← Sämtliche Werke 1-2

Sämtliche Werke 1-2 (part 1 of 3)

Part 1 of 3 · Fyodor Dostoyevsky · Public domain text

About this edition

Source: Project Gutenberg e-text #58238, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (3)

Continue:

Sämtliche Werke 1-2

F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke

Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski herausgegeben von Moeller van den Bruck

Übertragen von E. K. Rahsin

Erste Abteilung: Erster und zweiter Band

F. M. Dostojewski

Rodion Raskolnikoff

(Schuld und Sühne)

Roman

R. Piper & Co. Verlag, München

R. Piper & Co. Verlag, München, 1922 23.--35. Tausend Druck: Otto Regel, G. m. b. H., Leipzig. Buchausstattung von Paul Renner.

Copyright 1922 by R. Piper & Co., Verlag in München.

Zur Einführung in die Ausgabe

Wir brauchen in Deutschland die voraussetzungslose russische Geistigkeit. Wir brauchen sie als ein Gegengewicht gegen ein Westlertum, dessen Einflüssen auch wir ausgesetzt waren, wie Rußland ihnen ausgesetzt gewesen ist, und das auch uns dahin gebracht hat, wohin wir heute gebracht sind. Nachdem wir solange zum Westen hinübergesehen haben, bis wir in Abhängigkeit von ihm gerieten, sehen wir jetzt nach dem Osten hinüber -- und suchen die Unabhängigkeit. Aber wir werden sie nicht im Osten, wir werden sie immer nur bei uns selbst finden.

Der Blick nach dem Osten erweitert unsern Blick um die Hälfte der Welt. Die Fragen des Ostens sind für uns zunächst eine Frage der geistigen Universalität. Und wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann handeln wir nur im Geiste unserer besten Überlieferung. Aber diese Fragen sind noch mehr. Sie sind zugleich eine Frage der geistigen Souveränität. Nachdem wir sie im neunzehnten Jahrhundert an den Westen verloren haben, wollen wir sie im zwanzigsten Jahrhundert für Deutschland zurückerringen.

Es wird immer zu unseren Unbegreiflichkeiten gehören, daß wir es dahin kommen ließen, daß wir uns dem Westen bis zu dieser völligen Selbstvergessenheit hingaben. Es ist um so unbegreiflicher, als wir im Gegensatze zu Rußland, das sich seine geistigen Werte erst erringen mußte, die unseren im festen Besitze hielten, und als unter ihnen nicht wenige waren, die wir noch nicht einmal vor der eigenen Nation aufgeschlossen und ihr mitgeteilt hatten. Doch wir bevorzugten die fremden Werte. Heute sehen wir die Wirkung. Und wir leben unter den Folgen.

Wir haben im Verlaufe unserer langen Bildungsgeschichte schon manches fremde und ferne Bildungsgebiet einbezogen, ob es das griechische war, oder das italienische. Aber noch nie wurde eines so gefährlich, wie das westliche geworden ist. Wir werden uns hüten müssen, daß nicht auch der Osten zu einer Gefahr wird.

Es ist kein anderes Verhältnis zu ihm möglich als das des völligen Vertrautseins, aber auch des sicheren Abstandes. Wenn wir unsere geistige Souveränität, und aus ihr folgend unsere politische Souveränität, wiedergewonnen haben, dann wird auch Rußland nicht mehr und nicht weniger für uns sein, als eines jener großen Bildungsgebiete, die uns reicher machten, aber auch selbständiger.

Bis dahin teilen wir mit Rußland, aus verschiedenen Gründen, das gleiche Schicksal.

M. v. d. B.

Rodion Raskolnikoff

Die beiden gleichzeitigen und doch so verschiedenen Auseinandersetzungen des russischen Geistes mit Napoleon als der Verkörperung des westeuropäischen Geistes -- gleichsam zwei Wiederholungen des Jahres 1812 -- sind in der russischen Literatur: »Krieg und Frieden« und »Rodion Raskolnikoff«.

Die erste Auseinandersetzung hat nicht mit einem Siege, sondern nur mit einer Religionsverdrehung geendet. Ob der russische Geist auch in der zweiten eine Niederlage erlitten hat oder nicht, das bleibe dahingestellt. Jedenfalls hat er hier gezeigt, daß er würdig ist, seine Kräfte mit einem solchen Gegner wie Napoleon zu messen, hier ist er dem Feinde entgegengetreten -- ... Auge in Auge, wie es dem Kämpfer im Kampfe gebührt.

Dostojewski hat vor uns die Kraftlosigkeit der napoleonischen Idee aufgedeckt, nicht die politische und nicht einmal die sittliche Kraftlosigkeit, sondern die religiöse: bevor man in Europa die Idee der altrömischen Monarchie, die Idee des universalen Caesar-Vereinigers, des Menschengottes auferweckte, mußte man zuerst die entgegengesetzte Idee der christlichen universalen Vereinigung, die Idee des Gottmenschen überwinden. Doch der historische Napoleon hat diese Idee in seinen Taten ganz ebensowenig bewältigt, wie Napoleon-Raskolnikoff es in der Anschauung tat, ja, sie sind nicht einmal an sie herangetreten, sie haben sie überhaupt nicht gesehen. Wenn dieser Napoleon Raskolnikoff tatsächlich ein »Prophet zu Pferde mit dem Schwert in der Hand« erscheint, so ist er doch immerhin -- ohne einen »neuen Koran«, ein Prophet nicht von Gott und nicht gegen Gott, sondern nur ohne Gott; und in diesem Sinne ist er natürlich -- Pseudoantichrist. »Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott!« folgert der irrsinnige und furchtlose Kiriloff -- nicht etwa deswegen furchtlos, weil irrsinnig? »Wenn ich es mir einfallen ließe, mich für Gottes Sohn auszugeben, so würde man mich in allen Jahrmarktsbuden verspotten!« meinte der nicht gar zu vorsichtige und vernünftige Napoleon. Versteht sich, hier ist vom Erhabenen, vom Furchtbaren zum Lächerlichen -- »nur ein Schritt«. Ist aber die Furcht vor dem Lächerlichen bei Napoleon nicht zu gleicher Zeit eine ebenso lächerliche Furcht, wie die Furcht des Usurpators vor der Krone des legitimen Nachfolgers? »Gott hat sie mir gegeben. Wehe dem, der an sie rührt.« -- Hat sie wirklich Gott selbst gegeben? -- Noch niemand hat ihn mit einem so höhnischen Lächeln danach gefragt, niemand hat mit einer solchen Vermessenheit an seine Krone gerührt wie Dostojewski.

* * * * *

»Ich wollte ein Napoleon werden, darum erschlug ich. Ich stellte mir einmal die Frage: wie, wenn zum Beispiel an meiner Stelle Napoleon gewesen wäre und er weder Toulon noch Ägypten, noch einen Übergang über den Montblanc gehabt hätte, um seine Laufbahn zu beginnen, sondern anstatt all dieser schönen und großartigen Dinge nur irgendein lächerliches Weib, eine alte Registratorenwitwe, die er noch dazu hätte erschlagen müssen, um aus ihrem Kleiderkasten Geld stehlen zu können (für den Anfang seiner Laufbahn -- du verstehst doch?). Nun also, würde er sich denn dazu entschlossen haben, wenn ein anderer Ausweg für ihn nicht möglich gewesen wäre? Hätte ihn das nicht abgestoßen, weil es doch gar zu wenig >großartig< war und ... Sünde wäre? Nun sieh, ich sage dir, über dieser >Frage< habe ich mich entsetzlich lange abgequält, so daß ich mich fürchterlich schämte, als ich endlich erriet (ganz plötzlich, irgendwie), daß es ihn nicht nur niemals abgestoßen haben würde, sondern ihm sogar überhaupt nicht in den Sinn gekommen wäre, daß so etwas gar nicht >großartig< sei ... Er hätte sogar überhaupt nicht begriffen, was ihn dabei abstoßen könnte, und sobald das nur sein einziger Ausweg gewesen wäre, würde er sie in einer Weise erwürgt haben, daß ihr nicht einmal Zeit zum Mucksen geblieben wäre, -- ohne das geringste Bedenken! Nun, und ich ... befreite mich von den Bedenken, erwürgte -- nach dem Beispiel seiner Autorität ... Und so war es auch buchstäblich.«

Raskolnikoff begreift nur zu gut den Unterschied zwischen Napoleons »geglücktem« und seinem eigenen »mißglückten« Verbrechen, aber nur den ästhetischen, den Unterschied in der »Form« und in der Eigenart der geistigen Kraft. Er vergleicht sein Verbrechen mit den blutigen Heldentaten berühmter, gekrönter, historischer Verbrecher, doch Dunja, seine Schwester, protestiert gegen einen solchen Vergleich: »Aber das ist doch etwas ganz anderes, Bruder, das ist doch nie und nimmer dasselbe!« -- Da ruft er wie rasend aus: »Ah! Es ist nicht dieselbe Form! Es hat kein so ästhetisch schönes Äußere! Ich aber verstehe wirklich nicht, warum eine regelrechte Schlacht, mit Kanonenkugeln auf die Menschen feuern -- eine ehrenwertere Form sein soll? Die Furcht vor dem Unästhetischen ist das erste Anzeichen der Kraftlosigkeit!« -- »Napoleon, die Pyramiden, Waterloo -- und eine hagere, häßliche Registratorenwitwe, eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem Bett, -- nun, wie soll das selbst ein Porphyri Petrowitsch (der Untersuchungsrichter) verdauen! ... Wie sollen die an ein solches Problem heranreichen! ... Die Ästhetik stört: >wird denn<, heißt es, >Napoleon unter das Bett eines alten Weibes kriechen?<«

Ja, gerade die konventionelle Ästhetik, die Rhetorik der Lehrbücher, jene historische Lüge, die wir mit der Milch unserer erziehenden Mutter, der Schule, einsaugen, entstellt und verunstaltet unsere sittliche Wertung der universalhistorischen Erscheinungen. Von dieser »ästhetischen« Schale wird nun Raskolnikoff durch die Frage nach den Verbrechen der Helden befreit, wird von ihr, wie Sokrates sagt, »vom Himmel auf die Erde herabgeführt«, d. h. von jener abstrakten Höhe, wo die akademische Vergötterung der Großen stattfindet, auf die Ebene des lebendigen Lebens: und er stellt uns Angesicht gegen Angesicht dieser Frage in ihrer ganzen grauenvollen Einfachheit und Verschlungenheit gegenüber. Hat doch ein jeder von uns, uns Nichthelden, wenigstens einmal im Leben mehr oder weniger bewußt für sich entscheiden müssen, so wie Raskolnikoff es tut: »Bin ich zitternde Kreatur oder habe ich das Recht,« bin ich ein »Fressender« oder ein »Gefressener«? Und diese Frage, dem Anscheine nach die der umfassendsten und allgemeinsten universalhistorischen Anschauung, ist hier mit der ersten und wichtigsten sittlichen Frage jedes einzelnen Menschenlebens, jeder einzelnen menschlichen Persönlichkeit untrennbar eng verbunden. Ohne diese Frage mit dem Verstande und dem Herzen gelöst zu haben -- oder hat man sie nur mit dem Verstande oder nur mit dem Herzen gelöst, -- kann man nicht leben, kann man keinen Schritt im Leben tun.

Wenn wir uns nun von der »Furcht vor der Ästhetik« befreien, werden wir dann nicht zugeben, daß der erste, sagen wir mathematische Ausgangspunkt der sittlichen Bewegung Napoleons und Raskolnikoffs -- ein und derselbe ist? Beide sind sie aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen: der kleine Korsikaner, der auf die Straßen von Paris hinausgeworfen war, der Fremdling ohne Titel, ohne Herkunft, dieser Bonaparte -- ist ganz ebenso ein unbekannter Vorübergehender, ein junger Mann, »der einmal in der Dämmerstunde aus seiner Dachkammer heraustrat,« wie der Student der Petersburger Universität Rodion Raskolnikoff. »Er war auffallend schön, er hatte dunkle Augen und dunkelblondes Haar, war schlank und wohlgestaltet« -- das ist alles, was wir zu Anfang der Tragödie von Raskolnikoff wissen, und nur ein wenig mehr wissen wir von -- Napoleon. Das »Menschenrecht« und die »Freiheit«, die die »Große Revolution« erobert hatten, sind für beide in erster Linie das Recht und die Freiheit, vor Hunger zu sterben; »Gleichheit und Brüderlichkeit« sind für sie Gleichheit und Brüderlichkeit mit denen, die von ihnen verachtet oder gehaßt werden. Beim Anblick dieser »Nächsten« und »Gleichen« -- sagt Dostojewski von Raskolnikoff -- »drückte sich die Empfindung des tiefsten Ekels in den feinen Zügen des jungen Mannes aus«, und wir können dabei ebensogut an Napoleon denken. Brüderlichkeit und Gleichheit -- tiefster Ekel; Freiheit -- tiefste Verschmähung, Einsamkeit. Weder Vergangenheit noch Zukunft. Weder Hoffnungen, noch Überlieferungen. »Ein einziger gegen alle, sterbe ich morgen, bleibt nichts von mir übrig« -- das ist die erste Empfindung beider. Und der Einfall dieser »zitternden Kreatur«, ein »Herrscher« zu werden, wäre ein ebenso verrückter Einfall -- oder Größenwahnsinn -- bei Napoleon wie bei Raskolnikoff: zuerst ins Krankenhaus, dann in die Zwangsjacke und -- aus ist es. Raskolnikoff hat vor Napoleon sogar einen gewissen Vorzug: er sieht nicht nur die äußeren, sondern auch die inneren Schranken und Hindernisse, die er »übertreten« muß, um »das Recht zu haben«. Napoleon sieht sie überhaupt nicht. Übrigens war vielleicht gerade diese Blindheit teilweise die Quelle seiner Kraft -- allerdings nur bis zu einer gewissen Zeit: zu guter Letzt wird der Mangel an Erkenntnis jeglicher Kraft doch nicht verziehen; und auch Napoleon wurde dieser Mangel nicht verziehen. Raskolnikoff erkühnt sich zu Größerem, weil er mehr, weil er Größeres sieht. Hätte er gesiegt, so wäre sein Sieg endgültiger, unumstößlicher gewesen, als der Sieg Napoleons. In jedem Fall aber ist infolge der Gleichheit oder Einheit des Ausgangspunktes, trotz des ganzen unermeßlichen Unterschiedes der zurückgelegten Wege, das sittliche Gericht über Raskolnikoff zu gleicher Zeit auch Gericht über Napoleon. Die Frage, die in »Rodion Raskolnikoff« erhoben wird, ist dieselbe Frage, die Tolstoj in »Krieg und Frieden« erhebt; der ganze Unterschied besteht nur darin, daß Tolstoj sie umfängt, während Dostojewski sich in sie vertieft; der eine tritt von außen an sie heran, der andere von innen; bei dem einen ist es Beobachtung, beim anderen Experiment.

Die Revolution war ein ungeheurer politischer, schon in viel geringerem Maße sozialer, die Stände betreffender, und überhaupt kein moralischer Umsturz. »Du sollst nicht töten«, »du sollst nicht stehlen«, »du sollst nicht ehebrechen« -- alles ist geblieben, wie es war, wie es die Tafeln Moses vorschreiben; alles hat, ganz abgesehen von den äußeren kirchlichen und monarchischen Überlieferungen, seine innere sittliche Notwendigkeit vor dem Henker (Robespierre), ebenso wie vor dem Opfer (Louis XVI.) aufrecht erhalten. Trotz der »Göttin der Vernunft« war Robespierre ein ebensolcher »Deïst« wie Voltaire, und trotz der Guillotine ein ebensolcher »Menschenfreund« wie Jean Jacques Rousseau. Man muß seinen Nächsten lieben, man muß sich für seine Nächsten opfern -- dem widersprach kein einziger, weder die Henker, noch die Opfer. Hierbei vollzog sich keinerlei Umwertung der sittlichen Werte. Die Persönlichkeit war der Allgemeinheit in der neuen Regierungsform nicht etwa weniger untergeordnet, sondern mehr. Bei der mittelalterlichen Verfassung war diese Unterordnung ganz natürlich, innerlich bedingt, nicht willkürlich gewesen, war die Unterordnung des einen Gliedes im lebendigen Volkskörper unter ein anderes durch eine vielleicht sogar falsch aufgefaßte, aber immerhin religiöse, uneigennützige Idee. Jetzt wird die Politik zur Mechanik; die Persönlichkeit ordnet sich dem äußeren Zwang des »Gesellschaftsvertrages« unter -- der Stimmenmehrheit; sie wird zum Hebel inmitten aller Hebel der vernünftig und richtig gebauten Maschine, zur Eins unter Einern, zur mathematisch berechenbaren Ziffernhöhe dieser Mehrheit. Der Druck der neuen anmaßenden Freiheit war, wie es sich erwies, furchtbarer als der Druck der alten unverhohlenen Knechtschaft.

Und die Persönlichkeit hielt es nicht aus und empörte sich in der letzten, in der Welt noch nie dagewesenen Empörung.

Versteht sich: am allerwenigsten dachte an die Rechte der Menschenpersönlichkeit, an die Umwertung aller sittlichen Werte -- Napoleon, als er die Läufe der Touloner Kanonen auf den revolutionären Volkshaufen richten ließ, um, nach dem Ausdruck Raskolnikoffs, »mit Kanonenkugeln auf Schuldige und Unschuldige zu feuern, ohne sie auch nur eines Wortes der Erklärung zu würdigen«. Und darauf folgt eine ganze Reihe ganz ebenso geglückter Verbrechen. -- »Ich erriet damals,« sagt Raskolnikoff »daß Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich zu bücken und sie zu nehmen. Hierbei ist ja nur eines, nur eines erforderlich: man muß nur wagen, nur erkühnen muß man sich! ... Es stand plötzlich sonnenklar vor mir, wie denn noch kein einziger bis jetzt gewagt hat und nicht wagt, wenn er an diesem ganzen Blödsinn vorübergeht, einfach alles am Schwanz zu nehmen und zum Teufel zu schleudern! Ich wollte mich dazu erkühnen!« Dem Bewußtsein Napoleons zeigte sich dasselbe natürlich nicht »sonnenklar«: nur aus dem dunklen, uranfänglichen Instinkt der sich empörenden Persönlichkeit heraus »wollte er sich erkühnen«.

Napoleon ging aus der Revolution hervor und nahm sogar ihre Offenbarungen an, nur veränderte er sie für seine Zwecke. »Alle sind gleich« -- damit stimmte er überein, nur fügte er hinzu: »Alle sind gleich für mich, alle sind gleich unter mir.« »Alle sind frei« -- und er will Freiheit, will freien Willen, aber »nur für sich allein« will er freien Willen.

Vom Gesichtspunkte der alten, mosaischen, und der scheinbar neuen, in Wirklichkeit aber ebenso alten menschenfreundlichen Sittlichkeit aus, die Jean Jacques Rousseau mit der Feder und Robespierre mit dem Henkerbeil verkündet haben, ist Napoleon ein Dieb und Mörder, »ein Räuber außerhalb des Gesetzes«. Uns erdrückt das Pathos der historischen Ferne, wir sind geblendet von der Sonne von Austerlitz. »Napoleon, die Pyramiden, Waterloo -- und eine hagere, häßliche Registratorenwitwe, eine alte Wucherin mit einem roten Koffer unter dem Bett -- wie sollen sie denn das verdauen! Wird denn, heißt es, Napoleon unter das Bett eines alten Weibes kriechen?« Und doch, in der Tat, geben wir zu, wenn nur die »Ästhetik uns nicht störte«, daß für die Kritik der reinen Sittlichkeit die Zerstörung Toulons und das unter das Bett des alten Weibes nach dem roten Koffer Kriechen -- ein und dasselbe ist. Furchtbar und gemein ist es, scheußlich und widerlich! Er kroch unter das Bett und verkroch sein ganzes Leben. Warum ist das nun in dem einen Falle »Übertretung (Schuld) und Sühne«, und im anderen -- Übertretung (Verbrechen) und Krönung mit dem in der Geschichte einzig dastehenden universalhistorischen Lorbeerkranz? »Gott hat sie mir gegeben« (die Krone der römischen Cäsaren); »wehe dem, der an sie rührt.« Was Wunder, wenn der verschüchterte und ruhmberauschte Pöbel dem glaubte! Wie aber konnten die freien, rebellischen Byron und Lermontoff daran glauben? Wie konnten sie diesen »Tyrann«, der den größten Versuch der Menschenbefreiung, die Revolution, enthauptete, als ihren Helden anerkennen? Wie, endlich, konnten so ruhige und nüchterne Leute wie Puschkin und Goethe von ihm betrogen werden? Und doch ist es so. Als hätte er ihren geheimsten, für sie selbst noch furchtbaren Traum erraten und verkörpert! Und geradezu dankbar dichten sie die letzte wundervolle »Sage« Europas von ihm, dem Märtyrer-Imperator auf Sankt Helena, von dem neuen Prometheus, der an den einsamen Fels inmitten des Ozeans angeschmiedet ist. Dem Märtyrer welchen Gottes? -- Das wissen sie nicht, das sehen sie nicht, nur dunkel ahnt ihr Instinkt, daß gerade hier, bei Napoleon, ein anderer Geist umgeht, einer, der ihnen wie näher und verwandter, der wie neuer und sogar freier, befreiender und schöpferischer ist, als der Geist der Revolution. Erwachte nicht in dem alten, bereits zur Ruhe gekommenen und ein wenig sogar schon verknöcherten Goethe, als er sich an Napoleon wie an einer übernatürlichen, »dämonischen« Erscheinung der Natur und der Menschheit begeisterte, -- erwachte da nicht in ihm etwas Jünglinghaftes, grenzenlos Rebellisches, Unterirdisches, jenes selbe, aus dem auch sein Prometheusruf geboren scheint:

Ihr Wille gegen meinen! Eins gegen Eins ... -- -- -- -- -- -- Götter? Ich bin kein Gott, Und bilde mir so viel ein als einer. Unendlich? -- Allmächtig? -- Was könnt ihr? ...... Vermögt ihr, zu scheiden Mich von mir selbst?

Auch bei Byron nimmt die Erscheinung Napoleons nicht umsonst die Gestalt Prometheus, Kains, Lucifers an -- aller Verstoßenen, Verfolgten, die sich gegen Gott erhoben und vom Baume der Erkenntnis gegessen haben. Dieser Geist, der weder hell noch dunkel ist, wie das fahle Dämmerlicht der ersten Morgenstunden, dieser neue Dämon Europas mit seinem frommen, leidenschaftslosen Lächeln -- um wieviel ist er aufrührerischer als Robespierre oder Saint Just, um wieviel will er mehr, als Rousseau oder Voltaire! Es scheint, daß hier auch des Rätsels Lösung ist. Aber vielleicht ist niemand entfernter von diesem Erraten, als -- Napoleon selbst. Vielleicht würde sich niemand so sehr darüber wundern, niemand so entrüstet sein wie er, wenn er begreifen könnte, welch eine Folgerung aus seinen Sätzen gezogen, welch eine Bedeutung seiner Persönlichkeit beigelegt werden wird. Schien es doch nicht nur anderen, sondern auch ihm selbst, daß er das gestörte Gleichgewicht der Welt wieder herstellte, daß er unerschütterliche Ordnung einführte, das auseinanderfallende Gebäude des europäischen Staatskörpers stützte und der Revolution ein Ende machte. Wenn nur er selbst und die anderen den »ersten Schritt«, seinen Ausgangspunkt, vergessen könnten -- diesen bleichen jungen Menschen mit den blutigen Händen, der nach dem roten Koffer unter das Bett der alten Wucherin -- der Revolutionsgöttin »Vernunft« -- kriecht! »Dio mi la dona. Gott hat sie mir gegeben,« -- die Krone oder die rote Truhe? Und ist es wirklich Gott? Wirklich der christliche Gott oder der Gott des fünften Buches Moses? Immerhin hat er doch getötet und gestohlen! Er aber ist ein einzelner; für die anderen heißt es nach wie vor: »Du sollst nicht töten«, »Du sollst nicht stehlen ...« Wenn er -- warum dann schließlich nicht auch ich? Ist er denn nicht aus derselben Nichtigkeit hervorgegangen wie ich, nicht aus einem ebenso abstrakten mathematischen Nichtigkeitspunkt wie ich? Er ist -- Gott; ich bin -- »zitternde Kreatur«. Aber auch in meinem Herzen erhebt sich der Schrei des Titanen:

Götter? Ich bin kein Gott, Und bilde mir soviel ein als einer.

Wenn er »beim Vorübergehen einfach alles am Schwanz nahm und fortschleuderte zum Teufel,« warum soll dann nicht auch ich einmal dasselbe versuchen, und wäre es auch nur, sagen wir -- aus Neugier? »Denn hier ist ja nur eines, nur eines erforderlich: man muß sich nur dazu entschließen.«

Nein, Napoleon hat den Brand der großen Revolution nicht gelöscht, er hat nur den Feuerfunken derselben aus dem äußeren, politischen, weniger gefährlichen Gebiet in das innere, sittliche, um wieviel mehr explosionsfähige geworfen. Er wußte selbst nicht, was er tat, ahnte selbst nicht, »wes Geistes er war«; aber mit seinem ganzen Leben, durch sein Beispiel, durch die Größe seines Glücks und die Größe seines Unterganges hat er die tiefsten Grundfesten der ganzen christlichen und vorchristlichen Sittlichkeit erschüttert: ohne seinen Willen, gegen seinen Willen hat er die »Umwertung aller Werte« begonnen, hat er noch nie dagewesene Zweifel an die Uroffenbarungen des Menschengewissens erweckt, hat er -- wenn auch mit halbverschlafenen Augen -- in das »Jenseits von Gut und Böse« geblickt, und hat er auch anderen erlaubt und auch andere gezwungen, dorthin zu blicken. Das aber, was der Mensch dort erblickt hat, das kann er nie mehr vergessen. Die alte politische »Große« Revolution erscheint uns trotz all ihrer äußeren blutigen Greuel vollkommen unverletzend und ungefährlich, fast gutmütig und klein wie ein Kinderspiel, fast wie Schülerunart -- im Vergleich zu diesem kaum sehbaren, kaum hörbaren innerlichen Umsturz, der sich noch bis auf den heutigen Tag nicht vollzogen hat und dessen Folgen wir unmöglich voraussehen können.

Eines ganzen Jahrhunderts angestrengten philosophischen und religiösen Denkens Europas hat es bedurft -- von Goethes »Prometheus« bis zu Nietzsches »Antichrist« --, um den ewigen Sinn der napoleonischen Tragödie als universalhistorischer Erscheinung zu erfassen: die antichristliche und doch dabei heilige Liebe zu sich selbst, zu seinem »fernen« Selbst, die der Liebe zu anderen, zum »Nächsten« entgegengesetzt ist; der titanische unterirdische Anfang der Persönlichkeit: »ich allein gegen alle« --

»Ihr Wille gegen meinen« --

der Wille der Selbstbejahung, der »Wille zur Macht«, der dem Willen zur Selbstverleugnung, zur Selbstvernichtung entgegengesetzt ist; die Empörung gegen die alte, gegen die neue, gegen jede gesellschaftliche Einrichtung, jeden »gesellschaftlichen Verband«, gegen alle »beengenden Fesseln der Zivilisation«, nach dem Ausdruck Napoleons, den er gleichsam von dem Urahn der Anarchisten, Jean Jacques Rousseau, entlehnt hat; die Empörung gegen die Menschheit (Kain), gegen Gott (Lucifer), gegen Christus (der Antichrist-Nietzsche) -- das sind die emporführenden Stufen dieser neuen sittlichen Revolution. Unbegrenzte Freiheit, unbegrenztes Ich, vergöttertes Ich, Ich-Gott, -- das ist das letzte, kaum zu Ende gesprochene Wort dieser Religion, die Napoleon mit so genialem Instinkt vorausgesehen hat -- »ich habe eine Religion geschaffen« --, und über die er mit so unverzeihlichem Leichtsinn scherzen konnte: »In allen Jahrmarktsbuden würde man mich verspotten, wenn ich es mir einfallen ließe, mich für Gottes Sohn auszugeben.«

Und von diesem selben unterirdischen vulkanischen Stoß, der scheinbar aus dem Westen kam (wie wir späterhin sehen werden, nicht nur aus dem Westen), von diesem selben unklaren, bald mitfühlenden, bald spöttischen, aber immer aufregenden und tiefen Gedanken, an die napoleonische Persönlichkeit, an die Raubvögel und aufrührerischen Helden, die »Menschen des Fatums« -- angefangen von dem kaukasischen Gefangenen, Onjégin, Aleko, Petschorin und dem Dämon[1], begann auch die Wiedergeburt der russischen Literatur. Dieser Gedanke, der sich wohl zeitweilig verbarg, sich gleichsam unter die Erde versenkte, niemals aber endgültig versiegte, da er immer wieder mit neuer und neuer Kraft hervorbrach, dieser Gedanke begleitet die ganze große universalhistorische Entwicklung des russischen Geistes in der russischen Literatur, von den »Moskowitern im Child Harold-Mantel«, an deren Händen »Blut klebt«, von Aleko-Petschorin, der »nur für sich allein Willen haben will« -- bis zum Nihilisten Kiriloff, der sich für »verpflichtet« hält, »Eigenwille zu zeigen«, bis Stawrogin, der »in beiden entgegengesetzten Polen (in der Freveltat und in der Heiligkeit) den gleichen Genuß findet« -- bis zu »Iwan Karamasoff«, der es endlich begreift, daß »alles erlaubt ist« und somit Friedrich Nietzsches »alles ist erlaubt« voraussagt.

Ein junger Mann[2], mit dem bleichen Gesicht, »mit wundervollen Augen und ebensolchem Äußeren« (und nicht nur Äußeren), der an Bonaparte vor Toulon erinnert, stiehlt sich nachts in das Schlafzimmer der alten Gräfin, um ihr mittels Gewalt das Kartengeheimnis zu erpressen. Die Pistole, die er mitgenommen hat, um die Alte zu erschrecken, ist nicht geladen. Dennoch fühlt er sich als Mörder. Hier handelt es sich übrigens nicht um die Alte: »Die Alte ist Unsinn,« vielleicht auch ein Irrtum, »nicht die Alte, sondern das Prinzip« erschlug er, er bedurfte nur des »ersten Schrittes«: »ich wollte nur den ersten Schritt tun -- mich in eine unabhängige Stellung bringen, Mittel erlangen, und dann, später, hätte sich alles durch verhältnismäßig unermeßlichen Nutzen ausgeglichen. Ich wollte das Gute den Menschen.« Und für das Gute erschlug er. Das sagt Raskolnikoff, aber dasselbe könnte auch von Puschkins Herrman in der »Pique Dame« gesagt sein. Wie Raskolnikoff, so ist auch Herrman ein Nachahmer Napoleons. Wie flüchtig auch sein innerer Mensch von Puschkin gezeichnet ist, es ist trotzdem klar, daß er kein gewöhnlicher Verbrecher ist, daß hier noch etwas Komplizierteres, Rätselhafteres dahintersteckt. Puschkin selbst berührt natürlich, wie das so seine Art ist, kaum, kaum diese Rätsel, um dann sofort an ihnen vorüberzugehen und sich mit seinem unerhaschbar gleitenden, lächelnden Spott von ihnen loszumachen. Aber aus der wie zufällig von Puschkin hingeworfenen Skizze »Die Pique Dame« sind nicht zufällig Gogols »Tote Seelen« und Dostojewskis »Rodion Raskolnikoff« hervorgegangen. So gehen auch hier die Wurzeln der russischen Literatur auf Puschkin zurück: gleichsam, als hätte er im Vorübergehen auf die Türe des Labyrinths gewiesen. Nachdem Dostojewski einmal in dieses Labyrinth eingetreten war, konnte er sich später sein Leben lang nicht mehr herausfinden: immer tiefer und tiefer drang er in dasselbe hinein, forschte, prüfte, versuchte, suchte und fand doch keinen Ausgang.

Die Verwandtschaft Raskolnikoffs mit Herrman hat Dostojewski, wie es scheint, nicht nur gefühlt, sondern auch klar erkannt. »Der Puschkinsche Herrman in der >Pique Dame< ist eine kolossale Gestalt, ein ungewöhnlicher, durch und durch Petersburger Typ -- ein Typ aus der Petersburger Zeit!« läßt Dostojewski seinen Helden in der »Jugend« sagen, der gleichfalls einer von Raskolnikoffs geistigen Zwillingsbrüdern ist. Er sagt es bei der Beschreibung des Eindrucks, den der Petersburger Morgen auf ihn macht -- »der scheinbar prosaischste auf der ganzen Welt«, den er aber für den »allerphantastischsten der Welt« hält. »An einem solchen modernden, feuchten, nebligen Petersburger Morgen mußte der wilde Einfall eines Puschkinschen Herrman, wie mir scheint, noch mehr Wurzel fassen. Wohl hundertmal ist mir inmitten dieses Nebels der sonderbare, doch um so aufdringlichere Gedanke gekommen: Wie, wenn nun dieser Nebel verfliegt und sich emporhebt, wird dann nicht auch diese ganze modernde, sumpfig schlüpfrige Stadt zusammen mit dem Nebel emporschweben und verschwinden, wie Rauch verfliegen und nur den früheren finnischen Sumpf zurücklassen, inmitten desselben meinetwegen wie zum Schmuck der Eherne Reiter[3] auf dem heiß atmenden, überjagten Tiere?«

Ebenso wie von Puschkins Herrman kann man auch von Raskolnikoff sagen, daß er ein »durch und durch Petersburger Typ« ist, »ein Typ aus der Petersburger Zeit«. In keiner einzigen anderen, weder russischen noch europäischen Stadt -- außer in Petersburg -- in keinem einzigen anderen Zeitabschnitt der russischen oder europäischen Geschichte hätte dieser Herrman sich entwickeln und auswachsen können zu einem -- Raskolnikoff. Und hinter diesen zwei »kolossalen«, »außergewöhnlichen« Gestalten hebt sich eine dritte Gestalt ab -- tritt die noch kolossalere und außergewöhnlichere Gestalt des Ehernen Reiters auf dem Granitfels hervor. Was zuerst fremd, aus dem »angefaulten Westen« importiert, romantisch, byronisch, napoleonisch erschien, wird verwandt, volklich, russisch, wird zum Geiste Puschkins, Peters; was aus den Tiefen Europas kam, trifft mit aus den Tiefen Rußlands Kommendem zusammen. Ist der Traum unseres sagenhaften Recken der Steppe, unseres Ilja von Murom, nicht der Traum vom »Wundertäter«, dem »Riesen«? Ja, in diesem Nebel der finnischen Sümpfe und in dem Granit der aus ihnen emporgewachsenen Stadt fühlt man deutlich die Verbindung aller kleinen und großen Helden der aufständischen oder nur andrängenden russischen Persönlichkeit von Onjégin bis Herrman, von Herrman bis Raskolnikoff, bis Iwan Karamasoff -- mit demjenigen,

-- durch dessen Fatumswille Die Stadt sich aus dem Meer erhob --

diese »absichtlichste aller Städte der Erdkugel«, die Stadt der abstraktesten Erscheinungen, der größten Vergewaltigung der Menschen und der Natur, des historischen »lebendigen Lebens«, die Stadt der anscheinend geometrischen Ordnung, des mechanischen Gleichgewichts, in Wirklichkeit aber -- der gefahrvollsten Aufhebung der Lebensordnung und des Lebensgleichgewichts. Nirgendwo in der Welt sind so unerschütterliche Massen auf so schwankendem Grunde aufgetürmt: Granit, der sich in Nebel auflöst, Nebel, der sich zu Granit verdichtet. Der »Geist der Knechtschaft« -- der »stumme und taube« Geist, von dem es zu Raskolnikoff hinüberweht, während er auf der Brücke steht und auf das »großartige Panorama« der Petersburger Kais schaut; der Geist der Unfreiheit und des »Verhängnisses«, des widernatürlichen und übernatürlichen »Willens«. Der »wilde Einfall« Raskolnikoffs »hätte noch mehr Wurzel fassen müssen« -- gerade hier in dieser phantastischen Stadt »mit der allerphantastischsten Entstehungsgeschichte der Welt«, durch die Berührung dieser Wirklichkeit, die selbst einem wilden Einfall, einem Fieberwahn gleicht. »Vielleicht ist das alles nur irgend jemandes Traum? ... Irgend jemand, dem alles das träumt, wird plötzlich erwachen -- und alles wird dann plötzlich verschwinden.«

Bereits Puschkin hat die Ähnlichkeit Peters mit Robespierre bemerkt. Und in der Tat sind die sogenannten »Reformen« Peters die größte Revolution, der größte Umsturz, die Empörung, der Aufstand von oben, »der weiße Terror«. Peter ist Tyrann und Rebell zu gleicher Zeit, Rebell im Verhältnis zum Vergangenen, Tyrann im Verhältnis zum Zukünftigen, Napoleon und Robespierre in einer Person. Und sein Umsturz ist nicht nur politisch, sozial, sondern in noch viel größerem Maße sittlich, er ist ein unerbittlicher, unbarmherziger, wenn auch unbewußter Bruch aller kategorischen Imperative des Volksgewissens, ist die zügellose Umwertung aller sittlichen Werte. Ich glaube, daß, wenn in den Annalen alle menschlichen Verbrechen aufgezeichnet wären, man keines finden würde, das das Gewissen, wenn nicht mehr empören, so doch mehr befangen machen könnte, als die Ermordung des Zarewitsch Alexei. Ist sie doch nicht wegen des fraglos Verbrecherischen furchtbar, sondern wegen der immerhin möglichen Gerechtigkeit und Schuldlosigkeit des Sohnmörders; dieses Verbrechen ist furchtbar dadurch, daß man sich darüber auf keine Weise beruhigen kann, nachdem man zugegeben hat, daß er doch kein gewöhnlicher Missetäter ist, ein »Verbrecher außerhalb des Gesetzes«. Eine so rätselhafte Tragödie finden wir in Napoleons Leben nicht. Doch am fruchtbarsten ist hierbei die Frage: wie aber, wenn Peter so handeln mußte? wie, wenn er durch die Unterlassung dieser Tat das größte und wahre Heiligtum seines Zarengewissens zerstört hätte? Tötete er denn den Sohn um seinetwillen -- für sich selbst? Aber Peter konnte doch tatsächlich nicht -- er verstand es einfach nicht -- sich von Rußland unterscheiden, sich und Rußland nicht als eins fühlen: er empfand sich als Rußland, liebte Rußland wie sich selbst, liebte es mehr als sich selbst. Wer wagt zu sagen, daß er nicht tausendmal für Rußland gestorben wäre? Er wollte Rußlands Bestes, »wollte das Gute den Menschen bringen«, darum tötete er denn auch, darum »übertrat« er das Gesetz, trat er über das Blut, da er glaubte, daß dieser Schritt »später durch verhältnismäßig unermeßlichen Nutzen wieder gut gemacht werden wird«. Er »lud sich das Blutvergießen -- auf sein Gewissen«.

Und da steht Peter -- wie Puschkin sagt -- »bis zum Knie im Blute«, eigenhändig foltert und enthauptet er. Der Sohn des »Stillsten Zaren« ist -- Henker auf dem Roten Felde[4]. Und in dem Augenblick ahmt er niemandem nach, in dem Augenblick ordnet er sich keinerlei fremden Einflüssen des Westens unter, in dem Augenblick ist er im höchsten Grade russischer Zar, Nachfolger Iwans des Grausamem. Der Moskauer Zar-Henker ist ebenso autochthon, wie der Zaardamer Zimmermann, der einfache Arbeiter. Selbst seine ärgsten Feinde, die Abtrünnigen[5], fühlen doch, wenn sie ihn auch den »Fremden«, den »Untergeschobenen« nennen, daß er mit ihnen blutsverwandt ist. Und auch die Slawophilen hassen ihn als Blutsverwandten, hassen ihn mit dem größten Bluthaß, denn sie fühlen, daß er ihr eigen Fleisch und Blut ist, und was ihren Haß erzeugt, ist dasselbe Blut, das in Puschkin seine ebenso starke Liebe zu Peter erzeugt hat. Nein, nie noch hat es in der Weltgeschichte eine solche Verirrung, eine solche Erschütterung des Menschengewissens gegeben, wie sie Rußland in der Zeit der »Reformen Peters« erfahren hat. Wahrlich, nicht nur bei den Raskolniken allein konnte darob der Gedanke an den Antichrist entstehen! Es scheint, daß diese Erschütterung sich noch bis auf den heutigen Tag nicht nur im russischen Volke, sondern auch in unserer kultivierten Gesellschaft bemerkbar macht. Es scheint, daß der sumpfige Grund des finnischen Moores immer noch unter dem Ehernen Reiter schwankt. Wenn nicht heute, dann kommt morgen ein -- neuer Umsturz in dieser »phantastischen Geschichte«, eine neue Überschwemmung, wie sie Puschkin in seinem »Ehernen Reiter« geschildert ...

Die Kraft der Wirkung ist gleich der Kraft der Gegenwirkung, dem Aufruhr von oben antwortet der Aufruhr von unten, dem weißen Terror der rote. Der russische Sozialismus oder der russische Terrorismus -- gleichfalls eine »durch und durch Petersburger« Erscheinung, eine Erscheinung des »Petersburger«, peterschen Zeitabschnitts -- ist einer der ewigen und prophetischen Träume des »Giganten auf dem ehernen Pferde«, ist einer der steilen Abhänge jenes »Abgrunds«, über dem er mit seinem Zügelruck »Rußland sich aufbäumen macht«. Hier muß der »wilde Gedanke« des Terrorismus durch die Berührung mit der »wilden« und phantastischen Wirklichkeit noch fester Fuß fassen. Und das ist jener gespenstische Nebel, der Nebel des Petersburger Tauwetters, der Nebel der Winde aus dem »faulenden Westen«, mit dem zusammen die bereiften Granitblöcke sich sofort erheben und wie Nebel verflattern und sich in nichts auflösen werden ...

»Es begann mit der Anschauung der Sozialisten,« sagt der Student Rasumichin über die Lehre Raskolnikoffs vom Verbrechen -- diese Lehre, aus der die ganze Tragödie entstanden ist.

In Europa war der Sozialismus abstrakte, wissenschaftliche Anschauung, oder private Anwendung dieser allgemeinen Anschauung, die durch die geschichtlichen Lebensbedingungen der Kultur hervorgerufen worden war. Erst in Rußland wurde der Sozialismus zur allgemeinen, allesverschlingenden, philosophischen, metaphysischen (denn der äußerste Materialismus ist bereits Metaphysik), teilweise sogar zur mystischen Lehre vom Sinn des Lebens, dem Ziel und Zweck der Weltentwicklung -- mystisch natürlich ohne Wollen und Wissen ihrer Verkündiger. Und wiederum nur hier, in Rußland, in dem Rußland Petersburgs und Peters, kommt der Sozialismus bis zu seinen letzten (seinen ersten Lehrsätzen in bedeutendem Maße widersprechenden, mitunter dieselben unmittelbar verneinenden) -- anarchistischen Folgerungen. Anarchismus ist ein furchtbares russisches Wort, ist die russische Antwort auf die Frage der westeuropäischen Kultur. Das haben wir nicht von Europa entlehnt, das haben wir Europa gegeben. Rußland hat hier zuerst, zum ersten Male das ausgesprochen, was Europa nicht zu sagen wagte. Hierin hat sich jene besondere Neigung, die mit religiöser Verblendung viel Gemeinsames hat, die Neigung zu allem dialektisch Äußersten, Zügellosen, Überschreitenden, selbst über den letzten »Strich« gehenden, die dem russischen Geiste eigen ist, wieder einmal ausgesprochen. Und so ist es selbstverständlich auch kein gewöhnlicher Zufall, daß diese unerhörte Entwicklung dieser beiden anscheinend so entgegengesetzten und unvereinbaren äußersten Pole -- die Idee der Selbstherrschaft und die Idee der Herrschaftslosigkeit, der Monarchie und der Anarchie -- sich gerade in dem Rußland Peters vollzogen hat. Sind sie doch beide aus »einem Geiste« hervorgegangen, aus dem »stummen und tauben« Geiste, aus dem Geiste des größten Selbstherrschers und des größten Rebellen der Neuen Geschichte: sie sind die zwei steilen Abhänge, die zwei Ränder immer derselben Kluft, desselben »Abgrundes«, über dem sich das Pferd des Ehernen Reiters bäumt. In der Politik -- Anarchismus, in der Sittlichkeit -- Nihilismus. Und auch hier, im Nihilismus, ist der »letzte Punkt« erreicht; auch hier ist der »ganze historische Weg zurückgelegt, es gibt nichts mehr, wohin man weitergehen könnte«. Wiederum das russische Extrem, die äußerste, dialektisch-zügellose, nichtwissenschaftliche Folgerung aus der westeuropäischen wissenschaftlichen »Kritik der reinen Sittlichkeit«, die sich als unerfüllbarer erwies, als die »Kritik der reinen Vernunft«, die Folgerung aus den westeuropäischen, unvergleichlich zaghafteren und gemäßigteren, weil mehr lebenskulturellen, mehr geschichtlich-realistischen »Versuchen, sich auf der Erde ohne Gott einzurichten« -- ohne himmlische wie auch ohne irdische Macht, -- die Folgerung aus der, wie man meint, ausschließlich materialistischen und mechanistischen Weltauffassung.

Wenn Rasumichin recht hat, daß die Lehre Raskolnikoffs mit der Anschauung der Sozialisten begonnen habe, so ist das natürlich nicht im Sinne des westeuropäischen Sozialismus zu verstehen, sondern in einem besonderen, russischen Sinne, im Sinne des Anarchismus und Nihilismus.

»Nun, die Auffassung der Sozialisten ist ja bekannt,« fährt Rasumichin fort, »das Verbrechen sei ein Protest gegen die Anormalitäten der sozialen Einrichtung -- und nichts weiter, irgend welche anderen Ursachen werden überhaupt nicht zugelassen -- und das sei alles!« Raskolnikoff aber geht bereits hier in seinem Ausgangspunkte viel weiter als die Sozialisten. Die Sozialisten sagen: der Protest -- die Verneinung des Vorhandenen -- muß zusammen mit dem, gegen was er gerichtet ist, verschwinden, die Verbrechen müssen in demselben Verhältnis, wie die »ungerechte Einrichtung oder Einteilung der Gesellschaft sich durch eine gerechte ersetzt«, seltener werden oder gar gänzlich aufhören. Raskolnikoff aber faßt es anders auf: das Verbrechen ist für ihn nicht nur Verneinung, Zerstörung des Alten, sondern auch Bejahung, Schaffung von Neuem, die nicht mit zeitlichen, veränderlichen Bedingungen der menschlichen Gesellschaft verbunden ist, sondern mit den ewigen, unveränderlichen Gesetzen der Natur. »Nach dem Naturgesetz,« sagt er zu Porphyri Petrowitsch, dem Untersuchungsrichter, indem er seine Lehre auseinandersetzt, »zerfallen die Menschen im allgemeinen in zwei Arten: in eine niedrigere Art, das sind die Gewöhnlichen, oder sagen wir einfach das Material, das einzig zur Erzeugung von Seinesgleichen dient, und in die eigentlichen Menschen, d. h. solche, die die Gabe oder das Talent besitzen, in ihrer Mitte ein neues Wort zu sagen ... Die zur zweiten Abteilung gehörenden übertreten alle das Gesetz, das sind die Umstürzler ... Und wenn ein solcher für seine Idee selbst über Leichen, über Blut schreiten muß, so darf er -- meiner Meinung nach -- innerlich, vor seinem Gewissen, sich die Erlaubnis geben, meinetwegen auch Blut zu vergießen -- übrigens, je nach der Idee und ihrem Umfange, das nicht zu vergessen.« -- »Wenn die Entdeckungen eines Kepler oder Newton, sagen wir, infolge irgendwelcher Kombinationen auf keine andere Weise den Menschen bekannt werden könnten, als durch das Opfer von einem, zehn, hundert oder noch mehr Menschen, die der Bekanntmachung der Entdeckung hinderlich wären oder sich als unüberwindliches Hindernis auf ihren Weg gestellt hätten, so hätte Newton das Recht und wäre sogar verpflichtet, diese zehn oder hundert Menschen zu ... beseitigen, um seine Entdeckungen der ganzen Welt kundtun zu können.« -- »Ferner ... alle Gesetzgeber oder Ordner der Menschheit, angefangen von den ältesten, fortgefahren mit Lykurg, Solon, Mahomet, Napoleon und so weiter (wie interessant, daß in dieser Aufzählung nicht auch Peter genannt wird, wen aber, sollte man meinen, müßte wohl Raskolnikoff der >durch und durch Petersburger< petrische Typ, wohl nennen, wenn nicht Peter?) -- alle sind sie bis auf den letzten Verbrecher, Übertreter schon allein durch den einen Umstand, daß sie, indem sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft heilig gehaltene und von den Vätern überkommene zerstörten, und weil sie selbstverständlich auch vor dem Blutvergießen für ihr neues Wort nicht zurückgeschreckt sind, wenn dieses Blut (das mitunter vollkommen unschuldig war und heldenmütig für das alte Gesetz hingegeben wurde) ihnen nur helfen konnte. Es ist wirklich auffallend, daß die meisten von diesen Ordnern und Wohltätern der Menschheit vor allem furchtbare Blutvergießer gewesen sind. Mit einem Wort, ich folgere daraus, daß alle, nicht nur die ganz Großen, sondern die auch nur etwas aus dem alten Geleise Heraustretenden, ich meine, wenn sie auch nur etwas Neues -- mag es noch so klein sein -- zu sagen vermögen, ihrer Natur gemäß unbedingt Verbrecher oder >Übertreter< sein müssen, versteht sich, mehr oder weniger. Anders, d. h. ohne Übertretung, würde es ihnen nicht gut möglich sein, aus dem alten Geleise herauszukommen, in ihm aber zu bleiben, das können sie natürlich nicht, und zwar wiederum ihrer Natur gemäß nicht, und meiner Meinung nach sind sie sogar unmittelbar verpflichtet, nicht sich darein zu fügen, nicht den anderen zu folgen.«

Am auffallendsten ist hierbei die aufrichtige oder vorgetäuschte Ruhe, die Selbstbeherrschung, mit der er seine Lehre wie irgend ein abstraktes, mathematisches Axiom auseinandersetzt. Ein Mensch spricht von Menschlichem, als wäre er selbst kein Mensch, sondern ein Wesen aus einer anderen Welt, oder wie ein Naturforscher von einem Ameisenhaufen oder Bienenstock spricht. Er untersucht nicht das, was sein sollte, sondern das, was ist, nicht Gewünschtes, sondern Vorhandenes. Als gäbe es zwischen der sittlichen und der religiösen Welt überhaupt keine Verbindung, als gäbe es zwischen dem Gedanken an das Wohl der Menschen und dem Gedanken an Gott keinerlei Beziehung, als hätte es diesen Gedanken an Gott überhaupt nie im Menschengewissen gegeben! Aber man muß Raskolnikoff Gerechtigkeit widerfahren lassen: seit Machiavelli hat kein einziger von sittlichen und politischen Fragen, die doch die größten Leidenschaften erregen, mit einer solchen Leidenschaftslosigkeit gesprochen. Und selbst die Sprache des Petersburger Nihilisten erinnert durch ihre schneidende Schärfe, Kälte und Klarheit der Dialektik, die »scharf wie ein Rasiermesser« ist, an die Sprache des Sekretärs der florentinischen Republik.

Nur ein einziges Wort zum Schluß des Gespräches fällt aus dieser zynischen Leidenschaftslosigkeit heraus und enthüllt zu gleicher Zeit unter den abstrakten Gedanken eine noch viel größere Tiefe, als selbst Raskolnikoff ahnt.

»Nun, aber die wahrhaft Genialen,« unterbricht Rasumichin halb ärgerlich, »diese, denen das Recht zu morden gegeben ist -- die müssen dann also überhaupt nicht leiden, auch nicht einmal für vergossenes Blut?«

»Wozu hier das Wort >müssen<?« entgegnet Raskolnikoff. »Hier gibt es weder Erlaubnis noch Verbot. Mögen sie doch leiden, wenn ihnen das Opfer leid tut ... Leiden und Schmerz sind stets mit umfassender Erkenntnis und einem tiefen Herzen verbunden. Ich glaube, die wahrhaft großen Menschen müssen in der Welt eine tiefe Schwermut empfinden,« fügte er plötzlich wie in Gedanken versunken hinzu, so daß es sogar aus dem Ton der Unterhaltung herausfiel. --

Auch auf dem Gesichte desjenigen, dem Raskolnikoff nachahmt, dem er auch äußerlich ganz ebenso wie Puschkins Herrman ähnelt, -- auch auf dem sonderbar unbeweglichen Gesichte Napoleons, in seinen Augen, die scheinbar »in die Ferne, oder auf einen einzigen fernliegenden Punkt gerichtet sind«, finden wir den Stempel dieser tiefen Schwermut, dieser großen Trauer, -- kein Anzeichen von Reue oder Gewissensbissen, oder Leiden, sondern gerade nur von schwermütiger Trauer: als hätte er das erblickt, was Menschenaugen nicht sehen sollten, irgendein letztes Geheimnis der Welt vielleicht, und seit der Zeit verläßt dieser Schatten sein Antlitz nicht mehr, selbst nicht im blendendsten Lichte des Ruhmes und Glückes.

Ja, dieses sonderbare Wort fällt »aus dem Ton der Unterhaltung heraus«: es mag ihm gleichsam im Versehen entschlüpft sein. Es ist ein jenseitiges, fast religiöses Wort. Denn, wenn in den Fragen von Gut und Böse alles so mathematisch klar und einfach ist, wenn das sittliche Gesetz nur das Gesetz der »Natur«, der natürlichen Notwendigkeit, der inneren Mechanik ist -- worüber trauert er dann, woher kommt dann dieser Schatten, vielleicht nicht aus der göttlichen, aber jedenfalls auch nicht der menschlichen Welt? Hat Raskolnikoff sich nicht versprochen, verraten? Verrät uns nicht dieses eine Wort, daß seine ganze wissenschaftliche Leidenschaftslosigkeit nur Äußerlichkeit, nur Membrane ist -- übrigens ganz so wie auch die Leidenschaftslosigkeit Machiavellis, der das Geheimnis seines »tiefen Herzens« ahnungslos aufdeckt, sobald er nur auf die Zukunft Italiens zu sprechen kommt? Es scheint, daß bei beiden unter der Leidenschaftslosigkeit eine -- große Leidenschaft loht ... wie ein »Feuertrank in einem Becher von Eiskristall«.

Der Vorwurf, den Rasumichin den Sozialisten und teilweise auch seinem Freunde Raskolnikoff macht -- hatte doch nach Rasumichins Meinung auch bei ihm alles mit der »Anschauung der Sozialisten angefangen« -- dürfte von diesem wohl kaum verdient sein: »Die Natur wird überhaupt nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die wird als gar nicht vorhanden angenommen! -- Darum lieben sie ja auch so instinktiv die Geschichte nicht ... sie lieben die lebendige Entwicklung des Lebens nicht: wozu lebendige Seele! Die lebendige Seele verlangt Leben, die lebendige Seele gehorcht nicht der Mechanik, die lebendige Seele ist mißtrauisch, die lebendige Seele ist konservativ. Hier aber, wenn's auch nach Aas riecht -- aus Kautschuk kann man's schon machen.«

Der unerbittliche Aristokratismus, den Raskolnikoff zur Grundlage seiner Theorie gemacht hat -- die Einteilung der Menschen in Herde und Helden, in tatloses »Material«, in Sache, und in schöpferische Genies, die wie Bildhauer aus diesem Material eine neue Form meißeln, ein neues Angesicht der Geschichte -- ist vielleicht eine zu einseitige Auffassung, sie ist vielleicht zu übertrieben und darum ertötend, jedenfalls aber nicht tot, ist außerhalb des Lebens, aber darum nicht etwa leblos. Wenn diese Lehre auch der »Mechanik« ähnelt, so ist sie doch immerhin nicht »aus Kautschuk« gemacht, sondern aus dem härtesten Stahl und, wie eben eine schneidende Klinge, tötet sie wohl, aber sie prüft, erprobt, sie durchbohrt das lebendige Fleisch, den lebendigen Geist der Geschichte. Es geht schwer an, einen solchen Beobachter der menschlichen Natur, wie Machiavelli, zu verdächtigen, daß er die »Natur überspringe, die Geschichte, die lebendige Entwicklung des Lebens nicht liebe«. Der Sekretär der Republik Florenz am Hofe Cesare Borgias befand sich im Mittelpunkt dieser »lebendigen Entwicklung«, im Strudel der größten historischen Ereignisse, im Herzen der Renaissance. Machiavelli spricht nur davon, was er tatsächlich von diesem im grenzenlosen Leben und unbegrenzten Leidenschaften schlagenden Herzen erlauscht hat, nur davon, was er der »Natur« insgeheim abgesehen, dieser Natur, die sich gerade damals in ihrer furchtbaren Nacktheit nicht nur in den Schöpfern, sondern auch in den Kritikern der Geschichte offenbarte. Und jedenfalls kann man von dieser verführerischen Schimäre nicht sagen, daß es von ihr wie »Aasgeruch« herüberwehe, eher aber schon »wie von frischvergossenem Blute«, und wohl aus nichts weniger als »Kautschuk« dürfte sie gemacht sein. Aus dem Leben ist sie hervorgegangen und ins Leben hineingegangen -- und wenn auch wiederum wie schneidender Stahl. Indessen liegt der sittlichen wie auch politischen Lehre Machiavellis vielleicht derselbe oder gar ein noch schonungsloserer Aristokratismus zugrunde, als bei Raskolnikoff. Ist es bei ihm nicht dieselbe Einteilung der Menschen in »Material«, »Pöbel«, »ekelhaftes Gewürm« (wie Nietzsche es nennt) -- in vulgus, das durch das Naturgesetz zum Gehorchen bestimmt ist, -- und in Gebieter, in Herrscher, in Pfleglinge des Halbtiers, des Halbgotts, des Zentauren Chiron, die gleich ihrem Lehrer die übermenschliche, göttliche Natur mit der des »Tieres«, der bestia in sich vereinen müssen? -- ist es nicht dieselbe »Entbindung von der Blutschuld auf ihr Gewissen«, die Erlaubnis, den »Wohltätern, den Ordnern der Menschheit« gegeben, Blut zu vergießen? -- ist nicht die vermeintlich unvermeidliche Vereinung von »Tugend« (virtù) und »Grausamkeit« (ferocità) in ihnen? Nicht umsonst hat Nietzsche, der seine Einsamkeit in der Weltliteratur fast krankhaft empfand und ihr solchen Wert beilegte, Nietzsche, der so anspruchsvoll war im Anerkennen von Verwandten oder Bundesgenossen, nicht umsonst hat er unter seinen wenigen Vorgängern Machiavelli und Dostojewski (»diesen tiefen Menschen, den einzigen Psychologen, bei dem ich etwas zu lernen hatte«) nebeneinandergestellt -- letzteren natürlich nicht als bewußtes Dogma, sondern nur für die künstlerische Darstellung solcher Helden des persönlichen Prinzips, wie Iwan Karamasoff und Rodion Raskolnikoff. Nietzsche ist ja gleichfalls -- und das wissen wir bereits aus der Erfahrung unseres eigenen Herzens und Verstandes -- aus dem Leben hervorgegangen und so geht er auch wieder in das Leben hinein. Was nun auch der Wert seiner Lehre sei, jedenfalls sehen wir nur zu gut, daß man mit ihm nicht wie mit einer toten Abstraktion, sondern wie mit einer tief lebendigen historischen Kraft, gleichviel ob mit einer positiven oder negativen, in jedem Fall aber lebendigen Erscheinung der »lebendigen Entwicklung« rechnen muß.

Machiavellis »Principe«, Raskolnikoffs »Herrscher«, Nietzsches »Übermensch« -- das sind wieder die emporführenden Stufen, die Stufen eines besonderen, nicht ins Vergangene, sondern ins Zukünftige gerichteten, zerstörend schöpferischen, zügellos aufrührerischen Aristokratismus, der aufrührerischer als jegliche Demokratie ist, -- eines Aristokratismus, der in der Politik wie in der Sittlichkeit allen Wiedergeburten, die sich bis jetzt vollzogen haben, eigen ist.

Wenn nun Raskolnikoff auch tatsächlich von der »Anschauung der Sozialisten« ausgegangen ist, so ist er doch zu einem Schluß gekommen, der ihrer Auffassung am entgegengesetztesten ist: Ungleichheit als unwandelbares, in jeder menschlichen Gesellschaft verwirklichtes »Naturgesetz«. Und diese Ungleichheit in ihrer Natur glättet sich nicht etwa aus, im Gegenteil, sie vertieft sich noch proportional der universalgeschichtlichen Entwicklung: die Menschheit hat sich gleichsam in zwei Hälften zerspalten und schon gibt es keine Vereinigung für sie, kein Zusammenwachsen mehr. »Der Mensch ist dem Menschen ein -- Tier« -- oder Gott, in jedem Falle aber nicht Bruder, nicht Nächster, nicht Gleicher ... nach dem furchtbaren Worte Nietzsches, daß zwischen dem Menschen und dem Menschen eine größere Entfernung liegt, als zwischen Mensch und Tier.

Zu gleicher Zeit ersieht man daraus, wie die Idee der Anarchie in ihren extremsten Folgeschlüssen sich unvermeidlich der Idee der Monarchie nähert und sogar unmittelbar mit ihr in eins zusammenfließt: die letzte Freiheit »jenseits von Gut und Böse«, die letzte Herrschaftslosigkeit führt zur Einherrschaft, zur Selbstherrschaft des Genies -- zum Gebot Platons: »es möge das Genie herrschen«.

Übrigens macht Raskolnikoff in der ersten theoretischen Darlegung seiner Gedanken dem Sozialismus eine Konzession; er sagte »Diese (die Menschen der Masse) erhalten die Welt und vermehren sich; jene (die Helden) bewegen die Welt und führen sie ihrem Ziele zu. Diese wie jene haben also vollständig dasselbe Recht zur Existenz. Mit einem Wort, in meinen Augen haben alle das gleiche Recht, und -- vive la guerre éternelle{[1]} ... bis zum neuen Jerusalem, versteht sich!«

»So glauben Sie immerhin doch an ein neues Jerusalem?« fragt Porphyri Petrowitsch.

»Ja, ich glaube daran.«

Hätte diese Konzession für seine ganze Lehre in der Tat die Bedeutung, die er selbst annimmt, so müßte die Teilung der Menschen in erhaltende, fortsetzende, und in die Welt bewegende, nicht die Vorstellung von Höheren und Niedrigeren, von Verächtlichen und Edlen hervorrufen. Beide Teile würden dann auf gleicher Stufe stehen. Dann hätte sich Raskolnikoff in diesen »Geringen hienieden« ein zwar anderer, aber doch nicht geringerer Adel offenbart, als in den Großen -- ein anderer, aber nicht geringerer Wert. Die Vorstellung von der »zitternden Kreatur« (Nietzsches »ekelhaftem Gewürm«), vom Pöbel, würde durch die Vorstellung des Volkes oder der »universalen Vereinigung der Menschen« ersetzt werden. Beide Fähigkeiten -- wie die Erhaltung des Gleichgewichts, so auch die Bewegung nach vorn, das Fleisch und der Geist der Menschheit -- wären in seinen Augen in gleichem Maße heilig. Nicht Masse, wohl aber echtes Volk zu sein, würde ihm nicht verächtlicher und nicht rühmlicher erscheinen, als Held zu sein. Und so könnte man noch viele andere frappierende, von ihm sicherlich nicht erwartete Folgerungen aus dieser einen Konzession ziehen, die er ja doch nicht nur dem Sozialismus, sondern auch der Lehre Christi macht. Z. B.: würde sich daraus nicht ergeben, daß es folglich zwei Tafeln sittlicher Werte gibt, zwei Gewissen, zwei Wahrheiten, die tatsächlich »gleichstark«, »gleichberechtigt« sind? Hätte er dann nicht auch an den letzten Grenzen dieser Zerspaltung die Möglichkeit der Vereinigung erblickt, -- hätte sich dann nicht auch der Vorhang vor dem wirklich »neuen«, längst nicht mehr sozialistischen »Jerusalem« vor ihm erhoben?

Aber das ist es ja: Raskolnikoff erkennt das »gleiche Recht beider Hälften auf Existenz« nur mit dem Verstande an. Sein Herz verneint dieses Recht mit einer Kraft, wie es bis jetzt noch niemals jemand verneint hat, und er setzt zwischen ihnen eine größere Entfernung voraus, als der alte Grieche zwischen dem Sklaven und dem Freien, als der Inder zwischen Tschandala und Brahmane. Ja es scheint, daß es überhaupt keine größere Entfernung, keine größere Kluft in der Welt gibt, als es diese ist, die Raskolnikoff zwischen den zwei Menschenklassen annimmt. Er kann keine genügend grausamen, hochmütigen, zynischen Worte finden, um seine ganze Verachtung für die Nichthelden auszudrücken. -- »Oh, wie verstehe ich den Propheten zu Pferde und mit dem Schwert in der Hand: wenn Allah befiehlt, so hast du zu gehorchen, zitternde Kreatur! Recht, wahrlich Recht hat der >Prophet<, wenn er irgendwo mitten auf der Straße eine gu--ute Batterie aufstellt und auf Gerechte und Ungerechte feuern läßt, ohne sie auch nur eines Wortes der Erklärung zu würdigen! Gehorche, zitternde Kreatur, und -- laß dich nicht gelüsten, denn -- das kommt dir nicht zu!!!« -- Von welch einem Rechte der Masse auf Existenz kann danach noch die Rede sein? Es sei denn -- von dem Recht auf ewiges Zittern, ewiges Nichtsein vor dem »Propheten«. Gibt es doch für Raskolnikoff kein größeres Entsetzen und keinen größeren Ekel, als sich als Menschen, wie alle, zu fühlen. Er hat ja auch nur deshalb den Mord begangen, um den Strich, der den Helden von dem Nichthelden scheidet, zu überschreiten, um sich selbst zu beweisen, daß er ein -- Mensch ist und nicht ein Ungeziefer, nicht eine »Laus«. -- »Ich mußte damals unbedingt erfahren, ich mußte mich sobald als möglich überzeugen, ob ich ein Ungeziefer bin, wie alle, oder ein Mensch? ... Bin ich nur eine zitternde Kreatur, oder habe ich das Recht?« -- »Da hasten sie alle hin und her durch die Straßen und ist doch ein jeder von ihnen ein Schuft und Spitzbube allein schon seiner Natur gemäß, sogar schlimmer als das -- ein Idiot! ... O, wie ich sie alle hasse!« In seinem Herzen ist kein Körnchen von jener Liebe und Achtung vorhanden, ja nicht einmal von jener Gerechtigkeit zu den »Fortsetzern«, den »Erhaltern« der Menschheit, die er mit dem Verstande anerkennt. Augenscheinlich besteht hier zwischen dem Lebensgefühl und dem abstrakten Gedanken Raskolnikoffs irgendein klaffender Widerspruch.

Die zweite Konzession, die er dem Sozialismus macht, ist die Anerkennung des »Wohles der Menschheit« als höchstes bewußtes Ziel der Helden. Die Helden sind, wie er sagt, »Ordner und Wohltäter der Menschheit«. Sie übertreten das Gebot nicht nur aus dem Grunde, weil ihre Natur derart beschaffen ist, sondern auch zu dem Zweck, nur das höhere Gebot zu erfüllen. Sie zerstören das Bestehende im Namen eines besseren Zukünftigen, im Namen des »neuen Jerusalem«. Sie opfern wenige für das Glück vieler, die Minderheit der Mehrheit. Ihre Verbrechen sind nicht nur natürlich, sondern auch vernünftig, denn verderblich sind sie nur für einzelne, vorteilhaft aber für Millionen, und somit können sie sogar durch die mathematische Berechnung gerechtfertigt werden: »läßt sich denn nicht ein einziges kleines Verbrechen durch Tausende von guten Taten wieder gut machen? Für ein Leben tausend Leben. Ein Tod und zum Ersatz dafür hundert Leben -- das ist doch Arithmetik!«

Aber auch der zweiten Konzession kann man keine größere Bedeutung beilegen als der ersten; übrigens sieht er das zum Schluß auch selbst ein und zerreißt dann endgültig die letzte Verbindung mit der »Anschauung der Sozialisten«: -- »Weswegen schimpfte doch Rasumichin vorhin über die Sozialisten? Das sind doch arbeitsame, handeltreibende Leutchen, bemühen sich um das >allgemeine Glück< ... Nein, mir wird das Leben nur einmal gegeben, und niemals werde ich es wieder haben! -- Ich will nicht das >allgemeine Glück< abwarten. Ich will auch selbst leben -- oder sonst lieber überhaupt kein Leben! Nun was? Ich wollte nur nicht an einer hungrigen Mutter vorübergehen und, in der Erwartung des >allgemeinen Glücks<, in der Tasche meinen Rubel festhalten.« -- »Ich bringe, wie man sagt, >einen Stein zum Bau des allgemeinen Glücks und so kann mein Herz ruhig sein<. Haha! Warum habt ihr mich denn durchgelassen? Ich lebe doch im ganzen nur einmal, ich will doch auch ...« Und er lacht, -- »zähneknirschend« -- über die mathematische Berechnung des Vorteils, des menschlichen Wohles: »Unternehme es, sozusagen, nicht im Interesse meines eigenen Fleisches, und der eigenen Lust, sondern habe ein ungeheures, erhabenes Ziel im Auge, -- haha! ... Beschloß jede nur mögliche Gerechtigkeit zu beobachten, Maß und Gewicht, und Arithmetik. Von allen Läusen wählte ich die allerüberflüssigste aus, und indem ich sie tötete, beschloß ich, genau nur soviel zu nehmen, wieviel ich für den ersten Schritt brauchte, nicht mehr und nicht weniger (und das übrige wäre dann nach dem Testament sowieso einem Kloster zugefallen, -- haha! ...). O Erbärmlichkeit! ... O Gemeinheit! ...« Und bereits kurz vor der »Beichte« gesteht er Ssonja Marmeladoff: »Die ganze Qual dieser Schwätzerei habe ich ertragen, Ssonja, und da wollte ich sie denn endlich von den Schultern wälzen: ich wollte ohne Kasuistik erschlagen, versteh mich recht, Ssonja, für mich wollte ich erschlagen, für mich allein! Darin wollte ich niemanden belügen, selbst mich nicht! Nicht um meiner Mutter helfen zu können, habe ich erschlagen -- Unsinn! Ich habe auch nicht erschlagen, um nach der Erlangung von Mitteln und Macht ein Wohltäter der Menschheit zu werden -- Unsinn! Ich habe einfach erschlagen, für mich selbst habe ich erschlagen, nur für mich allein!« ...

Hier geht in der Seele Raskolnikoffs etwas Furchtbares und Rätselhaftes vor sich. Man sollte meinen, wenn er für andere, zum Wohle der Menschen erschlagen hätte, dann wäre eine Rechtfertigung noch möglich: zwar ist es, würde man sagen, ein schlechtes Mittel, aber dafür hat er ein edles Ziel gehabt. Hat er es aber »für sich allein« getan, »für sein eigen Fleisch und zur eigenen Lust«, dann gibt es hierfür keine Rechtfertigung mehr, dann ist er ein gewöhnlicher Dieb und Mörder, ein einfacher Missetäter, ein »Verbrecher außerhalb des Gesetzes«. Indessen ahnt Raskolnikoff dunkel, daß es in diesem Falle doch nicht so ist: ja, er hat für sich erschlagen, für sich allein, aber doch nicht für sein Fleisch und seine Lust allein, sondern noch für etwas Höheres in sich, für etwas Unzweifelhafteres und zu gleicher Zeit Uneigennützigeres, Ferneres, als das Wohl des Nächsten, als das »allgemeine Glück«. Natürlich ist auch »Egoismus« dabei, aber dieser Egoismus ist wiederum von einer besonderen Art. Das Verbrechen wird vielleicht noch furchtbarer, jedenfalls aber nicht einfacher, nicht roher, -- im Gegenteil, hier erst beginnt seine Kompliziertheit, Verfeinerung und das Verführerische an ihm. Raskolnikoffs von Qual und Leidenschaft geschärfter Blick sieht bereits die ganze hoffnungslose Flachheit und Erbärmlichkeit der sozialistischen »handelsmäßigen« Abwägungen, Abmessungen des allgemeinen Nutzens. In diesem »für sich, für sich allein« aber dämmert es weit, weit wie eine Ahnung von irgendeiner unbekannten Tiefe der Berührung mit der Ordnung unermeßlich höherer, allerschwerster, edelster Werte, als es alle sozialistischen Vorteile und der ganze allgemeine Nutzen sind; er ist sich dessen noch nicht bewußt, aber dunkel fühlt er schon, daß hierin -- wenn auch nicht die Rechtfertigung, so doch immerhin irgendeine letzte Wahrheit ist, die Befreiung, Reinigung von der ganzen »Kasuistik«, dem »Geschwätz und der Lüge« vom neuen sozialistischen »Jerusalem«. Das also ist der Grund, warum er sich mit einer so verzweifelten Hartnäckigkeit und Anspannung aller Kräfte an dieses »für mich, für mich allein« klammert, als wolle er seine Gedanken zu Ende führen, und dennoch, als könne, als wage er es nicht. Hier ist alles noch -- gar zu dunkel, gar zu tief; grauenvoll ist es für ihn, -- gerade durch die unerwartet sich aufdeckende Tiefe ist es furchtbar. Vielleicht ist hier selbst die Rechtfertigung furchtbarer als jede Verurteilung. Die lecke Barke des Sozialismus begann unter ihm zu sinken, und da sieht er, wie ein Ertrinkender, als einzigen festen Punkt, als einzigen unerschütterlichen Fels in den Wellen -- dieses »für mich allein«, aber noch weiß er nicht, ob er an jenem nackten scharfen Felsen endgültig zerschellen oder ob er sich auf ihn retten wird. Rodion Raskolnikoff erfährt denn auch nicht, begreift noch nicht, daß er sich nicht anders retten kann, als wenn er die Rechtfertigung durch die Liebe zu sich selbst nicht nur zu einer sozialen, moralischen, philosophischen Rechtfertigung macht, sondern auch zu einer religiösen.

Dmitri Mereschkowski.

Vorbemerkung

»Rodion Raskolnikoff« ist als das erste der fünf großen Roman-Epen, die Dostojewski geschrieben hat, im Jahre 1866 vollendet worden. Das Werk hat im Russischen einen Titel, dessen Übertragung sich der Begriffswelt »Schuld und Sühne« nähert. Dieser Titel ist von Dostojewski aus nachweisbar ein Nottitel. Die Lösung des Problemes, die der Titel andeutet, bringt das Werk gar nicht. Der geplante zweite Teil, auf den sich der Titel bereits bezieht, ist nie geschrieben worden. Daher ist das Werk hier mit demjenigen Namen genannt, den sein Inhalt verlangt und an den sich das allgemeine und natürliche Empfinden längst gewöhnt hat: mit dem Namen seines Helden, in dem die Gestalt des jungen russischen Studenten und Ideologen ein für allemal Typ und beinahe Symbol geworden ist.

E. K. R.

Erster Teil

I.

Anfangs Juli, es war eine außerordentlich heiße Zeit, trat ein junger Mann gegen Abend aus seiner Kammer, die er in einem Hause der S.schen Gasse bewohnte, auf die Straße hinaus und ging langsam, wie unentschlossen, in der Richtung auf die K.sche Brücke.

Er hatte glücklich eine Begegnung mit seiner Wirtin auf der Treppe vermieden. Seine Kammer lag unmittelbar unter dem Dache des hohen fünfstöckigen Hauses und glich eher einem Schrank, als einer Wohnung. Seine Wirtin aber, von der er diese Kammer mit Mittagessen und Bedienung gemietet hatte, wohnte eine Treppe tiefer in einer separaten Wohnung und jedesmal, wenn er auf die Straße hinausging, mußte er unbedingt an der Küche der Wirtin vorbeigehen, deren Tür fast immer sperrweit offen stand. Und jedesmal fühlte der junge Mann beim Vorbeigehen eine krankhafte und feige Empfindung, deren er sich schämte und bei der er das Gesicht verzog. Er war bei der Wirtin stark verschuldet und fürchtete sich, ihr zu begegnen.

Nicht weil er so feige und scheu war, ganz im Gegenteil, aber seit einiger Zeit war er in einem gereizten und überanstrengten Zustand, der der Hypochondrie ähnelte. Er hatte sich so ganz und gar in sich selbst vertieft und hatte sich so vollständig von allen abgeschlossen, daß er sich sogar vor der gleichgültigsten Begegnung fürchtete, nicht bloß vor der mit der Wirtin. Er war von Armut erdrückt; aber selbst diese bedrängte Lage hatte in der letzten Zeit aufgehört auf ihm zu lasten. Er hatte es ganz und gar aufgegeben, mit seiner Tagesarbeit sich zu befassen, und hatte auch keine Lust dazu. Im Grunde genommen fürchtete er sich freilich nicht vor tausend Wirtinnen, was die auch gegen ihn im Schilde führen mochten. Aber auf der Treppe stehenbleiben, jeden Unsinn über alltäglichen Kram, der ihn gar nicht interessierte, anhören, all diese ewigen Mahnungen, seine Schulden zu bezahlen, die Drohungen, die Klagen anhören und sich dann den Kopf nach Ausreden zerquälen, sich entschuldigen und lügen zu müssen, -- nein, da war es schon besser, wie eine Katze die Treppe hinunterzuschleichen und sich davonzumachen, ohne von irgendeinem Menschen sich sehen zu lassen.

Übrigens, dieses Mal setzte die Furcht vor einer Begegnung mit seiner Gläubigerin ihn selbst in Erstaunen, als er auf die Straße hinaustrat.

»Solch eine Sache will ich wagen ... und fürchte mich vor solchen Kleinigkeiten!« dachte er über sich lächelnd. -- »Hm ... ja ... alles liegt in den Händen eines Menschen und er läßt alles vorbeigehen, einzig und allein aus Feigheit ... das ist ein Axiom ... Ich möchte wissen, was die Menschen am meisten fürchten? Sie fürchten sich am meisten vor einem neuen Schritt, vor einem neuen, eigenen Worte ... Ich schwatze übrigens viel zu viel. Darum handle ich nicht, weil ich schwatze. Vielleicht ist es aber auch so: ich schwatze darum, weil ich nicht handle. Und das Schwatzen habe ich in diesem letzten Monat gelernt, indem ich ganze Tage und Nächte in der Ecke lag und ... unnütz träumte. Warum gehe ich jetzt fort? Bin ich denn dazu fähig? Soll es denn Ernst werden? Natürlich nicht. Bloß des Einfalls wegen spiegle ich mir selbst was vor. Spielerei! Ja, natürlich ist es Spielerei.«

Die Hitze auf der Straße war beängstigend; dazu die schwüle Luft, das Gedränge, überall lagen Kalk, Ziegelsteine, standen Baugerüste, überall war Staub und jener besondere Sommergestank, der jedem Petersburger wohlbekannt ist, der nicht ein Landhäuschen mieten kann, -- dies alles erschütterte die ohnedies schon angegriffenen Nerven des jungen Mannes auf das unangenehmste. Der unerträgliche Geruch aus den Schenken, die in diesem Stadtteile besonders zahlreich sind, und der Anblick Betrunkener, denen man alle Augenblicke begegnete, -- trotz des Werktages, -- vollendeten die widerwärtige und traurige Stimmung des Bildes. Ein Ausdruck des tiefsten Abscheus huschte einen Augenblick über die feinen Züge des jungen Mannes. Beiläufig gesagt, er war außergewöhnlich hübsch, hatte schöne dunkle Augen, dunkelblondes Haar, war fein und schlank und von mehr als mittlerem guten Wuchse. Bald aber versank er in sein tiefes Sinnen, oder richtiger gesagt, in Selbstvergessenheit, und ging weiter, ohne seine Umgebung zu beachten, ohne den Wunsch, sie zu bemerken. Hin und wieder murmelte er etwas vor sich hin, nach seiner Gewohnheit Selbstgespräche zu halten, wie er es soeben sich selbst eingestanden hatte. Dabei wurde er es sich bewußt, daß seine Gedanken sich zuweilen verwirrten und daß er sehr schwach war -- es war ja der zweite Tag, daß er fast nichts gegessen hatte.

Er war so schlecht angezogen, daß mancher, auch der es gewöhnt war, sich geschämt hätte, in solchen Lumpen am Tage auf die Straße zu gehen. Freilich war dieses Viertel derart, daß man hier schwerlich jemand durch seine Kleidung in Erstaunen setzen konnte. Die Nähe des Heumarktes, die Überzahl gewisser Häuser und die Bevölkerung, die ausschließlich aus Handarbeitern besteht und in diesen Straßen und Gassen zusammengepfercht haust, belebten genugsam das allgemeine Bild mit solchen Gestalten, daß es sonderbar gewesen wäre, wenn eine solche Figur aufgefallen wäre. Und in der Seele des jungen Mannes hatte sich soviel böse Verachtung angesammelt, daß er trotz seines zuweilen sehr jugendlichen Selbstgefühls sich fast nicht mehr seiner Lumpen schämte. Anders freilich war es, wenn er zufällig Bekannten oder früheren Kameraden begegnete, denen er naturgemäß gern aus dem Wege ging. Indessen, als ein Betrunkener, den man von ungefähr in diesem Augenblicke in einem großen Wagen, mit einem großen Lastpferd davor, durch die Straße fuhr, plötzlich im Vorbeifahren ihm zurief: »He, du da mit dem deutschen Hute!« -- und mit der Hand auf ihn wies, -- blieb der junge Mann stehen und faßte krampfhaft nach seinem Hute. Der Hut war hoch und rund, in einem guten Laden gekauft, aber völlig abgetragen und verschossen, voller Löcher und Flecken, ohne Rand und auf der einen Seite häßlich eingedrückt. Nicht Scham, sondern ein ganz anderes Gefühl, das eher Schrecken war, hatte ihn erfaßt.

»Ich wußte es!« murmelte er verlegen. »Ich dachte es mir! Das ist das allerschlimmste! So eine Dummheit, irgendeine sinnlose Kleinigkeit kann das ganze Vorhaben vernichten! Ja, der Hut fällt zu sehr auf ... Er ist lächerlich, darum fällt er auf ... Zu meinen Lumpen brauche ich unbedingt eine Mütze und wenn es auch eine alte Kappe ist, aber nicht dies Ungetüm. Niemand trägt solch einen Hut, von ferne schon sieht man ihn, kann sich ihn merken ... und die Hauptsache, man wird ihn sich für später merken, und ein Indizium ist da. Unauffällig muß man sein ... Die Kleinigkeiten, die Kleinigkeiten sind die Hauptsache! ... Diese Kleinigkeiten verderben stets alles ...«

Er hatte nicht weit zu gehen; er wußte sogar, wieviel Schritte es von seiner Haustür waren -- genau, siebenhundertunddreißig. Er hatte sie einmal gezählt, als er stark ins Träumen gekommen war. Damals glaubte er diesen Träumen selbst noch nicht, und sie reizten ihn bloß durch ihre abscheuliche, aber verführerische Verwegenheit. Jetzt, nach einem Monat, schaute er es anders an und hatte sich unwillkürlich daran gewöhnt, den »abscheulichen« Traum -- ungeachtet aller stets wachen Selbstvorwürfe über seine eigene Kraftlosigkeit und Unentschlossenheit, -- als ein Vorhaben anzusehen, obwohl er sich immer noch nicht recht traute. Jetzt ging er eine Probe seines Vorhabens zu machen, und mit jedem Schritt wuchs stärker und stärker seine Aufregung.

Mit erstarrendem Herzen und nervösem Zittern näherte er sich einem riesigen Hause, das mit der einen Seite auf den Kanal hinausging, mit der anderen an der R.schen Straße lag. Dieses Haus hatte lauter kleine Wohnungen und war von allerhand Handarbeitern bewohnt, -- von Schneidern, Schlossern, Köchinnen, von Deutschen, von Mädchen, die ihre eigene Wohnung besaßen, kleinen Beamten und dergleichen. Durch die beiden Tore und die beiden Höfe des Hauses huschten in einem fort aus- und eingehende Menschen. Hier waren drei oder vier Hausknechte angestellt. Der junge Mann war sehr zufrieden, als er keinem von ihnen begegnete, und schlüpfte unbemerkt rechts vom Tore die Treppe hinauf. Die Treppe war dunkel und schmal, -- es war eine Hintertreppe, -- er kannte das alles schon, hatte es genau studiert, und die ganze Umgebung gefiel ihm; in solcher Dunkelheit ist ein neugieriger Blick ungefährlich.

»Wenn ich mich jetzt schon so fürchte, wie wird es dann sein, wenn ich wirklich an die Tat selbst gehe?« dachte er unwillkürlich, während er zum vierten Stockwerk hinaufstieg. Hier versperrten ihm Packträger, verabschiedete Soldaten, die aus einer Wohnung Möbel hinaustrugen, den Weg. Er wußte von früher, daß in dieser Wohnung ein Deutscher, ein Beamter, mit seiner Familie lebte.

»Dieser Deutsche zieht jetzt also aus, also bleibt im vierten Stock für einige Zeit nur die Wohnung der Alten bewohnt. Das ist gut ... auf jeden Fall ...« dachte er und klingelte an der Tür der Alten. Die Glocke schlug schwach an, als wäre sie aus Blech. In solchen kleinen Wohnungen findet man immer solche Glocken. Er hatte den Ton dieser Glocke vergessen, und jetzt schien ihn dieser eigenartige Klang plötzlich an etwas zu erinnern und eine klare Vorstellung von etwas zu geben ... Er zuckte zusammen, seine Nerven waren sehr herunter. Kurz darauf öffnete sich die Türe zu einem winzigen Spalt -- die Bewohnerin blickte hindurch mit sichtbarem Mißtrauen, und man sah bloß ihre kleinen, dunkel leuchtenden Augen. Als sie aber auf dem Flure viele Menschen erblickte, faßte sie sich ein Herz und öffnete die Tür ganz. Der junge Mann trat über die Schwelle in ein dunkles Vorzimmer, das durch eine Wand in zwei Teile geteilt war, dahinter befand sich eine kleine Küche. Die Alte stand schweigend vor ihm und blickte ihn fragend an. Es war eine kleine vertrocknete alte Frau, etwa sechzig Jahre alt, mit stechenden und bösen, kleinen Augen, einer kleinen, spitzen Nase und ohne Kopfbedeckung. Ihr hellblondes, leicht ergrautes Haar war mit Öl eingefettet. Um den dünnen und langen Hals, der dem Beine eines Huhnes glich, war ein Flanellappen gewickelt und über die Schultern hing, trotz der Hitze, eine abgetragene und gelbgewordene Pelzjacke. Die Alte hustete und räusperte sich fortwährend. Wahrscheinlich hatte der junge Mann ihr einen sonderbaren Blick zugeworfen, denn plötzlich tauchte in ihren Augen wieder das frühere Mißtrauen auf.

»Ich heiße Raskolnikoff, bin Student, war bei Ihnen vor einem Monat,« beeilte sich der junge Mann mit einer leichten Verbeugung zu sagen, sich erinnernd, daß man hier freundlich sein müsse.

»Ich erinnere mich, Väterchen, ich erinnere mich gut, daß Sie da waren,« sagte die Alte, ohne ihre fragenden Augen von seinem Gesichte abzuwenden.

»Also ... ich komme wieder in einer ähnlichen Angelegenheit ...« fuhr Raskolnikoff fort, ein wenig verwirrt und erstaunt über das Mißtrauen der Alten.

»Vielleicht ist sie immer so, ich habe es damals bloß nicht gemerkt,« dachte er mit unangenehmer Empfindung.

Die Alte schwieg eine Weile, wie in Gedanken vertieft, trat dann zur Seite, zeigte auf die Tür zu der Stube und sagte, indem sie den Besucher vorbei ließ:

»Treten Sie näher, Väterchen!«

Das kleine Zimmer, in das der junge Mann eintrat, hatte eine gelbe Tapete, Geranien standen dort und die Fenster umrahmten Mousselingardinen. In diesem Augenblick wurde es von der untergehenden Sonne hell erleuchtet.

»Die Sonne wird auch dann ebenso leuchten! ...« durchfuhr es plötzlich Raskolnikoff, und mit einem schnellen Blick überflog er alles in dem Zimmer, um nach Möglichkeit die Lage zu studieren und sie sich zu merken. In dem Zimmer aber gab es nichts Besonderes. Die Möbel aus gelbem Holze, alle sehr alt, bestanden aus einem Sofa mit ungeheuerlicher, gebogener hölzerner Rückenlehne, einem runden Tisch vor dem Sofa, einem Toilettentisch mit einem kleinen Spiegel an der Wand zwischen den Fenstern, aus Stühlen an den Wänden und einigen billigen Bildern in gelben Rahmen, die deutsche Damen mit Vögeln in den Händen darstellten, -- das war die ganze Ausstattung. In der Ecke brannte vor einem kleinen Heiligenbilde ein Lämpchen. Alles war sehr sauber, -- die Möbel und die Diele waren blank poliert; alles glänzte. »Das ist Lisawetas Arbeit,« dachte der junge Mann. Kein Stäubchen konnte man in der ganzen Wohnung finden. »Bei bösen und alten Witwen findet man so eine Sauberkeit,« dachte Raskolnikoff weiter und warf einen neugierigen Seitenblick auf den Vorhang aus Kattun vor der Tür zu dem zweiten kleinen Zimmer, in dem das Bett und die Kommode der Alten standen, dahinein hatte er noch nicht geschaut. Die ganze Wohnung bestand aus diesen zwei Zimmern.

»Was wünschen Sie?« fragte die kleine Alte scharf, als sie ihm in das Zimmer gefolgt war, und stellte sich wieder gerade vor ihm hin, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

»Ich habe etwas zu verpfänden,« und er zog eine alte, flache, silberne Uhr aus der Tasche. Auf der Rückseite war ein Globus eingraviert. Die Kette war aus Stahl.

»Die Frist für das früher Versetzte ist schon um. Vorgestern ist der Monat abgelaufen.«

»Ich will Ihnen die Zinsen noch für einen Monat bezahlen; warten Sie noch ein wenig.«

»Das ist mein guter Wille, Väterchen, zu warten oder Ihr Ding sofort zu verkaufen.«

»Wieviel geben Sie für die Uhr, Aljona Iwanowna?«

»Immer kommen Sie mit Kleinigkeiten, Väterchen, sie ist ja fast nichts wert. Für den Ring habe ich Ihnen voriges Mal zwei Rubel gegeben, und man kann ihn bei jedem Juwelier neu für anderthalb Rubel kaufen.«

»Geben Sie mir für die Uhr vier Rubel, ich werde sie einlösen. Sie hat meinem Vater gehört. Ich erhalte bald Geld.«

»Ich will Ihnen anderthalb Rubel dafür geben und die Zinsen abziehen, wenn Sie damit einverstanden sind.«

»Anderthalb Rubel!« rief der junge Mann aus.

»Wie Sie wünschen.«

Und die Alte reichte ihm die Uhr. Der junge Mann nahm sie; er war so böse, daß er schon fortlaufen wollte, aber er besann sich, daß er sonst nirgends hingeben konnte, und daß er noch aus einem anderen Grunde gekommen war.

»Geben Sie das Geld!« sagte er grob.

Die Alte fuhr in die Tasche nach den Schlüsseln und ging hinter den Vorhang in das andere Zimmer. Als der junge Mann allein zurückblieb, lauschte er voll Neugier und überlegte. Man hörte, wie die Alte die Kommode aufschloß. »Wahrscheinlich ist es die obere Schublade,« dachte er. »Die Schlüssel trägt sie in der rechten Tasche ... Alle sind sie an einem Stahlring ... Und da ist ein Schlüssel, größer als die anderen, dreimal so groß, mit zackigem Barte; er ist selbstverständlich nicht von der Kommode ... Also, muß es noch eine Schatulle geben oder eine kleine Truhe ... Das ist zu beachten. Truhen haben immer solche Schlüssel ... Aber, wie gemein ist dies alles ...« Da kam die Alte zurück.

»Hier haben Sie das Geld, Väterchen. Den Zins zu zehn Kopeken pro Rubel und Monat gerechnet, bekomme ich von Ihnen für anderthalb Rubel und für einen Monat im voraus fünfzehn Kopeken. Außerdem erhalte ich von Ihnen für die zwei früheren Rubel nach derselben Berechnung weitere zwanzig Kopeken im voraus. Zusammen also fünfunddreißig Kopeken. Sie erhalten für Ihre Uhr einen Rubel und fünfzehn Kopeken. Da haben Sie's.«

»Wie? Jetzt macht es bloß einen Rubel und fünfzehn Kopeken?«

»Ganz richtig.«

Der junge Mann stritt nicht weiter und nahm das Geld. Er blickte die Alte an und zögerte zu gehen, als wolle er noch irgend etwas sagen oder tun, ohne selber zu wissen, was er wolle ...

»Ich werde Ihnen, Aljona Iwanowna, in diesen Tagen vielleicht noch eine Sache bringen ... ein silbernes ... gutes ... Zigarettenetui ... sobald ich es von einem Freunde zurückerhalte ...«

»Nun, dann wollen wir darüber reden, Väterchen.«

»Leben Sie wohl ... Sie sitzen immer allein zu Hause. Ihre Schwester ist nicht da?« fragte er möglichst ungezwungen, während er in das Vorzimmer ging.

»Was geht Sie die an, Väterchen?«

»Nichts Besonderes. Ich fragte bloß so. Sie denken gleich ... Leben Sie wohl, Aljona Iwanowna!«

Raskolnikoff schritt völlig verwirrt hinaus. Und seine Verwirrung verstärkte sich immer mehr und mehr. Während er die Treppe hinabstieg, blieb er sogar einige Mal stehen, als hätte ihn plötzlich etwas übermannt. Schließlich, schon auf der Straße, rief er aus:

»Oh, Gott! ... Wie abscheulich ist dies alles! Und werde ich es tatsächlich, tatsächlich ... nein, das ist ja Unsinn, ein unmöglicher Gedanke!« fügte er entschlossen hinzu. »Wie konnte mir bloß so etwas fürchterliches in den Sinn kommen! Und doch, zu welchem Schmutz ist mein Herz fähig! Die Hauptsache bleibt, -- es ist schmutzig, niederträchtig, gemein, abscheulich ... Und ich habe einen ganzen Monat ...«

Er konnte weder durch Worte noch durch Ausrufe seine Erregung ausdrücken. Das Gefühl eines grenzenlosen Abscheus, das sein Herz schon bedrückte und verwirrte, als er zu der Alten ging, erreichte nun solch einen Umfang und äußerte sich in einer Stärke, daß er nicht wußte, wohin er vor seiner Qual sollte. Er ging auf der Straße wie ein Betrunkener, ohne die Vorübergehenden zu bemerken, stieß mit ihnen zusammen und kam erst in der nächsten Straße zu einiger Besinnung. Er schaute um sich und ward gewahr, daß er neben einer Schenke stand, zu der von der Straße aus eine Treppe in das Kellergeschoß führte. Soeben kamen zwei Betrunkene heraus, stützten sich gegenseitig und stiegen schimpfend die Treppe hinauf. Ohne lange nachzudenken, sprang Raskolnikoff eilig hinab. Er war noch nie in einer Schenke gewesen, jetzt aber schwindelte ihn und ein brennender Durst quälte ihn. Er wollte kaltes Bier trinken, um so mehr, als er seine plötzliche Schwäche dem Umstande zuschrieb, daß er nichts im Magen hatte. Er ließ sich in einer dunkeln und schmutzigen Ecke an einem schmierigen Tische nieder, verlangte Bier und trank gierig das erste Glas aus. Sofort wurde es ihm leichter, und seine Gedanken wurden klarer. »Das alles ist Unsinn,« sagte er voll Hoffnung. »Nichts braucht mich aus der Fassung zu bringen. Es ist bloß physische Zerrüttung. Ein Glas Bier, ein Stück Zwieback, -- und im Nu ist der Verstand da, die Gedanken klar und die Absichten im Lot! Pfui, wie ist dies alles erbärmlich! ...«

Aber trotz des verächtlichen Ausspeiens sah er schon heiter aus, als hätte er sich plötzlich einer schrecklichen Last entledigt, und blickte die Anwesenden freundlich an. Aber selbst in diesem Augenblicke überkam ihn die leise Ahnung, daß diese Empfänglichkeit für das Bessere auch krankhaft sei.

In der Schenke waren um diese Stunde wenige Menschen. Außer den zwei Betrunkenen, denen er auf der Treppe begegnet war, hatte gleich darauf eine ganze Gesellschaft, etwa fünf Männer und ein Mädchen, mit einer Ziehharmonika die Schenke verlassen. Darauf war es still und freier geworden. Es waren übrig geblieben: ein Angetrunkener, der aber nicht zu stark berauscht war; er saß hinter einer Flasche Bier, dem Aussehen nach ein Kleinbürger; sein Kamerad, ein dicker übergroßer Mann, in einem dicken Mantel, mit grauem Bart, stark berauscht, duselte auf einer Bank; ab und zu begann er plötzlich, wie im Schlafe, mit den Fingern zu schnippen, wobei er die Arme ausbreitete, hin und wieder hüpfte er mit dem Oberkörper, ohne sich von der Bank zu erheben, sang dazu irgendeinen Unsinn und versuchte sich auf Verse wie folgende zu besinnen:

»Ein ganzes Jahr hab' ich mein Weib geliebt, gehätschelt, Ein gan--zes Jahr hab' ich mein Weib ge--liebt, ge--hät--schelt ...«

Oder er erwachte plötzlich und sang:

»Längs der Podjatscheskoi bin ich gegangen, Hab' mein früheres Weib gefunden ...«

Aber niemand nahm Anteil an seinem Glück; sein schweigender Kamerad sah diese Ausbrüche sogar feindselig und mißtrauisch an. Es war noch ein Mann da, dem Aussehen nach ein verabschiedeter Beamter. Er saß allein vor seiner Flasche, trank hin und wieder einen Schluck und blickte um sich. Auch er schien in einer gewissen Aufregung zu sein.

II.

Raskolnikoff war an Menschenmengen nicht gewöhnt und wie gesagt, mied er besondere in der letzten Zeit jegliche Gesellschaft. Jetzt aber zog ihn plötzlich etwas zu den Menschen hin. Es ging in ihm etwas vor, anscheinend etwas Neues, und gleichzeitig machte sich ein starker Drang nach Menschen bemerkbar. Er war so müde von dieser einen Monat schon währenden bohrenden Qual und düsteren Aufregung, daß er wenigstens für einen Augenblick in einer anderen Welt, ganz gleichgültig in welcher, -- aufatmen wollte, und so blieb er jetzt trotz des Schmutzes dieser Umgebung mit Vergnügen in der Schenke ...

Der Besitzer des Lokals hielt sich in einem anderen Zimmer auf, kam aber öfters in das Schenkzimmer; er mußte dabei ein paar Stufen hinabsteigen, und es zeigten sich zuerst seine eleganten Schmierstiefel mit breitem roten Rande an den Schäften. Er stak in einem faltigen Mantel und in einer fürchterlich verschmierten schwarzen Atlasweste, war ohne Halstuch und sein ganzes Gesicht schien, gleich einem eisernen Schlosse, mit Öl eingefettet zu sein. Hinter dem Schenktisch stand ein Junge von vierzehn Jahren; es war noch ein anderer, ein jüngerer, da, der die Gäste bediente, wenn etwas verlangt wurde. Auf dem Tische lagen Gurken, in Scheiben geschnitten, schwarze Zwiebacke und in kleine Stücke zerteilter Fisch; dies alles roch sehr schlecht. In dem Raume war es so dumpf, daß es unerträglich war, darinnen zu sitzen und alles war von Branntweingeruch so durchdrungen, daß man von dieser Luft allein in fünf Minuten berauscht werden konnte. -- Es kommt vor, daß wir sogar völlig unbekannten Menschen begegnen, für die wir uns vom ersten Augenblick an, ehe wir noch ein Wort mit ihnen getauscht haben, zu interessieren beginnen. Einen ähnlichen Eindruck hatte auf Raskolnikoff der Gast gemacht, der einem verabschiedeten Beamten glich und abseits an einem Tische saß. Raskolnikoff erinnerte sich später mehrmals dieses ersten Eindruckes und schrieb ihn sogar einer Vorahnung zu. Er blickte ununterbrochen den »Beamten« an, sicher auch darum, weil der ebenso hartnäckig zu ihm herüberschaute; man merkte, daß er sehr gern ein Gespräch angeknüpft hätte. Die übrigen Gäste, den Besitzer nicht ausgenommen, übersah der »Beamte« gewohnheitsmäßig und voll Langeweile, und zugleich mit einem Ausdrucke von hochmütiger Geringschätzung, wie Menschen von niedriger Stellung und Bildung, mit denen er nichts gemein habe. Es war ein Mann, über fünfzig Jahre, von mittlerem Wuchse und kräftigem Bau, mit ergrautem Haar und einer großen Glatze, mit einer vom Trinken gedunsenen, gelben oder vielmehr grünlichen Gesicht und geschwollenen Augenlidern, unter denen winzige aber lebhafte, gerötete Augen hervorstachen. Etwas Sonderbares war jedoch an ihm; in seinen Augen leuchtete eine gewisse Begeisterung, vielleicht lag auch Verstand und Klugheit in ihnen, -- aber gleichzeitig schimmerte es drinnen wie Irrsinn. Er war mit einem alten völlig heruntergerissenen schwarzen Frack mit losen Knöpfen bekleidet. Ein einziger Knopf saß noch einigermaßen fest, und mit ihm knöpfte er ihn zu, da er offenbar die gesellschaftlichen Formen nicht vernachlässigen wollte. Unter der Nankingweste zeigte sich ein ganz zerknülltes, beschmutztes und vertropftes Vorhemd. Das Gesicht war nach Beamtenart rasiert, aber vor längerer Zeit schon, so daß bläuliche Stoppeln hervorstanden. Selbst in seinen Bewegungen lag etwas Solides, Beamtenartiges. Aber er war in ständiger Unruhe, fuhr sich durch die Haare, stemmte die zerrissenen Ellenbogen zuweilen auf den begossenen und klebrigen Tisch und stützte, wie in schwerem Gram, mit beiden Händen den Kopf. Zuletzt faßte er Raskolnikoff fest ins Auge und sagte laut und energisch:

»Darf ich es wagen, mein verehrter Herr, mich mit einem anständigen Gespräch an Sie zu wenden? Denn obgleich Ihr Äußeres nicht viel vermuten läßt, unterscheidet meine Erfahrung in Ihnen doch einen gebildeten und ans Trinken nicht gewöhnten Menschen. Ich habe stets Bildung geachtet, die mit Herz und Gefühl verbunden ist, und außerdem bin ich im Range eines Titularrates. Marmeladoff -- so ist mein Name, Titularrat. Darf ich erfahren, ob Sie im Staatsdienste gewesen sind?«

»Nein, ich studiere ...« antwortete der junge Mann, erstaunt über den sonderbaren, verschnörkelten Ton der Anrede und auch darüber, daß man sich so direkt an ihn wandte. Trotz des Wunsches vor kurzem noch, in irgendeine Fühlung mit Menschen zu kommen, empfand er plötzlich bei dem ersten tatsächlich an ihn gerichteten Worte, seine gewöhnliche, peinliche und gereizte Abscheu vor jedem fremden Menschen, der sich ihm zu nähern versuchte.

»Sie sind ein Student oder gewesener Student!« fuhr der Beamte fort. »Ich dachte es mir gleich. Das macht die Erfahrung, mein Herr, die lange Erfahrung!« und selbstgefällig berührte er die Stirn mit dem Finger. -- »Sie waren Student, haben gelehrten Studien obgelegen! Gestatten Sie aber ...«

Er erhob sich schwankend, nahm seine Flasche und sein Gläschen und setzte sich dem jungen Manne schräg gegenüber. Er war berauscht, sprach aber rasch und geläufig, hin und wieder blieb er ein wenig stecken und zog die Sätze in die Länge. Mit einer gewissen Gier hatte er sich auf Raskolnikoff gestürzt, als hätte auch er einen ganzen Monat mit niemand gesprochen.

»Verehrter Herr!« begann er fast feierlich, »Armut ist kein Laster, das ist wahr. Ich weiß, daß der Trunk auch keine Tugend ist, und das ist noch wahrer. Aber Bettelarmut, mein Herr, bettelarm zu sein ist ein Laster, ja. In der Armut bewahrt man noch die Anständigkeit der angeborenen Gefühle, wenn man aber bettelarm ist -- nie und nimmer. Wenn man bettelarm ist, so wird man nicht mal mit einem Stocke herausgejagt, sondern mit einem Besen aus der menschlichen Gesellschaft hinausgefegt, damit es beleidigender sein soll; und das ist gerecht, denn wenn ich bettelarm bin, so bin ich selbst, als erster, bereit, mich zu beleidigen. Daher auch das Trinken! Mein Herr, vor einem Monat hat Herr Lebesjätnikoff meine Gattin verprügelt, und meine Gattin ist etwas Besseres als ich! Verstehen Sie? Gestatten Sie mir eine Frage, so, aus reiner Neugier, -- haben Sie schon auf der Newa, in den Heubarken geschlafen?«

»Nein, das habe ich noch nicht,« antwortete Raskolnikoff. »Was ist das?«

»Nun, ich komme von dort, schlafe schon die fünfte Nacht in den Barken ...«

Er goß sich ein Glas ein, trank es leer und versank in Gedanken. Man sah tatsächlich an seinen Kleidern und in den Haaren hie und da Heuhalme. Es war leicht möglich, daß er sich fünf Tage weder ausgekleidet noch gewaschen hatte. Am schmutzigsten waren seine fetten, roten Hände mit schwarzen Fingernägeln.

Sein Gespräch schien allgemeine, wenn auch etwas flaue Aufmerksamkeit erregt zu haben. Die Knaben hinter dem Schenktische begannen zu kichern. Der Wirt war, wohl absichtlich aus dem oberen Zimmer gekommen, um den »Kauz« zu hören; er setzte sich abseits und gähnte faul, aber würdevoll. Marmeladoff war offenbar hier längst bekannt. Auch die Neigung für gesuchte Ausdrücke hatte er wahrscheinlich durch die Gewohnheit, Wirtschaftsunterhaltungen mit allerhand Unbekannten anzuknüpfen, ausgebildet. Diese Gewohnheit wird bei manchen Trinkern zum Bedürfnis und besonders bei denen, die zu Hause streng behandelt werden. Darum versuchen sie in Gesellschaft von Trinkern sich stets eine Rechtfertigung und wenn möglich sogar Achtung der anderen zu verschaffen.

»Komischer Kauz!« sagte laut der Wirt. »Warum arbeitest du nicht, warum bist du nicht im Dienst, wenn du Beamter bist?«

»Warum ich nicht im Dienste bin, mein Herr?« sagte Marmeladoff, sich ausschließlich an Raskolnikoff wendend, als hätte der ihm die Frage vorgelegt. -- »Warum ich nicht im Dienste bin? Tut mir denn das Herz nicht weh, daß ich unnütz herumlungere? Als Herr Lebesjätnikoff vor einem Monat eigenhändig meine Gattin verprügelte und ich berauscht dalag, habe ich da nicht gelitten? Erlauben Sie, junger Mann, ist es Ihnen passiert, ... hm ... nun, daß Sie aussichtslos jemanden baten, Ihnen Geld zu leihen?«

»Das ist mir passiert ... das heißt, wie meinen Sie -- aussichtslos?«

»Das heißt völlig aussichtslos, wenn man schon im voraus weiß, daß nichts daraus wird. Sagen wir, Sie wissen zum Beispiel vorher und zweifellos, daß dieser Mann, dieser wohlgesinnte und äußerst nützliche Bürger Ihnen um keinen Preis Geld geben wird, denn -- ich frage Sie -- warum soll er es tun? Er weiß doch, daß ich es nicht zurückgeben werde. Etwa aus Mitleid? Herr Lebesjätnikoff aber, der neue Gedanken und Ideen mit Interesse verfolgt, hat vor kurzem erklärt, daß in unserer Zeit Mitleid sogar von der Wissenschaft verboten sei, und daß man in England, woher die politische Ökonomie kommt, schon danach handle. Warum also -- frage ich Sie -- sollte er geben? Und sehen Sie, obwohl Sie im voraus wissen, daß er nicht geben wird, machen Sie sich doch auf den Weg und ...«

»Warum geht man denn hin?« sagte Raskolnikoff.

»Wenn es aber niemanden mehr gibt, wenn man nirgendwo anders hingehen kann! Es müßte doch so sein, daß jeder Mensch irgendwo hingehen könnte. Denn es kommen Zeiten, wo man unbedingt irgendwo hingehen muß! Als meine einzige Tochter zum erstenmal mit dem gelben Schein[6] ging, ging ich auch ... (meine Tochter lebt nämlich auf den gelben Schein) ...« fügte er hinzu und blickte mit einiger Unruhe den jungen Mann an. »Hat nichts zu sagen, mein Herr, hat nichts zu sagen!« beeilte er sich, sofort und scheinbar ruhig zu erklären, als die beiden Knaben hinter dem Schenktische in Lachen ausbrachen und auch der Wirt lächelte. »Hat nichts zu sagen! Durch dieses Tuscheln laß ich mich nicht stören, denn es ist längst bekannt, und alles Verborgene wird offenbar, und nicht mit Verachtung, sondern mit Demut ertrage ich es. Mögen sie! Mögen sie! >Ecce homo!< Erlauben Sie, junger Mann, können Sie vielleicht ... Aber nein, man muß sich stärken und deutlicher ausdrücken: nicht können Sie, sondern wagen Sie, indem Sie mich dabei ansehen, zu behaupten, daß ich kein Schwein bin?«

Der junge Mann antwortete nicht.

»Nun,« fuhr der Redner gesetzter und sogar noch würdevoller fort, nachdem er gewartet hatte, bis das Kichern in dem Zimmer aufhörte, »nun gut, ich mag ein Schwein sein, sie aber ist eine Dame. Ich sehe aus wie ein Vieh, Katerina Iwanowna, meine Gattin, aber ist eine gebildete Person und die Tochter eines Stabsoffiziers. Mag ich, mag ich ein Schuft sein, sie aber ist hochherzig und ist durch Erziehung voll edler Gefühle. Indessen aber ... oh, wenn sie mit mir Mitleid hätte! Mein Herr, verehrter Herr, es müßte doch so sein, daß jeder Mensch wenigstens eine Stelle habe, wo er Mitleid fände! Katerina Iwanowna ist wohl eine großmütige Dame, aber ungerecht ... Und obwohl ich verstehe, daß sie mich an den Haaren zerrt, aus keinem anderen Grunde als aus Mitleid des Herzens -- denn ich wiederhole es, ohne mich zu schämen, sie zerrt mich an den Haaren, junger Mann,« bestätigte er mit verstärkter Würde, als er wieder Kichern vernahm. »Aber mein Gott, was würde geschehen, wenn sie wenigstens ein einziges Mal ... Aber nein! Nein! Das alles ist umsonst, und es lohnt sich nicht, davon zu sprechen! Lohnt sich nicht zu sprechen! ... Denn mehr als einmal war das Gewünschte dagewesen, und mehr als einmal hatte man mit mir Mitleid gehabt, aber ... meine Natur ist schon so, ich bin ein geborenes Vieh!«

»Und ob!« bemerkte der Wirt gähnend.

Marmeladoff schlug entschlossen mit der Faust auf den Tisch.

»So ist meine Natur! Wissen Sie, wissen Sie, mein Herr, ich habe sogar ihre Strümpfe vertrunken! Nicht die Stiefel, denn das würde noch in der Ordnung der Dinge liegen, sondern die Strümpfe, ihre Strümpfe habe ich vertrunken! Ihr Tuch aus Ziegenwolle habe ich vertrunken, man hat es ihr einst geschenkt, es gehörte ihr, nicht mir; wir leben in einem kalten Zimmer und sie hat sich in diesem Winter erkältet und begann zu husten, sogar Blut kam. Wir haben noch drei kleine Kinder, und Katerina Iwanowna ist vom frühen Morgen bis in die Nacht bei der Arbeit; sie scheuert und wäscht, auch die Kinder wäscht sie, denn sie ist von Kindheit auf an Reinlichkeit gewöhnt, aber sie hat eine schwache Brust und neigt zur Schwindsucht, und ich fühle es! Fühle ich es denn nicht? Und je mehr ich trinke, um so stärker fühle ich. Darum trinke ich auch, weil ich in diesem Tranke Mitleid und Gefühl suche ... Ich trinke, weil ich doppelt leiden will!«

Und er neigte wie in Verzweiflung seinen Kopf auf den Tisch.

»Junger Mann,« fuhr er fort und hob wieder den Kopf, »in Ihrem Gesichte lese ich etwas wie Kummer. Als Sie hereintraten, habe ich es gesehen, und darum habe ich mich auch sofort an Sie gewandt. Denn, indem ich Ihnen die Geschichte meines Lebens erzählte, will ich mich nicht an den Schandpfahl vor diesen Tagdieben stellen, die übrigens alles wissen, sondern ich suche einen fühlenden und gebildeten Menschen. Sie sollen wissen, -- meine Gattin ist in einem adligen Gouvernementspensionat erzogen und hat bei der Schlußprüfung vor dem Gouverneur und anderen Persönlichkeiten mit dem Schal getanzt, wofür sie eine goldene Medaille und ein Ehrenzeugnis erhielt. Die Medaille ... nun die Medaille haben wir verkauft ... schon lange ... hm ... das Ehrenzeugnis liegt noch in ihrem Kasten, und sie hat es vor kurzem unserer Wirtin gezeigt. Obwohl sie mit der Wirtin ständig, ununterbrochen Streitigkeiten hat, wollte sie doch vor jemand sich rühmen und von vergangenen glücklichen Tagen erzählen. Und ich verurteile sie nicht, ich verurteile nicht, denn das allein ist nur in ihrer Erinnerung geblieben, alles übrige ist zu Staub geworden. Ja, ja, sie ist eine hitzige, stolze und unbeugsame Dame. Sie wäscht selbst den Fußboden, ißt Schwarzbrot, aber Mißachtung duldet sie nicht. Darum wollte sie auch nicht die Grobheit des Herrn Lebesjätnikoff dulden, und als Herr Lebesjätnikoff sie verprügelte, da legte sie sich zu Bett -- weniger der Schläge, als des Schimpfes wegen. Ich habe sie als Witwe geheiratet, mit drei ganz kleinen Kindern. Ihren ersten Mann, einen Infanterieoffizier, heiratete sie aus Liebe und war aus dem Elternhause mit ihm geflohen. Sie liebte ihren Mann grenzenlos, er fing aber an Karten zu spielen, kam vors Gericht und starb. Er hat sie oft geschlagen in den letzten Jahren, und obwohl sie sich nichts von ihm gefallen ließ, wie ich es bestimmt und aus Schriftstücken weiß, -- erinnert sie sich doch seiner heute noch mit Tränen und hält ihn mir als Muster vor, und ich freue mich, ich freue mich, weil sie sich wenigstens in der Phantasie als einstmals glücklich fühlt ... Nach seinem Tode blieb sie mit drei kleinen Kindern in einem abgelegenen und weltvergessenen Kreise, wo ich mich auch damals befand, und in solch hoffnungsloser Armut, daß ich sie nicht beschreiben kann, obwohl ich vieles und allerhand gesehen habe. Ihre Verwandten hatten sich alle von ihr losgesagt. Ja und sie war so stolz, zu stolz ... Und da bot ich, mein Herr, auch ein Witwer mit einer vierzehnjährigen Tochter von meiner ersten Frau, ihr meine Hand an, denn ich konnte solch eine Qual nicht mit ansehen. Sie können danach beurteilen, wie stark ihre Not war, daß sie, gebildet, gut erzogen und aus angesehener Familie, bereit war, mich zu heiraten. Sie heiratete mich! Weinend, schluchzend und händeringend -- heiratete sie mich doch! Denn sie konnte ja nirgendwo hin. Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heißt, wenn man nirgendwo mehr hin kann? Nein! Das können Sie noch nicht verstehen ... Ein ganzes Jahr erfüllte ich meine Pflicht treu und redlich und rührte das da nicht an (er wies auf die Branntweinflasche), denn ich habe Gefühl. Aber auch damit konnte ich sie nicht zufrieden stellen; ich verlor meine Stelle und nicht eines Vergehens, sondern einer Änderung im Etat wegen, und nun wandte ich mich dem zu! ... Es sind schon anderthalb Jahre, seit wir nach langen Irrfahrten und vielfach großer Not endlich in dieser prächtigen und mit unzähligen Denkmälern geschmückten Residenz eintrafen. Ich fand hier eine Stelle ... Ich fand und verlor sie wieder. Verstehn Sie? Diesmal verlor ich die Stelle aus eigener Schuld, denn meine Neigung brach durch ... Jetzt wohnen wir in einem Winkel bei der Wirtin Amalie Fedorowna Lippewechsel, wovon wir aber leben und womit wir bezahlen -- das weiß ich nicht. Außer uns leben noch viele dort ... Ein entsetzliches Drunter und Drüber ... hm ... ja ... Indessen wurde mein Töchterchen aus der ersten Ehe erwachsen, und was sie, mein Töchterchen, von ihrer Stiefmutter zu erdulden hatte, als sie heranwuchs, darüber schweige ich. Obwohl Katerina Iwanowna von großmütigen Gefühlen durchdrungen ist, so ist sie doch eine hitzige und gereizte Dame und schneidet einem schnell das Wort ab ... Ja! Nun, es lohnt sich nicht, dessen zu gedenken! Eine Erziehung hat Ssonja, wie Sie sich denken können, nicht erhalten. Ich habe versucht, etwa vor vier Jahren, Geographie und Weltgeschichte mit ihr durchzunehmen, aber da ich selbst nicht ganz sattelfest war und keine anständigen Bücher besaß, denn die Bücher, die wir hatten ... hm ... na, diese Bücher sind nicht mehr da ... So endigte auch damit der ganze Unterricht. Wir blieben bei Cyrus von Persien stehen. Später, als sie reifer und älter wurde, las sie einige Bücher romanhaften Inhalts, ja und vor kurzem erhielt sie von Herrn Lebesjätnikoff ein Buch -- Physiologie von Lewis -- kennen Sie es? Sie las es mit großem Interesse und teilte uns auch einige Abschnitte daraus mit, -- das ist ihr ganzes Wissen. Jetzt wende ich mich an Sie, mein Herr, mit einer persönlichen Frage, so von mir aus, -- wieviel kann, nach Ihrer Meinung, ein armes, ehrliches, junges Mädchen durch ehrliche Arbeit verdienen? ... Sie wird kaum fünfzehn Kopeken pro Tag verdienen, mein Herr, wenn sie ehrlich ist und keine besonderen Talente hat, und da muß sie, ohne einen Augenblick zu ruhen, ununterbrochen arbeiten! Und dabei hat der Staatsrat Iwan Iwanowitsch Klopstock, -- haben Sie von ihm gehört? -- bis heute nicht bloß das Geld für Nähen eines halben Dutzend Hemden aus holländischem Leinen nicht bezahlt, sondern hat sie sogar unter Kränkungen hinausgejagt, hat mit den Füßen getrampelt und sie in unanständiger Weise beschimpft, unter dem Vorwande, daß der Hemdkragen nicht nach Maß und dazu schief genäht sei. Und die Kinder sitzen hungrig zu Hause ... Katerina Iwanowna geht händeringend im Zimmer herum und auf ihren Wangen zeigen sich rote Flecke, -- was bei dieser Krankheit stets vorkommt. Du lebst bei uns, Müßiggängerin, sagte sie, -- ißt, trinkst und genießt die Wärme, -- was gibt es aber denn zu essen und zu trinken, wenn die Kinder nicht mal eine Brotrinde drei Tage lang zu sehen bekommen! Ich lag damals berauscht da ... nun, was ist da viel zu sagen, ich lag berauscht da und hörte, wie meine Ssonja sagt -- sie ist so still und ihr Stimmchen so sanft ... hellblond ist sie, das Gesichtchen ist immer bleich und mager -- also, sie sagt: >Wie, Katerina Iwanowna, soll ich denn auf so was eingehen?< Darja Franzowna, ein böses und der Polizei gut bekanntes Weib, hatte sich schon dreimal durch unsere Wirtin erkundigt. >Was sonst,< antwortet Katerina Iwanowna spöttisch. >Wozu es hüten? So ein Kleinod!< Klagen Sie sie aber nicht an, mein Herr, klagen Sie nicht an, verurteilen Sie nicht! Es war gesagt nicht bei gesundem Verstande, sondern in erregter Stimmung, in Krankheit und beim Anblick der weinenden Kinder, die nichts gegessen hatten, und es war eher um zu kränken, als im genauen Sinne des Wortes gesagt ... Denn Katerina Iwanowna hat nun einmal so einen Charakter, und wenn die Kinder anfangen zu weinen, und sei es aus Hunger, schlägt sie sie sofort. Und da sah ich -- es war gegen sechs Uhr -- wie Ssonjetschka aufstand, das Tüchlein umnahm, ihr Pelzchen anzog und die Wohnung verließ, in der neunten Stunde aber kam sie zurück. Sie kam, ging direkt zu Katerina Iwanowna und legte schweigend auf den Tisch dreißig Rubel hin. Kein einziges Wörtchen hat sie gesagt, nicht mal hingeblickt; sie nahm unser großes grünes Umlegetuch -- wir besitzen so ein gemeinsames Umlegetuch -- bedeckte damit den Kopf und das Gesicht ganz und gar und legte sich auf das Bett mit dem Gesichte zur Wand; bloß die schmalen Schultern und der ganze Körper bebten ... Ich aber lag, wie vorher, in demselben Zustande ... Und da sah ich, junger Mann, da sah ich, wie Katerina Iwanowna, ohne ein Wort zu sagen, an das Bettchen von Ssonjetschka herantrat und den ganzen Abend auf den Knien zu ihren Füßen lag, ihr die Füße küßte, nicht aufstehen wollte, und wie sie beide schließlich umschlungen einschliefen ... beide ... beide zusammen ... ja ... und ich lag berauscht da.«

Marmeladoff schwieg, als versage ihm die Stimme. Dann schenkte er sich plötzlich ein, trank schnell aus und krächzte.

»Seit der Zeit, mein Herr,« -- fuhr er nach kurzem Schweigen fort, -- »seit der Zeit ist meine Tochter Ssofja Ssemenowna gezwungen worden -- dank einem ungünstigen Zufalle und dank der Denunziation schlechtgesinnter Menschen, wobei Darja Franzowna sich besonders hervorgetan hat, weil man ihr angeblich die ihr gebührende Achtung versagt habe, -- den gelben Schein zu nehmen und hat infolgedessen bei uns nicht länger bleiben können. Denn unsere Wirtin, Amalie Fedorowna wollte es nicht zulassen, -- vorher aber hat sie Darja Franzowna, dazu verholfen -- und auch Herr Lebesjätnikoff ... hm ... Ja, sehen Sie, die Geschichte zwischen ihm und Katerina Iwanowna passierte ja wegen Ssonja. Zuerst stellte er Ssonjetschka selbst nach, mit einem Mal aber wurde er empfindlich. >Wie kann ich, als ein gebildeter Mann -- sagte er -- mit so einer in derselben Wohnung leben?< Katerina Iwanowna nahm es nicht stillschweigend hin, trat für Ssonja ein ... nun, und da passierte es ... Ssonjetschka besucht uns nun meist in der Dämmerung, hilft Katerina Iwanowna und gibt nach Möglichkeit Geld ... Wohnen aber tut sie bei dem Schneider Kapernaumoff; sie hat bei ihm eine Stube gemietet. Kapernaumoff ist lahm und stottert, und seine sehr zahlreiche Familie stottert auch. Auch seine Frau stottert ... Sie leben alle in einem Zimmer. Ssonja aber hat ihr eigenes mit einer Scherwand ... Hm ... ja ... Es sind furchtbar arme Leute und dazu stottern sie noch ... ja ... Ich stand also am Morgen auf, zog meine Lumpen an, hob die Hände gen Himmel und ging zu Seiner Exzellenz Iwan Afanassjewitsch. Geruhen Sie Seine Exzellenz Iwan Afanassjewitsch zu kennen? ... Nein? ... Nun, dann kennen Sie nicht einen Gottesmenschen! Er ist wie Wachs ... Wachs vor dem Angesichte Gottes; er schmilzt wie Wachs ... Er vergoß sogar Tränen, nachdem er geruht hat alles anzuhören. >Nun, -- sagte er -- einmal hast du meine Erwartung getäuscht, Marmeladoff ... Ich gebe dir noch einmal eine Stelle, -- auf meine persönliche Verantwortung hin,< -- so sprach er -- >denk daran -- sagte er -- und geh jetzt!< Ich küßte den Staub zu seinen Füßen -- in Gedanken nur, denn in Wirklichkeit hätte er es nicht gestattet, als Würdenträger und als ein Mann der neuen Staatsideen und Bildung. Ich kehrte nach Hause zurück, und als ich mitteilte, daß ich in den Staatsdienst aufgenommen wäre und Gehalt erhalten würde, -- Herrgott, was geschah da ...«

Marmeladoff hielt von neuem in großer Erregung inne. In diesem Augenblick drang von der Straße eine Schar von Trunkenbolden herein, die schon bezecht waren, und am Eingange ertönten die Klänge eines Leierkastens und die gesprungene Stimme eines siebenjährigen Kindes, das ein Gassenlied sang. Es wurde lärmend. Der Wirt und die Knaben bedienten die Neuangekommenen. Marmeladoff setzte seine Erzählung fort, ohne die Eingetretenen zu beachten. Er schien sehr schwach geworden zu sein, aber je stärker der Branntwein auf ihn wirkte, um so redseliger wurde er. Die Erinnerung an den kürzlichen Erfolg und die Aufnahme in den Dienst schien ihn zu beleben und spiegelte sich sogar auf seinem Gesichte gleich einem frohen Schimmer wieder. Raskolnikoff hörte ihm aufmerksam zu.

»Das geschah, mein Herr, vor fünf Wochen. Ja ... Kaum hatten sie beide, Katerina Iwanowna und Ssonjetschka es erfahren, da schien ich -- oh Gott! -- ins Himmelreich geraten zu sein. Früher lag ich da wie ein Vieh und hörte bloß Schimpfen! Nun aber gingen sie auf den Fußspitzen, die Kinder wurden angehalten ruhig zu sein. >Ssemjon Sacharytsch ist müde vom Dienste, ruht sich aus ... pst!< Ehe ich in den Dienst mußte, bekam ich Kaffee; Sahne wurde gekocht. Sie verschafften wirkliche Sahne, hören Sie! Und woher sie elf Rubel und fünfzig Kopeken zu einer anständigen Equipierung zusammengekratzt haben, begreife ich bis jetzt noch nicht. Stiefel, ein prachtvolles Kalikohemd, einen Uniformrock -- alles haben sie in ausgezeichnetem Zustande für elf Rubel und fünfzig Kopeken aufgebracht. Den ersten Tag kam ich früh aus dem Dienste und was sehe ich, -- Katerina Iwanowna wartet mit zwei Speisen auf -- Suppe und Pökelfleisch mit Meerrettich, wovon wir vorher nicht mal einen Begriff hatten. Sie hat eigentlich keine Kleider ... wirklich gar keine, aber nun war sie angezogen, als wollte sie einen Besuch machen; sie hatte sich geschmückt, und im Grunde genommen war nichts Besonderes da, aber sie hatte es verstanden, aus nichts alles zu schaffen, -- hatte ihr Haar geordnet, einen reinen Kragen, Manschetten angelegt und hatte aus sich einen ganz anderen Menschen gemacht, sah jünger und hübscher aus. Ssonjetschka, mein Täubchen, hatte nur mit Geld geholfen, denn es gehe jetzt nicht an, sagte sie, daß sie uns oft besuchte, höchstens in der Dämmerung, damit niemand es sehe. Hören Sie, hören Sie? Nach dem Essen legte ich mich ein wenig hin -- wie meinen Sie, was geschah da, -- Katerina Iwanowna konnte es doch nicht über sich bringen, und lud unsere Wirtin, Amalie Fedorowna, trotzdem sie sich vor einer Woche mit ihr gehörig gezankt hatte, nun zu einer Tasse Kaffee ein. Zwei Stunden saßen sie und flüsterten fortwährend. >Ssemjon Sacharytsch -- erzählte Katerina Iwanowna -- ist jetzt im Staatsdienste und erhält Gehalt; er erschien bei Seiner Exzellenz, und Seine Exzellenz kam selbst heraus, ließ alle anderen warten, nahm Ssemjon Sacharytsch an der Hand und führte ihn in sein Zimmer!< -- Hören Sie, hören Sie! -- >Ich erinnere mich selbstverständlich Ihrer Verdienste, Ssemjon Sacharytsch -- sagte er -- und obwohl Sie diese leichtsinnige Schwäche haben, -- da Sie es mir aber versprechen und es bei uns außerdem ohne Sie nicht gut gegangen ist< -- (Hören Sie, hören Sie!) -- >So verlasse ich mich jetzt auf Ihr Ehrenwort< -- sagte er -- das heißt, ich muß Ihnen sagen, sie hatte sich das alles ausgedacht, nicht aus Geschwätzigkeit und auch nicht um damit zu prahlen. Nein, sie glaubt selbst daran, ergötzt sich an ihrer eigenen Phantasie, bei Gott! Und ich verurteile es nicht, nein, ich verurteile es nicht, nein, ich verurteile es nicht! ... Als ich nun, vor sechs Tagen, mein erstes Gehalt -- dreiundzwanzig Rubel vierzig Kopeken ihr vollzählig abgab, nannte sie mich ihr Püppchen. >So ein Püppchen bist du!< -- sagte sie. Und unter vier Augen hat sie es gesagt, verstehen Sie? Nun, bin ich denn etwa schön, und was bin ich für ein Gatte? Sie hat mich in die Wange gekniffen und >so ein Püppchen< gesagt.«

Marmeladoff hielt inne, wollte lächeln, plötzlich aber zitterte sein Kinn. Er beherrschte sich. Diese Schenke, das verkommene Aussehen, die fünf Nächte auf den Heubarken, die Branntweinflasche und dazu nun diese krankhafte Liebe zu Frau und Familie verwirrten den Erzähler. Raskolnikoff hörte ihm gespannt zu, jedoch mit einem peinvollen Empfinden. Er ärgerte sich, daß er hierher gekommen war.

»Mein Herr, verehrter Herr!« -- rief Marmeladoff aus, nachdem er sich völlig beherrscht hatte -- »Oh, mein Herr, vielleicht erscheint Ihnen das alles lächerlich, wie den anderen, und ich belästige Sie bloß mit dem Kram und all diesen kleinlichen Einzelheiten meines häuslichen Lebens, -- nun, für mich aber ist es nicht lächerlich! Denn ich kann dies alles fühlen ... Und diesen himmlischen Tag meines Lebens, wie auch den Abend verbrachte ich in flüchtigen Träumereien, -- wie ich alles einrichten, den Kindern Kleidung verschaffen, ihr die Ruhe geben und meine einzige Tochter aus der Schande in den Schoß der Familie zurückbringen werde ... Und viel mehr, viel anderes noch ... Es war ja verzeihlich, mein Herr. Nun, mein Herr -- (Marmeladoff fuhr plötzlich auf, erhob den Kopf und blickte seinem Zuhörer ins Gesicht) -- nun, am andern Tage nach all diesen Träumen, heute sind es genau fünf Tage her, -- entwandt ich gegen Abend durch einen listigen Betrug, wie ein Dieb in der Nacht, Katerina Iwanowna den Schlüssel zu ihrem Kasten, nahm den Rest von dem heimgebrachten Gehalt, -- wieviel es war, weiß ich nicht mehr, -- und nun sehen Sie mich an, seht Ihr alle mich an. Den fünften Tag bin ich von Hause weg, man sucht mich, und der Dienst ist aus, der Uniformrock liegt in einer Schenke bei der Ägyptischen Brücke und an seiner Stelle habe ich diese Kleidung erhalten ... und alles ist nun aus!«

Marmeladoff schlug sich mit der Faust an die Stirn, preßte die Zähne zusammen, schloß die Augen und stützte sich schwer mit den Ellbogen auf den Tisch. Nach einem Moment aber veränderte sich plötzlich sein Gesicht, er blickte mit geheuchelter Verschmitztheit und gespielter Frechheit Raskolnikoff an, lachte und sagte: »Und heute war ich bei Ssonja, habe sie gebeten mir Geld für einen Schnaps zu geben! He--he--he!« ... »Hat sie dir wirklich gegeben?« -- rief jemand von den Neuangekommenen, rief es und lachte aus vollem Halse.

»Diese halbe Flasche ist für ihr Geld gekauft,« -- sagte Marmeladoff, sich ausschließlich an Raskolnikoff wendend. -- »Dreißig Kopeken gab sie mir, mit ihren eigenen Händen, die letzten, alles, was sie hatte, ... ich habe es selbst gesehen ... Sie hat nichts, nichts gesagt, hat mich bloß schweigend angesehen ... So grämt und weint man nicht auf Erden über Menschen ... sondern dort oben ... und keinen Vorwurf, keinen einzigen Vorwurf ... Und es tut einem mehr weh, wenn man keinen Vorwurf hört! ... Dreißig Kopeken, ja. Und sie braucht sie selbst jetzt, ah? Wie meinen Sie, mein lieber Herr! Sie muß ja doch jetzt auf Sauberkeit achten. Diese Sauberkeit, diese besondere Sauberkeit kostet Geld, verstehen Sie? Verstehen Sie es? Nun, und dann muß sie hin und wieder Pomade oder so was kaufen, es geht ja nicht ohne dem; steife Unterröcke muß sie haben. Stiefel, hübsche Stiefel müssen da sein, um das Füßchen zu zeigen, wenn sie über eine Pfütze gehen muß. Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Nun, und ich, der leibliche Vater, nahm ihr diese dreißig Kopeken zu einem Schnaps! Und ich trinke hier! Habe sie schon vertrunken! ... Nun, wer soll denn mit so einem, wie ich, Mitleid haben? Ah? Tue ich Ihnen jetzt leid oder nicht, mein Herr? Sagen Sie, mein Herr, tue ich Ihnen leid oder nicht? He--he--he--he!«

Er wollte sich einschenken, aber es war nichts mehr da. Die Flasche war leer.

»Warum soll man auch mit dir Mitleid haben?« -- rief der Wirt, der sich in ihrer Nähe befand.

Starkes Lachen erscholl und Schimpfworte wurden laut. Alle lachten, die Marmeladoff zugehört und auch die, welche nicht zugehört hatten, und schimpften ohne Grund, allein schon beim Anblick der Person des verabschiedeten Beamten.

»Mit mir Mitleid haben! Mitleid haben!« -- rief Marmeladoff plötzlich laut und erhob sich mit ausgestreckter Hand, sich gebärdend, als hätte er bloß auf diese Worte gewartet. -- »Warum Mitleid mit mir haben, sagst du? Ja! Es gibt nichts, weswegen man mich bemitleiden kann. Man muß mich kreuzigen, mich ans Kreuz nageln und nicht Mitleid haben! Kreuzige, kreuzige, Richter und nachdem du gekreuzigt hast, habe Mitleid. Und da will ich selbst zur Kreuzigung zu dir kommen, denn ich suche nicht Fröhlichkeit, sondern Kummer und Tränen! ... Meinst du, du Krämer, daß diese Flasche mir zur Freude war? Kummer, Kummer suchte ich auf ihrem Boden, Kummer und Tränen, und ich habe sie gefunden und habe von ihnen gekostet. Mitleid aber mit uns wird der haben, der mit allen Mitleid hat, und der alles und alle verstanden hat, Er, der einzige; er ist auch der Richter. Er wird an jenem Tage kommen und fragen: >Wo ist die Tochter, die sich der bösen und schwindsüchtigen Stiefmutter und den fremden kleinen Kindern geopfert hat? Wo ist die Tochter, die mit ihrem irdischen Vater, dem lasterhaften Trunkenbold, Mitleid hatte, ohne sich vor seiner Tierheit zu erschrecken?< Und er wird sagen, -- >komm! Ich habe dir schon einmal vergeben ... Habe dir einmal vergeben ... Vergeben sind dir auch jetzt deine vielen Sünden, weil du viel geliebt hast ...< Und er wird meiner Ssonja vergeben, wird ihr vergeben; ich weiß es, daß er ihr vergeben wird ... Ich habe es, als ich jetzt bei ihr war, im Herzen gefühlt! ... Und er wird allen gerecht sein und wird vergeben, wie den guten, so auch den bösen, wie den weisen, so auch den einfältigen ... Und wenn er mit allen schon zu Ende sein wird, da wird er auch zu uns sprechen -- >kommet auch ihr< -- wird er sagen >kommt ihr Betrunkenen, kommt ihr Schwächlinge, kommt ihr Sündigen!< Und wir alle werden hervortreten, ohne uns zu schämen, und werden dastehn. Er aber wird sagen: >Ihr Schweine! Ihr Ebenbilder des Tieres, ihr viehischen Gesichter, ihr -- kommt auch ihr!< Und die Weisen und die Klugen werden ausrufen: >Herr! Warum nimmst du sie auf?< Und er wird sagen -- >Ich nehme sie auf, ihr Weisen. Ich nehme sie auf, ihr Klugen, weil sich kein einziger von ihnen für dessen würdig hielt ...< Und er wird seine Hände gegen uns ausstrecken, und wir werden niedersinken ... und werden weinen ... und alles verstehn! Dann werden wir alles verstehen! ... Und alle werden verstehn ... auch Katerina Iwanowna ... auch sie wird verstehn ... Herr, dein Reich komme.«

Er ließ sich auf die Bank nieder, erschöpft und geschwächt, ohne jemand anzusehen, als hätte er die Umgebung vergessen, und versank in tiefes Sinnen. Seine Worte hatten einen gewissen Eindruck hervorgerufen; für einen Augenblick trat Schweigen ein, bald darauf aber ertönte von neuem Lachen und Schelten.

»Er hat gerichtet!«

»Hat sich vergaloppiert!«

»Ist auch Beamter!«

und solcherlei mehr hörte man.

»Wollen wir gehen, mein Herr!« -- sagte Marmeladoff plötzlich, hob den Kopf und wandte sich an Raskolnikoff. -- »Begleiten Sie mich ... Haus Kosel ... im Hofe. Es ist Zeit ... für mich ... zu Katerina Iwanowna ...«

Raskolnikoff hatte längst schon weggehen wollen, und auch selbst gedacht, ihm behilflich zu sein. Marmeladoff zeigte sich viel schwächer in den Beinen, als in seinen Reden, und stützte sich stark auf den jungen Mann. Sie hatten zwei- bis dreihundert Schritte zu gehen. Verwirrung und Angst packten immer stärker und stärker den Säufer, je mehr sie sich dem Hause näherten.

»Ich fürchte mich jetzt nicht vor Katerina Iwanowna,« -- murmelte er erregt, -- »auch nicht davor, daß sie mich an den Haaren raufen wird. Was sind Haare! ... Dummes Zeug sind die Haare! Das sage ich! Es ist sogar besser, daß sie mich raufen wird, aber ich fürchte mich nicht davor ... ich ... ich ... fürchte mich vor ihren Augen ... ja ... vor ihren Augen ... Auch vor den roten Flecken auf den Wangen fürchte ich mich ... und ich fürchte mich -- vor ihrem Atem ... Hast du gesehen, wie die Menschen bei dieser Krankheit atmen ... wenn sie erregt sind? Auch vor den weinenden Kindern fürchte ich mich ... Wenn Ssonja ihnen nichts zu essen gegeben hat, dann ... weiß ich nicht, wie ... Ich weiß nicht! Vor Schlägen fürchte ich mich nicht ... Du sollst wissen, mein Herr, daß solche Schläge mir keinen Schmerz, sondern Genuß bereiten ... Denn ohne die kann ich selbst nicht auskommen. Es ist besser. Mag sie mich schlagen, mag sie ihrem Herzen Luft machen ... es ist besser ... Da ist ja das Haus. Es gehört Kosel, einem Schlosser, einem reichen Deutschen ... führe mich!«

Sie traten in den Hof und stiegen in das vierte Stockwerk. Je höher sie die Treppe hinaufstiegen, um so dunkler wurde es. Es war fast elf Uhr, und obwohl es um diese Jahreszeit in Petersburg keine Nacht gibt, war es doch sehr dunkel oben auf der Treppe.

Eine kleine verräucherte Tür am Ende der Treppe war geöffnet. Ein Lichtstumpf beleuchtete ein sehr ärmliches, etwa zehn Schritte langes Zimmer; vom Flur aus konnte man es vollständig übersehen. Alles lag verstreut und in Unordnung umher, besonders zerlumpte Kinderkleider. Vor den hintersten Winkel war ein verlöchertes Bettlaken gezogen. Dort stand wahrscheinlich das Bett. Im Zimmer waren im ganzen zwei Stühle und ein sehr abgerissenes mit Wachstuch bezogenes Sofa, vor dem ein alter ungestrichener Küchentisch ohne Decke, aus Fichtenholz, stand. Auf einer Ecke des Tisches brannte in einem eisernen Leuchter der Lichtstumpf. Es erwies sich, daß Marmeladoff nicht in dem Winkel schlief, sondern in einem Zimmer für sich war, das aber ein Durchgangszimmer war. Die Tür zu den andern Räumen oder vielmehr Käfigen, in die die Wohnung von Amalie Lippewechsel eingeteilt war, stand offen. Dort ging es geräuschvoll und laut zu. Man hörte Lachen. Wie es schien, spielte man dort Karten und trank Tee. Hin und wieder ertönten höchst ungesellschaftliche Reden.

Raskolnikoff erkannte Katerina Iwanowna sofort. Sie war eine furchtbar abgemagerte Frau, von ziemlich hohem Wuchse, und schlank, mit noch schönem, dunkelblondem Haar; auf den Wangen waren die roten Flecke zu sehen. Sie wanderte in dem kleinen Zimmer auf und ab, die Hände an die Brust gepreßt, mit vertrockneten Lippen, und atmete stoßweise und unregelmäßig. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, der Blick aber war scharf und unbeweglich, und dieses schwindsüchtige und erregte Gesicht machte einen schmerzlichen Eindruck bei der Beleuchtung des sterbenden Lichtes, das auf dem Gesichte zitterte. Sie schien Raskolnikoff etwa dreißig Jahre alt zu sein und in der Tat zu Marmeladoff nicht zu passen ... Die Eintretenden hatte sie nicht gehört und nicht bemerkt; ihre Gedanken schienen abwesend zu sein, sie hörte und sah nichts. Im Zimmer war es dumpf, das Fenster war verschlossen; von der Treppe her kam ein mörderlicher Gestank, und die Tür zur Treppe war offen, aus den inneren Räumen drangen durch die geöffnete Tür Wolken von Tabakrauch, -- sie hustete, schloß aber die Tür nicht zu. Das kleinste Mädchen im Alter von sechs Jahren etwa, saß zusammengekauert auf der Diele und schlief mit dem Gesicht ans Sofa gelehnt. Der Knabe, ein Jahr älter, stand in einem Winkel, am ganzen Körper zitternd, und weinte. Er hatte wahrscheinlich soeben Schläge bekommen. Das älteste Mädchen, von neun Jahren, hoch und dünn, wie ein Streichholz, stand in einem schlechten und völlig zerrissenen Hemdchen und in einem alten wattierten Mantel, der um die nackten Schultern geworfen und wahrscheinlich vor zwei Jahren gemacht war, da er ihr jetzt kaum bis zu den Knien reichte, in dem Winkel neben dem kleinen Bruder und hielt seinen Hals mit ihrem langen, dünnen Arm umschlungen. Sie schien ihn zu trösten, flüsterte ihm etwas zu und hielt ihn in jeder Weise zurück, damit er ja nicht weine, und gleichzeitig beobachtete sie voll Angst die Mutter mit ihren übergroßen, dunklen Augen, die in dem abgemagerten und erschrockenen Gesichtchen noch größer erschienen. Marmeladoff kniete, ohne das Zimmer zu betreten, an der Tür nieder und schob Raskolnikoff vor sich her. Als die Frau einen Fremden erblickte, blieb sie zerstreut vor ihm stehen, kam auf einen Augenblick zu sich und schien nachzudenken, warum er eingetreten sei. Aber sie meinte wohl, daß er in die andern Räume wollte, da der ihrige nur ein Durchgangszimmer war. Nachdem sie sich's so überlegt hatte, ging sie, ohne ihn weiter zu beachten, zu der Flurtür, um sie zu schließen. Da schrie sie plötzlich auf, als sie auf der Schwelle ihren knienden Mann erblickte.

»Oh!« -- rief sie in blinder Wut. -- »Du bist zurückgekehrt! Du Zuchthäusler! Du Unmensch! ... Wo ist das Geld? Was hast du in der Tasche, zeige mir's! Und die Kleider sind nicht dieselben! Wo ist deine Uniform? Wo ist das Geld? Sprich! ...«

Und sie stürzte sich auf ihn, um ihn zu durchsuchen. Marmeladoff streckte gehorsam und unterwürfig die Arme nach beiden Seiten aus, um ihr die Durchsuchung der Taschen zu erleichtern. Vom Gelde war keine Kopeke mehr da.

»Wo ist das Geld?« -- schrie sie. -- »Oh, Gott, er wird doch nicht alles vertrunken haben! Es waren doch zwölf Rubel in dem Kasten! ...«

Plötzlich packte sie ihn in rasender Wut an den Haaren und zerrte ihn in das Zimmer hinein. Marmeladoff erleichterte ihr die Mühe, indem er auf den Knien demütig hinter ihr herkroch.

»Das ist mir ein Genuß! Das ist für mich kein Schmerz, sondern ein Ge--nuß, mein Herr!« -- rief er aus, während er an den Haaren gezerrt wurde und sogar einmal mit der Stirn gegen den Boden schlug.

Das Kind, das auf der Diele schlief, wachte auf und begann zu weinen. Der Knabe im Winkel fuhr zusammen, erschauerte, schrie auf und stürzte in furchtbarem Schreck, wie in einem Anfalle, zu der Schwester hin. Das älteste Mädchen bebte an allen Gliedern, wie ein Blatt unter einem Windstoß.

»Du hast das Geld vertrunken! Hast alles, alles vertrunken!« -- schrie die arme Frau in Verzweiflung. -- »Und die Kleider sind nicht dieselben. Die da sind hungrig, hungrig!« -- (und händeringend zeigte sie auf die Kinder) -- »Oh, verfluchtes Leben! Und Sie ... schämen Sie sich nicht« -- mit diesen Worten stürzte sie sich unversehens auf Raskolnikoff. -- »Sie da aus der Schenke! Du hast mit ihm getrunken? Hast mit ihm getrunken! Hinaus!« Der junge Mann schritt eilends hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Die Türe zu den anderen Zimmern wurde sperrweit geöffnet, und einige Neugierige schauten herein. Dreiste, lachende Gesichter mit Zigaretten und Pfeifen im Munde, mit Mützen auf dem Kopfe zeigten sich. Man sah Gestalten in Schlafröcken und mit völlig nackter Brust, in leichter Bekleidung, die an Unanständigkeit grenzte, manche mit Karten in den Händen. Sie amüsierten sich vortrefflich und lachten, als Marmeladoff an den Haaren gezerrt ausrief, daß dies ihm ein Genuß sei. -- Man drängte sich sogar in das Zimmer; plötzlich erscholl ein wütendes Gekreische, -- Amalie Lippewechsel war herbeigeeilt, um selbst auf ihre Weise Ordnung zu schaffen und zum hundertsten Mal die arme Frau durch den zornigen Befehl, morgen schon die Wohnung zu räumen, zu erschrecken. Beim Fortgehen gelang es Raskolnikoff die Hand in die Tasche zu stecken, soviel von dem Kupfergelde, das man ihm in der Schenke auf den Rubel herausgegeben hatte, hervorzuholen, als er erfassen konnte, und es unbemerkt auf das Fensterbrett zu legen. Auf der Treppe besann er sich und wollte umkehren. »Was habe ich für eine Dummheit gemacht?« dachte er. »Sie haben ja Ssonja und ich brauche es doch selbst.«

Nachdem er aber eingesehen hatte, daß es unmöglich war, das Geld zurückzunehmen, und daß er es sowieso nicht zurückgenommen hätte, machte er eine Bewegung mit der Hand und ging nach Hause.

»Ssonja braucht Pomade,« fuhr er fort, während er auf der Straße ging, und lächelte bitter. »Diese Sauberkeit kostet Geld ... Hm! Ssonjetschka kann vielleicht heute Fiasko machen, denn es ist immer ein Risiko -- die Jagd auf dieses Wild ... wie das Graben nach Gold ... da würden sie dann alle ohne mein Geld morgen auf dem Trockenen sitzen ... Ja, die Ssonja! Welch einen Brunnen haben sie zu finden verstanden! Und sie benutzen ihn! Sie benutzen ihn trotz allem! Und haben sich daran gewöhnt! Sie haben geweint und haben sich daran gewöhnt. An alles gewöhnt sich der Schuft -- der Mensch!«

Er verfiel in Nachdenken.

»Wenn ich aber gelogen habe,« rief er plötzlich unwillkürlich aus. »Wenn der Mensch tatsächlich kein Schuft ist, das ganze Geschlecht überhaupt, das heißt das menschliche Geschlecht es nicht ist, so bedeutet das, daß alles Vorurteil ist, bloß eingebildeter Schrecken, und es gibt also keine Hindernisse und so muß es auch sein! ...«

III.

Er erwachte am anderen Tage spät nach einem unruhigen Schlafe; der Schlaf hatte ihn nicht gestärkt. Er erwachte griesgrämig, gereizt und böse, und blickte voll Haß seine Kammer an. Es war ein winziger Raum, sechs Schritt lang, und machte mit seiner gelblichen, staubigen und überall an den Wänden losgelösten Tapete einen kläglichen Eindruck; das Zimmer war so niedrig, daß es einem einigermaßen großen Manne bange wurde, und immer schien es, als könnte man jeden Augenblick mit dem Kopf an die Decke stoßen. Die Möbel entsprachen dem Raume, -- es waren drei alte Stühle da, in nicht ganz brauchbarem Zustande, in einer Ecke stand ein gestrichener Tisch, auf dem ein paar Hefte und Bücher lagen; schon aus dem Umstande, wie verstaubt sie waren, konnte man schließen, daß sie lange nicht berührt worden waren. Außerdem stand in dem Zimmer noch ein plumpes, großes Sofa, das fast die ganze Wand und die Hälfte des Zimmers einnahm, einst war es mit Kattun bezogen, jetzt war es zerfetzt; es diente Raskolnikoff als Bett. Er schlief darauf oftmals so, wie er ging und stand, ohne sich auszuziehen, ohne Laken, bedeckt mit einem alten, abgerissenen Studentenmantel, unter dem Kopfe ein kleines Kissen, worunter er alles, was er an Wäsche, reiner und getragener, besaß, stopfte, um die Kopfstelle höher zu machen. Vor dem Sofa stand ein kleines Tischchen. Es hielt schwer, noch verkommener und zerlumpter zu sein, Raskolnikoff aber war das in seiner jetzigen Gemütsverfassung gerade angenehm. Er hatte sich, wie eine Schildkröte in ihrer Behausung, von allen völlig zurückgezogen; und das Gesicht des Mädchens, das verpflichtet war, ihn zu bedienen und das zuweilen in sein Zimmer einen Blick warf, reizte schon seine Galle und verursachte ihm Krämpfe. Das kommt bei manchen Leuten vor, die von einer Manie befallen sind, und die sich auf etwas besonders stark konzentriert haben. Seine Wirtin hatte seit zwei Wochen schon aufgehört, ihm Essen zu geben und er hatte noch nicht gedacht, zu ihr zu gehen, um sich mit ihr auseinanderzusetzen, obwohl er ohne Mittag saß. Nastasja, die Köchin und das einzige Mädchen der Wirtin, war über die Stimmung des Mieters zum Teil froh und hatte aufgehört, sein Zimmer aufzuräumen und auszukehren; ab und zu jedoch, vielleicht einmal in der Woche, ergriff sie, wie zufällig, den Besen. Sie hatte ihn jetzt geweckt.

»Steh auf, was schläfst du!« rief sie ihm zu. »Es ist schon zehn Uhr. Ich habe dir Tee gebracht. Willst du Tee? Bist wahrscheinlich schon ganz abgemagert?«

Der junge Mann öffnete die Augen, zuckte zusammen und erkannte Nastasja.

»Ist der Tee von der Wirtin?« fragte er und erhob sich langsam und mit schmerzlicher Miene vom Sofa.

»Was dir einfällt, -- von der Wirtin!«

Sie stellte ihre eigene gesprungene Teekanne mit altem aufgebrühtem Tee vor ihm hin und legte zwei Stück gelben Zucker daneben.

»Nimm das, bitte, Nastasja,« sagte er, indem er in der Tasche suchte -- (er hatte angekleidet geschlafen) -- und eine Handvoll Kupfermünzen hervorholte. »Gehe und kaufe mir Weißbrot. Hole auch ein wenig Wurst aus dem Laden, aber billige ...«

»Weißbrot will ich dir sofort bringen, willst du aber nicht anstatt Wurst etwas Kohlsuppe haben? Die Kohlsuppe ist gut, sie ist von gestern. Ich hatte gestern für dich etwas aufbewahrt, aber du kamst erst so spät. Es ist eine gute Kohlsuppe.«

Nachdem sie die Kohlsuppe gebracht hatte, setzte sich Nastasja neben ihm auf dem Sofa hin und begann, während er aß, zu plaudern. Sie war vom Lande und ein sehr geschwätziges Frauenzimmer.

»Praskovja Pawlowna will dich bei der Polizei verklagen,« sagte sie.

Er verzog das Gesicht.

»Bei der Polizei? Was will sie denn?«

»Du zahlst nicht und räumst das Zimmer nicht. Es ist begreiflich, was sie will.«

»Zum Teufel, das fehlte noch,« murmelte er und knirschte mit den Zähnen. »Nein, das kommt mir jetzt ... sehr ungelegen ... Sie ist dumm,« fügte er laut hinzu. »Ich will heute noch zu ihr gehen und mit ihr sprechen.«

»Sie ist dumm, ebenso wie ich; aber du, Kluger, was liegst du da, wie ein Sack, nichts hat man von dir. Früher, sagst du, hast du Kinder unterrichtet, warum machst du aber jetzt nichts?«

»Ich mache ...« antwortete Raskolnikoff unwillig und finster.

»Was machst du denn?«

»Ich arbeite ...«

»Was arbeitest du denn?«

»Ich denke,« antwortete er nach einem Schweigen finster.

Nastasja schüttelte sich vor Lachen. Sie war von den Lachlustigen, und wenn man sie zum Lachen reizte, lachte sie lautlos, aber am ganzen Körper bebend und sich schüttelnd, bis sie nicht mehr konnte.

»Hast du viel Geld mit dem Denken verdient?« brachte sie endlich hervor.

»Ohne Stiefel kann man doch nicht unterrichten. Und übrigens pfeife ich auf alles.«

»Sei nicht zu stolz.«

»Den Unterricht bezahlt man in Kupfer. Was soll man mit ein paar Kopeken anfangen?« fuhr er unwillig fort, als antworte er den eigenen Gedanken.

»Du möchtest wohl ein ganzes Kapital auf einmal haben?«

Er blickte sie sonderbar an.

»Ja, ein ganzes Kapital,« antwortete er nach einem Schweigen entschlossen.

»Fang mit kleinem an; du erschreckst einen ja. Soll ich dir jetzt Weißbrot holen oder nicht?«

»Wie du willst!«

»Ach, ich vergaß; gestern ist für dich ein Brief angekommen.«

»Ein Brief! Für mich! Von wem?«

»Von wem er ist -- das weiß ich nicht. Ich habe dem Briefträger drei Kopeken aus meiner eigenen Tasche gegeben. Gibst du sie mir wieder?«

»Bring doch den Brief, um Gottes Willen, bring ihn gleich!« rief Raskolnikoff ganz erregt. »Oh, Gott!«

Nach einer Minute kam der Brief. »Wirklich! Er ist von der Mutter, aus dem R.schen Gouvernement.« Er erbleichte sogar, als er ihn nahm. Lange schon hatte er keine Briefe erhalten, und jetzt bedrückte noch etwas anderes sein Herz.

»Nastasja, geh fort, um Gotteswillen. Da hast du deine drei Kopeken, geh nur schnell fort, um Gotteswillen.«

Der Brief zitterte in seinen Händen; er wollte ihn nicht in ihrer Anwesenheit öffnen, er wollte mit dem Briefe allein sein. Als Nastasja gegangen war, führte er schnell den Brief an seine Lippen und küßte ihn; dann blickte er lange die Schrift auf dem Kuvert an, die bekannte und liebe, feine und schräge Schrift seiner Mutter, die ihn einst lesen und schreiben gelehrt hatte. Er zögerte, den Brief zu öffnen, schien sich sogar vor etwas zu fürchten. Endlich öffnete er den Brief, einen langen, gewichtigen Brief; zwei große Briefbogen waren dicht beschrieben.

»Mein lieber Rodja,« schrieb die Mutter, »es ist über zwei Monate her, seit ich mit dir brieflich gesprochen habe; darunter habe ich selbst gelitten, und manche Nacht haben mich die Gedanken nicht schlafen lassen. Aber du wirst mich sicher nicht verurteilen wegen meines ungewollten Schweigens. Du weißt, wie ich dich liebe; du bist unser Einziges, mir und Dunja, du bist unser alles, unsere ganze Hoffnung, unser Trost. Ach, wenn du wüßtest, wie mir war, als ich erfuhr, daß du die Universität schon einige Monate verlassen hast, weil es dir an Mitteln mangelte, und daß das Stundengeben und deine anderen Arbeiten ein Ende genommen haben. Und wie hätte ich dir mit meiner Pension von hundertzwanzig Rubel jährlich helfen können? Die fünfzehn Rubel, die ich vor vier Monaten schickte, hatte ich, wie du auch weißt, von unserem hiesigen Kaufmann Wassilij Iwanowitsch Wachruschin auf die Pension hin geliehen. Er ist ein guter Mensch und war ein Freund deines Vaters. Aber da ich ihm das Recht, die Pension für mich zu empfangen, gegeben hatte, mußte ich warten, bis die Schuld abgetragen war, und das ist soeben erst geschehen, so daß ich die ganze Zeit dir nichts schicken konnte. Jetzt aber, Gott sei Dank, denke ich, dir wieder etwas schicken zu können, und überhaupt wir können jetzt sogar von einem Glück sprechen, und das beeile ich mich, dir mitzuteilen. Zuerst also kannst du es dir vorstellen, lieber Rodja, daß deine Schwester bereits anderthalb Monate bei mir lebt, und daß wir uns nie mehr, in aller Zukunft nicht, trennen werden. Gott sei Dank, ihre Qualen haben ein Ende gefunden, aber ich will dir alles der Reihe nach erzählen, damit du erfährst, wie alles war und was wir bis jetzt vor dir verheimlichten. Als du mir vor zwei Monaten schriebst, du hättest von irgend jemand gehört, daß Dunja stark unter der Grobheit im Hause der Herrschaften Sswidrigailoff zu leiden habe, und von mir genaue Aufklärung verlangtest, -- was hätte ich dir damals antworten können? Wenn ich dir die ganze Wahrheit mitgeteilt hätte, so hättest du wahrscheinlich alles liegen lassen, wärest, und sei es zu Fuß, zu uns gekommen, denn ich kenne deinen Charakter und deine Gefühle, du hättest nicht geduldet, daß deine Schwester beleidigt wird. Ich war ganz verzweifelt, aber was sollte ich tun? Und wußte damals selber nicht die ganze Wahrheit. Das Haupthindernis bestand darin, daß Dunetschka, bei ihrem Eintritt in das Haus als Gouvernante im vorigen Jahre volle hundert Rubel voraus erhalten hatte, unter der Bedingung, die Summe monatlich von ihrem Gehalte abzuzahlen, und so konnte sie die Stelle nicht eher aufgeben, als die Schuld getilgt war. Diese Summe aber (jetzt kann ich dir alles erklären, teurer Rodja) hatte sie eigentlich deshalb genommen, um dir die sechzig Rubel zu schicken, die du damals nötig brauchtest, und die du auch im vorigen Jahre von uns erhalten hast. Wir haben dich damals getäuscht; wir schrieben dir, es sei von dem Gelde, das Dunetschka sich früher erspart habe, aber es verhielt sich nicht so, jetzt erst teile ich dir die volle Wahrheit mit, weil sich alles jetzt plötzlich nach Gottes Willen zum besten gewendet hat, und damit du weißt, wie Dunja dich liebt und welch unschätzbares Herz sie hat. Herr Sswidrigailoff behandelte sie zuerst sehr grob und erlaubte sich ihr gegenüber allerhand Unhöflichkeiten und Spöttereien bei Tisch ... Aber ich will all diese trüben Einzelheiten nicht aufzählen, und dich nicht unnütz aufregen, da alles nun ein Ende hat. Kurz, trotz der guten und anständigen Behandlung seitens Marfa Petrownas, der Gemahlin des Herrn Sswidrigailoff, und aller Hausgenossen, hatte es Dunetschka sehr schwer, besonders wenn Herr Sswidrigailoff nach alter Regimentsgewohnheit unter dem Einflusse des Bacchus stand. Aber was geschah später? Stelle dir vor, dieser Wahnwitzige hatte schon seit langem eine Leidenschaft für Dunja gefaßt, aber er verbarg sie immer unter dem Scheine eines groben und hochfahrenden Wesens ihr gegenüber. Vielleicht schämte er sich auch und war unmutig auf sich selbst, daß er, als älterer Mann und Familienvater, sich solchen leichtfertigen Wünschen hingab und war darum auf Dunja unwillkürlich böse. Vielleicht wollte er auch durch seine Grobheit und durch seinen Spott die Wahrheit vor anderen verbergen. Schließlich aber hielt er es nicht mehr aus und wagte Dunja offen einen gemeinen Antrag zu machen und versprach ihr hohe Belohnung. Alles wollte er sogar im Stiche lassen und mit ihr auf ein anderes Gut oder ins Ausland reisen. Du kannst dir ihre Leiden vorstellen! Sofort ihre Stellung aufgeben, konnte sie nicht, -- nicht bloß wegen der Schuld, sondern auch um Marfa Petrowna zu schonen, die dadurch Verdacht fassen mußte; damit wäre der Zwist in die Ehe gekommen. Ja, auch für Dunetschka hätte es einen großen Skandal gegeben; so ganz ohne Aufsehen wäre die Sache nicht vorübergegangen. Es gab noch manche andere Gründe, so daß Dunja, noch vor sechs Wochen, in keinem Falle rechnen konnte, aus diesem schrecklichen Hause fortzukommen. Du kennst ja Dunja, weißt, wie klug sie ist, und welch festen Charakter sie besitzt. Dunetschka kann vieles ertragen, und im alleräußersten Falle findet sie immer noch so viel Stärke in sich, daß sie ihre Festigkeit bewahrt. Sie hat nicht mal mir über alles berichtet, um mich nicht aufzuregen, wir haben aber sonst einander oft geschrieben. Es kam jedoch eine unerwartete Lösung. Marfa Petrowna hörte zufällig, wie ihr Mann Dunetschka im Garten anflehte, und da sie alles falsch aufgefaßt hatte, gab sie Dunetschka die Schuld, in der Meinung, sie habe es eingefädelt. Es spielte sich im Garten zwischen ihnen eine fürchterliche Szene ab, -- Marfa Petrowna hat sogar Dunetschka geschlagen, wollte nichts hören, schrie aber selbst stundenlang fort und befahl schließlich, Dunja sofort zu mir in die Stadt zu bringen, -- auf einem gewöhnlichen Bauernwagen, in den man alle ihre Sachen, -- Wäsche, Kleider, alles, wie man es vorfand, ohne es zusammenzulegen und ohne einzupacken, hineinwarf. Bei strömendem Regen mit Schande und Schmach bedeckt, mußte Dunja siebzehn Werst weit im offenen Bauernwagen fahren. Nun überlege, was hätte ich dir, als Antwort auf deinen Brief vor zwei Monaten schreiben sollen? Ich war verzweifelt; die Wahrheit durfte ich dir nicht mitteilen, denn du wärest unglücklich, zornig und empört geworden, ja und was hättest du tun können? Vielleicht hättest du dich ins Verderben gestürzt. Und Dunetschka hatte es mir verboten. Den Brief aber mit Lappalien ausfüllen, während im Herzen solcher Kummer gräbt, habe ich nicht gekonnt. Einen Monat lang gingen in der ganzen Stadt allerhand Klatschereien über diese Geschichte herum, und es war so weit gekommen, daß ich mit Dunja vor verächtlichen Blicken und hämischem Flüstern nicht mal in die Kirche gehen konnte, selbst in unserer Gegenwart wurde laut darüber gesprochen. Alle Bekannten hatten sich von uns abgewandt, alle hatten aufgehört, uns zu grüßen, und ich erfuhr mit Bestimmtheit, daß die Kommis und einige Schreiber die Absicht hatten, uns eine niederträchtige Beleidigung anzutun, indem sie das Tor unseres Hauses mit Teer beschmieren wollten, so daß unsere Wirtsleute verlangten, wir möchten die Wohnung räumen. Das alles war das Werk von Marfa Petrowna; es war ihr gelungen, Dunja in allen Häusern zu beschuldigen und schlecht zu machen. Sie ist ja hier mit allen bekannt, und in diesem Monat kam sie fortwährend in die Stadt, und da sie ziemlich geschwätzig ist und über ihre Familienangelegenheiten zu erzählen liebt, besonders aber bei jedem und allen über ihren Mann klagt, was doch sehr häßlich ist, so hatte sich die ganze Geschichte in kurzer Zeit nicht bloß in der Stadt, sondern auch im Kreise verbreitet. Mich griff's hart an, Dunetschka aber war stärker, hättest du doch sehen können, wie sie alles ertrug, wie sie mich tröstete und mir Mut zusprach! Sie ist ein Engel! Aber dank der Barmherzigkeit Gottes nahmen unsere Qualen ein Ende, Herr Sswidrigailoff kam zur Besinnung, bereute alles, und wahrscheinlich aus Mitleid mit Dunja legte er Marfa Petrowna volle und klare Beweise der völligen Unschuld von Dunetschka vor, und zwar, -- einen Brief, den Dunja noch bevor Marfa Petrowna sie im Garten überraschte, ihm zu schreiben und zu übersenden sich gezwungen sah, um persönliche Erklärungen und das Verlangen geheimer Zusammenkünfte abzulehnen; dieser Brief war nach der Abreise von Dunetschka in den Händen des Herrn Sswidrigailoff geblieben. In diesem Briefe hatte sie ihn in eindringlichster Weise und mit voller Entrüstung gerade wegen seines ehrlosen Benehmens Marfa Petrowna gegenüber getadelt, ihm vorgehalten, daß er Vater und Gatte sei, und ihm schließlich zu verstehen gegeben, wie niedrig es von ihm sei, ein wehrloses und ohnedem schon unglückliches Mädchen zu quälen und noch unglücklicher zu machen. Mit einem Worte, lieber Rodja, dieser Brief ist so edel und rührend geschrieben, daß ich schluchzend ihn las und ihn jetzt noch nur unter Tränen lesen kann. Außerdem kamen zur Rechtfertigung Dunjas die Aussagen der Dienstboten hinzu, die wie gewöhnlich viel mehr gesehen und gehört hatten, als Herr Sswidrigailoff ahnte. Marfa Petrowna war außergewöhnlich bestürzt und >von neuem zerschmettert,< wie sie uns selbst gestand, aber völlig von der Schuldlosigkeit Dunetschkas überzeugt; am anderen Tage noch, einem Sonntage, fuhr sie direkt in die Kirche und flehte zur Mutter Gottes kniefällig und mit Tränen, ihr die Kraft zu geben, diese neue Prüfung zu überstehen und ihre Pflicht zu erfüllen. Aus der Kirche kam sie zu uns, ohne jemand anderen zu besuchen, erzählte uns alles, weinte bitter und umarmte Dunja voller Reue und bat inständig um ihre Verzeihung. Am selben Morgen noch ging sie gleich von uns in alle Häuser der Stadt, und überall erzählte sie unter Tränen und in für Dunetschka schmeichelhaftesten Ausdrücken von Dunjas Unschuld und ihrem edlen Gemüt und Benehmen. Und nicht genug damit, sie zeigte allen den eigenhändigen Brief Dunetschkas an Sswidrigailoff, las ihn laut vor und erlaubte sogar Abschriften von dem Briefe zu nehmen, -- was mir wirklich zu viel scheint. In dieser Weise mußte sie einige Tage nacheinander alles in der Stadt besuchen, weil mancher sich gekränkt fühlte, daß anderen der Vorzug erwiesen war; es wurde also eine Reihenfolge bestimmt, so daß man sie in jedem Hause zu einer festgesetzten Zeit erwartete, und alle wußten, daß an dem und dem Tage Marfa Petrowna dort und dort den Brief vorlesen würde, und zu jedem Vorlesen kamen Leute, auch solche, die den Brief schon ein paarmal, sowohl in ihrem eigenen Hause, als auch bei Bekannten, gehört hatten. Meiner Meinung nach war hierbei vieles, sehr vieles überflüssig, aber Marfa Petrowna hat nun mal so einen Charakter. Sie hat wenigstens die Ehre von Dunetschka vollkommen wiederhergestellt und was an dieser Sache prekär, fiel wie eine untilgbare Schande ihrem Mann, als dem allein Schuldigen zu Lasten, so daß er mir doch zuletzt leid tat; man ist zu streng mit diesem Wahnwitzigen umgegangen. Dunja wurde sofort aufgefordert, in einigen Häusern Unterricht zu geben, allein sie schlug es ab. Überhaupt begannen alle mit einem Male ihr eine besondere Achtung zu zeigen. Dies alles half hauptsächlich ein Ereignis herbeiführen, durch das sich, man kann wohl sagen, jetzt unser ganzes Schicksal ändert. Du sollst wissen, lieber Rodja, daß Dunja einen Antrag von einem Herrn erhalten hat und daß sie ihre Einwilligung bereits gegeben hat, was ich dir eilends hierdurch mitteile. Obwohl die Sache sich auch ohne deinen Ratschlag entschieden hat, wirst du wahrscheinlich weder über mich noch über deine Schwester ungehalten sein; du wirst selbst aus dem Verlauf der Angelegenheit ersehen, daß wir unmöglich warten und die Antwort bis zu dem Empfang deines Briefes hinausschieben konnten. Ja, und du hättest auch nur an Ort und Stelle alles genau beurteilen können. Es ging also folgendermaßen vor sich: Er ist schon Hofrat, heißt Peter Petrowitsch Luschin und ist ein weitläufiger Verwandter von Marfa Petrowna, die diese Angelegenheit sehr gefördert hat. Er begann damit, daß er durch Marfa Petrowna den Wunsch äußern ließ, mit uns bekannt zu werden; er wurde, wie es sich ziemt, empfangen, trank bei uns Kaffee, und am nächsten Tage schickte er einen Brief, in dem er sehr höflich seinen Antrag machte und um eine baldige und bestimmte Antwort bat. Er ist ein arbeitsamer und vielbeschäftigter Mann und will jetzt schleunigst nach Petersburg reisen, so daß für ihn jeder Augenblick kostbar ist. Selbstverständlich waren wir zuerst sehr überrascht, da dies schnell und unerwartet gekommen war. Wir erwogen und überlegten den ganzen Tag miteinander. Er ist ein zuverlässiger Mann, in gesicherten Verhältnissen, nimmt zwei Stellungen ein und besitzt schon eigenes Vermögen. Gewiß, er ist schon fünfundvierzig Jahre alt, hat aber ein ganz angenehmes Äußere und kann noch Frauen gefallen; ja, er ist überhaupt ein sehr solider und anständiger Mann, bloß ein wenig düster und anscheinend hochmütig. Aber vielleicht scheint es bloß so beim ersten Anblick. Ja, und ich gebe dir den guten Rat, lieber Rodja, wenn du ihn in Petersburg sehen wirst, was sehr bald geschehen kann, urteile nicht zu schnell und hitzig, wie es dir eigen ist, wenn bei der ersten Begegnung dir etwas an ihm nicht so gut gefallen will. Ich sage das bloß für alle Fälle, denn ich bin überzeugt, daß er auf dich einen angenehmen Eindruck machen wird. Zudem, um einen fremden Menschen einzuschätzen, muß man sich ihm allmählich und vorsichtig nähern, damit man keinen Fehler begeht und keine Voreingenommenheit faßt, die später sehr schwer zu berichtigen und zu beseitigen ist. Peter Petrowitsch ist, wenigstens nach vielen Anzeichen, ein sehr ehrenwerter Mann. Bei seinem ersten Besuche schon erklärte er, daß er ein resoluter Mann sei, aber daß er in vielem >die Überzeugungen der jüngeren Generation< -- wie er sich ausdrückte -- teile, und ein Feind von allen Vorurteilen sei. Er sprach noch über vieles, denn er scheint ein wenig eingebildet zu sein und es zu lieben, daß man ihm zuhöre, aber das ist ja kein Fehler. Ich habe natürlich wenig davon begriffen, aber Dunja versicherte mir, daß er keine sehr große Bildung besitze, aber ein kluger und wie es scheint, auch guter Mensch sei. Du kennst den Charakter deiner Schwester Rodja. Sie ist ein starkes, vernünftiges, geduldiges und großmütiges Mädchen, freilich auch feurigen Herzens, so wie ich sie kenne. Gewiß ist weder auf ihrer, noch auf seiner Seite eine besondere Liebe vorhanden, aber Dunja ist nicht allein ein kluges Mädchen, sondern gleichzeitig auch ein edles Wesen, ein Engel, und wird es sich zur Aufgabe stellen, das Glück des Mannes auszumachen, der seinerseits für ihr Glück Sorge tragen wird; daran aber zu zweifeln haben wir vorläufig keine Ursache, obwohl -- offen gestanden -- die Sache mir ein wenig zu schnell zustande kam. Außerdem ist er ein berechnender Mann, der sicher einsehen wird, daß sein eigenes Glück in der Ehe um so fester begründet ist, je glücklicher er Dunetschka macht. Was aber irgendwelche Unebenheiten des Charakters, irgendwelche alte Gewohnheiten und sogar ein gewisses Auseinandergehen in den Anschauungen anbetrifft -- (und das ist auch in den glücklichsten Ehen nicht zu vermeiden) -- so sagte mir Dunetschka, daß sie in dieser Hinsicht auf sich vertraut, daß es keinen Grund gibt, darüber beunruhigt zu sein und daß sie vieles ertragen kann, wenn nur gegenseitige Ehrlichkeit und Gerechtigkeit herrscht. Mir schien er zum Beispiel zuerst etwas hart, aber das kann auch von seiner Offenherzigkeit kommen und so wird es wohl auch sein. Bei seinem zweiten Besuche, als er das Jawort hatte, äußerte er im Gespräch, daß er schon früher, ehe er Dunja kennengelernt habe, beschlossen habe, ein ehrliches, aber armes Mädchen zu heiraten und unbedingt eines, das die Armut schon gekostet habe, denn ein Mann solle nach seiner Meinung seiner Frau durch nichts verpflichtet sein, sondern das sei das richtige, daß die Frau den Mann als ihren Wohltäter betrachte. Ich will hinzufügen, daß er sich ein wenig weicher und zarter ausdrückte, als ich es schreibe, denn ich habe den richtigen Wortlaut vergessen, erinnere mich bloß des Sinnes, und zudem hatte er das keineswegs mit Absicht gesagt, sondern hatte sich offenbar in Eifer gesprochen, darum versuchte er später, es abzuschwächen und zu mildern. Dennoch erschien es mir ein wenig zu scharf, und ich sprach darüber nachher mit Dunja. Sie aber antwortete mir sogar, daß >Worte noch keine Taten sind,< und das ist auch wahr. Ehe Dunja sich zu diesem Schritt entschloß, verbrachte sie eine schlaflose Nacht, und in der Meinung, daß ich schliefe, stand sie auf und ging die ganze Nacht im Zimmer auf und ab; schließlich ließ sie sich auf die Knie nieder und betete lange und inbrünstig vor der Mutter Gottes, und am andern Morgen erklärte sie mir, sie hätte sich entschieden.

Ich habe schon erwähnt, daß Peter Petrowitsch sich jetzt nach Petersburg begibt. Er hat dort große Geschäfte vor, will in Petersburg ein öffentliches Bureau als Advokat eröffnen. Er beschäftigt sich seit langem schon mit Vertretung von allerhand Zivilklagen und Prozessen, und hat vor kurzem einen bedeutenden Prozeß gewonnen. Nach Petersburg muß er auch deswegen reisen, weil er dort im Senate eine bedeutende Sache zu vertreten hat. So kann er auch dir, lieber Rodja, sehr nützlich sein, ja in jeder Hinsicht, und wir -- ich und Dunja -- meinen nun, daß mit dem heutigen Tage deine künftige Karriere mit Sicherheit beginnt und daß dein Schicksal klar vor Augen liegt. Oh, wenn es sich schon verwirklicht hätte! Das wäre so ein Glück, daß man es nicht anders, als eine unmittelbare Gnadenspende des Allmächtigen an uns betrachten müßte. Das ist Dunjas Traum. Wir haben schon gewagt, ein paar Worte in dieser Hinsicht Peter Petrowitsch zu sagen. Er äußerte sich vorsichtig und meinte, daß er gewiß ohne einen Sekretär nicht auskommen könne, und da sei es selbstverständlich besser, das Gehalt dafür einem Verwandten als einem Fremden zu zahlen, wenn er sich bloß für den Posten eigne, -- (du solltest dich dazu nicht eignen!) -- gleichzeitig aber zweifelte er, daß das Universitätsstudium die Zeit für die Arbeiten in seinem Bureau übrig ließe. Diesmal blieb die Angelegenheit dabei stehen, aber Dunja denkt an nichts anderes mehr als an diese Aussicht. Sie ist seit einigen Tagen fieberhaft erregt, und hat sich einen ganzen Plan ausgedacht, daß du nämlich späterhin Mitarbeiter und sogar Kompagnon von Peter Petrowitsch in seinen Rechtssachen werden könntest, um so mehr, als du in der juristischen Fakultät bist. Ich bin mit ihr vollkommen einig, lieber Rodja, teile alle ihre Pläne und Hoffnungen und halte ihre völlige Verwirklichung für möglich. Und trotzdem Peter Petrowitsch sich jetzt zurückhaltend verhält, was sehr erklärlich ist, da er dich noch nicht kennt, so ist Dunja fest überzeugt, daß sie alles durch ihren guten Einfluß auf ihren künftigen Mann erreichen wird. Wir haben uns natürlich in acht genommen, Peter Petrowitsch etwas von unseren Zukunftsträumen und hauptsächlich davon, daß du sein Kompagnon werden sollst, merken zu lassen. Er ist ein nüchterner Mann und hätte es vielleicht sehr kalt aufgenommen, weil er alles für Phantasterei angesehen hätte. Ebensowenig haben wir, weder ich, noch Dunja, einen Ton über unsere feste Hoffnung gesprochen, daß er uns helfen soll, dich mit Geld zu unterstützen, solange du auf der Universität bist; wir haben es deswegen unterlassen, weil es sich späterhin jedenfalls von selbst ergeben und weil er sicher ohne viele Worte es uns anbieten wird -- (er wird doch Dunetschka es nicht abschlagen können!) -- um so mehr, als du seine rechte Hand im Bureau werden kannst, und diese Unterstützung nicht als eine Wohltat, sondern als verdientes Gehalt empfangen sollst. Dunetschka will es so einrichten, und ich bin mit ihr vollkommen einverstanden. Außerdem unterließen wir es, darüber zu sprechen, weil ich bei eurer bevorstehenden Begegnung dich auf gleichem Fuße mit ihm stehen sehen wollte. Wenn Dunja mit ihm voll Entzücken über dich sprach, antwortete er, daß man jeden Menschen selbst zuerst sehen, und zwar sehr nah sehen müsse, um über ihn urteilen zu können, und daß er sich das Recht vorbehalte, seine Meinung über dich zu bilden, erst nachdem er dich kennengelernt habe. Weißt du was, mein teurer Rodja, mir scheint es aus gewissen Gründen, -- die übrigens gar nichts mit Peter Petrowitsch zu tun haben, sondern so meine eigenen gewissen, persönlichen, vielleicht auch altweibischen Launen sind, -- also mir scheint es, daß ich vielleicht besser tue, wenn ich nach ihrer Verheiratung allein, so wie jetzt, und nicht mit ihnen zusammenleben werde. Ich bin völlig überzeugt, daß er so erkenntlich und zartfühlend sein wird, selber mir das Angebot zu machen, bei der Tochter zu bleiben und wenn er darüber bis jetzt nicht gesprochen hat, so kam es selbstverständlich daher, weil es auch ohne Worte so anzunehmen ist, aber ich will es ablehnen. Ich habe in meinem Leben mehr als einmal erfahren, daß Schwiegermütter den Männern nicht besonders genehm sind, und ich möchte niemandem im geringsten zur Last fallen und möchte auch selbst vollkommen frei sein, solange ich noch einen Bissen zu essen und solche Kinder, wie dich und Dunetschka, zu lieben habe. Wenn es mir möglich ist, will ich mich in der Nähe von euch beiden niederlassen, denn das angenehmste habe ich zum Schluß des Briefes aufgehoben, Rodja. Erfahre nun, mein lieber Freund, daß wir alle vielleicht sehr bald wieder zusammen sein und alle drei uns nach fast dreijähriger Trennung umarmen werden! Es ist schon bestimmt beschlossen, daß ich und Dunja nach Petersburg kommen, wann aber -- das weiß ich noch nicht, in jedem Falle sehr, sehr bald, vielleicht schon in einer Woche. Alles hängt von den Anordnungen Peter Petrowitschs ab, der uns sofort, wenn er sich in Petersburg umgesehen hat, Nachricht geben will. Er will die Vorbereitungen zur Heirat aus verschiedenen Erwägungen möglichst beschleunigen, und wenn möglich, die Hochzeit noch vor dem großen Fasten feiern, sollte es aber infolge der kurzen Frist nicht ausführbar sein, dann gleich nach den Osterfeiertagen. Oh, mit welch einem Glück werde ich dich an mein Herz pressen! Dunja ist vor Freude dich wiederzusehen ganz aufgeregt und sagte einmal im Scherz, daß sie schon deswegen allein Peter Petrowitsch heiraten würde. Sie ist ein Engel! Sie schreibt dir nicht, hat mich aber gebeten, dir zu schreiben, daß sie über so vieles mit dir sprechen müsse, über so vieles, daß ihre Hand sich jetzt gegen die Feder sträube, denn in ein paar Zeilen könne man nichts mitteilen, sondern sich nur aufregen. Sie bat mich, dich innig, innig zu umarmen und dir unzählige Küsse zu senden. Trotzdem wir uns vielleicht sehr bald sehen werden, will ich dir doch in diesen Tagen Geld, soviel ich vermag, zuschicken. Jetzt, wo alle wissen, daß Dunetschka Peter Petrowitsch heiratet, hat sich auch mein Kredit plötzlich gebessert, und ich weiß bestimmt, daß Afanassi Iwanowitsch mir jetzt auf Konto der Pension sogar bis zu fünfundsiebzig Rubel zu leihen bereit ist, so daß ich dir vielleicht fünfundzwanzig oder auch dreißig Rubel schicken kann. Ich würde noch mehr schicken, aber ich fürchte unsere Reisekosten. Obwohl Peter Petrowitsch so gut war, einen Teil der Ausgaben für unsere Reise nach der Residenz zu übernehmen, -- er hat sich nämlich selbst angeboten, unser Gepäck und einen großen Koffer für seine Rechnung hinzuschicken (er arrangiert es in irgendeiner Weise durch Bekannte), müssen wir doch mit der Reise nach Petersburg rechnen und damit, daß man dort nicht ohne einen Groschen ankommen kann und wenigstens für die ersten paar Tage das Nötige haben muß. Wir haben übrigens alles genau überschlagen, und es zeigte sich, daß uns die Reise nicht zu teuer zu stehn kommt. Von uns bis zur Eisenbahn sind es nur neunzig Werst, und wir haben für jeden Fall mit einem bekannten Bauern schon abgeschlossen; die Fortsetzung der Reise aber werden wir, ich und Dunetschka, glücklich und zufrieden in der dritten Klasse machen. Dann kriege ich es vielleicht fertig, dir nicht nur fünfundzwanzig, sondern dreißig Rubel zu schicken. Nun aber genug: zwei Bogen habe ich voll geschrieben und es ist kein Platz mehr da. Unsere ganze Geschichte habe ich dir erzählt, -- nun, es hat sich auch ein Haufen Ereignisse angesammelt. Jetzt, mein teurer Rodja, umarme ich dich bis zu unserem nahen Wiedersehen und sende dir meinen mütterlichen Segen. Rodja, liebe deine Schwester Dunja; liebe sie so, wie sie dich liebt, und vergiß nicht, daß sie dich grenzenlos, mehr als sich selbst, liebt. Sie ist ein Engel und du Rodja, bist unser alles, unsere ganze Hoffnung und unser Trost. Sei du bloß glücklich, dann werden auch wir glücklich sein. Betest du zu Gott, Rodja, wie früher und glaubst du auch an die Güte des Schöpfers und unseres Erlösers? Ich fürchte im Herzen, daß der neueste moderne Unglaube auch dich berührt haben kann. Wenn es so ist, dann bete ich für dich. Erinnerst du dich, mein Lieber, wie du, als dein Vater noch lebte, in deiner Kindheit auf meinen Knien deine Gebete stammeltest, und wie glücklich waren wir alle damals. Lebe wohl, oder besser, -- auf Wiedersehen! Ich umarme dich innig, innig und küsse dich unzähligemal.

Dein bis zum Tode Pulcheria Raskolnikowa.«

Fast die ganze Zeit, während Raskolnikoff den Brief las, von den ersten Zeilen an, war sein Gesicht naß von Tränen; als er aber geendet hatte, war sein Gesicht bleich und zuckte, und ein hartes, bitteres, böses Lachen lag auf seinen Lippen. Er lehnte seinen Kopf an das dünne und abgenutzte Kissen und dachte lange, lange nach. Sein Herz schlug stark, und die Gedanken wogten hin und her. Es wurde ihm schließlich zu dumpf und eng in dieser gelben Kammer, die einem Käfig oder einem Kasten glich. Die Augen und die Gedanken verlangten eine freie Weite. Er nahm seinen Hut und ging hinaus, diesmal ohne Angst, jemand auf der Treppe zu begegnen: das hatte er vergessen. Er schlug den Weg in der Richtung nach Wassiljew Ostroff ein, den W.ski-Prospekt entlang, als hätte er dort eine eilige Angelegenheit, er ging aber, wie es seine Gewohnheit war, ohne den Weg zu beachten, flüsterte vor sich hin und sprach hin und wieder laut mit sich selbst; so daß er den Vorübergehenden auffiel, und viele hielten ihn für betrunken.

IV.

Der Brief der Mutter hatte ihn sehr erschüttert. Über die Hauptsache aber, das Moment, um das sich alles drehte, war er auch nicht einen Augenblick im Zweifel, nicht einmal während des Lesens. Ihrem Wesen nach war die Sache für ihn entschieden: »Diese Heirat kommt nicht zustande, solange ich lebe, und hol' der Teufel den Herrn Luschin!«

»Die ganze Geschichte ist klipp und klar,« murmelte er höhnisch lachend und im voraus triumphierend über die Folgen seines Entschlusses. »Nein, liebe Mama, nein, Dunja, ihr könnt mich nicht täuschen! ... Und da entschuldigen sie sich, daß sie mich nicht um Rat gefragt und ohne mich die Sache gemacht haben! Haben auch Grund dazu! Sie meinen, daß man es nicht mehr zerreißen kann; wir wollen mal sehen, ob es möglich ist oder nicht! Sie haben auch eine glänzende Ausrede gefunden -- Peter Petrowitsch sei so beschäftigt, so beschäftigt, daß er nicht anders, als per Postpferde, fast per Eisenbahn, heiraten kann. Nein, Dunetschka, ich durchschaue alles und weiß, worüber du mit mir so viel sprechen möchtest. Ich weiß auch, worüber du die ganze Nacht im Zimmer auf- und abgehend nachgedacht hast, und was du vor dem Bilde der Gottesmutter, das bei Mama im Schlafzimmer hängt, gebetet hast. Es ist schwer, Golgatha hinaufzugehen ... Hm ... Also es ist endgültig beschlossen. Awdotja Romanowna, Sie geruhen also einen tüchtigen und resoluten Mann zu heiraten, der eigenes Vermögen besitzt -- (der schon eigenes Vermögen besitzt, das ist solider und ehrfurchtgebietender) -- der zwei Stellungen einnimmt und der die Überzeugungen unserer jüngeren Generation teilt (wie Mama sagt) und der, wie es scheint, gut ist, wie Dunetschka selbst sagt. Dieses >wie es scheint< ist das großartigste dabei! Und Dunetschka heiratet dieses >wie es scheint<! ... Großartig! Großartig!

Es ist jedoch interessant, warum Mama mir über >die jüngere Generation< geschrieben hat? Bloß um die Person zu charakterisieren oder mit einer weitliegenden Absicht, -- um mich für Herrn Luschin günstig zu stimmen? Oh, ihr Schlauen! Es wäre auch interessant, noch einen Umstand aufzuklären, -- wie weit war an jenem Tage und in jener Nacht ihre beiderseitige Offenherzigkeit und auch in der folgenden Zeit? Wurde alles unter ihnen Wort für Wort besprochen, oder haben beide gefühlt, daß sie, eine wie die andere, ein und dasselbe auf dem Herzen hatten, so daß es überflüssig war, alles laut werden zu lassen und womöglich zu viel zu sagen. Sicher war es größtenteils so gewesen; man sieht's aus dem Briefe. Mama schien er ein wenig hart, und die naive Mama wandte sich sofort an Dunja mit Bemerkungen. Die wurde selbstverständlich böse und >antwortete verstimmt<. Das ist begreiflich! Wen wird es nicht wütend machen, wenn eine Sache auch ohne naive Fragen klar genug ist, und wenn ausgemacht ist, daß daran nicht mehr zu rütteln ist. Und warum schreibt sie mir: >Rodja, liebe Dunja! Sie liebt dich mehr als sich selbst<. Wird sie etwa im geheimen von Gewissensbissen gequält, daß sie eingewilligt hat, die Tochter für den Sohn zu opfern. >Du bist unser Trost, du bist unser Alles! Oh, Mama! ...<«

Der Zorn packte ihn immer stärker, und wäre Herr Luschin ihm jetzt begegnet, er hätte sich an ihm vergriffen!

»Hm ... das ist wahr,« spann er die Gedanken weiter, die sich wie im Wirbelwinde in seinem Kopfe drehten. »Das ist wahr, daß man sich >einem Menschen allmählich und vorsichtig nähern muß, um ihn kennenzulernen,< Herr Luschin ist einem auch so verständlich. Die Hauptsache ist >ein tüchtiger und wie es scheint guter Mensch<; es hat ja was zu sagen, daß er das Gepäck übernommen hat und für seine Rechnung den großen Koffer transportiert! Nun, ist er denn nicht gut? Die beiden aber, die Braut und die Mutter, akkordieren mit einem Bauern und reisen in einem mit Strohmatten gedeckten Wagen -- ich kenn es ja selber! Das hat ja auch nichts zu sagen! Es sind bloß neunzig Werst, weiter aber >fahren wir zufrieden und glücklich dritter Klasse< -- also über tausend Werst. Es ist auch vernünftig, -- man muß sich nach der Decke strecken; aber Sie, Herr Luschin, was denken Sie dabei? Es ist ja Ihre Braut ... Sollten Sie etwa nicht wissen, daß Mutter sich das Geld zur Reise auf ihre Pension hin leiht? Gewiß, Sie haben hier ein gemeinsames kaufmännisches Geschäft, ein Unternehmen auf gegenseitigen Vorteil und mit gleichlautenden Anteilen, folglich fallen die Ausgaben auch in gleiche Teile; wie nach dem Sprichworte, -- Salz und Brot zusammen, Tabak aber jeder für sich. Ja, aber auch hier hat der geschäftstüchtige Mann die beiden ein wenig übers Ohr gehauen, -- das Gepäck kommt ihm billiger als ihre Reise zu stehen, und vielleicht kostet das Gepäck ihm gar nichts. Sehen denn beide es nicht oder wollen sie es nicht sehen? Sie sind ja zufrieden, sind beide zufrieden! Wenn man aber denkt, daß dies erst der Anfang ist und daß das dicke Ende später nachkommt! Was fällt einem hier am meisten auf, -- nicht der Geiz, nicht die schmutzige Rechnerei, sondern der Ton des Ganzen. Das ist ja der künftige Ton nach der Verheiratung, die warnende Prophezeiung ... Ja, und die Mama, warum ist sie so flott? Mit was kommt sie nach Petersburg? Mit drei Rubel oder mit zwei >Scheinchen,< wie die ... Alte sagt ... hm! Wovon will sie denn in Petersburg leben? Sie hat schon aus irgendwelchen Anzeichen herausgefunden, daß sie mit Dunja nach der Verheiratung nicht zusammenleben kann, nicht mal in der ersten Zeit. Der liebe Mensch hat sich auch hier sicher irgendwie versprochen, hat es zu verstehen gegeben, obwohl Mama sich mit beiden Händen dagegen sträubt, -- >ich will,< sagt sie, >es selbst ablehnen<. Ja, auf was hofft sie denn noch -- mit ihrer Pension von hundertundzwanzig Rubel, von der noch die Schuld an Afanassi Iwanowitsch abgezogen wird? Sie strickt dann zu Hause Tücher, stickt Manschetten und verdirbt sich die alten Augen, und das bringt ihr zwanzig Rubel im Jahre ein zu der Pension, das kenne ich. Also, hofft man doch und baut auf die Freigiebigkeit und die Großmut des Herrn Luschin. >Er wird es mir selbst anbieten,< meint sie, >wird mich darum bitten.< Nein, darauf kann sie lange warten. So geht es stets diesen schönen Schillerschen Seelen, -- bis zum letzten Moment schmücken sie einen Menschen mit Pfauenfedern, bis zum letzten Moment glauben sie an das Gute und nicht an das Böse im Menschen; obwohl sie die Kehrseite der Medaille ahnen, belügen sie sich lieber selbst, weil sie sich vor der Wahrheit fürchten. Mit beiden Händen wehren sie sich dagegen, bis ihnen schließlich der ausgeschmückte Mensch eigenhändig einen Nasenstüber gibt. Es wäre interessant zu wissen, ob Herr Luschin Orden hat; ich gehe eine Wette ein, daß er den Orden der heiligen Anna im Knopfloche stecken hat und daß er ihn zu Diners bei allerhand Kaufleuten und Lieferanten trägt. Vielleicht wird er ihn auch zur Feier seiner Hochzeit anlegen! übrigens, hol ihn der Teufel! ... Nun, gegen Mama ist nichts zu sagen, sie ist einmal so, aber was ist mit Dunja? Liebe Dunetschka, ich kenne sie doch! Sie war bereits zwanzig Jahre alt, als wir uns zum letztenmal sahen, ihren Charakter habe ich schon damals verstanden. Die Mama schreibt >Dunetschka kann vieles ertragen<. Das wußte ich schon früher. Das wußte ich bereits vor zweiundeinhalb Jahren, und seit jener Zeit habe ich nachgedacht, zweiundeinhalb Jahre habe ich gerade darüber nachgedacht, wie vieles Dunetschka ertragen kann? Denn Herrn Sswidrigailoff mit all dem Folgenden ertragen zu können, heißt viel ertragen können. Jetzt aber meint sie, wie auch Mama, daß man den Herrn Luschin als zukünftigen Ehemann ebenfalls ertragen kann, der die Theorie über die Vorzüge von Frauen vertritt, die von Hause aus bettelarm sind und folglich von ihren Männern nur Wohltaten empfingen, und der dies fast bei der ersten Zusammmkunft auseinandersetzt. Nun, gut, wollen wir annehmen, er habe >sich versprochen,< obwohl er doch ein verständiger Mann ist, der sich vielleicht gar nicht versprochen, sondern sofort ihre richtige Stellung klargestellt wissen wollte, aber Dunja, Dunja, was ist mit ihr? Sie durchschaut doch den Menschen klar und deutlich, und muß mit ihm leben. Sie würde lieber schwarzes Brot essen und Wasser dazu trinken, als ihre Seele verkaufen; sie würde ihre sittliche Freiheit für keinen Komfort hergeben; für ganz Schleswig-Holstein würde sie sie nicht hergeben, geschweige denn für einen Herrn Luschin. Nein, Dunja war nicht so, soweit ich sie kannte, und ... hat sich sicher nicht verändert! ... Was ist da zu sagen! Sswidrigailoffs sind bitter! Es ist bitter, sein ganzes Leben als Gouvernante für zweihundert Rubel in der Provinz herumzuwandern, aber ich weiß, daß meine Schwester lieber als Neger zu einem Plantagenbesitzer oder als lettischer Bauer zu einem Deutschen in den Ostseeprovinzen sich verdingen würde, als ihren Geist und ihr sittliches Empfinden durch die Verbindung mit einem Manne zu besudeln, den sie nicht achtet und mit dem sie nichts verbindet -- auf ewig, aus persönlichem Vorteil bloß! Und wäre Herr Luschin sogar aus reinstem Golde oder aus einem einzigen Brillanten, auch dann würde sie nie einverstanden sein, die gesetzliche Bettgenossin des Herrn Luschin zu werden! Warum willigt sie denn ein? Wo ist der Schlüssel? Wo ist die Lösung? Die Sache ist klar, -- ihrer selber wegen, um eigener Annehmlichkeiten willen, selbst um sich vor dem Tode zu retten, wird sie sich nicht verkaufen, für einen anderen aber verkauft sie sich! Für einen geliebten, für einen vergötterten Menschen verkauft sie sich! Da haben wir das ganze Rätsel, -- für den Bruder, für die Mutter verkauft sie sich, verkauft ihr Bestes. Oh, hier wird man auch bei Gelegenheit das sittliche Empfinden unterdrücken; man wird die Freiheit, die Ruhe, das Gewissen sogar, alles, alles -- auf den Trödelmarkt bringen. Fahr dahin, Leben! Mögen bloß diese geliebten Wesen glücklich sein! Nicht genug dessen, man denkt sich noch eine eigene Kasuistik aus, geht bei den Jesuiten in die Lehre und beruhigt sich selbst vielleicht für eine Zeit, überzeugt sich selbst, daß es so gut sei, tatsächlich für einen guten Zweck nötig sei. Man ist nun einmal so, und alles ist so klar wie der Tag. Es ist ja selbstredend, daß hier niemand anders als Rodion Romanowitsch Raskolnikoff mitspricht und im Vordergrunde steht. Nun, warum denn auch nicht, -- man kann sein Glück begründen, ihn auf der Universität unterstützen, ihn zum Teilhaber machen, sein ganzes Schicksal sichern. Vielleicht wird er später ein reicher Mann, wird als angesehener, geachteter, auch vielleicht als berühmter Mann sein Leben beenden! Und die Mutter? Ja, es handelt sich um Rodja, den teuren Rodja, den Erstgeborenen! Und warum soll man nicht um solch eines Erstgeborenen willen selbst die Tochter opfern! Oh, ihr lieben und einfältigen Seelen! Man wird in diesem Falle vielleicht auch das Los einer Ssonjetschka nicht verschmähen! Ssonjetschka, Ssonjetschka Marmeladowa, die ewige Ssonjetschka, solange die Welt besteht! Habt ihr beide auch das Opfer, dieses Opfer genau ermessen? Habt ihr es? Reicht die Kraft aus? Ist es zum Besten? Ist es vernünftig? Wissen Sie auch Dunetschka, daß das Los von Ssonjetschka in keiner Weise schlimmer ist als Ihr Los mit Herrn Luschin? >Liebe ist nicht vorhanden,< schreibt die Mama. Was, wenn aber außer Liebe auch keine Achtung vorhanden ist, sondern im Gegenteil sich Widerwille, Verachtung und Ekel schon eingestellt haben, was dann? Und es kommt dabei auf eins heraus, daß man auch hier auf Sauberkeit achtgeben muß. Ist es nicht etwa so? Verstehen Sie, verstehen Sie auch, was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Verstehen Sie, daß die Sauberkeit der Frau von Luschin gleichbedeutend mit der Sauberkeit von Ssonjetschka ist, vielleicht aber auch schlimmer, gemeiner und ekliger, weil Sie, Dunetschka, doch mit einem Überschuß von Annehmlichkeiten rechnen, dort aber handelt es sich einfach ums Verhungern! Diese Sauberkeit kommt teuer, sehr teuer zu stehen, Dunetschka! Und wenn nun die Kräfte nicht ausreichen, werden Sie es bereuen? Wieviel Kummer, Trauer, Flüche und Tränen folgen nach, tief verborgen, da Sie doch keine Marfa Petrowna sind! Und was wird dann aus der Mutter werden? Sie ist jetzt schon voll Unruhe und quält sich; wie dann, wenn sie alles klar und deutlich durchschauen wird? Und was wird mit mir? ... Ja, was haben Sie denn tatsächlich von mir gedacht? Ich will Ihr Opfer nicht, Dunetschka, ich will es nicht, Mama! Es soll nicht geschehen, solange ich lebe, es soll nicht sein, nicht sein! Ich nehme es nicht an!«

Er kam plötzlich zu sich und blieb stehen.

»Es soll nicht geschehen! Was willst du denn tun, damit es nicht geschieht? Willst du es verbieten? Was für ein Recht hast du? Was kannst du ihnen versprechen, um dir solch ein Recht anzueignen? Dein ganzes Schicksal, die ganze Zukunft ihnen widmen, wenn du die Universität absolviert und eine Stelle erhalten hast? Davon haben wir gehört, das sind aber Träume, was nun, jetzt? Es muß doch jetzt etwas, sofort etwas getan werden, verstehst du? Was tust du jetzt? Du beraubst sie. Sie erhalten das Geld, indem sie die Pension von hundert Rubel versetzen und sich bei den Herrschaften Sswidrigailoff verdingen. Wie willst du sie, du zukünftiger Millionär, du Zeus, der über das Schicksal verfügt, wie willst du sie vor Sswidrigailoffs, vor Afanassi Iwanowitsch Wachruschin bewahren? Etwa nach zehn Jahren? Inzwischen wird die Mutter vor lauter Stricken, vielleicht auch von Weinen, längst erblindet sein; vielleicht vor lauter Fasten zugrunde gehen. Und die Schwester? Denk mal nach, was nach zehn Jahren oder in diesen zehn Jahren mit der Schwester geschehen kann? Ist es dir gegenwärtig?«

So quälte er sich und peitschte sich mit diesen Fragen; es bereitete ihm sogar einen gewissen Genuß. Und alle diese Fragen sie waren ihm nicht neu und unerwartet; sie waren alt, lange herumgetragen und längst vorhanden. Sie marterten sein Herz schon lange. Seit langer, sehr langer Zeit war in ihm diese Schwermut entstanden, war gewachsen, hatte sich angesammelt, war zur Reife gekommen, hatte sich konzentriert und die Form der entsetzlichen, wilden und phantastischen Frage angenommen, die sein Herz und seinen Kopf marterte und nach einer Lösung schrie. Der Brief von der Mutter hatte ihn jetzt wie ein Blitz getroffen. Jetzt war keine Zeit mehr, schwermütig zu sein, passiv zu leiden und zu erwägen, daß die Fragen unlösbar sind, sondern es muß unbedingt gehandelt werden, schnell gehandelt werden. Um jeden Preis muß ich mich für etwas entscheiden oder ...

»Oder sich vom Leben ganz und gar lossagen!« rief er plötzlich in größter Erregung aus. -- »Das Schicksal, so wie es ist, ein für allemal geduldig hinnehmen und alles in sich ersticken, sich von jeglichem Rechte zu wirken, zu leben und zu lieben, lossagen!«

»Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heißt, wenn man nirgendwo mehr hingehen kann?« erinnerte er sich plötzlich der gestrigen Frage Marmeladoffs, »denn es müßte doch so sein, daß jeder Mensch irgendwo hingehen könnte ...«

Plötzlich zuckte er zusammen, -- ein Gedanke, auch von gestern, ging wieder durch seinen Kopf. Er zuckte aber nicht zusammen, weil dieser Gedanke ihm neu war. Er kannte ihn schon, er ahnte, daß er unbedingt »kommen wird« und erwartete ihn sogar; auch war er nicht erst vom gestrigen Tage. Aber das andere war, daß dieser Gedanke vor einem Monat und von gestern noch bloß ein Traum war, jetzt aber ... jetzt erschien er ihm nicht mehr als Traum, sondern in einem neuen drohenden und völlig unbekannten Lichte, und er wurde dessen plötzlich bewußt ... Mit Keulenhieben schlug es ihn nieder, und vor seinen Augen wurde es dunkel. Er sah sich schnell um, als suche er etwas. Er wollte sich hinsetzen und suchte eine Bank; er war auf dem K.schen Boulevard. Nicht weit von ihm, etwa hundert Schritte, bemerkte er eine. Er ging eiligst darauf zu, auf dem Wege dahin aber ereignete sich ein Zwischenfall, der auf einige Minuten seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Während er sich nach einer Bank umsah, bemerkte er -- ungefähr zwanzig Schritte vor sich -- eine Frauensperson, zuerst schenkte er ihr so wenig Beachtung, wie all den Gegenständen, die an ihm vorbeiglitten. Es geschah ihm oft, daß er nach Hause kam und sich des Weges nicht entsann, den er gegangen war; so dahinzuwandern war ihm zur Gewohnheit geworden. Die Frauensperson aber, die vor ihm ging, hatte so etwas Sonderbares und Auffallendes an sich, daß seine Aufmerksamkeit allmählich an ihr haften blieb, -- zuerst gegen seinen Willen und zu seinem Verdruß, dann aber mit sich steigerndem Interesse. Er wollte sich klarmachen, was an dieser Frauensperson Sonderbares war. Sie war wahrscheinlich ein noch sehr junges Mädchen; ging in dieser Hitze mit unbedecktem Kopfe, ohne Sonnenschirm und ohne Handschuhe und pendelte eigentümlich mit den Armen. Sie hatte ein leichtes seidenes Kleidchen an, das sehr bedenklich angezogen und kaum zugeknöpft war, und hinten an der Taille, gerade, wo der Rock anfing, war es zerrissen, ein ganzes Stück hing lose herunter. Um den entblößten Hals war ein kleines Tuch umgeworfen und fiel auf der einen Seite schief herab. Außerdem fiel es ihm auf, daß das Mädchen unsicher ging, stolperte und sogar schwankte. Diese Erscheinung erregte also die ganze Aufmerksamkeit Raskolnikoffs. Er holte das Mädchen bei der Bank ein; sie aber warf sich in eine Ecke der Bank, lehnte den Kopf an die Rücklehne und schloß die Augen, anscheinend vor äußerster Ermattung. Als Raskolnikoff sie näher ansah, begriff er sofort, daß sie völlig betrunken war. Es war ein so sonderbarer und widerwärtiger Anblick, daß er an seiner Wirklichkeit zweifelte. Er sah vor sich ein junges Gesichtchen von sechzehn, oder gar erst fünfzehn Jahren, mit hellblonden Haaren, sehr hübsch, aber unnatürlich gerötet und allem Anscheine nach ein wenig aufgedunsen. Das junge Mädchen schien nicht ganz bei Bewußtsein zu sein; das eine Bein hatte sie über das andere geschlagen und weiter vorgestreckt, als anständig war; jedenfalls war es ihr nicht bewußt, daß sie auf der Straße war.

Raskolnikoff setzte sich nicht hin, wollte aber auch nicht weggehen; er blieb unschlüssig vor ihr stehen. Dieser Boulevard ist immer ziemlich leer, jetzt aber in der zweiten Nachmittagsstunde und bei dieser Hitze war fast niemand zu sehen. Nur etwa fünfzehn Schritte weiter, am Ende des Boulevards war seitwärts ein Herr stehengeblieben, der allem Anscheine nach die größte Lust hatte, an das junge Mädchen mit gewissen Absichten heranzutreten. Er hatte sie wahrscheinlich von weitem erblickt und war ihr nachgeeilt, Raskolnikoff aber hatte seinen Weg gekreuzt. Er warf ihm feindliche Blicke zu, die unbemerkt bleiben sollten und wartete voll Ungeduld, bis der Lump fortgegangen wäre, und er zu seinem Rechte käme. Die Sache war klar. Der Herr war etwa dreißig Jahre alt, kräftig, wohlgenährt, mit roten Lippen und kleinem Schnurrbart, und sehr elegant gekleidet. Raskolnikoff ärgerte sich über ihn; er bekam plötzlich Lust, diesen gutgenährten Gecken in irgendeiner Weise zu beleidigen. So verließ er das junge Mädchen und trat an den Herrn heran.

»He, Sie Sswidrigailoff! Was suchen Sie hier?« rief er ihm zu, ballte die Fäuste und lachte mit vor Wut bleichen Lippen.

»Was soll das heißen?« fragte der Herr streng, zog die Augenbrauen zusammen und maß ihn mit einem hochmütigen Blick.

»Sie sollen sich packen, heißt das!«

»Wie wagst du, Kanaille! ...«

Und er erhob sein Stöckchen. Raskolnikoff stürzte sich mit geballten Fäusten auf ihn, vollständig vergessend, daß der kräftige Herr mit ein paar solchen, wie er, fertig würde. In diesem Augenblicke aber packte ihn jemand von hinten, und zwischen beide trat ein Schutzmann.

»Ich bitte, meine Herren, sich nicht an öffentlichen Plätzen zu prügeln. Was wünschen Sie? Wer bist du?« wandte er sich streng an Raskolnikoff, nachdem er dessen Lumpen erblickt hatte.

Raskolnikoff sah ihn aufmerksam an. Es war ein braves Soldatengesicht mit grauem Schnurrbart und Backenbart und einem verständigen Blick.

»Sie brauche ich gerade,« rief er aus und faßte ihn bei der Hand. »Ich bin der ehemalige Student Raskolnikoff ... Das können auch Sie erfahren!« wandte er sich an den Herrn. »Kommen Sie bitte mit, ich will Ihnen etwas zeigen ...«

Er nahm den Schutzmann bei der Hand und führte ihn zu der Bank.

»Sehen Sie, sie ist ganz betrunken, soeben kam sie von dem Boulevard her. Wer weiß, wer sie ist, aber sie sieht nicht aus, wie eine gewerbsmäßige. Es ist wahrscheinlicher, daß man sie irgendwo betrunken gemacht und verführt hat ... zum erstenmal ... verstehen Sie ... und hat sie dann auf die Straße gebracht. Sehen Sie, wie das Kleid zerrissen ist, sehen Sie, wie es angezogen ist, -- man hat sie angekleidet, nicht sie selber, und ungeschickte Hände, Männerhände haben sie angekleidet. Das sieht man doch. Sehen Sie aber bitte dorthin, -- diesen Geck, mit dem ich mich soeben beinahe geprügelt hätte, kenne ich nicht, ich sehe ihn zum erstenmal. Er hat sie auch auf der Straße bemerkt, hat gesehen, daß sie betrunken, besinnungslos betrunken ist, und nun möchte er furchtbar gern an sie herankommen, und sie abfangen, und sie in diesem Zustande irgendwo hinschleppen ... Es ist sicher so, glauben Sie mir, ich irre mich nicht. Ich habe gesehen, wie er sie beobachtet und verfolgt hat, ich habe ihn bloß daran gehindert, und er wartet nun, bis ich weggehe. Sehen Sie, er ist jetzt ein paar Schritte weitergegangen und bleibt stehen, als drehe er sich eine Zigarette ... Wie können wir sie ihm entreißen? Wie können wir sie nach Hause schaffen, -- denken Sie doch darüber nach!«

Der Schutzmann hatte im Nu alles verstanden und begriffen. Die Absichten des kräftigen Herrn waren ihm klar, mit dem jungen Mädchen aber mußte etwas geschehen. Der Veteran beugte sich über sie, um sie näher zu betrachten und ein aufrichtiges Mitleid drückte sich in seinen Zügen aus.

»Ach, wie schade!« sagte er und schüttelte den Kopf. »Sie ist ja noch ein Kind. Man hat sie verführt, das ist sicher. Hören Sie, mein Fräulein,« begann er sie zu rufen. »Wo wohnen Sie?«

Das junge Mädchen öffnete die müden, schläfrigen Augen, blickte stumpf den Fragenden an und machte eine abwehrende Handbewegung.

»Hören Sie,« sagte Raskolnikoff. »Hier haben Sie,« er suchte in der Tasche und zog zwanzig Kopeken hervor, die er noch fand, »hier haben Sie zu einer Droschke, und lassen Sie sie durch einen Kutscher nach Hause bringen. Wenn wir bloß Ihre Wohnung erfahren könnten.«

»Fräulein, hören Sie, Fräulein!« begann von neuem der Schutzmann, nachdem er das Geldstück in Empfang genommen hatte. »Ich will Ihnen sofort eine Droschke besorgen und will Sie selbst begleiten. Wohin befehlen Sie? Ah? Wo wohnen Sie?«

»Geht fort! ... Laßt mich in Ruhe! ...« murmelte das Mädchen und wehrte von neuem mit der Hand ab.

»Ach, wie schlecht! Ach, welch eine Schande, Fräulein, welch eine Schande!« sagte der Schutzmann und schüttelte mit dem Kopfe, in Entrüstung und Mitleid. »Das ist eine Aufgabe!« wandte er sich an Raskolnikoff und sah ihn wieder flüchtig von Kopf bis zu Füßen an. Wahrscheinlich erschien er ihm merkwürdig, -- ein Mensch in solchen Lumpen, der Geld hergab.

»Haben Sie sie weit von hier gefunden?« fragte er ihn.

»Ich sagte Ihnen -- sie ging mit wankenden Schritten vor mir, hier, auf dem Boulevard. Als sie zu der Bank kam, fiel sie sofort hin.«

»Ach, welch eine Schande jetzt in der Welt herrscht, Herrgott! So blutjung und schon betrunken! Man hat sie verführt, das ist sicher. Auch das Kleidchen ist zerrissen ... Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift ... Ja, sie wird wahrscheinlich eine Adlige sein, von den armen ... Jetzt gibt es viele solche. Dem Aussehen nach ist sie von den zarten, ganz wie ein Fräulein ...« und er beugte sich wieder über sie.

Vielleicht wuchsen bei ihm zu Hause auch solche Töchter heran, »ganz wie Fräuleins und von den zarten,« mit Gewohnheiten der Feinerzogenen und mit angenommener Modesucht ...

»Die Hauptsache ist,« sagte Raskolnikoff, »daß dieser Schuft sie nicht bekommt! Warum soll er sie noch schänden! Man sieht ja, was er will, sehen Sie, der Schuft, er geht nicht weg.«

Raskolnikoff sprach laut und zeigte mit der Hand auf ihn. Jener hörte es und wollte wieder böse werden, aber besann sich und begnügte sich mit einem verächtlichen Blick. Dann ging er langsam zehn Schritt weiter und blieb wieder stehen.

»Das kann man verhindern, daß er sie bekommt,« antwortete der Schutzmann in Gedanken. »Wenn sie bloß sagen würde, wohin man sie bringen soll, so aber ... Fräulein, hören Sie, Fräulein!« er beugte sich zu ihr.

Sie öffnete plötzlich die Augen, blickte aufmerksam die beiden an, als hätte sie etwas verstanden, stand von der Bank auf und ging in dieselbe Richtung zurück, woher sie gekommen war.

»Pfui, schämt euch, könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen!« sagte sie und wehrte wieder mit der Hand ab.

Sie ging schnell, aber auch, wie früher, stark schwankend.

Der feine Herr ging ihr nach, aber in einer anderen Allee, und verlor sie nicht aus den Augen.

»Haben Sie keine Sorge, ich will schon aufpassen!« sagte entschlossen der bärtige Schutzmann und folgte dem Mädchen.

»Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift!« wiederholte er laut und seufzte.

Plötzlich schien Raskolnikoff mit einem Schlage wie verwandelt.

»Hören Sie mal!« rief er dem Schutzmann nach. Der wandte sich um.

»Lassen Sie es. Was geht es Sie an? Lassen Sie es. Möge er sich amüsieren« (er zeigte auf den Stutzer). »Was geht es Sie an?«

Der Schutzmann begriff ihn nicht und starrte ihn an. Raskolnikoff lachte auf.

»Na nu!« sagte der Schutzmann, machte eine abwehrende Handbewegung und ging dem Stutzer und dem jungen Mädchen nach; wahrscheinlich hielt er Raskolnikoff entweder für einen Verrückten oder für etwas Schlimmeres.

»Meine zwanzig Kopeken hat er mitgenommen!« sagte Raskolnikoff wütend, als er allein zurückgeblieben war. »Nun, mag er auch von dem, von dem andern nehmen und das Mädchen mit ihm gehen lassen, damit wird es auch enden ... Und wozu habe ich mich hineingemischt? Um zu helfen? Steht es mir denn zu, jemand zu helfen? Habe ich denn ein Recht dazu? Mögen sie doch einander lebendig auffressen, -- was geht es mich an? Und wie durfte ich diese zwanzig Kopeken fortgeben? Gehören sie denn mir?«

Bei diesen sonderbaren Worten wurde es ihm schwer zumute. Er setzte sich auf die nun leere Bank. Seine Gedanken waren verwirrt ... Und es war ihm kaum möglich, in diesem Augenblicke einen Gedanken zu fassen. Er wollte sich vollkommen vergessen, alles vergessen, dann erwachen und ganz von neuem beginnen ...

»Armes Mädchen!« sagte er, nachdem er die leere Ecke der Bank erblickte. »Sie wird zu sich kommen, wird weinen, und dann erfährt es die Mutter ... Zuerst wird sie sie schlagen, ihr die Rute geben, schmerzhaft und schmachvoll, vielleicht wird sie sie aus dem Hause jagen ... Und wenn sie sie nicht verjagt, werden es doch allerhand Darjas Franzowna erfahren, und das Mädchen wird aus einer Hand in die andere gehen ... Dann folgt das Krankenhaus -- und das passiert stets mit denen, die bei sehr ehrenwerten Müttern leben und im geheimen lose Streiche verüben, -- nun, und dann ... folgt wieder das Krankenhaus ... Wein ... Kneipen ... und dann nochmals das Krankenhaus ... und in zwei oder drei Jahren ist sie ein Krüppel, und im ganzen hat sie ein Alter von neunzehn oder auch bloß achtzehn Jahren erreicht ... Habe ich denn nicht genug solche gesehen? Wie sind sie aber so geworden? So und nicht anders sind sie es geworden ... Pfui! Mögen Sie es! Man sagt, es muß so sein. Jedes Jahr, sagt man, muß ein gewisser Prozentsatz draufgehen ... irgendwohin ... wahrscheinlich zum Teufel, um die übrigen zu erfrischen und ihnen nicht hinderlich zu sein. Prozentsatz! Die Menschen haben in der Tat herrliche Worte gefunden, -- sie sind so beruhigend und wissenschaftlich noch dazu. Es ist gesagt -- ein Prozentsatz muß sein, also kein Anlaß, um sich zu beunruhigen. Ja, hätte man ein anderes Wort dafür, nun dann ... würde es vielleicht beunruhigender sein ... Was aber, wenn auch Dunetschka in irgendeiner Weise in diesen Prozentsatz hineinkommt! ... Und wenn nicht in diesen, dann in einen anderen! ... Aber wohin gehe ich denn?« -- dachte er plötzlich. -- »Sonderbar. Ich ging doch aus irgendeinem Grunde von Hause weg. Als ich den Brief gelesen hatte, ging ich fort ... Ich ging zu Rasumichin auf Wassiljew Ostroff ... jetzt erinnere ich mich. Aber wozu denn eigentlich? Und warum kam mir gerade jetzt der Gedanke zu Rasumichin zu gehen? Das ist sonderbar.«

Er wunderte sich über sich selbst. Rasumichin war einer von seinen früheren Kommilitonen. Raskolnikoffs Eigentümlichkeit auf der Universität war, daß er fast keine Bekannten hatte, sich von allen zurückzog, zu niemandem hinging und ungern jemand bei sich empfing. Bald wandte man sich auch von ihm ab. Weder an gemeinsamen Zusammenkünften, noch an Gesprächen, noch an Zerstreuungen -- an nichts nahm er teil. Er arbeitete sehr eifrig, ohne auf sich Rücksicht zu nehmen; man achtete ihn deswegen, aber niemand liebte ihn. Er war sehr arm, abweisend stolz und unmitteilsam, als ob er etwas zu verheimlichen hätte. Manchem seiner Kommilitonen schien es, als sehe er auf sie alle, wie auf Unmündige herab, als hätte er sie alle in der Entwicklung, im Wissen und in Lebensanschauung überholt und als betrachte er ihre Anschauungen und ihre Interessen wie etwas Unreifes.

Rasumichin war er aus irgendeinem Grunde nähergekommen, das heißt, eigentlich nicht so nähergekommen, daß er ihm gegenüber mitteilsam und offener geworden wäre. Man konnte eben zu Rasumichin in keinem anderen Verhältnisse stehn. Er war ein ungemein lustiger und mitteilsamer Bursche und gut bis zur Einfalt. Unter dieser Einfalt verbargen sich jedoch Tiefe und Würde. Die besten seiner Kameraden wußten es, und alle liebten ihn. Er war sehr klug, konnte aber zuweilen wirklich täppisch sein. Sein Äußeres war charakteristisch -- hochgewachsen, hager, schwarzhaarig und immer schlecht rasiert. Zuweilen suchte er Händel und genoß den Ruf eines bärenstarken Menschen. Eines Nachts hatte er in einer lustigen Gesellschaft mit einem Hiebe einen baumlangen Hüter der Ordnung niedergeschlagen. Trinken konnte er unmenschlich, aber er konnte auch wieder gar nicht trinken; manchmal verübte er Streiche, die ans Unerlaubte grenzten, aber er konnte auch Ruhe halten. Rasumichin war es auch eigen, daß ihn kein Mißerfolg verblüffte, und das Schlimmste schien ihn nicht beugen zu können. Er vermochte es, gegebenenfalls auf einem Dachboden zu hausen, höllischen Hunger und ungewöhnliche Kälte zu ertragen. Er war sehr arm und verschaffte sich ganz und gar seinen Unterhalt durch alle möglichen Arbeiten, für die er eine Unmenge Quellen hatte. Einmal verbrachte er einen ganzen Winter im ungeheizten Zimmer und begründete es damit, daß es sich in der Kälte besser schliefe. Gegenwärtig war er ebenfalls gezwungen, die Universität zu verlassen, aber nicht auf lange Zeit, und er mühte sich aus allen Kräften, seine Verhältnisse zu verbessern, um das Studium wieder fortsetzen zu können. Raskolnikoff war seit vier Monaten nicht bei ihm gewesen, Rasumichin aber wußte sogar nicht dessen Wohnung. Vor zwei Monaten war er ihm einmal zufällig auf der Straße begegnet. Raskolnikoff aber hatte sich abgewandt und war sogar auf die andere Seite hinübergegangen, damit Rasumichin ihn nicht sehen sollte. Rasumichin hatte ihn wohl erkannt, ging aber ebenso vorbei, weil er den Freund nicht stören wollte.

V.

»Ich hatte noch vor kurzem wirklich die Absicht, Rasumichin um Arbeit zu bitten, daß er mir Stunden oder etwas anderes verschaffen solle ...« dachte Raskolnikoff. -- »Aber womit kann er mir jetzt helfen? Gesetzt den Fall, er verschafft mir Stunden, ja, gesetzt den Fall, er teilt mit mir sein letztes Gerstchen, wenn er eines hat, so daß ich mir selbst Stiefel kaufen und meine Kleidung instand setzen kann, um Stunden zu geben ... hm ... Aber was weiter? Was kann ich mit den paar Groschen machen? Ist es das, was ich jetzt brauche? Es ist lächerlich, daß ich zu Rasumichin gehe ...«

Die Frage, warum er jetzt zu Rasumichin gehe, beunruhigte ihn mehr, als er sich selbst eingestehen wollte, und voll Unruhe suchte er eine böse Bedeutung in dieser anscheinend ganz gewöhnlichen Handlung.

»Wie will ich nur die ganze Angelegenheit durch Rasumichin in Ordnung bringen, habe ich denn als letzten Ausweg nur Rasumichin gefunden?« fragte er verwundert sich selbst.

Er dachte nach und rieb sich die Stirn, und plötzlich, ganz unerwartet, überraschte ihn nach langem Sinnen ein neuer Gedanke.

»Hm ... zu Rasumichin ...« sagte er auf einmal völlig ruhig, wie fest entschlossen. »... zu Rasumichin gehe ich bestimmt ... aber nicht jetzt ... Ich will zu ihm hingehen ... am andern Tage nach dem ... wenn das schon vorbei ist, und wenn ich von vorne anfange ...«

Da kam er zu sich.

»Nach dem,« rief er aus und sprang von der Bank auf. »Ja, wird das überhaupt geschehen? Wird es tatsächlich geschehen?«

Er ging fort, ja er rannte beinahe fort; er wollte nach Hause zurückkehren, doch das war ihm entsetzlich, zu Hause, -- dort in der Ecke, zwischen den vier öden Wänden, über einen Monat schon reifte der grausige Plan -- und er ging, wohin die Füße ihn führten.

Sein nervöses Zittern ging in ein fieberhaftes über; er empfand Schüttelfrost, Frost in dieser Hitze! Fast bewußtlos, mit großer Überwindung begann er alles, was ihm begegnete, zu betrachten, als suche er Zerstreuung, aber das gelang ihm schlecht, er überraschte sich immer wieder bei seinem Gespenst. Wenn er aber auffahrend wieder den Kopf erhob und sich ringsum umblickte, vergaß er sofort, worüber er soeben nachgedacht hatte und wo er war. In dieser Weise durchwanderte er den ganzen Wassiljew Ostroff, kam zu der kleinen Newa hinaus, überschritt die Brücke und wandte sich den Inseln zu. Das frische Grün und die erquickende Luft taten seinen müden Augen wohl, die an Stadtstaub, Kalk und an beengende und bedrückende Häuser doch gewöhnt waren. Hier gab es weder eine dumpfe Luft, noch Gestank, noch Schenken. Doch es währte nicht lange, und es gingen auch diese neuen angenehmen Empfindungen in krankhafte und aufregende über. Ab und zu blieb er vor einer aus üppigem Grün lugenden Villa stehn, blickte durch den Zaun hindurch und sah in der Ferne auf den Balkonen und Terrassen elegante Frauen und in den Gärten spielende Kinder. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er den Blumen, sie schaute er am längsten an. Er begegnete auch schönen Wagen, Reitern und Amazonen, verfolgte sie voll Neugier mit den Blicken und vergaß sie, wenn sie kaum seinen Augen entschwunden waren. Einmal blieb er auch stehn und zählte sein Geld nach -- es waren etwa dreißig Kopeken.

»Zwanzig gab ich dem Schutzmann, drei für den Brief an Nastasja, also habe ich gestern Marmeladoffs siebenundvierzig oder fünfzig Kopeken hinterlassen,« dachte er, indem er aus irgendeinem Grund nachrechnete, bald aber hatte er vergessen, warum er das Geld aus der Tasche hervorgeholt hatte.

Er erinnerte sich wieder daran, als er an einer Speiseanstalt, einer Art Garküche, vorbeiging und fühlte, daß er Hunger hatte. Er trat ein, trank ein Gläschen Branntwein und nahm eine Pastete, die er auf dem Wege zu Ende aß. Er hatte sehr lange schon keinen Branntwein mehr getrunken, der tat denn auch im Nu seine Wirkung, obwohl es nur ein einziges Gläschen war. Seine Füße wurden schwer, und er fühlte einen starken Drang zu schlafen. Er kehrte um, um nach Hause zu gehen, als er aber Petrowski Ostroff schon erreicht hatte, blieb er in völliger Erschöpfung stehen, ging abseits des Weges in ein Gebüsch, fiel aufs Gras hin und schlief im selben Augenblick ein. In krankhaften Zuständen zeichnen sich Träume oft durch ungewöhnliche Deutlichkeit, Klarheit und außerordentliche Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit aus. Es erscheint zuweilen ein seltsames Bild, die Umgebung aber und der ganze Gang der Vorstellung sind so wahrscheinlich und mit solchen feinen unerwarteten und dem Gesamtbilde künstlerisch entsprechenden Einzelheiten verbunden, daß derselbe Träumer sie in Wirklichkeit nicht so ausdenken kann, mag er auch selbst ein Künstler, wie Puschkin oder Turgenjeff sein. Solche krankhafte Träume bleiben stets lange in der Erinnerung haften und üben einen starken Eindruck auf den zerrütteten und angegriffenen Organismus eines Menschen aus. Raskolnikoff hatte solch einen Traum. Er träumt sich als Kind in der kleinen Provinzialstadt. Er ist sieben Jahre alt und geht an einem Feiertage gegen Abend mit seinem Vater außerhalb der Stadt spazieren. Es ist eine graue trübe Zeit, der Tag drückend, die Gegend genau so, wie sie in seiner Erinnerung lebt; in seiner Erinnerung ist sie ihm nicht so klar, als sie ihm jetzt im Traume erscheint. Das Städtchen liegt vor ihm, wie ein aufgeschlagenes Buch; ringsum kein Weidenstrauch; sehr weit, ganz am Horizonte hebt sich dunkel ein Wäldchen ab. Einige Schritte von dem äußersten städtischen Gemüsegarten steht eine Schenke, eine große Schenke, die auf ihn stets einen höchst unangenehmen Eindruck machte, ihm Furcht einflößte, wenn er auf dem Spaziergange mit dem Vater vorbeiging. Dort traf man stets eine große Menge an; sie brüllten, lachten, schimpften, sangen so scheußlich und heiser, und prügelten sich so oft; rings um die Schenke lungerten stets betrunkene und schreckliche Gestalten ... Wenn er ihnen begegnete, drückte er sich fester an den Vater und zitterte am ganzen Körper. Neben der Schenke führte ein Weg, ein Landweg vorbei, stets mit schwarzem Staub bedeckt. Der Weg zog sich schlängelnd weiter, und etwa nach dreihundert Schritten bog er rechts um den städtischen Friedhof ab. Mitten auf dem Friedhofe erhob sich eine steinerne Kirche mit grüner Kuppel, in die er ein paarmal im Jahre mit Vater und Mutter zum Gottesdienst ging, wenn für seine längst verstorbene Großmutter, die er nie gesehen hatte, eine Seelenmesse abgehalten wurde. Da nahmen sie stets »Kutje«[7] auf einem weißen Teller, in einer Serviette, mit, und die »Kutje« war aus Zucker, Reis und Rosinen zubereitet, und die Rosinen waren in Form eines Kreuzes in den Reis gesteckt. Er liebte diese Kirche und die alten Heiligenbilder, die meist ohne Einfassung waren, und den alten Priester mit dem zitternden Haupte. Neben dem Grabhügel der Großmutter, auf dem ein Grabstein war, lag auch das kleine Grab seines jüngsten Bruders, der sechs Monate alt gestorben war, und den er auch nicht gekannt hatte, an dessen Dasein er sich nicht erinnern konnte. Man hatte ihm aber erzählt, daß er einen kleinen Bruder gehabt habe, und jedesmal, wenn er den Friedhof besuchte, bekreuzigte er sich voll Andacht an dem kleinen Grabhügel, verneigte sich und küßte die Erde. Und nun träumte er: er geht mit dem Vater zum Friedhof, und sie gehen an der Schenke vorbei; er hält den Vater an der Hand und blickt voll Schrecken zu der Schenke hin. Ein besonderer Umstand fesselt seine Aufmerksamkeit, -- diesmal scheint hier ein Volksfest zu sein, ein Haufen geputzter Bürgerfrauen, Weiber, Männer und allerhand Gesindel steht da herum. Alle sind betrunken, alle singen, und neben der Treppe der Schenke steht ein Wagen -- ein seltsamer Wagen. Es ist ein großer Wagen, vor den große Lastpferde gespannt werden, und auf dem man Waren und Weinfässer befördert. Er liebt es, diesen ungeschlachten Gäulen mit den langen Mähnen und den dicken Beinen zuzusehen, wie sie langsam in gleichmäßigem Schritt dahinschreiten, einen ganzen Berg ohne die geringste Anstrengung hinter sich herziehend, als wäre es ihnen leichter mit dem Wagen als ohne ihn zu gehen. Jetzt aber war merkwürdigerweise vor solch einen großen Wagen ein kleines, mageres, braunes Bauernpferd gespannt, eines von jenen, die -- wie er es oft gesehen hatte -- sich mit hochbeladenen Wagen voll Holz oder Heu abquälen müssen, um so mehr, wenn der Wagen im Schmutze oder in alten Wagenspuren stecken bleibt. Dann hauen die Bauern darauf los, peitschen sie schmerzhaft, oft auf das Maul und über die Augen. Das tut ihm so weh, so weh anzusehen, daß ihm die Tränen kommen; die Mutter führt ihn dann immer von dem Fenster fort. -- Plötzlich erhebt sich ein Lärm -- aus der Schenke kommen mit Geschrei, Gesang und mit Balalaikas[8] betrunkene, völlig betrunkene, große Bauern heraus, in blauen und roten Hemden, mit übergeworfenen Mänteln.

»Setzt euch, setzt euch alle!« ruft einer, ein junger Bursche mit dickem Halse und fleischigem, dunkelrotem Gesichte. -- »Ich fahre euch alle hin, setzt euch darauf!« Mit lautem Lachen erschollen die Ausrufe:

»So eine Schindmähre soll uns ziehen.«

»Bist du von Sinnen, Mikolka, -- so eine kleine Stute vor diesen Wagen zu spannen?«

»Das Pferdchen ist sicher seine zwanzig Jahre alt, Brüder!«

»Setzt euch, ich fahre euch alle zusammen!« ruft von neuem Mikolka, springt als erster auf den Wagen, ergreift die Zügel und pflanzt sich in seiner ganzen Größe vorne auf dem Wagen auf. »Mit dem Braunen ist Matwei vorhin losgezogen,« schreit er vom Wagen. »Diese Mähre treibt mir bloß die Galle ins Blut, ich möchte sie totschlagen, frißt umsonst den Hafer. Ich sage -- setzt euch! Ich lasse sie im Galopp laufen! Sie muß Galopp laufen!« Und er nimmt die Peitsche in die Hand und bereitet sich voll Wonne vor, das Pferd zu schlagen.

»Setzt euch doch!« ruft man lachend in der Menge. »Hört doch, sie wird im Galopp laufen.«

»Sie ist wahrscheinlich schon zehn Jahre nicht mehr im Galopp gelaufen.«

»Sie wird schön springen!«

»Keine Angst, Brüder, nehmt jeder eine Peitsche, und drauf los!«

»Was ist da zu schonen! Schlagt los!«

Alle springen mit Gelächter und Witzen in den Wagen. Sechs Mann sind hereingekrochen, und noch ist Platz. Sie nehmen ein dickes und rotbäckiges Weib noch hinauf, ein Weib in einem Kleide von rotem Kattun, mit einem Kopfputze aus Glasperlen, an den Füßen lederne Bauernschuhe; sie knackt Nüsse und lacht. Ringsum in der Menge lacht man auch, und in der Tat, warum soll man auch nicht lachen, -- so eine abgemagerte Mähre soll solch eine Last im Galopp ziehen! Zwei Burschen im Wagen nehmen je eine Peitsche, um Mikolka zu helfen. »Los!« ruft er, die Mähre zieht aus Leibeskräften an; vom im Trabe laufen kann nicht die Rede sein, sie kann nicht mal im Schritt losgehen, sie trippelt bloß auf einem Fleck, stöhnt und keucht unter den Hieben der drei Peitschen, die auf sie wie Hagel niederprasseln. Das Gelächter auf dem Wagen und in der Menge wird stärker, Mikolka aber wird wütend und peitscht immer heftiger, als glaube er wirklich, sie zum Galopp treiben zu können.

»Nehmt mich auch mit, Brüder!« ruft ein Bursche aus der Menge, der Lust bekommen hatte, mitzufahren.

»Setzt euch! Setzt euch alle hinein!« schreit Mikolka. »Sie wird alle ziehen. Ich peitsche sie zu Tode!« Und er schlägt los, schlägt das Pferd in einem fort und weiß vor Raserei nicht, womit er es noch schlagen soll.

»Papa, lieber Papa!« ruft der Knabe dem Vater zu. --

»Papa, was tun sie? Papa, sie schlagen das arme kleine Pferd!«

»Komm, laß uns gehen!« sagte der Vater. »Betrunkene Dummköpfe treiben ihren Unfug; laß uns gehen, sieh nicht hin!« und er will ihn fortführen, der Knabe aber reißt sich los und läuft zu dem Pferde hin. Dem aber geht es schon schlecht. Es schnappt nach Luft, steht still, zieht von neuem an und fällt beinahe hin.

»Peitscht es zu Tode!« schreit Mikolka. »Mag es kaput gehen. Ich peitsche es zu Tode!«

»Bist du kein Christ, du Scheusal?« ruft ein alter Mann aus der Menge.

»Hat man es je erlebt, daß so ein Pferd diese Last ziehen soll,« fügte ein anderer hinzu.

»Du quälst es zuschanden!« ruft ein dritter.

»Schweigt still! Es ist mein Eigentum. Ich kann damit tun, was ich will. Setzt euch noch dazu in den Wagen! Setzt euch alle hinein! Ich will, daß es im Galopp läuft! ...«

Ein lautes Lachen übertönte plötzlich alles, -- die Mähre wollte sich der scharfen Schläge erwehren und begann in ihrer Bedrängnis auszuschlagen. Sogar der alte Mann mußte lächeln. Es war auch ein zu komisches Bild, -- so eine abgebrauchte Mähre schlägt plötzlich aus. Zwei Burschen aus der Menge verschaffen sich Peitschen und springen herzu, um das Pferd von zwei Seiten zu schlagen.

»Schlagt sie auf das Maul, peitscht sie über die Augen, über die Augen!« schreit Mikolka.

»Brüder, wollen wir ein Lied singen!« ruft jemand vom Wagen, und alle darinnen folgten sogleich der Aufforderung. Ein ausgelassenes Lied erschallt, ein Tamburin rasselt, der Refrain wird gepfiffen. Das Weib knackt Nüsse und lacht vergnügt.

... Er läuft neben dem Pferde, er eilt nach vorne, er sieht, wie man es über die Augen schlägt, direkt über die Augen! Er weint. Sein Herz krampft sich zusammen, die Tränen fließen. Einer von den Peitschenden fährt ihm ins Gesicht; er fühlt es nicht, er ringt die Hände, schreit auf, stürzt zu dem alten Manne mit dem grauen Barte hin, der seinen Kopf schüttelt und das mißbilligt. Ein Weib packt seine Hand und will ihn fortführen, er reißt sich los und läuft wieder zu dem Pferde hin. Es hat keine Kraft mehr, noch einmal schlägt es aus.

»Hol dich der Teufel!« schreit Mikolka wütend. Er wirft die Peitsche von sich, bückt sich und zieht vom Boden des Wagens eine lange und dicke Deichselstange hervor, ergreift sie mit beiden Händen und schwingt sie mit gewaltiger Anstrengung auf das Pferd nieder.

»Er schlägt das Pferd tot!« schreit einer.

»Er zerschmettert es!«

»Es ist mein Eigentum!« brüllt Mikolka und läßt die Stange mit voller Wucht niedersausen.

Ein dumpfer Schlag.

»Haut es mit der Peitsche! Warum steht ihr da!« ruft man aus der Menge.

Mikolka holt zum zweiten Male aus, und ein neuer Schlag saust auf den Rücken der unglücklichen Mähre nieder. Sie fällt beinahe auf die Hinterbeine, springt aber auf und ruckt und ruckt aus letzter Kraft hin und her, um den Wagen von der Stelle zu bringen; von allen Seiten empfängt sie Peitschenhiebe, die Deichselstange erhebt sich von neuem und saust zum dritten und vierten Male nieder. Mikolka ist wütend, daß er das Pferd nicht mit einem Schlage töten kann.

»Es ist zäh!« ruft man ringsum.

»Es fällt gleich hin, Brüder, nun geht es mit ihm zu Ende!« schreit jemand aus der Menge.

»Ist es nicht besser, mit einem Beile es totzuschlagen? Macht doch ein Ende!« ruft ein anderer.

»Zum Teufel mit dir! Geht alle aus dem Wege!« brüllt Mikolka, wirft die Deichsel fort, bückt sich von neuem und holt eine Eisenstange hervor. »Nehmt euch in acht!« ruft er und läßt sie mit voller Kraft auf das arme Pferd niedersausen. Dieser Schlag traf; das Pferd taumelte, krümmte sich und wollte ziehen, aber die Eisenstange sauste wieder auf seinen Rücken herab, und das Pferd stürzte zu Boden, als wären ihm alle vier Beine mit einemmal abgeschlagen.

»Schlagt zu!« schreit Mikolka und springt wie toll vom Wagen herab. Einige Burschen, ebenso rot im Gesichte wie er und betrunken, ergreifen, was ihnen in die Hände kommt -- mit Peitschen, Stöcken, der Deichselstange laufen sie zu dem verendenden Pferde. Mikolka stellt sich auf der einen Seite hin und fängt an, sinnlos mit der Eisenstange auf seinen Leib zu schlagen. Die Mähre streckt den Kopf, holt schwer Atem und verendet. »Nun hast du ihm den Garaus gemacht!« ruft man aus der Menge.

»Warum lief es nicht im Galopp!«

»Es ist mein Eigentum!« schreit Mikolka mit blutunterlaufenen Augen und hält die Eisenstange noch in den Händen. Er steht da, als täte es ihm leid, daß er niemanden mehr habe, den er niederschlagen könnte.

»Du bist wirklich kein Christ!« rufen einige Stimmen aus der Menge.

Der arme Knabe aber ist außer sich. Mit einem Schrei durchbricht er die Menge, läuft auf das Pferd zu, umarmt den blutüberströmten toten Kopf und küßt ihn; er küßt die Augen, die Lefzen ... Dann springt er auf und stürzt sich voller Wut mit seinen kleinen Fäustchen auf Mikolka. In diesem Augenblick erwischt ihn der Vater, der ihm nachgelaufen war, und trägt ihn fort.

»Gehen wir! Gehen wir!« sagt der Vater zu ihm. »Gehen wir nach Hause!«

»Papa, lieber Papa! Warum haben sie ... das kleine Pferd ... erschlagen!« schluchzte er, sein Atem stockt und die Worte kommen wie Schmerzensschreie aus seiner gepreßten Brust.

»Sie sind betrunken ... versündigen sich, uns geht es nichts an ... gehen wir!« sagt der Vater. Er aber umfaßt den Vater mit beiden Händen, es schnürt ihm die Kehle zu. Er will Atem holen, schreien und -- er erwacht. Er erwachte ganz mit Schweiß bedeckt, mit feuchten Haaren, schwer atmend, und erhob sich zitternd.

»Gottlob, es war nur ein Traum!« sagte er, setzte sich unter den Baum und seufzte tief auf. »Aber was ist mit mir? Fange ich an zu fiebern, -- so ein gräßlicher Traum!«

Sein ganzer Körper war wie zerschlagen, und in seiner Seele war es dunkel und trübe. Er stützte die Ellenbogen auf die Knie und hielt sich mit beiden Händen den Kopf.

»Mein Gott,« rief er aus. »Werde ich denn, werde ich wirklich ein Beil nehmen, werde es ihr auf den Kopf schlagen, das Gehirn ihr zerschmettern ... in klebrig warmem Blute tasten, das Schloß aufbrechen, stehlen und zittern, mich verstecken, ganz mit Blut bedeckt ... mit einem Beile ... Oh, Gott, werde ich es denn tun?«

Es durchschauerte ihn am ganzen Körper, als er das aussprach. »Ja, was ist denn mit mir?« fuhr er fort, sich aufraffend und mit tiefem Staunen. »Ich weiß doch, daß ich es nicht ertragen kann, warum habe ich mich denn bis jetzt gequält? Gestern, gestern schon, als ich hinging, diesen ... Versuch zu machen, gestern begriff ich vollkommen, daß ich es nicht zu tun vermöge ... Was will ich denn jetzt noch? Warum hatte ich bis jetzt noch Zweifel? Ich sagte mir schon gestern, als ich die Treppe hinunterging, daß es gemein, niedrig, schuftig sei ... mir wurde ja beim bloßen Gedanken übel und ein kalter Schauer ging mir durch alle Glieder ... Nein, ich werde es nicht aushalten, werde es nicht aushalten! Mag es auch keinen einzigen Fehler in diesen Berechnungen geben, mag all das, was in diesem Monat beschlossen wurde, klar wie der Tag, und richtig wie eine mathematische Formel sein. Herrgott! Ich kann mich nicht dazu entschließen! Ich werde es ja nicht aushalten, nicht aushalten! Was ist denn mit mir immer noch, was denn?«

Er stand auf, sah sich verwirrt um, als sei er erstaunt, daß er hierher gekommen war, und ging zu der T.-W.-Brücke. Er war bleich, die Augen brannten, in seinen Gliedern lag tiefste Ermattung, plötzlich aber konnte er leichter atmen. Er fühlte, daß er diese furchtbare Last, die ihn solange bedrückt hatte, abgeworfen habe, und in seiner Seele wurde es mit einem Male leicht und frei.

»Oh Gott!« flehte er. »Zeig mir meinen Weg, und ich sage mich los von diesem verfluchten Trugbild!« Als er über die Brücke ging, blickte er still und ruhig auf die Newa und auf die untergehende grellrote Sonne. Trotz seiner Schwäche empfand er keine Müdigkeit. Es war, als sei das Geschwür an seinem Herzen, das den ganzen Monat heranreifte, plötzlich aufgegangen. Freiheit! Freiheit! Er ist jetzt von dieser Verzauberung, von dieser Hexerei, von diesem Reiz, von dieser Versuchung befreit!

Später, als er an diese Zeit und all das dachte, was mit ihm in diesen Tagen, Minute für Minute, Punkt für Punkt, Strich für Strich vorgegangen war, setzte ihn fast bis zum Aberglauben ein Umstand stets in Erstaunen, der im Grunde genommen nicht besonders ungewöhnlich war, der ihm aber später wie die Fügung seines Schicksals erschien. Und zwar, -- er konnte es gar nicht verstehen und erklären, warum er, ermüdet und abgespannt, statt auf dem kürzesten und geradesten Weg nach Hause zu gehen, plötzlich über den Heumarkt, den zu durchqueren für ihn ganz überflüssig war, nach Hause zurückkehrte. Es war kein bedeutender Umweg, aber doch ein augenscheinlich und eben völlig überflüssiger. Gewiß, er war Dutzende von Malen nach Hause zurückgekehrt, ohne sich der Straßen zu erinnern, durch die er gewandert war. Warum aber, fragte er sich immer, warum passierte so eine wichtige, so eine entscheidende und gleichzeitig so eine höchst zufällige Begegnung auf dem Heumarkte -- über den zu gehen er gar keine Veranlassung hatte -- gerade zu der Stunde, in dem Augenblicke seines Lebens, in solch einer Seelenstimmung und unter solchen Umständen, unter denen diese Begegnung auch die entscheidenste und endgültigste Wirkung auf sein ganzes Schicksal ausüben mußte? Als hätte es auf ihn hier absichtlich gelauert! -- Es war gegen neun Uhr, als er über den Heumarkt ging. Alle Verkäufer an den Tischen, in den Läden und Buden schlossen ihre Geschäfte oder kramten ihre Waren zusammen, packten sie ein und waren ebenso, wie ihre Käufer, auf dem Wege nach Hause. Bei den Garküchen, in den Kellern, in den schmutzigen und stinkenden Höfen der Häuser am Heumarkte, besonders aber bei den Schenken drängte sich eine Menge allerhand Händler und verlumpter Gestalten. Raskolnikoff liebte diese Gegend, ebenso auch alle umliegenden Gassen, ganz besonders aber, wenn er ohne ein bestimmtes Ziel bummeln ging. Hier erregten seine Lumpen keine hochmütige Aufmerksamkeit, hier konnte man gekleidet gehen, wie man wollte, ohne sich zu blamieren. An der Ecke der K.schen Gasse handelte ein Kleinbürger mit seiner Frau an zwei Tischen mit allerhand Waren, -- Zwirn, Bändern, Kattuntüchern und dergleichen mehr. Sie waren auch beim Aufbruch, wurden aber durch ein Gespräch mit einer Bekannten aufgehalten. Diese Bekannte war Lisaweta Iwanowna oder einfacher Lisaweta, wie sie allgemein genannt wurde, die jüngere Schwester derselben Alten, Aljona Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators, der Wucherin, bei der Raskolnikoff gestern gewesen war, um seine Uhr zu versetzen und seine Probe zu machen ... Er wußte längst alles über diese Lisaweta, und sie kannte ihn auch ein wenig. Sie war ein hochgewachsenes, plumpes, zaghaftes und stilles Mädchen, fast eine Idiotin, fünfunddreißig Jahre alt, die bei ihrer Schwester lediglich die Dienstmagd war, für sie Tag und Nacht arbeitete, vor ihr zitterte und sogar von ihr Schläge bekam. Sie stand nachdenklich mit einem Bündel vor dem Händler und seiner Frau und hörte ihnen aufmerksam zu. Die redeten mit besonderem Eifer auf sie ein. Als Raskolnikoff sie unvermutet erblickte, überkam ihn eine eigentümliche Empfindung, die einer sehr starken Verwunderung glich, obwohl diese Begegnung nichts Verwunderliches an sich hatte.

»Sie wollen einmal selbst entscheiden, Lisaweta Iwanowna,« sagte der Händler laut. »Kommen Sie morgen so gegen sieben Uhr. Die werden auch herkommen.«

»Mor--gen?« sagte Lisaweta gedehnt und nachdenklich, als ob sie sich nicht entschließen könne.

»Aljona Iwanowna hat Ihnen viel zu viel Furcht eingejagt!« sagte die Frau des Händlers, ein flinkes Weib. »Sie sind ganz wie ein Kind. Und dabei ist sie nicht mal Ihre leibliche, sondern Ihre Stiefschwester und hat doch solch eine große Macht über Sie!«

»Sie sollten Aljona Iwanowna nichts davon erzählen,« unterbrach der Mann, »ich gebe Ihnen den Rat, und Sie kommen zu uns ohne Erlaubnis. Es ist ein vorteilhaftes Geschäft. Ihre Schwester wird es später selbst einsehen.«

»Soll ich kommen?«

»Morgen, um sieben Uhr, auch von denen kommt jemand her. Dann können Sie selbst entscheiden.«

»Wir stellen den Samowar auf und machen Tee,« fügte die Frau hinzu.

»Gut, ich will kommen,« antwortete Lisaweta, immer noch in Nachdenken versunken, und ging langsam weiter.

Raskolnikoff war schon vorüber und hörte nichts mehr. Er war langsam gegangen, unbemerkt, und bestrebt, kein Wort vom Gespräche zu verlieren. Seine Verwunderung verwandelte sich allmählich in Schrecken, als wäre ihm etwas Kaltes über den Rücken gelaufen. Er hatte erfahren, vollkommen unerwartet hatte er erfahren, daß morgen abend punkt sieben Uhr Lisaweta, die Schwester der Alten und ihre einzige Mitbewohnerin, nicht zu Hause sein werde, und daß also die Alte Punkt sieben Uhr ganz allein zu Hause war.

Bis zu seiner Wohnung waren es bloß einige Schritte. Er ging, wie ein zum Tode Verurteilter. Er dachte an nichts und konnte auch an gar nichts denken, aber mit seinem ganzen Wesen fühlte er plötzlich, daß er weder die Freiheit der Erwägung noch einen Willen besitze, und daß alles mit einem Male endgültig entschieden sei.

Es war sicher, daß er, selbst bei jahrelangem Warten auf solch einen günstigen Zufall, sicher nicht auf einen deutlicheren Wink für den Erfolg rechnen konnte, als der war, der sich ihm jetzt urplötzlich bot. In jedem Falle würde es schwer sein, am Abend vorher und sicher, mit größter Genauigkeit und geringstem Risiko, ohne gefährliches Ausfragen und Untersuchen, zu erfahren, daß am anderen Tage um die und die Stunde die Alte, auf die man einen Anschlag vorbereitet, ganz allein zu Hause sein werde.

VI.

Später erfuhr Raskolnikoff ganz zufällig, warum der Händler und dessen Frau Lisaweta zu sich eingeladen hatten. Es handelte sich um eine rein alltägliche Sache und enthielt gar nichts Besonderes. Eine zugereiste, verarmte Familie wollte ihre Sachen, Kleider und ähnliches verkaufen. Da es unvorteilhaft war, auf dem Markte zu verkaufen, suchte man unter der Hand eine Händlerin; Lisaweta nun befaßte sich mit dergleichen, -- sie übernahm Aufträge, besorgte allerhand Gänge und hatte eine recht ansehnliche Praxis, weil sie sehr ehrlich war und immer den äußersten Preis bot, -- und bei dem Preis, den sie nannte, blieb sie stets. Sie redete überhaupt wenig und war, wie gesagt, still und verschüchtert ...

Raskolnikoff war in der letzten Zeit abergläubisch geworden. Und Spuren dieses Aberglaubens blieben in ihm noch für lange hinaus untilgbar haften. Und er war später stets geneigt, in dieser ganzen Angelegenheit eine gewisse Bestimmung, eine geheimnisvolle Fügung, wie die Existenz besonderer Einflüsse und Zufälle, zu sehen. Noch im Winter hatte ihm sein Bekannter, ein Student, Pokoreff, bei seiner Abreise nach Charkoff beiläufig im Gespräche die Adresse der Alten, Aljona Iwanowna, mitgeteilt, für den Fall, daß er einmal etwas versetzen möchte. Er ging lange nicht zu ihr, da er Stunden gab und sich damit einigermaßen durchschlug. Vor anderthalb Monaten erinnerte er sich der Adresse; er hatte zwei Sachen, die zum Versetzen taugten, -- eine alte silberne Uhr von seinem Vater und einen kleinen goldenen Ring mit drei roten Steinchen, den seine Schwester ihm beim Abschied als Andenken geschenkt hatte. Er beschloß den Ring hinzubringen; nachdem er die Alte gefunden hatte, empfand er vom ersten Augenblick an, ohne von ihr etwas Näheres zu wissen, einen unwiderstehlichen Widerwillen gegen sie; er nahm von ihr zwei »Scheinchen« und ging auf dem Rückwege in ein schlechtes Wirtshaus. Da bestellte er Tee, setzte sich hin und verfiel in ein tiefes Nachdenken. Ein unheimlicher Gedanke löste sich in seinem Kopfe aus, wie ein Küchlein aus den Eierschalen, und nahm Besitz von ihm.

An einem anderen Tische, fast neben ihm, saß ein Student, den er nicht kannte, und dessen er sich nicht erinnerte, und ein junger Offizier. Sie hatten eine Partie Billard gespielt und tranken nun Tee. Da hörte Raskolnikoff, wie der Student dem Offiziere von einer Wucherin Aljona Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators, erzählte und ihm ihre Wohnung nannte. Das berührte Raskolnikoff seltsam, -- er kommt soeben von dort und hier unterhält man sich von ihr. Gewiß, es ist ein Zufall, aber er kann sich gerade jetzt nicht von einem äußerst ungewöhnlichen Gefühl losmachen, ihm ist es, als wolle ihm jemand dazu behilflich sein, -- der Student erzählte allerhand Einzelheiten von dieser Aljona Iwanowna. »Sie ist ausgezeichnet,« sagte er, »man kann bei ihr stets Geld erhalten. Sie ist reich wie ein Jude, kann auf einmal fünftausend geben, geniert sich aber auch nicht, ein Pfand von einem Rubel anzunehmen. Viele von meinen Bekannten waren bei ihr. Aber sie ist ein Scheusal ...«

Und er erzählte, wie böse und launisch sie sei, und daß das Pfand verfallen sei, wenn man den Termin bloß um einen Tag versäume. Sie gibt den vierten Teil des Wertes, nimmt fünf und sogar sieben Prozent pro Monat und dergleichen mehr. Der Student kam ins Plaudern und teilte unter anderem auch mit, daß die Alte eine Schwester Lisaweta habe, die sie, so klein und unansehnlich sie selbst sei, alle Augenblicke schlage und in völliger Bevormundung wie ein kleines Kind halte, trotzdem Lisaweta mindestens dreimal größer und stärker sei ...

»Ja, sie ist eine Zierde ihres Geschlechts!« rief der Student aus und lachte laut.

Er fing an von Lisaweta zu erzählen; erzählte mit augenscheinlichem Genuß und lachte dabei fortwährend; der Offizier hörte mit großem Interesse zu und bat den Studenten, ihm die Lisaweta zu schicken, um seine Wäsche auszubessern. Raskolnikoff verlor kein einziges Wort von der Unterhaltung und erfuhr somit alles, -- Lisaweta war die jüngere Stiefschwester der Alten -- von anderer Mutter -- und war schon fünfunddreißig Jahre alt. Sie arbeitete Tag und Nacht für die Schwester, ersetzte die Köchin und Wäscherin, nähte außerdem um Lohn, ging außerhalb des Hauses Dielen scheuern und gab jeden Verdienst der Schwester ab. Keine einzige Bestellung und keine Arbeit wagte sie ohne die Erlaubnis der Alten zu übernehmen. Diese hatte bereits ihr Testament gemacht, was Lisaweta bekannt war, hatte ihr keinen Groschen Geld, sondern nur die bewegliche Habe, wie Stühle und ähnliches vermacht; das ganze Geld war für ein Kloster in dem N.schen Gouvernement zu ewigen Seelenmessen bestimmt. Lisaweta war Kleinbürgerin, nicht aus dem Beamtenstande, unverheiratet, ungewöhnlich plump gebaut, übergroß, mit breiten Füßen, hatte immer schiefgetretene Schuhe, war aber sonst reinlich gekleidet. Was aber den Studenten am meisten belustigte, war, daß Lisaweta alljährlich schwanger war ...

»Du sagst doch, sie sei häßlich!« bemerkte der Offizier.

»Ja, sie hat eine dunkle Gesichtsfarbe, wie ein Soldat, ist aber sonst, weißt du, nicht häßlich. Sie hat so ein gutes Gesicht und gute Augen, sehr gute Augen; Grund genug, daß sie vielen gefällt. Sie ist still, sanft und anspruchslos, zu allem bereit. Ihr Lachen ist sogar einnehmend.«

»Sie scheint dir zu gefallen!« lachte der Offizier.

»Ja, ihrer Eigentümlichkeit wegen. Doch, was ich dir sagen wollte. Ich könnte diese verfluchte Alte ermorden und berauben, und, glaube mir, ich täte es ohne Gewissensbisse,« fügte der Student eifrig hinzu.

Der Offizier lachte wieder auf, Raskolnikoff aber fuhr zusammen. Wie seltsam dies alles war!

»Erlaube mal, ich will dir eine ernste Frage vorlegen,« sagte der Student voll Eifer. »Ich habe mir soeben einen Scherz erlaubt, aber sieh mal an -- einerseits gibt es ein dummes, bedeutungsloses, minderwertiges, böses, krankes, altes Weib, das keinem Menschen nützt, im Gegenteil allen schadet, das selbst nicht weiß, wozu es lebt, und das morgen ohne fremde Hilfe sterben wird. Verstehst du? Verstehst du mich?«

»Nun, ich verstehe es,« antwortete der Offizier und sah aufmerksam seinen in Eifer geratenen Freund an.

»Höre nun weiter. Anderseits gibt es junge, frische Kräfte, die unnütz zugrunde gehen, ohne Hilfe und das zu tausenden und allerorts. Hundert, tausend gute Taten und Hilfeleistungen könnte man für das Geld der Alten tun, das einem Kloster zufallen soll. Hundert, vielleicht tausend Existenzen könnten damit auf den richtigen Weg gebracht werden; dutzende Familien könnten vor Hunger, Verfall, Untergang, Laster und vor venerischen Krankheiten geschützt werden -- und all das für ihr Geld. Ermorde sie und nimm ihr Geld, um dich später mit seiner Hilfe der ganzen Menschheit und der gemeinnützigen Sache zu widmen, -- was meinst du, wird nicht ein einziges unbedeutendes, winziges Verbrechen durch Tausende guter Taten wettgemacht? Für ein Leben -- Tausende von Leben, gerettet vor Fäulnis und Verfall. Ein einziger Tod und hunderte Leben an seiner Statt, das ist doch ein einfaches Rechenexempel. Ja, und was bedeutet auf der allgemeinen Wage das Leben dieser schwindsüchtigen, dummen und bösen Alten. Nicht mehr als das Leben einer Laus, einer Wanze, und nicht mal soviel, weil die Alte schädlich ist. Sie untergräbt das Leben eines anderen; vor ein paar Tagen hat sie Lisaweta aus Wut in den Finger gebissen, man mußte ihn fast abnehmen lassen!«

»Gewiß, sie ist des Lebens nicht wert,« bemerkte der Offizier. »Aber das ist doch Sache der Natur.«

»Ach, Bruder, die Natur korrigiert man doch auch und zeigt ihr den richtigen Weg, wir müßten ja sonst in Vorurteilen ersticken. Ohne das würde es keine großen Männer geben. Man redet von Pflicht und Gewissen, -- ich will nichts gegen Gewissen und Pflicht sagen, aber was verstehen wir darunter? Doch ich will dir noch eine Frage vorlegen. Gib acht!«

»Nein, warte du mal, jetzt will ich dir eine Frage vorlegen. Höre zu.«

»Nun!«

»Sieh, du redest jetzt und ereiferst dich, sage mir aber -- würdest du selbst die Alte ermorden oder nicht?«

»Selbstverständlich nicht! Ich rede nur aus Gerechtigkeit ... Ich habe mit der Sache nichts zu tun ...«

»Meiner Meinung nach kann von Gerechtigkeit gar nicht die Rede sein, wenn du dich nicht selbst dazu entschließt. Komm, wir wollen noch eine Partie Billard spielen!«

Raskolnikoff war äußerst aufgeregt. Gewiß, das Gespräch war eins von den gewöhnlichsten Gesprächen und Gedanken, die er mehr als einmal unter jungen Leuten gehört hatte, vielleicht in einer anderen Form und über einen anderen Gegenstand. Warum aber kam er jetzt gerade dazu, dieses Gespräch und diese Gedanken zu hören, wo in seinem eigenen Kopfe ... ebensolche Gedanken aufgetaucht waren? Und warum stößt er gerade jetzt, wo in ihm dieser Gedanke auftauchte, als er die Alte verließ, auf ein Gespräch über dieselbe Alte? ... Ihm erschien dieses Zusammentreffen stets merkwürdig. Diese nichtssagende Unterhaltung in dem Wirtshause hatte auf ihn einen außergewöhnlichen Einfluß für die weitere Entwicklung der Sache, -- als wäre hierbei tatsächlich eine Vorausbestimmung, ein Fingerzeig gewesen ...

* * * * *

Nach Hause zurückgekehrt, warf er sich auf das Sofa und blieb eine volle Stunde sitzen, ohne sich zu rühren. Es war inzwischen dunkel geworden; ein Licht besaß er nicht, es kam ihm gar nicht der Gedanke, ein Licht anzustecken. Er konnte sich später niemals erinnern, ob er in dieser Stunde an etwas gedacht hatte. Er spürte noch immer das Fieber von früher her und den Schüttelfrost, und es war ihm ein angenehmer Gedanke, daß er sich auf das Sofa hinlegen konnte. Ein fester bleierner Schlaf überfiel ihn und legte sich schwer auf ihn.

Er schlief ungewöhnlich lange und traumlos. Nastasja, die am nächsten Morgen um zehn Uhr in das Zimmer kam, konnte ihn nur mit Mühe aufwecken. Sie brachte ihm Tee und Brot, den Tee wie immer alt aufgegossen in ihrer eigenen Teekanne.

»Sieh, wie er schläft!« rief sie entrüstet aus. »Er tut nichts wie schlafen!«

Er erhob sich mühsam. Der Kopf tat ihm weh; er versuchte aufzustehen, drehte sich um und fiel wieder auf das Sofa zurück.

»Willst du weiter schlafen!« rief Nastasja. »Bist du gar krank?«

Er antwortete nicht.

»Willst du Tee trinken?«

»Nachher,« sagte er mit Anstrengung, schloß die Augen und wandte sich der Wand zu.

Nastasja blieb eine Weile neben ihm stehn.

»Vielleicht ist er wirklich krank,« sagte sie, kehrte um und ging hinaus.

Um zwei Uhr kam sie wieder herein mit einer Suppe. Er lag noch wie früher. Der Tee war unberührt. Nun fühlte Nastasja sich gekränkt und begann ihn ärgerlich zu rütteln.

»Was, schnarchst du noch?« rief sie und sah ihn mit Unwillen an.

Er stand auf und setzte sich, sagte aber nichts und blickte zu Boden.

»Bist du krank oder nicht?« fragte Nastasja, und wieder erhielt sie keine Antwort.

»Du solltest auf die Straße gehen,« sagte sie nach einer Weile, »die Luft würde dich erquicken. Willst du nicht essen?«

»Nachher,« antwortete er mit schwacher Stimme. »Geh jetzt fort!«

Und er winkte mit der Hand ab. Sie blieb noch eine Weile stehen, blickte ihn voll Mitleid an und ging hinaus.

Nach einigen Minuten hob er den Blick und schaute lange den Tee und die Suppe an. Dann nahm er ein wenig Brot, griff nach dem Löffel und begann zu essen.

Er aß nicht viel, ohne Appetit, rein mechanisch etwa vier Löffel Suppe. Der Kopf tat ihm nicht mehr so weh. Nachdem er gegessen hatte, legte er sich wieder auf das Sofa, konnte aber nicht einschlafen und lag still da, das Gesicht ins Kopfkissen vergraben. Er träumte, wachend, in einem fort, und alle Träume waren seltsam, zumeist schien es ihm, als wäre er irgendwo in Afrika, in Ägypten, in einer Oase. Die Karawane ruht aus, die Kamele liegen still; ringsum im großen Kreise stehn Palmen, alles labt sich. Er aber trinkt unausgesetzt Wasser, direkt aus einem Bache, der hier neben ihm dahinfließt und plätschert. Es ist so kühl, und das Wasser ist so wundervoll, so blau und kalt, es fließt über bunte Steine und über reinen mit goldenem Schimmer besäten Sand ... Plötzlich hörte er deutlich eine Uhr schlagen. Er fuhr auf, kam zu sich, erhob den Kopf, sah zum Fenster hin, rechnete sich die Zeit aus und sprang auf, als hätte ihn jemand von dem Sofa heruntergerissen. Er ging auf den Fußspitzen zu der Türe, öffnete sie leise und lauschte auf die Treppe hinaus. Sein Herz klopfte gewaltig. Auf der Treppe war alles so still, als ob alles schliefe ... Höchst sonderbar und merkwürdig erschien es ihm, daß er von gestern auf heute in solcher Bewußtlosigkeit hatte durchschlafen können, wo er doch nichts getan und unvorbereitet war ... Vielleicht hat die Uhr gar sechs geschlagen ... Und eine ungewohnte fieberhafte und kopflose Hast überfiel ihn, nun nach dem Schlafe und stumpfen Brüten. Es waren übrigens keine großen Vorbereitungen nötig. Er strengte alle Kräfte an, um alles zu bedenken und nichts zu vergessen; das Herz klopfte immer noch heftig und schlug so stark, daß ihm das Atmen schwer fiel. Zuerst mußte er eine Schlinge machen und an seinen Mantel annähen, -- das war die Sache einer Minute. Er fuhr mit der Hand unter das Kopfkissen und fand unter der Wäsche, die dort lag, ein altes ungewaschenes Hemd, das schon völlig zerrissen war. Von diesem riß er einen Streifen ab, etwa fünf Zentimeter breit und sechsunddreißig Zentimeter lang. Diesen Streifen legte er zusammen, zog einen weiten starken Sommermantel aus dickem baumwollenen Stoffe -- sein einziges Oberkleid -- aus und begann die beiden Enden des Streifens innen unter der linken Achselhöhle anzunähen. Seine Hände zitterten beim Halten der Nadel, er überwand sich aber und hatte den Streifen so angenäht, daß man von außen nichts bemerken konnte, wenn er den Mantel angezogen hatte. Er hatte sich schon vor langer Zeit Nadel und Zwirn besorgt, und sie lagen in einem Stück Papier eingewickelt in dem Tischchen. Die Schlinge war seine eigene, sehr schlaue Erfindung, sie war für das Beil bestimmt. Man konnte doch nicht auf der Straße das Beil in der Hand tragen. Und wenn man es unter dem Mantel versteckt trug, mußte man es doch mit der Hand festhalten, was wiederum auffallen konnte. Jetzt aber brauchte man bloß das Beil in die Schlinge zu stecken, und es wird den ganzen Weg unter der Achsel ruhig hängen. Und wenn er die Hand in die Seitentasche des Mantels steckt, kann er auch das Ende des Beilschaftes festhalten, damit es nicht baumelt, und da der Mantel sehr weit war, ein richtiger Sack, so konnte niemand wahrnehmen, daß er etwas mit der Hand in der Tasche festhalte. Diese Schlinge hatte er schon vor zwei Wochen erfunden.

Nachdem er mit der Schlinge fertig war, steckte er seine Finger in einen kleinen Spalt zwischen seinen »türkischen« Diwan und der Diele, suchte im linken Winkel nach und zog das Versatzobjekt heraus, das er schon vor langer Zeit hergestellt und dort versteckt hatte. Es war gar kein Versatzstück, sondern ein einfaches, glatt abgehobeltes Stück Holz, in der Größe und Dicke eines silbernen Zigarettenetuis. Dieses Holzbrettchen hatte er zufällig bei einem seiner Spaziergänge auf einem Hofe gefunden, wo in einem Nebengebäude eine Werkstatt war. Nachher hatte er zu dem Brette ein glattes und dünnes Stück Eisen -- wahrscheinlich irgendein Bruchstück -- beigelegt, das er auch damals auf der Straße gefunden hatte. Beides, das eiserne Stück war kleiner, hatte er zusammengelegt und mit einem Bindfaden kreuzweise fest zusammengebunden; dann hatte er das Ganze peinlich und mit einer gewissen Sorgfalt in ein reines weißes Papier eingewickelt und so fest zusammengeschnürt, daß das Paket nicht gleich zu öffnen war. Dies tat er, um auf eine Spanne Zeit die Aufmerksamkeit der Alten abzulenken, wenn sie sich mit dem Lösen des Knotens abmühte, um so den passenden Augenblick zu gewinnen. Das Eisenstück war des Gewichtes wegen hinzugefügt, damit die Alte wenigstens nicht sofort erriet, daß das »Versatzstück« nur aus Holz sei. Dies alles lag bis zur gegebenen Zeit unter dem Diwan verwahrt. Als er gerade das Paket hervorholte, rief plötzlich jemand auf dem Hofe:

»Die Uhr geht schon gleich auf sieben!«

»Schon gleich auf sieben! Mein Gott!«

Er stürzte zur Tür, lauschte einen Augenblick, nahm seinen Hut und begann die dreizehn Stufen vorsichtig, leise wie eine Katze hinabzusteigen. Das Wichtigste stand ihm noch bevor -- das Beil aus der Küche zu stehlen. Daß das Werk mit einem Beile vollbracht werde hatte er längst beschlossen. Er hatte wohl noch ein zusammenlegbares Gartenmesser, aber er mochte sich nicht auf das Messer und zum wenigsten auf seine Kräfte verlassen, darum hatte er sich endgültig für das Beil entschieden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir eine Eigentümlichkeit von ihm bei seinen endgültigen Entscheidungen hervorheben, die er in dieser Sache schon getroffen hatte. Sie hatten alle eine besondere Eigenschaft: je endgültiger sie wurden, desto abscheulicher, sinnloser wurden sie sofort in seinen Augen. Trotz des qualvollen innerlichen Kampfes, den er führte, konnte er die ganze Zeit über keinen Moment an die Durchführbarkeit seiner Pläne glauben.

Und wenn er jemals alles bis zum letzten Punkte durchgedacht und endgültig beschlossen hätte und es gar keine Zweifel mehr gegeben hätte, dann hätte er offenbar sich von dem ganzen Plane losgesagt, als von einem sinnlosen, ungeheuerlichen Unding. Aber jetzt gab es noch einen ganzen Abgrund von ungelösten Punkten und Zweifeln. Woher er sich ein Beil verschaffen konnte, diese Kleinigkeit beunruhigte ihn gar nicht, nichts ist leichter als das. Die Sache lag so, daß Nastasja öfters, besonders aber abends, nicht zu Hause war, -- entweder lief sie zu den Nachbarn oder in einen Laden, die Türe aber ließ sie stets offen stehn. Die Wirtin schalt sie immer wieder deshalb. Also, man mußte nur leise zur rechten Zeit in die Küche gehen und das Beil nehmen, um es nach einer Stunde, wenn alles vorüber ist, wieder an seinen Platz zu legen. Aber auch hier tauchten Zweifel auf. Angenommen, er kommt nach einer Stunde zurück, um das Beil zurückzubringen, und Nastasja ist aber gerade heimgekehrt. Gewiß, man muß dann vorbeigehen und abwarten, bis sie wieder fortgeht. Wenn sie aber nun in dieser Zeit das Beil vermißt hat, es zu suchen begann und danach laut jammerte, -- so ist der Verdacht oder wenigstens das Moment zu einem Verdacht gegeben.

Aber das waren Kleinigkeiten, an die zu denken er keine Lust und keine Zeit mehr hatte. Er dachte an die Hauptsache und hob die Kleinigkeiten für den gegebenen Moment auf. Das letzte aber erschien ihm selber unfaßbar. Er konnte sich zum Beispiel in keiner Weise vorstellen, daß er jemals aufhören werde, bloß an dieses Vorhaben zu denken, daß er aufstehn und einfach dorthin gehen werde ... Sogar seine kürzliche Probe (d. h. den Besuch in der Absicht, endgültig sich den Tatort anzusehen) hatte er nur versucht auszuführen, nicht etwa in vollem Ernste, sondern eben bloß in dem Gedanken: »ich will mal hingehen und probieren, anstatt hier davon zu träumen!« und natürlich, er hielt es nicht aus, ließ gleich die Absicht fallen und war in rasender Wut über sich selbst davongelaufen. Indessen, wie es schien, war die ganze Analyse im Sinne der moralischen Lösung der Frage von ihm ins reine gebracht; seine Kasuistik war geschärft wie ein Rasiermesser, und er fand in sich selbst keine klare Entgegnung mehr. Zu guter Letzt glaubte er dann einfach sich selbst nicht und suchte hartnäckig in allen Richtungen tastend nach Entgegnungen, als ob ihn jemand dazu zwänge und herbeizöge. Der letzte Tag aber, der so unerwartet eintrat, und der alles mit einem Male zur Entscheidung brachte, wirkte auf ihn fast rein mechanisch, -- wie wenn ihn jemand an die Hand genommen und unwiderstehlich, blindlings mit einer unnatürlichen Kraft und widerstandslos nach sich gezogen hätte, wie wenn er mit einem Zipfel seines Rockes in das Rad einer Maschine geraten und mit fortgerissen worden wäre.

Von Anfang an, -- übrigens schon lange vorher -- beschäftigte ihn die Frage: warum fast alle Verbrecher so leicht aufgespürt und entdeckt werden, und warum die Spuren fast aller Verbrecher so deutlich wahrzunehmen sind? Er kam allmählich zu vielseitigen und interessanten Schlüssen, und nach seiner Meinung lag die Hauptursache nicht so sehr in der materiellen Unmöglichkeit, ein Verbrechen zu verbergen, als in dem Verbrecher selbst. Der Verbrecher selbst, und fast jeder verliert im Augenblick des Handelns an Willen und Verstand, an dessen Stelle ein kindischer phänomenaler Leichtsinn tritt, und gerade in dem Augenblicke, wo Verstand und Vorsicht am notwendigsten sind. Nach seiner Überzeugung ergab es sich, daß diese Verdunkelung des Verstandes und der Zusammenbruch des Willens einen Menschen gleich einer Krankheit packen, sich allmählich entwickeln und kurz vor der Vollbringung des Verbrechens ihren höchsten Punkt erreichen, bei der Ausführung, oder noch etwas länger, je nach Veranlagung, auf demselben Höhepunkt anhalten und dann ebenso vergehen, wie jede andere Krankheit. Die Frage aber, ob eine Krankheit das Verbrechen erzeugt oder ob das Verbrechen selbst irgendwie infolge seiner eigentümlichen Natur stets von etwas Ähnlichem wie Krankheit begleitet wird, -- zu lösen, fühlte er sich nicht imstande.

Nachdem er das erwogen hatte, schloß er, daß mit ihm persönlich bei seiner Tat ein ähnlicher krankhafter Umschwung nicht stattfinden könne, daß sein Verstand und Wille während der ganzen Zeit der Vollführung völlig intakt sein werde, einzig schon aus dem Grunde, weil sein Unternehmen -- »kein Verbrechen« sei ... Lassen wir den ganzen Prozeß beiseite, durch den er zu dem letzten Schlusse gekommen war; wir sind schon ohnedem viel zu weit gegangen ... Wir wollen bloß hinzufügen, daß die tatsächlichen, rein materiellen Hindernisse der Tat überhaupt in seinem Verstande eine untergeordnete Rolle spielten. »Man muß nur den ganzen Willen und den ganzen Verstand bewahren, und sie alle werden seinerzeit besiegt werden, wenn es darauf ankommt, alle Einzelheiten der Tat bis zum kleinsten Punkt zu übersehen ...«

Aber die Tat war noch nicht in Angriff genommen. An die endgültige Ausführung glaubte er eben fortgesetzt selber am wenigsten, und als die Stunde schlug, kam alles gar nicht so, sondern wie zufällig, ja fast unerwartet.

Ein ganz geringfügiger Umstand machte ihn stutzig, noch ehe er die Treppe hinabgestiegen war. Als er an der Tür zu der Küche vorbeiging, die wie immer weit geöffnet war, warf er einen vorsichtigen Seitenblick hinein, um sich vorher zu vergewissern, ob nicht während der Abwesenheit von Nastasja die Wirtin selbst da sei, und wenn sie nicht da war, ob die Türe zu ihrem Zimmer auch gut verschlossen sei, damit sie ja nicht plötzlich herauskommen könne, wenn er das Beil holen würde? Aber wie groß war seine Betroffenheit, als er plötzlich Nastasja diesmal nicht nur in der Küche sah, sondern dazu mit einer Arbeit beschäftigt; sie nahm aus einem Korbe Wäsche und hing sie auf. Als sie ihn erblickte, hörte sie auf, wandte sich zu ihm und schaute ihn die ganze Zeit an, während er vorbeiging. Er wandte die Augen ab und ging weiter, als ob er sie nicht gesehen hätte. Die Sache aber war abgetan, -- er hatte kein Beil! Er war tief niedergeschlagen.

»Und woher kam mir der Gedanke,« sagte er sich, indem er sich dem Tore näherte. »Woher kam mir der Gedanke, daß sie unbedingt in diesem Augenblicke nicht zu Hause sein dürfe? Warum, warum, warum war ich so sicher davon überzeugt?«

Er war verstört, kam sich erniedrigt vor; wollte über sich selbst vor Ärger lachen ... Eine dumpfe tierische Wut bemächtigte sich seiner.

Er blieb in Gedanken versunken unter dem Tore stehen. Auf die Straße zu gehen, um des Scheines willen zu spazieren, war ihm widerlich; nach Hause zurückkehren noch widerlicher. »Welch eine Gelegenheit hab ich für immer verloren!« murmelte er, indem er unschlüssig unter dem Tore stehenblieb, gerade gegenüber der dunklen Kammer des Hausknechts, die auch offen war. Plötzlich zuckte er zusammen. In der Kammer des Hausknechts, zwei Schritte von ihm entfernt, schimmerte unter der Bank rechts etwas Blankes ... Er sah sich um -- niemand war in der Nähe. Auf den Fußspitzen ging er zu der Kammer hin, stieg zwei Stufen hinab und rief mit leiser Stimme nach dem Hausknecht.

»Es stimmt, er ist nicht da! Wahrscheinlich ist er irgendwo in der Nähe auf dem Hofe, da die Türe weit offen steht.«

Er stürzte sich in aller Hast auf das Beil (es war ein solches) und zog es unter der Bank, wo es zwischen zwei Holzscheiten lag, hervor; befestigte es gleich in der Schlinge, steckte beide Hände in die Taschen und verließ die Kammer. Niemand hatte es gesehen!

»Wenn der Verstand nicht hilft, so tut es der Teufel!« dachte er mit einem sonderbaren Lächeln. Dieser Zufall hatte ihn außerordentlich ermutigt.

Er ging langsam und bedächtig, ohne sich zu beeilen, um ja keinen Verdacht zu erwecken. Er sah die Vorübergehenden wenig an, versuchte ihnen nicht ins Gesicht zu sehen, um selber möglichst unerkennbar zu sein. Plötzlich fiel ihm sein Hut ein. »Mein Gott! Geld hatte ich vorgestern noch gehabt und bin nicht auf den Gedanken gekommen, mir eine Mütze zu kaufen!«

Ein Fluch kam über seine Lippen. Als er zufällig in einen Laden hineinblickte, sah er, daß die Wanduhr dort schon zehn Minuten über sieben zeigte. Nun mußte er sich beeilen und gleichzeitig einen Umweg machen, -- er wollte das Haus von der anderen Seite erreichen ... Früher, als er ab und zu sich dies alles in der Phantasie vorstellte, hatte er gemeint, daß er große Angst haben werde. Aber er fürchtete sich jetzt nicht besonders, ja eigentlich gar nicht. In diesem Augenblicke beschäftigten ihn selbst ganz andere Gedanken, doch nur immer kurze Zeit. Als er an dem Jussupowschen Garten vorbeiging, vertiefte er sich ziemlich stark in die Idee, hohe Springbrunnen zu errichten, und malte sich aus, wie gut sie die Luft auf allen Plätzen erneuern würden. Allmählich kam er zu der Überzeugung, daß, wenn man den Sommergarten über den ganzen Exerzierplatz erweitern und ihn womöglich mit dem Michailoffschen Schloßpark vereinigen würde, die Stadt dadurch einen schönen großen Nutzen haben würde. Dabei interessierte ihn wiederum die Frage, warum gerade in allen großen Städten der Mensch nicht bloß aus reiner Notwendigkeit, sondern aus anderen Gründen geneigt ist, sich in solchen Stadtteilen niederzulassen und zu leben, wo es keine Gärten, keine Springbrunnen gibt, wo Schmutz und Gestank und allerhand Abscheuliches herrscht. Es kamen ihm auch seine eigenen Spaziergänge über den Heumarkt in den Sinn, und er besann sich auf sein Vorhaben.

»Was für ein Unsinn!« dachte er. »Nein, besser, ich denke an gar nichts.«

»Wahrscheinlich in ähnlicher Weise heften sich die Gedanken derer, die man zur Hinrichtung führt, an alle Gegenstände, die sie auf ihrem Wege treffen,« fuhr es blitzartig durch seinen Kopf. Er verjagte schnell diesen Gedanken ... da ist das Haus, er sieht das Tor. Irgendwo schlug plötzlich eine Uhr einmal. »Was, ist es schon halb acht? Das kann nicht sein, sie geht wahrscheinlich vor!«

Zu seinem Glück ging unter dem Tore alles wieder gut vonstatten. Wie absichtlich fuhr in diesem Augenblicke unter das Tor ein ungeheurer Wagen voll Heu, so daß er ihn die ganze Zeit, während er das Tor passierte, verdeckte, und als der Wagen in den Hof hineinfuhr, huschte er in einem Nu nach rechts. Dort, auf der anderen Seite des Wagens, hörte man, wie einige Stimmen schrien und sich stritten, ihn aber hatte niemand bemerkt und er begegnete auch niemandem. Viele Fenster, die auf den großen viereckigen Hof hinausgingen, standen offen, aber er erhob nicht den Kopf, -- er hatte keine Kraft dazu. Die Treppe zu der Wohnung der Alten lag in der Nähe, gleich rechts von dem Tore. Er war schon auf der Treppe ...

Er holte Atem, hielt die Hand auf das klopfende Herz, fühlte dabei nach dem Beile, rückte es zurecht und begann vorsichtig und leise die Treppe hinaufzusteigen, alle Augenblicke horchend. Auch die Treppe war um diese Zeit vollkommen leer; alle Türen waren verschlossen; er begegnete auch da niemandem. Im zweiten Stocke stand wohl eine leere Wohnung weit offen, und in ihr arbeiteten Maler, aber auch die sahen nicht zu ihm hin. Er stand einen Augenblick still, dachte nach und ging weiter. -- »Gewiß, es wäre noch besser, wenn sie nicht da wären, aber ... über ihnen liegen noch zwei Stockwerke. Aber da ist nun der vierte Stock, da ist die Türe, und die Wohnung gegenüber, die ist unbewohnt. Im dritten Stocke steht die Wohnung, die unter der Wohnung der Alten liegt, allen Anzeichen nach auch leer, -- die Visitenkarte, die an der Türe mit Nägeln befestigt war, ist abgenommen, -- also sind sie ausgezogen!« ... Sein Atem stockte. Einen Augenblick durchzuckte ihn der Gedanke: »Soll ich nicht fortgehen!« Er gab sich aber keine Antwort und begann an der Türe zu der Wohnung der Alten zu horchen, -- es war totenstill. Dann lauschte er nochmals die Treppe hinab, lauschte lange und aufmerksam ... Dann sah er sich zum letzten Male um, nahm sich zusammen, faßte sich und tastete noch einmal nach dem Beil in der Schlinge.

»Bin ich nicht zu ... blaß?« dachte er. »Bin ich nicht zu erregt? Sie ist mißtrauisch ... Soll ich nicht besser noch ein wenig warten ... bis das Herz sich beruhigt? ...«

Das Herz aber beruhigte sich nicht. Im Gegenteil, es klopfte, wie absichtlich, immer stärker und stärker ... Er hielt es nicht aus, langsam streckte er die Hand nach der Klingel und schellte. Nach einer halben Minute schellte er noch einmal etwas lauter.

Keine Antwort. Unnütz zu klingeln ging nicht an und paßte außerdem nicht für ihn. Die Alte ist selbstverständlich zu Hause, aber sie ist mißtrauisch und allein. Er kannte teilweise ihre Gewohnheiten ... und er legte noch einmal sein Ohr fest an die Türe. Waren seine Sinne so geschärft (was überhaupt sich schwer vorstellen läßt) oder war tatsächlich es deutlich zu hören, er unterschied das vorsichtige Tasten einer Hand an der Türklinke und das Rascheln eines Kleides an der Türe. Jemand stand unbemerkbar innen am Schlosse selbst und lauschte ebenso, wie er hier von außen, mit angehaltenem Atem und wie es schien, ebenso mit dem Ohre an der Türe ... Er machte absichtlich eine Bewegung und murmelte laut etwas vor sich hin, um zu zeigen, daß er sich nicht verstecke. Dann schellte er zum dritten Male, aber leise, mit Anstand und ohne Ungeduld. Wenn er sich später dessen erinnerte, deutlich und klar, -- dieser Augenblick hat sich ihm auf ewig eingeprägt, -- konnte er nicht begreifen, woher soviel Schlauheit über ihn gekommen war, besonders, da sein Verstand sich zeitweise verdunkelte und er seinen Körper fast gar nicht fühlte ... Einen Augenblick nachher hörte man, daß der Verschluß abgenommen wurde.

VII.

Die Türe wurde, wie auch damals, um einen einzigen Spalt geöffnet, und wieder hafteten auf ihm zwei scharfe und mißtrauische Augen aus der Dunkelheit. Da verlor Raskolnikoff die Fassung und machte beinahe einen großen Fehler.

In der Befürchtung, daß die Alte erschrecken würde, weil sie allein sei, und da er nicht glauben konnte, daß sein Anblick sie beruhigen würde, griff er nach der Türe und zog sie zu sich, damit die Alte nicht auf den Gedanken komme, sich wieder einzuschließen. Als die Alte das sah, zog sie die Türe nicht zurück, ließ aber auch nicht die Türklinke los, so daß er sie beinahe mit der Türe auf die Treppe hinauszog. Da er aber sah, daß sie quer vor der Türe stand und ihn nicht durchlassen wollte, ging er direkt auf sie los. Die Alte sprang erschreckt zurück, wollte etwas sagen, aber schien es nicht zu können und sah ihn unverwandt an.

»Guten Tag, Aljona Iwanowna,« begann er möglichst ungezwungen, aber die Stimme gehorchte nicht, sie brach ab und zitterte. »Ich habe Ihnen ... ein Versatzstück gebracht ... aber wir gehen besser hierher ... wo es hell ist ...« Er ließ sie stehn und ging ohne Aufforderung in das Zimmer. Die Alte lief ihm nach, ihre Zunge hatte sich gelöst.

»Herrgott! Was wollen Sie? ... Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

»Erlauben Sie, Aljona Iwanowna ... ich bin Ihnen bekannt ... Raskolnikoff ... da haben Sie, ich habe ein Versatzstück gebracht, wie ich vor ein paar Tagen versprach ...«

Und er reicht ihr das Versatzstück hin.

Die Alte warf einen leichten Blick auf das Versatzstück, aber richtete sofort ihre Augen direkt ins Gesicht des ungebetenen Gastes. Sie sah ihn aufmerksam, böse und mißtrauisch an. Es verging eine Minute; ihm schien sogar, in ihren Augen liege etwas wie Spott, als ob sie schon alles erraten hätte. Er fühlte, daß er die Fassung verlor, und daß ihn die Furcht packte, eine so starke Furcht, daß ihm schien, wenn sie ihn noch eine halbe Minute so weiter angesehen hätte, er ohne ein Wort zu sagen weggelaufen wäre.

»Warum sehen Sie mich so an, als ob Sie mich nicht wiedererkennen?« sagte er plötzlich ebenfalls böse. »Wenn Sie wollen, nehmen Sie es zum Versatz, wenn nicht, -- gehe ich zu anderen, ich habe keine Zeit.«

Er wußte selbst nicht, wie er zu diesen Worten kam.

Die Alte kam zu sich, und der entschlossene Ton des Besuchers gab ihr anscheinend Mut.

»Warum sind Sie hergekommen, Väterchen, was ist das?« fragte sie und blickte auf das Versatzstück.

»Ein silbernes Zigarettenetui; ich sprach vorigesmal davon!«

Sie streckte die Hand aus.

»Warum sind Sie so blaß? Auch Ihre Hände zittern! Haben Sie gebadet?«

»Fieber habe ich,« antwortete er kurz. »Unwillkürlich wird man blaß ... wenn man nichts zu essen hat,« fügte er, die Worte kaum aussprechend, hinzu. Die Kräfte verließen ihn wieder. Die Antwort aber erschien wahrheitsgetreu; denn die Alte nahm das Versatzstück.

»Was ist es?« fragte sie, indem sie Raskolnikoff noch einmal prüfend ansah und das Versatzstück in der Hand wog.

»Ein Ding ... ein Zigarettenetui ... aus Silber ... Sehen Sie nach.«

»Hm, mir scheint es nicht aus Silber ... Sieh, wie er es zugeschnürt hat ...« Indem sie versuchte, den Bindfaden zu lösen und sich zum Fenster gegen das Licht wandte (alle Fenster waren trotz der schwülen Hitze geschlossen), ließ sie ihn auf ein paar Sekunden aus dem Auge und stellte sich mit dem Rücken gegen ihn. Er knöpfte seinen Mantel auf und zog das Beil aus der Schlinge, aber er holte es noch nicht hervor, sondern hielt es mit der rechten Hand unter dem Mantel. Seine Hände waren furchtbar schwach; er fühlte selbst, wie sie mit jedem Augenblick immer mehr erlahmten und erstarrten. Er fürchtete, daß er das Beil fallen lassen werde ... plötzlich schwindelte ihm der Kopf.

»Was hat er denn da umgewickelt!« rief die Alte ärgerlich aus und machte eine Bewegung nach seiner Seite. Kein Moment länger durfte verloren gehen. Er zog das Beil ganz hervor, hob es, kaum daß er sich dessen bewußt war, mit beiden Händen empor und ließ es fast ohne Anstrengung, fast mechanisch mit der breiten Seite auf den Kopf der Alten niederfallen. Er hatte, wie es schien, dabei keine Kraft angewandt. Aber kaum hatte er das Beil zum ersten Male fallen lassen, da kamen auch die Kräfte.

Die Alte war wie immer barhäuptig. Ihre hellen, leicht ergrauten dünnen Haare, wie gewöhnlich fettig geölt, waren in rattenschwanzartige kleine Flechten geflochten und wurden von einem abgebrochenen Hornkamme, der auf ihrem Hinterkopfe saß, zusammengehalten. Der Schlag hatte sie bei ihrer Kleinheit direkt auf den Scheitel getroffen. Sie schrie auf, aber sehr leise, ihre beiden Hände gegen den Kopf erhebend. In der einen Hand hielt sie das »Versatzstück« fest. Da schlug er aus aller Kraft ein zweites und ein drittes Mal zu, immer mit der breiten Seite und immer gegen den Scheitel. Das Blut strömte hervor wie aus einem zersprungenen Glase, und der Körper fiel zu Boden mit dem Gesichte nach oben. Er trat einen Schritt zurück, ließ den Körper liegen und beugte sich über ihr Gesicht; sie war schon tot. Die Augen waren weit aufgerissen, als ob sie herausspringen wollten, und die Stirn und das ganze Gesicht waren verzogen und krampfhaft verzerrt.

Er legte das Beil auf die Diele neben die Tote, langte eilends in ihre Tasche, in dieselbe rechte Tasche, aus der sie das vorige Mal die Schlüssel hervorgeholt hatte, und suchte zu verhindern, daß er sich mit dem fließenden Blute beschmiere. Er war bei klarem Verstande, Verdüsterungen und Schwindel fühlte er nicht mehr, aber die Hände zitterten immer noch. Er erinnerte sich später, daß er sogar sehr aufmerksam und vorsichtig war und immer versuchte, sich nicht zu beschmutzen ... Die Schlüssel zog er sofort heraus; sie hingen alle wie damals an einem Schlüsselbunde, an einem Ringe von Stahl. Er lief sofort mit ihm in das Schlafzimmer. Das war ein sehr kleines Zimmer mit einer großen Sammlung Heiligenbilder. An der anderen Wand stand ein großes Bett, sehr reinlich, mit einer wattierten Decke, die mit bunten Seidenflicken besetzt war. An der dritten Wand stand eine Kommode. Wie seltsam, kaum begann er die Schlüssel an der Kommode zu probieren, kaum hörte er ihr Rascheln, da kam der Krampf über ihn. -- Er bekam wieder Lust, alles liegenzulassen und fortzugehen. Aber das dauerte nur einen Augenblick; es war zu spät, fortzugehen. Er lächelte sogar über sich selbst, als plötzlich ein anderer beunruhigender Gedanke durch seinen Kopf fuhr. Ihm däuchte plötzlich, daß die Alte vielleicht noch lebe und zu sich kommen könne. Er ließ die Schlüssel fallen, lief zurück zu der Toten, ergriff das Beil und erhob es noch einmal über die Alte, ließ es aber nicht niedersausen. Es gab keinen Zweifel, sie war tot. Indem er sich über sie beugte und sie wieder in der Nähe betrachtete, sah er deutlich, daß der Schädel zerschmettert und sogar ein wenig nach der Seite verschoben war. Er wollte mit dem Finger es befühlen, aber er riß die Hand zurück; es war ja ohnedem zu sehen. Indessen war schon eine ganze Pfütze Blut zusammengelaufen. Plötzlich bemerkte er an ihrem Halse eine Schnur, er riß daran, aber die Schnur war stark und ließ sich nicht zerreißen, außerdem war sie mit Blut durchtränkt. Er versuchte sie so unter dem Busen hervorzuziehen, aber etwas hielt die Schnur fest. Ungeduldig wollte er wieder das Beil emporheben, um die Schnur von oben über den Körper durchzuschlagen, aber er wagte es nicht, und mit großer Mühe zerschnitt er nach einer Arbeit von zwei Minuten die Schnur, ohne mit dem Beile den Körper zu berühren, wobei er aber seine Hände und das Beil mit Blut besudelt hatte; er hatte sich nicht geirrt -- an der Schnur hing ein Beutel. Außerdem hingen daran zwei Kreuze, eins von Zypressen und das andere von Kupfer, und ein Heiligenbildchen aus Emaille; es war ein kleiner beschmutzter Beutel aus Sämischleder mit einer stählernen Spanne und kleinem Ringe. Der Beutel war sehr voll gepackt. Raskolnikoff steckte ihn, ohne ihn näher zu betrachten, in die Tasche, die Kreuze warf er der Alten auf die Brust, nahm diesmal das Beil auch mit und stürzte in das Schlafzimmer zurück.

Er war in schrecklicher Hast, nahm die Schlüssel und versuchte sie von neuem. Aber es gelang ihm immer nicht, sie paßten nicht für die Schlösser. Nicht, weil seine Hände zitterten, aber er irrte sich immer; er sah zum Beispiel, daß es nicht der richtige Schlüssel war, daß er nicht paßte, trotzdem probierte er ihn immer wieder. Plötzlich dachte er daran und es leuchtete ihm ein, daß dieser große Schlüssel mit dem zackigen Barte, der an dem Ringe mit den anderen kleinen zusammenhing, gar nicht zu der Kommode gehörte (wie es ihm schon vorigesmal in den Sinn gekommen war), sondern unbedingt zu einer Truhe gehören mußte, und daß in dieser Truhe vielleicht alles aufbewahrt war. Er verließ die Kommode und kroch sofort unter das Bett, da er wußte, daß die Truhen gewöhnlich bei alten Frauen unter dem Bette stehen. Es stimmte, es stand darunter eine ziemlich große Truhe, ungefähr ein Meter lang, mit einem halbrunden Deckel, mit rotem Saffian beschlagen. Der zackige Schlüssel paßte und schloß die Truhe auf. Oben, unter einem weißen Laken, lag ein mit rotem Stoff bezogener Pelz aus Hasenfellen; unter ihm ein seidenes Kleid, ein Schal und in der Tiefe lagen, wie es schien, allerhand Kleidungsstücke. Zuerst begann er seine mit Blut besudelten Hände an dem roten Stoff abzuwischen. »Der Stoff ist rot und bei rot ist Blut nicht so auffallend,« dachte er und plötzlich kam er zu sich. »Mein Gott! Verliere ich den Verstand?« sagte er sich erschreckt.

Kaum aber hatte er die Lumpen angerührt, als plötzlich unter dem Pelze eine goldene Uhr hervorglitt. Er machte sich daran, alles in der Truhe umzuwerfen. Zwischen den Kleidungsstücken waren in der Tat goldene Sachen untergebracht -- wahrscheinlich alles versetzte Sachen, gekaufte oder nicht ausgelöste Armbänder, Ketten, Ohrringe, Busennadeln und dergleichen mehr. Manche Pfänder waren in Futteralen, andere wieder einfach in Zeitungspapier eingeschlagen, aber peinlich und sorgfältig in doppelte Bogen und mit Bindfaden zugeschnürt. Ohne einen Moment zu zögern, begann er seine Hosentaschen und die Taschen im Mantel mit den Sachen zu füllen; er untersuchte nicht und öffnete nicht die Pakete und die Futterale, aber er kam nicht dazu, viel einzustecken ...

Denn plötzlich hörte er in dem Zimmer, wo die Alte lag, Schritte. Er ließ das Kramen und verhielt sich still, wie ein Toter. Alles war aber ruhig, also hatte er nur geträumt. Aber da hörte er deutlich einen leisen Schrei, als wenn jemand leise und abgerissen stöhnte und darauf schwieg. Wieder trat eine Totenstille ein, eine Minute oder zwei Minuten lang. Er horchte neben der Truhe und wartete mit angehaltenem Atem, plötzlich aber sprang er auf, ergriff das Beil und lief aus dem Schlafzimmer.

Mitten im Zimmer stand Lisaweta mit einem großen Bündel in der Hand und sah erstarrt die ermordete Schwester an; sie war weiß wie Linnen und schien außerstande zu schreien. Als sie ihn hereinlaufen sah, erzitterte sie wie ein Blatt, und ihr ganzes Gesicht zuckte; sie erhob die eine Hand, öffnete den Mund, schrie aber trotzdem nicht und begann langsam rückwärts vor ihm in eine Ecke zurückzuweichen, ihm unverwandt ins Gesicht sehend, aber immer noch nicht schreiend, als ob es ihr an Luft mangele. Er stürzte sich auf sie mit dem Beile. Ihre Lippen verzogen sich so kläglich, wie es ganz kleine Kinder tun, wenn sie sich vor etwas fürchten, den Gegenstand ihrer Furcht unverwandt ansehen und sich anschicken zu schreien. Diese unglückliche Lisaweta war so einfältig und so völlig eingeschüchtert, daß sie nicht einmal ihre Hände erhob, um das Gesicht zu schützen, obwohl das doch die unwillkürlichste und natürlichste Bewegung in diesem Augenblicke gewesen wäre, während das Beil über ihrem Kopfe schwebte. Sie erhob nur ein wenig ihre freie linke Hand, aber bei weitem nicht bis zum Gesichte und streckte sie ihm langsam entgegen, als ob sie ihn zur Seite schieben wollte. Der Schlag traf direkt den Schädel mit der scharfen Seite des Beiles und durchschnitt mit einem Male den ganzen oberen Teil der Stirn fast bis zur Schläfe. Sie stürzte sofort hin. Raskolnikoff verlor beinahe die Fassung, er ergriff ihr Bündel, warf es wieder hin und lief in das Vorzimmer.

Die Angst packte ihn mehr und mehr nach diesem zweiten, vollkommen unerwarteten Morde. Er wollte schnell von hier fort. Und wenn er in diesem Augenblicke imstande gewesen wäre, klarer zu sehen und zu denken, wenn er sich alle Schwierigkeiten seiner Lage, die ganze Verzweiflung, den ganzen Ekel und den ganzen Wahnsinn der Situation hätte vorstellen können und dabei verstanden hätte, wieviel Hindernisse, vielleicht auch Verbrechen er noch überwinden und vollbringen mußte, um von hier loszukommen und nach Hause zu gelangen, dann hätte er wahrscheinlich alles im Stiche gelassen und wäre sofort hingegangen und hätte sich selbst gestellt; und er hätte es nicht aus Furcht getan für seine Person, sondern nur aus Schrecken und Widerwillen allein vor dem, was er vollbracht hatte. Besonders der Widerwillen stieg und wuchs in ihm mit jedem Augenblicke. Um keinen Preis in der Welt würde er jetzt zu der Truhe oder in das Zimmer zurückgegangen sein.

Aber eine Zerstreutheit, eine Nachdenklichkeit kam allmählich über ihn; einige Minuten blieb er wie verloren stehen oder besser, er verlor sich in Kleinigkeiten und vergaß die Hauptsache. Als er übrigens einen Blick in die Küche warf und auf einer Bank einen Eimer sah, der zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, kam er auf den Gedanken, seine Hände und das Beil abzuwaschen. Seine Hände waren blutig und klebten. Das Beil steckte er mit der Schneide einfach ins Wasser, ergriff ein Stück Seife, das auf dem Fensterbrette auf einer zerschlagenen Untertasse lag und begann im Eimer selbst seine Hände zu waschen. Nachdem er die Hände gereinigt hatte, zog er auch das Beil heraus, wusch das Eisen ab und wusch lange, gegen drei Minuten lang, die Blutflecken vom Holze ab und versuchte sogar das Blut mit Seife abzuwaschen. Dann trocknete er alles mit Wäschestücken ab, die hier an einem Stricke trockneten, und besah lange voll Aufmerksamkeit am Fenster das Beil. Spuren waren nicht da, nur das Holz war noch feucht. Er steckte sorgfältig das Beil in die Schlinge unter dem Mantel. Darauf besah er den Mantel, die Hosen und die Stiefel, soweit es ihm das Licht in der halbdunklen Küche erlaubte. Beim ersten Blick schien man außen nichts zu sehen; nur auf den Stiefeln waren Flecken. Er machte einen Lappen naß und wischte die Stiefel ab. Er wußte übrigens, daß er nicht gut sehen konnte, daß es vielleicht etwas in die Augen Fallendes gab, was er nicht bemerkte. In Nachdenken versunken, stand er mitten im Zimmer. Ein quälender dunkler Gedanke erstand in ihm -- der Gedanke, daß er den Verstand verliere, und daß er in diesem Augenblicke weder denken noch sich verteidigen könne, daß vielleicht gar nicht das zu tun sei, was er jetzt tue ...

»Mein Gott! Ich muß fort, fort!« murmelte er und stürzte in das Vorzimmer. Aber hier erwartete ihn ein Schrecken, wie er ihn sicher noch nie erlebt hatte.

Er stand, sah hin und traute seinen Augen nicht: die Türe, die Außentüre, die aus dem Vorzimmer auf die Treppe ging, dieselbe, an der er vor kurzem geschellt und durch die er hineingekommen war, stand offen, sogar eine Hand breit offen, weder das Schloß war zu, noch der Riegel vor -- die ganze, die ganze, ganze Zeit! Die Alte hatte hinter ihm nicht abgeschlossen, vielleicht aus Vorsicht. Aber, mein Gott! Er hat aber doch später Lisaweta gesehen! Und wie konnte, wie konnte er nicht auf den Gedanken kommen, daß sie doch irgendwie hereingekommen war! Sie war nicht durch die Wand gekommen!

Er stürzte zur Türe und legte den Riegel vor.

»Aber nein, das war wieder nicht das richtige! Ich muß fort, fort! ...«

Er zog den Riegel zurück, öffnete die Türe und begann zur Treppe hin zu lauschen.

Er horchte lange. Irgendwo weit unten, wahrscheinlich unter dem Tore, schrien laut und kreischend zwei Stimmen, stritten sich und schimpften.

»Was haben die? ...«

Er wartete geduldig. Endlich wurde mit einem Male alles still, wie abgeschnitten; sie sind fortgegangen.

Er wollte schon hinaustreten, aber plötzlich öffnete sich geräuschvoll ein Stock tiefer eine Tür zur Treppe, jemand begann die Treppe hinabzusteigen und summte vor sich irgend etwas her.

»Wie sie alle lärmen!« ging es durch seinen Kopf.

Er zog wieder die Türe zu und wartete. Endlich verstummte alles, keine Seele war zu hören. Er tat schon einen Schritt zur Treppe, als er plötzlich wieder neue Schritte vernahm.

Diese Schritte kamen von sehr weit her, ganz vom Anfange der Treppe, aber er erinnerte sich sehr gut und deutlich, daß er schon beim ersten Schritte damals aus irgendeinem Grunde den Verdacht faßte, daß man unbedingt hierher, in den vierten Stock, zu der Alten komme. Warum? Klangen die Schritte so sonderbar, so bedeutungsvoll? Es waren schwere gleichmäßige Schritte von einem Menschen, der keine Eile hat. Den ersten Stock hat er schon erreicht, nun steigt er weiter die Treppe hinauf, -- deutlicher und deutlicher hört man es. Er vernahm das schwere Atmen des Kommenden. Nun ist er schon im dritten Stock. Er kommt hierher! Und plötzlich erschien es Raskolnikoff, als wäre er versteinert, als wäre er im Traume, wenn es einem träumt, daß man verfolgt wird, daß die Mörder ganz nahe hinter einem sind, man aber wie angewachsen dasteht und die Hände nicht rühren kann.

Endlich, als der Besucher schon den vierten Stock heraufstieg, fuhr er plötzlich zusammen und es gelang ihm doch schnell und geschmeidig, von dem Treppenabsatz in die Wohnung hineinzuschlüpfen und die Türe hinter sich zuzumachen. Dann nahm er den Haken und legte ihn leise, unhörbar vor. Der Instinkt half ihm. Als er das in Ordnung gebracht hatte, stellte er sich mit angehaltenem Atem direkt an die Türe. Der unbekannte Besucher war schon da. Sie standen jetzt einander gegenüber, wie er vor kurzem der Alten gegenüberstand, als die Türe sie voneinander trennte, und er lauschte.

Der Besucher atmete ein paarmal schwer.

»Er ist wahrscheinlich dick und groß,« dachte Raskolnikoff und nahm das Beil fester in die Hand. Ihm war wieder alles wie im Traume. Der Besucher faßte die Klingel und läutete stark.

Als die Klingel blechern erklirrte, schien es ihm, als ob in dem Zimmer sich jemand rühre. Einige Sekunden lauschte er. Der Unbekannte schellte noch einmal, wartete ein wenig und begann plötzlich ungeduldig aus aller Kraft mit der Türklinke zu klappern. Mit Schrecken blickte Raskolnikoff auf den hüpfenden Haken und wartete mit stumpfer Angst, daß der Haken jeden Augenblick herausspringen werde. Es schien in der Tat möglich zu sein, -- so stark riß jener an der Türe. Er wollte den Haken mit der Hand niederhalten, aber der andere konnte es merken. Es begann ihm wieder schwindlig zu werden.

»Ich breche noch zusammen!« durchzuckte es ihn, aber der Unbekannte begann zu sprechen, da kam er zu sich. »Ja, schlafen die denn da oder sind sie tot? Verflucht noch einmal!« wetterte er. »He, Aljona Iwanowna, alte Hexe! Lisaweta Iwanowna, du wundervolle Schönheit! Öffnet! Ach, verflucht, schlafen sie wirklich?«

Und er riß von neuem rasend gegen zehnmal nacheinander aus voller Kraft an der Klingel. Es war wohl ein Mann, der etwas galt und im Hause gut bekannt war.

In diesem Augenblick vernahm man unweit auf der Treppe kurze eilige Schritte. Es kam noch jemand. Raskolnikoff hatte es zuerst nicht gehört.

»Ist niemand da; unmöglich?« rief laut der Angekommene und wandte sich freundlich an den ersten Besucher, der noch immer an der Klingel riß. »Guten Abend, Koch!«

»Nach der Stimme zu urteilen, muß es ein sehr junger Mann sein,« dachte Raskolnikoff.

»Das weiß der Teufel, ich habe fast das Schloß abgerissen,« antwortete Koch. »Aber woher kennen Sie mich denn?«

»Warum nicht! Vorgestern habe ich Ihnen drei Partien Billard im >Gambrinus< abgewonnen.«

»Ah ...«

»Also, sie sind nicht zu Hause. Merkwürdig. Das ist aber dumm. Wo mag nur die Alte hingegangen sein? Ich habe Geschäfte mit ihr.«

»Ich auch, mein Lieber.«

»Was ist da zu tun? Wohl oder übel müssen wir wieder gehen. Ach! Und ich hoffte Geld zu bekommen!« rief der junge Mann aus.

»Selbstredend müssen wir gehen, aber wozu gibt man eine Zeit an? Die alte Hexe hat mir selbst die Stunde bestimmt. Für mich bedeutet das einen weiten Weg. Zum Teufel, ich verstehe nicht, wo sie sich herumtreiben kann. Das ganze Jahr sitzt sie im Hause, die Hexe, rührt sich nicht vom Fleck, die Füße tun ihr weh, und nun plötzlich macht sie Ausflüge!«

»Sollen wir nicht den Hausknecht fragen?«

»Wonach denn?«

»Wohin sie gegangen ist und wann sie wiederkommt?«

»Hm ... zum Teufel ... sollen wir fragen ... Ja, sie geht doch nie aus ...« und er riß noch einmal an der Türklinke.

»Zum Teufel, es bleibt nichts übrig, wir müssen fortgehen.«

»Warten Sie!« rief plötzlich der junge Mann. »Sehen Sie einmal, wie die Türe nachgibt, wenn man daran reißt!«

»Na, und?«

»Also ist sie nicht abgeschlossen, sondern nur eingehakt, auf den Haken! Hören Sie, wie der Haken klirrt?«

»Nun?«

»Verstehn Sie denn nicht? Also ist jemand von ihnen zu Hause. Wenn alle fortgegangen wären, hätten sie die Türe mit dem Schlüssel abgeschlossen, und nicht von innen mit dem Haken. Hören Sie nun, wie der Haken klirrt? Um aber von innen die Türe mit dem Haken abzuschließen, muß man zu Hause sein, verstehen Sie? Also, sitzen sie zu Hause und öffnen nicht!«

»Hm! Ja, das ist wahr!« rief erstaunt Koch. »Was ist denn mit ihnen los?« Und er begann voll Wucht an der Türe zu zerren.

»Warten Sie!« rief von neuem der junge Mann. »Halten Sie ein! Hier ist etwas nicht in Ordnung ... Sie haben doch geklingelt, an der Türe gerüttelt, -- und sie öffnen nicht, also, liegen sie entweder in Ohnmacht oder ...«

»Was?«

»Hören Sie mal, holen wir den Hausknecht, möge er sie aufwecken.«

»Gut.«

Sie gingen beide zur Treppe.

»Warten Sie! Bleiben Sie mal hier, ich aber laufe nach dem Hausknecht.«

»Warum soll ich bleiben?«

»Es ist so besser ...«

»Meinetwegen ...«

»Ich bereite mich zum Untersuchungsrichter vor! Hier stimmt offenbar, offen--bar ... nicht alles!« rief voll Eifer der junge Mann und lief eilig die Treppe hinab.

Koch blieb, rührte noch einmal leise die Klingel und es klirrte ein einziges Mal; dann begann er sachte, als ob er es überlegte und prüfte, die Türklinke zu bewegen, er zog sie auf und ließ sie niedergleiten, um sich noch einmal zu vergewissern, daß die Türe bloß mit einem Haken geschlossen sei. Darauf bückte er sich schwer atmend und blickte durch das Schlüsselloch, aber darin stak von innen der Schlüssel, und er konnte nichts sehen.

Raskolnikoff stand und hielt krampfhaft das Beil, fieberhaft erregt. Er war bereit zu kämpfen, wenn sie hereinkommen sollten. Schon als sie klopften und sich besprachen, kam ihm einigemal der Gedanke, allem ein Ende zu machen und ihnen durch die Türe zuzurufen. Es wandelte ihn an, sie zu schimpfen, sie zu reizen, bevor sie die Türe aufmachten. »Möchte es doch schneller zu Ende gehen!« fuhr es ihm durch den Kopf. »Zum Teufel noch einmal ...«

Die Zeit verrann, eine Minute nach der andern ging vorüber, niemand kam. Koch begann unruhig zu werden.

»Zum Teufel noch einmal! ...« rief er plötzlich aus, und voll Ungeduld verließ er seinen Posten, ging die Treppe eilig hinab, und stapfte fest auf.

»Mein Gott, was ist nun zu tun!« Raskolnikoff hob den Haken ab, öffnete ein wenig die Türe, es war nichts zu hören, er trat plötzlich vollkommen gedankenlos heraus, zog die Türe hinter sich möglichst dicht zu und ging hinab. Er war schon drei Treppen hinabgestiegen, als plötzlich unten ein starker Lärm hörbar wurde, -- wohin sich wenden? Er konnte sich nirgends verstecken und wollte schon zurück in die Wohnung laufen.

»He Teufel! Halt!«

Mit einem Schrei stürzte jemand unten aus einer Wohnung heraus und lief so schnell hinunter, daß er die Treppe beinahe hinunterzufallen schien.

»Mitjka, Mitjka! Mitjka! Mitjka! Mitjka! Hol dich der Kuckuck!«

Der Schrei endete mit Kreischen; die letzten Töne hörte man schon vom Hofe her; alles wurde still. Aber im selben Augenblick begannen ein paar Menschen, die laut und schnell sprachen, geräuschvoll die Treppe hinaufzusteigen, vielleicht drei oder vier. Raskolnikoff unterschied die helle Stimme des jungen Mannes.

»Das sind sie.«

In größter Verzweiflung ging er ihnen direkt entgegen, -- mochte nun kommen, was wollte. Wenn sie ihn anhielten, war alles verloren, wenn sie ihn vorbeiließen, war auch alles verloren, -- denn sie werden ihn wiedererkennen. Sie kamen bedenklich näher; zwischen ihnen war nur eine einzige Treppe -- da kam die Rettung. Einige Stufen vor ihm rechts stand weit geöffnet eine leere Wohnung, dieselbe Wohnung im zweiten Stock, in der Arbeiter malten und jetzt wie mit Absicht fortgegangen waren. Das waren sicher die Leute gewesen, die soeben mit solch einem Geschrei hinabgelaufen waren. Die Dielen waren frisch gestrichen, mitten im Zimmer stand ein kleiner Eimer und eine Scherbe von einem Topfe mit Farbe und Pinsel. Im Nu schlüpfte er durch die offene Tür und verbarg sich hinter einer hohen Wand, es war hohe Zeit. Sie waren schon auf dem Treppenabsatz. Dann wandten sie sich nach oben und gingen laut sprechend nach dem vierten Stock. Er wartete eine Zeitlang, ging auf Fußspitzen hinaus und lief nach unten.

Auf der Treppe war niemand! Auch unten nicht. Er ging schnell durch das Tor und ging nach links die Straße hinunter. Er wußte es nur zu gut, daß sie in diesem Augenblicke schon in der Wohnung waren, daß sie erstaunt waren, die Türe offen zu sehen, die noch eben verschlossen war, daß sie schon die Leichen erblickten, und daß sie in weniger als einer Minute erraten würden, daß der Mörder hier soeben noch dagewesen war und Zeit gefunden hatte, sich irgendwo zu verbergen, an ihnen vorbeizuhuschen und zu fliehen; sie werden vielleicht auch auf den Gedanken gekommen sein, daß er in der leeren Wohnung stak, als sie nach oben gingen. Indessen aber durfte er um keinen Preis seinen Gang zu sehr beschleunigen, obgleich bis zur ersten Seitenstraße gegen hundert Schritte waren.

»Soll ich nicht in ein Tor hineinschlüpfen und irgendwo in einer unbekannten Straße abwarten? Nein, das ist gefährlich! Soll ich nicht das Beil fortwerfen? Soll ich nicht eine Droschke nehmen? Es ist zu gefährlich, zu gefährlich!«

Endlich kam die Seitenstraße, er bog in sie halbtot ein. Hier war er schon zur Hälfte gerettet, und ward es inne, -- hier erregte er kaum Verdacht, zudem war diese Straße stark belebt, und er ging wie ein Sandkorn in der Menge verloren. Aber alle diese Qualen hatten ihn so erschöpft, daß er sich kaum mehr fortbewegen konnte. Der Schweiß rann ihm in Tropfen herunter, sein Hals war ganz naß.

»Sieh mal, wie der voll ist!« rief ihm jemand zu, als er auf den Kanal hinauskam.

Er hatte fast keinen Gedanken mehr; je weiter er ging, um so schlimmer wurde es. Er erschrak plötzlich, als er an den Kanal hinauskam; denn dort gab es wenig Menschen, hier konnte er leichter auffallen, und er wollte wieder in die Seitengasse zurückkehren. Trotzdem er am Umfallen war, machte er doch einen Umweg und kam von einer anderen Seite nach Hause.

Noch fast besinnungslos schritt er durch das Tor seines Hauses; er war schon die Treppe hinaufgestiegen, da erst entsann er sich des Beiles. Eine überaus wichtige Aufgabe stand ihm noch bevor, das Beil zurückzulegen und es unbemerkt zu tun. Er hatte nicht mehr die Kraft, zu überlegen, ob es vielleicht nicht viel besser wäre, das Beil gar nicht mehr auf seinen früheren Platz zurückzubringen, sondern es irgendwo auf einen fremden Hof, wenn auch nicht sofort, zu werfen.

Doch es ging alles gut vonstatten. Die Türe zu der Wohnung des Hausknechts war zugemacht, aber nicht verschlossen, also war der Hausknecht sehr wahrscheinlich zu Hause. Und so weit hatte er schon die Fähigkeit zu überlegen verloren, daß er einfach auf die Wohnung losging und die Türe öffnete. Hätte der Hausknecht ihn in diesem Augenblick gefragt, was er wolle, er hätte ihm einfach das Beil in die Hand gegeben. Der Hausknecht war aber auch diesmal nicht da und er konnte das Beil auf seinen Platz unter die Bank legen; er bedeckte es sogar wieder mit einem Holzscheit. Keine Seele begegnete ihm bis zu seinem Zimmer; die Türe zur Wohnung der Wirtin war abgeschlossen. Nachdem er in sein Zimmer eingetreten war, warf er sich auf den Diwan, so wie er war. Er schlief nicht, verfiel aber in einen Halbschlummer. Wenn jemand jetzt in sein Zimmer getreten wäre, wäre er aufgesprungen und hätte geschrien. Abgerissene, verworrene Gedanken wirbelten in seinem Kopfe, aber er konnte keinen einzigen erfassen, keinen festhalten, trotz aller Anstrengung.

Zweiter Teil

I.

So lag er sehr lange da. Manchmal wachte er vom Schlafe auf und dann bemerkte er, daß es schon längst Nacht war. Endlich nahm er wahr, daß es schon heller Tag war. Er lag auf dem Diwan ausgestreckt, noch erstarrt von der kaum überwundenen Bewußtlosigkeit. Schrill tönte fürchterliches verzweifeltes Geheul von der Straße herauf, das er jede Nacht unter seinem Fenster in der dritten Morgenstunde hörte. Das hatte ihn auch jetzt wieder aufgeweckt.

»Ah! Es kommen die Betrunkenen schon aus den Kneipen,« dachte er. »Es ist drei Uhr!« und er sprang auf, als hätte ihn jemand von dem Diwan heruntergestoßen.

»Wie! Es ist schon drei!«

Er setzte sich -- und da fiel ihm alles ein! Plötzlich fiel ihm alles ein!

Im ersten Augenblicke dachte er, er würde den Verstand verlieren. Eine furchtbare Kälte erfaßte ihn, aber die Kälte kam vom Fieber, das schon längst während des Traumzustandes angefangen hatte. Es packte ihn ein Schüttelfrost, daß die Zähne zusammenschlugen, und alles zitterte an ihm. Er öffnete die Türe und begann zu lauschen: im Hause schlief alles. Erschreckt betrachtete er sich selbst und alles ringsum im Zimmer und begriff nicht -- wie konnte er nur gestern die Türe nicht zuhaken und sich nicht nur angekleidet, sondern sogar mit dem Hute auf den Diwan werfen; der Hut war ihm heruntergefallen und lag dort auf der Diele in der Nähe des Kissens.

»Wenn jemand gekommen wäre, was hätte er denken müssen? Daß ich betrunken, aber ...«

Er stürzte zum Fenster. Es war genügend hell und er besah sich schnell ganz vom Kopfe bis zu den Füßen, seine ganze Kleidung, ob nicht Spuren daran waren. Aber man konnte so nichts sehen; zitternd vor Frost, zog er alles aus und wieder betrachtete er es von allen Seiten. Er drehte alles um bis zum letzten Faden und Fetzen, und da er sich selber nicht traute, wiederholte er dreimal die Besichtigung. Aber er fand nichts, scheinbar keine Spur; nur an einer Stelle, wo die Hosen unten abgerieben und in Fransen hingen, waren an diesen Fransen dicke Flecken eingetrockneten Blutes. Er nahm ein großes Taschenmesser und schnitt die Fransen ab. Mehr schien es nicht zu sein. Da fiel ihm ein, daß der Beutel und die Sachen, die er aus der Truhe bei der Alten herausgenommen, sich noch immer in seinen Taschen befanden. Er hatte nicht mehr daran gedacht, sie herauszunehmen und zu verstecken. Nicht einmal jetzt sogar hatte er sich ihrer gleich erinnert, als er seine Kleider besah. War denn das möglich? Hastig nahm er sie heraus und warf sie auf den Tisch. Nachdem er alles herausgenommen und die Taschen umgekehrt hatte, um sich zu vergewissern, daß nichts übriggeblieben war, brachte er den ganzen Haufen in eine Ecke. Dort in der Ecke waren unten an einer Stelle die von der Wand losgelösten Tapeten zerrissen; sofort begann er alles in dieses Loch unter dem Papier hineinzustopfen.

»Es ist hineingegangen! Alles ist fort, sogar der Beutel!« dachte er voller Freude, indem er aufstand und stumpf in die Ecke sah, auf das Loch, wo die Tapete jetzt weiter abstand.

Da schrak er wieder zusammen.

»Mein Gott,« flüsterte er verzweifelt, »was ist mit mir? Ist denn das versteckt? Versteckt man das so?«

Natürlich hatte er mit solchen Gegenständen gar nicht gerechnet; er dachte, daß es nur Geld bei ihr geben würde und darum hatte er keinen Platz vorher ausgesucht.

»Aber jetzt, jetzt, worüber freute ich mich denn?« dachte er. »Versteckt man denn so? In der Tat, der Verstand verläßt mich!«

Erschöpft setzte er sich auf den Diwan und von neuem schüttelte ihn ein unerträglicher Fieberanfall. Mechanisch hüllte er sich in seinen früheren Studentenmantel, einen gefütterten, aber schon recht schäbigen Winterüberzieher; er deckte sich mit ihm zu, und alsbald überfielen ihn wieder Schlaf und Fieberträume.

Doch schon nach fünf Minuten sprang er wieder auf und stürzte außer sich von neuem zu seinen Kleidern. »Wie konnte ich nur wieder einschlafen, wo noch nichts getan ist! Da haben wir es, da haben wir es, die Schlinge unter der Achsel habe ich noch nicht abgenommen! Ich habe es vergessen, habe solch eine Sache vergessen! Solch ein Verdachtsmoment!«

Er riß die Schlinge ab und begann sie schnell in Stücke zu zerreißen und versteckte sie unter dem Kissen in der Wäsche.

»Stücke von zerrissener Leinwand können in keinem Falle Verdacht erregen; es scheint so, es scheint so!« wiederholte er, mitten im Zimmer stehend, und begann von neuem mit schmerzhaft angespannter Aufmerksamkeit ringsum, auf der Diele und überall, herumzuspähen, ob er nicht noch etwas vergessen habe. Die Überzeugung, daß alles, sogar das Gedächtnis, sogar das einfache Denken ihn verließ, -- begann ihn unerträglich zu quälen.

»Was! fängt es schon jetzt an, kommt schon jetzt die Strafe? Sieh da, sieh es stimmt!«

Die abgeschnittenen Fransen, die er von den Hosen abgetrennt hatte, lagen in der Tat auf der Diele mitten im Zimmer, damit sie ja der erste beste sehen konnte.

»Was ist denn nur mit mir!« rief er wieder aus, wie verloren.

Da kam ihm ein seltsamer Gedanke: vielleicht war auch seine ganze Kleidung blutig, vielleicht hat sie viele Flecken, aber er sieht sie bloß nicht, er bemerkt sie nicht, weil sein Denken geschwächt, verworren ... der Verstand verdüstert ist ... Plötzlich erinnerte er sich, daß an dem Beutel auch Blut war.

»Bah, also muß in der Tasche auch Blut sein, da ich den noch feuchten Beutel hineinsteckte!«

Schnell kehrte er die Hosentasche um, und -- tatsächlich, -- auf dem Futter der Tasche waren Spuren, Flecken.

»Also hat mich der Verstand noch nicht ganz verlassen, also besitze ich noch Urteilsfähigkeit und Gedächtnis, wenn ich mich hierauf besinnen konnte!« dachte er triumphierend und atmete aus voller Brust tief und freudig auf. »Es ist einfach fieberhafte Schwäche, eine vorübergehende Anwandlung.«

Und er riß das ganze Futter aus der linken Hosentasche. In diesem Augenblicke beleuchtete ein Sonnenstrahl seinen linken Stiefel; auf dem Strumpfe, der aus dem Stiefel hervortrat, schienen Flecken zu sein. Er zog den Stiefel aus, -- es waren wirklich Spuren. Die ganze Fußspitze war mit Blut durchtränkt; wahrscheinlich war er unvorsichtigerweise in die Pfütze getreten ... »Aber was nun damit tun? Wohin diesen Strumpf tun? Wohin diesen Strumpf, die Franse, die Hosentasche?« Er knüllte alles in der Hand zusammen und blieb mitten im Zimmer stehen. »In den Ofen? Aber im Ofen wird man zuerst nachstöbern. Verbrennen? Ja, aber womit brennen? Er hat nicht mal Streichhölzer. Nein, besser, irgendwo hingehen und alles fortwerfen. Ja! das beste ist fortwerfen!« wiederholte er und setzte sich von neuem auf den Diwan. »Und sofort muß ich es tun, in diesem Augenblick, ohne Zeit zu verlieren! ...«

Indessen fiel sein Kopf von neuem auf das Kissen; wieder durchrüttelte ihn eisig der unerträgliche Schüttelfrost; wieder zog er den Wintermantel über sich. Und lange noch, ein paar Stunden, träumte er ab und zu, »ich muß sofort ohne Zögern irgendwo hingehen und alles fortwerfen, damit es schnell aus den Augen kommt!« Einigemal erhob er sich vom Diwan, wollte aufstehn, konnte aber nicht mehr. Endlich weckte ihn ein starkes Klopfen an der Türe.

»Öffne doch, lebst du oder nicht? Und immer schläft er!« schrie Nastasja und schlug mit der Faust an die Türe. »Den ganzen geschlagenen Tag schläft er wie ein Hund! Er ist auch ein Hund! Öffne doch. Es ist schon elf Uhr.«

»Vielleicht ist er nicht zu Hause,« sagte eine männliche Stimme.

»Ha, das ist die Stimme des Hausknechtes ... Was will er?«

Er sprang auf und setzte sich auf den Diwan. Das Herz klopfte so stark, daß es ihn schmerzte.

»Wer hat denn die Türe zugehakt?« erwiderte Nastasja. »Sieh mal, er fängt an, sich einzuschließen! Fürchtet er, daß man ihn holen könnte? Öffne. Mensch, wach auf!«

»Was wollen sie? Warum ist der Hausknecht da? Alles ist bekannt. Soll ich Widerstand leisten oder öffnen? Mag alles zugrunde gehen ...«

Er erhob sich ein wenig, beugte sich nach vorn und nahm den Haken ab.

Das ganze Zimmer war nur so groß, daß man den Türhaken abnehmen konnte, ohne vom Bette aufzustehen.

Er hatte richtig geraten, -- vor ihm standen Nastasja und der Hausknecht. Nastasja blickte ihn eigentümlich an. Er warf dem Hausknechte einen herausfordernden und verzweifelten Blick zu. Der reichte ihm schweigend ein graues zusammengelegtes Stück Papier, das mit gewöhnlichem Siegellack zugesiegelt war.

»Vorladung aus dem Bureau,« sagte er, indem er das Papier überreichte.

»Aus welchem Bureau? ...«

»Selbstredend vom Polizeibureau.«

»Von der Polizei! ... Warum?«

»Woher soll ich es wissen. Man verlangt es und da müssen Sie gehen.«

Er sah ihn aufmerksam an, warf einen Blick ins Zimmer und wandte sich, um fortzugehen.

»Bist du ganz krank geworden?« bemerkte Nastasja, die ihre Augen nicht von ihm abwandte.

Der Hausknecht drehte auch einen Augenblick seinen Kopf um.

»Seit gestern hat er Fieber,« fügte sie hinzu.

Er antwortete nichts und hielt das Schriftstück in den Händen, ohne es zu öffnen.

»Bleib liegen,« fuhr Nastasja fort; sie wurde weicher gestimmt, als sie sah, daß er die Füße vom Diwan herabließ.

»Da du krank bist, so gehe nicht hin: es brennt doch nicht. Was hast du da in der Hand?«

Er blickte hin. In der rechten Hand hielt er die abgeschnittenen Fransen von der Hose, den Strumpf und die Fetzen der ausgerissenen Tasche. So hatte er mit ihnen geschlafen. Als er später darüber nachsann, erinnerte er sich, daß er im Fieber aufwachend, dies alles nur fester in seiner Hand zusammenballte und wieder einschlief.

»Sieh, was für Lumpen er gesammelt hat und schläft mit ihnen, als wären sie ein kolossaler Schatz ...« Und Nastasja fiel in ihr lautes nervöses Lachen.

Im Nu steckte er alles unter den Mantel und heftete auf sie einen forschenden Blick. Obwohl er in diesem Augenblicke wenig mit Verstand sich die Sache überlegen konnte, fühlte er doch, daß man einen Menschen nicht in dieser Weise behandeln würde, wenn man ihn verhaften wollte ...

»Aber ... die Polizei?«

»Du solltest etwas Tee trinken. Willst du? Ich bringe ihn dir; es ist etwas übriggeblieben ...«

»Nein ... ich will hingehen; ich will sofort hingehen,« murmelte er aufstehend.

»Du kannst ja nicht mal die Treppe hinuntergehen.«

»Ich will hingehen ...«

»Wie du willst.«

Sie folgte dem Hausknechte.

Sofort stürzte er zum Licht, um den Strumpf und die Hosenfransen zu besehen.

»Flecken sind da, aber kaum sichtbar. Alles ist beschmutzt, abgerieben und verblichen. Wer es nicht weiß -- wird nichts bemerken. Nastasja konnte wahrscheinlich von weitem nichts sehen. Gott sei Dank.« Dann öffnete er mit Bangen die Vorladung und begann zu lesen; er las lange, und schließlich begriff er. Es war eine gewöhnliche Vorladung, vom Polizeirevier, heute um halb zehn in dem Bureau des Revieraufsehers zu erscheinen.

»Das ist mir noch nie passiert. Ich habe nichts mit der Polizei zu tun. Und warum gerade heute!«

Er wollte sich schon auf die Knie werfen, um zu beten, lachte dann aber selbst darüber, -- nicht über das Beten, sondern über sich selbst. Er begann sich eilig anzuziehen.

»Soll ich zugrunde gehen, na, dann ist nichts zu machen. Soll ich den Strumpf anziehen!« dachte er plötzlich. »Er wird noch mehr im Staub beschmutzt und die Spuren werden verschwinden.«

Kaum aber hatte er ihn angezogen, als er ihn voll Ekel und Schrecken herunterriß. Er hatte ihn vom Fuß heruntergerissen, aber nachdem er überlegt hatte, daß er keinen anderen hatte, zog er ihn wieder an -- und lachte wieder.

»All das ist Vorurteil, alles ist nur wie man's nimmt, all das sind nur Formen,« dachte er einem flüchtigen Gedanken nach und zitterte dabei am ganzen Körper. »Ich habe ihn doch angezogen. Hab es fertig gebracht, ihn anzuziehen.«

Aber das Lachen verwandelte sich sogleich in Verzweiflung.

»Nein, das ist über meine Kräfte ...« dachte er. Seine Füße zitterten.

»Aus Angst,« murmelte er vor sich hin. Der Kopf schwindelte ihm und schmerzte vor Fieber.

»Eine List ist es! Sie wollen mich mit List hinlocken und mich plötzlich aus der Fassung bringen,« fuhr er fort vor sich hinzumurmeln und ging auf die Treppe hinaus. »Das ist schlimm, daß ich fieberig bin ... ich kann irgendeine Dummheit machen ...«

Auf der Treppe besann er sich, daß er alle Sachen so in dem Loche unter der Tapete liegen ließ. »Und gerade jetzt konnte absichtlich in seiner Abwesenheit eine Haussuchung vorgenommen werden,« fiel es ihm ein, und er blieb stehn. Aber solch eine Verzweiflung und solch ein, wenn man sich so ausdrücken darf, -- Zynismus über seinen Untergang hatten ihn gepackt, daß er unbekümmert weiterging.

»Möge es bloß schnell vorbei sein! ...« Auf der Straße war es wieder unerträglich heiß; kein Regentropfen in all diesen Tagen. Wieder gab es Staub von Ziegeln und Kalk, wieder den Gestank aus den Läden und Wirtshäusern, wieder tauchten alle Augenblicke Betrunkene, finnische Höcker und halbzerfallene Droschken auf. Die Sonne strahlte hell in seine Augen, so daß es ihm weh tat, und der Kopf schwindelte ihm, -- das gewöhnliche Gefühl eines Fieberkranken, der plötzlich auf die Straße an einem heißen sonnigen Tage hinaustritt.

Als er um die Ecke in die gestrige Straße einbog, blickte er dorthin, auf jenes Haus voll qualvoller Unruhe ... und wendete sogleich die Augen ab.

»Wenn man mich frägt, werde ich es vielleicht sagen,« dachte er, indem er sich dem Polizeibureau näherte.

Das Bureau war ein paar hundert Schritte von seinem Hause entfernt. Es war kürzlich in neuen Räumen in einem neuen Hause im vierten Stocke untergebracht worden. In dem alten Bureau war er einmal, aber vor längerer Zeit, gewesen. Als er in das Tor eintrat, erblickte er zur rechten Hand eine Treppe, von der ein Mann mit einem Buche in der Hand herunterkam. »Ein Bureaudiener also; folglich ist auch hier das Bureau,« und er begann aufs Geratewohl die Treppe hinaufzusteigen. Er wollte niemanden um Auskunft fragen.

»Ich trete ein, werfe mich auf die Knie und erzähle alles ...« dachte er, indem er die letzte Treppe zum vierten Stock hinaufstieg.

Die Treppe war sehr schmal, steil und voll Unrat. Alle Küchen von allen Wohnungen in all den vier Stockwerken mündeten auf diese Treppe und standen fast den ganzen Tag offen. Daher war dort eine furchtbare, stickige Luft. Es kamen und gingen Hausknechte mit Büchern unter dem Arm, Schutzleute und allerhand Volk beiderlei Geschlechts, die da zu tun hatten. Die Türe zu dem Polizeibureau stand auch sperrweit auf. Er trat ein und blieb im Vorzimmer stehn. Überall standen, überall warteten Bauern. Auch hier war die Luft schrecklich dumpf und außerdem roch es zum Übelwerden nach frischer, nicht ausgetrockneter Farbe mit ranzigem Öl von den neugestrichenen Dielen. Er wartete ein wenig und beschloß, weiter in das nächste Zimmer zu gehen. Alle Zimmer waren klein und niedrig. Eine quälende Ungeduld zog ihn immer weiter und weiter. Niemand beachtete ihn. In dem zweiten Zimmer saßen und schrieben einige Schreiber, die vielleicht ein wenig besser gekleidet waren als er, dem Äußeren nach komische Menschen. Er wandte sich an einen von ihnen.

»Was wünschest du?«

Er zeigte die Vorladung.

»Sie sind Student?« fragte der Schreiber, nachdem er einen Blick auf die Vorladung geworfen hatte.

»Ja, ich bin gewesener Student.«

Der Schreiber blickte ihn ohne jegliche Neugier an. Er war ein besonders zerzauster Mensch mit einem unbeweglichen Ausdruck im Blicke.

»Von diesem erfahre ich nichts, denn ihm ist es gleichgültig,« dachte Raskolnikoff.

»Gehen Sie dorthin, zu dem Sekretär,« sagte der Schreiber und wies mit dem Finger auf das allerletzte Zimmer.

Er trat in dieses Zimmer, das vierte der Reihe nach; es war eng und vollgestopft von Menschen, die ein wenig besser gekleidet waren, als in den ersten Zimmern. Unter den Besuchern waren auch zwei Damen. Die eine in Trauer, ärmlich gekleidet, saß an einem Tisch gegenüber dem Sekretär und schrieb etwas nach seinem Diktat. Die andere Dame, eine sehr dicke, purpurrote, ansehnliche Frau mit Flecken im Gesichte, sehr auffällig gekleidet, mit einer Brosche in der Größe einer Untertasse stand seitwärts und schien auf etwas zu warten. Raskolnikoff schob dem Sekretär seine Vorladung zu. Dieser besah sie flüchtig, sagte: »warten Sie« und fuhr fort, sich mit der Dame in Trauer zu beschäftigen.

Raskolnikoff atmete erleichtert auf.

»Es ist sicher nicht das!« Allmählich begann er Mut zu fassen, er sprach sich mit aller Macht zu, sich zusammenzunehmen und besonnen zu sein.

»Irgendeine Dummheit, irgendeine geringfügige Unvorsichtigkeit, und ich kann mich verraten! Hm ... schade, daß hier keine frische Luft ist,« fügte er hinzu, »diese Schwüle ... Der Kopf schwindelt mir noch mehr ... und der Verstand auch ...«

Er fühlte in seinem ganzen Körper eine furchtbare Zerrüttung und fürchtete auch, sich nicht beherrschen zu können. Nun versuchte er, sich an etwas anzuklammern, und an irgend etwas vollkommen Nebensächliches zu denken, aber das gelang ihm absolut nicht. Der Sekretär interessierte ihn übrigens sehr stark, -- er wollte gern aus seinem Gesichte etwas erraten und ihn durchschauen. Es war ein sehr junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren, mit einem beweglichen Gesichte von dunkler Farbe, das ihn älter erscheinen ließ; er war nach der Mode und stutzerhaft gekleidet, hatte einen Scheitel am Hinterkopf, war frisiert und pomadisiert und trug eine Menge Ringe an den weißen, peinlich sauberen Fingern und eine goldene Kette auf der Weste. Mit einem anwesenden Ausländer wechselte er sogar ein paar Worte französisch, und tat es ziemlich gut.

»Louisa Iwanowna, setzen Sie sich doch,« sagte er flüchtig zu der geputzten purpurroten Dame, die die ganze Zeit dastand, als wage sie nicht sich hinzusetzen, obwohl ein Stuhl neben ihr stand.

»Ich danke,« sagte sie deutsch und setzte sich, seiderauschend, auf den Stuhl. Ihr hellblaues Kleid, mit weißen Spitzen besetzt, umgab gleich einem Luftballon ihren Stuhl und nahm beinahe das halbe Zimmer ein. Ein Duft von Parfüm verbreitete sich. Aber der Dame schien es peinlich zu sein, daß sie das halbe Zimmer einnahm und daß sie so stark nach Parfüm duftete, obgleich sie halb ängstlich, halb frech, jedoch voll deutlicher Unruhe lächelte.

Die Dame in Trauer war endlich fertig und erhob sich von ihrem Platze. Plötzlich trat mit einigem Geräusch, bei jedem Schritte sehr rasch und eigentümlich die Schultern bewegend, ein Offizier ein, warf die Mütze mit der Kokarde auf den Tisch und setzte sich in den Sessel. Bei seinem Anblicke sprang die geputzte Dame von ihrem Platze auf und begann mit besonderem Entzücken zu knixen, der Offizier aber schenkte ihr nicht die geringste Beachtung und sie wagte es nicht mehr, sich in seiner Gegenwart hinzusetzen. Es war der Gehilfe des Revieraufsehers, er hatte einen horizontal abstehenden rötlichen Schnurrbart, sein Gesicht wies unbedeutende Züge auf, die außer einer gewissen Frechheit nichts ausdrückten. Er blickte von der Seite und unmutig auf Raskolnikoff; dessen Anzug war schlecht, und dennoch entsprach seine Haltung nicht der Ärmlichkeit seiner Kleidung. Raskolnikoff hatte aus Unvorsichtigkeit ihm zu lange ins Gesicht gestarrt, so daß jener sich sogar beleidigt fühlte.

»Was willst du?« schrie er ihn an, entrüstet, daß solch ein zerlumpter Mensch nicht daran dachte, vor seinem blitzesprühenden Blicke sich zu verziehen.

»Man hat mich bestellt ... laut Vorladung ...« antwortete Raskolnikoff zusammenhanglos.

»Es handelt sich um eine Geldforderung an ihn, er ist Student,« beeilte sich der Sekretär zu bemerken, indem er von seiner Arbeit aufschaute. »Da ist es!« und er warf Raskolnikoff ein Heft zu und zeigte ihm die Stelle. »Lesen Sie es durch!«

»Geld? Was für Geld?« dachte Raskolnikoff, »aber, ... es ist also nicht das!«

Und er fuhr vor Freude zusammen. Es wurde ihm urplötzlich unbeschreibbar leicht. Alles war verflogen.

»Um welche Stunde aber sind Sie hierher bestellt, mein Herr!« schrie der Leutnant, der sich aus unbekannten Gründen immer mehr ärgerte. »Man bestellte Sie um neun und jetzt ist schon die zwölfte Stunde.«

»Man hat mir die Vorladung erst vor einer Viertelstunde zugestellt,« antwortete laut und über die Schulter hinweg Raskolnikoff, der auch plötzlich und unerwartet ärgerlich geworden war und darin ein gewisses Vergnügen fand. »Es ist schon genug, daß ich trotz meines Fiebers hergekommen bin.«

»Belieben Sie nicht zu schreien!«

»Ich schreie gar nicht, sondern spreche sehr ruhig, aber Sie schreien mich an; ich bin Student und erlaube nicht, daß man mich anschreit.«

Der Gehilfe war so erregt, daß er im ersten Augenblick kein Wort hervorbringen konnte, er zischte nur und sprang von seinem Platze auf.

»Schwei--gen Sie bitte! Sie stehen vor einer Behörde. Sie dürfen nicht grob sein, mein Herr!«

»Auch Sie sind bei einer Behörde,« rief Raskolnikoff, »und Sie schreien nicht allein, sondern rauchen auch, verletzen uns also in jeder Weise.«

Als Raskolnikoff dies gesagt hatte, empfand er einen unbeschreiblichen Genuß. Der Sekretär blickte sie lächelnd an. Der hitzige Leutnant war sichtbar verblüfft.

»Das geht Sie nichts an!« schrie er endlich unnatürlich laut. »Belieben Sie aber besser eine Antwort auf die Forderung zu geben. Zeigen Sie sie ihm, Alexander Grigorjewitsch. Klagen laufen gegen Sie ein! Sie zahlen nicht! Schaut mal den noblen Herrn an!«

Raskolnikoff aber hörte nicht mehr, nahm aufgeregt das Papier vor und suchte schnell die Lösung. Er las es einmal, ein zweites Mal, und begriff nichts.

»Was ist es denn?« fragte er den Sekretär.

»Man verlangt von Ihnen Geld laut Schuldschein, eine Forderung ist es. Sie müssen entweder die Summe mit allen Unkosten, Strafgeldern und so weiter bezahlen oder eine schriftliche Erklärung abgeben, wann Sie imstande sind zu bezahlen, gleichzeitig aber auch sich verpflichten, die Hauptstadt bis zur Tilgung der Schuld nicht zu verlassen und Ihr Eigentum weder zu veräußern noch zu verheimlichen. Der Gläubiger aber hat das Recht, Ihr Eigentum zu verkaufen und mit Ihnen nach dem Gesetze zu verfahren.«

»Ja ... aber ich schulde niemand etwas.«

»Das geht uns nichts an. Wir haben zur Einkassierung einen verfallenen und gesetzlich protestierten Schuldschein auf hundertundfünfzehn Rubel erhalten, den Sie der Witwe des Kollegienassessors Sarnitzin vor neun Monaten ausgestellt haben und der von der Witwe Sarnitzin an den Hofrat Tschebaroff durch Kauf übergegangen ist, und darum fordern wir von Ihnen eine Erklärung.«

»Sie ist ja meine Zimmerwirtin!«

»Nun, und was ist dabei, daß sie Ihre Zimmerwirtin ist?«

Der Sekretär blickte ihn mit herablassendem mitleidigen Lächeln an, gleichzeitig aber ein wenig triumphierend, wie über einen Neuling, den man soeben beginnt zu rupfen, als wollte er sagen: »Nun, wie fühlst du dich jetzt?«

Aber was kümmert ihn jetzt der Schuldschein, eine Forderung! Lohnt es sich jetzt, darüber sich auch nur ein wenig aufzuregen, es auch nur zu beachten! Er stand da, las, hörte, antwortete, fragte sogar selbst, aber alles nur mechanisch. Der Triumph der Selbsterhaltung, die Rettung aus der drohenden Gefahr, -- das erfüllte in diesem Augenblick sein ganzes Wesen, ohne Ausblick, ohne Analyse, ohne Deutung und Enträtselung der Zukunft, ohne Zweifel und ohne Fragen. Es war ein Augenblick unmittelbarer, rein tierischer Freude. Aber in diesem Momente ereignete sich im Bureau etwas wie die Entladung eines Gewitters. Der Leutnant, immer noch aus dem Gleichgewicht wegen der Unehrerbietigkeit, ganz aufgeregt und wahrscheinlich mit dem Wunsche, die gekränkte Ehre herzustellen, stürzte sich mit seinem ganzen Zorn auf die unglückliche »pompöse Dame,« die ihn seit seinem Eintritt mit einem äußerst dummen Lächeln anblickte.

»Ach du, so eine,« schrie er sie plötzlich aus vollem Halse an (die Dame in Trauer war schon fortgegangen), »was ist bei dir in der vorigen Nacht passiert? Ah? Wieder gibt es bei dir Schimpf und Skandal in der ganzen Straße? Wieder Schlägerei und Sauferei. Du träumst wohl vom Arbeitshause! Ich habe dir doch schon gesagt, habe dich schon zehnmal gewarnt, daß ich dir das elfte Mal nichts schenken werde! Und du tust es wieder, du, du ...«

Das Papier entfiel den Händen Raskolnikoffs und er blickte entsetzt die prachtvolle Dame an, mit der man so ungeniert herumsprang; aber bald darauf begriff er, was los sei, und sofort gefiel ihm diese Sache ausgezeichnet. Er hörte mit Vergnügen zu, so daß er Lust bekam, laut zu lachen, zu lachen, zu lachen ... Alle seine Nerven zuckten.

»Ilja Petrowitsch!« versuchte der Sekretär zu besänftigen, aber er hielt inne, um die rechte Zeit abzuwarten, denn den in Aufregung geratenen Leutnant konnte man nicht anders beruhigen als durch Festhalten der Hände, was er aus eigener Erfahrung kannte.

Was aber die prachtvolle Dame anging, so begann sie zuerst beim Donner und Blitz zu beben; aber sonderbar, je zahlreicher und kräftiger die Schimpfwörter wurden, um so liebenswürdiger wurde ihr Aussehen, um so bezaubernder wurde ihr Lächeln dem zornigen Leutnant gegenüber. Sie trippelte auf einem Fleck, knixte ununterbrochen und wartete voll Ungeduld, daß sie endlich auch zu Wort kommen würde, was ihr schließlich gelang.

»Gar kein Lärm und keine Schlägerei waren bei mir, Herr Kapitän,« plapperte sie plötzlich los, so schnell, als schüttete man Erbsen aus, -- mit einem stark deutschen Akzent, aber doch fließend russisch, -- »und gar kein Skandal, gar keiner, und sie kamen betrunken hin, und ich will alles erzählen, Herr Kapitän, und ich bin nicht schuld ... ich habe ein anständiges Haus, Herr Kapitän, und ein anständiger Ton ist bei mir, Herr Kapitän, und ich will nie, will selbst nie einen Skandal haben. Sie aber kamen ganz betrunken hin und haben dann drei Flaschen verlangt, und dann erhob einer seine Füße und begann mit den Füßen auf dem Klavier zu spielen, und das paßt sich gar nicht in einem anständigen Hause, und er hat das ganze Klavier zerschlagen, und das ist doch keine Manier, und da habe ich es ihm gesagt. Er aber nahm eine Flasche und begann alle von hinten mit der Flasche zu stoßen. Und da habe ich den Hausknecht gerufen, und als Karl kam, hat er Karl das Auge ausgeschlagen, und Henriette hat er auch das Auge ausgeschlagen, und mich hat er fünfmal auf die Backe geschlagen. Und das ist nicht fein in einem anständigen Hause, Herr Kapitän, und ich habe geschrien. Und er hat das Fenster zu dem Kanal geöffnet und hat wie ein kleines Schwein aus dem Fenster gequiekt; das ist doch eine Schande. Wie kann man auch wie ein kleines Schwein aus dem Fenster quieken? Pfui, pfui, pfui! Und Karl hat ihn an seinem Frack vom Fenster gezogen, und das ist wahr, Herr Kapitän, daß er ihm da seinen Rock zerrissen hat. Und da begann er zu schreien, daß man ihm fünfzehn Rubel Strafe zahlen müsse. Und ich selbst habe ihm fünf Rubel für seinen Rock bezahlt, Herr Kapitän. Und das ist ein unanständiger Gast, Herr Kapitän, und er hat allen Skandal gemacht. Ich werde, hat er gesagt, eine große Satire über Sie drucken lassen, denn ich kann in allen Zeitungen über Sie schreiben.«

»Also ein Zeitungsschreiber?«

»Ja, Herr Kapitän, und welch ein unanständiger Gast, Herr Kapitän, wenn er in einem anständigen Hause ...«

»Nun, nun, genug! Ich habe dir doch gesagt, habe dir doch gesagt ...«

»Ilja Petrowitsch!« sagte von neuem der Sekretär bedeutungsvoll.

Der Leutnant blickte ihn schnell an, der Sekretär nickte leicht mit dem Kopfe.

»... Also es ist mein letztes Wort, verehrteste Louisa Iwanowna, und auch zum letztenmal,« fuhr der Leutnant fort, »wenn in deinem anständigen Hause nur noch ein einziges Mal ein Skandal vorkommt, so werde ich dich selbst beim Wickel nehmen, wie man sich poetisch ausdrückt. Hast du gehört? Also ein Literat, ein Schriftsteller war es, der in einem >anständigen Hause< fünf Rubel für einen Rockschoß genommen hat? So sind sie, diese Schriftsteller!« und er warf einen verächtlichen Blick auf Raskolnikoff. »Vorgestern passierte in einem Restaurant dieselbe Geschichte, -- hat einer zu Mittag gegessen, wünscht aber nicht zu zahlen; >ich werde<, sagt er, >Sie in einer Satire schildern<. Ein anderer wieder beschimpft mit den gemeinsten Worten in der vorigen Woche auf einem Dampfschiffe die achtbare Familie eines Staatsrates, Frau und Tochter. Vor ein paar Tagen hat man einen dritten aus einer Konditorei herausgeschmissen. So sind sie alle, die Schriftsteller, Literaten, Studenten, Großmäuler ... pfui! Und du kannst dich packen! Ich will mal selbst dich aufsuchen ... dann nimm dich in acht! Hast du gehört?«

Louisa Iwanowna begann mit eiliger Liebenswürdigkeit nach allen Seiten hin zu knixen und trippelte knixend bis zur Türe, hier aber stieß sie von hinten auf einen stattlichen Offizier mit einem offenen frischen Gesichte und schönem dichten, blonden Backenbart. Es war Nikodim Fomitsch selbst, der Revieraufseher. Louisa Iwanowna beeilte sich einen tiefen Knix zu machen und flog mit eiligen kleinen Schritten hüpfend aus dem Bureau hinaus.

»Wieder Gepolter, wieder Donner und Blitz, Wirbelwind und Orkan!« wandte sich Nikodim Fomitsch liebenswürdig und freundschaftlich an Ilja Petrowitsch. »Wieder hat man Ihr Herz in Aufruhr gebracht, wieder sind Sie erregt worden! Ich hab' es schon auf der Treppe gehört.«

»Ach, was!« sagte mit nobler Gleichgültigkeit Ilja Petrowitsch und ging mit einigen Papieren zu einem anderen Tisch, wobei er bei jedem Schritt elegant mit den Schultern zuckte. »Da, bitte sehen Sie es sich mal an -- der Herr Schriftsteller, pardon Student, ein gewesener wollte ich sagen, zahlt nicht, stellt Wechsel aus, räumt die Wohnung nicht, fortwährende Klagen laufen ein, -- er aber war doch gekränkt, daß ich in seiner Gegenwart mir eine Zigarette ansteckte. Selbst aber gaunert diese Sorte, bitte sehen Sie sich ihn doch an, -- da steht er in seinem reizenden Aussehen.«

»Armut ist kein Laster, mein Freund, na, aber wozu reden. Es ist ja bekannt, du bist wie Pulver, konntest eine Kränkung nicht ertragen. Sie fühlten sich durch irgend etwas von ihm gekränkt und konnten sich nicht beherrschen,« fuhr Nikodim Fomitsch fort, sich liebenswürdig an Raskolnikoff wendend, »aber das war überflüssig, er ist der an--stän--dig--ste Mensch, sage ich Ihnen, aber wie Pulver, wie Pulver! Flammt auf, kocht über, brennt ab -- und Schluß. Und alles ist vorbei! Und zu guter Letzt bleibt nur das goldene Herz! Man hat ihn schon im Regiment >Leutnant Pulver< genannt!«

»Und was für ein Regiment es war!« rief Ilja Petrowitsch aus, sehr zufrieden, daß man ihm so angenehm geschmeichelt hatte, aber immer noch schmollend. Raskolnikoff bekam plötzlich Lust, ihnen allen etwas äußerst Angenehmes zu sagen.

»Aber bitte, Herr Kapitän,« begann er ziemlich ungezwungen, sich plötzlich an Nikodim Fomitsch wendend, »berücksichtigen Sie auch meine Lage ... Ich bin sogar bereit, um Entschuldigung zu bitten, wenn ich gegen etwas verstoßen habe. Ich bin ein armer und kranker Student, erdrückt (er sagte >erdrückt<) von Armut. Ich bin ehemaliger Student, da ich jetzt meinen Unterhalt nicht verdienen kann, aber ich erhalte Geld ... Ich habe Mutter und Schwester im --schen Gouvernement. Sie werden mir Geld schicken und ich werde ... bezahlen. Meine Wirtin ist eine gute Frau, aber sie ist so böse geworden, weil ich meine Stunden verloren habe und ihr den vierten Monat nicht zahle, daß sie mir sogar kein Mittagessen mehr schickt ... Und ich begreife gar nicht, was das für ein Wechsel ist. Jetzt verlangt sie von mir, ihn einzulösen, aber wie kann ich denn zahlen, urteilen Sie selbst!«

»Aber das geht ja uns nichts an ...« versuchte der Sekretär wieder zu bemerken ...

»Erlauben Sie, erlauben Sie, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden, aber erlauben Sie, Ihnen klar zu machen,« unterbrach ihn Raskolnikoff, indem er sich nicht an den Sekretär, sondern, wie schon die ganze Zeit, an Nikodim Fomitsch wandte und dabei aus aller Kraft versuchte, sich auch an Ilja Petrowitsch zu wenden, obgleich dieser sich hartnäckig den Anschein gab, als wühle er in den Papieren und beachte ihn nicht, »erlauben Sie mir auch meinerseits Ihnen zu erklären, daß ich schon drei Jahre bei ihr wohne, seit meiner Ankunft aus der Provinz und früher ... früher ... übrigens warum soll ich es nicht gestehen, gleich im Anfang gab ich ihr das Versprechen, daß ich ihre Tochter heiraten werde, es war ein mündliches, vollkommen freiwilliges Versprechen ... Sie war ein junges Mädchen ... übrigens sie gefiel mir sogar ... obgleich ich nicht in sie verliebt war ... mit einem Worte Jugend, d. h. ich will sagen, daß meine Wirtin mir damals viel Kredit einräumte und ich führte teilweise ein solches Leben ... ich war sehr leichtsinnig ...«

»Man verlangt von Ihnen gar nicht solche intime Geständnisse, mein Herr, außerdem haben wir keine Zeit dazu,« unterbrach ihn grob und triumphierend Ilja Petrowitsch, aber Raskolnikoff beeilte sich voll Eifer weiter zu sprechen, obwohl es ihm plötzlich äußerst schwer fiel.

»Aber erlauben Sie, erlauben Sie mir, teilweise, alles zu erzählen ... wie die Sache vor sich ging und ... wiederum ... obgleich es überflüssig ist zu erzählen, ich bin darin mit Ihnen einverstanden, -- aber vor einem Jahre starb dies junge Mädchen am Typhus, ich aber blieb in Miete, wie vorher, und meine Wirtin sagte mir, als sie in ihre jetzige Wohnung einzog, und ... sagte es mir freundschaftlich ... daß sie mir vollkommen vertraue und daß alles ... aber ob ich ihr nicht einen Schuldschein von hundertundfünfzehn Rubel ausstellen möchte, das war die Summe, die ich ihr schuldete. Erlauben Sie, -- sie sagte mir nämlich, daß, wenn ich ihr dies Papier ausgestellt habe, sie mir von neuem kreditieren würde, soviel ich nur wünschte, und daß sie niemals, niemals -- das sind ihre eigenen Worte -- von diesem Papier Gebrauch machen würde, bis ich selbst bezahlen werde ... Und jetzt, wo ich meine Stunden verloren und nichts zu essen habe, verklagt sie mich ... Was soll ich dazu sagen?«

»Alle diese rührenden Einzelheiten gehen uns gar nichts an, mein Herr,« schnitt Ilja Petrowitsch dreist ab. »Sie müssen eine Erklärung abgeben und eine Verpflichtung ausstellen, ob Sie aber verliebt waren, und all diese tragischen Sachen gehen uns ganz und gar nichts an.«

»Nun, du bist aber ... auch zu grausam ...« murmelte Nikodim Fomitsch, indem er sich an seinen Tisch setzte und Papiere zu unterschreiben begann.

Er schien sich zu schämen.

»Schreiben Sie also,« sagte der Sekretär zu Raskolnikoff.

»Was soll ich schreiben?« fragte er besonders grob.

»Ich werde Ihnen diktieren.«

Raskolnikoff schien es, als wäre der Sekretär herablassender und geringschätziger ihm gegenüber nach seiner Beichte geworden, -- aber merkwürdig, -- ihm war plötzlich die Meinung eines anderen so vollkommen gleichgültig, und dieser Umschwung hatte sich in einem Augenblick, in einem Nu vollzogen. Wenn er nur ein wenig hätte nachdenken wollen, so würde er sicher verwundert gewesen sein, wie er so mit ihnen vor einer Minute hatte sprechen und sich sogar mit seinen Gefühlen hatte aufdrängen können? Und woher kam dieses Gefühl? Jetzt, wenn das Zimmer plötzlich nicht mit Revieraufsehern, sondern mit seinen besten Freunden angefüllt wäre, würde er kein einziges menschliches Wort für sie finden, so leer war plötzlich sein Herz geworden. Ein düsteres Empfinden der qualvollen endlosen Einsamkeit und Entfremdung teilte sich plötzlich bewußt seiner Seele mit. Nicht die Erniedrigung vor Ilja Petrowitsch durch seine Herzensergießung, auch nicht die Erniedrigung durch den Triumph des Leutnants hatten sein Herz plötzlich so umgewandelt. Oh, was ging ihn jetzt die eigene Schuftigkeit an, all der Ehrgeiz, was gingen ihn alle Leutnants, deutsche Frauen, Geldforderungen, Bureaus an und so weiter und so weiter! Hätte man ihn in diesem Augenblicke zum Scheiterhaufen verurteilt, er hätte sich auch dann nicht gerührt, hätte kaum das Urteil aufmerksam angehört. In ihm vollzog sich etwas ihm völlig Unbekanntes, Neues, Unerwartetes und Niedagewesenes. Er konnte es nicht begreifen, aber fühlte es ganz klar mit der ganzen Kraft des Empfindens, daß er von jetzt ab weder mit gefühlvollen Ereignissen, wie vorhin, noch mit anderen Dingen sich an diese Menschen im Polizeibureau wenden konnte; auch dann wäre es für ihn überflüssig, sich an sie jemals im Leben zu wenden, wenn es sogar seine leiblichen Brüder und Schwestern gewesen wären, und nicht Polizeileutnants. Er hatte bis zu diesem Augenblick noch nie eine ähnliche seltsame und fürchterliche Empfindung erlebt. Und das Quälendste dabei war, -- daß es ein Empfinden war, kein bewußtes Begreifen, eine unmittelbare Empfindung, die qualvollste von allen, die er im Leben gekostet.

Der Sekretär begann ihm die Form einer in diesem Falle gebräuchlichen Erklärung zu diktieren, d. h. ich kann nicht zahlen, verspreche es in der Frist (irgendwann) zu tun, werde die Stadt nicht verlassen und mein Eigentum weder verkaufen, noch verschenken und dergleichen mehr.

»Sie können ja gar nicht schreiben, die Feder fällt Ihnen aus der Hand,« -- bemerkte der Sekretär und blickte voll Neugier Raskolnikoff an. -- »Sie sind krank?«

»Ja ... der Kopf schwindelt mir ... diktieren Sie weiter.«

»Das ist alles. Unterschreiben Sie es.«

Der Sekretär nahm das Papier und wendete sich andern Besuchern zu.

Raskolnikoff gab die Feder zurück, aber anstatt aufzustehen und wegzugehen, stützte er die Ellbogen auf den Tisch und preßte mit den Händen den Kopf zusammen. Es war, als ob man ihm einen Nagel in die Schläfe hineinschlüge. Ein wunderlicher Gedanke kam ihm plötzlich, -- sofort aufzustehen, zu Nikodim Fomitsch zu gehen und ihm das gestrige zu erzählen, alles bis auf die letzte Einzelheit, dann mit ihm in seine Wohnung zu gehen und ihm die Sachen in dem Winkel im Loche zu zeigen. Der Drang war so stark, daß er sich schon erhob, um es auszuführen.

»Soll ich nicht einen Moment nachdenken?« -- fuhr es ihm durch den Kopf. »Nein, besser nicht nachdenken und die Sache ist abgetan!«

Aber plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen: Nikodim Fomitsch sprach voll Eifer mit Ilja Petrowitsch, und er vernahm folgende Worte:

»Es kann nicht sein, man wird beide freilassen. Erstens, widerspricht alles der Annahme; urteilen Sie selbst, -- warum holten sie den Hausknecht, wenn sie es getan haben? Etwa um sich selbst anzuzeigen? Oder aus Schlauheit! Nein, das wäre schon zu schlau! Und schließlich, den Studenten Pestrjakoff haben beide Hausknechte und eine Frau am Tore im selben Momente gesehen, als er hineinging, -- er ging mit drei Bekannten zusammen und verabschiedete sich von ihnen am Tore, und dann fragte er die Hausknechte nach der Wohnung in Gegenwart seiner Bekannten. Nun, wird jemand nach der Wohnung fragen, wenn er so eine Absicht hat? Und Koch, -- der hat, bevor er zu der Alten ging, eine halbe Stunde unten bei dem Silberarbeiter gesessen und er ist genau ein viertel vor acht zu der Alten hinaufgegangen. Jetzt erwägen Sie ...«

»Aber erlauben Sie, woher denn der Widerspruch bei ihnen -- sie behaupten selbst, daß sie geklopft haben, und daß die Türe verschlossen war, und nach drei Minuten, als sie mit dem Hausknecht heraufkamen, erwies sich, daß die Türe offen war?«

»Das ist ja der Haken, -- der Mörder saß unbedingt drinnen und hatte sich eingeschlossen, und man hätte ihn sicher gefaßt, wenn Koch nicht die Dummheit begangen hätte, selbst nach dem Hausknecht zu gehen. Dem aber gelang es währenddessen, die Treppe hinunterzugehen und irgendwie an ihnen vorbeizuschlüpfen. Koch bekreuzt sich mit beiden Händen: >wenn ich geblieben wäre,< sagt er, >würde er herausgekommen sein und hätte mich totgeschlagen<. Er will ein russisches Dankgebet abhalten lassen ... ha--ha!«

»Und den Mörder hat niemand gesehen?«

»Wie denn? Das Haus ist eine Arche Noah,« -- bemerkte der Sekretär, der von seinem Platze zuhörte.

»Es ist ganz klar, es ist ganz klar!« wiederholte Nikodim Fomitsch eifrig.

»Nein, die Sache ist sehr unklar,« blieb Ilja Petrowitsch bei seiner Ansicht.

Raskolnikoff nahm seinen Hut und ging zur Türe, aber kam nicht so weit ... Als er zu sich kommt, sieht er, daß er auf einem Stuhl sitzt; daß rechts ihn jemand stützt, links ein anderer steht mit einem gelben Glase, gefüllt mit gelbem Wasser, und daß Nikodim Fomitsch vor ihm steht und ihn unverwandt anblickt. Er stand vom Stuhle auf.

»Was ist Ihnen, sind Sie krank?« -- fragte Nikodim Fomitsch ziemlich scharf.

»Schon als er unterschrieb, konnte er kaum die Feder führen,« bemerkte der Sekretär, indem er seinen Platz einnahm und in seinen Papieren wieder blätterte.

»Sind Sie schon lange krank?« rief Ilja Petrowitsch von seinem Platze aus, indem er auch in Papieren blätterte.

Er hatte selbstverständlich auch den Kranken betrachtet, als er ohnmächtig war, war aber sofort auf die Seite getreten, als jener zu sich kam.

»Seit gestern ...« murmelte Raskolnikoff zur Antwort.

»Und sind Sie gestern ausgegangen?«

»Ja.«

»Krank?«

»Ja.«

»Um wieviel Uhr?«

»In der achten Stunde abends.«

»Und wohin, wenn man fragen darf?«

»Auf die Straße.«

»Kurz und bündig.«

Raskolnikoff antwortete scharf, kurz, bleich wie ein Taschentuch, ohne seine schwarzen entzündeten Augen vor dem Blick Ilja Petrowitsch' zu senken.

»Er kann kaum auf den Füßen stehen und du ...« versuchte Nikodim Fomitsch zu bemerken.

»Tut nichts!« -- sagte Ilja Petrowitsch sehr eigentümlich.

Nikodim Fomitsch wollte noch etwas hinzufügen, schwieg aber, als er den Sekretär anblickte, der ihn auch sehr aufmerksam ansah. Plötzlich schwiegen alle. Es war merkwürdig.

»Nun gut!« -- schloß Ilja Petrowitsch.

»Wir halten Sie nicht auf.«

Raskolnikoff ging hinaus. Er konnte noch hören, wie nach seinem Fortgange plötzlich ein lebhaftes Gespräch begann, in dem am lautesten die fragende Stimme von Nikodim Fomitsch hervortrat ... Auf der Straße kam er ganz zu sich.

»Eine Haussuchung, Haussuchung, sie werden sofort bei mir suchen!« -- wiederholte er vor sich hin, indem er sich beeilte nach Hause zu kommen. -- »Räuber! Sie haben Verdacht!«

Wieder erfaßte ihn vom Kopf bis zu Füßen die Angst von vorhin.

II.

»Wie, wenn die Haussuchung schon vorgenommen ist? Wie, wenn ich sie jetzt schon bei mir antreffe?«

Aber da ist er schon in seinem Zimmer. Nichts und niemand; niemand war dagewesen. Sogar Nastasja hat nichts angerührt. Aber, mein Gott! Wie konnte er nur vorhin alle diese Sachen in dem Loche liegen lassen?

Er stürzte zu dem Winkel, steckte die Hand unter die Tapeten und begann die Sachen hervorzuholen und in die Taschen zu stecken. Im ganzen waren es acht Stück, -- zwei kleine Schachteln mit Ohrgehängen oder etwas ähnlichem, -- er hatte es nicht genau angesehen; dann vier kleine Etuis aus Saffian. Eine kleine Kette war bloß in Zeitungspapier eingewickelt. Es war noch etwas in einem Zeitungspapier, wie es schien, ein Orden ... Er steckte alles in die verschiedenen Taschen, in den Paletot und in die übriggebliebene rechte Hosentasche und gab sich Mühe, daß nichts von außen zu merken war. Den Beutel nahm er gleichfalls mit. Dann verließ er das Zimmer und ließ diesmal die Tür weit offen stehen.

Er ging schnell und fest, und obgleich er fühlte, daß er vollkommen zerschlagen war, war doch sein Bewußtsein klar. Er fürchtete eine Verfolgung, fürchtete, daß nach einer halben Stunde, nach einer Viertelstunde schon vielleicht der Befehl gegeben würde, ihn zu beobachten, also mußte er um jeden Preis, ehe es zu spät war, alles beiseite schaffen. Er mußte fertig sein, solange ihm noch die geringste Kraft und klarer Verstand zur Seite standen ... Wohin aber gehen?

Das war längst entschieden: »Alles in den Kanal werfen, und das ist das Ende«. So hatte er noch in der Nacht, im Fieber, beschlossen, in den Augenblicken, wo er -- er entsann sich dessen -- ein paarmal versuchte aufzustehen und fortzugehen: »Schnell, schnell, alles fortwerfen«. Aber das erwies sich als sehr schwer.

Er wanderte den Jekaterinenkanal schon über eine halbe Stunde entlang, vielleicht auch länger, und schaute nach den Treppen, die zum Kanal hinabführten. Aber es war nicht mal daran zu denken, das Vorhaben auszuführen: entweder lagen an den Treppen Flöße, und Wäscherinnen wuschen dort, oder Kähne hatten angelegt, und überall wimmelte es von Menschen, außerdem aber konnte man von allen Seiten hersehen, es war schon verdächtig, wenn ein Mensch hinabging, stehen blieb und etwas ins Wasser warf. Und gar wenn die Etuis nicht untergingen, sondern obenauf schwammen? Ja, und so wird es auch kommen. Jeder wird es sehen. Schon jetzt sehen alle ihn an, als ob sie sich nur um ihn kümmerten.

»Woher kommt das, oder scheint es mir nur so?« -- dachte er.

Endlich kam ihm der Gedanke, ob es nicht besser wäre, irgendwohin an die Newa zu gehen? Dort sind weniger Menschen, und es würde weniger bemerkbar und in jedem Falle bequemer sein, hauptsächlich aber wäre es weit von hier. Und er wunderte sich plötzlich, wie er eine volle halbe Stunde an den gefährlichen Stellen in Trübsal und Unruhe herumgewandert war, ohne früher auf diesen Gedanken zu kommen.

Und er hatte nur darum eine halbe Stunde nutzlos verbraucht, weil er so im Traume, im Fieber beschlossen hatte. Er war sehr zerstreut und vergeßlich geworden und fühlte es. Entschieden mußte er sich beeilen.

Er ging zur Newa den W.schen Prospekt entlang und unterwegs kam ihm plötzlich der Gedanke: »Warum denn zur Newa? Warum ins Wasser werfen? Ist es nicht besser, irgendwohin ganz weit hinzugehen, vielleicht auf die Inseln, und dort irgendwo an einer einsamen Stelle, im Walde, unter einem Busche alles zu verscharren und vielleicht sich den Baum zu merken?«

Und obgleich er fühlte, daß er nicht imstande sei, alles klar und vernünftig in diesem Augenblicke zu überlegen, schien ihm doch der Gedanke einwandfrei zu sein.

Aber auch das war ihm nicht bestimmt auszuführen, es geschah etwas anderes: -- als er vom W.schen Prospekt auf den Platz kam, erblickte er plötzlich links das Tor zu einem von vollkommen fensterlosen Mauern umgebenen Hof. Rechts zog sich von dem Eingange tief in den Hof hinein die fensterlose, ungekalkte Mauer des vierstöckigen Nachbarhauses. Links vom Eingange, parallel der kahlen Mauer, lief ein hölzerner Zaun, der weiterhin, etwa zwanzig Schritte vom Eingange eine Biegung nach links machte. Es war ein leerer, umzäunter Platz, wo allerhand Baumaterialien lagen. Weiter, tief im Hofe, blickte hinter dem Zaune die Ecke einer niedrigen, verräucherten Scheune aus Stein hervor, wahrscheinlich der Teil einer Werkstatt. Hier war sicher eine Werkstatt für Wagenbauer oder eine Schlosserei oder etwas ähnliches, denn überall lag viel schwarzer Kohlenstaub. »Hier könnte man es wegwerfen und fortgehen!« -- durchzuckte es ihn plötzlich. Da er niemand auf dem Hofe bemerkte, durchschritt er das Tor und erblickte sofort am Eingange eine am Zaune angebrachte Rinne, wie man sie oft in solchen Häusern antrifft, in denen es viele Arbeiter, Kutscher usw. gibt, und über der Rinne war am Zaune mit Kreide die übliche witzige Bemerkung angeschrieben: »Hier ist es verboten, stehen zu bleiben!« Dieser Umstand war also ausgezeichnet, es konnte keinen Verdacht erregen, daß er hineingegangen und hier stehn geblieben war. »Alles mit einem Ruck fortwerfen und fortgehen!«

Er blickte sich noch einmal um und wollte schon die Hand in die Tasche stecken, als er plötzlich an der äußeren Mauer, zwischen dem Tore und der Rinne, wo es höchstens einen Meter breit war, einen großen unbehauenen Stein bemerkte, der vielleicht einen halben Zentner schwer sein mochte und an die Straßenmauer angelehnt war. Hinter dieser Mauer war die Straße, der Fußsteg, man hörte, wie die Vorbeigehenden schlurften, aber hinter dem Tore konnte ihn niemand sehen, wenn nicht jemand von der Straße eintrat, was übrigens sehr leicht passieren konnte, und darum mußte er sich beeilen.

Er beugte sich zu dem Steine, packte die obere Spitze mit beiden Händen fest an, nahm alle seine Kräfte zusammen und wandte den Stein um. Unter dem Steine hatte sich eine kleine Vertiefung gebildet; er begann sofort alles aus der Tasche hineinzuwerfen. Der Beutel kam obenauf zu liegen, und trotzdem war noch Platz in der Vertiefung. Dann packte er den Stein von neuem an, drehte ihn mit einem Ruck um, und er kam genau auf die frühere Stelle zu liegen, nur schien er ein wenig hervorzuragen. Er scharrte Erde ringsum zusammen und trat sie fest. Es war nichts zu merken. Dann ging er hinaus und wandte sich dem Platze zu. Wieder packte ihn auf einen Augenblick eine starke, überwältigende Freude, wie vorhin in dem Polizeibureau.

»Alle Spuren sind verwischt! Und wem, wem könnte es in den Sinn kommen, unter diesem Steine nachzusuchen? Er liegt hier, vielleicht seitdem das Haus gebaut ist und wird vielleicht noch ebensolange liegen. Und wenn man es auch finden würde, wer würde an mich denken? Alles ist vorüber! Es gibt keine Beweise!« und er lachte. Ja, er entsann sich später, daß ihn ein nervöses stilles Lachen überfallen und daß er solange gelacht hatte, als er über den Platz ging. Als er aber den K.schen Boulevard erreichte, wo er vorgestern dem jungen Mädchen begegnet war, verging ihm das Lachen. Andere Gedanken kamen ihm in den Kopf. Ein Abscheu ergriff ihn, an jener Bank vorbeizugehen, auf der er damals nach dem Fortgehen des Mädchens gesessen und nachgedacht hatte, und er fürchtete sich, dem Polizisten wieder zu begegnen, dem er damals zwanzig Kopeken gegeben hatte. »Hol ihn der Teufel!« Er ging und blickte sich zerstreut und ärgerlich um. Alle seine Gedanken drehten sich jetzt um einen einzigen, anscheinend um den Hauptpunkt, und er fühlte, daß dies wirklich der Hauptpunkt sei, und daß er jetzt, gerade jetzt, mit diesem Hauptpunkte unter vier Augen zu tun habe, -- und daß es das erstemal seit diesen zwei Monaten sei.

»Ah, hol der Teufel all das!« dachte er plötzlich in einem Anfalle von unermeßlicher Wut. »Na, wenn es mal begonnen hat, mag es auch dabei bleiben, hol der Teufel das neue Leben. Oh Gott, wie das dumm ist! ... Und wieviel habe ich heute zusammengelogen und wie gemein war ich! Wie gemein habe ich vorhin geschwänzelt und dem charakterlosen Ilja Petrowitsch geschmeichelt. Was war das für ein Blödsinn! Ich pfeife auf sie alle und auch auf das, daß ich geschwänzelt und geschmeichelt habe. Das ist es nicht, das ist es gar nicht!«

Plötzlich blieb er stehn; eine neue, völlig unerwartete und außerordentlich einfache Frage brachte ihn von diesem Gedanken ab und ließ ihn bitter erstaunen:

»Wenn das ganze in der Tat bewußt und nicht in alberner Weise vollführt wurde, wenn du tatsächlich ein bestimmtes und sicheres Ziel hattest, -- wie kam es dann, daß du bis jetzt nicht einmal in den Beutel hineinblicktest und nicht weißt, was dir zugefallen ist, warum hast du alle Qualen auf dich genommen und solch eine gemeine, häßliche, niedrige Tat bewußt übernommen? Du wolltest doch soeben ihn ins Wasser werfen, den Beutel mit all den Sachen, die du auch noch nicht gesehen hast ... Wie ist denn das?«

Ja so ist es, es ist einmal so. Er hatte es vorher gewußt, und es war gar keine neue Frage für ihn. Auch als es in der Nacht beschlossen wurde, ohne jedes Schwanken und jeden Widerspruch, sondern so, als gehörte es sich so, als wäre es anders unmöglich ... Ja, er wußte dies alles und erinnerte sich daran; ja, schon gestern war es vielleicht so beschlossen in demselben Moment, als er über den Kasten gebückt dasaß und die Futterale hervorholte ... Es ist doch so! ...

»Das kommt daher, daß ich sehr krank bin,« entschied er schließlich finster, »ich habe mich selbst gemartert und abgequält und weiß selbst nicht, was ich tue ... Auch gestern und vorgestern und die ganze Zeit habe ich mich gemartert ... Ich werde gesund werden und ... werde mich dann nicht mehr martern ... Aber wenn ich nun gar nicht gesund werde? Oh Gott! Wie ich all dessen überdrüssig bin ...«

Er ging weiter ohne stehn zu bleiben. Er wollte sehr gern sich irgendwie zerstreuen, aber er wußte nicht, was er tun und unternehmen sollte. Eine neue unbezwingbare Empfindung erfaßte ihn immer stärker und stärker mit jedem Augenblick, -- es war ein grenzenloser, fast physischer Widerwille gegen alles, was ihm begegnete und was ihn umgab; es war ein hartnäckiges, böses und quälendes Gesicht. Alle Begegnenden waren ihm widerwärtig, -- ihre Gesichter, ihr Gang, ihre Bewegungen waren ihm widerwärtig. Er hätte sie am liebsten angespien, ja, vielleicht gar gebissen, wenn man ihn angeredet hätte.

Er blieb stehn, als er an das Ufer der kleinen Newa, auf Wassiljew Ostroff bei der Brücke hinauskam.

»Da wohnt er ja, in diesem Hause,« dachte er. »Was ist denn das, bin ich etwa zu Rasumichin mit Willen gegangen? Es ist dieselbe Geschichte wie damals ... Es ist mir nun doch sehr interessant, -- bin ich mit Absicht hierhergekommen oder lenkte das Schicksal meine Schritte. Es ist mir übrigens gleichgültig. Ich sagte mir ... vorgestern ... daß ich am andren Tage nach dem hingehen werde; na, ich werde es tun, was ist denn dabei! Als ob ich jetzt nicht zu ihm gehen könnte ...«

Er ging hinauf zu Rasumichin in das fünfte Stockwerk.

Rasumichin war in seinem Zimmerchen und mit Schreiben beschäftigt; er öffnete ihm selbst. Seit vier Monaten etwa hatten sie sich nicht gesehen. Rasumichin stak in einem zerfetzten abgetragenen Schlafrock, hatte Pantoffeln an den bloßen Füßen und saß ungekämmt, unrasiert und ungewaschen da. Auf seinem Gesichte zeigte sich großes Erstaunen.

»Was ist mit dir?« rief er aus und betrachtete den eingetretenen Kameraden vom Kopf bis zu den Füßen. Dann schwieg er und tat einen leisen Pfiff.

»Steht es mit dir wirklich so schlecht? Ja, du hast sogar unsereinen übertroffen,« fügte er hinzu und blickte auf Raskolnikoffs Lumpen. »Aber so setz' dich doch, du bist wahrscheinlich müde!«

Und als dieser auf das türkische Sofa von Wachstuch hinsank, sah Rasumichin plötzlich, daß sein Besucher krank sei.

»Du bist ja ernstlich krank, weißt du das?«

Er begann seinen Puls zu fühlen, Raskolnikoff aber riß die Hand weg.

»Ist nicht nötig,« sagte er, »ich bin gekommen ... die Sache ist -- ich habe keine Stunden zu geben ... ich wollte ... übrigens, ich brauche keine Stunden ...«

»Weißt du was? Du phantasierst ja!« bemerkte Rasumichin, der ihn aufmerksam beobachtete.

»Nein, ich phantasiere nicht ...«

Raskolnikoff erhob sich vom Sofa. Indem er zu Rasumichin ging, dachte er nicht daran, daß er Auge in Auge ihm gegenüberstehen müsse. Jetzt aber, in einem Nu, wurde es ihm durch diese Erfahrung klar, daß er jetzt am allerwenigsten aufgelegt sei, irgend jemandem auf der ganzen Welt Auge in Auge gegenüberzutreten. Die Galle stieg in ihm auf. Er verlor fast den Atem vor Wut über sich selbst, darüber, daß er diese Schwelle überschritten hatte.

»Lebe wohl!« sagte er plötzlich und ging zur Tür.

»Aber warte doch, warte, du komischer Kauz!«

»Nicht nötig! ...« wiederholte der und stieß seine Hand zurück.

»Weshalb aber bist du denn gekommen, zum Teufel noch einmal! Bist du von Sinnen? Das ist doch ... fast beleidigend. Ich laß dich nicht so.«

»So hör nun, -- ich bin zu dir gekommen, weil ich niemand außer dir kenne, der mir helfen würde ... anzufangen ... weil du besser, d. h. klüger als alle anderen bist und beurteilen kannst ... Jetzt aber sehe ich, daß ich nichts brauche, hörst du, gar nichts brauche ... keinen Dienst und Teilnahme ... Ich selbst ... allein ... Nun, genug davon! Laßt mich in Ruhe!«

»Aber warte doch einen Augenblick, du Schornsteinfeger! Bist ja ganz verrückt! Meinetwegen tue, wie du willst. Siehst du, Stunden habe ich nicht mal selber und pfeife auch darauf, aber auf dem Trödlermarkt gibt es einen Buchhändler Heruwimoff, der ist mir lieber als Stunden. Ich möchte ihn nicht gegen fünf Stunden bei Kaufleuten vertauschen. Er verlegt allerhand kleine Sachen und gibt naturwissenschaftliche Broschüren heraus, -- und wie die gehen? Die Titel allein sind schon was wert! Siehst du, du hast immer behauptet, ich wäre dumm; bei Gott, es gibt noch Dümmere als ich, Bruder mein! Jetzt macht er sogar in der modernen Literatur; selbst versteht er rein gar nichts davon, ich aber unterstütze ihn selbstverständlich darin. Hier siehst du mehr als zwei Bogen deutschen Text, -- meiner Ansicht nach, von der allerdümmsten Charlatanerie; mit einem Worte, es wird erörtert, ob die Frau ein Mensch ist oder nicht? Selbstredend wird mit Glanz bewiesen, daß sie ein Mensch ist. Heruwimoff bringt es, als zur Frauenfrage gehörend, heraus. Ich übersetze; er wird diese zwei und einen halben Bogen auf sechs ausdehnen, wir erfinden dann einen prachtvollen Titel; eine halbe Seite lang, und schlagen es zu fünfzig Kopeken los. Es wird sicher gehen! Für die Übersetzung bekomme ich sechs Rubel pro Bogen, also für das Ganze fünfzehn, und sechs Rubel habe ich Vorschuß. Wenn wir damit fertig sind, fangen wir an, über Walfische zu übersetzen, dann folgen einige langweilige Klatschgeschichten aus dem zweiten Teil der >Konfessions,< die schon vorgemerkt sind und übersetzt werden sollen. Jemand hat Heruwimoff gesagt, Rousseau wäre eine Art Radischtscheff.[9] Ich widerspreche selbstverständlich nicht, hol ihn der Teufel! Willst du nun den zweiten Bogen von >Ist die Frau ein Mensch?< übersetzen? Wenn du willst, nimm sofort den Text, Federn und Papier -- dies alles wird gratis geliefert -- und nimm drei Rubel. Da ich für die ganze Übersetzung, für den ersten und zweiten Bogen, vorausbekommen habe, so kommen gerade auf diesen Teil drei Rubel. Und wenn du mit dem Bogen fertig bist, -- erhältst du noch drei Rubel. Ja, noch eins, -- bitte, sieh' es nicht als einen Dienst meinerseits an. Im Gegenteil, als du eintratest, dachte ich gleich, wie nützlich du mir sein könntest. Erstens bin ich in der Orthographie schlecht und zweitens bin ich im Deutschen öfters recht schwach, so daß ich meistens selbst hinzu dichte und mich bloß damit tröste, daß es dadurch noch besser wird. Aber wer weiß, vielleicht wird es nicht besser, sondern schlechter ... Tust du mit oder nicht?« Raskolnikoff nahm schweigend die Blätter der deutschen Artikel, nahm die drei Rubel und ging ohne ein Wort zu sagen hinaus. Rasumichin blickte ihm erstaunt nach. Als Raskolnikoff aber schon ein Stück gegangen war, kehrte er plötzlich um, ging wieder zu Rasumichin hinauf, legte auf den Tisch die Blätter und die drei Rubel und ging wieder schweigend von dannen.

»Hast du etwa das Delirium?« schrie Rasumichin, der schließlich wütend geworden war. »Warum führst du hier eine Komödie auf? Hast mich sogar konfus gemacht ... Warum bist du denn hergekommen, zum Teufel?«

»Ich brauche keine ... Übersetzungen ...« murmelte Raskolnikoff, als er schon die Treppe hinabstieg.

»Ja, was brauchst du denn, zum Teufel?« rief von oben Rasumichin.

Der ging jedoch schweigend hinunter.

»He, du! Wo wohnst du?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Na, so hol dich der Teu--fel!« ...

Raskolnikoff war schon auf der Straße angelangt.

Auf der Nikolaibrücke passierte es ihm, daß er infolge eines für ihn sehr unangenehmen Zwischenfalles wieder zur völligen Besinnung kam. Der Kutscher einer Privatequipage hatte ihm einen starken Peitschenhieb über den Rücken versetzt, weil er beinahe unter die Pferde geraten war, trotzdem er ihn einigemal angerufen hatte. Der Peitschenhieb verursachte eine solche Wut in ihm, daß er bis ans Geländer sprang -- (es war unklar, warum er in der Mitte der Brücke, auf dem Fahrweg, ging) und mit den Zähnen knirschte. Ringsherum erklang lautes Lachen.

»Geschieht ihm recht!«

»Ist wahrscheinlich ein Spitzbube.«

»Selbstverständlich, stellt sich betrunken, kriecht absichtlich unter die Räder, und unsereiner muß es verantworten.«

»Davon leben sie, Verehrtester, damit verdienen sie ...«

In dem Augenblicke, als er am Geländer stand, den Rücken reibend und immer noch sinnlos vor Wut der davonfahrenden Equipage nachschaute, fühlte er, daß ihm jemand Geld in die Hand drückte. Er blickte auf, -- es war eine ältliche Kaufmannsfrau mit einem Kopftuche, und neben ihr ein junges Mädchen im Hute, mit einem grünen Sonnenschirme, wahrscheinlich die Tochter. »Nimm, mein Lieber, um Christi willen!« Er nahm das Geld, und sie gingen weiter. Es waren zwanzig Kopeken. Seiner Kleidung und dem Aussehen nach konnten sie ihn sehr leicht für einen Bettler, für einen echten Groschensammler von der Straße halten, daß sie ihm aber ganze zwanzig Kopeken gaben, hatte er sicher dem Peitschenhiebe zu danken, der sie mitfühlend gestimmt hatte.

Er drückte die Münze fest in die Hand, ging etwa zehn Schritte und wandte sich mit dem Gesichte zur Newa, in der Richtung des Winterpalais. Der Himmel war ohne die geringste Wolke und das Wasser fast blau, was so selten auf der Newa vorkommt. Die Kuppel des Domes, der von keinem Punkte sich besser hervorhebt, als von der Brücke aus, leuchtete förmlich, durch die reine Luft konnte man jede Verzierung deutlich wahrnehmen. Der Schmerz vom Peitschenhieb hatte nachgelassen, und Raskolnikoff hatte den Hieb vergessen; ein unruhiger und nicht ganz klarer Gedanke beschäftigte ihn jetzt ausschließlich. Er stand und schaute lange und unverwandt in die Ferne; diese Stelle kannte er besonders gut. Als er noch zur Universität ging, geschah es gewöhnlich, -- meistens auf dem Rückwege nach Hause, -- daß er gerade an dieser Stelle stehn blieb, um unverwandt dieses prachtvolle Panorama zu betrachten, und jedesmal mußte er über den Eindruck, den er sich nicht erklären konnte, staunen. Eine unerklärliche Kälte wehte ihm stets von diesem wundervollen Panorama entgegen; dieses prächtige Bild war für ihn von einem stillen und dumpfen Geiste erfüllt ... Er wunderte sich jedesmal über seinen düsteren und rätselhaften Eindruck und schob die Lösung, ohne zu wissen warum, in die Zukunft. Jetzt erinnerte er sich deutlich seiner früheren Fragen und Zweifel, und es schien ihm, als hätte er sich nicht rein zufällig ihrer erinnert. Schon der Umstand erschien ihm merkwürdig und wunderlich, daß er auf derselben Stelle, wie früher, stehengeblieben war, als bilde er sich wirklich ein, daß er jetzt über dasselbe, wie ehedem, nachsinnen und sich für ebensolche Themen und Bilder interessieren könne, wie er es früher ... noch unlängst getan. Ihm wurde fast lächerlich zumute und gleichzeitig schnürte es ihm die Brust zu. In der Tiefe, tief unten in einem ungeheuren Abgrunde versunken, erschien ihm jetzt die ganze Vergangenheit, die früheren Gedanken, die alten Ziele und Probleme, die damaligen Eindrücke und dieses ganze Panorama, und er selbst und alles ... Ihm schien, als fliege er irgendwo hinauf, und alles verschwinde aus seinen Augen ... Indem er eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand machte, fühlte er wieder in seiner geballten Faust die zwanzig Kopeken. Er öffnete die Hand, blickte aufmerksam das Geldstück an und schleuderte es ins Wasser; dann wandte er sich um und ging nach Hause. Ihm schien es, als hätte er in diesem Augenblick seine ganze Vergangenheit mit einer Schere abgeschnitten.

Es war am Abend, als er nach Hause kam, also mußte er im ganzen gegen sechs Stunden gewandert sein. Welchen Weg, und wie er zurückgekommen war, erinnerte er sich gar nicht. Er kleidete sich aus, und zitternd am ganzen Körper, wie ein abgehetztes Pferd, legte er sich auf das Sofa, zog seinen Mantel über sich und fiel sofort in Bewußtlosigkeit ...

Er wurde in völliger Dämmerung von einem furchtbaren Geschrei aufgestört. Oh, Gott, was ist das für ein Geschrei! Solche unnatürlichen Töne, solch ein Geheul, Stöhnen, Knirschen, Weinen, Schläge und Schimpfen hatte er noch nie vernommen. Er konnte sich nicht mal solchen Greuel, solche Raserei vorstellen. Voll Schrecken erhob er sich und setzte sich in seinem Bette auf; schwer atmend litt er Qualen. Die Schläge, das Geschrei und die Schimpfwörter wurden immer stärker und stärker. Er vernahm zu seiner größten Verwunderung die Stimme seiner Wirtin. Sie heulte, kreischte und klagte, sie sprach die Worte in so eiliger Hast, daß man nicht verstehen konnte, um was sie flehte, -- gewiß, daß man aufhören sollte, sie zu schlagen, denn man prügelte sie auf der Treppe unbarmherzig. Die Stimme des Schlagenden war so schauerlich vor Wut und Raserei, daß er bloß noch röchelte, und er sprach ebenso unverständlich, hastig und sich verschluckend. Plötzlich bebte Raskolnikoff am ganzen Körper; er hatte die Stimme von Ilja Petrowitsch erkannt. Er ist hier und schlägt die Wirtin! Er schlägt sie mit Fäusten, stößt ihren Kopf auf die Stufen, -- das ist klar, man hörte es an dem Ton, am Geheul, an den Schlägen! Was ist denn geschehen, hat sich die Welt gewendet? Man hörte, wie aus allen Stockwerken, auf der ganzen Treppe sich Menschen ansammeln, Stimmen, Ausrufe erschallen, man läuft, trampelt, schlägt die Türen zu, rennt zusammen. »Aber weshalb denn, weshalb und wie ist es denn möglich?« wiederholte er und glaubte in allem Ernste, er hätte den Verstand verloren. Aber nein, er hört es doch zu deutlich! ... Also wird man auch zu ihm gleich kommen, »denn ... das ist sicher wegen desselben ... wegen des gestrigen ... Oh, Gott!« Er wollte die Tür zuhaken, konnte aber die Hand nicht erheben ... und es wäre ja nutzlos. Die Angst lag auf seiner Seele wie Eis, hatte ihn zermartert, ihn erstarrt ... Aber nach und nach hörte dieser Spektakel, der sicher gegen zehn Minuten gedauert hatte, auf. Die Wirtin stöhnte und ächzte, Ilja Petrowitsch drohte und schimpfte noch immer ... Endlich schien auch er ruhiger geworden zu sein; jetzt hörte man ihn nicht mehr. »Ist er fortgegangen? Oh, Gott!« Ja, nun geht auch die Wirtin fort, sie stöhnt und weint noch immer ... nun schlug sie auch ihre Türe zu ... Jetzt gehen die Menschen die Treppe hinunter in ihre Wohnungen, -- sie bedauern, streiten, rufen einander zu, bald erhebt sich ihr Gerede bis zum Geschrei, bald sinkt es zum Flüstertone. Wahrscheinlich waren es viele gewesen, fast das ganze Haus war zusammengelaufen. »Aber, mein Gott, ist denn das alles möglich! Und warum, warum kam er hierher!«

Raskolnikoff fiel kraftlos auf das Sofa hin, aber er konnte kein Auge schließen; er lag etwa eine halbe Stunde in solcher Qual, in dem unausstehlichen Gefühle eines grenzenlosen Schreckens, wie er ihn noch nie empfunden hatte. Plötzlich erhellte ein greller Schein sein Zimmer, -- Nastasja kam mit einem Lichte und einem Teller Suppe herein. Sie sah ihn aufmerksam an und als sie bemerkte, daß er nicht schlafe, stellte sie das Licht auf den Tisch und begann das Mitgebrachte aufzustellen: Brot, Salz, einen Teller und Löffel ...

»Hast seit gestern wahrscheinlich nichts gegessen? Hast dich den ganzen Tag umhergetrieben, -- im Fieber, wie du bist.«

»Nastasja ... warum schlug man die Wirtin?«

Sie sah ihn aufmerksam an.

»Wer hat die Wirtin geschlagen?«

»Soeben ... vor einer halben Stunde. Ilja Petrowitsch, der Gehilfe des Revieraufsehers, auf der Treppe ... Warum hat er sie so geschlagen. Und ... warum kam er her?«

Nastasja betrachtete ihn schweigend und mit zusammengezogenen Augenbrauen, und sah ihn lange so an. Ihm wurde dieses Anstarren sehr unangenehm, beängstigend.

»Nastasja, warum schweigst du?« sagte er schließlich zaghaft mit schwacher Stimme.

»Das ist das Blut,« antwortete sie leise, als rede sie mit sich selbst.

»Blut! ... Was für ein Blut? ...« murmelte er erbleichend und rückte zur Wand.

Nastasja fuhr fort ihn schweigend zu betrachten.

»Niemand hat die Wirtin geschlagen,« sagte sie endlich in strengem und entschiedenem Tone.

Er sah sie an und atmete kaum.

»Ich habe selbst gehört ... ich habe nicht geschlafen ... ich saß,« sagte er noch zaghafter. »Ich habe lange zugehört ... Der Gehilfe des Revieraufsehers war gekommen ... Alle waren auf der Treppe zusammengelaufen, aus allen Stockwerken ...«

»Niemand ist dagewesen. Es ist das Blut, das in dir spricht. Wenn es keinen Ausweg hat und sich in Klumpen zusammenballt, dann erscheinen einem allerhand Dinge ... Wirst du essen?«

Er antwortete nicht. Nastasja stand immer noch bei ihm, blickte ihn aufmerksam an und ging nicht weg.

»Gib mir zu trinken ... liebe Nastasja.«

Sie ging hinunter und nach ein paar Minuten kehrte sie mit Wasser in einer weißen Tasse zurück, weiter erinnerte er sich nichts mehr, nur noch, wie er einen Schluck kalten Wassers genommen und aus der Tasse auf die Brust verschüttet hatte. Dann hatte er das Bewußtsein verloren.

III.

Er war jedoch nicht ganz besinnungslos während seiner Krankheit; es war ein fieberhafter Zustand mit Traumgesichten und halbem Bewußtsein. An vieles konnte er sich später erinnern. Bald schien es ihm, als versammle sich eine Menge Menschen um ihn, die ihn irgendwohin fort tragen wollten und sich seinetwegen sehr viel stritten und zankten. Bald war er wieder allein im Zimmer, alle waren weggegangen und fürchteten sich vor ihm, nur zuweilen öffnete man die Türe, um ihn zu betrachten, man drohte ihm, verabredete unter sich etwas, lachte und reizte ihn. Nastasja sah er oft um sich, auch unterschied er noch einen Menschen, der ihm sehr bekannt schien, aber wer es war -- konnte er nicht herausbekommen, das peinigte ihn, und er weinte sogar. Manchmal schien es ihm, als liege er schon einen Monat, ein anderes Mal aber -- als wäre es noch derselbe Tag. Jenes aber, jenes Ereignis hatte er völlig vergessen; dafür aber dachte er immerfort, daß er etwas vergessen habe, was er nicht hätte vergessen dürfen, -- er quälte sich, marterte sich, um darauf zu kommen, stöhnte, es überfiel ihn eine rasende Wut oder eine schreckliche unerträgliche Angst. Dann versuchte er aufzustehen, wollte fliehen, aber stets hielt ihn jemand mit Gewalt zurück und er verfiel wieder in Schwäche und Bewußtlosigkeit. -- Endlich kam er ganz zu sich.

Das geschah an einem Morgen um zehn Uhr. Um diese Stunde zog an heiteren Tagen die Sonne stets einen langen Streifen über die rechte Wand des Zimmers und beleuchtete die Ecke an der Tür. An seinem Bette stand Nastasja und noch ein Mann, der ihn mit großem Interesse betrachtete und der ihm völlig unbekannt war. Das war ein junger Bursche in langem Rock, mit einem kleinen Barte, der seinem Aussehen nach ein Kontordiener sein mochte. Hinter der halbgeöffneten Tür blickte die Wirtin hervor. Raskolnikoff erhob sich.

»Wer ist das, Nastasja?« fragte er und wies auf den Burschen.

»Sieh mal, er ist zu sich gekommen!« sagte sie.

»Zu sich gekommen,« wiederholte der Kontordiener.

Als sie hörte, daß er zu sich gekommen sei, schloß die Wirtin sofort die Tür und verschwand. Sie war immer schon schüchtern und vertrug mit Mühe Gespräche und Auseinandersetzungen; sie war gegen vierzig Jahre alt, dick und fett, hatte schwarze Augenbrauen und schwarze Augen, war gutmütig aus Wohlgenährtheit und Faulheit, ziemlich hübsch, genierte sich aber über alle Maßen.

»Wer sind ... Sie?« wandte sich fragend Raskolnikoff an den Kontordiener. In diesem Augenblicke wurde die Türe von neuem weit geöffnet, und gebückt, da er viel zu groß war, trat Rasumichin ein.

»Das ist ja die reinste Schiffskajüte,« rief er beim Eintreten, »immer stoße ich mit der Stirn an. Und das nennt sich eine Wohnung? Und du bist zu dir gekommen, Bruder! Die liebe Praskovja sagte es mir.«

»Er ist soeben zu sich gekommen,« sagte Nastasja.

»Soeben zu sich gekommen,« bestätigte wieder der Kontordiener mit einem Lächeln.

»Wer sind Sie aber, mein Herr?« fragte er plötzlich Rasumichin, sich an ihn wendend. »Ich bin, sehen Sie, Rasumichin, Student, Sohn eines Edelmannes, und er ist mein Freund. Nun, und wer sind Sie?«

»Ich bin in unserm Kontor Diener, beim Kaufmann Schelopajeff, und komme in Geschäften.«

»Nehmen Sie bitte Platz auf diesem Stuhl.«

Rasumichin setzte sich auf einen andern, an der anderen Seite des Tischchens.

»Das hast du gut getan, Bruder, daß du zu dir gekommen bist,« fuhr er fort, sich an Raskolnikoff wendend. »Den vierten Tag schon hast du kaum etwas gegessen oder getrunken. Löffelweise hat man dir ein wenig Tee gegeben. Ich brachte ein paarmal Sossimoff mit. Erinnerst du dich seiner? Er hat dich genau untersucht und sagte sofort, es sei nichts von Bedeutung, -- es hat sich in den Kopf gezogen. Irgendein Unsinn mit den Nerven, sagt er, schlechte Ernährung, zu wenig Bier und Meerrettich habe man dir gegeben, daher auch die Krankheit, aber es habe nichts auf sich, wird bald vergehen und gut werden. Sossimoff ist ein tüchtiger Kerl! Fängt glänzend an damit, daß er dich kuriert. Na, ich will Sie nicht aufhalten,« wandte er sich wieder an den Kontordiener, »wollen Sie Ihre Wünsche erklären? Denk dir, Rodja, das ist schon der zweite Bote aus dem Kontor, mit dem ersten habe ich gesprochen. Wer war es, der vor Ihnen da war?«

»Ich glaube, es war vorgestern; ja es stimmt. Das war Alexei Ssemenowitsch, er ist auch aus unserem Kontor.«

»Er ist wohl gescheiter als Sie, he?«

»Ja, Sie haben recht, er ist solider.«

»Das lobe ich mir, nun, fahren Sie fort.«

»Also, Afanassi Iwanowitsch Wachruschin, von dem, wie ich annehme, Sie öfter gehört haben, sendet Ihnen auf Wunsch Ihrer Frau Mutter, durch unser Kontor eine Anweisung,« begann der Diener, sich direkt an Raskolnikoff wendend.

»Falls Sie wieder bei Bewußtsein sind, soll ich Ihnen fünfunddreißig Rubel überreichen, die an Ssemjon Ssemenowitsch von Afanassi Iwanowitsch auf Wunsch Ihrer Frau Mutter, wie in früheren Fällen, überwiesen werden. Sie kennen ihn doch?«

»Ja ... ich erinnere mich ... Wachruschin ...« sagte Raskolnikoff sinnend.

»Hören Sie -- er kennt den Kaufmann Wachruschin!« rief Rasumichin aus. »Ist er nun nicht bei Bewußtsein? Übrigens, ich merke jetzt auch, daß Sie ebenfalls ein gescheiter Mann sind. Na! Kluge Reden hört man gern.«

»Ja, er ist es, Wachruschin, Afanassi Iwanowitsch, und zufolge des Wunsches Ihrer Frau Mutter, die schon einmal auf diesem Wege Ihnen Geld gesandt hatte, hat er es auch diesmal nicht abgelehnt und hat Ssemjon Ssemenowitsch in diesen Tagen Order erteilt, Ihnen fünfunddreißig Rubel bis auf weiteres zu übergeben.«

»Das ist gut: >bis auf weiteres,< nicht übel war auch das >von Ihrer Frau Mutter<. Nun, also wie ist Ihre Ansicht, -- ist er bei vollem Bewußtsein oder nicht, he?«

»Mir ist es gleich. Sehen Sie, nur die Unterschrift müßte ich haben.«

»Er wird sie schon hinkritzeln. Was haben Sie da, ein Buch etwa?«

»Ein Quittungsbuch, hier.«

»Geben Sie es her. Nun, Rodja, erhebe dich. Ich will dich stützen; unterschreibe mal, nimm die Feder, denn Geld brauchen wir jetzt mehr als Syrup, Bruder.«

»Ist nicht nötig,« sagte Raskolnikoff und stieß die Feder von sich.

»Was ist nicht nötig?«

»Ich werde nicht unterschreiben.«

»Zum Teufel, wie denn ohne Quittung?«

»Ich brauche nicht ... das Geld ...«

»Das Geld brauchst du nicht? Nun, da lügst du, Bruder, ich kann es bezeugen! ... Bitte, beachten Sie es nicht, er tut bloß so ... phantasiert wieder. Das passiert ihm übrigens auch in wachem Zustande ... Sie sind ein verständiger Mann und wir wollen ihn leiten, das heißt, einfach seine Hand führen, er wird dann unterschreiben. Helfen Sie ...«

»Übrigens, ich kann auch ein andres Mal kommen.«

»Nein, nein, warum wollen Sie sich bemühen. Sie sind ein verständiger Mann ... Nun, Rodja, halte den Besuch nicht auf ... du siehst, er wartet,« und er schickte sich in allem Ernste an, Raskolnikoffs Hand zu führen.

»Laß, ich will selbst ...« sagte jener, nahm die Feder und quittierte im Buche.

Der Kontordiener zählte das Geld auf und ging.

»Bravo! Willst du nun essen, Bruder?«

»Ich will essen,« antwortete Raskolnikoff.

»Haben Sie Suppe?«

»Ja, von gestern,« antwortete Nastasja, die die ganze Zeit dabei gestanden hatte.

»Mit Kartoffel und Reis?«

»Ja, mit Kartoffel und Reis.«

»Ich kenne das auswendig. Bringe die Suppe und gib auch Tee.«

»Gleich.«

Raskolnikoff blickte auf alles mit großem Erstaunen und einer dumpfen sinnlosen Angst. Er beschloß zu schweigen und abzuwarten, was weiter kommen würde. »Ich träume nicht, wie es scheint,« dachte er, »es scheint Wirklichkeit zu sein ...«

Nach ein paar Minuten kam Nastasja mit der Suppe zurück und erklärte, daß sofort auch der Tee da sein werde. Mit der Suppe erschienen auch zwei Löffel, zwei Teller und das ganze Zubehör: ein Salzfaß, Pfeffer, Senf für das Fleisch und alles übrige, in einer Ordnung, die schon lange nicht mehr geherrscht hatte. Sogar das Tischtuch war sauber.

»Es wäre nicht schlecht, liebe Nastasja, wenn Praskovja Pawlowna ein paar Flaschen Bier beordern würde. Wir würden sie gerne trinken.«

»Auch noch!« murmelte Nastasja, ging aber, den Befehl auszuführen.

Raskolnikoff begann starr und angestrengt zu beobachten. Unterdessen hatte sich Rasumichin zu ihm auf das Sofa gesetzt; ungeschickt, wie ein Bär, umfaßte er mit der linken Hand Raskolnikoffs Kopf, trotzdem dieser selber sich erheben konnte, und brachte ihm mit der rechten Hand den Suppenlöffel an seinen Mund, nachdem er ein paarmal vorher darauf geblasen hatte, damit er sich nicht verbrenne. Die Suppe war kaum warm. Raskolnikoff verschlang voll Gier einen Löffel, dann einen zweiten und einen dritten. Nachdem er aber ihm noch einige Löffel gereicht, hielt Rasumichin plötzlich inne und erklärte, daß man des weiteren wegen Sossimoff fragen müsse.

Nastasja kam mit zwei Flaschen Bier herein.

»Willst du Tee?«

»Ja, ich möchte gern.«

»Bring mal schnell den Tee, Nastasja, denn was Tee anbelangt, so kann man wohl auch ohne Konsultation auskommen. Na, und hier ist Bier!«

Er setzte sich auf seinen Stuhl, rückte die Suppe und das Fleisch zu sich und begann mit solch einem Appetit zu essen, als hätte er drei Tage nichts bekommen.

»Ich esse jetzt jeden Tag bei euch zu Mittag, lieber Rodja,« brummte er, soweit es ihm der vollgestopfte Mund erlaubte, »und zwar bewirtet mich so die liebe Praskovja, deine Wirtin, und ehrt mich von ganzer Seele. Ich bestehe selbstverständlich nicht darauf, aber protestiere auch nicht dagegen. Da ist Nastasja mit dem Tee. Wie flink du bist! Nastasja, willst du Bier?«

»Ne, du Spaßvogel.«

»Und wie steht es mit Tee?«

»Tee möchte ich wohl.«

»Gieß ein. Warte, ich will dir selbst eingießen; setz dich an den Tisch.«

Er machte sich sofort daran, goß eine Tasse ein, dann eine zweite, ließ sein Essen stehen und setzte sich wieder auf das Sofa hin. Wie früher, umfaßte er mit der linken Hand den Kopf des Kranken, richtete ihn auf und begann ihm den Tee löffelweise einzuflößen, wobei er wieder ununterbrochen und sehr eifrig auf den Löffel blies, als bestände in diesem Blasen das wesentlichste und heilsamste Moment für die Genesung. Raskolnikoff schwieg und sträubte sich nicht, obwohl er genügend Kraft in sich fühlte, sich zu erheben und ohne fremde Hilfe auf dem Sofa zu sitzen, nicht bloß die Hände zu benutzen, um den Löffel oder die Tasse zu halten, sondern vielleicht auch herumzugehen. Aber aus einer eigentümlichen, fast tierischen Schlauheit heraus kam es ihm plötzlich in den Sinn, vorläufig seine Kräfte zu verheimlichen, sich zu verstellen und sich auch nötigenfalls den Anschein zu geben, als verstünde er noch nicht alles, indessen aber zuzuhören und zu erfahren, was um ihn vorgehe. Übrigens überwand er nicht seinen Widerwillen, -- nachdem er etwa zehn Löffel Tee geschlürft hatte, befreite er plötzlich seinen Kopf von der Umarmung, stieß den Löffel von sich und sank wieder auf die Kissen zurück. Unter seinem Kopfe lagen jetzt wirklich Kissen, -- gefüllt mit weichem Flaum und mit sauberen Überzügen bezogen; das hatte er auch schon bemerkt und darüber nachgedacht.

»Die liebe Praskovja muß uns heute noch Himbeersaft schicken, um ihm ein Getränk zu machen,« sagte Rasumichin, indem er seinen Platz wieder einnahm und sich an die Suppe und das Bier machte.

»Wo soll sie den Himbeersaft für dich hernehmen?« fragte Nastasja, die die Untertasse auf ihren ausgespreizten fünf Fingern hielt und den Tee durch ein Stück Zucker hindurchsog.

»Den Himbeersaft wird sie im Laden erhalten, mein Freund. Siehst du, Rodja, während du krank warst, ist hier eine ganze Geschichte passiert. Als du in solcher spitzbübischen Weise von mir ausrücktest und mir deine Wohnung nicht sagtest, packte mich plötzlich eine Wut, daß ich beschloß, dich aufzusuchen und zu strafen. Am selben Tage begann ich schon. Ich wanderte und wanderte umher, fragte hier und fragte dort! Deine jetzige Wohnung hatte ich vergessen, erinnerte mich ihrer auch nicht, weil ich sie gar nicht kannte. Nun, und von der früheren Wohnung wußte ich bloß, daß sie an den Fünfecken lag, im Hause Karlamoff. Ich suchte und suchte dies Haus von Karlamoff, -- und später fand sich's, daß es gar nicht Karlamoff, sondern Buch gehörte, wie man sich zuweilen im Klange irren kann. Na, ich wurde böse, und ging auf gut Glück am anderen Tage in das Adreßbureau, und stell dir vor, -- in zwei Minuten hatte man dich dort herausgefunden. Du bist dort eingetragen.«

»Ich bin dort eingetragen.«

»Das stimmt, aber den General Koboleff, siehst du, konnte man dort gar nicht finden. Na, darüber ließe sich viel reden. Kaum war ich hier eingebrochen, als ich sofort mit allen deinen Angelegenheiten bekannt wurde; mit allen, mit allen, Bruder, ich weiß alles. Nikodim Fomitsch lernte ich kennen, Ilja Petrowitsch zeigte man mir, auch mit dem Hausknecht wurde ich bekannt, ebenso Herrn Alexander Grigorjewitsch Sametoff, dem Sekretär in dem Polizeibureau und zu guter Letzt mit der lieben Praskovja, -- das war die Krone vom ganzen. Sie, Nastasja, weiß es auch ...«

»Er hat sich eingeschmeichelt,« murmelte Nastasja mit einem schelmischen Lächeln.

»Versüßen Sie doch Ihren Tee, Nastasja Nikiforowna.«

»Zum Kuckuck mit dir!« rief plötzlich Nastasja und prustete vor Lachen. »Ich heiße übrigens Nastasja Petrowna und nicht Nikiforowna,« fügte sie hinzu, nachdem sie aufgehört hatte zu lachen.

»Das will ich mir merken. Na, also, Bruder, um nicht viel Worte zu verlieren, ich wollte, siehst du, zuerst hier einen elektrischen Strom durchlassen, um alle Vorurteile in hiesiger Gegend mit einem Male zu vertilgen, aber die liebe Praskovja siegte. Ich hatte gar nicht erwartet, Bruder, daß sie so ... lieb sein würde ... Was meinst du?«

Raskolnikoff schwieg, obwohl er keinen Augenblick seinen erregten Blick von ihm gewandt hatte, und jetzt noch fortfuhr, ihn starr anzublicken.

»Und sogar sehr lieb,« fuhr Rasumichin fort, ohne sich durch Raskolnikoffs Schweigen stören zu lassen, und als bekräftige er dessen Antwort, »und in bester Ordnung in jeder Hinsicht.«

»Das ist einer!« rief Nastasja wieder aus, der dieses Gespräch eine unbeschreibliche Wonne zu bereiten schien.

»Schlimm war es, Bruder, daß du von Anfang an nicht verstanden hast, die Sache richtig anzufassen. Mit ihr mußte man anders verfahren. Sie ist sozusagen ein problematischer Charakter! Doch vom Charakter später ... Eins nur, zum Beispiel, wie konntest du es soweit kommen lassen, daß sie wagte, dir kein Mittagessen zu schicken? Oder zum Beispiel dieser Wechsel? Bist du etwa verrückt geworden, Wechsel zu unterzeichnen. Oder wiederum diese in Aussicht genommene Ehe, als noch die Tochter, Natalja Jegorowna, lebte ... Ich weiß alles! übrigens, ich sehe, daß das eine zarte Angelegenheit ist und ich ein Esel bin; entschuldige bitte. Apropos: Dummheit; Praskovja Pawlowna ist gar nicht so dumm, Bruder, wie man auf den ersten Blick meinen könnte, he?«

»Ja ...« sagte Raskolnikoff gedehnt, indem er zur Seite blickte, aber er begriff, daß es vorteilhafter war, vom Thema nicht abzulenken.

»Nicht wahr?« rief Rasumichin aus, sichtlich erfreut, daß er Antwort bekommen hatte. »Aber auch nicht klug, wie? Ein ganz, ganz unberechenbarer Charakter! Zum Teil bin ich mir selber nicht ganz klar, sage ich dir, Bruder ... Sie wird sicher ihre vierzig sein. Sie sagt, sie sei sechsunddreißig, und das ist ihr gutes Recht. Übrigens, ich schwöre dir, daß ich über sie mehr nach meinem Verstande, rein metaphysisch urteile; hier haben sich Verwicklungen eingestellt, schlimmer, als in der Algebra. Ich begreife nichts! -- Na, das ist lauter Unsinn. Als sie sah, daß du nicht mehr Student bist, weder Stunden noch Kleidung hast, bekam sie Furcht und da sie es nicht nötig hat, nach dem Tode ihrer Tochter dich verwandtschaftlich zu behandeln, und da du deinerseits dich in den Winkel verkrochst und den früheren Verkehr nicht unterhieltest, faßte sie den Entschluß, dich aus der Wohnung hinauszuwerfen. Sie hatte schon lange diese Absicht gehabt, aber der Wechsel tat ihr leid. Außerdem hast du ja selbst versichert, daß deine Mutter bezahlen würde ...«

»Das habe ich aus Schuftigkeit gesagt ... Meine Mutter muß beinahe betteln gehen ... und ich log, damit man mich wohnen ließe und ... mir zu essen gebe,« sagte Raskolnikoff laut und deutlich.

»Ja, das hast du vernünftig gemacht. Nur die Sache war die, daß sich ein Herr Tschebaroff einfand, Hofrat und Geschäftsmann. Die liebe Praskovja hätte ohne ihn nichts unternommen, sie ist doch zu schüchtern. Na, ein Geschäftsmann aber ist nicht schüchtern, und das erste, was er selbstverständlich tat, war, ihr die Frage vorzulegen, ob Aussicht da sei, daß der Wechsel eingelöst werde? Die Antwort lautete, -- ja, denn es gibt so eine Mutter, die mit ihrer Pension von hundertundfünfundzwanzig Rubel dem Rodenka helfen würde, wenn sie auch selbst hungern müßte, und es gibt noch eine Schwester, die für ihren Bruder sich schinden lassen würde. Darauf baute der Geschäftsmann ... Halte dich nur ruhig! Ich habe jetzt alle deine Geheimnisse erfahren, Bruder, du warst nicht umsonst gegen die liebe Praskovja offen, als du noch auf verwandtschaftlichem Fuße mit ihr standest, jetzt aber sage ich dir dies alles in aller Liebe ... Da haben wir es, ein ehrlicher und gefühlvoller Mensch ist offen, spricht sich aus, ein Geschäftsmann aber hört zu und kaut dazu und verspeist zu guter Letzt. Sie überließ also diesen Wechsel, als hätte sie dafür Zahlung erhalten, jenem Tschebaroff, und er genierte sich nicht und forderte die Summe auf gesetzlichem Wege. Ich wollte, als ich dies alles erfuhr, ihm zur Beruhigung meines Gewissens mit einem kalten Strahl kommen, aber da begann zwischen mir und der lieben Praskovja die Harmonie, und ich ordnete an, daß die Sache im Keime sozusagen erstickt werden sollte, indem ich mich verbürgte, daß du bezahlen wirst. Ich habe mich für dich verbürgt, Bruder, hörst du? Tschebaroff wurde hergerufen, man warf ihm zehn Rubel in den Rachen, nahm den Wechsel ihm ab, und da habe ich die Ehre, ihn Ihnen zu übergeben, -- man glaubt Ihnen nun aufs Wort -- nehmen Sie ihn, er ist von mir, wie es sich gehört, eingerissen.«

Rasumichin legte den Wechsel auf den Tisch; Raskolnikoff blickte ihn an und wandte sich ohne ein Wort zu sagen gegen die Wand. Rasumichin berührte es peinlich.

»Ich sehe, Bruder,« sagte er nach einer Weile, »daß ich wieder eine Dummheit gemacht habe. Ich dachte dich zu zerstreuen und mit Geplauder zu erheitern, habe aber, wie es scheint, deine Galle aufgerührt.«

»Du warst es, den ich im Fieber nicht erkannte?« fragte Raskolnikoff nach einigem Schweigen, ohne den Kopf umzuwenden.

»Ja, ich war es, und du gerietest sogar aus diesem Grunde in Wut, besonders, als ich einmal Sametoff mitbrachte.«

»Sametoff? ... Den Sekretär? ... Warum?« Raskolnikoff wandte sich schnell um und starrte Rasumichin an.

»Ja, was ist dir ... Warum regst du dich auf? Er wollte mit dir bekannt werden; hatte selbst den Wunsch geäußert, weil ich viel mit ihm über dich gesprochen habe ... Von wem hätte ich denn sonst soviel über dich erfahren. Er ist ein prächtiger Bursche, Bruder, wundervoll ... selbstverständlich in seiner Art. Jetzt sind wir Freunde, fast täglich sehen wir uns. Ich bin in dieses Revier übergesiedelt. Du weißt es noch nicht? Ich bin soeben umgezogen. Bei der Louisa waren wir ein paarmal. Erinnerst du dich an Louisa Iwanowna?«

»Habe ich phantasiert?«

»Und ob? Du warst ja ganz ohne Bewußtsein.«

»Worüber habe ich phantasiert?«

»Nanu! Worüber du phantasiert hast? Es ist begreiflich, worüber man phantasiert ... Nun, Bruder, wir wollen jetzt keine Zeit mehr verlieren, zur Arbeit.«

Er stand vom Stuhle auf und nahm seine Mütze.

»Worüber habe ich phantasiert?«

»Er läßt nicht davon. Hast du Angst vor einem Geheimnis? Sei ruhig, von -- einer Gräfin wurde nichts geredet. Aber von einer Bulldogge, von Ohrgehängen und von allerhand Ketten, von der Krestowski-Insel und von einem Hausknecht, von Nikodim Fomitsch und von Ilja Petrowitsch, seinem Gehilfen hast du viel gesprochen. Ja, und außerdem geruhtest du dich sogar sehr für deinen Strumpf zu interessieren. Klagtest: >Gebt ihn,< sagtest du, >bitte<. Sametoff suchte in eigener Person in allen Winkeln deine Strümpfe zusammen und überreichte dir den Schund mit seinen parfümierten und mit Ringen besetzten Händen. Dann erst beruhigtest du dich und hieltest diesen Schund Tag und Nacht in den Händen, man konnte es dir nicht wegnehmen. Wahrscheinlich liegt er auch jetzt irgendwo unter deiner Decke. Und dann batest du um Fransen von den Hosen, du batest mit Tränen darum. Wir versuchten zu erfahren, was für Fransen du wünschtest? Aber man konnte nichts verstehen ... Nun, an die Arbeit. Hier sind fünfunddreißig Rubel, ich nehme zehn davon, und nach ein paar Stunden werde ich Rechenschaft darüber abgeben. Unterdessen will ich Sossimoff benachrichtigen, obwohl er ohnedem längst hier sein müßte, denn es geht auf zwölf. Sie aber, Nastasja, sehen öfters nach, während ich fort bin, und sorgen für ein Getränk oder etwas anderes, was er wünschen sollte ... Und der lieben Praskovja werde ich selbst gleich sagen, was nötig ist. Auf Wiedersehen!«

»Liebe Praskovja nennt er sie! Ach, du schlauer Kerl!« -- sagte Nastasja hinter ihm drein.

Dann öffnete sie die Tür und begann zu horchen, aber sie hielt es nicht aus und lief hinunter. Es interessierte sie doch zu sehr, was er mit der Wirtin sprach; überhaupt konnte man sehen, daß sie von Rasumichin ganz bezaubert war.

Kaum schloß sich die Tür hinter ihr, als der Kranke die Decke von sich warf und wie wahnsinnig aus dem Bette sprang. Mit brennender, krampfhafter Ungeduld hatte er gewartet, daß sie schneller fortgehen würden, um sofort etwas zu tun. Aber was denn, was wollte er tun? -- ihm schien es, als mußte es so sein, jetzt vergessen zu haben.

»Oh, Gott! Sag' du mir nur eins -- wissen sie alles oder wissen sie noch nichts? Aber wenn sie schon alles wissen und sich bloß so anstellen, mich irreführen, solange ich liege, um dann plötzlich einzutreten und zu sagen, daß alles schon längst bekannt sei und daß sie bloß so ... Was soll ich jetzt tun? Ich habe es vergessen, vergessen; plötzlich ist es mir entschwunden und eben noch wußte ich es! ...«

Er stand mitten im Zimmer und blickte in qualvoller Unentschlossenheit ringsumher; er ging zur Tür, öffnete sie und lauschte, aber das war es nicht. Plötzlich, als hätte er sich erinnert, stürzte er zu der Ecke, wo hinter den Tapeten das Loch war, sah alles nach, steckte die Hand in das Loch und scharrte nach, aber auch das war es nicht. Er ging zum Ofen, öffnete die Tür und begann in der Asche zu scharren; die Fransen von der Hose und die Fetzen der zerrissenen Tasche lagen noch umher, wie er sie hineingeworfen hatte, also hat niemand nachgesehen. Da erinnerte er sich des Strumpfes, von dem Rasumichin soeben erzählt hatte. In der Tat, er lag auf dem Sofa unter der Decke, aber er war so abgenutzt und beschmutzt, daß Sametoff sicher nichts hatte sehen können.

»Bah, Sametoff ... das Polizeibureau! ... Warum ladet man mich ins Polizeibureau? Wo ist die Vorladung? Bah! ... ich verwechsele ... das war damals! Ich habe schon da den Strumpf besehen und jetzt ... jetzt war ich krank. Warum ist aber Sametoff hergekommen? Warum hat Rasumichin ihn mitgebracht? ...« murmelte er, ganz schwach, und setzte sich auf das Sofa. »Was ist denn? Phantasiere ich weiter oder ist es Wirklichkeit? Es scheint Wirklichkeit zu sein ... Ah, ich erinnere mich, ich muß fliehen! Schnell fliehen, unbedingt, unbedingt fliehen! Ja ... aber wohin? Und wo sind meine Kleider? Die Stiefel sind nicht da. Man hat sie weggeschafft! Hat sie versteckt! Ich verstehe es! Ah, da ist der Mantel -- den haben sie übersehen. Hier auf dem Tische liegt auch Geld, Gott sei Dank! Da ist auch der Wechsel ... Ich nehme das Geld und gehe fort, will mir eine andere Wohnung mieten, sie werden mich nicht finden! ... Ja, aber das Adreßbureau? Sie werden mich finden! Rasumichin wird mich finden. Es ist besser, ganz weit zu fliehen ... nach Amerika ... und ich pfeif' auf sie! Ich will auch den Wechsel nehmen ... dort kann er von Nutzen sein ... Was soll ich noch mitnehmen? Sie denken, ich sei krank. Sie wissen es nicht, daß ich gehen kann, hehehe! ... Ich habe es an ihren Augen erraten, daß sie alles wissen. Wenn ich nur die Treppe hinunterkäme! Aber wenn sie dort Wächter aufgestellt haben ... Polizeibeamte! Ist das Tee? Ah, Bier ist auch übriggeblieben, eine halbe Flasche, es ist kalt!«

Er nahm die Flasche, in der noch ein ganzes Glas übrig war, und trank sie in einem Zuge mit Genuß aus, als lösche er ein Feuer in seiner Brust. Aber es verging kaum eine Minute, da stieg ihm das Bier zu Kopfe und längs dem Rücken durchzog ihn ein leichtes, doch angenehmes Frösteln. Er legte sich hin und zog die Decke über sich. Seine Gedanken, die ohnedem krankhaft und ohne Zusammenhang waren, verwirrten sich immer mehr, und bald überfiel ihn ein leichter und angenehmer Schlaf. Mit Wonne suchte er mit dem Kopf eine Stelle in den Kissen aus, wickelte sich fester in die weiche wattierte Decke ein, die jetzt an Stelle des zerrissenen Mantels über ihm lag, seufzte leise und fiel in einen tiefen, festen, kräftigenden Schlaf.

Er erwachte, als er jemand in das Zimmer eintreten hörte, öffnete die Augen und erblickte Rasumichin, der die Türe weit geöffnet hatte und auf der Schwelle stand, unentschlossen, ob er eintreten solle oder nicht. Raskolnikoff erhob sich schnell und blickte ihn an, als gäbe er sich Mühe, sich auf etwas zu besinnen.

»Ah, du schläfst nicht; nun, da bin ich! Nastasja, schlepp' das Bündel her!« rief Rasumichin hinunter. »Du erhältst sofort Abrechnung ...«

»Wieviel Uhr ist es?« fragte Raskolnikoff und blickte erregt um sich.

»Du hast tüchtig geschlafen, Bruder; es ist Abend, etwa um sechs Uhr. Du hast über sechs Stunden geschlafen ...«

»Oh, Gott! Was ist mit mir! ...«

»Ja, was soll denn sein? Zur Gesundheit ist's! Wohin treibt's dich denn? Zu einem Stelldichein etwa? Die ganze Zeit gehört jetzt uns. Ich warte schon drei Stunden, war ein paarmal hier, da du schliefst. Bei Sossimoff war ich auch zweimal, er ist nicht zu Hause und basta! Das tut nichts, er wird schon kommen! ...

In eigenen Angelegenheiten war ich auch fortgewesen. Ich bin ja heute umgezogen, fix und fertig umgezogen mit meinem Onkel zusammen. Ich habe nämlich jetzt einen Onkel ... Nun aber zum Teufel damit, jetzt zur Sache. Gib mal das Bündel her, Nastasja. Wir wollen es gleich besorgen. Und wie fühlst du dich?«

»Ich bin gesund, bin nicht krank ... Rasumichin, bist du schon lange hier?«

»Ich sage dir, ich warte seit drei Stunden.«

»Nein, ich meine vorher?«

»Was vorher?«

»Seit wann kommst du hierher?«

»Ich habe es dir doch erzählt oder erinnerst du dich nicht?«

Raskolnikoff sann nach. Wie im Traume schwebte ihm das vorhin Geschehene vor. Allein er konnte sich nicht entsinnen und blickte fragend Rasumichin an.

»Hm!« sagte dieser. »Du hast es vergessen. Mir schien es schon damals, daß du noch nicht ganz ... Jetzt nach dem Schlafe hast du dich erholt ... Tatsächlich, du siehst besser aus. Braver Junge! Nun aber zur Sache. Du wirst dich gleich erinnern. Sieh mal her, lieber Bursche.«

Er begann das Bündel aufzumachen, das ihn sichtlich außerordentlich interessierte. »Das, glaube mir, lag mir besonders auf dem Herzen. Denn man muß doch aus dir einen Menschen machen. Wollen wir anfangen, und zuerst von oben. Siehst du dieses Kaskett?« sagte er, indem er aus dem Bündel eine ziemlich hübsche, aber auch sehr einfache und billige Mütze hervorholte. -- »Laß es dir mal anprobieren.«

»Nachher ... später,« -- sagte Raskolnikoff, sich mürrisch wehrend.

»Nein, Rodja, sträube dich nicht, sonst wird es zu spät und auch ich werde die ganze Nacht nicht einschlafen können, weil ich es ohne Maß aufs Geratewohl gekauft habe. Es paßt genau!« -- rief er triumphierend aus, nachdem er die Mütze anprobiert hatte, -- »paßt, wie angemessen! Die Kopfbedeckung, Bruder, ist der wichtigste Teil des Anzuges, eine tote Empfehlung. Mein Freund Tolstjakoff muß jedesmal seine Kopfbedeckung abnehmen, wenn er irgendwo hinkommt, wo alle anderen in Hüten und Mützen herumstehen. Alle glauben, er tue es aus sklavischer Empfindung, nein, er schämt sich einfach seines Vogelnestes; er ist mal schon so schüchtern. Nun, Nastenka, hier haben Sie zwei Kopfbedeckungen (er holte aus einer Ecke den zerdrückten runden Hut von Raskolnikoff, den er Gott weiß warum Palmerston nannte) -- diesen Palmerston und dieses Kleinod. Taxiere mal. Rodja, was meinst du, das ich dafür bezahlt habe? Nastasjuschka?« -- wandte er sich an sie, als er sah, daß Raskolnikoff schwieg. »Zwanzig Kopeken wirst du wahrscheinlich gegeben haben«, -- antwortete Nastasja.

»Zwanzig Kopeken, Dummkopf!« -- rief er beleidigt aus, -- »heutzutage kauft man auch dich nicht mal für zwanzig Kopeken. Achtzig Kopeken habe ich bezahlt! Und auch deshalb nur, weil sie schon getragen ist. Jedoch mit der Bedingung, daß du im nächsten Jahre eine andere umsonst erhältst, wenn diese abgetragen ist, bei Gott! Nun wollen wir zu den Vereinigten Staaten von Amerika, wie man bei uns im Gymnasium sagte, übergehen. Ich sage im voraus, daß ich auf die Hosen stolz bin!« -- und er breitete vor Raskolnikoff ein paar graue Beinkleider aus leichtem, wollenem Sommerstoff aus. -- »Weder ein Löchlein, noch ein Fleckchen, dafür aber sehr anständig, obwohl sie getragen sind, ebensolch eine Weste, in derselben Farbe, wie es die Mode verlangt. Und daß sie getragen sind, ist offen gestanden auch besser, sie sind weicher, zarter ... Siehst du, Rodja, um in der Welt eine Karriere zu machen, genügte es, meiner Meinung nach, sich stets nach der Saison zu richten; wenn man im Monat Januar keinen Spargel ißt, behält man im Beutel ein paar Rubel mehr; ebenso ist es mit diesem Kauf. Wir haben jetzt die Sommersaison, und da habe ich auch danach den Einkauf gemacht, denn zur Herbstsaison wird so wie so ein wärmerer Stoff vonnöten sein, also muß man es fortwerfen ... um so mehr, als dies alles bis dahin von selbst verfallen wird, wenn nicht aus stärker gewordenem Luxusbedürfnis, so aus inneren Zerrüttungen. Nun taxiere sie mal. Wieviel meinst du? -- Zwei Rubel fünfundzwanzig Kopeken! Und vergiß nicht mit derselben Bedingung, hast du sie vertragen, erhältst du im nächsten Jahre ein anderes Paar umsonst. In Fedjajeffs Laden handelt man nicht anders: man bezahlt nur einmal und hat fürs ganze Leben genug, denn ein zweites Mal geht man selbst nicht hin. Jetzt zu den Stiefeln, -- wie gefallen sie dir? Man sieht es wohl, daß sie getragen sind, aber ein paar Monate halten sie noch aus, denn es ist ausländische Arbeit und ausländische Ware; der Sekretär der englischen Botschaft hat sie vorige Woche auf dem Trödelmarkte losgeschlagen, er hat sie nur sechs Tage getragen, brauchte aber sehr notwendig Geld. Der Preis ist ein Rubel fünfzig Kopeken. Ist das nicht ein glücklicher Einkauf?«

»Aber vielleicht passen sie nicht!« -- bemerkte Nastasja.

»Nicht passen! Und was ist das?« -- er zog aus der Tasche den alten, eingetrockneten, zerrissenen, ganz mit altem Schmutz bedeckten Stiefel Raskolnikoffs. -- »Ich bin mit Vorrat hingegangen; nach diesem Scheusal hat man das richtige Maß festgestellt. Alles war sorgfältig bedacht. Und wegen der Wäsche habe ich mich mit der Wirtin beraten. Da sind drei leinene Hemden, mit modernen Kragen ... Also nun die Rechnung: achtzig Kopeken die Mütze, zwei Rubel fünfundzwanzig die übrigen Kleider, im ganzen drei Rubel und fünf; ein Rubel und fünfzig die Stiefel, -- weil sie gar so gut sind, -- macht vier Rubel fünfundfünfzig und die ganze Wäsche fünf Rubel -- wir haben einen Engrospreis gemacht, -- ist in Summa neun Rubel fünfundfünfzig Kopeken. Den Rest -- fünfundvierzig Kopeken in Kupfer bitte ich zurückzunehmen, da lege ich sie hin. Und nun, Rodja, bist du in deiner ganzen Kleidung hergestellt, denn dein Mantel kann, meiner Meinung nach, nicht bloß weiterdienen, sondern er macht sogar einen besonders anständigen Eindruck; das macht, wenn man bei einem guten Schneider arbeiten läßt. Was Strümpfe und das übrige anbelangt, das überlasse ich dir selbst; wir haben an Geld noch fünfundzwanzig Rubel; wegen der lieben Praskovja und der Miete kannst du ruhig sein. Ich sage dir, du hast einen unbegrenzten Kredit. Jetzt aber erlaube mal, dir die Wäsche zu wechseln, Bruder, vielleicht steckt die Krankheit jetzt bloß noch im Hemde ...«

»Laß es! Ich will nicht!« wehrte sich Raskolnikoff, der voll Widerwillen dem gesucht neckischen Bericht Rasumichins über den Einkauf der Sachen zugehört hatte.

»Das geht nicht an, Bruder. Warum habe ich mich denn abgeschunden!« bestand Rasumichin auf seinem Verlangen. »Nastasjuschka, genieren Sie sich nicht, sondern helfen Sie, -- so, so!«

Und ungeachtet des Widerstandes Raskolnikoffs, hatte er ihm doch die Wäsche gewechselt. Der aber fiel auf die Kissen zurück und ein paar Minuten redete er kein Wort.

»Die werde ich noch lange nicht los!« dachte er.

»Von welchem Gelde ist denn dies alles gekauft?« fragte er endlich, indem er nach der Wand blickte.

»Von welchem Gelde? Das ist mal eine Frage! Doch von deinem eigenen. Vorhin war doch der Bureaudiener von Wachruschin hier, deine Mutter hat es dir gesandt, oder hast du auch das vergessen?«

»Jetzt erinnere ich mich ...« sagte Raskolnikoff nach langem und düsterem Nachdenken. Rasumichin sah ihn hin und wieder voll Unruhe mit zusammengezogenen Brauen an. Da öffnete sich die Türe und ein großer kräftiger Mann trat ein, der dem Aussehen nach Raskolnikoff schon ein wenig bekannt vorkam.

»Sossimoff! Endlich!« rief Rasumichin erfreut aus.

IV.

Sossimoff war groß und dick, mit einem gedunsenen, farblosen, blassen und glattrasierten Gesichte, hatte helles glattes Haar, trug eine Brille und an einem seiner fetten Finger saß ein großer goldener Ring. Er war etwa siebenundzwanzig Jahre alt. Unter einem weiten, eleganten, leichten Überzieher sahen helle Sommerbeinkleider hervor; alles war an ihm weit, elegant und nagelneu, die Wäsche war tadellos und die Uhrkette massiv. Seine Bewegungen waren langsam, es lag in seiner Trägheit gleichzeitig eine gesuchte Ungezwungenheit; eine Überhebung, die er übrigens stark zu verbergen suchte, kam immer wieder zum Vorschein. Alle, die ihn kannten, fanden ihn schwerfällig, gaben jedoch zu, daß er seine Sache verstände.

»Ich bin zweimal bei dir gewesen, Bruder ... Siehst du, er ist zu sich gekommen!« rief Rasumichin aus.

»Ich sehe, sehe es. Nun, wie fühlen wir uns jetzt?« wandte sich Sossimoff an Raskolnikoff, indem er ihn aufmerksam betrachtete und sich zu ihm auf das Sofa zu seinen Füßen setzte, wobei er sich sofort nach Möglichkeit breit machte. »Er ist immer schlechter Laune,« fuhr Rasumichin fort, »wir haben ihm soeben die Wäsche gewechselt, da fing er fast zu weinen an.«

»Das ist begreiflich; die Wäsche konnte man auch später wechseln, wenn er es selbst wünscht ... Der Puls ist prächtig. Der Kopf tut immer noch ein wenig weh, ja?«

»Ich bin gesund, bin vollkommen gesund!« sagte hartnäckig und gereizt Raskolnikoff, indem er sich gleichzeitig vom Sofa erhob und mit den Augen blitzte, er fiel aber sofort auf das Kissen zurück und wandte sich der Wand zu.

Sossimoff beobachtete ihn aufmerksam.

»Sehr gut ... alles, wie es sich gehört,« sagte er träge. »Hat er etwas gegessen?«

Man sagte es ihm und fragte, was man geben könne.

»Ja, alles kann man ihm geben ... Suppe, Tee ... Pilze und Gurken selbstverständlich nicht, na, und Fleisch ist auch nicht nötig und ... was ist da weiter zu reden! ...«

Er wechselte einen Blick mit Rasumichin.

»Die Arznei weg und alles weg; morgen will ich wieder nachsehen ... Es wäre heute ... na, einerlei ...«

»Morgen abend gehe ich mit ihm spazieren!« beschloß Rasumichin. »In den Jussupoff-Garten, und nachher gehen wir in den Kristallpalast.«

»Morgen würde ich ihm noch nicht raten, sich Bewegung zu machen, übrigens aber ... ein wenig ... na, wir wollen sehen.«

»Ach, es ist schade, heute weihe ich gerade meine Wohnung ein, es sind ja nur zwei Schritte von hier; wenn er auch dabei sein könnte! Er könnte ja auf dem Sofa unter uns liegen. Du wirst doch kommen?« wandte sich Rasumichin plötzlich an Sossimoff. »Vergiß es nicht, du hast versprochen.«

»Vielleicht komme ich, aber ein wenig später. Was hast du denn?«

»Ja, nichts besonderes, Tee, Schnaps, Hering. Eine Pirogge gibt es; nur die nächsten Bekannten kommen.«

»Wer denn?«

»Ja, alle aus der nächsten Nachbarschaft und fast lauter neue, ausgenommen den alten Onkel und neu ist der auch. Er ist gestern nach Petersburg in eigenen Angelegenheiten gekommen; alle fünf Jahre sehen wir uns.«

»Wo ist er?«

»Er hat sein Lebelang in einer Kreisstadt als Postmeister vegetiert ... erhält eine kleine Pension, ist fünfundsechzig Jahre alt, es lohnt sich nicht, darüber zu sprechen ... Ich habe ihn übrigens gern. Porphyri Ssemenowitsch wird auch kommen, der hiesige Untersuchungsrichter ... er ist aus dem Richterstande. Ja, du kennst ihn doch ...«

»Ist er auch ein Verwandter von dir?«

»Ganz weitläufig; warum siehst du so verdrießlich aus? Weil ihr euch einmal gezankt habt, wirst vielleicht deshalb nicht kommen?«

»Ah, ich pfeife auf ihn ...«

»Das ist auch das beste. Nun und außerdem -- Studenten, ein Lehrer, ein Beamter, ein Musiker, ein Offizier, Sametoff ...«

»Sag mir bitte, was kann zwischen dir oder dem da,« Sossimoff wies auf Raskolnikoff, »und einem Sametoff gemeinsames sein?«

»Ach, du Nörgler! Prinzipienreiter! ... Du bist ja ganz mit Prinzipien ausgestopft wie ein Kissen mit Federn, bist schon ganz ihr Sklave. Meine Meinung ist, wenn ein Mensch gut ist, -- so ist er mir angenehm, und das ist mein Prinzip. Und Sametoff ist ein ganz prächtiger Bursche.«

»Und läßt sich schmieren.«

»Nun ja, was macht es, wenn er sich schmieren läßt, ich pfeife darauf. Was ist da dabei, wenn er sich schmieren läßt!« rief plötzlich Rasumichin unnatürlich gereizt aus, -- »hab ich ihn denn gelobt, weil er sich schmieren läßt? Ich sagte, daß er nur in seiner Art gut sei. Und wenn man alle so genau nach jeder Seite besehen würde, dann würden nicht viel gute Menschen übrig bleiben. Ich bin überzeugt, daß man dann für mich, mit allen Eingeweiden zusammen, eine gebackene Zwiebel geben würde, und auch nur mit dir als Zugabe! ...«

»Das ist wenig; ich will für dich zwei geben ...«

»Und ich für dich nur eine! Mach mir keine weiteren Witze! Sametoff ist noch ein dummer Junge, ich werde ihn noch oft an den Haaren zupfen, man muß ihn an sich ziehen und nicht von sich stoßen. Wenn man einen Menschen abstößt, verbessert man ihn nicht, um so mehr, wenn er ein unreifer Junge ist. Mit einem Jungen soll man noch einmal so vorsichtig sein. Ach, ihr progressiven Dummköpfe, nichts versteht ihr! Ihr achtet nicht den Menschen, und schadet euch selbst ... Und wenn du es wissen willst, wir haben ein gemeinsames Interesse.«

»Das möchte ich wissen.«

»Ja, es ist in der Sache mit dem Maler, das heißt dem Anstreicher ... Wir werden ihn schon loskriegen! Übrigens ist jetzt auch keine Gefahr mehr. Die Sache ist jetzt klipp und klar! Wir wollen sie bloß beschleunigen.«

»Was ist das für ein Anstreicher?«

»Wie, habe ich dir denn nicht davon erzählt? Ja, richtig, ich habe dir nur den Anfang erzählt ... von der Ermordung der alten Pfandleiherin, der Beamtenwitwe ... nun und darein ist jetzt ein Anstreicher verwickelt ...«

»Von diesem Morde habe ich schon früher gehört, bevor du es mir erzähltest, und ich interessiere mich sehr für diese Sache ... teilweise ... aus einem besonderen Grunde ... ich las in den Zeitungen darüber. Aber siehst du ...«

»Lisaweta hat man auch ermordet!« platzte plötzlich Nastasja heraus, indem sie sich an Raskolnikoff wandte.

Sie hatte die ganze Zeit an die Tür gelehnt zugehört.

»Lisaweta?« murmelte Raskolnikoff mit kaum hörbarer Stimme.

»Lisaweta, die Händlerin, weißt du es nicht? Sie kam öfters hierher in unser Haus, hat dir auch ein Hemd ausgebessert.«

Raskolnikoff wandte sich zu der Wand, wählte auf der schmutzigen gelben Tapete mit weißen Blümchen eine plumpe weiße Blume mit braunen Strichen aus und begann sie zu betrachten, wieviel Blätter sie habe, was für Zacken an den Blättern und wieviel Striche sie durchzogen. Er fühlte, daß seine Hände und Füße erstarrten, als wären sie gelähmt, aber er versuchte nicht mal sich zu rühren und blickte unverwandt die Blume an.

»Nun, was ist mit dem Anstreicher?« unterbrach Sossimoff sehr unwillig Nastasjas Geschwätz.

Sie seufzte und schwieg.

»Er soll auch der Mörder sein!« fuhr Rasumichin eifrig fort.

»Hat man denn Beweise?«

»Gar keine, zum Teufel! Übrigens hat man doch einen, aber dieser Beweis ist kein Beweis und siehst du, das muß man erst nachweisen. Es ist genau so, wie sie zuerst diese ... wie heißen sie doch ... ja Koch und Pestrjakoff verdächtigt und eingesperrt haben. Pfui! Wie dumm dies alles gehandhabt wird, einen Unbeteiligten ekelt es an. Pestrjakoff, der eine von ihnen, wird vielleicht auch heute bei mir sein ... Apropos, Rodja, du kennst ja diese Geschichte, sie passierte noch vor deiner Krankheit, gerade am Abend vorher, als du im Polizeibureau ohnmächtig wurdest, als man darüber sprach ...«

Sossimoff blickte Raskolnikoff neugierig an, er rührte sich aber nicht.

»Weißt du, Rasumichin? Ich muß mich über dich wundern, daß du dich überall hineinmischest,« bemerkte Sossimoff.

»Mag sein, aber wir wollen ihn doch loskriegen!« rief Rasumichin aus und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was einen dabei aber am meisten ärgert, ist nicht, daß sie so viel lügen. Lügen kann man immer entschuldigen, Lügen ist ein gutes Ding, wenn es zur Wahrheit führt. Aber das ist ärgerlich, daß sie lügen und an ihre eigenen Lügen unerschütterlich glauben. Ich achte Porphyri, aber ... Was hat sie zum Beispiel ganz am Anfang aus dem Konzept gebracht? Die Türe war verschlossen, und als sie später mit dem Hausknecht kamen, war sie offen, also haben Koch und Pestrjakoff gemordet! Siehst du, so ist ihre Logik!«

»Rege dich doch nicht auf; man hat sie einfach eine kurze Zeit in Haft behalten, man kann doch nicht ... Nebenbei gesagt, ich habe diesen Koch irgendwo kennengelernt. Es hat sich herausgestellt, daß er von der Alten verfallene Pfandobjekte ankaufte?«

»Ja, er ist ein Gauner! Er kauft auch Wechsel auf. Ein dunkler Ehrenmann. Aber hol ihn der Teufel! Versteh mich doch, worüber ich mich am meisten ärgere. Über ihre veraltete, sinnlose, verkehrte Methode ärgere ich mich ... Hier aber, in dieser Sache allein, muß man einen ganz neuen Weg entdecken. Nach den psychologischen Momenten allein kann man schon zeigen, wie die richtige Spur gefunden werden soll. Wir haben Indizien, sagen sie! Ja, aber Indizien ist doch nicht alles; wenigstens die Hälfte der Sache besteht darin, wie man mit den Indizien umzugehen versteht!«

»Und verstehst du mit den Indizien umzugehen?«

»Man kann aber doch nicht schweigen, wenn man fühlt, handgreiflich fühlt, daß man der Sache nützen könnte, wenn ... Ach! ... Kennst du die Sache ausführlich?«

»Ich warte darauf, über den Anstreicher zu hören.«

»Ach ja! Höre also die Geschichte, -- genau am dritten Tage nach dem Morde, am Morgen, als sie sich noch mit Koch und Pestrjakoff abgaben, -- obwohl die jeden ihrer Schritte nachgewiesen hatten, alles war schreiend klar, -- wird plötzlich ein ganz unerwartetes Faktum offenbar. Ein gewisser Duschkin, ein Bauer, Besitzer einer Kneipe gerade gegenüber jenem Hause, erscheint in dem Polizeibureau, bringt ein Etui mit goldenen Ohrgehängen mit und erzählt eine ganze Geschichte. >Vorgestern abend ungefähr nach acht Uhr,< -- merk du dir Tag und Stunde! -- >kommt zu mir ein Arbeiter, ein Anstreicher, Nikolai, der auch schon früher im Laufe des Tages dagewesen war, und bringt mir dieses Kästchen mit goldenen Ohrgehängen und mit den Steinen und bittet, ihm zwei Rubel darauf zu leihen; auf meine Frage aber, woher er sie habe, erklärte er mir, daß er sie auf dem Trottoir gefunden hätte. Mehr habe ich ihn nicht ausgefragt,< das alles sagt Duschkin, >sondern gab ihm einen Schein,< das heißt also einen Rubel, >denn ich dachte, wenn ich sie nicht nehme, versetzt er sie bei einem anderen, und wird das Geld sowieso vertrinken. Mögen besser die Sachen bei mir liegen; sollte sich aber etwas zeigen oder sollten Gerüchte auftauchen, bringe ich sie zur Polizei.< Selbstverständlich schwindelt er, lügt wie ein Pferd, denn ich kenne diesen Duschkin, er ist selbst Pfandleiher, schafft Gestohlenes zur Seite und hat dem Nikolai das Ding, das dreißig Rubel wert ist, nicht abgeluchst, um es zur Polizei zu bringen. Er hat einfach Angst bekommen. Hol' ihn der Teufel! -- höre weiter,« fuhr Rasumichin fort: »>Ich kenne ihn, den Nikolai Dementjeff von klein auf,< erzählt Duschkin weiter, >er stammt aus demselben Rjasanschen Gouvernement wie ich, und aus demselben Kreise. Nikolai ist kein Säufer, trinkt aber doch hin und wieder eins, und ich wußte, daß er in jenem Hause mit Dmitri arbeitet, denn Dmitri stammt auch aus derselben Gegend. Als er von mir den Schein erhalten hatte, wechselte er ihn sofort, trank auf einmal zwei Gläschen, nahm den Rest des Geldes und ging seiner Wege, Dmitri war aber damals nicht mit ihm. Am anderen Tage hörte ich, daß Aljona Iwanowna und ihre Schwester Lisaweta mit einem Beile erschlagen sind, -- ich habe sie gekannt, -- und da packten mich Zweifel wegen der Ohrgehänge, denn mir war es bekannt, daß die Verstorbene Geld gegen Pfand auslieh. Ich ging hinüber und begann vorsichtig und still auszuhorchen und zu allererst frug ich, ob Nikolai da sei! Dmitri erzählte mir, daß Nikolai zu trinken angefangen habe, er wäre bei Tagesanbruch betrunken nach Hause gekommen, ungefähr zehn Minuten dageblieben und wieder fortgegangen; Dmitri habe ihn nicht mehr gesehen und beende die Arbeit allein. Sie arbeiteten aber im zweiten Stock desselben Hauses, in dem die Ermordeten lebten. Als ich dies hörte, habe ich niemanden etwas davon mitgeteilt,< sagte Duschkin, >ich versuchte vielmehr alles über die Ermordung in Erfahrung zu bringen und bin mit denselben Zweifeln nach Hause zurückgekehrt. Heute morgen nun gegen acht Uhr,< das heißt, am dritten Tage, verstehst du? >sehe ich Nikolai hereinkommen, nicht nüchtern, aber auch nicht ganz betrunken, so daß er ganz gut ausgehört werden konnte. Er setzt sich auf eine Bank und schweigt. Außer ihm war in der Kneipe zu der Zeit noch ein fremder Mensch da, auf einer Bank schlief ein anderer, ein Bekannter von mir, auch die zwei Laufjungens waren zur Stelle. Hast du Dmitri gesehen, fragte ich ihn. -- Nein, sagte er, ich habe ihn nicht gesehen. -- Und warst du auch nicht bei ihm? -- Nein, antwortete er, seit vorgestern war ich nicht bei ihm. -- Und wo hast du die Nacht geschlafen? -- Bei Bekannten auf den Peßki. -- Und woher, fragte ich, hast du die Ohrgehänge genommen? -- Ich habe sie auf dem Trottoir gefunden, -- und er sagte es so, als sei es nicht wahr, und ohne mich anzublicken. -- Hast du auch gehört, fragte ich ihn, daß dies und dies, und erzählte ihm nun die Geschichte, am selben Abend und zur selben Stunde auf jener Treppe geschehen ist? -- Nein, sagte er, ich habe nichts gehört. -- Er hörte mit weit aufgerissenen Augen auf das, was ich ihm erzählte, und ward plötzlich weiß wie Kalk. Ich erzähle weiter, siehe da, er nimmt seine Mütze und will aufstehen. Da wollte ich ihn festhalten und sage, warte ein wenig, Nikolai, willst du nicht eins trinken? Ich gab einem Jungen ein Zeichen, daß er die Tür zuhalten soll, und kam hinter dem Ladentisch hervor, er aber springt auf, stürzt auf die Straße und läuft um die Ecke, -- weg war er. Da verlor ich meine Zweifel, es ist sein Werk, sein Verbrechen ...<«

»Sicher! ...« sagte Sossimoff.

»Warte! Höre zu Ende! Selbstverständlich beeilte man sich schleunigst, Nikolai zu finden; Duschkin wurde verhaftet und Haussuchung bei ihm gehalten, Dmitri sperrte man auch ein; die Bekannten von Nikolai, bei denen er die letzte Nacht geschlafen hat, wurden gleichfalls hergenommen -- und vorgestern brachte man Nikolai selbst; man hatte ihn in der Nähe des N.schen Schlagbaums in einer Spelunke aufgefangen. Er war dorthin gekommen, hatte sein silbernes Kreuz vom Halse genommen und ein Glas Schnaps dafür verlangt. Man hatte es ihm auch gegeben. Nach einer Weile ging die Frau in den Kuhstall und sah durch eine Ritze, daß Nikolai in der Scheune nebenan an einen Balken seinen Gürtel gebunden hatte und eine Schlinge gemacht hatte; dann stieg er auf einen Klotz und wollte die Schlinge um den Hals legen; die Frau schrie aus vollem Halse, und man lief zusammen. -- >Du bist so einer!< -- >Führt mich,< sagte er, >auf das Polizeibureau, ich will alles bekennen.< Nun, man schaffte ihn mit den gehörigen Ehrenbezeigungen in das Polizeibureau, das heißt hierher. Allerhand Fragen wurden ihm dort gestellt, wer, woher, wie alt -- >zweiundzwanzig< und dergleichen. Frage: >Als du und Dmitri arbeitetet, habt ihr nicht jemand auf der Treppe in der und der Stunde gesehen?< Antwort: >Gewiß sind Menschen vorbeigegangen, aber wir haben sie uns nicht gemerkt.< >Habt ihr nicht Lärm oder ähnliches gehört?< >Wir haben nichts besonderes gehört.< >Wußtest du aber, Nikolai, daß am selben Tage die Witwe so und so an diesem Tage und zu der und der Stunde mit ihrer Schwester ermordet und beraubt wurde?< >Ich habe gar nichts gewußt, zum ersten Male hörte ich davon in der Kneipe am dritten Tage von Afanassi Pawlowitsch.< >Und woher hast du die Ohrgehänge?< >Ich habe sie auf dem Trottoir gefunden.< >Warum bist du am anderen Tage nicht mit Dmitri zur Arbeit gekommen?< >Weil ich angefangen hatte zu bummeln.< >Und wo hast du gebummelt?< >Ja, dort und dort.< >Warum liefst du von Duschkin weg?< >Weil ich große Angst bekam.< >Warum bekamst du Angst?< >Daß man mich verhören wird.< >Wie konntest du denn davor Angst bekommen, wenn du dich vollkommen unschuldig fühlst??< ... Nun, glaub oder glaub mir nicht, Sossimoff, diese Frage wurde gestellt und buchstäblich mit diesen Worten, ich weiß es bestimmt, man hat es mir genau mitgeteilt! Wie findest du das? Wie findest du das?«

»Aber, es existieren doch Beweise.«

»Ich spreche jetzt nicht von den Beweisen, sondern von der Fragestellung, darüber, wie sie ihre Aufgabe auffassen! Aber, zum Teufel damit! ... Also sie haben so lange gepreßt und gequetscht, bis er bekannte, >ich habe sie,< sagte er, >nicht auf dem Trottoir, sondern in der Wohnung gefunden, wo ich mit Dmitri arbeitete.< >Wie verhält sich denn das?< >Wir arbeiteten den ganzen Tag bis acht Uhr und wollten schon nach Hause gehen, da nahm Dmitri einen Pinsel, schmierte mir in die Fratze Farbe und lief davon und ich ihm nach. Und ich lief hinter ihm her und schrie aus vollem Halse; wie ich aber von der Treppe unter den Torweg kam, stieß ich im vollen Laufe mit dem Hausknecht und einigen Herren zusammen, -- wieviel Herren es waren, erinnere ich mich nicht, der Hausknecht schimpfte mich aus, auch der andere Hausknecht schimpfte mich, die Frau des Hausknechtes kam heraus und schimpfte; ein Herr, der mit einer Dame durch den Torweg kam, schimpfte auch, weil ich und Dmitri quer im Wege lagen, -- ich hatte Dmitri an den Haaren gepackt, ihn hingeworfen und versetzte ihm Püffe, Dmitri hatte, unter mir liegend, mich auch an den Haaren und puffte mich, wir taten es nicht im Ernst, sondern in aller Freundschaft, im Scherze. Dmitri machte sich von mir los und lief auf die Straße, ich lief ihm nach, holte ihn aber nicht ein und ging in die Wohnung allein zurück, -- es mußte noch aufgeräumt werden. Ich begann das Werkzeug zu sammeln und wartete auf Dmitri, vielleicht kommt er noch. Und bei der Türe im Vorzimmer, an der Wand, in einem Winkel, trat ich auf ein Kästchen. Ich sehe, es liegt da, eingeschlagen in Papier. Das Papier nahm ich ab und sah solche ganz winzige Häkchen, ich machte sie auf und im Kästchen lagen die Ohrgehänge ...<«

»Hinter der Tür? Hinter der Tür lag es? Hinter der Tür?« rief plötzlich Raskolnikoff, sah Rasumichin mit einem trüben, erschreckten Blick an und erhob sich langsam, sich mit der Hand stützend, vom Sofa.

»Ja ... aber was ist denn los? Was ist mit dir? Was hast du?« Rasumichin erhob sich auch von seinem Platze.

»Nichts! ...« antwortete kaum hörbar Raskolnikoff, sank wieder auf das Kissen zurück und wandte sich von neuem zu der Wand.

Alle schwiegen eine Weile.

»Er war wahrscheinlich eingeschlummert, noch halb im Schlafe,« sagte endlich Rasumichin und blickte Sossimoff fragend an; jener machte eine leichte verneinende Bewegung mit dem Kopfe.

»Na, fahr fort,« sagte Sossimoff, »was weiter?«

»Ja, was weiter? Als er die Ohrgehänge erblickte, vergaß er sofort die Wohnung und Dmitri, nahm seine Mütze und lief zu Duschkin hin und erhielt von ihm, wie es dir bekannt ist, einen Rubel, ihm log er aber vor, daß er sie auf dem Trottoir gefunden hätte, und fing sofort an zu bummeln. Von dem Morde aber bestätigt er das früher gesagte: >Ich weiß von gar nichts, habe es erst am dritten Tage gehört!< >Und warum bist du bis jetzt nicht gekommen?< >Vor Angst.< >Und warum wolltest du dich erhängen?< >Vor lauter Gedanken.< >Was für Gedanken?< >Daß man mich verurteilen würde.< Nun, das ist die ganze Geschichte. Jetzt, was meinst du, daß sie daraus gefolgert haben?«

»Ja, was ist da zu denken, es ist eine Spur, wenn sie auch unbedeutend ist, so ist es doch eine Spur. Eine Tatsache. Soll man deinen Anstreicher etwa in Freiheit setzen?«

»Ja, sie halten ihn jetzt einfach für den Mörder! Sie haben keinen Zweifel mehr ...«

»Das geht zu weit, du bist hitzig. Nun aber die Ohrgehänge? Du mußt doch selbst zugeben, -- wenn am selben Tage und zur selben Stunde die Ohrgehänge aus dem Kasten der Alten in die Hände von Nikolai geraten, -- daß sie in irgendeiner Weise zu ihm hingekommen sein müssen? Das hat doch nicht wenig zu sagen bei solch einer Untersuchung.«

»Wie hingekommen! Wie sie hingekommen sind?« rief Rasumichin aus. »Und du als Arzt, du, der vor allen Dingen verpflichtet ist, den Menschen zu studieren und der Gelegenheit hat, eher als jeder andere, die menschliche Natur kennenzulernen, -- kannst du denn nicht nach all diesen gegebenen Anzeichen sehen, was für eine Natur dieser Nikolai ist? Kannst du denn nicht auf den ersten Blick sehen, daß alles, was er bei den Verhören ausgesagt hat, die heiligste Wahrheit ist? Sie sind genau so in seine Hände geraten, wie er ausgesagt hat. Er ist auf ein Kästchen getreten und hat es aufgehoben.«

»Heiligste Wahrheit! Er hat aber doch selbst eingestanden, daß er das erstemal gelogen hat?«

»Höre mich an, höre aufmerksam zu, -- der Hausknecht, Koch und Pestrjakoff, auch der andere Hausknecht, die Frau des ersten Hausknechtes und eine Bekannte von ihr, die zur selben Zeit in der Wohnung des Hausknechtes saßen, und der Hofrat Krjukoff, der in demselben Augenblick aus einer Droschke gestiegen und mit einer Dame Arm in Arm durch den Torweg gegangen war, -- alle, also acht oder zehn Zeugen, sagen einstimmig aus, daß Nikolai den Dmitri zu Boden gedrückt, auf ihm lag und ihn schlug, und daß jener ihn an den Haaren gepackt hatte und ebenso auf ihn schlug. Sie liegen beide quer im Wege und versperren den Durchgang; sie werden von allen geschimpft und sie liegen da, wie >kleine Kinder< aufeinander (buchstäblicher Ausdruck der Zeugen), kreischen, prügeln sich und lachen, lachen beide um die Wette, mit den komischsten Fratzen und laufen auf die Straße, gleich Kindern, hinaus einander zu fangen. Hast du gehört? Nun merke dir jetzt, -- oben liegen die Körper noch warm, hörst du, noch warm, so fand man sie! Wenn sie oder auch Nikolai nur allein, gemordet und dabei den Kasten aufgebrochen und geraubt hätten oder auch nur einigermaßen an dem Raube beteiligt gewesen wären, erlaube mir nur die eine Frage dir vorzulegen, -- ist solch eine seelische Stimmung, das heißt, Kreischen, Lachen, kindisches Prügeln in dem Torwege -- mit Beilen, Blut, mit verbrecherischer Schlauheit, Vorsicht, Raub vereinbar? Sie haben soeben noch vor fünf oder zehn Minuten gemordet, -- denn es muß so stimmen, die Körper waren ja noch warm -- und plötzlich lassen sie die Leichen liegen und die Wohnung offen, wobei sie wissen, daß soeben Menschen dorthin gegangen sind, kümmern sich nicht um die Beute und wälzen sich wie kleine Kinder auf dem Wege, lachen und lenken die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich -- und dies alles bezeugen einstimmig zehn Zeugen!«

»Sicher ist es sonderbar! Selbstverständlich ist dies doch unmöglich, aber ...«

»Nein, Bruder, es gibt kein aber, -- sondern wenn die Ohrgehänge, die zur selben Stunde und am selben Tage in Nikolais Hände geraten sind, tatsächlich einen wichtigen ihn belastenden Beweis ausmachen, -- der jedoch durch seine Aussagen einfach erklärt wird, also noch ein strittiger Beweis ist, -- muß man doch auch die entlastenden Tatsachen in Erwägung ziehen und um so mehr, als dies unwiderlegbare Tatsachen sind. Und glaubst du wohl, nach der Art unserer Jurisprudenz, daß sie dies anerkennen wird, oder daß sie fähig ist, solch eine Tatsache, -- die ausschließlich auf rein psychologischer Unmöglichkeit, nur auf seelischer Stimmung allein begründet ist, -- als eine unanfechtbare und alle belastenden und sachlichen Momente, wie sie auch sein mögen, widerlegende Tatsache anzuerkennen? Nein, sie werden es nicht anerkennen, keineswegs, denn man hat das Kästchen gefunden, werden sie sagen, und der Mensch wollte sich erhängen, -- >was nicht geschehen könnte, wenn er sich nicht schuldig fühlte<. Das ist die Hauptfrage, darum ereifere ich mich auch! Verstehe es doch!«

»Ja, ich sehe es auch, daß du dich ereiferst. Warte, ich vergaß dich zu fragen, wodurch ist es nachgewiesen, daß das Kästchen mit den Ohrgehängen tatsächlich von der Alten stammt?«

»Das ist nachgewiesen,« antwortete Rasumichin mit gerunzelten Augenbrauen und anscheinend mit Unlust. »Koch hat das Ding erkannt und den Pfandgeber genannt, und dieser hat bewiesen, daß die Ohrgehänge ihm gehören.«

»Das ist schlimm. Jetzt noch eins, -- hat jemand Nikolai gesehen, als Koch und Pestrjakoff allein hinaufgingen, und kann man es nicht irgendwie beweisen?«

»Das ist es ja, daß niemand ihn gesehen hat,« antwortete Rasumichin ärgerlich, -- »das ist ja das Schlimme; sogar Koch und Pestrjakoff haben Nikolai und Dmitri nicht bemerkt, als sie hinaufgingen, obgleich ihr Zeugnis jetzt nicht viel bedeuten würde. >Wir haben gesehen,< sagen sie, >daß die Wohnung offen war, daß man darin wahrscheinlich arbeitete, aber wir haben im Vorübergehen nicht darauf geachtet und erinnern uns nicht genau, ob in dem Momente dort Arbeiter waren oder nicht.<«

»Hm. Also gibt es nur eine einzige Rechtfertigung: die, daß sie einander Püffe versetzt und gelacht haben. Angenommen, dies ist ein starker Beweis, aber ... Erlaube mal, wie erklärst du selbst den ganzen Vorgang? Wodurch willst du den Fund der Ohrgehänge erklären, wenn er sie tatsächlich so gefunden hat, wie er angibt?«

»Wie ich es erkläre? Ja, was ist da zu erklären, die Sache ist klar. Wenigstens der Weg, den man bei dieser Sache gehen muß, ist klar und bewiesen, und gerade das Kästchen hat ihn gezeigt. Der wirkliche Mörder hat die Ohrgehänge verloren. Der Mörder war oben, als Koch und Pestrjakoff klopften, und saß eingeschlossen dort. Koch machte die Dummheit und ging nach unten, da sprang der Mörder heraus und lief ebenfalls nach unten, denn er hatte keinen anderen Ausweg. Auf der Treppe versteckte er sich vor Koch, Pestrjakoff und dem Hausknecht in der leeren Wohnung, und zwar in dem Augenblicke, als Dmitri und Nikolai herausgelaufen waren; er stand hinter der Türe, als der Hausknecht und die anderen nach oben gingen, wartete bis die Schritte verhallten und ging in aller Seelenruhe hinunter, genau im selben Augenblicke, als Dmitri und Nikolai auf die Straße gelaufen waren, alles fort und niemand im Torwege war. Vielleicht hat man ihn auch gesehen, aber nicht beachtet; es gehen ja nicht wenige Menschen dort aus und ein. Und das Kästchen ist ihm aus der Tasche gefallen, als er hinter der Tür stand, und er hat es nicht gemerkt, denn er mußte an anderes denken. Das Kästchen aber beweist klar, daß er dort gestanden hat. So ist die ganze Sache!«

»Das ist schlau. Nein, Bruder, das ist sehr schlau. Das ist zu schlau!«

»Aber warum denn, warum?«

»Ja, weil alles viel zu glücklich verlief ... und sich gestaltete ... wie auf dem Theater.«

»Ach,« rief Rasumichin und wollte fortfahren, aber in diesem Augenblicke öffnete sich die Tür und es trat eine neue, von keinem der Anwesenden gekannte Person herein.

V.

Es war ein Herr, nicht mehr jung, geziert, würdevoll, mit einem lauernden und verdrießlichen Gesichte; er begann damit, daß er an der Tür stehen blieb und sich mit unverkennbar beleidigtem Erstaunen umblickte, als ob er fragen würde: »wohin bin ich denn geraten?« Mißtrauisch, mit dem Ausdruck eines affektierten Überraschtseins, fast eines Schreckens, sah er sich in Raskolnikoffs enger und niedriger »Schiffskajüte« um. Mit gleichem Erstaunen richtete er seine Blicke auf Raskolnikoff selbst, der entkleidet, ungekämmt und ungewaschen auf seinem unansehnlichen, schmutzigen Sofa lag und ihn ebenso unverwandt betrachtete. Dann begann er mit gleicher Bedächtigkeit die abgerissene, unrasierte und ungekämmte Gestalt Rasumichins zu betrachten, der seinerseits ihm frech und fragend direkt in die Augen blickte, ohne sich von seinem Platze zu rühren. Das gespannte Schweigen dauerte etwa eine Minute und endlich trat, wie man es auch erwarten konnte, ein kleiner Stimmungswechsel ein. Nachdem der eingetretene Herr wahrscheinlich aus gewissen, übrigens sehr deutlichen Anzeichen entnommen hatte, daß mit einer herrischen Miene hier in dieser »Schiffskajüte« nichts zu wollen sei, wurde er etwas freundlicher und sagte höflich, obgleich nicht ohne eine gewisse Strenge, indem er sich an Sossimoff wandte und jede Silbe seiner Frage betonte: »Rodion Romanytsch Raskolnikoff, Herr Student oder ehemaliger Student?«

Sossimoff rührte sich ein wenig und hätte auch vielleicht geantwortet, wenn Rasumichin, an den die Worte gar nicht gerichtet waren, ihm nicht zuvorgekommen wäre.

»Da liegt er auf dem Sofa! Und was wollen Sie?« Dieses familiäre »Und was wollen Sie?« traf den gezierten Herrn wie ein Hieb, und fast hätte er sich zu Rasumichin umgewandt, aber er hielt sich noch rechtzeitig zurück und wandte sich schnell wieder an Sossimoff.

»Da ist Raskolnikoff!« brummte Sossimoff und wies auf den Kranken hin, dann gähnte er, wobei er ungewöhnlich weit seinen Mund aufsperrte und ihn ungewöhnlich lange in dieser Lage behielt. Dann bewegte er die Hand langsam zu der Westentasche, zog eine riesige, dicke, goldene Uhr hervor, öffnete den Deckel, sah nach und steckte sie ebenso langsam und träge wieder ein.

Raskolnikoff selbst lag die ganze Zeit schweigend auf dem Rücken und blickte unverwandt, scheinbar gedankenlos, den Eingetretenen an. Sein Gesicht, das er jetzt von der interessanten Blume in der Tapete abgewandt hatte, war außerordentlich bleich und drückte ein ungewöhnliches Leiden aus, als hätte er soeben eine qualvolle Operation durchgemacht, oder als hätte er eine Tortur hinter sich. Der eingetretene Herr aber begann allmählich seine Aufmerksamkeit mehr und mehr zu erregen, es tauchten in ihm Zweifel, Mißtrauen und sogar anscheinend Furcht auf. Als aber Sossimoff auf ihn hinwies und »da ist Raskolnikoff« sagte, erhob er sich schnell, wie auffahrend, setzte sich auf sein Bett und sagte mit fast herausfordernder, aber schwankender und schwacher Stimme:

»Ja. Ich bin Raskolnikoff! Was wollen Sie?«

Der Besucher blickte ihn aufmerksam an und sagte mit Betonung:

»Peter Petrowitsch Luschin. Ich habe die sichere Hoffnung, daß mein Name Ihnen nicht ganz unbekannt sei.«

Raskolnikoff aber, der etwas ganz anderes erwartet hatte, blickte ihn stumpf und nachdenklich an und antwortete nichts, als ob er Peter Petrowitschs Namen entschieden zum erstenmal höre.

»Wie? Haben Sie bis jetzt noch keine Nachrichten über mich erhalten?« fragte Peter Petrowitsch mit einer Bewegung unangenehmer Überraschung.

Anstatt zu antworten, ließ sich Raskolnikoff langsam auf das Kissen nieder, steckte die Hände unter den Kopf und begann die Zimmerdecke zu betrachten. Eine bedrückte Stimmung zeigte auf Luschins Gesicht starke Betroffenheit. Sossimoff und Rasumichin fingen an, ihn mit noch größerer Neugierde anzusehen, und er wurde sichtlich verlegen.

»Ich nahm an und rechnete bestimmt darauf,« murmelte er, »daß der Brief, der schon vor mehr als zehn Tagen, vielleicht sogar vor vierzehn Tagen abgesandt ist ...«

»Hören Sie mal, was sollen Sie denn die ganze Zeit an der Türe stehen?« unterbrach ihn Rasumichin, »wenn Sie etwas mitzuteilen haben, setzen Sie sich doch, für Sie und Nastasja ist es dort zu eng. Nastasja, mach mal Platz, laß ihn durchgehen! Kommen Sie hierher, da haben Sie einen Stuhl! Kriechen Sie hier durch!«

Er rückte seinen Stuhl von dem Tische ab, machte zwischen dem Tisch und seinen Knien einen Durchgang frei und wartete in dieser unbequemen Stellung, bis der Gast durch diesen Spalt »hindurchkriechen« würde. Der Moment war so gewählt, daß man nicht gut ablehnen konnte, und der Besucher kroch durch den engen Durchgang, sich beeilend und stolpernd, hindurch. Als er den Stuhl erreicht hatte, setzte er sich und blickte Rasumichin argwöhnisch an.

»Seien Sie übrigens nicht verlegen,« platzte dieser hervor. »Rodja ist schon den fünften Tag krank und hat drei Tage phantasiert, jetzt aber ist er zu sich gekommen und hat sogar mit Appetit gegessen. Dort sitzt sein Arzt, er hat ihn soeben untersucht, und ich bin Rodjas Kamerad, auch ein ehemaliger Student, und pflege ihn nun; also, achten Sie nicht auf uns und genieren Sie sich nicht, fahren Sie nur fort und sagen Sie, was Sie zu sagen haben.«

»Ich danke Ihnen. Werde ich aber nicht durch meine Anwesenheit und mit meinem Gespräch den Kranken aufregen?« wandte sich Peter Petrowitsch an Sossimoff.

»N--nein,« sagte Sossimoff langsam, »Sie können ihn vielleicht zerstreuen.«

Und er gähnte wieder.

»Oh, er ist schon lange bei Besinnung, seit heute morgen!« fuhr Rasumichin fort, dessen Familiarität den Stempel solch einer unverfälschten Treuherzigkeit trug, daß Peter Petrowitsch allmählich seine Fassung wiedergewann, zum Teil wohl auch darum, weil dieser zerlumpte und freche Mensch sich als Student vorgestellt hatte.

»Ihre Frau Mutter ...« begann Luschin.

»Hm!« äußerte sich Rasumichin vernehmlich.

Luschin blickte ihn fragend an.

»Das hat nichts zu sagen, ich tat es nur so; fahren Sie fort ...«

Luschin zuckte die Achseln.

»... Ihre Frau Mutter begann noch während meiner Anwesenheit dort einen Brief an Sie. Nachdem ich hier eingetroffen war, ließ ich absichtlich einige Tage vergehen und kam nicht gleich zu Ihnen, um ganz gewiß zu sein, daß Sie von allem unterrichtet sind, jetzt aber zu meinem Erstaunen ...«

»Ich weiß, ich weiß!« sagte plötzlich Raskolnikoff mit dem Ausdrucke des ungeduldigsten Ärgers. »Sie sind es? Der Bräutigam? Nun, ich weiß ... und genug!«

Peter Petrowitsch fühlte sich entschieden beleidigt, aber er schwieg. Er dachte eifrig nach, was dieses alles zu bedeuten habe. Es herrschte ein minutenlanges Schweigen.

Indessen begann Raskolnikoff, der sich bei seiner Antwort nur ein wenig ihm zugekehrt hatte, ihn von neuem aufmerksam und mit einer gewissen Neugier anzusehen, als hätte er vorhin nicht Zeit gefunden, ihn ganz zu betrachten oder als wäre ihm etwas Neues an ihm aufgefallen; er erhob sich zu dem Zwecke sogar absichtlich von dem Kissen. In dem ganzen Aussehen von Peter Petrowitsch lag wirklich etwas Besonderes, und zwar etwas, das die Bezeichnung »Bräutigam,« die ihm soeben so ungeniert zugeteilt wurde, zu rechtfertigen schien. Man konnte sehen, und zwar ziemlich deutlich, daß Peter Petrowitsch sich sehr beeilt hatte, die paar Tage seines Aufenthaltes in der Residenz auszunutzen, um sich in Erwartung der Braut neu auszustaffieren und zu verschönern, was gewiß sehr unschuldig und statthaft war. Sogar die eigentümliche, vielleicht ein wenig zu ausgeprägte Selbstzufriedenheit über seine angenehme Veränderung konnte in diesem Falle verzeihlich erscheinen, denn Peter Petrowitsch war ja in dem Stande eines Bräutigams. Seine ganze Kleidung war soeben vom Schneider gekommen und alles war gut, nur daß eben alles zu neu war und zu sehr den bestimmten Zweck verriet. Auch der elegante, nagelneue, runde Hut deutete auf diesen Zweck hin, -- Peter Petrowitsch behandelte ihn zu ehrerbietig und hielt ihn mit zu großer Vorsicht in Händen. Auch das reizende Paar Handschuhe von heller lila Farbe bezeugte das, wenn auch nur damit, daß man sie nicht anzog, sondern in der Hand hielt. Helle und jugendliche Farben herrschten in Peter Petrowitschs Kleidung vor. Er hatte ein sehr hübsches Sommerjackett von hellbrauner Farbe an, helle leichte Beinkleider, ebensolch eine Weste, neugekaufte feine Wäsche, eine leichte Krawatte aus Batist mit rosa Streifen, und das allerbeste war dabei, daß alles Peter Petrowitsch sehr gut kleidete. Sein Gesicht, sehr frisch und sogar hübsch, schien auch ohnedem jünger als fünfundvierzig Jahre. Ein dunkler Backenbart umrahmte es zu beiden Seiten und verdichtete sich ziemlich hübsch um das glänzende, vorzüglich rasierte Kinn. Auch die Haare, übrigens nur stellenweise und kaum bemerkbar grau, waren von einem Friseur gekämmt und gekräuselt, erhielten aber dadurch nichts Lächerliches oder gaben ein dummes Aussehen, was gewöhnlich bei gekräuselten Haaren der Fall ist, weil es dem Gesichte eine unvermeidliche Ähnlichkeit mit einem Deutschen, der zum Altar schreitet, verleiht. Wenn in diesem ziemlich hübschen und soliden Gesichte etwas tatsächlich Unangenehmes und Abstoßendes war, so hatte dies einen anderen Grund. Nachdem Raskolnikoff Herrn Luschin ungeniert betrachtet hatte, lächelte er sarkastisch, ließ sich wieder auf das Kissen nieder und begann, wie früher, die Zimmerdecke anzusehen.

Herr Luschin aber nahm sich zusammen und schien entschlossen zu sein, diese Sonderbarkeiten vorläufig nicht zu beachten.

»Ich bedauere sehr, sehr, Sie in solch einer Lage zu finden,« begann er von neuem, mit Mühe das Schweigen brechend. »Wenn ich von Ihrem Unwohlsein gewußt hätte, wäre ich früher gekommen. Aber, wissen Sie, die Plackereien ... Ich habe außerdem eine sehr wichtige Angelegenheit im Senat, in meiner Eigenschaft als Advokat. Ich erwähne nicht die Sorgen, die auch Sie erraten können. Die Ihrigen, das heißt Ihre Frau Mutter und Schwester, erwarte ich stündlich ...«

Raskolnikoff machte eine Bewegung und wollte etwas sagen; sein Gesicht drückte eine gewisse Erregung aus. Peter Petrowitsch hielt in Erwartung inne, aber da nichts erfolgte, fuhr er fort: »... Stündlich. Ich habe ihnen fürs erste eine Wohnung gesucht ...«

»Wo?« fragte leise Raskolnikoff.

»Gar nicht weit von hier, im Hause von Bakalejeff.«

»Das ist auf dem Wosnesensky-Prospekt,« unterbrach ihn Rasumichin, »dort sind zwei Stockwerke, als möblierte Zimmer eingerichtet; der Kaufmann Juschin ist Inhaber; ich bin dort gewesen.«

»Ja, es sind möblierte Zimmer ...«

»Es ist fürchterlich dort; Schmutz, Gestank und ein verdächtiger Ort auch; mancherlei ist da vorgefallen. Ja, und weiß der Teufel, was da nicht alles wohnt! ... Ich selbst bin dort aus einem skandalösen Grunde gewesen. Übrigens ist es billig.«

»Ich konnte selbstverständlich nicht soviel erfahren, da ich selbst vor kurzem angekommen bin,« antwortete Peter Petrowitsch empfindlich, »es sind übrigens zwei sehr, sehr saubere kleine Zimmer, und da es auf eine sehr kurze Zeit nur ist ... Ich habe schon eine wirkliche, das heißt unsere künftige Wohnung gefunden,« wandte er sich an Raskolnikoff, »und jetzt wird sie instand gesetzt; unterdessen aber behelfe ich mich auch selbst mit einem möblierten Zimmer, zwei Schritte von hier, bei Frau Lippewechsel, in der Wohnung eines jungen Freundes von mir, Andrei Ssemenytsch Lebesjätnikoff; er hat auch mir das Haus von Bakalejeff empfohlen ...«

»Lebesjätnikoff?« sagte langsam Raskolnikoff, als ob er sich auf etwas besinne.

»Ja, Andrei Ssemenytsch Lebesjätnikoff, er ist im Ministerium angestellt. Kennen Sie ihn?«

»Ja ... nein ...« antwortete Raskolnikoff.

»Entschuldigen Sie, mir scheint es so nach Ihrer Frage. Ich war einmal sein Vormund ... ein sehr lieber junger Mann ... und mit Interessen ... Und ich bin froh, mit der Jugend zusammenzukommen; durch sie erfährt man alles Neue ...«

Peter Petrowitsch blickte erwartungsvoll alle Anwesenden an.

»Wie meinen Sie das?« fragte Rasumichin.

»Nun, im besten Sinne des Wortes,« sagte Peter Petrowitsch, als wäre er über die Frage erfreut. »Ich war, sehen Sie, seit zehn Jahren nicht mehr in Petersburg. Alle unsere Neuerungen, Reformen und Ideen, dies alles hat auch uns in der Provinz erreicht, aber um klarer zu sehen und um alles zu sehen, muß man in Petersburg sein. Nun, und meine Meinung ist, daß man am meisten bemerkt und erfährt, indem man unsere jüngere Generation beobachtet. Und offen gestanden, ich bin erfreut ...«

»Worüber denn?«

»Ihre Frage ist zu umfassend. Ich kann mich irren, aber es scheint mir, ich finde einen klareren Blick, sozusagen mehr Kritik, mehr Tüchtigkeit ...«

»Das ist wahr,« sagte gelassen Sossimoff.

»Du lügst, Tüchtigkeit ist nicht da,« mischte sich Rasumichin ein. »Tüchtigkeit erwirbt sich schwer und fällt nicht umsonst vom Himmel. Wir sind aber fast seit zweihundert Jahren von jeder Arbeit entwöhnt ... Ich gebe zu, Ideen hat man,« wandte er sich an Peter Petrowitsch, »auch Wünsche für das Gute sind da, wenn auch kindische, auch Ehrlichkeit findet man vor, ungeachtet dessen, daß hierher unzählige Gauner gekommen sind, aber Tüchtigkeit gibt es doch nicht! Nur in Ausnahmefällen.«

»Ich bin mit Ihnen nicht einverstanden,« erwiderte mit sichtbarem Behagen Peter Petrowitsch, »sicher gibt es Übertreibung, Unregelmäßigkeiten, aber man muß auch nachsichtig sein; Übertreibung zeugt von Eifer für die Sache und von der unrichtigen äußeren Umgebung, in der die Sache sich befindet. Wenn noch wenig getan ist, so war auch die Zeit zu kurz. Von den Mitteln rede ich gar nicht. Meiner persönlichen Auffassung nach ist sogar, wenn Sie wollen, etwas getan, -- es sind neue nützliche Gedanken, einige neue nützliche Werke, an Stelle der früheren schwärmerischen und romantischen, verbreitet; die Literatur zeigt ein reiferes Gepräge; viele schädliche Vorurteile sind ausgerottet und werden verspottet ... Mit einem Worte, wir haben uns unwiderruflich von der Vergangenheit losgesagt, und das ist meiner Meinung nach schon eine Tat ...«

»Hat er das auswendig gelernt! Empfiehlt sich damit!« sagte plötzlich Raskolnikoff.

»Was?« fragte Peter Petrowitsch, da er nicht recht gehört hatte, aber er erhielt keine Antwort.

»Das ist alles wahr,« beeilte sich Sossimoff zu bemerken.

»Ja, nicht wahr?« fuhr Peter Petrowitsch fort und blickte Sossimoff freundlich an. »Geben Sie selbst zu,« wandte er sich an Rasumichin, jetzt aber im Tone des Triumphes und der Überlegenheit, und beinahe hätte er »junger Mann« hinzugefügt, »daß es einen Fortschritt oder, wie man sich jetzt ausdrückt, einen Prozeß gibt, wenigstens in der Wissenschaft und in den wirtschaftlichen Gesetzen ...«

»Das ist ein Gemeinplatz!«

»Nein, es ist kein Gemeinplatz! Wenn man mir zum Beispiel bis jetzt sagte: >Liebe deinen Nächsten<, und ich tat es, -- was kam dabei heraus?« fuhr Peter Petrowitsch fort, vielleicht mit zu großem Eifer. »Es kam das heraus, daß ich meinen Rock in zwei Hälften zerriß, ihn mit dem Nächsten teilte, und wir beide blieben halbnackt, wie nach dem russischen Sprichworte: >Wer ein paar Hasen gleichzeitig nachjagt, fängt keinen einzigen.< Die Wissenschaft aber sagt: >Liebe vor allem zuerst dich selbst, denn alles in der Welt ist auf persönlichem Interesse begründet.< Wenn man sich selbst liebt, wird man seine Angelegenheiten, wie es sich gehört, in Ordnung bringen, und der Rock bleibt einem ganz und heil. Die wirtschaftlichen Gesetze fügen noch hinzu, daß, je mehr es in der Gesellschaft geordnete Privatangelegenheiten und sozusagen ganze und heile Röcke gibt, daß sie um so mehr Grundlagen hat, und daß um so mehr das Allgemeinwohl gefördert wird. Also, indem ich allein und ausschließlich für mich selbst erwerbe, erwerbe ich dadurch auch für alle und trage dazu bei, daß mein Nächster etwas mehr als einen zerrissenen Rock erhält, und nicht mehr als Wohltat von einzelnen Privatpersonen, sondern infolge des allgemeinen Fortschritts. Der Gedanke ist einfach, aber zum Unglück tauchte er zu spät auf, verdeckt durch Überschwänglichkeit und Schwärmerei, und es möchte scheinen, daß man nicht viel Witz braucht, um darauf zu kommen ...«

»Entschuldigen Sie, ich habe auch nicht viel Witz,« unterbrach ihn Rasumichin schroff, »hören wir besser auf. Ich habe nur aus einem bestimmten Zweck begonnen, sonst ist mir dies ganze Geschwätz, dieses Sichselbst-Trösten, diese endlosen unaufhörlichen Gemeinplätze und dies ewige Einerlei in drei Jahren so zuwider geworden, daß ich bei Gott erröte, wenn auch andere, nicht ich bloß, in meiner Gegenwart davon sprechen. Sie haben sich selbstverständlich beeilt, sich mit Ihren Kenntnissen einzuführen, das ist sehr verzeihlich, und ich verurteile Sie nicht. Ich aber wollte bloß erfahren, wer Sie sind; denn sehen Sie, in der letzten Zeit haben sich so viel und allerhand Industrieritter an der allgemeinen Sache angeklebt und haben alles, womit sie in Berührung kamen, so zu ihrem Vorteil zugerichtet, daß sie entschieden die ganze Sache beschmutzt haben. -- Nun genug davon!«

»Mein Herr,« begann Luschin, sich mit der größten Würde aufrichtend, »wollen Sie etwa damit ausdrücken, daß auch ich ...«

»Oh, bitte, bitte ... Könnte ich es denn! ... Nun genug!« schnitt Rasumichin ab und wandte sich unmittelbar an Sossimoff, um das frühere Gespräch fortzusetzen.

Peter Petrowitsch zeigte sich so klug, sofort der Erklärung zu glauben, beschloß aber, nach ein paar Minuten wegzugehen.

»Ich hoffe, daß unsere jetzt geschlossene Bekanntschaft,« wandte er sich an Raskolnikoff, »nach Ihrer Genesung und infolge der Ihnen bekannten Umstände sich noch mehr befestigen wird ... Besonders wünsche ich Ihnen gute Besserung ...«

Raskolnikoff wandte nicht mal den Kopf um. Peter Petrowitsch schickte sich an, aufzustehen.

»Der Mörder war sicher ein Pfandgeber!« Sossimoff stimmte zu.

»Unbedingt ein Pfandgeber!« wiederholte Rasumichin. »Porphyri verrät seine Gedanken nicht, aber er verhört doch die Pfandgeber ...«

»Verhört die Pfandgeber?« fragte Raskolnikoff laut.

»Ja, was ist denn?«

»Nichts.«

»Wo findet er sie denn?« fragte Sossimoff.

»Einige hat Koch genannt; von anderen waren die Namen auf den Umschlägen der Sachen notiert, und manche kamen von selbst, als sie hörten ...«

»Na, das muß doch eine gewandte und erfahrene Kanaille sein! Welche Kühnheit! Welche Entschlossenheit!«

»Das ist es ja, daß dies nicht der Fall ist!« unterbrach Rasumichin. »Das bringt auch alle von der Spur ab. Ich aber sage -- er war ungewandt und unerfahren und sicher war es das erstemal. -- Nimm Berechnung und eine gewandte Kanaille an, und es erscheint unglaublich. Nimm aber einen Unerfahrenen an, und es zeigt sich, daß nur der Zufall ihn unterstützt und gerettet hat, und was tut nicht der Zufall? Ich bitte dich, er hat vielleicht nicht einmal Hindernisse vorausgesehen! Und wie führt er die Tat aus? -- Er nimmt Sachen im Werte von zehn und zwanzig Rubel, stopft sich damit die Taschen voll, wühlt in dem Kasten, in allerhand Weiberlumpen, -- und in der Kommode, in der oberen Schublade findet man nachher in einer Schatulle an barem Gelde gegen anderthalb tausend, außer den Wertpapieren. Er hat nicht mal verstanden zu rauben, er hat bloß verstanden zu morden! Ich sage dir, es ist sein erster Fall, sein allererster; er hat seine Fassung verloren. Und nicht durch Berechnung, sondern durch Zufall ist er entkommen.«

»Mir scheint, Sie sprechen von der kürzlichen Ermordung der alten Beamtenwitwe,« mischte sich Peter Petrowitsch ein, sich an Sossimoff wendend. Er stand schon mit dem Hute und Handschuhen in der Hand, aber vor dem Fortgehen wollte er noch einige geistreiche Worte fallen lassen. Er mühte sich sichtlich, einen guten Eindruck zu hinterlassen und die Eitelkeit überwand die Vernunft.

»Ja. Haben Sie davon gehört?«

»Selbstverständlich, es ist ja in der Nachbarschaft ...«

»Kennen Sie die Einzelheiten?«

»Das kann ich nicht behaupten. Mich aber interessiert dabei ein anderer Umstand, sozusagen die ganze Frage. Ich spreche nicht davon, daß in den letzten fünf Jahren die Verbrechen in der unteren Klasse sich vermehrt haben; ich spreche nicht von den ununterbrochenen Raubanfällen und Feuersbrünsten, die überall nun vorkommen; am auffallendsten aber erscheint mir, daß die Verbrechen auch in den höheren Klassen sich ebenso vermehren und sozusagen in paralleler Weise. Dort, hört man, hat ein ehemaliger Student auf offener Straße die Post beraubt; dort wieder fabrizieren Menschen, die nach ihrer gesellschaftlichen Stellung zu den ersten gehören, falsches Papiergeld; in Moskau ertappt man eine ganze Gesellschaft beim Fälschen von Scheinen der letzten Prämienanleihe, -- und einer der Hauptbeteiligten ist ein Professor der Weltgeschichte; dort, im Auslande ermordet man einen von unsern Botschaftssekretären aus rätselhaften Gründen ... Und wenn jetzt diese alte Pfandleiherin von jemand aus der besseren Gesellschaft getötet ist, -- denn einfache Leute versetzen keine Goldsachen, -- wie kann man denn diese Verdorbenheit des gebildeten Teiles unserer Gesellschaft erklären?«

»Es gibt viele ökonomische Verschiebungen,« bemerkte Sossimoff.

»Wie erklären?« unterbrach ihn Rasumichin.

»Gerade durch die uns anhaftende Untüchtigkeit kann man es erklären.«

»Wieso denn?«

»Was antwortete Ihr Professor in Moskau auf die Frage, warum er die Scheine gefälscht habe? Alle werden durch allerhand Mittel reich, da wollte ich auch schnell reich werden -- das war seine Antwort. Des Wortlautes entsinne ich mich nicht genau; aber der Sinn war, daß er auf fremde Kosten schnell, ohne zu arbeiten, reich werden wollte. Wir sind gewohnt, Hilfe zu erhalten, am Gängelbande zu gehen, Vorgekautes zu essen ... Nun, und schlägt die große Stunde, da zeigt sich jeder in seiner wahren Gestalt ...«

»Aber es gibt doch Moral. Und sozusagen Begriffe ...«

»Ja, was ereifern Sie sich denn?« mischte sich Raskolnikoff plötzlich ins Gespräch. »Es ist doch nach Ihrer Theorie!«

»Wieso nach meiner Theorie?«

»Ziehen Sie doch die Konsequenzen dessen, was Sie vorhin predigten, und es ergibt sich, daß man Menschen umbringen darf ...«

»Aber ich bitte!« rief Luschin aus.

»Nein, so ist das nicht!« bemerkt Sossimoff.

Raskolnikoff lag bleich mit zuckender Lippe da und atmete schwer.

»Alles hat seine Grenzen,« fuhr Luschin hochmütig fort, »eine ökonomische Idee ist noch keine Aufforderung zum Mord, und wenn man nur annimmt ...«

»Ist es wahr, daß Sie,« unterbrach ihn von neuem Raskolnikoff mit vor Wut zitternder Stimme, aus der man die Freude zu beleidigen heraus merkte, »ist es wahr, daß Sie Ihrer Braut ... in derselben Stunde, als Sie ihr Jawort erhielten, gesagt haben, daß Sie sich am meisten darüber freuten ... daß sie eine Bettlerin sei ... weil es vorteilhafter sei, eine bettelarme Frau zu nehmen, um über sie später herrschen ... und ihr vorhalten zu können, daß Sie ihr Wohltäter seien? ...«

»Mein Herr!« rief Luschin betroffen und gereizt aus und wurde rot und verwirrt. »Mein Herr ... so meine Worte zu entstellen ... Entschuldigen Sie, aber ich muß Ihnen sagen, daß die Gerüchte, die zu Ihnen gedrungen sind, oder besser gesagt, die Ihnen zugetragen sind, auch nicht den Schatten eines vernünftigen Grundes haben, und ich ... vermute, wer ... mit einem Worte ... dieser ... Pfeil ... mit einem Worte, Ihre Frau Mutter ... Sie erschien mir auch ohnedem, bei allen ihren übrigens ausgezeichneten Eigenschaften, in ihrer Auffassung ein wenig schwärmerisch und romantisch angehaucht ... Aber ich war doch tausend Meilen entfernt von der Voraussetzung, daß sie die Sache in solch einer von der Phantasie verunstalteten Weise auffassen und auslegen würde ... Und schließlich ... schließlich ...«

»Wissen Sie was?« rief Raskolnikoff aus, erhob sich auf dem Kissen und sah ihn mit durchdringendem, scharfem Blicke an. »Wissen Sie was?«

»Was denn?« Luschin hielt inne und wartete mit gekränkter und herausfordernder Miene.

Das Schweigen dauerte einige Sekunden.

»Daß, wenn Sie noch einmal ... wagen, nur ein Wort ... von meiner Mutter zu erwähnen, ich Sie die Treppe hinunterwerfe!«

»Was ist dir?« rief Rasumichin aus.

»Ah, so ist die Sache!« Luschin erbleichte und biß sich auf die Lippen. »Hören Sie, Herr,« begann er stockend und mit aller Kraft an sich haltend, aber dennoch atemlos, »ich habe schon vorhin beim ersten Schritt Ihre Feindseligkeit erraten, aber ich blieb absichtlich hier, um noch mehr zu erfahren. Vieles konnte ich einem Kranken und Verwandten zugute halten, jetzt aber ... Ihnen ... niemals ...«

»Ich bin nicht krank!« rief Raskolnikoff aus.

»Um so schlimmer ...«

»Scheren Sie sich zum Teufel!«

Luschin ging schon von selbst, ohne seine Rede zu vollenden, indem er wieder zwischen dem Tisch und Stuhl hindurchkroch; Rasumichin stand diesmal auf, um ihn durchzulassen. Ohne jemand anzusehen und ohne sogar Sossimoff mit einem Kopfnicken zu grüßen, der ihm längst schon Zeichen gegeben hatte, den Kranken in Ruhe zu lassen, ging Luschin hinaus, und als er durch die Tür gebückt hindurchging, hielt er vorsichtshalber seinen Hut in Schulterhöhe. Sogar die Krümmung seines Rückens schien ausdrücken zu wollen, daß er sich furchtbar beleidigt fühle.

»Aber wie kann man denn, wie kann man denn so ...« sagte der verblüffte Rasumichin und schüttelte den Kopf.

»Laßt mich, laßt mich alle in Ruhe!« rief Raskolnikoff rasend. »Ja, wollt ihr endlich mich in Ruhe lassen, ihr Quälgeister! Ich fürchte euch nicht! Ich fürchte jetzt niemand, niemand! Geht fort! Ich will allein sein, allein, allein sein!«

»Gehen wir!« sagte Sossimoff und winkte Rasumichin.

»Erlaube, kann man ihn denn so lassen?«

»Gehen wir,« bestand Sossimoff und ging hinaus.

Rasumichin sann nach und lief dann hinaus, ihn einzuholen.

»Es könnte schlimmer werden, wenn wir nicht gehorcht hätten,« sagte Sossimoff, schon auf der Treppe. »Man darf ihn nicht reizen ...«

»Was ist mit ihm?«

»Wenn ihm bloß etwas Glückliches widerfahren wollte, das wäre gut. Vorhin war er bei Kräften ... Weißt du, er hat etwas auf dem Herzen. Etwas Starkes, Bedrückendes ... Das fürchte ich sehr!«

»Ja, vielleicht ist es dieser Herr Peter Petrowitsch! Aus dem Gespräche konnte man entnehmen, daß er seine Schwester heiraten will, und daß Rodja darüber kurz vor der Krankheit einen Brief erhalten hat ...«

»Ja; der Teufel hat ihn jetzt hergeführt; vielleicht hat er die ganze Sache verdorben. Hast du aber gemerkt, daß er gegen alles gleichgültig ist, über alles schweigt, außer den einen Punkt, wo er aus sich herausgeht -- den Mord ...«

»Ja, ja!« bestätigte Rasumichin. »Ich habe es sehr gut gemerkt. Er interessiert sich dafür, gerät in Aufregung. Man hat ihn am Tage, als er krank wurde, in dem Polizeibureau damit erschreckt; er fiel in Ohnmacht.«

»Erzähle mir darüber genauer heute abend, ich will dir auch später etwas sagen. Er interessiert mich sehr! Nach einer halben Stunde will ich ihn aufsuchen ... Ein Fieber wird übrigens nicht folgen.«

»Ich danke dir. Ich will unterdessen bei der lieben Praskovja warten und will durch Nastasja ihn beobachten lassen ...«

Raskolnikoff blickte voll Ungeduld und traurig Nastasja an; sie aber zögerte wegzugehen.

»Willst du jetzt Tee trinken?« fragte sie ihn.

»Nachher! Ich will schlafen! Laß mich ...« Er wandte sich krampfhaft der Wand zu. Nastasja ging hinaus.

VI.

Kaum aber war sie hinausgegangen, als er aufstand, die Tür zuhakte, das Bündel mit Kleidern, das Rasumichin vorhin gebracht und wieder zugebunden hatte, aufmachte und sich anzukleiden begann. Merkwürdig, plötzlich schien er völlig ruhig geworden zu sein, weder das halbwahnsinnige Phantasieren, wie vorhin, noch die panische Angst, wie in der ganzen letzten Zeit, waren vorhanden. Es war der erste Augenblick einer seltsamen Ruhe. Seine Bewegungen waren bestimmt und klar, eine feste Absicht lag in ihnen. »Heute noch, heute noch! ...« murmelte er vor sich hin. Er begriff jedoch, daß er noch schwach sei, aber eine starke, seelische Spannung, die sich bis zur Ruhe, bis zu einer unerschütterlichen Idee gesteigert hatte, verlieh ihm Kraft und Selbstbewußtsein; er hoffte auch, daß er auf der Straße nicht hinstürzen würde. Nachdem er sich neu angezogen hatte, erblickte er das Geld, das auf dem Tische lag, dachte nach und steckte es in die Tasche. Es waren fünfundzwanzig Rubel. Er nahm auch das Kupfergeld, den Rest von den zehn Rubeln, die Rasumichin für die Kleidung ausgegeben hatte. Dann hob er leise den Haken ab, ging aus dem Zimmer, stieg die Treppe hinab und warf einen Blick in die weit geöffnete Küche! Nastasja stand mit dem Rücken gegen ihn und blies gebückt in den Samowar. Sie hatte nichts gehört. Wer konnte auch voraussetzen, daß er fortgehen würde? Nach einer Minute war er schon auf der Straße.

Es war gegen acht Uhr, die Sonne ging unter. Es herrschte die frühere Schwüle, aber er atmete gierig diese stinkende, staubige, durch die Stadt verpestete Luft ein. Der Kopf begann ihm ein wenig zu schwindeln; eine wilde Energie blitzte in seinen entzündeten Augen und in seinem abgemagerten, bleichen, gelben Gesichte auf. Er wußte nicht und dachte auch nicht nach, wohin er wollte; er wußte bloß eins, »daß man alles heute noch, mit einem Schlage, sofort beenden müsse, daß er anders nicht nach Hause zurückkehren würde, weil er nicht so weiterleben wolle. Wie enden? Wodurch? Davon hatte er keinen Begriff und wollte auch daran nicht denken. Er verscheuchte den Gedanken, der ihn quälte. Bloß eins fühlte und wußte er, daß alles sich ändern müsse, so oder so; einerlei wie,« wiederholte er mit einer verzweifelten, starren Entschlossenheit und Festigkeit.

Nach seiner Gewohnheit ging er wieder dem Heumarkt zu. Kurz vor dem Heumarkte stand auf der Straße vor einem kleinen Laden ein junger schwarzhaariger Mann mit einem Leierkasten und spielte ein rührseliges Stück. Er begleitete ein fünfzehnjähriges Mädchen, das vor ihm auf dem Fußsteig stand und wie eine Dame mit Krinoline, Mantille, Handschuhen und einem Strohhut mit einer Feder von flammendem Rot bekleidet war; alles war alt und abgetragen. Sie sang in Erwartung einer Zweikopekenmünze eine Romanze mit zitternder, aber nicht unangenehmer und kräftiger Straßenstimme. Raskolnikoff blieb neben ein paar anderen Zuhörern stehen, hörte zu, nahm ein Fünfkopekenstück und legte es in die Hand des jungen Mädchens. Sie brach bei der höchsten und rührseligsten Note ab, rief dem Leiermann scharf »Schluß!« zu, und beide wanderten weiter zu dem nächsten Laden.

»Haben Sie Straßengesang gern?« wandte sich plötzlich Raskolnikoff an einen nicht mehr jungen Mann, der neben ihm stand und das Aussehen eines Bummlers hatte. Dieser blickte ihn erschrocken und verwundert an.

»Ich habe es gern,« fuhr Raskolnikoff fort, und mit einem Ausdrucke, als rede er gar nicht über Straßengesang. »Ich liebe es, wenn nach einer Leierkastenmelodie gesungen wird an einem kalten, dunklen und feuchten Herbstabend, unbedingt an einem feuchten, wenn alle Vorübergehenden blaßgrüne und kranke Gesichter haben, oder noch besser, wenn ein nasser Schnee kerzengerade, ohne Wind, niederfällt, wissen Sie, und die Gasflammen hindurchschimmern ...«

»Ich weiß nicht ... Entschuldigen Sie ...« murmelte der Herr, betroffen über die Worte und das sonderbare Aussehen Raskolnikoffs, und ging auf die andere Seite der Straße hinüber.

Raskolnikoff schritt weiter und kam zu der Ecke auf dem Heumarkte, wo der Kleinbürger und seine Frau, die sich damals mit Lisaweta unterhielten, ihren Handel trieben, aber sie waren jetzt nicht da. Als er die Stelle erkannt hatte, blieb er stehen, sah sich um und wandte sich an einen jungen Burschen im roten Hemde, der am Eingange eines Mehlladens gähnte.

»Hier an der Ecke handelt doch ein Kleinbürger und seine Frau, nicht wahr?«

»Es handeln hier viele Leute,« antwortete der Bursche und blickte Raskolnikoff von oben herab an.

»Wie heißt er?«

»Wie man ihn getauft hat, so heißt er auch.«

»Bist du nicht aus dem Rjasanschen Gouvernement? Aus welcher Gegend bist du denn?«

Der Bursche sah Raskolnikoff wieder an.

»Wie soll ich es denn wissen, Eure Durchlaucht, bin zu dumm, um es zu wissen ... Entschuldigen Sie gütigst, Durchlaucht.«

»Ist dort oben eine Schenke?«

»Das ist ein Restaurant, hat auch ein Billard und schöne Damen findet man dort auch ... Tra-la-la.«

Raskolnikoff ging quer über den Platz. Dort auf der anderen Ecke stand eine dichte Volksmenge, lauter Bauern. Er zwängte sich durch den dicksten Knäuel und sah die Gesichter an. Aus irgendeinem Grunde zog es ihn an alle anzureden. Aber die Bauern schenkten ihm keine Beachtung und lamentierten alle unter sich. Er blieb stehen, dachte nach und ging nach rechts, auf den Fußsteg, in der Richtung zu dem W.-schen Prospekt. Als er den Platz verlassen hatte, geriet er in die N.-Gasse.

Er war auch früher oft durch diese sehr kurze Gasse gegangen, die eine Biegung macht und von dem Platze auf die Ssadowaja führte. In der letzten Zeit zog es ihn sogar an, wenn es ihm schwer zumute war, in dieser Gegend herumzuirren, damit »es ihm noch schwerer werden sollte«. Jetzt aber war er hierhergekommen, ohne etwas zu wollen. Hier gab es ein großes Haus, das ganz mit Schenken und anderen Speise- und Trinkanstalten angefüllt war; alle Augenblicke kamen von dort Frauenzimmer herausgelaufen, gekleidet, wie man »in der Nachbarschaft« herumzugehen pflegt -- ohne Kopfbekleidung und Überrock. Sie sammeln sich auf dem Fußsteig an, ein paar stehen in Gruppen, besonders bei den Eingängen in das Erdgeschoß, wo man zwei Stufen tiefer in allerhand sehr lustige Lokale gelangen konnte. In einem von diesen Etablissements herrschte in diesem Augenblicke starker Lärm und Geschrei, so daß man es in der ganzen Straße hören konnte, auf einer Guitarre wurde geklimpert, es wurde gesungen, es ging sehr bunt zu. Eine große Gruppe von Frauen drängte sich am Eingange; einige saßen auf den Stufen, andere auf dem Fußsteig, andere wieder standen und unterhielten sich. Auf dem Fahrdamme daneben schlenderte ein betrunkener Soldat mit einer Zigarette, schimpfte laut und wie es schien, wollte er irgendwo hineingehen, aber wahrscheinlich hatte er vergessen, wohin er wollte. Ein zerlumpter Kerl schimpfte einen anderen und ein total Betrunkener lag quer über der Straße. Raskolnikoff blieb bei der großen Gruppe von Weibern stehen. Sie sprachen mit heiseren Stimmen, alle hatten sie Kattunkleider an und billige Stiefel und waren barhaupt. Einige waren über vierzig Jahre alt, es waren aber auch siebzehnjährige dabei, fast alle hatten sie zerbläute Gesichter. -- Aus irgendeinem Grunde interessierte ihn der Gesang und dieser ganze Lärm und Tumult dort unten ... Man konnte hören, wie unter Lachen und Kreischen jemand mit einer hohen Fistelstimme burschikos zu einer Guitarre sang und wie ein anderer toll dazu tanzte und mit den Absätzen den Takt schlug. Er hörte aufmerksam, düster und nachdenklich zu, indem er, am Eingange stehend und sich vorbeugend, neugierig in das Vorzimmer hineinblickte.

Oh, mein schöner Schutzmann Schlägt mich so ohne Grund! ...

ertönte die dünne Stimme des Sängers. Raskolnikoff hatte schreckliche Lust zu hören, was man sang, als wäre das jetzt die Hauptsache.

»Soll ich nicht hineingehen?« dachte er. »Sie lachen laut! Aus Betrunkenheit. Warum soll ich mich nicht auch betrinken?«

»Kommen Sie doch herein, lieber Herr!« sagte eine der Frauen mit ziemlich heller und nicht ganz heiserer Stimme. Sie war jung und gar nicht abstoßend -- die einzige von der ganzen Gruppe.

»Sieh mal, wie hübsch du bist!« antwortete er, den Kopf erhebend und blickte sie an.

Sie lächelte; das Kompliment hatte ihr sehr gefallen.

»Sie sind auch selbst sehr hübsch,« sagte sie.

»Wie mager Sie sind!« bemerkte eine andere mit einer Baßstimme. »Kommen wohl eben aus dem Krankenhause?«

»Ihr seid alle aus feiner Familie, aber die Nasen sind zu platt!« unterbrach sie plötzlich ein herantretender Bauer, ein wenig angeheitert, mit einem listig lächelnden Gesichte. -- »Das ist aber ein Vergnügen!«

»Geh hinein, wenn du schon da bist!«

»Ich will auch hineingehen. Du Süße!«

Und er stolperte hinunter.

Raskolnikoff ging weiter.

»Hören Sie, mein Herr!« rief ihm das Mädchen nach.

»Was?«

Sie tat schämig.

»Ich würde mich freuen, mein Herr, mit Ihnen die Zeit zu vertreiben, ich bin aber ganz außer Fassung vor Ihnen. Schenken Sie mir, hoher Herr, sechs Kopeken zu einem Trunk.«

Raskolnikoff nahm heraus, was er erfaßt hatte -- es waren fünfzehn Kopeken.

»Ach, was für ein guter Herr!«

»Wie heißt du?«

»Fragen Sie nach Duklida.«

»Nein, das geht nicht an,« sagte plötzlich eine aus der Gruppe und schüttelte den Kopf über Duklida. »Ich verstehe nicht, wie man so betteln kann. Ich würde vor lauter Scham in die Erde sinken ...«

Raskolnikoff blickte neugierig die Sprechende an. Es war ein pockennarbiges Mädchen, etwa dreißig Jahre alt, voll blauer Flecken mit geschwollener Lippe. Sie sprach und tadelte ruhig und ernst.

»Wo habe ich,« dachte Raskolnikoff, während er weiterging, »wo habe ich es gelesen, wie ein zum Tode Verurteilter eine Stunde vor seinem Ende spricht oder denkt, daß wenn er irgendwo auf einer Höhe, auf einem Felsen und auf einem schmalen Streifen, wo er bloß seine zwei Füße hinsetzen könnte, leben sollte, -- umgeben von Abgründen, von Ozean, von ewiger Finsternis, ewiger Einsamkeit und ewigem Sturm, -- und so, auf diesem ellenbreiten Streifen stehend, sein ganzes Leben, tausend Jahre, eine Ewigkeit verbringen müßte, -- daß es besser sei so zu leben, als sofort zu sterben! Nur leben, leben, leben! Wie, ganz gleich! -- bloß leben! ... Wie wahr! Herrgott, wie wahr! Der Mensch ist ein Schuft! ... Und ein Schuft ist der, welcher ihn darum einen Schuft nennt,« fügte er nach einer Weile hinzu.

Er kam auf eine andere Straße hinaus.

»Ah! Das ist ja der Kristallpalast! Rasumichin sprach vorhin vom Kristallpalast! Ja, was wollte ich aber? Ah, ich wollte lesen! ... Sossimoff erzählte, daß er in den Zeitungen gelesen hätte ...«

»Haben Sie Zeitungen?« fragte er, indem er in ein ziemlich geräumiges und sogar reinliches Restaurant mit mehreren jetzt ziemlich leeren Räumen eintrat. Zwei, drei Gäste tranken Tee und in einem der Hinterzimmer saßen etwa vier Menschen und tranken Champagner. Raskolnikoff glaubte unter ihnen Sametoff zu erkennen. Von weitem konnte man es nicht unterscheiden.

»Und wenn auch!« dachte er.

»Befehlen Sie Branntwein?« fragte der Kellner.

»Bringe mir Tee. Und bringe mir Zeitungen, alte Zeitungen, so von den letzten fünf Tagen, ich gebe dir ein Trinkgeld dafür.«

»Jawohl. Hier sind die heutigen. Befehlen Sie auch Branntwein?«

Alte Zeitungen und der Tee erschienen. Raskolnikoff setzte sich hin und begann zu suchen: -- »Isler ... Isler ... Azteken ... Azteken ... Isler ... Bartola ... Massimo ... Azteken ... Isler ... pfui, zum Teufel! ah, da ist die Lokalchronik ... von der Treppe herabgestürzt ... ein Kleinbürger gestorben an Alkoholvergiftung ... Feuersbrunst ... Feuersbrunst ... noch eine Feuersbrunst ... und noch eine Feuersbrunst ... Isler ... Massimo ... Isler ... Isler ... Massimo ... Ah, da ist es ...«

Er hatte endlich gefunden, was er suchte und begann zu lesen; die Zeilen hüpften vor seinen Augen, trotzdem las er die ganze »Nachricht« zu Ende und begann voll Gier in den weiteren Nummern die Fortsetzung zu suchen. Seine Hände zitterten vor starker Ungeduld, indem er in den Zeitungen blätterte. Plötzlich setzte sich jemand neben ihn, an seinen Tisch. Er schaute hin -- es war Sametoff, derselbe Sametoff und mit demselben Äußern, mit Ringen, Uhrketten, mit einem Scheitel in seinen schwarzen gekräuselten und pomadisierten Haaren, in einer eleganten Weste, in einem etwas abgetragenen Rocke und nicht ganz reiner Wäsche. Er war lustig gestimmt, wenigstens lachte er sehr vergnügt und gutmütig. Sein gebräuntes Gesicht war vom genossenen Champagner ein wenig erhitzt.

»Wie! Sie hier?« begann er mit Staunen und in einem Tone, als wäre er ein ewigalter Bekannter. »Mir erzählte gestern noch Rasumichin, daß Sie immer noch bewußtlos daliegen. Das ist merkwürdig! Wissen Sie, ich war bei Ihnen ...«

Raskolnikoff hatte sich's gedacht, daß er zu ihm herankommen würde. Er legte die Zeitungen beiseite und wandte sich zu Sametoff. Auf seinen Lippen spielte ein hämisches Lächeln, aber in diesem Lächeln lag eine gereizte Ungeduld.

»Ich weiß es, daß Sie da waren,« antwortete er, »ich habe es gehört. Sie haben meinen Strumpf gesucht ... Wissen Sie, Rasumichin ist ganz entzückt von Ihnen, er erzählte, daß Sie mit ihm bei Louisa Iwanowna waren, wissen Sie, wegen der Sie damals so angelegentlich dem Leutnant Pulver zuzwinkerten und er immer nicht begriff, erinnern Sie sich noch? Und es war doch nicht viel zu verstehen -- es war ja eine klare Sache ... nicht?«

»Was für ein Schwätzer er ist!«

»Pulver?«

»Nein, Ihr Freund Rasumichin ...«

»Sie haben es gut, Herr Sametoff; zu den angenehmsten Orten zollfreien Eintritt! Wer hat Ihnen soeben Champagner spendiert?«

»Wir haben ... ein wenig getrunken ... Und Sie sagen -- spendiert?!«

»Ein wenig Honorar! Sie ziehen eben aus allem Nutzen!« Raskolnikoff lachte. »Hat nichts zu sagen, mein guter junger Mann, tut nichts!« fügte er hinzu und schlug Sametoff auf die Schulter. »Ich sage es nicht aus Bosheit, sondern >aus Freundschaft, im Scherze,< so wie der Arbeiter sagte, als er Dmitri schlug, wissen Sie, in der Sache der Alten ...«

»Woher wissen Sie es?«

»Ich weiß vielleicht mehr als Sie ...«

»Wie komisch Sie sind ... Wahrscheinlich sind Sie noch sehr krank. Es war unvorsichtig von Ihnen auszugehen.«

»Erscheine ich Ihnen komisch?«

»Ja. Was lesen Sie da, Zeitungen?«

»Ich lese Zeitungen.«

»Es wird viel von Feuersbrünsten geschrieben.«

»Nein, ich lese nicht über Feuersbrünste.« Hier blickte er Sametoff rätselhaft an; ein höhnisches Lächeln verzog wieder seine Lippen. »Nein, ich las nicht über Feuersbrünste,« fuhr er fort und zwinkerte Sametoff zu. »Gestehen Sie nur, lieber junger Mann, daß Sie furchtbar gern wissen möchten, was ich gelesen habe?«

»Ich will es gar nicht wissen; ich habe bloß so gefragt. Darf man denn nicht fragen? Was haben Sie nur immer ...«

»Hören Sie, Sie sind doch ein gebildeter, belesener Mensch?«

»Ich habe die Sekunda eines Gymnasiums,« antwortete Sametoff mit Würde.

»Die Sekunda! Ach, Sie kleiner Spatz! Mit einem Scheitel, mit Ringen -- ein reicher Mann! Nein, welch ein lieber Junge!« Hier verfiel Raskolnikoff in ein nervöses Lachen und lachte Sametoff direkt ins Gesicht. Der fuhr zurück und war, wie es schien, nicht gekränkt, eher sehr verwundert.

»Nein, wie komisch Sie sind!« wiederholte Sametoff ernsthaft. »Mir scheint, Sie phantasieren immer noch.«

»Ich phantasiere? Das lügst du, mein Spätzchen! ... Also, ich bin komisch? Nun errege ich aber Ihre Neugier? Nicht wahr?«

»Ja, Sie erregen meine Neugier.«

»Soll ich Ihnen also sagen, was ich gelesen, was ich gesucht habe? Sehen Sie, wieviel Nummern ich mir bringen ließ. Erscheint das nicht verdächtig?«

»Sagen Sie mir ...«

»Sind Ihre Ohren gespitzt?«

»Warum sollen sie gespitzt sein?«

»Ich will es Ihnen nachher sagen, jetzt aber erkläre ich Ihnen, mein Lieber ... nein, besser, >ich gestehe< ... Nein, das ist auch nicht das richtige, >ich gebe es Ihnen zu Protokoll und Sie schreiben es,< so lautet's doch. Also, ich gebe zu Protokoll, daß ich gelesen, mich interessiert, gesucht habe ... nachgeforscht ...«

Raskolnikoff kniff die Augen zusammen und wartete eine Weile. »Nachgeforscht habe, -- und bin auch darum hierher gekommen, -- betreffs der Ermordung der Alten, der Beamtenwitwe,« sagte er endlich, fast im Flüstertone, wobei er mit seinem Gesichte außerordentlich nahe dem Sametoffs kam.

Sametoff sah ihn unverwandt an, ohne sich zu bewegen und ohne sein Gesicht zurückzuziehen. Am merkwürdigsten erschien es Sametoff nachher, daß das Schweigen wohl eine volle Minute gedauert hatte und daß sie solange einander anblickten.

»Nun, was ist dabei, daß Sie darüber gelesen haben?« rief er plötzlich ungehalten und ungeduldig aus. »Was geht das mich an? Was ist denn dabei?«

»Das ist dieselbe Alte,« fuhr Raskolnikoff fort, in demselben Flüstertone und ohne sich bei dem Ausrufe Sametoffs zu rühren, »es ist dieselbe, von der man, erinnern Sie sich, im Polizeibureau zu sprechen begann, wobei ich in Ohnmacht fiel. Merken Sie was?«

»Ja, was denn? Was ... soll ich merken?« sagte Sametoff unruhig.

Das unbewegliche und ernste Gesicht Raskolnikoffs veränderte sich plötzlich und wieder verfiel er in das nervöse Lachen von vorhin, als hätte er keine Macht darüber. Und auf einen Augenblick schwebte ihm außerordentlich klar und intensiv jener Moment vor Augen, als er mit dem Beil hinter der Türe stand, wie der Haken hüpfte, und wie die hinter der Tür schimpften und an der Türe rissen, und wie er plötzlich Lust bekam, ihnen zuzurufen, sie zu schimpfen, ihnen die Zunge zu zeigen, sie zu verhöhnen, zu lachen, laut zu lachen, lachen und lachen!

»Sie sind entweder verrückt oder ...« sagte Sametoff -- und hielt inne, als hätte er über einem plötzlichen Gedanken die Sprache verloren.

»Oder? Was -- >oder<? Was ist's? Sprechen Sie?«

»Nichts!« antwortete Sametoff gereizt. »Es ist ja alles Unsinn!«

Beide verstummten. Auf den Lachanfall wurde Raskolnikoff gleich wieder nachdenklich und düster. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Hand. Es schien, als hätte er die Gegenwart Sametoffs völlig vergessen. Das Schweigen dauerte ziemlich lange.

»Warum trinken Sie Ihren Tee nicht? Er wird kalt,« sagte Sametoff.

»Ah? Was? Tee? ... Meinetwegen ...« Raskolnikoff nahm einen Schluck aus dem Glase, steckte ein kleines Stück Brot in den Mund, blickte Sametoff an und schien sich auf einmal an alles zu erinnern. Sein Gesicht nahm im selben Augenblick den früheren höhnischen Ausdruck an. Er fuhr fort, Tee zu trinken.

»Heutzutage passieren viele Gaunereien,« sagte Sametoff. »Ich las vor kurzem in den >Moskowskije Wedomosti<, daß man in Moskau eine Bande Falschmünzer festgenommen habe. Es war eine ganze Gesellschaft ... Sie fälschten Papiergeld.«

»Oh, das ist schon lange her. Ich habe es vor einem Monat gelesen,« antwortete Raskolnikoff ruhig.

»Also, das sind Ihrer Meinung nach Gauner!« fügte er lächelnd hinzu.

»Warum nicht Gauner?«

»Die? Das sind Grünspechte, aber keine Gauner! Ganze fünfzig Menschen vereinigen sich zu diesem Zwecke! Geht denn das an? Bei so einer Sache sind schon drei zu viel, da muß jeder dem andern mehr als sich selbst vertrauen. Es braucht bloß einer in Betrunkenheit mit anderen zu plappern, und alles ist verloren! Grünspechte waren es! Sie mieteten sich unzuverlässige Menschen, um das Geld in allerhand Banken umwechseln zu können, -- so eine Sache dem ersten besten anvertrauen! Nun gut, nehmen wir an, daß es ihnen geglückt wäre, jeder hat eine Million eingewechselt, nun, was weiter, das ganze Leben hindurch? Jeder ist von dem anderen sein Lebelang abhängig! Da ist es besser, sich gleich zu erhängen! Und sie verstanden nicht mal einzuwechseln, -- der eine geht in eine Bank zum wechseln, empfängt fünftausend und die Hände beginnen zu zittern. Viertausend zählt er nach, das fünfte Tausend aber nimmt er ohne nachzuzählen, auf gut Glauben, um es schneller in die Tasche stecken zu können und fortzulaufen. Er erregte Verdacht, und die ganze Sache ging in die Brüche bloß wegen eines einzigen Dummkopfes! Ja, ist das denkbar?«

»Daß die Hände zitterten?« unterbrach Sametoff.

»Das ist denkbar. Ich bin vollkommen überzeugt, daß es möglich ist. Manchmal kann man so etwas nicht standhalten.«

»So etwas?«

»Könnten Sie standhalten? Ich hielte es nicht aus! Für eine Bezahlung von hundert Rubel diese Angst auf sich nehmen! Nein! Mit einem gefälschten Papier hingehen -- und wohin noch -- in ein Bankhaus, wo sie so gewitzt sind, -- nein, ich hätte die Fassung verloren. Und Sie hätten nicht die Fassung verloren?«

Raskolnikoff hatte plötzlich wieder große Lust, »die Zunge zu zeigen«. Ein Schüttelfrost packte ihn wieder.

»Ich würde nicht so gehandelt haben,« begann er, weit ausholend. »Ich hätte so gewechselt, -- ich hätte das erste Tausend so gegen viermal von allen Seiten nachgezählt, jeden Schein betrachtet, und hätte mich dann an das zweite Tausend gemacht; ich hätte angefangen zu zählen, wäre bis zur Hälfte gekommen, hätte dann irgendeinen Schein von fünfzig Rubel hervorgeholt, und ihn gegen das Licht gehalten, dann ihn umgedreht und wieder gegen das Licht gehalten, -- ob er nicht gefälscht ist? Ich bin ängstlich -- hätte ich gesagt, -- eine Verwandte von mir hat auf diese Weise vor kurzem fünfundzwanzig Rubel eingebüßt, -- und hätte nun eine Geschichte zum Besten gegeben. Und wenn ich das dritte Tausend zu zählen angefangen hätte, -- würde ich sagen, -- erlauben Sie, ich habe, scheint mir, in dem zweiten Tausend das siebente Hundert nicht richtig nachgezählt, ich bin im Zweifel. -- Ich hätte das dritte Tausend zur Seite gelegt und wieder das zweite Tausend nachgezählt, -- und in dieser Weise hätte ich es mit allen fünf gemacht. Und wenn ich damit fertig gewesen wäre, hätte ich aus dem zweiten und aus dem fünften Tausend je einen Schein herausgenommen, gegen das Licht gehalten und voll Zweifel gebeten, ihn umzutauschen, -- und ich hätte den Angestellten zum Schwitzen gebracht, so daß er alles getan hätte, um mich endlich los zu werden. Und nach dem allen wäre ich schließlich zur Türe gegangen, hätte sie geöffnet -- und wäre wieder zurückgegangen, um unter Entschuldigung irgend etwas zu fragen oder mich über etwas zu erkundigen, -- sehen Sie, so hätte ich es gemacht!«

»Oh, was für Schauergeschichten Sie erzählen!« sagte Sametoff lachend. »Das redet man so, bei der Ausführung aber würden Sie schon stolpern. Bei so einer Sache, sage ich Ihnen, kann nicht mal ein geübter, geriebener Mensch für sich einstehen, geschweige denn wir beide. Wozu so weit ausholen, -- da haben Sie ein Beispiel, in unserem Revier hat man eine alte Frau ermordet. Allem Anschein nach ein verwegener Bursche, am hellen lichten Tage hat er's gewagt, nur durch ein Wunder rettete er sich, -- die Hände aber haben doch versagt; er hat nicht verstanden zu stehlen, hat nicht standgehalten; man sieht es aus dem Tatbestande ...«

Raskolnikoff schien sich gekränkt zu fühlen.

»Man sieht es! So nehmen Sie ihn doch fest!« rief er höhnisch aus, um Sametoff zu reizen.

»Man wird ihn schon kriegen.«

»Wer? Sie? Sie wollen ihn kriegen? Das wird lange dauern! Sehen Sie, was ist denn bei Ihnen die Hauptsache, -- ob ein Mensch viel Geld ausgibt oder nicht? Hatte er vor kurzem keins, gibt jetzt plötzlich Geld aus, -- so muß er das sein! In dieser Weise kann Sie jedes kleine Kind irreführen, wenn es will.«

»Das ist es ja, daß sie alle so handeln,« antwortete Sametoff. »Erst morden sie mit Bedacht, riskieren ihr Leben und gehen dann fort ohne Beute in eine Schenke und werden dort festgenommen. Beim Geldausgeben werden sie festgenommen. Nicht alle sind so schlau wie Sie. Sie würden selbstverständlich in keine Schenke gehen!«

Raskolnikoff zog die Augenbrauen zusammen und blickte Sametoff scharf an.

»Sie haben, wie es scheint, Appetit bekommen und möchten wissen, wie ich auch in diesem Falle gehandelt hätte?« fragte er bitter.

»Ich möchte es sehr gern wissen,« antwortete jener fest und bestimmt. Seine Stimme und sein Blick waren jetzt fast zu ernst geworden.

»Sehr?«

»Sehr.«

»Gut. Ich hätte folgendermaßen gehandelt,« begann Raskolnikoff, indem er plötzlich sein Gesicht wieder dem Sametoffs näherte, ihn unverwandt anblickte und wieder im Flüstertone sprach, so daß jener diesmal zusammenzuckte. »Ich hätte folgendermaßen gehandelt, -- ich hätte das Geld und die Sachen an mich genommen und kaum entkommen, wäre ich sofort ohne Aufenthalt zu einem abgelegenen Platz gegangen, wo es nur Zäune gibt und wo es fast menschenleer ist, -- zu einem Gemüsegarten oder etwas ähnlichem. Ich hätte mir dort auf diesem Hofe schon früher irgendeinen Stein, ungefähr im Gewichte von zwanzig Kilo oder mehr ausgesucht, irgendwo in einer Ecke am Zaune einen Stein also, der, seitdem das Haus gebaut ist, dort liegt; ich hätte diesen Stein aufgehoben -- unter ihm muß es eine Vertiefung geben, -- und in diese Vertiefung hätte ich alle Sachen und das Geld hineingelegt. Dann hätte ich den Stein auf seinen alten Platz gerückt, die Erde ringsum mit dem Fuße ausgeglättet und wäre fortgegangen. Ja, und ich würde ein Jahr, zwei oder auch drei Jahre nichts angerührt haben, -- nun, sucht mal! Es war da und nun ist es weg.«

»Sie sind verrückt!« sagte Sametoff auch fast im Flüstertone und rückte plötzlich von Raskolnikoff weg.

Raskolnikoffs Augen funkelten; er war furchtbar bleich, seine Oberlippe zuckte und zitterte. Er beugte sich zu Sametoff noch näher hin und bewegte die Lippen, ohne etwas zu sagen; das währte eine halbe Minute; er wußte, was er tat, aber er konnte sich nicht mehr halten. Ein fürchterliches Wort, wie damals der Haken an der Türe, hüpfte auf seinen Lippen -- jeden Augenblick konnte es sich lösen, er brauchte es nur entschlüpfen zu lassen, nur auszusprechen!

»Wie, wenn ich die Alte und Lisaweta ermordet hätte?« sagte er plötzlich und -- kam zu sich. Sametoff blickte ihn wild an und wurde so weiß wie das Tischtuch. Sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.

»Wie wäre das möglich?« sagte er kaum hörbar.

Raskolnikoff blickte ihn zornig an.

»Gestehen Sie, daß Sie es glaubten? -- Ja? Nicht wahr?«

»Nein, nicht! Jetzt weniger als je!« sagte Sametoff hastig.

»Nun haben Sie sich verraten! Das Spätzlein ist erwischt! Also haben Sie es früher geglaubt, wenn Sie es >jetzt weniger als je< glauben?«

»Aber gar nicht!« rief Sametoff sichtlich betroffen. »Sie haben mich deshalb erschreckt, um mich dahin zu bringen?«

»Also Sie glaubten es nicht? Worüber aber sprachen Sie damals, als ich aus dem Bureau fortging? Und warum verhörte mich der Leutnant Pulver nach meiner Ohnmacht? Hör mal, du!« rief er dem Kellner zu, stand auf und nahm seine Mütze. »Was habe ich zu zahlen?«

»Dreißig Kopeken im ganzen!« antwortete der Kellner.

»Da hast du noch zwanzig Kopeken als Trinkgeld. Sehen Sie, wieviel Geld ich habe,« er streckte Sametoff seine zitternde Hand mit Papiergeld hin, -- »rote und blaue Scheine, fünfundzwanzig Rubel sind es. Woher habe ich es? Und woher stammt die neue Kleidung? Sie wissen doch, daß keine Kopeke da war! Sie haben doch sicher meine Wirtin ausgefragt ... Nun, genug! Assez causé!{[2]} Auf Wiedersehen ... auf angenehmes Wiedersehen! ...«

Er ging hinaus, am ganzen Körper von einer wilden, hysterischen Erregtheit zitternd, in die sich das Gefühl eines qualvollen Genusses mischte, -- sonst aber düster und todmüde. Sein Gesicht war verzerrt, wie nach einem Anfalle. Und seine Ermattung nahm rasch überhand. Seine Kräfte ließen sich spannen und zeigten sich beim ersten Anlaß, beim ersten Empfinden des Reizes und erschlafften ebenso schnell, in dem Maße, wie der Reiz nachließ.

Nachdem Sametoff allein geblieben war, saß er noch lange sinnend auf demselben Platz. Raskolnikoff hatte seine Gedanken in diesem Punkte zum Umschlagen gebracht, und eine neue Auffassung hatte sich in ihm endgültig befestigt.

»Ilja Petrowitsch ist ein Dummkopf!« sagte er endlich.

Kaum hatte Raskolnikoff die Türe zur Straße geöffnet, als er plötzlich auf der Außentreppe mit dem eintretenden Rasumichin zusammenstieß. Sie hatten beide einander nicht gesehen, so daß sie fast mit den Köpfen zusammenstießen. Eine Weile maßen sie sich mit den Blicken. Rasumichin war höchst erstaunt, aber plötzlich flammte der Zorn, ein wirklicher Zorn, drohend in seinen Augen auf.

»Also hier bist du!« schrie er aus vollem Halse. »Du bist dem Bette entsprungen! Und ich habe dich sogar unter dem Sofa gesucht! Wir sind auf dem Boden gewesen. Ich habe Nastasja deinetwegen beinahe verprügelt ... Und nun bist du hier! Rodjka! Was soll das bedeuten? Sag die Wahrheit! Gestehe! Hörst du?«

»Es bedeutet, daß ich euch alle ernstlich satt habe, und daß ich allein sein will,« antwortete Raskolnikoff ruhig.

»Allein sein? Wo du nicht mal gehen kannst, wo deine Fratze noch bleich wie Leinwand ist, und wo du den Atem verlierst! Dummkopf! ... Was hast du im Kristallpalast gesucht? Gestehe es sofort!«

»Laß mich!« sagte Raskolnikoff, und wollte an ihm vorbeigehen.

Das brachte Rasumichin ganz außer sich, er packte ihn fest an der Schulter.

»Laß mich? Du wagst zu sagen >Laß mich<? Weißt du auch, was ich mit dir gleich tun werde? Ich packe dich zu einem Bündel zusammen und bringe dich unterm Arm nach Hause und sperre dich ein!«

»Höre, Rasumichin,« begann Raskolnikoff leise und scheinbar völlig ruhig. »Siehst du denn nicht, daß ich deine Wohltaten nicht wünsche? Und was ist es für ein Vergnügen, denen Wohltaten zu erweisen, die ... darauf pfeifen? Denen, schließlich, die sie in allem Ernste am wenigsten vertragen? Nun, sage mir, warum hast du mich beim Beginn meiner Krankheit aufgesucht? Ich wäre vielleicht glücklich gewesen zu sterben! Nun, habe ich dir heute nicht genügend gezeigt, daß du mich quälst, daß ich deiner ... überdrüssig geworden bin? Was für ein Vergnügen hast du daran, Menschen zu quälen! Ich versichere dir, daß dies alles meine Genesung ernstlich hindert, weil es mich ununterbrochen reizt. Sossimoff ging doch vorhin fort, um mich nicht zu reizen. Laß du mich um Gotteswillen auch in Ruhe! Und was für ein Recht hast du schließlich, mich mit Gewalt zurückzuhalten? Ja, siehst du denn nicht, daß ich jetzt bei vollem Verstande bin? Wie, wie -- sage mir -- soll ich dich schließlich bitten, daß du mich in Ruhe läßt und mir keine Wohltaten mehr erweisest? Mag ich undankbar sein, mag ich gemein sein, aber um Gotteswillen laßt mich, laßt mich alle in Ruhe. Laßt mich in Ruhe!«

Er hatte ruhig begonnen und freute sich im voraus über das ganze Gift, das er sich auszuschütten anschickte, er schloß aber in Raserei und fast erstickend, wie vorhin bei Luschin.

Rasumichin stand eine Weile da, dachte nach und ließ seine Hand los.

»Scher dich zum Teufel!« sagte er leise und fast nachdenklich.

»Halt!« brüllte er plötzlich, als Raskolnikoff fortgehen wollte. »Höre mich an. Ich erkläre dir, daß ihr alle ohne Ausnahme Großmäuler und aufgeblasene Kerls seid! Wenn ihr ein kleines Leid habt, lauft ihr wie ein Huhn mit einem Ei herum! Auch in diesem Falle stehlt ihr von anderen. Keine Spur von Selbständigkeit steckt in euch! Ihr seid aus Spermacetsalbe gemacht und anstatt Blut habt ihr Quark in den Adern! Keinem von euch glaube ich! Das erste, die Hauptsache bei euch in allen Dingen ist -- nur nicht einem Menschen ähnlich sein! War--te!« rief er mit verstärkter Wut, als er merkte, daß Raskolnikoff sich anschickte wegzugehen. »Höre mich zu Ende! Du weißt, heute kommen Leute zu mir, um die neue Wohnung einzuweihen, vielleicht sind sie schon da, ich habe den Onkel dortgelassen, -- ich war soeben zu Hause, -- die Gäste zu empfangen. Also, wenn du kein Dummkopf, kein flacher Dummkopf, kein Esel wärest, keine Übersetzung aus fremden Sprachen ... siehst du, Rodja, ich gestehe, du bist ein kluger Bursche, aber ein Dummkopf, -- also, wenn du kein Dummkopf wärest, würdest du heute besser den Abend bei mir verbringen, als unnütz die Stiefel abzulaufen. Du bist nun einmal ausgegangen, da ist weiter nichts mehr daran zu machen! Ich würde dir einen weichen Sessel hereinbringen, meine Wirtsleute haben einen ... Tee würde es geben, Gesellschaft ... Und wenn du den Sessel nicht wünschst, -- lege ich dich auf die Chaiselongue hin, -- aber du würdest dann doch unter uns liegen ... Auch Sossimoff kommt. Kommst du?«

»Nein!«

»Du lügst!« rief Rasumichin ungeduldig aus. »Warum weißt du es? Du kannst für dich nicht bestimmen! Und übrigens du verstehst davon nichts. Ich habe mich tausendmal ebenso mit Menschen verkracht und bin wieder zurückgegangen ... man schämt sich -- und kehrt zu dem Menschen zurück. Also, erinnere dich, Haus Potschinkoff, dritter Stock ...«

»Auf diese Weise werden Sie, Herr Rasumichin, möglicherweise sich schlagen lassen, nur dem, der Sie schlägt, zu Gefallen?«

»Was? Schlagen! Schon für den Gedanken drehte ich dem die Nase ab. Haus Potschinkoff, Nr. 47, in der Wohnung des Beamten Babuschkin ...«

»Ich komme nicht, Rasumichin!« Raskolnikoff wandte sich um und ging fort.

»Ich wette, daß du kommst!« rief ihm Rasumichin nach. »Sonst bist du ... sonst bist du ... sonst will ich nichts mehr von dir wissen! Warte! Ist Sametoff hier?«

»Ja, er ist hier.«

»Hast du ihn gesehen?«

»Ich habe ihn gesehen.«

»Hast du mit ihm gesprochen?«

»Ich habe mit ihm gesprochen.«

»Worüber? Nun, hol dich der Teufel, meinetwegen brauchst du es nicht zu sagen. Haus Potschinkoff, 47, Babuschkins Wohnung, vergiß nicht!«

Raskolnikoff ging bis zur Ssadowaja und bog um die Ecke. Rasumichin blickte ihm sinnend nach. Endlich machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand und ging in das Haus hinein, aber auf der Mitte der Treppe blieb er stehen.

»Teufel noch einmal!« fuhr er fast laut fort. »Er spricht vernünftig, und doch scheint's ... Ich bin auch ein Dummkopf. Sprechen denn Verrückte nicht vernünftig? Und Sossimoff hatte, ich glaube, davor Angst!« Er tippte mit dem Finger an seine Stirn. »Wenn aber ... wie kann man ihn jetzt allein gehen lassen? Er kann sich ertränken ... Ach, daran habe ich nicht gedacht! Man darf ihn nicht allein lassen!« und er lief zurück, um Raskolnikoff einzuholen, aber der war verschwunden. Er spie aus und eilte in den Kristallpalast zurück, um etwas von Sametoff zu erfahren.

Raskolnikoff ging direkt auf die N.sche Brücke, blieb in der Mitte stehen, stützte beide Ellbogen auf das Geländer und begann in die Ferne zu schauen. Nachdem er von Rasumichin Abschied genommen hatte, war er so schwach geworden, daß er nur mit Mühe hierher gekommen war. Er wollte sich irgendwo hinsetzen oder hinlegen, und sei's auf die Straße. Über das Wasser gebeugt, blickte er mechanisch auf den letzten, rosigen Widerschein des Sonnenuntergangs, auf die Reihe Häuser, die in der hereinbrechenden Dämmerung dunkel hervortraten, auf das weit entfernte, kleine Fenster in irgendeiner Mansarde auf dem linken Quai, das wie im Flammenschein von dem letzten Sonnenstrahl getroffen, leuchtete; er blickte auf das dunkle Wasser des Kanals und schien dieses Wasser aufmerksam zu betrachten. Auf einmal zeigten sich vor seinen Augen rote Kreise, die Häuser drehten sich, die Vorübergehenden, die Ufer, Equipagen, -- alles drehte sich und tanzte. Er fuhr auf, vielleicht vor einem neuen Ohnmachtsanfall durch ein schauerliches, wildes und widerwärtiges Ereignis bewahrt. Er fühlte, wie jemand an seine rechte Seite trat; sah hin und bemerkte ein Weib, hochgewachsen, mit einem Tuche um den Kopf, mit einem gelben, länglichen, abgemagerten Gesichte und mit geröteten, eingefallenen Augen. Sie schaute auf ihn, aber offenbar sah sie ihn nicht und unterschied niemanden. Plötzlich stützte sie sich mit der rechten Hand auf das Geländer, hob das linke Bein und stürzte sich in den Kanal. Das schmutzige Wasser spritzte hoch auf, verschlang auf einen Moment sein Opfer, aber nach einer Minute tauchte noch einmal die Selbstmörderin auf, und die Strömung nahm sie mit fort. Ihr Kopf und ihre Füße waren im Wasser, mit dem Rücken lag sie nach oben, ihr Rock war übergeschlagen und wie ein Kissen vom Wasser aufgeblasen.

»Sie hat sich ertränkt! Sie hat sich ertränkt!« riefen ein Dutzend Stimmen; Menschen liefen zusammen, die beiden Ufer bedeckten sich mit Zuschauern, auf der Brücke, rings um Raskolnikoff, drängte sich das Volk, stieß ihn und preßte ihn von hinten.

»Leute, das ist ja unsere Afrosinja!« schrie unweit eine weinerliche Frauenstimme. »Leute, rettet sie! Gute, liebe Leute, zieht sie heraus!«

»Ein Boot! Ein Boot!« rief man in der Menge. Ein Boot war aber nicht mehr nötig; ein Schutzmann war die Stufen zu dem Kanal hinuntergelaufen, hatte seinen Mantel und seine Stiefel von sich geworfen und stürzte sich ins Wasser. Es war keine große Arbeit, -- die Unglückliche schwamm nur ein paar Schritte entfernt von der Treppe, er erfaßte mit der rechten Hand ihr Kleid und mit der linken gelang es ihm, die Stange, die ihm ein Kamerad entgegenhielt, zu ergreifen, und die Selbstmörderin wurde alsbald herausgezogen. Man legte sie auf die Granitfliesen der Treppe. Sie kam rasch zu sich, erhob sich, setzte sich hin, begann zu niesen und zu prusten und wischte mit den Händen mechanisch ihr nasses Kleid ab. Sie sprach nichts.

»Sie hat sich bis zur Bewußtlosigkeit vollgesoffen, Leute,« heulte dieselbe Frauenstimme, jetzt schon neben der Afrosinja. »Vor kurzem wollte sie sich hängen, wir haben sie aus der Schlinge gezogen. Ich ging eben in einen Laden, hatte ein kleines Mädchen dagelassen, um auf sie aufzupassen, -- und da ist das Unglück geschehen! Sie ist eine Kleinbürgerin, wohnt hier nebenan, im zweiten Hause von hier, dort ...«

Das Volk ging auseinander, die Schutzleute gaben sich noch mit der Lebensmüden ab, jemand rief etwas »vom Polizeibureau« ... Raskolnikoff sah allem mit einem seltsamen Gefühle von Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit zu. Ihm wurde übel.

»Nein, es ist abscheulich ... das Wasser ... es lohnt sich nicht, hier zu bleiben,« murmelte er vor sich hin. »Nichts wird hier geschehen,« fügte er hinzu. »Es lohnt sich nicht, zu warten. Wie wär's mit dem Polizeibureau ... Warum aber ist Sametoff nicht im Bureau? Das Bureau ist doch in der zehnten Stunde offen ...«

Er wandte dem Geländer den Rücken und blickte um sich.

»Nun, was ist dabei! Auch so gut!« sagte er entschlossen, ging über die Brücke und schlug die Richtung nach dem Polizeibureau ein. Sein Herz war leer und öde. Denken wollte er nicht. Auch seine schwermütige Stimmung war verschwunden, von der früheren Energie, als er seine Wohnung verließ, um allem ein Ende zu machen, war keine Spur mehr vorhanden. Eine völlige Apathie war an ihre Stelle getreten.

»Es gibt doch einen Ausweg!« dachte er, indem er langsam und träge längs des Kanalufers ging. »Ich werde ein Ende machen, weil ich will ... Ist es aber ein Ausweg? Ach, einerlei! Einen drei Ellen langen Raum wird es doch noch geben ... he! Aber was ist das für ein Ende! Und soll es wirklich das Ende sein? Werde ich es ihnen sagen oder nicht? Ah ... zum Teufel! Ich bin auch müde, könnte ich mich doch irgendwo bald hinlegen oder hinsetzen! Am meisten schäme ich mich, daß es so dumm ist. Aber auch darauf pfeife ich! Was für Dummheiten einem in den Sinn kommen ...«

Um in das Polizeibureau zu gelangen, mußte man geradeaus gehen und bei der zweiten Biegung links einschwenken, -- es war nur zwei Schritte entfernt. Als er die erste Biegung erreicht hatte, blieb er stehen, dachte nach, bog in eine Seitengasse ein und ging durch zwei Straßen auf einem Umwege dorthin, -- vielleicht ohne jedes Ziel, vielleicht aber um es noch eine Minute hinzuziehen und Zeit zu gewinnen. Er ging und sah zur Erde. Plötzlich schien ihm jemand etwas ins Ohr geflüstert zu haben. Er erhob den Kopf und sah, daß er an dem Hause, direkt am Toreingange stehe. Seit jenem Abend war er hier nicht mehr gewesen und auch nicht vorübergegangen.

Ein unbezähmbares und unerklärliches Verlangen zog ihn. Er ging in das Haus hinein, durchschritt das Tor, bog in den ersten Eingang rechts ein und begann die bekannte Treppe in das vierte Stockwerk hinaufzusteigen. Es war sehr dunkel auf der engen und steilen Treppe. Er blieb auf jedem Absatz stehen und sah sich neugierig um. Auf dem Absatze des ersten Stockes war ein Fensterrahmen herausgenommen. »Das war damals nicht gewesen,« dachte er. Da ist auch die Wohnung im zweiten Stock, wo Nikolai und Dmitri gearbeitet haben. »Sie ist verschlossen. Und die Türe ist neu bemalt, also wird sie vermietet sein.«

»Und da ist auch der dritte Stock ... und der vierte ...

Hier war es!«

Ein Zweifel packte ihn. Die Türe zu dieser Wohnung war sperrweit geöffnet, es waren Menschen drin, man hörte Stimmen. Dies hatte er keineswegs erwartet. -- Nachdem er eine Weile unschlüssig dagestanden hatte, stieg er die letzten Stufen hinauf und trat in die Wohnung ein.

Sie wurde auch neu hergerichtet; es waren Arbeiter da, dies schien ihn zu verwundern. Er glaubte aus irgendeinem Grunde alles ebenso anzutreffen, wie er es damals verlassen hatte, vielleicht sogar die Leichen an denselben Stellen auf der Diele. Jetzt aber fand er kahle Wände, keine Möbel, -- es war so eigentümlich! Er ging zum Fenster und setzte sich auf das Fensterbrett.

Es waren nur zwei Arbeiter da, beide junge Burschen, der eine schien bedeutend jünger zu sein als der andere. Sie beklebten die Wände mit neuen Tapeten, weiß mit lila Blümchen, an Stelle der früheren gelben, die zerrissen und schmutzig waren. Raskolnikoff gefiel dies ganz und gar nicht; er blickte diese neuen Tapeten feindselig an, als täte es ihm leid, daß man alles so verändert habe.

Die Arbeiter schienen sich verspätet zu haben. Sie rollten schnell das Papier zusammen und schickten sich an, nach Hause zu gehen. Raskolnikoffs Erscheinen hatten sie fast nicht beachtet. Sie unterhielten sich und Raskolnikoff kreuzte die Arme und begann zuzuhören.

»Sie kam also am Morgen zu mir,« sagte der ältere, »ganz früh schon, schön geputzt. Warum hast du dich denn so fein gemacht -- sagte ich -- warum hast du dich denn so geputzt?« »Ich will -- sagt sie -- nun völlig zu Ihren Diensten stehn.« »Siehst du, so war es. Und wie fein geputzt sie war, -- wie aus einem Journal, wie aus einem Mode-Journal!«

»Was ist ein Journal, Onkelchen?« fragte der jüngere. Er schien offenbar bei dem »Onkelchen« in die Schule zu gehen.

»Ein Journal ist, ja weißt du, solche bemalte Bilder, und sie kommen jeden Sonnabend per Post aus dem Auslande hierher, zu den hiesigen Schneidern, damit man weiß, wie sich jeder -- ein Mann oder eine Frau, -- kleiden soll. So eine Zeichnung also. Die Männer werden meistens in langen Röcken gemalt und für die Frauen gibt es feine Sachen, daß man Mund und Augen aufsperren muß.«

»Was man nicht alles in diesem Petersburg hat!« rief der jüngere begeistert aus. »Außer Vater und Mutter kann man doch alles haben.«

»Ja, außer diesen gibt es hier alles,« sagte in belehrendem Tone der Ältere.

Raskolnikoff stand auf und ging in das andere Zimmer, wo früher die Truhe, das Bett und die Kommode der Alten gestanden hatten; das Zimmer erschien ihm ohne Möbel furchtbar klein. Die Tapeten waren dieselben; in der Ecke konnte man deutlich an der Tapete sehen, wo der Heiligenschrank mit den Heiligenbildern gestanden hatte. Er blickte sich um und kehrte zu seinem früheren Platz am Fenster zurück. Der ältere Arbeiter blickte ihn von der Seite an.

»Was wünschen Sie?« fragte er, sich plötzlich an ihn wendend.

Anstatt zu antworten, stand Raskolnikoff auf, ging in das Vorzimmer, ergriff die Klingel und zog daran. Dieselbe Klingel, derselbe blecherne Ton! Er zog zum zweiten und zum dritten Male; er lauschte und entsann sich. Das frühere, qualvoll schreckliche, abscheuliche Gefühl begann immer deutlicher und lebendiger in seiner Erinnerung aufzuwachen, er zuckte bei jedem Tone zusammen, ihm wurde dabei immer wohler und wohler.

»Was willst du denn? Wer bist du?« rief der Arbeiter, indem er zu ihm hinausging. Raskolnikoff war wieder durch die Türe eingetreten.

»Ich will die Wohnung mieten,« sagte er, »und sehe sie mir an.«

»In der Nacht mietet man keine Wohnung, und außerdem müssen Sie mit dem Hausknecht kommen.«

»Ist die Diele gewaschen, wird man sie streichen?« fuhr Raskolnikoff fort. »Blut ist nicht da?«

»Was für Blut?«

»Man hat doch die Alte und ihre Schwester ermordet. Hier war eine ganze Pfütze.«

»Ja, was bist du für ein Mensch?« rief der Arbeiter unruhig.

»Ich?«

»Ja.«

»Möchtest du es wissen? ... Komm in das Polizeibureau, dort will ich es dir sagen.«

Die Arbeiter sahen ihn starr an.

»Wir müssen fortgehen, haben uns verspätet. Komm, Aljoschka. Wir müssen nun abschließen,« sagte der ältere Arbeiter.

»So wollen wir gehen!« antwortete Raskolnikoff gleichgültig, ging zuerst hinaus und stieg langsam die Treppe hinab. »He, Hausknecht!« rief er, als er im Tore war. Einige Menschen standen am Eingange von der Straße und sahen sich die Vorübergehenden an; es waren die beiden Hausknechte, ein Weib, ein Kleinbürger im Schlafrocke und noch jemand. Raskolnikoff ging auf sie zu.

»Was wünschen Sie?« sagte der eine Hausknecht.

»Bist du im Polizeibureau gewesen?«

»Ich war soeben dort. Was wünschen Sie?«

»Sind die Beamten dort?«

»Ja, sie sind da.«

»Ist auch der Gehilfe des Aufsehers da?«

»Er war da. Was wünschen Sie?«

Raskolnikoff antwortete nicht und blieb neben ihm, in Nachdenken versunken, stehen.

»Er kam sich die Wohnung anzusehen,« sagte der herantretende ältere Arbeiter.

»Welche Wohnung?«

»Wo wir arbeiten. >Warum ist das Blut abgewaschen<, fragte er. >Hier ist doch ein Mord geschehen und ich möchte nun die Wohnung mieten.< Und an der Klingel hat er gerissen, beinahe hätte er sie abgerissen. Wir wollen, sagt er, auf das Polizeibureau gehen, dort will ich alles erklären. Wir konnten gar nicht von ihm loskommen.«

Der Hausknecht betrachtete mißtrauisch und finster Raskolnikoff.

»Wer sind Sie eigentlich?« rief er barsch.

»Ich heiße Rodion Romanytsch Raskolnikoff, bin ehemaliger Student, und wohne im Hause Schill, hier in der Seitengasse, nicht weit von hier, in Wohnung Nr. 14. Frage den Hausknecht ... er kennt mich.«

Raskolnikoff sagte dies träge und nachdenklich, ohne sich umzuwenden, und blickte dabei stier auf die dunkel gewordene Straße.

»Ja, warum sind Sie in die Wohnung gegangen?«

»Um sie zu sehen.«

»Was ist dort zu sehen?«

»Nehmt ihn doch und bringt ihn auf das Polizeibureau!« warf der Kleinbürger ein und verstummte wieder.

Raskolnikoff blickte ihn über die Schulter aufmerksam an und sagte ebenso leise und träge:

»Wollen wir hingehen.«

»Bringt ihn doch hin!« wiederholte der Kleinbürger, der wieder Mut gefaßt hatte. »Warum hat er danach gefragt, was hat er im Sinn?«

»Betrunken scheint er nicht zu sein, weiß Gott, was er ist,« murmelte der Arbeiter.

»Ja, was wollen Sie denn?« rief von neuem der Hausknecht, der ernstlich böse wurde. »Was suchst du hier?«

»Dir ist Angst, mit aufs Polizeibureau zu gehen!« sagte Raskolnikoff höhnisch.

»Mir Angst? Was suchst du hier?«

»Spitzbube!« rief das Weib.

»Was ist da viel zu reden,« rief der andere Hausknecht, ein sehr großer Bauer, in einem offenen langen Mantel und mit Schlüsseln am Gürtel. »Pack dich! ... Ist wahrhaftig ein Spitzbube ... Pack dich!«

Und er nahm Raskolnikoff an der Schulter und stieß ihn auf die Straße.

Dieser wäre beinahe gefallen, fing sich jedoch noch, reckte sich, sah schweigend alle Zuschauer an und ging weiter.

»Närrischer Mensch,« sagte der Arbeiter.

»Närrische Leute gibt es heutzutage viele,« meinte das Weib.

»Besser wäre es doch, ihn aufs Polizeibureau zu bringen,« fügte der Kleinbürger hinzu.

»Es lohnt sich nicht, mit so einem anzubinden,« sagte der große Hausknecht. »Man sieht doch, daß er ein Spitzbube ist! Er will es ja selbst, und wenn man ihm den Willen tut, wird man ihn nicht los ... Wir kennen das.«

»Also soll ich hingehen oder nicht?« dachte Raskolnikoff, indem er mitten auf der Straße an einer Kreuzung stehen blieb und sich umsah, als erwarte er von jemand das entscheidende Wort. Aber von keiner Seite kam es; alles war still und tot, wie die Steine, über die er ging, für ihn war alles tot, für ihn allein ... Da, zweihundert Schritt vor ihm, unterschied er am Ende der Straße in der Dunkelheit eine Menschenmenge, hörte Stimmen, Geschrei ... Mitten im Gewühl stand eine Equipage ... Ein Licht schimmerte in der Straße. »Was ist da geschehen?« Raskolnikoff wandte sich nach rechts und ging auf die Menge zu. Er schien sich an alles anzuklammern, und lächelte kalt, als er es inne ward, denn er war schon fest entschlossen, auf das Polizeibureau zu gehen und glaubte sicher, daß alles sogleich ein Ende haben würde.

VII.

Mitten in der Straße stand eine elegante herrschaftliche Equipage mit zwei feurigen grauen Pferden. In der Equipage saß niemand, der Kutscher war vom Bock gestiegen und stand daneben; die Pferde hielt man am Zügel. Ringsherum drängten sich die Menschen, ganz vorne standen Polizisten. Einer von ihnen hielt eine kleine brennende Laterne in der Hand, mit der er, sich bückend, etwas auf der Straße dicht bei den Rädern der Equipage beleuchtete. Alle redeten, schrien und stießen Ah!-Rufe aus; der Kutscher schien bestürzt zu sein und rief mehrmals:

»Welch ein Unglück! Herrgott, welch ein Unglück!«

Raskolnikoff drängte sich nach Möglichkeit nach vorne und erblickte endlich die Ursache dieses Zusammenlaufs und der Neugierde. Auf dem Boden lag ein von den Pferden getretener Mann, ohne Besinnung, anscheinend schlecht gekleidet, ganz mit Blut bedeckt. Das Blut floß ihm vom Gesicht und Kopf; sein Gesicht war vollkommen zerschlagen, zerrissen und verstümmelt. Man sah, daß er schwer verwundet war.

»Liebe Leute!« klagte der Kutscher. »Habe ich Schuld daran? Ja, wenn ich die Pferde gejagt oder ihm nicht zugerufen hätte, ich fuhr aber langsam, gleichmäßig. Alle haben es gesehen und können es bezeugen ... Ich sah ihn, wie er über die Straße ging, hin und her wankte, beinahe hinfiel, -- ich rief ihm einmal zu, noch einmal und zum drittenmal, hielt die Pferde zurück, aber er fiel direkt unter ihre Hufe! Hat er es absichtlich getan oder war er zu stark angetrunken ... Die Pferde sind jung und ängstlich, -- sie zogen an und wurden wild, als er aufschrie ... und das Unglück war geschehen.«

»Es ist so, wie er sagt!« rief ein Augenzeuge.

»Er hat ihm zugerufen, das ist wahr, dreimal hat er gerufen,« sagte eine andere Stimme.

»Genau dreimal hat er gerufen, wir haben es alle gehört,« rief ein dritter.

Der Kutscher war übrigens nicht allzu sehr niedergeschlagen und erschrocken. Man konnte sehen, daß die Equipage einem reichen und angesehenen Herrn gehöre, der irgendwo abgeholt werden sollte; die Polizisten gaben sich deshalb nicht Mühe, diesen letzten Umstand zu berücksichtigen. Den Überfahrenen wollte man auf das Polizeibureau und ins Krankenhaus schaffen. Niemand kannte ja seinen Namen.

Unterdessen hatte sich Raskolnikoff nach vorn gedrängt und beugte sich über ihn. Plötzlich beleuchtete die Laterne hell das Gesicht des Unglücklichen, -- er erkannte ihn.

»Ich kenne ihn, kenne ihn!« rief er aus und drängte sich ganz nach vorne. »Es ist ein verabschiedeter Beamter, Titularrat Marmeladoff! Er wohnt hier, nebenan, im Hause Kosel ... Holt schnell einen Arzt! Ich will bezahlen, hier ist Geld!«

Er zog aus der Tasche sein Geld hervor und zeigte es einem Schutzmann. Er war in merkwürdiger Aufregung.

Die Polizeibeamten waren sehr zufrieden, daß sie erfahren hatten, wer der Überfahrene sei. Raskolnikoff nannte auch seinen Namen, gab seine Wohnung an und bat inständig, als gelte es seinem leiblichen Vater, den besinnungslosen Marmeladoff schnell in dessen Wohnung zu schaffen.

»Er wohnt hier, drei Häuser weit,« sagte er, »im Hause Kosel, eines reichen Deutschen ... Er ging wahrscheinlich betrunken nach Hause. -- Ich kenne ihn ... Er ist ein Trinker ... Er hat Familie, Frau und Kinder und noch eine Tochter. Ihn ins Krankenhaus zu schleppen, dauert zu lange, hier im Hause aber ist sicher ein Arzt. Ich bezahle, bezahle alles! ... Er wird doch Pflege bei den Seinigen finden, man wird ihm sofort helfen, auf dem Wege zum Krankenhause aber kann er sterben ...« Er hatte sogar Zeit gefunden, etwas dem Schutzmanne unbemerkt in die Hand zu drücken; übrigens war die Sachlage gesetzlich klar und jedenfalls war Hilfe hier näher. Man hob den Verunglückten auf und trug ihn; es fanden sich bereitwillige Hände. Das Haus Kosel war nur dreißig Schritte entfernt. Raskolnikoff ging hinterher, stützte vorsichtig den Kopf des Verletzten und wies den Weg. »Hierher, hierher! Die Treppe hinauf muß man ihn mit dem Kopfe voran tragen; dreht euch um ... so ist's gut! Ich will's bezahlen, ich will's euch danken!« murmelte er.

Katerina Iwanowna spazierte, wie immer, wenn sie einen freien Augenblick hatte, in ihrem kleinen Zimmer auf und ab, vom Fenster bis zum Ofen und zurück, wobei sie die Hände über der kranken Brust gekreuzt hatte und mit sich selbst redete. In der letzten Zeit hatte sie angefangen, öfter und mehr mit dem älteren Mädchen, der zehnjährigen Poljenka, zu sprechen, die vieles noch nicht begriff, dafür aber sehr gut verstanden hatte, daß die Mutter sie brauchte, und die darum ihr stets mit ihren großen, klugen Augen folgte und sich mit aller Kraft den Anschein gab, als verstehe sie alles. Jetzt zog Poljenka gerade ihren kleinen Bruder aus, der sich den ganzen Tag nicht wohl gefühlt hatte, um ihn schlafen zu legen. Der Knabe wartete darauf, daß man ihm das Hemdchen wechselte, das in der Nacht noch gewaschen werden mußte, und saß auf einem Stuhl schweigend, mit ernstem Gesichte, kerzengerade und unbeweglich, mit nach vorn gestreckten Füßen. Er horchte auf das, was die Mutter mit der Schwester sprach, mit offenem Munde, seine kleinen Augen schauten starr, er rührte sich nicht, alles so, wie gewöhnlich brave Kinder dasitzen müssen, wenn sie ausgekleidet werden, um schlafen zu gehen. Das jüngste Mädchen, in Lumpen gehüllt, stand bei dem Bettschirm und wartete, bis sie an die Reihe kam. Die Türe nach der Treppe zu war offen, wegen der Tabakswolken, die aus den anderen Zimmern hereindrangen und die die arme Schwindsüchtige alle Augenblicke zwangen, lange und qualvoll zu husten. Katerina Iwanowna schien in diesen acht Tagen noch magerer geworden zu sein, und die roten Flecken auf ihren Wangen brannten noch greller als früher.

»Du kannst nicht glauben, du kannst es dir nicht vorstellen, Poljenka,« sagte sie, indem sie auf und ab ging, »wie lustig und prachtvoll wir im Hause meines Papas lebten, und wie dieser Trinker mich zugrunde gerichtet hat und euch alle zugrunde richten wird! Mein Papa war Oberst im Zivildienst und beinahe schon Gouverneur; er war ganz nahe daran, so daß alle zu ihm kamen und sagten: >Wir sehen Sie, Iwan Michailytsch, schon als unseren Gouverneur an.< Als ich ... khe! ... als ich ... khe ... khe--khe ... oh, verfluchtes Leben!« rief sie aus, als sie ausgehustet hatte, und griff nach der Brust. »Als ich ... ach, auf dem letzten Balle ... bei dem Adelsmarschall ... mich die Fürstin Bessemeljanja erblickte, -- die mir späterhin den Segen gab, als ich deinen Papa heiratete, Polja, -- frug sie mich sofort: >Sind Sie nicht das liebe Mädchen, das mit dem Shawl beim Schlußexamen getanzt hatte?< ... (Das Loch muß man zunähen, nimm eine Nadel und stopfe es sofort, sonst ... khe ... khe ... zerreißt es ... khe--khe--khe ... mor--gen noch mehr! rief sie fast erstickend aus.) ... Damals war aus Petersburg soeben der Kammerjunker Fürst Tschegolski angekommen ... er tanzte mit mir Mazurka und wollte am anderen Tage kommen, mir einen Antrag zu machen, aber ich dankte ihm in der schmeichelhaftesten Weise und sagte, daß mein Herz längst einem anderen gehöre. Dieser andere war dein Vater, Polja. Mein Papa war furchtbar böse ... Ist das Wasser fertig? Nun, gib das Hemd ... wo sind die Strümpfe? ... Lida,« wandte sie sich an die jüngste Tochter, »schlaf diese Nacht einmal ohne Hemd ... und lege die Strümpfe nebenan hin ... Ich will gleich mitwaschen ... Warum kommt der Lump nicht, der Trinker! Er trägt sein Hemd schon lange, es ist wie ein schmutziger Lappen, hat es auch zerrissen ... Ich würde es jetzt waschen, um mich nicht zwei Nächte nacheinander zu quälen! Herr Gott! Khe--khe--khe--khe! Schon wieder! Was ist das?« rief sie aus, als sie die Menge auf der Treppe erblickte, und ein paar Männer, die etwas in ihr Zimmer hineintrugen. »Was ist das? Was bringen sie da? Oh, Gott!«

»Wo soll man ihn hinlegen?« fragte ein Schutzmann und sah sich um, nachdem man den blutbedeckten und besinnungslosen Marmeladoff in das Zimmer hineingebracht hatte.

»Auf das Sofa! Legen Sie ihn auf das Sofa, mit dem Kopfe hierher!« zeigte Raskolnikoff.

»Er ist überfahren worden, auf der Straße! Er war betrunken!« rief jemand von der Treppe aus.

Katerina Iwanowna stand bleich und atmete schwer. Die Kinder waren erschrocken. Die kleine Lida schrie auf, stürzte zu Poljenka hin, umfaßte sie und erzitterte am ganzen Körper.

Nachdem Marmeladoff gebettet war, eilte Raskolnikoff zu Katerina Iwanowna hin.

»Beruhigen Sie sich, um Gotteswillen, erschrecken Sie nicht!« sagte er hastig. »Er ging über die Straße, eine Equipage hat ihn überfahren, beruhigen Sie sich, er wird zu sich kommen, ich habe angeordnet, daß man ihn hierher bringe ... ich war schon bei Ihnen, erinnern Sie sich ... Er wird zu sich kommen, ich will bezahlen!«

»So weit hat er's gebracht!« schrie Katerina Iwanowna verzweifelt auf und stürzte zu ihrem Manne.

Raskolnikoff merkte bald, daß diese Frau keine von denen war, die sofort in Ohnmacht fallen. Im Nu ward unter den Kopf des Unglücklichen ein Kissen geschoben, an das niemand gedacht hatte; Katerina Iwanowna begann ihn zu entkleiden, besah ihn, war die ganze Zeit um ihn und verlor nicht die Fassung; sie hatte ihr eigenes Leid vergessen, biß die zitternden Lippen zusammen und unterdrückte den Schrei, der sich ihrer Brust entringen wollte.

Raskolnikoff hatte indessen jemand veranlaßt, einen Arzt zu holen. Wie es sich zeigte, wohnte im Nebenhause ein Arzt.

»Ich habe nach einem Arzt geschickt,« sagte er zu Katerina Iwanowna, »beunruhigen Sie sich nicht, ich will bezahlen. Haben Sie Wasser? ... Geben Sie mir auch eine Serviette oder ein Handtuch, irgend etwas, schnell; man kann noch nicht sehen, wie stark er verletzt ist ... Er ist nur verletzt und nicht tot, seien Sie überzeugt. -- Wir wollen sehen, was der Arzt sagt!«

Katerina Iwanowna rannte zum Fenster; dort stand in der Ecke auf einem durchgesessenen Stuhl eine große tönerne Schüssel mit Wasser, zum Waschen der Kinderwäsche und der Wäsche des Mannes. Diese nächtliche Wäsche vollzog Katerina Iwanowna selbst, wenigstens zweimal in der Woche, zuweilen auch öfters, denn sie waren so heruntergekommen, daß sie fast gar keine Wäsche zum Wechseln besaßen und daß jedes Mitglied der Familie nur hatte, was es auf dem Leibe trug; Katerina Iwanowna aber konnte Unreinlichkeit nicht vertragen und lieber quälte sie sich in der Nacht und über ihre Kraft, um bis zum Morgen die nasse Wäsche trocknen und ihnen reine Wäsche geben zu können, als Schmutz im Hause zu dulden. Sie ergriff die Schüssel, um sie Raskolnikoff hinzubringen, wäre aber fast damit hingefallen. Raskolnikoff hatte schon ein Handtuch gefunden, angefeuchtet und begann das mit Blut bedeckte Gesicht Marmeladoffs abzuwaschen. Katerina Iwanowna stand neben ihm, atmete schwer und hielt die Hände auf die Brust gepreßt. Sie brauchte selbst Hilfe. Raskolnikoff fing an, zu begreifen, daß er vielleicht töricht daran getan hatte, den Überfahrenen hierher schaffen zu lassen. Der Schutzmann stand noch unschlüssig da.

»Polja!« rief Katerina Iwanowna, »laufe zu Ssonja, schnell. Wenn du sie nicht zu Hause triffst, sag, sag dort jedenfalls, daß Vater überfahren sei und daß sie sofort herkommen soll ... wenn sie nach Hause kommt. Schnell, Polja! Da hast du ein Tuch, bedecke dich!«

»Lauf, was du kannst!« rief plötzlich der Kleine von seinem Stuhle, dann fiel er wieder in sein früheres Schweigen zurück und saß auf dem Stuhle kerzengerade, mit starren Augen und mit vorgestreckten Füßchen.

Indessen füllte sich das Zimmer so an, daß man sich kaum rühren konnte. Die Polizeibeamten waren, außer einem, fortgegangen, der blieb eine Weile da und bemühte sich, die Zuschauer, die von der Treppe hereingedrungen waren, wieder hinauszutreiben. Aus den anderen Zimmern dagegen waren fast alle Mieter der Frau Lippewechsel erschienen, zuerst drängten sie sich nur an der Türe, dann aber überfluteten sie in einem Haufen das ganze Zimmer. Katerina Iwanowna geriet in Zorn.

»Laßt ihn doch wenigstens ruhig sterben!« schrie sie die Menge an. »Meint ihr, hier wird eine Vorstellung gegeben? Mit Zigaretten im Munde kommen sie her! Khe--khe--khe! Setzt doch noch die Hüte auf den Kopf! ... Da ist ja auch einer im Hute ... Hinaus mit euch! Habt doch wenigstens vor einem Sterbenden Achtung!«

Der Husten erstickte sie fast, aber ihr Appell half. Man hatte offenbar vor Katerina Iwanowna Respekt; die Mieter zogen sich, einer nach dem anderen, zurück zu der Türe, mit dem eigentümlichen Gefühle der Befriedigung, das sich stets, sogar bei den Allernächsten, bemerklich macht, wenn einen ihrer Nebenmenschen ein Unglück trifft. Von diesem Gefühle ist kein Mensch, ohne jede Ausnahme, frei, mag er noch so aufrichtiges Mitleid und Teilnahme hegen.

Hinter der Türe wurden Stimmen laut, die vom Krankenhaus sprachen und meinten, es gehöre sich nicht, hier unnütze Aufregung hervorzurufen.

»Es gehört sich nicht, zu sterben!« rief Katerina Iwanowna und stürzte zur Türe hin, um sie zu öffnen und ihrem Zorne Luft zu machen, aber bei der Türe stieß sie mit Frau Lippewechsel zusammen, die soeben von dem Unglücke vernommen hatte und gelaufen kam, um Ordnung zu schaffen. Sie war eine außerordentlich alberne und fahrige Deutsche.

»Ach mein Gott!« schlug sie die Hände zusammen. »Ihr Mann ist betrunken unter die Pferde geraten. Er muß ins Krankenhaus! Ich bin die Wirtin!«

»Amalie Ludwigowna! Ich bitte Sie, sich zu überlegen, was Sie sagen,« begann Katerina Iwanowna hochmütig (mit der Wirtin sprach sie stets im hochmütigen Tone, damit die »ihre Stellung nicht vergesse,« und konnte sich auch jetzt dieses Vergnügen nicht versagen), »Amalie Ludwigowna ...«

»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß Sie mich nicht Amalie Ludwigowna nennen sollen, ich heiße Amalie Iwanowna.«

»Sie heißen nicht Amalie Iwanowna, sondern Amalie Ludwigowna, und da ich nicht zu den schuftigen Schmeichlern gehöre, wie Herr Lebesjätnikoff, der jetzt hinter der Türe lacht« (hinter der Türe hörte man wirklich Lachen und den Ruf: »Sie sind sich in die Haare gefahren!«), »so werde ich Sie stets Amalie Ludwigowna nennen, obgleich ich gar nicht verstehen kann, warum Ihnen dieser Name nicht gefällt. Sie sehen selbst, was mit Ssemjon Sacharowitsch ist, -- er stirbt. Ich bitte Sie, diese Türe sofort abzuschließen und niemanden hereinzulassen. Lassen Sie ihn wenigstens ruhig sterben! Sonst, versichere ich Sie, wird über Ihre Handlungsweise noch morgen der Generalgouverneur selbst erfahren. Der Fürst kannte mich, als ich noch ein junges Mädchen war, und erinnert sich sehr gut Ssemjon Sacharowitschs, dem er viele Male geholfen hat. Es ist allen bekannt, daß Ssemjon Sacharowitsch viele Freunde und Gönner hatte, von denen er sich selbst in edlem Stolz zurückgezogen hatte, weil er sich seiner unglücklichen Schwäche bewußt war, jetzt aber (sie zeigte auf Raskolnikoff) hilft uns ein großmütiger junger Mann, der Mittel und Verbindungen besitzt, und den Ssemjon Sacharowitsch noch als Kind gekannt hat, und seien Sie versichert, Amalie Ludwigowna ...«

Dies alles wurde mit außerordentlicher Schnelligkeit hervorgestoßen, und je länger desto schneller; aber der Husten unterbrach mit einem Male die Rede von Katerina Iwanowna. In diesem Augenblicke kam der Sterbende zu sich und stöhnte auf, und sie lief zu ihm hin. Er öffnete die Augen, und ohne jemand zu erkennen und etwas zu verstehen, begann er den über ihn gebeugten Raskolnikoff zu betrachten. Er atmete schwer, tief und mit großen Pausen: auf den Lippen zeigte sich Blut; der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Da er Raskolnikoff nicht erkannt hatte, begann er unruhig die Augen hin und her zu wenden. Katerina Iwanowna blickte ihn voll Traurigkeit, aber streng an; aus ihren Augen quollen Tränen.

»Mein Gott! Seine ganze Brust ist zerquetscht! Sehen Sie, wieviel Blut!« sagte sie voll Verzweiflung.

»Man muß ihn ausziehen! Dreh dich etwas um, Ssemjon Sacharowitsch, wenn du kannst,« rief sie ihm zu.

Marmeladoff erkannte sie.

»Einen Priester!« sagte er mit heiserer Stimme. Katerina Iwanowna ging zum Fenster, lehnte die Stirn an den Fensterrahmen und rief verzweifelt aus:

»Oh, dreimal verfluchtes Leben!«

»Priester!« sagte nach einer Weile von neuem der Sterbende.

»Man holt ihn schon!« schrie ihn Katerina Iwanowna an; da schwieg er.

Mit schüchternem, traurigem Blicke suchte er sie; sie war wieder zu ihm zurückgekehrt und stellte sich an seinem Kopfe hin. Er beunruhigte sich ein wenig, aber es dauerte nicht lange. Seine Augen blieben bald an der kleinen Lidotschka (seinem Liebling) in der Ecke haften, die wie im Fieber zitterte und ihn mit erstaunten, weit aufgerissenen Augen ansah.

»Ach ... ach ...« zeigte er voll Unruhe auf sie. Er wollte etwas sagen.

»Was ist denn?« rief Katerina Iwanowna.

»Barfuß. Barfuß!« murmelte er und zeigte mit einem irren Blick auf die nackten Füßchen des Kindes.

»Schweig!« rief gereizt Katerina Iwanowna. »Du weißt selbst, warum sie barfuß ist.«

»Gott sei Dank, da ist der Arzt!« rief erfreut Raskolnikoff.

Der Arzt, ein sorgfältig gekleideter, alter Mann, ein Deutscher, trat ein und blickte mißtrauisch um sich; er trat zu dem Verunglückten heran, fühlte seinen Puls, betastete aufmerksam den Kopf, öffnete das mit Blut völlig durchtränkte Hemd und machte die Brust frei. Die Brust war ganz zerquetscht, eingedrückt und zerrissen, einige Rippen auf der rechten Seite waren gebrochen. Auf der linken Seite, ganz am Herzen, war ein schrecklicher, großer, gelblich schwarzer Fleck, ein furchtbarer Hufschlag. Des Arztes Blick wurde trüb. Der Schutzmann erzählte ihm, daß der Verunglückte von einem Rade erfaßt und etwa dreißig Schritte auf der Straße geschleift worden sei.

»Merkwürdig, daß er noch zu sich gekommen ist,« flüsterte der Arzt leise Raskolnikoff zu.

»Was meinen Sie?« fragte der.

»Er wird gleich sterben.«

»Gibt es gar keine Hoffnung?«

»Nicht die geringste. Er liegt in den letzten Zügen ... Außerdem ist der Kopf sehr gefährlich verletzt ... Hm. Vielleicht könnte man ihn noch zu Ader lassen ... aber ... es ist nutzlos. Nach fünf oder zehn Minuten stirbt er unbedingt.«

»Lassen Sie ihn doch zu Ader!«

»Gut ... Ich sage aber im voraus, es ist völlig nutzlos.«

In diesem Augenblicke ertönten Schritte, die Menge auf der Treppe machte Platz und auf der Schwelle erschien der Priester, ein alter Mann, mit den Sakramenten. Ihn hatte ein Schutzmann sofort nach dem Unglück geholt. Der Arzt trat ihm sofort seinen Platz ab und wechselte mit ihm einen bedeutungsvollen Blick. Raskolnikoff bat den Arzt, noch eine Weile zu bleiben. Der zuckte die Achseln und blieb.

Alle traten zurück. Die Beichte dauerte nicht lange. Der Sterbende schien kaum etwas zu verstehen; er konnte bloß abgerissene, unklare Laute hervorbringen. Katerina Iwanowna hatte Lidotschka an die Hand genommen, den Knaben vom Stuhle heruntergeholt, war mit ihnen in eine Ecke am Ofen gegangen, auf die Knie gesunken, die Kinder vor sich. Das kleine Mädchen zitterte; der Knabe aber lag auf seinen nackten Knien ernst da, erhob sein Händchen, schlug ein großes Kreuz und beugte sich zum Boden nieder, wobei er mit der Stirne anstieß, was ihm anscheinend Vergnügen machte. Katerina Iwanowna biß sich auf die Lippen und hielt die Tränen zurück; sie betete auch; ab und zu zog sie dem Knaben das Hemdchen zurecht, und warf über die nackten Schultern des Mädchens ein Tuch, das sie von der Kommode nahm, ohne sich zu erheben und weiter betend. Indessen wurde die Türe zu den anderen Zimmern wieder von Neugierigen geöffnet. Im Treppenflure drängten sich immer mehr und mehr Zuschauer, Mieter vom ganzen Hause, aber ohne die Schwelle des Zimmers zu überschreiten. Ein Lichtstümpfchen beleuchtete die ganze Szene.

In diesem Augenblicke drängte sich durch die Menge auf dem Flure Poljenka, die gelaufen war, die Schwester zu holen. Sie kam atemlos vom schnellen Laufen, nahm ihr Tuch ab, suchte mit den Augen die Mutter, trat an sie heran und sagte: »Sie kommt! Ich habe sie auf der Straße getroffen!« Die Mutter zog sie neben sich auf die Knie. Durch die Menge drängte sich leise und schüchtern ein junges Mädchen, und ihre Erscheinung in diesem Zimmer, mitten in dieser Armut, Lumpen, Tod und Verzweiflung war grotesk. Sie war auch in Lumpen; ihre Kleidung war von billiger Sorte, aber straßenmäßig geschmückt, mit Geschick und Verständnis für ihren besonderen Zweck und diesen Zweck in peinlich aufdringlicher Weise unterstreichend. Ssonja blieb im Flure neben der Schwelle stehen, trat nicht in das Zimmer und blickte wie verloren vor sich hin; sie schien ganz fassungslos, schien vergessen zu haben, daß sie ein seidenes, farbiges, aus vierter Hand gekauftes und hier unpassendes Kleid anhatte, mit einer langen und lächerlichen Schleppe und einer ungeheuren Krinoline, die die ganze Türe einnahm, auch daß sie helle Stiefel und einen Sonnenschirm trug, den sie doch in der Nacht nicht brauchte, und einen lächerlichen runden Strohhut mit einer grell feuerroten Feder aufhatte. Unter diesem keck aufgesetzten Hute blickte ein mageres, bleiches und erschrockenes Gesichtchen hervor, mit geöffnetem Munde und vor Schreck unbeweglichen Augen. Ssonja war klein von Wuchs, etwa achtzehn Jahre alt, mager, aber eine hübsche Blondine mit wundervollen blauen Augen. Sie blickte starr auf das Sofa und auf den Priester und atmete schwer vom schnellen Gehen. Wahrscheinlich hatte sie das Flüstern und einige Worte unter der Menge vernommen. Sie senkte den Kopf, tat einen Schritt über die Schwelle und blieb im Zimmer stehen, wieder aber ganz an der Türe.

Die Beichte und das Abendmahl waren beendet. Katerina Iwanowna ging wieder an das Lager ihres Mannes. Der Priester trat zurück und wandte sich beim Weggehen an Katerina Iwanowna, um ihr ein paar Worte zum Trost und als Beileid zu sagen.

»Wo soll ich denn mit diesen hin?« unterbrach sie ihn scharf und gereizt und zeigte auf die Kleinen.

»Gott ist gnädig. Vertrauen Sie auf die Hilfe des Allmächtigen,« begann der Priester.

»Ja--a! Er ist gnädig, aber nicht für uns!«

»So etwas zu sagen ist eine Sünde, meine Dame,« bemerkte der Priester und schüttelte den Kopf.

»Und ist das keine Sünde?« rief Katerina Iwanowna aus und wies auf den Sterbenden.

»Vielleicht werden die, welche die unwillkürliche Ursache waren, bereit sein, es Ihnen zu entgelten, wenigstens hinsichtlich des verlorenen Verdienstes ...«

»Sie verstehen mich nicht!« rief gereizt Katerina Iwanowna und winkte mit der Hand ab. »Ja, wofür sollen sie mich entgelten? Er ist ja selbst betrunken unter den Wagen geraten? Was für ein Verdienst? Wir hatten von ihm keinen Verdienst, sondern nur Qual. Er vertrank doch alles! Er bestahl uns und schleppte es in die Schenke, das Leben der Kinder und meines hat er in der Schenke verpraßt. Und Gott sei Dank, daß er stirbt! Weniger Ausgaben bedeutet es!«

»Sie sollten lieber in der Todesstunde verzeihen. Solche Gefühle zu haben, ist eine große Sünde!« Katerina Iwanowna war um den Sterbenden bemüht, sie reichte ihm zu trinken, trocknete den Schweiß und das Blut von seinem Kopfe, machte die Kissen zurecht und während der Arbeit unterhielt sie sich mit dem Priester, wobei sie sich nur selten zu ihm wandte. Jetzt aber stürzte sie sich fast rasend auf ihn.

»Ach, Väterchen! Das sind nur Worte und weiter nichts! Verzeihung! Sehen Sie, wenn er nicht überfahren wäre, wäre er heute betrunken nach Hause gekommen, -- er hat nur ein Hemd, ganz schmutzig und zerrissen, -- er hätte sich schlafen gelegt, ich aber hätte bis zum frühen Morgen im Wasser geplantscht, seine Lumpen und die Kinderwäsche gewaschen, hätte es vor dem Fenster getrocknet, und wenn der Morgen gekommen wäre, hätte ich mich hingesetzt und die Sachen ausgebessert, -- sehen Sie, das wäre meine Nachtruhe gewesen! ... Also, was ist da vom Verzeihen zu reden! Ich habe auch so verziehen!«

Ein hohler, schrecklicher Husten unterbrach sie. Sie hustete, spie in ein Taschentuch, hielt die eine Hand vor Schmerz an die Brust und zeigte mit der anderen dem Priester das Taschentuch. Das Taschentuch war voll Blut ...

Der Priester senkte den Kopf und schwieg.

Marmeladoff lag in den letzten Zügen; er wandte von Katerina Iwanowna, die sich wieder über ihn gebeugt hatte, seine Augen nicht ab. Er wollte ihr immer etwas sagen, er begann auch, bewegte voll Anstrengung die Zunge und sprach die Worte unklar aus, aber Katerina Iwanowna, die verstanden hatte, daß er sie um Verzeihung bitten möchte, rief ihm sofort in befehlendem Tone zu:

»Schweig ... schweig! Ist nicht nötig! ... Ich weiß, was du sagen willst! ...«

Und der Sterbende verstummte, aber in diesem Augenblicke fiel sein irrender Blick auf die Türe, und er erblickte Ssonja.

Vorher hatte er sie nicht bemerkt, -- sie stand im Schatten in der Ecke.

»Wer ist das? Wer ist das?« sagte er plötzlich mit heiserer, erstickender Stimme, ganz aufgeregt und zeigte voll Schrecken mit den Augen auf die Türe, wo seine Tochter stand, und versuchte sich zu erheben.

»Bleib liegen!« rief Katerina Iwanowna. Ihm war es mit unnatürlicher Anstrengung gelungen, sich auf seine Hand zu stützen. Er sah wild und unbeweglich eine Weile die Tochter an, als ob er sie nicht erkenne. Er hatte sie auch noch nie in diesem Aufzuge gesehen. Plötzlich erkannte er sie, die gedemütigte, völlig niedergeschlagene, geputzte und sich schämende, die demütig wartete, bis an sie die Reihe kam, vom sterbenden Vater Abschied zu nehmen. Ein grenzenloses Leid zeigte sich auf seinem Gesichte.

»Ssonja! Tochter! Verzeih!« rief er und wollte nach ihr die Hand ausstrecken, aber er verlor das Gleichgewicht und stürzte vom Sofa mit dem Gesichte zu Boden. Man lief hin, um ihn aufzuheben und legte ihn auf das Sofa hin, aber er war schon im Sterben. Ssonja schrie schwach auf, lief hin, umarmte ihn und blieb bewegungslos stehen. Er starb in ihren Armen.

»Er hat's erreicht!« rief Katerina Iwanowna, als sie ihren Mann tot sah. »Aber was soll ich jetzt tun! Womit soll ich ihn beerdigen? Und womit soll ich diese hier füttern?«

Raskolnikoff trat zu Katerina Iwanowna.

»Katerina Iwanowna,« begann er. »Ihr verstorbener Gatte erzählte mir in der vorigen Woche sein ganzes Leben und alle seine Verhältnisse ... Seien Sie versichert, daß er von Ihnen mit Wärme und Achtung sprach. Seit diesem Abend, als ich erfuhr, wie er an Ihnen hing und wie er Sie, Katerina Iwanowna, besonders hochschätzte und liebte, trotz seiner unglücklichen Schwäche, seit diesem Abend waren wir Freunde ... Erlauben Sie mir jetzt also ... Ihnen behilflich zu sein ... meinem verstorbenen Freunde die letzte Ehre erweisen zu können. Sehen Sie, hier habe ich ... zwanzig Rubel, glaube ich ... und wenn dies Ihnen eine Hilfe sein kann, so ... ich ... will mit einem Worte wiederkommen, ... ich komme unbedingt ... ich komme unbedingt ... ich komme vielleicht schon morgen zu Ihnen ... Leben Sie wohl!«

Und er ging schnell aus dem Zimmer und drängte sich durch die Menge, da aber stieß er plötzlich mit Nikodim Fomitsch, dem Polizeikommissar, zusammen, der von dem Unglück gehört hatte und persönlich Anordnungen treffen wollte. Seit dem Auftritt im Polizeibureau hatten sie einander nicht gesehen, aber Nikodim Fomitsch erkannte ihn sofort.

»Ah, Sie sind hier?« fragte er.

»Er ist gestorben,« antwortete Raskolnikoff. »Ein Arzt war dagewesen, auch ein Priester war da, alles ist in Ordnung. Regen Sie die arme Frau nicht auf, sie hat ohnedem die Schwindsucht. Flößen Sie ihr Mut ein, so gut Sie können ... Sie sind ja ein guter Mensch, ich weiß es ...« fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu und blickte ihm in die Augen.

»Wie Sie sich mit Blut befleckt haben,« bemerkte Nikodim Fomitsch, als er beim Lichte der Laterne einige frische Flecken auf der Weste Raskolnikoffs erblickte.

»Ja, ich habe mich bespritzt ... ich bin mit Blut bedeckt!« sagte Raskolnikoff mit einem eigentümlichen Ausdruck, lächelte, nickte ihm zu und ging die Treppe hinab. Er stieg langsam hinab, ohne sich zu beeilen, tief ergriffen, voll von einem einzigen, neuen, unermeßlichen Gefühl, das als volle und mächtige Lebenswelle über ihn gekommen war. Ein Gefühl, das dem eines zu Tode Verurteilten gleichen mochte, dem man unerwartet die Begnadigung mitgeteilt hatte. Auf der Treppe überholte ihn der Priester, der nach Hause ging; Raskolnikoff ließ ihn schweigend an sich vorübergehen und wechselte mit ihm einen stummen Gruß. Als er aber die letzten Stufen hinabschritt, hörte er eilige Schritte hinter sich. Jemand wollte ihn einholen. Es war Poljenka, sie lief ihm nach und rief: »Hören Sie, hören Sie doch!«

Sie kam die letzte Treppe herab und blieb eine Stufe über ihm stehen. Ein schwaches Licht drang vom Hofe herein. Raskolnikoff schaute in das magere, aber liebe Gesichtchen des kleinen Mädchens, das ihm zulächelte und ihn fröhlich, nach Kinderart, ansah. Sie war mit einem Auftrage gekommen, der ihr selbst sehr zu gefallen schien.

»Sagen Sie mir, wie heißen Sie denn? ... und noch ... wo wohnen Sie denn?« fragte sie ihn hastig mit erstickendem Stimmchen.

Er legte beide Hände auf ihre Schultern und blickte sie glücklich an. Es war ihm wohltuend, sie anzusehen, -- er wußte selbst nicht warum.

»Wer hat dich zu mir geschickt?«

»Schwesterchen Ssonja hat mich geschickt,« antwortete das kleine Mädchen und lächelte noch freundlicher.

»Ich wußte, daß Schwesterchen Ssonja dich geschickt hat.«

»Mama hat mich auch geschickt. Als Schwesterchen Ssonja mich schickte, kam Mama auch und sagte: Ja, lauf schnell, Poljenka!«

»Liebst du Schwesterchen Ssonja?«

»Ich liebe sie mehr als alle anderen!« sagte Poljenka mit besonderer Festigkeit, und ihr Gesicht wurde plötzlich ernst.

»Wirst du mich auch lieben können?«

Anstatt einer Antwort näherte sich ihm das Gesichtchen des Kindes, und die kleinen Lippen streckten sich ihm zum Kuß entgegen. Ihre Ärmchen, streichhölzchendünn, umschlangen ihn kräftig, ihr Kopf senkte sich auf seine Schulter, und das kleine Mädchen fing leise an zu weinen und preßte sich immer fester und fester mit dem Gesicht an ihn.

»Papa tut mir so leid!« sagte sie nach einer Weile, hob ihr verweintes Gesichtchen in die Höhe und wischte sich mit den Händen die Tränen ab. »Wir haben immer Unglück,« fügte sie unerwartet hinzu und mit jenem besonders wichtigen Ausdruck, den Kinder annehmen, wenn sie wie Erwachsene sprechen wollen.

»Papa hat dich auch geliebt?«

»Er hat Lidotschka mehr als uns alle geliebt,« fuhr sie mit dem gleichen Ernste fort, »er liebte sie, weil sie klein und krank ist, und er brachte ihr immer etwas mit, uns aber lehrte er das Lesen, und mich Grammatik und Religion,« fügte sie mit Stolz hinzu, »Mama sagte nichts dazu, aber wir wußten doch, daß sie das gern hatte, und Papa wußte es auch. Mama will mich Französisch lehren, es ist Zeit, daß ich eine Erziehung erhalte.«

»Kannst du auch beten?«

»Oh, gewiß können wir es. Schon lange, ich bete, seitdem ich groß bin, allein für mich, Kolja und Lidotschka beten laut mit Mama; zuerst sagen sie das Gebet an die Gottesmutter und dann noch ein Gebet, >lieber Gott, verzeihe und segne Schwesterchen Ssonja,< und dann >lieber Gott, verzeihe und segne unsern andern Papa,< denn unser älterer Papa ist schon gestorben, dieser war unser zweiter Papa, doch wir beten auch für ihn.«

»Poletschka, ich heiße Rodion; bete auch für mich einmal, -- >für den Gottesknecht Rodion< -- und mehr nicht.«

»Ich werde mein ganzes künftiges Leben für Sie beten,« sagte eifrig das kleine Mädchen, lachte wieder heiter und umarmte ihn von neuem. Raskolnikoff nannte ihr seinen Namen, gab ihr seine Adresse und versprach, morgen unbedingt zu ihr zu kommen. Das kleine Mädchen ging völlig entzückt von ihm. Es war die elfte Stunde, als er auf die Straße hinaustrat. Nach fünf Minuten stand er auf der Brücke, genau an derselben Stelle, wo vorhin die Frau sich ins Wasser gestürzt hatte.

»Genug!« sagte er entschlossen und feierlich, »fort mit den Traumgebilden, fort mit den eingebildeten Schrecken, fort mit den Gespenstern! ... Es gibt noch ein Leben! Habe ich eben nicht gelebt? Mein Leben ist noch nicht mit der alten Witwe gestorben! Möge ihr das Himmelreich beschieden sein und, -- und genug, Mütterchen, es ist Zeit für dich zu ruhen! Das Reich der Vernunft und des Lichtes ist jetzt gekommen! ... und ... und des Willens ... und der Kraft ... und nun wollen wir sehen! Wir wollen unsere Kräfte messen« fügte er herausfordernd hinzu, als wende er sich an eine dunkle Macht und fordere sie zum Kampfe auf. »Und ich war schon bereit, mich auf den ellenlangen Raum einzurichten!«

»... Sehr schwach fühle ich mich in diesem Augenblicke, aber ... es scheint, die Krankheit ist vorüber. Ich wußte, daß sie vergehen wird, als ich vor kurzem wegging. Wie ist mir denn -- ist nicht das Haus Potschinkoff kaum zwei Schritte von hier. Jetzt gehe ich zu Rasumichin, wenn es auch nicht nur zwei Schritte wären ... mag er die Wette gewinnen! ... mag er auch sein Vergnügen haben, -- tut nichts, mag er es haben! Kraft, Kraft ist nötig, -- ohne Kraft kann man nichts überwinden, und die Kraft muß wieder durch Kraft erworben werden, aber davon haben sie keine Ahnung,« fügte er stolz und selbstbewußt hinzu, und konnte kaum seine Füße noch heben. Der Stolz und das Selbstvertrauen wuchsen mit jeder Minute in ihm; im nächsten Augenblicke war er schon ein anderer Mensch als in dem vorhergehenden. Was war mit ihm Besonderes vorgegangen, das ihn so verwandelt hatte? Er wußte es selbst nicht; ihm war es wie einem Menschen, der nach einem Strohhalm greift, um sich zu retten; und es war ihm, als ob es noch Leben gab für ihn, als ob sein Leben mit der Alten nicht gestorben sei. Vielleicht war er zu eilig mit der Schlußfolgerung, aber daran dachte er nicht.

»Den Gottesknecht Rodion soll sie im Gebet nennen,« durchfuhr es ihn, »und das ist ... für alle Fälle!« fügte er hinzu, und mußte selber über den Einfall lachen.

Er befand sich in ausgezeichneter Stimmung.

Rasumichin fand er mit Leichtigkeit; im Hause Potschinkoff kannte man schon den neuen Mieter, und der Hausknecht zeigte ihm sogleich den Weg. Auf der halben Treppe konnte man den Lärm und die lebhaften Stimmen einer großen Gesellschaft vernehmen. Die Türe zur Treppe war sperrangelweit auf; man hörte, wie geschrien und gestritten wurde. Rasumichins Zimmer war ziemlich groß, und es waren etwa fünfzehn Menschen bei ihm. Raskolnikoff blieb im Flure stehen. Hier, hinter einer Rollwand, waren zwei Mädchen der Wirtsleute mit zwei großen Samowars beschäftigt, hier standen Flaschen, Teller und Schüsseln mit Pasteten und Imbiß, die aus der Küche der Wirtsleute hierher geschafft worden waren. Raskolnikoff ließ Rasumichin herausholen. Der kam freudig überrascht herausgelaufen. Man merkte beim ersten Blick, daß er ungewöhnlich viel getrunken hatte, und obwohl Rasumichin sich nie betrunken hatte, konnte man es ihm dieses Mal doch anmerken.

»Höre,« beeilte sich Raskolnikoff zu sagen, »ich bin nur hergekommen, um dir zu sagen, daß du die Wette gewonnen hast, und daß tatsächlich niemand wissen kann, was alles mit ihm geschieht. Hineingehen kann ich nicht, -- ich fühle mich zu schwach, so daß ich fürchten muß, hinzufallen. Und darum sage ich dir gleich >Guten Abend< und >Lebewohl<! Komm du morgen zu mir ...«

»Weißt du was, ich begleite dich nach Hause! Wenn du schon selbst sagst, daß du dich schwach fühlst, da ...«

»Und deine Gäste? Wer ist dieser mit dem lockigen Haar, der soeben herausguckte?«

»Der? Weiß der Teufel, wer er ist! Wahrscheinlich ein Bekannter meines Onkels, vielleicht ist er auch ohne Aufforderung hergekommen ... Ich lasse den Onkel bei den Gästen; er ist ein prächtiger Mensch. Schade, daß du ihn jetzt nicht kennenlernst. Im übrigen, hol sie alle der Teufel! Jetzt haben sie keine Zeit, an mich zu denken, und ich muß frische Luft schöpfen; du bist mir sehr gelegen gekommen. Noch zwei Minuten und ich hätte mich mit ihnen geprügelt, bei Gott! Sie lügen so das dümmste Zeug zusammen ... Du kannst dir nicht vorstellen, wie groß der Mensch im Lügen ist! Na, warum sollst du es dir nicht vorstellen können? Wir lügen doch selbst? Ja, mögen sie auch jetzt lügen, dafür werden sie später nicht mehr lügen ... Warte einen Augenblick, ich sage es noch Sossimoff ...«

Sossimoff eilte hastig auf Raskolnikoff zu; man merkte in ihm eine besondere Neugierde, jedoch sein Gesicht hellte sich sofort auf.

»Gleich ins Bett,« sagte er, nachdem er nach Möglichkeit den Kranken untersucht hatte, »und zur Nacht nehmen Sie noch ein Pülverchen. Wollen Sie es nicht? Ich habe schon vorher für Sie ... ein Pülverchen bereitet.«

»Meinetwegen nehme ich auch zwei Pulver,« antwortete Raskolnikoff.

Und das Pulver wurde sofort eingenommen.

»Es ist sehr gut, daß du ihn begleitest,« sagte Sossimoff zu Rasumichin, »wie es morgen sein wird, werden wir sehen, heute ist es nicht übel mit ihm, -- eine bedeutende Verbesserung seit kurzem. Man lernt sein ganzes Leben ...«

»Weißt du, was Sossimoff mir soeben zuflüsterte, als wir fortgingen,« platzte Rasumichin heraus, als sie auf die Straße traten. »Ich will dir, Bruder, nicht alles so direkt sagen, denn sie sind Dummköpfe. Sossimoff bat mich, den ganzen Weg mit dir zu schwatzen und dich selbst zum Schwatzen zu veranlassen, um ihm dann alles nachher zu erzählen, denn er hat eine Idee ... nämlich daß du ... verrückt seist, oder nahe daran bist. Stell' dir das vor! Erstens bist du dreimal klüger als er, zweitens, wenn du nicht verrückt bist, pfeifst du darauf, daß er so dummes Zeug im Kopfe hat, und drittens, dieses Stück Fleisch, trotz seiner Spezialität für Chirurgie, ist jetzt auf Geisteskrankheiten versessen, und in bezug auf dich hat ihn dein heutiges Gespräch mit Sametoff endgültig darauf gebracht.«

»Hat dir Sametoff alles erzählt?«

»Ja, alles, und es ist sehr gut, daß er es erzählt hat. Jetzt habe ich alles, auch was drum und dran hängt, begriffen, und Sametoff hat auch begriffen ... Nun ja, mit einem Worte, Rodja ... die Sache ist die ... Ich bin jetzt ein bißchen betrunken ... Aber das tut nichts ... die Sache ist die, daß dieser Gedanke ... verstehst du? ... in der Tat ihnen hin und wieder kam ... verstehst du? Das heißt, niemand wagte es laut auszusprechen, denn es ist das dümmste Zeug, und besonders, nachdem man diesen Anstreicher verhaftet hatte, zerfiel alles in nichts und verschwand auf immer. Aber warum sind sie solche Dummköpfe? Ich hatte damals Sametoff ein wenig verprügelt, -- das soll unter uns bleiben, Bruder; bitte, laß dir auch nicht das geringste merken, daß du es weißt, ich habe bemerkt, daß er empfindlich ist, es geschah bei Louisa, -- heute, heute wurde alles klar. Hauptsächlich dieser Ilja Petrowitsch! Er benutzte damals deine Ohnmacht im Polizeibureau, später schämte er sich selber dessen, ich weiß es ...«

Raskolnikoff hörte aufmerksam zu. Rasumichin plapperte in seiner Trunkenheit alles aus.

»Ich fiel damals darum in Ohnmacht, weil so schlechte Luft war und weil die Ölfarbe so widerlich roch,« sagte Raskolnikoff.

»Du willst noch erklären! Nicht die Ölfarbe war es allein, die Krankheit bereitete sich schon einen ganzen Monat vor, -- Sossimoff ist doch Zeuge! Aber wie niedergeschlagen jetzt dieser Junge -- Sametoff -- ist, du kannst dir es nicht vorstellen! -- >Ich bin den kleinen Finger dieses Menschen nicht mal wert<, sagt er. Das heißt deinen kleinen Finger. Er hat zuweilen schöne Gefühle, Bruder. Aber die Lehre, die heutige Lehre im Kristallpalast -- das ist der Hauptcoup! Du hast ihn zuerst erschreckt und fast zum Wahnsinn gebracht! Du hast ihn fast gezwungen, wieder an diesen ganzen scheußlichen Unsinn zu glauben und dann plötzlich zeigtest du ihm die Zunge, -- als würdest du sagen, -- na, da hast du es jetzt, glaubst du nun? Es war köstlich! Er ist jetzt zermalmt, zerknirscht! Du bist ein Meister, bei Gott, so muß man mit ihnen umspringen! Schade, daß ich nicht dabei war! Er erwartete dich jetzt sehnlichst bei mir. Porphyri will dich auch kennenlernen ...«

»Ah ... auch der ... Und warum halten sie mich für verrückt?«

»Das heißt nicht für verrückt. Ich habe, scheint mir, da zuviel gesagt ... Siehst du, es setzte ihn in Erstaunen, daß dich diese Sache interessiert; wo er alle Umstände kennt ... und er sah, wie es dich gereizt hatte und wie es mit deiner Krankheit zusammenfiel ... Ich bin ein wenig betrunken, Bruder, aber weiß der Teufel, er hat so seine eigene Idee ... Ich sage dir, -- er ist jetzt auf Geisteskrankheiten versessen. Pfeif' ihm darauf ...«

Beide schwiegen eine Weile.

»Höre, Rasumichin,« begann Raskolnikoff, »ich will dir offen gestehen; ich war soeben bei einem Sterbenden, Beamter ist er gewesen ... dort habe ich mein ganzes Geld hergegeben ... außerdem hat mich soeben ein Wesen geküßt, das auch, wenn ich wirklich jemand ermordet hätte, ebenso ... mit einem Worte, ich habe dort noch ein anderes Wesen gesehen ... mit einer feuerroten Feder ... übrigens, aber ich phantasiere ... ich bin sehr schwach, stütze mich ... gleich sind wir bei der Treppe ...«

»Was ist mit dir? Was ist mit dir?« fragte Rasumichin ängstlich.

»Mir schwindelt ein wenig der Kopf, aber das ist es nicht, mir ist so traurig, so traurig ... wie jener Frau ... es ist wahr! Sieh, was ist das? Sieh! Sieh!«

»Was denn?«

»Siehst du denn nicht? Siehst du nicht, in meinem Zimmer ist Licht! Durch die Ritze ...«

Sie standen schon auf dem letzten Treppenabsatz, neben der Türe zu der Wirtin Wohnung; man konnte wirklich von unten aus sehen, daß Raskolnikoffs Kammer erleuchtet war.

»Sonderbar! Es ist vielleicht Nastasja,« bemerkte Rasumichin.

»Sie ist niemals um diese Zeit bei mir, und außerdem schläft sie schon längst, doch ... mir ist es einerlei. Lebe wohl!«

»Was ist dir? Ich begleite dich doch, wir gehen beide hinein!«

»Ich weiß, daß wir zusammen hineingehen werden, aber ich will hier deine Hand drücken und hier von dir Abschied nehmen. Da, gib mir die Hand, lebwohl!«

»Was ist dir, Rodja?«

»Nichts ... komm, wir gehen ... du wirst Zeuge sein ...«

Sie begannen die Treppe hinaufzusteigen, und Rasumichin durchzuckte der Gedanke, daß Sossimoff doch vielleicht recht habe. »Ach! Ich habe ihn mit meinem Geschwätz verwirrt!« murmelte er vor sich hin. Als sie an die Türe kamen, hörten sie Stimmen im Zimmer.

»Was ist da los?« rief Rasumichin aus.

Raskolnikoff ergriff zuerst die Türklinke und öffnete die Türe weit und blieb wie versteinert auf der Schwelle stehen.

Seine Mutter und Schwester saßen auf dem Sofa und warteten auf ihn schon seit anderthalb Stunden. Sie hatte er am allerwenigsten erwartet und noch weniger an sie gedacht, trotzdem ihm heute noch einmal die Mitteilung geworden war, daß sie abgereist, unterwegs wären und jeden Augenblick ankommen könnten. Sie hatten die anderthalb Stunden, einander unterbrechend, Nastasja ausgefragt, die auch jetzt noch vor ihnen stand und ihnen schon alles erzählt hatte, und waren vor Schreck fast gelähmt, als sie hörten, daß er »heute weggelaufen sei,« krank, wie er war, und sicher nicht bei vollem Bewußtsein, wie man aus der Erzählung entnehmen konnte! »Mein Gott, was wird mit ihm geschehen sein!« Sie weinten beide, und beide hatten in diesen anderthalb Stunden Folterqualen erlitten.

Ein freudiger, entzückter Schrei begrüßte Raskolnikoffs Erscheinen. Beide stürzten auf ihn zu. Er aber stand wie leblos da; eine unerträgliche Empfindung hatte ihn wie ein Blitz getroffen. Seine Hände erhoben sich nicht, um sie zu umarmen, -- sie konnten sich nicht erheben. Die Mutter und Schwester erdrückten ihn in ihrer Umarmung, küßten ihn, lachten und weinten ... Er tat einen Schritt, schwankte und stürzte ohnmächtig zu Boden.

Aufregung, erschreckte Ausrufe, Gestöhn ... Rasumichin, der auf der Schwelle stand, flog ins Zimmer herein, packte den Kranken mit seinen kräftigen Armen, und jener lag im Nu auf dem Sofa.

»Hat nichts zu sagen! Tut nichts!« rief er Mutter und Schwester zu, »das ist eine Ohnmacht, das ist nichts! Soeben hat noch der Arzt gesagt, daß es ihm bedeutend besser gehe, daß er vollkommen gesund sei! Wasser her! Sehen Sie, er kommt schon zu sich, er ist bei Bewußtsein!«

Er ergriff die Hand Dunetschkas so stark, daß er sie beinahe verrenkte, und zog sie näher, damit sie sich überzeuge, daß »er schon bei Bewußtsein sei«. Mutter und Schwester blickten Rasumichin wie die Vorsehung, mit Rührung und Dankbarkeit an; sie hatten schon von Nastasja gehört, was dieser »eifrige junge Mann,« wie ihn am selben Abend Pulcheria Alexandrowna Raskolnikowa selbst in einem intimen Gespräche mit Dunetschka genannt hatte, für ihren Rodja gewesen war.

Dritter Teil

I.

Raskolnikoff erhob sich und setzte sich auf das Sofa. Er winkte mit der Hand schwach Rasumichin ab, damit er dem Strome seiner eifrigen Trostspendung an Mutter und Schwester ein Ende mache, nahm beider Hände und blickte etwa zwei Minuten schweigend bald die eine, bald die andere an. Die Mutter erschrak vor seinem Blick. In diesem Blicke lag ein bis zur Qual gesteigertes Gefühl, aber gleichzeitig etwas Starres, fast Irrsinniges. Pulcheria Alexandrowna begann zu weinen.

Awdotja Romanowna war bleich, ihre Hand zitterte in der des Bruders.

»Geht nach Hause ... mit ihm,« sagte er mit stockender Stimme und wies auf Rasumichin, »bis morgen; morgen wird alles ... Seid ihr schon lange angekommen?«

»Heute abend, Rodja,« antwortete Pulcheria Alexandrowna, »der Zug hat sich schrecklich verspätet. Rodja, ich will aber jetzt um keinen Preis der Welt von dir gehen! Ich schlafe hier neben dir ...«

»Quält mich nicht!« sagte er und machte eine gereizte Bewegung mit der Hand.

»Ich bleibe bei ihm!« rief Rasumichin. »Ich will ihn keinen einzigen Augenblick verlassen, und hol der Teufel alle meine Gäste, mögen sie außer sich sein! Mein Onkel mag dort repräsentieren.«

»Wie, wie soll ich Ihnen danken!« begann Pulcheria Alexandrowna und drückte von neuem Rasumichin die Hand, aber Raskolnikoff unterbrach sie.

»Ich kann nicht, kann nicht,« wiederholte er gereizt, »quält mich nicht! Genug, geht weg ... Ich kann nicht! ...«

»Gehen wir, Mama, gehen wir wenigstens auf einen Augenblick aus dem Zimmer heraus,« flüsterte die erschrockene Dunja, »wir martern ihn, man sieht's doch.«

»Soll ich denn gar nicht bei ihm sein, nach drei Jahren langer Trennung!« weinte Pulcheria Alexandrowna.

»Wartet!« hielt Raskolnikoff sie zurück, »ihr unterbrecht mich immer, und meine Gedanken verwischen sich ... Habt ihr Luschin gesehen?«

»Nein, Rodja, aber er weiß schon, daß wir angekommen sind. Wir haben gehört, Rodja, daß Peter Petrowitsch so gut war und dich heute besucht hat,« fügte ein wenig schüchtern Pulcheria Alexandrowna hinzu.

»Ja ... er war so gut ... Dunja, ich habe vorher Luschin gesagt, daß ich ihn die Treppe hinunterwerfen werde und habe ihn zum Teufel gejagt ...«

»Rodja, was ist dir! Du hast sicher ... du willst doch nicht sagen,« begann Pulcheria Alexandrowna erschreckt, hielt aber vor einem Blick Dunjas inne.

Awdotja Romanowna sah den Bruder aufmerksam an und wartete auf das, was er weiter sagen würde. Beide waren schon von dem Streite durch Nastasja benachrichtigt, so weit sie es selber begriffen hatte und mitteilen konnte, und hatten unter der Ungewißheit und Erwartung gelitten.

»Dunja,« fuhr Raskolnikoff mit Mühe fort, »ich wünsche diese Heirat nicht, und darum mußt du morgen noch Luschin absagen, damit er völlig verschwinde.«

»Mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna aus.

»Bruder, überlege, was du sprichst!« begann Awdotja Romanowna erregt, aber hielt sofort an sich. »Du bist vielleicht jetzt nicht imstande, du bist müde,« fügte sie sanft hinzu.

»Gar im Fieber? Nein ... Du heiratest Luschin um meinetwillen. Ich aber nehme das Opfer nicht an. Und darum schreibe morgen den Brief ... mit der Absage ... Gib ihn mir morgen früh zu lesen, und Schluß damit!«

»Ich kann es nicht tun!« rief das gekränkte Mädchen aus. »Mit welchem Recht ...«

»Dunetschka, du bist zu hitzig, hör auf, morgen ... Siehst du denn nicht ...« suchte die erschrockene Mutter zu beruhigen. »Ach, gehen wir besser fort!«

»Er redet im Fieber!« rief der berauschte Rasumichin. »Sonst würde er das nicht sagen! Morgen ist dieser ganze Unsinn verschwunden ... Heute hat er ihn wohl hinausgejagt. Das ist wahr. Nun, und jener wurde böse ... Er hat hier schöne Reden gehalten, seine Kenntnisse ausgekramt und ging dann mit eingezogenem Schwanz weg ...«

»Also, es ist wahr?« rief Pulcheria Alexandrowna aus.

»Bis auf morgen, Bruder!« sagte Dunja mitleidsvoll. »Gehen wir, Mama ... Leb wohl, Rodja!«

»Hörst du, Schwester,« rief er ihnen mit letzten Kräften nach, »ich phantasiere nicht; diese Heirat ist eine Schuftigkeit. Mag ich ein Schuft sein, du aber darfst nicht ... einer von beiden ... und wenn ich auch ein Schuft bin, aber so eine Schwester will ich nicht als Schwester anerkennen. Entweder ich oder Luschin! Geht ...«

»Du bist verrückt geworden! Despot!« brüllte Rasumichin, aber Raskolnikoff antwortete nicht mehr, vielleicht hatte er auch nicht mehr die Kraft, zu antworten.

Er hatte sich auf das Sofa gelegt und sich in völliger Ermattung der Wand zugekehrt. Awdotja Romanowna blickte Rasumichin voll Interesse an; ihre schwarzen Augen funkelten, -- Rasumichin zuckte unter diesem Blicke zusammen. Pulcheria Alexandrowna stand, wie vom Donner gerührt, da.

»Ich kann nicht weggehen!« flüsterte sie fast verzweifelt Rasumichin zu, »ich bleibe hier, irgendwo ... begleiten Sie Dunja.«

»Und Sie werden die ganze Sache verderben!« flüsterte Rasumichin außer sich. »Gehen wir wenigstens auf die Treppe hinaus. Nastasja, leuchte uns! Ich schwöre Ihnen,« fuhr er im Flüstertone fort, als sie schon auf der Treppe waren, »daß er vorhin beinahe mich und den Arzt verprügelt hätte! Verstehen Sie! Selbst den Arzt! Und der gab nach, um ihn nicht zu reizen und ging fort, ich aber blieb unten, um auf ihn aufzupassen, er hatte sich aber inzwischen angekleidet und entschlüpfte mir. Er wird uns auch jetzt entschlüpfen, wenn Sie ihn reizen werden, und es ist Nacht, und er kann sich etwas antun ...«

»Ach, was sagen Sie?«

»Und Awdotja Romanowna kann auch nicht ohne Sie allein in diesen möblierten Zimmern bleiben! Denken Sie nach, wo Sie abgestiegen sind! Dieser Schuft Peter Petrowitsch konnte Ihnen doch eine bessere Wohnung ... Übrigens, wissen Sie, ich bin ein wenig betrunken und habe darum ... ihn geschimpft; beachten Sie es nicht ...«

»Ich gehe zu seiner Wirtin,« bestand Pulcheria Alexandrowna auf ihrer Absicht, »ich will sie bitten, mir und Dunja einen Platz für diese Nacht zu geben. Ich kann ihn nicht so verlassen, ich kann nicht!«

Während sie darüber sprachen, standen sie auf dem Treppenabsatz vor der Türe zu der Wohnung der Wirtin. Nastasja leuchtete ihnen von der letzten Stufe herab. Rasumichin war ungewöhnlich erregt. Vor einer halben Stunde noch, als er Raskolnikoff nach Hause begleitete, war er wohl übermäßig geschwätzig und wußte es auch, er war aber völlig munter und ganz frisch, ungeachtet des fürchterlichen Quantums Wein, das er an diesem Abend getrunken hatte. Jetzt aber geriet er in Ekstase und der ganze Wein schien mit einem Male mit verstärkter Macht ihm zu Kopf gestiegen zu sein. Er stand vor den beiden Damen, hatte sie beide an den Händen gefaßt, redete auf sie ein und machte ihnen mit erstaunlicher Offenheit Vorstellungen und wahrscheinlich, um sie besser zu überzeugen, preßte er bei jedem Worte, wie mit Klammern, ihre Hände, daß ihnen die Tränen kamen und schien Awdotja Romanowna mit den Augen zu verschlingen, ohne sich dabei groß zu genieren. Vor Schmerz suchten sie ihre Hände aus seiner großen und knochigen Hand zu befreien, aber er merkte den Grund nicht und zog beide noch stärker zu sich. Wenn sie ihm in diesem Augenblicke befohlen hätten, ihnen zuliebe sich von der Treppe kopfüber hinabzustürzen, er hätte es getan, ohne sich zu besinnen und zu zögern. Pulcheria Alexandrowna, ganz aufgeregt im Gedanken an ihren Rodja, fühlte wohl, daß der junge Mann sehr exzentrisch sei und zu schmerzhaft ihre Hand drücke, aber da er doch für sie ein Stück Vorsehung war, so wollte sie alle diese exzentrischen Einzelheiten nicht bemerken. Trotz ihrer Aufregung wegen des Bruders und obwohl sie nicht ängstlicher Natur war, bemerkte Awdotja Romanowna doch voll Staunen und fast mit Schrecken die in wildem Feuer funkelnden Augen des Freundes ihres Bruders, und bloß das grenzenlose Vertrauen, das ihr die Erzählung Nastasjas über diesen sonderbaren Menschen eingeflößt hatte, hielt sie ab, wegzulaufen und die Mutter von ihm wegzubringen. Sie begriff aber auch, daß sie von ihm jetzt nicht loskommen könne. Nach etwa zehn Minuten aber hatte sie sich schon gefaßt, -- Rasumichins Art war es, sich schnell restlos zu zeigen, in welcher Stimmung er auch war, so daß alle sehr bald wußten, mit wem sie es zu tun hatten.

»Bei der Wirtin ist es unmöglich, und ein greulicher Unsinn ist es!« fiel er Pulcheria Alexandrowna in die Rede. »Mögen Sie auch die Mutter sein, wenn Sie aber hier bleiben, versetzen Sie ihn in Raserei und dann weiß der Teufel, was folgen wird! Hören Sie, ich will es so machen, -- jetzt bleibt bei ihm Nastasja sitzen, ich aber begleite Sie beide zu Ihrer Wohnung, denn Sie können nicht allein auf der Straße gehen. Bei uns in Petersburg ist es in dieser Hinsicht ... Nun, lassen wir das ... Ich laufe dann sofort hierher zurück und bringe Ihnen nach einer Viertelstunde, mein heiliges Ehrenwort darauf, Rapport, -- wie es mit ihm steht, ob er schläft oder nicht und dergleichen. Dann, hören Sie weiter! Dann laufe ich von Ihnen auf einen Sprung zu mir, -- ich habe Gäste, alle sind betrunken, -- nehme Sossimoff -- das ist der Arzt, der ihn behandelt, er sitzt jetzt bei mir, ist nicht betrunken, er ist nie betrunken. Ich schleppe ihn zu Rodja und bin wieder sofort bei Ihnen, also im Laufe von einer Stunde haben Sie zwei Rapporte über ihn, -- und vom Arzte, verstehen Sie, vom Arzte selbst, das ist mehr wert als von mir! Sollte es schlimmer sein, ich schwöre Ihnen, so bringe ich Sie selbst hierher, steht aber alles gut, so gehen Sie schlafen. Ich aber werde diese Nacht hier schlafen, im Flure, er wird nichts hören, und Sossimoff werde ich sagen, er soll bei der Wirtin schlafen, damit er da ist, wenn man ihn braucht. Nun, was ist für ihn jetzt besser, -- Sie oder der Arzt? Der Arzt ist doch nützlicher, nützlicher. Nun, gehen Sie also nach Hause! Zu der Wirtin ist es unmöglich; mir ist es möglich, Ihnen aber nicht, -- sie wird Sie nicht hereinlassen, weil ... weil sie eine Närrin ist. Sie wird auf Awdotja Romanowna meinetwegen eifersüchtig sein, wenn Sie es wissen wollen, und auch auf Sie selbst ... Auf Awdotja Romanowna aber unbedingt. Sie ist ein vollkommen, vollkommen unberechenbarer Charakter! Übrigens, ich bin auch ein Narr ... Ich pfeife darauf! Gehen wir! Glauben Sie mir? Nun, glauben Sie mir oder nicht? ...«

»Gehen wir, Mama,« sagte Awdotja Romanowna, »er wird bestimmt so tun, wie er versprochen hat. Er hat schon einmal den Bruder zum Leben erweckt, und wenn der Arzt wirklich damit einverstanden ist, hier zu schlafen, dann ist es am besten so.«

»Sehen Sie ... Sie ... Sie verstehen mich, weil Sie ein Engel sind!« rief Rasumichin entzückt aus. »Gehen wir! Nastasja! Schnell herauf und setze dich mit dem Lichte zu ihm; ich komme in einer Viertelstunde ...«

Obwohl Pulcheria Alexandrowna nicht ganz überzeugt war, widersetzte sie sich nicht mehr. Rasumichin bot ihnen beiden seinen Arm und zog sie die Treppe hinab. Es beunruhigte sie übrigens eins -- »obwohl er flink und gut ist, kann er aber auch erfüllen, was er verspricht? Er ist doch in solchem Zustande! ...«

»Sie haben Angst, weil Sie glauben, daß ich nicht ganz klar im Kopfe bin!« unterbrach Rasumichin ihren Gedankengang, als ob er ihn erraten hätte, während er mit Riesenschritten weiterging, ohne zu bemerken, daß die beiden Damen ihm kaum folgen konnten. »Unsinn! das heißt ... ich bin wie ein Stück Holz betrunken, aber das hat nichts zu sagen; denn ich bin nicht vom Wein betrunken. Als ich Sie erblickte, da stieg mir das Blut zu Kopfe ... Aber pfeifen Sie auf mich! Achten Sie nicht darauf, -- ich lüge; ich bin Ihrer unwürdig! ... Wenn ich Sie nach Hause gebracht habe, gieße ich mir schleunigst hier aus diesem Kanal zwei Eimer Wasser über den Kopf, damit ich wieder zur Besinnung komme ... Wenn Sie nur wüßten, wie ich Sie beide liebe! ... Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht böse! ... Seien Sie auf alle böse, aber auf mich sollen Sie nicht böse sein! Ich bin sein Freund, also bin ich auch Ihr Freund. Ich will es so ... Ich habe es geahnt, ... im vorigen Jahre gab es so einen Augenblick ... Übrigens, ich habe gar nichts geahnt, denn Sie sind wie vom Himmel gefallen. Ich werde vielleicht auch die ganze Nacht nicht schlafen ... Dieser Sossimoff fürchtete vorhin, daß er den Verstand verlieren könnte ... Darum muß man ihn nicht reizen ...«

»Was sagen Sie?« rief die Mutter aus.

»Hat das der Arzt gesagt?« fragte erschrocken Awdotja Romanowna.

»Er hat gesagt, aber nicht das, sondern ganz was anderes. Er hat ihm auch eine Arznei gegeben, ein Pulver, ich habe es gesehen, und da kamen Sie ... Ach! ... Es wäre besser, Sie wären morgen gekommen! Insofern ist es gut, daß wir weggingen. Nach einer Stunde wird Ihnen Sossimoff selbst über alles Rapport erstatten. Sehen Sie, der ist nicht betrunken! Auch ich wäre nicht betrunken ... Warum aber habe ich so viel getrunken? Wie sie mich in eine Diskussion hineingebracht haben, die Verfluchten! Ich habe mir selbst das Versprechen gegeben, nicht zu streiten! ... Nun redeten sie aber so einen Blödsinn zusammen! Ich habe mich beinahe mit ihnen geprügelt! Ich habe nun meinen Onkel als Präsidium hinterlassen ... Können Sie es glauben, -- sie verlangen völlige Unpersönlichkeit des einzelnen und finden darin den Sinn des Lebens! Bloß nicht für sich selbst sein, möglichst wenig eigenartig sein! Und das halten sie für den allergrößten Fortschritt. Und wenn sie wenigstens auf eigene Art lügen würden, so aber ...«

»Hören Sie,« unterbrach ihn schüchtern Pulcheria Alexandrowna, aber das brachte ihn noch mehr in Eifer.

»Ja, was meinen Sie?« rief Rasumichin und erhob seine Stimme noch mehr. »Meinen Sie, ich rede so, weil sie lügen? Unsinn! Ich liebe es, wenn man lügt. Das Lügen ist das einzige menschliche Privilegium vor allen Organismen. Wenn du lügst, -- kommst du zur Wahrheit! Ich bin darum auch Mensch, weil ich lüge. Keine einzige Wahrheit ist erreicht, ohne daß man vorher vierzigmal, vielleicht auch hundertundvierzigmal gelogen hat, und das ist in seiner Art höchst ehrenvoll. Wir aber verstehen nicht einmal, auf eigene Art zu lügen! Lüge mir vor, aber lüge in deiner Weise, und ich gebe dir dann einen Kuß. In seiner eigenen Weise zu lügen ist besser noch als Wahrheit nur aus fremder Quelle; im ersten Falle bist du ein Mensch, im letzteren bist du bloß ein Papagei. Die Wahrheit wird nicht fortlaufen, das Leben aber kann man dabei mit Brettern zunageln; wir haben Beispiele dafür. Nun, was sind wir jetzt? Wir alle, alle ohne Ausnahme, sitzen in bezug auf Wissenschaft, Entwicklung, Denken, Erfindungen, Ideale, Wünsche, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und alles, alles, alles und alles noch in der ganz untersten Klasse des Gymnasiums! Uns hat es genügt, mit fremder Weisheit auszukommen, -- wir haben Geschmack daran gefunden! Ist es nicht so? Habe ich recht?«

»Oh, mein Gott, ich weiß es nicht,« sagte die arme Pulcheria Alexandrowna.

»Es ist so, so ... obwohl ich mit Ihnen nicht in allem einverstanden bin,« fügte Awdotja Romanowna ernst hinzu, aber gleich darauf schrie sie auf, weil er ihr diesmal zu stark die Hand gedrückt hatte.

»So? Sie sagen, es sei so? Ach, dann sind Sie ... Sie ...« rief er voll Entzücken aus. »Sie sind die Quelle der Güte, Reinheit, der Vernunft und ... der Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie ... geben auch Sie Ihre Hand, ich will Ihnen beiden die Hände küssen, hier, sofort, auf den Knien!«

Und er warf sich mitten auf dem Trottoir, das zum Glück leer war, auf die Knie hin.

»Hören Sie auf, ich bitte Sie, was machen Sie?« rief die äußerst betroffene Pulcheria Alexandrowna.

»Stehen Sie doch auf, stehen Sie doch auf!« lachte Dunja, aber mit einer gewissen Unruhe.

»In keinem Falle, Sie müssen erst Ihre Hände gegeben haben! So ist es gut, nun genug, ich bin aufgestanden und nun wollen wir weitergehen! Ich bin ein unglückseliger Tolpatsch, ich bin Ihrer unwürdig und bin betrunken und schäme mich ... Ich bin nicht wert, Sie zu lieben, aber die Knie vor Ihnen zu beugen ist die Pflicht eines jeden, wenn er nicht ein vollkommenes Tier ist! Und ich habe vor Ihnen die Knie gebeugt ... Da sind auch Ihre möblierten Zimmer, und schon ihretwegen allein war Rodion im Rechte, als er vorhin Ihren Peter Petrowitsch hinauswarf! Wie durfte er es wagen, Sie in solchen Zimmern unterzubringen? Das ist ein Skandal! Wissen Sie, wer hier absteigt? Sie sind doch seine Braut! Sie sind seine Braut, nicht wahr? Und nun sage ich Ihnen, daß Ihr Bräutigam nach diesem ein Schuft ist!«

»Hören Sie, Herr Rasumichin, Sie haben vergessen ...« begann Pulcheria Alexandrowna.

»Ja, ja, Sie haben recht, ich habe mich vergessen, ich schäme mich!« rief Rasumichin erschrocken. »Aber ... aber ... aber ... Sie können mir nicht böse sein, daß ich so rede! Denn ich sage es aufrichtig und nicht weil ... hm! das wäre gemein; mit einem Worte, nicht weil ich Sie ... hm! ... nun, also, es ist nicht nötig, ich will nicht sagen, warum, ich darf es nicht! ... Wir hatten alle vorhin gleich begriffen, als er hereinkam, daß dieser Mensch nicht zu uns paßt. Nicht weil er mit gebrannten Locken vom Friseur kam, nicht weil er sich beeilte, seinen Verstand zu zeigen, sondern weil er ein Aushorcher und Spekulierer ist, weil er ein Jude und Gauner ist, und das sieht man. Sie denken, er ist klug? Nein, er ist ein Dummkopf! Nun, paßt er denn zu Ihnen? Oh, mein Gott! Sehen Sie, meine Damen,« er blieb plötzlich auf der Treppe stehen, »wenn sie alle bei mir auch betrunken sind, dafür aber sind sie alle ehrlich, und obgleich wir auch lügen, denn ich lüge auch, aber wir werden uns schließlich bis zur Wahrheit durchlügen, weil wir auf einem anständigen Wege gehen, Peter Petrowitsch jedoch ... geht nicht auf einem anständigen Wege. Ich habe wohl soeben sie alle tüchtig geschimpft, aber ich achte sie alle; sogar Sametoff, wenn ich ihn auch nicht achte, so liebe ich ihn doch, denn er ist noch wie ein junger Hund! Selbst dieses Vieh von Sossimoff, weil er auch ehrlich ist und seine Sache versteht ... Aber genug, alles ist gesagt und wird verziehen. Ist es verziehen? Ist es wirklich? Nun, gehen wir. Ich kenne diesen Korridor, bin hier ein paarmal gewesen; sehen Sie hier, in Nummer drei, war einmal ein Skandal ... Nun, wo wohnen Sie? Welche Nummer? Acht? Nun, schließen Sie sich für die Nacht ein, lassen Sie niemand herein. Nach einer Viertelstunde kehre ich mit einer Nachricht zurück und dann noch einmal nach einer halben Stunde mit Sossimoff, Sie werden sehen! Leben Sie wohl, ich springe!«

»Mein Gott, Dunetschka, was wird geschehen?« sagte Pulcheria Alexandrowna und wandte sich voll Unruhe und Angst an die Tochter.

»Beruhigen Sie sich, Mama,« antwortete Dunja, indem sie ihren Hut und die Mantille abnahm. »Uns hat Gott selbst diesen Mann gesandt, obgleich er direkt von einer Kneiperei kommt. Man kann sich auf ihn verlassen, ich versichere Sie. Was hat er alles schon für den Bruder getan ...«

»Ach Dunetschka, Gott weiß, ob er kommen wird? Wie konnte ich mich dazu entschließen, Rodja allein zu lassen! ... Und ich habe es mir nicht, durchaus nicht vorgestellt, ihn so zu finden! Wie ernst er war, als wäre er um uns nicht froh ...«

Tränen zeigten sich in ihren Augen.

»Nein, das ist nicht wahr, Mama. Sie konnten ihn nicht gut sehen, weil Sie fortwährend weinten. Er ist von einer schweren Krankheit sehr mitgenommen, -- das ist der ganze Grund.«

»Ach, diese Krankheit! Was soll noch werden, was soll daraus werden! Und wie er mit dir sprach, Dunja!« sagte die Mutter und blickte schüchtern der Tochter in die Augen, um ihre Gedanken zu erraten, und teilweise schon dadurch getröstet, weil Dunja ihren Bruder in Schutz nahm, somit ihm verziehen habe. »Ich bin überzeugt, daß er morgen seinen Sinn ändern wird,« fügte sie hinzu, sie weiter auszuforschen.

»Und ich dagegen bin überzeugt, daß er auch morgen dasselbe sagen wird ...« schnitt Awdotja Romanowna ab, und man sprach nicht mehr darüber, denn es berührte einen Punkt, über den jetzt zu sprechen Pulcheria Alexandrowna sich zu sehr fürchtete.

Dunja trat an die Mutter heran und küßte sie. Diese umarmte sie schweigend und innig. Dann setzte sie sich in unruhiger Erwartung Rasumichins hin, begann scheu die Tochter zu beobachten, die mit gekreuzten Armen und selbst voll Erwartung in Gedanken versunken im Zimmer auf und ab ging. Das Auf- und Abgehen in Gedanken war die Angewohnheit von Awdotja Romanowna, und die Mutter hütete sich immer, ihr Nachdenken zu stören.

Rasumichin war selbstverständlich lächerlich mit seiner plötzlichen, in der Trunkenheit entflammten Leidenschaft zu Awdotja Romanowna. Aber wenn man Awdotja Romanowna gesehen hatte, besonders jetzt, wo sie mit gekreuzten Armen, traurig und nachdenklich auf und ab ging, würden vielleicht viele ihn entschuldigt haben, ganz abgesehen von seinem exzentrischen Zustande. Awdotja Romanowna war sehr schön, -- hochgewachsen, wundervoll schlank, kräftig und selbstbewußt, -- das äußerte sich in jeder ihrer Bewegungen, tat aber der Weichheit und Grazie derselben in keiner Weise Eintrag. Ihr Gesicht ähnelte dem des Bruders, man konnte sie mit Recht eine Schönheit nennen. Ihr Haar war dunkelblond, ein wenig heller als das des Bruders; die Augen waren fast schwarz, ihr Blick stolz und doch wieder zuweilen von ungewöhnlicher Güte. Sie war bleich, aber nicht krankhaft; ihr Gesicht hatte vielmehr die Frische der Gesundheit. Ihr Mund war etwas klein, die Unterlippe, frisch und rot, stand kaum merklich hervor; ebenso das Kinn, das war aber auch die einzige Unregelmäßigkeit in diesem schönen Gesichte und verlieh ihm dafür eine besondere Eigentümlichkeit und vielleicht auch etwas wie Hochmut. Der Ausdruck ihres Gesichtes war in der Regel mehr ernst und sinnend als fröhlich; wie stand aber dafür ein Lächeln diesem Gesichte, wie kleidete sie ein lustiges, junges und sorgloses Lachen! Es war begreiflich, daß der hitzige, offene, schlichte, ehrliche, reckenhafte und betrunkene Rasumichin, der noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte, beim ersten Blick den Kopf verlor. Außerdem zeigte ihm der Zufall gleich zuerst Dunja, wie absichtlich, in dem schönen Momente der Liebe zum Bruder und der Freude des Wiedersehens. Er sah dann, wie ihre Unterlippe vor Entrüstung gegenüber den ungestümen und undankbar grausamen Wünschen des Bruders zuckte, -- und er konnte nicht mehr widerstehen.

Er hatte übrigens die Wahrheit gesagt, als er vorhin in seiner Trunkenheit auf der Treppe damit herausplatzte, daß die exzentrische Wirtin Raskolnikoffs, Praskovja Pawlowna, nicht bloß wegen Awdotja Romanowna, sondern vielleicht auch wegen Pulcheria Alexandrowna auf ihn eifersüchtig sein würde. Trotzdem Pulcheria Alexandrowna schon dreiundvierzig Jahre alt war, wies ihr Gesicht immer noch Zeichen der früheren Schönheit auf und außerdem erschien sie bedeutend jünger als sie war, was so oft der Fall ist bei Frauen, die die Klarheit des Geistes, die Frische der Eindrücke und das ehrliche, reine Feuer des Herzens bis zum Alter sich bewahrten. Wir wollen in Parenthese hinzufügen, daß dies zu bewahren das einzige Mittel ist, auch seine Schönheit bis ins Alter zu behalten. Ihr Haar zwar begann grau und dünn zu werden, kleine strahlenartige Runzeln hatten sich schon lange um die Augen gelegt, die Wangen waren eingefallen und vor Kummer und Sorgen hager geworden, und dennoch war dieses Gesicht schön. Es war Dunetschkas Abbild, nur zwanzig Jahre älter und ohne den besonderen Ausdruck der Unterlippe, die bei ihr nicht hervorstand. Pulcheria Alexandrowna war empfindsam, aber nicht bis zur Süßlichkeit, sie war schüchtern und nachgiebig, aber nur bis zu einer gewissen Grenze, -- sie konnte in vielem nachgeben, konnte mit vielem sich abfinden, selbst wenn es ihrer Überzeugung widersprach, aber zur Verleugnung der Ehrlichkeit und ihrer tiefsten Überzeugungen konnten sie keine Umstände bringen.

Genau nach zwanzig Minuten, seit Rasumichin weggegangen war, wurde zweimal nicht laut, aber hastig an die Türe geklopft; er war zurückgekehrt.

»Ich komme nicht herein, habe keine Zeit!« sagte er hastig, als die Türe geöffnet wurde. »Er schläft einen Herkulesschlaf, ausgezeichnet, ruhig und geb's Gott, daß er zehn Stunden fortschläft. Nastasja sitzt bei ihm; ich habe ihr befohlen, nicht wegzugehen, bis ich zurückgekommen bin. Jetzt schleppe ich Sossimoff her, er wird Ihnen Rapport erstatten, und dann legen Sie sich schlafen; ich sehe, Sie sind abgespannt bis zum äußersten ...« Und er lief den Korridor hinab.

»Welch ein flinker und ... ergebener junger Mann!« rief die Pulcheria Alexandrowna außerordentlich erfreut aus.

»Er scheint ein prächtiger Mensch zu sein!« antwortete Awdotja Romanowna mit einem gewissen Eifer und begann von neuem im Zimmer hin und her zu wandern.

Fast nach einer Stunde vernahm man Schritte auf dem Korridor, und bald darauf wieder ein Klopfen an der Türe. Beide Frauen warteten, diesmal vollkommen dem Versprechen Rasumichins vertrauend, -- und er hatte auch tatsächlich Sossimoff mitgeschleppt. Sossimoff hatte sich sofort bereit erklärt, das Fest zu verlassen und Raskolnikoff zu besuchen, aber zu den Damen ging er unwillig und mißtrauisch, da er dem betrunkenen Rasumichin nicht geglaubt hatte. Seine Eigenliebe war aber sofort beruhigt und er fühlte sich sogar geschmeichelt, -- er sah, daß man wirklich auf ihn, wie auf einen Propheten, gewartet hatte. Er blieb genau zehn Minuten und hatte es verstanden, Pulcheria Alexandrowna vollkommen zu beruhigen. Er sprach voll ungewöhnlicher Teilnahme, aber zurückhaltend und sehr ernst, ganz wie ein siebenundzwanzigjähriger Arzt bei einer wichtigen Konsultation, mit keinem Worte schweifte er vom Gegenstande ab und zeigte nicht den geringsten Wunsch, mit den Damen in ein persönlicheres und privates Verhältnis zu kommen. Als er beim Eintritt gesehen hatte, wie blendend schön Awdotja Romanowna war, vermied er, sie zu beachten und wandte sich während des ganzen Besuches ausschließlich an Pulcheria Alexandrowna. Dies alles gewährte ihm eine außerordentliche innere Genugtuung. Über den Kranken äußerte er, daß er ihn gegenwärtig in durchaus befriedigendem Zustande gefunden habe. Seinen Beobachtungen nach, habe die Krankheit des Patienten, außer der schlechten materiellen Lage in den letzten Monaten, noch einige seelische Ursachen, »sie ist sozusagen das Resultat vieler komplizierter, moralischer und materieller Einflüsse, Aufregungen, Sorgen, gewisser Ideen ... und dergleichen«. Als er zufällig bemerkte, daß Awdotja Romanowna besonders aufmerksam zuzuhören begann, ging er auf dieses Thema näher ein. Auf die aufgeregte und schüchterne Frage Pulcheria Alexandrownas, wegen seines »gewissen Verdachts von geistiger Störung,« antwortete er mit ruhigem und offenem Lächeln, daß man seine Worte übertrieben habe, daß man bei dem Kranken wohl eine fixe Idee, etwas, das auf Monomanie deute, konstatieren könne, -- er, Sossimoff, verfolge jetzt besonders diesen äußerst interessanten Zweig der Medizin, -- aber man dürfe auch nicht vergessen, daß der Kranke bis heute in fieberhaften Phantasien befangen war, und ... und, selbstverständlich werde die Ankunft der Verwandten auf ihn kräftigend, zerstreuend und heilbringend wirken, »wenn nur neue, besondere Erschütterungen vermieden würden,« fügte er bedeutungsvoll hinzu. Dann erhob er sich, verabschiedete sich einfach und freundlich, begleitet von Segnungen, heißer Dankbarkeit und Bitten; das Händchen Awdotja Romanownas streckte sich sogar, ohne daß er es suchte, zum Abschied ihm entgegen, und er ging fort, außerordentlich zufrieden mit seinem Besuche und noch mehr mit sich selbst.

»Morgen wollen wir weiter sehen; legen Sie sich jetzt unbedingt nieder!« sagte Rasumichin, indem er mit Sossimoff fortging. »Morgen bin ich möglichst früh mit einem Rapport bei Ihnen.«

»Welch ein reizendes kleines Mädchen diese Awdotja Romanowna ist!« bemerkte Sossimoff und schnalzte mit der Zunge, als sie beide auf die Straße hinaustraten.

»Reizend? Du hast reizend gesagt!« brüllte Rasumichin, stürzte sich plötzlich auf Sossimoff und packte ihn an der Kehle. »Wenn du es noch einmal wagst ... Verstehst du? Verstehst du?« schrie er, schüttelte ihn am Kragen und drückte ihn an die Wand. »Hast du gehört?«

»Laß mich los, betrunkener Teufel!« wehrte sich Sossimoff, blickte ihn dann, nachdem Rasumichin ihn losgelassen hatte, aufmerksam an und schüttelte sich plötzlich vor Lachen.

Rasumichin stand mit gesenkten Armen und in düster ernstem Nachdenken vor ihm.

»Selbstverständlich bin ich ein Esel,« sagte er finster, wie eine Gewitterwolke, »aber auch du ... bist einer.«

»Nein, Bruder, nein, ich bin keiner. Ich träume nicht von Dummheiten.«

Sie gingen schweigend weiter und erst, als sie sich der Wohnung Raskolnikoffs näherten, unterbrach Rasumichin mit sorgenvollem Gesichte das Schweigen.

Spotted a typo or a problem in this chapter? Tell us