begreifst du denn wirklich nicht, daß ein Mensch mit zwei solchen Gedanken nicht leben bleiben darf?«

»Sich also erschießen muß?«

»Begreifst du denn wirklich nicht, daß man sich nur allein deswegen erschießen kann? Du kannst es nicht begreifen, daß solch ein Mensch sein kann, ein einziger Mensch von allen euren tausend Millionen, einer, der nicht will und nicht erträgt.«

»Ich verstehe nur, daß Sie, wie's scheint, schwanken ... Das aber ist höchst gemein.«

»Auch Stawrogin ist von der Idee verschlungen,« sagte Kirilloff, die Bemerkung überhörend, und schritt finster durch das Zimmer.

»Wie?« Pjotr Stepanowitsch spitzte die Ohren, »von was für einer Idee? Hat er Ihnen selbst irgend etwas gesagt?«

»Nein, ich habe selbst erraten: Stawrogin, wenn er glaubt, so glaubt er nicht, daß er glaubt. Wenn er aber nicht glaubt, so glaubt er nicht, daß er nicht glaubt.«

»Nun, Stawrogin hat noch etwas anderes, etwas Gescheiteres als das ...« brummte Pjotr Stepanowitsch ärgerlich, während er unruhig die neue Wendung des Gespräches verfolgte und den bleichen Kirilloff beobachtete.

»Zum Teufel, er wird sich nicht erschießen,« dachte Pjotr Stepanowitsch. »Habe es ja immer vorausgefühlt, das war bei ihm nur eine Gehirnspirale, die ganze Idee, und weiter nichts. Solch ein Lumpenpack, diese Kerls, wahrhaftig!«

»Du bist der letzte, der bei mir ist: ich würde nicht böse mit dir auseinandergehen wollen,« sagte plötzlich Kirilloff.

Pjotr Stepanowitsch antwortete nicht sofort. »Weiß der Teufel, was das nun wieder bedeutet!« dachte er.

»Glauben Sie mir, Kirilloff, daß ich nie etwas gegen Sie persönlich gehabt habe und immer ...«

»Du bist ein Schurke und bist ein falscher Verstand. Aber ich bin ganz dasselbe wie du und erschieße mich, du aber bleibst lebendig.«

»Sie wollen wohl sagen, daß ich so niedrig sei, daß ich am Leben bleiben will.«

Er war noch nicht ganz sicher, ob es vorteilhaft oder unvorteilhaft war, ein solches Gespräch jetzt weiterzuführen, und entschloß sich daher, sich »den Umständen anzupassen«. Doch der Ton der Überlegenheit und die unverhohlene Verachtung, die Kirilloff immer für ihn hatte, reizten und ärgerten ihn aus irgendeinem Grunde diesmal noch viel mehr, als sonst, -- vielleicht deshalb, weil Kirilloff, der schon in ungefähr einer Stunde sterben mußte (das behielt Pjotr Stepanowitsch trotz allem fest im Auge) für ihn bereits nur noch ein halber Mensch war, also jemand, dem man auf keine Weise mehr erlauben durfte, auch noch stolz und hochmütig zu sein.

»Sie wollen, wie's scheint, damit vor mir großtun, daß Sie sich erschießen werden?«

»Ich habe mich immer gewundert, daß alle leben bleiben,« sagte Kirilloff, der auch diese Bemerkung wieder überhörte.

»Hm! nehmen wir an, daß das eine Idee ist, aber ...«

»Du Affe, du stimmst zu, um mich zu besiegen. Schweig, du kannst nichts verstehen. Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott.«

»Sehen Sie, diesen Punkt habe ich bei Ihnen nie begreifen können: warum sind Sie dann Gott?«

»Wenn es Gott gibt, so ist aller Wille sein, und aus Seinem Willen kann ich nicht. Wenn nicht, so ist aller Wille mein und ich bin verpflichtet, Eigenwillen zu bezeugen.«

»Eigenwillen? Und warum verpflichtet?«

»Darum, weil aller Wille mein geworden ist. Wird denn wirklich kein einziger auf dem ganzen Planeten, nachdem er mit Gott ein Ende gemacht hat und nur an seinen Eigenwillen glaubt, es wagen, Eigenwillen zu beweisen, Eigenwillen gerade im Hauptpunkte? Das ist so, wie wenn ein Armer eine Erbschaft bekommt und erschrickt und nicht wagt, zum Geldsack zu gehen, weil er sich für nicht stark genug hält, zu besitzen. Ich will Eigenwillen beweisen. Und wenn auch nur ich, ein einzelner, aber ich tue es.«

»Tun Sie's nur!«

»Ich bin verpflichtet, mich zu erschießen, weil der vollste, höchste Punkt meines Eigenwillens ist -- mich selbst zu töten.«

»Aber Sie sind doch nicht der einzige, der sich selbst tötet; es gibt viele Selbstmörder.«

»Mit einer Ursache -- ja. Aber ganz ohne alle Ursache und nur für Eigenwillen -- ich allein.«

»Wird sich nicht erschießen,« zuckte es wieder durch Pjotr Stepanowitschs Gedanken.

»Wissen Sie was,« bemerkte er geärgert, »ich würde an Ihrer Stelle, um Eigenwillen zu offenbaren, erst irgendeinen anderen, aber nicht mich selbst, umbringen. Könnten sich damit noch nützlich machen. Ich werde Ihnen sagen wen, wenn Sie nicht erschrecken. Dann brauchen Sie sich meinetwegen heute auch noch nicht zu erschießen. Man könnte sich besprechen.«

»Einen anderen töten würde gleich der allerniedrigste Punkt meines Eigenwillens sein, und hierin bist du ganz enthalten. Ich bin nicht du: ich will den höchsten Punkt und töte mich.«

»Glücklich mit eigenem Verstande darauf verfallen,« brummte Pjotr Stepanowitsch boshaft.

»Ich bin verpflichtet, den Unglauben zu verkünden,« sprach Kirilloff weiter, durch das Zimmer schreitend. »Für mich ist nichts höher, als die Idee -- daß es Gott nicht gibt. Die ganze Geschichte der Menschheit spricht für mich. Der Mensch hat nichts anderes getan, als Gott sich ausdenken, um leben zu können, ohne sich totzuschlagen. Darin besteht die ganze Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag. Ich allein in der ganzen Weltgeschichte habe zum erstenmal Gott mir nicht ausdenken wollen. Mag man das für immer erfahren.«

»Wird sich nicht erschießen,« dachte Pjotr Stepanowitsch wieder beunruhigt.

»Wer soll es denn erfahren?« versuchte er ihn zu hetzen. »Hier sind nur Sie und ich! Liputin etwa?«

»Alle sollen es erfahren; alle werden es erfahren ... Es gibt nichts in der Welt, was nicht einmal offenbar wird. Das hat Er gesagt.«

Und er wies in fieberhaftem Entzücken auf das Bild des Heilandes, vor dem das Lämpchen brannte. Pjotr Stepanowitsch wurde endgültig wütend.

»An den also glauben Sie immer noch? Haben auch das Lämpchen angezündet! Tun Sie das vielleicht auch >auf alle Fälle<?«

Der andere schwieg.

»Wissen Sie, meiner Meinung nach glauben Sie womöglich noch mehr als ein Pope.«

»An wen? An Ihn? Höre,« Kirilloff blieb stehen und sah mit starrem, wie verzücktem Blick vor sich hin. »Höre eine große Idee: es war auf der Erde ein Tag und in der Mitte der Erde standen drei Kreuze. Einer am Kreuz glaubte so, daß er dem anderen sagte: >Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.< Der Tag verging, beide starben, gingen hin und fanden weder Paradies noch Auferstehung. Die Worte bewahrheiteten sich nicht. Höre: dieser Mensch war der höchste auf der ganzen Welt, war das, wozu sie lebt. Der ganze Planet, mit allem, was auf ihm ist, ist ohne diesen Menschen -- nur ein Wahnsinn. Es war weder vor Ihm, noch nach Ihm einer seinesgleichen, niemals, sogar bis zum Wunder. Das ist eben das Wunder, daß keiner vor ihm war noch nach ihm sein wird, niemals. Aber wenn dem so ist, wenn die Gesetze der Natur auch Diesen nicht verschont haben, sogar ihr eigenes Wunder nicht verschont haben und auch Ihn zwangen, mitten in Lüge zu leben und für Lüge zu sterben, so ist folglich der ganze Planet Lüge und beruht nur auf Lüge und dummem Spott. Folglich sind die Gesetze selbst des Planeten -- Lüge und des Teufels Bühnenstück. Wozu dann leben, antworte, wenn du ein Mensch bist?«

»Das ist die Kehrseite. Mir scheint, Sie haben hier zwei verschiedene Ursachen vermischt; das ist aber sehr unzuverlässig. Doch erlauben Sie, wenn Sie nun Gott sind? Wenn die Lüge zu Ende ist und Sie erraten haben, daß die ganze Lüge nur daher kam, daß es den früheren Gott gab?«

»Endlich hast du es verstanden!« rief Kirilloff begeistert. »Also kann man es doch verstehen, wenn sogar so einer wie du es verstanden hat! Verstehst du jetzt, daß die ganze Errettung für alle ist -- allen diesen Gedanken zu beweisen. Wer aber wird ihn beweisen? Ich! Ich verstehe nicht, wie bis jetzt ein Atheist wissen konnte, daß es Gott nicht gibt, und sich doch nicht sofort selbst tötete? Erkennen, daß es Gott nicht gibt und nicht im selben Augenblick mit eins erkennen, daß man dadurch selbst Gott geworden ist -- ist eine Ungereimtheit, denn anderenfalls würde man sich unbedingt selbst töten. Wenn du erkenntest -- so bist du Zar, und du brauchst dich nicht mehr selbst zu töten, sondern wirst in der allergrößten Herrlichkeit leben. Aber einer, der erste, der das erkennt, der muß sich unbedingt selbst töten, denn wer wird sonst beginnen und beweisen? Also töte ich mich selbst, unfehlbar, um zu beginnen und zu beweisen. Ich bin erst noch gezwungenermaßen Gott und bin unglücklich, denn ich bin verpflichtet, Eigenwillen zu bezeugen. Alle sind unglücklich, denn alle fürchten sich, Eigenwillen zu zeigen. Eben deshalb ist der Mensch bis jetzt so unglücklich und arm gewesen, weil er sich fürchtete, den Hauptpunkt, den Kern des Eigenwillens durchzusetzen, und weil er nur so drumherum, am Rande ein wenig Eigenwillen oder Mutwillen trieb wie ein Schuljunge. Ich bin schrecklich unglücklich, denn ich habe schreckliche Angst. Die Angst ist der Fluch des Menschen ... Aber ich werde Eigenwillen offenbaren, ich bin verpflichtet, fest daran zu glauben, daß ich nicht glaube. Ich werde beginnen und werde beenden, und werde das Tor öffnen. Und retten. Nur dieses allein wird alle Menschen retten und schon in der nächsten Generation physisch verändern. Denn in der jetzigen körperlichen Form kann, so viel ich glaube, der Mensch ohne den früheren Gott nicht sein. Ich habe drei Jahre das Attribut meiner Gottheit gesucht und habe es schließlich gefunden: das Attribut meiner Gottheit ist -- Eigenwille! Das ist alles, womit ich im Hauptpunkt meine Nichtunterwürfigkeit beweisen kann und meine neue furchtbare Freiheit. Denn sie ist maßlos furchtbar. Ich töte mich, um meine Nichtunterwürfigkeit zu beweisen und meine neue furchtbare Freiheit.«

Sein Gesicht war unnatürlich bleich, sein Blick unerträglich schwer. Er war wie im Fieber. Pjotr Stepanowitsch fürchtete schon, er werde sogleich hinfallen.

»Gib die Feder!« rief Kirilloff plötzlich ganz unerwartet in entschiedener Verzückung -- »diktiere, ich unterschreibe alles. Auch, daß ich Schatoff getötet, unterschreibe ich. Diktiere, solange es mir lachhaft ist! Ich fürchte die Gedanken der anmaßenden Sklaven nicht! Du wirst selbst sehen, daß alles Geheimnisvolle offenbar werden wird. Du aber wirst zerdrückt werden ... Ich aber glaube! Ich glaube!«

Pjotr Stepanowitsch schnellte empor, gab ihm im Nu das Tintenfaß und ein Blatt Papier und begann sofort zu diktieren, um den günstigen Augenblick nicht zu verpassen, zitternd für das Gelingen.

»Ich, Alexei Kirilloff, erkläre ...«

»Wart! So will ich nicht! Erkläre wem?«

Kirilloff bebte wie im Fieber. Diese Erklärung und irgendein besonderer plötzlicher Gedanke in bezug auf diese Erklärung hatten ihn, wie es schien, ganz und gar verschlungen, als ob sie ein Ausweg wäre, auf den sich, wenn auch nur auf einen Augenblick, sein müdgequälter Geist stürzte.

»Erkläre wem? Will wissen wem?«

»Ach, niemandem, allen, dem ersten, der es liest! Wozu das bestimmen? Der ganzen Welt!«

»Der ganzen Welt? Bravo! Und daß keine Reue nötig ist! Ich will nicht bereuen. Und ich will auch nicht an die Obrigkeit!«

»Aber nein doch, das ist ja auch gar nicht nötig, zum Teufel mit der Obrigkeit! Aber so schreiben Sie doch, wenn Sie ernstlich! ...« schrie Pjotr Stepanowitsch in hysterischer Nervosität ihn an.

»Wart! Ich will erst eine Fratze mit herausgestreckter Zunge malen.«

»Ach was, Unsinn! Teufel, das kann man auch ohne Malerei ausdrücken, einfach mit dem Ton.«

»Mit dem Ton? Das ist gut. Ja, mit dem Ton, mit dem Ton! Diktier mir mit dem Ton!«

»Ich, Alexei Kirilloff,« diktierte fest und befehlend Pjotr Stepanowitsch, über die Schulter Kirilloffs gebeugt und jeden Buchstaben, den dieser mit seiner zitternden Hand schrieb, mit den Augen verfolgend, »-- ich, Kirilloff, erkläre, daß ich heute, am ...sten Oktober, am Abend um acht Uhr, den Studenten Schatoff im Park getötet habe und zwar für Verrat und Anzeige der Proklamationen, sowie Fedjkas, der bei uns beiden im Filippoffschen Hause zehn Tage gewohnt und genächtigt hat. Ich erschieße mich aber heute mit einem Revolver nicht deswegen, weil ich bereue und euch fürchte, sondern weil ich schon im Auslande die Absicht hatte, mir das Leben zu nehmen.«

»Und das ist alles?« fragte erstaunt und unwillig Kirilloff.

»Kein Wort mehr!« sagte Pjotr Stepanowitsch, mit der Hand abwinkend, und suchte ihm das Papier zu entreißen.

»Wart!« rief Kirilloff und legte fest seine Hand auf das Blatt. »Wart, Unsinn! Will noch sagen, mit wem ich erschlagen habe. Warum Fedjka? Und die Brandstiftung? Ich will alles und will sie noch ausschimpfen mit dem Ton, mit dem Ton!«

»Genug, Kirilloff, ich versichere Ihnen, das ist vollkommen genug!« flehte Pjotr Stepanowitsch geradezu, denn er zitterte vor Angst, daß Kirilloff das Papier vielleicht wieder zerreißen werde. »Damit die es glauben, muß es so dunkel wie möglich sein, nur mit Andeutungen, gerade so! Man muß nur ein Eckchen der Wahrheit zeigen, nur soviel, um sie irrezuführen. Die werden sich schon selbst weit mehr vorlügen, als wir es könnten, und sich selbst werden sie natürlich mehr glauben als uns -- und das ist doch gerade das Beste, das Allerbeste! Geben Sie her, es ist wundervoll so. Geben Sie! Geben Sie!«

Und er bemühte sich immer noch, ihm das Papier zu entwenden, es ihm unter der Hand wegzuziehen. Kirilloff hatte die Augen weit aufgerissen, hörte wohl auch zu und schien sogar begreifen zu wollen, doch hatte er wahrscheinlich schon aufgehört, zu verstehen.

»Teufel!« entfuhr es plötzlich wütend Pjotr Stepanowitsch. »Er hat ja noch gar nicht unterschrieben! Was starren Sie denn so, unterschreiben Sie doch!«

»Ich will ausschimpfen ...« murmelte Kirilloff, nahm aber doch gehorsam die Feder und schrieb seinen Namen. »Ich will ausschimpfen ...«

»Schreiben Sie meinetwegen: Vive la république,{[199]} und damit dann genug.«

»Bravo!« schrie, brüllte fast Kirilloff vor Entzücken auf. »Vive la république démocratique, sociale et universelle ou la mort! ... Nein, nein, nicht so. Liberté, egalité, fraternité ou la mort.{[200]} Das ist noch besser, noch besser,« und er schrieb es mit sichtlichem Hochgenuß unter seinen Namenszug.

»Genug jetzt, wirklich genug!« wiederholte Pjotr Stepanowitsch.

»Wart, noch ein ... Ich, weißt du, ich werde noch einmal auf französisch unterschreiben: >de Kirilloff, gentil-homme russe et citoyen du monde.<{[201]} Hahahahaha!« lachte er auf. »Nein, nein, nein, wart, habe es noch besser gefunden, am allerbesten, Heureka! -- >gentil-homme-séminariste russe et citoyen du monde civilisé!<{[202]} Das ist am allerbesten ...« -- -- -- und er sprang jäh auf, ergriff plötzlich mit einer schnellen Bewegung seinen Revolver, stürzte in das andere Zimmer und schlug die Tür fest hinter sich zu.

Pjotr Stepanowitsch stand einen Augenblick nachdenklich da und sah gespannt auf die geschlossene Tür.

»Wenn sofort -- dann ist es möglich, daß er abdrückt, fängt er aber an zu denken -- dann wird nichts geschehen.«

Vorläufig nahm er das Blatt in die Hand, setzte sich wieder und sah das Geschriebene noch einmal durch. Die Abfassung gefiel ihm wieder ungemein.

»Was fehlt uns jetzt! Es ist ja weiter nichts nötig, wie sie für eine Zeitlang ganz aus der Fassung zu bringen und abzulenken. Park? In der Stadt gibt es keinen Park. Aber sie werden schon mit ihrem eigenen Verstande auf Skworeschniki verfallen. Bis sie aber darauf verfallen, vergeht Zeit, bis sie suchen -- wieder Zeit, und finden sie die Leiche -- so ist hier nur die Wahrheit geschrieben worden, folglich muß auch alles andere richtig sein, auch das von Fedjka. Was aber bedeutet Fedjka? Fedjka -- das ist der Brand, Fedjka, das sind Lebädkins: folglich ist alles aus dem Filippoffschen Hause gekommen, sie aber haben nichts davon gesehen, haben nichts durchschauen können, -- und gerade das wird sie schon vollends verwirren! Auf die Unsrigen aber werden sie überhaupt nicht verfallen. Es waren also Schatoff und Kirilloff und Fedjka und Lebädkin; warum sie aber einander totgeschlagen haben -- das ist dann für die Leute noch so eine kleine Frage zum Zeitvertreib. Zum Teufel, wo bleibt denn der Schuß! ...«

Pjotr Stepanowitsch hatte die ganze Zeit, wenn er auch las und sich über die Abfassung freute, doch gleichzeitig jeden Augenblick mit quälender Unruhe gehorcht und -- plötzlich wurde er wütend. Erregt zog er die Uhr hervor: es war schon sehr spät; und Kirilloff mochte vor bereits zehn Minuten hinausgegangen sein ... Er ergriff das Licht und ging zur Tür des Nebenzimmers. An der Tür sah er plötzlich und kam es ihm zu Bewußtsein, daß auch das Licht schon heruntergebrannt war und vielleicht nach zwanzig Minuten auslöschen werde, daß ein anderes aber nicht vorhanden war. Vorsichtig umfaßte er mit der Hand die Klinke und horchte. Kein einziger Laut drang aus dem anderen Zimmer. Plötzlich öffnete er die Tür und erhob das Licht: da brüllte etwas auf und stürzte auf ihn zu. Hastig schlug er die Tür zu und stemmte sich mit aller Kraft gegen sie, aber schon war alles verstummt -- und wieder Totenstille.

Lange stand er so in seiner Unentschlossenheit mit dem Licht in der Hand. In dem kurzen Augenblick, nach dem Öffnen der Tür, hatte er nur sehr wenig sehen können, aber er erinnerte sich doch des Gesichts Kirilloffs, der am anderen Ende des Zimmers am Fenster gestanden hatte, und der tierischen Wut, mit der er zur Tür gestürzt war. Plötzlich regte sich etwas im Nebenzimmer.

Pjotr Stepanowitsch stellte schnell das Licht auf den Tisch, ergriff seinen Revolver und sprang auf den Fußspitzen zur Seite in die entgegengesetzte Ecke, so daß er, falls Kirilloff die Tür öffnete und auf den Tisch zuschritt, noch vor Kirilloff zielen und abdrücken konnte.

Aber es blieb wieder alles ruhig.

Daß Kirilloff jetzt noch den Selbstmord begehen werde, daran glaubte Pjotr Stepanowitsch schon gar nicht mehr.

»Er stand offenbar und dachte,« ging es ihm blitzartig durch den Kopf. »Dazu noch ein dunkles, unheimliches Zimmer ... Er brüllte auf und stürzte zur Tür -- hier sind zwei Möglichkeiten: entweder störte ich ihn gerade in dem Augenblick, als er den Hahn abdrücken wollte, oder ... oder er stand und überlegte, wie er mich töten könnte. Ja, das wird's gewesen sein, er überlegte ... Er weiß, daß ich nicht vorher fortgehe, als bis er tot ist, daß ich ihn töten werde, wenn er selbst dazu zu feige ist -- also muß er mich zuerst töten, damit nicht ich ihn töte ... Und wieder, wieder bleibt dort alles still! ... Einfach gruselig: plötzlich macht er die Tür auf ... Die Schweinerei ist ja bloß, daß er an Gott noch mehr glaubt als ein Pope ... Wird sich nicht erschießen, um keinen Preis! Oh ... Solche, wie er, die mit >eigenem Verstande so weit kommen<, vermehren sich ja jetzt ungeheuer. Lumpenpack! Teufel, das Licht, das Licht! In einer Viertelstunde ist es ausgebrannt, spätestens ... Muß Schluß machen, muß unbedingt, was es auch koste, Schluß machen ... Was, -- totschlagen kann man ihn ja jetzt ... Nach diesem Papier kann niemand denken, daß ich ihn erschossen habe. Man kann ihn schon so auf die Diele legen und zurechtbiegen, mit abgeschossenem Revolver in der Hand, daß man unbedingt glauben muß, er selbst ... Teufel, aber wie ihn nur erschießen? Wenn ich aufmache, wird er sich wieder auf mich stürzen und noch vor mir abdrücken. Teufel, nein, er wird natürlich nicht treffen ... Immerhin ...«

So quälte er sich hin und her und ward immer unruhiger infolge der unumgänglichen Notwendigkeit der Tat einerseits und der eigenen Unentschlossenheit andererseits. Schließlich nahm er wieder den Leuchter und trat wieder leise zur Tür, wobei er den Revolver hob und den Hahn spannte, dann mit der linken Hand, in der er das Licht hielt, die Klinke zu öffnen versuchte -- aber es gelang nicht: das Schloß kreischte nur und öffnete sich nicht. »Er wird sofort auf mich schießen!« dachte Pjotr Stepanowitsch, riß die Tür auf und erhob Licht und Revolver ... Doch kein Schuß ertönte ... Auch kein Schrei ... Im Zimmer war kein Mensch.

Er fuhr zusammen. Einen anderen Ausgang hatte das Zimmer nicht, aus ihm zu entfliehen war unmöglich. Er hob das Licht noch höher und blickte noch aufmerksamer hinein: nein, kein Mensch. Halblaut rief er einmal Kirilloff und dann zum zweitenmal lauter, aber niemand antwortete.

»Sollte er aus dem Fenster gesprungen sein?«

Tatsächlich war das Luftfenster offen.

»Unsinn, durchs Luftfenster kann er doch nicht durch.« Pjotr Stepanowitsch ging durch das ganze Zimmer zum Fenster. »Unmöglich konnte er hier durch!« Plötzlich wandte er sich blitzschnell um und etwas Ungewöhnliches erschütterte ihn.

An der Wand, die dem Fenster gegenüber lag, stand links von der Tür ein Schrank. An der linken Seite dieses Schrankes aber, in der Ecke zwischen der anderen Wand und dem Schrank, stand Kirilloff und stand furchtbar sonderbar, -- unbeweglich, stramm, die Hände militärisch an den Nähten, den Kopf erhoben und mit dem Rücken fest an die Wand gepreßt ... Allem Anscheine nach wollte er sich verstecken, aber das war wiederum nicht glaubhaft. Pjotr Stepanowitsch stand ein wenig schräg zu der Ecke und sah nur die hervortretenden Teile der Gestalt. Er konnte sich aber noch nicht entschließen, weiter nach links zu gehen und das Rätsel zu lösen. Sein Herz schlug laut. Und plötzlich erfaßte ihn eine rasende Wut: er riß sich von der Stelle, schrie auf und stürzte trampelnd zu der furchtbaren Stelle.

Doch wie er unmittelbar vor ihm stand, blieb er wie angewurzelt stehen, noch mehr von Entsetzen betäubt. Vor allem frappierte es ihn, daß die Gestalt sich trotz seines Schreies und wütenden Anlaufs nicht einmal bewegte, nicht einmal zuckte, auch nicht mit einem einzigen Gliede -- ganz, als ob sie versteint oder aus Wachs gewesen wäre. Die Blässe des Gesichts war unnatürlich, die schwarzen Augen waren unbeweglich und sahen auf irgendeinen Punkt im leeren Raum. Pjotr Stepanowitsch führte das Licht von oben nach unten und wieder nach oben und sah aufmerksam dieses Gesicht an. Und plötzlich gewahrte er, daß Kirilloff, wenn er auch geradeaus in die Luft blickte, ihn doch seitlich sah und womöglich noch beobachtete. Da kam ihm der Gedanke, das Licht »diesem Schurken« an das Gesicht zu legen, es anzubrennen, um zu sehen, was er dann tun werde. Plötzlich aber schien es ihm, daß Kirilloffs Kinn sich bewege und über die Lippen ein Spottlächeln flimmere -- ganz als ob jener seinen Gedanken erraten hätte. Er erbebte und außer sich vor Wut packte er Kirilloff an der Schulter.

Da geschah aber etwas dermaßen Unglaubliches, und geschah so schnell, daß Pjotr Stepanowitsch sich später in seiner Erinnerung selbst nicht mehr zurechtfand. Kaum hatte er Kirilloff berührt, als dieser plötzlich seinen Kopf fallen ließ und ihm mit dem Kopf das Licht aus der Hand schlug. Der Leuchter fiel mit lautem Gepolter zu Boden, und das Licht erlosch. Im selben Augenblick noch fühlte er einen furchtbaren Schmerz im kleinen Finger seiner linken Hand. Er schrie auf, und später wußte er nur noch, daß er, außer sich, Kirilloff, der seinen Finger nicht aus den Zähnen ließ, dreimal mit dem Revolver auf den Kopf geschlagen hatte. Doch es gelang ihm endlich, den Finger herauszureißen. Und er stürzte fort, hinaus, so schnell er in der Dunkelheit nur konnte, aus dem Zimmer, aus der Wohnung. Ihm nach aber drangen die furchtbaren Schreie:

»Sofort, sofort, sofort, sofort!«

Wohl mehr als zehnmal. Aber Werchowenski lief immer noch weiter, weiter, durch die Dunkelheit, suchte schon im Flur die Ausgangstür, als plötzlich ein lauter Schuß erschallte. Da erst blieb er stehen, im Flur, in der Dunkelheit, und überlegte wohl fünf Minuten lang. Endlich kehrte er wieder um und ging in die Wohnung zurück. Zuerst mußte Licht geschafft werden. Dazu brauchte er nur den aus der Hand geschlagenen Leuchter auf dem Boden aufzusuchen, rechts vom Schrank; aber womit dann den Lichtstumpf anzünden? Er selbst hatte nichts bei sich. Eine dunkle Erinnerung zog ihm durch den Kopf: es war ihm, als hätte er am Abend vorher, als er in die Küche zu Fedjka gestürzt war, in der Ecke auf dem Küchenbrett flüchtig eine große rote Streichholzschachtel bemerkt. Tastend ging er also zuerst nach links, zur Küchentür, fand sie schließlich und stieg dann die drei Stufen hinunter. Richtig: auf dem Brett, gerade an der Stelle, an die er sich erinnert hatte, fand er in der Dunkelheit eine große, noch nicht geöffnete Streichholzschachtel. Ohne anzuzünden, kehrte er eilig zurück und erst beim Schrank, auf derselben Stelle, wo er vorhin gestanden hatte, als er den ihn beißenden Kirilloff mit dem Revolver auf den Kopf schlug, fiel ihm plötzlich sein gebissener Finger ein, und in derselben Sekunde fühlte er auch einen fast unerträglichen Schmerz in ihm. Er biß die Zähne zusammen, zündete mit genauer Not noch den kleinen Lichtstumpf an und dann erst sah er sich um: nicht weit von dem Fenster, dessen Luftfenster offen war, lag, mit den Füßen zu jener Ecke des Zimmers, die Leiche Kirilloffs. Er hatte sich in die rechte Schläfe geschossen und oben an der linken Seite des Kopfes hatte die Kugel wieder den Schädel durchschlagen. Blut und Hirnspritzer sah man auf der Diele. Der Revolver war in der Hand des Selbstmörders geblieben. Der Tod mußte sofort eingetreten sein. Nachdem Pjotr Stepanowitsch alles genau betrachtet hatte, erhob er sich wieder und ging auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, schloß hinter sich die Tür, stellte das Licht auf den Tisch vor dem Sofa, dachte ein wenig nach und beschloß dann, es nicht auszulöschen, da durch dieses Licht im Leuchter doch kein Brand entstehen konnte. Er blickte noch einmal auf das Dokument und lächelte mechanisch. Darauf verließ er, ich weiß nicht warum, immer noch leise auf den Fußspitzen gehend, endgültig langsam das Haus. Wieder kroch er durch Fedjkas geheimen Gang und schloß ihn hinter sich sorgfältig mit dem Brett.

III.

Zehn Minuten vor sechs gingen Pjotr Stepanowitsch und Erkel auf dem Bahnhof längs des diesmal ziemlich langen Zuges auf und ab. Pjotr Stepanowitsch fuhr fort und Erkel begleitete ihn. Das Gepäck war schon aufgegeben, der Reisesack lag auf dem ausgesuchten Platz in einem Waggon der zweiten Klasse. Das erste Glockenzeichen war schon ertönt und man wartete auf das zweite. Pjotr Stepanowitsch sah sich wie gewöhnlich neugierig nach allen Seiten um, und betrachtete die Einsteigenden. Nähere Bekannte aber waren nicht zu sehen. Allem Anschein nach wollte Erkel in diesen letzten Minuten noch von etwas Wichtigerem sprechen -- wenn er auch vielleicht selbst nicht wußte, wovon eigentlich; aber er wagte nicht anzufangen. Es schien ihm sogar, daß er Pjotr Stepanowitsch lästig fiel und daß dieser mit Ungeduld auf das zweite Glockenzeichen wartete.

»Sie sehen so offen alle Menschen an,« bemerkte er etwas schüchtern, als wollte er warnen.

»Warum soll ich denn nicht? Noch darf ich mich nicht verstecken. Ist noch zu früh. Beunruhigen Sie sich nicht. Nur eines fürchte ich, daß der Teufel mir den Liputin an den Hals schickt, der könnte es riechen und herlaufen!«

»Pjotr Stepanowitsch, die sind nicht zuverlässig,« sagte Erkel endlich schüchtern.

»Liputin?«

»Alle, Pjotr Stepanowitsch.«

»Unsinn, jetzt sind sie durch das Gestrige gebunden. Kein einziger wird verraten. Wer wird sich denn selbst ins Unglück stürzen, wenn er nicht den Verstand verloren hat?«

»Aber die haben doch den Verstand verloren!«

Dieser Gedanke war wohl auch Pjotr Stepanowitsch schon durch den Kopf gegangen. Darum ärgerte ihn diese Bemerkung Erkels noch mehr.

»Sind Sie nicht auch schon feige geworden, Erkel? Ich verließ mich auf Sie eigentlich mehr, als auf die anderen zusammen. Jetzt weiß ich, was jeder von ihnen wert ist. Teilen Sie ihnen alles heute noch mündlich mit. Ich vertraue sie Ihnen an. Gehen Sie schon am Morgen zu allen. Meine schriftliche Instruktion können Sie ihnen morgen oder übermorgen vorlesen, wenn sie versammelt sind und fähig, sie zu verstehen ... Glauben Sie mir, die haben furchtbare Angst und werden jetzt weich wie Wachs sein ... Aber die Hauptsache, werden Sie nur nicht melancholisch ...«

»Ach, Pjotr Stepanowitsch, es wäre wirklich besser, wenn Sie nicht verreisten!«

»Aber ich verreise doch nur auf ein paar Tage: ich bin ja im Augenblick wieder zurück.«

»Pjotr Stepanowitsch,« sagte Erkel schüchtern, »und selbst wenn Sie auch nach Petersburg reisen sollten ... Ich verstehe doch, ich weiß doch, daß Sie nur das für die allgemeine Sache Notwendige tun.«

»Von Ihnen habe ich auch nicht weniger als volles Verständnis erwartet, Erkel. Wenn Sie erraten haben, daß ich nach Petersburg fahre, so werden Sie auch verstehen, daß ich ihnen gestern, in jenem Augenblick, nicht gleich sagen konnte, daß ich in der Tat so weit reise. Ich hätte sie nur unnütz erschreckt. Sie haben ja selbst gesehen, wie sie da alle waren. Aber Sie verstehen doch, daß ich es für die große und wichtige Sache tun muß, für unsere allgemeine Sache, und nicht etwa, um mich persönlich in Sicherheit zu bringen, wie vielleicht irgendein Liputin annimmt.«

»Ich verstehe es ohne weiteres, Pjotr Stepanowitsch, und selbst wenn Sie ins Ausland fahren sollten, ich verstehe es doch, ich weiß, daß Sie Ihre Person nicht so aufs Spiel setzen dürfen, denn Sie sind alles, wir aber sind nichts. Oh, ich verstehe schon, Pjotr Stepanowitsch.«

Die Stimme des armen Knaben bebte sogar.

»Ich danke Ihnen, Erkel ... Au, Sie haben meinen kranken Finger berührt.« (Erkel hatte ihm recht fest die Hand drücken wollen und dabei nicht an die Verletzung gedacht; der kranke Finger war kunstvoll mit schwarzem Taffett verbunden.) »Aber ich kann Ihnen nur wiederholen, daß ich in Petersburg bloß ein wenig schnuppern will, bleibe dort im ganzen vielleicht vierundzwanzig Stunden -- und dann sofort wieder hierher. Zuerst werde ich mich hier auf dem Lande bei Gaganoff niederlassen, Sie verstehen doch -- der Leute wegen. Wenn aber die Unsrigen irgendeine Gefahr wittern sollten, so werde ich als erster diese Gefahr mit ihnen teilen. Sollte ich aber etwas länger in Petersburg bleiben müssen, so teile ich es Ihnen sofort mit ... auf dem bekannten Wege, und Sie sagen es dann den anderen.«

Das zweite Glockenzeichen ertönte.

»Ah, also noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. Wissen Sie, ich würde es nicht wünschen, daß diese Gruppe hier auseinanderfällt. Das heißt nicht, daß mir so sehr viel daran läge; nein; brauchen sich um mich weiter keine Sorgen zu machen: solcher Knötchen des großen Netzes habe ich ja genug und brauche nicht um eine einzige so sehr zu bangen. Aber eine Gruppe mehr ist immerhin eine Gruppe mehr und als solche nicht zu verachten. Übrigens, um Sie mache ich mir keine Sorgen, wenn ich Sie auch fast allein mit diesen Mißgeburten hier zurücklasse: beunruhigen Sie sich nicht, die werden nicht denunzieren, werden es gar nicht wagen ... -- A--ah, und auch Sie heute?« rief er plötzlich mit ganz anderer, heiterer Stimme einem sehr jungen Menschen zu, der freundlich auf ihn zutrat, um ihn zu begrüßen. »Sie fahren also auch mit dem Schnellzug? Wohin denn? Zur Mama?«

Die Mutter des jungen Menschen war eine schwerreiche Gutsbesitzerin des Nachbargouvernements, und der junge Mann, der weitläufig mit Julija Michailowna verwandt war, hatte als Gast zwei Wochen in unserer Stadt verbracht.

»Nein, ich fahre weiter, nach K... Acht Stunden Eisenbahnfahrt stehen mir bevor. Und Sie nach Petersburg?« fragte der junge Mann frohgemut.

»Warum nehmen Sie so aufs blaue hin an, daß ich nach Petersburg fahre?« fragte Pjotr Stepanowitsch noch fröhlicher und sah ihm lachend offen ins Gesicht.

Der junge Mensch drohte ihm mit dem Finger der behandschuhten Rechten.

»Na, wenn Sie's erraten haben,« raunte ihm plötzlich Pjotr Stepanowitsch mit gedämpfter Stimme geheimnisvoll zu, »ich reise mit Briefen von Julija Michailowna und muß dort drei, vier Persönlichkeiten aufsuchen, und was für welche noch dazu! -- na, Sie ahnen wohl schon. Übrigens könnte sie meinethalben allesamt der Teufel holen, unter uns gesagt. Eine verflixte Aufgabe!«

»Aber sagen Sie doch bitte, was fürchtet sie denn plötzlich so?« flüsterte nun auch der junge Mensch. »Sie hat sogar mich gestern nicht empfangen wollen. Meiner Meinung nach hat sie doch gar keinen Grund, für ihren Mann etwas Unangenehmes zu erwarten. Im Gegenteil, er ist doch noch so anständig auf dem Brandplatze hingefallen, hat ja förmlich, wie man zu sagen pflegt, sein Leben aufs Spiel gesetzt.«

»Nun, natürlich doch,« lachte Pjotr Stepanowitsch noch lustiger. »Ja, sehen Sie, sie fürchtet aber, daß man von hier aus schon geschrieben haben könnte ... das heißt, daß gewisse Leute ... Mit einem Wort, hier ist vor allem Stawrogin, oder richtiger Graf K... Ach, nun kurz: hier steckt noch eine ganze Geschichte hinter der Geschichte -- ich werde Ihnen vielleicht einiges unterwegs erzählen -- soviel mir die Ritterlichkeit zu erzählen erlaubt ... Mein Verwandter, Fähnrich Erkel, aus der Kreisstadt.«

Der junge Mensch blickte flüchtig auf Erkel und berührte den Hut. Erkel grüßte militärisch.

»Ach, wissen Sie, Werchowenski, acht Stunden im Eisenbahnwagen ist ein furchtbares Los. Mit uns fährt noch in der ersten Klasse Oberst Berestoff, ein urkomischer Kauz, mein Gutsnachbar: verheiratet mit einer Garina -- née de Garine.{[203]} Ist auch sonst in jeder Beziehung tadellos. Und wissen Sie, dabei hat er sogar Ideen. Hier hat er sich nur zwei Tage aufgehalten. Ein leidenschaftlicher Kartenspieler, nebenbei; spielt mit Vorliebe Jeralásch[54], sollte man da nicht ein Spielchen machen? Den vierten habe ich auch schon gefunden: Pripuchloff, ein Kaufmann aus dem T.schen, Millionär, aber, wissen Sie, ein richtiger Millionär, versichere Ihnen ... Ich mache Sie bekannt, eine urgemütliche Haut, und lachen werden wir! ...«

»Oh, Jeralásch spiele ich mit dem größten Vergnügen, und besonders noch auf der Reise, aber ich fahre in der zweiten Klasse.«

»Ach was, das ist doch ... auf keinen Fall, Sie setzen sich einfach zu uns. Ich werde sofort dem Zugführer sagen, daß Ihre Sachen in die erste Klasse zu bringen sind. Er gehorcht mir aufs Wort. Was haben Sie, einen sac de voyage?{[204]} ein Plaid?«

»Famos, gehen wir!«

Und Pjotr Stepanowitsch nahm selbst seinen Reisesack, Plaid und Buch und siedelte sofort mit der größten Bereitwilligkeit in die erste Klasse über. Erkel half ihm, die Sachen zu tragen. Da ertönte auch schon das dritte Glockenzeichen.

»Nun, Erkel,« sagte Pjotr Stepanowitsch eilig und reichte ihm mit sichtlich anderweitig gefesseltem Interesse zum Abschied noch die Hand aus dem Fenster, »ich werde also mit ihnen Karten spielen.«

»Aber wozu mir das noch erklären, Pjotr Stepanowitsch, ich verstehe ja schon, ich verstehe doch alles, Pjotr Stepanowitsch.«

»Na, also dann auf glückliches ...« und auf den Anruf des jungen Menschen, der ihn mit den Partnern bekannt machen wollte, wandte er sich plötzlich vom Fenster zurück.

Erkel sah seinen Pjotr Stepanowitsch nicht wieder.

Traurig kehrte er nach Haus zurück. Nicht, daß es ihn beängstigt hätte, daß Pjotr Stepanowitsch sie so plötzlich verließ, aber ... aber er hatte sich so schnell von ihm fortgewandt, als dieser junge Zierbengel ihn rief und ... er hätte doch etwas anderes sagen können, als diese nicht zu Ende gesprochene Abschiedsredensart: »na, also dann auf glückliches« oder ... oder wenn er doch wenigstens die Hand fester gedrückt hätte!

Gerade dieses letzte tat ihm am meisten weh. Und schon begann noch etwas anderes an seinem armen Herzchen zu nagen, etwas, das er selbst noch gar nicht begriff, das aber mit dem vergangenen Abend in Verbindung stand ...

Zweiundzwanzigstes Kapitel. Stepan Trophimowitschs letzte Reise

I.

Ich bin überzeugt, daß Stepan Trophimowitsch furchtbare Angst hatte, als die für sein wahnsinniges Vorhaben bestimmte Zeit näher und näher rückte. Ich bin überzeugt, daß er unter dieser Angst sehr gelitten hat, besonders in der Nacht vor seinem Aufbruch, in jener furchtbaren Nacht. Nastassja erinnerte sich nachher, daß er sich spät zu Bett gelegt, dann aber fest geschlafen hatte. Doch das letztere will nicht allzuviel besagen, denn auch zum Tode Verurteilte sollen in der letzten Nacht sogar sehr fest schlafen.

Wenn Stepan Trophimowitsch auch erst nach Sonnenaufgang loswanderte, also zu einer Zeit, in der ein nervöser Mensch sich immer ermutigt fühlt (der Major, der Verwandte Wirginskis, hörte ja sogar auf, an Gott zu glauben, sobald die Nacht vorüber war), so bin ich doch überzeugt, daß er sich vorher nie ohne Grauen hat vorstellen können, wie er sich allein und in einer solchen Lage auf der großen Landstraße befinden werde. Es wird aber wahrscheinlich etwas Tollkühnes in seinen Gedanken gewesen sein, das ihm zunächst die ganze Größe der schrecklichen Empfindung des plötzlichen Alleinseins milderte, nachdem er »Stasie« und seinen zwanzigjährigen warmen Platz verlassen hatte. Doch gleichviel: auch wenn er alle Schrecken, die ihn erwarteten, klar und deutlich vorausgesehen hätte, -- er wäre dennoch auf die große Landstraße hinausgegangen und hätte den Weg fortgesetzt! Hierin lag etwas Stolzes, etwas, das ihn trotz allem begeisterte. Oh, er hätte ja auf Warwara Petrownas herrliche Bedingungen eingehen und bei ihr bleiben können »comme un{[205]} gewöhnlicher Schmarotzer!« Er aber nahm die Gnade nicht an und blieb nicht bei ihr. Und siehe, jetzt geht er selbst von ihr und verläßt sie und erhebt »die Fahne der großen Idee«, um für diese auf der großen Landstraße zu sterben! Gerade so und nicht anders mußte er das empfinden; gerade so mußte seine Handlungsweise ihm selbst erscheinen.

Mehr als einmal habe ich mir die Frage gestellt: warum ging er denn gerade zu Fuß fort, buchstäblich zu Fuß? Warum mietete er denn nicht wenigstens einen Wagen, wenn er schon mit der Eisenbahn nicht fahren wollte? Zuerst habe ich sie mir mit seiner fünfzigjährigen Lebensunerfahrenheit beantwortet, schließlich aber mit einer phantastischen Ideenverirrung unter dem Einfluß eines starken Gefühls erklärt. Es schien mir, daß ihm der Gedanke an Postkutsche und Pferde (selbst wenn sie Schellen und Glöckchen haben sollten) doch viel zu banal und prosaisch vorkommen mußte. Dagegen war Pilgerschaft, wenn auch mit dem Regenschirm in der Hand, viel schöner, viel liebend-rächender. Heute freilich, nachdem alles vorüber ist, nehme ich an, daß es sich im wesentlichen weit einfacher zugetragen hat. Er fürchtete sich wohl einfach, Pferde zu mieten, denn erstens hätte Warwara Petrowna das erfahren und ihn mit Gewalt zurückgehalten, er aber würde sich selbstverständlich ergeben haben, und dann -- fahre wohl auf ewig, große, heilige Idee! Und zweitens: wenn man schon Pferde und einen Wagen nahm, mußte man doch wissen, wohin die Reise eigentlich gehen sollte? Das aber war sein größtes Leid in diesem Augenblick: einen bestimmten Ort wählen und nennen, wäre ihm geradezu unmöglich gewesen. Sobald er sich für irgendeinen bestimmten Ort entschloß, mußte ihm sein ganzes Unternehmen sofort in seinen eigenen Augen dumm und unmöglich erscheinen -- das witterte er nur zu gut. Warum sollte es denn gerade diese Stadt sein? Warum nicht eine andere? Und was soll er denn dort tun? Ce marchand{[206]} suchen? Aber welchen marchand? Das war die allerschrecklichste Frage! Im Grunde gab es für ihn nichts Furchtbareres als ce marchand, den zu suchen er sich so Hals über Kopf vorgenommen hatte, und den zu finden er im Grunde selbstverständlich am allermeisten fürchtete. Nein, da war der weite Weg schon besser. Einfach drauf loswandern, wandern, wandern und an nichts denken, so lange wie nur möglich an nichts denken! Der weite Weg: das war etwas Langes-Langes-Weites, dessen Ende man gar nicht sah -- ganz wie ein Menschenleben, ganz wie ein Menschentraum ... Im weiten Wege lag eine Idee. In der Postkutsche aber -- was war denn da für eine Idee? Da war es zu Ende mit der Idee. Also: Vive la grande route{[207]} -- und dann wie Gott will!

Nach dem plötzlichen und unerwarteten Zusammentreffen mit Lisa ging er in tiefem Selbstvergessen weiter.

Der große Landweg führte in einer Entfernung von einer halben Werst an Skworeschniki vorüber, und -- sonderbar -- er bemerkte es zuerst gar nicht, daß er ihn betreten hatte. Klar zu denken oder auch nur die Dinge mit Bewußtsein zu sehen, war für ihn in diesem Augenblick unerträglich. Der feine Regen hörte bald auf, bald fing er wieder an; aber er bemerkte auch den Regen nicht. Und ebensowenig bemerkte er, daß er die Reisetasche sich über die Schulter geworfen hatte und daß ihm dadurch das Gehen bedeutend leichter wurde. Und schließlich hatte er so ungefähr eine ganze Werst oder anderthalb zurückgelegt, als er plötzlich stehen blieb und sich umsah. Der alte, schwarze, von Wagenspuren durchfurchte Weg mit seinen gepflanzten Weiden zog sich wie ein endloses Band vor ihm hin; rechts lag die leere Fläche längst abgeernteter Getreidefelder; links Gestrüpp und weiterhin ein Wäldchen. Und in der Ferne, weit, die kaum wahrnehmbare, schräg weggleitende Linie des Eisenbahndammes und auf ihm das Rauchwölkchen irgendeines Zuges, von dem aber kein Laut zu hören war. Eine gewisse Verzagtheit überkam Stepan Trophimowitsch, aber nur auf einen Augenblick. Er seufzte -- grundlos, stellte dann seine Reisetasche neben eine Weide und setzte sich, um sich auszuruhen. Beim Niedersetzen fühlte er, daß ihn fröstelte, und er wickelte sich in sein Plaid; bei der Gelegenheit bemerkte er auch den Regen, und er spannte den Schirm über sich auf. So saß er ziemlich lange, schob zuweilen die Lippen hin und her und hielt krampfhaft den Schirmstiel umklammert. Verschiedene Bilder zogen in fieberhaftem Reigen an ihm vorüber, eines immer schnell das andere aus seinem Bewußtsein verdrängend. »Lise, Lise,« dachte er, »und mit ihr ce Maurice ... Sonderbare Menschen ... Aber was war das eigentlich für ein Brand und worüber sprachen sie doch, u--und ... und wer ist denn ermordet worden? Ich glaube, Stasie hat noch nichts gemerkt und wartet noch mit dem Kaffee auf mich ... Im Kartenspiel? Habe ich denn Menschen im Kartenspiel verspielt? Hm! bei uns in Rußland, zur Zeit der sogenannten Leibeigenschaft ... Ach, Gott, aber Fedjka?«

Er fuhr auf vor Schreck und blickte sich angstvoll um.

»Wenn dieser Fedjka jetzt hier irgendwo hinter einem Strauch sitzt? Man sagt doch, er habe hier eine ganze Räuberbande an der großen Landstraße? O Gott, ich werde dann ... Ich werde ihm dann die ganze Wahrheit sagen, daß ich schuldig bin ... und daß ich zehn Jahre um ihn gelitten habe, -- viel mehr, als er dort bei den Soldaten, und ... und ich gebe ihm mein Portemonnaie. Hm! j'ai en tout quarante roubles, il prendra les roubles et il me tuera tout de même.«{[208]}

Vor Angst klappte er, ich weiß nicht warum, den Schirm wieder zusammen und legte ihn neben sich. Weit auf der Landstraße, zur Stadt hin, bemerkte er plötzlich ein Gefährt: unruhig sah er ihm entgegen und versuchte zu unterscheiden, was es war.

»Grace à Dieu,{[209]} es ist ein Wagen und -- er fährt Schritt ... das kann nicht gefährlich sein. Diese hiesigen verhungerten Pferdchen ... Ich habe schon immer gesagt, daß die Rasse ... Übrigens nein, das war Pjotr Iljitsch, der im Klub immer von der Rasse gesprochen hat. Er hat im Spiel mit mir verloren ... oder nein, die Partie blieb remis ... et puis,{[210]} -- aber was ist denn da hinten ... es scheint ... ein Weib sitzt auf dem Wagen. Ein Weib und ein Mann -- cela commence à être rassurant.{[211]} Das Weib sitzt hinten und der Mann vorn, -- c'est très rassurant. Hinten am Wagen ist eine Kuh an den Hörnern angebunden, c'est rassurant au plus haut degré{[212]} ...«

Der Wagen kam immer näher: es war ein fester, guter Bauernwagen. Das Weib saß auf einem vollgestopften Sack, der Mann vorn auf dem Wagenrand, so daß seine Beine zu der Wegseite, auf der Stepan Trophimowitsch saß, überm Rade herabbaumelten. Hinter dem Wagen trottete tatsächlich eine rote Kuh, die mit einem Strick um die Hörner an den Wagen gebunden war. Der Mann und das Weib starrten mit aufgerissenen Augen auf Stepan Trophimowitsch, und dieser genau so auf sie. So zogen sie an ihm vorüber. Doch als er sie schon gute zwanzig Schritt hatte weiterfahren lassen, erhob er sich plötzlich eilig und lief ihnen nach, um sie einzuholen. In der Nachbarschaft des Wagens schien es ihm natürlicherweise bedeutend sicherer zu sein. Doch kaum hatte er sie erreicht, da hatte er alles schon wieder vergessen und sich bereits von neuem in seine Gedanken und Vorstellungen versenkt. Er ging einfach nebenher und merkte gar nicht, daß er für den Mann und das Weib mittlerweile das rätselhafteste und interessanteste Objekt abgab, das man je auf der großen Landstraße antreffen konnte.

»Sie, was sind Sie denn, von welchen Leuten denn eigentlich, wenn es nicht verboten is zu fragen?« fragte endlich das Weib, das nicht länger an sich halten konnte, als Stepan Trophimowitsch in der Zerstreutheit plötzlich auch sie ansah.

Sie war vielleicht siebenundzwanzig Jahre alt, rundlich, mit dunklen Augenbrauen, roten Wangen und freundlich lächelnden roten Lippen, zwischen denen gleichmäßige weiße Zähne glänzten.

»Sie ... Sie wenden sich an mich?« stotterte Stepan Trophimowitsch mit bekümmerter Verwunderung.

»Muß wohl einer von den Kaufmännern sein,« meinte der Mann mit Überlegenheit.

Der war ein stämmiger Bauer von ungefähr vierzig Jahren, mit einem breiten, nicht dummen Gesicht und großem blonden Bart.

»Nein, ich bin nicht gerade von den Kaufleuten, ich ... ich ... moi c'est autre chose,«{[213]} verteidigte sich, so gut es ging, Stepan Trophimowitsch und blieb auf alle Fälle ein wenig zurück, so daß er jetzt neben der Kuh ging.

»Muß wohl einer von den Herrschaften sein,« schätzte der Mann, als er die nicht russischen Worte vernommen hatte, und zog die Leine, um sein Pferd ein wenig aufzumuntern.

»Ja, ich mein' auch, das sieht man doch, denn es ist doch ganz, als ob der Herr auf 'n Spaziergang gehen!« meinte wieder das muntere Weib.

»Das ... das fragten Sie mich?«

»Die Ausländer, die hier fahren, die gehen meistens da in die Eisenbahn, die dort hinten auf Schienen läuft, und Ihre Stiefel sind auch gar nich so wie hiesige ...«

»Stiefel sind militärisch,« bemerkte selbstzufrieden und bedeutsam der Mann.

»Nein, nicht gerade, daß ich Militär ... ich ...«

»Was das doch für ein neugieriges Weibchen ist,« dachte Stepan Trophimowitsch ärgerlich, »und wie sie mich betrachten ... mais enfin{[214]} ... Mit einem Wort, es ist sonderbar, daß ich mir vor ihnen geradezu irgendwie schuldig vorkomme, und ich bin doch durchaus nicht schuldig vor ihnen!«

Das Weibchen neigte sich vor und flüsterte mit dem Mann.

»Wenn der Herr es nich für ungut nehmen will, so können wir Sie ja mitnehmen, wenn es man bloß angenehm ist.«

Stepan Trophimowitsch wachte plötzlich gleichsam auf.

»Ja, ja, meine Freunde, ich bin mit dem größten Vergnügen dabei, denn ich habe mich schon sehr müde gelaufen, nur -- wie komme ich denn dort hinauf?«

»Wie sonderbar,« dachte er bei sich, »daß ich so lange neben dieser Kuh gegangen bin und es mir nicht in den Kopf gekommen ist, sie schon früher zu bitten, mich in den Wagen aufzunehmen ... Dieses >reale Leben< hat doch etwas überaus Charakteristisches!«

Der Mann hielt aber das Pferdchen deshalb noch nicht an.

»Ja, wohin will er denn?« erkundigte er sich mit einigem Mißtrauen.

Stepan Trophimowitsch begriff nicht sofort.

»Wohl nach Hatoff, mein' ich?«

»Zu Hatoff? Nein, nicht gerade, daß ich zu Hatoff ... Und ich bin auch nicht ganz bekannt mit ihm ... aber ich habe schon von ihm gehört ...«

»Nee, das Dorf Hatowo, 'n Dorf, neun gute Werst von hier.«

»Ein Dorf? C'est charmant,{[215]} ja, ja, ich glaube auch schon davon gehört zu haben ...«

Stepan Trophimowitsch ging immer noch, denn man machte noch nicht Miene, ihn aufzunehmen. Da kam ihm plötzlich ein genialer Einfall.

»Sie glauben vielleicht, daß ich ... Ich habe einen Paß, ich bin -- Professor, das heißt, wenn Sie wollen, Lehrer ... aber Oberlehrer. Ich bin Oberlehrer. Oui, c'est comme ça qu'on peut le traduire.{[216]} Ich würde mich sehr gern in den Wagen setzen und ich werde ... ich werde Ihnen dafür einen Liter Branntwein kaufen.«

»Ein halber Rubel von Sie, Herr, der Weg ist schwer.«

»Und sonstig würde es man gar nich für uns angehen,« meinte auch das Weibchen.

»Ein halber Rubel? Nun gut, ein halber Rubel. C'est encore mieux, j'ai en tout quarante roubles, mais ...«{[217]}

Der Mann hielt endlich das Pferdchen an und Stepan Trophimowitsch wurde mit vereinten Kräften in den Wagen gezogen und neben das Weib auf den Sack gesetzt. Der Wirbelsturm von Gedanken verließ ihn auch jetzt nicht. Zuweilen fühlte er selbst, daß er irgendwie ganz besonders zerstreut war und gar nicht an das dachte, woran er eigentlich denken sollte, und wunderte sich darüber. Diese Erkenntnis bedrückte ihn schwer in manchen Augenblicken und kränkte ihn sogar.

»Das ... was ist denn das da hinten eigentlich -- eine Kuh?« fragte er plötzlich das Weib.

»Ach du mein! hat denn der Herr noch keine Kuh gesehn?« fragte das Weib lachend zurück.

»In der Stadt gekauft,« bemerkte der Mann. »All unser Vieh ist im vergangenen Frühjahr krepiert. Pest. In unserer Gegend sind rundherum alle um die Ecke gegangen, kaum die Hälfte frißt noch weiter. Nichts zu machen. Schrei, wieviel du willst, es krepiert dir doch.«

»Ja, das kommt bei uns vor in Rußland ... und überhaupt wir Russen ... nun, ja, es kommt vor,« meinte Stepan Trophimowitsch.

»Wenn Sie nu Lehrer sind, was suchen Sie dann in Hatoff? Oder geht's noch weiter?«

»Ich ... das heißt, nicht gerade, daß ich irgendwohin weiter wollte ... C'est à dire,{[218]} ich will zu einem Kaufmann.«

»Ah, so! Dann wird's wohl nach Spassowo sein?«

»Ja, ja, nach Spassowo, nach Spassowo. Übrigens ist das einerlei.«

»Wenn Sie nu nach Spassowo zu Fuß gehen wollten, ach du mein! -- in Ihren Stiefelchen brauchten Sie dazu eine ganze Woche!« Das Weibchen lachte.

»Ja, ja, aber das ist ganz gleichgültig, mes amis,{[219]} ganz gleichgültig,« brach Stepan Trophimowitsch ungeduldig ab.

»Schrecklich neugieriges Volk. Das Weib spricht übrigens besser als er, und überhaupt habe ich bemerkt, daß seit der Aufhebung der Leibeigenschaft der Stil sich ein wenig verändert hat ... Was geht es sie übrigens an, ob ich nach Spassowo fahre oder nicht nach Spassowo? Ich bezahle ihnen doch die Reise, was drängen sie sich da so auf?«

»Wenn man nach Spassoff will, so muß man noch mit'n Dampfschiff fahren,« bemerkte der Mann.

»Ja, das muß er,« griff das Weib sofort auf, »denn mit Pferden längs dem Ufer hat er dreißig Werst Umweg zu machen.«

»Vierzig,« verbesserte der Mann.

»Und morgen grad um zwei Uhr kriegen Sie den Dampfer in Ustjewo fest!« triumphierte das Weibchen.

Stepan Trophimowitsch schwieg aber hartnäckig. Da verstummten denn allmählich auch der Mann und das Weibchen. Der Mann zog hin und wieder mit aufmunterndem Zuruf die Leine an und das Weibchen machte von Zeit zu Zeit kurze Bemerkungen, auf die der Mann irgend etwas antwortete. Stepan Trophimowitsch schlummerte allmählich ein. Er war furchtbar erstaunt, als ihn plötzlich das Weibchen aufweckte und lachend sagte, daß sie schon angekommen seien, und er sich auf einmal in einem Dorf vor der Treppe eines dreifenstrigen Bauernhauses sah.

»Eingeschlafen, Herr?«

»Was ist das? Was?! Wo--o bin ich denn? Ach! Nun ... Nun, einerlei ...« Stepan Trophimowitsch seufzte tief auf und kletterte dann aus dem Wagen.

Er sah sich traurig um; sonderbar und ganz furchtbar fremdartig erschien ihm plötzlich das Aussehen eines Dorfes.

»Ach, den halben Rubel, den habe ich ganz vergessen!« wandte er sich mit einer völlig unbegründeten Hast zu dem Manne.

Augenscheinlich bangte ihm schon vor der Trennung von den beiden.

»Kann man in der Stube abmachen, wenn man erst eingetreten ist,« forderte ihn der Mann auf.

»Hier ist es gut!« versuchte das Weibchen ihn zu ermutigen.

Stepan Trophimowitsch trat auf die wackelige Holztreppe.

»Ja, wie ist denn das nur möglich,« flüsterte er in tiefer und erschrockener Verständnislosigkeit vor sich hin und trat in das Bauernhaus. »Elle l'a voulu,«{[220]} stach es ihm plötzlich ins Herz.

Und wieder vergaß er alles, vergaß selbst das, daß er ins Haus getreten war.

Es war ein helles und ziemlich sauberes Bauernhaus mit drei Fenstern und zwei Zimmern, doch nicht eine Herberge, sondern nur so ein Haus, in dem vorüberfahrende Bekannte abstiegen. Stepan Trophimowitsch ging ohne die geringste Verwirrung in die Gastecke des ersten Zimmers, vergaß zu grüßen, setzte sich und verfiel in Gedanken. Das angenehme Gefühl der Wärme nach dreistündiger feuchter Kälte ergoß sich ungemein wohlig über seinen Körper. Sogar die Frostschauer, die ihm kurz und plötzlich über den Rücken liefen, -- wie das bei allen sehr nervösen Menschen vor einer Influenza zu sein pflegt, wenn sie plötzlich aus der Kälte in die Wärme kommen, waren ihm mit einem Male ganz eigentümlich angenehm. Er erhob den Kopf, und siehe da -- der leckere Duft von heißen Pfannkuchen, die die Bäuerin im Ofen briet, reizte seinen Geruchssinn. Mit einem kindlichen Lächeln auf den Lippen erhob er sich und trat vorsichtig zum Weibe.

»Was ist denn das? Das sind doch Pfannkuchen, nicht wahr?« fragte er sie. »Mais c'est charmant!«{[221]}

»Wollen der Herr vielleicht welche?« bot ihm das Weib sogleich höflich an.

»Natürlich will ich, selbstverständlich will ich, und ... ich würde Sie auch noch um etwas Tee bitten.«

»Ach, das Samowarchen aufsetzen? Ach, aber gern, gnädiger Herr!«

Und auf einem großen Teller mit dickem blauen Muster erschienen sogleich die Pfannkuchen, wie nur die Bauern allein sie zu bereiten verstehen, halb aus Weizenmehl, ganz dünn und mit heißer, frischer Butter übergossen -- die herrlichsten Pfannkuchen der Welt. Stepan Trophimowitsch kostete mit Hochgenuß.

»Wie schön sie sind, die Pfannkuchen, und wieviel Butter! Und wenn man jetzt noch un doigt d'eau de vie{[222]} ...«

»Will der Herr nicht vielleicht ein Schnäpschen dazu?«

»Das ist's, das ist's ja gerade, ein wenig nur, un tout petit rien{[223]} ...«

»Für fünf Kopeken?«

»Für fünf -- für fünf -- für fünf, un tout petit rien,« bestätigte Stepan Trophimowitsch kopfnickend mit seligem Lächeln.

Bittet man einen einfachen Russen, etwas für einen zu tun, so wird er gern zu allem bereit sein, was in seinen Kräften steht; bittet man ihn aber, ein Schnäpschen für einen zu besorgen, so verwandelt sich die freundliche Bereitwilligkeit sofort in einen geschäftigen, freudigen Diensteifer, ja fast in verwandtschaftliche Fürsorge. Und wenn auch derjenige, der das Schnäpschen besorgt, genau weiß, daß man den Schnaps ganz allein trinken wird und er nicht einen Tropfen davon erhält, so scheint er doch gleichsam einen Teil des Genusses, den man beim Trinken haben wird, im voraus mitzuempfinden ... In kaum drei Minuten (die Schenke war nur ein paar Schritte vom Hause entfernt) stand vor Stepan Trophimowitsch eine Flasche und ein großes grünliches Schnapsglas.

»Und das alles ist für mich?« fragte er höchst verwundert. »Ich habe immer Schnaps in meinem Weinschrank gehabt, aber ich habe nie gewußt, daß man soviel für nur fünf Kopeken bekommt.«

Er goß das Glas bis zum Rande voll, erhob sich und schritt mit einer gewissen Feierlichkeit durch die ganze Stube zu der anderen Ecke, wo seine Reisegefährtin saß, -- das nette Weibchen, das ihm unterwegs mit den vielen Fragen so lästig geworden war. Das Weibchen wurde verlegen und sträubte sich, zu trinken, doch nachdem sie alles gesagt hatte, was der Anstand in solchen Fällen verlangt, erhob sie sich, nahm das Glas und trank ehrerbietig in drei Schlückchen (wie Frauen zu trinken pflegen) den Branntwein aus, worauf sie, das Gesicht zu einem schrecklichen Schmerzensausdruck ob des scharfen Weines verziehend, das Glas mit einer höflichen Verbeugung Stepan Trophimowitsch zurückreichte. Er erwiderte die Verbeugung würdevoll und kehrte mit geradezu stolzer Miene an seinen Tisch zurück.

Es war das alles von ihm aus auf Grund einer plötzlichen Eingebung geschehen: noch eine Sekunde vorher hatte er nicht gewußt, daß er hingehen und dem Weibchen das Glas Branntwein anbieten werde.

»Ich verstehe es tadellos, tadellos, mit dem Volk umzugehen, und das habe ich ihnen immer gesagt,« dachte er selbstzufrieden, als er sich den Rest des Branntweins eingoß, der ihn, wenn auch kein volles Glas übriggeblieben war, doch belebend erwärmte und ihm sogar ein wenig zu Kopf stieg.

»Je suis malade tout à fait, mais ce n'est pas trop mauvais d'être malade.«{[224]}

»Wünschen Sie nicht eines davon zu kaufen?« ertönte plötzlich eine leise Frauenstimme neben ihm.

Er sah auf und erblickte zu seiner Verwunderung eine Dame vor sich -- une dame et elle en avait l'air{[225]} -- eine Dame von mehr als dreißig Jahren, die sehr bescheiden aussah, städtisch gekleidet war und ein großes graues Tuch um die Schultern trug. In ihrem Gesicht lag etwas sehr Angenehmes, das Stepan Trophimowitsch sofort ungemein gefiel. Sie war erst vor ein paar Minuten ins Haus zurückgekehrt. Ihre Sachen lagen noch auf der Bank neben Stepan Trophimowitsch: unter anderem eine Ledertasche, die er -- dessen erinnerte er sich plötzlich -- bei seinem Eintritt neugierig betrachtet hatte, und ein nicht sehr großer Sack aus Wachstuch. Aus eben diesem Sack hatte sie jetzt zwei hübsch gebundene kleine Bücher genommen, die sie Stepan Trophimowitsch hinhielt.

»Eh ... mais je crois que c'est l'Evangile ...{[226]} Aber mit dem größten Vergnügen ... Ah, ich verstehe ... Vous êtes ce qu'on appelle une{[227]} Bibelverkäuferin? Ich habe, glaub ich, vor nicht allzu langer Zeit so etwas gelesen ... Fünfzig Kopeken?«

»Fünfunddreißig Kopeken,« antwortete die Bibelfrau.

»Mit dem größten Vergnügen. Je n'ai rien contre l'Evangile, et ...{[228]} Ich habe es schon lange wieder einmal lesen wollen ...«

Und im selben Augenblick kam es ihm zu Bewußtsein, daß er wohl seit dreißig Jahren keine Bibel mehr in der Hand gehabt hatte und sich überhaupt nur noch einiger Stellen erinnerte, die er vor ungefähr sieben Jahren in Renans »Vie de Jésus«{[229]} gelesen. Da er kein Kleingeld hatte, zog er seine vier Zehnrubelscheine hervor -- alles, was er besaß. Die Wirtin erbot sich, ihm einen Schein auszuwechseln, und da erst bemerkte er, daß sich inzwischen ziemlich viel Volk im Zimmer versammelt hatte, das ihn wahrscheinlich schon lange beobachtete, jedenfalls aber über ihn sprach. Doch auch über den Brand wurde gesprochen, von dem der Besitzer des Wagens und der roten Kuh alles mögliche berichtete, da er in der Stadt gewesen war und mehr wußte, als die anderen. Man sprach auch von den Spigulinschen und darüber, daß man »absichtlich angezündet« hätte.

»Mit mir hat er kein Wort über den Brand gesprochen, als er mich herfuhr, sondern nur über anderes,« dachte Stepan Trophimowitsch flüchtig.

»Väterchen, Stepan Trophimowitsch, gnädiger Herr! Sind Sie es denn wirklich, den ich sehe? Ach Gott, das hätte ich aber wirklich schon gar nicht erwartet! ... Haben mich wohl nicht erkannt?« rief plötzlich ein ältlicher Mann, der mit seinem glattrasierten Gesicht wie ein alter, altmodischer Hofsknecht aussah und einen langen Mantel mit hochgeschlagenem Kragen trug. Stepan Trophimowitsch erschrak, als er seinen Namen rufen hörte.

»Verzeihen Sie,« murmelte er, »aber ich kann mich Ihrer nicht mehr ganz deutlich erinnern ...«

»Haben mich vergessen, ach ja! Ich bin doch Anissim, Anissim Iwanoff. Ich diente beim seligen Herrn Gaganoff, und habe Euch, gnädiger Herr, mehr wie hundertmal mit Warwara Petrowna bei der seligen Awdotja Ssergejewna gesehn. Awdotja Ssergejewna aber hat mich mit Bücherchen nach Skworeschniki geschickt, ja, und zweimal habe ich Euch, gnädiger Herr, auch von ihr Petersburger Bonbons, oder wie sie da heißen, die Konfektchen, gebracht ...«

»Ach doch, ich erinnere mich, Anissim,« sagte Stepan Trophimowitsch lächelnd. »Und du lebst jetzt hier?«

»Ich lebe bei Spassoff, im W--schen Kloster, in der Ansiedlung, bei Marfa Ssergejewna, bei der Schwester von unserer seligen Awdotja Ssergejewna, vielleicht erinnert sich der gnädige Herr noch, die sich das Bein brachen, als sie unterwegs aus dem Wagen sprangen -- fuhren zum Ball. Jetzt leben sie allein beim Kloster und ich bin dortselbst bei ihr. Heute aber wollte ich, wie der Herr sehen, ins Gouvernement, um die Meinigen mal zu besuchen ...«

»Nun ja, nun ja.«

»Ach, hab ich mich was gefreut, als ich den gnädigen Herrn sah, waren immer so gnädig zu mir,« sagte Anissim mit gerührtem Lächeln. »Aber wohin fährt denn der gnädige Herr, und noch so ganz allein? ... Sind doch sonstig, glaub ich, nie so allein ausgefahren?«

Stepan Trophimowitsch sah ihn erschrocken an.

»Fährt der gnädige Herr nicht vielleicht gerade zu uns, nach Spassoff?«

»Ja ... ja, ich fahre nach Spassoff. Il me semble que tout le monde va à Spassoff ...«{[230]}

»Ach, und vielleicht gar zu Fjodor Matwejewitsch selber? Ach, wird der sich aber freuen! Hat doch immer den gnädigen Herrn so geliebt und spricht auch jetzt oft vom gnädigen Herrn ...«

»Ja, ja, auch zu Fjodor Matwejewitsch.«

»Das muß wohl sein. Das muß wohl sein. Hier die Männer, die wundern sich, sagen, daß man den gnädigen Herrn zu Fuß unterwegs ganz allein getroffen hat. Aber was! Dummes Volk bleibt doch immer dummes Volk!«

»Ich ... Ich ... Weißt du, Anissim, ich habe gewettet, wie die Engländer das zuweilen machen, daß ich zu Fuß so und so viele Werst gehen könne, und da bin ich nun ...«

Schweiß trat ihm an den Schläfen und auf der Stirn hervor.

»Muß wohl sein, muß wohl sein ...« meinte ohrenspitzend Anissim und hörte mit wahrhaft unbarmherziger Neugier zu. Aber Stepan Trophimowitsch hielt dem nicht stand. Er verwirrte sich so, daß er schon aufstehen wollte, um aus dem Hause zu laufen. Da wurde aber der Samowar gebracht, und im selben Augenblick kehrte auch die Bibelfrau zurück. Wie ein Mensch, der sich an seinen Retter wendet, so bat Stepan Trophimowitsch jetzt schnell die Bibelfrau, mit ihm Tee zu trinken. Da trat Anissim zurück und ging bald darauf aus dem Zimmer.

Unter dem Volk hatte sich tatsächlich schon die Frage erhoben: Was ist das für ein Mensch? War zu Fuß auf der Landstraße, sagt, er sei Lehrer, gekleidet ist er wie ein Ausländer und sprechen tut er wie ein kleines Kind, und mitunter antwortet er ganz so, als ob er fortgelaufen sei, und dabei hat er noch Geld! Kurz, es dauerte nicht lange und man begann zu erwägen, ob man nicht die Polizei benachrichtigen solle: »da es bei alledem in der Stadt auch nicht ganz ruhig ist.« Da kam Anissim gerade zur rechten Zeit in den Flur und beruhigte schnell die Gemüter. Er verkündete dem ganzen Publikum, daß Stepan Trophimowitsch nicht so was, wie ein Lehrer, sondern »selber ein großer Gelehrter« sei, der sich mit allen Wissenschaften beschäftigt, und früher sei er selber hiesiger Gutsbesitzer gewesen, lebe nun aber schon seit zweiundzwanzig Jahren im Hause der Generalin Stawrogina an Stelle des seligen Herrn, und in der ganzen Stadt sei er hoch angesehen und alle Menschen achteten ihn sehr. Im Adelsklub habe er oft an einem einzigen Abend an die tausend Rubel verspielt und dem Titel nach sei er »Rat«, was ebensoviel besagen wolle wie ein Oberstleutnant, also nur etwas weniger als ein voller Oberst. Und was das Geld anbeträfe, so könne man das, weil es doch die Generalin Stawrogin sei, gar nicht abzählen, usw., usw.

»Mais c'est une dame et très comme il faut,«{[231]} dachte inzwischen Stepan Trophimowitsch und seufzte wie erlöst nach dem Anissimschen Angriff auf. Mit angenehmer Neugier betrachtete er seine neue Nachbarin, die übrigens den Tee von der Untertasse trank und den Zucker vom Stückchen dazu biß. »Ce petit morceau de sucre ce n'est rien ...{[232]} Es ist etwas Edles und Unabhängiges und gleichzeitig -- Stilles in ihr. Le comme il faut tout pur,{[233]} nur ein wenig wie von einer anderen Art.«

Bald erfuhr er von ihr, daß sie Ssofja Matwejewna Ulitina hieß und eigentlich in K. wohnte, wo sie eine verwitwete Schwester unter den Bäuerinnen hatte. Auch sie war Witwe, da ihr Mann bei Sebastopol gefallen war.

»Aber Sie sind noch so jung, vous n'avez pas trente ans.«{[234]}

»Vierunddreißig,« sagte Ssofja Matwejewna lächelnd.

»Wie, Sie sprechen auch französisch?«

»Ein wenig nur: ich habe nachher in einem adligen Hause vier Jahre gelebt und da habe ich von den Kindern etwas gelernt.«

Sie erzählte ferner, daß sie nach dem Tode ihres Mannes zunächst in Sebastopol als barmherzige Schwester geblieben sei, darauf habe sie verschiedene Stellen gehabt und jetzt gehe sie und verkaufe Bibeln.

»Mais, mon Dieu,{[235]} waren Sie es vielleicht, mit der eine sonderbare, sogar sehr sonderbare Geschichte bei uns passierte?«

Sie wurde rot: sie war es tatsächlich gewesen.

»Ces vauriens, ces malheureux!«{[236]} ... begann Stepan Trophimowitsch mit einer Stimme, die vor Unwillen bebte: diese widerliche Erinnerung preßte ihm qualvoll das Herz zusammen und er verlor sich darob wieder in Gedanken.

»Ach, sie ist schon fortgegangen,« dachte er erstaunt, als er plötzlich bemerkte, daß sie nicht mehr neben ihm saß. »Sie geht ziemlich oft fort und scheint ja mit irgend etwas sehr beschäftigt zu sein; ich glaube, sie ist sogar aufgeregt ... Bah, je deviens égoïste!«{[237]}

Als er nach einiger Zeit aufsah, erblickte er wieder Anissim, diesmal aber mit einer geradezu bedrohlichen Gefolgschaft: das halbe Zimmer war von Bauern eingenommen, die alle Stepan Trophimowitsch nach Spassoff fahren wollten. Außer Anissim standen noch da: der Besitzer des Hauses, ferner der Mann, der ihn hergefahren hatte, sodann mehrere andere Männer -- wie es sich herausstellte, lauter Fuhrleute -- und ein kleiner halbbetrunkener Mensch, der am allermeisten sprach, wie ein Tagelöhner gekleidet war, doch mit seinem rasierten Gesicht wie ein heruntergekommener Kleinbürger aussah. Und alle die zankten sich seinetwegen, zankten sich um den armen Stepan Trophimowitsch! Der Besitzer der Kuh versicherte in einem fort, daß im Wagen längs dem Ufer mindestens »vierzig Werst Umweg« zu machen seien, und daß man unbedingt mit dem Dampfer fahren müsse. Der halbbetrunkene Kleinbürger dagegen und der Hauswirt widersprachen eifrig:

»Darum daß wenn du, mein Bruderherz, Seiner Hochwohlgeboren auch sagst, daß es über'n See wohl näher is, so is das wie's is, aber der Dampfer kommt doch nich!«

»Wird kommen, er wird sicher kommen, noch 'ne ganze Woche wird er kommen!« beteuerte Anissim aufgeregt.

»Schön, er kommt, das is wie's is, aber er kommt doch nie nich akkurat, und jetzt is doch die Zeit schon spät, und da kommt's vor, daß man ihn in Ustjewo runde drei Tage nich sieht!« schimpfte der Halbbetrunkene.

»Morgen wird er sicher kommen, morgen um zwei Uhr, und in Spassoff kommt dann der gnädige Herr gerade noch zum Abend an!« rief Anissim.

»Mais qu'est-ce qu'il a cet homme?«{[238]} fragte Stepan Trophimowitsch, der nicht wußte, um was es sich handelte, sich schon das Schlimmste dachte und zitternd sein Schicksal erwartete.

Da drängten sich schließlich die Fuhrleute immer näher und boten sich an: bis Ustjewo verlangte jeder von ihnen drei Rubel. Die anderen schrien, drei Rubel seien wirklich nicht zu viel, da man den ganzen Sommer hindurch von hier bis Ustjewo für diesen Preis gefahren habe.

»Aber ... hier ist es ja auch gut ... Ich will gar nicht fort,« stammelte Stepan Trophimowitsch abwehrend.

»Hier ist's gut, gnädiger Herr, das ist schon wahr, aber bei uns in Spassoff ist es noch weit besser, und was wird Fjodor Matwejewitsch über den Besuch sich freuen!« ...

»Mon Dieu, mes amis,{[239]} das kommt mir alles so unerwartet ...«

Endlich kehrte zum Glück auch Ssofja Matwejewna zurück. Sie setzte sich aber traurig und wie zerschlagen auf die Bank.

»So komme ich denn schon nicht mehr nach Spassoff!« sagte sie niedergeschlagen zur Wirtin.

»Wie, auch Sie wollen nach Spassoff?« fragte Stepan Trophimowitsch plötzlich belebt.

Es stellte sich heraus, daß eine Gutsbesitzerin, Nadeschda Jegorowna Swetlizyna, der Bibelfrau gestern gesagt hatte, sie solle sie in Hatoff erwarten, da sie dort durchfahren und sie dann nach Spassoff mitnehmen werde. Nun aber traf diese Nadeschda Jegorowna noch immer nicht ein.

»Was soll ich jetzt tun?« fragte Ssofja Matwejewna ängstlich.

»Mais, ma chère et nouvelle amie,{[240]} ich kann Sie doch gleichfalls, ganz wie diese Gutsbesitzerin, mitnehmen! ... in dieses, wie heißt es doch, in dieses Dorf, wohin ich fahre und den Fuhrmann schon angenommen habe! -- nun, und morgen sind wir dann beide in Spassoff ...«

»Ja, fahren Sie denn auch nach Spassoff?«

»Mais que faire, et je suis enchanté!{[241]} Und ich würde Sie mit dem größten Vergnügen hinbringen. Sehen Sie, die wollen es doch alle, daß ich hinfahre, und ich habe ja auch bereits einen ... Wen von euch habe ich denn nun engagiert?« fragte Stepan Trophimowitsch lebhaft die Bauern, plötzlich sehr damit einverstanden, nach Spassoff zu fahren.

Eine Viertelstunde später saßen sie bereits in dem verdeckten Wagen: er ungemein angeregt und vollkommen zufrieden, sie mit ihrem Wachstuchsack und einem dankbaren Lächeln neben ihm. Anissim lief rund um den Wagen und bemühte sich wie für Geld.

»Glückliche Reise, gnädiger Herr, habe mich so gefreut über das Wiedersehen!«

»Adieu, adieu, leb wohl, mein Freund, leb wohl, adieu.«

»Der gnädige Herr wird nun auch Fjodor Matwejewitsch wiedersehen ...«

»Ja, mein Freund, ja ... auch Fjodor Pawlowitsch ... nur Adieu.«

II.

»Sehen Sie, mein Freund -- Sie erlauben mir doch, mich Ihren Freund zu nennen, n'est-ce pas?«{[242]} begann Stepan Trophimowitsch eilig, gleich nachdem sich der Wagen in Bewegung gesetzt hatte. »Sehen Sie, ich ... J'aime le peuple, c'est indispensable, mais il me semble que je ne l'avais jamais vu de près. Stasie ... cela va sans dire qu'elle est aussi du peuple ... mais le vrai peuple,{[243]} das heißt, das wirkliche, das auf der weiten Landstraße ist, das, glaube ich, bekümmert sich um weiter nichts in der Welt, als um dieses eine: wohin ich eigentlich fahre ... Doch übergehen wir die Kränkungen. Ich glaube, ich spreche heute etwas durcheinander, aber das kommt wohl nur, denke ich, von der Eile ...«

»Ich fürchte, Sie sind nicht ganz wohl,« bemerkte Ssofja Matwejewna, die ihn prüfend, wenn auch ehrerbietig ansah.

»Nein, nein, man muß sich nur ein wenig fester einwickeln, und überhaupt ... der Wind ist etwas frisch, etwas zu frisch, aber ... vergessen wir das. Ja, die Hauptsache ... ich wollte eigentlich gar nicht das sagen. Chère et incomparable amie,{[244]} ich glaube, daß ich fast glücklich bin, und schuld daran -- sind Sie! Mir tut das Glück nicht gut, denn dann vergebe ich gewöhnlich sofort allen meinen Feinden ...«

»Das ist aber doch sehr gut.«

»Nicht immer, chère innocente. L'Evangile ... Voyez-vous, désormais nous le prêcherons ensemble{[245]} und ich werde mit Freuden Ihre netten Büchlein da verkaufen. Ja, ich fühle, daß das sogar eine Idee ist, quelque chose de très nouveau dans ce genre.{[246]} Das Volk ist religiös, c'est admis,{[247]} aber es kennt noch nicht das Evangelium. Ich werde es ihm erklären ... In mündlicher Auslegung kann man leichter die Fehler dieses bemerkenswerten Buches korrigieren ... Dieses Buch ... -- ich bin bereit, mich mit außerordentlicher Hochachtung zu diesem Buche zu verhalten. Ich werde auch auf der großen Landstraße nützlich sein können. Ich bin immer nützlich gewesen, ich habe ihnen das immer gesagt et à cette chère ingrate aussi{[248]} ... Oh, vergeben wir, vergeben wir, lassen Sie uns vor allem vergeben, und allen allen vergeben und immer vergeben. Und hoffen wir, daß man auch uns vergeben wird. Ja, denn alle, jeder einzelne ist vor dem anderen schuldig. Alle sind schuldig! ...«

»Das haben Sie, glaub ich, sehr schön gesagt.«

»Ja, ja ... Ich fühle, daß ich sehr gut spreche. Ich werde sehr schön zu ihnen reden, aber ... aber ... was wollte ich denn eigentlich sagen? Ich komme immer ab und vergesse ... Ja -- würden Sie mir erlauben, mich nicht mehr von Ihnen zu trennen? Ich fühle, daß Ihr Blick und ... ich wundere mich sogar über Ihre Art und Weise. Sie sind gütig, Sie sprechen nur nicht ganz comme il faut{[113]} und gießen den Tee in die Untertasse ... und dazu dieses schreckliche Zuckerstückchen ... aber sonst ... -- in Ihnen ist etwas Wunderbares, und ich sehe in Ihren Zügen ... Oh, erröten Sie nicht und fürchten Sie mich nicht als Mann! Chère et incomparable, pour moi une femme c'est tout!{[249]} Ich kann nicht, kann überhaupt nicht anders leben, als neben einer Frau, aber eben nur neben ihr ... Das heißt, ich meine, ich wollte sagen ... Oh, ich glaube, ich habe mich da entsetzlich versprochen ... Nur kann ich mich nicht mehr darauf besinnen, was ich eigentlich sagen wollte. Oh, selig ist der, dem Gott immer eine Frau schickt und ... ich, ich glaube sogar, daß ich in einer gewissen Begeisterung bin. Auch in der großen Landstraße liegt eine höhere Idee! Ja, das -- das war es ja, was ich von dem Gedanken sagen wollte! -- jetzt ist es mir wieder eingefallen, vorhin hatte ich es ganz vergessen. Aber warum hat man uns fortgeschickt, in diesen Wagen gedrängt? Dort war es doch sehr schön, hier aber -- cela devient trop froid. A propos, j'ai en tout quarante roubles et voilà cet argent,{[250]} nehmen Sie es, nehmen Sie es, ich verstehe nichts davon ... ich verliere es, man wird es mir stehlen, und ... Ich glaube, ich würde ganz gern ein wenig schlafen ... es dreht sich da irgend etwas in meinem Kopf. Ja, so, es dreht sich, dreht sich, dreht sich. Oh, wie Sie gut sind, womit decken Sie mich denn zu?«

»Sie haben bestimmt eine gehörige Erkältung weg! Ich habe Sie mit meiner Decke zugedeckt, aber das Geld würde ich ...«

»Oh, um Gottes willen, n'en parlons plus, parce que cela me fait mal,{[251]} oh, wie gut Sie sind!«

Er hörte seltsam plötzlich auf zu sprechen und verfiel ungewöhnlich schnell in fieberhaften Schlaf.

Der Landweg, auf dem sie siebzehn Werst bis Ustjewo zurückzulegen hatten, war recht uneben und der Wagen auch nicht gerade sehr elastisch. Stepan Trophimowitsch wachte von den Stößen oft auf, erhob sich dann schnell von dem kleinen Kissen, das Ssofja Matwejewna ihm unter den Kopf geschoben hatte, erfaßte erschrocken ihre Hand und fragte ängstlich: »Sind Sie da?« ganz, als ob er gefürchtet hatte, sie könnte weggehen und ihn allein lassen. Einmal sagte er, daß er im Traum einen offenen Rachen mit scharfen Zähnen gesehen habe, und daß ihm das sehr unangenehm gewesen sei. Ssofja Matwejewna machte sich schon nicht wenig Sorgen um ihn.

Der Fuhrmann brachte sie zu einem großen Bauernhause, das vier Fenster zur Straße und auf dem Hof noch verschiedene Wohngebäude hatte. Stepan Trophimowitsch, der gerade in dem Augenblick der Ankunft aufwachte, stieg schnell aus und ging sofort ins zweite, das größte und beste Zimmer. Sein verschlafenes Gesicht nahm einen ungemein geschäftigen Ausdruck an. Er erklärte der Wirtin, einem großen, vierzigjährigen, sehr brünetten Weibe, das auf der Oberlippe fast einen Schnurrbart hatte, er wünsche das ganze Zimmer für sich allein und »daß Sie mir keinen Menschen hier herein lassen, schließen Sie die Türen zu, parce que nous avons à parler. Oui, j'ai beaucoup à vous dire, chère amie.{[252]} -- Ich bezahle Ihnen alles, ich bezahle, bezahle!« rief er, der Wirtin erregt abwinkend.

Er sprach rasch, aber doch wie mit schwerer Zunge.

Die Bäuerin hörte ihn unfreundlich an, und zum Zeichen des Einverständnisses schwieg sie nur; darin lag aber schon gleichsam etwas Drohendes. Stepan Trophimowitsch bemerkte davon natürlich nichts und verlangte eilig -- er beeilte sich entsetzlich --, sie solle nur schnell aus dem Zimmer gehen und ihm sofort das Essen bringen -- »und keine Zeit vertrödeln!« fügte er hinzu.

Da aber hielt die Bäuerin mit dem Schnurrbart nicht mehr an sich:

»Herr, das ist hier kein Gasthaus, wir haben kein Essen für die Reisenden. Krebse kann ich Ihnen noch kochen oder einen Samowar aufstellen, aber weiter auch nichts. Frischen Fisch wird's erst morgen geben.«

Doch Stepan Trophimowitsch ertrug keinen Einwand und rief fuchtelnd in zorniger Ungeduld: »Bezahle, bezahle alles, nur schneller, schneller!« Endlich kamen sie dahin überein, daß eine Fischsuppe gekocht und ein Huhn gebraten werden sollte. Die Bäuerin sagte zwar, daß ein Huhn im ganzen Dorf nicht zu haben sei, einstweilen aber wollte sie doch versuchen, eines aufzutreiben, wenn sie es auch mit einer Miene versprach, als ob sie damit eine ungeheure Gefälligkeit erweise.

Kaum war sie aus dem Zimmer, als Stepan Trophimowitsch sich schnell auf den Diwan setzte und Ssofja Matwejewna zwang, sich neben ihn zu setzen. Es war, für eine Bauernstube, ein recht eigentümlich möbliertes großes Zimmer. Außer einem gepolsterten Sofa standen noch zwei alte Lehnstühle darin, und an den Wänden, die mit alten gelben, zerrissenen Tapeten beklebt waren, hingen schauderhafte mythologische Öldruckbilder. Nur eine Ecke war noch Bauernstube: mit einer langen Reihe von Heiligenbildern, teils auf Holz, teils in dreiteiligen Metallschränkchen. In einer anderen Ecke stand hinter einer niedrigen Scheidewand ein Bett. Kurz, das Zimmer machte mit seiner halb städtischen, halb bäurischen Einrichtung einen unschönen Eindruck. Doch Stepan Trophimowitsch sah das alles überhaupt nicht, ja er warf überhaupt nicht einmal einen Blick durch das Fenster auf den großen See, der kaum dreißig Schritte vom Hause begann.

»Endlich sind wir allein! Wir werden niemanden hereinlassen! Ich will Ihnen alles, alles, von Anfang an erzählen.«

Doch Ssofja Matwejewna fiel ihm in nicht geringer Unruhe ins Wort:

»Wissen Sie auch, Stepan Trophimowitsch ...«

»Comment, vous savez déjà mon nom?«{[253]} fragte er, freudig lächelnd ...

»Ich hörte vorhin, wie Anissim Iwanowitsch Sie anredete, als Sie mit ihm sprachen. Aber ich möchte es wagen, Sie meinerseits auf etwas aufmerksam zu machen ...«

Und sie flüsterte ihm, ängstlich nach der geschlossenen Tür blickend, zu, daß es hier im Dorf ein wahrer Jammer sei: die Bauern seien zwar von Hause aus Fischer, lebten aber mehr davon, daß sie im Sommer von den Reisenden, die hier auf das Dampfschiff warteten, so viel Geld verlangten, wie ihnen gerade einfiel. Das Dorf liege nicht an der großen Landstraße, sondern abseits, und man komme nur deswegen hierher, weil der Dampfer hier anlege, wenn aber nur etwas schlechteres Wetter sei, so komme er überhaupt nicht, und dann sammelten sich hier sehr viele Reisende an: jetzt zum Beispiel sei schon das ganze Dorf besetzt, und darauf warteten die Hauswirte nur, denn dann könnten sie für alles das Dreifache verlangen, der Mann aber dieser Bäuerin mit dem Schnurrbart sei sehr stolz und hochmütig, denn er sei der reichste Mann im Dorf, ein einziges seiner Netze koste allein schon an die tausend Rubel usw. usw.

Stepan Trophimowitsch blickte geradezu vorwurfsvoll in das ungewöhnlich belebte Gesicht Ssofja Matwejewnas und machte mehrmals den Versuch, sie zu unterbrechen. Sie aber ließ sich nicht aufhalten und bekräftigte das Gesagte noch mit der Erzählung ihrer Erfahrungen, die sie im letzten Sommer auf der Durchreise mit einer adligen Dame hier gemacht hatte, -- Erfahrungen, an die auch nur zurückzudenken für sie schon furchtbar war.

»Und nun haben Sie, Stepan Trophimowitsch, dieses Zimmer für sich ganz allein verlangt ... Ich sage es ja nur, um zu warnen ... Dort im anderen Zimmer sind schon viele Reisende, ein älterer Mann und ein jüngerer Mann und noch eine Frau mit Kindern, und bis morgen zwei Uhr wird das ganze Haus bis zum Dach voll sein, da das Dampfschiff morgen bestimmt kommen wird, weil es jetzt schon zwei Tage nicht mehr gekommen ist. Und so werden denn die Leute für das besondere Zimmer und dafür, daß Sie das Essen bestellt haben, so viel von Ihnen verlangen, daß es selbst in den Hauptstädten unerhört wäre ...«

Er aber litt, litt inzwischen aufrichtig.

»Assez, mon enfant, ich flehe Sie an, nous avons notre argent et après -- et après le bon Dieu.{[254]} Es wundert mich nur, daß Sie mit Ihren hohen Auffassungen ... Assez, assez, vous me tourmentez,«{[255]} rief er nervös. »Vor uns liegt unsere ganze Zukunft, und Sie ... Sie wollen mir Angst machen vor der Zukunft ...«

Und er begann nun, ihr seine Lebensgeschichte zu erzählen, wobei er zu Anfang dermaßen schnell sprach, daß es schwer war, zu folgen. Die Geschichte war sehr lang. Man brachte schon die Fischsuppe, brachte das Huhn, brachte endlich auch den Samowar, er aber sprach immer noch ... Es kam zwar alles ein wenig seltsam, wie eine Fieberphantasie, heraus, aber -- er war ja auch tatsächlich krank. Das war eine plötzliche krampfhafte Anspannung seiner Verstandeskräfte, die in kurzer Zeit -- das sah Ssofja Matwejewna schon bekümmert voraus -- unfehlbar ins Gegenteil umschlagen mußte.

Er begann mit seiner Kindheit, also mit der Zeit, als er noch »mit frischer Brust über grüne Wiesen lief«. Erst nach einer Stunde hatte er sich bis zu seinen beiden Ehen durchgearbeitet und dann begann die Erzählung des Berliner Lebens. Ich wage aber nicht, darüber zu spotten. Es lag für ihn tatsächlich etwas »Höheres« darin, oder um einen Ausdruck unserer Zeit zu gebrauchen: eine Art Kampf ums Dasein. Er sah jetzt diejenige Frau vor sich, die er schon für sein zukünftiges Leben erwählt hatte, und er beeilte sich, sie in seine ganze Vergangenheit einzuweihen. Seine Genialität sollte für sie kein Geheimnis mehr bleiben ... Es ist wahrscheinlich, daß er Ssofja Matwejewnas Wert und Bedeutung vor sich selbst stark vergrößerte, aber das hatte weiter nichts auf sich, denn sie war jetzt schon seine Erwählte. Er konnte nun einmal nicht ohne Freundin auskommen auf der Welt ... Was machte es ihm da aus, daß er ihrem Gesicht ansah, wie wenig sie ihn verstand ...

»Ce n'est rien, nous attendrons,{[256]} und vorläufig wird sie mit dem Vorgefühl begreifen können ...,« meinte er bei sich.

»Mein Freund, ich brauche ja von Ihnen einzig und allein Ihr Herz!« rief er ihr, seine Erzählung unterbrechend, begeistert zu, »und jetzt dieser liebe, berückende Blick, mit dem Sie mir in die Augen sehen! Oh, erröten Sie nicht! Ich habe Ihnen doch schon gesagt ...«

Am schleierhaftesten aber erschien die Geschichte der armen Ssofja Matwejewna, als er eine ordentliche Rede über das Thema hielt: »wie ihn niemand je hat verstehen können« und wie »bei uns in Rußland die Talente umkommen«. »Das war alles viel zu klug für mich,« sagte sie uns später melancholisch. Sie hörte ihm dabei mit sichtlichem Mitgefühl zu, wobei sie die Augen nur ein wenig weiter aufriß. Als sich aber Stepan Trophimowitsch auf den Humor warf und die geistreichsten Witzchen über unsere »Führenden und Herrschenden« lossprühen ließ, da verließ sie alles und jedes Verständnis und nur aus Mitgefühl mit dem Kranken versuchte sie noch zuweilen ein Lächeln zustande zu bringen, um wenigstens ein wenig auf seine Heiterkeit einzugehen, doch es gelang ihr so schlecht, daß Stepan Trophimowitsch schließlich selber ganz verwirrt davon abließ und mit noch größerer Wut und Bitterkeit auf die »Nihilisten« und »neuen Menschen« überging. Da aber wurde es ihr angst und bange zumut, und sie atmete erst wieder auf -- leider nur viel zu früh --, als der eigentliche Roman begann. Eine Frau bleibt immer Frau und wenn sie auch Nonne ist: so lächelte sie denn, schüttelte mißbilligend den Kopf und errötete mit gesenkten Augen, wodurch sie Stepan Trophimowitsch dermaßen in Ekstase brachte, daß er noch vieles hinzudichtete. Warwara Petrowna erschien in seiner Erzählung als wunderschöne Brünette -- »die Petersburg und noch viele europäische Hauptstädte entzückt hat« -- deren Mann »bei Sebastopol gefallen« war und das einzig darum, weil er sich ihrer Liebe nicht für würdig und sich für verpflichtet gehalten hatte, sie demjenigen, den sie in Wirklichkeit liebte, das heißt also Stepan Trophimowitsch, abzutreten ...

»Oh, werden Sie nicht verlegen, meine Stille, meine Christin!« rief er Ssofja Matwejewna zu, als er fast schon selbst daran glaubte, was er erzählte. »Das war etwas Höheres, etwas so Zartes, daß wir uns beide das ganze Leben lang nicht ausgesprochen haben!«

Als Grund einer solchen Lage der Dinge erschien darauf im weiteren Verlaufe der Erzählung eine schöne Blondine (wenn man darunter nicht Darja Pawlowna verstehen soll, so weiß ich wirklich nicht, wen Stepan Trophimowitsch damit gemeint haben könnte). Diese Blondine verdankte alles, was sie besaß, der Brünetten, die sie erzogen hatte und deren weitläufige Verwandte sie war. Die Brünette aber bemerkte bald die Liebe der Blonden zu Stepan Trophimowitsch und zog sich in sich selbst zurück. Die Blonde aber bemerkte gleichfalls die Liebe der Brünetten zu Stepan Trophimowitsch und zog sich auch in sich selbst zurück. Und so schwiegen sie denn alle drei, alle drei in sich selbst zurückgezogen, alle drei nichts als verkörperter Edelmut, und das währte dann zwanzig Jahre lang ...

»Oh, was war das doch für eine Liebe, was war das doch für eine Leidenschaft!« rief er in aufrichtigster Begeisterung aufschluchzend aus. »Ich sah die volle Blüte ihrer Schönheit« (der Brünetten), »sah sie mit wundem Herzen täglich an mir vorüberziehen, sie, die das stolze Haupt neigte, als schäme sie sich ihrer Schönheit!« Einmal sagte er statt ihrer Schönheit: »ihrer Fülle«. Schließlich behauptete er, er sei jetzt erst aus diesem zwanzigjährigen Traume erwacht. -- »Vingt ans!{[72]} Und nun plötzlich auf der großen Landstraße ...« Darauf folgte dann zum Schluß -- wahrscheinlich in einem Augenblick noch größerer Benommenheit -- die Erklärung dessen, was die heutige zufällige und doch so entscheidende Begegnung mit Ssofja Matwejewna für ihn wie für sie bedeutete.

Ssofja Matwejewna erhob sich in schrecklichster Verlegenheit vom Sofa. Und als er gar noch den Versuch machte, vor ihr auf die Knie zu fallen, da begann sie vor Schreck zu weinen.

Die Dämmerstunde neigte sich schon dem Abend zu: beide hatten sie bereits etliche Stunden in dem verschlossenen Zimmer verbracht ...

»Ach nein, lassen Sie mich jetzt schon lieber in das andere Zimmer,« flüsterte sie erregt, »denn was werden sonst die Leute denken!«

Endlich gelang es ihr, sich frei zu machen; er aber versprach ihr folgsam, sich sofort ins Bett zu legen. Beim Abschied klagte er, daß er starke Kopfschmerzen habe. Ssofja Matwejewna hatte ihre Sachen im vorderen Zimmer gelassen, wo sie mit den anderen zusammen zu übernachten beabsichtigte; doch es sollte anders kommen.

In der Nacht geschah es nämlich, daß sich bei Stepan Trophimowitsch die mir und all seinen Freunden so wohlbekannte Cholerine einstellte, wie gewöhnlich nach nervösen Aufregungen. Die arme Ssofja Matwejewna kam also die ganze Nacht nicht zum schlafen. Da sie bei der Wartung des Kranken häufig durch das vordere Familienzimmer aus dem Hause gehen mußte, so störte sie die Schlafenden, die bald aufwachten und ungehalten wurden. Und als Ssofja Matwejewna zum Morgen hin gar den Samowar aufstellen wollte, da begannen sie auch noch zu schimpfen.

Stepan Trophimowitsch war so lange, wie die Cholerine andauerte, halb bewußtlos: zuweilen schien es ihm wie durch einen Nebel, daß man den Samowar aufstellte, daß man ihm ein Himbeergetränk zu trinken gab, daß man ihm mit irgend etwas den Magen und die Brust wärmte. Dabei fühlte er die ganze Zeit und empfand es jeden Augenblick, daß »Sie« bei ihm war und für ihn sorgte, daß »Sie« es war, die da kam und ging, die ihn zudeckte und wärmte! Um drei Uhr morgens wurde ihm ein wenig besser: er setzte sich auf, ließ die Beine über den Bettrand baumeln, und plötzlich, ohne sich dabei etwas zu denken, fiel er vor ihr auf die Knie. Dieser zweite Kniefall war nicht mehr so harmlos wie der erste: er fiel ihr einfach zu Füßen und küßte »den Saum ihres Kleides« ...

»Um Gottes willen, ich bin das doch gar nicht wert,« stammelte die Arme erschrocken und bemühte sich vergeblich, ihn wieder auf das Bett zu heben.

»Meine Retterin,« hauchte er andächtig und faltete wie im Gebet die Hände. »Vous êtes noble comme une marquise!{[257]} Ich -- ich bin ein Nichtswürdiger! Oh, ich bin mein ganzes Leben lang ehrlos gewesen ...«

»Ach, beruhigen Sie sich doch, bitte!« flehte Ssofja Matwejewna.

»Ich habe Ihnen vorhin alles vorgelogen, aus Ruhmsucht, zur Verschönerung, aus Eitelkeit, -- alles, alles, bis aufs letzte Wort! Ich Nichtswürdiger, ich Nichtswürdiger!«

So ging denn der Anfall von Cholerine in einen Anfall hysterischer Selbstbeschuldigung über. (Ich habe ja schon früher von diesen Anfällen, bei Gelegenheit der Reuebriefe an Warwara Petrowna, gesprochen.) Plötzlich erinnerte er sich jetzt Lisas und der Begegnung mit ihr am Morgen.

»Das war so furchtbar,« sagte er, »da war bestimmt ein Unglück geschehen, ich aber habe in meinem Egoismus nicht einmal gefragt, und nun weiß ich auch nichts! Ich habe nur an mich gedacht! Aber was war denn mit ihr geschehen, wissen Sie es nicht, was da geschehen ist?« flehte er wieder Ssofja Matwejewna an.

Gleich darauf schwor er, daß er nicht »untreu« werden könne und zu »Ihr« -- d. h. zu Warwara Petrowna -- zurückkehren müsse.

»Wir werden jeden Tag zu ihrer Treppe gehen« (das hieß nun wieder er mit Ssofja Matwejewna zusammen) »und wenn sie sich in ihre Equipage setzt, um ihre Morgenspazierfahrt zu machen, so werden wir still zusehen ... Oh, ich will, daß sie mich auch auf die andere Wange schlägt: mit Begeisterung will ich es! Ich werde ihr auch meine andere Wange hinhalten, comme dans votre livre!{[258]} Jetzt habe ich ... ja, jetzt erst habe ich verstanden, was das heißt, seine andere Wange ... hinhalten. Ich habe das früher niemals verstehen können!«

Für Ssofja Matwejewna waren das die zwei furchtbarsten Tage ihres Lebens: noch heute denkt sie nicht anders als mit Schrecken an sie zurück. Stepan Trophimowitsch erkrankte so ernstlich, daß er am nächsten Tage unmöglich mit dem Dampfschiff, das diesmal pünktlich um zwei Uhr ankam, nach Spassoff weiterfahren konnte, sie aber wagte es nicht, ihn allein zu lassen, und so blieb sie denn in Ustjewo bei ihm. Nach ihren Worten soll er sich sogar sehr darüber gefreut haben, daß das Dampfschiff endlich fortgefahren war:

»Nun und wunderschön, so ist es sehr gut, sehr gut,« murmelte er aus dem Bett heraus, »ich fürchtete schon die ganze Zeit, daß wir fortfahren müssen. Hier aber ist es sehr schön, hier ist es am besten ... Sie werden mich doch nicht verlassen? O nein, Sie verlassen mich nie mehr!«

Einstweilen war es aber »hier« durchaus nicht so schön. Er wollte jedoch nichts von ihren Unannehmlichkeiten wissen. In seinem Kopf war jetzt nur Platz für eine Menge Phantasien. An seine Krankheit dachte er überhaupt nicht, denn er hielt sie ja nur für eine schnell vorübergehende Erkältung, und sprach die ganze Zeit davon, wie sie beide, wenn er erst wieder gesund sei, »diese kleinen Bücher« verkaufen würden. Und plötzlich bat er sie, ihm aus dem Evangelium vorzulesen.

»Ich habe es lange nicht mehr gelesen ... im Original. Aber, nicht wahr, es könnte mich doch jemand beim Kauf eines dieser kleinen Bücher dies oder jenes fragen, und dann könnte ich mich irren ... Man muß sich doch immerhin etwas vorbereiten ...«

Sie setzte sich an sein Bett und schlug das Buch auf.

»Sie lesen vorzüglich,« unterbrach er sie schon nach der ersten Zeile. »Ich sehe schon, ich sehe, daß ich mich nicht getäuscht habe!« fügte er unklar, aber begeistert hinzu.

Und überhaupt war er die ganze Zeit in einem ununterbrochen begeisterten Zustande.

Sie begann ihm die Bergpredigt vorzulesen.

»Assez, assez, mon enfant,{[259]} genug ... Glauben Sie wirklich, daß das noch immer nicht genug ist?«

Und kraftlos schloß er die Augen. Er war sehr schwach, doch verlor er noch nicht die Besinnung. Da erhob sich denn Ssofja Matwejewna, da sie glaubte, daß er schlafen wolle. Aber siehe da -- er war sofort wieder wach und hielt sie zurück.

»Mein Freund, ich habe mein Lebelang gelogen. Selbst dann, wenn ich die Wahrheit sprach. Ich habe nie um der Wahrheit willen gesprochen, sondern immer nur für mich, das habe ich auch früher schon gewußt, aber jetzt erst sehe ich es so recht ein ... Oh, wo sind diese Freunde, die ich mit meiner Freundschaft zeitlebens beleidigt habe?! Und sie alle, alle! Savez-vous,{[260]} ich glaube, ich lüge auch jetzt! Bestimmt lüge ich auch jetzt! Die Hauptsache ist, daß ich mir selbst glaube, wenn ich lüge! Am allerschwersten ist es im Leben, zu leben und nicht zu lügen ... und ... und den eigenen Lügen nicht zu glauben, ja, ja, gerade das! Aber warten Sie, das kommt alles später ... Wir werden zusammen, zusammen ...« fügte er plötzlich enthusiastisch hinzu.

»Stepan Trophimowitsch,« begann Ssofja Matwejewna zaghaft, »sollte man nicht in die Stadt nach einem Arzt schicken?«

Er war maßlos erstaunt.

»Warum? Est-ce que je suis si malade? Mais rien de sérieux.{[261]} Und wozu andere Menschen? Dann wird man es noch erfahren, daß ich hier bin, und -- was wird dann sein? Nein, nein, keine fremden Menschen ... wir beide, wir beide!«

»Wissen Sie,« sagte er nach kurzem Schweigen, »lesen Sie mir noch etwas vor, so, schlagen Sie auf gut Glück das Buch auf und lesen Sie das, worauf Ihr Blick zuerst fällt.«

Ssofja Matwejewna schlug das Buch auf und las.

»Wo es sich von selbst aufschlägt, wo es sich von selbst aufschlägt,« wiederholte er.

»>Und dem Engel ... --<«

»Was ist das? Woraus? Woraus ist das?«

»Das ist aus der Apokalypse.«

»Oh, je m'en souviens, oui, l'Apocalipse. Lisez, lisez.{[262]} Ich wollte über unsere Zukunft etwas hören, darum ließ ich Sie so eine Stelle auf gut Glück lesen, ich will wissen, was Sie da gefunden haben. Lesen Sie weiter, vom Engel, vom Engel ...«

»>Und dem Engel der Gemeine zu Laodicea schreibe: Das sagt Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Kreatur Gottes. Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt, und bedarf nichts; und weißt nicht, daß du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß.<«

»Das ... und das steht in Ihrem Buch!« rief er erregt, mit glänzenden Augen, und erhob sich vom Kissen, »diese wundervolle Stelle habe ich nie gekannt! Hören Sie: eher kalt, kalt, als lau, nur lau! Oh, ich werde ihnen das auslegen! Nur verlassen Sie mich nicht, lassen Sie mich nicht allein! Wir werden es ihnen beweisen, wir werden es auslegen!«

»Aber ich werde Sie ja nicht verlassen, Stepan Trophimowitsch, beruhigen Sie sich, ich werde Sie nie verlassen!« sagte sie und erfaßte seine Hand, die sie mit Tränen in den Augen an ihre Brust drückte. (»Er tat mir schon gar zu leid in diesem Augenblick,« erzählte sie uns später.)

Seine Lippen begannen zu zucken wie im Krampf.

»Aber, Stepan Trophimowitsch, soll man nicht doch jemanden von den Ihrigen benachrichtigen lassen, oder vielleicht auch -- Ihre Bekannten?«

Da aber erschrak er dermaßen, daß sie ganz unglücklich darüber war, ihn noch einmal daran erinnert zu haben. Zitternd und bebend flehte er sie an, »nur um Gottes willen niemanden zu benachrichtigen, noch sonst etwas zu tun!« Und er nahm ihr das Wort ab und beschwor sie: »Niemanden, niemanden! Wir allein, nur wir beide allein, et nous partirons ensemble.«{[263]}

Schlimm war es auch, daß sich die Hauswirte beunruhigten, ungehalten wurden und der armen Ssofja Matwejewna auf den Hals rückten. Sie bezahlte ihnen und zeigte ihnen Geld: damit beruhigte sie sie für einige Zeit; aber der Wirt wollte die Legitimationspapiere Stepan Trophimowitschs sehen. Der Kranke wies mit hochmütigem Lächeln auf seinen kleinen Reisekoffer, in dem Ssofja Matwejewna denn auch einen alten Ausweis fand. Bald aber verlangte der Bauer, daß man den Kranken fortschaffen solle, denn er könne schließlich sterben und was gäbe das dann für Scherereien. Ssofja Matwejewna sprach auch mit ihm über den Arzt, doch es stellte sich heraus, daß, wenn man ihn aus der Stadt holen wollte, die Kosten unerschwinglich wären. Und so kehrte sie denn niedergeschlagen zu ihrem Kranken zurück, der allmählich schwächer und schwächer wurde.

»Jetzt lesen Sie mir noch eine Stelle vor ... von den Schweinen,« sagte er plötzlich.

»Wovon?« fragte Ssofja Matwejewna entsetzt.

»Von den Schweinen ... das ist auch hier ... ces cochons{[264]} ... ich erinnere mich, die Teufel fuhren in die Schweine und die Schweine stürzten sich in den See und kamen alle um. Lesen Sie mir das unbedingt vor: ich werde Ihnen nachher sagen, wozu ... Ich will es wortwörtlich hören, wortwörtlich ...«

Ssofja Matwejewna kannte die Bibel gut und fand sofort jene Stelle aus Lukas, Kapitel 8, 32--37, die ich der Erzählung all dieser Ereignisse vorgeschrieben habe. Ich bringe sie hier noch einmal:

»>Es war aber daselbst eine große Herde Säue an der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, daß er ihnen erlaubte, in dieselben zu fahren. Und er erlaubte ihnen.

Da fuhren die Teufel aus von dem Menschen, und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich vom Abhange in den See, und ersoffen.

Da aber die Hirten sahen, was da geschah, flohen sie und verkündigten's in der Stadt und in den Dörfern. Da gingen sie hinaus, zu sehen, was da geschehen war, und kamen zu Jesu, und fanden den Menschen, von welchem die Teufel ausgefahren waren, sitzend zu den Füßen Jesu, bekleidet und vernünftig, und sie erschraken.

Und die es gesehen hatten, verkündigten's ihnen, wie der Besessene war gesund worden.<«

»Mein Freund,« sagte Stepan Trophimowitsch in großer Erregung, »savez-vous, diese wundervolle und ... ungewöhnliche Stelle ist mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstoßes gewesen ... dans ce livre{[265]} ... so daß ich diese Stelle noch aus der Kindheit -- behalten habe. Jetzt aber ist mir ein neuer Gedanke gekommen, une comparaison.{[266]} Ich habe jetzt furchtbar viele Gedanken: Sehen Sie, das ist genau so wie unser Rußland. Diese Teufel und Dämonen, die aus dem Besessenen in die Schweine fahren -- das sind alle schlechten Säfte, alle Miasmen, aller Schmutz, alle Teufel und Beelzebuben, die sich in unserem lieben Kranken, in unserem Rußland angesammelt haben, schon seit vielen, vielen Jahrhunderten! Oui, cette Russie, que j'aimais toujours.{[267]} Aber ein großer Gedanke und ein mächtiger Wille werden es aus der Höhe segnen, ganz wie diesen wahnsinnigen Besessenen, und alle diese Unreinlichkeit, diese ganze Gemeinheit, die sich auf der Oberfläche angesammelt hat und langsam angefault ist ... sie werden noch selbst darum bitten, in die Schweine fahren zu dürfen! Ja, und sie sind ja vielleicht schon hineingefahren! Das sind wir, wir und jene und Petruscha ... et les autres avec lui,{[268]} und ich vielleicht der erste an der Spitze, und wir werden uns, wir Wahnsinnigen und Besessenen, vom Fels in das Meer stürzen und alle ertrinken, und dorthin gehören wir auch, dahin müssen wir, denn nur dazu allein taugen wir noch! Aber der Kranke selbst wird wieder gesunden und wird sich >zu Füßen Jesu< setzen ... und alle werden ihn mit Verwunderung schauen ... Meine Liebe, vous comprendrez après, jetzt aber regt mich das sehr auf ... Vous comprendrez après ... Nous comprendrons ensemble.«{[269]}

Er begann zu phantasieren und schließlich verlor er das Bewußtsein. So verging der ganze folgende Tag. Ssofja Matwejewna saß an seinem Bett und weinte, schlief schon die dritte Nacht nicht und vermied es nach Möglichkeit, den Wirtsleuten unter die Augen zu kommen, denn sie ahnte schon, daß diese irgend etwas beabsichtigten. Am nächsten Morgen wachte Stepan Trophimowitsch auf, erkannte sie wieder und streckte ihr die Hand entgegen. Sie bekreuzte sich mit neuer Hoffnung. Er aber wollte plötzlich aus dem Fenster sehen.

»Tiens, un lac,«{[270]} sagte er, »ach Gott, und ich habe ihn noch gar nicht gesehen ...«

In diesem Augenblick rollte eine Equipage vor das Haus und in den Zimmern wurde es lebendig.

III.

Es war Warwara Petrowna in eigener Person, die mit einem Viererzug in ihrer größten Equipage mit zwei Dienern und Darja Pawlowna angefahren kam. Das Wunder erklärte sich sehr einfach: der neugierige Anissim war in der Stadt gleich am anderen Tage in das Haus Warwara Petrownas gegangen und hatte dort den Dienstboten erzählt, daß er Stepan Trophimowitsch allein in einem Dorf angetroffen habe, und daß der gnädige Herr von dort nach Ustjewo weitergefahren sei, und zwar in Begleitung einer gewissen Ssofja Matwejewna. Da nun Warwara Petrowna sich über die Flucht ihres Freundes sehr aufgeregt und überall nach ihm zu fragen und zu forschen befohlen hatte, so war ihr sogleich gemeldet worden, was Anissim erzählt hatte. Selbstredend mußte Anissim nun unverzüglich vor der Herrin erscheinen und alles nochmals erzählen, und nachdem sie ihn aufmerksam angehört hatte -- besonders die Schilderung der Abfahrt in einem Wagen mit irgendeiner Ssofja Matwejewna --, da ward noch im selben Augenblick die Equipage bestellt. Auf frischer Spur ging's dem Flüchtling nach. Von seiner Krankheit wußte sie natürlich noch nichts.

Ihre strenge und befehlende Stimme machte selbst den Wirtsleuten bange. Sie ließ hier nur halten, um sich zu erkundigen, wann Stepan Trophimowitsch nach Spassoff weitergefahren sei. Als sie nun erfuhr, daß er noch da war und krank zu Bett lag, da stieg sie sofort aus und trat erregt in das Haus.

»Nun, wo ist er denn hier?« fragte sie. »Ah, das bist du!« rief sie plötzlich, als sie Ssofja Matwejewna, die gerade in diesem Augenblick aus dem Krankenzimmer trat, in der Tür erblickte. »Ich sehe es schon deinem schamlosen Gesichte an, daß du es bist. Hinaus, Schändliche! Daß mir sofort keine Spur mehr von ihr im Hause bleibe! Jagt sie hinaus, -- geh! oder ich lasse dich auf ewig ins Gefängnis stecken! Bewacht sie mir solange in einem anderen Hause. Sie hat ja schon einmal im Gefängnis gesessen, kann also wieder hinein. Und du,« wandte sie sich befehlend an den Hauswirt, »daß du mir nicht wagst, jemanden hereinzulassen, solange ich hier bin! Ich bin die Generalin Stawrogina und nehme das ganze Haus für mich in Beschlag. Du aber, meine Beste, du wirst mir noch Rede stehen!«

Die bekannte Stimme wirkte erschütternd auf Stepan Trophimowitsch. Er begann zu zittern. Aber da trat sie schon ins Zimmer, trat an sein Bett. Ihre Augen blitzten. Sie stieß mit dem Fuß einen Stuhl heran, setzte sich, lehnte sich steif zurück und rief Dascha unwillig zu:

»Geh vorläufig hinaus! Kannst solange bei den Wirtsleuten bleiben! Was ist das plötzlich für eine Neugier? Und die Tür zieh hinter dir etwas fester zu!«

Eine ganze Weile fixierte sie stumm, mit einem seltsamen Raubtierblick sein erschrockenes Gesicht.

»Nun, wie geht es Ihnen, Stepan Trophimowitsch? Wie war denn der Spaziergang?« fragte sie plötzlich mit grimmiger Ironie.

»Chère,« stotterte Stepan Trophimowitsch wie benommen, »ich habe die russische Wirklichkeit kennen gelernt ... Et je prêcherai l'Evangile ...«{[271]}

»Oh, Sie schamloser, undankbarer Mensch!« rief sie zornig aus, die Hände erhebend. »Ist es Ihnen noch nicht genug, daß Sie mich so bloßstellen und mit irgendeiner ... Oh, Sie alter, schamloser Wüstling!«

»Chère ...«

Seine Stimme versagte und er konnte nichts mehr hervorbringen, er sah sie vor Entsetzen nur mit weit offenen Augen an.

»Was ist das für eine?«

»C'est un ange ... C'était plus qu'un ange pour moi,{[272]} sie hat die ganze Nacht ... Oh, schreien Sie nicht, erschrecken Sie sie nicht, chère, chère ...«

Warwara Petrowna sprang plötzlich polternd vom Stuhl auf; angstvoll rief sie: »Wasser, Wasser!«

Stepan Trophimowitsch kam allerdings schon wieder zu sich, aber sie zitterte immer noch vor Schreck und blickte bleich in sein entstelltes Gesicht: jetzt erst begriff sie, wie ernst sein Zustand war.

»Darja,« flüsterte sie schnell der hereinstürzenden Darja Pawlowna zu, »sofort nach dem Arzt, nach Doktor Salzfisch! Schicke sofort Jegorytsch, er soll hier Pferde mieten und in der Stadt einen anderen Wagen nehmen. Daß er mit Salzfisch noch vor dem Abend hier ist!«

Dascha ging schnell hinaus, um den Befehl auszuführen. Stepan Trophimowitsch sah Warwara Petrowna immer noch mit demselben erschrockenen Blick aus weit offenen Augen an. Seine weiß gewordenen Lippen bebten.

»Warte, Stepan Trophimowitsch, warte, Täubchen, nur einen Augenblick,« redete sie ihm wie einem kleinen Kinde zu. »So warte doch, wart doch, sieh, Darja wird gleich zurückkommen und ... Ach, mein Gott, Wirtin, Wirtin, so komm doch du wenigstens, Mütterchen!«

Und in ihrer Ungeduld lief sie selbst nach der Bäuerin.

»Sofort, sofort jene wieder zurückbringen! Bring sie mir sofort zurück, zurück!«

Zum Glück war Ssofja Matwejewna mit ihren Sachen kaum aus dem Hause gegangen, so daß man sie schon nach ein paar Schritten einholte. Sie wurde zurückgebracht. Sie war aber so erschrocken, daß ihre Hände und Knie zitterten. Warwara Petrowna ergriff ihre Hand, wie ein Geier ein Küken, und zog sie eilig zu Stepan Trophimowitsch.

»Hier, hier haben Sie sie! Ich habe sie doch nicht aufgefressen! Sie dachten wohl schon, daß ich sie einfach verschlungen habe?«

Stepan Trophimowitsch ergriff Warwara Petrownas Hand und drückte sie an seine Augen, und plötzlich schluchzte er auf, schmerzhaft, krampfartig.

»Beruhige dich, beruhige dich doch, mein Täubchen, beruhige dich, Väterchen ... Nun ... Ach, mein Gott, aber so beru--hi--gen Sie sich doch!« rief sie außer sich. »Oh, mein Peiniger, mein ewiger, ewiger Peiniger!«

»Meine Liebe,« brachte Stepan Trophimowitsch endlich, zu Ssofja Matwejewna gewandt, hervor, »bleiben Sie, meine Liebe, dort -- im anderen Zimmer ... ich will hier noch etwas sagen ...«

Ssofja Matwejewna beeilte sich sofort, hinauszugehen.

»Chérie ... chérie ...« -- er rang nach Atem.

»Sprechen Sie noch nicht, Stepan Trophimowitsch, warten Sie noch ein wenig, bis Sie sich erholt haben. Hier ist Wasser. Aber so war--ten Sie doch noch!«

Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Stepan Trophimowitsch hielt krampfhaft ihre Hand fest. Sie ließ ihn noch lange nicht sprechen. Da zog er ihre Hand an die Lippen und bedeckte sie immer wieder mit Küssen. Sie biß die Zähne zusammen und blickte irgendwohin in einen Winkel.

»Je vous aimais!«{[273]} entrang es sich ihm endlich. Noch nie hatte sie von ihm ein solches Wort gehört, und so gesprochen.

»Hm!« war ihre Antwort.

»Je vous aimais toute ma vie ... vingt ans!«{[274]}

Sie schwieg immer noch -- zwei, drei Minuten lang.

»Als aber Dascha in Aussicht stand, da erschien er parfümiert --« stieß sie plötzlich unheimlich flüsternd hervor. Stepan Trophimowitsch erstarrte nur so.

»... Mit einer neuen Krawatte ...«

Wieder Schweigen -- ungefähr zwei Minuten lang.

»Und die Zigarre, entsinnen Sie sich?«

»Mein Freund,« stammelte er, von Schrecken erfaßt.

»Die Zigarre, am Abend, am Fenster ... der Mond schien ... nach den Stunden im Park ... in Skworeschniki? Entsinnst du dich, entsinnst du dich!« und sie sprang auf, ergriff sein Kissen an beiden Ecken und schüttelte es mitsamt seinem Kopf. »Entsinnst du dich noch, du leerer, leerer, ehrloser, kleinmütiger, ewig, ewig leerer Mensch!« zischte sie nahezu in ihrem ingrimmigen Geflüster, um nicht zu schreien. Dann ließ sie ihn fahren und fiel zurück auf den Stuhl, das Gesicht mit den Händen bedeckt. »Genug!« sagte sie kurz, sich steif aufrichtend. »Zwanzig Jahre sind vergangen, die bringt man nicht zurück; dumm war auch ich.«

»Je vous aimais,« -- er legte beschwörend seine Hände zusammen.

»Was sagst du mir immer aimais und aimais! Genug!« Sie fuhr wieder auf. »Und wenn Sie jetzt nicht sofort einschlafen, so werde ich ... Sie brauchen Ruhe! Schlafen Sie, schlafen Sie sofort! Schließen Sie die Augen! Ach, mein Gott, vielleicht will er frühstücken? Was essen Sie? Was darf er essen? Ach Gott, wo ist denn jene? wo ist jene?«

Warwara Petrowna setzte gleich das ganze Haus in Bewegung. Doch Stepan Trophimowitsch stammelte, daß er jetzt allerdings lieber schlafen würde, ein wenig nur, une heure, und dann -- un bouillon, un thé ... enfin il est si heureux.{[275]} Er lag ganz still und es war wirklich, als sei er im Einschlafen (wahrscheinlich stellte er sich nur so). Warwara Petrowna wartete noch ein wenig und ging dann auf den Fußspitzen zur Tür.

Im anderen Zimmer setzte sie sich hin, schickte die Hauswirte einfach hinaus und befahl Dascha, »jene« hereinzuführen. Es begann ein ernstes Verhör.

»Erzähle mir jetzt, meine Liebe, alle Einzelheiten. Setze dich hierher, so! Nun?«

»Ich traf Stepan Trophimowitsch ...«

»Warte. Schweig. Ich sage dir im voraus, daß ich dich, falls es dir einfallen sollte, mir etwas vorzulügen oder etwas zu verheimlichen, noch aus deinem Grabe wieder herausholen werde! Nun?«

»Ich traf Stepan Trophimowitsch ... wie ich gerade in Hatowo war ...« begann Ssofja Matwejewna, atemlos vor Angst.

»Wart, sei still! was trommelst du gleich los? Zuerst sage mir, was du selbst für ein Vogel bist?«

Die erzählte nun, so gut sie konnte, übrigens in kurzen Worten, von sich und ihrem Leben. Sie fing mit Sebastopol an. Warwara Petrowna hörte schweigend zu, saß steif auf ihrem großen Stuhl und sah der Erzählerin streng und unverwandt in die Augen.

»Warum bist du so erschrocken? Warum siehst du zu Boden? Ich liebe solche, die mir offen in die Augen sehen und mit mir streiten. Fahre fort!«

Jene erzählte von der Begegnung, von den Büchern, erzählte, wie Stepan Trophimowitsch der Bäuerin den Schnaps angeboten hatte ...

»So ist's gut, vergiß nichts, erzähle alles,« sagte Warwara Petrowna. Ssofja Matwejewna erzählte also weiter, wie sie mit Stepan Trophimowitsch hierher nach Ustjewo gefahren war und wie er »schon ganz krankes Zeug« gesprochen und hier dann sein ganzes Leben von Anfang an und mehrere Stunden lang erzählt hatte.

»Erzähle von seinem Leben.«

Ssofja Matwejewna verstummte plötzlich und schaute hilflos drein.

»Hiervon verstehe ich schon gar nichts mehr zu erzählen,« stotterte sie, dem Weinen nahe. »Und ich habe auch nichts davon verstanden.«

»Das lügst du. Nichts verstehen, das konntest du gar nicht.«

»Von einer schwarzhaarigen vornehmen Dame sprach er lange,« sagte Ssofja Matwejewna schließlich zögernd und errötete entsetzlich, da es ihr plötzlich auffiel, wie wenig Warwara Petrowna mit ihrem viel helleren Haar jener geschilderten schwarzhaarigen Schönheit glich.

»Von einer Schwarzhaarigen? -- Was erzählte er denn? Sprich!«

»Er ... er erzählte, wie diese vornehme Dame schon ganz furchtbar in ihn verliebt gewesen wäre, zwanzig Jahre lang, und wie sie immer nicht gewagt hätte, es ihm zu sagen, und ... und wie sie sich vor ihm geschämt hat, denn sie war schon gar zu dick ...«

»Dieser Esel!« sagte Warwara Petrowna nachdenklich, doch überzeugt vor sich hin.

Ssofja Matwejewna war nun wirklich schon am Weinen.

»Ich weiß hiervon gar nichts mehr zu erzählen, denn ich war selbst in großer Angst um ihn und habe auch gar nichts verstanden, da er doch ein Mensch von so großem Verstande ist ...«

»Über seinen Verstand zu urteilen steht nicht so einer Krähe zu, wie du eine bist. Hat er bei dir angehalten?«

Ssofja Matwejewna erzitterte.

»Ha! er sich in dich verliebt? -- Sprich!« herrschte Warwara Petrowna sie an. »Hat er bei dir angehalten?«

»Beinah hörte es sich wirklich so an,« brachte sie aufschluchzend hervor ... »Nur habe ich das alles gar nicht beachtet, denn er war doch krank,« fügte sie hinzu und sah mit festem Blick auf.

»Wie heißt du?«

»Ssofja Matwejewna.«

»Nun, dann wisse, Ssofja Matwejewna, daß dieser Mensch das erbärmlichste, leerste Menschlein ist ... Mein Gott, mein Gott! Du hältst mich wohl für eine Nichtswürdige?«

Die riß die Augen auf.

»Für eine Nichtswürdige, eine Tyrannin, die sein Leben zerstört hat?«

»Wie kann denn das sein, wenn Sie jetzt doch selbst weinen!«

Tatsächlich standen Warwara Petrowna Tränen in den Augen.

»Nun, setz dich, setz dich, brauchst nicht zu erschrecken. -- Sieh mir noch einmal in die Augen, ganz offen! Warum wirst du rot? Dascha, komm her, sieh sie dir an: was glaubst du, hat sie ein reines Herz ...«

Und zu Ssofja Matwejewnas größter Verwunderung, vielleicht aber zu ihrem noch größeren Schreck, streichelte ihr Warwara Petrowna plötzlich die Wange.

»Schade nur, daß du dumm bist. Dümmer als es deinen Jahren ansteht. Gut, meine Liebe, ich werde mich deiner annehmen. Sehe schon, daß alles das Unsinn ist. Bleibe solange hier in der Nähe, man wird dir hier eine Wohnung mieten, -- Kost und alles übrige bekommst du von mir ... bis ich dich rufen lasse.«

Ssofja Matwejewna versuchte erschrocken einzuwenden, daß sie fort müsse.

»Wohin? Deine Bücher kaufe ich dir alle ab, und du bleibst hier. Du hättest ihn doch, wenn ich nicht gekommen wäre, auch nicht verlassen?«

»Für keinen Preis hätte ich ihn allein gelassen,« sagte Ssofja Matwejewna leise, doch mit fester Stimme und trocknete sich die Augen.

Doktor Salzfisch traf erst spät in der Nacht ein. Es war ein ehrwürdiger alter, kleiner Herr und ein recht erfahrener Arzt, der erst unlängst infolge eines ambitiösen Streites mit der ihm vorgesetzten Behörde seinen offiziellen Posten verloren hatte. In demselben Augenblick hatte Warwara Petrowna ihn aus allen Kräften zu »protegieren« angefangen. Er untersuchte Stepan Trophimowitsch aufmerksam und gewissenhaft, fragte dies und das, und berichtete sodann Warwara Petrowna, daß der Zustand des Kranken »sehr bedenklich« sei und daß man sich »auf das Schlimmste gefaßt machen« müsse. Warwara Petrowna, die in den zwanzig Jahren sich von der Vorstellung völlig entwöhnt hatte, daß irgend etwas, das Stepan Trophimowitsch persönlich anging, ernst zu nehmen oder gar gefährlich sein könnte, war tief erschüttert und erbleichte sogar.

»Ist denn wirklich gar keine Hoffnung mehr?«

»Das ist nicht gesagt, denn Hoffnung ist nie ausgeschlossen, aber ...«

Warwara Petrowna wachte die ganze Nacht bei dem Kranken und konnte kaum den Morgen erwarten. Als Stepan Trophimowitsch die Augen aufschlug und zu sich kam (er war die ganze Zeit bei Besinnung, nur wurde er von Stunde zu Stunde schwächer), trat sie entschlossen zu ihm.

»Stepan Trophimowitsch, man muß auf alles vorbereitet sein. Ich habe den Priester rufen lassen. Sie müssen Ihre Pflicht tun ...«

Da sie seine religiösen Überzeugungen kannte, so fürchtete sie sehr eine Absage. Er aber sah sie nur erstaunt an.

»Unsinn, Unsinn!« rief sie erregt, denn sie glaubte schon, er wolle sich widersetzen. »Jetzt handelt es sich nicht mehr um Kindereien. Haben doch genug Dummheiten gemacht!«

»Aber ... bin ich denn wirklich schon so krank?«

Nachdenklich willigte er ein. Zu meiner nicht geringen Verwunderung erfuhr ich später von Warwara Petrowna, daß das Sterben ihn gar nicht geschreckt hat. Möglich, daß er einfach nicht an seinen Tod glaubte und die Krankheit nur für eine vorübergehende Erkältung hielt.

Er beichtete und nahm das Abendmahl -- und zwar mit großer Bereitwilligkeit. Alle, auch Ssofja Matwejewna, die Wirtsleute und selbst die Dienstboten kamen, um ihn nach Empfang des heiligen Sakraments zu beglückwünschen. Alle ohne Ausnahme weinten still, als sie sein eingefallenes, müdes Gesicht sahen, und die bleichen, zuckenden Lippen.

»Oui, mes amis, und es wundert mich nur, daß ihr euch alle so ... sorgt. Morgen werde ich wahrscheinlich aufstehen, und wir ... fahren dann ... Toute cette cérémonie{[276]} ... der ich natürlich alles lasse, was recht und billig ist ... war doch ...«

»Ich würde Sie bitten, Väterchen, noch nicht fortzugehen,« hielt Warwara Petrowna den Priester zurück, der sein Ornat schon ablegen wollte. »Könnten Sie nicht, wenn der Tee gebracht wird, mit ihm noch über Religiöses sprechen, um seinen Glauben zu stärken.«

Das tat der Priester denn auch; alle saßen oder standen in der Nähe des Kranken.

»In unserer sündigen Zeit,« führte er aus, die Teetasse in der Hand und in singendem Tone, »ist der Glaube an den Allmächtigen die einzige Zuflucht des Menschengeschlechts, in allen Leiden und Nöten des Lebens, ganz wie die Zuversicht auf die ewige Seligkeit, die den Gerechten verheißen ...«

Stepan Trophimowitsch war plötzlich wie neu belebt: ein feines Spottlächeln glitt über seine Lippen.

»Mon père, je vous remercie, et vous êtes bien bon, mais ...«{[277]}

»Was ist da noch für ein mais, durchaus kein mais!« fiel ihm Warwara Petrowna aufspringend erregt ins Wort. »Väterchen,« wandte sie sich wieder an den Popen, »das, das ist solch ein Mensch, das ist solch ein Mensch ... nach einer Stunde wird man ihn noch einmal das Abendmahl nehmen lassen müssen! Sehen Sie, solch ein Mensch ist das!«

Stepan Trophimowitsch lächelte zurückhaltend.

»Meine Freunde,« sagte er, »Gott ist mir schon deswegen unentbehrlich, weil er das einzige Wesen ist, das man ewig lieben kann ...«

Ob er nun in der Tat gläubig geworden war, oder ob die mächtige Zeremonie des letzten Abendmahls nur die künstlerische Empfänglichkeit seiner Natur angeregt hatte, -- jedenfalls hat er noch mit fester Stimme und, wie man mir sagte, auch mit echtem Gefühl einige Gedanken ausgesprochen, die zu manchen seiner früheren Überzeugungen in geradem Widerspruch standen.

»Meine Unsterblichkeit ist schon deswegen notwendig, weil Gott doch nicht das Unrecht wird begehen wollen, das Feuer der Liebe, das einmal in meinem Herzen zu Ihm entbrannt ist, ganz auszulöschen. Was aber ist teurer als Liebe? Die Liebe steht höher als das Sein, die Liebe ist die Krone des Seins, wie sollte da das Leben ihr nicht untertan sein? Wenn ich Ihn jetzt lieben gelernt habe, und diese meine Liebe mir eine Freude ist -- wie wäre es dann möglich, daß Er mich und meine Freude wieder auslöschte und uns in Nichts verwandelte? Wenn es einen Gott gibt, so bin auch ich unsterblich! Voilà ma profession de foi.«{[278]}

»Es gibt einen Gott, Stepan Trophimowitsch, ich versichere Ihnen, es gibt einen Gott,« beschwor ihn Warwara Petrowna, »lassen Sie doch endlich Ihre Dummheiten, lassen Sie sie doch wenigstens einmal im Leben!« (Sie hatte wohl seine profession de foi nicht recht verstanden.)

»Mein Freund,« sagte er mit wachsender Begeisterung, wenn auch seine Stimme mehr und mehr versagte, »mein Freund, als ich begriff ... diese andere hingehaltene Backe, da ... begriff ich im selben Augenblick -- noch manches. J'ai menti toute ma vie,{[279]} mein ganzes, ganzes Leben lang! Ich würde gern ... übrigens, morgen ... Morgen fahren wir alle ...«

Warwara Petrowna brach in Tränen aus. Er suchte jemanden mit den Augen.

»Hier ist sie, hier ist sie!« rief Warwara Petrowna schnell und zog Ssofja Matwejewna an der Hand zu ihm hin. Er lächelte gerührt.

»Oh, ich würde sehr gern wieder leben wollen!« rief er mit einem ungewöhnlichen Zustrom von Kraft. »Jede Minute, jeder Augenblick des Lebens müssen für den Menschen eine Seligkeit sein ... müssen, müssen es unbedingt! Das ist die Pflicht des Menschen, es selbst so zu machen; das ist sein Gesetz, -- ein geheimes Gesetz, das es aber trotzdem unbedingt gibt ... Oh, ich würde jetzt gern Petruscha sehen wollen ... und sie alle ... und Schatoff!«

Ich muß hier bemerken, daß sie noch nichts von Schatoff wußten, weder seine Schwester Darja Pawlowna, noch Warwara Petrowna, noch selbst Dr. Salzfisch, der als letzter aus der Stadt gekommen war.

Stepan Trophimowitsch regte sich, statt ruhig zu sein, weit über seine Kräfte auf.

»Allein schon der immerwährende Gedanke, daß es etwas unendlich Gerechteres und Glücklicheres gibt als mich, erfüllt auch schon mein ganzes Ich mit unermeßlicher Rührung und -- Herrlichkeit, -- oh, wer ich auch sei, was ich auch getan habe! Viel notwendiger als das eigene Glück ist für den Menschen das Wissen und der allgegenwärtige Glaube, daß es irgendwo schon ein vollkommenes und ruhiges Glück für alle und für jeden gibt ... Das ganze Gesetz des menschlichen Seins besteht nur darin, daß der Mensch sich stets vor etwas unermeßlich Großem beugen kann. Wollte man aber den Menschen das unermeßlich Große nehmen, so würden sie das Leben nicht mehr auf sich nehmen und in Verzweiflung den Tod suchen. Das Unermeßliche und Unendliche ist für den Menschen ebenso notwendig, wie dieser kleine Planet, auf dem er lebt ... Meine Freunde, alle, alle: es lebe der Große Gedanke! Der Ewige, unermeßliche Gedanke! Jeder Mensch, wer er auch sei, muß sich davor beugen, daß der Große Gedanke existiert! Sogar der dümmste Mensch braucht unbedingt wenigstens irgend etwas Großes. Petruscha ... Oh, wie gern ich sie alle wiedersehen würde! Sie wissen nicht, sie wissen nicht, daß auch in ihnen immer ganz derselbe Ewige Große Gedanke enthalten ist!«

Doktor Salzfisch war bei der Zeremonie nicht zugegen gewesen. Als er nun plötzlich eintrat, war er entsetzt: er trieb sofort die ganze Versammlung auseinander und bestand darauf, daß der Kranke unbedingt Ruhe haben müsse.

Stepan Trophimowitsch starb nach drei Tagen, nachdem er die letzte Zeit in voller Bewußtlosigkeit gelegen hatte. Er erlosch gleichsam, wie ein zu Ende gebranntes Licht. Warwara Petrowna ließ noch in Ustjewo das Totenamt für den Verstorbenen halten und brachte dann die Leiche ihres armen Freundes nach Skworeschniki. Sein Grab auf dem Kirchhofe ist heute bereits mit einer Marmorplatte bedeckt, doch die Aufschrift und das eiserne Gitter sollen erst im Frühling gemacht werden.

Die Abwesenheit Warwara Petrownas aus der Stadt dauerte ganze acht Tage. Mit ihr zusammen, in derselben Equipage, kam auch Ssofja Matwejewna, die sich nun, wie's scheint, endgültig bei ihr niedergelassen hat. Bemerkenswert ist noch, daß Warwara Petrowna sofort, nachdem Stepan Trophimowitsch die Besinnung verloren hatte -- also noch am selben Morgen --, Ssofja Matwejewna aus dem Hause schickte und ganz allein den Kranken bis zu seinem Tode pflegte. Kaum aber war er verschieden, da ließ sie auch »jene« wieder zu sich rufen. Das Anerbieten (richtiger, der Befehl) Warwara Petrownas, für immer nach Skworeschniki zu ziehen, erschreckte die arme Ssofja Matwejewna entsetzlich, doch alle ihre ängstlichen Einwendungen wurden von Warwara Petrowna überhaupt nicht angehört:

»Unsinn! Ich werde selbst für dich die Bibeln verkaufen gehen. Habe ich doch jetzt niemanden mehr auf der Welt.«

»Sie haben doch noch Ihren Sohn, gnädige Frau,« bemerkte Doktor Salzfisch, der zugegen war.

»Ich habe keinen Sohn,« sagte Warwara Petrowna kurz und -- hatte es somit vorhergesagt.

Dreiundzwanzigstes Kapitel. Der Schluß

I.

Alle die begangenen Schandtaten und Verbrechen wurden erstaunlich schnell bekannt, weit schneller, als Pjotr Stepanowitsch angenommen hatte. Es begann damit, daß die unglückliche Marja Ignatjewna nach der Nacht, in der ihr Mann ermordet worden war, sehr früh, noch vor Sonnenaufgang, aus tiefem Schlaf erwachte, und zu ihrem Schreck und zu ihrer Angst Schatoff nicht bei sich, nicht an ihrem Bett, noch im Zimmer sah. In einer Ecke schlief nur die von Arina Prochorowna besorgte Wärterin. Diese vermochte aber die Kranke nicht zu beruhigen, und schließlich wußte sie nichts anderes zu tun, als schnell zu Arina Prochorowna zu laufen, nachdem sie ihrer Pflegebefohlenen noch versichert hatte, daß Wirginskis bestimmt wissen würden, wo Schatoff geblieben war, und wann er zurückkehren werde.

Währenddessen war auch Arina Prochorowna in nicht geringer Aufregung: sie wußte schon durch ihren Mann, was im Park zu Skworeschniki geschehen war. Wirginski war erst um elf Uhr nachts in einem furchtbaren Zustande nach Hause gekommen: er hatte die Hände gerungen und sich auf das Bett geworfen, um das Gesicht in den Kissen zu vergraben und immer nur unter Zucken und Beben, schluchzend, immer nur dies eine zu wiederholen: »Das ist doch nicht das, nicht das; das ist ja gar nicht das!« Selbstverständlich endete es schließlich damit, daß er seiner Frau, die unablässig in ihn drang, alles beichtete -- übrigens doch nur ihr allein. Arina Prochorowna hieß ihn im Bett bleiben und schärfte ihm strengstens ein, daß er, falls er heulen wolle, dann ins Kissen heulen solle, damit es die anderen nicht hörten, und daß er ein Esel wäre, wenn er sich am nächsten Tage etwas anmerken ließe. Darauf überlegte sie rasch und machte sich dann schnell daran, auf alle Fälle gewisse Vorkehrungen zu treffen: alle zweifelhaften Papiere und Bücher, und vielleicht sogar Proklamationen konnte sie teils noch beiseite schaffen, teils spurlos vernichten. Nach kurzem Nachdenken sagte sie sich aber, daß sie selbst, ihre Schwester, die Tante und die Studentin weiter nichts zu fürchten hatten, ja, und vielleicht nicht einmal ihr langohriges Brüderlein -- Schigaleff. Als dann gegen Morgen die Wärterin kam und sie zu Marja Ignatjewna rief, verlor sie weiter keinen Augenblick und ging sofort zu ihrer Kranken. Übrigens wollte sie sich auch selbst überzeugen, wie es sich damit verhielt, was ihr Mann in der Nacht, halb unzurechnungsfähig, von den Versicherungen Pjotr Stepanowitschs erzählt hatte: daß Kirilloff alles auf sich nehmen und sich erschießen werde.

Aber sie kam zu spät. Marja Ignatjewna hatte, nachdem sie die Wärterin zu Arina Prochorowna geschickt, es nicht lange allein ausgehalten, war aufgestanden, hatte sich irgendwie halb angezogen, und war dann selbst zu Kirilloff in den Flügel gegangen, da er, wie sie meinte, ihr am ehesten sagen konnte, wo ihr Mann geblieben war. Man kann sich vorstellen, wie das, was sie dort erblickte, auf die Wöchnerin wirkte. Merkwürdigerweise hat sie dabei den Brief, den Kirilloff hinterlassen hatte und der sichtbar auf dem Tische lag, gar nicht gelesen, -- sie wird ihn in ihrem Schreck und Entsetzen wohl gar nicht bemerkt haben. Sie lief in die Dachstube zurück, ergriff ihr kleines Kind und verließ das Haus. Der Morgen war feucht, Nebel stand ringsum. Kein Mensch war in dieser abgelegenen Straße zu sehen. Sie lief und lief, atemlos, immer weiter durch den kalten sumpfigen Straßenschmutz und schließlich begann sie, an die Häuser zu klopfen. Im ersten Hause wurde nicht aufgemacht, im zweiten hörte sie endlich Stimmen. Doch sie verlor die Geduld, zu warten, und lief zum dritten Hause. Das war das Haus unseres Kaufmanns Titoff. Hier rief sie große Bestürzung hervor: sie schrie und versicherte zusammenhanglos, man habe ihren Mann, Schatoff, ermordet. Titoffs wußten, wer Schatoff war, und kannten zum Teil auch seine Lebensgeschichte. Sie erschraken nicht wenig, als sie von dieser fremden Frau hörten, daß sie vor noch nicht vierundzwanzig Stunden geboren habe und nun kaum bekleidet in dieser Kälte mit dem fast nackten Kindchen herumlief. Zuerst glaubte man, sie habe den Verstand verloren, um so mehr, als man aus ihren Worten nicht recht klug werden konnte, wer nun eigentlich ermordet worden war: Kirilloff oder ihr Mann? Marja Ignatjewna aber wollte schon wieder aus dem Hause laufen, da sie wohl trotz ihrer Erregung merkte, daß man ihr nicht ganz glauben zu wollen schien; doch da hielt man sie mit Gewalt zurück, obgleich sie furchtbar schrie und um sich schlug. Jedenfalls ging man sofort zu Kirilloff, um zu sehen, was mit ihm geschehen war -- und so wußte denn schon nach zwei Stunden die ganze Stadt von dem Selbstmord Kirilloffs und dem Brief, den er hinterlassen hatte. Die Polizei erschien zum Verhör bei Marja Ignatjewna, die noch bei Bewußtsein war. Und eben hierbei stellte es sich heraus, daß sie Kirilloffs Schreiben gar nicht gelesen hatte, warum sie aber zu dem Schluß gekommen war, daß auch ihr Mann tot sei -- darüber konnte man von ihr nichts Vernünftiges erfahren. Sie schrie immer nur, wenn jener ermordet sei, dann sei auch ihr Mann ermordet, denn -- »sie waren zusammen, zusammen!« Gegen Mittag verlor sie das Bewußtsein; sie starb am übernächsten Tage, ohne noch einmal zu sich zu kommen. Das erkältete Kindchen starb noch vor ihr.

Inzwischen war Arina Prochorowna bei Schatoffs angelangt: als sie weder die junge Mutter noch das Kind vorfand, sagte sie sich sofort, daß hier etwas Schlimmes geschehen sein müsse, und wollte schon wieder nach Haus zu ihrem Mann laufen, doch noch an der Pforte besann sie sich und schickte die Wärterin in den Flügel zu Kirilloff, damit sie sich bei diesem erkundige, ob er etwas wisse, oder ob die Kranke bei ihm war. Die Frau kam mit entsetztem Geschrei zurückgelaufen. Arina Prochorowna hielt ihr sofort den Mund zu und brachte sie mit dem bekannten Argument: »Wenn du was sagst, so wird man dich für die Schuldige halten!« zum Schweigen und verließ dann selbst schnell den Hof.

Selbstredend erschien die Polizei noch am selben Morgen bei ihr, da sie ja Schatoffs Frau entbunden hatte. Es war aber nicht viel, was man von ihr erfuhr: kaltblütig und sehr sachlich erzählte sie, was sie bei Schatoffs gesehen und gehört hatte, doch von den letzten Vorfällen behauptete sie, weder etwas Näheres zu wissen, noch überhaupt das Geschehnis begreifen zu können.

Man kann sich vorstellen, wie groß die Aufregung in der Stadt war. Wieder eine »Geschichte«, wieder ein Mord! Und jetzt kam noch etwas anderes hinzu: es war nun klar, daß es also doch eine geheime Verschwörerbande gab: revolutionäre Brandstifter, Aufrührer und Mörder. Der furchtbare Tod Lisas, die Ermordung der Frau Nicolai Stawrogins, Stawrogins Verhalten, der Brand, der Ball für die Gouvernanten, die Ungebundenheit in der Umgebung Julija Michailownas: das alles kam zusammen! Sogar in dem plötzlichen Verschwinden Stepan Trophimowitschs wollte man unbedingt etwas Bedeutsames sehen. Ja, es gingen schon sehr, sehr schlimme Urteile und Gerüchte über Stawrogin um. Am Abend dieses Tages erfuhr man auch die Abreise Pjotr Stepanowitschs, doch sonderbarerweise wurde darüber am allerwenigsten gesprochen -- am meisten dagegen sprach man von dem »Senator«, der aus Petersburg bereits eingetroffen sein sollte. Vor dem Filippoffschen Hause stand den ganzen Vormittag über eine ansehnliche Volksmenge. Die Polizei wurde durch Kirilloffs »Brief an die ganze Welt« zunächst tatsächlich irre gemacht. Man glaubte an die Ermordung Schatoffs durch Kirilloff und an den Selbstmord des »Mörders«. Übrigens glückte die Irreführung doch nicht so ganz. Das Wort »Park« zum Beispiel, das sich ohne nähere Ortsangabe in dem Brief fand, war für keinen ein Rätsel, wie Pjotr Stepanowitsch erwartet hatte. Die Polizei jagte vielmehr sofort nach Skworeschniki, und zwar nicht nur deshalb, weil es einen anderen Park weder in der Stadt noch in deren Umkreise gab, sondern gewissermaßen schon aus bloßem Instinkt, da doch alle Schrecken der letzten Tage teils mittelbar, teils unmittelbar mit Skworeschniki verbunden waren. (Ich muß hier bemerken, daß Warwara Petrowna schon am Morgen dieses Tages aus ihrem Stadthause auf die Suche nach Stepan Trophimowitsch ausgefahren war.) Die Leiche Schatoffs wurde am Abend desselben Tages im Teich gefunden: neben der Grotte hatten die Mörder in unglaublichem Leichtsinn Schatoffs Mütze liegen lassen, und von dort aus ließen sich dann deutliche Spuren bis zur Fundstelle verfolgen. Dieser Umstand sowie einige ärztliche Feststellungen bei der Leichenschau legten sofort den Verdacht nahe, daß Kirilloff Helfershelfer gehabt haben müsse. Man vermutete zunächst eine »Schatoff-Kirilloffsche geheime Gesellschaft«, die mit den Proklamationen irgendwie in Zusammenhang stehen mußte. Wer aber waren diese Leute? Von den »Unsrigen« ahnte man an diesem Tage noch nicht das geringste. Aus dem Briefe war nur hervorgegangen, daß Fedjka, den man überall vergeblich gesucht, gerade in diesen Tagen völlig unbemerkt bei Kirilloff hatte leben können! ... Der Hauptkummer aller blieb, daß man aus dem ganzen Wirrwarr der Tatsachen nichts Allgemeines und Zusammenhängendes kombinieren konnte. Und ganz unmöglich ist es abzusehen, zu welchen abenteuerlichen Folgerungen man noch gekommen wäre, wenn man nicht plötzlich, schon am anderen Tage, den ganzen wahren Sachverhalt erfahren hätte -- dank Lämschin.

Der hielt es nicht aus. Es geschah mit ihm das, was sogar Pjotr Stepanowitsch zum Schluß vorauszufühlen begonnen hatte. Lämschin war zuerst der Obhut Tolkatschenkos, dann Erkels anvertraut worden und verbrachte diesen ganzen Tag im Bett: er lag, anscheinend ganz zahm, mit dem Gesicht zur Wand, sprach kein Wort und antwortete nicht einmal, wenn man zu ihm redete. So erfuhr er denn auch nichts davon, was in der Stadt geschah. Da fiel es aber Tolkatschenko, der natürlich alles wußte, gegen Abend ein, den von Pjotr Stepanowitsch ihm ausdrücklich gegebenen Auftrag, Lämschin zu bewachen, einfach abzuschütteln und die Stadt zu verlassen, d. h. sich einfach aus dem Staube zu machen. Wahrlich, Erkel hatte recht, als er sagte, sie hätten doch schon alle die Vernunft verloren. Hier mag gleich erwähnt sein, daß auch Liputin an eben diesem Tage aus der Stadt verschwand, und zwar schon am Morgen. Das erfuhr man aber erst am Abend des nächsten Tages, als die Polizei sich zu Liputin begab und dort nur dessen vor Angst über die Abwesenheit des Gatten und Vaters zitternde Familie vorfand. Doch ich fahre fort, von Lämschin zu erzählen. Kaum war er also allein geblieben (Erkel war, da er sich auf Tolkatschenko verlassen zu können glaubte, fortgegangen), als er sofort aus dem Hause lief und natürlich sehr bald die ganze Lage der Dinge erfuhr. Ohne nach Haus zurückzukehren, begann er zu laufen, weiter und immer weiter. Aber die Nacht war so dunkel und sein Vorhaben dermaßen grausig und schwer, daß er schon nach ein paar Straßen umkehrte und doch nach Hause ging, wo er sich für die ganze Nacht einschloß. Ich glaube, gegen Morgen machte er einen Selbstmordversuch; aber der mißlang ihm. So saß er in dem verschlossenen Zimmer bis zum Mittag des nächsten Tages, und -- plötzlich lief er schnurstracks auf die Polizei. Man sagte, er sei dort auf den Knien herumgerutscht, habe geschluchzt und gekreischt und die Diele geküßt, habe in einem fort geschrien, er sei nicht einmal wert, die Stiefel der vor ihm stehenden »Würdenträger« zu küssen. Man beruhigte ihn und war sehr freundlich zu ihm. Das Verhör zog sich durch ganze drei Stunden hin. Er gestand alles, alles, erzählte die letzten Einzelheiten, griff vor, überhastete sich mit seinen Geständnissen und mischte, ohne danach gefragt zu sein, alles mögliche Unnötige hinein. Im allgemeinen aber wußte er die Sache doch ganz anschaulich darzustellen: die Tragödie mit Schatoff und Kirilloff, die Feuersbrunst, die Ermordung der Lebädkins usw. traten als das Unwichtigere mehr in den Hintergrund; in den Vordergrund aber traten: Pjotr Stepanowitsch, der Geheimbund, seine Organisation, die Fünfergruppen, das Netz. Auf die Frage, warum man denn so viele Menschen ermordet, so viele Verbrechen begangen hatte, antwortete er mit eilfertigem Eifer: »Zur systematischen Erschütterung der Grundfesten und zur systematischen Zersetzung der ganzen Gesellschaft und alles bisher Bestehenden; um alle zu entmutigen und aus allem einen einzigen großen Brei zu machen, dann aber die auf diese Weise zerrüttete, kranke, zynische, ungläubige Masse, die sich jedoch bis zum äußersten nach einer leitenden Idee und nach Selbsterhaltung sehnt, -- plötzlich in die Hand zu nehmen, die Fahne des Bundes zu erheben und im übrigen sich auf das weitverzweigte Netz der >Fünfergruppen< zu stützen, die inzwischen ihrerseits alle nicht müßig gewesen sind, Jünger geworben und praktisch alle Möglichkeiten geprüft und alle schwachen Stellen des Gegners ausfindig gemacht haben, so daß man genau weiß, wo er am besten zu fassen ist.« Er schloß mit der Mitteilung, daß hier in unserer Stadt von Pjotr Stepanowitsch nur der erste Versuch einer solchen systematisch hervorgerufenen Unordnung gemacht worden sei -- sozusagen eine Art Prüfung des Programms der ferneren Tätigkeit nicht nur dieser, sondern auch aller übrigen Fünfergruppen. Letzteres sei aber seine -- d. h. Lämschins -- eigene Vermutung und er bäte nur, daß man das alles nicht vergesse, vielmehr in Betracht ziehe, bis zu welchem Grade er aufrichtig sei und wie gut er den Sachverhalt klarlege, so daß er noch sehr nützlich sein könnte, wenn die Polizei sich seiner annehmen wollte. Auf die Frage, ob es viele solcher »Fünfergruppen« in Rußland gäbe, antwortete er, es gäbe ihrer eine unzählige Menge, die wie ein Netz ganz Rußland umspinne. Daran hat er, wie mir scheint, selbst vollkommen aufrichtig geglaubt, wenn er auch keine Beweise anführen konnte. Vorzeigen konnte er nur ein im Auslande gedrucktes Programm der Gesellschaft und ferner ein Projekt der »Entwicklung des Systems aller weiteren Handlungen«, das von Pjotr Stepanowitsch selbst geschrieben war. Es erwies sich, daß Lämschin den ganzen langen Satz von der »Erschütterung der Grundfesten« wortwörtlich, ohne ein Komma oder einen Punkt zu vergessen, nach diesem Blatt zitiert hatte, trotz seiner Beteuerung hinterher, daß es seine eigene Auffassung sei. Über Julija Michailowna äußerte er sich erstaunlich scherzhaft und sogar ohne gefragt zu sein, indem er wieder vorgriff, daß sie »ganz unschuldig« sei und man sie »nur zum besten« gehabt habe. Bemerkenswert ist aber, daß er auch Nicolai Stawrogin von jeder Teilnahme an dem Geheimbunde, sowie von jedem Einverständnis mit Pjotr Stepanowitsch freisprach. (Von den geheimnisvollen lächerlichen Hoffnungen Pjotr Stepanowitschs auf Stawrogin ahnte Lämschin natürlich nichts.) Auch die Ermordung der Lebädkins war nach seinen Worten von Pjotr Stepanowitsch ganz allein den Mördern befohlen worden, ohne jeden Anteil Stawrogins, und nur in der schlauen Absicht, diesen in ein Verbrechen hereinzuziehen, um dann über ihn Macht zu bekommen -- anstatt der Dankbarkeit aber, auf die er zweifellos gerechnet, habe Pjotr Stepanowitsch nur heftigen Unwillen und sogar Verzweiflung in dem »edlen« Nicolai Wszewolodowitsch hervorgerufen. Und zum Schluß fügte Lämschin in seinen Aussagen über Stawrogin noch hinzu -- übrigens gleichfalls ungefragt und sich überhastend, augenscheinlich in der Absicht, einen Wink zu geben --, daß dieser ein ungeheuer wichtiges Tier sei, nur müsse das unbedingt ein Geheimnis bleiben; aufgehalten habe er sich bei uns sozusagen inkognito, und dabei habe er hochwichtige geheime Aufträge gehabt, und deshalb sei es sehr möglich, daß er aus Petersburg bald wieder zu uns zurückkehren werde (Lämschin war überzeugt, daß Stawrogin in Petersburg sei), dann aber schon mit ganz anderen Aufträgen und mit einer Suite von solchen Persönlichkeiten, von denen man vielleicht auch bei uns schon bald hören werde, und alles das habe er von Pjotr Stepanowitsch gehört, dem »geheimen Feinde Nicolai Stawrogins«.

Hierzu eine Randbemerkung: zwei Monate später gestand Lämschin, er habe Stawrogin absichtlich von allem freigesprochen, und zwar in der Hoffnung auf dessen Protektion: er habe geglaubt, Stawrogin werde ihm dann aus Dankbarkeit in Petersburg eine bedeutende Erleichterung seiner Strafe erwirken können und ihm vielleicht auch nach Sibirien Geld und Empfehlungen schicken. Aus diesem zweiten Geständnis ersieht man erst, wie hoch Stawrogin auch von einem Lämschin eingeschätzt wurde.

Am selben Tage wurde natürlich auch Wirginski verhaftet, und im Eifer verhaftete man auch gleich seine ganze »Familie«. (Heute sind Arina Prochorowna, ihre Schwester und Tante sowie die Studentin schon längst wieder frei und es heißt sogar, auch Schigaleff werde in kürzester Zeit aus der Untersuchungshaft entlassen werden, da er in keine Kategorie der Angeklagten hineinpasse.) Wirginski bekannte sich sofort in allen Dingen schuldig: er war krank und hatte hohes Fieber, als man ihn verhaftete. Man erzählt, er habe sich fast gefreut: nun sei es »vom Herzen gewälzt«, soll er gesagt haben. Jetzt heißt es von ihm, daß er seine Aussagen wahrheitsgetreu und sogar mit einer gewissen Würde mache, doch von seinen »hellen Hoffnungen« noch immer nicht lasse und nur den politischen Weg, auf den er so unverhofft und unschuldig gelockt worden war, verwünsche (im Gegensatz zum sozialen). Sein Verhalten während des Verbrechens im Park soll, glaube ich, zur Milderung seiner Strafe in Betracht gezogen werden. Wenigstens behauptet man das allgemein bei uns.

Anders steht es mit dem Schicksal Erkels. Der schweigt seit seiner Verhaftung hartnäckig, oder er entstellt die Wahrheit soviel er nur kann. Noch hat man kein einziges Wort der Reue aus ihm herauszuholen vermocht. Und doch hat er selbst in den strengsten Richtern Sympathie erweckt, -- durch seine Jugend, durch seine Schutzlosigkeit, sowie durch die erwiesene Tatsache, daß er nur das fanatische Opfer eines politischen Verführers ist, vor allem aber durch sein jetzt bekannt gewordenes Verhältnis zu seiner armen Mutter, der er monatlich fast die Hälfte seines kleinen Gehaltes zugeschickt hat. Seine Mutter ist jetzt hier: sie ist eine schwache, kranke, vorzeitig alt gewordene Frau. Sie weint und wirft sich -- es ist wortwörtlich zu nehmen -- den Richtern zu Füßen, um für ihren Sohn Gnade zu erflehen.

Liputin wurde schließlich in Petersburg verhaftet, nachdem er dort zwei volle Wochen sich aufgehalten hatte. Mit ihm war etwas ganz Unwahrscheinliches geschehen, etwas, das man sich nur schwer erklären kann. Er, der einen Paß auf einen fremden Namen und bei beträchtlichen Geldmitteln durchaus die Möglichkeit hatte, ins Ausland zu entkommen, war trotzdem in Petersburg geblieben: eine Zeitlang hatte er Stawrogin und Pjotr Stepanowitsch gesucht, dann aber hatte er plötzlich zu trinken begonnen und ein über alle Maßen ausschweifendes Leben geführt, ganz wie ein Mensch, der jede gesunde Vernunft sowie jede Vorstellung von seiner Lage verloren hat. Verhaftet wurde er denn auch in einem Bordell, in betrunkenem Zustande. Jetzt soll er aber wieder zur Vernunft gekommen sein, durchaus nicht den Mut verloren haben, in seinen Aussagen lügen und zu der Gerichtsverhandlung sich mit einer gewissen Feierlichkeit und Hoffnungsfreudigkeit vorbereiten (?). Ja, er soll sogar die Absicht haben, vor Gericht eine Rede zu halten.

Tolkatschenko dagegen, der irgendwo im Nachbarkreise zehn Tage nach seiner Flucht verhaftet wurde, verhält sich weit bescheidener, lügt nicht und verstellt sich nicht, sondern sagt alles, was er weiß, ohne sich dabei freisprechen zu wollen, ist aber gleichfalls ein wenig zum »Reden« geneigt: er spricht viel und gern, und wenn man auf die Kenntnis des Volkes und dessen revolutionäre (?) Elemente zu sprechen kommt, dann beginnt er sogar zu posieren und nach Effekt zu haschen. Auch er soll, wie man hört, eine Rede zur Gerichtsverhandlung vorbereiten. Überhaupt sind er und Liputin nicht allzu eingeschüchtert, und das ist eigentlich sonderbar.

Wie gesagt, das gerichtliche Urteil in dieser Sache ist noch nicht gesprochen.

Unsere Gesellschaft jedoch hat sich jetzt, nach drei Monaten, schon wieder einigermaßen erholt, gesammelt, und sich sogar eine eigene Meinung gebildet -- allerdings eine dermaßen eigene, daß jetzt viele bei uns Pjotr Stepanowitsch für ein Genie halten, oder doch wenigstens für einen Menschen mit »hoch genialen Anlagen«.

»Da sieht man, was Organisation bedeutet!« sagt man im Klub und erhebt dabei den Finger. Übrigens ist das alles furchtbar harmlos, und schließlich sind es nicht einmal viele, die so reden.

Andere dagegen urteilen weit weniger günstig über ihn, und wenn sie ihm auch eine große Begabung nicht absprechen, so tadeln sie doch seine vollkommene Unkenntnis der Wirklichkeit, bei schrecklicher Abstraktion und ungeheuerlicher und stumpfer Entwicklung nur nach einer Seite hin und daraus folgendem außergewöhnlichen Leichtsinn.

Das Urteil über seine Moral ist natürlich bei allen das gleiche; darüber streitet schon niemand mehr.

Ich weiß eigentlich nicht, wen ich der Vollständigkeit halber noch zu erwähnen hätte. Mawrikij Nicolajewitsch ist irgendwohin auf immer von hier weggereist. Lisas Mutter ist kindisch geworden ... Nur eine düstere Geschichte bleibt mir noch zu erzählen übrig. Ich werde mich mit den Tatsachen begnügen.

Warwara Petrowna war nach ihrer Rückkehr mit der Leiche Stepan Trophimowitschs aus Ustjewo wieder in ihrem Stadthause abgestiegen. Die Neuigkeiten, die sich hier inzwischen angesammelt hatten und die sie nun alle mit einem Male erfuhr, erschütterten sie entsetzlich. Es war Abend; alle waren müde und man ging früher zu Bett.

Am folgenden Morgen übergab die Kammerzofe Darja Pawlowna mit geheimnisvoller Miene einen Brief. Sie sagte, sie hätte ihn erst spät am Abend erhalten, als alle schon schliefen, und nicht gewagt, Darja Pawlowna aufzuwecken. Der Brief war nicht mit der Post gekommen, sondern in Skworeschniki von einem unbekannten Menschen Alexei Jegorowitsch eingehändigt worden. Dieser aber habe den Brief gestern Abend ihr -- der Kammerzofe -- selbst überbracht und sei darauf sofort nach Skworeschniki zurückgefahren.

Darja Pawlowna betrachtete mit klopfendem Herzen lange diesen Brief und wagte nicht ihn zu öffnen. Sie wußte, von wem er war: so schrieb nur Nicolai Stawrogin. Sie las die Aufschrift auf dem Kuvert: »An Alexei Jegorytsch zur Übergabe an Darja Pawlowna, heimlich.«

Hier ist dieser Brief, Wort für Wort, ohne Korrektur auch nur des geringsten Fehlers in den Sätzen dieses russischen Edelmannes, der ungeachtet seiner ganzen europäischen Bildung die Grammatik seiner Muttersprache nicht zu Ende gelernt hatte.

»Liebe Darja Pawlowna,

Sie wollten einmal >als Krankenschwester< zu mir kommen und nahmen mir das Wort ab, Sie zu rufen, wenn es nötig wird. Ich fahre in zwei Tagen und werde nie mehr wiederkehren. Wollen Sie mit mir gehen?

Im vorigen Jahr habe ich mich wie seinerzeit Herzen als Bürger des Kantons Uri aufnehmen lassen, und das weiß niemand. Ich habe mir dort schon ein kleines Haus gekauft. Ich habe noch zwölftausend Rubel; wir fahren dann fort und werden dort ewig leben. Ich werde sonst niemals nirgend wohin mehr reisen.

Die Stelle ist sehr öde, eine Schlucht; die Berge beengen den Blick und den Gedanken. Es ist sehr düster. Ich tat es, weil das kleine Haus gerade verkauft wurde. Wenn es Ihnen nicht gefällt, so verkaufe ich es und kaufe ein anderes an einem anderen Ort.

Ich bin nicht gesund, aber von den Halluzinationen hoffe ich mich durch die dortige Luft zu befreien. Physisch; moralisch aber wissen Sie alles; nur, ist es auch wirklich alles?

Ich habe Ihnen vieles aus meinem Leben erzählt. Aber nicht alles. Sogar Ihnen nicht alles! Übrigens, ich bestätige, daß ich mit dem Gewissen an dem Tode meiner Frau schuld bin. Ich habe Sie nachher nicht mehr gesehen und darum sage ich es hier. Schuld bin ich auch vor Lisaweta Nicolajewna; aber hiervon wissen Sie alles; hier haben Sie fast alles vorausgesagt.

Kommen Sie lieber nicht. Daß ich Sie zu mir rufe, ist eine schreckliche Gemeinheit. Ja und warum sollten Sie auch mit mir Ihr Leben begraben? Mir sind Sie lieb und im Leid war es mir wohl bei Ihnen: nur bei Ihnen allein habe ich von mir laut sprechen können. Daraus folgt aber nichts. Sie haben es selbst geprägt: >als Krankenschwester< -- das ist Ihr Ausdruck; wozu so viel opfern? Begreifen Sie auch, daß ich Sie nicht bemitleide, wenn ich Sie rufe, und nicht achte, wenn ich Sie erwarte. Und währenddessen rufe ich Sie und erwarte ich Sie doch. Jedenfalls brauche ich Ihre Antwort, denn man muß sehr schnell fahren. In dem Falle werde ich allein fortfahren.

Ich hoffe nichts von Uri; ich fahre einfach. Ich habe nicht mit Absicht diesen düsteren Ort gewählt. In Rußland bin ich an nichts gebunden, -- hier ist mir alles ebenso fremd wie überall. Es ist wahr, in Rußland liebte ich am allerwenigsten zu leben; aber selbst in Rußland habe ich nichts zu hassen vermocht!

Ich habe überall meine Kraft versucht. Sie rieten mir einmal dazu: >um sich selbst zu erkennen<. In den Versuchen für mich selbst und in den Versuchen nach außen, um mit dieser Kraft zu prahlen, wie auch früher in meinem ganzen Leben, erwies sie sich immer als grenzenlos. Vor Ihren Augen ertrug ich die Ohrfeige von Ihrem Bruder. Ich bekannte öffentlich meine Ehe. Aber an was diese Kraft anlegen -- das ist es, was ich nie gesehen habe, auch jetzt nicht sehe, trotz Ihres Beifalls in der Schweiz und Ihres Zuspruchs, dem ich traute. Ich kann auch jetzt noch ganz so, wie auch früher immer, eine gute Tat zu begehen wünschen und empfinde Vergnügen dabei; daneben aber will ich auch Böses und empfinde dabei gleichfalls Vergnügen. Aber dieses wie jenes Gefühl ist, ganz wie früher, immer zu klein und flach, sehr stark aber pflegt es nie zu sein. Meine Wünsche sind viel zu wenig stark; sie können nicht leiten. Auf einem Balken kann man über einen Fluß schwimmen, auf einem Holzspan aber nicht. Ich schreibe das nur, damit Sie nicht denken, daß ich mit irgendwelchen Hoffnungen nach Uri fahre.

Ich beschuldige wie immer niemanden. Ich habe ein grenzenlos ausschweifendes Leben versucht und meine Kraft in ihm erschöpft: aber ich liebe Ausschweifung nicht, noch wollte ich sie. Sie haben mich in der letzten Zeit beobachtet. Wissen Sie auch, daß ich sogar auf unsere Verneiner mit Haß geblickt habe, aus Neid auf ihre Hoffnungen? Aber Sie haben sich umsonst gefürchtet; ich konnte denen nicht Freund sein, denn ich erblickte nichts. Zum Spott aber, aus Bosheit, habe ich es auch nicht gekonnt und nicht, weil ich das Lächerliche fürchte, -- das Lächerliche kann mich nicht schrecken, -- sondern weil ich immerhin die Angewohnheiten eines anständigen Menschen habe und es mich anekelte. Doch wenn ich mehr Bosheit und Neid für sie hätte, so würde ich vielleicht auch mit ihnen gegangen sein. Urteilen Sie nun selbst, wie leicht es mir zumute war und wie ich mich hin und her gewälzt habe!

Du, mein liebster Freund, Du zartes und großmütiges Geschöpf, das ich nun endlich erraten habe! Vielleicht träumen Sie davon, mir so viel Liebe zu geben und mich mit so viel Schönem aus Ihrer wundervollen Seele zu überschütten, daß Sie hoffen, schon damit endlich auch ein Ziel vor mich hinstellen zu können? Nein, Sie sollten lieber vorsichtiger sein; meine Liebe wird ebenso flach sein, wie ich selbst bin, Sie aber werden unglücklich sein. Ihr Bruder hat mir einmal gesagt, daß derjenige, der die Verbindung mit seiner Erde verliert, sofort auch seine Götter verliert, das heißt also alle seine Ziele. Über alles kann man endlos streiten, aber aus mir ist nur Verneinung gekommen, ohne jede Großmut und ohne jede Kraft. Sogar nicht einmal Verneinung! Alles ist immer flach und schlaff. Der hochherzige Kirilloff ertrug die Idee nicht und -- erschoß sich: aber ich weiß doch, daß er deshalb hochherzig war, weil er nicht bei gesunder Vernunft war. Ich werde nie meine Vernunft verlieren können und werde nie in dem Maße an eine Idee glauben können, wie er. Ich kann mich in dem Maße nicht einmal mit einer Idee beschäftigen. Nie, nie werde ich mich erschießen können!

Ich weiß, daß ich mich töten müßte, mich wie ein scheußliches Insekt von der Erde wegfegen; aber ich fürchte den Selbstmord, denn ich fürchte mich, Hochherzigkeit zu zeigen. Ich weiß, daß das noch ein Betrug sein würde, -- der letzte Betrug in der endlosen Reihe der Betrüge. Was hätte es für einen Nutzen, sich selbst zu betrügen, nur um einmal den Hochherzigen zu spielen? Unwille und Scham kann in mir niemals sein; folglich auch keine Verzweiflung.

Verzeihen Sie, daß ich so viel schreibe. Ich bin wieder zur Besinnung gekommen. Ich habe das aus Versehen getan. So sind hundert Seiten zu wenig und zehn Zeilen genug. Zehn Zeilen genügen, wenn man jemand >als Krankenschwester< ruft.

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