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Sämtliche Werke 1-2 (part 3 of 3)

Part 3 of 3 · Fyodor Dostoyevsky · Public domain text

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Source: Project Gutenberg e-text #58238, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (3)

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Sämtliche Werke 1-2 (part 3 of 3)

Das Gespräch fand im Korridor, an der Treppe statt. Sswidrigailoff sah unverwandt Raskolnikoff in die Augen und fragte ihn nach einigem Schweigen mit gesenkter Stimme.

»Was ist mit Ihnen, Rodion Romanowitsch, Sie sind so vollkommen verändert? Wirklich! Sie hören zu und schauen einen dabei an, scheinen aber nichts zu verstehen. Geben Sie acht auf sich. Wir wollen einmal miteinander sprechen; schade nur, daß ich jetzt so viel für andere und für mich selbst zu tun habe ... Ach, Rodion Romanowitsch,« fügte er unmittelbar hinzu, »alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft ... Vor allen Dingen!«

Er trat zur Seite, um den eben heraufkommenden Priester und den Küster vorbeizulassen. Sie kamen, die Totenmesse zu halten. Sswidrigailoff hatte angeordnet, daß pünktlich zweimal am Tage Totenmessen abgehalten würden. Sswidrigailoff ging seinen Angelegenheiten nach und Raskolnikoff blieb eine Weile stehen, dachte nach und folgte dann dem Priester in Ssonjas Wohnung.

Er blieb an der Türe stehen. Der Gottesdienst begann leise, andächtig, traurig. In dem Bewußtsein, sterben zu müssen und in der Empfindung der Gegenwart des Todes lag für ihn stets, von früher Kindheit an, etwas Schweres, Drückendes und Mystisches, und er hatte seit langem keiner Totenmesse mehr beigewohnt. Außerdem peinigte ihn noch ein anderes Gefühl. Er sah auf die Kinder, -- sie lagen alle vor dem Sarge auf den Knien und Poletschka weinte. Hinter ihnen stand Ssonja, still und schüchtern weinend und betete.

»Sie hat mich in diesen Tagen kein einziges Mal angeblickt und mir noch kein Wort gesagt,« dachte Raskolnikoff. Die Sonne beleuchtete hell das Zimmer; der Weihrauch stieg in feinen Wolken empor; der Priester las »Gott schenke dir Ruhe ...« Raskolnikoff blieb während des ganzen Gottesdienstes. Als der Priester den Segen erteilte und sich verabschiedete, blickte er sich eigentümlich um. Nach Beendigung der Messe trat Raskolnikoff an Ssonja heran. Sie nahm plötzlich seine beiden Hände und lehnte den Kopf an seine Schulter. Diese kurze Bewegung überraschte ihn. Wie? war es möglich? -- Nicht der geringste Widerwille, nicht der geringste Ekel ihm gegenüber, nicht das leiseste Beben ihrer Hand. War das nicht eine grenzenlose Demütigung seines eigenen Ichs. In dieser Weise faßte er es auf. Ssonja sagte nichts und Raskolnikoff drückte ihr nur die Hand und ging fort. Ihm war schwer zumute. Hätte er in diesem Augenblicke irgendwohin gehen können, um völlig allein zu bleiben, und selbst fürs ganze Leben, er würde sich glücklich gepriesen haben. Trotzdem er in der letzten Zeit fast immer allein war, war er nicht imstande, ein Fürsichsein zu empfinden. Er ging öfters außerhalb der Stadt auf Landwegen herum, einmal sogar war er in einen Wald geraten, aber je einsamer der Ort war, desto stärker empfand er die beunruhigende Nähe von irgend etwas, das wohl nichts furchterweckendes, wohl aber etwas belästigendes war, so daß er jedesmal schneller in die Stadt zurückkehrte, sich unter die Menschen mischte, in Restaurants oder Schenken ging, den Trödelmarkt oder den Heumarkt aufsuchte. Hier ward es ihm leichter und hier fühlte er sich allein. Eines Tages war er in einer Schenke, wo man kurz vor Abend zu singen begann; er blieb eine ganze Stunde sitzen, hörte zu und erinnerte sich, daß ihm dies wohlgetan hatte. Zum Schluß aber wurde er wieder unruhig, als ob sein Gewissen wach würde. »Ich sitze hier und höre zu, wie gesungen wird, habe ich denn nichts anderes zu tun!« dachte er mit einemmale. Es wurde ihm bald klar, daß nicht dieser Umstand ihn allein beunruhige; es gab etwas anderes, das eine unverzügliche Lösung verlangte, was er aber sich weder klar vorstellen, noch durch Worte wiedergeben konnte. Alles verwickelte sich zu einem Knäuel. »Nein, es ist doch besser, einen Kampf zu führen! Mag Porphyri Petrowitsch wieder auftreten ... oder Sswidrigailoff ... Mag nun wieder eine Herausforderung, ein Angriff erfolgen ... Ja! Ja!« -- Er verließ die Schenke und lief fast nach Hause. Der Gedanke an Dunja und die Mutter jagte ihm plötzlich eine panische Angst ein.

Es war in der Nacht, aber der Morgen graute schon, als er auf der Krestowski-Insel im Gebüsch fröstelnd vor Fieber erwachte; er ging nach Hause. Nach einigen Stunden Schlaf war das Fieber vorüber, er erwachte sehr spät, -- es war zwei Uhr nachmittags.

Es kam ihm wieder in Erinnerung, daß Katerina Iwanowna heute beerdigt werden sollte, und er war froh, daß er nicht zugegen sein mußte. Nastasja brachte ihm etwas zu essen; er aß und trank mit großem Appetit, fast mit einem Heißhunger. Sein Kopf wurde frischer, er selbst ruhiger, als in diesen letzten drei Tagen. Er wunderte sich sogar flüchtig über die früheren Anfälle seiner panischen Angst. Da öffnete sich die Türe und Rasumichin trat herein.

»Ah! Du ißt, so bist du auch nicht krank!« sagte Rasumichin, nahm einen Stuhl und setzte sich an den Tisch, Raskolnikoff gegenüber. Er war aufgeregt und versuchte nicht, es zu verbergen und sprach mit sichtbarem Ärger, aber ohne sich zu überhasten und ohne die Stimme besonders zu erheben. Man konnte denken, daß ihn eine ganz bestimmte Absicht herführe. »Höre,« begann er entschlossen, »ich kehre mich den Teufel um euch alle und zwar, weil ich jetzt sehe, deutlich sehe, daß ich nichts davon verstehen kann; bitte, glaube nicht, daß ich gekommen bin, dich auszufragen. Ich pfeife darauf! Ich will es gar nicht wissen! Und wenn du mir jetzt selbst alles anvertrauen, alle eure Geheimnisse entdecken wolltest, ich würde sie vielleicht nicht mal anhören, ich pfeife auf alles und gehe fort. Ich bin nur gekommen, um persönlich und endgültig zu erfahren, ob es wahr ist, daß du verrückt bist? Siehst du, es besteht die Meinung über dich, -- irgendwo, das ist ja einerlei -- daß du möglicherweise verrückt bist, jedenfalls aber starke Anlagen dazu habest. Ich muß dir gestehen, ich selbst war stark geneigt, diese Meinung zu teilen, erstens wegen deiner dummen und zum Teil schmählichen Handlungen, die durch nichts erklärt werden können, und zweitens wegen deines kürzlichen Benehmens deiner Mutter und Schwester gegenüber. Nur ein Scheusal und ein Schuft, oder ein Wahnsinniger konnte sie in dieser Weise behandeln, wie du sie behandelt hast; folglich bist du wahnsinnig ...«

»Hast du sie lange nicht gesehen?«

»Ich war soeben bei ihnen. Und du hast sie seit dieser Zeit nicht mehr gesehen? Sage mir bitte, wo treibst du dich herum, ich bin schon dreimal bei dir gewesen. Deine Mutter ist seit gestern ernstlich erkrankt. Sie wollte zu dir gehen; Awdotja Romanowna hielt sie davon ab; doch sie wollte auf nichts hören. >Wenn er krank ist,< sagte sie, >wenn sein Geist gestört ist, wer soll ihm denn helfen, wenn nicht die eigene Mutter?< So kamen wir alle hierher, denn wir konnten sie doch nicht allein gehen lassen. Bis zu deiner Tür haben wir sie gebeten, sich zu beruhigen. Wir traten in dein Zimmer, da warst du nicht da; hier, auf diesem Platz, hat sie gesessen. Sie saß über zehn Minuten da, wir standen schweigend in ihrer Nähe. Sie stand dann auf und sagte, -- >wenn er ausgeht, ist er gesund und hat die Mutter vergessen; es ist unpassend und eine Schande für eine Mutter, weiter noch an der Schwelle zu stehen und um Liebkosung, wie um ein Almosen zu betteln<. Sie kehrte nach Hause zurück, mußte sich zu Bett legen und liegt jetzt im Fieber. >Ich sehe,< sagte sie, >für die Seine hat er Zeit.< Sie meinte mit der Seinen Ssofja Ssemenowna, deine Braut oder deine Geliebte, ich weiß es nicht. Ich ging sofort zu Ssofja Ssemenowna, denn ich wollte alles erfahren, Bruder; ich komme hin und sehe, -- ein Sarg steht dort, die Kinder weinen, Ssofja Ssemenowna probiert ihnen Trauerkleider an, du bist aber nicht da. Ich sah das alles an, entschuldigte mich und ging fort und habe Awdotja Romanowna alles erzählt. Alles ist Unsinn und es gibt gar keine >Seine,< also ist es ganz Wahnsinn. Doch jetzt sitzest du hier und frißt gekochtes Fleisch, als hättest du drei Tage nichts gegessen. Es ist wahr, Wahnsinnige essen auch und du hast kein Wort mit mir gesprochen, du bist aber ... nicht verrückt. Das kann ich beschwören. Unter keinen Umständen verrückt. Also, hol euch alle der Teufel, es steckt etwas dahinter, es gibt irgendein Geheimnis, und ich habe keine Lust, über eure Geheimnisse mir den Kopf zu zerbrechen. Ich bin bloß gekommen, zu schimpfen,« schloß er und stand auf, »mir Luft zu machen und nun weiß ich, was ich zu tun habe!«

»Was willst du jetzt tun?«

»Was geht es dich an, was ich jetzt tun will?«

»Gib acht, du fängst zu trinken an!«

»Woher ... woher weißt du das?«

»Das ist leicht zu erraten!«

Rasumichin schwieg eine Weile.

»Du warst immer ein sehr vernünftiger Mensch und nie, niemals warst du verrückt,« bemerkte er plötzlich voll Eifer. »Das stimmt, -- ich werde anfangen zu trinken! Lebwohl!«

Und er schickte sich an zu gehen.

»Vorgestern, glaube ich, habe ich von dir mit der Schwester gesprochen, Rasumichin.«

»Von mir! Ja ... wo konntest du sie denn vorgestern gesehen haben?« Rasumichin blieb stehen und wurde ein wenig blaß.

Man konnte bemerken, wie sein Herzschlag langsamer und schwerer ging.

»Sie war hierhergekommen, allein, saß hier und sprach mit mir.«

»Sie!«

»Ja, sie!«

»Was hast du denn gesprochen ... ich will sagen, -- von mir?«

»Ich sagte ihr, daß du ein sehr guter, ehrlicher und arbeitsamer Mensch seist. Daß du sie liebst, habe ich ihr nicht gesagt, denn das weiß sie selbst.«

»Sie weiß es selbst?«

»Nun, und ob! Wohin ich auch reisen mag, was mit mir auch geschehen mag, -- du würdest bei ihnen, als ihre Vorsehung, bleiben. Ich übergab sie beide deiner Obhut, Rasumichin. Ich sage es, weil ich sehr gut weiß, wie du sie liebst und weil ich von der Reinheit deines Herzens überzeugt bin. Ich weiß auch, daß auch sie dich lieben kann und vielleicht sogar schon liebt. Jetzt beschließe selbst, wie es dir am besten erscheint, -- ob du trinken willst oder nicht?«

»Rodja ... Siehst du ... Nun ... Ach, Teufel! Wohin willst du aber gehen? Siehst du, wenn es ein Geheimnis ist, laß es! Aber ich ... ich werde das Geheimnis erfahren ... Und bin überzeugt, daß es sicher irgendein Unsinn und eine lächerliche Kleinigkeit ist, und daß du allein dir alles andere eingebrockt hast. Im übrigen aber bist du ein ausgezeichneter Mensch! Ein ausgezeichneter Mensch! ...«

»Und ich wollte gerade hinzufügen, da hast du mich aber unterbrochen, daß du vorhin sehr gut und richtig geäußert hast, diese Geheimnisse nicht erfahren zu wollen. Laß es vorläufig sein, rege dich nicht auf. Du wirst alles rechtzeitig zu wissen bekommen und dann, wenn es nötig sein wird. Gestern hat ein Mann zu mir gesagt, daß die Menschen Luft brauchen, Luft, Luft! Ich will gleich zu ihm hingehen und erfahren, was er darunter versteht.«

Rasumichin stand in Gedanken versunken, aufgeregt schien er über etwas nachzudenken.

»Er ist ein politischer Verschwörer! Sicher! Und er steht vor einem entscheidenden Schritt, -- das ist auch sicher! Anders kann es nicht sein und ... Dunja weiß es ...« dachte er.

»Also zu dir kommt Awdotja Romanowna,« sagte er und betonte jedes Wort, »und du selbst willst einen Menschen treffen, der da sagt, daß mehr Luft nötig sei, mehr Luft und ... und, also hängt auch dieser Brief ... irgendwie damit zusammen.«

»Was für ein Brief?«

»Sie hat einen Brief erhalten, heute; der hat sie sehr aufgeregt. Sehr. Fast zu sehr ... Als ich von dir zu sprechen anfing, -- bat sie mich zu schweigen. Dann ... dann sagte sie, daß wir uns vielleicht sehr bald trennen müßten, und begann mir für etwas heiß zu danken; ging darauf in ihr Zimmer und schloß sich ein.«

»Sie hat einen Brief erhalten?« wiederholte Raskolnikoff nachdenklich.

»Ja, einen Brief, und du weißt nichts davon? Hm!« Beide schwiegen eine Weile.

»Lebwohl, Rodion. Ich, Bruder ... es gab eine Zeit ... übrigens aber, lebwohl; siehst du, es gab eine Zeit ... Nun, lebwohl! Ich muß auch gehen. Ich werde nicht trinken. Jetzt ist es nicht mehr nötig ... wird nicht gemacht!«

Er hatte Eile, aber als er schon draußen war und die Türe fast geschlossen hatte, öffnete er sie plötzlich wieder und sagte, indem er zur Seite blickte:

»Apropos! Erinnerst du dich dieses Mordes, der Sache, die Porphyri Petrowitsch führt, -- der Ermordung der Alten? Nun, du sollst wissen, daß der Mörder gefunden ist, er hat alles eingestanden und alle Beweise geliefert. Stell dir vor, es ist einer von denselben Arbeitern, den Anstreichern, die ich -- erinnerst du dich -- noch bei dir im Zimmer verteidigte. Kannst du es glauben, er hat diese ganze Szene mit der Schlägerei und dem Lachanfall auf der Treppe mit seinem Kameraden, als der Hausknecht und die zwei Zeugen hinaufgingen, -- absichtlich vorgeführt und zwar um jeden Verdacht von sich abzulenken. Welch eine Schlauheit, welch eine Geistesgegenwart in so einem jungen Hunde steckt! Es ist schwer zu glauben; er hat aber selbst die Sache aufgeklärt, alles selbst eingestanden! Und wie ich hereingefallen bin! Nun, meiner Ansicht nach ist er bloß ein Genie der Verstellung und Geschicklichkeit, ein Genie gegenüber juristischer Verhörskunst, -- folglich ist hier nichts staunenswertes! Kann es denn nicht auch solche Genies geben? Und weil er es nicht bis zu Ende durchgeführt, sondern eingestanden hat, aus dem Grunde glaube ich ihm noch mehr. Es ist überzeugender! ... Aber wie ich damals hereingefallen bin! Ich kletterte ja um ihretwillen an die Wände hinauf!«

»Sage mir bitte, woher hast du es erfahren, und warum interessiert es dich so sehr?« fragte ihn Raskolnikoff sichtbar erregt.

»Nun, was frägst du bloß! Warum sollte es mich nicht interessieren! Das ist auch eine Frage! ... Ich habe es unter anderem von Porphyri Petrowitsch erfahren. Übrigens, ich habe fast alles durch ihn erfahren.«

»Von Porphyri Petrowitsch?«

»Ja, von Porphyri Petrowitsch.«

»Was ... was meint er?« fragte Raskolnikoff angstvoll.

»Er hat es mir ausgezeichnet erklärt. Psychologisch erklärt, auf seine Weise.«

»Er hat es dir erklärt? Er hat es dir selbst erklärt?«

»Ja, selbst, selbst; lebwohl! Ich will dir später noch mehr erzählen, jetzt aber habe ich zu tun. Ja ... es gab eine Zeit, wo ich glaubte ... Nun, was ist da zu reden ... später davon ... Warum soll ich jetzt anfangen zu trinken. Du hast mich auch ohne Wein betrunken gemacht. Ich bin ja betrunken, Rodja! Ohne Wein bin ich betrunken; nun, aber lebwohl! Ich komme zu dir. Sehr bald.«

Er ging hinaus.

»Er ist, er ist ein politischer Verschwörer, das ist sicher, das steht fest!« sagte sich Rasumichin endgültig, indem er langsam die Treppe hinabstieg. »Und die Schwester hat er auch hineingezogen; das ist sehr, sehr begreiflich bei dem Charakter von Awdotja Romanowna. Sie haben Zusammenkünfte ... Und sie hat es mir auch angedeutet. Aus vielen ihrer Worte ... und Andeutungen ... und Anspielungen ergibt sich dies alles! Ja, wie kann man denn sonst diesen ganzen Wirrwarr erklären? Hm! Und ich dachte ... Oh, Gott, was ich gemeint habe. Ja, das war eine Verblendung und ich habe gefehlt vor ihm! Damals bei der Lampe im Korridor hat er mich verwirrt und verblendet! Pfui! Welch ein häßlicher, roher, gemeiner Gedanke von mir! Nikolai ist ein braver Bursche, daß er es eingestanden hat ... Und wie sich jetzt alles Vorhergegangene leicht erklären läßt! Seine Krankheit damals, alle seine sonderbaren Handlungen, auch früher schon, in der Universität noch, als er immer so düster und verschlossen war ... Aber was bedeutet jetzt dieser Brief? Hier steckt vielleicht auch etwas dahinter. Von wem ist dieser Brief? Ich habe einen Verdacht ... Hm! Nein, ich will alles erfahren.«

Da erinnerte er sich an Dunetschka, und sein Herz blieb ihm fast stillstehen. Er riß sich von seinen Gedanken los und lief weiter.

* * * * *

Kaum war Rasumichin fortgegangen, so stand Raskolnikoff auf, wandte sich zum Fenster, ging von einer Ecke in die andere, als hätte er die Enge seiner Kammer vergessen, und ... setzte sich wieder auf das Sofa hin. Er schien ganz wie ausgewechselt zu sein; wieder -- hatte sich ein Ausweg gefunden!

Ja, es hat sich ein Ausweg gefunden! sagte er sich. Alles war schon zu vollgestopft, es hatte angefangen, ihn qualvoll zu drücken, ein förmlicher Taumel hatte ihn überfallen. Seit dem Auftritte mit Nikolai bei Porphyri Petrowitsch vermeinte er, ohne einen Ausweg ersticken zu müssen. Nach Nikolai folgte am selben Tage der Auftritt bei Ssonja; er hatte ihn nicht so, wie er's sich vorgenommen, begonnen und durchgeführt ... also hatte ihn die Schwäche plötzlich und vollständig übermannt! Mit einemmale! Er war ja doch damals mit Ssonja einverstanden, aus vollem Herzen einverstanden, daß er mit solch einer Sache auf der Seele allein nicht leben könne! Und Sswidrigailoff? Sswidrigailoff ist ein Rätsel ... Sswidrigailoff beunruhigt ihn, das ist wahr, aber nicht nach dieser Richtung hin. Mit Sswidrigailoff steht vielleicht auch ein Kampf bevor. Mit Sswidrigailoff gibt es vielleicht auch einen Ausweg, mit Porphyri Petrowitsch -- das ist freilich eine andere Sache.

Aber Porphyri Petrowitsch hat selbst Rasumichin alles erklärt, psychologisch ihm erklärt! Wieder fängt er mit seiner verfluchten Psychologie an! Porphyri Petrowitsch? Was, Porphyri Petrowitsch soll auch nur einen Augenblick geglaubt haben, daß Nikolai schuldig sei, -- nach allem, was zwischen ihnen beiden vorgefallen war, vor Nikolais Erscheinen, nach jenem Auftritt, Auge in Auge, für den man keine andere Erklärung finden konnte, außer einer einzigen? -- (Raskolnikoff war einigemal in diesen Tagen dieser Auftritt mit Porphyri Petrowitsch in der Erinnerung stückweise vorgeschwebt; sich des Auftritts in seiner ganzen Bedeutung zu erinnern, hätte er nicht ertragen können.) -- Während dieser Szene hatten sie beide Worte gewechselt, waren Bewegungen und Gesten vorgekommen, Blicke getauscht, war einiges in einem Tone gesagt worden, und die ganze Szene hatte einen Charakter angenommen, daß auf keinen Fall ein Nikolai, -- den Porphyri Petrowitsch doch sofort beim ersten Worte und bei der ersten Bewegung richtig erkannt hatte, -- die Grundlage seiner Überzeugung erschüttern konnte.

Wie weit war es aber auch schon gekommen! Sogar Rasumichin hatte begonnen, Verdacht zu schöpfen! Die Szene im Korridor bei der Lampe ist an ihm nicht spurlos vorübergeglitten. Er ist doch zu Porphyri Petrowitsch hingelaufen ... Aber aus welchem Grunde will jener ihn irreführen? Was hat er für einen Zweck, Rasumichin auf Nikolai zu bringen? Er hat unbedingt etwas vor; er verfolgt damit bestimmte Zwecke, aber welcher Art sind sie? Es ist wahr, seit diesem Morgen ist viel Zeit vergangen, -- viel zu viel Zeit und von Porphyri Petrowitsch habe ich weder etwas gehört, noch gesehen. Das ist sicher kein gutes Zeichen ...

Raskolnikoff nahm seine Mütze, versank in Gedanken und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Es war der erste Tag, während dieser ganzen Zeit, daß er sich wenigstens bei gesundem Bewußtsein fühlte. »Ich muß dieser Sache mit Sswidrigailoff ein Ende machen,« -- dachte er, -- »um jeden Preis und möglichst schnell; er scheint zu erwarten, daß ich selbst zu ihm komme.« -- In diesem Augenblicke entstand in seinem bedrückten Herzen ein wilder Haß, daß er einen von beiden, -- Sswidrigailoff oder Porphyri Petrowitsch hätte ermorden können. Er fühlte wenigstens, daß er, wenn nicht jetzt, so später, imstande sei, es zu tun. -- »Wir wollen sehen, wir wollen sehen,« wiederholte er vor sich. --

Als er aber gerade die Türe zur Treppe öffnete, stieß er mit Porphyri Petrowitsch zusammen. Der kam zu ihm. Raskolnikoff war im ersten Augenblick erstarrt. Aber sonderbar, sein Staunen über Porphyris Erscheinen und sein Schrecken waren gering. Er zuckte bloß zusammen, sammelte sich aber sofort augenblicklich. »Vielleicht ist es die Lösung! Aber wie leise er gekommen war, wie eine Katze, ich habe ihn nicht gehört! Hat er etwa gelauscht?«

»Sie haben diesen Besuch nicht erwartet, Rodion Romanowitsch,« rief Porphyri Petrowitsch lachend. »Wollte schon lange Sie aufsuchen; ging nun vorbei und dachte mir, -- warum soll ich nicht auf fünf Minuten hinaufgehen. Sie wollen ausgehen? Ich will Sie nicht aufhalten. Bloß auf eine Zigarette, wenn Sie gestatten.«

»Ja, nehmen Sie Platz, Porphyri Petrowitsch, nehmen Sie bitte Platz,« Raskolnikoff bot seinem Besuche mit solch einer sichtlich zufriedenen und freundschaftlichen Miene einen Platz an, daß er über sich selbst verwundert gewesen wäre, wenn er sich hätte sehen können.

Es war auch der letzte Rest seiner Kraft. So hegt ein Mensch eine halbe Stunde lang tödliche Angst vor dem Räuber, wenn aber das Messer ihm endgiltig an die Kehle gesetzt wird, schwindet die Angst. Er setzte sich Porphyri Petrowitsch gegenüber und blickte ihn, ohne die Augen für einen Moment abzuwenden, an. Porphyri Petrowitsch kniff die Augen zusammen und steckte sich eine Zigarette an.

»Nun, sprich, sprich doch,« schien es aus dem Herzen Raskolnikoffs herauszurufen. -- »Nun, warum redest, warum redest du nicht?«

II.

»Nehmen wir einmal die Zigaretten!« sagte endlich Porphyri Petrowitsch, nachdem er die Zigarette angesteckt und Atem geholt hatte, »sie sind schädlich, ganz und gar schädlich, ich kann sie aber nicht lassen! Ich huste, im Halse beginnt es zu kratzen und ich leide an Atemnot. Wissen Sie, ich bin ängstlich, war vor ein paar Tagen bei B. gewesen, -- er untersucht jeden Kranken, minimum, eine halbe Stunde; er lachte, als er mich sah, -- dann hat er mich beklopft und ausgehorcht und sagte unter anderem, daß Tabak für mich nicht gut sei, meine Lungen seien erweitert. Und, wie kann ich das Rauchen lassen? Wodurch soll ich es ersetzen? Ich trinke nicht, das ist das ganze Unglück, he--he--he, es ist ein Unglück, daß ich nicht trinke! Alles ist doch wie man's nimmt, Rodion Romanowitsch, wie man's nimmt!«

»Was fängt er wieder mit seinem alten Kram an?« dachte Raskolnikoff voll Widerwillen. Die ganze letzte Szene stieg vor ihm auf und dasselbe Gefühl wie damals überflutete wie eine Welle sein Herz.

»Ich war schon einmal bei Ihnen, vorgestern abend. Sie wissen es nicht?« fuhr Porphyri Petrowitsch fort und blickte sich im Zimmer um, »ich war in demselben Zimmer gewesen. Ich ging ebenso, wie heute, vorbei und dachte, -- ich will ihm mal eine Gegenvisite machen. Komme hierher, das Zimmer steht weit offen; ich sah mich um, wartete eine Weile, habe mich nicht mal Ihrem Dienstmädchen gemeldet -- und ging wieder fort. Sie schließen das Zimmer nicht ab?«

Raskolnikoffs Gesicht verfinsterte sich immer mehr. Porphyri Petrowitsch schien seine Gedanken zu erraten. »Ich bin gekommen, lieber Rodion Romanowitsch, Ihnen eine Erklärung zu geben. Ich bin Ihnen eine solche schuldig,« fuhr er mit einem Lächeln fort und schlug ihm mit der Hand leicht auf das Knie, aber zu gleicher Zeit nahm sein Gesicht einen ernsten und besorgten Ausdruck an, es schien, zu Raskolnikoffs Erstaunen, wie mit Trauer umflort. Er hatte noch nie bei Porphyri Petrowitsch solch einen Ausdruck gesehen und ihn auch nicht bei ihm vermutet. -- »Eine merkwürdige Szene hat sich das letzte Mal zwischen uns abgespielt, Rodion Romanowitsch. Ich gestehe, daß es vielleicht auch bei unserer ersten Zusammenkunft sonderbar hergegangen ist, aber damals ... Nun, jetzt kommt es auf dasselbe hinaus! Hören Sie, ich habe eine große Schuld Ihnen gegenüber, ich fühle es. Erinnern Sie sich, wie wir uns trennten, -- bei Ihnen vibrierten die Nerven und zitterten die Knie, auch bei mir vibrierten die Nerven und zitterten die Knie. Und wissen Sie, es war auch zwischen uns damals nicht ganz anständig, nicht gentlemanlike zugegangen. Wir sind aber doch Gentlemen, das heißt in jedem Falle und vor allen Dingen Gentlemen; das ist im Auge zu behalten. Sie erinnern sich doch, wie weit es kam ... geradezu unanständig.«

»Was ist mit ihm, für wen hält er mich denn?« fragte sich Raskolnikoff verwundert, indem er den Kopf erhob und Porphyri Petrowitsch aufmerksam anblickte.

»Ich bin zu der Ansicht gekommen, daß es besser für uns ist, jetzt in aller Offenheit zu verhandeln,« fuhr Porphyri Petrowitsch fort, seinen Kopf ein wenig zurückwerfend und die Augen senkend, als wünsche er nicht mehr durch seinen Blick sein früheres Opfer zu verwirren, und als verschmähe er seine frühere Methode und seine Kniffe; -- »ja, solche Verdächtigungen und solche Szenen dürfen nicht andauern. Uns hat damals Nikolai erlöst, sonst wüßte ich nicht, was alles zwischen uns passiert wäre. Dieser verfluchte Kleinbürger saß damals die ganze Zeit bei mir hinter der Scheidewand, -- können Sie es sich vorstellen? Sie wissen es sicher schon; es ist mir bekannt, daß er später bei Ihnen gewesen ist; das aber, was Sie damals annahmen, war nicht der Fall, -- ich hatte nach keinem Menschen geschickt und hatte damals auch keine Anordnungen getroffen! Sie werden mich fragen, warum ich keine Anordnungen getroffen hatte? Ja, wie soll ich es sagen, -- mich selbst hat dieses alles damals überfallen. Ich hatte kaum Zeit gefunden, die Hausknechte holen zu lassen, -- Sie haben die Hausknechte wahrscheinlich bemerkt, als Sie durch das Vorzimmer gingen. -- Ein Gedanke durchfuhr mich damals, wie ein Blitz, -- ich war, sehen Sie, Rodion Romanowitsch, damals so gut wie überzeugt. Warte, dachte ich mir, -- wenn ich auch vorläufig das eine versäume, so packe ich dafür das andere am Schwanz, -- will jedenfalls das meinige nicht versäumen. Sie sind von Natur aus sehr reizbar, Rodion Romanowitsch, sogar übermäßig reizbar bei allen anderen Grundzügen Ihres Charakters und Herzens, die ich mir schmeichle teilweise erkannt zu haben. Selbstverständlich konnte ich mir auch damals schon sagen, daß es nicht oft der Fall sei, daß ein Mensch plötzlich aufsteht und sein ganzes Geheimnis ausplaudert. Das kommt wohl vor, besonders, wenn einem Menschen die letzte Geduld reißt, aber jedenfalls immerhin selten. Ja, das konnte ich mir sagen. Ich dachte, wenn ich bloß ein Zipfelchen erwische! Meinetwegen ein ganz winziges Endchen, nur ein einziges, aber ein derartiges, daß man es fassen kann, daß es ein Ding ist und nicht immer bloß diese Psychologie. Dann dachte ich mir, wenn ein Mensch schuldig ist, so kann man jedenfalls etwas wesentliches von ihm erwarten; es ist selbst statthaft, auch auf ein ganz unerwartetes Resultat zu rechnen. Ich habe damals mit Ihrem Charakter gerechnet, Rodion Romanowitsch, am meisten mit Ihrem Charakter! Ich hoffte damals zu stark auf Sie selbst.«

»Aber ... aber warum sprechen Sie jetzt in dieser Weise,« murmelte Raskolnikoff endlich, ohne seine eigene Frage sich zu überlegen. -- »Worüber spricht er,« verlor er sich in Mutmaßungen, »hält er mich tatsächlich für unschuldig?«

»Warum ich in dieser Weise spreche? Ich bin gekommen, Ihnen Erklärungen zu geben, halte es für meine heilige Pflicht. Ich will Ihnen alles bis aufs haarkleinste erzählen, wie alles war, diese ganze Geschichte der damaligen Verblendung. Ich habe Ihnen viel Leid zugefügt, habe Sie stark leiden lassen, Rodion Romanowitsch. Ich bin kein so großes Scheusal. Ich begreife auch, was es für einen niedergedrückten, aber stolzen, eigenartigen und ungeduldigen, besonders ungeduldigen Menschen heißt, dies alles ertragen zu müssen. Ich halte Sie in jedem Falle für einen edlen Menschen, mit großmütiger Veranlagung, obgleich ich nicht mit allen Ihren Überzeugungen einverstanden bin und ich halte es für meine Pflicht im voraus, offen und aufrichtig Ihnen das zu sagen, ich will Sie nicht betrügen. Nachdem ich Sie erkannt hatte, fühlte ich eine Neigung zu Ihnen. Sie werden wohl über meine Worte lachen? Und Sie haben ein Recht dazu. Ich weiß, daß Sie mich auf den ersten Blick schon nicht leiden konnten, und im Grunde genommen ist auch nichts an mir, warum man mich gern haben könnte. Fassen Sie es jedoch auf, wie Sie wollen, ich wünsche meinerseits mit allen Mitteln, diesen Eindruck von mir zu verwischen und Ihnen zu beweisen, daß auch ich ein Mensch mit einem Herzen und einem Gewissen bin. Und dies sage ich aufrichtig.«

Porphyri Petrowitsch hielt würdevoll inne. Raskolnikoff fühlte den Andrang eines neuen Schreckens. Der Gedanke, daß Porphyri Petrowitsch ihn für unschuldig hielt, begann ihn zu peinigen.

»Ich denke, es ist unnötig und überflüssig, alles der Reihenfolge nach zu erzählen, wie es damals begonnen hatte,« fuhr Porphyri Petrowitsch fort. »Ja, und es ist fraglich, ob ich imstande bin, es zu tun. Denn, wie soll man es genau erklären? Im Anfange tauchten Gerüchte auf. Darüber, was es für Gerüchte waren, und von wem sie stammten, und wann ... und aus welchem Anlaß eigentlich Sie hineingezogen wurden, -- ist auch, denke ich, überflüssig zu erwähnen. Bei mir persönlich fing es mit einer Zufälligkeit, mit einer völlig unvorgesehenen Zufälligkeit an, die ebenso gut sein wie nicht sein konnte, -- was es aber war? Hm, ich denke, dies ist auch nicht zu erwähnen. Dies alles, wie die Gerüchte, so auch die Zufälligkeiten, schmolzen sich bei mir zu einem Gedanken zusammen. Ich muß offen gestehen, denn, wenn man schon einmal eingesteht, soll es auch alles sein, -- ich war der erste, der auf Sie damals kam. Die Vermerke der Alten auf den versetzten Sachen und dergleichen mehr sind, ich gebe es zu, alles Unsinn. In dieser Weise kann man hundert solche Dinge aufzählen. Ich hatte auch damals die Gelegenheit, die Szene auf dem Polizeibureau in allen ihren Einzelheiten zu erfahren, ebenfalls zufällig und nicht sozusagen im Vorbeigehen, sondern von einem besonders zuverlässigen Erzähler, der ohne es selbst zu ahnen, diese Szene vortrefflich aufgefaßt hatte. So reihte sich alles eins ans andere, gesellte sich eins zu dem andern, lieber Rodion Romanowitsch! Und wie sollte man da sich nicht nach einer bestimmten Richtung wenden? Aus hundert Kaninchen wird nie ein Pferd, aus hundert Verdachtsgründen kommt nie ein Beweis heraus, -- so lautet ein englisches Sprichwort, aber da rechnet man bloß mit dem Intellekte, man soll jedoch auch mit den Leidenschaften rechnen, denn ein Untersuchungsrichter ist doch auch nur ein Mensch. Ich erinnerte mich auch Ihrer Abhandlung in der Zeitschrift, über die ich mit Ihnen -- erinnern Sie sich -- bei Ihrem ersten Besuch eingehend sprach. Ich habe damals gespottet, aber nur um von Ihnen mehr herauszulocken. Ich wiederhole, Sie sind ungeduldig und sehr krank, Rodion Romanowitsch. Daß Sie kühn, herausfordernd, ernst sind und ... vieles durchgedacht, vieles durchgedacht haben, das alles wußte ich längst. Alle diese Empfindungen kenne ich, und Ihre kleine Abhandlung habe ich wie etwas Wohlvertrautes gelesen. In schlaflosen Nächten und in Aufregungen mit wogendem und klopfendem Herzen, mit unterdrücktem Enthusiasmus ist diese Arbeit entstanden. Aber dieser unterdrückte, stolze Enthusiasmus in jungen Jahren ist gefährlich! Ich habe damals gespottet, will Ihnen aber jetzt sagen, daß ich überhaupt solche ersten, jugendlichen, hitzigen Versuche mit der Feder über alles das gewissermaßen als Amateur liebe. Ein Rauch, ein Nebel ist es, und im Nebel klingt eine Saite. Ihr Artikel ist unsinnig und phantastisch, aber darin schimmert solch eine Aufrichtigkeit, darin steckt ein jugendlicher und unbestechlicher Stolz, eine Kühnheit der Verzweiflung; es ist ein finsterer Artikel, und das ist seine Stärke. Ich las Ihren Artikel und legte ihn beiseite, und ... als ich ihn beiseite gelegt hatte, dachte ich schon damals, >nun, mit diesem Menschen geht es nicht so weiter!< Nun, sagen Sie mir jetzt, wie sollte man sich da nach all dem Vorangegangenen von dem Darauffolgenden nicht hinreißen lassen! Ach, mein Gott! Was sage ich denn jetzt? Behaupte ich denn jetzt etwas? Ich habe es mir damals bloß gemerkt. Was ist denn alles dabei, -- dachte ich? Es ist ja nichts, rein gar nichts, und vielleicht im höchsten Grade ein Nichts. Ja, und es ziemt sich ganz und garnicht für mich, den Untersuchungsrichter, mich so hinreißen zu lassen, -- ich habe doch Nikolai in den Händen, und mit Beweisen, -- es ist gleichgiltig, wie man darüber denkt, Beweise sind es in jedem Fall. Und er hat auch seine Psychologie; ich muß mich mit ihm beschäftigen, denn es handelt sich hier um Tod und Leben. Wozu erkläre ich Ihnen jetzt dies alles? Damit Sie es wissen und mich mit Ihrem Verstande und Herzen wegen meines damaligen bösen Benehmens nicht anklagen sollen. Es war nicht böse gemeint, ich sage es aufrichtig, he--he--he! Meinen Sie etwa, daß ich keine Haussuchung bei Ihnen vorgenommen hätte? Ich habe es getan, habe es getan, he--he--he, habe sie vorgenommen, als Sie krank im Bett lagen. Es war nicht offiziell und nicht von mir persönlich, aber in jedem Fall, sie wurde vorgenommen. Bis aufs letzte Haar wurde bei Ihnen in der Wohnung alles, sogar nach frischen Spuren, besehen, -- aber umsonst. Da dachte ich, -- jetzt kommt dieser Mensch zu mir, kommt selbst und sehr bald zu mir; wenn er schuldig ist, wird er unbedingt kommen. Ein anderer würde nicht kommen, dieser aber unbedingt. Und erinnern Sie sich, wie Herr Rasumichin sich Ihnen gegenüber zu versprechen begann? Das haben wir arrangiert, um Sie aufzuregen, darum haben wir absichtlich auch das Gerücht verbreitet, damit er sich Ihnen gegenüber verspreche, Herr Rasumichin aber ist so ein Mensch, der keine Entrüstung bei sich behalten kann. Herrn Sametoff fiel zuerst Ihr Zorn und Ihre offene Kühnheit auf; wie kann einer in einem Restaurant plötzlich herausplatzen, -- >ich habe ermordet!< Es ist zu kühn, es ist zu frech und wenn er schuldig ist, -- dachte ich, -- so ist er ein furchtbarer Gegner! In dieser Weise habe ich damals gedacht. Ich wartete auf Sie! Wartete mit größter Ungeduld, Sametoff haben Sie damals einfach niedergeschmettert und ... das ist ja das Fatale, daß diese ganze Psychologie zwei Seiten hat! Nun, ich erwarte also Sie und siehe, Gott schickt Sie selbst, -- Sie kommen! Mein Herz klopfte stark! Ach! Nun, warum mußten Sie damals kommen? Ihr Lachen, Ihr Lachen damals, als Sie hereinkamen, -- erinnern Sie sich -- ich erriet sofort alles, als sähe ich durch ein Glas; hätte ich aber auf Sie in dieser besonderen Art nicht gewartet, würde ich auch in Ihrem Lachen nichts gemerkt haben. Sehen Sie, was es heißt, in Stimmung zu sein. Und Herr Rasumichin damals, -- ach! und der Stein, der Stein, -- erinnern Sie sich -- der Stein, unter dem noch die Sachen versteckt sind? Mir war es, als sähe ich ihn irgendwo in einem Gemüsegarten. -- Sie hatten doch Sametoff schon davon erzählt und erwähnten ihn dann bei mir zum zweiten Male! Als Sie aber damals begannen, Ihren Artikel bis aufs einzelne durchzunehmen, als Sie sich näher darüber ausließen, -- da faßte ich jedes Ihrer Worte doppelt auf, als stecke noch ein anderes darunter! Nun, sehen Sie, Rodion Romanowitsch, in dieser Weise kam ich auch bis zu den letzten Schranken, und erst als ich mit der Stirn dagegen rannte, kam ich zur Besinnung. Nein, -- sagte ich mir -- was ist mit dir? Wenn man will, -- sagte ich mir -- kann man dies alles bis zum letzten Punkte auf andere Weise erklären, und es wird immer noch natürlicher erscheinen. Es war eine Qual! Nein, -- dachte ich, -- wenn ich doch nur ein Zipfelchen erwischen könnte! ... Und als ich gar von diesem Klingelzeichen hörte, erstarrte ich, ein Frösteln packte mich. -- Jetzt ist das Zipfelchen da! dachte ich. Ich habe es! Da überlegte ich nicht mehr, wollte es einfach nicht mehr tun. Tausend Rubel hätte ich in diesem Augenblicke aus meiner eigenen Tasche hingegeben, um nur Sie mit meinen eigenen Augen gesehen zu haben, -- wie Sie damals hundert Schritte neben dem Kleinbürger hingingen, nachdem er Ihnen ins Gesicht >Mörder!< gesagt hatte, und Sie nicht gewagt hatten, ihn irgend etwas, ganze hundert Schritte lang, zu fragen! ... Nun, und dieses Gefühl von Kälte im Rückenmark? War dieses Klingelzeichen auch im kranken Zustande, im halbbewußten Fieberwahne? Und da müssen Sie sich, Rodion Romanowitsch, nach alldem auch nicht wundern, daß ich damals mit Ihnen solche Scherze getrieben habe. Und warum kamen Sie selbst im selben Augenblicke? Es war, als hätte Sie jemand gestoßen, zu kommen, bei Gott, und wenn uns Nikolai nicht auseinander gebracht hätte, so ... erinnern Sie sich an Nikolai damals? Erinnern Sie sich seiner gut? Er kam, wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Nun, und wie empfing ich ihn? Dem Blitze glaubte ich nicht das geringste, Sie geruhten es selbst zu sehen! Und noch mehr! Als Sie schon fortgegangen waren, und als er begann, sehr, sehr vernünftig manche Punkte zu beantworten, so daß ich selbst verwundert war, auch dann glaubte ich ihm noch nicht das geringste! Sehen Sie, was es heißt, felsenfest überzeugt zu sein. Nein -- dachte ich -- daran ist nichts zu machen! Nikolai ändert daran garnichts!«

»Mir erzählte soeben Rasumichin, daß Sie auch jetzt Nikolai beschuldigen, und daß Sie Rasumichin selbst davon überzeugt hätten ...«

Der Atem stockte ihm, und er beendete den Satz nicht. Er hörte mit unbeschreiblicher Erregung zu, wie ein Mensch, der ihn vollkommen durchschaut hatte, sich vor sich selbst verleugnete. -- Er fürchtete daran zu glauben und glaubte nicht. In den zweideutigen Worten suchte er gierig und haschte nach etwas Bestimmterem und Genauerem.

»Herr Rasumichin!« rief Porphyri Petrowitsch wie erfreut über die Frage Raskolnikoffs, der die ganze Zeit geschwiegen hatte. -- »He--he--he! Ja, Herrn Rasumichin mußte man auch abschieben, -- zu zweit ist es ein Vergnügen, der dritte soll wegbleiben. Herr Rasumichin soll aus dem Spiele bleiben, und ist außerdem ein fremder Mensch; er kam zu mir ganz blaß gelaufen ... Nun, Gott sei mit ihm, wozu sollen wir ihn in die Sache hereinbringen! ... Und was Nikolai betrifft, -- so sollen Sie wissen, was das für ein Subjekt ist, das heißt, wie ich ihn auffasse. Vor allen Dingen ist er noch das reine Kind, und nicht etwa eine ängstliche Natur, sondern er ist eine Art Künstler. Sie sollen sich nicht darüber lustig machen, daß ich ihn so darstelle. Er ist ein unschuldiger, reiner und für alles empfänglicher Mensch. Hat ein Herz, ist ein Phantast. Man sagt, daß er singen und tanzen kann und Märchen so zu erzählen versteht, daß Leute aus anderen Orten sich versammeln, um ihn zu hören. Auch zur Schule, zu den Abendkursen geht er, kann sich krank lachen, wenn man ihm den Finger zeigt, kann sich bewußtlos betrinken, nicht etwa aus Verdorbenheit, sondern gelegentlich, wenn man ihm zu trinken gibt, alles in kindlicher Weise. Er hat damals gestohlen, weiß es aber selbst nicht, denn nach seiner Ansicht -- >ist es doch kein Diebstahl, wenn er etwas auf der Erde gefunden hat?< Wissen Sie aber, daß er zu den Altgläubigen gehört, nein, eigentlich ist er kein Altgläubiger, sondern ein Sektierer; aus seiner Familie gehörten einige der Sekte >Bewegung< an, auch er selbst hat vor kurzem noch zwei Jahre auf dem Lande bei einem gottesfürchtigen Greis gelebt, um sich in den Grundsätzen der Religion zu festigen. Das alles habe ich von Nikolai und seinen Nachbarn aus dem Dorfe erfahren. Noch mehr! Er wollte Einsiedler werden! Er hatte die feste Absicht, betete nächtelang zu Gott, las in den alten >echten, wahren<[12] Büchern und hat vor lauter Lesen den Verstand verloren. Petersburg hat auf ihn einen starken Eindruck gemacht, besonders das weibliche Geschlecht, nun, und auch der Wein. Er ist empfänglich, hat den gottesfürchtigen Greis und alles vergessen. Ich habe erfahren, daß ihn hier ein Künstler lieb gewonnen hat, er ging zu ihm zu Besuch, da kam aber diese Geschichte dazwischen. Nun, er bekam Angst, -- und wollte sich erhängen! Wollte davonlaufen! Was soll man da tun bei dem Begriffe, den das Volk nun einmal von unserer Rechtspflege besitzt! Manchen erschrickt schon das Wort >vors Gericht gestellt zu werden<. Wer ist daran schuld! Wir wollen sehen, wie die Gerichtsreform wirken wird. Ach, möge es Gott bald geben! Nun, also, -- im Gefängnisse erinnerte er sich offenbar wieder des gottesfürchtigen Greises; auch die Bibel erschien wieder. Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, was es bei manchen von diesen Leuten bedeutet, >das Leiden auf sich zu nehmen<? Das bedeutet nicht etwa, für jemand anderen zu leiden, sondern einfach man soll >Leiden auf sich nehmen< und besonders gilt das, wenn die Behörden im Spiele sind. Zu meiner Dienstzeit noch saß im Gefängnisse ein ganzes Jahr ein äußerst stiller, ruhiger Arrestant, er las nächtelang auf dem Ofen liegend die Bibel, und verlor vor lauter Lesen den Verstand, wissen Sie, verlor ihn ganz und gar, so daß er eines schönen Tages ohne jede Veranlassung, ohne jeden Grund einen Ziegelstein packte und ihn auf den Vorgesetzten schleuderte. Ja, und wie tat er es, -- absichtlich schleuderte er den Stein eine Elle vorbei, um dem Vorgesetzten bloß keinen Schaden anzufügen! Nun, es ist ja bekannt, was mit einem Arrestanten geschieht, der bewaffneten Widerstand gegen seinen Vorgesetzten leistet, -- und da hatte er also >das Leiden auf sich genommen<! Ich habe nun den Verdacht, daß Nikolai auch >das Leiden auf sich nehmen< oder etwas derartiges tun will. Das weiß ich sicher, aus Tatsachen. Er weiß bloß selbst nicht, daß ich es weiß. Was -- geben Sie es etwa nicht zu, daß aus solch einem Volke phantastische Menschen hervortreten? Aber sicher auf Schritt und Tritt. Der gottesfürchtige Greis hat jetzt wieder bei ihm zu wirken begonnen, ist ihm besonders nach dem Selbstmordversuch in Erinnerung gekommen. Übrigens aber, er wird mir selbst alles erzählen, er wird zu mir kommen. Sie glauben, er wird es bis zu Ende aushalten können? Warten Sie nur, er wird seine Aussage noch zurücknehmen! Ich warte stündlich, daß er kommen wird, um seine Aussage zurückzunehmen. Ich habe diesen Nikolai liebgewonnen und will ihn genau ergründen. Und können Sie sich denken! He--he--he! Manche Punkte hat er mir ziemlich vernünftig beantwortet, hat offenbar die nötigen Mitteilungen erhalten und sich gut vorbereitet; nun, und bei anderen Punkten blamierte er sich mordsmäßig, wußte rein gar nichts, hatte keine Ahnung, und weiß selbst nicht mal, daß er nichts ahnt! Nein, Väterchen, Rodion Romanowitsch, mit dieser Sache hat Nikolai nichts zu tun! Es ist eine phantastische, finstere Sache, eine moderne Sache, ein Fall unserer Zeit, wo das menschliche Herz sich getrübt hat -- wo die Phrase zitiert wird, daß Blutvergießen >erfrischt<, wo von einem Leben in Komfort gepredigt wird. Hier -- sind Ideen aus Büchern, hier spricht ein durch Theorien gereiztes Herz, hier sieht man eine Entschlossenheit zum ersten Schritt, aber eine Entschlossenheit besonderer Art, -- er hat sich dazu entschlossen, wie man sich entschließt, von einem Felsen oder von einem Turme sich herabzustürzen, und ist zu dem Verbrechen nicht wie auf eigenen Füßen geschritten. Er hatte vergessen, die Türe hinter sich zu schließen und hat getötet, zwei Menschen getötet, nach der Theorie. Er hat getötet, aber nicht verstanden, das Geld zu nehmen, was er aber zusammengerafft hat, steckte er unter einen Stein. Es genügte ihm nicht, daß er eine Qual durchgemacht hatte, als er hinter der Tür stand und an der Tür gerüttelt und an der Klingel gerissen wurde, -- nein, er geht noch einmal nachher in die leere Wohnung in halbbewußtem Zustande, um sich dieses Läuten in Erinnerung zu bringen, es verlangt ihn wieder, diese Kälte im Rücken zu spüren ... Nun ja, dies ist im kranken Zustande geschehen, aber noch eins, -- er hat ermordet, hält sich aber für einen ehrlichen Menschen, verachtet alle Leute, wandert als bleicher Engel herum, -- nein, was hat Nikolai damit zu tun, lieber Rodion Romanowitsch, nein, Nikolai ist es nicht!«

Diese letzten Worte waren nach allem vorher Gesagten, das einem Aufgeben des früher Angenommenen so ähnlich war, zu unerwartet gekommen. Raskolnikoff erzitterte am ganzen Körper, wie vom Blitze getroffen.

»Wer hat sie denn ... getötet ...« fragte er mit erstickender Stimme, ohne doch die Frage zurückhalten zu können. Porphyri Petrowitsch warf sich gegen die Stuhllehne zurück, wie aufs äußerste überrascht und erstaunt über diese Frage.

»Wie, wer sie getötet hat? ...« wiederholte er, als traue er seinen Ohren nicht. -- »Ja, Sie haben getötet, Rodion Romanowitsch! Sie haben getötet ...« fügte er fast im Flüstertone, aber bestimmt hinzu.

Raskolnikoff sprang vom Sofa auf, stand einige Sekunden und setzte sich wieder, ohne ein Wort zu sagen. Über sein Gesicht ging ein krampfhaftes Zucken.

»Die Lippe bebt wieder bei Ihnen, wie damals,« murmelte scheinbar voll Teilnahme Porphyri Petrowitsch. -- »Sie haben, Rodion Romanowitsch, mich nicht richtig verstanden,« fügte er nach einigem Schweigen hinzu, »darum sind Sie auch so überrascht. Ich bin gerade darum gekommen, um Ihnen alles zu sagen und die Sache offen mit Ihnen zu behandeln.«

»Ich habe nicht getötet,« flüsterte Raskolnikoff, genau wie ein Kind im Schreck, wenn es auf frischer Tat ertappt wurde.

»Nein, Sie haben es getan, Rodion Romanowitsch, Sie und niemand anders,« flüsterte Porphyri Petrowitsch streng und fest.

Sie schwiegen beide und das Schweigen dauerte merkwürdig lange, etwa zehn Minuten. Raskolnikoff hatte sich auf den Tisch gestützt und fuhr schweigend mit den Fingern durch die Haare. Porphyri Petrowitsch saß still und wartete. Plötzlich blickte Raskolnikoff Porphyri Petrowitsch verächtlich an.

»Sie kommen wieder mit der alten Weise, Porphyri Petrowitsch! Immer Ihre alte Taktik, -- wird es Ihnen in der Tat nicht langweilig?«

»Ach, lassen Sie doch, was soll es denn für eine Taktik sein! Ja, wenn Zeugen zur Stelle wären; wir sprechen aber doch Auge in Auge. Sie sehen selbst, ich bin nicht dazu hergekommen, um Sie zu hetzen und zu umgarnen, wie ein flüchtiges Wild. Ob Sie gestehen oder nicht, -- in diesem Augenblicke ist es mir einerlei. Für meine Person bin ich auch ohne das überzeugt.«

»Wenn die Sache so steht, warum sind Sie denn gekommen?« fragte Raskolnikoff gereizt. -- »Ich stelle Ihnen die frühere Frage, -- wenn Sie mich für den Schuldigen halten, warum sperren Sie mich nicht ins Gefängnis?«

»Das ist doch einmal ein Wort! Darum will ich Ihnen diese Frage genau beantworten, -- erstens, Sie einfach ins Gefängnis zu sperren, ist für mich unvorteilhaft.«

»Wieso unvorteilhaft? Wenn Sie überzeugt sind, so müssen Sie sogar ...«

»Ach, was hat es denn zu sagen, daß ich überzeugt bin? Alles ist doch vorläufig ein Gedanke von mir, eine Einbildung. Ja und warum soll ich Sie dort zur Ruhe setzen? Sie wissen das selbst, wenn Sie darauf drängen. Ich bringe zum Beispiel den Kleinbürger hin, um Sie zu überführen, Sie werden ihm aber sagen, -- bist du betrunken oder nicht? Wer hat dich mit mir zusammen gesehen? Ich habe dich einfach für einen Betrunkenen gehalten, und du warst es auch, -- was soll ich Ihnen darauf erwidern, umsomehr, als Ihre Worte überzeugender sind als seine, denn in seiner Aussage steckt nur eine psychologische Mutmaßung, -- das paßt aber zu seiner Fratze nicht mal, -- Sie aber treffen den Kernpunkt, denn der gemeine Kerl trinkt sehr stark und ist dafür bekannt. Und ich habe selbst Ihnen offen schon einigemal gesagt, daß diese Psychologie zwei Seiten hat, und daß die zweite Seite die größere Wahrscheinlichkeit für sich hat, und habe hinzugefügt, daß ich außer diesem vorläufig gar nichts gegen Sie in den Händen habe. Und obwohl ich Sie einsperren werde, und sogar selbst gekommen bin -- (was doch sicher nicht gang und gäbe ist) -- Ihnen im voraus alles mitzuteilen, trotzdem sage ich Ihnen offen -- (was wieder nicht gang und gäbe ist) -- daß dies für mich unvorteilhaft sein wird. Und zweitens, bin ich darum zu Ihnen gekommen ...«

»Und zweitens?« Raskolnikoff rang immer noch nach Atem.

»Weil ich mich, wie ich Ihnen schon vorhin erklärte, für verpflichtet halte, Ihnen eine Erklärung abzugeben. Ich will nicht, daß Sie mich für ein Scheusal ansehen sollen, umsomehr, als ich zu Ihnen eine aufrichtige Neigung gefaßt habe, ob Sie mir glauben oder nicht. Und deswegen bin ich, drittens, gekommen, Ihnen den offenen und direkten Vorschlag zu machen -- sich selbst anzuzeigen und ein Geständnis abzulegen. Das ist für Sie das Gescheiteste, und auch für mich am vorteilhaftesten, -- dann bin ich die Sache los. Nun, war ich meinerseits offen oder nicht?«

Raskolnikoff dachte einen Augenblick nach.

»Hören Sie, Porphyri Petrowitsch, Sie sagen doch selbst, -- es ist nur auf Psychologie begründet, indessen aber ziehen Sie die Mathematik herein. Nun wie, wenn Sie sich selbst irren?«

»Nein, Rodion Romanowitsch, ich irre mich nicht. Ich habe ein Endchen in der Hand. Das Endchen hatte ich auch damals erwischt; Gott hat es mir geschenkt!«

»Was für ein Endchen?«

»Das sage ich nicht, Rodion Romanowitsch. In jedem Falle aber habe ich jetzt nicht mehr das Recht, es hinauszuschieben; ich werde Sie verhaften. Also ziehen Sie dies in Betracht, -- für mich ist es jetzt gleichgültig, folglich tue ich es bloß um Ihretwillen. Bei Gott, es wird für Sie besser sein, Rodion Romanowitsch!«

Raskolnikoff lächelte boshaft.

»Es ist doch nicht bloß lächerlich, es ist unverschämt. Und mag ich schuldig sein, -- was ich noch gar nicht sage, -- nun, warum soll ich denn zu Ihnen mit einem freiwilligen Geständnis kommen, wenn Sie schon selbst sagen, daß ich dort bei Ihnen mich zur Ruhe setzen werde?«

»Ach, Rodion Romanowitsch, trauen Sie nicht ganz den Worten; vielleicht wird es auch nicht ganz >zur Ruhe< sein! Es ist doch bloß eine Theorie und zudem noch meine eigene, was für eine Autorität aber bin ich für Sie? Vielleicht verheimliche ich auch jetzt noch irgend etwas vor Ihnen. Ich kann Ihnen doch nicht alles offenbaren und zeigen. He--he! Außerdem, Sie fragen, welchen Vorteil Sie haben werden? Ja, wissen Sie auch, welch eine Strafermäßigung Sie erhalten werden? Wann werden Sie kommen, in welchem Augenblick? Überlegen Sie es sich doch bloß! In dem Momente, wo schon ein anderer das Verbrechen auf sich genommen und die ganze Angelegenheit verwirrt hat! Und ich will, -- so wahr ein Gott ist -- alles >dort< so einrichten und arrangieren, daß Ihr Geständnis wie vollkommen unerwartet erscheinen wird. Diese ganze Psychologie wollen wir ganz vernichten, allen Verdacht will ich in nichts verwandeln, so daß Ihr Verbrechen, wie eine Art Verblendung erscheinen wird, denn -- offen gestanden, -- es war auch eine Verblendung. Ich bin ein ehrlicher Mensch, Rodion Romanowitsch, und werde mein Wort halten.«

Raskolnikoff schwieg traurig und ließ den Kopf sinken; er dachte lange nach, plötzlich lächelte er wieder, aber sein Lächeln war diesmal schon sanft und traurig.

»Ach, es ist nicht nötig!« sagte er, als ob er sich gar nicht mehr vor Porphyri Petrowitsch verberge. -- »Es lohnt sich nicht! Ich brauche gar nicht Ihre Strafermäßigung!«

»Das fürchtete ich gerade!« rief Porphyri Petrowitsch innig und unwillkürlich, -- »das fürchtete ich gerade, daß Sie unsere Ermäßigung nicht brauchen.«

Raskolnikoff blickte ihn traurig und eindringlich an.

»Hören Sie, verschmähen Sie das Leben nicht!« fuhr Porphyri Petrowitsch fort. -- »Sie haben noch viel von ihm zu erwarten. Warum ist eine Strafermäßigung nicht nötig, warum nicht? Sie ungeduldiger Mensch!«

»Was habe ich denn noch viel vor?«

»Zu leben! Was sind Sie für ein Prophet, wissen Sie denn wie viel? Suchet und ihr werdet finden. Vielleicht hat Sie Gott hier geprüft. Ja, und nicht ewig wird doch die Kette angelegt ...«

»Eine Ermäßigung wird sein ...« lachte Raskolnikoff.

»Haben Sie etwa Furcht vor der Bourgeoisschande? Das ist wohl möglich, daß Sie dieses schreckt, und Sie wissen es vielleicht selbst nicht, -- denn Sie sind noch jung! Aber Sie sollten sich wenigstens doch nicht fürchten oder etwa schämen, ein Geständnis abzulegen.«

»Ach, ich pfeife darauf!« flüsterte Raskolnikoff verächtlich und mit Widerwillen, als ob er darüber auch nicht mehr reden wolle. Er war wieder aufgestanden, als ob er irgendwohin gehen wollte, setzte sich aber von neuem in sichtlicher Verzweiflung.

»Da haben wir es -- ich pfeife darauf! Sie haben den Glauben verloren, und meinen auch, daß ich Ihnen grob schmeichle; haben Sie denn so lange gelebt? Verstehen Sie denn so viel davon? Haben sich eine Theorie ausgedacht, und schämen sich nun, daß nichts daraus wurde, und daß es zu wenig originell herauskam. Es nahm ein gemeines Ende, das ist wahr, aber Sie sind doch kein hoffnungsloser Schuft! Sie haben sich wenigstens nicht lange Sand in die Augen gestreut, Sie sind mit einem bis zu den äußersten Grenzen gegangen. Für wen halte ich Sie denn? Ich halte Sie für einen von der Sorte Menschen, denen man den Leib aufschlitzen kann, die aber ruhig dastehen und mit einem Lächeln auf ihre Peiniger blicken, -- wenn sie nur einen Glauben oder einen Gott gefunden haben. Nun, gehen Sie und finden Sie es und Sie werden leben. Außerdem müssen Sie schon längst eine Luftveränderung haben. Was, das Leiden ist auch eine gute Sache. Leiden Sie eine Zeit. Nikolai hat vielleicht auch recht, daß er Leiden sucht. Ich weiß, daß Sie noch nicht glauben können, -- grübeln Sie aber nicht zu viel; geben Sie sich einfach, ohne viel zu überlegen, dem Leben hin; seien Sie sicher, -- es bringt Sie an das Ufer und stellt Sie auf die Beine. An was für ein Ufer weiß ich nicht. Woher soll ich es auch wissen? Ich glaube nur daran, daß Sie noch viel zu leben haben. Ich weiß auch, daß Sie meine Worte jetzt wie eine auswendig gelernte Predigt auffassen; aber vielleicht werden Sie sich ihrer einmal später erinnern und sie werden Ihnen von Nutzen sein können. Aus diesem Grunde spreche ich auch. Es ist gut, daß Sie nur diese Alte ermordet haben. Wenn Sie aber sich eine andere Theorie ausgedacht hätten, so würden Sie vielleicht eine um hundert Millionen schlimmere Sache vollbracht haben! Man muß vielleicht noch Gott danken; woher wissen Sie es? Vielleicht behütet Sie Gott aus irgend einem Grunde. Sie sollten aber ein großes Herz haben und sich weniger fürchten. Ihnen ist bange vor der Größe dessen, was jetzt zu geschehen hat? Nein, in diesem Falle muß man sich schämen, bange zu sein. Wenn Sie einen solchen Schritt getan haben, so nehmen Sie sich auch jetzt zusammen. Darin liegt die ausgleichende Gerechtigkeit. Erfüllen Sie nun mal, was die Gerechtigkeit verlangt. Ich weiß, daß Sie nicht glauben, aber -- bei Gott -- das Leben wird Ihnen zu weiterem verhelfen. Nachher werden Sie es selbst gern haben. Sie brauchen jetzt bloß Luft, Luft und Luft!«

Raskolnikoff zuckte zusammen.

»Ja, wer sind Sie denn?« rief er aus. -- »Sind Sie etwa ein Prophet? Woher haben Sie diese hohe majestätische Ruhe, um mir superkluge Prophezeiungen vorzuorakeln?«

»Wer ich bin? Ich bin ein abgetaner Mensch, mehr nicht. Ein Mensch, der vielleicht empfindet und Mitgefühl besitzt, vielleicht auch etwas weiß, aber schon vollkommen abgetan ist. Sie aber -- mit Ihnen steht es anders; Ihnen hat Gott das Leben vorbehalten; wer weiß, vielleicht geht bei Ihnen alles wie ein Dunst vorüber, nichts wird zurückbleiben. Nun, was ist denn dabei, daß Sie in eine andere Gattung von Menschen übergehen werden? Sie mit Ihrem Herzen sollten doch nicht den Komfort bedauern? Was ist denn dabei, daß man Sie vielleicht lange nicht mehr sehen wird? Hier handelt es sich nicht um die Zeit, sondern um Sie selbst. Werden Sie eine Sonne, und alle werden Sie sehen. Eine Sonne muß vor allen Dingen eine Sonne sein. Warum lächeln Sie wieder, -- daß ich solch ein Schiller bin? Und ich gehe eine Wette ein, Sie meinen, daß ich mich an Sie heranschmeichle! Nun, vielleicht schmeichle ich mich auch tatsächlich heran, he--he--he! Sie brauchen mir, Rodion Romanowitsch, meinetwegen kein Wort zu glauben, meinetwegen, glauben Sie auch niemals, -- ich habe schon so eine Art, gebe es zu; aber eins füge ich hinzu, -- ob ich ein gemeiner und wie weit ich ein ehrlicher Mensch bin, können Sie, glaube ich, selbst beurteilen!«

»Wann denken Sie mich zu verhaften?«

»Nun, anderthalb oder zwei Tage kann ich Sie noch frei herumgehen lassen. Denken Sie nach, mein Lieber, beten Sie zu Gott. Ja, es ist vorteilhafter, -- bei Gott -- vorteilhafter.«

»Wenn ich aber fliehen werde?« fragte Raskolnikoff mit einem sonderbaren Lächeln.

»Nein, Sie werden nicht fliehen. Ein Bauer wird davonlaufen, ein moderner Sektierer wird fliehen -- ein Lakai, der von fremden Gedanken zehrt, dem man bloß eine Fingerspitze zu zeigen braucht und der an alles, was Sie wollen, sein Lebelang glauben wird. Sie aber glauben doch nicht mehr an Ihre Theorie, -- warum wollen Sie fliehen? Ja, und was wollen Sie in einem freiwilligen Exil? Im Exil ist es häßlich und schwer, Sie aber brauchen vor allen Dingen Leben und eine bestimmte Lage, eine entsprechende Luft, und gibt es für Sie im Exil die nötige Luft? Wenn Sie fliehen werden, kehren Sie selbst zurück. Ohne uns können Sie nicht auskommen. Und wenn ich Sie ins Gefängnis setze, -- nun, Sie werden einen Monat sitzen, meinetwegen auch zwei oder drei, und dann werden Sie plötzlich, -- denken Sie an meine Worte, -- selbst zu mir kommen und gestehen, und möglicherweise für Sie selbst unerwartet. Sie werden selbst noch eine Stunde vorher nicht wissen, daß Sie ein Geständnis ablegen werden. Ich bin sogar überzeugt, daß Sie auf den Gedanken kommen werden, das Leiden auf sich zu nehmen. Sie glauben mir jetzt nicht auf mein bloßes Wort hin, Sie werden selbst aber darauf verfallen. Denn das Leiden, Rodion Romanowitsch, ist ein großes Ding; lassen Sie außer acht, daß ich fett und dick geworden bin, das tut nichts, ich weiß es dennoch; lachen Sie nicht darüber, -- im Leiden liegt eine tiefe Idee. Nikolai hat recht. Nein, Sie werden nicht davonlaufen, Rodion Romanowitsch.«

Raskolnikoff stand von seinem Platz auf und nahm seine Mütze. Porphyri Petrowitsch erhob sich auch.

»Sie wollen spazieren gehen? Der Abend wird schön werden, es möge nur kein Gewitter kommen. Es wäre zwar besser, wenn es frischer würde ...«

Er nahm auch seine Mütze.

»Porphyri Petrowitsch,« sagte Raskolnikoff mit strenger Eindringlichkeit, »bitte, setzen Sie sich nicht in den Kopf, daß ich Ihnen heute gestanden habe. Sie sind ein sonderbarer Mensch und ich habe Ihnen aus bloßer Neugier zugehört. Ich habe Ihnen aber nichts eingestanden ... Vergessen Sie es nicht.«

»Nun gut, ich werde es nicht vergessen, -- sehen Sie nur, wie Sie zittern. Seien Sie ruhig, mein Lieber; Ihren Willen sollen Sie haben. Gehen Sie ein wenig spazieren; zu viel aber sollen Sie nicht gehen. Ich habe an Sie für jeden Fall noch eine kleine Bitte,« fügte er mit gesenkter Stimme hinzu, -- »eine peinliche, aber wichtige Bitte, -- wenn Sie, das heißt, für jeden Fall ... woran ich übrigens nicht glaube und Sie zu ähnlichem für ganz und gar nicht fähig halte, ... falls -- ich sage es bloß für jeden Fall -- Sie in diesen vierzig oder fünfzig Stunden Lust verspüren sollten, die Sache irgendwie anders, in einer phantastischen Weise aus der Welt zu schaffen, -- sagen wir, Hand an sich legen zu wollen ... es ist ja eine unsinnige Annahme, entschuldigen Sie bitte, -- hinterlassen Sie dann eine kurze aber genaue Mitteilung. Es brauchen bloß zwei Zeilen, zwei kurze Zeilen zu sein und erwähnen Sie auch den Stein; das wird anständiger sein. Nun, auf Wiedersehen ... Ich wünsche Ihnen gute Gedanken und die rechten Vorsätze!«

Porphyri Petrowitsch ging gebückt hinaus, und vermied es, Raskolnikoff anzublicken. -- Raskolnikoff trat an das Fenster und wartete gereizt und ungeduldig, bis jener auf der Straße sein konnte und weitergegangen war. Dann verließ auch er selbst schnell das Zimmer.

III.

Er eilte zu Sswidrigailoff. Was er von diesem Menschen erwartete, -- wußte er selbst nicht. Er wußte nur das eine, daß der eine Macht über ihn hatte. Nachdem er dies einmal eingesehen hatte, konnte er sich nicht länger mehr beunruhigen und außerdem war jetzt die richtige Zeit gekommen. -- Auf dem Wege quälte ihn besonders die eine Frage, -- war Sswidrigailoff bei Porphyri Petrowitsch gewesen?

Soweit er beurteilen konnte, und er hätte darauf schwören mögen, -- war er nicht dort gewesen! Er dachte wiederholt nach, rief den ganzen Besuch Porphyri Petrowitschs in seine Erinnerung zurück und überlegte: -- nein, er war nicht bei ihm gewesen, ganz gewiß nicht!

Aber wenn er noch nicht dort gewesen war, würde er oder würde er nicht zu Porphyri Petrowitsch hingehen?

Vorläufig schien es Raskolnikoff, als ob er nicht hingehen würde. Warum? Er konnte sich selber dies nicht erklären, aber wenn er es auch gekonnt hätte, so wollte er sich jetzt nicht den Kopf darüber zerbrechen. Dies alles quälte ihn, und doch hatte er zugleich für etwas anderes Interesse. Es war erstaunlich und niemand würde es vielleicht geglaubt haben, -- um sein jetziges unumgängliches Schicksal war er wenig besorgt, er dachte nur zerstreut daran. Ihn quälte etwas anderes, anscheinend Wichtigeres, etwas Außergewöhnliches, -- das nur ihn selbst und niemand anderen betraf. Außerdem empfand er eine grenzenlose seelische Erschlaffung, obgleich sein Verstand an diesem Morgen besser arbeitete, als in allen diesen letzten Tagen.

Und war es der Mühe wert, nach alledem, was vorgefallen war, diese neuen winzigen Bedrängnisse zu überwinden? War es der Mühe wert, zum Beispiel, zu intrigieren, damit Sswidrigailoff nicht zu Porphyri Petrowitsch hingehe; ihn zu studieren, auszukundschaften und Zeit zu verlieren für einen Sswidrigailoff?

Oh, wie ihm dies alles langweilig war!

Indessen eilte er aber doch zu Sswidrigailoff; erwartete er etwa von ihm etwas neues, oder Fingerzeige oder einen Ausweg? Man greift in der Not auch nach einem Strohhalm! Führte sie etwa jetzt das Schicksal oder ein Instinkt zusammen? Vielleicht war es bloß Müdigkeit, Verzweiflung, vielleicht brauchte er gar nicht Sswidrigailoff, sondern jemand anderen, und Sswidrigailoff war ihm nur in den Weg gelaufen. Ssonja? Ja, wozu sollte er jetzt zu Ssonja gehen? Wieder um ihre Tränen betteln? Ssonja war ihm jetzt schrecklich. In Ssonja stellte er sich ein unerbittliches Urteil, einen unwandelbaren Entschluß vor. Hier aber handelte es sich darum, entweder ihr oder sein Weg. Besonders im gegenwärtigen Augenblicke war er außerstande, sie zu sehen. Nein, es wäre besser, Sswidrigailoff auszuforschen, -- was wäre dabei? Er konnte sich nicht innerlich eingestehen, daß er tatsächlich jenen schon längst zu irgend etwas gebrauchte.

Aber was konnte es zwischen ihnen beiden gemeinsames geben? Selbst eine Freveltat konnte sie beide nicht auf gleiche Stufe bringen. Dieser Mensch war ihm sehr unangenehm, offenbar äußerst verdorben, sicher aber schlau und unzuverlässig, und vielleicht auch bösartig. Von ihm wurde allerhand erzählt. Es war ja richtig, er hat sich der Kinder Katerina Iwanownas angenommen; aber wer weiß, zu welchem Zwecke und was es noch auf sich hatte? Dieser Mensch hatte stets seine Absichten und Pläne.

In all diesen Tagen schwebte ständig Raskolnikoff noch ein Gedanke vor und beunruhigte ihn sehr, obwohl er ihn stets von sich zu weisen suchte; so schwer lastete dieser Gedanke auf ihm! Er dachte -- Sswidrigailoff hat die ganze Zeit sich mit ihm beschäftigt; Sswidrigailoff hat sein Geheimnis erfahren und hatte schon böse Absichten gegenüber Dunja. Man könnte doch fast mit Bestimmtheit sagen, daß er sie noch haben werde. Und wenn er jetzt, nachdem er sein Geheimnis erfahren und so über ihn eine Macht erhalten hätte, sie als eine Waffe gegen Dunja benutzen wollte?

Dieser Gedanke quälte ihn sogar im Traume, aber noch nie war er ihm so deutlich gekommen, wie jetzt. Und dieser Gedanke allein versetzte ihn in die äußerste Wut. Dann würde sich alles verändern, sogar seine eigene Lage, -- er muß dann sofort sein Geheimnis Dunetschka mitteilen. Er mußte sich vielleicht selbst verraten, um Dunetschka von einem unvorsichtigen Schritt abzuhalten. Und der Brief? Heute früh hatte Dunetschka einen Brief erhalten! Von wem in Petersburg kann sie Briefe empfangen? Etwa von Luschin? Es ist ja wahr, dort paßt Rasumichin auf, aber Rasumichin weiß doch nichts von alldem. Vielleicht muß er sich auch Rasumichin anvertrauen. Raskolnikoff dachte mit Widerwillen an diese Möglichkeit.

Er beschloß endgültig, Sswidrigailoff in jedem Falle möglichst bald aufzusuchen. Gott sei Dank, hier handelt es sich nicht so sehr um die Einzelheiten, als um den Kernpunkt der Sache, -- aber wenn er, wenn er schon fähig war ... wenn Sswidrigailoff irgend etwas gegen Dunja vorhatte, -- so ...

Raskolnikoff war während dieser ganzen Zeit, während dieses ganzen Monats so abgespannt geworden, daß er jetzt ähnliche Fragen nicht anders mehr lösen konnte, als bloß durch das eine, -- »dann töte ich ihn!« Das dachte er auch in diesem Augenblicke mit kalter Verzweiflung. Schwer bedrückte es sein Herz; er blieb mitten auf der Straße stehen und begann sich umzusehen, -- welchen Weg er ging und wohin er gekommen war? Er befand sich auf dem N.schen Prospekt, dreißig oder vierzig Schritte vom Heumarkt entfernt, den er passiert hatte. Der ganze zweite Stock eines Hauses linker Hand war von einem Restaurant eingenommen. Alle Fenster waren weit geöffnet; das Restaurant war, nach den vielen an den Fenstern sich bewegenden Gestalten zu urteilen, stark besetzt. Im Saale sang ein Chor, Lieder, Klarinetten und Geigen tönten und eine türkische Trommel lärmte. Man hörte auch das Gekreische einiger Weiber. Er wollte umkehren und begriff gar nicht, wie er auf den N.schen Prospekt gekommen war, als er plötzlich in einem der letzten offenen Fenster des Restaurants Sswidrigailoff erblickte, der dort hinter einem Teetisch mit einer Pfeife im Munde saß. Er erschrak, und sein Schrecken ward zum Entsetzen. Sswidrigailoff blickte ihn an und beobachtete ihn schweigend und wollte -- was Raskolnikoff ebenfalls betroffen machte, wie es schien, aufstehen, um leise und unbemerkt fortzugehen. Raskolnikoff gab sich sofort den Anschein, als hätte auch er ihn nicht bemerkt, und blickte in Gedanken versunken zur Seite, ohne aber ihn ganz aus dem Auge zu lassen. Sein Herz klopfte unruhig. Es war richtig, -- Sswidrigailoff wollte offenbar nicht gesehen werden. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und wollte sich verbergen; als er aber aufstand und den Stuhl zur Seite schob, hatte er wahrscheinlich gemerkt, daß Raskolnikoff auch ihn gesehen und beobachtet hatte. Es war etwas, was der Szene ihres ersten Zusammentreffens bei Raskolnikoff, während seines Schlafes, glich. Ein spöttisches Lächeln zeigte sich auf dem Gesichte Sswidrigailoffs. Beide wußten, daß sie einander gesehen und beobachtet hatten. Zuletzt lachte Sswidrigailoff laut auf.

»Nun! Kommen Sie doch herauf, wenn Sie wollen; ich bin hier!« rief er ihm aus dem Fenster zu.

Raskolnikoff ging in das Restaurant hinauf. Er fand ihn in einem sehr kleinen Hinterzimmer mit einem Fenster, das an den großen Saal anstieß, in dem an etwa zwanzig kleinen Tischen beim greulichen Gebrüll eines Sängerchores Kaufleute, Beamte und andere Leute Tee tranken. Aus einer anderen Ecke vernahm man das Anprallen von Billardkugeln. Auf dem Tische vor Sswidrigailoff stand eine angebrochene Flasche Champagner und ein Glas, zur Hälfte mit Wein gefüllt. In dem kleinen Zimmer befanden sich außerdem ein Knabe, der eine kleine Drehorgel hatte, und ein kräftiges rotwangiges Mädchen, in einem gestreiften aufgebauschten Rocke und einem Tiroler Hütchen mit Bändern. Es war eine Sängerin, etwa achtzehn Jahre alt, die, trotz des Chorgesanges in dem anderen Zimmer, unter Begleitung der Drehorgel einen Gassenhauer mit ziemlich heiserer Kontrealtstimme sang ...

»Nun, genug!« unterbrach Sswidrigailoff sie beim Eintritt Raskolnikoffs.

Das Mädchen brach sofort ab und blieb in ehrerbietiger Erwartung stehen. Auch ihren Gassenhauer hatte sie mit einem ehrerbietigen und ernsten Ausdrucke im Gesichte gesungen.

»He, Philipp, ein Glas!« rief Sswidrigailoff.

»Ich werde keinen Wein trinken,« sagte Raskolnikoff.

»Wie Sie wollen, aber ich habe das Glas nicht Ihretwegen bestellt. Trink, Katja! Heute brauche ich euch nicht mehr, geht!« -- Er goß ihr ein volles Glas Wein ein und legte einen Rubelschein für sie auf den Tisch.

Katja leerte das Glas mit einem Male, wie die Frauen Wein trinken, das heißt, ohne das Glas abzusetzen und zwanzigmal schluckend, sie nahm dann den Schein, küßte Sswidrigailoff die Hand, was er sehr ernst zuließ und verließ das Zimmer, ihr folgte der Knabe mit der Drehorgel. Man hatte beide von der Straße heraufgeholt. Sswidrigailoff wohnte noch nicht einmal eine Woche in Petersburg und alles verkehrte schon mit ihm auf recht patriarchalischem Fuße. Auch der Kellner Philipp kannte ihn schon und bediente ihn unterwürfigst. Die Tür zum Saale wurde geschlossen, Sswidrigailoff war in diesem Zimmer wie bei sich zu Hause und verbrachte hier jedenfalls ganze Tage. Das Restaurant war schmutzig, schlecht und nicht einmal von mittlerer Sorte.

»Ich wollte zu Ihnen gehen und suchte Sie,« begann Raskolnikoff, »bog aber unversehens vom Heumarkte zu dem N.schen Prospekt ab! Ich gehe nie diesen Weg und komme nie hierher. Ich nehme vom Heumarkte immer den Weg zur rechten Hand. Auch der Weg zu Ihnen führt hier nicht vorbei. Doch kaum als ich einbog, erblickte ich Sie sofort. Das ist seltsam!«

»Warum sagen Sie nicht offen heraus, -- das ist ein Wunder!«

»Weil es vielleicht nur ein Zufall ist.«

»Wie sonderbar all diese Leute beschaffen sind!« lachte Sswidrigailoff, »Sie wollen es nicht eingestehen, wenn Sie auch innerlich selbst an Wunder glauben! Sie sagen doch selbst, daß es -- >vielleicht< -- bloß ein Zufall ist. Und wie sie alle hier feig sind, eine eigene Meinung zu haben, können Sie sich gar nicht vorstellen, Rodion Romanowitsch. Ich meine nicht Sie. Sie haben eine eigene Meinung und fürchten sich nicht, sie zu haben. Darum haben Sie auch mein Interesse gefesselt.«

»Sonst durch nichts?«

»Aber das genügt doch.«

Sswidrigailoff war offenbar in erregtem Zustande, doch nur ein klein wenig; von dem Wein hatte er nur ein halbes Glas getrunken.

»Mir scheint es, Sie kamen schon zu mir, ehe Sie erfuhren, daß ich fähig bin, das zu haben, was Sie eine eigene Meinung nennen,« bemerkte Raskolnikoff.

»Nun, damals war es eine andere Sache. Jeder hat seine eigenen Wege. Was aber das Wunder anbetrifft, muß ich Ihnen sagen, daß Sie anscheinend diese letzten zwei oder drei Tage verschlafen haben. Ich habe Ihnen selbst dieses Restaurant angegeben, und es war gar kein Wunder, daß Sie hierher kamen; ich habe Ihnen selbst den ganzen Weg beschrieben und Ihnen den Ort und die Stunden gesagt, wann man mich hier treffen kann. Erinnern Sie sich?«

»Ich habe es vergessen,« antwortete Raskolnikoff verwundert.

»Es scheint so. Zweimal habe ich es Ihnen gesagt. Die Adresse hat sich Ihrem Gedächtnisse mechanisch eingeprägt. Sie schlugen auch diesen Weg mechanisch ein, indessen streng der Adresse folgend, ohne es selbst zu wissen. Als ich es Ihnen damals sagte, glaubte ich nicht, daß Sie mich verstanden hatten. Sie verraten sich zu sehr, Rodion Romanowitsch. Noch eins: -- ich bin überzeugt, daß es in Petersburg viele Leute gibt, die im Gehen mit sich selbst sprechen. Es ist eine Stadt von Halbverrückten. Wenn wir die Wissenschaften mehr pflegten, so könnten Mediziner, Juristen und Philosophen, jeder auf seinem Spezialgebiete die wertvollsten Untersuchungen über Petersburg anstellen. Selten findet man so viel finstere, tiefeinschneidende und eigentümliche Einflüsse auf die Seele eines Menschen vor, wie in Petersburg. Was allein sind die klimatischen Einflüsse wert! Indessen ist es das administrative Zentrum von ganz Rußland, und sein Charakter muß sich in allem geltend machen. Aber es handelt sich jetzt nicht darum, sondern, daß ich Sie ein paarmal schon heimlich beobachtet habe. Sie verlassen Ihre Wohnung -- halten den Kopf nach oben. Nach zwanzig Schritten lassen Sie ihn schon sinken und die Hände legen Sie auf den Rücken. Sie blicken vor sich und sehen offenbar weder vor sich etwas, noch neben sich. Schließlich beginnen Sie die Lippen zu bewegen und mit sich selbst zu sprechen, wobei Sie zuweilen die eine Hand frei machen und deklamieren, endlich bleiben Sie mitten auf dem Wege lange stehen. Das ist nicht gut. Vielleicht beobachtet jemand Sie außer mir, und das ist nicht vorteilhaft. Mir ist es im Grunde genommen gleichgültig, und ich werde Sie nicht heilen, aber Sie verstehen mich sicher.«

»Wissen Sie es, daß man mich beobachtet?« fragte Raskolnikoff und blickte ihn forschend an.

»Nein, ich weiß nichts davon,« antwortete Sswidrigailoff, wie verwundert.

»Nun, lassen wir meine Person aus dem Spiel,« murmelte Raskolnikoff mit verdüstertem Gesichte.

»Gut, lassen wir Sie aus dem Spiel.«

»Sagen Sie mir lieber, -- wenn Sie hierher gehen zu trinken und mir selbst diesen Ort zweimal genannt haben, damit ich hierher zu Ihnen kommen soll, warum versteckten Sie sich denn und wollten weggehen, als ich Sie von der Straße aus am Fenster sah? Ich habe es sehr gut gemerkt.«

»He--he! Warum lagen Sie auf Ihrem Sofa mit geschlossenen Augen und stellten sich schlafend, während Sie doch gar nicht schliefen, als ich damals bei Ihnen auf der Schwelle stand? Ich habe es sehr gut bemerkt.«

»Ich konnte ... Gründe haben ... Sie wissen es selbst.«

»Auch ich konnte meine Gründe haben, obwohl Sie sie nicht erfahren werden.«

Raskolnikoff setzte den rechten Ellenbogen auf den Tisch, stützte mit den Fingern der rechten Hand sein Kinn und starrte unverwandt Sswidrigailoff an. Er betrachtete eine Weile sein Gesicht, das auch früher ihn stets in Staunen gesetzt hatte. Es war ein auffallendes Gesicht, das einer Maske zu gleichen schien, -- weiß, rotwangig, mit roten, purpurroten Lippen, mit einem hellblonden Barte und noch ziemlich dichten hellblonden Haaren. Die Augen waren zu blau und ihr Blick zu schwer und unbeweglich. Es lag etwas äußerst Unangenehmes in diesem hübschen und für sein Alter viel zu jugendlichen Gesichte. Sswidrigailoffs Kleidung war elegant, leicht, sommerlich; besonders elegant war seine Wäsche. An einem Finger hatte er einen großen Ring mit einem kostbaren Stein.

»Ja, soll ich mich denn auch mit Ihnen abgeben,« sagte Raskolnikoff plötzlich, indem er mit krampfhafter Ungeduld auf sein Ziel losging, »obgleich Sie vielleicht der gefährlichste Mensch sind, wenn Sie Lust bekommen sollten, mir zu schaden, aber ich will mich nicht mehr verstellen und Komödie spielen. Ich will Ihnen gleich zeigen, daß ich gar keinen großen Wert auf meine Person lege, wie Sie wahrscheinlich annehmen. Wissen Sie, ich bin gekommen, Ihnen offen zu erklären, wenn Sie noch Ihre frühere Absicht gegenüber meiner Schwester hegen, und wenn Sie zu diesem Zwecke irgend etwas von dem, was Ihnen in der letzten Zeit bekannt geworden ist, zu benutzen gedenken, -- ich Sie eher töten werde, bevor Sie mich ins Gefängnis bringen. Mein Wort ist sicher, -- Sie wissen, daß ich es zu halten imstande bin. Zweitens, wenn Sie mir irgend etwas zu sagen haben, -- denn es schien mir die ganze Zeit, als wollten Sie mir etwas mitteilen, -- tun Sie es schnell, denn die Zeit ist kostbar, und vielleicht ist es sehr bald zu spät.«

»Was haben Sie denn für eine Eile?« fragte Sswidrigailoff und blickte ihn neugierig an.

»Jeder hat seine eigenen Wege,« sagte Raskolnikoff finster und ungeduldig.

»Sie haben mich selbst soeben gebeten, offen zu sein, und die erste Frage lehnen Sie schon ab, zu beantworten,« bemerkte Sswidrigailoff mit einem Lächeln.

»Ihnen scheint es immer, daß ich irgend welche Zwecke verfolgen muß und darum betrachten Sie mich argwöhnisch. Nun, das ist in Ihrer Lage vollkommen begreiflich. Aber wie sehr ich auch wünsche, mit Ihnen in nähere Beziehungen zu kommen, werde ich mir doch nicht die Mühe machen, Sie vom Gegenteile zu überzeugen. Bei Gott, es ist nicht der Mühe wert, und ich hatte gar nicht die Absicht, mit Ihnen über irgend etwas besonderes zu sprechen.«

»Wozu brauchten Sie mich dann? Sie scharwenzelten doch um mich herum?«

»Ganz einfach, als ein interessantes Beobachtungsobjekt. Mir gefielen Sie durch das Phantastische Ihrer Lage, -- das ist der Grund. Außerdem sind Sie der Bruder einer Persönlichkeit, die mich sehr interessierte, und schließlich habe ich seinerzeit von derselben Persönlichkeit sehr viel und oft über Sie gehört, woraus ich schloß, daß Sie einen großen Einfluß auf die Dame haben; ist denn das nicht genügend Grund? He--he--he! Ich muß übrigens gestehen, Ihre Frage ist für mich sehr kompliziert, und es fällt mir etwas schwer, Ihnen darauf zu antworten. Nun, zum Beispiel jetzt, -- Sie sind zu mir nicht bloß wegen der einen Angelegenheit gekommen, sondern auch wegen etwas ganz neuem? Es stimmt doch? Nicht wahr?« sagte Sswidrigailoff mit einem spöttischen Lächeln. -- »Nun, stellen Sie sich vor, daß ich selbst, noch auf der Reise hierher im Eisenbahnwagen, auf Sie rechnete, daß Sie mir auch etwas neues sagen würden, und daß es mir gelingen würde, etwas von Ihnen zu entlehnen! Sehen Sie, wie reich wir sind!«

»Was denn entlehnen?«

»Ja, was soll ich Ihnen sagen? Weiß ich etwa, -- was es ist? Sehen Sie, in was für einem Restaurant ich die ganze Zeit hocke, und das ist mir höchst unangenehm, das heißt, eigentlich nicht, aber ich muß mich doch irgendwo hinhocken. Nun, und diese arme Katja -- haben Sie sie gesehen? ... Wäre ich wenigstens ein Vielfresser oder ein Feinschmecker, Sie sehen aber selbst, was ich esse. -- (Er zeigte mit dem Finger in eine Ecke, wo auf einem Tischchen das Überbleibsel von einem entsetzlichen Beefsteak mit Kartoffeln stand.) -- Apropos, haben Sie zu Mittag gegessen? Ich habe etwas zu mir genommen und möchte nichts mehr. Wein, z. B., trinke ich gar nicht. Außer Champagner gar keinen Wein, und davon trinke ich auch den ganzen Abend ein einziges Glas, davon tut mir schon der Kopf weh. Ich habe ihn bloß bestellt, um mir auf die Beine zu helfen, denn ich will irgendwohin gehen, Sie sehen mich in einer besonderen Stimmung. Ich habe mich darum auch vorhin wie ein Schulbube versteckt, weil ich meinte, daß Sie mich stören werden; aber ich glaube -- (er zog seine Uhr hervor) -- ich kann mit Ihnen noch eine Stunde zusammen sein; es ist jetzt halb fünf. Glauben Sie mir, wenn ich wenigstens etwas wäre, sagen wir, Gutsbesitzer, Landwirt, oder Vater, ein Ulan, Photograph oder Journalist ... Aber nichts, ich habe gar keine Spezialität! Zuweilen ist mir das langweilig. Wirklich, ich glaubte, von Ihnen etwas neues zu hören.«

»Ja, wer sind Sie denn eigentlich und warum sind Sie hierher gereist?«

»Wer ich bin? Sie wissen doch, -- bin vom Adel, habe zwei Jahre in der Kavallerie gedient, mich dann hier in Petersburg herumgetrieben, habe Marfa Petrowna geheiratet und auf dem Lande gelebt. Da haben Sie meine Lebensbeschreibung!«

»Sie sind wohl ein Spieler?«

»Nein, ich bin kein Spieler. Ein Falschspieler ist kein Spieler.«

»Waren Sie denn Falschspieler?«

»Ja, ich war Falschspieler.«

»Hat man Sie auch gefaßt?«

»Es ist auch vorgekommen. Was ist dabei?«

»Nun, Sie konnten doch gefordert werden ... Das bringt doch auch mehr Leben ins Dasein.«

»Ich widerspreche Ihnen nicht und bin außerdem kein Meister im Philosophieren. Ich will Ihnen gestehen, daß ich mehr der Weiber wegen hierher gekommen bin.«

»Nachdem Sie kaum Marfa Petrowna beerdigt hatten?«

»Nun ja,« lächelte Sswidrigailoff mit einer frappanten Offenheit. -- »Was ist dabei? Mir scheint, Sie finden etwas schlechtes darin, daß ich über die Weiber so rede.«

»Das will wohl sagen, ob ich etwas schlechtes in der Unsittlichkeit finde oder nicht?«

»In der Unsittlichkeit! Nun, Sie gehen zu weit! Übrigens aber will ich Ihnen zuerst im allgemeinen über die Frauen antworten. Wissen Sie, ich liebe gerade jetzt zu plaudern. Sagen Sie mir, wozu soll ich mich enthalten? Warum soll ich die Frauen lassen, wenn ich ein großer Freund davon bin? Sie sind doch wenigstens eine Beschäftigung.«

»Also Sie rechnen hier bloß auf die Unsittlichkeit?«

»Was ist dabei, ja, meinetwegen auf Unsittlichkeit. Wie Sie sich darauf versessen haben. Ich liebe aber wenigstens eine offene Frage. In dieser Unsittlichkeit ist etwas beständiges, in der Natur begründetes und der Phantasie nicht unterworfenes, etwas, das stets wie eine feurige Glut im Blute steckt, ewig anfeuert und das man lange nicht, auch mit den Jahren vielleicht nicht, so schnell auslöschen kann. Geben Sie doch selbst zu, ist das nicht eine Art von Beschäftigung?«

»Wie soll man sich dabei freuen? Es ist eine Krankheit, und eine gefährliche.«

»Ah, Sie kommen damit! Ich gebe zu, daß es eine Krankheit ist, wie auch alles, was über das Maß hinausgeht, -- und hier wird man unbedingt das Maß überschreiten, -- aber das ist doch, erstens, bei dem einen so, bei dem anderen anders, und zweitens, muß man eben wie in allem Maß einhalten; es ist Berechnung und eine gemeine dazu, aber was soll man tun? Wenn es dies nicht gäbe, müßte man sich möglicherweise erschießen. Ich gebe zu, daß ein anständiger Mensch verpflichtet ist, sich lieber zu langweilen, aber dennoch ...«

»Könnten Sie sich erschießen?«

»Aber, hören Sie!« erwiderte Sswidrigailoff mit Widerwillen. »Tun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie nicht davon,« fügte er hastig hinzu und ohne jegliche Großtuerei, die sich in allen seinen früheren Worten ausprägte. Sogar sein Gesicht schien sich verändert zu haben. -- »Ich gestehe diese unverzeihliche Schwäche ein, aber was soll ich tun, -- ich fürchte den Tod und liebe nicht, daß man darüber spricht. Wissen Sie, ich bin teilweise Mystiker?«

»Ah! Die Erscheinungen von Marfa Petrowna! Wie, kommt sie noch immer?«

»Ach, erinnern Sie mich nicht daran; in Petersburg ist es noch nicht vorgekommen; und hol der Teufel die Erscheinungen!« rief er mit gereizter Miene aus. -- »Nein, wir wollen lieber über ... ja übrigens ... Hm! Ach, ich habe zu wenig Zeit, kann nicht lange bei Ihnen bleiben, es ist schade! Ich hätte Ihnen etwas mitzuteilen.«

»Was, ist es eine Frau, die Sie erwartet?«

»Ja, eine Frau, ein ganz unerwarteter Zufall ... nein, ich meine nicht das.«

»Nun, und die Schändlichkeit dieser ganzen Umgebung wirkt schon nicht mehr auf Sie? Sie haben schon die Kraft verloren, zu stoppen?«

»Sie machen auch Ansprüche an Kraft? He--he! Sie haben mich soeben überrascht, Rodion Romanowitsch, obwohl ich im voraus wußte, daß es so kommen werde. Sie reden mit mir über Unsittlichkeit und über Ästhetik! Sie -- ein Schiller, Sie -- ein Idealist! Dies alles muß natürlich so sein, und man müßte erstaunt sein, wenn es anders wäre, aber trotzdem ist etwas merkwürdiges vor der Wirklichkeit ... Ach, schade, daß ich so wenig Zeit habe, Sie sind ein äußerst interessantes Subjekt! Ja, nebenbei gefragt, lieben Sie Schiller? Ich liebe ihn außerordentlich.«

»Was Sie aber für ein Großtuer sind!« sagte Raskolnikoff mit einem gewissen Abscheu.

»Ich bin es nicht, bei Gott!« antwortete Sswidrigailoff mit lautem Lachen, »aber ich will es nicht bestreiten, mag ich ein Großtuer sein; doch warum soll man auch nicht wichtigtun, wenn es harmlos ist. Ich habe sieben Jahre auf dem Lande bei Marfa Petrowna gelebt, schon darum freue ich mich zu plaudern, nachdem ich jetzt auf einen klugen Menschen wie Sie, -- auf einen klugen und im höchsten Grade interessanten Menschen gestoßen bin, und außerdem habe ich dieses halbe Glas Wein getrunken und es ist mir ein bißchen zu Kopfe gestiegen. Die Hauptsache aber ist, daß es einen Umstand gibt, der mich sehr aufgerüttelt hat, den ich aber ... verschweigen werde. Wohin gehen Sie denn?« fragte Sswidrigailoff plötzlich erschrocken.

Raskolnikoff machte Miene, sich zu erheben. Ihm wurde es schwer, beengend und peinlich, daß er hierher gekommen war. Von Sswidrigailoff hatte er die feste Meinung gewonnen, daß er der unbedeutendste und inhaltloseste Bösewicht der Welt sei.

»Ach! Setzen Sie sich, bleiben Sie noch,« bat Sswidrigailoff, »und bestellen Sie sich doch wenigstens Tee. Bleiben Sie sitzen, ich will keinen Unsinn mehr, das heißt, über mich schwatzen. Ich will Ihnen etwas erzählen. Wollen Sie? Ich werde Ihnen erzählen, wie mich eine Frau, um in Ihrem Stile zu reden, >retten wollte<? Das wird sogar eine Antwort auf Ihre erste Frage sein, weil diese Dame -- Ihre Schwester ist. Darf ich erzählen? Wir schlagen auch die Zeit damit tot.«

»Erzählen Sie, aber ich hoffe, Sie ...«

»Oh, seien Sie ruhig! Außerdem kann Awdotja Romanowna sogar bei solch einem schlimmen und oberflächlichen Menschen, wie ich, bloß die höchste Achtung hervorrufen.«

IV.

»Sie wissen vielleicht, -- ich habe es Ihnen übrigens selbst erzählt,« begann Sswidrigailoff, »daß ich hier im Schuldgefängnis wegen ungeheurer Schulden saß, ohne die geringste Aussicht, sie zu tilgen. Es lohnt sich nicht, die Einzelheiten zu erwähnen, wie mich damals Marfa Petrowna loskaufte; wissen Sie, bis zu welcher Bewußtlosigkeit eine Frau sich zuweilen verlieben kann? Sie war eine ehrliche, ziemlich kluge, obwohl vollkommen ungebildete Frau. Stellen Sie sich vor, daß diese eifersüchtige und ehrliche Frau nach vielen schrecklichen Wutausbrüchen und Vorwürfen sich entschlossen hatte, mit mir sozusagen einen Vertrag abzumachen, den sie während unserer Verheiratung erfüllte. Die Sache war die, daß sie bedeutend älter war als ich, und außerdem ständig eine Gewürznelke im Munde hatte. Ich hatte in meiner Seele trotz aller Gemeinheit so viel Ehrlichkeit, ihr offen zu erklären, daß ich ihr vollkommene Treue nicht halten könne. Dieses Geständnis versetzte sie in Wut, aber meine grobe Offenheit schien ihr in gewisser Weise gefallen zu haben. >Er will also selbst nicht betrügen,< dachte sie, >wenn er im voraus es in dieser Weise erklärt,< -- nun, und für eine eifersüchtige Frau ist es das wichtigste. Nach vielen Tränen kam zwischen uns folgender mündlicher Vertrag zustande, -- erster Punkt, ich werde Marfa Petrowna nie verlassen und stets ihr Mann bleiben; zweitens, ohne ihre Erlaubnis werde ich nirgendwohin verreisen; drittens, eine ständige Geliebte werde ich mir nie anschaffen; viertens, dagegen gestattet mir Marfa Petrowna, mir zuweilen eine von den Stubenmädchen auszusuchen, jedoch nicht anders, als mit ihrem geheimen Wissen; fünftens, Gott soll mich behüten, daß ich mich in eine Frau aus unserem Stande verliebe; sechstens, falls aber, was Gott verhüte, mich irgend eine große und ernste Leidenschaft heimsuchen sollte, muß ich mich Marfa Petrowna anvertrauen. In Bezug auf den letzten Punkt war Marfa Petrowna übrigens die ganze Zeit ziemlich ruhig; sie war eine kluge Frau, und folglich konnte sie mich nicht anders, als für einen liederlichen und lasterhaften Menschen, betrachten, der nicht imstande ist, sich ernstlich zu verlieben. Aber eine kluge Frau und eine eifersüchtige Frau sind zwei verschiedene Dinge, und das ist ein Unglück. Übrigens, um unparteiisch über einige Menschen urteilen zu können, muß man sich vorher von manchen voreingenommenen Ansichten und von der alltäglichen Gewöhnung an die uns umgebenden Menschen und Gegenstände lossagen. Ich habe ein Recht, auf Ihr Urteil mehr, als von jemanden anderen, zu hoffen. Vielleicht haben Sie schon sehr viel lächerliches und unsinniges über Marfa Petrowna gehört. In der Tat, sie hatte manche lächerliche Angewohnheit, aber ich will Ihnen offen sagen, daß ich die zahllosen Bekümmernisse, die ich ihr verursacht habe, aufrichtig bedauere. Das scheint für einen sehr anständigen Oraison funèbre{[17]} der zärtlichsten Frau von dem zärtlichsten Manne zu genügen. Bei unseren Streitigkeiten schwieg ich meistenteils und war nicht gereizt, und dieses gentlemanlike Benehmen erreichte fast stets das Ziel; es wirkte auf sie und gefiel ihr sogar; es gab auch Fälle, wo sie sogar auf mich stolz war. Aber Ihr Fräulein Schwester hat sie trotzdem nicht ertragen. Und wie war es möglich, daß sie riskiert hatte, solch eine Schönheit in ihr Haus als Gouvernante zu nehmen! Ich erkläre es mir dadurch, daß Marfa Petrowna eine feurige und empfängliche Frau war, und daß sie sich ganz einfach selbst in Ihre Schwester verliebt, -- buchstäblich verliebt hatte. Nun, und Awdotja Romanowna hat selbst den ersten Schritt getan, -- ob Sie mir glauben oder nicht? Können Sie sich denken, daß Marfa Petrowna sogar zuerst auf mich wegen meines ständigen Schweigens über Ihre Schwester böse wurde, weil ich mich gegen ihre ewigen und verliebten Lobsprüche auf Awdotja Romanowna gleichgültig verhielt? Ich begreife selbst nicht, was sie eigentlich wollte! Und selbstverständlich erzählte Marfa Petrowna alles, meine ganze Vergangenheit Awdotja Romanowna. Sie hatte die unglückliche Eigenschaft, allen unsere ganzen Familiengeheimnisse zu erzählen und vor allen ständig über mich zu klagen; wie sollte sie da solch eine neue und schöne Freundin damit verschonen? Ich nehme selbst an, daß zwischen ihnen kein anderes Gespräch geführt wurde, als über mich, und zweifellos bekam Awdotja Romanowna alle diese finsteren geheimnisvollen Märchen zu hören, die über mich im Umlauf sind ... Ich wette, daß Sie auch irgend etwas derartiges schon gehört haben.«

»Ich habe etwas gehört. Luschin beschuldigte Sie, daß Sie sogar die Ursache des Todes eines Kindes waren. Ist es wahr?«

»Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich mit allen diesen Abgeschmacktheiten in Ruhe,« sagte Sswidrigailoff mit Abscheu und Ekel, »wenn Sie unbedingt wünschen, über diesen ganzen Unsinn näheres zu erfahren, will ich es Ihnen einmal erzählen, jetzt aber ...«

»Man sprach auch von einem Diener auf Ihrem Gute und daß Sie angeblich auch die Ursache ...«

»Tun Sie mir den Gefallen, genug davon!« unterbrach ihn Sswidrigailoff von neuem mit sichtbarer Ungeduld.

»Ist das nicht derselbe Diener, der Ihnen nach seinem Tode die Pfeife stopfen wollte ... Sie haben mir noch selbst davon erzählt?« fuhr Raskolnikoff immer gereizter fort.

Sswidrigailoff blickte Raskolnikoff aufmerksam an, und jenem schien es, daß in diesem Blicke, gleich einem Blitze, ein boshaftes Lächeln aufzuckte, Sswidrigailoff aber bemeisterte sich und antwortete sehr höflich:

»Es ist derselbe. Ich sehe, daß auch dies alles Sie außerordentlich interessiert, und werde es für meine Pflicht halten, bei der ersten besten Gelegenheit Ihre Neugier in allen Punkten zu befriedigen. Zum Teufel! Ich sehe, daß ich tatsächlich jemand als eine romantische Person erscheinen kann. Beurteilen Sie selbst, wie dankbar ich der verstorbenen Marfa Petrowna sein muß, daß sie Ihrem Fräulein Schwester so viel Geheimnisvolles und Interessantes über mich erzählt hatte. Ich nehme mir nicht die Freiheit, über den Eindruck zu urteilen, aber in jedem Falle war es für mich vorteilhaft. Bei dem ganzen natürlichen Widerwillen Awdotja Romanownas gegen mich und trotz meines ständigen finsteren und abstoßenden Aussehens -- tat ich ihr endlich leid, tat ihr der verlorene Mensch leid. Wenn aber dem Herzen eines jungen Mädchens etwas leid tut, ist dies selbstverständlich für sie am gefährlichsten. Da bekommt man unbedingt Lust >zu retten<, aufzurütteln, zu überzeugen, zu edleren Zielen zu rufen und zu neuem Leben und neuer Tätigkeit zu erwecken, -- nun, es ist bekannt, was man in dieser Art zusammenträumen kann. Ich habe sofort gemerkt, daß das Vögelchen selbst ins Netz fliegt, und habe mich meinerseits vorbereitet. Sie scheinen mir das Gesicht zu verziehen, Rodion Romanowitsch? Hat nichts auf sich, die Sache hat, wie Sie wissen, mit Kleinigkeiten geendet. -- Zum Teufel, wie viel Wein ich heute trinke! -- Wissen Sie, ich bedauerte immer von Anfang an, daß es Ihrer Schwester nicht vergönnt war, im zweiten oder dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung irgendwo als Tochter eines kleinen regierenden Fürsten oder eines Regenten oder eines Prokonsuls in Kleinasien zur Welt zu kommen. Sie würde zweifellos eine von jenen gewesen sein, die das Martyrium erduldet haben, und sie hätte sicher gelächelt, wenn man ihr die Brust mit glühenden Zangen gebrannt hätte. Sie hätte dies absichtlich auf sich genommen, im vierten oder fünften Jahrhundert aber würde sie in eine Wüste von Ägypten gegangen sein, hätte dort dreißig Jahre gelebt und sich von Wurzeln, Verzückung und Erscheinungen genährt. Sie dürstet bloß und verlangt darnach, irgend eine Marter für jemand auf sich zu nehmen, wenn man ihr aber diese Marter nicht geben wird, so springt sie möglicherweise zum Fenster hinaus. Ich habe etwas von einem Herrn Rasumichin gehört. Man sagt, er sei ein vernünftiger Bursche, worauf auch sein Familienname deutet, wahrscheinlich aus dem geistlichen Stande, nun mag er Ihre Schwester hüten. Mit einem Worte, mir scheint es, ich habe sie verstanden, was ich auch mir als eine Ehre anrechne. Damals aber, das heißt am Anfang der Bekanntschaft, wie Sie selbst wissen, ist man immer leichtsinniger und dümmer, sieht vieles im falschen Lichte, sieht nicht das richtige. Zum Teufel, warum ist sie auch so schön? Ich habe keine Schuld! Mit einem Worte, es begann bei mir mit einer sehr starken wollüstigen Neigung. Awdotja Romanowna ist unbeschreiblich und unerhört keusch. Merken Sie sich, ich teile Ihnen dieses als eine Tatsache über Ihre Schwester mit. Sie ist vielleicht bis zur Krankhaftigkeit keusch, trotz ihres ganzen großen Verstandes, und das wird ihr schaden. Bei uns tauchte ein Mädchen Parascha, die schwarzäugige Parascha auf, die man soeben von einem anderen Gute zu uns gebracht hatte, als Stubenmädchen, und die ich vorher nie gesehen hatte, -- sie war sehr hübsch, aber unglaublich dumm, -- sie weinte, erhob über den ganzen Hof ein Geheul und es passierte ein Skandal. Eines Tages suchte Awdotja Romanowna nach dem Essen mich absichtlich allein in einer Allee im Garten auf und verlangte von mir mit blitzenden Augen, daß ich die arme Parascha in Ruhe lassen sollte. Das war beinahe unser erstes Gespräch zu zweien. Ich hielt es selbstverständlich für eine Ehre, ihrem Wunsche nachzukommen, versuchte mich überrascht, beschämt zu stellen, nun, mit einem Worte, ich spielte meine Rolle nicht übel. Es begannen Beziehungen, geheimnisvolle Gespräche, Moralpredigten, Bitten, Flehen, sogar Tränen, -- können Sie es glauben, sogar Tränen! Sehen Sie, wie stark und weit bei manchen jungen Mädchen die Leidenschaft Propaganda machen geht! Ich schob selbstverständlich alles auf mein Schicksal, stellte mich hin als einen nach Erleuchtung Hungernden und Dürstenden, und schließlich machte ich von dem größten und unerschütterlichen Mittel, Frauenherzen zu erobern, Gebrauch, von dem Mittel, das nie und nimmer trügt und das entschieden auf alle, ohne jede Ausnahme, wirkt. Es ist ein bekanntes Mittel -- die Schmeichelei. Es gibt nichts schwereres in der Welt, als offener Freimut, und nichts leichteres, als Schmeichelei. Wenn im Freimut bloß ein hundertster Teil des Tones falsch ist, so tritt sofort eine Dissonanz und nach ihr -- ein Skandal ein. Wenn aber in der Schmeichelei alles, bis zum geringsten Tone falsch ist, auch dann ist sie angenehm und wird mit Vergnügen angehört, und wenn auch mit grobem Vergnügen, so doch mit Vergnügen. Und mag die Schmeichelei noch so derb sein, so wird doch unbedingt wenigstens die Hälfte als Wahrheit geglaubt. Und das gilt für alle Entwicklungsstufen und Schichten der Gesellschaft. Sogar eine Vestalin kann man durch Schmeichelei verführen. Von gewöhnlichen Menschen lohnt sich nicht mal zu reden. Ich kann mich nicht ohne Lachen daran erinnern, wie ich einmal eine Dame, die ihrem Manne, ihren Kindern und ihren Tugenden ergeben war, verführt habe. Wie amüsant es war und wie wenig Arbeit es mir machte! Die Dame war tatsächlich tugendhaft, wenigstens in ihrer Art. Meine ganze Taktik bestand darin, daß ich jeden Augenblick von ihrer Keuschheit einfach erdrückt war und mich davor in den Staub warf. Ich schmeichelte ihr gottlos und kaum, wenn ich von ihr einen Händedruck, selbst einen Blick erhaschte, machte ich mir Vorwürfe, daß ich dies ihr mit Gewalt abgenötigt habe, daß sie sich dem widersetzt, sich dem so widersetzt habe, daß ich sicher nie etwas von ihr erlangt hätte, wenn ich selbst nicht so verdorben wäre, daß sie in ihrer Unschuld meine Arglist nicht vorgesehen habe und unabsichtlich, ohne es selbst zu wissen und zu ahnen, mir entgegengekommen wäre, und dergleichen mehr. Mit einem Worte, ich erreichte alles, meine Dame aber blieb im höchsten Grade davon überzeugt, daß sie unschuldig und keusch wäre und alle Pflichten und Schuldigkeiten erfüllt habe, daß sie aber zufällig gefallen war. Und wie böse wurde sie auf mich, als ich ihr zu guter Letzt erklärte, daß meiner aufrichtigen Überzeugung nach, sie ebenso, wie ich, einen Genuß gesucht habe. Die arme Marfa Petrowna war auch schrecklich empfänglich für Schmeichelei, wenn ich nur gewollt hätte, so hätte sie sicher ihr ganzes Vermögen auf meinen Namen noch bei ihren Lebzeiten umgeschrieben. -- Jedoch, ich trinke viel Wein und schwatze. -- Ich hoffe, Sie werden nicht böse werden, wenn ich jetzt erwähne, daß sich auch bei Awdotja Romanowna dasselbe Resultat zu zeigen begann. Ich war aber selbst dumm und ungeduldig und habe die ganze Sache verdorben. Awdotja Romanowna mißfiel furchtbar der Ausdruck meiner Augen, schon einige Male vorher, -- das eine Mal aber ganz besonders, -- glauben Sie es? Mit einem Worte, in meinen Augen leuchtete immer stärker und unvorsichtiger ein gewisses Feuer, das sie bange machte und ihr schließlich verhaßt wurde. Die Einzelheiten lohnen sich nicht zu erzählen, aber wir kamen auseinander. Da machte ich wieder eine Dummheit. Ich begann in der gröbsten Weise alle diese Propaganda und Bekehrungen zu verhöhnen; Parascha erschien wieder auf der Bildfläche, und nicht allein sie, -- mit einem Worte, es begann ein Sodom. Ach, Rodion Romanowitsch, wenn Sie nur ein einziges Mal im Leben die Augen Ihrer Schwester gesehen hätten, wie sie zuweilen zu blitzen verstehen! Es tut nichts, daß ich jetzt betrunken bin und schon ein ganzes Glas Wein getrunken habe, ich sage die Wahrheit; ich versichere Sie, daß ich von diesem Blicke träumte; ich konnte schließlich nicht mehr das Rauschen ihres Kleides ertragen. Ich dachte in der Tat, daß ich die Fallsucht bekomme, nie habe ich es mir träumen lassen, daß ich so außer mir geraten könne. Mit einem Worte, es war notwendig Frieden zu schließen, aber es war schon unmöglich. Und stellen Sie sich vor, was ich dann tat? Bis zu welchem Stumpfsinn die rasende Wut einen Menschen bringen kann! Unternehmen Sie niemals etwas in rasender Wut, Rodion Romanowitsch. In der Annahme, daß Awdotja Romanowna im Grunde genommen bettelarm ist -- (ach, entschuldigen Sie, ich wollte nicht das sagen ... ist es aber nicht einerlei, wenn es nur einen Begriff wiedergibt?) -- mit einem Worte, daß sie von ihrer Hände Arbeit lebt, -- daß sie ihre Mutter und Sie unterhalten muß -- (ach, zum Teufel, Sie verziehen wieder Ihr Gesicht ...) -- beschloß ich ihr mein ganzes Geld anzubieten, -- ich konnte damals etwa dreißigtausend realisieren, -- damit sie mit mir -- nun, meinetwegen, -- hierher nach Petersburg fliehen solle. Es versteht sich, daß ich ihr dabei ewige Liebe, Seligkeit und dergleichen mehr geschworen habe. Können Sie mir glauben, daß ich damals so von ihr benommen war, daß, hätte sie zu mir gesagt, -- ermorde oder vergifte Marfa Petrowna und heirate mich, -- ich es sofort getan hätte! Alles aber endete mit der Ihnen schon bekannten Katastrophe, und Sie können sich selbst ausmalen, in was für eine Wut ich geriet, als ich erfuhr, daß Marfa Petrowna damals diese gemeine Schreiberseele Luschin aufgegabelt und beinahe die Heirat zustande gebracht hatte, -- was im Grunde genommen dasselbe gewesen wäre, was auch ich anbot. Ist es etwa nicht so? Ist es nicht dasselbe? Nicht wahr, es ist dasselbe? Ich merke, daß Sie mir zu aufmerksam zuhören ... interessierter junger Mann ...«

Sswidrigailoff schlug voll Ungeduld mit der Faust auf den Tisch. Er war rot geworden. Raskolnikoff sah deutlich, daß das eine oder die anderthalb Glas Champagner, den er unmerklich in kleinen Schlucken getrunken hatte, krankhaft auf ihn gewirkt hatten, -- und beschloß diese Gelegenheit wahrzunehmen. Sswidrigailoff erschien ihm sehr verdächtig.

»Nach all dem Gesagten bin ich völlig überzeugt, daß Sie auch hierher gereist sind, weil Sie meine Schwester im Auge haben,« sagte er zu Sswidrigailoff offen und ohne sich zu verstellen, um ihn nur noch mehr zu reizen.

»Ach, lassen Sie es,« Sswidrigailoff schien sich plötzlich zusammenzunehmen, »ich habe Ihnen schon gesagt ... und außerdem kann Ihre Schwester mich gar nicht leiden.«

»Ja, davon bin ich auch überzeugt, daß sie es nicht kann, aber es handelt sich jetzt nicht darum.«

»Sind Sie wirklich überzeugt, daß sie mich nicht leiden kann?« Sswidrigailoff kniff die Augen zusammen und lächelte spöttisch. -- »Sie haben recht, sie liebt mich nicht, aber übernehmen Sie nie eine Gewährleistung in Dingen, die zwischen einem Manne und einer Frau oder zwischen einem Liebhaber und seiner Geliebten vorgefallen sind. Es gibt hier stets einen Winkel, der immer der ganzen Welt verborgen bleibt, und der nur den beiden bekannt ist. Übernehmen Sie die Gewährleistung, daß Awdotja Romanowna mich stets mit Widerwillen angeschaut hat?«

»Ich merke aus einigen Ihrer Worte und Andeutungen während Ihrer Erzählung, daß Sie auch jetzt noch unbedingt Absichten gegen Dunja haben, und selbstverständlich gemeiner Natur.«

»Wie! Mir sollten solche Worte und Andeutungen entschlüpft sein?« sagte erschreckt Sswidrigailoff und in der naivsten Weise, ohne dem Epitheton, der seinen Absichten beigelegt worden war, die geringste Beachtung zu schenken.

»Auch jetzt entschlüpften sie Ihnen. Warum fürchten Sie sich so? Worüber erschraken Sie jetzt plötzlich?«

»Ich soll mich fürchten und erschrocken sein? Soll ich etwa vor Ihnen erschrocken sein? Eher haben Sie Grund, mich zu fürchten, cher ami{[18]}. Ach, was für Unsinn ... Ich bin berauscht, ich sehe es; beinahe hätte ich mich wieder versprochen. Der Teufel soll den Wein holen! Heda, Wasser!«

Er packte die Flasche und schleuderte sie ohne viel Federlesens zum Fenster hinaus. Philipp brachte ihm Wasser.

»Dies alles ist Unsinn,« sagte Sswidrigailoff, indem er ein Handtuch anfeuchtete und es an den Kopf hielt, -- »ich kann Sie aber mit einem einzigen Worte zurückweisen und Ihren ganzen Verdacht zunichte machen. Wissen Sie zum Beispiel, daß ich heirate?«

»Sie haben es mir schon erzählt!«

»Habe ich es? Das hatte ich vergessen. Damals aber konnte ich es noch nicht mit Bestimmtheit sagen, denn ich hatte die Braut gar nicht gesehen; ich hatte bloß die Absicht. Jetzt aber habe ich schon eine Braut und die Sache ist beschlossen, und wenn ich bloß nicht etwas Unaufschiebbares zu tun hätte, würde ich Sie unbedingt und sofort zu einem Besuche dort mitnehmen, -- denn ich möchte Sie um Rat fragen. Ach, zum Teufel! Ich habe bloß zehn Minuten übrig. Sie sehen selbst nach der Uhr; ich will es Ihnen übrigens erzählen, denn meine Heirat ist auch eine interessante Sache, in ihrer Art, versteht sich, -- wohin wollen Sie? Wollen Sie wieder fortgehen?«

»Nein, jetzt gehe ich schon nicht mehr fort.«

»Sie wollen gar nicht fortgehen? Nun, wir wollen es sehen! Ich werde Sie mitnehmen und Ihnen die Braut zeigen, das ist wahr, aber bloß nicht jetzt; es ist bald Zeit für Sie zu gehen. Sie gehen nach rechts und ich nach links. Kennen Sie diese Rößlich? Ich meine, dieselbe Rößlich, bei der ich jetzt wohne, -- ah? Hören Sie? Nein, denken Sie sich, ich meine dieselbe, von der man erzählt, daß das kleine Mädchen damals im Winter ... Nun, hören Sie! Hören Sie? Sie ist es auch, die mir diese Geschichte arrangiert hat; du langweilst dich, -- sagte sie, -- zerstreue dich ein wenig. Ich bin aber ein finsterer, langweiliger Mensch. Sie meinen, ich sei fröhlich? Nein, ich bin finster, -- ich füge niemandem Schaden zu, sitze in der Ecke, und zuweilen kann man mich drei Tage nicht zum Reden bringen. Die Rößlich ist eine Spitzbübin, sage ich Ihnen; sie hat dabei folgendes im Sinn, -- mir wird es überdrüssig werden, ich werde meine Frau verlassen und fortreisen, meine Frau wird dann ihr zufallen, und sie wird sie in unseren Kreisen und höher hinauf in Umsatz bringen. Sie sagte mir, -- es gibt solch einen gelähmten Vater, einen verabschiedeten Beamten, der im Sessel sitzt und das dritte Jahr die Beine nicht rühren kann; auch eine Mutter ist da, eine sehr vernünftige Dame; der Sohn dient irgendwo in der Provinz, hilft ihr aber nicht; die eine Tochter ist verheiratet, sucht aber die Eltern nicht mehr auf; die Eltern haben für zwei kleine Neffen zu sorgen -- da sie an ihren eigenen Sorgen nicht genug hatten, -- und haben ihre letzte Tochter, ohne daß sie den Kursus absolviert hat, aus der Schule genommen; sie werde nach einem Monat erst sechzehn Jahre alt, also könnte man sie auch nach einem Monat verheiraten. Ich sollte sie also heiraten. Wir fuhren hin; wie bei ihnen alles lächerlich zuging; ich stellte mich vor, -- Gutsbesitzer, Witwer, aus bekannter Familie, mit den und den Verbindungen, vermögend, -- nun, was ist dabei, daß ich fünfzig Jahre alt bin und jene nicht mal sechzehn? Wer achtet darauf? Nun, es ist doch verlockend, ah? Nicht wahr, es ist verlockend, ha! ha! ha! Sie sollten mich gesehen haben, wie ich mich mit dem Papa und der Mama unterhalten habe! Man müßte etwas dafür bezahlen, um mich nur damals gesehen zu haben. Sie kommt endlich, macht einen Knicks, nun, können Sie sich vorstellen, sie war noch in kurzem Kleidchen, eine noch unaufgebrochene Knospe, sie errötete, flammte wie die Morgenröte auf -- man hat ihr selbstverständlich alles mitgeteilt. Ich weiß nicht, wie Sie sich zu Frauengesichtern stellen, aber meiner Ansicht nach sind diese sechzehn Jahre, diese noch kindlichen Augen, diese Verlegenheit und Tränen der Beschämtheit -- besser als jede Schönheit, und sie ist außerdem wie ein Bild. Hellblonde Haare, in kleinen Locken gekräuselt, volle, rote kleine Lippen, Füßchen -- mit einem Worte reizend! ... Nun, ich wurde also dort bekannt, erklärte, daß ich es infolge häuslicher Angelegenheiten eilig habe, und am anderen Tage, also vorgestern, erhielten wir den Segen. Seit dem Tage, wenn ich bloß hinkomme, nehme ich sie sofort auf meinen Schoß und lasse sie nicht herunter ... Nun, sie errötet, ich aber küsse sie alle Augenblicke; die Mama sagt ihr selbstverständlich, daß ich ihr Mann sei und daß es sich so gehöre, mit einem Worte, ich habe es dort ausgezeichnet. Und meine jetzige Lage als Bräutigam ist vielleicht auch besser, als die eines verheirateten Mannes. Hier ist, was man la nature et la vérité{[19]} nennt! Ha! Ha! Ich habe mich mit ihr ein paarmal unterhalten, -- das Mädel ist gar nicht dumm; zuweilen blickt sie mich so verstohlen an, -- daß es mich einfach durchschauert. Wissen Sie, sie hat ein Gesicht wie die Madonna von Raphael. Die Sixtinische Madonna hat doch ein phantastisches Gesicht, das Gesicht einer leidenden, im heiligen Wahne befangenen, ist Ihnen das nicht aufgefallen? Nun, sie hat ein Gesicht von dieser Art. Kaum hatte man uns den Segen erteilt, als ich am anderen Tage ihr für anderthalb Tausend Geschenke mitbrachte, -- einen Brillantenschmuck, ein Perlenhalsband und einen silbernen Toilettenkasten für Damen -- von dieser Größe, mit allerhand Dingen darin, so daß ihr Gesichtchen, das Madonnengesichtchen, errötete. Ich setzte sie gestern auf meinen Schoß hin, habe es aber wahrscheinlich zu ungeniert getan, -- sie errötete ganz und gar und Tränen kamen zum Vorschein, sie wollte sich aber nicht verraten und brannte wie im Fieber. Alle gingen auf einen Augenblick, ich blieb mit ihr ganz allein zurück, plötzlich fiel sie mir -- zum ersten Male von selbst -- um den Hals, umarmte mich mit ihren Händchen, küßte mich und schwur, daß sie mir eine folgsame, treue und gute Frau sein werde, daß sie mich glücklich machen wolle, daß sie ihr ganzes Leben, jeden Augenblick ihres Lebens dazu verwenden und alles, alles opfern werde, dafür wünscht sie bloß meine Achtung allein zu besitzen und weiter, -- sagte sie >brauche ich nichts, gar nichts, keine Geschenke.< Geben Sie selbst zu, daß ein derartiges Geständnis unter vier Augen von solch einem sechzehnjährigen Engel mit jungfräulicher Schamröte und enthusiastischen Tränen in den Augen anzuhören, -- ziemlich verlockend ist? Nicht wahr, es ist verlockend? Es ist doch etwas wert, ah? Nicht wahr? Nun ... nun hören Sie ... fahren wir zu meiner Braut hin ... aber nicht sofort!«

»Mit einem Worte, dieser unerhörte Unterschied im Alter und in der Entwicklung erregt gerade in Ihnen die Wollust! Und Sie wollen sie tatsächlich heiraten?«

»Wieso? Ich heirate sie unbedingt. Jeder sorgt für sich selbst, und am lustigsten von allen lebt der, welcher es am besten von allen versteht, sich selbst zu betrügen. Ha! ha! Haben Sie sich in die Tugend denn ganz vernarrt? Erbarmen Sie sich meiner, Väterchen, ich bin ein sündhafter Mensch. He! he! he!«

»Sie haben doch die Kinder von Katerina Iwanowna untergebracht und versorgt. Übrigens ... übrigens Sie hatten dazu Ihre Gründe ... ich begreife jetzt alles.«

»Kinder habe ich überhaupt gern, ich liebe Kinder sehr,« lachte Sswidrigailoff. -- »In dieser Hinsicht kann ich Ihnen sogar ein sehr interessantes Erlebnis erzählen, das auch jetzt noch nicht zu Ende ist. Am ersten Tage nach meiner Ankunft ging ich in all diesen Kloaken herum, nun -- nach sieben Jahren stürzte ich mich hinein. Sie haben wahrscheinlich gemerkt, daß ich keine Eile habe, den Verkehr mit den früheren Freunden und Bekannten aufzunehmen. Und ich will noch möglichst lange ohne sie auskommen. Wissen Sie, -- bei Marfa Petrowna auf dem Lande haben mich die Erinnerungen an alle diese geheimnisvollen Orte und Winkel, in denen einer vieles finden kann, der es kennt, bis zu Tode gequält. Hol der Teufel! Das Volk säuft, die gebildete Jugend geht vor Nichtstun in unmöglichen Träumen und Phantasien auf, wird vor lauter Theorien zum Krüppel; irgendwoher sind Juden herbeigeströmt und sammeln Geld, alles übrige aber ergibt sich der Unzucht. Von den ersten Stunden an wehte mich auch von dieser Stadt ein bekannter Geruch an. Ich geriet zu einem sogenannten Tanzabend, -- in einer entsetzlichen Kloake -- ich liebe aber gerade die Kloaken mit etwas Schmutz, -- und selbstverständlich wurde kankaniert, wie man eigentlich nirgends kankaniert, und wie man es zu meiner Zeit noch nicht tat. Ja, darin ist Fortschritt. Plötzlich sehe ich ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, sehr nett angezogen, wie sie mit einem Subjekt tanzt; ein anderer, als ihr vis-a-vis. An der Wand auf einem Stuhle sitzt ihre Mutter. Sie können sich vorstellen, wie kankaniert wurde! Das Mädchen wurde beschämt, verlegen, errötete, schließlich faßte sie es als Kränkung auf und begann zu weinen. Das Subjekt erfaßt sie, fängt an sie herumzuschwenken und vor ihr zu tanzen, ringsum lachen alle und -- ich habe das Publikum in solchen Augenblicken gern, mag es auch ein kankanierendes Publikum sein, -- schreien, -- >Geschieht mit Recht! Man soll keine Kinder hierherbringen!< Nun, ich pfiff darauf und mich ging es auch nichts an, ob sie sich logisch oder unlogisch, diese Menschen da, trösteten! Ich hatte mir meinen Plan sofort zurechtgelegt, setzte mich neben die Mutter hin und begann damit, daß ich auch fremd wäre, daß hier alle so unerzogen wären, daß sie nicht verstünden, wahre Vorzüge zu unterscheiden und die gebührende Achtung zu bewahren. Ich gab zu verstehen, daß ich viel Geld hätte, schlug vor, in meinem Wagen sie nach Hause zu bringen. Ich geleitete sie nach Hause und wurde mit ihnen bekannt, sie sind soeben angekommen und leben in einem kleinen möblierten Zimmer. Man teilte mir mit, daß sie meine Bekanntschaft, wie sie, so auch die Tochter bloß als eine große Ehre auffassen könnten; ich erfuhr, daß sie weder Haus noch Hof haben, und daß sie gekommen sind, um in irgend einer Behörde eine Sache durchzuführen; ich bot ihnen meine Dienste und Geld an; ich erfuhr auch, daß sie irrtümlicherweise zu diesem Tanzabend hingefahren sind, in der Annahme, daß man dort tatsächlich tanzen lehre. Ich bot meinerseits an, zu der Erziehung des jungen Mädchens beizutragen, sie französischen Unterricht und Tanzstunden nehmen zu lassen. Man nimmt es mit Begeisterung auf, hält es für eine Ehre, und ich verkehre bei ihnen noch immer. -- Wollen Sie mit mir zu ihnen hinfahren? -- Aber nicht gleich.«

»Lassen Sie, lassen Sie Ihre niederträchtigen, gemeinen Anekdoten, Sie verdorbener, gemeiner, wollüstiger Mensch!«

»Sehen Sie mal den Schiller, unsern Schiller! Où va-t-elle la vertu se nicher?{[20]} Wissen Sie, ich will Ihnen absichtlich solche Dinge erzählen, um Sie aufschreien zu hören. Es ist ein Genuß!«

»Und ob, bin ich mir denn jetzt nicht selbst lächerlich?« murmelte Raskolnikoff voll Wut.

Sswidrigailoff lachte aus vollem Halse; schließlich rief er Philipp, bezahlte seine Rechnung und begann sich fertig zu machen.

»Ich bin jetzt betrunken, assez causé!« sagte er, »es ist ein Genuß!«

»Das glaube ich,« rief Raskolnikoff aus, sich auch erhebend, »ist es denn für einen abgebrühten Wüstling kein Genuß, von solchen Erlebnissen zu erzählen, -- wobei er sich schon wieder mit unerhörten Absichten von derselben Art trägt, -- außerdem unter diesen Umständen und vor solch einem Menschen, wie ich es bin, ... das muß ein Genuß sein ... Es muß ihn förmlich heiß machen.«

»Und wenn die Sache so ist,« antwortete Sswidrigailoff ein wenig verwundert und betrachtete Raskolnikoff, »wenn dem so ist, so sind Sie auch selbst ein großer Zyniker. Sie enthalten wenigstens in sich ein ungeheures Material dazu. Sie können vieles verstehen, vieles ... und, Sie können auch vieles tun. Jedoch, genug darüber. Ich bedauere aufrichtig, daß ich mich nicht länger mit Ihnen unterhalten kann, aber Sie entgehen mir nicht ... Warten Sie nur ...«

Sswidrigailoff verließ das Restaurant. Raskolnikoff folgte ihm. Sswidrigailoff war nicht sehr stark berauscht; der Wein war ihm bloß auf einen Augenblick zu Kopf gestiegen und der Rausch verschwand mit jedem Augenblick mehr. Er hatte etwas äußerst wichtiges vor und sein Gesicht verfinsterte sich. Eine Erwartung regte ihn augenscheinlich auf und beunruhigte ihn. In den letzten Minuten ihres Zusammenseins wurde er plötzlich gegen Raskolnikoff gröber und spöttischer. Raskolnikoff hatte alles gemerkt und war auch in Unruhe geraten. Sswidrigailoff schien ihm sehr verdächtig; er beschloß ihm nachzugehen.

Sie gelangten auf das Trottoir.

»Sie müssen nach rechts, ich aber nach links, oder vielleicht auch umgekehrt, also -- adieu bon plaisir{[21]}, auf freudiges Wiedersehen!«

Und er ging nach rechts dem Heumarkte zu.

V.

Raskolnikoff folgte ihm.

»Was ist das!« rief Sswidrigailoff, »ich habe Ihnen doch gesagt ...«

»Das bedeutet, daß ich Ihnen jetzt folgen werde.«

»Wa--as?«

Beide blieben stehen und blickten einander eine Minute lang an, als ob sie sich messen wollten.

»Aus allen Ihren halbbetrunkenen Erzählungen,« sagte Raskolnikoff scharf, »habe ich eins positiv entnommen, daß Sie nicht bloß Ihre niederträchtigen Pläne gegen meine Schwester nicht aufgegeben haben, sondern daß Sie sich mehr als je damit abgeben. Ich weiß, daß meine Schwester heute früh einen Brief empfangen hat. Sie konnten die ganze Zeit nicht ruhig sitzen ... Sie konnten gewiß irgend eine Frau auf der Straße aufgegabelt haben, aber das hat nichts zu sagen. Ich will mich persönlich überzeugen ...«

Raskolnikoff hätte schwerlich sagen können, was er jetzt wünschte, und wovon er sich persönlich überzeugen wollte.

»So! Wollen Sie, ich werde sofort die Polizei rufen?«

»Rufen Sie die Polizei!«

Wieder standen sie eine Minute lang einander gegenüber. Schließlich veränderte sich das Gesicht Sswidrigailoffs. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß Raskolnikoff seine Drohung nicht fürchtete, nahm er plötzlich eine sehr lustige und freundliche Miene an.

»Wie sonderbar Sie sind! Ich habe absichtlich mit Ihnen kein Wort über Ihre Sache gesprochen, obwohl mich selbstverständlich die Neugier plagt. Es ist eine phantastische Geschichte. Ich hätte es bis auf ein andermal verschoben, aber wirklich, Sie sind fähig, einen Toten zu reizen ... Nun, gehen wir, ich sage Ihnen aber im voraus, -- ich gehe jetzt bloß auf einen Augenblick nach Hause, um Geld zu holen; dann schließe ich die Wohnung ab, nehme eine Droschke und fahre für den ganzen Abend auf die Insel. Wollen Sie mir da folgen?«

»Ich gehe vorläufig in die Wohnung mit, und auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ssofja Ssemenowna, um mich zu entschuldigen, daß ich nicht beim Begräbnis war.«

»Tun Sie, wie Sie wünschen, aber Ssofja Ssemenowna ist nicht zu Hause. Sie ist mit allen Kindern zu einer Dame gegangen, zu einer sehr vornehmen alten Dame, zu einer alten Bekannten von mir aus früheren Zeiten, die Vorstandsmitglied von einigen Waisenanstalten ist. Ich habe diese Dame bezaubert, indem ich für alle drei Sprößlinge von Katerina Iwanowna Geld deponierte und außerdem den Anstalten eine Schenkung machte; schließlich erzählte ich ihr die Geschichte von Ssofja Ssemenowna, mit all ihren Einzelheiten, ohne etwas zu verheimlichen. Das machte einen unbeschreiblichen Eindruck. Darum wurde auch Ssofja Ssemenowna für heute noch in das --sche Hotel bestellt, wo, aus der Sommerfrische kommend, meine Dame einstweilen abgestiegen ist.«

»Tut nichts, ich werde doch zu ihr gehen.«

»Wie Sie wollen, ich bin Ihnen bloß kein Weggenosse; mir ist's einerlei. Wir sind gleich da. Sagen Sie mir, ich bin überzeugt, daß Sie mich aus dem Grunde so argwöhnisch betrachten, weil ich selbst so zartfühlend war und Sie bis jetzt mit Fragen nicht belästigt habe ... Sie verstehen mich? Ihnen erschien dies ungewöhnlich; ich gehe eine Wette ein, daß es so ist! Nun, da soll man noch zartfühlend sein.«

»Und an der Türe horchen!«

»Ah, Sie meinen damals!« lachte Sswidrigailoff, »ja, ich würde erstaunt sein, wenn Sie nach all dem vorher Gesagten dieses nicht erwähnt hätten. Ha! ha! Ich habe wohl einiges davon verstanden, was Sie damals ... dort ... losgelassen und Ssofja Ssemenowna selbst erzählt haben, aber was ist es denn eigentlich? Ich bin vielleicht ein vollkommen zurückgebliebener Mensch und kann schon nichts mehr begreifen. Erklären Sie es mir um Gotteswillen, mein Lieber! Erleuchten Sie mich mit den allerneuesten Ideen!«

»Sie konnten nichts gehört haben, Sie lügen!«

»Ja, ich meine gar nicht dies, -- obwohl ich übrigens einiges auch gehört habe, -- nein, ich meine, daß Sie immer ächzen und stöhnen! Der Schiller in Ihnen wird alle Augenblicke rebellisch. Jetzt sagen Sie auch, man soll nicht an fremden Türen lauschen. Wenn das Ihre Meinung ist, so gehen Sie doch und sagen den Behörden, daß mit Ihnen solch ein Kasus geschehen ist, -- in der Theorie nur ist ein kleiner Irrtum unterlaufen. Wenn Sie aber überzeugt sind, daß man bei fremden Türen nicht lauschen darf, aber alte Weiber zu seinem Vergnügen umbringen kann, so fahren Sie schnell irgendwohin nach Amerika! Fliehen Sie, junger Mann! Vielleicht ist noch Zeit dazu. Ich sage es Ihnen aufrichtig. Haben Sie etwa kein Geld? Ich will Ihnen zur Reise geben.«

»Ich denke gar nicht daran,« unterbrach ihn Raskolnikoff mit Widerwillen.

»Ich verstehe Sie; Sie brauchen sich übrigens keine Mühe zu geben, -- wenn Sie nicht wollen, sprechen Sie doch nicht. Ich verstehe, was für Fragen in Ihnen auftauchen, -- etwa moralische? Die Bedenken eines Staatsbürgers und Menschen? Lassen Sie sie lieber fallen; wozu brauchen Sie jetzt diese Fragen und Bedenken? He--he--he! Darum, weil Sie immer noch Staatsbürger und Mensch sind? Wenn das der Fall ist, so sollten Sie sich auch nicht hineingemischt haben; Sie sollten dann auch so etwas nicht unternommen haben. Nun, erschießen Sie sich; was, oder Sie haben keine Lust dazu?«

»Sie wollen mich, wie es mir scheint, absichtlich reizen, damit Sie mich jetzt loswerden ...«

»Sie sind ein komischer Kauz, wir sind ja schon da, bitte steigen Sie die Treppe hinauf. Sehen Sie, hier ist der Eingang zu Ssofja Ssemenowna, Sie sehen, es ist niemand da! Sie glauben nicht? Fragen Sie Kapernaumoff, sie gibt ihnen den Schlüssel ab. Da ist auch Madame de Kapernaumoff selbst. Was? Sie ist ein wenig taub. Ist fortgegangen? Wohin? Nun, Sie haben es jetzt gehört! Sie wird erst vielleicht spät am Abend zurückkehren. Nun, kommen Sie jetzt zu mir. Sie wollen doch auch zu mir kommen? Wir sind da. Madame Rößlich ist nicht zu Hause. Diese Frau hat ewig etwas vor, aber sie ist eine gute Frau, ich versichere Sie ... sie würde Ihnen vielleicht von Nutzen sein, wenn Sie ein wenig vernünftig sein würden. Nun, Sie sehen, -- ich nehme aus dem Schreibtisch dieses fünfprozentige Staatspapier, -- sehen Sie, wie viel ich noch übrig habe! -- und dieses wandert heute noch zu einem Bankier. Haben Sie gesehen? Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Der Schreibtisch wird abgeschlossen, die Wohnung ebenfalls, und wir sind wieder auf der Treppe. Wollen wir eine Droschke nehmen? Ich fahre doch hinaus auf die Insel. Wollen Sie nicht ein Stück spazieren fahren? Ich nehme diese Droschke zur Jelagin-Insel, was? Sie wollen nicht? Haben doch nicht bis zu Ende ausgehalten? Fahren Sie mit, tut nichts. Es scheint, ein Regen zieht auf, tut nichts, wir lassen das Verdeck herab ...«

Sswidrigailoff saß schon im Wagen. Raskolnikoff kam zu der Überzeugung, daß sein Verdacht wenigstens in diesem Augenblicke ungerecht sei. Ohne ein Wort zu sagen, drehte er sich um und ging in der Richtung zum Heumarkte zurück. Hätte er sich wenigstens ein einziges Mal umgedreht, so würde er gesehen haben, wie Sswidrigailoff nach etwa hundert Schritten die Droschke fortschickte und sich auf dem Trottoir befand. Aber er konnte schon nichts mehr sehen und war um die Ecke eingebogen. Ein tiefer Abscheu zog ihn von Sswidrigailoff fort. »Und ich konnte nur einen Augenblick irgend etwas von diesem rohen Bösewicht, von diesem ekelhaften Wüstling und Schurken erwarten!« rief er unwillkürlich aus. Freilich, Raskolnikoffs Urteil war übereilt und leichtsinnig. Es war etwas in der ganzen Art Sswidrigailoffs, was ihm wenigstens eine gewisse Originalität, wenn nicht etwas Geheimnisvolles verlieh. Was aber seine Schwester betraf, war Raskolnikoff dennoch fest überzeugt, daß Sswidrigailoff sie nicht in Ruhe lassen würde. Aber es wurde ihm jetzt zu schwer und unerträglich, an dies alles zu denken und es sich zu überlegen!

Nach seiner Gewohnheit war er, als er allein geblieben war, schon nach den ersten zwanzig Schritten in tiefes Nachdenken versunken. Als er die Brücke betrat, blieb er plötzlich an dem Geländer stehen und begann in das Wasser zu blicken. Plötzlich stand Awdotja Romanowna hinter ihm.

Er war ihr am Brückeneingange begegnet, war aber vorbeigegangen, ohne sie zu sehen. Dunetschka hatte ihn noch nie in dieser Weise auf der Straße gesehen und war sehr überrascht. Sie blieb stehen und wußte nicht, ob sie ihn anrufen solle oder nicht? Da bemerkte sie Sswidrigailoff, der eilig aus der Richtung des Heumarktes kam.

Er schien sich ihr geheimnisvoll und vorsichtig zu nähern. Er betrat nicht die Brücke, sondern blieb seitwärts auf dem Fußsteig stehen und gab sich alle Mühe, daß Raskolnikoff ihn nicht bemerke. Dunja hatte er schon lange bemerkt und begann ihr Zeichen zu geben. Ihr schien es, als bäte er sie mit seinen Zeichen, den Bruder nicht anzurufen und ihn in Ruhe zu lassen.

Dunja tat auch so. Sie ging still um den Bruder herum und näherte sich Sswidrigailoff.

»Gehen wir schneller,« flüsterte ihr Sswidrigailoff zu. »Ich möchte nicht, daß Rodion Romanowitsch von unserer Zusammenkunft wisse. Ich sage Ihnen im voraus, daß ich mit ihm unweit von hier in einem Restaurant gesessen habe, wo er mich selbst aufgesucht hatte, und ich wurde ihn mit Mühe los. Er weiß aus irgend einem Grunde von meinem Briefe an Sie und argwöhnt etwas. Sie haben ihm sicher nichts gesagt? Wenn Sie es aber nicht gesagt haben, wer dann?«

»Jetzt sind wir schon um die Ecke,« unterbrach ihn Dunja, »jetzt kann mein Bruder uns nicht sehen. Ich erkläre Ihnen, daß ich mit Ihnen nicht weiter gehen werde. Sagen Sie mir alles gleich hier; man kann das alles auch auf der Straße sagen.«

»Erstens kann man dies auf keinen Fall auf der Straße sagen; zweitens, müssen Sie auch Ssofja Ssemenowna anhören; drittens, will ich Ihnen einige Dokumente zeigen ... Nun und schließlich, wenn Sie nicht einverstanden sind, zu mir zu kommen, so weigere ich mich, irgend welche Erklärungen zu geben und gehe sofort weg. Dabei bitte ich Sie, nicht zu vergessen, daß das sehr interessante Geheimnis Ihres geliebten Bruders sich vollkommen in meinen Händen befindet.«

Dunja blieb unentschlossen stehen und sah Sswidrigailoff mit einem durchbohrenden Blicke an.

»Was fürchten Sie,« bemerkte er ruhig, »eine Stadt ist kein Dorf. Und im Dorfe schon haben Sie mir mehr Schaden, als ich Ihnen, zugefügt, hier aber ...«

»Ist Ssofja Ssemenowna benachrichtigt?«

»Nein, ich habe ihr kein Wort darüber gesagt und bin auch nicht ganz sicher, ob sie jetzt zu Hause ist. Sie ist aber wahrscheinlich zu Hause. Sie hat heute ihre Stiefmutter beerdigt, -- das ist kein Tag, an dem man Besuche macht. Vorläufig will ich mit niemanden über diese Sache reden und bereue sogar teilweise, daß ich Ihnen davon mitgeteilt habe. Die geringste Unvorsichtigkeit ist in diesem Falle einer Denunzierung gleich. Ich wohne hier in diesem Hause da, wir nähern uns schon meiner Wohnung. Das ist der Hausknecht von unserem Hause; der Hausknecht kennt mich sehr gut; da grüßt er auch; er sieht, daß ich mit einer Dame komme und hat sicher sich schon Ihr Gesicht gemerkt, das aber kann Ihnen von Nutzen sein, falls Sie sich sehr fürchten und mir mißtrauen. Entschuldigen Sie, daß ich so derb rede. Ich habe mir ein paar möblierte Zimmer gemietet. Ssofja Ssemenowna wohnt Wand an Wand neben mir, auch in einem möblierten Zimmer. Der ganze Stock ist bewohnt. Warum sollen Sie sich denn fürchten, wie ein Kind? Oder bin ich so furchterregend?«

Sswidrigailoffs Gesicht verzog sich zu einem herablassenden Lächeln, aber es war ihm nicht lächerlich zumute. Sein Herz klopfte und der Atem stockte ihm in der Brust. Er sprach absichtlich lauter, um seine steigende Erregung zu verbergen, Dunja hatte gar nicht diese besondere Erregung bemerkt; sie war zu sehr durch seine Bemerkung gereizt, daß sie ihn fürchte wie ein Kind und daß er ihr so furchtbar sei.

»Obwohl ich weiß, daß Sie ein Mensch ... ohne Ehre sind, fürchte ich mich doch gar nicht vor Ihnen. Gehen Sie voran,« sagte sie scheinbar ruhig, aber mit bleichem Gesichte.

Sswidrigailoff blieb an Ssonjas Wohnung stehen.

»Erlauben Sie mir, mich zu erkundigen, ob sie zu Hause ist ... Sie ist nicht da. Das ist ein Mißgeschick. Aber ich weiß, daß sie sehr bald zurückkehren wird. Wenn sie ausgegangen ist, so ist sie höchstens zu einer Dame wegen der Waisen. Ihre Mutter ist gestorben. Ich habe mich hier hineingemischt und Anordnungen getroffen. Wenn Ssofja Ssemenowna nach zehn Minuten nicht zurückkehren sollte, so schicke ich sie selbst zu Ihnen hin, wenn Sie wünschen, noch heute; und nun, das ist meine Wohnung. Das sind meine zwei Zimmer. Hinter der Türe wohnt meine Wirtin, Frau Rößlich. Jetzt blicken Sie bitte hierher, ich will Ihnen meine Hauptdokumente zeigen, -- aus meinem Schlafzimmer führt diese Tür in zwei vollkommen leere Zimmer, die zu vermieten sind. Das sind sie ... dieses müssen Sie etwas aufmerksam betrachten ...«

Sswidrigailoff bewohnte zwei möblierte ziemlich geräumige Zimmer. Dunetschka sah mißtrauisch um sich, aber bemerkte nichts besonderes, weder in der Ausstattung noch in der Lage der Zimmer, obgleich man schon etwas bemerken konnte, zum Beispiel, daß Sswidrigailoffs Wohnung zwischen zwei anderen fast unbewohnten Wohnungen lag. Der Eingang zu ihm war nicht direkt vom Korridor aus, sondern durch zwei fast leere Zimmer der Wirtin. Vom Schlafzimmer aus zeigte Sswidrigailoff Dunetschka, nachdem er eine verschlossene Türe geöffnet hatte, eine andere leere Wohnung, die zu vermieten war. Dunetschka blieb auf der Schwelle stehen, ohne zu verstehen, warum man sie aufforderte, das anzusehen, aber Sswidrigailoff beeilte sich, eine Erklärung abzugeben.

»Sehen Sie dieses zweite große Zimmer. Merken Sie sich diese Türe, sie ist verschlossen. Neben der Türe steht ein Stuhl, der einzige Stuhl in beiden Zimmern. Ich habe ihn aus meiner Wohnung hierher gebracht, um bequemer zuzuhören. Gleich hinter dieser Tür steht der Tisch von Ssofja Ssemenowna; dort saß sie und sprach mit Rodion Romanowitsch. Ich aber lauschte hier, auf dem Stuhl sitzend, zwei Abende nacheinander und beide Male gegen zwei Stunden, -- und selbstverständlich konnte ich einiges erfahren, was meinen Sie?«

»Sie haben gelauscht?«

»Ja, ich habe gelauscht, jetzt wollen wir zu mir gehen; hier kann ich Ihnen keinen Platz anbieten.«

Er führte Awdotja Romanowna in das erste Zimmer zurück, das ihm als Salon diente, und bat sie, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich ans andere Ende des Tisches hin, wenigstens zwei Meter von ihr entfernt, doch in seinen Augen leuchtete schon dasselbe Feuer, das einst Dunetschka so erschreckt hatte. Sie zuckte zusammen und blickte sich noch einmal mißtrauisch um. Ihre Bewegung war unwillkürlich; sie wollte offenbar ihr Mißtrauen nicht zeigen. Aber die Lage von Sswidrigailoffs Wohnung hatte sie schließlich überrascht. Sie wollte ihn fragen, ob wenigstens seine Wirtin zu Hause sei, aber sie frug ... aus Stolz nicht. Außerdem war in ihrem Herzen ein anderer unermeßlich größerer Kummer, als die Angst für sich. Sie litt unerträglich.

»Hier haben Sie Ihren Brief,« begann sie und legte den Brief auf den Tisch. -- »Ist es denn möglich, was Sie schreiben? Sie deuten ein Verbrechen an, das angeblich mein Bruder verübt hat. Sie deuten es zu klar an, Sie dürfen jetzt keine Ausreden gebrauchen. Sie sollen auch wissen, daß ich vor Ihnen schon von diesem dummen Märchen gehört habe, und keinem einzigen Worte davon glaube. Es ist ein niederträchtiger und lächerlicher Verdacht. Ich kenne die Geschichte, und wie und warum sie entstanden ist. Sie können keine Beweise haben. Sie haben versprochen, es mir zu beweisen, -- reden Sie doch! Aber Sie sollen im voraus wissen, daß ich Ihnen nicht glaube! Ich glaube nicht!«

Dunetschka sagte dies sehr schnell, und auf einen Augenblick stieg ihr das Blut ins Gesicht.

»Wenn Sie nicht glauben würden, könnte es denn passiert sein, daß Sie es riskiert hätten, allein zu mir herzukommen? Warum sind Sie denn gekommen? Aus bloßer Neugier?«

»Quälen Sie mich nicht, sprechen Sie, sprechen Sie!«

»Es ist nicht zu leugnen, daß Sie ein tapferes Mädchen sind. Bei Gott, ich dachte, daß Sie Herrn Rasumichin bitten werden, Sie hierher zu begleiten. Aber er war weder mit Ihnen noch in Ihrer Nähe, ich habe mich umgesehen, -- das ist kühn; Sie wollten also Rodion Romanowitsch schonen. Ach, alles ist an Ihnen göttlich ... Was Ihren Bruder anbetrifft, was soll ich Ihnen da sagen? Sie haben ihn soeben selbst gesehen. Wie er aussieht?«

»Ihre Gründe ruhen doch nicht darauf allein?«

»Nein, nicht darauf, sondern auf seinen eigenen Worten. Er war zweimal nacheinander hierher zu Ssofja Ssemenowna gekommen. Ich habe Ihnen gezeigt, wo sie gesessen haben. Er hat ihr eine volle Beichte abgelegt. Er ist ein Mörder. Er hat eine alte Beamtenwitwe, eine Wucherin ermordet, bei der er auch selbst Sachen versetzt hatte; er hat auch ihre Schwester, eine Händlerin, dem Namen nach Lisaweta, ermordet, die zufällig während der Ermordung der Schwester eingetreten war. Er hat sie beide mit einem Beile, das er mitgebracht hatte, erschlagen. Er hatte sie getötet, um sie zu berauben, und hat auch geraubt, -- er hat Geld und einige Sachen genommen ... Er hat das alles selbst Wort für Wort Ssofja Ssemenowna mitgeteilt, die allein auch sein Geheimnis kennt, die aber an dem Morde weder durch Tat noch Wort teilgenommen hat und die im Gegenteil ebenso sich entsetzte, wie auch Sie jetzt. Seien Sie ruhig, sie wird ihn nicht verraten.«

»Das kann nicht sein!« murmelte Dunetschka mit blassen trockenen Lippen; sie rang nach Atem, »es kann nicht sein, es gibt keinen, nicht den geringsten Grund, keinen Anlaß ... Das ist Lüge! Eine Lüge!«

»Er hat geraubt, das ist der ganze Grund. Er hat Geld und Sachen genommen. Es ist wahr, er hat nach seinem eigenen Geständnis weder vom Gelde, noch von den Sachen einen Gebrauch gemacht, sondern sie irgendwo unter einem Stein versteckt, wo sie auch jetzt noch liegen. Aber deshalb, weil er nicht wagte, davon Gebrauch zu machen.«

»Ja, ist es denn zu glauben, daß er stehlen, rauben konnte. Daß er bloß daran denken konnte?« rief Dunja und sprang von ihrem Stuhle auf. -- »Sie kennen ihn doch, haben ihn gesehen? Kann er denn ein Dieb sein?«

Es war, als flehe sie Sswidrigailoff an; sie hatte ihre ganze Furcht vergessen.

»Hier gibt es, Awdotja Romanowna, tausende und Millionen von Kombinationen und Arten. Ein Dieb stiehlt, er weiß dafür auch selbst, daß er ein Schuft ist; ich hörte aber zum Beispiel von einem sehr anständigen Herrn, der die Post beraubt hatte; wer weiß, vielleicht glaubte er auch tatsächlich, daß er eine anständige Sache getan hat. Selbstverständlich hätte ich es auch selbst nicht geglaubt, ebenso wenig wie Sie, wenn es mir andere gesagt hätten. Meinen eigenen Ohren aber habe ich geglaubt. Er hat Ssofja Ssemenowna auch alle Gründe erklärt; aber auch sie hatte zuerst ihren Ohren nicht getraut, jedoch den Augen, ihren eigenen Augen hatte sie schließlich glauben müssen. Er hat ihr es doch persönlich mitgeteilt.«

»Was waren es für ... Gründe?«

»Es ist eine lange Geschichte, Awdotja Romanowna. Es spielt hierbei, wie soll ich es Ihnen erklären, eine Art Theorie mit, es ist dasselbe, warum ich zum Beispiel finde, daß eine einzelne Freveltat erlaubt ist, wenn der Hauptzweck gut ist. Ein einziges böses und hundert gute Werke! Es ist auch sicher für einen jungen Mann mit Vorzügen und unermeßlichem Ehrgeiz kränkend, zu wissen, daß seine ganze Karriere, die ganze Zukunft, seine Lebensziele sich anders gestalten würden, wenn er bloß dreitausend hätte; aber er hat sie eben nicht. Fügen Sie dazu, was ihn reizen mußte: der Hunger, die enge Wohnung, seine Lumpen, das starke Bewußtsein seiner großen sozialen Not und gleichzeitig die Lage seiner Schwester und Mutter. Am meisten aber Eitelkeit und Stolz, übrigens aber Gott weiß, vielleicht auch gute Eigenschaften ... Ich klage ihn nicht an, glauben Sie; ja und mich geht es auch nichts an. Er hatte auch hierbei eine eigene Theorie, -- eine annehmbare Theorie, -- nach der die Menschen in Material und besondere Menschen eingeteilt werden, d. h. solche Menschen, für die das Gesetz, dank ihrer hohen Veranlagung, nicht geschrieben ist, die vielmehr selbst Gesetze für die übrigen Menschen, für das Material, für den Kehricht geben. Es ist nicht übel, eine passable Theorie, -- une théorie comme une autre{[22]}. Vor allem hat ihn Napoleon begeistert, d. h., eigentlich noch mehr der Umstand, daß es genialen Menschen auf eine einzelne böse Tat nicht ankam, sondern daß sie ohne groß nachzudenken, darüber hinwegkamen. Es scheint mir, er hat sich eingebildet, auch ein genialer Mensch zu sein, -- das will sagen, er war davon eine Zeitlang überzeugt. Er hat sehr viel gelitten und leidet jetzt unter dem Gedanken, daß er verstanden hatte, sich eine Theorie auszudenken, aber nicht imstande war, ohne Nachdenken darüber hinwegzukommen und somit kein genialer Mensch sei. Und das ist für einen jungen Mann voll Ehrgeiz erniedrigend genug, in unserem Zeitalter besonders ...«

»Und Gewissensbisse? Sie sprechen ihm also jedes sittliche Gefühl ab? Ja, ist es denn so?«

»Ach, Awdotja Romanowna, jetzt hat sich bei ihm alles getrübt, d. h., er war übrigens wohl nie in völliger Ordnung. Die Russen sind überhaupt großangelegte Naturen, Awdotja Romanowna, sie sind ebenso großangelegt, wie ihr Land und haben eine äußerst starke Neigung zum Phantastischen, Extravaganten; es ist aber ein Unglück, großangelegt zu sein, ohne wirklich genial zu sein. Erinnern Sie sich, wie viel wir in dieser Art und über dieses Thema gesprochen haben, wenn wir Abends auf der Terrasse im Garten jedesmal nach dem Essen saßen. Sie haben mir auch dieses Großangelegtsein vorgeworfen. Wer weiß, vielleicht sprachen wir gerade in der Zeit darüber, als er hier lag und über dasselbe grübelte. Bei uns in der gebildeten Gesellschaft gibt es doch keine besonders heiligen Überlieferungen, Awdotja Romanowna, -- kommt wohl vor, daß sich jemand irgendwie es aus den Büchern zusammenstellt ... oder etwas aus alten Chroniken hervorholt. Aber das sind doch meistenteils Gelehrte und, wissen Sie, in ihrer Art alle Schlafmützen, so daß es sogar für einen Mann aus der Gesellschaft unpassend ist. Übrigens, meine Ansichten kennen Sie im allgemeinen, ich klage entschieden niemand an. Ich bin selbst Nichtstuer und halte mich daran. Wir haben ja mehr als einmal darüber gesprochen. Ich hatte sogar das Glück, Sie für meine Meinungen zu interessieren ... Sie sind sehr blaß, Awdotja Romanowna!«

»Ich kenne seine Theorie. Ich habe seinen Artikel in der Zeitschrift über Menschen, denen alles erlaubt ist, gelesen ... Rasumichin hat ihn mir gebracht ...«

»Herr Rasumichin? Den Artikel Ihres Bruders? In einer Zeitschrift? Gibt es solch einen Artikel? Ich wußte es nicht. Das ist interessant! Aber wohin wollen Sie denn, Awdotja Romanowna!«

»Ich will Ssofja Ssemenowna sehen,« sagte Dunetschka mit schwacher Stimme. -- »Wie kann ich zu ihr kommen? Sie ist vielleicht zurückgekommen; ich will sie unbedingt sofort sehen. Mag sie ...«

Awdotja Romanowna konnte nicht zu Ende sprechen; der Atem verging ihr buchstäblich.

»Ssofja Ssemenowna wird vor Anbruch der Nacht nicht zurückkehren. Ich nehme es an. Sie mußte gleich zurückkommen, sonst kommt sie sehr spät ...«

»Ah, also du lügst! Ich sehe ... du hast gelogen ... du hast alles gelogen! ... Ich glaube dir nicht! Ich glaube nicht! Ich glaube nicht!« schrie Dunetschka in wahrer Wut und verlor vollkommen den Kopf.

Sie fiel fast ohnmächtig auf einen Stuhl hin, den Sswidrigailoff sich beeilte, ihr unterzuschieben.

»Awdotja Romanowna, was ist mit Ihnen, kommen Sie zu sich! Hier ist Wasser! Trinken Sie einen Schluck ...«

Er bespritzte sie mit Wasser. Dunetschka fuhr zusammen und kam zu sich.

»Es hat stark gewirkt!« murmelte Sswidrigailoff vor sich hin und sein Gesicht verdüsterte sich. -- »Awdotja Romanowna, beruhigen Sie sich! Vergessen Sie nicht, daß er Freunde hat. Wir werden ihn retten, herausreißen. Wenn Sie es wollen, bringe ich ihn ins Ausland? Ich habe Geld; in drei Tagen verschaffe ich einen Reisepaß. Und was das anbetrifft, daß er getötet hat, so wird er noch so viel Gutes tun, so daß dies alles sich ausgleichen wird; beruhigen Sie sich. Er kann noch ein großer Mann werden. Wie geht's mit Ihnen? Wie fühlen Sie sich?«

»Sie böser Mensch! Er verspottet es noch. Lassen Sie mich ...«

»Wohin? Wohin wollen Sie?«

»Zu ihm. Wo ist er? Sie wissen es? Warum ist diese Tür verschlossen? Wir sind durch diese Tür hereingekommen und jetzt ist sie verschlossen. Wann haben Sie sie abschließen können?«

»Man konnte doch nicht durch alle Zimmer schreien, was wir hier sprachen. Ich spotte gar nicht; ich bin bloß überdrüssig, diese Sprache zu führen. Nun, wohin wollen Sie in diesem Zustande gehen? Oder wollen Sie ihn verraten? Sie bringen ihn in Wut und er wird sich selbst anzeigen. Sie sollen wissen, daß man ihn schon verfolgt, daß man auf seine Spur gekommen ist. Sie werden ihn bloß verraten. Warten Sie, -- ich habe ihn gesehen und mit ihm soeben gesprochen; man kann ihn noch retten. Warten Sie, setzen Sie sich, überlegen wir es zusammen. Ich habe Sie auch darum gerufen, um mit Ihnen allein darüber zu sprechen und alles gut zu überlegen. Ja, setzen Sie sich doch!«

»Wie können Sie ihn retten? Kann man ihn denn retten?«

Dunja setzte sich. Sswidrigailoff setzte sich neben sie.

»Das alles hängt von Ihnen ab, von Ihnen, von Ihnen allein,« begann er mit funkelnden Augen, fast im Flüstertone, verwirrt und manche Worte vor Erregung nicht aussprechend.

Dunja wich erschrocken vor ihm zurück. Er zitterte auch am ganzen Körper.

»Sie ... ein einziges Wort von Ihnen, und er ist gerettet! Ich ... ich werde ihn retten. Ich habe Geld und Freunde. Ich werde ihn sofort ins Ausland senden, ich selbst nehme den Reisepaß, zwei Reisepässe. Den einen für ihn, den anderen für mich. Ich habe Freunde; ich habe Geschäftsleute an der Hand ... Wollen Sie? Ich will auch für Sie einen Reisepaß nehmen ... für Ihre Mutter ... wozu brauchen Sie Rasumichin? Ich liebe Sie auch ... Ich liebe Sie grenzenlos. Lassen Sie mich den Saum Ihres Kleides küssen, lassen Sie mich! Lassen Sie mich! Ich kann nicht hören, wie es rauscht. Sagen Sie zu mir, -- tue das, und ich will es tun! Ich will alles tun! Ich will das Unmöglichste tun! Woran Sie glauben, will ich auch glauben! Ich will alles, alles tun! Sehen Sie mich, sehen Sie mich nicht so an! Wissen Sie es auch, daß Sie mich töten ...«

Er fing selbst an zu phantasieren. Mit ihm war plötzlich etwas geschehen, als wäre es ihm zu Kopfe gestiegen. Dunja sprang auf und stürzte zur Türe.

»Öffnen Sie! Öffnen Sie!« schrie sie durch die Türe, als riefe sie jemand zu Hilfe und rüttelte an der Türe. -- »Öffnen Sie doch! Ist denn niemand da!«

Sswidrigailoff war aufgestanden und zur Besinnung gekommen. Ein boshaftes und spöttisches Lächeln zeigte sich langsam auf seinen noch bebenden Lippen.

»Niemand ist dort zu Hause,« sagte er leise und mit Nachdruck, »die Wirtin ist fortgegangen, und es ist unnütze Mühe, so zu schreien, -- Sie regen sich bloß unnütz auf.«

»Wo ist der Schlüssel? Öffne sofort die Türe, sofort, du gemeiner Mensch!«

»Ich habe den Schlüssel verloren und kann ihn nicht finden.«

»Ah! Also das ist Gewalt!« rief Dunja aus, erblaßte wie der Tod und stürzte in eine Ecke, wo sie sich schleunigst mit einem Tischchen schützte, das ihr in die Hand fiel. Sie schrie nicht, aber sie bohrte sich mit den Blicken an ihren Peiniger fest und verfolgte scharf jede seiner Bewegungen. Sswidrigailoff rührte sich auch nicht vom Fleck und stand ihr gegenüber am anderen Ende des Zimmers. Er hatte sich gefaßt, wenigstens äußerlich. Aber sein Gesicht war, wie früher, bleich. Ein spöttisches Lächeln verließ es nicht.

»Sie sagten soeben >Gewalt<, Awdotja Romanowna. Wenn es Gewalt ist, so können Sie selbst begreifen, daß ich die nötigen Maßregeln getroffen habe. Ssofja Ssemenowna ist nicht zu Hause; bis zu Kapernaumoffs ist es sehr weit, fünf leere Zimmer liegen dazwischen. Schließlich bin ich wenigstens doppelt so stark, als Sie, und außerdem brauche ich nichts zu befürchten, denn Sie können auch nachher sich nicht beklagen, -- Sie werden doch nicht Ihren Bruder verraten wollen? Ja, und Ihnen wird auch niemand glauben, -- warum ist denn ein junges Mädchen allein zu einem alleinstehenden Herrn gegangen? Wenn Sie also auch Ihren Bruder opfern, so beweisen Sie noch lange nichts, -- eine Gewalttat ist schwer zu beweisen, Awdotja Romanowna.«

»Schuft!« flüsterte Dunja empört.

»Wie Sie wünschen, merken Sie sich, ich habe es bloß als eine Mutmaßung ausgesprochen. Meiner persönlichen Überzeugung nach aber haben Sie vollkommen recht, -- eine Gewalttat ist eine Schändlichkeit. Ich sagte es bloß, um zu beweisen, daß Ihr Gewissen nichts verliert, wenn Sie ... wenn Sie sich sogar entschließen sollten, Ihren Bruder freiwillig zu retten, wie ich es Ihnen angeboten habe. Sie haben sich bloß den Umständen gefügt, meinetwegen auch der Gewalt nachgegeben, wenn es sich ohne dieses Wort nicht auskommen läßt. Denken Sie darüber nach; das Schicksal Ihres Bruders und Ihrer Mutter liegt in Ihren Händen. Ich will aber Ihr Sklave sein ... mein ganzes Leben ... ich will hier Ihre Entscheidung erwarten ...«

Sswidrigailoff setzte sich auf das Sofa hin, etwa acht Schritte von Dunja entfernt. Für sie gab es nicht den geringsten Zweifel an seinem unerschütterlichen Entschlusse. Außerdem kannte sie ihn ...

Plötzlich holte sie aus ihrer Tasche einen Revolver hervor, spannte den Hahn und ließ die Hand mit dem Revolver auf den Tisch sinken. Sswidrigailoff sprang von seinem Platz auf.

»Aha! So ist die Geschichte!« rief er verwundert aus und lächelte hämisch. »Nun, das ändert vollkommen die Sache! Sie erleichtern mir wesentlich die Sache, Awdotja Romanowna! Ja, woher haben Sie sich diesen Revolver verschafft? Etwa von Herrn Rasumichin? Bah! Der Revolver gehört ja mir! Ein alter Bekannter von mir! Und ich habe ihn damals so gesucht! ... Unser Schießunterricht auf dem Lande, den ich die Ehre hatte, zu erteilen, ist nicht unnütz gewesen.«

»Es ist nicht dein Revolver, sondern Marfa Petrownas, die du ermordet hast, du Bösewicht! Du hattest nichts eigenes in ihrem Hause. Ich nahm ihn, als ich zu ahnen begann, wozu du fähig bist. Wage bloß einen Schritt zu machen und ich schwöre dir, -- ich erschieße dich!«

Dunja war außer sich. Den Revolver hielt sie bereit.

»Nun, und Ihr Bruder? Ich frage aus Neugier?« sagte Sswidrigailoff und stand immer noch auf derselben Stelle.

»Zeige ihn an, wenn du willst! Nicht vom Platze! Rühr dich nicht! Ich werde schießen! Du hast deine Frau vergiftet, ich weiß es, du bist selbst ein Mörder!«

»Sind Sie fest davon überzeugt, daß ich Marfa Petrowna vergiftet habe?«

»Du hast! Du hast mir es selbst angedeutet; du hast mir von Gift gesprochen ... ich weiß, du hast dir Gift verschafft ... Du hattest alles vorbereitet ... Du hast es unbedingt getan ... Schuft!«

»Wenn es auch wahr wäre, so habe ich es doch deinetwegen ... du warst doch die Ursache!«

»Du lügst! Ich habe dich stets, stets gehaßt ...«

»Na, Awdotja Romanowna! Sie scheinen vergessen zu haben, wie Sie in der Hitze der Propaganda geneigter wurden und dahinschmolzen ... Ich habe es an den Augen gemerkt, erinnern Sie sich eines Abends, der Mond schien und eine Nachtigall trillerte?«

»Du lügst!« in Dunjas Augen funkelte Wut, »du lügst, Verleumder!«

»Ich lüge? Nun, meinetwegen, ich lüge. Ich habe gelogen. Frauen soll man an diese Dinge nicht erinnern.« -- Er lächelte halb. -- »Ich weiß, daß du schießen wirst, du schönes, wildes Tier! Nun, schieße doch!«

Dunja erhob den Revolver und sah ihn totenblaß, mit kreidebleichen bebenden Lippen, mit großen schwarzen, feurig funkelnden Augen entschlossen an und wartete die erste Bewegung von ihm ab. Noch niemals hatte er sie so schön gesehen. Das Feuer, das in ihren Augen in dem Augenblick aufleuchtete, als sie den Revolver erhob, schien ihn verbrannt zu haben, und sein Herz zog sich schmerzlicher zusammen. Er tat einen Schritt und ein Schuß knallte. Die Kugel streifte seine Haare und traf die Wand hinter ihm. Er blieb stehen und lachte leise.

»Eine Wespe hat gestochen! Sie zielt auf den Kopf ... Was ist das? Blut!« -- Er zog ein Taschentuch hervor, um das Blut abzuwischen, das ganz fein an seiner rechten Schläfe herunterrann; wahrscheinlich hatte die Kugel die Haut seines Schädels geritzt. Dunja ließ den Revolver sinken und sah Sswidrigailoff nicht etwa erschreckt, sondern stutzig an. Es war, als begreife sie selbst nicht, was sie getan hatte und was vorgegangen war!

»Nun, das ging vorbei! Schießen Sie noch einmal, ich warte,« sagte Sswidrigailoff leise, finster lächelnd. »So kann ich Sie packen, ehe Sie den Hahn noch einmal aufspannen!«

Dunetschka fuhr zusammen, spannte schnell den Hahn und erhob wieder den Revolver.

»Lassen Sie mich!« sagte sie voll Verzweiflung. »Ich schwöre es Ihnen, ich werde von neuem schießen ... Ich ... werde Sie erschießen! ...«

»Nun was ... auf drei Schritte muß man auch treffen können. Nun, wenn Sie aber mich nicht erschießen ... dann ...« -- Seine Augen funkelten und er trat noch zwei Schritte näher.

Dunetschka drückte ab, -- die Waffe versagte!

»Sie haben nicht gut geladen. Tut nichts! Sie haben noch eine Patrone drin. Bringen Sie es in Ordnung, ich will warten.«

Er stand zwei Schritte vor ihr, wartete und sah sie voll wilder Entschlossenheit mit einem leidenschaftlichen und schweren Blicke an. Dunja begriff, daß er eher sterben würde, als daß er sie losließ. »Und sie ... wird ihn jetzt sicher auf zwei Schritte Entfernung töten! ...«

Plötzlich schleuderte sie den Revolver fort.

»Hat ihn fortgeworfen!« sagte Sswidrigailoff und holte tief Atem. Etwas schien mit einem Male sich von seinem Herzen losgelöst zu haben, und es war vielleicht nicht bloß die Last der Todesangst, -- es war auch fraglich, ob er sie in diesem Augenblicke empfunden hatte. Es war eine Erlösung von einem anderen, mehr kummervollen und düsteren Gefühle, das er selbst nicht in seiner ganzen Macht definieren konnte.

Er trat an Dunja heran und legte still seinen Arm um ihre Taille. Sie widersetzte sich ihm nicht, aber sie blickte ihn, am ganzen Körper wie ein Blatt bebend, mit flehenden Augen an. Er wollte etwas sagen, seine Lippen aber verzogen sich bloß und er konnte nichts sprechen.

»Laß mich!« sagte Dunja flehend.

Sswidrigailoff zuckte zusammen, -- dieses du war in einer anderen Weise, als vorhin, gesagt.

»Also du liebst mich nicht?« fragte er leise.

Dunja schüttelte verneinend den Kopf.

»Und ... kannst auch nicht? ... Niemals?« flüsterte er verzweifelt.

»Niemals!« antwortete Dunja im Flüstertone.

Es war der Moment eines schrecklichen stummen Kampfes in Sswidrigailoffs Seele. Mit einem unaussprechlichen Blicke sah er sie an. Plötzlich zog er seine Hand zurück, wandte sich ab, ging schnell zum Fenster und stellte sich dort hin.

Noch ein Augenblick verging.

»Hier ist der Schlüssel zur Türe!« er nahm ihn aus der linken Tasche seines Mantels hervor und legte ihn auf den Tisch hinter sich, ohne Dunja anzublicken und ohne sich umzudrehen. -- »Nehmen Sie ihn; gehen Sie schnell fort! ...«

Er sah starr zum Fenster hinaus.

Dunja trat an den Tisch, um den Schlüssel zu nehmen.

»Schneller! Schneller!« wiederholte Sswidrigailoff, ohne sich zu rühren und umzudrehen. Aber in diesem »schneller« klang deutlich ein schrecklicher Ton hindurch.

Dunja begriff, erfaßte den Schlüssel, stürzte zur Türe, schloß sie eilig auf und sprang aus dem Zimmer. Nach einer Minute lief sie schon, wie wahnsinnig, ganz außer sich den Kanal entlang in der Richtung zu der X-schen Brücke.

Sswidrigailoff blieb am Fenster noch etwa drei Minuten stehen, wandte sich endlich langsam um, warf einen Blick ins Zimmer und fuhr sich leise mit der Hand über die Stirn. Ein merkwürdiges Lächeln verzog sein Gesicht; es war ein klägliches, trauriges, schwaches Lächeln, ein Lächeln der Verzweiflung. Das Blut, das schon einzutrocknen begann, hatte seine Hand beschmutzt; er blickte das Blut zornig an; dann machte er ein Handtuch naß und wusch sich die Schläfe ab. Der Revolver, den Dunja von sich geworfen hatte und der zur Türe geflogen war, fiel ihm plötzlich in die Augen. Er hob ihn auf und besah ihn. Es war ein kleiner dreiläufiger Taschenrevolver alten Systems; es steckten noch zwei Patronen darin und eine Kapsel. Einmal konnte man noch daraus schießen. Er sann eine Weile nach, steckte den Revolver in die Tasche, nahm seinen Hut und ging hinaus.

VI.

Diesen ganzen Abend bis zehn Uhr zog er in allerhand Wirtshäusern und Spelunken umher. Irgendwo traf er auch Katja, die einen anderen Gassenhauer sang, von einem »Schuft und Tyrannen,« der

»Fing Katja an zu küssen«.

Sswidrigailoff gab Katja und dem Leiermann, den Chorsängern, den Kellnern und zwei Schreibern zu trinken. Diese Schreiber hatte er eigentlich bloß aufgefordert, weil sie beide schiefe Nasen besaßen, -- die Nase des einen stand nach rechts, die des anderen nach links. Das hatte Sswidrigailoffs Aufmerksamkeit erregt. Zuletzt schleppten sie ihn in eine Gartenwirtschaft mit, wo er für sie das Eintrittsgeld bezahlen mußte. Dieser Garten bestand aus einer dünnen dreijährigen Tanne und drei Sträuchern. Das Restaurant war im Grunde genommen nur ein Ausschank, man konnte aber auch Tee erhalten und es standen einige grüne Tische und Stühle dort. Ein Chor minderwertiger Sänger und ein betrunkener Deutscher aus München, eine Art Clown, mit roter Nase, der aber aus irgend einem Grunde sehr niedergeschlagen war, amüsierten das Publikum. Die Schreiber fingen mit einigen anderen Schreibern einen Streit an und schickten sich schon an, handgreiflich zu werden. Sswidrigailoff wurde von ihnen zum Schiedsrichter gewählt. Er waltete über eine Viertelstunde seines Amtes, aber sie schrien derartig, daß es nicht die geringste Möglichkeit gab, irgend etwas zu verstehen. Am wahrscheinlichsten war die Sache so -- einer von ihnen hatte etwas gestohlen und hatte Zeit gefunden, es sofort an Ort und Stelle einem Juden zu verkaufen, der sich zufällig eingefunden hatte, aber er wollte das Geld mit seinem Kameraden nicht teilen; es ergab sich schließlich, daß der verkaufte Gegenstand ein Teelöffel war, der dem Restaurant gehörte; man vermißte dort den Löffel und die Sache begann eine unangenehme Wendung zu nehmen. Sswidrigailoff bezahlte den Löffel, erhob sich und verließ den Garten. Es war gegen zehn Uhr. Er selbst hatte während der ganzen Zeit keinen einzigen Tropfen Wein getrunken und hatte in der Gartenwirtschaft sich nur Tee bestellt, und das nur, um überhaupt etwas zu nehmen. Der Abend war schwül und düster. Gegen zehn Uhr hatte sich der Himmel mit dunklen Wolken überzogen; es fing an zu donnern und der Regen strömte nieder. Das Wasser fiel nicht in Tropfen, sondern peitschte in ganzen Strömen die Erde. Es folgte Blitz auf Blitz. Ganz durchnäßt kam Sswidrigailoff nach Hause, schloß sich ein, öffnete seinen Schreibtisch, nahm sein ganzes Geld an sich und zerriß einige Papiere. Er steckte darauf das Geld in die Tasche, wollte seine Kleider wechseln, aber nachdem er zum Fenster hinausgeblickt und dem Gewitter und dem Regen gelauscht hatte, tat er es doch nicht, ergriff seinen Hut und ohne seine Wohnung abzuschließen, ging er hinaus und direkt zu Ssonja. Sie war zu Hause.

Sie war nicht allein; sie hatte die vier Kinder von Kapernaumoff um sich. Ssofja Ssemenowna gab ihnen Tee zu trinken. Sie begrüßte Sswidrigailoff schweigend und ehrerbietig, warf einen erstaunten Blick auf seine durchnäßten Kleider, sagte aber kein Wort. Die Kinder liefen sofort in unbeschreiblicher Furcht davon.

Sswidrigailoff setzte sich an den Tisch und bat Ssonja, neben ihm Platz zu nehmen. Sie schickte sich schüchtern an, ihm zuzuhören.

»Ssofja Ssemenowna, ich reise vielleicht nach Amerika,« sagte Sswidrigailoff, »und da wir uns wahrscheinlich zum letzten Male sehen, bin ich gekommen, einige Anordnungen zu treffen. Haben Sie heute diese Dame gesehen? Ich weiß, was sie Ihnen gesagt hat, Sie brauchen es mir nicht zu erzählen,« -- (Ssonja machte eine Bewegung und errötete.) -- »Diese Leute haben eine bestimmte Manier. Was Ihre Schwestern und Ihren Bruder anbetrifft, so sind sie untergebracht und das ihnen zukommende Geld habe ich für jeden gegen Quittung in sicherer Hand deponiert. Nehmen Sie übrigens diese Quittungen für jeden Fall an sich. Nehmen Sie sie! Das ist also erledigt. Hier sind drei fünfprozentige Obligationen, im ganzen dreitausend Rubel. Nehmen Sie das für sich, für sich ganz allein, und mag es unter uns bleiben, damit niemand etwas davon erfährt. Das Geld wird Ihnen von Nutzen sein, denn, Ssofja Ssemenowna, ein Leben, wie Sie es bisher lebten, ist schlimm und Sie haben es nicht nötig.«

»Sie haben mich mit so vielen Wohltaten überschüttet; auch die Waisen und die Verstorbene,« stammelte Ssonja, »wenn ich Ihnen bis jetzt so wenig gedankt habe, so ... halten Sie es nicht ...«

»Aber bitte, es ist nicht der Rede wert.«

»Und für dieses Geld danke ich Ihnen sehr, Arkadi Iwanowitsch, aber ich brauche es jetzt wirklich nicht. Ich kann immer für mich allein sorgen, halten Sie es nicht für Undank, -- wenn Sie schon gütig sind, so soll dieses Geld ...«

»Ihnen, Ssofja Ssemenowna, Ihnen soll es gehören, und bitte ohne viele Worte, denn ich habe auch keine Zeit dazu. Es wird Ihnen sehr von Nutzen sein. Rodion Romanowitsch hat zwei Auswege, -- entweder eine Kugel durch den Kopf oder Sibirien.« -- (Ssonja blickte ihn wild an und erbebte.) -- »Seien Sie ruhig, ich weiß alles von ihm selbst und bin kein Schwätzer; werde es niemand sagen. Sie haben gut daran getan, indem Sie ihm vorschlugen, -- er möge hingehen und sich selbst anzeigen. Das wird ihm bedeutend nützlicher sein. Nun, wenn der Ausweg Sibirien sein wird, werden Sie ihm doch folgen? Nicht wahr? Nicht wahr? Und dann wird Ihnen auch das Geld von Nutzen sein. Für ihn selbst werden Sie es brauchen, verstehen Sie? Indem ich es Ihnen überreiche, gebe ich es damit doch ihm. Außerdem haben Sie versprochen, auch die frühere Wirtin Amalie Iwanowna zu bezahlen; ich habe es gehört. Warum übernehmen Sie immer, Ssofja Ssemenowna, unüberlegt solche Verpflichtungen? Katerina Iwanowna war es doch dieser Deutschen schuldig geblieben, und nicht Sie, also sollten Sie auf die Deutsche pfeifen. In dieser Weise kann man auf der Welt nicht weiterkommen. Und wenn jemand morgen oder übermorgen nach mir fragen sollte, -- und man wird sich an Sie wenden, -- so erwähnen Sie nicht, daß ich jetzt bei Ihnen gewesen bin, und zeigen Sie in keinem Falle das Geld und sagen Sie niemandem, daß ich es Ihnen gegeben habe. Und jetzt auf Wiedersehen.« -- Er stand auf. -- »Grüßen Sie Rodion Romanowitsch. Nebenbei gesagt, -- übergeben Sie vorläufig das Geld meinetwegen Herrn Rasumichin zur Aufbewahrung. Kennen Sie Herrn Rasumichin? Sie kennen ihn sicher. Das ist ein kluger Bursche. Bringen Sie das Geld ihm morgen oder ... wenn Sie Zeit haben, hin. Vorläufig verstecken Sie es gut.« Er erhob sich.

Ssonja sprang ebenfalls vom Stuhle auf und blickte ihn erschrocken an. Sie wollte etwas sagen, etwas fragen, aber sie wagte es nicht gleich und wußte auch nicht, wie sie es anfangen sollte.

»... Wie, wollen Sie denn jetzt in solchem Regen ausgehen?«

»Nun, ich will nach Amerika reisen und soll mich vor einem Regen fürchten, he! he! Leben Sie wohl, liebe Ssofja Ssemenowna! Leben Sie und leben Sie lange, Sie werden anderen von Nutzen sein. Ja ... sagen Sie bitte Herrn Rasumichin, daß ich ihn grüßen lasse. Sagen Sie ihm, -- Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff läßt Sie grüßen, -- mit diesen Worten sagen Sie es ihm. Sagen Sie es unbedingt.«

Er ging fort und hinterließ Ssonja erstaunt und erschrocken in einer unklaren und drückenden Ahnung zurück.

Man erfuhr später, daß er am selben Abend, in der zwölften Stunde, noch einen sehr exzentrischen und unerwarteten Besuch gemacht hatte. Der Regen hatte noch immer nicht aufgehört. Ganz durchnäßt, trat er zwanzig Minuten nach elf in die kleine Wohnung der Eltern seiner Braut ein. Mit großer Mühe hatte er sich Einlaß verschafft und zuerst alle in große Aufregung versetzt; aber Arkadi Iwanowitsch konnte, wenn er wollte, ein Mann von bezauberndem Benehmen sein, so daß die ursprüngliche, übrigens sehr naheliegende Annahme der Eltern der Braut, daß Arkadi Iwanowitsch wahrscheinlich sich irgendwo stark berauscht habe und seiner selbst nicht mächtig sei, -- von selbst zunichte wurde. Den gelähmten Vater rollte in einem Sessel die mitleidige Mutter der Braut selbst zu Arkadi Iwanowitsch herein und begann nach ihrer Gewohnheit mit weitausholenden Fragen. Diese Frau stellte nie direkte Fragen, sondern lächelte und rieb sich die Hände zuerst, dann aber, wenn sie etwas unbedingt erfahren wollte, wie z. B., -- wann Arkadi Iwanowitsch den Wunsch habe, die Hochzeit zu bestimmen, so begann sie mit den neugierigsten Fragen über Paris und das dortige Hofleben, um schließlich langsam bis zu ihrer Wohnung in Petersburg zu gelangen. Zu anderer Stunde wurde dies alles ruhig hingenommen, aber jetzt war Arkadi Iwanowitsch zu ungeduldig und wünschte kategorisch seine Braut zu sehen, obgleich man ihm schon bei seinem Eintritt erklärt hatte, daß sie schon schlafe. Die Braut erschien selbstverständlich, und Arkadi Iwanowitsch teilte ihr sofort mit, daß er wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit auf eine Zeit lang Petersburg verlassen müsse, und aus diesem Grunde ihr fünfzehntausend Rubel in allerhand Papieren mitgebracht habe; er bat sie, dies als ein Geschenk von ihm anzunehmen, da er schon längst die Absicht gehabt habe, ihr diese Kleinigkeit schon vor der Hochzeit zu überreichen. Ein besonderer logischer Zusammenhang zwischen dem Geschenk und der unverzüglichen Abreise und der Notwendigkeit, deswegen in der Nacht bei Regen herzukommen, zeigte sich in keiner Weise bei seinen Erklärungen, jedoch es verlief alles sehr gut. Sogar die unvermeidlichen Ausrufe von »ach« und »wie,« das Fragen und Staunen wurden rasch gemäßigt und zurückgehalten; dafür aber wurde eine überströmende Dankbarkeit an den Tag gelegt und sogar von den Tränen der vernünftigsten aller Mütter unterstützt. Arkadi Iwanowitsch stand auf, lachte, küßte die Braut, streichelte ihre Wangen, wiederholte noch einmal, daß er bald zurückkommen werde, und als er in ihren Augen eine zwar kindliche Neugier, aber zugleich eine sehr ernste stumme Frage bemerkte, sann er eine Weile nach, küßte sie zum zweitenmal und ärgerte sich darüber, daß das Geschenk unverzüglich zur Aufbewahrung der vernünftigsten aller Mütter übergeben werden würde. Er ging fort und hinterließ alle in einer ungewöhnlichen Aufregung. Aber die gutherzige Mama löste sofort im Flüstertone einige sehr wichtige Bedenken, und zwar, daß Arkadi Iwanowitsch ein Mann der großen Welt, ein Mann mit Unternehmungen und großen Verbindungen, ein reicher Mann sei; weiß Gott, was in seinem Kopfe vorgehe, er habe plötzlich den Entschluß gefaßt, abzureisen, habe eben plötzlich den Gedanken bekommen, das Geld gegeben, man soll sich nicht darüber wundern. Gewiß sei es merkwürdig, daß er ganz durchnäßt war, aber die Engländer seien z. B. noch exzentrischer, überhaupt alle Menschen aus der höchsten Gesellschaft achteten nicht darauf, was man von ihnen sagen werde, und genierten sich nicht. Vielleicht gehe er absichtlich in dieser Weise herum, um zu zeigen, daß er nichts fürchte. Die Hauptsache aber sei, niemand ein Wort davon zu sagen, denn Gott weiß, was dabei noch herauskommen könne, das Geld müsse sofort eingeschlossen werden, und sicher sei es das beste, daß das Mädchen in der Küche war und nichts gesehen habe, noch wichtiger sei es aber, nichts, gar nichts dieser Spitzbübin, dieser Rößlich davon zu sagen, und so ging es in gleicher Weise fort. Sie blieben bis zwei Uhr sitzen und flüsterten die ganze Zeit. Nur die Braut ging etwas früher schlafen, über die ganze Sache verwundert und ein wenig traurig.

Sswidrigailoff wanderte indessen punkt zwölf Uhr über die K.sche Brücke in der Richtung nach dem --schen Stadtteil. Es hatte zu regnen aufgehört, jedoch der Wind wehte noch stark. Sswidrigailoff begann zu zittern, und einen Augenblick sah er mit einer auffallenden Neugier und fragend das schwarze Wasser der Kleinen Newa an. Als er so über das Wasser geneigt dastand, fühlte er auf einmal ein unangenehmes Kältegefühl, er drehte sich um und ging den X.schen Prospekt entlang. Er wanderte lange, fast eine halbe Stunde, durch diesen endlosen Prospekt, stolperte ein paarmal in der Dunkelheit auf dem hölzernen Trottoir und hörte nicht auf, etwas auf der rechten Seite der Straße aufmerksam zu suchen. Er hatte hier, fast am Ende des Prospekts kürzlich im Vorbeifahren ein hölzernes, aber geräumiges Gasthaus bemerkt, und sein Name, soweit er sich erinnern konnte, hatte etwas mit »Adrianopel« zu tun. Er hatte sich nicht getäuscht, -- dieses Gasthaus in dieser abgelegenen Gegend war so auffallend, daß es selbst in der Dunkelheit unmöglich übersehen werden konnte. Es war ein langes hölzernes, schwarzgewordenes Gebäude, in dem trotz der späten Stunde noch Lichter brannten und ein gewisses Leben zu bemerken war. Er trat ein und fragte einen im Korridor stehenden, zerlumpten Kerl nach einem Zimmer. Der warf einen Blick auf Sswidrigailoff, nahm sich zusammen und führte ihn in ein dumpfes, enges Zimmer, das am Ende des Korridors an einer Ecke unter der Treppe lag. »Es ist kein anderes da, alle Zimmer sind besetzt.« Der Kerl blickte ihn fragend an.

»Gibt es Tee?« fragte Sswidrigailoff.

»Kann besorgt werden.«

»Was gibt es noch?«

»Kalbfleisch, Schnaps, Aufschnitt.«

»Bring mir Kalbfleisch und Tee.«

»Sonst keine Wünsche?« fragte der Kerl erstaunt.

»Nichts mehr.«

Der Kerl verschwand, ganz verwundert.

»Das muß ein guter Ort sein,« dachte Sswidrigailoff, »wie kam mir das nicht in den Sinn. Ich habe wahrscheinlich auch das Aussehen eines Menschen, der irgendwo aus einem Café chantant kommt und auf dem Wege schon etwas erlebt hat. Es wäre interessant, zu erfahren, wer hier alles absteigt und übernachtet.«

Er zündete ein Licht an und besah sich das Zimmer genauer. Es war eine ganz kleine Kammer, so niedrig, daß Sswidrigailoff beinahe an die Decke stieß, mit einem Fenster; ein sehr schmutziges Bett, ein einfacher, gestrichener Tisch und ein Stuhl nahmen fast den ganzen Raum ein. Die Wände hatten das Aussehen, als wären sie aus Brettern zusammengeschlagen und mit alten abgerissenen Tapeten beklebt worden, die so staubig und beschmutzt waren, daß man ihre Farbe, ursprünglich gelb, erraten mußte, das Muster aber nicht mehr unterscheiden konnte. Der eine Teil der Wand und der Decke war schräg abgeschnitten, wie man es gewöhnlich in Mansarden sieht, hier aber war es wegen der Treppe. Sswidrigailoff stellte das Licht auf den Tisch, setzte sich auf das Bett und versank in Gedanken. Aber ein eigentümliches und ununterbrochenes Flüstern im Nebenzimmer, das zuweilen fast in ein Schreien überging, lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Flüstern hatte seit dem Augenblicke, als er im Zimmer eingetreten war, nicht aufgehört. Er begann zu lauschen, -- jemand schimpfte und machte einem anderen fast weinend Vorwürfe, man hörte nur eine Stimme; Sswidrigailoff stand auf, verdeckte mit der einen Hand das Licht und an der Wand zeigte sich sofort eine Ritze; er trat drauf zu und begann hindurchzusehen. In dem Zimmer, das ein wenig größer war, als das seine, befanden sich zwei Menschen. Einer von ihnen ohne Rock, mit einem lockigen Kopfe und rotem erregten Gesichte, stand in Rednerpose; er hatte die Beine auseinandergespreizt, um das Gleichgewicht zu bewahren, schlug sich vor die Brust und warf dem anderen pathetisch vor, daß er ein Bettler sei und daß er nicht mal einen Rang habe, daß er ihn aus dem Schmutz herausgezogen habe, und daß er ihn, wenn er wolle, fortjagen könne und dies alles sehe der Finger Gottes allein. Der angeschnauzte Genosse saß auf einem Stuhl und hatte das Aussehen eines Menschen, der sehr gern niesen möchte, aber es absolut nicht fertig brachte. Er sah zuweilen mit einem trüben Schafsblicke den Redenden an, aber augenscheinlich hatte er keinen Begriff davon, worüber jener sprach und höchstwahrscheinlich hörte er es nicht einmal. Auf dem Tische brannte der Rest eines Lichtes, und eine fast leere Karaffe Branntwein mit Gläsern, Brot, Gurken und ein Teegeschirr standen darauf. Nachdem Sswidrigailoff dieses Bild aufmerksam betrachtet hatte, verließ er teilnahmslos die Ritze in der Wand und setzte sich wieder auf das Bett hin.

Der Kerl, der mit Kalbfleisch und Tee gekommen war, konnte sich nicht enthalten, noch einmal zu fragen, ob nichts weiter gewünscht würde, und nachdem er wieder eine verneinende Antwort erhalten hatte, ging er endgültig aus dem Zimmer. Sswidrigailoff stürzte sich über den Tee, um sich zu erwärmen, und leerte ein Glas, essen konnte er nichts, da er den Appetit völlig verloren hatte. Er begann sichtlich zu fiebern. Er nahm seinen Mantel und Jacke ab, hüllte sich in die Decke ein und legte sich auf das Bett. Er ärgerte sich, -- »es wäre diesmal doch besser, gesund zu sein,« dachte er und lächelte bitter. Es war im Zimmer dumpf, das Licht brannte trübe, draußen heulte der Wind, irgendwo in einer Ecke nagte eine Maus, im ganzen Zimmer überhaupt roch es nach Mäusen und nach Leder. Er lag und träumte, -- ein Gedanke löste den anderen ab. Es schien, als wolle er seiner Phantasie eine bestimmte Richtung geben. »Hinter dem Fenster muß ein Garten sein,« -- dachte er, -- »Bäume rauschen; was ich in der Nacht nicht liebe, im Sturme und in der Dunkelheit bringt das Rauschen der Bäume ein unangenehmes Gefühl hervor!« Und er erinnerte sich, wie er vorhin im Vorbeigehen mit Widerwillen an den Petrowski-Park gedacht hatte. Dann tauchte in seiner Erinnerung auch die K.sche Brücke und die Kleine Newa auf, und wieder überrieselte es ihn kalt, wie vorhin, als er über das Wasser geneigt stand.

»Ich habe niemals im Leben das Wasser, nicht mal auf Bildern, geliebt,« dachte er und lächelte über einen sonderbaren Gedanken. »Jetzt müßte mir doch diese ganze Ästhetik und der Komfort gleichgültig sein, aber nein, jetzt gerade werde ich wählerisch, wie ein Tier, das sich seine Stelle ... in ähnlichem Falle aussucht. Ich sollte vorhin in den Petrowski-Park einbiegen! Ist mir aber zu dunkel, zu kalt erschienen, he! he! Als suchte ich angenehme Gefühle dabei! ... Ja, warum lösche ich das Licht nicht aus?« Und er löschte das Licht. »Meine Nachbarn haben sich auch schlafen gelegt,« dachte er, als er keinen Schein mehr durch die Ritze sah. -- »Nun, Marfa Petrowna, jetzt wäre es Zeit für Sie, zu erscheinen, -- es ist dunkel, der Ort sehr passend und ein origineller Augenblick. Jetzt werden Sie sicher nicht kommen ...«

Es kam ihm auch in den Sinn, daß er vorhin, eine Stunde bevor Dunja in seiner Wohnung war, Raskolnikoff empfohlen hatte, sie der Obhut Rasumichins anzuvertrauen. »Ich habe es damals wirklich mehr gesagt, um mich selbst zu reizen, was Raskolnikoff auch erraten hat. Dieser Raskolnikoff ist ein feiner Kopf. Er hat vieles durchgemacht und kann mit der Zeit etwas Großes werden, wenn der Unsinn in ihm vergangen sein wird, jetzt aber hat er noch ein zu großes Verlangen zu leben. In diesem Punkte sind alle diese Leute -- Feiglinge. Nun, mag ihn der Teufel holen, mag er tun, was er will, was geht es mich an.«

Er konnte immer noch nicht einschlafen. Allmählich begann vor ihm das Bild von Dunetschka aufzutauchen, wie sie vorhin aussah, und ein Zittern fuhr durch seinen Körper. -- »Nein, das muß man jetzt schon lassen,« dachte er zu sich kommend, »ich muß an etwas anderes denken. Es ist sonderbar und lächerlich, -- ich habe niemals jemand stark gehaßt, habe auch niemals besonders gewünscht, an jemand Rache zu nehmen, das ist doch ein schlimmes Zeichen, ein schlimmes Zeichen! Habe auch nicht geliebt, mich herumzustreiten und war nie heftig gewesen, -- ist auch ein schlechtes Zeichen! Und was habe ich ihr vorhin versprochen, -- pfui, Teufel! Sie hätte aus mir doch etwas machen können! ...«

Er verstummte wieder und preßte die Zähne aufeinander, -- wieder erschien ihm Dunetschkas Bild, wie sie nach dem ersten Schuß erschrocken war, den Revolver sinken ließ und leichenblaß ihn ansah, so daß er sie zweimal hätte greifen können, ohne daß sie die Hand zur Gegenwehr hätte erheben können, wenn er selbst sie nicht daran erinnert hätte. Er erinnerte sich, wie sie ihm in diesem Augenblicke so leid tat, und wie sich sein Herz zusammengeschnürt hatte ... »Ah! Zum Teufel! Wieder diese Gedanken, man muß sie alle fallen lassen, ja, fallen lassen!«

Er verfiel wieder in Schlaf, -- das fieberhafte Zittern ließ nach; da schien etwas unter der Decke über seine Hand und seinen Fuß zu laufen. Er zuckte zusammen, -- »pfui, Teufel, das ist ja eine Maus!« dachte er, »ich habe das Fleisch auf dem Tische stehen gelassen ...« Er wollte nicht die Decke abwerfen, aufstehen und frieren, da stach ihn schon wieder etwas am Fuße; er riß die Decke von sich und zündete das Licht an. Zitternd vor fieberhafter Kälte, bückte er sich, um im Bette nachzusuchen, -- es war nichts da; er schüttelte die Decke und plötzlich sprang eine Maus auf das Bettlaken. Er wollte sie fangen; die Maus aber sprang vom Bette nicht herunter, sondern lief im Zickzack nach allen Seiten hin, glitt ihm durch die Finger, lief über seine Hand und verschwand plötzlich unter dem Kissen; er warf das Kissen herunter und fühlte sogleich, wie sie ihm unter das Hemd sprang und auf seinem Rücken herumkrabbelte. Er erbebte nervös und erwachte. Im Zimmer war es dunkel, er lag wie vorhin in der Decke eingewickelt auf dem Bette, hinter dem Fenster heulte der Wind. »Wie schaurig!« dachte er ärgerlich. Er stand auf und setzte sich mit dem Rücken gegen das Fenster auf das Bett. »Lieber schlafe ich gar nicht,« beschloß er. Vom Fenster kam Kälte und Feuchtigkeit herein; ohne aufzustehen zog er die Decke über sich und hüllte sich ein. Das Licht steckte er nicht an. Er dachte an nichts und wollte auch an nichts denken; doch ein Phantasiegebilde nach dem andern stand vor ihm auf, abgerissene Gedanken ohne Anfang und Ende und ohne Zusammenhang schwebten ihm vor. Er verfiel in einen Halbschlummer. War es die Kälte oder die Dunkelheit, war es die Feuchtigkeit oder der Wind, der hinter dem Fenster heulte und die Bäume rüttelte, -- die in ihm eine hartnäckige phantastische Neigung und den Wunsch nach Blumen hervorriefen, -- mit Blumen beschäftigte sich seine Phantasie ausschließlich. Ihm schwebte ein reizendes Bild vor, -- ein lichter, warmer, beinahe heißer Tag, ein Festtag, ein Pfingsttag; ein reiches prachtvolles Landhaus, im englischen Geschmack, bewachsen mit duftenden Blumen, und umgeben von Blumenbeeten, die um das Haus sich herumzogen, eine Treppe, umrankt von Schlingpflanzen und umringt von Rosenbüschen; eine lichte kühle Treppe, bedeckt mit einem prächtigen Teppich und ringsum geziert mit seltenen Blumen in chinesischen Vasen. Er hatte auf den Fenstern Sträuße von weißen und zarten Narzissen in Glasvasen, gefüllt mit Wasser, bemerkt, die auf ihren hellgrünen, dicken und langen Stengeln starken aromatischen Duft verbreiteten. Er wollte sich gar nicht mehr von ihnen trennen, endlich stieg er aber doch die Treppe hinauf und trat in einen großen hohen Saal, und wieder standen hier überall auf den Fenstern, an der geöffneten Türe nach der Terrasse, auf der Terrasse selbst, Blumen über Blumen. Die Diele war mit frisch gemähtem, duftendem Heu bestreut, die Fenster waren geöffnet, eine frische leichte kühle Luft drang in das Zimmer, Vögel zwitscherten unter den Fenstern, und mitten im Saale auf einem mit weißem Atlas bezogenen Tische stand ein Sarg. Dieser Sarg war mit weißem Taft ausgeschlagen und mit weißen dichten Rüschen benäht. Girlanden aus Blumen umrankten ihn auf allen Seiten. Ganz in Blumen gebettet lag ein kleines Mädchen in weißem Tüllkleide; ihre wie aus Marmor gemeißelten Hände waren gefaltet und an die Brust gepreßt. Ihr aufgelöstes Haar, ein helles Blondhaar, war naß; ein Kranz aus Rosen umgab ihren Kopf. Das strenge und schon erstarrte Profil ihres Gesichts war auch wie aus Marmor gemeißelt, in dem Lächeln auf ihren blassen Lippen lag ein nicht kindliches grenzenloses Weh, eine stille, herzzerreißende Klage. Sswidrigailoff kannte dieses Mädchen; weder ein Gottesbild noch brennende Kerzen standen an diesem Sarge und man vernahm keine Gebete. Das kleine Mädchen war eine Selbstmörderin, -- sie hatte sich ertränkt. Sie war erst vierzehn Jahre alt und hatte schon ein gebrochenes Herz, sie war zugrunde gerichtet durch eine schändliche Tat, die dieses junge kindliche Bewußtsein mit Entsetzen erfüllt und überfallen, die ihre engelreine Seele mit unverdienter Schmach bedeckt hatte, und die ihr einen letzten Schrei der Verzweiflung entriß, der nicht erhört, sondern mit kaltem Herzen und harter Hand in einer dunklen Nacht, in tiefer Finsternis, in Kälte, in feuchtem Tauwetter unterdrückt wurde, als der Wind heulte.

Sswidrigailoff kam zu sich, stand auf und trat an das Fenster. Er fand tastend den Riegel und öffnete es. Der Wind stürmte mit aller Kraft in sein enges Zimmer hinein und bedeckte mit einem Frosthauch sein Gesicht und die nur mit dem Hemde bedeckte Brust. Hinter dem Fenster war wirklich ein Garten und zwar ein Vergnügungsetablissement; am Tage traten wohl hier Sänger auf und es wurde an Tischen Tee serviert. Jetzt flogen Regentropfen von den Bäumen und Sträuchern zum Fenster herein, und es war eine Dunkelheit wie in einem Keller, so daß man kaum einige dunkle Flecken, die Gegenstände vorstellten, unterscheiden konnte. Sswidrigailoff hatte die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt und sich hinausgebeugt, und blickte nun schon fünf Minuten, ohne sich losreißen zu können, in diese Finsternis. Da ertönte in die Nacht hinein ein Kanonenschuß, ihm folgte ein zweiter. »Ah, das Signal! Das Wasser steigt!« dachte er. -- »Gegen Morgen wird das Wasser die Straßen überfluten und die Kellerwohnungen und die Gewölbe überschwemmen, die Kellerratten werden aus ihren Schlupfwinkeln hervorschwimmen und die Menschen werden in Wind und Regen, durchnäßt und schimpfend, ihren Kram in die oberen Stockwerke schleppen ... Um welche Zeit ist es nun?« -- Und kaum hatte er so gedacht, als aus der Nähe, tickend und wie sich mächtig beeilend, eine Wanduhr drei Uhr schlug. -- »Aha, nach einer Stunde wird es schon hell werden! Warum soll ich länger warten? Ich will lieber sofort hier fort und direkt in den Petrowski-Park gehen; dort will ich mir ein großes Gebüsch aussuchen, mit Regentropfen so benetzt, daß, wenn man nur mit einer Schulter drankommt, Millionen von Tropfen den ganzen Kopf mir überströmen werden ...« Er trat vom Fenster zurück, schloß es, zündete das Licht an, zog seine Weste und den Mantel an, setzte den Hut auf und ging mit dem Lichte auf den Korridor hinaus, um in einer Kammer zwischen allerhand Kram und Lichtstumpfen den schlafenden Kerl aufzusuchen, ihm das Zimmer zu bezahlen und dann das Gasthaus zu verlassen. -- »Es ist der beste Augenblick, man könnte ihn nicht besser wählen!«

Er ging lange in dem schmalen und langen Korridor herum, ohne jemand zu finden und wollte schon laut rufen, als er plötzlich in einer dunklen Ecke, zwischen einem alten Schrank und einer Türe, einen sonderbaren Gegenstand, anscheinend etwas Lebendes, erblickte. Er beugte sich mit dem Lichte darüber und sah ein Kind, -- ein kleines Kind, -- ein kleines Mädchen, nicht älter als fünf Jahre, in einem völlig durchnäßten Kleidchen, zitternd und weinend, daliegen. Sie schien vor Sswidrigailoff keine Furcht zu haben, blickte ihn mit ihren großen schwarzen Äuglein voll stillen Staunens an und schluchzte ab und zu, wie Kinder, die lange geweint, doch aufhören und sich getröstet haben. Das kleine Gesicht des Mädchens war bleich und abgemagert; sie war vor Kälte fast erstarrt, aber -- »wie war sie hierher gekommen? Sie mußte sich hier versteckt und die ganze Nacht nicht geschlafen haben?« Er begann sie auszufragen. Das Kind wurde plötzlich lebhaft und stammelte etwas sehr schnell in seiner kindlichen Sprache. Es kam darin etwas von »Mamachen« und das »Mama Ruten geben wird,« von einer Tasse, die sie zerschlagen habe, vor. Das Mädchen sprach ununterbrochen; einiges konnte man aus ihrer ganzen Erzählung herausfinden, -- daß sie nicht geliebt werde, daß ihre Mutter, eine ewig betrunkene Köchin, wahrscheinlich im Gartenhause selbst, sie zumeist prügele und ihr Schrecken eingejagt habe; daß das Mädchen der Mutter eine Tasse zerschlagen habe und so erschrocken wäre, daß sie seit gestern Abend weggelaufen sei; wahrscheinlich hatte sie sich lange auf dem Hofe im Regen versteckt, endlich sich ins Haus hineingeschlichen, sich hinter dem Schrank verkrochen und hatte hier in der Ecke, weinend und in Nässe, Dunkelheit und Angst davor zitternd, daß man sie tüchtig verprügeln würde, die ganze Nacht gesessen. Sswidrigailoff nahm sie auf die Arme, ging in sein Zimmer, setzte sie auf das Bett hin und begann sie auszukleiden. Ihre zerlöcherten Stiefel auf die nackten Füße angezogen, waren so feucht, als hätten sie die ganze Nacht in einer Pfütze gelegen. Nachdem er sie entkleidet hatte, legte er sie ins Bett, bedeckte und hüllte sie ganz bis zum Kopfe in die Decke. Sie schlief sofort ein. Nachdem er damit fertig war, versank er wieder in sein düsteres Nachdenken.

»Was fällt mir auch ein, mich damit abzugeben!« dachte er plötzlich mit einem schweren und bitteren Gefühl. -- »Was für ein Unsinn!« Voll Ärger nahm er das Licht, um hinauszugehen und um jeden Preis den Kerl zu finden und schneller von hier wegzukommen. -- »Ach, so ein Mädel!« dachte er fluchend und öffnete schon die Türe, als er sich umkehrte, um noch einmal zu sehen, ob das Mädchen schlafe und wie sie schlafe? Er hob vorsichtig die Decke auf. Das Mädchen lag im festen und seligen Schlafe. Sie war unter der Decke warm geworden, und das Blut war wieder in ihre blassen Wangen gestiegen. Aber sonderbar, -- diese Röte war greller und auffallender, als sonst bei Kindern. »Das ist eine fieberhafte Röte,« dachte Sswidrigailoff, »das ist die Röte nach Weingenuß, es ist, als hätte man ihr ein ganzes Glas zu trinken gegeben. Ihre roten Lippen brennen, scheinen zu flammen, aber was ist das?« Ihm schien es plötzlich, als ob ihre langen schwarzen Wimpern zuckten und blinzelten, als ob sie sich erhöben, als ob unter ihnen ein schelmisches, scharfes, nicht in kindlicher Weise zwinkerndes Auge hervorblickte, als ob das Mädchen nicht schliefe, sich nur so anstelle. Ja, es war auch so, -- ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, die Mundwinkel zucken, es ist, als ob sie das Lächeln noch zurückhalten wollte. Nun aber hört sie auf, sich zurückzuhalten, sie lacht schon, sie lacht deutlich; etwas Freches und Herausforderndes leuchtet in diesem gar nicht kindlichen Gesichte; das ist das Laster; das ist das Gesicht einer Kokotte, das freche Gesicht einer verkäuflichen französischen Kokotte. Jetzt öffnen sich, ohne jede Verstellung, die beiden Augen, -- sie ruhen auf ihm mit einem feurigen und schamlosen Blick, sie locken ihn, sie lachen ... Etwas unendlich Widerliches und Beleidigendes lag in diesem Lachen, in diesen Augen, in diesem ganzen schamlosen Gesichte des Kindes. »Wie! Eine fünfjährige!« flüsterte Sswidrigailoff mit wahrem Entsetzen. -- »Was ... was ist denn das?« -- Nun wendet sie sich ihm mit dem brennenden Gesichtchen ganz zu, streckt die Arme aus ... »Ah, Verfluchte!« rief Sswidrigailoff voll Entsetzen und holte seine Hand zum Schlage aus ... Aber im selben Augenblick erwachte er.

Er lag im Bette, eingehüllt in die Decke; das Licht war nicht angezündet und durch das Fenster leuchtete der volle Tag hinein.

»Ein Albdrücken die ganze Nacht!« Er erhob sich zornig und fühlte, daß er ganz zerschlagen war; seine Knochen schmerzten ihn. Draußen war ein dichter Nebel und man konnte nichts unterscheiden. Die Uhr ging auf fünf; er hatte sich verschlafen! Er stand auf und zog seine Jacke und den Mantel an, die beide noch feucht waren. Er fühlte in der Tasche nach dem Revolver, zog ihn heraus und setzte die Kapsel zurecht; dann setzte er sich hin, nahm aus der Tasche ein Notizbuch hervor und schrieb auf der ersten Seite mit großer Schrift ein paar Zeilen. Er las sie nochmals durch, stützte sich auf den Tisch und sann nach. Der Revolver und das Notizbuch lagen neben seinem Ellbogen. Die erwachten Fliegen krochen auf den Kalbfleischstücken herum, die er nicht angerührt hatte und die auf dem Tische standen. Er schaute den Fliegen lange zu und versuchte mit der freien rechten Hand eine zu fangen. Er bemühte sich lange, konnte sie aber nicht kriegen. Als er sich zuletzt bei dieser interessanten Beschäftigung ertappte, kam er zu sich, fuhr zusammen, stand auf und ging entschlossen aus dem Zimmer. Nach einer Minute war er schon auf der Straße.

Ein weißer dichter Nebel lag über der Stadt. Sswidrigailoff ging die klebrige schmutzige Straße in der Richtung der Kleinen Newa zu. Ihm schwebten das über Nacht stark gestiegene Wasser der Kleinen Newa, der Petrowski-Park, nasse Wege, feuchtes Gras, feuchte Bäume und Sträucher, und schließlich jenes Gebüsch vor ... Voll Ärger begann er die Häuser zu betrachten, um an etwas anderes zu denken. Weder einen Menschen, noch eine Droschke traf er auf dem Wege. Trostlos und schmutzig sahen ihn die grellgelben hölzernen Häuschen mit den geschlossenen Fensterläden an. Kälte und Feuchtigkeit durchzogen seinen ganzen Körper und ihn begann zu frösteln. Zuweilen fiel sein Blick auf die Schilder der Kaufläden und Gemüsekeller, er las jedes aufmerksam. Der hölzerne Fußsteg war schon zu Ende. Er ging an einem großen steinernen Hause vorbei. Ein schmutziger durchfrorener Hund mit eingezogenem Schwanze lief ihm über den Weg. Ein total betrunkener Mann in einem Uniformmantel lag mit dem Gesichte nach unten quer über den Fußweg. Er betrachtete ihn und ging weiter. Ein hoher Feuerwehrturm zeigte sich linker Hand. -- »Bah!« dachte er, »das ist die beste Stelle, wozu der Petrowski-Park? Es geschieht wenigstens in Gegenwart eines offiziellen Zeugen ...« Er lächelte bei diesem neuen Gedanken und bog in die N.sche Straße ein. Hier stand ein großes Haus mit dem Turm. An dem mächtigen verschlossenen Tore des Hauses stand mit der Schulter daran gelehnt ein kleines Menschenkind in einen grauen Soldatenmantel eingehüllt und mit einem glänzenden Helm. Es schielte mit schlaftrunkenem Blick den herantretenden Sswidrigailoff an. Auf seinem Gesichte sah man den ewigen verdrießlichen Kummer, der sich ausnahmslos auf allen Gesichtern des jüdischen Volkes eingeprägt hat. Beide, Sswidrigailoff und der Soldat, betrachteten einander schweigend eine Weile. Dem Soldaten erschien es schließlich nicht in der Ordnung zu sein, daß ein Mann nicht betrunken drei Schritte vor ihm stehen blieb, ihn unverwandt anblickte und nichts sagte.

»Was wollen Sie denn hier?« sagte er, ohne sich zu rühren und seine Stellung zu verändern.

»Ja, nichts, Bruder, guten Tag!« antwortete Sswidrigailoff.

»Hier ist kein Platz, stehen zu bleiben.«

»Ich reise, Bruder, ins Ausland.«

»Ins Ausland?«

»Nach Amerika.«

»Nach Amerika?«

Sswidrigailoff zog den Revolver heraus und spannte den Hahn. Der Soldat zog die Augenbrauen nach oben.

»Was, solche Scherze sind hier nicht am Platze!«

»Warum denn nicht?«

»Weil das kein Ort dazu ist.«

»Nun, Bruder, das ist einerlei. Der Ort ist gut; wenn man dich fragen wird, antworte bloß, daß ich nach Amerika gereist bin.«

Er legte den Revolver an seine rechte Schläfe an.

»Man darf das nicht, hier ist nicht der Ort!« sagte der Soldat, und seine Augen erweiterten sich immer mehr.

Sswidrigailoff drückte den Hahn ab.

VII.

Am selben Tage um sieben Uhr näherte sich Raskolnikoff der Wohnung seiner Mutter und Schwester, -- jener Wohnung im Hause von Bakalejeff, wo sie Rasumichin untergebracht hatte. Der Treppeneingang war von der Straße aus. Je näher Raskolnikoff kam, desto mehr verlangsamte er seine Schritte, wie unschlüssig, ob er hineingehen solle oder nicht. Er wäre jedoch um keinen Preis umgekehrt; sein Entschluß war gefaßt. -- »Außerdem ist es einerlei, sie wissen ja noch nichts,« dachte er, »und haben sich schon gewöhnt, mich als einen närrischen Kauz anzusehen ...« Seine Kleidung war schrecklich, -- ganz beschmutzt, zerrissen und zerknittert, weil er die ganze Nacht im Regen verbracht hatte. Sein Gesicht war vor Müdigkeit, durch das schlechte Wetter, aus physischer Ermattung und infolge eines beinahe vierundzwanzigstündigen Kampfes mit sich selbst ganz entstellt. Wo er diese ganze Nacht verbracht hatte, wußte Gott allein; aber sie hatte wenigstens seinen Entschluß herbeigeführt.

Er klopfte an die Türe; die Mutter öffnete ihm. Dunetschka war nicht zu Hause. Auch das Dienstmädchen war um diese Zeit nicht da. Pulcheria Alexandrowna war zuerst ganz stumm vor freudigem Erstaunen, dann ergriff sie seine Hand und zog ihn ins Zimmer.

»Nun, da bist du!« begann sie, und stockte vor Freude. -- »Sei nicht böse auf mich, Rodja, daß ich dich so dumm begrüße, -- mit Tränen; ich lache ja und weine nicht. Du denkst, ich weine? Nein, ich freue mich, habe aber bloß so eine dumme Angewohnheit, daß mir dann die Tränen fließen. Das habe ich seit dem Tode deines Vaters, ich weine bei jeder Gelegenheit. Setz dich doch, mein Lieber, du bist wahrscheinlich müde, ich sehe es. Ach, wie du beschmutzt bist.«

»Ich war gestern im Regen fort, Mama ...« begann Raskolnikoff.

»Aber nein, nein!« unterbrach ihn Pulcheria Alexandrowna eifrig, »du meinst, ich will dich sofort ausfragen, nach meiner früheren weiberhaften Gepflogenheit, sei darüber beruhigt. Ich begreife doch, ich begreife alles, habe mich jetzt an die hiesigen Gebräuche gewöhnt, und sehe wirklich selbst ein, daß man hier gescheiter ist. Ich habe mir ein für allemal gesagt, wie kann ich deine Entschlüsse verstehen und von dir Rechenschaft verlangen? Du hast vielleicht Gott weiß was für Dinge und Pläne im Kopfe und dir kommen allerhand Gedanken; soll ich dich da immer anstoßen und fragen, worüber denkst du nach? Ich habe ... Ach, mein Gott, Ja, was laufe ich denn herum wie eine Besessene ... Just lese ich deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum dritten Male, Rodja; mir hat ihn Dmitri Prokofjitsch gebracht. Ich war sehr überrascht, als ich ihn las; so dumm bin ich, dachte ich, damit gibt er sich also ab, das ist die Lösung der Dinge. Er hat vielleicht neue Gedanken im Kopfe, er überlegt sie sich, ich aber quäle ihn und störe ihn. Ich lese den Artikel, mein Freund, und verstehe selbstverständlich nicht viel; es muß auch übrigens so sein, -- wie kann ich es auch verstehen.«

»Zeigen Sie ihn mir, Mama.«

Raskolnikoff nahm den Artikel in die Hand und blickte ihn flüchtig an. Wie sehr es auch seiner Lage und seinem Zustande widersprach, empfand er doch jenes eigentümliche und prickelnde süße Gefühl, das ein Verfasser, der sich zum ersten Male gedruckt sieht, empfindet, dazu sprachen auch seine dreiundzwanzig Jahre mit. Es dauerte einen Augenblick. Nachdem er einige Zeilen gelesen hatte, verdüsterte sich sein Gesicht und ein furchtbarer Gram preßte sein Herz zusammen. Sein ganzer seelischer Kampf in den letzten Monaten kam ihm mit einem Male ins Gedächtnis. Er warf mit Widerwillen und voll Ärger die Zeitung auf den Tisch.

»Aber Rodja, wie dumm ich auch sein mag, ich kann doch verstehen, daß du sehr bald einer von den Ersten, wenn nicht der Erste unter unseren Gelehrten, sein wirst. Und man wagte zu denken, daß du den Verstand verloren hättest. Ha! ha! ha! Du weißt es nicht, aber man meinte es wirklich! Ach, dieses niedrige Gewürm, woher sollen sie auch begreifen, was Verstand haben heißt! Und Dunetschka glaubte auch fast daran -- was sagst du dazu! Dein verstorbener Vater hat ein paarmal etliches in Zeitschriften eingeschickt, -- zuerst Gedichte (ich habe noch das Heft der Gedichte, ich will es dir einmal zeigen) -- und nachher eine ganze Novelle, -- (ich hatte ihn gebeten, sie ins Reine schreiben zu dürfen) -- und trotzdem wir beide beteten, daß es angenommen würde, -- nahmen sie es doch nicht an! Rodja, vor sechs oder sieben Tagen, als ich deine Kleidung sah, wie du wohnst, was du ißt und wie du herumgehst, war ich ganz niedergeschlagen. Jetzt sehe ich, daß ich wieder einmal dumm war, denn wenn du Lust hast, kannst du dir alles auf einmal durch deinen Verstand und dein Talent verschaffen. Du willst es bloß vorläufig nicht und bist mit bedeutend wichtigeren Dingen beschäftigt ...«

»Ist Dunja nicht zu Hause, Mama?«

»Nein, Rodja. Sie ist jetzt sehr oft nicht zu Hause, läßt mich viel allein. Dmitri Prokofjitsch kommt öfters zu mir, um zu plaudern und spricht immer von dir, ich bin ihm sehr dankbar dafür. Er liebt dich sehr und schätzt dich, mein Freund. Ich kann von deiner Schwester nicht gerade sagen, daß sie zu mir unehrerbietig wäre. Ich klage nicht. Sie hat ihren Charakter, wie ich den meinen; sie hat allerhand Geheimnisse vor mir; und ich habe vor euch keine Geheimnisse. Gewiß, ich bin fest überzeugt, daß Dunja klug ist und außerdem auch mich und dich liebt ... aber ich weiß wirklich nicht, wohin dies alles führen wird. Du hast mich glücklich gemacht, Rodja, weil du mich jetzt besucht hast, sie aber hat das versäumt; wenn sie zurückkommt, will ich auch ihr sagen, -- dein Bruder war hier, wo hast aber du die Zeit verbracht? Du sollst mich, Rodja, nicht verwöhnen; wenn du kannst, komm zu mir, wenn nicht, -- dann läßt sich eben nichts tun als warten. Ich werde trotzdem wissen, daß du mich liebst, und das genügt mir. Ich werde deine Schriften lesen, werde von allen über dich hören, und dann wirst du schon wieder einmal zu mir kommen und was kann ich mir besseres wünschen? Du bist doch jetzt auch gekommen, um die Mutter zu erfreuen, ich sehe es ...«

Hier weinte plötzlich Pulcheria Alexandrowna.

»Schon wieder weine ich! Achte nicht auf mich dumme Person! Ach, mein Gott, was sitze ich hier,« rief sie aus und fuhr von ihrem Platze auf, »ich habe doch Kaffee und biete dir nichts an! Siehst du, wie groß der Egoismus einer alten Frau ist. Sofort, sofort!«

»Mama, lassen Sie es, ich will gleich wieder fortgehen. Ich bin nicht deswegen gekommen. Bitte, hören Sie mich an.«

Pulcheria Alexandrowna trat schüchtern zu ihm.

»Mama, was auch geschehen sollte, was Sie auch über mich hören sollten, was man Ihnen auch über mich sagen sollte, -- werden Sie mich dennoch ebenso lieben, wie jetzt?« fragte er sie aus vollem Herzen, als bedenke er seine Worte nicht und erwäge sie nicht.

»Rodja, Rodja, was ist mit dir? Ja, wie kannst du nur so etwas fragen? Ja, wer wird mir denn etwas über dich sagen? Ich werde auch niemand glauben, mag kommen, wer da will, ich werde ihn hinausjagen.«

»Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß ich Sie geliebt habe, und ich bin jetzt froh, daß wir allein sind, bin sogar froh, daß Dunetschka nicht zu Hause ist,« fuhr er in derselben Aufwallung fort, -- »ich bin gekommen, Ihnen offen zu sagen, daß, wenn Sie auch unglücklich sein werden, Sie doch wissen sollen, daß Ihr Sohn Sie jetzt mehr liebt, als sich selbst, und daß alles, was Sie über mich gedacht haben, daß ich grausam sei und Sie nicht mehr liebe, alles nicht richtig ist. Ich werde nie aufhören, Sie zu lieben ... Nun, und genug; mir schien es, daß ich das sagen und damit beginnen müßte ...«

Pulcheria Alexandrowna umarmte ihn schweigend, preßte ihn an ihre Brust und weinte still.

»Was mit dir ist, Rodja, weiß ich nicht,« sagte sie schließlich, »ich dachte die ganze Zeit, wir langweilen dich, jetzt aber sehe ich in meiner Weise, daß dir ein großer Kummer bevorsteht, worüber du dich grämst. Ich habe es schon lange gesehen, Rodja. Verzeih mir, daß ich darüber spreche; ich denke immer daran und schlafe des Nachts nicht. Diese Nacht hat auch deine Schwester die ganze Nacht in unruhigem Phantasieren verbracht und immer dich genannt. Ich habe einiges gehört, aber nichts verstanden. Den ganzen Morgen ging sie wie ein zu Tode Verurteilter herum, erwartete immer etwas, hatte Vorahnungen und nun ist es gekommen! Rodja, Rodja, wohin gehst du? Verreisest du etwa und wohin?«

»Ich verreise.«

»Ich dachte es mir! Ich kann doch mit dir reisen, wenn es nötig ist. Auch Dunja, sie liebt dich, sie liebt dich sehr, auch Ssofja Ssemenowna soll meinetwegen mit uns gehen, wenn es nötig ist; ich will sie gern an Tochterstatt aufnehmen, siehst du. Dmitri Prokofjitsch wird uns bei der Abreise helfen ... aber ... wohin ... reisest du?«

»Leben Sie wohl, Mama.«

»Wie! Heute schon!« rief sie in einem Ton aus, als verliere sie ihn auf ewig.

»Ich kann nicht anders, es ist Zeit für mich, ich muß ...«

»Und ich darf nicht mit dir gehen?«

»Nein, knien Sie aber nieder und beten Sie für mich. Ihr Gebet wird vielleicht erhört.«

»Laß mich dich bekreuzen, dich segnen! So, so! Oh, Gott, was tun wir!«

Ja, er war froh, er war sehr froh, daß niemand da war, daß er mit der Mutter allein war. Es war, als wäre seit dieser ganzen schrecklichen Zeit sein Herz mit einem Male weich geworden. Er sank vor ihr hin, küßte ihre Füße und beide weinten, einander umarmend. Und sie wunderte sich nicht und fragte ihn nichts. Sie hatte schon lange begriffen, daß mit ihrem Sohne etwas Furchtbares vorgehe, und daß jetzt der schreckliche Augenblick für ihn gekommen war.

»Rodja, mein Lieber, mein Erstgeborener,« sagte sie schluchzend, »du bist jetzt ebenso zu mir gekommen, wie du es als kleiner Junge tatest; hast mich umarmt und geküßt; als wir noch mit Vater lebten und uns kümmerlich durchschlugen, war es schon ein Trost für uns, daß du bei uns warst, als ich aber deinen Vater beerdigt hatte, -- wie oft haben wir uns da umarmt, genau so wie jetzt, und haben an seinem Grabe geweint. Daß ich aber lange schon weine, kommt davon, weil das Mutterherz dein Unglück ahnte. Als ich das erste Mal dich damals am Abend sah, -- erinnerst du dich, -- als wir hier ankamen, habe ich alles an deinem Blicke allein erraten und mein Herz zuckte zusammen, heute aber, als ich dir öffnete und dich anblickte, dachte ich mir sofort, -- nun ist die Schicksalsstunde gekommen. Rodja, Rodja, du reisest doch nicht sofort ab?«

»Nein.«

»Du wirst noch einmal herkommen?«

»Ja ... ich werde herkommen.«

»Rodja, sei mir nicht böse, ich darf dich nicht ausfragen. Ich weiß, daß ich es nicht darf, aber sag mir bloß, nur zwei kleine Worte sage mir: Ist es weit, wohin du reist?«

»Sehr weit.«

»Was, hast du eine Anstellung dort oder ist es für deine Karriere wichtig?«

»Was Gott gibt ... beten Sie nur für mich ...«

Raskolnikoff ging zur Türe, aber sie hielt sich an ihm fest und sah ihm mit einem verzweifelten Blick in die Augen. Ihr Gesicht war vor Entsetzen entstellt.

»Genug, Mama,« sagte Raskolnikoff und bereute tief, daß er auf den Gedanken gekommen war, herzukommen.

»Es ist doch nicht für immer? Nicht für ewig? Du wirst doch noch herkommen, wirst du morgen kommen?«

»Ich werde kommen, werde kommen, leben Sie wohl!«

Er riß sich endlich los.

Der Abend war frisch, warm und klar; das Wetter war seit dem Morgen schön geworden. Raskolnikoff ging eilig nach Hause. Er wollte allem bis zu Sonnenuntergang ein Ende machen. Bis dahin sollte ihn niemand sehen. Als er zu seiner Wohnung hinaufstieg, bemerkte er, daß Nastasja sich vom Samowar abwandte, ihn unverwandt beobachtete und mit den Augen verfolgte. »Sollte etwa jemand bei mir sein?« dachte er. Voll Widerwillen dachte er an Porphyri Petrowitsch. Als er aber sein Zimmer erreicht und die Türe geöffnet hatte, erblickte er Dunetschka. Sie saß mutterseelenallein in tiefem Nachdenken und schien schon lange auf ihn zu warten. Er blieb auf der Schwelle stehen. Sie erhob sich erschreckt vom Sofa und blieb aufgerichtet vor ihm stehen. Ihr Blick, unverwandt an ihm haftend, drückte Entsetzen und einen untilgbaren Kummer aus. Und an diesem Blicke merkte er sofort, daß sie alles wußte.

»Soll ich zu dir hineinkommen oder fortgehen?« fragte er mißtrauisch.

»Ich habe den ganzen Tag bei Ssofja Ssemenowna gesessen; wir haben dich beide erwartet. Wir dachten, daß du unbedingt dorthin kommen würdest.«

Raskolnikoff trat in das Zimmer und setzte sich ermattet auf einen Stuhl.

»Ich bin etwas schwach, Dunja; ich bin zu müde; ich möchte aber wenigstens in diesem Augenblicke mich völlig beherrschen.«

Er warf ihr einen schnellen mißtrauischen Blick zu.

»Wo warst du denn die ganze Nacht?«

»Ich erinnere mich dessen nicht gut; siehst du, Schwester, ich wollte zu einem endgültigen Entschluß kommen und bin mehrere Male an der Newa hin- und hergegangen; dessen erinnere ich mich. Ich wollte dort ein Ende machen, aber ... konnte mich nicht entschließen ...« flüsterte er und blickte Dunja wieder mißtrauisch an.

»Gott sei Dank! Und wie wir das fürchteten, -- ich und Ssofja Ssemenowna! Also, du glaubst noch ans Leben, -- Gott sei Dank, Gott sei Dank!«

Raskolnikoff lächelte bitter.

»Ich glaubte nicht daran, soeben aber habe ich die Mutter umarmt und mit ihr zusammen geweint; ich glaube nicht daran, aber ich habe sie gebeten, für mich zu Gott zu beten. Gott weiß, wie das alles vor sich geht, Dunetschka und ich begreife nichts.«

»Du warst bei der Mutter? Du hast ihr es selbst gesagt?« rief Dunja entsetzt aus. -- »Hast du es gewagt, ihr zu sagen?«

»Nein, ich habe ihr nichts ... mit Worten gesagt, aber sie hat vieles begriffen. Sie hat in der Nacht gehört, wie du phantasiert hast. Ich bin überzeugt, daß sie die Hälfte schon versteht. Ich habe vielleicht schlecht daran getan, daß ich zu ihr ging. Ich weiß auch nicht mal, warum ich zu ihr hingegangen bin. Ich bin ein gemeiner Mensch, Dunja.«

»Du ein gemeiner Mensch und bist doch bereit, das Leiden auf dich zu nehmen! Du gehst doch um zu leiden?«

»Ich gehe. Sofort. Ja, um dieser Schande zu entgehen, wollte ich mich auch ins Wasser stürzen, Dunja, aber ich dachte, als ich schon über dem Wasser stand, wenn ich mich bisher für stark gehalten habe, so soll ich mich jetzt auch nicht vor der Schande fürchten,« sagte er. »Das ist der Stolz, Dunja?«

»Ja, das ist der Stolz, Rodja.«

Wie ein Feuer leuchtete es in seinen trüben Augen auf; ihm schien es eine Freude zu sein, daß er noch stolz sein konnte.

»Meinst du aber nicht, Schwester, daß mir einfach vor dem Wasser bange war,« fragte er mit einem bitteren Lächeln und blickte ihr ins Gesicht.

»Oh, Rodja, höre damit auf!« rief Dunja bitter aus.

Etwa zwei Minuten dauerte das Schweigen. Er saß mit gesenktem Kopfe und sah zu Boden; Dunetschka stand am anderen Ende des Tisches und blickte ihn voll innerer Qual an.

Plötzlich stand er auf.

»Es ist spät, es ist Zeit. Ich gehe jetzt, mich anzuzeigen. Aber ich weiß nicht, warum ich gehe, mich anzuzeigen.«

Große Tränen rollten über ihre Wangen.

»Du weinst, Schwester, kannst du mir noch die Hand reichen?«

»Und du hast daran zweifeln können?«

Sie umarmte ihn innig.

»Büßest du nicht schon zur Hälfte dein Verbrechen mit deinem Leid?« rief sie aus, drückte ihn fest an sich und küßte ihn.

»Verbrechen? Was für ein Verbrechen?« rief er plötzlich in einem Anfalle von Wut, »etwa, weil ich eine scheußliche, bösartige Laus, eine alte Wucherin ermordet habe, die niemand braucht, für deren Ermordung einem vierzig Sünden vergeben werden müssen, die den Armen den letzten Blutstropfen aussaugte, -- und das soll ein Verbrechen sein? Ich denke gar nicht daran und denke nicht daran, es tilgen zu wollen. Und was kommen sie mir alle mit diesem Wort >Verbrechen, Verbrechen!< Jetzt erst sehe ich den ganzen Unsinn meiner Kleinmütigkeit klar, jetzt erst, wo ich mich schon entschlossen habe, diese unnötige Schande auf mich zu nehmen! Bloß aus Gemeinheit und aus Untauglichkeit habe ich mich dazu entschlossen, ja vielleicht auch aus Berechnung, wie dieser ... Porphyri Petrowitsch mir vorgeschlagen hat! ...«

»Bruder, Bruder, was sagst du! Du hast aber doch Blut vergossen!« rief Dunja verzweifelt aus.

»Das alle vergießen,« fiel er fast rasend ein, »das in der Welt wie ein Wasserfall fließt und immer geflossen ist, das wie Champagner vergossen wird, und für das man im Kapitol gekrönt und nachher Wohltäter der Menschheit genannt wird. Schau doch bloß näher zu und sieh es! Ich selbst wollte den Menschen Gutes und hätte hunderte, tausende gute Werke vollbracht, anstatt dieser einzigen Dummheit, die sogar keine Dummheit, sondern bloß eine Ungeschicktheit war, weil der gesamte Gedanke gar nicht so dumm war, wie er jetzt nach dem Mißlingen erscheint ... Beim Mißlingen erscheint alles dumm! ... Mit dieser Dummheit wollte ich mich bloß in eine unabhängige Stellung bringen, den ersten Schritt tun, die Mittel erhalten, und nachher würde alles durch einen verhältnismäßig unermeßlichen Nutzen ausgeglichen worden sein ... Aber ich, ich habe auch nicht mal den ersten Schritt ausgehalten, weil ich -- ein Schuft bin! Siehst du, so steht die Sache! Und dennoch kann ich eure Ansicht nicht teilen, -- wäre es mir gelungen, so würde man mich gekrönt haben, jetzt aber muß ich in die Falle!«

»Aber das ist es doch nicht, ganz und gar nicht! Bruder, was sagst du nur!«

»Ah! Nicht die richtige Form, die Form ist nicht ästhetisch genug! Nun, ich begreife entschieden nicht, -- warum es eine angesehenere Form sein soll auf die Menschen Bomben zu werfen, eine regelrechte Belagerung zu führen? Die Furcht vor dem Unästhetischen ist das erste Zeichen von Schwäche! ... Niemals, niemals habe ich es klarer als jetzt empfunden, und mehr als je begreife ich jetzt mein Verbrechen! Niemals, niemals war ich stärker und überzeugter, als jetzt!«

Das Blut war in sein blasses, abgehärmtes Gesicht gestiegen. Als er die letzten Worte aussprach, begegnete zufällig sein Blick den Augen Dunjas und er sah darin soviel, soviel Qual seinetwegen, daß er unwillkürlich zur Besinnung kam. Er fühlte, daß er trotz alledem diese zwei armen Frauen unglücklich gemacht hatte. Er war trotz alledem noch die Ursache dazu ...

»Dunja, liebe Dunja! Wenn ich Schuld habe, vergib mir, obwohl man mir nicht vergeben kann, wenn ich Schuld habe. Lebwohl! Wir wollen uns nicht streiten! Es ist Zeit, es ist höchste Zeit. Folge mir nicht, ich flehe dich an, ich muß noch zu jemandem hingehen ... Gehe sofort zur Mutter und setze dich zu ihr hin. Ich flehe dich an! Das ist meine letzte größte Bitte an dich. Verlaß sie in dieser Zeit nicht; ich habe sie in Unruhe hinterlassen, die sie kaum überstehen wird, -- entweder stirbt sie oder sie verliert den Verstand. Bleib bei ihr! Rasumichin wird euch zur Seite stehen; ich habe es ihm gesagt ... Weine nicht um mich, -- ich werde versuchen, mutig und ehrlich das ganze Leben zu sein, obwohl ich ein Mörder bin. Vielleicht wirst du einmal meinen Namen hören. Ich werde euch keine Schande machen, du wirst sehen; ich will noch beweisen ... jetzt, vorläufig auf Wiedersehen,« beeilte er sich zu sagen, als er in den Augen Dunjas wieder einen sonderbaren Ausdruck bei seinen letzten Worten und Versprechungen bemerkte. -- »Warum weinst du denn so? Weine nicht, weine nicht; wir trennen uns doch nicht für immer! ... Ach, ja! Warte, ich habe etwas vergessen! ...«

Er trat an den Tisch, nahm ein dickes verstaubtes Buch, öffnete es und nahm ein kleines Aquarellbild auf Elfenbein heraus. Es war das Bild der Tochter seiner Wirtin, seiner früheren Braut, die am Fieber gestorben war, desselben merkwürdigen jungen Mädchens, das in ein Kloster gehen wollte. Eine Weile blickte er dieses ausdrucksvolle und krankhafte Gesicht an, küßte das Bild und überreichte es Dunetschka.

»Mit ihr habe ich viel darüber gesprochen, mit ihr allein,« sagte er sinnend, »ihrem Herzen habe ich vieles davon mitgeteilt, was nachher sich in so häßlicher Weise erfüllt hatte. Sei ruhig,« wandte er sich an Dunetschka, »sie war mit mir nicht einverstanden, so wenig wie du, und ich bin froh, daß sie nicht mehr lebt. Die Hauptsache, die Hauptsache ist, daß alles jetzt neu anhebt, daß alles entzwei brechen wird,« rief er plötzlich aus, wieder in seinen Gram zurückfallend, »alles, alles, bin ich aber dazu vorbereitet? Will ich es auch selbst? Man sagt, es sei nötig zu meiner Prüfung! Wozu, wozu alle diese unsinnigen Prüfungen? Wozu sind sie, werde ich etwa dann erdrückt von Qual und Stumpfheit in greisenhafter Schwäche nach zwanzigjähriger Zwangsarbeit es besser empfinden, als ich es jetzt tue, und wozu soll ich dann noch leben? Warum gehe ich jetzt darauf ein, so zu leben? Oh, ich wußte, daß ich ein Schuft bin, als ich heute bei Tagesanbruch an der Newa stand!«

Beide gingen schließlich hinaus. Es war Dunja schwül, aber sie liebte ihn! Sie ging von ihm, aber als sie etwa fünfzig Schritte gegangen war, wandte sie sich noch einmal um, um ihm nachzuschauen. Man konnte ihn noch sehen. Als er an die Ecke kam, wandte er sich ebenfalls um; zum letzten Male trafen sich ihre Blicke; als er aber bemerkte, daß sie ihm nachblickte, winkte er ihr ungeduldig und ärgerlich mit der Hand, daß sie weitergehen solle, und bog selbst schnell um die Ecke.

»Ich bin böse, ich merke es,« dachte er und schämte sich seiner ärgerlichen Handbewegung. -- »Aber warum lieben sie mich so, wenn ich ihrer Liebe nicht wert bin! Oh, wäre ich allein und hätte mich niemand lieb, und hätte ich selbst niemals jemand geliebt! Alles dieses wäre nicht gewesen! Ich gäbe viel darum, wenn ich wüßte, ob nach diesen kommenden fünfzehn, zwanzig Jahren meine Seele so gedemütigt sein wird, daß ich voll Ehrfurcht vor Menschen ächzen und klagen und mich bei jedem Worte Räuber nennen werde? Ja, es wird so kommen, wird kommen! Darum schicken sie mich auch jetzt nach Sibirien, sie wollen es haben ... Da laufen sie nun alle in den Straßen herum, und jeder unter ihnen ist schon seiner Natur nach ein Schuft und Räuber; schlimmer noch -- ein Idiot! Sollte man aber mich mit Sibirien verschonen, so würden sie alle vor edler Empörung überschäumen! Oh, wie ich sie alle hasse!«

Er sann darüber nach, -- »auf welche Weise es kommen müsse, damit er zuletzt, ohne mit sich in Widerspruch zu geraten, demütiger würde! Warum denn auch nicht? Sicher wird es so werden. Werden ihn die zwanzig Jahre ununterbrochener Unterdrückung nicht endgültig brechen? Steter Tropfen höhlt den Stein. Und warum, wozu nach alledem noch leben, wozu gehe ich jetzt hin, wenn ich selbst weiß, daß alles genau so kommen wird, und nicht anders?«

Er legte sich diese Frage vielleicht schon zum hundertsten Male seit gestern Abend vor, aber dennoch ging er hin.

VIII.

Als er zu Ssonja eintrat, begann es schon zu dämmern. Ssonja hatte den ganzen Tag in schrecklicher Aufregung auf ihn gewartet; schon mit Dunja zusammen. Dunja war am frühen Morgen zu ihr gekommen, als sie sich der Worte von Sswidrigailoff erinnerte, daß Ssonja »darüber alles weiß«. -- Wir wollen der Einzelheiten der Unterhaltung zwischen den beiden Frauen, ihrer Tränen und dessen, wie weit sie einander näher gekommen waren, nicht gedenken. Dunja hatte bei dieser Zusammenkunft wenigstens den Trost gefunden, daß ihr Bruder nicht allein sein werde -- zu ihr, zu Ssonja, war er zuerst mit seiner Beichte gegangen; in ihr hatte er einen Menschen gesucht, als er einen Menschen brauchte; sie würde ihm auch überall folgen, wohin das Schicksal ihn führen sollte. Sie fragte auch nicht, aber sie wußte, daß es so kommen werde. Sie begegnete Ssonja sogar mit Ehrfurcht und machte sie zuerst dadurch ganz verwirrt. Ssonja war anfangs nahe daran, zu weinen; sie hielt sich für unwürdig, Dunja nur anzublicken. Das Bild Dunjas, als sie sich so aufmerksam und achtungsvoll bei ihrem ersten Zusammentreffen in Raskolnikoffs Wohnung von ihr verabschiedet, hatte sich seitdem für immer in ihrer Seele eingegraben, als einer der schönsten und höchsten Augenblicke in ihrem Leben.

Dunetschka hatte es schließlich nicht mehr ausgehalten, sie war von Ssonja gegangen, um den Bruder in seiner Wohnung zu erwarten; sie glaubte, daß er dorthin schließlich zuerst gehen würde. Als Ssonja allein geblieben war, begann sie sich mit dem Gedanken, daß er wirklich ein Leid sich antun würde, zu quälen. Dasselbe fürchtete auch Dunja. Aber beide übertrafen sich den ganzen Tag in dem Bestreben, einander zu überzeugen, daß es nicht der Fall sein könne, und waren ruhiger, solange sie beisammen waren. Jetzt aber, wo sie getrennt waren, dachte die eine wie die andere nur noch daran. Ssonja erinnerte sich, daß Sswidrigailoff ihr gestern gesagt hatte, Raskolnikoff habe nur zwei Wege, -- entweder Sibirien, oder ... Sie kannte zudem seinen Ehrgeiz, seinen Stolz, seine Eigenliebe und seinen Unglauben.

»Kann nur der Kleinmut und die Furcht vor dem Tode ihn zwingen, zu leben?« dachte sie schließlich in Verzweiflung. Und die Sonne ging schon unter. Sie stand traurig vor dem Fenster und blickte unverwandt hinaus, -- aber man sah hier bloß die ungeweißte Grundmauer des Nachbarhauses. Als sie schon von dem Tode des Unglücklichen völlig überzeugt war, -- trat er in ihr Zimmer.

Ein freudiger Schrei entrang sich ihrer Brust. Aber als sie aufmerksam sein Gesicht ansah, erbleichte sie sofort.

»Nun, ja!« sagte Raskolnikoff mit bitterem Lächeln, »ich komme, mir dein Kreuz zu holen, Ssonja. Du hast mich doch selbst auf den Kreuzweg geschickt; was, bist du etwa bange geworden, da es zur Ausführung kommt?«

Ssonja blickte ihn fassungslos an. Dieser Ton erschien ihr merkwürdig, -- ein kaltes Frösteln durchzog ihren Körper, nach einer Minute aber erriet sie, daß der Ton, wie auch die Worte nur angenommen waren. Er sprach auch mit ihr so sonderbar, indem er zur Seite blickte und vermied, ihr ins Gesicht zu sehen.

»Ich habe, -- siehst du, Ssonja, -- eingesehen, daß es in dieser Weise auch vielleicht vorteilhafter sein wird. Es gibt hier einen Umstand ... Es ist lange zu erzählen und lohnt sich auch nicht. Weißt du, was mich bloß ärgert? Mir ist es ärgerlich, daß alle diese dummen tierischen Fratzen mich gleich umringen, mich anglotzen, mir ihre dumme Frage vorlegen werden, die man beantworten muß, -- und daß man auf mich mit Fingern zeigen wird ... Pfui! Weißt du, ich will nicht zu Porphyri Petrowitsch gehen; er langweilt mich. Ich gehe lieber zu meinem Freunde Pulver, der wird erstaunen, da werde ich einen Effekt in seiner Art erringen. Man müßte kaltblütiger sein; ich bin in der letzten Zeit zu erbittert geworden. Glaubst du mir, -- ich habe soeben meiner Schwester fast mit der Faust gedroht und bloß aus dem Grunde, weil sie sich umwandte, um mich zum letzten Male zu sehen. So ein Zustand ist eine Schweinerei! Ach, wie weit ist es mit mir gekommen! Nun, wo ist das Kreuz?«

Er war wie ausgewechselt. Er konnte nicht mal einen Augenblick auf einem Flecke ruhig stehen, konnte seine Aufmerksamkeit auf keinen Gegenstand konzentrieren, seine Gedanken übersprangen einander, er redete wirr; seine Hände zitterten leicht.

Ssonja nahm schweigend aus einem Kasten zwei Kreuze -- eins aus Zypressenholz und das andere aus Kupfer; sie bekreuzte sich selbst, bekreuzte ihn und legte um seinen Hals das Kreuzlein aus Zypressenholz.

»Das ist also ein Symbol, daß ich das Kreuz auf mich nehme, he! he! Als hätte ich bis jetzt wenig gelitten! Aus Zypressenholz, also wie das Volk es trägt; das kupferne, das von Lisaweta, nimmst du, zeige mir. Also sie hatte es ... in dem Augenblicke um? Ich kenne auch zwei ähnliche Kreuze, ein silbernes und ein Heiligenbildchen. Ich warf sie damals der Alten auf die Brust. -- Die würden jetzt passen, wirklich, die sollte ich auch umlegen ... übrigens, ich lüge die ganze Zeit, vergesse immer die Angelegenheit, die mich herführte, ich bin ein wenig zerstreut ... Siehst du, Ssonja, -- ich bin eigentlich gekommen, um dir es vorher zu sagen, damit du es weißt ... Das ist auch alles ... Ich bin bloß deswegen gekommen. Hm! ich dachte übrigens, daß ich dir mehr sagen werde ... Du wolltest doch selbst, daß ich hingehe; nun, jetzt werde ich im Gefängnis sitzen und dein Wunsch wird erfüllt sein. Warum weinst du denn? Auch du weinst? Höre auf, laß es, ach, wie schwer mir alles ist!«

Eine weichere Empfindung überkam ihn doch; sein Herz schnürte sich bei ihrem Anblicke zusammen. -- »Warum weint sie denn?« dachte er, »was bin ich ihr? Warum weint sie, warum nimmt sie von mir Abschied, wie meine Mutter oder Dunja? Sie wird mein Kindermädchen sein!«

»Bekreuze dich, bete wenigstens einmal,« bat ihn Ssonja mit zitternder, schüchterner Stimme.

»Oh, bitte, soviel du wünschst! Und ich tue es mit aufrichtigem Herzen, Ssonja, mit aufrichtigem Herzen ...«

Er wollte etwas ganz anderes sagen.

Er bekreuzte sich einige Male. Ssonja nahm ein Tuch und warf es um die Schulter. Es war ein großes grünes Tuch, wahrscheinlich dasselbe, von dem Marmeladoff damals gesprochen hatte. Raskolnikoff kam der Gedanke, aber er fragte nicht danach. Er begann in der Tat selbst zu fühlen, daß er schrecklich zerstreut und eigentümlich beunruhigt war. Er erschrak darüber. Es setzte ihn auch plötzlich in Erstaunen, daß Ssonja mit ihm gehen wolle.

»Was ist? Wohin willst du? Bleibe, bleibe zu Hause! Ich gehe allein,« rief er in kleinmütigem Ärger und ging beinahe erzürnt zu der Türe. -- »Und wozu ein ganzes Gefolge!« murmelte er hinaustretend.

Ssonja blieb mitten im Zimmer stehen. Er hatte nicht mal Abschied von ihr genommen, er hatte sie schon vergessen; ein brennender und sich empörender Zweifel wogte in seiner Seele.

»Ist es auch das Richtige, ist auch alles richtig?« dachte er wieder, als er die Treppe hinunterging, »kann man denn nicht stehen bleiben und alles wieder gutmachen ... und nicht hingehen?«

Er ging aber doch den Weg. Er sagte sich endgültig, daß es sich nicht lohne, weitere Fragen an sich zu stellen. Auf der Straße fiel es ihm ein, daß er sich von Ssonja nicht verabschiedet hatte, daß sie mitten im Zimmer in ihrem grünen Tuche stehen geblieben war, ohne zu wagen, sich zu rühren, als er sie angeschrien hatte, -- und er blieb eine Weile stehen. Im selben Augenblick durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke, -- als hätte er nur gewartet, um ihn vollständig verwirrt zu machen.

»Wozu, warum bin ich jetzt bei ihr gewesen? Ich sagte ihr, -- in einer Angelegenheit; was war es für eine Angelegenheit? Es war absolut nichts! Um ihr mitzuteilen, daß ich hingehe; was ist denn dabei? War es notwendig, das ihr zu sagen? Liebe ich sie etwa? Nein, doch gar nicht? Ich habe sie doch soeben wie einen Hund von mir gestoßen. Brauchte ich etwa ihre Kreuze? Oh, wie tief ich gesunken bin! Nein, -- ich brauchte ihre Tränen, ich mußte ihr Erschrecken sehen, ich mußte sehen, wie ihr das Herz schmerzt und sie sich quält! Ich mußte mich an irgend etwas anklammern, es in die Länge ziehen, einen Menschen sehen! Und ich habe es gewagt, so auf mich zu hoffen, so von mir zu träumen, ich Bettler, ich unbedeutender Schuft, Schuft!«

Er ging am Kanale entlang und hatte nicht mehr weit. Als er aber bis zur Brücke kam, blieb er einen Augenblick stehen, bog dann zur Seite ab und ging über die Brücke zum Heumarkte.

Er blickte neugierig rechts und links um sich, betrachtete aufmerksam jeden Gegenstand und konnte auf nichts die Aufmerksamkeit konzentrieren; alles entglitt ihm. -- »Nach einer Woche, nach einem Monat wird man mich in einem Gefängniswagen irgendwohin über diese Brücke führen, wie werde ich dann diesen Kanal ansehen, -- ich müßte es mir merken,« durchfuhr es ihn. »Dieses Aushängeschild dort, -- wie werde ich dann diese Buchstaben lesen? Da steht geschrieben -- Genossenschaft, -- nun, ich sollte mir dieses >o<, diesen Buchstaben o merken, und nach einem Monat dieses o ansehen, -- wie werde ich es dann ansehen? Was werde ich dann empfinden und denken? ... Mein Gott, wie dies alles gemein sein muß, alle meine jetzigen ... Sorgen! Gewiß, dies alles muß interessant ... in seiner Art sein ... ha! ha! ha! ... worüber ich bloß denke! Ich werde wie ein Kind, ich spiele mit mir selbst; nun, warum halte ich mir dieses vor? Pfui, wie sie stoßen! Dieser Dicke da, -- wahrscheinlich ein Deutscher, -- der mich soeben gestoßen hat; nun, weiß er, wen er gestoßen hat? Eine Frau mit einem Kinde bettelt, es ist amüsant, daß sie mich für glücklicher als sich selbst hält. Was, sollte ich der Kuriosität wegen ihr auch ein Almosen geben? Bah, ich habe ja volle fünf Kopeken in der Tasche, woher bloß? Na ... nimm es, Mütterchen!«

»Gott schütze dich!« ertönte die weinerliche Stimme der Bettlerin.

Er trat auf den Heumarkt. Ihm war es unangenehm, sehr unangenehm sogar, mit Leuten zusammenzukommen, er ging aber gerade dorthin, wo man am meisten Menschen sah. Er hätte alles in der Welt hingegeben, um allein zu bleiben, aber er fühlte selbst, daß er keinen einzigen Augenblick allein sein konnte. In einer Menge trieb ein Betrunkener sein Wesen, er wollte die ganze Zeit tanzen, fiel aber immer hin. Man hatte ihn umringt. Raskolnikoff drängte sich durch die Menge hindurch, blickte einige Augenblicke den Betrunkenen an und lachte plötzlich kurz und abgerissen auf. Nach einer Minute hatte er ihn schon vergessen, bemerkte ihn nicht mehr, obwohl er ihn noch anblickte. Er ging schließlich zurück, ohne sich zu erinnern, wo er sich befand; als er aber bis zur Mitte des Platzes gekommen war, vollzog sich mit ihm plötzlich eine Veränderung, eine Empfindung packte ihn mit einem Male, nahm ihn vollständig körperlich und seelisch -- gefangen.

Er erinnerte sich plötzlich der Worte von Ssonja, »geh zu einem Kreuzweg, verneige dich vor den Menschen, küsse die Erde, weil du vor ihr gesündigt hast, und sage laut der ganzen Welt: -- Ich bin ein Mörder!«

Er zitterte am ganzen Körper, als er sich daran erinnerte. Und so stark hatte ihn schon der aussichtslose Gram und die Unruhe der ganzen Zeit, besonders aber der letzten Stunden erdrückt, daß er sich dieser neuen Empfindung vollkommen und ungeteilt hingab. Wie ein Anfall war es plötzlich über ihn gekommen; durch einen Funken entzündete es sich in seiner Seele und erfaßte ihn mit einem Male, wie ein Feuer, ganz und gar. Alles wurde in ihm weich und Tränen stürzten hervor. Wie er stand, so fiel er auch zu Boden ...

Er kniete mitten auf dem Platze nieder, verneigte sich bis zur Erde und küßte diese schmutzige Erde voll Genuß und Glück. Er stand auf und verneigte sich zum zweiten Male ...

»Sieh, wie der sich vollgesoffen hat!« bemerkte ein Bursche in seiner Nähe.

Lachen ertönte.

»Er geht nach Jerusalem, nimmt Abschied von seinen Kindern, seiner Heimat, verneigt sich vor der ganzen Welt und küßt die Residenzstadt Sankt Petersburg und seinen Boden,« fügte ein betrunkener Kleinbürger hinzu.

»Er ist noch jung, der Bursche!« bemerkte ein dritter.

»Einer von den Adeligen!« sagte jemand mit gesetzter Stimme.

»Heutzutage erkennt man nicht mehr, wer von Adel ist, und wer nicht.«

Alle diese Zurufe und Bemerkungen hielten Raskolnikoff zurück, und das Bekenntnis »ich habe getötet!,« das er abzulegen bereit war, unterblieb. Die Zurufe nahm er in Ruhe hin, ging ohne sich umzusehen, durch eine Gasse zum Polizeibureau. Unterwegs bemerkte er, daß ihm jemand folgte, aber er war darüber nicht erstaunt; er hatte es geahnt. Als er auf dem Heumarkte sich zum zweiten Male bis zur Erde verneigte und sich links wandte, erblickte er fünfzig Schritte entfernt Ssonja. Sie verbarg sich vor ihm hinter einer der hölzernen Buden, die auf dem Markte standen, also hatte sie ihn auf seinem ganzen Leidensweg begleitet. Raskolnikoff fühlte und begriff in diesem Augenblicke ein für allemal, daß Ssonja ewig bei ihm sein und ihm bis ans Ende der Welt folgen werde, was ihm das Schicksal auch senden würde. Und sein Herz wandte sich ... aber, -- er war schon an der verhängnisvollen Stelle angelangt ...

Ziemlich sicher trat er in den Hof. Er mußte in den dritten Stock. -- »Es dauert noch eine Weile, bis ich hinaufkomme,« dachte er. Überhaupt schien es ihm, als wäre es noch weit bis zu dem entscheidenden Augenblicke, als hätte er noch viel Zeit und könne sich vieles noch überlegen.

Wieder derselbe Schmutz, dieselben Schalen auf der sich windenden Treppe, wieder waren die Türen zu den Wohnungen weit offen, wieder dieselben Küchen, aus denen Dunst und Gestank herausdrang. Raskolnikoff war seit damals nicht mehr hier gewesen. Seine Beine erstarben und knickten zusammen, aber sie trugen ihn vorwärts. Er blieb einen Augenblick stehen, um Atem zu holen, um sich in Ordnung zu bringen, um als Mensch einzutreten.

»Wozu aber? Warum?« dachte er plötzlich, als er seiner Bewegung gewahr wurde. -- »Wenn man schon diesen Kelch leeren muß, ist dann nicht alles gleichgültig? Je häßlicher, um so besser!«

In seiner Erinnerung tauchte in diesem Momente die Gestalt von Ilja Petrowitsch Pulver auf. »Soll ich tatsächlich zu ihm gehen? Kann ich nicht zu einem anderen? Nicht zu Nikodim Fomitsch? Oder sofort umkehren und zum Kommissar selbst in seine Wohnung gehen? Alles wird wenigstens dann in angenehmerer Weise ... Nein, nein! Zu Pulver, zu Pulver! Wenn ich ihn schon leeren soll, so alles auf einmal ...«

Erstarrt vor Kälte und kaum seiner mächtig, öffnete er die Türe zum Polizeibureau. Diesmal waren sehr wenig Leute da, ein Hausknecht und noch ein Mann. Der Wächter schaute nicht einmal aus seiner Kammer heraus. Raskolnikoff ging in das andere Zimmer. -- »Vielleicht läßt es sich noch vermeiden,« schwirrte es ihm durch den Kopf. In diesem Zimmer begann gerade irgend ein Schreiber in Zivilkleidung etwas auf seinem Pulte zu schreiben. In einer Ecke setzte sich ein anderer Schreiber hin. Sametoff war nicht da. Nikodim Fomitsch selbstverständlich auch nicht.

»Ist niemand da?« fragte Raskolnikoff, sich an den Schreiber am Pulte wendend.

»Wen wünschen Sie?«

»Ah -- ah! Man hört nichts, man sieht nichts, bloß der russische Geist ... wie heißt es doch in jenem Märchen ... habe es vergessen! M--m--mein Kompliment!« rief plötzlich eine bekannte Stimme.

Raskolnikoff erbebte. Vor ihm stand Pulver; er war unbemerkt aus dem dritten Zimmer eingetreten.

»Das ist das Schicksal,« dachte Raskolnikoff, »warum ist er hier?«

»Zu uns? In welcher Angelegenheit?« rief Ilja Petrowitsch aus. (Er war offenbar in ausgezeichneter und sogar ein wenig erregter Stimmung.) »Wenn Sie in einer geschäftlichen Angelegenheit kommen, so ist es dazu noch zu früh. Ich selbst bin nur zufälligerweise hier ... Übrigens stehe ich zu Ihren Diensten. Ich muß gestehen ... Wie? Wie? Entschuldigen Sie ...«

»Raskolnikoff.«

»Aha, Raskolnikoff? Konnten Sie glauben, daß ich Ihren Namen vergessen habe! Bitte, halten Sie mich nicht für so einen ... Rodion Ro... Ro... Rodionytsch, nicht wahr, es ist doch richtig?«

»Rodion Romanowitsch.«

»Ja, ja, ja! Rodion Romanowitsch, Rodion Romanowitsch! Das wollte ich gerade wissen. Habe mich sogar mehrere Male nach Ihnen erkundigt. Ich muß Ihnen gestehen, seit der Zeit war ich aufrichtig betrübt, als wir damals mit Ihnen so ... man hat mir nachher alles erklärt, ich erfuhr, daß Sie ein junger Literat und sogar Gelehrter ... und sozusagen, die ersten Schritte ... oh, mein Gott! Ja, wer von den Literaten und Gelehrten hat im Anfange nicht originelle Schritte getan! Ich und meine Frau, -- wir beide schätzen die Literatur, meine Frau sogar leidenschaftlich! ... Literatur und Kunst! Wenn einer nur anständig ist, alles übrige aber kann er durch Talent, Wissen, Verstand, Genie erwerben! Ein Hut -- nun, was bedeutet z. B. ein Hut? Ein Hut ist ein Deckel, ich kann ihn im besten Laden kaufen; was aber unter dem Hute steckt und mit dem Hute verdeckt wird, das kann ich nicht kaufen! ... Ich muß gestehen, wollte sogar zu Ihnen kommen, Ihnen eine Erklärung abgeben, aber ich dachte, daß Sie vielleicht ... Jedoch ich vergesse ganz, Sie zu fragen, -- brauchen Sie tatsächlich etwas von uns? Man sagte mir, Sie haben Besuch von Ihren Verwandten?«

»Ja, meine Mutter und Schwester.«

»Ich hatte sogar die Ehre und das Glück, Ihre Schwester zu treffen, -- eine gebildete und reizende Dame. Ich muß gestehen, ich bedauerte sehr, daß wir damals beide so hitzig wurden. Ein Zufall! Und daß ich Sie damals infolge Ihrer Ohnmacht, mit einem gewissen Blicke ansah, -- das hat sich doch sofort in glänzendster Weise aufgeklärt! Grausamkeit und Fanatismus! Ich begreife Ihre Entrüstung. Sie werden wohl infolge der Ankunft Ihrer Familie in eine andere Wohnung ziehen und wollen uns wohl das anmelden?«

»N--nein, ich bin bloß ... Ich bin gekommen, zu fragen ... ich dachte, daß ich Herrn Sametoff hier antreffen werde.«

»Ach, ja! Sie sind ja Freunde geworden; ich habe davon gehört. Nein, Sametoff ist nicht bei uns, -- den haben Sie verfehlt. Wir haben Herrn Sametoff verloren! Seit gestern ist er nicht mehr bei uns; er ist in einen anderen Dienst übergetreten ... und hat sich zum Abschied mit allen gezankt ... er war zuletzt noch sehr unhöflich ... Er war ein leichtsinniger Junge, mehr nichts; er berechtigte wohl zu Hoffnungen; ja, aber so geht es mit unserer glänzenden Jugend! Er will ein Examen ablegen, wir kennen das, -- sind bloß Redensarten, Wichtigtuerei und das wird das ganze Examen sein. Es ist doch nicht, wie bei Ihnen z. B. der Fall oder bei Herrn Rasumichin, Ihrem Freunde! Ihre Karriere ist die eines Gelehrten, und Mißerfolge werden Sie nicht verstimmen. Für Sie sind dies alles Reize des Lebens -- nihil. Sie sind ein Asket, ein Mönch, ein Einsiedler! ... für Sie hat nur ein Buch Bedeutung, die Feder, die Gelehrten und Untersuchungen, -- darin schwelgt Ihr Geist! Ich bin teilweise selbst so ... Haben Sie das Buch von Livingstone gelesen?«

»Nein.«

»Ich habe es gelesen. Heutzutage gibt es übrigens viel zu viel Nihilisten; es ist auch begreiflich; die Zeiten sind auch danach, nicht wahr? Übrigens ich ... Sie sind doch selbstverständlich kein Nihilist! Sagen Sie es mir aufrichtig, ganz offen.«

»N--nein ...«

»Nein, ach, seien Sie doch mir gegenüber ganz offen, genieren Sie sich nicht, tun Sie, als wären Sie allein mit sich! Der Dienst ist ein Ding für sich, ein anderes Ding ... Sie meinten, ich wollte Freundschaft sagen, nein, Sie haben es nicht erraten! Nicht Freundschaft, sondern das Gefühl eines Mitbürgers und Mitmenschen, das Gefühl der Humanität und der Liebe zum Allmächtigen. Ich kann eine offizielle Stellung und ein Amt einnehmen, aber ich bin dennoch verpflichtet, den Bürger und Menschen in mir stets zu fühlen, und muß mir darüber Rechenschaft abgeben ... Sie beliebten Sametoff zu erwähnen. Sametoff ist imstande, auf französische Art, in einem unanständigen Lokale beim Glas Champagner oder moussierendem Wein loszulegen, -- sehen Sie, das ist Ihr Sametoff! Ich aber bin sozusagen in Ergebenheit und hohen Gefühlen ganz aufgegangen, habe außerdem einen Rang, eine Position, bekleide ein Amt! Bin verheiratet und habe Kinder. Ich erfülle meine Pflichten als Bürger und Mensch, wer aber ist er, gestatten Sie mir die Frage? Ich wende mich an Sie, als einen durch Bildung geadelten Menschen. Sehen Sie, auch sehr viel gelehrte Hebammen haben wir in letzter Zeit.«

Raskolnikoff zog fragend die Augenbrauen empor. Die Worte von Ilja Petrowitsch, der anscheinend vor kurzem erst vom Mittagstische aufgestanden war, schwirrten an seinem Ohre vorbei! Einen kleinen Teil davon hatte er wohl aufgefangen. Er blickte ihn fragend an und wußte nicht, wo er hinaus wollte.

»Ich spreche von diesen kurzgeschorenen Mädchen,« fuhr der redselige Ilja Petrowitsch fort, »ich habe sie selbst gelehrte Hebammen benannt und finde, daß diese Benennung sehr treffend ist. He! he! Sie kriechen in die medizinische Akademie, lernen Anatomie; und, sagen Sie mir, glauben Sie, wenn ich krank werde, daß ich mir etwa ein solches Mädchen hole ließe, daß sie mich behandele? He! he!«

Ilja Petrowitsch lachte, sehr zufrieden mit seinen eigenen Witzen.

»Es ist wohl wahr, der Durst nach Bildung ist grenzenlos; aber nachdem einer sich gebildet hat, muß es für ihn genug sein. Warum denn es mißbrauchen? Warum denn ehrenhafte Personen beleidigen, wie es dieser Schurke Sametoff tut? Warum hat er mich beleidigt, frage ich Sie? Und wie die Selbstmorde jetzt zunehmen, -- Sie können es sich gar nicht vorstellen. Alle verprassen ihr letztes Geld und töten sich dann. Kleine Mädchen, Jungen, Greise ... Heute früh noch erhielten wir Mitteilung über einen vor kurzem zugereisten Herrn Nil Pawlytsch, ah, Nil Pawlytsch! Wie hieß doch dieser Gentleman, der sich erschossen hat, über den wir die Mitteilung vorhin erhielten?«

»Sswidrigailoff,« antwortete jemand aus dem anderen Zimmer laut und teilnahmslos.

Raskolnikoff zuckte zusammen.

»Sswidrigailoff! Sswidrigailoff hat sich erschossen?« rief er aus.

»Wie! Sie kannten Sswidrigailoff?«

»Ja ... ich kannte ihn ... Er war vor kurzem hierher gekommen ...«

»Nun, ja, er ist vor kurzem zugereist, hat seine Frau verloren, führte ein ausschweifendes Leben, und hat sich plötzlich erschossen, und so skandalös, daß man es sich nicht vorstellen kann ... hat in seinem Notizbuche ein paar Worte hingeschrieben, daß er bei vollem Verstande sterbe, und bittet, niemanden wegen seines Todes zu beschuldigen. Er hatte Geld, sagt man. Wie haben Sie ihn denn kennengelernt?«

»Ich ... kannte ihn ... meine Schwester war in seinem Hause als Gouvernante ...«

»Ah ... Sie können uns also über ihn einiges mitteilen. Sie ahnten gar nichts davon?«

»Ich habe ihn gestern gesehen ... er ... trank Wein ... ich ahnte nichts.«

Raskolnikoff fühlte sich so niedergeschmettert, als wäre etwas auf ihn heruntergefallen und drücke ihn zu Boden.

»Sie sind blaß geworden. Bei uns ist die Luft sehr stickig ...«

»Ja, es ist für mich Zeit zu gehen,« murmelte Raskolnikoff, -- »entschuldigen Sie, daß ich Sie gestört habe ...«

»Oh, bitte sehr! Es war mir ein Vergnügen und ich bin froh, Ihnen zu sagen ...«

Ilja Petrowitsch reichte ihm die Hand.

»Ich wollte bloß ... zu Sametoff ...«

»Ich begreife, begreife. Es war mir ein Vergnügen.«

»Ich ... freue mich sehr ... auf Wiedersehen ...« lächelte Raskolnikoff.

Er ging hinaus; schwankend. Der Kopf schwindelte ihm. Er fühlte seine Füße nicht mehr. Langsam begann er die Treppe hinabzusteigen und stützte sich dabei mit der rechten Hand an der Wand. Es schien ihm, daß ein Hausknecht mit einem Buche in der Hand ihn gestoßen habe, daß ein Hund im unteren Stockwerke ununterbrochen belle und daß ein Weib ein Holzscheit nach dem Hunde werfe und ihn anschreie. Er ging die Treppe hinunter und trat in den Hof. Hier auf dem Hofe, unweit vom Ausgange, stand Ssonja, totenbleich, starr, und sah ihn fassungslos an. Er blieb vor ihr stehen. Ihr Gesicht zeigte einen schmerzlichen, abgequälten, verzweifelten Ausdruck. Sie schlug die Hände zusammen. Ein bitteres, verlorenes Lächeln erschien für einen Moment auf seinen Lippen. Eine Weile blieb er stehen, betrachtete sie und ging dann wieder hinauf in das Polizeibureau.

Ilja Petrowitsch hatte sich gesetzt und wühlte in allerhand Papieren. Vor ihm stand derselbe Mann, der vorhin Raskolnikoff gestoßen hatte.

»Ah! Sie sind es wieder! Haben Sie etwas vergessen? ... Aber was ist mit Ihnen?«

Raskolnikoff näherte sich ihm mit blassen Lippen, mit verglasten Augen, langsam trat er an den Tisch heran, stützte sich mit der Hand darauf, wollte etwas sagen, aber konnte nicht; man hörte bloß unzusammenhängende Töne.

»Ihnen ist schlecht, ein Stuhl! Hier, setzen Sie sich auf den Stuhl, setzen Sie sich! Wasser!«

Raskolnikoff ließ sich auf den Stuhl nieder, wandte aber die Augen von dem Gesichte des äußerst unangenehm überraschten Ilja Petrowitsch nicht ab. Beide blickten eine Minute lang einander an und warteten. Das Wasser wurde gebracht.

»Ich habe ...« begann Raskolnikoff.

»Trinken Sie Wasser.«

Raskolnikoff wehrte mit der Hand das Wasser ab und sagte leise mit Pausen, aber deutlich:

»Ich habe damals die alte Beamtenwitwe ... und ihre Schwester Lisaweta ... mit dem Beile erschlagen ... und beraubt.«

Ilja Petrowitsch öffnete den Mund vor Staunen. Von allen Seiten kamen die Menschen gelaufen.

Raskolnikoff wiederholte sein Geständnis.

Epilog

I.

Sibirien. Am Ufer eines breiten, öden Flusses steht eine Stadt, eine von den administrativen Zentren Rußlands; in der Stadt befindet sich eine Festung, in der Festung ein Gefängnis. Im Gefängnisse sitzt schon neun Monate der Zwangsarbeiter der zweiten Kategorie Rodion Raskolnikoff. Seit dem Tage seiner Tat sind fast anderthalb Jahre vergangen.

Das Verfahren gegen ihn verlief ohne besondere Schwierigkeiten. Der Verbrecher hielt sein Geständnis aufrecht, bestimmt und klar, ohne die Sache zu verwirren, ohne etwas zu beschönigen, ohne die Tatsachen zu verzerren und ohne die geringste Einzelheit zu verschweigen. Er hatte bis zum letzten Punkt den ganzen Vorgang der Ermordung erzählt, hatte das Geheimnis des Versatzobjekts (des Stückes Holzes mit einem Streifen aus Metall), das man in den Händen der ermordeten Alten gefunden hatte, erklärt; er hatte umständlich erzählt, wie er die Schlüssel von der Getöteten genommen hatte, beschrieb die Schlüssel, die Truhe und womit sie angefüllt war; er hatte sogar einige von den einzelnen Gegenständen, die darin lagen, aufgezählt; hatte das Rätsel der Ermordung von Lisaweta erklärt; hatte erzählt, wie Koch gekommen war und geklopft hatte, wie der Student nach ihm gekommen war, und hatte alles, was sie untereinander gesprochen hatten, wiedergegeben; hatte auch erzählt, wie er, der Verbrecher, nachher die Treppe hinuntergelaufen war und das Kreischen von Nikolai und Dmitri gehört hatte, wie er sich in der leerstehenden Wohnung versteckt hatte, nach Hause gekommen war, und zum Schluß gab er den Stein auf dem Hofe am Wosnesensky-Prospekt hinter dem Tore an, unter dem man auch die Sachen und den Beutel fand. Mit einem Worte, die Sache war klar. Die Untersuchungsrichter und die Richter waren unter anderem darüber sehr erstaunt, daß er den Beutel und die Sachen, ohne sie zu verwenden, unter einem Steine versteckt hatte, mehr aber darüber, daß er sich aller Gegenstände, die er eigentlich geraubt hatte, nicht im einzelnen erinnerte, sondern sich sogar in ihrer Zahl geirrt hatte. Der Umstand schon, daß er kein einziges Mal den Beutel geöffnet und nicht mal wußte, wie viel an Geld darin lag, erschien unglaublich; im Beutel waren, wie sich herausstellte, dreihundertsiebzehn Rubel und drei Zwanzig-Kopekenstücke; von dem langen Liegen unter dem Steine waren einige größere Scheine, die zu oberst lagen, stark verdorben. Man mühte sich lange ab, zu erforschen, warum der Angeklagte gerade in diesem einzigen Punkte log, wo er doch in allem übrigen ein freiwilliges und aufrichtiges Geständnis ablegte? Schließlich kamen einige, besonders die Psychologen, zu der möglichen Annahme, daß er in der Tat keinen Blick in den Beutel geworfen habe, daher auch nicht gewußt habe, was er enthielt, und ohne es zu wissen, den Beutel einfach unter den Stein gelegt habe; sie zogen aber auch sofort daraus die Folgerung, daß das Verbrechen selbst nicht anders ausgeführt sein könnte, als bei gewisser zeitweiliger Unzurechnungsfähigkeit, unter einer krankhaften Manie, zu morden und zu rauben, ohne weitere Zwecke und Berechnungen. Hierzu gesellte sich noch die neueste moderne Theorie von zeitweiliger Geistesgestörtheit, die man in unserer Zeit so oft versucht, bei manchen Verbrechern anzuwenden. Außerdem wurde der hypochondrische Zustand Raskolnikoffs seit langer Zeit genau von vielen Zeugen, dem Arzte Sossimoff, seinen früheren Kameraden, seiner Wirtin und deren Dienstboten bestätigt. Dies alles half sehr zu der Annahme, daß Raskolnikoff einem gewöhnlichen Mörder, Räuber und Diebe nicht gleichzusetzen sei, daß etwas ganz anderes vorliege. Zum größten Verdruß derer, die diese Ansicht vertraten, versuchte der Verbrecher selbst sich fast gar nicht zu verteidigen; auf die endgültigen Fragen, -- was ihn zum Morde bewogen haben konnte, und was ihn den Raub zu vollziehen angetrieben habe, -- antwortete er sehr klar, mit der gröbsten Offenheit, daß die ganze Ursache seine schlechte Lage, seine Armut und Hilflosigkeit und der Wunsch gewesen war, -- die ersten Schritte seiner Laufbahn mit Hilfe von wenigstens dreitausend Rubel zu sichern, die er bei der Ermordeten zu finden gehofft habe. Er habe sich zum Morde infolge seines leichtsinnigen und kleinmütigen Charakters entschlossen, der außerdem durch Entbehrungen und Mißerfolge gereizt war. Auf die Frage aber, was ihn veranlaßt habe, ein Geständnis abzulegen, antwortete er offen, daß es aufrichtige Reue gewesen sei. -- Dies alles war schon fast grob ...

Das Urteil fiel milder aus, als man erwarten konnte, vielleicht auch deshalb, weil man bei der Straffestsetzung auch den Umstand in Betracht zog, daß der Verbrecher nicht bloß auf alle Selbstverteidigung verzichtete, sondern offenbar den Wunsch zeigte, sich selbst noch mehr zu belasten. Alle eigentümlichen und besonderen Umstände der Angelegenheit wurden in Erwägung gezogen. Der krankhafte und notleidende Zustand des Verbrechers vor Ausführung der Tat wurde nicht dem geringsten Zweifel unterzogen. Der Umstand, daß er von dem Geraubten keinen Nutzen gezogen hatte, wurde teilweise der erwachten Reue, teilweise dem nicht ganz gesunden Zustande seiner Geistesfähigkeiten während der Ausführung der Tat zugeschrieben. Die zufällige Ermordung von Lisaweta diente sogar als Umstand, der die letzte Annahme bestätigte, -- ein Mensch vollzieht zwei Morde und vergißt gleichzeitig, daß die Türe nicht verschlossen war! Schließlich, das freiwillige Geständnis gerade in dem Momente, wo die Sache ungewöhnlich verwickelt wurde, infolge der falschen Selbstanklage eines niedergeschlagenen Phantasten (Nikolai), und außerdem, wo nicht nur keine klaren Beweise, sondern fast kein Verdacht gegen den tatsächlichen Verbrecher vorgelegen hatte, -- (Porphyri Petrowitsch hatte sein Wort vollkommen gehalten) -- dies alles zusammen verhalf dem Angeklagten zu einer milderen Bestrafung.

Außerdem erschienen völlig unerwartet auch andere Umstände, die stark zu seinen Gunsten ins Gewicht fielen. Der frühere Student Rasumichin hatte irgendwo Mitteilungen erhalten und sie durch Beweise erhärtet, daß der Verbrecher Raskolnikoff, als er noch auf der Universität war, aus seinen letzten Mitteln einem armen und schwindsüchtigen Kameraden geholfen und ihn ein halbes Jahr hindurch fast gänzlich unterhalten hatte. Als der Kamerad gestorben war, übernahm er die Sorge um dessen alten und gelähmten Vater, den sein Kamerad durch seiner Hände Arbeit fast seit seinem dreizehnten Lebensjahre ernährt und unterstützt hatte, schließlich hatte Raskolnikoff den alten Vater in einem Krankenhaus untergebracht und, als auch er starb, ihn beerdigen lassen. Alle diese Mitteilungen hatten einen gewissen Einfluß auf das Schicksal von Raskolnikoff. Seine frühere Wirtin, die Mutter seiner verstorbenen Braut, die Witwe Sarnitzin, legte auch ein Zeugnis ab, daß Raskolnikoff, als sie noch in einem anderen Hause wohnten, während einer Feuersbrunst in der Nacht aus einer Wohnung, die schon brannte, zwei kleine Kinder gerettet habe und dabei selbst Brandwunden davontrug. Diese Tatsache wurde genau untersucht und auch durch andere Zeugen bestätigt. Mit einem Worte, es endete damit, daß der Verbrecher zur Zwangsarbeit der zweiten Kategorie, im ganzen nur zu acht Jahren verurteilt wurde, infolge seines freiwilligen Geständnisses und mehrerer mildernder Umstände.

Noch beim Beginn des Prozesses wurde Raskolnikoffs Mutter krank. Dunja und Rasumichin fanden es für ratsam, sie während der ganzen Gerichtsverhandlung aus Petersburg fortzuschaffen. Rasumichin wählte eine Stadt an der Eisenbahn und in der Nähe von Petersburg, um die Möglichkeit zu haben, allen Phasen des Prozesses genau zu folgen und gleichzeitig möglichst oft Awdotja Romanowna zu sehen. Pulcheria Alexandrownas Leiden war eine eigentümliche Nervenerkrankung und wurde durch eine, wenn auch nicht völlige, so doch zeitweilige Geistesstörung kompliziert. Dunja fand ihre Mutter, als sie von ihrer letzten Zusammenkunft mit dem Bruder zurückkehrte, vollständig krank, in Fieber und Wahnvorstellungen. Am selben Abend noch kam sie mit Rasumichin darüber überein, was man der Mutter auf ihre Fragen nach dem Sohne antworten solle, und hatte sogar mit ihm zusammen für die Mutter eine ganze Geschichte erdichtet, daß Raskolnikoff sehr weit an die Grenze Rußlands in einem privaten Auftrage gereist sei, der ihm endlich Geld und Berühmtheit eintragen werde. Sie waren aber überrascht, daß Pulcheria Alexandrowna selbst weder damals, noch späterhin sie irgend etwas frug. Im Gegenteil, es zeigte sich, daß sie selbst eine ganze Geschichte über die plötzliche Abreise des Sohnes wußte; sie erzählte mit Tränen, wie er zu ihr gekommen war, um von ihr Abschied zu nehmen; deutete dabei an, daß nur sie allein viele, sehr wichtige und geheimnisvolle Umstände kenne, und daß Rodja sehr viele einflußreiche Feinde habe, so daß er sich verbergen müsse. Was seine künftige Karriere anbetraf, schien sie ihr auch unzweifelhaft und glänzend zu sein, -- wenn gewisse unbequeme Umstände beseitigt wären; sie versicherte Rasumichin, daß ihr Sohn mit der Zeit sogar ein bedeutender Staatsmann würde, wofür sein Artikel und sein glänzendes literarisches Talent zeugten. Immer las sie seinen Artikel, las ihn zuweilen laut vor und legte sich fast mit ihm zu Bett, trotzdem aber fragte sie fast nie, wo sich jetzt Rodja befinde, ungeachtet dessen, daß man augenscheinlich vermied, mit ihr darüber zu sprechen, -- was doch allein schon Argwohn bei ihr hätte erwecken müssen. Man begann endlich, sich über dieses merkwürdige Schweigen von Pulcheria Alexandrowna in Bezug auf manche Punkte zu ängstigen. Sie klagte z. B. nicht einmal darüber, daß sie von ihm keine Briefe erhalte, wogegen sie früher, als sie noch in ihrem Heimatsstädtchen wohnte, bloß von der Hoffnung und in der Erwartung lebte, bald einen Brief von ihrem geliebten Rodja zu erhalten. Der letzte Umstand war zu unerklärlich und beunruhigte Dunja sehr; ihr kam der Gedanke, daß die Mutter möglicherweise etwas Schreckliches im Leben ihres Sohnes ahne und sich fürchtete, zu fragen, um nicht etwas noch entsetzlicheres zu erfahren. In jedem Falle aber sah Dunja klar, daß Pulcheria Alexandrowna nicht bei gesundem Verstande war.

Ein paarmal war es vorgekommen, daß sie selbst das Gespräch so führte, daß es unmöglich war, bei Beantwortung ihrer Fragen nicht zu erwähnen, wo sich Rodja jetzt aufhielt; als aber die Antworten natürlich ungenügend und verdächtig ausfielen, wurde sie plötzlich traurig, düster und schweigsam, und das dauerte eine ziemlich lange Zeit an. Dunja sah schließlich ein, daß es schwer war, ihr etwas vorzulügen und zu erdichten, und kam zu dem endgültigen Entschlusse, besser über bestimmte Punkte vollkommen zu schweigen; aber es wurde immer deutlicher und klarer, daß die arme Mutter etwas Schreckliches ahnte. Dunja entsann sich unter anderem auch der Worte ihres Bruders, daß die Mutter ihre Reden im Traume in der Nacht vor dem letzten schicksalsschweren Tage, nach der Szene mit Sswidrigailoff vernommen habe. -- Sollte sie damals etwas gehört und verstanden haben? Oft wurde die Kranke, zuweilen nach Tagen und Wochen eines düsteren, finsteren Schweigens und wortloser Tränen, von aufgeregter Lebhaftigkeit ergriffen und begann plötzlich laut und unaufhörlich von ihrem Sohne, von ihren Hoffnungen, von der Zukunft zu sprechen ... ihre Phantasien waren manchmal sehr sonderbar. Man tröstete sie, man stimmte ihr bei; sie merkte vielleicht selbst, daß man ihr beistimmte, sie bloß tröstete, aber dennoch redete sie ...

Fünf Monate, nachdem sich der Verbrecher selbst gestellt hatte, erfolgte das Urteil. Rasumichin besuchte ihn so oft im Gefängnis, als es nur möglich war. Auch Ssonja kam zu ihm. Schließlich kam die Trennung; Dunja schwur dem Bruder, daß diese Trennung nicht ewig währen würde; Rasumichin tat dasselbe. In Rasumichins jungem und feurigem Kopfe war unerschütterlich der Plan entstanden, -- in den nächsten drei, vier Jahren möglichst den Grundstock zu einem Vermögen zu legen, wenigstens etwas Geld zu ersparen und nach Sibirien überzusiedeln, wo der Boden in jeder Hinsicht reich war, aber wenig tatkräftige Menschen mit Kapital existierten; dort in derselben Stadt, wo Rodja sein werde, sich anzusiedeln und ... für alle zusammen ein neues Leben zu beginnen ... Als der Abschied kam, weinten alle. Raskolnikoff war in den allerletzten Tagen sehr nachdenklich, fragte viel nach der Mutter und war ihretwegen in ständiger Unruhe. Er quälte sich sehr um sie, was Dunja wiederum beunruhigte. Als er die Einzelheiten über den krankhaften Zustand der Mutter erfahren hatte, wurde er sehr finster. Zu Ssonja war er in der ganzen Zeit aus irgendeinem Grunde auffallend wortkarg. Ssonja hatte sich schon längst mit Hilfe des Geldes, das ihr Sswidrigailoff gegeben hatte, zur Reise vorbereitet und machte sich bereit, der Abteilung von Sträflingen, mit denen er verschickt werden sollte, zu folgen. Darüber war zwischen ihr und Raskolnikoff niemals ein Wort gewechselt worden, doch beide wußten, daß es so sein werde. Beim letzten Abschiede lächelte er eigen bei den heißen Beteuerungen der Schwester und Rasumichins über ihrer aller glückliche Zukunft, sobald er die Zwangsarbeit abgebüßt habe, und sagte im voraus, daß der krankhafte Zustand der Mutter bald mit einem Unglücke enden würde. Er und Ssonja traten den Weg nach Sibirien an.

Zwei Monate nachher heiratete Dunetschka Rasumichin. Die Hochzeit war traurig und still. Unter den Gästen waren auch Porphyri Petrowitsch und Sossimoff. In der letzten Zeit hatte Rasumichin das Aussehen eines fest entschlossenen Menschen gewonnen. Dunja glaubte bestimmt, daß er alle seine Pläne verwirklichen werde und mußte daran glauben, -- in diesem Menschen steckte ein eiserner Wille. Unter anderem begann er wieder die Vorlesungen in der Universität zu besuchen, um sein Studium abzuschließen. Beide bauten immer Pläne für die Zukunft; beide rechneten fest darauf, nach fünf Jahren nach Sibirien übersiedeln zu können. Bis dahin hofften sie auf Ssonja ...

Pulcheria Alexandrowna gab mit Freude der Tochter ihren Segen zur Hochzeit mit Rasumichin; nach der Hochzeit aber wurde sie scheinbar noch trauriger und sorgenvoller. Um ihr eine Freude zu machen, teilte ihr Rasumichin unter anderem auch die Geschichte von dem Studenten und seinem greisen Vater mit und auch, daß Rodja sich verbrannt habe und sogar krank war, als er im vorigen Jahre zwei Kinder vor dem Flammentode gerettet hatte. Beide Mitteilungen versetzten die verstörte Pulcheria Alexandrowna fast in einen verzückten Zustand. Sie redete ununterbrochen darüber, knüpfte Gespräche auf der Straße an, obwohl Dunja sie ständig begleitete. In Omnibussen und in Läden, wenn sie bloß einen Zuhörer fand, brachte sie das Gespräch auf ihren Sohn, auf seinen Artikel und darauf, wie er einem Studenten geholfen habe, wie er bei der Feuersbrunst Brandwunden erhalten habe und dergleichen mehr. Dunetschka wußte nicht mehr, wie sie sie davon abhalten konnte. Abgesehen von der Gefahr solch eines verrückten krankhaften Zustandes, drohte auch das Unglück, daß jemand sich auf den Namen Raskolnikoff aus der Gerichtsverhandlung besinnen und darüber etwas sagen konnte. Pulcheria Alexandrowna hatte sogar die Adresse der Mutter von den zwei bei der Feuersbrunst geretteten Kindern erfahren und wollte sie unbedingt aufsuchen. Schließlich stieg ihre Unruhe bis aufs äußerste. Sie fing zuweilen plötzlich an zu weinen, wurde oft bettlägerig und phantasierte im Fieber. Eines Morgens erklärte sie, daß nach ihrer Berechnung Rodja bald zurückkehren müsse, daß sie sich erinnere, wie er beim Abschiede selbst erwähnt habe, daß man ihn nach neun Monaten erwarten solle. Sie begann alles in der Wohnung in Ordnung zu bringen und Vorbereitungen zu seinem Empfange zu machen, begann das für ihn bestimmte Zimmer, -- ihr eigenes, -- zu schmücken, die Möbel zu putzen, Vorhänge zu waschen und aufzuhängen und dergleichen mehr. Dunja wurde sehr unruhig, schwieg aber und half ihr sogar, das Zimmer für den Bruder instand zu setzen. Nach einem unruhigen Tage, der in ständigen Phantasien, in freudigen Träumen und Tränen verging, erkrankte sie in der Nacht und lag am anderen Morgen in Fieber und Fieberphantasien. Eine Nervenkrisis war ausgebrochen. Nach zwei Wochen starb sie. In Fieberphantasien entrangen sich ihr Worte, aus denen man annehmen mußte, daß sie bedeutend mehr über das schreckliche Schicksal ihres Sohnes ahnte, als man geglaubt hatte.

Raskolnikoff erfuhr lange nicht den Tod seiner Mutter, obwohl er mit Petersburg schon seit dem Anfang seiner Übersiedlung nach Sibirien in Briefwechsel stand. Ssonja vermittelte die Briefe und empfing auch pünktlich jeden Monat eine Antwort aus Petersburg. Ssonjas Briefe erschienen Dunja und Rasumichin zuerst etwas trocken und unbefriedigend; aber beide fanden bald, daß man nicht besser schreiben konnte, denn aus diesen Briefen empfing man doch zu guter Letzt eine ganz genaue und klare Vorstellung von dem Schicksal ihres unglücklichen Bruders. Ssonjas Briefe waren mit der alltäglichsten Wirklichkeit, mit der einfachsten und klarsten Darstellung der ganzen Umgebung Raskolnikoffs in der Zwangsarbeit angefüllt. Es gab dabei weder eine Darstellung ihrer eigenen Hoffnungen, noch Träume um die Zukunft, noch Beschreibungen ihrer Gefühle. Anstatt zu versuchen, seinen seelischen Zustand und überhaupt sein ganzes Seelenleben zu erklären, beschränkte sie sich auf Tatsachen, d. h. auf seine eigenen Worte, genaue Mitteilungen über seinen Gesundheitszustand, seine Wünsche bei ihren Besuchen, seine Aufträge und dergleichen mehr. Alle diese Nachrichten wurden mit der äußersten Genauigkeit wiedergegeben. Das Bild des unglücklichen Bruders trat schließlich hervor, zeichnete sich deutlich und klar ab; hier konnte es keine Irrtümer geben, denn alles waren sichere Tatsachen.

Aber wenig erfreuliches konnten Dunja und ihr Mann aus diesen Nachrichten, besonders im Anfang, schöpfen. Ssonja teilte immer nur mit, daß er ständig düster, wenig gesprächig sei und sich fast gar nicht für die Nachrichten interessiere, die sie ihm jedesmal aus den von ihr empfangenen Briefen überbrachte; daß er zuweilen nach der Mutter frage, und als sie ihm schließlich ihren Tod mitteilte, nachdem sie gemerkt hatte, daß er die Wahrheit ahne, da schien -- zu ihrer Verwunderung -- auch die Nachricht von dem Tode der Mutter auf ihn keinen starken Eindruck gemacht zu haben, wenigstens es schien ihr so nach seinem Äußeren. Sie teilte auch unter anderem mit, daß er bei aller Selbstversunkenheit und Verschlossenheit -- sich zu seinem neuen Leben offen und schlicht verhalte; er begreife klar seine Lage, erwarte in der nächsten Zeit nichts besseres, habe keine leichtsinnigen Hoffnungen, was doch so verständlich in seiner Lage wäre, und wundere sich fast über nichts in seiner neuen Umgebung, die so wenig Ähnlichkeit mit seinem früheren Leben habe; seine Gesundheit sei befriedigend. Er gehe zur Arbeit, der er nicht ausweiche und um die er nicht bitte. Dem Essen gegenüber sei er fast gleichgültig, aber das Essen sei, außer an Sonn- und Feiertagen, so schlecht, daß er schließlich gern von ihr, Ssonja, etwas Geld genommen habe, um seinen eigenen Tee sich zu halten; wegen des übrigen habe er sie gebeten, sich nicht zu beunruhigen, und sie versicherte, daß alle diese Sorgen um seine Person ihn bloß verdrießlich machten. Weiterhin teilte Ssonja mit, daß er im Gefängnis in einem Raume mit den anderen untergebracht sei; die inneren Räume und Kasernen habe sie nicht gesehen, aber nehme an, daß sie eng, häßlich und ungesund seien; er schlafe auf einer Pritsche, brauche, als Unterlage, Filz und wolle nichts anderes haben. Er lebe aber so schlecht und ärmlich, nicht aus einem bestimmten Plane oder absichtlich, sondern aus Unachtsamkeit und äußerster Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal. Ssonja machte kein Hehl daraus, daß er, besonders im Anfang, sich nicht bloß für ihre Besuche nicht interessierte, sondern über sie fast ungehalten war, wenig mit ihr sprach, ja grob zu ihr war, daß aber schließlich diese Zusammenkünfte ihm zur Gewohnheit und fast zum Bedürfnis geworden waren, so daß er sich sogar grämte, wenn sie einige Tage krank war und ihn nicht besuchen konnte. Sie sehe ihn an Sonntagen am Gefängnistore oder im Wachthause, wohin man ihn auf einige Minuten zu ihr rufe; an Werktagen sehe sie ihn bei der Arbeit, entweder in den Werkstätten oder in der Ziegelei oder in den Scheunen am Ufer des Irtysch. Über sich selbst teilte Ssonja mit, daß es ihr gelungen sei, in der Stadt einige Bekanntschaften anzuknüpfen und Protektion zu finden, daß sie sich mit Nähen beschäftige, und da in der Stadt es fast keine Schneiderin gebe, so sei sie in vielen Häusern ganz unentbehrlich geworden; aber sie erwähnte nicht, daß durch sie auch Raskolnikoff Protektion bei seinen Behörden gefunden habe, daß ihm leichtere Arbeiten zugeteilt wurden und dergleichen mehr. Schließlich kam die Nachricht -- (Dunja hatte in den letzten Briefen eine besondere Aufregung und Unruhe herausgefühlt) --, daß er alle meide, daß die Sträflinge ihn nicht gern hätten, daß er tagelang schweige und sehr blaß werde. Plötzlich schrieb Ssonja in ihrem letzten Briefe, daß er ernstlich erkrankt sei und im Hospital in der Arrestantenabteilung liege ...

II.

Er war schon lange vorher krank, aber nicht die Schrecken der Zwangsarbeit, nicht die physische Arbeit, nicht die Nahrung, noch der abrasierte Kopf, noch die gezeichnete Kleidung hatten ihn gebrochen, -- oh! was gingen ihn alle diese Qualen und Martern an! Im Gegenteil, er war über die Arbeit sogar froh, -- wenn er sich körperlich geplagt hatte, erwarb er sich wenigstens dadurch einige Stunden ruhigen Schlafes. Und was bedeutete ihm das Essen, -- diese fleischlose Kohlsuppe mit Schwaben? Als er noch Student war, im früheren Leben, hatte er oft auch das nicht mal gehabt. Seine Kleidung war warm und für seine Lebensweise berechnet. Ketten fühlte er fast gar nicht. Sollte er sich etwa seines rasierten Kopfes und der markierten Joppe schämen? Aber vor wem denn? Etwa vor Ssonja? Ssonja fürchtete ihn, und sollte er sich etwa vor ihr schämen? Was denn sonst? Er schämte sich freilich vor Ssonja, die er durch seine verächtliche und grobe Behandlung quälte. Aber er schämte sich nicht des rasierten Kopfes und der Ketten, -- sein Stolz war verletzt; und er erkrankte an verwundetem Stolze. Oh, wie glücklich wäre er, wenn er sich selbst anklagen könnte! Er würde dann alles, sogar die Schande und die Schmach ertragen! Er saß aber streng mit sich zu Gerichte, und sein erbittertes Gewissen hatte in seiner Vergangenheit keine besondere Schuld gefunden, außer einem einfachen Irrtum, der jedem passieren kann. Er schämte sich hauptsächlich deswegen, daß er, Raskolnikoff, so blind, hoffnungslos, still und dumm, infolge eines Spruches des blinden Schicksals, zugrunde gegangen war, und daß er sich vor der »Sinnlosigkeit« eines Urteils beugen und unterwerfen mußte, um einigermaßen zur Ruhe zu kommen.

Eine gegenstandslose und zwecklose Unruhe in der Gegenwart und ein ununterbrochenes Opfer in der Zukunft, durch das man nichts gewann, -- das stand ihm in der Welt bevor. Und was lag daran, daß er nach acht Jahren erst zweiunddreißig Jahre alt war und von neuem zu leben beginnen konnte? Wozu soll er leben? Was soll er in Aussicht haben? Wozu streben? Zu leben, um zu existieren? Aber er war auch früher tausendmal bereit, sein Leben für eine Idee, für eine Hoffnung, sogar für eine Phantasie hinzugeben. Das Leben allein war ihm stets wenig gewesen; er wollte immer Größeres haben. Vielleicht hatte er sich auch damals, bloß nach der Kraft seiner Wünsche, für einen Menschen, dem mehr, als einem anderen erlaubt sei, gehalten.

Wenn doch das Schicksal ihm Reue senden würde, -- eine brennende Reue, die das Herz bricht, die den Schlaf verjagt, solch eine Reue, bei deren schrecklichen Qualen einem die Schlinge und Wasser, wo es am tiefsten ist, vorschwebt! Oh, er würde sich darüber freuen! Qualen und Tränen -- das ist doch Leben. Aber er bereute nicht sein Verbrechen.

Könnte er sich wenigstens über seine Dummheit ärgern, wie er sich früher über die abscheulichen und dummen Handlungen geärgert hatte, die ihn nach Sibirien gebracht hatten. Jetzt aber, im Gefängnisse, in Freiheit, überlegte er und dachte über alle seine früheren Handlungen nach und fand sie gar nicht so dumm und abscheulich, wie sie ihm früher in der verhängnisvollen Zeit vorgekommen waren.

»Wodurch, wodurch,« dachte er, »ist meine Idee dümmer, als die anderen Ideen und Theorien, die in der Welt, solange diese Welt besteht, herumschwirren und aneinanderprallen? Man braucht bloß die Sache von einem völlig unabhängigen, weiten und von den alltäglichen Einflüssen losgelösten Standpunkte zu betrachten, und da erscheint, sicher, mein Gedanke gar nicht so ... sonderbar. Oh, ihr Verneiner und Weisen, von einem Groschen Werte, warum bleibt ihr auf dem halben Wege stehen!«

»Warum erscheint ihnen meine Handlung so abscheulich?« sagte er sich. »Weil es eine böse Tat ist? Was bedeutet das Wort >böse Tat<? Mein Gewissen ist ruhig. Gewiß, es ist ein Kriminalverbrechen geschehen; gewiß, der Buchstabe des Gesetzes ist übertreten und Blut ist vergossen, nun, nehmt da, für den Buchstaben des Gesetzes, meinen Kopf ... und genug! Gewiß, in diesem Falle müßten viele Wohltäter der Menschheit, die die Macht nicht geerbt, sondern selbst an sich gerissen haben, bei ihren allerersten Schritten hingerichtet worden sein. Jene Menschen aber ertrugen ihre Schritte und darum sind sie im Rechte, ich aber habe es nicht ertragen, und also hatte ich nicht das Recht, mir diesen Schritt zu gestatten.«

Nur in diesem Punkte erkannte er sein Verbrechen, -- nur darin allein, daß er es nicht ertragen und sich freiwillig gestellt hatte.

Er litt auch unter dem Gedanken, daß er sich damals nicht das Leben genommen hatte. Warum hatte er damals am Flusse gestanden und das Geständnis vorgezogen? Steckt denn tatsächlich so eine Macht in diesem Wunsche zu leben, und ist sie so schwer zu überwinden? Sswidrigailoff, der sich vor dem Tode fürchtete, hatte es doch überwunden?

Er stellte sich voller Qual diese Frage und konnte nicht verstehen, daß er vielleicht schon damals, als er am Wasser stand, in sich selbst und seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge geahnt hatte. Er verstand nicht, daß diese Vorahnung eine künftige Umwälzung in seinem Leben, seine einstige Auferstehung, eine neue Anschauung vom Leben bedeutete.

Er ließ hierbei bloß den stumpfen Instinkt gelten, den er nicht imstande war, zu brechen, und über den er wiederum nicht imstande war -- aus Schwäche und Unbedeutendheit -- hinwegzuschreiten. Er betrachtete seine Kameraden im Gefängnis und wunderte sich, -- wie auch sie alle das Leben liebten und wie sie daran hingen! Ihm schien es sogar, daß man im Gefängnisse noch mehr das Leben liebte und schätzte und mehr daran hing, als in der Freiheit. Welche schrecklichen Qualen und Martern haben manche von ihnen, wie zum Beispiel die Landstreicher, ertragen! Bedeutet für diese Menschen wirklich soviel ein Sonnenstrahl, ein düsterer Wald, oder eine kühle Quelle irgendwo im unbekannten Dickicht, die einer vor ein paar Jahren gefunden und sich gemerkt hat, nach der er sich wie nach einer Geliebten sehnt, und von der er träumt, die er im Traume, umgeben von grünem Grase, sieht und hört, wie ein Vogel im Gebüsch singt? Indem er seine Mitgefangenen betrachtete, fand er noch mehr unerklärliche Beispiele dafür. -- Im Gefängnis, in seiner nächsten Umgebung, bemerkte er selbstverständlich vieles nicht, und wollte auch nichts bemerken. Er lebte wie mit geschlossenen Augen; es war ihm widerlich und unerträglich zu sehen. Aber schließlich machte ihn doch vieles staunen und er begann fast gegen seinen Willen einiges zu bemerken, was er früher nicht mal geahnt hatte. Überhaupt und am meisten begann ihn jener furchtbare, jener unüberbrückbare Abgrund zu verwundern, der zwischen ihm und allen diesen Menschen lag. Es schien, als gehörten er und sie zu verschiedenen Nationen. Er und sie betrachteten einander mißtrauisch und feindselig. Er kannte und verstand die allgemeinen Ursachen solch eines Getrenntseins; aber niemals hätte er früher zugegeben, daß diese Ursachen in der Tat so tief und stark waren. Im Gefängnisse waren auch verbannte Polen, politische Verbrecher. Jene betrachteten alle diese Menschen als Ungebildete und Sklaven, und verachteten sie; Raskolnikoff aber konnte sie in dieser Weise nicht betrachten, -- er sah deutlich, daß diese Ungebildeten in vielen Dingen bedeutend klüger als diese Polen waren. Es waren auch Russen da, die diese Leute ebenfalls zu stark verachteten, -- da waren ein früherer Offizier und zwei Seminaristen. Raskolnikoff sah auch klar ihren Irrtum. Ihn selbst aber liebten alle nicht und gingen ihm aus dem Wege. Man begann sogar ihn schließlich zu hassen. -- Warum? Er wußte es nicht. Man verachtete ihn, lachte über ihn, und über sein Verbrechen machten sich jene lustig, die bedeutend größere Verbrecher als er waren.

»Du bist ein Herr!« sagte man ihm. »Schickte es sich für dich, mit einem Beile zu gehen; das ist gar keine Arbeit für Herren!«

In der zweiten Woche der großen Fastenzeit war seine Kaserne an der Reihe, sich zum Abendmahle vorzubereiten. Er ging in die Kirche mit den anderen. Eines Tages kam es zu einem Streit, -- er wußte selbst nicht, aus welchem Grunde; alle stürzten sich plötzlich wütend über ihn.

»Du bist ein Gottloser! Du glaubst nicht an Gott!« schrien sie. »Man müßte dich umbringen.«

Er hatte niemals mit ihnen über Gott und über Glauben gesprochen, aber sie wollten ihn, als einen Gottlosen, töten; er schwieg und erwiderte ihnen nichts. Ein Sträfling stürzte sich auf ihn in rasender Wut; Raskolnikoff erwartete ihn ruhig und schweigend; seine Augenbraue zuckte nicht mal, kein Zug seines Gesichtes rührte sich. Der Wachtsoldat stellte sich noch rechtzeitig zwischen ihn und den Angreifer, -- sonst wäre Blut geflossen.

Für ihn war noch eins unerklärlich, -- warum hatten sie alle Ssonja so lieb? Sie hatte sich bei ihnen nicht eingeschmeichelt; sie trafen sie selten, bloß zuweilen bei den Arbeiten, wenn sie zu ihm auf einen Augenblick kam, um ihn zu sprechen. Indessen aber kannten sie Ssonja alle schon, wußten auch, daß sie ihm gefolgt sei, wußten, wie sie lebte und wo sie wohnte. Geld gab sie ihnen nicht, erwies ihnen auch keine besonderen Dienste. Einmal bloß zu Weihnachten brachte sie für das ganze Gefängnis eingesammelte Geschenke, -- Pasteten und Brezeln. Aber allmählich hatte sich zwischen ihnen und Ssonja ein näheres Verhältnis entwickelt, -- sie schrieb für sie Briefe an ihre Verwandten und sandte sie mit der Post ab. Ihre Verwandten, die zur Stadt kamen, hinterließen Ssonja auf deren Geheiß Sachen für sie und sogar Geld. Ihre Frauen und Geliebten kannten Ssonja und besuchten sie. Und wenn sie zu Raskolnikoff zur Arbeit kam oder einer Partie Sträflinge, die zur Arbeit gingen, begegnete, -- nahmen alle die Mützen ab, alle grüßten sie, -- »Mütterchen Ssofja Ssemenowna, du unsere zärtliche, liebe Mutter!« sagten diese groben gebrandmarkten Zwangsarbeiter zu diesem kleinen und mageren Geschöpfe. Sie lächelte ihnen zu. Sie liebten sogar ihren Gang, sie wandten sich um, um ihr nachzusehen, wie sie ging, und lobten sie; sie lobten sie sogar dafür, daß sie so klein war; sie wußten nicht mehr, wofür sie sie bloß loben sollten. Zu ihr kamen sogar Leute, sich von ihr kurieren zu lassen.

Raskolnikoff verbrachte die Fastenzeit und Ostern im Krankenhause. Während er schon genas, erinnerte er sich seiner Träume, als er noch im Fieber gelegen hatte. Er träumte in der Krankheit, daß die ganze Welt einer schrecklichen, unerhörten und nie dagewesenen Pest, die aus den Tiefen Asiens über Europa kam, zum Opfer fallen sollte. Alle sollten zugrunde gehen, außer einigen sehr wenigen Auserwählten. Es waren neue Trichinen erschienen, mikroskopische Wesen, die sich in die Körper von Menschen einnisteten. Aber diese Wesen waren Geister, ausgerüstet mit Verstand und Willen. Die Menschen, in denen sie sich eingenistet hatten, wurden sofort wie Besessene und wahnsinnig. Aber noch niemals hielten sich die Menschen für so klug und unerschütterlich in ihrer Weisheit, als es die Angesteckten taten. Niemals hielten sie ihre Urteile, ihre wissenschaftlichen Ergebnisse, ihre sittlichen Überzeugungen und ihren Glauben für unerschütterlicher, als jetzt. Ganze Dörfer, ganze Städte und Völker wurden angesteckt und gebärdeten sich wie wahnsinnig. Alle waren in Unruhe und verstanden einander nicht, jeder meinte, daß er allein bloß die Weisheit kenne, und verging vor Qual beim Anblick der anderen, schlug sich an die Brust, weinte und rang die Hände. Man wußte nicht, wen und wie man richten sollte, man konnte nicht übereinkommen, was als Böses und was als Gutes anzusehen war. Man wußte nicht, wen man anklagen, wen man freisprechen solle. Die Menschen töteten einander in einer sinnlosen Wut. Ganze Armeen sammelten sie gegeneinander, aber die Armeen begannen schon auf dem Marsche plötzlich sich selbst zu bekriegen, die Reihen zerstörten sich, die Soldaten stürzten sich aufeinander, stachen und töteten, bissen und fraßen einander auf. In den Städten läutete den ganzen Tag die Sturmglocke, -- man rief alle zusammen, aber wer und warum er rief, wußte niemand, alle aber waren in größter Unruhe. Man ließ das gewöhnliche Handwerk fallen, denn jeder kam mit seinen Gedanken, mit seinen Verbesserungen, und man konnte sich nicht einigen; der Ackerbau stockte. Hie und da liefen Menschen zusammen, einigten sich über etwas, schwuren einander nicht zu verlassen, -- aber sofort begannen sie etwas ganz anderes zu tun als das, was sie soeben beschlossen hatten, fingen an einander zu beschuldigen, prügelten sich und mordeten sich. Feuersbrünste entstanden, Hungersnot trat ein. Alle und alles ging zugrunde. Die Pest schwoll an und verbreitete sich immer weiter und weiter. In der ganzen Welt konnten sich bloß einige Menschen retten; das waren Unschuldige und Auserwählte, die bestimmt waren, ein neues Menschengeschlecht und ein neues Leben zu begründen, die Erde zu erneuern und zu säubern, aber niemand hatte irgendwo diese Menschen gesehen, niemand hatte ihre Worte und Stimme gehört.

Raskolnikoff quälte es, daß dieser sinnlose Traum so traurig und schmerzlich sein Gedächtnis belastete, daß der Eindruck dieses Fiebertraumes so lange nicht verschwinde. Die zweite Woche nach Ostern hatte schon begonnen; es waren warme, klare Frühlingstage; in der Arrestantenabteilung des Hospitals hatte man die vergitterten Fenster, unter denen ein Wachposten auf- und abging, geöffnet. Ssonja konnte ihn während seiner ganzen Krankheit bloß zweimal besuchen; man mußte jedesmal eine Erlaubnis auswirken, und das war sehr schwer. Aber sie war oft auf den Hof des Hospitals, besonders gegen Abend, unter sein Fenster gekommen, zuweilen aber auch bloß, um einen Augenblick auf dem Hofe stehen zu bleiben und wenigstens von weitem die Fenster seiner Abteilung zu sehen. Eines Tages war Raskolnikoff, der fast genesen war, gegen Abend eingeschlafen; als er erwachte, trat er zufällig an das Fenster und erblickte plötzlich fern am Tore Ssonja. Sie stand dort und schien auf etwas zu warten. In diesem Augenblicke war es ihm, als würde sein Herz durchbohrt; er zuckte zusammen und ging schnell vom Fenster weg. Am anderen Tage erschien Ssonja nicht, ebenfalls nicht am nächstfolgenden Tage; er merkte, daß er sie voll Unruhe erwarte. Endlich entließ man ihn aus dem Hospital. Als er ins Gefängnis kam, erfuhr er von den Sträflingen, daß Ssonja Ssemenowna krank sei, zu Hause liege und nicht ausgehe.

Er war sehr beunruhigt und ließ sich nach ihr erkundigen. Er erfuhr bald, daß ihre Krankheit nicht gefährlich sei. Als Ssonja ihrerseits hörte, daß er sich so um sie grämte und sorgte, schickte sie ihm ein mit Bleistift geschriebenes Zettelchen und teilte ihm mit, daß es ihr besser gehe, daß sie eine leichte Erkältung habe und daß sie bald, sehr bald zu ihm kommen werde. Als er diesen Zettel las, schlug sein Herz stark und schmerzhaft.

Es war wieder ein klarer und warmer Tag. Am frühen Morgen, um sechs Uhr, ging er zur Arbeit an den Fluß, wo am Ufer in einer Scheune ein Ofen zum Alabasterbrennen eingerichtet war, und wo der Alabaster gestoßen wurde. Dorthin gingen bloß drei Arbeiter. Der eine Sträfling war mit dem Wachtposten in die Festung nach einem Instrument gegangen; der andere holte Holz und legte es in den Ofen. Raskolnikoff trat aus der Scheune, ging an das Ufer, setzte sich auf aufgestapelte Balken hin und blickte lange auf den breiten und öden Fluß. Von dem hohen Ufer aus zeigte sich die weite Umgebung. Von dem anderen entlegenen Ufer klang kaum hörbar ein Lied herüber. Dort in der unübersehbaren Steppe, übergossen von der Sonne, zeigten sich in kaum merklichen dunklen Punkten die Zelte eines Wandervolkes. Dort lag Freiheit, dort lebten andere Menschen, die den hiesigen gar nicht ähnelten, dort schien die Zeit stehen geblieben zu sein, als wäre das Jahrhundert Abrahams und seiner Herden noch nicht vorüber. Raskolnikoff saß und blickte unverwandt hinüber, ohne sich losreißen zu können; sein Gedanke verwandelte sich in einen Traum; er dachte an nichts, aber eine tiefe Schwermut lag auf ihm und quälte ihn.

Plötzlich trat Ssonja neben ihn. Sie war leise herangekommen und setzte sich zu ihm. Es war noch sehr früh, die Morgenkälte war noch nicht verschwunden. Sie hatte ihren alten ärmlichen kleinen Pelz an und das grüne Tuch. Ihr Gesicht trug noch die Spuren von Krankheit, war magerer, blasser und eingefallen. Sie lächelte ihm freudig und freundlich zu, aber reichte ihm schüchtern, wie immer, ihre Hand.

Sie reichte ihm stets die Hand so schüchtern, zuweilen gar nicht, als fürchte sie, daß er sie von sich stoßen würde. Er nahm auch stets ihre Hand wie mit Widerwillen, begrüßte sie stets wie verdrießlich, zuweilen schwieg er hartnäckig die ganze Zeit während ihres Besuches. Es kam vor, daß sie zitternd und in tiefem Kummer fortging. Jetzt aber lösten sich ihre Hände nicht; er blickte sie schnell und flüchtig an, sagte nichts und schlug seine Augen nieder. Sie waren allein, niemand sah sie. Der Wachtposten hatte sich gerade umgedreht.

Wie es gekommen war, wußte er selbst nicht, aber plötzlich schien ihn etwas zu packen und zu ihren Füßen zu ziehen. Er weinte und umfaßte ihre Knie. Im ersten Augenblicke erschrak sie heftig und ihr Gesicht war totenblaß. Sie sprang zitternd auf und sah ihn an. Aber sie begriff im Nu alles. In ihren Augen leuchtete ein grenzenloses Glück; sie hatte verstanden und es gab für sie keinen Zweifel mehr, daß er sie liebte, grenzenlos liebte, und daß endlich dieser Augenblick gekommen war ...

Sie wollten sprechen, aber konnten nicht. Tränen standen in ihrer beider Augen. Beide waren sie bleich und abgemagert; aber in diesen kranken und bleichen Gesichtern leuchtete schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, der völligen Auferstehung zu neuem Leben. Die Liebe hatte sie erweckt, das Herz des einen enthielt eine unerschöpfliche Lebensquelle für das Herz des anderen.

Sie beschlossen zu warten und zu dulden. Sieben Jahre hatten sie noch zu warten; bis dahin soviel unerträgliche Qual und soviel grenzenloses Glück! Aber er war aufgestanden und er wußte es, fühlte es ganz und gar mit seinem neuen Wesen, sie aber -- sie lebte ja doch bloß in ihm!

Am Abend desselben Tages, als die Kasernen schon geschlossen waren, lag Raskolnikoff auf seiner Pritsche und dachte an sie. An diesem Tage schien es ihm, als ob alle Sträflinge, seine früheren Feinde, ihn mit anderen Augen ansahen. Er fing selbst mit ihnen zu sprechen an und man antwortete ihm freundlich. Er erinnerte sich an all dies jetzt, aber es mußte doch wohl so kommen, -- mußte sich denn nicht jetzt alles ändern?

Er dachte an sie. Er erinnerte sich, wie er sie immer gequält und ihr Herz gepeinigt hatte; erinnerte sich ihres blassen, mageren Gesichtchens, aber sie quälten ihn jetzt nicht, diese Erinnerungen, -- er wußte, mit welcher unendlichen Liebe er jetzt alle ihre Leiden sühnen würde.

Und was waren alle diese Qualen der Vergangenheit! Alles, sogar sein Verbrechen, sogar das Urteil und die Verbannung erschienen ihm jetzt in der ersten Aufwallung als etwas äußerliches, fremdes, als etwas, das nicht ihm passiert sei. Er konnte an diesem Abend gar nicht lange und ständig an etwas denken, seine Gedanken auf etwas konzentrieren; er hätte jetzt nichts bewußt beschließen können; er fühlte bloß. An Stelle der Dialektik war das Leben getreten, und in seinem Bewußtsein begann sich etwas ganz anderes herauszuarbeiten.

Unter seinem Kopfkissen lag das Neue Testament. Er nahm es mechanisch hervor. Dieses Buch gehörte ihr, es war dasselbe, aus dem sie ihm über die Erweckung des Lazarus vorgelesen hatte. Im Anfang seiner Verbannung fürchtete er, daß sie mit der Religion ihn zu Tode quälen würde, daß sie über das Evangelium sprechen und ihm Bücher verschaffen würde. Aber zu seinem größten Staunen hatte sie nie darüber gesprochen, ihm nie das Evangelium angeboten. Er hatte sie selbst kurz vor seiner Krankheit darum gebeten, und sie brachte ihm schweigend das Buch. Bis jetzt hatte er es noch nicht aufgeschlagen.

Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke kam ihm, -- »müssen denn ihre Überzeugungen jetzt nicht auch meine Überzeugungen sein? Ihre Gefühle, ihr Streben, wenigstens ...«

Sie war auch diesen ganzen Tag in großer Erregung, und in der Nacht wurde sie sogar wieder krank. Aber sie war so glücklich, daß sie fast erschrak vor ihrem Glücke. Sieben Jahre, bloß sieben Jahre! Im Anfange ihres Glückes, in manchen Augenblicken, waren sie beide bereit, diese sieben Jahre als sieben Tage zu betrachten. Er dachte nicht einmal daran, daß ein neues Leben sich ihm nicht umsonst biete, daß er es noch teurer erkaufen müsse, dafür mit einer großen künftigen Tat bezahlen müsse ...

Aber hier fängt schon eine neue Geschichte an, die Geschichte der allmählichen Erneuerung eines Menschen, die Geschichte seiner allmählichen Wiedergeburt, des allmählichen Überganges aus einer Welt in die andere, der Bekanntschaft mit einer neuen, ihm bisher völlig unbekannt gewesenen Wirklichkeit. Das könnte das Thema zu einer neuen Geschichte abgeben, -- unsere jetzige aber ist zu Ende.

Fußnoten

[1] Die drei ersten Helden Puschkinscher Werke, die zwei letzten Lermontoffscher. E. K. R.

[2] Herrman, der Held in Puschkins »Pique Dame«. E. K. R.

[3] Anspielung auf das Petersburger Denkmal Peters des Großen. E. K. R.

[4] Ein Platz im Kreml zu Moskau, auf dem früher die Hinrichtungen stattfanden. E. K. R.

[5] Die sogen. Raskolniki, von denen es seit der Kirchenspaltung (1666) mehrere Sekten gibt. E. K. R.

[6] Dieser Schein wird von der Polizei den Prostituierten ausgestellt.

[7] Ein Reisgericht, das zur Seelenmesse für die Toten in die Kirche mitgenommen wird, vom Priester geweiht und dann mit Andacht verzehrt wird.

[8] Ein kleines gitarrenähnliches Instrument.

[9] Radischtscheff hat zu Katherinas II. Zeiten ein Buch »Die Reise nach Moskau« veröffentlicht; er beschrieb den traurigen Zustand des Landes, geißelte die Leibeigenschaft; sein Buch wurde von der Freundin Voltaires verbrannt, war lange Zeit nachher noch verboten; der Verfasser wurde nach Sibirien verbannt.

[10] Dobroljuboff war ein führender Kritiker und Publizist in den sechziger Jahren.

[11] Der größte Kritiker und Publizist der vierziger Jahre.

[12] Echte, wahre Bücher werden bei den Altgläubigen und einigen Sektierern das Alte und Neue Testament, die Lebensbeschreibungen der Heiligen und der Märtyrer, benannt, wenn sie nach den Originalen vor der Zeit des Patriarchen Oikon (1652) gedruckt sind; um diese Zeit wurden die Texte revidiert und seit dieser Zeit existiert die sogenannte »altgläubige Kirche«.

Übersetzung französischer Textstellen

{[1]} es lebe der ewige Krieg

{[2]} Genug geredet!

{[3]} friß oder stirb (wörtlich: Ihr Hunde sollt sterben, wenn es euch nicht paßt)

{[4]} nur legitim

{[5]} vom Wein bekomme ich schlechte Laune

{[6]} Ihnen zuliebe

{[7]} ganz einfach

{[8]} das ist unerläßlich

{[9]} differenziert

{[10]} wörtlich

{[11]} Steh gerade!

{[12]} sprich französisch mit mir

{[13]} Fünf Sous

{[14]} Marlborough zog in den Krieg / Keiner wusste wie lang

{[15]} Fünf Sous, fünf Sous / Zur Gründung unseres Heims

{[16]} gleiten, gleiten, im Baskenschritt!

{[17]} Grabrede

{[18]} lieber Freund

{[19]} Natur und Wahrheit

{[20]} Wo hat sie diese Tugenden versteckt?

{[21]} viel Glück

{[22]} eine Theorie unter vielen

Anmerkungen zur Transkription

Die »Sämtlichen Werke« erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert nach:

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke. Erste Abteilung: Erster Band. Erste Abteilung: Zweiter Band. Rodion Raskolnikow (Schuld und Sühne). R. Piper & Co. Verlag, München, 1922. 23.--35. Tausend.

Für diese ebook-Ausgabe wurden der erste und der zweite Band vereinigt.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der »Sämtlichen Werke« vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr, Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt nach der Titelseite eingefügt.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Die Bearbeiter haben diesem Text Übersetzungen der französischen Textstellen in Form von Fußnoten hinzugefügt und der public domain zur Verfügung gestellt.

Diese zusätzlichen Fußnoten sind mit { } markiert.

Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen (»«) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (><) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der Buchstabe »ä« (oder aouh "jä") steht für den kyrillischen Buchstaben »ja«. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

Afanassi (Afanasi, Afanassji) Aljona (Aljena, Alena) Bakalejeff (Bakaljeff) Lebesjätnikoff (Lebesjatnikoff) Louisa (Luisa, Louise) Poletschka (Poljetschka) Polja (Polje) Porphyri (Porfirij, Porphiri) Ssemjon (Ssemen) Ssofja (Ssofje) Ssonja (Ssonje)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 207]: ... »Sicher ich es sonderbar! Selbstverständlich ist dies doch ... ... »Sicher ist es sonderbar! Selbstverständlich ist dies doch ...

[S. 237]: ... volle Minute gedauert hatte und daß sie sich solange einander ... ... volle Minute gedauert hatte und daß sie solange einander ...

[S. 247]: ... »Hast du ihn gesehen.« ... ... »Hast du ihn gesehen?« ...

[S. 307]: ... seiner schämte, und er schleunigst anderen, alltäglichen Sorgen ... ... seiner schämte, und er sich schleunigst anderen, alltäglichen Sorgen ...

[S. 313]: ... eingeladen, mit ihnen die Tee zu trinken, -- sie hatten in ... ... eingeladen, mit ihnen den Tee zu trinken, -- sie hatten in ...

[S. 320]: ... Bitte aussprechen, daß bei unserer gemeinsamen ... ... Bitte auszusprechen, daß bei unserer gemeinsamen ...

[S. 367]: ... Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff bloß geschienen, ... ... Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff bloß so geschienen, ...

[S. 426]: ... »Erscheinen bei Ihnen etwa?« ... ... »Erscheinen sie bei Ihnen etwa?« ...

[S. 475]: ... Man merkte, daß dieser Gedanke schon viele Mal ihr aufgetaucht ... ... Man merkte, daß dieser Gedanke schon viele Male ihr aufgetaucht ...

[S. 505]: ... irgendein mathematisches Exempel, wie Zwiemalzwei, bringen, ... ... irgendein mathematisches Exempel, wie Zweimalzwei, bringen, ...

[S. 526]: ... Mörder, du bist Mörder ...<, und jetzt, wo er es eingestanden ... ... Mörder, du bist der Mörder ...<, und jetzt, wo er es eingestanden ...

[S. 537]: ... war, kehrte er noch wütender und gereizter nach Hause, ... ... war, kehrte er noch wütender und gereizter nach Hause zurück, ...

[S. 541]: ... aufrichtigsten Weise ihm dienen. ... ... aufrichtigsten Weise ihr dienen. ...

[S. 569]: ... -- Paß, heda!« rief sie plötzlich einem von ihnen ... ... -- Pan, heda!« rief sie plötzlich einem von ihnen ...

[S. 572]: ... so war ich stets von ihm sicher,« fuhr Katerina ... ... so war ich stets seiner sicher,« fuhr Katerina ...

[S. 633]: ... »Sie würden vielleicht später noch erschauern bei dem Gedanken, ... ... »Sie würde vielleicht später noch erschauern bei dem Gedanken, ...

[S. 642]: ... »Das kenne ich, ich aus Erfahrung,« sagte der Beamte ... ... »Das kenne ich aus Erfahrung,« sagte der Beamte ...

[S. 670]: ... Reihenfolge noch zu erzählen, wie es damals begonnen ... ... Reihenfolge nach zu erzählen, wie es damals begonnen ...

[S. 701]: ... Sagen Sie mir, wozu soll ich mit enthalten? Warum ... ... Sagen Sie mir, wozu soll ich mich enthalten? Warum ...

[S. 722]: ... da folgen.« ... ... da folgen?« ...

[S. 725]: ... Wüstling und Schuften erwarten!« rief er unwillkürlich ... ... Wüstling und Schurken erwarten!« rief er unwillkürlich ...

[S. 765]: ... Just lese deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum dritten ... ... Just lese ich deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum dritten ...

[S. 772]: ... begreifen nichts.« ... ... begreife nichts.« ...

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