Sämtliche Werke 1-2 (part 2 of 3)
»Höre,« sagte er zu Sossimoff, »du bist ein prächtiger Bursche, aber du bist, außer all deinen üblen Eigenschaften, noch ein Stromer, das weiß ich, und außerdem einer von den ärgsten. Du bist ein nervöser, schwacher Lappen, hast verrückte Anwandlungen, hast Fett angesetzt und kannst dir nichts versagen, -- und das nenne ich schon gemein, denn es führt zum Gemeinen. Du hast dich so verwöhnt, daß ich -- offen gesagt, -- nicht im geringsten verstehe, wie du dabei ein guter und sogar aufopfernder Arzt sein kannst. Du -- ein Arzt -- schläfst auf einem Pfühle und stehst für einen Kranken in der Nacht auf! Nach drei Jahren wirst du nicht mehr wegen eines Kranken aufstehen ... Nun, zum Teufel damit, das ist es nicht, sondern folgendes, -- du schläfst heute Nacht in der Wohnung der Wirtin, -- ich habe sie mit Mühe dazu überredet, -- und ich in der Küche, -- da habt ihr Gelegenheit, einander näher kennenzulernen! Nicht etwa, wie du meinst, um ...! Davon ist keine Rede!«
»Ich meine auch gar nichts.«
»Hier findest du, Bruder, Schamhaftigkeit, Schweigsamkeit, Schüchternheit, eine gräßliche Keuschheit und dabei -- Seufzer, und sie schmilzt wie Wachs! Befreie mich von ihr, im Namen aller Teufel in der Welt! Sie ist sehr ansprechend! ... Ich vergelte es dir, tausendfach vergelte ich es dir!«
Sossimoff lachte noch stärker als vorher.
»Sieh mal, wie du aus dem Häuschen bist! Was soll ich denn mit ihr?«
»Ich versichere dich, du brauchst dich wenig mit ihr abzugeben, rede bloß irgendeinen Unsinn, sprich, was du willst, setze dich aber neben sie und rede frisch drauf los. Du bist ja auch Arzt, fange an, sie zu behandeln. Ich schwöre dir, du wirst es nicht bereuen. Sie hat ein Klavier; du weißt, ich klimpere ein bißchen; ich habe bei ihr ein kleines Lied, ein echtes russisches Lied liegen, >Ich vergieße bittre Tränen ...< Sie liebt echte Volkslieder, -- nun, mit einem Liede fing es auch an; und du spielst doch Klavier, wie ein Virtuos, wie ein Meister, wie Rubinstein ... Ich versichere, du wirst es nicht bereuen! ...«
»Hast du ihr denn etwas versprochen? Hast du ihr etwas Schriftliches gegeben? Hast du ihr versprochen, sie zu heiraten ...«
»Nein, nichts, rein gar nichts! Und sie ist gar nicht so; Tschebaroff wollte ihr einen Antrag ...«
»Nun, so laß sie doch laufen!«
»Man kann sie nicht so ohne weiteres laufen lassen!«
»Warum denn nicht?«
»Man kann es nicht tun, und basta! Es ist da etwas, was mich festhält.«
»Warum hast du sie denn verleitet?«
»Ich habe sie gar nicht verleitet, ich habe mich selbst vielleicht aus Dummheit verleiten lassen, ihr aber wird es gleichgültig sein, ob du oder ich, nur, daß jemand neben ihr sitzt und seufzt. Es ist Bruder ... Ich kann es dir nicht erklären, es ist ... nun, du kannst doch gut Mathematik, und beschäftigst dich noch jetzt damit, soviel ich weiß ... fang an mit ihr die Integralrechnung durchzunehmen, bei Gott, ich scherze nicht, ich spreche im Ernst, ihr wird es vollkommen gleich sein, -- sie wird dich ansehen und seufzen, und so wird es ein Jahr dauern. Ich habe ihr unter anderem sehr lange, zwei Tage nacheinander, von dem Herrenhaus in Preußen erzählt, -- denn was soll man mit ihr reden? -- sie seufzte bloß und schwitzte! Nur über Liebe sprich nicht, -- sie wird furchtbar verlegen, -- aber zeige doch, daß du nicht weggehen kannst, -- das genügt. Es ist sehr komfortabel dort; man ist ganz wie zu Hause, -- kann lesen, sitzen, liegen oder schreiben ... Man kann sogar einen Kuß geben, mit Vorsicht jedoch ...«
»Was soll ich aber mit ihr?«
»Ach, ich kann dir es nicht erklären. Siehst du, -- ihr paßt ausgezeichnet zueinander! Ich habe schon früher an dich gedacht ... Du wirst schon damit enden! Ist es denn dir nicht einerlei, -- ob früher oder später? Hier ist, Bruder, so etwas wie ein Pfühl, -- ach! und auch nicht das allein! Hier lockt es einen und zieht, hier ist das Ende der Welt, hier wirft man den Anker, hat einen stillen Zufluchtsort, sozusagen das Zentrum der Erde, die Essenz von Pfannkuchen, Abendsamowars, stillen Seufzern und warmen gestrickten Jacken und geheizten Ofenbänken -- nun, es ist, als ob du gestorben wärest und gleichzeitig am Leben bist, von beidem die Vorteile auf einen Schlag! Nun, Bruder, zum Teufel, ich habe zu viel geschwätzt, es ist Zeit, schlafen zu gehen! Höre, -- ich wache in der Nacht zuweilen auf, und da will ich nach ihm sehen. Es ist aber nichts, Unsinn, alles ist gut. Beunruhige dich nicht besonders, wenn du aber willst, sieh auch mal nach. Wenn du aber etwas merken solltest, Fieber zum Beispiel oder Phantasieren oder etwas anderes, weck mich sofort auf. Übrigens, es wird nichts passieren ...«
II.
Am andern Morgen gegen acht Uhr wachte Rasumichin ernst und sorgenvoll auf. Eine Menge von neuen und unvorhergesehenen Fragen tauchte in ihm auf. Er hätte sich's früher nicht träumen lassen, daß er jemals so aufwachen würde. Er erinnerte sich bis aufs geringste alles gestern Vorgefallenen und begriff, daß ihm etwas nicht Alltägliches widerfahren sei; daß er in sich einen ihm bis jetzt völlig neuen Eindruck, der keinem früheren ähnelte, aufgenommen habe. Gleichzeitig war er sich vollkommen klar, daß der Traum, der in seinem Kopfe entflammt war, im höchsten Grade unerfüllbar sei, -- so unerfüllbar, daß er sich seiner schämte, und er sich schleunigst anderen, alltäglichen Sorgen und Plagen, die ihm der »verfluchte gestrige Tag« gebracht hatte, zuwandte.
Die unangenehmste Erinnerung war für ihn, wie »niedrig und gemein« er sich gestern benommen hatte, nicht allein, weil er betrunken war, sondern weil er vor dem jungen Mädchen aus dummer übereilter Eifersucht, ihre Lage ausnutzend, ihren Bräutigam geschimpft hatte, ohne daß er ihr gegenseitiges Verhältnis und die Verpflichtungen, geschweige denn den Mann selbst ordentlich kannte. Und welches Recht hatte er, so schnell und übereilt über ihn zu urteilen? Und wer hatte ihn zum Richter berufen? Und kann denn solch ein Wesen, wie Awdotja Romanowna, sich einem unwürdigen Menschen des Geldes wegen hingeben? Also, muß er doch auch Tugenden haben. Die möblierten Zimmer? Woher sollte er denn in der Tat erfahren, was für möblierte Zimmer er genommen hatte? Er läßt doch eine Wohnung instand setzen ... pfui, welche Erniedrigung! War das etwa eine Entschuldigung, daß er betrunken war? Eine dumme Ausrede, die ihn noch mehr bloßstellte. Im Weine liegt die Wahrheit, und da hat sich auch die ganze Wahrheit, »das heißt, der ganze Schmutz seines neidischen, rohen Herzen«, gezeigt! Ist denn solch eine Idee ihm, Rasumichin, überhaupt erlaubt? Wer ist er im Vergleiche mit solch einem jungen Mädchen, -- er, der betrunkene Skandalmacher und gestrige Prahlhans? »Ist denn so eine zynische und lächerliche Zusammenstellung überhaupt möglich?« Rasumichin wurde bei diesem Gedanken rot, dazu erinnerte er sich noch, wie absichtlich, deutlich, daß er ihnen gestern auf der Treppe erzählt hatte, die Wirtin werde um seinetwillen auf Awdotja Romanowna eifersüchtig sein ... nein, es war unerträglich. Wütend schlug er mit der Faust auf den Küchenherd, verletzte sich die Hand und schlug einen Ziegelstein heraus.
»Gewiß,« -- murmelte er nach einer Weile vor sich hin, im Gefühle seiner Erniedrigung, -- »gewiß, alle diese Scheußlichkeiten lassen sich nie mehr beschönigen und verwischen ... also, soll man auch daran nicht denken, sondern man muß schweigend seine Pflichten erfüllen ... nicht um Verzeihung bitten, überhaupt nichts sagen, und ... und selbstverständlich ist jetzt alles verloren!«
Trotzdem besah er beim Ankleiden seinen Anzug sorgfältiger als sonst. Einen anderen Anzug besaß er nicht, und wenn er auch einen anderen gehabt hätte, hätte er ihn vielleicht nicht angezogen, -- »gerade nicht angezogen«. Auf keinen Fall aber durfte man ein Zyniker und Schmutzfink bleiben, -- er hatte kein Recht, die Gefühle anderer zu beleidigen, um so mehr, als sie, die anderen, ihn brauchten und ihn selbst zu sich riefen. Also bürstete er aufs peinlichste seine Kleider aus. Seine Wäsche war stets erträglich, darauf hielt er etwas.
Er wusch sich an diesem Morgen mit großer Sorgfalt, -- bei Nastasja fand er Seife, -- er wusch sein Haar, den Hals und besonders die Hände. Als aber die Frage an ihn herantrat, ob er seine Borsten rasieren sollte oder nicht, -- Praskovja Pawlowna hatte noch von ihrem verstorbenen Manne, Herrn Sarnitzin, ausgezeichnete Rasiermesser, -- da wurde sie unbarmherzig abgelehnt, -- »so soll es bleiben! Wenn sie meinen, daß ich mich rasiert habe, um ... und sie würden es meinen! Nein, ich tue es nicht, um keinen Preis in der Welt!«
»Und ... und die Hauptsache ist, daß er so grob, schmutzig ist und Manieren wie aus der Kneipe hat, und ... und er weiß auch wohl, daß er nun wenigstens ein bißchen ein anständiger Mensch ist ... nun, was ist denn da stolz zu sein, daß er ein anständiger Mensch ist? Jeder muß ein anständiger Mensch sein und mehr ... er aber hat -- das weiß er -- manches auf dem Kerbholz ... nichts Unehrenhaftes zwar, aber doch allerlei! ... Und was für Gedanken hatte er gehabt? Hm ... und kann man denn dies alles auf eine Stufe mit Awdotja Romanowna stellen? Nun, aber zum Teufel damit! Mag es so bleiben! Ich will absichtlich so schmutzig, schmierig, wie aus der Kneipe sein, und pfeife auf alles andere! Ich will es noch mehr zeigen! ...«
Bei diesen Selbstgesprächen traf ihn Sossimoff an, der in der Wohnstube von Praskovja Pawlowna geschlafen hatte. Er wollte nach Hause gehen und sich vorher noch einmal den Kranken ansehen. Rasumichin teilte ihm mit, daß derselbe wie ein Murmeltier schlafe. Sossimoff ordnete an, ihn nicht zu wecken, bis er selbst aufwache. Er versprach, in der elften Stunde wiederzukommen.
»Wenn er nur zu Hause bleiben wird,« -- fügte er hinzu. --
»Pfui, Teufel! Man hat noch nicht einmal Macht über seinen Kranken und soll ihn behandeln! Weißt du es, geht er zu denen, oder kommen die hierher?«
»Ich glaube, die kommen her,« -- antwortete Rasumichin, als er den Zweck der Frage verstanden hatte, -- »und sie werden sicher über ihre Familienangelegenheiten sprechen. Ich gehe fort. Du als Arzt hast selbstverständlich mehr Rechte als ich.«
»Ich bin doch kein Beichtvater; ich will kommen und sofort weggehen. Ich habe noch mehr zu tun.«
»Mich beunruhigt eins,« -- unterbrach ihn Rasumichin mit verdüstertem Gesichte, -- »ich habe gestern in der Trunkenheit ihm auf dem Wege hierher allerhand Dummheiten erzählt, -- allerhand ... unter anderem auch, daß du fürchtest, daß er anscheinend ... zum Irrsinn neige ...«
»Du hast auch gestern den Damen davon geschwatzt.«
»Ich weiß, daß es dumm war. Meinetwegen kannst du mich verhauen! Sag' mir aber, hattest du wirklich daran geglaubt?«
»Ich sage doch, es ist Scherz gewesen; was soll ich geglaubt haben? Du hast ihn mir selbst als einen Monomanen geschildert, als du mich zu ihm brachtest ... Nun, und gestern haben wir noch mehr geschürt, das heißt, eigentlich du, mit deiner Erzählung ... von dem Anstreicher; ein schönes Gespräch, wenn vielleicht gerade damit seine Verwirrung zusammenhängt! Wenn ich alles genau gewußt hätte, was damals im Polizeibureau vorgefallen war und daß ihn dort irgendeine Kanaille mit diesem Verdacht ... gekränkt hatte, ich hätte gestern ein solches Gespräch nicht zugelassen. Diese Monomanen machen doch aus einem Tropfen einen Ozean und sehen die unsinnigsten Dinge deutlich im wachen Zustande ... Wie ich mich erinnere, ist mir gestern aus der Erzählung von Sametoff schon die Sache zur Hälfte klar geworden. Das ist noch gar nichts. Ich kenne einen Fall, wo ein Hypochonder, ein vierzigjähriger Mann, nicht imstande war, den täglichen Spott eines achtjährigen Knaben bei Tische zu ertragen und ihn deshalb ermordete! Und hier, er zerlumpt, ein frecher Polizeikommissar, beginnende Krankheit, und -- so ein Verdacht! Einem ausgesprochenen Hypochonder gegenüber! Mit einer wahnsinnigen, besonders ausgeprägten Eigenliebe! Vielleicht sitzt gerade hier der Ausgangspunkt der Krankheit! Nun, aber zum Teufel! ... Apropos, dieser Sametoff ist wirklich ein lieber Junge, aber hm ... es war doch überflüssig, daß er gestern dies alles erzählte. Ein furchtbarer Schwätzer!«
»Wem hat er denn alles erzählt? Mir und dir!«
»Und Porphyri.«
»Nun, was tut denn das?«
»Hm, sag' mal, hast du irgendeinen Einfluß auf die Mutter und Schwester? Man müßte heute ihm gegenüber vorsichtiger sein ...«
»Sie werden sich schon einigen!« -- antwortete Rasumichin unwillig.
»Und warum ist er so gegen den Luschin? Ein Mensch mit Geld, ihr, wie es scheint, nicht unangenehm ... und sie haben doch keinen blanken Heller!«
»Was forschest du mich aus?« -- rief Rasumichin gereizt. -- »Woher soll ich wissen, ob sie einen Heller haben oder nicht? Frage sie doch selbst, vielleicht sagen sie es dir ...«
»Na, wie dumm du zuweilen bist! Der gestrige Rausch sitzt noch in dir ... Auf Wiedersehen! Danke in meinem Namen deiner Praskovja Pawlowna für das Nachtlager. Sie hat sich eingeschlossen, auf meinen >Guten Morgen< hat sie durch die Tür geantwortet, war aber um sieben Uhr aufgestanden, man brachte ihr aus der Küche durch den Korridor den Samowar ... Ich hatte nicht die Ehre, sie zu sehen ...«
Punkt neun Uhr erschien Rasumichin in Bakalejeffs »Möbliertem Zimmer«. Beide Damen erwarteten ihn schon lange mit nervöser Ungeduld. Sie waren schon vor sieben Uhr aufgestanden. Er trat finster wie die Nacht ein, machte eine linkische Verbeugung, worüber er sofort ärgerlich wurde -- selbstverständlich auf sich selbst. Er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, -- Pulcheria Alexandrowna stürzte buchstäblich zu ihm hin, erfaßte ihn an beiden Händen und küßte sie beinahe. Er warf einen schüchternen Blick auf Awdotja Romanowna, aber auch auf diesem stolzen Gesichte lag in diesem Augenblicke solch ein Ausdruck von Dankbarkeit und freundlicher Gesinnung, solch eine vollkommene und unerwartete Achtung -- (an Stelle von spöttischen Blicken und unwillkürlicher schlecht verborgener Verachtung) -- daß es ihm tatsächlich angenehmer gewesen wäre, wenn man ihn mit Scheltworten begrüßt hätte, es war zu beschämend. Zum Glück gab es ein Thema zur Unterhaltung, und er benutzte es sofort.
Als Pulcheria Alexandrowna vernahm, daß er zwar noch nicht aufgewacht, aber »daß alles ausgezeichnet gehe,« erklärte sie, das wäre sehr gut, weil sie noch vorher mit ihm, Rasumichin, über sehr, sehr vieles zu sprechen habe. Er wurde gefragt, ob er schon Tee getrunken habe und dann eingeladen, mit ihnen den Tee zu trinken, -- sie hatten in Erwartung Rasumichins noch nicht gefrühstückt. Awdotja Romanowna klingelte, auf ihr Zeichen erschien ein schmutziger, zerlumpter Kerl, und bei ihm wurde der Tee bestellt, der auch endlich gereicht wurde, aber so schmutzig und so unanständig, daß die Damen sich schämten. Rasumichin begann energisch über diese möblierten Zimmer zu schimpfen, erinnerte sich aber Luschins, verstummte, wurde verlegen und war sehr froh, als Pulcheria Alexandrowna ihn mit ihren Fragen nicht mehr losließ.
Er beantwortete sie alle, sprach drei Viertelstunden lang, wurde beständig unterbrochen und von neuem befragt, und teilte alles Hauptsächliche und Notwendige, das er aus dem letzten Jahre kannte, mit, und schloß mit einer genauen Erzählung von der Krankheit Rodion Romanowitschs. Er ließ aus, was verschwiegen werden mußte, unter anderem den Auftritt in dem Polizeibureau mit allen seinen Folgen. Man lauschte gierig seiner Erzählung; als er aber glaubte, daß er zu Ende sei und seine Zuhörerinnen befriedigt habe, zeigte es sich, daß er für sie kaum begonnen zu haben schien.
»Sagen Sie, sagen Sie mir, wie meinen Sie ... ach, entschuldigen Sie, ich kenne ja noch nicht einmal Ihren und Ihres Vaters Namen!« -- sagte Pulcheria Alexandrowna eilig.
»Dmitri Prokofjitsch.«
»Also, Dmitri Prokofjitsch, ich möchte sehr gern erfahren ... wie er überhaupt ... wie er jetzt die Dinge betrachtet, das heißt, verstehen Sie mich ... wie soll ich es Ihnen erklären, das heißt, besser gesagt, -- was liebt er und was liebt er nicht? Ist er immer so gereizt? Was hat er für Wünsche und Träume, wenn man so sagen kann? Was hat auf ihn jetzt einen besonderen Einfluß? Mit einem Worte, ich möchte ...«
»Ach, Mama, wie kann man denn das alles auf einmal beantworten!« -- bemerkte Dunja.
»Ach, mein Gott, ich habe doch nicht, gar nicht erwartet, ihn so zu finden, Dmitri Prokofjitsch.«
»Das ist sehr natürlich,« -- antwortete Rasumichin. -- »Ich habe keine Mutter mehr, aber mein Onkel kommt jedes Jahr hergereist und erkennt mich jedesmal beinahe nicht mehr, selbst dem äußeren nach nicht, und ist doch auch ein kluger Mann. Nun, und in den drei Jahren Ihrer Trennung ist viel Wasser den Berg hinuntergeflossen. Ja, und was soll ich Ihnen sagen? Anderthalb Jahre kenne ich Rodion, -- er ist verschlossen, düster, selbstbewußt und stolz; in der letzten Zeit -- vielleicht aber auch schon früher -- argwöhnisch und hypochondrisch. Dabei großmütig und gut. Er liebt nicht seine Gefühle zu zeigen, und würde lieber hart erscheinen, als sein Herz zu offenbaren. Zuweilen erscheint er übrigens gar nicht hypochondrisch, sondern einfach kalt und gefühllos bis zur Unmenschlichkeit, als ob in ihm zwei entgegengesetzte Charaktere abwechselten. Er ist zuweilen schrecklich einsilbig! Er hat nie Zeit, immer stören ihn die anderen, dabei liegt er still und tut nichts. Er ist nicht spöttisch, nicht als ob es ihm an Witz mangelte, sondern weil er keine Zeit für solche Nichtigkeiten übrig hat. Er hört nicht bis zu Ende, wenn man ihm erzählt. Er interessiert sich nie für Dinge, für die sich alle im gegebenen Augenblicke interessieren. Er schätzt sich hoch ein und ich glaube, nicht ohne ein gewisses Recht dazu. Nun, was noch ... Mir dünkt, Ihre Ankunft wird auf ihn einen sehr heilsamen Einfluß ausüben.«
»Ach, möge es Gott geben!« -- rief Pulcheria Alexandrowna aus, die durch die Ansicht Rasumichins über ihren Rodja niedergedrückt war.
Rasumichin aber blickte endlich Awdotja Romanowna mit etwas mehr Mut an. Er hatte sie während des Gespräches öfters angesehen, aber nur flüchtig, auf einen kurzen Augenblick, und wandte immer gleich seine Augen ab. Awdotja Romanowna setzte sich bald an den Tisch und hörte aufmerksam zu, bald stand sie wieder auf, begann nach ihrer Gewohnheit mit gekreuzten Armen und zusammengepreßten Lippen im Zimmer auf und ab zu gehen und stellte zuweilen Fragen, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, und in Gedanken versunken. Auch sie hatte die Gewohnheit, nicht bis zu Ende zuzuhören. Sie war mit einem dunklen Kleide aus leichtem Stoff bekleidet, um den Hals war ein weißes durchsichtiges Tüchlein geschlungen. Aus vielen Anzeichen hatte Rasumichin bald die dürftigsten Verhältnisse der beiden Frauen ersehen. Wenn Awdotja Romanowna wie eine Königin gekleidet gewesen wäre, hätte er sich wohl vor ihr gar nicht gefürchtet; jetzt aber hatte sich vielleicht gerade aus dem Grunde, weil sie so ärmlich gekleidet war, und weil er die ganze ärmliche Umgebung bemerkt hatte, in seinem Herzen eine gewisse Scheu eingenistet, und er ängstigte sich für jedes seiner Worte und für jede Bewegung, was für einen Menschen, der ohnedem sich nicht traute, sicher unbequem war.
»Sie haben viel Interessantes über den Charakter meines Bruders erzählt und ... haben es unparteiisch gesagt. Das ist gut; ich dachte, Sie beten ihn an,« -- bemerkte Awdotja Romanowna mit einem Lächeln. -- »Es scheint auch besser, wenn um ihn eine Frau ist,« -- fügte sie nachdenklich hinzu.
»Das habe ich nicht gemeint, aber Sie haben vielleicht auch darin recht, nur ...«
»Was?«
»Er liebt doch niemand; vielleicht wird er auch nie lieben,« -- schnitt Rasumichin ab.
»Das heißt, er ist unfähig, jemand zu lieben?«
»Wissen Sie, Awdotja Romanowna, daß Sie Ihrem Bruder auffallend ähnlich sehen, in allem!« -- platzte er plötzlich heraus, sich selber überraschend, als er sich aber erinnerte, was er ihr soeben über den Bruder gesagt hatte, wurde er rot wie ein Krebs und stark verlegen.
Awdotja Romanowna mußte bei seinem Anblicke laut auflachen.
»In bezug auf Rodja könntet ihr beide euch irren,« -- sagte Pulcheria Alexandrowna etwas pikiert. -- »Ich rede nicht von dem jetzigen, Dunetschka. Das, was Peter Petrowitsch in diesem Briefe schreibt ... und was wir mit dir voraussetzten, -- kann unwahr sein, aber Sie können sich nicht vorstellen, Dmitri Prokofjitsch, wie phantastisch er ist und -- wie soll ich es sagen -- launisch er ist. Ich konnte mich nie auf seinen Charakter verlassen, selbst als er erst fünfzehn Jahre alt war. Ich bin überzeugt, daß er auch jetzt plötzlich irgend etwas tun kann, woran keiner je dachte ... Wir brauchen nicht weit zu gehen, -- ist es Ihnen bekannt, wie er vor anderthalb Jahren mich überraschte, erschütterte, ja fast bis zum Tode erschreckte, als er diese, wie heißt sie doch, -- die Tochter von dieser Sarnitzin heiraten wollte?«
»Wissen Sie etwas Näheres über diese Geschichte?« -- fragte ihn Awdotja Romanowna.
»Glauben Sie,« -- fuhr Pulcheria Alexandrowna voll Eifer fort, -- »ihn hätten damals meine Tränen, meine Bitten, meine Krankheit, mein Tod vielleicht aus Gram, unsere große Armut, zurückgehalten? Er würde über alle Hindernisse in größter Ruhe hinweggeschritten sein. Aber ist es möglich, ist es möglich, daß er uns nicht liebt?«
»Er hat mir nie selbst etwas über diese Geschichte gesagt,« -- antwortete Rasumichin vorsichtig, -- »aber ich habe einiges von Frau Sarnitzin selbst gehört, die in ihrer Art auch nicht von den Mitteilsamen ist, und was ich gehört habe, ist vielleicht ein wenig seltsam.«
»Und was, was haben Sie gehört?« -- frugen gleichzeitig beide Frauen.
»Es ist nichts gar so Besonderes. Ich erfuhr nur, daß diese Heirat, die schon eine vollständig abgemachte Sache war und bloß wegen des Todes der Braut nicht zustande kam, Frau Sarnitzin selbst sehr mißfiel ... Außerdem erzählt man, daß die Braut nicht hübsch war, das heißt, man sagt, sie sei sogar häßlich gewesen ... und sehr kränklich ... und eigentümlich ... sie hatte aber, wie es scheint, auch ihre Vorzüge. Es mußten unbedingt irgendwelche Vorzüge dagewesen sein, sonst konnte man so was nicht verstehen ... Mitgift hatte sie gar keine, und auf Mitgift hätte er auch nicht gerechnet ... Es ist überhaupt schwer in solch einer Sache zu urteilen.«
»Ich bin überzeugt, daß sie ein würdiges junges Mädchen war,« bemerkte Awdotja Romanowna kurz.
»Gott wird es mir verzeihen, ich habe mich aber doch über ihren Tod gefreut, obwohl ich es nicht weiß, wer von ihnen den andern zugrunde gerichtet hätte, -- er sie oder sie ihn,« schloß Pulcheria Alexandrowna.
Dann begann sie vorsichtig mit Unterbrechungen, wobei sie ständig Dunja anblickte, was jener offenbar unangenehm war, wieder über den gestrigen Auftritt zwischen Rodja und Luschin zu fragen. Dieser Vorfall beunruhigte sie, wie man merken konnte, am meisten, bis zu Angst und Zittern. Rasumichin erzählte von neuem alles bis ins einzelne und fügte diesmal noch seine Ansicht hinzu, -- er beschuldigte Raskolnikoff, daß er Peter Petrowitsch vorsätzlich gekränkt habe und entschuldigte ihn sehr wenig durch seine Krankheit.
»Er hat es sich noch vor der Erkrankung ausgedacht,« -- fügte er hinzu.
»Das denke ich auch« -- sagte Pulcheria Alexandrowna niedergeschlagen.
Sie war aber sehr überrascht, daß Rasumichin heute sich so vorsichtig und mit Achtung über Peter Petrowitsch äußerte. Auch Awdotja Romanowna war erstaunt.
»Ist das Ihre Meinung über Peter Petrowitsch?« -- konnte sich Pulcheria Alexandrowna nicht enthalten zu fragen.
»Über den künftigen Mann Ihrer Tochter kann ich auch keine andere Meinung haben,« -- antwortete Rasumichin fest und eifrig. -- »Und ich sage es nicht aus fader Höflichkeit, sondern weil ... weil ... nun, sagen wir, aus dem Grunde allein, weil Awdotja Romanowna selbst freiwillig diesen Menschen mit ihrer Wahl beehrte. Wenn ich ihn aber gestern so geschimpft habe, so war es, weil ich gestern schmählich betrunken und außerdem ... ohne Verstand war, ja, ohne Verstand, ich hatte den Verstand verloren, vollkommen ... und heute schäme ich mich dessen! ...« Er errötete und verstummte. Auch Awdotja wurde rot, aber unterbrach nicht das Schweigen. Sie hatte kein einziges Wort seit dem Augenblicke gesagt, als man über Luschin zu sprechen begann. Und Pulcheria Alexandrowna war ohne ihre Unterstützung offenbar unschlüssig. Schließlich sagte sie, stockend und ununterbrochen die Tochter anblickend, daß ein Umstand sie jetzt außerordentlich beunruhige.
»Sehen Sie, Dmitri Prokofjitsch,« -- begann sie. »Ich will gegenüber Dmitri Prokofjitsch vollkommen offen sein, Dunetschka.«
»Selbstverständlich, Mama,« -- bemerkte Awdotja Romanowna nachdrücklich.
»Sehen Sie, die Sache ist die,« -- beeilte sie sich nun, ihren Kummer mitzuteilen, als hätte man ihr durch die Erlaubnis eine schwere Bürde abgenommen. -- »Heute, in aller Frühe, erhielten wir von Peter Petrowitsch einen Brief, als Antwort auf unsere gestrige Mitteilung von unserer Ankunft. Sehen Sie, er sollte uns gestern auf dem Bahnhofe selbst, wie er auch versprochen hatte, empfangen.
Anstatt dessen war ein Diener zu unserem Empfang auf den Bahnhof gesandt worden, mit der Adresse von diesen möblierten Zimmern und um uns den Weg zu zeigen. Peter Petrowitsch aber ließ uns mitteilen, daß er heute morgen hier bei uns erscheinen werde. Anstatt dessen kam heute früh dieser Brief von ihm ... Es ist das beste, Sie lesen ihn selbst; in ihm ist ein Punkt, der mich sehr beunruhigt ... Sie werden selbst sofort sehen, welchen Punkt ich meine, und ... sagen Sie mir Ihre aufrichtige Meinung, Dmitri Prokofjitsch! Sie kennen besser als alle den Charakter Rodjas und können uns am besten raten. Ich sage Ihnen im voraus, daß Dunetschka schon alles vom ersten Schritt an beschlossen hat, ich aber, ich weiß noch nicht, wie ich handeln soll und ... und wartete die ganze Zeit auf Sie.«
Rasumichin entfaltete den Brief, der mit dem gestrigen Datum versehen war, und las folgendes:
»Sehr verehrte Pulcheria Alexandrowna!
Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich infolge plötzlich eingetretener Hindernisse Sie auf dem Bahnsteige nicht empfangen konnte, ich sandte darum einen gewandten Menschen. Ebenso werde ich auch morgen früh nicht die Ehre einer Zusammenkunft mit Ihnen haben können, infolge unaufschiebbarer Angelegenheiten im Senat, und um Ihre verwandtschaftliche Zusammenkunft mit Ihrem Sohne und Awdotja Romanownas mit ihrem Bruder nicht zu stören. Ich will mir aber die Ehre nehmen, Sie spätestens morgen, Punkt acht Uhr abends, aufzusuchen, um Ihnen meine Aufwartung in Ihrer Wohnung zu machen, wobei ich mir erlaube, eine inständige und -- ich füge hinzu -- dringende Bitte auszusprechen, daß bei unserer gemeinsamen Zusammenkunft Rodion Romanowitsch nicht anwesend sein soll, da er mich bei meinem gestrigen Besuche während seiner Krankheit beispiellos und schwer gekränkt hat, und weil ich außerdem mit Ihnen persönlich eine notwendige und ausführliche Erklärung über einen Punkt haben möchte, über den ich Ihre eigene Deutung zu erfahren wünsche. Ich habe die Ehre, im voraus mitzuteilen, daß, falls ich, entgegen meiner Bitte, Rodion Romanowitsch antreffen sollte, ich gezwungen sein würde, mich zu entfernen, woran Sie allein sich die Schuld zuzuschreiben hätten.
Ich schreibe es in der Voraussetzung, daß Rodion Romanowitsch, der bei meinem Besuche so schwer krank zu sein schien, nach zwei Stunden plötzlich genas, ausgehen und also zu Ihnen kommen kann. Ich habe mich davon mit meinen eigenen Augen überzeugt, als er gestern in der Wohnung eines von Pferden überfahrenen Trunkenboldes, der an den Verletzungen gestorben ist, dessen Tochter, einem Mädchen von verrufenem Lebenswandel, etwa fünfundzwanzig Rubel aushändigte, unter dem Vorwande, die Kosten der Beerdigung zu tragen, was mich sehr überraschte, weil ich wußte, mit welcher Mühe Sie diese Summe erhielten. Hierbei übermittele ich meine besondere Achtung der geehrten Awdotja Romanowna und bitte Sie, meine achtungsvolle Ergebenheit entgegenzunehmen.
Ihr untertänigster Diener P. Luschin.«
»Was soll ich jetzt tun, Dmitri Prokofjitsch?« -- sagte Pulcheria Alexandrowna fast weinend. -- »Wie kann ich Rodja zumuten, nicht zu kommen? Er verlangte gestern so eindringlich die Absage an Peter Petrowitsch, und nun verlangt man, ihn selber abzuweisen. Ja, er wird absichtlich kommen, wenn er es erfährt und ... was geschieht dann?«
»Handeln Sie so, wie Awdotja Romanowna beschlossen hat,« -- antwortete ruhig und sofort Rasumichin.
»Ach, mein Gott! Sie sagt ... sie sagt -- Gott weiß was, und erklärt mir nicht den Zweck! Sie sagt, es würde am besten sein, das heißt, nicht am besten sein, sondern es sei aus einem Grunde unbedingt nötig, daß auch Rodja heute um acht Uhr abends bestellt werde, und daß sie unbedingt hier einander träfen ... Und ich wollte ihm nicht einmal den Brief zeigen, und es irgendwie durch Ihre Vermittelung einrichten, daß er nicht herkäme ... denn er ist so gereizt ... Ja, und ich verstehe gar nicht, was für ein Trunkenbold dort gestorben ist und was das für eine Tochter ist, und in welcher Weise konnte er dieser Tochter das letzte Geld abgeben ... das ...«
»Das Ihnen so teuer zu stehen kam, Mama,« -- fügte Awdotja Romanowna hinzu.
»Er war gestern außer sich,« -- sagte Rasumichin nachdenklich. -- »Wenn Sie erst wüßten, was er gestern in einer Restauration angerichtet hat, es war ja klug ... hm! Von einem Verstorbenen und von einem Mädchen sprach er tatsächlich gestern etwas zu mir, als wir nach Hause gingen, aber ich habe kein Wort verstanden ... übrigens, war ich gestern auch ...«
»Mama, am besten gehen wir zu ihm hin und dort, versichere ich Sie, werden wir sofort sehen, was zu tun ist. Und außerdem ist es Zeit, -- Herrgott! Es ist über zehn Uhr!« -- rief sie aus, nachdem sie einen Blick auf ihre prachtvolle goldene Uhr mit Emaille warf, die an einer sehr feinen venetianischen Kette um ihren Hals hing, und mit der übrigen Kleidung gar nicht harmonierte.
»Ein Geschenk des Bräutigams,« -- dachte Rasumichin.
»Ach, es ist Zeit ... es ist Zeit, Dunetschka, es ist Zeit!« -- regte sich Pulcheria Alexandrowna auf. »Er wird denken, daß wir ihm noch von gestern her böse sind, weil wir solange nicht kommen. Ach, mein Gott!«
Indem sie es sagte, warf sie eilig ihre Mantille um und setzte den Hut auf; auch Dunetschka zog sich an. Ihre Handschuhe waren nicht bloß abgetragen, sondern sogar zerrissen, wie Rasumichin bemerkte, indessen verlieh diese augenscheinliche Armut der Kleidung den Damen eine Art Würde, was immer bei denen der Fall ist, die ein ärmliches Kleid zu tragen verstehen. Rasumichin blickte voll Ehrfurcht Dunetschka an und war stolz, daß er sie begleiten durfte. »Die Königin,« -- dachte er im stillen, -- »die ihre Strümpfe in Gefängnissen stopfte, sah sicher in jenem Augenblicke wie eine echte Königin aus und königlicher als zur Zeit der prachtvollsten Feste und Empfänge.«
»Mein Gott!« -- rief Pulcheria Alexandrowna aus, -- »habe ich je gedacht, daß ich ein Wiedersehen mit meinem Sohne, mit meinem lieben, lieben Rodja fürchten werde, wie ich es jetzt tue! ... Ich fürchte mich, Dmitri Prokofjitsch!« -- fügte sie hinzu und blickte ihn schüchtern an.
»Fürchten Sie sich nicht, Mama,« sagte Dunja und küßte sie, -- »glauben Sie besser an ihn. Ich glaube.«
»Ach, mein Gott! Ich glaube auch, habe aber die ganze Nacht nicht geschlafen!« -- rief die arme Frau aus.
Sie traten auf die Straße hinaus.
»Weißt du, Dunetschka, als ich gegen Morgen erst ein wenig einschlief, träumte ich plötzlich von der verstorbenen Marfa Petrowna ... sie war ganz in weiß ... sie kam auf mich zu, nahm mich an der Hand, schüttelte den Kopf über mich, und so streng, so streng, als ob sie mich verdamme ... Ist das auch ein gutes Zeichen? Ach, mein Gott, Dmitri Prokofjitsch, Sie wissen es noch nicht, -- Marfa Petrowna ist gestorben!«
»Nein, ich weiß es nicht. Was für eine Marfa Petrowna?«
»Nachher, Mama,« -- mischte sich Dunja ein, -- »er weiß ja noch nicht, wer Marfa Petrowna war.«
»Ach, Sie wissen es nicht? Und ich dachte, Sie kennen schon alles. Entschuldigen Sie mich, Dmitri Prokofjitsch, ich verliere in diesen Tagen völlig den Verstand. Ich sehe Sie wirklich wie unsere Vorsehung an, und darum war ich auch so überzeugt, daß Sie alles schon kennen. Ich betrachte Sie wie einen Verwandten ... Seien Sie mir nicht böse, daß ich so spreche. Ach, mein Gott, was ist mit Ihrer rechten Hand? Haben Sie sie verletzt?«
»Ja, ich habe sie verletzt,« -- murmelte glückselig Rasumichin.
»Ich spreche zuweilen so offenherzig, daß Dunja mich korrigiert ... Aber, mein Gott, in was für einer Kammer er lebt! Ist er wohl schon aufgewacht? Und diese Frau, seine Wirtin, rechnet dies für ein Zimmer? Hören Sie, Sie sagen, er liebt nicht, sein Herz zu zeigen, so daß ich vielleicht ihm auch überdrüssig werden kann ... mit meinen Schwächen? ... Können Sie mir nicht sagen, Dmitri Prokofjitsch, wie ich ihm gegenüber sein soll? Wissen Sie, ich gehe ganz wie verloren umher.«
»Fragen Sie ihn nicht zu sehr aus, wenn Sie merken, daß er das Gesicht verzieht; besonders über seine Gesundheit fragen Sie ihn nicht zu viel, er liebt es nicht.«
»Ach, Dmitri Prokofjitsch, wie schwer ist es, Mutter zu sein.«
»Hier ist die Treppe ... Was für eine schreckliche Treppe ...«
»Mama, Sie sind so bleich, beruhigen Sie sich, meine Liebe,« -- sagte Dunja und schmiegte sich an sie, -- »er muß glücklich sein, Sie zu sehen, und Sie quälen sich so,« -- fügte sie mit funkelnden Augen hinzu.
»Warten Sie, ich sehe zuerst nach, ob er aufgewacht ist.«
Die Damen folgten langsam Rasumichin, der vorher die Treppe hinaufgegangen war, und als sie im vierten Stock an der Türe der Wirtin vorbei gingen, bemerkten sie, daß die Türe zu deren Wohnung ganz unbedeutend geöffnet war, und daß zwei schwarze Augen sie beide schnell in der Dunkelheit betrachteten. Als ihre Blicke sich kreuzten, wurde die Türe plötzlich zugeschlagen und mit solch einem Knall, daß Pulcheria Alexandrowna vor Schreck beinahe aufgeschrien hätte.
III.
»Er ist gesund, gesund!« -- rief den Eintretenden Sossimoff fröhlich zu.
Er war schon vor zehn Minuten gekommen und saß in seiner gestrigen Ecke auf dem Sofa. Raskolnikoff saß in der andern Ecke ihm gegenüber, vollkommen angekleidet und frisch gewaschen und gekämmt, was schon lange nicht mehr vorgekommen war. Das Zimmer war mit einem Male voll, aber Nastasja fand doch Zeit, den Besuchern zu folgen, um zuzuhören.
In der Tat, Raskolnikoff war fast gesund, besonders im Vergleiche mit gestern, er war bloß sehr blaß, zerstreut und düster. Dem Äußeren nach glich er einem Verwundeten oder einem, der einen starken physischen Schmerz duldet, -- seine Augenbrauen waren zusammengezogen, die Lippen aufeinander gepreßt und der Blick fieberhaft. Er sprach wenig und widerwillig, wie mit großer Anstrengung oder als erfülle er eine Pflicht, und eine Unruhe zeigte sich zuweilen in seinen Bewegungen.
Es fehlte bloß die Binde um den Arm oder ein Verband um den Finger, um die völlige Ähnlichkeit mit einem Verletzten vollzumachen.
Aber dieses bleiche und düstere Gesicht erhellte sich auf einen Augenblick, als Mutter und Schwester eintraten, aber sein Gesicht nahm rasch statt der früheren düsteren Zerstreutheit den Ausdruck innerer Pein an, und Sossimoff, der seinen Patienten mit dem ganzen Eifer des Anfängers beobachtete und studierte, bemerkte voll Verwunderung, statt Freude über die Ankunft der Verwandten, die mühsam versteckte Entschlossenheit, eine mehrstündige Folterqual zu ertragen, die man nicht umgehen kann. Er sah später, wie fast jedes Wort der nachträglichen Unterhaltung irgendeine Wunde seines Patienten zu berühren und aufzuwühlen schien, gleichzeitig aber war er wieder erstaunt, wie dieser heute verstand, sich zu bemeistern und seine Gefühle zu verbergen, -- der gestrige Monomane, der wegen des geringsten Wortes fast in Raserei geriet.
»Ja, ich sehe jetzt selbst, daß ich fast gesund bin,« sagte Raskolnikoff, und küßte die Mutter und die Schwester freundlich, worüber Pulcheria Alexandrowna in Entzücken geriet, »und ich spreche nicht mehr wie gestern,« fügte er hinzu, sich an Rasumichin wendend, und drückte ihm freundschaftlich die Hand.
»Ich habe mich heute nicht wenig über ihn gewundert,« begann Sossimoff, der über die Eingetretenen sehr erfreut war, weil er in den zehn Minuten den Faden des Gespräches mit seinem Kranken schon verloren hatte. »Nach drei oder vier Tagen, wenn es so weiter geht, wird alles beim alten sein, das heißt, wie es vor einem oder zwei Monaten ... vielleicht auch vor drei Monaten war. Es hat sich doch seit langem vorbereitet und entwickelt ... ah? Wollen Sie jetzt eingestehen, daß Sie selbst vielleicht mit daran schuld waren?« fügte er mit einem vorsichtigen Lächeln hinzu, als fürchte er, ihn schon dadurch zu reizen.
»Es ist sehr möglich,« antwortete Raskolnikoff kalt.
»Ich sage es nur aus dem Grunde,« fuhr Sossimoff fort, »weil Ihre völlige Genesung jetzt hauptsächlich von Ihnen allein abhängt. Jetzt, wo man mit Ihnen reden kann, möchte ich Ihnen vorhalten, daß es notwendig ist, die ursprünglichen, sozusagen die Grundursachen zu beseitigen, die Ihren Krankheitszustand hervorgerufen haben, dann werden Sie auch genesen, sonst kann es wieder schlimmer werden. Diese ursprünglichen Ursachen kenne ich nicht, aber Ihnen müssen Sie bekannt sein. Sie sind ein kluger Mensch und haben sich selbst sicher beobachtet. Mir scheint, der Anfang Ihrer Krankheit fällt teilweise mit Ihrem Austritt aus der Universität zusammen. Sie dürfen nicht ohne Beschäftigung sein, und darum können Arbeit und ein fest vorgenommenes Ziel, wie mich dünkt, Ihnen von sehr großem Werte sein.«
»Ja, ja, Sie haben vollkommen recht ... ich will sofort die Universität besuchen, und dann wird alles ... wie geschmiert gehen ...«
Sossimoff, der seine klugen Ratschläge teilweise wegen der Wirkung auf die Damen erteilt hatte, war natürlich verblüfft, als er seine Rede beendete und auf dem Gesicht seines Zuhörers einen entschieden spöttischen Ausdruck bemerkte. Das währte übrigens nur einen Augenblick. Pulcheria Alexandrowna begann sofort, Sossimoff zu danken, besonders für seinen Nachtbesuch im Hotel.
»Wie, er ist in der Nacht bei euch gewesen?« fragte Raskolnikoff anscheinend beunruhigt. »Also habt ihr auch nach der Reise nicht geschlafen?«
»Ach, Rodja, das war doch vor zwei Uhr. Wir haben uns auch zu Hause nicht früher als um zwei Uhr schlafen gelegt.«
»Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll,« fuhr Raskolnikoff finster fort und den Blick senkend, »abgesehen von der Geldfrage -- entschuldigen Sie, daß ich es erwähnte« (er wandte sich an Sossimoff), »ich weiß gar nicht, wodurch ich so eine besondere Aufmerksamkeit Ihrerseits verdient habe? Ich verstehe es einfach nicht ... und ... es lastet auf mir sogar, weil es mir unverständlich ist, -- ich sage es Ihnen ganz offen --.«
»Werden Sie nur nicht gereizt,« lachte Sossimoff gezwungen. »Stellen Sie sich vor, daß Sie mein erster Patient sind, nun, und unsereiner, der soeben zu praktizieren anfängt, liebt seine ersten Patienten wie eigene Kinder, und manche sogar verlieben sich in sie. Und ich bin an Patienten nicht reich.«
»Ich will gar nicht reden von dem dort,« fügte Raskolnikoff hinzu und wies auf Rasumichin, »auch er hat außer Kränkungen und Sorgen nichts von mir erfahren.«
»Was er faselt! Bist du etwa heute in einer gerührten Stimmung?« rief Rasumichin.
Wenn er etwas scharfsinniger gewesen wäre, hätte er gesehen, daß hier nichts von einer gerührten Stimmung da war, eher das Gegenteil. Awdotja Romanowna aber hatte es gemerkt. Sie beobachtete durchdringend und voll Unruhe den Bruder.
»Von Ihnen, Mama, wage ich nicht zu sprechen,« fuhr er fort, als sage er etwas vorher auswendig Gelerntes auf. »Heute erst konnte ich einigermaßen einsehen, wie Sie sich gestern hier in Erwartung meiner Rückkehr gequält haben müssen.«
Dann reichte er plötzlich stumm und mit einem Lächeln der Schwester die Hand. In diesem Lächeln schimmerte ein wahres, unverfälschtes Gefühl. Dunja erfaßte sofort, erfreut und dankbar, die ausgestreckte Hand und drückte sie innig. Zum erstenmal wandte er sich an sie nach dem gestrigen Zerwürfnis. Das Gesicht der Mutter leuchtete vor Entzücken und Glück beim Anblick dieser endgültigen und wortlosen Aussöhnung zwischen Bruder und Schwester.
»Dafür liebe ich ihn!« flüsterte, sich energisch auf dem Stuhle wendend, Rasumichin, der sich leicht begeisterte. »Er hat solche Regungen! ...«
»Und wie alles sich bei ihm gut macht,« dachte die Mutter, »was für edle Regungen er hat, und wie schlicht und zart er das gestrige Mißverständnis mit der Schwester beseitigt hat -- nur dadurch, daß er ihr die Hand im richtigen Augenblicke reichte und sie lieb anblickte ... Und was für schöne Augen er hat und wie schön das ganze Gesicht ist ... Er ist sogar schöner als Dunetschka ... Aber, mein Gott, was für einen Anzug hat er an, wie schrecklich ist er gekleidet! Der Markthelfer Wassja im Laden Atanassi Iwanowitsch ist besser gekleidet! ... Und ich möchte mich ihm an den Hals werfen und ihn umarmen, und ... weinen -- aber ich fürchte mich, ich fürchte ... wie er es auffassen könnte, oh Gott! Er spricht wohl freundlich, aber ich fürchte mich! Nun, warum fürchte ich mich? ...«
»Ach, Rodja, du wirst nicht glauben,« beeilte sie sich plötzlich, seine Bemerkung zu beantworten, »wie wir gestern, ich und Dunetschka ... unglücklich waren! Jetzt, wo alles vorüber und beendet ist, und wir alle wieder glücklich sind, -- kann man es sagen. Stell dir vor, wir laufen hierher, um dich zu umarmen, fast direkt von der Eisenbahn, und diese Frau, -- ah, da ist sie auch! Guten Tag, Nastasja! ... Sie sagt uns plötzlich, daß du im starken Fieber liegst und daß du soeben ohne Wissen des Arztes im Fieber weggelaufen seist, und daß man dich suchen gegangen sei. Du glaubst nicht, wie das uns traf! Ich stellte mir sofort vor, wie der Leutnant Potantschikoff, unser Bekannter, ein Freund deines Vaters, -- du kannst dich seiner nicht erinnern, Rodja -- tragisch endete, er hatte auch starkes Fieber und war in derselben Weise weggelaufen und in einen Brunnen im Hofe hineingefallen, am anderen Tage erst konnte man ihn herausziehen. Und wir haben es uns selbstverständlich noch schwärzer ausgemalt. Wir wollten hinausstürzen und Peter Petrowitsch suchen, um mit seiner Hilfe wenigstens ... denn wir waren allein, vollkommen allein,« sagte sie mit kläglicher Stimme und verstummte plötzlich, als sie sich erinnerte, daß es noch ziemlich gefährlich sei, über Peter Petrowitsch zu sprechen, ungeachtet dessen, »daß alle schon wieder vollkommen glücklich sind.«
»Ja, ja ... das alles ist sicher ärgerlich ...« murmelte Raskolnikoff, aber mit solch einem zerstreuten und fast unaufmerksamen Ausdrucke, daß Dunetschka ihn voll Erstaunen ansah.
»Was wollte ich doch sagen,« fuhr er fort und versuchte sich zu besinnen, »ja, -- bitte, Mama, und du, Dunetschka, denkt nicht, daß ich nicht als erster heute zu euch kommen wollte und etwa auf euren Besuch wartete.«
»Ja, was fällt dir ein, Rodja!« rief Pulcheria Alexandrowna, die jetzt auch erstaunte, aus.
»Weshalb spricht er so konventionell?« dachte Dunetschka. »Er söhnt sich aus und bittet um Verzeihung, als erfülle er eine Pflicht oder sage das Gelernte auf!«
»Ich bin soeben aufgewacht und wollte zu euch gehen, aber mich hielten meine Kleider auf; ich hatte vergessen, ihr ... Nastasja zu sagen ... dieses Blut auszuwaschen ... Jetzt, soeben erst habe ich mich angezogen.« --
»Blut! Was für Blut?« sagte Pulcheria Alexandrowna erschrocken.
»Es ist nichts ... regen Sie sich nicht auf. Das Blut kommt daher, weil ich, als ich gestern besinnungslos herumirrte, auf einen überfahrenen Menschen stieß ... auf einen Beamten ...«
»Besinnungslos? Aber du erinnerst dich an alles,« unterbrach ihn Rasumichin.
»Das ist richtig,« antwortete ihm Raskolnikoff mit Bedacht, »ich erinnere mich an alles, bis auf die geringste Kleinigkeit, aber dennoch, denk dir, -- warum ich das getan und dort gewesen bin und jenes gesagt habe, -- kann ich mir nicht erklären.«
»Das ist eine sehr bekannte Tatsache,« mischte sich Sossimoff ein, »zuweilen ist die Ausführung einer Sache meisterlich, glänzend, die Direktion der Handlungen aber, der Ursprung der Handlungen, ist dunkel und hängt von allerhand krankhaften Empfindungen ab. Es ist wie im Traume.«
»Es ist vielleicht gut, daß er mich beinahe für einen Irrsinnigen hält,« dachte Raskolnikoff.
»Aber das kann man vielleicht auch von Gesunden sagen,« bemerkte Dunetschka und sah Sossimoff besorgt an.
»Ihre Bemerkung ist ziemlich richtig,« antwortete er, »in diesem Sinne gleichen wir fast alle tatsächlich und sehr oft Verrückten, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß die >Kranken< ein bißchen mehr verrückt sind als wir, man muß hier eine Grenze festhalten. Einen ganz harmonischen Menschen aber, -- das ist wahr, -- gibt es fast nicht; auf Zehntausende, vielleicht aber auch auf viele Hunderttausende findet man einen ...«
Bei dem Worte »verrückt,« das Sossimoff unvorsichtigerweise entschlüpfte, als er auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, verzogen alle die Gesichter. Raskolnikoff saß in Gedanken und mit einem seltsamen Lächeln auf den bleichen Lippen da, als schenke er dem keine Aufmerksamkeit. Er fuhr fort etwas zu erwägen.
»Nun, was ist mit dem Überfahrenen? Ich habe dich unterbrochen!« rief schnell Rasumichin.
»Was?« schien er zu erwachen, »ja ... nun, da habe ich mich mit Blut beschmutzt, als ich half, ihn in seine Wohnung zu tragen ... Ja, Mama, ich habe gestern etwas Unverzeihliches getan, -- ich war wirklich nicht bei Verstand. Ich habe gestern alles Geld, das Sie mir geschickt haben, ... seiner Frau ... zur Beerdigung gegeben. Sie ist jetzt Witwe, eine schwindsüchtige, beklagenswerte Frau ... drei kleine Kinder, Waisen, hungrig ... im Hause ist nichts ... und es ist noch eine Tochter da ... Vielleicht hätten Sie auch selbst gegeben, wenn Sie gesehen hätten ... Ich hatte übrigens gar kein Recht, ich gestehe es ein, besonders weil ich weiß, wie Sie dieses Geld sich verschafft haben. Um zu helfen, muß man erst ein Recht dazu haben, sonst -- >Crevez, chiens, si vous n'êtes pas contents{[3]}<.« Er lachte. »Ist es nicht wahr, Dunja?«
»Nein, es ist nicht wahr,« antwortete Dunja fest.
»Bah! Auch du hast ... Ansichten! ...« murmelte er und blickte sie fast mit Haß an und lächelte spöttisch. »Ich hätte dies in Betracht ziehen müssen ... Nun, was ist dabei, es ist lobenswert und für dich besser ... und wenn du bis zu einer Grenze kommst, die du nicht übertreten kannst -- wirst du unglücklich sein, und wenn du sie überschreitest, -- wirst du vielleicht noch unglücklicher sein ... Übrigens aber, dies ist alles Unsinn!« fügte er gereizt hinzu, ärgerlich über seine unwillkürliche Offenheit. »Ich wollte bloß sagen, daß ich Sie, Mama, um Verzeihung bitte,« schloß er scharf und bündig.
»Aber Rodja, ich bin überzeugt, daß alles, was du tust, gut ist!« sagte erfreut die Mutter.
»Seien Sie nicht davon überzeugt,« antwortete er und verzog den Mund zu einem Lächeln.
Ein Schweigen trat ein. Etwas Gespanntes lag in diesem ganzen Gespräche und im Schweigen, wie auch in der Versöhnung und Verzeihung, und alle fühlten es.
»Als ob sie sich vor mir fürchteten,« dachte Raskolnikoff und blickte die Mutter und die Schwester unter der gesenkten Stirn hervor an.
Pulcheria Alexandrowna wurde immer ängstlicher, je länger sie schwieg.
»Aus der Ferne schien sie doch zu lieben,« durchzuckte es ihn.
»Weißt du, Rodja, Marfa Petrowna ist gestorben!« platzte plötzlich Pulcheria Alexandrowna heraus.
»Was für eine Marfa Petrowna?«
»Ach, mein Gott, Marfa Petrowna Sswidrigailowa! Ich habe dir so viel über sie geschrieben.«
»Ach, ja ich erinnere mich ... also sie ist gestorben? Ach, in der Tat?« fuhr er plötzlich auf, als sei er erwacht. »Ist sie wirklich gestorben? Woran denn?«
»Stell dir vor, ganz plötzlich!« beeilte sich Pulcheria Alexandrowna ihm zu antworten, ermutigt durch seine Neugier, »und gerade in der Zeit, als ich dir den Brief schickte, sogar an demselben Tage! Denk dir, dieser schreckliche Mensch scheint auch die Ursache ihres Todes zu sein. Man erzählt, er habe sie furchtbar verprügelt!«
»Leben sie denn in dieser Weise?« fragte er, sich an die Schwester wendend.
»Nein, im Gegenteil. Er war ihr gegenüber stets sehr geduldig und höflich. In vielen Fällen sogar zu duldsam ihrer Art gegenüber, volle sieben Jahre ... Mit einem Male scheint er die Geduld verloren zu haben.«
»Also ist er gar nicht so schrecklich, wenn er sieben Jahre ausgehalten hat? Du scheinst ihn, Dunetschka, zu entschuldigen?«
»Nein, nein, er ist ein schrecklicher Mensch! Ich kann mir nichts Schrecklicheres vorstellen,« antwortete Dunja fast erbebend, zog die Augenbrauen zusammen und wurde nachdenklich.
»Es geschah am Morgen,« fuhr Pulcheria Alexandrowna eilig fort. »Dann befahl sie, sofort anzuspannen, um gleich nach dem Mittagessen in die Stadt zu fahren, weil sie stets in solchen Fällen in die Stadt fuhr; sie aß zu Mittag, wie man sagt, mit großem Appetit ...«
»Verprügelt, wie sie war?«
»... Sie hatte übrigens auch immer diese ... Angewohnheit, und kaum als sie gegessen hatte, ging sie, um nicht zu spät abzufahren, sofort in die Badestube ... Siehst du, sie nahm aus Gesundheitsrücksichten Bäder; sie haben dort eine kalte Quelle, und sie badete dort jeden Tag, und als sie ins Wasser stieg, traf sie plötzlich der Schlag!«
»Kein Wunder,« sagte Sossimoff.
»Und hat er sie stark verprügelt?«
»Das ist aber doch gleichgültig,« sagte Dunja.
»Hm. Übrigens, was haben Sie für ein Vergnügen, Mama, solch einen Unsinn zu erzählen,« kam es gereizt und plötzlich von den Lippen Raskolnikoffs.
»Ach, mein Freund, ich wußte nicht mehr, worüber ich sprechen soll,« sagte Pulcheria Alexandrowna.
»Ja, was ist das, fürchtet ihr mich etwa?« sagte er mit einem gezwungenen Lächeln.
»Das ist wahr,« antwortete Dunja und sah den Bruder offen und streng an. »Als Mama die Treppe hinaufging, schlug sie sogar ein Kreuz vor Angst.«
Sein Gesicht verzog sich wie im Krampf.
»Ach, Dunja, was ist mit dir! Sei nicht böse, Rodja, ich bitte dich ... Warum hast du das gesagt, Dunja!« sagte Pulcheria Alexandrowna verlegen, »das ist wahr, als ich hierherreiste, träumte ich den ganzen Weg, wie wir uns wiedersehen, wie wir einander alles erzählen werden ... und war so glücklich, daß ich die Reise nicht einmal belästigend fand! Ja, was sage ich! Ich bin auch jetzt glücklich ... Du hast unrecht, Dunja ... Ich bin schon allein dadurch glücklich, daß ich dich sehe, Rodja ...«
»Lassen Sie es, Mama,« murmelte er in Verlegenheit und drückte ihr die Hand ohne sie anzublicken, »wir werden schon Zeit haben uns auszusprechen.«
Nachdem er das gesagt hatte, wurde er wieder verlegen und erbleichte, -- wieder durchzog eine kurze schreckliche Empfindung in toter Kälte seine Seele, wieder wurde es ihm plötzlich vollkommen klar, daß er soeben eine furchtbare Lüge gesagt hatte, daß er nie wieder sich aussprechen könne, daß er nie mehr, niemals und mit niemandem, überhaupt sprechen dürfe. Der Eindruck dieses qualvollen Gedankens war so stark, daß er auf einen Moment sich fast vergaß, von seinem Platze aufstand und ohne jemand anzublicken, aus dem Zimmer zu gehen im Begriffe war.
»Was ist dir?« rief Rasumichin und faßte ihn an der Hand.
Er setzte sich wieder hin und begann sich schweigend umzusehen; alle blickten ihn befremdet an.
»Ja, warum seid ihr alle so langweilig!« rief er plötzlich, ganz unerwartet. »Sagt doch etwas! Warum sitzen wir so herum! Nun, so redet doch! Wollen wir uns unterhalten ... Sind zusammengekommen und schweigen ... redet doch etwas!«
»Gott sei dank! Ich dachte, mit ihm geschieht irgend etwas wie gestern,« sagte Pulcheria Alexandrowna und bekreuzigte sich.
»Was ist mit dir, Rodja?« fragte Awdotja Romanowna mißtrauisch.
»Nichts, ich denke gerade an etwas Komisches,« antwortete er und lachte plötzlich.
»Nun, wenn es etwas Komisches ist, so ist es gut! Ich dachte beinahe selbst ...« murmelte Sossimoff und erhob sich vom Sofa. »Ich muß jetzt gehen; ich komme noch einmal her, vielleicht ... wenn ich Sie antreffe ...« Er verabschiedete sich und ging hinaus.
»Welch ein prächtiger Mensch!« bemerkte Pulcheria Alexandrowna.
»Ja, er ist prächtig, ausgezeichnet, gebildet, klug ...« sagte plötzlich Raskolnikoff schnell und mit einer an ihm nicht gewohnten Lebhaftigkeit, »ich erinnere mich nicht, daß ich ihn vor meiner Krankheit getroffen hätte ... und doch ist mir, als hätte ich ihn irgendwo schon getroffen ... Dieser da ist auch ein guter Mensch!« er wies mit dem Kopfe auf Rasumichin, -- »gefällt er dir, Dunja?« fragte er sie und lachte plötzlich, ohne daß man wußte warum.
»Er gefällt mir sehr,« antwortete Dunja.
»Pfui, wie ... gemein du bist!« sagte Rasumichin furchtbar verlegen und errötend und stand vom Stuhle auf.
Pulcheria Alexandrowna lächelte ein wenig und Raskolnikoff lachte laut.
»Wohin willst du denn?«
»Ich muß auch ... gehen.«
»Du mußt gar nicht, bleibe hier! Sossimoff ist fortgegangen und da mußt du auch gehen? Bleib nur. Wieviel Uhr ist es? Ist es schon zwölf? Was du für eine nette Uhr hast, Dunja! Ja, warum schweigt ihr wieder? Bloß ich, ich allein rede die ganze Zeit! ...«
»Die Uhr ist ein Geschenk von Marfa Petrowna,« antwortete Dunja.
»Und eine sehr teure Uhr,« fügte Pulcheria Alexandrowna hinzu.
»So--o! Wie groß ist sie, fast keine Damenuhr mehr.«
»Ich habe solche gern,« sagte Dunja.
»Also, es ist kein Geschenk vom Bräutigam,« dachte Rasumichin und wurde froh darüber.
»Ich dachte, sie ist ein Geschenk von Luschin,« bemerkte Raskolnikoff.
»Nein, er hat Dunetschka noch nichts geschenkt.«
»So--o! Erinnern Sie sich noch, Mama, daß ich verliebt war und heiraten wollte,« sagte er plötzlich und sah die Mutter an, die von der unerwarteten Bemerkung und dem Tone, mit dem er sprach, betroffen war.
»Ach, mein Freund, ja ich erinnere mich!« Pulcheria Alexandrowna wechselte mit Dunetschka und Rasumichin einen Blick.
»Hm! Ja! Was soll ich Ihnen erzählen? Ich erinnere mich dessen ganz wenig. Sie war ein sehr krankes Mädchen,« fuhr er fort, anscheinend wieder in Gedanken versunken und mit gesenktem Blicke, »ganz krank war sie; sie liebte Almosen zu geben und träumte immer vom Kloster, und einmal weinte sie arg, als sie mir davon erzählte. Ja, ja ... ich erinnere mich ... ich erinnere mich dessen gut. Sie sah so ... häßlich aus. Ich weiß wirklich nicht, warum ich damals eine Neigung zu ihr faßte, vielleicht weil sie immer krank war ... Wäre sie noch lahm oder buckelig gewesen, ich hätte sie dann, glaube ich, noch mehr geliebt ...« (er lächelte nachdenklich). »Es war so ... ein Frühlingstraum ...«
»Nein, es war nicht allein ein Frühlingstraum,« sagte Dunetschka innig.
Er blickte aufmerksam und durchdringend die Schwester an, ohne ihre Worte recht gehört oder gar verstanden zu haben. Dann stand er in tiefem Nachdenken auf, trat an die Mutter heran, küßte sie, kehrte auf seinen Platz zurück und setzte sich wieder.
»Du liebst sie auch jetzt noch!« sagte Pulcheria Alexandrowna gerührt.
»Sie? Jetzt? Ach ja ... Sie meinen sie! Nein. All das ist jetzt wie aus einer anderen Welt ... und so lange her. Ja und alles, was hier rings um mich geschieht, ist, als geschähe es nicht hier ...«
Er blickte sie aufmerksam an.
»Auch euch ... ich sehe euch, wie tausend Werst weit von hier ... Ja, und zum Teufel, warum sprechen wir darüber! Und warum fragt ihr mich aus?« fügte er ärgerlich hinzu und verstummte, kaute an den Fingernägeln und wurde von neuem nachdenklich.
»Wie schlecht deine Wohnung ist, Rodja, sie ist wie ein Sarg,« sagte plötzlich Pulcheria Alexandrowna, das peinliche Schweigen unterbrechend, »ich bin überzeugt, daß zur Hälfte dich diese Wohnung zu einem Melancholiker gemacht hat.«
»Die Wohnung? ...« antwortete er zerstreut. »Ja, diese Wohnung hat viel dazu beigetragen ... ich habe es auch gedacht ... Wenn Sie aber wüßten, welchen merkwürdigen Gedanken Sie soeben aussprachen,« fügte er plötzlich hinzu und lächelte eigentümlich.
Noch ein Weniges, und diese Gesellschaft, seine nächsten Verwandten, die er nach dreijähriger Trennung wiedersah, und diese Art von Gesprächen, die kein Thema festzuhalten vermochten, mußten ihm schließlich ganz unerträglich werden. Es gab jedoch noch eine unaufschiebbare Angelegenheit, die heute noch, so oder so, aber unbedingt entschieden werden sollte, -- so hatte er vorhin schon, als er erwachte, beschlossen. Jetzt freute er sich darüber, wie über einen Ausweg.
»Höre, Dunja,« begann er ernst und trocken, »ich bitte selbstverständlich wegen des Gestrigen um Verzeihung, aber ich halte es für meine Pflicht, dich noch einmal zu erinnern, daß ich von meinem Hauptverlangen nicht zurücktrete. Entweder ich oder Luschin. Mag ich ein Schuft sein, du aber darfst es nicht werden. Einer allein. Wenn du Luschin heiratest, höre ich sofort auf, dich als meine Schwester anzusehen.«
»Rodja, Rodja! Das ist doch dasselbe wie gestern,« rief Pulcheria Alexandrowna kummervoll aus, »und warum nennst du dich immer einen Schuft, ich kann es nicht ertragen! Auch gestern war dasselbe ...«
»Bruder,« antwortete Dunja fest und ebenso trocken, »in alledem liegt ein Irrtum deinerseits. Ich habe es heute überlegt und den Irrtum gefunden. Die Hauptsache ist, daß du, wie es mir scheint, denkst, ich bringe mich jemandem und um jemandes willen zum Opfer. Das ist nicht richtig. Ich heirate nur meinethalben, weil mir das Leben so zu führen selbst schwer fällt; dann aber will ich auch sicher froh sein, wenn es mir gelingen sollte, meinen Verwandten nützlich zu sein, zu meinem Entschlusse aber ist dies nicht der hauptsächlichste Beweggrund ...«
»Sie lügt!« dachte er und kaute vor Wut an seinen Nägeln. »Sie ist stolz! Sie will es nicht eingestehen, daß sie Wohltaten erweisen möchte! Oh, diese niedrigen Charaktere! Sie lieben, als haßten sie ... Oh, wie ich sie alle ... hasse!«
»Mit einem Worte, ich heirate Peter Petrowitsch,« fuhr Dunetschka fort, »weil ich von zwei Übeln das kleinste wähle. Ich habe die Absicht, alles ehrlich zu erfüllen, was er von mir erwartet, also betrüge ich ihn nicht ... Warum lächelst du jetzt?«
Sie errötete und in ihren Augen blitzte der Zorn.
»Du willst alles erfüllen?« fragte er mit einem giftigen Lächeln.
»Bis zu einer gewissen Grenze. Die Art und die Form des Antrages von Peter Petrowitsch haben mir sofort gezeigt, was er braucht. Er schätzt sich gewiß vielleicht zu hoch ein, aber ich hoffe, daß er auch mich schätzt ... Warum lachst du wieder?«
»Und warum errötest du wieder? Du lügst, Schwester, du lügst bewußt, bloß aus weiblichem Eigensinn, um nur auf deinem Willen vor mir zu bestehen ... Du kannst Luschin nicht achten, -- ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen. Also, verkaufst du dich für Geld und also handelst du in jedem Falle niedrig, und ich freue mich, daß du wenigstens noch erröten kannst!«
»Es ist nicht wahr, ich lüge nicht! ...« rief Dunetschka, ihre ganze Kaltblütigkeit verlierend, »ich würde ihn nicht heiraten, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß er mich schätzt und auf mich etwas gibt; ich würde ihn nicht heiraten, wenn ich nicht fest überzeugt wäre, daß ich ihn selbst achten kann. Zum Glück kann ich mich davon sicher und heute noch überzeugen. Und solch eine Heirat ist keine Schuftigkeit, wie du sagst! Und wenn du auch recht hättest, wenn ich tatsächlich mich zu einer Schuftigkeit entschlossen hätte, -- ist es dann nicht grausam von dir, so mit mir zu sprechen? Warum verlangst du von mir ein Heldentum, das du vielleicht selbst nicht hast? Das ist Despotismus, das ist Gewalttätigkeit! Wenn ich jemand zugrunde richte, doch höchstens mich selbst ... Ich habe noch niemanden getötet ... Warum schaust du mich so an? Warum bist du so bleich geworden? Rodja, was ist dir? Rodja, lieber ...«
»Herrgott! Sie hat ihn bis zur Ohnmacht gebracht!« -- rief Pulcheria Alexandrowna aus.
»Nein, nein ... das ist Unsinn ... es ist nichts! ... Der Kopf schwindelt mir nur ein wenig. Es ist keine Ohnmacht ... Ihr wittert überall Ohnmachten ... Hm! ja ... was wollte ich sagen? Ja, -- wie willst du dich heute überzeugen, daß du ihn achten kannst, und daß er dich ... schätzt etwa, wie du sagtest? Du sagtest, schien mir, heute? Oder habe ich mich verhört?«
»Mama, zeigen Sie dem Bruder den Brief von Peter Petrowitsch,« -- sagte Dunetschka.
Pulcheria Alexandrowna reichte ihm mit zitternden Händen den Brief. Er nahm ihn mit großer Neugierde. Ehe er ihn aber öffnete, blickte er plötzlich verwundert Dunetschka an.
»Sonderbar,« -- sagte er langsam, als wäre er durch einen neuen Gedanken überrascht, »warum rege ich mich so auf? Warum dieses ganze Geschrei? Heirate, wen du willst!«
Er sagte es scheinbar für sich selbst, sprach es aber laut aus und blickte eine Weile die Schwester wie verblüfft an.
Er öffnete endlich den Brief, wobei er immer noch den Ausdruck einer seltsamen Verwunderung behielt; dann begann er langsam und aufmerksam zu lesen und las den Brief zweimal. Pulcheria Alexandrowna war in großer Unruhe, auch die anderen erwarteten etwas Besonderes.
»Mich wundert es,« -- begann er nach einigem Nachdenken und gab den Brief der Mutter zurück, wandte sich aber zu keinem einzelnen, -- »er führt doch Prozesse, ist Advokat, und seine Weise zu sprechen hat auch so einen ... Anstrich, -- aber wie ungebildet er schreibt.« Alle rührten sich, das hatten sie nicht erwartet.
»Sie schreiben doch alle so,« -- bemerkte Rasumichin kurz.
»Hast du den Brief gelesen?«
»Ja.«
»Wir haben ihn gezeigt, Rodja, wir ... haben vorhin uns beratschlagt,« -- begann Pulcheria Alexandrowna verlegen.
»Es ist eigentlich der Gerichtsstil,« -- unterbrach Rasumichin, -- »Gerichtspapiere werden heute noch so geschrieben.«
»Gerichtsstil? Ja, wirklich, Gerichtsstil, Geschäftsstil ... Er ist nicht ganz ungebildet geschrieben und auch nicht sehr literarisch; ein Geschäftsbrief!«
»Peter Petrowitsch verheimlicht auch nicht, daß er wenig gelernt hat, und ist sogar stolz darauf, daß er seinen Weg selbst gemacht hat,« -- bemerkte Awdotja Romanowna, neuerlich durch den Ton des Bruders gekränkt.
»Nun, wenn er stolz darauf ist, hat er auch ein Recht dazu, -- ich widerspreche nicht. Du, Schwester, scheinst gekränkt zu sein, daß ich aus dem ganzen Brief nur so eine frivole Schlußfolgerung gezogen habe, und meinst, daß ich absichtlich über solche Kleinigkeiten gesprochen habe, um mich über dich aus Ärger lustig zu machen. Im Gegenteil, mir kam in bezug des Stils ein in diesem Falle nicht ganz überflüssiger Gedanke. In dem Briefe ist ein Ausdruck -- >woran Sie allein sich die Schuld zuzuschreiben hätten<, der sehr bedeutungsvoll und klar hingesetzt ist, und außerdem enthält der Brief die Drohung, daß er sofort fortgehen werde, wenn ich hinkomme. Diese Drohung fortzugehen, ist gleichbedeutend der Drohung, euch beide zu verlassen, wenn ihr unfolgsam sein werdet, und gerade jetzt zu verlassen, wo er euch nach Petersburg gebracht hat. Nun, was meinst du, -- kann man durch solch einen Ausdruck seitens Luschins ebenso gekränkt sein, wie wenn er es geschrieben hätte« -- (er zeigte auf Rasumichin) -- »oder Sossimoff oder einer von uns?«
»N--nein,« -- antwortete Dunetschka, -- »ich habe sehr gut verstanden, daß es zu naiv ausgedrückt ist, und daß er vielleicht bloß nicht versteht zu schreiben ... Das hast du gut beurteilt, Bruder. Ich habe das nicht mal erwartet ...«
»Das ist in Gerichtssprache ausgedrückt und im Gerichtsstil kann man es anders nicht schreiben, und es ist gröber herausgekommen, als er vielleicht wollte. Übrigens, ich muß dich ein wenig enttäuschen, -- in diesem Briefe gibt es noch eine Äußerung, eine Verleumdung in bezug auf mich, und eine ziemlich gemeine. Ich habe das Geld gestern der Witwe, einer schwindsüchtigen und niedergeschmetterten Frau, gegeben, und nicht unter dem Vorwande, die Beerdigungskosten zu tragen, sondern einfach zur Beerdigung, auch nicht der Tochter, -- einem Mädchen, wie er schreibt, >von verrufenem Lebenswandel< -- und die ich gestern zum ersten Male in meinem Leben gesehen habe, sondern tatsächlich der Witwe. In diesem allen sehe ich den zu eiligen Wunsch, mich mit Schmutz zu bewerfen und mit euch zu verzwisten. Es ist wiederum in der Gerichtssprache ausgedrückt, das heißt mit einer zu deutlichen Klarlegung des Zweckes und einer sehr naiven Eile. Er ist ein kluger Mann, aber um klug zu handeln genügt nicht, nur Verstand zu haben. Dies alles zeigt den Menschen und ... ich glaube nicht, daß er dich hochschätzt. Ich teile es dir nur zur Belehrung mit, denn ich wünsche aufrichtig dein Gutes ...«
Dunetschka antwortete nicht; ihr Entschluß war schon vorhin gefaßt, sie erwartete bloß den Abend.
»Wie entschließt du dich denn, Rodja?« -- fragte Pulcheria Alexandrowna, noch mehr beunruhigt als vorhin, durch den plötzlichen, neuen, geschäftlichen Ton seiner Rede.
»Was heißt -- entschließest du dich?« --
»Peter Petrowitsch schreibt doch, daß du heute abend nicht bei uns sein sollst, und daß er fortgehen werde ... wenn du doch kommen solltest. Also, wie ... wirst du kommen?«
»Die Entscheidung hierüber kommt doch selbstverständlich nicht mir, sondern erstens Ihnen zu, wenn Sie dieses Verlangen von Peter Petrowitsch nicht kränkt, und zweitens Dunja, wenn sie sich auch nicht gekränkt fühlt. Und ich will handeln, wie es für sie am besten ist,« -- fügte er trocken hinzu.
»Dunetschka hat schon beschlossen, und ich bin mit ihr völlig einverstanden,« -- beeilte sich Pulcheria Alexandrowna zu bemerken.
»Ich habe beschlossen, dich, Rodja, zu bitten, eindringlich zu bitten, unbedingt bei dieser Zusammenkunft zugegen zu sein,« -- sagte Dunja, -- »willst du kommen?«
»Ich will kommen.«
»Auch Sie bitte ich, bei uns um acht Uhr zu sein,« -- wandte sie sich an Rasumichin, -- »Mama, ich fordere ihn auch auf.«
»Sehr gut, Dunetschka. Nun, wie ihr beschlossen habt, möge es bleiben,« -- fügte Pulcheria Alexandrowna hinzu. -- »Und für mich ist es auch leichter; ich liebe nicht, mich zu verstellen und zu lügen; besser wollen wir die ganze Wahrheit sagen ... Mag Peter Petrowitsch jetzt böse sein oder nicht!«
IV.
In diesem Augenblicke wurde die Türe leise geöffnet und ins Zimmer trat, sich schüchtern umblickend, ein junges Mädchen herein. Alle wandten sich mit Erstaunen und Neugier zu ihr um. Raskolnikoff erkannte sie nicht gleich auf den ersten Blick. Es war Ssofja Ssemenowna Marmeladowa. Gestern hatte er sie zum ersten Male gesehen, aber in solch einem Augenblicke, in solcher Umgebung und solch einem Aufzuge, daß in seiner Erinnerung das Bild einer ganz anderen Person haften geblieben war. Jetzt war es ein einfach und sogar ärmlich angezogenes Mädchen, noch sehr jung, fast einem Kinde ähnlich, mit bescheidenem und anständigem Wesen, und mit einem klaren, aber anscheinend verängstigten Gesichte. Sie hatte ein sehr einfaches Hauskleid an und auf dem Kopfe einen alten Hut von früherer Mode; nur in den Händen trug sie den Sonnenschirm von gestern. Als sie plötzlich ein Zimmer voll Menschen erblickte, wurde sie nicht bloß verlegen, sondern verlor die Fassung und ward verzagt wie ein kleines Kind, und machte sogar eine Bewegung, als wollte sie wieder gehen.
»Ach ... Sie sind es? ...« sagte Raskolnikoff außerordentlich verwundert, und wurde plötzlich selbst verlegen. Er dachte sofort daran, daß die Mutter und die Schwester aus dem Briefe Luschins schon etwas von einem gewissen Mädchen »von verrufenem Lebenswandel« wußten. Soeben hatte er noch gegen die Verleumdung Luschins protestiert und erwähnt, daß er dieses Mädchen zum ersten Male gesehen habe, und plötzlich tritt sie selbst ein. Er erinnerte sich auch, daß er gar nicht gegen den Ausdruck -- »von verrufenem Lebenswandel« protestiert habe. Dies alles durchzog unklar und flüchtig seinen Kopf. Als er aber aufmerksamer hinblickte, sah er, wie gedrückt dieses erniedrigte Wesen war, und sie tat ihm plötzlich leid. Als sie aber im Schreck sich anschickte wegzulaufen, schlug seine Stimmung um.
»Ich habe Sie nicht erwartet,« -- sagte er hastig und hielt sie mit seinem Blicke zurück. -- »Setzen Sie sich bitte. Sie kommen sicher im Auftrage Katerina Iwanownas. Erlauben Sie, setzen Sie sich nicht hierhin, sondern dorthin« ... Bei Ssonjas Eintritt war Rasumichin, der auf einem der drei Stühle Raskolnikoffs gerade neben der Türe gesessen hatte, aufgestanden, um ihr zum Hereingehen Platz zu machen. Zuerst wollte ihr Raskolnikoff den Platz in der Ecke des Sofas anbieten, wo Sossimoff gesessen hatte, aber es fiel ihm ein, daß dieses Sofa ein zu familiärer Platz sei, ihm als Bett diene und beeilte sich, ihr den Stuhl Rasumichins anzubieten.
»Und du setzt dich hierher,« -- sagte er zu Rasumichin und wies ihn in die Ecke, wo Sossimoff gesessen hatte.
Ssonja setzte sich, fast zitternd vor Angst, und blickte schüchtern auf die beiden Damen. Man sah, daß sie selbst nicht begriff, wie sie sich neben sie hinsetzen konnte. Als es ihr bewußt wurde, erschrak sie so, daß sie wieder aufstand und sich in völliger Verwirrung an Rasumichin wandte.
»Ich ... ich ... bin nur auf einen Augenblick gekommen, verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe,« -- sagte sie stockend.
»Ich komme im Auftrage Katerina Iwanownas, sie hatte sonst niemanden zum Schicken ... Und Katerina Iwanowna läßt Sie sehr bitten, zu der Totenmesse morgen früh ... zu kommen. Nach dem Gottesdienst ... auf dem Mitrofaniewschen Friedhof und nachher bei uns ... bei ihr ... zu essen ... Ihr die Ehre zu erweisen ... Sie läßt Sie bitten.«
Sie stockte und verstummte.
»Ich will es unbedingt versuchen ... unbedingt,« -- antwortete Raskolnikoff, indem er sich auch erhob, ebenso stockte und nicht ausredete. -- »Bitte, tun Sie mir den Gefallen, setzen Sie sich,« -- sagte er plötzlich, -- »ich muß mit Ihnen sprechen. Bitte, -- Sie haben es vielleicht eilig, -- tun Sie mir aber den Gefallen und schenken Sie mir nur noch zwei Minuten ...« und er schob ihr den Stuhl hin. Ssonja setzte sich wieder, und wieder warf sie schüchtern und verstört einen schnellen Blick auf die beiden Damen und senkte sogleich wieder die Augen.
Das bleiche Gesicht Raskolnikoffs errötete; er schien wie umgewandelt, seine Augen funkelten.
»Mama,« -- sagte er fest und eindringlich, -- »das ist Ssofja Ssemenowna Marmeladowa, die Tochter des unglücklichen Herrn Marmeladoff, der gestern vor meinen Augen vom Pferde zu Boden getreten wurde, was ich Ihnen schon erzählt habe ...«
Pulcheria Alexandrowna blickte nach Ssonja und kniff ein wenig die Augen zusammen. Trotz ihrer Verlegenheit vor dem eindringlichen und herausfordernden Blicke Rodjas konnte sie sich dieses Vergnügen nicht versagen. Dunetschka sah ernst und unverwandt dem armen Mädchen ins Gesicht und betrachtete sie unschlüssig. Als Ssonja diese Vorstellung hörte, erhob sie die Augen auf einen Augenblick und wurde noch mehr verlegen.
»Ich wollte Sie fragen,« -- wandte sich Raskolnikoff schnell zu ihr, -- »wie hat sich heute alles bei Ihnen gemacht? Hat man sie nicht belästigt? ... Zum Beispiel die Polizei.«
»Nein, alles ging glatt ... Es war doch deutlich zu sehen, woran er gestorben ist; man hat uns weiter nicht belästigt, nur die Mieter sind böse.«
»Warum?«
»Weil die Leiche so lange steht ... jetzt ist es doch heiß, es gibt einen Geruch ... so daß man die Leiche heute zur Abendmesse auf den Friedhof tragen wird, und läßt sie dort bis morgen in der Kapelle stehen. Katerina Iwanowna wollte es zuerst nicht, jetzt aber sieht sie selbst ein, daß es so besser ist ...«
»Also heute?«
»Sie bittet Sie, uns die Ehre zu erweisen, morgen bei der Totenmesse in der Kirche zu sein, und dann bei ihr zu essen.«
»Sie gibt zu seinem Andenken ein Essen?«
»Ja, einen Imbiß; sie läßt Ihnen sehr danken, daß Sie gestern uns geholfen haben ... ohne Sie wäre gar nichts da, womit man ihn hätte beerdigen können.«
Ihre Lippen und ihr Kinn bebten plötzlich, aber sie nahm sich zusammen, hielt an sich, und senkte wieder die Augen zu Boden.
Während des Gespräches schaute sie Raskolnikoff unverwandt an. Sie hatte ein zartes, ganz mageres und blasses Gesichtchen, ziemlich unregelmäßige Züge, mit einer spitzen kleinen Nase und ebensolchem Kinn. Man konnte sie nicht einmal hübsch nennen, aber ihre blauen Augen waren so klar, und, wenn sie sich belebten, wurde der Ausdruck ihres Gesichtes so gut und schlicht, daß sie einen unwillkürlich anzog. In ihrem Gesichte und auch in ihrer ganzen Gestalt lag außerdem etwas besonders Charakteristisches, -- trotz ihrer achtzehn Jahre sah sie jünger aus als sie war, fast wie ein Kind, und dies zeigte sich zuweilen in gelungener Weise bei einigen ihrer Bewegungen.
»Aber wie konnte denn Katerina Iwanowna mit so wenig Mitteln auskommen, und hat dazu noch die Absicht, ein Essen zu geben?« ... fragte Raskolnikoff, bestrebt, das Gespräch fortzuführen.
»Der Sarg ist einfach ... und alles ist einfach, so daß es nicht teuer kommt ... wir haben vorhin mit Katerina Iwanowna alles ausgerechnet, es bleibt noch so viel übrig, um sein Andenken zu ehren ... und Katerina Iwanowna möchte das so sehr gern. Man kann nichts dagegen sagen ... ihr ist es ein Trost ... so ist sie nun, Sie wissen doch ...«
»Ich verstehe, verstehe ... Selbstverständlich ... Warum betrachten Sie so mein Zimmer? Meine Mama sagt auch, daß es einem Sarge ähnelt.«
»Sie haben gestern uns alles gegeben!« -- sagte plötzlich Ssonjetschka leise und hastig, und schlug wieder die Augen nieder.
Ihre Lippen und ihr Kinn bebten wieder. Sie war längst schon von der ärmlichen Umgebung Raskolnikoffs überrascht, und jetzt waren ihr diese Worte entschlüpft. Es trat Schweigen ein. Dunetschkas Augen schienen zu leuchten, und Pulcheria Alexandrowna blickte Ssonja freundlich an.
»Rodja,« -- sagte sie, sich erhebend, -- »wir essen selbstverständlich zusammen zu Mittag. Dunetschka, komm ... Rodja, du solltest ausgehen, etwas spazieren gehen, dann dich ausruhen, hinlegen, und dann kommst du zu uns ... Ich fürchte, wir haben dich ermüdet ...«
»Ja, ja, ich will kommen,« -- antwortete er eilig im Aufstehen, -- »... ich habe übrigens noch zu tun ...«
»Ja, werdet ihr nicht mal zusammen zu Mittag essen?« -- rief Rasumichin und blickte erstaunt Raskolnikoff an. -- »Was ist mit dir?«
»Ja, ja, ich komme selbstverständlich ... Bleibe noch einen Augenblick. Sie brauchen ihn doch jetzt nicht, Mama? Oder nehme ich ihn euch vielleicht weg?«
»Ach, nein, nein! Und Sie, Dmitri Prokofjitsch, kommen Sie zu Mittag, seien Sie so gut.«
»Bitte, kommen Sie,« -- bat auch Dunetschka.
Rasumichin verbeugte sich und strahlte förmlich. Auf einen Augenblick waren alle sonderbar verlegen.
»Lebwohl, Rodja, das heißt, auf Wiedersehen! Ich liebe nicht >lebwohl< zu sagen. Lebwohl, Nastasja, ... ach, wieder habe ich >lebwohl< gesagt! ...«
Pulcheria Alexandrowna wollte sich auch vor Ssonjetschka verbeugen, aber sie brachte es nicht fertig und ging eilig aus dem Zimmer.
Awdotja Romanowna wartete, bis die Reihe an sie kam, und als sie hinter der Mutter an Ssonja vorbeiging, verabschiedete sie sich von ihr mit einem aufmerksamen, höflichen und achtungsvollen Gruß. Ssonjetschka wurde verlegen, grüßte hastig und erschrocken, und ein schmerzliches Empfinden drückte sich in ihrem Gesichte aus, als ob die Höflichkeit und Aufmerksamkeit Awdotja Romanownas sie bedrückte und peinigte.
»Dunja, lebwohl!« -- rief Raskolnikoff ihr auf der Treppe nach, -- »gib mir doch die Hand!«
»Ich habe sie dir doch gereicht, hast du es vergessen?« antwortete Dunja innig und wandte sich zu ihm um.
»Nun, was tut es, gib sie mir noch einmal!«
Und er drückte stark ihre kleinen Finger. Dunetschka lächelte ihm zu, errötete, riß schnell ihre Hand aus der seinen und ging glücklich der Mutter nach.
»Nun, das ist prächtig!« -- sagte er zu Ssonja, indem er in sein Zimmer zurückkehrte und sie klar anblickte, -- »gebe Gott den Toten die Ruhe und lasse die Lebenden leben! Nicht wahr? Nicht wahr? Es ist doch so?«
Ssonja sah verwundert in sein plötzlich erhelltes Gesicht; er blickte sie einige Augenblicke schweigend und unverwandt an, -- was ihr verstorbener Vater von ihr erzählt hatte, lebte in dieser Minute in seiner Erinnerung auf ...
* * * * *
»Herrgott, Dunetschka!« -- sagte Pulcheria Alexandrowna, als sie kaum auf der Straße waren, -- »ich freue mich, daß wir weggegangen sind; es wird mir leichter zumute. Wie hätte ich mir gestern im Eisenbahnwagen denken können, daß ich darüber froh sein könnte!«
»Ich sage Ihnen noch einmal, Mama, daß er noch sehr krank ist. Können Sie es denn nicht sehen? Vielleicht ist er so aufgeregt, weil er unseretwegen litt. Man muß nachsichtig sein, und man kann vieles, vieles verzeihen.«
»Du aber warst nicht nachsichtig!« -- unterbrach sie eifrig und eifersüchtig Pulcheria Alexandrowna. -- »Weißt du, Dunja, ich sah euch beide an, du bist sein Ebenbild, und nicht so sehr äußerlich als seelisch, beide seid ihr schwerblütig, beide seid ihr düster und jähzornig, beide hochmütig und beide hochherzig ... Es kann doch nicht sein, daß er ein Egoist ist, Dunetschka, he? ... Und wenn ich daran denke, was uns heute abend bevorsteht, so steht mir das Herz still!«
»Regen Sie sich nicht auf, Mama, es wird geschehen, was geschehen muß.«
»Dunetschka! Denk doch nur, in welcher Lage wir jetzt sind! Was geschieht, wenn Peter Petrowitsch sich zurückzieht?« -- sagte unvorsichtigerweise die arme Pulcheria Alexandrowna.
»Ja, und was ist er dann wert?« -- antwortete Dunetschka scharf und verächtlich.
»Wir haben gut getan, daß wir jetzt weggingen,« -- beeilte sich Pulcheria Alexandrowna fortzufahren, -- »er hatte etwas Eiliges vor; mag er ausgehen, er wird frische Luft amten ... es ist furchtbar dumpf bei ihm ... aber wo kann man hier frische Luft atmen? Auch auf den Straßen hier ist es wie in einem Zimmer ohne Ventilation -- Herrgott, was ist das für eine Stadt! ... Warte doch, geh aus dem Wege, man wird dich noch umstoßen, sie tragen da etwas! Ein Klavier tragen sie, wirklich ... wie sie stoßen ... Dieses Mädchen fürchte ich auch sehr ...«
»Was für ein Mädchen, Mama?«
»Ja, diese dort, Ssofja Ssemenowna, die soeben da war ...«
»Warum denn?«
»Ich habe so eine Ahnung, Dunja. Nun, glaube mir oder nicht, aber als sie hereinkam, dachte ich im selben Augenblick, daß hier die Hauptsache sei ...«
»Nichts ist da!« -- rief Dunja ärgerlich aus. -- »Was haben Sie auch für Ahnungen, Mama! Er kennt sie erst seit gestern, und jetzt, als sie hereintrat, erkannte er sie nicht einmal gleich.«
»Nun, du wirst sehen! ... Sie bringt mich in Verwirrung, du wirst sehen, wirst sehen! Und ich bin so erschrocken, -- sie blickt mich an und blickt mich an, hat solche Augen, ich konnte kaum auf dem Stuhle sitzen bleiben, erinnerst du dich, als er sie vorstellte? Und sonderbar erscheint es mir, -- Peter Petrowitsch schreibt über sie in solcher Weise, und er stellt sie uns vor und dir noch dazu! Sie muß ihm doch teuer sein!«
»Er schreibt über vieles! Über uns hat man auch gesprochen und geschrieben, haben Sie es vergessen? Und ich bin überzeugt, daß sie ... gut ist, und daß alles Unsinn ist!«
»Möge es Gott geben!«
»Und Peter Petrowitsch ist ein häßliches Klatschmaul,« -- schnitt plötzlich Dunetschka ab.
Pulcheria Alexandrowna fuhr zusammen. Das Gespräch war plötzlich abgebrochen. -- --
* * * * *
»Höre, höre mal, ich habe etwas mit dir vor ...« -- sagte Raskolnikoff und führte Rasumichin zum Fenster hin.
»Also, ich will Katerina Iwanowna ausrichten, daß Sie kommen ...« wollte sich Ssonjetschka verabschieden.
»Sofort, Ssofja Ssemenowna, wir haben keine Geheimnisse, Sie stören nicht ... Ich möchte Ihnen noch ein paar Worte sagen ... Höre mal,« -- wandte er sich wieder an Rasumichin. -- »Du kennst doch diesen ... Wie heißt er? ... Porphyri Petrowitsch?«
»Und ob? Er ist doch verwandt mit mir. Weshalb?« -- fügte jener mit Neugier hinzu.
»Er führt doch jetzt diese Sache ... nun, über den Mord ... worüber ihr gestern gesprochen habt ...?«
»Ja ... und?« -- Rasumichin sperrte die Augen auf.
»Er hat die Pfandgeber befragt, ich habe auch dort versetzt, Kleinigkeiten, jedoch auch einen Ring von der Schwester, den sie mir zum Andenken schenkte, als ich abreiste, und die silberne Uhr meines Vaters. Alles das kostet fünf oder sechs Rubel, mir aber sind sie zu teuer als Andenken. Was soll ich jetzt tun? Ich will nicht, daß die Sachen verloren gehen, besonders die Uhr. Ich bebte davor, daß die Mutter danach fragen würde, als wir über Dunetschkas Uhr sprachen. Es ist das einzige, was vom Vater herrührt. Sie wird krank werden, wenn die Uhr verloren geht! Frauen sind einmal so! Also, was soll ich tun, sage es mir! Ich weiß, daß ich im Polizeibureau es anmelden muß. Ist es aber nicht besser, sich an Porphyri selbst zu wenden?? Ah! He! Wie meinst du? Man müßte es schnell tun. Du wirst sehen, daß die Mutter mich vor dem Mittage danach noch fragt.«
»Keinesfalls im Polizeibureau, unbedingt sich an Porphyri wenden!« rief Rasumichin in ungewöhnlicher Aufregung. -- »Nun, wie ich froh bin! Ja, was ist da viel zu denken, gehen wir sofort hin, es sind bloß zwei Schritte, wir treffen ihn bestimmt an.«
»Meinetwegen ... gehen wir zu ihm ...«
»Und er wird sehr, sehr erfreut sein, dich kennenzulernen! Ich habe ihm viel von dir gesprochen, zu verschiedenen Malen ... Auch gestern wieder. Gehen wir! ... Also du hast die Alte gekannt? So so! ... Ausgezeichnet hat sich alles gemacht! ... Ach, ja ... Ssofja Iwanowna ...«
»Ssofja Ssemenowna,« -- korrigierte ihn Raskolnikoff. -- »Ssofja Ssemenowna, das ist mein Freund Rasumichin, und ein guter Mensch ist er ...«
»Wenn Sie jetzt gehen müssen ...« -- begann Ssonja, wobei sie Rasumichin gar nicht angesehen hatte, was sie noch mehr verwirrt machte.
»Nun, gehen wir!« -- beschloß Raskolnikoff, -- »ich komme zu Ihnen heute noch, Ssofja Ssemenowna, sagen Sie mir, wo Sie wohnen.«
Er war nicht verwirrt, aber er schien es eilig zu haben und vermied ihren Blick. Ssonja gab ihre Adresse und errötete dabei. Sie gingen gleichzeitig fort.
»Schließt du denn das Zimmer nicht ab?« -- sagte Rasumichin, hinter ihnen die Treppe hinabsteigend.
»Nie! ... ich will schon seit zwei Jahren ein Schloß kaufen,« -- fügte er nachlässig hinzu. -- »Glücklich sind die Menschen, die nichts abzuschließen haben, nicht wahr?« -- wandte er sich lachend an Ssonja.
Auf der Straße blieben sie am Tore stehen.
»Sie müssen nach rechts, Ssofja Ssemenowna! Wie haben Sie mich denn gefunden?« -- fragte er sie, schien aber etwas ganz anderes sagen zu wollen.
Er wollte die ganze Zeit in ihre stillen klaren Augen blicken, und es gelang ihm immer nicht ...
»Sie gaben doch gestern Poletschka Ihre Adresse.«
»Polja? Ach ja ... Poletschka! Das ist ... die Kleine ... das ist Ihre Schwester? Also, ich gab ihr meine Adresse!«
»Haben Sie es denn vergessen?«
»Nein ... ich erinnere mich ...«
»Und ich habe von Ihnen noch durch den Verstorbenen gehört ... Ich kannte bloß damals Ihren Namen nicht, und auch er selbst wußte ihn nicht ... Jetzt aber kam ich ... und als ich gestern Ihren Namen hörte ... da fragte ich heute: wo wohnt hier Herr Raskolnikoff? ... Und ich wußte nicht, daß Sie auch ein Zimmer gemietet ... Leben Sie wohl ... Ich will Katerina Iwanowna ...«
Sie war sehr froh, daß sie endlich loskam; und ging mit gesenktem Kopfe eilig, um nur schneller aus ihren Augen zu verschwinden, um nur schneller diese zwanzig Schritte bis zur Biegung nach rechts in die Seitenstraße zu durcheilen und endlich allein zu sein; um im schnellen Gehen, ohne jemand anzublicken und unbeachtet, nachzudenken, sich zu erinnern und jedes Wort und jeden Umstand sich zurückzurufen. Nie, nie hatte sie Ähnliches empfunden. Eine ganz neue Welt war unbekannt und dunkel in ihre Seele gedrungen. Sie erinnerte sich plötzlich, daß Raskolnikoff heute selbst zu ihr kommen wollte, vielleicht schon heute morgen, vielleicht gleich!
»Besser nicht heute, bitte, nicht heute!« -- murmelte sie mit stockendem Herzen, als flehe sie jemand an, wie ein erschrecktes Kind. -- »Herrgott! Zu mir ... in dies Zimmer ... er wird sehen ... oh, Gott!«
Sie konnte sicher in diesem Augenblicke den fremden Herrn nicht bemerken, der eifrig sie beobachtete und ihr auf den Fersen folgte. Er begleitete sie schon von dem Tore der Wohnung Raskolnikoffs an. In dem Augenblicke, als alle drei, Rasumichin, Raskolnikoff und sie auf dem Fußsteige, um ein paar Worte zu wechseln, stehen blieben, schien dieser Vorübergehende plötzlich aufzufahren, als er an ihnen vorbeiging und zufällig die Worte Ssonjas auffing, -- »da fragte ich, wo wohnt hier Herr Raskolnikoff?« Er warf einen schnellen, aber aufmerksamen Blick allen dreien zu, besonders aber Raskolnikoff, an den sich Ssonja wandte, sah dann das Haus an und merkte es sich. Dies alles war in einem kurzen Augenblick, im Vorbeigehen geschehen und unauffällig, nun verminderte er seine Schritte, als wartete er. Er wartete auf Ssonja, denn er hatte gesehen, daß sie sich verabschiedete und wohl sofort nach Hause gehen würde.
»Aber wohin nach Hause? Ich habe dieses Gesicht irgendwo gesehen,« -- dachte er und forschte in seiner Erinnerung nach dem Gesicht Ssonjas, -- »... ich muß es erfahren.« Als er die Biegung erreichte, ging er auf die andere Seite der Straße hinüber, wandte sich um und sah, daß Ssonja denselben Weg wie er eingeschlagen hatte und ihn nicht gewahrte. Sie bog in dieselbe Straße ein. Er verlor sie nicht aus den Augen und ging nach etwa fünfzig Schritten wieder auf dieselbe Seite hinüber, auf der Ssonja dahinschritt, holte sie ein und folgte ihr auf fünf Schritt Entfernung. -- Es war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, etwas mehr als mittelgroß, wohlbeleibt, mit breiten und schrägen Schultern, was ihm ein etwas gebücktes Aussehen verlieh. Er war elegant und bequem gekleidet und sah ansehnlich aus. In den Händen trug er einen hübschen Stock, den er bei jedem Schritt auf das Trottoir aufstieß, und seine Hände staken in neuen Handschuhen. Sein breites Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen war nicht unangenehm, und seine Gesichtsfarbe frisch, nicht von Petersburger Art. Sein noch sehr dichtes Haar war ganz hellblond und kaum leicht ergraut, und der breite dichte Bart, der wie eine Schaufel herabhing, war noch heller als das Kopfhaar. Seine blauen Augen blickten kalt, durchdringend und sinnend; die Lippen waren rot. Überhaupt war er ein ausgezeichnet konservierter Mann und schien bedeutend jünger zu sein, als er war.
Als Ssonja auf den Kanal hinauskam, waren sie beide allein auf dem Fußsteige. Während er sie beobachtete, hatte er schon ihre Nachdenklichkeit und Zerstreutheit bemerkt. Als Ssonja ihr Haus erreichte, ging sie durch das Tor, er folgte ihr und schien überrascht zu sein. Im Hofe bog sie rechts in die Ecke ab, wo die Treppe zu ihrer Wohnung war. »Ah!« -- murmelte der Unbekannte und begann hinter ihr her die Stufen hinaufzusteigen. Hier erst bemerkte ihn Ssonja. Sie ging bis ins dritte Stockwerk, bog in den Korridor ein und klingelte an der Türe Nr. 9, wo mit Kreide -- »Kapernaumoff, Schneider« -- angeschrieben war. »Ah!« -- wiederholte der Unbekannte, verwundert über dieses seltsame Zusammentreffen, und klingelte an der Türe Nr. 8. Beide Türen waren voneinander kaum sechs Schritte entfernt.
»Sie wohnen bei Kapernaumoff!« sagte er, blickte Ssonja an und lachte. »Er hat mir gestern eine Weste umgeändert. Und ich wohne hier neben Ihnen bei Madame Gertrude Karlowna Rößlich. Wie sich das trifft!« Ssonja schaute ihn aufmerksam an.
»Wir sind also Nachbarn,« fuhr er besonders freundlich fort. »Ich bin erst seit drei Tagen in der Stadt. Nun, vorläufig auf Wiedersehen.«
Ssonja antwortete nicht; die Tür wurde geöffnet und sie schlüpfte hinein. Sie schämte sich und schien sich zu ängstigen ...
* * * * *
Rasumichin war auf dem Wege zu Porphyri in besonders aufgeregtem Zustande.
»Das ist prächtig, Bruder,« wiederholte er ein paarmal, »und ich freue mich! Ich freue mich!«
»Ja, worüber freut er sich?« dachte Raskolnikoff.
»Ich wußte gar nicht, daß du auch bei der Alten versetzt hast. Und ... und ... ist es lange her? Das heißt, warst du vor längerer Zeit bei ihr?«
»Wie naiv und dumm er ist!«
»Wann? ...« Raskolnikoff blieb stehen und besann sich: »Ja, drei Tage vielleicht vor ihrem Tode war ich dort. Übrigens, ich gehe doch nicht jetzt hin, um die Sachen auszulösen,« sagte er hastig und wie besorgt um seine Sachen, »ich habe ja wieder bloß einen einzigen Rubel in Silber ... infolge des gestrigen verfluchten Fieberanfalls ...«
Den Fieberanfall betonte er besonders.
»Nun, ja, ja, ja,« bestätigte Rasumichin eilig, »also darum auch hat dich ... er damals überrascht ... und weißt du, du hast auch im Fieber von allerhand Ringen und Ketten immer phantasiert! ... Nun, ja, ja ... Das ist klar, alles ist jetzt klar.«
»Also doch! Wie dieser Gedanke bei ihnen sich festgesetzt hat! Dieser da, dieser Mensch ließe sich für mich ans Kreuz schlagen, und er ist doch froh, daß es sich geklärt hat, warum ich im Fieber von Ringen redete! Wie tief es bei ihnen allen wurzelt! ...«
»Werden wir ihn auch antreffen?« fragte er laut.
»Wir treffen ihn bestimmt an,« beeilte sich Rasumichin zu antworten. »Er ist ein prächtiger Bursche, du wirst sehen! Ein wenig plump, das heißt, er ist wohl Weltmann, aber ich meine in anderem Sinne ist er plump. Ein kluger Bursche. Er hat nur eine eigentümliche Denkweise. Mißtrauisch, skeptisch, ein Zyniker ... liebt er zu betrügen, das heißt nicht zu betrügen, sondern einen anzuführen ... Er hat die alte Mode auf Indizien ... versteht aber seine Sache, versteht sie gut ... Er hat im vorigen Jahre das Dunkel über einen Mord ausgetüftelt, wo fast alle Spuren schon verloren waren! Er wünscht sehr, dich kennenzulernen!«
»Ja, warum denn sehr?«
»Das heißt, nicht etwa so ... siehst du, in der letzten Zeit, als du krank wurdest, hatte ich viel und oft Gelegenheit, dich zu erwähnen ... Nun, er hörte zu ... und als er erfuhr, daß du Jura studiert hast und infolge allerhand Umstände den Kursus nicht beenden konntest, sagte er, wie schade! Ich folgerte daraus ... das heißt, dies alles zusammen, nicht nur dies eine ... gestern hat Sametoff ... Siehst du, Rodja, ich habe dir gestern in meiner Betrunkenheit, als wir nach Hause gingen, etwas erzählt ... und ich fürchte nun, Bruder, daß du es übertreiben könntest, siehst du ...«
»Was denn? Daß man mich für verrückt hält? Ja, vielleicht ist es auch wahr.«
Er lächelte gezwungen.
»Ja, ja ... das heißt, pfui, nein! ... Nun, alles, was ich sprach ... und auch über anderes, ist Unsinn und in Betrunkenheit gesagt.«
»Ja, wozu entschuldigst du dich! Wie mir das alles zum Ekel ist!« rief Raskolnikoff mit übertriebener, zum Teil gespielter Gereiztheit.
»Ich weiß, ich weiß, verstehe es. Sei überzeugt, daß ich es verstehe. Ich sollte mich schämen, davon nur zu sprechen ...«
»Wenn du dich schämst, was sprichst du darüber!«
Beide verstummten. Rasumichin war äußerst vergnügt und Raskolnikoff fühlte es voll Widerwillen. Ihn beunruhigte auch das, was Rasumichin soeben über Porphyri erzählt hatte.
»Vor dem muß man auch ein Klagelied anstimmen,« dachte er erbleichend und mit Herzklopfen, »und es recht natürlich machen. Am besten wäre vielleicht, nichts vorzuklagen. Absichtlich nichts vorklagen! Nein, absichtlich wäre wieder nicht natürlich ... Nun, wie es sich macht ... wir werden ja sehen ... bald genug ... aber ist es gut oder nicht gut, daß ich hingehe? Der Schmetterling fliegt von selbst ins brennende Licht. Mein Herz klopft, das ist nicht gut! ...«
»In diesem grauen Hause wohnt er,« sagte Rasumichin.
»Am wichtigsten ist es, ob Porphyri es weiß oder nicht, daß ich gestern in der Wohnung dieser Hexe war ... und von dem Blut sprach? Sogleich muß ich es erfahren, beim ersten Schritt, wenn ich hineinkomme, muß ich es ihm am Gesichte anmerken; sonst ... und wenn ich zugrunde gehe, ich muß es erfahren!«
»Weißt du auch?« wandte er sich plötzlich an Rasumichin mit einem schelmischen Lächeln, »ich habe bemerkt, Bruder, daß du dich seit heute früh in einer ungewöhnlichen Aufregung befindest? Ist es so?«
»In was für einer Aufregung? In gar keiner Aufregung,« fuhr Rasumichin auf.
»Nein, Bruder, es ist dir tatsächlich anzusehen. Auf dem Stuhl saßest du vorhin, wie du sonst nie sitzest, so nur auf einem Endchen und die ganze Zeit durchzuckte es dich, wie wenn du Krämpfe hättest. Du sprangst mir nichts dir nichts auf. Bald sahst du böse aus, bald verzog sich dein Gesicht plötzlich zu einem süßen Lächeln. Sogar rot wurdest du, besonders als man dich zu Mittag einlud.«
»Nichts von alledem ist wahr, du lügst! ... Was denkst du dir?«
»Ja, und jetzt drehst und wendest du dich wie ein Schulbube? Pfui! Teufel! Er ist schon wieder rot geworden!«
»Was du für ein Schwein bist!«
»Ja, warum wirst du so verlegen? Romeo! Warte, ich will es irgend jemanden heute noch erzählen, ha--ha--ha! Ich werde Mama zum Lachen bringen ... und noch jemand ...«
»Höre mal, höre, aber im Ernste, es ist doch ... Was soll das bedeuten, zum Teufel!« Rasumichin wurde ganz verwirrt und starr vor Schrecken. »Was willst du ihnen erzählen? Ich bin, Bruder ... Pfui, welch ein Schwein du bist!«
»Du bist wie eine Frühlingsrose! Und wie es dir steht, wenn du es nur wüßtest. Romeo, ein neuer Romeo! Und wie du dich heute gewaschen hast, vielleicht auch die Nägel gereinigt? Ah? Wann war dies zuletzt der Fall? Und du hast dich, bei Gott, mit Pomade eingeschmiert! Beuge dich mal!«
»Schwein!«
Raskolnikoff lachte so stark, daß er sich nicht mehr halten konnte, mit Lachen traten sie auch in die Wohnung von Porphyri Petrowitsch ein. Das wollte eben Raskolnikoff bezwecken, -- drinnen in den Zimmern konnte man es hören, daß sie lachend ins Vorzimmer eingetreten waren und dort immer noch lachten.
»Kein Wort hier, oder ich ... zerschmettere dich!« flüsterte Rasumichin und packte wütend Raskolnikoff an der Schulter.
V.
Sie gingen hinein. Raskolnikoff sah aus, als hielte er mit Gewalt an sich, um nicht loszuplatzen. Ihm folgte mit gänzlich verändertem Gesichte Rasumichin, rot wie eine Päonie, vor Scham und Wut, und verlegen. Sein Gesicht und die ganze Gestalt waren in diesem Augenblicke lächerlich und rechtfertigten Raskolnikoffs Heiterkeit. Raskolnikoff, dem Hausherrn noch nicht bekannt, verbeugte sich vor ihm, der mitten im Zimmer stand und sie fragend anblickte, reichte ihm die Hand und drückte die seinige, immer noch mit sichtlicher, großer Mühe seine Lustigkeit bekämpfend, um wenigstens ein paar Worte sagen und sich vorstellen zu können. Aber kaum war es ihm gelungen, eine ernste Miene anzunehmen und etwas hinzumurmeln, -- als er plötzlich, wie unwillkürlich wieder Rasumichin anblickte und da hielt er es nicht mehr aus, -- sein unterdrücktes Lachen brach um so ungestümer hervor, je stärker er es bis jetzt zurückgehalten hatte. Die ungewöhnliche Wut, mit der Rasumichin dieses »herzliche« Lachen auffaßte, verlieh diesem ganzen Auftritt das Aussehen von aufrichtigster Lustigkeit und, was die Hauptsache war, Natürlichkeit. Rasumichin trug, als beabsichtigte er's, noch viel dazu bei.
»Pfui, zum Teufel!« brüllte er, holte mit der Hand aus und traf einen kleinen runden Tisch, auf dem ein leeres Teeglas stand. Alles fiel hin und zerbrach.
»Ja, warum müssen denn gleich Stühle zerschlagen werden, meine Herren, das ist ein Verlust für den Staat!« rief Porphyri Petrowitsch lachend aus.
Der Auftritt stellte sich wie folgt dar, -- Raskolnikoff lachte weiter, seine Hand in der Hand des Hausherrn lassend, aber er kannte das Maß und wartete nur auf den Augenblick, um schnell und natürlich zu enden. Rasumichin, durch den Fall des Tisches und des zerschlagenen Glases völlig verwirrt, blickte düster auf die Scherben, spie aus und drehte sich schroff nach dem Fenster, wo er sich mit dem Rücken gegen die übrigen hinstellte und mit fürchterlich finsterem Gesichte hinausschaute, aber nichts sah. Porphyri Petrowitsch lachte und hätte noch mehr gelacht, wenn er nur eine Erklärung dafür gehabt hätte. In der Ecke auf einem Stuhle hatte Sametoff gesessen, der sich beim Eintritt der Besucher erhob und in Erwartung dastand; sein Mund war zu einem Lächeln verzogen, aber er schaute stutzig und mißtrauisch dem ganzen Auftritt zu und sah Raskolnikoff verwirrt an. Die unerwartete Anwesenheit Sametoffs überraschte Raskolnikoff unangenehm.
»Da muß man sich in acht nehmen!« dachte er.
»Entschuldigen Sie, bitte,« begann er plötzlich ganz verlegen, »Raskolnikoff ...«
»Erlauben Sie aber, sehr angenehm, und Sie kamen so angenehm herein ... Was, will er nicht mal >Guten Tag< sagen?« wies Porphyri Petrowitsch auf Rasumichin.
»Bei Gott, ich weiß nicht, warum er auf mich wütend ist. -- Ich sagte ihm bloß auf dem Wege hierher, daß er Romeo ähnlich sei und ... habe es bewiesen, sonst war nichts.«
»Du bist ein Schwein!« rief Rasumichin, ohne sich umzuwenden.
»Er hatte also sehr ernste Gründe, um wegen dieses einzigen Wortes so böse zu werden,« lachte Porphyri Petrowitsch.
»Nun auch der Untersuchungsrichter! ... Zum Teufel mit euch allen!« schnitt Rasumichin ab, plötzlich aber lachte er selbst und ging mit heiterem Gesichte, als wäre nichts vorgefallen, auf Porphyri Petrowitsch zu.
»Schluß damit! Alle seid ihr Dummköpfe. Jetzt zur Sache, -- hier ist mein Freund, Rodion Romanytsch Raskolnikoff, der erstens von dir viel gehört hat und mit dir bekannt werden wollte, und der zweitens ein kleines Ansuchen an dich hat. Ah! Sametoff! Wie kommst du hierher? Kennt ihr denn einander? Seid ihr schon lange bekannt?«
»Was bedeutet das!« dachte Raskolnikoff voll Unruhe.
Sametoff schien ein wenig verlegen zu werden.
»Wir haben uns gestern doch bei dir kennengelernt,« sagte er ungezwungen.
»Also hat mich Gott vor Schererei behütet; in der vorigen Woche hat er mich geplagt, ihn mit dir, Porphyri, irgendwie bekannt zu machen, und nun habt ihr euch, ohne meine Hilfe, gefunden ... Wo hebst du deinen Tabak auf?«
Porphyri Petrowitsch war in Hauskleidung, -- in einem Schlafrock, sehr reiner Wäsche und in abgetretenen Pantoffeln. Es war ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, unter Mittelgröße, dick, mit einem Bäuchlein, glattrasiert, ohne Schnurrbart, mit kurz geschnittenem Haare auf dem großen runden Kopfe, der nach hinten zu besonders gewölbt war. Sein volles, rundes und ein wenig stumpfnäsiges Gesicht hatte eine kränkliche, dunkelgelbe Farbe, war aber munter und sogar spöttisch. Es wäre gutmütig zu nennen, wenn nicht der Ausdruck der Augen, die mit fast weißen, zwinkernden Wimpern bedeckt waren, mit ihrem wässerigen Glanze störend gewirkt hätte. Der Blick dieser Augen paßte wenig zu der ganzen Gestalt, die entschieden etwas Weibisches an sich hatte, und machte ihn viel ernster, als man beim ersten Anblick vermutete.
Als Porphyri Petrowitsch vernahm, daß der Besucher ein kleines Ansuchen an ihn habe, bat er ihn sofort, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er setzte sich selbst in die andere Ecke und sah den Besucher voll Erwartung mit einer starken und zu ernsten Aufmerksamkeit an, die bedrücken und vollends gleich beim ersten Zusammensein verwirren mußte, um so mehr, wenn das, was man vorzubringen hat, durchaus in keinem Verhältnisse zu einer so ungewöhnlichen Aufmerksamkeit zu stehen scheint. Raskolnikoff jedoch legte seine Angelegenheit in kurzen und bündigen Worten, deutlich und klar dar, und war mit sich so zufrieden, daß er noch Gelegenheit fand, Porphyri Petrowitsch genau zu betrachten. Auch Porphyri Petrowitsch wandte keinen Augenblick seine Augen von ihm ab. Rasumichin hatte an demselben Tische ihnen gegenüber Platz genommen und verfolgte eifrig und ungeduldig die Darstellung der Sache, wobei er alle Augenblicke und ziemlich auffällig seine Augen von einem zu dem andern gleiten ließ.
»Dummkopf!« schimpfte Raskolnikoff bei sich.
»Sie müssen eine Eingabe an das Polizeibureau machen,« antwortete mit Geschäftsmiene Porphyri, »daß Sie über diesen Vorfall, das heißt von diesem Mord erfahren haben, und bitten den Untersuchungsrichter, der diese Sache führt, zu benachrichtigen, daß die und die Sachen Ihnen gehören, und daß Sie sie einlösen möchten ... oder Ähnliches ... man wird Ihnen das übrigens sagen.«
»Das ist ja das Unbequeme, daß ich in diesem Augenblicke,« Raskolnikoff bemühte sich, möglichst verlegen zu werden, »nicht recht bei Kassa bin ... und sogar so eine Kleinigkeit nicht kann ... sehen Sie, ich möchte jetzt nur erklären, daß es meine Sachen sind, und daß, wenn ich Geld haben werde, ich ...«
»Das ist einerlei,« antwortete Porphyri Petrowitsch, die Erklärung über die Finanzlage kalt aufnehmend, »übrigens, Sie können auch direkt an mich, wenn Sie wollen, in demselben Sinne schreiben, daß Sie das und das in Erfahrung gebracht haben und die und die Sachen als Ihr Eigentum angeben und bitten ...«
»Man kann es auf einfachem Papiere schreiben?« beeilte sich Raskolnikoff, ihn zu unterbrechen, wieder ein Interesse für die Geldfrage zeigend.
»Oh, auf dem allereinfachsten Papiere!« und plötzlich blickte ihn Porphyri Petrowitsch spöttisch mit zusammengekniffenen Augen an und schien ihm zuzuzwinkern.
Vielleicht hatte es auch Raskolnikoff bloß so geschienen, denn es dauerte nur einen Augenblick. Etwas war wenigstens gewesen. Raskolnikoff hätte darauf schwören mögen, daß er ihm zugezwinkert habe, weiß der Teufel warum.
»Er weiß alles!« durchzuckte es ihn wie ein Blitz.
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie mit solchen Kleinigkeiten belästigt habe,« fuhr er etwas verwirrt fort, »meine Sachen sind im ganzen höchstens fünf Rubel wert, aber sie sind mir besonders teuer, als ein Andenken an die, von denen ich sie erhalten habe und, offen gestanden, als ich es hörte, erschrak ich sehr ...«
»Darum fuhrst du auch gestern so auf, als ich Sossimoff erzählte, daß Porphyri die Pfandgeber ausfrage!« bemerkte Rasumichin mit deutlicher Absicht.
Das war schon unerträglich. Raskolnikoff konnte sich's nicht versagen, ihn wütend mit seinen vor Zorn funkelnden schwarzen Augen anzublicken. Er besann sich aber sofort.
»Du scheinst dich über mich lustig zu machen, Bruder?« wandte er sich an ihn mit geschickt gespielter Gereiztheit. »Ich sehe es ein, daß ich vielleicht meine Sorge um diesen Schund übertreibe, der er doch in deinen Augen ist, aber man darf mich darum weder für einen Egoisten, noch für einen habgierigen Menschen halten, und für mich brauchen diese zwei geringen Gegenstände gar kein Schund zu sein. Ich sagte dir schon vorhin, daß diese silberne Uhr, die einen Spottwert hat, das einzige ist, was mir von meinem Vater geblieben ist. Du kannst dich über mich amüsieren, aber soeben ist meine Mutter angekommen,« wandte er sich plötzlich an Porphyri, »und wenn sie erfahren würde,« kehrte er sich wieder schnell zu Rasumichin und gab sich besondere Mühe, um mit der Stimme zu zittern, »daß diese Uhr verloren sei, so würde sie -- schwöre ich -- in Verzweiflung sein! Sie ist doch eine Frau!«
»Ich sagte es gar nicht in dem Sinne! Ganz im Gegenteil!« rief Rasumichin gekränkt.
»War es auch gut? War es natürlich? Habe ich nicht übertrieben?« sagte Raskolnikoff bebend zu sich selbst. »Warum sagte ich -- sie ist doch eine Frau!«
»Ihre Frau Mutter ist zu Ihnen gekommen?!« erkundigte sich aus irgendeinem Grunde Porphyri Petrowitsch.
»Ja.«
»Wann denn?«
»Gestern abend.«
Porphyri Petrowitsch schwieg, als überlege er etwas.
»Ihre Sachen konnten in keiner Weise verloren gehen,« fuhr er ruhig und kalt fort. »Ich erwarte Sie schon seit langem.«
Und als wäre nichts vorgefallen, schob er sorgsam einen Aschbecher Rasumichin zu, der unbarmherzig die Asche von seiner Zigarette auf den Teppich streute. Raskolnikoff zuckte zusammen, aber Porphyri schien ihn nicht anzublicken, noch immer um Rasumichins Zigarette besorgt.
»Was? Du hast ihn erwartet! Wußtest du denn, daß auch er dort versetzt hatte?« rief Rasumichin aus.
»Ihre beiden Sachen, der Ring und die Uhr, waren bei ihr in einem und demselben Stück Papier eingewickelt, und auf dem Papier war mit Bleistift deutlich Ihr Name vermerkt, ebenso auch das Datum, wann sie sie von Ihnen erhalten hatte ...«
»Wie genau Sie sind! ...« lächelte ein wenig ungeschickt Raskolnikoff und versuchte, ihm in die Augen zu sehen, er konnte sich aber nicht enthalten, hinzuzufügen:
»Ich sage das nur deshalb, weil wahrscheinlich sehr viele Pfandgeber waren ... so daß es Ihnen doch schwer fallen mußte, sich aller zu erinnern ... Sie aber erinnern sich im Gegenteil an alles so deutlich, und ... und ...«
»Es war dumm! Schwach! Warum habe ich es hinzugefügt!«
»Alle Pfandgeber sind jetzt schon bekannt, so daß Sie der einzige sind, der sich noch nicht meldete,« antwortete Porphyri Petrowitsch mit einem kaum merklichen Anfluge von Spott.
»Ich war nicht ganz gesund.«
»Auch davon habe ich gehört. Habe sogar gehört, daß Sie von etwas sehr mitgenommen waren. Sie sind auch jetzt noch etwas bleich!«
»Ich bin gar nicht bleich ... im Gegenteil, ich bin ganz gesund!« schnitt ihn grob und böse Raskolnikoff ab, plötzlich seinen Ton verändernd.
Die Wut pochte in ihm und er konnte sie nicht unterdrücken. »Und in der Wut werde ich mich versprechen!« durchzuckte es ihn von neuem. »Und warum quälen sie mich! ...«
»Nicht ganz gesund!« hub Rasumichin an. »Wie er aufschneidet! Bis gestern noch phantasierte er und war bewußtlos ... Du kannst es mir glauben, Porphyri, er konnte kaum mehr auf den Füßen stehen, und trotzdem, als wir, Sossimoff und ich, gestern uns nur auf einen Augenblick entfernten, -- zog er sich an, lief heimlich weg und irrte irgendwo fast bis Mitternacht herum, und das, sage ich dir, ganz im Fieber, kannst du dir so etwas vorstellen! Ein ganz merkwürdiger Fall!«
»Und geschah es wirklich ganz im Fieber? Sagen Sie mal?« Mit einer weibischen Bewegung schüttelte Porphyri Petrowitsch den Kopf.
»Ah, Unsinn! Glauben Sie ihm nicht! Übrigens, Sie glauben es ja auch sowieso nicht!« entschlüpfte es Raskolnikoff in seiner Wut.
Aber Porphyri Petrowitsch schien diese seltsamen Worte überhört zu haben.
»Wie konntest du dann weggehen, wenn du nicht im Fieber warst?« ereiferte sich Rasumichin. »Warum bist du weggegangen? Wozu? ... Und warum gerade heimlich? Sag, warst du damals bei gesundem Verstande? Jetzt, wo die ganze Gefahr vorbei ist, sage ich es dir offen!«
»Ich war ihrer gestern überdrüssig geworden,« wandte sich rasch Raskolnikoff an Porphyri Petrowitsch mit einem dreisten, herausfordernden Lächeln, »und ich lief von ihnen fort, mir eine Wohnung zu mieten, damit sie mich nicht wiederfinden sollten, und habe einen Haufen Geld mitgenommen. Herr Sametoff hat das Geld gesehen. Und sagen Sie, Herr Sametoff, war ich gestern vernünftig oder im Fieber, entscheiden Sie unseren Streit!«
Er hätte in diesem Augenblicke Sametoff erwürgen können. Dessen Blick und sein Schweigen waren ihm äußerst peinlich.
»Meiner Ansicht nach redeten Sie sehr vernünftig und sogar schlau, Sie waren bloß sehr reizbar,« erklärte Sametoff trocken.
»Und heute sagte mir Nikodim Fomitsch,« bemerkte Porphyri Petrowitsch, »er hätte Sie gestern noch sehr spät in der Wohnung eines überfahrenen Beamten getroffen ...«
»So nehmen wir diesen Fall her!« begann Rasumichin, »warst du nicht verrückt bei diesem Beamten? Das letzte Geld hat er der Witwe für die Beerdigung gegeben! Und, wenn du helfen wolltest, -- konntest du ihr fünfzehn oder zwanzig Rubel geben und wenigstens drei Rubel für dich behalten, du schenktest ihnen aber alle fünfundzwanzig.«
»Vielleicht habe ich irgendwo einen Schatz gefunden, was du noch nicht weißt? Darum war ich gestern auch so freigebig ... Herr Sametoff weiß, daß ich einen Schatz gefunden habe! ... Entschuldigen Sie, bitte,« wandte er sich mit bebenden Lippen an Porphyri Petrowitsch, »daß wir Sie mit solchem kleinlichen Geschwätz eine halbe Stunde belästigen. Sie sind unserer überdrüssig, ja?«
»Erlauben Sie, im Gegenteil, im Ge--gen--teil! Wenn Sie wüßten, wie Sie mich interessieren! Es ist amüsant, zuzusehen und zuzuhören ... und ich bin, offen gesagt, so froh, daß Sie endlich einmal gekommen sind ...«
»Gib aber doch wenigstens Tee! Die Kehle trocknet einem ein!« rief Rasumichin aus.
»Eine ausgezeichnete Idee! Vielleicht beteiligen Sie sich alle. Willst du aber nicht ... etwas Wesentlicheres vor dem Tee haben?«
»Nein, laß gut sein!«
Porphyri Petrowitsch ging hinaus, um Tee zu bestellen.
Die Gedanken drehten sich wie im Wirbelwinde in Raskolnikoffs Kopfe. Er war aufs äußerste gereizt.
»Das schönste ist, daß sie sich nicht mal verbergen und nicht einmal den Anstand wahren wollen! Aus welchem Grunde aber sprach er, wenn er mich gar nicht kennt, mit Nikodim Fomitsch über mich? Also wollen sie nicht mal verbergen, daß sie wie eine Koppel Hunde mich verfolgen! Sie speien mir ganz offen ins Gesicht!« Er zitterte vor Wut. »Schlagt doch offen zu und spielt nicht wie die Katze mit der Maus. Das ist doch geschmacklos. Porphyri Petrowitsch, das erlaube ich dir einfach nicht! ... Ich stehe auf und schleudere allen die ganze Wahrheit ins Gesicht und Sie werden wenigstens sehen, wie ich Sie verachte!« Er holte schwer Atem. »Wenn mir aber dies alles nur so vorkommt? Wenn dies aber bloß ein Spiel meiner Phantasie ist und ich mich irre, aus Unerfahrenheit mich ärgere und meine gemeine Rolle nicht gut spiele? Vielleicht ist alles ohne jede Absicht? Ihre Worte sind alle gewöhnlich, aber etwas liegt doch in ihnen ... All dieses kann stets gesagt werden, aber etwas ist doch dabei. Warum sagte er einfach -- >bei ihr?< Warum fügte Sametoff hinzu, daß ich schlau gesprochen habe? Warum reden sie in solch einem Tone? Ja ... der Ton ... Aber Rasumichin saß doch auch hier, warum fiel ihm nichts auf? Diesem naiven Holzklotze fällt eben nie etwas auf! Ich habe wieder Fieber! ... Zwinkerte mir Porphyri Petrowitsch vorhin zu oder nicht? Es war sicher nichts; warum sollte er mir zuzwinkern? Wollen sie meine Nerven reizen, oder führen sie mich an der Nase herum? Entweder ist alles ein Phantasiespiel oder sie wissen es! Sogar Sametoff ist dreist ... Ist Sametoff wirklich dreist? Sametoff hat sich's über Nacht überlegt. Ich ahnte es doch, daß er es sich überlegen wird! Er benimmt sich wie zu Hause, ist aber zum ersten Male hier. Porphyri betrachtet ihn nicht als seinen Gast, sitzt mit dem Rücken zu ihm. Sie stecken unter einer Decke! Sie stecken unbedingt meinetwegen unter einer Decke! Sie haben sicher vor unserem Kommen über mich gesprochen! ... Wissen sie etwas von der Wohnung gestern? Mag es schneller herauskommen! ... Als ich sagte, daß ich gestern weggelaufen wäre, mir eine Wohnung zu mieten, ließ er es gelten, erfaßte nicht die Gelegenheit ... Mit der Wohnung habe ich's fein angedeutet, -- es kann mir später nützen! ... Im Fieber war es, kann ich sagen! ... Ha--ha--ha! Er weiß alles über den gestrigen Abend! Von der Ankunft der Mutter wußte er nicht! ... Und die Hexe hat auch das Datum mit Bleistift vermerkt! ... Ihr lügt, ich ergebe mich nicht! Das sind doch keine Tatsachen, bloß Phantasiegebilde! Nein, rückt mal mit Tatsachen heraus! Auch der Besuch der Wohnung ist keine Tatsache, sondern Fieber, -- ich weiß, was ich ihnen sagen muß ... Wissen sie, daß ich in der Wohnung war? Ich gehe nicht fort, ehe ich es nicht erfahre! Warum bin ich hergekommen? Daß ich mich jetzt ärgere, das ist vielleicht eine Tatsache! Wie reizbar ich bin! Vielleicht aber ist es auch gut; es ist die Rolle eines Kranken ... Er betastet mich. Er wird mich verwirren wollen. Warum bin ich überhaupt gekommen?«
Dies alles fuhr ihm durch den Kopf wie ein Blitz.
Porphyri Petrowitsch kehrte bald zurück. Er war auf einmal vergnügter geworden.
»Mein Kopf brummt von dem gestrigen Abend bei dir, Bruder ... und ich bin ganz zerschlagen,« begann er in einem ganz anderen Tone und wandte sich lachend an Rasumichin. »War es interessant? Ich verließ euch doch gestern bei dem interessantesten Punkte. Wer siegte?«
»Niemand, selbstverständlich. Wir kamen später zu den ewigalten Fragen, schwebten in höheren Regionen.«
»Was meinst du, Rodja, worauf sie gestern zu sprechen kamen, -- gibt es oder gibt es keine Verbrecher? Ich sag dir, sie schwatzten das Blaue vom Himmel herunter!«
»Was ist da Merkwürdiges dran? Eine gewöhnliche soziale Frage,« antwortete Raskolnikoff zerstreut.
»Die Frage war nicht so formuliert,« bemerkte Porphyri Petrowitsch.
»Nein, nicht ganz so, das ist wahr,« pflichtete Rasumichin wie gewöhnlich eilig und sich ereifernd bei. »Sieh, Rodion, höre mich an und sage dann deine Meinung. Es wäre mir lieb. Ich wollte gestern geradezu aus der Haut fahren, ich wartete auf dich, denn ich hatte ihnen gesagt, daß du kommen wirst ... Es begann mit der Anschauung der Sozialisten. Die Anschauung ist bekannt, -- das Verbrechen ist ein Protest gegen die anormale soziale Einrichtung, und -- mehr nichts, keine andern Gründe wurden zugelassen, -- nichts mehr! ...«
»Da schwindelst du schon!« rief Porphyri Petrowitsch. Er wurde sichtbar belebter und lachte alle Augenblicke, indem er Rasumichin ansah, der dadurch noch mehr in Hitze kam.
»Sonst wurde nichts zugelassen!« unterbrach ihn Rasumichin voll Eifer, »ich schwindle nicht! ... Ich will dir ihre Bücher zeigen, -- an allem soll die sogenannte >gute Gesellschaft schuld sein< -- und weiter nichts! Das ist ihre Lieblingsphrase! Und daraus geht hervor, daß, wenn die Gesellschaft normal eingerichtet sein wird, mit einem Male auch alle Verbrecher verschwinden werden, weil es nichts mehr geben wird, dagegen zu protestieren, und alle werden auf einmal gerecht werden. Die Natur wird nicht in Betracht gezogen, die Natur wird hinausgejagt, die Natur hat keinen Platz! Bei ihnen wird die Menschheit nicht von selbst sich in eine normale Gesellschaft verwandeln, indem sie den historischen, lebendigen Entwicklungsgang durchmacht, sondern im Gegenteil, ein soziales System, irgendeinem mathematischen Kopfe entsprungen, soll sofort die ganze Menschheit verändern und im Nu sie gerecht und sündenlos machen, ohne jeden historischen und lebendigen Entwicklungsgang, ohne jeglichen lebendigen Prozeß! Darum hassen sie auch so instinktiv die Geschichte, -- >in ihr kommen bloß Scheußlichkeiten und Dummheiten vor<, -- und alles wird bloß durch Dummheit allein erklärt! Darum lieben sie auch nicht den lebendigen Lebensprozeß, -- sie brauchen keine lebendige Seele. Eine lebendige Seele wird Leben verlangen, eine lebendige Seele will nicht einem Mechanismus gehorchen, eine lebendige Seele ist mißtrauisch, eine lebendige Seele ist rückschrittlich! Und bei ihnen kann man die Seele aus Kautschuk machen, tut nichts, daß sie Leichengeruch hat, -- sie ist dafür nicht lebendig, ohne Willen, eine Sklavenseele und wird sich nicht empören. Und im Resultate kommt es darauf hinaus, daß sich alles nur um das Zusammensetzen von Ziegelsteinen und um die Lage der Korridore und der Zimmer in der kommunistischen Kolonie dreht! Die kommunistische Kolonie ist fertig, sie verlangt Leben, hat ihren Lebensprozeß noch nicht abgeschlossen, es ist zu früh für sie, auf den Kirchhof zu kommen! Mit der Logik allein kann man nicht die Natur überspringen! Die Logik will drei Fälle voraussetzen, und es gibt ihrer eine Million! Soll man die ganze Million Fälle abschneiden und alles bloß zur Frage des Komforts konzentrieren? Die leichteste Lösung der Aufgabe! Sie ist verlockend einfach und man braucht nicht zu denken! Und das ist die Hauptsache -- man braucht nicht zu denken! Das ganze Lebensgeheimnis findet auf zwei Druckbogen Platz!«
»Wie es dich gepackt hat, du schlugst fest die Trommel! Man muß dich festhalten,« lachte Porphyri Petrowitsch. »Stellen Sie sich vor,« wandte er sich an Raskolnikoff, »so war es auch gestern abend, und das in einem Zimmer, angefüllt mit sechs Mann, die er dazu noch vorher mit Punsch bewirtet hat, -- können Sie sich so was vorstellen? Nein, Bruder, du schwindelst, -- >die Gesellschaft< hat bei einem Verbrechen viel zu bedeuten; das kann ich dir bestätigen.«
»Ich weiß es selbst, daß sie viel zu bedeuten hat, aber sage mir, -- wenn ein Vierzigjähriger ein Mädchen von zehn Jahren vergewaltigt, -- hat ihn etwa die Gesellschaft, die Umgebung dazu gezwungen?«
»Ja, im strengen Sinne vielleicht auch die Gesellschaft,« bemerkte Porphyri Petrowitsch mit merkwürdiger Wichtigkeit, »ein Verbrechen an einem kleinen Mädchen kann man sehr, sehr gut durch >die Gesellschaft< erklären.«
Rasumichin geriet nun fast in Wut.
»Nun, willst du, so werde ich dir sofort beweisen,« brüllte er »daß du weiße Wimpern einzig und allein darum hast, weil der Turm von Iwan Weliki fünfundsiebzig Meter hoch ist, und ich will es dir klar, genau, fortschrittlich, und sogar mit einem liberalen Anfluge beweisen! Ich übernehme es! Nun, willst du mit mir wetten?«
»Ich nehme die Wette an! Wollen wir mal hören, wie er es beweisen will!«
»Ja, du stellst dich bloß so an, zum Teufel!« rief Rasumichin aus, sprang von seinem Stuhle und wehrte mit der Hand ab. »Nun, lohnt es sich mit dir zu sprechen? Er tut dies nur absichtlich, du kennst ihn noch nicht, Rodion! Auch gestern war er auf ihrer Seite, bloß, um sie alle anzuführen. Und was er gestern alles sagte, oh Gott! Und die waren um ihn froh! ... Er kann in dieser Weise zwei Wochen aushalten. Im vorigen Jahre erzählte er uns aus irgendeinem Grunde, daß er ins Kloster gehe, -- zwei Monate blieb er dabei! Vor kurzem wollte er uns aufbinden, daß er heiraten würde, und daß alles schon zur Hochzeit bereit sei. Sogar einen neuen Anzug hatte er sich bestellt. Wir fingen schon an, ihm zu gratulieren. Keine Braut, nichts war da, -- alles Phantasiespiel!«
»Da hast du wieder geschwindelt! Den Anzug hatte ich vorher bestellt! Wegen des neuen Anzuges kam es mir auch in den Sinn, euch alle anzuführen!«
»Können Sie sich wirklich so verstellen?« fragte Raskolnikoff nachlässig.
»Und Sie glauben es nicht? Warten Sie, auch Sie will ich anführen -- ha--ha--ha! Nein, hören Sie, ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Bei allen diesen Fragen, Verbrechen, Gesellschaft, kleinen Mädchen erinnere ich mich plötzlich, -- übrigens habe ich mich stets dafür interessiert, -- an einen Aufsatz von Ihnen, -- >Über Verbrechen ...< oder wie er heißt, ich habe den Titel vergessen, ich erinnere mich nicht genau an ihn. Vor zwei Monaten hatte ich das Vergnügen, ihn in dem >Periodischen Worte< zu lesen.«
»Meinen Aufsatz? In dem >Periodischen Worte?<« fragte verwundert Raskolnikoff, »ich habe tatsächlich vor einem halben Jahre, als ich die Universität verließ, einen Aufsatz geschrieben, aber ich habe ihn damals der Zeitung >Das wöchentliche Wort< und nicht dem >Periodischen< übergeben.«
»Er ist aber im >Periodischen< erschienen.«
»Das >Wöchentliche Wort< hörte damals auf zu erscheinen, darum druckte man ihn auch nicht ...«
»Das ist richtig; und das >Wöchentliche Wort< verschmolz mit dem >Periodischen< und darum erschien auch Ihr Aufsatz vor zwei Monaten dort. Sie wußten es nicht?«
Raskolnikoff wußte tatsächlich nichts davon.
»Erlauben Sie, Sie können doch Geld für den Aufsatz verlangen! Was Sie für ein Mensch sind! Sie leben so einsam, daß Sie selbst von solchen Dingen, die Sie doch direkt angehen, keine Ahnung haben.«
»Bravo, Rodja! Auch ich wußte nichts,« rief Rasumichin aus. »Ich gehe heute noch in die Lesehalle und verlange die Nummer. Vor zwei Monaten war es! Welches Datum? Na, einerlei, ich werde ihn schon finden! Das ist mal eine Sache! Und er sagte nichts davon!«
»Woher haben Sie zu wissen bekommen, daß der Aufsatz von mir ist? Er ist nur mit einem Buchstaben unterzeichnet.«
»Zufällig, und auch erst in diesen Tagen. Durch den Redakteur; ich kenne ihn ... Ich war sehr interessiert.«
»Ich betrachtete, soweit ich mich erinnere, den psychologischen Zustand eines Verbrechers während des ganzen Vorganges.«
»Ja, und Sie behaupteten, daß die Vollbringung eines Verbrechens stets von einer Krankheit begleitet wird. Sehr, sehr originell, aber ... mich interessierte eigentlich nicht dieser Teil Ihres Aufsatzes, sondern ein gewisser Gedanke, der zum Schlusse vorkommt, den Sie aber leider nur unklar andeuteten ... Wenn Sie sich entsinnen, es ist da angedeutet, daß in der Welt offenbar Menschen existieren, die tun können ... das heißt nicht bloß können, sondern volles Recht dazu haben, allerhand Scheußlichkeiten und Verbrechen zu vollbringen, und daß für sie das Gesetz nicht geschrieben ist.«
Raskolnikoff lächelte über die starke absichtliche Verdrehung seiner Idee.
»Wie? Was? Ein Recht auf Verbrechen? Aber doch nicht aus dem Grunde, weil die Gesellschaft schuld ist?« erkundigte sich Rasumichin voll Schrecken.
»Nein, nein, nicht aus dem Grunde,« antwortete Porphyri Petrowitsch. »Die ganze Sache dreht sich darum, daß in seinem Aufsatze die Menschen in >gewöhnliche< und >ungewöhnliche< eingeteilt werden. Die Gewöhnlichen müssen in Gehorsam leben und haben kein Recht, ein Gesetz zu überschreiten, weil sie -- eben Gewöhnliche sind. Und die Ungewöhnlichen haben das Recht, allerhand Verbrechen zu vollbringen und in jeder Weise das Gesetz zu verletzen, und das, weil sie Ungewöhnliche sind. So scheint es mir in Ihrem Aufsatze zu stehen, wenn ich nicht irre?«
»Aber wie ist denn das? Es kann nicht sein, daß es so gemeint ist!« murmelte Rasumichin zweifelnd.
Raskolnikoff lächelte wieder. Er hatte sofort verstanden, wie die Sache stand und worauf man ihn bringen wollte; er entsann sich der Stelle und beschloß, die Herausforderung anzunehmen.
»Es steht nicht ganz so in meinem Aufsatze,« begann er schlicht und bescheiden. »Übrigens, ich muß gestehen, daß Sie ihn nahezu richtig wiedergegeben haben, und wenn Sie es wünschen, auch vollkommen richtig ...« Es paßte ihm anscheinend, zuzugeben, daß der Gedanke vollkommen richtig wiedergegeben war. »Der Unterschied besteht einzig darin, daß ich gar nicht behauptete, daß die ungewöhnlichen Menschen unbedingt allerhand Scheußlichkeiten vollbringen müssen und dazu verpflichtet sind, wie Sie es sagen. Ich glaube auch, daß man einen solchen Aufsatz in der Presse nicht zugelassen hätte. Ich habe einfach angedeutet, daß ein >ungewöhnlicher< Mensch das Recht habe ... das heißt kein offizielles Recht, sondern in sich selbst das Recht trage, seinem Gewissen zu gestatten ... einige Hindernisse zu überschreiten, und einzig in dem Falle, wenn die Erfüllung seiner Idee, -- die zuweilen vielleicht für die ganze Menschheit heilbringend ist, -- dieses verlangt. Sie beliebten zu sagen, daß mein Aufsatz nicht deutlich sei; ich bin bereit, ihn Ihnen nach Möglichkeit zu erklären. Ich irre mich vielleicht nicht, wenn ich annehme, daß Sie es wünschen, gut. Meine Ansicht geht dahin, -- wenn die Entdeckungen von Newton und Kepler, infolge irgendwelcher Kombinationen, in keiner Weise der Menschheit anders bekannt werden konnten als durch den Verlust des Lebens von einem, zehn, hundert und mehr Menschen, die der Erfindung störend waren, oder ihr als ein Hindernis im Wege standen, so hätte Newton das Recht gehabt und wäre sogar verpflichtet gewesen ... diese zehn oder hundert Menschen zu beseitigen, um seine Erfindungen der ganzen Menschheit bekannt zu machen. Daraus läßt sich übrigens gar nicht schließen, daß Newton das Recht hatte, jeden beliebigen, den ersten besten zu ermorden oder jeden Tag auf dem Markte zu stehlen. Weiter entwickelte ich -- soweit ich mich erinnern kann -- in meinem Aufsatze, daß alle ... nun, nehmen wir zum Beispiel die Gesetzgeber und Führer der Menschheit, angefangen von den allerältesten Lykurg, Solon bis Mahomet, Napoleon und so weiter herauf: alle waren ohne Ausnahme Verbrecher, schon dadurch allein, daß sie ein neues Gesetz gaben, das alte, von der Gesellschaft heilig geehrte und von den Vätern übernommene Gesetz verletzten, -- und sie schraken sicher nicht vor dem Blutvergießen zurück, wenn ihnen nur das Blut, -- und es war zuweilen ganz unschuldiges und tapfer für das alte Gesetz vergossenes Blut -- helfen konnte. Es ist sogar auffallend, daß der größte Teil dieser Wohltäter und Führer der Menschheit besonders grausame Blutvergießer waren. Mit einem Worte, ich ziehe den Schluß, daß auch alle, nicht bloß die Großen, sondern auch die kaum über das Maß hervortretenden Menschen, das heißt, die auch nur eine geringe Fähigkeit haben, etwas Neues zu sagen, unbedingt ihrer Natur nach mehr oder weniger Verbrecher sein müssen. Anders würde es ihnen schwer fallen, aus dem Gleise herauszukommen; und im Gleise zu bleiben können sie gar nicht wollen, wiederum ihrer Natur nach, und meiner Ansicht nach sind sie sogar verpflichtet, es nicht zu wollen. Mit einem Worte, Sie sehen, daß bis dato etwas besonders Neues nicht in dem Aufsatze steht. Das wurde schon tausendmal gedruckt und gelesen. Was meine Einteilung der Menschen in gewöhnliche und ungewöhnliche anbetrifft, gebe ich zu, daß sie ein wenig willkürlich ist, aber ich klammere mich auch nicht an genaue Zahlen. Ich glaube nur an meinen Hauptgedanken. Er besteht gerade darin, daß die Menschen infolge eines Naturgesetzes überhaupt in zwei Gattungen zerfallen, -- eine niedrige, die gewöhnlichen, das heißt sozusagen das Material, das einzig zur Weitererzeugung dient, und eigentliche Menschen, das heißt solche, die die Begabung oder das Talent haben, in ihrem Kreise ein neues Wort zu sagen. Selbstverständlich gibt es hier endlose Unterabteilungen, aber die bezeichnenden Merkmale beider Gattungen sind ziemlich scharf, -- die erste Gattung, das heißt das Material, besteht, im allgemeinen gesagt, aus Menschen, die ihrer Natur nach konservativ und gesittet sind, in Gehorsam leben und es lieben, gehorsam zu sein. Meiner Ansicht nach sind sie auch verpflichtet, gehorsam zu sein, denn das ist ihre Bestimmung und dabei ist entschieden nichts Erniedrigendes für sie. Die zweite Gattung, -- die überschreiten alle das Gesetz, sind Zerstörer oder neigen dazu, je nach ihren Fähigkeiten. Die Verbrechen dieser Menschen sind selbstverständlich relativ und verschieden; meistens verlangen sie die Zerstörung des Gegenwärtigen im Namen eines Besseren. Wenn er aber seiner Idee wegen, -- sagen wir -- über eine Leiche schreiten oder Blut vergießen muß, so kann er, meine ich, innerlich von seinem Gewissen aus sich die Erlaubnis geben, über diese Leiche hinwegzuschreiten, -- das heißt, je nach der Idee und ihrem Umfange, -- halten Sie das fest! Nur in diesem Sinne spreche ich auch in meinem Aufsatze über ihr Recht auf Verbrechen. Sie entsinnen sich doch, daß wir mit einer juristischen Frage anfingen. Übrigens, es ist nicht wert, sich viel aufzuregen, -- die Menge erkennt fast nie dieses Recht für sie an, sie läßt sie hinrichten und hängen -- mehr oder weniger -- und erfüllt dadurch vollkommen richtig ihre konservative Bestimmung, jedoch mit dem Unterschiede, daß dieselbe Menge in den folgenden Generationen die Hingerichteten auf das Piedestal stellen und sie anbeten wird -- mehr oder weniger. Die erste Gattung ist immer der Herr der Gegenwart, die zweite -- der Herr der Zukunft. Die ersten bewahren die Welt und vermehren sie der Zahl nach; die zweiten bewegen die Welt und führen sie zum Ziele. Wie die einen, so haben auch die anderen das vollkommen gleiche Recht, zu existieren. Mit einem Worte, in meinem Aufsatze haben alle gleich großes Recht und -- vive la guerre éternelle{[1]}, -- bis zum Neuen Jerusalem, versteht sich!«
»Also, Sie glauben trotzdem an Neu-Jerusalem?«
»Ich glaube daran,« antwortete Raskolnikoff fest. Indem er dies sagte, blickte er zu Boden, wie er auch während seiner langen Rede auf einen Punkt des Teppiches geblickt hatte.
»Und, und glauben Sie auch an Gott? Entschuldigen Sie meine Neugier.«
»Ich glaube an ihn,« wiederholte Raskolnikoff und hob die Augen zu Porphyri Petrowitsch empor.
»Und, und glauben Sie an die Auferstehung des Lazarus?«
»Ich glau--be. Warum wollen Sie das wissen?«
»Glauben Sie buchstäblich daran?«
»Buchstäblich.«
»So, so ... ich fragte bloß aus Neugier. Entschuldigen Sie. Aber erlauben Sie, -- ich kehre zu dem Gesagten zurück, -- jene werden doch nicht immer hingerichtet, manche ganz im Gegenteil ...«
»Triumphieren während ihres Lebens? Oh ja, manche erreichen es auch während ihrer Lebenszeit, und dann ...«
»Beginnen sie selbst hinzurichten?«
»Wenn es nötig ist, und wissen Sie, eigentlich meistenteils. Ihre Bemerkung war treffend.«
»Danke. Aber sagen Sie bitte, wie soll man diese Ungewöhnlichen von den Gewöhnlichen unterscheiden? Gibt es etwa bei der Geburt solche Merkmale? Ich meine, daß hier mehr Klarheit, sozusagen mehr äußerliche Genauigkeit sein müßte, -- entschuldigen Sie bei mir die natürliche Besorgnis eines praktischen und loyalen Menschen, aber könnte man hier nicht zum Beispiel eine besondere Kleidung einführen, irgend etwas tragen, irgendwie sie kennzeichnen? ... Denn, gestehen Sie selbst, wenn eine Verwechslung stattfindet, und einer aus der einen Gattung sich einbildet, daß er zu der anderen Gattung gehöre und anfängt >alle Hindernisse zu beseitigen<, wie Sie sich sehr treffend ausdrückten, so kann dabei ...«
»Oh, das kommt sehr oft vor! Ihr letzter Einwurf ist noch besser als der vorige ...«
»Danke sehr ...«
»Keine Ursache; aber ziehen Sie doch in Betracht, daß ein Irrtum nur seitens der ersten Gattung, das heißt der >gewöhnlichen< Menschen, wie ich sie vielleicht sehr unglücklich genannt habe, möglich ist. Trotz ihrer angeborenen Neigung zum Gehorsam lieben es sehr viele von ihnen, aus einem gewissen, lebhaften Naturell, das auch einer Kuh nicht versagt ist, sich einzubilden Fortschrittsmänner, >Zerstörer<, zu sein und glauben es mit einem neuen Worte erreicht zu haben, und sie tun vollkommen aufrichtig. Und die tatsächlich Neuen bemerken sie darüber sehr oft nicht, verachten sie sogar als rückschrittliche und untergeordnete Menschen. Meiner Ansicht nach aber kann hier keine große Gefahr vorliegen, denn sie erreichen nie viel im Leben. Für ihre Verblendung könnte man sie zuweilen züchtigen, um sie an ihren Platz zu erinnern, aber auch nicht mehr; man braucht aber dabei oftmals keinen Vollstrecker, sie werden sich selbst züchtigen, weil sie sehr wohlgesittet sind, -- manche erweisen einander diesen Dienst, andere aber tun es eigenhändig ... Sie legen sich dabei allerhand öffentliche Bußen auf, -- es macht sich das hübsch und wirkt belehrend: mit einem Worte, Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen ... Für sie besteht ein Gesetz.«
»Nun, in diesem Punkte haben Sie mich wenigstens etwas beruhigt, aber da haben wir noch einen bösen Punkt, -- sagen Sie mir bitte, gibt es viele solche Leute, die das Recht haben, andere zu morden, sogenannte >Ungewöhnliche<? Ich bin selbstverständlich bereit, mich vor Ihnen zu beugen, aber Sie müssen doch selbst zugeben, daß es ängstlich ist, wenn es viele von der Art gäbe?«
»Oh, regen Sie sich auch in diesem Punkte nicht auf,« fuhr Raskolnikoff in demselben Tone fort, »Menschen mit neuen Gedanken, sogar solche, die nur einigermaßen befähigt sind, etwas Neues zu sagen, werden überhaupt ungewöhnlich wenige geboren, sogar merkwürdig wenig. Eines ist mir klar, daß die Ordnung für das Entstehen und Gedeihen aller dieser Kategorien und Subkategorien sehr genau und sicher durch irgendein Naturgesetz bestimmt ist. Dieses Gesetz ist uns selbstverständlich unbekannt, aber ich glaube, daß es existiert und späterhin vielleicht auch einmal bekannt werden wird. Die ungeheure Menge Menschen, das Material existiert bloß in der Welt, um schließlich durch irgendeine Anstrengung, durch einen geheimnisvollen Vorgang, durch eine Kreuzung von Geschlechtern und Gattungen sich zusammen zu fassen und einen einzigen -- sagen wir von tausend -- einigermaßen selbständigen Menschen in die Welt zu setzen. Mit einer noch größeren Selbständigkeit wird vielleicht nur ein einziger von zehntausend geboren, -- ich spreche bildlich. Mit einer noch größeren von hunderttausend ein einziger. Geniale Menschen von Millionen und große Genies, die Vollender der Menschheit, kommen vielleicht zur Welt nach dem Ableben von vielen tausend Millionen Menschen. Mit einem Worte, ich habe keinen Blick in die Retorte geworfen, in der dies alles vorgeht. Aber ein bestimmtes Gesetz existiert unbedingt und muß existieren; hier kann es keinen Zufall geben.«
»Ja, sagt einmal, scherzt ihr etwa beide?« rief Rasumichin endlich aus. »Führt ihr einander an der Nase herum oder nicht? Sie sitzen und treiben miteinander Spaß! Meinst du es ernst, Rodja?«
Raskolnikoff erhob sein bleiches und fast trauriges Gesicht zu ihm und antwortete nichts. Und merkwürdig erschien Rasumichin, im Vergleiche zu diesem stillen und traurigen Gesichte, der offene, zudringliche, gereizte und unhöfliche, beißende Spott von Porphyri Petrowitsch.
»Nun, Bruder, wenn es tatsächlich ernst ist, so ... Du hast gewiß recht, wenn du sagst, daß dies nicht neu sei und allem, was wir tausendmal gelesen und gehört haben, gleiche. Aber was tatsächlich originell in alledem ist, -- und in der Tat dir zu meinem Entsetzen allein gehört, ist der Punkt, daß du trotzdem Blutvergießen dem Gewissen nach gestattest und es -- entschuldige mich, -- sogar mit so einem Fanatismus tust ... In diesem also besteht auch der Hauptgedanke deines Aufsatzes. Diese Erlaubnis, dem Gewissen nach Blut zu vergießen, das ... das ist meiner Meinung nach schrecklicher als eine offizielle Erlaubnis, Blut zu vergießen, sozusagen eine gesetzliche ...«
»Vollkommen richtig, -- es ist schrecklicher,« pflichtete Porphyri Petrowitsch bei.
»Nein, du hast dich von irgend etwas hinreißen lassen! Das muß ein Irrtum sein. Ich will den Aufsatz lesen ... Du hast dich bestimmt hinreißen lassen! Du kannst nicht so denken ... Ich will es lesen.«
»Im Aufsatze steht dies alles nicht, es ist dort bloß angedeutet,« sagte Raskolnikoff.
»So, so,« Porphyri Petrowitsch rückte auf seinem Stuhle hin und her, »mir ist es jetzt ziemlich klar, wie Sie belieben Verbrechen zu betrachten, aber ... entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, -- ich belästige Sie zu sehr, schäme mich selbst darüber, -- aber sehen Sie, -- Sie haben mich vorhin sehr beruhigt über die Möglichkeit einer Verwechslung der beiden Kategorien, aber ... mich quälen nun allerhand praktische Fälle! Nehmen wir an, irgendein Mann oder Jüngling bildet sich plötzlich ein, er sei Lykurg oder Mahomet ... ein Zukünftiger, verstehen Sie, und -- beginnt nun alle Hindernisse zu beseitigen ... Es steht ihm, sagt er sich, ein langer Weg bevor und für diesen Weg braucht er Geld ... so beginnt er sich das Geld zu verschaffen ... wissen Sie?«
Sametoff prustete plötzlich vor Lachen; Raskolnikoff würdigte ihn nicht eines Blickes.
»Ich muß zugeben,« antwortete er ruhig, »daß solche Fälle in der Tat vorkommen müssen. Dümmere und besonders eitle Menschen fallen darauf herein; insbesondere die Jugend.«
»Sehen Sie. Nun, was soll da geschehen?«
»Ja, was denn,« lächelte ein wenig Raskolnikoff, »ich bin doch daran nicht schuld. So ist es einmal und wird immer so bleiben. Er« -- er wies auf Rasumichin -- »sagte soeben, daß ich Blutvergießen gestatte. Was ist denn dabei? Die Gesellschaft ist doch mit Verbannung, Gefängnissen, Untersuchungsrichtern, Zuchthäusern genug gesichert, -- wozu denn sich beunruhigen? Sucht den Dieb! ...«
»Nun, und wenn wir ihn finden?«
»Fort mit ihm.«
»Das ist sehr logisch. Nun, und wie steht es mit dem Gewissen?«
»Was kümmert Sie das?«
»Doch, aus Humanität.«
»Wer ein Gewissen hat, mag darunter leiden, wenn er seinen Irrtum einsieht. Das ist auch eine Strafe für ihn, -- außer der Zwangsarbeit.«
»Nun, und die tatsächlich Genialen,« fragte Rasumichin mit düsterem Gesichte, »die nämlich, denen das Recht gegeben ist zu morden, die sollen gar nicht, auch nicht wegen des vergossenen Blutes leiden?«
»Warum sagst du: sollen? Es gibt hier weder eine Erlaubnis, noch ein Verbot. Mag er leiden, wenn ihm das Opfer leid tut ... Leiden und Schmerz hängen immer mit einer weiten Erkenntnis und einem tiefen Herzen zusammen. Die wirklich großen Menschen müssen auf Erden großes Leid empfinden,« fügte er plötzlich nachdenklich, nicht im Tone des Gespräches, hinzu.
Er hob die Augen auf, blickte alle sinnend an, lächelte und nahm seine Mütze. Er war im Vergleiche mit seinem Eintritt zu ruhig, und er fühlte es auch. Alle erhoben sich.
»Nun, schelten Sie mich oder nicht, ärgern Sie sich über mich oder nicht, aber ich kann es nicht unterlassen,« sagte Porphyri Petrowitsch wieder, »erlauben Sie mir noch eine kleine Frage -- ich belästige Sie sehr, -- nur eine einzige kleine Idee möchte ich aussprechen, bloß um es nicht zu vergessen ...«
»Gut, sagen Sie Ihre kleine Idee.« Raskolnikoff stand ernst und bleich in Erwartung vor ihm.
»Ja, sehen Sie ... ich weiß wirklich nicht, wie ich mich glücklich ausdrücken soll ... die Idee ist zu gelungen ... ist psychologisch ... Sehen Sie, als Sie Ihren Aufsatz schrieben, -- da war es doch nicht ganz ohne, he--he--he--, -- daß Sie sich selbst, -- nun, sagen wir, ein bißchen vielleicht, -- auch für einen >ungewöhnlichen< Menschen hielten, der ein neues Wort -- in Ihrem Sinne, versteht sich, -- sagt ... War es nicht so?«
»Sehr möglich,« antwortete Raskolnikoff verächtlich. Rasumichin machte eine Bewegung.
»Und wenn es so ist, würden Sie in diesem Falle sich entschließen, -- nun, sagen wir, wegen irgendwelcher Fehlschläge und beschränkter Verhältnisse oder auch um irgendwie die Menschheit zu fördern, -- über ein Hindernis hinweg zu schreiten? ... Nun, zum Beispiel, zu morden und zu rauben? ...«
Und wieder schien er ihm plötzlich mit dem linken Auge zuzuzwinkern und lachte unhörbar, -- genau wie vorhin.
»Wenn ich auch über eines hinweg schreiten würde, so würde ich es Ihnen sicher nicht sagen,« antwortete Raskolnikoff mit herausfordernder hochmütiger Verachtung.
»Ach was, ich interessiere mich doch in rein literarischer Hinsicht, um eigentlich Ihren Aufsatz mehr zu verstehen ...«
»Jetzt wird er deutlich und unverschämt!« dachte Raskolnikoff voll Widerwillen.
»Gestatten Sie mir gütigst zu bemerken,« antwortete er trocken, »daß ich mich weder für einen Mahomet noch für einen Napoleon halte ... für keine von solchen Persönlichkeiten, also kann ich, da ich keiner von denen bin, Ihnen auch keine befriedigende Erklärung geben, wie ich handeln würde.«
»Nun, aber bitte, wer hält sich jetzt in Rußland nicht für einen Napoleon?« sagte Porphyri Petrowitsch plötzlich mit großer Familiarität.
Sogar im Tone seiner Stimme lag diesmal etwas besonders Deutliches.
»Möglicherweise hat auch ein künftiger Napoleon unsere Aljona Iwanowna in der vorigen Woche mit dem Beile erschlagen?« platzte Sametoff heraus.
Raskolnikoff schwieg und blickte unverwandt und fest Porphyri Petrowitsch an. Rasumichins Gesicht verfinsterte sich. Ihm war schon vorher etwas aufgefallen. Er blickte zornig um sich. Eine Minute düsteren Schweigens verging. Raskolnikoff wandte sich, um wegzugehen.
»Sie wollen schon fortgehen?« sagte Porphyri Petrowitsch freundlich und reichte ihm außerordentlich liebenswürdig die Hand. »Ich freue mich sehr, sehr über Ihre Bekanntschaft. Und was Ihre Bitte anbetrifft, seien Sie ohne Sorge. Schreiben Sie nur so, wie ich Ihnen sagte. Oder noch besser, kommen Sie selber einmal zu mir ... vielleicht in diesen Tagen ... morgen ... ich werde gegen elf Uhr da sein. Wir wollen dann alles besorgen ... uns auch etwas unterhalten ... Sie, als einer der letzten, die dort gewesen waren, könnten uns vielleicht etwas mitteilen ...«
»Sie wollen mich offiziell, mit allem Zubehör, verhören?« fragte Raskolnikoff scharf.
»Warum denn? Vorläufig ist das gar nicht nötig. Sie haben das falsch verstanden. Sehen Sie, ich lasse mir keine Gelegenheit entgehen und ... und habe schon mit allen Pfandgebern gesprochen ... manche Aussagen habe ich zu Protokoll genommen ... und Sie, als der letzte ... Ja, a propos!« rief er plötzlich, sich über etwas freuend, »ich erinnere mich jetzt, was ist denn mit mir! ...« wandte er sich an Rasumichin. »Siehst du, du hast mir von diesem Nikolai die Ohren vollgeblasen ... nun, ich weiß auch selbst, ich weiß,« wandte er sich an Raskolnikoff, »daß der Bursche unschuldig ist, aber was ist da zu machen, ich mußte auch Dmitri belästigen ... ja, die Sache ist nun die, -- als Sie damals die Treppe hinaufgingen ... erlauben Sie, -- Sie waren doch in der achten Stunde dort?«
»Ja, in der achten,« antwortete Raskolnikoff und empfand es im selben Momente unangenehm, da er dies doch nicht zu sagen brauchte.
»Also, als Sie die Treppe in der achten Stunde hinaufgingen, haben Sie da nicht im zweiten Stock, in einer offenstehenden Wohnung -- erinnern Sie sich? -- zwei Arbeiter oder wenigstens einen von ihnen gesehen? Sie strichen dort an, haben Sie sie nicht bemerkt? Das ist sehr, sehr wichtig für die beiden! ...«
»Anstreicher? Nein, ich habe sie nicht gesehen ...« antwortete Raskolnikoff langsam und wie in seiner Erinnerung suchend, dabei spannte er unter schweren Qualen sein ganzes Wesen an, um alsbald die gestellte Falle zu erkennen und nichts zu übersehen. »Nein, ich habe sie nicht gesehen und eine offenstehende Wohnung auch nicht bemerkt ... aber ich erinnere mich -- (er hatte die Falle jetzt erkannt und triumphierte) -- daß im vierten Stock ein Beamter aus der Wohnung auszog ... gerade gegenüber Aljona Iwanowna ... ich erinnere mich dessen ... erinnere mich klar ... Soldaten trugen ein Sofa hinaus und preßten mich dabei an die Wand ... Anstreicher, nein, deren erinnere ich mich nicht ... und eine offenstehende Wohnung habe ich nirgends gesehen. Ja, nirgends ...«
»Ja, was ist denn das!« rief plötzlich Rasumichin, als sei er zu sich gekommen und hätte es sich überlegt, »ja, die Anstreicher arbeiteten doch am Tage des Mordes dort und er war drei Tage vorher dort? Was fragst du denn?«
»Ach! Ich habe es verwechselt!« schlug sich Porphyri Petrowitsch vor die Stirn. »Zum Teufel, ich verliere noch den Verstand durch diese Sache!« wandte er sich wie entschuldigend an Raskolnikoff. »Uns ist es so wichtig, zu erfahren, ob man jemand in der achten Stunde in der Wohnung gesehen hat und da bildete ich mir ein, daß Sie es auch sagen könnten ... ich habe es rein verwechselt!«
»Man muß eben aufmerksamer sein,« bemerkte Rasumichin grimmig.
Die letzten Worte wurden schon im Vorzimmer gesagt. Porphyri Petrowitsch begleitete sie außerordentlich liebenswürdig bis zur Türe. Beide traten finster und verdrießlich auf die Straße hinaus und redeten einige Schritte kein Wort. Raskolnikoff tat einen tiefen Atemzug.
VI.
»... Ich glaube nicht daran! Ich kann es nicht glauben!« wiederholte Rasumichin bestürzt und versuchte mit aller Kraft die Einwände Raskolnikoffs zu widerlegen.
Sie näherten sich schon den »Möblierten Zimmern« von Bakalejeff, wo Pulcheria Alexandrowna und Dunja sie seit langem erwarteten. Rasumichin blieb alle Augenblicke im Eifer des Gespräches stehen, verwirrt und schon dadurch allein aufgeregt, daß sie zum erstenmale darüber klar gesprochen hatten.
»Du glaubst es nicht!« antwortete Raskolnikoff mit einem kalten und nachlässigen Lächeln. »Du hast nach deiner Gewohnheit nicht acht gehabt, aber ich wog jedes Wort ab.«
»Du bist argwöhnisch, darum legtest du auch jedes Wort auf die Wage ... Hm ... in der Tat, ich gebe zu, der Ton von Porphyri war ziemlich merkwürdig; besonders aber dieser Schuft Sametoff! ... Du hast recht, etwas war an ihm, -- aber warum? Warum?«
»Er hat sich's über Nacht überlegt.«
»Aber im Gegenteil, im Gegenteil! Wenn sie diesen hirnlosen Gedanken wirklich hätten, so würden sie mit allen Kräften ihn zu verbergen suchen und ihre Karten verdeckt halten, um dich später plötzlich zu fangen ... Jetzt aber ist es unverschämt und unvorsichtig!«
»Wenn sie Tatsachen, das heißt wirklich Tatsachen oder einen einigermaßen begründeten Verdacht hätten, dann würden sie wirklich versuchen, ihr Spiel zu verbergen, -- in der Hoffnung, noch mehr zu gewinnen und ... hätten übrigens auch längst eine Haussuchung vorgenommen! Aber sie haben keine Tatsache, keine einzige, -- alles ist Phantasie, alles hat zwei Seiten, sie haben nur im allgemeinen eine Idee, -- so versuchen sie durch Unverschämtheit zu verwirren. Vielleicht aber ist er auch wütend darüber, daß er keine Tatsachen hat, und aus Ärger läßt er sich gehen. Vielleicht aber hat er auch damit einen Zweck verfolgt ... Er scheint ein kluger Mann zu sein ... Er wollte mich vielleicht erschrecken damit, daß er etwas weiß ... Hier, Bruder, liegt eine eigene Psychologie ... Übrigens aber, ist es gemein, dies alles zu erklären. Laß es!«
»Und beleidigend, beleidigend! Ich verstehe dich! Aber ... da wir schon einmal deutlich darüber reden -- und es ist gut, daß wir endlich klar darüber sprechen können, ich freue mich darüber, -- so will ich dir jetzt offen gestehen, daß ich lange schon bei ihnen diesen Gedanken, in dieser ganzen Zeit gemerkt habe, selbstverständlich in einer kaum merkbaren, in einer schleichenden Form. Warum aber? Wie können sie es wagen? Wo liegen bei ihnen die Gründe? Wenn du wüßtest, wie ich wütend war! Wie, -- aus dem Grunde, weil da ein armer Student ist, heruntergekommen durch große Armut und Hypochondrie, am Vorabend einer schrecklichen Krankheit, verbunden mit Fieberwahn, die vielleicht längst in ihm saß, -- merk dir das! -- ein argwöhnischer, ehrgeiziger Mensch, der seinen Wert kennt und der sechs Monate in einem Winkel gesessen und niemand gesehen hat; er steht in Lumpen und in Stiefeln ohne Sohlen vor allerhand Polizisten und leidet unter ihren Schmähungen; dazu kommt noch eine unerwartete Schuld, ein nicht eingelöster Wechsel von Hofrat Tschebaroff, dumpfer Farbengeruch, dreißig Grad Wärme, stickige Luft, eine Menge Menschen, die Erzählung von der Ermordung einer Person, bei der er am Vorabend war, und dies alles -- auf leeren Magen! Ja, wie soll man dabei nicht ohnmächtig werden! Und darauf, darauf wird alles begründet! Zum Teufel! Ich verstehe, daß es einen ärgert, aber an deiner Stelle, Rodja, würde ich ihnen allen ins Gesicht lachen, oder noch besser, ihnen allen ordentlich in die Fratze spucken, ich würde noch ein paar Dutzend Ohrfeigen verteilen, selbstverständlich in kluger Weise, wie man sie stets geben muß, und würde damit die Sache abschließen. Pfeif darauf! Halt dich fest! Es ist eine Schande!«
»Er hat es gut dargestellt,« dachte Raskolnikoff.
»Pfeif darauf? Und morgen ist wieder Verhör!« sagte er bitter. »Soll ich mich etwa in Verhandlungen mit ihnen einlassen? Ich ärgere mich schon, daß ich mich gestern in dem Restaurant bis zu Sametoff erniedrigt habe ...«
»Zum Teufel! Ich will selbst zu Porphyri gehen! Und ich will ihn schon in verwandtschaftlicher Weise vorkriegen; er soll mir alles haarklein erzählen. Und Sametoff ...«
»Endlich kommt er auf ihn!« dachte Raskolnikoff.
»Halt!« rief Rasumichin und packte ihn plötzlich an der Schulter, »halt! Du hast geschwindelt! Ich habe es mir überlegt, du hast geschwindelt! Wieso ist das eine Falle? Du sagst, daß die Frage über die Anstreicher eine Falle war? Denk doch nach, -- wenn du es getan hättest, hättest du es zugegeben, daß du gesehen hast, wie die Wohnung gemalt wurde ... und die Arbeiter? Im Gegenteil, -- du hättest gesagt, ich habe nichts gesehen, wenn du es auch gesehen hättest! Wer zeugt denn gegen sich selbst?«
»Wenn ich es getan hätte, so würde ich unbedingt gesagt haben, daß ich wie die Anstreicher, so auch die Wohnung gesehen habe,« antwortete Raskolnikoff unwillig und mit sichtlichem Ekel.
»Ja, warum gegen sich selbst aussagen?«
»Weil nur Bauern oder ganz unerfahrene Neulinge beim Verhör offen und alles nacheinander leugnen. Ein einigermaßen gebildeter und schlauer Mann versucht unbedingt und nach Möglichkeit alle äußeren, unverfänglichen Tatsachen zu bestätigen; er sucht bloß andere Gründe anzuführen, bringt seine eigene besondere und unerwartete Erklärung hinein, die eine vollkommen andere Bedeutung gibt und alles in einem anderen Lichte erscheinen läßt. Porphyri konnte gerade damit rechnen, daß ich unbedingt in dieser Weise antworten und sicher sagen würde, daß ich sie gesehen habe, nur der Wahrscheinlichkeit halber, und dabei irgend etwas zur Erklärung hinzufügen würde.«
»Er hätte dir sofort gesagt, daß zwei Tage vorher keine Arbeiter dort gewesen sein konnten, und daß also du gerade am Tage des Mordes, um acht Uhr, dort gewesen bist. Er hätte dich mit dieser Kleinigkeit gefangen.«
»Er rechnete auch damit, daß ich keine Zeit haben werde, es mir zu überlegen und mich beeilen würde, wahrheitsgetreuer zu antworten und dabei vergessen würde, daß zwei Tage vorher keine Arbeiter da sein konnten.«
»Wie kann man aber das vergessen?«
»Sehr leicht! Auf solche geringfügigen Dinge fallen am ehesten schlaue Menschen herein. Je schlauer ein Mensch ist, um so weniger ahnt er, daß man ihn bei etwas Einfachem ertappen würde. Den schlauesten Menschen muß man gerade mit dem Einfachsten verwirren. Porphyri ist gar nicht so dumm, wie du denkst ...«
»Er ist nach alledem ein Schuft!«
Raskolnikoff konnte sich des Lachens nicht erwehren. Aber im selben Augenblicke erschien ihm seine eigene Lust und die Begeisterung, mit der er seine letzte Erklärung abgegeben hatte, überaus sonderbar; das ganze vorangehende Gespräch hatte er mit einem düsteren Widerwillen, nur unter dem Zwange der Situation geführt.
»Ich bekomme noch Geschmack daran!« dachte er.
Jedoch gleich darauf wurde er unruhig, als hätte ihn ein unerwarteter und beunruhigender Gedanke überrascht. Seine Unruhe wuchs. Sie waren schon am Eingange zu den möblierten Zimmern von Bakalejeff.
»Geh allein hinein,« sagte plötzlich Raskolnikoff, »ich komme sofort zurück.«
»Wohin willst du? Wir sind ja schon da!«
»Ich muß, ich muß; ich habe etwas zu tun ... ich komme nach einer halben Stunde wieder ... Sage es ihnen.«
»Wie du willst, ich begleite dich aber!«
»Was, willst auch du mich quälen!« rief er mit solcher bitteren Gereiztheit und solcher Verzweiflung im Blicke, daß Rasumichin fassungslos wurde.
Er blieb eine Weile auf der Außentreppe stehen und sah finster zu, wie jener schnell in der Richtung nach seiner Wohnung dahinschritt. Schließlich biß er die Zähne zusammen, ballte die Faust, schwur sich selbst, daß er heute noch den ganzen Porphyri wie eine Zitrone ausquetschen würde, und ging die Treppe hinauf, um Pulcheria Alexandrowna, die durch ihre lange Abwesenheit schon aufgeregt war, zu beruhigen.
Als Raskolnikoff bei seinem Hause anlangte, waren seine Schläfen mit Schweiß bedeckt und er atmete schwer. Er eilte die Treppe hinauf, trat in seine nicht abgeschlossene Wohnung und hakte sofort die Türe zu. Dann stürzte er erschreckt und wie wahnsinnig zu der Ecke, zu dem Loche hinter den Tapeten, wohin er damals die Sachen gelegt hatte, steckte die Hand hinein und scharrte einige Minuten aufs höchste erregt in dem Loche und untersuchte alle Ecken und Falten der Tapete. Als er nichts fand, stand er auf und holte tief Atem. Als er sich vorhin der Treppe von Bakalejeff näherte, war es ihm plötzlich in den Sinn gekommen, daß irgendeine Sache, eine Kette oder ein Manschettenknopf etwa, oder auch ein Stück Papier, in dem sie eingewickelt waren, mit einem Vermerk von der Hand der Alten auf irgendeiner Spalte liegen geblieben sein konnte und als ein unerwarteter und unabwendbarer Beweis vor ihnen auftauchen konnte.
Er stand, wie in Nachdenken versunken und ein sonderbares, demütiges, halb sinnloses Lächeln umspielte seine Lippen. Er nahm seine Mütze und ging langsam hinaus. Seine Gedanken irrten umher. Nachdenklich trat er unter das Tor.
»Da ist der Herr selbst!« rief eine laute Stimme; er erhob den Kopf.
Der Hausknecht stand an der Türe seiner Kammer und zeigte auf einen nicht sonderlich großen Mann, der wie ein Kleinbürger aussah, und der mit einem Mantel, einem Schlafrock ähnlich, und einer Weste bekleidet war und von weitem eine große Ähnlichkeit mit einem Weibe hatte. Sein Kopf, mit einer fettigen Mütze bedeckt, hing nach vorne, die ganze Gestalt schien gekrümmt. Sein schlaffes, runzeliges Gesicht deutete auf ein Alter über fünfzig; die kleinen verschwommenen Augen blickten finster, ernst und mißvergnügt drein.
»Was soll's?« fragte Raskolnikoff und trat zu dem Hausknechte.
Der Kleinbürger wendete seine Augen zu ihm und blickte ihn unter der Stirn hervor durchdringend, aufmerksam und andauernd an; dann wandte er sich um und ging, ohne ein Wort gesagt zu haben, zum Tore auf die Straße hinaus.
»Ja, was ist denn das?« rief Raskolnikoff.
»Dieser da fragte, ob hier ein Student wohne, nannte Ihren Namen, und bei wem Sie wohnen. Sie kamen gerade, ich zeigte Sie ihm, nun ist er fortgegangen. Das ist komisch.«
Der Hausknecht hatte auch gewisse Bedenken, er dachte eine kleine Weile nach, drehte sich aber um und ging in seine Kammer.
Raskolnikoff stürzte dem Kleinbürger nach und erblickte ihn sofort, wie er auf der anderen Seite der Straße gleichmäßig und nicht eilig, mit zu Boden gerichteten Augen und anscheinend nachdenklich dahinschritt. Er holte ihn bald ein, ging eine Weile hinter ihm; schließlich trat er neben ihn und blickte ihm von der Seite ins Gesicht. Der Kleinbürger bemerkte ihn sofort und schaute ihn schnell von oben bis unten an, ließ aber wieder die Augen sinken, und in dieser Weise gingen sie eine Strecke nebeneinander her, ohne ein Wort zu sagen.
»Haben Sie nach mir gefragt ... beim Hausknecht?« sagte Raskolnikoff endlich, aber nicht sehr laut.
Der Kleinbürger gab ihm keine Antwort und blickte ihn nicht an. Wieder gingen sie stumm dahin.
»Ja, warum ... kommen Sie und fragen ... und schweigen jetzt ... ja, was ist denn das?« Raskolnikoffs Stimme stockte und die Worte kamen ihm schwer über die Lippen.
Der Kleinbürger erhob diesmal die Augen und sah mit einem drohenden, finsteren Blicke Raskolnikoff an. »Mörder!« sagte er plötzlich mit leiser, aber klarer und deutlicher Stimme ...
Raskolnikoff ging neben ihm weiter. Seine Füße wurden plötzlich schrecklich schwach, im Rücken fühlte er Kälte und sein Herz schien auf einen Augenblick still zu stehen; dann fing es an zu klopfen, als wollte es sich losreißen. So gingen sie etwa hundert Schritte nebeneinander und wieder vollkommen stumm.
Der Kleinbürger blickte ihn nicht an.
»Was fällt Ihnen ein ... was ... wer ist ein Mörder?« murmelte Raskolnikoff kaum hörbar.
»Du bist ein Mörder,« sagte jener, noch deutlicher und bedeutungsvoller und blickte mit dem Lächeln eines haßerfüllten Triumphes in das bleiche Gesicht Raskolnikoffs und seine erloschenen Augen.
Sie kamen zu einer Straßenkreuzung. Der Kleinbürger bog links in eine Straße ein und ging weiter, ohne sich umzusehen. Raskolnikoff blieb stehen und sah ihm lange nach. Er sah, wie jener nach fünfzig Schritten ungefähr sich umwandte und ihn, der immer noch unbeweglich auf derselben Stelle stand, anblickte. Man konnte nicht sehen, aber Raskolnikoff schien es, als hätte er auch diesmal sein kaltes, haßvolles und triumphierendes Lächeln gehabt.
Mit langsamen, schweren Schritten, mit zitternden Knien und fröstelnd kehrte Raskolnikoff zurück und ging in sein Zimmer hinauf. Er nahm seine Mütze ab und legte sie auf den Tisch hin und stand etwa zehn Minuten unbeweglich daneben. Dann legte er sich völlig ermattet auf das Sofa und streckte sich mit einem schwachen, krankhaften Stöhnen aus; seine Augen waren geschlossen. So lag er eine halbe Stunde.
Er dachte an nichts. Es waren wohl Gedanken oder Fetzen von Gedanken da, Vorstellungen, ohne Ordnung und Zusammenhang, -- Gesichter von Menschen, die er noch als Kind gesehen hatte, oder denen er irgendwo nur ein einziges Mal begegnet war, und an die er sich nie mehr erinnert hatte, -- der Turm der W.schen Kirche, ein Billard, Zigarrengeruch in einem Tabaksladen im Kellergeschosse, eine Kneipe, eine Küchentreppe, ganz dunkel, ganz mit Unrat begossen und mit Eierschalen bedeckt, und irgendwo ertönte das Sonntagsgeläute der Glocken ... Die Gegenstände wechselten und drehten sich wie im Wirbelwinde. Manche gefielen ihm sogar und er wollte sich an ihnen festklammern, aber sie erloschen, es bedrückte ihn innerlich etwas, aber nicht sehr stark. Zuweilen war es sogar gut ... Ein leichtes Frösteln blieb und selbst das war fast angenehm. Er hörte die eiligen Schritte Rasumichins und seine Stimme, er schloß die Augen und stellte sich schlafend. Rasumichin öffnete die Türe und blieb eine Weile auf der Schwelle, wie unschlüssig, stehen. Dann trat er leise in das Zimmer und ging vorsichtig zu dem Sofa. Man hörte Nastasja flüstern.
»Laß ihn; mag er schlafen; er kann nachher essen.«
»Das ist wahr,« antwortete Rasumichin.
Beide gingen leise hinaus und machten die Türe zu. Noch eine halbe Stunde verging. Raskolnikoff öffnete die Augen, legte sich wieder auf den Rücken und steckte die Hände unter den Kopf ...
»Wer ist er? Wer ist dieser wie aus der Erde hervorgewachsener Mensch? Wo war er und was hat er gesehen? Er hat alles gesehen, das ist zweifellos. Wo war er damals und von wo sah er es? Warum erscheint er erst jetzt, wie aus der Erde gestiegen? Und wie konnte er es sehen, -- ist es denn möglich? ... Hm ...« fuhr Raskolnikoff fort, erstarrend und zusammenfahrend, »aber das Etui, das Nikolai hinter der Türe gefunden hat, -- war denn das nicht auch möglich? Beweise? Ein Hunderttausendstel übersieht man, -- und der Beweis wächst zu einer ägyptischen Pyramide! Eine Fliege ist vorbeigeflogen, sie hat es gesehen! Aber ist es denn möglich?«
Und er fühlte mit Ekel, wie er plötzlich schwach, physisch schwach geworden war.
»Ich hätte es wissen müssen,« dachte er mit einem bitteren Lächeln, »und wie durfte ich, indem ich mich kannte und ahnte, wie ich sein würde, ein Beil nehmen und mit Blut mich besudeln. Ich war verpflichtet, es vorher zu wissen ... Ach! Ich wußte es doch vorher!« ...
Zuweilen blieb er unbeweglich an irgendeinem Gedanken haften.
»Nein, die Menschen sind nicht so gemacht; ein wahrer Herrscher, dem alles erlaubt ist, zerstört Toulon, veranstaltet eine Abschlachtung in Paris, vergißt eine Armee in Ägypten, verbraucht eine halbe Million Menschen im russischen Feldzuge und wird in Wilna durch ein Wortspiel damit fertig; und ihm stellt man nach dem Tode Standbilder auf, -- somit ist auch alles erlaubt. Nein, solche Menschen sind offenbar nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Eisen!«
Ein plötzlicher Nebengedanke brachte ihn fast zum Lachen.
»Napoleon, Pyramiden, Waterloo, -- und eine magere Beamtenwitwe, Wucherin, mit einer roten Truhe unter dem Bett, -- nun, wie soll das -- sagen wir selbst Porphyri Petrowitsch -- verdauen können! ... Wie sollen sie es auch verdauen! ... Die Ästhetik wird sie hindern. >Will ein Napoleon,< werden sie sagen, >unter das Bett zu einer Alten kriechen!< Ach, Unsinn! ...« Ab und zu fühlte er, daß er phantasiere, -- er verfiel dann einer fieberhaften verzückten Stimmung.
»Die Alte ist Unsinn!« dachte er und wühlte eifrig und heftig seine Gedankengänge weiter:
»Daß es diese Alte war, war vielleicht ein Irrtum, aber die Hauptsache liegt nicht an ihr. Die Alte war nur eine Krankheit ... ich wollte schneller darüber hinweg schreiten ... ich habe nicht einen Menschen getötet, ich habe ein Prinzip getötet! Das Prinzip habe ich wohl getötet, bin aber nicht darüber hinweg geschritten, ich bin auf dieser Seite geblieben ... Ich habe bloß verstanden, zu töten. Auch das habe ich nicht mal verstanden, wie es sich zeigt ... Prinzip? Warum hat vorhin der Dummkopf Rasumichin die Sozialisten gescholten? Sie sind fleißige Leute und arbeitsam; sie beschäftigen sich mit dem >allgemeinen Glück<. Nein, mir ist das Leben einmal gegeben und nie kommt es wieder; ich will nicht auf das >allgemeine Glück< warten. Ich will auch selbst leben, sonst lieber gar nicht. Was denn? Ich konnte nicht an einer hungrigen Mutter vorbeigehen und meinen Rubel in der Erwartung des >allgemeinen Glücks< in der Tasche festhalten. >Ich trage<, konnte ich sagen, >einen kleinen Stein bei zum allgemeinen Glück, und darum habe ich Seelenruhe.< Ha--ha--ha! Warum seid ihr an mir vorbeigegangen? Ich lebe doch bloß einmal, ich will doch auch ... Ach was, ich bin eine ästhetische Laus und mehr nicht,« fügte er hinzu und lachte plötzlich wie ein Irrsinniger. »Ja, ich bin tatsächlich eine Laus,« fuhr er fort, indem er sich voll Schadenfreude an den Gedanken klammerte, sich hineinbohrte, mit ihm spielte und sich mit ihm amüsierte, »und schon aus dem Grunde allein, weil ich erstens jetzt darüber räsonniere, daß ich eine Laus bin, und zweitens, weil ich einen ganzen Monat die allgütige Vorsehung belästige, indem ich sie als Zeuge anrief, daß ich es nicht meines Fleisches und meiner Lust willen unternehme, sondern ein prächtiges und herrliches Ziel im Auge habe, -- ha--ha--ha! Drittens, weil ich mir vorgenommen hatte, möglichst Gerechtigkeit bei der Ausführung walten zu lassen und Gewicht und Maß, wie auch Berechnung einzuhalten, -- von allen Läusen wählte ich die allernutzloseste und beschloß, nachdem ich sie ermordet haben würde, genau so viel zu nehmen, als ich zum ersten Schritt brauche, -- nicht mehr und nicht weniger ... und das übrige würde also laut dem Vermächtnis dem Kloster zugefallen sein ... ha--ha--ha! Und zu guter Letzt bin ich selber eine Laus,« fügte er mit Zähneknirschen hinzu, »weil ich vielleicht selbst noch schlimmer und abscheulicher bin als die getötete Laus, und weil ich im voraus ahnte, daß ich mir dies sagen würde, nachdem ich sie ermordet haben würde! Kann ich denn mit diesem Entsetzen irgend etwas vergleichen! Oh, Trivialität! Oh, Gemeinheit! ... Oh, wie ich den >Propheten< zu Pferde mit einem Säbel in der Hand begreife, -- Allah befiehlt und die >zitternden< Kreaturen sollen gehorchen! Der >Prophet< ist tausendmal im Rechte, wenn er irgendwo mitten in der Straße eine aus--ge--zeich--ne--te Batterie aufstellt und auf Unschuldige und Schuldige schießt, ohne sich herabzulassen, eine Erklärung abzugeben! Gehorcht, zitternde Kreaturen und -- wünscht nichts, denn -- ihr habt nichts zu wünschen! ... Oh, um nichts in der Welt, um keinen Preis will ich der Alten verzeihen!« Sein Haar war mit Schweiß bedeckt, die bebenden Lippen waren trocken und der unbewegliche Blick auf die Zimmerdecke gerichtet.
»Mutter und Schwester, -- wie ich sie geliebt habe! Warum hasse ich sie jetzt? Ja, ich hasse sie, hasse sie physisch, ich kann sie nicht mehr neben mir ertragen ... Vorhin ging ich zur Mutter hin und küßte sie, ich erinnere mich dessen ... Sie zu umarmen und denken zu müssen, wenn sie es wüßte, so ... soll ich ihr es sagen? Man kann mir das zutrauen ... Hm! Sie muß ebenso sein wie ich ...« fügte er hinzu, mühsam seinen Gedanken verfolgend, als kämpfe er mit dem ihn packenden Fieber. »Oh, wie ich jetzt diese Alte hasse! Ich könnte sie noch einmal ermorden, wenn sie zu sich käme! Arme Lisaweta! Warum kam sie hinzu? ... Sonderbar, warum ich an sie fast gar nicht denke, als hätte ich sie nicht ermordet! ... Lisaweta! Ssonja! Ihr armen sanften Geschöpfe mit euren sanften Augen ... Ihr Lieben! ... Warum weinen sie nicht? Warum stöhnen sie nicht? ... Sie geben alles hin ... blicken sanft und still ... Ssonja, Ssonja! Stille Ssonja! ...«
Er verlor das Bewußtsein; merkwürdig erschien es ihm, daß er sich nicht entsann, wie er auf die Straße gekommen. Es war schon später Abend. Die Dämmerung nahm zu, der volle Mond leuchtete immer heller und heller; aber die Luft war besonders dumpf. Menschen gingen in Haufen in den Straßen; Handwerker und Geschäftsleute wanderten nach Hause; andere gingen spazieren; es roch nach Kalk, Staub und stehendem Wasser. Raskolnikoff schritt traurig und sorgenvoll dahin, -- er erinnerte sich sehr gut, daß er zu irgendeinem Zwecke aus dem Hause gegangen sei und daß er etwas tun sollte und sich dabei beeilen müßte, was es aber war, -- hatte er vergessen. Plötzlich blieb er stehen und sah, daß auf der anderen Seite der Straße, auf dem Fußwege, ein Mann stand und ihm mit der Hand winkte. Er ging über die Straße zu ihm hin, da wandte sich dieser Mann um, ging weiter, als wäre nichts gewesen, mit gesenktem Kopfe, ohne sich umzuwenden und ohne merken zu lassen, daß er ihn gerufen habe. »Ja, hatte er mich auch gerufen?« dachte Raskolnikoff und ging ihm nach. Kaum zehn Schritte entfernt von ihm, erkannte er ihn plötzlich -- und erschrak; es war der Kleinbürger von vorhin, im selben Schlafrocke und ebenso gekrümmt. Raskolnikoff folgte ihm von weitem; sein Herz klopfte; sie bogen in eine Gasse ein, -- der Kleinbürger wandte sich noch immer nicht um.
»Weiß er, daß ich ihm folge?« dachte Raskolnikoff. Der Kleinbürger trat in das Tor eines großen Hauses. Raskolnikoff ging schnell zu dem Tore hin, um hineinzusehen, ob er sich nicht umschaue und ihn rufen würde. Und in der Tat, als der Kleinbürger durch das Tor geschritten war und schon in den Hof trat wandte er sich wieder um und schien ihm wieder zu winken. Raskolnikoff durchschritt sofort das Tor, aber der Kleinbürger war nicht mehr auf dem Hofe. Also muß er hier die erste Treppe hinaufgegangen sein. Raskolnikoff stürzte ihm nach. Ein paar Treppen höher vernahm man gleichmäßige, nicht eilige Schritte. Sonderbar, die Treppe kam ihm bekannt vor! Hier im ersten Stock ist ein Fenster; durch die Scheiben schimmert traurig und geheimnisvoll der Mond; da ist auch der zweite Stock. Oh! Das ist dieselbe Wohnung, in der die Arbeiter anstrichen ... Wie hatte er das Haus nicht sofort wiedererkennen können? Die Schritte des vorangehenden Menschen waren verhallt, »er ist also stehen geblieben oder hat sich irgendwo versteckt«. Da ist der dritte Stock; soll ich weitergehen? Und welch eine Stille hier herrscht, es ist zum Fürchten ... Er ging jedoch höher hinauf. Das Geräusch seiner eigenen Schritte erschreckte und beunruhigte ihn. Mein Gott, wie dunkel es ist! Der Kleinbürger hat sich sicher irgendwo in einer Ecke versteckt. Ah! Die Wohnung ist weit offen; er dachte nach und trat ein. Im Vorzimmer war es sehr dunkel und leer, keine Menschenseele, als hätte man alles fortgebracht; leise, auf den Fußspitzen ging er in die Wohnstube hinein, -- das ganze Zimmer war hell vom Mondenschein überflutet; alles war hier wie vorher, -- die Stühle standen da, der Spiegel, das gelbe Sofa und die eingerahmten Bilder. Der große, runde, kupferrote Mond blickte durch die Fensterscheiben hinein. »Diese Stille kommt vom Monde,« dachte Raskolnikoff, »er gibt jetzt sicher ein Rätsel auf.« Er stand und wartete, wartete lange, und je stiller der Mond war, um so stärker klopfte sein Herz, es tat ihm sogar weh. Und immer noch diese Stille. Plötzlich ertönte ein kurzes trockenes Knacken, als hätte man einen Holzspan zerbrochen und wieder wurde alles still. Eine aufgewachte Fliege stieß im Fluge an die Scheibe und summte kläglich. Im selben Augenblicke entdeckte er in der Ecke zwischen einem kleinen Schrank und dem Fenster, wie es ihm schien, einen an der Wand hängenden Pelzmantel. »Warum hängt da ein Pelzmantel?« dachte er, »er war doch früher nicht da ...« Er trat sehr leise heran und erriet; daß hinter dem Pelzmantel sich jemand versteckt hielt. Er schob vorsichtig mit der Hand den Mantel zur Seite und entdeckte einen Stuhl, und auf dem Stuhle in der Ecke saß die Alte, ganz zusammengekauert und mit gesenktem Kopfe, so daß er das Gesicht gar nicht sehen konnte, aber sie war es. Er stand eine Weile vor ihr; »sie fürchtet sich!« dachte er; zog dann leise das Beil aus der Schlinge und versetzte der Alten einen Schlag auf den Kopf und noch einen zweiten. Aber merkwürdig, -- sie rührte sich nicht bei den Schlägen, als wäre sie aus Holz. Er erschrak, beugte sich über sie und begann sie zu betrachten, da ließ sie den Kopf noch mehr sinken. Er beugte sich dann fast zu Boden und blickte ihr von unten ins Gesicht; er sah sie an und erstarrte, -- die Alte saß und lachte, -- sie schüttelte sich vor Lachen, ein leises, unhörbares Lachen, sie hielt aus Leibeskräften an sich, damit er es nicht hören solle. Da schien es ihm, als würde die Tür zum Schlafzimmer ein wenig geöffnet, und auch da schien man zu lachen und zu flüstern. Die Wut übermannte ihn, -- er begann aus voller Kraft der Alten auf den Kopf zu schlagen, aber mit jedem Schlage hörte man immer stärker das Lachen und Flüstern im Schlafzimmer, und die Alte schüttelte sich nur so vor Lachen. Er stürzte hinaus, da war das ganze Vorzimmer schon voll von Menschen, die Tür zu der Treppe war weit geöffnet und auf dem Flure, auf der Treppe und dort unten standen Menschen, Kopf an Kopf, und blickten alle auf ihn, sie waren alle still, sie schienen auf etwas zu warten und schwiegen! ... Sein Herz krampfte sich, die Füße ließen sich nicht mehr bewegen, waren wie angewachsen ... Er wollte schreien und -- wachte auf.
Er holte schwer Atem, -- aber merkwürdig, der Traum schien sich immer noch fortzusetzen, -- seine Tür war weit geöffnet und auf der Schwelle stand ein völlig unbekannter Mann und betrachtete ihn aufmerksam.
Raskolnikoff hatte die Augen noch nicht ganz geöffnet und schloß sie auch sofort wieder. Er lag auf dem Rücken und rührte sich nicht. »Ist das noch der Traum oder nicht?« dachte er und hob kaum merklich die Wimpern, um zu sehen, -- der Unbekannte stand auf derselben Stelle und blickte ihn weiter unverwandt an. Auf einmal trat er vorsichtig über die Schwelle, schloß leise die Türe hinter sich zu, ging an den Tisch und wartete eine Weile, -- während dieser Zeit wandte er kein Auge von Raskolnikoff ab, -- er setzte sich leise auf einen Stuhl neben das Sofa hin; seinen Hut stellte er auf den Boden neben sich, stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock und legte das Kinn auf die Hände. Man konnte sehen, daß er sich anschickte, lange zu warten. Soweit Raskolnikoff durch die blinzelnden Wimpern sehen konnte, war dieser Mann nicht mehr jung, und hatte einen dichten, hellblonden, fast weißen Bart.
Es vergingen etwa zehn Minuten. Es war noch hell, aber der Abend nahte schon. Im Zimmer herrschte eine vollkommene Stille. Sogar von der Treppe drang kein Ton herein. Bloß eine große Fliege summte und schlug sich im Fluge an die Fensterscheibe. Dies wurde endlich unerträglich. -- Raskolnikoff erhob sich plötzlich und setzte sich auf das Sofa hin.
»Nun sagen Sie, was wünschen Sie?«
»Sehen Sie, ich wußte es doch, daß Sie nicht schlafen, sondern sich bloß den Anschein geben,« antwortete der Unbekannte eigentümlich und lachte ruhig. »Erlauben Sie mich Ihnen vorzustellen: Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff ...«
Vierter Teil
I.
»Ist das etwa die Fortsetzung des Traumes?« dachte Raskolnikoff noch einmal.
Er betrachtete vorsichtig und mißtrauisch den unerwarteten Besucher.
»Sswidrigailoff? Welch ein Unsinn! Es kann nicht sein!« sagte er schließlich laut und zweifelnd.
Der Besucher schien über diesen Ausruf gar nicht erstaunt zu sein.
»Ich bin zu Ihnen aus zwei Gründen gekommen, -- erstens wollte ich Sie persönlich kennenlernen, da ich längst über Sie sehr Interessantes und Vorteilhaftes gehört habe; zweitens aber bilde ich mir ein, daß Sie sich vielleicht nicht weigern werden, mir bei einem Vorhaben zu helfen, das besonders die Interessen Ihrer Schwester Awdotja Romanowna betrifft. Mich allein, ohne Empfehlung, wird sie vielleicht jetzt nicht mal ins Haus lassen infolge eines Vorurteiles; mit Ihrer Hilfe rechne ich darauf.«
»So rechnen Sie schlecht,« unterbrach ihn Raskolnikoff.
»Ihre Angehörigen sind doch erst gestern angekommen, erlauben Sie mir die Frage?«
Raskolnikoff antwortete nicht.
»Ja, gestern, ich weiß es. Ich bin selbst erst seit vorgestern hier. Doch, was soll ich Ihnen weiter sagen, Rodion Romanowitsch; ich halte es für überflüssig, mich zu rechtfertigen, nur eins lassen Sie mich bemerken, -- habe ich denn tatsächlich etwas verbrochen, wenn man alles ohne Vorurteile, mit ruhiger Vernunft betrachtet?«
Raskolnikoff betrachtete ihn immer noch schweigend.
»Der Umstand, daß ich in meinem Hause ein wehrloses, junges Mädchen verfolgt und >sie mit meinen abscheulichen Anerbieten beleidigt habe<, soll ein Verbrechen sein? Ich komme Ihnen zuvor. -- Denken Sie doch daran, daß ich auch nur ein Mensch bin, et nihil humanum ... mit einem Worte, daß ich auch fähig bin, Reize zu empfinden und zu lieben, -- was sicher nicht mit unserem Wollen geschieht, sondern in unserer Natur liegt, und damit läßt sich alles auf die allernatürlichste Weise erklären. Die Frage ist nur die, bin ich ein Scheusal oder selbst ein Opfer? Nun, und wenn ich das Opfer bin? Und sehen Sie, indem ich dem Gegenstande meiner Liebe anbot, mit mir nach Amerika oder in die Schweiz zu fliehen, empfand ich dabei die allerehrerbietigsten Gefühle und glaubte uns zum gegenseitigen Glück zu verhelfen! ... Der Verstand dient doch der Leidenschaft, und ich richtete mich selbst dabei zugrunde, das müssen Sie doch auch in Betracht ziehen! ...«
»Darum handelt es sich gar nicht,« unterbrach ihn Raskolnikoff voll Widerwillen. »Sie sind mir einfach widerlich, ob Sie schuldig sind oder nicht, und man will mit Ihnen nichts zu tun haben, man jagt Sie fort und so gehen Sie doch Ihrer Wege! ...«
Sswidrigailoff lachte laut auf.
»Aber Sie sind ... man kann Sie nicht verwirren!« sagte er und lachte offen heraus, »ich dachte es schlau angefangen zu haben, aber es gelang nicht, Sie stellten sich gleich auf den richtigsten Standpunkt.«
»Ja, und Sie wollen auch in diesem Augenblicke schlau sein.«
»Was wäre dabei? Nun, was wäre dabei?« wiederholte Sswidrigailoff und lachte weiter. »Es ist doch bonne guerre{[4]}, wie man es nennt und eine höchst erlaubte Schlauheit! ... Aber Sie haben mich unterbrochen; ich wiederhole noch einmal, ob es so oder anders gekommen wäre, es wären keine Unannehmlichkeiten vorgefallen, wenn nicht noch der Auftritt im Garten hinzugekommen wäre. Marfa Petrowna ...«
»Marfa Petrowna, sagt man, haben Sie auch ins Grab gebracht?« unterbrach ihn schroff Raskolnikoff.
»Sie haben auch davon gehört? Wie sollten Sie es übrigens nicht zu hören bekommen ... Hier weiß ich wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll, obwohl mein eigenes Gewissen in dieser Beziehung im höchsten Maße ruhig ist. Glauben Sie ja nicht, daß ich irgend etwas dabei fürchte; dies alles ist in völliger Ordnung und mit Genauigkeit geprüft worden, -- die ärztliche Untersuchung hat einen Herzschlag nachgewiesen, der infolge sofortigen Badens nach einem reichlichen Mittagessen erfolgt ist, wobei fast eine ganze Flasche Wein geleert wurde, und anderes konnte nicht festgestellt werden ... Nein, sehen Sie, ich habe eine Zeitlang, besonders im Eisenbahnwagen auf dem Wege hierher nachgedacht, ob ich zu diesem ... Unglück irgendwie, moralisch, durch Reizung oder etwas ähnliches, nicht beigetragen habe? Ich bin zu dem Resultate gekommen, daß dies positiv nicht der Fall sein konnte.«
Raskolnikoff lachte.
»Warum fällt es Ihnen denn noch ein, sich so zu beunruhigen?«
»Worüber lachen Sie denn? Denken Sie doch nach, -- ich habe sie nur zweimal mit der Reitgerte geschlagen, ohne daß Spuren zu sehen waren ... Halten Sie mich, bitte, nicht für frivol; ich weiß sehr wohl, daß das schändlich von mir war ... und so weiter; aber ich weiß auch sicher, daß Marfa Petrowna vielleicht froh war über meinen, sagen wir, Mangel an Beherrschung. Die Geschichte mit Ihrer Schwester war bis zum letzten Tropfen erschöpft. Marfa Petrowna sah sich gezwungen, den dritten Tag schon zu Hause zu sitzen; sie hatte nichts, womit sie sich im Städtchen zeigen konnte, und außerdem war sie allen mit diesem Briefe -- über das Vorlesen dieses Briefes haben Sie doch gehört, -- lästig geworden. Da kamen ihr diese zwei Schläge mit der Reitgerte wie vom Himmel geschickt, -- ihr erstes war, sofort den Wagen vorfahren zu lassen! ... Ich spreche nicht mal davon, daß es bei Frauen Fälle gibt, wo es ihnen sehr, sehr angenehm ist, beleidigt worden zu sein, trotz der zur Schau getragenen Entrüstung! Diese Fälle kommen bei allen vor. -- Der Mensch liebt es im allgemeinen sehr, beleidigt zu sein; haben Sie das noch nicht bemerkt? Bei Frauen aber ist dies besonders der Fall. Man kann so weit gehen und sagen, daß sie sich damit gern die Zeit vertreiben.«
Einen Augenblick dachte Raskolnikoff aufzustehen und wegzugehen, um dadurch diesem Besuche ein Ende zu machen. Eine gewisse Neugier aber und vielleicht Berechnung hielten ihn für eine Weile zurück.
»Sie prügeln wohl gerne?« fragte er ihn zerstreut.
»Nein, nicht besonders,« antwortete Sswidrigailoff ruhig. »Und mit Marfa Petrowna habe ich mich fast nie geprügelt. Wir lebten in großer Eintracht und sie war stets mit mir zufrieden. Die Gerte habe ich in den sieben Jahren nur zweimal gebraucht, wenn man ein drittes Mal, das übrigens sehr zweifelhaft ist, nicht mitzählt; das erste Mal war es zwei Monate nach unserer Heirat, gleich nach der Ankunft auf dem Gut, und nun der jetzige, letzte Fall. Sie dachten schon, ich sei so ein Scheusal, Rückschrittler und Anhänger der Leibeigenschaft? He--he--he ... Ja, nebenbei gesagt, -- erinnern Sie sich nicht, Rodion Romanowitsch, wie vor einigen Jahren, noch zu Zeiten der wohltätigen Pressefreiheit, man einen Edelmann -- ich habe seinen Namen vergessen, -- der eine Deutsche im Eisenbahnwagen verprügelte, öffentlich an den Pranger stellte, erinnern Sie sich noch? Es war im selben Jahre, glaube ich, als die >Egyptischen Nächte< öffentlich vorgetragen wurden und ein Skandal passierte, erinnern Sie sich jetzt? >Schwarze Augen! Oh, wo bist du, goldene Zeit unserer Jugend! ...< So, und hier haben Sie meine Meinung, -- für den Herrn, der die Deutsche verprügelte, habe ich keine Sympathie, denn warum soll man in der Tat ... mit dem sympathisieren! Hierbei kann ich nicht umhin zu bemerken, daß zuweilen sich solche anregende >Deutsche< finden, und daß es keinen einzigen Fortschrittler, wie es mir scheint, gibt, der für sich vollkommen garantieren könnte. Von diesem Standpunkte hatte damals niemand die Sache betrachtet, indessen aber ist er der eigentlich humane Standpunkt wahrhaftig, so ist es!«
Nachdem er das gesagt hatte, lachte Sswidrigailoff von neuem. Raskolnikoff war es klar, daß dieser Mensch, der sich etwas fest vorgenommen hatte, darauf bestimmt lossteuerte.
»Sie haben jedenfalls einige Tage nacheinander mit niemandem gesprochen?« fragte er ihn.
»Das könnte stimmen. Warum? Sie wundern sich wohl, daß ich so gesprächig bin.«
»Nein, ich wundere mich, daß Sie so vernünftig reden.«
»Weil ich mich durch die Grobheit Ihrer Zwischenfragen nicht gekränkt fühlte? Ist es so? Ja ... warum sollte ich gekränkt sein? Wie man mich fragte, so antwortete ich auch,« fügte er mit wunderbarer Gutmütigkeit hinzu. »Ich interessiere mich fast für nichts, bei Gott,« fuhr er fort, wie sinnend. »Ich bin besonders jetzt mit nichts beschäftigt ... Übrigens ist es begreiflich, wenn Sie denken, ich wollte mich bei Ihnen einschmeicheln und um so mehr, weil ich ein Anliegen, wie ich selbst erklärte, an Ihre Schwester habe. Aber ich will Ihnen offen sagen, -- mir ist es langweilig, besonders seit diesen drei Tagen, so daß ich mich auf Ihre Gesellschaft freute ... Seien Sie mir aber nicht böse, Rodion Romanowitsch, Sie kommen mir aber selbst sehr merkwürdig vor. Fassen Sie es auf wie Sie wollen, aber es ist etwas an Ihnen und gerade jetzt, nicht nur in diesem Augenblicke, sondern überhaupt jetzt ... Nun, nun, ich will nicht mehr davon reden, verziehen Sie nur nicht gleich die Stirn! Ich bin doch nicht solch ein Bär, wie Sie glauben.«
Raskolnikoff blickte ihn finster an.
»Sie sind vielleicht gar kein Bär,« sagte er. »Mir scheint es sogar, Sie gehören zur guten Gesellschaft oder Sie verstehn wenigstens bei Gelegenheit auch ein anständiger Mann zu sein.«
»Ich interessiere mich auch nicht besonders für irgend wessen Meinung über mich,« antwortete Sswidrigailoff trocken, mit einem Anfluge von Hochmut, »und warum soll man nicht fade sein, wenn diese Art unserem Lande so geläufig ist und ... und wenn man noch eine natürliche Neigung dazu hat,« fügte er hinzu und lachte wieder.
»Ich habe gehört, daß Sie hier viele Bekannte haben. Sie sind doch nicht ohne das, was man >Verbindungen< nennt. Wozu haben Sie mich denn nötig, wenn nicht zu einem bestimmten Zwecke?«
»Ganz richtig, ich habe Bekannte hier,« fuhr Sswidrigailoff fort, ohne die Hauptfrage zu beantworten, »ich habe auch einige getroffen; ich wandre schon den dritten Tag herum, erkenne manche selbst wieder und mich scheint man auch wiederzuerkennen. Ich bin anständig angezogen und werde für keinen armen Menschen gehalten; uns hat die Aufhebung der Leibeigenschaft nicht berührt, -- uns sind Wälder und Wiesen geblieben, das Einkommen ist demnach nicht vermindert worden. Aber ... ich will meine Beziehungen nicht pflegen, auch früher waren sie mir langweilig. Ich gehe nun den dritten Tag herum und gebe mich nicht zu erkennen ... Dazu kommt noch diese Stadt! Sagen Sie mir bitte, wie ist sie entstanden! Eine Stadt von Beamten und allerhand Seminaristen! Ich habe wirklich früher vieles nicht bemerkt, als ich vor acht Jahren mich hier herumtrieb ... Ich setzte alle meine Hoffnungen nur noch ganz allein auf die Anatomie, bei Gott!«
»Was für eine Anatomie?«
»Nun, ich hoffe auf alle diese Klubs und französischen Restaurants und vielleicht noch auf den Fortschritt, -- nun, der möge nach unserem Tode kommen,« fuhr er fort, ohne wieder die Frage zu beachten. »Und was ist das für ein Vergnügen, Falschspieler zu sein?«
»Waren Sie denn auch Falschspieler?«
»Warum denn auch nicht? Wir waren eine ganze Gesellschaft vor acht Jahren und eine höchst anständige; wir vertrieben uns die Zeit, und wissen Sie, es waren alles Menschen mit guten Umgangsformen, es waren Dichter und reiche Leute darunter. Ja, und überhaupt bei uns in der russischen Gesellschaft trifft man bei denen, die schon Prügel bekommen haben, die allerbesten Umgangsformen, -- haben Sie es noch nicht gemerkt? Ich bin auf dem Lande ein wenig heruntergekommen. Und trotzdem wollte mich damals ein Griechenkerl aus Njeschin wegen Schulden ins Gefängnis einsperren lassen. Da tauchte Marfa Petrowna auf, handelte ein wenig und löste mich für dreißigtausend Silberlinge aus -- im ganzen schuldete ich siebzigtausend. Wir traten in den gesetzlichen Ehestand und sie brachte mich sofort auf ihr Gut, als habe sie einen Schatz gehoben. Sie war um fünf Jahre älter als ich. Liebte mich sehr. Sieben Jahre habe ich dort gelebt. Und stellen Sie sich vor, sie hatte ihr ganzes Leben das Dokument in Händen, es war auf einen fremden Namen über diese dreißigtausend von mir ausgestellt, so daß, wenn ich beabsichtigte, mich gegen sie zu empören, -- ich sofort ins Loch gekommen wäre. Und sie hätte es getan! Bei Frauen ist alles möglich.«
»Und wäre das Dokument nicht vorhanden gewesen, so wären Sie auch sicherlich schon lange ausgekniffen?«
»Ich weiß nicht, was ich Ihnen da sagen soll. Dieses Dokument genierte mich fast gar nicht. Ich hatte keine Lust, irgendwohin zu reisen, und Marfa Petrowna riet mir selbst ein paarmal eine Auslandsreise, als sie merkte, daß ich mich langweile. Wozu aber? Im Auslande war ich vorher gewesen und da war es mir immer langweilig. Eigentlich langweilte ich mich nicht, aber sehen Sie, man sieht die Sonne untergehen, ringsum ist das Meer -- die Bucht von Neapel, und es wird einem traurig zumute. Am unangenehmsten ist es, daß man tatsächlich Sehnsucht nach Hause bekommt. Nein, in der Heimat ist es besser, -- hier schiebt man die Schuld immer den andern zu und nimmt sich selbst in Schutz. Ich würde mich vielleicht jetzt gegebenenfalls an einer Expedition nach dem Nordpol beteiligen, denn -- j'ai le vin mauvais{[5]}, es widert mich an, zu trinken, und außer dem Wein bleibt mir nichts übrig. Man sagt, daß Berg am Sonntag im Jussupoffschen Garten in einem großen Ballon aufsteigen will und Mitreisende gegen eine bestimmte Bezahlung auffordert, ist das wahr?«
»Was, Sie wollen wohl mitfliegen?«
»Ich? Nein ... so ...« murmelte Sswidrigailoff und wurde wirklich nachdenklich.
»Was ist mit dem nur los?« dachte Raskolnikoff.
»Nein, das Dokument genierte mich nicht,« fuhr Sswidrigailoff sinnend fort. »Ich verließ freiwillig nicht das Gut. Ja und es wird bald ein Jahr, seit Marfa Petrowna mir zu meinem Namenstage dieses Dokument zurückgab und außerdem mir noch eine nennenswerte Summe schenkte. Sie hatte ein schönes Vermögen. >Sehen Sie, wie ich Ihnen vertraue, Arkadi Iwanowitsch<, wahrhaftig, so sagte sie. Sie glauben nicht, daß sie so gesagt hat? Wissen Sie, ich bin auf dem Lande ein anständiger Hauswirt geworden; man kennt mich im ganzen Umkreise. Ich ließ mir auch Bücher kommen. Marfa Petrowna fand es zuerst gut, später aber fürchtete sie immer, ich könnte mich durch zu vieles Lesen überanstrengen.«
»Sie vermissen Marfa Petrowna, wie es scheint, sehr?«
»Ich? Vielleicht. Wahrhaftig, vielleicht. Ja, nebenbei gesagt, glauben Sie an Gespenster?«
»Was für Gespenster?«
»An gewöhnliche Gespenster!«
»Sie glauben daran?«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht, pour vous plaire{[6]} ... Das heißt eigentlich, glaube ich ...«
»Erscheinen sie bei Ihnen etwa?«
Sswidrigailoff blickte ihn sonderbar an.
»Marfa Petrowna geruht mich zu besuchen,« sagte er und verzog seinen Mund zu einem merkwürdigen Lächeln.
»Was heißt es, sie geruht Sie zu besuchen?«
»Ja, sie ist schon dreimal dagewesen. Zum erstenmal sah ich sie am Tage der Beerdigung, eine Stunde nach ihrem Begräbnis. Das war am Tage vor meiner Abreise. Das zweitemal war es vorgestern auf der Reise, am frühen Morgen auf der Station Malaja Wischera, und zum dritten Male heute, vor zwei Stunden, in der Wohnung, wo ich abgestiegen bin; ich war allein.«
»Sehen Sie sie im wachen Zustande?«
»Vollkommen. Alle dreimal im wachen Zustande. Sie tritt herein, spricht einen Augenblick und geht durch die Tür hinaus, stets durch die Türe. Man kann es sogar hören.«
»Ich habe es mir gleich gedacht, daß mit Ihnen unbedingt irgend etwas dieser Art vorgehen muß!« sagte plötzlich Raskolnikoff und staunte im selben Augenblicke, daß er das gesagt hatte. Er war in großer Aufregung.
»So, so? Sie haben es sich gedacht?« fragte Sswidrigailoff verwundert. »Ist es möglich? Sagte ich nicht, daß es zwischen uns einen gemeinsamen Punkt geben muß.«
»Das haben Sie nie gesagt!« antwortete scharf und außer sich Raskolnikoff.
»Habe ich es nicht gesagt?«
»Nein!«
»Mir war, als hätte ich es gesagt. Als ich vorhin eintrat und sah, daß Sie mit geschlossenen Augen liegen und sich bloß schlafend stellten, da sagte ich mir, >er ist derselbe!<«
»Was heißt das -- er ist derselbe? Was meinen Sie damit?« rief Raskolnikoff aus.
»Was ich meine? Wirklich, ich weiß es nicht ...« murmelte Sswidrigailoff offenherzig und scheinbar selbst verwirrt vor sich hin. Sie schwiegen etwa eine Minute und blickten einander unablässig an.
»Das ist alles Unsinn!« rief Raskolnikoff ärgerlich. »Was sagt sie Ihnen denn, wenn sie erscheint?«
»Sie? Stellen Sie sich vor, sie spricht über die geringsten Kleinigkeiten und mögen Sie sich über mich wundern oder nicht, -- gerade das ärgert mich. Das erstemal, als sie erschien, -- wissen Sie, ich war müde nach der Totenmesse und dem Begräbnis und dem Essen und war in meinem Schreibzimmer allein geblieben, hatte mir eine Zigarre angesteckt und war in Gedanken versunken, -- da trat sie also durch die Türe ein und sagte: >Arkadi Iwanowitsch, Sie haben heute bei all dem Trubel vergessen, die Uhr im Speisezimmer aufzuziehen.< Diese Uhr habe ich tatsächlich all die sieben Jahre jede Woche selbst aufgezogen, und wenn ich es vergessen hatte, erinnerte sie mich stets daran. Am anderen Morgen war ich schon auf der Reise hierher. Ich komme am frühen Morgen auf einer Station an, hatte die Nacht nur wenig geschlummert, fühlte mich zerschlagen, die Augen waren müde, und als ich mir eine Tasse Kaffee nahm, sah ich plötzlich, wie sich Marfa Petrowna neben mich mit einem Kartenspiel in der Hand hinsetzte. >Soll ich Ihnen nicht die Karten legen, Arkadi Iwanowitsch?< fragte sie mich. Sie war eine Meisterin im Kartenlegen. Nein, ich werde es mir nie verzeihen, daß ich mir die Karten nicht legen ließ. Ich lief im Schrecken fort, es war auch höchste Zeit, denn es wurde zum Abfahren geläutet. Heute sitze ich nun nach einem sehr schlechten Essen aus einer Stadtküche mit schwerem Magen da und rauche, -- da erscheint wieder Marfa Petrowna sehr geputzt, in einem neuen grünen Seidenkleide mit einer sehr langen Schleppe. >Guten Tag, Arkadi Iwanowitsch!< sagte sie. >Wie gefällt Ihnen mein Kleid? Anisja kann es nicht so gut machen.< Anisja, wissen Sie, ist unsere Schneiderin auf dem Lande, eine frühere Leibeigene, hat ihr Handwerk in Moskau erlernt, -- ein hübsches Mädel. Also, Marfa Petrowna steht vor mir und zeigt sich von allen Seiten. Ich besah mir das Kleid und blickte ihr dann aufmerksam ins Gesicht. >Was ist es für ein Vergnügen, Marfa Petrowna, wegen solcher Kleinigkeiten zu mir zu kommen und mich zu belästigen.< -- >Ach, mein Gott, man darf Sie auch nicht mal fragen!< Und ich sagte ihr, um sie zu necken: >Ich will mich verheiraten, Marfa Petrowna.< -- >Das kann man von Ihnen erwarten, Arkadi Iwanowitsch; Sie legen damit nicht viel Ehre ein, da Sie kaum Ihre Frau beerdigt haben und schon heiraten wollen. Und wenn Sie noch gut gewählt hätten, so aber -- ich weiß es -- werden weder Sie selbst, noch Ihre Auserwählte es gut haben.< Darauf ging sie hinaus mit rauschender Schleppe. Ist das nicht alles Unsinn?«
»Ich glaube, das sind alles ausgedachte Lügen?« erwiderte Raskolnikoff.
»Ich lüge selten,« antwortete Sswidrigailoff sinnend und als hätte er die Grobheit der Frage gar nicht gemerkt.
»Haben Sie nie vorher Gespenster gesehen?«
»Nein, ich habe wohl ein einziges Mal im Leben vor sechs Jahren ein Gespenst gesehen. Ich hatte einen Diener Filka; gerade, als man ihn beerdigt hatte, rief ich in der Zerstreutheit: >Filka, die Pfeife!< und er kam herein und ging zu dem Pfeifenständer. Ich saß und dachte, >er wird sich wohl rächen wollen<, denn vor seinem Tode hatten wir uns ordentlich gezankt. >Wie, wagst du<, sagte ich zu ihm, >zu mir mit einem zerrissenen Ellenbogen zu kommen, -- hinaus, Hallunke!< Er wandte sich um, ging hinaus und erschien nie mehr. Ich habe es Marfa Petrowna nicht erzählt. Ich wollte für ihn eine Totenmesse abhalten lassen, aber genierte mich.«
»Gehen Sie zu einem Arzte!«
»Ich weiß auch ohne Sie, daß ich nicht gesund bin, obwohl ich wahrhaftig nicht weiß, wo es mir fehlt; meiner Ansicht nach bin ich sicher fünfmal gesünder als Sie. Ich habe Sie jedoch nicht danach gefragt. Ich habe Sie vielmehr gefragt, glauben Sie, daß es Gespenster gibt?«
»Nein, ich kann um nichts in der Welt daran glauben!« rief Raskolnikoff wütend aus.
»Wie spricht man von solchem Falle gewöhnlich?« murmelte Sswidrigailoff vor sich hin, sah dabei zur Seite und hatte ein wenig den Kopf gesenkt. »Die einen sagen, -- du bist krank, und das, was sich dir vorstellt, ist ein nicht existierender Wahn. Das ist aber doch unlogisch. Ich gebe zu, daß Gespenster nur Kranken erscheinen, aber das beweist doch bloß, daß die Gespenster niemand anderen als Kranken erscheinen können, jedoch nicht, daß sie an und für sich nicht existieren.«
»Gewiß, sie existieren auch nicht!« bestand Raskolnikoff gereizt auf seiner Ansicht.
»Nicht? Sie meinen es?« fuhr Sswidrigailoff langsam fort und blickte ihn an. »Nun, man kann es auch so betrachten, -- Sie müssen mir helfen, -- Gespenster sind sozusagen Teile und Stückchen aus anderen Welten, ihr Anfang. Ein gesunder Mensch braucht sie selbstverständlich nicht zu sehn, denn ein Gesunder ist der meist irdische Mensch und soll also der Ordnung und Vollständigkeit wegen nur das gegenwärtige Leben leben. Nun, wenn er aber erkrankt und wenn die normale irdische Ordnung im Organismus ein wenig ins Wanken geraten ist, beginnt sich sofort die Möglichkeit einer anderen Welt zu zeigen, und je stärker er erkrankt, um so mehr gibt es für ihn Berührungspunkte mit dieser Welt, bis er, wenn er schließlich stirbt, in die andere Welt übergeht. Ich habe darüber seit langem nachgedacht. Wenn Sie an ein zukünftiges Leben glauben, so können Sie auch an diesen Gedanken glauben.«
»Ich glaube nicht an ein zukünftiges Leben,« sagte Raskolnikoff.
Sswidrigailoff saß nachdenklich da.
»Wenn es aber dort drüben nur Spinnen oder dergleichen gibt,« sagte er rasch.
»Er ist verrückt,« dachte Raskolnikoff.
»Uns erscheint immer die Ewigkeit als eine Idee, die man nicht erfassen kann, als etwas ungeheuer Großes. Aber warum soll sie denn unbedingt ungeheuer groß sein? Und schließlich stellen Sie sich vor, anstatt dessen wird dort ein kleines Zimmer sein, ähnlich einer Badestube auf dem Lande; verräuchert, in allen Ecken Spinnen, und das wird die ganze Ewigkeit sein. Wissen Sie, ich stelle sie mir zuweilen in dieser Art vor.«
»Und stellen Sie sich tatsächlich nichts tröstlicheres und gerechteres vor, als dieses!« rief Raskolnikoff aufgeregt.
»Gerechteres? Woher wissen wir es, vielleicht ist dies auch gerecht; und wissen Sie, ich würde es unbedingt so einrichten!« antwortete Sswidrigailoff und lächelte unbestimmt.
Es überlief Raskolnikoff bei dieser abscheulichen Antwort kalt. Sswidrigailoff erhob den Kopf, blickte ihn aufmerksam an und lachte plötzlich laut auf.
»Nein, bedenken Sie bloß,« rief er aus, »vor einer halben Stunde hatten wir einander noch nicht gesehen, hielten uns für Feinde, hatten eine Angelegenheit auszutragen; wir ließen die Sache fallen und verwirren uns in diese Ideen! Nun, habe ich nicht die Wahrheit gesagt, daß wir von einem Stamme sind?«
»Tun Sie mir den Gefallen,« fuhr Raskolnikoff gereizt fort, »erklären Sie sich schneller und teilen Sie mir mit, warum Sie mir die Ehre erwiesen haben, mich zu besuchen ... und ... und ich habe Eile, habe keine Zeit, ich will fortgehen ...«
»Bitte, bitte. Ihre Schwester Awdotja Romanowna heiratet Herrn Peter Petrowitsch Luschin?«
»Können Sie nicht jede Frage über meine Schwester vermeiden und ihren Namen unerwähnt lassen? Ich begreife nicht, wie Sie es wagen, in meiner Gegenwart ihren Namen auszusprechen, wenn Sie tatsächlich Sswidrigailoff sind.«
»Ich bin doch gekommen, um über sie zu sprechen, wie soll ich denn ihren Namen nicht erwähnen?«
»Gut. Reden Sie, aber schnell!«
»Ich bin überzeugt, daß Sie sich Ihre Meinung über diesen Herrn Luschin, einen Verwandten meiner Frau, schon gebildet haben, wenn Sie ihn nur eine halbe Stunde gesehen oder irgend etwas Sicheres und Genaues über ihn gehört haben. Er paßt nicht für Awdotja Romanowna. Meiner Ansicht nach bringt sich Awdotja Romanowna hier sehr großmütig und uneigennützig zum Opfer für ... für ihre Familie. Mir schien es, auf Grund all dessen, was ich über Sie gehört habe, daß Sie Ihrerseits sehr zufrieden sein würden, wenn diese Heirat ohne Verletzung der Interessen nicht zustandekommen würde. Jetzt aber, nachdem ich Sie persönlich kennengelernt habe, bin ich davon sogar überzeugt.«
»Ihrerseits ist dies alles sehr naiv, entschuldigen Sie, ich wollte sagen, frech,« erwiderte Raskolnikoff.
»Das heißt, Sie sagen damit, daß ich für meinen eigenen Nutzen sorge. Seien Sie ruhig, Rodion Romanowitsch, wenn ich meine eigenen Vorteile im Auge haben würde, so hätte ich mich nicht so offen ausgesprochen, ich bin doch nicht ganz dumm. In dieser Beziehung will ich Ihnen eine psychologische Merkwürdigkeit offenbaren. Vorhin sagte ich, als ich meine Liebe zu Awdotja Romanowna rechtfertigte, daß ich selbst ein Opfer dieser Liebe sei. Nun, mögen Sie wissen, daß ich jetzt gar keine Liebe mehr, absolut gar keine empfinde, so daß ich mich über mich selbst wundere, denn ich hatte doch tatsächlich so empfunden ...«
»Aus Müßiggang und Unsittlichkeit,« unterbrach ihn Raskolnikoff.
»Ich bin wirklich ein Nichtstuer und Wüstling. Aber, Ihre Schwester hat so viele Vorzüge, daß ich einem gewissen Eindrucke unterliegen mußte. Doch das ist alles Unsinn, wie ich es selbst jetzt auch einsehe.«
»Haben Sie es seit langem eingesehen?«
»Ich habe es schon früher gemerkt, mich aber vorgestern im Augenblicke meiner Ankunft in Petersburg endgültig davon überzeugt. Übrigens, in Moskau noch stellte ich mir vor, daß ich nur reise, um mit Herrn Luschin in Konkurrenz zu treten und um Awdotja Romanownas Hand anzuhalten.«
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber tun Sie mir den Gefallen, sich kürzer zu fassen und direkt auf den Zweck Ihres Besuches überzugehen. Ich habe Eile, ich muß fortgehen ...«
»Mit größtem Vergnügen. Als ich hier angekommen war und mich entschlossen hatte, jetzt eine ... Reise anzutreten, wollte ich einige notwendige Anordnungen vorher treffen. Meine Kinder sind bei der Tante geblieben und sind reich; mich persönlich brauchen sie nicht. Was für ein Vater wäre ich auch? Ich habe mir selbst nur das genommen, was mir Marfa Petrowna vor einem Jahre geschenkt hatte. Für mich reicht es. Entschuldigen Sie, ich komme sofort zur Sache selbst. Vor meiner Reise, die vielleicht bald verwirklicht wird, will ich aber mit Herrn Luschin abrechnen. Nicht etwa, daß ich ihn gar nicht ausstehen kann, aber um seinetwillen entstand der Streit mit Marfa Petrowna, nachdem ich erfahren hatte, daß sie diese Heirat eingeleitet hat. Ich möchte jetzt, durch Ihre Vermittlung, Awdotja Romanowna sehen und meinetwegen in Ihrer Anwesenheit ihr erklären, daß sie von seiten des Herrn Luschin nicht nur nicht den geringsten Vorteil, sondern sicher eine unbedingte Enttäuschung erfahren wird. Dann möchte ich, nachdem ich sie wegen aller Unannehmlichkeiten um Entschuldigung gebeten habe, mir die Erlaubnis einholen, ihr zehntausend Rubel anzubieten, um ihr in dieser Weise den Bruch mit Herrn Luschin zu erleichtern; ich bin überzeugt, daß sie sich gegen einen Bruch mit ihm nicht sträubt, wenn sich nur eine Möglichkeit bietet.«
»Sie sind aber tatsächlich, tatsächlich verrückt!« rief Raskolnikoff, mehr erstaunt als ärgerlich. »Wie können Sie sich unterstehen, so zu sprechen!«
»Ich wußte es, daß Sie mich anschreien werden, aber trotzdem ich nicht reich bin, kann ich vollkommen über diese zehntausend Rubel verfügen, ich brauche sie gar nicht. Wenn Awdotja Romanowna sie nicht annehmen will, werde ich sie vielleicht in der dümmsten Art verwenden. Das ist das eine. Mein Gewissen ist vollkommen ruhig, ich biete sie ohne jeglichen Hintergedanken an. Nun zweitens. Glauben Sie es, oder glauben Sie es nicht, später werden Sie und Awdotja Romanowna es erfahren. Die ganze Sache dreht sich doch darum, daß ich tatsächlich Mühe und Unannehmlichkeiten Ihrer verehrten Schwester verursacht habe; und da ich eine aufrichtige Reue empfinde, wünsche ich von Herzen, -- mich nicht etwa loskaufen und die Unannehmlichkeiten bezahlen, sondern einfach ihr etwas Vorteilhaftes aus dem Grunde zu erweisen, weil ich doch schließlich kein Privilegium habe, nur Böses zu tun. Wenn sich in meinem Anerbieten eine winzige Spur von Berechnung fände, so würde ich ihr doch nicht bloß zehntausend anbieten, da ich vor fünf Wochen ihr viel mehr angeboten habe. Außerdem werde ich vielleicht sehr, sehr bald ein junges Mädchen heiraten, folglich muß dadurch der ganze Verdacht, daß ich gegen Awdotja Romanowna etwas im Schilde führe, fortfallen. Zum Schlusse möchte ich noch sagen, daß Awdotja Romanowna, indem sie Herrn Luschin heiratet, dasselbe Geld nimmt, nur von anderer Seite ... Ärgern Sie bitte sich nicht, Rodion Romanowitsch, überlegen Sie es sich ruhig und kaltblütig ...«
Sswidrigailoff war, während er dies sagte, selbst außerordentlich kaltblütig und ruhig.
»Ich bitte Sie, zu Ende zu kommen,« sagte Raskolnikoff. »Jedenfalls ist es unverzeihlich frech.«
»Keineswegs. Demnach könnte ein Mensch einem anderen in dieser Welt nur Böses zufügen und hat im Gegenteil kein Recht wegen leerer konventioneller Formalitäten, ihm ein bißchen Gutes zu erweisen. Das ist unsinnig. Wenn ich zum Beispiel gestorben wäre und diese Summe Ihrer Schwester laut Testament hinterlassen hätte, würde sie sich auch dann weigern, sie anzunehmen?«
»Sehr möglich.«
»Nein, das glaube ich nicht. Übrigens, wenn sie nein sagt, mag es dabei bleiben, zehntausend aber sind unter Umständen eine angenehme Sache. In jedem Falle bitte ich Sie, Awdotja Romanowna das Gesagte mitzuteilen.«
»Nein, ich werde es ihr nicht mitteilen.«
»In diesem Falle, Rodion Romanowitsch, werde ich gezwungen sein, eine persönliche Zusammenkunft herbeizuführen, also auch sie belästigen.«
»Und wenn ich es ihr mitteilen werde, wollen Sie dann von einer persönlichen Zusammenkunft absehen?«
»Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll. Einmal möchte ich sie doch gerne sehen.«
»Hoffen Sie nicht darauf!«
»Schade. Sie kennen mich noch nicht. Vielleicht werden wir uns näherkommen.«
»Sie meinen, daß wir einander näherkommen werden?«
»Warum denn nicht?« sagte Sswidrigailoff lächelnd, stand auf und nahm seinen Hut. »Nicht, daß es mir Spaß machte, Sie zu belästigen, und als ich hierher ging, rechnete ich nicht mit dieser Möglichkeit, obwohl mir Ihr Gesicht schon vorhin, heute morgen, auffiel ...«
»Wo haben Sie mich heute früh gesehen?« fragte Raskolnikoff voll Unruhe.
»Zufällig ... Mir kommt es immer vor, als wäre etwas in Ihnen, was meinem Wesen entspricht ... Regen Sie sich nicht auf, ich bin nicht aufdringlich; ich bin mit Falschspielern gut ausgekommen, war dem Fürsten Sswirbei, einem entfernten Verwandten und Würdenträger, nicht zur Last gefallen, habe es verstanden, Frau Prilukoff ins Album ein Gedicht über die Raphaelsche Madonna zu schreiben, habe mit Marfa Petrowna sieben Jahre auf einem Fleck verlebt, in früheren Zeiten im Hause Wjasemski auf dem Heumarkte geschlafen und werde nun vielleicht mit Berg im Luftballon aufsteigen.«
»Nun, schon gut. Erlauben Sie mir die Frage, wollen Sie bald Ihre Reise antreten?«
»Welch eine Reise?«
»Von der Sie sprachen ... Sie sagten es doch selbst.«
»Ach ja! ... in der Tat, ich sprach von der Reise ... Nun, das ist eine große Frage ... Wenn Sie aber wüßten, wonach Sie mich soeben fragten!« fügte er hinzu und lachte laut und kurz. »Ich werde vielleicht anstatt zu reisen, mich verheiraten. Man freit mir eine Braut.«
»Hier?«
»Ja.«
»Wann haben Sie denn dazu Zeit gefunden?«
»Mit Awdotja Romanowna jedoch möchte ich sehr gern einmal zusammentreffen. Ich bitte Sie in allem Ernst. Nun, auf Wiedersehen, ach ... ja! Ich hätte bald vergessen, Rodion Romanowitsch! Teilen Sie bitte Ihrer Schwester mit, daß sie im Testamente Marfa Petrownas mit dreitausend Rubeln bedacht ist. Das ist absolut richtig. Marfa Petrowna hat es eine Woche vor ihrem Tode angeordnet, und zwar in meiner Anwesenheit. Nach zwei oder drei Wochen kann Awdotja Romanowna auch das Geld erhalten.«
»Sagen Sie die Wahrheit?«
»Die volle Wahrheit. Teilen Sie es ihr mit. Nun, Ihr Diener. Ich wohne nicht sehr weit von Ihnen.«
Beim Weggehen stieß Sswidrigailoff in der Tür mit Rasumichin zusammen.
II.
Es war schon fast acht Uhr; beide eilten zu Bakalejeff, um früher als Luschin da zu sein.
»Wer war denn das?« fragte Rasumichin, als sie auf die Straße hinaustraten.
»Es war Sswidrigailoff, derselbe Gutsbesitzer, in dessen Hause meine Schwester als Gouvernante Kränkungen dulden mußte. Weil er ihr nachstellte, verließ sie das Haus, von seiner Frau Marfa Petrowna hinausgejagt. Dieselbe Marfa Petrowna hat nachher Dunja um Verzeihung gebeten und ist jetzt plötzlich gestorben. Vorhin sprachen wir von ihr. Ich weiß nicht warum, aber ich fürchte diesen Menschen sehr. Er reiste sofort nach der Beerdigung seiner Frau hierher, ist sehr sonderbar und hat sich zu etwas entschlossen ... Er scheint etwas zu wissen ... Man muß Dunja vor ihm schützen ... und das wollte ich dir auch sagen, hörst du?«
»Schützen! Was kann er denn gegen Awdotja Romanowna vorhaben? Nun, ich danke dir, Rodja, daß du so zu mir sprichst ... Wir wollen sie schützen! ... Wo lebt er?«
»Ich weiß es nicht.«
»Warum hast du ihn nicht gefragt? Ach, schade! Ich werde es übrigens bald erfahren!«
»Hast du ihn gesehen?« fragte Raskolnikoff nach einigem Schweigen.
»Nun ja, ich habe ihn mir gemerkt; gut gemerkt!«
»Hast du ihn wirklich gesehen? Deutlich gesehen?« wiederholte Raskolnikoff.
»Freilich, ich erinnere mich seiner deutlich; unter tausend erkenne ich ihn wieder, ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter.«
Sie schwiegen wieder.
»Hm ... das ist gut ...« murmelte Raskolnikoff. »Sonst, weißt du ... dachte ich ... mir scheint es manchmal, als wenn es eine Einbildung von mir wäre.«
»Was meinst du damit? Ich verstehe dich nicht ganz.«
»Ihr sprecht doch alle davon,« fuhr Raskolnikoff fort und verzog den Mund zu einem Lächeln, »daß ich verrückt sei; mir schien es nun augenblicklich, als ob ich tatsächlich verrückt sei und bloß ein Gespenst gesehen habe.«
»Was fällt dir ein?«
»Wer weiß es denn! Vielleicht bin ich wahrhaftig verrückt, und alles, was in diesen Tagen vorgefallen ist, geschah vielleicht nur in meiner Einbildung ...«
»Ach, Rodja! Man hat dich wieder aufgeregt! ... Ja, was sagte er denn, warum kam er?«
Raskolnikoff antwortete nicht, Rasumichin sann eine Weile nach.
»Nun, höre mir zu,« begann er. »Ich war bei dir gewesen, da schliefst du. Dann aßen wir zu Mittag und ich ging nachher zu Porphyri. Sametoff war noch immer da. Ich wollte anfangen mit ihm zu sprechen, aber es kam nichts heraus. Ich konnte nie in richtiger Weise beginnen. Sie schienen auch nicht zu begreifen und wollten nichts begreifen und waren gar nicht beschämt. Ich führte Porphyri zum Fenster hin und begann zu sprechen, aber es kam wieder nichts dabei heraus, -- er blickte zur Seite und ich blickte zur Seite. Schließlich streckte ich ihm die Faust drohend entgegen und sagte, daß ich ihn in verwandtschaftlicher Weise zerschmettern werde. Er sah mich bloß an und sagte nichts. Ich ließ die Sache fallen und ging weg, das ist alles. Sehr dumm, nicht wahr. Mit Sametoff redete ich kein Wort. Siehst du aber, -- ich dachte anfangs, ich habe die Sache verschlimmert, aber wie ich die Treppe hinunterstieg, kam mir, nein besser, erleuchtete mich der Gedanke, warum beunruhigen wir uns eigentlich? Wenn dir wenigstens eine Gefahr drohen würde oder etwas ähnliches in Aussicht wäre, nun, dann wäre es verständlich! Was geht es aber dich an? Du hast mit der Sache nichts zu tun, also pfeife auf sie; wir werden noch später über sie lachen und ich würde an deiner Stelle sie noch mystifizieren. Wie sie sich nachher schämen werden! Pfeif darauf; wir können sie auch nachher verprügeln, jetzt aber wollen wir über sie lachen!«
»Du hast recht, versteht sich!« antwortete Raskolnikoff.
»Aber was wirst du morgen sagen?« dachte er sofort.
Sonderbar, bis jetzt war ihm noch nie der Gedanke gekommen, »was wird Rasumichin denken, wenn er es erfährt?« Und bei diesem Gedanken blickte Raskolnikoff ihn gespannt an. An dem jetzigen Berichte Rasumichins über seinen Besuch bei Porphyri hatte er weniger Interesse, -- seit der Zeit war vieles verschwunden und hinzugekommen! ...
Im Korridor stießen sie mit Luschin zusammen, -- er war punkt acht Uhr erschienen und suchte das Zimmer, so daß alle drei zugleich eintraten, ohne aber einander anzublicken und ohne sich zu grüßen. Die jungen Leute gingen sofort in die Stube hinein, Peter Petrowitsch verblieb aus Anstand eine Weile im Vorzimmer und nahm den Mantel ab. Pulcheria Alexandrowna ging ihm sofort entgegen, um ihn an der Schwelle zu empfangen. Dunja begrüßte den Bruder.
Peter Petrowitsch trat ein und verneigte sich ziemlich liebenswürdig, aber auch mit besonderer Zurückhaltung vor den Damen. Er sah aus, als wäre er ein wenig verwirrt und als ob er sich noch nicht gefaßt hätte. Pulcheria Alexandrowna, auch ein wenig aufgeregt, beeilte sich sofort, alle um einen Tisch, auf dem ein Samowar brannte, zu placieren. Dunja und Luschin setzten sich einander gegenüber zu beiden Seiten des Tisches. Rasumichin und Raskolnikoff kamen Pulcheria Alexandrowna gegenüber zu sitzen, -- Rasumichin neben Luschin, Raskolnikoff neben der Schwester.
Es trat Schweigen ein. Peter Petrowitsch zog langsam ein Batisttaschentuch hervor, das nach Parfüm duftete und schneuzte sich mit der Miene eines tugendhaften, in seiner Würde gekränkten Menschen, der fest entschlossen ist, Erklärungen zu verlangen. Im Vorzimmer war ihm der Gedanke gekommen, -- den Mantel nicht abzunehmen und fortzugehen und dadurch die Damen streng und nachdrücklich zu bestrafen, um sie mit einem Male ihr Unrecht fühlen zu lassen. Aber er konnte sich nicht dazu entschließen. Außerdem liebte er keine Ungewißheit, und hier galt es, festzustellen, aus welchem Grunde sein Befehl so offensichtlich nicht befolgt wurde, es mußte irgend etwas Besonderes sein, und so war es besser abzuwarten; zu strafen war immer Zeit genug, es lag ja in seinen Händen.
»Ich hoffe, die Reise ist glücklich abgelaufen?« wandte er sich im offiziellen Tone an Pulcheria Alexandrowna.
»Gottlob ja, Peter Petrowitsch.«
»Sehr angenehm zu hören. Und Awdotja Romanowna ist auch nicht ermüdet?«
»Ich bin jung und stark und werde nicht müde, aber für Mama war es sehr schwer gewesen,« antwortete Dunetschka.
»Was ist da zu machen; die Entfernungen in unserm Lande sind groß. Groß ist das sogenannte >Mütterchen Rußland< ... Ich aber konnte beim besten Willen Sie gestern nicht empfangen. Ich hoffe jedoch, daß alles ohne Aufregung gut verlaufen ist?«
»Ach nein, Peter Petrowitsch, wir waren sehr mutlos,« beeilte sich Pulcheria Alexandrowna mit besonderer Betonung zu bemerken, »und wenn uns nicht Gott selbst Dmitri Prokofjitsch gestern gesandt hätte, so wären wir sehr verlassen gewesen. Das ist er, Dmitri Prokofjitsch Rasumichin,« fügte sie hinzu, ihn Luschin vorstellend.
»Ich hatte schon das Vergnügen ... gestern,« murmelte Luschin und sah Rasumichin dabei feindselig von der Seite an, sein Gesicht verdüsterte sich und er schwieg.
Peter Petrowitsch gehörte zu den Leuten, die in der Gesellschaft außerordentlich liebenswürdig sind und auf Liebenswürdigkeit besonderen Anspruch erheben, die aber auch sofort, wenn das geringste nicht nach ihrem Geschmack ist, alle ihre guten Eigenschaften verlieren und eher Mehlsäcken als gewandten und die Gesellschaft belebenden Kavalieren gleichen. Alle verstummten wieder eine Weile, -- Raskolnikoff schwieg hartnäckig und Awdotja Romanowna wollte das Schweigen nicht vorzeitig unterbrechen. Rasumichin hatte nichts zu sagen, so daß Pulcheria Alexandrowna wieder unruhig wurde.
»Marfa Petrowna ist gestorben, Sie haben es wohl gehört?« begann sie zu einem ihrer Hauptaushilfemittel greifend.
»Ich habe es gehört. Ich wurde sofort benachrichtigt und bin sogar jetzt gekommen, Ihnen mitzuteilen, daß Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff unverzüglich nach der Beerdigung seiner Gattin nach Petersburg abgereist ist. So lauten wenigstens die sichersten Nachrichten, die ich empfangen habe.«
»Nach Petersburg? Hierher?« fragte Dunja voll Unruhe und wechselte mit der Mutter einen Blick.
»Ja, es ist ganz sicher und er kommt selbstverständlich nicht ohne Absichten, wenn man die Eile der Abreise und überhaupt die vorangegangenen Umstände in Betracht zieht.«
»Mein Gott! Will er etwa auch hier Dunetschka nicht in Ruhe lassen?« rief Pulcheria Alexandrowna aus.
»Mir scheint es, weder Sie noch Awdotja Romanowna brauchen sich besonders aufzuregen, wenn Sie natürlich nicht selbst mit ihm in Verbindung treten wollen. Was mich anbetrifft, so werde ich nach ihm forschen und mich erkundigen, wo er abgestiegen ist ...«
»Ach, Peter Petrowitsch, Sie werden nicht glauben, wie Sie mich jetzt erschreckt haben!« fuhr Pulcheria Alexandrowna fort. »Ich habe ihn bloß zweimal gesehen, er erschien mir schrecklich, fürchterlich! Ich bin überzeugt, daß er die Ursache von Marfa Petrownas Tode ist.«
»Darüber läßt sich nichts sagen. Ich habe genaue Nachrichten. Ich bestreite nicht, daß er vielleicht den Gang der Dinge sozusagen durch den moralischen Einfluß von Kränkungen beschleunigt habe; denn im Urteil über sein Benehmen und überhaupt über seinen sittlichen Charakter bin ich mit Ihnen völlig einig. -- Ich weiß nicht, ob er jetzt reich ist und was Marfa Petrowna ihm hinterlassen hat, darüber werde ich in kürzester Zeit erfahren, aber hier, in Petersburg, wird er selbstverständlich, wenn er nur einigermaßen Mittel besitzt, sofort seinen alten Gewohnheiten nachgehen. Er ist der verdorbenste und in Lastern verkommenste Mensch seines Geschlechts. Ich habe einen triftigen Grund anzunehmen, daß Marfa Petrowna, die das Unglück hatte, sich in ihn zu verlieben und ihn vor acht Jahren von Schulden befreite, auch in anderer Hinsicht ihm geholfen hat, -- einzig und allein dank ihrer Bemühungen und Opfer wurde eine kriminelle Sache mit einem Beigeschmack von tierischer und sozusagen phantastischer Roheit vertuscht, für die er mit größter Wahrscheinlichkeit nach Sibirien geschickt worden wäre. Sehen Sie, so ist dieser Mensch, wenn Sie es wissen wollen.«
»Ach, mein Gott!« rief Pulcheria Petrowna aus.
Raskolnikoff hörte aufmerksam zu.
»Sagen Sie die Wahrheit, daß Sie darüber genaue Nachrichten besitzen?« fragte Dunja streng und nachdrücklich.
»Ich erzähle bloß das, was ich selbst, als Geheimnis, von der verstorbenen Marfa Petrowna gehört habe. Ich muß bemerken, daß diese Sache vom juristischen Standpunkte sehr dunkel ist. Hier lebte und scheint noch jetzt eine gewisse Rößlich zu leben, eine Ausländerin, eine kleine Wucherin, die aber sich auch mit anderen Geschäften abgibt. Zu dieser Rößlich stand seit langem Herr Sswidrigailoff in gewissem sehr nahem und geheimnisvollem Verhältnisse. Bei der Rößlich wohnte eine entfernte Verwandte, eine Nichte, glaube ich, ein taubstummes Mädchen von fünfzehn oder vierzehn Jahren, die diese Rößlich grenzenlos haßte, der sie jedes Stück Brot vorwarf und die sie sogar unmenschlich schlug. Eines Tages wurde dieses Mädchen auf dem Boden erhängt aufgefunden. Es wurde festgestellt, daß sie mit Selbstmord geendet hatte. Nach den gewöhnlichen Formalitäten wurde die Sache abgeschlossen, später aber lief eine Denunziation ein, daß das Kind von Herrn Sswidrigailoff ... grausam mißhandelt worden sei. Es ist wahr, die Sache war sehr dunkel, die Denunziation stammte von einer anderen Deutschen, einem verwerflichen Frauenzimmer, die kein Vertrauen genoß; schließlich ergab es sich dank den Bemühungen und dem Gelde Petrownas, daß im Grunde genommen gar keine Denunziation eingelaufen sei; alles beschränkte sich auf ein Gerücht. Aber dieses Gerücht war bedeutsam genug. Sie, Awdotja Romanowna, haben sicher auch von der Geschichte mit dem Diener Filka gehört, der vor sechs Jahren, noch zur Zeit der Leibeigenschaft, an Mißhandlungen gestorben ist.«
»Ich habe im Gegenteil gehört, daß dieser Filka sich selbst erhängt habe.«
»Das stimmt, aber die ununterbrochenen Verfolgungen und Strafen des Herrn Sswidrigailoff haben ihn gezwungen oder besser gesagt, zum Selbstmorde getrieben.«
»Davon weiß ich nichts,« antwortete Dunja trocken, »ich habe bloß eine sehr sonderbare Geschichte gehört, -- dieser Filka war ein Hypochonder, ein Philosoph, die Menschen sagten von ihm, er habe zu viel gelesen, und er hat sich eher wegen der Spötteleien, als wegen der Schläge von Herrn Sswidrigailoff erhängt. Als ich dort im Hause war, behandelte er die Leute gut, und die Leute liebten ihn sogar, obwohl sie ihm an dem Tode Filkas die Schuld gaben.«
»Ich sehe, Awdotja Romanowna, daß Sie auf einmal geneigt sind, ihn zu entschuldigen,« bemerkte Luschin und verzog den Mund zu einem zweideutigen Lächeln. »Er ist in der Tat ein schlauer Mensch und für Damen verführerisch, wofür Marfa Petrowna, die eines eigentümlichen Todes gestorben ist, als trauriges Beispiel dient. Ich wollte bloß Ihnen und Ihrer Frau Mutter mit meinem Ratschlage einen Dienst erweisen, in Anbetracht seiner neuen und zweifellos bevorstehenden Annäherungsversuche. Was mich anbetrifft, so bin ich fest überzeugt, daß dieser Mensch selbstverständlich wieder im Schuldgefängnisse verschwinden wird. Marfa Petrowna hat nie und nimmer die Absicht gehabt, irgend etwas auf seinen Namen zu übertragen, weil sie die Kinder im Auge hatte, und wenn sie ihm etwas hinterlassen hat, so ist es höchstens das Notwendigste, kaum nennenswert und was für einen Menschen von seinen Gewohnheiten auch nicht ein Jahr ausreicht.«
»Peter Petrowitsch, ich bitte Sie,« sagte Dunja, »hören wir auf, von Herrn Sswidrigailoff zu sprechen. Es macht mich schwermütig.«
»Er war soeben bei mir,« sagte plötzlich Raskolnikoff, zum ersten Male sein Schweigen brechend.
Von allen Seiten ertönten Ausrufe und alle wandten sich an ihn. Sogar Peter Petrowitsch wurde aufgeregt.
»Vor anderthalb Stunden, als ich schlief, kam er herein, weckte mich auf und stellte sich vor,« fuhr Raskolnikoff fort. »Er war ziemlich ungezwungen und lustig und hofft sicher, daß ich mit ihm in nähere Beziehungen treten werde. Unter anderem bittet er sehr um eine Zusammenkunft mit dir, Dunja, und bat mich, der Vermittler dieser Zusammenkunft zu sein. Er will dir ein Anerbieten machen; worin dies besteht, hat er mir mitgeteilt. Außerdem teilte er mir positiv mit, daß Marfa Petrowna Zeit gefunden hat, eine Woche vor ihrem Tode, dir, Dunja, dreitausend Rubel zu vermachen, und daß du dieses Geld in sehr kurzer Zeit erhalten kannst!«
»Gott sei Dank!« rief Pulcheria Alexandrowna und schlug ein Kreuz. »Bete für sie, Dunja, bete!«
»Das ist tatsächlich wahr?« entschlüpfte es Luschin.
»Nun und weiter?« drängte Dunja.
»Dann sagte er, daß er selbst nicht reich sei und das ganze Vermögen seinen Kindern, die jetzt bei der Tante sind, zufällt. Er sagte auch, daß er irgendwo nicht weit von mir abgestiegen sei, wo aber -- das weiß ich nicht, ich habe ihn nicht gefragt ...«
»Aber, was will er denn Dunetschka anbieten?« fragte die erschrockene Pulcheria Alexandrowna. »Hat er es dir gesagt?«
»Ja, er hat es gesagt.«
»Was ist es denn?«
»Ich will es nachher sagen.« Raskolnikoff verstummte und wandte sich zu seinem Glase Tee.
Peter Petrowitsch sah auf seine Uhr.
»Ich muß in einer notwendigen Angelegenheit weggehen und werde dann nicht stören,« fügte er mit merklich gekränkter Miene hinzu und erhob sich halb vom Stuhle.
»Bleiben Sie, Peter Petrowitsch,« sagte Dunja, »Sie hatten doch die Absicht, den ganzen Abend hier zu verbringen. Außerdem schrieben Sie selbst, daß Sie wünschen, über etwas mit Mama zu sprechen.«
»Das ist richtig, Awdotja Romanowna,« sagte Peter Petrowitsch mit Nachdruck, setzte sich wieder hin, behielt aber den Hut in der Hand, »ich wollte tatsächlich mit Ihnen und mit Ihrer verehrten Frau Mutter, und sogar über sehr wichtige Punkte, sprechen. Aber, wie Ihr Bruder in meiner Gegenwart sich über einige Angebote Herrn Sswidrigailoffs nicht näher erklären kann, so wünschte ich auch nicht und kann nicht ... in Gegenwart von anderen ... über einige äußerst wichtige Punkte sprechen. Außerdem ist meine Haupt- und eindringlichste Bitte nicht erfüllt worden ...« Luschin nahm eine bittre Miene an und schwieg würdevoll.
»Ihre Bitte, daß mein Bruder bei unserer Zusammenkunft nicht zugegen wäre, ist einzig auf mein Verlangen nicht erfüllt worden,« sagte Dunja. »Sie schrieben, daß Sie von meinem Bruder beleidigt worden sind; ich denke, daß sich dies sofort aufklären läßt und Sie beide werden sich vertragen. Und wenn Rodja Sie tatsächlich beleidigt hat, so muß und wird er Sie um Entschuldigung bitten.«
Peter Petrowitsch wurde sofort kouragierter.
»Es gibt gewisse Beleidigungen, Awdotja Romanowna, die man beim besten Willen nicht vergessen kann. In allem gibt es eine Grenze, die zu überschreiten gefährlich ist; denn, ist sie einmal überschritten, so ist es unmöglich, zurückzukehren.«
»Ich sprach eigentlich nicht darüber, Peter Petrowitsch,« unterbrach ihn Dunja ein wenig ungeduldig, »verstehn Sie mich so, daß die ganze Zukunft jetzt davon abhängt, ob dieses alles sich möglichst schnell aufklären und erledigen wird oder nicht? Ich sage offen, daß ich anders es nicht ansehen kann, und wenn Sie mich nur ein wenig schätzen, so muß die ganze Geschichte, wie schwer es auch sein mag, heute noch beigelegt werden. Ich wiederhole Ihnen, wenn mein Bruder die Schuld trägt, wird er um Verzeihung bitten.«
»Ich bin erstaunt, daß sie die Frage so stellen, Awdotja Romanowna,« wurde Luschin immer mehr gereizt, »wenn ich Sie schätze und sozusagen verehre, brauche ich doch gleichzeitig nicht jeden aus Ihrer Familie besonders gern zu haben. Wenn ich auf den glücklichen Besitz ihrer Hand Anspruch erhebe, brauche ich doch nicht gleichzeitig Verpflichtungen zu übernehmen, die unvereinbar ...«
»Ach, lassen Sie diese Empfindlichkeit, Peter Petrowitsch,« unterbrach ihn Dunja mit Wärme, »und seien Sie der kluge und edle Mensch, für den ich Sie stets gehalten habe und halten will. Ich habe Ihnen ein großes Versprechen gegeben, ich bin Ihre Braut geworden; vertrauen Sie doch mir in dieser Sache und glauben Sie mir, ich werde die Kraft haben, unparteiisch zu urteilen. Der Umstand, daß ich die Rolle eines Richters übernehme, ist für meinen Bruder ebenso eine Überraschung wie für Sie. Als ich ihn heute nach dem Empfang Ihres Briefes aufforderte, unbedingt zu unserer Zusammenkunft zu kommen, habe ich ihm nichts von meinen Absichten mitgeteilt. Verstehn Sie doch, daß, wenn Sie sich nicht vertragen, ich zwischen Ihnen beiden wählen muß, -- entweder Sie oder ihn. So ist die Frage, wie von seiner, so auch von Ihrer Seite gestellt. Ich will und darf mich nicht in der Wahl irren. Ihretwegen muß ich mit meinem Bruder brechen; meines Bruders wegen muß ich mit Ihnen brechen. Ich will und kann jetzt sicher erfahren, -- ist er mir wirklich ein Bruder? Und von Ihnen, ob ich Ihnen teuer bin, ob Sie mich schätzen und Sie mir ein Gatte sein können?«
»Awdotja Romanowna,« sagte Luschin verletzt. »Ihre Worte sind für mich zu bedeutungsvoll, ich will sogar sagen, kränkend, in Anbetracht der Stellung, die ich die Ehre habe Ihnen gegenüber einzunehmen. Ich spreche schon gar nicht von der kränkenden und sonderbaren Gegenüberstellung zwischen mir ... und einem aufgeblasenen Jüngling, aber in Ihren Worten geben Sie mir die Möglichkeit zu, das mir gegebene Versprechen zu brechen. Sie sagen, >entweder Sie, oder er<? also zeigen Sie damit, wie wenig ich für Sie bedeute ... ich kann dies bei den Beziehungen ... und Umständen, die zwischen uns bestehen, nicht zulassen.«
»Wie!« flammte Dunja auf. »Ich stelle Ihre Interessen auf eine Stufe mit allem, was mir im Leben bis jetzt teuer war, was bis jetzt mein ganzes Leben ausmachte, und Sie sind gekränkt, daß ich Sie zu wenig schätze!«
Raskolnikoff lächelte schweigend und höhnisch, Rasumichin war empört; Peter Petrowitsch aber ließ die Erwiderung nicht gelten, er wurde im Gegenteil mit jedem Worte immer zudringlicher und gereizter, als hätte er daran Geschmack gefunden.
»Die Liebe zum künftigen Lebensgefährten, zum Manne, muß die Liebe zum Bruder überwiegen,« sagte er sentenziös, »in jedem Falle aber kann ich nicht auf ein und derselben Stufe stehn ... Aber obwohl ich vorhin bestimmt sagte, daß ich in Gegenwart Ihres Bruders nicht wünsche, alles zu erklären, und nicht sagen könne, weswegen ich hierhergekommen bin, habe ich jetzt trotzdem die Absicht, mich an Ihre verehrte Frau Mutter zu wenden, um eine notwendige Aufklärung über einen sehr wichtigen und mich beleidigenden Punkt zu erhalten. Ihr Sohn,« wandte er sich an Pulcheria Alexandrowna, »hat mich gestern in Gegenwart des Herrn Rassudkin« ... (»Nicht wahr, der Name ist doch richtig, ich habe Ihren Namen vergessen, entschuldigen Sie,« verbeugte er sich höflich vor Rasumichin) »durch die Verdrehung eines Gedankens von mir, den ich Ihnen einmal in einem Privatgespräch bei einer Tasse Kaffee mitteilte, beleidigt. Mein Gedanke war, daß die Heirat mit einem armen Mädchen, das schon die Sorgen des Lebens erfahren hat, meiner Ansicht nach vom Standpunkte der Ehe aus vorteilhafter sei, als mit einem, das im Überflusse lebt, weil es in moralischer Hinsicht nützlicher sei. Ihr Sohn hat absichtlich den Sinn meiner Worte äußerst entstellt und mich böswilliger Absichten beschuldigt, indem er sich meiner Ansicht nach auf Ihren eigenen Brief stützte. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn es Ihnen, Pulcheria Alexandrowna, möglich wäre, mich vom Gegenteil zu überzeugen und mich dadurch sehr zu beruhigen. Teilen Sie mir mit, in welchen Ausdrücken Sie meine Worte in Ihrem Briefe an Rodion Romanowitsch wiedergegeben haben?«
»Ich entsinne mich nicht,« sagte Pulcheria Alexandrowna verwirrt, »ich habe sie aber wiedergegeben, wie ich sie selbst verstanden hatte. Ich weiß nicht, wie Rodja es Ihnen erzählt hat ... Vielleicht hat er auch einiges übertrieben.«
»Ohne Ihren Anstoß konnte er sie nicht übertreiben.«
»Peter Petrowitsch,« erwiderte Pulcheria Alexandrowna voll Würde, »der Beweis, daß ich und Dunja Ihre Worte nicht in sehr schlechtem Sinne aufgefaßt haben, ist, daß wir hier sind.«
»Das war gut, Mama!« sagte Dunja lobend.
»Also, auch daran bin ich schuld!« bemerkte Luschin gekränkt.
»Sehen Sie, Peter Petrowitsch, Sie beschuldigen immer Rodion, Sie selbst aber haben vorhin in dem Briefe über ihn die Unwahrheit geschrieben,« fügte Pulcheria Alexandrowna ermutigt hinzu.
»Ich erinnere mich nicht, daß ich irgendeine Unwahrheit geschrieben hätte.«
»Sie haben geschrieben,« sagte Raskolnikoff scharf, ohne sich zu Luschin umzuwenden, »daß ich gestern das Geld nicht der Witwe des Überfahrenen gegeben habe, wie es in der Tat war, sondern seiner Tochter, die ich nebenbei gesagt niemals vor dem gestrigen Tage gesehen habe. Sie haben dies geschrieben, um mich mit meinen Verwandten zu entzweien, und haben auch aus dem Grunde sich in abscheulichen Ausdrücken über den Lebenswandel des jungen Mädchen geäußert, das Sie nicht einmal kennen. Das sind alles gemeine Klatschereien.«
»Entschuldigen Sie, mein Herr,« antwortete Luschin zitternd vor Wut, »in meinem Briefe habe ich mich über Ihre Eigenschaften und Handlungen einzig aus dem Grunde geäußert, um die Bitte Ihrer Schwester und Mutter zu erfüllen und ihnen zu beschreiben, wie ich Sie gefunden und welch einen Eindruck Sie auf mich gemacht haben. Was das in meinem Briefe Erwähnte anbetrifft, so zeigen Sie mir wenigstens eine unwahre Zeile, das heißt, daß Sie das Geld nicht verbraucht haben und daß in dieser wenn auch unglücklichen Familie keine unwürdigen Personen sich befinden?«
»Meiner Ansicht nach sind Sie mit allen Ihren Vorzügen nicht den kleinen Finger dieses unglücklichen Mädchens wert, auf das Sie einen Stein werfen.«
»Nun, können Sie sich auch entschließen, sie in die Gesellschaft Ihrer Mutter und Schwester einzuführen?«
»Ich habe es schon getan, wenn Sie es wissen wollen. Ich habe sie heute neben meine Mutter und Dunja gesetzt.«
»Rodja!« rief Pulcheria Alexandrowna aus.
Dunetschka errötete; Rasumichin zog die Augenbrauen zusammen. Luschin lächelte höhnisch und hochmütig.
»Sie belieben selbst zu sehen, Awdotja Romanowna,« sagte er, »daß hier keine Verständigung möglich ist. Ich hoffe jetzt, daß diese Sache abgetan und ein für allemal aufgeklärt ist. Ich will mich entfernen, um die weitere angenehme Zusammenkunft der Verwandten und die Mitteilung von Geheimnissen nicht zu stören.« Er erhob sich vom Stuhle und nahm seinen Hut. »Beim Weggehen erlaube ich mir zu bemerken, daß ich hoffe, künftig von ähnlichen Begegnungen und sozusagen Ausgleichsversuchen befreit zu sein. Sie, verehrte Pulcheria Alexandrowna, möchte ich besonders bitten, um so mehr, als auch mein Brief an Sie und nicht an andere adressiert war.«
Pulcheria Alexandrowna fühlte sich gekränkt.
»Was, wollen Sie uns ganz in Ihre Macht nehmen, Peter Petrowitsch? Dunja hat uns den Grund gesagt, warum Ihr Wunsch nicht erfüllt worden ist, -- sie hatte gute Absichten damit verfolgt. Ja, und Sie schreiben mir, als ob Sie mir zu befehlen hätten. Sollen wir denn jeden Ihrer Wünsche als Befehl ansehen? Ich will Ihnen im Gegenteil sagen, daß Sie jetzt uns gegenüber besonders delikat und nachgiebig sein sollten, weil wir alles im Stich gelassen haben und im Vertrauen zu Ihnen hierhergereist sind, also auch uns sowieso fast in Ihrer Gewalt befinden.«
»Das ist nicht ganz richtig, Pulcheria Alexandrowna, und besonders im gegenwärtigen Augenblick nicht, wo Ihnen über die von Marfa Petrowna nachgelassenen dreitausend Rubel Mitteilung zukam, was Ihnen sehr willkommen zu sein scheint, wie man nach dem neuen Tone, in dem Sie mit mir sprechen, annehmen kann,« fügte er höhnisch hinzu.
»Nach dieser Bemerkung zu urteilen, haben Sie tatsächlich auf unsere Hilflosigkeit gerechnet,« sagte Dunja gereizt.
»Jetzt wenigstens kann ich dies nicht mehr, und ich möchte besonders nicht die Mitteilung der geheimnisvollen Angebote von Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff stören, mit denen er Ihren Bruder betraut hat, und die für Sie, wie ich sehe, eine wichtige und vielleicht auch sehr angenehme Überraschung sind.«
»Ach, mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna aus.
Rasumichin konnte nicht mehr auf dem Stuhle sitzen.
»Und du schämst dich jetzt nicht, Schwester?« fragte Raskolnikoff.
»Ich schäme mich, Rodja,« sagte Dunja. »Peter Petrowitsch, gehen Sie hinaus!« wandte sie sich zu ihm, bleich vor Zorn.
Mit einem solchen Ende hatte Peter Petrowitsch nicht gerechnet. Er hatte zu sehr auf sich selbst, auf seine Macht und die Hilflosigkeit seiner Opfer gebaut. Aber er glaubte es auch jetzt noch nicht. Er erbleichte und seine Lippen zitterten.
»Awdotja Romanowna, wenn ich jetzt zu dieser Türe hinausgehe mit einem solchen Abschiede, so -- bedenken Sie es -- kehre ich nie mehr zurück. Überlegen Sie es sich gut! Mein Wort ist unerschütterlich.«
»Welch eine Frechheit!« rief Dunja und erhob sich schnell von ihrem Platze, »ich will gar nicht, daß Sie zurückkehren!«
»Wie! Also so steht es!« rief Luschin aus, der bis zum letzten Augenblicke an solchen Ausgang nicht geglaubt hatte, und der nun vollkommen den Faden verlor, »also, so ist es gemeint! Aber wissen Sie auch, Awdotja Romanowna, daß ich dagegen protestieren könnte.«
»Welch ein Recht haben Sie, in solcher Weise mit ihr zu sprechen!« trat Pulcheria Alexandrowna hitzig ein. »Wie können Sie protestieren? Und was für Rechte haben Sie? Und soll ich Ihnen, solch einem, meine Dunja geben? Gehen Sie, verlassen Sie uns! Wir sind selbst schuld, daß wir auf solch eine ungerechte Sache eingingen und am meisten ich ...«
»Sie haben mich doch, Pulcheria Alexandrowna,« ereiferte sich Luschin in seiner Wut, »durch Ihr gegebenes Wort gebunden, von dem Sie sich jetzt lossagen ... und endlich ... endlich haben Sie mich dadurch sozusagen in Unkosten gestürzt ...«
Diese letzte Anmaßung war dem Charakter von Peter Petrowitsch so entsprechend, daß Raskolnikoff, bleich vor Zorn und Anstrengung an sich zu halten, sich nicht enthalten konnte und -- laut auflachte. Pulcheria Alexandrowna aber war außer sich.
»In Unkosten? In was für Unkosten? Meinen Sie etwa damit unseren Koffer? Es hat doch ein Schaffner ihn umsonst hergeschafft. Mein Gott, wir haben Sie gebunden! Besinnen Sie sich doch, Peter Petrowitsch, Sie haben uns an Händen und Füßen gebunden und nicht wir Sie!«
»Genug, Mama, bitte, genug!« bat Awdotja Romanowna. »Peter Petrowitsch, tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie!«
»Ich gehe sofort, aber noch ein letztes Wort!« sagte er, völlig außer sich. »Ihre Mutter scheint vollkommen vergessen zu haben, daß ich mich entschlossen hatte, trotz den Gerüchten in der Stadt, die im ganzen Umkreise über Ihren Ruf verbreitet waren, Sie zu heiraten. Indem ich Ihretwegen die öffentliche Meinung nicht beachtete und Ihren Ruf herstellte, konnte ich sicher sehr auf eine Vergeltung hoffen und sogar Ihre Dankbarkeit verlangen ... Und jetzt erst sind mir die Augen geöffnet worden! Ich sehe selbst, daß ich sehr übereilt gehandelt habe, indem ich der öffentlichen Stimme keine Beachtung schenkte ...«
»Ja, hat er denn zwei Köpfe!« rief Rasumichin aus, sprang vom Stuhle auf und schickte sich schon an, ihm einen Denkzettel zu geben.
»Sie sind ein gemeiner und böser Mensch!« sagte Dunja.
»Kein Wort mehr! Keine Bewegung!« rief Raskolnikoff und hielt Rasumichin zurück; dann trat er dicht an Luschin heran.
»Gehen Sie sofort hinaus!« sagte er leise und deutlich, »und kein Wort mehr, sonst ...«
Peter Petrowitsch blickte ihn einige Sekunden mit bleichem vor Wut verzogenem Gesichte an, wandte sich um und ging hinaus, und sicher hat selten jemand soviel Haß auf einen andern in seinem Herzen davongetragen, wie dieser Mann gegen Raskolnikoff. Ihn und nur ihn allein machte er für alles verantwortlich. Merkwürdig, daß er sich, als er schon die Treppe hinabstieg, immer noch einbildete, daß die Sache vielleicht nicht ganz verloren und bei den Damen wenigstens sogar »sehr leicht« ins Geleise zu bringen sei.
III.
Die Hauptsache war, daß er bis zum letzten Augenblicke einen derartigen Ausgang gar nicht erwartet hatte. Er spielte bis zum letzten Momente den Überlegenen, ohne auch nur die Möglichkeit zu ahnen, daß zwei arme und schutzlose Frauen sich seiner Macht entziehen könnten. Zu dieser Überzeugung trugen seine Eitelkeit und sein übermäßiges Selbstbewußtsein viel bei, das man am besten Selbstverliebtheit nennen kann. Peter Petrowitsch, der sich aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet hatte, hatte die krankhafte Angewohnheit, sich selbst mit Wohlgefallen zu betrachten, schätzte seinen Verstand und seine Fähigkeiten hoch ein, ja, er besah sogar zuweilen, wenn er allein war, sein Gesicht mit Liebe im Spiegel. Am meisten in der Welt aber liebte und schätzte er sein Geld, das er durch Arbeit und allerhand Machinationen erworben hatte, -- es stellte ihn nach seinem Dafürhalten auf gleiche Stufe mit allem, was höher war als er.
Indem er voll Bitterkeit Dunja daran erinnerte, daß er sich entschlossen hatte, sie, trotz der schlechten Gerüchte über sie, zu heiraten, sprach Peter Petrowitsch vollkommen aufrichtig, er empfand eine tiefe Entrüstung über solch einen »schwarzen Undank«. Als er aber damals um Dunja anhielt, war er schon von der Sinnlosigkeit aller dieser Klatschgeschichten völlig überzeugt, die von Marfa Petrowna selbst öffentlich widerrufen und schon längst vom ganzen Städtchen, das Dunja warm in Schutz nahm, vergessen waren. Er würde es selber jetzt nicht geleugnet haben, daß er alles damals schon gewußt hatte. Aber trotzdem rechnete er seinen Entschluß, Dunja zu sich zu erheben, hoch an und hielt ihn für eine große Tat. Indem er dies gegen Dunja aussprach, drückte er einen geheimen längst gehegten Gedanken aus, an dem er mehr als einmal sich selber erbaut hatte, und er konnte es nicht begreifen, daß die anderen seine große Tat nicht mit gleicher Bewunderung ansahen. Als er damals Raskolnikoff einen Besuch machte, kam er mit den Gefühlen eines Wohltäters, der sich anschickt, die Früchte seiner Taten zu ernten und schmeichelhaftes Lob zu hören. Auch jetzt, als er die Treppe hinabstieg, hielt er sich selbstverständlich für im höchsten Grade gekränkt und verkannt.
Dunja hatte er einfach nötig; es war ihm undenkbar, auf sie zu verzichten. Lange schon, seit einigen Jahren, träumte er mit Behagen von einer Heirat, aber er sparte fortwährend noch mehr Geld und wartete. Er dachte mit Begeisterung in seinen geheimsten Träumen an ein wohlgesittetes und armes (sie mußte unbedingt arm sein) Mädchen, das jung, sehr hübsch, aus guter Familie, gebildet, sehr eingeschüchtert sein mußte, das außerordentlich viel Unglück durchgemacht hatte und das sich vor ihm vollkommen beugen würde, an ein solches Mädchen, das ihr ganzes Leben lang ihn als ihren Retter ansehen, ihn verehren, sich ihm unterordnen und ihn, nur ihn allein bewundern würde. Wieviel Szenen, wieviel wonnige Episoden hatte er sich in der Phantasie über dieses verführerische und reizende Thema ausgemalt, wenn er in aller Stille von der Arbeit ausruhte! Und siehe da, der Traum von so viel Jahren wurde fast ganz zur Wirklichkeit, -- die Schönheit und die Bildung Awdotja Romanownas hatten ihn überrascht, und ihre hilflose Lage reizte ihn aufs äußerste. Hier war mehr noch vorhanden, als er geträumt hatte; er hatte ein stolzes, charakterfestes, tugendhaftes Mädchen getroffen, das an Erziehung und Bildung höher stand, als er selber (das fühlte er), und solch ein Wesen wird ihm ihr ganzes Leben wegen seiner großen Tat sklavisch dankbar sein und in Verehrung sich vor ihm in den Staub werfen, er aber wird grenzenlos und unbedingt über sie herrschen ... Als hätte es so sein müssen, hatte er sich kurz vorher nach langem Wägen und Warten entschlossen, seine Laufbahn zu ändern und in einen größeren Wirkungskreis überzugehen, um gleichzeitig allmählich in die höhere Gesellschaft, an die er lange schon mit Sehnsucht gedacht hatte, hineinzukommen ... Mit einem Worte, er entschloß sich, es in Petersburg zu versuchen. Er wußte, daß man durch Frauen sehr viel machen konnte. Der Zauber einer reizenden, tugendhaften und gebildeten Frau konnte wunderbar seinen Weg ebnen, Leute an ihn heranziehen, ihm einen Glorienschein verleihen ... und nun war alles zerstört! Dieser plötzliche abscheuliche Bruch traf ihn wie ein Donnerschlag. Aber es war ein schlechter Spaß, war Unsinn! Er hat doch nur ein bißchen übertrieben; er hatte nicht mal Zeit gehabt, sich auszusprechen, er hatte bloß gescherzt, ließ sich ein wenig gehen, und es hat so ein ernstes Ende genommen! Und schließlich, er liebte doch Dunja in seiner Weise, er herrschte schon über sie in seinen Träumen, -- und nun plötzlich dieses! ... Nein! Morgen, morgen schon muß alles wieder ausgeglichen, aufgeklärt und gutgemacht werden, Hauptsache war -- diesen aufgeblasenen Milchbart, der an allem Schuld war, zu vernichten. Mit Unbehagen dachte er plötzlich an Rasumichin ... aber er beruhigte sich gleich -- »es fehlte gerade noch, daß auch er auf eine Stufe mit ihm gestellt würde!« Wen er aber tatsächlich allen Ernstes fürchtete -- war Sswidrigailoff ... Mit einem Worte, es standen viel Mühe und Sorgen bevor ...
* * * * *
»Nein, ich, ich bin am meisten schuld!« sagte Dunja, umarmte und küßte die Mutter, »ich habe mich von seinem Gelde verlocken lassen, aber ich schwöre dir, Bruder, -- ich konnte nicht glauben, daß er so unwürdig ist. Hätte ich ihn vorher erkannt, hätte ich mich um alles in der Welt nicht verlocken lassen! Klage mich nicht an, Bruder!«
»Gott hat uns gerettet! Gott hat uns gerettet!« murmelte Pulcheria Alexandrowna, aber wie unbewußt, als hätte sie noch nicht ganz begriffen, was vorgefallen war.
Alle freuten sich, und nach fünf Minuten lachten sie sogar. Zuweilen erblaßte Dunetschka ein wenig und verzog die Augenbrauen bei der Erinnerung an das Vorgefallene. Pulcheria Alexandrowna konnte es nicht begreifen, daß sie sich auch freute; der Bruch mit Luschin war ihr heute früh noch als ein schreckliches Unglück erschienen. Rasumichin aber war entzückt. Er wagte noch nicht ganz sein Entzücken zu äußern, aber er bebte am ganzen Körper wie im Fieber, als hätte sich eine zentnerschwere Last von seinem Herzen gelöst. Jetzt hat er das Recht, ihnen sein ganzes Leben hinzugeben, ihnen zu dienen ... und noch mehr. -- Aber sofort jagte er ängstlich alle Zukunftsgedanken fort, er fürchtete sich vor seiner Phantasie. Nur Raskolnikoff allein saß auf demselben Platze, fast düster und zerstreut. Er, der am meisten auf den Bruch mit Luschin bestanden hatte, schien sich jetzt am allerwenigsten für das Vorgefallene zu interessieren. Dunja dachte unwillkürlich, daß er immer noch sehr böse auf sie sei, und Pulcheria Alexandrowna betrachtete ihn ängstlich.
»Was hat dir denn Sswidrigailoff gesagt?« trat Dunja an ihn heran.
»Ach ja, ja!« rief Pulcheria Alexandrowna aus.
Raskolnikoff erhob den Kopf.
»Er will dir unbedingt zehntausend Rubel schenken und äußert dabei den Wunsch, dich einmal in meiner Gegenwart zu sehen.«
»Sie zu sehen! Um keinen Preis in der Welt!« rief Pulcheria Alexandrowna, »und wie wagt er es, ihr Geld anzubieten!«
Darauf teilte Raskolnikoff ziemlich trocken sein Gespräch mit Sswidrigailoff mit, wobei er von dem Erscheinen Marfa Petrownas als Gespenst nichts erwähnte, um nicht zu weit zu gehen, und weil er einen Widerwillen empfand, irgendeine Unterhaltung, außer der notwendigsten, zu führen.
»Was hast du ihm geantwortet?« fragte Dunja.
»Ich sagte zuerst, daß ich dir keine Mitteilung machen wolle. Darauf erklärte er mir, daß er dann selbst mit allen Mitteln versuchen werde, dich zu sehen. Er beteuerte, daß seine Leidenschaft zu dir eine Torheit gewesen sei und daß er jetzt dir gegenüber nichts mehr empfinde ... Er will nicht, daß du Luschin heiratest ... Er sprach überhaupt verworren.«
»Wie erklärst du ihn dir, Rodja? Wie ist er dir erschienen?«
»Ich muß gestehen, daß ich mir nicht so ganz klar über ihn bin. Er bietet zehntausend an, sagt aber selbst, er sei nicht reich. Er erklärt, daß er irgendwohin reisen will, und nach zehn Minuten vergißt er, daß er darüber gesprochen hat. Plötzlich sagt er auch, daß er heiraten will und daß man ihm schon eine Braut freit ... Sicher hat er Absichten und am wahrscheinlichsten -- schlimme ... Aber wieder ist es sonderbar anzunehmen, daß er so dumm die Sache anfassen würde, wenn er dir gegenüber schlimme Absichten hätte ... Ich habe selbstverständlich dieses Geld in deinem Namen ein für allemal ausgeschlagen. Überhaupt erschien er mir sehr eigentümlich und ... sogar ... mit Anzeichen von Geistesstörung. Ich kann mich jedoch auch irren; er kann einfach geschwindelt haben. Der Tod von Marfa Petrowna scheint aber einen Eindruck auf ihn gemacht zu haben ...«
»Gott schenke ihrer Seele Ruhe!« rief Pulcheria Alexandrowna, »ich will ewig, ewig für sie zu Gott beten! Nun, wie würde es mit uns jetzt stehen, Dunja, ohne diese dreitausend Rubel! Mein Gott, sie sind wie vom Himmel geschickt! Ach, Rodja, wir hatten ja am Morgen im ganzen noch drei Rubel, und ich überlegte mit Dunetschka die ganze Zeit, wie wir am schnellsten irgendwo die Uhr versetzen könnten, um bloß nicht von diesem ... zu fordern, bis es ihm selbst in den Sinn kommt.«
Dunja hatte das Anerbieten Sswidrigailoffs zu stark überrascht. Sie stand die ganze Zeit in Gedanken versunken.
»Er hat irgend etwas Schreckliches im Sinn!« sagte sie fast im Flüstertone zu sich selbst und schauderte.
Raskolnikoff bemerkte diese maßlose Furcht.
»Ich glaube, ich werde ihn noch einmal sehen,« sagte er zu Dunja.
»Wir wollen ihn beobachten! Ich werde ihn finden!« rief Rasumichin energisch. »Ich will mein Auge nicht von ihm lassen! Rodja hat es mir erlaubt. Er hat mir selbst vorhin gesagt: Beschütze die Schwester! Und wollen Sie es auch erlauben, Awdotja Romanowna?«
Dunja lächelte und reichte ihm die Hand, aber die Sorge verließ nicht ihr Gesicht. Pulcheria Alexandrowna blickte sie schüchtern an; die dreitausend Rubel hatten sie sichtlich beruhigt.
Nach einer Viertelstunde waren alle in lebhaftester Unterhaltung. Sogar Raskolnikoff hörte einige Zeit aufmerksam zu, obwohl er sich nicht am Gespräch beteiligte.
Rasumichin redete in einem fort.
»Und warum, warum sollen Sie abreisen!« ergoß er sich mit Wonne in einer begeisterten Rede, »und was wollen Sie in dem Städtchen machen? Und die Hauptsache, Sie leben alle hier zusammen, und der eine besucht den anderen, ... braucht ihn sehr, verstehen Sie mich! So versuchen Sie es wenigstens eine Weile ... Mich nehmen Sie als Ihren Freund, als Kompagnon, und ich versichere Sie, wir wollen ein ausgezeichnetes Unternehmen gründen. Hören Sie, ich will Ihnen alles genau erklären, -- das ganze Projekt mit allen Details! Schon heute Morgen, als noch nichts vorgefallen war, kam es mir in den Sinn ... Sehen Sie, die Sache besteht aus folgendem, -- ich habe einen Onkel, -- ich will Sie mit ihm bekannt machen, ein ausgezeichneter und verehrungswürdiger alter Herr, -- und dieser Onkel hat ein Vermögen von tausend Rubel, er selbst lebt von seiner Pension und leidet keine Not. Fast zwei Jahre schon quält er mich, daß ich diese tausend Rubel für ihn anlegen und ihm sechs Prozent dafür zahlen soll. Ich weiß ja, wie der Hase läuft, -- er will mir einfach helfen; im vorigen Jahre aber brauchte ich es nicht, in diesem Jahre jedoch wartete ich bloß auf seine Ankunft und habe mich entschlossen, es anzunehmen. Sie geben dann das zweite Tausend von Ihren drei, und sehen Sie, das genügt für den Anfang, und wir verbünden uns. Was machen wir aber damit?«
Und nun begann Rasumichin sein Projekt zu entwickeln und redete viel darüber, wie wenig fast alle unsere Buchhändler und Verleger von ihrer Sache verstehen, darum seien sie auch gewöhnlich schlechte Verleger, während anständige Buchausgaben sich sicher bezahlt machten und einen zuweilen bedeutenden Nutzen abwürfen. Von der Tätigkeit eines Verlegers träumte also Rasumichin; er hatte schon zwei Jahre für andere gearbeitet und beherrschte drei europäische Sprachen recht gut, wenn er auch vor sechs Tagen Raskolnikoff erklärt hatte, daß er im Deutschen »schwach« sei, aber das tat er, um ihn zu bewegen, die Hälfte der Übersetzungsarbeit und die drei Rubel Vorschuß anzunehmen. Er log damals, und Raskolnikoff wußte, daß er log.
»Warum denn sollen wir unseren eigenen Vorteil versäumen, wenn wir plötzlich eines der Hauptmittel besitzen, -- und zwar eigenes Geld?« ereiferte sich Rasumichin. »Gewiß, man muß viel arbeiten, aber wir wollen arbeiten, Sie, Awdotja Romanowna, ich, Rodion ... manche Buchausgaben rentieren jetzt prächtig! Und die Hauptunterlage des Unternehmens besteht darin, daß wir wissen werden, was gerade übersetzt werden muß. Wir wollen übersetzen und verlegen und lernen, alles zusammen. Jetzt kann ich nützlich sein, denn ich habe darin Erfahrung. Es sind bald zwei Jahre, seit ich bei den Verlegern herumlaufe, und ich kenne alle ihre Schliche; es ist keine Hexerei, glauben Sie mir! Und warum soll man nicht nach dem Bissen greifen! Ich kenne selbst und bewahre es als ein Geheimnis, zwei oder drei solcher Werke; für den Gedanken allein, sie zu übersetzen und zu verlegen, kann man hundert Rubel für jedes Buch nehmen, und das eine Werk, die Idee allein schon, gebe ich nicht um fünfhundert Rubel. Was meinen Sie, wenn ich es jemand mitteilen würde, so ein Holzklotz täte vielleicht noch daran zweifeln. Und was die geschäftlichen Dinge -- Druckerei, Papier, Verkauf -- anbetrifft, so überlassen Sie dies mir. Ich kenne alle Schliche! Wir wollen mit kleinem anfangen und großes erreichen; wenigstens ernähren können wir uns und erhalten in jedem Falle unser Geld zurück.«
Dunjas Augen leuchteten.
»Was Sie vorbringen, gefällt mir sehr, Dmitri Prokofjitsch,« sagte sie.
»Ich verstehe hiervon gar nichts,« sagte Pulcheria Alexandrowna, »vielleicht ist es auch gut, aber Gott weiß. Es ist neu und unbekannt. Gewiß müssen wir hierbleiben, wenigstens eine Zeitlang ...«
Sie blickte Rodja an.
»Was meinst du, Bruder?« sagte Dunja.
»Ich meine, daß er einen sehr guten Gedanken hat,« antwortete er. »Von einer Firma muß man selbstverständlich vorher nicht träumen, aber fünf oder sechs Bücher kann man tatsächlich mit zweifellosem Erfolg verlegen. Ich kenne auch selbst ein Werk, das unbedingt gehen wird. Und daß er die Sache zu leiten versteht, unterliegt keinem Zweifel, -- er versteht die Sache ... Übrigens habt ihr noch Zeit, euch zu besprechen ...«
»Hurra!« rief Rasumichin. »Warten Sie, hier im selben Hause und bei denselben Wirtsleuten ist eine Wohnung frei. Sie ist ganz abgeschlossen, hat mit diesen Zimmern keine Verbindung und besteht aus drei möblierten Stuben, der Preis ist mäßig. Die können Sie fürs erste nehmen. Die Uhr will ich für Sie morgen versetzen und Ihnen das Geld bringen und das weitere wird sich finden. Die Hauptsache aber ist, daß Sie alle drei zusammen leben können, auch Rodja mit Ihnen. Wohin willst du denn, Rodja?«
»Wie, Rodja, gehst du schon fort?« fragte Pulcheria Alexandrowna erschreckt.
»In solch einem Augenblick!« rief Rasumichin.
Dunja blickte den Bruder mit mißtrauischem Erstaunen an. Er hielt die Mütze in den Händen und schickte sich an, wegzugehen.
»Ihr tut ja, als ob ihr mich beerdigen oder auf ewig Abschied nehmen müßtet,« sagte er eigentümlich.
Er wollte lächeln, aber dieses Lächeln gelang ihm schlecht.
»Wer weiß, vielleicht sehen wir uns auch zum letztenmal,« fügte er unvermutet hinzu.
Er wollte es bloß denken, doch die Worte entschlüpften ihm.
»Um Gottes willen, was ist mit dir!« rief die Mutter aus.
»Wohin willst du gehen, Rodja?« fragte ihn Dunja in angstvollem Tone.
»Ich muß jetzt fortgehen,« antwortete er unklar, als sei er im Zweifel, was er sagen wollte.
In seinem bleichen Gesichte drückte sich eine feste Entschlossenheit aus.
»Ich wollte sagen ... als ich hierher ging ... ich wollte Ihnen, Mama ... und dir, Dunja, sagen, daß es besser sei, wenn wir uns für eine Zeitlang trennen. Ich fühle mich nicht wohl, ich bin unruhig ... ich will später wiederkommen, ich werde von selbst kommen, wenn ... es mir möglich sein wird. Ich denke an euch und liebe euch ... Doch laßt mich! Laßt mich allein! Ich habe es so beschlossen, schon früher ... Ich habe es bestimmt beschlossen ... Was mit mir auch geschieht, ob ich zugrunde gehen werde oder nicht, ich will allein sein. Vergeßt mich ganz und gar. Es ist so am besten. Erkundigt euch auch nicht nach mir. Wenn es nötig sein wird, komme ich von selbst oder ... ich rufe euch. Vielleicht wird noch alles gut! ... Jetzt aber sagt euch von mir los, wenn ihr mich liebt ... Sonst muß ich euch hassen, ich fühle es ... Lebt wohl!«
»Mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna.
Die Mutter und die Schwester waren furchtbar erschrocken; Rasumichin ebenfalls.
»Rodja, Rodja! Versöhne dich mit uns, wir wollen wieder wie früher sein!« rief die arme Mutter aus.
Er wandte sich langsam der Türe zu und ging langsam hinaus. Dunja holte ihn ein.
»Bruder! Was tust du deiner Mutter an!« flüsterte sie, und ihr Blick leuchtete vor Empörung.
Er schaute sie schwermütig an.
»Es hat nichts zu bedeuten, ich komme, ich werde kommen!« murmelte er halblaut, als ob er sich nicht völlig bewußt sei, was er sagen wollte, und ging aus dem Zimmer.
»Gefühlloser, böser Egoist!« rief Dunja.
»Er ist ver--rückt und nicht gefühllos! Er ist geistesgestört! Sehen Sie es denn nicht? Sonst sind Sie gefühllos! ...« flüsterte Rasumichin ihr zu und drückte stark ihre Hand.
»Ich komme sofort!« wandte er sich an die erstarrte Pulcheria Alexandrowna und lief aus dem Zimmer. Raskolnikoff erwartete ihn am Ende des Korridors.
»Ich wußte, daß du mir nachgehen wirst,« sagte er. »Gehe zu ihnen zurück und bleibe bei ihnen ... Sei auch morgen bei ihnen ... und stets. Ich komme ... vielleicht ... wenn ich kann. Leb wohl!«
Und ohne ihm die Hand zu reichen, ging er weiter.
»Ja, wohin gehst du? Was ist mit dir? Was ist geschehen? Kann man denn so! ...« murmelte Rasumichin fassungslos.
Raskolnikoff blieb noch einmal stehen.
»Ich sage dir ein für allemal, -- frage mich nicht und über nichts. Ich habe dir nichts zu antworten ... Komme nicht zu mir. Vielleicht komme ich selbst hierher ... Laß mich ... sie aber verlasse nicht. Verstehst du?«
Es war ziemlich dunkel auf dem Korridor, sie standen unter einer spärlich brennenden Lampe. Eine Minute blickten sie einander schweigend an. Rasumichin erinnerte sich sein ganzes Leben dieser Minute. Der brennende und starre Blick Raskolnikoffs schien mit jedem Momente sich zu verstärken und drang in seine Seele und in sein Bewußtsein. Da zuckte Rasumichin zusammen. Ein fürchterliches Etwas trat zwischen sie ... Ein Gedanke, spürbar wie ein Hauch; ein schauerlicher gräßlicher Gedanke von beiden gedacht, von beiden verstanden ... Rasumichin wurde bleich wie ein Toter.
»Verstehst du jetzt?« sagte Raskolnikoff plötzlich mit schmerzlich verzogenem Gesichte. »Kehre zurück, gehe zu ihnen,« fügte er sofort hinzu, drehte sich schnell um und verließ das Haus.
Ich will nicht beschreiben, was an diesem Abend bei Pulcheria Alexandrowna geschah, wie Rasumichin zu ihnen zurückkehrte, wie er sie beruhigte, wie er schwur, daß man Rodja in seiner Krankheit Ruhe geben müsse, wie er schwur, daß Rodja unbedingt kommen würde, daß er jeden Tag herkommen würde, daß er sehr, sehr aufgeregt sei, daß man ihn nicht reizen dürfe; wie er, Rasumichin, auf ihn aufpassen werde, ihm einen guten Arzt, den besten, ein ganzes Konsilium verschaffen werde ... Mit einem Worte, Rasumichin wurde an diesem Abend ihr Sohn und Bruder. --
IV.
Raskolnikoff aber ging direkt zu dem Hause am Kanal, wo Ssonja wohnte. Es war ein dreistöckiges Haus, alt und grün angestrichen. Er suchte den Hausknecht auf und erhielt von ihm die ungefähre Auskunft, wo der Schneider Kapernaumoff wohne. Er fand in einer Ecke auf dem Hofe einen Eingang zu einer schmalen, dunklen Treppe, er stieg zum zweiten Stock hinauf und kam auf eine Galerie, die das Haus auf der Hofseite umgab. Während er in der Dunkelheit und voll Ungewißheit, wo der Eingang zu Kapernaumoff sein könne, herumirrte, öffnete sich plötzlich drei Schritte von ihm eine Türe; er griff mechanisch nach ihr.
»Wer ist da?« fragte eine weibliche Stimme ängstlich.
»Ich bin es ... komme zu Ihnen,« antwortete Raskolnikoff und trat in ein winziges Vorzimmer ein. Hier brannte auf einem durchgesessenen Stuhle ein Licht in einem kupfernen Leuchter.
»Sie sind es! Oh, Gott!« rief Ssonja mit schwacher Stimme und blieb wie versteinert stehen.
»Wo geht es in Ihr Zimmer? Hier?«
Raskolnikoff suchte nicht ihren Blick und ging schnell in ihr Zimmer hinein.
Nach einer Minute kam auch Ssonja mit dem Lichte, stellte es hin und blieb vor ihm stehen, vollkommen verwirrt, in einer unbeschreiblichen Aufregung und sichtbar erschrocken durch seinen unerwarteten Besuch. Eine Röte stieg in ihr bleiches Gesicht, und Tränen traten in ihre Augen ... Es war ihr schwer zumute, sie schämte sich auch, und doch war es ihr lieb ... Raskolnikoff wandte sich schnell von ihr ab und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Tisch. Er fand Zeit, einen flüchtigen Blick auf das Zimmer zu werfen.
Es war ein großes Zimmer, aber außerordentlich niedrig, das einzige Zimmer, das Kapernaumoffs vermieteten; in der Wand links war eine verschlossene Tür, die zu ihnen führte. Auf der entgegengesetzten Seite, rechts in der Wand, befand sich noch eine Tür, die immer verschlossen war. Hinter ihr war eine andere Wohnung unter einer anderen Nummer. Ssonjas Zimmer glich einer Scheune, hatte die Gestalt eines unregelmäßigen Vierecks, was ihm etwas Eigentümliches verlieh. Die eine Wand mit drei Fenstern, die auf den Kanal hinausgingen, durchschnitt das Zimmer etwas schief, wodurch die eine Ecke sehr spitz war und in der Tiefe verlief, so daß man bei schwacher Beleuchtung sie nicht gut überschauen konnte; die andere Ecke war wieder häßlich stumpf. In diesem ganzen Zimmer waren fast gar keine Möbel. In einer Ecke rechts war ein Bett, neben ihm näher zur Türe ein Stuhl. An derselben Wand, wo das Bett war, standen an der Türe gegen die fremde Wohnung ein einfacher Tisch, bedeckt mit einem blauen Tischtuche und daneben zwei geflochtene Stühle. An der entgegengesetzten Wand, in der Nähe der spitzen Ecke, befand sich eine kleine Kommode aus einfachem Holze, verloren wie in einer Wüste. Das war das ganze Mobiliar. Die gelblichen, abgerissenen und beschmutzten Tapeten waren an allen Ecken schwarz geworden; im Winter mußte es hier feucht und dunstig sein. Die Armut war offensichtlich; selbst am Bette waren keine Gardinen angebracht.
Ssonja blickte schweigend ihren Besucher an, der so aufmerksam und ungeniert ihr Zimmer betrachtete und begann vor Angst zu zittern, als stände sie vor einem Richter, der über ihr Schicksal entscheiden sollte.
»Ich komme spät ... Es ist wohl schon elf Uhr?« fragte er sie und erhob noch immer nicht die Augen zu ihr.
»Ja,« murmelte Ssonja. »Ach, ja, es ist soviel!« beeilte sie sich zu sagen, als wäre es ein Ausweg, »soeben schlug bei dem Hauswirte die Uhr ... und ich habe die Schläge gezählt ... Es ist soviel.«
»Ich komme zum letztenmal zu Ihnen,« fuhr Raskolnikoff düster fort, obwohl es doch zum erstenmal war, daß er hier war, »ich werde Sie vielleicht nicht mehr sehen ...«
»Reisen Sie ... fort?«
»Ich weiß es nicht ... alles hängt von morgen ab ...«
»Also, Sie werden morgen nicht bei Katerina Iwanowna sein?« bebte Ssonjas Stimme.
»Ich weiß es nicht. Alles hängt von morgen früh ab ... Aber darum handelt es sich nicht, ich bin gekommen, Ihnen ein paar Worte zu sagen ...«
Er erhob seinen nachdenklichen Blick zu ihr auf und bemerkte jetzt erst, daß er saß, während sie noch immer vor ihm stand.
»Warum stehen Sie denn? Setzen Sie sich doch,« sagte er mit veränderter Stimme leise und weich.
Sie setzte sich. Er blickte sie freundlich, fast mitleidig eine Minute an.
»Wie mager Sie sind! Sehen Sie nur Ihre Hand! Ganz durchsichtig. Diese Finger, wie bei einer Toten.«
Er nahm ihre Hand. Ssonja lächelte schwach.
»Ich war immer so,« sagte sie.
»Auch, als Sie zu Hause lebten?«
»Ja.«
»Ach, selbstverständlich ja!« sagte er abgerissen, und sein Gesichtsausdruck und der Ton seiner Stimme veränderten sich wieder.
Er blickte sich noch einmal um.
»Sie mieteten das Zimmer von Kapernaumoff?«
»Ja ...«
»Diese wohnen dort hinter der Türe?«
»Ja ... Sie haben auch ein solches Zimmer.«
»Sie leben alle in einem Zimmer?«
»Ja, in einem Zimmer.«
»Ich würde mich nachts in Ihrem Zimmer fürchten,« bemerkte er düster.
»Die Wirtsleute sind sehr gut, sehr freundlich,« antwortete Ssonja, die immer noch nicht zu sich gekommen schien und seine Bemerkung nicht verstanden hatte, »und alle Möbel und alles ... alles gehört den Wirtsleuten. Sie sind sehr gut, und die Kinder kommen auch oft zu mir ...«
»Die stotternden?«
»Ja ... Er stottert auch und ist dazu auch lahm. Und die Frau auch ... Das heißt, sie stottert nicht so sehr, sie spricht bloß nicht alles aus. Sie ist sehr gut. Er ist früher Leibeigener gewesen. Und sie haben sieben Kinder ... und bloß der Älteste stottert, die anderen sind nur immer krank ... stottern nicht ... Woher wissen Sie das aber?« fügte sie ein wenig verwundert hinzu.
»Ihr Vater hat es mir damals erzählt. Er hat mir auch alles über Sie erzählt ... Auch davon, wie Sie um sechs Uhr fortgingen und um neun zurückkamen, auch, wie Katerina Iwanowna an Ihrem Bette auf den Knien gelegen hat.«
Ssonja wurde verlegen.
»Mir schien es, als hätte ich ihn heute gesehen,« flüsterte sie unentschlossen.
»Wen?«
»Den Vater. Ich ging in die Straße dort, nebenan, an der Ecke in der zehnten Stunde, und er schien vor mir zu gehen, ganz, als wäre er es. Ich wollte eben zu Katerina Iwanowna hingehen ...«
»Waren Sie spazieren gegangen?«
»Ja,« flüsterte Ssonja abgerissen, wurde wieder verlegen und senkte die Augen.
»Katerina Iwanowna hat Sie doch wohl geschlagen, als Sie beim Vater lebten?«
»Ach nein, wie kommen Sie darauf, nein, nein!« Ssonja blickte ihn voll Schrecken an.
»Also, Sie lieben sie?«
»Sie? Warum denn nicht!« sagte Ssonja klagend und faltete mit leidendem Ausdruck die Hände. »Ach! Sie ... Wenn Sie nur wüßten. Sie ist ja ganz wie ein Kind ... Ihr Verstand ist ja wie gestört ... vor lauter Kummer. Und wie sie klug war ... wie großmütig ... wie gut! Sie wissen nichts, nichts ... ach!«
Ssonja sagte dies wie in Verzweiflung, aufgeregt, darunter leidend und händeringend. Ihre bleichen Wangen erröteten wieder und in ihren Augen drückte sich eine tiefe Qual aus. Man sah, daß in ihr sehr vieles durch seine Worte wachgerufen worden war und daß sie gern etwas äußern und sagen und für Katerina Iwanowna eintreten wollte. Ein unerschöpfliches Mitleid, wenn man sich so ausdrücken darf, lag in ihrem Gesichte.
»Sie soll mich geschlagen haben! Ja, wie kommen Sie dazu! Oh, Gott, sie mich schlagen! Und wenn sie mich auch geschlagen hätte, was wäre dabei! Was wäre dabei! Sie wissen nichts, gar nichts ... Sie ist so unglücklich, ach, wie unglücklich sie ist! Und sie ist krank ... Sie sucht Gerechtigkeit ... Sie ist rein. Sie glaubt so daran, daß in allem Gerechtigkeit sein müsse und verlangt sie ... Und Sie können sie quälen, sie wird nichts Ungerechtes tun. Sie merkt selbst nicht, wie unmöglich es ist, daß es unter den Menschen gerecht zugehe und ist reizbar ... Sie ist wie ein Kind, wie ein Kind! Sie ist gerecht, gerecht!«
»Und was wird mit Ihnen geschehen?«
Ssonja blickte ihn fragend an.
»Die Last ist doch auf Ihren Schultern geblieben. Es ist wahr, auch früher lag alles auf Ihren Schultern, und der Verstorbene kam auch zu Ihnen mit seinen Bitten, um zu einem Gläschen zu kommen. Aber was wird jetzt werden?«
»Ich weiß es nicht,« erwiderte Ssonja traurig.
»Werden sie dort bleiben?«
»Ich weiß nicht, sie sind der Wirtin die Wohnung schuldig; und die Wirtin hat heute gesagt, ich hörte es, daß sie ihr kündigen will; Katerina Iwanowna jedoch sagte schon, daß sie auch selbst keinen Augenblick länger dort bleiben will.«
»Aus welchem Grunde ist sie denn so tapfer? Hofft sie auf Sie?«
»Ach, nein, sagen Sie nicht so etwas ... Wir leben zusammen, gehören zueinander,« Ssonja wurde wieder erregt und selbst gereizt, genau wie wenn ein Kanarienvogel oder ein anderer kleiner Vogel böse wird. »Ja, was soll sie denn tun? Was denn, was soll sie tun?« fragte sie, sich ereifernd und erregt. »Und wie, wie lange sie heute geweint hat! Ihr Verstand ist gestört, haben Sie es nicht gemerkt? Er ist gestört; bald regt sie sich wie ein Kind darüber auf, ob morgen auch alles anständig sei, die Speisen und alles da sei ... bald ringt sie die Hände, speit Blut, weint und schlägt die Stirne gegen die Wand aus lauter Verzweiflung. Dann wird sie wieder ruhiger, hofft auf Sie, -- sagt, daß Sie ihr ein Helfer sein werden und daß sie bei irgend jemand Geld leihen und nach ihrer Heimatsstadt mit mir reisen wird; sie will dort eine Pension für junge Mädchen aus guter Familie errichten, mich als Aufseherin anstellen, und ein ganz neues, schönes Leben soll für uns beginnen; sie küßt mich, umarmt und tröstet mich und glaubt fest an die Ausführung ihres Planes. Sie glaubt so stark an diese Träume. Kann man ihr denn da widersprechen? Und sie wusch, säuberte und besserte heute den ganzen Tag alles aus; hat selbst mit ihren schwachen Kräften eine Wanne ins Zimmer hereingeschleppt, geriet dabei außer Atem und fiel auf das Bett hin. Wir sind heute am frühen Morgen mit ihr in den Läden gewesen, um Poletschka und Lene Stiefel zu kaufen, denn die ihrigen sind ganz zerrissen, da reichte das Geld nach der Berechnung nicht aus, es fehlte noch sehr viel. Und sie hat so hübsche Stiefelchen ausgesucht, denn sie hat Geschmack, Sie glauben nicht ... Sie fing dort selbst in dem Laden, in Gegenwart der Verkäufer, zu weinen an, da das Geld nicht ausreichte ... Ach, wie leid es einem tat, sie zu sehen.«
»Dann ist es begreiflich, daß Sie ... so leben,« sagte Raskolnikoff mit bitterem Lächeln.
»Und tut es Ihnen denn nicht auch leid? Nicht auch weh?« fuhr Ssonja wieder fort. »Ich weiß doch, Sie haben selbst Ihr letztes abgegeben, ohne je wieder etwas davon zu sehen. Und wenn Sie erst alles wüßten, oh, Gott! Und wie oft, wie oft habe ich sie zu Tränen gereizt! In der vorigen Woche noch! Ach, ich ... Genau eine Woche vor seinem Tode. Ich habe grausam gehandelt! Und wie oft, wie oft war ich es! Ach, wie es weh tut, ich wurde heute den ganzen Tag daran erinnert!«
Ssonja rang in schmerzlicher Erinnerung die Hände, während sie sprach.
»Sie wollen grausam sein?«
»Ja, ich, ich bin es! Ich kam damals hin,« fuhr sie weinend fort, »als der Verstorbene zu mir sagte, >lies mir vor, Ssonja,< sagte er, >mein Kopf tut mir etwas weh, lies mir vor ... hier ist ein Buch<, er hatte irgendein Buch von Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff erhalten; er wohnt auch dort und hat immer solche spaßige Bücher. Und ich sagte, >ich muß gehen<, wollte ihm also nicht vorlesen. Ich war hauptsächlich zu ihnen gekommen, um Katerina Iwanowna die Kragen zu zeigen, hübsche, neue und ausgewählte Kragen und Manschetten, die mir Lisaweta, eine Händlerin, billig besorgt hatte. Und Katerina Iwanowna gefielen sie sehr, sie legte einen Kragen um, besah sich im Spiegel, und sie gefielen ihr sehr. >Schenk sie mir, Ssonja,< sagte sie, >bitte schenk sie mir.< Sie hatte bitte gesagt, und sie wollte sie so gern haben. Wann soll sie aber die Kragen umlegen? Sie dachte nur an die frühere, glücklichere Zeit. Sie sah sich im Spiegel, betrachtete sich mit Wohlgefallen und hat doch keine passenden Kleider, gar keine Sachen dazu, -- wer weiß, wie viele Jahre schon! Und niemals wird sie etwas von jemand erbitten, -- sie ist stolz und gibt eher das letzte fort, nun aber hatte sie mich gebeten, -- so hatten ihr die Kragen gefallen! Mir aber tat es leid sie wegzugeben. >Wozu brauchen Sie sie, Katerina Iwanowna<, sagte ich, so direkt: wozu? Das hätte ich ihr nicht sagen dürfen. Sie blickte mich schmerzlich an und wurde sehr traurig, daß ich sie ihr abgeschlagen hatte, und es war so traurig anzusehen ... Nicht der Kragen wegen, sondern weil ich es ihr abgeschlagen habe, ich hatte doch ... Ihnen ist dies doch gleichgültig!«
»Haben Sie diese Händlerin Lisaweta gekannt?«
»Ja ... Sie auch?« fragte Ssonja ihn mit einigem Erstaunen.
»Katerina Iwanowna hat die Schwindsucht im höchsten Grade, sie wird bald sterben,« sagte Raskolnikoff nach einigem Schweigen, ohne auf ihre Frage zu antworten.
»Ach nein, nein, nein!« Und Ssonja ergriff unbewußt seine beiden Hände, als ob es an ihm läge, dies zu verhindern und als könnte sie das von ihm erflehen.
»Es ist doch besser, wenn sie stirbt!«
»Nein, es ist nicht, es ist gar nicht besser!« wiederholte sie erschrocken und ohne Überlegung.
»Und was wird aus den Kindern? Sie werden sie sicher zu sich nehmen?«
»Ach, ich weiß es nicht!« rief Ssonja fast in Verzweiflung aus und faßte sich an den Kopf.
Man merkte, daß dieser Gedanke schon viele Male ihr aufgetaucht war und daß sie ihn immer wieder abgewiesen hatte.
»Und wenn Sie noch bei Katerina Iwanownas Lebzeiten krank werden und man Sie ins Krankenhaus schafft, was dann?« drang er erbarmungslos weiter in sie.
»Ach, wie ist es möglich! Das kann doch nicht sein!« und Ssonjas Gesicht verzog sich in furchtbarem Schrecken.
»Wieso kann es nicht sein?« fuhr Raskolnikoff mit einem harten Lächeln fort. »Sie sind doch nicht davor geschützt? Was wird dann mit jenen geschehen? Sie werden auf die Straße alle zusammen gehen, Katerina Iwanowna wird husten und betteln und mit der Stirn an die Wand schlagen, wie heute, und die Kinder werden weinen ... Dann wird sie hinfallen, man bringt sie zur Wache, nachher ins Krankenhaus, nachher wird sie sterben, und was wird aus den Kindern ...«
»Ach nein! ... Gott wird es nicht zulassen!« entrang es sich der zusammengeschnürten Brust Ssonjas.
Sie hörte ihm ängstlich zu, blickte ihn flehend an und faltete in stummer Bitte die Hände, als hinge alles von ihm ab. Raskolnikoff stand auf und begann im Zimmer auf- und abzugehen. Es vergingen Minuten. Ssonja stand mit gesenktem Kopfe und herabhängenden Händen da in unsäglichem Leid.
»Kann man nicht sparen? Einen Notgroschen sammeln?« fragte er und blieb vor ihr stehen.
»Nein,« flüsterte Ssonja.
»Versteht sich, nein! Haben Sie es aber auch schon versucht?« fragte er spöttisch.
»Ich habe es versucht.«
»Und es gelang nicht! Nun, das ist ja selbstverständlich! Was ist da noch zu fragen!«
Und er wanderte wieder im Zimmer auf und nieder. Es verstrich wieder eine Weile.
»Sie erhalten nicht jeden Tag Geld?«
Ssonja wurde noch mehr betreten, und wieder stieg ihr das Blut ins Gesicht.
»Nein,« flüsterte sie mit qualvoller Anstrengung.
»Mit Poletschka wird sicher dasselbe geschehen,« sagte er plötzlich.
»Nein, nein! Das darf nicht sein, unmöglich!« rief sie laut, vollkommen verzweifelt, als hätte man ihr einen Stich ins Herz gegeben. »Gott, Gott wird so was Schreckliches nicht zulassen! ...«
»Bei Ihnen läßt er es doch zu.«
»Nein, nein! Gott wird sie schützen! ...« wiederholte sie ganz außer sich.
»Ja, vielleicht gibt es gar keinen Gott,« antwortete Raskolnikoff mit einem Anflug von Schadenfreude, lachte und blickte sie an. Ssonjas Gesicht verzerrte sich krampfhaft. Mit einem unbeschreiblichen Vorwurf schaute sie ihn an, wollte etwas sagen, konnte aber nichts herausbringen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte dann bitterlich.
»Sie sagen, Katerina Iwanownas Verstand sei gestört. Ihr eigener ist auch gestört,« sagte er nach einigem Schweigen.
Es vergingen wieder etwa fünf Minuten, während er schweigend auf und ab ging, ohne sie anzublicken. Endlich trat er an sie heran; seine Augen funkelten. Er packte sie mit beiden Händen an den Schultern und sah in ihr weinendes Gesicht. Seine Augen hatten einen heißen, trockenen, durchdringenden Blick, und seine Lippen bebten vor Erregung ... Plötzlich beugte er sich nieder, warf sich auf den Boden und küßte ihren Fuß. Ssonja fuhr entsetzt vor ihm zurück, wie vor einem Irrsinnigen. Er sah wirklich ganz wie ein Irrsinniger aus.
»Was ist mit Ihnen, was tun Sie? Vor mir!« murmelte sie erbleichend, und ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.
Er stand sofort auf.
»Ich habe mich nicht vor dir verneigt, sondern vor dem ganzen menschlichen Leiden,« sagte er mit eigentümlichem Ton und ging zum Fenster hin. »Höre,« setzte er hinzu, als er nach einem Augenblick zu ihr zurückkam, »ich habe vorhin zu einem bösen Menschen gesagt, daß er deinen kleinen Finger nicht wert sei ... und daß ich meiner Schwester heute eine Ehre erwiesen habe, indem ich sie neben dich hingesetzt habe ...«
»Ach, was haben Sie gesagt! Und in ihrer Gegenwart?« rief Ssonja erschrocken aus. »Neben mir zu sitzen! Eine Ehre! Ja, ich bin doch ... ehrlos ... Ach, warum haben Sie das gesagt?«
»Nicht wegen deiner Ehrlosigkeit und Sünde habe ich es von dir gesagt, sondern wegen deines großen Leides. Daß du eine große Sünderin bist, ist wahr,« fügte er fast entzückt hinzu, »und am meisten bist du dadurch eine Sünderin, weil du dich umsonst getötet und verkauft hast. Ist das nicht entsetzlich! Ist es nicht entsetzlich, daß du in diesem Schmutze lebst, den du so haßt und gleichzeitig es selbst weißt, -- man braucht dir nur die Augen zu öffnen -- daß du niemandem damit hilfst und niemanden dadurch rettest! Ja, sage mir doch endlich,« fuhr er fast in Wut fort, »wie kannst du solche Schande und solche Gemeinheit mit deinen anderen besten und heiligsten Gefühlen in dir vereinigen? Es wäre doch gerechter, tausendmal gerechter und vernünftiger, sich mit dem Kopfe voran ins Wasser zu stürzen und allem ein Ende zu machen!«
»Und was wird mit ihnen allen geschehen?« fragte Ssonja mit schwacher Stimme, blickte ihn leidend an, zeigte aber über seinen Vorschlag gar kein Erstaunen. Raskolnikoff blickte sie eigentümlich an.
Er hatte alles in ihrem Blicke gelesen. Auch sie hatte tatsächlich schon selbst diesen Gedanken gehabt. Vielleicht hatte sie sich in der Verzweiflung oft und ernstlich überlegt, dem Leben schneller ein Ende zu machen, so daß sie jetzt gar nicht über seinen Vorschlag erstaunt war. Sie hatte selbst die Härte seiner Worte nicht empfunden, auch den Sinn seiner Vorwürfe und seine besondere Ansicht über ihre Schande hatte sie nicht erfaßt, das konnte er sehen. Er aber begriff vollkommen, wie grauenhaft und schmerzlich sie schon seit langem der Gedanke an ihre ehrlose und schmachvolle Lage gequält hatte. Was aber war es, was konnte es sein, -- dachte er, -- das ihren Entschluß, mit einem Schlage allem ein Ende zu machen, aufhielt? Jetzt erst verstand er völlig, was für sie diese armen, kleinen verwaisten Kinder und diese beklagenswerte halbverrückte Katerina Iwanowna mit ihrer Schwindsucht und mit ihrer Verzweiflung bedeuteten.
Aber ebenso klar war es ihm, daß Ssonja mit ihrem Charakter und ihrer Bildung, die sie doch immerhin genossen hatte, in keinem Falle weiter in dieser Lage aushalten konnte. Und dennoch blieb die Frage offen, -- wie hatte sie so lange, zu lange schon, in dieser Lage aushalten können, ohne den Verstand zu verlieren, wenn sie nicht die Kraft besaß, sich ins Wasser zu stürzen? Gewiß, er begriff, daß Ssonjas Lage eine häufige Erscheinung in der Gesellschaft war, und unglücklicherweise bei weitem keine einzelne Ausnahme. Aber dieser Umstand selbst, ihre Bildung und ihr ganzes vorheriges Leben hätten sie doch sofort beim ersten Schritt auf diesem widerwärtigen Wege töten müssen. Was hielt sie denn? Doch nicht die Unzucht? Diese ganze Schande hatte sie offenbar nur mechanisch berührt; die echte Unzucht war noch mit keinem Tropfen in ihr Herz gedrungen; er sah es; sie stand völlig rein vor ihm da ...
»Sie hat drei Wege,« dachte er, »entweder sich in den Kanal zu stürzen, ins Irrenhaus zu kommen oder ... oder sich schließlich wirklich dem Laster zu ergeben, das den Verstand betäubt und das Herz versteinert«.
Der letzte Gedanke war ihm am widerwärtigsten; aber er war schon zu sehr Skeptiker, er war jung, abstrakt und somit grausam, darum mußte er auch glauben, daß der letzte Ausweg, das heißt das Laster, am allerwahrscheinlichsten sei.
»Aber ist es denn möglich,« rief er innerlich aus, »soll sich auch dieses Wesen, das sich noch die Reinheit des Herzens bewahrt hat, bewußt in diesen abscheulichen stinkenden Schlamm hinabziehen lassen? Hat diese Erniedrigung schon begonnen und konnte sie etwa dieses Leben schon aus diesem Grunde leben, weil das Laster ihr nicht mehr widerwärtig erschien? Nein, nein, es kann nicht sein!« rief er bei sich aus, wie vorhin Ssonja laut gerufen, »nein, vom Wasser hielt sie bis jetzt der Gedanke an die Sünde zurück und an jene ... Wenn sie aber bis jetzt den Verstand nicht verloren hat ... aber wer sagt es denn, daß sie den Verstand noch nicht verloren hat? Ist sie denn bei gesundem Verstande? Kann man denn so reden, wie sie es tut? Kann man denn bei gesundem Verstande so urteilen, wie sie es tut? Kann man denn so über dem Abgrunde, über dem stinkenden Schlamm sitzen und in der Gefahr, jeden Augenblick hineingezogen zu werden, trotzdem mit den Händen sich gegen die Mahnungen wehren und sich die Ohren zuhalten? Was, erwartet sie etwa ein Wunder? Sicher, so ist es. Sind dies nicht Anzeichen von Geistesstörung?«
Er blieb hartnäckig bei diesem Gedanken stehen. Dieser Ausweg gefiel ihm sogar besser, als jeder andere. Er begann sie aufmerksamer zu betrachten.
»Also du betest sehr oft zu Gott, Ssonja?« fragte er sie.
Ssonja schwieg, er stand neben ihr und wartete auf die Antwort.
»Was wäre ich denn ohne Gott?« flüsterte sie schnell und energisch, indem sie ihn flüchtig mit funkelnden Augen anblickte und seine Hand stark drückte.
»Ja, es ist so, wie ich gedacht!« sagte er zu sich.
»Und was tut Gott dir dafür?« fragte er sie weiter ausforschend.
Ssonja schwieg lange, als könnte sie nicht antworten. Ihre schwache Brust hob und senkte sich in heftiger Aufregung.
»Schweigen Sie! Fragen Sie nicht! Sie sind es nicht wert ...« rief sie plötzlich und sah ihn streng und zornig an.
»Es ist so! Es ist so!« wiederholte er hartnäckig vor sich hin.
»Alles tut er!« flüsterte sie schnell und schlug wieder die Augen nieder.
»Das ist ihr Ausweg! Das ist die Lösung!« entschied er bei sich und betrachtete sie mit gesteigertem Interesse.
Mit einem neuen, eigentümlichen, fast krankhaften Gefühle schaute er in dieses bleiche magere und regelmäßig eckige Gesichtchen, diese sanften blauen Augen, die mit so einem Feuer, mit so einem strengen energischen Blick leuchten konnten, diesen kleinen Körper, der vor Empörung und Zorn noch bebte, und dies alles erschien ihm noch merkwürdiger und unfaßlicher.
»Sie ist närrisch! Sie hat den religiösen Wahnsinn!« wiederholte er für sich.
Auf der Kommode lag ein Buch. Jedesmal, wenn er auf und ab ging, hatte er es bemerkt; jetzt nahm er es und sah es sich an. Es war das Neue Testament in russischer Übersetzung. Das Buch, in Leder gebunden, war alt und viel gebraucht.
»Woher hast du es?« rief er. Sie stand immer noch auf derselben Stelle, drei Schritte vom Tische entfernt.
»Man hat es mir gebracht,« antwortete sie unwillig und ohne ihn anzublicken.
»Wer hat es dir gebracht?«
»Lisaweta hat es gebracht, ich habe sie darum gebeten.«
»Lisaweta! Wie seltsam!« dachte er.
Alles erschien ihm bei Ssonja mit jeder Minute merkwürdiger, wunderlicher. Er holte das Buch zum Lichte und begann darin zu blättern.
»Wo steht hier die Geschichte vom armen Lazarus?« fragte er.
Ssonja blickte unverwandt zu Boden und antwortete nicht. Sie stand ein wenig abgewandt vom Tische.
»Von der Auferstehung des Lazarus, wo ist es? Suche es mir, Ssonja.«
Sie sah ihn mit einem Seitenblick an.
»Nicht dort ... im vierten Evangelium steht es ...« flüsterte sie streng, ohne sich ihm zu nähern.
»Suche es und lies es mir vor,« sagte er, setzte sich, stützte die Ellbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hand legend, blickte düster zur Seite und bereitete sich vor zuzuhören.
»Nach drei Wochen ist sie im städtischen Irrenhause! Ich werde vielleicht selbst auch dort sein, wenn es nicht noch schlimmer enden wird,« murmelte er vor sich hin.
Ssonja trat unschlüssig an den Tisch, nachdem sie das sonderbare Verlangen Raskolnikoffs mißtrauisch gehört hatte. Sie nahm das Buch.
»Haben Sie es denn nicht gelesen?« fragte sie und blickte ihn unter der Stirn hervor an. Ihre Stimme wurde immer ernster und ernster.
»Vor langer Zeit ... Als ich noch zur Schule ging. Lies!«
»Und haben Sie es nicht in der Kirche gehört?«
»Ich ... bin nie in der Kirche gewesen. Gehst du oft hin?«
»N--nein,« flüsterte Ssonja.
Raskolnikoff lächelte.
»Ich verstehe ... Du wirst wohl morgen auch nicht zur Beerdigung des Vaters hineingehen?«
»Ich werde hingehen. Ich war auch in der vorigen Woche in der Kirche ... habe eine Totenmesse halten lassen.«
»Für wen?«
»Für Lisaweta. Man hat sie mit einem Beile erschlagen.«
Seine Nerven wurden immer reizbarer. Der Kopf begann ihm zu schwindeln.
»Warst du mit Lisaweta befreundet?«
»Ja ... Sie war gerecht ... sie kam ... selten ... sie konnte nicht. Wir lasen zusammen und ... sprachen. Sie wird Gott schauen!«
Eigentümlich klangen für ihn diese Worte aus der Bibel und wieder erfuhr er eine Neuigkeit, -- sie hatte mit Lisaweta geheimnisvolle Zusammenkünfte gehabt und beide waren religiös wahnsinnig.
»Man kann hier selbst geisteskrank werden! Es steckt an!« dachte er.
»Lies!« rief er plötzlich hartnäckig und gereizt.
Ssonja war noch immer unentschlossen. Ihr Herz klopfte. Sie wagte nicht ihm vorzulesen. Er sah mit Qual die »unglückliche Geisteskranke« an.
»Wozu denn? Sie glauben doch nicht daran? ...« flüsterte sie leise und mit stockendem Atem.
»Lies! Ich will es haben!« bestand er. »Du hast doch auch Lisaweta vorgelesen.«
Ssonja schlug das Buch auf und suchte die Stelle. Ihre Hände zitterten, die Stimme versagte. Zweimal begann sie und konnte über das erste Wort nicht hinwegkommen.
»Es lag aber einer krank mit Namen Lazarus, von Bethanien ...« sagte sie endlich mit Anstrengung, aber bei dem dritten Worte zitterte plötzlich ihre Stimme und brach ab, wie eine zu straff gespannte Saite. Der Atem versagte ihr und die Brust schnürte sich zusammen.
Raskolnikoff begriff zum Teil, warum Ssonja sich nicht entschließen konnte, ihm vorzulesen, und je mehr er es begriff, um so entschiedener und gereizter bestand er darauf. Er verstand zu gut, wie schwer es ihr jetzt fiel, alles eigene preiszugeben und zu enthüllen. Er hatte begriffen, daß diese Gefühle tatsächlich ihr wahres und vielleicht seit langer Zeit gehegtes Geheimnis bildeten, vielleicht schon seit der Jugendzeit, schon in der Familie, neben dem unglücklichen Vater und der vor Kummer wahnsinnig gewordenen Stiefmutter, mitten unter den hungrigen Kindern, ihrem häßlichen Geschrei und den fortwährenden Vorwürfen. Aber gleichzeitig erkannte er, und zwar mit Sicherheit, daß sie trotz ihres Grams und ihrer Furcht, in dem sie jetzt vorzulesen begann, doch gern, sehr gern es tat und zwar vor ihm, damit er es höre und unbedingt jetzt -- mochte kommen, was da wolle! ... Er hatte das in ihren Augen gelesen und es aus ihrer verzückten Erregung entnommen! ... Sie überwand sich, unterdrückte den Krampf im Halse, der ihr die Stimme am Anfange benommen hatte, und fuhr fort, aus dem elften Kapitel des Evangeliums St. Johannis vorzulesen. So kam sie bis zum 19. Vers: »Und viele Juden waren zu Martha und Maria gekommen, sie zu trösten über ihren Bruder. Als Martha nun hörete, daß Jesus kommt, gehet sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesu: Herr, wärest du hiergewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben; aber ich weiß auch noch, daß, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.«
Hier blieb sie wieder stehn, in schamhafter Vorahnung, daß ihre Stimme zittern und versagen würde ... »Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß wohl, daß er auferstehen wird in der Auferstehung am jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: (und wie mit Schmerz atemholend, las Ssonja deutlich und voller Kraft, als lege sie selbst öffentlich ein Glaubensbekenntnis ab):
>Herr, ja, ich glaube, daß du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.<«
Sie hielt einen Moment inne, erhob schnell zu ihm die Augen, überwand sich aber rasch und las weiter. Raskolnikoff saß und hörte unbeweglich zu, ohne sich umzuwenden, den Ellbogen auf den Tisch gestützt und zur Seite blickend. Sie las bis zum 32. Vers:
»Als nun Maria kam, da Jesus war, und sahe ihn, fiel sie zu seinen Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Als Jesus sie sahe weinen und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, ergrimmte er im Geist und betrübte sich selbst. Und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu ihm: Herr, komm und siehe es. Und Jesu gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn so lieb gehabt! Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat, nicht verschaffen, daß auch dieser nicht stürbe?«
Raskolnikoff wandte sich zu ihr um und sah sie mit Erregung an, -- ja, es ist so! Sie zitterte am ganzen Körper in wahrem, wirklichem Fieber. Er hatte es erwartet. Sie näherte sich den Worten über das größte und unerhörte Wunder, und das Gefühl eines großen Triumphes erfaßte sie. Ihre Stimme wurde klingend wie Metall; Triumph und Freude klangen darin und stärkten sie. Die Zeilen verwischten sich, weil es vor ihren Augen dunkel wurde, aber sie kannte auswendig, was sie las. Bei dem letzten Vers: »Konnte, der dem Blinden die Augen aufgetan hat ...« ließ sie die Stimme sinken und gab heiß und leidenschaftlich den Zweifel, den Vorwurf und Tadel der ungläubigen, blinden Juden wieder, die gleich darauf, nach einer Minute, wie vom Donner getroffen, niederfallen, schluchzen und glauben werden ... »Auch er, er -- ebenfalls verblendet und ungläubig, wird es gleich hören, auch er wird glauben, ja, ja, gleich, jetzt gleich,« durchzuckte es sie und sie bebte in freudiger Erwartung.
»Jesus aber ergrimmete abermals in ihm selbst und kam zum Grabe. Es war aber eine Kluft und ein Stein daraufgelegt. Jesus sprach: Hebet den Stein ab. Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinket schon; denn er ist vier Tage gelegen.«
Sie betonte energisch das Wort -- vier.
»Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein ab, da der Verstorbene lag. Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, daß du mich erhöret hast; doch ich weiß, daß du mich allezeit erhörest; sondern um des Volkes Willen, das umher stehet, sage ich es, daß sie glauben, du habest mich gesandt. Da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazare, komme heraus! Und der Verstorbene kam heraus ...« (Laut und verzückt las sie es, zitternd und fröstelnd, als sähe sie es mit eigenen Augen.)
»Gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht verhüllet mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löset ihn auf und laßt ihn gehen.«
»Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.«
Weiter las sie nicht und konnte auch nicht lesen, sie schloß das Buch und stand schnell vom Stuhle auf. »Das ist alles über die Auferstehung des Lazarus,« flüsterte sie abgerissen und streng und blieb unbeweglich, zur Seite gekehrt, stehen, ohne zu wagen und als schäme sie sich, die Augen zu ihm zu erheben. Ihr fieberhaftes Frösteln dauerte noch an. Der Lichtstumpf begann in dem schiefen Leuchter auszugehen und beleuchtete trübe in diesem armseligen Zimmer den Mörder und die Dirne, die so sonderbar beim Lesen des ewigen Buches zusammengekommen waren. Es vergingen fünf Minuten oder noch mehr.
»Ich bin gekommen, um über eine Angelegenheit mit dir zu sprechen,« sagte Raskolnikoff plötzlich laut und mit düsterem Gesichte, stand auf und trat an Ssonja heran. Sie erhob schweigend die Augen zu ihm. Sein Blick war besonders streng und drückte eine wilde Entschlossenheit aus.
»Ich habe heute meine Verwandten verlassen,« sagte er, »meine Mutter und Schwester. Ich werde nicht mehr zu ihnen gehen. Ich habe mit allem dort gebrochen.«
»Warum?« fragte ihn Ssonja bestürzt. Ihre Begegnung mit seiner Mutter und Schwester hatte in ihr einen ungewöhnlichen, wenn auch ihr selbst nicht klaren Eindruck hinterlassen. Die Mitteilung von seinem Bruche mit ihnen hörte sie fast mit Entsetzen.
»Ich habe jetzt dich allein,« fügte er hinzu. »Gehen wir zusammen ... Ich bin zu dir gekommen. Wir sind beide verflucht und so wollen wir auch beide zusammengehen!«
Seine Augen leuchteten. »Wie ein Wahnsinniger!« dachte Ssonja.
»Wohin sollen wir gehen?« fragte sie voll Angst und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
»Woher soll ich es wissen? Ich weiß nur eins, daß wir einen und denselben Weg haben, das weiß ich sicher, -- und weiter nichts. Ein und dasselbe Ziel.«
Sie blickte ihn an und verstand nichts. Sie begriff nur eins, daß er furchtbar, grenzenlos unglücklich sei.
»Niemand von ihnen wird etwas verstehn, wenn du zu ihnen sprechen wirst,« fuhr er fort, »ich aber habe dich verstanden. Ich brauche dich, darum bin ich auch zu dir gekommen.«
»Ich begreife nicht ...« flüsterte Ssonja.
»Du wirst später begreifen. Hast du denn nicht ebenso gehandelt. Auch du bist hinüber geschritten ... du hast es vermocht. Du hast Hand an dich gelegt, du hast ein Leben zugrunde gerichtet ... dein Leben, das ist einerlei! Du hättest im Geist und in der Vernunft leben können und wirst auf dem Heumarkte enden ... Auch du kannst es nicht aushalten, und wenn du allein bleibst, wirst du den Verstand verlieren, wie ich auch. Du bist schon jetzt wie geistesgestört; also müssen wir zusammengehen, ein und denselben Weg! Gehen wir ihn also!«
»Warum? Warum sagen Sie das?« sagte Ssonja eigentümlich berührt und tief erregt durch seine Worte.
»Warum? Weil es so nicht bleiben darf -- das ist der Grund! Man muß doch endlich ernst und offen es bedenken, und nicht wie ein Kind weinen und ausrufen, daß Gott es nicht zulassen wird! Nun, was wird geschehen, wenn man dich morgen tatsächlich ins Krankenhaus schleppt? Die da ist nicht bei Verstand und hat Schwindsucht, wird bald sterben und was soll aus den Kindern werden? Wird denn Poletschka nicht auch zugrunde gehen? Hast du denn nicht hier Kinder an allen Ecken gesehen, die ihre Mütter betteln schicken? Ich habe mich erkundigt, wo diese Mütter leben und in welcher Umgebung. Dort können die Kinder nicht Kinder bleiben. Dort ist ein siebenjähriger lasterhaft und ein Dieb. Und die Kinder sind doch Ebenbilder Christi. >Ihrer ist das Himmelreich.< Er hat geboten, sie zu achten und zu lieben, sie sind das künftige Menschengeschlecht ...«
»Was soll, was soll ich denn tun?« wiederholte Ssonja nervös weinend und händeringend.
»Was tun? Ein für allemal das, was nötig ist, abbrechen und weiter nichts, -- und das Leiden auf sich nehmen! Was? Du verstehst es nicht? Du wirst es nachher verstehen ... Freiheit und Macht, hauptsächlich Macht! Über alle zitternde Kreaturen und über den ganzen Ameisenhaufen! ... Das ist das Ziel! Denk daran! Das ist mein Geleitwort dir auf den Weg! Vielleicht spreche ich mit dir zum letzten Male. Wenn ich morgen nicht zu dir komme, wirst du selbst von allem hören, und dann erinnere dich meiner jetzigen Worte. Und irgendwann, nachher, nach Jahren, mit der Zeit, wirst du auch vielleicht verstehn, was sie bedeuteten. Wenn ich aber morgen zu dir komme, will ich dir sagen, wer Lisaweta ermordet hat. Leb wohl!«
Ssonja fuhr vor Schreck zusammen.
»Ja, wissen Sie denn, wer sie ermordet hat?« fragte sie und erstarrte vor Entsetzen und blickte ihn wild an.
»Ich weiß es und will es sagen ... Dir, nur dir allein! Ich habe dich gewählt. Ich werde nicht kommen zu dir, um Verzeihung zu bitten, ich will es bloß sagen. Ich habe dich seit langem gewählt, um es dir zu sagen, damals noch, als dein Vater über dich erzählte, und ich dachte daran, als Lisaweta noch lebte. Leb wohl. Gib mir nicht die Hand. Morgen!«
Er ging hinaus. Ssonja sah ihm wie einem Geistesgestörten nach; aber auch sie selbst war wie verrückt und fühlte es. Der Kopf schwindelte ihr.
»Mein Gott, wie weiß er es, wer Lisaweta ermordet hat? Was bedeuteten diese Worte? Es ist furchtbar!«
Aber ein Gedanke kam ihr nicht in den Sinn. Durchaus nicht! ...
»Oh, er muß furchtbar unglücklich sein! ... Er hat Mutter und Schwester verlassen. Warum? Was ist vorgefallen? Und was für Absichten hat er? Was hat er zu ihr gesagt? Er hat ihren Fuß geküßt und gesagt ... gesagt ... ja, er hat es deutlich gesagt, daß er ohne sie nicht mehr leben kann ... Oh, Gott!«
Ssonja verbrachte in Fieber und Träumen die ganze Nacht. Sie sprang zuweilen auf, weinte, rang die Hände und bald verfiel sie wieder in Fieberträume und sie träumte von Poletschka, Katerina Iwanowna, Lisaweta, von Vorlesen aus dem Evangelium und von ihm ... ihm mit dem bleichen Gesicht, mit den funkelnden Augen ... Er küßt ihr die Füße, weinte ... Oh, Gott!
Hinter der Türe rechts, hinter derselben Türe, die das Zimmer Ssonjas von der Wohnung von Gertrude Karlowna Rößlich abteilte, war ein Durchgangszimmer, seit langem unbewohnt, das zu der Wohnung der Frau Rößlich gehörte und das zu vermieten war, worauf die Zettel an dem Tore und an den Scheiben der Fenster, die zum Kanal hinausgingen, hinwiesen. Ssonja war seit langem gewöhnt, dieses Zimmer als unbewohnt zu betrachten. Indessen aber hatte in dem leeren Zimmer die ganze Zeit an der Türe Herr Sswidrigailoff gestanden und heimlich gelauscht. Als Raskolnikoff fortgegangen war, blieb er stehn, dachte nach, ging auf den Fußspitzen in sein Zimmer, das an das leere grenzte, holte dort einen Stuhl und stellte ihn leise an die Türe, die zu Ssonjas Zimmer führte. Das Gespräch erschien ihm amüsant und bedeutungsvoll und hatte ihm sehr gefallen, -- hatte ihm so gefallen, daß er einen Stuhl hinbrachte, um künftig, zum Beispiel morgen schon, nicht wieder der Unannehmlichkeit ausgesetzt zu sein, eine ganze Stunde stehen zu müssen, sondern sich's bequemer zu machen, um in jeder Beziehung völlig befriedigt zu werden.
V.
Als Raskolnikoff am anderen Morgen, punkt elf Uhr, in das Haus des --schen Polizeireviers, in die Abteilung des Untersuchungsrichters eingetreten war und gebeten hatte, ihn Porphyri Petrowitsch anzumelden, war er verwundert, wie lange man ihn warten ließ, -- es vergingen mindestens zehn Minuten, ehe man ihn rief. Seiner Berechnung nach mußte man sich sofort auf ihn stürzen. Er stand indessen im Wartezimmer, es gingen Menschen an ihm vorüber, die offenbar sich gar nicht für ihn interessierten. In dem anderen Zimmer, das einer Kanzlei glich, saßen und schrieben einige Schreiber, und es war ersichtlich, daß niemand auch eine Ahnung davon hatte, -- wer und was Raskolnikoff sei? Mit unruhigem und mißtrauischem Blicke beobachtete er alles umher, und suchte, -- ob nicht neben ihm irgendeine Wache stehe, und ob er keinen geheimnisvollen Wink sähe, bestimmt, auf ihn acht zu geben, daß er nicht entrinne? Aber nichts von alledem, -- er sah bloß sorgenvolle Kanzleigesichter und einige andere Leute, und niemand kümmerte sich um sein Kommen und Gehen. Immer mehr befestigte sich in ihm der Gedanke, daß, wenn dieser geheimnisvolle Mensch von gestern, dieses Gespenst, das aus der Erde hervorgestiegen schien, tatsächlich alles wußte und alles gesehen hatte, -- man ihm, Raskolnikoff, nicht erlauben würde, jetzt so dazustehen und ruhig abzuwarten? Und würde man auf ihn bis elf Uhr gewartet haben, bis es ihm selbst eingefallen wäre, zu erscheinen? Es zeigte sich also, daß dieser Mensch entweder noch nichts mitgeteilt hatte, oder ... oder er einfach nichts wußte und mit seinen eigenen Augen nichts gesehen hatte, -- ja, und wie konnte er es auch gesehen haben? -- und schließlich war alles, was gestern mit ihm, Raskolnikoff, vorgefallen war, nichts als eine Wahnerscheinung, die seine gereizte und kranke Einbildung übertrieben hatte. Diese Vermutung hatte ja gestern schon während der stärksten Aufregungen und der Verzweiflung in ihm sich zu befestigen angefangen. Nachdem er sich dies alles jetzt noch einmal überlegt hatte und sich zu einem neuen Kampfe anschickte, fühlte er plötzlich, daß er zittre, -- und eine Empörung erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß er aus Furcht vor dem verhaßten Porphyri Petrowitsch zittere. Am schrecklichsten für ihn war es, mit diesem Menschen wieder zusammenzutreffen; er haßte ihn über alle Maßen, grenzenlos, und fürchtete direkt, seinen Haß irgendwie zu offenbaren. Seine Empörung über sich selbst war so stark, daß das Zittern sofort aufhörte; er schickte sich an, mit einer kalten und frechen Miene hineinzugehen und versprach sich selbst, möglichst viel zu schweigen, zu beobachten und zuzuhören und dieses Mal um jeden Preis seine krankhafte gereizte Natur zu überwinden. In diesem Augenblicke rief man ihn zu Porphyri Petrowitsch hinein.
Es traf sich, daß in diesem Momente Porphyri Petrowitsch in seinem Arbeitszimmer allein war. Sein Arbeitszimmer war weder klein, noch groß; es standen darin ein großer Schreibtisch vor einem Divan, der mit Wachstuch bezogen war, ein Schrank in einer Ecke und einige Stühle, -- alles gehörte dem Staate und war aus gelbem poliertem Holze. In einer Ecke der Hinterwand oder besser gesagt der Scheidewand, war eine verschlossene Türe, -- also, mußten hinter dieser Wand sich noch andere Zimmer befinden. Nach Raskolnikoffs Eintritt schloß Porphyri Petrowitsch sofort die Türe, durch die er eingetreten war, und sie waren allein. Er begrüßte seinen Besuch mit sichtlich fröhlichstem und freundlichstem Ausdruck, und erst nach einigen Minuten merkte Raskolnikoff aus einigen Anzeichen eine gewisse Bestürztheit, als sei er plötzlich aus dem Konzept gebracht, oder als hatte man ihn auf etwas Verstecktem und Geheimem ertappt.
»Ah, Verehrtester! Da sind Sie ja ... in unserer Gegend ...« begann Porphyri Petrowitsch und streckte ihm beide Hände entgegen. »Nun, nehmen Sie Platz, Väterchen! Oder vielleicht haben Sie es nicht gern, daß man Sie Verehrtester und ... Väterchen nennt, -- sozusagen tout court{[7]}? Halten Sie es bitte nicht für familiär ... Bitte, hierher auf den Divan.«
Raskolnikoff setzte sich, ohne die Augen von ihm zu wenden.
»Ja unserer Gegend,« Entschuldigung wegen Familiarität, das französische »tout court{[7]}« und dergleichen mehr, dies alles waren charakteristische Anzeichen. »Er hat mir beide Hände entgegengestreckt, hat aber keine Hand gereicht, hat sie rechtzeitig zurückgezogen,« dachte er mißtrauisch. Beide beobachteten einander, aber kaum begegneten sich ihre Blicke, als sie beide mit Blitzesschnelle sie voneinander abwandten.
»Ich habe Ihnen diese Anmeldung ... über die Uhr gebracht ... hier haben Sie es. Ist es richtig geschrieben, oder soll ich es umschreiben?«
»Was? Die Anmeldung? Ja, so ... machen Sie sich keine Sorge, es ist richtig,« sagte Porphyri Petrowitsch, als hätte er Eile, und erst nachdem er das gesagt hatte, nahm er das Schriftstück und sah es durch. »Ja, es ist richtig. Mehr ist auch nicht nötig,« bestätigte er noch einmal schnell und legte das Papier auf den Tisch.
Nach einer Minute, als er schon von etwas anderem sprach, nahm er es wieder in die Hand und legte es in seinen Schreibtisch.
»Ich glaube, Sie sagten gestern, daß Sie wünschten, mich ... in aller Form ... über meine Bekanntschaft mit dieser ... Ermordeten zu fragen?« begann wieder Raskolnikoff. »Nun, warum habe ich >ich glaube< gesagt?« durchfuhr es ihn. »Warum beunruhige ich mich denn so, daß ich dieses >ich glaube< hinzugefügt habe?« kam ihm alsbald ein zweiter Gedanke. Und plötzlich empfand er, daß seine Zweifelsucht, nur bei der Berührung mit Porphyri Petrowitsch, nur nach zwei Worten, nur von zwei Blicken, in einem einzigen Augenblick schon ins Ungeheure gestiegen sei ... und daß dies sehr gefährlich sei, -- seine Nerven wurden gereizt, die Erregung steigerte sich. »Es ist ein Unglück! Ein Unglück! ... Ich werde mich wieder versprechen.« --
»Ja, ja, ja! Haben Sie keine Sorge! Es hat Zeit, hat Zeit!« murmelte Porphyri Petrowitsch und ging vor dem Tische auf und ab, wie absichtslos. Bald eilte er zu dem Fenster, bald zum Schreibtisch, bald zu dem anderen Tisch, bald mied er den mißtrauischen Blick Raskolnikoffs, bald blieb er plötzlich stehen und sah ihm unverwandt ins Gesicht. Sonderbar erschien dabei seine kleine, dicke und runde Gestalt, die wie ein Gummiball überall hinrollte und sofort von den Wänden und den Ecken absprang.
»Wir haben Zeit, wir haben Zeit! ... Rauchen Sie? Haben Sie was zu rauchen? Bitte, hier ist eine Zigarette,« fuhr er fort und reichte dem Besucher Zigaretten ... »Wissen Sie, ich empfange Sie hier, meine Wohnung aber ist hier hinter der Zwischenwand ... freie Dienstwohnung, ich wohne jetzt noch in meiner alten, eigenen. Man mußte hier einige kleine Reparaturen vornehmen. Jetzt ist alles fast in Ordnung ... eine freie Dienstwohnung ist eine schöne Sache? Meinen Sie nicht?«
»Ja, es ist eine schöne Sache,« antwortete Raskolnikoff und blickte ihn fast spöttisch an.
»Eine schöne Sache, eine schöne Sache ...« wiederholte Porphyri Petrowitsch, als ob er an etwas ganz anderes denke, »ja! eine schöne Sache!« rief er zum Schlusse laut, erhob plötzlich die Augen zu Raskolnikoff und blieb zwei Schritte vor ihm stehen.
Diese fortwährende dumme Wiederholung, daß eine Dienstwohnung eine schöne Sache sei, widersprach sehr dem ernsten sinnenden und rätselhaften Blicke, mit dem er jetzt seinen Besuch anstarrte.
Dies aber reizte noch mehr die Wut Raskolnikoffs, so daß er eine spöttische und ziemlich unvorsichtige Herausforderung nicht unterdrücken konnte.
»Sie wissen doch,« sagte er unerwartet, indem er ihn fast dreist anblickte, und als empfände er einen Genuß von seiner Dreistigkeit, »daß es eine juristische Regel, ein juristischer Kniff mancher Untersuchungsrichter ist, -- zuerst von weitem her mit Kleinigkeiten, oder auch mit etwas Ernstem aber Fernliegendem zu beginnen, um den zu Verhörenden sozusagen zu ermutigen, oder besser gesagt, abzulenken, seine Vorsicht einzuschläfern, um ihn nachher plötzlich und unversehens mit einer verhängnisvollen und gefährlichen Frage zu betäuben, habe ich recht? Das wird, glaube ich, in allen Lehrbüchern und Vorschriften bis heute als unfehlbarer Kunstgriff festgehalten.«
»Es ist richtig ... und Sie meinen, daß ich es mit der freien Dienstwohnung bei Ihnen versucht habe ... ah?«
Als Porphyri Petrowitsch dies gesagt hatte, kniff er die Augen zusammen und blinzelte ihm zu; etwas Lustiges und Schlaues huschte über sein Gesicht, die Falten auf seiner Stirn glätteten sich, die Augen wurden schmäler, die Gesichtszüge erweiterten sich, und plötzlich brach er in ein nervöses langandauerndes Lachen aus, das seinen ganzen Körper erschütterte, dabei sah er Raskolnikoff unentwegt in die Augen. Raskolnikoff zwang sich in das Lachen einzustimmen. Als aber Porphyri Petrowitsch sah, daß auch er lache, brach er in ein Gelächter aus, daß ihm das Blut zu Kopf stieg. Raskolnikoffs Widerwillen überwog seine Vorsicht, -- er hörte auf zu lachen, sein Gesicht verfinsterte sich und er sah Porphyri Petrowitsch lange und voll Haß an während dieses anhaltenden und wie absichtlich nicht aufhörenden Lachens. Übrigens war die Unvorsichtigkeit beiderseits -- es war doch klar, daß Porphyri Petrowitsch über seinen Besucher lachte und daß er über dessen unverhohlenen Mißmut sich nicht im geringsten kümmerte. Das aber war für Raskolnikoff sehr wichtig -- er hatte begriffen, daß Porphyri Petrowitsch auch vorhin sich gar nicht verlegen gefühlt hatte, daß im Gegenteil er, Raskolnikoff, wahrscheinlich in eine Falle geraten sei, daß es hier etwas gab, was er nicht ahnte, daß vielleicht schon alles vorbereitet sei, um sich im nächsten Augenblick zu zeigen und ihn zu überrumpeln ...
Er ging gerade auf das Ziel los, stand von seinem Platze auf und nahm seine Mütze.
»Porphyri Petrowitsch,« begann er gereizt, aber entschlossen, »Sie äußerten gestern den Wunsch, daß ich zu einem Verhöre herkommen sollte.« (Er betonte besonders das Wort Verhör.) »Ich bin gekommen, und wenn Sie etwas wünschen, fragen Sie mich, sonst aber gestatten Sie mir, wegzugehen. Ich habe keine Zeit, denn ich habe zu tun ... Ich muß zu der Beerdigung eines Beamten, der überfahren worden ist und von dem ... Sie auch ... schon wissen ...« fügte er hinzu, ärgerte sich aber sofort, daß er das hinzugefügt hatte und wurde noch gereizter. »Ich bin des Ganzen überdrüssig, hören Sie, und seit langem schon ... ich bin zum Teil auch deshalb krank gewesen ... mit einem Worte,« schrie er fast, als er fühlte, daß die Phrase über seine Krankheit sehr überflüssig war, »mit einem Worte, -- belieben Sie mich entweder zu fragen oder zu entlassen, und zwar sofort ... und wenn Sie mich fragen wollen, dann nicht anders, als nach der gesetzlichen Form! Anders werde ich es nicht erlauben, und darum sage ich Ihnen einstweilen, leben Sie wohl, da wir jetzt beide nichts miteinander zu schaffen haben.«
»Mein Gott! Ja, was ist mit Ihnen? Ja, worüber soll ich Sie denn fragen,« sagte auf einmal Porphyri Petrowitsch aufgeregt, indem er sofort den Ton und seine Miene änderte und aufhörte zu lachen, »bitte, regen Sie sich doch nicht auf,« bemühte er sich um Raskolnikoff, bald nötigte er ihn, seinen Platz wieder einzunehmen, bald lief er im Zimmer umher, »es hat Zeit, es hat Zeit und alles sind doch bloß Kleinigkeiten! Ich bin im Gegenteil so froh, daß Sie endlich zu mir gekommen sind ... Ich empfange Sie als meinen Gast. Und dieses verfluchte Lachen bitte ich Sie zu entschuldigen, Väterchen, Rodion Romanowitsch. -- Rodion Romanowitsch, so ist doch Ihr Vatername, nicht wahr? ... Ich bin ein nervöser Mensch. Sie haben mich durch Ihre witzige Bemerkung stark zum Lachen gebracht; zuweilen schüttelt es mich wirklich, als wäre ich aus Kautschuk, und das dauert manchmal eine halbe Stunde ... Ich neige zum Lachen. Bei meiner Statur fürchte ich dadurch einmal einen Schlaganfall zu bekommen. Ja, setzen Sie sich doch, warum stehn Sie? ... Bitte, setzen Sie sich, Väterchen, sonst denke ich, daß Sie mir böse sind ...«
Raskolnikoff schwieg, hörte zu und beobachtete ihn, noch immer zornig und mit düsterem Gesichte. Er nahm Platz, legte aber die Mütze nicht aus der Hand.
»Ich will Ihnen, Väterchen Rodion Romanowitsch, von mir selbst etwas sagen, um Ihnen meinen Charakter sozusagen zu erklären,« fuhr Porphyri Petrowitsch fort, indem er im Zimmer hin und her eilte und wie vorhin den Blick seines Gastes zu meiden schien. »Wissen Sie, ich bin ein alter Junggeselle, ohne weltmännische Art und ohne Beziehungen, außerdem ein abgetaner Mensch, der schon über die Reife hinaus und in Samen geschossen ist ... Und Rodion Romanowitsch, haben Sie nicht auch schon beobachtet, daß bei uns, das heißt bei uns in Rußland, und meistens in unseren Petersburger Kreisen, wenn zwei kluge Menschen zusammenkommen, die einander noch nicht gut kennen, aber sich sozusagen gegenseitig achten, wie wir jetzt zusammengekommen sind, so können sie kaum vor Ablauf einer halben Stunde ein Gesprächsthema finden, -- sie sitzen, starren einander an und genieren sich. Alle haben einen Gesprächsstoff, Damen zum Beispiel ... Leute aus der großen Welt zum Beispiel haben immer ein Thema zur Unterhaltung, c'est de rigueur{[8]}. Die Leute aber aus den mittleren Schichten, das heißt denkende Menschen, wie wir, -- sind alle verlegen und nicht gesprächig. Woher kommt das, Väterchen? Haben wir keine gemeinsamen Interessen, oder sind wir zu ehrlich und wollen einander nicht betrügen, ich weiß es nicht? Ah? Wie meinen Sie? Legen Sie doch bitte die Mütze fort, es sieht so aus, als wollten Sie gleich fortgehen, das ist wirklich peinlich ... Ich freue mich im Gegenteil sehr, daß Sie hier sind ...«
Raskolnikoff legte die Mütze weg, verhielt sich aber schweigend und hörte ernst und mit düsterem Gesichte dem leeren und verworrenen Geschwätz von Porphyri Petrowitsch zu.
»Will er tatsächlich mit seinem dummen Geschwätz meine Aufmerksamkeit ablenken?« dachte er.
»Ich kann Ihnen leider keinen Kaffee anbieten, es geht hier nicht an; doch warum soll man sich nicht fünf Minuten mit einem guten Bekannten zerstreuen,« redete Porphyri Petrowitsch ohne Unterbrechung fort, »und wissen Sie, alle diese dienstlichen Pflichten ... aber seien Sie bitte, Väterchen, nicht böse, daß ich in einem fort auf und ab gehe; entschuldigen Sie, Väterchen, ich fürchte sehr, Sie zu kränken, Bewegung aber tut mir einfach nötig. Ich sitze die ganze Zeit und bin sehr froh, so fünf Minuten herumgehen zu können ... Hämorrhoiden ... ich will mich durch Gymnastik behandeln; man erzählt, daß Staatsräte, wirkliche Staatsräte und sogar Geheimräte, sehr gern ab und zu über die Schnur springen; ja, ja, die Wissenschaft in unserem Jahrhundert ... leistet viel ... Und diese dienstlichen Pflichten, Verhöre und diese ganzen Formalitäten ... Sie erwähnten, Väterchen, soeben etwas von Verhören ... ja, wissen Sie, Väterchen Rodion Romanowitsch, diese Verhöre verwirren zuweilen den Verhörer selbst mehr als den zu Verhörenden ... Das haben Sie, Väterchen, sehr richtig und witzig soeben bemerkt« (Raskolnikoff hatte gar keine derartige Bemerkung gemacht). -- »Man wird konfus! Wirklich, man wird konfus, und immer hat man ein und dasselbe, immer ein und dasselbe, es geht in einer Leier so fort! Die Reform ist im Anzuge, wir werden wenigstens einen anderen Titel erhalten, he--he--he! Und was unser Verfahren, über das Sie vorhin so gelungen sprachen, anbetrifft, so bin ich ganz Ihrer Meinung. Aber, sagen Sie bitte, welcher Angeklagte, und wäre es der dümmste Bauer, wüßte nicht, daß man zuerst anfängt, ihn durch nebensächliche Fragen einzuschläfern, wie Sie treffend bemerkten, um ihn dann plötzlich mit einem Schlage zu betäuben, he--he--he! ihn zu betäuben, nach Ihrem glücklichen Ausdruck! He--he--he! Also, Sie dachten tatsächlich, daß ich es bei Ihnen mit der Dienstwohnung versuchen wollte ... he, he! Sie sind ein spöttischer Mensch! Also, ich werde nicht mehr darüber reden! Ach ja, beiläufig, das eine Wort zieht ja das andere nach, und ein Gedanke ruft den andern, -- Sie haben vorhin auch die gesetzliche Form erwähnt, wissen Sie, in bezug auf das Verhör ... Wozu denn eine gesetzliche Form? Die Form ist, wissen Sie, in vielen Fällen ein Unsinn. Manchesmal ist es vorteilhafter, in aller Freundschaft miteinander zu sprechen. Die Form läuft nie davon, darin gestatte ich mir Sie zu beruhigen; ja, und was ist eigentlich die Form, frage ich Sie? Die gesetzliche Form darf nicht bei jedem Schritt den Untersuchungsrichter hemmen. Die Arbeit eines Untersuchungsrichters ist doch sozusagen freie Kunst in ihrer Art, oder etwas Ähnliches ... he! he!«
Porphyri Petrowitsch machte für einen kurzen Augenblick eine Pause. Er redete in einem fort, ohne zu ermüden, bald sinnloses und inhaltloses Zeug, bald machte er plötzlich rätselhafte Anspielungen und verlor sich von neuem in sinnloses Geschwätz. Er lief schon fast im Zimmer herum und bewegte immer schneller und schneller seine dicken kurzen Beine; blickte dabei die ganze Zeit zu Boden, hatte die rechte Hand auf dem Rücken und machte mit der linken allerhand Bewegungen, die jedesmal nur wenig mit seinen Worten übereinstimmten. Raskolnikoff bemerkte plötzlich, daß er ein paarmal neben der Tür stehen blieb und zu lauschen schien ...
»Wartet er etwa auf etwas?« dachte er.
»Und Sie sind vollkommen im Rechte,« begann von neuem Porphyri Petrowitsch und blickte heiter und mit ungewöhnlicher Treuherzigkeit Raskolnikoff an, was jenen zu vermehrter Achtsamkeit veranlaßte. »Sie haben tatsächlich recht, daß Sie über die Rechtsformen sich so lustig machen, he--he! Diese tiefsinnigen psychologischen Kunstgriffe -- einige natürlich nur -- sind äußerst lächerlich, ja und vielleicht nutzlos, wenn sie durch die gesetzliche Form zu sehr beschränkt sind. Ja ... ich komme wieder auf die gesetzliche Form zurück, -- also, wenn ich den einen oder den anderen sozusagen für den Verbrecher halte, oder besser gesagt, ihn im Verdacht habe, in irgendeiner mir übertragenen Angelegenheit ... Sie bereiten sich doch vor, Jurist zu werden, Rodion Romanowitsch?«
»Ja, ich wollte es werden ...«
»Nun, da möchte ich Ihnen sozusagen ein Beispiel für die Zukunft anführen, -- das heißt, glauben Sie nicht, daß ich es wage, Sie zu belehren, -- Sie lassen doch selber große Artikel über Verbrechen drucken! Nein, ich will Ihnen nur, als eine Tatsache, ein Beispiel erwähnen, -- also falls ich den einen oder den anderen für den Verbrecher halten sollte, fragt es sich, soll ich ihn vor der Zeit beunruhigen, wenn ich auch Beweise gegen ihn habe? Den einen muß ich zum Beispiel schneller verhaften, ein anderer aber hat einen ganz anderen Charakter, wirklich, -- warum soll man ihm denn nicht gestatten, in der Stadt herumzuspazieren -- he--he--he! Nein, ich sehe, daß Sie nicht ganz verstehn, ich will es Ihnen deutlicher erklären, -- wenn ich ihn zum Beispiel zu früh einsperre, so gebe ich ihm vielleicht dadurch eine moralische Stütze, sozusagen, he--he! Sie lachen?« (Raskolnikoff dachte gar nicht daran, zu lachen; er saß mit zusammengepreßten Zähnen und wandte seinen glühenden Blick von den Augen Porphyri Petrowitschs nicht ab.) »Das kann bei dem einen Subjekt genau das richtige sein, denn die Menschen sind verschieden, und da muß vor allem die Praxis entscheiden. Sie werden jetzt einwenden -- und die Beweise! Ja, nehmen wir an, es sind Beweise da, aber Beweise haben doch meistenteils, Väterchen, zwei Seiten, und ich bin doch Untersuchungsrichter, also auch nur ein schwacher Mensch, und ich gestehe, daß ich die Untersuchung sozusagen mathematisch klarstellen möchte, und solch einen Beweis zu erbringen wünsche, daß es so klar wäre, wie zweimal zwei vier ist! Daß es einer klaren unbestreitbaren Tatsache gleiche! Wenn ich ihn aber vor der Zeit einsperre, -- und wäre ich fest überzeugt, daß er es ist, -- so kann ich mich selbst vielleicht der Mittel berauben, ihn weiter zu überführen, und warum? Weil ich ihm sozusagen eine bestimmte Lage gebe, ihn sozusagen psychologisch bestimme und festlege, und da wird er sich vor mir in seine Schale verkriechen, -- er wird endlich begreifen, daß er Gefangener ist. Man erzählt sich, daß kluge Leute in Sebastopol sofort nach der Schlacht bei Alma schreckliche Angst hatten, daß der Feind gleich darauf einen offenen Sturm auf Sebastopol machen und die Stadt einnehmen würde; als sie aber sahen, daß der Feind eine regelrechte Belagerung vorzog und die erste Parallele zog, da haben sich die klugen Leute ordentlich gefreut und sich beruhigt, -- die Sache zieht sich wenigstens noch zwei Monate hin, denn es dauert ein Endchen, ehe sie durch eine regelrechte Belagerung die Stadt einnehmen können. Sie lachen wieder, Sie glauben wieder nicht? Sie sind selbstverständlich auch im Recht. Sie sind im Recht, Sie sind im Recht! Ich bin mit Ihnen einverstanden, es sind alles Einzelfälle; der angeführte Fall steht tatsächlich vereinzelt da! Aber sehen Sie, lieber Rodion Romanowitsch, man muß dabei folgendes nicht außer acht lassen, -- es gibt doch keinen allgemeinen Fall, einen solchen, auf den alle rechtlichen Formen und Regeln passen, nach dem sie berechnet und in Bücher eingetragen sind, aus dem bloßen Grunde, weil jede Tat, jedes Verbrechen, zum Beispiel sofort, kaum daß es in Wirklichkeit geschehen ist, sich in einen vollkommenen Einzelfall verwandelt und zuweilen in einen solchen, der einem früheren ganz und gar nicht ähnlich ist. Zuweilen passieren in dieser Hinsicht ganz komische Sachen. Wenn ich nun einen Herrn ganz allein lasse, ihn nicht festnehme und nicht beunruhige, aber er soll jede Stunde und jeden Augenblick wissen oder wenigstens ahnen, daß ich alles weiß, sein ganzes Geheimnis, Tag und Nacht ihn beobachten lasse, über ihn rastlos wache, und wenn er sich bewußt unter ewigem Verdachte und in ewiger Angst fühlt, -- bei Gott, da wird er nicht aus und ein wissen, er wird tatsächlich selbst kommen und wird vielleicht noch etwas tun, was dem Zweimalzwei bestimmt ähnlich sein wird, was sozusagen wie ein mathematisches Exempel aussieht, -- und das ist sehr angenehm. Das kann auch mit einem plumpen Bauern geschehen, aber um so mehr mit unsereinem, einem modern gebildeten und nach einer bestimmten Richtung entwickelten Menschen! Denn, mein Lieber, es ist sehr wichtig zu wissen, in welcher Richtung ein Mensch entwickelt ist. Und die Nerven, die Nerven, die haben Sie ganz vergessen! Die sind doch heutzutage krank, schlecht und gereizt! ... Und die Galle, -- wieviel Galle sie alle haben! Das ist ja, will ich Ihnen nur sagen, in manchen Fällen eine Fundgrube in ihrer Art! Und warum soll ich beunruhigt sein, daß er ungefesselt in der Stadt herumgeht? Mag er, mag er vorläufig spazieren gehen; ich weiß auch ohnedem, daß er mein Opfer ist und niemals von mir fortläuft! Ja, und wohin soll er auch fliehen, he--he! Ins Ausland etwa? Ein Pole wird ins Ausland fliehen, aber nicht er, um so mehr, da ich ihn beobachte und Maßregeln ergriffen habe. Soll er ins Innere des Vaterlandes etwa fliehen? Dort leben aber Bauern, echte, ungewaschene Russen; da wird ein modern entwickelter Mensch eher das Gefängnis vorziehen, als mit solchen Ausländern, wie es unsere Bauern sind, leben, he--he--he! Aber das ist Unsinn, sind reine Äußerlichkeiten. Was heißt, -- er wird fliehen! Das ist formell gemeint, es ist nicht die Hauptsache; er wird mir nicht entfliehen, nicht, weil er nirgends hinfliehen könnte, -- er wird mir psychologisch nicht entfliehen, he--he! Was sagen Sie zu dem Ausdruck? Er wird dem Naturgesetze nach mir nicht entfliehen, wenn er auch irgendwohin fliehen könnte. Haben Sie einen Schmetterling vor einem Lichte gesehen? Nun, er wird auch so die ganze Zeit um mich, wie um ein Licht, herumflattern; die Freiheit wird ihm unlieb werden, er wird nachdenklich werden, sich verwirren, sich selbst wie in ein Netz verwickeln und sich zu Tode zappeln! ... Nicht das allein, -- er wird mir selbst irgendein mathematisches Exempel, wie Zweimalzwei, bringen, -- wenn ich ihm bloß genügend Zeit dazu lasse ... Und er wird die ganze Zeit, wird die ganze Zeit mich umkreisen und immer kleinere und kleinere Kreise ziehen und -- bardautz! Er wird mir direkt in den Mund fliegen und ich werde ihn verschlucken, und das ist aber sehr angenehm, he--he--he! Sie glauben nicht?«
Raskolnikoff antwortete nicht, er saß bleich und unbeweglich und sah die ganze Zeit Porphyri Petrowitsch starr ins Gesicht.
»Die Lehre ist gut!« dachte er erschauernd. »Das ist nicht mehr ein Spiel, wie die Katze mit der Maus, wie es gestern der Fall war. Und er zeigt mir doch nicht nutzlos seine Macht und ... souffliert mir; er ist dazu zu klug ... Er verfolgt einen anderen Zweck, aber was für einen? He, es ist Unsinn, Bruder, du willst mir nur Furcht einjagen und spielst den Schlauen! Du hast keine Beweise und der Mann von gestern existiert gar nicht! Du willst mich bloß verwirren, vorzeitig reizen und in diesem Zustande auf mich losschlagen, aber nein, du schlägst vorbei! Aber warum, warum souffliert er mir in dieser Weise? ... Rechnet er etwa mit meinen kranken Nerven! ... Nein, Bruder, das wird dir nicht gelingen, obwohl du etwas vorbereitet hast ... Nun, wollen wir mal sehen, was du da vorbereitet hast.«
Und er nahm alle Kräfte zusammen, um sich auf eine furchtbare und unbekannte Katastrophe gefaßt zu machen. Zuweilen fühlte er einen heftigen Drang, sich auf Porphyri Petrowitsch zu stürzen und ihn auf der Stelle zu erwürgen. Als er hereintrat, fürchtete er sich vor dieser Wut. Er fühlte, daß seine Lippen trocken waren, sein Herz klopfte und daß der Schaum vor dem Munde eingetrocknet war. Er beschloß trotzdem zu schweigen. Er begriff, daß das die beste Taktik in seiner Situation sei, weil er nicht bloß keine Gelegenheit hatte, sich zu versprechen, sondern im Gegenteil durch sein Schweigen den Gegner reizen konnte, und jener vielleicht noch sich selbst verraten würde. Er hoffte wenigstens darauf.
»Nein, ich sehe, Sie glauben mir nicht, Sie meinen, daß ich Ihnen unschuldige Späße erzähle,« sagte Porphyri Petrowitsch, indem er lustiger wurde, vor Vergnügen ununterbrochen kicherte und wieder im Zimmer herumwanderte. »Sie haben selbstverständlich ein Recht dazu. Gott hat mir so eine Gestalt verliehen, daß sie nur lächerliche Gedanken bei anderen erregt; bin der Possenreißer, aber ich will nur eins sagen und wiederhole noch einmal, entschuldigen Sie mich alten Mann, Väterchen Rodion Romanowitsch, -- Sie sind noch ein junger Mann, sozusagen in der Jugendblüte, und schätzen darum am höchsten, wie überhaupt die Jugend, den menschlichen Verstand. Schärfe des Verstandes und abstrakte Vernunftschlüsse ziehen Sie an. Das ist genau, wie mit dem früheren österreichischen Hofkriegsrat, soweit ich über Kriegsereignisse urteilen kann, -- auf dem Papier hatten sie Napoleon geschlagen und gefangen genommen, haben in ihrem Arbeitszimmer alles in der scharfsinnigsten Weise ermessen und berechnet, und zuguterletzt ergibt sich General Mack mit seiner ganzen Armee, he--he--he! Ich sehe, ich sehe, Väterchen Rodion Romanowitsch, Sie lachen über mich, daß so ein Zivilist, wie ich, Beispiele aus der Kriegsgeschichte anführt. Ja, was soll ich tun, ich habe einmal diese Schwäche, liebe alles Militärische und lese sehr gern alle diese Kriegsrelationen ... ich habe entschieden in der Wahl meines Berufes gefehlt. Ich sollte als Militär dienen, gewiß, zum Napoleon hätte ich es nicht gebracht, höchstens bis zum Major, he--he--he! Nun, ich will Ihnen jetzt die volle Wahrheit in bezug auf den Einzelfall sagen, mein Lieber. Wirklichkeit und Natur, mein Herr, sind wichtige Dinge und machen zuweilen die allerglänzendste Berechnung zuschanden! He, hören Sie auf mich, einen alten Mann, ich spreche im Ernst. Rodion Romanowitsch,« -- (indem er dies sagte, schien der kaum fünfunddreißigjährige Porphyri Petrowitsch tatsächlich gealtert zu sein, -- sogar seine Stimme hatte sich verändert und sie schien wie verfallen) -- »und außerdem bin ich aufrichtig ... Bin ich nicht aufrichtig? Was meinen Sie? Mir scheint, ich bin es im vollen Maße, -- teile Ihnen solche Dinge umsonst mit, und verlange dafür gar keine Belohnung, he--he--he! Nun, also, ich fahre fort, -- Scharfsinn ist meiner Meinung nach ein prächtiges Ding; er ist sozusagen eine Zierde der Natur und ein Trost des Lebens, und kann solche Kunststücke produzieren, daß zuweilen ein armer Untersuchungsrichter beim besten Willen sie nicht erraten kann, der zudem von seiner eigenen Phantasie geleitet wird, wie es oft genug vorkommt, denn er ist auch nur ein Mensch! Aber die Natur hilft dem armen Untersuchungsrichter, das ist das Unglück! Daran aber denkt die von ihrem Scharfsinn hingerissene Jugend nicht, >die über alle Hindernisse hinwegschreitet<, -- wie Sie sich scharfsinnig und trefflich auszudrücken beliebten. Er wird -- nehmen wir es an -- lügen, das heißt, der Mensch, der Einzelfall, der Inkognito, und wird ausgezeichnet und in der schlauesten Weise lügen; nun müßte er, sollte man meinen, triumphieren und die Früchte seines Scharfsinnes genießen, aber es kommt ein Krach, -- bei der interessantesten, skandalösesten Stelle fällt er in Ohnmacht. Angenommen, es kann von Krankheit und zuweilen von der dumpfen Luft in einem Zimmer kommen, aber trotzdem! Trotzdem ist der Gedanke gegeben! Er hat unvergleichlich gelogen, hat aber nicht verstanden, mit der Natur zu rechnen. Darin aber lag die Tücke! Ein anderes Mal läßt er sich von der Lebhaftigkeit seines Scharfsinnes hinreißen, beginnt einen Menschen, der ihn im Verdacht hat, zum Narren zu halten, erbleicht, wie absichtlich, wie im Scherze, aber erbleicht schon zu natürlich, so daß es zu sehr wirklichem Erbleichen gleicht, und wieder ist der Gedanke gegeben! Wenn ihm auch der Betrug zum ersten Male gelingt, aber über Nacht denkt jener nach und überlegt es sich anders, wenn er nicht dumm ist. Und so geschieht es auf Schritt und Tritt! Das ist noch nichts, -- er beginnt sich selbst vorzudrängen, beginnt sich hineinzumischen, wo man ihn nicht fragt, spricht in einem fort über Dinge, über die er im Gegenteil schweigen müßte, läßt allerhand Allegorien vom Stapel, he--he!, kommt selbst und fragt, warum man ihn so lange nicht festnimmt, he--he--he! und das kann auch mit dem scharfsinnigsten Menschen, mit einem Psychologen und Literaten, passieren! Die Natur ist ein Spiegel, der durchsichtigste Spiegel! Sieh hinein und betrachte dich, ja so ist es! Ja, warum sind Sie so blaß geworden, Rodion Romanowitsch, ist es für Sie hier zu dumpf, soll ich nicht das Fenster aufmachen?«
»Oh, bemühen Sie sich, bitte, nicht,« -- rief Raskolnikoff aus und lachte plötzlich laut, -- »bitte, bemühen Sie sich nicht.«
Porphyri Petrowitsch blieb vor ihm stehen, wartete eine Weile und stimmte dann in das Lachen ein. Raskolnikoff erhob sich vom Diwan und brach plötzlich seinen Lachanfall ab.
»Porphyri Petrowitsch!« -- sagte er laut und deutlich, obwohl er kaum auf den zitternden Füßen stehen konnte, -- »ich sehe endlich klar, daß Sie mich positiv im Verdacht haben, diese Alte und ihre Schwester Lisaweta ermordet zu haben. Meinerseits erkläre ich Ihnen, daß ich all dessen längst überdrüssig bin. Wenn Sie finden, daß Sie ein Recht haben, mich gesetzlich zu verfolgen, so verfolgen Sie mich, zu arretieren, so arretieren Sie mich. Aber ich erlaube nicht, daß man mir ins Gesicht lacht und mich quält ...«
Seine Lippen zitterten plötzlich, die Augen loderten vor Wut und die bis jetzt gemäßigte Stimme schwoll an. »Ich erlaube es nicht!« rief er plötzlich und schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch, -- »hören Sie, Porphyri Petrowitsch? Ich erlaube es nicht!«
»Ach, mein Gott, was ist Ihnen!« rief Porphyri Petrowitsch, offenbar völlig erschreckt; -- »Väterchen! Rodion Romanowitsch! Lieber! Was ist mit Ihnen?«
»Ich erlaube es nicht!« -- rief Raskolnikoff noch einmal.
»Leise, Väterchen! Man könnte es hören und herkommen! Und, was wollen wir ihnen dann sagen, bedenken Sie!« -- flüsterte Porphyri Petrowitsch entsetzt und näherte sein Gesicht dem Raskolnikoffs.
»Ich erlaube es nicht, ich erlaube es nicht!« -- wiederholte Raskolnikoff mechanisch, aber plötzlich ganz leise.
Porphyri Petrowitsch wandte sich schnell um und lief, um das Fenster zu öffnen.
»Frische Luft hereinlassen! und etwas Wasser müssen Sie trinken, mein Lieber, es ist ja ein Anfall!« -- und er wollte zur Türe stürzen, um nach Wasser zu schicken, fand jedoch hier selbst in einer Ecke eine volle Karaffe.
»Da, Väterchen, trinken Sie,« -- flüsterte er, mit der Karaffe zu ihm eilend, -- »vielleicht hilft es ...«
Die Angst und selbst die Teilnahme von Porphyri Petrowitsch waren so natürlich, daß Raskolnikoff verstummte und mit Neugier ihn betrachtete. Das Wasser nahm er nicht an.
»Rodion Romanowitsch! Lieber! Ja, in dieser Weise werden Sie noch den Verstand verlieren, ich versichere Sie! Ach! Trinken Sie! Trinken Sie wenigstens etwas!«
Er zwang ihn doch, das Glas Wasser in die Hand zu nehmen. Raskolnikoff führte es mechanisch an die Lippen, besann sich aber und stellte es mit Widerwillen auf den Tisch.
»Ja, Sie haben einen kleinen Anfall gehabt! In dieser Weise werden Sie, mein Lieber, wieder, wie früher schon, krank,« -- begann mit freundschaftlicher Teilnahme Porphyri Petrowitsch, und anscheinend noch fassungslos. -- »Mein Gott! Ja, wie kann man sich so wenig schonen? Gestern war Dmitri Prokofjitsch bei mir gewesen, -- ich gebe zu, ich habe einen schlimmen, böswilligen Charakter, -- aber was sie alles für Schlüsse daraus ziehen ... Mein Gott! Er kam gestern zu mir, als Sie fortgegangen waren, wir saßen beim Mittagessen, er redete und redete, ich staunte bloß ... kam er etwa in Ihrem Auftrage? Ja, so setzen Sie sich doch, Väterchen, nehmen Sie Platz um Christi willen!«
»Nein, er kam nicht in meinem Auftrage! Aber ich wußte, daß er zu Ihnen gehen und warum er zu Ihnen gehen würde,« -- antwortete Raskolnikoff scharf.
»Sie wußten es?«
»Ich wußte es. Nun, was ist denn dabei?«
»Ja, Väterchen, Rodion Romanowitsch, ich weiß noch ganz andere Dinge von Ihnen; ich weiß alles! Ich weiß auch, wie Sie, als es dunkelte, in der Nacht eine Wohnung zu mieten gingen, an der Glocke klingelten, und nach dem Blut fragten, und die Arbeiter und die Hausknechte verwirrt machten. Ich verstehe auch Ihre damalige Seelenstimmung ... aber Sie werden sich in dieser Weise um den Verstand bringen, bei Gott! Werden zugrundegehen! Eine starke, edle Entrüstung kocht in Ihnen gegen die empfangenen Kränkungen, zuerst vom Schicksal, dann von den Polizeibeamten, darum stürzen Sie auch hierhin und dorthin, um sozusagen schneller alle zum Sprechen zu bringen, und um allem mit einem Male ein Ende zu machen, denn dieser Unsinn und dieser ganze Verdacht ist Ihnen zum Überdruß. Ist es nicht so? Habe ich die Stimmung erraten? ... Und in dieser Weise werden Sie nicht allein zugrunde gehen, sondern ziehen auch unseren Rasumichin hinein, er ist doch dafür ein zu guter Mensch, Sie wissen es ja selbst. Bei Ihnen ist es eine Krankheit, bei ihm Tugend ... die Krankheit könnte auch ihn anstecken ... Ich will Ihnen, Väterchen, wenn Sie sich beruhigt haben, etwas erzählen ... aber setzen Sie sich doch um Christi willen, Väterchen! Bitte, ruhen Sie sich aus, Sie sehen blaß aus, ja, setzen Sie sich doch!« Raskolnikoff setzte sich hin, das Zittern ging vorüber, und sein ganzer Körper begann zu glühen. Mit tiefem Erstaunen und aufmerksam hörte er dem erschrockenen und freundschaftlich um ihn bemühten Porphyri Petrowitsch zu. Aber er glaubte keinem einzigen seiner Worte, obwohl er eine seltsame Neigung empfand zu glauben. Die unerwarteten Worte Porphyri Petrowitsch' über die Wohnung hatten ihn äußerst bestürzt. -- »Wie, er weiß also von der Wohnung?« -- dachte er plötzlich, -- »und erzählt es mir selbst!«
»Ja, in unserer Gerichtspraxis gab es einmal einen fast ähnlichen Fall, auch einen psychopathischen, krankhaften Fall,« -- fuhr Porphyri Petrowitsch schnell fort, -- »da hat auch einer einen Mord sich zugedichtet und wie, -- eine ganze Halluzination führte er an, brachte Tatsachen, erzählte einzelne Umstände, verwirrte alle und machte jeden konfus, und aus welchem Grunde? Er selbst war völlig ohne Absicht und Wissen mit die Ursache an dem Morde, und als er erfuhr, daß er den Mördern Veranlassung zu ihrer Tat gegeben hatte, wurde er schwermütig und tiefsinnig, hatte Erscheinungen, verlor ganz den Verstand und bildete sich ein, daß er selbst der Mörder sei! Aber der Senat klärte schließlich die Sache auf, und der Unglückliche wurde freigesprochen und in Pflege gegeben. Dank dem Senate! Ach, ja, ja! Ja, wie soll es mit Ihnen enden, Väterchen? In dieser Weise kann man leicht an Nervenfieber erkranken, wenn man solche Anwandlungen hat, seine Nerven zu reizen, nachts die Klingel zu ziehen und nach Blut zu fragen! Ich habe diese ganze Psychologie in der Praxis studiert. In dieser Weise packt es einen Menschen zuweilen, aus dem Fenster oder von einem Turme zu springen, und es ist eine verführerische Empfindung. Ebenso ist es auch mit dem Klingelziehen ... Es ist eine Krankheit, Rodion Romanowitsch, Sie sind krank! Sie vernachlässigen Ihre Krankheit zu sehr. Sie sollten zu einem erfahrenen Arzt hingehen, der Dicke kann Ihnen doch nicht viel nützen! ... Sie haben Fieberwahn! Sie tun alles nur im Fieberwahne! ...«
Auf einen Augenblick drehte sich alles vor Raskolnikoffs Augen.
»Ist es möglich,« -- schwirrte es in seinem Kopfe, -- »ist es möglich, daß er auch jetzt lügt? Es ist undenkbar, unmöglich!« -- er stieß diesen Gedanken von sich, da er fühlte, in welchen Grad von Zorn und Raserei ihn derselbe bringen müßte, und daß er vor Wut den Verstand verlieren könne.
»Das war nicht im Fieberwahn, das war im wachen Zustande!« -- rief er aus und spannte alle Kräfte seines Verstandes an, um das Spiel Porphyri Petrowitsch' zu durchschauen. -- »Im wachen Zustande, bei vollem Verstande! Hören Sie?«
»Ja, ich verstehe und höre es! Sie sagten auch gestern, daß es nicht im Fieberwahne war, Sie betonten sogar, daß es nicht im Fieberwahne war! Ich begreife alles, was Sie sagen! Ach! ... Hören Sie doch, Rodion Romanowitsch, mein lieber Mensch, ziehen Sie doch diesen Umstand in Erwägung. Wenn Sie tatsächlich in dieser verfluchten Sache schuldig oder irgendwie darin verwickelt wären, würden Sie dann -- ich bitte Sie -- selbst betonen, daß Sie dies alles nicht im Fieberwahne, sondern im Gegenteil bei vollem Verstande getan haben? Und es ganz besonders betonen, mit einer besonderen Hartnäckigkeit es betonen, -- wäre es denn möglich, wäre es denkbar, ich bitte Sie? Meiner Meinung nach würden Sie das Gegenteil behaupten. Wenn Sie kein reines Gewissen hätten, so müßten Sie unbedingt betonen, -- daß Sie es unbedingt im Fieberwahne getan haben! Ist es nicht so? Meine Annahme ist doch richtig?«
Etwas Heimtückisches klang in dieser Frage. Raskolnikoff wich vor Porphyri Petrowitsch zurück, der sich zu ihm gebeugt hatte, und betrachtete ihn schweigend, starr und voller Zweifel.
»Oder nehmen wir den Fall mit Rasumichin, das heißt, ob er gestern aus freien Stücken kam zu sprechen, oder ob Sie ihn dazu gebracht haben? Ja, Sie müßten unbedingt gesagt haben, daß er aus eigenem Antriebe gekommen war, und verheimlichen, daß er es in Ihrem Auftrage getan hat! Sie aber verheimlichen es nicht! Sie betonen gerade, daß er in Ihrem Auftrage hier gewesen war!«
Raskolnikoff hatte es niemals betont. Ein Schauer durchzog seinen Rücken.
»Sie lügen wieder,« -- sagte er langsam und schwach, und seine Lippen verzogen sich zu einem schmerzlichen Lächeln, -- »Sie wollen mir wieder zeigen, daß Sie mein ganzes Spiel kennen und alle meine Antworten im voraus wissen,« -- sagte er und fühlte selbst nicht, daß er seine Worte nicht mehr genügend erwog, -- »Sie wollen mir Furcht einjagen ... oder Sie lachen einfach über mich ...«
Er fuhr fort, ihn starr anzusehen, als er dies sagte, und wieder leuchtete eine grenzenlose Wut in seinen Augen auf.
»Sie lügen alles!« -- rief er aus. -- »Sie wissen selbst ausgezeichnet, daß der beste Ausweg für einen Verbrecher ist, nach Möglichkeit nichts zu verheimlichen, was man nicht verheimlichen kann. Ich glaube Ihnen nicht!«
»Wie spitzfindig Sie sind!« -- kicherte Porphyri Petrowitsch, -- »man wird mit Ihnen, Väterchen, nicht fertig; eine Art Monomanie steckt tief in Ihnen. Also, Sie glauben mir nicht? Ich sage Ihnen aber, daß Sie mir schon glauben, daß Sie mir schon zu einem Viertel glauben, und ich will mein Möglichstes tun, daß Sie mir noch ganz und gar glauben werden, denn ich habe Sie wirklich gern und wünsche Ihnen aufrichtig alles Gute.«
Raskolnikoffs Lippen bebten.
»Ja, ich wünsche Ihnen Gutes, sage ich Ihnen noch einmal,« -- fuhr er fort, und faßte Raskolnikoff leicht und freundschaftlich am Arm, ein wenig über dem Ellbogen, -- »ich will es Ihnen auch noch einmal sagen, -- achten Sie auf Ihre Krankheit. Außerdem sind auch Ihre allernächsten Verwandten jetzt angekommen; denken Sie auch an die. Sie sollen sie pflegen und hüten, und Sie erschrecken sie bloß ...«
»Was geht das Sie an? Woher wissen Sie es? Warum interessieren Sie sich in dieser Weise für mich? Also, Sie beobachten mich und wollen es mir zeigen?«
»Väterchen! Ich habe es doch von Ihnen, von Ihnen selbst erfahren! Sie merken nicht mal, daß Sie in Ihrer Erregung mir selbst alles und anderen auch erzählen. Auch von Dmitri Prokofjitsch Rasumichin habe ich gestern viele interessante Details erfahren. Nein, Sie haben mich unterbrochen, ich sage aber, daß Sie durch Ihren Argwohn, trotz Ihres ganzen Scharfsinnes, den gesunden Blick für die Dinge verlieren. Nun, nehmen wir, zum Beispiel, wieder das Klingelziehen, -- solch eine Krankheit, diese Tatsache, -- es ist doch eine ganze Tatsache, -- liefere ich Ihnen ohne weiteres aus, ich, der Untersuchungsrichter! Und Sie sehen darin gar nichts? Nun, sagen Sie, wenn ich nur einen kleinen Verdacht auf Sie hätte, würde ich so handeln können? Ich müßte im Gegenteil Ihren Argwohn zuerst einschläfern und nicht mal zeigen, daß ich diese Tatsache schon kenne, ich müßte Sie in entgegengesetzter Richtung ablenken, um Sie plötzlich, wie mit einem Schlage auf den Kopf, mit der Frage zu betäuben, -- >was suchten Sie -- würde ich fragen, -- um zehn Uhr abends, oder es kann auch elf Uhr gewesen sein, in der Wohnung der Ermordeten? Warum haben Sie an der Klingel gezogen? Und warum fragten Sie nach dem Blute? Warum machten Sie die Hausknechte konfus und forderten sie auf, auf das Polizeibureau, zum Revieraufseher, mitzugehen?< Sehen Sie, in dieser Weise müßte ich handeln, wenn ich den winzigsten Verdacht gegen Sie hätte. Ich müßte Sie in aller Form verhören, eine Haussuchung bei Ihnen vornehmen und Sie möglicherweise auch arretieren ... Also kann ich doch keinen Verdacht gegen Sie hegen, wenn ich anders gehandelt habe! Sie haben aber den gesunden Blick verloren und sehen gar nichts, wiederhole ich!«
Raskolnikoff zuckte zusammen, so daß Porphyri Petrowitsch es zu deutlich bemerkte.
»Sie lügen alles!« -- rief er aus, -- »ich kenne Ihre Absichten nicht, aber Sie lügen ... Vorhin haben Sie nicht in diesem Sinne gesprochen und ich kann mich nicht irren ... Sie lügen!«
»Ich lüge?« -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch, sich scheinbar ereifernd, behielt jedoch das lustigste und spöttischste Aussehen bei, als kümmerte es ihn wenig, welch eine Meinung Herr Raskolnikoff über ihn habe. -- »Ich lüge? ... Und wie habe ich vorhin Ihnen gegenüber gehandelt, ich, der Untersuchungsrichter? Ich habe Ihnen selbst alle Mittel zur Verteidigung genannt und ausgeliefert, habe selbst Ihnen die ganze Psychologie erklärt, habe Krankheit, Fieberwahn, Kränkungen, Melancholie und Polizeibeamte und dergleichen mehr erwähnt! Ah! He--he--he! Obwohl -- nebenbei gesagt, -- alle diese psychologischen Mittel zur Verteidigung, Ausflüchte und Ausreden äußerst unstichhaltig sind und zwei Seiten haben. >Ich war krank, hatte Fieberträume, war im Wahne, erinnere mich nicht<, -- alle diese Ausreden sind ja richtig, aber es fragt sich, Väterchen, warum in der Krankheit und im Fieberwahne immer solche Vorstellungen auftauchen und nicht andere? Es können einem doch auch andere Vorstellungen erscheinen? Ist es nicht so? He--he--he!«
Raskolnikoff blickte ihn stolz und voll Verachtung an.
»Mit einem Worte,« -- sagte er laut und eindringlich, indem er aufstand und dabei Porphyri Petrowitsch ein wenig zur Seite stieß -- »mit einem Worte, ich will endgültig wissen, ob Sie mich frei von jedem Verdacht finden oder nicht? Sagen Sie es, Porphyri Petrowitsch, sagen Sie es mir positiv, endgültig, und schnell, sofort!«
»Das ist eine Geschichte! Ist das eine Plage mit Ihnen,« -- rief Porphyri Petrowitsch mit vollkommen lustiger, schlauer und gar nicht bewegter Miene, -- »ja, wozu wollen Sie es wissen, wozu wollen Sie so vieles wissen, wenn man noch nicht einmal begonnen hat, Sie in irgendeiner Weise zu belästigen? Sie sind wie ein Kind, dem man Feuer in die Hand geben soll! Warum beuunruhigen Sie sich in dieser Weise? Warum drängen Sie sich uns auf, aus welchen Gründen? Ah? He--he--he!«
»Ich wiederhole Ihnen,« -- rief Raskolnikoff in blinder Wut, -- »daß ich es länger nicht ertragen kann ...«
»Was denn? Die Ungewißheit?« -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch.
»Höhnen Sie nicht! Ich will es nicht haben! Ich sage Ihnen, ich will es nicht! ... Ich kann und will es nicht! ... Hören Sie! Hören Sie!« -- rief er und schlug wieder mit der Faust auf den Tisch.
»Stiller, leiser! Man könnte es hören! Ich warne Sie in allem Ernst, -- schonen Sie sich. Ich scherze nicht!« -- sagte Porphyri Petrowitsch im Flüstertone, aber diesmal lag in seinem Gesichte nicht mehr der frühere weibisch gutmütige und erschrockene Ausdruck; im Gegenteil, er befahl es streng, mit zusammengezogenen Augenbrauen und ließ alle Geheimnistuerei und Zweideutigkeit fallen. Das dauerte jedoch nur einen kurzen Augenblick. Der bestürzte Raskolnikoff geriet in die höchste Wut, und doch, merkwürdig, -- wie hypnotisiert gehorchte er wieder dem Befehle, leiser zu sprechen.
»Ich lasse mich nicht quälen!« -- flüsterte er, wie vorhin, indem er sofort voll Schmerz und Haß einsah, daß er dem Befehle gehorchen mußte, und geriet bei diesem Gedanken in immer größere Wut, -- »arretieren Sie mich, lassen Sie bei mir Haussuchung halten, aber handeln Sie nach gesetzlicher Form und spielen Sie nicht mit mir! Wagen Sie es nicht ...«
»So regen Sie sich doch nicht wieder wegen der gesetzlichen Form auf,« -- unterbrach ihn Porphyri Petrowitsch mit dem früheren schlauen Lächeln und betrachtete scheinbar Raskolnikoff mit Vergnügen, -- »Väterchen, ich habe Sie doch in aller Gemütlichkeit, in aller Freundschaft eingeladen!«
»Ich will nicht Ihre Freundschaft, ich pfeife darauf! Hören Sie? Und jetzt nehme ich meine Mütze und gehe fort. Nun, was willst du jetzt sagen, wenn du mich arretieren willst?«
Er nahm seine Mütze und ging zu der Türe.
»Wollen Sie nicht noch die Überraschung sehen, die ich für Sie habe?« kicherte Porphyri Petrowitsch, faßte ihn wieder am Arme und hielt ihn an der Türe zurück. Er wurde sichtlich wieder lustiger und lebhafter, was Raskolnikoff ganz außer sich brachte.
»Was für eine Überraschung? Was ist es?« -- fragte er, stehen bleibend und Porphyri Petrowitsch erschreckt anblickend.
»Die Überraschung sitzt hier hinter der Türe, he--he--he!« -- er zeigte mit dem Finger auf die verschlossene Tür in der Scheidewand, die in seine Amtswohnung führte. -- »Ich habe sie dort eingeschlossen, damit sie nicht fortläuft.«
»Was sagen Sie? Wo? Was? ...« -- Raskolnikoff trat an die Türe und wollte sie öffnen, jedoch sie war verschlossen.
»Sie ist verschlossen, den Schlüssel habe ich!«
Und er zog aus seiner Tasche einen Schlüssel hervor und zeigte ihn ihm.
»Du lügst!« -- schrie Raskolnikoff, ohne sich noch einen weiteren Zwang aufzuerlegen,-- »du lügst, verfluchter Hanswurst!« Er stürzte sich auf Porphyri Petrowitsch, der sich zwar zur Türe zurückgezogen hatte, aber keineswegs aus Furcht.
»Ich merke alle deine Absichten, alle! -- Du lügst und neckst mich, damit ich mich verraten soll.«
»Ja, mehr kann man sich doch nicht verraten, als Sie es tun, Väterchen Rodion Romanowitsch. -- Sie haben ja einen Anfall von Tobsucht. Schreien Sie nicht so, ich rufe sonst nach Hilfe.«
»Du lügst, nichts wird geschehen! Rufe deine Leute! Du weißt, daß ich krank bin und willst mich wütend machen, damit ich mich verraten soll, das ist deine Absicht! Nein, zeige mir Tatsachen! Ich habe alles begriffen! Ich weiß, du hast keine Tatsachen, du hast bloß elende, nichtige Vermutungen von Sametoff! ... Du kanntest meinen Charakter, wolltest mich in rasende Wut bringen, und dann mich plötzlich mit Priestern und Delegierten überrumpeln ... Du wartest auf sie? Ah! Was wartest du? Wo? komm doch mit ihnen!«
»Was für Delegierte sollte ich haben, Väterchen? Was dem Menschen nicht alles einfällt! In dieser Weise kann man doch gar nicht nach der gesetzlichen Form handeln, wie Sie meinen, Sie kennen diesen gesetzlichen Weg überhaupt nicht, mein Lieber ... Die gesetzliche Form läuft nicht davon, Sie werden es noch selbst sehen ... --« murmelte Porphyri Petrowitsch und lauschte an der Türe.
In diesem Augenblicke hörte man wirklich im anderen Zimmer in der Nähe der Türe einen Lärm.
»Ah, sie kommen!« -- rief Raskolnikoff aus, -- »du hast nach ihnen geschickt! ... Die hast du erwartet! Hast auf sie gerechnet ... Nun, komme mit ihnen allen, mit den Delegierten, Zeugen ... komme mit was du willst! Ich bin bereit! Bin bereit!«
Aber in diesem Momente trat ein merkwürdiges Ereignis ein, für den gewöhnlichen Gang der Dinge so unerwartet, daß weder Raskolnikoff noch Porphyri Petrowitsch einen solchen Ausgang erwartet hatte.
VI.
Raskolnikoffs Erinnerung an diesen Moment war in späterer Zeit folgende:
Das Geräusch hinter der Türe verstärkte sich und die Türe wurde ein wenig geöffnet.
»Was soll das?« -- rief Porphyri Petrowitsch ärgerlich. »Ich habe doch gesagt ...«
Einen kurzen Augenblick erfolgte keine Antwort, jedoch man merkte, daß hinter der Türe einige Leute standen, die jemanden zurückzuhalten schienen.
»Was ist denn los?« -- wiederholte Porphyri Petrowitsch beunruhigt.
»Man hat den Arrestanten Nikolai gebracht,« -- ertönte eine Stimme.
»Es ist nicht nötig! Fort mit ihm! Soll warten! ... Weshalb hat man ihn hierher gebracht? Was ist das für eine Unordnung!« -- rief Porphyri Petrowitsch, zur Türe stürzend.
»Ja, er ...,« -- begann dieselbe Stimme und brach plötzlich ab.
Nicht länger als zwei Sekunden währte ein regelrechter Kampf, als jemand mit aller Kraft zurückgestoßen wurde, und darauf ein sehr bleicher Mann direkt in das Arbeitszimmer von Porphyri Petrowitsch eintrat.
Dieser Mensch sah sehr eigentümlich aus. Er blickte vor sich hin, ohne von seiner Umgebung etwas zu merken. In seinen Augen funkelte eine Entschlossenheit, Totenblässe bedeckte sein Gesicht, als hätte man ihn zum Schafott gebracht. Seine blutleeren Lippen zuckten.
Er war gekleidet wie ein Mann aus dem Volke, war noch sehr jung, von mittlerem Wuchse, hager, mit rund beschnittenen Haaren und feinen, herben Gesichtszügen. Der von ihm unerwartet Zurückgestoßene, ein Gefängniswärter, stürzte als erster ihm ins Zimmer nach und packte ihn an den Schultern. Nikolai zog seinen Arm zurück und riß sich abermals von ihm los.
In der Türe drängten sich die Neugierigen. Manche von ihnen wollten eintreten. Alles das geschah in einem Augenblick.
»Fort, es ist zu früh! Warte, bis ich dich rufen lasse! ... Warum hat man ihn schon jetzt hergebracht?« murmelte ärgerlich Porphyri Petrowitsch, ganz außer sich.
Da warf sich Nikolai auf die Knie nieder.
»Was ist mir dir?« -- rief Porphyri Petrowitsch erstaunt.
»Ich bin schuldig! Ich bin der Sünder! Ich bin der Mörder!« -- sagte plötzlich Nikolai, stockend, aber mit ziemlich lauter Stimme.
Ein Schweigen, als wären alle erstarrt, trat ein; der eskortierende Soldat wich zurück und trat nicht mehr an Nikolai heran, er ging mechanisch zur Türe und blieb dort unbeweglich stehen.
»Was sagst du?« -- rief Porphyri Petrowitsch, aus seiner Erstarrung erwachend.
»Ich ... bin der Mörder ...,« -- wiederholte Nikolai nach kurzem Schweigen.
»Wie ... du ... wie ... Wen hast du ermordet?«
Porphyri Petrowitsch war sichtbar betreten.
Nach einer kurzen Pause antwortete Nikolai wieder.
»Aljona Iwanowna und ihre Schwester Lisaweta Iwanowna habe ich ... mit dem Beile ... erschlagen. Eine Verblendung kam über mich ... --« fügte er plötzlich hinzu und verstummte von neuem, immer noch auf den Knien liegend.
Porphyri Petrowitsch stand nachdenklich da; als er wieder zu sich kam, winkte er mit den Händen den ungebetenen Zeugen, fortzugehen. Sie verschwanden sogleich und die Türe wurde zugemacht. Dann blickte er Raskolnikoff an, der in einer Ecke stand und Nikolai verstört ansah, er ging auf ihn zu, blieb jedoch auf halbem Wege wieder stehen, betrachtete ihn nochmals, wandte dann seinen Blick Nikolai zu, und so besah er beide abwechselnd, bis er sich plötzlich auf Nikolai stürzte, von einem Gedanken gepackt.
»Was kommst du mir mit deiner Verblendung daher?« -- rief er ihm wütend zu. -- »Ich habe doch noch gar nicht gefragt, ob eine Verblendung über dich gekommen ist oder nicht ... sage mir, hast du gemordet?«
»Ich bin der Mörder ... ich mache das Bekenntnis ...« -- sagte Nikolai.
»Ach was! Und womit hast du gemordet?«
»Mit einem Beile. Ich hatte es mir vorher besorgt.«
»Nur langsam, nicht so schnell! Du allein?«
Nikolai verstand die Frage nicht.
»Hast du allein gemordet?«
»Allein. Dmitri ist unschuldig und ganz unbeteiligt.«
»Eile nicht so mit Dmitri! ...«
»Wie bist du denn damals die Treppe hinuntergelaufen? Die Hausknechte haben doch euch beide zusammen gesehen?«
»Ich bin absichtlich ... damals ... mit Dmitri hinuntergelaufen,« -- antwortete Nikolai schnell als hätte er sich vorher vorbereitet.
»Ja, da haben wir's wieder!« rief Porphyri Petrowitsch wütend aus, -- »er glaubt selbst nicht, was er sagt!« -- murmelte er scheinbar vor sich hin und bemerkte im selben Augenblick Raskolnikoff wieder.
Er war so stark mit Nikolai beschäftigt, daß er für eine kurze Zeit die Anwesenheit Raskolnikoffs offenbar vergessen hatte. Er wurde verlegen ...
»Rodion Romanowitsch, Väterchen! Entschuldigen Sie mich, es geht nicht an ... bitte ... Sie haben hier nichts zu tun ... ich bin auch selbst ... Sie sehen, welch eine Überraschung! ... Bitte! ...«
Er nahm ihn bei der Hand und zeigte auf die Türe.
»Das haben Sie nicht erwartet?« -- sagte Raskolnikoff, der die Sache selbst noch nicht begriff, jedoch seine Fassung wiedergefunden hatte.
»Auch Sie, Väterchen, haben es nicht erwartet. Wie Ihre Hand zittert! He--he--he!«
»Auch Sie zittern, Porphyri Petrowitsch.«
»Ja, ich zittere auch; hätte das nie für möglich gehalten! ...«
Sie standen beide schon an der Türe. Porphyri Petrowitsch wartete mit Ungeduld auf Raskolnikoffs Hinausgehen.
»Und Ihre Überraschung, wollen Sie sie mir nicht zeigen?« -- sagte Raskolnikoff höhnisch.
»Sie fangen schon wieder so an, während Ihnen die Zähne noch ordentlich klappern, he--he! Sie sind ein eigener Mensch! Nun, auf Wiedersehen.«
»Es wäre besser, Lebewohl zu sagen!«
»So Gott will, so Gott will!« -- murmelte Porphyri Petrowitsch mit einem schiefen Lächeln.
Als Raskolnikoff durch die Kanzlei ging, bemerkte er, daß viele ihn aufmerksam anblickten. Im Vorzimmer sah er unter der Menge die beiden Hausknechte aus jenem Hause, die er damals in der Nacht mit zum Polizeiaufseher gehen hieß. Sie standen und warteten. Kaum hatte er die Treppe erreicht, als er die Stimme Porphyri Petrowitschs hinter sich vernahm. Er kehrte sich um und bemerkte, daß dieser ihm ganz außer Atem nachkam.
»Nur ein Wort noch, Rodion Romanowitsch, über die Sache ... nun, wie Gott will! aber dennoch muß ich Sie über einiges der Form wegen fragen ... so sehen wir uns noch, nicht wahr?«
Und Porphyri Petrowitsch blieb lächelnd vor ihm stehen.
»Nicht wahr?« -- fügte er noch einmal hinzu.
Man hatte den Eindruck, daß er noch etwas sagen wollte, aber es erfolgte nichts.
»Ich bitte Sie, Porphyri Petrowitsch, mich zu entschuldigen wegen des vorhin Vorgefallenen ... ich habe mich hinreißen lassen,« -- begann Raskolnikoff, vollkommen gefaßt und dem unwiderstehlichen Wunsche nachgebend, sich wichtig zu tun.
»Hat nichts zu sagen, hat nichts auf sich,« -- fiel Porphyri Petrowitsch fast freudig ein. -- »Auch ich selbst ... ich habe einen gehässigen Charakter, ich gebe es zu, ich gebe es zu! Wir werden uns ja wiedersehen. Wenn Gott will, werden wir uns sehr bald wiedersehen! ...«
»Und dann einander endgültig kennenlernen?« -- fiel Raskolnikoff ein.
»Und dann einander endgültig kennenlernen,« -- pflichtete ihm Porphyri Petrowitsch bei, kniff die Augen zusammen und sah ihn durchdringend an. -- »Jetzt eilen Sie zum Namenstage?«
»Zur Beerdigung.«
»Ja, richtig, zur Beerdigung! Schonen Sie Ihre Gesundheit vor allem, Ihre Gesundheit ...«
»Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen meinerseits wünschen soll!« -- fiel Raskolnikoff ein, der schon die Treppe hinabstieg und sich wieder zu Porphyri Petrowitsch umwandte, -- »ich möchte Ihnen >guten Erfolg< wünschen, aber Ihr Amt ist zu eigenartig!«
»Wieso denn, eigenartig?« -- Porphyri Petrowitsch spitzte die Ohren, obwohl er sich schon umgekehrt hatte, um fortzugehen.
»Warum denn nicht; diesen armen Nikolai haben Sie wahrscheinlich auch ordentlich psychologisch in Ihrer Weise gequält und gemartert, bis er gestanden hat; haben ihm wahrscheinlich Tag und Nacht vorinspiriert, -- >du bist der Mörder, du bist der Mörder ...<, und jetzt, wo er es eingestanden hat, werden Sie ihn wieder anders vorkriegen. Jetzt heißt es: >Du lügst, du bist nicht der Mörder! Du kannst es nicht sein! Du glaubst nicht an deine eigenen Worte!< Nun, ist Ihr Amt nicht komisch?«
»He--he--he! Sie haben es also gehört, daß ich zu Nikolai gesagt habe, er glaube nicht an seine eigenen Worte?«
»Warum sollte ich es nicht gehört haben?«
»He--he! Sie sind scharfsinnig, sehr scharfsinnig! Sie bemerken alles! Sie haben einen ausgezeichneten lebhaften Verstand! Und erwischen immer die komischeste Seite ... he--he! Sagt man nicht, von den Schriftstellern hatte Gogol am ausgeprägtesten diese Eigenschaft.«
»Ja, Gogol.«
»Ja, Gogol ... Auf angenehmes Wiedersehen!«
»Auf angenehmes Wiedersehen!«
Raskolnikoff ging direkt nach Hause. Er war zuletzt so verwirrt und konfus geworden, daß er, als er nach Hause kam, sich auf das Sofa warf und erst eine Viertelstunde ausruhen mußte, ehe er versuchen konnte, seine Gedanken einigermaßen zu sammeln. Den Fall mit Nikolai wollte er gar nicht einmal erörtern, er fühlte eine mächtige Erregung in sich, und fühlte, daß in dem Geständnis Nikolais etwas Unerklärliches und Seltsames war; er war jetzt noch nicht imstande, dies alles zu fassen. Das Geständnis Nikolais war eine unbestreitbare Tatsache. Die Folgen dieser Tatsache wurden ihm sofort klar, -- die Lüge mußte sich offenbaren und dann nahm man ihn wieder vor. Aber bis dahin war er wenigstens frei, er muß nun unbedingt irgend etwas für sich tun, denn die Gefahr war unvermeidlich.
Jedoch, in welcher Weise? Die Lage begann sich zu klären. Während er sich im allgemeinen des ganzen Auftrittes bei Porphyri Petrowitsch entsann, durchlief es ihn eiskalt. Gewiß kannte er noch nicht alle Absichten Porphyri Petrowitschs, konnte alle seine Berechnungen vorhin nicht enträtseln. Doch ein Teil des Spieles war offenbar; selbstverständlich konnte niemand besser als er selbst verstehen, wie schrecklich für ihn dieser »Schachzug« im Spiele Porphyri Petrowitschs sei. Noch ein wenig, und er hätte sich vollkommen verraten. Indem Porphyri Petrowitsch die Empfindlichkeit seines Charakters erkannt hatte und vom ersten Augenblick richtig eingeschätzt und durchschaut hatte, handelte er sehr entschlossen, und fast mit sicherem Erfolge. Es war nicht zu bestreiten, daß Raskolnikoff sich schon stark kompromittiert hatte, doch bis zu Tatsachen war es noch nicht gekommen; dies alles war nur relativ. Faßte er jedoch jetzt auch alles richtig auf? Irrte er sich nicht? Zu welchem Resultate wollte heute Porphyri Petrowitsch kommen? Hatte er heute wirklich etwas vorbereitet? Und was war es? Wartete er wirklich auf etwas oder nicht? Wie würden sie sich heute getrennt haben, wenn der unerwartete Vorfall mit Nikolai nicht eingetreten wäre?
Porphyri Petrowitsch hatte fast sein ganzes Spiel aufgedeckt; es war selbstverständlich von ihm riskiert, aber er hatte es doch getan, und -- hatte alles aufgedeckt, wie es Raskolnikoff schien, -- wenn Porphyri Petrowitsch wirklich mehr gehabt hätte, würde er es auch aufgedeckt haben. Was war nur diese »Überraschung«? War es etwa Fopperei? Hatte sie eine Bedeutung oder nicht? Konnte sich darunter etwas, das einer Tatsache, einem positiven Beweis glich, verbergen? Vielleicht der Mann von gestern? Wo ist er hinverschwunden? Wo war er heute? Wenn Porphyri Petrowitsch etwas Positives hatte, so hing es sicher mit dem Manne von gestern zusammen ... Er saß auf dem Sofa, hatte den Kopf tief sinken lassen, stützte sich auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Ein nervöses Zittern durchlief immer noch seinen ganzen Körper. Schließlich stand er auf, nahm seine Mütze in die Hand, dachte eine Weile nach und ging zur Türe.
Ein Gefühl, daß er wenigstens heute sich in Sicherheit fühlen könne, rief fast Freude in seinem Herzen wach, -- er wollte jetzt schnell zu Katerina Iwanowna gehen. Zur Beerdigung kam er selbstverständlich zu spät, zum Essen langte es noch und er würde dort Ssonja sehen.
Er blieb stehen, sann nach und ein schmerzliches Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.
»Heute! Heute!« -- wiederholte er vor sich, -- »ja, heute noch! Es muß so sein ...«
Er wollte gerade die Türe öffnen, als sie auch schon von außen geöffnet wurde. Er erzitterte und sprang zurück. Sie öffnete sich langsam und leise, und die Gestalt -- des Mannes von gestern kam zum Vorschein.
Der Mann blieb auf der Schwelle stehen, sah Raskolnikoff schweigend an und machte einen Schritt in das Zimmer. Er war genau wie gestern gekleidet, er hatte die gleiche gebückte Gestalt, nur in seinem Gesicht und im Blick war eine große Veränderung vorgegangen, -- er sah traurig drein, und nachdem er eine Weile dagestanden hatte, seufzte er tief. Es fehlte bloß, daß er die Wange auf eine Hand stützte und den Kopf zur Seite beugte, um völlig einem Weibe zu ähneln.
»Was wünschen Sie?« -- fragte Raskolnikoff.
Der Mann schwieg und verneigte sich auf einmal tief, so tief, daß er mit einem Finger der rechten Hand den Boden berührte.
»Was ist mit Ihnen?« -- rief Raskolnikoff aus.
»Verzeihen Sie,« -- sagte leise der Mann.
»Was soll ich verzeihen?«
»Meine bösen Gedanken.«
Sie blickten einander an.
»Es quälte mich. Als Sie damals kamen, vielleicht berauscht, und die Hausknechte aufforderten, mit auf die Polizei zu gehen und nach dem Blut fragten, quälte es mich, daß man die Sache so ohne weiteres ließ und Sie für einen Betrunkenen ansah. Und es quälte mich so stark, daß ich den Schlaf verlor. Und da ich mich Ihrer Adresse erinnerte, bin ich gestern hierher gekommen und habe den Hausknecht gefragt ...«
»Wer ist hergekommen?« -- unterbrach ihn Raskolnikoff und da erinnerte er sich wieder.
»Ich, das heißt, ich habe Sie gekränkt.«
»Also, Sie sind aus jenem Hause?«
»Ja, ich stand damals mit den anderen am Tore, erinnern Sie sich nicht? Ich habe dort seit langem eine Werkstatt. Ich bin Kürschner, Kleinbürger, arbeite zu Hause ... Am meisten aber quälte es mich ...«
Und Raskolnikoff erinnerte sich auf einmal klar der ganzen Szene von vorgestern am Tore; er entsann sich, daß außer den Hausknechten dort noch einige Menschen, darunter auch Frauen, gestanden hatten. Er erinnerte sich einer Stimme, die vorschlug, ihn auf die Polizei zu bringen. Auf das Gesicht des Sprechenden konnte er sich nicht entsinnen und erkannte ihn auch jetzt nicht, aber er wußte noch, daß er ihm damals geantwortet und sich nach ihm umgewandt habe ...
Also, das war die Lösung des ganzes Schreckens von gestern. Am furchtbarsten war ihm der Gedanke, daß er dadurch fast zugrunde gegangen wäre, eines solch nichtigen Verhängnisses wegen sich fast zugrunde gerichtet hätte. Also, außer des Besuches in der Wohnung und des Gespräches über das Blut konnte dieser Mensch gar nichts erzählen. So hatte auch Porphyri Petrowitsch gar nichts, keine Tatsachen, nichts Positives, nichts außer diesem Fieberwahn, und außer der Psychologie, die ihre zwei Seiten hat. Wenn keine Tatsachen mehr auftauchen -- und sie dürfen nicht mehr auftauchen, dürfen, dürfen nicht, -- was ... was kann man ihm anhaben? Wodurch kann man ihn denn endgültig überführen, selbst wenn sie ihn auch arretieren würden? So hat Porphyri Petrowitsch erst jetzt, soeben erst von der Wohnung erfahren, und vorher nichts davon gewußt.
»Haben Sie es heute Porphyri Petrowitsch gesagt ... daß ich dort gewesen war?« -- rief er aus, von einer neuen Idee überrascht.
»Was für einem Porphyri Petrowitsch?«
»Dem Untersuchungsrichter.«
»Ja, ich habe es gesagt. Die Hausknechte gingen damals nicht hin, und da ging ich denn.«
»Heute?«
»Ich war einen Augenblick früher da, als Sie kamen. Ich habe alles mit angehört, alles, und wie er Sie peinigte.«
»Wo? Was? Wann?«
»Ich saß die ganze Zeit bei ihm hinter der Wand.«
»Wie? Also Sie waren die Überraschung? Ja, wie konnte es denn zugehen? Erlauben Sie!«
»Als ich sah,« -- begann der Kleinbürger, -- »daß die Hausknechte trotz meiner Worte nicht hingehen wollten, weil es, wie sie sagten, schon spät sei und er vielleicht böse würde, daß sie in so später Stunde noch daherkämen, quälte es mich, ich verlor den Schlaf und begann mich zu erkundigen. Und nachdem ich mich gestern erkundigt hatte, ging ich heute hin. Als ich zum erstenmal kam, war er noch nicht da, als ich nach einer Stunde wieder kam, empfing er mich nicht, und als ich zum drittenmal da war, -- ließ man mich zu ihm. Ich erzählte ihm alles, wie es war, er lief im Zimmer herum und schlug sich mit der Faust vor die Brust. >Was macht ihr mit mir,< -- sagte er, -- >ihr Räuber? Hätte ich das gewußt, ich würde ihn mit einer Eskorte geholt haben!< Dann lief er aus dem Zimmer, rief jemand und begann in einer Ecke mit ihm zu sprechen, dann kam er wieder zu mir, frug mich aus, schimpfte mich und machte auch sich Vorwürfe. Ich teilte ihm alles mit, sagte auch, daß Sie gestern nicht gewagt hätten, mir auf meine Worte zu antworten, und daß Sie mich nicht erkannt hätten. Da begann er wieder herumzulaufen, sich vor die Brust zu schlagen und zu ärgern. Als man aber Sie anmeldete, sagte er, -- >nun, krieche hinter die Wand, sitze dort, rühr dich nicht, was du auch hören solltest<, und brachte mir selbst einen Stuhl dorthin und schloß mich ein; >vielleicht werde ich dich noch ausfragen<, sagte er. Als man aber Nikolai hineingeführt hatte, ließ er mich hinaus, nachdem Sie gegangen waren. >Ich werde noch einmal nach dir schicken,< sagte er >und werde dich fragen ...<«
»Und hat er Nikolai in deiner Gegenwart verhört?«
»Als er Sie hinausgeleitet und mich hinausgelassen hatte, begann er Nikolai zu verhören.«
Der Kleinbürger hielt inne und verneigte sich plötzlich noch einmal tief und berührte wieder mit einem Finger den Boden.
»Verzeihen Sie mir die Beschuldigung und meine Bosheit.«
»Gott vergebe dir,« -- antwortete Raskolnikoff, und kaum hatte er es gesagt, verneigte sich der Kleinbürger wieder vor ihm, aber diesmal nicht bis zum Boden, drehte sich um und verließ das Zimmer.
»Alles hat zwei Seiten, jetzt hat alles zwei Seiten,« -- wiederholte Raskolnikoff und ging mutiger als je aus dem Zimmer.
»Ha, jetzt wollen wir noch kämpfen!« -- sagte er mit einem bösen Lächeln, als er die Treppe hinabstieg. Das böse Lächeln war für ihn selbst bestimmt; er erinnerte sich seines »Kleinmutes« mit Verachtung und Beschämung.
Fünfter Teil
I.
Der Morgen, der auf die für Peter Petrowitsch Luschin verhängnisvolle Erklärung mit Dunetschka und Pulcheria Alexandrowna folgte, verfehlte seine ernüchternde Wirkung auch auf Luschin nicht. Er mußte zu seinem größten Leidwesen allmählich das Ereignis als eine vollzogene und unwiderrufliche Tatsache ansehen, das ihm noch gestern als Phantom, als Unmöglichkeit erschienen war. Die schwarze Schlange der verletzten Eigenliebe hatte die ganze Nacht an seinem Herzen genagt. Nachdem er das Bett verlassen hatte, besah er sich sofort im Spiegel. Er fürchtete, daß die Galle ihm übergelaufen sei. Aber es war alles vorläufig in bester Ordnung, und als Peter Petrowitsch sein edles, weißes und in der letzten Zeit voller gewordenes Antlitz erblickte, tröstete er sich für einen Augenblick in der festen Überzeugung, irgendwo anders eine Braut, und vielleicht eine noch bessere, zu finden. Er wies den Gedanken alsbald von sich und spie energisch aus, wodurch er ein stilles, aber sarkastisches Lächeln bei seinem jungen Freunde und Stubengenossen Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff hervorrief. Peter Petrowitsch bemerkte dieses Lächeln und beschloß sofort, es seinem jungen Freunde heimzuzahlen. Es hatte sich in letzter Zeit noch mehr angesammelt. Seine Wut vergrößerte sich, als es ihm noch bewußt wurde, daß es ganz unnötig gewesen war, Andrei Ssemenowitsch sein gestriges Erlebnis mitzuteilen. Das war der zweite Fehler, den er gestern im Eifer, in überflüssiger Aufregung, in Gereiztheit gemacht hatte ... Zudem folgte nun diesen ganzen Morgen, wie absichtlich, eine Unannehmlichkeit der anderen. Sogar im Senate hatte er einen Mißerfolg in der Sache, die er vertrat. Ganz besonders aber hatte ihn der Hauswirt gereizt, von dem er in Anbetracht seiner baldigen Heirat eine Wohnung gemietet hatte und die er auf eigene Rechnung reparieren ließ. Dieser Wirt, irgendein reichgewordener deutscher Handwerker, weigerte sich, den soeben abgeschlossenen Vertrag rückgängig zu machen und verlangte die volle Bezahlung der im Vertrage genannten Entschädigungssumme, obgleich ihm Peter Petrowitsch eine nahezu völlig renovierte Wohnung zurückgab. Ebenso wollte man auch in dem Möbelgeschäfte keinen einzigen Rubel von der Anzahlungssumme für die gekauften, aber noch nicht in die Wohnung geschafften Möbel zurückgeben. »Ich kann mich doch nicht der Möbel wegen verheiraten!« -- knirschte Peter Petrowitsch mit den Zähnen, und gleichzeitig durchfuhr ihn noch einmal eine verzweifelte Hoffnung. -- »Ja, ist denn wirklich alles unwiderruflich verloren und abgetan? Kann man es denn nicht noch einmal versuchen?« Der Gedanke an Dunetschka traf verführerisch sein Herz. Es war ihm ein Augenblick voller Qual, und hätte jetzt gleich der bloße Wunsch Raskolnikoff töten können, Peter Petrowitsch hätte unverzüglich diesen Wunsch geäußert.
»Mein Fehler war auch der, daß ich ihnen kein Geld gab,« -- dachte er, als er traurig in die Stube von Lebesjätnikoff zurückkehrte, -- »und warum bin ich, zum Kuckuck, so ein Jude geworden? Hier war es nicht angebracht! Ich dachte sie in Not zu halten und sie so weit zu bringen, daß sie mich als ihre Vorsehung betrachten müßten, und es kam so anders ... Pfui! ... Nein, ich hätte ihnen während dieser Zeit, sagen wir, anderthalbtausend zur Aussteuer geben müssen, allerhand Geschenke, Nähkästchen, Necessaires, Stoffe und anderen Schund, und die Sache war gut, war sicher! Man hätte mir nicht so leicht absagen können! Sie gehören zu den Leuten, die es unbedingt für ihre Pflicht gehalten hätten, im Falle einer Aufhebung der Verlobung die Geschenke und das Geld zurückzugeben; und das würde ihnen schwer gefallen sein und hätte ihnen leid getan! Auch das Gewissen würde sie geplagt haben; wie kann man, hätten sie sich gesagt, plötzlich einen Menschen verjagen, der bis jetzt so freigebig und zartfühlend war? ... Ich habe einen schweren Fehler begangen!« Peter Petrowitsch knirschte mit den Zähnen und nannte sich einen Dummkopf, -- selbstverständlich nur bei sich. Als er zu dieser Folgerung gekommen war, kehrte er noch wütender und gereizter nach Hause zurück, als er fortgegangen war. Die Vorbereitungen für das Essen in Katerina Iwanownas Zimmer zum Angedenken an den Verstorbenen nahmen teilweise seine Neugier in Anspruch. Er hatte schon gestern einiges über dieses Essen gehört; es schwebte ihm selbst vor, als hätte man auch ihn eingeladen; allein bei seinen eigenen Sorgen hatte er all dem keine Beachtung geschenkt. Er beeilte sich, sich bei Frau Lippewechsel näher zu erkundigen, die während der Anwesenheit Katerina Iwanownas auf dem Friedhofe für das Arrangement sorgte, und erfuhr, daß das Gedächtnismahl feierlich sein würde. Fast alle Mitbewohner, sogar auch solche, die der Verstorbene nicht gekannt hatte, waren eingeladen; Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff war auch, ungeachtet seines kürzlichen Streites mit Katerina Iwanowna, eingeladen. Auch er selbst, Peter Petrowitsch, sei geladen und würde mit großer Ungeduld erwartet, weil er der vornehmste Gast von allen sei. Amalie Iwanowna war ebenfalls, trotz aller vorgefallenen Unannehmlichkeiten, mit großer Ehre eingeladen, und mühte sich jetzt selbst ab, um alle häuslichen Anordnungen zu treffen; sie fühlte sich sehr wichtig dabei, sie war festlich geputzt, wennschon in Trauer, sie hatte ein ganz neues seidenes Kleid an und war nicht wenig stolz darauf. Alle diese Tatsachen und Mitteilungen brachten Peter Petrowitsch auf einen Gedanken; etwas nachdenklich ging er in sein, das heißt in Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoffs Zimmer. Unter anderem hatte er erfahren, daß unter den Eingeladenen auch Raskolnikoff sei.
Andrei Ssemenowitsch blieb diesen ganzen Morgen aus einem bestimmten Grunde zu Hause. Zwischen diesem Herrn und Peter Petrowitsch herrschten eigentümliche, teilweise auch natürliche Beziehungen, -- Peter Petrowitsch verachtete und haßte ihn von dem Tage an, als er sich bei ihm einquartierte, über alle Maßen, gleichzeitig ihn ein wenig fürchtend. Er war bei ihm nach seiner Ankunft in Petersburg nicht bloß aus übertriebener Sparsamkeit abgestiegen; obwohl dies wohl der Hauptgrund war, gab es noch eine andere Ursache. Schon in der Provinz hatte er von Andrei Ssemenowitsch, seinem früheren Zögling, gehört, als einem der ersten jungen Progressisten, der sogar eine bedeutende Rolle in gewissen interessanten und vielbesprochenen Kreisen spiele. Das überraschte Peter Petrowitsch. Diese mächtigen, alles wissenden, alles verachtenden und alle entlarvenden Kreise jagten schon lange Peter Petrowitsch einen besonderen, wenn auch ganz unbestimmten Schrecken ein. Er selbst konnte sich, zumal er in der Provinz lebte, in keiner Weise einen annähernd genauen Begriff davon machen. Er hatte, wie viele andere, gehört, daß es besonders in Petersburg Progressisten, Nihilisten, Enthüller und dergleichen mehr gebe, aber er übertrieb gleich vielen, und verdrehte den Sinn und die Bedeutung dieser Benennungen bis ins Absurde. Am meisten fürchtete er, schon seit einigen Jahren, Enthüllungen, und dies war die hauptsächliche Ursache seiner beständigen übertriebenen Unruhe, besonders wenn er daran dachte, seine Tätigkeit nach Petersburg zu verlegen. In dieser Hinsicht war er, wie man sagt, verschreckt, wie zuweilen kleine Kinder verschreckt sind. Vor einigen Jahren in der Provinz, als er eben seine Laufbahn begonnen hatte, erlebte er zwei Fälle schlimmer Enthüllungen für zwei ziemlich bedeutende Persönlichkeiten der Gouvernementsbehörde, zu denen er sich bis dahin gehalten und die ihn protegierten. Der eine Fall endete für den Kompromittierten mit besonderem Eklat, der zweite wäre fast noch schlimmer abgelaufen. Aus diesem Grunde hatte Peter Petrowitsch beschlossen, sich sofort nach der Ankunft in Petersburg zu erkundigen, wie die Sache eigentlich sei, und falls nötig, vorzubeugen und sich bei »unserer jungen Generation« einzuschmeicheln. Dabei rechnete er auf Andrei Ssemenowitsch, und er hatte schon gelernt, wie beim Besuche Raskolnikoffs, bestimmte Phrasen aus fremder Quelle wiederzugeben ...
Gewiß, es gelang ihm bald, Andrei Ssemenowitsch als einen außerordentlich flachen, einfältigen und unbedeutenden Menschen zu erkennen. Dies hatte aber keineswegs den Glauben Peter Petrowitschs erschüttert oder ihn sicherer gemacht. Selbst wenn er sich überzeugt hätte, daß alle Progressisten eben solche Dummköpfe wären, auch dann würde sich seine Unruhe nicht gelegt haben. Alle Lehren, Gedanken, Systeme, mit denen Andrei Ssemenowitsch sich sofort auf ihn gestürzt hatte, interessierten ihn ganz und gar nicht. Er hatte sein eigenes Ziel. Er wollte bloß schnell, unverzüglich erfahren, was hier vorginge und wie? Hatten diese Leute einen Einfluß oder nicht? Würden sie ihn kompromittieren, wenn er dies oder jenes unternähme, oder nicht? Und wenn sie einen kompromittierten, fragt es sich, was würden sie dabei im Auge haben? Worauf richteten sich jetzt eigentlich die Enthüllungen? Und weiter, -- konnte man sich nicht ihnen in irgendeiner Weise anschließen und sie irreführen, wenn sie tatsächlich Einfluß haben sollten? Sollte man es tun oder nicht? Könnte man nicht, zum Beispiel, durch ihre Vermittlung seine Karriere fördern? Mit einem Worte, es standen hunderte von Fragen vor ihm.
Andrei Ssemenowitsch war ein kraftloser und skrophulöser Mann von kleinem Wuchse, der bei irgend jemand bedienstet war; er war auffallend blond und hatte einen Kotelettenbart, auf den er sehr stolz war. Seine Augen waren fast immer entzündet. Er hatte ein ziemlich weiches Herz, in seinen Reden lag etwas sehr Selbstbewußtes, ja zuweilen etwas außerordentlich Herausforderndes -- was im Vergleiche zu seiner kleinen Gestalt fast stets lächerlich wirkte. Amalie Iwanowna rechnete auch ihn zu ihren angesehensten Mietern, da er nicht trank und sein Zimmer pünktlich bezahlte. Alles in allem war Andrei Ssemenowitsch wirklich etwas dumm. Er hatte sich den Progressisten und »unserer jungen Generation« leidenschaftlich zugesellt. Es war einer aus der bunt zusammengesetzten Legion flacher Menschen, verfehlter Existenzen und Halbgebildeten, die nichts ordentliches gelernt hatten, die sich an die modernste gangbarste Idee heranmachen, um sie sofort zu verflachen und um alles in einem Nu zu verzerren, auch wenn sie selbst in der aufrichtigsten Weise ihr dienen.
Übrigens konnte Lebesjätnikoff, ungeachtet seiner Gutmütigkeit, seinen Stubengenossen und früheren Vormund Peter Petrowitsch nicht leiden. Es kam das wie von ungefähr und beruhte auf Gegenseitigkeit. Trotz seiner Beschränktheit begann Andrei Ssemenowitsch allmählich zu merken, daß ihn Peter Petrowitsch beschwindelte und im geheimen verachtete, und daß er nicht der »Rechte« war. Er versuchte, ihm Fouriers System und Darwins Theorie darzulegen, aber Peter Petrowitsch begann, besonders in der letzten Zeit, sarkastisch zuzuhören und sogar zu schelten. Peter Petrowitsch fühlte instinktiv heraus, daß Lebesjätnikoff nicht bloß ein flacher und ziemlich beschränkter Mensch, sondern auch ein Prahlhans sei, und daß er keine bedeutenden Verbindungen in seinem eigenen Kreise hatte, sondern sich nur mit fremden Federn schmückte; mehr noch, -- daß er nicht mal seine eigene Sache, die Propaganda, ordentlich verstand, weil er zu konfus redete, und ein solcher konnte doch kein Ankläger sein! Nebenbei wollen wir noch bemerken, daß Peter Petrowitsch in diesen anderthalb Wochen, besonders aber im Anfange, sehr gern die merkwürdigsten Absichten von Andrei Ssemenowitsch sich beilegen ließ, das heißt, er wies sie nicht zurück und erwiderte auch nichts, z. B., wenn Andrei Ssemenowitsch ihm die Bereitwilligkeit zuschrieb, die künftige und baldige Gründung einer neuen »Kommune« irgendwo in der nächsten Nähe zu fördern, oder z. B. Dunetschka nicht hinderlich zu sein, wenn es ihr im ersten Monate nach der Hochzeit einfallen sollte, sich einen Geliebten anzuschaffen, oder auch seine künftigen Kinder nicht taufen zu lassen und dergleichen mehr. Peter Petrowitsch widersprach nicht, seiner Gewohnheit nach, wenn ihm diese Eigenschaften zugeschrieben wurden, und ließ es zu, daß man ihn dafür lobte, -- so angenehm war ihm jedes Lob.
Peter Petrowitsch, der an diesem Morgen einige fünfprozentige Staatspapiere gewechselt hatte, saß am Tische und zählte das Papiergeld und die Kupons nach. Andrei Ssemenowitsch, der fast nie Geld hatte, ging im Zimmer auf und ab und gab sich den Anschein, als betrachte er diesen Haufen Geld gleichgültig und geringschätzig. Peter Petrowitsch konnte um nichts in der Welt glauben, daß Andrei Ssemenowitsch so viel Geld gleichgültig war, und jener wiederum dachte voll Bitterkeit, daß Peter Petrowitsch wirklich fähig sei, in dieser Weise von ihm zu denken, und sich möglicherweise freue, ihn, seinen jungen Freund, mit den aufgebauten Päckchen von Papiergeld zu reizen und zu verhöhnen, indem er ihn an seine Unbedeutendheit und den zwischen ihnen bestehenden Abstand erinnerte.
Andrei Ssemenowitsch fand ihn heute ungewöhnlich gereizt und unaufmerksam, trotzdem er ihm sein Lieblingsthema über die Errichtung einer neuen eigenartigen »Kommune« auseinandergesetzt hatte. Die kurzen Erwiderungen und Bemerkungen, die Peter Petrowitsch inmitten seiner Berechnungen machte, zeugten von einer sehr deutlichen und beabsichtigt spöttischen Unhöflichkeit. Aber der »humane« Andrei Ssemenowitsch schrieb die Stimmung von Peter Petrowitsch dem gestrigen Bruche mit Dunetschka zu und brannte vor Verlangen, schneller dieses Thema zu berühren, -- er hätte etwas Fortschrittliches und Propagandistisches für ihn, was seinen ehrenwerten Freund trösten und »sicher« seiner weiteren Entwicklung von Nutzen sein müßte.
»Was ist das für ein Gedächtnismahl, das diese ... die Witwe da arrangiert?« -- fragte plötzlich Peter Petrowitsch, Andrei Ssemenowitsch bei der interessantesten Stelle unterbrechend.
»Als ob Sie das nicht selbst wüßten; ich habe doch gestern mit Ihnen über dieses Thema gesprochen und Ihnen meine Gedanken über all diese Gebräuche entwickelt ... Sie hat Sie ja auch eingeladen, ich habe es gehört, als Sie gestern selbst mit ihr sprachen ...«
»Ich hätte keineswegs erwartet, daß diese bettelarme, dumme Person all das Geld zu einem Gedächtnismahl verplempern wird, das sie von diesem andern Dummkopf ... Raskolnikoff erhalten hat. Ich war erstaunt, als ich beim Durchgehen sah, -- was für Vorbereitungen gemacht sind ... Wein ist aufgestellt! ... Es sind allerhand Menschen geladen, -- weiß der Teufel, was das bedeuten soll!« -- fuhr Peter Petrowitsch fort, der absichtlich dieses Gespräch anfing. -- »Was? Sie sagen, man hatte auch mich geladen?« -- fügte er plötzlich hinzu und erhob den Kopf. -- »Wann war denn das? Ich erinnere mich gar nicht. Ich will übrigens nicht hingehen. Was soll ich dort? Ich habe mit ihr gestern bloß im Vorbeigehen über die Möglichkeit gesprochen, daß sie, als die arme Witwe eines Beamten, seinen Jahresgehalt als eine einmalige Unterstützung erhalten könnte. Sollte sie mich deswegen vielleicht eingeladen haben? He--he!«
»Ich habe auch nicht die Absicht hinzugehen,« -- sagte Lebesjätnikoff.
»Das fehlte noch, wo Sie sie eigenhändig verprügelt haben. Das ist doch begreiflich, Sie müßten sich schämen, he--he--he!«
»Wer hat verprügelt und wen?« -- fragte Lebesjätnikoff aufgebracht und errötete.
»Sie, Sie haben doch Katerina Iwanowna vor einem Monat verprügelt! Ich habe es gestern gehört ... Da haben wir die Prinzipien! ... Also die Frauenfrage hinkt auch. He--he!«
Und Peter Petrowitsch setzte wie getröstet seine Berechnungen fort.
»Das ist alles Unsinn und Verleumdung!« -- brauste Lebesjätnikoff auf, der ungern an diese Geschichte erinnert wurde, -- »das war gar nicht der Fall! Es war ganz anders ... Sie haben es nicht richtig gehört; alles ist Klatscherei! Ich habe mich damals nur verteidigt. Sie stürzte sich zuerst auf mich ... Sie hat mir fast meinen Backenbart ausgerissen ... ich hoffe denn doch, daß jedem Menschen erlaubt ist, seine Person zu verteidigen. Außerdem gestatte ich niemand, mir Gewalt anzutun ... Aus Prinzip. Denn das ist schon Despotismus. Was sollte ich denn tun, -- etwa alles ruhig mir gefallen lassen? Ich habe sie bloß zurückgestoßen ...«
»He--he--he!« kicherte Luschin boshaft weiter.
»Sie sticheln mich nur, weil Sie selbst geärgert wurden und nun böse darüber sind ... Das ist doch Unsinn und hat gar nichts, rein gar nichts mit der Frauenfrage zu tun! Sie haben das nicht richtig aufgefaßt; ich denke sogar, wenn man annimmt, daß die Frau in allem dem Manne gleich sei, selbst in der physischen Kraft, wie man schon behauptet, so muß hier erst recht Gleichheit herrschen. Gewiß, ich habe es mir nachher überlegt, daß es so eine Frage überhaupt nicht geben soll, weil Prügeleien sowieso nicht stattfinden sollen. In der künftigen Gesellschaft wird dies undenkbar sein ... es wäre doch sonderbar, eine Gleichberechtigung zum Prügeln anzustreben. So dumm bin ich nicht ... obwohl Prügeleien übrigens auch vorkommen können ... ich will sagen, nachher nicht vorkommen werden, jetzt aber noch vorkommen ... pfui! zum Teufel! Mit Ihnen wird man ganz konfus! Ich gehe nicht zu diesem Essen, nicht weil diese Unannehmlichkeit passiert ist, ich gehe vielmehr aus Prinzip nicht hin, um nicht bei einem so schändlichen Brauch wie einer Gedächtnisfeier mitzutun; ja, das ist der Grund! Man könnte eigentlich hingehen, um sich darüber lustig zu machen ... Nur schade, daß keine Priester da sein werden. Sonst würde ich unbedingt hingehen.«
»Mit anderen Worten: Gastliches Salz und Brot essen und gleich darauf es ebenso beschimpfen wie die, die Sie eingeladen haben. So ist es doch gemeint?«
»Durchaus nicht beschimpfen, nur protestieren. Ich gehe mit bester Absicht hin. Ich kann indirekt die Entwicklung und die Propaganda fördern. Jeder Mensch ist verpflichtet, andere zu fördern und auf sie zu wirken, je kräftiger er es tut, desto besser ist es vielleicht. Ich kann eine Idee bringen, einen Samen ausstreuen ... Aus diesem Samen wird eine Tat entstehen. Womit hätte ich da gekränkt? Anfangs fühlen sie sich vielleicht gekränkt, nachher aber werden sie selbst einsehen, daß es ihnen nur von Nutzen war. Bei uns beschuldigte man eine Zeitlang Terebjewa, -- dieselbe, die jetzt in der Kommune ist, -- weil sie, als sie sich von ihrer Familie lossagte und ... sich einem hingab, ihrer Mutter und ihrem Vater geschrieben hatte, sie wolle nicht mehr in Vorurteilen leben und gehe eine illegale Ehe ein; man fand es rücksichtslos, so mit den Eltern umzugehen, und meinte, sie hätte es ihnen schonender und milder beibringen sollen. Meiner Ansicht nach ist dies alles Unsinn, man soll gar nicht so mild sein, im Gegenteil, ganz im Gegenteil, man soll erst recht scharf protestieren. Nehmen wir zum Beispiel die Warentz; sie hat sieben Jahre mit ihrem Manne zusammengelebt, hat ihn und ihre zwei Kinder verlassen und ihrem Manne in einem Briefe die Wahrheit gesagt. -- >Ich habe eingesehen, daß ich mit Ihnen nicht glücklich sein kann. Ich werde Ihnen nie vergeben, daß Sie mich betrogen haben, indem Sie mir verheimlichten, daß noch eine andere gesellschaftliche Einrichtung, nämlich die Kommune existiert. Ich habe es vor kurzem durch einen großmütigen Mann erfahren, dem ich mich auch hingegeben habe, und mit ihm zusammen begründe ich eine Kommune. Ich sage Ihnen dies offen, weil ich es für ehrlos halte, Sie zu betrügen. Tun Sie, was Sie für gut halten. Hoffen Sie nicht, mich zurückzuerobern, es ist zu spät. Ich wünsche Ihnen alles Glück.< So muß man schreiben!«
»Nicht wahr, diese Terebjewa ist doch die, von der Sie erzählten, daß sie in der dritten illegalen Ehe lebe?«
»Richtig betrachtet, erst in der zweiten! Aber mag sie auch in der vierten oder fünfzehnten Ehe leben, was ist dabei! Und wenn ich jemals bedauerte, daß mein Vater und meine Mutter gestorben sind, so ist es sicher jetzt der Fall. Ich habe schon ein paarmal gedacht, wie ich sie mit meinem Protest aufrütteln würde, wenn sie noch am Leben wären! Ich hätte absichtlich alles so eingerichtet ... Ich hätte es ihnen gezeigt! Ich hätte sie staunen gemacht! Es ist wirklich schade, daß ich niemanden habe!«
»Um ihn erstaunen zu machen? He--he! Nun, gut!« -- unterbrach ihn Peter Petrowitsch, -- »sagen Sie mir lieber, Sie kennen doch die Tochter des Verstorbenen, ein zartes, unbedeutendes Ding! Ist es wahr, was man von ihr erzählt, hm?«
»Und was wäre dabei? Meiner Meinung, das heißt meiner persönlichen Überzeugung nach ist es die normale Lage der Frau. Warum denn nicht? Das heißt distinguons{[9]}. In der gegenwärtigen Gesellschaft gilt das nicht als normal, weil es eine gezwungene Lage ist, in der künftigen Gesellschaft ist sie vollkommen normal, weil sie freiwillig sein wird. Ja, auch jetzt hatte sie das Recht dazu, -- sie litt Not und das war ihr Fond, sozusagen ihr Kapital, über das sie vollkommenes Recht hat zu verfügen. Selbstverständlich werden in der künftigen Gesellschaft keine Fonds mehr nötig sein, ihre Rolle wird in anderer Hinsicht bestimmt, harmonisch und vernünftig bedingt sein. Was Ssofja Ssemenowna persönlich anbetrifft, so betrachte ich ihre Handlungen als einen energischen und personifizierten Protest gegen die gesellschaftliche Einrichtung und achte sie deswegen um so höher, ja ich freue mich ihrer Handlungsweise!«
»Man hat mir aber doch erzählt, daß gerade Sie sie gezwungen haben, von hier auszuziehen!«
Lebesjätnikoff wurde wütend.
»Das ist wieder eine Klatscherei!« -- schrie er. -- »Die Sache verhält sich ganz und gar nicht so! Das ist absolut nicht so gewesen! Katerina Iwanowna hat damals alles geschwindelt, weil sie nichts davon verstanden hat! Ich habe mich gar nicht an Ssofja Ssemenowna herangemacht! Ich habe sie bloß gefördert, vollkommen ohne Hintergedanken, und versuchte in ihr den Protest zu erwecken ... Mir war es bloß um den Protest zu tun, und außerdem konnte Ssofja Ssemenowna sowieso nicht mehr hier bleiben!«
»Luden Sie sie in die Kommune ein?«
»Sie machen sich immer lustig über mich, doch ohne Erfolg, erlaube ich mir zu bemerken. Sie verstehen gar nichts davon. Solche Rollen gibt es in einer Kommune nicht. Darum wird gerade eine Kommune gegründet, damit solche nicht mehr existieren sollen. In einer Kommune wird ihr Stand sein jetziges Wesen völlig verändern, und was hier dumm ist, wird dort vernünftig sein, was jetzt bei den gegenwärtigen Verhältnissen unnatürlich ist, wird dort vollkommen natürlich sein. Alles hängt davon ab, in welcher Umgebung und in welcher Gesellschaft ein Mensch lebt. Der Mensch selbst ist nichts. Mit Ssofja Ssemenowna stehe ich noch jetzt auf gutem Fuße, was Ihnen als Beweis dienen kann, daß sie mich nie als ihren Feind und Beleidiger angesehen hat. Ja! Ich schlage ihr jetzt vor, in eine Kommune einzutreten, aber auf einer ganz anderen Basis! Was erscheint Ihnen wieder lächerlich? Wir wollen eine eigene Kommune, eine besondere Kommune auf viel breiteren Grundlagen begründen, als alle früheren. Wir sind in unseren Überzeugungen weiter gegangen. Wir negieren mehr! Wenn Dobroljuboff[10] aus dem Grabe steigen würde, möchte ich mit ihm diskutieren! Und Belinski[11] würde ich übel zurichten! Vorläufig aber fahre ich fort, Ssofja Ssemenowna zu fördern! Sie ist eine herrliche, herrliche Natur!«
»Nun, und Sie benutzen auch die herrliche Natur, ah? He--he!«
»Nein, nein! Oh, nein! Im Gegenteil!«
»Nun, nun im Gegenteil! He--he--he! Was Sie nicht sagen!«
»Glauben Sie mir doch! Warum soll ich es vor Ihnen verheimlichen, ich bitte Sie? Im Gegenteil, mir erscheint es selbst merkwürdig, -- sie ist mir gegenüber besonders ängstlich, keusch und schamhaft!«
»Und Sie fördern sie selbstverständlich ... he--he! Beweisen ihr, daß diese ganze Schamhaftigkeit Unsinn ist? ...«
»Gott bewahre, durchaus nicht! Oh, wie gemein, wie dumm -- verzeihen Sie es mir -- Sie das Wort >Förderung< verstehen! Nichts, rein gar nichts verstehen Sie! Oh, mein Gott, wie Sie noch ... unreif sind! Wir erstreben Freiheit für die Frau, und Sie haben bloß das eine im Sinn ... Ich lasse die Frage über Keuschheit und weibliche Schamhaftigkeit vollkommen beiseite, als Dinge, die an und für sich nutzlos und voller Vorurteile sind, aber ich verstehe sie vollkommen und lasse ihre Keuschheit mir gegenüber gelten, weil darin -- ihr Wille, ihr ganzes Recht besteht. Wenn sie selbst zu mir sagen würde: -- >Ich will dich haben<, -- könnte ich mich eines großen Erfolges rühmen, weil das Mädchen mir sehr gefällt. Gegenwärtig behandelt sie gewiß niemand höflicher und zuvorkommender und mit größerer Achtung ihrer Würde, als ich ... Ich warte und hoffe -- und weiter nichts!«
»Schenken Sie ihr besser etwas. Ich wette, daß Sie daran noch nicht gedacht haben.«
»Sie verstehen nichts, gar nichts; ich habe es Ihnen schon oft gesagt! Gewiß, ihre Lage ist derart, aber hier ist noch eine andere Frage! Eine ganz andere Frage! Sie verachten sie einfach. Wenn Sie eine Tatsache sehen, die Sie irrtümlicherweise für verachtungswürdig halten, verweigern Sie einem menschlichen Wesen eine humane Betrachtung. Sie wissen noch gar nicht, was sie für eine Natur ist! Mir tut es nur sehr leid, daß sie in der letzten Zeit fast gänzlich aufgehört hat zu lesen und keine Bücher von mir mehr nimmt. Früher hat sie sich öfters Bücher geholt. Es ist auch schade, daß sie trotz ihrer Energie und Entschlossenheit, zu protestieren, -- die sie schon einmal bewiesen hat, immer noch wenig Selbständigkeit, sozusagen Unabhängigkeit, wenig Verneinung besitzt, um sich endgültig von einigen Vorurteilen und ... Dummheiten loszureißen. Und ungeachtet dessen, daß sie manche Fragen ausgezeichnet begreift. Sie hat z. B. glänzend die Frage über das Handküssen verstanden, das heißt, daß der Mann das Gesetz der Gleichheit mit der Frau überschreitet, wenn er ihr die Hand küßt. Über diese Frage wurde bei uns debattiert und ich habe es ihr sofort mitgeteilt. Auch für Assoziationen der Arbeiter in Frankreich zeigt sie Interesse. Jetzt erörterte ich mit ihr die Frage des ungehinderten Zutritts in alle Wohnungen der künftigen Gesellschaft.«
»Was ist das?«
»In letzter Zeit wurde über die Frage debattiert, ob ein Mitglied der Kommune das Recht habe, zu jeder Zeit in das Zimmer eines anderen Mitgliedes, sei es ein Mann oder eine Frau, eintreten darf ..., und es wurde beschlossen, daß er das Recht dazu habe ...«
»Wenn aber der oder die in diesem Augenblicke mit einem natürlichen Bedürfnisse beschäftigt ist, he--he!«
Andrei Ssemenowitsch wurde böse.
»Sie reden immer über dasselbe, über die verfluchten >Bedürfnisse<!« -- rief er voll Haß aus, -- »pfui, wie ärgere ich mich, wie bin ich wütend, daß ich damals, als ich Ihnen das System erklärte, so vorzeitig diese verfluchten Bedürfnisse erwähnte! Zum Teufel! Das ist immer der Stein des Anstoßes für Ihresgleichen, am schlimmsten ist es, daß sie es zur Zielscheibe ihrer Witzeleien machen, ehe sie erfahren, wie die Sache ist! Als wären sie im Rechte! Als könnten Sie sich etwas darauf einbilden! Pfui! Ich habe immer behauptet, daß man diese ganze Frage Neulingen erst am Schlusse darstellen kann, wenn sie schon von dem System überzeugt sind, wenn sie schon entwickelt und auf dem richtigen Wege sich befinden. Ja, und sagen Sie mir bitte, was finden Sie Häßliches und Verachtungswürdiges, z. B. an einer Mistgrube? Ich bin der erste, der bereit ist, alle beliebigen Mistgruben zu reinigen! Da ist noch nicht mal etwas Selbstaufopferndes dabei. Es ist einfach eine Arbeit, eine edle, für die Gesellschaft nützliche Tätigkeit, die jeder andern wert ist, nur bedeutend höher steht, als zum Beispiel die Tätigkeit irgendeines Rafael oder Puschkin, weil sie nützlicher ist.«
»Und edler vor allem, edler ist, -- he--he!«
»Was heißt edel? Ich verstehe solche Ausdrücke bei der Feststellung von menschlicher Tätigkeit nicht. >Edel<, >großmütig< -- Unsinn, Dummheiten, alte Worte voller Vorurteile, die ich verneine! Alles, was der Menschheit von Nutzen ist, ist auch edel. Ich verstehe nur das eine Wort, -- nützlich! Kichern Sie, soviel Sie wollen, es ist doch so!«
Peter Petrowitsch lachte laut. Er hatte seine Berechnungen abgeschlossen und das Geld eingesteckt. Ein Teil davon blieb noch auf dem Tische liegen. Die Frage »über Mistgruben« hatte schon ein paarmal, trotz ihrer ganzen Flachheit, zur Folge gehabt, daß es zwischen Peter Petrowitsch und seinem jungen Freunde zu Mißverständnissen und Uneinigkeiten gekommen war. Die ganze Dummheit war, daß Andrei Ssemenowitsch sich tatsächlich ärgerte. Luschin fand nur eine Zerstreuung darin, heute jedoch wollte er Lebesjätnikoff ärgern.
»Sie sind wegen Ihres gestrigen Mißerfolges wütend und suchen Streit,« -- platzte endlich Lebesjätnikoff heraus, der trotz seiner »Unabhängigkeit« und aller seiner »Proteste« nicht wagte, Peter Petrowitsch entgegenzutreten und noch immer aus früheren Jahren her gewohnt war, Respekt zu beobachten.
»Sagen Sie mir lieber,« -- unterbrach ihn Peter Petrowitsch hochmütig und ärgerlich, -- »können Sie ... oder besser gesagt, sind Sie tatsächlich so gut mit der erwähnten jungen Person bekannt, daß Sie sie sofort, auf einen Augenblick, in dieses Zimmer bitten können? Ich glaube, sie sind schon alle vom Friedhofe zurückgekehrt ... Ich höre Schritte ... Ich möchte diese Person einen Augenblick sehen.«
»Wozu denn?« fragte verwundert Lebesjätnikoff.
»Ich möchte sie sehen. Heute oder morgen verlasse ich diese Wohnung und möchte ihr noch etwas mitteilen ... Ich bitte Sie übrigens, während der Unterredung hier zu bleiben. Es ist besser. Sonst könnten Sie, Gott weiß noch was, denken.«
»Ich denke mir gar nichts dabei ... Ich habe nur gefragt, und wenn Sie etwas vorhaben, so gibt's nichts Leichteres, als sie hierher zu bitten. Ich will sofort hingehen. Und ich will Sie, seien Sie überzeugt, nicht stören.«
Und wirklich, nach etwa fünf Minuten kehrte Lebesjätnikoff mit Ssonjetschka zurück. Sie trat äußerst verwundert und schüchtern ein. In solchen Fällen war sie stets schüchtern und fürchtete neue Gesichter und neue Bekanntschaften, schon als Kind fürchtete sie sich davor und wieviel mehr noch jetzt ... Peter Petrowitsch begrüßte sie »freundlich und höflich,« und mit einem Anflug von Vertraulichkeit, die bei solch einem ehrenwerten und soliden Menschen, wie er, einem jungen und in gewissem Sinne interessanten Wesen gegenüber, seiner Meinung nach, gut angebracht war. Er beeilte sich, sie »zu ermutigen,« und bot ihr einen Platz ihm gegenüber am Tische an. Ssonja setzte sich hin, sah sich um, -- sah Lebesjätnikoff an, das auf dem Tisch liegende Geld, blickte wieder zu Peter Petrowitsch und wandte die Augen nicht mehr von ihm ab. Lebesjätnikoff ging zur Türe, Peter Petrowitsch aber stand auf, gab Ssonja ein Zeichen, sitzen zu bleiben und hielt Lebesjätnikoff zurück.
»Ist Raskolnikoff dort? Ist er gekommen?« fragte er ihn im Flüstertone.
»Raskolnikoff? Er ist da. Warum? Ja, er ist da ... Er ist soeben gekommen, ich habe ihn gesehen ... Was ist mit ihm?«
»Nun, dann bitte ich Sie inständig, hier bei uns zu bleiben und mich nicht allein mit diesem ... Fräulein zu lassen. Es ist eine ganz unbedeutende Sache, aber man kann, weiß Gott, was daraus schließen. Ich will nicht, daß es Raskolnikoff dort erzählt ... Verstehen Sie, was ich meine?«
»Ich verstehe, ich verstehe!« -- begriff plötzlich Lebesjätnikoff. -- »Ja, Sie haben recht ... Nach meiner persönlichen Überzeugung gehen Sie in Ihren Befürchtungen zu weit, aber ... Sie haben dennoch recht. Bitte, ich bleibe. Ich will mich hier ans Fenster stellen und will Sie nicht stören ... Meiner Ansicht nach haben Sie recht ...«
Peter Petrowitsch kehrte zum Sofa zurück, setzte sich Ssonja gegenüber, blickte sie aufmerksam an und gab sich ein außergewöhnlich solides und sogar ein wenig strenges Aussehen, als möchte er dadurch sagen, -- »du sollst dir nichts dabei denken, Verehrteste.« Ssonja wurde ganz verlegen.
»Zuerst bitte ich Sie, Ssofja Ssemenowna, mich bei Ihrer verehrten Frau Mutter zu entschuldigen ... Es ist doch richtig? Katerina Iwanowna nimmt die Stelle einer Mutter bei Ihnen ein?« -- begann er sehr würdevoll und ziemlich freundlich.
Man merkte, daß er die freundschaftlichsten Absichten hatte.
»Ja, sie vertritt mir die Mutter,« -- antwortete Ssonja hastig und ängstlich.
»Nun, also entschuldigen Sie mich bei ihr, daß ich durch unvorhergesehene Umstände gezwungen bin, abzusagen und zu dem Essen nicht erscheinen kann, trotz der angenehmen Einladung Ihrer Frau Mutter.«
»Ich will es sagen; ihr sofort sagen,« -- und Ssonjetschka sprang hastig vom Stuhle auf.
»Das ist noch nicht alles,« -- hielt sie Peter Petrowitsch zurück und lächelte über ihre Einfalt und Unkenntnis von Anstand, -- »Sie kennen mich wenig, liebe Ssofja Ssemenowna, wenn Sie meinen, daß ich wegen dieser unbedeutenden, mich allein angehenden Ursache jemanden wie Sie persönlich bemüht und gebeten hätte, zu mir zu kommen. Ich habe noch ein anderes Anliegen.«
Ssonja setzte sich wieder hastig hin. Die bunten Banknoten, die auf dem Tische lagen, flimmerten wieder vor ihren Augen, sie wandte schnell ihr Gesicht von ihnen ab und erhob die Augen zu Peter Petrowitsch; es kam ihr auf einmal höchst unanständig vor, besonders weil sie es war, fremdes Geld anzublicken. Sie heftete ihren Blick auf den goldenen Kneifer in der linken Hand Peter Petrowitschs, und auf den großen, massiven, wertvollen Ring mit einem gelben Stein an seinem Mittelfinger, -- aber schnell wandte sie die Augen auch davon ab, und da sie nicht wußte, wohin sie sehen sollte, blickte sie wieder Peter Petrowitsch unverwandt ins Gesicht. Nachdem er noch würdevoller, als vorhin, eine Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort:
»Es traf sich, daß ich gestern im Vorübergehen einige Worte mit der unglücklichen Katerina Iwanowna wechselte. Ein paar Worte genügten, um zu erfahren, daß sie sich in einem -- unnatürlichen Zustande befindet, -- wenn man sich so ausdrücken kann ...«
»Ja ... in einem unnatürlichen,« -- pflichtete Ssonja hastig ihm bei.
»Oder einfacher und verständlicher gesagt, -- in einem kranken Zustande.«
»Ja, einfacher und verständ... ja, sie ist krank.«
»Nicht wahr, das stimmt. Aus dem Gefühle der Humanität, und ... und sozusagen, des Mitleides möchte ich meinerseits, ihr unvermeidliches und unglückliches Schicksal voraussehend, irgendwie ihr nützlich sein. Es scheint mir, daß die ganze arme Familie jetzt auf Ihnen allein lastet.«
»Erlauben Sie mir zu fragen,« -- stand Ssonja plötzlich auf, -- »was haben Sie ihr gestern von der Möglichkeit einer Pension gesagt? Sie sagte mir, daß Sie es übernommen hätten, ihr eine Pension zu bewirken. Ist das wahr?«
»Keineswegs, und sogar in gewisser Beziehung ein Unsinn. Ich habe nur von einer einmaligen Unterstützung, als der Witwe eines im Dienste gestorbenen Beamten, erwähnt, -- wenn Protektion da sei, -- aber wie mir scheint, hat Ihr verstorbener Vater nicht nur die gesetzliche Frist nicht ausgedient, sondern hatte in der letzten Zeit gar nicht im staatlichen Dienste gestanden. Mit einem Worte, es konnte Hoffnung, wenn auch eine ziemlich zweifelhafte, da sein, denn im Grunde genommen, gibt es in diesem Falle keine Rechte auf eine Unterstützung, sondern im Gegenteil ... So, sie dachte schon an eine Pension, he--he--he! Eine flinke Dame!«
»Ja, an eine Pension ... Sie ist leichtgläubig und gut, und aus Güte glaubt sie alles und ... und ... sie hat so einen Verstand ... Ja ... entschuldigen Sie,« -- sagte Ssonja und stand wieder auf, um fortzugehen.
»Erlauben Sie, Sie haben mich nicht zu Ende gehört.«
»Ja, ich habe nicht zu Ende gehört,« -- murmelte Ssonja.
»Also, setzen Sie sich.«
Ssonja wurde furchtbar verlegen und setzte sich, zum dritten Male.
»Nachdem ich ihre Lage mit den unglücklichen kleinen Kindern sehe, möchte ich, -- wie ich schon gesagt habe -- irgendwie nach meinen Kräften nützlich sein, das heißt, was man nach Kräften nennt, nicht mehr. Man könnte zum Beispiel eine Sammlung veranstalten oder sozusagen eine Verlosung ... oder etwas dieser Art, -- wie es auch stets in ähnlichen Fällen von den Nächststehenden oder auch Fremden, überhaupt von Menschen, die helfen möchten, arrangiert wird. Darüber hatte ich die Absicht, mit Ihnen zu reden. Man könnte es tun.«
»Ja, es wäre gut ... Gott wird Sie dafür ...« stammelte Ssonja und blickte Peter Petrowitsch unverwandt an.
»Man könnte es, aber ... darüber können wir nachher ... das heißt, man könnte gleich heute den Anfang machen. Wir wollen uns noch einmal am Abend sehen, es besprechen und sozusagen die Grundlagen festsetzen. Kommen Sie so gegen sieben Uhr zu mir. Ich hoffe, daß Andrei Ssemenowitsch sich daran beteiligen wird ... Aber ... hier gibt es einen Umstand, der vorher und genau erwähnt werden muß. Deshalb habe ich Sie, Ssofja Ssemenowna, auch hierher bemüht. Meine Ansicht geht nämlich dahin, daß man Katerina Iwanowna selbst kein Geld in die Hände geben darf, ja daß es gefährlich ist; der Beweis dafür liegt in dem heutigen Gedächtnismahl. Ohne eine trockene Rinde Brot zu morgen und ... Stiefel, und andere nötigen Dinge zu haben, -- wird heute Rum und Madeira und ... Kaffee eingekauft. Ich habe es im Vorbeigehen gesehen. Morgen hängt wieder alles bis auf das letzte Stück Brot an Ihnen, und das ist unsinnig. Darum muß die Sammlung nach meiner persönlichen Ansicht so vor sich gehen, daß die unglückliche Witwe von dem Gelde nichts wissen darf, nur Sie allein würden es zu wissen bekommen. Ist das nicht richtiger?«
»Ich weiß es nicht. Sie ist nur heute so ... nur einmal im Leben ... sie wollte so gern sein Gedächtnis feiern, ihm die Ehre erweisen ... Sie ist sonst sehr klug. Aber, wie Sie wollen, und ich werde Ihnen sehr, sehr, sehr ... und sie werden Ihnen sehr ... Gott wird Ihnen ... und die Waisen ...«
Ssonja sprach nicht zu Ende und weinte.
»So. Nun, also behalten Sie es im Auge, jetzt aber belieben Sie zur Unterstützung Ihrer Verwandten fürs erste eine meinen Kräften angemessene Summe von mir entgegenzunehmen. Ich möchte ausdrücklich wünschen, daß mein Name dabei nicht genannt wird. Bitte ... da ich sozusagen selbst Sorgen habe, bin ich nicht imstande, mehr ...«
Und Peter Petrowitsch streckte Ssonja einen Zehnrubelschein entgegen, wobei er ihn peinlich aufrollte. Ssonja nahm den Schein in Empfang, errötete, sprang auf, murmelte etwas und begann sich eilig zu verabschieden. Peter Petrowitsch begleitete sie feierlich bis zur Türe. Sie sprang aus dem Zimmer, ganz erregt und abgequält und kehrte zu Katerina Iwanowna in größter Verlegenheit zurück.
Während dieses Vorganges stand Andrei Ssemenowitsch bald am Fenster, bald ging er im Zimmer herum und wollte das Gespräch nicht unterbrechen. Als Ssonja fortgegangen war, trat er auf Peter Petrowitsch zu und reichte ihm feierlich die Hand.
»Ich habe alles gehört und alles gesehen,« sagte er und betonte besonders das letzte Wort. »Das ist edel, das heißt, ich wollte sagen, human! Sie wollten keinen Dank, ich habe es gesehen! Und obwohl ich, offen gestanden, prinzipiell mit der privaten Wohltätigkeit nicht sympathisieren kann, weil sie nicht bloß das Übel nicht vertilgt, sondern es nur noch mehr stärkt, muß ich gestehn, daß ich Ihre Handlung mit Vergnügen gesehen habe, -- ja, ja, mir gefällt es.«
»Oh, das ist Unsinn!« murmelte Peter Petrowitsch ein wenig erregt und blickte aufmerksam Lebesjätnikoff an.
»Nein, es ist kein Unsinn! Ein Mann, der wie Sie durch den gestrigen Vorfall beleidigt und geärgert ist, und gleichzeitig fähig ist, an das Unglück von anderen zu denken, -- ein solcher Mensch ist ... obwohl er durch seine Handlungen einen sozialen Fehler begeht, -- dennoch ... der Achtung würdig! Ich habe es sogar von Ihnen, Peter Petrowitsch, nicht erwartet, um so mehr, nach Ihren Begriffen ... oh, wie Ihre Begriffe Ihnen noch hinderlich sind! Wie Sie, zum Beispiel, dieser gestrige Mißerfolg aufregt!« rief der gute kleine Andrei Ssemenowitsch aus und fühlte wieder eine stärkere Sympathie für Peter Petrowitsch, »und wozu, wozu brauchen Sie unbedingt diese Ehe, diese gesetzliche Ehe, lieber, edler Peter Petrowitsch? Warum brauchen Sie unbedingt diese Gesetzlichkeit in der Ehe? Nun, wenn Sie wollen, schlagen Sie mich, aber ich freue mich, freue mich, daß diese Ehe nicht zustande gekommen ist, daß Sie frei sind, daß Sie noch nicht ganz für die Menschheit verloren sind, ich freue mich ... So, jetzt habe ich mich ausgesprochen!«
»Weil ich in Ihrer illegalen Ehe keine Hörner tragen und fremde Kinder züchten will, aus diesem Grunde brauche ich die gesetzliche Ehe,« sagte Luschin, nur um etwas zu sagen.
Er war besonders besorgt und nachdenklich.
»Kinder? Sie sagen Kinder?« fuhr Andrei Ssemenowitsch auf wie ein Kampfroß, das das Signal gehört hatte, »Kinder -- das ist eine soziale Frage und eine Frage von größter Wichtigkeit, das gebe ich zu, aber die Kinderfrage wird sich anders lösen. Einige verwerfen vollkommen die Kinder, wie alles, was mit Familie zu tun hat. Wir wollen über die Kinder nachher reden und wollen uns jetzt mit den Hörnern beschäftigen. Ich muß Ihnen gestehen, daß das mein schwacher Punkt ist. Dieser üble Husarenausdruck, der Ausdruck eines Puschkins ist im künftigen Lexikon undenkbar. Ja, und was sind Hörner? Oh, welch eine Verirrung! Was für Hörner? Wozu Hörner? Welch ein Unsinn! Im Gegenteil, in der illegalen Ehe können sie gar nicht existieren! Die Hörner sind nur die natürliche Folge jeder gesetzlichen Ehe, sozusagen, ihre Korrektur, ein Protest, so daß sie in diesem Sinne keineswegs erniedrigend sind ... Und wenn ich irgendwann, -- diesen Unsinn einmal angenommen, -- gesetzlich verheiratet sein sollte, so würde ich mich sogar über diese verfluchten Hörner freuen; ich würde dann meiner Frau sagen, -- >mein Freund, ich habe dich bis jetzt bloß geliebt, jetzt aber achte ich dich auch, weil du verstanden hast, zu protestieren!< Sie lachen! Das kommt davon, weil Sie nicht imstande sind, sich von den Vorurteilen loszureißen! Zum Teufel, ich begreife doch, worin gerade die Unannehmlichkeit besteht, wenn man in gesetzlicher Ehe betrogen wird, -- aber das ist doch bloß eine niederträchtige Folge einer niederträchtigen Tatsache, wo beide Teile erniedrigt sind. Wenn aber die Hörner einem offen aufgesetzt werden, wie in der illegalen Ehe, dann existieren sie nicht mehr, sie sind undenkbar und verlieren sogar die Benennung Hörner. Im Gegenteil, Ihre Frau wird Ihnen bloß beweisen, wie sie Sie schätzt, indem sie Sie für unfähig hält, ihrem Glücke im Wege zu sein und Sie für so reif betrachtet, daß Sie wegen ihres neuen Mannes an ihr keine Rache nehmen werden. Zum Teufel, ich träume zuweilen, daß, wenn ich mich verheiraten würde, pfui! wenn ich heiraten würde, -- ob illegal, ob gesetzlich, das ist einerlei, -- würde ich selbst zu meiner Frau einen Liebhaber bringen, wenn sie sich noch keinen angeschafft hätte, und würde ihr sagen, -- >mein Freund, ich liebe dich, aber ich wünsche auch, daß du mich achtest, -- bitte, hier hast du ihn!< Ist das nicht das Richtige?«
Peter Petrowitsch hörte zu und lachte, aber ohne besondere Begeisterung. Er hörte fast nicht zu. Er überlegte sich etwas ganz anderes, und Lebesjätnikoff merkte es auch schließlich. Peter Petrowitsch war aufgeregt, rieb sich die Hände und dachte nach. Das alles kam Andrei Ssemenowitsch später erst zum Bewußtsein.
II.
Es würde schwer fallen, genau die Gründe anzuführen, aus welchen die Idee dieses sinnlosen Gedächtnismahles in dem verstörten Gehirn von Katerina Iwanowna entstanden war. Es waren beinahe zehn Rubel von dem Gelde daraufgegangen, das ihr Raskolnikoff eigentlich zur Beerdigung Marmeladoffs gegeben hatte. Vielleicht hielt sich Katerina Iwanowna dem Verstorbenen gegenüber verpflichtet, sein Andenken »wie es sich gehört« zu ehren, damit alle Mitbewohner und besonders Amalie Iwanowna wissen sollten, daß er »nicht nur gar nicht schlechter als sie, vielleicht weit besser war,« und daß niemand von ihnen das Recht hatte, sich über ihn zu stellen. Vielleicht hatte hierzu jener besondere Stolz der Armen am meisten beigetragen, aus dem viele bei gewissen gesellschaftlichen Gebräuchen, die, wie es einmal ist, für alle und jeden verbindlich sind, ihre letzten Kräfte anspannen und die letzten Spargroschen ausgeben, um bloß »nicht schlechter, als andere« zu sein, und damit die anderen nicht darüber »reden« können. Es war auch sehr möglich, daß Katerina Iwanowna das Verlangen hatte, gerade in diesem Falle, namentlich in dem Augenblicke, wo sie scheinbar von aller Welt verlassen war, allen diesen »unbedeutenden und schlimmen Mietern« zu zeigen, daß sie nicht nur Lebensart hatte und sich auf Empfänge verstand, sondern daß sie gar nicht zu solch einem Lose bestimmt war, daß sie »in einem feinen, ja in dem aristokratischen Hause eines Obersten« erzogen war, und daß sie durchaus nicht dazu erzogen war, die Diele selbst zu fegen und des Nachts Kinderlumpen zu waschen. Diese Anfälle von Stolz und Eitelkeit suchen zuweilen die ärmlichsten und unterdrücktesten Menschen heim und verwandeln sich oft bei ihnen in ein gereiztes, unüberwindliches Bedürfnis. Katerina Iwanowna gehörte eigentlich nicht zu den Unterdrückten, man konnte sie durch Umstände töten, aber sie moralisch unterdrücken, das heißt, sie einschüchtern und ihren Willen unterwerfen, -- konnte man nicht. Außerdem sagte Ssonjetschka mit gutem Grunde, daß ihr Verstand verstört sei. Man konnte es freilich nicht positiv und endgültig sagen, doch in letzter Zeit, in dem letzten Jahre, wurde ihr armer Kopf zu stark gequält, als daß er nicht zum Teil gelitten hätte. Und eine stark fortgeschrittene Schwindsucht trägt auch, wie die Ärzte sagen, zu einer Geistesstörung bei.
Weine in Mehrzahl und verschiedene Sorten gab es freilich nicht, ebenso fehlte auch Madeira, -- das war übertrieben, Wein war aber da. Es gab Branntwein, Rum und Lissaboner, alles von der schlechtesten Sorte, aber in genügender Menge. Von Speisen waren außer Kutje drei oder vier Gerichte vorhanden, alles aus der Küche von Amalie Iwanowna, dazu wurden zwei Samowars aufgestellt für Tee und Punsch, die nach dem Essen gereicht werden sollten. Katerina Iwanowna hatte alles selbst eingekauft, als Hilfe hatte sie einen Mieter mitgehabt, einen kläglichen Polen, der weiß Gott warum bei Frau Lippewechsel wohnte. Er hatte sich sofort zu Katerina Iwanownas Verfügung gestellt, lief den ganzen gestrigen Tag und den ganzen heutigen Morgen Hals über Kopf und mit heraushängender Zunge herum und war besonders bemüht, daß man dies auch bemerken solle. Wegen jeder Kleinigkeit kam er zu Katerina Iwanowna gelaufen, war ihr sogar in die Kaufläden nachgegangen, nannte sie fortwährend »Pani Chorunschina« und wurde ihr zuletzt bis zum Überdrusse langweilig, obwohl sie zuerst behauptet hatte, daß sie ohne diesen »bereitwilligen und großmütigen« Menschen vollkommen verloren wäre. Katerina Iwanowna hatte die Eigenschaft in ihrem Charakter, den ersten Besten, der ihr in den Weg lief, mit den hellsten und schönsten Farben zu schmücken, ihn so zu loben, daß mancher sich schämte, allerhand Umstände, die gar nicht existierten, zu seinem Preise zu erfinden, selbst daran vollkommen aufrichtig und ehrlich zu glauben, und dann plötzlich, mit einem Male, sich enttäuscht zu fühlen, alles abzubrechen, den Menschen zu beschimpfen und hinauszuschmeißen, den sie noch vor einigen Stunden buchstäblich angebetet hatte. Von Natur aus hatte sie einen heiteren, fröhlichen und friedfertigen Charakter, infolge des ununterbrochenen Unglücks und Mißerfolges begann sie geradezu rasend zu wünschen und zu verlangen, daß alle in Frieden und Freude leben sollten und anders nicht leben dürfen, und der geringste Mißklang im Leben, die allerkleinsten Mißerfolge brachten sie sofort in Wut, und sie fing an, unmittelbar nach den stärksten Hoffnungen und Phantasien ihr Schicksal zu verfluchen, alles, was ihr unter die Hände geriet, zu zerreißen und fortzuwerfen und mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Amalie Iwanowna hatte plötzlich in Katerina Iwanownas Augen eine ungewöhnliche Bedeutung und außergewöhnliche Achtung errungen, vielleicht einzig aus dem Grunde, weil dieses Gedächtnismahl vorbereitet wurde und weil Amalie Iwanowna von ganzem Herzen bereit war, an allen Besorgungen teilzunehmen. Sie hatte es übernommen, den Tisch zu decken, die Wäsche, das Geschirr und alles übrige herzugeben und in ihrer Küche das Essen zuzubereiten. Katerina Iwanowna überließ ihr alles und ging auf den Friedhof. Und wirklich war alles aufs beste hergerichtet, -- der Tisch war ziemlich reinlich gedeckt, das Geschirr, Gabeln, Messer, Gläser, Weingläser, Tassen -- all dieses paßte nicht zusammen, war von den verschiedenen Mietern zusammengeborgt, aber alles stand zur bestimmten Stunde auf seinem Platze, und Amalie Iwanowna, im Vollgefühle ihrer gut besorgten Aufgabe, begrüßte die Zurückkehrenden mit einem gewissen Stolze; sie war sehr geputzt in einer Haube mit neuen Trauerbändern und im schwarzen Kleide. Dieser Stolz, obwohl berechtigt, mißfiel aus irgendeinem Grunde Katerina Iwanowna, »als hätte man in der Tat ohne Amalie Iwanowna nicht verstanden, den Tisch zu decken«! Auch die Haube mit den neuen Bändern erregte ihr Mißfallen, -- »möglicherweise ist diese dumme Deutsche noch darauf stolz, daß sie die Wirtin ist und sich aus Gnade bereit erklärt hat, den armen Mietern zu helfen? Aus Gnade? Bitte sehr! Bei Katerina Iwanownas Papa, der Oberst und beinahe Gouverneur war, wurde zuweilen der Tisch für vierzig Personen gedeckt, so daß irgend eine Amalie Iwanowna oder besser gesagt Ludwigowna, dort nicht mal in die Küche zugelassen worden wäre ...« Katerina Iwanowna beschloß aber, ihre Gefühle nicht vor der Zeit zu äußern, obgleich sie sich im Herzen fest vorgenommen hatte, Amalie Iwanowna heute noch unbedingt abzutrumpfen und sie an ihren richtigen Platz zu erinnern, sonst würde die sich Gott weiß was einbilden; vorläufig behandelte sie sie bloß kalt. Eine andere Unannehmlichkeit hatte auch teilweise zu der Gereiztheit von Katerina Iwanowna beigetragen, -- zu der Beerdigung war, außer dem Polen, von den Geladenen fast niemand erschienen, der aber hatte Zeit genug, auf den Friedhof zu laufen; zu dem Gedächtnismahle dagegen waren nur die Unansehnlichsten und Armen gekommen, viele sogar nicht ganz nüchtern, sozusagen das Pack. Die älteren und angesehensten waren, wie absichtlich, ferngeblieben, als hätten sie sich alle verabredet. Peter Petrowitsch Luschin zum Beispiel, man kann sagen, der solideste von allen Mietern, war nicht erschienen, während Katerina Iwanowna schon gestern aller Welt, das heißt Amalie Iwanowna, Poletschka, Ssonjetschka und dem Polen, erzählt hatte, daß dieser edelste und großmütigste Mann mit besten Verbindungen und von sehr großem Vermögen, ein früherer Freund ihres ersten Mannes, der in dem Hause ihres Vaters verkehrt habe, ihr versprochen hätte, alle Mittel in Bewegung zu setzen, um ihr eine bedeutende Pension zu verschaffen. Wir wollen hierbei bemerken, daß, wenn Katerina Iwanowna mit Verbindungen und Vermögen anderer Leute prahlte, sie es vollkommen uneigennützig, sozusagen aus übervollem Herzen tat, nur aus dem Vergnügen allein, den Gelobten noch mehr zu preisen und ihm einen größeren Wert zu verleihen. Nächst Luschin und wahrscheinlich »seinem Beispiele folgend« war auch »dieser üble, schändliche Lebesjätnikoff« nicht erschienen. Was bildet sich denn dieser ein? Man hatte ihn bloß aus Gnade und weil er in einem Zimmer mit Peter Petrowitsch lebte und sein Bekannter war, eingeladen; es wäre peinlich für ihn gewesen, nicht eingeladen zu sein. Auch eine feine Dame mit ihrer Tochter, »einer überreifen alten Jungfer,« die erst seit zwei Wochen bei Amalie Iwanowna lebten, waren nicht erschienen; sie hatten sich trotz ihres kurzen Aufenthaltes hier schon einige Male über den Lärm und das Geschrei in Marmeladoffs Zimmer, besonders, wenn der Verstorbene betrunken nach Hause gekommen war, beklagt. Das hatte Katerina Iwanowna durch Amalie Iwanowna erfahren, wenn diese sich mit Katerina Iwanowna zankte, ihr drohte, sie und die ganze Familie hinauszujagen, und dabei aus vollem Halse schrie, daß sie »anständige Mieter, deren Fußtritt Sie nicht mal wert sind,« beunruhige. Katerina Iwanowna hatte absichtlich beschlossen, diese Dame und ihre Tochter, deren »Fußtritt sie angeblich nicht wert sei,« einzuladen, und um so mehr, weil jene bei zufälligen Begegnungen sich hochmütig abwandte, -- damit sie wisse, daß man hier »edler denkt und fühlt und sie, ohne sich des Bösen zu erinnern, einlade,« und damit sie sehen sollten, daß Katerina Iwanowna nicht gewohnt sei, in solchen Verhältnissen zu leben. Es war unbedingt vorausgesetzt, ihnen allen bei Tische zu erklären und zu erwähnen, daß ihr verstorbener Vater beinahe Gouverneur gewesen sei, und gleichzeitig indirekt zu verstehen zu geben, daß es überflüssig wäre, sich bei Begegnungen abzuwenden, und daß es äußerst dumm wäre. Ebenso war der dicke Oberstleutnant, eigentlich war er Stabskapitän außer Dienst, nicht erschienen, es stellte sich heraus, daß er seit dem gestrigen Morgen vor Trunkenheit »ohne Hinterbeine« war. Mit einem Worte: es waren bloß erschienen, -- der Pole, dann ein häßlicher schweigsamer Kanzlist, in einem stark glänzenden Frack, mit Finnen im Gesichte und einem widerlichen Geruche und noch ein tauber und fast erblindeter alter Mann, der einst in einem Postamt gedient hatte und den jemand seit undenkbaren Zeiten und aus unbekannten Gründen bei Amalie Iwanowna untergebracht hatte. Es war auch ein betrunkener verabschiedeter Leutnant, eigentlich ein Proviantmeister, erschienen mit einem höchst unanständigen lauten Lachen, und: »stellen Sie sich vor,« ohne Weste! Einer von den Gästen setzte sich direkt an den Tisch, ohne sogar Katerina Iwanowna zu begrüßen, und zuguterletzt tauchte eine Person im Schlafrocke auf, da sie keine Kleider besaß, aber das war so unanständig, daß es den Bemühungen von Amalie Iwanowna und dem Polen gelang, ihn hinauszuexpedieren. Der Pole hatte übrigens noch zwei andere Polen mitgebracht, die niemals bei Amalie Iwanowna gewohnt hatten, und die niemand vorher in ihrem Hause gesehen hatte. Dies alles reizte Katerina Iwanowna in höchstem Grade. »Für wen waren schließlich denn alle Vorbereitungen getroffen?« Man hatte sogar die Kinder, um an Platz zu gewinnen, nicht am Tische untergebracht, der das ganze Zimmer einnahm, sondern für sie in der hinteren Ecke auf einem Kasten gedeckt, wobei die beiden kleineren auf einer Bank saßen, Poletschka aber, als die Erwachsene, mußte auf sie aufpassen, sie füttern und ihnen »wie Kindern aus feinem Hause« die Näschen putzen. Mit einem Worte, Katerina Iwanowna glaubte alle mit doppelter Würde und sogar mit Hochmut begrüßen zu müssen. Manche blickte sie besonders streng an und bat sie von oben herab, sich an den Tisch zu setzen. Da sie aber aus irgendeinem Grunde meinte, Amalie Iwanowna für alle Nichterschienenen verantwortlich machen zu müssen, begann sie plötzlich, sie äußerst nachlässig zu behandeln, was jene sofort merkte und dadurch sehr pikiert wurde. Solch ein Anfang deutete auf kein gutes Ende. Endlich hatten alle Platz genommen. Raskolnikoff trat fast in demselben Augenblick ein, als sie von dem Friedhofe zurückkehrten. Katerina Iwanowna war überaus erfreut, ihn zu sehen, erstens, weil er der einzige »gebildete« von allen Gästen war und »wie bekannt, nach zwei Jahren in der hiesigen Universität einen Lehrstuhl einnehmen werde,« und zweitens, weil er sofort und ehrerbietig sich entschuldigte, daß er trotz seines Wunsches zu der Beerdigung nicht hatte kommen können. Sie stürzte sich buchstäblich auf ihn, setzte ihn bei Tisch neben sich zur linken Hand, zur rechten saß Amalie Iwanowna, und wandte sich ununterbrochen an Raskolnikoff, trotz ihrer beständigen Unruhe und Sorge, daß das Essen auch richtig herumgereicht wurde und alle erhielten, trotz des qualvollen Hustens, der sie alle Augenblicke unterbrach und peinigte, und der sich in diesen letzten zwei Tagen besonders verstärkt zu haben schien. Sie beeilte sich, ihm halb flüsternd alle angesammelten Gefühle und ihre ganze gerechte Entrüstung über das mißlungene Gedächtnismahl mitzuteilen, wobei die Entrüstung oft unabsichtlich und ohne jede Berechnung, einem ausgelassenen Lachen über die versammelten Gäste, besonders aber über die Wirtin, Platz machte.
»An allem ist dieser Kuckuck schuld. Sie wissen, wen ich meine, -- die dort, dort!« und Katerina Iwanowna wies mit dem Kopfe auf die Wirtin. »Sehen Sie sie an, -- sie hat die Augen aufgesperrt, fühlt, daß wir über sie reden, kann aber nichts verstehn. Pfui, so eine Eule! Ha--ha--ha! ... Kche--kche--kche!« hustete sie. »Und was will sie mit ihrer Haube! Kche--kche--kche! Haben Sie gemerkt, sie möchte gern, daß alle Gäste meinen sollen, sie beschütze mich und erweise mir mit ihrem Hiersein eine Ehre. Ich habe sie gebeten, wie man eine anständige Person bittet, bessere Leute, und zwar die Bekannten des Verstorbenen, einzuladen, und sehen Sie, wen sie hergebracht hat, -- allerhand Narren! Schmutzfinke! Sehen Sie nur diesen da mit dem unreinen Teint, -- das ist doch eine Rotznase auf zwei Beinen! Und diese Polen ... ha--ha--ha! Kche--kche--kche! Niemand, niemand hat sie vorher hier gesehen, auch ich nicht. Wozu sind die gekommen, frage ich Sie? Wie hübsch sie sitzen, nebeneinander. -- Pan, heda!« rief sie plötzlich einem von ihnen zu, »haben Sie genug vorgelegt? Nehmen Sie noch? Trinken Sie Bier! Wollen Sie nicht Schnaps? Sehen Sie, -- er ist aufgesprungen und verbeugt sich, sehen Sie, sehen Sie, -- sie sind wahrscheinlich sehr hungrig, die Armen! Tut nichts, mögen sie essen! Sie lärmen wenigstens nicht, aber ... aber ich fürchte ... für die silbernen Löffel der Wirtin! ... Amalie Iwanowna!« wandte sie sich plötzlich an die Wirtin laut, »ich sage Ihnen im voraus, falls Ihre Löffel gestohlen werden, übernehme ich keine Verantwortung! Ha--ha--ha!« lachte sie, wandte sich wieder an Raskolnikoff, wies wieder auf die Wirtin und freute sich über ihre Bemerkung. »Sie hat es nicht verstanden, sie hat wieder nichts verstanden! Sehen Sie, wie sie mit aufgesperrtem Munde dasitzt, -- wie eine echte Eule, eine Eule mit neuen Bändern, ha--ha--ha!«
Das Lachen verwandelte sich von neuem in einen unerträglichen Husten, der minutenlang anhielt. Auf ihrem Taschentuch zeigte sich Blut, und Schweißtropfen traten auf die Stirne. Sie zeigte Raskolnikoff schweigend das Blut, und kaum hatte sie sich erholt, flüsterte sie mit roten Flecken auf den Wangen ihm lebhaft wieder zu.
»Sehen Sie, ich habe ihr einen sehr heiklen Auftrag gegeben, diese Dame und ihre Tochter einzuladen. Sie wissen doch, von wem ich spreche? Hier mußte man in der zartesten Weise, in der geschicktesten Art handeln, sie war aber so ungeschickt, daß diese angereiste dumme Person, dieses aufgeblasene Geschöpf, diese unbedeutende Provinzmadam, sie die Witwe irgendeines Majors, die sich hier um eine Pension bemüht und bei den Behörden deswegen herumläuft ... und die mit ihren fünfundfünfzig Jahren sich schminkt und färbt ... was allgemein bekannt ist ... daß dieses Geschöpf nicht nur sich für zu gut hielt, hier zu erscheinen, sondern sich nicht einmal entschuldigen ließ, wie es in diesen Fällen doch die gewöhnlichste Höflichkeit verlangt! Ich kann nicht begreifen, warum auch Peter Petrowitsch nicht gekommen ist? Und wo ist Ssonja? Wo ist sie nur hingegangen? Ah, da ist sie ja! Ssonja, wo warst du? Merkwürdig, daß du sogar am Beerdigungstage deines Vaters so unpünktlich bist. Rodion Romanowitsch, sie soll sich neben Sie setzen. Hier ist dein Platz, Ssonjetschka ... nimm, was dir gefällt. Nimm von dem Fisch, er ist gut. Hat man den Kindern auch etwas gegeben? Poletschka, habt ihr alles? Kche--kche--kche! Nun, gut. Sei ein artiges Kind, Lene und du, Kolja, zapple nicht mit den Beinen, sitz, wie ein anständiges Kind sitzen muß. Was sagst du, Ssonjetschka?«
Ssonja beeilte sich sofort, ihr die Entschuldigung von Peter Petrowitsch mitzuteilen und versuchte so laut zu sprechen, daß es alle hören konnten, gebrauchte gewählte und ehrerbietige Ausdrücke, die sie absichtlich Peter Petrowitsch andichtete. Sie fügte hinzu, daß Peter Petrowitsch sie besonders gebeten habe, mitzuteilen, daß er unverzüglich, sobald es ihm nur möglich sei, herkommen würde, um in geschäftlichen Angelegenheiten allein mit Katerina Iwanowna zu sprechen und zu verabreden, was man jetzt und künftig unternehmen könnte und dergleichen mehr.
Ssonja wußte, daß dies Katerina Iwanowna friedlicher stimmen und beruhigen würde, sie würde sich dadurch geschmeichelt fühlen und ihr Stolz würde befriedigt sein. Sie setzte sich neben Raskolnikoff, den sie hastig begrüßte und flüchtig, doch voll Interesse anblickte. Während der folgenden Zeit vermied sie aber ihn anzusehen und mit ihm zu sprechen. Sie war zerstreut, obwohl sie die ganze Zeit Katerina Iwanowna im Auge behielt, um ihre Wünsche zu erraten. Weder sie, noch Katerina Iwanowna waren in Trauer, da sie keine Kleider hatten; Ssonja hatte ein dunkelbraunes Kleid an und Katerina Iwanowna ihr einziges, ein dunkelgestreiftes Kattunkleid. Die Mitteilung über Peter Petrowitsch verbreitete sich rasch. Als Katerina Iwanowna mit Würde Ssonja angehört hatte, erkundigte sie sich ebenso würdevoll, wie es Peter Petrowitsch gehe? Dann flüsterte sie hörbar Raskolnikoff zu, daß es für einen angesehenen und soliden Menschen, wie Peter Petrowitsch, unmöglich gewesen wäre, in solch eine »ungewöhnliche Gesellschaft« zu kommen, trotz der großen Anhänglichkeit an ihre Familie und der alten Freundschaft mit ihrem Papa.
»Sehen Sie, darum bin ich auch Ihnen, Rodion Romanowitsch, so sehr dankbar, daß Sie trotz solcher Umgebung Salz und Brot von mir nicht verschmäht haben,« fügte sie fast laut hinzu, »übrigens bin ich überzeugt, daß nur die besondere Freundschaft zu meinem armen Verstorbenen Sie veranlaßt hat, Ihr Wort zu halten.«
Sie blickte noch einmal voll Stolz und Würde ihre Gäste an und erkundigte sich plötzlich mit besonderer Fürsorge laut über den Tisch hinüber bei dem tauben alten Manne, »ob er nicht mehr vom Braten nehmen möchte und ob er Lissaboner bekommen habe?« Der Alte antwortete nicht und konnte lange nicht begreifen, wonach man ihn frage, obwohl seine Nachbarn aus Scherz ihn anzustoßen begannen. Er blickte nur mit offenem Munde um sich, wodurch er die allgemeine Heiterkeit noch mehr hervorrief.
»Ist das ein Holzklotz! Sehen Sie doch nur! Wozu hat man den hierher gebracht? Was Peter Petrowitsch anbetrifft, so war ich stets seiner sicher,« fuhr Katerina Iwanowna fort, Raskolnikoff zu erzählen, »so gleicht er selbstverständlich nicht ...« wandte sie sich laut und scharf und mit äußerst strenger Miene zu Amalie Iwanowna, daß sie darüber erschrak, »so gleicht er nicht jenen aufgedonnerten Madams mit ihren Schleppen, die bei meinem Papa nicht mal als Köchinnen ihren Dienst verrichten gedurft hätten, und denen mein verstorbener Mann nur deshalb die Ehre erwiesen hatte, sie zu empfangen, weil er eine unerschöpfliche Güte hatte.«
»Ja, er liebte eins zu trinken, ja, er liebte es und trank auch!« rief plötzlich der verabschiedete Proviantmeister und leerte das zwölfte Glas Schnaps.
»Mein verstorbener Mann hatte diese Schwäche, das wissen alle,« stürzte sich Katerina Iwanowna plötzlich auf ihn, »aber er war ein guter und edler Mensch, der seine Familie liebte und achtete; nur das eine war schlimm, daß er in seiner Güte allerhand verdorbenen Leuten zu sehr traute und weißgott mit wem trank, sogar mit solchen, die seine Stiefelsohle nicht wert waren! Stellen Sie sich vor, Rodion Romanowitsch, man fand in seiner Tasche einen Pfefferkuchenhahn, -- er ging total betrunken heim, und dachte doch an seine Kinder.«
»Einen Ha--hn? Sie belieben zu sagen -- ei--nen Hahn?« rief der Proviantmeister.
Katerina Iwanowna würdigte ihn keiner Antwort. Sie dachte über etwas nach und seufzte.
»Sie meinen auch sicher, wie alle, daß ich zu streng zu ihm war,« fuhr sie fort, sich an Raskolnikoff wendend. »Das ist nicht richtig! Er hat mich geachtet, er hat mich sehr, sehr geachtet! Er war eine gute Seele. Und zuweilen tat er mir so leid! Er saß manchmal in der Ecke und sah mich an, da tat er mir so leid, ich wollte zu ihm freundlich sein, dachte mir aber, wenn ich jetzt freundlich zu ihm bin, betrinkt er sich wieder. Nur mit Strenge konnte man ihn einigermaßen davon zurückhalten.«
»Ja, es ist vorgekommen, daß er an den Haaren gezerrt wurde, es ist vorgekommen, öfters,« brüllte wieder der Proviantmeister und leerte noch ein Glas.
»Es wäre angebracht, manche Dummköpfe nicht nur an den Haaren zu zerren, sondern mit einem Besenstiel zu verprügeln. Ich rede jetzt nicht von dem Verstorbenen!« trumpfte Katerina Iwanowna den Proviantmeister ab.
Die roten Flecken auf ihren Wangen traten immer stärker hervor und ihre Brust hob sich. Nur wenig fehlte und ein Skandal begann. Viele kicherten; das wäre ihnen offenbar sehr angenehm gewesen. Man begann den Proviantmeister zu stoßen und ihm etwas zuzuflüstern. Man wollte beide aufeinander hetzen.
»Erlau--ben Sie mir zu fragen, wen Sie damit meinten,« begann der Proviantmeister wieder, »wessen Ehre ... haben Sie soeben ... Übrigens, es ist unnötig! Unsinn! Eine Witwe! Eine arme Witwe! Ich verzeihe ... Ich passe!« und er goß sich wieder Schnaps ein.
Raskolnikoff hörte schweigend, voll Widerwillen zu. Er nahm nur aus Höflichkeit, rührte kaum die Stücke an, die ihm Katerina Iwanowna alle Augenblicke auf den Teller legte und aß bloß, um sie nicht zu kränken. Er blickte Ssonja aufmerksam an. Ssonja aber wurde immer unruhiger und besorgter; sie ahnte, daß das Gedächtnismahl kein friedliches Ende nehmen werde und beobachtete voll Angst die sich steigernde Gereiztheit von Katerina Iwanowna. Sie wußte, daß sie der Hauptgrund war, warum die beiden zugereisten Damen so verachtungsvoll mit der Einladung Katerina Iwanownas umgegangen waren. Sie hatte von Amalie Iwanowna selbst gehört, daß die Mutter allein schon durch die Einladung beleidigt worden war und die Frage gestellt hatte, »wie sie es verantworten könne, ihre Tochter neben diese Person zu setzen?« Ssonja ahnte, daß Katerina Iwanowna dies irgendwie erfahren habe, und eine Kränkung Ssonjas bedeutete für Katerina Iwanowna mehr, als eine persönliche, mehr als eine Kränkung ihrer Kinder, ihres Papas, mit einem Worte, es war für sie eine tödliche Beleidigung, und Ssonja wußte, daß Katerina Iwanowna sich nicht eher beruhigen werde, »bis sie diesen geputzten Krähen bewiesen hätte, daß sie beide ...« und dergleichen mehr. Wie absichtlich, hatte in diesem Augenblicke jemand vom anderen Ende des Tisches Ssonja einen Teller zugesandt, worauf zwei Herzen, durchbohrt mit einem Pfeile, aus Brot geknetet waren. Katerina Iwanowna flammte auf und bemerkte sofort laut über den ganzen Tisch weg, daß der Absender sicher »ein betrunkener Esel« sei. Amalie Iwanowna, die auch etwas Schlimmes ahnte, und gleichzeitig durch den Hochmut Katerina Iwanownas im tiefsten Innern gekränkt war, begann ohne jede Veranlassung, nur um die unangenehme Stimmung der Gesellschaft abzulenken und gleichzeitig um ihr Ansehen in aller Augen zu heben, zu erzählen, wie ein Bekannter von ihr »Karl aus der Apotheke« eines Nachts in einer Droschke nach Hause fuhr und der Kutscher ihn ermorden wollte, daß Karl ihn sehr, sehr gebeten habe, ihn nicht zu ermorden, »die Hände gefaltet und geweint hätte und so erschrocken wäre und daß die Angst sein Herz durchbohrt hätte«. Katerina Iwanowna bemerkte aber lächelnd, daß Amalie Iwanowna keine russischen Anekdoten erzählen solle. Jene fühlte sich dadurch noch mehr gekränkt und erwiderte, daß ihr Vater in Berlin ein sehr, sehr bedeutender Mann gewesen sei und daß er »immer die Hände in die Taschen steckte«. Die lachlustige Katerina Iwanowna konnte ein lautes Lachen nicht unterdrücken, so daß Amalie Iwanowna die letzte Geduld verlor und kaum mehr sich beherrschen konnte.
»Das ist mal eine Eule!« flüsterte Katerina Iwanowna Raskolnikoff zu und wurde fast heiter gestimmt, »sie wollte sagen, daß er die Hände in den Taschen hatte, sie brachte es aber so heraus, als ob er ein Langfinger gewesen wäre, ha--ha! Haben Sie auch schon bemerkt, daß alle diese Ausländer in Petersburg, hauptsächlich aber die Deutschen, die irgendwoher zu uns kommen, dümmer sind, als wir? Sie müssen doch zugeben, daß man nicht erzählen kann, daß >Karls Herz aus Angst durchbohrt sei,< und daß er -- so eine Memme! -- anstatt den Kutscher zu knebeln, die >Hände gefaltet, geweint und sehr gebeten hat<. Ach, so ein Holzklotz! Und sie glaubt noch, daß dies sehr rührend sei und ahnt nicht, wie dumm sie ist! Meiner Ansicht nach ist dieser betrunkene Proviantmeister noch bei weitem klüger als sie; man sieht, daß er ein Bruder Liederlich ist und das bißchen Verstand vertrunken hat, diese andere aber tut so ordentlich, sitzt ernst da ... Sehen Sie nur, wie sie nun die Augen aufreißt. Sie ist böse! Ärgert sich! Ha--ha--ha! Kche--kche--kche!«
Als Katerina Iwanowna so lustig geworden war, kam sie auf allerhand Dinge und erzählte plötzlich, wie sie mit Hilfe der in Aussicht gestellten Pension unbedingt in ihrer Heimatsstadt T... eine Anstalt für junge Mädchen aus besseren Ständen errichten werde. Katerina Iwanowna hatte dies Raskolnikoff noch nicht selbst mitgeteilt und sie ließ sich auf sehr ausführliche, verlockende Einzelheiten ein. Auf rätselhafte Weise tauchte plötzlich in ihren Händen dasselbe »Ehrendiplom« auf, von dem der verstorbene Marmeladoff in der Schenke Raskolnikoff schon erzählt und dabei erwähnt hatte, daß Katerina Iwanowna, seine Gattin, bei der Entlassung aus dem Stift mit einem Shawl »vor dem Gouverneur und den übrigen hohen Personen« getanzt habe. Dieses Ehrendiplom mußte offenbar Katerina Iwanowna jetzt als Zeugnis dienen, daß sie auch ein Recht dazu habe, eine Erziehungsanstalt zu gründen, es war hauptsächlich mit der Absicht hervorgeholt und in der Nähe aufbewahrt worden, um endgültig »den beiden aufgedonnerten Krähen,« wenn sie zu dem Gedächtnismahle gekommen wären, den Hochmut zu nehmen, und um ihnen deutlich zu beweisen, daß Katerina Iwanowna aus einem sehr feinen Hause stamme, »man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen Hause« und die Tochter eines Obersten und sicher mehr sei, als manche Abenteurerin, die in der letzten Zeit so überhand nahmen. Das Ehrendiplom ging sofort von Hand zu Hand unter den betrunkenen Gästen, was Katerina Iwanowna nicht hinderte, weil darin tatsächlich en toutes lettres{[10]} bemerkt war, daß sie die Tochter eines Hofrats und Ritters pp. sei, folglich in der Tat beinahe die Tochter eines Obersten. Katerina Iwanowna, einmal entflammt, begann unverzüglich über alle Einzelheiten des künftigen schönen und ruhigen Lebens in T... sich zu verbreiten, -- über die Gymnasiallehrer, die sie auffordern würde, in ihrer Anstalt Unterricht zu geben, über einen ehrenwerten, alten Herrn, einen Franzosen Mangot, der Katerina Iwanowna noch im Stifte in französischer Sprache unterwiesen hatte, und der jetzt in T... sein Leben beschloß und sicher für einen angemessenen Preis zu ihr kommen werde. Endlich kam sie auch auf Ssonja zu sprechen, »die zusammen mit Katerina Iwanowna nach T... reisen und dort in allem ihr behilflich sein solle«. Aber hier prustete jemand am andern Ende des Tisches vor Lachen. Katerina Iwanowna gab sich sofort den Anschein, als beachte sie nicht das Lachen am anderen Ende des Tisches, erhob absichtlich die Stimme und begann mit Begeisterung über die unzweifelhaften Vorzüge von Ssofja Ssemenowna als ihrer Stütze zu reden, »über ihre Sanftmut, Geduld, Selbstaufopferung, edlen Sinn und ihre Bildung,« wobei sie Ssonja auf die Wange tätschelte, aufstand und sie ein paarmal innig küßte. Ssonja errötete und Katerina Iwanowna brach plötzlich in Weinen aus, nannte sich selbst »eine nervenschwache dumme Person, die ziemlich angegriffen sei, und daß es Zeit sei, ein Ende zu machen, da alle gegessen hätten und daß jetzt Tee kommen könne«. Da riskierte Amalie Iwanowna, gänzlich verschnupft, daß sie an der ganzen Unterhaltung nicht den geringsten Anteil genommen hatte, und daß man sie gar nicht angehört hatte, den letzten Versuch und erlaubte sich mit unterdrücktem Ärger, Katerina Iwanowna eine äußerst sachliche und tiefsinnige Bemerkung zu machen, daß man nämlich in der künftigen Pensionsanstalt besonders auf die reine Wäsche der jüngeren Mädchen achthaben müsse, und daß unbedingt eine tüchtige Dame da sein müsse, um darauf aufzupassen, und zweitens darauf, daß die jungen Mädchen heimlich in der Nacht keine Romane lesen könnten. Katerina Iwanowna, wirklich angegriffen und sehr müde, und des Gedächtnismahls überdrüssig, schnitt Amalie Iwanowna schroff das Wort mit der Bemerkung ab, daß sie »Unsinn quatsche« und nichts verstehe; daß die Sorge um die Wäsche Sache der Kastellanin sei und nicht der Vorsteherin einer Anstalt für junge Mädchen aus besseren Ständen, und was das Lesen von Romanen anbetrifft, sei ihre Bemerkung einfach unanständig, und sie bitte sie endlich zu schweigen. Amalie Iwanowna ward rot und antwortete geärgert, daß sie es nur gut gemeint hätte, und daß sie für die Wohnung schon lange kein Geld erhalten habe. Katerina Iwanowna zeigte ihr sofort den ihr zukommenden Platz, indem sie sagte, daß Amalie Iwanowna lüge, wenn sie behaupte, es nur gut gemeint zu haben, weil sie schon gestern, als der Verstorbene noch auf der Bahre lag, sie wegen der Wohnungsmiete gequält habe. Darauf erwiderte Amalie Iwanowna mit großartiger Konsequenz, daß sie jene Damen eingeladen hätte, aber daß die Damen darum nicht gekommen seien, weil sie feine Damen seien und zu unfeinen Damen nicht gehen könnten. Katerina Iwanowna hielt ihr sofort unter die Nase, daß sie, solch ein Schmutzfink, gar nicht beurteilen könne, was in Wahrheit fein sei. Amalie Iwanowna konnte das nicht vertragen und erklärte sofort, daß »ihr Vater aus Berlin ein sehr, sehr wichtiger Mann gewesen sei, beide Hände in die Taschen gesteckt habe und immer nur -- puff! puff! gemacht habe«! Und um ihren Vater augenscheinlicher vorzustellen, sprang Amalie Iwanowna vom Stuhle auf, steckte ihre beiden Hände in die Taschen, blies die Wangen auf und begann mit dem Munde unbestimmte Töne, die -- puff! puff! ähnelten, hervorzubringen, unter lautem Lachen von allen Mietern, die Amalie Iwanowna absichtlich durch ihren Beifall reizten, weil sie eine Prügelei voraussahen. Jenes nun konnte wiederum Katerina Iwanowna nicht vertragen und sie sagte unverzüglich und laut, daß Amalie Iwanowna vielleicht nie einen Vater gehabt habe, daß Amalie Iwanowna einfach eine betrunkene Estin aus Petersburg sei und sicher irgendwo früher als Köchin gedient habe, vielleicht aber auch etwas schlimmeres gewesen sei. Amalie Iwanowna wurde krebsrot und kreischte, daß Katerina Iwanowna vielleicht keinen Vater gehabt habe, daß sie aber einen Vater aus Berlin gehabt und er einen langen Rock getragen und immer -- puff! puff! -- gemacht habe! Katerina Iwanowna bemerkte mit Verachtung, daß ihre Herkunft allen bekannt sei, und daß in diesem Ehrendiplom gedruckt sei, daß ihr Vater Oberst war, daß aber der Vater von Amalie Iwanowna -- wenn sie überhaupt einen Vater gehabt habe -- sicher ein Este aus Petersburg war und Milch verkauft habe; am wahrscheinlichsten aber sei, daß sie gar keinen Vater gehabt habe, weil es bis jetzt noch nicht festzustellen sei, wie der Vatername von Amalie Iwanowna laute, ob Iwanowna oder Ludwigowna? Da geriet Amalie Iwanowna ganz außer sich, schlug mit der Faust auf den Tisch, fing an zu kreischen, daß sie Amalie Iwanowna und nicht Ludwigowna heiße, daß der Name ihres Vaters Johann sei und daß er Dorfschulze gewesen war und daß der Vater von Katerina Iwanowna niemals Dorfschulze gewesen sei. Katerina Iwanowna erhob sich von ihrem Stuhle und bemerkte streng, scheinbar mit ruhiger Stimme, -- obwohl sie ganz bleich war und ihre Brust schwer atmete, -- daß, wenn sie noch einmal wagen werde, ihren dreckigen Vater mit ihrem Papa auf gleiche Stufe zu stellen, sie ihr die Haube von ihrem Kopfe herunterreißen und mit den Füßen zertreten werde. Als Amalie Iwanowna das hörte, begann sie im Zimmer herumzulaufen und schrie aus allen Kräften, daß sie die Wirtin sei und daß Katerina Iwanowna sofort das Zimmer räumen solle; dann raffte sie die silbernen Löffel vom Tische zusammen. Es erhob sich ein Lärm und Getöse; die Kinder weinten. Ssonja stürzte zu Katerina Iwanowna hin, um sie zurückzuhalten, als aber Amalie Iwanowna etwas von »Sittenkontrolle« schrie, stieß Katerina Iwanowna Ssonja von sich, eilte auf Amalie Iwanowna zu, um ihre Drohung bezüglich der Haube sofort wahr zu machen. In diesem Augenblicke öffnete sich die innere Tür und auf der Schwelle erschien Peter Petrowitsch Luschin. Er blieb stehen und warf einen strengen und aufmerksamen Blick auf die ganze Gesellschaft. Katerina Iwanowna stürzte zu ihm hin.
III.
»Peter Petrowitsch!« rief sie. »Schützen Sie mich! Sagen Sie dieser dummen Kreatur, daß sie eine gebildete Dame im Unglück nicht in dieser Weise behandeln dürfe, daß es ein Gericht gibt ... ich werde zu dem Generalgouverneur gehen ... Sie wird zur Verantwortung gezogen werden ... Gedenken Sie der Gastfreundschaft bei meinem Vater, schützen Sie die Waisen!«
»Erlauben Sie, meine Dame ... Erlauben Sie, erlauben Sie,« wehrte Peter Petrowitsch ab. »Ich hatte gar nicht die Ehre, Ihren Herrn Vater gekannt zu haben, wie Sie wohl wissen werden ... erlauben Sie, meine Dame!« Jemand lachte laut. »Und an Ihren ewigen Zänkereien mit Amalie Iwanowna teilzunehmen, habe ich nicht die Absicht ... Ich bin in eigener Angelegenheit hergekommen ... und möchte sofort mit Ihrer Stieftochter, Ssofja ... Iwanowna ... nicht wahr, so heißt sie ... sprechen. Erlauben Sie, daß ich zu ihr gehe ...«
Und Peter Petrowitsch machte einen kleinen Bogen um Katerina Iwanowna und ging in die entgegengesetzte Ecke, wo sich Ssonja befand.
Katerina Iwanowna blieb auf demselben Fleck stehen, wie vom Donner gerührt. Sie konnte nicht begreifen, wie Peter Petrowitsch die Gastfreundschaft ihres Papas leugnen konnte. Nachdem sie sich einmal dies in den Kopf gesetzt hatte, glaubte sie auch schon selber heilig und fest daran. Auch der geschäftliche, trockene Ton Peter Petrowitschs ... in dem Verachtung, ja etwas Drohendes lag, machte sie bestürzt. Bei seinem Erscheinen waren alle allmählich stiller geworden. Abgesehen davon, daß dieser »nüchterne und ernste« Mensch von der ganzen Versammlung scharf abstach, merkte man, daß er aus einem wichtigen Anlasse hergekommen war, daß eine ungewöhnliche Ursache ihn solch eine Gesellschaft aufzusuchen veranlaßt hatte, und daß es jetzt wohl etwas geben werde. Raskolnikoff, der neben Ssonja stand, wich zur Seite, um Peter Petrowitsch vorbei zu lassen; Luschin schien ihn gar nicht bemerkt zu haben. Nach einem Augenblick erschien Lebesjätnikoff auf der Schwelle; er trat nicht in das Zimmer herein, sondern blieb mit einem besonderen Interesse dort stehen; er hörte zu, wie einer, der etwas nicht begreift.
»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber es ist eine wichtige Angelegenheit,« bemerkte Peter Petrowitsch im allgemeinen, »ich freue mich, ein größeres Publikum zu haben. Amalie Iwanowna, ich bitte Sie sehr, als Wirtin dieser Wohnung, mein folgendes Gespräch mit Ssofja Iwanowna aufmerksam anzuhören. Ssofja Iwanowna,« fuhr er fort, sich direkt an die äußerst erstaunte und im voraus erschrockene Ssonja wendend, »von meinem Tische, in dem Zimmer meines Freundes Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff ist mit Ihrem Weggehen eine Reichsbanknote im Werte von hundert Rubel, die mir gehörte, verschwunden. Wenn Sie auf irgendeine Weise es wissen und uns zeigen, wo die Banknote sich jetzt befindet, so versichere ich Ihnen mit meinem Ehrenworte und rufe alle als Zeugen auf, daß die Sache damit erledigt sein wird. Im entgegengesetzten Falle werde ich gezwungen sein, sehr ernste Maßregeln zu ergreifen, und dann ... klagen Sie sich selbst an.«
Ein peinliches Schweigen trat im Zimmer ein. Sogar die weinenden Kinder verstummten. Ssonja stand totenblaß da, sah Luschin an und konnte nichts antworten. Sie schien ihn immer noch nicht zu verstehen. Es vergingen einige Sekunden.
»Nun, wie ist's?« fragte Luschin und blickte sie scharf an.
»Ich weiß nicht ... Ich weiß nichts ...« sagte endlich Ssonja mit schwacher Stimme.
»Nicht? Sie wissen nichts?« fragte Luschin sie noch einmal und schwieg wieder. »Denken Sie nach, Mademoiselle,« begann er dann streng, aber als rede er ihr immer noch im Guten zu, »überlegen Sie es sich, ich bin bereit, Ihnen noch einige Zeit zum Überlegen zu geben. Sehen Sie, -- wenn ich nicht so fest überzeugt wäre, so hätte ich selbstverständlich bei meiner Erfahrenheit nicht riskiert, Sie in dieser direkten Weise zu beschuldigen; denn für eine solche öffentliche und direkte, aber falsche oder nur auch irrtümliche Beschuldigung kann ich selbst zur Verantwortung gezogen werden. Ich weiß es. Heute Morgen wechselte ich, zu meinen eigenen Zwecken, einige fünfprozentige Staatspapiere in der nominellen Summe von dreitausend Rubel. Die Berechnung ist in meinem Notizbuche eingetragen. Nach Hause gekommen, begann ich, -- mein Zeuge ist Andrei Ssemenowitsch, -- das Geld zu zählen, und nachdem ich zweitausend und dreihundert Rubel aufgezählt hatte, steckte ich sie in meine Brieftasche und die Brieftasche in die Seitentasche meines Rockes. Auf dem Tische blieben fünfhundert Rubel in Banknoten liegen und unter ihnen drei Noten zu je hundert Rubel. In diesem Augenblick kamen Sie -- auf meine Bitte hin -- und die ganze Zeit waren Sie äußerst verlegen, so daß Sie dreimal mitten im Gespräch aufstanden und sich aus irgendeinem Grunde beeilten, fortzugehen, obgleich unsere Unterredung noch nicht beendet war. Andrei Ssemenowitsch kann dies alles bestätigen. Wahrscheinlich werden Sie selbst, Mademoiselle, nicht ablehnen, zuzugeben, daß ich Sie durch Andrei Ssemenowitsch nur aus dem einzigen Grunde rufen ließ, um mit Ihnen über die schlimme und hilflose Lage Ihrer Verwandten Katerina Iwanowna, zu der ich zum Gedächtnismahl nicht kommen konnte, zu sprechen und Ihnen vorzuschlagen, wie es von Nutzen wäre, zu ihren Gunsten irgend etwas, wie eine Sammlung, eine Verlosung oder ähnliches, zu veranstalten. Sie haben mir gedankt und sogar Tränen vergossen -- ich erzähle alles, wie es war, um Sie erstens an alles zu erinnern, und zweitens, um Ihnen zu zeigen, daß meinem Gedächtnisse nicht das Geringste entschwunden ist. Darauf nahm ich vom Tische einen Zehnrubelschein und überreichte ihn Ihnen, als vorläufige Unterstützung für Ihre Verwandten. Das alles hat Andrei Ssemenowitsch gesehen. Dann begleitete ich Sie zur Türe, -- Sie waren immer noch sehr verlegen. Ich blieb mit Andrei Ssemenowitsch allein, unterhielt mich mit ihm etwa zehn Minuten, und Andrei Ssemenowitsch ging bald hinaus. Ich wandte mich von neuem zu dem Tische, wo das Geld lag, mit der Absicht, es nachzuzählen und es, wie ich vorher schon beschlossen hatte, gesondert aufzuheben. Zu meiner Verwunderung fehlte von den übrigen eine Banknote von hundert Rubel. Bitte, überlegen Sie es sich, -- Andrei Ssemenowitsch kann ich in keinem Falle in Verdacht haben, ich würde mich selbst bei diesem Gedanken schämen. Bei der Berechnung konnte ich mich auch nicht irren, denn eine Minute vor Ihrem Kommen hatte ich alles nachgezählt und die Summe richtig gefunden. Sie müssen selbst zugeben, daß, wenn ich Ihrer Verlegenheit, Ihrer Eile wegzugehen und des Umstandes denke, daß Sie die Hände eine Weile auf dem Tische hatten, und wenn ich schließlich Ihre gesellschaftliche Lage und die mit ihr verknüpften Gewohnheiten in Betracht zog, ich sozusagen zu meinem Entsetzen und gegen meinen Willen gezwungen war, bei diesem Verdachte stehen zu bleiben, -- der sicher grausam, aber -- gerechtfertigt ist! Ich füge hinzu und wiederhole, -- daß trotz meiner ganzen klaren Überzeugung ich vollkommen verstehe, daß dennoch in meiner jetzigen Beschuldigung ein gewisses Risiko für mich liegt. Aber, ich habe es nicht unterlassen; ich bin gegen Sie aufgetreten und will Ihnen auch sagen warum, -- einzig und allein, meine Dame, auf Grund Ihres schwärzesten Undankes! Wie? Ich fordere Sie aus Interesse für Ihre ärmste Verwandte auf, ich überlasse Ihnen eine meinen Kräften entsprechende Gabe von zehn Rubel, und Sie danken mir gleich darauf, auf der Stelle, für alles mit dieser Handlung! Nein, das ist nicht mehr schön! Eine Lehre ist notwendig! Denken Sie nach; noch mehr, ich bitte Sie, als Ihr aufrichtiger Freund, -- denn einen besseren Freund können Sie in diesem Augenblicke nicht haben, -- besinnen Sie sich! Sonst werde ich unbarmherzig sein! Nun, also!«
»Ich habe nichts von Ihnen genommen,« -- flüsterte Ssonja entsetzt, -- »Sie gaben mir zehn Rubel, bitte, nehmen Sie sie wieder, hier.«
Ssonja zog ihr Taschentuch aus der Tasche hervor, suchte den Knoten, löste ihn, nahm einen Zehnrubelschein heraus und streckte ihn Luschin entgegen.
»Und die übrigen hundert Rubel wollen Sie nicht gestehen?« -- sagte er vorwurfsvoll und eindringlich, ohne den Schein zu nehmen.
Ssonja blickte ringsum. Alle schauten sie mit schrecklichen, strengen, spöttischen und haßerfüllten Gesichtern an. Sie blickte Raskolnikoff an ... er stand mit gekreuzten Armen an der Wand und sah sie mit einem brennenden Blick an.
»Oh, Gott!« -- entrang es Ssonja.
»Amalie Iwanowna, man muß die Polizei benachrichtigen, und darum bitte ich Sie sehr, vorläufig nach dem Hausknecht zu schicken,« -- sagte Luschin leise und freundlich.
»Gott der Barmherzige! Ich wußte, daß sie es gestohlen hat!« -- schlug Amalie Iwanowna die Hände zusammen.
»Sie wußten es?« -- fiel Luschin ein, -- »also hatten Sie auch früher wenigstens gewisse Gründe, solches zu glauben. Ich bitte Sie, verehrteste Amalie Iwanowna, sich an Ihre Worte zu erinnern, die übrigens in Gegenwart von Zeugen ausgesprochen sind.«
Von allen Seiten erhob sich plötzlich lautes Reden. Alle rührten sich.
»Wie -- wie!« -- rief plötzlich Katerina Iwanowna, zu sich gekommen, und stürzte zu Luschin, -- »wie! Sie beschuldigen sie des Diebstahls? Ssonja? Ach, ihr Schufte, ihr Schufte!«
Und sie eilte zu Ssonja und umarmte sie fest mit ihren hageren Armen.
»Ssonja! Wie durftest du von ihm zehn Rubel nehmen! Oh, du Dumme! Gib sie her! Gib mir sofort diese zehn Rubel -- da haben Sie sie!«
Katerina Iwanowna entriß Ssonja das Papier, zerknüllte es und warf es direkt Luschin ins Gesicht. Der Papierknäuel traf ihn ins Auge und fiel auf die Diele nieder. Amalie Iwanowna beeilte sich, das Geld aufzuheben. Peter Petrowitsch wurde böse.
»Halten Sie diese Verrückte!« -- rief er.
In diesem Augenblicke erschienen in der Türe neben Lebesjätnikoff noch einige Gesichter, zwischen denen auch die der beiden zugereisten Damen hervorguckten.
»Wie! Verrückt? Ich soll verrückt sein? Dummkopf!« -- schrie Katerina Iwanowna. -- »Du bist selbst ein Dummkopf, du Rechtsverdreher, niederträchtiger Mensch! Ssonja, Ssonja soll von ihm Geld genommen haben! Ssonja soll eine Diebin sein! Sie wird dir noch Geld geben, Dummkopf!« -- Und Katerina Iwanowna lachte hysterisch. -- »Habt ihr schon so einen dummen Kerl gesehen?« -- wandte sie sich nach allen Seiten und zeigte auf Luschin. -- »Wie! Auch du!« -- sie erblickte die Wirtin, -- »auch du, Wurstmacherin, bestätigst, daß sie gestohlen hat, du gemeines preußisches Hühnerbein in Krinoline! Ach, ihr! Ach, ihr! Ja, sie hat das Zimmer nicht verlassen, und als sie von dir, Schuft, zurückkam, hatte sie sich hier neben Rodion Romanowitsch hingesetzt! ... Untersucht sie doch! Wenn sie nirgendwo hingegangen war, muß doch das Geld bei ihr sein! Suche, suche, suche doch! Wenn du aber nichts findest, dann, lieber Freund, wirst du bestraft! Zu Seiner Majestät, zu Seiner Majestät, zum Zaren selbst laufe ich hin, werfe mich dem Barmherzigen zu Füßen, sofort, heute noch! Ich bin verwaist! Man wird mich zulassen! Du denkst, man wird mich nicht zu ihm lassen? Du lügst, ich komme hin! Ich komme zu ihm hin! Du hast darauf gerechnet, daß sie schüchtern ist? Du hast darauf gehofft? Ich aber, Bruder, bin dafür kühn! Du wirst dein Spiel verlieren! Suche doch! Suche, suche, nun suche doch!«
Und Katerina Iwanowna zerrte Luschin in Wut zu Ssonja.
»Ich bin bereit und trage die Verantwortung ... aber nehmen Sie sich zusammen, meine Dame, nehmen Sie sich zusammen. Ich sehe zu gut, daß Sie kühn sind! ... Das ... das ... das geht nicht an!« -- murmelte Luschin, -- »das muß in Gegenwart der Polizei ... obwohl, übrigens, auch jetzt genügend Zeugen vorhanden sind ... Ich bin bereit ... Aber in jedem Falle ist es für einen Mann peinlich ... des Geschlechtes wegen ... Wenn Amalie Iwanowna helfen würde ... obwohl, übrigens, die Sache nicht so gehandhabt wird ... Das geht nicht an!«
»Wenn Sie wünschen! Mag wer da will sie untersuchen!« -- schrie Katerina Iwanowna. -- »Ssonja, wende deine Taschen um! Da! da! Sieh, Scheusal, diese Tasche ist leer, hier lag das Taschentuch, die Tasche ist leer, siehst du! Da ist die andere Tasche, da, da! Siehst du! Siehst du!«
Und Katerina Iwanowna wandte, nein besser gesagt, riß die beiden Taschen, eine nach der anderen mit dem Futter hervor. Aber aus der zweiten, rechten Tasche sprang plötzlich ein Stück Papier hervor, beschrieb in der Luft einen Bogen und fiel zu den Füßen Luschins hin. Alle hatten es gesehen, manche schrien. Peter Petrowitsch bückte sich, hob das Stück Papier mit zwei Fingern von der Diele auf, hielt es so, daß alle sehen konnten und faltete es auseinander. Es war ein Hundertrubelschein, dreimal zusammengefaltet. Peter Petrowitsch umschrieb mit seiner Hand einen Bogen und zeigte allen den Schein.
»Diebin! Hinaus aus der Wohnung! Polizei, Polizei!« -- heulte Amalie Iwanowna, -- »Sie müssen nach Sibirien! Hinaus!«
Von allen Seiten ertönten Ausrufe. Raskolnikoff schwieg, ohne die Augen von Ssonja abzuwenden, nur selten und schnell blickte er Luschin an. Ssonja stand auf derselben Stelle, wie bewußtlos, -- sie schien nicht einmal verwundert zu sein. Plötzlich aber überzog eine Röte ihr ganzes Gesicht; sie schrie auf und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
»Nein, ich war es nicht! Ich habe nichts genommen! Ich weiß von nichts!« -- rief sie mit einem herzzerreißenden Schrei und stürzte zu Katerina Iwanowna.
Jene umfaßte sie und preßte sie fest an sich, als wolle sie mit eigener Brust sie vor allen schützen.
»Ssonja! Ssonja! Ich glaube es nicht! Siehst du, ich glaube es nicht!« -- rief Katerina Iwanowna, trotz des Augenscheins, und schüttelte sie in ihren Armen, wie ein Kind, küßte sie unzählige Male, erfaßte ihre Hände und küßte sie inbrünstig. -- »Du sollst es genommen haben? Ja, wie dumm die Menschen sind! Oh, Gott! Ihr dummen, dummen Leute!« -- rief sie, sich an alle wendend, -- »ja, ihr wißt noch gar nicht, ihr wißt nicht, was das für ein Herz, was das für ein Mädchen ist! Sie soll es genommen haben, sie! Ja, sie wird barfüßig gehen, sie wird ihr letztes Kleid ausziehen und es verkaufen, und euch es abgeben, wenn ihr es braucht, -- so ist sie! Sie hat den gelben Schein genommen, weil meine, meine Kinder vor Hunger umkamen, sie hat sich unseretwegen verkauft! ... Ach, der Verstorbene, der Verstorbene! Siehst du? Siehst du? Da hast du deine Gedächtnisfeier! Oh, Gott! Ja, schützt sie doch, was steht ihr alle! Rodion Romanowitsch! Warum treten Sie nicht für sie ein? Glauben Sie auch etwa daran? Ihr seid ihres kleinen Fingers nicht wert, ihr alle, alle, alle! Oh, Gott! Schütze du sie doch endlich!«
Das Weinen der armen, schwindsüchtigen, verlassenen Katerina Iwanowna schien einen starken Eindruck auf alle Anwesenden gemacht zu haben. Es war so viel Klägliches, so viel Leidendes in diesem vor Schmerz verzogenen, eingetrockneten, schwindsüchtigen Gesichte, in diesen geborstenen, blutbedeckten Lippen, in dieser heiser schreienden Stimme, in diesem Schluchzen und Weinen, das dem Weinen von Kindern glich, in diesem vertrauensvollen, kindlichen und gleichzeitig verzweifelten Flehen um Schutz, daß alle die Unglückliche zu bedauern schienen. Sogar Peter Petrowitsch schien es sofort leid zu tun.
»Meine Dame! Meine Dame!« -- rief er mit eindringlicher Stimme, -- »Sie berührt diese Tatsache nicht! Niemand wird es wagen, Sie der Absicht oder der Teilnahme zu beschuldigen, um so mehr, als Sie es selbst entdeckt haben, indem Sie die Tasche umwandten, -- Sie haben dies nicht vorausgesehen. Ich bin bereit, es sehr, sehr zu bedauern, sollte die äußerste Armut Ssofja Ssemenowna dazu bewogen haben, aber warum wollten Sie, Mademoiselle, es nicht eingestehen? Fürchten Sie die Schande? Der erste Schritt? Sie sind wahrscheinlich bestürzt? Es ist begreiflich, sehr begreiflich ... Aber warum läßt man sich auf solche Sachen ein! Meine Herrschaften!« wandte er sich an alle Anwesenden, -- »meine Herrschaften! Weil ich Bedauern und Mitleid habe, bin ich bereit, es sogar jetzt, trotz der empfangenen persönlichen Beleidigungen, zu verzeihen. Möge Ihnen, Mademoiselle, die jetzige Schande als eine Lehre für die Zukunft dienen,« -- wandte er sich an Ssonja, -- »ich aber unterlasse alle weiteren Schritte und erledige hiermit die Sache. Genug!«
Peter Petrowitsch blickte Raskolnikoff von der Seite an. Ihre Blicke trafen sich. Der flammende Blick Raskolnikoffs wollte ihn zu Asche verbrennen. Katerina Iwanowna schien nichts mehr gehört zu haben, sie umarmte und küßte Ssonja wie wahnsinnig. Auch die Kinder hatten Ssonja von allen Seiten mit ihren Händchen umfaßt und Poletschka, die nicht ganz verstand, was vor sich ging, schien vollkommen in Tränen zu ertrinken, sie krümmte sich vor lauter Schluchzen und verbarg ihr hübsches, von Tränen geschwollenes Gesichtchen an Ssonjas Schulter.
»Ist das gemein!« -- ertönte plötzlich eine laute Stimme in der Türe.
Peter Petrowitsch blickte sich schnell um.
»Welch eine Gemeinheit!« -- wiederholte Lebesjätnikoff und blickte ihm unverwandt in die Augen. Peter Petrowitsch zuckte zusammen. Alle hatten es bemerkt. Nachher erinnerten sie sich dessen. Lebesjätnikoff trat in das Zimmer.
»Und Sie haben es gewagt, mich als Zeugen anzurufen?« -- sagte er und trat an Peter Petrowitsch heran.
»Was bedeutet das, Andrei Ssemenowitsch? Worüber sprechen Sie?« -- murmelte Luschin.
»Das bedeutet, daß Sie ... ein Verleumder sind, das bedeuten meine Worte!« -- sagte Lebesjätnikoff eifrig und blickte ihn streng mit seinen kurzsichtigen, kleinen Augen an.
Er war furchtbar böse. Raskolnikoff starrte ihn an, als fange er jedes Wort auf. Wieder trat ein Schweigen ein. Peter Petrowitsch war bestürzt, besonders im ersten Momente.
»Wenn Sie mir ...« -- begann er stotternd, -- »ja, was ist mit Ihnen? Sind Sie bei Verstand?«
»Ich bin bei Verstand, Sie aber sind ... ein Gauner! Ach, wie ist das gemein! Ich hörte die ganze Zeit zu, ich wartete immer absichtlich, um alles zu verstehen, denn offen gestanden, alles ist mir bis jetzt noch nicht ganz klar ... Aber warum haben Sie dies alles getan -- ich verstehe es nicht!«
»Ja, was habe ich denn getan? Hören Sie doch auf, in Ihren unsinnigen Rätseln zu sprechen! Oder haben Sie vielleicht zu viel getrunken?«
»Sie gemeiner Mensch, Sie trinken vielleicht, ich nicht. Ich trinke nicht mal Schnaps, weil es gegen meine Überzeugungen ist. Denken Sie sich, er selbst hat mit eigenen Händen diesen Hundertrubelschein Ssofja Ssemenowna gegeben, -- ich habe es gesehen, war Zeuge, ich kann es beschwören! Er, er hat es getan!« -- wiederholte Lebesjätnikoff, sich an alle und jeden einzelnen wendend.
»Sind Sie verrückt geworden oder nicht, Sie Milchbart?« -- kreischte Luschin, -- »sie hat doch selbst in Ihrer Gegenwart ... sie hat doch selbst soeben in Gegenwart aller bestätigt, -- daß sie außer den zehn Rubel nichts von mir erhalten hat. Wie konnte ich es denn ihr überreichen?«
»Ich habe es gesehen, ich habe es gesehen!« -- rief Lebesjätnikoff, -- »und obwohl es gegen meine Überzeugungen ist, bin ich doch bereit, gleich vor Gericht jeden beliebigen Eid zu leisten, denn ich habe es gesehen, wie er ihn ihr heimlich zusteckte! Ich Dummkopf aber dachte, daß Sie es ihr aus gutem Herzen zusteckten! Während Sie sich von ihr an der Türe verabschiedeten, als sie sich umwandte und Sie ihr die eine Hand reichten, steckten Sie mit der anderen, mit der linken Hand ihr heimlich das Papier in die Tasche hinein. Ich habe es gesehen! Ich habe es gesehen!«
Luschin erbleichte.
»Was lügen Sie da vor!« -- rief er ihm frech zu, -- »ja, und wie konnten Sie vom Fenster aus das Papier bemerken! Sie haben es geträumt ... Sie, mit Ihren kurzsichtigen Augen. Sie phantasieren!«
»Nein, ich habe es nicht geträumt! Und obwohl ich weit stand, habe ich alles, alles gesehen, und obgleich man vom Fenster aus tatsächlich schwer ein Stück Papier unterscheiden kann, -- hier sagen Sie die Wahrheit, -- wußte ich doch bestimmt, daß es ein Hundertrubelschein war, denn als Sie Ssofja Ssemenowna den Zehnrubelschein gaben, -- ich habe es selbst gesehen, -- nahmen Sie gleichzeitig vom Tische einen Hundertrubelschein. Ich habe es gesehen, weil ich in diesem Augenblicke in der Nähe war und weil mir sofort dabei ein Gedanke durch den Sinn fuhr, weiß ich genau, daß Sie diesen Schein in der Hand hielten. Sie haben ihn zusammengefaltet und hielten ihn die ganze Zeit in der Faust. Ich vergaß es später, als Sie aber aufstanden, legten Sie den Schein aus der rechten in die linke Hand und ließen ihn beinahe fallen; da besann ich mich darauf, weil mir wieder derselbe Gedanke durch den Sinn fuhr, und zwar, daß Sie heimlich ihr eine Wohltat erweisen wollen. Sie können sich vorstellen, wie ich nun beobachtete, -- und da sah ich auch, wie es Ihnen glückte, ihn in ihre Tasche zu stecken. Ich habe es gesehen, habe es gesehen und werde schwören!« Lebesjätnikoff geriet fast außer Atem. Von allen Seiten ertönten allerhand Ausrufe, die meistens Erstaunen bedeuteten, aber in manchen brach auch ein drohender Ton durch. Alle drängten sich um Peter Petrowitsch. Katerina Iwanowna stürzte zu Lebesjätnikoff hin.
»Andrei Ssemenowitsch! Ich habe mich in Ihnen geirrt! Schützen Sie sie! Sie allein treten für sie ein! Sie ist eine Waise, Gott hat Sie gesandt! Andrei Ssemenowitsch, mein Lieber, Väterchen!«
Und Katerina Iwanowna, fast ganz außer sich, warf sich vor ihm auf die Knie hin.
»Blödes Zeug!« -- brüllte Luschin, rasend vor Wut, -- »Sie reden blödes Zeug, mein Herr ... >Ich vergaß es, besann mich, vergaß< -- was soll das heißen! Also, ich soll ihr den Schein absichtlich zugesteckt haben? Wozu? Zu welchem Zwecke? Was habe ich gemein mit dieser ...«
»Wozu? Das ist es ja, was ich selbst nicht begreife, das aber ist sicher, daß ich die Wahrheit erzähle! Ich irre mich nicht, Sie niederträchtiger Mensch, Sie Verbrecher; ich entsinne mich, daß mir sofort damals die Frage in den Sinn kam, und zwar, als ich Ihnen dankte und Ihnen die Hand drückte. Warum haben Sie es ihr heimlich in die Tasche gesteckt? Das heißt warum heimlich? Vielleicht bloß aus dem Grunde, weil Sie es vor mir verbergen wollten, da Sie wissen, daß ich entgegengesetzter Ansicht bin und die Privatwohltätigkeit, als nicht radikal heilend, verneine? Nun, und ich kam zu der Überzeugung, daß Sie sich in der Tat vor mir schämen, solch einen Haufen Geld fortzugeben, und außerdem meinte ich, daß Sie ihr vielleicht eine Überraschung bereiten und sie in Staunen setzen wollten, wenn sie in ihrer Tasche volle hundert Rubel finden wird. Denn manche Wohltäter lieben es sehr, ihre Wohltaten so anzubringen, -- das weiß ich. Ich dachte auch, daß Sie sie auf die Probe stellen wollen, das heißt, ob sie, wenn sie es gefunden hat, kommen würde, um sich zu bedanken! Ich hatte auch den Gedanken, daß Sie jeden Dank vermeiden möchten, damit ... nun, wie man es sagt ... damit die rechte Hand nicht wüßte ... kurz, wie man es sagt ... Nun, mir kamen so viele Gedanken in den Sinn, daß ich beschloß, mir alles nachher genauer zu überlegen, ich hielt es auch für unzart, Ihnen zu zeigen, daß ich Ihr Geheimnis kenne. Mir kam aber der Gedanke, daß Ssofja Ssemenowna möglicherweise das Geld verlieren könnte, ehe sie es selbst bemerkt hat. Darum beschloß ich, hierher zu kommen, sie herauszurufen und ihr mitzuteilen, daß man ihr einen Hundertrubelschein in ihre Tasche gesteckt hat. Auf dem Wege hierher ging ich zuerst in das Zimmer der Damen Kobyljätnikoff hinein, um ihnen die >allgemeinen Ergebnisse der positiven Methode< zu überbringen und ihnen besonders den Artikel von Piderit -- übrigens auch von Wagner -- zu empfehlen. Ich kam dann hierher, und hier ist diese schlimme Geschichte passiert. Sagen Sie, konnte ich, konnte ich alle diese Gedanken und Erwägungen gehabt haben, wenn ich tatsächlich nicht gesehen hätte, daß Sie ihr hundert Rubel in die Tasche gesteckt haben?«
Als Andrei Ssemenowitsch seine langatmige Rede mit so einem logischen Abschluß beendet hatte, war er furchtbar ermüdet, und von seinem Gesichte rann der Schweiß. Er konnte nicht einmal ordentlich russisch sprechen, -- ohne jedoch eine andere Sprache zu kennen, -- so daß er mit einem Male vollkommen erschöpft und nach seiner Advokatentat ganz bleich war. Trotzdem hatte seine Rede eine außerordentliche Wirkung. Er hatte mit solch einer Heftigkeit und solch einer Überzeugung gesprochen, daß ihm alle offensichtlich glaubten. Peter Petrowitsch fühlte, daß seine Sache schlecht stehe.
»Was geht es mich an, daß Ihnen allerhand dumme Fragen in den Kopf gekommen sind,« -- rief er aus. -- »Das ist kein Beweis! Sie konnten dies alles im Schlafe geträumt haben, das ist das ganze! Und ich sage Ihnen, daß Sie lügen, mein Herr! Sie lügen und verleumden mich aus Wut, und zwar aus Ärger, weil ich nicht bereit war, auf Ihre freigeistigen und gottlosen sozialen Ideen einzugehen, das ist es!«
Aber diese Ausrede nützte Peter Petrowitsch nicht. Im Gegenteil, von allen Seiten vernahm man mißbilligendes Gemurmel.
»Ah, damit kommst du!« -- rief Lebesjätnikoff. -- »Du lügst! Laß die Polizei holen, ich werde schwören! Eins kann ich bloß nicht begreifen, -- warum hat er so eine gemeine Handlung riskiert! Oh, gemeiner, niederträchtiger Mensch!«
»Ich kann es erklären, warum er diese Handlung riskiert hat, und wenn es nötig ist, werde auch ich einen Eid ablegen!« -- sagte endlich Raskolnikoff mit fester Stimme und trat hervor.
Er schien fest und ruhig. Allen wurde es klar bei seinem Anblicke, daß er tatsächlich wußte, um was es sich handle, und daß es zu einer Lösung gekommen war.
»Jetzt ist mir alles vollkommen klar,« -- fuhr Raskolnikoff fort und wandte sich an Lebesjätnikoff. -- »Gleich am Anfange der Geschichte hatte ich den Verdacht, daß irgendein gemeiner Kniff dahinter stecke; ich schöpfte ihn infolge gewisser besonderer Umstände, die nur mir allein bekannt sind, und die ich sogleich allen erklären will, -- um sie dreht sich auch die ganze Sache. Sie, Andrei Ssemenowitsch, haben durch Ihr wertvolles Zeugnis mir alles endgültig erklärt. Ich bitte alle, alle zuzuhören. Dieser Herr,« -- er zeigte auf Luschin, -- »freite vor kurzem um ein junges Mädchen, und zwar um meine Schwester, Awdotja Romanowna Raskolnikowa. Nach seiner Ankunft in Petersburg hatte er sich vorgestern bei unserem ersten Zusammentreffen mit mir überworfen, und ich habe ihn hinausgejagt, ich habe zwei Zeugen dafür. Dieser Mensch ist sehr boshaft ... Vorgestern wußte ich noch gar nicht, daß er hier bei Ihnen, Andrei Ssemenowitsch, lebt, und daß er an demselben Tage, wo wir uns überworfen hatten, das heißt vorgestern, Zeuge war, wie ich, als Freund des verstorbenen Herrn Marmeladoff, seiner Gattin Katerina Iwanowna etwas Geld zur Beerdigung übergab. Er schrieb sofort an meine Mutter einen Brief und teilte ihr mit, daß ich das Geld nicht Katerina Iwanowna, sondern Ssofja Ssemenowna abgegeben hätte, wobei er in den niederträchtigsten Ausdrücken über ... über den Charakter Ssofja Ssemenownas sich äußerte, das heißt über die Art meiner Beziehungen zu Ssofja Ssemenowna. Dies alles tat er, wie Sie verstehen, in der Absicht, mich mit meiner Mutter und Schwester zu entzweien, indem er ihnen glaubhaft zu machen suchte, daß ich zu unanständigen Zwecken ihr letztes Geld, mit dem sie mich unterstützten, verprasse. Gestern abend stellte ich, in Gegenwart meiner Mutter und Schwester und in seiner Anwesenheit, die Wahrheit fest, ich bewies, daß ich das Geld Katerina Iwanowna zur Beerdigung und nicht Ssofja Ssemenowna überreicht habe, und daß ich vorgestern mit Ssofja Ssemenowna noch nicht bekannt war und sie sogar zum erstenmal gesehen habe. Dabei fügte ich hinzu, daß er, Peter Petrowitsch Luschin, mit allen seinen Vorzügen nicht mal des kleinen Fingers von Ssofja Ssemenowna, über die er sich so schlecht geäußert habe, wert sei. Auf seine Frage, ob ich Ssofja Ssemenowna neben meine Schwester hinsetzen würde, -- antwortete ich, daß ich es bereits am selben Tage getan hätte. Da er darüber böse wurde, daß meine Mutter und Schwester auf seine Verleumdungen hin sich mit mir nicht überwerfen wollten, begann er ihnen unverzeihliche Frechheiten zu sagen. Es kam zu einem endgültigen Bruche und man jagte ihn aus dem Hause. Dies alles war gestern abend vorgefallen. Ich bitte Sie jetzt um besondere Aufmerksamkeit, -- stellen Sie sich vor, wäre es ihm jetzt gelungen, Ssofja Ssemenowna des Diebstahls zu überführen, so hätte er doch damit meiner Schwester und Mutter bewiesen, erstens, daß er recht hatte mit seinen Verdächtigungen; zweitens, daß er mit vollkommenem Rechte darüber böse wurde, weil ich meine Schwester und Ssofja Ssemenowna auf gleiche Stufe gestellt habe, und drittens, daß er mit seinem Angriffe auf mich die Ehre meiner Schwester und seiner Braut verteidigte und in Schutz nahm. Mit einem Worte, er konnte mich durch dieses alles mit meinen Verwandten entzweien, und hoffte sicher, dadurch wieder bei ihnen zu Gnaden zu kommen. Ich rede schon gar nicht davon, daß er zugleich an mir persönlich Rache nahm, weil er Gründe hat anzunehmen, daß die Ehre und das Glück Ssofja Ssemenownas mir teuer sind. Das war seine ganze Berechnung! In dieser Weise fasse ich die Sache auf. Das ist der ganze Grund, und einen anderen kann es nicht geben!«
So etwa schloß Raskolnikoff seine Rede, oft durch Ausrufe der Anwesenden unterbrochen, die sehr aufmerksam zuhörten. Aber trotz der Unterbrechungen sprach er scharf, ruhig, genau, klar und entschlossen. Seine scharfe Stimme, sein überzeugter Ton und sein strenges Gesicht machten auf alle einen ungewöhnlichen Eindruck.
»Ja, so wird es gewesen sein, ja, so ist es!« -- pflichtete Lebesjätnikoff entzückt bei. -- »Es muß richtig sein, denn er hat mich gerade gefragt, als Ssofja Ssemenowna zu uns ins Zimmer eintrat, -- ob Sie hier wären? Ob ich Sie unter den Gästen von Katerina Iwanowna nicht gesehen hätte? Er rief mich aus diesem Grunde zum Fenster und fragte mich dort leise. Also war es für ihn von Wichtigkeit, daß Sie da sind! Das ist richtig, das stimmt!«
Luschin schwieg und lächelte verächtlich. Er war aber sehr blaß geworden. Es schien, als überlege er sich, wie er sich aus der Affäre ziehen könne. Er hätte vielleicht gern alles mit Vergnügen im Stiche gelassen und wäre fortgegangen, aber es war unmöglich; es wäre gleichbedeutend gewesen mit einer Anerkennung der Wahrheit der angeführten Beschuldigung, daß er Ssofja Ssemenowna verleumdet hatte. Die Anwesenden waren zudem etwas angetrunken und zu erregt. Der Proviantmeister, der zwar nicht alles verstanden hatte, schrie am meisten und schlug einige für Luschin ziemlich peinliche Maßregeln vor. Es waren aber auch nicht Angetrunkene darunter; aus allen Zimmern hatten sich Menschen eingefunden. Die drei Polen waren furchtbar aufgebracht und riefen in einem fort »Pane Strolch!« ihm zu, wobei sie noch einige Drohungen in polnischer Sprache murmelten. Ssonja hörte mit Anstrengung zu, aber sie schien nicht alles zu begreifen, es war, als erwache sie aus einer Ohnmacht. Sie wendete ihre Augen nicht von Raskolnikoff ab, sie fühlte, daß er ihr einziger Schutz war. Katerina Iwanowna atmete schwer und heiser und schien schrecklich erschöpft zu sein. Am allerdümmsten stand Amalie Iwanowna da mit offenem Munde und begriff gar nichts. Sie begriff bloß, daß Peter Petrowitsch irgendwie ertappt sei. Raskolnikoff bat wieder ums Wort, aber man ließ ihn nicht zu Ende reden, -- alle schrien und drängten sich mit Geschimpfe und Drohungen um Luschin. Ihm aber wurde nicht bange. Als er sah, daß die Sache mit der Beschuldigung Ssonjas vollständig verspielt sei, ergriff er seine Zuflucht zur Dreistigkeit.
»Erlauben Sie, meine Herrschaften, erlauben Sie, drängen Sie nicht so, lassen Sie mich durchgehen!« -- sagte er und zwängte sich durch die Menge hindurch, -- »und tun Sie mir den Gefallen und drohen Sie nicht. Ich versichere Sie, daß daraus nichts wird, daß Sie nichts tun werden, ich bin nicht von den Ängstlichen, im Gegenteil, meine Herrschaften, Sie werden noch zur Verantwortung gezogen dafür, daß Sie durch Gewalt eine Kriminalsache vertuscht haben. Die Diebin ist mehr als überführt, und ich werde sie gerichtlich belangen. Im Gerichte ist man nicht so blind und ... nicht betrunken, und wird nicht gleich zwei abgefeimten Gottesleugnern, Aufrührern und Freigeistern glauben, die mich aus persönlicher Rache beschuldigen, was sie selbst in ihrer Dummheit zugeben ... Erlauben Sie!«
»Scheren Sie sich aus meinem Zimmer, ziehen Sie sofort aus. Zwischen uns ist alles aus! Und wenn ich denke, wie ich mich angestrengt und bemüht habe, ihm alles erklärt habe ... volle zwei Wochen ...«
»Ich habe Ihnen, Andrei Ssemenowitsch, doch vorhin selbst gesagt, daß ich ausziehe, als Sie mich noch baten zu bleiben. Jetzt will ich bloß hinzufügen, daß Sie ein dummer Kerl sind. Ich wünsche Ihnen Ihren Verstand und Ihre halbblinden Augen zu kurieren. Erlauben Sie, meine Herrschaften!«
Er drängte sich durch, aber der Proviantmeister wollte ihn nicht so leichten Kaufes, bloß mit Schimpfwörtern, herauslassen, -- er ergriff vom Tische ein Glas, holte aus und schleuderte es gegen Peter Petrowitsch, doch das Glas traf Amalie Iwanowna. Sie kreischte auf, der Proviantmeister verlor das Gleichgewicht und fiel schwer unter den Tisch. Peter Petrowitsch ging in sein Zimmer, und nach einer halben Stunde hatte er das Haus verlassen. Ssonja, schüchtern von Natur, wußte es längst, daß man sie leichter als jeden anderen zugrunde richten konnte, und daß jeder sie fast straflos beleidigen durfte. Trotzdem aber glaubte sie bis zu diesem Augenblick, daß man einem Unglück irgendwie, durch Vorsicht, Sanftmut, Nachgiebigkeit allen und jedem einzelnen gegenüber entgehen konnte. Ihre Enttäuschung war zu schwer. Sie konnte gewiß mit Geduld und ohne zu murren alles, -- auch dies letzte ertragen. Aber im ersten Augenblicke war es ihr doch zu schwer gefallen. Trotz ihres Triumphes und ihrer Rechtfertigung, -- als der erste Schreck und die erste Erstarrung vorüber waren, als sie alles deutlich und klar verstanden hatte, -- schnürte das Gefühl der Hilflosigkeit und Kränkung ihr qualvoll das Herz zusammen. Sie bekam einen nervösen Anfall und hielt es nicht länger aus, stürzte aus dem Zimmer und lief nach Hause. Das geschah fast unmittelbar, nachdem Luschin fortgegangen war. Als Amalie Iwanowna unter lautem Lachen der Anwesenden von dem Glase getroffen wurde, -- hatte sie genug davon, nur für andere zu büßen. Mit Gekreisch stürzte sie wie wahnsinnig auf Katerina Iwanowna zu und maß ihr die Schuld an allem bei.
»Hinaus aus der Wohnung! Sofort! Marsch!« -- und mit diesen Worten begann sie alles, was ihr von den Sachen Katerina Iwanownas unter die Hände kam, auf die Diele zu werfen.
Katerina Iwanowna, ohnedem fast halbtot und einer Ohnmacht nahe, sprang vom Bette, auf das sie in völliger Ermattung hingesunken war, schweratmend und bleich auf und stürzte sich auf Amalie Iwanowna. Der Kampf aber war zu ungleich; die letztere stieß sie, wie eine Feder, von sich.
»Wie! Nicht genug, daß man mich gottlos verleumdet hat, -- auch diese Kreatur ist gegen mich! Wie! Am Tage der Beerdigung meines Mannes jagt man mich, nach meinem Festmahl, mit den Waisen auf die Straße hinaus! Ja, wohin soll ich denn!« -- sagte die arme Frau mit Schluchzen und beinahe erstickend. -- »Oh, Gott!« -- rief sie plötzlich mit funkelnden Augen, -- »gibt es denn keine Gerechtigkeit! Wen sollst Du denn schützen, wenn nicht uns verlassene Waisen? Aber wir wollen mal sehen? Es gibt noch in der Welt Recht und Wahrheit, es gibt sie noch, und ich will sie finden! Warte, du gottlose Kreatur! Poletschka, bleibe bei den Kindern, ich komme bald zurück. Wartet auf mich, meinetwegen auf der Straße! Wir wollen sehen, ob es in der Welt Gerechtigkeit gibt!«
Katerina Iwanowna warf dasselbe grüne große Umlegetuch über den Kopf, das der verstorbene Marmeladoff in seiner Erzählung erwähnt hatte, drängte sich durch die unordentliche und betrunkene Menge der Mieter, die noch immer das Zimmer anfüllten, und lief mit Geheul und unter Tränen auf die Straße hinaus, -- mit der unbedingten Absicht, irgendwo sofort, unverzüglich und um jeden Preis Gerechtigkeit zu finden. Poletschka verkroch sich voller Angst mit den Kindern in einer Ecke; sie umschlang, am ganzen Körper zitternd, die beiden Kleinen und begann die Rückkehr der Mutter zu erwarten. Amalie Iwanowna lief aufgeregt im Zimmer herum, kreischte, klagte, schleuderte alles, was ihr in den Weg kam, auf die Diele und lärmte. Die Mieter schrien durcheinander, -- einige besprachen das Geschehene, wie sie es verstanden, andere zankten sich und schimpften, einige wieder stimmten ein Lied an ...
»Jetzt muß ich auch gehen!« -- dachte Raskolnikoff. -- »Nun, Ssofja Ssemenowna, wir wollen sehen, was Sie jetzt sagen werden!«
Und er ging nach Ssonjas Wohnung.
IV.
Raskolnikoff war ein tüchtiger und mutiger Fürsprecher Ssonjas gegen Luschin gewesen, trotzdem so viel eigener Schrecken und eigenes Leid auf seiner Seele lasteten. Weil er aber am Morgen so stark gelitten hatte, so war er gewissermaßen froh, seine Eindrücke, die ihm unerträglich wurden, zu ändern, ganz abgesehen davon, wieviel Persönliches und Herzliches in seinem Bestreben lag, für Ssonja einzutreten. Außerdem ging ihm die bevorstehende Zusammenkunft mit Ssonja nicht aus dem Sinn und beunruhigte ihn in manchen Augenblicken furchtbar, -- er mußte ihr sagen, wer Lisaweta ermordet hat, fühlte die schreckliche Qual im voraus und suchte sich ihrer zu erwehren. Als er die Wohnung Katerina Iwanownas verließ und ausrief: -- »Nun, was werden Sie jetzt sagen, Ssofja Ssemenowna?« -- da befand er sich offenbar noch in einem äußerlich erregten Zustande der Rüstigkeit und Kampflust, der Freude über den eben errungenen Sieg. Aber das hielt nicht vor. Als er die Wohnung von Kapernaumoff erreicht hatte, empfand er eine plötzliche Erschlaffung und Furcht. Er blieb in Gedanken vor der Türe stehen und legte sich die sonderbare Frage vor, -- »muß ich denn sagen, wer Lisaweta ermordet hat?« Die Frage war sonderbar, denn er fühlte doch zugleich, daß es gesagt werden müsse, und jetzt gleich ohne den geringsten Aufschub. Er wußte selber nicht, warum; aber er fühlte es, und dieses qualvolle Bewußtsein seiner Schwäche der Notwendigkeit gegenüber erdrückte ihn fast. Um nicht mehr zu überlegen und sich nicht mehr zu quälen, öffnete er schnell die Türe und schaute Ssonja von der Schwelle aus an. Sie saß auf den Tisch gestützt und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt; als sie Raskolnikoff erblickte, stand sie schnell auf und ging ihm entgegen, als hätte sie ihn erwartet.
»Was wäre aus mir geworden ohne Sie!« -- sagte sie hastig, als sie in der Mitte des Zimmers mit ihm zusammentraf.
Offenbar hatte sie ihn erwartet, um ihm dies zu sagen.
Raskolnikoff ging zu dem Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem sie soeben aufgestanden war. Sie blieb zwei Schritte vor ihm stehen, genau wie gestern.
»Nicht wahr, Ssonja?« -- sagte er und fühlte plötzlich, daß seine Stimme zittere, -- »die ganze Sache beruhte doch auf >der gesellschaftlichen Lage und auf den damit zusammenhängenden Gewohnheiten<. Haben Sie es vorhin verstanden?«
Tiefes Leid zeigte sich auf ihrem Gesichte.
»Sprechen Sie nicht mit mir, wie gestern!« -- unterbrach sie ihn. -- »Bitte, fangen Sie nicht an. Es ist schon genug Qual ...«
Sie lächelte schnell, aus Angst, daß ihm vielleicht der Vorwurf mißfallen könnte.
»Es war dumm von mir, von dort wegzugehen. Was mag jetzt dort geschehen? Ich wollte soeben wieder hingehen, aber ich dachte, daß Sie vielleicht ... kommen werden.«
Er erzählte ihr, daß Amalie Iwanowna sie aus der Wohnung jage, und daß Katerina Iwanowna fortgelaufen sei, »Gerechtigkeit zu suchen«.
»Ach, mein Gott!« -- erschrak Ssonja, -- »gehen wir schnell hin ...«
Und sie ergriff ihre Mantille.
»Ewig ein und dasselbe!« -- rief Raskolnikoff gereizt, -- »Sie denken bloß immer an die! Bleiben Sie bei mir.«
»Und ... Katerina Iwanowna?«
»Katerina Iwanowna wird Ihnen sicher nicht entgehen, sie wird selbst zu Ihnen kommen, wenn sie schon einmal das Haus verlassen hat,« -- fügte er mürrisch hinzu. -- »Wenn sie Sie nicht zu Hause antrifft, werden Sie doch wieder daran schuld sein ...«
Ssonja setzte sich in qualvoller Unentschlossenheit auf einen Stuhl. Raskolnikoff schwieg, blickte zu Boden und überlegte.
»Angenommen, Luschin habe es jetzt nicht gewollt,« -- begann er, ohne Ssonja anzublicken. -- »Wie, wenn er es gewollt hätte oder wenn es irgendwie in seinen Absichten gelegen wäre, -- so hätte er Sie ins Gefängnis gebracht, wenn nicht ich und Lebesjätnikoff zufällig dagewesen wären! Nicht?«
»Ja,« -- antwortete sie mit schwacher Stimme, -- »ja!« -- wiederholte sie zerstreut und voll Unruhe.
»Ich konnte doch wirklich verhindert sein! Und Lebesjätnikoff kam ganz zufällig hinzu.«
Ssonja schwieg.
»Nun, und wenn Sie ins Gefängnis gekommen wären, was dann? Erinnern Sie sich, was ich gestern sagte?«
Sie antwortete wieder nicht. Raskolnikoff wartete eine Weile.
»Ich dachte, Sie würden wieder schreien, -- >ach, sprechen Sie nicht, hören Sie auf!<« -- lachte Raskolnikoff, scheinbar gezwungen. -- »Was, Sie schweigen wieder?« -- fragte er nach einem Augenblick. -- »Man muß doch über etwas reden! Mir wäre es interessant zu erfahren, wie Sie jetzt eine >Frage<, wie Lebesjätnikoff sagt, lösen würden.« -- Er schien den Faden zu verlieren. -- »Nein, ich spreche in allem Ernst. Stellen Sie sich vor, Ssonja, daß Sie alle Absichten Luschins im voraus gewußt hätten, Sie hätten gewußt, daß dadurch Katerina Iwanowna und auch die Kinder völlig zugrunde gehen würden, auch Sie, als Dreingabe, -- Sie selber rechnen sich ja nicht, drum sage ich als Dreingabe zu jenen. Poletschka ebenfalls ... denn ihr steht derselbe Weg bevor. Nun, also, -- wenn man Ihnen plötzlich dies alles zur Entscheidung übergeben hätte, -- soll er oder sollen jene am Leben bleiben, das heißt, soll Luschin am Leben bleiben und Scheußlichkeiten vollziehen oder soll Katerina Iwanowna sterben? Wie würden Sie entscheiden, wer von den beiden sollte sterben? Ich frage Sie!«
Ssonja blickte ihn unruhig an, -- sie ahnte etwas besonderes in dieser unsicheren, weit ausgeholten Rede.
»Ich hatte ein Vorgefühl, daß Sie so etwas fragen werden,« -- sagte sie und sah ihn forschend an.
»Gut; mag sein, aber, wie soll es entschieden werden?«
»Warum fragen Sie, was unmöglich zu beantworten ist?« -- sagte Ssonja mit Widerwillen.
»Also, es ist besser, daß Luschin weiterlebt und Scheußlichkeiten verübt! Auch dieses haben Sie nicht gewagt zu entscheiden?«
»Ja, ich kenne doch die Vorsehung Gottes nicht ... Und warum fragen Sie, was man nicht fragen darf? Wozu solche leere Fragen? Wie kann es vorkommen, daß dieses von meiner Entscheidung abhängen soll? Und wer hat mich hier zum Richter bestellt, wer leben soll und wer nicht leben soll?«
»Wenn Gottes Vorsehung schon mitredet, da ist freilich nichts zu machen,« -- brummte Raskolnikoff finster.
»Sagen Sie besser offen, was Sie wollen!« -- rief Ssonja gramvoll aus. -- »Sie haben wieder etwas im Sinn ... Sind Sie etwa nur gekommen, um mich zu quälen?«
Sie hielt es nicht aus und weinte plötzlich bitter. Er sah sie mit düsterer Schwermut an. Es verging eine geraume Weile.
»Du hast recht, Ssonja,« -- sagte er endlich leise.
Er war plötzlich verändert; der gemachte dreiste und kraftlos herausfordernde Ton war verschwunden. Selbst seine Stimme war schwächer geworden. »Ich habe dir selbst gestern gesagt, daß ich kommen werde, nicht um Verzeihung zu bitten, habe aber beinahe schon damit begonnen ... Von Luschin und Gottes Vorsehung habe ich meinetwegen gesprochen ... Ich habe damit um Verzeihung bitten wollen, Ssonja ...«
Er wollte lächeln, aber er brachte es nur zu einem kraftlosen und wehen Versuch. Er ließ den Kopf sinken und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
Da zog in sein Herz ein eigentümliches Gefühl, wie das eines brennenden Hasses gegen Ssonja. Selber betroffen und erschrocken über dieses Gefühl, erhob er plötzlich den Kopf und blickte sie aufmerksam an, aber er begegnete ihrem unruhigen und qualvoll besorgten Blicke; und vor der Liebe in diesem Blick verschwand sein Haß wie ein Gespenst. Es war nicht also das; er hatte das eine Gefühl für das andere gehalten. Das bedeutete bloß, daß der Augenblick gekommen war.
Wieder bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und senkte den Kopf. Plötzlich erbleichte er, stand vom Stuhle auf, sah Ssonja an und setzte sich, ohne ein Wort gesagt zu haben, mechanisch auf ihr Bett hin.
Dieser Moment war in seiner Empfindung jenem schrecklich ähnlich, als er hinter der Alten stand, das Beil aus der Schlinge schon hervorgezogen hatte und fühlte, daß »kein Augenblick mehr zu verlieren sei«.
»Was ist Ihnen?« -- fragte Ssonja erschreckt.
Er brachte kein Wort hervor. So hatte er sich das Geständnis nicht vorgestellt und begriff selbst nicht, was mit ihm jetzt vorging. Sie ging leise zu ihm hin, setzte sich neben ihn auf das Bett hin und wartete, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Ihr Herz klopfte und stockte. Es wurde unerträglich; er wandte sein totenblasses Gesicht zu ihr; seine Lippen verzogen sich kraftlos in der Bemühung, etwas auszusprechen. Und Entsetzen drang in Ssonjas Herz.
»Was ist Ihnen?« -- sagte sie und wich ein wenig von ihm zurück.
»Nichts, Ssonja. Ängstige dich nicht ... Unsinn! Wirklich, wenn man es sich überlegt, -- ist es Unsinn,« -- murmelte er mit dem Aussehen eines besinnungslosen Fieberkranken. -- »Warum bin ich bloß gekommen, um dich zu quälen?« -- fügte er plötzlich hinzu, sie anblickend. -- »Wirklich. Wozu? Ich lege mir immer diese Frage vor, Ssonja ...«
Er hatte sich vielleicht diese Frage vor einer Viertelstunde vorgelegt, jetzt aber sagte er es in völliger Kraftlosigkeit, kaum sich selber bewußt, und fühlte ein ständiges Frösteln im ganzen Körper.
»Ach, wie Sie sich quälen!« -- sagte sie mit ihm leidend und betrachtete ihn.
»Alles ist Unsinn! ... Höre, Ssonja,« -- er lächelte plötzlich, aber bleich und schwach, einen kurzen Moment -- »erinnerst du dich, was ich dir gestern sagen wollte?«
Ssonja wartete voll Unruhe. --
»Ich sagte, als ich fortging, daß ich vielleicht für immer von dir Abschied nehme, aber wenn ich heute käme, so wollte ich dir sagen ... wer Lisaweta ermordet hat.«
Sie zitterte plötzlich am ganzen Körper.
»Nun, ich bin jetzt gekommen, es dir zu sagen.«
»Haben Sie gestern tatsächlich es ...,« -- flüsterte Ssonja mit Mühe, -- »woher wissen Sie es denn?« -- fragte sie ihn schnell, als wäre sie plötzlich zur Besinnung gekommen.
Ssonja begann schwer zu atmen. Ihr Gesicht wurde immer bleicher und bleicher.
»Ich weiß es.«
Sie schwieg einen Augenblick.
»Hat man ihn gefunden?« -- fragte sie zaghaft.
»Nein, man hat ihn nicht gefunden.«
»Wie wissen Sie es denn?« -- fragte sie wieder kaum hörbar und nach einem fast minutenlangen Schweigen.
Er wandte sich zu ihr um und blickte sie scharf und unverwandt an.
»Errate es,« -- sagte er mit dem früheren wehen und kraftlosen Lächeln.
Ihren ganzen Körper schienen Krämpfe zu durchziehen. »Ja, Sie ... mich ... warum ... ängstigen Sie mich so?« -- fragte sie, lächelnd, wie ein Kind.
»Ich war doch wohl mit ihm sehr gut bekannt ... wenn ich es weiß,« -- fuhr Raskolnikoff fort und blickte ihr in einem fort ins Gesicht, als wäre er nicht imstande, die Augen abzuwenden, -- »er wollte diese Lisaweta ... nicht ermorden ... Er hat sie ... zufällig ermordet ... Er wollte die Alte ermorden ... wenn sie allein war ... und kam hin ... Da trat aber Lisaweta ein ... Er hat sie dann ... auch ermordet.«
Wieder eine furchtbare Pause. Beide blickten die ganze Zeit einander an.
»Also, du kannst es nicht erraten?« -- sagte er plötzlich mit einem Gefühle, als stürze er sich von einem Turme hinab.
»N--nein,« flüsterte Ssonja kaum hörbar.
»Sieh mal ordentlich her.«
Und kaum hatte er es gesagt, als eine schon einmal gehabte Empfindung seine Seele erstarren ließ, -- er sah sie an und ihm war plötzlich, als erblickte er in ihrem Gesichte Lisawetas Ausdruck. So hatte sie ausgesehen, als er sich damals ihr mit dem Beile näherte und sie vor ihm mit vorgestreckter Hand, eine völlig kindliche Angst im Gesichte, zurückwich, genau, wie wenn kleine Kinder vor irgend etwas Angst bekommen, und unbeweglich und unruhig den sie ängstigenden Gegenstand anblicken, zurückweichen, die Händchen nach vorne strecken und sich anschicken, zu weinen. Fast dasselbe geschah jetzt auch mit Ssonja, -- ebenso kraftlos, mit derselben Angst sah sie eine Weile ihn an, plötzlich streckte sie die linke Hand vor, stieß ihn ganz leicht mit den Fingern an die Brust, begann langsam vom Bette aufzustehen, wich immer mehr und mehr vor ihm zurück und ihr auf ihn gerichteter Blick wurde immer unbeweglicher. Ihr Entsetzen teilte sich plötzlich auch ihm mit, -- dieselbe Angst erschien auch in seinem Gesichte, -- er begann sie ebenso anzusehen und sogar fast mit demselben Lächeln eines geängsteten Kindes.
»Hast du es erraten?« -- flüsterte er endlich.
»Oh, Gott!« -- entrang sich ein furchtbarer Schrei ihrer Brust.
Sie fiel kraftlos auf das Bett mit dem Gesichte auf das Kopfkissen hin. Aber nach einem Augenblicke erhob sie sich schnell, rückte zu ihm hin, erfaßte seine beiden Hände, drückte sie stark mit ihren dünnen Fingern und begann von neuem ihm unbeweglich, wie fest gebannt, ins Gesicht zu blicken. Mit diesem letzten verzweifelten Blick wollte sie die winzigste letzte Hoffnung für sich herauslesen und erspähen. Aber es war keine Hoffnung; kein Zweifel blieb nach, alles war so! Nachher sogar, wenn sie sich an diesen Augenblick entsann, war es ihr seltsam und merkwürdig, -- woraus hatte sie damals sofort gesehen, daß es keinen Zweifel mehr gab? Es war doch keine Rede davon, daß sie z. B. ein Vorgefühl von etwas derartigem gehabt hatte? Nun aber schien es ihr, nachdem er es ihr kaum gesagt hatte, als habe sie wirklich das alles geahnt.
»Genug, Ssonja, genug! Quäle mich nicht!« -- bat er mit einem Ausdrucke schweren Leidens.
Er hatte gar nicht, ganz und gar nicht gedacht, ihr in dieser Weise es zu sagen, aber es war so gekommen.
Sie sprang, wie außer sich, auf, rang die Hände und ging bis zur Mitte des Zimmers, aber sie wandte sich schnell um, setzte sich wieder neben ihn hin, so daß ihre Schultern sich fast berührten. Plötzlich fuhr sie, wie durchbohrt, zusammen, schrie auf und stürzte, ohne zu wissen, was sie tat, vor ihm auf die Knie hin.
»Was haben Sie, was haben Sie sich angetan!« -- sagte sie voll Verzweiflung, sprang von den Knien auf, warf sich ihm um den Hals, umarmte ihn und preßte ihn stark an sich.
Raskolnikoff wich zurück und blickte sie mit einem traurigen Lächeln an.
»Wie du sonderbar bist, Ssonja, -- du umarmst und küßt mich, nachdem ich dir dieses gesagt habe. Du bist deiner selbst nicht bewußt.«
»Nein, es gibt jetzt niemand in der ganzen Welt, der unglücklicher ist, als du!« -- rief sie, wie in Verzückung, ohne seine Bemerkung gehört zu haben, und dann weinte sie laut und krankhaft.
Ein ihm seit langem unbekanntes Gefühl überflutete seine Seele und machte sie erweichen. Er sträubte sich nicht dagegen, -- zwei Tränen rollten aus seinen Augen und blieben an den Wimpern hängen.
»Du wirst mich also nicht verlassen, Ssonja?« -- sagte er und blickte sie fast mit Hoffnung an.
»Nein, nein. Nie und nimmer!« -- rief Ssonja aus, -- »ich werde dir folgen, ich werde dir überall hin folgen! Oh, Gott! ... Ach, ich Unglückliche! ... Und warum, warum habe ich dich nicht früher gekannt! Warum bist du nicht früher gekommen? Oh, Gott!«
»Ich bin doch gekommen.«
»Jetzt! Oh, was ist jetzt zu tun! ... Zusammen, zusammen!« -- wiederholte sie, wie bewußtlos, und umarmte ihn von neuem, -- »ich werde mit dir in die Zwangsarbeit nach Sibirien gehen!«
Er zuckte zusammen, das frühere haßerfüllte und fast hochmütige Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.
»Ich will vielleicht nicht einmal in die Zwangsarbeit gehen, Ssonja,« -- sagte er.
Ssonja blickte ihn schnell an.
Nach dem ersten leidenschaftlichen und qualvollen Ausbruche des Mitgefühles für den Unglücklichen erschütterte sie wieder der schreckliche Gedanke an den Mord. In dem veränderten Tone seiner Worte spürte sie den Mörder. Sie blickte ihn erstaunt an. Sie wußte noch gar nichts, weder warum, noch wie, noch zu welchem Zwecke es geschehen war. Jetzt tauchten alle diese Fragen mit einem Male in ihrem Bewußtsein auf. Und wieder glaubte sie nicht, -- »er, er ein Mörder! Ja, ist es denn möglich?«
»Was ist denn? Wo stehe ich denn?« -- sagte sie in tiefem Zweifel, als wäre sie noch nicht zu sich gekommen, -- »wie konnten, wie konnten Sie, solch ein Mensch ... sich dazu entschließen ... Was war es denn!«
»Doch wohl, um zu rauben. Höre auf, Ssonja!« -- antwortete er müde und fast ärgerlich.
Ssonja stand wie betäubt, plötzlich aber rief sie aus: »Du warst hungrig! Du ... um der Mutter zu helfen? Ja?«
»Nein, Ssonja, nein,« -- murmelte er, sich abwendend und ließ den Kopf sinken, -- »ich war nicht so hungrig ... ich wollte wohl der Mutter helfen, aber ... auch das ist nicht ganz richtig ... quäl mich nicht, Ssonja!«
Ssonja schlug die Hände zusammen.
»Ist es wirklich, ist es wirklich wahr! Oh, Gott, was ist das für eine Wahrheit? Wer kann denn daran glauben? ... Und wie, gaben Sie nicht selbst das Letzte fort, und haben ermordet, um zu rauben! Ah! ...« -- rief sie plötzlich, -- »das Geld, das Sie Katerina Iwanowna gegeben haben ... dieses Geld ... oh, Gott, ist auch dieses Geld ...«
»Nein, Ssonja,« -- unterbrach er sie hastig, -- »dieses Geld war nicht von dort, beruhige dich! Dieses Geld hat mir meine Mutter durch einen Kaufmann geschickt, und ich habe es erhalten, als ich krank war, am selben Tage, als ich es fortgegeben habe ... Rasumichin hat es gesehen ... er hat es für mich empfangen ... dieses Geld war mein eigenes, gehörte wirklich mir.«
Ssonja hörte ihm unentschlossen zu und versuchte mit allen Kräften etwas zu begreifen.
»Und jenes Geld ... ich weiß übrigens nicht mal, ob auch Geld da war,« -- fügte er leise und wie sinnend hinzu, -- »ich habe ihr damals einen Beutel aus Sämischleder vom Halse genommen ... einen dicken, vollgestopften Beutel ... ich habe aber nicht hineingeblickt; wahrscheinlich hatte ich keine Zeit ... Nun, und die Sachen, allerhand Manschettenknöpfe und Ketten, -- alle diese Sachen und den Beutel habe ich auf einem fremden Hofe, am W--schen Prospekt, unter einem Steine versteckt ... am andern Morgen noch ... Alles liegt jetzt noch dort ...«
Ssonja hörte angestrengt zu.
»Warum denn ... wenn Sie selbst sagten, um zu rauben, haben Sie doch nichts genommen?« -- fragte sie ihn schnell, nach einem letzten Strohhalme greifend.
»Ich weiß es nicht ... ich habe mich noch nicht entschlossen, -- ob ich dieses Geld nehmen soll oder nicht,« -- sagte er wieder, wie sinnend, und plötzlich lächelte er schnell und kurz, -- »ach, welch eine Dummheit habe ich soeben gesagt!«
Ssonja durchfuhr ein Gedanke, -- »ist er etwa verrückt?« Aber sie ließ ihn sofort fallen, -- »nein, hier ist etwas anderes«. Aber sie begriff gar nichts, rein gar nichts!
»Weißt du, Ssonja,« -- sagte er plötzlich, wie in einer Eingebung, -- »weißt du, was ich dir sagen will, -- wenn ich bloß darum ermordet hätte, weil ich hungrig war,« -- fuhr er fort, betonte jedes Wort und blickte sie rätselhaft, aber aufrichtig an, -- »so würde ich jetzt ... glücklich sein! Das sollst du wissen!«
»Und was läge, was läge dir daran,« -- rief er nach einem Augenblicke verzweifelt, -- »nun, was läge dir daran, wenn ich sofort zugeben würde, daß ich schlecht gehandelt habe! Nun, was liegt dir an diesem dummen Triumphe über mich? Ach, Ssonja, bin ich etwa deswegen jetzt zu dir gekommen?«
Ssonja wollte etwas sagen, aber schwieg.
»Darum bat ich dich auch gestern mit mir zu gehen, weil ich jetzt dich nur allein habe.«
»Wohin gehen?« -- fragte Ssonja schüchtern.
»Nicht um zu stehlen und um zu morden, gewiß, nicht dazu,« -- lächelte er mit Spott, -- »wir sind zu verschieden ... Und weißt du, Ssonja, ich habe erst jetzt, erst soeben begriffen, -- wohin ich dich gestern rief mitzugehen! Gestern aber, als ich dich bat, wußte ich selbst nicht, wohin. Nur deshalb habe ich dich gebeten, nur deshalb bin ich gekommen, -- daß du mich nicht verlassest. Wirst du mich verlassen, Ssonja?«
Sie drückte ihm fest die Hand.
»Und warum, warum habe ich es ihr gesagt, warum habe ich es ihr mitgeteilt,« -- rief er nach einem Augenblick voll Verzweiflung aus und sah sie mit grenzenloser Qual an, -- »nun, erwartest du Erklärungen von mir, Ssonja, du sitzest und wartest, ich sehe es, -- und was soll ich dir sagen? Du wirst doch nichts davon verstehen und bloß ganz vor Leid vergehen ... meinetwegen! Nun weinst du und umarmst mich wieder, -- warum umarmst du mich? Weil ich es selbst nicht ertrug und gekommen bin, es auf einen andern abzuwälzen, -- >leide auch du, mir wird es leichter sein!< Und kannst du solch einen Schuft lieben?«
»Quälst du dich nicht auch?« -- rief Ssonja aus.
Wieder überkam seine Seele das Gefühl von vorhin und machte sie auf einen Augenblick weich.
»Ssonja, ich habe ein böses Herz, merk es dir, -- dadurch kann man vieles erklären. Ich bin auch darum hergekommen, weil ich böse bin. Es gibt solche, die nicht hergekommen wären. Ich aber bin ein Feigling und ... ein Schuft! Aber ... mag sein! Dies alles ist nicht das ... Jetzt gilt es zu reden, ich weiß aber nicht, wo anfangen ...«
Er hielt inne und sann nach.
»Ach, wir sind beide zu verschiedene Leute!« -- rief er wieder aus, -- »passen nicht zueinander. Und warum, warum bin ich hergekommen! Ich werde es mir nie verzeihen.«
»Nein, nein, es ist gut, daß du gekommen bist!« -- rief Ssonja, -- »es ist besser, daß ich es weiß! Viel besser!«
Er sah sie voll Schmerz an.
»So war es tatsächlich!« -- sagte er, als hätte er überlegt. -- »Es war doch so! Siehst du, -- ich wollte ein Napoleon werden, und darum habe ich ermordet ... begreifst du es jetzt?«
»N--nein,« -- flüsterte Ssonja naiv und schüchtern, -- »sprich nur ... sprich! Ich werde es verstehen, ich werde für mich alles verstehen!« -- bat sie ihn.
»Du wirst verstehen? Nun, gut, wir wollen sehen!«
Er schwieg und überlegte lange.
»Siehst du, -- ich habe mir einmal folgende Frage vorgelegt, -- wenn zum Beispiel an meiner Stelle Napoleon gewesen wäre, und wenn er, um seine Karriere zu beginnen, weder Toulon, noch Ägypten, noch den Übergang über den Montblanc gehabt hätte, wenn aber statt aller schönen und monumentalen Dinge eine lächerliche Alte, die Witwe eines kleinen Beamten gewesen wäre, die man zudem noch ermorden mußte, um aus ihrem Koffer Geld zu stehlen -- der Karriere wegen, verstehst du? -- hätte er sich dazu entschlossen, wenn es keinen anderen Ausweg gegeben hätte? Wäre er nicht schokiert gewesen, weil es zu wenig monumental und ... weil es sündhaft war? Ich sage dir, daß ich mich über diese >Frage< schrecklich lange abgequält habe, so daß ich mich furchtbar schämte, als ich endlich auf den Gedanken kam -- ganz plötzlich kam ich darauf --, daß es ihn nicht bloß nicht schokiert hätte, sondern ihm nicht einmal in den Sinn gekommen wäre, daß dies nicht monumental sei ... er hätte gar nicht begriffen, warum man dabei schokiert sein sollte? Und wenn er keinen anderen Ausweg gehabt hätte, so würde er, aber ohne daß sie gemuckst hätte, gemordet haben, ohne langes Nachdenken! Nun, und da ließ ich ... das Beil fallen ... mordete ... nach diesem Beispiel ... Genau so ist es vor sich gegangen! Dir erscheint es lächerlich? Ja, Ssonja, das Lächerlichste ist dabei, daß es vielleicht genau so vorgefallen war ...«
Ssonja war es nicht lächerlich.
»Sagen Sie es mir lieber ... ohne Beispiele,« -- bat sie noch schüchterner und leiser.
Er wandte sich zu ihr um, blickte sie traurig an und ergriff ihre Hände.
»Du hast wieder recht, Ssonja. Das ist alles Unsinn, ist leeres Geschwätz! Siehst du, -- du weißt doch, daß meine Mutter fast nichts hat. Meine Schwester hat zufällig eine Erziehung erhalten und ist verurteilt, sich als Gouvernante ihr Leben lang durchzuschlagen. All ihre Hoffnung war ich allein. Ich studierte, fand aber nicht genügenden Unterhalt und war gezwungen, zeitweilig die Universität zu verlassen. Und selbst wenn es sich weiter hingezogen hätte, konnte ich etwa in zehn oder zwölf Jahren -- und vorausgesetzt, daß meine Verhältnisse sich verbesserten, -- hoffen, Lehrer oder Beamter mit tausend Rubel Gehalt zu werden ...« -- Er sprach, als hätte er es auswendig gelernt. -- »Bis dahin wäre meine Mutter vor Sorgen und Kummer verkommen, und mir wäre es nicht gelungen, ihr ein ruhiges Leben zu schaffen, und meine Schwester ... nun, mit der Schwester konnte noch Schlimmeres passiert sein! ... Ja, und was für ein Vergnügen ist es, das ganze Leben an allem vorbeigehen und von allem sich abwenden zu müssen, die Mutter zu vergessen und die Beleidigung der Schwester zum Beispiel, demütig zu ertragen? Wozu? Um sich andere anzuschaffen, nachdem man sie beerdigt hat, -- Frau und Kinder, um auch sie nachher ohne einen Groschen und ohne ein Stück Brot zu hinterlassen? So ... nun, da beschloß ich, mich des Geldes der Alten zu bemächtigen, es zu meinem Unterhalte an der Universität, ohne die Mutter mehr quälen zu müssen, und zu meinen ersten Schritten nach Beendigung des Studiums zu benutzen, -- und dies alles gleich groß und radikal auszuführen, um eine vollkommen neue Laufbahn beginnen und einen neuen unabhängigen Weg betreten zu können ... das ist alles ... selbstverständlich, schlecht war, daß ich die Alte ermordet habe ... und jetzt genug davon!«
Völlig erschöpft schloß er seinen Bericht und ließ den Kopf sinken.
»Ach, es war nicht das, nicht das,« -- rief Ssonja gramvoll aus, -- »kann man denn so ... nein, es ist nicht richtig, es ist nicht so!«
»Jetzt siehst du selbst, daß es nicht so war! ... Und ich habe doch aufrichtig berichtet, habe die Wahrheit gesagt!«
»Was ist denn das für eine Wahrheit! Oh, Gott!«
»Ich habe doch, Ssonja, bloß eine unnütze, häßliche, bösartige Laus ermordet.«
»Wie, ein Mensch ist eine Laus?«
»Ich weiß es auch selbst, daß es keine Laus ist,« -- antwortete er und blickte sie eigentümlich an. -- »Aber ich lüge, Ssonja,« -- fügte er hinzu, »es ist alles gelogen ... Es war nicht das; du sagst die Wahrheit. Es waren ganz andere, vollkommen andere Gründe! ... Ich habe seit langem mit niemand gesprochen, Ssonja ... Der Kopf tut mir jetzt so weh.«
Seine Augen brannten in fieberhaftem Glanze. Er begann fast zu phantasieren; ein unruhiges Lächeln irrte um seine Lippen. Die ungeheure Erregung verbarg kaum die äußerste Schwäche. Ssonja begriff seine Selbstqual. Auch ihr begann der Kopf zu schwindeln. Und wie sonderbar er sprach, als sei alles selbstverständlich ... »aber wie denn ... Wie war es nur möglich? Oh, Gott!« Und sie rang in Verzweiflung die Hände.
»Nein, Ssonja, es war nicht das!« -- begann er wieder, erhob plötzlich den Kopf, als hätte ihn eine andere Wendung der Gedanken überrascht und von neuem angeregt, -- »es war nicht das! Besser ... du stellst dir vor ... ja! es ist wirklich besser! ... stell dir vor, daß ich ehrgeizig, neidisch, böse, niederträchtig, rachsüchtig bin ... nun ... und meinetwegen zum Irrsinn neige ... Mag alles gleich mitgerechnet werden! Davon, daß ich verrückt sei, sprach man schon früher, ich habe es wohl gemerkt! Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich auf der Universität selber meinen Unterhalt nicht finden konnte. Weißt du aber, daß ich es vielleicht doch hätte ermöglichen können? Meine Mutter hätte mir das Nötige fürs Studium geschickt, und Stiefel, Kleider und Essen hätte ich selbst verdient, sicher sogar! Es fanden sich Unterrichtsstunden für mich; man bot fünfzig Kopeken. Rasumichin arbeitet doch auch! Aber ich wurde böse und wollte es nicht. Ich wurde böse -- das ist ein guter Ausdruck! Ich verkroch mich dann, wie eine Spinne, in meine Ecke. Du warst doch in meinem elenden Loche, hast es gesehen ... Aber weißt du auch, Ssonja, daß niedrige Decken und enge Zimmer die Seele und den Verstand bedrücken? Oh, wie ich dieses elende Loch haßte! Dennoch wollte ich nicht heraus! Ich wollte es absichtlich nicht! Tagelang ging ich nicht aus und wollte nicht arbeiten, wollte nicht mal essen und lag die ganze Zeit. Wenn mir Nastasja etwas brachte, -- aß ich, wenn sie nichts brachte, -- verging auch so der Tag; absichtlich, aus Bosheit, bat ich um nichts! Wenn ich nachts kein Licht hatte, lag ich im Dunkel, wollte aber nicht arbeiten, um ein Licht kaufen zu können. Ich mußte studieren, -- habe aber die Bücher verkauft; auf dem Tische bei mir, auf den Kollegheften und Notizen liegt jetzt fingerdick der Staub. Ich zog es vor, zu liegen und zu grübeln. Und ich dachte die ganze Zeit ... immer hatte ich solche Träume, allerhand seltsame Träume, es lohnt sich nicht, von ihnen zu sprechen! Dann aber begann es mir vorzuschweben, daß ... Nein, es ist nicht richtig! Ich erzähle wieder nicht in der richtigen Weise! Siehst du, -- ich fragte mich damals immer, warum bin ich so dumm, daß, wenn andere dumm sind, und wenn ich es sicher weiß, daß sie dumm sind, ich selbst nicht klüger sein will? Ich erkannte später, Ssonja, daß es zu lange dauern wird, wollte man warten, bis alle klug werden ... Ich erkannte auch, daß es niemals der Fall sein wird, daß die Menschen sich nicht verändern, daß niemand sie ändern kann, und daß es sich der Mühe nicht lohnt! Ja, es ist so! Das ist ihr Gesetz ... Das Gesetz, Ssonja! Es ist so! ... Und ich weiß jetzt, Ssonja, daß wer an Verstand und Geist stark und kräftig ist, der auch der Herrscher über sie ist! Wer viel wagt, der ist bei ihnen im Rechte! Wer auf das größere pfeifen kann, der ist bei ihnen auch Gesetzgeber, wer aber am meisten von allen wagen kann, der ist mehr im Rechte, als alle! In dieser Weise ist es bis jetzt vor sich gegangen und so wird es immer bleiben! Nur ein Blinder merkt es nicht!«
Während Raskolnikoff dies sagte, sah er wohl Ssonja an, aber er kümmerte sich nicht mehr darum, ob sie ihn verstehen würde oder nicht. Das Fieber hatte ihn völlig gepackt. Er war in einem finstern Enthusiasmus. Er hatte in der Tat zu lange mit niemand gesprochen. Und Ssonja verstand, daß dieser finstere Katechismus sein Glaube und sein Gesetz geworden war.
»Ich kam damals darauf, Ssonja,« -- fuhr er immer noch enthusiastisch fort, -- »daß die Macht bloß demjenigen gegeben wird, der es wagt, sich zu bücken und sie zu nehmen. Das ist das einzige, nur das allein, -- man muß wagen! Mir kam damals ein Gedanke, zum erstenmal im Leben, den niemand je vor mir gedacht hat. Niemand! Klar wie die Sonne erschien mir plötzlich der Gedanke: Warum hat bis jetzt kein einziger gewagt und wagt es nicht, wenn er an diesem ganzen Unsinn vorbeigeht, alles einfach am Schwanze zu packen und es zum Teufel zu werfen! Ich ... ich wollte es wagen und tötete ... ich wollte bloß wagen, Ssonja, das ist der ganze Grund!«
»Oh, schweigen Sie, schweigen Sie!« -- rief Ssonja und schlug die Hände zusammen. -- »Sie haben Gott verlassen und Gott hat Sie gestraft, hat Sie dem Teufel überliefert! ...«
»Ja, Ssonja, -- als ich damals in der Dunkelheit lag und mir all das vorschwebte, da hat mich der Teufel versucht? Nicht wahr?«
»Schweigen Sie! Spotten Sie nicht, Sie Gotteslästerer; nichts, nichts begreifen Sie! Oh, Gott! Er wird nichts, nichts verstehen!«
»Schweig, Ssonja, ich lache gar nicht, ich weiß es auch selbst, daß mich der Teufel zog. Schweig, Ssonja, schweig!« -- wiederholte er düster und beharrlich. -- »Ich weiß alles. Ich habe mir dies alles überlegt und zugeflüstert, als ich damals im Dunkeln lag ... Ich habe über dies alles mit mir selbst bis zum kleinsten Punkt gestritten und weiß alles, alles! Und mir war dies ganze Geschwätz damals so zum Überdruß, so zum Überdruß! Ich wollte alles vergessen und von neuem anfangen, Ssonja, und aufhören zu schwatzen! Und denkst du etwa, daß ich, wie ein Dummkopf, blindlings hingegangen bin? Ich bin, wie ein Kluger, hingegangen, und das hat mich auch zugrunde gerichtet! Und meinst du etwa, ich hätte zum Beispiel nicht gewußt, daß, wenn ich überhaupt damit anfing, mich zu fragen und auszuhorchen, -- ob ich ein Recht auf Macht habe, -- ich schon deswegen dies Recht auf Macht nicht hatte. Oder wenn ich mir die Frage vorlegte, -- ist der Mensch eine Laus? -- da war schon der Mensch für mich keine Laus mehr, sondern war es eben für denjenigen, dem diese Frage nicht in den Sinn kam, und der ohne Fragen auf sein Ziel losgeht ... Als ich mich soviel Tage abquälte, ob Napoleon es getan hätte oder nicht, -- da fühlte ich es doch deutlich, daß ich kein Napoleon war ... Ich habe die ganze Qual dieses ganzen Geschwätzes ertragen, Ssonja, und wollte sie ganz und gar von mir abschütteln, -- ich wollte, Ssonja, ohne Kasuistik töten, meinetwegen, für mich allein töten! Ich wollte es nicht mal mir selbst vorlügen! Ich habe nicht darum getötet, um meiner Mutter zu helfen, -- das ist Unsinn! Ich habe nicht darum getötet, um Mittel und Macht zu erhalten, und dann ein Wohltäter der Menschheit zu werden. Unsinn! Ich habe einfach getötet; für mich, für mich ganz allein habe ich getötet; ob ich aber irgend wessen Wohltäter geworden wäre, oder ob ich mein ganzes Leben, wie eine Spinne, alle in mein Gewebe eingefangen und aus allen die Lebenssäfte ausgesaugt hätte, -- mußte mir in jenem Augenblicke vollkommen gleichgültig sein! ... Und nicht um das Geld war es mir in erster Linie zu tun, Ssonja, als ich tötete; nicht das Geld war mir so wichtig, es war etwas ganz anderes ... Ich weiß jetzt alles ... Verstehe mich, -- wenn ich vielleicht denselben Weg weitergegangen wäre, würde ich niemals mehr einen Mord begangen haben. Ich mußte etwas anderes erfahren, etwas anderes trieb mich dazu, -- ich mußte damals und schleunigst erfahren, ob ich eine Laus bin, wie alle, oder ein Mann? Bin ich imstande, hinwegzuschreiten oder nicht? Werde ich es wagen, mich zu bücken und die Macht aufzuheben oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur oder habe ich ein Recht ...«
»Zu töten? Ein Recht zu töten?« -- schlug Ssonja die Hände zusammen.
»Ach, Ssonja!« -- rief er gereizt aus, wollte ihr etwas erwidern, schwieg aber verächtlich. -- »Unterbrich mich nicht, Ssonja! Ich wollte mir bloß beweisen, -- daß der Teufel mich damals hinschleppte, mir aber nachher erklärte, daß ich kein Recht hatte, dort hinzugehen, weil ich eben so eine Laus bin, wie alle! Er hat seinen Spott mit mir getrieben, nun bin ich zu dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich nicht eine Laus wäre, würde ich dann zu dir gekommen sein? Höre, -- als ich damals zu der Alten hinging, ging ich bloß, es zu versuchen ... Nun weißt du es!«
»Und haben getötet! Haben getötet!«
»Wie habe ich getötet? Ermordet man denn in dieser Weise? Geht man denn so hin zu töten, wie ich damals ging! Ich will dir einmal erzählen, wie ich hinging ... Habe ich denn die Alte getötet? Ich habe mich getötet, und nicht die Alte! Da habe ich mich mit einem Schlage auf ewig getroffen! ... Und diese Alte hat der Teufel getötet, aber nicht ich ... Genug, genug, Ssonja, genug! Laß mich,« -- rief er plötzlich in krankhaftem Grame, -- »laß mich!«
Er stützte sich auf seine Knie und umklammerte mit beiden Händen den Kopf.
»Wie Sie leiden!« -- entrang sich Ssonja ein qualvoller Schrei.
»Was soll ich jetzt tun, sprich!« -- fragte er, erhob plötzlich den Kopf und blickte sie mit einem vor Verzweiflung schrecklich verzerrten Gesichte an.
»Was tun!« -- rief sie aus, sprang von ihrem Platze auf, und ihre Augen, die bis jetzt voll Tränen waren, funkelten plötzlich. -- »Steh auf!« -- Sie packte ihn an den Schultern; er erhob sich und sah sie fast verwundert an. -- »Geh sofort, gleich, stell dich auf einen Kreuzweg hin, beuge dich, küß zuerst die Erde, die du besudelt hast, dann beuge dich vor der ganzen Welt, in allen vier Richtungen und sage allen laut: -- >ich habe getötet!< Dann wird dir Gott wieder Leben senden. Willst du gehen? Willst du gehen?« -- fragte sie ihn, am ganzen Körper zitternd, wie in einem Anfall, und faßte dabei seine beiden Hände und drückte sie stark und sah ihn mit feurigen Blicken an.
Er war erstaunt, ja, durch ihre plötzliche Begeisterung bestürzt.
»Du meinst die Zwangsarbeit, Sibirien, Ssonja? Daß ich mich selbst anzeigen soll?« -- fragte er finster.
»Das Leiden auf sich nehmen und dadurch Erlösung finden, das sollst du.«
»Nein! Ich gehe nicht zu ihnen, Ssonja.«
»Wie wirst du aber leben, leben? Wie wirst du weiterleben?« -- rief Ssonja. -- »Ist es denn jetzt möglich? Und wie wirst du mit deiner Mutter sprechen? Oh, was wird, was wird jetzt mit ihnen geschehen! Ja, was sage ich! Du hast ja schon deine Mutter und Schwester verlassen. Du hast sie doch verlassen, sie verlassen. Oh, Gott!« -- rief sie, -- »er weiß ja alles selbst! Nun, wie kann man denn ohne einen Menschen weiterleben! Was wird jetzt mit dir werden!«
»Sei kein Kind, Ssonja,« -- sagte er leise. -- »Welche Schuld habe ich vor ihnen? Wozu soll ich hingehen? Was soll ich ihnen sagen? Das sind alles bloß Gespenster ... Sie vertilgen selbst Millionen von Menschen und halten es noch für eine Tugend. Sie sind Gauner und Schufte, Ssonja! ... Ich gehe nicht. Und was soll ich sagen, -- daß ich getötet und nicht gewagt habe, das Geld zu nehmen, daß ich es unter einem Stein versteckt habe?« -- fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. -- »Sie werden doch selbst über mich lachen, werden sagen, -- er ist ein Dummkopf, daß er es nicht genommen hat. Ein Feigling und ein Dummkopf! Sie werden nichts, gar nichts verstehen, Ssonja, und sie sind nicht wert, es zu verstehen. Wozu soll ich hingehen? Ich gehe nicht hin. Sei kein Kind, Ssonja ...«
»Du wirst dich zu Tode quälen, zu Tode quälen,« -- wiederholte sie und streckte ihm in verzweifeltem Flehen die Hände entgegen.
»Ich habe mich vielleicht bloß verleumdet,« -- bemerkte er finster, wie sinnend, -- »vielleicht bin ich doch ein Mensch und keine Laus, vielleicht habe ich mich übereilt verurteilt ... Ich will noch kämpfen.«
Ein hochmütiges Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.
»Solche Qual zu tragen! Und das ganze, ganze Leben hindurch! ...«
»Ich werde mich gewöhnen ...,« -- sagte er düster und nachdenklich. -- »Höre,« -- begann er nach einer Weile, -- »es ist genug geweint, jetzt ist Zeit, die Sache zu bedenken, -- ich bin gekommen, dir zu sagen, daß man mich jetzt sucht, mir nachstellt ...«
»Ach!« -- rief Ssonja erschrocken aus.
»Nun, warum schreist du? Du willst doch selbst, daß ich nach Sibirien gehe, jetzt aber erschrakst du? Eins aber will ich sagen, -- ich ergebe mich ihnen nicht. Ich will mit ihnen noch kämpfen, und sie werden mir nichts tun können. Sie haben keine wirklichen Beweise. Gestern war ich in großer Gefahr und dachte, daß ich schon verloren sei; heute hat es sich verbessert. Alle ihre Beweise haben zwei Seiten, das will sagen, -- ich kann ihre Beschuldigungen zu meinen Gunsten verwenden, verstehst du? Und ich werde sie zu meinen Gunsten verwenden, denn ich habe es jetzt gelernt ... Ins Gefängnis aber wird man mich sicher sperren. Wenn nicht ein Zufall hinzugekommen wäre, hätte man mich vielleicht schon heute geholt; vielleicht geschieht es heute noch ... Aber das tut nichts, Ssonja, -- ich werde eine Zeitlang sitzen und man wird mich freilassen ... denn sie haben keinen einzigen wirklichen Beweis und werden ihn auch nicht bekommen, ich gebe mein Wort darauf. Mit dem aber, was sie besitzen, kann man einen Menschen nicht verurteilen. Nun, genug ... Ich sagte es bloß, damit du es weißt ... Mit meiner Mutter und Schwester will ich es so einzurichten versuchen, daß sie nicht daran glauben, damit sie nicht erschrecken ... Meine Schwester ist jetzt übrigens, wie es scheint, versorgt ... also auch meine Mutter ... Nun, das ist alles. Sei übrigens vorsichtig. Willst du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich dort sein werde?«
»Oh, ich werde, werde kommen!«
Sie saßen nebeneinander, traurig und niedergeschlagen, als wären sie nach einem Sturme allein an einen einsamen Strand geschleudert worden. Er sah Ssonja an und fühlte ihre große Liebe, und seltsam, es fiel ihm plötzlich schwer und schmerzlich aufs Herz, daß er so geliebt wurde. Es war ein seltsames und furchtbares Gefühl! Als er zu Ssonja ging, empfand er, daß in ihr seine ganze Hoffnung und sein letzter Ausweg liege; er glaubte wenigstens einen Teil seiner Qualen abzuwälzen und jetzt, wo ihr ganzes Herz sich ihm zugewandt hatte, fühlte und erkannte er, daß er um vieles unglücklicher geworden war.
»Ssonja,« -- sagte er, -- »komm lieber nicht zu mir, wenn ich im Gefängnis sein werde.«
Ssonja antwortete nicht, sie weinte. Es vergingen ein paar Minuten.
»Hast du ein Kreuz?« -- fragte sie plötzlich unerwartet, als sei es ihr eben eingefallen.
Er verstand zuerst die Frage nicht.
»Nein, du hast keins? -- Hier, nimm dieses Kreuz aus Zypressenholz. Ich habe ein anderes, kupfernes von Lisaweta. Ich habe mit Lisaweta getauscht, -- sie hat mir ihr Kreuz gegeben und ich ihr mein Heiligenbildchen. Ich will jetzt das Kreuz von Lisaweta tragen, dieses aber gebe ich dir. Nimm ... es gehört doch mir! Es ist doch mein Kreuz!« -- bat sie ihn, -- »wir werden doch zusammen gehen und leiden, also wollen wir auch zusammen das Kreuz tragen! ...«
»Gib her!« sagte Raskolnikoff.
Er wollte sie nicht betrüben, zog aber gleich wieder die Hand zurück, die er nach dem Kreuze ausgestreckt hatte.
»Nicht jetzt, Ssonja. Lieber später,« -- fügte er hinzu, um sie zu beruhigen.
»Ja, ja, es ist besser, es ist besser,« -- pflichtete sie ihm mit Begeisterung bei, -- »wenn du gehst, um das Leiden auf dich zu nehmen, dann legst du es um. Du kommst dann zu mir, ich werde es dir umhängen, wir wollen dann beten und beide gehen.«
In diesem Augenblicke klopfte jemand dreimal an die Türe.
»Ssofja Ssemenowna, kann ich hereinkommen?« -- ertönte eine sehr bekannte höfliche Stimme.
Ssonja stürzte erschrocken zur Türe. Herr Lebesjätnikoff blickte in das Zimmer hinein.
V.
Lebesjätnikoff sah aufgeregt aus.
»Ich komme zu Ihnen, Ssofja Ssemenowna. Entschuldigen Sie ... Ich dachte mir, daß ich auch Sie treffen werde,« -- wandte er sich schnell an Raskolnikoff, -- »das heißt, ich dachte nichts ... in dieser Hinsicht ... aber ich dachte ... Dort bei uns ist Katerina Iwanowna verrückt geworden,« -- schloß er plötzlich, zu Ssonja gewandt.
Ssonja schrie auf.
»Das heißt, es scheint wenigstens so ... Wir wissen nicht, was wir tun sollen, das ist es! Sie kam zurück ... man scheint sie irgendwo hinausgejagt, vielleicht auch geschlagen zu haben ... es scheint wenigstens so ... Sie war zu dem Vorgesetzten des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch gelaufen, hatte ihn nicht zu Hause getroffen; er war bei einem anderen General zu Mittag geladen ... Und stellen Sie sich vor, sie lief dann dorthin, ... zu diesem anderen General, stellen Sie sich vor, -- sie bestand auf ihrem Verlangen, den Vorgesetzten von Ssemjon Sacharytsch zu sehen, und sie hat, wie es scheint, ihn von der Tafel rufen lassen. Sie können sich denken, was passiert ist. Man jagte sie selbstverständlich hinaus; sie erzählte, daß sie den General beschimpft und ihm sogar etwas ins Gesicht geschleudert habe. Das kann man ihr schon glauben ..., daß man sie nicht zur Polizei gebracht hat, -- verstehe ich nicht! Jetzt erzählt sie es allen, auch Amalie Iwanowna, doch es ist schwer zu verstehen, was sie meint, denn sie schreit und wirft sich dabei mit dem Kopfe an die Wand ... Ach ja -- sie sagt und schreit, da sie jetzt von allen verlassen sei, jetzt wolle sie mit den Kindern auf die Straße gehen, die einen Leierkasten tragen sollen, die Kinder müßten singen und tanzen, auch sie würde singen und Geld einsammeln, und Tag für Tag wolle sie vor den Fenstern des Generals stehen ... >Mögen alle sehen,< sagt sie, >wie die edlen Kinder eines angesehenen Beamten als Bettler in den Straßen herumgehen müssen!< Sie schlägt die weinenden Kinder, Lene lehrt sie ein Lied singen, den Knaben tanzen und Poletschka ebenfalls; reißt alle Kleider entzwei; macht ihnen Mützen, wie die Gaukler sie haben; sie selbst will ein Becken tragen, darauf schlagen, an Stelle der Musik ... Uns will sie gar nicht anhören ... Stellen Sie sich vor, wie soll das werden? Das geht doch nicht an!«
Lebesjätnikoff hätte noch weiter gesprochen, aber Ssonja, die ihm mit angehaltenem Atem zugehört hatte, griff rasch nach ihrer Mantille und ihrem Hut, lief aus dem Zimmer und kleidete sich im Gehen an. Raskolnikoff ging ihr nach und Lebesjätnikoff folgte ihm.
»Sie ist ganz gewiß verrückt geworden!« -- sagte er zu Raskolnikoff und trat mit ihm auf die Straße, -- »ich wollte nur Ssofja Ssemenowna nicht so erschrecken und sagte deshalb -- >es scheint<, aber es kann keinen Zweifel darüber geben. Man hört oft, daß bei Schwindsucht im Gehirn solche Knollen entstehen; schade, daß ich nicht Medizin studiert habe. Ich versuchte übrigens, sie zu überzeugen, aber sie will nichts hören.«
»Haben Sie ihr von diesen Knollen gesprochen?«
»Das heißt, eigentlich nicht von den Knollen. Sie würde es doch nicht verstanden haben. Ich sage aber, -- wenn man einen Menschen logisch überzeugen kann, daß er eigentlich keinen Grund hat, zu weinen, so hört er auch auf zu weinen. Das ist klar. Oder meinen Sie, daß er nicht aufhören wird?«
»Dann wäre das Leben leicht,« -- antwortete Raskolnikoff.
»Erlauben Sie, erlauben Sie bitte; gewiß, bei Katerina Iwanowna würde es ziemlich schwer fallen, sie verstände es nicht. Aber ist Ihnen nicht bekannt, daß in Paris schon ernste Versuche gemacht worden sind über die Möglichkeit, durch Anwendung von logischer Überredung Wahnsinnige zu heilen? Ein Professor dort, der vor kurzem gestorben ist, ein großer Gelehrter, hat sich ausgedacht, daß man sie in dieser Weise heilen kann. Sein Grundgedanke ist, daß bei den Wahnsinnigen eine besondere Störung im Organismus nicht vorgeht, und daß der Wahnsinn sozusagen ein logischer Fehler, ein Fehler der Urteilsfähigkeit, eine falsche Ansicht von Dingen ist. Er widerlegte allmählich den Kranken, und denken Sie sich, er soll Erfolge erzielt haben. Da er außerdem auch Duschen anwandte, so wurden die Erfolge dieser Behandlung bezweifelt ... Es scheint wenigstens so ...«
Raskolnikoff hörte ihm längst nicht mehr zu. Als er an seinem Hause ankam, nickte er mit dem Kopfe Lebesjätnikoff zu und bog in den Torweg ein. Lebesjätnikoff kam zu sich, blickte sich um und lief weiter.
Raskolnikoff trat in seine Kammer und blieb mitten darin stehen. Warum war er hierher zurückgekehrt? Er sah diese gelblichen, abgerissenen Tapeten, diesen Staub, sein Sofa an ... Vom Hofe drang ein hartes ununterbrochenes Klopfen; man schien Nägel einzuschlagen ... Er trat an das Fenster, hob sich auf den Zehen und blickte lange mit außerordentlicher Aufmerksamkeit im Hofe umher. Der Hof aber war leer und man sah die Klopfenden nicht. Links, im Seitengebäude war hie und da ein geöffnetes Fenster; auf den Fensterbrettern standen kleine Töpfe mit schwächlichen Geranien. Vor den Fenstern hing Wäsche ... Das ganze Bild kannte er auswendig. Er wandte sich ab und setzte sich auf das Sofa. Noch nie, nie hatte er sich so furchtbar einsam gefühlt!
Ja, er fühlte es noch einmal, daß er vielleicht Ssonja hassen werde, und zwar jetzt, wo er sie unglücklicher gemacht hatte.
Warum war er zu ihr hingegangen? Um um ihre Tränen zu bitten? Warum mußte er so unbedingt ihr Leben verkümmern? Oh, welche Gemeinheit.
»Ich bleibe allein!« -- sagte er plötzlich entschlossen, -- »und sie soll nicht ins Gefängnis zu mir kommen!«
Nach etwa fünf Minuten erhob er den Kopf und lächelte eigentümlich. Es war ein merkwürdiger Gedanke: -- »Vielleicht ist es in Sibirien tatsächlich besser.«
Er erinnerte sich nicht, wie lange er in seinem Zimmer sich mit den einstürmenden unklaren Gedanken abgegeben hatte. Da öffnete sich plötzlich die Türe und Awdotja Romanowna trat herein. Sie blieb zuerst stehen und blickte ihn von der Schwelle an, so wie er gestern Ssonja angeblickt hatte; kam dann herein und setzte sich auf einen Stuhl, auf ihren gestrigen Platz, ihm gegenüber. Er sah sie schweigend und augenscheinlich gedankenlos an.
»Sei mir nicht böse, Bruder, ich komme nur auf einen Augenblick,« -- sagte Dunja.
Der Ausdruck ihres Gesichtes war nachdenklich, aber nicht streng. Der Blick war klar und still. Er sah, daß auch sie mit Liebe zu ihm gekommen war.
»Bruder, ich weiß jetzt alles, alles. Mir hat Dmitri Prokofjitsch alles erklärt und erzählt. Man verfolgt und quält dich mit einem dummen und schändlichen Verdacht! ... Dmitri Prokofjitsch hat mir gesagt, daß für dich keine Gefahr vorhanden sei, daß du dich unnütz mit solch einem Schrecken befassest. Ich denke nicht, wie er, ich verstehe vollkommen, wie alles in dir empört sein muß, und daß diese Empörung in dir für immer Spuren hinterlassen kann. Davor habe ich Angst. Ich verurteile dich nicht und darf dich nicht verurteilen, daß du uns verlassen hast, verzeih mir, daß ich dir dies vorgeworfen habe. Ich weiß selbst, daß auch ich von allen fortgehen würde, wenn ich solch einen großen Kummer hätte. Ich werde der Mutter davon nichts sagen, will aber mit ihr immer über dich sprechen, und will in deinem Namen sagen, daß du sehr bald kommen wirst. Quäle dich nicht ihretwegen; ich werde sie beruhigen; aber quäle auch sie nicht zu sehr, -- komm wenigstens noch einmal zu ihr; erinnere dich, daß sie unsere Mutter ist! Ich bin nur gekommen, um zu sagen,« -- Dunja stand auf, -- »daß, falls du irgendwie mich brauchen solltest und wenn es ... mein Leben gälte ... so rufe mich, ich werde kommen. Leb wohl!«
Sie wandte sich schnell um und ging zur Türe.
»Dunja!« -- rief Raskolnikoff, stand auf und ging zu ihr, -- »dieser Dmitri Prokofjitsch Rasumichin ist ein sehr guter Mensch.«
Dunja errötete ein wenig.
»Nun!« -- fragte sie nach einer Weile.
»Er ist ein tüchtiger, fleißiger, ehrlicher Mensch und ist starker Liebe fähig ... Leb wohl, Dunja.«
Dunja errötete, dann wurde sie unruhig.
»Was ist dir, Bruder, trennen wir uns denn wirklich für immer, daß du mir ... solch ein Vermächtnis machst?«
»Wie dem auch sei ... leb wohl ...«
Er kehrte sich um und ging zum Fenster. Sie blieb eine Weile stehen, sah ihn sorgenvoll an und ging mit dem Gefühle der Angst hinaus.
Er war ihr gegenüber nicht kälter! Es hatte einen Augenblick, in letzter Minute, gegeben, wo er die größte Lust verspürte, sie innig zu umarmen, von ihr Abschied zu nehmen und ihr alles zu sagen, aber er wagte ihr nicht einmal die Hand zu reichen.
»Sie würde vielleicht später noch erschauern bei dem Gedanken, daß ich sie umarmt habe, und würde sagen, daß ich ihr einen Kuß gestohlen hätte!«
»Würde sie dies ertragen können oder nicht?« -- fügte er nach einigen Minuten hinzu. -- »Nein, sie würde es nicht ertragen können; eine solche Natur nicht ...«
Er dachte an Ssonja.
Vom Fenster kam eine kühle Luft. Draußen war es nicht mehr hell. Er nahm seine Mütze und ging hinaus.
Er konnte und wollte nicht auf seinen krankhaften Zustand achten. Aber diese ununterbrochenen Aufregungen und diese seelischen Erschütterungen konnten nicht ohne Folgen bleiben. Und wenn er noch nicht an einem heftigen Fieber daniederlag, so war es vielleicht darum, weil diese inneren ununterbrochenen Aufregungen ihn vorläufig noch aufrecht und bei Bewußtsein hielten.
Er irrte ziellos herum. Die Sonne ging unter. Eine eigenartige Angst begann in der letzten Zeit seiner Seele sich zu bemächtigen. Es war kein bohrender oder brennender Schmerz; etwas Beständiges oder Bleibendes aber ging von ihm aus; die Ahnung einer Reihe endloser kalter, toter Jahre lag darinnen, einer Ewigkeit auf dem »ellenbreiten Raume«. In den Abendstunden war dieses Gefühl stärker und peinvoller.
»Und mit diesen dummen, rein physischen Schwächen, die vom Sonnenuntergang abhängen konnten, soll man sich vor Dummheiten hüten! Da läuft man dann nicht bloß zu Ssonja hin, auch zu Dunja!« -- murmelte er haßerfüllt vor sich hin. Man rief ihn beim Namen. Er blickte sich um; Lebesjätnikoff eilte auf ihn zu.
»Denken Sie, ich war bei Ihnen, ich suchte Sie. Stellen Sie sich vor, sie hat wirklich ihre Absicht ausgeführt und die Kinder mitgenommen. Ich habe sie mit Ssofja Ssemenowna nur mit Mühe gefunden. Sie selbst schlägt auf eine Pfanne, und läßt die Kinder tanzen. Die Kinder weinen. Sie bleiben an Straßenecken und vor Läden stehen. Das dumme Volk läuft ihnen nach. Wir wollen hingehen!«
»Und Ssonja?« -- fragte Raskolnikoff unruhig und eilte Lebesjätnikoff nach.
»Sie ist ganz außer sich. Nicht Ssofja Ssemenowna, sondern Katerina Iwanowna ist außer sich; aber auch Ssofja Ssemenowna ist außer sich. Katerina Iwanowna ist aber ganz und gar aufgelöst. Ich sage Ihnen, sie ist vollkommen verrückt. Man wird sie noch zur Polizei bringen. Sie können sich vorstellen, wie das erst auf sie wirken wird ... Jetzt sind sie am Kanal bei der N.schen Brücke, gar nicht weit von Ssofja Ssemenownas Wohnung.«
Am Kanal, nicht weit von der Brücke und zwei Häuser von der Wohnung Ssonjas entfernt, hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt. Besonders Knaben und Mädchen liefen hin. Von der Brücke aus konnte man die heisere, überanstrengte Stimme von Katerina Iwanowna hören. Es war ein merkwürdiges Schauspiel, fähig, das Straßenpublikum zu fesseln. Katerina Iwanowna hatte ihr altes, abgetragenes Kleid an, einen Schal umgelegt und einen zerrissenen Strohhut auf; sie war tatsächlich ganz außer sich. Dabei war sie müde und rang nach Atem. Ihr abgehärmtes schwindsüchtiges Gesicht sah noch leidender aus; außerdem sieht ein Schwindsüchtiger draußen im Sonnenlicht stets kränklicher und mehr entstellt aus als zu Hause, -- ihr aufgeregter Zustand nahm kein Ende, sie wurde mit jedem Augenblicke gereizter. Bald stürzte sie sich auf die Kinder, schrie sie an, redete ihnen zu, lehrte sie auf der Straße in Gegenwart aller, wie sie tanzen und was sie singen sollten, begann ihnen zu erklären, warum dies nötig sei, geriet in Verzweiflung, daß sie nicht begreifen wollten, und schlug sie ... Dann stürzte sie wieder ins Publikum, -- wenn sie einen einigermaßen besser gekleideten Menschen entdeckte, der stehen blieb, um sich die Sache anzusehen, beeilte sie sich sofort, ihm zu erklären, daß es so weit, -- mit -- den Kindern »aus einem feinen, man kann sogar sagen aristokratischen Hause,« gekommen war. Wenn sie unter den Zuschauern Lachen oder ein freches Wort hörte, wandte sie sich sofort an die Dreisten und begann sie zu schelten. Einige lachten darüber, andere wieder schüttelten die Köpfe; aber allen war es interessant, die Wahnsinnige mit ihren erschrockenen Kindern anzusehen. Die Pfanne, die Lebesjätnikoff erwähnt hatte, war nicht da; Raskolnikoff sah sie wenigstens nicht. Katerina Iwanowna schlug den Takt nicht auf einer Pfanne, sondern mit ihren mageren Händen, wenn sie Poletschka zum singen und Lene und Kolja zum tanzen veranlaßte. Sie fing selbst an mitzusingen, wurde jedoch jedesmal beim zweiten Tone von einem quälenden Husten unterbrochen; dann wurde sie von neuem verzweifelt, fluchte ihrem Husten und weinte sogar. Am meisten brachte sie das Weinen und die Angst Koljas und Lenes auseinander. Sie hatte wirklich den Versuch gemacht, die Kinder aufzuputzen, wie Straßentänzer und Gaukler. Der Knabe hatte einen Turban aus rotem und weißem Stoff, damit er einem Türken ähnle. Für Lene reichte es zu einem Kostüm nicht aus; sie hatte nur ein rotes, gestricktes Käppchen des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch auf dem Kopfe und an dieses Käppchen war eine abgebrochene Straußfeder befestigt worden, die noch der Großmutter von Katerina Iwanowna gehört hatte und die bis jetzt, als ein altes Familienstück, im Koffer aufbewahrt wurde. Poletschka war in ihrem gewöhnlichen Kleidchen. Sie blickte schüchtern und weltvergessen die Mutter an, wich nicht von ihrer Seite, verbarg die Tränen, ahnend, daß die Mutter wahnsinnig geworden sei, und sah unruhig um sich. Die Straße und die Menschenmenge hatten sie äußerst erschreckt. Ssonja wich keinen Schritt von Katerina Iwanowna, weinte und flehte sie an, nach Hause zurückzukehren. Katerina Iwanowna aber blieb unerbittlich.
»Höre auf, Ssonja, höre auf!« -- schrie sie hastig, außer Atem und hustend. -- »Du weißt selbst nicht, was du bittest, du bist wie ein Kind! Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich zu dieser vertrunkenen Deutschen nicht zurückkehren will. Mögen alle, ganz Petersburg sehen, wie die Kinder eines edlen Vaters, der sein ganzes Leben treu und redlich gedient hat, und man kann sagen, im Dienste gestorben ist, betteln gehen müssen.« -- Katerina Iwanowna hing schon an dieser Erfindung eigener Phantasie mit blindem Glauben. -- »Mag es nur dieser schändliche Kerl von einem General sehen. Ja, du bist dumm, Ssonja, -- was sollen wir denn essen, sage mir? Wir haben dich genug gepeinigt, ich will es nicht mehr! Ach, Rodion Romanowitsch, Sie sind es!« -- rief sie aus, als sie Raskolnikoff erblickte, und stürzte zu ihm hin, -- »erklären Sie bitte dieser dummen kleinen Person, daß wir nichts klügeres tun konnten! Sogar Leierkastenmänner verdienen, bei uns aber werden alle bemerken und erfahren, daß wir eine arme feine Familie und Waisen sind, die an den Bettelstab gebracht wurden, und dieser Kerl von einem General wird seine Stelle verlieren. Sie werden es sehen! Wir werden jeden Tag vor seinen Fenstern stehen, und wenn der Kaiser vorbeifahren wird, will ich mich auf die Knie werfen und auf die Kinder will ich zeigen und sagen: -- >Schütze sie, Vater!< Er ist der Vater aller Waisen, er ist barmherzig, er wird sie schützen, Sie werden es sehen, und diesen Kerl von einem General ... Lene! Tenez vous droite!{[11]} Du, Kolja, wirst sofort wieder tanzen. Was heulst du? Er heult wieder! Nun, warum fürchtest du dich, Dummköpfchen! Oh, Gott! Was soll ich mit ihnen tun, Rodion Romanowitsch! Wenn Sie wüßten, wie unvernünftig sie sind! Was soll man mit ihnen tun! ...«
Und sie zeigte, fast weinend, was sie jedoch nicht hinderte, ununterbrochen und unaufhörlich zu reden, -- auf die schluchzenden Kinder. Raskolnikoff versuchte sie zu überreden, nach Hause zu gehen und sagte ihr sogar, in der Meinung auf ihre Eigenliebe zu wirken, daß es für sie unpassend sei, wie Leierkastenleute in den Straßen umherzuziehen, weil sie doch beabsichtigte, die Vorsteherin einer Pension für junge Mädchen aus besseren Ständen ...
»Einer Pension für junge Mädchen, ha! ha! ha! Was weit herkommt, hat gut lügen -- sagt das Sprichwort!« -- rief Katerina Iwanowna aus; nach dem Lachen überfiel sie ein starker Husten, -- »nein, Rodion Romanowitsch, der Traum ist vorüber! Alle haben uns verlassen! ... Und dieser Kerl von einem General ... Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, ich habe ihm ein Tintenfaß an den Kopf geworfen, -- es stand gerade eins da, im Vorzimmer, neben dem Buche, wo alle ihre Namen eintragen, auch ich habe mich eingetragen, ich warf ihm das Tintenfaß an den Kopf und lief davon. Oh, gemeine, niederträchtige Menschen! Ich pfeife auf sie alle, ich will selbst die da füttern, will niemanden mehr anbetteln! Wir haben sie genug gequält!« -- und sie wies auf Ssonja. -- »Poletschka, wieviel haben wir eingesammelt, zeige mir mal! Wie? Bloß zwei Kopeken? Oh, schändliche Menschen! Sie geben nichts, laufen uns bloß mit ausgestreckter Zunge nach! Nun, was lacht dieser Holzklotz?« -- sie zeigte auf einen in der Menge. -- »Das kommt alles daher, weil Kolja so einfältig ist, man hat nur Schererei mit ihm! Was willst du, Poletschka? Sprich mit mir französisch, parlez moi français{[12]}. Ich habe dich doch gelehrt, du kennst doch einige Sätze! ... Wie kann man denn erkennen, daß ihr aus feiner Familie, wohlerzogene Kinder seid und keine Leierkastenleute. Wir machen doch kein Kasperletheater auf den Straßen, wir wollen eine schöne feine Romanze singen ... Ach ja! Was sollen wir denn singen? Ihr unterbrecht mich in einem fort, wir sind ... sehen Sie, Rodion Romanowitsch, wir sind hier stehen geblieben, um auszusuchen, was wir singen sollen, -- etwas, was auch Kolja vortanzen kann ... denn alles machen wir, Sie können es sich vorstellen, ohne Vorbereitungen. Wir wollen uns besprechen, um alles ordentlich durchzunehmen, dann gehen wir auf den Newski Prospekt, wo es bedeutend mehr Menschen aus der höchsten Gesellschaft gibt, die uns sofort bemerken werden. Lene kennt das Lied >Die Troika< ... Aber das kann man doch nicht immerwährend singen, die ganze Welt singt es ja! Wir müssen etwas viel Besseres singen ... Nun, was meinst du, Poletschka, du könntest doch der Mutter helfen! Ich erinnere mich an nichts mehr, ich habe alles vergessen! Ach, wollen wir doch französisch >Cinq sous<{[13]} singen! Ich habe es euch doch gelehrt! Und da es französisch ist, werden alle sofort sehen, daß ihr adlige Kinder seid, und das ist bedeutend rührender ... Wir könnten sogar >Malbrough s'en va-t-en guerre!{[14]}< singen, da es ein ausgesprochenes Kinderlied ist und in allen aristokratischen Häusern gesungen wird, wenn die Kinder zum Schlafen gebracht werden.«
Malbrough s'en va-t-en guerre Ne sait quand reviendra ...{[14]}
begann sie zu singen ... »Nein, es ist besser >Cinq sous!{[13]}< Nun, Kolja, stemme die Händchen in die Seiten, aber schneller, und du Lene, drehe dich in entgegengesetzter Richtung, ich werde mit Poletschka singen und in die Hände klatschen!
Cinq sous, cinq sous Pour monter notre ménage ...{[15]}
Kche--kche--kche!« (Und sie krümmte sich vor Husten.) »Bring dein Kleid in Ordnung, Poletschka, die Schultern sind entblößt,« bemerkte sie, zwischen dem Husten atemholend. -- »Ihr müßt euch jetzt besonders anständig und in feinem Tone benehmen, damit es alle sehen, daß ihr adlige Kinder seid. Ich habe damals gesagt, daß man die Taille länger und in doppelter Breite zuschneiden soll. Du kamst aber mit deinen Ratschlägen, Ssonja, -- es kürzer und kürzer zu machen, nun jetzt siehst du, ist das Kind völlig verunstaltet ... Ihr weint wieder! Ja, warum weint ihr Dummen! Kolja, fang schneller an, schneller, -- ach, wie dies Kind unerträglich ist! ...
Cinq sous, cinq sous --{[13]}
Wieder ein Schutzmann! Nun, was willst du?«
Es drängte sich ein Schutzmann durch die Menge. Gleichzeitig näherte sich ihr ein Herr im Dienstrocke und Mantel, ein höherer Beamter, mit einem Orden am Halsbande -- dieser Umstand war Katerina Iwanowna sehr erwünscht und hatte selbst Einfluß auf den Schutzmann, -- und überreichte ihr schweigend einen grünen Dreirubelschein. Sein Gesicht drückte aufrichtiges Mitleid aus. Katerina Iwanowna nahm das Geld und verbeugte sich höflich, fast förmlich.
»Ich danke Ihnen, mein Herr,« begann sie von oben herab, »die Gründe, die uns gezwungen haben ... nimm das Geld, Poletschka. Du siehst, es gibt noch edle und großmütige Menschen, die sofort bereit sind, einer armen adligen Dame im Unglücke zu helfen. Sie sehen adlige Waisen vor sich, mein Herr, man kann sogar sagen, mit aristokratischsten Verbindungen ... Und dieser Kerl von einem General saß am Tische und aß Haselhühner ... stampfte mit den Füßen, weil ich ihn gestört habe ... >Eure Exzellenz,< sagte ich, >schützen Sie die Waisen, da Sie den verstorbenen Ssemjon Sacharytsch gut kannten,< sagte ich, >und weil der gemeinste aller Schufte seine leibliche Tochter an seinem Todestage verleumdet hat ...< Wieder kommt dieser Schutzmann! Schützen Sie mich!« rief sie dem Beamten zu, -- »was will dieser Schutzmann von mir? Wir sind schon vor einem weggelaufen ... Nun, was geht es dich an, Dummkopf!«
»Es ist in den Straßen verboten. Machen Sie keinen Skandal!«
»Du bist selbst ein Skandalmacher! Ich gehe herum, wie jeder Leierkastenmann, was geht es dich an?«
»Zu einem Leierkasten muß man eine Erlaubnis haben. Sie sammeln aber in dieser Weise das Volk an. Wo wohnen Sie?«
»Wie, Erlaubnis,« schrie Katerina Iwanowna. -- »Ich habe heute meinen Mann beerdigt, was ist da für eine Erlaubnis nötig!«
»Bitte, beruhigen Sie sich, Madame,« begann der vornehme Beamte, »kommen Sie, ich will Sie begleiten ... Hier unter den Leuten ist es unpassend ... Sie sind krank ...«
»Mein Herr, mein Herr, Sie wissen gar nicht!« schrie Katerina Iwanowna, »wir wollen auf den Newski Prospekt gehen ... Ssonja, Ssonja! Wo ist sie denn? Sie weint auch! Was ist denn mit euch allen! ... Kolja, Lene, wohin geht ihr denn?« rief sie plötzlich im Schreck, »oh, die dummen Kinder! Kolja, Lene, ja, wohin laufen sie denn? ...«
Als Kolja und Lene, bis aufs äußerste von der Menschenmenge und von der wahnsinnigen Mutter erschreckt, den Schutzmann erblickten, der sie nehmen und irgendwohin führen wollte, faßten sie einander wie auf Verabredung an den Händchen und liefen davon. Mit Geschrei und Weinen stürzte die arme Katerina Iwanowna ihnen nach, um sie einzuholen. Es war widerwärtig und traurig zu sehen, wie sie weinend und keuchend lief. Ssonja und Poletschka eilten ihr nach.
»Bring sie zurück, bring sie zurück, Ssonja! Oh, die dummen, undankbaren Kinder! ... Polja! Fange sie ein ... Ich habe es doch für euch ...«
Sie stolperte im vollen Laufe und fiel hin.
»Sie hat sich blutig geschlagen! Oh, Gott!« rief Ssonja aus, sich über sie beugend.
Alle liefen hin und drängten sich um sie. Raskolnikoff und Lebesjätnikoff waren als die ersten zur Stelle, der Beamte eilte auch hinzu und ihm folgte der Schutzmann, der etwas wie »Ach ja!« brummte und den Kopf schüttelte, in der Vorahnung, daß die Sache ihm viel zu schaffen machen würde.
»Geht weiter, geht!« er jagte die Menschen, die umherstanden, auseinander.
»Sie stirbt!« rief jemand.
»Sie hat den Verstand verloren!« sagte ein anderer.
»Gott schütze sie!« bemerkte eine Frau und schlug ein Kreuz. -- »Hat man den Jungen und das Mädel gekriegt? Ja, da bringt man sie, die älteste hat sie eingeholt ... Was ihnen nur einfiel!«
Als man aber Katerina Iwanowna näher betrachtet hatte, sah man, daß sie sich gar nicht an den Steinen blutig geschlagen hatte, wie Ssonja angenommen, sondern daß das Blut, das den Fahrdamm besudelte, aus Brust und Mund kam.
»Das kenne ich aus Erfahrung,« sagte der Beamte leise zu Raskolnikoff und Lebesjätnikoff, »das ist Schwindsucht; das Blut stürzt hervor und man erstickt. Einer Verwandten von mir ist es jüngst ähnlich gegangen, ich habe es selbst gesehen, ein halbes Glas kam ... und so plötzlich ... Was soll man tun, sie wird gleich sterben.«
»Bringt sie zu mir, hier in der Nähe!« flehte Ssonja, »ich wohne hier ... in dem Hause, das zweite von hier ... Schnell, schnell! ...« wandte sie sich aufgeregt an alle. »Holt einen Arzt ... Oh Gott!«
Dank der Bemühungen des Beamten ging die Sache glatt vor sich, sogar der Schutzmann half Katerina Iwanowna hinübertragen. Man brachte sie fast tot in Ssonjas Zimmer und legte sie auf das Bett. Das Blut hörte noch nicht auf zu fließen, aber Katerina Iwanowna kam langsam zu sich. In das Zimmer traten gleichzeitig außer Ssonja, Raskolnikoff und Lebesjätnikoff, der Beamte und der Schutzmann, nachdem er vorher die Menge auseinandergejagt hatte, von der einige bis zur Türe gefolgt waren. Poletschka kam auch mit Kolja und Lene, die zitterten und weinten; sie hielt sie an den Händen. Auch von Kapernaumoff kamen Leute, er selbst, lahm und krumm, von seltsamem Aussehen mit borstigen Haaren und Backenbart; seine Frau, die immer ein erschrockenes Aussehen hatte und einige ihrer Kinder mit offenem Munde und immer erstauntem, hölzernem Gesichtsausdruck. Unter diesem Publikum befand sich auch Sswidrigailoff. Raskolnikoff blickte ihn verwundert an, ohne zu begreifen, wie er hierher gekommen sei, da er sich seiner unter der Menge nicht entsann. Man sprach davon, einen Arzt und einen Priester holen zu lassen. Obwohl der Beamte Raskolnikoff auch zugeflüstert hatte, daß ein Arzt, wie es ihm schien, jetzt wohl überflüssig sei, sandte man doch nach ihm. Kapernaumoff lief selbst fort.
Unterdessen war Katerina Iwanowna zu sich gekommen und das Blut hörte für eine Weile auf zu fließen. Sie sah unverwandt mit einem schmerzlichen und durchdringenden Blick auf die bleiche und bebende Ssonja, die ihr mit einem Taschentuche die Schweißtropfen auf der Stirn abtrocknete; schließlich bat sie, man möge sie aufrichten. Man setzte sie auf und stützte sie von beiden Seiten.
»Wo sind die Kinder?« fragte sie mit schwacher Stimme. -- »Hast du sie gebracht, Polja? Oh, ihr dummen ... Warum lieft ihr fort ... Ach!«
Blut bedeckte noch ihre trockenen Lippen. Sie blickte sich um.
»Also, hier lebst du, Ssonja! Ich war nie bei dir gewesen ... jetzt erst bin ich dazu gekommen ...«
Sie blickte sie unendlich traurig an.
»Wir haben dich ausgesaugt, Ssonja ... Polja, Lene, Kolja, kommt her ... Da sind sie alle, Ssonja, nimm sie ... aus meiner Hand ... ich bin fertig! ... Das Fest ist aus! H--a ... Legt mich nieder und laßt mich wenigstens ruhig sterben ...«
Man legte sie wieder auf die Kissen zurück.
»Was? Einen Priester? ... Ist nicht nötig. Habt ihr einen überflüssigen Rubel? ... Ich habe keine Sünden! ... Gott muß mir auch ohnedem vergeben ... Er weiß, wie ich gelitten habe! ... Und wenn er nicht vergibt, so ist es auch gut! ...«
Ein unruhiges Phantasieren bemächtigte sich ihrer mehr und mehr. Zuweilen fuhr sie auf, blickte um sich, erkannte alle auf einen Augenblick, und das Bewußtsein schwand wieder. Sie atmete schwer und röchelnd.
»Ich sagte ihm: >Ew. Exzellenz!< ...!« rief sie und holte nach jedem Worte Atem, »diese Amalie Ludwigowna ... ach! Lene, Kolja! Die Händchen in die Hüften, schneller, schneller, glissez, glissez, pas de basque!{[16]} Stampf mit den Füßchen ... Sei ein graziöses Kind.
Du hast Diamanten und Perlen ...
Wie geht es weiter? Das sollten wir singen ...
Du hast die schönsten Augen Mädchen, was willst du noch mehr? ...
Das ist nicht ganz richtig! Was willst du noch mehr -- was sich dieser Holzklotz dabei gedacht hat? ... -- Ach ja, oder ein anderes Lied
In mittäglicher Glut ...
Ach, wie ich es liebte ... Ich habe dieses Lied sehr geliebt, Poletschka! ...
In mittäglicher Glut im Tale Daghestans ...
Weißt du, dein Vater sang es ... als Bräutigam noch ... Oh, die Tage! ... Das sollten wir singen! Nun, wie heißt es denn ... ich habe es vergessen ... helft mir doch dabei ... wie heißt es denn?« -- Sie war in furchtbarer Erregung und versuchte aufzustehen. Mit schrecklicher, heiserer und überschnappender Stimme, bei jedem Worte außer Atem, schreiend und mit einer sich steigernden Angst begann sie zu singen:
»In mittäglicher Glut ... im Tale ... Daghestans ... Mit Blei in der Brust ...
Ew. Exzellenz!« schrie sie plötzlich herzzerreißend und in Tränen ausbrechend, »schützen Sie die Waisen! Eingedenk der Gastfreundschaft des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch! ... Man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen ... Ha--a!« fuhr sie auf, zur Besinnung kommend und betrachtete alle mit Entsetzen, erkannte aber sofort Ssonja. -- »Ssonja, Ssonja!« sagte sie sanft und freundlich, als wäre sie erstaunt, sie vor sich zu sehen, »Ssonja, liebe Ssonja, du bist auch hier?«
Man richtete sie wieder auf.
»Genug! ... Es ist Zeit! ... Lebwohl, Armselige! ... Die Stute ist abgehetzt! ... Zu Tode gehetzt!« rief sie verzweifelt und haßerfüllt aus und fiel mit dem Kopfe auf das Kissen zurück.
Sie verlor von neuem das Bewußtsein, und ohne es wieder erlangt zu haben, fiel ihr blaßgelbes abgemagertes Gesicht nach hinten, der Mund öffnete sich, die Füße streckten sich krampfhaft aus. Sie stöhnte tief auf und starb.
Ssonja warf sich auf die Leiche, faßte sie mit den Händen, lehnte den Kopf an die magere Brust der Verstorbenen und verharrte so lange. Poletschka fiel zu den Füßen der Mutter nieder und küßte sie laut schluchzend. Kolja und Lene, die noch nicht verstanden hatten, was geschehen war, aber etwas Schreckliches ahnten, faßten einander mit beiden Händen an den Schultern, starrten einander in die Augen und begannen zu schreien. Beide waren noch aufgeputzt, -- er im Turban, sie in dem Käppchen mit der Straußenfeder.
Und wie kam das Ehrendiplom auf das Bett neben Katerina Iwanowna hin? Es lag neben dem Kissen, Raskolnikoff hatte es gesehen.
Er ging zum Fenster. Lebesjätnikoff kam eilig zu ihm.
»Sie ist gestorben!« sagte Lebesjätnikoff.
»Rodion Romanowitsch, ich muß Ihnen ein paar wichtige Worte sagen,« trat Sswidrigailoff heran.
Lebesjätnikoff trat ihm sofort seinen Platz ab und verschwand zartfühlend. Sswidrigailoff führte den erstaunten Raskolnikoff in eine abgelegene Ecke hin.
»Diese ganze Schererei, das heißt die Beerdigung und alles übrige nehme ich auf mich. Wissen Sie, es kommt doch bloß auf das Geld an, und ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich überflüssiges habe. Diese zwei Sprößlinge und diese Poletschka will ich in einer besseren Anstalt für Waisenkinder unterbringen und will für jeden bis zur Volljährigkeit fünfzehnhundert Rubel in eine Bank einzahlen, so daß Ssofja Ssemenowna vollkommen unbesorgt sein kann. Auch sie will ich aus dem Pfuhle herausziehen, denn sie ist ein gutes Mädchen, nicht wahr? Und so teilen Sie Awdotja Romanowna mit, daß ich ihre zehntausend in dieser Weise verbraucht habe.«
»Welche Absichten verfolgen Sie bei diesen übergroßen Guttaten?« fragte Raskolnikoff.
»Ach! Sie mißtrauischer Mensch!« lachte Sswidrigailoff. -- »Ich habe doch gesagt, daß dieses Geld bei mir überflüssig liegt. Einfach aus Menschlichkeit, das lassen Sie bei mir nicht gelten? Sie war doch keine >Laus< gewesen -- (er zeigte mit dem Finger auf die Ecke, wo die Verstorbene lag) -- wie irgendeine alte Wucherin. Gestehen Sie doch selbst, -- >soll Luschin tatsächlich weiterleben und Scheußlichkeiten verüben, oder sie sterben?< Und wenn ich nicht helfe, so muß doch Poletschka den nämlichen Weg gehen ...«
Er sagte es spöttisch mit zugekniffenen Augen und ohne den Blick von Raskolnikoff abzuwenden. Raskolnikoff erbleichte, es durchzog ihn ein Schauer, als er seine eigenen Worte wieder hörte, die er zu Ssonja gesprochen hatte. Er fuhr zurück und blickte Sswidrigailoff fassungslos an.
»Wo--woher ... wissen Sie?« flüsterte er, kaum atmend.
»Ich wohne ja hier, hinter der Wand bei Madame Rößlich. Hier wohnt Kapernaumoff und dort Madame Rößlich, eine alte und sehr ergebene Bekannte von mir. Ich bin ihr Nachbar.«
»Sie?«
»Ja, ich,« fuhr Sswidrigailoff fort, sich vor Lachen schüttelnd, »und ich kann Sie auf Ehre versichern, lieber Rodion Romanowitsch, daß Sie mich kolossal interessiert haben. Ich habe doch gesagt, daß wir einander näher kommen werden, ich habe es Ihnen vorausgesagt, -- nun sind wir auch einander näher gekommen. Und Sie werden sehen, wie verträglich ich bin. Sie werden sehen, daß es sich mit mir noch leben läßt ...«
Sechster Teil
I.
Für Raskolnikoff war eine merkwürdige Zeit angebrochen. -- Es war, als wäre plötzlich ein schwerer Nebel auf ihn herabgesunken und hätte für ihn eine undurchdringliche und tiefe Einsamkeit beschlossen. Als er später, lange nachher, sich dieser Zeit entsann, dachte er es sich so, daß sein Bewußtsein zeitweise sich verdunkelte und daß dies mit wenigen Unterbrechungen bis zur endgültigen Katastrophe gedauert hatte. Er war vollkommen überzeugt, daß er sich damals öfters geirrt haben müsse, zum Beispiel in der Zeit und der Dauer verschiedener Ereignisse. Wenigstens, als er sich späterhin auf dies oder jenes besinnen wollte und sich das Erinnerte zu erklären versuchte, erfuhr er vieles über sich selbst, indem er sich nach den Mitteilungen richtete, die er von anderen erhalten. So verwechselte er ein Ereignis z. B. mit einem anderen; ein anderes hielt er für die Folge eines Vorfalls, der nur in seiner Einbildung existierte. Zuweilen erfaßte ihn eine qualvolle Unruhe, die sich zu einem panischen Schrecken steigern konnte. Er entsann sich auch, daß es Minuten, Stunden, vielleicht sogar ganze Tage gab, die er im Gegensatz zu der Angst, in völliger Apathie verbrachte, -- eine Apathie, die dem schmerzhaft gleichgültigen Zustand Sterbender ähnlich war. Überhaupt trieb es ihn in diesen letzten Tagen, einem klaren und vollen Verständnis seiner Lage aus dem Wege zu gehen; alltägliche Dinge, die eine unverzügliche Erledigung verlangten, lasteten auf ihm; wie froh wäre er dagegen gewesen, von manchen Sorgen sich befreien und loslösen zu können, die im Falle ihrer Vernachlässigung ihm den völligen, unvermeidlichen Untergang bringen mußten.
Am meisten beunruhigte ihn Sswidrigailoff, -- ja, man konnte sagen, daß Sswidrigailoff seine einzige Sorge war. Seit der Zeit, als er von Sswidrigailoff in Ssonjas Zimmer, in Katerina Iwanownas Todesstunde die drohenden und unzweideutigen Worte gehört hatte, schien der gewöhnliche Fluß seiner Gedanken gestört zu sein. Und obgleich ihn diese neue Tatsache äußerst beunruhigte, beeilte sich Raskolnikoff nicht, die Sache aufzuklären. Zuweilen, wenn er sich irgendwo in einem abgelegenen und menschenleeren Stadtteile, in einem kläglichen Restaurant an einem Tische allein in Gedanken versunken vorfand und sich kaum entsann, wie er hierher gekommen war, fiel ihm mit einem Male Sswidrigailoff ein, -- er sah nur zu deutlich ein, daß er sich möglichst schnell mit diesem Menschen verständigen und zu einem Ende mit ihm kommen müsse. Einmal, als er vor die Stadt geraten war, bildete er sich sogar ein, daß er hier Sswidrigailoff erwarte, daß sie hier eine Zusammenkunft verabredet hätten. Ein anderes Mal erwachte er vor Tagesanbruch irgendwo auf der Erde im Gebüsch und begriff nicht, wie er hierhergekommen war. In den zwei, drei auf Katerina Iwanownas Tode folgenden Tagen hatte er ein paarmal Sswidrigailoff getroffen, fast immer in der Wohnung Ssonjas, wohin er ziellos, stets aber nur einen kurzen Augenblick gegangen war. Sie wechselten stets einige kurze Worte und berührten kein einziges Mal den Hauptpunkt, als wäre es zwischen ihnen so verabredet worden, vorläufig darüber zu schweigen. Die Leiche von Katerina Iwanowna lag noch im offenen Sarge. Sswidrigailoff gab die Anordnungen für die Beerdigung und sorgte für alles. Ssonja war auch sehr in Anspruch genommen. Bei der letzten Begegnung hatte Sswidrigailoff ihm mitgeteilt, daß er die Frage bezüglich der Kinder Katerina Iwanownas gelöst habe und sehr glücklich sei, daß dank einiger Verbindungen alle drei Waisen sofort in sehr anständige Anstalten untergebracht werden könnten und daß das für sie deponierte Geld viel dazu beigetragen habe, weil wohlhabende Waisen leichter als arme unterzubringen seien. Er redete auch über Ssonja, versprach Raskolnikoff in den nächsten Tagen selbst aufzusuchen, um sich mit ihm zu beraten, da in dieser Angelegenheit Notwendiges zu besprechen sei.