Sämtliche Werke 5-6 (part 2 of 4)
Stawrogin sagte nichts, schloß die Tür, steckte den Schlüssel in die Tasche und ging die Gasse entlang, wobei seine Füße bei jedem Schritt an die drei Zoll tief im Schlamm versanken. Endlich erreichte er eine lange, einsame Straße, die wenigstens gepflastert war. Die Stadt kannte er genau: immerhin hatte er noch einen weiten Weg bis zur Bogojawlenskstraße.
Es war schon nach zehn Uhr, als er endlich vor der verschlossenen Pforte des Filippoffschen Hauses stehen blieb.
Die untere Etage war unbewohnt, seitdem man Lebädkins fortgeschafft hatte. Die Fensterläden waren geschlossen. Nur oben in Schatoffs Dachzimmer sah man noch Licht. Da es an der Pforte keine Klingel gab, so klopfte Stawrogin. Nichts rührte sich zunächst. Aber schließlich, nach abermaligem Klopfen, öffnete sich oben ein Klappfenster und Schatoff steckte den Kopf heraus. Es war stockdunkel und daher schwer, jemanden zu erkennen.
Schatoff sah lange hinunter.
»Sind Sie es?« fragte er plötzlich.
»Ja.«
Schatoff schlug das Fenster zu, kam nach unten und öffnete die Pforte.
Stawrogin trat über die hohe Schwelle und ging stumm an ihm vorüber in den Flügel zu Kirilloff.
V.
Hier war alles unverschlossen. Der Flur und die beiden ersten Zimmer waren dunkel, doch im dritten, in dem Kirilloff wohnte, war es hell, und dort hörte man Lachen und dazwischen ein seltsames frohes Gequiek.
Stawrogin ging auf das Licht zu, blieb aber vor der offenen Tür stehen, ohne zunächst einzutreten.
Der Teetisch war gedeckt. Mitten im Zimmer stand die Alte, die das Haus beaufsichtigte, in einem Unterrock, in Schuhen, doch ohne Strümpfe, und in einer ärmellosen Pelzjacke aus Hasenfell. Sie trug ein anderthalbjähriges Kindchen mit fast weißen Locken, nur mit einem kurzen Hemdchen bekleidet, mit bloßen, dicken Beinchen und erhitztem, pausbackigem Gesichtchen, auf dem Arm. Offenbar hatte sie es soeben aus der Wiege genommen. Das Kindchen mochte noch vor kurzem geweint haben, denn noch standen dicke Tränen unter seinen Augen, doch war es in diesem Augenblicke froh und lustig, reckte seine Ärmchen und lachte, wie so kleine Kinder zu lachen pflegen: mit juchzenden, schluchzenden Nebentönen.
Vor dem Kindchen spielte Kirilloff mit einem großen roten Gummiball: er warf ihn kräftig auf die Diele, so daß er bis an die Decke sprang, wieder fiel und wieder sprang, während das Kindchen dazu überselig sein »Ba! ... Ba! ...« rief. Kirilloff fing darauf den »Ba« auf und gab ihn dem Kindchen, das dann natürlich den »Ba« wieder gleich mit seinen eigenen, ungeschickten Händchen fortwarf, während Kirilloff ihm nachlief, um ihn aufzuheben. Zum Schluß rollte der »Ba« unter den Schrank. Kirilloff aber streckte sich sofort längelang auf dem Fußboden aus, um ihn mit der Hand wieder hervorzuholen.
In diesem Augenblick trat Stawrogin ins Zimmer.
Das Kind, das ihn zuerst erblickte, warf sich erschreckt an den Hals der Alten und begann laut ein langgezogenes, eintöniges Kinderweinen, so daß die Alte es sofort hinausbrachte.
»Stawrogin?« fragte Kirilloff, ohne die geringste Verwunderung über den unerwarteten Besuch, zog seine Hand mit dem Ball unter dem Schrank hervor und erhob sich. »Wollen Sie Tee?«
»Mit dem größten Vergnügen, wenn er warm ist, ich bin ganz durchnäßt.«
»Warm, sogar heiß,« sagte Kirilloff mit Vergnügen, nachdem er sich davon überzeugt hatte. »Setzen Sie sich. Sie sind schmutzig, tut nichts. Ich kann's später mit einem nassen Tuch ...«
Stawrogin setzte sich und trank fast auf einen Zug die eingegossene Tasse Tee aus.
»Noch?«
»Nein, danke.«
Kirilloff, der bis dahin gestanden hatte, setzte sich sogleich und fragte: »Wozu sind Sie gekommen?«
»Bitte, lesen Sie diesen Brief. Er ist von Gaganoff. Sie werden sich entsinnen, ich habe Ihnen von ihm schon in Petersburg erzählt.«
Kirilloff nahm den Brief, las ihn durch, legte ihn darauf wieder auf den Tisch und sah Stawrogin erwartungsvoll an.
»Mit diesem Gaganoff,« erklärte Nicolai Wszewolodowitsch, »bin ich, wie Sie wissen, zum ersten Male in Petersburg vor kaum einem Monat zusammengetroffen, und dann sind wir uns noch ungefähr dreimal in der Gesellschaft begegnet. Wir wurden einander nicht vorgestellt, sprachen auch nicht miteinander und doch fand er Gelegenheit, sich ungezogen mir gegenüber zu benehmen. Ich habe Ihnen das ja damals alles erzählt. Doch was Sie nicht wissen, ist folgendes. Als er darauf Petersburg, noch vor mir, verließ, schrieb er mir einen Brief, der zwar noch nicht so beleidigend war, wie dieser hier, aber doch schon einen durchaus unzulässigen Ton hatte. Dabei stand mit keinem einzigen Worte darin, warum der Brief eigentlich geschrieben worden war. Ich antwortete ihm sofort und erklärte ihm ganz offenherzig, daß ich >da es sich wohl um den Vorfall mit seinem Vater vor vier Jahren hier im Klub handeln werde<, -- daß ich meinerseits durchaus bereit sei, ihm noch nachträglich meine Entschuldigung zu machen, einfach aus dem Grunde, weil meine Handlung damals im Krankheitszustande geschehen sei. Er antwortete mir nichts darauf und reiste irgendwohin fort. Nun komme ich hierher und finde ihn hier in einer wahren Tollwut auf mich. Man hat mir öffentliche Äußerungen von ihm mitgeteilt, die regelrechte Beschimpfungen sind, dazu die unglaublichsten Anschuldigungen. Und heute erhalte ich diesen Brief, -- einen ähnlichen hat wohl noch nie jemand geschrieben! Mit Ausdrücken wie zum Beispiel >Ihre geschlagene Fratze<. -- Ich bin nun zu Ihnen gekommen, da ich hoffe, daß Sie mir nicht abschlagen werden, mein Sekundant zu sein?«
»In der Wut kann man schon ... Puschkin hat auch so geschrieben. Gut, ich komme. Sagen Sie, wie?«
Stawrogin erklärte, daß er ihn bäte, gleich morgen zu Gaganoff zu gehen. Er solle die Entschuldigung wiederholen und sogar noch einen zweiten Entschuldigungsbrief ankündigen -- diesen letzteren aber nur unter der Bedingung, daß Gaganoff sein Wort gibt, keinen weiteren Brief irgendwie beleidigenden Inhalts zu schreiben, während sein letzter Brief als nicht erhalten betrachtet werden solle.
»Zu viel Konzessionen, er wird nicht darauf eingehen ...«
»Ich bin vor allem hierhergekommen, um zu erfahren, ob Sie überhaupt bereit sind, ihm solche Bedingungen zu überbringen?«
»Ich werde schon. Aber er wird nicht darauf eingehen ...«
»Das weiß ich.«
»Er will sich schlagen. Sagen Sie, wie?«
»Das ist es eben: ich möchte morgen die ganze Geschichte beendet haben. Sagen wir, um neun sind Sie bei ihm. Er wird Sie anhören und Ihr Ersuchen abschlagen. Dann wird er seinen Sekundanten zu Ihnen schicken, sagen wir -- gegen elf. Mit dem besprechen Sie sich also, und um eins oder zwei könnten wir an Ort und Stelle sein. Ich möchte Sie sehr bitten, alles zu tun, was an Ihnen liegt, damit die Angelegenheit diesen Verlauf nimmt. Waffen natürlich Pistolen. Das Weitere -- darum bitte ich Sie ganz besonders -- richten Sie so ein: Vereinbaren Sie einen Abstand von zehn Schritten zwischen den Barrieren. Stellen Sie einen jeden von uns weitere zehn Schritt von seiner Barriere auf. Nach dem gegebenen Zeichen gehen wir aufeinander zu. Jeder muß unbedingt bis zu seiner Barriere gehen. Doch schießen kann er auch schon früher, im Gehen. So, das wäre alles, denke ich.«
»Zehn Schritt zwischen den Barrieren ist sehr nah,« bemerkte Kirilloff.
»Nun, dann meinetwegen zwölf, aber nicht mehr. Sie begreifen doch, daß er sich nicht zum Vergnügen duellieren will. Verstehen Sie eine Pistole zu laden?«
»Ja. Ich habe selbst Pistolen. Ich werde mein Wort geben, daß Sie mit meinen noch nicht geschossen haben. Sein Sekundant gibt auch sein Wort für seine Pistolen. Dann werfen wir das Los, ob seine oder unsere.«
»Vorzüglich.«
»Wollen Sie die Pistolen sehen?«
»Meinetwegen.«
Kirilloff hockte vor seinem Koffer nieder, der noch immer unausgepackt in der Ecke stand, zog einen Kasten aus Palmenholz hervor, der innen mit rotem Samt ausgeschlagen war, und entnahm ihm zwei prachtvolle, äußerst kostbare Pistolen.
»Habe alles. Pulver, Kugeln, Patronen. Auch einen Revolver, warten Sie.«
Er kramte wieder in seinem Koffer und zog einen zweiten Kasten mit einem sechsläufigen Revolver hervor.
»Sie haben ja Waffen mehr als nötig! Und sehr teuere.«
»Sehr.«
Der gänzlich mittellose Kirilloff, der übrigens seine Armut selbst nie bemerkte, zeigte sichtlich nicht ohne Stolz seine Kostbarkeiten, die er zweifellos mit unglaublichen Opfern erstanden hatte.
»Sie haben immer noch dieselbe Absicht?« fragte Stawrogin mit einer gewissen Vorsicht, nach minutenlangem Schweigen.
»Dieselbe,« antwortete Kirilloff kurz: am Ton der Stimme hatte er sofort erkannt, wovon sein Gast sprach.
»Und -- wann?« fragte Stawrogin noch vorsichtiger, und wieder nach längerem Schweigen.
Kirilloff hatte inzwischen beide Kasten in den Koffer zurückgelegt und setzte sich nun auf seinen alten Platz.
»Das hängt nicht von mir ab. Sie wissen doch. Wann man mir sagen wird,« murmelte er mehr vor sich hin, als wäre die Frage ihm ein wenig lästig, doch gleichzeitig war er, das fühlte man, durchaus bereit, auf andere Fragen zu antworten.
Er sah dabei mit seinen schwarzen glanzlosen Augen Stawrogin unverwandt an, mit einem seltsam gelassenen, doch guten und freundlichen Gefühl.
»Ich verstehe das gewiß -- sich zu erschießen ...« begann Stawrogin von neuem, nachdem er lange, wohl drei Minuten lang grübelnd geschwiegen hatte, während sein Gesicht sich verdüsterte. »Ich habe mir das selbst zuweilen vorgestellt. Aber es findet sich dann immer ein gewisser neuer Gedanke ein: wie, wenn man, zum Beispiel, ein Verbrechen beginge, oder etwas vor allem Schimpfliches, das heißt Schmachvolles, eine Schande, nur muß sie unendlich gemein sein und zugleich ... lächerlich -- eine Schandtat, die von der Menschheit in tausend Jahren nicht vergessen wird, über die sie tausend Jahre lang flucht, und nun plötzlich der Gedanke: >ein Schuß in die Schläfe und es ist nichts mehr da<. Was gehen einen dann noch die Menschen an, und daß sie einem tausend Jahre lang fluchen werden! Ist es nicht so?«
»Sie meinen, das ist ein neuer Gedanke?« sagte Kirilloff, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte.
»Nein ... das nicht ... aber als ich ihn zum ersten Male dachte, da empfand ich ihn als ganz neu.«
»Sie empfanden einen Gedanken --« sprach ihm Kirilloff nach. »Das ist gut. Es gibt viele Gedanken, die waren immer da, und plötzlich werden sie neu. Das ist richtig. Jetzt sehe ich vieles wie zum erstenmal.«
»Nehmen wir an, Sie waren auf dem Monde,« unterbrach ihn Stawrogin, ohne Kirilloffs Worte zu beachten, und spann seinen eigenen Gedanken weiter. »Nehmen wir an, Sie haben dort oben alle diese lächerlichen Schmutzereien begangen. Sie wissen ganz genau, daß man Ihnen dort oben fluchen wird, tausend Jahre lang, ewig, auf dem ganzen Monde ... Aber Sie sind jetzt hier auf der Erde und sehen auf den Mond von hier aus: was geht es Sie dann hier auf der Erde an, was Sie dort oben alles getan haben -- und daß die dort tausend Jahre lang bei Ihrem Namen ausspeien werden, -- ist es nicht so?«
»Weiß nicht,« antwortete Kirilloff. »Ich bin nicht auf dem Monde gewesen,« fügte er hinzu, aber ohne jede Spur von Ironie, einfach als Ausdruck der Tatsache.
»Wessen Kind war das vorhin?«
»Die Schwiegermutter der Alten ist angekommen. Nein, Schwiegertochter ... einerlei. Vor drei Tagen. Liegt jetzt krank mit dem Kind. In der Nacht schreit es viel. Der Magen. Die Mutter schläft, und die Alte bringt es dann her. Ich spiele Ball mit ihm. Ein Hamburger Ball, hab' ihn in Hamburg gekauft. Das stärkt den Rücken. Ein kleines Mädchen.«
»Sie lieben Kinder?«
»Ja,« antwortete Kirilloff, übrigens ziemlich gleichmütig.
»Dann lieben Sie wohl auch das Leben?«
»Ja, auch das Leben. Wieso?«
»Wenn Sie doch beschlossen haben, sich zu erschießen.«
»Wieso denn? Warum zusammen? Das Leben für sich und jenes für sich. Leben ist, aber Tod ist überhaupt nicht.«
»So glauben Sie an ein zukünftiges ewiges Leben?«
»Nein, nicht an ein zukünftiges ewiges, sondern an ein diesseitiges ewiges. Es gibt Minuten, sie kommen zu den Minuten, und die Zeit bleibt plötzlich stehen und wird ewig sein.«
»Sie hoffen, zu so einer Minute zu kommen?«
»Ja.«
»Das ist in unserer Zeit wohl kaum möglich,« meinte Stawrogin, gleichfalls ohne jede Spur von Ironie, langsam und wie in Gedanken verloren. »In der Apokalypse schwört der Engel, daß es keine Zeit mehr geben werde.«
»Ich weiß. Das ist dort sehr richtig. Ist deutlich und genau. Wenn der ganze Mensch das Glück erreicht, dann wird es keine Zeit mehr geben, weil sie nicht nötig ist. Ein sehr richtiger Gedanke.«
»Wo wird man sie denn hinstecken?«
»Nirgendwo wird man sie hinstecken. Zeit ist kein Gegenstand, sondern eine Idee. Sie wird auslöschen im Verstande.«
»Alte philosophische Gemeinplätze, immer ein und dieselben von allem Anfange an,« murmelte Stawrogin wie mit einem gewissen angeekelten Bedauern.
»Ein und dieselben! Ja, immer ein und dieselben vom Anfang aller Jahrhunderte an und gar keine anderen niemals!« griff Kirilloff mit blitzenden Augen Stawrogins Wort auf, ganz als läge in diesem Gedanken fast ein Triumph!
»Ich glaube, Sie sind sehr glücklich, Kirilloff?«
»Ja, sehr glücklich,« antwortete dieser, als gäbe er die allergewöhnlichste Antwort.
»Aber noch vor kurzem waren Sie doch so betrübt und ärgerten sich über Liputin.«
»Hm! ... Aber jetzt nicht. Damals wußte ich noch nicht, daß ich glücklich war. Haben Sie ein Blatt gesehn? Ein Blatt vom Baum?«
»Freilich.«
»Ich sah vor kurzem ein gelbes, etwas grün noch, an den Rändern angefault. Es kam mit dem Wind. Als ich zehn Jahre war, schloß ich im Winter die Augen und stellte mir ein Blatt vor, ein grünes, glänzendes, mit Äderchen, und die Sonne leuchtet. Ich schlug die Augen auf und glaubte nicht, denn es war so schön, und schloß sie wieder.«
»Was soll das? Eine Allegorie?«
»N--nein ... warum? Keine Allegorie. Einfach ein Blatt. Nur ein Blatt. Ein Blatt ist gut. Alles ist gut.«
»Alles?«
»Alles. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, daß er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer es erfährt, der wird sofort gleich glücklich sein, im selben Augenblick. Diese Schwiegertochter wird sterben, und das Kind bleibt -- alles ist gut. Ich habe es plötzlich entdeckt.«
»Und wenn jemand vor Hunger stirbt, oder wenn jemand ein kleines Mädchen entehrt und schändet -- ist das auch gut?«
»Auch gut. Und wenn man ihm für das Mädchen den Kopf zerspaltet, auch das ist gut. Und wenn man ihm den Kopf nicht zerspaltet, auch das ist gut. Alles ist gut, alles. Für alle die ist es gut, die da wissen, daß -- alles gut ist. Wenn sie wüßten, daß sie es gut haben, dann würden sie es auch gut haben. Aber so lange sie nicht wissen, daß sie es gut haben, so lange werden sie es auch nicht gut haben. Das ist der ganze Gedanke, der ganze, und außer ihm gibt es überhaupt gar keinen.«
»Wann haben Sie es denn erfahren, daß Sie so glücklich sind?«
»In der vorigen Woche am Dienstag, nein, am Mittwoch, denn es war schon Mittwoch. In der Nacht.«
»Und bei welcher Gelegenheit denn?«
»Ich weiß nicht mehr. So. Ich ging im Zimmer ... Einerlei. Ich brachte die Uhr zum Stehen. Es war siebenunddreißig Minuten nach zwei.«
»Wohl zum Symbol dessen, daß die Zeit stehen bleiben muß?«
Kirilloff schwieg.
»Die Menschen sind nicht gut,« begann er plötzlich wieder, »weil sie nicht wissen, daß sie gut sind. Wenn sie es wissen werden, so werden sie auch nicht mehr ein kleines Mädchen vergewaltigen. Sie müssen nur alle erfahren, daß sie gut sind, und alle werden sogleich gut sein. Alle ohne Ausnahme.«
»Nun, Sie selbst, zum Beispiel, Sie haben es nun erfahren, also sind Sie jetzt gut?«
»Ich bin gut.«
»Damit bin ich übrigens einverstanden,« sagte Stawrogin, mit gerunzelter Stirn, vor sich hin.
»Wer da lehren wird, daß alle gut sind, wird die Welt beenden.«
»Der das lehrte, den haben sie gekreuzigt,« sagte Stawrogin.
»Er wird kommen und sein Name wird sein Menschgott.«
»Gottmensch?«
»Nein, Menschgott. Das ist der Unterschied.«
»Sind nicht vielleicht Sie es, der hier das Lämpchen vor dem Heiligenbilde angezündet hat?«
»Ja, ich habe es angezündet.«
»Wieder gläubig geworden?«
»Die Alte liebt, daß das Lämpchen ... Heute hatte sie keine Zeit,« sagte Kirilloff undeutlich.
»Aber selbst beten Sie noch nicht?«
»Ich bete zu allem. Sehen Sie, eine Spinne kriecht dort an der Wand und ich bin ihr dankbar dafür, daß sie kriecht.«
Seine Augen brannten wieder. Er sah immer noch unverwandt Stawrogin an, mit festem, standhaftem Blick. Stawrogin beobachtete ihn finster und widerwillig, doch in seinem Blick lag kein Spott.
»Ich wette, daß Sie, wenn ich nächstens wiederkomme, bereits an Gott glauben werden.«
Er stand auf und nahm seinen Hut.
»Wieso?« Kirilloff erhob sich gleichfalls.
»Wenn Sie wüßten, daß Sie an Gott glauben, dann würden Sie an ihn glauben. Da Sie aber noch nicht wissen, daß Sie an ihn glauben, so glauben Sie auch noch nicht an ihn,« sagte Stawrogin mit einem flüchtigen Lächeln.
»Das ist es nicht.« Kirilloff dachte nach. »Sie haben den Gedanken umgekehrt. Ein Kavalierscherz. Denken Sie daran, was Sie in meinem Leben bedeutet haben, Stawrogin.«
»Leben Sie wohl, Kirilloff.«
»Kommen Sie wieder nachts; wann?«
»Ja, haben Sie denn schon vergessen, was morgen bevorsteht?«
»Ach, richtig, ich vergaß. Aber seien Sie unbesorgt, ich werde nicht verschlafen. Ich verstehe aufzuwachen, wann ich will. Ich lege mich hin und sage: um sieben Uhr -- und wache auf um sieben Uhr; um zehn Uhr -- und wache auf um zehn Uhr.«
»Sie haben ja merkwürdige Eigenschaften.« Stawrogin sah in sein bleiches Gesicht.
»Ich werde die Hofpforte aufmachen.«
»Bemühen Sie sich nicht, Schatoff wird mich hinauslassen.«
»Ach so, Schatoff. Gut. Leben Sie wohl.«
VI.
Die Flurtür des leeren Hauses, in dem Schatoff wohnte, war nicht verschlossen. Im Flur war es stockdunkel, so daß Stawrogin mit der Hand tastend nach der Treppe zu suchen begann. Da wurde plötzlich im oberen Stock eine Tür aufgemacht und ein Lichtschimmer ließ ihn die Treppe sehen. Schatoff trat selbst nicht heraus, er ließ nur die Tür offen stehen. Als Stawrogin oben anlangte und an der Türschwelle stehen blieb, sah er ihn in der anderen Ecke des Zimmers an seinem Tisch stehen und warten ...
»Würden Sie mich in einer Angelegenheit empfangen?« fragte Stawrogin, ohne einzutreten.
»Treten Sie ein. Setzen Sie sich,« antwortete Schatoff. »Schließen Sie die Tür. Warten Sie, ich werde selbst ...«
Er schloß die Tür, drehte den Schlüssel um und setzte sich dann Stawrogin gegenüber. Er war in dieser Woche merklich abgemagert und schien jetzt zu fiebern.
»Sie haben mich müde gequält,« sagte er halblaut murmelnd, den Blick zu Boden gesenkt. »Warum sind Sie nicht früher gekommen?«
»Sie waren so überzeugt, daß ich kommen werde?«
»Ja ... Warten Sie, ich habe im Fieber phantasiert ... vielleicht phantasiere ich auch jetzt noch ... Warten Sie.«
Er stand auf, ging zu seinem Bücherbrett und nahm von dem obersten der drei Bretter einen Gegenstand: es war ein Revolver.
»In einer Nacht träumte mir im Fieber, daß Sie kommen würden, um mich zu töten. Da habe ich mir am anderen Morgen von dem Taugenichts Lämschin für mein letztes Geld diesen Revolver gekauft. Ich wollte mich Ihnen nicht ergeben. Später kam ich wieder zu mir ... Ich habe weder Kugeln, noch Pulver ... seitdem liegt er hier auf dem Bücherbrett. Warten Sie.«
Er ging schon zum Fenster und wollte es öffnen.
»Nicht doch, warum hinauswerfen!« rief ihn Stawrogin zurück. »Er kostet Geld ... und morgen würden die Leute davon sprechen, daß unter Schatoffs Fenster Mordwerkzeuge liegen. Legen Sie ihn wieder hin. -- So. Und jetzt setzen Sie sich. Sagen Sie, warum beichten Sie mir förmlich Ihren Gedanken, daß ich zu Ihnen kommen würde, um Sie zu töten? Ich bin auch jetzt nicht gekommen, um mich mit Ihnen zu versöhnen, sondern um über etwas sehr Notwendiges mit Ihnen zu sprechen. Erklären Sie mir zunächst eines: Sie haben mich doch nicht wegen meiner Verbindung mit Ihrer Frau geschlagen?«
»Sie wissen doch selbst, daß ich nicht deswegen ...«
Schatoff sah wieder zu Boden.
»Und auch nicht wegen des dummen Klatsches über Darja Pawlowna?«
»Nein, nein, natürlich nicht! Blödsinn! Meine Schwester hat mir gleich zu Anfang gesagt ...« erwiderte Schatoff mit Ungeduld, schroff, und fast stampfte er mit dem Fuß auf.
»Also habe ich es richtig erraten ... und auch Sie haben das andere erraten,« fuhr Stawrogin ruhig fort. »Sie irren sich nicht, es ist so: Marja Timofejewna Lebädkin ist meine rechtmäßige, mir vor viereinhalb Jahren in Petersburg angetraute Frau. -- Sie haben mich doch ihretwegen geschlagen?«
Ganz bestürzt saß Schatoff da, hörte und schwieg.
»Ich ahnte es und konnte es doch nicht glauben,« murmelte er endlich und sah dabei Stawrogin sonderbar an.
»Und so schlugen Sie?«
Schatoff wurde feuerrot und stammelte fast zusammenhangslos:
»Ich habe es ... wegen Ihrer Erniedrigung ... für Ihren Fall ... Ihre Lüge ... Ich trat nicht an Sie heran, um Sie zu bestrafen ... Als ich auf Sie zuging, wußte ich selbst noch nicht, daß ich schlagen würde. Ich ... habe es deswegen ... weil Sie so viel in meinem Leben bedeutet haben ... Ich --«
»Verstehe, verstehe schon, sparen Sie die Worte. Es tut mir leid, daß Sie heute fiebern, denn ich muß über eine wichtige Sache mit Ihnen sprechen.«
»Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet.« Schatoff zitterte geradezu und erhob sich vom Stuhl. »Sprechen Sie von Ihrer Angelegenheit, ich werde dann sprechen ... nachher ...«
Er setzte sich wieder.
»Diese Sache hat mit alledem nichts gemein,« begann Stawrogin, der ihn mit Neugier beobachtete. »Gewisse Umstände haben mich gezwungen, heute noch diese späte Stunde zu wählen, um Sie zu benachrichtigen, daß man Sie vielleicht bald ermorden wird.«
Schatoff blickte ihn wild an.
»Ich weiß, daß mir Gefahr drohen könnte,« sagte er zurückhaltend, »aber -- wie können Sie denn das wissen?«
»Weil ich ebenfalls zu jenen gehöre und eben solch ein Mitglied des Bundes bin, wie Sie.«
»Sie ... Sie ... ein Glied des ... Bundes?«
»Ich sehe an Ihren Augen, daß Sie alles von mir erwartet hätten, nur das nicht,« sagte Stawrogin, mit kaum merklichem Lächeln. »Aber, erlauben Sie, dann wußten Sie also schon, daß man Sie ermorden will?«
»Nicht einmal gedacht habe ich daran! Und auch jetzt glaube ich es nicht, obschon Sie es sagen! Aber wer kann denn vor diesen Eseln sicher sein!« rief er plötzlich wütend und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich fürchte sie aber nicht! Ich habe mit ihnen gebrochen. Der eine ist viermal zu mir gekommen und hat mir gesagt, daß man austreten kann ... aber --« er sah auf Stawrogin -- »was wissen Sie denn eigentlich davon?«
»O, fürchten Sie nichts, ich betrüge Sie nicht,« fuhr Stawrogin kühl fort, mit dem Ausdruck eines Menschen, der nur eine Pflicht erfüllt. »Sie wollen mich examinieren: was ich davon weiß? Ich weiß, daß Sie in diesen Verband eingetreten sind, als Sie noch im Auslande waren, kurz vor Ihrer Reise nach Amerika und, ich glaube, gleich nach unserem letzten Gespräch, über das Sie mir dann ja in Ihrem Brief aus Amerika so viel geschrieben haben. Verzeihen Sie, bitte, daß ich nicht gleichfalls mit einem Brief darauf geantwortet habe, und nur ...«
»Das Geld schickten! Warten Sie einen Augenblick,« unterbrach ihn Schatoff, zog eilig das Schubfach des Tisches auf und suchte unter einem Stoß von Papieren einen Hundertrubelschein hervor. »Hier, bitte, nehmen Sie die hundert Rubel wieder, die Sie mir schickten, ohne Sie wäre ich dort umgekommen. Ich würde Ihnen die Summe noch lange nicht zurückgeben können, ... wenn nicht Ihre Mutter diese hundert Rubel vor neun Monaten ... nach meiner Krankheit ... mir meiner Armut wegen geschenkt hätte. Doch fahren Sie fort, bitte ...«
Schatoff war vor Aufregung ganz atemlos.
»In Amerika änderten Sie dann Ihre Anschauungen, und als Sie nach der Schweiz zurückgekehrt waren, wollten Sie sich vom Bunde lossagen. Man antwortete Ihnen nicht, sondern beauftragte Sie, hier in Rußland von irgend jemandem eine Setzmaschine in Empfang zu nehmen und sie so lange aufzubewahren, bis eine von jenen beauftragte Person sie Ihnen wieder abnehmen würde. Ich bin nicht über alle Einzelheiten unterrichtet, doch in der Hauptsache verhält es sich so, nicht wahr? Sie aber nahmen den Auftrag unter der Bedingung oder vielleicht auch nur in der Hoffnung an, daß es -- deren letzte Forderung sei, und Sie dann endgültig frei wären. Alles das habe ich nicht von jenen, sondern ganz zufällig erfahren. Ich möchte Sie nun auf eines aufmerksam machen, was Sie noch nicht zu wissen scheinen: daß nämlich jene Leute durchaus nicht die Absicht haben, Sie freizugeben.«
»Das ist unmöglich!« brüllte Schatoff auf. »Ich habe ihnen ehrlich erklärt, daß ich geistig nichts mehr mit ihnen gemein habe! Das ist mein Recht, das Recht meines Gewissens und meiner Überzeugung ... Ich werde das nicht dulden! Es gibt keine Macht, die ...«
»Wissen Sie, schreien Sie lieber nicht so,« fiel ihm Stawrogin sehr ernst ins Wort. »Dieser Werchowenski ist ein Mensch, der vielleicht in diesem Augenblick hier auf Ihrem Treppenflur zuhört, wenn nicht mit eigenen, so doch mit fremden Ohren, -- was sich ja schließlich gleich bleibt. Sogar der ewig betrunkene Lebädkin war verpflichtet, Sie zu beobachten, und Sie mußten vielleicht wiederum auf ihn aufpassen, -- war's nicht so? Übrigens, sagen Sie mir lieber, hat sich Werchowenski jetzt mit Ihren Argumenten einverstanden erklärt, oder nicht?«
»Er war einverstanden: er sagte, ich könne -- und ich hätte das Recht ...«
»Nun, dann betrügt er Sie. Ich weiß genau, daß sogar Kirilloff, der beinahe überhaupt nicht zu ihnen gehört, beauftragt war, Nachrichten über Sie zu schicken. Agenten haben sie in Mengen, und viele wissen es nicht einmal, daß sie dem Verbande dienen. Auf Sie hat man beständig aufgepaßt. Pjotr Stepanowitsch ist unter anderem auch deshalb hergekommen, um Ihre Angelegenheit endgültig zu erledigen: da Sie zu viel wissen und vielleicht sie alle verraten könnten, hat er die Vollmacht, Sie in einem passenden Augenblick zu beseitigen. Erlauben Sie mir, zu bemerken, daß jene die feste Überzeugung haben, daß Sie ein Spion sind, der, wenn er auch bis jetzt noch nichts verraten hat, es doch bestimmt tun wird. Ist das wahr?« fragte Stawrogin in einem ruhigen, ganz gewöhnlichen Tone.
Schatoff verzog den Mund, als er eine solche Frage in einem solchen Tone hörte.
»Und wenn ich ein Spion wäre -- wem sollte ich denn etwas verraten?« fragte er hämisch zurück. »Nein, lassen Sie das! Zum Teufel mit mir! Aber Sie!« rief er aus, sich plötzlich von neuem auf die Nachricht stürzend, die Stawrogin betraf, und die ihn sichtlich weit mehr erschüttert hatte, als die von seiner eigenen Gefahr. »Aber Sie, Sie, Stawrogin, wie konnten Sie sich in eine so schamlose, geistlose Knechtsgesellschaft verlieren! ... Sie, ein Mitglied dieser Bande! Ist denn das die Heldentat Nicolai Stawrogins!?« rief er ganz verzweifelt aus und erhob wie fassungslos die Hände, als könnte es nichts Bittereres und Trostloseres für ihn geben, als diese Entdeckung.
»Erlauben Sie --« wunderte Stawrogin sich tatsächlich, »Sie scheinen ja förmlich eine Sonne in mir zu sehen und sich selbst, im Vergleich zu mir, für so etwas wie ein Insekt zu halten? Auch aus Ihrem Brief aus Amerika habe ich das ...«
»Sie ... Sie wissen ... Eh, lassen wir mich aus dem Spiel!« brach Schatoff plötzlich das ab. »Aber wenn Sie über sich selbst etwas sagen, erklären könnten? ... Auf meine Frage? -- So tun Sie es!« bat er erregt.
»Mit Vergnügen. Sie fragen, wie ich mich in diesen Kreis verlieren konnte, in diese geistige Spelunke? Ich bin jetzt sogar verpflichtet, Ihnen einige Mitteilungen darüber zu machen. Genau genommen, gehöre ich durchaus nicht zu diesem Bunde, habe auch früher nicht zu ihm gehört und habe weit mehr das Recht, als Sie, ihn zu verlassen, da ich ausdrücklich niemals in ihn eingetreten bin. Im Gegenteil, ich habe den Leuten gleich zu Anfang erklärt, daß ich ihnen durchaus nicht sonderlich gewogen bin, -- und wenn ich ihnen zufällig einmal geholfen habe, so habe ich das nur wie ein müßiger Mensch getan. Ich habe teilweise an der Reorganisation des Verbandes nach einem neuen Plane mitgearbeitet, doch das ist auch alles. Jene aber sind jetzt bedenklich geworden und mit sich übereingekommen, daß auch ich ihnen gefährlich werden könnte, und deshalb bin auch ich, wenn ich mich nicht irre, zum Tode verurteilt.«
»Oh, mit Todesurteilen sind sie gleich bei der Hand, das geht bei ihnen schnell -- und alles vorschriftsmäßig auf bestempeltem Papier, das dann von dreieinhalb Menschen unterschrieben wird! Und Sie glauben, daß die dazu fähig wären! ...«
»Hierin haben Sie teilweise recht, teilweise auch nicht,« fuhr Stawrogin mit der früheren Gleichmütigkeit, fast Faulheit, fort. »Zweifellos ist auch viel Phantasie dabei, wie ja gewöhnlich in solchen Fällen, und in der Phantasie vergrößert das Häufchen sein Wachstum und seine Bedeutung. Ja, meiner Meinung nach besteht die ganze Gesellschaft, wenn Sie wollen, einzig und allein aus Pjotr Werchowenski, und er ist schon etwas zu bescheiden, wenn er sich nur für einen Agenten des Verbandes hält. Der Hauptgedanke, der der ganzen Sache zugrunde liegt, ist nicht gerade dümmer, als bei anderen Verbänden dieser Art. Sie haben Beziehungen zur Internationale. Es ist ihnen gelungen, sich in Rußland Agenten anzulegen, und sie haben sogar ein ziemlich originelles Verfahren erfunden ... doch selbstverständlich nur theoretisch. Was nun Sie und mich betrifft, ich meine, ihre Absichten mit uns, so ist ihre russische Organisation eine so dunkle Sache, daß man in der Tat auf alles mögliche gefaßt sein kann. Und vergessen Sie nicht, Werchowenski ist ein Mensch, der das, was er will, auch durchsetzt.«
»Diese Wanze, dieser ungebildete Flegel, dieser Flachkopf, der von Rußland überhaupt nichts versteht!« rief Schatoff wütend aus.
»Sie kennen ihn nur flüchtig. Es ist wahr, daß sie alle nur wenig von Rußland verstehen, aber schließlich doch wohl nur wenig weniger als Sie und ich. Außerdem ist Werchowenski Enthusiast.«
»Werchowenski Enthusiast?«
»O ja. Es gibt einen Punkt, wo er aufhört, bloß Narr zu sein, und sich in einen ... Halbverrückten verwandelt. Erinnern Sie sich bitte eines Ihrer eigenen Aussprüche: >wissen Sie auch, wie stark ein einzelner Mensch sein kann<? Bitte, lachen Sie nicht, er ist sogar sehr fähig, den Hahn eines Gewehres abzudrücken. Die Leute sind überzeugt, daß auch ich ein Spion bin. Und da sie die Sache nicht anzufassen verstehen, so beschuldigen sie mit Vorliebe andere der Spionage.«
»Aber Sie fürchten sie doch nicht.«
»N--nein ... Ich fürchte sie nicht sehr ... Doch mit Ihnen ist es etwas ganz anderes. Ich habe Sie wenigstens gewarnt, damit Sie sich einzurichten wissen. Es braucht einen nicht zu beleidigen, daß einem von Dummköpfen Gefahr droht. Aber wie ich sehe, ist es schon viertel nach elf.« Stawrogin blickte auf seine Uhr und erhob sich. »Ich möchte nur noch eine ganz nebensächliche Frage an Sie stellen.«
»Um Gottes willen!« rief Schatoff und sprang jäh auf.
»Sie meinen?« Stawrogin sah ihn fragend an.
»Sagen Sie, stellen Sie die Frage ... um Gottes willen!« wiederholte Schatoff in unbeschreiblicher Aufregung. »Aber mit der Bedingung, daß auch ich dann eine Frage stellen kann! Ich flehe Sie an ... daß auch ich ... Ich kann nicht mehr! -- Stellen Sie Ihre Frage.«
Stawrogin wartete ein wenig, dann begann er:
»Ich hörte, Sie hätten hier einigen Einfluß auf Marja Timofejewna gehabt, und diese soll Sie gern gesehen und Ihnen zugehört haben. Ist das wahr?«
»Ja ... sie sah ... Ja -- sie sah mich ...« stammelte Schatoff ein wenig wirr.
»Ich habe die Absicht, in diesen Tagen meine Heirat mit ihr hier in der Stadt öffentlich bekanntzumachen.«
»Ist das möglich?« flüsterte Schatoff fast entsetzt.
»Sie meinen das -- in welchem Sinne? ... Es liegen durchaus keine Schwierigkeiten vor. Die Trauzeugen sind hier. Es geschah, wie gesagt, damals in Petersburg vollkommen ruhig und rechtmäßig in Gegenwart der beiden Trauzeugen, Kirilloff und Pjotr Werchowenski, und von Lebädkin, den ich jetzt das Vergnügen habe, meinen Verwandten zu nennen. Es blieb bisher allen unbekannt, weil diese drei ihr Wort gaben, darüber zu schweigen.«
»Ich meinte nicht das ... Sie sagen es so ruhig ... aber fahren Sie fort! Hören Sie, man hat Sie doch nicht mit Gewalt zu dieser Ehe gezwungen, doch nicht mit Gewalt?«
»Nein, mich hat niemand mit Gewalt dazu gezwungen.« Stawrogin lächelte über Schatoffs einfältigen Eifer.
»Und was sie da von ihrem Kinde redet? ...« beeilte sich Schatoff, wirr, wie im Fieber.
»Von ihrem Kinde redet? Bah! Das wußte ich nicht; höre es zum erstenmal. Sie hat nie ein Kind gehabt und hätte es auch gar nicht haben können: Marja Timofejewna ist Mädchen.«
»Ah! Das dachte ich mir auch! Hören Sie!«
»Was fehlt Ihnen, Schatoff?«
Schatoff bedeckte sein Gesicht mit den Händen, wandte sich ab, kehrte sich dann wieder um und packte plötzlich Stawrogin fest an den Schultern.
»Wissen Sie denn auch, wissen Sie denn wenigstens,« rief er wieder laut, »warum Sie das alles getan haben und warum Sie sich jetzt zu dieser Buße entschließen?«
»Ihre Frage ist klug und boshaft, aber ich habe die Absicht, auch Sie in Erstaunen zu setzen. Ja, fast weiß ich es, warum ich damals geheiratet und warum ich mich jetzt entschlossen habe, diese >Buße<, wie Sie sagen, auf mich zu nehmen.«
»Lassen wir das ... davon später ... warten Sie ... sprechen Sie von der Hauptsache, von der Hauptsache ... Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet!«
»Ja?«
»Ich habe schon zu lange auf Sie gewartet, ich habe ununterbrochen an Sie gedacht! Sie sind der einzige Mensch, der's könnte ... Ich habe Ihnen schon aus Amerika davon geschrieben ...«
»Ich erinnere mich nur zu gut Ihres langen Briefes.«
»Der zu lang war, um durchgelesen zu werden? Einverstanden. Sechs Bogen ... Schweigen Sie, schweigen Sie! Sagen Sie: können Sie mir noch zehn Minuten schenken, aber gleich, jetzt gleich ... Ich habe zu lange auf Sie gewartet!«
»Bitte, auch eine halbe Stunde, aber nicht mehr, wenn's Ihnen möglich ist, sich damit zu begnügen.«
»Aber ... nur mit der Bedingung,« unterbrach ihn Schatoff jähzornig, »daß Sie Ihren Ton ändern. Hören Sie, ich verlange es, ich fordere es, während ich Sie doch darum anflehen müßte ... Verstehen Sie, was das heißt, zu fordern, wenn man weiß, daß man flehen müßte?«
»Ich verstehe, daß Sie sich so über alles Gewöhnliche erheben wollen, um eines höheren Zweckes willen.« Stawrogin lächelte kaum merklich. »Und mit Bedauern sehe ich, daß Sie im Fieber sind.«
»Ich bitte, mich zu achten, ich verlange es!« rief Schatoff. »Nicht meine Person selbst, zum -- Teufel mit ihr, -- aber das andere ... nur diesen einen Augenblick, für diese paar Worte ... Wir sind zwei Wesen und treffen uns hier außerhalb von Raum und Zeit ... zum letztenmal in der Welt. Lassen Sie diesen Ihren Ton, und nehmen Sie einen menschlichen an! Sprechen Sie doch ein einziges Mal im Leben mit einer menschlichen Stimme! Nicht um meinetwillen, sondern um Ihretwillen! Verstehen Sie denn nicht, daß Sie mir diesen Schlag in Ihr Gesicht schon deshalb verzeihen müssen, weil ich Ihnen damit Gelegenheit gegeben habe, Ihre grenzenlose Macht zu fühlen. Schon wieder lächeln Sie Ihr verächtliches, angeekeltes Gesellschaftslächeln! Oh, wann werden Sie mich endlich verstehen! Zum Teufel mit dem verfluchten Herrensohn in Ihnen! So begreifen Sie doch, daß ich das verlange, sonst will ich nicht mit Ihnen sprechen, werde es nicht tun, um keinen Preis, für nichts in der Welt!«
Seine fanatische Wut grenzte schon an Fieberwahnsinn. Stawrogins Gesicht verfinsterte sich und er wurde vorsichtiger.
»Da ich nun schon eingewilligt habe, noch eine halbe Stunde hier zu bleiben,« sagte er eindringlich und ernst, »obgleich meine Zeit sehr kostbar ist, so könnten Sie mir doch glauben, daß ich die Absicht habe, Sie wenigstens mit Interesse anzuhören.«
Er setzte sich wieder auf seinen Platz.
»Setzen Sie sich!« rief Schatoff plötzlich und setzte sich dann gleichfalls.
»Einstweilen erlauben Sie mir aber noch, Sie daran zu erinnern, daß ich meine Bitte an Sie, wegen Marja Timofejewna, eine Bitte, die wenigstens für Marja Timofejewna von großer Wichtigkeit ...«
»Nun?« Schatoff ärgerte sich, wie ein Mensch, den man plötzlich an der wichtigsten Stelle seiner Rede unterbricht, und der dann, wenn er seinen Widerpart auch ansieht, doch noch nicht den Sinn der Worte versteht.
»... Und Sie unterbrachen mich, noch bevor ich meine Bitte zu Ende sprechen konnte,« schloß Stawrogin lächelnd.
»Eh, was, Unsinn, nachher!« rief Schatoff und winkte, da er endlich diese Anmaßung begriff, nur angewidert ab und ging sofort gerade auf sein Ziel los.
VII.
»Wissen Sie auch,« begann er fast drohend, mit vorgebeugtem Körper und glänzenden Augen, wobei er den Zeigefinger seiner Rechten vor sich erhoben hielt, was er selbst gar nicht zu bemerken schien, »wissen Sie auch, welches jetzt das einzige Gotträgervolk ist, das da kommen wird, die Welt zu erlösen und zu erneuen mit dem Namen des neuen Gottes -- das einzige Volk, dem die Quellen des Lebens und des neuen Wortes gegeben sind ... Wissen Sie auch, welches Volk das ist und wie sein Name lautet?«
»Nach Ihrem Gebaren zu urteilen, muß ich unbedingt und wohl so schnell wie möglich sagen, daß dieses Volk das russische sei.«
»Und schon lachen Sie! Oh, Russen!«
Schatoff krallte vor Wut die Hand ins Haar.
»Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum. Im Gegenteil: ich hatte sogar gerade etwas von dieser Art erwartet.«
»Von dieser Art erwartet? Aber Ihnen selbst sind diese Worte nicht bekannt?«
»Oh, sie sind mir durchaus bekannt. Ich sehe nur zu gut, wohin Sie damit wollen. Alles, was Sie sagten, und sogar der Ausdruck >Gotträgervolk< ist nichts anderes, als die Schlußfolgerung aus unserem Gespräch, das wir vor zwei Jahren im Auslande hatten, kurz vor Ihrer Reise nach Amerika ... Wenigstens so weit ich mich dessen entsinnen kann.«
»Aber das ist ja doch Ihr Ausspruch, vom Anfang bis zum Ende Ihr Ausspruch -- und nicht der meinige! Ihre eigenen Worte, und nicht nur die Folgerung aus unserem Gespräch! Und wie können Sie überhaupt sagen >unserem< Gespräch! Es war da ein Lehrer, der große, mächtige Worte predigte, und es war da ein Schüler, der von den Toten auferstand und zuhörte. Ich war der Schüler und der Lehrer waren Sie.«
»Doch erlauben Sie, wenn ich mich recht entsinne, so war es gerade nach meinen Worten, daß Sie in jenen Bund eintraten und dann nach Amerika reisten?«
»Ja -- doch ich schrieb Ihnen darüber aus Amerika. Ich konnte mich damals noch nicht losreißen von all dem, woran ich mich von Kindheit auf festgesogen hatte, das das Entzücken all meiner Hoffnungen gewesen war und die Tränen meines ganzen Hasses und meiner ganzen Verzweiflung ... Oh, es ist schwer, die Götter zu wechseln! Ich glaubte Ihnen damals nicht, denn ich wollte nicht glauben und warf mich noch zum letztenmal in diese ... in diese Kloake ... Doch die Saat blieb und schoß auf und wuchs. Aber sagen Sie im Ernst: haben Sie meinen Brief aus Amerika überhaupt nicht gelesen?«
»Ich habe drei Seiten gelesen, die beiden ersten und die letzte, und das andere überflogen. Übrigens habe ich mir schon immer vorgenommen ...«
»Eh, einerlei, lassen Sie es, zum Teufel damit,« winkte Schatoff ab. »Wenn Sie aber Ihren früheren Worten untreu geworden sind, wie konnten Sie sie denn damals aussprechen? Das ist es, was mich jetzt würgt!«
»Ich habe auch damals nicht mit Ihnen gescherzt. Als ich Sie überzeugen wollte, bemühte ich mich vielleicht weit mehr um mich selbst, als um Sie,« antwortete Stawrogin rätselhaft.
»Nicht gescherzt! In Amerika habe ich drei Monate auf Stroh gelegen neben einem ... Unglücklichen, von dem ich erfuhr, daß Sie in derselben Zeit, als Sie in meine Seele Gott und die Heimat pflanzten, das Herz dieses selben, dieses Maniaken Kirilloff, vergifteten ... Sie haben Lüge und Verleumdung in ihm bestätigt und seine Vernunft schließlich zum Wahnsinn gebracht. Gehen Sie, sehen Sie ihn sich an ... Das ist jetzt Ihr Geschöpf! Aber Sie haben ihn ja gesehen ...«
»Erstens möchte ich Ihnen sagen, daß mir Kirilloff soeben selbst gesagt hat, daß er glücklich ist und vollkommen. Was Sie da von >derselben Zeit< sagen, das ist allerdings fast richtig -- aber was liegt daran? Ich wiederhole nochmals, daß ich weder Sie noch ihn betrogen habe.«
»Sie sind Atheist? Sind Sie jetzt Atheist?«
»Ja.«
»Und damals?«
»Ebenso wie heute.«
»Ich habe nicht für mich um Achtung gebeten, als ich das Gespräch begann. Das hätten Sie, bei Ihrem Verstande, wirklich verstehen können,« murmelte Schatoff unwillig.
»Ich bin nicht bei Ihrem ersten Worte aufgestanden, habe nicht dieses Gespräch abgebrochen, bin nicht fortgegangen, sitze noch jetzt hier und antworte gehorsam auf Ihre Fragen und ... Schreie -- also habe ich doch die Achtung vor Ihnen nicht vergessen.«
Schatoff unterbrach ihn mit einer Handbewegung:
»Erinnern Sie sich noch Ihres Ausspruchs: >ein Atheist kann nicht Russe sein< -- >ein Atheist hört sofort auf, Russe zu sein< -- erinnern Sie sich?«
»Ja?« fragte Stawrogin gleichsam.
»Sie fragen noch? Sie haben es vergessen? Und doch ist es einer der richtigsten Hinweise auf eine der wichtigsten Besonderheiten des russischen Geistes, die Sie erraten haben. Nein, das haben Sie nicht vergessen können! Und ich werde Sie an noch etwas erinnern. Damals sagten Sie sogar: >Ja, wer nicht rechtgläubig ist, der kann nicht Russe sein< ...«
»Mir scheint, das ist ein Gedanke der Slawophilen.«
»Nein. Die jetzigen Slawophilen würden sich von ihm lossagen. Heute ist ja alle Welt klüger geworden! Sie aber gingen damals noch weiter: Sie sagten, daß der Katholizismus überhaupt nicht mehr Christentum sei. Sie behaupteten, daß der Christus, den Rom verkündet, der dritten Versuchung des Satans nicht widerstanden hat, und daß Rom, wenn es alle Welt lehrt, Christus könne ohne Erdenreich auf der Erde nicht bestehen, damit den Antichrist verkündet und den ganzen Westen zugrunde gerichtet hat. Und Sie wiesen noch darauf hin, daß, wenn Frankreich sich quält, daran einzig der Katholizismus die Schuld trägt, denn Frankreich habe den stinkenden römischen Gott zwar verworfen, einen neuen Gott aber nicht zu finden vermocht. Ja, das alles haben Sie damals sagen können! Ich habe unsere Gespräche behalten.«
»Wenn ich gläubig wäre, so würde ich zweifellos auch jetzt noch dasselbe wiederholen: ich log nicht, als ich wie ein Gläubiger sprach,« sagte Stawrogin sehr ernst, »aber ich versichere Ihnen, daß diese Wiederholungen meiner früheren Gedanken einen unangenehmen Eindruck auf mich machen. Können Sie nicht abbrechen?«
»Wenn Sie gläubig wären?!« rief Schatoff, ohne der Bitte die geringste Beachtung zu schenken. »Aber wer war es denn, der mir einst sagte: >Wenn man mir mathematisch bewiese, daß die Wahrheit nicht in Christus ist, so würde ich es dennoch vorziehen, mit Christus zu bleiben, als mit der Wahrheit< --? Sollten Sie das wirklich nicht gewesen sein? Oder haben Sie das gesagt? Haben Sie's?«
»Aber erlauben Sie auch mir, endlich zu fragen,« -- Stawrogin erhob nun auch seine Stimme -- »was Sie mit diesem ungeduldigen und ... boshaften Examen eigentlich von mir wollen?«
»Dieses Examen vergeht und Sie werden nie wieder daran erinnert werden.«
»Sie bestehen immer noch darauf, daß wir außerhalb von Raum und Zeit sind?«
»Schweigen Sie!« fuhr ihn Schatoff plötzlich an. »Ich bin dumm und ungeschickt, doch mag mein Name in Lächerlichkeit untergehen -- darauf kommt's nicht an. Aber ... werden Sie mir gestatten, hier vor Ihnen wenigstens noch Ihren größten Gedanken von damals zu wiederholen ... nur zehn Zeilen, nur die letzte Zusammenfassung?«
»Wiederholen Sie ... wenn es wirklich nur die Zusammenfassung ist ...«
Stawrogin wollte schon nach der Uhr sehen, bezwang sich aber und tat es nicht.
Schatoff beugte wieder den Oberkörper vor und auf einen Augenblick erhob er sogar abermals den Zeigefinger.
»Noch kein einziges Volk,« begann er, als lese er Zeile für Zeile aus einem Buche ab, während er dabei Stawrogin unverändert streng ansah, »noch kein einziges Volk hat sich auf den Grundlagen der Vernunft und Wissenschaft aufgebaut und eingerichtet. Dieses Beispiel hat noch kein Volk gegeben, außer vielleicht für die Dauer von höchstens einem Augenblick, und dann geschah es aus Dummheit. Der Sozialismus muß schon seinem Wesen nach Atheismus sein, denn er verkündet gleich ausdrücklich und mit seinem ersten Satz, daß er seine Welt ausschließlich auf Vernunft und Wissenschaft aufzubauen beabsichtigt. Doch Vernunft und Wissenschaft haben im Leben der Völker stets, sowohl jetzt wie von jeher, nur eine zweitrangige und dienende Aufgabe erfüllt; und das werden sie bis zum Ende der Welt tun. Gestaltet und bewegt aber werden die Völker von einer ganz anderen Kraft, von einer befehlenden und zwingenden, deren Ursprung jedoch unbekannt und unerklärlich bleibt. Es ist die Kraft des unstillbaren Wunsches, zum Ende zu gelangen, und die sich zu gleicher Zeit ständig des Endes erwehrt. Es ist die Kraft der fortwährenden und unermüdlichen Bestätigung des Seins und Verneinung des Todes. Es ist der Geist der ewig fließenden Wasser des Lebens, wie die Heilige Schrift sagt, und mit deren Versiegen die Apokalypse so furchtbar droht. Es ist der ästhetische Trieb, wie die Künstler, es ist der moralische Trieb, wie die Philosophen ihn nennen. Ich sage einfach: >Es ist das Suchen nach Gott<. Das ewige Ziel der ganzen Bewegung eines Volkes, jedes Volkes, und jedes besondere Ziel in jedem Abschnitt seiner Geschichte ist immer und einzig sein Suchen nach Gott, nach seinem Gott, unbedingt nach seinem eigenen, seinem besonderen Gott, und dann der Glaube an diesen Gott als an den einzig wahren. Gott ist die synthetische Persönlichkeit eines ganzen Volkes von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Noch nie ist es vorgekommen, daß zwei oder mehrere Völker ein und denselben Gott gehabt hätten, sondern jedes Volk hat stets seinen eigenen Gott gehabt. Ein Anzeichen des Niedergangs der Völker ist es, wenn ihre Götter allgemein werden. Und wenn die Götter allgemein werden, dann sterben die Götter und stirbt der Glaube an sie zusammen mit den Völkern. Je stärker aber ein Volk ist, desto ausschließlicher ist auch sein Gott. Noch hat es nie ein Volk ohne Religion gegeben, das heißt, ohne Vorstellung von Gut und Böse. Jedes Volk hat seinen eigenen Begriff von Gut und Böse, und sein eigenes Gut und Böse. Wenn bei vielen Völkern die Begriffe von Gut und Böse gemeingültig zu werden beginnen, dann verwischt sich und verschwindet der Unterschied zwischen Gut und Böse und die Völker gehen zugrunde. Noch nie ist die Vernunft fähig gewesen, Gut und Böse zu erklären, oder auch nur Böse und Gut auseinanderzuhalten, wenn auch nur annähernd. Im Gegenteil, stets hat sie Gut und Böse nur schmählich und kläglich miteinander verwechselt. Die Wissenschaft aber hat immer nur rohe, plumpe Antworten gegeben. Und besonders hat sich darin die Halbwissenschaft ausgezeichnet, diese schrecklichste aller Geißeln der Menschheit, furchtbarer als Pest, Hunger und Krieg, die bis zum jetzigen Jahrhundert unbekannt war. Die Halbwissenschaft -- die ist ein Despot, wie es bisher noch keinen gegeben hat. Ein Despot, der seine Priester und Sklaven hat, ein Despot, vor dem alles in Liebe und mit einem Aberglauben sich beugt, der bisher undenkbar gewesen wäre, vor dem sogar die Wissenschaft selbst zittert und dem sie schmachvoll genug beipflichtet. -- Das sind alles Ihre eigenen Worte, Stawrogin, nur die über die Halbwissenschaft, die sind von mir, der ich selbst solch ein Halbwissenschaftler bin und sie darum hasse, wie ich nur etwas hassen kann. An Ihren Gedanken aber und sogar an Ihren Worten habe ich nichts geändert, nicht eine einzige Silbe.«
»Ich glaube nicht, daß Sie nichts verändert haben,« bemerkte Stawrogin vorsichtig, »Sie haben alles leidenschaftlich erfaßt und es auch leidenschaftlich verändert -- vielleicht ohne es zu bemerken. Schon allein, daß Sie Gott zu einem einfachen Attribut des Volkes erniedrigen --«
Er begann plötzlich, Schatoff mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit zu betrachten, nicht einmal so sehr auf seine Worte zu hören, als ihn selbst zu beobachten.
»Ich erniedrige Gott zu einem Attribut des Volkes! Im Gegenteil, ich erhebe das Volk bis zu Gott! Das Volk, -- das ist der Körper Gottes. Jedes Volk ist nur so lange Volk, wie es noch seinen besonderen, seinen eigenen Gott hat, und all die anderen Götter auf der Welt stark und grausam von sich stößt; so lange es noch glaubt, daß es nur mit seinem Gott siegen und alle anderen Götter und Völker sich unterwerfen kann. Das haben alle großen Völker der Erde von sich und ihrem Gotte geglaubt, wenigstens alle einigermaßen hervorragenden, alle, die einmal an der Spitze der Menschheit gestanden. Die Juden haben nur zu dem Zweck gelebt, um den wahren Gott zu erwarten, und so haben sie denn jetzt der Welt den wahren Gott hinterlassen. Die Griechen haben die Natur vergöttert und der Welt ihre griechische Religion, das heißt, Philosophie und Kunst, hinterlassen. Rom hat das Volk im Staate vergöttert und den Völkern den Staat vermacht. Frankreich war in seiner ganzen langen Geschichte nur die Verkörperung und Entwicklung des Gottes >Katholizismus<; und wenn es diesen seinen römischen Gott schließlich in den Orkus warf und sich dem Atheismus hingab, der bei den Franzosen vorläufig noch Sozialismus heißt -- so geschah das nur deshalb, weil der Atheismus schließlich doch gesünder ist als der römische Katholizismus. Wenn ein großes Volk nicht glaubt, daß in ihm allein die Wahrheit ist (gerade in ihm allein und unbedingt ausschließlich in ihm), wenn es nicht glaubt, daß es ganz allein fähig und berufen ist, alle anderen Völker zu erwecken und sie mit seiner Wahrheit zu erretten, so wird es sofort zu ethnographischem Material, doch nicht zu einem großen Volk! Ein wahrhaft großes Volk kann sich auch nie mit einer zweitrangigen Rolle in der Menschheit zufrieden geben, ja, noch nicht einmal mit einer erstrangigen, sondern es muß unbedingt und ausschließlich das Erste unter den Völkern sein wollen. Ein Volk, das diesen Glauben verliert, ist kein Volk mehr. Doch da es nur eine Wahrheit gibt, so kann auch nur ein einziges Volk den einzigen wahren Gott haben, mögen andere Völker auch ihre eigenen und noch so großen Götter besitzen. Das einzige Gotträgervolk aber -- das sind wir, das ist das russische Volk, und ... und ... und sollten Sie mich wirklich für so dumm halten, Stawrogin,« brüllte er plötzlich voll Ingrimm, »daß ich nicht mehr zu unterscheiden vermag, ob diese meine Worte altes, mürbes Gewäsch sind, das von allen möglichen Moskauer Slawophilenmühlen schon durch und durch gemahlen ist, oder ob es neue Worte sind, vollständig reine und neue Worte, die letzten Worte, die einzigen Worte der Erlösung und Auferstehung und ... Eh, was geht mich jetzt in diesem Augenblick Ihr Lachen an! Was geht es mich an, daß Sie mich überhaupt nicht, überhaupt nicht verstehen, kein Wort, keinen Ton ... Oh, wie unsagbar ich es verachte, Ihr stolzes Lachen und Ihren stolzen Blick gerade jetzt!«
Er sprang auf, sogar Schaum war auf seinen Lippen.
»Im Gegenteil, Schatoff, ganz im Gegenteil,« sagte Stawrogin ungewöhnlich ernst, ohne sich von seinem Platz zu erheben, »im Gegenteil, Sie haben mit Ihren glühenden Worten ungemein starke Erinnerungen in mir wachgerufen. Ich finde meine eigene Stimmung von damals, vor zwei Jahren, wieder, und jetzt werde ich Ihnen schon nicht mehr sagen, daß Sie meine Gedanken vergrößert haben. Es scheint mir sogar, daß ich sie noch schärfer, noch autokratischer damals prägte, und ich versichere Ihnen auf jeden Fall, daß ich sogar sehr gerne alles bestätigen würde, was Sie da sagten, aber ...«
»Aber Sie brauchen den Hasen?«
»Wa--as?«
»Das ist ja Ihr eigener, gemeiner Ausdruck!« lachte Schatoff höhnisch auf und setzte sich wieder. »>Um eine Hasensauce zu machen, braucht man einen Hasen, und um an Gott zu glauben, muß erst Gott da sein.< Das sollen Sie in Petersburg gesagt haben, à la Nosdreff,[37] der den Hasen an den Hinterbeinen fangen wollte.«
»Nein, Nosdreff prahlte, er hätte ihn bereits gefangen. Übrigens, erlauben Sie eine Frage, zumal ich jetzt wohl das volle Recht dazu haben dürfte: Ist Ihr Hase eigentlich schon gefangen oder läuft er noch?«
»Unterstehen Sie sich nicht, mich mit solchen Worten zu fragen! Fragen Sie mit anderen, mit anderen!« Schatoff zitterte plötzlich.
»Wie Sie wünschen. Also mit anderen.« Stawrogin sah ihn mit hartem Blick an. »Ich wollte nur wissen: glauben Sie selbst an Gott, oder nicht?«
»Ich glaube an Rußland, ich glaube an seine Rechtgläubigkeit ... Ich glaube an den Leib Christi ... Ich glaube, daß die neue Wiederkunft in Rußland geschehen wird ... Ich glaube ...« stammelte Schatoff wie in Verzückung.
»Aber an Gott? An Gott?«
»Ich ... ich werde glauben -- an Gott.«
Kein einziger Muskel bewegte sich im Gesicht Stawrogins. Schatoff sah ihn glühend, mit Herausforderung an, ganz als hätte er ihn verbrennen wollen mit seinem Blick.
»Ich habe Ihnen doch nicht gesagt, daß ich überhaupt nicht glaube,« rief er schließlich. »Ich gebe doch nur zu verstehen, daß ich ein unglückliches, langweiliges Buch bin und vorläufig nichts weiter, vorläufig ... Aber was liegt an mir! Es liegt ja alles bei Ihnen! Ich bin nur ein unbegabter Mensch und kann nur mein Blut hingeben und weiter nichts, wie jeder unbegabte Mensch. So mag denn mein Blut auch fließen! Ich spreche jetzt von Ihnen. Ich habe zwei Jahre hier auf Sie gewartet ... Nur um Ihretwillen tanze ich jetzt hier nackt vor Ihnen. Nur Sie ... Sie allein könnten die Fahne erheben! ...«
Er sprach nicht zu Ende und wie in Verzweiflung stützte er die Arme auf den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen.
»Ich möchte, da Sie darauf zu sprechen gekommen sind, nur eines bemerken, als Kuriosität,« unterbrach Stawrogin plötzlich die Stille. »Warum wollen mir alle immer eine Fahne aufdrängen? Auch Pjotr Stepanowitsch ist überzeugt, ich allein könnte ihre >Fahne erheben<, -- wenigstens hat man mir diesen Ausspruch von ihm wiedergegeben. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, ich wäre fähig, für sie die Rolle eines Stenka Rasin[38] zu spielen, dank meiner >ungewöhnlichen Fähigkeit zum Verbrechen< -- gleichfalls seine Worte.«
»Wie? Dank Ihrer >ungewöhnlichen Fähigkeit zum Verbrechen?<« fragte Schatoff.
»Genau so.«
»Hm! ... Aber ist es wahr,« fragte Schatoff mit einem bösen Lächeln, »daß Sie in Petersburg zu einer viehischen, wollüstigen Gesellschaft gehört haben? Daß Sie sich selbst gerühmt haben, der Marquis de Sade hätte von Ihnen noch lernen können? Daß Sie Kinder zu sich gelockt und verdorben haben? Antworten Sie! Und wagen Sie nicht, zu lügen! Stawrogin kann nicht lügen -- vor Schatoff, der ihn ins Gesicht geschlagen hat! Sagen Sie, sagen Sie alles, und wenn es wahr ist, so werde ich Sie auf der Stelle totschlagen!« schrie Schatoff wie wahnsinnig.
»Diese Worte habe ich gesagt, aber Kindern habe ich nichts angetan,« sagte Stawrogin schließlich, aber erst nach einem gar zu langen Schweigen.
Er war erblaßt und seine Augen glühten.
»Aber Sie haben es gesagt!« fuhr Schatoff herrisch fort, ohne seinen sprühenden Blick von ihm abzuwenden. »Und ist es wahr, daß Sie versichert haben, Sie wüßten keinen Schönheitsunterschied zwischen irgendeinem wollüstigen, tierischen Streiche und gleichviel welcher Heldentat, und wäre es selbst das Opfer des Lebens für die Menschheit? Ist es wahr, daß Sie in beiden Polen die gleiche Schönheit fanden, den gleichen Genuß?«
»So zu antworten ist unmöglich ... ich will nicht antworten,« murmelte Stawrogin, der jetzt sehr gut hätte aufstehen und fortgehen können und doch nicht aufstand und nicht fortging.
»Ich weiß es auch nicht, warum das Böse häßlich und das Gute schön ist, aber ich weiß, warum die Empfindung dieses Unterschieds erlischt und verloren geht bei solchen Herrschaften, wie Stawrogin und seinesgleichen,« ließ Schatoff, am ganzen Körper bebend, nicht davon ab. »Wissen Sie auch, warum Sie damals geheiratet haben, so schmachvoll, schändlich und gemein? Gerade deshalb, weil hier die Schmach und Gemeinheit schon an Genialität grenzte! Oh, Sie schlendern nicht bloß so am Rande, Sie stürzen sich dreist mit dem Kopf voran in den Abgrund hinab. Aus Leidenschaft zur Qual haben Sie geheiratet, aus Leidenschaft zu Reue und Gewissensbissen, aus geistiger, sittlicher Wollust. Hier waren Ihre Nerven wund ... Die Herausforderung an die gesunde Vernunft, die hierin lag, war schon gar zu verführerisch! Stawrogin! und eine häßliche, schwachsinnige Bettlerin, die dazu noch krüppelig ist! -- Als Sie den Gouverneur ins Ohr bissen, empfanden Sie da nicht Wollust? Empfanden Sie sie? Müßiger, sich herumtreibender Herrensohn, empfanden Sie sie?«
»Sie sind Psychologe,« sagte Stawrogin, der bleicher und bleicher wurde, »obschon Sie sich in den Gründen meiner Heirat teilweise irren ... Wer hat Ihnen übrigens all dieses mitteilen können? ...« Er zwang sich zu einem Spottlächeln. »Doch nicht Kirilloff? Aber der war ja gar nicht zugegen ...«
»Warum sind Sie bleich geworden?«
»Was wollen Sie nur von mir?« Stawrogin erhob schließlich die Stimme: »Ich habe hier eine halbe Stunde unter Ihrer Knute gesessen, nun könnten Sie mich doch wenigstens höflich fortgehen lassen ... wenn Sie in der Tat keinen vernünftigen Grund haben, mit mir in dieser Art umzugehen.«
»Vernünftigen Grund?«
»Zweifellos. Es wäre zum mindesten Ihre Pflicht, mir zu sagen, was Sie eigentlich bezwecken. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, daß Sie es tun würden. Ich habe aber nur eine einzige rasende Bosheit in Ihnen gefunden. Ich bitte Sie, mir die Hofpforte zu öffnen.«
Er erhob sich. Schatoff stürzte ihm nach, wild vor Grimm.
»Küssen Sie die Erde, tränken Sie sie mit Tränen, bitten Sie um Vergebung!« rief er, ihn an der Schulter packend.
»Ich habe Sie nicht erschlagen ... an jenem Sonntagmorgen ... Ich nahm beide Hände zurück ...« sagte Stawrogin wie im Schmerz und sah zu Boden.
»So sprechen Sie doch, so sagen Sie doch alles! Sie kamen her, um mich vor der Gefahr zu warnen, Sie ließen es zu, daß ich sprach, und morgen wollen Sie Ihre Heirat öffentlich bekanntmachen! ... Sehe ich es denn nicht Ihrem Gesicht an, daß Sie mit irgendeinem neuen furchtbaren Gedanken ringen ... Stawrogin, warum bin ich dazu verurteilt, bis in alle Ewigkeit an Sie zu glauben? Hätte ich denn mit einem anderen so sprechen können? Ich habe Keuschheit, aber ich habe mich meiner Nacktheit nicht geschämt, -- denn es war Stawrogin, vor dem ich sprach! Ich habe mich nicht gefürchtet, den großen Gedanken durch meine Berührung zu karikieren, denn Stawrogin hörte mir zu! ... Und werde ich denn nicht die Spuren Ihrer Tritte küssen, wenn Sie fortgegangen sind? Ich kann nicht, ich kann Sie nicht aus meinem Herzen reißen, Nicolai Stawrogin!«
»Es tut mir leid, daß ich Sie nicht lieben kann, Schatoff!« sagte Stawrogin kalt.
»Ich weiß, daß Sie es nicht können, und ich weiß auch, daß Sie nicht lügen. Aber hören Sie, ich werde alles gut machen: ich werde Ihnen den Hasen verschaffen!«
Stawrogin schwieg.
»Sie sind Atheist, weil Sie ein Herrensohn sind, der letzte Herrensohn. Sie haben den Unterschied zwischen Gut und Böse verloren, denn Sie haben aufgehört, Ihr Volk zu verstehen ... Es steigt eine neue Generation herauf, unmittelbar aus dem Herzen dieses Volkes, doch Sie werden sie nie erkennen, weder Sie noch die Werchowenski, Vater und Sohn, noch ich, denn auch ich bin ein Herrensohn, ja, ich, der Sohn Ihres leibeigenen Dieners Paschka ... Hören Sie, verschaffen Sie sich Gott durch Arbeit -- hierin liegt der ganze Kern ... Oder verschwinden Sie als gemeine, faulende Schimmelschicht ... Erwerben Sie sich Gott durch Arbeit!«
»Gott durch Arbeit? Mit welcher Arbeit?«
»Mit gemeiner Bauernarbeit! Gehen Sie, werfen Sie Ihren ganzen Reichtum hin ... Ah! Sie lachen, Sie fürchten wohl, daß eine Posse dabei herauskommen wird?«
Doch Stawrogin lachte nicht.
»So glauben Sie, daß man Gott durch Arbeit erringen kann, und zwar gerade Bauernarbeit?« wiederholte er nachdenklich, als hätte man ihm in der Tat etwas Neues und Ernstes gesagt, worüber nachzudenken sich lohnte. »Aber wissen Sie auch,« sagte er plötzlich, auf etwas anderes übergehend, »daß ich durchaus nicht reich bin und fast nichts mehr hinwerfen könnte? Ich bin sogar kaum imstande, die Zukunft Marja Timofejewnas sicherzustellen ... Ja, und damit ich es nicht vergesse: ich wollte Sie bitten, Marja Timofejewna auch fernerhin, wenn es Ihnen möglich ist, beizustehen, da doch nur Sie allein einen gewissen Einfluß auf ihren armen Verstand haben könnten. Ich sage das nur auf alle Fälle.«
»Schon gut, schon gut!« Schatoff winkte mit der einen Hand ab, während er mit der anderen das Licht hielt. »Sie reden von Marja Timofejewna, gut, ich werde schon, das ist ja selbstverständlich ... Aber hören Sie, gehen Sie zu Tichon.«
»Zu wem?«
»Zu Tichon. Er ist ein früherer Bischof, der jetzt -- krankheitshalber zurückgezogen -- hier in der Stadt wohnt, hier in unserem Jefimjeff-Kloster.«
»Und --?«
»Nichts weiter. Man pilgert und fährt jetzt zu ihm. Gehen Sie auch zu ihm, was macht es Ihnen denn aus? Gehen Sie auch!«
»Höre es zum erstenmal und ... Diese Sorte Menschen habe ich noch nie gesehn. Ich danke Ihnen, ich werde hingehen.«
»Hierher!« Schatoff leuchtete und geleitete ihn die Treppe hinunter.
»So,« sagte er und stieß die Hofpforte sperrangelweit zur Straße auf.
»Ich werde nicht mehr zu Ihnen kommen, Schatoff,« sagte Stawrogin leise, indem er durch die Pforte trat.
Die Nacht war nach wie vor finster und der Regen hatte noch immer nicht aufgehört ...
Siebentes Kapitel. Die Nacht (Fortsetzung)
I.
Er ging die ganze Bogojawlenskstraße hinunter; schließlich führte der Weg leicht abwärts, seine Füße glitschten im Schlamm, und plötzlich öffnete sich vor ihm im Dunkeln ein breiter, nebliger, gleichsam leerer Raum -- der Fluß. Die Häuser waren hier nicht mehr Häuser zu nennen, sondern Hütten, und die Straße hatte sich in vielen Sackgassen und Gäßchen verloren. Nicolai Wszewolodowitsch ging eine ganze Weile an den Zäunen entlang, ohne sich vom Flußufer zu entfernen, verfolgte aber standhaft seinen Weg, doch eigentlich ohne viel an ihn zu denken. Er war mit ganz anderen Dingen beschäftigt und sah sich erstaunt um, als er sich plötzlich, aus tiefem Denken erwachend, fast in der Mitte unserer langen, nassen Floßbrücke fand. Keine Seele ringsum. Nichts rührte sich. Um so sonderbarer erschien es ihm da, als plötzlich fast unmittelbar neben seinem Ellenbogen eine höflich familiäre, doch übrigens ganz angenehme Stimme ertönte, aber in jenem süßlich abgerundeten Redefluß, mit dem bei uns gar zu zivilisierte Kleinbürger oder lockenhäuptige junge Kommis in den Kaufläden zu paradieren pflegen.
»Würde mir der gnädige Herr nicht erlauben, das Regenschirmchen mit eins zu benützen?«
Und tatsächlich, eine Gestalt drückte sich unter seinen Schirm, oder tat wenigstens so, als wage sie es. Der Strolch ging neben ihm, ihn fast »mit dem Ellenbogen fühlend«, wie unsere Soldaten sagen. Nicolai Wszewolodowitsch verlangsamte den Schritt und beugte sich ein wenig, um dem Unbekannten ins Gesicht sehen zu können, soweit das in der Finsternis möglich war: ein Mensch, nicht groß von Wuchs und in etwa wie ein heruntergekommener, verbummelter Kleinbürger, schlecht und nicht warm gekleidet; auf dem krausen, zottigen Haar saß schief eine nasse Tuchmütze mit halbabgerissenem Schirm. Es schien ein schwarzhaariger Mensch zu sein, mager und braun; die Augen waren groß, unbedingt schwarz, mit jenem starken Glanz und gelben Schimmer, wie ihn Zigeuner haben, -- das erriet man in der Dunkelheit. Alt mochte er sein -- gegen vierzig, und er war nicht betrunken.
»Du kennst mich?« fragte Stawrogin.
»Herr Stawrogin, Nicolai Wszewolodowitsch. Man hat Sie mir auf der Bahnstation gezeigt, kaum daß die Maschine hielt, akkurat am vorvergangenen Sonntag. Außer daß man schon früher von Ihnen gehört hat.«
»Von Pjotr Stepanowitsch? Du ... du bist der Zuchthäusler Fedjka?«
»Getauft hat man mich Fjodor Fjodorowitsch. Hab bis auf den heutigen Tag noch eine leibliche Mutter in hiesiger Gegend, eine alte Gottesdienerin, die zur Erde wächst, für uns selber Tag und Nacht alleweil zu Gott betet, damit daß sie nicht ganz umsonst ihre Altweiberzeit auf dem Ofen verliert.«
»Du bist aus dem Zuchthause entsprungen?«
»Ich hab' halt selber mein Los verändert und ihnen da den ganzen Krempel hingeworfen. Denn ich war halt beinah auf Lebenszeit zur Zwangsarbeit verurteilt, und da war's denn schon ganz absonderlich lang auf das Ende zu warten ...«
»Was treibst du hier?«
»Ja, so, ein Tag und eine Nacht und immer ist noch nichts gemacht. Die Zeit vergeht halt von selber. Was unser Onkel ist, der ist hier in der vorigen Woche im Gefängnis gestorben, wo er von wegen falscher Gelder saß, und da hab ich denn ein Gedächtnisfeierchen für ihn gemacht und dabei so selbentlich zweimal zehn Rubel an die Hunde gebracht -- das ist auch alles von unseren Taten bis eben jetzt. Und dabei haben Pjotr Stepanowitsch die Möglichkeit, uns einen Paschport auf ganz Rußland zu verschaffen, als was das Herz nur will, sogar als Kaufmann. Und da wart ich denn, bis er mir seinen Segen schenkt. Darum sagen sie, -- ich meine: er, Pjotr Stepanowitsch --, darum sagt er, daß Papa dich im englischen Klub beim Kartenspiel verspielt hat, und so finde ich, sagt er, ich meine Pjotr Stepanowitsch, so finde ich diese Unmenschlichkeit ungerecht. -- Sie könnten mir doch, gnädiger Herr, mit drei Rubelchen so zum Erwärmen, für ein Teechen, wohlwollen?«
»Du hast mir hier also aufgelauert. Das liebe ich nicht. Auf wessen Befehl hast du es getan?«
»Was von Befehl, so ist davon gar nichts gewesen: ich kenn' nur bloß auch Ihre Menschenliebe, wie alle Welt es eben tut. Denn unsere Einkünftekens, Sie wissen ja selbst, Herr, daß die halt 'ne Maus auf'm Schwanz fortschleppen kann. Das war vor'gen Freitag, da habe ich mich mal vollgeschlagen mit Fleisch, wie Martyn mit Seife, wie man zu sagen pflegt, aber seit damals hab ich den ersten Tag nichts gegessen, den zweiten gefastet und den dritten wieder nichts. Wasser ist ja im Fluß, bei Gott, so viel du willst, aber davon allein kann man im Magen doch nur Karauschen züchten ... Na, und so überhaupt, der gnädige Herr werden doch wohl von den Mildtätigen sein? Und ich hab hier gerade 'ne Gevatterin nich weit, die mich erwartet: nur komm du nich ohne Rubelchen zu ihr!«
»Was hat dir denn Pjotr Stepanowitsch von mir versprochen?«
»Nicht, daß er mir was vorversprochen hat, er hat nur so mit Worten gesagt, daß ich, nu ja, dem gnädigen Herrn mal nötig sein könnte, wenn solch ein Streifen mal vorkommt; aber zu was, das hat er eigentlich nich so geradeheraus gesagt, so mit Genauigkeit, denn Pjotr Stepanowitsch will nur so zum Beispiel sehen, ob ich nich Kosakengeduld habe, und Vertrauen hat er nich für 'ne Kopeke zu mir.«
»Warum denn nicht?«
»Ja, Pjotr Stepanowitsch mag wohl ein Astrolom sein und hat jetzt vielleicht auch alle Gottesplaneten erkannt, aber der Allerklügste ist er doch noch nich. Ich bin vor Ihnen, gnädiger Herr, wie vor Gottes Antlitz selber, denn ich hab vieles gehört, was man so spricht von Ihnen. Pjotr Stepanowitsch -- das ist eins, aber Sie, gnädiger Herr, das ist es eben, sind das andere. Wenn der von einem Menschen sagt: 'n Gauner, so ahnt ihm schon außer diesem von diesem Menschen gar nichts mehr. Sagt er: 'n Kamel, so kann der Mensch bei ihm schon nie und nimmer einen anderen Namen kriegen. Ich aber, ich bin vielleicht, kann sein, nur am Dienstag und Mittwoch 'n Kamel, aber Donnerstag vielleicht auch klüger als er selber. Jetzt weiß er bloß eben von mir, daß ich gerade große Sehnsucht nach einem Paschport habe, denn wissen Sie, in Rußland geht's ohne Dokumentchen auf keinerlei Art -- und schon glaubt er, er hat meine Seele in der Hand! Hehe, gepfiffen! Ich sag Ihnen, Herr, Pjotr Stepanowitsch hat's furchtbar leicht zu leben auf der Welt, denn, sehen Sie, er stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er denn auch mit ihm. Dazu ist er noch geizig, daß es schon gar keine Art mehr mit ihm hat. Er glaubt, daß ich außer als durch ihn schon nie nich wagen werde, Sie zu belästigen, aber ich bin vor Ihnen, gnädiger Herr, wie vor'm Angesicht des leibhaftigen Gottes selber, -- schon die vierte Nacht erwarte ich den gnädigen Herrn hier auf dieser Brücke, in der Sache, daß ich auch ohne ihn mit leisen Schritten, wie man sagt, meinen eigenen Weg finden kann. Besser, denke ich, du verneigst dich vor 'nem Stiefel als vor 'nem Bastschuh.«
»Wer hat es dir denn gesagt, daß ich nachts über diese Brücke gehen werde?«
»Ja, das ist schon, muß ich sagen, von anderweitig herausgekommen, mehr aus der Dummheit des Hauptmann Lebädkin, denn der kann schon gar nichts für sich behalten ... Also dann drei Rubelchen vom gnädigen Herrn für die drei Nächte, als für die Langeweile, zum Beispiel? Und daß die Kleider quatschnaß sind, davon schweigen wir schon allein von wegen der Beleidigung.«
»Ich gehe jetzt nach links und du nach rechts; die Brücke ist zu Ende. Höre, Fedjka, ich liebe es, daß man meine Worte ein für allemal behält: ich gebe dir keine Kopeke und werde dich niemals -- hörst du? -- niemals brauchen; ferner werde ich dich weder hier auf der Brücke noch sonst wo treffen, verstanden? Und wenn du dir das nicht merkst -- so binde ich dich und übergebe dich der Polizei. Jetzt -- marsch!«
»O je! Aber für die Unterhaltung schmeißen Sie mir doch wenigstens was -- es war doch lustiger, so zu gehen.«
»Pack dich!«
»Ja, aber wissen Sie denn hier auch den Weg? Hier gehen ja doch so verdrehte Wege ... ich könnte zeigen, denn die hiesige Stadt auf diesem Ufer -- das ist doch ganz, als ob der Teufel sie im Korb getragen hätte: alles hat er durcheinandergeschüttelt.«
»Zum ... Ich binde dich!« wandte sich Stawrogin drohend nach ihm um.
»Denken Sie nach, vielleicht doch, gnädiger Herr? Kann man denn eine Waise lange beleidigen?«
»Du scheinst ja wirklich auf dich zu bauen!«
»Ach, gnädiger Herr, ich baue auf Sie, aber nicht, daß ich sonderlich auf mich baute!«
»Ich brauche dich nicht, hab ich dir schon gesagt!«
»Aber ich brauche doch Sie, gnädiger Herr! Das ist es ja eben. Nu, werde also warten, bis Sie zurückkommen.«
»Mein Wort: wenn ich dich antreffe, binde ich dich!«
»So werd' ich denn schon einen Gurt bereit halten. Glückliche Reise, gnädiger Herr; haben doch alleweil mit dem Schirmchen 'ne Waise beschützt; schon dafür allein werden wir bis zum Grabe dankbar sein, gnädiger Herr.«
Er blieb zurück. Stawrogin ging besorgt weiter. Dieser plötzlich aus der Nacht aufgetauchte Mensch war von seiner Notwendigkeit für ihn doch schon gar zu überzeugt und beeilte sich doch schon zu schamlos, ihm das zu zeigen. Überhaupt machte man mit ihm jetzt keine Umstände mehr. Aber es konnte doch auch sein, daß der Strolch nicht alles gelogen und seine Dienste wirklich nur von sich aus angeboten hatte, und zwar gerade heimlich, hinter Pjotr Stepanowitschs Rücken. Das aber gab dann doch am meisten zu denken.
II.
Das Haus, zu dem Stawrogin ging, lag an einer öden, entlegenen Gasse buchstäblich am äußersten Rande der Vorstadt, zwischen niedrigen Zäunen, hinter denen sich Gemüsegärten hinzogen. Es war ein alleinstehendes kleines hölzernes Haus, das man gerade erst erbaut hatte und das von außen noch nicht einmal mit Brettern beschlagen war. Die Läden des einen Fensters hatte man wohl absichtlich nicht geschlossen, denn auf dem Fensterbrett stand ein brennendes Licht, augenscheinlich als Wegweiser und Zeichen für den spät erwarteten Gast. Schon von weitem, über dreißig Schritte von der Tür, erkannte Stawrogin auf der kleinen Haustreppe die Gestalt eines Menschen von hohem Wuchs, der offenbar über dem Warten die Geduld verloren hatte und herausgetreten war. Da hörte er auch schon seine Stimme, voll Ungeduld und doch gleichsam zaghaft.
»Sind Sie es? Sie?«
»Ich bin's,« antwortete Stawrogin, doch nicht eher, als bis er ganz herangetreten war und den Schirm schloß.
»Endlich!« Hauptmann Lebädkin trat hin und her und bewegte sich mit geschäftigem Diensteifer. »Das Schirmchen, wenn ich bitten darf; sehr naß heute; ich werde es aufschlagen und hier in der Ecke auf den Fußboden stellen. Bitte -- bitte einzutreten, hier geht's hinein; bitte schön.«
Die Tür aus dem Flur ins Wohnzimmer, in dem zwei Kerzen brannten, stand weit offen.
»Wenn Sie nicht selbst Ihr unbedingtes Kommen angesagt hätten, so hätte ich es schon aufgegeben, Sie zu erwarten.«
»Viertel vor eins,« sagte Stawrogin, der ins Zimmer trat, nach einem Blick auf seine Uhr.
»Und dabei noch Regen -- und eine so interessante Entfernung ... Eine Uhr habe ich nicht, und vor dem Fenster nur Gemüsegärten, da -- da bleibt man hinter den Ereignissen zurück. -- Aber das soll kein Vorwurf sein, das wage ich ja gar nicht, bewahre, sondern einzig nur so ... aus Ungeduld, wenn man sich die ganze Woche verzehrt ... um endlich erlöst zu werden ...«
»Wie?«
»Um seinen Schicksalsspruch zu hören, Nicolai Wszewolodowitsch.« Und mit einer Verbeugung auf das Sofa weisend, vor dem ein Tisch stand: »Bitte, nehmen Sie Platz.«
Stawrogin sah sich im Zimmer um: es war klein und niedrig. Die ganze Einrichtung bestand nur aus dem Notwendigsten: aus zwei einfachen neuen Holzstühlen, einem gleichfalls neuen, noch unüberzogenen Sofa mit hölzerner Lehne und ohne Seitenpolster, und zwei Tischen. Auf dem kleineren, in der Ecke, standen irgendwelche Dinge, über die man eine saubere Serviette gebreitet hatte. Überhaupt schien man das ganze Zimmer äußerst sauber gehalten zu haben. Der Hauptmann war nun schon an die acht Tage nüchtern. Sein Gesicht sah gelb und abgefallen aus, der Blick war unruhig, neugierig und eigentlich verständnislos: man sah ihm an, daß er noch nicht wußte, in welch einem Ton er sprechen durfte und welcher schließlich der ratsamste war.
»Wie Sie sehen,« wies er mit pathetischer Geste herum, »lebe ich wie ein Heiliger: Nüchternheit, Einsamkeit und Armut -- das Gelübde der alten Ritter!«
»Sie glauben, die alten Ritter hätten solche Gelübde getan?«
»Tja, vielleicht habe ich mich auch verhauen? O weh, für mich gibt es keine Entwicklung mehr! Alles verdorben! Glauben Sie mir, Nicolai Wszewolodowitsch, hier bin ich zum erstenmal aufgewacht aus diesem Schandleben, -- kein Gläschen mehr, kein Tröpfchen! Habe jetzt einen Winkel -- und sechs Tage lang genieße ich nun schon die Wohltat der Gewissensbisse. Sogar die Wände riechen noch nach Harz, erinnern somit an die Natur. Aber was war ich, was stellte ich vor?
>Ohne Obdach in der Nacht, Tagsüber eine Hetze< ...
wie sich ein genialer Dichter ausgedrückt hat! Aber ... Sie sind ja so durchnäßt ... Wollen Sie nicht ein Gläschen Tee?«
»Bemühen Sie sich nicht.«
»Der Samowar kocht seit acht Uhr abends, aber -- da ist er nun ausgelöscht! -- wie alles in der Welt! Und auch die Sonne, sagt man, wird einmal auslöschen, wenn sie an die Reihe kommt ... Aber wenn Sie wollen, bringe ich ihn wieder zum Kochen ... Agafja schläft noch nicht.«
»Sagen Sie: Marja Timofejewna ...«
»Hier, hier,« fiel ihm Lebädkin sofort flüsternd ins Wort, »wenn Sie sie sehen wollen ...?« und er wies auf die geschlossene Tür zum Nebenzimmer.
»Sie schläft nicht?«
»O nein, nein, wie sollte sie denn? Im Gegenteil, erwartet Sie schon vom Abend an! ... wie sie es vorhin erfuhr, putzte sie sich gleich auf,« -- er wollte schon sarkastisch den Mund verziehen, unterließ es aber im Nu.
»Wie ist sie jetzt im allgemeinen?« fragte Nicolai Wszewolodowitsch mit zusammengezogenen Brauen.
»Im allgemeinen? Ja, das geruhen Sie ja selbst zu wissen,« und er zuckte mitleidig mit den Schultern. »Jetzt ... jetzt sitzt sie da und legt Karten ...«
»Gut, nachher. Zuerst muß ich mit Ihnen zu einem Ende kommen.«
Stawrogin setzte sich auf einen Stuhl. Der »Hauptmann« wagte es nicht, sich auf das Sofa zu setzen, und so zog er denn schnell den anderen Stuhl herbei, setzte sich, und war, leicht vorgebeugt, in zitternder Erwartung bereit, alles zu vernehmen.
»Was haben Sie denn dort auf dem Tisch unter der Serviette?« fragte Stawrogin, der plötzlich seine Aufmerksamkeit jenem Tisch zuwandte.
»Da--a?« Lebädkin drehte sich sofort gleichfalls um. »Ja, das ist so von Ihren eigenen Gaben, in Gestalt, wie man zu sagen pflegt, in Gestalt von Salz und Brot ... in der neuen Wohnung ... und ich dachte auch an Ihren weiten Weg und die natürliche Müdigkeit,« er sah ihn fast bittend an und versuchte unschuldig zu lächeln. Darauf erhob er sich, ging auf den Fußspitzen zum Tisch und entfernte ehrerbietig und vorsichtig die Serviette.
Er hatte einen ganzen Imbiß vorbereitet: geräucherten Schinken, Kalbfleisch, Sardinen, Käse, eine kleine grüne Karaffe und eine lange Flasche Bordeaux -- alles war ungemein sauber, mit Sachkenntnis und fast elegant geordnet.
»Das haben Sie besorgt?«
»Jawohl ... Schon gestern ... Marja Timofejewna ist ja in der Beziehung, wie Sie wissen, gleichgültig. Aber die Hauptsache: daß es von Ihren Gaben ist, also Ihr eigenes ... da Sie ja doch hier der Hausherr sind, und nicht ich -- ich bin ja doch nur so Ihr Angestellter, wenn auch, wenn auch, Nicolai Wszewolodowitsch, wenn auch mein Geist noch unabhängig ist! Diesen meinen letzten Besitz werden Sie mir doch nicht nehmen wollen!« schloß er geradezu gerührt.
»Hm! ... wie wär's, wenn Sie sich setzen würden?«
»Ich bin da--ankbar, dankbar und unabhängig!« (Er setzte sich.) »Ach, Nicolai Wszewolodowitsch, in diesem Herzen hat sich so viel angesammelt, so viel, daß ich schon gar nicht mehr wußte, wie ich noch länger auf Sie warten sollte! Sehen Sie, Sie werden jetzt mein Schicksal entscheiden und auch das ... jener Unglücklichen, und dann ... dann wieder so, wie es früher war? Ich werde dann wieder meine ganze Seele vor Ihnen ausschütten, wie damals vor vier Jahren. Würdigten Sie mich doch damals dessen, mir zuzuhören, lasen Verse ... Mag man mich auch dort Ihren Falstaff genannt haben, nach Shakespeare, aber Sie haben doch so viel in meinem Leben bedeutet! ... Jetzt habe ich wieder meine große Angst und erwarte nur von Ihnen Rat und Heil. Pjotr Stepanowitsch behandelt mich ganz furchtbar!«
Stawrogin hörte ihm neugierig zu und beobachtete ihn aufmerksam. Augenscheinlich befand sich Lebädkin, wenn er nun auch schon eine Woche nicht mehr getrunken hatte, doch noch längst nicht in einem harmonischen Gemütszustande. In solchen langjährigen Trinkern setzt sich schließlich für immer etwas Ungereimtes, Dunstiges, Irrsinniges fest, das sie gleichsam benommen erscheinen läßt -- was sie übrigens nicht hindert, wenn es nötig ist, nicht ungeschickter als nüchterne Leute zu betrügen, zu intrigieren und auch zu berechnen.
»Ich sehe, daß Sie sich in diesen viereinhalb Jahren nicht im geringsten verändert haben, Hauptmann,« sagte Stawrogin wie ein wenig freundlicher. »Man sieht wieder einmal, daß die ganze zweite Hälfte des menschlichen Lebens meist nur aus den in der ersten Hälfte angenommenen Gewohnheiten besteht.«
»Erhabene Worte! Sie lösen das Rätsel der Welt!« rief der »Hauptmann« entzückt, halb mit verstellter, halb mit wirklich echter Begeisterung, denn er war ein großer Liebhaber guter Aussprüche. »Von allem, was Sie gesagt haben, Nicolai Wszewolodowitsch, habe ich eines ganz besonders behalten ... noch in Petersburg haben Sie's gesagt: >Man muß in der Tat ein großer Mensch sein, um sogar gegen die gesunde Vernunft stand halten zu können<. Sehen Sie!«
»Oder ebensogut auch ein Dummkopf.«
»So? Na, dann mein'twegen auch ein Dummkopf, nur haben Sie Ihr Lebelang mit dem Scharfsinn nur so um sich geworfen, die anderen aber? Mögen doch Liputin und Pjotr Stepanowitsch auch einmal etwas Ähnliches sagen! Oh, wie grausam Pjotr Stepanowitsch mit mir umgegangen ist! ...«
»Aber Sie, Hauptmann, wie haben Sie sich denn selbst benommen?«
»Ach, das betrunkene Aussehen und dazu noch die Unmenge meiner Feinde! Aber jetzt ist alles, alles vorüber und ich erneuere mich, fahre aus der alten Haut wie eine Schlange. Wissen Sie auch, Nicolai Wszewolodowitsch, daß ich mein Testament schreibe, daß ich's schon geschrieben habe?«
»Das ist allerdings interessant. Was vermachen Sie denn und wem das?«
»Dem Vaterlande, der Menschheit und den Studenten. Nicolai Wszewolodowitsch, ich habe einmal in einer Zeitung die Biographie eines Amerikaners gelesen. Er vermachte sein ganzes, riesiges Vermögen den Fabriken und den positiven Wissenschaften, sein Skelett den Studenten der Universität seiner Stadt und seine Haut bestimmte er für eine Trommel, auf der man Tag und Nacht die amerikanische Nationalhymne trommeln sollte! Ach, wir sind ja Pygmäen im Vergleich mit dem Gedankenflug der nordamerikanischen Staaten! Rußland ist ja nur ein Spiel der Natur, aber nicht des Verstandes. Wenn ich's versuchen wollte, meine Haut, sagen wir, dem Akmolinskschen Infanterieregiment, in dem ich die Ehre hatte, meinen Dienst zu beginnen, mit der Bedingung zu vermachen, daß man aus ihr ein Trommelfell verfertigt, auf dem man täglich vor dem ganzen Regiment die russische Nationalhymne trommeln soll -- man hielte es sofort für Liberalismus und konfiszierte meine Haut! ... Darum habe ich mich denn mit den Studenten begnügt. Mein Skelett hab' ich der Akademie vermacht, aber mit der Bedingung, einstweilen nur unter der Bedingung, daß sie auf die Stirn für alle ewigen Ewigkeiten ein Zettelchen kleben mit den Worten: >Ein reuiger Freidenker<. Jawohl!«
Der Hauptmann sprach mit Begeisterung und glaubte jetzt natürlich schon selbst an die Schönheit des amerikanischen Vermächtnisses, wenn er auch als schlauer Mensch zu gleicher Zeit Stawrogin, dessen »Narr« er früher gewesen war, aus Berechnung belustigen wollte. Aber der hatte diesmal keine Lust zu lachen, sondern fragte im Gegenteil nur eigentümlich mißtrauisch:
»Sie beabsichtigen wohl, Ihr Testament noch bei Lebzeiten zu veröffentlichen und dafür eine Belohnung zu erhalten?«
»Und wenn dem so wäre, Nicolai Wszewolodowitsch, und wenn dem so wäre?« Lebädkin sah sich vorsichtig in ihn hinein. »Denn -- was ist denn mein Los jetzt eigentlich! Sogar Verse schreibe ich nicht mehr und einst haben doch sogar Sie sich an meinen kleinen Gedichten ergötzt, Nicolai Wszewolodowitsch, wissen Sie noch, bei der Flasche? Aber aus ist's nun mit der Feder! Hab nur noch ein einziges Lied geschrieben, wie Gogol seine >Letzte Geschichte<. Sie wissen doch, Gogol verkündete ganz Rußland, daß sie sich aus seiner Seele >herausgesungen< habe. So auch ich: hab's herausgesungen und damit -- basta!«
»Was ist denn das für ein Gedicht?«
»Tja, es heißt: >Im Fall sie sich den Fuß zerbräche<!«
»Wi--ie?«
Darauf hatte der Hauptmann nur gewartet. Seine Gedichte achtete und schätzte er zwar grenzenlos, doch zugleich gefiel es ihm -- wohl aus einer gewissen durchtriebenen Zwieheit der Seele -- daß sie Stawrogin, der früher zuweilen so über sie gelacht hatte, daß er sich die Seiten hielt, immer belustigten. Auf diese Weise erreichte er gewöhnlich zwei Ziele mit einem Mittel: ein poetisches und ein geschäftliches Ziel. Diesmal aber gab es noch ein drittes, ein ganz besonderes und äußerst kitzliches: der Hauptmann hoffte nämlich, als er das Gedicht heranzog, sich auf diese Manier am leichtesten in einem gewissen Punkte rechtfertigen zu können, hoffte dies um so mehr, als er aus einem bestimmten Grunde gerade in diesem Punkt seine Schuld für größer als in allen anderen Punkten hielt.
»>Im Fall sie sich den Fuß mal bräche<, das heißt, beim Reiten. Eine bloße Phantasie, Nicolai Wszewolodowitsch, ein Traumbild, aber das Traumbild eines Dichters! Einmal, beim Spazierengehen, sah dieser Dichter eine Reiterin, und da stellte er sich dann die materialistische Frage: >was würde dann sein?< -- das heißt, in dem Falle, wenn! Die Sache ist doch klar: alle Kurmacher gehen sogleich wie die Krebse rückwärts, fort sind all die Heiratskandidaten, also -- >wisch den Mund ab morgen früh<,« fügte er plötzlich auf Deutsch hinzu, »nur der Dichter bleibt treu, nur er mit dem gebrochenen Herzen in der Brust! Nicolai Wszewolodowitsch, sogar eine winzige Laus darf verliebt sein, denn kein Gesetz verbietet's ihr. Und doch fühlte sich die Dame gekränkt durch meinen Brief, wie durch das Gedicht. Sogar Sie sollen sich geärgert haben, sagt man -- ist's wahr? Das wäre jammerschade, wollt's gar nicht glauben! Nun, sagen Sie doch selbst, wen konnte ich denn mit bloßer Einbildung beleidigen? Zudem ist hier noch, mein Ehrenwort, Liputin dabei: >Schreiben Sie, schreiben Sie unbedingt, jeder Mensch hat das Recht, Briefe zu schreiben<, sagte er -- und so schickte ich's denn ab.«
»Sie haben sich, glaube ich, als Bräutigam vorgeschlagen?«
»Feinde, Feinde, nichts als Feinde! ...«
»Sagen Sie das Gedicht!« fiel ihm Stawrogin streng ins Wort.
»Ein Traum, bloß ein Traum, sag ich Ihnen!«
Aber er setzte sich doch in Positur, streckte die Hand aus und begann:
»Das schönste Weib brach mal ein Glied, Doch ward es dadurch nur aparter! Und doppelt liebte sie fortan Der ohnehin in sie verliebte Dichtersmann ...«
»Genug!« Stawrogin winkte ab.
»Oh, ich sehne mich nach Pietjer[39]!« rief Lebädkin, schnell auf ein anderes Gebiet überspringend, als wäre von Gedichten nie die Rede gewesen. »Ich denke an eine Auferstehung, ich träume von einer Wiedergeburt ... Mein Wohltäter! Darf ich darauf rechnen, daß Sie mir nicht die Mittel zur Reise verweigern werden? Ich hab Sie die ganze Woche wie die liebe Sonne erwartet.«
»Nein, darauf dürfen Sie nicht rechnen. Außerdem ist mir von meinem Kapital fast nichts mehr verblieben. Und überhaupt, warum sollte ich Ihnen Geld geben? ...«
Stawrogin schien sich plötzlich geärgert zu haben. Kurz und trocken zählte er alle Vergehen des Hauptmanns auf: das unmäßige Trinken, die Lügengeschichten, Verschwendung des Geldes, das Marja Timofejewna gehörte, dann, daß er sie aus dem Kloster genommen hatte, die frechen Briefe mit den Drohungen, das Geheimnis bekanntzumachen, die Geschichte mit Darja Pawlowna usw., usw. Der Hauptmann wogte geradezu hin und her, gestikulierte, wollte widersprechen, doch Stawrogin wies ihn jedesmal herrisch zur Ruh.
»Und erlauben Sie,« bemerkte er zum Schluß, »Sie schreiben immer von einer >Familienschande<. Ich sehe darin keine Schande für Sie, daß Ihre Schwester Stawrogins rechtmäßig getraute Frau ist.«
»Aber die Ehe ist ein Geheimnis, Nicolai Wszewolodowitsch, niemand weiß davon, ein verhängnisvolles Geheimnis! Ich bekomme Geld von Ihnen und plötzlich stellt man mir die Frage: wofür bekommst du dieses Geld? Ich aber bin gebunden und kann nicht antworten, zum Schaden meiner Schwester -- und zum Schaden meiner Familienehre!«
Der Hauptmann erhob bereits die Stimme: dieses Thema liebte er ganz besonders und er hatte sich in diesem Sinne schon vorbereitet, denn darauf beruhte seine ganze Hoffnung. Wie hätte er auch ahnen sollen, welch eine niederschmetternde Überraschung ihn gerade auf dieser seiner Basis erwartete! Ruhig und bestimmt, als ob es sich um die alltäglichste häusliche Angelegenheit handelte, teilte ihm Stawrogin mit, daß er die Absicht habe, in diesen Tagen, vielleicht morgen oder übermorgen, seine Heirat allgemein bekanntzumachen, sie >sowohl der Polizei wie der Gesellschaft< anzuzeigen -- so daß denn die Frage der »Familienehre« damit endgültig erledigt sein werde, und die der Subsidien gleichfalls.
Der Hauptmann riß die Augen auf: er begriff nicht einmal, was er da hörte; so mußte denn alles noch durchgesprochen werden.
»Aber sie ist doch ... halbverrückt?«
»Das ist meine Sache.«
»Aber ... was wird denn Ihre Mutter --?«
»Das geht Sie wenig an, Lebädkin.«
»Aber Sie werden doch Ihre Frau in Ihr Haus führen?«
»Sehr leicht möglich. Übrigens ist das schon ganz und gar nicht Ihre Sache, das geht Sie nicht das geringste an.«
»Wie, nicht angehen?« schrie der Hauptmann auf. »Und ich?«
»Nun, Sie kommen doch selbstverständlich nicht in mein Haus.«
»Aber ich bin doch Ihr Verwandter!«
»Für solche Verwandte dankt man. Und warum soll ich Ihnen nun noch Geld geben, sagen Sie doch selbst?«
»Nicolai Wszewolodowitsch, Nicolai Wszewolodowitsch, das kann ja nicht sein, Sie werden sich das doch noch überlegen, Sie werden doch nicht Hand an sich legen wollen ... was wird man denken, was wird man in der Gesellschaft sagen?«
»Fürchte wahrlich sehr diese Gesellschaft! Habe ich doch Ihre Schwester geheiratet, als ich es wollte, damals, nach dem Gelage, auf die trunkene Wette hin, und jetzt zeige ich es öffentlich an ... wenn mir das jetzt Vergnügen macht.«
Er sagte das ganz eigentümlich gereizt, so daß Lebädkin schon mit Entsetzen zu glauben begann.
»Aber ich, was wird denn mit mir, die Hauptsache dabei bin doch ich! ... Sie scherzen vielleicht nur, Nicolai Wszewolodowitsch?«
»Nein, ich scherze nicht.«
»Wie Sie wollen, Nicolai Wszewolodowitsch, aber ich glaube Ihnen nicht ... dann werde ich eine Bittschrift einreichen.«
»Sie sind furchtbar dumm, Hauptmann.«
»Meinetwegen, aber das ist doch alles, was mir übrigbleibt!« sagte der Hauptmann ganz wirr in seiner Benommenheit. »Früher gab man mir dort in den Winkeln für ihre Arbeit wenigstens ein Obdach, aber was soll denn jetzt aus mir werden, wenn Sie mich ganz fallen lassen?«
»Aber Sie wollen doch nach Petersburg, um Ihre Karriere zu verändern. Übrigens, ist es wahr, daß Sie, wie ich hörte, beabsichtigten, zu denunzieren -- in der Hoffnung, begnadigt zu werden, wenn Sie die anderen anzeigen?«
Der Hauptmann öffnete den Mund und riß die Augen auf, doch eine Antwort gab er nicht.
»Hören Sie, Hauptmann,« begann plötzlich Stawrogin ungewöhnlich ernst und beugte sich ein wenig vor zum Tisch.
Bis jetzt hatte er noch gewissermaßen zweideutig gesprochen, so daß Lebädkin, der sich nun einmal an die Rolle des Narren gewöhnt hatte, noch immer ein wenig im Zweifel war: ob sich sein Prinz Heinz in der Tat ärgerte oder ob er, als er von der Veröffentlichung seiner Heirat sprach, nur zu scherzen beliebte. Jetzt aber war der ungewöhnliche Ernst Stawrogins dermaßen überzeugend, daß dem Hauptmann plötzlich geradezu ein Frösteln über den Rücken lief.
»Hören Sie, und sagen Sie die ganze Wahrheit, Lebädkin: haben Sie schon denunziert, oder noch nicht? Ist es Ihnen nicht schon gelungen, irgend etwas in der Hinsicht zu tun? Haben Sie nicht aus Dummheit schon irgendeinen Brief abgeschickt?«
»Nein, noch nicht, und ... ich hab' nicht einmal daran gedacht!« und der Hauptmann sah ihn an, ohne sich zu rühren.
»Nun, das lügen Sie, daß Sie daran noch nicht gedacht haben. Deswegen wollen Sie ja auch nach Petersburg. Aber wenn Sie noch nichts geschrieben haben, sollten Sie dann nicht hier irgend etwas mit irgend jemandem geschwätzt haben? Sagen Sie die Wahrheit. Ich habe so etwas gehört.«
»In der Betrunkenheit mit Liputin. Liputin ist ein Verräter. Ich habe ihm nur mein Herz ausgeschüttet,« flüsterte der arme Hauptmann.
»Nun ja, das eine Herz dem anderen Herzen, ich weiß schon, aber man braucht doch nicht gleich blödsinnig zu sein. Wenn Sie den Gedanken hatten, so hätten Sie ihn für sich behalten sollen. Heutzutage schweigen kluge Leute und reden nicht.«
»Nicolai Wszewolodowitsch,« -- der Hauptmann erzitterte. »Sie selbst haben sich doch an nichts beteiligt, ich hab doch nicht Sie ...«
»Wie sollten Sie denn, bewahre, Ihre eigene Milchkuh!«
»Nicolai Wszewolodowitsch, so urteilen Sie doch selbst! So sagen Sie doch! ...«
Und in der Verzweiflung begann er, mit Tränen in den Augen, sein Leben in diesen letzten vier Jahren zu erzählen. Es war die törichte Geschichte eines hereingefallenen Dummkopfs, der seine Nase in Sachen gesteckt, die nicht für ihn geschaffen waren, und deren Wichtigkeit er über Trinken und Schlemmen fast bis zum letzten Augenblick noch nicht begriffen hatte. Er erzählte, er habe sich schon in Petersburg »einfach verleiten lassen, aus reiner Freundschaft, wie ein treuer Student, das heißt, ohne eigentlich Student zu sein«, verschiedene Blätter durch die Türen, in die Schirme zu stecken, oder wie Zeitungen in die Briefkästen, und wo sich nur eine Gelegenheit bot, im Theater wie auf der Straße, in die Hüte oder Taschen zu befördern. Späterhin habe er auch Geld von ihnen genommen, denn »was sind denn meine Einnahmen, Sie wissen doch selbst!« Kurz, in zwei ganzen Gouvernements hatte er »allerlei Schund« verstreut.
»Oh, Nicolai Wszewolodowitsch,« rief er aus, »am meisten hat mich empört, daß diese Papierlappen so ganz gegen alle bürgerlichen und besonders vaterländischen Gesetze waren! Da ist denn plötzlich gedruckt, sie sollen mit den Heugabeln kommen und nicht vergessen, daß, wer morgens arm ausgeht, abends reich zurückkommen kann -- stellen Sie sich doch nur so was vor! Ein Schauer faßt mich selber und doch stopfe ich die Schandblätter überall hin ... oder plötzlich fünf, sechs Zeilen an ganz Rußland, so, mir nichts, dir nichts, ganz einfach: >Schließt schnell die Kirchen, vernichtet Gott, löst die Ehe, hebt das Recht der Erbfolge auf, nehmt die Messer!< -- und das ist alles, und der Teufel weiß, was weiter. Und gerade mit diesem Papierchen, dem fünfzeiligen, bin ich dann beinahe hereingefallen, im Regiment haben mich die Offiziere verprügelt, aber dann -- Gott gebe ihnen Gesundheit! -- haben sie mich wieder laufen lassen. Doch im vorigen Jahre haben sie mich beinahe wirklich gepackt, wie ich Fünfzigrubelscheine, französische Kopien, Korowajeff übergab. Aber, Gott sei Dank, Korowajeff ertrank bald darauf in betrunkenem Zustande im Teich -- und man konnte nichts gegen mich unternehmen. Hier bei Wirginski hatte er noch die Freiheit der sozialen Frau verkündet. Im Juni hab ich wieder im ...schen Kreise alles mögliche herumgestreut. Die sagen, ich müsse bald wieder ... Pjotr Stepanowitsch gibt plötzlich zu verstehen, daß ich gehorchen muß und droht mir einfach. Aber wie hat er mich damals am Sonntag behandelt! Nicolai Wszewolodowitsch, ich bin ein Sklave, ein Wurm, aber kein Gott -- nur dadurch unterscheide ich mich von Dershawin. Doch was sind denn meine Einnahmen? Sie wissen ja selbst!«
Stawrogin hatte ihm aufmerksam zugehört.
»Vieles war mir davon ganz unbekannt,« sagte er; »mit Ihnen konnte selbstverständlich alles geschehen ... Hören Sie,« er dachte ein wenig nach, »wenn Sie wollen, so sagen Sie ihnen -- Sie wissen schon, wem --, daß Liputin gelogen hat und daß Sie nur mich mit einer Denunziation hätten schrecken wollen, in der Annahme, auch ich sei kompromittiert ... um auf diese Weise mehr Geld aus mir herauszubekommen ... Verstanden?«
»Nicolai Wszewolodowitsch, Liebling, Täubchen, droht mir denn wirklich solch eine Gefahr? Ich habe ja nur auf Sie gewartet, um Sie das fragen zu können!«
Stawrogin lachte kurz auf.
»Nach Petersburg wird man Sie natürlich nicht lassen, selbst wenn ich Ihnen das Geld zur Reise geben wollte ... Übrigens, es ist Zeit, zu Marja Timofejewna zu gehen.« Er erhob sich.
»Nicolai Wszewolodowitsch, aber wie wird das nun mit ihr, mit Marja Timofejewna?«
»Ja, so, wie ich sagte.«
»Ist das denn wirklich wahr?«
»Sie glauben noch immer nicht?«
»Wollen Sie mich denn wirklich so liegen lassen, wie einen alten, vertragenen Stiefel?«
»Ich werde sehen,« meinte Stawrogin halb lachend. »Nun, lassen Sie mich.«
»Wünschen Sie nicht, daß ich so lange auf der Treppe stehe ... damit ich nicht irgendwie versehentlich zuhöre ... die Zimmerchen sind klein.«
»Das ist recht. Warten Sie ein wenig auf der Treppe. Nehmen Sie meinen Regenschirm.«
»Ihren Regenschirm, Ihren ... bin ich denn das wert?« fragte der Hauptmann unterwürfig.
»Einen Schirm ist jeder wert.«
»Mit einem Schlage treffen Sie wieder das Minimum der menschlichen Rechte ...« sagte Lebädkin, doch schon mehr mechanisch: er war doch gar zu bedrückt und eigentlich ganz wie vor den Kopf geschlagen. Einstweilen aber, fast gleich darauf, als er den Schirm über sich aufgeschlagen hatte, begann sich in seinem leichtsinnigen Gehirn schon ein äußerst beruhigender Gedanke mehr und mehr auszubreiten: wie, wenn man ihn bloß betrügen wollte und ihn belog? War dem aber so, dann fürchtete man sich also vor ihm und -- wozu sollte er sich dann noch fürchten?
»Wenn man lügt und betrügt, so tut man das doch stets aus irgend einem Grunde -- was für einer mag das nun hier sein?« krabbelte es in seinem Kopf herum. Die Veröffentlichung der Heirat schien ihm Blödsinn zu sein: »Aber weiß Gott: bei diesem Wundertäter ist nichts unmöglich, -- lebt ja überhaupt nur zu dem Zweck, um die Menschen zu ärgern! Wie aber, wenn er Angst vor mir bekommen hat nach dem Sonntag? Hm ... und noch so, wie nie zuvor? Da ist er nun hergeeilt, um zu versichern, daß er selbst alles bekanntmachen werde, aus Angst, ich könnte es sonst tun. Lebädkin, sieh dich vor, schieß keinen Bock! Hm! ... Und warum kommt er denn heimlich in der Nacht, wenn er's selbst ausblasen will? Aber wenn er sich fürchtet, so fürchtet er sich jetzt, fürchtet gerade für diese paar Tage. Hm! ... paß auf, Lebädkin! ...«
»Schreckt mich mit Pjotr Stepanowitsch! Da kann einem ganz angst und bange werden -- gerade, was das betrifft! Hm ... weiß Gott! wahrhaftig angst und bange. Was plagte mich nur, diesem Liputin, solch einem ... Der Teufel mag wissen, was diese Beelzebuben da im Spiele haben -- bin nie draus klug geworden! Haben sich jetzt wieder eingefunden, genau wie vor fünf Jahren ... Ja, wem hätt' ich's denn sagen sollen? >Haben Sie nicht aus Dummheit irgend jemandem geschrieben?< Hm! Also kann man auch unter dem Anschein großer Dummheit schreiben? War das vielleicht gar ein Rat? >Deswegen wollen Sie ja nach Petersburg.< Der Schuft! Ich hab's bloß mal geträumt, er aber hat sogar den Traum schon erraten! Ganz als ob er selber zur Reise nach Petersburg raten möchte. Hm! Hier werden wohl zwei Sachen im Spiele sein: entweder er fürchtet sich selber, weil er wieder was Schönes angerichtet hat, oder ... oder er fürchtet selbst überhaupt nichts und schubst nur mich, damit ich sie alle da anzeige! Ach, Lebädkin, da kann einem wahrhaftig angst und bange werden! Wenn man dabei nur keinen Bock schießt! ...«
Und er kam dermaßen ins Nachdenken, daß er selbst das Lauschen vergaß. Übrigens wäre es ihm auch schwer gefallen, etwas zu verstehen; die Tür war nicht dünn und das Gespräch wurde nur leise geführt -- nur hin und wieder drang ein unklarer Laut bis zu ihm. Endlich spuckte er aus und trat wieder aus dem Flur auf die Treppe hinaus, wo er in Gedanken leise vor sich hin pfiff.
III.
Das Zimmer, in dem Marja Timofejewna saß, war fast zweimal so groß wie das erste, das der Hauptmann bewohnte. Alle Gegenstände der Einrichtung waren von derselben einfachsten Art, doch der Tisch vor dem Sofa war mit einem geblümten Paradetischtuch bedeckt, und auf ihm stand eine brennende Lampe. Über den ganzen ungestrichenen Fußboden hatte man einen schönen Teppich gebreitet und die Bettstelle mit einem grünen Vorhang völlig abgeteilt. Außerdem befand sich in dem Zimmer noch ein großer weicher Lehnstuhl, in den sich aber Marja Timofejewna niemals setzte. In der einen Ecke hing ganz wie in der alten Wohnung ein Heiligenbild, vor dem das Lämpchen brannte, und ganz wie damals lagen auch jetzt wieder die unvermeidlichen Sachen auf dem Tisch vor Marja Timofejewna: ein Spiel Karten, ein kleiner Spiegel, das Liederbuch und auch wieder eine Semmel. Hinzugekommen waren nur zwei kleine Bücher mit bunten Bildern, von denen das eine für die Jugend bearbeitete Reisebeschreibungen enthielt, das andere kleine moralische Erzählungen, vornehmlich Rittergeschichten -- so ein Buch für den Weihnachtstisch oder junge Mädchen im Institut. Marja Timofejewna hatte natürlich den Gast erwartet, doch als Stawrogin eintrat, schlief sie halb liegend auf dem Sofa, auf ein hartes Kissen gebeugt. Der Gast schloß unhörbar die Tür hinter sich und begann, ohne sich von der Stelle zu rühren, die Schlafende zu betrachten.
Der Hauptmann hatte übertrieben, als er sagte, sie habe sich besonders geputzt. Sie war in demselben dunklen Kleide, in dem sie am Sonntag bei Warwara Petrowna gewesen war. Das Haar hatte sie im Nacken ebenso zu einem winzigen Knoten zusammengesteckt, und der lange magere Hals war genau so wie damals entblößt. Der schwarze Shawl, den Warwara Petrowna ihr geschenkt hatte, lag sorgfältig zusammengefaltet neben ihr auf dem Sofa. Sie war wie gewöhnlich ungeschickt gepudert und geschminkt. Stawrogin stand noch nicht eine Minute, als sie plötzlich, als hätte sie seinen Blick gefühlt, erwachte, die Augen aufschlug und sich schnell aus der halb liegenden Stellung aufrichtete. Doch offenbar ging auch in dem Gast etwas Sonderbares vor: er blieb auf demselben Fleck an der Tür stehen und rührte sich nicht; regungslos und mit durchdringendem Blick fuhr er fort, ihr wortlos und beharrlich ins Gesicht zu sehen. Vielleicht war dieser Blick übermäßig hart, vielleicht drückte sich in ihm Ekel aus, oder sogar schadenfroher Genuß an ihrem Schreck -- wenn das nicht Marja Timofejewna nach dem Erwachen nur so schien. Doch wie dem auch war, jedenfalls drückte sich im Gesicht der Armen plötzlich, nach fast minutenlangem Warten, vollständiges Entsetzen aus: ein krampfartiges Zucken lief durch ihre Züge, sie erhob ihre bebenden Hände, wie zur Abwehr, und plötzlich begann sie zu weinen, genau so, wie ein erschrecktes Kind; noch ein Augenblick -- und sie hätte geschrien. Doch der Gast kam zur Besinnung: in einer Sekunde veränderte sich sein ganzes Gesicht, und mit dem freundlichsten, liebenswürdigsten Lächeln trat er an den Tisch.
»Verzeihen Sie mir, ich habe Sie erschreckt, Marja Timofejewna, Sie schliefen und ich bin so unbemerkt eingetreten,« sagte er und streckte ihr die Hand entgegen.
Der Ton der freundlichen Worte tat seine Wirkung: der Schreck verschwand aus ihrem Gesicht, wenn sie ihn auch immer noch angstvoll anblickte, augenscheinlich bemüht, sich irgend etwas zu erklären. Ängstlich streckte sie ihm die Hand entgegen und schließlich zuckte denn auch ein schüchternes Lächeln um ihre Lippen.
»Guten Tag, Fürst,« flüsterte sie und sah ihn dabei ganz sonderbar und aufmerksam an.
»Sie haben wohl einen bösen Traum gehabt?« fragte er und lächelte noch liebenswürdiger, noch freundlicher.
»Wie können Sie wissen, daß mir davon geträumt hat?«
Und plötzlich erbebte sie wieder, taumelte erschrocken zurück, erhob wie zur Abwehr die Hand und wieder verzog sich ihr Gesicht, wie das eines kleinen Kindes, das weinen will.
»Aber so beruhigen Sie sich doch! Warum fürchten Sie sich? Haben Sie mich denn wirklich nicht erkannt?« redete ihr Nicolai Wszewolodowitsch zu, doch diesmal konnte er sie lange nicht beruhigen.
Schweigend sah sie ihn an und noch immer lag in ihrem fragenden Blick ein quälender Zweifel, irgend ein schwerer Gedanke, den ihr armer Kopf nicht zu fassen vermochte. Dabei war es, als strenge sie sich krampfhaft an, irgend etwas zu Ende zu denken. Bald senkte sie die Augen, bald schlug sie sie plötzlich wieder auf und überflog ihn mit einem schnellen, umfassenden Blick. Endlich schien sie sich -- zwar nicht beruhigt, aber doch wie zu etwas entschlossen zu haben.
»Setzen Sie sich, bitte, neben mich, damit ich Sie nachher gut sehen kann,« sagte sie ziemlich fest, augenscheinlich mit einer ganz bestimmten und neuen Absicht. »Aber jetzt seien Sie ganz ruhig, denn ich werde Sie nicht ansehen, und auch Sie sollen mich nicht ansehen, so lange nicht, bis ich Sie selbst darum bitte. Setzen Sie sich nun!« fügte sie plötzlich sogar mit Ungeduld hinzu.
Die neue Empfindung bemächtigte sich ihrer sichtlich immer mehr.
Stawrogin setzte sich und wartete; ein Schweigen begann und dauerte ziemlich lange.
»Hm! Sonderbar erscheint mir das alles,« murmelte sie plötzlich und fast wie angeekelt. »Mich haben natürlich schlechte Träume bestrickt; nur -- warum mußten gerade Sie mir in eben dieser Gestalt im Traume erscheinen?«
»Lassen wir jetzt die Träume,« unterbrach er sie ungeduldig und wandte sich zu ihr, trotz des Verbotes, sie anzusehen, und vielleicht blitzte flüchtig wieder jener Ausdruck von vorhin in seinen Augen auf. Er sah, daß sie mehrmals und sogar sehr gern zu ihm aufblicken wollte, sich jedoch jedesmal bezwang und hartnäckig den Blick zu Boden gesenkt hielt.
»Hören Sie, Fürst,« sagte sie plötzlich lauter. »Hören Sie, Fürst ...«
»Warum wenden Sie sich von mir ab, warum sehen Sie mich nicht an, was soll diese ganze Komödie?« rief er geärgert, da ihm die Geduld riß.
Sie aber schien ihn überhaupt nicht zu hören.
»Hören Sie, Fürst,« wiederholte sie zum drittenmal mit fester Stimme und mit einem unangenehmen, geschäftigen Ausdruck im Gesicht. »Als Sie mir damals in der Equipage sagten, die Heirat werde jetzt öffentlich bekanntgemacht werden, da erschrak ich schon damals, weil dann das Geheimnis doch aufhören würde. Jetzt aber weiß ich gar nicht mehr ... Ich habe die ganze Zeit gedacht, und sehe nun deutlich, daß ich nicht dazu tauge. Zu putzen würde ich mich schon verstehen, zu empfangen schließlich auch: als ob es wunder wie schwer wäre, zu einer Tasse Tee einzuladen, besonders wenn man noch Diener in Livree hat! Aber immerhin, wenn man so von der Seite sehen wird ... Ich habe damals, am Sonntag vormittag, vieles in jenem Hause gesehen. Dieses hübsche Fräulein hat mich die ganze Zeit angesehen, besonders als Sie eintraten. Das waren doch Sie, der eintrat, nicht? Ihre Mutter war nur eine drollige alte Dame. Mein Lebädkin hat sich auch ausgezeichnet. Um nicht über ihn lachen zu müssen, hab ich immer zur Zimmerdecke hinaufgeschaut, schön war sie da bemalt! Seine Mutter aber müßte nur Äbtissin sein. Ich fürchte mich vor ihr, wenn sie mir auch den schwarzen Schal geschenkt hat. Die haben mich damals wohl alle nur als Überraschung empfunden; das kränkt mich ja nicht, nur saß ich dort so und dachte bei mir: was bin ich denn für die hier für eine Verwandte? Ich weiß wohl, von einer Gräfin verlangt man nur seelische Eigenschaften -- denn für die wirtschaftlichen hat sie doch viele Diener -- und dann noch so ein bißchen gesellschaftliche Koketterie, damit sie ausländische Reisende zu empfangen versteht. Aber trotzdem, damals am Sonntag sahen sie mich doch ganz ohne Vertrauen an. Nur Dascha ist ein Engel. Ich fürchte sehr, daß sie ihn irgendwie mit einer unvorsichtigen Bemerkung über mich kränken könnten.«
Stawrogin verzog den Mund.
»Fürchten Sie sich nicht und machen Sie sich keine Sorgen,« sagte er.
»Aber das machte mir ja auch nichts aus, selbst wenn er sich meinetwegen ein wenig schämen sollte, denn es wäre doch immer mehr Mitleid als Schande dabei, denke ich -- freilich, je nach dem, wie der Mensch selbst ist. Denn er weiß doch, daß eher ich sie bemitleiden kann, nicht aber sie mich.«
»Sie haben sich wohl sehr gekränkt gefühlt, Marja Timofejewna?«
»Wer, ich? Nein.« Sie lachte gutmütig. »Nicht ein bißchen. Ich sah mir damals nur alle so an und dachte so bei mir: alle ärgert ihr euch, alle seid ihr entzweit; nicht einmal zusammenzukommen und von Herzen zu lachen verstehen sie. So viel Reichtum, und dabei so wenig Fröhlichkeit -- traurig war mir das alles. Übrigens, jetzt tut mir niemand leid, außer mir selbst.«
»Ich hörte, Sie hätten mit Ihrem Bruder ein schlechtes Leben gehabt, ohne mich?«
»Wer hat Ihnen das gesagt? Unsinn! Jetzt ist es viel schlechter: jetzt sind die Träume schlecht, und schlecht sind die Träume deshalb geworden, weil Sie angekommen sind. Sie aber, fragt es sich, warum sind Sie denn hergekommen, sagen Sie das doch gefälligst!«
»Wollen Sie nicht wieder ins Kloster gehen?«
»So, das ahnte ich ja, daß man mir wieder das Kloster vorschlagen wird! Als ob euer Kloster da Gott weiß was für ein Wunderding wäre! Und warum soll ich denn wieder ins Kloster gehen, und womit soll ich denn jetzt noch dorthin? Jetzt bin ich doch schon ganz und gar allein! Es ist zu spät für mich, ein drittes Leben anzufangen.«
»Sie scheinen sich über irgend etwas sehr zu ärgern, -- fürchten Sie nicht schon, daß ich aufgehört haben könnte, Sie zu lieben?«
»Ach, um Sie mache ich mir ja gar keinen Kummer. Ich fürchte nur für mich, daß ich selbst aufhören könnte, jemanden sehr zu lieben.«
Sie lächelte verächtlich.
»Ich werde wohl vor ihm in etwas sehr Großem schuldig sein,« sagte sie plötzlich wie zu sich selbst. »Nur weiß ich nicht, worin ich schuldig sein könnte, und das ist nun mein ewiges Leid. Immer und immer, diese ganzen fünf Jahre, habe ich Tag und Nacht gebangt, daß ich vor ihm schuldig sein könnte. Und da bete ich denn lange und bete und denke immer an meine große Schuld vor ihm. Und nun hat es sich auch richtig herausgestellt, daß ich wahr gefühlt habe.«
»Was hat sich herausgestellt?«
»Nur fürchte ich, ob da nicht etwas von ihm aus geschieht,« fuhr sie fort, ohne auf die Frage zu antworten, die sie vielleicht überhaupt nicht gehört hatte. »Und doch, wie könnte er sich denn mit solchen Leutchen zusammentun! Die Gräfin würde mich wohl gern verschlingen, obschon sie mich in ihre Karosse gesetzt hat. Alle sind sie an der Verschwörung beteiligt -- sollte auch er es sein!? Sollte auch er ein Verräter sein?« (Ihr Kinn und ihre Lippen begannen zu zittern.) »Hören Sie, haben Sie von Grischka Otrepjeff gelesen, dem falschen Demetrius, der in sieben Kathedralen verflucht ward?«
Stawrogin schwieg.
»Aber ja, jetzt werde ich mich zu Ihnen wenden und werde Sie ansehen,« entschloß sie sich plötzlich. »Wenden Sie sich auch zu mir und sehen Sie mich an, aber recht aufmerksam: ich will mich zum letztenmal überzeugen.«
»Ich sehe Sie schon lange an.«
»Hm!« sagte Marja Timofejewna und betrachtete ihn angestrengt.
»Viel dicker sind Sie geworden ...«
Sie wollte noch etwas sagen, doch plötzlich ergriff der frühere Schreck sie wieder und zum drittenmal fuhr sie mit geradezu entsetztem Gesicht zurück und erhob dabei wieder wie zur Abwehr die Hand.
»Was haben Sie nur, was fehlt Ihnen?« rief Stawrogin wütend.
Doch der Schreck dauerte nur einen Augenblick; ihr Gesicht verzog sich zu einem sonderbaren, mißtrauischen, unangenehmen Lächeln.
»Ich bitte Sie, Fürst, stehen Sie auf und treten Sie ein,« sagte sie plötzlich sehr bestimmt und mit fester Stimme.
»Wie, eintreten? Wohin eintreten?«
»Diese ganzen fünf Jahre habe ich mir immer nur vorgestellt, wie das sein wird, wenn Er eintritt. Stehen Sie auf und gehen Sie ins andere Zimmer, hinter die Tür. Ich werde dann hier sitzen, als erwartete ich nichts, und werde ein Buch in die Hand nehmen. Und plötzlich treten Sie dann ein, nach fünf Jahren, und sind von der Reise zurückgekehrt. Ich möchte sehen, wie das sein wird.«
Stawrogin knirschte mit den Zähnen und murmelte etwas Unverständliches.
»Genug,« sagte er und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich bitte Sie, Marja Timofejewna, mich jetzt anzuhören. Haben Sie die Güte, Ihre ganze Aufmerksamkeit zusammen zu nehmen, wenn Sie es können. Sie sind doch nicht total verrückt!« entfuhr es ihm in der Gereiztheit. »Morgen werde ich unsere Ehe bekanntmachen. Sie werden nie in Schlössern wohnen -- fassen Sie sich, bitte! Wollen Sie nun mit mir zusammenwohnen, das ganze Leben, aber nur sehr weit von hier? Das wäre in der Schweiz, in den Bergen, dort gibt es einen Ort ... Beunruhigen Sie sich nicht, ich werde Sie niemals verlassen, oder in eine Irrenanstalt stecken. Geld werde ich noch genug haben, um nicht für uns betteln zu müssen. Sie werden ein Dienstmädchen haben; Sie werden keine einzige Arbeit zu verrichten brauchen. Alles, was Sie innerhalb der Grenzen des Möglichen wünschen, wird Ihnen verschafft werden. Sie werden beten und tun können, was Sie wollen, und gehen können wohin Sie wollen. Ich werde Sie nicht anrühren. Und auch ich werde diesen Ort nie mehr verlassen. Wenn Sie wollen, werde ich das ganze Leben lang kein Wort mit Ihnen sprechen, oder, wenn Sie wollen, so erzählen Sie mir abends, wie damals in Petersburg in den Winkeln, Ihre kleinen Geschichten. Oder ich kann Ihnen auch vorlesen, wenn Sie zum Zuhören Lust haben. Aber dafür das ganze Leben so an einem einzigen Ort -- und es ist ein düsterer Ort. Wollen Sie? Können Sie sich entschließen? Und werden Sie es auch nie bereuen, werden Sie mich nie peinigen mit Tränen und Verwünschungen?«
Sie hatte ihm mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit zugehört, darauf schwieg sie lange und dachte nach.
»Unwahrscheinlich kommt mir das alles vor,« sagte sie endlich spöttisch und launisch. »So könnte ich ja womöglich noch vierzig Jahre in jenen Bergen leben.«
Sie begann zu lachen.
»Nun, dann leben wir eben noch vierzig Jahre,« sagte er mit stark gerunzelter Stirn.
»Hm! ... Um keinen Preis fahre ich dorthin.«
»Sogar mit mir nicht?«
»Wer sind Sie denn, daß ich mit Ihnen fahren sollte? Vierzig Jahre nacheinander mit ihm auf einem Berge sitzen -- hört doch, womit er mir kommt! Was doch die Menschen heutzutage geduldig geworden sind! Aber nein, es kann doch nicht sein, daß ein Falke zum Uhu ward. Nicht so ist mein Fürst!« und sie hob stolz und triumphierend den Kopf.
Da war es ihm, als ginge ihm plötzlich etwas auf.
»Warum nennen Sie mich Fürst und ... für wen halten Sie mich überhaupt?« fragte er schnell.
»Wie? Sind Sie denn kein Fürst?«
»Ich bin niemals Fürst gewesen.«
»Und das gestehen Sie mir noch, so einfach, so ganz offen, mir ins Gesicht, daß Sie kein Fürst sind!«
»Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich nie einer gewesen bin.«
»Mein Gott!« Sie schlug die Hände zusammen. »Alles habe ich von seinen Feinden erwartet, aber solche Dreistigkeit doch wirklich nicht! Lebt er überhaupt noch?« rief sie außer sich und rückte auf ihn zu. »Hast du ihn getötet oder nicht, gestehe!«
»Für wen hältst du mich?« rief er aufspringend und sah sie an mit verzerrtem Gesicht.
Aber es war schwer, sie jetzt noch zu erschrecken. Sie triumphierte bereits.
»Wer kann es denn wissen, was du bist und woher du kommst! Nur mein Herz, mein Herz hat in all diesen fünf Jahren die ganze Intrige geahnt! Und da sitze ich nun und wundere mich: was ist das doch für eine blinde Eule, die heute zu mir gekommen ist? Nein, mein Lieber, du bist ein schlechter Schauspieler, sogar schlechter als mein Lebädkin. Grüße die Gräfin von mir recht höflich und richte ihr aus, sie solle doch einen schicken, der etwas gewandter ist als du. Hat sie dich gemietet, sag? Sonst dienst du wohl in ihrer Küche, wo sie dich vielleicht aus Gnade und Barmherzigkeit hält! Ich durchschaue ja euren ganzen Betrug, euch alle, bis auf den letzten durchschaue ich!«
Er faßte sie mit fester Kraft am Arm, über dem Ellenbogen; sie aber lachte ihm ins Gesicht.
»Ähnlich bist du ihm, ja, sehr ähnlich, vielleicht bist du auch verwandt mit ihm, -- schlaues Volk! Nur ist meiner ein lichter Falke und ein Fürst, du aber bist eine Eule und ein Krämer! Wenn meiner will, so beugt er sich vor Gott, will er aber nicht, so beugt er sich auch vor Gott nicht! Dich aber hat Schatuschka (der Gute, der Liebe, mein Täubchen Schatuschka!) ins Gesicht geschlagen, wie Lebädkin erzählte. Und warum wurdest du damals so feig, als du hereinkamst? Was schreckte dich denn? Wie ich es sah, dein gemeines Gesicht, als ich fiel und du mich auffingst -- da kroch es mir wie ein Wurm ins Herz: das ist nicht er, denke ich, nicht er! Würde sich doch mein Falke meiner nie vor einem vornehmen Fräulein geschämt haben! O Gott! Machte mich doch schon der Gedanke glücklich, in diesen ganzen fünf Jahren, daß mein Falke dort irgendwo hinter den Bergen lebt und fliegt und die Sonne schaut ... Sag, Usurpator, hast du viel genommen? Hast wohl für großes Geld eingewilligt? Ich hätte dir keinen Groschen gegeben! Ha--ha--ha! Ha--ha--ha! ...«
»Idiotin!« knirschte Stawrogin, der sie immer noch am Arm gepackt hielt.
»Fort, Usurpator!« rief sie plötzlich befehlend. »Ich bin meines Fürsten Frau und fürchte mich nicht vor deinem Messer!«
»Messer!«
»Ja, Messer! Du hast ein Messer in der Tasche. Du glaubtest wohl, ich schlief, aber ich habe alles gesehen: als du vorhin eintratest, zogst du ein Messer hervor!«
»Was hast du gesagt, Unglückliche, was träumst du für Träume!« schrie er sie an und stieß sie aus aller Kraft von sich fort, so daß sie sogar schmerzhaft mit dem Kopf und den Schultern an die Sofalehne schlug.
Er stürzte hinaus; sie aber sprang sofort auf und lief ihm hinkend und humpelnd nach, doch erst auf der kleinen Treppe, wo sie von dem erschreckten Lebädkin mit aller Gewalt zurückgehalten wurde, gelang es ihr noch, ihm kreischend und mit Gelächter durch die Finsternis nachzurufen:
»Der falsche Demet--rius ward ver--flucht!«
IV.
»Ein Messer, ein Messer!« wiederholte Stawrogin immer wieder in unstillbarem Haß, während er mit großen Schritten in den Straßenschlamm und die Regenpfützen trat, ohne auf den Weg zu achten. Und plötzlich, auf Augenblicke, erfaßte ihn eine unbändige Lust zu lachen, laut und toll; aber aus irgendeinem Grunde bezwang er sich und unterdrückte das Lachen. Er kam erst wieder zu sich, als er schon auf der Brücke war, gerade an der Stelle, wo ihn vorhin Fedjka angeredet hatte. Und dieser selbe Fedjka wartete hier auch jetzt, zog, als er Stawrogin erblickte, die Mütze, grinste heiter, und schloß sich ihm, keck und lustig losplaudernd, wieder ohne Bedenken an. Stawrogin ging zunächst unverändert weiter, ja, er achtete gar nicht darauf, vernahm nicht einmal, was der Strolch, der sich ihm wieder zugesellt hatte, da schwatzte. Auf einmal fiel ihm aber ein -- und er wunderte sich darüber -- daß ihm dieser Zuchthäusler gerade in der Zeit gar nicht in den Sinn gekommen war, als er selbst innerlich in einemfort »Ein Messer, ein Messer!« gemurmelt hatte.
Und plötzlich packte er ihn blitzschnell am Kragen und riß ihn aus aller Kraft mit der ganzen in ihm angesammelten Wut zu Boden, daß er nur so auf die Brücke krachte. Einen Augenblick gedachte dieser wohl sich zu wehren, sagte sich aber sofort, daß er gegen einen solchen Gegner, der ihm zudem noch so überraschend zuvorgekommen war, ungefähr wie ein Strohhälmchen unmöglich aufkommen konnte. Und so verharrte er denn, halb kniend zu Boden gedrückt, die Ellenbogen auf den Rücken gerissen, wie ihn Stawrogin hielt, lautlos und reglos, sogar ohne den geringsten Widerstand auch nur zu versuchen, und wartete ruhig in schlauer Klugheit ab, was nun kommen werde. Ja, wie es schien, glaubte er überhaupt nicht an eine ernste Gefahr für sich.
Und er täuschte sich nicht. Stawrogin hatte sich zwar schon mit der linken Hand das Halstuch abgerissen, um seinen Gefangenen zu binden, doch plötzlich, Gott weiß weshalb, gab er es auf und stieß ihn nur von sich. Im Augenblick stand Fedjka auf den Füßen, wandte sich um, und ein kurzes, breites Messer blitzte in seiner Hand.
»Fort das Messer! Steck es sofort ein! Sofort!« befahl Stawrogin mit ungeduldiger Geste -- und das Messer verschwand ebenso schnell, wie es aufgetaucht war.
Nicolai Wszewolodowitsch ging darauf wieder stumm und ohne sich umzusehen weiter: aber der hartnäckige Verbrecher folgte ihm doch -- diesmal freilich ohne zu schwatzen, vielmehr in respektvoller Entfernung, einen ganzen Schritt hinter ihm. So gingen sie über die ganze Brücke und kamen ans Ufer, wo Stawrogin diesmal nach links bog, in eine lange, öde Gasse, denn das war ein näherer Weg zur inneren Stadt, als der über die Bogojawlenskstraße.
»Ist es wahr, man sagt, du hättest hier in der Umgegend in diesen Tagen eine Kirche geplündert?« fragte Stawrogin plötzlich.
»Gnädiger Herr, eigentlich ging ich zuerst nur hin, um zu beten,« antwortete Fedjka gesetzt und höflich, und als ob nicht das Geringste vorgefallen wäre. Ja, nicht nur gesetzt, sondern geradezu würdevoll sagte er es, und von der früheren »freundschaftlichen« Familiarität war auch nicht eine Spur mehr zu bemerken. Er war in diesem Augenblick ganz wie ein ernster, sachlicher Mensch, den man grundlos gekränkt hat, der aber auch Kränkungen zu vergessen versteht.
»Doch wie mich da unser Herrgott hingeführt hatte,« fuhr er fort, »ach, du himmlisches Gnadenkraut, denke ich! Nur von wegen meiner Verwaistheit ist ja das alles geschehen, denn in unserem Leben geht's nu mal gar nich ohne Unterstützung. Und sehen Sie, glauben Sie mir, gnädiger Herr, zu seinem eigenen Nachteil hat der Herr mich hingeführt: hab' für die Sachen im ganzen nur zwölf Rubelchen bekommen. Des heiligen Nicolai silbernes Kinnband aber ist fast auf den Kauf gegangen: semiliert, sagte man.«
»Du hast vorher den Wächter erstochen?«
»Nee, das heißt, wir haben's ja beide gemacht, der Wächter und ich, und dann erst, am Morgen, am Flüßchen, kam's zum Streit, wer den Sack tragen sollte. Da sündigte ich, erleichterte ihn ein klein wenig.«
»Erstich noch, stiehl noch!«
»Ganz dasselbe rät mir auch Pjotr Stepanowitsch, mit genau denselben Worten, da er mir selber nie nich was geben will, denn er ist halt geizig und hartherzig in Fragen wie Unterstützung. Außerdem, daß er an den himmlischen Schöpfer, der uns doch allesamt aus einem Erdkloß gemacht hat, nich für eine Kopeke glaubt. Er sagt, alles hat die Natur gemacht, sogar jedes letzte Tier, und überdies begreift er schon ganz und gar nich, daß uns in unserem Leben ohne milde Unterstützung überhaupt nichts möglich ist. Fängst du ihm was zu erklären an, glotzt er wie ein Schaf ins Wasser: nur so wundern kannst du dich über ihn. Aber werden Sie es wohl glauben, gnädiger Herr, beim Hauptmann Lebädkin beispielsweise, wo Sie soeben besuchten, da kam's vor, als er noch vor Ihnen bei Filippoff wohnte, daß die Tür die ganze Nacht unverschlossen steht, schläft selbst vollgesoffen wie ein Fisch, und das Geld, das kullert nur man so aus allen Taschen auf die Diele. 's kam vor, daß man's mit eigenen leibhaftigen Augen sah, denn nach unserer Meinung, daß man ohne milde Unterstützung was könnte, daran ist schon gar nich zu denken ...«
»Wie das, mit eigenen Augen? Bist du etwa in der Nacht hingegangen?«
»Vielleicht bin ich auch hingegangen, nur weiß das niemand nich.«
»Warum hast du ihn denn nicht erstochen?«
»Hab erst nachgezählt und mich dann bedacht. So wußte ich denn, daß ich immer hundertfünfzig Rubel rausnehmen kann, aber warum soll ich denn das, wenn ich ganze tausendfünfhundert kriegen kann, wenn ich nur eben jetzt ein wenig warte? Denn Hauptmann Lebädkin hat immer sehr auf Sie gebaut, hab's mit meinen eigenen Ohren gehört, wenn er voll war, und es gibt hier überhaupt keine Schenke mehr, wo er nich dasselbe genau so wiederholt hat. Das hab ich auch noch von anderen gehört, und so begann ich nun gleichfalls, meine ganze Hoffnung auf den gnädigen Herrn zu setzen. Ich bin wirklich zu Ihnen, gnädiger Herr, wie zu meinem Vater oder leiblichen Bruder, denn Pjotr Stepanowitsch wird darüber niemals was von mir zu hören bekommen und auch sonst keine einzige Seele. Also deshalb meine ich, der gnädige Herr könnte mir doch wirklich jetzt mit drei Rubelchen wohlwollen? Wenn der gnädige Herr mir nur somit klar zu verstehen geben wollte, damit ich dann die Wahrheit weiß, denn für unsereins ist's nun einmal ohne milde Unterstützung ganz und gar unmöglich.«
Da lachte Stawrogin laut auf, zog aus der Tasche sein Portemonnaie, in dem an fünfzig Rubel in kleineren Scheinen waren, und warf einen Schein aus dem Paket ihm zu, dann noch einen, dann einen dritten, vierten, fünften. Fedjka fing sie in der Luft auf, sprang hin und her, die Banknoten flatterten, fielen in den Schmutz, immer gieriger griff er nach ihnen, und immer erregter stieß er dabei ein kurzes »Äch, Äch« hervor. Schließlich schleuderte ihm Stawrogin aus voller Faust das ganze Geldpaket zu und bog, immer noch lachend, in eine Quergasse ein -- diesmal allein. Der Strolch blieb zurück, rutschte fast auf den Knien im Schmutz herum und suchte nach den vom Wind verstreuten Geldscheinen, die in den Pfützen versanken, und noch eine ganze Stunde lang konnte man hören, wie er in der Dunkelheit suchend sein kurzes »Äch, Äch!« hervorstieß.
Achtes Kapitel. Das Duell
I.
Am anderen Tage um zwei Uhr nachmittags fand das Duell statt. Daß dasselbe wirklich so schnell zustande kam, dazu hatte vor allem der leidenschaftliche Wunsch Artemij Pawlowitsch Gaganoffs beigetragen, sich um jeden Preis und so schnell wie nur möglich zu schlagen. Er begriff die Haltung seines Gegners nicht und war außer sich vor Empörung. Schon einen ganzen Monat beleidigte er Stawrogin, und noch immer war es ihm nicht gelungen, diesen zu einer Forderung zu bewegen. Dabei schämte er sich im Grunde der eigenen innersten Gründe des krankhaften Hasses, mit dem er Stawrogin seit der »Nasführung« seines Vaters verfolgte. Auch konnte er Stawrogin nicht gut zuerst fordern, da dieser nicht den geringsten Anlaß dazu bot -- ganz abgesehen davon, daß er ihm wegen jenes Vorfalls mit dem Vater ja bereits die allerhöflichsten Entschuldigungen angeboten hatte. Unbegreiflich war es ihm auch, wie Stawrogin die Ohrfeige Schatoffs so ohne weiteres hatte hinnehmen können. Und da er ihn denn alles in allem schließlich für einen ausgemachten Feigling halten mußte, so hatte er sich endlich entschlossen, den letzten, in seiner Frechheit so unerhörten Brief zu schreiben, der denn auch richtig den Verhaßten zu einer Forderung bewog. In fieberhafter Ungeduld hatte Gaganoff die Antwort auf diesen Brief erwartet, hatte die Chancen berechnet, die diesmal für eine Forderung bestanden, und war am Ende geradezu verzweifelt bei dem Gedanken, daß auch jetzt vielleicht aus irgendeinem Grunde nichts daraus werden könnte. Für alle Fälle aber hatte er bereits Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff, seinen alten Jugendfreund, zu sich gebeten: der sollte sein Sekundant sein. So hatte denn Kirilloff, als er am Morgen um neun Uhr erschien, die beiden zusammen angetroffen. Seine Erklärungen und alle die unerhörten Zugeständnisse Stawrogins waren von Gaganoff mit einer unglaublichen Heftigkeit zurückgewiesen worden. Mawrikij Nicolajewitsch hatte, nicht wenig erstaunt, zuerst darauf eingehen wollen und schon geglaubt, es ließe sich eine Versöhnung zustande bringen. Doch als er bemerkte, daß Artemij Pawlowitsch vor Zorn geradezu erzitterte, da hatte er schnell wieder geschwiegen. Er wäre wohl überhaupt aufgestanden und fortgegangen, wenn er dem Freunde nicht bereits sein Wort gegeben hätte; so aber blieb er denn, in der Hoffnung, später vielleicht noch irgendwie vermitteln zu können. Im übrigen wurden alle Bedingungen Stawrogins von Gaganoff sofort angenommen und sogar auf einen dreimaligen Kugelwechsel erweitert -- ganz gegen Kirilloffs Wunsch und Absicht, der sich durchaus dagegen wehrte, aber nichts erreichte. So blieb es denn bei diesen scharfen Abmachungen.
Das Duell selbst fand um zwei Uhr in Brykowo statt, in einem kleinen Walde zwischen Skworeschniki und der Fabrik der Gebrüder Spigulin. Der gestrige Regen hatte völlig aufgehört, aber es war feucht und windig. Niedrige, trübe, zerrissene Wolken zogen schnell am kalten Himmel vorüber; die Bäume rauschten volltönend und mit den Wipfeln wogend und knarrten in den Stämmen; es war ein sehr trauriger Tag.
Gaganoff und Mawrikij Nicolajewitsch kamen in einem eleganten char à bancs{[112]} mit zwei prachtvollen Pferden, die Artemij Pawlowitsch selbst lenkte, auf dem Kampfplatze an; auch hatten sie einen Diener mitgenommen. Fast in demselben Augenblick trafen auch Stawrogin und Kirilloff ein, jedoch nicht im Wagen, sondern reitend, und gleichfalls in Begleitung eines Dieners. Kirilloff, der in seinem Leben noch nie auf einem Pferde gesessen hatte, hielt sich steif, doch mutig im Sattel, unter dem rechten Arm den schweren Pistolenkasten, den er für keinen Preis dem Diener hatte anvertrauen wollen, während er mit der linken Hand aus Unwissenheit beständig die Zügel anzog, weswegen denn das gereizte Pferd immer heftiger mit dem Kopf schüttelte und bereits deutlich die Absicht bekundete, sich auf die Hinterbeine zu stellen -- was übrigens den Reiter nicht im geringsten zu schrecken schien. Der mißtrauische Gaganoff, der sich schon beim geringsten Anlaß leicht tief gekränkt fühlte, faßte diese Ankunft hoch zu Roß als neue Beleidigung auf: waren doch die Gegner offenbar von vornherein von einem für sie günstigen Ausgang des Duells überzeugt, so daß sie es gar nicht erst für nötig gehalten hatten, auf alle Fälle einen Wagen zum Transport eines Verwundeten zur Stelle zu haben. Ganz gelb vor Ärger stieg Gaganoff aus seinem char à bancs, wobei er bemerkte, daß seine Hände zitterten. Auf Stawrogins Gruß dankte er nicht, sondern wandte sich einfach ab.
Die Sekundanten warfen das Los: es traf Kirilloffs Pistolen. Der Wagen und die Pferde wurden mit den Dienern an den Waldrand zurückgeschickt. Dann maßen die Sekundanten die Barriere ab, wiesen den Gegnern ihren Platz an und händigten ihnen die geladenen Pistolen ein.
Mawrikij Nicolajewitsch war besorgt und traurig, Kirilloff dagegen vollkommen ruhig und unbekümmert, sehr genau in der Ausübung seines Amtes, doch ohne allzu geschäftig zu sein, kurz, er machte den Eindruck, als interessierte ihn die unheimliche Entscheidung eigentlich nicht im geringsten. Stawrogin war etwas bleicher als gewöhnlich, ziemlich leicht gekleidet, in einem Mantel, und trug einen weißen Kastorhut. Er schien sehr müde zu sein, dann und wann flog ein düsterer Schatten über sein Gesicht, und offenbar war es ihm nicht der Mühe wert, seine schlechte Laune zu verbergen. Am eigentümlichsten verhielt sich jedoch Artemij Pawlowitsch Gaganoff, und ich sehe mich schon aus diesem Grunde gezwungen, über ihn ein paar Worte hinzuzufügen.
II.
Artemij Pawlowitsch Gaganoff war ein großer Mensch, weiß und wohlgenährt, wie der Volksmund sagt, ja, beinahe feist, etwa dreiunddreißig Jahre alt, mit blondem, anliegendem Haar und, wenn man will, sogar hübschen Gesichtszügen. Er war mit dem Oberstenrang aus dem Dienst geschieden, doch wenn er es bis zum General gebracht hätte, so wäre er als solcher in voller Uniform eine noch imponierendere Erscheinung gewesen, und es wäre sehr leicht möglich, daß er im Felde einen guten Heerführer abgegeben hätte.
Zur Kennzeichnung seines Charakters darf nicht verschwiegen werden, daß der Grund, weshalb er seinen Abschied nahm, der ihn so lange und qualvoll verfolgende Gedanke an seine »Familienschande« war: die Beleidigung seines Vaters -- vor mehr als vier Jahren in unserem Klub -- durch Nicolai Stawrogin. Er hielt es auf Ehre und Gewissen für unehrenhaft, nach wie vor im Heer zu bleiben, und war innerlich überzeugt, daß er das Regiment und die Kameraden schände, obschon keiner von ihnen etwas von jenem Vorfall wußte. Allerdings hatte er schon früher einmal die Absicht gehabt, den Abschied zu nehmen, schon lange vor jener Beleidigung, aus einem ganz anderen Grunde, aber er hatte doch noch geschwankt und sich nicht entschließen können. Den Anstoß zu dieser ersten Absicht, den aktiven Dienst aufzugeben, oder richtiger den Anlaß zu diesem Gedanken hatte seinerzeit[40] -- wie sonderbar das auch klingen mag -- das Manifest vom 19. Februar gegeben, das die Leibeigenschaft der Bauern aufhob. Dabei verlor er, Gaganoff, als einer der reichsten Gutsbesitzer unseres Gouvernements, durch dieses Manifest noch nicht einmal so viel, und außerdem sah er die Berechtigung der humanitären Gesichtspunkte selbst ein, ja er begriff fast auch die ökonomischen Vorteile der Reform, -- doch ungeachtet dessen fühlte er sich nach Erscheinen des Manifestes gleichsam persönlich beleidigt. Es war das zwar nur ein Gefühl bei ihm, beinahe unbewußt, doch vielleicht empfand er es gerade deshalb um so stärker. Bis zum Tode seines Vaters hatte er sich nicht entschließen können, etwas Entscheidendes zu tun; doch durch seinen »aristokratischen« Standpunkt wurde er in Petersburg selbst mit vielen hervorragenden Persönlichkeiten bekannt, worauf er den Verkehr mit ihnen eifrig zu pflegen begann. Im übrigen war er ein zurückhaltender, verschlossener Mensch, der zu jenen sonderbaren, doch in Rußland noch nicht ausgestorbenen Edelleuten gehörte, die auf das Alter und die Reinheit ihres Adelsgeschlechts ungeheuer viel geben und sich damit schon gar zu ernsthaft beschäftigen. Dabei war ihm aber die Geschichte Rußlands geradezu ein Greuel, wie er denn die ganze russische Art teilweise für eine Schweinerei hielt. Schon in seiner Kindheit, als er noch in einer besonderen militärischen Schule für ausschließlich vornehme und reiche Zöglinge war, hatten sich in ihm gewisse poetische Auffassungen entwickelt: ihm gefielen Schlösser und Burgen, das mittelalterliche Leben von seiner opernhaften Seite, das Rittertum. Schon damals weinte er fast vor Scham, wenn er daran dachte, daß der Zar des alten moskowitischen Reiches die russischen Bojaren körperlich hatte strafen dürfen, und er errötete, wenn er diese Bräuche mit denen des ausländischen ritterlichen Mittelalters verglich. Dieser steife, äußerst strenge Mensch, der seinen Dienst so ausgezeichnet kannte und jede Pflicht gewissenhaft erfüllte, war im Grunde seiner Seele verträumt. Man behauptete von ihm, er könne Reden, sogar gute Reden halten -- einstweilen jedoch hatte er seine ganzen dreiunddreißig Jahre lang fast nur geschwiegen, und sogar in jenem vornehmen und vielbedeutenden Petersburger Kreise, in dem er seit einiger Zeit verkehrte, hatte er sich ungewöhnlich hochmütig verhalten. Da traf ihn die Begegnung mit Stawrogin, der aus dem Auslande nach Petersburg zurückgekehrt war, und brachte ihn fast um den Verstand. So war er denn von einer geradezu krankhaften Unruhe, als er jetzt vor der Barriere stand: noch immer fürchtete er, daß das Duell auf irgendeine Weise nicht zustandekommen könnte, und selbst die kleinste Verzögerung machte ihn erzittern. Ein geradezu schmerzhafter Ausdruck trat in sein Gesicht, als Kirilloff, anstatt das Zeichen zum ersten Schuß zu geben, plötzlich zu sprechen begann, allerdings nur pflichtschuldig, was er auch sofort vorausschickte.
»Nur pro forma noch ein paar Worte: jetzt, da schon die Pistolen in den Händen der Duellanten sind, frage ich zum letztenmal, ob Sie nicht wünschen, sich zu versöhnen? -- Die Pflicht des Sekundanten,« fügte er fast gleichgültig hinzu.
Und wie um seinen Freund zu ärgern -- so schien es wenigstens Gaganoff --, begann nun auch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff zu sprechen, der bisher noch kein Wort gesagt, sich aber schon seit dem vorigen Abend über seine Zusage quälende Vorwürfe gemacht hatte. So griff er denn Kirilloffs Vorschlag schnell auf.
»Ich schließe mich vollkommen Herrn Kirilloffs Worten an ... Daß man sich an der Barriere nicht mehr versöhnen könne -- ist ein Vorurteil, das zu den Franzosen passen mag ... Und eigentlich liegt doch überhaupt keine richtige Beleidigung vor, wenigstens vermag ich sie nicht zu entdecken -- Verzeihung, das wollte ich schon gestern sagen ... es werden doch alle erdenklichen Entschuldigungen angeboten, nicht wahr?«
Er war dabei ganz rot geworden. Selten hatte er so viel und in solcher Aufregung gesprochen.
»Ich wiederhole meine Bereitwilligkeit, alle mir möglichen Entschuldigungen zu machen,« sagte Stawrogin ungewöhnlich entgegenkommend.
»Wie ist das nur möglich?!« schrie Gaganoff, zu Drosdoff gewandt, außer sich, und stampfte mit dem Fuß. »Erklären Sie doch diesem Menschen,« -- er stieß dabei mit der Pistole in die Richtung, in der Stawrogin stand -- »wenn Sie mein Sekundant und nicht mein Feind sind, Mawrikij Nicolajewitsch, daß solche Zugeständnisse die Beleidigung nur verstärken! Er hält es nicht für möglich, von mir beleidigt zu werden! ... Er hält es für keine Schande, vor mir von der Barriere zurückzutreten! Für wen hält er mich denn nach alledem! Was glauben Sie ... und Sie sind noch mein Sekundant! Sie regen mich nur auf, damit ich nicht treffe!«
Wieder stampfte er mit dem Fuß und Speichel spritzte von seinen Lippen.
»Die Unterhandlung ist beendet. Bitte, auf das Kommando zu hören!« rief Kirilloff laut. »Eins, zwei, drei!«
Bei »drei« gingen die Gegner aufeinander zu. Gaganoff erhob sofort die Pistole und beim fünften oder sechsten Schritt -- schoß er. Eine Sekunde lang blieb er stehen und, nachdem er sich überzeugt, daß er nicht getroffen hatte, ging er schnell zur Barriere. Auch Stawrogin trat an die Barriere, erhob die Pistole, aber ziemlich hoch und schoß fast ohne zu zielen. Darauf zog er sein Taschentuch hervor und umwickelte den kleinen Finger seiner rechten Hand. Da bemerkten erst die anderen, daß Artemij Pawlowitsch doch nicht ganz gefehlt hatte: freilich hatte die Kugel den Finger nur gestreift, ohne den Knochen zu berühren. Kirilloff erklärte sofort, daß das Duell, wenn die Gegner sich jetzt nicht versöhnen wollten, seinen Fortgang nehmen könne.
»Ich behaupte, daß dieser Mensch,« schrie Gaganoff heiser (seine Kehle war trocken geworden), sich wieder nur an Drosdoff wendend, und er wies von neuem mit der Pistole auf Stawrogin, »daß dieser Mensch absichtlich in die Luft geschossen hat ... absichtlich! ... Das ist eine neue Beleidigung! Er will das Duell unmöglich machen!«
»Ich habe das Recht, so zu schießen, wie ich will, wenn es nur nach den Regeln geschieht,« bemerkte Stawrogin fest.
»Nein, das hat er nicht! Erklären Sie ihm das, erklären Sie es ihm doch!« schrie Gaganoff.
»Ich bin ganz der Meinung Nicolai Wszewolodowitschs,« sagte Kirilloff.
»Warum schont er mich!?« raste Gaganoff, ohne auf die anderen zu hören. »Ich verachte seine Schonung ... Ich spucke ... Ich ...«
»Ich gebe mein Wort, daß ich Sie durchaus nicht beleidigen wollte,« sagte Stawrogin ungeduldig. »Ich habe in die Luft geschossen, weil ich niemanden mehr töten will, ob Sie oder einen anderen, geht Sie persönlich nichts an. Es ist wahr, ich halte mich nicht für beleidigt, und es tut mir leid, daß Sie das aufbringt. Ich erlaube aber keinem, sich in mein Recht einzumischen.«
»Wenn er sich so vor Blut fürchtet, so fragen Sie ihn doch, warum er mich überhaupt gefordert hat?« brüllte Gaganoff, immer noch ausschließlich zu Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff gewandt.
»Wie sollte man Sie denn nicht fordern?« mischte sich Kirilloff ein. »Sie wollten doch nichts hören, wie sollte man Sie denn los werden?«
»Ich möchte nur bemerken,« sagte Mawrikij Nicolajewitsch, der angestrengt und qualvoll über die Sache nachdachte, »wenn der Gegner im voraus erklärt, er werde in die Luft schießen, so kann das Duell, meiner Meinung nach, nicht mehr fortgesetzt werden ... aus delikaten und, ich glaube ... auch klaren Gründen.«
»Ich habe durchaus nicht erklärt, daß ich jedesmal in die Luft schießen werde!« rief Stawrogin, der nun wirklich die Geduld verlor. »Wie können Sie wissen, was ich im Sinne habe und wie ich zum zweitenmal schießen werde ... Ich mache das Duell keineswegs unmöglich.«
»Wenn dem so ist, kann das Duell seinen Fortgang nehmen,« wandte sich Mawrikij Nicolajewitsch an Gaganoff.
»Meine Herren, nehmen Sie Ihre Plätze ein!« kommandierte Kirilloff.
Sie stellten sich auf, gingen wieder aufeinander zu, wieder fehlte Gaganoff und wieder schoß Stawrogin in die Luft. Übrigens waren diese Schüsse in die Luft doch zweifelhaft -- es ließ sich über sie streiten: Stawrogin hätte sehr wohl behaupten können, daß er, ganz wie es sich gehört, auf den Gegner gezielt habe, wenn er nicht vorher selbst das Gegenteil angekündigt hätte, denn er richtete die Pistole nicht etwa gerade auf den Himmel oder auf einen Baumwipfel, sondern immerhin so, als ziele er auf den Gegner, -- wenn er auch tatsächlich einen halben Meter über dessen Hut zielte. Dieses zweite Mal hatte er sogar ein noch niedrigeres, noch täuschenderes Ziel genommen; doch Gaganoff wäre jetzt wohl überhaupt nicht mehr zu überzeugen gewesen.
»Wieder!« knirschte er ingrimmig. »Einerlei! Ich bin gefordert und werde von meinem Recht Gebrauch machen! Ich will zum drittenmal schießen ... unbedingt! ...«
»Dazu haben Sie das volle Recht,« schnitt ihm Kirilloff das Wort ab.
Mawrikij Nicolajewitsch sagte nichts. Zum drittenmal wurden sie aufgestellt, zum drittenmal wurde kommandiert. Diesmal schritt Gaganoff bis zur Barriere, und von dort, auf zwölf Schritt Distanz, begann er zu zielen. Doch seine Hände zitterten zu sehr, um richtig zielen zu können. Stawrogin stand mit gesenkter Pistole und erwartete regungslos den Schuß des Gegners.
»Zu lange, zu lange gezielt!« rief Kirilloff schließlich ungestüm. »Schießen Sie! Schießen Sie!«
Der Schuß ertönte, und diesmal riß die Kugel Stawrogins weißen Hut vom Kopfe. Gaganoff hatte gut gezielt, der Hutboden war ganz unten durchschossen; nur zwei Zentimeter niedriger und alles wäre zu Ende gewesen. Kirilloff hob den Hut auf und reichte ihn Stawrogin.
»Schießen Sie, halten Sie den Gegner nicht auf!« rief Mawrikij Nicolajewitsch in ungewöhnlicher Erregung, als er sah, daß Stawrogin, der mit Kirilloff den Hut betrachtete, seinen dritten Schuß gleichsam vergessen hatte.
Stawrogin zuckte zusammen, blickte auf Gaganoff, wandte sich dann zur Seite und schoß diesmal schon ohne jedes Zartgefühl einfach in den Wald hinein. Das Duell war beendet. Gaganoff stand da wie erstarrt. Mawrikij Nicolajewitsch trat zu ihm und sprach etwas, doch er schien ihn gar nicht zu verstehen. Kirilloff zog den Hut, als er fortging, und nickte Mawrikij Nicolajewitsch zu; doch Stawrogin vergaß jetzt die Höflichkeit, die er vorhin bezeugt hatte; nach seinem letzten Schuß in den Wald, drückte er Kirilloff die Pistole in die Hand und ging, ohne sich auch nur einmal zur Barriere zu wenden, schnell zu den Pferden. Sein Gesicht drückte Wut aus; er schwieg. Auch Kirilloff schwieg. Sie bestiegen die Pferde und ritten im Galopp davon.
III.
»Warum schweigen Sie?« rief Stawrogin ungeduldig Kirilloff zu, kurz bevor sie das Haus erreichten.
»Was wollen Sie?« fragte dieser, fast vom Pferde rutschend, da es sich bäumte.
Stawrogin bezwang sich.
»Ich wollte ihn nicht beleidigen, diesen ... Dummkopf, und doch habe ich es wieder getan,« sagte er langsam.
»Ja, Sie haben ihn wieder beleidigt,« sagte Kirilloff trocken, -- »und dabei ist er gar kein Dummkopf.«
»Immerhin habe ich alles getan, was ich konnte.«
»Nein.«
»Was hätte ich denn tun sollen?«
»Nicht fordern.«
»Noch einen Schlag ins Gesicht ertragen?«
»Ja, noch einen Schlag ertragen.«
»Ich fange an nichts mehr zu begreifen!« sagte Stawrogin geärgert. »Warum erwartet man von mir, was man sonst von niemandem erwartet? Warum soll ich ertragen, was sonst niemand erträgt, und mir Bürden aufladen, die keiner tragen kann?«
»Ich glaube, Sie suchen eine Bürde.«
»Ich suche eine Bürde?«
»Ja.«
»Sie ... haben das bemerkt?«
»Ja.«
»Ist das so bemerkbar?«
»Ja.«
Sie schwiegen. Stawrogin sah besorgt aus, fast erschreckt.
»Ich habe nur deshalb nicht auf ihn geschossen, weil ich nicht töten wollte, und das war alles, ich versichere Sie,« sagte er schnell und erregt, als wollte er sich rechtfertigen.
»Es war nicht nötig, zu beleidigen.«
»Was hätte man denn tun sollen?«
»Man hätte töten sollen.«
»Es tut Ihnen leid, daß ich ihn nicht erschossen habe?«
»Mir tut gar nichts leid. Ich glaubte, Sie wollten ihn wirklich erschießen. Sie wissen selbst nicht, was Sie suchen.«
»Ich suche eine Bürde,« lachte Stawrogin auf.
»Wenn Sie nicht Blut vergießen wollten, warum gaben Sie sich denn selbst dazu her?«
»Wenn ich ihn nicht gefordert hätte, so wäre ich von ihm so erschlagen worden, ohne Duell.«
»Das ist nicht Ihre Sache. Vielleicht hätte er auch nicht erschlagen.«
»Sondern nur geschlagen?«
»Nicht Ihre Sache. Tragen Sie die Bürde. Sonst gibt es kein Verdienst.«
»Aus dem mache ich mir gerade was! Habe es noch bei niemandem gesucht!«
»Ich glaubte, Sie suchten,« schloß Kirilloff unglaublich kaltblütig.
Sie ritten auf den Hof.
»Kommen Sie zu mir?« lud ihn Stawrogin ein.
»Nein, ich gehe nach Haus. Leben Sie wohl.«
Er stieg aus dem Sattel und nahm seinen Kasten unter den Arm.
»Aber wenigstens Sie ärgern sich doch nicht über mich?« fragte Stawrogin und hielt ihm die Hand hin.
»Nicht im geringsten!« Kirilloff kehrte sofort zurück, um ihm die Hand zu drücken. »Wenn meine Bürde mir leicht ist, so ist es, weil das von Natur so ist, und wenn Ihre Bürde Ihnen vielleicht schwerer ist, so kommt das auch, weil die Natur so ist. Sehr zu schämen braucht man sich deshalb nicht, nur ein wenig.«
»Ich weiß, daß ich ein nichtiger Charakter bin, aber ich dränge mich ja auch nicht unter die Starken.«
»Tun Sie's auch nicht. Sie sind kein starker Mensch. Kommen Sie wieder Tee trinken.«
Stawrogin trat verwirrt und erregt bei sich ein.
IV.
Alexei Jegorowitsch meldete ihm sofort, daß Warwara Petrowna, die sich über den Spazierritt Nicolai Wszewolodowitschs -- den ersten nach acht Tagen Krankheit -- sehr gefreut hatte, nun gleichfalls ausgefahren sei, »so wie früher alle Tage, um wieder einmal frische Luft zu atmen, dieweil sie es seit acht Tagen nicht mehr getan haben.«
»Ist sie allein gefahren oder mit Darja Pawlowna?« unterbrach Stawrogin den alten Diener hastig und sein Gesicht verdüsterte sich sehr, als er hörte, daß Darja Pawlowna »krankheitshalber vorgezogen haben, nicht mitzufahren und sich augenblicklich in ihren Zimmern befinden«.
»Höre, Alter,« sagte er, wie nach einem plötzlichen Entschluß, »paß auf sie heute den ganzen Tag auf, und wenn du bemerkst, daß sie zu mir kommen will, so halte sie zurück und sag ihr, daß ich sie nicht empfangen kann, wenigstens in diesen Tagen nicht ... daß ich sie selbst darum bitten lasse ... und wenn es Zeit sein wird, werde ich sie selbst rufen -- hörst du?«
»Zu Befehl,« sagte Alexei Jegorowitsch mit Kummer in der Stimme und senkte die Augen.
»Aber nicht früher, als bis du sicher bist und genau siehst, daß sie zu mir kommen will.«
»Der gnädige Herr können unbesorgt sein, es wird alles so gemacht werden. Durch mich sind bis jetzt auch alle Besuche ermöglicht worden, sie haben sich immer an mich gewandt.«
»Ich weiß. Also nicht früher, als bis sie selbst kommt. Und jetzt bring mir Tee, wenn es geht, möglichst schnell.«
Kaum hatte der Alte das Zimmer verlassen, als dieselbe Tür sich wieder öffnete und Darja Pawlowna auf der Schwelle erschien. Ihr Blick war ruhig, doch das Gesicht bleich.
»Woher kommen Sie?« rief Stawrogin.
»Ich stand hier an der Tür und wartete, bis er hinausging, um dann bei Ihnen einzutreten. Ich habe gehört, was Sie ihm angaben. Als er fortging, versteckte ich mich hinter den Mauervorsprung rechts, und so hat er mich nicht bemerkt.«
»Ich wollte schon lange mit Ihnen brechen, Dascha ... so lange ... es noch Zeit ist. Ich konnte Sie heute Nacht nicht empfangen, trotz Ihrer brieflichen Bitte. Ich wollte Ihnen gleichfalls schreiben, aber ich verstehe nicht zu schreiben,« fügte er mit Ärger und sogar wie angeekelt hinzu.
»Auch ich habe bereits daran gedacht, daß wir brechen müssen. Warwara Petrowna argwöhnt schon zu sehr unsere Beziehungen.«
»Nun, mag sie doch.«
»Sie soll sich nicht beunruhigen. Und so bleibt es denn jetzt bis zum Ende?«
»Sie erwarten immer noch unbedingt ein Ende?«
»Ja, ich bin überzeugt, daß es kommen wird.«
»Auf der Welt hat nichts ein Ende.«
»Hier aber wird es ein Ende geben. Rufen Sie mich dann, ich werde kommen. Und jetzt leben Sie wohl.«
»Und was für ein Ende wird denn das sein?« fragte Stawrogin halb lachend.
»Sie sind nicht verwundet und ... haben auch kein Blut vergossen?« fragte sie, ohne auf die Frage nach dem Ende zu antworten.
»Es war dumm; ich habe niemanden getötet, beunruhigen Sie sich nicht. Übrigens werden Sie heute noch alles von allen hören. Ich fühle mich nicht ganz wohl.«
»Ich gehe schon. Die Anzeige der Heirat wird heute nicht erfolgen?« fragte sie noch wie unschlüssig.
»Heute nicht; morgen nicht ... übermorgen -- sind wir vielleicht alle tot, ... um so besser. Lassen Sie mich, lassen Sie mich doch endlich!«
»Sie werden die andere nicht zugrunde richten ... die Wahnsinnige?«
»Ich werde keine Wahnsinnige zugrunde richten, weder die eine noch die andere, aber ich glaube, die Vernünftige richte ich zugrunde: ich bin so gemein, so niedrig, Dascha, daß ich Sie vielleicht wirklich rufen werde -- >ganz zum Schluß<, wie Sie sagen, und Sie werden dann, trotz Ihrer Vernunft, zu mir kommen. Warum richten Sie sich selbst zugrunde?«
»Ich weiß, daß zum Schluß nur ich bei Ihnen bleiben werde und ... ich warte darauf.«
»Wenn ich Sie aber zum Schluß nicht rufe und von Ihnen fortlaufe?«
»Das ist unmöglich, Sie werden mich rufen.«
»Darin liegt viel Verachtung für mich.«
»Sie wissen, daß nicht nur Verachtung ...«
»Also ist Verachtung immerhin dabei?«
»Ich wollte es nicht so sagen. Gott ist mein Zeuge, daß ich von Herzen wünschte, Sie hätten mich niemals nötig.«
»Die eine Phrase ist die andere wert. Auch ich wünschte, Sie nicht zugrunde zu richten.«
»Niemals und durch nichts werden Sie mich zugrunde richten können -- und das wissen Sie ja selbst am besten,« sagte Darja Pawlowna schnell und überzeugt. »Wenn ich nicht zu Ihnen komme, so werde ich barmherzige Schwester, Krankenwärterin. Oder werde als Büchertrödlerin Bibeln verkaufen. Das habe ich beschlossen. Ich kann nicht in solchen Häusern leben, wie dieses hier. Nicht das ist es, was ich will ... Sie wissen alles ... --«
»Nein, ich habe es nie erfahren können, was Sie wollen; ich glaube, Sie interessieren sich für mich, wie zuweilen alte Krankenwärterinnen aus irgendeinem Grunde einen Pflegling den anderen vorziehen, oder, noch besser, wie auf unseren Kirchhöfen die betenden Greisinnen von den vielen Leichen sich eine etwas ansehnlichere aussuchen, die sie dann besonders in ihr Herz schließen.[41] Warum sehen Sie mich so sonderbar an?«
»Sind Sie sehr krank?« fragte sie teilnehmend und sah ihn dabei ganz eigentümlich nachdenklich und forschend an. »Gott! Und dieser Mensch will ohne mich auskommen!«
»Hören Sie, Dascha, ich sehe jetzt immer Gespenster. Heute nacht bot sich mir ein kleiner Teufel auf der Brücke an, -- erbot sich, Lebädkin und Marja Timofejewna zu ermorden, um meiner gesetzlichen Ehe ein Ende zu machen, und so, daß nichts ruchbar wird. Als Handgeld verlangte er nur drei Rubel, doch gab er deutlich zu verstehen, daß die ganze Operation nicht weniger als tausendfünfhundert kosten werde. Das war mir mal ein gut berechnender Teufel! Ein Buchhalter! Ha--ha!«
»Und Sie sind fest überzeugt, daß es ein Gespenst war?«
»O nein, durchaus kein Gespenst! Das war ganz einfach der entsprungene Zuchthäusler Fedjka, ein sibirischer Sträfling und Raubmörder. Doch das ist Nebensache. Aber was glauben Sie, daß ich getan habe? Ich habe ihm das ganze Geld aus meinem Portemonnaie hingeworfen, und er ist jetzt vollkommen überzeugt, daß ich ihm damit das Handgeld gezahlt habe!«
»Sie haben ihn in der Nacht getroffen und er hat Ihnen diesen Vorschlag gemacht? Ja, sehen Sie denn wirklich nicht, daß Sie von dem Netz jener Leute schon vollständig umstrickt sind?«
»Nun, mögen sie. Aber soll ich Ihnen sagen, was für eine Frage sich jetzt in Ihnen dreht und windet? -- ich sehe sie in Ihren Augen,« fügte er gereizt mit bösem Lächeln hinzu.
Dascha erschrak:
»Gar keine Frage und es gibt da überhaupt keinen Zweifel, schweigen Sie!« rief sie in Unruhe, die Frage gleichsam von sich fortscheuchend.
»Sie sind also überzeugt, daß ich nicht zu Fedjka in die Kneipe gehen werde?«
»O Gott!« Sie erhob die Hände. »Warum quälen Sie mich so?«
»Nun, verzeihen Sie mir meinen dummen Scherz, offenbar habe ich mir von jenen deren schlechte Manieren angeeignet. Wissen Sie, seit dieser Nacht habe ich so wahnsinnige Lust zu lachen, immerzu, ununterbrochen, lange, aus vollem Halse zu lachen. Ich bin wie geladen mit Gelächter ... Hu! Mama ist angekommen; ich kenne den Ruck, mit dem ihre Equipage vor dem Portal anhält.«
Dascha ergriff seine Hand.
»Wird doch Gott Sie vor Ihrem Dämon bewahren und ... rufen Sie mich, rufen Sie mich dann schnell!«
»Oh, mein Dämon! Der ist ja nur ein kleines, widerliches, skrofulöses Teufelchen, das sich erkältet und den Schnupfen hat, eines von den mißlungenen. Aber Sie, Dascha, Sie wagen ja wieder nicht, etwas auszusprechen?«
Sie sah ihn mit Schmerz und Vorwurf an und wandte sich zur Tür.
»Hören Sie,« rief er ihr mit boshaftem, verzerrtem Lächeln nach. »Wenn ... nun, da, mit einem Wort, wenn ... Sie verstehen schon, wenn ich selbst zu Fedjka in die Kneipe ginge ... und Sie nachher riefe, -- würden Sie dann auch noch kommen, selbst nach meinem Gang in die Kneipe?«
Sie ging hinaus, ohne zurückzusehen, ohne zu antworten, das Gesicht mit den Händen bedeckt.
»Sie wird kommen, auch nach meinem Gang in die Kneipe!« murmelte er nach kurzem Nachdenken vor sich hin, und in seinem Gesicht drückte sich angewiderte Verachtung aus: -- »Krankenwärterin! Hm ... Doch übrigens, vielleicht brauche ich gerade das.«
Neuntes Kapitel. Alle in Erwartung
I.
Die Geschichte dieses Duells wurde in unserer Gesellschaft ungemein schnell bekannt. An dem Eindruck, den sie machte, war das Bemerkenswerteste die Einstimmigkeit, mit der alle sich schon am nächsten Tage rückhaltlos für Nicolai Stawrogin erklärten. Selbst viele von seinen ehemaligen Feinden zählten sich plötzlich entschieden zu seinen Freunden.
Den Anstoß zu diesem überraschenden Umschwung der öffentlichen Meinung hatte zunächst nur eine einzige treffende Bemerkung gegeben; diese aber war von einer Persönlichkeit gemacht worden, die sich bis dahin noch nie öffentlich geäußert oder gar ihre Stellungnahme verraten hatte. So ward denn jene Bemerkung sogleich von ungeheurer Bedeutung für den größten Teil unserer Gesellschaft. Zugetragen aber hatte sich das alles folgendermaßen:
Gerade an dem Tage nach dem Duell feierte die Gemahlin des Adelsmarschalls unseres Gouvernements ihren Geburtstag. Die ganze höhere Gesellschaft war bei ihr versammelt. Unter den Gästen befand sich auch, oder richtiger, präsidierte, als Gattin unseres neuen Gouverneurs, Julija Michailowna, die in Begleitung von Lisaweta Nicolajewna erschienen war. Lisa war von geradezu strahlender Schönheit und sah ganz besonders froh und glücklich aus -- was freilich viele Damen sogleich äußerst verdächtig fanden. Hier muß ich erwähnen, daß an ihrer tatsächlichen Verlobung mit Mawrikij Nicolajewitsch eigentlich nicht mehr zu zweifeln war: auf die scherzhafte Frage eines alten Generals, von dem gleich noch die Rede sein wird, antwortete Lisa selbst, daß sie Braut sei. Und doch -- wie sonderbar das auch erscheinen mag --: keine einzige von unseren Damen wollte daran glauben und alle fuhren sie eigensinnig fort, von einem verhängnisvollen Familiengeheimnis, von einem Roman zu munkeln, der sich in der Schweiz abgespielt haben sollte, und zwar -- ich weiß nicht, weshalb -- unbedingt unter Mitwirkung von Julija Michailowna. Es ist wirklich schwer zu sagen, wie alle diese Gerüchte sich so lange und hartnäckig behaupten konnten, und warum immer wieder und unbedingt gerade Julija Michailowna in diese Geschichten hineingeflochten wurde und warum man glaubte, daß sie auch in die Geheimnisse der Ohrfeigengeschichte eingeweiht sei.
So kam es denn, daß man ihr auch auf der Abendgesellschaft beim Adelsmarschall, als sie mit Lisa eintrat, sogleich und ganz allgemein mit Spannung entgegensah, mit Blicken, die die Erwartung deutlich verrieten. Von dem Duell wagte man noch nicht laut zu sprechen, nur unter Bekannten tuschelte man sich dies und jenes zu. Es geschah das wohl vor allem deshalb, weil man noch nicht wußte, wie sich die Behörden zu dem Vorfall stellen würden. Soweit bekannt war, hatte man die beiden Duellanten bis jetzt noch völlig unbehelligt gelassen, und Gaganoff war, wie man wußte, schon am Morgen dieses Tages auf sein Gut Duchowo zurückgekehrt, ohne vorher irgendwelchen Belästigungen ausgesetzt gewesen zu sein. Selbstredend warteten nun alle darauf, daß endlich jemand laut davon zu sprechen anfange und damit der allgemeinen Ungeduld und Neugier, die sich so nicht äußern konnten, gewissermaßen die Tür öffne. Dabei rechnete man ganz besonders auf den bereits erwähnten alten General, und richtig: man verrechnete sich dabei nicht.
Dieser General war eines der angesehensten Mitglieder unseres Adelsklubs: Gutsbesitzer, doch nicht sonderlich reich, mit Anschauungen, die in ihrer Art geradezu einzig waren, und in Damengesellschaft ein unverbesserlicher Kurmacher. Unter anderem liebte er es besonders, auf großen Versammlungen, sei es nun im Klub oder in der Gesellschaft, mit der ganzen Würde seines Ranges und Alters plötzlich laut gerade davon zu sprechen, wovon alle nur ängstlich und heimlich zu flüstern wagten. Es war das gewissermaßen eine Spezialität von ihm. Und so tat er es denn auch diesmal wieder nach seiner alten Gewohnheit. -- Mit Gaganoff war er irgendwie entfernt verwandt, jetzt aber entzweit; ich glaube, er prozessierte sogar mit ihm. Außerdem hatte er in seiner Jugend selbst zwei Duelle gehabt und war wegen des letzten zeitweilig als Gemeiner nach dem Kaukasus verbannt gewesen.
Nun ließ jemand ein paar Worte über Warwara Petrowna fallen, die »nach der Krankheit« jetzt wieder ausgefahren sei -- oder eigentlich nicht gerade über sie, sondern mehr über den herrlichen grauen Viererzug eigener, Stawroginscher, Zucht, mit dem sich dies Ereignis begeben hatte. Da bemerkte plötzlich der alte General, daß er heute den »jungen Stawrogin« zu Pferde angetroffen habe ... Alles verstummte sofort. Der General aber schob eine Weile lang die Lippen hin und her, spielte mit seiner goldenen, ihm hohen Orts geschenkten Tabaksdose und sagte schließlich, die Worte wie ein Feinschmecker auseinanderziehend:
»Tut mir faktisch un--gemein leid, daß ich vor einigen Jahren nicht hier war ... Hielt mich gerade in Karlsbad auf. Hm ... Dieser junge Mensch in--te--ressiert mich, in der Tat, se--ehr. Es kursi--ierten ja seinerzeit die tollsten Gerüchte über ihn. Hm ... Aber wie, -- sollte es fak--tisch wahr sein, daß er nicht ganz, hm, zu--rechnungs--fähig ist? Hab so etwas gehört ... Jetzt aber hörte ich, ein Student habe ihn in Gegenwart seiner Kusinen beleidigt, und er soll vor ihm unter den Tisch gekrochen sein. Und nun sagt mir plötzlich Stepan Wyssotzki, daß dieser Stawro--gin sich mit diesem ... Gaga--noff geschlagen hat. Und das ein--zig in der chevaleres--ken Ab--sicht, sei--ne Stirn der Kugel eines ... Toll--gewordenen zu bieten, bloß um ihn ... äh ... loszuwerden. Hm ... Das ist so ungefähr im Stil der Garde der zwanziger Jahre. Verkehrt er übrigens hier mit jemandem?«
Der General verstummte, als erwarte er eine Antwort, und alle Blicke wandten sich, fast wie auf ein Kommando, Julija Michailowna zu.
»Das ist doch ganz erklärlich!« sagte diese gereizt, da alle gleichsam überzeugt schienen, gerade sie müsse jetzt etwas sagen. »Wie kann man sich darüber wundern, daß Stawrogin sich mit Gaganoff schlägt und mit dem Studenten nicht? Er konnte doch nicht seinen früheren Leibeigenen fordern!«
Bemerkenswerte Worte! Eine einfache und auf der Hand liegende Erklärung, auf die aber noch niemand verfallen war. So war sie denn auch von entscheidender Wirkung. Alles Skandalöse, Anekdotenhafte und Kleinliche war mit einem Schlage zurückgedrängt und etwas anderes tauchte vor einem auf. Man sah plötzlich einen neuen Menschen vor sich, in dem sich bis jetzt alle getäuscht hatten, einen Menschen mit Ehrbegriffen von fast idealer Strenge. Von einem Studenten, also einem gebildeten und nicht mehr leibeigenen Menschen, tödlich beleidigt, übersieht er die Beleidigung, weil der Student -- sein ehemaliger Leibeigener ist. Die Gesellschaft zerreißt sich den Mund darüber und blickt mit Verachtung auf den Menschen, der einen Schlag ins Gesicht hingenommen hat: dieser aber mißachtet, übersieht einfach auch die Meinung der Gesellschaft, die ja doch zur richtigen Beurteilung der Dinge viel zu unreif ist, obschon sie sich selber stets dazu berufen fühlt.
»Und währenddessen sitzen wir hier, Iwan Alexandrowitsch, und philosophieren darüber, welches die richtigen Ehrbegriffe sind!« bemerkt in einem edlen Anfall von Selbsterkenntnis ein alter Klubherr zum anderen.
»Ja, ja, Sie haben recht, Pjotr Michailowitsch,« pflichtet ihm dieser reuig bei. »Und da schilt man noch auf die Jugend von heute!«
»Ach was, hier kann doch von der Jugend im allgemeinen überhaupt nicht die Rede sein,« sagt ein Dritter. »Die Jugend von heute hat damit nichts gemein. Hier handelt es sich einfach um einen Stern, eine einzigartige Ausnahme, um einen neuen Menschen, nicht aber um irgendeine durchschnittliche Jugend von heute! Sehen Sie, so ist das aufzufassen.«
»Ja, ja ... und gerade das ist es ja, was wir brauchen; wir sind arm geworden an Persönlichkeiten.«
Doch das Wichtigste war hierbei, daß diese »Persönlichkeit« oder dieser »neue Mensch« sich nicht nur als »unzweifelhafter Edelmann« erwiesen hatte, sondern außerdem noch der allerreichste Grundbesitzer unseres Gouvernements war, und folglich sogleich als Beistand und Faktor zu betrachten war. Ich habe übrigens schon früher andeutungsweise die Stimmung unserer Grundbesitzer erwähnt.[42]
Ja, man geriet sogar ordentlich in Hitze:
»Und nicht nur, daß er den Studenten nicht gefordert hat,« hob ein anderer hervor, »er hat sogar die Hände ostentativ zurückgezogen! -- Bitte das wohl zu bemerken, Exzellenz!«
»Und hat ihn nicht einmal vor unser neues Zivilgericht geschleppt ...« meinte wieder ein anderer.
»Ungeachtet dessen, daß dieses unser hochlöbliches neues Gericht ihn dafür, daß er beleidigt worden ist, zu einer Strafe von fünfzehn Silberrubeln verurteilt hätte, ha--ha--ha!«
»Nein, hören Sie, ich werde Ihnen gleich das ganze Geheimnis unserer neuen Gerichte sagen!« regte sich ein Dritter auf. »Hat jemand einen anderen bestohlen oder begaunert, und hat man ihn womöglich auf frischer Tat ertappt und überführt -- so laufe er nur schnell nach Hause, so lange er noch Beine hat, und schlage seine Mutter tot! Dann spricht man ihn im Nu von allem frei, und die Damen werden ihm noch mit ihren Batisttüchlein von der Estrade zuwinken und Ovationen bereiten! Ehrenwort, so ist es!«
»Ein wahres Wort, bei Gott, so ist es!«
Natürlich begnügte sich die Gesellschaft auch diesmal nicht mit den bekannten Tatsachen. Man sprach wieder über die Freundschaft Stawrogins mit dem berühmten Grafen K., dessen strenger, isolierter Standpunkt den neuesten Reformen gegenüber allgemein bekannt war, ebenso wie seine aufsehenerregende Tätigkeit noch bis in die jüngste Zeit. Und plötzlich stand für alle vollständig fest, daß Nicolai Wszewolodowitsch sich mit einer von den Töchtern des Grafen K. verloben werde, obgleich zu einer solchen Annahme in Wirklichkeit auch nicht der geringste Grund vorhanden war. Was aber da irgendwelche romantische schweizer Abenteuer mit Lisaweta Nicolajewna anbetraf, oh, so erwähnten unsere Damen diese »Märchen« überhaupt nicht mehr. Ich muß hier bemerken, daß Drosdoffs inzwischen schon überall ihre Visite gemacht hatten, und nun fand man, daß Lisa ein ganz gewöhnliches junges Mädchen sei, das mit seinen »kranken Nerven« nur »kokettierte«. Ihren Ohnmachtsanfall am Tage der Ankunft Nicolai Wszewolodowitschs erklärte man einfach mit dem Schreck über die schändliche Tat des Studenten. Ja, man bemühte sich sogar, das, was man noch vor kurzem so phantastisch aufgefaßt hatte, jetzt so prosaisch wie möglich zu erklären; -- und die Hinkende vergaß man völlig, schämte sich fast, sie überhaupt erwähnt zu haben. Die Männer aber pflegten zu sagen: »Und wenn auch hundert lahme Frauenzimmer -- wer ist denn nicht jung gewesen!« Jetzt hob man auch allgemein die Ehrerbietung Nicolai Wszewolodowitschs zu seiner Mutter hervor, sprach wohlwollend von seinem großen Wissen, das er sich in diesen vier Jahren an deutschen Universitäten erworben hatte. Die Handlungsweise Gaganoffs aber erklärte man endgültig für taktlos -- »die Eigenen erkennen die Eigenen nicht!« --, und Julija Michailowna sprach man gar »höhere Einsicht« zu.
So wurde denn Stawrogin, als er endlich selbst in der Gesellschaft erschien, mit dem naivsten Ernst und der ungeduldigsten Erwartung angesehen. Er aber schwieg. Natürlich befriedigte das wieder weit mehr, als es endlose Erklärungen getan hätten. Kurz, er machte einen großen Eindruck auf alle, er wurde Mode. In der Gesellschaft kam er mit feinstem Takt allen seinen Pflichten nach. Ein Zurückziehen, sich Absondern war freilich unmöglich, nachdem er einmal in der Gesellschaft erschienen war. Das ist schon so in der Provinz. Man fand ihn zwar nicht »gemütlich« oder »unterhaltsam«, aber »der Mensch hat gelitten, ist nicht so wie andere; hat auch was, worüber er nachdenken kann,« hieß es zu seiner Entschuldigung. Sogar sein Stolz und die Unnahbarkeit, die ihm vor vier Jahren so viel Haß eingetragen hatten, gefielen jetzt und wurden sehr geachtet.
Am meisten triumphierte Warwara Petrowna. Ich weiß nicht, ob sie sich über ihre verunglückten Pläne mit Lisa sehr grämte: darüber half ihr vielleicht der Familienstolz hinweg. Sonderbar war nur eines: Warwara Petrowna glaubte plötzlich gleichfalls, daß ihr Nicolas eine Tochter des Grafen K. erwählt habe, und zwar -- was das Sonderbarste dabei war -- sie glaubte es gleichfalls nur auf die Gerüchte hin, die auch zu ihr bloß der »Zufall« verschlagen hatte; selbst aber ihren Sohn zu fragen, fürchtete sie sich. Zwei- oder dreimal konnte sie sich freilich nicht bezwingen, und machte ihm vorsichtig, wenn auch heiter, den Vorwurf, nicht ganz aufrichtig zu ihr zu sein: Nicolai Wszewolodowitsch lächelte aber nur und fuhr fort, zu schweigen. So hielt sie sein Schweigen für eine Bestätigung. Und doch konnte sie bei all dem die Hinkende nicht vergessen. Der Gedanke an diese lag ihr wie ein Stein auf dem Herzen, raubte ihr den Schlaf oder schreckte sie mit unheimlichen Träumen -- und das zu derselben Zeit, als sie an die Töchter des Grafen K. dachte. Aber davon später. Es versteht sich im übrigen von selbst, daß die Gesellschaft sich wieder ganz wie früher mit außerordentlicher Ehrfurcht zu Warwara Petrowna verhielt, wenn auch diese sich jetzt nur noch selten sehen ließ.
Indessen machte sie doch der Gouverneurin einen feierlichen Besuch. Natürlich war niemand über die schon erwähnte Bemerkung Julija Michailownas so entzückt, wie Warwara Petrowna: diese Worte hatten viel Leid von ihrem Herzen genommen. »Ich habe diese Frau mißverstanden!« sagte sie sich, und mit der ihr eigenen Aufrichtigkeit erklärte sie Julija Michailowna sofort, daß sie gekommen sei, um sich bei ihr zu bedanken. Julija Michailowna war natürlich sehr geschmeichelt, verlor jedoch nicht ihre Würde. Zu gleicher Zeit stieg sie in ihren eigenen Augen ganz beträchtlich, und vielleicht sogar etwas zu hoch. So beging sie beispielsweise im Laufe des Gesprächs die Unhöflichkeit, Warwara Petrowna zu sagen, daß sie noch nie etwas von einer literarischen Tätigkeit Stepan Trophimowitschs gehört habe.
»Ich empfange und verwöhne natürlich den jungen Werchowenski, er ist zuweilen etwas unbesonnen, aber er ist ja noch jung. Jedenfalls hat er solide Kenntnisse, und ist doch immerhin schon etwas mehr, als irgend ein verabschiedeter ehemaliger Kritiker.«
Warwara Petrowna beeilte sich sofort, zu bemerken, daß Stepan Trophimowitsch niemals Kritiker gewesen sei, sondern sein ganzes Leben in ihrem Hause verbracht habe. Berühmt aber sei er durch gewisse Umstände zu Anfang seiner Karriere, die »aller Welt nur zu gut bekannt sind«, und in der letzten Zeit durch seine Studien über die spanische Geschichte; augenblicklich beabsichtige er, über die deutschen Universitäten zu schreiben und, wenn sie recht unterrichtet sei, auch etwas über die Dresdener Madonna ... Warwara Petrowna wollte ihren Stepan Trophimowitsch um keinen Preis von Julija Michailowna herabsetzen lassen.
»Über die Dresdener Madonna? Die Sixtinische? Chère Warwara Petrowna, ich habe zwei Stunden vor diesem Bilde gesessen und bin schließlich vollkommen enttäuscht fortgegangen. Ich habe nichts verstanden und mich nur über die Menschen gewundert. Auch Karmasinoff sagt, daß es schwer sei, dieses Bild zu verstehen. Jetzt finden alle nichts Besonderes an diesem Bilde, sowohl Russen wie Engländer. Den ganzen Ruhm haben ihm nur die alten Professoren verschafft.«
»Also eine neue Mode?«
»Ach, ich aber glaube, daß man unsere Jugend nicht so geringschätzen darf. Überall klagt man jetzt, unsere jungen Leute seien Kommunisten, und verachtet sie womöglich, doch meiner Meinung nach sollte man sie lieber schonen und hochschätzen. Ich lese jetzt alles: alle Zeitungen, Revuen, treibe Naturwissenschaft -- ich bekomme alles, denn man muß doch, nicht wahr, endlich wissen, wo man lebt und mit wem man es zu tun hat?! Man kann doch nicht das ganze Leben lang auf den Wolken seiner Phantasie leben! Ich habe mir zum Grundsatz gemacht, die Jugend zu protegieren, und hoffe, sie auf diese Weise an dem Rande des Abgrundes zurückzuhalten, in den sie, das gebe ich zu, sonst hinabgleiten könnte. Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, nur mit gutem Einfluß und vor allem mit Liebe können wir sie von dem Abgrund zurückhalten, in den sie die Unduldsamkeit aller dieser zurückgebliebenen alten Leute treibt. Aber wirklich: es freut mich, was ich von Ihnen über Stepan Trophimowitsch gehört habe. Sie haben mich auf einen guten Gedanken gebracht: er könnte auf unserer literarischen Matinee gleichfalls etwas vortragen. Wissen Sie es schon? Ich arrangiere einen ganzen Festtag, mit Hilfe einer Kollekte -- für die armen Gouvernanten unseres Gouvernements. Sie sind in ganz Rußland verstreut; aus unserem Kreise sind allein schon sechs; außerdem noch zwei Telegraphistinnen und zwei, die die Akademie besuchen; viele würden das gleichfalls gern, haben aber nicht die Mittel dazu. Ach, das Los der russischen Frau ist entsetzlich, Warwara Petrowna! Jetzt wird daraus eine Universitätsfrage gemacht, und der Reichsrat hat sich sogar schon deswegen einmal versammelt. In unserem sonderbaren Rußland kann man wirklich alles machen, was einem einfällt. Und darum, noch einmal sei es gesagt, könnten wir nur mit Liebe und unmittelbarer warmer Teilnahme der ganzen Gesellschaft diese große, allgemeine Sache auf den richtigen Weg führen. O Gott, als ob wir viele große Menschen hätten! Es gibt ja natürlich welche, aber die sind so verstreut! Tun wir uns doch zusammen, um stärker zu werden! Wie gesagt, ich werde erst eine literarische Matinee arrangieren, darauf ein leichtes Frühstück, und dann, am Abend, einen Ball. Zuerst wollten wir den Abend mit lebenden Bildern eröffnen, aber das käme wohl etwas zu teuer, und deshalb sollen zur Unterhaltung des Publikums nur zwei Quadrillen von Masken getanzt werden -- in charakteristischen Kostümen, die bestimmte literarische Richtungen darstellen. Diesen spaßigen Vorschlag hat Karmasinoff gemacht -- er ist mir überhaupt sehr behilflich. Und wissen Sie, er wird zur Matinee sein letztes Werk, das noch niemand kennt, vorlesen. Er will seine Feder jetzt niederlegen und nie mehr schreiben. Dieses letzte Werk ist sein Abschied vom Publikum. Ein herrliches Ding, unter dem Titel: >Merci<. Allerdings ein französisches Wort, aber er findet es scherzhafter und sogar feiner. Ich auch -- ja eigentlich habe ich es ihm vorgeschlagen. Nun denke ich, vielleicht könnte auch Stepan Trophimowitsch etwas vorlesen, etwas Kürzeres und, wenn möglich ... nicht gar zu Gelehrtes. Ich glaube, auch Pjotr Stepanowitsch und noch jemand werden irgend etwas vortragen. Ich werde Pjotr Stepanowitsch zu Ihnen schicken, mit dem Programm, oder besser, erlauben Sie mir, es Ihnen selbst zu übergeben, wenn ich einmal vorüberfahre.«
»Gern! -- Und Sie erlauben mir gewiß, meinen Namen gleichfalls auf die Liste zu setzen ... Ich werde es Stepan Trophimowitsch mitteilen und ihn selbst darum bitten.«
Ganz bezaubert kehrte Warwara Petrowna heim; jetzt stand sie wie ein Fels für Julija Michailowna! Über Stepan Trophimowitsch aber ärgerte sie sich plötzlich grenzenlos. Er aber, der Arme, ahnte natürlich von alledem nichts.
»Ich habe mich geradezu in sie verliebt. Ich begreife nicht, wie ich mich in dieser Frau so habe täuschen können,« sagte sie zu Nicolai Wszewolodowitsch und zu Pjotr Stepanowitsch, der am Abend dieses Tages wieder auf einen Augenblick bei ihr vorsprach.
»Aber Sie müssen sich mit dem Alten wieder aussöhnen,« meinte Pjotr Stepanowitsch, »er ist ganz verzweifelt. Sie haben ihn ja schon geradezu in die Küche geschickt. Gestern hat er Sie in der Equipage gesehen und gegrüßt, Sie aber sollen sich abgewendet haben. Wissen Sie, wir wollen ihn ein wenig herausheben, ich habe sogar gewisse Absichten mit ihm und er kann uns noch nützlich sein.«
»Oh, er wird ja jetzt auf der Matinee vortragen.«
»Ich spreche nicht davon allein. Übrigens, ich wollte selbst noch heute zu ihm gehen. Soll ich es ihm sagen?«
»Wenn Sie wollen. Oder nein, ich weiß nicht, wie Sie das anfangen werden,« sagte sie ein wenig unentschlossen. »Ich hatte schon selbst die Absicht, mich mit ihm auszusprechen und wollte ihm Ort und Stunde angeben.« Ihr Gesicht verfinsterte sich.
»Na, das lohnt sich gerade! Ich werde es ihm einfach sagen.«
»Nun, meinetwegen. Sagen Sie es ihm. Aber fügen Sie hinzu, daß ich ihm unbedingt einen Tag angeben werde. Fügen Sie das unbedingt hinzu.«
Pjotr Stepanowitsch eilte sogleich schmunzelnd zu seinem Vater. Im allgemeinen war er in dieser Zeit, so weit ich mich dessen noch erinnern kann, ganz besonders schlechter Laune und erlaubte sich unglaubliche Sachen fast allen gegenüber, was man ihm aber sonderbarerweise stets verzieh. Überhaupt hatte sich die Meinung verbreitet, daß man auf ihn irgendwie besonders sehen müsse. Hier muß ich aber erwähnen, daß ihn Stawrogins Duell in eine schon beinahe unnatürliche Wut versetzt hatte; die Nachricht traf ihn unvorbereitet. Er wurde geradezu grün im Gesicht, als man ihm das erzählte. Vielleicht litt hierbei seine Eigenliebe: er erfuhr es erst am anderen Tage, als schon alle davon wußten.
»Aber Sie hatten ja gar nicht das Recht, sich zu schlagen!« flüsterte er Stawrogin zu, als er ihn erst am fünften Tag darauf zufällig im Klub traf.
Es ist bemerkenswert, daß sie sich in diesen fünf Tagen nirgends begegnet waren, obgleich Pjotr Stepanowitsch fast täglich bei Warwara Petrowna vorsprach.
Stawrogin blickte ihn stumm und wie zerstreut an, als verstünde er nicht, wovon jener sprach, und ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Er ging durch den großen Saal zum Büfettraum.
»Sie sind auch zu Schatoff gegangen ... Sie wollen Ihre Heirat mit Marja Timofejewna bekannt machen,« flüsterte Pjotr Stepanowitsch, der ihm nachlief, und faßte ihn an der Schulter.
Da schüttelte Stawrogin plötzlich seine Hand ab und drehte sich schnell mit drohend finsterem Gesicht zu ihm um. Pjotr Stepanowitsch sah ihn an und lächelte ein sonderbares langes Lächeln. Das Ganze dauerte nur einen Augenblick. Stawrogin ging allein weiter.
II.
Von Warwara Petrowna begab sich Pjotr Stepanowitsch an jenem Abend schleunigst zu seinem Vater. Daß er sich so beeilte, geschah vor allem aus Bosheit: um sich für eine Beleidigung, von der ich noch keine Ahnung hatte, sobald wie möglich zu rächen. Stepan Trophimowitsch hatte ihn nämlich bei seinem letzten Besuch nach einem Streit, der übrigens von ihm selbst begonnen worden war, mit dem Stock hinausgejagt. Damals war ich, wie gesagt, nicht zugegen gewesen, diesmal aber, als Pjotr Stepanowitsch mit seinem gewöhnlichen spöttischen Lächeln eintrat, während sein unangenehm neugieriger Blick das Zimmer gleichsam absuchte, gab mir Stepan Trophimowitsch sogleich durch einen Wink zu verstehen, ich solle den Raum nicht verlassen. So erfuhr ich denn, wie sie zu einander standen.
Stepan Trophimowitsch saß halb liegend auf dem Diwan. Seit jenem letzten Besuch seines Sohnes, am Donnerstag, war er magerer und bleicher geworden. Pjotr Stepanowitsch setzte sich in der ungeniertesten Weise neben ihn, und nahm weit mehr Platz auf dem Diwan ein, als es die Achtung vor dem Vater erlaubt hätte. Stepan Trophimowitsch rückte wortlos, seine Würde wahrend, zur Seite.
Auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Buch: der Roman »Was tun?«[43] Leider muß ich hier eine gewisse Schwäche meines Freundes eingestehen: der Gedanke, daß er noch einmal aus seiner Einsamkeit hervortreten müsse, um »die letzte Schlacht zu schlagen«, hatte sich mehr und mehr in seiner verblendeten Einbildung festgesetzt. Ich erriet, daß er sich diesen Roman nur vorgenommen hatte und nun studierte, um für den Fall eines Zusammenstoßes mit den Feinden ihren ganzen »Katechismus« zu kennen. So vorbereitet, wollte er sie dann alle widerlegen und feierlich vor »ihr« über jene Jungen triumphieren! Oh, wie quälte ihn dieses Buch! Ganz verzweifelt warf er es oft fort, sprang auf und ging erregt, ja fast außer sich hin und her.
»Ich gebe zu, daß der Grundgedanke des Autors richtig ist,« sagte er wie im Fieber zu mir, -- »aber das ist doch noch schrecklicher! Es ist ja derselbe Gedanke, den wir gehegt haben, gerade unser eigener! Wir haben ihn selbst gepflanzt, erzogen, alles vorbereitet, -- ja und was könnten die denn überhaupt noch Neues sagen, nach uns! Aber, Gott, wie ist das alles mißverstanden, wie entstellt, wie verdorben!« rief er, nervös mit den Fingern auf das Buch klopfend. »Haben wir je solche Folgerungen gezogen, das etwa erstrebt? Wer kann hier überhaupt den Grundgedanken herauslesen?!«
»Bildest dich?« fragte Pjotr Stepanowitsch spöttisch, nachdem er das Buch vom Tisch genommen und den Titel gelesen hatte. »War schon längst an der Zeit. Kann dir noch bessere Bücher bringen, wenn du willst.«
Stepan Trophimowitsch schwieg wieder. Ich saß auf dem anderen Diwan in der Ecke.
Pjotr Stepanowitsch erklärte schnell, warum er gekommen sei. Stepan Trophimowitsch war ganz unverhältnismäßig betroffen und hörte mit einem Schrecken zu, der sich mit äußerstem Unwillen mischte.
»Und diese Julija Michailowna ist ohne weiteres überzeugt, daß ich bei ihr vorlesen werde!«
»Das heißt, sieh mal, sie brauchen dich ja eigentlich überhaupt nicht. Im Gegenteil, es geschieht nur, um dir eine Ehre zu erweisen und somit Warwara Petrowna zu schmeicheln. Na, versteht sich doch von selbst, daß du nicht wagen darfst, etwa abzusagen. Und selber willst du doch auch riesig gern vorlesen,« schmunzelte er. »Ihr Alten habt ja alle 'ne höllische Ambition. Aber, hör mal, damit es nicht zu langweilig ist -- du hast da etwas aus der spanischen Geschichte, nicht? Du, also gib mir das Ding drei, zwei Tage vorher, damit ich es mal durchsehe, sonst schläferst du uns am Ende noch alle ein.«
Die Grobheit seiner Bemerkungen war augenscheinlich beabsichtigt. Er tat, als könne man mit Stepan Trophimowitsch eben unmöglich feiner sprechen. Mein Freund fuhr unerschütterlich fort, die Beleidigungen nicht zu bemerken. Indessen regte ihn der Inhalt des Gehörten doch immer mehr auf.
»Und sie selbst, sie selbst hat ... dir gesagt, daß du es mir mitteilen sollst?« fragte er.
»Das heißt, sieh mal, sie wollte dir Ort und Zeit angeben, um sich mit dir auszusprechen -- die letzten Überreste eurer Sentimentalitäten. Du hast zwanzig Jahre mit ihr kokettiert und ihr die lächerlichsten Albernheiten angewöhnt. Na, beruhige dich, jetzt hat das aufgehört; jetzt wiederholt sie ja selbst stündlich, daß sie dich nun erst >durchschaut<. Ich habe ihr logisch auseinandergesetzt, daß eure ganze Freundschaft weiter nichts als ein gegenseitiger Erguß von Spülicht gewesen ist. Sie hat mir viel erzählt, weißt du. Pfui, was für ein Lakaienamt du bei ihr bekleidet hast. Sogar ich habe für dich erröten müssen.«
»Ich -- ein Lakaienamt bekleidet?« rief Stepan Trophimowitsch, der nun doch nicht mehr an sich halten konnte.
»Sogar noch schlimmer als das, denn du warst ja ein Schmarotzer, also ein freiwilliger Lakai. Zur Arbeit zu faul -- aber auf Geld haben wir Appetit. Kennt man! Auch sie begreift das jetzt. Haarsträubend, was sie von dir alles erzählt hat! Ach, Freund, hab ich aber über deine Briefe an sie gelacht! Wie gewissenlos und wie ekelhaft! Aber ihr seid ja so verderbt, so unglaublich verderbt! Im Almosenempfangen liegt doch etwas, das den Menschen für immer verdirbt -- du bist ein glänzendes Beispiel dafür!«
»Sie hat dir meine Briefe gezeigt!«
»Alle. Das heißt, wo denkst du hin, wer soll denn die alle durchlesen! Pfui, ich glaube, es sind über zweitausend Briefe. Verboten viel Papier verschmiert ... Aber weißt du auch, Alter, ich vermute, es muß da einmal einen Augenblick gegeben haben, wo sie vielleicht sogar bereit gewesen wäre, dich zu heiraten? Dümmsterweise hast du's verpaßt! Ich meine natürlich -- von deinem Standpunkt aus. Immerhin besser als jetzt, da man dich beinah mit >fremden Sünden< verkuppelt hätte, wie einen Narren zum Scherz, -- und das für Geld.«
»Für Geld! Sie, sie sagt -- ich hätte für Geld! ...« rief Stepan Trophimowitsch in krankhafter Erregung.
»Ja, wie denn sonst? Was fällt dir denn ein? Unter diesem Gesichtswinkel habe ich dich noch verteidigt! Das ist doch deine einzige Entschuldigung. Sie hat jetzt selbst eingesehen, daß du Geld brauchtest, wie nun einmal alle Menschen -- und von dem Standpunkte aus sogar ganz recht hattest. Ich habe ihr denn auch klar wie zweimalzwei bewiesen, daß ihr zu Eurem gegenseitigen Vorteil gelebt habt: sie als Kapitalistin, und du bei ihr als ihr sentimentaler Narr. Übrigens: über das viele verschwendete Geld ärgert sie sich nicht, obgleich du sie doch wirklich wie eine Ziege gemolken hast. Was sie jetzt erbost, ist nur, daß sie dir zwanzig Jahre lang geglaubt hat, daß sie sich von deinem Anstand hat betölpeln lassen und daß du sie gezwungen hast, so lange zu lügen. Daß sie selbst auch gelogen hat, wird sie sich nie eingestehen, aber du wirst dafür doppelt büßen müssen. Ich verstehe nur nicht, wie du nicht hast begreifen können, daß es irgend einmal doch zu einer Abrechnung kommen mußte. Denn immerhin hattest du doch so etwas wie einen Verstand. Ich habe ihr gestern geraten, dich in ein Armenhaus zu stecken. Beruhige dich, in ein anständiges: es wird schon nicht erniedrigend sein. Ich glaube, sie wird es auch so machen. Erinnerst du dich noch deines letzten Briefes an mich, ins H--sche Gouvernement, vor drei Wochen?«
»Den hast du ihr gezeigt?« Stepan Trophimowitsch sprang vor Entsetzen auf.
»Na, selbstredend! Als ersten! Denselben, in dem du schreibst, daß sie dich ausnutzt, dich um deines Talentes willen beneidet, na, und noch allerlei über die >fremden Sünden< ... -- Ach, Freund, hast du aber eine Eigenliebe! Ich habe mir vor Lachen die Seiten gehalten. Sonst sind deine Briefe mordslangweilig -- hast einen entsetzlichen Stil. Habe sie überhaupt nur selten gelesen und ein Brief liegt da bei mir noch jetzt uneröffnet herum; werde ihn dir morgen schicken. Aber dieser, dieser letzte Brief -- der ist ja einfach die Krone von allen! Wie ich gelacht habe, nein, wie ich gelacht habe!«
»Du Unmensch, du Ungeheuer!« brüllte plötzlich Stepan Trophimowitsch außer sich vor Empörung.
»Pfui Teufel, mit dir kann man ja überhaupt nicht reden. Hör mal, du fühlst dich wohl wieder gekränkt, wie vorigen Donnerstag?«
Stepan Trophimowitsch richtete sich drohend auf.
»Wie wagst du es, so mit mir zu reden?«
»Ja, wie denn? Ich rede doch einfach und klar.«
»Aber so sag mir doch, bist du mein Sohn oder bist du's nicht!«
»Das müßtest du besser wissen als ich. Natürlich, jeder Vater ist ja in solchen Fällen zu Zweifeln geneigt ...«
»Schweig, schweig!« Stepan Trophimowitsch erzitterte am ganzen Körper.
»Sieh mal, nun schreist und schimpfst du schon wieder, ganz wie vorigen Donnerstag; wolltest ja damals schon deinen Stock erheben, inzwischen aber habe ich das Dokument gefunden. Hab den ganzen Abend in meinem Reisekoffer aus Neugier gesucht. Kannst dich beruhigen, es ist kein Beweis vorhanden. Nur ein kurzer Brief meiner Mutter an jenen Polen. Aber nach ihrem Charakter zu urteilen ...«
»Noch ein Wort und ich schlage dich --!«
»Na, das sind mir mal Menschen!« wandte sich Pjotr Stepanowitsch plötzlich an mich. »Sehen Sie, das geht nun schon so seit dem vorigen Donnerstag. Es freut mich, daß diesmal wenigstens Sie dabei sind und urteilen können. Zuerst eine Tatsache: er macht mir Vorwürfe, weil ich so von meiner Mutter rede, aber war er es nicht selbst, der mich darauf gebracht hat? In Petersburg, als ich noch Gymnasiast war, weckte er mich womöglich zweimal in der Nacht, umarmte mich und weinte wie ein altes Weib. Und was glauben Sie wohl, was er mir dann erzählte, so in der Nacht? Na, eben diese selben keuschen Anekdoten über meine Mutter! Er war ja der erste, von dem ich es hörte.«
»Oh, ich tat es damals im höheren Sinne! Oh, du hast mich nicht verstanden. Nichts, nichts hast du verstanden!«
»Aber immerhin war es von dir doch gemeiner, als von mir, viel gemeiner, gestehe es nur! Sieh, wenn du willst: mir ist es ja einerlei. Von deinem Standpunkt betrachtet. Von meinem -- na, beruhige dich: ich mache meiner Mutter durchaus keinen Vorwurf. Bist du's, na, dann bist du es, -- ist's der Pole, -- na, meinetwegen, mir ist's egal. Ich bin doch nicht daran schuld, daß es bei euch in Berlin so dumm herausgekommen ist. Ja und hätte denn überhaupt jemals etwas Gescheites bei euch herauskommen können? Und seid ihr nun nach alledem nicht komische Leute? Kann es dir denn nicht ganz egal sein, ob ich dein Sohn bin, oder nicht? Hören Sie mal,« wandte er sich wieder zu mir, »er hat für mich in seinem ganzen Leben nicht einen einzigen Rubel ausgegeben; bis zum sechzehnten Jahre hat er mich überhaupt nicht gekannt, darauf hat er mich hier bestohlen, und jetzt schreit er, daß ihn sein Herz sein Lebelang um mich geschmerzt habe, und geberdet sich vor mir wie ein Schauspieler. Aber ich bin doch nicht Warwara Petrowna, ich bitte dich!«
Er stand auf und nahm seinen Hut.
»Ich -- verfluche dich!« rief Stepan Trophimowitsch, bleich wie der Tod, und streckte seine Hand aus.
»Seht doch, was ein Mensch alles fertig bringt!« Pjotr Stepanowitsch wunderte sich wirklich. »Na, leb wohl, Alter, werde nie mehr zu dir kommen. Den Aufsatz schick etwas früher, vergiß es nicht, und bemühe dich, wenn du kannst, ohne Albernheiten zu schreiben. Nur Tatsachen, Tatsachen und nochmals Tatsachen, und die Hauptsache: so kurz wie möglich. Adieu!«
III.
Pjotr Stepanowitsch hatte übrigens noch andere Gründe dafür, mit seinem Vater in dieser Weise umzugehen. Meiner Meinung nach beabsichtigte er ganz einfach, ihn zur Verzweiflung zu bringen, um ihn auf diese Weise zu einem Skandal zu treiben, der die Öffentlichkeit in einer ganz bestimmten Richtung in Anspruch nehmen mußte. Etwas Derartiges hatte er für seine ferneren Ziele, von denen jedoch erst später die Rede sein soll, unbedingt nötig. Noch eine ganze Reihe ähnlicher und miteinander in Zusammenhang stehender Pläne -- freilich alle von einer gewissen Phantastik -- gingen damals durch seinen Kopf. Außer Stepan Trophimowitsch hatte er noch einen anderen Märtyrer im Auge. Überhaupt hatte er deren nicht wenige, wie sich später herausstellte; doch auf diesen anderen Märtyrer rechnete er ganz besonders, und der war -- Herr von Lembke in eigener Person.
Andrei Antonowitsch von Lembke gehörte zu jenem bevorzugten (von der Natur bevorzugten) Volke, von dem in Rußland mehrere hunderttausend Vertreter leben, die vielleicht selbst nicht wissen, daß sie in ihrer ganzen Masse und Gesamtheit einen streng organisierten Bund bei uns bilden. Selbstredend ist dieser Bund nicht etwa ausgedacht, sondern besteht wortlos, ohne Vereinbarungen, einfach wie eine moralische Selbstverständlichkeit -- eben durch das unbedingte Zusammenhalten und die Unterstützung, die sie sich überall und unter allen Umständen wechselseitig zuteil werden lassen.
Andrei Antonowitsch hatte die Ehre gehabt, in einer jener höheren russischen Schulen erzogen zu werden, in die in der Regel nur die Söhne solcher Familien eintreten können, die mit Reichtum oder Verbindungen beglückt sind. Die Zöglinge dieser Schule wurden fast sofort nach dem Abiturientenexamen so untergebracht, daß sie selbst bei geringer Begabung noch eine gute Karriere machen konnten. Andrei Antonowitschs Großväter waren: ein Oberstleutnant und ein Bäcker. Trotzdem hatte man ihn in jener hohen Schule aufgenommen, und siehe da -- er fand noch andere junge Leute ähnlicher Herkunft vor. Er war ein lustiger Kamerad; mit dem Lernen ging es zwar ziemlich schwer, aber das störte weiter nicht -- man hatte ihn trotzdem gern. Als später, in den höheren Klassen, die Jünglinge, die meistens Russen waren, schon über alle möglichen Tagesfragen zu disputieren begannen, und zwar in einem Tone, der keinen Zweifel darüber bestehen ließ, daß sie, sobald sie nur erst die Schule hinter sich gebracht hätten, sofort sämtliche Probleme mit einem Schlage lösen würden -- da fuhr Andrei Antonowitsch immer noch fort, sich mit den allerunschuldigsten Jungenstreichen zu beschäftigen. Es schien in seinen Augen geradezu sein Lebenszweck zu sein, seine Mitschüler auch jetzt noch durch alle möglichen Einfälle zu unterhalten -- Einfälle, die sich zwar nicht durch allzu großen Geistesreichtum auszeichneten, dafür aber die junge Gesellschaft zu erheitern vermochten. Entweder schneuzte er sich, wenn der Lehrer ihn etwas fragte, auf irgendeine ganz besonders laute und mißtönende Weise die Nase, wodurch er dann sowohl die Kameraden wie den Lehrer selber belustigte; oder er machte im gemeinsamen Schlafsaal irgendwelche equilibristischen Kunststücke, die ihm einen allgemeinen und begeisterten Beifall einzutragen pflegten; oder er spielte gar einzig auf seiner Nase (und wirklich kunstvoll) die Ouvertüre zu »Fra Diavolo«. Im letzten Schuljahr zeichnete er sich wohl auch durch eine absichtliche Unordentlichkeit in der Kleidung aus, was er für genial hielt, dieweil er nämlich zu dichten begonnen hatte: und zwar in russischer Sprache, denn seine Muttersprache beherrschte er nur äußerst ungrammatisch, wie so viele seiner in Rußland lebenden Volksgenossen.
Diese Neigung zur Poesie hatte ihn dann mit einem Kameraden, dem Sohn eines armen Offiziers, den die ganze Schule für einen zukünftigen großen Poeten, so eine Art zweiten Puschkin hielt, zusammengeführt. Wie erstaunt aber war dieser Kamerad, der sich Lembkes auf der Schule nur von oben herab, gnädig, beinahe gönnerhaft angenommen hatte, als er drei Jahre später seinen Protegé, den »Lembka«, wie man ihn allgemein genannt hatte, an einem kalten Tage an der Anitschkoffbrücke traf! Der »zukünftige große Poet« hatte sich inzwischen ganz der russischen Literatur gewidmet und es bereits glücklich bis zu zerrissenen Stiefeln und einem dünnen Sommerpaletot im Spätherbst gebracht. Um so eigentümlicher mußten seine Empfindungen sein, als er jetzt seinen »Lembka« wiedersah: zuerst traute er seinen Augen nicht -- vor ihm stand ein tadellos gekleideter junger Mann mit bewunderungswürdig bearbeitetem rötlich-blondem Backenbart, mit einem Klemmer auf der Nase, elegant behandschuht, dazu in Lackstiefeln und kostbarem Pelz mit einer Ledermappe unter dem Arm. Lembke begrüßte ihn sehr freundlich, gab ihm seine Adresse, und forderte ihn sogar auf, ihn einmal abends zu besuchen. Es stellte sich bei der Gelegenheit heraus, daß er jetzt nicht mehr einfach der »Lembka«, sondern Herr von Lembke war. Doch als nun der Schulfreund der Aufforderung nachkam und ihn tatsächlich einmal besuchte, da fand er keineswegs die Reichtümer vor, die er erwartet hatte, fand seinen »Lembka« vielmehr in einem schmalen Zimmerchen, das ziemlich alt aussah, mit einem dunkelgrünen Vorhang in zwei ungleiche Hälften geteilt und mit ebenfalls dunkelgrünen, zwar gepolsterten, aber bereits ziemlich verschossenen Möbeln eingerichtet war. Von Lembke wohnte bei einem General, mit dem er in sehr weitläufiger Verwandtschaft stand und der den jungen Mann nach Möglichkeit in seiner Laufbahn förderte. Von Lembke empfing den Schulfreund freundlich, war aber sonst ernst und von gesellschaftlicher Höflichkeit. Über Literatur sprachen sie nur beiläufig. Ein Diener in weißer Weste brachte einen etwas bläßlichen Tee und hartes kleines, rundes Gebäck. Als der Freund aus Bosheit um eine Flasche Selterwasser bat, wurde sie ihm zwar gebracht, doch erst nach auffallend langer Zeit, während der Lembke etwas betreten zu sein schien. Übrigens muß ich hinzufügen, daß er dem Schulfreunde auch einen Imbiß anbot, doch offenbar nicht unzufrieden war, als der Gast dankte und sich bald darauf verabschiedete. Mit einem Wort: Lembke begann damals, trotz ärmlicher Verhältnisse, seine »Karriere« und lebte bei einem Stammgenossen, der ein angesehener General war.
In dieser Zeit hatte er sich in die fünfte Tochter des Generals verliebt, und sein Antrag war, wenn ich nicht irre, auch so gut wie angenommen worden. Nur verheiratete man Amalie, als sich die Gelegenheit bot, nichtsdestoweniger mit einem deutschen Fabrikbesitzer, einem alten Freunde des alten Generals. Andrei Antonowitsch trauerte seiner Liebe nicht sehr lange nach, sondern -- klebte aus Pappe ein Theater. Das ward ein richtiges Kunstwerk: der Vorhang hob sich, die Schauspieler traten auf und gestikulierten mit den Händen, in den Logen saßen Damen, im Orchester fuhren die Musiker mit den Bögen über die Instrumente, der Kapellmeister fuchtelte mit einem Stöckchen und das Publikum klatschte in die Hände. Alles das war aus Pappe hergestellt, und ausgedacht und ausgeführt von Andrei Antonowitsch von Lembke. Ein halbes Jahr lang hatte er über diesem Theater gesessen. Als er fertig war, gab der General eine intimere Abendgesellschaft; viele deutsche Damen und junge Mädchen, sowie die fünf Töchter des Generals, darunter die neuvermählte Amalie und deren Gatte, waren sehr entzückt, als das Theater vorgeführt wurde, und ergingen sich in hohen Lobsprüchen über den Verfertiger -- worauf dann getanzt wurde. Lembke war sehr zufrieden und vergaß seinen Liebesgram alsbald.
Ein paar Jahre vergingen und seine »Karriere« machte sich mehr und mehr. Er bekleidete stets Vertrauensposten unter Vorgesetzten, die gleicher Abstammung waren, und erreichte in verhältnismäßig jungen Jahren einen recht ansehnlichen Rang. Schon lange hatte er, jetzt aber ernstlich, den Wunsch gehabt, zu heiraten, und schon lange hatte er sich verstohlen nach einer passenden Partie umgesehen. Übrigens dichtete er auch jetzt noch hin und wieder, doch ohne jemandem etwas davon zu verraten, und einmal sandte er sogar eine Novelle an die Redaktion eines Blattes: sie wurde jedoch zu seinem Kummer nicht abgedruckt, sondern ihm höflich wieder zur Verfügung gestellt. Da begann er denn wieder zu kleben: diesmal einen ganzen Eisenbahnzug. Auch der gelang ihm vorzüglich: die Leute kamen aus dem Bahnhof und drängten sich, mit Koffern und Taschen in der Hand, mit Kindern und Hunden, zu den Waggons, die Schaffner und die Bahnbeamten gingen hin und her, ein Glöckchen klingelte und der Zug setzte sich in Bewegung. Über diesem Kunststück hatte er ein ganzes Jahr gesessen, seine Heiratspläne aber diesmal nicht darüber vergessen. Sein Bekanntenkreis war ziemlich groß, meistens deutsche Gesellschaft, doch verkehrte er auch in einigen russischen Familien -- selbstverständlich nur in denen seiner Vorgesetzten. Da fiel ihm endlich, als er schon achtunddreißig Jahre zählte, eine kleine Erbschaft zu: sein Großvater, der Bäcker, starb und hinterließ ihm testamentarisch dreizehntausend Rubel. Nun war Herr von Lembke im Grunde trotz der schon recht ansehnlichen Stellung, die er in jungen Jahren erklommen hatte, durchaus kein Streber, vielmehr ein Mensch, der auch ganz gewiß mit einem kleineren, wenn nur recht bequemen und unabhängigen Posten vollkommen zufrieden gewesen wäre. Doch eben jetzt kreuzte, anstatt einer sanften Minna oder Ernestine, plötzlich Julija Michailowna seinen Weg, und seine Stellung stieg sofort um ein paar Stufen höher. Der bescheidene und gewissenhafte von Lembke fühlte, daß auch er ehrgeizig zu sein vermochte.
Julija Michailowna besaß, nach der alten Einschätzung, zweihundert Leibeigene und erfreute sich außerdem guter Protektionen. Andererseits war von Lembke ein hübscher Mann und sie schon über 40 Jahre alt. Obendrein verliebte er sich nach und nach wirklich in sie, und zwar genau proportional der Verstärkung des Gefühls, daß er nun Bräutigam war. Am Hochzeitstage schickte er ihr sogar ein Gedicht, das ihr sehr gefiel -- vierzig Jahre sind nun einmal kein Spaß. Bald darauf bekam er auch einen gutklingenden Titel und dazu einen bestimmten Orden, und schließlich wurde er zum Gouverneur unseres Gouvernements ernannt. Seit dieser Auszeichnung begann Julija Michailowna sich um ihren Gatten doppelt zu bemühen. Ihrer Meinung nach war er nicht gerade unbegabt: er verstand, in einen Salon einzutreten, es war ihm gegeben, eine elegante Verbeugung zu machen, er vermochte sogar ernst und tiefsinnig zuzuhören, wenn andere sprachen, hielt sich dabei immer gut und konnte sogar eine Rede halten; ja, er hatte hin und wieder sogar eigene Gedanken, wenn sie auch etwas kurz waren und unvermittelt wirkten, und hinzukam, daß er sich schon die Politur des neuesten, so notwendigen Liberalismus angeeignet hatte. Doch trotz alledem beunruhigte sich Julija Michailowna nicht wenig: vor allen Dingen mißfiel es ihr entschieden, daß ihr Lembke, nachdem er so lange hinter seiner Karriere hergelaufen war, jetzt doch wieder ein immer ausgesprocheneres Ruhebedürfnis zu empfinden schien. Sie hätte zu gern ihren ganzen Ehrgeiz zu dem seinen gemacht, er aber begann wieder -- zu kleben. Diesmal war es eine Kirche: der Pastor trat auf die Kanzel, die Gemeinde hörte mit andächtig gefalteten Händen zu, ein alter Mann schneuzte sich, eine Dame wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen ab und zum Schluß begann noch eine Orgel zu spielen, die er um teures Geld eigens dazu aus der Schweiz verschrieben hatte. Als Julija Michailowna von dieser neuen Arbeit erfuhr, erschrak sie geradezu, nahm ihm das Spielzeug kurzerhand fort und versteckte es in einen Koffer, zur Entschädigung aber erlaubte sie ihm, einen Roman zu schreiben, freilich nur unter der Bedingung, daß niemand etwas davon erführe. Seit der Zeit verließ sie sich nur noch auf sich selbst. Eine Idee nach der anderen entstand in ihrem ehrgeizigen und ein wenig überspannten Geiste. Sie hatte in der Tat die Absicht, das Gouvernement zu regieren, und träumte bereits von den bestimmt nicht mehr fernen Tagen, wo sie der Mittelpunkt der Gesellschaft, aller Meinungen und Veranstaltungen unseres Gouvernements sein würde. Von Lembke selbst soll übrigens zuerst nicht wenig erschrocken gewesen sein, als er den hohen Posten erhielt, doch hatte er mit seinem Beamteninstinkt sehr bald herausgefunden, daß er eigentlich gar keinen Grund hatte, sich zu fürchten. Die ersten zwei, drei Monate seiner Tätigkeit verliefen denn auch äußerst zufriedenstellend. Da aber erschien plötzlich Pjotr Stepanowitsch -- und alsbald nahm alles eine unheilvolle Wendung.
Die Sache fing damit an, daß der junge Werchowenski gleich bei der ersten Begegnung Andrei Antonowitsch von Lembke eine entschiedene Nichtachtung entgegenbrachte und sich ganz sonderbare Rechte ihm gegenüber herausnahm, Julija Michailowna aber, die sonst immer so eifersüchtig die Bedeutung ihres Mannes geachtet wissen wollte, tat plötzlich, als merkte sie davon nichts. Der junge Werchowenski wurde sozusagen ihr Schützling, aß, trank und schlief fast bei ihnen. Von Lembke suchte sich zwar des Ankömmlings zu erwehren, nannte ihn in der Gesellschaft »junger Mann«, klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter, doch konnte er mit all dem nicht das gewünschte Resultat erzielen. Pjotr Stepanowitsch tat immer, selbst während scheinbar ernster Gespräche, als nehme er ihn überhaupt nicht ernst, und im übrigen nahm er sich sogar in Gegenwart fremder Menschen heraus, ihm die unerwartetsten, unglaublichsten Dinge ins Gesicht zu sagen. Einmal, als von Lembke nach Hause kam und in sein Arbeitszimmer trat, fand er den »jungen Mann« auf seinem Lederdiwan vor. Er gab zur Erklärung, und zwar nicht etwa, um sich zu entschuldigen, sondern nur so oben hin, daß er, da er niemanden angetroffen, sich »bei der Gelegenheit ausgeschlafen« habe. Von Lembke war natürlich tief gekränkt und beklagte sich bei seiner Frau; diese aber erklärte, nachdem sie zuerst über »seine Empfindlichkeit« gelacht hatte, daß er wohl selbst die Schuld daran trüge, wenn der junge Mann sich nicht »comme il faut«{[113]} zu ihm verhalte. Wenigstens erlaubte sich »dieser Junge« ihr gegenüber nie irgend welche Familiaritäten, und im übrigen sei er »naiv und unverdorben, wenn auch gewiß nicht gesellschaftlich erzogen«. Von Lembke schmollte zwar, doch diesmal gelang es Julija Michailowna noch, die beiden zu versöhnen: nicht gerade, daß Pjotr Stepanowitsch jetzt eine Entschuldigung gemacht hätte, aber er riß irgend einen Witz, den man zwar in einem anderen Fall für eine neue Beleidigung hätte halten können, den man aber diesmal gnädig als Besserungsversprechen auffaßte. Am meisten ärgerte es Herrn von Lembke, daß er dem jungen Mann geradezu machtlos gegenüberstand, denn ... er hatte ihm gleich zu Anfang ihrer Bekanntschaft -- seinen Roman anvertraut. Im Glauben, einen jungen Menschen mit literarischen Interessen getroffen zu haben, hatte er ihm, da er sich schon lange einen Zuhörer wünschte, eines Abends die beiden ersten Kapitel vorgelesen. Pjotr Stepanowitsch hatte zunächst zugehört, ohne zu verbergen, daß er sich langweilte, dann unhöflich gegähnt, nicht ein einziges Mal etwas gelobt, doch beim Fortgehen sich das Manuskript ausgebeten, um es zu Hause aufmerksam durchlesen und sein Urteil darüber fällen zu können, -- und der arme Herr von Lembke hatte es ihm auch gegeben ... Seit der Zeit konnte er es nun nicht mehr zurückbekommen: auf seine täglichen Fragen gab ihm Pjotr Stepanowitsch meist nur eine ausweichende und nicht selten geradezu höhnische Antwort, bis er zum Schluß einfach erklärte, das Manuskript auf der Straße verloren zu haben. Als Julija Michailowna von dieser Unvorsichtigkeit ihres Gatten Kenntnis erhielt, ärgerte sie sich entsetzlich.
»Hast du ihm vielleicht auch etwas von der Kirche gesagt?« fragte sie fast mit Schrecken.
Von Lembke begann ernstlich nachzudenken; nachdenken aber war für ihn schädlich und ihm von den Ärzten strengstens verboten worden. Und abgesehen davon, daß es plötzlich viele Scherereien im Gouvernement für ihn gab, wovon später die Rede sein wird, gab es hier auch noch einen besonderen Umstand -- demzufolge diesmal sogar das Herz des Gatten litt, nicht nur die Eigenliebe eines Machthabers allein. Als von Lembke in die Ehe trat, hätte er sich niemals träumen lassen, daß sie ihm auch irgend welche Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Er hatte sich die Ehe in seinen Gedanken an Minna oder Ernestine stets durchaus friedlich vorgestellt. Und jetzt fühlte er, daß häusliche Gewitter über seine Kräfte gingen.
Endlich sprach sich Julija Michailowna offen mit ihm aus.
»Beleidigen kann dich das überhaupt nicht,« sagte sie, »schon deswegen nicht, weil du doch immerhin dreimal vernünftiger bist, als er, und gesellschaftlich turmhoch über ihm stehst. In diesem Jungen steckt noch viel von dem früheren freigeistigen Unsinn; ich aber finde ihn nur einfach unartig. Nur kann man nicht verlangen, daß diese jungen Leute sich so schnell verändern sollen: man muß sie langsam erziehen. Wir müssen die Jugend schonen; ich wenigstens halte sie mit Liebe und Freundschaft am Rande des Abgrundes zurück.«
»Aber, zum Teufel, ich kann mich doch nicht tolerant zu ihm verhalten, wenn er --« rief von Lembke erregt, »wenn er in Gegenwart fremder Menschen behauptet, die Regierung vergifte das Volk absichtlich mit Branntwein, um es zu verdummen und auf diese Weise von etwaigen Aufstandsgedanken abzubringen. Denk doch nur, bitte, an meine Rolle, wenn ich in Gegenwart der ganzen Gesellschaft so etwas mit anhören muß!«
Als Lembke das sagte, mußte er wieder an ein Gespräch denken, das er vor nicht langer Zeit mit Pjotr Stepanowitsch gehabt hatte ... In der unschuldigen Absicht, den jungen Mann durch Liberalismus zu entwaffnen, zeigte er ihm eines Tages seine Sammlung von allen möglichen revolutionären Proklamationen und Flugblättern, sowohl russischen wie ausländischen, die er seit 1859 sorgfältig aufbewahrte, doch nicht etwa wie ein Liebhaber solcher Dinge, sondern einfach aus Neugier und weil sie ihm einmal vielleicht zustatten kommen konnten. Pjotr Stepanowitsch, der sofort seine Absicht durchschaute, sagte ganz ungeniert, daß in einer einzigen Zeile solch einer Brandschrift mehr Sinn stecke, als in irgend einer Kanzlei, »die Ihrige übrigens nicht ausgenommen.«
Von Lembke sah ihn groß an.
»Aber es ist doch noch zu früh, viel zu früh,« sagte er fast bittend, indem er auf die Blätter wies.
»Nein, keineswegs zu früh: Sie fürchten sich doch, also ist es durchaus nicht zu früh.«
»Aber ich bitte Sie, hier ist zum Beispiel eine Aufforderung, die Kirchen zu zerstören!«
»Na, warum soll man das denn nicht? Sie sind doch ein kluger Mensch, glauben ja selbst an nichts und wissen doch nur zu gut, daß die Regierung die Religion bloß braucht, um das Volk dumm zu erhalten ... Wahrheit aber ist ehrlicher als Lüge.«
»Einverstanden, einverstanden, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden, aber hier bei uns in Rußland ist es doch noch zu früh!« Von Lembke runzelte unwillig die Stirn.
»Was sind Sie denn eigentlich für ein Regierungsbeamter, wenn Sie selbst damit einverstanden sind, daß man die Kirchen zerstören und mit Keulen bewaffnet auf Petersburg losmarschieren soll, und nur an der ins Auge gefaßten Zeit etwas auszusetzen haben?«
So unhöflich festgelegt, fühlte von Lembke sich äußerst pikiert.
»Ich meinte das nicht so, durchaus nicht so!« Er ließ sich von seiner gereizten Eigenliebe immer weiter fortreißen. »Sie, als junger Mensch, der Sie mit unseren Zielen gar nicht bekannt sein können, Sie täuschen sich vollkommen! Sehen Sie, mein lieber Pjotr Stepanowitsch, Sie nennen uns Beamte der Regierung? Schön. Selbständige Beamte? Schön. Aber, erlauben Sie mal, wie handeln wir denn? Auf uns ruht die Verantwortung, und Summa Summarum dienen wir genau so der allgemeinen Sache, wie auch Sie. Nur halten wir das zusammen, was Sie auseinanderschütteln wollen und was ohne uns nach verschiedenen Seiten auseinandergleiten würde. Wir sind dabei nicht etwa eure Feinde; durchaus nicht, wir sagen euch sogar: geht voran, bereitet vor, ja schüttelt meinetwegen ... -- das heißt, ich meine jetzt nur jenes Alte, das sowieso umgeändert werden muß. Wir aber werden euch dann, wenn's nötig wird, schon in den nötigen Grenzen zurückzuhalten verstehen und euch somit vor euch selber behüten, denn ohne uns würdet ihr doch nur ganz Rußland ins Wanken und Schwanken bringen und ihm das anständige Aussehen nehmen, das es so doch wenigstens hat. Denn das ist ja gerade unsere Aufgabe, dieses anständige Äußere, wie gesagt, zu erhalten. Begreifen Sie doch, daß wir uns gegenseitig unentbehrlich sind, ganz wie in England die Tory und Whig. Nun, sehen Sie, wir sind die Tory und Sie die Whig -- so verstehe ich es wenigstens.«
Von Lembke verfiel sogar in Pathos. Er liebte es, klug und liberal zu reden, noch von Petersburg her, und hier hörte zudem kein Vorgesetzter zu. Pjotr Stepanowitsch schwieg und war plötzlich von einem seltsamen, ganz ungewohnten Ernst. Das reizte den Redner noch mehr.
»Wissen Sie auch, daß ich der >Herr des Gouvernements< bin?« fuhr er daher fort, während er im Kabinett auf- und abging. »Wissen Sie auch, daß ich vor lauter Pflichten keine einzige zu erfüllen vermag, und andererseits kann ich sagen, und es ist ebenso wahr, daß ich hier überhaupt nichts zu tun habe. Das ganze Geheimnis besteht darin, daß hier alles von der Auffassung der Regierung abhängt. Mag die Regierung doch, wenn sie will, die Republik verkünden, nun da ... ich meine nur so, meinetwegen aus Politik oder zur Beruhigung der Leidenschaften -- ... aber dann soll sie andererseits, parallel dem, die Macht der Gouverneure verstärken: und Sie werden sehen, wir Gouverneure verschlingen die Republik! Was sage ich, Republik! -- Alles, was Sie wollen, werden wir verschlingen! Ich wenigstens fühle, daß ich imstande bin ... Mit einem Wort: mag die Regierung mir telegraphisch activité dévorante{[114]} befehlen, und ich werde sofort mit der activité dévorante beginnen. Ich habe es ihnen hier gleich ins Gesicht gesagt: >Meine Herren, zum Gedeihen aller Institutionen sowie des ganzen Gouvernements ist vor allem eines nötig: die Verstärkung der Gouverneursmacht.< Sehen Sie, es ist unbedingt nötig, daß alle diese Institutionen -- mögen es nun die der Landschaft oder der Justiz sein -- gewissermaßen ein Doppelleben leben, das heißt, es ist nötig, daß sie da sind (ich gebe zu, daß sie unentbehrlich sind), aber andererseits ist es nötig, daß sie auch nicht da sind. Immer nach der Auffassung der Regierung geurteilt! So stellt es sich denn heraus, daß die Institutionen, wenn sie sich plötzlich als notwendig erweisen, dann da sein müssen. Vergeht aber diese Notwendigkeit, dann müssen sie wie überhaupt nicht vorhanden sein. Sehen Sie, so verstehe ich die activité dévorante. Aber die wird es nicht ohne Verstärkung der Gouverneursmacht geben. Wir sprechen ja hier unter vier Augen. Wissen Sie auch, daß ich schon nach Petersburg geschrieben habe, daß es unbedingt nötig ist, eine Schildwache vor das Gouvernementsgebäude zu stellen? Jetzt warte ich auf die Antwort.«
»Sie brauchen zwei Schildwachen,« sagte Pjotr Stepanowitsch.
»Warum zwei?« von Lembke blieb vor ihm stehen.
»Na so, damit man Sie respektiere, ist eine zu wenig. Sie brauchen unbedingt zwei.«
Andrei Antonowitsch verzog das Gesicht.
»Sie ... Sie erlauben sich, weiß Gott, schon etwas zu viel, Pjotr Stepanowitsch. Sie mißbrauchen meine Güte, um mir Anzüglichkeiten zu sagen, und spielen dabei immer noch so irgend einen bourru bienfaisant{[115]} ...«
»Na, das schon, wie Sie wollen,« meinte Pjotr Stepanowitsch, »aber Sie bahnen uns trotzdem den Weg und bereiten unseren Erfolg vor.«
»Wen meinen Sie mit diesen >uns< und was ist das für ein >Erfolg<?« von Lembke blieb erstaunt wieder vor ihm stehen, doch eine Antwort erhielt er diesmal nicht.
Als Julija Michailowna den Bericht über dieses Gespräch vernommen hatte, war sie abermals äußerst ungehalten.
»Aber ich kann doch nicht deinen Favorit wie einen Untergebenen traitieren!« verteidigte sich von Lembke. »Und noch dazu, wenn wir unter vier Augen sind ... Ich konnte mich versprechen ... aus gutem Herzen ...«
»Aus leider etwas schon zu gutem! -- Ich wußte außerdem nicht, daß du eine Sammlung von Flugschriften hast. Habe doch die Güte, sie mir zu zeigen.«
»Aber ... er ... er hat sie mitgenommen, auf einen Tag ... er bat mich.«
»Und wieder hast du ihm so etwas ausgeliefert!« ärgerte sich Julija Michailowna. »Welch eine neue Unvorsichtigkeit!«
»Ich werde sofort zu ihm schicken, sie zurückerbitten --«
»Du glaubst wohl, daß er sie dir geben wird?«
»Ich verlange es!« rief von Lembke empört und sprang sogar auf. »Wer ist er, daß man ihn so fürchten muß, und wer bin ich, daß ich nichts mehr tun darf?«
»Setze dich bitte, und rege dich lieber nicht so auf,« hielt ihn Julija Michailowna zurück. »Zunächst will ich auf den ersten Teil deiner Frage antworten: wer dieser Pjotr Stepanowitsch ist? Nun, er ist mir vorzüglich empfohlen, ist sehr begabt und sagt zuweilen äußerst kluge Sachen. Karmasinoff versicherte mir, daß er fast überall Verbindungen hat und die großstädtische Jugend vollständig unter seinem Einfluß steht. Wenn es mir nun gelingt, diese Jugend durch ihn heranzuziehen und um mich zu gruppieren, so bewahre ich sie vor dem Untergang, indem ich ihrem Ehrgeiz einen neuen Weg weise. Zudem ist Pjotr Stepanowitsch mir von ganzem Herzen ergeben und gehorcht mir in allen Dingen.«
»Aber, hör mal, während man sie da noch heranlockt, können sie ja ... der Teufel weiß was machen! Ich verstehe ja, das ist eine Idee ...« verteidigte sich von Lembke etwas unsicher. »Übrigens, um von etwas anderem zu sprechen: im H--schen Kreise sind wieder neue Flugschriften verbreitet worden.«
»Das wird wohl wieder nur so ein Gerücht sein -- wie im vorigen Sommer: Proklamationen, falsche Assignaten, und was noch alles, dabei ist bis jetzt noch nicht ein einziges Exemplar gesehen worden. Wer hat dir denn das gesagt?«
»Blümer teilte mir mit ...«
»Ach, um's Himmels willen, verschone mich doch bitte endlich mit deinem ewigen Blümer! Daß du auch wirklich nie aufhören kannst, mich an den zu erinnern! ...«
Julija Michailowna war so aufgebracht, daß sie fast keine Worte fand. Blümer war ein Beamter der Gouvernementskanzlei, den sie ganz besonders haßte. Aber auch davon später.
»Beunruhige dich, wie gesagt, bitte weiter nicht über Werchowenski,« schloß sie endlich das Gespräch. »Wenn er an irgend welchen Dummheiten teilnähme, so -- dessen kannst du sicher sein! -- würde er mit dir und mir und uns allen ganz anders sprechen. Nein, ein Phraseur ist nie gefährlich, und im übrigen sage ich dir, wenn irgend etwas passieren sollte, so werde ich womöglich noch die erste sein, die es durch ihn erfährt. Er ist mir fanatisch, geradezu fanatisch ergeben.«
Ich möchte hier den Ereignissen vorgreifen und bemerken, daß, wenn Julija Michailowna nicht diesen Ehrgeiz und Eigendünkel gehabt hätte, vielleicht all das nicht geschehen wäre, was diese üblen Leutchen bei uns anzustiften vermochten. Für vieles ist sie verantwortlich!
Zehntes Kapitel. Vor dem Fest
I.
Der Tag des Festes, das Julija Michailowna zum Besten der armen Lehrerinnen unseres Gouvernements veranstalten wollte, wurde mehrmals angesagt und dann doch immer wieder hinausgeschoben. Pjotr Stepanowitsch und jener kleine jüdische Beamte Lämschin, der eine Zeitlang auch Stepan Trophimowitschs Abende besucht hatte, nun aber beim Gouverneur wegen seines Klavierspiels in Gnaden zugelassen wurde, saßen fast täglich Stunden lang bei Julija Michailowna; desgleichen Liputin, den sie zum Redakteur der zukünftigen unabhängigen Gouvernementszeitung erwählt hatte. Außerdem waren noch ein paar ältere und jüngere Damen, die sich lebhaft für das Fest interessierten, und nicht selten sogar Karmasinoff anwesend. Freilich tat der letztere in diesen Sitzungen wenig mehr, als mit zufriedenem Lächeln im voraus versichern, daß er das Publikum mit seiner Quadrille de la littérature{[116]} geradezu in Entzücken versetzen werde. Die ganze »Gesellschaft« unserer Stadt hatte beträchtliche Summen geopfert, doch war es nicht sie allein, die an dem Fest teilnehmen sollte: das konnte vielmehr ein jeder, wenn er nur zahlte. Julija Michailowna meinte, daß man in gewissen Fällen die Vermengung der Klassen sehr wohl zulassen dürfe, denn das trüge »zur Aufklärung« bei. Und so beschloß man denn, daß das Fest ein demokratisches werden sollte. Die verhältnismäßig große Einnahme aus der Subskription verlockte natürlich sofort zu größeren Ausgaben: man wollte jetzt etwas geradezu Wunderbares bieten, und das war denn auch der Grund, warum das Fest immer wieder hinausgeschoben werden mußte. Vor allem konnte man sich nicht entscheiden, wo der Ball stattfinden sollte: in dem großen Hause des Adelsmarschalls, das die Adelsmarschallin für diesen Tag zur Verfügung gestellt hatte, oder bei Warwara Petrowna in Skworeschniki. Bis nach Skworeschniki wäre es für Fußgänger vielleicht etwas weit gewesen, aber viele Mitglieder des Komitees meinten, daß es dort jedenfalls weit »freier« sein würde. Warwara Petrowna selbst hätte viel darum gegeben, wenn man sich für ihren Saal entschieden hätte, doch ist es gewiß schwer zu sagen, warum eigentlich? Warum diese stolze Frau sich bei Julija Michailowna geradezu einschmeicheln wollte? Vielleicht gefiel es ihr, daß umgekehrt diese ihren Sohn so unendlich hochschätzte und von einer Liebenswürdigkeit zu ihm war, wie sonst zu keinem? Ich will hier nochmals erwähnen, daß Pjotr Stepanowitsch in dieser ganzen Zeit unentwegt fortfuhr, das Gerücht, das er schon früher in der Stadt verbreitet hatte, jetzt auch im Hause des Gouverneurs von Ohr zu Ohr zu tragen: daß nämlich Stawrogin in geheimnisvollsten Beziehungen zu den geheimnisvollsten Mächten stehe, und daß er, wie man auf das bestimmteste wisse, mit einem großen und schwerwiegenden Auftrage hergekommen sei.
Es hatte damals eine merkwürdige Stimmung die Geister ergriffen. Und besonders unter unseren Damen machte sich ein gewisser Leichtsinn bemerkbar, von dem man dabei nicht einmal behaupten konnte, daß er sich nur allmählich entwickelt hätte. Wie vom Winde hergeweht hatten sich plötzlich freie Auffassungen verbreitet. Es begann ganz allgemein ein leichteres Leben, voll von Exzentrizitäten und Freiheiten. Später, als alles wieder vorüber war, beschuldigte man ganz öffentlich nur Julija Michailowna und den Einfluß, den sie auf die Jugend der Stadt ausgeübt hatte. Doch ist es nicht richtig, daß sie allein an allem die Schuld trug. Im Gegenteil, diejenigen hatten auch nicht so ganz unrecht, welche anfänglich die neue Gouverneurin geradezu lobten, und zwar vor allem deshalb, weil sie es verstünde, die Gesellschaft zusammenzuhalten und das Leben in ihr im guten Sinne angenehmer zu machen. Mit den paar kleinen Skandalen, die inzwischen passierten, hatte Julija Michailowna auch nicht das geringste zu tun. Im übrigen aber nahm man auch diese Skandale nicht allzu ernst, sondern lachte über sie, fand sie sehr amüsant, und leider war niemand da, der sich in den Weg gestellt und gesagt hätte, daß man den Dingen nicht immer so weiter ihren Lauf lassen durfte. Nur eine kleine, oder vielleicht auch nicht einmal so kleine Gruppe, die die Verhältnisse denn doch etwas anders ansah, hielt sich abseits, aber selbst in ihr war man im stillen mehr geneigt, zu lächeln als zu murren.
Es bildete sich, wie ich mich erinnere, ganz von selbst ein ziemlich großer Kreis, dessen Mittelpunkt tatsächlich in Julija Michailownas Salon lag. Diese jugendliche Gesellschaft hatte es sich besonders zur Aufgabe gestellt, Streiche zu machen. Außer den jungen Leuten gehörten auch mehrere junge Mädchen und selbst junge Frauen zu ihr. Man veranstaltete Picknicks, Tanzgesellschaften, zog in ganzen Kavalkaden, zu Wagen und zu Pferde, durch die Stadt, wobei Pjotr Stepanowitsch und Liputin auf gemieteten Kosakenpferden immer lustig mittrabten. Man suchte Abenteuer oder führte sie womöglich absichtlich herbei, einzig um der Lachlust und Vergnügungssucht zu genügen. Die übrigen Einwohner der Stadt behandelte man als ausgemachte Dummköpfe. Die Streiche waren meist ziemlich unschuldiger Natur. Doch einmal, als man durch Lämschin frühmorgens darüber unterrichtet worden war, daß ein junger Gatte seine junge Frau in der Hochzeitsnacht irgendwie rücksichtslos behandelt hatte, setzten sich ihrer zehn Mann sofort in den Sattel, um das junge Paar bei den am nächsten Tage üblichen Visiten abzufangen. Kaum hatten sie die Neuvermählten erblickt, als denn auch schon die ganze Kavalkade den Wagen mit Hallo umringte und dann das arme Paar den ganzen Vormittag von Haus zu Haus begleitete. Sie beleidigten zwar weiter niemanden, sondern gaben nur lachend ein »Ehrengeleit«, doch war es immerhin schon ein richtiger Skandal, den sie dadurch in der Stadt erregten. Diesmal ärgerte sich von Lembke denn auch ernstlich und hatte mit Julija Michailowna wieder einmal eine lebhafte Auseinandersetzung. Auch Julija Michailowna war sehr ungehalten über die »Jungen« und gedachte schon, sie irgendwie zu bestrafen, und doch verzieh sie ihnen am anderen Tage wieder einmal, da ihr Pjotr Stepanowitsch dazu riet und Karmasinoff den Scherz sogar geistreich fand.
»Das ist doch weiter nicht schlimm,« sagte er. »Wenigstens ist es ein ritterlicher und ... mutiger Streich. Sie sehen doch, daß im Grunde alle darüber lachen, nur Sie sind ungehalten.«
Doch alsbald sollten auch wirklich unverzeihliche Streiche folgen, die einen schon ganz anderen Ton hatten.
In unserer Stadt erschien eine Buchtrödlerin, die billige Bibeln verkaufte. Es war eine achtbare und nicht einmal ungebildete Frau, wenn auch nur eine einfache Kleinbürgerin. Wieder war es derselbe Lämschin, der ihr, unter dem Vorwande, eines ihrer Bücher kaufen zu wollen, ein Paket unanständiger ausländischer Photographien in den Sack steckte. Als nun die arme Frau auf dem Markt ihre Bücher aus dem Sack hervorholte, fielen plötzlich die Photographien heraus. Es erhob sich zuerst ein Gelächter, die Gruppe vor ihrem Stand vergrößerte sich, man wurde unwillig und schließlich begann man zu schimpfen. Unfehlbar wäre es zu einer Schlägerei gekommen, wenn nicht die Polizei die bedrohliche Versammlung auseinander gebracht und die arme Frau auf der Wache eingesperrt hätte. Mittlerweile aber hatte Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoff die näheren Einzelheiten dieser häßlichen Geschichte erfahren und in seiner Empörung sofort die nötigen Schritte getan, um die Unschuldige zu befreien, was ihm endlich gegen Abend auch gelang. Da wollte denn Julija Michailowna den kleinen Lämschin entschieden nicht mehr empfangen, doch schon am selben Abend geschah es, daß die ganze Schar im Triumph mit Lämschin in der Mitte bei ihr erschien und berichtete, daß er ein ganz entzückendes Stückchen komponiert habe, das sie wenigstens noch anhören müsse. Die Komposition erwies sich in der Tat als ungewöhnlich. Sie hieß: »Der deutsch-französische Krieg«, und begann mit den stolzen Tönen der Marseillaise:
Qu'un sang impur abreuve nos sillons!{[117]}
Man hörte ordentlich die ganze Aufgeblasenheit des Rufes, hörte schon den Rausch der zukünftigen Siege! Doch plötzlich, gleichzeitig mit der meisterhaft variierten Hymne, begann irgendwo unten, seitlich, gleichsam in einer Ecke, aber eigentlich doch recht nah, ein dünnes, schwaches, hohes Stimmchen »Mein lieber Augustin« zu singen. Die Marseillaise bemerkt es zunächst gar nicht, sie ist berauscht von ihrer Größe, aber der Augustin wird stärker, der Augustin wird immer frecher und schon singt der Augustin ganz unverhofft zusammen mit der Marseillaise. Jetzt bemerkt die Marseillaise endlich den kleinen Augustin, ärgert sich aber zunächst nur über ihn, will ihn abschütteln, verjagen -- aber mein lieber Augustin hält fest. Mein lieber Augustin ist heiter und selbstbewußt, ist froh und wird tätlich, die Marseillaise dagegen wird allmählich immer dümmer: jetzt verbirgt sie es nicht mehr, daß sie sich ärgert, daß sie sich beleidigt fühlt. Das ist schon das Geschrei des heftigsten Unwillens, das sind Tränen und Schwüre mit zur Vorsehung erhobenen Händen:
Pas un pouce de notre terrain, pas une pierre de nos forteresses!{[118]}
Doch schon ist sie gezwungen, im gleichen Takt mit Augustin zu singen ... Ihre Melodie geht irgendwie auf die dümmste und lächerlichste Weise in die des lieben Augustin über, sie beugt sich, sie zergeht ... Nur zuweilen noch tönt es wieder: qu'un sang impur ... doch sofort wird es von Augustin verschlungen und geht über in einen banalen Walzer: das ist Jules Favre, der an Bismarcks Brust schluchzt und alles, alles hingibt ... Aber schon wird Augustin wild: man hört heisere Schreie, fühlt maßlos getrunkenes Bier, Tollwut der Selbstüberhebung, Forderung von Milliarden, feinen Zigarren, Champagner und Garantien ... Augustin wird zum rasenden Gebrüll ... So endet der deutsch-französische Krieg. Alles applaudiert, Julija Michailowna aber sagt lächelnd: »Wie soll man ihm denn nicht verzeihen?« -- und der Friede ist geschlossen. Lämschin hatte entschieden ein gewisses musikalisches Talent. Stepan Trophimowitsch versicherte mir einmal, daß die größten Genies sehr wohl die größten Schurken sein könnten, und daß das eine das andere durchaus nicht aufhebe. Später hieß es allerdings, daß Lämschin dieses Stück von einem bescheidenen jungen Menschen, der ihn auf der Durchfahrt besucht hatte, gewissermaßen gestohlen habe. Übrigens karikierte Lämschin, derselbe Lämschin, der sich mehrere Jahre lang bei Stepan Trophimowitsch einzuschmeicheln versucht hatte, jetzt zuweilen bei Julija Michailowna auch Stepan Trophimowitsch -- und zwar als »Freidenker der vierziger Jahre«. Alle krümmten sich vor Lachen. So wurde Lämschin immer unentbehrlicher. Zudem hing er sich sklavisch an Pjotr Stepanowitsch, der seinerseits um diese Zeit schon einen bis zur Unglaublichkeit großen Einfluß auf Julija Michailowna ausübte.
Die Erwähnung Lämschins bringt mich auf eine andere und schon wahrhaft empörende Geschichte, an der er, wie man versicherte, wieder seinen Anteil hatte.
Eines Morgens verbreitete sich in der Stadt die Nachricht von einer ganz gemeinen, abscheulichen Tat. Neben dem Portal der alten Muttergotteskirche, der ältesten in unserer alten Stadt, hing in einer Nische, hinter Glas und einem Schutzgitter, schon seit undenklicher Zeit ein großes Heiligenbild der Maria. Nun hatte man, wie es hieß, das Glas zerschlagen und ein paar Edelsteine aus der Krone der Gottesmutter gestohlen. Die Hauptsache aber war, daß man hinter das oben zertrümmerte Glas eine lebendige Maus gesteckt hatte. Die Empörung über diese skandalöse Religionsverspottung war groß: das fromme Volk drängte sich den ganzen Tag seit dem frühen Morgen zum Heiligenbilde und betete davor. Heute nun, nach vier Monaten, weiß man, daß Fedjka diesen Diebstahl begangen hat, doch schon damals hieß es, daß Lämschin dabei gewesen sei. Und heute sagt man, daß nur er die Maus hineingesetzt haben könne.
Auf Herrn von Lembke machte dieser unselige Vorfall einen furchtbaren Eindruck. Julija Michailowna soll geäußert haben, wie man mir erzählte, daß schon nach dieser Aufregung jene sonderbare Schwermut ihres Mannes begonnen habe, die dann durch spätere Ereignisse verhängnisvoll wurde, und die ihn auch jetzt noch in der Schweiz, wohin man ihn vor zwei Monaten brachte, nicht verlassen hat.
An jenem Tage nun ging ich ungefähr um ein Uhr an jener Kirche vorüber. Das Volk stand stumm vor dem Portal und betete. Da kam gerade ein reicher Kaufmann in einer Equipage angefahren, um das Bild zu küssen und seine Spende auf den Teller zu legen, den ein Mönch, der bei dem Heiligenbilde Wache hielt, für die Spenden neben sich auf einen Stuhl gestellt hatte. Gleich darauf fuhr ein leichter Wagen mit zwei jungen Damen in Begleitung zweier Herren vor. Die beiden jungen Herren stiegen aus und drängten sich durch das Volk bis vor das Heiligenbild. Beide nahmen die Hüte nicht ab und der eine drückte sich sogar noch einen Klemmer auf die Nase. Das Volk begann schon zu murren. Der Held mit dem Klemmer zog sein elegantes saffianledernes Portemonnaie hervor, das mit Scheinen geradezu vollgepfropft war, und entnahm ihm nach langem Suchen eine einzige Kopeke, die er dann nachlässig auf den Teller warf. Darauf wandten sich beide lachend und laut sprechend wieder zum Wagen zurück. Wenige Augenblicke vorher waren aber gerade Lisaweta Nicolajewna und Mawrikij Nicolajewitsch herangeritten. Lisa sprang gewandt vom Pferde, warf die Zügel ihrem Vetter zu und trat gerade in dem Augenblick zum Heiligenbild, als der eine die Kopeke auf den Teller warf. Sie errötete vor Unwillen, nahm sofort ihren runden Hut ab, streifte die Handschuhe von den Händen, kniete vor dem Bilde auf dem schmutzigen Trottoir nieder, und verneigte sich dreimal bis zur Erde. Darauf nestelte sie ihr Geldbeutelchen hervor, doch als sie in ihm nur Silbergeld fand, nahm sie sofort ihre Brillantohrringe ab und legte diese auf den kupfernen Teller.
»Das ist doch erlaubt? Edelsteine? Zum Schmuck für das Bild?« fragte sie erregt den Mönch.
»Jede Spende ist eine gute Tat,« antwortete dieser.
Das Volk schwieg, ohne Mißfallen oder Beifall zu äußern. Lisaweta Nicolajewna bestieg in ihrem vom Knien beschmutzten Kleide wieder ihr Pferd und ritt davon.
II.
Zwei Tage nach diesem aufregenden Ereignis begegnete ich Lisa wieder auf der Straße. Eine ganze Gesellschaft hatte sich zu Wagen und zu Pferde aufgemacht, um irgend wohin zu fahren. Lisa, die darunter war, gab sofort den Befehl, zu halten, und verlangte eigensinnig, daß ich mitkäme. In ihrem Wagen fand sich denn auch noch ein Platz, auf den ich fast mit Gewalt gesetzt wurde. Sie stellte mich lachend den jungen, meist sehr eleganten Damen vor und erklärte mir sofort, daß es ein ganz besonderer Ausflug werden sollte. Lisa war ausgelassen lustig, und überhaupt schien sie, wenn man nach dem Äußeren schloß, in dieser Zeit geradezu übermäßig glücklich zu sein. Das Ziel des Ausflugs war in der Tat ein »besonderes«: man wollte nämlich über den Fluß zum Kaufmann Sewostjanoff fahren, der in einem Flügel seines Hauses schon seit zehn Jahren unseren gesegneten, allgemein, sogar in Petersburg, bekannten Propheten Semjon Jakowlewitsch beherbergte. Diesen Semjon Jakowlewitsch besuchte alle Welt: man riß sich fast um ein gnädiges Wort von ihm, verneigte sich und legte reiche Geldspenden nieder, die er dann, wenn er sie nicht gleich unter die armen Besucher verteilte, gottesfürchtig an Klöster und Kirchen gab. So stand denn auch stets ein Mönch bei ihm, der die Gaben entgegennahm. Von der jungen Gesellschaft hatte noch niemand Semjon Jakowlewitsch gesehen und man versprach sich ungemein viel von diesem Besuch. Nur Lämschin war früher einmal bei ihm gewesen und versicherte, daß der Prophet ihn mit einem Besen hinausgejagt und ihm noch gekochte Kartoffeln nachgeworfen habe. Unter den Reitern befanden sich auch Pjotr Stepanowitsch, der sich wie gewöhnlich sehr schlecht auf seinem gemieteten Kosakenpferde hielt, und -- Nicolai Stawrogin. Der letztere nahm nur ganz ausnahmsweise einmal an einer dieser allgemeinen Vergnügungen teil: an dem Tage sah er ziemlich heiter aus, doch sprach er, wie immer, nur wenig. Als wir kurz vor der Brücke an einem kleinen Gasthause vorüberfuhren, machte plötzlich jemand die Bemerkung, daß ein Gast sich daselbst erschossen habe und die Polizei erwartet werde. Sofort wurde beschlossen, auszusteigen und sich den Toten anzusehen. Vor allem waren unsere Damen gleich dabei, denn einen Selbstmörder -- den sah man doch nicht alle Tage. Ich erinnere mich noch, daß eine von ihnen bemerkte: »Ach, es ist einem ja alles schon langweilig geworden! Warum sich da noch weiter zieren! Das wäre doch einmal etwas anderes.« Nur wenige blieben im Wagen und warteten: die anderen dagegen drängten sich in einem dichten Haufen durch den Eingang in den schmalen, unsauberen Korridor -- und unter diesen bemerkte ich zu meinem Erstaunen auch Lisaweta Nicolajewna. Das Zimmer, in dem die Leiche lag, war nicht verschlossen. Natürlich wagte man es nicht, uns etwa nicht hineinzulassen. Der Selbstmörder war fast noch ein Knabe, jedenfalls bestimmt nicht älter als neunzehn Jahre: ein hübscher Mensch, mit dichtem, welligem, blondem Haar und einem schmalen, feinen Gesicht. Er war schon erstarrt und seine weiße Haut sah wie Marmor aus. Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier, auf das er geschrieben hatte, daß niemand an seinem Tode schuld sei und er sich erschossen habe, weil er vierhundert Rubel »durchgebracht« (dieses Wort stand buchstäblich auf dem Blatt). In den vier Zeilen waren drei orthographische Fehler. An seiner Leiche saß ein alter, dicker Gutsbesitzer, der den Toten zu kennen schien und wahrscheinlich gleichfalls in diesem Gasthause abgestiegen war. Aus seinen wortreichen Klagen ging hervor, daß der Jüngling von seiner verwitweten Mutter, von Tanten und Schwestern in die Stadt zu einer Verwandten geschickt worden war, um verschiedene Einkäufe für die Aussteuer seiner ältesten Schwester, die bald heiraten sollte, zu machen. Man hatte ihm dazu vierhundert Rubel, die jahrzehntelang zusammengespart worden waren, eingehändigt, und ihn dann mit Gebeten und Segenssprüchen und unter endlosen Predigten abgeschickt. Der Junge war bis dahin sehr bescheiden und ein guter, hoffnungsvoller Sohn gewesen. In der Stadt aber hatte er sich nicht zu der Verwandten, sondern in das Gasthaus begeben und von hier direkt in eine Kneipe, wo er spielen wollte. Als er kurz vor Mitternacht ins Gasthaus zurückgekehrt war, hatte er Champagner, Havannazigarren und ein Abendessen von sechs oder sieben Gängen verlangt. Aber der Champagner war ihm gar bald zu Kopf gestiegen und von den Zigarren war ihm übel geworden, so daß er das Essen nicht einmal angerührt, sondern sich fast krank und dabei halb betrunken ins Bett gelegt hatte. Am anderen Tage, nachdem er sich ausgeschlafen, war er sofort in das Zigeunerlager hinter der Vorstadt gegangen und ganze zwei Tage dort geblieben. Am dritten Tage war er um fünf Uhr betrunken zurückgekehrt, hatte sich sofort hingelegt und bis zehn Uhr abends geschlafen. Dann hatte er ein Beefsteak, eine Flasche Champagner, Weintrauben, Papier, Tinte und die Rechnung verlangt. Niemand hatte etwas Besonderes an ihm bemerkt: er war ruhig, still und freundlich gewesen. Wahrscheinlich hatte er sich um Mitternacht erschossen, doch niemand hatte den Schuß gehört. Erst heute um eins, als es in seinem Zimmer selbst nach langem Klopfen totenstill geblieben war, hatte man die Tür aufgebrochen. Die Flasche war nur halb leer und von den Weintrauben hatte er nicht viel gegessen. Mit einem kleinen Revolver, der ihm später aus der Hand gefallen war, hatte er sich ins Herz geschossen: der Tod mußte sofort eingetreten sein -- es war nur sehr wenig Blut aus der Wunde geflossen. Er saß halb liegend auf dem Sofa, als ob er nur eingeschlafen wäre, und der Ausdruck seines Gesichts war ruhig, ja fast glücklich. Alle sahen ihn mit gieriger Neugier an. Wohl in jedem Unglück eines Menschen liegt etwas, das die anderen aufmuntert. Die Damen betrachteten den Toten schweigend. Die Herren dagegen zeichneten sich durch Geistesgegenwart und Scharfsinn in ihren Bemerkungen aus. Lämschin aber, der es wohl für seine Ehrenpflicht hielt, auch jetzt den Narren zu spielen, zupfte plötzlich von der Weintraube eine Beere ab, dann noch eine und noch eine, und streckte schon die Hand nach der Flasche aus, um mit ihr irgendeinen »Witz« zu machen, als der Polizeimeister eintrat und uns bat, das Zimmer zu verlassen. Da sich alle schon sattgesehen hatten, gingen wir denn auch sofort wieder hinaus. Den Rest des Weges legten wir unter womöglich noch ausgelassenerer Heiterkeit und noch lustigeren Scherzen zurück.
Um ein Uhr langten wir bei Semjon Jakowlewitsch an. Das Hoftor des großen Kaufmannshauses war weit offen, desgleichen die Tür des Flügels, in dem Semjon Jakowlewitsch wohnte. Man sagte uns, daß er gerade zu Mittag speiste, doch trotzdem empfinge. Unsere ganze Schar trat ins Haus. Das Zimmer, in dem er sich befand, war groß, mit drei mächtigen Fenstern, und durch ein etwa meterhohes Holzgitter in zwei Teile geteilt. Gewöhnlich blieben die Leute, die ihn besuchten, in der ersten Hälfte, und nur einzelne Glückskinder, die er selbst bezeichnete, wurden durch die kleine Tür des Holzgitters zu ihm geführt, wo er ihnen dann, wenn's ihm gefiel, seine alten Lederstühle oder das Sofa zuwies; er selbst blieb stets unverändert in seinem alten Großvaterstuhl sitzen. Semjon Jakowlewitsch war ein ziemlich großer, etwas aufgedunsener Mann von ungefähr fünfundfünfzig Jahren, blond und kahlköpfig, mit einem gelben, glattrasierten Gesicht, dünnem, weichem Haar und geschwollener rechter Backe, die seinen Mund ein wenig schief zog; neben dem linken Nasenflügel war eine große Warze; die Augen lagen wie in schmalen Spalten und der Gesichtsausdruck war ruhig, solide, fast verschlafen. Er trug einen schwarzen Gehrock, wie ein deutscher Schullehrer, doch weder Kragen noch Halstuch, sondern nur ein dickes, doch sauberes russisches Hemd unter dem Rock. Seine offenbar kranken Füße staken in mächtigen Hausschuhen. Es hieß, er sei früher Beamter gewesen und habe sogar einen ansehnlichen Titel gehabt. Als wir eintraten, hatte er gerade eine Fischsuppe gegessen und machte sich nun an sein zweites Gericht: Kartoffeln in der Schale mit Salz. Anderes pflegte er schon seit langer Zeit nicht mehr zu essen; er trank nur viel Tee, den er sehr liebte. Ihn bedienten drei Dienstboten, die der Kaufmann für ihn hielt: der eine von ihnen sah wie ein Kontordiener aus, der andere wie ein Kirchendiener und der dritte war im Frack. Außer diesen Dienstboten war noch ein munterer Knabe zugegen, sowie ein alter, grauer, dicker Mönch, mit einer Sammelbüchse in der Hand. Auf einem der Tische kochte ein riesengroßer Samowar, neben dem auf einem Teebrett ungefähr zwei Dutzend Gläser standen. Auf dem anderen Tische lagen die Gaben: mehrere Zuckerhüte und auch kleinere Zuckerpakete, zwei Pfund Tee, ein Paar Hausschuhe, ein seidenes Halstuch, ein Stück Tuch und mehrere Leinwandrollen. Die Geldspenden kamen fast alle in die Sammelbüchse des Mönches. Ungefähr zehn fremde Menschen standen in der vorderen Hälfte des Zimmers und zwei, ein frommer Greis und ein kleiner, furchtbar magerer Mönch, der würdevoll und mit niedergeschlagenen Augen vor sich hinsah, saßen hinter dem Holzgitter: es waren lauter einfache Leute, außer einem dicken Kaufmann in russischer Tracht, der aus der Kreisstadt hergekommen war, und den alle als Millionär kannten, -- sowie einer alten Dame und einem Gutsbesitzer. Alle erwarteten sie ihr Heil und wagten nicht ein Wort zu sprechen, vier lagen auf den Knien und von ihnen zog wieder ganz besonders der dicke Gutsbesitzer die Aufmerksamkeit auf sich, der an der sichtbarsten Stelle, ganz nah am Holzgitter kniete und ehrfürchtig schon eine Stunde lang auf einen Blick oder ein gütiges Wort Semjon Jakowlewitschs wartete, -- dieser jedoch schenkte ihm auch nicht die geringste Beachtung.
Unsere Damen drängten sich fast bis zum Gitter vor und tuschelten vergnügt untereinander. Die Knienden und die anderen Wartenden wurden von ihnen zurückgedrängt, nur der dicke Gutsbesitzer blieb standhaft auf seinem Platz. Neugierige, heitere Blicke richteten sich auf Semjon Jakowlewitsch, gleichwie Lorgnons, Klemmer, Eingläser -- und Lämschin zog sogar ein Fernrohr aus der Tasche. Semjon Jakowlewitsch überblickte ruhig und träge die ganze lustige Schar.
»Ach, ihr Liebäugelnden, ihr Liebäugelnden!« geruhte er mit etwas heiserem Baß leicht auszurufen.
Die ganze Schar lachte auf. »Was heißt das: >Ach, ihr Liebäugelnden<?«
Doch Semjon Jakowlewitsch schwieg und aß seine Kartoffeln. Endlich wischte er sich mit der Serviette den Mund und ließ sich Tee reichen.
Den Tee pflegte er gewöhnlich nicht allein zu trinken, vielmehr befahl er, auch seinen Besuchern und Gästen Tee zu reichen, doch nicht etwa jedem, sondern nur denen, die er dann selbst dem Diener zeigte -- als diejenigen, welche er besonders beglücken wollte. Seine Wahl erstaunte meistens alle Anwesenden, denn er überging gewöhnlich die Reichen und Würdevollen und befahl irgend einem armen und unscheinbaren Greise den Tee zu bringen; ein anderes Mal aber überging er wieder die Armen und beglückte irgendeinen dicken, schwer reichen Kaufmann. Auch eingießen ließ er den Tee ganz verschieden, einige bekamen ihn mit, einige ohne Zucker. Diesmal befahl er, dem mageren Mönch eine Tasse mit Zucker zu reichen und dem Greise eine ohne Zucker, der dicke Mönch aber mit der Sammelbüchse erhielt diesmal keinen Tee, wie sonst fast täglich.
»Semjon Jakowlewitsch, sagen Sie mir doch bitte auch etwas. Ich habe schon so lange Ihre Bekanntschaft zu machen gewünscht,« sagte kokett lächelnd jene selbe junge Dame aus unserem Wagen, die vorher geäußert hatte, daß einem schon alles langweilig geworden sei.
Semjon Jakowlewitsch sah sie nicht einmal an. Der kniende Gutsbesitzer seufzte tief auf.
»Mit Zucker!« wies plötzlich Semjon Jakowlewitsch auf den Millionär.
Der trat vor und stellte sich neben den knienden Gutsbesitzer.
»Gib ihm noch mehr Zucker!« befahl Semjon Jakowlewitsch, als der Tee eingegossen war. Der Diener tat noch eine Portion Zucker in das Glas. »Mehr, gib ihm mehr!« -- eine dritte und schließlich eine vierte Portion wurden dazu getan.
Widerspruchslos begann der Kaufmann seinen Syrup zu trinken.
»Allmächtiger Gott!« flüsterte das Volk und bekreuzte sich.
Der Gutsbesitzer seufzte wieder laut und tief.
»Väterchen! Semjon Jakowlewitsch!« ertönte plötzlich die Stimme der alten Dame, die unsere Schar an die Wand zurückgedrängt hatte, doch die Stimme klang so laut und scharf, wie man es gar nicht erwartet hätte. »Eine ganze Stunde, Väterchen, warte ich schon auf deinen Segen. Sprich doch dein Urteil, erlöse mich Waise, Väterchen!«
»Frage!« sagte Semjon Jakowlewitsch zu dem Kirchendiener.
Der trat an das Gitter:
»Haben Sie das erfüllt, was Semjon Jakowlewitsch Ihnen das vorige Mal anbefohlen hat?« fragte er die Witwe mit leiser, gemessener Stimme.
»Was, Väterchen, was erfüllt! Was kann man denn da erfüllen!« rief die Witwe. »Diese Menschenfresser! Haben mich verklagt, drohen mit dem Senat ... und das der leiblichen Mutter! ...«
»Gib ihr! ...« befahl Semjon Jakowlewitsch und wies auf einen Zuckerhut. Der Knabe lief schnell zum Tisch, nahm den Zuckerhut und brachte ihn der Witwe.
»Ach, Väterchen, groß ist deine Gnade! Aber wohin soll ich damit?« klagte die Witwe wieder.
»Noch, noch!« beschenkte Semjon Jakowlewitsch sie weiter.
Ein zweiter Zuckerhut wurde zu ihr geschleppt und auf seinen Befehl noch ein dritter und vierter. Die Witwe war schon ganz mit Zuckerhüten umstellt. Der dicke Mönch seufzte niedergeschlagen; das alles hätte in das Kloster kommen können, wie es früher schon oft geschehen war.
»Aber wohin soll ich mit so viel?« jammerte jetzt schon die Witwe. »All das für mich allein -- mir wird ja von so viel Zucker übel werden! ... Oder soll das irgend was bedeuten, Väterchen?«
»Siehst du denn das nicht?« sagte jemand von den Bauern.
»Noch, gib ihr noch ein Pfund!« Semjon Jakowlewitsch hörte nicht auf, sie zu beschenken.
Auf dem Tisch stand noch ein ganzer Zuckerhut; da er aber befohlen hatte, ihr nur noch ein Pfund zu geben, so brachte man ihr auch nur noch ein Pfund Zucker.
»Herrgott, Allmächtiger!« seufzte das Volk und bekreuzte sich. »Sichtbares Zeichen! Großer Gott!«
»Versüßen Sie zuerst Ihr Herz mit Güte und Barmherzigkeit und dann kommen Sie wieder, um über Ihre eigenen Kinder zu klagen, über Ihr eigenes Fleisch und Bein -- das soll, glaube ich, wohl all dieser Zucker bedeuten,« sagte leise, doch selbstzufrieden der dicke Mönch, der diesmal keinen Tee bekommen hatte, und der es nun aus gereizter Eigenliebe auf sich nahm, die Handlungsweise zu deuten.
»Was fällt dir ein?« ärgerte sich die Witwe. »Haben sie mich doch mit Gewalt ins Feuer ziehen wollen, als es bei Worchischins brannte? Sie haben mir auch eine tote Katze in meinen Kasten gelegt, sind überhaupt zu jeder Gemeinheit bereit ...«
»Jage sie hinaus, hinaus!« rief plötzlich Semjon Jakowlewitsch, mit den Armen fuchtelnd.
Der Kirchendiener und der Knabe kamen sofort in den vorderen Teil des Zimmers, der erstere nahm die Frau bei der Hand und führte sie hinaus, während sie sich in einem fort nach ihren Zuckerhüten, die der Knabe nachschleppte, umsah.
»Nimm einen wieder zurück!« befahl Semjon Jakowlewitsch dem bei ihm gebliebenen Kontordiener, der ihnen denn auch sofort nacheilte. Nach kurzer Zeit kamen alle drei mit dem einen Zuckerhut wieder zurück; so hatte die Witwe schließlich nur drei bekommen.
»Semjon Jakowlewitsch,« ertönte plötzlich eine Stimme an der Tür, »ich habe im Traum einen Vogel gesehen, einen Häher, er stieg aus dem Wasser auf und flog ins Feuer. Was bedeutet das, Väterchen?«
»Frost!« sagte Semjon Jakowlewitsch.
»Semjon Jakowlewitsch, warum antworten Sie mir denn gar nicht? Ich interessiere mich doch schon so lange für Sie!« begann wieder unsere junge Dame.
»Frage!« Semjon Jakowlewitsch wies auf den knienden Gutsbesitzer, ohne sie zu beachten.
Der dicke Mönch, dem der Befehl gegeben wurde, trat würdevoll zum Knienden und fragte:
»Worin haben Sie gesündigt? War Ihnen nicht befohlen worden, etwas zu erfüllen?«
»Nicht zu schlagen, den Händen keine Freiheit zu geben!« sagte der Gutsbesitzer mit heiserer Stimme.
»Haben Sie das erfüllt?«
»Kann nicht! Die eigene Kraft überwältigt mich!«
»Jag' ihn! Mit dem Besen, mit dem Besen!« rief Semjon Jakowlewitsch und fuchtelte wieder mit den Armen.
Der Gutsbesitzer sprang auf und lief, ohne auf den Besen zu warten, aus dem Zimmer.
»Hat ein Goldstück hier gelassen,« meldete der Mönch.
»Gib's dem!« Semjon Jakowlewitsch wies auf den Millionär.
Der reiche Kaufmann wagte nicht zu widersprechen und nahm das Geld.
»Das Gold zum Golde,« konnte der Mönch nicht unterlassen, zu bemerken.
»Und diesem mit Zucker!« Semjon Jakowlewitsch wies plötzlich auf Mawrikij Nicolajewitsch.
Der Diener goß den Tee ein und trat mit dem Glase aus Versehen zu dem Fant mit dem Klemmer.
»Dem Langen, dem Langen!« rief Semjon Jakowlewitsch.
Mawrikij Nicolajewitsch nahm das Glas und machte eine kurze militärische Verbeugung. Ich weiß nicht warum -- aber die ganze Schar wieherte plötzlich vor Lachen über diese Verbeugung.
»Mawrikij Nicolajewitsch!« wandte sich Lisa hastig an ihn, »knien Sie bitte auf demselben Platz nieder, auf dem dieser Herr stand! -- der da fortlief!«
Mawrikij Nicolajewitsch sah sie verständnislos an.
»Ich bitte Sie, Sie werden mir ein großes Vergnügen bereiten! Hören Sie, Mawrikij Nicolajewitsch,« sagte sie eigensinnig und erregt, »knien Sie unbedingt nieder, ich will unbedingt sehen, wie Sie knien! Wenn Sie das nicht tun -- kommen Sie nie mehr unter meine Augen! Ich will das, ich will das, -- unbedingt! ...«
Warum sie das wollte? Ich weiß es nicht. Jedenfalls verlangte sie es in unerbittlichem Tone, in einem Anfall von Laune und Eigensinn. Mawrikij Nicolajewitsch selber erklärte diese kapriziösen Ausbrüche, die sie in der letzten Zeit ganz besonders oft hatte, wie wir später sehen werden, mit dem Auflodern eines blinden, untergründigen Hasses auf ihn ... dabei nicht etwa aus Bosheit, -- im Gegenteil, sie achtete, schätzte und liebte ihn, und das wußte er, -- sondern aus irgendeinem besonderen, unbewußten Haß, den sie manchmal einfach nicht in sich niederzuzwingen vermochte.
Mawrikij Nicolajewitsch gab schweigend sein Teeglas einem alten, hinter ihm stehenden Bauern, ging dann auf das Türchen des meterhohen Holzgitters zu, öffnete es, trat ohne Semjon Jakowlewitschs Erlaubnis in dessen Zimmerhälfte und kniete, allen sichtbar, mitten im freien Raum nieder. Ich glaube, er war von dem Spott Lisas, noch dazu in Gegenwart so vieler Menschen, im Innersten seiner einfachen ehrlichen Seele verletzt. Vielleicht glaubte er auch, daß sie sich schämen werde, wenn sie seine Erniedrigung sah, die sie selbst so gewünscht hatte. Außer ihm hätte sich wohl sonst keiner entschlossen, ein Weib auf so naive und gewagte Weise zu strafen. Mit unerschütterlich ernstem Gesicht kniete er also, groß und steif und -- lächerlich. Doch niemand lachte; die Überraschung machte einen schrecklichen Eindruck. Alle sahen Lisa an.
»Weihe, Weihe ...« murmelte Semjon Jakowlewitsch.
Lisa erbleichte plötzlich, schrie auf und stürzte zu ihm. Es war eine kurze leidenschaftliche Szene: mit aller Kraft wollte sie Mawrikij Nicolajewitsch wieder emporreißen, und zog ihn mit beiden Händen wie wahnsinnig am Arm.
»Stehen Sie auf, stehen Sie auf!« rief sie, wie völlig von Sinnen. »Stehen Sie sofort auf, sofort! Wie wagten Sie es, niederzuknien!!«
Mawrikij Nicolajewitsch erhob sich. Sie umklammerte seine Arme über den Ellenbogen und sah ihm mit brennendem Blick ins Gesicht. Angst lag in ihren Augen.
»Liebäugelnde, Liebäugelnde!« sagte Semjon Jakowlewitsch wieder.
Endlich hatte Lisa Mawrikij Nicolajewitsch in die vordere Zimmerhälfte herübergezogen. Unsere ganze Schar war unruhig geworden. Da wandte sich die junge Dame aus unserem Wagen zum drittenmal, wahrscheinlich um von dem Vorfall abzulenken, mit gezwungenem Lächeln an Semjon Jakowlewitsch:
»Aber, Semjon Jakowlewitsch, werden Sie mir denn heute gar nichts sagen? Und ich habe doch so auf Sie gerechnet!«
»Auf ... dir, auf ... dir!« fuhr er sie plötzlich wild an, mit einem ganz unmöglichen Wort, das er noch dazu erschreckend deutlich aussprach. Die Damen schrien vor Schreck alle auf und liefen entsetzt aus dem Zimmer. Die Herren aber brachen in ein homerisches Gelächter aus. Damit war denn unser Besuch bei Semjon Jakowlewitsch beendet.
Nur etwas Rätselhaftes geschah noch -- etwas, weshalb ich diese ganze Fahrt überhaupt so ausführlich erzählt habe.
Es war in dem Augenblick, als alle in hellem Haufen zur Tür drängten. Da traf Lisa, die von Mawrikij Nicolajewitsch gestützt wurde, in dem Gedränge an der Tür plötzlich mit Nicolai Wszewolodowitsch zusammen. Ich muß hinzufügen, daß die beiden, wenn sie sich auch seit jenem Sonntag mehr als einmal in der Gesellschaft begegnet waren, doch noch kein Wort miteinander gesprochen hatten. Ich sah nun, wie beide, als sie an der Tür zusammentrafen, einen Augenblick stehen blieben und sich sonderbar ansahen -- doch konnte ich in dem Gedränge nichts weiter wahrnehmen. Andere dagegen versicherten mir, daß Lisa plötzlich die Hand gegen ihn erhoben und Stawrogin unfehlbar geschlagen haben würde, wenn es ihm nicht gelungen wäre, noch rechtzeitig auszuweichen. Vielleicht hatte ihr der Ausdruck seines Gesichts nicht gefallen? oder ein Lächeln nach dieser Szene mit Mawrikij Nicolajewitsch? Ich muß gestehen, daß ich davon nichts weiß, doch alle versicherten, es sei in der Tat etwas derartiges der Fall gewesen ... wenn auch »alle« es unmöglich hatten sehen können -- höchstens einige. Jedenfalls weiß ich nichts Näheres noch Bestimmtes. Ich erinnere mich nur, daß Stawrogin auf dem Heimwege auffallend bleich aussah, was er vorher nicht in dem Maße gewesen war.
III.
Fast zu derselben Zeit, als wir bei Semjon Jakowlewitsch waren, fand endlich auch das Wiedersehen Warwara Petrownas mit Stepan Trophimowitsch in Skworeschniki statt.
Warwara Petrowna war in großer Aufregung auf ihrem Gute eingetroffen: am Abend vorher hatte man endgültig beschlossen, daß das Fest im Hause des Adelsmarschalls stattfinden sollte. Da entschloß sie sich sofort, nach diesem Fest ein zweites bei sich in Skworeschniki zu arrangieren und gleichfalls die ganze Stadt zu versammeln -- was ihr doch schließlich niemand verwehren konnte. Dann sollten alle selbst urteilen, welches Haus schöner wäre und wo man mit besserem Geschmack einen Ball zu geben verstünde. Warwara Petrowna war in dieser Zeit nicht wiederzuerkennen. Sie schien sich vollkommen verändert zu haben: aus der früheren unnahbaren »höheren Dame« (ein Ausdruck Stepan Trophimowitschs) war eine weltliche, leichtsinnige Frau geworden. Oder wenigstens schien es so.
Kaum war sie an diesem Tage in Skworeschniki eingetroffen, als sie alle Räume prüfend zu durchschreiten begann, und zwar in Begleitung des treuen alten Alexei Jegorowitsch und des gewandten Fómuschka, der in Dekorationsfragen geradezu eine Autorität war. Und nun begannen die Beratungen: welche Möbel man aus dem Stadthause herüberholen sollte; welche Bilder, Kunstwerke; wo sie aufhängen, wie sie stellen; wie man am besten die Orangerie und die Blumen benutzen, wo man das Büffet herrichten sollte, und ob nicht vielleicht zwei besser wären? Und mitten in diesen schweren Beratungen fiel es ihr dann plötzlich ein, die Equipage nach Stepan Trophimowitsch zu schicken.
Dieser war schon längst auf das Wiedersehen vorbereitet und hatte täglich gerade so eine plötzliche Aufforderung erwartet. Als er sich in die Equipage setzte, bekreuzte er sich: jetzt mußte sein Schicksal sich entscheiden! Er fand seinen »Freund« im großen Saal, in der Nische, auf einem kleinen Sofa, mit Bleistift und Papier in der Hand, während Fómuschka damit beschäftigt war, mit dem Zentimetermaß die Höhe und Breite der Fenster auszumessen, worauf sie die Zahlen notierte. Ohne sich in dieser Arbeit stören zu lassen, nickte sie Stepan Trophimowitsch zu, und als der ihr einen Gruß sagte, reichte sie ihm nur flüchtig die Hand und wies schweigend auf den Platz neben dem Sofa.
»Ich saß und wartete ungefähr fünf Minuten und -- >drückte mein Herze nieder<,« erzählte er mir später. »Das war nicht mehr die Frau, die ich zwanzig Jahre lang gekannt hatte. Doch die Überzeugung, daß jetzt alles zu Ende sei, gab mir eine Kraft, die selbst sie in Erstaunen setzte. Ich schwöre Ihnen, sie wunderte sich im stillen über meine Haltung in dieser letzten Stunde.«
Warwara Petrowna legte plötzlich den Bleistift auf das Marmortischchen, das neben ihrem Sofa stand, und wandte sich ihm zu.
»Stepan Trophimowitsch, wir müssen jetzt sachlich sprechen. Ich bin überzeugt, daß Sie wieder Ihre üblichen hochtrabenden Worte und Wörtchen vorbereitet haben, aber es ist wohl besser, wenn wir gleich zur Sache kommen. Nicht wahr?«
In ihm krampfte sich etwas zusammen. Sie beeilte sich schon zu sehr, den neuen Ton anzugeben. Was mochte noch weiter kommen?
»Warten Sie, schweigen Sie,« fuhr sie schnell fort. »Lassen Sie mich zuerst sprechen. Nachher können Sie reden. Obgleich ich eigentlich nicht weiß, was Sie mir noch zu sagen hätten. Ihnen Ihre Pension auszuzahlen, halte ich für meine heilige Pflicht. Tausendzweihundert Rubel jährlich bis zu Ihrem Lebensende. Aber wozu nenne ich das >heilige Pflicht<! Sagen wir einfach: unsere Abmachung, das ist viel realer, nicht wahr? Wenn Sie wollen, können wir es auch schriftlich aufsetzen. Falls ich sterben sollte, -- für den Fall ist schon alles vorgesehen. Außerdem haben Sie von mir noch die Wohnung, Bedienung und alles übrige. Übersetzen wir das in Geld -- so macht das etwa tausendfünfhundert Rubel aus, nicht wahr? Ich füge jetzt noch dreihundert Rubel für Nebenausgaben hinzu -- so sind das volle dreitausend Rubel. Werden Sie damit auskommen? Ich denke, wenig ist es nicht? In Ausnahmefällen werde ich übrigens -- nun, Sie wissen ja. Nehmen Sie das Geld, schicken Sie mir meine Dienstboten zurück, und leben Sie, wo Sie wollen, in Petersburg, in Moskau, im Auslande, oder meinetwegen auch hier -- aber nur nicht mehr bei mir. Hören Sie?«
»Vor nicht langer Zeit wurde ebenso kategorisch und ebenso eilig von denselben Lippen eine andere Forderung an mich gestellt,« sagte Stepan Trophimowitsch langsam, deutlich, in traurigem Ton. »Ich fügte mich ... ich tanzte so, wie Sie wollten. Oui, la comparaison peut être permise. C'était comme un petit cozak du Don, qui sautait sur sa propre tombe.{[119]} Jetzt ...«
»Einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie sind furchtbar wortreich. Sie haben nicht getanzt. Aber Sie erschienen mit einer neuen Halsbinde, in hellen Handschuhen, pomadisiert und parfümiert. Ich kann Sie versichern, Sie wollten selbst schrecklich gern heiraten. Das stand auf Ihrem Gesicht geschrieben. Glauben Sie mir, dieser Ausdruck war recht geschmacklos. Wenn ich es Ihnen damals nicht gleich gesagt habe, so geschah es, um Sie nicht zu verletzen. Doch Sie wollten, Sie wollten heiraten. Trotz der Gemeinheiten, die Sie über mich und Ihre Braut geschrieben hatten. Jetzt aber ist es etwas ganz anderes. Und wozu dieser Cozak du Don über Ihrem Grabe? Verstehe nicht, was das für ein Vergleich sein soll. Im Gegenteil: sterben Sie nicht, sondern leben Sie! Leben Sie, soviel wie möglich; ich werde mich sehr freuen, wenn Sie gut leben.«
»Im Armenhaus?«
»Im Armenhaus? Mit dreitausend jährlich geht man nicht ins Armenhaus. Ach so ... ich erinnere mich!« -- sie lachte kurz auf -- »Pjotr Stepanowitsch sagte einmal im Scherz irgend etwas von einem >Armenhaus<. Nun ja, jenes Armenhaus, von dem da die Rede war, das ist wirklich ein besonderes >Armenhaus<, über das nachzudenken sich wirklich lohnte. Wie Sie selbst wissen, leben dort die ehrenwertesten alten Herren. Meistens Offiziere a. D., jetzt will sogar ein alter General sein Leben dort beschließen. Wenn Sie mit Ihrem Gelde dort eintreten wollen, so können Sie Ruhe, Zufriedenheit und Zuhörer finden. Sie werden sich mit der Wissenschaft beschäftigen, und jederzeit eine Partie Préférence spielen können ...«
»Passons.«{[100]}
»Passons?« Warwara Petrowna richtete sich steifer auf. »In dem Falle ist alles gesagt. Sie sind benachrichtigt. Von nun ab leben wir jeder für sich und sehen uns nicht mehr.«
»Und das ist alles? Alles, was von den zwanzig Jahren geblieben ist? Ihr letzter Abschied?«
»Sie lieben wirklich die Phrasen in einem Maße, daß es schon nicht mehr schön ist, Stepan Trophimowitsch. Heutzutage ist derlei nicht mehr modern. Man spricht jetzt derb, aber verständlich. Und ewig kommen Sie mir mit diesen zwanzig Jahren! Zwanzig Jahre beiderseitiger Eigenliebe und weiter nichts. Jeder Ihrer Briefe ist nicht an mich geschrieben, sondern für die Nachwelt berechnet. Ja, Sie sind Stilist, aber kein Freund. Freundschaft ist doch nur ein berühmtes Wort, in Wirklichkeit aber ist sie bloß ein -- gegenseitiger Erguß von Spülicht.«
»Gott, wie viel fremde Worte! Lauter gut behaltene Lektionen! Auch Ihnen haben sie schon ihre Uniform übergeworfen! Auch Sie sind jetzt fröhlich, auch Sie an der Sonne! Chère, chère, für welch ein Linsengericht haben Sie ihnen Ihre Selbständigkeit verkauft!«
»Ich bin kein Papagei, der fremde Worte wiederholt,« versetzte Warwara Petrowna böse. »Seien Sie versichert, daß in mir sich eigene Worte zur Genüge angesammelt haben. Was aber haben Sie für mich in diesen zwanzig Jahren getan? Nicht einmal die Bücher haben Sie mir gegeben, die ich für Sie bestellte, und die heute noch unaufgeschnitten wären, wenn Ihre Freunde sie nicht gelesen hätten. Was gaben Sie mir zu lesen, als ich Sie in den ersten Jahren immer wieder bat, mich doch zu belehren, zu leiten? Nur Romane und immer wieder Romane. Sie waren sogar auf meine Entwicklung eifersüchtig. Und währenddessen lachte doch schon alle Welt über Sie. Ich gestehe, ich habe Sie immer nur für einen Kritiker gehalten und für weiter nichts. Als ich Ihnen während der Fahrt nach Petersburg meine Absicht mitteilte, eine Zeitschrift zu gründen und ihr mein ganzes Leben zu widmen, da sahen Sie plötzlich ironisch auf mich herab und wurden furchtbar hochmütig.«
»Das war doch nicht so ... nicht das ... wir fürchteten damals, verfolgt zu ...«
»Doch, das war genau das. Und Verfolgung konnten Sie in Petersburg überhaupt nicht fürchten. Sie erinnern sich wohl noch, wie Sie damals im Februar erschrocken zu mir gelaufen kamen? Wie Sie verlangten, ich solle es Ihnen sofort schriftlich geben, in Gestalt eines Briefes, aus dem hervorginge, daß Sie mit dem beabsichtigten Blatte nichts zu tun hätten? Daß Sie lediglich der Hauslehrer seien, der bloß in meinem Hause wohnt, weil ihm sein Gehalt noch nicht ausgezahlt worden ist? War es nicht so? Sollten Sie es wirklich vergessen haben? Ich sehe, Sie haben es nicht vergessen. Ja, Sie haben sich Ihr Lebelang tatsächlich ungewöhnlich ausgezeichnet!«
»Das war nur ein Augenblick des Kleinmuts damals, unter vier Augen ...« rief er schmerzlich aus. »Aber soll denn wirklich, wirklich, wegen dieser kleinlichen Eindrücke, nun alles zerrissen sein? Ist es möglich, daß von diesen langen Jahren nichts mehr zwischen uns verblieben ist?«
»Sie verstehen sich aufs Rechnen, das weiß ich. Sie wollen immer alles so drehen, daß schließlich ich Ihnen noch schulde. Als Sie aus dem Auslande zurückkehrten, sahen Sie auf mich von oben herab und ließen mich nicht einmal zu Wort kommen. Und als ich Ihnen nach meiner Reise von dem Eindruck, den die Sixtinische Madonna auf mich gemacht hatte, erzählen wollte, da hörten Sie nicht einmal so lange zu, bis ich geendet hatte, und lächelten nur hochmütig, ganz als könnte ich nicht ebensolche Gefühle haben wie Sie.«
»Das wird sicher anders gewesen sein ... ich entsinne mich nicht mehr ... J'ai oublié.«{[120]}
»Nein, das war ganz genau so, und dabei war da gar kein Grund, vor mir so wichtig zu tun, denn das war ja alles Unsinn und nur Ihre Phantasie. Heutzutage begeistert sich niemand mehr für die Sixtinische Madonna. Höchstens ein paar alte Professoren. Das ist bewiesen.«
»Auch schon bewiesen?«
»Diese Madonna dient überhaupt zu nichts. Diese Schale hier ist nützlicher, denn man kann in sie Wasser gießen. Dieser Bleistift ist nützlich, denn mit ihm kann man schreiben. Hier aber ist es bloß ein gemaltes Frauengesicht, das schlechter ist als alle lebenden Gesichter. Versuchen Sie einen Apfel zu malen und legen Sie dann neben das Bild einen wirklichen. Welchen werden Sie dann nehmen? Bin sicher, daß Sie nicht schwanken werden. Sehen Sie, darauf laufen jetzt alle unsere Theorien hinaus, nachdem sie erst einmal von der modernen freien Forschung nachgeprüft sind.«
»... stimmt!«
»Ah, Sie lächeln ironisch! Aber was haben Sie mir, zum Beispiel, über das Almosengeben gesagt? Und dabei ist das Gefühl, das man hat, wenn man Gutes tut, ein hochmütiges und unsittliches, genau wie die Genugtuung des Reichen, wie sein Genuß, wenn er seine Macht und Bedeutung mit der des Bettlers vergleicht. Almosengeben verdirbt sowohl den Gebenden wie den Nehmenden und erfüllt außerdem noch nicht einmal seinen Zweck, denn es vermehrt nur die Bettler. Jeder Faulpelz, der nicht arbeiten will, drängt sich zum Reichen, wie der Spieler an den Kartentisch, um etwas zu gewinnen. Die Groschen aber, die man ihnen zuwirft, reichen ja nicht einmal für den hundertsten Teil. Haben Sie viele Almosen in Ihrem Leben gegeben? Vielleicht achtzig Kopeken, aber bestimmt nicht mehr. Denken Sie nur nach. Strengen Sie sich ein bißchen an und versuchen Sie, sich zu erinnern, wann Sie zum letztenmal ein Almosen gegeben haben. Das wird wohl schon zwei, wenn nicht vier Jahre her sein. Sie reden bloß große Worte, die Tat aber behindern Sie nur. Ja, Almosengeben müßte auch schon im jetzigen Staate ganz einfach gesetzlich verboten werden. Im Zukunftsstaat wird es überhaupt keine Armen mehr geben.«
»Oh, welch eine Sammlung fremder Schlagworte! Also ist es schon bis zum Zukunftsstaat mit Ihnen gekommen? Sie Unglückliche, möge Gott Ihnen helfen!«
»Ja, es ist bis zum Zukunftsstaat gekommen, Stepan Trophimowitsch. Sie haben so sorgfältig die neuen Ideen vor mir verborgen, aber es hat nichts genützt. Sie haben das einzig und allein aus Eifersucht getan, um Macht über mich zu besitzen. Jetzt ist mir sogar diese Julija Michailowna schon an hundert Werst voraus. Doch ich erkenne jetzt wenigstens. Trotzdem habe ich Sie verteidigt, Stepan Trophimowitsch, so viel ich nur konnte. Sie werden buchstäblich von allen angeklagt.«
»Assez!«{[121]} er erhob sich von seinem Platz. »Und was sollte ich Ihnen nun wünschen? Doch nicht Reue?«
»Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick, Stepan Trophimowitsch. Sie wissen doch schon, daß man Sie auffordert, auf der literarischen Matinee irgend etwas vorzutragen? Sagen Sie, worüber werden Sie lesen?«
»Gerade über dieses Ideal, die Sixtinische Madonna, die Ihrer Meinung nach weder einen Bleistift noch ein Glas Wasser wert ist.«
»Und nicht aus der Geschichte?« fragte Warwara Petrowna enttäuscht. »Aber dann wird man Sie ja gar nicht hören wollen. Und ewig diese Madonna! Was haben Sie denn davon, wenn Sie alle damit einschläfern? Ich versichere Sie, Stepan Trophimowitsch, ich sage das nur in Ihrem Interesse. Es wäre doch eine ganz andere Sache, wenn Sie eine kurze, aber unterhaltende Geschichte aus dem mittelalterlichen Hofleben nehmen würden; sagen wir, aus der spanischen Geschichte. Oder eine Anekdote, die Sie dann noch mit eigenen Zutaten ausschmücken könnten. Im Mittelalter gab es doch so prunkvolle Höfe, mit Damen, wissen Sie, und Mordgeschichten. Karmasinoff sagt, daß es sonderbar zugehen müßte, wenn man in der spanischen Geschichte nicht etwas Interessantes finden könnte.«
»Karmasinoff! Dieser ausgeschriebene Dummkopf sucht für mich ein Thema!!«
»Karmasinoff, dieser erhabene Verstand! Sie drücken sich heute schon wirklich etwas zu unvorsichtig aus, Stepan Trophimowitsch.«
»Ihr Karmasinoff ist ein altes, ausgeschriebenes, gereiztes Weib! Chère, chère, haben Sie sich schon lange so von ihnen unterjochen lassen? O Gott!«
»Ich kann ihn auch jetzt nicht leiden. Wegen seiner Wichtigtuerei. Doch seinem Verstande muß ich Gerechtigkeit zollen. Ich wiederhole nochmals, daß ich Sie, so viel ich nur konnte, verteidigt habe. Aber warum wollen Sie sich denn unbedingt als lächerlich und langweilig hinstellen? Im Gegenteil, treten Sie mit einem würdigen Lächeln auf das Podium, als der Repräsentant des vergangenen Jahrhunderts, und erzählen Sie mit Ihrem ganzen Witz drei kleine Geschichten, so wie nur Sie zuweilen zu erzählen verstehen. Mögen Sie meinetwegen ein alter Mann sein, meinetwegen ein Mensch aus dem vorigen Jahrhundert, mögen Sie sogar zurückgeblieben sein: vielleicht sprechen Sie lächelnd selbst davon -- sagen wir in einer Vorbemerkung. Doch alle werden dann sehen, daß Sie ein lieber, guter, geistreicher Mensch sind. Kurz, ein Mensch vom alten Schrot und Korn. Und doch so weit vorgeschritten, daß er selber über den ganzen Unsinn gewisser Begriffe, die er bis dahin gehabt hat, objektiv und richtig zu urteilen versteht. Nun, machen Sie es doch so, ich bitte Sie!«
»Chère, assez!{[122]} Bitten Sie mich nicht, ich kann nicht. Ich werde über die Madonna reden, und ich will einen Sturm erheben, der entweder sie alle vernichten oder mich allein zu Boden schlagen soll!«
»Bestimmt nur Sie allein, Stepan Trophimowitsch.«
»Gut! Das ist dann mein Los! Ich werde von jenem gemeinen Sklaven reden, von jenem stinkenden, verderbten Sklaven, der als erster mit dem Messer auf die Leiter steigt und das göttliche Antlitz des großen Ideals zerschneiden will -- im Namen der Gleichheit, des Neides und ... der Verdauung. Mag mein Fluch also durch die Welt donnern und dann, dann ...«
»In die Irrenanstalt?«
»Vielleicht. Aber in jedem Fall, ob ich nun siege oder besiegt werde: am selben Abend noch werde ich meinen Koffer nehmen, meinen armseligen Koffer, und werde all mein Hab und Gut verlassen, alle Ihre Geschenke, alle Pensionen und Versprechungen für die Zukunft, und werde zu Fuß aus der Stadt gehen, um bei irgend einem Kaufmann als Hauslehrer mein Leben zu beenden oder hinter einem Zaun Hungers zu sterben. Alea jacta est!«
Er stand auf.
»Ich habe es ja gewußt!« Mit blitzenden Augen erhob sich nun auch Warwara Petrowna. »Ich habe es ja gewußt, daß Sie doch nur dazu leben, um zum Schluß noch mich und mein Haus zu beschimpfen. Was wollen Sie mit der Stelle beim Kaufmann oder dem Tod hinterm Zaun sagen? Bosheit und Verleumdung, weiter ist's nichts!«
»Sie haben mich immer verachtet, aber ich werde wie ein Ritter, der seiner Dame bis ins Grab treu bleibt, mein Leben beenden -- denn Ihre Meinung von mir war mir immer teurer, als alles andere auf der Welt. Ich nehme von Ihnen nichts mehr an, und die Rede halte ich ohne Entschädigung.«
»Wie dumm das ist!«
»Sie haben mich niemals geachtet. Ich weiß, ich habe unendlich viele Schwächen. Ja, es ist wahr: ich habe als Ihr Schmarotzer gelebt; -- in der Sprache des Nihilismus ausgedrückt. Doch das war niemals das höhere Prinzip meiner Handlungen. Das geschah alles -- so -- so ... ganz von selbst ... ich weiß nicht, wie ... Ich habe nur immer geglaubt, daß zwischen uns etwas Höheres als Kost und Geld besteht, und nie, hören Sie, nie bin ich ein -- Schurke gewesen! So -- und nun gehe ich, um es wieder gut zu machen! Ich gehe meinen späten Weg, es ist schon Herbst, der Nebel liegt auf den Feldern, kalter, grauer Reif bedeckt meine Straße und der Wind singt das Lied vom nahen Grabe ... Aber ich gehe, ich gehe schon meinen neuen Weg! Und ich gehe --
>Ganz erfüllt von reiner Liebe, Treu dem süßen Traum ...<
Oh, lebt wohl, meine Träume! Zwanzig Jahre! Alea jacta est.«
Tränen rollten plötzlich aus seinen Augen. Er nahm schnell seinen Hut.
»Ich verstehe kein Latein,« sagte Warwara Petrowna, die sich krampfhaft zusammennahm.
Wer weiß, vielleicht wollte sie gleichfalls weinen, doch Unwille und Eigensinn siegten wiederum.
»Ich weiß nur eines,« sagte sie, »daß das nur Phrasen sind. Niemals werden Sie imstande sein, Ihre Worte wahr zu machen. Nirgendwohin werden Sie gehen, sondern seelenruhig bei uns weiterleben und jeden Dienstag wieder Ihre unmöglichen Freunde versammeln. Leben Sie wohl, Stepan Trophimowitsch.«
»Alea jacta est!« Er verneigte sich tief vor ihr und fuhr nach Hause -- halbtot vor Aufregung.
Elftes Kapitel. Pjotr Stepanowitsch in Tätigkeit
I.
Der Tag, an dem die literarische Matinee und der Ball stattfinden sollten, war endgültig festgesetzt, doch von Lembkes Stimmung wurde immer trüber und nachdenklicher. Er hatte so sonderbare, unheilvolle Vorgefühle, und das beunruhigte Julija Michailowna sehr. Es war doch nicht so angenehm, Gouverneur zu sein, zumal unser gutmütiger Iwan Ossipowitsch seinem Nachfolger nicht alles im Gouvernement in bester Ordnung übergeben hatte. Dazu drohte jetzt noch die Cholera, und in einzelnen Kreisen waren Rinderseuchen ausgebrochen; ferner hatten den ganzen Sommer über in Dörfern und Städten Feuersbrünste gewütet, im Volke aber begann sich schon der Glaube festzusetzen, daß man absichtlich Brandstifter umherschicke; und die Diebe hatten sich im Verhältnis zu früheren Jahren um das Doppelte vermehrt. Das alles wäre aber, wenn auch außergewöhnlich, so doch längst nicht in dem Maße beunruhigend gewesen, wenn Andrei Antonowitsch von Lembke nicht noch schwerwiegendere Sorgen gehabt hätte, die ihm nun die Ruhe seiner bis dahin so glücklichen und zufriedenen Seele raubten.
Am meisten erschreckte Julija Michailowna der Umstand, daß ihr Lembke mit jedem Tage schweigsamer wurde und manchmal beinahe verschlossen war. Doch wenn man darüber nachdachte -- was konnte er denn überhaupt zu verbergen haben? Dabei widersprach er ihr selten, vielmehr fügte er sich ihr fast in allen Dingen. So wurden z. B. auf ihr hartnäckiges Verlangen hin ein paar recht gewagte Maßnahmen getroffen, die fast gegen das Gesetz verstießen, doch dafür die Macht des Gouverneurs vergrößern sollten. Aus demselben Grunde wurde z. B. ein paarmal unheilvolle Nachsicht geübt: Leute, die eigentlich den Prozeß und Sibirien verdient hatten, wurden einzig auf Julija Michailownas unbedingtes Verlangen hin zur Auszeichnung vorgeschlagen. Wie sich später herausstellte, wurde auf eine gewisse Art von Klagen ganz systematisch überhaupt nicht mehr reagiert. Außerdem unterschrieb von Lembke fast alles, was Julija Michailowna von ihm verlangte, und gewöhnlich widerspruchslos. Nur zuweilen setzte er seine Gattin durch eine plötzliche und hartnäckige Widerspenstigkeit in nicht geringes Erstaunen, und zwar immer durch eine Widerspenstigkeit in den kleinsten Nebensachen. Der Wunsch, nachdem er ihr tagelang stumm und wortlos gehorcht hatte, wieder eine eigene Rolle zu spielen, war am Ende begreiflich. Julija Michailowna jedoch wußte in solchen Fällen trotz ihres ganzen Verstandes diese edle Regung eines edlen Charakters durchaus nicht zu würdigen: von Lembke persönlich war ihr gerade in dieser Zeit vollkommen gleichgültig -- und leider sollte eben hieraus viel Unheil entstehen.
Die gute Dame (sie tut mir aufrichtig leid) hätte das, was sie so sehr lockte -- Ruhm, Bedeutung usw. -- viel einfacher erreichen können, ja, fast noch schneller, wenn sie ihren Wünschen mit etwas weniger Exzentrizität nachgegangen wäre. Aber wie das gewöhnlich zu geschehen pflegt: denen, die ihr abrieten, hörte sie weiter nicht zu; den anderen aber, die sie in ihren eigenen Ideen bestärkten, denen folgte sie blindlings. So war denn die Arme bald nur noch ein Spielzeug der verschiedensten Einflüsse, während sie sich selbst für durchaus individuell hielt. Ihre Gutmütigkeit wurde in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft als Gattin des Gouverneurs von vielen ausgenutzt, und gar manche schnitten dabei nicht übel ab. Aber was war das im Grunde für ein Mischmasch unter dem Anschein von Selbständigkeit! Ihr gefielen die Großgrundbesitzer und das aristokratische Element, die Erweiterung der Gouvernementsmacht wie das demokratische Prinzip mit den neuen Anschauungen, der Freidenkerei und den sozialen Lehren; und ihr gefiel der strenge Ton eines vornehmen Salons, wie die Ausgelassenheit, die oft schon an einen Gasthauston gemahnte, der sie umgebenden goldenen Jugend. Sie träumte davon, »glücklich zu machen« und Unvereinbares zu vereinen, oder richtiger: alle und alles in schwärmerischer Verehrung um ihre Person zu versammeln. Aber sie hatte auch einige ganz besondere und bevorzugte Lieblinge. Zu diesen gehörte vor allen Pjotr Stepanowitsch, der sie mit den plattesten Schmeicheleien beherrschte. Freilich gab es da noch einen besonderen Grund, weshalb er zu ihrem Liebling ward, und dieser Grund dürfte sie vielleicht am besten charakterisieren: sie hoffte nämlich, daß er ihr -- eine ganze Verschwörung aufdecken werde. Ich übertreibe keineswegs. Allerdings ist es schwer zu sagen, warum sich in ihr, fast von Anfang an, der Glaube festgesetzt hatte, gerade in unserem Gouvernement werde eine Verschwörung gegen die Regierung vorbereitet. Nun, und Pjotr Stepanowitsch verstand es vorzüglich, mit seinem zweideutigen und geheimnisvollen Schweigen in gewissen, und seinen kurzen Bemerkungen in anderen Fällen, diesen Glauben noch zu verstärken. Sie glaubte schon nach ihrem ersten Gespräch mit ihm, daß er unbedingt über das ganze revolutionäre Rußland unterrichtet sei, und außerdem und gleichzeitig hielt sie ihn für ihr persönlich bis zur Vergötterung ergeben. In ihrer Phantasie malte sie sich schon mit allen Einzelheiten aus, wie von Lembke die Verschwörung melden würde, dann der Dank aus Petersburg und die große Karriere; und schließlich, wie sie selber mit »Liebe und Nachsicht« die Jugend »am Rande des Abgrunds« zurückhielt! War sie doch fest überzeugt, daß sie Pjotr Stepanowitsch bereits bekehrt hatte! Warum sollte es ihr dann nicht auch bei den anderen gelingen? Kein einziger von den Verschwörern sollte umkommen: sie wollte sie alle, alle retten, und in eben diesem Sinne, nur mit dem Ziel der höheren Gerechtigkeit vor Augen, wollte sie handeln. Vielleicht -- was kann man wissen -- würde noch einst der ganze russische Liberalismus -- und warum nicht auch die Geschichte? -- ihren Namen segnen. Die Verschwörung aber würde doch aufgedeckt werden ... Also alle Vorteile zugleich.
Zunächst aber war es nötig, daß Andrei Antonowitsch zum Feste etwas heiterer wurde, und so galt es denn jetzt, ihn zu zerstreuen und zu beruhigen. Zu diesem Zweck kommandierte sie Pjotr Stepanowitsch zu ihrem Mann, in der Hoffnung, daß der auf irgendeine Weise die gewünschte Wirkung erzielte. Vielleicht konnte er ihm etwas Beruhigendes mitteilen, sozusagen aus erster Hand. Jedenfalls verließ sie sich vollkommen auf seine Geschicklichkeit.
Pjotr Stepanowitsch war schon seit Längerem nicht mehr in Herrn von Lembkes Arbeitszimmer gewesen. Er schwirrte jetzt gerade in einem Augenblick zu ihm hinein, als der Patient sich in einer ganz besonders gespannten und reizbaren Verfassung befand.
II.
Es gab da eine Kombination, die Herr von Lembke nun schon gar nicht mehr fassen konnte.
In einer kleinen Kreisstadt (in derselben, in der Pjotr Stepanowitsch vor nicht langer Zeit mit den Offizieren ein paar Abende lustig zusammengewesen war) hatte der Kommandeur einem Leutnant einen Verweis erteilt. Es geschah vor der ganzen Front. Der Leutnant war ein noch ganz junger Mensch, erst vor kurzem aus Petersburg eingetroffen, immer schweigsam und finster und anscheinend sich sehr erhaben dünkend, dabei aber klein von Wuchs, dick und rotwangig. Er ertrug den Verweis nicht, und plötzlich warf er sich mit einem eigentümlichen Geschrei oder Gekreisch, über das sich die ganze Front wunderte, und mit absonderlich gesenktem Kopf auf seinen Kommandeur und biß diesen mit solcher Gewalt in die Schulter, daß man ihn nur mit Mühe loszureißen vermochte. Zweifellos war der Mensch verrückt geworden. Wenigstens stellte sich nun heraus, daß er in der letzten Zeit schon mehrfach die unglaublichsten Sachen gemacht hatte. So hieß es u. a., er habe in seiner Wohnung zwei Heiligenbilder der Wirtin zum Fenster hinausgeworfen und ein drittes mit dem Beil zerhackt; an ihre Stelle aber habe er in seinem Zimmer auf Postamenten drei Bücher, die Werke von Vogt, Moleschot und Büchner, aufgestellt und vor jedem ein Kirchenwachslicht angezündet. Aus der Menge von Büchern, die man bei ihm fand, konnte man schließen, daß er ziemlich belesen war. Bei der Durchsuchung fand man in seinen Taschen und Koffern einen ganzen Stoß der wildesten Proklamationen.
Nun, an sich waren diese Blätter ja nichts Neues; man hatte ihrer im Laufe der Jahre so viele gesehen! Wozu da noch weiter nachdenken? Zudem waren es nicht einmal neue Proklamationen, sondern genau dieselben, die man auch im H--schen Gouvernement gefunden hatte und von denen Liputin behauptete, daß er sie vor anderthalb Monaten auf seiner Reise in einer andern Kreisstadt gleichfalls gesehen habe. Aber Andrei Antonowitsch erschrak doch: vor allem über den einen Umstand, daß der Direktor der Spigulinschen Fabrik zur selben Zeit der Polizei drei große Pakete Proklamationen übersandt hatte, die in der Nacht auf den Fabrikhof geworfen worden waren, und diese Proklamationen stimmten Wort für Wort mit jenen überein, die man bei dem Leutnant gefunden hatte. Die drei Pakete waren noch nicht einmal aufgebunden, also hatte von den Arbeitern noch keiner etwas lesen können. Eigentlich war ja die ganze Sache harmlos genug; doch Herr von Lembke begann zu grübeln, denn ihm erschien sie unendlich bedeutsam und verwickelt.
In der erwähnten Spigulinschen Fabrik hatte gerade die sogenannte »Spigulinsche Geschichte« begonnen, von der später so viel geredet worden ist, und über die sogar die Petersburger und Moskauer Zeitungen so lange und in so verschiedenen Lesarten berichtet haben. Vor ungefähr drei Wochen war dort ein Arbeiter an sibirischer Cholera erkrankt, und nach ihm noch ein paar andere. In der Stadt verbreitete sich nicht geringe Angst, obgleich alle möglichen ärztlichen Vorkehrungen getroffen wurden. Doch die Spigulinsche Fabrik -- die Besitzer hatten Geld und Verbindungen -- wurde aus irgendeinem guten Grunde nicht geschlossen. Da aber hieß es plötzlich, gerade in ihr stecke der Herd der Krankheit. Andrei Antonowitsch bestand sofort energisch darauf, daß sie einmal gründlich gereinigt werde, was man denn auch tat. Kurz darauf aber schlossen die Spigulins die Fabrik -- warum, wußte eigentlich niemand. Der eine Bruder lebte beständig in Petersburg, und der andere war nach der ihm befohlenen Fabrikreinigung nach Moskau gereist. Der Direktor, der den Arbeitern den Lohn auszahlen sollte, betrog dabei, wie es sich später herausstellte, die Leute geradezu unerhört. Die Arbeiter begannen zu murren und verlangten eine gerechtere Abrechnung und gingen aus Dummheit schließlich sogar auf die Polizei. Doch führten sie sich dort lange nicht so erregt auf, wie es die Zeitungen nachträglich schilderten. Und gerade in dieser Zeit geschah es denn, daß der Direktor dem Gouverneur die gefundenen Proklamationen zustellte.
Pjotr Stepanowitsch trat schnell und ohne anzuklopfen, wie ein alter Bekannter oder guter Freund, in von Lembkes Arbeitszimmer. Als Andrei Antonowitsch ihn erblickte, blieb er unfreundlich und augenscheinlich geärgert am Schreibtisch stehen, während er bis dahin auf und ab gegangen war, was er gewöhnlich tat, wenn er sich mit seinem Kanzleibeamten Blümer unter vier Augen beriet. Diesen Blümer, der übrigens ein mürrischer, ungelenker Deutscher war, hatte er trotz Julija Michailownas heftigster Opposition aus Petersburg mitgebracht. Der Kanzleibeamte trat nach Pjotr Stepanowitschs Erscheinen zur Tür, ging jedoch noch nicht hinaus. Es schien Pjotr Stepanowitsch sogar, daß er mit von Lembke einen vielsagenden Blick austauschte.
»Oho, da habe ich Sie ertappt, Sie geheimer Stadtdespot!« rief Pjotr Stepanowitsch lachend aus und legte schnell seine Hand auf eine Proklamation, die auf dem Tisch lag. »Die soll wohl wieder Ihre Sammlung vergrößern, wie?«
Von Lembke wurde rot, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich plötzlich.
»Lassen Sie, lassen Sie das sofort!« schrie er zitternd vor Wut. »Und wagen Sie es nicht, mein Herr ...«
»Was haben Sie nur? Sie scheinen sich ja zu ärgern?«
»Gestatten Sie, mein Herr, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich Ihr sans façon{[123]} hinfort nicht mehr dulden werde und Sie ersuche, nicht zu vergessen ...«
»Pfui Teufel, er ärgert sich ja in der Tat!«
»Schweigen Sie!« von Lembke stampfte mit dem Fuß. »Und wagen Sie es nicht ...«
Gott mag wissen, wozu es noch gekommen wäre, denn zu seinem Zorn gab es hier noch einen gewissen anderen Grund, den sich weder Pjotr Stepanowitsch noch Julija Michailowna auch nur hätten träumen lassen können. Mit dem unglücklichen Andrei Antonowitsch war es nämlich schon so weit gekommen, daß er wegen seiner Frau auf Pjotr Stepanowitsch eifersüchtig war und deshalb in einsamen Stunden, besonders nachts, höchst unangenehme Minuten auszustehen hatte.
»Und ich dachte, daß ein Mensch, der einem zweimal bis nach Mitternacht seinen Roman vorliest und einen um ein offenes Urteil bittet, daß dieser Mensch dann schon selber das Formelle abgetan hat ... Und Julija Michailowna empfängt mich wie einen guten Bekannten -- nun soll einer aus Ihnen klug werden!« sagte Pjotr Stepanowitsch, und sagte es sogar nicht ohne eine gewisse Würde. »Hier haben Sie übrigens Ihren Roman,« und damit legte er ein großes, schweres, fest zusammengerolltes Heft, das in blaues Papier eingewickelt war, auf den Tisch.
Von Lembke errötete und wußte nichts zu sagen.
»Wo haben Sie es denn gefunden?« fragte er unsicher, mit einem Zustrom von Freude, den er doch nicht abhalten konnte, obschon er ihn mit Gewalt zurückzudrängen suchte.
»Ja, denken Sie sich, so zum Rohr zusammengerollt, wie es da ist, war es hinter meine Kommode gefallen. Ich werde es wohl damals, als ich nach Hause kam, irgendwie nachlässig auf die Kommode geworfen haben. Vorgestern fand man es beim Dielenscheuern. War das aber eine Arbeit, die Sie mir da beschert hatten!«
Lembke senkte streng die Augen.
»Zwei Nächte wegen Euer Gnaden nicht geschlafen. Vorgestern fand man es, so behielt ich es denn noch und las die ganze Geschichte durch. Habe am Tage keine Zeit, mußte es also in der Nacht tun. Na, und -- kann nichts dafür: bin unzufrieden. Nicht mein Geschmack. Doch übrigens zum Teufel damit, Kritiker bin ich nie gewesen. Aber losreißen konnte ich mich doch nicht, wenn ich auch unzufrieden war. Das vierte und fünfte Kapitel, die ... die sind ... weiß der Teufel, was die eigentlich sind! Und mit wieviel Komik das vollgestopft ist! Hab' ich gelacht! Nein, wirklich, Sie verstehen es, etwas lächerlich zu machen, sans que cela paraisse!{[124]} Na, das da im neunten Kapitel, wo nur von Liebe die Rede ist, na, nicht meine Sache; aber immerhin sehr effektvoll. Nach dem Brief von Igrenjeff wollte ich beinah zu heulen anfangen, obgleich Sie ihn ja so fein karikiert haben ... Wissen Sie, der Brief ist gewiß gefühlvoll, aber zu gleicher Zeit wollten Sie den Mann doch irgendwie karikieren, wenn ich Sie richtig verstanden habe? nicht? Hab's mir gleich so gedacht. Na, aber für den Schluß könnte ich Sie einfach verprügeln. Was ist denn das für eine Idee, die Sie da durchführen? Das ist ja doch dieselbe alte Vergötterung des Familienglücks nebst Vermehrung der Kinder wie des Kapitals, und >wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heut<! -- ich bitte Sie! Zuerst bezaubern Sie den Leser geradezu, so daß selbst ich mich nicht losreißen konnte, -- aber desto gemeiner ist doch dann solch ein Schluß! Der Leser bleibt genau so dumm, wie er war; man hätte doch kluge Menschen reden lassen sollen, Sie aber ... Na, genug davon, und jetzt adieu! Ärgern Sie sich nächstens nicht wieder. Ich kam eigentlich, um Ihnen ein paar Worte zu sagen, aber Sie sind ja heute so eigentümlich ...«
Von Lembke hatte inzwischen seinen Roman in einen eichenen Bücherschrank verschlossen und Blümer zugewinkt, das Zimmer zu verlassen, was der denn auch mit langem Gesichte tat.
»Ich bin heute keineswegs eigentümlich, es sind da nur ... so viele Unannehmlichkeiten,« murmelte Herr von Lembke und runzelte die Stirn, doch schon ohne Zorn, und er setzte sich an den Schreibtisch. »Ich habe Sie lange nicht mehr gesehen,« sagte er freundlicher, »nur fliegen Sie nächstens nicht so hastig ins Zimmer, mit Ihren Manieren, die ... zuweilen, bei der Arbeit, ist man ...«
»Was meine Manieren betrifft ...«
»Ich weiß, ich weiß, Sie haben es ja nicht mit Absicht getan, aber gerade bei so unangenehmer Arbeit, Sie verstehen schon ... Setzen Sie sich, bitte.«
Pjotr Stepanowitsch warf sich sogleich ungeniert auf den Diwan und zog die Beine unter den Stuhl.
III.
»Was ist denn das für eine unangenehme Arbeit? Doch nicht etwa diese Dummheiten?« Dabei wies er mit dem Kopf auf die Proklamation. »Solche Blätter kann ich Ihnen so viele verschaffen, wie Sie nur wollen. Habe deren Bekanntschaft schon im H--schen Gouvernement gemacht.«
»Das heißt, damals, als Sie dort waren?«
»Versteht sich, nicht in meiner Abwesenheit. Und dann war da noch eine mit einer Vignette: ein Beil oben. Erlauben Sie« -- er nahm das Blatt vom Tisch -- »na ja, hier ist ja auch ein Beil; natürlich, das ist ja dieselbe!«
»Ja, ein Beil. Sehen Sie -- ein Beil.«
»Was, haben Sie etwa Angst bekommen vor dem Beil?«
»Oh, nicht vor dem Beil ... Und ich habe durchaus keine Angst. Aber diese Sache ... Es gibt hier noch ... gewisse Umstände.«
»Was für welche? Daß man sie aus der Fabrik gebracht hat? Ha--ha! Aber wissen Sie auch, daß die Arbeiter dieser Fabrik bald selbst Proklamationen schreiben werden?«
»Wie das?« Von Lembke sah auf -- streng, verwundert.
»Ganz einfach. Sie sind ein zu weicher Mensch, Andrei Antonowitsch. Schreiben Romane. Hier aber müßte man noch auf die alte Weise verfahren.«
»Wie das -- alte Weise? Sollen das Ratschläge sein? Die Fabrik ist doch gereinigt worden. Ich befahl es, und sie wurde gereinigt!«
»Und unter den Arbeitern ist derweil eine Empörung ausgebrochen. Übers Knie legen müßte man die Kerls, und die Sache wäre erledigt.«
»Eine Empörung? Das ist unmöglich! Ich habe doch den Befehl gegeben, und man hat die Fabrik gereinigt!«
»Ach, Andrei Antonowitsch, Sie sind wirklich ein weicher Mensch!«
»Ich? Nun -- erstens bin ich durchaus nicht so furchtbar weich und zweitens ... --« von Lembke ärgerte sich. Eigentlich sprach er mit dem jungen Mann gegen seinen Willen, doch die Neugier, ob dieser nicht etwas Besonderes sagen würde, war zu groß, um der Unterredung einen Schluß zu machen.
»A--ah! wieder eine alte Bekannte!« unterbrach ihn Pjotr Stepanowitsch und zog unter einem Buch ein anderes Blatt hervor, eine augenscheinlich im Auslande gedruckte Proklamation, die aber in Versen abgefaßt war. »Na, die kenne ich ja auswendig: natürlich, das ist sie ja -- die >helle Persönlichkeit<! Habe diese Persönlichkeit schon im Auslande kennen gelernt. Wo haben Sie denn diese hervorgekratzt?«
»Sie sagen, Sie haben sie schon im Auslande gesehen?« horchte Herr von Lembke auf.
»Na, das fehlte noch, daß ich sie nicht gesehen hätte! -- vor vier oder fünf Monaten!«
»Was Sie im Auslande nicht alles gesehen haben!« von Lembke besah ihn sich mißtrauisch.
Doch Pjotr Stepanowitsch beachtete die Bemerkung nicht, nahm das Blatt und las laut das folgende Gedicht:
»Die helle Persönlichkeit.
Von Geburt kein Edelmann, Unterm Volk wuchs er heran. Bald verfolgt vom Zorn des Zaren Und dem Hasse der Bojaren, Predigte er allerorten Stets mit siegbewußten Worten Unerschrocken, wie man sah: >Freiheit, Gleichheit, sie sind nah!< Häscher fingen ihn alsbald. Doch er floh in fremdes Land -- aus des Zaren Kasematte, Wo man Peitschen, Zangen hatte --, Fuhr von dort fort, hier zu schüren, Und die Wirkung war zu spüren, Denn das Volk begann zu warten Und zu murren ob des harten Schicksals, doch sieh da: »Freiheit, Gleichheit, sie sind nah!« Also sagt's Euch der Student, Hört es jetzt bis nach Taschkent! Komme schleunigst jeder Mann, Um den Adel und alsdann Selbst das Zartum zu vernichten! Hört und kommt und laßt uns richten! Hört auf des Studenten Wort: Aller alter Kram muß fort -- Kirchen, Ehen und Familien Nebst den Kindern, den Reptilien! Doch das Hab und Gut der Welt, Land, Besitz und alles Geld -- Das soll Allgemeingut werden In dem neuen Reich auf Erden!«
»Das haben Sie wohl bei jenem Leutnant gefunden, nicht?« fragte Pjotr Stepanowitsch.
»Wie, Sie kennen auch diesen Leutnant?«
»Wie denn nicht! Habe zwei Tage lang mit ihm gekneipt. Der mußte unbedingt mal überschnappen.«
»Er ... Vielleicht ist er überhaupt nicht irrsinnig geworden.«
»Etwa darum nicht, weil er zu beißen anfing?«
»Aber, erlauben Sie: wenn Sie dieses Gedicht im Auslande gesehen haben -- und später findet es sich hier bei diesem Offizier ...«
»Hm! Ganz scharfsinnig! Sie, Andrei Antonowitsch, Sie scheinen mich ja, wie ich sehe, examinieren zu wollen? Sehen Sie,« begann er plötzlich mit ungewöhnlicher Wichtigkeit, »darüber, was ich im Auslande gesehen, habe ich sofort nach meiner Rückkehr einer bestimmten Stelle Mitteilung gemacht, und meine Erklärungen wurden als befriedigend befunden. Andernfalls hätte ich ja auch diese liebe Stadt hier gar nicht mit meinem Besuch beglücken können. Ich glaube also, daß meine Pflichten auf diesem Gebiet erledigt sind und ich weiter niemandem Rechenschaft schuldig bin. Und nicht etwa deswegen erledigt, weil ich vielleicht ein Denunziant bin, sondern weil ich einfach gar nicht anders handeln konnte. Diejenigen, die an Julija Michailowna über mich geschrieben haben, kannten die ganze Sachlage ... und haben mich als ehrlichen Menschen empfohlen. Na, aber zum Teufel damit! Eigentlich bin ich zu Ihnen gekommen, um über etwas sehr Ernstes mit Ihnen zu sprechen. Es ist gut, daß Sie diesen Ihren Schornsteinfeger fortgeschickt haben. Es ist eine wichtige Sache, Andrei Antonowitsch. Ich habe nämlich eine sehr große Bitte an Sie.«
»Eine Bitte? Hm ... haben Sie die Güte, ich ... bin gespannt ... hm! ... wird mich sehr interessieren. Überhaupt muß ich sagen, Sie setzen mich heute ein wenig in Erstaunen.«
Von Lembke war merklich erregt. Pjotr Stepanowitsch schlug ein Bein übers andere.
»In Petersburg,« begann er, »war ich in vieler Hinsicht aufrichtig, doch über gewisse Einzelheiten ... zum Beispiel diese da« -- er wies mit dem Finger auf die »helle Persönlichkeit« -- »habe ich geschwiegen, erstens weil es sich nicht lohnte, darüber zu sprechen, und zweitens, weil ich nur das sagte, wonach man mich fragte. Ich liebe es nicht, in diesem Sinne vorzugreifen; darin sehe ich auch den Unterschied zwischen einem Schurken und einem ehrlichen Menschen, den ganz einfach nur die Umstände überrumpelt haben und zwingen ... Na, das mag nebenbei gesagt sein. Nun und jetzt ... jetzt, nachdem diese Dummköpfe ... na, ich meine, da es jetzt herausgekommen ist, sich bereits in Ihren Händen befindet und sich vor Ihnen schon nicht mehr wird verstecken können -- denn Sie sind doch ein Mensch mit Augen, es ist gar nicht so leicht, hinter Sie zu kommen -- diese Dummköpfe aber in ihrem Vorhaben fortfahren ... na, nun ja ... also: ich bin ... ganz einfach ... zu Ihnen gekommen, um Sie zu bitten, einen Menschen zu retten, einen ebensolchen Dummkopf oder meinetwegen Verrückten ... in Anbetracht seiner Jugend, seines Unglücks, und ... und Ihrer Humanität ... zum Kuckuck, Sie wollen doch nicht nur in Romanen human und gut und edel sein!« unterbrach er plötzlich, anscheinend aus lauter Verlegenheit grob, seine ungeschickte Rede.
Kurz: man sah einen ehrlichen, offenherzigen Menschen vor sich, der bloß ungeschickt und unpolitisch war, und das wohl aus Gutmütigkeit oder übergroßer Gewissenhaftigkeit. Und jedenfalls mußte er »nicht von weitem her« sein, urteilte von Lembke sofort mit außerordentlichem Feingefühl: genau so, wie er ihn eigentlich schon immer eingeschätzt hatte -- besonders wenn er ihn in den schlaflosen Nächten der letzten Woche wegen seines Erfolges bei Julija Michailowna in seiner Seele beschimpft und heruntergerissen hatte.
»Für wen bitten Sie denn und was soll das alles bedeuten?« erkundigte er sich würdevoll, bemüht, seine Neugier zu verbergen.
»Für ... ja das ... zum Teufel, ich bin doch nicht schuld daran, daß ich an Sie glaube! Was kann ich denn dafür, daß ich Sie für den edelmütigsten Menschen halte und, vor allem, für einen verständigen ... der fähig ist, zu begreifen, das heißt, zu verstehen ... nun, zum Henker ...«
Der Arme! Augenscheinlich verstand er sich nicht recht auszudrücken und verwickelte sich nur!
»Sie verstehen doch,« fuhr er fort, »begreifen doch, daß ich, wenn ich Ihnen seinen Namen nenne, ihn damit sozusagen in Ihre Hände liefere, nicht wahr, ich liefere ihn dann Ihnen doch aus? Nicht wahr?«
»Aber wie soll ich es denn erraten, für wen Sie bitten, wenn Sie sich nicht entschließen können, mir seinen Namen zu nennen?«
»Ach, ja, in der Tat, das ist es ja gerade! Sie stellen einem, weiß der Teufel, mit Ihrer Logik immer ein Bein ... Na, zum Henker ... Also diese >helle Persönlichkeit<, dieser >Student< ist -- Schatoff ... So, da haben Sie's jetzt!«
»Schatoff? Das heißt, wie denn Schatoff?«
»Schatoff -- das ist der >Student<, von dem da im Gedicht die Rede ist! Er lebt hier! Früherer Leibeigener! Derselbe, der neulich die Ohrfeige gegeben hat! Sie wissen schon!«
»Ich weiß, ich weiß!« von Lembke kniff die Augen zusammen. »Aber erlauben Sie, worin besteht denn eigentlich seine Schuld und, die Hauptsache, -- um was bitten Sie denn eigentlich?«
»Aber ihn zu retten, verstehen Sie doch endlich! Ich kenne ihn ja schon seit acht Jahren! Ich -- ich war ja sein Freund!« Pjotr Stepanowitsch regte sich anscheinend furchtbar auf. »Nun ja, ich bin doch nicht verpflichtet, Ihnen Rechenschaft über Früheres zu geben,« meinte er und winkte mit der Hand ab, »das ist alles so belanglos. Sind ja nur dreieinhalb Menschen, und mit denen im Auslande noch nicht mal zehn ... Aber, die Hauptsache, -- ich hoffte auf Ihre Humanität und zugleich auf Ihren Verstand. Sie verstehen mich doch, Sie werden die Sache dann schon selber so darstellen, wie sie wirklich ist, und nicht als weiß der Teufel was! -- vielmehr als den dummen Gedanken eines verdrehten Menschen ... infolge seines Unglücks, vergessen Sie das nicht, infolge seines Unglücks, und nicht als weiß der Teufel was da -- für eine Verschwörung gegen den Staat ...«
Pjotr Stepanowitsch geriet vor Eifer fast außer Atem.
»Hm ... Ich sehe schon, daß er der Schuldige ist -- an den Proklamationen mit dem Beil!« schloß von Lembke mit nahezu erhabener Miene. »Aber, erlauben Sie, wenn er allein es ist, wie konnte er sie dann hier und zugleich in der Provinz verstreuen und sogar im H--schen Gouvernement und ... schließlich, die erste Frage: wo hat er sie überhaupt herbekommen?«
»Aber ich sage Ihnen doch, daß es im ganzen vielleicht fünf Menschen sind, na, sagen wir, zehn -- wie soll ich es wissen!«
»Sie wissen es nicht?«
»Ja, zum Henker, warum soll ich es denn wissen?«
»Aber Sie wußten doch, daß Schatoff einer von ihnen ist?«
»Ach!« Pjotr Stepanowitsch winkte wieder mit der Hand ab, als wolle er den erdrückenden Scharfsinn des anderen zurückscheuchen. »Na, hören Sie, ich werde Ihnen die ganze Wahrheit sagen: von den Proklamationen weiß ich nichts, das heißt, so gut wie nichts, -- zum Teufel, Sie verstehen doch, was >nichts< bedeutet? ... Nun, versteht sich, hier ist es der eine Leutnant, nun, und Schatoff, nun, und vielleicht noch irgend jemand, na -- aber das ist auch alles! Nicht der Rede wert! ... Einfach kläglich! ... Ich aber bin nur zu Ihnen gekommen, um Sie für Schatoff zu bitten: man muß ihn retten, denn dieses Gedicht da -- ist von ihm, sein eigenes Werk und im Auslande durch ihn gedruckt. So, das ist alles, was ich genau weiß, aber von den Proklamationen weiß ich so gut wie gar nichts!«
»Wenn das Gedicht von ihm verfaßt ist, so werden wohl auch die Proklamationen von ihm verfaßt sein. Aber welche Beweise haben Sie denn, um Herrn Schatoff zu verdächtigen?«
Pjotr Stepanowitsch riß seine Brieftasche hervor, wie ein Mensch, der schon nahe daran ist, aus der Haut zu fahren, und warf einen Zettel auf den Tisch.
»Da haben Sie die Beweise!« rief er.
Von Lembke faltete den Zettel auseinander: er war vor einem halben Jahr aus unserer Stadt geschrieben worden und enthielt nur die kurze Mitteilung:
»Die helle Persönlichkeit« kann ich hier nicht drucken, und überhaupt kann ich nichts machen. Drucken Sie im Auslande.
Iwan Schatoff.
Von Lembke blickte Pjotr Stepanowitsch unverwandt an ... Warwara Petrowna hatte recht, wenn sie behauptete, daß Herr von Lembke einen manchmal etwa wie ein Schaf anblicken konnte.
»Sehen Sie,« begann Pjotr Stepanowitsch ungeduldig, »das bedeutet, daß er dieses Gedicht vor einem halben Jahr hier geschrieben hat. Er konnte es aber nicht hier drucken lassen, na, in irgendeiner, sagen wir, geheimen Druckerei, -- und darum bittet er, es im Auslande zu drucken ... Das ist doch klar, sollte ich meinen?«
»Ja, das ist natürlich klar, aber wen bittet er denn darum? Das ist, wie Sie sehen, durchaus noch nicht klar,« bemerkte von Lembke mit schlauester Ironie.
»Aber Kirilloff doch! Der Brief ist doch an Kirilloff ins Ausland geschrieben ... Wußten Sie das etwa nicht? Ärgerlich an der ganzen Sache ist ja nur, daß Sie sich vor mir vielleicht nur verstellen und selbst schon lange von diesem Gedicht wissen, na, und auch alles andere! Wie ist es denn auf Ihren Tisch gekommen? Wenn Sie es überhaupt zu erwischen verstanden haben! -- wozu foltern Sie mich dann noch mit Ihren Fragen, wenn's so ist?«
Er wischte sich fast bebend den Schweiß von der Stirn.
»Vielleicht ist auch mir einiges bekannt ...« bemerkte Herr von Lembke, geschickt ausweichend, »aber wer ist denn dieser Kirilloff?«
»Nun, ein Ingenieur, vor kurzem hier angekommen. War Stawrogins Sekundant. Einfach ein Maniak, total verrückt. Ihr Leutnant hatte vielleicht wirklich nur Schnupfenfieber als er biß, na, aber dieser, ich sage Ihnen, der ist schon längst fürs Tollhaus reif -- dafür garantiere ich. Ach, Andrei Antonowitsch, wenn die Regierung nur wüßte, was das da für Leutchen sind, sie würde ja keinen Finger rühren. Hab mich in der Schweiz und auf den Kongressen an ihnen satt gesehen, übersatt!«
»Dort, von wo aus man die Bewegungen bei uns leitet?«
»Ja, wer leitet denn? Dreieinhalb Menschen! Wenn man sie ansieht, sage ich Ihnen, kann man bloß Lust zum Gähnen bekommen. Und was sind denn das für >Bewegungen bei uns<? Etwa die Verbreitung von Proklamationen? Aber wer verbreitet sie denn? Verschnupfte Leutnants und zwei bis drei Studenten! Sie sind doch ein kluger Mensch, da stelle ich Ihnen nun eine Frage: warum schließen sich nicht etwas bedeutendere Menschen der Sache an, warum immer nur Studenten und Jünglinge von zweiundzwanzig Jahren? Und wie viele sind ihrer denn selbst von solchen? Man läßt sie wohl von einer Million geübter Hunde suchen, doch wie viele hat man bisher gefunden? Sieben Mann! Ich sage Ihnen ja, nur Lust zum Gähnen bekommt man.«
Von Lembke hörte ihm aufmerksam zu, aber mit einem Ausdruck, der gleichsam sagte: »Eine Nachtigall machst du mit Fabeln nicht satt.«
»Erlauben Sie, einstweilen, -- Sie behaupten, daß der Brief ins Ausland geschrieben ist; hier ist aber keine Adresse; woher wissen Sie es denn, daß der Brief an Kirilloff gerichtet ist? und schließlich überhaupt ins Ausland und ... und ... daß er wirklich von Herrn Schatoff geschrieben ist?«
»So verschaffen Sie sich doch sofort Schatoffs Handschrift und vergleichen Sie! In Ihrer Kanzlei wird sich bestimmt irgendeine Unterschrift von ihm finden. Und was Kirilloff betrifft, so hat er mir doch selbst den Brief gezeigt. Gleich damals, als er ihn bekam.«
»Also haben Sie wohl selbst ...«
»Na ja, versteht sich doch, daß ich selbst! ... Als ob man mir dort wenig gezeigt hätte! Nun, und dieses Gedicht, heißt es, soll der verstorbene Herzen persönlich für Schatoff geschrieben haben, als der sich noch im Auslande herumtrieb, angeblich zum Andenken an ihre Begegnung, als Lob, als Empfehlung gewissermaßen, na, hol's der Teufel ... und Schatoff verbreitet es nun unter der Jugend: >Seht, das ist Herzens eigene Meinung über mich<!«
»Tje -- tje -- tje,« schnalzte von Lembke, endlich begreifend, »das meine ich ja auch: Proklamationen -- das versteht man noch, aber Gedichte!?«
»Ja, wie sollten Sie es denn nicht verstehen! Und weiß der Teufel, wozu ich Ihnen eigentlich das alles noch überflüssigerweise ausgeplaudert habe! Hören Sie, geben Sie mir Schatoff, und dann meinetwegen zum Henker mit den anderen allen, selbst mit Kirilloff, der sich jetzt gleichfalls im Filippoffschen Hause, in dem auch Schatoff wohnt, versteckt hat. Die lieben mich nicht, weil ich zurückgekommen bin ... Aber versprechen Sie mir Schatoff, und ich präsentiere Ihnen alle die anderen auf einem Tablett. Kann Ihnen nützlich sein, Andrei Antonowitsch. Ich schätze diese ganze traurige Bande auf neun Mann, na, sagen wir -- zehn. Ich beobachte sie von mir aus. Drei kennen wir schon: Schatoff, Kirilloff und dieser Leutnant. Die anderen prüfe ich erst noch ... übrigens: bin nicht gerade kurzsichtig. Das ist ganz wie im H--schen Gouvernement: zwei Studenten wurden dort mit Proklamationen ergriffen, ein Gymnasiast, zwei zwanzigjährige Edelleute, ein Lehrer und ein sechzigjähriger Major, der vom Trunk schon unzurechnungsfähig geworden war ... und das war alles, glauben Sie mir, das war alles! Man wunderte sich nicht wenig, daß das alles war. Aber ich brauche sechs Tage. Ich rieche schon den Braten und habe meine Berechnung gemacht: sechs Tage und nicht früher! Wenn Sie irgendein Ergebnis haben wollen -- lassen Sie sie in diesen sechs Tagen ganz und gar ungeschoren, und ich binde sie Ihnen in ein Bündel zusammen! Rühren Sie sich jedoch früher, so fliegt das ganze Nest auseinander! Aber versprechen Sie mir dafür Schatoff, ich bitte ja nur für Schatoff ... Wissen Sie, am besten wäre es, wenn Sie ihn freundschaftlich zu sich kommen ließen, sagen wir meinetwegen, hierher in Ihr Arbeitszimmer, und dann, wissen Sie: vor ihm den Vorhang aufgezogen und ein wenig gefragt! Ach, er wird sich sofort Ihnen zu Füßen werfen und losweinen! Er ist ein nervöser, unglücklicher Mensch. Seine Frau amüsiert sich mit Stawrogin. Seien Sie gut zu ihm, und er wird Ihnen alles selbst erzählen. Doch ich brauche noch sechs Tage, wie gesagt ... Die Hauptsache aber, die Hauptsache: sagen Sie Julija Michailowna keinen Ton, kein halbes Wort davon! Geheimnis! Können Sie?«
»Wie?« von Lembke riß die Augen auf. »Haben Sie ihr denn nicht schon selbst alles ... enthüllt?«
»Ihr? Behüte und bewahre! Ach, Andrei Antonowitsch! Sehen Sie mal, ich schätze ja ihre Freundschaft unendlich und sie überhaupt ... na, aber das da ... ich werde mich doch nicht so verhauen. Ich widerspreche ihr nie, denn ihr widersprechen -- Sie wissen ja selbst -- ist gefährlich. Vielleicht habe ich ihr auch mal dieses oder jenes Wörtchen gesagt, aber daß ich ihr, wie jetzt Ihnen, Namen genannt hätte, oder so etwas -- wo denken Sie hin! ... Warum wende ich mich denn an Sie? Weil Sie immerhin ein Mann sind, ein ernster Mensch, mit alten, festen Erfahrungen im Staatsdienst. Sie haben doch manches im Leben gesehen! Sie wissen außerdem, glaub ich, jeden Schritt in solchen Dingen auswendig wie das Einmaleins -- schon von Petersburg her. Sollte ich aber ihr zum Beispiel auch nur zwei Namen nennen, wie würde sie da gleich lostrommeln ... Sie will doch von hier aus ganz Petersburg in Erstaunen setzen! Ein wenig zu hitzig ist sie, das ist der Fehler!«
»Ja, sie hat etwas von diesem Temperament ...« murmelte von Lembke nicht ganz ohne Genugtuung, während es ihn zu gleicher Zeit doch ärgerte, daß dieser Flegel es augenscheinlich wagte, sich so frei über Julija Michailowna zu äußern.
Pjotr Stepanowitsch dagegen schien das noch zu wenig zu sein, um andererseits seinen »Lembka« mit genügenden Schmeicheleien überschütten, ihn ganz besiegen und endgültig einfangen zu können.
»Das ist es: zuviel Temperament,« griff er das Wort auf. »Mag sie da meinetwegen, sagen wir, eine geniale Frau sein, eine literarische Frau, aber -- die Spatzen jagt sie uns auseinander! Sechs Stunden hält sie es nicht aus, von sechs Tagen schon ganz zu schweigen. Ach, Andrei Antonowitsch, laden Sie nicht eine Frist von sechs Tagen auf ein Weib! Sie müssen mir doch einige Erfahrung zugestehen, ich meine -- in diesen Dingen. Ich weiß da manches, und Sie wissen ja selbst, daß ich manches wissen kann. Nicht aus Dummheit bitte ich Sie um sechs Tage, sondern einzig um der Sache willen.«
»Ich habe gehört ...« von Lembke konnte sich nicht recht entschließen, seinen Gedanken auszusprechen, »ich habe gehört, daß Sie nach Ihrer Rückkehr zuständigen Orts gewisse ... Erklärungen abgegeben hätten ... in etwa als ... Reuebekenntnis?«
»Na ja, was hat man nicht alles!«
»Gewiß, gewiß, und ich will auch weiter gar nichts Näheres ... Hm ... Aber es hat mir bloß immer geschienen, daß Sie hier gewöhnlich in einem ganz anderen Stile gesprochen haben, zum Beispiel über das Christentum, über die öffentlichen Einrichtungen und schließlich auch über die Regierung ...«
»Na, als ob ich wenig gesprochen habe. Auch jetzt spreche ich noch so, nur muß man diese Gedanken nicht so durchführen, wie jene Dummköpfe es wollen. Das ist es. Aber sonst -- was ist denn dabei, daß er in die Schulter gebissen hat? Sie waren ja selbst in diesen Dingen mit mir einverstanden, nur sagten Sie, es sei noch zu früh.«
»Ich war eigentlich nicht in dem Sinne mit Ihnen einverstanden, und auch mit dem >zu früh< meinte ich etwas anderes ...«
»Dann ist also jedes Ihrer Worte mit einem Haken versehen, he--he! Sind wirklich ein vorsichtiger Mensch!« bemerkte Pjotr Stepanowitsch plötzlich sehr heiter. »Hören Sie, mein Teuerster, ich mußte Sie doch erst ein wenig kennen lernen, na, und da habe ich denn zu diesem Zweck eben in meinem Stile gesprochen. Das habe ich nicht nur mit Ihnen allein so gemacht, sondern mit vielen. Vielleicht wollte ich erst nur Ihren Charakter kennen lernen.«
»Wozu denn meinen Charakter?«
»Na, wie soll ich es denn wissen, wozu!« (er lachte wieder). »Sehen Sie mal, mein lieber und hochverehrter Andrei Antonowitsch, Sie sind schlau, aber dazu ist es noch nicht gekommen, wird es auch bestimmt nicht kommen, Sie verstehen doch? Vielleicht verstehen Sie mich wirklich? Wenn ich auch dort zuständigen Orts Erklärungen gegeben habe, als ich aus dem Auslande zurückkehrte, und ich weiß wirklich nicht, warum ein Mensch mit gewissen Überzeugungen nicht zum Vorteil dieser seiner aufrichtigen Überzeugungen handeln sollte ... so hat mir dort doch niemand etwas über Ihren Charakter gesagt, und ich habe mir noch gar keine Pflichten von dort aufladen lassen. Sie begreifen doch: ich hätte ebensogut nicht Ihnen als erstem zwei Namen zu nennen gebraucht, sondern einfach dahin, na, Sie verstehen schon, -- einen Wink geben können, ich meine, dahin, wo ich die ersten Erklärungen abgab. Na, und wenn ich mich etwa für Geld bemühte, oder für sonst irgendeinen Vorteil, so wäre das meinerseits keine Berechnung gewesen, denn dankbar wird man jetzt bloß Ihnen sein, nicht mir. Aber ich tue es, wie gesagt, nur wegen Schatoff,« sagte Pjotr Stepanowitsch mit viel Edelmut, »-- nur für Schatoff, aus alter Freundschaft ... Na, aber dann, meinetwegen, wenn Sie dorthin schreiben, na, dann könnten Sie mich vielleicht auch ein bißchen loben, wenn Sie wollen ... werde nicht widersprechen. He--he ... Aber jetzt adieu, hab schon verboten lange hier gesessen, und eigentlich sollte man überhaupt nicht so viel sprechen!« fügte er nicht unzufrieden hinzu und erhob sich vom Diwan.
»Im Gegenteil, es freut mich sehr, daß diese Angelegenheit sozusagen bestimmtere Formen annimmt.« Von Lembke erhob sich gleichfalls und sehr liebenswürdig, -- augenscheinlich noch unter dem Eindruck der letzten Worte. »Mit Dank nehme ich Ihre Hilfe an, und seien Sie überzeugt, daß ich die Bemerkung über Ihren Eifer ...«
»Sechs Tage, nur sechs Tage Frist, das ist die Hauptsache und alles, was ich brauche ... aber daß Sie sich in diesen sechs Tagen nicht rühren!«
»Gut!«
»Versteht sich, ich binde Ihnen ja nicht die Hände, wie sollte ich das auch! Sie können doch gar nicht etwa nicht beobachten lassen. Nur -- schrecken Sie das Nest nicht vor der Zeit auf, -- das ist es, worin ich mich jetzt auf Ihre Klugheit und Ihre Erfahrung verlasse! Na, Sie haben wohl schon unzählige Jagdhunde bereit? He--he!« platzte lustig und leichtsinnig (eben wie ein junger Mensch) Pjotr Stepanowitsch heraus.
»So schlimm ist es gerade nicht,« sagte von Lembke ausweichend, doch angenehm berührt. »Das ist ein Vorurteil der Jugend, die immer alles vorbereitet glaubt ... Aber erlauben Sie, noch ein Wort: wenn dieser Kirilloff Stawrogins Sekundant war, so muß doch auch Herr Stawrogin in diesem Falle ...«
»Wieso Stawrogin?«
»Ich meine, wenn sie solche Freunde sind?«
»Oh, nein, nein, nein! Diesmal haben Sie fehlgeschossen, wenn Sie auch sonst schlau sind! Aber Sie setzen mich geradezu in Erstaunen! Denn ich glaubte doch, daß Sie in betreff dieser Dinge unterrichtet sind ... Hm ... Stawrogin -- das ist das vollkommenste Gegenteil, das heißt, das vollkommenste! ... Avis au lecteur.«{[125]}
»In der Tat? Ist's möglich?« fragte von Lembke ungläubig. »Mir hat Julija Michailowna gesagt, daß Stawrogin, nach ihren Erkundigungen in Petersburg, ein Mensch mit einigen, sozusagen, Instruktionen ...«
»Ich weiß nichts, nichts, nichts, keine Ahnung. Adieu. Avis au lecteur!« wich Pjotr Stepanowitsch plötzlich und nur zu offensichtlich allen weiteren Fragen aus und schwirrte schon zur Tür.
»Erlauben Sie, Pjotr Stepanowitsch, erlauben Sie, noch einen Augenblick!« rief ihn von Lembke zurück. »Noch ein Wort, und dann halte ich Sie nicht mehr auf.« Er nahm aus einem Schubfach einen Brief heraus.
»Sehen Sie, -- gleichfalls ein Exemplar, das in diese Kategorie gehört. Und hiermit beweise ich Ihnen, daß ich das größte Vertrauen zu Ihnen habe. Was sagen Sie zu diesem Brief?«
Es war ein sonderbarer Brief: ohne Unterschrift, an Herrn von Lembke adressiert, und gestern erst hatte er ihn erhalten. Pjotr Stepanowitsch las zu seinem größten Ärger folgendes:
»Eure Exzellenz!
Sintemal Sie das nach Ihrem Range sind. Hiermit melde ich Mordanschläge auf alle hohen Würdenträger und das Vaterland; sintemal es gerade dazu führt. Habe selbst vieles ununterbrochen jahrelang verstreut. Auch Gottlosigkeit ist dabei. Ein Aufstand bereitet sich vor und Proklamationen gibt es Tausende, und nach jeder laufen dann hundert Mann mit herausgestreckter Zunge, wenn sie die Regierung nicht vorzeitig fortnimmt, sintemal man viel verspricht und das einfache Volk dumm ist, und hinzu kommt dann noch der Schnaps. Das Volk sucht den Schuldigen und wird diese wie jene verderben. Ich fürchte aber diese wie jene, und bereue, woran ich gar nicht teilgenommen, denn meine Verhältnisse sind einmal so. Wenn Sie wollen, daß ich Anzeige erstatte zur Rettung des Vaterlandes und ebenso der Kirchen und Heiligenbilder, so kann das nur ich allein. Aber mit der Bedingung, daß man mir Begnadigung aus der dritten Abteilung telegraphisch zusagt, sofort und mir allein von allen; die anderen können es dann ausbaden. Auf das Fenster beim Portier stellen Sie zum Zeichen jeden Tag abends um sieben Uhr ein Licht. Sehe ich dieses, so werde ich glauben und komme dann, um die barmherzige Hand aus Petersburg zu küssen, aber mit der Bedingung, daß ich eine Pension erhalte, sintemal wovon soll ich denn sonst leben? Sie werden es nicht zu bereuen brauchen, denn für Sie kommt dabei ein Orden heraus. Aber vorsichtig muß man sein, sonst drehen sie einem den Hals um!
Euer Exzellenz verzweifelter Mensch fällt vor Euer Exzellenz auf die Knie als reuiger Freidenker
Inkognito.«
Von Lembke erklärte, daß man den Brief gestern beim Portier gefunden hatte.
»Was halten Sie davon?« fragte Pjotr Stepanowitsch beinahe grob.
»Ich würde annehmen, daß das ein Schmähbrief ist ... ein anonymer, zum Spott ...«
»Höchstwahrscheinlich wird es auch so sein. Sie kann man wirklich nicht so leicht hinters Licht führen.«
»Und vor allen Dingen deshalb, weil es so dumm ist.«
»Haben Sie hier noch irgendwelche Schmähbriefe bekommen?«
»Ja, zweimal, und beide anonym.«
»Na, versteht sich doch von selbst, daß die sich nicht unterzeichnen werden! -- Derselbe Stil? Dieselbe Handschrift?«
»Nein, verschiedener Stil und verschiedene Handschrift.«
»Und ebenso närrisch wie dieser?«
»Ja, auch närrisch, und wissen Sie ... sehr gemeine Briefe.«
»Na, wenn Sie schon welche bekommen haben, so wird es jetzt wohl derselbe Absender sein.«
»Und vor allen Dingen, weil die Briefe so dumm sind. Diese Leute sind doch gebildet und würden schon so dumm nicht schreiben.«
»Natürlich, versteht sich.«
»Aber wie, wenn nun wirklich jemand etwas anzeigen will?«
»Das ist sehr unwahrscheinlich,« schnitt Pjotr Stepanowitsch trocken ab. »Was soll denn das Telegramm aus der dritten Abteilung bedeuten? und die Pension? Es ist ja sonnenklar, daß es eine Anulkung ist!«
»Ja ... Natürlich,« von Lembke war ein wenig beschämt.
»Wissen Sie was! Überlassen Sie mir den Brief. Ich werde Ihnen sofort den Verfasser herausfinden. Früher noch als die anderen.«
»Nehmen Sie ihn,« sagte von Lembke, doch erst nach einigem Zögern.
»Haben Sie ihn schon jemandem gezeigt?«
»Nein, bewahre! Niemandem!«
»Auch nicht Julija Michailowna?«
»Da sei Gott vor! und ums Himmels willen, zeigen Sie ihn ihr auch nicht!« rief von Lembke erschrocken. »Er würde sie so aufregen ... und sie würde sich furchtbar über mich ärgern.«
»Natürlich, verstehe schon! Sie würde sagen, daß Sie selbst daran schuld sind, wenn man Ihnen so was zu schreiben wagt! Man kennt doch Weiberlogik. Na, aber jetzt leben Sie wohl. Vielleicht kann ich Ihnen schon in drei Tagen den Verfasser nennen. Aber vergessen Sie nur unsere Abmachung nicht!«
IV.
Pjotr Stepanowitsch war gewiß kein dummer Mensch, doch Fedjka, der Zuchthäusler, hatte ihn richtig charakterisiert mit dem Ausspruch: »Der stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er dann mit ihm.«
Pjotr Stepanowitsch verließ Herrn von Lembke in der festen Überzeugung, daß er ihn auf wenigstens sechs Tage beruhigt habe, diese Frist aber brauchte er unbedingt. Doch seine Berechnung war falsch, und zwar weil er sich Herrn von Lembke von allem Anfange an und gleich für immer als vollkommen beschränkten Menschen vorgestellt hatte.
Herr von Lembke war, wie jeder qualvoll mißtrauische Mensch, im ersten Augenblick des Aus-sich-selbst-hinausgehens stets von größter und freudiger Vertrauensseligkeit. Die neue Wendung der Dinge erschien ihm nun zunächst in recht angenehmer Form, trotz der etlichen neueingetretenen Verwicklungen, die Achtsamkeit erheischten. Doch wenigstens zerfielen seine alten Zweifel jetzt in Staub und Asche. Aber die letzten Tage hatten ihn so müde gemacht, und er fühlte sich so gequält und so hilflos, daß seine Seele sich unwillkürlich nach Ruhe sehnte. Leider kam gerade jetzt diese Unruhe wieder über ihn. Das lange Leben in Petersburg hatte in seiner Seele unverwischbare Spuren hinterlassen. Die offizielle und sogar die geheime Geschichte der »neuen Generation« war ihm ziemlich bekannt -- war er doch ein wißbegieriger Mensch, der selbst Proklamationen sammelte --, nur hatte er noch nie auch nur ein Wort von dieser ganzen Geschichte begriffen. Jetzt aber stand er da wie in einem Walde: mit allen Instinkten ahnte er, daß in Pjotr Stepanowitschs Worten etwas schier Unmögliches enthalten war, irgend etwas außerhalb aller Formen und Vereinbarungen -- »wenn auch übrigens der Teufel wissen mag, was da in dieser >neuen Generation< alles möglich ist und überhaupt ... wie sie das da alles machen!« dachte er bei sich und verlor sich in Erwägungen.
Da steckte zum Unglück wieder Blümer seinen Kopf durch die Tür. Die ganze Zeit während der Anwesenheit Pjotr Stepanowitschs hatte er in der Nähe gewartet. Dieser Blümer war mit Herrn von Lembke sogar verwandt, wenn auch allerdings nur weitläufig, doch diese Verwandtschaft wurde sorgfältig und ängstlich geheimgehalten. Ich bitte den Leser um Entschuldigung, daß ich hier über diesen unbedeutenden Menschen ein paar Bemerkungen einfüge. Blümer gehörte als Mensch zu der sonderbaren Abart der »unglücklichen« Deutschen -- jedoch nicht infolge seiner tatsächlich großen Talentlosigkeit, sondern einfach Gott weiß weshalb. Diese »unglücklichen« Deutschen sind keine Mythe, sondern sind wirklich vorhanden, sogar in Rußland, und haben ihren besonderen Typ. Herr von Lembke hatte für diesen Blümer von jeher ein geradezu rührendes Mitgefühl und verschaffte ihm, wo er nur konnte, und natürlich im Verhältnis zu seinen eigenen Fortschritten, immer bessere Stellen in seinem Ressort; doch Blümer hatte nirgends Glück. Bald wurde der Posten aufgehoben, bald bekam er einen neuen Vorgesetzten, und einmal hätte man ihn beinahe mit anderen zusammen vors Gericht gebracht. Er war gewissenhaft, doch leider irgendwie so, daß es schon zuviel war -- zwecklos gewissenhaft, und außerdem ewig mürrisch, was ihm überall schadete, -- dabei rothaarig, groß, ein wenig krumm, wehmütig, sogar gefühlvoll, und bei all seiner Unterwürfigkeit doch eigensinnig und halsstarrig wie ein Stier, freilich immer am unrechten Ort und zur unrechten Zeit. An Lembke hing er nebst seiner Frau und seinen zahllosen Kindern mit einer langjährigen und ehrfürchtigen, treuen und ergebenen Anhänglichkeit. Außer Lembke gab es keinen Menschen, der ihn je auch nur gemocht hatte. Julija Michailowna hatte ihn sofort und mit aller Entschiedenheit abgelehnt, doch verabschieden konnte sie ihn nicht, weil der Widerstand ihres Mannes in diesem Punkte nicht zu brechen war. Ja, dieser Blümer war die Ursache ihres ersten ehelichen Streites gewesen, und zwar gleich in den ersten süßen Tagen nach der Hochzeit, als sie plötzlich das kränkende Geheimnis dieser neuen Verwandtschaft erfahren hatte. Es half auch nichts, daß ihr Gatte flehend, mit gefalteten Händen, auf sie einredete und ihr gefühlvoll Blümers ganze Lebensgeschichte erzählte, sowie die Geschichte ihrer Freundschaft von Kindheit an: Julija Michailowna hielt sich für unwiderruflich blamiert und versuchte sogar mit Ohnmachtsanfällen ihren Willen durchzusetzen. Doch von Lembke wich trotzdem nicht einen Schritt von seinem Standpunkt und erklärte nur, daß er seinen Blümer um keinen Preis von sich entfernen werde, so daß sie sich schließlich ehrlich über ihn wunderte und gezwungen war, ihm diesen Blümer zu »gestatten«. Es wurde nur beschlossen, die Verwandtschaft mit ihm noch sorgfältiger als bisher geheimzuhalten, wenn das überhaupt möglich war, und sogar seinen Ruf- und Vatersnamen durch andere zu ersetzen, denn auch Blümer hieß sonderbarerweise genau wie von Lembke Andrei Antonowitsch. Hier bei uns verkehrte Blümer mit keinem Menschen, außer mit einem deutschen Apotheker, hatte auch bei niemandem Besuch gemacht und, seiner Gewohnheit getreu, zurückgezogen und sparsam gelebt. Ihm waren auch die literarischen Sünden von Lembkes bekannt, denn er war es, der den Zuhörer abgeben mußte, wenn von Lembke seinen Roman vorlesen wollte, was er natürlich nur mit aller Vorsicht und bei verschlossenen Türen tat: dann saß Blümer an die sechs Stunden wie ein Pfosten da, schwitzte und strengte sich krampfhaft an, nicht einzuschlafen, sondern wach zu bleiben und zu lächeln. Kam er dann nach Hause, so seufzte er zusammen mit seiner hageren, großfüßigen Frau über die unselige Vorliebe ihres Wohltäters für die russische Literatur.
Andrei Antonowitsch litt geradezu, als er den eintretenden Blümer erblickte.
»Ich bitte dich, Blümer, mich jetzt in Ruh zu lassen,« begann er erregt und schnell, sichtlich bemüht, eine Fortsetzung des Gespräches, das Pjotr Stepanowitsch unterbrochen hatte, zu vermeiden.
»Man kann das ja auf die schonendste Weise machen. Sie haben doch die Vollmacht,« bestand Blümer ehrerbietig aber hartnäckig auf dem Seinen, und näherte sich mit kleinen Schritten und krummem Rücken immer mehr dem Schreibtisch.
»Blümer, du bist mir wirklich in einem Grade zugetan und in deinem Amt diensteifrig, daß mir schon angst und bange vor dir wird, wenn ich dich nur erblicke!«
»Sie machen immer scharfsinnige Bemerkungen, aber dann lassen Sie sich von dem Vergnügen an dem Gesagten ruhig einschläfern. Damit schaden Sie sich selbst.«
»Blümer, ich habe mich soeben überzeugt, daß etwas ganz anderes dahintersteckt, etwas ganz anderes!«
»Doch nicht aus den Worten dieses falschen, lasterhaften Menschen, den Sie selbst verdächtigen? Hat er Sie glücklich mit falschem Lob Ihres literarischen Talentes so weit geblendet?«
»Blümer, du ahnst ja nichts! Dein Projekt ist eine Absurdität, sage ich dir. Wir werden nichts finden, es wird sich nur unnützes Geschrei erheben und dann Gelächter und dann Julija Michailowna ...«
»Wir werden bestimmt alles finden, was wir suchen,« Blümer schritt fest auf ihn zu, die rechte Hand ans Herz gepreßt. »Wir können die Durchsuchung seiner Wohnung ganz früh am Morgen vornehmen, und ganz plötzlich, ohne alle Vorbereitungen, mit aller Schonung seiner Person, und dabei streng nach der Vorschrift des Gesetzes. Die jungen Leute, Lämschin und Telätnikoff, versichern felsenfest, daß wir bei ihm alles Gewünschte finden werden. Sie haben ihn früher oft besucht. Für Herrn Werchowenski ist hier niemand sehr zu haben, und die Generalin Stawrogin hat ihm formell ihre Wohltaten für weiterhin gekündigt, und jeder ehrliche Mensch, wenn es solch einen in dieser rohen Stadt überhaupt gibt, ist überzeugt, daß dort immer die Quelle des Unglaubens und der sozialen Lehren gewesen ist. Er besitzt alle verbotenen Bücher, sämtliche Werke Herzens, Rylejeffs >Dumy<[44] ... Ich habe mir schon auf alle Fälle ein Verzeichnis seiner Bücher ...«
»Gott, diese Bücher hat heute doch schon ein jeder! Wie naiv du bist, mein armer Blümer!«
»Und eine Menge Proklamationen,« fuhr Blümer fort und tat, als habe er die Bemerkung nicht gehört. »Wir werden auf diese Weise bestimmt auf die Spur der neuen Proklamationen kommen. Dieser junge Werchowenski kommt mir ungemein, ungemein verdächtig vor.«
»Aber du verwechselst ja den Vater mit dem Sohn! Sie vertragen sich durchaus nicht. Der Sohn verspottet ihn ja ganz ungeniert.«
»Das ist doch nur Verstellung, Maske!«
»Blümer, du hast wohl geschworen, mich zu Tode zu quälen! Denk doch ein bißchen nach! Er ist doch hier in der Stadt immerhin eine geachtete Persönlichkeit. Er war Professor, er ist überall bekannt, und wenn er zu schreien anfängt, wird es gleich alle Welt wissen, und dann beginnt das Witzeln über uns, und dann gelingt uns nichts mehr ... und bedenke doch nur, was wird Julija Michailowna sagen ...«
Blümer kam immer näher und hörte auf keinen Einwand.
»Er war nur Dozent und weiter nichts, nur Dozent, und ist dem Titel nach nur Kollegienassessor außer Dienst.« Blümer preßte heftig seine rechte Hand auf die Brust. »Keinen einzigen Orden hat er und zum Staatsdienst ist er überhaupt nicht herangekommen, weil man seine Absichten gegen die Regierung kannte. Er stand im geheimen unter polizeilicher Aufsicht und steht wohl zweifellos auch jetzt noch darunter. In Anbetracht der beginnenden Unordnungen sind Sie geradezu verpflichtet, zu tun, was ich Ihnen riet. Sie aber lassen eine solche Möglichkeit, sich auszuzeichnen, wieder vorübergehen! Sehen dem Hauptschuldigen einfach durch die Finger! ...«
»Julija Michailowna! Sch--scher dich zum ...« rief plötzlich von Lembke, der die Stimme seiner Frau im Nebenzimmer gehört hatte.
Blümer zuckte zusammen, doch ergab er sich noch nicht.
»So erlauben Sie doch, erlauben Sie doch,« er trat immer näher und preßte jetzt schon beide Hände an die Brust.
»Sch--scher dich, pack dich!« knirschte Andrei Antonowitsch. »Mach, was du willst ... später ... O Gott!«
Die Portiere wurde zur Seite geschlagen, und Julija Michailowna erschien. Als sie Blümer erblickte, blieb sie stehen und musterte ihn hochmütig und beleidigend vom Kopf bis zu den Füßen, als wäre schon seine bloße Anwesenheit kränkend für sie. Blümer machte stumm eine tiefe, ehrerbietige Verbeugung vor ihr und ging dann, noch krumm vor Ehrerbietung, auf den Fußspitzen zur Tür.
War es nun, daß er die letzten Worte von Lembkes für die Erlaubnis nahm, so zu handeln, wie er wollte, oder ob er es von sich aus unrechterweise, jedoch in der festen Überzeugung tat, seinem Wohltäter zu einem Orden zu verhelfen, -- das mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls erwuchs, wie wir weiterhin sehen werden, aus diesem Gespräch des Vorgesetzten mit seinem Untergebenen etwas ganz Unvorhergesehenes, das viele zum Lachen reizte, als es bekannt ward, aber Julija Michailownas hellen Zorn erregte. Von Lembke dagegen wurde dadurch in der entscheidendsten Zeit in die bedauernswerteste Unentschlossenheit versetzt.
V.
Für Pjotr Stepanowitsch war es ein geschäftiger Tag. Nachdem er von Lembke verlassen hatte, begab er sich schnell zur Bogojawlenskstraße, doch als er unterwegs in der Bykoffstraße an dem Hause vorüberkam, in dem Karmasinoff wohnte, blieb er plötzlich stehen, lächelte und trat ins Haus. Man öffnete ihm mit einem: »Der Herr erwarten bereits --,« was Pjotr Stepanowitsch sehr bemerkenswert erschien, denn er hatte durchaus nicht gesagt, daß er kommen werde.
Der »große Schriftsteller« erwartete ihn in der Tat, und zwar schon seit drei Tagen, denn vor vier Tagen hatte er das Manuskript seines »Merci« (seinen Abschiedsgruß ans Publikum, den er auf der literarischen Matinee zum Besten armer Gouvernanten vorzulesen gedachte) Werchowenski eingehändigt. Er hatte es aus Liebenswürdigkeit getan, in der Überzeugung, dem jungen Manne außerordentlich zu schmeicheln, wenn er ihm das große Werk schon vorher zeigte. Pjotr Stepanowitsch hatte schon längst begriffen, daß dieser ruhmsüchtige, eitle und für Nichterwählte so beleidigend unnahbare Herr, dieser »erhabene Verstand«, sich einfach an ihn herandrängen wollte. Er erriet, daß Karmasinoff ihn, wenn auch vielleicht nicht für den erklärten Führer alles dessen hielt, was in ganz Rußland heimlich revolutionär war, so doch wenigstens für einen, der in alle Geheimnisse der russischen Revolution eingeweiht war und zweifellos großen Einfluß auf die Jugend hatte. Die Gedanken dieses »klügsten Menschen in ganz Rußland« interessierten Pjotr Stepanowitsch, doch bisher hatte er aus gewissen Gründen eine Aussprache vermieden.
Der »große Schriftsteller« wohnte im Hause seiner Schwester, der Frau eines Kammerherrn und Gutsbesitzers, die nebst ihrem Mann den »berühmten Verwandten« geradezu vergötterte. Augenblicklich mußten sie leider beide, zu ihrem größten Schmerz, in Moskau leben, so daß denn eine alte Dame, eine arme Verwandte des Kammerherrn, die schon lange im Hause die Wirtschaft führte, die Ehre hatte, Karmasinoff zu empfangen und aufzunehmen. Seit seiner Ankunft ging das ganze Haus auf den Fußspitzen, und niemand wagte mehr, laut zu sprechen. Die alte Dame berichtete fast täglich nach Moskau, wie Karmasinoff geschlafen und was er gegessen hatte, und einmal, als er nach einem Diner beim Stadthaupt einen Löffel voll einer gewissen Medizin hatte einnehmen müssen, schickte sie sogar ein Telegramm ab, in ihrer Furcht, er könne vielleicht krank werden. Karmasinoff selbst sprach, wenn auch höflich, so doch nur ganz trocken mit ihr, und nur wenn es unbedingt nötig war. Als Pjotr Stepanowitsch bei ihm eintrat, aß er gerade ein Kotelett. Vor ihm stand ein Glas Portwein. Pjotr Stepanowitsch war auch früher schon bei ihm gewesen, und jedesmal hatte er ihn bei diesem Morgenfrühstück angetroffen, das er dann ruhig weiter zu essen pflegte, ohne seinem Gast auch nur einmal etwas anzubieten. Nach dem Kotelett trank er dann ein Täßchen Kaffee. Der Diener war in blauem Frack, weichen, unhörbaren Stiefeln und weißen Handschuhen.
»A--ah!« rief Karmasinoff aus und erhob sich vom Sofa, während er sich den Mund mit der Serviette abwischte; darauf trat er auf Pjotr Stepanowitsch zu, um ihn auf die Wange zu küssen -- die charakteristische Angewohnheit aller Russen, wenn sie schon gar zu berühmt sind.
Pjotr Stepanowitsch wußte aber schon von früher, daß Karmasinoff bei diesem bei ihm üblichen Kuß nur die Wange hinzuhalten pflegte -- da machte er es diesmal ebenso: und so legten sich denn beide Wangen flach aneinander. Karmasinoff tat, als hätte er nichts bemerkt, setzte sich wieder auf sein Sofa und lud seinen Gast ein, ihm gegenüber auf einem Lehnstuhl Platz zu nehmen, was dieser auch sofort mit seiner ganzen Nonchalance tat.
»Sie wollen doch nicht ... Wollen Sie nicht frühstücken?« fragte Karmasinoff ganz gegen seine Gewohnheit, doch selbstverständlich in der Annahme, eine höflich ablehnende Antwort zu erhalten.
Aber ungeachtet dessen oder vielleicht gerade deshalb wünschte Pjotr Stepanowitsch sofort zu frühstücken. Ein Schatten beleidigten Erstaunens glitt über das Gesicht des Hausherrn, doch nur auf einen Augenblick: nervös klingelte er darauf nach dem Diener und erhob, trotz seiner guten Erziehung, launisch die Stimme, als er ein zweites Frühstück bestellte.
»Wollen Sie denn ein Kotelett oder Kaffee?« erkundigte er sich bei seinem Gast.
»Beides, und bestellen Sie noch Portwein dazu, ich bin hungrig,« sagte Pjotr Stepanowitsch seelenruhig und betrachtete Karmasinoffs Kostüm. Es bestand aus einer Art von Hausjackett, oder Jäckchen, jedenfalls war es wattiert, mit Perlmutterknöpfen versehen und sehr kurz, was sich zu seinem runden Bäuchlein und dem runden, festen Körperteil der Rückseite wenig gut ausnahm. Über seine Knie hatte er ein kariertes wollenes Plaid gebreitet, obgleich es im Zimmer warm war.
»Krank etwa?« fragte Pjotr Stepanowitsch.
»Nein, nicht krank, aber ich fürchte, krank zu werden -- in diesem schrecklichen Klima,« antwortete Karmasinoff mit seinem kreischenden Stimmchen, wenn auch freundlich. »Ich erwartete Sie schon gestern.«
»Warum das? Ich hatte Ihnen doch nicht versprochen, zu Ihnen zu kommen.«
»Ja, aber Sie haben doch mein Manuskript! Sie ... haben Sie es gelesen?«
»Manuskript? Was für eines?«
Karmasinoff wunderte sich maßlos.
»Aber Sie haben es doch wenigstens mitgebracht?« rief er plötzlich so aufgeregt, daß er sogar im Essen innehielt und mit aufgerissenen Augen sein Gegenüber anstarrte.
»Ach so, Sie sprechen von Ihrem >Bonjour<, oder wie es da hieß ...«
»>Merci<.«
»Na, bleibt sich gleich. Habe es ganz vergessen und noch kein Wort gelesen. Keine Zeit. Wirklich, ich weiß nicht, in den Taschen ist das Ding nicht mehr. Na, wird sich schon finden ...«
»Nein, verzeihen Sie, ich sende lieber sofort zu Ihnen! Es könnte verloren gehen, man könnte es stehlen!«
»Ach wo! wer braucht denn so was! Warum regen Sie sich denn überhaupt so auf? Sie haben doch, wie mir Julija Michailowna sagte, immer mehrere Abschriften, eine im Auslande beim Notar, eine in Petersburg, eine in Moskau ... und eine schicken Sie dann womöglich noch in die Bank --?«
»Aber Moskau kann doch abbrennen, mitsamt meinem Manuskript! Nein, ich sende doch lieber sofort zu Ihnen ...«
»Warten Sie, hier ist es ja!« Pjotr Stepanowitsch zog aus der hinteren Rocktasche das Manuskript hervor. »Ein wenig verknittert. Denken Sie sich nur, so wie ich es damals nahm, so hat es ruhig mit meinem Schnupftuch in der Tasche gelegen. Hatte es völlig vergessen.«
Karmasinoff warf sich gierig auf sein Manuskript, besah es von allen Seiten, zählte die Blätter nach und legte es dann fast andächtig neben sich auf ein kleines Tischchen, doch so, daß er es jeden Augenblick wieder ergreifen konnte.
»Sie lesen wohl nicht viel?« konnte er sich schließlich nicht enthalten zu fragen.
»Nein, nicht sehr viel.«
»Und von russischer Belletristik -- wohl überhaupt nichts?«
»Von russischer Belletristik? Warten Sie mal, ich glaube, ich habe einmal so etwas gelesen ... >Unterwegs< ... oder >Auf dem Weg< ... oder >Am Kreuzweg<, oder wie es da hieß, hab's vergessen. Es ist lange her. Las es vor etwa fünf Jahren. Hab keine Zeit.«
Ein kurzes Schweigen trat ein.
»Als ich herkam, versicherte ich allen, daß Sie ein ungewöhnlich kluger Mensch sind -- und jetzt scheinen ja auch alle von Ihnen entzückt zu sein.«
»Danke,« sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig.
Der Diener brachte das Frühstück, und Pjotr Stepanowitsch machte sich mit gutem Appetit an das Kotelett, aß es im Nu auf, stürzte den Wein hinunter und trank den Kaffee.
»Dieser Grobian,« dachte Karmasinoff, indem er noch das letzte kleine Stückchen von seinem eigenen Teller aß und das letzte Schlückchen trank, »dieser Grobian hat gewiß sofort die Stichelei in meinen Worten begriffen ... und das Manuskript wird er bestimmt mit Spannung gelesen haben, also lügt er jetzt, um sich den Anschein zu geben, als ob ... Oder sollte er doch nicht lügen, sondern einfach aufrichtig dumm sein? Einen genialen Menschen liebe ich eigentlich so, wenn er ein wenig dumm ist. Ist er nicht gar für die da wirklich so was wie ein Genie? Doch übrigens hol' ihn der Teufel.«
Er erhob sich vom Sofa und begann, aus einer Ecke des Zimmers in die andere zu gehen, um sich Bewegung zu machen, was er nach dem Frühstück stets zu tun pflegte.
»Reisen Sie bald zurück?« fragte Pjotr Stepanowitsch aus dem Lehnstuhl und rauchte eine Zigarette an.
»Ich bin eigentlich hergekommen, um mein Gut zu verkaufen, und hänge nun von meinem Verwalter ab.«
»Na, aber eigentlich sind Sie doch hierher gekommen, weil Sie dort Epidemien nach dem Kriege erwarteten?«
»N--nein, nicht eigentlich deshalb,« sagte Karmasinoff, großmütig die Worte skandierend, und fuhr fort, durch das Zimmer zu spazieren, wobei er bei jedem Kehrt in der Ecke munter mit dem rechten Beinchen ausschritt. »Ich beabsichtige in der Tat, so lange wie nur möglich zu leben,« lächelte er nicht ganz ohne Ironie. »Im russischen Herrenstand ist etwas, das den Menschen schnell verbraucht, in jeder Beziehung. Ich aber möchte mich so spät wie möglich verbrauchen und werde deshalb auch in Bälde endgültig ins Ausland übersiedeln. Dort ist auch das Klima besser, und das ganze Gebäude ist aus Stein, und alles steht fester. Für meine Lebenszeit wird Europa noch vorhalten, denke ich. Was meinen Sie?«
»Wie soll ich's wissen!«
»Hm ... Wenn dort wirklich einmal Babylon kracht, und sein Fall wird groß sein -- darin stimme ich vollkommen mit Ihnen überein, obgleich ich denke, daß es für meine Lebenszeit noch vorhalten wird -- so ist doch bei uns in Rußland überhaupt nichts vorhanden, das da zusammenstürzen könnte ... im Verhältnis betrachtet. Bei uns werden keine Steine fallen, sondern alles wird sich in Schmutz auflösen. Das heilige Rußland kann am wenigsten von allem in der Welt irgendeinen Widerstand leisten. Das einfache Volk hält sich noch irgendwie mit dem russischen Gott; aber selbst der russische Gott hat sich ja nach den letzten Erfahrungen als äußerst unzuverlässig erwiesen. Sogar gegen die Bauernreform hat er kaum standzuhalten vermocht -- jedenfalls hat er arg gewankt. Und dazu kommen jetzt noch die Eisenbahnen, und dann ... Nein, an den russischen Gott glaube ich schon gar nicht.«
»Aber an den europäischen?«
»Ich glaube an keinen einzigen. Man hat mich bei der russischen Jugend verleumdet. Ich habe stets jede ihrer Handlungen nachfühlen können. Man hat mir hier auch diese Proklamationen gezeigt. Man steht diesen Flugblättern allgemein verständnislos gegenüber, denn die Form schreckt ab; doch von ihrer Macht sind alle überzeugt, wenn sie sich auch selbst noch nicht dessen bewußt sind. Alles fällt hier schon längst, und alle wissen auch schon längst, daß nichts da ist, wonach man greifen oder woran man sich festhalten könnte. Ich bin schon deswegen von dem Erfolg dieser geheimnisvollen Propaganda überzeugt, weil Rußland jetzt auf der ganzen Welt im wahrsten Sinne des Wortes derjenige Ort ist, wo alles geschehen kann, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Ich verstehe nur zu gut, warum alle wohlhabenden Russen jetzt ins Ausland strömen und von Jahr zu Jahr immer mehr Leute auswandern. Hier ist es einfach ein Instinkt. Wenn das Schiff untergeht, wandern die Ratten aus. Das heilige Rußland ist ein hölzernes Land, ein bettelarmes und ... gefährliches Land, ein Land eitler Bettler in seinen höheren Schichten, während die riesige Mehrzahl in Hütten auf Hühnerbeinen hockt. Es wird über jeden Ausweg froh sein, wenn man ihm einen solchen zeigt und erklärt. Nur die Regierung will sich noch wehren, doch fuchtelt sie mit ihrem Knüttel im Dunkeln umher und trifft womöglich die eigenen Leute. Hier ist schon alles vorausbestimmt und verurteilt. Rußland hat, so, wie es jetzt ist, keine Zukunft. Ich bin Deutscher geworden und rechne mir das als Ehre an.«
»Sie begannen da, sich über die Proklamationen zu äußern: sagen Sie, was halten Sie von denen?«
»Alle fürchten die Proklamationen, folglich sind sie mächtig. Sie decken öffentlich den Betrug auf und beweisen, daß hier nichts mehr ist, an dem man sich festhalten, auf das man sich stützen könnte. Sie sprechen laut, während alle schweigen. Und womit sie am meisten besiegen, das ist -- abgesehen von der Form -- dieser bis jetzt unerhörte Mut, der Wahrheit offen ins Angesicht zu schauen. Diese Fähigkeit, der Wahrheit gerade ins Angesicht schauen zu können, hat einzig und allein die russische Generation. Nein, in Europa ist man noch nicht so mutig: dort ist's eine steinerne Herrschaft, -- dort gibt es noch etwas, auf das man sich tatsächlich stützen kann. So viel ich sehe und so viel ich zu beurteilen vermag, ist der Kern der russischen revolutionären Idee die Verneinung der Ehre. Es gefällt mir, daß das so mutig und furchtlos ausgedrückt wird. Nein, in Europa begreift man das noch nicht, bei uns aber wird man sich gerade darauf stürzen. Dem russischen Menschen ist die Ehre nur eine überflüssige Last. Ja, und sie ist ihm immer eine Last gewesen, in seiner ganzen Geschichte. Mit dem öffentlichen >Recht auf Unehre< kann man ihn am ehesten verlocken. Ich gehöre ja noch zur alten Generation und, ich muß gestehen, bin noch für die Ehre, aber doch nur aus Gewohnheit. Mir gefallen bloß die alten Formen, wenn auch vielleicht aus Kleinmut -- aber man muß doch irgendwie sein Jahrhundert zu Ende leben.«
Er brach plötzlich ab.
»Da rede ich und rede,« dachte er bei sich, »er aber schweigt und beobachtet mich. Er ist ja nur gekommen, damit ich ganz offen die Frage an ihn stelle. Gut, kann er haben.«
»Julija Michailowna hat mich gebeten, einmal irgendwie auf schlaue Weise von Ihnen herauszubekommen, was das für eine Überraschung ist, die Sie zu übermorgen, zum Ball, vorbereiten?« fragte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.
»Ja, das wird wirklich eine Überraschung sein; ich werde in der Tat in Erstaunen setzen,« sagte Karmasinoff wichtig, »aber ich verrate Ihnen das Geheimnis nicht.«
Pjotr Stepanowitsch bestand weiter nicht darauf.
»Hier soll ein gewisser Schatoff leben,« erkundigte sich plötzlich der »große Schriftsteller«, »und denken Sie nur, ich habe ihn noch nie gesehen.«
»Ein sehr guter Mensch. Warum fragen Sie?«
»Nur so, er soll über gewisse Dinge besonderer Ansicht sein. Das ist doch derselbe, der Stawrogin ins Gesicht geschlagen hat?«
»Ja.«
»Und Stawrogin -- wie denken Sie über den?«
»Ich weiß nicht; irgendein Wüstling.«
Karmasinoff haßte Stawrogin, weil dieser die Gewohnheit hatte, ihn überhaupt nicht zu beachten.
»Diesen Wüstling wird man wohl -- wenn sich jemals das verwirklicht, was die Proklamationen da verkünden, -- wahrscheinlich als ersten an einen Ast knüpfen,« meinte Karmasinoff kichernd.
»Vielleicht auch schon früher,« bemerkte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.
»So wär's auch recht,« stimmte Karmasinoff bei.
»Das haben Sie schon einmal gesagt, und wissen Sie, ich habe es ihm wiedererzählt.«
»Wie, haben Sie das wirklich?« lachte Karmasinoff wieder auf.
»Ja. Er sagte darauf, daß, wenn man ihn an einen Ast knüpfen solle, es für Sie genügen würde, wenn man Ihnen einmal ordentlich Ruten gäbe, aber nicht etwa um der Ehre willen, sondern schmerzhaft, wie man so einem Burschen Ruten zu geben pflegt.«
Pjotr Stepanowitsch nahm seinen Hut und erhob sich. Karmasinoff streckte ihm zum Abschied beide Hände entgegen.
»Aber wie,« fragte er plötzlich mit kreischendem, doch honigsüßem Stimmchen in einem ganz besonderen Tonfall, während er ihn immer noch an beiden Händen hielt, »-- wie, wenn es nun einmal alledem bestimmt ist, sich zu verwirklichen ... alledem, was man da beabsichtigt, so ... wann könnte denn das wohl geschehen?«
»Wie soll ich denn das wissen?« fragte Pjotr Stepanowitsch grob.
Sie sahen sich beide aufmerksam in die Augen.
»Nun, zum Beispiel? Ungefähr?« flötete Karmasinoff noch süßer.
»Ihr Gut zu verkaufen werden Sie noch Zeit haben, und sich selbst zu retten werden Sie auch noch Zeit haben,« murmelte Pjotr Stepanowitsch mit noch größerer Grobheit.
Sie sahen sich unverwandt, sahen sich noch aufmerksamer an.
Eine Minute lang herrschte Schweigen.
Plötzlich sagte Pjotr Stepanowitsch:
»Im nächsten Mai wird es beginnen, und zum Oktober wird es beendet sein.«
»Ich danke Ihnen aufrichtig!« sagte mit von Dank durchdrungener Stimme Karmasinoff und drückte ihm beide Hände.
»Wirst noch Zeit haben, Ratte, vom Schiff auszuwandern!« dachte Pjotr Stepanowitsch, als er auf die Straße trat. »Aber wenn sogar dieser >geradezu staatsmännische Kopf< sich so überzeugt schon nach Tag und Stunde erkundigt und so ehrerbietig für die erhaltene Mitteilung dankt, dann dürfen wir doch wahrlich nicht mehr an uns zweifeln.« (Er lächelte seltsam). »Hm ... Aber er ist doch unter ihnen wirklich nicht dumm und ... aber alles in allem doch nur eine auswandernde Ratte; eine solche zeigt nicht an.«
Er eilte in die Bogojawlenskstraße zum Filippoffschen Hause.
VI.
Pjotr Stepanowitsch ging zuerst zu Kirilloff. Der war wie gewöhnlich allein zu Hause und turnte gerade, d. h. er drehte, breitbeinig mitten im Zimmer stehend, die Arme nach einer besonderen Methode durch die Luft. Auf dem Fußboden lag ein großer Ball; vom Tisch war der Morgentee noch nicht weggeräumt. Pjotr Stepanowitsch blieb eine ganze Weile auf der Türschwelle stehen.
»Sie sorgen aber einstweilen nicht wenig für Ihre Gesundheit,« sagte er dann laut und trat lustig ins Zimmer. »Was für ein famoser Ball! Ei der Teufel, wie der springt! Auch zur Gymnastik?«
Kirilloff, der in Hemdsärmeln war, zog sich den Rock an.
»Ja, auch zur Gesundheit,« sagte er trocken. »Setzen Sie sich.«
»Ich bin nur auf einen Augenblick gekommen. Aber, na, setzen kann ich mich schon. Doch Gesundheit hin, Gesundheit her, -- ich wollte nur an die Abmachung erinnern. Unsere Frist nähert sich >in gewissem Sinne< ihrem Ende,« schloß er mit einer ungeschickten Ausrede.
»Was für eine Abmachung?«
»Wieso, was für eine Abmachung?« rief Pjotr Stepanowitsch aufhorchend, fast erschrocken.
»Das ist keine Abmachung und keine Pflicht, ich habe mich mit nichts gebunden, Sie irren sich.«
»Hören Sie, aber das geht doch nicht so!« Pjotr Stepanowitsch sprang sogar vom Stuhl auf.
»Mein eigener Wille.«
»Wie, was?«
»Derselbe Wille.«
»Das heißt, wie ist denn das zu verstehen?! Bedeutet das, daß Sie noch denselben Willen haben?«
»Ja, das bedeutet das. Nur eine Abmachung war nicht dabei und ist nie gewesen, und ich habe mich mit nichts gebunden. Es war nur mein Wille und ist auch jetzt nur mein Wille.«
Kirilloff sprach schroff und widerwillig.
»Na, schön, dann meinetwegen bloß Ihr Wille, wenn dieser Wille sich nur nicht verändert!« Pjotr Stepanowitsch setzte sich wieder, augenscheinlich befriedigt. »Sie ärgern sich über Worte. In der letzten Zeit sind Sie ganz besonders reizbar geworden. Darum habe ich es auch vermieden, Sie zu besuchen. War übrigens immer überzeugt, daß Sie nicht treulos sein würden.«
»Ich mag Sie gar nicht, aber Sie können ganz überzeugt sein! Wenn ich auch Treue oder Untreue nicht anerkenne.«
»Aber, wissen Sie, einstweilen ...« Pjotr Stepanowitsch regte sich doch wieder auf, »man muß doch vernünftig darüber reden, damit keine Mißverständnisse entstehen. Die ganze Sache verlangt eben Bestimmtheit. Sie aber haben mich wirklich stutzig gemacht. Darf ich sprechen?«
»Sprechen Sie,« sagte Kirilloff, blickte ihn aber nicht an, sondern sah in die Ecke.
»Sie hatten schon längst beschlossen, sich das Leben zu nehmen ... das heißt, Sie hatten solch eine Idee. Habe ich mich so richtig ausgedrückt? Habe ich keinen Fehler gemacht?«
»Ich habe auch jetzt dieselbe Idee.«
»Vorzüglich. Vergessen Sie aber nicht, daß niemand Sie dazu gezwungen hat.«
»Das fehlte noch! Wie dumm Sie sprechen!«
»Gut, gut. Ich gebe zu, daß ich mich vielleicht sehr töricht ausgedrückt habe. Es wäre ja auch zweifellos sehr dumm gewesen, einen Menschen dazu zwingen zu wollen. Ich fahre also fort: Sie waren ein Glied des Verbandes -- noch zur Zeit der alten Organisation -- und vertrauten sich damals einem anderen Gliede dieser Gesellschaft an.«
»Ich habe mich gar nicht anvertraut, ich habe einfach gesagt.«
»Gut. Schön. Wäre ja auch lächerlich, sich >anzuvertrauen<, als ob es eine Beichte wäre! Sie haben also einfach gesagt ... na, wunderschön.«
»Nein, gar nicht wunderschön, Sie verstehen nicht zu sprechen. Ich bin Ihnen gar keine Rechenschaft schuldig, ja, und meine Gedanken können Sie gar nicht verstehen. Ich will mir das Leben nehmen, darum, weil ich solch einen Gedanken habe, weil ich nicht haben will, daß es Angst vor dem Tode gibt, weil ... weil Sie davon gar nichts zu wissen brauchen ... Was wollen Sie? Tee trinken? Er ist kalt. Warten Sie, ich werde Ihnen ein anderes Glas geben.«
Pjotr Stepanowitsch hatte nach der Teekanne gegriffen und suchte ein leeres Gefäß. Kirilloff stand auf, ging zum Schrank und brachte ihm ein reines Glas.
»Ich habe soeben bei Karmasinoff gefrühstückt,« bemerkte der Gast, »darauf hörte ich zu, wie er redete und da wurde mir heiß ... lief hierher -- habe jetzt schrecklichen Durst.«
»Trinken Sie. Kalter Tee ist gut.«
Kirilloff setzte sich wieder auf seinen Stuhl und blickte von neuem in die Ecke.
»In der Gesellschaft entstand der Gedanke,« fuhr er mit derselben Stimme fort, »daß ich damit nützlich sein kann, wenn ich mich töte und daß, wenn Sie hier vieles gemacht haben und man die Schuldigen sucht, so erschieße ich mich plötzlich und hinterlasse einen Brief, daß ich alles getan habe, so daß man Sie ein Jahr lang nicht verdächtigen wird.«
»Wenn auch nur ein paar Tage lang nicht. Auch ein Tag ist schon kostbar!«
»Gut. So sagte man mir, daß ich, wenn ich will, warten soll. Ich sagte, ich werde warten, bis man mir die Frist von der Gesellschaft aus sagt, weil mir doch alles einerlei ist.«
»Ja, aber vergessen Sie nicht, Sie verpflichteten sich noch, diesen letzten Brief vor dem Tode nicht anders als mit mir zusammen zu schreiben -- und, daß Sie, wenn Sie in Rußland angekommen sein würden, in meiner, ... na, mit einem Worte, zu meiner Verfügung stehen, das heißt, versteht sich, nur in dieser einen Beziehung ... In allen anderen sind Sie natürlich vollkommen frei,« fügte Pjotr Stepanowitsch fast liebenswürdig hinzu.
»Ich habe mich nicht verpflichtet, war nur einverstanden, weil es mir einerlei ist.«
»Vorzüglich, vorzüglich, ich habe nicht die geringste Absicht, Ihre Eigenliebe zu verletzen, aber ...«
»Hier ist gar keine Eigenliebe.«
»Aber vergessen Sie nicht, daß man Ihnen hundertundzwanzig Taler zur Reise gegeben hat, also haben Sie Geld genommen.«
»Gar nicht,« fuhr Kirilloff auf, »das Geld war gar nicht dafür! Das tut man nicht für Geld.«
»Zuweilen tut man es doch.«
»Sie lügen! Ich habe brieflich aus Petersburg alles erklärt, und in Petersburg habe ich Ihnen hundertundzwanzig Taler zurückgezahlt, Ihnen in die Hand ... und die sind dorthin zurückgeschickt, wenn Sie sie nicht bei sich behalten haben.«
»Gut, gut, ich will nicht widersprechen, sie sind zurückgeschickt. Die Hauptsache ist ja nur, daß Sie noch dieselben Gedanken haben, wie früher.«
»Dieselben. Wenn Sie kommen und sagen: >jetzt<, dann werde ich alles erfüllen. Wie -- wird es sehr bald sein?«
»Nicht mehr viele Tage ... Aber vergessen Sie nicht: den Brief schreiben wir zusammen, in derselben Nacht.«
»Meinetwegen auch am Tage. Sie sagten, ich muß die Proklamationen auf mich nehmen?«
»Und noch einiges.«
»Ich nehme nicht alles auf mich.«
»Was werden Sie denn nicht auf sich nehmen?« Pjotr Stepanowitsch erschrak wieder.
»Das, was ich nicht will. Genug jetzt. Ich mag nicht mehr davon sprechen.«
Pjotr Stepanowitsch bezwang sich und änderte das Gespräch.
»Ich rede jetzt von etwas anderem,« schickte er voraus, »werden Sie heute Abend zu den Unsrigen kommen? Wirginski feiert seinen Namenstag, und unter diesem Vorwande versammelt man sich.«
»Nein, ich will nicht.«
»Nun, seien Sie schon so liebenswürdig und kommen Sie. Es ist unbedingt nötig. Man muß Eindruck machen mit der Zahl wie mit dem Gesicht ... Sie aber haben so ein Gesicht ... nun, mit einem Wort, Sie haben ein fatales Gesicht.«
»Sie finden?« Kirilloff lachte. »Gut, ich komme; aber nicht wegen des Gesichtes. Wann?«
»O, vielleicht schon etwas früher, um halb sieben. Und wissen Sie, Sie können hereinkommen, sich setzen und mit keinem einzigen ein Wort sprechen, wie viele da auch sein mögen. Doch noch eines! Hören Sie: vergessen Sie nicht, ein Blatt Papier und einen Bleistift mitzunehmen.«
»Wozu das?«
»Aber Ihnen ist doch alles einerlei, und das ist nun einmal meine besondere Bitte. Sie werden also nur sitzen, mit niemandem sprechen, zuhören und hin und wieder so was wie Notizen machen, na -- zeichnen Sie meinetwegen.«
»Welch ein Unsinn. Wozu?«
»Aber wenn Ihnen doch alles ganz egal ist? Sie sagen doch selbst immer, daß Ihnen alles egal ist.«
»Nein, wozu?«
»Na, weil ein bestimmtes Mitglied des Bundes, der Revisor, sich in Moskau niedergelassen hat, und ich habe da einigen gesagt, daß er vielleicht erscheinen wird. Sie werden dann denken, daß Sie dieser Revisor sind. Und da Sie schon drei Wochen hier sind, so wird man sich noch mehr wundern.«
»Albernheiten. Sie haben ja überhaupt keinen Revisor in Moskau ...«
»Na, meinetwegen nicht, hol ihn der Teufel, aber was macht denn Ihnen das aus? Sie sind doch immerhin auch ein Glied des Bundes.«
»Sagen Sie ihnen meinetwegen, daß ich der Revisor bin, ich werde sitzen und schweigen, aber Papier und Bleistift will ich nicht.«
»Ja, warum denn nicht?«
»Ich will nicht.«
Pjotr Stepanowitsch ärgerte sich dermaßen, daß er ganz fahl im Gesicht wurde, bezwang sich aber wieder; er stand auf und nahm seinen Hut.
»Und jener -- ist bei Ihnen?« fragte er plötzlich halblaut.
»Ja, bei mir.«
»Das ist gut. Ich werde ihn bald wieder fortschaffen, beunruhigen Sie sich nicht.«
»Ich beunruhige mich gar nicht. Er schläft nur hier. Die Alte ist im Krankenhaus. Die Schwiegertochter ist gestorben; ich bin zwei Tage allein. Ich habe ihm eine Stelle im Zaun gezeigt, wo er ein Brett herausnehmen kann; er kriecht durch, niemand sieht ihn.«
»Ich werde ihn schon bald nehmen.«
»Er sagte, daß er viele Stellen hat, wo er übernachten kann.«
»Das lügt er, man sucht ihn, hier aber ist es noch unverdächtig. Lassen Sie sich denn mit ihm in Gespräche ein?«
»Ja, die ganze Nacht. Er schimpft sehr auf Sie. Ich lese ihm in der Nacht die Apokalypse vor. Und Tee. Er hört aufmerksam zu, sogar sehr, die ganze Nacht.«
»Zum Teufel, Sie bekehren ihn mir noch zum Christentum!«
»Er ist auch so schon Christ. Seien Sie unbesorgt, er wird schon erstechen. Wen wollen Sie ermorden lassen?«
»Nein, ich habe ihn nicht zu dem Zweck ... ich brauche ihn zu etwas anderem ... Aber Schatoff, weiß der etwas von Fedjka?«
»Ich spreche nicht mit Schatoff, ja, und sehe ihn auch gar nicht.«
»Ärgert sich wohl über Sie, was?«
»Nein, wir ärgern uns nicht, wir wenden uns nur ab. Haben zu lange in Amerika zusammen auf dem Stroh gelegen.«
»Ich werde jetzt gleich zu ihm gehen.«
»Wie Sie wollen.«
»Vielleicht komme ich mit Stawrogin auf einen Augenblick auch zu Ihnen, auf dem Rückwege von dort, so um zehn Uhr.«
»Kommen Sie.«
»Ich muß über Wichtiges mit ihm sprechen. Wissen Sie was, schenken Sie mir Ihren Ball -- wozu brauchen Sie ihn jetzt noch? Ich will ihn gleichfalls zur Gymnastik. Übrigens kann ich Ihnen ja auch Geld für ihn zahlen, wenn Sie wollen.«
»Nehmen Sie ihn so.«
Pjotr Stepanowitsch steckte den Ball in die hintere Rocktasche.
»Aber ich gebe Ihnen nichts gegen Stawrogin,« sagte Kirilloff plötzlich leise, während er den Gast hinausließ.
Der sah ihn erstaunt an, doch sagte er nichts.
Die letzten Worte Kirilloffs verwirrten Pjotr Stepanowitsch nicht wenig, aber er begriff sie noch nicht ganz. Doch jedenfalls strengte er sich an, auf dem Wege zu Schatoff sein unzufriedenes Gesicht in ein freundliches zu verwandeln. Schatoff war zu Hause und lag, da er sich nicht wohlfühlte, auf dem Bett, war aber vollkommen angekleidet.
»Das ist aber ein Pech!« rief Pjotr Stepanowitsch von der Tür aus. »Sind Sie ernstlich krank?«
Der liebenswürdige Ausdruck seines Gesichts verschwand plötzlich: etwas Böses blitzte in seinen Augen.
»Durchaus nicht,« rief Schatoff, nervös aufspringend. »Ich bin keineswegs krank, habe nur ein wenig Kopfschmerzen.«
Er war sogar sichtlich befangen, denn das plötzliche Erscheinen gerade dieses Menschen erschreckte ihn.
»Ich bin in einer Angelegenheit zu Ihnen gekommen, zu der Kranksein nicht paßt,« begann Pjotr Stepanowitsch schnell und gewissermaßen gebieterisch. »Erlauben Sie, daß ich mich setze,« -- er setzte sich auf einen Stuhl -- »und Sie, legen Sie sich mal wieder auf Ihre Pritsche. Heute werden sich die Unsrigen bei Wirginski versammeln, er feiert seinen Namenstag, und das dient als Vorwand. Aber es ist schon alles vorgesehen, damit es keine andere Nuance annimmt. Ich werde mit Nicolai Stawrogin hinkommen. Selbstverständlich würde ich Sie jetzt nicht dorthin ziehen, da ich ja Ihre jetzigen Anschauungen kenne ... das heißt, ich meine -- um Sie nicht zu reizen, und nicht etwa, weil wir von Ihnen angezeigt zu werden fürchten. Aber leider hat es sich so gemacht, daß Sie hinkommen müssen. Sie werden dort diejenigen treffen, mit denen wir dann endgültig beraten können, wie es für Sie möglich ist, aus dem Verbande auszuscheiden, und wem Sie das abgeben sollen, was Sie von uns besitzen. Wir machen es ganz unauffällig: ich werde Sie in eine Ecke führen, denn es sind dort viele Menschen, die nichts davon zu wissen brauchen. Ich muß gestehen, ich habe Ihretwegen meine Zunge gehörig anstrengen müssen, glaube aber, daß sie jetzt vollkommen einverstanden sind, Sie frei zu geben, versteht sich, unter der Bedingung, daß Sie die Druckmaschine und alle Papiere abliefern. Dann sind Sie frei und können gehen, wohin Sie wollen, nach allen vier Himmelsrichtungen.«
Schatoff hörte ihm finster und böse zu. Seine erste nervöse Aufregung war vollständig vergangen.
»Ich erkenne diese Pflicht, weiß der Teufel wem da Rechenschaft geben zu müssen, nicht an,« sagte er schroff. »Niemand kann mich >frei geben<.«
»Das ist doch wohl nicht ganz so. Man hat Ihnen vieles anvertraut. Sie hatten nicht das Recht, so abzubrechen. Und schließlich haben Sie sich niemals klar darüber ausgedrückt.«
»Als ich hierher kam, habe ich es Ihnen klar und deutlich geschrieben.«
»Nein, nicht klar und deutlich,« bestritt Pjotr Stepanowitsch ruhig. »Ich schickte Ihnen zum Beispiel >Die helle Persönlichkeit<, damit Sie das Gedicht drucken und die Exemplare hier irgendwo bei sich aufbewahren, bis sie abverlangt werden würden. Dazu noch zwei Proklamationen. Sie schickten alles mit einem zweideutigen Brief zurück, der eigentlich nichts sagte.«
»Ich habe mich offen und ehrlich geweigert, es zu drucken.«
»Nein, nicht offen. Sie schrieben: >ich kann nicht<, aber Sie sagten nicht, warum Sie nicht können. >Ich kann nicht< heißt nicht >ich will nicht<. Man konnte also denken, daß Sie einfach aus materiellen Gründen nicht können. So hat man es denn auch aufgefaßt, -- daß Sie immerhin einverstanden sind, in dem Verbande zu bleiben und man Ihnen wieder etwas anvertrauen, also sich gegebenenfalls bloßstellen kann. Einige sagen, daß Sie uns offenbar haben betrügen wollen, um zu denunzieren, sobald Sie irgendeine wichtigere Mitteilung erhielten. Ich habe Sie natürlich verteidigt, wie ich nur konnte, und zeigte Ihre briefliche Antwort vor, jene zwei Zeilen, als ein Dokument zu Ihrer Rechtfertigung. Aber ich mußte selbst zugeben, als ich den Brief dann nochmals las, daß er wirklich nicht eindeutig ist und leicht irreführen kann.«
»Sie haben diesen Brief so sorgfältig verwahrt?«
»Das hat weiter nichts zu sagen, daß er sich noch erhalten hat. Ich habe ihn auch jetzt bei mir.«
»Eh, machen Sie doch damit, was Sie wollen, zum Teufel! ...« schrie Schatoff zornig auf. »Mögen doch Ihre Dummköpfe meinetwegen glauben, daß ich denunziert habe, was geht das mich an! Ich möchte bloß sehen, was Sie mir anhaben können!«
»Man würde Sie sich notieren und beim ersten Erfolg der Revolution aufknüpfen.«
»Das heißt, dann, wenn Ihr die Macht ergriffen und Rußland besiegt habt?«
»Lachen Sie nicht. Ich wiederhole, daß ich Sie verteidigt habe. Aber wie dem auch sei, ich würde Ihnen doch raten, heute hinzukommen. Wozu so viele unnütze Worte aus irgendeinem falschen Stolz? Ist es nicht besser, friedlich auseinander zu gehen? Jedenfalls werden Sie doch das Gestell, die alten Buchstaben und das Papier abgeben müssen, und gerade darüber wollen wir ja sprechen.«
»Ich werde kommen,« brummte Schatoff endlich, nachdenklich den Kopf gesenkt.
Pjotr Stepanowitsch beobachtete ihn heimlich von seinem Platze aus.
»Wird Stawrogin dort sein?« fragte Schatoff plötzlich und erhob den Kopf.
»Unbedingt.«
»Ha--ha!«
Wieder schwiegen sie. Schatoff lächelte verächtlich und gereizt.
»Und diese Ihre erbärmliche >helle Persönlichkeit<, die ich hier nicht drucken wollte -- ist die jetzt gedruckt?«
»Ja, sie ist gedruckt.«
»Gymnasistoff versichert, daß Herzen sie Ihnen persönlich ins Album geschrieben haben soll?«
»Ja, Herzen persönlich.«
Wieder schwiegen sie eine lange Zeit. Endlich stand Schatoff von seinem Bette auf.
»Gehen Sie fort von mir, ich will nicht mit Ihnen zusammensitzen.«
»Ich gehe schon,« sagte Pjotr Stepanowitsch gleichsam lustig und erhob sich schnell. »Nur noch ein Wort: Kirilloff scheint jetzt ganz allein im Flügel zu wohnen, ohne Aufwartefrau?«
»Ja, ganz allein. Gehen Sie, ich kann nicht mit Ihnen in einem Zimmer sein.«
»Na, du bist ja jetzt vorzüglich!« dachte Pjotr Stepanowitsch heiter, als er auf der Straße war. »Wirst ja heute abend gut sein, und so brauch ich dich gerade, besser könnte ich's gar nicht wünschen, gar nicht wünschen! Der russische Gott scheint ja selber noch zu helfen!«
VII.
Es ist anzunehmen, daß ihm an diesem vielgeschäftigen Tage alles gut gelang, denn als er am Abend um sechs Uhr bei Nicolai Stawrogin erschien, drückte sich auf seinem Gesicht volle Selbstzufriedenheit aus. Man ließ ihn jedoch nicht sofort vor: Stawrogin hatte gerade Besuch: Mawrikij Nicolajewitsch war bei ihm, in seinem Arbeitszimmer. Das gefiel nun Pjotr Stepanowitsch äußerst wenig und bereitete ihm sogleich Sorge. Er setzte sich dicht neben die Tür hin, um den Gast, wenn dieser das Zimmer verließ, sehen zu können. Die Stimmen der beiden konnte er hören, doch die Worte ließen sich nicht unterscheiden. Der Besuch Drosdoffs dauerte nicht lange: alsbald vernahm er das Geräusch von fortgeschobenen Stühlen, eine laute, erregte Stimme, und dann öffnete sich auch schon die Türe. Mawrikij Nicolajewitsch trat mit bleichem Gesicht heraus und ging schnell an Pjotr Stepanowitsch vorüber, ohne ihn zu bemerken. Dieser lief sofort ins Arbeitszimmer.
Doch zunächst muß ich jetzt berichten, was während dieses äußerst kurzen Zusammenseins der beiden »Nebenbuhler« vorging -- während dieses Besuches, den man aus gewissen Gründen, im Hinblick auf die besonderen Verhältnisse, für unmöglich halten mußte, und der doch stattfand.
Nicolai Wszewolodowitsch hatte sich nach dem Essen in seinem Arbeitszimmer auf dem Diwan ausgestreckt und war halb eingeschlummert, als plötzlich der alte Diener Alexei Jegorowitsch eintrat und den unerwarteten Besuch Mawrikij Nicolajewitsch Drosdoffs meldete. Als Stawrogin diesen Namen hörte, sprang er sogar auf und wollte es zuerst gar nicht glauben. Doch alsbald legte sich ein Lächeln um seine Lippen -- ein Lächeln hochmütigen Triumphes und zu gleicher Zeit wie einer gewissen stumpfen, mißtrauischen Verwunderung. Den eintretenden Mawrikij Nicolajewitsch machte dieses Lächeln, wie es schien, stutzig, wenigstens blieb er plötzlich mitten im Zimmer stehen, als sei er unentschlossen -- sollte er weitergehen, oder umkehren? Doch Stawrogins Miene hatte sich bereits wieder verändert und er trat dem Gast sogar entgegen. Mawrikij Nicolajewitsch übersah freilich die entgegengestreckte Hand, zog einen Stuhl heran und setzte sich, ohne ein Wort zu sagen, noch bevor ihn Stawrogin dazu aufgefordert hatte. Dieser setzte sich darauf ihm gegenüber auf den Diwan, und während er seinen Gast aufmerksam betrachtete, schwieg er und wartete.
»Wenn es Ihnen möglich ist, so heiraten Sie Lisaweta Nicolajewna,« sagte plötzlich Mawrikij Nicolajewitsch, und zwar so, daß man, was das Merkwürdigste war, aus der Stimme, der Intonation überhaupt nicht heraushören konnte, was das nun war: eine Bitte, eine Empfehlung, eine Abtretung, oder ein Befehl.
Stawrogin fuhr fort zu schweigen. Doch Drosdoff schien bereits alles gesagt zu haben, was er sagen wollte, und sah jetzt, in Erwartung einer Antwort, starr vor sich hin.
»Wenn ich mich nicht irre, was mir jetzt ausgeschlossen erscheint, so ist Lisaweta Nicolajewna schon mit Ihnen verlobt,« sagte Stawrogin endlich.
»Ja, sie hat sich mit mir verlobt,« bestätigte fest und deutlich Mawrikij Nicolajewitsch.
»Sie ... haben sich entzweit ... Verzeihen Sie, Mawrikij Nicolajewitsch --«
»Nein, sie >liebt und achtet< mich, nach ihren eigenen Worten. Und ihre Worte gehen mir über alles.«
»Daran ist selbstredend nicht zu zweifeln.«
»Aber wenn sie mit mir schon in der Kirche vor dem Altar stünde und Sie sie riefen, so würde sie doch mich und alle verlassen und zu Ihnen gehen.«
»Vom Altar?«
»Ja, vom Altar.«
»Täuschen Sie sich nicht?«
»Nein. Unter ihrem Haß, dem aufrichtigsten und stärksten Haß, den sie für Sie empfindet, lodert doch jeden Augenblick ihre Liebe hervor, und ... ihr Wahnsinn ... die größte, die grenzenloseste Liebe und -- wie gesagt: ihr Wahnsinn! Andererseits aber, aus der Liebe, die sie für mich empfindet, gleichfalls aufrichtig empfindet, bricht immer und immer wieder der Haß -- der allergrößte Haß hervor. Ich hätte früher alle diese ... Metamorphosen nie für möglich gehalten.«
»Mich wundert nur, wie Sie so einfach über Lisaweta Nicolajewnas Hand verfügen können? Haben Sie ein Recht dazu? Oder sind Sie von ihr bevollmächtigt?«
Mawrikij Nicolajewitschs Gesicht verfinsterte sich und er senkte auf einen Augenblick den Kopf.
»Wozu diese Phrasen?« fragte er plötzlich. »Das sind doch nur rachsüchtige Worte von Ihnen. Ich bin überzeugt, daß Sie das Nichtausgesprochene sehr wohl verstehen. Und ist denn hier Platz für kleinliche Eitelkeit? Ist das noch zu wenig Genugtuung für Sie? Soll man denn noch den Punkt aufs i setzen? Nun gut, dann werde ich auch noch den Punkt aufs i setzen, wenn Sie meine Erniedrigung so wünschen. Also: Ein Recht dazu habe ich nicht; eine Bevollmächtigung ist doch ausgeschlossen. Lisaweta Nicolajewna weiß nichts davon, ihr Verlobter aber hat den letzten Verstand verloren und ist fürs Irrenhaus reif und obendrein -- obendrein kommt er noch selbst und teilt Ihnen das mit. In der ganzen Welt sind es nur Sie allein, der Lisa wirklich glücklich machen kann! Und nur ich allein, der sie unglücklich machen kann! Sie wollen sie niemandem abtreten, Sie verfolgen sie, aber Sie heiraten sie nicht. Ich weiß nicht, warum Sie das nicht tun. Liegt hier ein Mißverständnis vor, das vielleicht schon im Auslande entstanden ist, oder ein Liebesstreit, und muß man, um ihn beilegen zu können, etwa -- mich ausstreichen ... so tun Sie es. Sie ist zu unglücklich, und das kann ich nicht mehr ertragen. Was ich sage, soll Ihnen nichts vorschreiben, und darum kann auch Ihre Eigenliebe gar nicht verletzt sein. Wenn Sie meinen Platz am Altar einnehmen wollten, so könnten Sie das ohne jegliche >Erlaubnis< meinerseits tun, und ich hätte es mir sparen können, so zu Ihnen zu kommen. Um so mehr, als unsere Hochzeit nach meiner jetzigen Handlungsweise sowieso unmöglich geworden ist. Ich kann sie doch nicht mehr zum Altar führen, nachdem ich hier so gehandelt, so gemein gehandelt habe. Denn das, was ich hier tue, daß ich sie Ihnen, vielleicht ihrem schlimmsten Feinde, einfach übergebe, ist meiner Meinung nach eine solche Gemeinheit, daß ich sie selbstverständlich nicht werde überleben können.«
»Sie werden sich erschießen, wenn man uns traut?«
»Nein, erst viel später. Warum soll ich mit meinem Blut ihr Hochzeitskleid beflecken? Vielleicht werde ich mich auch nicht erschießen, weder jetzt, noch später.«
»Mit diesem Nachsatz wollen Sie mich wohl beruhigen?«
»Sie beruhigen? Was macht Ihnen denn ein Tropfen mehr verspritzten Blutes aus?«
Er erbleichte und seine Augen begannen zu brennen. Sie schwiegen beide eine Zeitlang.
»Verzeihen Sie mir, bitte, die an Sie gestellten Fragen,« begann Stawrogin von neuem. »Zu einigen hatte ich durchaus kein Recht, doch um so mehr habe ich das, glaube ich, zu einer anderen Frage: sagen Sie mir, was Sie eigentlich veranlaßt hat, in mir solche Gefühle zu Lisaweta Nicolajewna vorauszusetzen? Ich meine, daß Sie so überzeugt waren, um zu mir kommen zu können ... und solch einen Antrag zu wagen?«
»Wie?« Mawrikij Nicolajewitsch zuckte zusammen. »-- Haben Sie denn nicht bei ihr angehalten? Werben Sie denn jetzt nicht um sie und wollen Sie es auch später nicht tun?«
»Über meine Gefühle zu dieser oder jener Frau vermag ich nicht laut zu einem Dritten zu sprechen, zu wem es auch sei, außer zu dieser Frau selbst. Verzeihen Sie, aber das ist nun einmal meine Eigenart. Doch dafür werde ich Ihnen die ganze übrige Wahrheit sagen: ich bin bereits verheiratet, und so ist mir ein Heiraten oder >Werben< schon nicht mehr möglich.«[45]
Mawrikij Nicolajewitsch fuhr förmlich zurück vor Bestürzung, und starrte Stawrogin eine Weile unbeweglich ins Gesicht.
»Denken Sie sich ... das habe ich wirklich nicht gedacht,« murmelte er endlich. »Sie sagten an jenem Morgen, daß Sie nicht verheiratet seien ... und so glaubte ich, Sie wären wirklich unverheiratet.«
Er erblaßte unheimlich. Plötzlich schlug er aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.
»Wenn Sie nach solch einem Bekenntnis Lisaweta Nicolajewna nicht in Ruhe lassen und sie ins Unglück bringen, so schlage ich Sie tot, wie einen Hund hinterm Zaun!«
Damit sprang er auf und verließ das Zimmer. Pjotr Stepanowitsch lief schnell hinein -- fand aber den Hausherrn in einer von ihm völlig unerwarteten Gemütsverfassung.
»Ah, das sind Sie!« rief Stawrogin und lachte laut auf --, lachte, wie es schien, nur über die Erscheinung Pjotr Stepanowitschs, der mit so maßlos neugierigem Gesicht hereingeeilt kam.
»Haben Sie an der Tür gehorcht? Warten Sie, warum sind Sie doch jetzt gekommen? Habe ich Ihnen nicht irgend etwas versprochen ... Ach, richtig! ich weiß schon: zu den >Unsrigen<! -- Gehen wir! Freut mich sehr, Sie hätten sich wirklich nichts Besseres für diesen Augenblick ausdenken können.«
Er nahm seinen Hut und sie verließen sogleich das Haus.
»Sie lachen schon im voraus über die >Unsrigen<?« fragte Pjotr Stepanowitsch lustig scharwenzelnd, indem er bald versuchte, neben seinem Begleiter auf dem schmalen Fußsteig zu gehen, bald wiederum auf der schmutzigen Fahrstraße lief, denn Stawrogin bemerkte es nicht, daß er in der Mitte des Fußsteiges ging und folglich den ganzen Platz mit seiner Person einnahm.
»Ich lache durchaus nicht,« antwortete Nicolai Wszewolodowitsch laut und heiter. »Ich bin im Gegenteil überzeugt, daß Sie dort die ernstesten Leute haben.«
»>Die ernsten Dummköpfe<, wie Sie sich einmal auszudrücken beliebten.«
»Es gibt nichts Lustigeres, als manch einen ernsten Dummkopf.«
»Ah, Sie denken an Mawrikij Nicolajewitsch! Bin überzeugt, daß er zu Ihnen gekommen war, um seine Braut abzutreten -- wie? Das habe ich ihm indirekt eingeblasen, wenn Sie es wissen wollen! Und wenn er sie nicht abtreten will, so nehmen wir sie eigenmächtig -- wie?«
Pjotr Stepanowitsch wußte natürlich, was er wagte, wenn er sich solche Reden erlaubte; doch lieber wagte er schon alles, als daß er die Ungewißheit noch länger ertrug. Nicolai Wszewolodowitsch aber lachte nur.
»Und Sie beabsichtigen immer noch, mir zu helfen?« fragte er.
»Sobald Sie rufen. Aber wissen Sie auch, daß es einen anderen, noch viel besseren Weg gibt?«
»Ich kenne Ihren Weg.«
»Nun, nein, der ist vorläufig noch ein Geheimnis. Nur vergessen Sie nicht, daß das Geheimnis Geld kostet.«
»Ich weiß auch, wieviel es kostet,« brummte Stawrogin vor sich hin, bezwang sich aber sofort und verstummte.
»Wie viel? Wie? Was sagten Sie?« fuhr Pjotr Stepanowitsch auf.
»Ich sagte: zum Teufel mit Ihnen samt dem Geheimnis. Sagen Sie mir lieber, wer dort sein wird. Ich weiß, daß wir zum Namensfest gehen, aber wen wird man dort eigentlich antreffen?«
»Oh, alle möglichen Leute! Sogar Kirilloff wird dort sein.«
»Alles Mitglieder von Gruppen?«
»Teufel noch eins, Sie beeilen sich aber! Hier hat sich noch nicht einmal eine einzige Gruppe gebildet.«
»Wie haben Sie denn so viele Proklamationen verbreiten können?«
»Dort werden im ganzen nur vier Mitglieder der Gruppe sein. Die übrigen bespionieren sich mittlerweile um die Wette, und teilen mir alles mit. Wirklich vielversprechendes Volk! Alles Material, das man organisieren muß und dann kann man sich aus dem Staube machen. Aber Sie haben ja selbst unser Gesetzbuch geschrieben. Da braucht man Ihnen doch nichts mehr zu erklären.«
»Nun wie, es geht wohl schwer? Ist es mißglückt?«
»Wie es geht? Wie man es sich leichter gar nicht wünschen kann. Warten Sie, ich werde Sie zum Lachen bringen! Also, das erste, das ungeheuer wirkt -- das ist die Montur. Es gibt nichts, das eine größere Zugkraft hätte, als diese. Ich denke mir absichtlich Titel und Posten aus: habe da Sekretäre, Geheime Kundschafter, Vorsitzende, Registratoren, deren Gehilfen -- das gefällt ungemein und wirkt vorzüglich. Darauf, die zweite Kraft, das ist die Sentimentalität, versteht sich. Wissen Sie, der Sozialismus verbreitet sich ja bei uns hauptsächlich infolge der Sentimentalität der Leute. Nur eines ist hier ein wahrer Jammer -- das sind diese beißenden Leutnants. Da ist man nie sicher. Dann kommen die echten Spitzbuben. Nun, das ist ein guter Schlag, zuweilen ungemein vorteilhaft, doch muß man viel Zeit auf sie vergeuden: verlangen ununterbrochene Aufsicht. Na, und dann natürlich die Hauptkraft -- der Zement, der alles zusammenhält -- das ist die Schande, eine eigene Meinung zu haben. Ich sag' Ihnen, das ist mir mal eine Kraft! Wer das nur so eingerichtet haben mag? und welcher >liebe Kerl< uns da wohl so nett vorgearbeitet hat, daß auch wirklich keine einzige eigene Idee in irgendeinem Kopf geblieben ist! Halten so was geradezu für eine Schande.«
»Aber wenn es so ist, wozu mühen Sie sich dann noch?«
»Ja aber, wenn es doch so einfach ist, öffnet sich ja der Mund von selber -- wie soll man sie da nicht schlucken! Als ob Sie im Ernst nicht glaubten, daß ein Erfolg möglich ist? He, der Glaube ist ja da, aber das Wollen fehlt. Aber gerade mit solchen ist der Erfolg nur möglich. Ich sage Ihnen, sie gehen mir durchs Feuer -- man braucht ihnen nur zu sagen, daß sie nicht genügend liberal sind. Die Esel werfen mir übrigens vor, daß ich sie alle mit einem >Zentralkomitee< und >zahllosen Verzweigungen< beschwindelt haben soll. Sie selbst haben es mir ja auch einmal vorgeworfen -- aber wie kann denn hier von Beschwindeln die Rede sein? Das Zentralkomitee sind doch -- ich und Sie, und an Verzweigungen werden alsbald so viele vorhanden sein, wie man sich nur wünscht.«
»Und durchweg solches Pack?«
»Nur Material. Auch dies wird zustatten kommen.«
»Sie rechnen noch immer auf mich?«
»Sie sind der Führer, Sie sind die Kraft; ich werde nur seitlich neben Ihnen stehen als Sekretär. Und dann, wissen Sie, setzen wir uns >in eine Barke und die Ruder sind aus Eichenholz und die Segel sind aus Seidenzeug, und außerdem sitzt da die schöne Braut, die lichte Lisaweta Nicolajewna< ... oder weiß der Teufel wie es da im alten Volkslied heißt ...«
»Und stocken schon,« lachte Stawrogin. »Nein, ich werde Ihnen einen besseren Zusatz sagen. Sie zählen da an den Fingern her, aus welchen Kräften sich die Gruppen zusammensetzen? Das ist doch alles Beamtengeist und Sentimentalität -- meinetwegen auch ein guter Kleister, aber es gibt doch einen noch weit besseren: bereden Sie mal vier Mitglieder, dem fünften den Garaus zu machen, unter dem Vorwand, daß er denunzieren wird, und Sie binden sie alle mit dem vergossenen Blut wie mit einem Strick zusammen. Dann werden sie zu Ihren Sklaven und werden nie mehr wagen, widerspenstig zu sein oder Abrechnungen zu verlangen. Ha--ha--ha!«
»Also so bist du ... na warte ... diese Worte wirst du mir bezahlen müssen,« dachte Pjotr Stepanowitsch bei sich -- »und zwar noch heute abend.«
So, oder fast so mußte Pjotr Stepanowitsch bei sich denken.
Inzwischen hatten sie den Weg zum Wirginskischen Hause schon zurückgelegt -- das Haus war schon zu sehen.
»Sie haben mich natürlich als irgendein großes Tier hingestellt -- mit Beziehungen zur Internationale, oder als Revisor?« fragte plötzlich Stawrogin.
»Nein, nicht als Revisor; der Revisor wird ein anderer sein. Aber Sie sind der Gründer, der Anordner aus dem Auslande, der die wichtigsten Geheimnisse kennt -- das ist Ihre Rolle. Sie werden natürlich reden?«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Sie sind jetzt verpflichtet zu reden.«
Stawrogin blieb vor Verwunderung sogar mitten auf der Straße stehen, nicht weit von einer Laterne. Pjotr Stepanowitsch hielt frech und ruhig seinen Blick aus. Stawrogin spie aus und ging weiter.
»Werden Sie denn reden?« fragte er plötzlich Pjotr Stepanowitsch.
»Nein, ich werde lieber zuhören, wenn Sie reden.«
»Der Teufel hole Sie! ... Aber Sie geben mir wirklich eine Idee!«
»Was für eine?« Pjotr Stepanowitsch horchte sofort auf.
»Ich werde dort meinetwegen reden, aber dafür werde ich Sie dann nachher durchprügeln, aber gründlich.«
»Bei der Gelegenheit: ich habe vorhin Karmasinoff gesagt, Sie hätten einmal über ihn geäußert, daß man ihm kräftig Ruten geben müßte, und zwar nicht um der Ehre willen, sondern einfach, wie man einen Burschen drischt, schmerzhaft.«
»Aber das habe ich doch nie gesagt, ha--ha!«
»Macht nichts. Se non è vero.«
»Nun, danke, besten Dank.«
»Aber wissen Sie, was dieser Karmasinoff noch sagte: daß unsere Lehre im Grunde genommen die Verneinung der Ehre ist, und daß man mit dem öffentlichen Recht auf Ehrlosigkeit einen Russen am leichtesten ködern kann.«
»Aber das ist ja eine ausgezeichnete Bemerkung! Ganz wunderbar!« rief Stawrogin. »Da hat er wirklich den Nagel gerade auf den Kopf getroffen! Das Recht auf Ehrlosigkeit -- aber dann laufen ja alle zu uns über, kein einziger bleibt dort! Übrigens hören Sie, Werchowenski, sind Sie nicht von der höheren Polizei?«
»Wer solche Fragen im Sinne hat, der spricht sie nicht aus.«
»Verstehe, aber wir sind ja jetzt unter uns.«
»Nein, vorläufig noch nicht von der höheren Polizei. Genug davon, wir sind schon angekommen. Komponieren Sie mal Ihre Physiognomie, Stawrogin. Ich tue das jedesmal, wenn ich bei diesen erscheine. Nur etwas mehr Finsterheit, und das ist alles, weiter braucht man nichts; sehr einfache Sache.«
Zwölftes Kapitel. Bei den Unsrigen
I.
Wirginski wohnte in seinem eigenen Hause, oder richtiger, in dem seiner Frau. Es war ein einstöckiges Holzgebäude, das keine anderen Mieter hatte. Unter dem Vorwande, daß der Hausherr seinen Namenstag feiern wolle, versammelten sich an diesem Abend bei ihm ungefähr fünfzehn Gäste, doch glich die kleine Abendgesellschaft sehr wenig den bei uns in der Provinz üblichen »Geburtstagsgesellschaften«. Das Ehepaar Wirginski war schon gleich zu Anfang seiner Ehe darin übereingekommen, daß »Geburtstage feiern« furchtbar dumm sei: es sei doch durchaus kein Grund vorhanden, sich an solchen Tagen besonders zu freuen! Und da sie diesen Grundsatz schließlich auch auf alle anderen Festtage übertrugen, so war es ihnen schon in ein paar Jahren gelungen, ohne jeden Verkehr zu leben. Wirginski kam zudem den Leuten wirklich nur wie ein Sonderling vor, der bloß die Einsamkeit liebte und zum Überfluß noch »anmaßend« erschien -- warum »anmaßend«, das weiß ich allerdings nicht. Frau Wirginski aber stand, da sie Hebamme war, gesellschaftlich sowieso sehr niedrig -- und hinzu kam dann noch ihr dummes und unverzeihlich offenes Verhältnis zu dem »Hauptmann« Lebädkin, das sie eigentlich nur »aus Prinzip« begonnen hatte. Nachdem dieses Verhältnis bekannt geworden war, wandten sich selbst unsere nachsichtigsten Damen mit deutlicher Verachtung von ihr ab. Frau Wirginskaja aber tat noch, als hätte sie gerade das nötig und wünsche es selber so. Bemerkenswert ist jedoch, daß dieselben strengdenkenden Damen sich in gewissen Fällen nur und ausschließlich an sie wandten, obgleich wir noch drei andere Hebammen in der Stadt hatten. Man schickte sogar aus den Kreisstädten nach Arina Prochorowna: so anerkannt und allgemein bekannt waren ihre Kenntnisse, war ihr Glück und ihre Geschicktheit in ihrem Beruf. Daher kam es denn ganz von selbst, daß sie ihre Praxis nur in den reichsten Häusern hatte: denn Geld liebte sie bis zur Habgier. Nachdem sie erst einmal ihre Macht erkannt hatte, tat sie auch ihrem Charakter keinen Zwang mehr an. Unser Stabsarzt Rosanoff beteuerte, daß Arina Prochorowna gerade in den Augenblicken, wenn ihre schwachnervigen Patientinnen alles Heilige anzurufen pflegen, plötzlich »wie ein Flintenschuß« mit einer unerhörten Blasphemie herausfahre, die dann gewöhnlich entscheidend auf die armen Frauen wirke. Übrigens vergaß Arina Prochorowna, wenn sie sonst auch Nihilistin war, doch nie gewisse alte Bräuche, die ihr etwas einbrachten. So hätte sie zum Beispiel für keinen Preis die Taufe des von ihr empfangenen Erdenbürgers versäumt: dann erschien sie stets in einem grünen Seidenkleide, das sogar eine Schleppe hatte, und mit eingelegten Locken, während sie sich sonst unglaublich nachlässig kleidete. Und wenn sie auch sonst unentwegt, ja sogar während der Erfüllung des Wunders der Geburt, ihre Frechheit zum Entsetzen aller Anverwandten bewahrte, so trug sie doch nach der Taufe sehr sittsam und eigenhändig den Champagner herein (nur zu dem Zweck erschien sie und putzte sie sich heraus) und dann hätte es einer nur versuchen sollen, ihr, nachdem er einen Pokal genommen, nicht das übliche Taufschmausgeld auf den Teller zu legen!
Die Gesellschaft -- fast nur Herren --, die sich diesmal bei Wirginski versammelt hatte, nahm sich eigentlich recht sonderbar aus. Es gab weder Imbiß noch Karten. Im großen Gastzimmer, das schon seit undenklich langer Zeit immer ein und dieselben alten blauen Tapeten hatte, waren zwei Tische zusammengerückt und mit einem großen, nicht einmal ganz sauberen Tischtuch bedeckt. Auf ihnen kochten zwei Samoware und stand ein riesiges Teebrett mit fünfundzwanzig Gläsern, sowie ein flacher Korb mit gewöhnlichem Weißbrot, das wie in Pensionen für junge Mädchen oder Knaben in viele, viele gleiche Stücke geschnitten war. Den Tee goß die Schwester der Hausfrau ein -- ein dreißigjähriges, hochblondes Fräulein, ohne Augenbrauen, sonst schweigsam, aber tödlich boshaft --, eine Dame, die gleichfalls die »neuesten Anschauungen« teilte und vor der Wirginski in seinem eigenen Hause zitterte. Außer der Hausfrau und ihrer augenbrauenlosen Schwester war noch ihre Schwägerin anwesend: Fräulein Wirginskaja, die gerade aus Petersburg eingetroffen war. Arina Prochorowna (Wirginskis Frau), an sich eine nicht häßliche Frau von siebenundzwanzig Jahren, saß, in einem wollenen Alltagskleide von grünlicher Farbe, am oberen Tischende und betrachtete die Gäste mit einem Blick, als wollte sie sagen: »Seht, wie ich mich vor nichts fürchte!« Wirginskis Schwester, die gleichfalls nicht häßlich aussah, dabei Studentin und Nihilistin, war rotwangig und rundlich wie ein kleiner Ball: sie saß halbwegs noch in ihren Reisekleidern neben Arina Prochorowna, mit irgendeiner Papierrolle in der Hand, und sah sich mit ungeduldigen, springenden Blicken die Gäste an. Wirginski fühlte sich an diesem Abend nicht ganz wohl, doch hatte er sich trotzdem in einem Lehnstuhl an den Teetisch gesetzt. Die Gäste saßen auf Stühlen um den ganzen Tisch herum, und in dieser steifen Gruppierung lag etwas, was nicht an ein Fest, sondern an eine Sitzung erinnerte. Ganz ersichtlich erwarteten alle irgend etwas, und wenn sie auch über alles mögliche laut miteinander sprachen, so merkte man doch sofort, daß es Nebensachen waren, die eigentlich niemanden interessierten: es war ein künstliches, gezwungenes Gespräch.
Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, verstummten plötzlich alle.
Zur besseren Übersicht werde ich wohl einige weitläufigere Erklärungen geben müssen.
Ich glaube, wie gesagt, daß sich damals alle in der angenehmen Hoffnung, etwas ganz besonders Interessantes zu erfahren, eingefunden hatten. Sie gehörten sämtlich zu den knallrotesten Liberalen unserer Stadt und waren von Wirginski zu dieser »Sitzung« sorgfältigst ausgesucht worden. Einige von ihnen waren noch nie bei Wirginski gewesen und hätten ihn auch sonst bestimmt nicht mit ihrem Besuche beehrt. Natürlich hatte die Mehrzahl der Gäste keine rechte Vorstellung davon, was eigentlich geschehen sollte: sie alle hielten damals Pjotr Stepanowitsch für einen vom ausländischen Verbande geschickten Auskundschafter, dem bestimmte Vollmachten gegeben worden waren -- eine Ansicht, die sich sofort und ganz plötzlich festgesetzt hatte und ihnen ungeheuer schmeichelte. Währenddessen aber gab es auch unter den versammelten Gästen einige, denen bereits ganz bestimmte Vorschläge gemacht worden waren. Pjotr Werchowenski war es inzwischen schon gelungen, bei uns eine ähnliche »Fünf« zu gründen, wie er es in Moskau getan hatte -- und außerdem noch eine, wie es sich jetzt erwiesen hat, in der Kreisstadt, unter den Offizieren. Es heißt sogar, daß er noch eine dritte im H--schen Gouvernement zustande gebracht habe. Die fünf Auserwählten saßen jetzt am großen Tisch und verstanden es vorzüglich, sich den Anschein der harmlosesten Leute zu geben. Es waren das -- da es heute kein Geheimnis mehr ist -- erstens: Liputin und Wirginski, dann dessen Schwager mit den trauernden Ohren, Schigaleff, ferner Lämschin und ein gewisser Tolkatschenko, ein sonderbarer Mensch, etwa vierzig Jahre alt, und bekannt wegen seiner Studien, die er am Volk, hauptsächlich an Spitzbuben und Banditen machte, und der absichtlich zu diesem Zweck (das heißt, nicht gerade ausschließlich zu diesem Zweck) in den schmutzigsten Schenken verkehrte und auch unter uns sich in schlechten Kleidern, Schmierstiefeln und Kernausdrücken am besten gefiel. Ein oder zweimal hatte ihn Lämschin auch zu Stepan Trophimowitsch mitgebracht, wo er jedoch nicht besonders gut abschnitt. In der Stadt erschien er gewöhnlich nur zeitweilig, meistens dann, wenn er wieder einmal ohne Stellung war. Diese fünf nun befanden sich in dem festen Glauben, eine »Fünf« zu bilden -- eine unter hunderten, tausenden gleicher »Fünfer-Gruppen«, die angeblich über ganz Rußland verstreut und alle von irgendeiner mächtigen »Zentrale« abhängig waren, welche wiederum ihrerseits mit der europäischen Revolutionsbewegung verbunden sein sollte. Nur muß ich zu meinem Bedauern hinzufügen, daß sogar schon damals Uneinigkeit zwischen ihnen herrschte. Die Sache war nämlich die, daß sie, die schon seit dem Frühling Pjotr Werchowenski erwarteten, der ihnen zuerst von Tolkatschenko und dann von Schigaleff angekündigt worden war, nun, als er endlich erschien, sofort auf seinen ersten Wink hin den von ihm geplanten Kreis oder die »Gruppe« gebildet hatten: kaum aber hatten sie sich zu ihrer »Fünf« zusammengeschlossen, als sie sich auch alle ohne Ausnahme irgendwie dadurch gekränkt fühlten, daß sie es getan hatten -- so schnell und ohne weitere Erwägung, im Grunde wohl nur deshalb, damit man von ihnen nicht sagen könne, sie hätten es nicht gewagt! Vor allem, so empfanden sie, hätte Pjotr Werchowenski ihre edle Heldentat doch auch wirklich schätzen und ihnen nun zur Belohnung wenigstens irgendein Hauptgeheimnis mitteilen müssen. Werchowenski aber dachte nicht einmal daran, ihre gerechte Neugier zu befriedigen, und erzählte so gut wie gar nichts, behandelte sie im Gegenteil mit Strenge und andererseits wiederum fast mit Nachlässigkeit. Das aber reizte natürlich die »Fünf«, und einer von ihnen, Schigaleff, stachelte denn auch schon die anderen auf, von ihm einen »Rechenschaftsbericht« zu fordern, allerdings nicht gleich heute bei Wirginski, denn dort gab es zu viele Fremde ...
Was aber diese Fremden betrifft, so glaube ich, daß die vorhin genannten Glieder der ersten »Fünf« geneigt waren, an jenem Abend bei Wirginski unter den Gästen noch andere Mitglieder anderer »Gruppen«, von denen sie nichts wußten und die derselbe Werchowenski vielleicht geheimnisvoll organisiert hatte, zu vermuten. So kam es denn, daß zu guter Letzt sich alle Gäste gegenseitig verdächtigten und ein jeder eine ganz besondere Haltung annahm, was denn der ganzen Versammlung etwas Irreführendes, ja zum Teil sogar Romantisches verlieh. Außerdem gab es da einen Major, einen vollkommen unschuldigen Menschen und nahen Verwandten Wirginskis, der uneingeladen zum Namenstage erschienen war. Der Hausherr beunruhigte sich nun freilich weiter nicht, denn der Major hätte »auf keine Weise denunzieren können«: trotz seiner Dummheit liebte es dieser Verwandte Wirginskis, dorthin zu gehen, wo es Liberale gab, doch nicht etwa, weil er deren Anschauungen teilte, sondern einfach, weil er ihnen gerne zuhörte. Und dazu war er selbst, von früher her, noch ein wenig kompromittiert: in seiner Jugend waren einmal ganze Lager revolutionärer Schriften durch seine Hände gegangen, und wenn er für seine Person sich auch gefürchtet hatte, sie auch nur aufzubinden, so würde er doch die Weigerung, die Gefälligkeit zu erweisen und sie zu verbreiten, für eine grenzenlose Gemeinheit gehalten haben -- solche Russen gibt es nun einmal und sogar heute noch. Die übrigen Gäste gehörten entweder zu dem Typ der »zu Galle gewordenen gekränkten Eigenliebe«, oder zu dem des »ersten edlen Ausbruchs feuriger Jugend«. Da waren auch zwei oder drei Lehrer, von denen der eine -- ein Lehrer am Gymnasium -- lahm und schon fünfundvierzig Jahre alt war, ein ungewöhnlich boshafter und eitler Mensch, und zwei oder drei Offiziere. Zu den letzteren gehörte ein ganz junger Artillerist, ein Fähnrich, der erst vor ein paar Tagen aus einer Kriegsschule gekommen war, ein netter, schweigsamer Jüngling. Noch hatte er in der Stadt keine einzige Bekanntschaft gemacht, und schon saß er bei Wirginski im Kreise der Eingeladenen mit einem Bleistift in der Hand und machte sich von Zeit zu Zeit in sein Taschenbuch irgendwelche Notizen. Alle sahen das, doch alle taten aus irgendeinem Grunde, als bemerkten sie es nicht. Außerdem war ein herumbummelnder Seminarist anwesend, der Lämschin geholfen hatte, jene schändlichen Photographien in den Sack der Bibelverkäuferin zu stecken, ein großer Bursche mit ungezwungenem Benehmen, jedoch immer etwas argwöhnisch, und mit einem ewig alles besser wissenden Lächeln, dabei aber von dem ruhigen Gehaben der siegenden Vollkommenheit, die für ihn in seiner Person verkörpert war. Ferner war, ich weiß nicht, weshalb, noch der Sohn unseres Stadthauptes zugegen, ein schändlicher, früh verlebter junger Mann. Der schwieg aber fast nur. Und schließlich war da noch ein achtzehnjähriger Gymnasiast, der mit der finsteren Miene eines in seiner Würde gekränkten jungen Mannes da saß und augenscheinlich unter seinen achtzehn Jahren litt. Dieser Bengel war schon der »Chef« einer Verschwörung der Oberprimaner, die sich, wie sich später zum allgemeinen Erstaunen herausstellte, im Gymnasium gebildet hatte, und zwar vollkommen selbständig. Beinahe hätte ich Schatoff vergessen, der am unteren Tischende saß, seinen Stuhl ein wenig aus der Reihe zurückgeschoben hatte, die ganze Zeit schwieg, auch für den Tee dankte, beständig zu Boden sah und seine Mütze nicht aus der Hand legte, als hätte er damit zu verstehen geben wollen, daß er nicht als Gast, sondern nur aus irgendwelchen sachlichen Gründen gekommen war, und, wenn es ihm einfiel, einfach aufstehen und fortgehen könne. Nicht weit von ihm hatte sich dann noch Kirilloff hingesetzt: dieser schwieg gleichfalls, doch sah er nicht zu Boden, sondern blickte im Gegenteil jedem, der da sprach, gerade ins Gesicht, mit seinem unbeweglichen, glanzlosen Blick, und hörte allen ohne die geringste Verwunderung vollkommen ruhig zu. Einige von den Gästen, die ihn noch nicht gesehen hatten, beobachteten ihn verstohlen. Es ist bis heute ungewiß, ob eigentlich Frau Wirginskaja etwas von der bestehenden »Fünf« wußte. Ich nehme an, daß sie durch ihren Mann über alles unterrichtet war. Die Studentin hatte natürlich von nichts eine Ahnung, doch dafür war sie mit ihrer eigenen Sorge beschäftigt: sie beabsichtigte, nur einen oder zwei Tage bei Wirginskis zu bleiben und dann weiter und weiter zu reisen, durch alle Universitätsstädte, um »Teilnahme an den Leiden der armen Studierenden zu erwecken und sie zum Protest aufzurufen«. Sie führte einige hundert Exemplare eines lithographierten, wenn ich mich nicht täusche, von ihr selbst verfaßten Aufrufs mit sich. Merkwürdigerweise begann der Gymnasiast die Studentin schon vom ersten Blick an zu hassen, und zwar gleich bis aufs Blut, ungeachtet dessen, daß er sie zum erstenmal im Leben sah, und sie erwiderte diesen Haß in genau demselben Maße. Der Major war ihr leiblicher Onkel, der sie vor gut zehn Jahren zum letztenmal gesehen hatte. Als Stawrogin und Werchowenski eintraten, waren ihre Wangen rot wie Preißelbeeren: sie hatte mit dem Onkel gerade über die Frauenfrage aufs heftigste gestritten.
II.
Werchowenski warf sich auffallend nachlässig auf einen Stuhl am oberen Tischende, fast ohne jemanden zu grüßen. Er sah mißgestimmt und sogar hochmütig aus. Stawrogin dagegen grüßte höflich die Anwesenden. Obgleich man nur auf diese beiden gewartet hatte, taten doch alle wie auf ein Kommando, als ob sie sie überhaupt nicht bemerkten. Kaum hatte Stawrogin sich gesetzt, als Frau Wirginskaja sich in strengem Ton an ihn wandte:
»Stawrogin, wollen Sie Tee?«
»Sehr gern,« antwortete dieser.
»Reiche Herrn Stawrogin ein Glas Tee,« befahl sie der Schwester, »-- und Sie?« fragte sie Werchowenski.
»Selbstverständlich, nur her damit, wer fragt denn die Gäste noch danach? Und geben Sie auch Sahne diesmal, sonst wird ja hier immer solch eine Abscheulichkeit anstatt Tee gereicht -- und dabei gibt's heute noch ein >Geburtstagskind< im Hause!«
»Wie, auch Sie erkennen das >Geburtstagefeiern< an?« fragte die Studentin auflachend. »Wir haben soeben darüber gesprochen.«
»Abgedroschen!« bemerkte sogleich am anderen Tischende der Gymnasiast mit überlegener Miene.
»Was ist abgedroschen? Vorurteile vergessen ist durchaus nicht abgedroschen, und wenn es auch die unschuldigsten von der Welt sind, sondern ist, im Gegenteil, zur allgemeinen Schande noch heute neu,« gab die Studentin sofort empfindlich zurück. »Und zudem gibt es überhaupt keine unschuldigen Vorurteile,« fügte sie geradezu erbittert hinzu.
»Ich wollte nur bemerken,« regte sich der Gymnasiast furchtbar auf, »daß Vorurteile, wenn sie auch eine alte Sache sind, und man sie ausrotten muß ... was aber Namenstag- und Geburtstagfeiern anbetrifft ... so wissen schon alle längst, daß das Dummheiten sind und das Gerede darüber viel zu alt und abgedroschen ist, um darauf noch die kostbare Zeit zu vergeuden, die ohnehin schon von aller Welt vergeudet worden ist, so daß man seine Worte lieber einem bedürftigeren ...«
»Was ist das für ein Satz! Ich kann nichts verstehen!« unterbrach ihn die Studentin.
»Ich glaube, daß ein jeder gleich anderen das Recht des Wortes hat, und wenn ich meine Meinung sagen will, wie jeder andere, so ...«
»Ihnen nimmt niemand das Recht des Wortes,« unterbrach ihn die Hausfrau, »Sie sind nur gebeten worden, nicht so undeutlich zu sprechen, denn so kann Sie ja kein Mensch verstehen.«
»Aber, erlauben Sie mir, zu bemerken, daß Sie mich gar nicht achten: wenn ich vorhin meinen Gedanken nicht zu Ende sprechen konnte, so kam das nicht daher, daß ich keinen Gedanken hatte, sondern eher vom Überfluß von Gedanken ...« stotterte der Gymnasiast fast verzweifelt und verwickelte sich endgültig.
»Wenn Sie nicht zu sprechen verstehen, so schweigen Sie lieber,« platzte die Studentin heraus.
Der Gymnasiast sprang jetzt sogar vom Stuhl auf.
»Ich wollte nur sagen,« rief er laut und brennend rot vor Schande, doch fürchtete er sich, jemanden anzusehen, »daß Sie sich nur deswegen mit Ihrem Verstande breitmachen wollen, weil Herr Stawrogin gekommen ist -- da haben Sie's!«
»Ihr Gedanke ist schmutzig und unsittlich und beweist nur die ganze Nichtigkeit Ihrer geistigen Entwickelung. Ich bitte Sie, sich weiter nicht an mich zu wenden!« knatterte sofort die Antwort der Studentin.
»Stawrogin,« begann die Hausfrau, »bevor Sie kamen, regten sie sich hier über Familienrechte auf -- besonders der Herr Major,« sie wies auf ihren Verwandten. »Aber ich werde Sie mit diesen alten Streitfragen, die doch schon längst erledigt sind, nicht weiter belästigen. Ich frage mich nur, woher sind nun diese Rechte und Pflichten der Familie gekommen, ich meine, im Sinne dieses Vorurteils, wie es jetzt besteht? Das ist die Frage. Was meinen Sie?«
»Wieso -- woher gekommen?« fragte Stawrogin zurück.
»Das heißt, wir wissen zum Beispiel, daß das Vorurteil, daß es einen Gott geben müsse, durch den Donner und Blitz hervorgerufen worden ist,« ereiferte sich sofort wieder die Studentin, die mit den Augen förmlich auf Stawrogin lossprang. »Man weiß jetzt ganz genau, daß die Urmenschen, die sich vor Donner und Blitz fürchteten, den unsichtbaren Feind zum Gott erhoben, da sie ihre eigene Machtlosigkeit vor ihm fühlten. Aber wie ist nun das Vorurteil der Familie entstanden? Und wie ist überhaupt die Familie entstanden?«
»Das ist doch wohl nicht dasselbe ...« versuchte die Hausfrau einzuwenden.
»Ich denke, die Antwort auf diese Frage dürfte nicht ganz -- sagen wir, sittsam sein,« antwortete Stawrogin.
»Wie das?« rückte die Studentin wieder vor.
Aber schon hörte man aus der Lehrergruppe leises Lachen, das sofort am anderen Ende des Tisches, bei Lämschin und dem Gymnasiasten, ein Echo fand, worauf der Major plötzlich hell und laut loslachte.
»Sie sollten Vaudevilles schreiben,« sagte die Hausfrau zu Stawrogin.
»Das macht Ihnen wirklich keine Ehre, -- ich weiß nicht, wie Sie heißen,« sagte die Studentin mit entschiedenem Unwillen zu Stawrogin.
»Du aber solltest nicht so vorwitzig sein!« tadelte der Major. »Bist ein Fräulein, mußt dich sittsam halten, du aber bist ja ganz, als hättest du dich auf eine Nadel gesetzt.«
»Könnten Sie nicht lieber schweigen? Zum mindesten möchte ich Sie bitten, sich im Gespräch mit mir nicht so familiär auszudrücken. Und diese widerlichen Vergleiche verbitte ich mir einfach. Ich sehe Sie heute zum erstenmal und will nichts von Ihrer Verwandtschaft wissen.«
»Aber ich bin doch dein Onkel! Ich habe dich doch als Säugling auf meinen Armen geschleppt!«
»Was geht das mich an, was Sie da alles geschleppt haben! Ich habe Sie damals nicht darum gebeten, mein unhöflicher Herr Major, also muß es Ihnen wohl selbst Spaß gemacht haben, mich zu tragen. Und gestatten Sie mir noch zu bemerken, daß Sie sich nicht unterstehen dürfen, mich zu duzen, es sei denn als Bürgerin, sonst aber untersage ich es Ihnen ein für allemal.«
»So sind sie nun alle!« Der Major schlug mit der Faust auf den Tisch und wandte sich an Stawrogin, der ihm gegenüber saß. »Nein, erlauben Sie, ich liebe Liberalismus und alles Zeitgemäße. Ich liebe auch klugen Gesprächen zuzuhören, aber -- wohlgemerkt: von Männern! Doch von Frauen, von diesen da, von diesen Flattervögeln -- nein, Verzeihung, aber das ist schon mein wunder Punkt! Du, dreh dich nicht so viel!« fuhr er die Studentin an, die vor Ungeduld schon wieder fast vom Stuhl sprang. »Ich will auch einmal zu Wort kommen! Jetzt bin ich der Gekränkte!«
»Sie stören nur die anderen und selbst verstehen Sie doch nichts zu sagen,« bemerkte die Hausfrau unwirsch.
»Nein, ich werde schon zu sagen verstehen, was ich sagen will,« ereiferte sich der Major, und wandte sich an Stawrogin. »Ich rechne auf Sie, Herr Stawrogin, da Sie ein Neueingetretener sind, obgleich ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen. Ich hoffe, daß Sie mir beipflichten werden. Ohne Männer wären die Frauen einfach verloren, wie die Fliegen, -- das ist meine Meinung. Die ganze Frauenfrage ist nichts weiter als Mangel an Originalität. Ich sage Ihnen; diese Frauenfrage haben ihnen nur die Männer ausgedacht, einfach aus purer Dummheit sich selbst auf den Hals geladen, -- ich danke bloß Gott, daß ich nicht verheiratet bin! Nicht die geringste Verschiedenheit ist in den Frauen, nicht einmal ein einfaches Stickmuster können sie sich ausdenken, auch das müssen die Männer für sie tun! Sehen Sie, da habe ich sie als Kind auf den Händen getragen, habe mit ihr, als sie zehn Jahre alt war, Mazurka getanzt, -- heute kommt sie an und wie ich ihr entgegenfliege, um sie abzuküssen, da erklärt sie mir schon nach dem zweiten Wort, daß es einen Gott überhaupt nicht gibt. Wenn sie es doch wenigstens nach dem dritten getan hätte, aber nein, sie muß es schon nach dem zweiten tun -- so eilig hat sie's! Nun schön, angenommen, kluge Leute glauben nicht an Gott, das soll ja bloß vom Verstande abhängen, aber du, sage ich ihr, was verstehst du denn unter Gott? Dich hat das doch wieder nur der Student gelehrt, hätte er dich aber die Lämpchen vor den Heiligenbildern anzünden gelehrt, so würdest du eben Lämpchen anzünden!«
»Das ist alles nicht wahr, was Sie da sagen. Sie sind ein sehr boshafter Mensch. Ich aber habe Ihnen vorhin bloß Ihre Dummheit beweisen wollen,« sagte die Studentin nachlässig, als verachtete sie es im Grunde, sich mit solch einem Menschen noch weiter zu streiten. »Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß man uns nach dem Katechismus lehrt: >Ehre Vater und Mutter, damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden<. Das steht in den zehn Geboten. Wenn nun Gott es für nötig hielt, für Liebe eine Belohnung zu versprechen, so ist meines Erachtens dieser euer Gott einfach unmoralisch. Das war es, was ich Ihnen vorhin auseinandersetzte, und durchaus nicht nach dem zweiten Wort, sondern einfach, weil Sie auf Ihre Verwandtenrechte pochten. Was kann ich dafür, daß Sie stumpfsinnig sind und mich bis jetzt noch nicht begriffen haben? Das kränkt Sie und Sie ärgern sich: das ist die ganze Lösung des Rätsels von Ihnen und Ihresgleichen.«
»Närrin!« nannte sie der Major.
»Sie sind selbst ein Narr.«
»Schimpf nur!«
»Aber erlauben Sie, Kapiton Maximowitsch, Sie haben mir doch selbst gesagt, daß Sie an Gott nicht glauben,« rief Liputin mit seiner unangenehmen Stimme vom anderen Tischende.
»Was hat das damit zu tun, was ich gesagt habe, ich -- ich bin eine ganz andere Sache! Ich -- nun, vielleicht glaube ich doch, nur glaube ich nicht so ganz. Wenn ich aber auch nicht ganz glaube, so sage ich doch noch nicht, daß man Gott gleich totschießen soll. Ich habe schon, als ich noch Husar war, über Gott nachgedacht. Es heißt sonst wohl in allen Gedichten, daß ein Husar bloß trinkt und durchgeht, schön, ich habe vielleicht auch getrunken, aber, glauben Sie mir, wenn es manchmal in der Nacht so dunkel ist, da springt man wohl plötzlich auf und kniet vor dem Heiligenbild nieder und schlägt ein Kreuz über das andere, damit Gott einem Glauben schicke, denn selbst damals konnte ich mich über diese Frage nicht beruhigen: gibt es einen Gott, oder gibt es keinen? Dermaßen bitter ist mir das geworden! Morgens, natürlich, da zerstreut man sich und wieder geht der Glaube gleichsam flöten, ja und überhaupt ist mir eigentlich aufgefallen, daß man am Tage den Glauben viel weniger nötig hat.«
»Haben Sie vielleicht Karten?« fragte Werchowenski, sich zur Hausfrau wendend, und gähnte ungeniert.
»Ich kann Ihnen diese Frage nur zu sehr, nur zu sehr nachfühlen!« beteuerte die Studentin eifrig.
»Man verliert bloß die goldene Zeit, wenn man so leerem Geschwätz zuhört,« sagte die Hausfrau und blickte ihren Mann bedeutsam an.
Die Studentin raffte sich auf.
»Ich wollte der Versammlung von den Leiden und dem Protest der Studenten Mitteilung machen, und da die Zeit über unmoralischen Gesprächen vergeudet wird ...«
»Es gibt überhaupt weder Moralisches noch Unmoralisches!« fiel ihr der Gymnasiast sogleich ins Wort, kaum daß er sah, daß die Studentin mit einer Rede beginnen wollte.
»Das habe ich, mein Herr Gymnasiast, schon viel früher gewußt, als Sie das aufgeschnappt haben!«
»Und ich behaupte,« raste der Gymnasiast geradezu, »Sie sind -- ein aus Petersburg angekommenes Kind, das uns bilden will! Daß das vierte Gebot, das Sie nicht einmal richtig aufzusagen verstanden, unmoralisch ist, das weiß schon seit Belinski ganz Rußland!«
»Wird das jemals ein Ende nehmen?« fragte Frau Wirginskaja gereizt ihren Mann.
Als Hausfrau errötete sie wegen der nichtigen Gespräche, besonders nachdem sie einige fragende Blicke der Gäste untereinander bemerkt hatte.
»Meine Herren!« Wirginski erhob plötzlich die Stimme, »falls jemand von Ihnen etwas, was mehr zur Sache paßt, zu sagen hat, so bitte ich, ohne Zeitverlust damit beginnen zu wollen.«
»Gestatten Sie mir eine Frage,« sagte plötzlich der lahme Lehrer, der bis dahin nur geschwiegen und sehr zurückhaltend dagesessen hatte, »ich würde doch gern wissen, ob wir hier eine Sitzung halten sollen, oder ob wir uns wie gewöhnliche Sterbliche zu einer Geburtstagsfeier versammelt haben? Ich frage es mehr der Ordnung wegen.«
Die Frage machte nicht geringen Eindruck: man sah sich an, als ob ein jeder vom anderen die Antwort erwartete, und plötzlich wandten sich aller Augen, wie auf ein Kommando, auf Stawrogin und Werchowenski.
»Ich schlage vor, über die Antwort einfach abzustimmen. Die Frage ist: >Halten wir eine Sitzung oder nicht?<« sagte Frau Wirginskaja.
»Ich stimme ganz Ihrem Vorschlage bei,« rief Liputin, »wenn er auch ein wenig unbestimmt ist.«
»Ich gleichfalls!« »Ich auch!« riefen noch andere Stimmen.
»Ich denke gleichfalls, daß das mehr Ordnung schaffen wird,« meinte Wirginski.
»Also bitte die Stimmen abzugeben!« rief die Hausfrau. »Lämschin, seien Sie so freundlich und setzen Sie sich so lange ans Klavier. Sie werden auch von dort aus Ihre Stimme abgeben können, wenn wir so weit sind.«
»Schon wieder!« rief Lämschin. »Ich dächte, ich hätte Ihnen nachgerade genug vorgetrommelt!«
»Ich bitte Sie ausdrücklich darum: Wollen Sie denn der Sache nicht nützlich sein?«
»Aber ich versichere Sie, Arina Prochorowna, daß draußen niemand horcht. Das ist nur Ihre Phantasie. Die Fenster sind außerdem viel zu hoch; und wer würde denn hier überhaupt etwas verstehen, selbst wenn er alles hörte?«
»Wir verstehen uns ja selbst nicht,« murmelte eine Stimme.
»Und ich behaupte, daß Vorsicht immer angebracht ist. Für den Fall, daß es Spione gibt,« wandte sie sich darauf zu Werchowenski, »-- mögen sie dann auf der Straße hören, daß es bei uns Musik und lustige Gäste gibt.«
»Zum Teufel!« schimpfte Lämschin, setzte sich aber doch ans Klavier und begann irgendwie, fast mit den Fäusten, einen Walzer zu spielen.
»Ich schlage vor, daß alle, die eine Sitzung wünschen, die rechte Hand erheben,« beantragte Frau Wirginskaja.
Einige erhoben die rechte Hand, einige wiederum nicht; andere erhoben sie und senkten sie wieder oder senkten sie und erhoben sie von neuem.
»Pfui, Teufel! Hab nichts kapiert!« rief ein Offizier geärgert.
»Und ich verstehe auch nichts!« rief ein anderer.
»Nein, ich verstehe wohl!« rief ein dritter. »Wenn >ja<, so hebt man die Hand auf.«
»Aber was bedeutet denn das >ja<?«
»>Ja< bedeutet: Sitzung!«
»Nein, umgekehrt!«
»Ich habe für die Sitzung gestimmt!« rief der Gymnasiast Frau Wirginskaja zu.
»Warum haben Sie dann die Hand nicht erhoben?«
»Ich habe die ganze Zeit auf Sie gesehen: Sie hoben sie nicht, und so hob ich sie auch nicht.«
»Wie dumm das ist! Ich habe sie doch nur deswegen nicht erhoben, weil ich das Abstimmen vorgeschlagen hatte. Meine Herren, ich schlage nochmals vor: wer eine Sitzung will, der soll ruhig sitzen bleiben und keine Hand erheben, wer aber keine Sitzung will, der soll die rechte Hand aufheben.«
»Wer nicht will?« fragte der Gymnasiast.
»Ach, Sie stellen sich wohl mit Absicht so stupid?« rief Frau Wirginskaja zornig.
»Nein, erlauben Sie mal, wer nicht will, oder wer da will, das muß schon genauer festgestellt werden,« ertönten zwei, drei Stimmen.
»Wer nicht will, nicht will!«
»Nun schön, aber was soll man denn jetzt tun, aufheben oder nicht aufheben, wenn man nicht will?« rief ein Offizier.
»Ach ja, an eine Konstitution ist bei uns noch nicht zu denken!« bemerkte der Major.
»Herr Lämschin, haben Sie die Güte, Sie hämmern ja dermaßen, daß niemand etwas verstehen kann,« bemerkte der lahme Lehrer.
»Ja, bei Gott, Arina Prochorowna, es horcht doch wirklich kein Spion an den Türen!« rief Lämschin aufspringend. »Und ich will auch nicht mehr spielen! Ich bin zu Ihnen zu Besuch gekommen, aber nicht, um hier das Klavier zu bearbeiten!«
»Meine Herren,« begann Wirginski, »antworten Sie alle laut: halten wir Sitzung oder nicht?«
»Sitzung, Sitzung!« ertönte es von allen Seiten.
»Gut, dann brauchen wir nicht mehr abzustimmen. Sind Sie einverstanden, meine Herren, oder sollen wir doch noch abstimmen?«
»Nicht nötig, genug, haben schon verstanden!«
»Vielleicht will aber irgend jemand doch nicht?«
»Nein, nein, alle wollen!«
»Ja, aber was ist denn das für eine Sitzung?« erhob sich eine Stimme, die jedoch keine Antwort erhielt.
»Man muß einen Präsidenten wählen!« riefen mehrere zugleich.
»Den Hausherrn, selbstverständlich, den Hausherrn!«
»Meine Herren, wenn es so ist,« begann der erwählte Wirginski, »-- dann mache ich nochmals meinen Vorschlag: falls jemand von Ihnen etwas, was mehr zur Sache paßt, zu sagen hat, so bitte ich, damit zu beginnen.«
Allgemeines Schweigen. Wieder wandten sich alle Blicke Stawrogin und Werchowenski zu.
»Werchowenski, hätten Sie nichts zu sagen?« fragte ihn die Hausfrau.
»Nicht, daß ich wüßte,« sagte der gähnend und lehnte sich nachlässig auf seinem Stuhl zurück. »Übrigens, ich würde gern einen Kognak trinken.«
»Stawrogin, wollen Sie nicht?«
»Nein, danke, ich trinke nicht.«
»Ich meinte, ob Sie nicht reden wollen, und nicht, ob Sie einen Kognak wünschen!«
»Reden, worüber? Nein, ich will nicht.«
»Sie werden sofort Ihren Kognak bekommen,« sagte sie zu Werchowenski.
Die Studentin erhob sich wieder, was sie mittlerweile schon mehrmals halbwegs getan hatte.
»Ich bin gekommen, um von den Leiden der unglücklichen Studenten zu berichten und sie allerorten zum Protest aufzufordern ...«
Sie kam nicht weiter: am anderen Tischende erhob sich ein neuer Konkurrent und alle Blicke flogen ihm sofort zu. Schigaleff, der Mann mit den langen Ohren, erhob sich mit finsterem, geärgertem Gesicht bedächtig vom Stuhl und legte mit melancholischer Miene ein dickes, unendlich klein und eng beschriebenes Heft vor sich auf den Tisch. Die meisten sahen bestürzt auf das dicke Heft, doch Liputin, Wirginski und der lahme Lehrer waren augenscheinlich mit irgend etwas sehr zufrieden.
»Ich bitte ums Wort,« sagte Schigaleff endlich finster, doch bestimmt.
»Herr Schigaleff hat das Wort,« verkündete Wirginski.
Der Redner setzte sich, schwieg wieder und begann darauf feierlichst:
»Meine Herrschaften! ...«
»Hier haben Sie den Kognak!« sagte die Verwandte, die den Tee eingegossen hatte und die inzwischen nach dem Kognak gegangen war, mit sichtlicher Verachtung. Sie stellte die Flasche und das Glas, die sie in der Hand ohne Untersetzer brachte, ärgerlich auf den Tisch vor Werchowenski hin.
Der unterbrochene Redner verstummte würdevoll.
»Fahren Sie nur fort, ich höre nicht zu!« rief Werchowenski, der sich den Kognak eingoß.
»Meine Herren, indem ich Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehme,« begann Schigaleff von neuem, »und wie Sie später sehen werden, Ihre Hilfe in einem Punkte von erstklassiger Wichtigkeit erbitte, muß ich vorher einige Worte zur Einleitung sagen.«
»Arina Prochorowna, haben Sie vielleicht eine Schere?« fragte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.
»Wozu brauchen Sie eine Schere?« Sie sah ihn verwundert mit großen Augen an.
»Hab mir die Nägel zu schneiden vergessen, obgleich ich's mir schon drei Tage immer wieder vorgenommen habe,« sagte er, gelassen seine langen und ungeputzten Nägel betrachtend.
Arina Prochorowna wurde rot vor Ärger, doch die Studentin schien daran Gefallen zu finden.
»Ich glaube, ich habe vorhin hier auf einem Fenster eine Schere gesehen,« sagte sie, erhob sich, suchte die Schere und kam sofort wieder zurück.
Pjotr Stepanowitsch sah sie nicht einmal an, als er die Schere nahm. Arina Prochorowna sagte sich, daß das wohl unter freien Menschen so sein müsse, und schämte sich ihrer Empfindlichkeit. Die Gäste sahen sich stumm untereinander an. Der lahme Lehrer lächelte boshaft und beobachtete Werchowenski mit gehässigem Ausdruck.
Schigaleff fuhr fort:
»Nachdem ich meine Energie dem Studium des Problems der sozialen Verfassung der zukünftigen Gesellschaft, mit dem sich alle Gegenwartsmenschen beschäftigen, gewidmet, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß alle Gründer sozialer Systeme, seit den ältesten Zeiten bis zu unserem 187...sten Jahre, bloß Grübler, Märchenerzähler, Dummköpfe gewesen sind, die sich selbst widersprochen und so gut wie nichts von der Naturwissenschaft und diesem sonderbaren Tiere, das wir Mensch nennen, gewußt haben. Plato, Rousseau, Fourier sind Säulen aus Aluminium, alles das taugt vielleicht für Spatzen, aber nicht für die menschliche Gesellschaft. Da aber die zukünftige Gesellschaftsform gerade jetzt festzusetzen unumgänglich nötig ist, gerade in diesem Augenblick, da wir uns endlich zu handeln anschicken, um dann nicht mehr nachdenken zu müssen, so schlage ich denn mein eigenes System der Welteinrichtung vor. Hier ist es!« und er schlug mit der Hand auf sein dickes Heft. »Zuerst wollte ich der Versammlung mein Buch in gekürzter Form vorlegen, aber ich sah ein, daß ein derartiges Verfahren noch viele mündliche Erklärungen nötig machen würde. Daher habe ich mich denn entschlossen, es Ihnen an mindestens zehn Abenden -- da es in zehn Kapitel eingeteilt ist -- vorzutragen. (Leises Gelächter.) Ich muß Sie jedoch im voraus darauf aufmerksam machen, daß mein System noch nicht beendet, das heißt, noch nicht ganz ausgearbeitet ist. (Lauteres Gelächter.) Ich habe mich nämlich in meinen eigenen Argumenten verwickelt: meine schließliche Folgerung steht in geradem Widerspruch zu der anfänglichen Idee. Nachdem ich von unbeschränkter Freiheit ausgegangen bin, komme ich zum Schluß zu unbeschränktem Despotismus. Jedenfalls aber füge ich hinzu, daß es außer meiner Lösung der Gesellschaftsformel eine andere Lösung überhaupt nicht geben kann.«
Das Gelächter war lauter und immer lauter geworden, doch waren es eigentlich nur die jüngeren, die gewissermaßen nicht ganz eingeweihten Gäste, die da lachten. Auf dem Gesicht der Hausfrau, Liputins und des lahmen Lehrers drückte sich einiger Unwille aus.
»Wenn Sie selbst es nicht einmal verstanden haben, Ihr eigenes System zu vollenden, und darüber in Verzweiflung geraten sind, so sagen Sie doch bitte, was wir noch machen sollen?« bemerkte vorsichtig einer der Offiziere.
»Sie haben recht, mein Herr aktiver Offizier,« wandte sich Schigaleff schroff an ihn, »und vor allen Dingen darin, daß Sie das Wort >Verzweiflung< gebrauchten. Ja, ich geriet in Verzweiflung; doch nichtsdestoweniger ist alles, was in meinem Buche steht, unersetzlich, und einen anderen Ausweg gibt es nicht; einen solchen wird keiner finden. Und darum beeile ich mich, ohne Zeit zu verlieren, die ganze Gesellschaft aufzufordern, später, also nachdem ich mein System an zehn Abenden vorgetragen habe, ihre Meinung über dasselbe zu äußern. Wollen aber die Mitglieder mir nicht zuhören, so ist es besser, wir gehen sofort alle auseinander, -- die Männer, um sich mit Verwaltungsarbeiten abzugeben, und die Frauen -- in ihre Küchen, aus dem Grunde, weil sie, wenn sie mein System ablehnen, einen anderen Ausweg doch nicht mehr finden können. Kei--nen einzigen! Lassen sie aber die Zeit sich entgehen, so schaden sie sich damit nur, da sie dann doch unfehlbar zum ewig Alten zurückkehren werden.«
Man wurde ein wenig unruhig: »Was soll das ...? Wie ...? Etwa übergeschnappt ...?« hörte man flüstern.
»Das heißt also, daß die Hauptsache jetzt bloß in Schigaleffs Verzweiflung besteht,« folgerte Lämschin, »und die Tagesfrage nur lauten kann: hat er nun das Recht, verzweifelt zu sein, oder hat er es nicht?«
»Schigaleffs Verzweiflung ist eine vollkommen persönliche Frage,« verkündete der Gymnasiast.
»Ich schlage vor, abzustimmen, inwieweit die Verzweiflung Schigaleffs die allgemeine Sache angeht, und ferner, ob es sich überhaupt lohnt, sein System anzuhören oder nicht?« schlug heiter einer von den Offizieren vor.
»Hier handelt es sich nicht darum,« mischte sich endlich der lahme Lehrer ins Gespräch. Er sprach gewöhnlich mit einem gewissen gleichsam spöttischen Lächeln, so daß es eigentlich schwer war, festzustellen, ob er im Ernst sprach oder nur scherzte. »Hier, meine Herrschaften, handelt es sich um etwas ganz anderes. Herr Schigaleff hat sich seiner Aufgabe gar zu gewissenhaft gewidmet und ist dabei allzu bescheiden. Ich kenne sein Buch. Er schlägt darin vor, und zwar als endgültige Lösung des Problems, die Teilung der Menschheit in zwei ungleiche Teile. Der kleinere Teil, ungefähr nur ein Zehntel der Menschheit, erhält allein persönliche Freiheit und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun Zehntel. Diese neun Zehntel der Menschheit aber sollen ihre Persönlichkeit vollkommen einbüßen und zu einer Art Herde werden, um bei grenzenlosem Gehorsam mittels einer Reihe von Wiedergeburten die uranfängliche Unschuld wiederzugewinnen, etwa in der Form des alten Paradieses, wenn sie auch, nebenbei bemerkt, arbeiten müssen. Die Maßregeln, die der Autor vorschlägt, um den neun Zehnteln der Menschheit den persönlichen Willen zu nehmen, sowie um sie mittels einer neuen Erziehung ganzer Generationen in eine Herde umzubilden, -- diese Maßregeln sind ungemein bemerkenswert, stützen sich zudem auf naturwissenschaftliche Tatsachen und sind sehr logisch. Man kann sich vielleicht mit einigen seiner Folgerungen nicht einverstanden erklären und ihm widersprechen, doch deshalb kann man noch nicht den Verstand und das Wissen des Autors anzweifeln. Das wäre auch unsinnig. Schade, daß seine Absicht, den Inhalt seines Buches an zehn Abenden vorzutragen mit den Umständen so unvereinbar ist, sonst bekämen wir viel Interessantes zu hören.«
»Meinen Sie das wirklich im Ernst?« fragte Frau Wirginskaja fast beunruhigt den lahmen Lehrer. »Weil dieser Mensch nicht weiß, wohin er mit den Menschen soll, verlangt er, daß man neun Zehntel zu Sklaven macht? Ich habe ihn schon längst im Verdacht gehabt ... --«
»Sprechen Sie von Ihrem Bruder?« fragte der Lahme.
»Wie, Sie erkennen Verwandtschaft an? Oder wollen Sie sich über mich lustig machen?«
»Und dazu noch für die Aristokraten arbeiten und ihnen wie Göttern gehorchen -- das ist eine Gemeinheit!« rief die Studentin empört.
»Ich schlage keine Gemeinheit vor, sondern ein Paradies, das irdische Paradies, und ein anderes kann es hier auf Erden überhaupt nicht geben,« schloß Schigaleff mit Nachdruck.
»Ich aber würde anstatt des Paradieses,« schrie Lämschin, »diese ganzen neun Zehntel der Menschheit nehmen und sie, da man mit ihnen doch nichts anzufangen weiß, einfach in die Luft sprengen, und würde nur ein Häufchen gebildeter Leute übriglassen, die dann nach der Wissenschaft herrlich und in Freuden leben könnten.«
»So etwas kann nur ein Narr sagen!« fuhr die Studentin auf.
»Er ist ein Narr, aber er ist nützlich,« flüsterte ihr Frau Wirginskaja zu.
»Und vielleicht wäre das die beste Lösung der Aufgabe!« wandte sich Schigaleff lebhaft zu Lämschin. »Sie wissen natürlich nicht mal, welch einen tiefen Gedanken Sie da ausgesprochen haben, mein lustiger Herr. Da aber Ihr Vorschlag kaum erfüllbar ist, so muß man sich eben mit dem sogenannten Erdenparadies begnügen.«
»Einstweilen ist das schon genügender Unsinn!« bemerkte plötzlich Werchowenski, anscheinend ganz unwillkürlich als Betrachtung, die einem mal so entschlüpft. Übrigens fuhr er dabei gelassen und ohne aufzublicken fort, seine Nägel zu beschneiden.
»Wieso, warum soll denn das ein Unsinn sein?« griff sofort der lahme Lehrer die Bemerkung auf, als hätte er nur auf das erste Wort von Werchowenski gewartet, um ihn angreifen zu können. »Warum denn gerade ein Unsinn? Herr Schigaleff ist zum Teil ein Fanatiker der Menschenliebe; und erinnern Sie sich nur, daß selbst Fourier, Cabet ganz besonders, und sogar Proudhon eine Menge der allerdespotischsten und allerfanatischsten theoretischen Lösungen der Frage gegeben haben. Herr Schigaleff hat vielleicht noch am nüchternsten von ihnen allen die Sache angefaßt. Ich versichere Sie, daß es nach der Lektüre seines Buches fast unmöglich ist, mit einigen seiner Behauptungen nicht übereinzustimmen. Er hat sich vielleicht am allerwenigsten von der Realität entfernt, und sein Erdenparadies ist beinahe das wirkliche Paradies, dasselbe, über dessen Verlust die ganze Menschheit seufzt -- vorausgesetzt natürlich, daß es wirklich einmal existiert hat.«
»Ich konnte mir ja denken, daß ich mir da was auf den Hals lade,« murmelte Werchowenski wieder nachlässig.
»Erlauben Sie,« regte sich der Lahme mehr und mehr auf, »Gespräche und Betrachtungen über die zukünftige soziale Einrichtung sind fast die dringendste Pflicht aller denkenden Menschen der Gegenwart. Alexander Herzen hat sich sein Leben lang einzig und allein darum gesorgt, und Belinski hat, wie ich aus der sichersten Quelle weiß, ganze Abende mit seinen Freunden verbracht, indem er mit ihnen im voraus über die kleinsten Einzelheiten der zukünftigen sozialen Welteinrichtung debattierte, ja, sozusagen über deren Küchenfragen stritt.«[46]
»Und einige werden darüber gar vollends verrückt,« bemerkte der Major.
»Immerhin kann man sich so doch zu irgendeinem Ergebnis durchsprechen, und das ist, denke ich, jedenfalls besser, als wie die Diktatoren dazusitzen und zu schweigen,« rief Liputin gehässig, der es jetzt endlich zu wagen schien, Werchowenski anzugreifen.
»Ich habe nicht zu Schigaleffs Ideen >Unsinn< gesagt,« murmelte Werchowenski nachlässig, fast kaum verständlich seine Worte. »Sehen Sie, meine Herrschaften,« er blickte kurz auf -- »meiner Meinung nach sind alle diese Bücher Fouriers, Cabets, alle diese >Arbeitsrechte<, der Schigalewismus -- alles das erinnert an Romane, die man ja zu Hunderttausenden schreiben kann. Ästhetischer Zeitvertreib. Ich begreife ja, daß Sie es hier im Städtchen langweilig haben und sich eben darum aufs Schreibpapier stürzen.«
»Erlauben Sie,« der Lahme rückte ungeduldig auf dem Stuhl, »wenn wir auch Provinzler sind und natürlich schon deswegen allein Mitleid verdienen, so wissen wir doch, daß inzwischen in der Welt nichts so Besonderes oder Neues geschehen ist, als daß wir Grund hätten, darüber zu klagen, daß wir es nicht mit unseren Augen gesehen haben. Da fordert man uns nun auf, durch verschiedene Schandblätter ausländischen Fabrikats, die hier verbreitet werden, uns zusammenzutun und Geheimbünde zu gründen, einzig zu dem Zweck der allgemeinen Zerstörung -- unter dem Vorwande: wie man an der Welt auch herumdoktern wollte, ganz gesund könne man sie doch nicht machen; schneidet man aber radikal hundert Millionen Köpfe ab, so könne man nach dieser Erleichterung besser über den Graben springen. Ein herrlicher Gedanke, zweifellos, aber -- mit der Wirklichkeit mindestens ebenso unvereinbar wie der Schigalewismus, über den Sie sich noch im Augenblick so verächtlich äußerten.«
»Na, ja, ich bin aber nicht zu dem Zweck hergekommen, um hier Betrachtungen anzustellen,« versprach sich Werchowenski gleichsam mit einem bedeutsamen Wort, tat aber dabei, als hätte er das selbst gar nicht bemerkt, und zog ruhig ein Licht zu sich heran, damit er es heller habe.
»Schade, wirklich sehr schade, daß Sie nicht zu dem Zweck hergekommen sind, und desgleichen, daß Sie jetzt mit Ihrer Toilette beschäftigt sind!«
»Was hat das mit meiner Toilette zu tun?«
»Die Idee, die Menschheit um hundert Millionen Köpfe zu verringern, ist ebenso schwer zu verwirklichen, wie die Welt mittels Propaganda umzuändern. Vielleicht sogar noch schwerer, besonders in Rußland,« wagte sich Liputin wieder vor.
»Man scheint jetzt allgemein auf Rußland zu hoffen,« bemerkte einer von den Offizieren.
»Ja, auch wir haben davon gehört, daß man auf Rußland hofft,« griff der lahme Lehrer die Bemerkung auf. »Wir wissen, daß auf unser herrliches Vaterland ein geheimnisvoller Inder weist, wie auf ein Land, das am meisten zur Ausführung der großen Aufgabe befähigt ist. Nur eines muß man dabei nicht außer acht lassen: im Falle einer allmählichen Lösung der Aufgabe durch Propaganda kann ich persönlich doch immerhin etwas dabei gewinnen, nun, wenn auch meinetwegen nur dies, daß ich angenehm habe plaudern können, oder ich erhalte von den Vorgesetzten gar einen Orden für meine Dienste für die soziale Sache. Aber im zweiten Falle, bei der schnellen Entscheidung durch das Abhauen von hundert Millionen Köpfen -- was hätte ich da für eine Belohnung zu erwarten? Fange ich an dafür Propaganda zu machen, so schneidet man mir womöglich noch die Zunge ab.«
»Ihnen wird sie bestimmt abgeschnitten,« sagte Werchowenski.
»Sehen Sie wohl. Da man aber selbst unter den günstigsten Umständen eine solche Metzelei vor fünfzig Jahren, oder meinetwegen auch nur dreißig, nicht beenden kann, -- denn das sind doch keine Lämmer, die sich protestlos den Hals abschneiden lassen --, so meine ich: sollte es da nicht ratsamer sein, Hab und Gut aufzupacken und irgend wohin auf eine stille Insel im Stillen Ozean zu gehen und dort in Frieden seine Augen zu schließen? Glauben Sie mir,« rief er lauter und klopfte dabei mit dem Finger an den Tischrand, »mit solch einer Propaganda rufen Sie nur allgemeine Auswanderung hervor und sonst nichts weiter!«
Er schloß sichtlich triumphierend. Er war bei uns bekannt als kluger Kopf. Liputin lächelte schadenfroh, Wirginski hörte ein wenig wehmütig zu, die anderen aber folgten ungewöhnlich aufmerksam dem ganzen Streit, besonders die Offiziere und die Damen. Alle begriffen, daß der Agent der hundert Millionen abgeschnittener Köpfe an die Wand gedrückt war und warteten nun, was aus all dem werden würde.
»Das haben Sie übrigens ganz gut gesagt,« bemerkte womöglich noch gleichgültiger als vorher, ja, beinahe schon gelangweilt, Werchowenski. »Auswandern ist ein guter Gedanke. Aber da sich trotz all der augenscheinlichen Nachteile, die Sie ja vorausfühlen, doch von Tag zu Tag immer mehr Anhänger oder Soldaten für die neue Sache melden, so wird man auch ohne Sie auskommen. Hier ist, mein Bester, eben die neue Religion dabei, die die alte ersetzt, darum finden sich auch so viele Jünger ein. Also Sie wandern aus! Hm, wissen Sie, da würde ich Ihnen aber raten, doch lieber nach Dresden zu gehen, und nicht auf eine stille Insel. Erstens ist das eine Stadt, die noch nie eine Epidemie gesehen hat, und da Sie ja ein vernünftiger Mensch sind, so fürchten Sie doch bestimmt den Tod. Zweitens ist Dresden nicht sehr weit von der russischen Grenze, so daß man denn sehr schnell die Renten aus dem liebenswürdigen Vaterlande erhalten kann. Drittens hat es in seinen Mauern sogenannte Kunstschätze, Sie aber sind ein ästhetischer Mensch, gewesener Lehrer der Literatur, wenn ich mich nicht täusche. Na, und endlich hat es noch seine eigene kleine Schweiz, eine in der Taschenausgabe -- so etwas aber ist doch für die poetische Inspiration unumgänglich nötig, zumal Sie doch gewiß Gedichte schreiben. Mit einem Wort, ein Schatz in einer Tabaksdose!«
Die Gäste wurden unruhig; besonders die Offiziere. Noch ein Augenblick, so schien es, und alle hätten plötzlich gesprochen. Der lahme Lehrer jedoch biß sofort nach dem Köder:
»Erlauben Sie, ich habe durchaus noch nicht gesagt, daß ich die allgemeine Sache im Stich lassen will! Das sollte man auseinanderhalten ...«
»Wieso, würden Sie denn in eine >Fünf< eintreten, wenn ich Ihnen das vorschlüge?« warf plötzlich Werchowenski die Frage hin und legte die Schere auf den Tisch.
Die ganze Versammlung zuckte gleichsam zusammen. Der rätselhafte Mensch hatte sich etwas zu plötzlich aufgedeckt. Sogar das Wort »die Fünf« hatte er ausgesprochen.
»Jeder, der sich für einen ehrlichen Menschen hält, zieht sich nicht von der allgemeinen Sache zurück,« versuchte der Lehrer die offene Antwort zu umgehen, »aber ...«
»Nein, bitte, hier kann man mir nicht mit einem >aber< kommen,« unterbrach ihn Werchowenski schroff und gebieterisch. »Ich erkläre hiermit, meine Herrschaften, daß ich eine offene, gerade Antwort verlange. Ich weiß nur zu gut, daß ich, der ich nicht grundlos hierher gekommen bin und Sie alle selbst versammelt habe, Ihnen Erklärungen schuldig bin.« (Wieder ein unerwarteter Aufschluß.) »Wie aber soll ich Erklärungen geben, wenn ich nicht weiß, welcher Art Ihre Gedanken sind? Gespräche vermeide ich, -- denn wozu soll man wieder dreißig Jahre lang schwatzen, wie man bisher schon dreißig Jahre geschwatzt hat -- und frage Sie deshalb einfach, was Sie lieber wollen: den langsamen Weg, der im Schreiben sozialer Romane besteht und der kanzleimäßigen Vorausbestimmung der menschlichen Schicksale auf tausend Jahre, jedoch nur auf dem Schreibpapier, während der Despotismus in dieser Zeit die gebratenen Stücke schluckt, die eigentlich Ihnen in den Mund fliegen sollten und das bloß nicht können, weil Sie den Mund geschlossen halten? Oder sind Sie für die schnelle Entscheidung, worin diese auch bestehen sollte, die aber auf jeden Fall endlich die Hände befreit und der Menschheit erlaubt, sich frei ihr eigenes Schicksal zu schaffen, und zwar in der Wirklichkeit und nicht nur auf dem Papier? Da schreit man nun: >Aber hundert Millionen Köpfe!< Das ist vielleicht nur eine Metapher, aber wozu denn davor zurückschrecken, wenn der Despotismus bei der langsamen Papierlösung schon in irgend welchen hundert Jahren nicht nur hundert Millionen, sondern fünfhundert Millionen Köpfe verschlingen wird? Und vergessen Sie nicht, daß ein unheilbarer Kranker so wie so nicht gesund werden kann, was für Rezepte Sie ihm auch verschreiben mögen, -- daß seine Krankheit sich, im Gegenteil, nur verschlimmert, je länger man sie hinzieht, bis er schließlich bei lebendigem Leibe verfault, derart, daß er auch uns ansteckt und alle frischen Kräfte, auf die wir jetzt rechnen, verdirbt -- so daß wir dann womöglich überhaupt nichts mehr zustande bringen können. Ich gebe ja gern zu, daß >liberal< und schön zu reden, sehr angenehm ist, handeln aber -- etwas >angreift< ... Nun ja, übrigens verstehe ich nicht zu reden. Ich bin mit Nachrichten hierher gekommen, und darum bitte ich jetzt die ganze verehrte Gesellschaft, nicht etwa abzustimmen, nein, sondern einfach und ohne Umschweife zu sagen, was Sie lustiger fänden: einen Schildkrötengang im Sumpf, oder mit Volldampf durch den Sumpf hindurch?«
»Ich erkläre mich positiv für den Volldampf!« rief der Gymnasiast begeistert.
»Ich auch!« rief Lämschin.
»Bei solcher Wahl bleibt natürlich kein Zweifel ...« meinte einer der Offiziere. Nach ihm stimmte noch jemand bei und dann noch jemand.
Am meisten frappierte es alle, daß Werchowenski mit »Nachrichten« hergekommen war und offenbar sofort reden würde.
»Meine Herrschaften, ich sehe, daß fast alle im Sinne der Proklamationen entscheiden,« sagte er, während sein Blick alle Anwesenden überflog.
»Alle, alle!« riefen die meisten.
»Ich muß gestehen, daß ich eigentlich mehr für eine humane Lösung bin,« sagte der Major, »da aber schon alle dafür stimmen, so halte auch ich mit.«
»Es scheint also, daß auch Sie nicht widersprechen?« wandte sich Werchowenski an den lahmen Lehrer.
»Ich kann nicht sagen, daß ich gerade ...« erwiderte dieser zögernd und wurde ein wenig rot, »aber wenn ich mich jetzt den anderen anschließe, so tue ich es nur, um nicht zu stören ...«
»Na ja, so seid ihr ja alle! Seid bereit, ein halbes Jahr lang um der liberalen Redekunst willen zu streiten, und endet dann damit, daß ihr euch bloß >den anderen anschließt<! Meine Herren, denken Sie erst einmal nach, ob Sie wirklich bereit sind?«
(Wozu bereit? -- eine unbestimmte, doch furchtbar verlockende Frage.)
»Gewiß doch! natürlich, alle ...« ertönten Stimmen.
Übrigens sahen sich dabei alle etwas scheu gegenseitig an.
»Aber vielleicht werdet ihr euch dann dadurch gekränkt fühlen, daß ihr so schnell einverstanden wart? Das ist doch gewöhnlich mit euch so.«
Man geriet in Erregung; aus verschiedenen Gründen; man geriet schon in Aufregung. Der Lahme stieß von neuem auf Werchowenski vor.
»Erlauben Sie einstweilen zu bemerken, daß die Antworten auf solche Fragen gewissermaßen bedingt sind. Wenn wir auch den Entschluß gefaßt haben, so bitte ich, doch nicht vergessen zu wollen, daß eine Frage, die in so sonderbarer Weise gestellt ...«
»Inwiefern in sonderbarer Weise?«
»Solche Fragen werden nicht so gestellt.«
»Dann sagen Sie mir gefälligst, wie. Im übrigen war ich von vornherein überzeugt, daß gerade Sie sich als erster gekränkt fühlen würden.«
»Sie haben unser Einverständnis zu sofortigem Handeln uns gewissermaßen entrissen. Aber was für ein Recht hatten Sie dazu? Was für Bevollmächtigungen besitzen Sie, um solche Fragen stellen zu können?«
»Das zu fragen, hätte Ihnen früher einfallen sollen! Warum haben Sie denn geantwortet? Sie haben sich einverstanden erklärt, und damit basta! Nun ist es zu spät, auf so etwas zurückzukommen.«
»Mir scheint, daß die leichtsinnige Aufrichtigkeit Ihrer Hauptfrage einen auf die Idee bringen kann, daß Sie weder Vollmacht, noch sonst ein Recht haben, diese Frage zu stellen, sondern einfach nur von sich aus -- neugierig waren.«
»Wovon reden Sie? Was wollen Sie damit sagen?« rief da plötzlich Werchowenski gleichsam erschrocken und tat, als werde er plötzlich unmutig.
»Ich meine, daß eine Aufnahme, was für eine es auch sei, wenigstens unter vier Augen gemacht wird, und nicht in unbekannter Gesellschaft von zwanzig Menschen!« platzte der Lahme mit dem verhängnisvollen Wort heraus.
Werchowenski wandte sich sofort mit vorzüglich gespielter Aufregung an die Anwesenden.
»Meine Herren, ich halte es für meine Pflicht, allen mitzuteilen, daß das nur Dummheiten waren und unser Gespräch etwas zu weit gegangen ist. Ich habe noch so gut wie keinen aufgenommen, und niemand hat das Recht, von mir zu sagen, daß ich es hier getan hätte: wir haben einfach über verschiedene Meinungen gesprochen. Nicht wahr? Aber wie dem auch sei, jedenfalls regen Sie mich nicht wenig auf,« wandte er sich wieder zu dem Lahmen, »ich hätte nie gedacht, daß man hier über solche fast unschuldigen Dinge nur unter vier Augen sprechen darf. Oder fürchten Sie, daß jemand uns anzeigen könnte? Kann denn wirklich jetzt ein Verräter unter uns sein?«
Die allgemeine Aufregung war ungeheuer. Alle begannen zu sprechen.
»Meine Herren, wenn das der Fall wäre,« fuhr Werchowenski fort, »so bin ich es doch, den ich am meisten kompromittiert habe, und darum schlage ich vor, noch auf eine Frage zu antworten, versteht sich, nur wenn Sie wollen. Sie haben den freien Willen ...«
»Was für eine Frage? Welch eine Frage?« riefen alle durcheinander.
»Eine Frage, nach deren Beantwortung wir entscheiden können, ob wir alle zusammen bleiben sollen, oder ob wir besser tun, wenn wir schweigend unsere Hüte nehmen und jeder seinen eigenen Weg geht.«
»Stellen Sie die Frage, stellen Sie die Frage!«
»Wenn einer von Ihnen von einem beabsichtigten politischen Morde erführe -- würde er dann, wenn er alle Folgen voraussieht, hingehen und Anzeige erstatten, oder würde er zu Hause bleiben und den Dingen ruhig ihren Lauf lassen. Darüber kann man verschiedener Meinung sein. Die Antwort auf meine Frage wird uns sagen, ob wir auseinandergehen oder zusammenbleiben sollen, und wenn das letztere, dann nicht nur für heute abend. Gestatten Sie, daß ich mich mit dieser Frage an Sie als ersten wende,« wandte er sich an den Lahmen.
»Warum denn gerade an mich als ersten?«
»Weil doch nur von Ihnen diese ganze Auseinandersetzung heraufbeschworen worden ist. Haben Sie die Güte, die Antwort nicht umgehen zu wollen. Ausflüchte sind hier nicht am Platz. Doch übrigens, wie Sie wollen. Ihr freier Wille, wie gesagt.«
»Erlauben Sie, eine solche Frage ist einfach beleidigend.«
»Ich muß schon bitten, etwas deutlicher zu sein.«
»Ich bin noch nie Agent der Geheimpolizei gewesen.«
»Haben Sie die Güte, mich nicht aufzuhalten. Etwas bestimmter, wenn ich bitten darf.«
Der Lahme ärgerte sich dermaßen, daß er überhaupt aufhörte, zu antworten. Schweigend, mit bösem Blick, sah er, ohne seine Augen abzuwenden, hinter der Brille hervor auf seinen Peiniger.
»Ja oder nein? Würden Sie anzeigen, oder würden Sie nicht anzeigen?« schrie plötzlich Werchowenski.
»Selbstverständlich zeige ich nicht an!« schrie noch zweimal lauter der Lahme.
»Und keiner wird anzeigen, kein einziger! ... Ist doch wirklich lächerlich! ... so etwas! ...« ertönten mehrere Stimmen.
»Gestatten Sie, daß ich mich jetzt an Sie wende, Herr Major: würden Sie anzeigen, ja oder nein?« fuhr Werchowenski fort. »Bitte zu beachten, daß ich mich absichtlich an Sie wende.«
»Ich zeige nicht an.«
»Nun, aber wenn Sie wüßten, daß irgend jemand einen anderen erschlagen und berauben will, einen gewöhnlichen Sterblichen, so würden Sie es doch melden, nicht wahr?«
»Natürlich, aber das wäre doch ein ziviler Fall, hier aber handelt es sich um eine politische Anzeige. Bin kein Agent der Geheimpolizei.«
»Ja aber, das ist hier doch keiner!« hörte man wieder ein paar Stimmen. »Unnütze Frage. Alle haben dieselbe Antwort. Hier gibt es doch keine Verräter!«
»Warum steht dieser Herr dort auf?« rief plötzlich die Studentin.
»Das ist Schatoff! Warum sind Sie aufgestanden, Schatoff?« rief die Hausfrau erregt.
Schatoff hatte sich tatsächlich erhoben, stand, die Mütze in der Hand, und sah auf Werchowenski. Es war, als wolle er ihm etwas sagen, doch schien er noch unentschlossen zu sein. Sein Gesicht war blaß und zornig, aber er bezwang sich, sagte kein Wort und verließ stumm das Zimmer.
»Schatoff, das ist doch für Sie selbst unvorteilhaft!« rief ihm Werchowenski rätselhaft nach.
»Dafür ist es aber für dich vorteilhaft, für dich Spion und Schurken!« rief Schatoff von der Tür zurück und trat hinaus.
Wieder Ausrufe, Lärm.
»Da haben wir ja jetzt die Probe!« rief eine Stimme.
»Hat genützt!« rief eine andere.
»Hat sie nicht vielleicht zu spät genützt?« fragte eine dritte.
»Wer hat ihn eingeladen? -- Wer hat ihn empfangen? -- Wer ist es? -- Was ist dieser Schatoff? -- Wird er denunzieren? ... wird er nicht? ...« schwirrten die Fragen durcheinander.
»Wenn er denunzieren wollte, so würde er sich verstellt haben, so aber hat er gleichsam auf die ganze Sache einfach gespuckt und ist fortgegangen,« bemerkte jemand.
»Da steht auch schon Stawrogin auf! Stawrogin hat auch nicht auf die Frage geantwortet!« rief wieder die Studentin.
Stawrogin war tatsächlich aufgestanden und sogleich hatte sich auch Kirilloff am anderen Tischende von seinem Platz erhoben.
»Verzeihen Sie, Herr Stawrogin,« wandte sich die Hausfrau nervös an ihn, »wir haben hier alle auf die Frage geantwortet, während Sie nun allein schweigend fortgehen wollen?«
»Ich fühle mich nicht verpflichtet, auf eine Frage zu antworten, die Sie interessiert,« sagte Stawrogin.
»Aber wir haben uns kompromittiert und Sie nicht!« riefen die Stimmen wieder.
»Was geht das mich an, daß Sie sich kompromittiert haben,« lachte Stawrogin auf, doch seine Augen funkelten.
»Wieso -- geht das Sie nichts an? Wieso -- geht das Sie nichts an?« fragte man sofort.
Einige sprangen von ihren Plätzen auf.
»Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie!« rief der Lahme. »Herr Werchowenski hat ja auch noch nicht auf die Frage geantwortet, sondern sie bloß gestellt!«
Diese Bemerkung machte einen geradezu lähmenden Eindruck. Alle sahen sich erstaunt an. Stawrogin lachte laut dem Lahmen ins Gesicht und ging aus dem Zimmer. Kirilloff folgte ihm. Werchowenski lief beiden sofort ins Vorzimmer nach.
»Was machen Sie aus mir!« flüsterte er erregt, Stawrogins Hand fassend, die er mit aller Kraft in der seinigen preßte.
Der entriß sie ihm schweigend.
»Seien Sie sofort bei Kirilloff, ich werde kommen ... Ich muß, ich muß Sie unbedingt sprechen!«
»Für mich gibt es kein Muß!« schnitt ihm Stawrogin das Wort ab.
»Stawrogin wird bei mir sein,« beendete Kirilloff das Gespräch. »Stawrogin, es gibt für Sie doch ein Muß. Ich werde es Ihnen dort zeigen.«
Sie gingen hinaus.
Dreizehntes Kapitel. Zarewitsch Iwan
Sie traten hinaus. Pjotr Stepanowitsch kehrte zuerst in das Gastzimmer zurück, um das Chaos zu besänftigen, doch er sah bald ein, daß hier jede Mühe vergeblich war, und so lief er denn schon nach zwei Minuten den Fortgegangenen nach. Unterwegs fiel ihm eine Querstraße ein, durch die er ein gutes Stück Weges abschneiden konnte. Er bog in sie ein -- es war eine Winkelgasse, in der er im Schlamm fast bis über die Knöchel versank -- und erreichte auf diese Weise das Filippoffsche Haus fast in demselben Augenblick, als Stawrogin und Kirilloff durch die Hofpforte traten.
»Schon hier? -- Das ist gut.« sagte Kirilloff. »Kommen Sie.«
»Wie, Sie sagten doch, daß Sie ganz allein leben?« fragte Stawrogin, als er im Flur den schon aufgesetzten Samowar bemerkte, der schon zu summen begann.
»Werden gleich sehen, mit wem ich lebe,« murmelte Kirilloff. »Treten Sie ein.«
Kaum hatten sie sich gesetzt, als Werchowenski den anonymen Brief, den er sich von Herrn von Lembke ausgebeten hatte, aus der Tasche zog und ihn vor Stawrogin auf den Tisch legte. Stawrogin las ihn schweigend durch.
»Nun?« fragte er.
»Dieser Schuft wird bestimmt das tun, wozu er sich erboten hat,« erklärte Werchowenski. »Da er in Ihrer Hand ist, so sagen Sie bitte, wie man mit ihm umgehen soll. Ich versichere Ihnen, daß er vielleicht schon morgen zu Lembke geht.«
»Nun, mag er doch gehen.«
»Wieso, mag er doch? Wenn man das verhindern kann!«
»Sie irren sich, er hängt durchaus nicht von mir ab. Und übrigens ist es mir wirklich gleichgültig. Mir droht er doch mit nichts, bloß Ihnen.«
»Auch Ihnen.«
»Ich glaube nicht.«
»Aber andere könnten Sie vielleicht nicht schonen. Sollten Sie das wirklich nicht begreifen? Hören Sie, Stawrogin, das ist doch nur ein Spiel mit Worten. Tut Ihnen wirklich das Geld leid?«
»Ist dazu überhaupt Geld nötig?«
»Unbedingt. Zweitausend oder minimum tausend fünfhundert Rubel. Geben Sie mir die Summe morgen oder meinetwegen heute noch, und morgen abend schaffe ich ihn nach Petersburg. Das will er ja selbst! Wenn Sie wollen, mitsamt Marja Timofejewna -- beachten Sie das!«
Es war etwas vollkommen Irres in Werchowenski, er sprach unvorsichtig, hastig, die Worte entfuhren ihm unbedacht.
Stawrogin betrachtete ihn mit Verwunderung.
»Ich habe gar keinen Grund, Marja Timofejewna fortzuschicken,« sagte er.
»Vielleicht wollen Sie es nicht einmal?« fragte Pjotr Stepanowitsch mit ironischem Lächeln.
»Vielleicht will ich es nicht einmal.«
»Kurzum: wird das Geld zur Stelle sein, oder wird es nicht zur Stelle sein?« fuhr er plötzlich, in geärgerter Ungeduld und fast herrisch, Stawrogin an.
Dieser besah ihn sich mit ernstem Gesicht.
»Es wird nicht zur Stelle sein.«
»Ei, Stawrogin! Sie wissen offenbar irgend etwas, oder haben schon irgend etwas getan! Sie führen ein wildes Leben!«
Sein Gesicht verzog sich dabei. Seine Mundwinkel zuckten, und plötzlich lachte er ein ganz grundloses, unvermitteltes Lachen, das gar nicht hierher paßte.
»Sie haben erst kürzlich von Ihrem Vater Geld für das Gut erhalten,« bemerkte Stawrogin ruhig. »Meine Mutter hat Ihnen die sechs- oder achttausend Rubel, die Sie von Stepan Trophimowitsch verlangten, für das Gut ausgezahlt. Davon können Sie doch, wenn das für Sie so nötig ist, sehr wohl tausendfünfhundert aus Ihrer Tasche bezahlen. Ich habe es satt, immer für andere zu zahlen, und habe schon so viel ausgegeben, daß es für mich beinahe kränkend ist ...« Er mußte selbst über seine letzten Worte lächeln.
»Ah, Sie beginnen zu scherzen ...«
Stawrogin erhob sich, sofort sprang auch Werchowenski auf und stellte sich mechanisch vor die Tür, wie um den Ausgang zu versperren. Stawrogin machte schon eine Bewegung, um ihn fortzustoßen und hinauszugehen -- doch plötzlich blieb er stehen.
»Ich trete Ihnen Schatoff nicht ab,« sagte er.
Pjotr Stepanowitsch zuckte zusammen; sie sahen sich an.
»Ich habe Ihnen heute unterwegs gesagt, wozu Sie Schatoffs Blut brauchen,« sagte Stawrogin mit funkelnden Augen. »Mit diesem Blut wollen Sie Ihre Fünfer-Gruppen zusammenleimen. Vorhin haben Sie ja Schatoff auf eine ganz vorzügliche Weise hinausgejagt: Sie wußten nur zu gut, daß er niemals sagen würde, >ich denunziere nicht< -- vor Ihnen aber zu lügen für unter seiner Würde hält. Doch wozu brauchen Sie mich, mich jetzt eigentlich? Was soll ich bei all dem? Nachdem ich aus dem Auslande zurückgekehrt bin, drängen Sie sich mir immer wieder auf. Das, womit Sie mir Ihr Benehmen bis jetzt erklärt haben, ist nur Fieberphantasie. Dabei wollen Sie, daß ich, indem ich Lebädkin tausendfünfhundert Rubel einhändige, damit Ihrem Fedjka das Zeichen gebe, ihn zu erstechen. Ich weiß, Sie denken, daß ich zu gleicher Zeit auch meine Frau ermorden lassen will. Und wenn Sie mich dann mit einem Verbrechen an sich gebunden haben, so hoffen Sie, Macht über mich zu bekommen -- ist es nicht so? Wozu aber wollen Sie diese Macht? Für welch eine Teufelei in aller Welt brauchen Sie mich? Ich sage Ihnen ein für allemal: machen Sie doch endlich einmal Ihre Augen auf und sehen Sie näher zu, ob ich überhaupt ein Mensch für Sie bin, und lassen Sie mich dann endlich in Ruh!«
»Fedjka ist selbst zu Ihnen gekommen?« fragte Werchowenski beklommen.
»Ja, er ist selbst zu mir gekommen. Sein Preis ist gleichfalls genau tausend fünfhundert ... Da -- er kann es ja selbst bestätigen, da ist er ja ...« rief Stawrogin und streckte seine Hand gegen die Tür hin aus.
Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell um. Auf der Schwelle stand, aus der Dunkelheit hervortretend, eine Menschengestalt -- Fedjka, im kurzen Pelz, doch ohne Mütze, ganz wie einer, der im Hause wohnt. Er stand da und lächelte, daß man seine gleichmäßigen weißen Zähne schimmern sah. Die schwarzen Augen mit dem gelben Zigeunerglanz huschten vorsichtig durch das Zimmer und gingen von einem zum anderen der Herren. Er schien irgend etwas nicht zu verstehen: wahrscheinlich hatte ihn Kirilloff herangewinkt, denn zu dem wandte sich immer wieder sein fragender Blick. Er blieb auf der Schwelle stehen und schien nicht eintreten zu wollen.
»Er ist hier wohl in Bereitschaft gehalten worden, um unseren ganzen Schacher mit anzuhören, vielleicht gar um das Geld gleich in Empfang zu nehmen -- ist's nicht so?« fragte Stawrogin, und ohne die Antwort abzuwarten, verließ er das Haus.
Werchowenski lief ihm sofort nach, und holte ihn noch bei der Hofpforte ein.
»Bleib! Keinen Schritt!« rief er und packte ihn am Ellenbogen.
Stawrogin riß seinen Arm zurück, konnte ihn jedoch nicht befreien. Da packte ihn die Wut und mit der linken Hand ergriff er Werchowenski bei den Haaren, schleuderte ihn mit aller Kraft zu Boden und trat dann hinaus auf die Straße. Aber noch war er nicht dreißig Schritt gegangen, als der andere ihn schon wieder einholte.
»Versöhnen wir uns, versöhnen wir uns,« kam es in bebendem Flüsterton, fast bettelnd, von seinen Lippen.
Stawrogin zuckte mit der Schulter und ging weiter.
»Hören Sie, ich bringe morgen Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen, wollen Sie? Nicht? Warum antworten Sie denn nicht? Sagen Sie nur, was Sie wollen, und ich tue es. Hören Sie: ich lasse Ihnen auch Schatoff, wollen Sie?«
»Dann ist es also wahr, daß Sie ihn wirklich ermorden wollten?«
»Nun, wozu brauchen Sie Schatoff? Was haben Sie von ihm?« fuhr atemlos schnell Werchowenski fort, indem er ihm bald in den Weg lief, bald wieder ihn am Ellenbogen ergriff, augenscheinlich, ohne sich dessen überhaupt bewußt zu werden. »Hören Sie: ich gebe Ihnen Schatoff, versöhnen wir uns nur, versöhnen wir uns! Ihre Rechnung ist groß, aber ... versöhnen wir uns!«
Stawrogin sah ihn schließlich an und war betroffen. Das war nicht mehr derselbe Blick, nicht mehr dieselbe Stimme, wie sonst und wie noch dort im Zimmer. Das war fast ein ganz anderes Gesicht, das er da vor sich sah. Und auch die Stimme war eine ganz andere: Werchowenski flehte, winselte geradezu. Das war ja ein Mensch, dem man das Teuerste auf Erden nimmt, oder schon fortgenommen hat, und der noch nicht zur Besinnung gekommen ist.
»Was ist mit Ihnen geschehen?« rief Stawrogin unwillkürlich.
Werchowenski antwortete nicht und lief immer noch neben ihm her und sah mit demselben flehenden und doch gleichzeitig unnachgiebigen Blick zu ihm auf.
»Versöhnen wir uns!« flüsterte er noch einmal. »Hören Sie, ich halte wie Fedjka ein Messer im Stiefel bereit, aber -- ich will mich mit Ihnen versöhnen!«
»Zum Teufel, wozu brauchen Sie mich denn! Was wollen Sie von mir?« rief Stawrogin in hellem Zorn, trotz seiner ganzen Verwunderung. »Soll das etwa ewig ein Geheimnis bleiben? Bin ich denn ein Talisman für Sie?«
»Hören Sie, wir machen einen Aufruhr,« redete der andere schnell und wirr, fast wie im Fieber. »Sie glauben nicht, daß wir einen Aufruhr machen? Wir werden einen solchen Aufruhr machen, daß alles in den Grundfesten erbebt. Karmasinoff hat recht: es gibt nichts, woran man sich noch halten könnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn solcher Gruppen in ganz Rußland, und ich bin nicht zu fangen.«
»Und überall dieselben Dummköpfe!« entfuhr es Stawrogin wider Willen.
»Oh, seien Sie selbst etwas dümmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas dümmer! Wissen Sie, Sie sind ja auch gar nicht so klug, daß Sie dies noch wünschen sollten. Sie fürchten sich, Sie glauben nicht daran, der Umfang schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummköpfe sein? Dabei sind sie gar nicht mal solche Dummköpfe! Heutzutage hat niemand seinen eigenen Verstand. Heutzutage gibt es überhaupt furchtbar wenig eigenen Verstand. Wirginski ist der reinste Mensch, viel reiner als solche wie wir, zehnmal reiner. Doch lassen wir ihn beiseite, was geht er uns an. Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne seine Achillesferse. Es gibt keinen Spitzbuben, der nicht eine Achillesferse hätte. Nur Lämschin allein hat keine, dafür ist er ganz in meiner Hand. Und noch ein paar solcher Gruppen, und ich habe überall Pässe und Geld -- beachten wir schon das allein! Wenn auch nur das allein! -- was? Dazu sichere Verstecke. Mögen sie dann suchen! Eine Gruppe reißt man heraus, und auf die andere setzt man sich ahnungslos. Wir wiegeln auf ... Hören Sie, wir machen einen Aufruhr ... Glauben Sie denn wirklich nicht, daß wir zwei vollkommen genügen?«
»Nehmen Sie Schigaleff, mich aber lassen Sie in Ruh ...«
»Schigaleff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie, das ist ein Genie à la Fourier, nur mutiger als Fourier, nur stärker als Fourier. Ich werde mich mit ihm beschäftigen. Er hat die >Gleichheit< erdacht!«
-- »Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es muß etwas ganz Besonderes mit ihm geschehen sein,« dachte Stawrogin und sah ihn noch einmal von der Seite an. Sie gingen beide, ohne stehen zu bleiben.
»In seiner Schrift ist das eine gut,« fuhr Werchowenski fort, »er hat die Idee der Spionage. Bei ihm beobachtet innerhalb des Verbandes ein jeder den anderen, und ist verpflichtet, ihn nötigenfalls anzuzeigen. Jeder einzelne gehört allen und alle jedem einzelnen. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei einander gleich. In äußersten Fällen Verleumdung und Mord, -- aber die Hauptsache: Gleichheit! Als erstes senkt sich dann das Niveau der Bildung, der Wissenschaft und der natürlichen, angeborenen Begabung. Ein hohes geistiges Niveau ist nur höheren Begabungen zugänglich -- wir aber brauchen keine höheren Begabungen! Höhere Begabungen haben stets die Macht an sich gerissen und waren Despoten. Höheren Begabungen ist es unmöglich, nicht Despoten zu sein, und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt sie deshalb oder man richtet sie hin. Cicero wird die Zunge abgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen und Shakespeare wird gesteinigt -- das ist der Schigalewismus! Sklaven müssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, in der Herde aber muß Gleichheit sein, und da haben Sie den Schigalewismus! Ha--ha--ha, Ihnen kommt das sonderbar vor? Ich bin für den Schigalewismus!«
Stawrogin schritt schneller aus, um endlich nach Hause zu kommen. -- »Wenn dieser Mensch betrunken sein sollte, wo hat er denn inzwischen trinken können?« fuhr es ihm durch den Kopf. »Sollte wirklich der eine Kognak --?«
»Hören Sie, Stawrogin: Berge zur Ebene machen -- ist ein guter Gedanke, nicht ein lächerlicher. Ich bin für Schigaleff! Bildung ist nicht nötig, von Wissenschaft haben wir genug! Auch ohne Wissenschaft reicht das Material für tausend Jahre, aber zuerst muß sich der Gehorsam durchsetzen. Nur eines ist noch nicht genug vorhanden in der Welt -- und das ist Gehorsam. Jeder Bildungsdurst ist schon ein aristokratischer Trieb. Familie, Liebe -- das ist gleich schon Wunsch nach Eigentum. Wir bringen ihn um, den Wunsch: wir verbreiten Trunksucht, Klatsch, Angeberei; wir verbreiten unerhörte Demoralisation; wir ermorden jedes Genie schon als Kind. Alles wird auf einen Nenner gebracht, vollständige Gleichheit durchgesetzt. >Wir haben ein Handwerk erlernt und wir sind ehrliche Leute, weiter brauchen wir nichts< -- diese Antwort haben kürzlich englische Arbeiter gegeben. Unentbehrlich ist nur das Unentbehrliche, -- das sei die Devise des Erdballs von nun an. Aber auch Krämpfe sind nötig; dafür werden wir sorgen, die Regenten. Sklaven müssen Regenten haben. Vollkommener Gehorsam, vollkommene Unpersönlichkeit, aber einmal in jeden dreißig Jahren gönnt Schigaleff doch einen Krampf, und dann frißt sich alles plötzlich gegenseitig auf, bis zu einer gewissen Grenze natürlich nur, einzig damit das Leben nicht zu langweilig wird. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; im Schigalewismus wird es keine Wünsche geben. Wünsche und Leiden für uns, für die Sklaven aber Schigalewismus.«
»Sich selbst schließen Sie aus?«
»Und Sie. Wissen Sie, zuerst wollte ich die Welt dem Papst geben. Mag er sich barfuß dem Pöbel zeigen: >Seht, wozu man mich gebracht hat!< und alles wird ihm nachlaufen, sogar das Heer. Der Papst oben, wir um ihn herum und unter uns Schigalewismus. Nur müßte sich die Internationale mit dem Papst einverstanden erklären; was sie auch tun wird. Der Alte selbst wird natürlich sofort einverstanden sein. Es wird ihm ja auch gar kein anderer Ausweg übrigbleiben, behalten Sie mein Wort, ha--ha--ha, dumm? Sagen Sie, ist's dumm oder nicht?«
»Genug,« murmelte Stawrogin geärgert.
»Genug! Hören Sie, ich habe den Papst Papst sein lassen! Zum Teufel mit dem Papst! Zum Teufel mit dem Schigalewismus! Wir brauchen die brennende Tagesfrage, aber nicht den Schigalewismus, denn der ist eine Juwelierarbeit. Schigalewismus ist ein Ideal, kommt erst für die Zukunft in Frage. Schigaleff ist ein Juwelier und dumm wie jeder Philantrop. Doch zunächst tut grobe Arbeit not, Schigaleff aber verachtet die grobe Arbeit. Hören Sie, der Papst wird im Westen sein, bei uns aber, bei uns -- sind Sie!«
»Lassen Sie mich in Ruh, Sie Betrunkener!« murmelte Stawrogin und ging noch schneller weiter.
»Stawrogin, Sie sind schön!« rief Pjotr Stepanowitsch fast wie in einem Rausch. »Wissen Sie es auch selbst, daß Sie schön sind? Das Teuerste an Ihnen ist, daß Sie es zuweilen selbst gar nicht zu wissen scheinen, wie schön Sie sind. Oh, ich kenne Sie jetzt auswendig! Ich sehe Sie mir oft heimlich, von der Seite an, aus einem Winkel! In Ihnen ist sogar Treuherzigkeit und echte Einfalt -- wissen Sie das auch? Ja, noch, noch sind die in Ihnen! Sie leiden offenbar, und leiden aufrichtig, dank dieser Treuherzigkeit. Ich liebe die Schönheit! Ich bin ein Nihilist, aber ich liebe Schönheit! Lieben denn Nihilisten die Schönheit nicht? Die lieben doch bloß Götzen nicht, nun, ich aber liebe einen Götzen! Und Sie, Sie sind mein Götze! Sie kränken niemanden, und doch werden Sie von allen gehaßt. Sie sehen auf alle gleich und doch werden Sie von allen gefürchtet, und das ist gut. An Sie wird niemand herantreten, um Sie auf die Schulter zu klopfen. Sie sind ein furchtbarer, ein geborener Aristokrat. Wenn ein Aristokrat unter die Demokraten geht, ist er bezaubernd! Ihnen macht es nichts aus, das Leben zu opfern, Ihr eigenes ebenso wenig, wie das anderer Menschen. Sie sind genau so, wie er sein muß. Und ich, ich brauche gerade solch einen, wie Sie. Außer Ihnen wüßte ich keinen. Sie sind der Anführer, Sie sind Sonne, ich aber bin Ihr Wurm ...«
Und plötzlich küßte er ihm die Hand. Kalt lief es Stawrogin über den Rücken und entsetzt riß er seine Hand zurück.
Sie blieben stehen.
»Wahnsinniger!« murmelte Stawrogin.
»Vielleicht bin ich wahnsinnig, vielleicht phantasiere ich im Fieber!« hastete Werchowenski weiter in seiner Rede, »aber ich habe den ersten Schritt ausgedacht. Niemals kann Schigaleff den ersten Schritt ausdenken. Es gibt viele Schigaleffs! Aber nur ein einziger, ein einziger in ganz Rußland hat den ersten Schritt ausgedacht und weiß, wie man ihn machen muß. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an? Ich brauche aber Sie, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich eine Fliege, eine Idee im Fläschchen; ein Kolumbus ohne Amerika!«
Stawrogin stand und sah aufmerksam in Werchowenskis sinnlose Augen.
»Hören Sie, wir machen zuerst einen Aufruhr,« eilte jener wie gehetzt weiter in seiner Rede, während er immer wieder Stawrogins linken Ärmel anfaßte. »Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk. Wissen Sie auch, daß wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Unser sind nicht nur die, die da brennen und morden, oder klassische Schüsse abfeuern oder in Schultern beißen. Solche stören nur. Ich verstehe nichts ohne Disziplin. Ich bin doch ein Betrüger, aber kein Sozialist, ha--ha! Hören Sie, ich habe sie bereits alle zusammengezählt: der Lehrer, der mit den Kindern über ihren Gott und über ihre Wiege lacht, ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mörder damit verteidigt, daß der Mörder entwickelter gewesen ist, als seine Opfer und somit, um Geld zu bekommen, unmöglich nicht töten konnte, ist schon unser. Die Schuljungen, die einen Bauern töten, um zu sehen, was man dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die Verbrecher ohne Ausnahme freisprechen, sind unser. Unser sind Administratoren, Literaten, oh, unser sind viele, ihrer sind Legion, und sie wissen es selbst nicht einmal, daß sie unser sind! Andererseits hat der Gehorsam der Schuljungen und Dummköpfe den höchsten Grad erreicht. Bei denen aber, die sie leiten und lehren sollten, ist nichts als Galle. Überall grenzenlose Ruhmsucht, unerhörte, tierische Genußsucht ... Wissen Sie überhaupt, wie viele wir allein schon mit fertigen Ideechen einfangen? Als ich Rußland verließ, wütete die These Littrés, nach der Verbrechen Wahnsinn ist. Ich komme wieder -- und schon ist das Verbrechen nicht mehr Wahnsinn, sondern gerade der wahre, der einzige Sinn, ist beinahe Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. -- >Wie soll denn ein geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er Geld braucht?< -- Doch das sind erst kleine Pröbchen. Der russische Gott hat vor dem Schnaps schon die Flucht ergriffen. Das Volk ist betrunken, die Mütter sind betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer und an den Gerichtshöfen heißt es: >zweihundert Rutenstreiche oder schlepp den Eimer<. Oh, gebt nur dieser Generation Zeit, aufzuwachsen! Der Jammer ist ja nur, daß wir keine Zeit zum Warten haben, sonst könnten wir sie noch betrunkener werden lassen! Ein Jammer, daß wir keine Proletarier haben! Aber wir werden sie schon bekommen, wir werden schon, denn dazu führt es ...«
»Ein Jammer gleichfalls, daß wir dümmer geworden sind,« brummte Stawrogin und setzte seinen früheren Weg fort.
»Hören Sie, ich habe ein sechsjähriges Kind gesehen, das seine betrunkene Mutter nach Hause führte, und die schimpfte es noch mit gemeinen Worten. Sie glauben, daß ich mich darüber freue? Bekommen wir es in die Hände, so werden wir es vielleicht auch gesund machen ... wenn es nötig ist, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wüste hinaus ... Aber eine oder zwei Generationen mit unerhörter Sittenverderbnis sind jetzt unbedingt nötig: vertierte Sitten, gemeine, schändliche Sitten, so daß der Mensch sich in einen einzigen widrigen, feigen, grausamen, selbstsüchtigen Ekel verwandelt -- das ist es, was nötig ist! Und dann ein bißchen >frisches Blut<, damit er sich daran gewöhnt. Warum lachen Sie? Ich widerspreche mir nicht. Ich widerspreche nur den Philantropen und dem Schigalewismus, aber nicht mir! Ich bin ein Betrüger, aber kein Sozialist. Ha--ha--ha! Schade nur, daß wir so wenig Zeit haben. Ich habe Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zum Oktober zu beenden. Schnell -- wie? Ha--ha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Stawrogin: im russischen Volk hat es bis jetzt noch keinen Zynismus gegeben, wenn es sich auch mit gemeinen Worten zu schimpfen pflegte. Wissen Sie auch, daß dieser leibeigene Sklave sich mehr achtete, als Karmasinoff sich achtet? Er wurde gedroschen, aber er stand für seinen Gott ein, Karmasinoff aber steht nicht für seinen Gott ein.«
»Nun, Werchowenski, ich höre Sie zum ersten Male, und höre Sie mit Verwunderung,« sagte Stawrogin, »Sie sind also wirklich kein Sozialist, sondern ein politischer ... Streber?«
»Ein Betrüger, ein Betrüger. Macht Ihnen das Sorge, was ich eigentlich bin? Ich werde Ihnen sogleich sagen, wer ich bin, darauf komme ich jetzt. Habe Ihnen doch nicht umsonst die Hand geküßt. Aber es ist nötig, daß auch das Volk es glaubt, daß wir wissen, was wir wollen, und daß jene nur mit der >Keule fuchteln und die Eigenen schlagen<. Ach, nur Zeit! Der einzige Jammer ist bloß der, daß wir keine Zeit haben! Wir verkünden die Zerstörung ... warum nur, warum ist diese Idee so bezaubernd? Aber man muß, man muß die Knochen gelenkig machen. Wir legen Feuer an ... Wir verbreiten Legenden ... Hierbei wird uns jede kleine räudige >Gruppe<, jedes Häufchen zu statten kommen. Ich kann Ihnen aus diesen Gruppen solche Jäger heraussuchen, die zu jedem Schuß bereit sind und für die Ehre noch ewig dankbar bleiben. Und dann beginnt der Aufruhr! Ein Schaukeln hebt an und gerät in Schwung, wie's die Welt bisher noch nie gesehen hat! ... Verfinstern wird sich Rußland und weinen wird die Erde nach den alten Göttern ... Und dann, dann bringen wir ... Wen?«
»Wen?«
»Den Zarewitsch Iwan!«
»We--en?«
»Den Zarewitsch Iwan; Sie, Sie!«
Stawrogin dachte einen Augenblick nach.
»Einen Usurpator?« fragte er plötzlich und sah mit tiefer Verwunderung den Verzückten an. »Ah, also das ist Ihr Plan!«
»Wir sagen zuerst, daß er sich >verbirgt<,« flüsterte leise wie ein Liebesgeständnis Werchowenski, der in der Tat wie betrunken war. »Wissen Sie auch, was dieses Wörtchen bedeutet: >er verbirgt sich<? >Aber er wird kommen, er wird kommen!< sagen wir. Die Legende, die wir verbreiten, wird besser sein, als die der Skopzen.[47] Er ist da -- aber noch hat ihn niemand gesehen. Oh, was für eine Legende wir zuraunen können! Doch die Hauptsache -- eine neue Kraft kommt! Gerade die aber tut ja not, gerade nach einer solchen sehnt man sich ja weinend! Was ist denn der Sozialismus: er hat ja nur alte Kräfte zerstört, neue aber nicht gebracht. Hier dagegen ist's eine Kraft, und noch was für eine! Eine noch nie dagewesene! Wir brauchen ja nur für einmal den Hebel, um die Erde aufzuheben. Alles wird sich erheben!«
»So haben Sie im Ernst auf mich gerechnet?« fragte Stawrogin ironisch.
»Warum lachen Sie und warum lachen Sie so boshaft? Erschrecken Sie mich nicht. Ich bin jetzt wie ein Kind, man kann mich zu Tode erschrecken, schon allein mit solch einem Lächeln. Hören Sie, ich werde Sie niemandem zeigen, niemandem: so muß es sein. Er ist da, aber keiner hat ihn gesehen. Er verbirgt sich. Oder wissen Sie, einem kann man Sie auch zeigen, von je Hunderttausend nur einem. Und über die ganze Erde hin wird es heißen: >Wir haben ihn gesehen, gesehen!< Haben doch die Leute den Iwan Filippowitsch,[48] ihren Zebaoth, den Herrn der Heerscharen, >gesehen<, wie er im Wagen gen Himmel fuhr vor allen Menschen, haben es >mit eigenen Augen gesehen<. Sie aber sind nicht nur ein Iwan Filippowitsch: Sie sind schön, sind stolz wie ein Gott, mit der Aureole des Opfers, wollen nichts für sich selbst, und >verbergen< sich. Die Hauptsache ist die Legende! Sie werden alle besiegen, Sie sehen sie nur einmal an und siegen. Er bringt die neue Wahrheit und -- >verbirgt< sich. Und mittlerweile verbreiten wir ein paar Salomonische Aussprüche. Haben ja die Gruppen, die >Fünfer< -- brauchen keine Zeitungen! Wenn von zehntausend Bitten nur eine einzige erfüllt wird, so kommen alle mit Bitten. In jedem Kreise wird jeder Bauer wissen, daß da in einem gewissen Baumstamm eine Höhlung ist, in die man Bittschriften hineinlegen kann. Und die ganze Erde jauchzt auf: >Das neue gerechte Gesetz kommt zu uns!< und das Meer gerät ins Wogen und die Schaubude stürzt, -- dann aber werden wir daran denken, wie wir ein steinernes Gebäude errichten! Zum erstenmal! Denn bauen werden wir, nur wir, wir allein!«
»Raserei!« murmelte Stawrogin.
»Warum, warum wollen Sie nicht? Fürchten Sie sich etwa? Ich habe doch gerade deshalb Sie erwählt, weil Sie nichts fürchten. Unvernünftig, wie? Aber ich bin doch vorläufig noch Kolumbus ohne Amerika -- ist denn Kolumbus ohne Amerika vernünftig?«
Stawrogin schwieg. Sie waren bei dem Hause angelangt und blieben an der Vorfahrt stehen.
»Hören Sie,« Werchowenski beugte sich zu seinem Ohr, »ich mache es Ihnen ohne Geld, morgen beende ich es mit Marja Timofejewna ... ohne Geld, und morgen noch bringe ich Ihnen Lisa. Wollen Sie Lisa, morgen noch?«
»Sollte er wirklich verrückt geworden sein?« fragte sich Stawrogin und lächelte. Die Tür öffnete sich.
»Stawrogin, ist Amerika unser?« Werchowenski ergriff zum letztenmal seine Hand.
»Wozu?« fragte Stawrogin ernst und streng.
»Keine Lust also! -- das konnte ich mir ja denken!« stieß Pjotr Stepanowitsch in einem wahren Wutanfall hervor. »Aber das lügen Sie ja, Sie erbärmlicher, ausschweifender, brüchiger Herrensohn, ich weiß es besser: Sie haben sogar einen Wolfshunger danach! ... Begreifen Sie doch, daß Ihre Rechnung jetzt schon viel zu groß ist! Und ich kann doch nicht auf Sie verzichten! Es gibt keinen anderen auf der Welt als nur Sie! Ich habe Sie mir schon im Auslande ausgedacht; hab's getan, indem ich Sie sah. Hätte ich Sie nicht mit Augen gesehn, aus meiner Ecke, mir wäre auch nichts in den Sinn gekommen! ...«
Stawrogin stieg, ohne zu antworten, die Stufen hinan.
»Stawrogin!« rief ihm Werchowenski nach, »-- ich gebe Ihnen noch einen Tag Bedenkzeit ... nun, zwei ... nun, meinethalben drei! ... Mehr als drei kann ich nicht, dann aber -- Ihre Antwort!«
Vierzehntes Kapitel. Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde
Inzwischen geschah bei uns etwas, das mich zunächst nur in Erstaunen versetzte, Stepan Trophimowitsch aber erschütterte.
Eines Morgens, noch vor acht Uhr, kam Nastassja, Stepan Trophimowitschs Mädchen, atemlos zu mir gelaufen, mit der Nachricht, ihr Herr sei »beschlagnahmt« worden. Anfangs konnte ich aus ihren Reden überhaupt nicht klug werden, doch schließlich erfuhr ich immerhin, daß Beamte in der Frühe zu ihm gekommen waren und Papiere beschlagnahmt hatten; diese hatte dann ein Soldat »zu einem Bündel zusammengebunden und auf einer Schiebkarre weggeschleppt.«
Ich eilte sogleich zu meinem Freunde.
Der befand sich in einer sonderbaren Verfassung: er war erschrocken und erregt, und schien doch zu gleicher Zeit zu triumphieren. Auf dem Tisch kochte der Samowar und daneben stand ein Glas Tee, das schon des längeren eingegossen, doch noch nicht angerührt war. Stepan Trophimowitsch ging hin und her, ging rund um den Tisch herum, ging in alle Winkel des Zimmers, doch augenscheinlich ohne sich über seine Bewegungen Rechenschaft zu geben. Als ich kam, war er, wie vormittags gewöhnlich, in seinem roten Morgenrock, doch diesmal ging er, kaum daß er mich erblickt hatte, schnell ins andere Zimmer und zog sich Weste und Rock an -- was er sonst nie getan hatte, wenn ihn einer seiner nahen Freunde in diesem Morgenrock antraf. Er ergriff sofort erregt meine Hand.
»Enfin un ami!«{[126]} (Er atmete tief auf.) »Cher, ich habe nur zu Ihnen allein geschickt und sonst weiß noch niemand etwas davon. Man muß Nastassja sagen, daß sie die Türen schließt und keinen Menschen hereinläßt, außer natürlich jene, falls sie ... Vous comprenez?«{[111]}
Er sah mich dabei unruhig an, als ob er eine Antwort erwartete. Selbstverständlich begann ich ihn sofort nach dem Vorgefallenen auszufragen, und so erfuhr ich denn schließlich, nach zahllosen Unterbrechungen und unnützen Zwischensätzen, daß um sieben Uhr morgens »plötzlich« ein Gouvernementsbeamter zu ihm gekommen war ...
»Pardon, j'ai oublié son nom. Il n'est pas du pays, aber ich glaube, Lembke hat ihn mitgebracht, quelque chose de bête et d'allemand dans la physionomie. Il s'appelle Rosenthal.«{[127]}
»Rosenthal? Hieß er nicht Blümer?«
»Blümer? Ja, richtig, Blümer hieß er. Vous le connaissez? Quelque chose d'hébété et de très content dans la figure, pourtant très sévère, roide et sérieux.{[128]} Ein Polizeimensch, aber einer von den Ergebenen, je m'y connais.{[129]} Ich schlief noch, und denken Sie sich, er bat mich, auf meine >Bücher und Manuskripte< einen Blick werfen zu dürfen, oui, je m'en souviens, il a employé ce mot.{[130]} Er hat mich nicht arretiert, sondern nur die Bücher ... Il se tenait à distance,{[131]} und als er seinen Besuch zu erklären begann, da sah er aus, als ob ich ... enfin il avait l'air de croire que je tomberai sur lui immédiatement et que je commencerai à le battre comme plâtre. Tous ces gens du bas étage sont comme ça,{[132]} wenn sie es mit einem anständigen Menschen zu tun haben. Natürlich begriff ich sofort alles. Voilà vingt ans que je m'y prépare!{[133]} Ich öffnete vor ihm alle Schubfächer und übergab ihm alle Schlüssel. Ich übergab sie selbst, ich habe ihm alles selbst übergeben. J'étais digne et calme.{[134]} Von den Büchern nahm er die ausländische Ausgabe Herzens, ein gebundenes Exemplar der >Glocke<, vier Abschriften meiner Dichtung et enfin tout ça.{[135]} Dann noch Papiere und Briefe et quelques unes de mes ébauches historiques, critiques et politiques.{[136]} Das alles haben sie dann mitgenommen. Nastassja sagt, der Soldat habe es auf einer Schiebkarre fortgeschleppt und mit einer Schürze bedeckt. Oui, c'est cela,{[137]} mit einer Schürze.«
Das war ja Wahnsinn. Wer hätte hier etwas begreifen können? Ich suchte Wesentlicheres aus ihm herauszubekommen. War Blümer ganz allein erschienen, oder waren, außer dem Soldaten, noch andere mit ihm gekommen? In wessen Namen? Mit welchem Recht? Wie hatte man so etwas wagen können? Womit hatte er es erklärt?
»Il était seul, bien seul, übrigens war noch jemand dans l'antichambre, oui, je m'en souviens, et puis{[138]} ... Übrigens, ich glaube, es war außerdem noch jemand da, und im Vorzimmer stand eine Wache. Man muß Nastassja fragen. Die hat das alles besser gesehen. J'étais surexcité, voyez-vous. Il parlait, il parlait ... un tas de choses{[139]} ..., übrigens, nein, er sprach sehr wenig, ich war es eigentlich, der immer sprach ... Ich habe ihm mein ganzes Leben erzählt, natürlich nur unter diesem Gesichtswinkel ... J'étais surexcité, mais digne, je vous l'assure.{[140]} Ich fürchte übrigens, daß ich, ich glaube wenigstens, geweint habe. Die Schiebkarre haben sie vom Krämer nebenan genommen ...«
»Aber wie hat sich das alles nur zutragen können! So sprechen Sie doch um Gottes willen etwas genauer, Stepan Trophimowitsch. Das ist doch ein Traum, den Sie da erzählen!«
»Cher, ich bin auch selbst noch wie im Traum ... Savez-vous! Il a prononcé le nom de Teliatnikoff,{[141]} und ich glaube, gerade dieser war es, der sich im Vorzimmer versteckte. Ja, da fällt mir ein, er schlug einen Zeugen vor, und ich glaube, eben diesen Dmitri Mitritsch ... qui me doit encore quinze roubles de Whist, soit dit en passant. Enfin, je n'ai pas trop compris.{[142]} Aber ich war noch schlauer als sie, und was geht mich Dmitri Mitritsch an! Ich habe, glaube ich, sehr gebeten, daß niemand etwas davon erfahre, sehr gebeten, sehr, fürchte sogar, daß ich mich erniedrigt habe, comment croyez-vous? Enfin il a consenti{[143]} ... Nein, warten Sie, da fällt mir ein, das war er selbst, der darum bat, denn er sei nur gekommen, um zu >besehen<, sagte er, et rien de plus,{[144]} und weiter nichts ... und daß, falls man nichts findet, auch nichts weiter geschehen wird. So haben wir denn auch alles beendet en amis, et je suis tout-à-fait content.«{[145]}
»Aber ich bitte Sie, er hat Ihnen doch einfach die in solchen Fällen üblichen Garantien angeboten, und Sie -- Sie haben ihn noch selbst davon abgebracht!« rief ich in freundschaftlichem Unwillen.
»Nein, es ist schon besser so, ohne Garantien. Und wozu ein Skandal? Lieber so lange es noch geht en amis ... Sie wissen doch, wenn man in der Stadt erfährt ... mes ennemis ... et puis à quoi bon ce procureur, ce cochon de notre procureur, qui deux fois m'a manqué de politesse et qu'on a rossé à plaisir l'autre année chez cette charmante et belle Natalia Pawlowna, quand il se cacha dans son boudoir. Et puis, mon ami,{[146]} widersprechen Sie mir nicht und entmutigen Sie mich nicht, ich bitte Sie, denn es gibt nichts Unerträglicheres, als wenn ein Mensch schon unglücklich ist und ihm dann hundert Freunde sofort noch erklären, wie dumm er gehandelt hat. Setzen Sie sich und trinken Sie Tee. Ich muß gestehen, ich bin sehr müde geworden ... sollte ich mich nicht hinlegen und eine Essigkompresse machen? Was meinen Sie?«
»Aber selbstverständlich,« sagte ich, »und besser noch eine mit Eis. Sie sind sehr aufgeregt. Sie sind ja ganz bleich und Ihre Hände zittern. Legen Sie sich hin, erholen Sie sich und sprechen Sie vorläufig nicht. Ich werde mich zu Ihnen setzen und warten. Und nachher können Sie mir dann alles erzählen.«
Doch er konnte sich noch nicht entschließen, sich hinzulegen, ich aber bestand darauf. Nastassja brachte Essig in einer Tasse, ich feuchtete ein Handtuch damit an, das ich ihm dann auf den Kopf legte. Darauf kletterte Nastassja auf einen Stuhl und schickte sich zu meiner nicht geringen Verwunderung an, in der Ecke vor dem Heiligenbilde das Lämpchen anzuzünden. Noch nie hatte ich früher ein Lämpchen bei ihm gesehen und nun war es plötzlich da und wurde sogar angezündet.
»Das habe ich vorhin angeordnet, gleich nachdem sie fortgegangen waren,« sagte Stepan Trophimowitsch leise zu mir und sah mich dabei schlau an, »quand on a de ces choses-là dans sa chambre et qu'on vient vous arrêter,{[147]} so macht das unbedingt einen guten Eindruck und die müssen dann doch aussagen, daß sie gesehen haben ...«
Als Nastassja mit dem Lämpchen fertig war, ging sie zur Tür, blieb aber dort stehen, legte mitleidig die rechte Hand an die Wange und begann, ihn mit bekümmertem Blick anzusehen.
»Eloignez-la unter irgendeinem Vorwand,« winkte er mir vom Diwan zu. »Kann dieses russische Mitleid nicht ausstehen, et puis ça m'embête.«{[148]}
Doch sie ging schon von selbst hinaus. Es fiel mir auf, daß er immer wieder zur Tür blickte und zum Vorzimmer hinhorchte.
»Il faut être prêt, voyez-vous,« (er sah mich dabei bedeutungsvoll an) »chaque moment{[149]} können sie kommen, einen festnehmen und huitt -- weg ist ein Mensch!«
»Herrgott! Wer kann kommen? Wer kann Sie festnehmen?«
»Voyez-vous, mon cher,{[150]} ich habe ihn ganz einfach gefragt, als er schon fortgehen wollte: was wird man jetzt mit mir machen?«
»Hätten Sie doch lieber gleich gefragt, wohin man Sie verschicken will!« rief ich unwillig.
»Das meinte ich ja auch damit, aber er ging fort und sagte nichts. Voyez-vous: was die Wäsche anbetrifft, die Kleider, die warmen Kleider besonders, ich glaube, das kann man schon mitnehmen, denke ich, doch vielleicht schicken sie einen auch im Soldatenmantel fort. Aber ich habe fünfunddreißig Rubel« (er senkte plötzlich die Stimme und blickte ängstlich nach der Tür, durch die Nastassja hinausgegangen war) »heimlich durch die Westentasche, die ich ein bißchen aufgeschnitten habe, in die Weste hineingesteckt, sehen Sie hier, fühlen Sie ... Ich glaube, die Weste werden sie mir doch nicht ausziehen, u--und zum Schein habe ich in mein Portemonnaie sieben Rubel gelegt >alles, sozusagen, was ich habe<. Und hier im Tisch ist noch Kleingeld und Kupfergeld, so daß sie gar nicht auf den Gedanken kommen werden, daß ich noch Geld versteckt habe. Sie werden glauben, das sei wirklich alles. Denn Gott mag wissen, wo ich heute noch nächtigen werde.«
Mir sank der Kopf auf die Brust ob solchem Wahnsinn. So, wie er es wiedergab, konnte man doch weder einen Menschen verhaften, noch Haussuchungen vornehmen. Daß er sich irgendwie täuschte, auch über das, was geschehen war, daran zweifelte ich jetzt nicht mehr. Allerdings hatte man ihm (nach seinen eigenen Worten) ein gesetzmäßigeres Vorgehen zugedacht, er aber war »noch schlauer« gewesen und hatte das selbst verhindert ... Freilich geschah das damals noch vor den neuen diesbezüglichen Gesetzen ... und freilich durfte damals, also noch vor kurzem, der Gouverneur in äußersten Fällen ... Aber was konnte denn hier für ein äußerster Fall vorliegen?
»Es ist bestimmt ein Telegramm aus Petersburg gekommen,« sagte plötzlich Stepan Trophimowitsch.
»Ein Telegramm! Ihretwegen? Weil Sie Herzens Bücher besitzen? Oder gar wegen Ihres Poems? Sie scheinen ja wirklich krank zu sein -- was für einen Grund kann man denn deshalb haben, Sie zu arretieren?«
»Wer kann das wissen, in unserer Zeit, warum man arretiert wird?« flüsterte er rätselhaft.
Ein unglaublicher, unmöglicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf.
»Stepan Trophimowitsch, sagen Sie mir jetzt einmal wie einem Freunde,« rief ich, »wie einem aufrichtigen, treuen Freunde, ich werde Sie nicht verraten: gehören Sie nicht irgendeinem geheimen Verbande an?«
Und da antwortete er mir zu meiner Verwunderung keineswegs sicher und bestimmt, ob er zu solch einem geheimen Verbande gehörte oder nicht gehörte. Ich wurde nicht klug daraus.
»Ja, voyez-vous, es kommt darauf an, wie man's nimmt. Voyez-vous ...«
»Wie man was >nimmt<?«
»Wenn man immer mit dem ganzen Herzen für den Fortschritt gewesen ist, und ... wer kann denn sicher sein? Du glaubst, daß du nicht gehörst, und siehe da, du gehörst schließlich doch zu irgend etwas.«
»Wie ist das möglich, hier handelt es sich doch nur um ja oder nein?«
»Cela date de Pétersbourg,{[151]} als wir beide dort das Blatt gründen wollten. Da steckt die Wurzel. Wir drückten uns damals und man vergaß uns: jetzt aber haben sie sich wieder unserer erinnert. Cher, cher, kennen Sie mich denn nicht!« rief er plötzlich krankhaft erregt. »Man wird uns festnehmen, in einen Bauernschlitten setzen und dann: marsch nach Sibirien fürs ganze Leben! Oder man vergißt uns in einer Kasematte!«
Und plötzlich begann er heiße, heiße Tränen zu weinen. Er bedeckte die Augen mit seinem seidenen Taschentuch und weinte und schluchzte ungefähr fünf Minuten lang. Ich konnte es nicht mit ansehen. Dieser alternde Mann, der jetzt zwanzig Jahre lang unser Freund und Lehrer, unser Patriarch gewesen war, der sich so hoch über uns allen zu halten verstanden hatte: der weinte plötzlich wie ein kleiner, ungezogener Junge, der den Stock, nach dem der Lehrer gegangen ist, fürchtet. Grenzenlos tat er mir leid. An den »Bauernschlitten« glaubte er sicherlich eben so fest, wie daran, daß ich neben ihm saß -- und erwartete ihn womöglich sofort, in der nächsten Minute schon. Und alles das für den Besitz der Werke Herzens oder irgendein eigenes Poem! Solch eine vollkommene Unkenntnis der alltäglichen Wirklichkeit war rührend und gleichzeitig doch auch widerlich.
Endlich hörte er auf zu weinen, erhob sich vom Diwan und ging wieder im Zimmer auf und ab. Sein Gespräch setzte er ebenso unzusammenhängend fort, wie zuvor; dabei blickte er jeden Augenblick zum Fenster hinaus oder horchte, ob nicht jemand ins Vorzimmer trat. Alle meine Beteuerungen und Beruhigungen sprangen von ihm ab wie Erbsen von der Wand. Er hörte mir kaum zu, und hatte es dabei doch ersichtlich furchtbar nötig, daß ich ihn beruhigte. Er sprach denn auch beinahe nur in dieser Absicht. Ich sah bald ein, daß er jetzt ohne mich nicht auskommen konnte, mich jedenfalls um keinen Preis jetzt von sich gelassen hätte. So blieb ich denn bei ihm und wir verbrachten ungefähr zwei Stunden miteinander.
Im Laufe des Gesprächs bemerkte er, daß Blümer unter anderem auch zwei Proklamationen, die er bei ihm irgendwo gefunden hatte, mitgenommen habe.
»Proklamationen!?« Ich erschrak dummerweise. »Sind Sie denn ...«
»Ach, man hat mir einmal zehn Stück ins Haus geworfen,« antwortete er geärgert. (Er sprach bald ungehalten und hochmütig mit mir, bald klagend und erniedrigt.) »Aber acht hatte ich schon beseitigt und Blümer hat nur noch zwei gefunden.«
Und plötzlich errötete er vor Unwillen.
»Vous me mettez avec ces gens-là!{[152]} Sie halten es also für möglich, daß ich zu diesen Schuften, diesen heimlichen Zusteckern gehören könnte, zu solchen, wie mein Söhnchen Pjotr Stepanowitsch einer ist, avec ces esprits-forts de la lâcheté!{[153]} O Gott!«
»Ja, aber sollte man Sie nicht vielleicht irgendwie verwechselt haben ... Übrigens, Unsinn, nein, das kann nicht sein!«
»Savez-vous,« entriß es sich ihm plötzlich, »ich fühle zuweilen, que je ferai là-bas quelque esclandre.{[154]} Oh, gehen Sie nicht fort, lassen Sie mich um Gottes willen nicht allein! Ma carrière est finie aujourd'hui, je le sens.{[155]} Ich ... wissen Sie, ich werde mich vielleicht auch auf jemanden stürzen und beißen, wie jener Leutnant ...«
Er sah mich ganz sonderbar an, mit einem erschrockenen Blick, der aber zu gleicher Zeit auch selbst erschrecken zu wollen schien. Tatsächlich ärgerte er sich über irgendwen oder irgendetwas immer mehr, und zwar um so mehr, je länger der »Bauernschlitten« auf sich warten ließ.
Plötzlich warf Nastassja, die aus der Küche ins Vorzimmer gegangen war, dort einen Kleiderhalter um. Stepan Trophimowitsch fuhr erschrocken auf und zitterte: als sich dann aber die Sache aufklärte, da schrie er sie an vor Wut, und jagte sie, mit den Füßen trampelnd, wieder zurück in die Küche.
Nach einiger Zeit sagte er, indem er mich verzweifelt anblickte:
»Ich bin verloren! Cher« -- er setzte sich plötzlich neben mich und sah mir traurig, unsäglich traurig, doch mit unverwandtem Blick, in die Augen. »Cher, ich fürchte ja nicht Sibirien, ich schwöre es Ihnen, oh, je vous jure,{[156]} ich fürchte etwas anderes ...« und sogar Tränen traten ihm in die Augen.
Ich erriet sofort, schon an seinem Mienenspiel, daß er mir endlich etwas Besonderes mitteilen wollte, sich aber bis jetzt noch bezwungen hatte.
»Ich fürchte die Schande,« flüsterte er schließlich geheimnisvoll.
»Welche Schande? ... Im Gegenteil! Glauben Sie mir doch, Stepan Trophimowitsch, alles wird sich noch heute aufklären, und zwar zu Ihrem Vorteil ...«
»Sind Sie so überzeugt, daß man mir verzeihen wird?«
»Was reden Sie von verzeihen! Was für Worte Sie da wieder gebrauchen! Was haben Sie denn begangen? Ich versichere Ihnen doch, Sie haben nichts getan!«
»Qu'en savez-vous{[157]} ... mein ganzes Leben war ... Cher ... Es wird ihnen alles von mir einfallen ... Und wenn sie nichts finden, um so schlimmer!« fügte er plötzlich überraschend hinzu.
»Um so schlimmer?«
»Um so schlimmer.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Mein Freund, mein Freund, nun, meinetwegen Sibirien, nach Archangelsk, Verlust aller Rechte, -- kommt man um, dann kommt man um! Aber ... ich fürchte das andere ...« (wieder Geflüster, angstvolle Augen und Geheimtuerei).
»Aber was denn, was?«
»Sie werden mich durchprügeln!« flüsterte er und sah mich wie verloren an.
»Wer wird Sie durchprügeln? Wo? Warum?« rief ich erschrocken, denn ich glaubte schon, er habe den Verstand verloren.
»Wo? Nun da ... wo das gemacht wird.«
»Ja, wo wird denn das gemacht?«
»Ach, cher,« flüsterte er mir beinahe schon ins Ohr, »plötzlich verschwindet unter einem ein Stück Diele und man fällt bis zur Hüfte in eine Öffnung ... Das weiß doch ein jeder ...«
»Fabeln!« rief ich erratend, »das sind doch alte Fabeln. Ja, aber haben Sie denn wirklich bis jetzt an so etwas geglaubt?« Ich begann zu lachen.
»Fabeln? So ganz grundlos entstehen solche Fabeln doch nicht. Ich hab es mir schon zehntausendmal in der Phantasie vorgestellt!«
»Aber warum denn Sie, gerade Sie? Sie haben doch nichts getan?«
»Um so schlimmer, sie werden einsehen, daß ich nichts getan habe, und prügeln dann erst recht!«
»Und Sie sind überzeugt, daß man Sie zu dem Zweck nach Petersburg bringen wird?«
»Mein Freund, ich habe schon gesagt, mir tut nichts mehr leid, ma carrière est finie.{[158]} Seit jener Stunde in Skworeschniki, als sie sich von mir verabschiedete, tut es mir um mein Leben nicht mehr leid ... aber die Schande, die Schande, que dira-t-elle,{[159]} wenn sie es erfährt?«
Verzweifelt sah er mich an und -- der Arme! -- errötete über und über. Ich senkte gleichfalls die Augen.
»Sie wird nichts erfahren, denn man wird Ihnen nichts tun. Es ist mir, als ob ich zum erstenmal mit Ihnen spräche, Stepan Trophimowitsch, dermaßen haben Sie mich heute in Erstaunen gesetzt.«
»Mein Freund, das ist doch keine Furcht. Nun, mögen sie mir da meinetwegen auch verzeihen, mich sogar wieder herbringen und mir auch sonst nichts antun -- aber gerade hier bin ich ja dann verloren! Elle me soupçonnera toute sa vie{[160]} ... mich, mich, den Dichter, den Denker, den Menschen, den sie zweiundzwanzig Jahre lang angebetet hat!«
»Wird ihr gar nicht einfallen.«
»Es wird, wird!« flüsterte er in tiefer Überzeugung. »Wir haben beide mehreremal darüber gesprochen, in Petersburg, bevor wir fortfuhren, als wir beide fürchteten. Elle me soupçonnera toute sa vie ... und wie sie überzeugen? Es wird alles so unwahrscheinlich klingen. Ja, und wer wird mir denn hier in der Stadt glauben? C'est invraisemblable ... Et puis les femmes{[161]} ... Sie wird sich freuen. Sie wird sehr betrübt sein, sogar aufrichtig betrübt, wie ein treuer Freund, aber, im geheimen -- wird sie sich freuen ... Ich gebe ihr eine Waffe gegen mich fürs ganze Leben. Oh, vernichtet ist es jetzt, mein ganzes Leben! Zwanzig Jahre ein so großes Glück mit ihr ... und nun dies!«
Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
»Stepan Trophimowitsch, sollten Sie nicht Warwara Petrowna sofort von dem Vorgefallenen benachrichtigen?« schlug ich vor.
»Gott soll mich davor bewahren!« -- er fuhr zusammen und sprang sogar auf. »Auf keinen Fall, niemals, nach dem, was in Skworeschniki gesagt worden ist, nie--mals!«
Seine Augen blitzten plötzlich.
Wir saßen, glaube ich, noch eine gute Stunde und warteten immer noch auf irgendetwas -- es war das schon zu einer fixen Idee geworden. Er legte sich wieder hin, schloß sogar die Augen und lag ungefähr zwanzig Minuten ganz still, ohne ein Wort zu sprechen, so daß ich bereits glaubte, er sei eingeschlafen. Plötzlich aber erhob er sich jäh, riß das Handtuch vom Kopf, sprang vom Diwan auf und stürzte zum Spiegel, um sich sofort eine neue weiße Krawatte umzubinden, rief mit Donnerstimme Nastassja und befahl, ihm seinen Mantel, Hut und Stock zu geben.
»Ich kann's nicht mehr aushalten,« sagte er, »ich kann nicht, ich kann nicht! ... Ich gehe selbst.«
»Wohin?« Auch ich sprang auf.
»Zu Lembke. Cher, ich muß, es ist meine Pflicht. Ja, meine Pflicht. Ich bin ein Bürger und ein Mensch, aber kein Strohhalm, ich habe Rechte, ich will mein Recht ... Ich habe zwanzig Jahre lang meine Rechte nicht mehr gefordert, ich habe sie mein ganzes Leben lang unverzeihlich vergessen ... aber jetzt werde ich sie verlangen. Er muß mir alles sagen, alles. Er hat gewiß ein Telegramm erhalten. Er darf mich nicht quälen. Wenn schon, denn schon -- dann soll er mich lieber sofort verhaften, verhaften, verhaften!«
Er schrie die letzten Worte mit einer Stimme, die sich überschlug, und stampfte mit den Füßen.
»Ich gebe Ihnen vollkommen recht,« sagte ich absichtlich so ruhig wie nur möglich, obgleich ich nicht wenig für ihn fürchtete. »Das ist wirklich besser, als mit einer solchen Sorge stillzusitzen. Nur Ihre ganze Stimmung kann ich nicht loben. Sehen Sie doch im Spiegel, wie Sie aussehen. Wie können Sie denn so zu Lembke gehen? Il faut être digne et calme avec Lembke.{[162]} Man könnte Ihnen jetzt wirklich zutrauen, daß Sie sich auf jemanden werfen und ihn beißen!«
»Ich liefere mich selbst aus! Ich gehe freiwillig in den Rachen des Löwen ...«
»Ich gehe natürlich mit Ihnen.«
»Anderes habe ich von Ihnen auch nicht erwartet, ich nehme Ihr Opfer an, als Opfer eines treuen Freundes, aber nur bis zum Hause, nur bis zum Hause: denn Sie dürfen nicht, Sie haben nicht das Recht, sich noch weiter mit mir zu kompromittieren. O, croyez-moi, je serai calme! In diesem Augenblick fühle ich mich à la hauteur de tout ce qu'il y a de plus sacré{[163]} ...«
»Ich werde mit Ihnen vielleicht auch ins Haus gehen,« unterbrach ich ihn. »Gestern hat mich nämlich dieses dumme Komitee durch Wyssotzki benachrichtigt, daß man morgen zum Fest auf mich rechnet: als Anordner, oder wie sie da ... ich soll einer von den sechs jungen Herren sein, die nach den Teebrettern sehen, den Damen den Hof machen, den Gästen die Plätze aufsuchen und dabei eine weißrote Schleife an der linken Schulter tragen müssen. Ich wollte zuerst abschlagen -- aber warum soll ich jetzt nicht zum Gouverneur gehen, unter dem Vorwande, die Angelegenheit mit Julija Michailowna selbst besprechen zu wollen? So gehen wir denn beide zusammen.«
Er hörte zu und nickte nur mit dem Kopf, doch wahrscheinlich hatte er nichts verstanden.
Wir standen schon an der Tür.
»Cher,« rief er plötzlich und streckte die Hand zu der Ecke aus, in der das Lämpchen brannte, »cher, ich habe nie an das da geglaubt, aber ... lassen Sie mich, lassen Sie!« und er bekreuzigte sich. »Allons!«{[164]}
»-- Ist recht so,« dachte ich bei mir, als ich nach ihm aus dem Hause trat, »unterwegs wird noch die frische Luft gut tun, wir werden uns beruhigen, wieder nach Hause kommen und uns schlafen legen ...«
Ich hatte aber die Rechnung ohne Stepan Trophimowitsch gemacht. Gerade unterwegs geschah etwas, das ihn noch mehr erschüttern sollte und ihn endgültig vorwärts trieb ... so daß ich, ich muß gestehen, eine solche Kühnheit, wie er sie an diesem Morgen zeigte, von unserm Freunde gar nicht erwartet hätte. Mein armer Freund! Mein guter, lieber Freund!
Fünfzehntes Kapitel. Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen
I.
Das Erlebnis, das wir unterwegs hatten, war gleichfalls eines von den sonderbaren. Doch ich muß wohl alles in derselben Reihenfolge erzählen, in der es sich zugetragen hat. Ungefähr eine Stunde bevor wir, Stepan Trophimowitsch und ich, aus dem Hause traten, schob sich durch die Stadt, von vielen neugierig betrachtet, ein Menschenhaufe von etwa siebzig oder mehr Mann: es waren Arbeiter der Spigulinschen Fabrik. Sie zogen ruhig, würdevoll, fast stumm und absichtlich in der strengsten Ordnung durch die Straßen. Später wurde behauptet, daß diese Leute als Abgesandte der etwa neunhundert Arbeiter, die es im ganzen in der Fabrik gab, sich tatsächlich nur aufgemacht hätten, um beim Gouverneur ihr Recht zu suchen, da der Fabrikdirektor in Abwesenheit der Besitzer sie bei der Entlassung und Abrechnung schmählichst betrogen hatte -- eine Tatsache, die heute keinem Zweifel mehr unterliegt. Andere behaupten freilich, daß siebzig Mann viel zu viel für eine Schar Abgesandte gewesen seien, und daß der Haufe aus den am meisten Geschädigten bestanden habe, die auf diese Weise einfach für sich selbst hätten bitten wollen; -- jedenfalls aber will niemand von den siebzig einen »allgemeinen Arbeiter-Aufstand« zugeben, von dem die Zeitungen hernach so fettgedruckt zu erzählen wußten. Wieder andere behaupten, diese siebzig Mann seien allerdings keine »gewöhnlichen«, dafür aber »politische« Aufständische gewesen -- und natürlich schieben dann diejenigen, welche die Sache so ansehen, mit Vorliebe die Schuld auf die in den vorhergegangenen Tagen heimlich zugesteckten Proklamationen. Aber wie dem auch sein mag (denn klar ist man sich bis heute noch nicht darüber), meiner eigenen Meinung nach hatten die Arbeiter diese zugesteckten Blätter überhaupt nicht gelesen, oder wenn doch, sie dann gar nicht verstanden, aus dem einfachen Grunde, weil die Verfasser derselben, trotz der Aufdringlichkeit ihres Stils, sich äußerst unklar ausdrücken. Da aber die Arbeiter bei der Abrechnung wirklich schändlich betrogen worden waren, und die Polizei, an die sie sich zuerst wandten, sich weiter nicht mit ihnen einlassen wollte, -- was war da naheliegender, als selbst in hellem Haufen zum Gouverneur zu ziehen, wenn möglich gar mit einer Aufschrift, die ihre Wünsche in Devisenform aussprach und an der Spitze vorangetragen wurde, sich vor dem Gouverneursgebäude aufzustellen, um dann, wenn der Gefürchtete erschien, sogleich auf die Knie zu fallen und ein Gejammer wie zur heiligen Vorsehung selber zu erheben? Es ist meine feste Überzeugung, daß es sich nur darum und um nichts anderes handelte, zumal das ein uraltes und lang überliefertes Mittel ist: das russische Volk hat von jeher ein Gespräch mit dem »General selber« allen anderen Verhandlungen vorgezogen -- und zwar eigentlich allein schon um der Ehre willen, ganz gleichgültig, womit das Gespräch endete. So fest bin ich davon überzeugt, daß ich glaube, daß selbst Pjotr Stepanowitsch, Liputin und vielleicht noch jemand, sagen wir Fedjka, die heimlich mit den Fabrikarbeitern gesprochen hatten (wie sich dies jetzt mit ziemlicher Sicherheit herausgestellt hat), doch weiter keinen Einfluß auf diesen »Gang zum Gouverneur« ausgeübt haben können, -- abgesehen davon, daß es überhaupt nur zwei, drei, höchstens fünf Arbeiter gewesen sind, mit denen sie nachweisbar gesprochen haben. Was aber den »Aufstand« betrifft, so werden wohl die Arbeiter, selbst wenn sie etwas von politischer Propaganda verstanden hätten, solchen geheimen Agitatoren doch kein Gehör geschenkt und ihr Gerede überhaupt nicht ernst genommen haben. Eine einzige Ausnahme machte höchstens Fedjka: diesem scheint es allerdings geglückt zu sein, und besser als Pjotr Stepanowitsch, mit den Arbeitern in vertrauliche Beziehung zu treten, denn an dem Brand in der Stadt, der in der übernächsten Nacht ausbrach, sind, wie man jetzt bestimmt weiß, im Bunde mit Fedjka noch zwei Fabrikarbeiter beteiligt gewesen. Und rechnet man dazu noch drei andere Arbeiter, die ein paar Wochen später in der nahen Kreisstadt verhaftet wurden, weil sie ebenfalls Feuer angelegt und geraubt hatten, so waren es im ganzen doch erst nur fünf von der Spigulinschen Fabrik, die man von anderer Seite verführt und aufgestachelt hatte.
Aber wie es sich damit nun auch verhalten mag, jedenfalls durchzogen die siebzig oder mehr Arbeiter die Stadt, stellten sich schließlich in aller Ordnung auf dem Platz vor dem Hause des Gouverneurs auf und sahen dann mit offenen Mäulern wartend auf die Vorfahrt. Der Gouverneur war aber gerade nicht anwesend. Wie ich später gehört habe, hätten sie schon gleich, nachdem sie sich geordnet, die Mützen abgezogen -- etwa eine halbe Stunde bevor Herr von Lembke dann auf dem Schauplatz erschien. Die Polizei zeigte sich natürlich sofort: zuerst nur in einzelnen Vertretern, dann aber bald in möglichst geschlossenen Trupps. Man ging streng und drohend vor und befahl auseinander zu gehen. Die Arbeiter standen aber wie eine Herde Schafe, die am Zaun angelangt ist, und antworteten nur lakonisch, sie seien »zum General selber« gekommen -- kurz, man begegnete fester Entschlossenheit. Da hörte denn das Anschreien auf, Nachdenklichkeit trat an seine Stelle, geheimnisvoll geflüsterte Anordnungen und strenge, geschäftige Sorge, die die höheren Polizeibeamten die Augenbrauen zusammenziehen ließ. Der Polizeimeister zog es vor, statt irgendwelche Maßregeln zu ergreifen, doch lieber die Ankunft von Lembkes abzuwarten. Sonst pflegte der Polizeimeister bei solchen Gelegenheiten mit seiner Troika zum Entzücken aller Kaufleute stets in vollem Galopp anzufahren, und womöglich in die Ansammler mitten hinein: diesmal aber tat er es nicht, wenn er auch beim Abspringen nicht ohne ein kräftiges Wort, das geeignet war, seine Popularität zu erhalten, auskommen konnte. Doch es ist entschieden nicht wahr, daß man Soldaten herbeigerufen und von irgendwoher telegraphisch Artillerie und Kosaken erbeten hätte: das sind Märchen, an die jetzt niemand mehr glaubt. Unsinn ist gleichfalls, daß man die Feuerwehr gerufen habe und mit der Spritze gegen das angesammelte Volk vorgegangen sei. Ilja Iljitsch schrie einfach im Eifer, daß ihm kein einziger »trocken aus dem Wasser kommen« solle -- und daraus hat man dann wahrscheinlich die Feuerwehrspritze gemacht, die auch in den Nachrichtenteil der Petersburger Zeitungen überging. Das einzig Richtige ist, daß man die Arbeiter sofort mit allen nur verfügbaren Polizisten umstellte, während nach von Lembke, der vor einer halben Stunde nach Skworeschniki gefahren war, sofort der zweite Polizeioffizier mit der Troika des Polizeimeisters geschickt wurde.
Immerhin muß ich gestehen, daß mir noch eines unerklärlich scheint: wie kam es, wie war es möglich, daß man eine ruhige Versammlung gewöhnlicher Bittsteller so ohne weiteres und vom ersten Augenblick an gleich für einen politischen Aufstand halten konnte, der alles umzuwerfen drohte? Warum glaubte von Lembke selber nichts anderes, als er dreißig Minuten später mit dem Polizeioffizier eintraf? Am wahrscheinlichsten ist noch (doch das ist wieder nur meine eigene Meinung), daß Ilja Iljitsch, unser Polizeimeister, es einfach am allervorteilhaftesten und zweckmäßigsten fand, die Sache so und nicht anders aufzufassen, zumal er sich vor zwei Tagen während eines Gesprächs mit von Lembke überzeugt hatte, wie fest sein Vorgesetzter an eine baldige Wirkung der Proklamationen und an die Spigulinsche soziale Gefahr glaubte, so daß denn unser schlauer Ilja Iljitsch beim Fortgehen händereibend bei sich dachte: »Will sich in Petersburg auszeichnen, würde ihm leid tun, wenn sich alle Gefahr als Unsinn erweisen sollte -- nun, mir soll's recht sein ... werde danach vorkommendenfalls zu handeln wissen.«
Der arme Andrei Antonowitsch hätte freilich in Wirklichkeit um alles in der Welt keinen Aufstand gewünscht, nicht einmal um der persönlichen Auszeichnung willen. Er war ein ungewöhnlich pflichttreuer Beamter, der sich bis zu seiner Verheiratung seine Unschuld bewahrt hatte. Und war er denn daran schuld, daß statt des stillen, geruhigen Postens und des unschuldigen Mienchens, die er sich erträumt, die vierzigjährige Fürstentochter ihn zu sich erhoben hatte? Ich weiß mit aller Sicherheit, daß gerade an diesem verhängnisvollen Morgen die ersten deutlichen Anzeichen eben jenes Zustandes bei ihm zutage traten, der ihn dann in das bekannte Schweizer Sanatorium gebracht hat, wo er jetzt, wie verlautet, wieder zu Kräften kommt. Gibt man aber zu, daß sich schon an diesem Morgen gewisse Anzeichen bemerkbar machten, -- nun, so kann man, meiner Meinung nach, nur annehmen, daß bei ihm auch schon am Tage vorher nicht alles ganz in Ordnung gewesen ist. Ich weiß es zudem dank der intimsten Mitteilungen ... (nun, nehmen Sie meinetwegen an, Julija Michailowna hätte mir später selbst, doch nicht mehr triumphierend, sondern fast schon bereuend -- eine Frau bereut nie ganz -- einen Teil dieser Geschichte erzählt) -- ich weiß also, daß in der Nacht vorher, um etwa drei Uhr morgens, Andrei Antonowitsch seine Gemahlin plötzlich aufgeweckt und von ihr verlangt hat, daß sie sein »Ultimatum« anhöre. Die Forderung war dermaßen bestimmt gestellt worden, daß Julija Michailowna sich gezwungen sah, sich tatsächlich zu erheben, trotz ihres Unwillens und der Papilloten im Haar, um auf dem Diwan Platz zu nehmen und ihren Herrn Gemahl anzuhören, wenn auch mit einem sarkastischen Lächeln, aber immerhin anzuhören. In dieser Nacht begriff sie zum erstenmal, wie weit es mit ihrem Mann schon gekommen war -- und sie erschrak. Nun hätte sie sich eigentlich auch besinnen und erweichen lassen müssen -- sie aber verbarg sozusagen ihren Schreck vor sich selber und wurde noch eigensinniger. Sie hatte (wie offenbar jede Frau) einen besonderen Trick, ihren Mann zu ärgern: Julija Michailowna pflegte nämlich in solchen Fällen verächtlich zu schweigen, und zwar nicht nur zwei oder drei Stunden lang, sondern mitunter ganze vierundzwanzig oder gar dreimal vierundzwanzig Stunden hintereinander, wenn's ihr einmal darauf ankam. Sie schwieg dann, als ob Gott sie von Kindesbeinen an mit Stummheit und Taubheit geschlagen hätte, sie schwieg zu allem, was er auch sprechen mochte, sie hätte auch geschwiegen, selbst wenn Andrei Antonowitsch durch das Luftfenster gekrochen wäre, um sich vom dritten Stockwerk auf das Pflaster hinabzustürzen -- sie schwieg ein Schweigen, das für einen gefühlvollen Menschen wirklich unerträglich war. Wollte sie ihn nun für seine in den letzten Tagen begangenen Fehler und seinen eifersüchtigen Neid als Gouvernementsherrscher auf ihre administrativen Fähigkeiten strafen? war sie nun unwillig über seine Kritik ihres Verhältnisses zu unserer Gesellschaft und besonders zu der Jugend, ohne ihre feinen und weitsichtigen politischen Ziele zu verstehen? oder war es seine kränkende unsinnige Eifersucht auf Pjotr Stepanowitsch? -- Kurz, wie dem auch war, jedenfalls entschloß sie sich auch jetzt nicht, nachzugeben, ungeachtet dessen, daß es schon drei Uhr morgens war und Andrei Antonowitsch sich tatsächlich in ungewöhnlicher Erregung befand. Er ging in ihrem teppichbelegten Boudoir hin und her und rund herum, und schüttete alles, alles aus, was sich in seinem Herzen angesammelt hatte, denn es war, wie er sagte, schon »über die Grenzen gegangen«. Er begann damit, daß alle »über ihn lachten« und ihn »an der Nase führten«. »Was scheren mich die Ausdrücke,« schrie er, als er ihr Lächeln bemerkte, »meinetwegen mag das nicht ganz wörtlich sein, dieses >an der Nase<, aber wahr ist es doch! ... Nein, meine Gnädige, jetzt ist der Augenblick gekommen. Jetzt handelt es sich nicht mehr um spöttisches Lächeln und Weiberkoketterie. Wir sind jetzt nicht im Boudoir einer Zierdame, sondern wir sind wie zwei abstrakte Wesen im ... sagen wir in einem Luftballon, um uns die Wahrheit zu sagen.« (Er verhaspelte sich natürlich ein wenig, doch das machte weiter nichts, daß er nicht immer den richtigen Ausdruck für seine an sich ganz richtigen Gedanken fand.) »Sie, meine Gnädige, Sie sind es, die mich aus meinem früheren Stande herausgerissen hat. Diesen Posten habe ich nur Ihretwegen angenommen, um Ihren Ehrgeiz zu befriedigen ... Sie lächeln spöttisch? Triumphieren Sie nicht, noch ist es dazu zu früh! Wissen Sie, meine Gnädige, ich könnte mit diesem Posten vorzüglich fertig werden, und nicht nur mit diesem allein, sondern noch mit weiteren zehn, denn ich besitze Fähigkeiten ... aber mit Ihnen, meine Gnädige, in Ihrer Gegenwart -- kann man mit nichts fertig werden, mit Ihnen zusammen, meine Gnädige, habe ich keine Fähigkeiten mehr! Zwei Mittelpunkte können nicht nebeneinander sein. Sie aber haben zwei zustande gebracht -- einen bei mir und den anderen bei sich im Boudoir -- zwei Zentren der Macht, meine Gnädige: aber ich werde das nicht mehr erlauben, hören Sie, ich werde das nicht länger dulden!! Im Dienst wie in der Ehe ist nur ein Zentrum möglich, zwei aber sind ein Ding der Unmöglichkeit ... Womit lohnen Sie es mir?« rief er plötzlich gereizt. »Unsere Ehe bestand bis jetzt nur darin, daß Sie mir täglich, stündlich bewiesen, daß ich nichtig, dumm und sogar gemein sei, und daß ich die ganze Zeit gezwungen war, Ihnen erniedrigenderweise zu beweisen, daß ich nicht nichtig und gar nicht dumm bin und, was die Gemeinheit angeht, sogar alle durch meinen Edelmut in Erstaunen setze. Sagen Sie mir doch bitte: ist das denn nicht erniedrigend? und zwar für beide Teile?« Hier begann er mit beiden Füßen auf dem Teppich zu trampeln, so daß Julija Michailowna gezwungen war, sich in strenger Würde aufzurichten. Da wurde er sofort ganz still, verfiel aber nun ins Gefühlvolle und begann zu schluchzen (jawohl, zu schluchzen) und schlug sich vor die Brust, und das dauerte wohl ganze fünf Minuten, während welcher Zeit das unerschütterliche Schweigen seiner Gattin ihn vollends um seine Fassung brachte, -- bis er schließlich das Falscheste tat, was er tun konnte: er gestand ihr, daß er auf Pjotr Stepanowitsch eifersüchtig war. Doch fast im selben Augenblick erriet er schon, daß er damit eine grenzenlose Dummheit begangen hatte, und wurde geradezu tierisch wild. Im Jähzorn schrie er alles Mögliche, schrie »Ich erlaube nicht, Gott zu verstoßen!« »werde Ihren unverzeihlichen gottlosen Salon in alle Winde auseinanderjagen!« »ein Gouverneur muß an Gott glauben und folglich auch seine Frau!« »Sie, Sie, meine Gnädige, gerade Sie müßten schon um der eigenen Würde willen für Ihren Mann stehen, selbst wenn er gar keine Fähigkeiten hätte (dabei habe ich aber Fähigkeiten!) und währenddessen sind gerade Sie der Grund, daß man mich hier verachtet, gerade Sie haben diese Auffassung von mir allen beigebracht! ...« Er schrie, er werde die ganze Frauenfrage vernichten, er werde dieses blödsinnige Fest für die Gouvernanten -- die der Teufel holen solle! -- morgen noch untersagen, und die erste Gouvernante, die ihm in den Weg komme, »von Kosaken« aus dem Gouvernement jagen lassen. »Absichtlich, absichtlich!« schrie er. »Wissen Sie auch, daß Ihre Nichtsnutze die Fabrikarbeiter aufhetzen und daß ich das weiß? Wissen Sie auch, daß diese selben jungen Leute absichtlich Proklamationen verbreiten, ab--sicht--lich!? Wissen Sie auch, daß ich die Namen von vier solchen Banditen kenne und daß ich den Verstand verliere, endgültig, endgültig den Verstand!!! ...« Nun aber brach Julija Michailowna plötzlich ihr Schweigen und erklärte streng, sie wüßte selbst schon längst, was für verbrecherische Absichten gehegt würden, daß aber dies alles nur Dummheiten seien, die er viel zu ernst nähme, und was die unartigen Jungen beträfe, so kenne sie nicht nur vier Namen, sondern alle. (Das log sie.) Im übrigen aber habe sie deswegen noch lange nicht die Absicht, ihren Verstand zu verlieren, an den sie jetzt mehr denn je glaube, und ihr großes Ziel sei, alles in Harmonie aufzulösen: die Jugend zu ermutigen, sie zur Einsicht zu bringen, plötzlich und unerwartet diesen Jünglingen zu eröffnen, daß alle ihre Absichten bereits bekannt seien, und sie dann auf neue Ziele und eine vernünftige, segensreiche Tätigkeit hinzuweisen.
Doch was geschah nun mit Andrei Antonowitsch! Als er erfuhr, daß Pjotr Stepanowitsch ihn wieder übertölpelt und sich offen über ihn lustig gemacht, daß er ihr weit mehr und viel früher als ihm alles mitgeteilt hatte, und schließlich, daß vielleicht gerade Pjotr Stepanowitsch der Urheber aller verbrecherischen Absichten war -- da geriet er einfach außer sich. »So wisse denn, du einfältiges, hämisches Frauenzimmer,« schrie er, gleichsam alle Ketten sprengend, »wisse denn, daß ich deinen verächtlichen Liebhaber im Augenblick noch verhaften lasse, ihn in Ketten lege und in eine Kasematte werfe, oder -- sofort unter deinen Augen aus dem Fenster auf die Straße springe!« Auf diese Tirade aber antwortete Julija Michailowna, fahl vor Ärger, mit einem langen, hellen Gelächter, einem Gelächter mit Abstufungen und Anschwellungen, genau, aber genau so wie im französischen Theater die für hunderttausend Francs engagierte Pariser Schauspielerin zu lachen pflegt, wenn ihr Mann es wagt, sie der Untreue zu verdächtigen. Von Lembke stürzte zum Fenster, plötzlich aber blieb er wie angewachsen stehen, faltete die Hände auf der Brust und blickte sich totenbleich mit Unheil verkündendem Blick nach der Lachenden um: »Weißt du, weißt du, Julä ...« murmelte er atemlos, mit beschwörender Stimme, »weißt du, ich kann mir wirklich etwas antun!« Aber dem neuen, noch stärkeren Gelächter, das diesen Worten folgte, hielt er nicht mehr stand: er biß die Zähne zusammen, stöhnte und plötzlich stürzte er sich -- nicht aus dem Fenster, sondern -- auf seine Frau, über der er die Faust erhob! Doch er ließ sie nicht sinken, nein, dreimal nein; aber er verging auf der Stelle. Ohne die Füße unter sich zu spüren, stürzte er in sein Zimmer, wo er sich, so wie er war, in den Kleidern auf das Bett warf und den Kopf in die Decke wickelte. So lag er zwei Stunden lang -- ohne Schlaf, ohne Gedanken, mit einem Stein auf dem Herzen und mit stumpfer, unbeweglicher Verzweiflung in der Seele. Hin und wieder erschauerte er am ganzen Körper unter einem quälenden Schüttelfrost. Gedanken hatte er nicht, doch fielen ihm allerhand unzusammenhängende Sachen ein, die mit seinem jetzigen Zustande nichts zu tun hatten: so dachte er zum Beispiel an eine alte Wanduhr, die er vor fünfzehn Jahren in Petersburg besessen hatte und von der der große Zeiger abgefallen war ... oder an seinen lustigen Freund Milbois -- wie dieser einmal mit ihm im Alexanderpark einen Sperling gefangen und darauf furchtbar über diesen Jungenstreich gelacht hatte, als es ihnen plötzlich einfiel, daß der eine von ihnen schon »Kollegien-Assessor« war. Erst gegen sieben Uhr morgens schlief er langsam ein, ohne es selbst zu merken, und schlief ruhig und mit wundervollen Träumen. Erst gegen zehn Uhr erwachte er, besann sich, sprang plötzlich wild auf und schlug sich mit der Hand vor die Stirn: jäh war ihm alles wieder eingefallen. Weder das Frühstück, noch Blümer, noch der Polizeimeister, noch Beamte mit Meldungen wurden vorgelassen, von all dem wollte er nichts mehr wissen -- lief vielmehr wie von Sinnen in die Gemächer seiner Frau. Dort aber sagte ihm Sophia Antropowna, eine adlige alte Frau, die schon lange bei Julija Michailowna lebte, daß diese bereits vor einer Stunde mit einer ganzen Gesellschaft, in nicht weniger als drei Equipagen, nach Skworeschniki zu Warwara Petrowna Stawrogina gefahren sei, um dort die Säle zu besichtigen, da man das zweite Fest, das in zwei Wochen stattfinden sollte, dort zu arrangieren beabsichtigte, und der heutige Besuch schon vor drei Tagen mit Warwara Petrowna verabredet worden war. Bestürzt kehrte Andrei Antonowitsch in sein Arbeitszimmer zurück und befahl sofort, die Pferde anzuschirren. Kaum hielt er es aus, so lange zu warten, bis der Wagen vorfuhr. Seine Seele sehnte sich nach Julija Michailowna -- nur sehen wollte er sie, nur ein paar Minuten lang bei ihr sein! Vielleicht wird sie ihm einen Blick schenken? ihm zulächeln wie früher? und ihm verzeihen? Oh -- oh! »Wo bleiben denn die Pferde!« Mechanisch schlug er ein dickes Buch auf, das auf dem Tisch lag (es kam vor, daß er zuweilen so ein Buch befragte, indem er es aufs Geratewohl aufschlug und dann auf der rechten Seite die ersten drei Zeilen las). Sein Blick fiel auf den Satz: »Tout est pour le mieux dans le meilleur des mondes possibles.«{[165]} Voltaire, »Candide«. Er spuckte wütend aus und eilte die Treppe hinab zum vorgefahrenen Wagen. »Nach Skworeschniki!« befahl er. Der Kutscher erzählte später, der Herr habe ihn die ganze Zeit zu schnellerem Fahren angetrieben, bis er plötzlich, als sie sich dem Herrenhause näherten, befahl, umzukehren und in die Stadt zurück zu fahren. »Schneller, schneller!« habe er auch dann noch ununterbrochen gerufen. »Doch als wir uns dem Stadtwall näherten,« erzählte der Kutscher, »da befahl der Herr, wieder anzuhalten, stieg dann aus und ging aufs Feld, ich dachte ... aus irgendeinem Grunde ... -- aber nein, er blieb mitten im Feld stehen und begann die Blümchen zu besehen ... so stand er dann lange Zeit, so daß ich gar nicht mehr wußte, was ich denken sollte.« Ich erinnere mich noch des Wetters an jenem Morgen: es war ein kalter und klarer, doch windiger Septembertag. Vor Andrei Antonowitsch, der vom Wege aufs Feld getreten war, lag die herbe Landschaft der kahlen Felder, von denen das Getreide schon längst fortgeschafft war; der rauschende Wind schaukelte noch hier und da armselige Stiele vergilbter Feldblumen ... Wollte er vielleicht sich und sein Schicksal mit den spärlichen, von Wind und Frost schon siechen und zerzausten Feldblumen vergleichen? Das glaube ich nicht. Ja, ich bin sogar überzeugt, daß Lembke die Blumen kaum bemerkt hat, daß er vielmehr alles, was er tat, ganz gedankenlos tat. Doch was man jedenfalls mit Sicherheit weiß, ist nur, daß jener Polizeioffizier des ersten Stadtreviers, der ihm mit dem Wagen des Polizeimeisters nachgeschickt ward, den Gouverneur unterwegs tatsächlich mit einem Strauß gelber Blümchen in der Hand antraf. Dieser Polizeioffizier, -- Wassilij Iwanowitsch Flibustjeroff mit Namen, ein Beamter mit Begeisterung für seinen Beruf -- war auch erst seit kurzer Zeit in unserer Stadt, doch hatte er sich nichtsdestoweniger durch seinen unmäßigen Diensteifer und seinen angeboren unnüchternen Zustand schon allgemein bekannt gemacht. Kaum hatte er den Gouverneur erblickt, als er sofort aus dem Wagen sprang, um, ohne Rücksicht auf das Blumenbukett, sofort zu melden:
»Exzellenz, in der Stadt ist Aufruhr.«
»Wie?« fragte Andrei Antonowitsch, mit strengem Gesicht sich umwendend, doch ohne jedes Erstaunen, ganz wie er gewöhnlich in seinem Kabinett zu fragen pflegte.
»Pristaff des ersten Reviers, Flibustjeroff, Exzellenz. In der Stadt ist Aufruhr!«
»Flibustier?« wiederholte Andrei Antonowitsch nachdenklich.
»Zu Befehl, Exzellenz. Die Spigulinschen sind aufständisch.«
»Die Spigulinschen! ...«
Irgendetwas schien ihm beim Namen Spigulin einzufallen. Er zuckte sogar zusammen und legte den Zeigefinger an die Stirn: »Die Spigulinschen!« Schweigend und immer noch nachdenklich ging er, ohne sich zu beeilen, zum Wagen zurück, setzte sich und befahl, nach der Stadt zu fahren. Flibustjeroff fuhr im Wagen des Polizeimeisters hinter ihm her.
Ich glaube, Lembke wird unterwegs unklar an sehr verschiedene Sachen gedacht haben: doch es ist kaum anzunehmen, daß er, als er in die Stadt einfuhr, irgend eine bestimmte Absicht gehabt, noch sich eine Vorstellung von dem gemacht habe, was geschehen war. Als er aber plötzlich auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebäude die fest und ruhig wartenden »Aufständischen«, die Reihe der Polizisten und den machtlosen -- vielleicht auch absichtlich machtlosen -- Polizeimeister erblickte, da strömte ihm alles Blut zum Herzen. Totenbleich stieg er aus dem Wagen.
»Die Mützen ab!« sagte er kaum hörbar und atemlos. »Auf die Kniee!« rief er dann plötzlich laut -- am unerwartetsten wohl für ihn selbst. Und vielleicht war es gerade diese erschreckende Überraschung, die alles Weitere von selbst nach sich zog, wie auf den Rutschbergen in der Fastnachtswoche ein Schlitten, der schon hinabsaust, nicht mehr mitten auf der Strecke stehenbleiben kann. Andrei Antonowitsch hatte sich stets durch Geistesgegenwart ausgezeichnet; für solche Menschen aber ist es am gefährlichsten, wenn es einmal geschieht, daß ihr »Schlitten« sich auf irgendeine Weise losreißt und den Berg hinabsaust.
Als Lembke aus dem Wagen stieg, drehte sich alles vor seinen Augen.
»Flibustier!« rief er noch schneidender, fast kreischend und ganz sinnlos, und seine Stimme brach plötzlich ab. Er stand und wußte noch nicht, was er tun würde, doch fühlte er mit jeder Fiber, daß er sofort irgend etwas tun werde.
»Herrgott!« hörte man das Volk murmeln. Ein Arbeiter bekreuzte sich, drei, vier wollten tatsächlich niederknieen, doch da schoben sich die anderen als ganze Schar um einige Schritte vor, und plötzlich fingen sie alle auf einmal zu sprechen an: »Exzellenz ... General ...« riefen sie durcheinander, »wir haben uns verdingt zu vierzig ... der Direktor ... kannst du nicht ein Wort einlegen ...« usw., usw. Man konnte nichts verstehen.
Der arme Andrei Antonowitsch von Lembke stand wie betäubt da, begriff nichts und hielt immer noch die Blümchen in der Hand. Den »Aufruhr« glaubte er jetzt ebenso deutlich vor Augen zu sehen, wie Stepan Trophimowitsch schon den Bauernschlitten sah, der ihn nach Sibirien bringen sollte. Und zu alledem kam für ihn jetzt noch, daß er zwischen der Menge der »Aufständigen«, die ihn alle mit Glotzaugen anstarrten, plötzlich Pjotr Stepanowitsch nur so hin und herspringen und die Leute »aufwiegeln« sah, diesen unseligen Pjotr Stepanowitsch, den Lembke seit dem vergangenen Tage nicht einmal auf eine Minute vergessen konnte, den er ständig vor Augen hatte, diesen von ihm so gehaßten Pjotr Stepanowitsch.
»Ruten!« schrie von Lembke plötzlich noch überraschender.
Totenstille trat ein.
Das war der Anfang -- wenigstens soweit mir alles Nähere bekannt geworden ist und soweit ich selbst manches mir zu erklären vermag. Doch die weiteren Begebenheiten sind schon viel weniger verbürgt, und auch ich vermag mir manches nicht recht zu deuten. Übrigens gibt es noch einige Tatsachen.
Doch vor allen Dingen kamen die Ruten gar zu schnell: sie waren augenscheinlich vom ahnungsvollen Polizeimeister schon während der Wartezeit vorbereitet worden. Dann aber wurden nur zwei, höchstens drei, doch bestimmt nicht mehr, mit Ruten bestraft. Rein erfunden ist es, daß alle oder die Hälfte der Arbeiter durchgeprügelt worden seien. Nicht wahr ist gleichfalls, daß man eine anständige vorübergehende Dame ergriffen und gleichfalls durchgeprügelt habe, wie später eine Petersburger Zeitung zu berichten wußte. Viel wurde ferner von einer Awdotja Petrowna Tarapygina gesprochen, einer alten Frau aus dem Armenhause, von der es hieß, sie habe, als sie auf dem Heimwege von einem Besuch in der Stadt auf dem Platz die Menschenmenge erblickte, sich in verständlicher Neugier vorgedrängt, und als sie sah, was da geschah, »solch eine Schmach!« ausgerufen und dazu ausgespieen. Und dafür, so hieß es, hatte man sie sofort gleichfalls »beschlagnahmt«. Dieser Fall wurde nicht nur in den Zeitungen erwähnt, sondern man begann im Eifer sogar schon für sie zu sammeln. Auch ich habe zwanzig Kopeken gestiftet. Doch nun hat es sich herausgestellt, daß es eine solche Tarapygina hier überhaupt nicht gibt! Ich habe mich noch persönlich im Armenhause am Kirchhof nach ihr erkundigt: dort hat man von einer Tarapygina nie auch nur etwas gehört, ja, man war sogar richtig beleidigt, als ich zur Aufklärung der Sache das erwähnte Gerücht mitteilte. Wenn ich nun dieses leere Gerede hier überhaupt wiedergebe, so tue ich es nur deshalb, weil mit Stepan Trophimowitsch beinahe dasselbe geschah (d. h. falls jene Geschichte nicht frei erfunden gewesen wäre). Vielleicht aber ist diese ganze Geschichte von der Tarapygina nur durch Stepan Trophimowitsch entstanden, oder genauer ausgedrückt, durch einen kleinen Vorfall, den er heraufbeschwor. Es ist mir auch heute noch nicht klar, wie es geschah, daß Stepan Trophimowitsch mir plötzlich abhanden kam, kaum daß wir auf dem Platz vor dem Gouvernementsgebäude anlangten. Mir ahnte sogleich nichts Gutes und ich wollte ihn auf einem anderen Wege, nicht über den Platz, hinführen, doch aus Neugier blieb ich einen Augenblick stehen, um mich bei einem Bekannten zu erkundigen, was hier vorging, -- und da war Stepan Trophimowitsch plötzlich verschwunden. Mein Instinkt sagte mir sofort, daß er bestimmt an der gefährlichsten Stelle am ehesten zu finden sein werde, denn aus einem ungewissen Grunde fühlte ich, daß auch bei ihm »der Schlitten« sich losgerissen hatte und nun den Rutschberg hinabflog. Und richtig: er war schon mitten in der Menge. Ich weiß noch, ich erfaßte schnell seine Hand, doch er sah mich still und stolz, mit unermeßlicher Überlegenheit an.
»Cher,« sagte er mit einer Stimme, in der etwas wie eine gesprungene Saite klang, »wenn man schon öffentlich hier auf dem Platz so zeremonielos verfährt, was soll man dann noch von diesem erwarten ... wenn er selbständig handeln dürfte?«
Und er wies zitternd vor Unwillen, mit dem heißen Verlangen, jemanden herauszufordern, auf den zwei Schritt vor uns stehenden und uns anstarrenden Flibustjeroff.
»Diesem?« rief Flibustjeroff sofort zornbebend und es wurde ihm offenbar dunkel vor den Augen. »Was für einen >diesen<? Wen meinst du damit hier? wer bist du überhaupt?« schrie er uns an, mit geballter Faust auf uns zutretend. »Wer bist du?« brüllte er wild, bis zur Tollheit erregt vor Diensteifer und Dünkel (dabei kannte er Stepan Trophimowitsch von Ansehen sehr gut).
Noch einen Augenblick und der rasende Flibustjeroff hätte ihn schon am Kragen gepackt; doch zum Glück wandte auf das Gebrüll hin von Lembke den Kopf und sah verwundert doch aufmerksam auf Stepan Trophimowitsch: es war, als ob er nachdachte -- plötzlich aber winkte er ungeduldig mit der Hand ab und Flibustjeroff stand sofort stramm. Ich zog meinen Freund schnell aus der Menge. Vielleicht hatte auch er schon genug davon.
»Gehen wir nach Hause, sofort,« sagte ich in sehr bestimmtem Tone. »Wenn man Sie jetzt nicht geschlagen hat, so verdanken Sie das nur Herrn von Lembke.«
»Gehen Sie, mein Freund. Es war unrecht von mir, Sie mit hineinzuziehen. Sie haben noch eine Zukunft und eine Karriere vor sich, ich aber -- mon heure a sonné.«{[166]}
Und er betrat festen Schrittes die Treppe des Gouvernementsgebäudes. Der Portier kannte mich: ich sagte ihm, daß wir beide zu Julija Michailowna wollten. Man führte uns in den Empfangssalon, wir setzten uns und warteten. Ich konnte meinen Freund nicht verlassen, zu sprechen aber, oder ihn zu bereden, hielt ich jetzt für überflüssig. Er sah aus, wie ein Mensch, der sich dem Tode fürs Vaterland geweiht hat. Wir setzten uns nicht nebeneinander, sondern er nahm in der einen Ecke Platz und ich in der gegenüberliegenden, die näher zur Eingangstür lag. Sein Blick war nachdenklich gesenkt, die Hände stützte er leicht auf den Silberknopf seines Stockes und den breitkrämpigen Hut hielt er müde in der linken Hand. So saßen wir an die zehn Minuten.
II.
Plötzlich trat von Lembke, in Begleitung des Polizeimeisters, mit schnellen Schritten ins Zimmer. Er blickte uns nur zerstreut an und wollte rechts in sein Arbeitszimmer gehen, doch schon stand Stepan Trophimowitsch vor ihm und verlegte ihm den Weg. Die hohe Gestalt, ja, die ganze so anders als die anderen wirkende Erscheinung Stepan Trophimowitschs machte augenscheinlich Eindruck auf von Lembke: er blieb stehen.
»Wer ist das?« murmelte er verwundert. Doch wandte er den Kopf nicht zum Polizeimeister, sondern sah dabei starr Stepan Trophimowitsch an.
»Kollegienassessor Stepan Trophimowitsch Werchowenski, Exzellenz,« antwortete Stepan Trophimowitsch mit einer würdevoll gemessenen Neigung des Kopfes.
Seine Exzellenz fuhr fort, ihn anzusehen, doch übrigens mit einem ziemlich stumpfen Blick.
»Sie wünschen?« fragte er mit dem bekannten Lakonismus der höheren Vorgesetzten, launisch, ungeduldig sein Ohr zu Stepan Trophimowitsch wendend, den er wohl für einen gewöhnlichen Bittsteller nahm.
»Ein Beamter hat heute im Namen Eurer Exzellenz eine Haussuchung bei mir vorgenommen: ich wünschte ...«
»Der Name, der Name?« fragte von Lembke ungeduldig, als ob ihm plötzlich etwas einfiel.
Stepan Trophimowitsch nannte zum zweitenmal und noch würdevoller seinen Namen.
»A--a--ah! Das ist ... das ist dieses Freidenkernest ... Mein Herr, Sie haben sich in einer solchen Weise ... Sie sind Professor? Professor?«
»Ich hatte früher einmal die Ehre, der Jugend einige Kollegs zu lesen, an der ...schen Universität.«
»Der Ju--gend?« von Lembke schrak sichtlich zusammen, wenn er auch -- darauf könnte ich wetten -- kaum begriff, worum es sich hier handelte, noch mit wem er eigentlich sprach.
»Das, mein Herr, das lasse ich nicht zu!« rief er plötzlich furchtbar erregt und aufgebracht. »Ich dulde keine Jugend! Das sind alles die Proklamationen. Das ist ein Angriff auf die Gesellschaft, mein Herr! Ein Angriff zur See! Ist Seeräuberei! Flibustjerismus! -- Was wünschen Sie?«
»Im übrigen hat mich noch Ihre Frau Gemahlin gebeten, morgen auf dem Fest vorzulesen. Ich habe nicht die Absicht, hier um etwas zu bitten. Ich bin gekommen, um mein Recht zu verlangen ...«
»Auf dem Fest? Das Fest wird nicht stattfinden! Ich untersage euer Fest! Kollegs? Kollegs?« rief Lembke wie toll.
»Ich würde Sie sehr bitten, ein wenig höflicher mit mir zu sprechen, Exzellenz, und mich nicht anzuschreien wie einen Schuljungen.«
»Sie ... vielleicht begreifen Sie, mit wem Sie sprechen?« fragte plötzlich von Lembke errötend.
»Vollkommen, Exzellenz.«
»Ich beschütze mit meiner Person die Gesellschaft, Sie aber wollen sie zerstören! ... Sie ... Übrigens, ich erinnere mich jetzt ..., waren Sie nicht Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina?«
»Ja, ich war ... Hauslehrer bei der Generalin Stawrogina.«
»Und im Laufe von zwanzig Jahren sind Sie das Treibbeet alles dessen gewesen, was jetzt ausgebrochen ist ... alle Früchte ... Ich glaube, ich habe Sie soeben auf dem Platz gesehen. Hüten Sie sich, mein Herr, hüten Sie sich! Ihre Gedankenrichtung ist bekannt! Seien Sie überzeugt, daß ich das nicht aus dem Auge lasse! Ich kann Ihre Kollegs nicht gestatten, mein Herr, ich kann nicht! Mit solchen Bitten wenden Sie sich nicht an mich.«
Und von Lembke wollte wieder in sein Arbeitszimmer treten.
»Ich wiederhole, daß Sie sich täuschen, Exzellenz: es ist Ihre Frau Gemahlin, die mich gebeten hat -- nicht ein Kolleg zu lesen, sondern morgen auf dem Fest etwas Literarisches vorzutragen. Doch jetzt werde ich mich selbst davon zurückziehen. Meine untertänigste Bitte ist nur, mir, falls möglich, zu erklären: warum man heute bei mir eine Haussuchung vorgenommen hat? Man hat mir einige Bücher und Papiere genommen, mir teure Privatbriefe, und auf einer Schiebkarre durch die Stadt ...«
»Wer hat das getan?« fuhr Lembke, plötzlich ganz zur Besinnung kommend, auf und wandte sich hastig zum Polizeimeister.
In diesem Augenblick öffnete sich eine Tür und die lange, plumpe Gestalt Blümers erschien. »Da! dieser selbe Beamte war es, Exzellenz,« sagte Stepan Trophimowitsch schnell, der den Eintretenden sofort bemerkt hatte.
Blümer trat mit zwar schuldbewußtem, doch durchaus nicht nachgiebigem Ausdruck näher.
»Vous ne faites que des bêtises!«{[167]} warf ihm von Lembke ärgerlich zu, und plötzlich verwandelte er sich vollständig, als käme er erst jetzt völlig zu sich.
»Verzeihen Sie ...« sagte er ungewöhnlich verwirrt zu Stepan Trophimowitsch und errötete dabei stark, »das war alles wahrscheinlich nur eine Ungewandtheit, ein Mißverständnis ... nur ein Mißverständnis.«
»Exzellenz,« bemerkte Stepan Trophimowitsch, »in meiner Jugend war ich einmal Augenzeuge eines charakteristischen Vorfalls. Im Foyer eines Theaters trat irgend jemand auf einen Herrn zu und gab ihm vor dem ganzen Publikum eine schallende Ohrfeige. Gleich darauf bemerkte er, daß der Herr, dem er die Ohrfeige gegeben, durchaus nicht derselbe war, dem er sie hatte geben wollen, sondern ihm nur ähnlich sah, und geärgert sagte er -- dabei eilig, ganz wie ein Mensch, der keine Zeit zu verlieren hat, -- genau dieselben Worte, die Exzellenz soeben mir zu sagen beliebten: >Verzeihen Sie ... ich habe mich geirrt, das war ein Mißverständnis, nur ein Mißverständnis.< Und als der Beleidigte darauf immer noch gekränkt war und seiner Empörung Ausdruck gab, da sagte er schließlich ärgerlich: >Aber ich versichere Ihnen doch, daß das ein Mißverständnis war, was schreien Sie hier denn noch<!«
»Das ... das ist natürlich komisch ...« sagte von Lembke und verzog seinen Mund zu einem Lächeln.
»Aber ... aber sehen Sie denn nicht, wie unglücklich ich selbst bin?«
Er schrie es beinahe heraus und wollte schon, glaube ich, das Gesicht mit den Händen bedecken.
Dieser unerwartete gequälte Ausruf, dieser erstickte Schmerz machten einen unerträglichen Eindruck. Es war wohl der Augenblick des ersten Erwachens, des ersten klaren Erkennens alles dessen, was seit dem vergangenen Tage geschehen war -- und gleich darauf vollständige, erniedrigende, sich ergebende Verzweiflung; wer weiß, vielleicht hätte er schon im nächsten Augenblick laut geschluchzt. Stepan Trophimowitsch sah ihn zuerst erschrocken an, dann senkte er plötzlich den Kopf und sagte mit einer tief mitfühlenden Stimme:
»Exzellenz, beunruhigen Sie sich weiter nicht wegen meiner kleinlichen Klage, und befehlen Sie nur, daß man mir meine Bücher und Briefe zurückschickt ...«
Er wurde unterbrochen. Gerade in diesem Augenblick kehrte Julija Michailowna mit der ganzen sie begleitenden Schar aus Skworeschniki zurück.
III.
Das erste war, daß sämtliche Insassen der drei Equipagen fast alle zugleich in den Salon drängten. Eigentlich ging man in Julija Michailownas Gemächer unmittelbar vom Vestibül aus nach links; doch diesmal drängten alle nach rechts in den großen Empfangssalon -- wohl bloß deshalb, weil Stepan Trophimowitsch sich in ihm befand. Davon und von allem Vorgefallenen wie auch von dem »Aufstand« der Spigulinschen Arbeiter waren sie schon durch Lämschin unterrichtet worden. Dieser war zur Strafe für irgendeine neue Unart nicht mitgenommen worden -- und so hatte er, der alles sogleich erfahren und teilweise selbst mit angesehen, schnell in hämischer Schadenfreude ein altes Kosakenpferd bestiegen und war der heimkehrenden Kavalkade entgegengeritten.
Julija Michailowna wird, denke ich mir, denn doch einigermaßen bestürzt gewesen sein, trotz ihrer »höheren Entschlossenheit«, als sie solche Neuigkeiten vernehmen mußte; aber wohl nur auf einen Augenblick. Die politische Seite der Frage konnte sie nicht weiter beunruhigen, denn Pjotr Stepanowitsch hatte ihr schon viermal gesagt, daß man die Spigulinschen Frechlinge einfach alle durchprügeln müsse: Pjotr Stepanowitsch aber war seit einiger Zeit eine ungeheuere Autorität für sie. »Er wird es mir schon bezahlen müssen,« dachte sie bei sich, wobei das »Er« sich natürlich auf ihren Mann bezog. Ich muß noch bemerken, daß Pjotr Stepanowitsch gleichfalls an der allgemeinen Ausfahrt nicht teilgenommen hatte und seit dem frühesten Morgen von niemandem gesehen worden war. Erwähnen muß ich auch noch, daß Warwara Petrowna, nachdem sie die Gäste in Skworeschniki empfangen hatte, mit ihnen zusammen (in einem Wagen mit Julija Michailowna) in die Stadt zurückgekehrt war, um an der letzten Sitzung des Komitees teilzunehmen. Natürlich mußten die von Lämschin gebrachten Nachrichten, die Stepan Trophimowitsch betrafen, sie gleichfalls interessieren, vielleicht aber regten sie sie sogar auf.
Die Heimzahlung, die Julija Michailowna sich vorgenommen hatte, ihrem Mann zu teil werden zu lassen, begann sofort, als sie in den Empfangssalon trat: das fühlte Lembke selbst schon nach dem ersten Blick auf seine schöne Gattin. Mit dem offensten, bezauberndsten Lächeln ging sie schnell auf Stepan Trophimowitsch zu, streckte ihm das elegant behandschuhte Händchen entgegen und überschüttete ihn mit den schmeichelhaftesten Worten -- ganz als ob an diesem Vormittage all ihr Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet gewesen wäre, Stepan Trophimowitsch ihr Entzücken darüber auszudrücken, daß sie ihn endlich bei sich begrüßen durfte. Über die Haussuchung verlor sie kein einziges Wort, nicht eine Silbe, als hätte sie überhaupt nichts davon gewußt. Kein Wort an ihren Mann, kein Blick auf ihn -- als wenn er gar nicht anwesend gewesen wäre! Dabei schien ihr das noch nicht einmal genug zu sein, sie nahm vielmehr Stepan Trophimowitsch einfach für sich in Beschlag und führte ihn mit sich in die andere Ecke des Salons, was so viel heißen sollte wie: daß sie es gar nicht für wert hielt, daß sein Gespräch mit Lembke, in dem er doch offenbar begriffen gewesen war, zu Ende geführt wurde. Ich glaube, daß Julija Michailowna damit trotz ihres so sicheren Auftretens doch wieder einen Fehler machte. Und hierbei half ihr dann noch Karmasinoff (der diesmal auf ihre besondere Bitte an der Fahrt teilgenommen und bei dieser Gelegenheit Warwara Petrowna gewissermaßen doch noch seinen Besuch gemacht hatte, worüber diese in ihrer kleinen Eitelkeit geradezu entzückt war). Karmasinoff trat als letzter in den Empfangssalon und rief, kaum daß er Stepan Trophimowitsch erblickte, noch in der Tür stehend, sogleich aufs Lebhafteste:
»Wieviel Jahre, wieviel Lenze! Endlich ... Excellent ami!«{[168]}
Und er trippelte auf Stepan Trophimowitsch zu, ohne darauf zu achten, daß er sogar Julija Michailowna unterbrach, und hielt ihm seine Wange zum Kuß hin.
»Cher,« sagte mir Stepan Trophimowitsch noch am selben Abend, als er über die Erlebnisse dieses Vormittags sprach, »in jenem Augenblick dachte ich: wer ist nun von uns beiden gemeiner? Er, der mich umarmt, um mich zu erniedrigen, oder ich, der ich ihn samt seiner Wange verachte und doch küsse, obgleich ich mich einfach abwenden könnte ... O pfui!«
»Nun, erzählen Sie, erzählen Sie doch alles, was Sie inzwischen erlebt haben,« lispelte Karmasinoff in seiner manierierten Sprechweise, -- als ob man das ganze Leben von fünfundzwanzig Jahren so einfach vornehmen und erzählen könnte. Aber diese törichte Oberflächlichkeit war nun einmal »höherer« Ton.
»Erinnern Sie sich, wir haben uns zuletzt in Moskau beim Diner zu Ehren Granowskis gesehen, und seitdem sind vierundzwanzig Jahre vergangen ...« begann Stepan Trophimowitsch ruhig und vernünftig (also sehr wenig im »höheren« Tone).
»Ce cher homme,«{[169]} unterbrach ihn Karmasinoff familiär mit seiner kreischenden Stimme und faßte ihn mit freundschaftlicher Vertraulichkeit an der Schulter. »Aber Julija Michailowna, so bringen Sie uns doch schnell zu sich hinüber! Dort wird er sich dann hinsetzen und uns alles erzählen.«
»Dabei bin ich mit diesem alten, reizbaren Weibe von Mann nie Freund gewesen!« fuhr am selben Abend Stepan Trophimowitsch zitternd vor Wut fort, sich bei mir zu beklagen. »Damals waren wir noch Jünglinge und schon damals begann ich, ihn zu hassen ... ganz wie er mich, natürlich ...«
Julija Michailownas Salon füllte sich schnell. Warwara Petrowna befand sich in ganz besonders gespannter Stimmung, wenn sie sich auch krampfhaft anstrengte, gleichmütig zu erscheinen. Ich bemerkte ein paarmal ihren gehässigen Blick auf Karmasinoff und manchen bösen Blick auf Stepan Trophimowitsch -- böse schon im voraus, böse aus Eifersucht, aus Liebe: hätte Stepan Trophimowitsch jetzt in Gegenwart aller schlecht abgeschnitten oder hätte er sich von Karmasinoff irgend etwas bieten lassen, -- ich glaube, sie wäre aufgesprungen und hätte ihn womöglich geschlagen.
Ich vergaß, zu erwähnen, daß auch Lisa anwesend war, und noch nie hatte ich sie fröhlicher, sorgloser, glücklicher gesehen. Selbstverständlich war auch Mawrikij Nicolajewitsch zugegen. Außerdem bemerkte ich unter den jungen Leuten, die Julija Michailownas ständiges Gefolge waren und von denen Zeremonielosigkeit für Lustigkeit und billiger Zynismus für Intelligenz gehalten wurde, zwei oder drei neue Persönlichkeiten: irgendeinen angereisten, auffallend scharwenzelnden Polen, einen deutschen Doktor -- ein schon ältlicher Mann, der keinen Augenblick stillsitzen konnte und laut und mit Genuß in jeder Minute über seine eigenen Witze lachte -- und irgendeinen sehr jungen Petersburger Fürsten, eine automatische Figur mit Diplomatenhaltung und in furchtbar hohem Kragen -- ein Gast, den Julija Michailowna augenscheinlich ganz besonders schätzte und vor dessen Kritik ihr vielleicht sogar bangte, wenn sie an den Ton in ihrem Salon dachte ...
»Cher monsieur Karmazinoff,« begann Stepan Trophimowitsch, der sich malerisch auf einen Diwan setzte und plötzlich die Worte ganz wie Karmasinoff manieriert skandierte, »cher monsieur Karmazinoff, das Leben eines Menschen unserer früheren Zeit muß, besonders wenn er gewisse Überzeugungen hat, selbst in einem Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren eintönig erscheinen ...«
Der Deutsche lachte schallend, ja geradezu wiehernd auf, wahrscheinlich in dem Glauben, Stepan Trophimowitsch habe etwas überaus Komisches gesagt. Dieser sah sich mit ostentativer Verwunderung nach ihm um, doch auf den Lacher machte er damit gar keinen Eindruck. Der junge Fürst sah sich gleichfalls mitsamt seinem hohen Kragen um und setzte sogar den Zwicker auf, um den Deutschen besser betrachten zu können, blickte aber dabei, seinem Gesichtsausdruck nach, völlig gleichgültig, ohne jede Neugier auf ihn.
»... eintönig erscheinen,« wiederholte Stepan Trophimowitsch absichtlich. »So ist es auch mit meinem Leben in diesem ganzen Vierteljahrhundert, et comme on trouve partout plus de moines que de raison,{[170]} -- und da ich dem vollkommen zustimme, so scheint es, daß ich in diesen fünfundzwanzig Jahren ...«
»C'est charmant, les moines,«{[171]} flüsterte Julija Michailowna der neben ihr sitzenden Warwara Petrowna zu.
Warwara Petrowna antwortete ihr darauf mit einem stolzen Blick.
Karmasinoff aber ertrug den Erfolg der französischen Phrase nicht und fiel mit seiner kreischenden Stimme Stepan Trophimowitsch schnell ins Wort:
»Was mich betrifft, so bin ich in der Beziehung vollkommen beruhigt und sitze jetzt schon das siebente Jahr in Karlsruhe. Ja, als im vorigen Jahr der Stadtrat dortselbst beschloß, ein neues Wasserleitungsrohr zu legen, da fühlte ich in meinem Herzen, daß diese Karlsruher Wasserleitungsfrage mir teurer und lieber war, als die gesamten Fragen meines lieben Vaterlandes ... wenigstens für die Zeit der sogenannten russischen Reformen.«
»Sehe mich gezwungen, zu gestehen, daß ich Ihnen das nachfühlen kann, wenn auch gegen mein Herz,« sagte Stepan Trophimowitsch halb aufseufzend und senkte vielsagend den Kopf.
Julija Michailowna triumphierte: das Gespräch wurde sowohl tief wie tendenziös.
»Eine Röhre für den ... Schmutz?« erkundigte sich laut der Doktor.
»Ein Abzugsrohr, Doktor, ein Abzugsrohr, und ich habe damals selbst mitgeholfen, das Projekt auszuarbeiten.«
Der Doktor lachte wieder schallend auf. Nun begannen auch die anderen zu lachen, doch lachten sie jetzt schon dem Deutschen offen ins Gesicht, was dieser aber gar nicht gewahrte -- im Gegenteil, er schien sogar sehr vergnügt darüber zu sein, daß endlich alle mitlachten.
»Erlauben Sie, Ihnen einmal nicht beizustimmen, Karmasinoff,« beeilte sich Julija Michailowna zu bemerken. »Ich habe sonst nichts gegen Karlsruhe, aber Sie lieben zu mystifizieren, und diesmal glauben wir Ihnen nicht. Welcher russische Schriftsteller hat so viele zeitgenössische und echt russische Typen geschaffen, ist so vielen zeitgenössischen und echt russischen Fragen auf den Grund gegangen und hat so richtig jene Hauptmomente unserer Zeit erkannt, die den Typ des heute wirkenden Menschen bestimmen, wie gerade Sie, Sie allein von allen? Und nun, bitte, versuchen Sie uns noch Ihre Gleichgültigkeit gegen das Vaterland und Ihr ungeheueres Interesse für die Karlsruher Leitungsrohrangelegenheit glauben zu machen! Haha!«
»Ich habe allerdings,« begann Karmasinoff geziert, »im Typ Pogosheff alle Fehler der Slawophilen gezeigt und im Typ Nikodimoff alle Fehler der Westler ...«
»Als ob er damit wirklich schon alle gezeigt hätte!« flüsterte Lämschin ganz leise seinem Nachbar zu.
»... aber das tue ich nur so nebenbei, nur um die überflüssige Zeit irgendwie totzuschlagen und ... um alle diese aufdringlichen Anforderungen und Erwartungen meiner Landesgenossen zu befriedigen.«
»Es wird Ihnen wohl schon bekannt sein, Stepan Trophimowitsch,« fuhr Julija Michailowna ganz bezaubert fort, »daß wir morgen das Vergnügen haben werden, etwas Wundervolles zu hören ... eine von den letzten und schönsten Inspirationen Semjon Jegorowitschs -- sein >Merci<. Er kündet in dieser Arbeit an, daß er künftig nichts mehr schreiben werde, unter keiner Bedingung, für keinen Preis, selbst dann nicht, wenn ein Engel vom Himmel käme und ihn bäte, den unwiderruflichen Entschluß aufzugeben. Mit einem Wort, er legt jetzt die Feder für immer aus der Hand. Und dieses graziöse >Merci< ist an das Publikum gerichtet, ist sein Dank für die unermüdliche Begeisterung, mit der es so viele Jahre lang seine treue Arbeit für den russischen Gedanken begleitet hat.«
Julija Michailowna war auf der Höhe der Seligkeit.
»Ja, ich verabschiede mich, ich sage mein >Merci< und reise dann weg, und dort ... in Karlsruhe ... werde ich meine Augen schließen,« bemerkte Karmasinoff, den das Mitleid mit sich selbst mehr und mehr ergriff.
Wie so viele unserer großen Schriftsteller (und wir haben ungeheuer viel große Schriftsteller) konnte er Lobsprüche nicht gleichmütig hinnehmen, sondern wurde ungeachtet seines ganzen Scharfsinnes sofort schwach und weich. Aber ich denke, das ist am Ende verzeihlich. Erzählt man doch, daß einer von unseren Shakespeares in einem Privatgespräch ganz offen gesagt habe: »Ja, wir großen Männer, wir« usw., und zwar ohne daß es ihm selbst aufgefallen wäre.
»Ja, dort in Karlsruhe schließe ich dann für immer meine Augen. Uns großen Männern bleibt ja nichts anderes übrig, als, nachdem wir unser Werk getan, schnell die Augen zu schließen, ohne noch lange auf Dank zu warten. So werde auch ich es denn machen.«
»Geben Sie mir Ihre Adresse, damit ich nach Karlsruhe zu Ihrem Grabe pilgern kann!« rief der Deutsche und lachte selbst maßlos laut darüber.
»Jetzt kann man Tote auch mit der Eisenbahn versenden,« sagte plötzlich einer der unbedeutenderen jungen Herren.
Lämschin quiekte nur so vor Vergnügen. Julija Michailowna zog, peinlich berührt, die Brauen zusammen.
In diesem Augenblick trat Nicolai Stawrogin ein.
»Und mir hat man gesagt, Sie wären aufs Polizeibureau gebracht worden?« sagte er, sich gleich an Stepan Trophimowitsch wendend.
»Nein, es war im ganzen nur ein ... bureaukratischer Zwischenfall,« antwortete Stepan Trophimowitsch lächelnd.
»Ich kann aber versichern, daß dieses Mißverständnis auf meine Veranlassung hin wieder gutgemacht werden wird,« griff Julija Michailowna in das Gespräch ein. »Ich denke, daß Sie diese Unannehmlichkeit, die mir jetzt noch unerklärlich ist, nicht weiter beachten und uns trotzdem das Vergnügen bereiten werden, auf der literarischen Matinee etwas vorzutragen?«
»Ich weiß nicht ... jetzt ... eigentlich ...«
»Glauben Sie mir, Warwara Petrowna, ich bin so unglücklich ... und denken Sie nur, gerade jetzt, wo ich mich am meisten darauf freute, einen der bemerkenswertesten und unabhängigsten russischen Geister endlich persönlich kennen zu lernen, äußert Stepan Trophimowitsch plötzlich die Absicht, sich von uns zurückzuziehen.«
»Das Lob ist ja so laut, daß ich es wohl nicht hören soll,« bemerkte Stepan Trophimowitsch, jedes Wort prägend, »aber ich glaube nun einmal nicht, daß meine unwichtige Person für das Fest so unbedingt vonnöten sei. Übrigens, ich ...«
»Aber Sie verwöhnen ihn mir ja viel zu sehr!« rief plötzlich Pjotr Stepanowitsch, schnell ins Zimmer schwirrend, dazwischen. »Kaum habe ich ihn in die Hand genommen, da, eines Morgens Haussuchung, Arrest, die Polizei packt ihn am Kragen, und nun verhätscheln ihn die Damen im Salon unseres Stadtgewaltigen! Na, in ihm muß ja jetzt jeder Knochen vor Entzücken einfach singen. Hat sich solch ein Benefiz wohl nicht mal träumen lassen, -- kein Wunder, wenn er da anfängt, die Sozialisten anzuschwärzen.«
»Das kann nicht sein, Pjotr Stepanowitsch, der Sozialismus ist ein zu großer Gedanke, als daß Stepan Trophimowitsch das nicht auch einsähe,« verteidigte Julija Michailowna den letzteren energisch.
»Der Gedanke ist zwar groß, doch seine Verkünder sind das nicht immer, mais brisons là, mon cher,«{[172]} sagte Stepan Trophimowitsch, sich mit weltmännischer Sicherheit vom Platz erhebend, zu seinem Sohn.
Da geschah plötzlich etwas völlig Unerwartetes.
Auch Herr von Lembke war den anderen gefolgt und befand sich gleichfalls schon seit einiger Zeit im Salon seiner Frau, doch sonderbarerweise tat man allgemein, als bemerke man ihn nicht, obgleich gewiß alle gesehen hatten, wie er eingetreten war. Aber Julija Michailowna fuhr nun einmal eigensinnig fort, ihrem Vorsatz getreu, ihn zu ignorieren. Er war nicht weit von der Tür stehen geblieben und hatte bisher finster, mit strengem Gesicht, dem Gespräch zugehört. Als jetzt die Bemerkungen über die Vorfälle des Morgens fielen, wurde er unruhig, sah plötzlich starr den jungen Fürsten an, dessen steifer Kragen wohl seinen Verdacht erregte. Da schlug die Stimme des hereinschwirrenden Pjotr Stepanowitsch an sein Ohr: er zuckte heftig zusammen, -- und kaum hatte Stepan Trophimowitsch seine Sentenz über die Sozialisten ausgesprochen, als von Lembke schon schnurstracks auf ihn zutrat, ohne es zu beachten, daß er dabei Lämschin, der im Wege stand, zur Seite stieß. Lämschin sprang natürlich sofort mit gemachtem und übertriebenem Erstaunen zur Seite, rieb sich mit verwundertem Gesicht den Arm und tat, als habe von Lembke ihn wirklich furchtbar verletzt.
»Genug!« rief dieser, indem er energisch die Hand des erschrockenen Stepan Trophimowitsch ergriff und sie mit aller Kraft in der seinigen drückte. »Genug, über die Flibustiers ist das Urteil schon gefällt. Kein Wort weiter. Ich habe schon Vorkehrungen getroffen ...«
Er sprach es laut und schloß mit scharfer Betonung. Der Eindruck, den seine Worte machten, war ein äußerst unangenehmer. Alle fühlten etwas Unheilvolles in der Luft. Ich sah, wie Julija Michailowna erbleichte. Der Eindruck wurde durch einen dummen Zufall abgeschlossen. Nachdem Lembke das von den Vorkehrungen gesagt hatte, wandte er sich schroff um und schritt schnell zur Tür, doch kurz bevor er sie erreichte, stolperte er über einen der Teppiche, klappte mit dem Oberkörper nach vorn und wäre beinahe gefallen. Einen Augenblick stand er stumm da, blickte auf die Stelle, wo er gestolpert war, sagte laut: »Das ist umzustellen,« und verließ das Zimmer. Julija Michailowna erhob sich sofort und ging ihm eilig nach. Kaum hatte sie das Zimmer verlassen, da sprach und tuschelte schon alles durcheinander, so daß es schwer war, aus dem Gewirr klug zu werden. Die einen sagten, er sei »nervös« und »überarbeitet«; andere wollten gehört haben, daß er gewissen Anfällen ausgesetzt sei; die dritten tippten heimlich mit dem Finger an die Stirn, und in einer Ecke, im Kreise der Jugend, hielt Lämschin sogar zwei Finger wie Hörnchen an die Stirn. Ja, man machte Andeutungen, munkelte von Familienszenen -- doch sprach man davon selbstverständlich nicht laut, sondern nur flüsternd. Jedenfalls dachte niemand daran, jetzt fortzugehen; und vorläufig wartete man. Ich weiß nicht, was Julija Michailowna inzwischen hatte ausrichten können, doch schon nach einigen fünf Minuten kam sie zurück, und man merkte ihr nur an, daß sie sich sehr zusammennahm, um ruhig zu erscheinen. Sie antwortete ausweichend, sagte, Andrei Antonowitsch sei ein wenig erregt, aber das habe nichts auf sich, das wiederhole sich bei ihm schon von Kindheit an, sie wisse das alles »ganz genau«, und selbstredend werde das Fest morgen ihn wieder erheitern. Darauf richtete sie noch ein paar schmeichelhafte Worte an Stepan Trophimowitsch, jedoch nur um der gesellschaftlichen Form willen, und dann forderte sie mit erhobener Stimme die Mitglieder des Komitees auf, jetzt sofort mit der Sitzung zu beginnen. Nun erst begannen die anderen aufzubrechen, doch die beklagenswerten Vorfälle dieses verhängnisvollen Tages waren noch nicht zu Ende ...
Schon in dem Augenblick, als Nicolai Stawrogin eintrat, hatte ich bemerkt, daß Lisa ihn schnell und forschend ansah und dann lange den Blick nicht von ihm abwandte, so lange nicht, daß es bereits auffiel. Ich sah, wie Mawrikij Nicolajewitsch, der hinter ihrem Stuhle stand, sich niederbeugte, wie um ihr etwas zu sagen, doch plötzlich seine Absicht wieder aufgab und sich schnell aufrichtete, worauf er mit schuldbewußtem Blick die Anwesenden überflog. Auch Nicolai Stawrogin erregte einige Neugier: sein Gesicht war bleicher als sonst und sein Blick ungewöhnlich zerstreut. Nachdem er beim Eintreten seine Frage an Stepan Trophimowitsch gerichtet hatte, vergaß er ihn gleich wieder -- ja, ich glaube, vergaß sogar, zur Hausfrau zu treten. Lisa sah er kein einziges Mal an, doch nicht etwa, weil er es nicht wollte, sondern weil er, wie ich mit Sicherheit behaupten kann, auch sie nicht bemerkte. Und nun, in der Stille, die Julija Michailownas Aufforderung an die Mitglieder des Komitees folgte, hörten wir plötzlich Lisas klare und absichtlich laute Stimme: