Sagenbuch des Erzgebirges (part 2 of 3)
Eine alte Frau in Bernsbach, die selbst schon Großmutter war, erzählte, daß ihr Großvater einst einen alten Freund, der Gasthofsbesitzer in einem andern Orte war, besucht habe. Da gerade Heuernte gewesen, sei der Wirt mit allen seinen Leuten auf die Wiese gegangen, so daß nur sein alter Freund in dem Gasthofe zurückblieb. Dieser erhielt den Auftrag, Bier zu verschänken, wenn Gäste kämen. Als er nun allein gewesen, hätte er ein Buch aus einem Schranke genommen und sich mit Lesen darin vertieft. Auf einmal wäre eine Krähe an das Fenster gekommen, und bald darauf wären noch mehrere gefolgt, welche sich sämtlich vor der Hausthüre niedergelassen hätten. Auf einmal wäre aber der Wirt atemlos in das Haus gestürzt gekommen, hätte dem sonst sehr lieben Freunde eine Ohrfeige gegeben, das Buch weggenommen und die Worte gesprochen: »Wäre ich nicht gekommen, so wärest Du in einer Viertelstunde tot gewesen, denn die Krähen hätten Dich umgebracht!«
Daran ist bloß das Lesen in dem geheimnisvollen Buche schuld gewesen.
Die Raben, an deren Stelle bei uns im Glauben des Volkes auch die Krähen und Dohlen getreten sind, gelten als Teufelsvögel, deren Erscheinen gewöhnlich Unglück und insbesondere einen Todesfall verkündet. Nach einem slavischen Aberglauben sind überhaupt Vögel die Seelen Verstorbener; Raben und Krähen gelten als die Seelen Verdammter. Nach Aargauer Sagen entschweben die Seelen der Erlösten in Gestalt von Tauben, die von Verwünschten und Erhängten dagegen verwandeln sich in Raben. (Rochholz, a. a. O. I., S. 156.) Auf dem Kirchhofe zu Scherpenheuvel wurden die Nahewohnenden nach dem Begräbnisse eines Mannes, der ein schlechte Leben geführt hatte, durch das Geschrei eines Raben in ihrer nächtlichen Ruhe gestört. (Nork, a. a. O., S. 275.)
Wie unter dem Einflusse der christlichen Bekehrer die alten heidnischen Gottheiten zu dämonischen und teuflischen Gestalten wurden, so auch die ihnen einst geheiligten Tiere. Auf den Schultern Odhins saßen zwei Raben, »Hugin und Munin«, d. h. Gedanke und Erinnerung, welche jeden Tag durch die Welt flogen und dann dem Gotte Nachrichten ins Ohr raunten. In Erinnerung an diese einst dem Gotte beigegebenen Vögel erzählt die Sage, daß der Kaiser Friedrich Barbarossa, auf dessen Gestalt, ebenso wie auf die anderer beliebter Helden, Odhin übertragen wurde, im Kyffhäuser einen Hirten frug, ob noch die Raben um den Berg flögen. Nach einer lausitzischen Sage dagegen wurde der wilde Jäger, d. i. Odhin, in einen Nachtraben verwandelt.
259. Die unheimlichen Gäste in Werda.
(Köhler, Volksbrauch im Vogtlande, S. 537.)
In dem Dorfe Werda bei Falkenstein lebte ein junger Mann, der saß an einem Sonntagabende im Winter ganz allein zu Hause und hatte ein Buch aus einem alten Schranke zur Hand genommen, um darin zu lesen. In dem Buche aber waren verschiedene Zeichen und Figuren, die er sich nicht sogleich ausdeuten konnte. Deshalb zog er die Lampe näher an sich heran, um besser sehen zu können. Als er nun so eine Weile im Lesen und Ausdeuten vertieft ist, blickt er zufällig in die Höhe, fährt aber wieder erschrocken zurück, denn zu dem kleinen Schiebefenster herein sieht ein rabenschwarzer Mann mit grinsendem Gesichte. Der Bursche fragt nach dem Begehr, erhält aber keine Antwort. Nachdem er sich vom Schreck etwas erholt hatte, las er ruhig weiter und war bemüht, die Figuren ordentlich zu deuten. Er sah sich wieder um und wurde zu seinem Schrecken gewahr, daß zu jedem Fenster ein schwarzer unheimlicher Gast hereinsah. Dabei war er auf seinem Sitze wie festgebannt und konnte fast kein Glied mehr regen. Jetzt wollte er das Buch zumachen, denn es flimmerte und tanzte ihm alles vor den Augen. Aber wie von einer unsichtbaren Macht gefesselt, konnte er seinen Blick nicht von dem Buche abwenden und er fing wieder an zu lesen. Plötzlich aber entstand im Hause ein groß Getöse und Gepolter, die Thüre flog auf und ein langer schwarzer Mann kam herein und blieb in der Mitte der Stube stehen. Der Lesende fragte zum zweiten Male, was sein Begehr sei, erhielt aber wieder keine Antwort. Dabei mußte er in dem Buche immer weiter lesen, und es dauerte gar nicht lange, so ging das Gepolter von neuem los und eine zweite schwarze Gestalt trat in die Stube und stellte sich neben die erste hin. Ohne von seinem Buche aufzusehen, las der Bursche fort. Jetzt aber that es einen Schlag, daß das ganze Haus in seinen Grundfesten erschüttert wurde, Fenster und Thüren sprangen auf, ein blitzähnlicher Schein fuhr durch die Stube und eine dritte Gestalt, länger als die beiden ersten und wild von Aussehen, trat nun in Begleitung von allerhand Tieren, als Raben, Eulen und Elstern, in die Stube und stellte sich nun zwischen die beiden ersten hinein. Jetzt wurde es unserm Geisterbeschwörer himmelangst und er rief aus vollem Halse nach Hülfe. Es dauerte aber lange, ehe die gewünschte Hülfe kam. Endlich kam der Bruder des Burschen mit noch einigen Nachbarssöhnen nach Hause, und diese sahen nun, was vorgefallen war. Der Sohn des Wirtes, der auch mit hinzugekommen war, lief sogleich zum Pastor, welcher auch erschien, aber dessen Kraft zu schwach war, die Geister wieder zu bannen. Er gab den guten Rat, es solle doch gleich einer nach Theuma zum Pater reiten, der könne Hülfe schaffen. Ohne sich lange zu besinnen, ritt der Sohn des Wirtes nach Theuma und erzählte daselbst dem Pater, was vorgefallen war. Der Pater ließ sich auch bewegen mitzukommen. Da er ankam, war bereits das halbe Dorf vor dem Hause versammelt, und sogleich begann er seine Beschwörungen. Es dauerte auch nicht lange, so entfernten sich die ungebetenen Gäste, nur der letzte hielt noch stand und wollte nicht weichen. Als aber der Theumaische Pater ein großes Buch hervorzog, entfloh er unter fürchterlichem Gebraus durch den Schornstein und ließ einen Schwefelgeruch zurück. Das Buch aber, welches der Bursche gebraucht hatte, nahm der Pater mit und ermahnte noch den jungen Mann, solche Sachen fernerhin zu lassen und nichts zu unternehmen, was er nicht verstehe.
Das Buch, in welchem der Bursche las, ist Faust's Höllenzwang, von dem uns der Volksmund erzählt. Ähnlich wie dem jungen Manne in Werda erging es den Buben eines Wunderdoktors in Schumburg, die in Abwesenheit ihres Vaters dies geheimnisvolle Buch aus einem Schranke nahmen und darin lasen, worauf eine Menge von teuflischen Vögeln ins Zimmer kam. (Grohmann, Sagen aus Böhmen und Mähren I., S. 315.) Ein alter Mann in Eichelborn in Thüringen hatte große Kenntnisse in geheimen Künsten. Einst las er abends in einem großen Buche, während ein Knabe bei ihm in der Stube war. Da wurde er hinausgerufen. Der Knabe las trotz des Verbotes in dem Buche, und da kamen viele Raben, welche von außen an das Fenster pochten. Auf das ängstliche Geschrei des Knaben kam der Alte zurück, gab dem Ungehorsamen eine derbe Ohrfeige und las in dem Buche schnell einige Worte; siehe, sofort verschwanden die Raben nieder. (O. Richter, Deutscher Sagenschatz, 4. Heft, No. 3.) Dieselbe Sage findet sich auch bei den Lausitzer Wenden. Als ein Bauer, welcher am Schloßberge zu Burg in der Nieder-Lausitz wohnte und der im Besitze eines »Charakters« war, einmal auf dem Felde arbeitete, suchte daheim sein Sohn das Zauberbuch hervor. Beim Lesen desselben kamen ebenfalls Hasen, Krähen und andere Vögel zu Thür und Fenster herein. Der Vater, von Unruhe und Angst getrieben, lief eilig nach Hause und sahe, was der Sohn angerichtet hatte. Da nahm er das Buch zur Hand und las alle Stellen, welche der Sohn gelesen hatte, rückwärts; da verschwanden die Ungetüme wieder. (Veckenstedt, Wendische Sagen, 1880, S. 273.)
260. Die Hexen zu Schellenberg.
(v. Weber, Aus vier Jahrhunderten, I. S. 371. Darnach bei Gräße a. a. O., No. 552.)
Im Jahre 1529 sind zu Schellenberg im alten Schloß, welches an der Stelle der vom Kurfürst August erbauten Augustusburg stand, die beiden Hexen, die alte und junge Rodin, weil sie mehrmals zu Schönerstedt auf dem Hexensabbath gewesen, Diebsdaumen verkauft, untreue Männer durch Zaubermittel zu ihren Frauen zurückführen gelehrt, Hexensalben gesotten und Abwesende citiert, gefoltert und dann wahrscheinlich hingerichtet worden.
261. Wann die Hexen ins Erzgebirge kamen.
(Lehmann, Hist. Schauplatz, S. 908.)
Im Jahre 1080 war Böhmen voller Zauberer, Hexen, Wahrsager und Beschwörer, wider welche Herzog Ulrich inquirierte und 107 in einem Jahre hinrichten ließ. Die andern zerstreuten sich in Mähren und unser Gebirge. Um Klostergrab und Ossegg behexten sie die Leute, daß sie erkrankten, besonders die Schwangern.
Im böhmischen Erzgebirge stellt man sich die Hexe in Gestalt eines hämischen, boshaften, alten Weibes vor, das im Bunde mit dem Teufel steht, auf Ofengabeln, Schürhaken oder Besen durch den Schlott fährt und durch die Luft reitet, den Brand ins Getreide legt, die Kühe verhext, daß sie keine oder rote Milch geben, die Kinder in der Wiege mit Wechselbälgen vertauscht und ähnlichen Unfug treibt. Ihre Macht über den Menschen und über alles, was ihm lieb ist, soll in der Walpurgisnacht am stärksten sein. (Joseph Fritsch in der Erzgebirgs-Zeitung, 4. Jahrg., S. 101.)
262. Das Hexenloch bei Joachimsthal.
(Nach Wenisch, a. a. O., S. 40.)
Nicht weit von der Johanneskapelle bei Joachimsthal zeigte man auf einem Feldraine das gegenwärtig durch einen Steinhaufen verdeckte »Hexenloch«. Die Sage erzählt von demselben, daß sich hier Hexen aufhalten. In der Walpurgisnacht führen sie ihre Tänze auf, essen und trinken und spielen um die Seelen von Selbstmördern Karten. Zum Schutze gegen ihr Eindringen in die Wohnungen werden von vielen Leuten am Walpurgisabende mit geweihter Kreide oder Kohle drei Kreuze an die Thüren gemacht.
263. Mittel gegen Zauberei.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 900.)
Zwei junge Eheleute in Pöhl waren von einer rachgierigen Dorfhexe so verzaubert, daß sie einander spinnefeind wurden und eines das andere ein ganzes Jahr lang nicht ansehen konnte. Endlich krochen sie beide durch sogenannte Schleifbrämen, das sind Brom- oder Kratzbeerzweige, welche einen Bogen geworfen und wieder in die Erde gewurzelt. Damit ist ihnen geholfen worden.
264. Eine Hexe wird erkannt.
(Lehmann, a. a. O., S. 908.)
Zu Arnsfeld bei Wolkenstein wurde eines Mannes Vieh bezaubert, daß es Blut gab. Da die Magd melken wollte, merkte sie das lose Stück, nahm ein Seihtuch, stach's voller Nadeln und kochte es im Ofen. Darauf kam der Nachbarin Mann gelaufen und begehrte Citronenschalen. Dieselben wurden ihm abgeschlagen, denn der Magd war es verboten worden, das geringste zu geben. Da kam der Mann wieder und bot etliche Hühnchen zum Verkaufe an; aber auch jetzt wurde er abgewiesen. Er kam zum dritten Male und verlangte nur eine Birne vom Baume im Garten; doch erlangte er nichts. Endlich kam er und bekannte, daß seine Frau brennende höllische Schmerzen habe und bat, so sie etwas gebraucht, es weg zu thun. Damit wurde es offenbar und mußte der Mann mit Weib und Kind davonlaufen.
H. Heine erzählt in seinen Sagen, Märchen und Bildern aus dem Harze (No. 79), daß einst eine Hexe, welche Milch verzaubert hatte, jämmerlich verbrüht und zerstochen wurde, als der Wirt, gegen den die Zauberei gerichtet war, die Milch kochte und dann mit einer Gabel in der kochenden Milch herum fuhr.
265. Die Hexen am Walpurgisabende.
(Spieß, Aberglaube etc. im Erzgeb., Progr., S. 13; z. T. mündlich.)
Am Walpurgisabende, dem Abende vor dem 1. Mai, zünden überall im Erzgebirge Knaben auf hochgelegenen Punkten Besen an und springen damit herum; es wird geschossen, geschrieen, mit Peitschen geknallt und mit Bretern zusammengeschlagen, um ein rechtes Getöse hervorzurufen. Dies geschieht, um den Hexentanz darzustellen, oder, wie allgemeiner behauptet wird, um die zum Blocksberg ziehenden Hexen zu vertreiben. Am Walpurgisabende ziehen auch die Hexen ein, und man muß daher Besen oder landwirtschaftliche Geräte vor die Stallthüre legen, um sie abzuhalten. In Neustädtel erzählt man: Als Karl der Große die alten Sachsen vom Brocken oder Blocksberg jagen wollte, kamen die Hexen und allerhand Gespenster mit glühenden Besen und auf Ziegenböcken geritten, um ihn zu vertreiben.
Walpurgis, welche in der Mitte des 8. Jahrhunderts lebte und eine Tochter des Königs Richard von England war, wurde später heilig gesprochen und als Beschützerin gegen den Bosheitszauber verehrt. Die angezündeten Feuer sind die Opferflammen für die Frühlingsgöttin Ostara; das Umherspringen ist ein Rest der alten religiösen Tänze; die Hexen, welche in der Walpurgisnacht eine so große Rolle spielen, sind die weisen Frauen, welche Kräuter kochten und, mit dem Priesteramt bekleidet, als »Alrunen« in dem germanischen Götterkultus auftreten. Sie versammeln sich in der ersten Mainacht auf dem Hörsel- und Inselberge in Thüringen, auf dem Stoffelsteine bei Bamberg und an vielen anderen Orten, besonders aber auf dem Blocksberge im Harz. In Schweden war ihr Sammelplatz die kleine Felseninsel Blakulla, zwischen Oeland und Smaland gelegen; dorthin reisten sie aber am grünen Donnerstage. Die Böcke, mit denen nach unserer Sage die Hexen nach dem Blocksberge ziehen, sind die Opfertiere.
Vor dem Eintreten der Hexen schützen drei Kreuze an der Stallthüre oder die Buchstaben ~C. M. B.~ (Kaspar, Melchior, Balthasar, nach der Legende die Namen der heiligen drei Könige); oder man legt einen alten Besen oder ein Stück frischen Rasen vor die Thürschwellen.
Es mag schließlich noch darauf hingewiesen werden, daß der Glaube an Hexen in den indischen ~Çâkinî~, ~Dâkinî~ und ~Yeginî~, welche kraft mythischer Zaubersprüche des Nachts durch die Lüfte reiten und ihre Tänze abhalten, eine Parallele findet. Es ist demnach die Vorstellung von weiblichen Unholden bereits der indogermanischen Urzeit eigen, und so mag vielleicht unserm Worte »Hexe« die Wurzel, ~çak~, mächtig sein, zu Grunde liegen. (Fr. Hirsch, Gesch. der Deutsch. Litteratur, I., S. 6.)
266. Der wunderliche Katzentanz.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 507.)
Am 1. Mai des Jahres 1726 ist ein gewisser zuverlässiger Mann im Erzgebirge von einem Orte zum andern gereist und am Abend bei düsterer Witterung bei einem Walde vorbeipassiert, da denn er sowie sein Begleiter, den er bei sich hatte, ein dem Anschein nach in einem Hause scheinendes Licht bemerkt, welchem beide in der Hoffnung, eine Herberge zu finden, zugelaufen. Nachdem sie aber näher und näher gekommen, hören sie eine zum Tanz gehende Musik, und der eine von ihnen geht aus Neugierde ans Fenster und wird durch selbiges gewahr, daß eine große Anzahl Katzen darin zu finden, davon etliche musicieren und die andern darnach tanzen. Sein Begleiter beschließt nun, in das Haus hineinzugehen, wird aber von dem andern davon abgehalten, und jetzt nimmt einer von ihnen wahr, daß seine große Hauskatze ebenfalls dabei anzutreffen. Aus Entsetzen gehen beide fort und kommen in spätester Nacht nach Hause. Als nun des andern Tags zu Mittag sich die große Hauskatze bei der Mahlzeit in der Stube einfindet, spricht ihr Hausherr, sie anschauend: »Nun, Du machtest Dich gestern Abend auch sehr lustig!« Da springt ihm alsbald der alte Kater auf den Hals und kratzt ihn in den Kopf und das Gesicht, hätte ihn auch sicherlich getötet, wofern nicht das Hausgesinde herzugelaufen und mit Schlägen und Schreien diesen verteufelten Feind abgetrieben.
Diese Sage hat viel Ähnlichkeit mit der vom sogenannten Katzenberge zwischen Leipzig und Merseburg. Um die Mitte des 16. Jahrh. ist nämlich ein Bischof von Merseburg, namens Michael, ein großer Katzenfreund gewesen und hat eine große schwarze Katze besessen. Dieser Bischof ist einst nach Leipzig gereist und hat auf dem oben genannten Hügel, der nachher davon seinen Namen bekam, eine ganze Katzengesellschaft angetroffen. Er rief derselben im Scherze zu: »Ihr Katzen, seid ihr alle beisammen?« Da hat eine geantwortet: »Es mangelt keine, ausgenommen Bischof Michael seine Katze.« Bei seiner Rückkehr erzählte er seiner Katze die wunderliche Begebenheit und fragte zugleich, warum sie den andern Katzen nicht Gesellschaft geleistet? Alsbald fuhr die Katze zum Fenster hinaus und ist nicht mehr gesehen worden.
Katzen sind Hexentiere, sie bilden entweder das Gespann der Hexen, oder diese nehmen die Gestalt jener Tiere an.
Auf der Brüßlerstraße zu Dendermonde liegt ein Haus, worin sich ehedem eine Brauerei befand. Hier diente Hans Zimmermann als Knecht. Da er sein Handwerk sehr gut verstand, so konnte er nicht begreifen, warum das erste, zweite und dritte Gebräu mißlang. Nun hatte er aber bemerkt, daß jedesmal, wenn er am Brauen war, eine Katze rund um den Kessel lief. Als er sein viertes Gebräu begann, und die Katze wieder miauend um den Kessel strich, redete er sie in der Überzeugung an, daß sie eine Hexe sei; er bekam zwar nur ein Miau zur Antwort, worauf sie weglief, aber bald mit einem Dutzend Katzen wieder zurückkam; die faßten sich Pfote an Pfote und begannen einen Tanz um den Kessel, wobei sie unaufhörlich sangen: »Hansken Temmermann vroeg aen my: Katze, van wear kom drgy?« (Hänschen Zimmermann mich frug: Kätzchen, woher kommst denn Du?) Da wurde Hans böse, füllte einen Eimer mit dem kochenden Bier und goß das über die Katzen hin. »Miau! Miau!« schrien alle und verschwanden, das Gebräu aber glückte. Am andern Morgen jedoch sah man im Rochusgäßchen sechs Frauen mit verbrannten Gesichtern tot auf der Straße liegen. Da blieb kein Zweifel mehr, wer die Katzen gewesen waren. (Nork, Sitten und Gebräuche der Deutschen, S. 556.) Eine ähnliche Sage erzählt Leibing (Sagen und Märchen des bergischen Landes, No. 64). Nach ihm verwundete ein Brauknecht zwei Katzen, die eine am Ohr und die andere büßte eine Pfote ein; am andern Tage hatte die Frau des Braumeisters ein zerschmettertes Ohr und eine andere Frau in der Nachbarschaft hatte ein Stück eines Fußes eingebüßt. Auch Jacob Grimm weist in seiner Deutschen Mythologie (S. 623) darauf hin, daß viel von verwundeten Katzen erzählt wird, die man hernach an verbundenen Weibern wieder erkannte.
Ebenso fehlen auch die gleichen Überlieferungen der slavischen Sage nicht. Zu einem Bauer in Saspow in der Nieder-Lausitz kam oft eine graue Katze in den Stall und das Vieh wurde krank. Als diese Katze mit einer Düngergabel in den Hals gestochen wurde, sprang sie weg. Am andern Tage hatte eine Frau im Dorfe mehrere Löcher im Halse; diese war die Hexe. -- Ähnliches geschah in der Mühle bei Leipa im Spreewalde, wo viele Katzen des Nachts einen fürchterlichen Spuk trieben, bis endlich der zu Hülfe herbeigezogene Scharfrichter mit dem Messer eine Katze in die Pfote schnitt. Am andern Tage hatte die Frau des Amtmanns im nächsten Dorfe eine kranke Hand und es hieß, sie habe sich geschnitten. (Veckenstedt, Wendische Sagen, S. 281 und 292.)
267. Das Schmatzen der Toten in den Gräbern.
(Moller, ~Theatrum Freiberg. Chron.~ II., S. 254. Wilisch, Kirchen-Hist. v. Freyberg etc. II., S. 378.)
Im Jahre 1552 hat in den Dörfern um Freiberg die Pest grassiert, sonderlich starb viel Volk zu Hermsdorf, Claußnitz und Dittersbach. Das Volk glaubte dabei, daß die toten Körper in den Gräbern anfingen zu essen und einer den andern nachholete. Etliche, die auf den Gräbern gestanden, erzählten, daß sie gehört, wie die Toten unter der Erde schmatzten. Deswegen hat man den Verstorbenen die Köpfe mit einem Grabscheite abgestoßen oder sie ganz verbrannt und dabei gemeint, so das Unheil und Sterben abzuwenden. Es hat aber nichts geholfen, denn die Pest hat als Strafe Gottes noch heftiger überhand genommen, so daß einzelne Dörfer fast ausstarben.
Das Schmatzen der Toten in den Gräbern ist nur eine besondere Form des besonders im Aberglauben slawischer Völker herrschenden Vampyrismus. Der Vampyr wird meist als die Seele eines Verstorbenen gedacht, welcher im Grabe keine Ruhe findet, letzteres verläßt und sich auf schlafende Menschen, besonders Blutsverwandte legt und ihnen auf körperlich kaum wahrnehmbare Weise das Blut aussaugt. Nach der Lausitzer Sage wird ein solcher Vampyr gebannt, wenn ein Priester den Leichnam ausgraben läßt, ihm den Kopf abschneidet, das Herz mit einem Pfahl durchsticht, selbiges sodann verbrennt und die Asche auf das Grab streut. (Haupt, Sagenbuch d. L., No. 69.) Der Pfahl mußte bei den Slaven von Eichenholz oder vom Weißdorn sein. (Grohmann, Aberglauben und Gebräuche in Böhmen, S. 191.)
Nach Görres ist der Vampyrismus, welcher sich bereits bei den alten Griechen vorfand, nur eine besondere Form des Alpdrückens. (Nork, Sitten und Gebräuche etc., S. 686.) Er beruht auf dem Glauben, daß der Verstorbene des Blutes entbehrt und darum sein Grab verläßt, um einem noch Lebenden Blut auszusaugen. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch I., S. 55.)
268. Von einem an eine Stelle festgebannten Sohne.
(Moller, ~Theatrum Freib. Chron.~ II., S. 221. Br. Grimm, Deutsche Sagen I., No. 231.)
Als ein Bürger zu Freiberg, namens Lorenz Richter und seines Handwerks ein Leinweber, welcher auf der Weingasse gewohnet, seinem Sohne von 14 Jahren etwas zu thun befohlen und derselbe nicht gehorcht, sondern in der Stube an derselben Stelle stehen geblieben, hat ihn der zornige Vater verwünscht und gesagt: »Ei stehe, daß Du nimmermehr könntest fortgehen!« Auf diese Verwünschung des Vaters ist der Knabe stehen geblieben, und er hat drei ganze Jahre an derselben Stelle gestanden, so daß er tiefe Gruben in die Dielen getreten, und man ihm des Nachts, wenn er schlafen wollte, ein Pult untersetzte, damit er den Kopf und die Arme darauf legen konnte, um ein wenig zu ruhen. Weil er aber nahe an der Stubenthüre beim Ofen den eintretenden Leuten im Anlaufe war, haben ihn die Geistlichen der Stadt durch ihr Gebet von diesem Orte aufgehoben und gegenüber in den andern Winkel der Stube glücklich und ohne Schaden gebracht. An diesem Orte hat er ferner bis ins vierte Jahr gestanden und die Dielen noch tiefer durchgetreten, als zuvor. Damit ihn die Aus- und Eingehenden nicht so sehen könnten, hat man ihn auf seine Bitten durch einen Umhang verdeckt; er hat wegen steter Traurigkeit nicht viel gesprochen. Endlich hat Gott die Strafe etwas gemildert, indem er das letzte halbe Jahr sitzen, sich auch ins Bette, das man neben ihn gestellt, legen konnte. Er hat ganz elende ausgesehen, ist blaß von Angesicht, hagern Leibes und auch sehr mäßig im Essen und Trinken gewesen. Nach sieben Jahren wurde er den 11. September 1552 durch den Tod erlöst. Die Fußtapfen sahe man noch lange an den betreffenden Plätzen, und als sie der Vater nach dem Tode seines Sohnes aussetzen lassen wollte, weil er sich derselben wegen seines Fluches schämte, hat ihm der Rat solches verboten.
269. Speisen werden festgemacht.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 869 und 870.)
Ein Bergmann in Seifen hatte ein Doctor Faustsches Kunststück, indem er zur Lust in Gesellschaft über dem Essen alle Speisen stahlfest machte, daß kein Mensch, ehe er wollte, einen Bissen abschneiden konnte. Desgleichen war zu Elterlein ein Schlosser, Zacharias Vogel, der eine gute Zeit im Kriege gedient hatte; dieser konnte nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen und alles Vieh, wie auch Käse, Butter, Brot und andere Speisen fest machen.
270. Festgemachte werden überwunden.
(Lehmann, a. a. O., S. 873 und 874.)
Im Jahre 1632, den 3. Januar, wurde Jochim Escher erschossen, auf welchen sein Feind erstlich eine bleierne Kugel losbrannte; weil diese aber nicht einging, riß er eilend einen Dukaten aus der Tasche, biß ihn zusammen, brauchte ihn anstatt der Kugel und schoß den Escher Knall und Fall vom Pferde.
Im Jahre 1677 schlugen sich zwei freche Kerle auf Böhmisch-Wiesenthal. Der eine war stahlfeste und konnte gar nicht verwundet werden. Da sein Gegenpart dieses merkte, sagte er: »Halt, ich will dir besser kommen!« Zieht hiermit den Degen unter dem Schuh durch die frische Erde und verwundet ihn dann dreimal nacheinander. Andere haben Magnet in die Kugeln gegossen, oder den Degen durch ein Brot gezogen, oder mit Kugeln von Wißmut geschossen, oder die Degenspitze nur in die Erde gestochen und damit die Festgemachten überwältigt.
271. Festgemachte werden von ihrem Wesen und ihrer geheimnisvollen Kraft befreit.
(Lehmann, Hist. Schauplatz, S. 873 u. 874.)
Im Jahre 1652 lebte zu Satzung ein ehemaliger Soldat, +Michael Vogel+, welcher der Festigkeit wegen ein Amulet am Halse trug und nun beim Trunk immer Zank und Schlägerei anfing. Als er aus dem Kriege nach Hause kam, warf er das Amulet weg, aber es kam aus Feuer und Wasser wieder. Endlich wurde sein Beichtvater auf das Amulet aufmerksam und nahm es an sich. Michael Vogel sagte, er müsse es mit gewissen Ceremonien abnehmen, doch der Priester versicherte, der Teufel habe über ihn keine Gewalt, er wolle es schon wegschaffen. Damit ging er zu einem Schmied und warf es ins Feuer. Da fuhr's zur Esse hinaus mit Ungestüm und platzte wie ein Doppelhaken. Darauf wurde der Kerl ganz anders, friedlich und sittsam.
Ähnliches begab sich 1639 in Grünhain. Ein junger Fleischer hatte sich bei den damals auf Scharfenstein liegenden Schweden fest machen lassen; davon wurde er so blutdürstig und unbändig, daß er beim Trunk keines Menschen Freund war. Als er sich aber verheiratete und in die Zunft aufnehmen ließ, trachtete die Freundschaft darauf, wie er die Festigkeit los werden möchte. Man brauchte allerlei Mittel, aber vergebens, bis endlich einer die Teufelei aus dem Leibe purgierte und eine Hummel von ihm kam.
Sowohl die römische als auch germanische Götterlehre erzählt uns von Göttern, welche unverwundbar waren. Cygnus, der Sohn Neptuns, konnte von keinem Pfeil verwundet werden und ebenso wurde Baldr durch die Gunst seiner Mutter Frigg gegen alle Waffen geschützt. Nur das Holz des Strauches Mistiltein (~Loranthus europacus~) tötete ihn, da Frigg von demselben keinen Eid gefordert hatte. Wie Götter wurden auch Helden unverwundbar. Siegfried badete sich im Drachenblute, das seine Haut fest gegen Waffen machte; nur wo das Lindenblatt zwischen seinen Schultern gelegen, war er verwundbar. Im Mittelalter hielt man die sogenannte Waffensalbe, die Gemskugel, die Wurzel ~Doronicum~, das Nothemde u. s. w. für Mittel, um sich waffenfest zu machen. (Nork, Sitten und Gebräuche d. D. S. 707). Auch die Lausitzer Sage erzählt von Hieb- und Stichfesten. Das Garn zu einem Nothemde, welches auch hier als Zaubermittel dient, muß von einem Mädchen unter 7 Jahren gesponnen, die Nähte müssen mit Kreuzstichen gemacht und schließlich müssen noch drei Messen darüber gelesen werden. (Haupt a. a. O. I. N. 240.)
272. Der Räuber Hartenkopf bei Zelle ist kugelfest.
(Gräße, Sagenbuch d. K. S., No. 362.)
Im Zellwalde bei Kloster Zelle und zwar besonders in dem alten Gemäuer, welches gemeine Leute für den Stadel eines alten Nonnenklosters ansehen, hatte sich ein Fleischer, namens Hartenkopf aus Siebenlehn, festgesetzt und beschlossen, hinfüro von Raub und Mord zu leben, weswegen die Leute den Fußweg, der von Siebenlehn nach Roßwein führt, nicht mehr sicher wandeln konnten, noch wollten. Weil sich nun dieser Schnapphahn nicht nur am Leibe festgemacht, sondern auch mit Geschütz und Gewehr versehen, also daß allen denen, so ihm zu nahe kommen würden, der Tod drohte, konnten die aufgebotenen Landgerichte und Amtsunterthanen, weil jeder für seine Haut fürchtete, wenig schaffen, bis endlich eine von Roßwein aus kommandierte kurfürstlich sächsische Korporalschaft vom Leibregiment zu Roß dieses Raubnest ersprengte, und weil die bleiernen Kugeln an dem Räuber nirgends haften wollten, haben sie endlich noch mit einem eingeladenen silbernen Knopfe den Zauber gelöst und den Leib zugleich mit gefällt.
Die durch Hülfe des Teufels erworbene Kugelfestigkeit besteht nicht gegen einen geerbten silbernen Knopf. Von einem solchen wurde der Stadtkommandant Bruse von Greifswalde, auf welchen mehr als zwanzig schwedische Kugeln erfolglos abgeschossen worden waren, getötet. (Temme, Pommer'sche Sagen, No. 244.) Ebenso erzählt eine Sage, wie der Reitknecht König Augusts des Starken den seinen Herrn verfolgenden Husaren durch einen silbernen Knopf niederschoß. (Johannes-Album, Chemnitz 1857. 2. T. S. 181.) An die Stelle des silbernen Knopfes treten auch silberne Kugeln. Nach einem rumänischen Volksliede konnten den Freischarenführer Pintye nur drei silberne Kugeln, drei Maß Frühjahrsroggen und drei Nägel von einem Frühlingsfohlen verwunden. (Jahrbuch des Ungarischen Karpathen-Vereins XII., S. 87.)
273. Der Holzmüller von Neudorf.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 317.)
In der sogenannten Holzmühle zu Neudorf bei Sebastiansberg lebte einst ein Müller, der war so reich, daß er den Fußboden seiner Stube mit lauter harten Thalern gepflastert und darüber erst die Dielen gelegt hatte. Er verstand aber auch die schwarze Kunst. Als er einmal ganz allein in der Mühle war, drangen plötzlich zwölf Räuber in die Stube und forderten sein Geld. Der Müller hieß sie niedersetzen und that, als ob er das Geld holte. Bald aber merkten die Räuber, daß sie nicht aufstehen konnten. Nun baten sie den Müller, er möge sie loslassen; der erbarmte sich, schnitt aber jedem mit seinem Messer ein Zeichen ins geschwärzte Gesicht und entließ sie. Als er nun am nächsten Sonntage seine Verwandten besuchte, fand er in ihren Gesichtern das eingeschnittene Zeichen. Oft schon hatte man versucht ihn zu erschießen, er war aber kugelfest. Endlich hat ihn ein Jäger auf dem Wege nach Krümau mit einer gläsernen Kugel erschossen; auf der Stelle, wo dies geschehen, steht heute noch ein Kreuz.
274. Ein zaubernder Schüler zu Freiberg wird vom Teufel umgebracht.
(Moller, ~Theatrum Freibergense Chron.~ II., S. 19.)
Im Jahre 1260 hat sich zu Freiberg ein Schüler (einige halten dafür, daß es ein Priester gewesen sei) in eine Jungfrau heftig verliebt, und um dieselbe zu gewinnen, hat er Rat und Hülfe bei einem Schwarzkünstler gesucht. Derselbe führte ihn in der Sachsenstadt in ein abgesondertes Gemach, stellte ihn in einen Kreis und begann seine gewöhnlichen Beschwörungen. Der Teufel ließ sich nicht lange bitten und erschien plötzlich in der Gestalt der begehrten Jungfrau. Da stand der Jüngling heftig auf und bot ihr aus dem Kreise die Hand. Doch zu seinem höchsten Unglück und Verderben riß ihn der Teufel zu sich und warf ihn gegen die Wand, so daß er auf der Stelle tot blieb. Aber auch der Schwarzkünstler erhielt seine Strafe. Der Teufel nahm den zerschmetterten Körper des Schülers und warf damit mit solcher Gewalt nach ihm, daß er daran »versterret die ganze Nacht winselnd gelegen und auch früh noch also gefunden wurde.« Er wurde darnach zu gebührender Strafe gezogen.
275. Ein zaubernder Pfaffe aus Mulda kommt elend ums Leben.
(Moller, a. a. O. II., S. 201. Wilisch, Kirchen-Historie von Freyberg etc. II., S. 327. Ziehnert, Sachsens Volkssagen, 4. Aufl. Prosaischer Anhang, No. 5.)
Am Montage nach Palmarum 1536 hat ein Pfaffe aus Mulda in einem Weinhause zu Frauenstein allerlei Üppigkeit getrieben, ist auch des Nachts daselbst ganz voll und toll liegen geblieben, morgens aber mit umgedrehtem Halse tot gefunden worden. Man hat ihn für einen Zauberer gehalten, von dem gemeldet wird, daß er in Wirtshäusern böhmische und andere Groschen nach Belieben aus den Wänden herausgegraben und sonst allerlei Gaukelspiel zur Verwunderung gemeiner Leute getrieben habe. Er ließ z. B. auch den Wein zu Feuer werden und wußte es im Spiele zu machen, daß er allein alles gewann.
276. Der Wunderdoktor zu Permesgrün.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 314. Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 102.)
Ein Hirte, der bei Permesgrün die Herde weidete, fand einmal unter einem Steine, der am Fuße einer uralten Eiche lag, ein altes Buch, auf welchem die Worte standen: Wende den Inhalt wohl an, und Du wirst der Menschheit nützen. Das that der Hirte, und bald war er in der ganzen Gegend als Wunderdoktor bekannt und gesucht. Da erkrankte der Sohn des Herzogs so schwer, daß der Vater in der Verzweiflung dem Retter seine Tochter zur Frau versprach. Der Wunderdoktor ging an den Hof des Herzogs und versprach die Heilung. Der Herzog wiederholte sein Versprechen, drohte aber ihn umzubringen, wenn der Versuch mißlänge.
Der Wunderdoktor machte sich an die Kur, und bald war der Prinz gerettet. Als aber der Wunderdoktor seinen Lohn verlangte, verweigerte ihm der Herzog die Tochter. Darüber ärgerte sich der Doktor, daß er sichtbar hinsiechte. Da las er in seinem Buche und befahl hierauf seinem Diener, ihn zu zerstückeln, die Stücke in eine Kiste zu legen und diese unter jener alten Eiche zu begraben; nach einem Jahre sollte er die Kiste wieder öffnen, aber nicht früher. Dann werde er wieder frisch und gesund auferstehen.
Der Diener that, wie ihm sein Herr geheißen hatte, aber er konnte die Zeit nicht erwarten und öffnete schon nach dreiviertel Jahren die Kiste, um nachzusehen, wie es mit seinem Herrn stünde. Da war die Wunderkraft vernichtet, und der Herr blieb tot.
Wir haben am Schlusse dieser Sage eine Variante des alten Glaubens, daß der alternde Mensch oder der Verstorbene durch Zauberkünste wieder nach einem gewissen Zeitraume verjüngt aufersteht, wenn man seinen Körper in Stücke zerhaut. Der junge Graf ~de Villano~ hatte zu Salamanca in der Schule des Teufels auch gelernt, wie man alte Leute wieder verjüngt. Nachdem er selbst zu Jahren gekommen, wollte er zu seinem eigenen Vorteile von diesem Geheimmittel Gebrauch machen. Er ließ sich, als es mit ihm zu Ende ging, von einigen gekauften Mohren schnell in Stücke zerhauen, die Stücke in eine Glasflasche füllen und diese in den Pferdemist setzen. Auf der Folter jedoch gestanden die Mohren, leider zu früh, was sie gethan hatten, und als man nachgrub, fand man das Glas und darin ein bereits ganz wohlgestaltetes Kind. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch I., S. 121.) Nach Mannhardts Mythen (S. 66.) wurden der polnische Räuber Twardowsky und der ungarische Eisenlaci zerhauen und mit gekochten Heilkräutern begossen; nach sieben Monaten gewannen ihre Leichname wieder Kinder- oder Jünglingsgestalt. Auch der Arzt und Wunderdoktor Theophrast befahl vor seinem nahen Tode dem Diener, daß er seine Leiche in kleine Stücke zerschnitten in eine eherne Truhe lege und mit einem gewissen Pulver bestreuen solle. Nach 9 Monaten solle er die Truhe wieder öffnen. Der Diener öffnete sie aber bereits nach 7 Monaten und fand ein noch nicht völlig entwickeltes Kind, das sich krümmte und vom Zutritte der kalten Luft starb. (Henne-Am-Rhyn, a. a. O., S. 672.)
277. ~Dr.~ Faust's Höllenzwang.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 128.)
~Dr.~ Faust's Höllenzwang nennt die Sage ein Buch, in welchem die Kunst gelehrt wird, Geister zu citieren, ja selbst den Teufel sich dienstbar zu machen. Dieses Buch haben schon viele Freunde der schwarzen Kunst vergeblich gesucht, indem sie den Dornstrauch nicht wissen, unter dem es hinter dem Chemnitzer Schlosse, am Wege nach dem Küchwald, vergraben sein soll.
278. Orte, wo keine Sperlinge vorkommen.
(Köhler, Volksbrauch etc., S. 552, Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 7. Jahrg., S. 132.)
In dem nur aus wenigen Häusern bestehenden Lauterholz bei Lauterhof und Stangengrün soll man keine Sperlinge finden. Man hat sie schon in Nestern dorthin verpflanzen wollen, aber sie sind nicht geblieben. Dasselbe erzählt man von Karlsfeld, wohin man Sperlinge aus Eibenstock brachte, ohne daß sie geblieben sind. Es wird erzählt, daß diese Vögel von Zigeunern weggebracht worden seien.
Als in früheren Zeiten zur Thomasmühle bei Falkenau noch ausgedehnte Felder gehörten, wurden dieselben sehr von Sperlingen besucht, welche an den Saaten bedeutenden Schaden anrichteten. Da kam eines Tages eine alte Zigeunerin, welche den Müller um ein Almosen anflehte. Der Müller bot ihr eine gute Belohnung an, wenn sie die lästigen Gäste vertreiben könnte. Da sprach sie über die Sperlinge einen Spruch und von jener Zeit an waren auf den Feldern der Thomasmühle und auch in dem benachbarten Hillemühl keine Sperlinge mehr zu sehen. Erst, nachdem 1867 die Bahn gebaut wurde, haben sich etliche in Hillemühl angesiedelt. Die Thomasmühle aber fliehen sie noch heute.
In Fürstenwalde bat ein Soldat in einem Hause um etwas zu essen. Der geizige Hauswirt aber erwiderte: »Da geben wir's lieber den Spatzen, als euch.« Der erzürnte Soldat antwortete: »Ihr werdet den Spatzen nicht mehr viel geben.« Er hat darauf die Sperlinge verwünscht und seit dieser Zeit sind sie in Fürstenwalde nicht mehr zu finden.
Daß die Sperlinge von Zigeunern, welche von den Bewohnern freundlich aufgenommen wurden, verbannt worden sind, erzählt die Sage auch von dem Dorfe Sora bei Bautzen. (Haupt, Sagenbuch d. L. I., No. 246.) In Böhmen giebt es noch verschiedene Orte, an denen sich keine Sperlinge aufhalten, weil sie daselbst verbannt wurden. Nach einem dortigen Volksglauben kann man sie von den Feldern verscheuchen, wenn man einen Span von dem Holze, woraus ein Tischler einen Sarg angefertigt hat, in's Getreide steckt. (Grohmann, Aberglauben und Gebräuche in Böhmen und Mähren, S. 73.) Aus dem Erzgebirge ist mir noch Neudörfel bei Schneeberg bekannt, von dem ebenfalls erzählt wird, daß daselbst keine Sperlinge nisten; die Sage meldet jedoch nichts davon, daß hier die Sperlinge durch Zigeuner weggebannt worden seien. Alle Orte ohne Sperlinge liegen oder lagen fast ganz von Wald umschlossen, so daß in ihrer Nähe Raubvögel einen sichern Schutz finden; ebenso tritt in der Nähe kleiner Walddörfer der Ackerbau zurück und es fehlen demnach daselbst Körnerfrüchte und Insekten, denen unsere Vögel nachgehen; ist es doch nachgewiesen, daß die Sperlinge überall dem Ackerbau gefolgt sind.
Von Interesse erscheint es, aus den mitgeteilten Sagen zu erfahren, daß das Volk das Fehlen der Sperlinge für eine Wohlthat ansieht; nur in der letzten Sage wird dasselbe als eine Strafe dargestellt. Sollte damit auch zugleich ausgesprochen werden, daß in Fürstenwalde der Ackerbau zurückgegangen sei?
279. Ein Herr von Arnim kann das Feuer versprechen.
(Gräße, Sagenschatz des K. S., No. 619.)
Südwestlich von Zwickau liegt das Dorf Planitz, welches der Familie von Arnim gehört. Ein früherer Herr von Arnim konnte das Feuer segnen. Wenn irgendwo viele Meilen in der Runde eine Feuersbrunst war, holte man ihn oder er eilte selbst hin, ritt um das brennende Haus herum, sprach seinen Segen und augenblicklich verlöschte die Brunst.
280. Wie das Feuer gebannt wird.
(Jugenderinnerung eines gebornen Nosseners.)
Vor hundert Jahren lebte in der Umgegend von Nossen ein Rittergutsbesitzer, der konnte das Feuer bannen. War irgendwo ein Brand ausgebrochen, so kam er eilends angeritten, jagte dreimal unter geheimnisvollem Murmeln um das Feuer herum, dann schnell wieder fort und über ein fließendes Wasser, worauf das Feuer erlosch. Wäre er nicht über ein Wasser geritten, so würde das Feuer ihn verbrannt haben.
Zur Zeit, als die Leute ihr Brot noch selbst einteigten, pflegte man in der Nossener Gegend bei ausgebrochenem Feuer den Backtrog vor's Haus zu tragen und nach dem Feuer gerichtet an das Haus anzulehnen. Dann wendete sich der Wind vom Hause ab. Auch schaffte man beim Retten niemals zuerst die Betten aus dem Hause, sondern irgend etwas anderes, da sonst die Kräfte gelähmt wurden.
VI.
Sagen von Schätzen.
Ein Volksglaube, welchen Veckenstedt in den »Wendischen Sagen, Märchen und abergläubischen Gebräuchen« (Graz, 1880) an die Spitze seiner Schatzsagen stellt, erzählt uns, daß da, wo des Nachts um 12 Uhr kleine Flämmchen auf der Erde herumflackern, Geld brenne; man müsse dann ein Geldstück oder ein Messer hineinwerfen, um den Schatz zu erlangen; derselbe werde jedoch von wilden Hunden oder anderen Tieren bewacht. In dieser kurzen Sage ist der wesentlichste Inhalt aller Sagen niedergelegt, welche uns erzählen, wo sich jene mythischen Schätze finden, die Henne-Am-Rhyn (Die deutsche Volkssage etc., S. 48) als niedergegangene Sterne des Himmels oder als Morgen- und Abendröte deutet, und die wieder von anderen, z. B. von Nork in seinen »Sitten und Gebräuchen der Deutschen« zu den Münzen in Beziehung gebracht werden, welche von den heidnischen Germanen und Slaven ihren Toten mit ins Grab gegeben wurden. Es wird uns aber auch in jener kurzen lausitzischen Sage mitgeteilt, wie diese Schätze zu heben sind und welche Mächte dieselben gegen das Eindringen der Sterblichen bewachen. Derselbe Sagenstoff wiederholt sich in mannigfachen Abänderungen an zahlreichen Örtlichkeiten. Auch im Erzgebirge zeigen blaue Flämmchen oder Lichter Schätze an, bei deren Heben kein Wort gesprochen werden darf. Nach Jacob Grimm (Deutsche Myth., S. 544) wird auch ein auf bloßem Leibe getragenes Kleidungsstück (nach einer unserer Sagen kann dies z. B. ein Halstuch sein) auf den Schatz geworfen, um alle Gefahr von sich abzuwehren.
Zahlreich sind ferner im Erzgebirge wie anderwärts die Sagen, nach denen unermeßliche Schätze in weiten Gewölben in Braupfannen oder Laden liegen. Die Pforten zu diesen Höhlen öffnen sich nur an bestimmten Tagen zu gewissen Stunden, und wenn die Glücklichen in die Schatzkammern eintreten, so finden sie die Schätze entweder von Hunden oder grauen Männchen, Kobolden oder Schattenmännchen bewacht. Bei den Schätzen ist gewöhnlich eine weiße Jungfrau, teilweise mit einem Schlüsselbunde. Nicht selten sind es auch Wunderblumen, welche die Pforten zu den Geldgewölben öffnen, und die von denen, welchen es beschieden war einzutreten, vergessen werden. (S. Wundersagen.) Frauen, welche mit einem Kinde eintreten, lassen in der Hast, womit sie die Schätze zusammenraffen, ihr Kind zurück; sie finden dasselbe im nächsten Jahre an gleichem Tage wohlbehalten mit einem Apfel in den Händen in der Schatzkammer wieder.
In diesen Überlieferungen erkennen wir den Mythus, in welchem der Kreislauf des Jahres erscheint. Das Kind mit dem Apfel in der Hand bedeutet die Fruchtbarkeit des Jahres; die Erdgöttin (Freija) hat das Kind zu sich genommen und läßt es erst nach Ablauf eines Jahres wiederfinden. (S. Ludwig Zapf in der Leipziger Illustr. Zeitung, No. 1890.)
Unsere Sagen erzählen uns auch, wie sich die Schätze als Halme an den Bäumen sommern und dann wieder, wenn sie fortgetragen wurden, in goldene Ketten verwandelten; sie melden uns von Ziegelsteinen, Leinwandfleckchen, Kohlen, Hobel- und Sägespänen, Baumrinde und Kartoffeln, die zu Gold wurden.
Wenn auch manche Überlieferungen, wie der Gebrauch der dem Donar geweihten Hasel als Wünschelrute und die rote, blaue und zuweilen gelbe oder weiße Farbe der Wunderblumen, welche dem Blitze als gleichfarbig erscheinen, in Beziehung zur Gewittergottheit gebracht werden können, deren Blitz dem Golde gleich aus der finstern Wolke, dem himmlischen Berge, hervorleuchtet, so meine ich doch, daß auch viele Schatzsagen auf den heidnischen Gebrauch, den Toten Geld mit ins Grab zu geben, zurückzuführen und daß zahlreiche Plätze, besonders Berge und Orte, an denen einst Schlösser und Burgen standen, und an denen die Sage des Volkes Schätze verheißt, zugleich ehemalige Begräbnisplätze sind. In heidnischen Begräbnisfeldern wurden neben Münzen und Schmucksachen auch Kohlen vom Leichenbrand gefunden, und so mochte sich der Glaube bilden, daß überall da, wo in der Erde an den von Geschlecht zu Geschlecht in nebelhafter Erinnerung als ehemals geheiligt gehaltenen Orten Kohlen angetroffen wurden, auch Schätze vergraben lägen; ja die Kohlen selbst wurden später als durch Zauber umgewandelte Schätze betrachtet. (Nork a. a. O., S. 709.)
Die Toten aber finden nach einem Volksglauben im Grabe keine Ruhe, so lange sie das mitgenommene Geld nicht wieder an einen Sterblichen abgegeben haben. Ich verweise dabei auf die Sage vom Jünglinge zu Weißbach, welcher im Grab0e keine Ruhe fand, bis man den mitgenommenen Pfennig wiedergeholt hatte. Was hier der Volksmund vom geringen Pfennig erzählt, das wiederholt er in ähnlichen Überlieferungen vom Gold und reichen Geschmeide. Überall kehrt in den Schatzsagen die Erscheinung von Wesen wieder, welche keine Ruhe finden, bis das Gold und Silber gehoben ist; außerdem aber zeigen sie dem Sterblichen meist auch die Mittel, deren sich derselbe bedienen muß, um in das Innere der Erde zu gelangen, wo die unermeßlichen Reichtümer liegen und gleichzeitig der Hüter seiner endlichen Erlösung aus dem Zauberbanne harrt.
281. Schätze in der Steinwand bei Blauenthal.
(Mündlich.)
An der Plänerleite zwischen Blauenthal und Zimmersacher liegt ein zerklüfteter Granitfelsen, welchen man wegen seiner Form die Steinwand nennt. Weiter oben nach dem Zimmersacher zu aber quillt der »Goldbrunnen«, aus welchem man einst Gold gewaschen hat. In der Steinwand jedoch öffnete sich einst an einem Karfreitage, als in Eibenstock die »lateinische Litanei« gesungen wurde, eine Höhle, und wenn jemand durch das Thor derselben hineingegangen wäre, hätte er daselbst große Schätze gefunden.
282. Der Schatzkeller am Bärenstein.
(Richter, Umständliche Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. Annaberg, 1746, S. 8.)
Es ist die alte Richterin zu Königswalde nebst noch zweien ihrer Nachbarn am Bärenstein im Mai Gras und Kräuter zu holen gegangen, und als sie an den Berg gekommen sind, so hat sichs am Berge aufgethan wie ein großes Scheunenthor, daß sie hinein gesehen hat, wie in eitel Silber und Gold, und als sie die andern zwei gerufen, daß sie es auch sehen sollten, so ist es wieder verschwunden.
283. Der Schatzkeller im Scheibenberge.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 187.)
Im Jahre 1605 bekam ~M.~ Laurentius Schwabe, Pfarrer in Scheibenberg, etliche Gäste von Annaberg. Seine Ehefrau führte einige ältere Freundinnen über und um den Scheibenberg, ihnen dessen Gegend zu zeigen. Dabei trafen sie aber ein Loch, in welches drei Stufen führten und darin lag ein glänzender Klumpen, wie glühendes Gold. Darüber erschraken sie und gingen eilends nach der Stadt. Als sie jedoch den Pfarrer nebst den übrigen Gästen nach dem Orte führen wollten, konnten sie das Loch nicht wieder finden.
Im Jahre 1648 starb Hans Haß, ein alter ehrlicher Bürger zu Scheibenberg, welcher auf dem Siechbette von seiner Armut am Anfange seines Ehestandes folgendes erzählte: Als Wolf Köhler seine Tochter Elisabeth weggab, wären wir junge Eheleute gerne mit zu Ehren gezogen, aber wir hatten kein Geschenke. Wir gingen am Berge grasen und wurden eines Lochs gewahr, das mit einer eichenen Thür verschlossen, und gingen etliche Stufen hinein. Da wir Wunders halber hinein sehen, liegt ein Fuchs auf einer Stufen. Wir erschraken darüber, gleichwohl weil sich der Fuchs nicht rührete, gaben wir ihm einen Stoß und befunden, daß er tot war. Ich verkaufte den abgestreiften Balg, wir gingen auf die Hochzeit und waren lustig. Aber nach selbiger Zeit habe ich das Loch nicht wieder finden können, wie fleißig ich auch gesucht habe.
284. Der Geldkeller auf dem Greifensteine.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 183. Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen (o. J.) S. 104.)
Unter einem großen Felsen des Greifensteins, wo der Vermutung nach ein altes Schloß gestanden hat, ist ein offenes Loch zu sehen, in das ein Mann bequem kriechen kann. Von diesem Loch aber wird erzählt, daß einst eine Magd aus dem Vorwerke Hayde, die, wenn sie daselbst grasete, öfters mit Namen gerufen wurde, im Beisein einer andern Magd auf abermaliges Rufen hineingegangen wäre, mit dem Verlaß, wenn sie schreien würde, daß ihr die andere zu Hülfe kommen sollte. Es hätte aber die hineingehende Magd einen großen Kasten mit Gold und Geld und einen schwarzen Hund dabei liegend angetroffen, und auf Befehl einer Stimme das Grastuch damit angefüllt. Als aber inzwischen der Eingang ganz enge geworden sei, daß sie auf die andere Magd um Hülfe geschrien, wäre der Hund auf sie losgesprungen und hätte alles Eingefaßete wieder aus dem Grastuche gescharret, darauf sie voller Schrecken von der andern herausgezogen worden, und des dritten Tages darauf wäre sie gestorben.
Besser (indem er wenigstens nicht mit dem Leben büßen mußte) erging es einst einem alten Manne aus Geyer, einem gewissen Christoph Hackebeil, der von seinem Heimatsorte nach der am Fuße des Greifensteins liegenden Gifthütte ging, durch sonderbaren Zufall auf den Greifenstein geriet, dort in dem obengedachten Loche entschlief und die ganze Nacht und den halben folgenden Tag daselbst zubringen mußte. Es ließ ihn schlechterdings nicht fort, und für die Angst und Versäumnis seiner Zeit hat derselbe nicht einmal einen klingenden Lohn von den Berggeistern erhalten.
Der Hund, welcher den Schatz bewacht, ist der Hund der Unterwelt, welcher bei der Göttin Hel wacht. Ursprünglich ist derselbe das Tier Odhins, einer von den Wölfen der Walstatt. Odhin aber ist als Verleiher jedes Gutes auch zugleich der Herr der Schätze.
285. Der Schatz auf dem Greifensteine sommert sich.
(I. Mündlich. II. Moritz Spieß, Aberglaube, Sitten und Gebräuche des sächs. Obererzgebirges. Programmarbeit. 1862, S. 40.)
I. Eines Tages gingen zwei Mädchen durch den Wald, in welchem der Greifenstein liegt; sie hatten Streu gesammelt und trugen dieselbe in ihren Tragkörben nach Hause. Als sie nun auf einem schmalen Wege die Höhe abwärts stiegen, sahen sie an den Zweigen der Fichten zu beiden Seiten Strohhalme hängen. Darüber wunderten sie sich, denn sie meinten, daß hier doch kein Weg für Wagen sei; es sah nämlich aus, als ob von einem mit Stroh beladenen Wagen durch die zum Teil über den Weg hängenden Zweige einzelne Halme losgerissen worden seien, wie man solches ja häufig an den mit Bäumen besetzten Landstraßen sieht. Wie die Mädchen aber nach Hause gekommen waren und ihre Streu ausschütteten, fanden sie darunter eitel goldene Ketten. Der Schatz des Greifensteins hatte sich in der Gestalt von Strohhalmen an diesem Tage gesommert und so waren einzelne Halme in die Körbe gefallen, wo sie sich in die goldenen Ketten verwandelt hatten.
II. Als der früher in Ehrenfriedersdorf angestellte Förster Töpel eines Tages bei dem Greifensteine vorbei ritt, hingen so viel Gras- und Strohhalme von den nahen Bäumen herab, daß er kaum hindurchreiten konnte. Dabei blieben einige Halme auf seinem Hute liegen. Als er daheim seinen Hut abnimmt, hat er um denselben eine goldene Kette. Es soll noch ein Stück von dieser Kette vorhanden sein.
Henne-Am-Rhyn (Die deutsche Volkssage, S. 49 und 52) deutet die Schätze der Sage als Sinnbilder der Sterne; sie bewegen sich und versinken wie letztere. Daß Schätze an gewissen Tagen aufsteigen, um sich zu sonnen, erzählen noch mehrere Volkssagen. Als einst Steinbrecher auf dem Schlatter Rehberge bei Bingen von ferne einen schimmernden Haufen liegen sahen, sagten sie: »Heute ist der erste März, da sonnen sich die Schätze.« Thönerne Scherben, welche dann einer von ihnen an jener Stelle fand, verwandelten sich zu Hause in zerbrochene Silbermünzen. Nach einer andern Sage steigen Schätze an Märzfreitagen aus dem Boden, um sich zu sonnen; dabei wird ihre Ankunft vielfach durch eine blaue Flamme verkündet. Die Schätze werden auch von Geistern unter der Erde fortgerückt. (Nork a. a. O., S. 709.)
286. Das Schatzgewölbe auf dem Hohen Steine.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 2. Jahrg., S. 130 und 132.)
Auf dem Hohen Steine zwischen Graslitz und Markneukirchen ist eine Schatzkammer, deren Eingang sich in der Nähe des sogenannten Franzosensteins, eines prismatisch zubehauenen Granitblocks mit der Jahreszahl 1808, befindet. Die Pforten zu der Schatzkammer sollen sich alljährlich am Karfreitage, während in der Kirche die Passion gesungen wird, öffnen.
Ein armes Weib aus dem naheliegenden Orte Stein nahm ihr einjähriges Kind, welches sie niemandem der Obhut anvertrauen konnte, und begab sich an einem Karfreitage mit demselben in den Wald am Hohen Stein, um »Holz zu klauben.« Schon hatte sie davon eine ziemliche Menge beisammen, als sie plötzlich in einem Felsen eine weite Öffnung bemerkte, welche von ihr früher niemals gesehen worden war. Verwundert darüber nahm sie ihr Kind, welches unterdessen auf weichem Moose gesessen, auf den Arm und faßte den Entschluß, das seltsame Thor näher zu betrachten. Hinzugetreten und in die gähnende Höhlung hineinblickend, sah sie zu ihrem Erstaunen in derselben Haufen rotwangige Äpfel, eine große Menge gleißendes Geld und funkelnde Edelsteine, ferner auf einem Tische ein Bund altertümlicher Schlüssel. Nachdem das Weib schnell seinen Korb herbeigeholt und das Kind zu den Äpfeln gesetzt hatte, mit dem Bedeuten, es möge davon essen, fing sie an, von den reichen Schätzen in ihren Korb zu raffen, bis dieser nichts mehr tragen konnte. Im Begriffe hinauszugehen, um ihre schwere Last draußen abzusetzen und hierauf ihr Kind zu holen, hörte sie eine Stimme rufen: »Vergiß das Beste nicht!« Doch sie konnte den Sinn dieser Worte nicht deuten und begab sich ins Freie. Kaum war dieses geschehen, so schloß sich hinter ihr der Felsen geräuschlos und so sehr auch das Weib jammerte und weinte, um ihr verlornes Kind bat und flehte, der Eingang war und blieb verschwunden. Todmüde und tiefbetrübt wankte sie endlich ihrer armseligen Hütte zu, laut und heftig ihre Habsucht und Geldgier verwünschend. Es verging ein Jahr und die hartgeprüfte Mutter lenkte, das nicht angetastete Geld im Korbe tragend, am Karfreitage zu derselben Stunde wie vor zwölf Monaten ihre Schritte dem hohen Steine zu. Und siehe da! der Eingang zur Schatzkammer stand offen, und als sie klopfenden Herzens und froher Hoffnung näher getreten war, sah sie zu ihrer unaussprechlichen Freude ihr totgeglaubtes Kind frisch und gesund, sowie kräftig herangewachsen auf derselben Stelle, auf welche sie es im Vorjahre gesetzt hatte. Schnell schüttete sie das Geld wieder an seinen Ort, nahm das Kind und machte sich eilig davon, obwohl sie neuerdings rufen hörte: »Vergiß das Beste nicht!« Auf dem Heimwege fragte sie ihr Kind, wer es gepflegt habe. »Eine weiße, freundliche Frau,« antwortete dieses, »gab mir zu essen und zu trinken, kleidete und bewachte mich.« -- Hätte das Weib den Schlüsselbund mitgenommen, so würde sich ihr der Felsen jederzeit geöffnet und seine Schätze dargeboten haben. Das war das Beste, welches die Stimme meinte.
Die genannte weiße Frau ließ sich früher, meist zur Mittagszeit, häufig in der Nähe des Hohen Steines sehen, den Bund mit altertümlichen Schlüsseln in der Rechten tragend. Sie that niemandem ein Leid, im Gegenteil, manchen würde sie reich gemacht haben, wenn er nicht unwissend und leichtsinnig die dargebotenen Geschenke von sich gewiesen hätte.
Ein Waltersgrüner Knecht machte sich in später Nachtstunde auf den Weg, um einer dringenden Angelegenheit halber nach Stein zu gelangen. Bei der untern Mühle verließ er den Fahrweg und schlug einen schmalen Fußpfad ein, der am Abhange des Hohen Steines dahinführt, und auf dem er, wie er glaubte, in kürzerer Zeit an den Ort seiner Bestimmung gelangen konnte. Allein die große Dunkelheit der Nacht und das arge Wetter waren Ursache, daß er vom rechten Steige abkam und lange Zeit in der Irre herumging. Endlich sah er zu seiner Freude ein Licht schimmern, und er verdoppelte seine Schritte in der Meinung, zu einem gastlichen Hause gelangen zu können. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er statt der Flur eines solchen einen breiten Gang betrat, an dessen Ende von der Decke eine strahlende Lampe herabhing, die ungeheuere Schätze von Gold und Edelsteinen aller Art beleuchtete. Nachdem der Knecht eine starke Anwandlung von Furcht bekämpft hatte, da er außer den köstlichen Reichtümern noch eine weiße Frau bemerkte, welche jene zu hüten schien, trat er näher und betrachtete mit lebhaftem Verlangen das gleißende Gold und die funkelnden Juwelen. Die weiße Frau schien seine Gedanken zu erraten, denn sie erhob ihren rechten schneeigen Arm, deutete mit dem Zeigefinger auf die Schätze und sprach: »Nimm davon, soviel dein Herz begehrt; aber vergiß das Beste nicht!« Das letztere glaubte er unter den Edelsteinen zu finden und raffte mit gierigen Händen in seine Taschen, so viel diese fassen konnten. Noch zweimal trafen jene Worte sein Ohr; allein er achtete nicht darauf und verließ frohen Sinnes über den gewonnenen Reichtum den hohen und breiten Gang. Kaum war er im Freien, als sich der Eingang zu demselben donnernd schloß und eine dumpfe Stimme sprach: »Thor, das Beste war der Schlüssel, den Du unbeachtet liegen ließest, und der Dir jederzeit den Eingang zu meinen Schätzen geöffnet hätte.« Von der Steiner Pfarrkirche aber trug die Luft die zwölf Schläge der Mitternachtsstunde an sein Ohr, und da sich die dunkeln Wolken zerteilt hatten und die Sterne herniederlugten auf die stille Erde, bemerkte der erstaunte Knecht, daß er sich am Hohen Steine befand.
Manche alte Leute nennen die weiße Jungfrau mit dem Schlüsselbunde das »Schwedenweibl« und erzählen, daß dieses die verwünschte Tochter eines gefürchteten schwedischen Feldherrn sei, welcher lange Zeit auf dem hohen Steine hauste und von hier aus die ganze umliegende Gegend arg heimsuchte.
Die Schweden stehen überhaupt bei den Bewohnern der um den Hohen Stein liegenden Dörfer im schlimmen Andenken. Wenn der Vater in den Feierstunden sein Büblein auf den Knieen schaukelt, spricht er dabei:
»Reiter, sa, sa! Der Schwed' ist gekommen, Hat alles mitg'nommen, Hat d' Fenster 'neing'schlag'n, Hat 's Blei davon trag'n, Hat Kugeln d'raus 'gossen, Hat 's Bubel erschossen.«
287. Der Schatz unter der Stundensäule am Hohen Steine.
(H. Arnold im Chemnitzer Tageblatte 1882, No. 11, 2. Beilage.)
Gar nicht weit vom Hohen Steine, unweit des Dorfes Landwüst, steht eine Säule, welche die Stundensäule genannt wird. Unter dieser befindet sich, wie alte Leute erzählen, ein riesiger großer, eiserner Kasten, welcher mit Goldstücken angefüllt ist, die aber von einem Geiste bewacht werden. Derselbe sitzt auf der Truhe und wird nur dann weichen, wenn das rechte Zauberwort gesprochen wird. Wenn man den Schatz heben will, so muß man dieses Zauberwort kennen, darf aber weder auf dem Wege bis zur Säule, noch während des Grabens und auf dem Rückwege ein Wort außer dem Zauberworte sprechen. Ebenso darf man sich nicht umsehen, denn wer dies thut, dem wird das Genick gebrochen.
Mit dem Schatze aber hat es eine eigentümliche Bewandtnis.
Vor alter Zeit, als noch die Heerstraße von Adorf über Remtengrün, Schönlinde und Landwüst nach Eger hinführte, kam einmal in der Nacht ein Reiter in das Dorf Landwüst gesprengt und begehrte einen Bauer als Führer. Sein Mantel pauschte ganz gewaltig, denn er hatte einen großen Sack mit lauter blanken Goldstücken, welche er durch Raub und Plünderung während des damals herrschenden Schwedenkriegs an sich gebracht hatte, darunter verborgen.
Es fand sich ein Bauer, der ihm den Weg zeigen wollte, und beide verließen das Dorf bei dichter Finsternis. Als sie an den Ort gekommen waren, wo die Säule stand, verbarg der Reiter sein Gold in einem Kasten und befahl dem Bauer, denselben in die Erde zu vergraben. Er sagte aber, daß Pulver und Blei darin verschlossen wären. Der Mann grub aus Leibeskräften, versenkte die Truhe und deckte sie wieder sorgfältig mit Schutt zu. Für seine Mühe erhielt er zehn Dukaten. Kaum war aber der Bauer einige Schritte von der Säule entfernt, so kam der Reiter ihm nach und erstach ihn, damit das Geheimnis mit dem Kasten niemandem bekannt würde. Der Offizier -- denn ein solcher war der Reitersmann, -- wurde im nahen Walde von seinen Kameraden, mit welchen er das Geld teilen sollte, erwartet. Weil er aber mit leerem Beutel kam, hängten ihn diese an den ersten besten Baum und ritten davon.
Am nächsten Tage fand eine Schar schwedischer Reiter, welche den Wald und andere zu Verstecken geeignete Plätze nach Spionen und Vagabunden durchsuchte, nicht allein den gehenkten Schwedenoffizier, sondern auch den ermordeten Bauer. Weil dieser aber zehn Dukaten in der Tasche hatte, die er vordem nicht besessen haben konnte, so sagten die Leute, er sei ein Schatzgräber gewesen, habe auch einen Griff in den Goldbehälter gethan, sei aber, da er jedenfalls während der Arbeit gesprochen oder sich umgesehen habe, von einem Geiste getötet worden.
288. Der Schatz im Heinrichstein bei Platten.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 93. etc.)
Von Platten aus führt die Straße nach dem Orte Breitenbach. In mehreren Windungen zieht sie sich durch ein schönes, anmutendes Thal, das ein klares Gebirgswässerlein, der Breitenbach, durcheilt, in dessen Wellen die lustige Forelle ihr Wesen treibt, während in den kräftigen Fichten- und Tannenwaldungen, womit die Thalwände bewachsen sind, zur Zeit des Lenzes die Vögel ihre fröhlichen Weisen erschallen lassen. Beim oberen Farbwerk gewahrt man zur Rechten einen 915 Meter hohen Felsen, den Heinrichfelsen, welcher eine prachtvolle Fernsicht gewährt. Seine Spitze trägt ein aus rohem Holz zusammengefügtes Kreuz, das wie eine schützende Wacht herabblickt in das stille, freundliche Thal. In der Umgebung des Heinrichsteines wachsen viele große und schmackhafte Heidelbeeren, was auch in früherer, längst vergangener Zeit der Fall gewesen ist.
Einst kamen an einem herrlichen Sommertage in die Nähe dieses Felsens zwei junge Mädchen aus Platten, um dort Beeren zu klauben. Unter heiteren Gesprächen wurden sie des Pflückens gar nicht müde, bis sie ihre Körbchen gehäuft voll hatten. Nun machten sie sich beide auf den Heimweg und verwunderten sich sehr, als sie am Fuße des Berges eine offene Thür erblickten, welche in einen weiten Gang führte. Die Mädchen gingen beherzt hinein und fanden daselbst eine eiserne Truhe, an der ein großer, altertümlicher Schlüssel steckte. Voll Hast öffneten sie mittelst desselben die Lade und sahen, daß diese mit Gold und Silber gefüllt war. Schier geblendet von den gleißenden Schätzen, schauten die Mädchen mit verblüfftem Antlitze eins das andere an und wußten gar nicht, was sie mit dem edlen Metalle anfangen sollten. Einfältig, wie sie waren, verschlossen sie, ohne etwas von den Schätzen anzurühren, die Truhe, nahmen den Schlüssel zu sich und liefen über Stock und Stein nach Hause, um ihren Eltern von dem reichen Funde Mitteilung zu machen. Außer sich vor Freude, eilten darauf die Väter der Mädchen zum Heinrichstein, aber der Eingang in den Felsen war nirgends mehr zu finden; auch die Mädchen suchten ihn vergebens, so sehr sie ihre Augen anstrengten. Noch lange soll der Schlüssel zur Schatztruhe auf dem Rathause in Platten aufbewahrt worden sein, doch ist er allda gegenwärtig nicht mehr vorhanden.
Vor vielen, vielen Jahren ging am Karfreitag ein armes Weib, ihr Kindlein auf dem Arme tragend, in den Wald am Heinrichstein, um Reiser zu sammeln. Über ihre mißlichen Verhältnisse nachdenkend, weinte sie bitterlich und meinte, ein Teil der im Felsen verborgenen Schätze genügte, mit einem Schlage ihrer Armut ein Ende zu machen. Da bemerkte sie auf einem Felsblocke des Heinrichsteines allerlei bunte Blumen. Sie schritt mit ihrem Kinde darauf zu, um für dieses einige Blümlein zum Spielen zu pflücken. Während das Weib sich dieser Beschäftigung hingab, gelangte sie plötzlich zu einer in den Felsen führenden Pforte, die sie früher niemals gesehen hatte. Höchlich überrascht, nahm sie ihr Kind, das sie auf einem grünen Platze niedergesetzt hatte, auf den Arm und trat näher zu der offenen Thüre, deren Schwelle sie ohne Bedenken überschritt. In dem Felsengewölbe standen Säcke, die mit Gold- und Silbererzen bis oben angefüllt waren, und ein Tisch. Auf letzteren setzte das nun sich glücklich fühlende Weib das Kind und begann von den funkelnden Schätzen gierig in ihre Schürze zu raffen. Kaum hatte sie diese voll, da erschien ein Zwerg, der sie zum schleunigen Fortgehen aufforderte. Erschrocken lief sie dem Ausgange zu und vergaß in der Angst ihres Kindes, dessen sie sich erst im Freien erinnerte. Wohl kehrte das bestürzte Weib ungesäumt und rasch zur Öffnung zurück, allein unter Krachen hatte sich der Felsen geschlossen. Wie sehr auch die trostlose Mutter weinte und um den Verlust ihres Kindes jammerte, der Eingang war und blieb unsichtbar. Fast verzweifelnd und die in ihrer Schürze befindlichen Schätze verwünschend, mußte sie endlich nach Hause wanken. In ihrem unbeschreiblichen Schmerze wandte sie sich an den Geistlichen in Platten, der sie nicht nur tröstete, sondern ihr auch den Rat erteilte, im nächsten Jahre zu gleicher Stunde wieder zum Heinrichstein zu gehen. Lange, sehr lange dauerte diesmal der schwergeprüften, sorgenvollen Mutter das Jahr, bis endlich der heißersehnte Karfreitag erschien. Da ging sie, fest auf den Heiland vertrauend, der an diesem Tage für die Menschen den Kreuzestod litt, wieder zum Felsen. Und siehe da! Die Thür stand wie vor Jahresfrist offen. Mit unaussprechlicher Freude stürzte das Weib in das Gewölbe und erblickte auf dem Tische ihr mittlerweile herangewachsenes Kind frisch und gesund, einen schönen Apfel in den Händchen haltend. Seelenfroh nahm sie dasselbe, drückte es an ihr Herz und eilte, so schnell sie die Füße tragen konnten, aus dem Felsen. Die daselbst aufgespeicherten blendenden Schätze übten diesmal keine Zauberkraft auf die Mutter aus, der ihr gefundenes Kind mehr galt als alle Reichtümer der Erde.
Ein andermal erblickte ein armer, tugendhafter Mann aus Platten, der einstmals in dem Walde beim Heinrichstein Holz sammelte, ganz unerwartet vor sich ein Licht, das sich am Boden fortbewegte. Er ging ihm nach und gewahrte eine große, offene Truhe aus Eisen, in welcher Gold- und Silbermünzen aller Art angehäuft waren. Da er mit den Händen die Lade nicht fortzuschaffen im stande war, zog er den Schlüssel ab, deckte, damit niemand anders den Schatz finde, denselben mit Reisig zu und eilte beflügelten Schrittes heim, um einen Schiebkarren zu holen. Als der Mann an Ort und Stelle zurückgekehrt war, fand er zwar das Reisig, aber zu seiner Bestürzung war die Geldtruhe spurlos verschwunden. Hätte er, statt die Lade mit Reisig zu bedecken, ein Halstuch auf den Schatz geworfen, so wäre dieser gebannt gewesen.
Schon mancher, der den Schatz heben wollte, wurde von der wilden Jagd arg bestraft, welche um den Heinrichstein ihr Unwesen treibt. Der Vorwitzige verfiel in eine schwere Krankheit oder starb sogar an den Folgen des Schreckens. Die wilde Jagd sollen Reiter sein, welche in der Luft dahin brausen. Viele Holzleute wollen in der Nähe des Heinrichsteines Hundegebell, Hörnerblasen, lautet Halloh und Peitschenknallen vernommen haben, was von der wilden Jagd herrührt.
Ähnlich wie vom Hohen- und Heinrichsteine erzählen uns Sagen aus anderen Gegenden Deutschlands von Frauen, welche beim Betreten des Schatzgewölbes ihr Kind niedersetzten und dasselbe nach einem Jahre im Innern des Berges mit einem Apfel in der Hand wiederfanden. Wie in unsern beiden Sagen geschah dies auch auf dem Löbauer Berge an einem Karfreitage (Haupt, Sagenbuch d. L. ~I. N.~ 249), auf dem Waldsteine im Fichtelgebirge jedoch am Johannestage (Zapf, Sagenkreis d. F. S. 16). Das übereinstimmende Anführen eines Apfels, welchen das Kind in der Hand hielt, ist gewiß nicht ohne Bedeutung. Vielleicht liegt darin eine Beziehung zu den verjüngenden Äpfeln, welche Idhuna, die Göttin der Jugend, besaß. Diese selbst wurde im Frühlinge aus der Gewalt der Frostriesen den Göttern zurückgebracht. Neben der »Quelle der Jugend«, die ihren Namen von der aus dem Tode erweckenden Eigenschaft ihres Wassers erhalten hatte, wuchsen Apfelbäume, von denen nach einem altfranzösischen Romane der Held Hüon von Bordeaux Wunder wirkende Früchte mitbrachte. (Nork, Sitten und Gebräuche d. Deutschen, S. 198.)
289. Der Schatz des Seeberges.
(Fr. Bernau, Comotovia. 1877, S. 76.)
In der Nähe des erzgebirgischen Schlosses Eisenberg erhebt sich der sogenannte Seeberg, der seinen Namen von dem großen See führt, welcher einst seinen felsigen Fuß umspülte. An diesen Berg knüpft sich die Sage, daß er eine ganze Braupfanne voll Gold in seinem Innern berge. Aber es giebt nur ein Mittel, in denselben und zu dem Schatze zu gelangen, und dies ist folgendes: Wenn der Priester am Palmsonntage die Passionsgeschichte liest, öffnet sich eine geheime Thüre, durch welche man zu dem Golde gelangen kann, was jedoch bis Mittag 12 Uhr geschehen muß, da mit dem zwölften Glockenschlage die Thüre wieder bis auf Jahresfrist verschwindet.
Im Jahre 1855, so erzählte ein Bauer aus jener Gegend, machte sich an dem besagten Tage ein Schneider mit noch zwei Gefährten auf den Weg nach dem Seeberge. Am Fuße desselben angelangt, eilte der Schneider voraus und bald hatte er seine schwerfälligeren Begleiter im Rücken. Er klomm von Felsen zu Felsen, durch Gesträuch und Gebüsch zum Gipfel hinan und gelangte bald auf einen grünen, baumfreien Platz, wo er seine Gefährten erwarten wollte. Allein er wurde fast starr vor Schrecken, als er in einer kolossalen Felsenwand plötzlich eine große geöffnete Thür erblickte, welche in einen langen, dunklen Gang führte. Als er seine Sinne wieder gesammelt hatte, konnte er deutlich Stöhnen, Bitten und Flehen um Befreiung aus dem Innern des Berges vernehmen; er besann sich nicht lange, merkte sich die umstehenden Bäume wohl und lief in aller Eile zurück, um seine Kameraden zu holen. Diese waren jedoch noch weit zurück, und als er sie endlich erreicht, hörte er auch schon den zwölften Glockenschlag und zugleich einen furchtbaren Donnerschlag vom Berge her, daß alle drei dem Herannahen ihres letzten Stündleins schaudernd entgegensahen. Da aber der Himmel sonst ganz heiter war, auch die Natur vollkommen ruhig sich zeigte, ließen sich die beiden andern endlich bewegen, mit dem Schneider an die bezeichnete Stelle zurückzukehren. Dort angekommen, fanden sie jedoch statt der erwarteten Thüre nur die hochragende starre Felsenwand, die sie von früher her wohl kannten; von einer zu den Schätzen führenden Öffnung war keine Spur zu sehen. Dieser tragische Anblick versetzte nun den armen Schneider in ein abermaliges Erstarren, indem er das schon sicher gewähnte Glück mit einem Schlage vernichtet sah.
Ob seit jener Zeit wieder irgend ein schatzsüchtiges Menschenkind den Versuch gemacht hat, dem Seeberge seine Schätze abzugewinnen, hat man nicht erfahren.
290. Die Teufelswand bei Blauenthal.
(Erzgebirgischer Anzeiger, Schneeberg 1803, S. 322 etc.)
Die granitene Teufels- oder Steinwand liegt zwischen Eibenstock und Blauenthal am linken Ufer der Bockau, ohngefähr 1000 Schritte von dem Punkte, wo sich dieses Wasser in die Mulde ergießt. In dieser Teufelswand befindet sich eine Höhle, von welcher die Sage folgendes erzählt: Als die Menschen in allerhand Laster verfielen, verlor sich auch der allgemeine Wohlstand und drückende Armut folgte. Um aber das Elend zu vollenden, hatten sich zehn reiche Bösewichter vereinigt, alle gute und gangbare Münzen, deren es damals bei weitem nicht so viel gab, als heut zu Tage, an sich zu bringen, damit in fremde Länder zu ziehen, sie daselbst mit jüdischem Gewinne gegen schlechte umzutauschen, diese ins Land zurück zu schaffen und nach und nach unter die Leute zu bringen. Dies gelang ihnen auch und zwar noch besser, als sie gehofft hatten.
Einst fuhren sie auch mit einem Wagen Geld den böhmischen Wald hinan und gedachten noch vor Einbruch der Nacht eine Herberge zu erreichen. Da zogen von Norden herauf finstere, schwere Gewitterwolken; der Sturm sauste durch die hohen Fichten und riß so manchen Stamm mit seinen Wurzeln aus dem Boden. Die Reisenden konnten unmöglich weiter kommen und suchten deshalb ein nahes Obdach. Bald kam einer von ihnen mit der Botschaft zurück, daß er unfern der Straße auf einer Anhöhe ein unbewohntes Schloß gefunden habe, in welchem sie wenigstens das Gewitter abwarten könnten. Sie ließen ihre Knechte bei dem Wagen und begaben sich an den bezeichneten Ort. Die Burg mochte schon lange von niemandem bewohnt gewesen sein, denn nur noch ein einziges Zimmer schützte unsere Reisenden vor dem herabstürzenden Regen. Sie setzten sich an eine halbvermorschte Tafel und nahmen die nötige Speise zu sich. Plötzlich tobte der Sturm noch schrecklicher, heftiger ergoß sich der Regen, dreifach durchkreuzten sich die Blitze und dreimal krachte der Donner. Im Nu stürzten die Mauern der Burg zusammen und ein gespaltener Felsen stieg aus ihren Trümmern empor.
Unten am Wege aber lagen die von den Donnerschlägen betäubten Knechte unter dem Wagen, und sie erholten sich erst, als der Mond wieder die Wolken zerteilte. Mit Schrecken sahen sie nun, daß das Geld vom Wagen verschwunden war. Eben mochte die Mitternachtsstunde geschlagen haben, als eine lichte Gestalt sich dem Wagen näherte und durch langsames Winken den zitternden Knechten befahl, zu folgen. Sie thaten es und kamen an einen hohen Felsen. Von selbst sprang eine steinerne Thür auf, und sie traten in ein Gewölbe, wo ihre Herren an einer Tafel saßen und Geld zählten. Keiner sah sich um. Da sagte die Gestalt zu den Knechten folgende Worte: »Gehet hin und erzählt, was Ihr gesehen habt. So lange sind diese zehn Unholde verdammt, Geld zu zählen, bis einst ein Mann geboren werden wird, der zehn Armen ohne Eigennutz Wohlthaten erzeigt. Diesem sei es vergönnt, wenn er mit dem Kraute, welches Lunaria heißt, den Felsen berührt, dieses Gewölbe zu öffnen und alles vorhandene Geld mit sich zu nehmen.« Die Gestalt verschwand, und die Knechte lagen wieder unter ihrem Wagen.
Zu Zeiten soll ein großes Getöse in der Teufelswand gehört werden, welches sich seit einigen Jahren sehr vermehrt haben soll.
291. Der verborgene Schatz im Schloßbrunnen auf dem Purberge.
(J. Mann in der Erzgebirgs-Zeitung 1882, S. 16.)
Der Purberg bei dem Dorfe Tschernowitz bei Komotau trug vor langer Zeit auf seinem altehrwürdigen Haupte ein prachtvolles Schloß, von welchem nur noch einige Trümmer übrig geblieben sind. Vor seiner Zerstörung schon waren aber die Schätze, welche es in seinem Innern barg, verschwunden; Geister haben sie hinweggeräumt und bewachen sie in den unterirdischen Räumen des Berges Tag und Nacht. Wenn man sich in der Nacht dem Berge nähert, so bemerkt man über gewissen Stellen blaue Flämmchen, die aber bald wieder verschwinden.
Einstmals hüteten zwei Knaben Vieh auf dem Berge und, ohne sich um dasselbe viel zu kümmern, setzten sie sich nieder und spielten, nachdem sie sich vorher der Stiefeln entledigt hatten. Bald aber kamen sie miteinander in Streit. Der eine Knabe nahm jetzt den Stiefel von seinem Kameraden und warf ihn aus Bosheit in den Schloßbrunnen. Was war jetzt zu thun? Den Stiefel wollte und mußte der Beschädigte haben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als in den Brunnen zu steigen und den Stiefel zu holen. Gedacht, gethan. Er hatte aber noch nicht den Wasserspiegel erreicht, als er zu seiner Rechten einen Gang gewahrte, in dessen Wölbung ein alter, stämmiger, weißbärtiger Mann stand; der Knabe erschrak, faßte sich aber sogleich und klagte dem Greise seine Not. Dieser gab dem Knaben den Stiefel aus Mitleid zurück; der Knabe dankte, kletterte zurück und kam glücklich wieder oben an. Aber welches Entsetzen! der Stiefel war schwer wie Blei! Er sah hinein und bemerkte einen großen Goldklumpen. Sobald der andere Knabe dieses sah, erwachte in ihm der Neid und die Habgier, und um sich ebenfalls einen solchen Schatz zu holen, stieg er auch in den Brunnen hinab, kam aber nie mehr zum Vorschein.
Ein armer Mann, dessen Weib schwer krank darnieder lag und der überdies noch drei unmündige Kinder zu versorgen hatte, beschäftigte sich, um nur das tägliche Brot zu verdienen, mit dem Sammeln von Hadern und Papierabfällen, um sie dann zu verkaufen. Einmal, am Karfreitage, ging er an sein armseliges Tagewerk, hatte aber zu seinem großen Leide nichts von seinen gesammelten Effekten verkauft. Betrübt darüber, mit Thränen in den Augen, kam er an dem Purberge vorüber und dachte darüber nach, wovon er mit seinem Weibe und seinen hungrigen Kindern heute und morgen leben werde. Wie er so in Gedanken weiter geht, sieht er plötzlich einen alten Mann, der ihn fragt, worüber er so betrübt sei. Der Hadersammler erzählte ihm ganz aufrichtig seinen Kummer und sprach ihn zuletzt um ein Almosen an. Der alte Mann aber antwortete: »Geld habe ich zwar keines, aber gehe nur nach Hause, dort wird Dir schon geholfen werden.« Der arme Mann glaubte seinen Worten, und zu Hause angelangt, schüttete er seinen Korb mit dem Papier und den Hadern aus und entdeckte zu seinem größten Erstaunen am Boden des Korbes einen großen Goldklumpen. Von nun an war er ein wohlhabender Mann.
292. Der beschrieene Schatz des Hohen Steins.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 135.)
Ein Weib, welches mit einer Gefährtin am Hohen Steine Holz sammelte, sah plötzlich, als sie sich aus ihrer gebückten Stellung aufrichtete, einen großen Haufen Gold vor sich, über dem ein zuckendes Flämmchen schwebte. Überrascht und erstaunt betrachtete sie mit gierigen Blicken das gleißende Metall und rief laut ihrer entfernten Gefährtin zu: »Komm' doch schnell hierher und hilf mir den großen Schatz in meinen Korb raffen, welcher hier liegt!« Kaum waren diese Worte ihrem Munde entflohen, als unter zischendem Geräusche der Schatz verschwand, und die Gerufene, welche eiligen Laufes herbeigekommen war, schalt jetzt ihre Genossin tüchtig aus, weil sie so unbedachtsam den Schatz beschrieen und ihn so zum Verschwinden gebracht habe.
293. Der Schatz in der Loh bei Schönau.
(Mitgeteilt vom Lehrer H. Schlegel aus Wildenfels.)
In der sogenannten »Loh,« einem stellenweise sumpfigen, nach dem nahen Dorfe Schönau bei Wildenfels zu gelegenen Distrikte, soll in früher Zeit ein Raubschloß gestanden haben. Man sah an diesem Orte auch häufig des Nachts um die zwölfte Stunde ein kleines Licht, und als man daselbst nachgrub, fand man einen großen Schatz, welcher in einer kupfernen Pfanne lag.
294. Der Schatz auf der Geyersburg.
(Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 196.)
Oberhalb des Ortes Hohenstein bei der Haltestelle Mariaschein-Calvarienberg der Dux-Bodenbacher Bahn erheben sich auf dem 456 ~m~ hohen Bergsattel des Erzgebirgs die wildromantischen Ruinen der Geyersburg. In dem daselbst befindlichen unterirdischen Gange, welcher erst auf dem Teplitzer Schloßberge ausmünden soll, liegen ungeheuere Kostbarkeiten aufgespeichert, die man nur am Karfreitage innerhalb der Dauer der Frühmesse heben kann, vorausgesetzt, daß man dabei auch mit der erforderlichen Vorsicht zu Werke geht. Verstreicht dieser günstige Zeitpunkt, so schließt sich mit einem furchtbaren Schlage die Öffnung zu dem Raume, welcher, bewacht von neidischen Kobolden, die Schätze birgt, und der Suchende ist unrettbar verloren. So sollen vor einiger Zeit zwei Bergknappen es gewagt haben, in den Stollen einzudringen; dem einen war das Glück insofern günstig, als er, wenn auch ohne die gehofften Schätze, jedoch wenigstens mit heiler Haut davon kam, während der zweite infolge seiner Verspätung aus dem unheimlichen Raume nicht mehr zurückkehrte.
295. Die Schätze bei der Prokopikirche in Graupen.
(Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 192.)
Die Sage weiß von großen Schätzen zu erzählen, welche neben und unter der Prokopikirche in Graupen verborgen liegen. Sie sollen in Kriegszeiten eingegraben worden sein. Vor Jahren pflügte auf dem nahen Felde ein Landmann; plötzlich sah er einen elegant gekleideten jungen Mann vor sich stehen, der bald ein Gespräch mit ihm anknüpfte und sich eingehend um seine Verhältnisse erkundigte. Der Mann klagte über die schweren Zeiten, über harte Arbeit und schmalen Verdienst. »Ei was,« rief der rätselhafte Fremde aus, »da ist Euch bald geholfen; geht nur auf den Friedhof der Prokopikirche, dort werdet Ihr knapp an der Friedhofmauer auf einem Grabhügel ein weißes Tuch erblicken. An dieser Stelle müßt Ihr so lange graben, bis Geld zum Vorschein kommt. Finden müßt Ihr es sicher; die Tiere dürft Ihr aber unter keiner Bedingung auf den Friedhof führen.« Darauf verschwand der Jüngling. Der Bauer zog noch einige Furchen, bis die Turmuhr die zwölfte Mittagsstunde ankündigte. Er wollte aber seine Ochsen nicht allein lassen und dachte bei sich: Der Jüngling ist ja nicht da und weiß nichts davon, wenn ich sie mitnehme, zudem postiere ich sie ja ohnehin nur am Eingange. Gesagt, gethan; er betrat den Friedhof und bald war auch das bezeichnete Grab gefunden. Nun gings rasch an die Arbeit und, o Wunder! mit einem Male blenden gleißende Goldstücke, die eine große, geöffnete Kiste füllen, seine Augen. Er will darnach greifen, da tritt ein nebelhaftes, graues Männchen dazwischen, schlägt mit Gewalt den Deckel wieder zu und deutet mit wilder Geberde dem Manne an, er möge sich mit seinem Gespanne gleich von hier entfernen und den heiligen Ort nicht fürder entweihen. Kaum war er mit den Tieren draußen, so schlossen sich auch die beiden Thorflügel mit solcher Wucht, daß ihm der Schlag durch Mark und Bein ging. Das schlaue Bäuerlein ließ sich indeß durch diesen fruchtlosen Versuch nicht abschrecken, ging später wieder auf den Friedhof und grub aus Leibeskräften an jener Stelle; aber die Kiste mit den Goldstücken hat er nicht wieder gesehen.
296. Der Schatz in der großen Mühle bei Rabenau.
(Mitgeteilt von Dir. Ludw. Lamer in Hainsberg.)
In der großen Mühle, welche früher zum Rabenauer Schlosse gehörte und durch einen unterirdischen Gang mit demselben verbunden gewesen sein soll, war von Raubrittern ein großer Schatz verbannt, der nur von einem ganz unbescholtenen Mädchen von zwanzig Jahren gehoben werden konnte. Dieser Schatz wurde von zwei kleinen Schattenmännchen bewacht, welche von vielen Leuten gesehen worden sind. Diese Männchen besuchten das Mühlengebiet öfter und sobald sie dasselbe betraten, blieben alle Werke stehen und waren nicht eher wieder in Gang zu bringen, bis die Schattenmännchen wieder fort waren. Sie nahmen ihren Rückweg jedesmal durch die zum Wasserbett führende Thür, gingen über letzteres weg und verschwanden bei dem daneben befindlichen Keller. Bis zu Anfang dieses Jahrhunderts wurden dieselben gesehen, und genau nach hundert Jahren sollen sie wieder erscheinen, wenn der Schatz inzwischen nicht gehoben wird.
Ein Mädchen, welches sich vorgenommen hatte, den Schatz zu heben, wurde von ihren Angehörigen gewaltsam daran verhindert, die Mühle zu betreten, um sie vor Unheil zu bewahren; sie gebärdete sich wie wahnsinnig, so daß man sie anbinden und anschließen mußte; darauf verfiel sie in eine hitzige Krankheit und starb bald.
Ende vorigen Jahrhunderts soll ein Besitzer der Mühle, dessen Name vormals auch genannt wurde, mit Hülfe eines Geistesbeschwörers den vergrabenen Schatz auch zum Teile gehoben haben; dafür wurde er aber von den Geistern so geplagt und verfolgt, daß er die Mühle verkaufte und sich bei Dresden von dem Schatze ein großes, schönes Grundstück erwarb.
Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts ließen sich Geister in der Mühle sehen, welche den damaligen Besitzer überall so arg verfolgten und in Furcht setzten, daß er zuletzt in Wahnsinn verfiel.
297. Der Schatz im Schlosse zu Rabenau.
(Mitgetheilt von Dir. Ludwig Lamer in Hainsberg.)
Vor 50 bis 60 Jahren standen von dem Rabenauer Schlosse noch mehrere Mauern und Gewölbe und auch ein Altan. Da erzählten alte Leute, frühere Raubritter hätten in dem Schlosse einen Schatz vergraben, welcher von einer großen, schwarzen Henne mit feurigen Augen versetzt oder verbannt sein sollte; diesen Schatz konnte nur derjenige finden, welcher eine gleiche Henne mit zur Stelle brachte. Die versetzte Henne ließ sich von Zeit zu Zeit sehen und scharrte und kratzte grade auf der Stelle des Schloßhofes, wo der verbannte Schatz lag, verschwand aber jedesmal, wenn sich ihr ein Mensch näherte. Schon in früherer Zeit hat man fleißig Schatzgräberei im Schlosse unternommen und sogar bis Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts allen Ernstes Schätze gesucht, aber stets ohne Erfolg.
Hühner sind mythische Tiere. Sagen erzählen von Hühnern, welche goldene Eier legen; auch nehmen nach einem böhmischen Aberglauben Kobolde die Gestalt schwarzer Hühner an. Sollte die schwarze Henne unserer Sage ein solcher Schatz hütender Kobold, und die Henne, welche der Schatzgräber mitzubringen hat, ein Opfer sein, welches den unterirdische Mächten darzubringen ist? -- Auf dem Burgberge bei Mulda, wo ebenfalls nach der Sage ein Schatz vergraben liegt, läßt sich ein Huhn sehen, welches jedoch ein verzauberter Burgherr sein soll.
298. Das Aberthamer »Fels'l.«
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 86.)
Nördlich von Abertham, dort, wo fruchtbarer Ackerboden und ein ziemlich ausgedehntes Torfmoor sich scheiden, erhebt sich eine eigentümliche Felspartie, im Volksmunde »das Fels'l« genannt. Der Sage zufolge sind diese Felsen eine Burgruine, in deren Innerem große Schätze an Gold- und Silbermünzen, Edelsteinen und Perlen verzaubert liegen. Der Zutritt zu denselben soll sich während der Christmette und der Passion am Karfreitage öffnen. Aber schon mancher, der die vermeintlichen Schätze an genannten Tagen heben wollte, holte sich durch das lange und vergebliche Zuwarten bei stürmischem Wetter nicht unbedeutende Krankheiten. Bis in die dreißiger Jahre machten Personen, deren Söhne heute noch leben, den Versuch, der Schätze habhaft zu werden.
299. Der Tümpelstein bei Klösterle.
(Fr. Bernau in der Comotovia, 4. Jahrg., S. 79.)
Der Tümpelstein ist ein großer, unterhalb Klösterle in den Egerfluß vorspringender Felsen. Sein Inneres enthält der Sage nach ungeheuere Schätze, die von verwunschenen Rittern bewacht werden; nur am Karfreitage während des Gottesdienstes ist der sonst unsichtbare Eingang offen, und die angehäuften Schätze sind sodann den Menschenkindern zugänglich.
Eine Mutter mit ihrem Kinde ging gerade am Karfreitage an dem Felsen vorbei und erblickte in der offenen Höhlung geschäftige Männchen, die ein Festmahl vorrichteten und ihr winkten, einzutreten und von den Schätzen zu nehmen. Die Frau trat schüchtern ein, setzte das Kind auf den Boden nieder und begann eifrig ihre Schürze mit Goldbarren und Edelsteinen zu füllen, als sich, da der Gottesdienst in der Kirche schon zu Ende war, das Felsenthor mit großem Getöse wieder schloß. Die Frau mußte nun ein ganzes Jahr im Felsen zubringen, während welcher Zeit das Kind kräftig und stark wurde. Am nächstfolgenden Karfreitag konnte die Frau frisch, gesund und mit Schätzen beladen nach Hause ziehen; von ihr erfuhr man auch, daß die Wächter, sobald der Eingang sich geschlossen, zu Stein verwandelt wurden.
Einst pflügte am Karfreitage ein Bauersmann in der Nähe des Felsens, erblickte ihn offen und sah darin allerlei Gestalten, die Vorbereitungen zu einer Hochzeit machten. Im Vorbeigehen rief er hinein: »Backet mir auch einen Kuchen mit!« Er ackerte dann rüstig bis zum Mittag fort, dann spannte er aus, gab den Ochsen zu fressen und nahm auch selbst sein mitgebrachtes Mittagsmahl ein. Schon hatte er eine Weile still gesessen, als ein winziges Männlein erschien und die bestellten Kuchen auf den Pflug legte. Der Bauer, eine Vergiftung fürchtend, hatte nicht den Mut, die Kuchen selbst zu verzehren; er zerbröckelte sie und fütterte seine Ochsen damit. Als er damit fertig war, erschien jenes Männlein wieder, drohte ihm mit dem Finger und sagte: »Weil du unsere Kuchen verschmähst, die du selber bestellt hast, so soll für diesen Undank deine Wirtschaft kein Glück und keinen Segen mehr haben.« Und diese Prophezeiung ging wirklich in Erfüllung, den Bauer traf Unglück über Unglück, er mußte endlich das Haus mit den Feldern verkaufen und wurde ein armer Mann.
300. Die Schätze der Burg Niederlauterstein bei Zöblitz.
(Wg. im »Glückauf«, 2. Jahrg., No. 5.)
Unweit der Stadt Zöblitz an den Ufern der Pockau liegen die Ruinen der alten Burgen Ober- und Niederlauterstein. Die Burg Oberlauterstein, ¼ Stunde westlich von Zöblitz über dem rechten Pockauufer auf einer felsigen Bergecke, wurde schon im Jahre 1430 von den Hussiten, die eben von der Verwüstung der Schneeberger Bergwerke herkamen, geschleift. Das Schloß Niederlauterstein, nur einige Minuten unterhalb davon am linken Pockauufer, erhielt sich über 200 Jahre länger. Vieles erzählt man sich von den früheren Besitzern desselben, den Herren von Berbisdorf, deren einer 1530 bei einem Brande des Schlosses auf schreckliche Weise sein Leben verlor. Es war Georg von Berbisdorf, ein gebrechlicher Greis von 90 Jahren. Um ihn vom Flammentode zu retten, wollte man ihn, in Tücher gewickelt, zu einem der Fenster herablassen, allein die in der Eile nicht festgeknüpften Knoten lösten sich und der unglückliche Alte wurde an den Felsen zerschmettert. Nachdem im Jahre 1559 Kurfürst August das Schloß von Kaspar von Berbisdorf gekauft und zum Sitz eines Amtes bestimmt hatte, wurde es im März 1639, als am Gründonners- und Karfreitage Banners Schaaren die ganze Umgegend verwüsteten, von drei schwedischen Reitern in Brand gesteckt und nun von seinen Bewohnern verlassen. So weit die Geschichte.
In den unterirdischen Gewölben der Ruine des Schlosses Niederlauterstein sollen 3 Kessel stehen, jeder eine Elle hoch und breit, mit lauter gemünztem Golde gefüllt. In einem andern Kessel liegen Edelsteine, Kleinodien von unendlichem Wert und eine goldene Krone aus den Zeiten der böhmischen Lehnsherrschaft. Vor alten Zeiten ist ein Mönchlein aus Prag gekommen in schwarzen Kleidern, klein von Person und hinkend. Dieser hat den Schatz heben wollen. Als er aber im Gewölbe war und die Schätze bereits vor sich sah, schrie er vor Erstaunen. Die Gewölbe schlossen sich, und von ihren Kleinodien, sowie von dem mönchischen Geisterbanner hat niemand wieder etwas bemerkt.
Einst ging eine arme Frau, welche Beeren gesucht hatte, des Abends nach Zöblitz zu. Als sie die Ruine Lauterstein erblickte, sah sie auf der Höhe eine kleine Kapelle, deren Thüre offen stand. Neugierig stieg sie hinauf, setzte ihr Kind, welches sie bei sich hatte, auf die Erde, ging in die Kapelle und erblickte hier in einem Kasten vor dem Altare gemünztes Gold. Sie raffte soviel davon in die Schürze, als sie tragen konnte; freudenvoll eilte sie damit nach Hause, ihr Kind und die Beeren vergessend. Nachdem sie das Gold aufgehoben, gedachte sie ihres armen Kindes. Als sie atemlos wieder auf der Ruine ankam, war die Kapelle verschwunden, aber auch ihr Kind. Jammernd und klagend ging nun das arme Weib täglich zur Ruine; sie verwünschte das Gold und wollte es gar nicht wieder ansehen; das Liebste fehlte ihr ja -- ihr unschuldiges Kind. So trieb sie es Jahre lang. Als sie nach drei Jahren an demselben Tage abermals mit verweinten Augen die Mauern der Ruine anstarrte, siehe, da zeigte sich die Kapelle wieder. Freudig eilte sie hinein und traf vor dem Altare ihr Kind schlafend an. Mit Entzücken preßte sie es an ihr mütterliches Herz und eilte mit ihm, ohne an den Schatz zu denken, nach Hause. Als sie den Berg hinunter ging und sich umschaute, war die Kapelle verschwunden. Sie zog nun nach Böhmen, kaufte hier eine Grafschaft, gründete ein Kloster und that von ihren Schätzen den Armen viel Gutes.
301. Die Schätze von Oberlauterstein bei Zöblitz.
(Wg. im »Glückauf«, 2. Jahrg., No. 5.)
Ein Holzhauer aus Zöblitz arbeitete vor vielleicht 300 Jahren in der Nähe des Oberlautersteins. Es war Abend geworden, und eben wollte er nach Hause gehen. Da trat aus einer verfallenen Burgmauer ein Mann in alter Rittergestalt hervor. Hinter ihm öffnete sich eine große Höhle, in dieser brannte ein helles Feuer, und deutlich sah der bestürzte Waldarbeiter eine Braupfanne voll rotglühendem Gold. Der alte Ritter winkte ihm freundlich und reichte dem Holzhauer einen ordinären Ziegelstein hin. Schüchtern griff der Mann darnach. Sogleich geschah ein Donnerschlag; die ganze Erscheinung war im Nu verschwunden, und der Arbeiter stand im Finstern, den Ziegelstein in der Hand haltend. Er ging nach Hause; aber da ihm der Ziegelstein zu schwer wurde und er sich nicht mit dem unnützen Gute herumtragen und zu Hause auslachen lassen wollte, so warf er ihn ins Gebüsch. »Nun, Mann, wie siehst Du nur aus?« fragte ihn zu Hause mürrisch und spottend die Frau; »Du glänzt ja, als wenn Du vergoldet wärst am Ärmel.« Der Mann sah nach und erblickte den reinsten Goldstaub an den Händen und seinen Kleidern. Nun erzählte er seine Geschichte am Schloßfelsen. Am andern Morgen suchte er bei guter Zeit nach dem weggeworfenen Steine mit Weib und Kindern. Allein umsonst; den edlen Stein hat niemand wieder gesehen.
Am Sylvestertage nachts 12 Uhr, wenn die Glocken zu Zöblitz das neue Jahr verkünden, erhebt sich mit dem ersten Glockenschlage der hohe Fels des Oberlautersteins und ein Zuschauer kann vom Thale aus die Braupfanne voll Gold betrachten und mittels eines wackern Geisterbanners heben. Mit dem letzten Glockenschlage verschließt sich die Höhle wieder und die Braupfanne sinkt in die Tiefe.
Die Sage von Ziegelsteinen, welche sich in Gold verwandeln, lebt auch im Fichtelgebirge. Ist sie von dort her in unser Gebirge verpflanzt worden? In Gestalt von Ziegelsteinen erscheinen nämlich die Schätze des Waldsteins. Wer den Fund als unscheinbar oder lästig von sich schleudert, erkennt an den goldglänzenden Spuren, die Kleid und Hand zeigen, mit Reue, daß er sein Glück weggeworfen. (L. Zapf, der Sagenkreis des Fichtelgebirgs, S. 20.)
302. Der Silbermann bei Pürstein.
(Erzgebirgszeitung 1880, S. 67.)
In der Gegend des Pürsteins befindet sich Silbererz in der Gestalt eines Mannes, dessen Körper im Buchwald ruht, dessen Füße nach Joachimsthal und dessen einer Arm nach Sachsen hinausragt, während der andere Arm im Tannelberge liegt.
Auf Grund dieser Sage bildete sich 1870 eine Gesellschaft mit 128 Anteilen, die den alten Silberberg beim Friedhof wieder aufmachte. Die dabei aufgefundenen alten Gänge sind verfallen, sollen sich aber ununterbrochen bis gegen Joachimsthal ziehen, so daß der Sage nach ein Arbeiter von hier den andern von dort rufen konnte.
303. Der Schatz im Schlosse Rabenstein.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 130; z. T. mündlich.)
Ein ehemaliger Besitzer des Schlosses Rabenstein (die Sage bezeichnet ihn als einen Herrn von Carlowitz), der sehr mißgestaltet gewesen, soll in dem Schlosse an einem unbekannten Orte eine Pfanne voll Gold vergraben haben mit dem Bannspruche, daß ein Besitzer des Schlosses aus seiner Familie, welcher eben so bucklig wie er sei, den Schatz finden und heben sollte.
Erzählt wird noch, daß von dem Schlosse zu Rabenstein vor Zeiten ein unterirdischer Gang nach Schloß Chemnitz geführt habe.
304. Der Schatz unter der wüsten Kirche bei Reichenau.
(Bahn, Das Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein. 1748, S. 19. 20. Ziehnert, Sachsens Volkssagen. 4. Aufl., Pros. Anhang, No. 4; z. T. mündlich.)
Mitten auf der Rainung der beiden Dörfer Reichenau und Hermsdorf im Amte Frauenstein, am Kreuzwald, hart an der Straße nach Böhmen, steht ein kleiner Stein mit der Bezeichnung »Kapelle«; hier stand noch bis 1876 ein Teil des Mauerwerks der Kapelle zum heiligen Kreuz oder der sogenannten wüsten Kirche, welches in dem genannten Jahre abgetragen und als Straßenbaumaterial verwandt wurde. Von der Erbauung und Zerstörung dieser Kapelle weiß man wenig; wohl aber erzählt die Sage, daß unter derselben eine ganze Braupfanne voll Gold stehe und zwölf Fässer alten Weins vergraben seien. Viele haben schon danach gegraben; daß aber von den Schatzgräbern allen auch nur einer etwas gefunden hätte, davon will niemand etwas wissen. Auch soll sich daselbst des Nachts zwischen 11 und 12 Uhr zuweilen ein Reiter ohne Kopf sehen lassen, und man erzählt, daß um diese Zeit einmal an dem Orte einem früheren Pfarrer von Hermsdorf etwas passiert sei, was derselbe aber anderen nicht mitgeteilt habe.
305. Der Schatz in der Ruine Rechenberg.
(Mündlich.)
Im Orte Rechenberg südlich von Frauenstein sieht man nahe der Kirche auf einem Felsen die Ruinen eines Schlosses, welches vielleicht zur Bewachung der alten Zollstraße nach Böhmen erbaut wurde und das nach der Sage durch einen unterirdischen Gang mit dem Schlosse Frauenstein in Verbindung stand. In der Nähe des Schlosses zeigt man noch die Überreste von Wällen, und als man am Fuße desselben die Schule baute, traf man auf alte Gänge, welche anzusehen viele Leute weit her kamen; doch konnte man nicht tief in die Gänge eindringen. In manchen Nächten will man oben in der Ruine ein Licht gesehen haben. Erzählt wird, daß in den Gewölben große Schätze in einer Braupfanne liegen, wer dieselben heben will, muß seine eigene Tochter zum Opfer bringen; dieselbe muß aber weißhaarig sein. Doch hat auch einmal ohne solches Opfer ein Mann einen kleinen Teil des Schatzes gehoben. Als nämlich einst ein Bierknecht des früheren Rittergutes vom Berge herab fuhr, sah er von ferne auf der Ruine ein Licht. Er ging hinauf und sahe darauf an dem Lichte dreihundert Thaler liegen, welche er einsteckte und mitnahm. Nach vier Wochen war er jedoch tot.
306. Der Schatz des Tschinnersteins bei Brandau.
(A. Blüml in der Erzgebirgszeitung, 5. Jahrg., S. 174.)
Geht man von Brandau auf dem Fahrwege über den »Hof« hinaus in den Wald, so findet man links leicht einen nicht zu großen schräg liegenden Stein, über den die Kinder oft herabrutschen oder »tschinnern«. Dieser Stein soll den Eingang in eine reiche Schatzkammer verschließen, und Sonntagskinder können dort am Ostermontage um 12 Uhr ein Schloß sehen und den Schatz heben, wenn es ihnen gelingt, schnell die Thür des Schlosses zu erreichen. Doch schnell müssen sie sein, da das Schloß gewöhnlich entflieht und den habgierigen Schatzjäger irre führt.
Einige Frauen rupften in der Nähe des Tschinnersteins Moos und hatten ihre Körbe auf den Stein gestellt. Als sie dieselben um 12 Uhr holen wollten, um das Moos nach Hause zu tragen, waren sie verschwunden. Schreiend entfernten sich die Frauen, bis auf eine, die nach einer halben Stunde ihren Korb wiederfand, den Boden mit Gold bedeckt.
Ein Knabe hütete am Tschinnerstein. Da scharrte eine Kuh einen Topf von Silbergeld heraus, das er seinem Vater gab. Wenn das Geld auch nicht mehr gangbar war, so wurde dieser doch dadurch reich, indem er es verkaufte.
307. Der Heldenberg bei Seifen.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 78.)
Auf dem öden und rauhen Kamme des Erzgebirges erhebt sich bei dem böhmischen Kirchdorfe Seifen der Heldenberg, der vor vielen Jahren mit einem dichten, fast undurchdringlichen Hochwalde bedeckt war. In diesen ging einst ein blutarmer Holzhacker, um Holz zu fällen. Als er in die Mitte des Waldes kam, vernahm er mit einemmale im nahen Gebüsche ein ungewöhnliches Geräusch. Unverweilt schritt er darauf zu und sah unter der Erde durch das Moos reines gediegenes Gold hindurchschimmern. Dem Holzhauer klopfte das Herz voll Freude über den unerwarteten Fund, der nun für immer seiner bitteren Armut abhelfen sollte. Er lief über Stock und Stein, durch dick und dünn nach Hause, um sich zum Ausgraben des edlen Metalles die nötigen Werkzeuge, als Spitzhaue und Schaufel, zu holen. Als der Überglückliche aber zu derselben Waldesstelle zurückgekehrt war, fand er weder das Gebüsch, noch schimmerte ihm vom Boden Gold entgegen; alles war verschwunden. Darob war der Holzhauer tief betrübt; er mußte nun bis zu seinem Tode sein hartes Los, Holz zu fällen, ertragen.
Die Sage erzählt weiter, daß einmal eine ganz schwarze Kuh über diese reichen Goldlager gehen und sie aufwühlen wird. Dann soll aus dem jetzt unansehnlichen Orte Seifen eine große blühende Bergstadt entstehen, die den stolzen Namen Heldenberg erhalten wird.
308. Der Schatz des Braunsteins bei Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 46.)
Ein Hirtenjunge aus der Petermühle weidete einmal in der Nähe des Braunsteins sein Vieh. Da sah er plötzlich, als er den Berg hinanstieg, eine offene Thür, die er sonst nie bemerkt hatte. Unwillkürlich trieb ihn eine innere Stimme an, in das Gewölbe hineinzugehen. Daselbst erblickte er eine Kiste mit großen Schätzen. Davon nahm er so viel, als seine Taschen fassen konnten, und ging vergnügt zu seiner Viehherde zurück. Zu Hause angekommen, versteckte er das Geld in seinem Koffer. Aber trotz aller Vorsicht hörte die Magd das Klingen der Münzen und zeigte dies ihrem Herrn, dem alten Mühlpeter, an, der den Jungen wegen des Geldes zur Rede stellte. Derselbe erzählte nun das wunderbare Ereignis und versprach seinem Herrn den Eingang zu den unermeßlichen Schätzen zu zeigen. Als jedoch beide am nächsten Tage zum Braunsteine kamen, war zu ihrer höchst unliebsamen Überraschung das Felsenthor unsichtbar. Der Mühlpeter kaufte bald darnach dem Hirtenjungen ein neues Gewand, gab ihm das größte Goldstück und schickte ihn in die Fremde. Das übrige Geld behielt er für sich und ward, freilich auf ungerechte Weise, ein reicher Mann.
Ein anderer Hirtenjunge, der gleichfalls am Fuße des Braunsteins hütete, sah eines Tages eine Menge kleiner, buntgefärbter Leinwandfleckchen auf der Erde liegen. Um den Kindern seines Herrn bei seiner Heimkehr eine Freude zu bereiten, suchte er die schönsten Flecke aus und steckte sie in seine Hirtentasche. Um die Mittagsstunde trieb er seine Viehherde nach Hause. Als er diese im Stalle versorgt hatte, ging er in die Stube und wollte die mitgebrachten Geschenke verteilen. Er griff in die Tasche, doch siehe! statt der bunten Flecklein zog er lauter funkelnde Goldstücke heraus. Darob herrschte unbeschreibliche Freude im ganzen Hause. Nur der geldgierige Herr gab sich mit dem erhaltenen Gelde nicht zufrieden, sondern schickte den Jungen eiligst zurück, damit er alle Leinwandflecke sammle und heimbringe. Als derselbe fast atemlos zur Fundstelle kam und mit einemmale ein Zwerg vor ihm stand, stiegen ihm vor Furcht die Haare zu Berge, und kein Wort kam über seine Zunge. Doch das Männlein, das die Ursache seines Kommens wußte, sprach zornentbrannt zu dem Jungen: »Du bist zwar unschuldig, aber Dein habsüchtiger und ungenügsamer Herr hat Dich hierher geschickt, um den ganzen Schatz zu gewinnen. Dafür soll er hart gestraft werden, er soll -- verarmen!« Hierauf verschwand der Zwerg. Vor Angst und Schrecken eilte der arme Hirtenjunge durch dick und dünn heim, erzählte das eben Geschehene und starb bald darauf. Auch des Zwergleins Prophezeiung ging buchstäblich in Erfüllung; denn der Herr des Jungen kam an den Bettelstab.
So muß gar oft der Unschuldige mit dem Schuldigen leiden.
309. Der erlöste Herr auf dem Braunsteine bei Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 41.)
Geht der Wanderer von Schlackenwerth durch das enge, anmutige Weseritzthal nach Joachimsthal, und klettert er, bei der sogenannten Petermühle (Schöffl-Mühle) angekommen, zur Rechten am reichbewaldeten Bergabhange empor, so gelangt er zum Braunstein, einem Bergkegel, welcher vor einigen Jahren mit Wald gekrönt war, jetzt aber nahezu gänzlich abgeholzt ist. -- Auf dem Braunsteine stand, wie der Volksmund erzählt, in uralten Zeiten ein Schloß, dessen Nähe jeder Umwohner scheute. Obgleich es unbewohnt war, sah man doch in stürmischen, finstern Nächten die Fenster des Schlosses prachtvoll beleuchtet, und mancher Pilgrim, der dasselbe aus Neugierde betrat, kehrte nicht mehr zurück. -- Trotz alledem schlug einmal ein herzhafter Handwerksbursche alle Warnungen in den Wind und lenkte eines Abends, als die Sonne hinter den Bergen verschwunden war, seine Schritte dem gefürchteten Schlosse zu, um dort zu übernachten. Ringsumher herrschte tiefes Schweigen. Er stieg die Treppe empor, schritt durch das hohe Portal ungehindert fürbaß und gelangte in einen geräumigen, tageshell erleuchteten Saal, in welchem eine lange Tafel stand. An dieser nahm er Platz und verfiel allmählich gegen seinen Willen in einen festen Schlaf. Um die Mitternachtsstunde aber weckte den Handwerksburschen ein heftiges Klopfen. Er erwachte und erstaunte, daß die Tafel gedeckt und mit Speisen und Getränken in Fülle beladen war. Da öffnete sich plötzlich die Thür, und in den Saal trat ein graubärtiger Greis, dem seine Familie folgte. Nachdem die Angekommenen sich an die Tafel gesetzt hatten, unterbrach der Alte das Stillschweigen, indem er sagte: »Willkommen, Fremdling, in meinen Hallen! Hier hast Du Speise und Trank im Überfluß; iß und trink, was Dir beliebt!« Darnach wollte er ohne weiteres die Mahlzeit einnehmen, doch der Wandersmann sprang im Nu von seinem Sitze auf, gab dem Greise einen derben Backenstreich und rief: »Beten muß man, bevor man ißt!« -- Diesen Worten folgte ein furchtbarer Donnerschlag, worauf der Alte sagte: »Habe Dank, braver Geselle, Du hast durch Deine Frömmigkeit mich und die Meinen erlöst! Vernimm in Kürze meinen Lebenswandel! Mein Vater war ein mächtiger Ritter, meine Mutter eine gute und fromme Frau. Als einziger Sohn war ich der Eltern Stolz und wurde mit größter Liebe und Sorgfalt erzogen; allein ich bereitete denselben für ihre Mühen und Opfer nur unsägliches Herzeleid. Denn am Gebete fand ich keinen Gefallen, verhöhnte alles, was dem Menschen heilig und ehrwürdig sein muß, und sank in meiner Verblendung immer tiefer und tiefer. Zuletzt zog ich als Familienvater Frau und Kinder mit ins Verderben. Aber Gottes gerechtes Strafgericht ereilte uns bald. Eins nach dem andern starb und wurde in dieses Schloß entrückt mit der Bestimmung, hier so lange zu hausen, bis ein frommer Mensch uns erlösen würde. Viele kamen schon vor Dir, allein da sie unlauteren Herzens waren, fanden sie insgesamt ihren Tod. Auch Dich hätte ein gleiches Los getroffen, wenn Du nicht gottesfürchtig gewesen wärest. Du kannst Dir nicht denken, welche Angst mich befiel, als ich Dich versuchte. Hättest Du die Probe nicht bestanden, so müßten wir noch länger in diesen Räumen verwünscht umherwandeln. Jetzt komm' und folge mir!« Der Handwerksbursche willfahrte dieser Aufforderung und so führte ihn der Greis abwärts in einen weiten Gang, wo dem Eintretenden Kessel mit Gold und Silber entgegenblinkten. »Nimm von diesen Schätzen,« hub der Alte an, »so viel Du tragen kannst; laß jedoch davon eine Kapelle erbauen, und gieb den Armen und Notleidenden reichliche Almosen.« Nach diesen Worten verschwand er. -- Der Fremdling that, wie ihm geheißen, und verließ ungesäumt das Schloß, das schon längst von der Bergeshöhe in Staub gesunken ist. Er erfüllte aber auch aufs Gewissenhafteste des Greises Begehren und blieb glücklich sein Leben lang.
310. Die Schätze im Hausberge bei Graslitz.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 296.)
In der Umgegend von Graslitz erhebt sich der Hausberg, von welchem viele Sagen erzählt werden. Früher sollen darauf die Überreste einer Burg gesehen worden sein; sie wurden aber zum Baue einer großen Fabrik verwendet.
Einem Weibe träumte einmal, sie solle in den Hausberg gehen, dort würde ihr ein schwarzes Zicklein mit feurigen Augen begegnen, dem solle sie folgen. Als sie erwachte, erzählte sie den Traum ihrem Manne; dieser aber ärgerte sich darüber und verbot ihr zu gehen. Da ihr aber in der zweiten und dritten Nacht das nämliche träumte, ging sie doch auf den Berg. Und wirklich, dort kam ihr ein schwarzes Zicklein entgegen, das hatte feurige Augen und meckerte ihr freundlich zu. Sie folgte dem Zicklein und kam in eine Höhle, wo das Zicklein verschwand. In der Höhle aber erblickte sie eine schöne Jungfrau, die winkte ihr zu und füllte ihr die Schürze mit den Steinen, die neben ihr lagen. Hierauf entfernte sich das Weib und als sie heimkam, hatte sie goldene Münzen in der Schürze. Der Berg soll sich regelmäßig am Karfreitage während der Passion öffnen. Eine Mutter, die zu dieser Zeit eindrang und von den Schätzen, die darin aufgespeichert sind, nahm, vergaß ihr Kind darin, fand es aber nach einem Jahre unversehrt wieder, von einer Jungfrau behütet.
311. Der Schatz zu Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 34.)
Im nördlichen Stadtteile von Joachimsthal, im sogenannten Oberthal, stand vor Jahren hart an der Gartenmauer, welche sich rückwärts des Hauses Nr. 106 befindet, ein stark gewachsener Hollunderstrauch. Da die Wurzeln desselben immer tiefer in die ohnedies sehr schadhafte Mauer eindrangen, war diese dem Einsturze nahe, deshalb schickten sich die beiden Nachbarn Anton und Franz an, die Mauer abzutragen. In der Mitte derselben fanden sie beim Abräumen einen irdenen Topf mit Kirschkernen, von denen jeder eine kleine Öffnung hatte, als ob er von einem Käfer angebohrt worden wäre. Einer der Nachbarn nahm den Topf und schleuderte ihn an einen Stein, so daß die Scherben und Kirschkerne auf ein Häufchen zusammenfielen. Dies geschah um die Mittagsstunde, als auf dem nahen Kirchturme die Glocke ertönte. -- Die beiden Männer begaben sich hierauf nach Hause, um ihr Mahl einzunehmen, und erzählten ihren Angehörigen von dem Funde im Garten. Diese gingen, von Neugierde gequält, sogleich an Ort und Stelle, um den merkwürdigen Fund zu betrachten; allein weder ein Scherben noch ein Kirschkern war zu finden. Auch die Nachbarn, die mit Eifer an der Abtragung der Gartenmauer fortarbeiteten, sahen nicht die geringste Spur von dem früher verschmähten Funde, der ein großer Schatz gewesen sein soll.
Bald darauf ging Elisabeth, die Wirthschafterin des Besitzers jenes Hauses, während des Abendläutens nach dem Hintergebäude, wo eine Fallthür in den Keller führte, und bemerkte darauf ein Häufchen glühender Kohlen. Bestürzt eilte sie zu ihrem Herrn und fragte ihn, ob er auf die Kellerthür Asche geschüttet habe, was er mit Entschiedenheit verneinte. Um sich aber zu überzeugen, liefen beide zur Fallthür, das Gluthäufchen jedoch war verschwunden.
Über der Gasse, dem oben bezeichneten Hause gegenüber, befand sich zwischen zwei Häusern ein überaus schmaler, freier Raum, wo viel Stroh- und Heugesäme abgelagert war. Daselbst fand ein Mann, der mit der Säuberung des Platzes beschäftigt war, ein schweres eisernes Kistchen und stieg mit seinem Funde, um ihn in Sicherheit zu bringen, auf die Leiter, die er zur leichteren Vollführung seiner Arbeit angelegt hatte. Als er mitten auf der Leiter stand, hörte er plötzlich seine Frau ängstlich rufen: »Hans, komm' herauf, das Kind hat's Bein gebrochen!« Vor Schrecken ließ er das Kistchen fallen und lief in die Stube, in welcher die Frau das lächelnde Kind in der Wiege schaukelte. Seine Verwunderung steigerte sich, als er erfuhr, daß seine Frau ihn gar nicht gerufen habe. Nachdem Hans den Vorfall seinem Weibe erzählt hatte, eilte er nach dem Orte zurück, um das in seiner Bestürzung weggeworfene Kistchen zu holen, welches er jedoch trotz allen Suchens nicht wiederfand.
Glücklicher war ein anderer Nachbar, der in späteren Jahren vor seinem Hause ein glühendes Kohlenhäufchen sah. Er nahm eine Schürze und deckte dasselbe vorsichtig zu. Dann ging er in sein Haus, holte ein Gefäß, in welches er das Häufchen schüttete, und trug es in den Keller. Des andern Tages sah er nach und siehe! aus den Kohlen waren lauter blanke Goldstücke geworden.
312. Die Johanneskapelle zu Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 39.)
Auf einer felsigen Anhöhe an der Ostseite von Joachimsthal erhebt sich die weithin sichtbare Johanneskapelle, die mit einem Wohngebäude in unmittelbarer Verbindung steht. Über die Entstehung dieses Kirchleins erzählt die Sage folgendes:
Als der Bau der Hospitalkirche zu Joachimsthal in Angriff genommen wurde, wohnte im sogenannten »Seidl-Koch-Haus,« dessen Ruinen seit dem gewaltigen Brande vom 31. März 1873 noch heute zu sehen sind, der Bergbeamte Vogelhaupt, welcher neben seinem Berufsamte die Geschäfte eines Spitalrechnungsführers versah. -- Da geschah es, daß beim Grundgraben dieser Kirche ein Maurer eine eiserne Kiste fand, die sehr schwer war. Deshalb schaffte sie Vogelhaupt mittels eines Pferdegespanns auf heimliche Weise zu seiner Wohnung. Dabei zersprengte sich wegen der allzu großen Last eines der Pferde. In der Kiste lag ein Schatz nebst einer Urkunde, in welcher es hieß, daß derjenige, der die Kiste finde, von dem darin enthaltenen Gelde möge ein Kloster errichten lassen. Vogelhaupt eignete sich wohl die gefundenen Schätze an, erfüllte jedoch nicht die daran geknüpfte Bedingung. Erst seine Nachkommenschaft, die von dem reichen Funde genaue Kenntnis hatte, suchte ihr geängstigtes Gewissen durch den Bau einer Kapelle einigermaßen zu beruhigen. Und so errichtete denn Johann Jakob Vogelhaupt mit seiner Gattin Maria Sophie, geb. Makasy, im Jahre 1734 die Johanneskapelle. Selbige gelangte, da Maria Barbara, die Tochter des genannten Ehepaares, sich mit Franz Ludwig Pallas vermählte, in den Besitz der Pallasfamilie. Der spätere Besitzer Franz Pallas, Domdechant in Prag, vererbte die Kapelle am 4. Juni 1823 seiner Schwester Barbara, verehelichten Walz, mit der Bedingung, daß an die Kapelle ein Haus mittels Legates von 15000 fl. Wiener Währung angebaut und dieselbe für immerwährende Zeiten als Hauskapelle erhalten werde. Diese letztwillige Verfügung des Domdechanten Pallas ist in den Jahren 1838 und 1839 erfüllt worden.
Gegenwärtig gehört die Johanneskapelle dem Bürger Hilarius Seidl, der sie am 30. November 1867 käuflich an sich brachte.
313. Der weiße Fels bei Bäringen.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 171.)
Im Buchwalde bei Bäringen erhebt sich ein hoher Felsen, der heißt »der weiße Fels.« Am Karfreitage soll sich der Felsen öffnen und ein uraltes Bäuerlein herauskommen, welches hier die frische Saat fürs nächste Jahr beginnt. Am nächsten Karfreitage soll nämlich an dem Orte, wo dasselbe säet, Gold hervorwachsen. Wer an diesem Tage hier vorübergeht, der kann es sehen, und wer von dem Golde etwas aufhebt, der kann mit demselben sein Vermögen bessern.
314. Die Räuberhöhle am Schafteiche bei Glauchau.
(Nach Ziehnerts poet. Bearb. b. Gräße a. a. O. No. 580.)
In der Nähe von Glauchau befindet sich der sogenannte Schafteich, der fast eine halbe Stunde im Umfange hat und beinahe den ganzen ebenen Raum zwischen dem Scheerberge, der Mulde und der Lungwitz einnimmt. Nahe bei diesem Teiche befindet sich eine Art Stolln, der weit hinein in die Erde reicht, und den man gewöhnlich die Räuberhöhle nennt. In derselben soll es aber nicht geheuer sein. So erzählt man, daß einst ein armer Hirtenknabe an jener Höhle fast täglich gespielt habe und oft von brennender Neugierde gequält worden sei, einmal hinein zu kriechen, um zu wissen, was denn eigentlich darin sei. Nun getraute er sich aber, so beherzt er sonst auch immer war, doch nicht so recht hinein, weil er den Rückweg zu verfehlen gedachte. Da sah er einmal eine schwarze, goldgesprenkelte Henne in den Eingang kriechen und gackern, gerade als wenn sie legen wolle. In der Hoffnung ihr Nest zu finden, folgte er ihr einige Schritte, allein bald ward es ihm zu unheimlich und zu finster und so kehrte er wieder um. Da er nun aber die Henne auch die nächsten Tage immer wieder an demselben Orte fand, so dachte er darüber nach, wie ihm wohl die Henne den Weg in das Innere der Höhle zeigen könne. Er nahm also einen starken Knäuel Garn und band der Henne einen Faden desselben an das Bein, und diese zog ihn nun ganz langsam, gerade als ob sie seine Absicht merke, hinter sich in die Höhle. Schon war aber das Garn fast ganz abgewickelt, da sah er auf einmal vor sich ein brennendes Licht. Allein wie ward ihm, als er bemerkte, daß dasselbe aus den Augen eines schwarzen, zottigen großen Hundes mit furchtbarem Rachen und starken Klauen ausströme! Neben demselben stand aber ein Männchen in einem grauen Mäntelchen, das hatte einen großen Sack Geld in der Hand und rief ihm zu, er möge nur näher kommen. Allein der Knabe wagte es nicht und nur erst, als das Männchen ihm nochmals zurief, er könne es ohne Gefahr thun, wagte er es. Hierauf reichte ihm der Graumantel eine Hand voll Thaler und sagte, er könne hierher so oft kommen, als er wolle, er solle jedesmal eine gleiche Summe bekommen, nur dürfe er niemandem sagen, woher er das Geld habe, sonst sei er verloren. Der Knabe fand nun den Rückweg sehr leicht, allein da er niemandem, auch seinen Eltern nicht, sein Glück mitteilen konnte, so blieb ihm nichts übrig, als das Geld zu vernaschen. Dies that er auch nach und nach, und als dasselbe verthan war, begab er sich wieder in die Höhle und holte sich eine zweite Auflage des vorigen Geschenks. Weil nun aber der Knabe gar zu oft bei dem Kaufmanne Näschereien kaufte und stets in blanken Thalern bezahlte, schöpfte derselbe Verdacht, das Geld sei gestohlen, und teilte seine Wahrnehmung dem Vater des Knaben mit. Da dieser nun recht gut wußte, daß sein Sohn nicht Pfennige, geschweige denn Thaler haben könne, so suchte er erst durch Drohungen heraus zu bringen, woher das Geld sei, und als der Knabe es nicht gestehen wollte, schlug er ihn so lange aufs Unbarmherzigste, bis derselbe alles gestand, aber auch hinzusetzte, daß ihm gewiß sein Brot gebacken sei, weil er das graue Männchen verraten habe. Und so geschah es auch, denn als der Vater am andern Morgen seinen Sohn, der ihm zu lange zu schlafen schien, aufwecken wollte, war er tot; der Böse hatte ihm den Hals umgedreht.
315. Reichtum des Hammerbergs bei Wittichsthal.
(Mündlich.)
Vom Hammerberge bei Wittichsthal sagte ein Venetianer, als er den Berg vom Fenster seines Logis aus erblickte, in ihm liege noch ein Königreich. Er wollte damit ausdrücken, daß in dem Berge ein großer Schatz liege.
316. Der Eimer voll Silber.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 262.)
Eine Magd, die in Komotau in einem Hause am Graben diente, ging zu Weihnachten spät des Abends zum Brunnen und schöpfte Wasser. Wie sie aber den Eimer heraufzog, war er voll Silbergeld. Sie lief eiligst zum Herrn und meldete das Wunder. Als dieser aber mit ihr wieder zum Brunnen kam, war der Eimer leer.
317. Ein graubärtiges Männlein zeigt einem Schüler zu Schneeberg einen Schatz.
(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis~. 1716, S. 1146.)
Ungefähr im Jahre 1679 zeigte sich in dem Knappschaftshause zu Schneeberg ein Gespenst in eines alten, graubärtigen kleinen Mannes Gestalt einem Schüler, welcher daselbst seine Wohnung hatte. Es machte sich nach vielfältiger Erscheinung und Wortwechselung mit ihm dergestalt bekannt, daß er zuletzt nicht mehr so furchtsam sein konnte, sondern, um endlich Ruhe zu haben, einen angegebenen Schatz zu graben sich erkühnte. Obwohl nun der Schüler solchen Schatz, nachdem er des Tages immer darnach gegraben, endlich in vielen güldenen Ketten und Silbergeschirr, darauf die alten Schneeberger viel gehalten, erblickte, so hat er dennoch das betrogene Spiel in Händen gehabt. Denn als es zum Treffen und Heben gekommen, wie dazu das alte Männlein die Zeit gesetzet, hat der Schüler im Gewölbe, darin er allein gewesen, zwar gesehen, wie zwei anwesende Männer den Schatz aus der Erde gehoben und lauter Pretiosen auf den vorhandenen Tisch ausschütteten, wornach auch das alte Männlein ihn greifen heißen; aber wie er daneben von einem andern, der seitwärts auf einem Sessel gesessen, die Anrede gehört, wie er als ein armer Mensch sich erkühne, einen solchen kostbaren Schatz zu heben, darüber er, als der Herr der Welt, doch die Macht hätte: siehe, so ist darauf der Schüler voller Schrecken zurückgekehrt und in höchster Angst gewesen, bis der Seiger nachmittags 4 Uhr geschlagen. Denn eben bis auf diese Zeit hatte das alte Männlein die Gelegenheit zum Schatzheben gesetzt, und eben um diese Zeit hat ein Sturmwind gewütet und einen Baum im Garten gebrochen, dahin zugleich, wie das Gespenst bei letzter Erscheinung sagte, der Schatz aus dem Hause fortgerückt sein sollte.
318. Die Zigeuner und die Schatzgräber in Platten.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 89.)
Vor etwa siebzig Jahren kamen nach der Bergstadt Platten einige Zigeuner. Da dieselben wegen der rauhen Jahreszeit nicht im Freien ihr Lager aufschlagen konnten, gingen sie von Haus zu Haus und baten flehentlich um Herberge. Allein überall wurden die braunen Söhne mürrisch und hartherzig abgewiesen, bis sie ein armer, aber ehrlicher Bergmann, mit Namen Friedrich, in seine windschiefe Hütte aufnahm. Beseelt von edler Menschenliebe, kochte die Frau des Bergmannes sofort eine Milchsuppe, welche den hungrigen Gästen vortrefflich mundete. Nach mehrtägigem Aufenthalte beschlossen die Zigeuner, an's Wandern gewöhnt, weiter zu ziehen. Zuvor aber wollten sie sich der braven Bergmannsfamilie dankbar erweisen. Deshalb legte eine Zigeunerin das Geständnis ab, im Auffinden von Schätzen gut bewandert zu sein, und hielt alsogleich im Hause Umschau. Sie nahm die Wünschelrute, begab sich aus dem Stübchen in den Küchenraum und ließ diese schlagen. Die Rute neigte sich gegen den Ofen, ein Zeichen, daß hier ein Schatz verborgen liege. Nach mehreren anderen Schwankungen bezeichnete sie genau den Ort, und den Andreasabend als die Zeit zum Heben des Schatzes. Mit Segenswünschen schieden die Zigeuner. Der arme Bergmann jedoch konnte den festgesetzten Tag gar nicht erwarten und schritt noch vor dem Termine an die Ausführung seiner geheimnisvollen Arbeit. Zu diesem Zwecke verfertigte er einen großen Kreis aus Papier, den er mit hunderten von Kreuzen beschrieb und legte ihn auf den Platz, wo der vermeintliche Schatz sich befinden sollte. Hierauf stellten sich der Bergmann und ein Nachbar in den Kreis und fingen zu graben an. Es dauerte nicht lange, da kam eine eiserne Truhe zum Vorschein. In dem Augenblicke aber, als einer der Schatzgräber mit der Haue auf die Lade schlug, entstand ein gewaltiger Donnerschlag, und der Kreis zerriß in tausend Stücke. Sprachlos und totenblaß standen beide Männer da, und als sie sich von der Betäubung erholt hatten, sahen sie einander nicht wenig erstaunt an, denn der Schatz war wieder in die Tiefe zurückgerollt.
319. Die Schatzgräber.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 100.)
Zwischen Platten und Jungenhengst steht am Wege, der in die letztgenannte Ortschaft führt, ein Bild, welches Jesum, wie er gegeißelt wird, darstellt und von den Umwohnern »schönster Jesus« genannt wird. Dort soll ein großer Schatz verborgen liegen. Denselben wollten vor vielen Jahren zwei Geschwister, Bruder und Schwester, heben. Nachdem beide sich mit den üblichen Beschwörungsformeln bekannt gemacht hatten, gaben sie sich das Versprechen, kein Wörtlein während des Schatzgrabens zu sprechen. In einer Nacht gingen sie nun an Ort und Stelle und gruben allda, bis sie nach längerer Arbeit auf den Deckel einer Geldkiste stießen. Allein welcher Schreck! Mit einemmale kommt ein Soldat gegen das schätzesuchende Geschwisterpaar heran. Nach einer Weile sprengt auf feuersprühendem Rosse ein Reiter daher, dem mit Blitzesschnelle sich eine ganze Schwadron Kriegsgefährten anschließt. Eisiges Grauen überfiel da die Geschwister, welche einander schweigend anblickten. Als aber eine Totenbahre sichtbar ward, der ein langer Leichenzug folgte, da rief die Schwester: »Jesus, Maria! Da tragen sie unsere Mutter!« Wie diese Worte ihrem Munde entflohen waren, stürzte im Innern der ausgegrabenen Grube ein mächtig sprudelnder Quell hervor. Immer höher und höher stieg das Wasser und überflutete in wenigen Augenblicken den Weg. Bald reichte es sogar den Geschwistern bis zur Brust, so daß sie, über die höchst sonderbaren Erscheinungen entsetzt, von dannen eilten. Als sie nach Hause kamen, waren sie -- welch ein Wunder -- ganz trocken. Das Geschwisterpaar verspürte nun keine Lust mehr, den Schatz zu holen.
320. Buchstaben, Hobelspäne und Kohlen verwandeln sich in Geld.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 288.)
Eine Frau fand eines Tages auf dem Hausberge bei Graslitz beim Beerensuchen ein Bündel Reisig, worin verschiedene Buchstaben zerstreut herumlagen. Sie nahm einige derselben und dachte sie ihren Kindern zum Spielzeug zu bringen. Als sie dieselben aber zu Hause aus ihrem Korbe nehmen wollte, waren es Silberstücke geworden. Nun eilte sie wohl nach dem Orte zurück, um die übrigen zu holen, allein das Bündel samt den Buchstaben war verloren. Ein andermal fand eine Frau ein Häufchen Hobelspäne, die daheim zu Thalerstücken wurden, und wieder ein andermal trugen Kinder Kohlen und Steinchen heim, die sich zu Hause in Gold verwandelten.
Dämonische Wesen besitzen die Wunderkraft, die verschiedensten Gegenstände in edles Metall zu verwandeln. Auch wo sie in der Sage bei einer solchen Verwandlung nicht ausdrücklich genannt werden, ist die letztere doch von ihnen ausgegangen. Im Fichtelgebirge schenkt eine weiße Jungfrau Laub, das zu Golde wird (Zapf, der Sagenkreis des Fichtelgebirgs, S. 18), und im Harze verwandeln sich durch den Zwergkönig des Hübigensteins und die Prinzessin Ilse Tannenzapfen in Silber oder Gold. (Heine, Sagen, Märchen etc. aus dem Harze, S. 16 und 94.)
321. Kutter verwandeln sich in Geld.
(Mündlich.)
Einst ging eine Frau aus Bermsgrün in den Wald und fand daselbst mehrere wohl geordnete Häufchen von rundlichen, abgesprungenen Fichtenrindenstücken, die man »Kutter« nennt. Da sagte sie für sich: »Wer mag nur da gespielt haben?« und nahm solche Kutter von den Häufchen mit nach Hause, damit ihre Kinder auch damit spielen sollten. Als sie aber zu Hause ankam und den Korb aufdeckte, um die dahinein geworfenen Kutter ihren Kindern zu geben, fand sie statt derselben Geldstücke. Schnell ging sie darauf zurück, um auch die liegen gelassenen Kutter zu holen, allein sie konnte keine mehr finden.
322. Die sonderbaren Sägespäne.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 85.)
Vor vielen Jahren ging ein Weib aus Abertham in den in der Nähe liegenden Wald, der damals den Mühlberg bedeckte, um Klaubholz zu holen. Im Walde angekommen, stellte sie ihren Korb bei einem Kreuzwege nieder und lief in die Kreuz und Quer herum, um die Reiser zusammenzutragen. Als sie zu dem Korbe zurückkam, fand sie denselben mit Sägespänen angefüllt. Da sie jedoch ihrer nicht bedurfte, schüttete sie in ihrer Einfalt die Späne aus und legte in den Korb das Klaubholz. Wie war aber das Weib erstaunt, als sie, nach Hause gelangt, den Korb leerte und darin viele Goldstücke fand! Diese waren auf wunderbare Weise aus den Sägespänen, welche an dem Korbrande hängen geblieben waren, entstanden. Mit freudestrahlendem Gesichte eilte das Weib sogleich in den Wald zurück, um die verschmähten Sägespäne aufzuraffen, allein ihr Suchen war vergeblich, denn dieselben waren spurlos verschwunden.
323. In Goldstücke verwandelte Kartoffeln.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 98.)
Unweit von Platten steht an der Straße, die vormals von dieser Stadt nach Bäringen leitete, eine Johannes-Statue. Eines Abends -- es mochte 9 Uhr sein -- ging der Binder Fladerer aus Platten von Bäringen nach seinem Wohnorte. Als er bei der erwähnten Statue vorbeischritt, lagen mitten auf dem Wege frische, erst aus dem Felde genommene Kartoffeln. Ohne sich lange zu besinnen, griff Fladerer nach denselben und steckte sie ein. Wie er daheim die Kartoffeln aus den Taschen nehmen wollte, zog er lauter blanke Goldstücke hervor.
Nach der Sage soll unter der Johannes-Statue ein Silbergang sein.
324. Die Hirtenjungen am Heilingsfelsen.
(Deutsche Sagen. Herausgegeben von den Brüdern Grimm. 2. Aufl. 1. B. No. 158.)
Am Johannistag kamen zwei Hirtenknaben, indem sie den jungen Vögeln nachstellten, in die Gegend des Heilingsfelsen an der Eger und erblickten unten an demselben eine kleine Thüre offen stehen. Die Neugierde trieb sie hinein; in der Ecke standen zwei große Truhen, eine geöffnet, die andere verschlossen. In der offenen lag ein großer Haufen Geld, sie griffen hastig danach und füllten ihre Brotsäcklein voll. Drauf kams ihnen greulich; sie eilten nach der Thür, glücklich trat der erste durch. Als aber der zweite folgte, knarrten die Angel fürchterlich, er machte einen jähen großen Sprung nach der Schwelle, die Thüre fuhr schnell zu und riß ihm noch den hölzernen Absatz seines linken Schuhes ab. So kam er noch heil davon und sie brachten das Geld ihren erfreuten Eltern heim.
325. Die drei Jungfrauen und die Schätze des Borberges bei Kirchberg.
(Anton Bär im Glückauf, 2. Jahrg. S. 80.)
In der Schlacht an der Göltzsch, in welcher die Deutschen die Herrschaft der Sorbenwenden in den Flußgebieten der Saale, Elster und Mulde brachen, verlor auch ein adeliger Sorbe das Leben. Seine Burg lag inmitten seines ansehnlichen Grundbesitzes auf dem Borberge, welcher sich nahe bei der Stadt Kirchberg erhebt. Bevor er in den Kampf gezogen war, hatte er seine Schätze dicht neben dem Burgbrunnen, welchen man noch heute auf dem Borberge zeigt, vergraben, seine Kinder aber, drei Mädchen von großer Schönheit, hinausgeführt in den heiligen Hain und sie hier geloben lassen, dem Glauben ihrer Väter treu zu bleiben und die heiligen Gebräuche ihres Volkes fortzuüben. Als die Deutschen in die Gegend einrückten, brannten sie die Burg nieder, ließen aber die drei Schwestern, welche unterdessen ein kleines Gehöfte am Berge bezogen hatten, ziemlich unbelästigt in ihrer Verborgenheit leben. Allerdings traf auch sie, was jetzt über alle ihre Stammesgenossen in der Umgegend erging: sie mußten den Weisungen der deutschen Herrschaft willigen Gehorsam leisten und die Taufe und den christlichen Glauben annehmen. Letzterer Anordnung kamen sie indessen nur widerwillig nach, denn der neue Glaube stand im Widerspruch mit ihrem dem Vater geleisteten Gelübde und erlaubte ihnen nicht, manchen alten liebgewordenen Gebrauch weiter zu pflegen; sie fühlten sich darum oft in ihrem Herzen beschwert und gingen häufig zur Nachtzeit mit anderen Genossen hinaus zum zerschlagenen Opfersteine und übten allda ihre heidnischen Gebräuche.
Lange blieb das Treiben der Schwestern und ihres Anhanges verborgen, als aber aus dem Walde am Geiersberg heraus ein Kirchlein sich erhob und die Mönche dort das Seelsorgeramt mit Strenge übten, da setzten diese auch den Zusammenkünften am Opfersteine ein Ziel, und forderten die Schwestern, als die Veranstalter derselben, zu strenger Rechenschaft. »Ihr dient dem Herrscher der Hölle«, eiferten sie; »wohlan, da ihr unsere Warnungen und Mahnungen nicht beachtet habt, so sollt ihr auch dem Bösen verfallen sein. Wir sprechen den Bann über euch aus; freud- und friedlos sollt ihr sein, bis es euch gelingt, ein Christenkind zu herzen und zu küssen, das man aus dem Walde herein nach St. Margarethen zur Taufe trägt«. -- In der That gewann es den Anschein, als waltete über den aus der Gesellschaft Gestoßenen von Stund an ein freundlicher Stern nicht mehr. Jedermann vermied den Umgang mit ihnen; sie hatten weder Rast noch Ruhe mehr und mußten öfters in der Nachtzeit, wenn die wilde Jagd dahin zog, wie das gehetzte Wild den finstern Wald durchirren. Das waren böse, harte Zeiten für die Schwestern, traurige Erlebnisse, welche endlich in ihren Herzen die Reue erkeimen ließen, dem Willen des Vaters gemäß gehandelt zu haben. Vergebens erwies sich auch das Bemühen, den wenigen, zufällig in ihre Nähe kommenden Menschen sich freundlich zu erweisen, vergebens die Bitte bei den Mönchen zu St. Margarethen, den bösen Zauber zu lösen, welchen ihr Bann über sie gebracht hatte, die Not blieb und nahm zu, je älter sie wurden. Manches Jahr war bereits verschwunden und noch immer harrten die Schwestern des Zusammentreffens mit einem Kinde, das im nahen Kirchlein die Taufe empfangen sollte. Zwar hatte der Zufall die Gelegenheit hierzu einigemale geboten, aber die Scheu vor ihnen war so groß, daß man bei ihrem Erscheinen stets zur Seite wich und schon aus der Ferne den Versuch einer Annäherung zu hindern suchte. Da gewahrte einst in einer Nacht die jüngste der Schwestern in der Gegend, wo, umgeben vom dichten Wald, eines Köhlers Hütte stand, noch helles Licht; von dem Wahrgenommenen unterrichtet, schlichen alle drei, begleitet von ihren zwei treuen Knechten, bis zur Hütte und bemerkten, daß des Köhlers Weib ein Kind geboren hatte. Sogleich stand der Entschluß in ihnen fest, dem Kinde, wenn es zur Taufe getragen würde, zu nahen und dessen Begleitung um die Erfüllung ihres Wunsches anzugehen. -- Es währte auch nur kurze Zeit, als spät an einem Nachmittage der Köhler in Gesellschaft weniger Personen auf dem schmalen Pfade daher geschritten kam, um seinen Neugebornen nach St. Margarethen zur Taufe zu bringen. Alsogleich trat die älteste der Schwestern an ihn heran und sprach: »Lieber, laß mich Dein Kind sehen und herzen, Du sollst dafür auch diesen schönen glänzenden Stein haben, sieh' nur, wie er in der Sonne blitzt und funkelt.« Doch der Angeredete wandte sich ab und entgegnete: »Ich begehre weder Deinen Stein, noch sollst Du mein Kind sehen; halte mich nicht auf und laß mich weiter gehen.« Eine Strecke weiter kam die zweite Schwester und redete: »Lieber, sieh' dieses Goldstück, es soll Dir gehören, sobald Du mir erlaubst, Dein Kind einen Augenblick auf meinen Armen wiegen zu dürfen.« »Nein,« rief unwillig der Köhler, »Deines Goldstücks wegen gebe ich den Kleinen nicht aus meinen Händen; blicke nur empor, welch schweres Wetter am Himmel dräuet, ich will eilen, weiche zur Seite.« Abermals einen Steinwurf weiter kam die dritte Schwester dem Taufzuge entgegen. »Ei, lieber Köhler,« begann sie im muntern Ton, »Freya, die liebreiche, hat Dir ein Kind beschert, welches Du ohne Zweifel jetzt zur Taufe trägst; hier nimm diesen Wickel Flachs als Taufgeschenk, er soll Deinem Kinde Segen bringen, doch erlaube mir, den Kleinen auf einen Augenblick zu sehen.« Da reichte der Vater dem Mädchen, weil es gar so herzlich bat, das Kind und dieses drückte rasch einen warmen Kuß auf dessen Lippen. Noch redeten beide miteinander, als das Glöcklein von der Kapelle eifrig mahnte, das Gespräch einzustellen. Über den brausenden Bach auf schwankendem Steg eilte der Köhler hinauf zur Kapelle, die Jungfrau aber raschen Laufes zu den in banger Erwartung harrenden Schwestern. Wie fröhlich lenkten diese jetzt ihre Schritte dem Hofe zu, wie glücklich saßen sie, nachdem der jüngsten die Ausführung des längst gehegten Vorhabens gelungen war, dort beisammen! Die That, einst als Erfordernis bestimmt, den auf ihnen lastenden Zauber zu bannen, war erfüllt und von nun an sollte der Böse keine Macht mehr über sie haben.
Die Taufe in der Kapelle hatte längst ihr Ende erreicht, aber das inzwischen zum Ausbruch gekommene Gewitter hinderte bis zum späten Abend den Köhler an der Rückkehr zu seiner Hütte. Mit mächtiger Gewalt tosete diesmal der Donnergott. Mehr als einmal fuhr der blendende Strahl, wie von der Kapelle aus zu bemerken war, auf den Borberg nieder und mußte zuletzt auch gezündet haben, denn man sah im strömenden Regen dort dichten Qualm und Rauch aufsteigen. Dazu ließ sich ein Pfeifen und Rollen in der Luft vernehmen, als wenn der Fürst der Hölle selbst sein Wesen triebe. Letzteres war in der That auch der Fall; denn erzürnt darüber, daß drei durch den Bann ihm verfallene Seelen sich seiner Herrschaft zu entringen gewußt hatten, fuhr er grimmig und tobend im Wetter davon. -- Endlich hatte die Natur ihre Ruhe wieder gefunden; am Himmel leuchteten bereits die Sterne, und in reicher Fülle sandte der Mond sein silbernes Licht zur Erde, als der Köhler mit seiner Begleitung den Heimweg antrat. Ohne Aufenthalt kam er auch diesmal nicht am Borberge vorüber. Mitten auf dem Wege, an derselben Stelle, wo vor wenig Stunden eine der Schwestern den Anblick seines Kindes erbeten hatte, hörte er plötzlich seinen Namen rufen. Er blickte empor und sah zwischen den Bäumen hindurch oben auf einem vorspringenden Felsen die drei Jungfrauen stehen und hörte zugleich, wie sie ihm zuriefen: »Lieber Köhler, habe Dank, daß Du dein Kind unserer jüngsten zum Kusse reichtest; Du hast uns dadurch aus schwerer Not und Drangsal befreit. Komm nur sonder Scheu herauf zu uns und nimm den Schatz, mit dem wir Dich belohnen wollen.« Aber dem Angerufenen und seinen Begleitern liefen bei diesen Worten die Schauer bald kalt, bald heiß über den Rücken; sie schlugen eiligst ein Kreuz und suchten schnell weiter zu kommen.
Gegen den anbrechenden Morgen hin mochte es jedoch den Köhler gereuen, der Einladung nicht Folge geleistet zu haben. Der Gedanke an den angebotenen, von ihm aber so leichtfertig verschmähten Schatz beherrschte seine ganze Seele, und über sein Vorhalten peinigten ihn umsomehr allerlei Vorwürfe, als ja die Schwestern sich ihm immer freundlich erwiesen hatten. Mit dem ersten Sonnenstrahl, der seine Hütte traf, war er darum auch schon auf den Beinen, ging auf den Berg und forschte nach den drei Jungfrauen. Er kam zu ihrem Hofe, doch dieser lag still und abgebrannt vor ihm; er stieg hinauf zum zerklüfteten Gemäuer der Burg, aber auch hier war nichts von den Gesuchten zu sehen und zu hören. Mißmutig lagerte er sich nunmehr in das Gras und rief mit fast weinerlicher Stimme und allerlei zärtlichen Worten nach den Schwestern. Doch auch diese Mühe schien lange des Erfolges zu entbehren. Endlich gewahrten seine Augen hinter einem Stein ein kleines graues Männlein mit langem weißen Bart, welches ihm also zurief: »Thörichter, warum störst Du die kaum begonnene Ruhe der Schwestern? Warum lohntest Du ihr Vertrauen nicht wieder mit Deinem Vertrauen? Du hast Dein Glück verscherzt, doch Deines Sohnes werden sie gedenken, sobald die Sonne achtzehnmal über die Erde gegangen sein wird. Wisse, die einst Vielgeplagten schlafen von jetzt an bei ihren Schätzen im Berge; wenn sie erwachen, erscheinen sie wieder an dem Brunnen; begegnet ihnen dann ein Menschenkind, dem sie wohlwollen, so beglücken sie es mit großem Gute.«
An des Köhlers Kinde ist die Verheißung zur Wahrheit geworden; ebenso sind im Verlauf der Zeiten die Schwestern mehreren nächtlichen Wanderern glückbringend erschienen. Aber noch sollen die von ihnen gehüteten Schätze so groß sein, daß sie davon noch vielen Erwählten zu spenden vermögen. Wer nun davon haben will, der gehe zur Zeit der Sommer- und Wintersonnenwende, sobald es nächtet, auf den Berg; vielleicht erscheinen die Schwestern und lassen ihn Gnade finden vor ihren Augen.
326. Der Schatz auf dem Burgberge bei Mulda.
(Mündlich.)
Zwischen den Dörfern Lichtenberg, Burkersdorf bei Frauenstein und dem als Sommerfrischort in Aufnahme gekommenen Mulda erhebt sich der Burgberg, auf dessen Gipfel man noch die Überreste eines Doppel-Steinwalles und einen Brunnen, »Junfernbrunnen« genannt, sieht. Nach der Volkssage stand ehemals auf diesem Berge ein Schloß, und in einer weiten Felsenhöhle soll daselbst noch ein großer Schatz in einer Braupfanne liegen. Zuweilen hat man des Nachts zwischen 11 und 12 Uhr von Lichtenberg aus auf dem Berge ein Licht gesehen, und wenn man dann, wenn sich das Licht zeigt, den Gipfel erklimmt und einen weißhaarigen Jungen mitbringt, dann ist man fähig, den Schatz zu heben. Jedoch sind schon viele Personen, welche dies versuchten, von dem Lichte oder einem Hahne, welcher auf dem Platze des alten Schlosses erscheint, irre geführt worden. Der Hahn soll ein verzauberter Burgherr sein; derselbe ist erlöst, wenn es jemandem gelingt, den Schatz zu heben. Der Eintritt in den Geldkeller, und ebenso der Austritt, muß stillschweigend geschehen. Einer kam einst hinein und da sah er viel Gold und Edelsteine, von denen er sich eine große Menge mitnahm. Als er aber durch das Thor getreten war und in seiner Freude einen Laut ausstieß, schloß sich plötzlich dicht hinter ihm die Pforte und die Schätze, welche er soeben noch getragen hatte, waren wie ein Traum verschwunden.
Es lebte einmal in dem Dorfe Lichtenberg ein Junge, der sehr verwegen war, und den man deshalb den »Waldteufel« nannte. Derselbe kam einst mit zwei andern Jungen auf den Berg und kletterte an den Felsen, welcher nördlich von den Wällen steil abfällt. Hier sahen sie eine tiefe Felsenkluft und über derselben waren zwei Felszinken. Da hielt sich der »Waldteufel« an diesen Zinken fest und die beiden andern Jungen halfen ihm, so daß er sich etwas in der Spalte hinablassen konnte. Da sah er in der Tiefe einen großen Haufen Knochen, so daß er sich doch fürchtete, obschon er sonst beherzt war, und schnell wieder heraufstieg. Von Geld hat er aber nichts gesehen.
Übrigens sind auf dem Berge und in seiner Nähe schon viele Leute, auch bei Tage, so bethört worden, daß sie lange Zeit in der Irre gegangen sind.
Der oben genannte Brunnen soll immer Wasser gehabt haben, und wenn man versucht hat, dasselbe auszuschöpfen, so gelang es nicht.
327. Die Schätze des ehemaligen Schlosses Voigtsdorf bei Sayda.
(Mündlich.)
Da, wo sich jetzt die Schäferei von Voigtsdorf bei Sayda befindet, soll einst ein Schloß gestanden haben, das in einem Kriege, vielleicht im Hussitenkriege, eingeäschert wurde. Bei dieser Zerstörung wurde ein Schloßfräulein mit ihren Schätzen verschüttet. Ein Mann hat vor vielen Jahren wiederholt an dem Platze gegraben, um des Schatzes teilhaftig zu werden, jedoch nichts finden können.
328. Der Schatz im Zeisigwalde bei Chemnitz.
(Richter, Chronica der Stadt Chemnitz I. 1767, S. 54.)
Der ehemalige Schulrektor in Chemnitz, Paulus Niavis, welcher sich gegen das Jahr 1494 von da nach Leipzig gewendet, erzählt, daß bei dem Bürgerwald, das ist der jetzige Zeisigwald, ein kleiner Hügel bei des Bürgermeister Arnold Felde wäre, da habe unten an dem Fuße des Hügels eine große ausgebreitete Fichte gestanden, und daselbst wäre eine Höhle, von außen mit Dornen und Brombeersträuchern verwachsen; von dieser würde erzählt, daß in ihr ein großer Schatz von Golde verborgen liege, dieweil die Leute in dem Hussitenkriege ihr Vermögen darin verstecket. Solcher Schatz aber wäre besessen; es hätten einige Schatzgräber denselbigen haben wollen, aber nichts ausgerichtet.
329. Der Schatz im Taurasteine.
(Chemnitzer Tageblatt, 1882, No. 89, und nach einer poetischen Bearbeitung, mitgeteilt vom Lehrer Drescher in Burgstädt.)
In dem Taurasteine bei Burgstädt soll ein Schatz liegen. Auch erzählt die Sage von einem unterirdischen Verbindungswege zwischen dem Taurasteine und dem Rathause in Burgstädt. Einst soll auch auf dem Taurasteine ein Altar der heidnischen Wenden gestanden haben, welche sich, von ihren Priestern gerufen, im Hahnbusche versammelten, wenn sie zum Opfer hinaufzogen. Die Wenden und ihre Priester wurden vertrieben, aber noch lassen sich auf dem Platze gespenstische Männchen sehen, welche den verborgenen Schatz hüten. Es geschah einmal, daß ein Bewohner Burgstädts durch den Wald auf den Stein ging. Von der Hitze ermattet, legte er sich im Waldesgrün, wo ihn wohlthätige Kühlung umfing, nieder und fiel bald in einen tiefen Schlaf. Plötzlich rief ihm eine Stimme zu: »Stehe auf, denn ich führ Dich zu Deinem Glücke!« Als er die Augen aufschlug, war es Nacht und vor ihm stand ein graues Männchen. Mit unsichtbarer Macht zog es ihn, dem Männchen zu folgen, wohin ihn dasselbe führte. Bald standen sie vor einer geöffneten Pforte, und im Innern der Höhle lagen Haufen von hellleuchtendem Golde. Da sagte das Männchen: »Jetzt sind wir am rechten Orte. Alles was Du hier siehst, soll Dein sein und Du bist alle Deine Sorgen los. Nur eine Kleinigkeit wünsche ich dafür von Dir: Dein Weib gebar Dir einen Knaben, den sollst Du mir für all dies Gold schenken, daß er mir mit Leib und Seele gehört.« Da nahm der fromme Burgstädter schnell ein Kreuz, der Christen heiliges Zeichen, das er bei sich trug, hervor und hielt es dem Verführer entgegen. Plötzlich stürzten die Felswände krachend ein und das Gold sank wieder in die Tiefe hinab. Der Arme aber fiel mit bleichem Gesichte wie leblos zwischen dem Gesteine nieder, und als er am Morgen erwachte, wurde gar freundlich in der nahen Stadt das Pfingstfest eingeläutet. Zu Hause angekommen, fand er sein Weib, welches ihm in der Nacht ein Söhnchen geboren hatte, und als sich die Kunde von dem Geschehenen in der Stadt verbreitete, da eilte jung und alt nach dem Taurasteine, ob man noch etwas von dem Golde sehen möchte; doch jede Spur von der reichen Schatzkammer war verschwunden.
330. Der feurige Pudel und die vergrabene Kriegskasse im Kaiser Wilhelmsthale bei Nossen.
(Alfr. Moschkau in der ~Saxonia~ II. S. 107.)
Im Kaiser Wilhelmsthale bei Nossen zeigt sich in der Nähe der Pfarrbrücke, besonders an herbstlichen Abenden, ein schwarzer Pudel mit feurigen Augen, der sich einsamen Wanderern aufzuhocken pflegt. Er soll eine von 1813 hier längere Zeit lagernden Franzosen vergrabene Kriegskasse bewachen, die links unter der großen Linde liegt, des wachsamen Pudels wegen aber noch von niemandem gehoben werden konnte.
331. Der Burgberg zu Gleisberg bei Nossen.
(Alfred Moschkau in der ~Saxonia~ I. S. 189.)
Den Burgberg zu Gleisberg krönt ein alter heidnischer Rundwall, in welchem angeblich im Mittelalter eine Burg stand. In dem Wallkessel, zu dem einige Stufen führen, soll ein großer Schatz liegen, dessen Dasein vielseitig bemerkte kleine blaue Flämmchen verkünden. Ein Nossener hatte sich einst daran gemacht, den Schatz zu heben, als er aber auf der Stelle, wo der Schatz liegen sollte, eine große Menge schwarze Kröten mit hellleuchtenden Augen sitzen sah, stand er von seinem Vorhaben ab. Mehrere Marbacher, die zu gleichem Zwecke auf dem Burgberge erschienen, wurden durch große schwarze Schlangen mit feurigen Augen veranlaßt, umzukehren.
Kröten und Schlangen sind wie der Drache Hüter von Schätzen. In der Lausitz sagt man, daß, wo eine Kröte sitzt, ein Schatz liege. (Haupt, Sagenbuch d. L. I. No. 301.)
332. Der Schatz auf dem Rodigberge bei Nossen.
(Alfred Moschkau, Führer durch Nossen und Altzella (o. J.), S. 11.)
Auf dem Rodigberge bei Nossen befindet sich ein großer Rundwall, in welchem angeblich die erste Burg Nossen stand, der aber jedenfalls ein heidnischer Wall sein dürfte. In diesem Walle giebt es Stellen, die beim Darauftreten hohl klingen und auf alte verschüttete Gewölbe jener Burg hindeuten sollen. Der Sage nach liegt darin ein bedeutender Schatz, der in der Mitternachtsstunde des Christabends gehoben werden kann. Schon viele Leute haben an erwähnten Stellen blaue Flämmchen herumhüpfen sehen.
333. Der Schatz im Klosterbrunnen bei Marbach.
(Alfred Moschkau, Gesch. d. Benedictinerklosters St. Walpurgis im Zellwalde, 1874, S. 7. ~Saxonia~ I., S. 172.)
Eine Stunde von Nossen entfernt und nahe dem Dorfe Marbach liegt die Stelle, auf welcher in den Jahren 1141 bis 1146 Thammo von Strehla ein Klösterlein gründete, welches aber endlich einging und dessen Gebäude abgetragen wurden. Nahe der jetzigen Bahnmeisterwohnung sieht man eine Vertiefung; diese war einst der Klosterbrunnen. In denselben hatten die letzten Mönche eine Glocke und vieles Gold- und Silbergeräte geworfen und den Brunnen dann mit 95 Klaftern Stöcke zugeschüttet. Diese Schätze harren noch der Ausgrabung. Nach einer Tradition bewacht sie ein Pudel mit feurigen Augen, der bereits oft nächtliche Wanderer des Zellwaldes, »die nicht mit Eisen oder Stahl versehen waren«, belästigte.
Die letzte Bemerkung vom Eisen oder Stahl bezieht sich jedenfalls auf den bei deutschen und Slaven verbreiteten Glauben, daß man auf den durch glühende oder erloschene Kohlen oder Flämmchen angezeigten Schatz eiserne und stählerne Gegenstände, besonders Messer u. dgl., aber auch Geldstücke, selbst Brot oder ein auf bloßem Leibe getragenes Kleidungsstück werfen müsse, um beim Heben des Schatzes alle Gefahr von sich abzuwenden. (Jac. Grimm, Deutsche Mythologie, 1835, S. 544. Veckenstedt, Wendische Sagen etc., 1880, S. 356.)
334. Der Schatz im Kloster Grünhain.
(Gießler, Sächsische Volkssagen. Stolpen o. J. S. 453.)
In der Klosterkirche zu Grünhain liegt angeblich ein großer Schatz begraben. Im März des Jahres 1657 hat der Schäfer Eucharius Bömely zu Grünhain einen Bergmann 6 Tage und Nächte darnach graben lassen, aber als derselbe in der letzten Mitternacht gehoben werden sollte, so bewegte der Bergmann mit der Keilhaue eine Wand, ließ sie jedoch der Schwere wegen wieder gehen, worauf die Wand eine Viertelelle tiefer sank und mit ihr der vermeinte Schatz. Man ließ sofort einen gewissen Rutengänger Tippmann kommen, der das Vorhandensein des Schatzes mit der Rute feststellte, doch brachte man nichts zustande, da der Schatz unter großem Geräusche immer weiter vorrückte. Es ist ein »großer, reicher Schatz gewesen, so einst der Abt zu Ebersbach in Franken Siegmund Siegeln anvertraut, aber wohl sehr flüchtig und schwer zu erlangen und darum ist es auch mißlungen«, erläutert die Chronik.
335. Der Alpstein zwischen Müdisdorf und Helbigsdorf.
(Nach Mitteilung des Ratsaktuars Fr. Köhler in Sayda.)
Ungefähr in der Mitte zwischen Müdisdorf und Helbigsdorf erhebt sich in der Flur des letzteren Ortes auf dem höchsten Punkte des dasigen Geländes ein Gneiskegel, der »Alpstein« genannt. Vor einigen Jahren ist derselbe zum Teil abgetragen und beim Bau einer Scheune verwendet worden. Von diesem Alpstein erzählt die Sage, daß sich daselbst zu Zeiten ein Hund mit feurigen Augen, sowie ein schwarzes Männchen habe sehen lassen. Wer diesen Erscheinungen folge, der würde nach der Stelle geführt werden, wo bei dem Steine ein Schatz vergraben liege. Selten aber wird jemand zur Nachtzeit an dem Steine vorübergegangen sein.
336. Die goldene Kette vom weißen Fels im Hartensteiner Walde.
(Mündlich.)
An dem auf der Höhe des rechten Muldenufers mitten im Walde zwischen Schloß Stein und Niederschlema sich erhebenden weißen Fels soll eine goldene Kette liegen, welche in gewissen Nächten aus der Tiefe steigt und sichtbar wird. Einst träumte einem Manne in Lößnitz, daß er an dem weißen Fels sein Glück machen werde, er solle nur in einer gewissen Nacht um die Mitternachtsstunde dorthin gehen. Der Mann that es, und da sahe er an dem genannten Felsen eine goldene Kette liegen, so groß wie eine Hemmkette. Beherzt ergriff er dieselbe, da sie aber zu schwer war, so faßte er sie am ersten Gliede und schleppte sie hinter sich fort. Auf dem Nachhausewege aber sah er neben sich allerlei Spuk und er hörte auch dicht hinter sich einen greulichen Lärm. Doch ließ er sich dadurch nicht stören, sah sich auch nicht um, sondern er zog die Kette mit sich fort bis vor seine Wohnung. Da er aber die Hausthüre öffnen wollte, wurde der Lärm noch größer und es klang, als ob alle bösen höllischen Geister dicht an seinen Fersen wären. Jetzt konnte er es nicht mehr verwinden, ohne einen Blick rückwärts in sein Haus zu treten, da er sich nun für geborgen hielt. Er sah sich um; plötzlich aber wurde alles still und die goldene Kette war verschwunden. Nur das erste Glied hielt er in seiner Hand. Es war jedoch genug, um ihn zum vermögenden Manne zu machen.
337. Der Schatz im roten Berge bei Werdau.
(Mündlich.)
Es war einmal ein Krieg ausgebrochen. Da vergrub einer aus der berühmten und reichen Familie derer von Römer in dem roten Berge, welcher sich nahe bei der Stadt Werdau erhebt, eine Braupfanne voll Geld, um dasselbe vor den Feinden zu verbergen. Als dann jener Römer starb, hinterließ er den Schatz demjenigen seiner Nachkommen, welcher nur mit einem Auge auf die Welt kommen würde. Von da an sahe man lange Zeit hindurch alle Nächte von 11 bis 12 Uhr auf dem genannten Berge ein Licht, und es wurde gesagt, daß sich dasselbe gerade über der Stelle befinde, an welcher in der Tiefe der Schatz verborgen worden war. Ebenso zeigte man eine kleine Höhle als Anfang des Ganges, in welchem man zu der mit Gold und Silber gefüllten Braupfanne gelangen könne.
Da nun kein einäugiger Römer geboren wurde, so beschlossen endlich zwölf Männer, unter denen sich auch der Pfarrer von Werdau befand, den Schatz zu heben. Ehe sie aber an's Werk gingen, segnete der Priester sich selbst und die Teilnehmer in der Kirche ein, und sie nahmen darauf ein aus Wachs geformtes einäugiges Kind mit, welches bei Kerzenlicht feierlich getauft worden war. Mit brennenden Kerzen zogen darauf alle in der Mitternachtsstunde nach dem Orte, an welchem der Schatz verborgen war. Unter Furcht und Zittern waren sie vor der Höhle angelangt und unter Gebet bereiteten sie sich zum Eintritte vor. Da auf einmal that sich mit einem furchtbaren Getöse der rote Berg weit auf, und ein feuriger Hund kam wie ein Löwe brüllend auf sie zu und rief: »Welchen nehmen wir zuerst?« Eine Stimme aus der Tiefe aber antwortete: »Den mit dem roten Tuche!« Wie die Männer diese schreckhaften Worte hörten, flohen sie entsetzt und freuten sich, als sie aus dem Bereiche des Ungetüms gekommen waren, ihres glücklich geretteten Lebens. Sie erzählten zwar, daß sie noch im Innern des Berges die große, mit Geld gefüllte Braupfanne gesehen hätten, doch da sie bald darauf, einer nach dem andern, starben, so ist niemandem mehr die Lust angekommen, den Schatz zu heben.
338. Der Schatz im Vorwerk zu Elterlein.
(Nach v. Weber, Aus vier Jahrhunderten, II., S. 415 bei Gräße, Sagenschatz, 2. Aufl., Nr. 590.)
Bei Christoph Müller, Besitzer eines Vorwerkes zu Elterlein, diente im Jahre 1702 eine gewisse Magdalena Gräßler, 18 Jahre alt. Dieser erschien 14 Tage vor Johannis ein kleines Männlein mit einem grauen Kopfe und Bart, in ein altes graues Röckchen gekleidet, und eröffnete ihr, daß bei dem Backofen ein Kästchen mit Geld, welches eine alte Frau in Kriegszeiten vergraben, sich befinde und 500 Thaler Geld enthalte. Der Geist forderte sie auf, ihn zu begleiten, um den Schatz zu heben, mit der Bemerkung, sie solle von dem Gelde 50 Thaler der Kirche zu Elterlein, 50 Thaler ihrem Dienstherrn geben, die übrigen 400 Thaler aber für sich behalten, aber nicht an Hoffart wenden, sondern ihren alten Vater damit erhalten. Das Mädchen verkroch sich vor Angst in ihr Bett, der Geist ließ sich aber nicht abschrecken, sondern kam in den folgenden Nächten immer wieder, auch forderte er sie dringend auf, den Schatz zu heben, bis sie am Abend vor Johannis ihm versprach, sie wolle am nächsten Tage zu Mittag, aber nicht in der Gespensterstunde, nach dem Schatze graben. Sie entdeckte sich nun ihrer Dienstherrin und am Mittag begannen beide zu graben. Jene überließ jedoch bald die beschwerliche Arbeit der Gräßler, indem sie sich neben derselben hinlegte. Nach längerem Graben kam diese mit dem Spaten auf einen breiten Stein, der bei dem Berühren des Eisens wie Kettengeklirr tönte. Das Mädchen erhob den Stein, erblickte darunter ein Kästchen von Eisen, etwa ½ Elle lang und 1½ Elle breit, erhielt aber gleichzeitig von ihrer Dienstherrin einen Schlag aufs Kreuz, so daß sie sich umsah. In diesem Augenblicke entstand ein heftiges Gepolter, das Kästchen aber war verschwunden. In der folgenden Nacht erschien der Geist dem Mädchen wiederum und sagte: »Du bist heute gestört worden, allein du kriegst es noch, in sieben Jahren komme ich wieder, es ist niemandem als dir beschert, bete fleißig!« Mit diesen Worten nahm das Männchen Abschied, das Mädchen vermietete sich auf ein anderes Vorwerk, aber Ende Juli 1705 hörte es die Stimme des Geistes, welcher sprach: »Ich bin vor drei Jahren bei dir gewesen, und weil dein gewesener Herr das Geld herausgegraben und gefunden hat, so melde ich es dir.« Die Gräßler verlangte es auch von ihm und zwar auf gütlichem Wege, allein Müller leugnete alles und gab nichts heraus.
339. Der Schatz des Seeberges bei Eisenberg.
(Lotti Cori in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 1885, S. 125.)
Auf dem Plateau des Seeberges oberhalb Eisenberg liegen die Trümmer einer Burg zerstreut, welche längst von Grün aller Art überwuchert sind. Der Volksmund weiß nicht anzugeben, ob es eine Grenzveste oder ein Jagdschloß gewesen, doch wird die Erbauung in das achte bis zehnte Jahrhundert verlegt. Die Sage erzählt, daß hier ein Burgfräulein die vergrabenen Schätze bewache, und daß solches auch Holz und Beeren suchende Leute schon zu verschiedenen Malen gesehen haben wollen; doch nur einem Menschenkinde reinen Herzens sei es vergönnt, ihr zu folgen. Ersteigt ein solches während der Passionsstunde den Berg, dann erscheint das Fräulein demselben auf dreimaligen Ruf und winkt -- wortlos und ohne Furcht müsse man ihr folgen und könne dann Schätze ungemessenen Wertes heben -- dann sei auch der Geist erlöst. Doch auf den ersten Laut verschwinde die Erscheinung mit Weinen und Gebärden des Leides.
340. Der Schatz auf dem Riesenberge bei Ossegg.
(A. Kunze in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 1885, S. 124.)
Auf dem Riesenberge bei Ossegg steht ein Turm, worin ein Schatz vergraben sein soll, und der Glückliche, der ihn einst heben wird, muß erst geboren werden. Es werden einst zwei leibliche Geschwister mit einander eine Ehe eingehen, und dieses Ehepaar wird vom Himmel mit einem Kinde beschenkt werden. Dieses Kind aber muß in einer Wiege »eingeschlummert« werden, deren Holz von einer Fichte stammt, die auf dem Flecke gewachsen ist, unter welchem derjenige ruht, der den Schatz in dem Turme vergraben hat. Wenn nun dieses Kind erwachsen sein wird, so ist es berufen, den Schatz zu heben und wird ihn auch finden, ohne daß es nach demselben sucht. Denn im Traume wird ihm gesagt werden, daß es den Schatz heben soll, und es wird ihm auch die Stelle genau bezeichnet werden. Dann erst, wenn der Schatz gehoben ist, wird auch die arme Seele erlöst sein, welche bei Lebzeiten den Schatz vergraben hatte.
341. Der Schatz im Kiefrig bei Haßlau.
(Nach einer Mitteilung des Seminarist Reinmuth.)
Eine halbe Stunde von Haslau entfernt liegt ein Wald, den man nach dem Kiefernbestande das Kiefrig nennt. Hier befindet sich ein Felsen, auf welchem einst ein Raubschloß gestanden haben soll, und darnach nennt man den Felsen jetzt auch gewöhnlich kurz das Raubschloß. Unter dem Felsen aber soll ein großer Schatz liegen. In dem genannten Dorfe glauben manche Leute, daß verborgene Schätze am Weihnachts-Heiligenabend gehoben werden können. Daher ging auch vor wenigen Jahren ein Oberhaßlauer Bergarbeiter zu dieser Zeit hinaus zum Raubschlosse, um daselbst den Schatz zu heben. Als er die üblichen Zeichen gemacht hatte und nun im Begriffe war nachzugraben, erblickte er auf einmal eine Gestalt, welche so zart wie Spinnwebe war. Diese gespenstische Gestalt sprang plötzlich auf seinen Rücken und klammerte sich an seinem Halse fest. Wie er dieselbe wieder los geworden, wird nicht erzählt, wohl aber, daß sich der Mann, als er glücklich nach Hause gekommen war, krank niederlegte und nicht wieder aufstand, sondern nach einem Jahre starb.
VII.
Wundersagen.
Durch Wunder geschieht Übernatürliches, d. h. alles das, was sich über die Naturgesetze erhebt. Wunder können daher nur Götter oder dämonische Wesen verrichten; wo sie von Menschen verrichtet werden, da wohnt in letzteren allemal etwas Dämonisches.
Wenn uns die Sagen von Wunderblumen erzählen, durch welche sich Berge mit darin verborgenen Schätzen öffnen, so leben wir auf dem Gebiete des Übernatürlichen, zugleich aber offenbart sich uns darin eine tiefe Symbolik. Die ersten gelben, blauen, weißen oder roten Frühlingsblumen sind die Abbilder des Blitzes, durch welchen Donar im Frühlinge die Berge des Himmels, d. h. die Wolken erschließt, so daß darauf die golden glänzende und Segen spendende Sonne sichtbar wird. Unter gewaltigem Krachen öffnet sich der Berg, unter Donner die Wolke, und Donar ist es selbst, welcher sie mit seinem Blitze öffnet, er ist der Hirte, von dessen Hand die Blume abgepflückt ward, die dann den Zugang zu den Schätzen im Innern des Berges erschloß. (Mannhardt, Die Götter der deutschen und nord. Völker, S. 204.) In allen hierher gehörigen Sagen ertönt die warnende Stimme: »Vergiß das Beste nicht!« und so ist dieser Zuruf nach Jac. Grimm (Deutsche Myth. S. 545) wohl die Blume selbst, unser »Vergißmeinnicht«, zu dessen Namen sich später erst die sentimentale Deutung bildete, oder der »Gamander« und das »Mausöhrchen«, welche beide ebenfalls vom Volke, das ihre Wunderkraft berücksichtigte, als »Vergißmeinnicht« bezeichnet wurden. Oder die Wunderblume ist die gelbe Schlüsselblume, das »Himmelschlüssel«, worauf eine Sage hinweist, welche Henne-Am-Rhyn (Deutsche Volkssage, S. 79) uns mitteilt. Darnach saß die Berg-Jungfrau am Steinböckli bei Unter-Erendingen im Aargau als Hüterin auf einem Häuflein gepflückter Schlüsselblümchen in der Morgensonne, ein Schlüsselbund, das sich hier, wie in anderen Sagen, stets auf einen verborgenen Schatz bezieht, an der Seite. Ein aufgehobenes Schlüsselblümchen verwandelte sich darauf in der Hand eines Jünglings in ein hellglänzendes Goldstück. -- Wenn oben auf die Symbolik des Blitzes als Wunderblume hingewiesen wurde, so ist hier die Schlüsselblume unverkennbar eine solche, da sie sich in den Händen des Jünglings in ein Goldstück verwandelt; nach einem deutschen Volksglauben schlägt der Donner Gold ins Haus, und in Tyrol sagt man von den nach einem Gewitter gefundenen Münzen, daß sie vom Himmel gefallen seien.
Wie das Eisenkraut (~Verbena~) als »Wunschkraut«, wenn man dasselbe beim Aufgehen des Hundssterns sammelte, ehe es von Sonne oder Mond beschienen war, und ebenso die »Wünschelsamen«, d. h. die Sporen des Farnkrauts, alle Wünsche erfüllten (Reling und Bohnhorst, Unsere Pflanzen, S. 62 und 112), so galt auch die Wünschelrute unbeschadet ihrer Beziehung zu Donar als wunderkräftiger Stab, der dem Menschen von Odhin, als dem Herrn des Wunsches und Wisser der Orte, wo Gold und Silber in der Erde liegen, verliehen ward. Nach Jakob Grimm drückt der Wunsch den Inbegriff von Glück und Heil aus. Die Wünschelrute heißt darum in David Kellners 1702 zu Nordhausen geschriebenen »~Schola metallurgica~« oder »wohleingerichteten Bergmanns-Schule« auch Glücksrute, und hinzugefügt wird dabei, daß man sie noch »Wicker« oder »Wahrsager« nenne, »sintemal das alte deutsche Wort wicken so viel ist, als vorher- oder wahrsagen.« Die Wünschelrute ist der Kompaß, welcher in der Mitternachtsstunde des ersten Maitages den Ort anzeigt, wo die Wunderblume blüht (Mannhardt a. a. O. S. 206); sie führt nach den ältesten Überlieferungen zu verborgenen Schätzen, ja noch mehr als dies: sie stärkte und vergrößerte fort und fort deren Gehalt und verlieh dem Besitzer übermenschliche Kräfte, und darum sagt auch die Edda von dem Nibelungenhorte, »dem Schatze, der nichts anderes als nur Gestein und Gold enthielt,«
»Es lag der Wunsch darunter: von Gold ein Rütelein; Wer dessen Kraft erforschte, der möchte Meister sein Wohl auf der ganzen Erde und über jeden Mann.«
Hier wird die Wünschelrute golden genannt, und obschon man in der Blütezeit ihres Gebrauchs vereinzelt auch aus Messingdraht gemachte Ruten, ja selbst Lichtscheren, wie uns sagenhafte Überlieferungen melden, mit gutem Erfolge anwandte, so war es doch hauptsächlich der Haselstrauch und in einigen Fällen noch der Kreuzdorn, wenn der Zweig in einem Jahre gewachsen und kein Flecken altes Holz daran war, von welchem sie abgeschnitten wurde. Nach einer Kärntner Sage von der Erbauung des Schlosses Waisenburg wurde ein Mädchen in einem Traume belehrt, sie möge mit einem Wachholderzweige einen Schatz suchen; dort, wo sich das Zweiglein der Erde zuneige, solle sie nachgraben. (Österr. Touristenzeitung 1885, No. 10.) Der dem Donar geweihte Haselstrauch ist nach der Sage mit wunderbaren Kräften ausgestattet. Sein Zweig schützt gegen den Blitz, denn letzterer darf weder den Strauch, noch denjenigen treffen, welcher unter ihm Schutz sucht; ein Haselstab, mit einem Hollunderzweige übers Kreuz gebunden, schützt gegen das wütende Heer; Haselzweige in den Ställen bessern den Viehstand auf; drei derselben auf dem Boden einer Scheune sichern das Getreide gegen allen Schaden; Kühe, von den Hirten mit Haseln an die Lenden geschlagen, geben reichlich Milch; ein am Karfreitage vor Sonnenaufgang im Namen des dreieinigen Gottes stillschweigend mit drei Schnitten abgelöster Zweig überträgt die Schläge auf den Abwesenden, und so weiß das Volk noch manche Kräfte zu nennen, welche dem Strauche verliehen wurden. Im Schwarzwalde trugen einst die Hochzeitsleute eine Haselrute, und an einigen Orten Frankreichs umtanzt man noch jetzt die Johannisfeuer mit einem Haselzweige.
Für die Wünschelrute mußte vom Strauche eine jährige Zwiesel oder Gabel, welche so stand, daß Ost- und Westsonne durch dieselbe schien, im Mondschein geschnitten werden. Man wählte dazu am liebsten die Johannis-, aber auch Christ- und Karfreitagsnacht, oder die der heiligen drei Könige, nachdem man die Rute bei Neumond gesucht hatte. Sie durfte weder mit Hülfe eines Messers oder anderen metallenen Werkzeugs, sondern mußte mit einem scharfen Feuerstein rasch vom Stamme gelöst werden, damit der Strauch nicht Zeit habe, die geheimnisvolle Kraft aus dem Zweige herauszuziehen. Dabei kehrte man sein Angesicht nach Morgen, neigte sich dreimal vor der Rute und sprach: »Gott segne dich, du edles Reis! Mit Gott dem Vater such' ich dich, mit Gott dem Sohne find' ich dich, mit Gott des heiligen Geistes Macht und Kraft breche ich dich. Ich beschwöre dich Rute und Sommerlatte bei der Kraft des Allerhöchsten, daß du mir wollest zeigen, was ich dir gebiete, und solches so gewiß und wahr, so rein und klar wie Maria, die Mutter Gottes, eine reine Jungfrau war, da sie unsern Herrn Jesum gebar, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!« (Nork, Sitten und Gebräuche der Deutschen, S. 712.) Beim Gebrauche faßte man die Rute an den beiden Zwieselenden, so daß sich der Stiel, in welchem sie zusammenliefen, aufwärts kehrte. Kam man damit über die in der Erde liegenden Erzgänge, so beugte sie sich gewaltig nieder, während sie dann, wenn man dem Gange nicht folgte, sondern ihn überschritt, gerade über sich unbeweglich stand. Etliche Rutenschläger »gingen mit ihr stillschweigend über das Gebirge, etliche aber fragten dieselbe entweder laut oder nur in Gedanken auf allerhand Manier und faßten auch ein gewiß Metall, dergleichen sie gern erkundigen wollten, daneben in der Hand.« »Es ist aber«, wie die oben genannte ~Schola metallurgica~ (S. 196) schreibt, »diese Wirkung der Rute ein Wunder der Natur und verborgenen Sache, deren Ursache man nicht wohl erkundigen kann, ebenfalls wie der Magnet das Eisen, der Agtstein, so er erhitzet, das Stroh oder Sprey, der Serpentin oder Schlangenstein, wo er im Felde lieget, die Schlangen an sich ziehet, und dergleichen natürliche Wunder viele mehr.«
Nach Jacob Grimm unterschied man von der Wünschelrute mehrere Arten: als Feuerrute, Brandrute, Springrute, Schlagrute und Beberute, und man glaubte mit ihr nicht nur verborgene Schätze und Erzadern, sowie taube Gänge, »alte Gebäude und Gezimmer in der Erde«, sondern auch Salz- und Kohlenlager und Wasserquellen, ja Mörder und Diebe zu entdecken.« (Grimm, Deutsche Myth. S. 546.) Der Verfasser der ~Schola metallurgica~ fügt außerdem (S. 490) hinzu, daß man von ihr fast alles erkundigen wolle, was in der Welt geschähe, ob nämlich diese oder jene Person zu Hause sei, oder ob man eine belagerte Festung erobern werde und dergleichen mehr; doch kann er nicht umhin, dabei hinzuzusetzen, daß ihm dieses sehr verdächtig vorkomme. Nach einer Überlieferung aus Johanngeorgenstadt schlägt die Rute auch auf verborgene Rainsteine und durch sie werden Diebe entdeckt und gestohlene Sachen wieder gefunden.
In das Bereich der Wundersagen gehören auch die Überlieferungen von den Venedigern oder Wahlen, jenen rätselhaften Fremden, welche außer dem Fichtelgebirge, Thüringerwalde, dem Vogtlande und andern mitteldeutschen Gebirgen auch das Erzgebirge nach Gold durchsuchten und von dem Volke mit übernatürlichen Kräften ausgestattet wurden. Sie kannten das Innere der Berge, wuschen die Goldkörner aus dem Sande der Flüsse und waren mancher Zauberkünste kundig. Vielleicht sind manche der von ihnen meldenden Sagen auf die Schätze hütenden Berggeister zurückzuführen, umsomehr, da in den Volkssagen der Oberpfalz die Venetianer häufig Größe und Aussehen der Bergmännchen besitzen. In der Bavaria (III. S. 269) deutet E. Fentsch die Wahlen als Wenden und verweist dabei auf eine Ansicht von Baumers, nach welcher die Vallen des Plinius ein slavischer Volksstamm waren, welcher beim Vordringen aus dem Osten Europas bis in die Fichtelgebirgsgegend gelangte und dort seine alte Kunst, nach Gold und andern Metallen zu graben, ausübte. (Zapf, Sagenkreis des Fichtelgebirgs, S. 104.) Wir können dann noch weiter gehen und auch die Venediger des Erzgebirges auf zerstreute Sorben zurückzuführen, welche, als einem unterdrückten Volksstamme angehörig, in der Überlieferung nach und nach zu zwerghaften Wesen zusammenschrumpften. Meldet uns doch auch eine alte Nachricht, »daß schon dreihundert Jahre vor Aufkunft des Goslarischen Bergbaues unter Otto I. die böhmischen Wenden unser Obergebirge (Erzgebirge) jenseits, unsere Wenden aber diesseits (d. h. auf jetzt sächs. Seite) angebaut, daselbst Eisenstein gegraben, Eisenhämmer und Schmelzhütten angelegt und von Pirna bis an Hof im Vogtland alle Wälder, Berge und Hügel durchschürft hätten.« (Schurig, Beiträge zur Geschichte des Bergbaues im s. Vogtland, S. 2.)
Neben den Sagen von Wunderblumen, welche den Zugang zu unterirdischen Schätzen öffnen, von der Wünschelrute und den Gold suchenden Venedigern sind auch diejenigen für unser Gebirge charakteristisch, welche uns von Träumen und Prophezeiungen erzählen, durch welche reiche Silbergänge angezeigt wurden. Es ist ein alter Glaube, daß vermittelst der Träume durch Schutzgeister der Wille der Götter den einzelnen Menschen als Rat oder Warnung mitgeteilt wird, und daher hegte man von jeher das Vertrauen auf Erfüllung dessen, was man geträumt, weil man darin Winke des Schicksals erblickte. In gleicher Weise wurden auch die Ahnungen, d. h. das Träumen im wachen Zustande, als Eingebungen der Götter angesehen, und ebenso achtete man bereits im Heidentume auf die Erscheinungen der belebten Natur; man erblickte in denselben, sowie in allen Dingen einen ursächlichen Zusammenhang, so daß man in den wunderbaren Gestaltungen der Wolken und in anderen auffälligen Erscheinungen am Himmel und in der Luft die Beschlüsse des von Göttern über den einzelnen Menschen oder ein ganzes Volk verhängten Schicksals herauslas. Das sind die Vorzeichen. -- Hierhin gehören auch die Anzeichen durch mancherlei Geräusch, wie Klopfen an Thür und Wand, das Klirren von Waffen u. a. mehr, durch welche Töne entweder gewarnt oder ein Todesfall angezeigt wird.
Von derartigen Überlieferungen einer wunderbaren direkten Äußerung der Gottheit in Bezug auf das Geschick der Menschen finden wir eine ziemliche Mannigfaltigkeit, ebenso von wunderbarer Hülfe durch heilkräftige Quellen oder von plötzlicher Strafe für Meineid oder gotteslästerliche Worte. Es wird in dieser Hinsicht schließlich auf die einzelnen Sagen verwiesen.
342. Die Wunderblume auf dem Schlettenberge bei Marienberg.
(Moritz Spieß, Aberglauben etc. des sächs. Obererzgebirges. Programmarbeit, 1862, S. 40. Mündlich.)
Auf dem Schlettenberge bei Marienberg lassen sich zu gewissen Zeiten ein paar kleine Lichter sehen. In dem Berge steckt nämlich ein goldenes Kind und aller 50 Jahre am Johannistage mittags 12 Uhr wächst auf dem Berge eine schöne Blume. Wer dieselbe nun pflückt, der kann in den Berg hineingehen. Da sieht er dann den goldenen Jungen in einer goldenen Pfanne liegen; beide werden von einem großen Pudel bewacht. Wer aber die Blume hat, darf sie nur dem Pudel hinzeigen, dann kann er die Pfanne mit dem goldenen Jungen nehmen. Jedoch muß er darauf schnell fortlaufen; ist er über den Hammergraben gekommen, so kann ihm der Hund nichts mehr thun. Wenn ihn jedoch der Hund einholt, ehe er über den Graben gekommen ist, muß er die Pfanne mit dem Kinde wieder hergeben und der Hund trägt beides wieder in den Berg.
Der Hund ist der Wächter der Unterwelt. Aber worauf ist das goldene Kind zurückzuführen? Deutet es auf eine der goldstrahlenden heidnischen Gottheiten hin? Rochholz (Deutscher Glaube und Brauch, I., S. 4) bemerkt, daß nach den ältesten Vorstellungen nicht nur der Himmel, sondern auch die Götter selbst und ihre Lieblingstiere golden waren. Die Pfanne ist wie der in andern Sagen auftretende Braukessel möglicherweise eine Hindeutung auf ein Opfergerät.
Eine Anzahl von Beispielen, nach denen der Schatz eine bestimmte Gestalt, besonders von Tieren, angenommen hat, führt Grohmann (Aberglauben und Gebräuche in Böhmen und Mähren, S. 214) an. Hierhin gehört z. B. auch die Sage von einer goldenen Ente mit goldenen Eiern, welche im Klosterhofe zu Sittichenbach liegen soll. (Gräßler, Sagen von Mansfeld, No. 46.)
343. Die Wunderblume des Teufelssteins bei Lauter.
(R. im Glückauf, Organ des Erzgebirgsvereins, 1882, No. 3.)
Gegenüber dem Geringsberge zwischen Lauter und Neuwelt erhebt sich am rechten Ufer des Schwarzwassers der im Ganzen kahle Teufelsstein, den man von der Haltestelle Lauter bequem in fünf Minuten erreichen kann. Nach der Meinung einiger ist der Name Teufelsstein verfälscht und lautet eigentlich »Taufenstein«, weil sich hier in alter Zeit ein Taufstein oder Taufbecken befunden haben soll. Eine andere Sage aber bezeichnet den Teufelsstein als ein verwünschtes Schloß, welches kostbare Schätze in seinem Innern birgt und von Jahr zu Jahr des Tages seiner Erlösung aus der Hand des »Bösen« und der Hebung seines reichen Gutes harret, -- doch bis jetzt vergebens. Noch immer liegt es verzaubert unter mächtigen Felsblöcken. Zwar ist ein Schlüssel, durch dessen wunderbare Macht die verborgenen Zugänge unwiderstehlich sich öffnen, vorhanden, doch noch niemandem ist es gelungen, hineinzudringen. Der Schlüssel ist eine gelbe Blume, welche alljährlich im Frühjahr aufs neue emporsprießt und ihren Wunderkelch entfaltet. Ein Schäfer aus Beierfeld, welcher dort vor vielen Jahren seine Herde weidete, fand sie eines Tages und pflückte sie. Alsbald merkte er, wie sich in seiner Nähe geheimnisvoll eine Felsenspalte öffnete, und verwundert schaute er in eine Höhle, aus deren Hintergrunde ihm zauberischer Goldesschimmer entgegenblickte. Da er jedoch die Mahnung des am Eingange sitzenden bärtigen Wächters mit grauem Hute, still zu bleiben, nicht beachtete, sondern einen lauten Ausruf des Erstaunens ausstieß, so schloß sich ebenso geheimnisvoll und schnell die Öffnung wieder und hat sich bis heute noch nicht wieder aufgethan.
344. Die Wunderblume auf dem Spitzberge bei Gottesgab.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 72.)
In südwestlicher Richtung von Gottesgab erhebt sich der kegelförmige basaltische, mit Wald bedeckte Spitzberg. Auf demselben stand nach der Sage in alten Zeiten ein großes, festes Schloß. Dort hauste mit gleichgesinnten Spießgesellen ein Ritter, der als Räuber und Mörder sich in der ganzen Gegend furchtbar machte. Einst geschah es, daß ein greiser Mönch aus dem nahen Kloster zu Mariasorg bei dichtem Nebel sich auf dem öden Heideplateau verirrte und in die ruchlosen Hände dieser Räuber fiel. Sie schleppten den Priester auf ihr schwer zugängliches Raubnest und warfen ihn unbarmherzig ins Burgverließ, wo er eines qualvollen Hungertodes sterben sollte. -- Als die gottlosen Missethäter im Saale sich bei lärmendem Becherklang ihrer ausgeführten Verbrechen in frechen Lästerreden rühmten, sank der dem Tode überlieferte Mönch auf die Knie und flehte im inbrünstigen Gebete zu Gott, dem starken Helfer in der Not, daß er die berüchtigte Mörderburg in einen Schutthaufen verwandle. Plötzlich machte ein furchtbarer Donnerschlag die Mauern des stolzen Schlosses wanken, sie stürzten zusammen und begruben die Räuber unter ihren Trümmern; nur der Mönch wurde gerettet. Die angehäuften Schätze aber versanken in des Berges inneren Schoß. -- Nach langen Jahren träumte einmal einem armen, frommen Hirtenjungen drei Nächte hintereinander, daß er dazu erkoren sei, den im Innern des Spitzberges verborgenen Schatz zu heben. Zwei Tage hatte er schon seine Kühe auf diesem Berge geweidet, und noch war ihm kein Anzeichen geschehen. Als er nun am dritten Tage -- es war der Karfreitag -- wieder seine Herde am Spitzberge hütete, sah er auf einmal auf einem nahen Felsblocke eine wunderschöne gelbe Blume stehen. Ei, dachte er, eine so schöne Blume habe ich in unseren Bergen und Thälern noch nicht gesehen! Ich werde sie pflücken und auf meinen Hut stecken, gewiß werden alle daheim die Schönheit der Blume bewundern. Gedacht, gethan. Kaum hatte er aber mit der Blume den Hut geschmückt, als unter einem fürchterlichen Knall sich der Berg aufthat. Der Hirt sah sofort eine weitgeöffnete Thür im Felsen, vor der ein kaum spannenhohes Männlein stand, das ihm zu folgen winkte. Obwohl er durch diese unerwarteten, wunderbaren Vorgänge für den Augenblick aus der Fassung gekommen war, nahm er doch allen Mut zusammen und schritt seinem Führer nach. Der Weg ging erst durch dunkle, dann magisch erleuchtete Gewölbe, deren Wände diamantartig glitzerten, bis beide endlich in einen überaus prachtvollen Saal gelangten, der mit den kostbarsten Schätzen aller Art angefüllt war, und in dessen Mitte sich eine weißgekleidete Jungfrau befand. Diese betrachtete den erstaunten Hirtenjungen mit freundlichen Blicken und hub dann lächelnd an: »Hier hast Du die feinsten und auserlesensten Speisen, genieße von ihnen! Wohin Du blickst, sind ganze Haufen von Gold, Perlen, Edelsteinen und köstlichen Gewanden aufgeschichtet. Nimm Dir davon, soviel Dein Herz begehrt; doch vergiß das Beste nicht!« Der Junge, durch die vernommenen Worte ermutigt, griff nach den besten Speisen und aß und trank, steckte sich hernach Hut und Taschen voll Gold und Edelsteine, und schickte sich zum Rückwege an. »Vergiß doch das Beste nicht!« rief lauter und ängstlicher zum zweitenmale die Jungfrau mit flehenden Gebärden. Der Hirtenjunge spähte umher und erblickte zu seiner Verwunderung eine Peitsche, welche vortrefflich zu seinem Geschäfte zu passen schien. Da dachte er: Du hast dir schon von allen Schätzen im Überfluß genommen; diese Peitsche da wird jedenfalls das Beste für dich sein! Mithin griff er ohne Bedenken nach der Peitsche. Da fing aber die Jungfrau bitterlich zu weinen und zu wehklagen an; ein plötzlicher Donnerschlag erschütterte den Saal so, daß der Boden unter den Füßen des Hirten wankte, der im Nu wieder auf der Oberfläche des Berges stand. Jetzt erst erinnerte er sich an seine Wunderblume. Mit Hast griff er an den Hut, um sie herabzunehmen, aber er bemerkte zu seinem größten Leidwesen, daß er sie unter den Schätzen im Felsensaale zurückgelassen habe. -- Mit den Worten: »Vergiß doch das Beste nicht!« hatte die Jungfrau die gelbe Blume, den Schlüssel zum verzauberten Schlosse gemeint. Hätte der Junge dieselbe nicht vergessen, so würde er nicht nur die Jungfrau von ihrem Zauber befreit, sondern auch den ganzen Schatz gehoben haben. Seit dieser Zeit hat niemand die Zauberblume, die alle tausend Jahre einmal zum Vorschein kommen soll, auf dem Spitzberge gefunden, in dessen Innerem auch der Schatz noch heute verborgen liegt. Der Hirtenjunge aber, der ein reicher Mann wurde, wäre zweifellos noch reicher und glücklicher geworden, wenn er nicht das Beste vergessen hätte.
Bereits in der Einleitung ist darauf hingewiesen worden, wie unter dem Hirten Donar und unter der den Zugang zu den goldenen Schätzen im Innern des Berges öffnenden Blume der Blitz zu verstehen sei. Die Wolke wird als Berg gedacht; aus ihr leuchtet nach dem Gewitter wieder die Sonne goldig hervor. Die Sonne ist der Schatz. Die Schafe oder Kühe, welche der Hirt hütet, sind ebenfalls Wolken; Donar ist der Wolkenhüter. Die den Schatz hütende weiße Jungfrau ist eine von den Wolkenfrauen, welche der Erde himmlische Milch, d. h. den Regen spendeten, aber auch in Bergen wohnten, da man sich, wie bereits bemerkt wurde, den Berg als Wolke dachte. (Mannhardt a. a. O. S. 204; Grohmann, Sagen aus Böhmen, I., S. 87.) -- Der gleiche Sagenstoff, allerdings mit mancherlei Modifikationen, aber immer als Darstellung von einem Hirten, welcher eine Blume findet, die der Schlüssel zu einem großen Schatze ist und mit dem Zurufe: »Vergiß das Beste nicht!«, als die Blume vergessen wurde, tritt uns in Überlieferungen aus dem Fichtelgebirge (Zapf a. a. O., S. 19 und 25), sowie besonders zahlreich im Thüringerwalde (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 125, 138, 173, 180, 276, Gräßler, Sagen aus Mansfeld, No. 20 und 211) und an noch vielen anderen Orten entgegen. Auch die Lausitz, sowie das Vogtland und der Harz besitzen Sagen von Wunderblumen, durch welche man verborgener Schätze teilhaftig werden kann; sie unterscheiden sich jedoch insofern von den vorigen, als hier nicht der warnende Zuruf ertönt, das Beste nicht zu vergessen.
Sagen von Schlössern, welche in die Erde versanken, weil ihre Insassen Raub und Mord und andere Greuelthaten verübten, erzählt der Volksmund auch in anderen Gegenden. So bezeichnet das sogenannte Silberloch bei Seesen im Harze die Stelle, wo gleiches geschah. Auch hier läßt sich zuweilen eine weißgekleidete Jungfrau mit einem Schlüsselbunde, welche die Sage als die mildthätige Tochter des Burgherrn bezeichnet, sehen, um, wie sie es im Leben gethan, auch ferner den Unglücklichen und Notleidenden beizustehen. (H. Heine, Sagen aus dem Harze, S. 10.)
345. Die Wunderblume des Grauensteins.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 70.)
Einmal weidete ein vierzehnjähriger Knabe am Fuße des Grauensteins bei Joachimsthal seine Herde. Da dieselbe ruhig graste, ließ er sich ins Gras nieder, vertiefte sich in den Inhalt eines Buches und gewahrte zu spät, daß sich das Vieh auf die Gebirge verstiegen hatte. So mußte er denn mit bangem Herzen von einem Berge zum andern steigen, bis er endlich die vollzählige Herde fand, die er auf die Wiese zurücktrieb. Aber ermüdet vom langen Suchen, versank der junge Hirt in einen tiefen Schlaf. Als er erwachte, schimmerte ihm eine so feuerrote Lilie entgegen, wie er noch keine auf allen seinen Wanderungen über Berg und Thal gesehen hatte. Alsogleich eilte er darauf zu, pflückte sie und steckte sie auf seinen Hut.
Und wie wunderbar! Kaum berührte er sein Haupt, so ward es plötzlich auf demselben lebendig. Voll Bestürzung nahm der Junge den Hut ab; er sah eine Otter darauf liegen und warf den Hut eiligst zu Boden, wo statt des zischenden Tieres ein goldener Schlüssel niederfiel, der aber in dem Augenblicke verschwand, als er ihn aufheben wollte. -- Es soll dies der Schlüssel zum Schatze in dem verzauberten Grauensteiner Schlosse gewesen sein, den bis auf den heutigen Tag noch niemand in Besitz genommen hat. Der Glückliche, dem er bestimmt ist, soll demnach noch kommen.
346. Die Wunderblume bei Blauenthal.
(Mitteilung des Lehrers E. Schlegel aus Zschorlau.)
Bei dem Orte Unter-Blauenthal findet sich eine jetzt durch Gesträuch fast völlig verwachsene Felsenschlucht und in dieser soll man einst ein eisernes Thor, welches eine Höhle verschloß, gesehen haben. Vor langer Zeit mähte in der Nähe dieser Höhle ein Einwohner des genannten Ortes Gras, und als er sich in der Mittagstunde unter einen schattigen Baum setzte, um seine Sense zu dengeln, stand auf einmal ein schwarzer Ritter vor ihm und zu seinen Füßen sah er aus dem kahlen Erdboden eine gelbe Blume hervorsprießen. Der Ritter aber sprach zu ihm, er solle diese Blume abpflücken, sie sei der Schlüssel zu der eisernen Pforte; damit solle er dieselbe öffnen und sich aus der Höhle so viel von den Schätzen mitnehmen, als ihm behage; »jedoch«, so setzte er hinzu, »laß mir die Blume nicht liegen, sonst bist Du verloren.« Der Mann that, wie ihm der Ritter geheißen hatte. Die Höhle, in welche er gelangte, war an den Wänden mit funkelnden Edelsteinen besetzt und auf dem Boden standen viel Kisten, aus denen ihm Gold und Silber entgegen glänzte. Plötzlich erweiterte sich der Raum zu einem großen Saale und an einer mit kostbaren Speisen und Getränken besetzten Tafel sah er den Ritter mit Gefolge wieder; die Speisenden wurden von Zwergen bedient. Da winkte der Ritter dem Manne, derselbe solle sich mit an die mit einem Trauerflor behangene Tafel setzen. Ängstlich setzte sich der Arbeiter nieder, aber bald bekam er wieder Mut. Nachdem er gegessen und getrunken hatte, steckte er sich auf Geheiß des schwarzen Ritters so viel von dem Golde und den Edelsteinen ein, als er fortbringen konnte. Da er wieder vor der Pforte stand, schloß sich dieselbe mit einem großen Knalle, der Felsen wankte und der Eingang war nicht mehr zu sehen. Erschrocken wollte der Mann nach seiner Blume greifen; doch er besaß sie nicht mehr, denn er hatte sie in der Höhle zurückgelassen, als er die Schätze zusammenraffte. Nach wenigen Tagen starb er; man fand ihn, das Gesicht nach dem Nacken umgedreht, und das Gold war auch verschwunden. Der Fels aber, in dem sich der Eingang zu der Höhle befunden haben soll, heißt heute der Teufelsfels.
347. Die Wünschelrute.
(Engelschall, Beschreibung der Exulanten- und Bergstadt Johanngeorgenstadt. Leipzig, 1723, S. 172--174.)
Die Wünschelrute, durch welche Klüfte und Gänge ausgegangen werden, wird abgeschnitten von allerlei Holz, auch zu allen Zeiten, doch so, daß sie zwei Zacken oder Zwiesel hat, und man selbige in beiden Händen zwischen den Daumen und geschlossenen Fingern halten kann. Ja man mag auch eine andere Materie dazu gebrauchen, als Messing, Eisen u. dgl. Es ist aber der Nutzen der Rute dieser, daß sie die in der Erden liegende Klüfte und Gänge andeutet, indem, wenn der Rutengeher an dergleichen Stätte kommt und die Rute aufwärts hält, sie sich gewaltig niederbeuget und sich zuweilen, wenn sie stark gehalten wird, fast entzwei windet, während die Rute da, wo man dem Gange nicht folgt, sondern ihn überschreitet, wieder grade über sich unbeweglich steht.
Die Rute schlägt aber außer auf Gänge und Klüfte auch auf andere Dinge. Es entwendete eine Magd ihrer Herrschaft unterschiedliches, worauf man endlich einen Rutengänger holte, um im Hause die Rute zu schlagen; dieselbe führte ihn zu der Lade der Magd, in welcher sich auch die gestohlenen Sachen vorfanden. Ferner wurde einem Hammerwerksbesitzer allerhand entwendet. Derselbe schrieb an seine Freundin, den Rutengänger holen zu lassen, damit dieser mit der Rute forsche, ob nicht die Mägde des Bestohlenen, und welche unter ihnen, den Diebstahl begangen hätten. Er schickte zu dem Ende deren Namen mit. Die Freundin legte beide Zettel mit den Namen auf den Tisch, aber die Rute wollte sich nicht bewegen. Da fiel es der Freundin ein, ob nicht der Junge des Hammerherrn, dem es dieser zwar gar nicht zutraute, den Diebstahl begangen habe. Sie schrieb also dessen Namen mit auf ein Papier, wickelte es zusammen und legte es heimlich mit auf den Tisch. Da fing die Rute an sich zu winden, und als die Zettel gesondert worden waren, schlug sie allezeit auf denjenigen, welcher mit des Jungen Namen beschrieben war. Der Hammerherr nahm darauf den Jungen vor und die entwendeten Sachen wurden von ihm wieder erlangt. -- In einem Zechenhause bei Johanngeorgenstadt wurden unterschiedliche Centner Kobalt entwendet, und weil einem frommen und christlichen Hammerwerksbesitzer, dem die Rute schlug, ein anderer Gewerke zuredete, zu versuchen, ob nicht die Rute den Dieb und dessen genommenen Weg anzeige, wollte dieser erst nicht darein willigen, in der Meinung, sie ziele nur auf Klüfte und Gänge. Er ließ sich aber doch bereden, nahm eine kleine Stufe Kobalt von dem Haufen weg, wovon ein Teil entwendet worden war, ging um das Zechenhaus, und als er an den erbrochenen Laden kam, schlug die Rute, führte ihn über die Wiese einen Berg hinauf und in einen Busch. Hier erblickte man frische Erde, und als diese hinweggeschafft worden war, fand sich eine Partie versteckter Kobalt. Darauf führte die Rute in einen zweiten und dritten Busch, so daß man wohl die Hälfte des gestohlenen Kobalts wieder bekam. Ja als sich einige Männer in der folgenden Nacht versteckten und die Diebe den Rest nachholen wollten, wurde einer davon ergriffen und nach Joachimsthal abgeliefert. -- Die Rute schlägt auch auf Rainsteine. Einem Rutengänger wurde sofort der Rainstein im Boden angezeigt, ungeachtet schon Bäumchen darüber gewachsen waren. -- Vielen Leuten schlägt die Rute gar nicht. Sie hat aber auch anderen von Kindheit an vortrefflich geschlagen; aber dieselben sind krank geworden oder gar ausgewachsen, und ob sie gleich wieder genesen, so hat ihnen doch die Rute keinen Zug mehr gethan.
Zu den in der Einleitung zu diesem Abschnitte über die vermeintlichen Wirkungen der Wünschelrute und deren Gebrauch vorangeschickten Bemerkungen möge noch folgendes beigefügt sein:
Man fand in früheren Jahrhunderten Analogien dazu in dem das Wasser aus einem Felsen schlagenden Stabe des Moses, in der blühenden Rute Aarons, durch welche dem Moses der zum Priestertum bestimmte Stamm der Israeliten angezeigt ward, in der Rute der Minerva, welche den alten Ulysses wieder jung machte, in derjenigen der Zauberin Circe, durch welche seine Gefährten verwandelt wurden und in dem Wunderstabe des Merkur, durch den Wachende in Schlaf fielen.
Als man statt wirklicher Ruten Metalldraht und andere metallene Gegenstände auf unterirdische Gänge und vergrabene Schätze verwandte, mochte man zunächst zur Herstellung solcher Instrumente Legierungen aus verschiedenen Metallen gebraucht haben, bis man später fand, daß auch gewöhnliches Messing genügte.
Ein frommer Prediger in Freiberg entdeckte z. B., wie eine alte Bergpredigt von Meltzer mitteilt, mittelst einer Lichtputze einen versteckten Groschen. An den beiden Enden der Rute wurde auch in einem seidenen oder tuchenen Fleckchen sogenannter Erdweihrauch, d. h. Harz aus Ameisenhaufen eingenäht. Man wollte ferner durch die Rute erfahren, ob Gold oder Silber und was für ein Erz, ob Rotgüldig- oder Glanzerz u. s. w. in der Erde liege, wenn man davon ein Stückchen zugleich mit der Rute in die Hand nähme. (Physikalische Belustigungen. Berlin, 1751. S. 116 etc.)
Sicher ist, daß sich der Glaube an die wunderbare Kraft der Wünschelrute noch bis in die Gegenwart erhalten hat, obschon der Freiberger Professor Johann Friedrich Wilhelm Charpentier sich bewogen fand, auf dem Titelkupfer seiner 1778 erschienenen »Mineralogischen Geographie der Chursächsischen Lande« das alte Vorurteil mit verbundenen Augen und fliehend, den aufgeklärten Genius aber die Wünschelrute zerbrechend darzustellen. ~Dr.~ Gustav E. Stein erzählt noch von einem Versuche, welcher anfangs der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts in Freiberg auf Veranlassung eines Markscheiders angestellt wurde. In scheinbar wissenschaftlicher Weise war dabei von seiten dieses Markscheiders in einer Abhandlung die Wirkung einer ganz metallenen oder auch hölzernen, jedoch mit einem dünnen Metallüberzuge versehenen Rute durch elektrische Ströme erklärt worden, und es sollten auch zur bessern Leitung dieser Ströme die Schuhsohlen des Rutengängers mit dünnen Metallplatten belegt sein. Selbstverständlich blieben die von dem Verfasser der erwähnten Abhandlung erwarteten Erfolge aus.
348. Die Wahlen oder Venetianer im Erzgebirge.
(Lehmann, Hist. Schauplatz etc., S. 197 etc. und 250. Schurig, Beiträge zur Geschichte des Bergbaues im sächs. Vogtlande, 1875, S. 36 etc. Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 256. ~Documenta~ oder alte Uhrkunden und Nachrichtigungen, wo hin und wieder im Römischen Reiche Gold- und Silber-Ertze, Goldkörner etc. zu finden sein sollen. Abteilung in ~Dr.~ David Kellner, ~Schola metallurgica~. Nordhausen, 1702. Fr. Bernau in der Comotovia, 4. Jahrgang, 1878, S. 108.)
Von meißnischen Goldseifen im Ober-Erzgebirge schreibt Mathesius, daß dieselben den Welschen und Fremden viel besser bekannt, als den Inwohnern selbst. Das Wasch- und ledig Gold, das in Flüssen und Forellenbächen wächst, wird oft von Felsen und Gängen abgerissen oder von Grus und Dammerde ausgewaschen und vom Gebirge erledigt; es ist das edelste und reinste Gold, dem Kronengolde gleich gehalten und ist ein Quentlein mit 38 Groschen bezahlt worden. Solche Goldkörner, Flietschen und »Flämmigen« sind an Farbe und Gestalt nicht einerlei, etliche sind rot wie rostig Eisen, andere grau, etliche rauh und blaufarbicht, etliche wie Pech, andere dunkel und durchsichtig wie die Granaten, etliche mild und mürbe, andere zerspringen im Schlag wie Glas, etliche sind viereckig, etliche groß wie die Erbsen und Bohnen, andere lassen sich »flötschen« wie Blei, und diese hält man für die besten. Solche Goldkörner, die sich flötschen lassen, hat man am Schallerberg um Lengefeld in Brunnen und Bächen gefunden. Alle Bächlein an der Zschopau, die vom roten Haus auf den Stolzenhain in das Grenzwasser am Weinberg (Weipert) fallen, haben gediegene schwarze Goldkörner bei sich geführet, und die, so sich darauf verstanden, in kurzem reich gemacht. Im Grenzwasser Pila (Pöhla) hat man ebenfalls gute Goldkörner gefunden, die sich auch flötschen lassen, desgleichen im Bächlein Conduppel schwarze Körner, die man auf dem Amboß breit schlagen konnte. Im Preßnitzer Wasser haben die Alten gut Gold gewaschen, und hinter dem Spitzberge über Jöhstadt hat der Bach viel und gute Silberkörner gegeben und heißt noch davon der Silberbach. In allen Bächen zwischen Wolkenstein und Annaberg, die in die Zschopau fallen, hat man Granaten gefunden, in Farbe schwarz, braun und rot, als der beste Zusatz zum Gold, außerdem Amethysten und Körner, dem Eisenstein gleich und so gut als Rheinisch Gold. In Forellenbächen um Marienberg, Fernrückertswald und Glashütte haben die Alten gediegene Goldflietschen klein und groß gewaschen, die sich auch fletschen lassen. Daher auch die Forellen, die in solchen Goldbächen wachsen, ~Auratae~ genannt, von Gold, nicht eben ab ~aureolis maculis~, daß sie goldfärbig wären, dieweil sie um Annaberg und Scheibenberg auch gemeiniglich mit schwarzen Sprenklein gefunden werden, sondern von goldführenden Bächlein, oder bei sich führendem Golde, wie andere wollen. Am Schwarzwasser und seinen Einfällen über und um Platten, Gottesgab und Breitenbrunn, in ihren Zinn-, Lauter- und Küheseifen von der Goldenen Höhe herein, werden noch bis jetzt Goldflietschen im Ausmagneten und Reinmachen des Zinnsteins in Federkielen gesammelt, und bisweilen feine Stüflein gediegenen Goldes gefunden, welche von Chymisten höher denn ander Gold gehalten werden. An der Schneeberger Mulde um Schneeberg, Auerbach, Dörrbach, Fletschmaul u. s. w. werden auch Goldflietschen gefunden, und bei Eibenstock hat in einer Seifen, der Goldbrunn genannt, ein Mann des Tages 1½ Pfund Goldkörner waschen können, davon ein Pfund 14 bis 18 fl. gegolten.
Dieser Goldreichtum war die Veranlassung, daß sich seit mehreren Jahrhunderten Ausländer einfanden, welche umher zogen und Gold in Flüssen und in der Erde aufsuchten, dasselbe mit sich nach Hause trugen, daselbst gut machten und sich dadurch großes Vermögen erwarben. Man nannte diese Leute Wahlen oder Venetianer, weil sie größtenteils aus Venedig her kamen; sie stammten aber auch aus Florenz, Veltlin, Wallis, Graubündten und aus Walheim bei Mecheln in den Niederlanden. So haben zu Gablenz im Schönburgischen an einem Orte im Oberdorfe Venediger alle Jahre Goldkörner »ausgeküttet«, und nach Auffindung der Bergwerke zu Annaberg sind die Wahlen auch dahin gekommen und haben das reichhaltige Erz geschmolzen und auf eine bessere Art gut gemacht, als die dasigen Bergleute konnten. Man kennt von solchen Wahlen u. A. folgende mit Namen. ~Dr.~ Markus und ~M.~ Hieronymus von Venedig und Piger, Antonius von Florenz, Bastian Dersto von Venedig, Matz Nic. Schlascau, Adam und George Bauch, Christoph und Hanß, Friedrich und Barthel ~Fratres~ und Moses Hojung von Venedig, die sich von 1400 bis 1608 im Gebirge aufgehalten haben oder an Flüssen ertappt worden sind. Übrigens scheinen diese Leute sehr oft von guter Herkunft gewesen zu sein. Wahlen werden nach der Überlieferung auch als Gründer des Bergbaus im Vogtlande bezeichnet.
Die Orte, an denen die Wahlen Gold oder Edelsteine gefunden, haben sie fleißig angemerkt und in Büchlein, sogenannte Wahlenbüchlein, eingetragen, wobei sie sich merkwürdigerweise der deutschen und nicht ihrer Landessprache bedienten. Zur Orientierung schnitten sie in Bäume oder meißelten sie in Felsen bestimmte Merkzeichen ein. Sie bedienten sich auch vieler abergläubischer Mittel; so z. B. haben sie zum Schmelzen, Rösten und zur Verwandlung der Metalle einzelne Kräuter gebraucht, wie das Mondkraut (~Lunaria~), bei Aufgang der Sonne im vollen Mond gepflückt, ferner Goldwurzel oder Martigen, Mondraute und Eisenkraut, auch Taubenkraut genannt. Sie sollen aber auch die Erze verthan oder verzaubert haben, damit sie niemand als sie finden könne. Sie sollen deshalb ein Stück Holz von einem Sarge genommen und an solche Orte, wo Körner, Erz oder sonst Metalle sind, oder in einen Baum in der Nähe eingeschlagen haben, und niemand habe sie dann ausfindig machen können, es sei denn, das Holz wäre verfault oder herausgefallen. Auch sollen sie Totenköpfe in die Brunnen und Erzgruben geworfen haben, die erst entfernt werden mußten, wenn man etwas finden wollte; ja zuweilen sollen sie einen bösen Geist dahin gebannt haben. Gleichwohl gab es auch wieder Mittel, um diesen Zauber aufzuheben; so wurde folgendes angegeben: »Kreuch dreymal rücklings vorne um das (verzauberte) Loch, wenn es nicht aufgethan, so ist's auf jener Seite verthan worden und so hast du es auf dieser Seite noch einmal verthan. So gehe und kreuch auf jener Seite sechsmal rücklings herum, so thust du jenes und deines auf, dann wirst du es recht finden, also kannst du auch alle anderen Sachen, die verthan sind, wieder aufmachen, sie mögen verzaubert sein, wie sie wollen.«
Jedenfalls sind die Wahlen bergverständige Leute gewesen und deshalb hat der Aberglaube sie zu Zauberern und Teufelsbannern gestempelt.
Einige Proben aus obengenannten Wahlenbüchern, soweit sie sich auf das Erzgebirge beziehen, mögen hier Platz finden.
»Im Tharandischen Walde liegen Erz- und Kupfergänge so reich an Gold und Silber, daß es nicht zu beschreiben. Wenn man von Höckendorf geht, darunter liegt ein Bergwerk, ist so reich an Silber, daß vor viel tausend Thaler daraus genommen worden. Nicht weit davon liegt der graue Stollen, da fließet die Weißeritz, über dem Wasser nach dem Tharandischen Walde, dem Berg hinauf liegt ein reiches Bergwerk, darinnen Rothgülden- und Glaserz am Bruche stehet, auch bereits das Wahrzeichen an einem Baume zu finden, eine spitze Keulhaue und unter dem Baume ein großer Stein, darauf drey Kreuze gehauen. Weiter hinauf in dem Walde wird man mehr Zeichen an Bäumen finden, und mitten durch die Bäume streichet ein sehr mächtiger Kupfergang einer Ellen breit, und liegt der ganze Mann da, nach dem Wasser der halbe Theil, der Arm nach Freiberg, und das ganze Corpus liegt nach dem Tharander Walde, wie die Zeichen vermelden.
Zu Höckendorf, wo das Silber-Bergwerk ist, welches aber durch Gottes Strafe wegen Übermuths überschwemmt ist, hat ein Bauer 1660 gediegen Silber ausgeackert.«
»Bei Dippolswald ist ein Dorff, das heist Rotenbach, davon eine Meile bricht guter gelber Kieß, der ist sehr gut.«
»Henichen (Hainichen) ein Städtlein 2 Meilen von Freyberg, darbey liegt ein Dorff, heist Machern, alldar ist ein Waschwerck von guten Körnern und Gold; liegt nicht weit von Ottendorff an der Waldeck, da man durch den Wald gehet.«
»Bey der Zella in dem Wald bey Sibeln (Siebenlehn) und Nossen an der Mulda gelegen, da liegt gut Ertz und ein guter blauer Schiefer.«
»Bey Frauenstein ist ein Fluß gelegen, 2 Meilen etwa von Soda (Sayda?), bey einem Gerichte, da findest du zween Wege, einen zur rechten, den andern zur linken Hand, da gehe den Rasenweg fort, derselbe führt dich an einen Steig, dem folge nach, so kömmst du an ein Wasser, die Grimnitz (Gimlitz?) genandt, gehe daran wohl hinauff und zwart zur rechten Seite desselben, so kömmst du an einen alten Graben, da vorzeiten eine Mühle gestanden, folge demselben abermahls nach, so kommest du an einen Fluß, darinnen Forellen sind, der führet Körner, die sind wie natürlich Gold, und hab ich Hieronymus Weigard Hauß und Hoff davon erbauet. ~NB.~ Wenn die Körner naß sind, sehen sie schwärtzlich aus. Gehe von dar weiter die Grimnitz hinabwerts, biß du zu einem Steige kommest, gehe aber nicht darüber, sondern den Weg, der da das Holtz herab gehet, so kömmest du wieder an einen Fluß, dem folge nach, so kommest du an ein Brüchig, wasche dar, so findest du schwartze Körner, die ich nicht genugsam verloben kan, ihres Nutzens wegen. Darnach gehe über die Grimnitz zurücke auff eine halbe Meile Wegs, da wirst du an einen großen Berg kommen, nahe bei einem Dorff, Liechtenberg genannt, da findest du gegen das Dorff am Berge weiße Letten, so sehr gut abzutreiben ist.«
»Bey Marienberg zwischen dem Olbernhause und Katternberg (Olbernhau und Katharinenberg) bricht ein spißiger Marcasith in einem schwartzen Schiefer.«
»Bey Zwickau liegt ein Dorff, heist Rotenbach, daselbst soll ein Bach seyn, welcher Gold und Silber-Granatenstein führet.
Item bey einem andern Dorff, so eine Meile von Zwickau lieget, Nahmens Hartmanns Grüen, findet man auch Körner, die sich fletschen lassen.
Item zur Neumarck anderthalb Meilweges von Zwickau ist ein gut Gold-Seiffen, und bricht auch Silber und Antimonium daherum.«
»Wenn du kommest gegen Dürresbach oder Auerbach, frage nach dem Fluß-Maul- oder Fletschmaul, darnach Eibenstock, allda frage nach dem Gold-Brunnen, darinnen sichere und suche, so findest du schwartze Körner, deren 1 Pfund 14 biß 18 fl. gilt. Diese Gelegenheit ist eine Meile vom Schneeberg, und kannst du in einem Tage 1 biß 2 Pfund waschen.«
»Hinder Otten im Voigtlande auf der Kuttenheide gehe zu oder vor St. Peters-Capell bei 2. Ackerlänge, gegen dem Großleinwerts, so kömmst du zu einen hohen Felsen, darbey ist nahe ein alter Glaß-Ofen, und hat vorzeiten eine Glaßhütte daselbst gestanden, da findest du ein weiß Wasser gegen dem schwartzen Berge zu, darinn sind gute Goldwasch-Körner enthalten, bißweilen als Erbsen oder Bohnen groß.
Willt du allda nicht waschen, so gehe wiederum hinab zum Hirschberge, da kommest du zu einen abgeschnittenen Baum, von diesem Baum gehe eine Ackerlänge, so kömmest du zu einer zwieselichten Gabel, daselbst lege dich nieder auf die Erde, und höre wo Wasser rauschet unter der Erden, räume das Mooß daselbst hinweg, so auff Holtz, gegen Mitternacht zu gelegt ist, so wirst du einen Ertzgang antreffen, welcher das herrlichste Gold führet.
Von dannen gehe weiter auff dem Rasen fort gegen Mittag vom Holtze an, da wirst du zu einen Brunnen kommen, in selbigen ist noch das schönste Gold enthalten. Von diesem Brünnlein gehe dem Wasser, das darauf entstehet, nach, so kommst du an ein Steingewölb, da warte auff.
Item Bey der Capellen unter den Fenstern gegen Mittage wirst du eine Hand in einen Baum geschnitten finden, die weiset dich nach der ziehnen Gabel, da kömmst du zu einen Brünnlein, woraus die Zwoyt (Zwota) entspringt; dem Fluß gehe nach zu der ziehnen Gabel, daselbst suche, so wirst du viel Gold finden.
Item Wenn du zur Kuttenheide, bey St. Peters Capell, bist, so frage nach St. Peters-Brunn, und gehe dem Flusse nach, biß er in einen andern Bach fällt, daran gehe förter und siehe dich um, so findest du ein Zeichen in einer Tanne und eines in einer Fichten, so nicht weit von einander stehen, dazwischen suche, da wirst du einen Schacht finden, der ist verdeckt; mache denselben auff, so findest du einen gelben Gang, von guten Gold-Ertz, davon das Pfund 10 fl. gilt.
Item, Auff der Kuttenheide frage nach Weyher, ist eine Meile davon ein Dorff, daselbst liegt eine Mühle, heist die Geigers-Mühle, am Bach, ein Armbrust-Schuß weit davon zur linken Hand ist ein Felsen, darinn bricht ein schöner Gold-Talck und sonst noch ein schwartz Ertz, das ist Marcasith.«
»Von Großlitz (Graslitz) aus gehe über eine Wiese am Wasser hinauf und siehe dich nach einer Buchen um, daran ein Kreutz gehauen ist, von derselben gehe einer Ackerlänge am Berge hinauff, so wirst du eine sehr große alte Fichten finden und nahe dabey einen alten Stollen, darinnen ist ein Gold-Ertz-Gang, dessen Pfund ist vor 14 fl. verkaufft worden.
Item. Wenn man von Großlitz aus der Holen geht, so kommt man zu einen Fohrenbach, der fleust Kreutz weiß über den Weg; daran gehe zur rechten Hand hinauff so lange biß an die Quelle desselben Baches, darauf er entstehet, die liegt auf einen hohen Berg, und wirft viel Sand aus, den sichere, so wirst du schwartze Körner finden, die viel Gold halten, davon das Pfund 15 fl. gilt.«
»Zu Schöneck frage nach der Helle und gehe von dar um St. Johannis Tag, bey St. Peters Capelle, der aufgehenden Morgen-Sonne gerad entgegen, biß zu Mittags 11 Uhr; so kommst du auf eine weite Heide, da eitel Birken stehen, davon gehe zwei Steinwürffe gegen Mittag zu, so kömmst du an ein Gemöß bey einem Wässerlein, räume das Gemöß hinweg und grabe daselbst ein, so wirst du einen großen Reichthum von Gold antreffen.
Item. Im Holenstein eine halbe Meile von Schöneck ist ein Stollen, darinnen bricht ein Quartz, so weiß Gold-Ertz hält.«
»Auffm Schneeberg frage nach dem Schloß Wiesenburg, dabey fleust ein Wasser hinweg, an diesem gehe aufwerts fort biß du kommst dem Schafstall gleich, daselbst stehet ein Teich, über diesem Teich suche in dem Wässerlein, so wirst du viel und gute reichhaltige Gold-Körner darinn finden, welche dir die Mühe wohl belohnen werden.«
»Eisenberg ist ein Schloß also genennet, laß dasselbe auff der linken Hand liegen und gehe gerichts nach demselben wohl hinauff, auff den Kamp, und gehe gegen der Sonnen-Auffgang, nach Brix zu, auf dem Kamp, dann gehe auff das Schadehauß, so nahe darbey liegt, wenn du darhinder kommst, so kehre dich um, und wende den Rücken nach der Sonnen-Auffgang, siehe von dar wieder auff oder nach den Kamp, so wirst du einen Rasenweg, auff St. Katharinberg zu, erblicken, dann gehe einen guten Armbrust-Schuß weit, nach dem Kamp zu, hinein, da wirst du einen Steinfelß finden, dem stelle dich zur rechten Hand, gegen das schlimme Thal nach dem Schadeberge zu, und gehe daselbst im Thal nach 2 Hügeln gerade fort, so wirst du in einer Tannen eine Hand eingeschnitten finden, von derselben kömmst du zu einem Wasser, das zwischen dem Schottenberg hinfleust, da kannst du viel Gold waschen.«
»Wenn man von Brix auff Seida gehet, in dem Wald fleust ein Wasser, darinn sind gute Körner.«
»Zwischen Krohenzahl (Cranzahl) und Breßnitz fleuset ein Wasser, darüber gehet ein Brücklein und nicht weit davon stehet ein großer Baum mit einem krummen Ast, als ein Arm, da findet man schwartze Körner, die man auff einen Amboß breit schlagen kann.«
»Bei Kupferberg liegt ein Dörfflein, heist zum Holitsch an einem Berge bei dem Halß-Gericht, daselbst findet man je zuweilen auch gediegene Gold-Körner.«
»Auff Satzunge gegen Konnetur (Komotau?) nicht weit von einem Wege, da stehet eine Stein-Tanne, auf welcher Wurtzel ein Zeichen eingeschnitten ist. Nicht weit davon soll ein Wässerlein fließen, und um die Tanne ist eine Grube, in welcher ein schöner Goldhaltiger ~Marcasith~ bricht.«
»Schlackenwerth oder Schlackenwerda. Frage hiervon nach der Eger in die Nössel; wohl hinden am Steige findest du ein Loch in dem schwartzen Brand, kreich darein, so wirst du viel Gutes antreffen.«
»Hawenstein (Hauenstein) liegt eine Meilwegs von Schlackenwalda, von Hawenstein gehe in das Gründlein unter die Fichten, da der gestümmelte Baum stehet, allwo der liebe Gott dran hengt, und von dar weiter zu einen Felsen, etwa einer Ackerlänge vom alten Hammer-Graben, da ist ein Loch inne, worinnen viel weiß Gold enthalten ist, welches nach der ~Cementation~ dem Arabischen und Ungarischen gleich ist. ~NB~. Lieget nach dem Fichtelberge zu.«
»Von dem Hauenstein, da man in den Stollen gehet, fleust ein Wasser herab in die Eger an den Jungfer-Stein, dasselbe Wasser hat gute Körner, so viel Gold halten, das ist das reichste Seiffenwerk im ganzen Böhmerland. Diese Körner sind schwärtzlich und gediegen.«
»Im Walde bei Hasenstein (Hassenstein) unter einer Tannen, so gezeichnet ist, stehet ein Gang Spannen breit oder mächtig, welcher eine große Feste neben sich hat, darinnen ist ein sprenglichter Kieß, hält 12 Loth.«
»Item. Von dem Hasenstein frage und gehe nach einem Dorff, heist Brunnersdorff, gehe von dar ferner oben bey dem Dorff und der Mühlen hinaus, und frage nach einem Dorff, heist Wernersdorff, so nicht weit davon ist, alldar gehe auch oben die Straß nach dem Klösterlein, so kömmst du zu einem Dorff, ehe du in das Städtlein kommst, heist Zirnabis, und an der Straßen vordem Dorff findet man Amethisten am Wege und Äckern. Zur rechten Hand nach dem Gebirge, etwa einen Armbrust-Schuß dem Berg hinan, da ist ein Loch, kreich darein, so findest du einen Gang voller Amethisten.«
»Hagensdorff liegt nicht weit von Hasenstein, oder Hasendorff und Bleißdorff, bey diesem Hagensdorff hat vor Zeiten ein Kloster gestanden, wie noch zu sehen ist, darzu gehe, so findest du ein Berglein wie eine Mauer, darunter ist ein Stollen, in welchem man viel Granaten findet, ja! wenn man suchet, auch auff den Äckern daherum. Desgleichen auch auff dem Hasenstein im Eichwald, über dem alten Kloster. Item zum Hauenstein bey der Hauß-Mühlen ist ein schöner Goldgang.«
»Item. Bey Zirnisch ist ein Gründlein auff der rechten Hand, das heist die Schona, ist ein Wasser, darinnen hat ein Hirte geseiffet oder gewaschen und viel Gold funden, daher er sehr reich worden, und seinen Hirtenstand verändert; Massen er seine Güther an einem ihme gefälligen Orthe erkaufft und sich sehr wohl eingesetzt hat.«
»Item. Von den Caden an der Eger hinauff fleust ein Wässerlein, welches von Hauenstein in die Eger fleust, darinn findet man in weißen Quärtzlein gediegen Gold, und ist der reichsten Seiffenwerken eines in gantz Böhmen-Land. Dergleichen Quärtze und Gold-Körner findet man der Orthen herum fast viel in den sandigten Flüssen und Wasser.«
»Item bey Caden im Steinbruch stehet ein Letten eines Fingers breit, dessen Centner hält 14 Loth Silber.«
»Item Bey den vierzehn Nothhelffern nach dem Klösterlein über der Steinern Brücken, jenseits des Spitzberges in der Silberbach, hat ein Hirte in einem Tage, nebst seiner Huth- und Weide-Verrichtung, ein Loth Gold gewaschen, an Körnern, die er vor Gold nur angesehen und erkennet hat, die andern hat er ohnerkandt weggeworffen.«
»Zur Hohen Tanne am Galgenberg, bey der Silberbach, da die zwey Flüßlein einen Steinwurff weit herabfließen, findest du einen alten Stumpff von einer abgehauenen Birken, in welchen ein Bilgrams-Stab geschnitten ist mit einem Sack. Zwischen dem Stumpff und Bach findest du eine Hurt, die hebe auff, darunter ist ein Loch in Stein gearbeitet, in welchem ein Gang einer Ellen breit des herrlichsten Gold-Ertzes ist. Kanst du die Hurt nicht flugs finden, so rumpele oder stöhre mit den Füßen oder Stock zu rings umher, biß du es hörest dummeln, allda wirst du viel Gold finden.«
* * * * *
In der Umgegend von Elbogen erzählt man, daß alte Leute noch im vorigen Jahrhunderte Goldsucher aus Welschland angetroffen hätten, welche mittelst Wünschelrute und Haue den unterirdischen Schätzen nachspürten. Besonders geschah dies am sagenreichen Krudimberge. Doch hat man sie niemals bei ihrer Arbeit, sondern stets vor und nach derselben gesehen. Bei dem Dorfe Steinmeißl bei Elbogen sahen Waldarbeiter aus den »Grundhöhlen« durch eine Art Rauchfang Rauch aufsteigen; doch nie konnten die Leute entdecken, wer das Feuer angemacht. Man meinte, daß es Venediger gewesen, die hier und im Hans-Heilingsthale Erze suchten. Der Wald bei dem Hornesbauerhofe war einst für Venediger ein wichtiger Fundort von Erzen. Besonders sollen sie in einer Höhle an der Morgenseite der Felsen ihr geheimnisvolles Werk getrieben haben. Es ist das eine Höhle, welche sich, wie die Sage berichtet, am Karfreitage öffnet, so daß man in die Felsen hineingehen und Schätze heben kann. --
In Platz wird erzählt, daß ein Italiener (Venediger) namens Antonio Stoll hier auf Silber einschlug und wirklich in zwei Bergwerken Silber fand, von dem er auch an die Regierung abgeliefert hat. Die Zeit, wann dies geschah, ist unbekannt.
In den Vorbemerkungen zu diesem Abschnitte unserer Sagen wurde bereits darauf hingewiesen, daß sich die Überlieferungen von Gold suchenden Venetianern außer im Erzgebirge auch in anderen deutschen Gebirgen vorfinden. Das Volk verlegt ihre Heimat fast durchgängig nach Venedig, wo sie prachtvolle Paläste besitzen und von wo sie in gewissen Zeiträumen wiederholt kommen, um die deutschen Gebirge zu durchstreifen.
Im ~Zlatorog~ von Rudolf Baumbach wird ihr Treiben folgendermaßen geschildert:
Der alte Jaka lacht ganz eigentümlich, Wenn Venetianer kommen in das Thal. Er weiß recht wohl, warum die klugen Wälschen Verlassen ihre schönen Marmorhäuser Alljährlich, um die Berge zu durchstreifen. (Er spricht:) -- -- -- Was --, frag' ich, treiben Die Venetianer denn bis in den Spätherbst? Warum denn kriechen sie durch alle Schluchten Der Berge mit dem Hammer und dem Gürtel? Warum denn schleichen sie durch alle Bäche Gleichwie die Otter, der verschmitzte Fischdieb? Warum sie's thun? Sie suchen Gold und finden's, Denn Gold in Menge liegt in unsern Bergen, Nur weiß es nicht ein jeder aufzuspüren So gut wie jene klugen Venetianer. Sie wühlen aus der Erde und sie schmelzen Aus Kieselstein und waschen aus dem Bachsand Das gelbe Gold und schleppen's in die Heimat.
349. Die Goldstampe am Borlasbache.
(Ludwig Lamer im Glückauf 1882, S. 105.)
Wenn man vom Weißeritzwehre an der großen Rabenauer Mühle den Fluß aufwärts geht, gelangt man bald an ein munteres Bächlein, das von Borlas herabkommt und sich in die Weißeritz ergießt, und abermals wenige Schritte flußaufwärts steht ein großer Felskegel künstlich abgetrennt von seinem Mutterfelsen, um der Eisenbahn einen Durchgang zu schaffen.
An der Spitze des Kegels kann man bei aufmerksamer Beobachtung den Rest einer Aushöhlung erkennen, die nicht das Werk der Natur, sondern fleißiger Hände ist.
Vor viel hundert Jahren kamen in Zwischenräumen, wenn die Goldkörner in der nahen Weißeritz reif geworden, Wahlen aus dem fernen Wälschlande, deren Zunge man nicht verstand und die sich nur notdürftig verständlich machen konnten, und schafften den Sand aus dem am Fuße des Felsens befindlichen Weißeritzheger hinauf auf diesen Felsen und stampften ihn in diesem Loche mit Wasser, bis die Goldkörner sich vom Sande sonderten und von ihnen ausgelesen werden konnten.
So hatte sich nach und nach ein Loch gestampft, in dem ein Mann wohl bis an den Gürtel stehen konnte, und noch jetzt zeugen die einzigen zwei Seitenwände, die von der Goldstampe übrig geblieben sind, von der rührigen Arbeit der Wahlen.
Und auch jetzt noch führt die Weißeritz Goldkörner an dieser Stelle, sie sehen aber dem Sande gleich aus, denn sie sind noch nicht reif.
350. Die Venediger auf dem Spitzberge bei Preßnitz.
(Heger und Lienert, Ortskunde von Schmiedeberg, S. 62.)
Der ehemals so ergiebige Bergbau auf edle Erze lockte Bergleute aus weiter Ferne, darunter auch aus dem Venetianischen, sogenannte Venediger, ins Erzgebirge. Einer derselben kam Sommer für Sommer auf den Spitzberg bei Preßnitz. Man wußte lange nicht, was er hier wollte und er selbst sagte niemandem ein Sterbenswörtchen davon. Endlich aber ward er doch einmal beobachtet, wie er andächtig kniend zum Himmel betete und sodann aus einer vorüberrieselnden Quelle viele funkelnde Goldkörner in seinen Spitzhut raffte. Nachher sah man den Venediger nie wieder, sei es, daß er sein Glück wo anders versuchte, sei es, daß er, der Schätze schon genug besitzend, für immer in seine Heimat gezogen war.
351. Das Lamm aus Goldkörnern der Müglitz.
(Brandner, Lauenstein, seine Vorzeit etc. 1845, S. 324--26.)
Im Dorfe Fürstenwalde lebte in früherer Zeit ein Häusler, namens Bär, bei welchem seit vielen Jahren ein schlichter Fremder, angeblich ein Italiener, alljährlich einkehrte, sich mehrere Wochen daselbst aufhielt, und die dasige Gegend bloß deshalb besuchte, um in dem Flußbette der Müglitz Goldkörner und edle Steine zu suchen. Erstere soll er in der Gegend vom Kratzhammer abwärts bis an das sogenannte Löwenbrückchen, letztere hingegen außer in der Müglitz auch im Schlotteritzer Grunde gefunden haben. Seine Bemühungen wurden jedesmal mit dem besten Erfolge gekrönt, und er lohnte daher seinem Wirte Kost und Herberge zur völligen Zufriedenheit. Nach mehr als zwanzigmaligem Wiederkehren eröffnete der Fremde endlich seinem Wirte, daß er nun nicht mehr nach Sachsen kommen, sondern seine Reisen einstellen werde, und bat ihn zugleich, ihn einmal in seiner Heimat zu besuchen, wozu er, der Fremde, die nötigen Anstalten schon treffen wolle. Bär sagte zu. Nach länger als Jahresfrist erhält nun Bär von seinem frühern Gaste die Nachricht, daß er kommen solle, daß er nur bis Teplitz zu gehen und dort auf der Post sich zu melden brauche, indem das Übrige wegen seines Fortkommens und seiner Beköstigung schon besorgt sei. Halbgezwungen macht sich also Bär auf den Weg, findet alles so, wie die Nachricht es ihm gemeldet, und langt wohlbehalten in der ihm beschriebenen Stadt an. Hier geht nun Bär, die Adresse seines Freundes, welche den Namen der Gasse und die Nummer des Hauses enthielt, in der Hand, im schlichten ländlichen Anzuge die Gassen mehrmals auf und ab, ohne das Ziel seiner Reise gefunden zu haben, da er der dortigen Sprache nicht kundig ist und mithin auch sich niemandem mitteilen kann. Nach langem Suchen findet er endlich das mit der ihm angegebenen Nummer bezeichnete Haus, jedoch weit größer und prächtiger, als er sich das Haus seines Freundes gedacht. Er tritt aber demohngeachtet in dasselbe ein, um sich nach dem Namen des Besitzers zu erkundigen, wird aber von einem prachtvoll gekleideten Bedienten, der ihn für einen gewöhnlichen Bettler hält und dessen Sprache er nicht versteht, mit Gewalt wieder zum Hause hinausgebracht. In dieser Bedrängnis ruft ihm eine Stimme aus dem Hause zu: »Vater Bär, bist Du's?« und gleich darauf erscheint zu Bärs großer Freude sein Freund, um ihn bei sich einzuführen. Bär, ganz erstaunt über die große Pracht, welche ihn auf einmal umgiebt, verlebte mehrere Tage in seliger Trunkenheit. Sein Freund bot alles auf, ihm den Aufenthalt so viel wie möglich zu verschönern, und als Bär sich endlich zur Rückreise anschickte, führte ihn sein Freund noch in ein Kabinet, welches seine Schätze enthielt. Hier bat er ihn, unter mehreren dort aufgestellten, aus dem reinsten Gold gegossenen Figuren sich als Andenken eine mitzunehmen, da sie aus den Goldkörnern seien, welche er in Bärs Heimat gesammelt habe. Bär wählte nach langem Zaudern ein goldenes Lamm, und langte damit, sowie mit einer kleinen Summe Geldes, welche ihm sein Freund noch aufgedrungen, glücklich in seiner Heimat wieder an. Die Kunde von dem goldenen Lamme verbreitete sich bald in der Umgegend und kam endlich auch vor den Besitzer von Lauenstein, der am sächsischen Hofe eine Stelle bekleidete. Auf seine Veranlassung brachte Bär sein goldenes Lamm diesem aufs Schloß Lauenstein, und der Herr fand solches so kunst- und wertvoll, daß er den Vorschlag that, dieses Lamm dem Kurfürsten zu zeigen. Auch dieser fand großen Gefallen an dem goldenen Lamme und suchte Bären endlich dahin zu bestimmen, daß er dasselbe gegen eine ihm zugesicherte lebenslängliche Rente dem Fürsten überließ. Das goldne Lamm soll sich noch heute im Königlichen Kunstkabinet zu Dresden befinden; aber auch Bärs Nachkommen leben heute noch im Dorfe Fürstenwalde.
Eine thüringische Sage erzählt, wie einst ein Hirte von einem Venetianer, welcher ihm die Schätze im großen Wartberge zeigte, nachdem er die Schlangenkönigin getötet und ihre Krone an sich genommen hatte, ein Wunschtüchlein und die Einladung erhielt, ihn einmal in Venedig zu besuchen. Wirklich wünschte sich der Hirte einst zu dem Venetianer hin und plötzlich schwebte er über den Türmen Venedigs und fand seinen Bekannten in einem schönen Palaste. Er wurde gut aufgenommen und beim Abschiede mit einer kleinen Kutsche und 6 Pferden von gediegenem Golde beschenkt. Dies Geschenk hat der Hirte und seine Familie lange aufbewahrt; später ist es in die Kunstkammer zu Gotha gekommen. (Richter, Deutscher Sagenschatz, II. No. 50.)
Ebenso erzählt eine fichtelgebirgische Sage, daß ein Mann aus Wilfersdorf einen Goldsucher, den er in seinem Hause beherbergt hatte, in dessen Heimat Venedig besuchte und dort gut aufgenommen und reichlich beschenkt wurde. (Zapf, Der Sagenkreis des Fichtelgebirges, S. 102.)
352. Das alte Schloß bei Schmiedeberg.
(Heger und Lienert, Ortskunde von Schmiedeberg i. B., S. 62.)
Unterhalb des Ortes Schmiedeberg, auf Pleiler Gemeindegebiet, befindet sich ein großer Schlackenhaufen, welcher das alte Schloß genannt wird. Zweifellos ist dies eine uralte Ansiedelungstätte des Schwarzwasserthales, die aus einem großen Eisenschmelzfeuer mit Hammerwerk bestanden haben mag. Mancherlei Sagen knüpfen sich an diese öde Schlackenhalde. Unter andern soll hier auch ein Schatz, ein kupferner Kessel mit Silber gefüllt, vergraben liegen. Oft schon haben Geldgierige am Palmsonntage oder in den Tagen der Karwoche, doch immer vergebens, darnach gesucht. Um den Schatz zu heben ist eine gute Wünschelrute von nöten.
Einst fischten beim alten Schloß einige Knaben im Schwarzwasser. Einer derselben, der sich von seinen Kameraden zufällig entfernt hatte, findet auf einmal eine große, thorähnliche Öffnung im Berge, geht dreist in die sich mehr und mehr erweiternde Höhle hinein und kann sich vor Staunen kaum fassen, denn eine solche Pracht haben seine hellen Augen noch nicht gesehen. Rings krystallene Wände, daran in Regenbogenfarben glitzernde Edelsteine und funkelnde Erze und in der Ferne ein wunderbar strahlendes Licht. Von diesem zauberhaft übergossen aber standen im Hintergrunde große Krystallvasen, gefüllt mit eitel gediegen Gold und Silber. Lange stand der Knabe, versunken in diesen herrlichen Anblick. Da plötzlich erinnert er sich seiner Genossen; auch sie sollen dies alles sehen, denkt er und eilt hinweg, sie zu verständigen. Allein da die Knaben alle kamen, konnten sie trotz des eifrigsten Suchens die Wunderhöhle nicht mehr finden. Der Berg hatte sich geschlossen und zeigte wieder sein gewöhnliches Aussehen. Alle Jahre aber, am Karfreitag Punkt 3 Uhr soll er, wie man erzählt, eine Zeit lang geöffnet und samt all seinen Schätzen für jedermann zugänglich sein.
353. Ein Geyersdorfer Bauer findet reiche Erzgänge.
(Joh. Falke, Geschichte der Bergstadt Geyer. Dresden, 1866. S. 84.)
Vor etwa 60 Jahren ist noch an dem hintern Teile der Kirche zu Geyer auf der Südseite ein gemaltes Fenster zu sehen gewesen, das einen buntfarbigen Bauer von ½ Elle Höhe mit zwei Dreschflegeln darstellte. Dieser Bauer war der Sage nach aus Geyersdorf, das vor Annabergs Erbauung nach Geyer eingepfarrt gewesen sein soll, und derselbe ließ den hintern Teil der Kirche auf seine Kosten bauen. Unter diesem Fenster war ein Gemälde auf Leinwand mit einem Bauer in größerer Figur, zu dessen Füßen ein Leichenstein. Nach der Sage soll jener Bauer auf dem Rückwege von Geyer nach Geyersdorf, von der Nacht oder einem Schneegestöber überrascht, seine Zuflucht auf einem Baume genommen und dort geträumt haben, unter diesem Baume seien Erzgänge. Er suchte und fand so reiche Erze, daß er durch den nun begonnenen Bau in kurzem zum reichen Manne wurde und aus Dankbarkeit diesen Teil der Kirche bauen ließ. Auf dem Gemälde war er abgebildet, wie er im Begriff stand, mit einer lang gespitzten Keilhaue einzuschlagen.
354. Glockengeläute verkündet neue Anbrüche.
(Engelschall, Beschreibung der Exulanten- und Bergstadt Johanngeorgenstadt. Leipzig, 1723, S. 28.)
Im Jahre 1713 soll in der Nähe von Johanngeorgenstadt bei einem Vogelherde, an welcher Stelle man hierauf das Bergwerk »Glockenklang und Vogelgesang« erschürfte, drei Tage nach einander von früh bis gegen Mittag Geläute gehört worden sein, was von etlichen Personen gewissenhaft an Eidesstatt ausgesagt wurde. Wie nun die Gründung der Stadt Johanngeorgenstadt durch Glockengeläute angezeigt wurde, so deutete man auch jenes Läuten als ein Anzeichen für die Erweiterung des Bergbaus in dortiger Gegend.
355. Prophezeiung von reichen Erzen am Pöhlberge und Bärenstein.
(Richter, Umständliche Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. Annaberg, 1746. S. 6.)
Anno 1471 hat Peter Rosenkranz, ein Mönch im Kloster Grünhain, dem Herrn Abt von vielen und mancherlei Sachen gesagt, auch wie ein Bergwerk am Bärenstein aufkommen würde; dasselbe würde einen langen Bestand haben und viel Ausbeute geben. Denn es läge ein ganzer Stock Erz davor hinter dem Stein, hinab gegen das Wasser zu, ein Gang eines Wagens breit im Streichen, gegen halb Mittag und halb Abend, führte solch großes Erz, daß er nicht auszusagen wüßte. Und wenn es die Zeit geben würde, daß es sollte aufkommen und offenbar werden, so würde eine Zeche an der andern stehen, bis über die Waschleite hinauf, und wer nur einen Kux davon hätte, da würde er und seine Kinder und Kindeskinder Nahrung davon haben. Auch würde ein Bergwerk aufkommen zwischen dem Pöhlberg und Bärenstein, das würde einen guten Bestand haben und viele Ausbeute geben, und eine schöne Stadt dahin gebauet werden. Aber dieses Bergwerk wäre nur eine Ader vom Bärenstein. Und es läge auch auf den Raschauer Gütern viel Eisenstein, welcher auch bald gefunden, und gar gut Eisen daraus gemacht worden. Aber die Zeit wäre noch nicht vorhanden, daß der Bärenstein aufkommen sollte, denn es würde durch einen Aufruhr das Kloster ganz zerstöret werden, und kein Mönch darinnen sein, ja es würde so zerstöret werden, daß das Erdbeerkräutig auf denen Mauern und die Bäume über die Mauern hinauswachsen und gar miteinander an die Fürsten von Sachsen kommen würde.
Dasselbe prophezeiten später mit denselben Worten drei fahrende Schüler, die den Abt von Grünhain Johann Gottfried Küttner um Herberge und Beförderung angesprochen. Auf ihre Rede hat der Abt eine Hirsch- und Bärenjagd am Bärenstein angestellt und die drei fahrenden Schüler mit hinüber geschickt. Als man sie an Ort und Stelle fragte, welche Zeit und Jahr es sollte offenbar werden, sind sie ein wenig von dannen und unter einen Ulmenbaum getreten, und haben miteinander geredet und gesagt: Ungefähr 50 Jahre nach dem Bauerkrieg und Aufruhr würde das Kloster so wüste werden, daß das Erdbeerkräutig auf den Mauern wachsen würde, und werden die Bergstädte teils zu Grunde gehen, alsdann wird der Bärenstein angehen und aufgenommen, allein man müßte mit dem Stollen die Gänge überfahren.
356. Johannes Niavis prophezeit den reichen Bergsegen von Joachimsthal.
(Nach Ed. Wenisch in der Erzgebirgs-Zeitung, 4. Jahrgang 2. und 3. Heft.)
Die Gegend, wo jetzt Mariasorg liegt, war bis zum Anfange des 16. Jahrhunderts eine mit Wald bedeckte Einöde. Hier wohnte damals in einer einfachen Klause »um Sanct Albrecht unten am Wolfsberg, wo der Schwarzgang hinabstreicht,« der fromme Einsiedler Johannes Niavis (Schneevogel). Seine Andacht verrichtete er in einer kleinen Kapelle, an deren Stelle sich heute die Mariasorger Kirche befindet. Dieser Johannes Niavis hat samt der alten Gräfin Kaspar Schlick deutlich von dem Thal, da jetzt die Stadt Joachimsthal liegt, geweissagt, daß allhie ein großes Gut liege und eine mächtige Stadt hierher solle erbauet werden. Es werde zwar das Bergwerk in sehr großen Abfall geraten, aber doch hernach wieder florieren und in größere Aufnahmen kommen, als es je gewesen.
Diese Prophezeiung gab Veranlassung, daß im Jahre 1515 Graf Stephan Schlick, Graf Alexander von Leisnick, Wolf von Schönberg und Hans Tommeshirn sich zu der ersten Gewerkschaft vereinigten, die alte Fundgrube am Schottenberge wieder belegten und so »mit Gewalt das Bergwerk aufbrachten.«
Die Kapelle des Einsiedlers Niavis war bei Einbürgerung der lutherischen Lehre in Joachimsthal zerstört worden, und als man 1691, da das Bergwerk infolge des dreißigjährigen Krieges und der Gegenreformation in Verfall gekommen war, an dem Platze, wo sie gestanden hatte, ein Kirchlein erbauen, und den sogenannten schwarzen Gang entblößen wollte, fand man endlich einen Stein mit einem eingehauenen Kreuze. Die Stelle, wo er lag, sollte der gesuchte Platz sein. Hier wurde nun die Mariasorger Kirche gebaut, über deren Thüre man jenen noch heute daselbst zu sehenden Stein einmauerte. Die Einweihung erfolgte 1699. Der Ort selbst erhielt nach einem wunderthätigen Marienbilde, das in der Kirche aufgestellt wurde und viel Wallfahrer anzog, den Namen Mariasorg. Später wurde an die Kirche das Kloster mit einer besondern Ordenskirche angebaut und im Jahre 1765 vollendet. In der darauf bezüglichen, von der Kaiserin Maria Theresia unter dem 16. November 1752 ausgestellten Urkunde heißt es unter anderem, daß dies auch geschähe »aus dankmütiger Erkenntlichkeit für den bisher von Gott verliehenen und ferners zu erbittenden Berg-Segen.« So war die Prophezeiung des Einsiedlers Johannes Niavis nicht nur die Veranlassung zur Gründung der Bergstadt Joachimsthal, sondern auch zu derjenigen der Kirche und des Klosters zu Mariasorg.
357. Anfang des Bergwerks St. Briccius am Pöhlberge.
(Richter, Umständliche Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. Annaberg, 1746, S. 11--13.)
1. Es soll ein Bergmann des Nachts im Traum eine göttliche Erscheinung gehabt haben; dem habe geträumt, es komme ein Engel zu ihm, der sagte, er solle in den Wald zu einem gewissen Baume gehen, den ihm auch der Engel im Traum bezeichnet, da würde er ein Nest mit goldenen Eiern finden. Darauf sei der Bergmann, als es Tag geworden, aufgestanden und habe den ihm im Traume gezeigten Baum gesucht und auch gefunden. Als er nun vermittelst einer Fahrt auf solchen Baum gestiegen, so habe er das Nest mit den güldenen Eiern zwar gesucht, aber nichts angetroffen. Da er wieder herunter gestiegen, sei der im Traum ihm vorher erschienene Engel alsbald zu ihm gekommen und habe ihm befohlen, er solle bei diesem Baum einschlagen, so würde er das Nest mit denen güldenen Eiern antreffen. Als der Bergmann diesem Befehle des Engels gefolgt und zu schürfen angefangen, so habe er auch wirklich einen reichen Silbergang entblößet, darauf alsdann der Bergbau allhier angegangen. Es ist diese Geschichte in der Hauptkirche zu St. Annaberg an dem hintern Teile des kleinen Altars, welchen die Knappschaft 1521 erbauen ließ, abgebildet. Auch lieget in der alten Sakristei der Hauptkirche ein großer runder Stein, auf welchem dieselbe Geschichte ausgehauen steht.
2. ~Dr.~ Barth, welcher 1584 als Professor in Leipzig starb, erzählt dagegen: Einem Bergmanne, mit Namen Daniel, habe geträumt, er sollte in den finstern Wald gehen, da würde das Feuer vom Himmel fallen, dem sollte er alsbald nachgehen und an dem Orte suchen, so würde er daselbst in der Erde einen großen Schatz finden, davon er sich unterhalten und in seiner Armut leben könnte. Sobald es nun Tag geworden, wäre der Bergmann aufgestanden, hätte Gott im Gebete angerufen, daß er ihm gnädig sein und den Traum erfüllen wolle. Hernach wäre er in den Wald gegangen, hätte den ganzen Wald durchsucht, bald auf die Erde, bald gen Himmel gesehen und nicht ohne große Hoffnung zu Gott gebetet, um das ihm im Traume versprochene Feuer sehen zu lassen. Wider Vermuten wäre hernach ein Gewitter am Himmel aufgestiegen, daß es mit einem starken Donner in den Wald geschlagen. Da wäre dann der Bergmann geschwind gegangen und hätte alles durchsuchet, um zu sehen, wo es hingeschlagen. Da er den Ort gefunden, habe er alsbald die Wünschelrute genommen und sie feste in die Höhe gehalten, die Rute hätte sich aber in der Hand so sehr gewendet, daß er solche fast nicht erhalten können, und also gezeiget, daß der Schatz des Silbers hier an diesem Orte in der Erde verborgen liege. Hierauf habe der Bergmann nachgegraben und auch wirklich einen reichen Gang entdeckt. Dieser glückliche Finder wäre hernach zu den Bauersleuten gegangen, hätte ihnen sein Glück angezeigt, viele von denselben zu Gehülfen in seiner Arbeit genommen und dieselben seines Schatzes teilhaftig gemacht, worauf sie dann viele Erze gewonnen und schmelzen lassen. Da sich nun der Ruf davon allenthalben ausgebreitet, so wären von allen Orten und Enden viele Fremde hierher gekommen, das neu von Gott bescherte Glück zu sehen; viele hätten auch hernach unten gegen Abend, wo der Berg abfällt, noch viele andere reiche Gänge durch die Rutengänger entdecket, und auf solche Art wäre also zuerst durch die Gnade des großen Gottes das Bergwerk daselbst entdecket worden.
358. Die Entstehung Annabergs.
(I. Mündlich. II. Ziehnert a. a. O. Anhang No. 21.)
I. Zur Zeit Friedrich des Weisen lebte im obern Erzgebirge nicht weit vom Schreckenberge ein alter, schlichter Bergmann mit Namen Daniel Knapp. Nach alter frommer Sitte beugte er jeden Abend seine Knie vor dem Muttergottesbilde. Als er dies eines Abends wieder gethan hatte, legte er sich nieder. Da erschien ihm im Traume die heilige Mutter Anna und befahl ihm, an der Stelle, welche sie ihm im Traume zeigte, einzuschlagen. Verwundert über den seltsamen Traum, machte sich der Bergmann auf und wanderte nach Wittenberg, wo damals der Kurfürst weilte. Zagend trat Daniel Knapp vor denselben hin und bat ihn, daß er ihm seinen Traum erzählen dürfe. Der Kurfürst hörte verwundert dem Bergmanne zu, und als er geendet hatte, folgte er ihm mit seinem Kanzler und begleitet von Rittern und anderen Herren. Am Fuße des Schreckenberges, an der Stelle, welche ihm im Traume geoffenbart worden war, schlug darauf der Bergmann kräftig ein und bald strahlte dem Kurfürsten und seinen Begleitern heller Silberglanz entgegen. Darauf ließ der Kurfürst zur Erinnerung an den wunderbaren Fund die sogenannten Engelsgroschen prägen und wenig Jahre später entwickelte sich aus den Ansiedelungen, welche in der Nähe des silberreichen Schreckenberges gegründet wurden, die Stadt Annaberg. Von dem Bergmanne Knapp aber sollen seit jener Zeit alle Bergleute den Namen »Knappen« führen.
II. Als noch dicke Waldung den Pöhlberg und seine Nachbarn deckte, lebte im Dorfe Frohnau ein Bergmann, Daniel Knappe, fromm und brav, aber blutarm. Große Teuerung und Hungersnot war im Lande, und Knappe hatte sieben Kinder und ein krankes Weib in seiner Hütte. Er wußte seiner Not kein Ende und war nahe daran, zu verzweifeln an der göttlichen Hülfe. Da erschien ihm einst im Traum ein Engel Gottes und sprach zu ihm: »Gehe morgen in den Wald am Fuße des Schreckenberges. Dort ragt eine Tanne hoch über alle Bäume des Waldes hervor. In ihren Zweigen wirst du ein Nest mit goldenen Eiern finden; dies ist dein, brauche es wohl!« Als Knappe am Morgen erwachte, erinnerte er sich des Traumes und ging hinaus in den Wald, das Nest mit den goldenen Eiern auszunehmen. Bald hatte er die Tanne in der Nähe der Wolfshöhle gefunden und kletterte rasch in ihren Ästen bis in den höchsten Wipfel hinauf, fand aber nichts. Traurig, daß ihn der Traum getäuscht habe, stieg er wieder herab und setzte sich auf die Wurzeln des Baumes nieder, um auszuruhen. Er sann hin und her, und dabei fiel ihm ein, daß unter den Zweigen wohl auch die Wurzeln der Tanne zu verstehen sein könnten. Die Vermutung ward bald zum festen Glauben, und eilig lief er und holte aus seiner Hütte das Gezäh zum Schürfen. Eifrig begann er den Schurf, und kaum hatte er die Dammerde durchbrochen, als mächtige, nach allen Seiten streichende Silbergänge ihm entgegen blickten. Er sank auf seine Kniee und dankte Gott.
Bald war die Kunde von dem neuentdeckten Bergreichtum in alle Lande verbreitet, und Tausende zogen herzu, um sich in der bisher so wilden Gegend anzusiedeln. Dies veranlaßte den Herzog Georg den Bärtigen, eine neue Bergstadt zu gründen. Am 21. Sept. 1496 wurde der Grundstein zu dem ersten Hause gelegt, und die neue Stadt Neustadt am Schreckenberge, später aber Annaberg genannt. -- Zum Andenken an Daniel Knappe aber heißen noch heute die Bergleute im allgemeinen die Knappen und ihre Gemeinschaft die Knappschaft.
359. Die Kapelle zu Frohnau.
(~Jenisii Hist. Annaberg.~ II., S. 2. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen. No. 514.)
Im Jahre 1502 ist ein gewisser angesehener und würdiger Mann namens Lorenz Pflock gen Annaberg gekommen; als ihm nun seine Gemahlin in kurzer Frist auf einem Wagen folgte, kam es ihr, als sie etwas über das Dorf Frohnau hinaus war, vor, als wenn die Erde in dieser Gegend erschüttert werde. Nicht lange darauf legte ihr Mann an diesem Orte ein Bergwerk an, das überreiche Ausbeute gab, und ließ, weil er überzeugt war, daß durch jenes Gesicht das Vorhandensein einer reichen Silberader angedeutet worden sei, mitten im Dorfe Frohnau einen kostbaren Altar nebst Kirche erbauen.
360. Der Schweizerzug bei Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, 1882, S. 5.)
In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte in der Schweiz ein verarmter Kaufmann, der einmal den höchst sonderbaren Traum hatte, er werde auf der steinernen Karlsbrücke zu Prag sein Glück finden. Ohne sich lange zu besinnen, bestieg er sein Rößlein und ritt nach der Hauptstadt Böhmens, dem hunderttürmigen Prag. Daselbst angelangt, ging er in froher Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, auf der Moldaubrücke auf und ab. Durch sein seltsames Benehmen zog der Schweizer bald die Aufmerksamkeit des auf der Brücke aufgestellten Wachsoldaten auf sich, welcher ihn endlich fragte, was er hier suche. »Mir hat geträumt«, erwiderte der Angesprochene, »daß ich auf dieser Brücke mein Glück finden werde. Nun gehe ich aber hier schon mehrere Stunden hin und her, ohne nur eine Spur des erhofften Glückes zu finden.« »Sonderbar«, sagte der Wachposten, »mir träumte auch einmal von meinem künftigen Glücke, das ich in den westlichen Bergen erst suchen gehen soll, aber ich lege den Träumen keine Bedeutung bei, denn Träume sind Schäume!« Kaum hatte dies der Schweizer vernommen, so eilte er in seine Herberge zurück, ließ sein Pferd satteln und ritt, seinem Sterne folgend, immer dem Westen zu, um zu dem geistreichen, durch seine Prophezeiungen bekannten Johannes Niavis (Schneevogel), dem Einsiedler am Wolfsberge, wo heute das Dorf Mariasorg liegt, zu gelangen und dann seine Reise nach »Conradisgrün« (Konradsgrün), der ersten Ansiedelung von Joachimsthal, fortzusetzen. Nach mehrtägigem Ritt kam er in die Gegend von Lichtenstadt. Wie er immer weiter trabte, blieb des Rosses Huf an etwas hängen, und das Hufeisen wurde abgesprengt. Er stieg ab, um nach der Ursache dieses Unfalles zu sehen. Da bemerkte er, daß ein Zapfen von Silbererz das Hufeisen abgerissen und freute sich, sein zwischen den Schweizerbergen geträumtes Glück gefunden zu haben. Der Schweizer kehrte, nachdem sein Pferd in der nächsten Schmiedewerkstatt wieder beschlagen worden war, in die Heimat zurück, traf aber bald in Konradsgrün mit einem Zuge Schweizer Bergleute ein. Diese durchforschten die Gegend und gruben untertags mit bestem Erfolge nach Silbererzen. So wurde der Kaufmann aus der Schweiz, der in der That auf der Prager Moldaubrücke sein Glück gefunden hatte, ein grundreicher Mann, und noch heute führt ein langer Haldenzug, der damals eine sehr ergiebige Ausbeute gab, den Namen »der Schweizerzug«.
Eine im Wesentlichen gleiche Sage finden wir in den deutschen Sagen der Brüder Grimm (2. Aufl., I. B., No. 212). Hier wird aber jemandem auf der Brücke zu Regensburg die Mitteilung, daß unter einem gewissen Baume ein großer Kessel mit Geld vergraben sei, was sich auch bestätigte.
361. Der Basler und die Baslerin zu Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, 1882, S. 7.)
Vor vielen Jahren lebte in der alten Bergstadt Joachimsthal ein gottesfürchtiger Gewerke, mit Namen Basler. Er besaß nebst Haus und Acker eine Grube, welche eine gute Ausbeute an Silber gab und sein Vermögen beträchtlich vermehrte. Plötzlich aber blieb das blinkende Silbererz in den harten Felsadern aus, und er traf auf lauter taubes Gestein. Basler, der ein sehr unternehmender Mann war, stellte jedoch seinen nunmehr kostspieligen Bau nicht ein, sondern ließ rühriger denn je mit Fäustel und Bohrer weiter arbeiten, da er in Bälde in eine silberhaltige Teufe zu kommen hoffte. Schon war aber Schrank und Beutel leer, Haus und Acker verpfändet, und noch immer leuchtete ihm kein Hoffnungsschein in der Grube. Seine Lage gestaltete sich vielmehr von Tag zu Tag trauriger, denn er wurde von seiner Freunde Schwarm nun gemieden, und einen Bergknappen nach dem andern mußte er aus seinem Dienste entlassen. Zuletzt war er auf seine Kräfte allein angewiesen; doch ließ er auch jetzt voll Zuversicht, daß Gott ihm helfen werde, den Mut nicht sinken und baute unverdrossen und emsig im harten Gestein fort, -- leider ohne allen Erfolg. Dadurch geriet seine Familie, die ehemals in guten Verhältnissen gelebt hatte, in die bitterste Not. Um die Seinigen zu ernähren, sah sich der arme Basler, dem niemand mehr Geld vorstrecken mochte, sogar genötiget, nicht bloß Hausgeräte, sondern auch halbwegs entbehrliche Kleidungsstücke zu verkaufen.
Als eines Tages die Not aufs Höchste gestiegen war, und er sich weder zu raten noch zu helfen wußte, nahm seine Frau ihr teuerstes Kleinod, einen feingestickten Schleier, der noch von all ihren Habseligkeiten übrig geblieben war, in die Hand. Ihn hatte am Hochzeitsfeste die gute Mutter ihr ins Haar geknüpft und gesegnet, darum war der Schleier ihr so lieb und wert. Sie betrachtete denselben unter tiefem Seufzen lange mit thränenfeuchten Blicken; denn zentnerschwer drückte ihr Herz der schreckliche Gedanke, ihr kostbarstes Pfand mütterlicher Liebe zu veräußern. Endlich entschloß sie sich, freilich schweren Herzens, zum Verkaufe des Brautschleiers. Aus dem gelösten Gelde kaufte Basler, nachdem er für das nötige Brot gesorgt hatte, Unschlitt ein, um sein Geleucht aufschütten zu können. Er wollte nämlich, um sein Glück zu versuchen, noch einmal anfahren, dann aber, falls auch dieser Versuch mißglückte, den Bergbau, der ihn zum Bettler gemacht, aufgeben. -- Als sich nun Basler zur Fahrt nach der Grube gerüstet hatte, sprach er, treu seinem gewohnten Spruche: »Bete und arbeite!« ein herzinniges Bergmannsgebet, fuhr hierauf ein und schritt an's Tagewerk. »Herr«, sprach er zu sich selbst, Du kennest mein ehrliches Sinnen und Trachten, sowie meinen und der Meinigen Jammer und Gram; erbarme Dich unser und segne heute meiner Hände Arbeit, damit ich viel, recht viel zur Verherrlichung Deines Hauses beitragen kann!« -- Es gingen nämlich gerade zu derselben Zeit -- es war im Jahr 1536 -- die Grafen Hieronymus und Laurenz Schlick daran, in Joachimsthal, dem rasch aufgeblühten und zu den schönsten Hoffnungen berechtigenden Bergorte, eine neue, stattliche Kirche zu bauen. Wie sehr mochte sich wohl unser frommer Basler, der früher so reiche Bergherr, gekränkt haben, daß er jetzt in seiner größten Armut gar nichts zum Baue des Gotteshauses beisteuern konnte! Er ergriff, gestärkt durch sein unerschütterliches, festes Gottvertrauen, sein Gezäh und arbeitete mit solcher Kraft, daß das Gestein weit umhersprang. Da bemerkte er auf einmal, daß das Unschlitt in seiner Lampe zu Ende ging; er wollte nun sein Geleucht wieder auffüllen, allein das Unschlitt war verschwunden. Bestürzt und unmutig, daß ihm auch seine letzte Hoffnung vereitelt sei, suchte er nach dem Unschlitt und sah eine Maus mit demselben ihrem sicheren Verstecke zueilen. Über das mutwillige Tierchen erzürnt, erfaßte Basler seinen Schlägel und warf nach dem Mäuschen. Aber nicht dieses zerschmetterte sein wuchtiger Wurf, sondern das Felsgestein an der Öffnung der Wand, in der das Mäuschen verschwunden war. Doch siehe, was schimmert da unserm Basler entgegen? Ists bloß blendender Schein oder Wirklichkeit? Er prüft und findet, daß eine Silberader sich vor ihm geöffnet hat. So wurde mit einemmale Basler auf höchst merkwürdige und überraschende Weise wieder in den Stand gesetzt, den Bergbau mit vielen Knappen zu betreiben. Er ward gar bald ein reicher Mann, der aber auch als solcher seinem früheren einfachen und frommen Lebenswandel treu blieb. Sein Gelübde erfüllte er treulich. Er spendete für die Kirche zu Joachimsthal ein silbernes Kreuz und ließ überdies einen Predigtstuhl verfertigen, dessen Stütze ihn selbst im Bilde in Wams und Bergkappe darstellte.
Noch bis zum furchtbaren Brande des 31. März 1873 konnte man diese interessante Bergmannsfigur in der reichen und geschichtlich merkwürdigen Dekanatkirche zu Joachimsthal, die an dem genannten Tage ebenfalls zerstört wurde, unter dem Predigtstuhle sehen.
Baslers Frau, vom ungewöhnlichen Glücke berauscht, vergaß Tugend und Frömmigkeit und wurde über alle Maßen stolz und hochmütig. Als ihr Mann auf der Totenbahre lag und die Bergknappen beim Einsegnen vor dem Hausthore standen und nach ortsüblicher Weise das Trauerlied mit den Worten beendigten:
»Du bist, Herr, stark in Deinem Arm, Du machst bald reich und machst bald arm«,
da sprang die Übermütige, prangend im kostbaren Kleide und strahlend im Diamanten- und Perlenschmucke, zum offenen Fenster und rief voll Zorn und Hohn hinab: »Frau Basler kann und wird niemals verarmen!«
Noch in erhöhterem Grade gab sich Frau Basler von jetzt an der Verschwendung hin; sie lebte in Saus und Braus, so daß ganz unbemerkt die Silberschätze in ihren Kästen und Truhen gleich einer Seifenblase zerrannen. Eines Tages stand sie auf der Prager Brücke. Da zog die Prahlerin einen prächtigen Siegelring vom Finger, warf ihn in die Moldau und rief:
»So wahr, als mein Ring nicht kehrt nach Haus, So wahr schöpf' ich meine Schätze nicht aus!«
Ein Fisch aber hörte die übermütigen Worte der frevelnden Baslerin und sah das kostbare, blitzende Ringlein; da dachte er bei sich: »Ohnedies harrt der Tod mein, es soll auch für Dich der Tod sein!« Bald ließ der Lachs, der den Ring verschlungen hatte, sich fangen. Und siehe da! Des andern Tages brachte ein Fischer einen Fisch, in dessen Bauche sich der Ring befand, der zur Frau Baslerin heimgekehrt war; und wie der Ring kam zurückgeschwommen, so ist sie hülflos auch verkommen. -- Die Maus hat Baslern zum Reichtume verholfen, der Fisch der Baslerin zur Armut.
Einzelne Züge dieser Sage haben große Ähnlichkeit mit solchen in der folgenden Sage von den Tellerhäusern bei Oberwiesenthal.
362. Die Tellerhäuser bei Wiesenthal.
(Nach Ziehnerts poet. Beh. in Gräße, Sagenschatz etc. No. 502.)
Um das Jahr 1570 lebte zu Wiesenthal ein blutarmer, aber frommer und fleißiger Bergmann, namens Teller, der bei einer Grube beschäftigt war, die auf einmal keine Ausbeute mehr gab und deshalb von ihrem Besitzer, einem reichen Geizhals, nicht mehr bebaut ward. Ebenso vergebens wie er von Letzterem seinen rückständigen Lohn zu bekommen gesucht hatte, sah er sich nach neuer Arbeit um; er hatte eine kranke Frau und drei Söhne zu Hause, allein er hatte kein Brot für sie und so mußte er nach und nach alles, was er besaß, verkaufen. So kam der Ostermorgen heran und das letzte, was noch zu Gelde gemacht werden konnte, war bereits weggegeben. Siehe, da zog es ihn nach der Kirche, und als er traurig an den Eingang derselben getreten war, kam es ihm vor, als sehe er sich im Festtagsgewande, eine Stufe glänzenden Silbers auf der Schulter, an der Kanzel stehen. Er rieb sich die Augen, wendete sein Gesicht weg, aber sobald er wieder auf jenen Punkt schaute, stand auch sein Doppelgänger wieder da. Er verließ endlich die Kirche, und auf dem Wege nach seinem Hause begegnete ihm ein wohlgekleideter Unbekannter, der ihm, als er von ihm befragt, warum er so traurig aussehe, seine Not geklagt hatte, ein großes Geldstück schenkte. Damit kaufte er die notwendigsten Bedürfnisse und begab sich nach Hause. Hier hatte er aber keine Ruhe, denn überall sah er das gehabte Gesicht vor sich, und es kam ihm vor, als ziehe ihn sein Doppelgänger nach jener eben aufgegebenen Grube hin. Endlich konnte er nicht mehr diesem innern Drängen widerstehen, daher kaufte er sich von dem noch übrig gebliebenen Gelde von dem Bergmeister die Erlaubnis, in der auflässigen Grube zu bauen, und fing eifrig an einzuschlagen. Allein seine zwei Hände brachten wenig vorwärts, der Tag verfloß und er war auf kein edles Metall gestoßen; schon war der zweite halb zu Ende und er machte eben Anstalt, sein letztes Stücklein Brot zum Mittagsmahl zu sich zu nehmen, als aus einem Loche im Gestein ein Mäuschen herauskroch und ungescheut die heruntergefallenen Brosamen auflas. Er ließ dasselbe ruhig gewähren, als es aber anfing auch sein Grubenlicht zu beknabbern, warf er sein Fäustel nach demselben. Statt daß aber die Maus davon getroffen ward, sprengte er ein starkes Stück Gestein los, und siehe, hinter demselben lag ein reicher Gang gediegenen Silbers zu Tage. Kaum wollte er seinen Augen trauen, allein er konnte nicht zweifeln; er eilte nach Hause, um seine Familie mit der frohen Kunde zu erfreuen, und so ward er in wenigen Tagen aus einem armen Häuer ein reicher Bergwerksbesitzer. Allein er vergaß darum seine früheren Leiden nicht, er blieb bis an seinen Tod einer der frömmsten und mildthätigsten Männer in der ganzen Gegend. Seinen drei Söhnen erbaute er von seinem Reichtum drei kleine Güter in einer wildromantischen Gegend zwischen Wiesenthal und Rittersgrün, die heute noch die Tellerhäuser genannt werden, sich selbst ließ er ganz so, wie er sich an jenem Ostermorgen in der Kirche gesehen hatte, im Sonntagsputze des Häuers in Holz aushauen und dies Bild zum Andenken in jener Kirche aufstellen, wo es noch zu sehen ist.
363. Die neue Grube bei Preßnitz.
(Ed. Wenisch in der Erzgebirgs-Zeitung, 2. Jahrg., S. 2.)
Unweit der Bergstadt Preßnitz steht an der Straße, welche von Dörnsdorf dahin führt, eine Marienstatue. Dieselbe stellt die Mutter Gottes mit dem Jesuskindlein dar, welches die Erdkugel und das Scepter in seinen Händchen hält. Neben dem Gnadenbilde stand vor vielen, vielen Jahren eine unansehnliche, kleine Berghütte mit einer ergiebigen Grube. Im Volksmunde lebt noch die Sage fort, welche sich an die Statue und die Berghütte knüpft. Zur Zeit einer großen Teuerung lebte in einer windschiefen, halbverfallenen Hütte des Erzgebirgs eine arme, brave Bergmannsfamilie. Schlecht und recht, wie es eben bei einem Bergmanne möglich ist, hatte der arbeitsame Vater in bessern Tagen sein Weib und seine vier Kinder im Schweiße seines Angesichts ernährt. Heute aber saß er gar tiefbekümmert, das Haupt gebeugt, die schwieligen Hände gefaltet, im Kämmerlein, denn weder ein Bissen Brot noch ein roter Pfennig war in der Hütte. Als er sein Weib vor Not heiße Thränen weinen sah, und seine sterbenskranken Kinder vor Hunger schrieen, da wollte dem Vater vor Gram und Kummer schier das Herz zerspringen. Nicht länger litt es ihn unter seinem Dache. Viel Schönes hatte er ja von der Mildthätigkeit der Menschen erzählen hören, warum sollte er dieselbe nicht auch in seiner hartbedrängten Lage in Anspruch nehmen? Und er ergriff, den seinigen Trost zusprechend, den Wanderstab, um in den benachbarten Dörfern wohlthätige Mitmenschen um Gaben für seine hungernde Familie anzuflehen. Wo er anklopfte, ward ihm zwar aufgethan, allein überall traten ihm bleiche, darbende Gestalten entgegen, die selbst bittere Not litten und darüber klagten; denn schwerer als jeder andere Landesteil war diesmal das blutarme Erzgebirge von der ausgebrochenen Teuerung heimgesucht. So kam unser Bergmann ganz hoffnungslos vor Preßnitz an. Der schreckliche Gedanke, daß seine Familie nun dem Hungertode zum Opfer fallen müsse, brachte ihn zur Verzweiflung. Ermattet brach der Lebensmüde auf dem Wege zusammen und wollte, da er gerade einen Strick bei sich hatte, Hand an sich legen, um so allem Elende mit einemmale zu entgehen. Doch von neuem erwachte in ihm sein echt christlicher Sinn und verscheuchte das wahnsinnige Hirngespinst; er nahm seine Zuflucht zur gnadenreichen Gottesmutter, sank auf die Knie und verrichtete ein kräftiges Gebet, das lindernden Balsam in sein wundes Herz träufelte, so daß alsbald Friede in dasselbe einkehrte. Vom Schlaf überwältigt, legte der Hungrige sein müdes Haupt auf den Rasen und schlief ein. Da klang es um ihn her wie himmlischer Engelschor, und im strahlenden Lichtglanze erschien Maria, die Himmelskönigin, mit dem holden Jesuskindlein auf dem Arme. Mit wundermilden Blicken näherte sie sich dem Bergmann und sprach: »Wach' auf, öffne die Erde unter deinem Haupte und vertraue fest auf Gott!«
Der Bergmann erwachte; heiliger Schauer durchrieselte seine Glieder, da er noch immer die überirdischen Klänge zu vernehmen meinte. Neu gestärkt sprang er auf, ergriff, um sich zu überzeugen, ob er geträumt oder gewacht habe, seinen wuchtigen Wanderstab und wühlte an jener Stelle, wo er geschlafen, die Erde auf. Kaum hatte er diese einige Zoll aufgeschürft, da sank er plötzlich in die Knie, hob seine Hände gen Himmel und rief aus: »Gepriesen sei der allmächtige Gott und die seligste Jungfrau Maria, ich bin gerettet!« Ein Klumpen Gold lag zu seinen Füßen, der nun aller Not ein Ende machte. Mit beflügelten Schritten eilte der Bergmann zu den Seinigen heim und verkündigte ihnen mit freudestrahlendem Gesichte das wunderbare, rettende Ereignis. Wer beschreibt wohl den Jubel der armen Familie, die auf überaus seltsame Weise in die Lage kam, sich die lange entbehrten Nahrungsmittel anzuschaffen und so ihre Gesundheit bald wieder herzustellen? Gottes reicher Segen aber begleitete auch fernerhin die Unternehmungen des Bergmanns, der von jetzt an auf eigene Faust den Bergbau an jener wunderbaren Stelle betrieb und daselbst viel edles Erz zu Tage förderte.
Zur bleibenden Erinnerung an die glückliche Errettung seiner Familie ließ der Bergmann aus tiefer Religiosität und Dankbarkeit neben der kleine Berghütte eine Statue der heiligen Jungfrau Maria errichten und lebte mit den Seinen noch viele Jahre glücklich und zufrieden.
364. Die Grundsteinlegung der St. Wolfgangskirche in Schneeberg.
(Mündlich.)
Es wird erzählt, daß man anfangs beabsichtigt habe, die St. Wolfgangskirche in Schneeberg auf dem Platze zu erbauen, wo gegenwärtig die Bürgerschule steht. Als man aber daselbst den Grundstein legte, verschwand derselbe zweimal nach einander. Da erschien einem Bergmanne im Traum ein Grubenmännchen, welches ihm die Stelle zeigte, auf welcher die neue Kirche erbaut werden sollte. Als man daselbst den Grundstein legte, blieb er liegen. Darauf führte das Männchen den Bergmann in die Tiefe und zeigte ihm unter dem Platze die reichen Silbererze.
365. Der goldne Hirsch auf dem Kuhberge.
(Mitgeteilt vom Lehrer Ludwig in Stützengrün.)
Man erzählt sich, daß auf dem Kuhberge bei Stützengrün, links von dem Fahrwege, welcher von genanntem Orte auf den Berg führt, in einer mit Heidekraut überwachsenen grubenartigen Vertiefung ein goldener Hirsch vergraben liege. Wenn der Hirsch aufgefunden wird, was bestimmt geschehen soll, wird der Kuhberg zur Stadt werden. Einen Brunnen auf dem Kuhberge heißt man Goldbrunnen.
Nach altüberlieferten Vorstellungen, welche besonders in deutschen Volksmärchen einen Nachklang haben (als z. B. das Marienkind ein wenig an den Glanz der Dreieinigkeit rührte, wurde ihm der Finger golden), war nicht nur der Götterhimmel golden, sondern auch der Leib der Götter selbst und ihrer Lieblingstiere von einem Geblüt durchronnen, welche reines Gold ist. Golden ist der Hirsch, weil er der Leben nährenden Sonne angehört. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 4--7.)
366. Die Eselswiese bei Zwickau.
(Nach der poetischen Bearbeitung Ziehnerts bei Gräße a. a. O. No. 610; z. T. mündlich.)
Südlich von Zwickau liegt eine Wiese, die man Eselswiese nennt. Diese Wiese soll einst von einem Zauberer bezaubert worden sein, der auf ihr einen gefährlichen Fall gethan, so daß, obschon schönes Gras und Klee darauf wuchs, sie doch von ihrem Besitzer durchaus nicht benutzt werden konnte, weil die Milch des Viehes, das von demselben fraß, so blau wie Indigo ward. Nun hatte aber nicht weit von der Wiese ein armer Holzmacher seine ärmliche Hütte gebaut; derselbe wurde, da er drei Esel besaß, der Eselsgürge genannt, und er war allgemein wegen seiner Gutherzigkeit beliebt und gern gesehen. Der zog sich das Gras dieser Wiese zu Nutze und seine Esel wurden dick und fett davon.
Einst, bei einem heftigen Gewitter, pochte es des Nachts an seine Hütte, und als er die Thür öffnete, da trat eine wunderschöne Jungfrau, die trotz des Unwetters ganz trocken war, weiß verschleiert herein, rosenfarbene Sandalen an den Füßen und einen goldenen, mit Diamanten gezierten Kranz auf dem Haupte. Sie setzte sich an seinen Tisch, als er ihr aber Essen und Trinken, sowie sein armseliges Binsenlager zum Schlafe anbot, wies sie beides zurück und sagte, sie bedürfe dieser irdischen Erholung niemals, und auf sein Befragen, wohin sie wolle, entgegnete sie: »Nach oben, wo ich herkomme«. Der arme Gürge legte sich hierauf verwundert wieder nieder, als aber der Morgen anbrach, weckte sie ihn auf, um Abschied zu nehmen, und als er sie ein Stück Weges begleitete, fragte er sie, ob sie nicht die heilige Jungfrau selbst sei, sie gleiche gar zu sehr dem Bilde derselben, wie er es in den Kirchen so oft gesehen. Darauf antwortete sie: »Ja, ich bin es; Du aber, guter Gürge, sollst den Lohn für Deine Gastfreundschaft heute Abend erhalten, wenn Deine Esel von der Weide zurückkehren«. Damit verschwand sie. Als nun die Sonne im Untergehen war, da ging Gürge voll Neugier seinen Eseln entgegen, allein er konnte nichts an ihnen wahrnehmen, als daß ihre Mäuler blutig waren. Da es nun auf der Wiese weder Dornen noch scharfe Gräser gab, solche die Esel auch bekanntlich wegen ihrer Hartmäulichkeit nicht verwunden können, so begab er sich an Ort und Stelle und trat plötzlich auf etwas Spitzes. Er griff darnach und zog einen Goldbarren aus der Erde, ja er fand ohne viel Mühe eine Menge davon; er holte darauf seine Esel, die sich davon blutig gefressen, und trieb sie schwerbeladen in sein Hüttchen zurück. Am andern Morgen aber, wie er seinen Reichtum beschaute, beschloß er davon eine Kirche zu bauen. Dies soll die Marienkirche sein. Das Volk aber hält noch heute die hölzerne Statue des Obristwachtmeisters von Heldreich († 1674), welche sich über der Thür zur sogenannten Götzenkammer in der erwähnten Kirche befindet, für das Bild des armen Eselgürge, den man auch zum Stammvater der Herren von Römer gemacht hat.
Nach einer andern mündlichen Überlieferung soll das gefundene Gold eine zapfenähnliche Form gehabt haben. Die Menge desselben betrug zehn Scheffel.
367. Des Schlackenmanns oder albernen Mannes Loch.
(Heger und Lienert, Ortskunde von Schmiedeberg, 1879, S. 62.)
Das oben genannte Loch befindet sich unweit des »alten Schlosses«, eines Schlackenhügels auf Pleiler Gemeindegebiet, und ist ein alter verfallener Stollen, welcher von einem Irrsinnigen (Albernen) in den Berg getrieben worden sein soll. Nach einem in der Nähe befindlichen großen Schlackenhaufen, in welchem er oft herumwühlte, erhielt der Alberne auch den Namen Schlackenmann. Der Schlackenmann soll Silbererze gesucht und in Menge gefunden haben. Er verbarg sie aber so gut in seinem Loche, daß sie bisher niemand aufzufinden vermochte. Da er für seinen Schatz fürchtete, vermied er ängstlich jeden Umgang mit Menschen und kroch stets in das Bergloch, sobald jemand sich näherte. Hier ist er auch einsam verstorben. Sein Name und Andenken aber sind im Volksmunde noch lebendig.
Ein ähnlicher verfallener Bergstollen befindet sich auch hinter der Bogmühle. Er wird das Türkenloch genannt, nach einem Manne türkischer Abstammung, der hier gleichfalls Bergbau auf edles Erz getrieben haben soll. Der Türke hatte es jedoch nicht auf den Gewinn abgesehen, legte auch keinen Schatz an, wie der geizige Schlackenmann, sondern holte sich von dem Silbererz immer nur nach Maßgabe seiner leiblichen Bedürfnisse.
368. Die Grube »himmlisches Heer« bei Annaberg.
(Novellistisch von Textor in »Die romantischen Sagen des Erzgebirgs«, I. 1882, S. 225 etc. Darnach bei Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 523.)
Einst lebte in der Gegend des heutigen Annabergs ein armer Bergmann, mit Namen Daniel, der reich mit Kindern, aber nicht mit zeitlichen Gütern gesegnet war, und sich, weil seine Frau schwer erkrankt war, in großer Not befand. Denn die Grube am südlichen Abhange des Pöhlberges, wo er arbeitete, war unergiebig. Wie er nun mit seinem Gevatter, dem Steiger, lange vergeblich gearbeitet hatte, fiel auf einmal ein Teil des Gesteins von selbst herab und sie sahen einen mächtigen Gang reichen Erzes vor sich; eine Stimme aber rief: »Daniel! Ich bin der Fürst der Berge! Was Du in diesem Schachte gewinnst, ist Dein, ich schenke es Dir!« Jener aber sprach: »Ich kann nicht annehmen, denn es gehört den Gewerken«. Als nun der Berggeist ihn noch mehrmals aufgefordert hatte, das Gefundene zu nehmen und an seine Frau und Kinder zu denken, er aber sich weigerte, verschwand auf einmal der ganze Erzgang wieder. Daniel ging traurig nach Hause, als er aber dort ankam, kam ihm seine Frau völlig gesund entgegen und sagte, es sei ein fremder Bergmann dagewesen, habe ihr Brot, Fleisch und Wein für ihre Kinder gebracht, und sie aus einem kleinen Fläschchen trinken lassen, und seitdem seien alle ihre Schmerzen verschwunden, jener aber habe gesagt, ihre Not werde bald aufhören, das lasse ihr der Fürst der Berge sagen. In der Nacht träumte aber der fromme Bergmann, der Berggeist stehe vor ihm und sage ihm, zum Lohn für seine Redlichkeit wolle er ihn glücklich machen, er solle früh auf den Schreckenberg gehen, dort werde er Feuer vom Himmel fallen sehen, und an dieser Stelle solle er einschlagen. Wie gedacht, so geschehen, er ging in den Wald; plötzlich fuhr aus heiterem Himmel ein Blitz in eine hohe Fichte, und als jener die bergmännische Rute an den Wurzeln des Baumes schlagen ließ, da entdeckte er beim Nachgraben einen reichen Silbergang. Diesen mutete er und sein Gevatter Steiger und beide wurden schnell reich; die Grube aber nannte man das himmlische Heer.
369. Der Alaunsee bei Komotau.
(Fr. Hübler in der Comotovia. 4. Jahrg., S. 76 etc.)
Eine Viertelstunde nordöstlich von Komotau liegt an der Straße und nächst dem Fußwege, welcher nach dem benachbarten Görkau führt, die Alaun- oder Schweizerhütte, eine Restauration im Schweizerstile, welche wegen ihrer reizenden Lage für die Bewohner Komotau's einen beliebten Ausflugsort bildet. Sie liegt in einem Kessel, welcher gegen Westen von einem schönen Eichenwäldchen, dem sogenannten Hüttenbusche, im Nordosten und Süden von Obstgärten eingesäumt ist, welche den in der Mitte des Kessels liegenden Hütten- oder Alaunsee einschließen. Auf dem Platze nun, den jetzt die spiegelglatte Fläche des Sees bedeckt, befand sich vor 300 Jahren ein Alaunbergwerk, von dessen Dasein noch rote Hügel an seinem Ufer zeugen. Bevor noch die Gewässer des Sees aus der Tiefe der Erde hervorquollen, befand sich dort ebenfalls ein Eichenwäldchen, wohin an Sonn- und Feiertagen die ehrsamen Bürgersleute Komotau's mit Weib und Kind hinauszogen, um sich zwischen den Bäumen und auf dem Rasen zu erlustigen und besonders an den milden Frühlingsabenden im Mai dem Gesange der Nachtigallen zu lauschen, welche sich sonst dort, wie in der Gegend überhaupt, in viel größerer Anzahl aufgehalten haben sollen, als jetzt. Noch heutzutage sieht man an dem Ufer des Sees die mitunter mächtigen Baumstrünke der abgesägten oder umgeschlagenen Eichenstämme wie Klippen aus dem Wasser hervorstehen, und schon mancher Lustfahrende hat mit ihrer Tücke Bekanntschaft gemacht, saß auf und konnte nur mit Mühe sein Fahrzeug wieder flott machen. -- Über die Auffindung des Alaunbergwerkes und den Ursprung des Sees erzählt nun die Sage folgendes:
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte in Komotau ein Mann, der »dürre Merten« genannt, welcher im Besitze der schwarzen Kunst und als Prophet in der Stadt eine bedeutende Rolle spielte, und welcher allgemein wegen seiner Weisheit geehrt, aber auch wegen seiner Prophetengabe und übernatürlichen Geheimmittel gescheut wurde. Er erreichte ein Alter von 118 Jahren, lebte am Ende seiner Tage im Komotauer Spitale und fand schließlich einen gewaltsamen Tod durch Mörderhand. Er erließ viele Prophezeiungen, die lange im Volksmunde blieben und jetzt noch nicht völlig verwischt sind. Seine größte Prophezeiung bezog sich auf den 30jährigen Krieg und dessen Grund, auf das Erscheinen der Jesuiten in Komotau, und auf das tragische Ende des Georg Popel von Lobkowitz, des ehemaligen Herrn von Komotau. Außerdem prophezeite er einst: »Auf einer Wiese, welche von drei Seiten ein Kessel einschließt, ist ein großer Schatz verborgen, der durch Jahrhunderte Menschen und Geschlechter ernähren wird.«
Viele Leute von Geldgier getrieben, suchten emsig solche Plätze, welche mit der Prophezeiung übereinstimmten, auf und gruben, mit Schaufel und Haue bewaffnet, zur Nachtzeit nach dem verborgenen Schatze, erschreckten sich wohl oft gegenseitig, konnten jedoch nichts auffinden.
Einmal ging nun ein Fleischhauer aus Komotau, namens Lazarus Drohmann, der sich und seine alte gebrechliche Mutter durch sein Handwerk schlecht und recht ernährte, nach Rothenhaus bei Görkau, um Schlachtvieh einzukaufen. Er verspätete sich daselbst, da er nichts Passendes hatte finden können, und begab sich bei schon hereingebrochener Nacht nach Görkau, wo er Speise und Trank zu sich nahm und dann den Heimweg nach Komotau einschlug, als gerade der Türmer 11 Uhr blies. Er bemerkte es nicht, wie vom Milleschauer her schwarze, dichte Gewitterwolken herzogen. Bald brauste der Sturmwind einher, grelle Blitze beleuchteten auf Augenblicke den Weg und die ganze Gegend bis zu den Gipfeln des Erzgebirgs, und der Donner kam prasselnd und krachend im Gefolge. Lazarus beflügelte seine Schritte, um noch die Stadt vor dem völligen Ausbruch des Unwetters zu erreichen, aber vergeblich; gerade noch eine Viertelstunde war er von derselben entfernt und er hatte eben den Eichenwald betreten, dessen Platz jetzt der See einnimmt, als das Gewitter mit aller Macht entfesselt wurde. Er suchte vor dem herabströmenden Regen und dem wütenden Sturme hinter einem dichten Eichengestrüppe notdürftigen Schutz und verfiel bald, von der Müdigkeit übermannt, trotz Sturm und Wetter in einen festen Schlaf. Plötzlich, es schlug gerade 12 Uhr auf dem Komotauer Turme, fuhr, wenige Schritte von ihm entfernt, ein greller Blitz in die Erde und erleuchtete Gras, Gestrüpp und Bäume tageshell. Der grelle Lichtschein und der damit verbundene Donnerschlag erweckten ihn gewaltsam und er fuhr entsetzt in die Höhe. Da sah er, betäubt und staunend, wie der Blitzstrahl einige Sekunden auf einer Stelle wie festgebannt haften blieb, dann sich aber teilte, indem ein Teil des Strahles in die Höhe ging, der andere jedoch in der Erde verschwand. Lazarus war voll Schreck und Staunen einige Zeit sitzen geblieben. Endlich, nachdem er sich von seiner Betäubung erholt hatte, sprang er auf und setzte, da auch das Unwetter bereits weiter gezogen war, den Rückweg fort, im Herzen Gott dankend, daß ihn der Blitzstrahl nicht getroffen, und erreichte glücklich seine Hütte.
Nach acht Tagen wanderte Lazarus abermals Geschäfte halber nach Rothenhaus. Auch diesmal schlug er den Rückweg bei vorgerückter Nacht ein. Seinen Weg beleuchtete jedoch der freundliche Mond und wohlgemut trat er in den Schatten des Eichenwäldchens, wo er vor wenigen Tagen dem Tode, wie er glaubte, nur durch ein Wunder entronnen war. Wie er so sinnend auf dem weichen Rasen dahinschritt, stand plötzlich ein Mädchen in hellstrahlender Schönheit vor ihm.
Der Mond beschien durch die Zweige der Eichen ihre freundlich lieblichen Züge, und von ihrem weißen Gewande schien selbst ein heller Schimmer abzugehen. Sie grüßte ihn und reichte ihm ihre Hand. Er fragte verwundert: »Woher kommst Du und was willst Du?« »Ich komme weither aus schönen Landen und gehe dorthin, wo mich meine innere Stimme ruft. Ich fliehe die Nähe böser Menschen, aber gute suche ich auf und beglücke sie. Du hast ein gutes Herz, ich will Dich daher glücklich machen, komm' und folge mir.« Die holde Erscheinung schritt voran, so leicht, daß sie kaum den Boden zu berühren schien, freudig und beklommen zugleich folgte ihr Drohmann. Nach einigen hundert Schritten machte sie halt und zwar merkwürdigerweise auf derselben Stelle, wo er sich vor acht Tagen vor dem Ungewitter verborgen hatte. Kein Laut, kein Ton war zu vernehmen, selbst das Heimchen schlief, überall herrschte die Stille des Grabes. Da ertönten von der Stadt her die ernsten, tiefen Töne der Mitternachtsstunde und wie auf einen Zauberschlag begann es sich überall im Wäldchen auf dem Grase, zwischen den mächtigen Baumstämmen und dem niedrigen Gebüsche zu regen und zu bewegen; kleine Männlein mit Schurzleder und Kappe angethan, mit Hauen und Schaufeln versehen, eilten geschäftig herbei und begannen genau an dem Punkte, wo der eine Blitzstrahl sich in die Erde gesenkt hatte, zu graben, zu schaufeln und die Erde in winzigen Karren wegzufahren, daß es eine Lust war, ihnen zuzusehen. Im Umsehen war ein Stollen in die Erde getrieben und schon kamen daraus Männchen zum Vorschein, welche winzige Fäßlein pustend und schnaufend heraufrollten, die wiederum von anderen auf Wägelchen geladen und fortgeschafft wurden. Lazarus sah schweigend und verwundert dem geschäftigen Treiben der Gnomen zu, da schlug es 1 Uhr und wie mit einem Schlage war alles verschwunden, die Zwerge, der Stollen, die Fäßchen und Wägelchen, und Stille herrschte wieder ringsum. Er glaubte aus einem Traume erwacht zu sein. Wie er sich jedoch umsah, stand noch neben ihm das schöne Mädchen. Dasselbe sah ihn mit ernster Milde an und sprach: »Du sahest hier das Bild künftigen Fleißes. Die Erde, worauf wir stehen, birgt in ihrem Schoße Alaun und Schwefel. Ihr Gewinn gehört Dir. Gehe morgen wieder hierher, aber allein, und grabe um die zwölfte Stunde auf dem bestimmten Platze; wenn Du drei Schuh tief gegraben hast, wirst Du das Gesuchte finden. Dann erst können andere Dir helfen. Der Schatz, der in der Erde schlummert, ist groß, hebe ihn zu Deinem und der Mitmenschen Frommen. Wehe aber,« fuhr sie in noch ernsterem Tone fort, »wenn das Werk gierig und hastig, oder lässig und unachtsam betrieben wird, dann werden die Erdgeister den Schatz der Mutter Erde den Lässigen und Unachtsamen entrücken und sein Segen wird dem Lande für immer verschwunden sein. Lebe wohl!« Damit reichte sie ihm die Hand und ging schwebenden Ganges zwischen den Eichen dahin und je weiter sie ging, desto mehr schien es, als ob es ein heller Nebelstreif wäre, der sich am Waldesrasen dahinzog und der in der Ferne endlich verschwand. -- In der folgenden Nacht verließ Lazarus heimlich seine Hütte, ohne der alten Mutter etwas von dem Erlebten mitgeteilt zu haben, und mit Spitzhaue und Schaufel versehen eilte er dem bekannten Wäldchen zu. Wiederum ballten sich über dem Erzgebirge Gewitterwolken zusammen, er aber ließ sich dadurch nicht in seinem Vorhaben zurückschrecken, glaubte er ja sicher und fest an die ihm gewordene Verheißung. Um 12 Uhr war er am Platze angelangt. Da brach aber auch mit furchtbarer Gewalt das Gewitter los und unter betäubendem Donner fuhr ein Blitz herab und senkte sich in geringer Entfernung von ihm in die Erde, alle Gegenstände ringsum grell beleuchtend. Dort erkannte er auch die Stelle, an welcher tags vorher die Zwerge gearbeitet, und nun begab er sich herzhaft ans Werk. Kaum hatte er mehrere Schuh tief gegraben, so stieß er auch auf das verheißene Alaun- und Schwefelerz. Frohlockend verließ er den Platz und eilte, da es Tag geworden, nach Sebastiansberg, um der Bergobrigkeit seinen großen Fund anzuzeigen. Er erhielt hierauf vom Erbherrn von Komotau, Johann von der Weitmühl, die Rechte und Privilegien, welche zum Betriebe des Bergwerkes notwendig waren, und nun begann ein reges Leben im stillen Eichenwäldchen, so wie er es früher schon erschaut. Er wurde ein reicher Mann und sein altes Mütterchen erlebte noch frohe Tage.
Und die armen Bewohner der Stadt, des Landes und Gebirges genossen mit an dem Segen der Erde, und derselbe schien bei fleißigem und verständigem Betriebe eher zu- als abzunehmen, denn -- wie der dürre Merten prophezeit hatte -- »das Alaunerz wuchs unter der Stadt mit Gewalt.« Aber die ausgesprochene Drohung der weißen Jungfrau sollte ebenfalls in Erfüllung gehen. So lange das Werk mit Fleiß und Sorgfalt betrieben wurde, trug es reichlichen Gewinn und war ein Segen für Stadt und Land. Da kam es jedoch in habsüchtige Hände, es sollte rasch und viel gefördert werden, die Gänge und Stollen wurden nicht mit der alten Sorgfalt getrieben und erhalten, weil die Kosten der Erhaltung gescheut wurden. Da stieß man eines Tages in einem neu angelegten Stollen auf ungewöhnlich reiche Alaungänge, aber auch beim Weitergraben auf eine Quelle, deren Wasser lustig hervorsprudelte. Ein erfahrner alter Bergmann riet dem Bergwerksvorsteher, hier nicht weiter graben zu lassen, sondern den Stollen zu verbauen; aber sein Rat wurde verworfen, der prophezeiten Gefahr durch die kleine Quelle gespottet, winkte ja in dem neuen Stollen reicher Gewinn. Aber siehe, je weiter man arbeitete, desto mächtiger sprudelte die Quelle hervor, alle Versuche, sie zu verstopfen, mißlangen, das Wasser füllte den neuen Stollen, es stieg in die alten und stieg von Stunde zu Stunde immer höher, so daß die Bergleute eilig die Schächte verlassen mußten und keiner mehr in die Tiefe hinab fahren konnte. Endlich stieg es im mächtigen Schwalle bis zum Ausgange und füllte schließlich die Tiefe des ganzen Kessels und beherrschte als Sieger den ganzen Raum, wo früher viele zufriedene Menschen thätig gewesen waren. So entstand der jetzige Hütten- oder Alaunsee aus einer kleinen Quelle, und so war die Drohung in Erfüllung gegangen. Die Erdgeister hatten den Schatz wieder hinabgesenkt in die Erde, und die Wassergeister hüten ihn mit zähem Neide bis an den heutigen Tag. Selbst auf dem Wasser des Sees scheint noch der alte Fluch zu liegen, denn nichts lebendes kommt darin vor, kein Fisch schnellt über dem Spiegel nach spielenden Mücken empor, kein Wasserkäfer rudert darin emsig hin und her, sein Ufer bedeckt kein rauschendes Schilf, in welchem der Rohrsperling sein Unwesen treibt oder der Rohrsänger seinen schönen Gesang ertönen läßt und das Wasserhuhn scheu sich birgt, nur selten lassen sich im Fluge, von seinem Spiegel gelockt, Wasservögel darauf nieder, um ihn enttäuscht nach kurzer Rast wieder zu verlassen; es herrscht auf ihm die Stille und der Friede eines Kirchhofes. Die Quelle, welche den See geschaffen, sprudelt noch fort. Wenn im Winter der Frost seine Decke darüber spannt, friert die Stelle am spätesten zu und sie birgt gebrechliches Eis. Schon manches Opfer der Unvorsichtigkeit hat sie in ihre Tiefe gezogen.
Im Komotauer Stadtarchive befindet sich eine Original-Urkunde, nach welcher der Komotauer Bürger Lazarus Drohmann im Jahre 1558 das Privilegium, auf Alaun und andere Mineralien bauen zu dürfen, erhielt.
370. Der gute Brunn zu Niederzwönitz.
(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis~, S. 871--875.)
Im Jahre 1608 hat sich der gute Brunn auf dem Streitwalde bei Niederzwönitz offenbaret, weil er viel Leute gesund machte. Eine Bäuerin aus Kühnheide hat nämlich dieses Brunnens heilsame Kraft durch einen Traum offenbart bekommen, nachdem sie 14 Jahre lang einen bösen Schaden an einem Schenkel gehabt und viel daran ausstehen müssen. Sie hat, als sie nach ihres Traumes Anweisung den Brunnen nicht sogleich finden konnte, viel alte Leute gefragt, ob nicht bevor in dieser Gegend ein gewisser Heilbrunnen vorhanden gewesen oder noch anzutreffen sei. Da habe sie endlich einen hundertjährigen Mann angetroffen und sich bei demselben weiter erkundigt. Derselbe habe die Bäuerin getröstet und ihr angezeigt, daß er den Brunnen wüßte; das Wasser desselben habe schon viele gesund gemacht und es sei deshalb früher an demselben eine Kapelle zu Ehren der heiligen Anna aufgebaut gewesen. Darauf habe er das Weib an den Ort geführt, worauf es auch nach des Brunnens Gebrauch von ihrer Krankheit befreit worden sei.
Im Jahre 1646 ist dieser Gesundbrunnen, der auch der Brunnen zu den drei Tannen genannt wurde, aufs neue in Aufnahme gekommen; jedoch soll derselbe jetzt 12 Lachter höher hinauf seinen Ausfluß gehabt haben. Einem Mägdlein zu Gablenz, so einen Kern im Auge gehabt, träumte, es solle sich zu dem Drei Tannen-Brunnen führen und daselbst sich waschen lassen, so würde es sehend werden. Und da es dem Vater solchen Traum erzählet und inständig angehalten, er möge es dahin führen, habe es den alten Brunnen, dahin sie gelanget, nicht für den rechten Brunnen erkannt, sondern gesagt, es wäre gar ein kleines, frisches Brünnlein. Und da hierauf der Vater seitwärts abgegangen und den neuen Quell in einem morastigen Sumpfe gefunden, hätte er dem Kinde die Augen dreimal mit dem Wasser gewaschen und etwas davon mitgenommen, und da er mit dem Waschen aus diesem Wasser fortgefahren, in der That erfreulich empfunden, daß das Mädchen auf dem Auge wieder sehend wurde. Darauf ist denn ein großer Zulauf der Leute von nahen und fernen Orten entstanden, so daß an manchem Tage wohl vier-, fünf- und mehr hundert Personen auf dem Platze sich befunden hätten, welche das Wasser teils kalt getrunken, teils gewärmet oder Suppen daraus gemachet, teils sich damit gewaschen oder zum Bad gebraucht hätten. Es hat auch seine Kraft und Wirkung an vielen kranken Personen gezeigt.
Die Sage, daß im Jahre 1646 der gute Brunnen aufs neue in Aufnahme gekommen sei, scheint sich auf eine zweite Quelle, welche man nach der Angabe Engelhardts (Erdbeschreibung von Kursachsen, 2. B., S. 219) in dem genannten Jahre fand und Krätzbrunnen nannte, zu beziehen. Die erste Quelle soll bereits 1498 oder 1501 entdeckt worden sein und sich so heilsam gezeigt haben, daß man bei ihr die in der Sage erwähnte Kapelle zu Ehren der heiligen Anna erbaute. Dieselbe ging jedoch bald wieder ein; doch blieb der Name St. Annenbrunnen, aus welchem das Volk später »Tannenbrunnen« oder »Brunnen zu den drei Tannen« machte, weil drei Tannen in seiner Nähe standen. Rings um den Brunnen baute man Hütten und es wurden Predigten und Betstunden bei der Quelle gehalten.
371. Entdeckung eines Heilbrunnens zu Grumbach.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 242.)
In Grumbach wohnte ein feiner, ehrlicher Mann, Daniel Nestler, welcher große Beschwerung im Leibe hatte; diesem träumte im Jahre 1646 von einem Gesundquell. Er ging darauf durch Wiesen auf einem gebahnten Wege an die Stelle, welche nahe am Walde und nicht weit von dem sogenannten Thumshirn-Brunnen lag. Als er von dem neuen Quell getrunken hatte, grimmete es ihm erstlich sehr im Leibe, doch wurde er darauf seine Beschwerung los. Weil dann aus Meißen und Böhmen ein großer Zulauf wurde und man das Wasser im warmen Bad gebrauchte, hielt man dabei Betstunden und vermahnte zugleich, das Wasser behutsam zu gebrauchen.
Der oben genannte Thumshirn-Brunnen hat seinen Namen von einem Generale, welcher 1548 mit einigen Regimentern auf Befehl des Kurfürsten Joh. Friedrich nach Böhmen zog und an dem Brunnen sich lagerte.
372. Die Kraft des Bernsbacher Heilbrunnens geht bald verloren.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 243.)
Das Geschrei vom Bernsbacher Heilbrunnen entstand im Jahre 1684. Denn als die Kirchleute am 7. Sonntage nach Trinitatis nach Hause gingen, sahen sie ein Wasser, das mitten im Wege in ungewöhnlicher Weise emporquoll. Das ungebändige Volk lief zu und brauchte den Brunnen mehr zum Schaden als zum Nutzen. Denn bei manchen unreinen Leibern blieb er sitzen und machte große Ungelegenheit, etliche purgierte er heftig, etliche gar nicht. Einigen machte er die blöden Augen klar, anderen aber verdunkelte er dieselben. Es verschwand aber die heilsame Kraft samt dem Brunnen, nachdem dabei viel Unfug getrieben worden war.
373. Die Heilquelle bei Hartessenreuth.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 257.)
In der Nähe des Dorfes Hartessenreuth ist ein Brunnen, dessen Wasser heilkräftig sein soll. Am Rande dieses Brunnens pflegt zur Adventszeit in der Nacht ein altes Weib zu sitzen, und wenn jemand in später Nacht vorbeigeht, so hockt sie sich ihm auf und läßt sich bis zum nächsten Kreuzwege schleppen. Dort springt sie herab und eilt lachend zum Brunnen zurück. Vor alten Zeiten soll hier ein Einsiedler seine Hütte erbaut haben. Jeden Morgen ging er zum Brunnen, wusch sich dort und verrichtete dann sein Gebet. Darin wurde er aber durch einen höllischen Lärm gestört und wenn er aufblickte, sah er, daß hinter dem Brunnen ein altes Weib hockte und ihn störte. Er suchte die Hexe zu bannen, aber sie rührte sich nicht von der Stelle. Da rief er im Zorne: »So verfluche ich Dich, ewig bei diesem Brunnen zu sitzen, aber das Wasser des Brunnens soll heilkräftig werden und Du sollst zusehen, wie die Menschen, die krank hierher kommen, fröhlich von dannen ziehen!« Seit dieser Zeit ist der Brunnen heilkräftig geworden, das alte Weib aber sitzt heute noch an seinem Rande.
374. Der Ursprung der Quelle bei Hartessenreuth.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 256.)
In der Nähe von Mariakulm liegt auf einer Anhöhe das Dorf Hartessenreuth. Am Fuße dieser Anhöhe erstreckt sich eine breite Wiese und in derselben ist eine Quelle, deren Wasser fortwährend in sprudelnder Bewegung ist, wodurch ein deutlich hörbares Brausen entsteht, so daß man glaubt, das Wasser siede. Dort, wo jetzt die Quelle sprudelt, stand früher ein Gehöfte, das von einem Bauer mit seinem Weibe und seinen Knechten bewohnt ward. Der Mann und das Gesinde waren sehr gottesfürchtig, das Weib aber nicht. Sonn- und Feiertage wurden von ihr nicht geheiligt; sie hatte die Gewohnheit, während der Messe Garn zu sieden. Der Mann hielt ihr das oft vor, aber sie antwortete jedesmal mit Schimpfworten. Einst, als sie wieder des Sonntags anfing Garn zu sieden, wurde der Bauer zornig und sprach: »Dich soll das Donnerwetter bei lichtem Tage holen!« Darauf ging er mit seinen Knechten in die Kirche. Sie waren noch nicht lange dort, als sich ein furchtbares Gewitter erhob; es blitzte und donnerte schrecklich. Der Bauer dachte dabei an die Worte, die er gesprochen hatte und es wurde ihm bange. Die Bäuerin daheim aber kümmerte sich um das Unwetter gar nicht, sondern ging unbesorgt ihrer gewöhnlichen Beschäftigung nach. Da wurde es plötzlich finster wie die Nacht, ein Blitz entfuhr den Wolken und schlug in das Gehöfte. Kaum aber hatte er die Erde berührt, so öffnete sich diese und verschlang das ganze Gehöfte samt der Bäuerin. Die oben genannte Quelle soll nun der Hafen sein, worin sie das Wasser kochte und deshalb ist das Wasser darin fortwährend in siedender Bewegung.
375. Der Wunderbrunnen auf dem Pöhlberge bei Annaberg.
(Chronica der Bergstadt St. Annaberg. I. 1746. S. 5.)
Es wird erzählt, auf dem Pöhlberge solle ein Wunderbrunnen sein, den aber nicht jedermann finden und sehen könne, der bald da wäre, bald aber wieder verschwinde, und säße eine Jungfer dabei.
~Dr.~ Ewald Dietrich führt in den romantischen Sagen des Erzgebirges I. Bd. No. 1 die obige Sage unter der Überschrift: »Die Jungfrau des Bielberges« noch weiter aus. Diese novellistische Bearbeitung trägt aber ganz unverkennbar das Gepräge des Selbsterfundenen und Gemachten, so daß Abstand genommen wurde, sie hier, wenn auch nur in gekürzter Form, wieder zu geben, obschon dies Gräße in seinem Sagenschatze gethan hat. Siehe auch No. 46.
376. Von den wunderbaren Eigenschaften des Zöblitzer Serpentins.
(Steinbach, Historie des Städtchens Zöblitz, 1750, S. 28; Lehmann, Schauplatz etc., S. 451.)
Man war ehemals der Meinung, daß der Serpentin ein gutes Gegengift sei, da man in den Serpentinsteinbrüchen von Zöblitz niemals eine Otter, Kröte, einen Molch oder dergleichen giftiges Tier gesehen habe. Daher wurden aus dem Steine Pflaster und Pillen, sowie eine vortreffliche Tinktur gemacht; das Pflaster gebrauchte man gegen Kopfschmerzen, Reißen und Gicht, die Pillen gegen Schwachheit des Magens und die Tinktur gegen Gift und »alle anfälligen Krankheiten.« Ein alter Reim zählt auf, gegen welche Krankheiten sich der Stein als nützlich erwiesen habe:
»Vor Leibes-Grimmen, Colica, Vor Miltz, Gedarm oder Magen, da Manches sich überspeiset hat, Bringt seine Wärme guten Rath, Wenn er auf'n Bauch geleget wird. Und wo der Blasen-Stein sich rührt, Hilft seine Wärme trefflich wohl, Den man was tiefer legen soll. An Händ und Füß das Zipperlein Der warme Stein auch lindert fein. Denen Kindes-Gebährerinn Nimmt seine Wärm die Wehen hin. In Schwindsucht macht er Kranke ruhn, Wenn Lung und Leber wehe thun. etc.«
377. Die alte Linde auf dem Gottesacker zu Annaberg.
(Richter, Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg, 1746, S. 248.)
Auf dem Gottesacker zu Annaberg stehet eine große, schöne und mit Ästen stattlich ausgebreitete Linde, unter welcher der Rat und die Vornehmsten aus der Stadt auf Stühlen zu sitzen pflegen, wenn die Trinitatispredigt unter freiem Himmel jährlich zu Mittage gehalten wird.
Man hat die Tradition, daß diese Linde bei folgender Gelegenheit umgekehrt hierher gesetzt worden sei. Ein Marstaller allhier auf St. Annaberg habe einen ruchlosen Sohn gehabt, welcher sonderlich an keine Auferstehung habe glauben wollen, daher ein Priester sich alle Mühe gegeben, diesen bösen Menschen auf bessere Gedanken zu bringen. Derselbe sei mit dem ruchlosen jungen Burschen auf den Gottesacker gegangen und habe ihm daselbst vorgestellt, daß dieses das Feld des Herrn sei; wie der ausgestreute Same auf dem Felde aufginge und herfür wachse, so würden auch diese Begrabenen, so zu sagen, als ein Samen, wieder aus der Erde am jüngsten Tage herfür kommen. Darauf habe dieser junge Mensch eine noch kleine Linde auf dem Kirchhof erblicket, solche angesehen und zu dem Priester gesagt, so wenig als diese Linde, wenn man sie ausreißen und umgekehrt mit den Ästen in die Erde setzen wollte, ausschlagen würde, so wenig würden diejenigen, welche einmal tot wären, wiederum lebendig werden und auferstehn. Hierauf habe der Priester, in göttlichem Eifer entbrannt, geantwortet, er wüßte gewiß, Gott würde so gnädig sein, und um solche Ruchlosigkeit zu strafen, ein Zeichen seiner Allmacht sehen lassen, er wolle diese Linde umgekehrt lassen in die Erde setzen, und würde sie ausschlagen, so sollte er hiervon seinen bösen Unglauben kennen lernen, welches auch hernach also geschehen.
Die der Frigg geheiligte Linde war Liebesbaum, welcher nicht bloß von Liebenden besucht, sondern auch als äußeres Zeichen der Liebe, welche über das Grab hinaus dauert, auf den Friedhöfen angepflanzt wurde. Außerdem galt sie unsern Vorfahren als Dingbaum, unter welchem Beratungen gehalten und Recht gesprochen wurde. Die Mitglieder des Annaberger Rats setzten sich zum Zeichen ihrer Würde und Gewalt auch während der Predigt im Freien unter den Lindenbaum. -- An unsere Sage erinnert die von der großen Linde auf dem Nikolai-Kirchhof in Görlitz, insofern auch dieser Baum, verkehrt eingepflanzt und so noch fortgrünend, einen Glaubenssatz als Wahrheit bestätigte. Als nämlich zu Ende des 16. Jahrhunderts der in den Verdacht des Calvinismus gekommene Pfarrer Martin Moller zu Görlitz sterben wollte, sagte er zu den Seinen: »Wenn ich werde gestorben sein, so pflanzt auf mein Grab eine junge Linde mit den Zweigen in die Erde. So gewiß diese Linde wachsen wird, so gewiß habe ich auch Gottes Wort rein und lauter gelehrt und gepredigt.« Dieser sein letzter Wille geschah und was er gesagt hatte, traf ein, so daß alles sich hoch verwunderte und viele gläubig wurden. (Haupt, Sagenbuch der Lausitz, II. No. 125. 2.)
378. Der dürre Lindenstab.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 52.)
Einstmals zog aus einem Städtchen, im Innern Böhmens gelegen, ein armer braver Jüngling mit Namen Georg, da der Kaiser die Kriegstrommel rühren ließ, ins Feld, um als treuer Soldat für das bedrohte Vaterland zu kämpfen. Er nahm von seinem lieben Mütterlein und von Maria, seiner Verlobten, herzlichen Abschied und gab letzterer das Versprechen, nach seiner Rückkehr sie als Gattin heimzuführen. Aber Jahr um Jahr verging, ohne daß seine Angehörigen eine Nachricht von ihm erhielten. Endlich ward der langwierige Krieg beendigt, und die siegesfreudigen Truppen kehrten in die Heimat zurück, wo ihnen allenthalben jung und alt einen festlichen Empfang bereitete. Auch Marie, die unter Hoffen und Harren sechs kummervolle Jahre verlebt hatte, eilte auf die Landstraße hinaus, um ihren Bräutigam zu empfangen, allein er kam nicht. Dies gab ihrer Mutter, welche die Hand ihrer Tochter schon längst dem reichen Nachbar Paul zugesagt hatte, eine willkommene Veranlassung, in sie zu dringen, Georg, der entweder im Kampfe gefallen sei oder sich unter liederlichem Gesindel herumtreibe, zu vergessen und in die glänzende Partie einzuwilligen. Jedoch Marie blieb standhaft und hielt fest an Georg. -- Als aber Mutter und Verwandte sie mit wiederholten Bitten und mit ungestümen Drohungen bestürmten, gab sie dem Verlangen nach und erbat sich ein Jahr Aufschub; denn sie hoffte mit aller Zuversicht, daß innerhalb dieser Frist ihr Verlobter heimkehren werde. Doch auch das siebente Jahr verstrich ohne Georgs Rückkehr, und Marie wurde Pauls Gattin.
An einem trüben Septembertage schritt ein junger, kräftiger Wandersmann auf der Landstraße daher. Es war Georg, der voll Sehnsucht seiner Heimat zueilte. Derselbe war nach abgeschlossenem Frieden in der Fremde geblieben, um durch rastlose Arbeit und Sparsamkeit sich einiges Vermögen zu erwerben. Nachdem ihm sein Plan geglückt war, wollte er nun seiner alten Mutter, die ihm unter Mühen und Sorgen so viel Gutes erwiesen, das Alter versüßen und mit Marie einen eigenen Hausstand gründen. Mit wonnigen Gefühlen erreichte er beim Dunkelwerden sein heißersehntes Ziel, die ärmliche Hütte seiner Mutter, und schaute durch die Fensterscheiben ins traute, stille Stübchen, wo sein greises, gebücktes Mütterchen beim Spinnrocken saß und spann. Er klopfte leise an die Hausthür, und beim Öffnen derselben fiel ihm seine Mutter mit thränenden Blicken um den Hals und drückte ihn an ihr Herz. Nach der Freude der ersten Umarmung erkundigte sich Georg nach seiner Braut. Da erzählte ihm die Mutter, wie Marie sieben Jahre vergebens auf ihn gewartet habe, und wie sie, ihn für tot haltend, Pauls Gattin geworden sei. Wie vom Schlage getroffen stand Georg da, dann faßte er Mut und sprach mit festem männlichen Ton: »Also für tot hielt mich Marie; wohlan denn, ich will es sein für sie und die Welt! Morgen in der Frühe verlasse ich diesen Ort für immer, um mich in die Einsamkeit zurückzuziehen.« Hierauf ging er zu dem Lindenbaume, welcher vor dem Hause des Nachbars Paul stand, und schnitt sich einen Stab als treuen Gefährten auf seiner Pilgerreise, die er trotz der Mutter inständigem Flehen bei Anbruch des nächsten Tages antrat, um den Einsiedler Johannes Niavis (Schneevogel), welcher im Erzgebirge ein frommes Leben führte, aufzusuchen und mit ihm sich zu vereinigen. Georg beeilte sich, in großen Tagesmärschen seine Reise zu vollführen. Und wirklich kam er nach mehrtägiger, mühsamer Wanderung seinem Ziele so nahe, daß er bis zu der einsamen Wohnung des Eremiten, welche um St. Albrecht unter dem Wolfsberge bei Joachimsthal lag, wo der Schwarzgang hinabstreicht, nur noch eine Viertelstunde Weges zurückzulegen hatte. Da klang aus der Ferne das Ave-Maria-Glöcklein. Georg zog sein Hütlein, kniete nieder und betete. Doch horch; leises Wimmern, klägliches Stöhnen dringt an sein Ohr! Der Andächtige erhob sich und eilte nach der Stelle hin, woher die Stimme ertönte. Er fand im Gebüsche einen Israeliten liegen, der aus vielen Wunden blutete. Ihn hatten Räuber, als er von seinem Hausierhandel nach Lichtenstadt zurückkehren wollte, überfallen, mißhandelt und seiner Habseligkeiten beraubt. Von tiefem Mitleid ergriffen, holte Georg in seinem Hute aus der nahen Quelle Wasser, um den Todesblassen mit einem frischen Trunke zu stärken und dessen klaffende Wunden auszuwaschen; allein sein Liebesdienst war erfolglos, denn in wenigen Minuten hauchte der Israelit seine Seele aus.
Während der Fremdling, ein wahrer Samariter, bei der Leiche kniete und mutterseelenallein das Sterbegebet verrichtete, näherten sich dem Thalorte eilige Schritte. Georg glaubte hülfreiche Unterstützung zu erlangen, um den Leichnam nach einem andern Orte schaffen zu können, und war deshalb sehr überrascht, als er von Schergen, die ihn des verübten Mordes beschuldigten, ergriffen und gebunden wurde. Dann führten sie den Unschuldigen nach der nahen Bezirksstadt Joachimsthal, wo sie ihn ins Gefängnis warfen.
Georg beteuerte beim Verhöre seine Unschuld, allein seine Aussagen wurden als freche Lügen hingestellt. Eher hätte er von den Säulen, auf denen die Saaldecke ruhete, Gnade erflehen können, als von den hartherzigen Richtern, welche ihn der vollbrachten Mordthat schuldig erklärten und zum Tode durch Henkershand verurteilten.
Des andern Tages ertönte das Sünderglöcklein. Eine unzählige Volksmenge hatte sich auf dem Marktplatze versammelt, denn alles wollte den Mörder, der zum Galgen geführt wurde, sehen. Als die Versammelten aber einen jungen Mann mit mildem Angesichte erblickten, der einmal gen Himmel, das andremal auf seinen Lindenstab seine Blicke richtete, blieb kein Auge thränenleer. -- Auf dem im Osten der Stadt gelegenen Galgenberge, dem damaligen Richtplatze, angekommen, sprach Georg mit lauter, weithin vernehmbarer Stimme: »Daß ich schuldlos sterbe, möge Gott der Barmherzige an meinem dürren Lindenstabe bezeugen!« Nach diesen Worten hob er ihn in die Höhe und stieß ihn mit aller Kraft in die Erde. Und siehe! kaum hatte der Henker sein Werk vollbracht, so sah man an dem Lindenstabe die ersten grünen Keime. Derselbe wurde nun ausgehoben und zum gottesfürchtigen Einsiedler Schneevogel getragen, der ihn neben seiner Kapelle in die lockere Erde einsetzte und mit Sorgfalt hegte und pflegte. Aus dem dürren Stabe aber wuchs im Laufe der Zeit ein mächtiger Lindenbaum, die Urmutter der stattlichen Linden heran, die noch heutzutage bei dem Kapuzinerkloster zu Mariasorg stehen.
379. Der Galgenbaum bei Blankenhain.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 51.)
Auf dem Rittergute Blankenhain im Amte Zwickau diente einst ein ehrlicher und braver Hirtenjunge, namens Liebhold, dem aber die Knechte und Mägde gehässig waren, weil er, sobald er von denselben etwas sah, was wider den Willen seiner lieben Herrin, der Edelfrau, war, ihr solches immer sogleich anzeigte. Als daher einmal der gnädigen Frau ein goldnes Kettchen weggekommen war, ergriff das gottlose Gesinde die günstige Gelegenheit, den armen Jungen zu verderben; der gewissenloseste unter den Knechten ging hin zur Herrin und zeigte Liebholden als den Dieb an, den er über der That betroffen habe. Die Edelfrau übergab den Angeklagten den Gerichten, welche ihn nach vielfachem Verhöre, wie hoch er auch seine Unschuld beteuerte, auf den falschen Schwur seines Anklägers zum Strange verdammten. Nach wenigen Tagen wurde das Urteil vollzogen. Unter wimmerndem Geläut der Sünderglocke führte man den armen Liebhold hinaus vor das Dorf, wo ein großer Balken mit einem Arme oben als Galgen aufgerichtet war. Noch einmal, ehe er in den Tod ging, betete er zu Gott, daß er seine Unschuld rechtfertigen möge und dann, zu den Umstehenden gewendet, rief er: »Der mich angeklagt hat, der hat einen falschen Eid geschworen. Denn, so wahr ich unschuldig bin, so wahr wird dieser Balken, welcher mein Galgen sein soll, nach meinem Tode anfangen zu grünen und Zweige treiben, und Jahrhunderte hindurch als ein frischer Baum bewundert werden!« Darauf wendete er sich zum Henker und litt mit frommer Zuversicht auf das Jenseits den unverdienten schmachvollen Tod. -- Und als das nächste Frühjahr kam, da gab Gott die Unschuld Liebholds an den Tag. Der Balken des Galgens wurde grün und trieb Zweige, so wie es Liebhold vorhergesagt hatte. Die Edelfrau wurde darüber voll Unruhe und gebot, den meineidigen Knecht zu verhaften. Aber ehe die Häscher denselben erreichten, hatte er sich im Koberbache ertränkt. Es wurden später mehrere nahe am Rittergute stehende, hohe Erlen umgeschlagen, und auf einer derselben fand man ein Dohlennest und darinnen das gestohlene goldne Kettchen der Edelfrau. -- Der Galgenbaum, jetzt ein starker und hoher Baum, ist heute noch bei Blankenhain zu sehen.
Sagen von dürrem Holze, von Pfählen, Stecken und dergleichen, welche wieder grünen und dadurch die Unschuld eines unschuldig mit dem Tode Bestraften anzeigen, giebt es auch an andern Orten. So erzählt eine thüringische Sage, daß ein Bursche aus Lautersdorf, welcher, der Hexerei angeklagt, zum Richtplatze geführt wurde, beim Anblicke von Pfählen, die ein Bauer einschlug, um Bäume anzubinden, noch seine Unschuld mit den Worten beteuerte: »So wahr ich unschuldig bin, wird Gott ein Wunder thun und einen dieser dürren Pfähle ausschlagen und zum starken Baume heranwachsen lassen.« So geschah es. Als das Volk von der Richtstätte zurückkehrte, hatte einer der trocknen Pfähle grüne Blätter und braune Zweiglein bekommen. Er wuchs zu einer starken Buche empor. (O. Richter, Deutscher Sagenschatz, 3. H. No. 69.)
380. Die drei Linden bei Crimmitschau.
(Mitgeteilt von G. Fiedler.)
In der Nähe des Sahnparkes bei Crimmitschau stehen drei große schattenreiche Linden. Es wird erzählt, daß einst ein Schäfer des Rittergutes Frankenhausen eines Diebstahls wegen zum Tode verurteilt wurde, trotzdem er bis zum letzten Augenblicke seine Unschuld beteuerte. Da bat er sich noch die Gnade aus, auf dem Richtplatze drei junge Linden verkehrt pflanzen zu dürfen. Würden die auf solche Weise gepflanzten Bäumchen fortkommen, so möge man dies als Zeichen seiner Unschuld ansehen, würden sie aber verdorren, so wäre er des Diebstahls schuldig. Der Schäfer wurde hingerichtet, aber die vor seinem Tode von ihm mit den Ästen in die Erde gepflanzten Bäume gediehen zum Zeugnisse, daß er unschuldig gewesen war.
381. Der prophetische Barfüßer zu Chemnitz.
(~Curiosa Sax.~ 1733, S. 77. Gräße, Sagenschatz etc. No. 466. Richter, Chron. von Chemnitz I. 1767, S. 100.)
Als den 19. April des Jahres 1540 die Barfüßermönche aus der Stadt Chemnitz vertrieben wurden, nahmen sie ihren Abzug über den Katzberg (Kassberg), Sauanger und Altchemnitz, nach Böhmen zu; dabei hat einer derselben, Bruder Barthel genannt, auf dem Sauanger bei der Nikolaigasse eine Valetpredigt gehalten und darin verschiedene Dinge prophezeit. So hat er ein unter seinen Zuhörern stehendes Weib also angeredet: »Du liebes Weib, Du trittst allhier und hörst mir zu, weißt aber nicht, daß Dir unterdessen Dein einziges Kind im Bade ertrunken ist?« welches sie auch also tot gefunden. Ingleichen hat er verkündigt, daß der gute Mühlsteinbruch bei Chemnitz gangbar werden und daß in den beiden Kirchen zu St. Johannes und Nikolaus auf dem Altare Heidelbeersträucher wachsen würden. Dies ist auch geschehen, denn es sind beide Kirchen im Jahre 1547 von den Feinden angegriffen worden, wie sie denn viel größer und schöner denn jetzt gebaut gewesen. Weiter hat er dieser Stadt angesagt, daß sie nach ihm eine schöne wohlgebaute Stadt, volkreich und mit vielem Glück und Gaben Gottes würde begabt werden, allein wegen ihres Übermuts und anderer Sünden werde sie von Gott mit Pestilenz, Kriegsnot, Feuerschaden und endlich mit einer großen Wasserflut gestraft und heimgesucht werden, was auch leider bald nachher eingetroffen ist. Von Neukirchen im Amte Chemnitz hat dieser Mönch gesagt, daß sein Erbherr ein großes Schloß daselbst bauen, aber keiner allhier sterben und begraben werden dürfe, welches auch bis 1709 also geschehen, als in welchem Jahre der ältere Baron von Taube auf dem genannten Schlosse gestorben und in Neukirchen begraben worden. Ferner hat er gesagt, es werde daselbst auch eine steinerne Brücke erbaut werden, darauf werde eine doppelt verlobte Braut, wenn sie zur Kirche fahren wolle, versinken, welches auch die Erfahrung wahr gemacht hat.
382. Prophezeiung des M. Schütze in Oederan.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, S. 255.)
Am 22. Januar 1763 legte sich der alte Pastor M. Schütze zu Oederan ins Grab. Wenige Stunden vor seinem Ende forderte er Feder, Tinte und Papier, da er nicht mehr sprechen konnte. Die Feder entfiel ihm ebenfalls. Da blickte er den anwesenden Diakonus Frey wehmütig an und schrieb mit dem Finger folgende Zeichen aufs Bett: »m -- E -- gef. --. 7 Jam -- El -- betet!«, das letzte Wort ganz deutlich, die ersten aber vermochte der Diakonus nur mit Mühe herauszubringen und auf ein Papier zu schreiben. Erst im Jahre 1770 sollten die Buchstaben, welche man nicht verstanden, ihre Bedeutung finden; sie hießen: »Machet Euch gefaßt in 7 Jahren auf Jammer und Elend! betet!« Und es folgten drei traurige Hungerjahre, hervorgerufen durch Mißwachs. Schon im zweiten Jahre konnte niemand mehr dem Andern eine Gabe reichen. Die Ernte faulte schon auf dem Felde. Die Körner wurden auf der Mühle zu Brei statt zu Mehl und hatten einen üblen Geruch. Viele starben buchstäblich vor Hunger, so daß vom Obergebirge, wo es am traurigsten aussah, viele hundert Kinder, welche keine Eltern mehr hatten, in die großen Orte verteilt werden mußten.
383. Eine Prophezeiung der Zigeuner.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 312.)
In Graslitz sollen auf dem Marktplatze einmal Zigeuner Feuer angemacht und sich ihre Speisen gekocht haben. Als sie wegzogen, konnte niemand mehr eine Spur entdecken, wo das Feuer gebrannt hatte. Diese Zigeuner sollen denn auch der Stadt prophezeit haben, daß, wenn in Graslitz ein Brand entstünde, doch niemals mehr als zwei Häuser abbrennen würden. Diese Prophezeiung hat sich denn auch stets bestätigt.
384. Die Eiche bei Hartenstein.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 557.)
In dem beim Schlosse Hartenstein befindlichen Walde befand sich vor Jahren ein ungeheurer, prächtig belaubter Eichenbaum, von dem man erzählte, daß sein Bestehen auf geheimnisvolle Weise mit dem Schicksale des Schönburgischen Hauses verflochten sei. Man sagte, wenn der Baum umgehauen werde, würden drei Glieder des Schönburgischen Stammes sterben.
385. Eine Sylvestersage.
(Illustrirtes Familien-Journal. V. No. 116.)
Es war im vorigen Jahrhunderte an einem Sylvesterabende, da saß in der Stadt Schöneck ein alter, wackerer Schneider, zugleich Stadtrat und Gemeindeältester, mit seiner getreuen Ehehälfte im rauchgebräunten Stübchen und schneiderte noch für den Festtag. Im großen Kachelofen prasselte ein gemütliches Feuer, und in der Röhre sang der Kaffee gar lustige Liedlein. Auf einmal erhob sich die Hausmutter, kramte herum und suchte und suchte, und machte ein gar verdrießlich Gesicht, vergeblich, sie fand nicht das Kameelgarn zu den Knopflöchern. Die Niederlage war aber oben auf dem Boden; deshalb mußte der Vater hinauf. Oben stand er in der schönen Winternacht an der Dachluke, und es wurde ihm so wunderlich im Herzen und er mußte sein Käppchen abnehmen und ein stilles Vaterunser beten. Wenn man aber zur Neujahrsnacht unter einem Balken steht, dessen eines Ende nach Morgen gerichtet ist, und ein Vaterunser betet, und nicht aus der Linie des Balkens heraustritt, so kann man »horchen«, d. h. einen Blick in die Zukunft thun, die in einzelnen Bildern vorüberzieht. Tritt man aber aus dem Kreise heraus, oder man erzählt jemandem, was man gesehen hat, so solls einem den Hals umdrehen. Der Alte hatte gar nicht daran gedacht, -- aber auf einmal, da fängts an zu läuten, als ob eine Leiche wäre, und den Mühlberg herauf kommt ein langer, langer Leichenzug, immer näher und näher, bis er endlich vor des alten Schneiders Haus anhält. Es dauert auch nicht lange, so kommt die Schule und die Geistlichkeit, mit dem Kreuze voran, stellen sich neben der Bahre auf, singen zwei Lieder und eine Arie, und dann setzte sich der Zug in Bewegung nach dem Kirchhofe zu. Der Alte kann die Leichenbegleiter alle erkennen, Vettern, Nachbarn, Gevattern, ja sogar sich selbst und seine Ehehälfte darunter, sich selbst dicht hinter dem Sarge und mit weinenden Augen. Da ward's ihm doch ein wenig bange und er wäre gern fortgegangen; aber es fiel ihm noch zu guter Zeit das Halsumdrehen ein. Wie er nun so recht trübselig da stand und träumerisch hinausblickte, sah er aus einem Hause ein Flämmchen herausfahren, dann aus einem andern, dann wieder eins und wieder eins, und zuletzt kam fast aus jedem Hause ein Flämmchen gefahren, und das, wußte er wohl, bedeutet Feuer. Da konnte er sich denn doch nicht mehr halten, sprang aus dem Kreise, und -- es schlug Eins! Als er indessen wieder herunterkam, war seine alte Ehehälfte eingeschlafen; er weckte sie auch nicht erst auf, sondern ließ die Arbeit sein und legte sich nieder, konnte aber nicht schlafen, war früh verstimmt, ging auch nicht in die Metten, sondern saß still und traurig daheim. Als er nach einigen Tagen den Wächter traf, that dieser sehr geheimnisvoll und beklommen und meinte: »Meister, Meister! 's wird ä schlecht Jahr für Euch und für uns all'! Der liebe Gott behüt' uns und die Stadt! mehr darf ich nit sagen: aber wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet!« Der hatte auch gehorcht, und so noch andere. -- Es dauerte auch nur wenig Wochen, da starb des alten Schneiders Bruder, der Müller drunten in der Bockmühle. Es wurde zur Leiche gelauten, den Mühlberg herauf kam ein langer Zug, der vor des Alten Haus anhielt. Es kam die Schule und die Geistlichkeit voran, die stellten sich auf, sangen dieselben zwei Lieder und dieselbe Arie, dieselben Leute gingen hinter dem Sarge her, der Alte mit entblößtem Haupte und weinenden Auges. Der alte Wächter aber stand am Kirchhofthore, sah den Alten verständnis- und geheimnisvoll an, und weinte so heftig, daß die Leute gar nicht begreifen konnten, wie ihm der Tod des Bockmüllers so zu Herzen gehen könne. Der hatte aber seinen guten Grund, traurig zu sein, denn er wußte, was geschehen würde. Es geschah auch. In demselben Jahre noch ist fast die ganze Stadt abgebrannt und des Alten Haus dazu. Es war nur gut, daß es gerade Eins schlug, als er aus dem Kreise sprang; sonst wäre es wohl noch schlimmer für ihn geworden.
386. Der Scharfrichter und sein Schwert.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 37.)
Zur Zeit, da in Joachimsthal das Hochgericht bestand, bewohnte der Scharfrichter, mit dem niemand verkehren wollte, ein einsames Häuschen im untersten Stadtteil. Häufig besuchte eine Frau des Henkers Familie. So oft sie mit ihrem Kinde in die Stube trat, hörte das Weib des Scharfrichters die in dem Waffenschranke hängenden Schwerter dumpf aneinander schlagen. Auf diesen merkwürdigen Vorfall machte das Weib endlich ihren Mann aufmerksam, der darüber nicht die geringste Verwunderung aussprach. Als der Scharfrichter eines Tages bemerkte, daß die Frau mit dem Kinde sich seiner Wohnung näherte, öffnete er den Schrank, worin sich die Schwerter und die übrigen Hinrichtungswerkzeuge befanden. Kaum hatten die erwarteten Ankömmlinge des Gemaches Schwelle überschritten, so bewegte sich sofort das größte Schwert im Schranke, berührte die daneben hängenden Schwerter und verursachte ein unheimliches Geklirre. »Arme Frau,« sprach bewegt der Scharfrichter, »meine Freundespflicht befiehlt mir, Euch eine höchst traurige Mitteilung zu machen. Ihr werdet an Eurem Kinde viel Kummer und Schmerz erleben, denn es wird durch Henkershand sein Leben enden. Seht, wie sich dort das Schwert bewegt, dessen Klänge Ihr hört! Dies alles zeigt mir an, daß Euer Kind einst hingerichtet werden wird durch mein Schwert.« »Um Gotteswillen! ich beschwöre Euch,« rief laut schluchzend, händeringend und schreckensbleich die Mutter, »sucht das gräßliche Los von meinem Kinde abzuwenden!« »Soll Euer Kind dem schmählichen Tode entgehen«, entgegnete der Henker, »dann muß ich dessen Körper mit dem Schwerte ein wenig ritzen, auf daß dieses sich mit dem Blute des bestimmten Opfers färbe.« Sprach's nahm das Schwert und brachte mit demselben dem Kinde eine leichte Wunde bei. -- Die dankbare Frau setzte mit dem Kinde ihre Besuche bei der Scharfrichtersfamilie fort, doch das Schwert blieb fortan ruhig im Waffenschranke hängen.
387. Der Traum auf Augustusburg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anh. No. 20.)
Kurfürst August I., der Erbauer der Augustusburg, hatte auf derselben ein Schlafgemach, darin zwei Betten standen, das eine für ihn selbst, das andere für seinen Kanzler, einen Edlen von Pflug. Neben dem Bette des Kurfürsten aber stand ein Tisch, auf welchem stets eine aufgeschlagene Bibel lag, weil der fromme Kurfürst jedesmal vor dem Schlafengehen ein Kapitel aus derselben zu lesen gewohnt war.
Einst schlief er ruhig in seinem Bette, da hatte er folgenden Traum: Ein Mönch und eine Nonne traten in das Gemach und schritten zu dem Tische, auf dem die Bibel lag und das brennende Nachtlicht stand. Der Mönch nahm die Bibel auf und las darin, legte sie aber bald wieder verdrießlich weg und wollte das Licht ausblasen. Als ihm aber das trotz aller Anstrengung nicht gelingen wollte, ward er darüber voll Ärger und eilte der Thüre zu. Hierauf versuchte auch die Nonne das Licht auszublasen, und blies es auch aus, jedoch nicht ganz. Denn kaum, daß sie mit dem Mönche zur Thür hinausgeeilt war, da entzündete sich die Kerze, an deren Dochte noch einige Fünkchen glommen, plötzlich wieder und brannte mit schöner, heller Flamme.
Dieser Traum schien auf den Kurfürsten einen tiefen Eindruck gemacht zu haben, denn als er früh in der fünften Stunde erwachte, war das erste Wort, das er nach dem Morgengruße an den Kanzler richtete: »Ich habe einen seltsamen Traum gehabt in dieser Nacht!« Da nun der Kanzler antwortete, daß auch er, obgleich er bis nach Mitternacht wach geblieben, gar seltsame Dinge gesehen habe, so that der Kurfürst den Vorschlag, daß sie beide ihr Gesicht alsbald aufzeichnen wollten; dies geschah denn auch, und als sie fertig, teilten sie das Geschriebene einander mit. Wunderbar genug hatte der Kanzler ganz dasselbe mit wachen Augen gesehen, was dem Kurfürsten im Traume vorgekommen war, und noch wunderbarer war es, daß das von ihnen Aufgezeichnete in jedem Wort und Buchstaben vollkommen übereinstimmte. Der Kanzler wußte nicht, was er davon denken sollte; der Kurfürst aber sprach: »Es wird dermaleinst nach meinem Tode auch ein Augustus in diesem Lande regieren, der wird die evangelische Lehre unterdrücken wollen, aber nicht können, denn Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehen nun und nimmermehr!«
Nach andern Nachrichten soll der Kurfürst eine harte Verwünschung desjenigen unter seinen Nachkommen, der die Lutherlehre anfeinden würde, in der Bibel aufgezeichnet haben.
Ob der Mönch und die Nonne jemals wieder in Augustusburg erschienen sind, davon hat niemand etwas erfahren. Die obige Geschichte aber erzählen viele Chroniken.
388. Die Kurfürstin Margarethe wird durch einen Traum vor den Prinzenräubern gewarnt.
(Johann Vulpius, ~Plagium Kauffungense~, d. i. die Chur-Fürstl. Sächß. Printzen Entführung aus dem Schlosse zu Altenburg. Anhang zu Daniel Wilh. Triller, Der sächs. Prinzenraub, 1743. S. 199.)
Die Nacht zuvor, ehe der Kurfürst Friedrich der Sanftmütige in der Woche nach Mariä Heimsuchung 1455 von Altenburg aus eine Reise nach Leipzig unternahm, während welcher die beiden Prinzen Ernst und Albrecht durch Kunz von Kauffungen entführt wurden, hatte die Kurfürstin geträumet, es wäre ein grausames wildes Schwein gekommen, welches in einem angenehmen Garten eingebrochen sei. Dasselbe habe sich unterstanden, neben den Reben und Gewächsen fürnehmlich die junge, schön aufwachsende Raute zu verderben und niemand habe ihm Widerstand gethan, bis endlich noch ein Bär (dessen Bild des errettenden Köhlers Schmidt Nachkommen auch später ins Wappen erhielten) herzugelaufen, welcher des wilden Schweines Wüten mit seiner Tatze gesteuert habe. Deshalb hat auch die Kurfürstin ihren Gemahl gebeten, die Reise aufzuschieben. Der Kurfürst aber hat darauf geantwortet, Träume wären Schäume; wer auf Träume achte, greife nach dem Schatten.
389. Ein Traum verkündet Freibergs Befreiung von den Schweden.
(Christ. Lehmann, Schauplatz etc. S. 793.)
Im Jahre 1642 lebte in Elterlein eine sehr andächtige Jungfrau von 24 Jahren, Margarethe, Christoph Landrocks Tochter, welche sich vor den schwedischen Einfällen sehr fürchtete und daher herzlich für sich und die belagerte Stadt Freiberg betete. Am Neujahr 1643 stand sie vom Schlaf auf, war ganz freudig und sprach: O, nun bekommen die Schweden die Stadt Freiberg nicht; heute sahe ich im Traume, daß zwar der Torstensohn die Stadt an einer Kette hatte, aber es kam ein vornehmer Reiter mit einem bloßen Schwerte geritten, der hieb die Kette mit einem Streich entzwei, daß der Torstensohn mit der halben Kette zurückfiel, darüber seine Soldaten erschraken und ausrissen. Nach 7 Wochen ging der Traum aus und der Feind mußte abziehen.
390. Ein Geist zeigt eine Mordthat an.
(~Curiosa Sax.~ 1762. S. 242. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 228.)
Im Jahre 1760 ist ein Knabe aus Bräunsdorf nach Neumark bei Freiberg zu einem Schuhmacher in die Lehre gethan worden. Dieser Lehrjunge wird von dem Sohne des gedachten Schusters, der seinem Vater im Handwerk hilft, mit einem Schuhleisten totgeschlagen, und sie schaffen denselben in aller Stille bei Seite und geben vor, er sei davongelaufen, was auch geglaubt wird. Aber des Knaben Großmutter, die ebenfalls in Bräunsdorf wohnte und den Knaben in seiner Lehrzeit öfter als seine Eltern besuchte und ihm auch oft etwas mitgebracht hatte, erblickte nach einigen Tagen mehrere Nächte hintereinander den Geist ihres erschlagenen Enkels, der ihr erzählte, er sei nicht davongelaufen, sondern vielmehr mit einem Schuhleisten erschlagen und in der Scheune begraben worden. Diese Begebenheit ist dem Amtmann zu Freiberg gemeldet und in Folge davon im Januar des Jahres 1762 Vater, Mutter und Sohn eingezogen worden, bei deren Vernehmung sich alles, wie oben erzählt, bestätigt hat.
391. Absterbende Bäume zeigen den Tod ihres Besitzers an.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 781. 782.)
Den 5. Januar 1630 starb Nikolaus Walde, Pfarrer zu Schwarzenberg; dem verdorrete das Jahr zuvor sein Birnbaum. Da er's sahe, sagte er: »Ich habe lange genug vom Sterben gepredigt, jetzt wird der Birnbaum mein Prediger. Mein Baum verdorret und ich werde auch bald sterben!« Am Neujahrstage steigt er auf die Kanzel und da er anfangen will zu singen: Helft mir Gottes Güte preisen u. s. w., überfällt ihn ein Schlagfluß, daß er nach Hause geführt werden und sich auf sein Todesbett legen mußte. -- Heinrich Ryhel, Pfarrer in Wiesenthal, hatte einen Zeilanderstrauch in seinen Pfarrhof gepflanzt, der trefflich grünte und im Frühjahr, da genannter Pfarrer starb, schon im April ausgeschlagen war. Sobald der Pfarrer krank wurde, fing der Strauch an sichtlich zu verdorren; darauf starb der Pfarrer.
392. Nächtliches Fallen zeigt einen Todesfall an.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 930.)
Das Fallen nennt der gemeine Mann das Leichenbret, und glauben manche, es müsse notwendig darauf ein Todesfall erfolgen, auch könne solcher Fall vom Menschen ab und auf ein Vieh gewendet werden, wenn man sage: Falle auf meine Henne, Ziege u. s. w. Im Jahre 1627, ehe der Pfarrer in Markersbach im September zum Tode krank wurde, lag er abends samt seiner Ehefrau schon in der Ruhe. Die Magd war noch auf, und da sie etwas oben im Hause stark fallen hörte, lief sie hinauf, in der Meinung, der Herr habe ihr gepocht, und fragte, was sie solle? Sie wurde abgewiesen als eine Träumende, sie sollte zu Bette gehen. Am neunten Tage darauf war der Pfarrer tot.
Anno 1653 lebte in Scheibenberg eine Pfarrerswittwe von Thum. Als dieselbe einst ihren Sohn, welcher verreisete, ein Stück begleitet hatte und wieder auf dem Heimwege war, thats in ihrem Hause einen ungemeinen Fall, und zwar zu derselben Stunde, da sie auf dem Rückwege von einem Fieberfrost überfallen wurde, daran sie auch nach zehn Tagen starb.
393. Verstorbene zeigen durch Rufen einen Todesfall an.
(Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 785.)
Im Jahre 1664 brannte von der Stadt Annaberg über die Hälfte ab; dabei verbrannte auch jämmerlich der Stadtrichter Martin Meyer nebst seiner Frau. Des Tags zuvor geht er vor dem Gottesacker vorüber, da ruft ihn eine Stimme, die als seiner verstorbenen Schnur Stimme gelautet, etliche mal: Herr Vater! Des Nachts geht das erschreckliche Feuer gegenüber seiner Wohnung auf.
Im Jahre 1686 wurde ~M.~ Benjamin Heyde, Oberpfarrer in Schneeberg, frühe, da er predigen sollte, in seinem Bette tot gefunden. Abends zuvor rief dreimal eine Stimme, welche seines ersten Weibes Stimme gleich: Herr! Herr! Herr! und darauf erfolgte sein Tod.
394. Ein zersprungener Trauring zeigt den Tod des Ehegatten an.
(Lehmann, Hist. Schauplatz etc., S. 784.)
Im Jahre 1666 wohnte ein Kopist in Schneeberg, ein junger, starker Mann, der beim Trinken hurtig von der Faust war. Seinem Weib, Marie Böhmin, sprang der Ring vom Finger entzwei und fiel auf die Erde. Sie erschrak darüber und sagte: Was soll mir das sein? Da der Mann des Abends zu Bier gehen will, hat sie große Angst und erzählt, was ihr begegnet, er solle zu Haus bleiben, aber er schlugs in ein Gelächter. Sie begleitet ihn bis zur Hausthür und vermahnt ihn, er soll sich ja in acht nehmen. Abends bringen sie ihn totkrank nach Haus, und der Schlag rühret ihn eben dieselbige Nacht, daß er starb.
395. Klingen und Singen verkündet einen Sterbefall.
(Chr. G. Wilisch, Kirchen-Histor. von Freiberg etc. II., S. 401. Kirchengalerie von Sachsen, 2. B., S. 195.)
Am Abende des 4. August 1629, welcher dem Tode der Gemahlin des Moritz v. Hartitzsch auf Krummenhennersdorf voranging, hörte letzterer mit dem Pfarrer Benedictus Scheuchler und dem Arzte (?) Däntzki, da sie miteinander in Kümmernis am Fenster des Schloßerkers standen, draußen gar nahe ein klares helles Glöcklein klingen, gleich oben über den Bäumen, anders nicht, als ob man wollte anfangen zu Grabe zu läuten. Bald darauf hörten sie gar einen lieblichen Laut, als wenn kleine Kindlein singen. Am Morgen wies sich aus, was hierdurch angedeutet worden, daß nämlich die kranke Frau seligen Feierabend machen wollte und ihr Körper zur Ruhe gebracht werden sollte.
396. Rumoren zeigt einen Todesfall an.
(Jugenderinnerung eines gebornen Nossners.)
In Nossen lebte einmal ein gottesfürchtiger Tischlermeister, bei dem es manchmal des Abends, wenn die Familie still beschäftigt war, in den Brettern oder Hobelspähnen rumorte. Dann wußte der Meister, daß am nächsten Tage ein Sarg bestellt werden würde.
In ähnlicher Weise pflegten sich beim dortigen Totengräber des Abends zuweilen die Werkzeuge zu rühren, und dann wurde Tags darauf ein neues Grab verlangt.
397. Der geplagte Polizeidiener.
(Jugenderinnerung eines gebornen Nossners.)
Bis gegen Ende der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts befand sich die Stadtwache zu Nossen in einem am Obermarkte gelegenen, der brauberechtigten Bürgerschaft gehörigen, jetzt aber abgebrochenen Brau- und Malzhause, vor dessen Ostseite zwei schöne Linden standen. Dort wohnte einmal ein Polizeidiener, ein altgedienter Soldat. Wenn nun in der Stadt ein schwer Kranker nicht »ersterben« konnte, erschien sein Geist des Nachts dem Polizeidiener und nötigte ihn zum Aufstehen aus dem Bette. Der mußte sich nun vollständig in Uniform kleiden und mit umgehängtem Säbel den Geist bis an die Hausthüre begleiten, worauf dieser verschwand. Der Polizeidiener pflegte manchmal zu sagen: Diese Nacht ist der oder die bei mir gewesen, und darauf hörte man bald auch von ihrem Ableben.
Still und mürrisch, wie er war, mußte er sich oft vom Bürgermeister ausschelten lassen. Das hörte er in Positur ernsthaft an und sprach dann, als wenn er schwerhörig sei: »Schön, Herr Bürgermeister, ich werd's ihm sofort sagen.« Da mußte der Bürgermeister immer lachen und das gute Einvernehmen war wieder hergestellt.
398. Vögel sind Unglücksverkündiger.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 834.)
Als im Jahre 1639 ein großes Sterben war, hatten die Raben bei Tage ein greulich Geschrei, bissen sich auch des Nachts bei Mondenschein heftig auf den Kirchen und Häusern herum, und es war furchtsam anzuhören, wenn die Eulen in den Gärten so jauchzten. Man merkte auch um selbige Zeit, daß ein Haufen Elstern mit Schreien und Schnattern alle Gassen voll gemacht und gleichsam die Post gebracht hatten, wenn räuberische Parteien kamen. Ehe einem Hausvater sein Weib und Kind in den Wochen starb, zogen die unter dem Dache nistenden Schwalben samt ihren Jungen weg. Desgleichen ist in Schneeberg geschehen, daß die Störche, welche lange Zeit auf eines Bürgers Hause genistet, im Jahre 1688, ehe der Bürger gestorben, davon gezogen und ausgeblieben sind. Im Jahre 1664 kamen des Nachts, ehe in Annaberg 400 Häuser in Asche gelegt wurden, etliche Eulen, setzten sich auf des Bürgermeisters Haus am Markte und schrien gräßlich.
399. Anzeichen von Feuersbrünsten.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 780.)
Man hat in unterschiedlichen Bergstädten wahrgenommen, daß wenn Gott mit einer Feuersbrunst strafen wollte, sich zuvor allerhand bedenkliche Vorboten gezeigt haben. Man hat in der Ratsstube des Nachts ein Licht brennen sehen, oder es ist ein Wasserkübel auf dem Rathausboden herunter gefallen, oder es hat auf dem Markt mit den Wasserkübeln gerasselt und sich in den Bottichen gebadet, oder es sind auch eiserne Reifen an den Röhrenbottichen geborsten und abgesprungen, oder es haben sich ungewöhnliche Feuervögel sehen lassen, oder es sind die Kinder unversehens vorbeigelaufen und haben Feuer gerufen, oder man hat eine unbekannte Stimme des Nachts zuvor gehört: Lösche, dein Haus brennet!
400. Die brennende Bergwitterung zeigt Erze an.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 430.)
Die sonderlich bei Nachtzeiten lichterloh brennende Bergwitterung, welche in Gestalt eines ausgestreuten Pulvers plötzlich lodert und verlöscht, und die Ausgänge, Luftlöcher und Klüfte der Metalladern zeigt, ist in dem Erzgebirge gar gemein, und hat man an den Orten, da hernach Bergstädte erbaut worden, zuvor viel und starke Bergwitterung gespüret. Dies ist geschehen im Jahre 1491, da um den Pöhlberg die Bergwitterungsflammen lichterloh ausgelauscht und die Bergleute veranlaßt, daß sie hernach die Erzgänge mit der Rute erforschten und entblößten. Dergleichen hat sich auch um Scheibenberg begeben, da vorzeiten rauher Wald und Morast gewesen, daß sich des Nachts viel Witterungen von ferne sehen lassen, so daß die Nachbarn vermuteten, es müsse daselbst reiches Erz liegen. Daher hat auch Caspar Klinger von Elterlein im Jahre 1515 zuerst daselbst eingeschlagen und die erste Fundgrube gemutet.
401. Ein Wunderzeichen am Himmel zeigt Krieg an.
(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis~, S. 1154.)
Am 25. Januar oder Pauli Bekehrungstage 1630 hat man überall im Gebirg ein Feuer- und Wunderzeichen am Himmel gesehen, als wenn unterschiedene Kriegstruppen miteinander im Gefechte wären, desgleichen hat man gehöret, als wenn Musketen losgingen und zur Begrüßung geschossen würde. Dies haben unzählige Personen mit Verwunderung und Schrecken beobachtet, aber auch mit seiner Bedeutung in erfolgten feindlichen Einfällen und Kriegsbewegungen erkannt.
402. Ein Sturm als Anzeichen des böhmischen Bauernkrieges.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 391.)
Ein Anzeichen war es, als am 15. Febr. 1625 des Nachts das mit Riegeln, Ketten und Schlössern stark verwahrte Schloßthor in Joachimsthal von einem fast unnatürlich gewaltsamen Winde aufgestoßen und geöffnet wurde, denn es wurde so getrennt, daß das Hinterteil des mittleren Riegels samt dem starken Thornagel und eiserner Feder geborsten und das Vorlegschloß samt dem Kloben, der das Thor mit einer starken eisernen Kette über dem Thorriegel geschränkt, eine Stube weit davon auf dem Schloßplatze verschlossen gelegen. Und dieser ungemeine Sturm hat den damaligen böhmischen Bauernkrieg nach sich gezogen.
403. Ungestümes Wetter im Gebirge zeigt Krieg an.
(Lehmann, a. a. O., S. 420.)
Man hat beobachtet, wenn Schlachten zur See oder Land vorgegangen, daß solche mit einer ungemeinen Witterungsungünstigkeit im Gebirge gleichsam angedeutet worden sind.
404. Heulendes Wasser zeigt Unglück an.
(Lehmann, Historischer Schauplatz, S. 207.)
Sonst hat man an dem Schwarz- und anderem Wasser gemerkt, daß sie bei bevorstehendem Unglück, Feuer- oder Wasserschaden, greulich geheulet. Im Jahr 1630, den Tag zuvor, ehe die Stadt Annaberg abgebrannt, hat der Elterleiner große Teich am Geyerschen Wege entsetzlich geheulet, so daß des Zainschmieds Junge, der mehr Wasser aufschlagen sollte, vor Schrecken davon gelaufen. Im Jahre 1645 den 10. Juni, am zweiten Pfingstfeiertage, heulte frühe in Elterlein ein Teich jämmerlich, so daß eine Jungfrau, welche über den Teichdamm ging, aus Furcht eilends fortlief. Darauf ist ein Schulknabe, des alten Richters Matthes Rüdels Sohn, im Teiche ertrunken.
405. Verschiedene Zeichen deuten auf die Gründung Johanngeorgenstadts.
(Engelschall, Beschreibung der Exulanten- und Bergstadt Johanngeorgenstadt. Leipzig, 1723, S. 28. Lehmann, Hist. Schauplatz. S. 402.)
Ein Köhler war kurz vor Erbauung von Johanngeorgenstadt auf dem gegenüberliegenden böhmischen Berge eingeschlummert. Hierauf aber hat er ein so starkes Geläute auf dem Fastenberge, worauf jetzt die Stadt steht, vernommen, wie sonst nur in einer Stadt gebräuchlich ist. Darüber ist er nicht nur aufgewacht, sondern er hat sich auch wachend nicht zu fassen gewußt.
Der letzte evangelische Lehrer zu Platten, mit Namen Johann Jahn, hat einstmals einen Traum gehabt, als wären vom Joachimsthaler Wege Wagen gerasselt gekommen, deren Deichseln alle auf den Markt zugegangen; hernach wäre ein großes Wasser und rauschende Flut gekommen und hätte alles in den Grund hinabgeschwemmt.
Am Fest Mariä Heimsuchung, als am 2. Juli des Jahres 1648, sahe man zu Breitenbrunn frühe unter der Predigt gegen den Fastenberg zu, auf welchem sieben Jahre später die Stadt gegründet wurde, in der Wolke eine Stadt aufgehen, und vor der Stadt einen Gottesacker liegen, darauf zwei Totenbahren standen, und in der Mitte ein grüner Baum.
406. Ein Zeichen für die rechte Feier des heiligen Abendmahls.
(Meltzer, ~Hist. Schneeberg.~, S. 1064.)
In Neustädtel trug sichs bei angehender Reformation zu, daß eines Morgens unterschiedliche Berg- und andere Leute zusammen kamen und auch von der Reformation redeten. Wie sie nun teils ungereimte Sachen vorbrachten und unter anderem auch auf die Lehre vom Abendmahl fielen, geschahe es, daß der eine Teil das Abendmahl in beiderlei, der andere aber in einer Gestalt verteidigte. Indem nun ein Bergschmied, welcher an dem Fenster saß, dergestalt für eine Gestalt stritt und dabei sagte, daß, wenn dieses der rechte Glaube sei, daß ein Laie das Sakrament in beiderlei Gestalt empfangen sollte, er in seiner Hand vor dem Fenster einen Vogel fangen wollte: siehe, so trug es sich, indem er im Reden mit der Hand zum Fenster hinausgriff, in einem Nu zu, daß sich zwei Sperlinge mit einander bissen und vor das Fenster fielen, solche aber von ihm beide ergriffen und in die Stube gebracht wurden, weswegen sich darauf alle Anwesende, als vor einem Zeichen, entsetzten.
407. Die verschworenen Zechen am Mühlberge in Schneeberg.
(Meltzer, ~Historia Schneebergensis~, S. 922.)
Als im Jahre 1478 in dem Mühlberge zu Schneeberg reiche Erze angetroffen wurden, da fuhr Römer, vermutlich jener Sebastian, welcher vorher Romner geheißen, mit seinem Haufen zu und wollten alles allein haben. Sie nannten die Zeche Münzer- oder Römerzeche und es galt ein Kux darauf 1200 bis 1400 Gulden. Da aber die unrechten Besitzer, darunter außer Römer noch Fürsten, Grafen und Herren waren, den armen Bergmann mit seiner Gewerkschaft auf der Sattlerzeche, in welcher Lehn das Erz gebrochen war, ausmaßen und auf die Halde setzten, auch sogar der Lehenträger Römer falsch beschworen hatte, daß der Gang ihm gehöre, so war solches ein Greuel vor Gott. Alsbald verschwand das Erz dieser Zeche und verwandelte sich im Anbruch in Kohlen. Es soll auch zu derselben Zeit, da Römer draußen auf der Haspelstätte nach den alten Bergrechten den Schwur leistete, im Berggerichte zu Zwickau, wo Römer und sein Haufe mit den armen Gewerken um das Erz gestritten hatte, das Gewölbe aufgerissen sein, und das Glöcklein, womit man die Diener herein zu rufen pflegte, von selbst geklungen haben. Von dieser Begebenheit rühren die Worte Herzogs Georg her: »Der Gleeßberg ist ein tauber Berg, der Mühlberg ein verschworener Berg, sehet mir auf den Schickenberg.«
408. Frevelhafte Worte beim Bergwerk werden bestraft.
(Meltzer, ~Hist. Schneeberg.~, S. 918.)
Als Paul Gramman, insgemein der Hosenschneider genannt, im Anfang des Schneebergs eine Zeche am Wolfsberge, die der grüne Schild geheißen, fast allein zu eigen gehabt und einen Stollen hineingetrieben, hat er ein köstliches Erz angetroffen, da er aber einstmals hinter dem Steiger gestanden und zugesehen, wie derselbe das schönste Glaserz losgebrochen, ist einer seiner guten Freunde vor den Ort gekommen und hat ihm nach bergmännischem Gebrauch ein Glückauf gewünscht. Der Hosenschneider aber hat freventlich und übermütig darauf geantwortet: »Was bedürfen wir dieses Glückwünschens? Siehe, wir haben ja das Glück in Händen und vor Augen!« Darauf aber soll sich alsbald das Erz im Anbruch dermaßen abgeschnitten haben, daß man nicht gewußt, wie es verschwunden ist. Es ist auch ferner sowohl an diesem Orte, als auch am ganzen Wolfsberge wenig mehr ausgerichtet worden.
409. In Chemnitz wird ein gottloser Spötter bestraft.
(Richter, Chronica von Chemnitz, I. 1767, S. 72.)
In einem Gange des ehemaligen Benedictiner-Klosters zu Chemnitz befand sich ein hölzernes Christusbild mit einem krummen oder schiefen Munde. Da nun die Hussiten in das Kloster einfielen und alles darin verwüsteten, soll einer von ihnen das Bild verspottet haben. Von Stund an aber hatte derselbe ein offenstehendes Maul und ist stumm geworden.
410. Der heillose Bäcker in Freiberg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Pros. Anhang, No. 9.)
Im Jahre 1471 wohnte in Freiberg auf der Burggasse, dem Oberkloster gegenüber, ein Bäcker, namens Werner Kühn, ein gottloser Mann, der an Fluchen und Lästern sein Vergnügen fand. Derselbe brachte seine Mitbürger in großes Unglück.
Als er eines Morgens (am 24. Juli) seinen Backofen heizte, wollte das feuchte Holz nicht sogleich brennen, so daß der gottlose Mann wütend darüber wurde und rief: »Ha, du verfluchtes Feuer, so brenne doch in aller Teufels Namen!« Das war ein heilloser Fluch und Gott ließ ihn in Erfüllung gehen. Das Feuer schlug alsbald zum Ofen heraus und in wenig Augenblicken stand das ganze Haus in Flammen. Nach drei Stunden lag Freiberg in Trümmer und Asche. Nur die alte Frauenkirche, die meißnische Gasse und die halbe Sächsstadt blieben stehen.
411. Die Görkauer Maskenhochzeit.
(Nach Franz Herbabny in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Klubs, 1885, S. 117.)
Am Faschingsdienstage 1588 ging es in der Stadt Görkau überaus fröhlich zu, und die Schuljugend machte mit Schreien und Peitschen einen Spektakel, daß die Häuser in den Gassen wackelten. Der Hochzeitsplampatsch ritt auf einem Grauschimmel und trank wacker aus den Gläsern, womit man ihm schenkte. Auf dem Kopfe trug er eine Narrenkappe mit einer klingenden Schelle und überdies zwei Narrengesichter, von denen das vordere lachte, das hintere weinte. Bald kamen auch die beiden Herolde hoch zu Roß, bliesen auf ihren Trompeten, und der vielerwartete Hochzeits-Schlittenzug setzte sich in Bewegung. Es war nämlich eine Faschingshochzeit. Den Vorreitern und den Stadtpfeifern folgten die Brautleute mit dem Bilde der heiligen Jungfrau, darauf der Brautführer und die Kränzeljungfern, neben ihnen der heilige Nikolaus mit zwei Teufeln an der Kette, und auch die Salzmäste warf nach allen Seiten Pfeffernüßchen aus. So folgte Schlitten auf Schlitten, vierzig an der Zahl. Und nun ging es in tollem Jagen, die Kreuz und die Quere, durch die Stadt, bis der Zug neben der Kirche ein wenig stockte. Da blies der Hanswurst-Plampatsch auf seiner Trompete und rief in trunkenem Frevelmute durch das offene Thor zum Kirchhof hinein: »Auf, auf! Ihr Faulpelze! Heraus aus Euren Nestern! Heut ist Fasching! In der Stadt giebt es noch Besen genug, die nehmet zwischen die Beine und reitet mit! Hollah! Vorwärts!« Gelächter der Umstehenden folgte, und der Trunkenbold stürzte vom Pferde, aber der Zug fuhr weiter, immer bis nach Komotau, obwohl ein Sturmwind unterwegs das Brautpaar und die Salzmäste und viele andere in den Schnee geworfen hatte. In Komotau trank man Glühwein, und die Heiterkeit wuchs, wenn dies noch möglich war.
Allein als man zum Thore hinausfuhr, da hatte sich zu den drei Vorreitern noch ein vierter gesellt, einer aus Komotau, wie man wähnte. Doch seine Tracht war seltsam. Kohlschwarz vom Kopfe bis zu den Sporen, schwenkte er ein schwarzes Banner mit dem Bilde des Sensenmannes. Vielen aber war es recht unheimlich, wenn er rechts und links die Schlittenreihe auf- und absprengte und gewissermaßen die Hochzeitsgäste zählte. Als es aber finster wurde, da sprühten sogar aus seiner Fahnenstange Funken und Flammen und die dampften und rochen wie Leichenfackeln. So ging es fort bis man wieder in Görkau vor den Kirchhof kam; da öffnete der Schwarze sein Visir, schlug den Plampatsch auf die Schulter und rief: »Nun kommt mit mir; wir zwei voran, die andern kommen nach!« »Jesus, Marie!« schrie der Plampatsch, als er den fleischlosen Totenschädel erblickte. Jener aber rief mit weithallender Stimme: »Heute war ich Euer Gast; zur künftigen Fasching seid Ihr alle meine Gäste!« Sprachs und verschwand in Nacht und Gekrach. Die Fackel war verloschen. --
Auf dem Tanzboden fand sich allmählich die helle Faschingslust wieder ein. Als man aber am folgenden Tage nach altem Herkommen den Fasching begraben wollte, da erscholl das Zügenglöcklein, und man erfuhr, daß der Plampatsch totkrank darniederliege. Drei Tage später lag er auf dem Kirchhof bei den Toten, die er zur Maskenhochzeit eingeladen hatte. Ihm folgte zuerst die Braut und eine Kränzeljungfer, dann ein Vorreiter, der Brautführer und der Bräutigam. Selten verging ein Tag, an dem die Totenglocke nicht erscholl, und ein Leichenzug folgte dem anderen. So dauerte es mit geringen Pausen ein volles Jahr, und nicht weniger als 450 Personen unterlagen der schrecklichen Seuche. Am Faschingsonntage aber rief der Priester dem unglücklichen Volke zu: »Ja, Ihr sollt ausziehen, aber nicht in Larven und Maskeraden, sondern in Sack und Asche, in Buß- und Trauerkleidern!« und so geschah es. Am Faschingsdienstage, da zog jung und alt, Mann und Weib, hoch und niedrig, in Trauergewändern und mit schwarzen Schärpen durch die Stadt zum Friedhofe hin. Und als man den heiligen Boden betrat, unter dem die Lieben ruhten, welche im letzten Jahre gestorben waren, da erscholl laute Klage und Wehegeschrei. In der Kirche aber las der Pfarrer ein Totenamt und vom Chor erklang das »~Dies irae!~« wie an einem Allerseelentage; doch von Stund an erkrankte niemand mehr, und wer schon krank war, fand meistens Genesung. Acht Wochen später war die Seuche beendet, und der Pfarrer konnte am weißen Sonntage die Pestilenzpredigt halten. Die Erinnerung an jene schreckliche Zeit aber -- so sagt der Chronist -- lag den Görkauern noch lange in den Gebeinen, und sie haben durch manches Jahr keine Hochzeitsmaskerade mehr am Faschingsdienstage gehalten.
412. Meineid wird bestraft.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 367.)
Im Jahre 1627 zankte sich Matthes Becker, Bauer zu Pappendorf, mit seinem Grenznachbar, Christoph Dehner, um ein geringes Wiesenflecklein, und als sie nicht konnten verglichen werden, nahm er es auf sein Gewissen. Darauf hat es ihm der, dem Unrecht geschah, in Gegenwart des Amtsschössers von Nossen, Matthäus Horn, und hiesiger Gerichten, mit diesem Glückwunsch cediert und überreicht: »So nimm's hin und laß Dir's auf der Seele verbrennen!« Von selbiger Zeit an ist gedachter Becker von Tage zu Tage schwermütiger geworden, endlich am 28. August nachfolgenden Jahres um Mitternacht aus dem Bette weggelaufen und hat sich ersäuft, wessen man ihn frühmorgens unter dem blauen Steine im Striegnitzbache tot angetroffen, nur ein Schlafmützlein und Hemd an sich habend.
413. Der bestrafte Gotteslästerer zu Zwickau.
(T. Schmidt, ~Chron. Cygn.~ II. S. 437. Misander, ~Deliciae Hist.~, S. 277. Gräße, Sagenschatz etc. No. 608.)
Im Herbst des Jahres 1594 ist zu Zwickau M. Wolfgang Raabe, eines Tuchmachers Sohn daselbst verstorben, welcher etliche Jahre rasend gewesen war und an Ketten gelegen hatte. Es hat ihn aber Gott also wegen Gotteslästerung gestraft. Als nämlich etliche Professoren zu Wittenberg die gotteslästerische calvinische Lehre eingeführt, hat sich dieser M. Raabe auch mit verführen lassen und ist es mit ihm soweit gekommen, daß er sehr schimpfliche und gotteslästerische Reden, vornehmlich vom Abendmahl ausgestoßen, worauf er bald seiner Sinnen beraubt worden. Nachdem ihn nun seine Eltern nach Hause bringen lassen, ist's nicht besser mit ihm geworden, sondern er hat sich stets ungebärdig und in Reden leichtfertig gezeigt. Dabei hat er sehr gefressen (maßen er dieses Wort in seiner Gotteslästerung auch gebraucht) und ist nicht zu ersättigen gewesen. Endlich, als etliche Knaben mit einem verdorbenen Kürbis auf der Gasse gespielt und sich mit den Stücken geworfen, hat er an den Ketten hängend und zum Fenster hinaussehend gesagt, sie sollten ihm denselben geben, was sie auch gethan. Da hat er den Kürbis im Grimm also roh hineingefressen und ist bald darauf gestorben. Er hat auch einen seinesgleichen von Reichenbach, namens N. Havel, zu Wittenberg bei sich gehabt, der auch große Gotteslästerung getrieben und eine schimpfliche Handlung mit dem Crucifix vorgenommen, der ist auch seiner Sinnen beraubt, etliche Jahre daselbst im Bollwerk in Ketten gelegen und endlich auch also gestorben.
414. Mönch und Kriegsknechte des Teufelssteins bei Lauter.
(Mitgeteilt von Heinrich Weißflog aus Raschau.)
Ein Kriegsheer wollte einst Schwarzenberg belagern und hatte sich deshalb bei dem jetzigen Teufelssteine in der Nähe von Lauter zusammengezogen. Hier in dem Lager lebte nun alles in Saus und Braus. Da kam eines Tages ein Mönch aus dem Grünhainer Kloster daher, der einen Leuchter zur Reparatur nach Schwarzenberg tragen sollte. Als ihn sein Weg durch das Lager führte, wurde er von den Kriegsknechten angehalten und verleitet, mit ihnen zu tanzen und zu spielen. Sein weniges Geld war bald verspielt, und nun vergaß er sich soweit, daß er den Leuchter in Geld umsetzte. In diesem Augenblicke kam der Abt des Klosters, welcher zufällig denselben Weg ging, und als er das Treiben und Thun seines Ordensbruders sah, suchte er denselben mit herzlichen Worten von seinem gottlosen Treiben abzuraten. Dafür wurde er jedoch von dem Mönche und den Kriegsleuten verhöhnt und verspottet. Da übermannte ihn der Zorn und er rief: »So möge Euch, Ihr Genossen des Teufels, der allmächtige und strafende Gott, den Ihr jetzt noch eben verhöhnt habt, zu Steinen werden lassen!« Kaum waren diese Worte gesprochen, so erfüllte ein donnerähnlicher Schlag die Luft, und was der Abt in seinem Fluch erbeten, das geschah. Der Mönch und die Kriegsknechte wurden zu Felsblöcken, welche noch heute auf dem Teufelssteine zur Warnung für Gotteslästerer emporragen.
415. Die Oswaldskirche bei Grünhain.
(Nach Ziehnerts poet. Bearb. bei Gräße, Sagenschatz etc. No. 531.)
Nicht weit von Waschleithe bei Grünhain, im Thale des Oswaldbaches, stehen die Trümmer einer Kirche, die Oswaldskirche genannt, welche 1514 der Grünhainer Abt Georg Küttner gegründet hat, die aber, weil die Reformation dort auskam, nicht vollendet wurde und so liegen geblieben sein soll. Anders erzählt sich das Volk, welches auch die Kirche mit dem Grünhainer Kloster unterirdisch verbunden sein läßt, die Ursache. Es soll nämlich um jene Zeit ein reicher Hammerherr, mit Namen Caspar Klinger, gelebt haben, den aber sein Reichtum so übermütig gemacht hatte, daß er keinem Gruße, selbst von seiten solcher Personen, die mit ihm auf gleicher Stufe standen, zu danken sich herabließ. Dem begegnete einst ein ebenso reicher Bergherr von Elterlein, namens Wolf Götterer, und rief ihm ein freundliches Glückauf zu; allein Klinger hielt es abermals unter seiner Würde, dem Grüßenden zu danken, und so geschah es, daß letzterer ihm darüber einige harte, beleidigende Worte sagte. So stolz nun der Hammerherr auch war, so rachsüchtig war er und er beschloß auf der Stelle, seinen Beleidiger für seine freimütige Rede büßen zu lassen. Er teilte seinem Bruder seinen Plan mit, und nachdem sie eines Tages ausgekundschaftet, daß der Bergherr allein zu Hause sein werde, weil alle seine Dienerschaft zu einer Belustigung sich entfernt hätte, gelang es ihnen, sich in die Wohnung desselben einzuschleichen, wo sie den Unglücklichen mit Beilhieben ermordeten. Weit entfernt, ihr Verbrechen, dessen sie sich freuten, zu leugnen, stellten sie sich selbst dem Gerichte, welches sie zwar zum Schein zum Tode verurteilte, allein auch kein Bedenken trug, die Todesstrafe in eine Geldbuße zu verwandeln. Letztere sollte darin bestehen, daß der reiche Hammerherr zur Sühne jenes Mordes eine Kirche zur Ehre des h. Oswald zu erbauen und auch die Armen der Stadt reichlich zu bedenken habe.
Klinger ließ nun Arbeitsleute, so viele ihrer nur kommen wollten, für seinen Bau anwerben, Bauholz in seinen Wäldern schlagen und Steine in seinen Steinbrüchen brechen, zahlte mit vollen Händen und es verging kein Jahr, da stand die Kirche fertig da. Nun ließ er es auch nicht an reicher Ausschmückung des Inneren fehlen, Kanzel und Altar waren von geschicktesten Künstlern gearbeitet und mit der größten Pracht geziert, eine herrliche Glocke hing auf dem Turme und alles war zur Einweihung der Kirche in Bereitschaft. Siehe, da zog an demselben Morgen, wo die Geistlichkeit sich anschickte, das neuerbaute Gotteshaus zu weihen, ein furchtbares Gewitter über das Thal herein und man zögerte deshalb, die Prozession zu beginnen, selbst der Glöckner weigerte sich, die Glocke ertönen zu lassen, bevor nicht das Unwetter vorüber sei. Da ward Klinger ungeduldig und schwur und vermaß sich hoch und teuer, nichts sollte ihn abhalten, das einmal angefangene Geschäft zu Ende zu führen, und wenn niemand anders es thun wolle, so werde er selbst in die Kirche eilen und das Geläute zum erstenmale in Bewegung setzen. Zwar versuchten ihn die Priester von diesem Beginnen abzuhalten, aber umsonst, er stürzte in den Turm und fing an die Glocke zu ziehen. Aber sonderbar, dieselbe klang wie ein Armesünderglöckchen und lange zuvor, ehe es ausgelauten hatte, fuhr ein Blitzstrahl aus dunkler Wetterwolke herab in den Turm, tötete Klinger und zündete die Kirche an. Niemand wagte zu löschen, denn jeder sah hier das Gericht Gottes, und so war in kurzem von dem schönen Bau nichts als die Mauer übrig und niemand wagte es seitdem, die Kirche wieder aufzubauen. Klingers Leichnam ward zerschmettert im Turme gefunden und am Rande des Waldes eingescharrt. Die Umwohner aber erzählen sich, um Mitternacht gehe sein Geist ruhelos dort umher und grüße den zufällig dorthin verirrten und bei seinem Anblick ängstlich davon fliehenden Wanderer, und sein Herumirren müsse so lange dauern, bis ihm jemand danke. Seinen Bruder hatte die Strafe Gottes schon vorher ereilt, denn noch ehe das Gericht sein Urteil gesprochen, war er vom Pferde gestürzt und hatte den Hals gebrochen.
In Schumanns Lexicon von Sachsen (12. B. S. 444) wird die Gründung der Oswaldskirche, welche vom Volke gewöhnlich Duselskirche genannt wird, dem Grünhainer Amtmann Gregor Kienter und dem Elterleiner Pfarrer M. Wolf zugeschrieben und als Jahr der Gründung 1515 angegeben. In Bezug der Sage von dem Hammer- und Bergherrn Kaspar Klinger wird gesagt, daß derselbe zur Sühne des Mordes 12 silberne Schocke, 50 Harnische und Krebse, viele Büchsen und Bogen geben, Seelbäder stiften und nach Rom wallfahrten mußte. Auch hatte er von dieser Wallfahrt die Erlaubnis für die Markersbacher Kirche mitgebracht, Ablaß erteilen zu dürfen (S. 164).
Im Oswaldsthale, wo die Ruinen der Duselskirche stehen, hat man 1795 auf einem Felde einen Topf voll Brakteaten abgegraben, die wahrscheinlich vom Grünhainer Kloster stammten. Vielleicht haben diese Brakteaten Veranlassung zu der Sage von einem großen Schatze gegeben, welcher unter der Kirche vergraben liegen soll.
Der Name »Duselskirche« wird in dem Lexicon von Sachsen von »Sankt Useldskirche« und der des Oswaldbaches von einem »Asenwald« oder »Aswaldbache« d. i. Riesenwaldbache abzuleiten gesucht, indem die Meinung ausgesprochen wird, die eingewanderten Sachsen hätten den dortigen Wald vielleicht Asenwald genannt, welcher Name dann auch auf den Bach übertragen worden sei. Ich halte diese Erklärung für sehr gewagt und nicht recht glaubwürdig.
416. Ein Fluch zerstört das Schloß auf dem Grauenstein.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 60 etc.)
Ungefähr eine Stunde von Joachimsthal erhebt sich in der Centralgruppe des Keilberg-Gebirgsstockes der waldgekrönte »Hohe Berg«, dessen südlicher Ausläufer wegen einer großen Steinhalde, deren Farbe von der Wandschüsselflechte herrührt, der »Grauenstein« genannt wird. Zu letzterem führt von Joachimsthal aus der Weg über den mit einer Allee bepflanzten »Graben,« welcher sich um die »Schwedenschanze« herumzieht, und dann weiter rechts von dem städtischen Forsthause »Hut« über die Thaleinschichte »Rauschererb«. Von dem Grauenstein, welcher eine schöne Aussicht gewährt, erzählt man folgendes:
Vor mehreren Jahrhunderten lebte im südlichen Böhmen ein mächtiger Fürst, namens Leopold, der in den verschiedenen Landesgebieten reiche Besitzungen hatte. Von seinen Kindern bereitete ihm sein erstgeborener Sohn, mit Namen Karl, manche bittere Stunde, denn dieser führte ungeachtet aller Lehren und Ermahnungen eine liederliche Lebensweise.
Der Vater wurde deshalb veranlaßt, ihn aus dem Hause zu geben und nach der Residenzstadt Prag zu schicken, allwo er im Strome der Welt zu einem tüchtigen, charaktervollen Edelmann heranwachsen sollte.
In Prag aber bot sich dem leichtsinnigen Junker erst rechte Gelegenheit dar, die schlüpfrigen Pfade des Lasters zu betreten. Als nun der besorgte Vater von dem ausschweifenden Lebenswandel seines unverbesserlichen Sohnes Kunde erhielt und ihm deshalb berechtigte Vorwürfe machte, faßte derselbe den Entschluß, der strengen väterlichen Gewalt sich durch eilige Flucht aus Prag zu entziehen. Er wanderte also im jugendlichen Übermute dem waldesdunklen Erzgebirge zu und gelangte nach einigen Tagereisen in die Gegend des heutigen Joachimsthal, wo in damaliger Zeit das Dorf Konradsgrün lag. Überrascht und entzückt von der herrlichen, reich bewaldeten Gebirgswelt mit ihren Thälern und Schluchten, ließ er sich hier nieder und baute mit Hülfe der Einwohner ein stattliches Schloß, in welchem er in Gesellschaft verdorbener Genossen sein gewohntes wüstes Leben fortsetzte. Den unaussprechlichen Schmerz des Vaters über den Verlust des ungeratenen Sohnes hatte indeß die alles heilende Zeit gemildert.
Da trug es sich zu, daß einst der Fürst, welcher ein eifriger Weidmann war, sich auf einer Jagd, die er auf seinen sehr ausgedehnten, im Norden Böhmens gelegenen Gütern veranstaltete, im dichten Walde verirrte und sein zahlreiches Gefolge verlor. Nach langem mühevollen Umherirren erreichte er bei einbrechender Dunkelheit eine Wiese, von wo er am fernen Bergesrücken ein helles Licht schimmern sah, dem er nun frohen Mutes mit starken Schritten zueilte. Als er vor dem Schlosse stand, aus welchem das Licht kam, bat er um Einlaß und ein gastlich Obdach, und er wurde darauf vor den Schloßherrn geführt, den sein Vaterauge gleich erkannte. Auch der verlorne Sohn erkannte sofort, freilich mit Schrecken, in dem Weidmann seinen Vater; aber statt mit reumütigem Herzen den Tiefgekränkten um Verzeihung zu bitten, gab er, die wohlverdiente Strafe fürchtend, den schleunigen Befehl, ihn gefangen zu nehmen.
Entsetzt und aufgebracht über dieses unerhört ruchlose Benehmen sprach der Vater über den ungeratenen Sohn den Fluch aus, welcher augenblicklich in Erfüllung ging. Die Erde erbebte mit einemmale so gewaltig, daß die Grundmauern des Schlosses erzitterten; dasselbe zerfiel in Trümmer und begrub in seinem Schutte alle Insassen. Nur der Fürst und ein Diener kamen mit dem bloßen Schrecken davon und eilten nach Konradsgrün, wo das sorgenvolle Jagdgefolge den vermißten Herrn erwartete, den es bis spät in die Nacht im Hochwalde vergebens gesucht hatte. Am Grauenstein aber treiben seitdem die bösen Geister ihren Spuk.
Eine andere Sage erzählt, daß des Grafen Schlick Urgroßmutter zwei Söhne hatte, die sich allen Lastern ergaben. Sie lästerten Gott, raubten, plünderten und mordeten. Bald aber erkannten sie ihre tiefe Verworfenheit und beschlossen, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen und ein bußfertiges, Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Zu ihrem bleibenden Aufenthalte wollten sie sich ein Schloß erbauen lassen und fanden zu dessen Anlegung den dazumal im tiefsten Waldesdunkel gelegenen Grauenstein besonders geeignet. Alsogleich übertrugen sie den Bau des Schlosses, dessen Steine durchweg von grauer Farbe sein sollten, zweien Maurern. Nachdem diese das Schloß vollendet hatten, erhielten sie aber den verheißenen Lohn nicht; deshalb riefen sie auf dasselbe den Fluch des Himmels herab. Und dieser Fluch der Maurer erfüllte sich schnell. Ein furchtbares Gewitter, das plötzlich übers Gebirge dahergezogen kam, entlud sich; ein Blitzstrahl traf das Schloß, zündete -- und verwandelte es in einen Schutthaufen.
Nach einer anderen Sage wohnte im Grauensteiner Schlosse ein Vater, der seiner Tochter einen Bräutigam aufdringen wollte, den sie nicht mochte. Um sich zu retten, trieb die Tochter dem Vater während des Schlafes einen Nagel durch den Kopf. In den letzten Atemzügen verwünschte der Vater das Schloß samt den Inwohnern.
417. Der Gottesleugner zu Nossen.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 349.)
Zu Nossen lebte im Jahre 1592 ein alter Zimmermann und Steinbrecher, namens Walter Koch, der zeitlebens ein großer Verächter des Gottesdienstes gewesen, auch binnen 32 Jahren niemals zur Beichte und zum Abendmahl des Herrn gekommen war. Dieser ward am 21. Juni des genannten Jahres gleich in der Mittagsstunde von einer alten Kirchmauer im Kloster Zelle, an der er hatte einbrechen helfen, erschlagen. Als man nun seinen Körper in einen Backtrog legte, ist selbiger alsbald zersprungen, darauf ist ein grausamer Wirbelwind entstanden, und als man ihm zu Grabe läuten wollte, ist der Klöppel in der großen Glocke ebenfalls zersprungen, weil er eines christlichen Begräbnisse nicht würdig gewesen.
418. Vorboten der Pest.
(Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 962.)
Im Erzgebirge hat es an Warnungszeichen vor der Pest nicht gemangelt. Zu Lengefeld ließen sich auf dem Kirchhofe, als in der Stadt 1680 die Pest eingezogen war, zwei weiße Schwalben sehen, die gegen den Herbst wieder fortzogen. Zu Marienberg hörte man zehn Wochen vor der Pest ein Poltern und Fallen bei Nacht in der Kirche, als wenn man Leichen in die Erde senkte und häufig die Erde auf die Särge nachschüttete; beide Kerzen verlöschten auf dem Altare, die Glocken wurden so unnatürlich schwer, daß man sie mit großer Mühe mußte in Schwung bringen, das Uhrwerk auf dem Rathause lief bei Tag und Nacht unterschiedliche Mal ganz ab, und einige Bürger haben des Nachts ein hellbrennendes Licht auf dem Rathause gesehen.
Wie hier, so wurden auch in andern Gegenden teilweise an und für sich nicht gerade bemerkenswerte Erscheinungen als Vorboten der Pest angesehen. In Böhmen prophezeit z. B. der Storch in der Gegend, durch welche er fliegt, die Pest, während er dorthin, wo er sich niederläßt, Segen bringt. (Grohmann, Aberglauben etc. S. 64.), und in der Lausitz galten als solche Vorboten: Geheul von Hunden (Hunde sehen übrigens nach einem Volksglauben Gespenster), Geschrei weinender Menschen, die man aber nicht sah, unausstehlicher Geruch und Gestank und selbst ungewöhnliches Blühen von Rosen im August und September des Jahres 1607. (Haupt, Sagenbuch, I. No. 354.)
419. Wodurch in Freiberg die Pest einzieht.
(Moller, ~Theatrum Freib. Chron.~ II. S. 311.)
Im Juni 1572, bald nach gehaltenem Fürstenschießen, wurde Freiberg von einer gewaltigen Pest heimgesucht. Ein Töpfer beim Hospital hatte eine Thongrube aufgerissen, in welche beim Sterben 1564 etwas von alten Lumpen und Stroh aus den angesteckten Häusern geworfen worden war. Da stieg ihm alsobald ein widriger giftiger Dampf entgegen, so daß er sich legen mußte und nicht allein die Seinigen, sondern auch viele in der Nachbarschaft ansteckte. Die Seuche verbreitete sich darauf weiter und nahm dermaßen überhand, daß von da an bis Weihnachten 1577 Personen starben.
Als das reußische Dorf Langenwetzendorf infolge der Pest fast ausgestorben war, kam von dorther nach der nahen Kucksmühle eine blaue Wolke und zog in zwei Spindlöcher eines Stubenbalkens, worauf der Müller Pflöcke hineinschlug und alles im Hause wohlauf blieb. Als aber der Müller später einmal nachsah, was aus dem Dunste geworden sei, da hat sich derselbe im ganzen Hause verbreitet und alle seine Bewohner mußten sterben. (Eifel, Sagenbuch des Vogtlandes, No. 457.) Desgleichen erzählt eine Mansfeldische Sage, daß die Pest in Gestalt eines blauen Nebels nach Hübitz zog. (Gräßler, Sagen der Grafschaft Mansfeld, No 95.) Ein Zauberer aus Böhmen verschloß bei Tormersdorf in der Oberlausitz die von allen Orten der Umgegend in Gestalt einer blauen Wolke heranziehende Pest in einer Grube mit der Anordnung, daß niemand die Grube wieder öffnen sollte. (Haupt, Sagenbuch d. Laus. No. 216.) Das Vernageln der Pest in Bäume kam noch 1709 zu Conitz in Preußen vor. Das Vermauern der Pest in und an Kirchen war im Mittelalter nicht ungewöhnlich, und vielleicht war das sogenannte »garstige Ding« (eine weibliche Figur, an welcher ein Hund emporstieg) an der Mauer der 1760 eingeäscherten Kreuzkirche in Dresden das Zeichen der hinter dem Hochaltare vermauerten Pest. (Schäfer, Deutsche Städtewahrzeichen, S. 93.) Dabei mag noch darauf hingewiesen werden, daß die leichenwühlenden Nornen und Walkyren von Hunden begleitet sind und von Hunden der Sterblichen zuerst gewittert werden. In altkirchlichen Abbildungen wird dem heiligen Rochus, dem Schutzpatron gegen die Pest, ein Hündlein beigegeben. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 159.) In Außig in Böhmen glaubt man, daß die Pest als +weißer+ Rauch erscheint, welcher Menschen, wenn diese ihn einatmen, sofort tötet. (Grohmann, Aberglauben etc. S. 184.)
420. Großhartmannsdorf wird durch die Zeitheide von der Pest verschont.
(Märker, Chronik von Großhartmannsdorf, S. 279.)
Östlich von Großhartmannsdorf liegt die große Torfheide. Hier wuchs in Menge eine Pflanze, welche unter dem Namen »Zeitheed« (Zeitheide) bekannt war und noch jetzt bekannt ist. Es sollen zu verschiedenen Zeiten Weiber aus Böhmen Tragkörbe voll von dieser Pflanze, welche in gegenwärtiger Zeit mit Mühe und Fleiß gesucht werden muß, weggetragen haben. Auch soll sie in der Brauerei des Ortes mit zur Verwendung gekommen sein. Der balsamische und durchdringende Geruch machte sie berühmt in der Gegend und wohlthätig für den Ort selbst. Denn in den Jahren, in welchen die Pest das Land verheerend durchzog und benachbarte Orte aussterben ließ, soll Großhartmannsdorf durch jene Pflanze verschont geblieben sein.
Die genannte Pflanze ist der Sumpfporst, ~Ledum palustre~.
421. Bergglück unter besorglichen Wunderzeichen.
(Lehmann, Hist. Schauplatz etc., S. 345.)
Innerhalb 10 Jahren, von 1163 bis 1173, da das Freibergische Bergwerk rege und die Stadt angelegt worden, sind allerhand erschreckliche Wunder und Erscheinungen am Himmel aufgetreten, nämlich drei Sonnen, etliche Wundersterne, brennende Fackeln, Blutregen, stürmende Donner und Blitze. Gleichwohl wars dem Bergwerk nicht nachteilig, so daß man 1171 schrieb:
FreIberg VnD seinen fIxen PLan DIe Sterne haben nIChts gethan.
Im Jahre 1472 erschien ein Komet im Zeichen der Wage, darauf das Bergwerk zu Schneeberg, welches das vorhergehende Jahr war angegangen, in hohem Flor gekommen und reichlich geschüttet hat, nach den bekannten Worten:
Bergknappen auf! erstaVnet, seht ZU SChneebergs GLUCk sCheInt der CoMet.
Im Jahre 1492 erschienen im Januar drei Sonnen am Himmel, und im März ein Komet; das schadete aber dem Obergebirge nichts, sondern es wurde das Bergwerk am Schreckenberge bei Annaberg rege, nach den Worten:
Der Annaberg braCht hoCh AUsbUt An SIlber ohne Sternen-StreIt, Unsern GewerCken reCht zUr FreUD.
In den Jahren 1515 und 1516 brannten zwei Kometen am Himmel; dabei kamen die Silberzechen am Scheibenberg und in Joachimsthal auf, wie folgende Verse deuten:
ACh sIehe an hIe JoChIMsthal, Ist EVangelIsCh UberaLL.
422. Ein Wunderzeichen zu Niederbobritzsch verkündet Unwetter.
(Moller, ~Theatrum Freib. Chron.~ II., S. 271.)
Den 13. Aug. 1559 hat man zu Niederbobritzsch bei Freiberg abends neben dem Monde eine große Menschenhand in den Wolken gesehen, darüber ein Stern in Größe der Sonne, ohne daß derselbe einen hellen Schein verbreitete. Die Hand ist im Verlauf einer halben Stunde immer größer geworden, bis sie eines Tisches Breite erreicht, darauf hat sie sich umgewandt und zugethan und ist jählings zerfahren, als wenn sie stückweise herunterfiele. Den Tag darauf erhob sich in der Umgegend ein starkes Unwetter mit Hagelstücken bis zur Schwere von über 3 Pfund; dieselben waren teils rund, teils viereckig, mit Zacken, wie Kreuze, Spangen und Rosen an Gürteln. Besonders arg war das Wetter in Niederbobritzsch, wo die ganze Zeit der Himmel voll Feuer stand, von dem auch etliche Klumpen herabfielen, die viel Bäume und Büsche versengten und großen Schrecken verursachten.
423. Ein himmlisches Wunderzeichen zu Freiberg.
(Moller a. a. O. II., S. 277.)
Den 13. März 1562 hat man zu Freiberg des Nachts am klaren Himmel einen weißen Kreis gesehn, der sich oft von einander gethan und inwendig ganz feuerrot erschienen. Dabei haben lange Strahlen rings umher gestanden, ziemlich dick und breit, doch oben zugespitzt, die haben auf einander gestoßen. Zwischen den Strahlen aber ist es aufgefahren wie Rauch und es hat die ganze Nacht hindurch geblitzt und geleuchtet. An etlichen Orten sind zugleich zwei Regenbogen und darüber ein Kreuz, sowie auch auf der einen Seite eine gebundene Rute und auf der anderen eine große Hand mit einer Rute gesehen worden.
424. Himmlisches Wunderzeichen in Wiesenthal.
(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis~, S. 1155.)
Anno 1543 den 4. Juni hat man in Wiesenthal des Abends um 7 Uhr am hellen Himmel nachverzeichnete Wunder gesehen. Erstlich einen langen Mann schwärzlich mit einem schwarzen und breiten Bart, welcher den Kopf oft schnell hin und wider gewandt, daß man ein zorniges Gemüt hat merken können. Dem ward ein Kranz gegeben, und da er ihn empfangen, ist er vergangen. Darnach ist auf einem hohen Fels ein anderer langer Mann gestanden, welcher einen langen, spitzen Schnabel und vom Haupt an durch den Rücken die Länge lange Federn gehabt, gleich eines Straußes, ist aber auch bald verschwunden. Alsdann sind auf einem ebenen Felde zwei Städte gesehen worden, eine große, mit steinernen und hohen Gebäuden herrlich gezieret, und eine kleinere, die doch je länger je deutlicher ist gesehen worden. Desgleichen ein Mann, der auf einem Pferd gesessen und in der rechten Hand ein Fähnlein geführet, in der linken aber ein jung Kind gehabt, welcher auch bald verschwunden. Darnach ist auf einem hohen Berge ein großer Mann gesehen worden, der einem kleinern mit einem Schwerte das Haupt abgehauen. Es ist auch einer zwischen zweien Felsen gesehen worden, welcher auf die Knie gefallen und die Hände aufgehoben über sich zum Himmel, als bete er. Nach ihm ist ein anderer langer Mann gesehen worden in einem langen Kleide, der unter den Armen ein junges Lämmlein und auf der Schulter ein groß Schaf getragen, dem ein stinkender Bock mit langen Hörnern gefolget. Weiter sind gefolget zwei Jungfrauen, eine hat die Arme in die Seiten gestützt und sich fröhlich erzeiget, die andere hat gegeiget. Nach diesen ist ein groß Kameel erschienen, auf welchem ein Mann aufgericht gestanden, der auf dem Rücken mit langen Federn geschmückt gewesen, dem ist ein Löwe mit aufgesperrtem Rachen entgegengegangen, hat mit den vordern Klauen das Kameel angefallen, darauf ist das Kameel alsobald zusamt dem Mann verblichen. Der Löwe hat sich den Städten genahet, welchem auf dem Fuße gefolget die zwei Jungfrauen und der Mann, der das Schäflein getragen mit dem zottigen Bock, so hernach gezottet. Letztlich sind einige andere Löwen gesehen worden, die nach der Stadt wärts gegangen, und viel groß Geschütz, welches auf die Stadt gerichtet gewesen, als wollte man jetzt abschießen, und sind die Städte bei anderthalb Stunden gesehen worden.
So viel hat in einer handschriftlichen Chronik Michael Pabst verzeichnet, der sonst ein guter Astronomus gewesen und alle Begebenheiten und Ungeheuer am Himmel fleißig aufgezeichnet.
425. Eine wunderbare Himmelserscheinung bei Gottesgab.
(Flader, Wiesenthälisches Ehren-Gedächtniß 1719, S. 104.)
Am 28. November des Jahres 1692 hat ein Köhler auf dem Sonnenwirbel bei Gottesgab ein hellglänzendes Schwert am Himmel gesehen, welches frühe um 5 Uhr geschehen ist. Solches Schwert hat neben einem Stern gestanden, und auch selbst wie ein heller Stern geleuchtet; die Spitze des Schwertes aber hat sich gegen Böhmen und den Egerschen Kreis gewandt. Es ist nicht anders anzusehen gewesen als ein langer Degen mit Gefäß, aber ohne Bügel, und hat nach des Köhlers Erachten so hoch gestanden, als die Sonne auf diesem gebirgischen Horizont in langen Tagen um 2 Uhr zu stehen pfleget. Nachdem es wieder vergangen und nicht länger gewähret, ist dem Köhler ein Schauer darüber angekommen, daß er sich in seinem Kohlkram niederlegen müssen.
426. Kreuze fallen vom Himmel.
(Moller, ~Theatr. Freib.~ II., S. 148.)
Im Jahre 1504 sind Kreuze von verschiedenen Farben den Leuten vom Himmel herab auf die Kleider gefallen, und wenn dieselben auch verschossen gewesen, hat man doch dergleichen Zeichen auf ihnen gefunden.
427. Ein Topf schwitzt zu Oederan Blut aus.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan. 1847, S. 226 etc.)
Am Sonnabende vor dem Pfingstfeste 1707 hatte der Kantor zu Oederan, Nikol. Haberland, einen frischen Maienbaum in einen Topf mit Wasser gesetzt, worauf er wahrnahm, daß der Topf eine rote Materie ausschwitzte. Man war allgemein der Meinung, daß diese rote Materie Blut sei und deutete die Erscheinung auf kommendes Unglück. Auch als der Topf leer in die Sonne getragen wurde, blieb er ganz rot, als ob eine blutende Wunde daran abgewischt worden sei. Auf erstatteten Bericht wurde er an das Konsistorium nach Dresden gesendet. Was damit weiter geschehen, ist nicht bekannt geworden.
428. Blutzeichen.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 853.)
Im Jahre 1666, Dienstags nach dem neuen Jahre früh um 8 Uhr, floß das Röhrwasser zu Wolkenstein in drei Trögen blutig und währte drei Stunden lang, darauf eine vielfältige große Uneinigkeit in dem gedachten Orte erfolgte.
Im Jahre 1639, in der Marterwoche, blutete bei Freiberg ein Crucifix. Anno 1666 ist zu Sayda ein Teich in Blut verwandelt worden. Am 25. Mai 1672 geschah es zu Planen im Vogtlande, daß in Leonhard Weckerleins, eines Zeugwirkers Stube an unterschiedlichen Orten Blut aus den Wänden heraus drang, so häufig, daß man auch Pfützen auf der Erde gesehen. Es war eine ungeheuerliche Sache, indem aus den Stubendielen, Bank- und Wirkstuhlbeinen, dürren, abgeschälten Wachholderstecken, welche zum Wollschlagen gebraucht wurden, ferner aus einer Schreib- und Schiefertafel Blut geflossen, das man auf Tüchern und Papier auffing und klumpenweise sammelte. Und dieses Blutschwitzen dauerte an etlichen Orten der Stube beinahe eine Stunde lang; wischte man's ab, so kam es wieder, schnitt man aber ein Stück von den oben angeführten dürren Wachholderstecken ab, so war inwendig kein Blut zu spüren.
Blutzeichen, insbesondere blutschwitzende Tempelstatuen, galten schon bei den alten Römern als Gefahren verkündigend; ganz besonders aber ist das christliche Mittelalter reich an Legenden, nach denen Heiligenbilder oder andere Gegenstände Blutstropfen ausschwitzten, was entweder als Beweis einer ihnen innewohnenden wunderthätigen Kraft oder als Zeichen von bevorstehendem Unglück angesehen wurde. Eine Menge hierher gehöriger Beispiele führt Rochholz (Deutscher Glaube und Brauch. I. S. 48 etc.) an.
429. Ein längst verstorbenes Kind blutet.
(Histor. Nachricht von denen Denkwürdigkeiten der Stadt Chemnitz. 1734, S. 80.)
Den 13. Mai des Jahres 1546 wurde in Chemnitz ein Weib, so ihr eigenes Kind ermordet, enthauptet, und das Kind zu ihr in den Sarg geleget, welches dann angefangen zu bluten, wiewohl es schon 14 Tage tot gewesen.
430. Blutende Geweihe in Schneeberg.
(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis~, S. 1159.)
Im Jahre 1564 hat zu Schneeberg in Bastian Fischers Stube ein angenageltes Hirschgeweihe geblutet und übel gerochen, gleichwie ein anderes in der nächsten Woche darauf, welches gegen 12 Jahre in der Stube gewesen, vom Fette getrieft, also daß ein schwarzer Gischt am Horn zu sehen gewesen ist, weswegen es aufs Rathaus gebracht werden mußte. Man hat sich darüber allerlei Gedanken machen müssen.
Ein Hirschgeweih führt das würtembergische Haus in seinem Wappen. Als Sophie, die Tochter des Schwabenherzogs Christoph, starb, soll ein solches Geweih an ihrer Zimmerwand geblutet haben.
Erinnert mag noch daran werden, daß während der Hirsch Eikthyrnir den Gipfel der Weltesche Yggdrasil benagte, aus seinem Geweihe eine große Honigfülle durch den Wohnsitz der Asen und zu den Menschen und bis in die Unterwelt floß. Wer von solcher Honigfülle trank, wurde hirschtrunken, d. h. selig. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I., S. 7.)
431. Der wunderbare Schuß zu Schneeberg.
(Meltzer, ~Hist. Schneeberg.~, S. 1020.)
Am 14. März 1615 ist in Schneeberg in Paul Leibigers Stube Christoph Büttner, ein Zahnbrecher, auf wunderbare Weise erschossen worden. Dieser war kurz zuvor am Sonntage ~Oculi~ von der Reise gekommen und wollte mit Christoph Leibigern um ein Handrohr, das über ein halbes Jahr an der Wand gespannet gehangen, tauschen. Als er aber dasselbe spannte und solches kein Feuer gehen wollte, da hat Büttner zu Leibigern, welcher dazumal das Rohr in der Hand gehabt, gesagt. »Ei, es muß Feuer geben in Teufels Namen!« Siehe, da ist alsbald das Rohr losgegangen und der leichtsinnige Büttner erschossen worden, ungeachtet, wie der damalige Pfarrer dies aufgezeichnet, man weder Kugel noch Schrot gesehen und gefunden.
432. Der krumme Schuß in Zwickau.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 125.)
Als 1546 Ferdinand, König von Böhmen, und Herzog Moritz von Sachsen Zwickau belagerten, ist aus der Stadt mit einem Stück (einer Kanone) durch beide Kirchthüren geschossen worden. Die Kirche liegt in der Stadt fast zwischen Morgen und Mittag, die Thüren aber gehen gegen Mittag und Mitternacht. Bei der mittäglichen Thüre liegt ein Berg vor und die mitternächtliche geht ganz und gar nicht gegen die Stadt. Darum haben die Alten gemeinet, daß diesen Schuß ein Zauberer gethan habe, welcher gewußt, daß eben zur selben Zeit sich in der Kirche viel vornehme Herren aufgehalten, und sind darum auch keine neuen Thüren gemacht, sondern nur Brettlein vor die Löcher genagelt worden.
433. Perlenschoten in Wiesenthal.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 481.)
Wahrhaftig ist's, was sich mit gewachsenen Perlenschoten zu Neustadt-Wiesenthal im Jahre 1626 zugetragen. Nach dem großen Sterben selbiger Zeiten wohnte in gedachtem Bergstädtlein Michael Rohdörfer, ein Exulant aus Lutitz in Böhmen, welcher mit seinem Weibe und sieben kleinen Kindern wunderbarer Weise den Religionsfeinden entkommen. Sein Töchterlein von sieben Jahren hatte vom Schutthaufen eines ausgegrabenen alten Kellers etliche Kapsamen-Strünklein aufgelesen und in des Vaters Garten gesteckt. Da nun solche wohl fortgekommen und gereifet, nimmt sie die Schötchen ab und klopfet sie aus, findet aber mit Verwunderung weiße Körnchen, die sie, unwissend was es sei, dem Vater weiset und spricht: »Ja, Vater sehet, was find ich für Patterlein?« Der Vater kennets, daß es rechte Perlen, suchet und findet sie in den Schötchen selbst, also, daß je nach zwei Samenkörnchen eine wahrhafte Perle lag, und sammelten sie dieses Samens und der Perlen ein Käsnäpfchen voll. Viel Edelleute, die sich damals in Wiesenthal als Exulanten aufhielten, habens selbst in Augenschein genommen, auch einige dieser Perlen dem Töchterlein abgeschwatzt und als Rarität aufgehoben. Eine Gräfin von Hauenstein kam von Annaberg, hielt mit der Karosse vor des erwähnten Exulanten Thür, breitete ihr Haartuch auf den Schoß und bat, das Mägdlein sollte ihr einige Samenschötlein aufmachen, welches auch geschah, und sie fand, daß es wahrhaftige Perlen waren. Sie versprach darauf, wenn der Vater einwilligen wollte, dieses glückselige Kind auf- und anzunehmen. Endlich machte die Gräfin etliche Schoten eigenhändig auf, aber die Perlen zerschmolzen ihr unter den Fingern, wie es auch zuvor andern Leuten, die sie selbst aufgemacht, begegnet war. Darauf sagte sie: »Ei, so ists eine sonderbare Gnade von Gott, derer wir nicht würdig sind.« Ein frommer Edelmann aus Böhmen, der auch daselbst im Exil lebte, ließ den Vater mit allen sieben Kindern vor sich kommen, betrachtete und befand das Wunder augenscheinlich und kleidete die armen Kinder alle neu.
434. Brot wird aus weißer Erde gebacken.
(Moller, ~Theatrum Freib. Chr.~ II, S. 364. Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, Nr. 12.)
Im Jahre 1590 fand ein armes Hirtenmädchen, welches bei der herrschenden großen Dürre viel Hunger leiden mußte, zwei Meilen von Freiberg einen weißen Gang einer guten Spanne dick. Derselbe sah wie Mehl aus und sie nahm etwas davon mit nach Hause und buk Brot daraus. Darauf geschah von anderen armen Leuten ein großer Zulauf; das weiße Mehl wurde ausgegraben und ebenfalls verbacken. Ein solches Brot wurde auch nach Freiberg gebracht und auf's Rathaus geliefert; es schmeckte gar süßlich und roch ein wenig nach Brot. Nach einer andern Volkssage hackte im Jahre 1590, da große Teurung war, ein frommer Mann aus Freiberg ohnweit der Stadt in einer Lehmgrube. Er hatte daheim eine zahlreiche Familie hungrig verlassen und gedachte mit Thränen, wie unzureichend das Brot sein würde, welches er für die wenigen Pfennige Tagelohn am Abend würde kaufen können. »Ach Gott!« rief er, die nassen Augen zum Himmel gewendet, »du kannst Großes thun, o gieb mir und den Meinen, daß wir nicht verhungern dürfen!« Da fielen plötzlich große Stücke einer schönen weißen Masse unter den Schlägen seiner Hacke aus der Lehmwand hervor. Wie erstaunte der gute Mann, als er sie genauer betrachtete und sah, daß sie beim Angreifen zu Mehl wurden, welches gutem Brotmehl an Ansehen, Gewicht und Geschmack ganz gleich war. Nicht länger zweifelte er, daß Gott durch diese seltene Masse ihm wunderbar helfen wolle, lud ohne Säumen seinen Schiebkarren voll solcher Mehlklumpen und fuhr damit nach Hause. Ehe der Abend kam, hatte er eine ziemliche Anzahl Brote daraus gebacken, welche sehr schmackhaft waren und wie Veilchenwurzel dufteten. Bald wurde die Mähr von dem wunderbaren Mehle bekannt und noch viele arme Leute in Freiberg und der Umgebung suchten in den Lehmgruben nach der belobten weißen Masse, welche sie auch fanden und zu Brot backen und genießen konnten, nämlich, wenn sie fromm und gut waren. Denn nur wenn arme rechtschaffene und gottesfürchtige Leute das Mehl als eine Gabe Gottes ausgruben und mit Danksagung verbrauchten, blieb es gutes und brauchbare Mehl; wenn es aber Spötter und Gottlose in die Hände nahmen, ward es zu Sand und zu Stein.
435. Gottes-Speise bei Zwickau.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, Nr. 49. Nach Luthers Tischreden bei den Br. Grimm, Deutsche Sagen I., Nr. 362.)
Bei Zwickau auf einem Dorfe schickten einst Eltern ihren Sohn, einen muntern Knaben, in den Wald, die Ochsen, welche da auf der Weide waren, heimzutreiben. Aber die Nacht überraschte den Knaben und es erhob sich ein solch mörderisches Schneewetter, daß er nicht aus dem Walde zu kommen wußte. Als nun der Knabe am andern Tage immer noch nicht nach Hause kam, gerieten seine Eltern in große Angst und konnten doch vor dem großen Schnee nicht in den Wald. Am dritten Tage erst, nachdem der Schnee zum Teil abgeflossen, gingen sie hinaus, den Knaben zu suchen und fanden ihn endlich an einem sonnigen Hügel sitzen, wo gar kein Schnee lag. Freundlich lachte er seine Eltern an, und als sie ihn fragten, warum er nicht heimgekommen, antwortete er, daß er habe warten wollen, bis es Abend würde. Er wußte nicht, daß schon mehrere Tage vergangen waren, und als man ihn ferner fragte, ob er etwas gegessen hätte, erwiderte er, es sei ein Mann zu ihm gekommen, der ihm Käse und Brot gegeben habe.
Also ist dieser Knabe sonder Zweifel durch einen Engel Gottes gespeist und erhalten worden.
Nach einer thüringschen Sage bringt eine Jungfrau einem im Walde verirrten Kinde Speise und Trank. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, Nr. 113.)
436. Körnerregen.
(Lehmann, Chronik der Stadt Chemnitz, 1843, S. 297. Moller, ~Theatrum Freibergense~, 1653, S. 313.)
Am 7. und 9. Juli 1770 regnete es eine Art Korn, welches dem natürlichen Korn zum Teil sehr ähnlich aussah, zum Teil waren es runde Körner wie Wicken. Man fand es auf den Bleichen bei Chemnitz und meinte nun, es müsse vom Himmel gefallen sein. Das Volk deutete es auf Pestilenz und Teurung. Als man es steckte, ging es nicht auf; man hat es getrocknet und gemahlen und es gab etwas Mehl.
Auch am 17. Juni 1572 hat es bei Freiberg gut natürlich Korn geregnet, wie auch am 2. Juli desselben Jahres zu Frankenberg. Die Leute haben es aufgerafft, gemahlen und schön Brot daraus gebacken.
Sonst soll dergleichen geregnetes Korn mehrenteils taub und unnütz, bisweilen auch schädlich gewesen, und das Vieh, so davon gefressen, gestorben sein.
Dieser Körnerregen bestand jedenfalls aus den kleinen Knollenknospen des gemeinen Feigwarzenkrautes (~Ficaria ranunculoides~), welche in den Blattachseln genannter Pflanze sitzen und später abfallen, um im nächsten Jahre zu keimen. Bei heftigen Regengüssen wurden dieselben losgerissen und zusammengeschwemmt, so daß sie dann bei massenhaftem Vorkommen die Aufmerksamkeit des Volkes und den Glauben erregten, sie seien mit dem Regen zugleich vom Himmel gefallen.
437. Wallfahrten zum Bade Wolkenstein.
(Hauptmann, Uhralter Wolkensteinscher Warmer Badt- und Wasser-Schatz etc. Leipzig, 1657, S. 63, 85. Kirchengalerie von Sachsen, 12. B., S. 234.)
Das Warmbad im Hüttengrunde bei Wolkenstein führte vor der Reformation nach einer auf der Höhe erbauten Kirche, in welche sieben Dörfer eingepfarrt waren, den Namen »zu unser lieben Frauen auf dem Sande«. Man hat in dieser Kirche Messe gehalten, ehe man in's Bad gegangen ist. Während des Papsttums ist auch dorthin ein solches Wallfahrten geschehen, daß die Kirche vielmal zu klein und ein großes Gedränge darum war. Dabei sind gar viele, welche das Bad gebrauchten, gesund geworden und haben zum Gedächtnis Krücken und Stäbe, deren sie sich bei ihrer Gebrechlichkeit bedient hatten, bei der Kirche zurückgelassen. Es kann aber kein Mensch sagen, zu welcher Zeit man dieses Bades sei innen worden. Man zeigte früher an dem Badehause ein hölzernes Christusbild mit der Jahreszahl 1385 und folgender Inschrift:
»Diß Warmbad am Sand zu unser lieben Frawen Hat Gottes Wunderhand gelegt in diese Awen, Wodurch dem Leibe Heil werden krancke Hertzen, Christi Verdienst und Blut lindert die Seelenschmertzen.«
438. Die Kapelle des St. Jobs im Wiesenbad.
(Köhler, Hist. Nachrichten von der Bergstadt Wolkenstein. Schneeberg 1782, S. 38. Kirchengalerie von Sachsen, 12. B., S. 66.)
Im Wiesenbad bei Annaberg, wohin besonders Kranke und Sieche wallfahrten, hat eine Kapelle gestanden, die dem St. Job gewidmet gewesen ist und welche vom Fürst Georgen reichlich begabet und vom Bischof zu Meißen im Jahre 1505 eingeweihet wurde. Letzterer setzte auch einen Meßpriester dahin, welcher den Badegästen, ehe sie ins Bad gegangen, eine Messe lesen mußte. Von dieser Kapelle des St. Jobs ist alsdann das Bad das Jobs- oder Hiobsbad genannt worden. -- Die Entdeckung des Heilbrunnens soll sich von einem armen Manne herschreiben, der seine ungesunden Schenkel in diesem Wasser gewaschen und heil geworden.
439. Wallfahrten nach Freiberg zu einem wächsernen Marienbilde.
(Moller, ~Theatrum Freibergense Chron.~ II, S. 20.)
Anno 1262 haben die Geißler in großer Zahl das Land Meißen durchlaufen und sich dieses Jahr in der Stadt Freiberg befunden, dahin damals eine starke Wallfahrt zur schönen Marie gewesen. Diese Leute sind halb nackend je zwei und zwei barfuß gegangen, in roten offenen Mänteln, die man spanisch Armilausen genannt.
Das Marienbild war von Wachs in menschlicher Größe ganz schön und zierlich gestaltet und stand in einer besondern Kapelle. Die Leute kamen von allen Orten heftig gelaufen, als wenn sie bezaubert wären, und was ein jedes von Männern und Weibern von seiner Arbeit in der Hand gehabt, wenn ihn die Tollheit angestoßen, das hat er mit sich genommen und allda gelassen; wie auch viel krumme, lahme und andere preßhafte Menschen, die sich zu diesem Bilde verlobet, gesund geworden und ohne Mangel wieder davon gegangen sein sollen.
Diese Wallfahrt hat lange Zeit gewährt, bis man erfahren, daß unter dem Schein des Heiligtums ein böses sodomitisches Leben und viel Schande und Laster getrieben wurde, worauf durch einen fürstlichen Befehl dem Gelaufe und den Zusammenkünften gesteuert wurde und solche mit Ernst abgeschafft worden sind.
440. Das wunderthätige Marienbild in Ebersdorf.
(Staberoh, Chronik der Stadt Öderan, 1847, S. 87. Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, Nr. 559. Kirchengalerie, 8. B., S. 117.)
Vom Jahre 1439 bis 1443 ward das Meißnerland von einer besondern Pest heimgesucht. Die davon betroffenen Menschen waren nicht mit Schmerzen geplagt; von Schlafsucht befallen, war der Pestkranke in wenigen Tagen tot. Früher wanderte man vor dem Pestengel aus, diesmal half man sich mit Gelöbnissen. Das wunderthätige Marienbild in Ebersdorf bei Frankenberg ward von Tausenden besucht, und diese wurden dann mit irgend einem Trostspruche oder der Verhängung einer Buße entlassen. Für die Öderaner lautete die Sühne und Strafe folgendermaßen:
»Das Haus der lieben Frawen Mit Klang druf ufzubawen!«
Das hieß nun: die Kirche zu Öderan samt deren Glocken herzustellen. Die Öderaner haben dann auch Glocken auf den Turm besorgt; inwieweit sie sonst noch dem Verlangen des Marienbildes nachgekommen sind, wird uns vom Chronisten verschwiegen.
Außer manchen andern Reliquien, wie einem hölzernen Christusbilde, das zu manchen Zeiten Thränen vergossen haben soll, zeigt man in der Kirche zu Ebersdorf noch heute eine Krücke, welche ein durch die Berührung des Marienbildes geheilter Lahmer getragen habe. Diese Krücke ist mit der Jahreszahl 1333 gezeichnet, und man liest an ihr die eingeschnittenen Worte:
»Kruck, Du bist ein schön Kruck, Kruck, Du bist mein Ungluck, Zu meinem Ungluck hab ich ein schön Kruck.«
441. Die Muttergottesstatue in Maria-Sorg.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 57.)
Dreiviertel Stunden von der Bergstadt Joachimsthal entfernt liegt die zerstreute Ortschaft Mariasorg, welche ein Kapuzinerhospiz besitzt, in dessen Kirche sich am Hochaltare eine Muttergottesstatue befindet, zu der alljährlich zahlreiche Wallfahrer und Andächtige von fern und nah wegen der vielen Wunder pilgern, durch welche Gott das Bildnis der heiligen Jungfrau Maria verherrlichte. An dieses Gnadenbild knüpft sich folgende Sage:
Zur Zeit, als ~M.~ Johannes Mathesius, Luthers Schüler und Tischgenosse, in Joachimsthal als Pfarrherr wirkte, bewohnten »das vor alters benannte rote Haus im untern Viertel des Türkners« mehrere Protestanten und ein Mädchen, welches der römisch-katholischen Kirche treu geblieben war. Von den vielen Heiligenbildern, mit denen es das Kämmerlein geschmückt hatte, erfreute sich besonders eine alte, verbräunte Muttergottesstatue einer hohen Verehrung seitens des Mädchens. Ungestört kniete dieses oft stundenlang vor derselben und flehte mit gefalteten Händen zur Jungfrau Maria, der gnadenreichen Himmelskönigin. Allein bald erfuhren die Hausgenossen von der stillen Andacht, welcher sich das Mädchen hingab, und zwei Brüder, eifrige Protestanten, faßten den Entschluß, diesen religiösen Übungen für immer ein Ende zu machen. Der eine der Brüder bemächtigte sich eines Tages der Statue und wollte sie mit dem Angesichte gegen die Mauer annageln, wovon das Zeichen noch heute an dem Hinterhaupte des Bildes zu sehen sein soll, fiel aber zur Strafe für seine Frevelthat von der Leiter und starb. Der andere warf hierauf das Marienbildnis in den Winkel eines im Hause befindlichen Hühnerkämmerleins, wo es, durch Schmutz entstellt, viele Jahre versteckt blieb, bis mit der Vertreibung der Protestanten der Katholicismus in Joachimsthal wieder feste Wurzeln faßte.
Damals geschah es, daß David Weidner aus Plan sich daselbst niederließ und mehrere, von den Protestanten verlassene Bürgerhäuser, darunter auch das rote Haus, kaufte. Zu seiner Überraschung fand er in letzterem die Muttergottesstatue in dem Hühnerkämmerlein; er ließ sie als guter Katholik absäubern und hielt sie lebenslang in Ehren. Weidner starb um das Jahr 1676 als Stadtrichter und vererbte das Bildnis seiner Tochter Anna Lucia, verehelichten Mader, die dasselbe als Heiligtum aufbewahrte und andächtig in ihrem Wohnzimmer verehrte. Als darauf in den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts die Joachimsthaler Gemeinde an dem denkwürdigen Orte, wo des Einsiedlers Niavis kleine Kapelle gestanden, die bei Einführung des Luthertums in hiesiger Gegend zerstört wurde, eine Kirche erbaute, ließ Anna Lucia Mader daselbst ihre Muttergottesstatue zur allgemeinen Verehrung aufstellen. Nach diesem Marienbilde erhielt die Kirche, da die Gegend schon von uraltersher Sorg hieß, den Namen »Maria-Sorg«, der in der Folge auch auf das Dorf überging.
Noch immer ladet die Kirche zu Maria-Sorg zum Beten ein, dagegen fiel das alte rote Haus dem verhängnisvollen Brande vom 31. März 1873 zum Opfer.
442. Das Marienbild bei Klösterle.
(Glückauf, 3. Jahrg., Nr. 4, S. 33.)
Bei Klösterle steht an der Schlackenwerther Straße ein Marienbild in einer hohlen Linde. Das stand erst auf der andern Seite, auch in einem Baume. Da schlug das Wetter ein. Der Baum flog in tausend Granatstücke und das Bild schwebte unversehrt, so daß ihm kein Unthätchen geschehen, über die Straße zu der andern Linde, und dort hat man es denn auch aufgestellt.
Die Linde, der Nationalbaum der Deutschen, galt unsern Vorfahren als heilig; sie war besonders der Göttin Frigg geweiht, an deren Stelle später Maria getreten ist, die nun zur Beschützerin der Linden wurde. Auch das Bild der heiligen Maria von Rosenthal wurde in einer Linde gefunden. (Haupt, Sagenbuch II, Nr. 287.) Als ein aus Holz geschnitztes Marienbild von den Rastenburgern von seinem Platze, einer Linde, welche immer grün blieb, geholt und nach der Kirche getragen wurde, stand es doch am andern Morgen wieder in der Linde, weshalb man unter derselben eine Kapelle baute. So entstand der Wallfahrtsort »Heiligenlinde«. (Reling und Bohnhorst, unsere Pflanzen, S. 17.)
443. Das Marienbild in Mariaschein.
(Th. Schäfer, Führer durch Nordböhmen, 3. Aufl., S. 65.)
Von Teplitz 1½ Stunde entfernt und in der Nähe des Bergstädtchens Graupen liegt das Jesuitenkloster Mariaschein. Die große Kirche desselben ist rings von prächtigen Linden umgeben, sowie von Säulenhallen, in denen Beichtstühle aufgestellt sind; Freskobilder stellen die wunderbaren Wirkungen des Gnadenbildes dar. Dieses selbst, ein Marienbild, »die schmerzhafte Mutter Gottes«, wird in der Mitte des Hochaltars unter Glas in goldener Hülle aufbewahrt; es ist aus Thon, etwa 12 cm hoch, und soll zur Zeit der Hussitenkriege nach der Zerstörung des Nonnenklosters zu Schwatz von einer Nonne in einer Linde an der Stelle der jetzigen Kirche versteckt worden sein, wo es seine Kraft durch die wunderbare Errettung eines Mädchens von einer Schlange bewies. Als die Bürger des Städtchens Graupen dasselbe in feierlichem Zuge in ihre Kirche gebracht hatten, kehrte es auf wunderbare Weise in die Linde zurück. Deshalb baute man an dieser Stelle zuerst eine Kapelle, dann die Kirche. Bei Wallfahrten wird das Bild gezeigt und von den Gläubigen geküßt.
S. die Bemerkung zur vorhergehenden Sage.
444. Das Ölbild in der Steiner Pfarrkirche.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 134.)
Betritt man die Pfarrkirche des am Hohen Steine gelegenen Dorfes Stein, so fällt einem in der Vorhalle, oberhalb des Weihwasserbeckens, ein Ölgemälde auf, Diebe darstellend, wie sie eben die wertvollsten Gegenstände vom Altar der Steiner Pfarrkirche zusammenraffen und davontragen. Die fromme Sage erzählt weiter: Die Verbrecher flohen mit dem gestohlenen Kirchengute nach Sachsen zu und in der Nähe des Hohen Steines entleerten sie die Monstranze und das Ciborium der consecrierten Hostien. Das geschah im Herbste. Das Jahr darauf, im Frühlinge, weidete eine Rinderherde in dieser Gegend. Da hörte der Hirte ein anhaltendes Röhren einiger der ihm anvertrauten Kühe, und als er nach der Ursache forschte, sah er zu seinem Erstaunen mehrere Rinder um eine Wachholderstaude stehen, an der noch einige der von den Dieben hier verschütteten Hostien hingen, während die andern, ebenfalls unbeschädigt, unter dem Strauche am Boden lagen. Eilig lief der Hirte, seine Heerde im Stiche lassend nach Hause und verkündete, was er gesehen. Viele Leute gingen mit ihm und fanden seine anfangs bezweifelten Aussagen bestätigt, sahen auch zu ihrer Verwunderung die Rinder, immer noch laut röhrend, um den »Kronawittstrauch« herumstehen. Geistliche, von einer großen Volksmenge begleitet, welcher das merkwürdige Ereignis kund geworden, kamen bald an den Ort, unter Absingung heiliger Lieder faßten sie die Hostien in den Kelch und übertrugen sie in feierlicher Prozession in die Pfarrkirche, aus der sie so freventlich entwendet worden waren.
Auf der Stelle aber, wo das Wunder geschehen, erhob sich bald eine einfache Kapelle, welche in ihrem Innern außer anderm ein Gemälde aufweist, welches auf das Auffinden der Hostien Bezug hat und an deren Stufen das bedrängte Herz Trost und Linderung seiner Leiden findet, wenn es sich zum Urquell aller Dinge erhebt.
445. Die heilige Georgenfahne zu Tharand.
(Die Ruinen von Tarant. Ein Beitrag zur Kunde der Vorzeit etc. Dresden, Joh. Sam. Gerlach, 1795, S. 20.)
Im Jahre 1190 erlitt die Burg Tharand das Unglück, daß sie in Feuer aufging, wobei sich noch obendrein ein großes Wunder ereignete. Es flog die daselbst seit einiger Zeit aufbewahrte heilige Georgenfahne, die im Kriege wider die Ungläubigen viele Wunder gethan hatte, während des Brandes vor aller Augen zum Fenster unversehrt hinaus, und niemand wußte anzugeben, wohin sie gekommen war.
Von dieser heiligen Georgenfahne wird erzählt, daß sich dieselbe Ludwig der Fromme, Landgraf zu Thüringen, im Kriege gegen die Sarazenen vortragen ließ. Als er bei Akkon blieb, ward die Fahne erst auf die Wartburg und später nach Tharand geschafft. (Merkels und Engelhardts Erdbeschr. v. Kursachsen, 2. B., S. 103.)
446. Das Wunschfläschchen.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 205.)
Bevor die Eisenbahnen aufkamen, vermittelten die Reischdorfer Fuhrleute den Handel zwischen Böhmen und den übrigen Ländern. So fuhr auch einmal ein Reischdorfer nach Nürnberg. Eines Tages, da ein großer Sturm und Regen herrschte, geschah es, daß unser Fuhrmann mit seinem Wagen in einen Abgrund fiel, wo Wagen und Pferde zerschmetterten. Er fluchte und jammerte, allein alles vergebens. Plötzlich fühlte er, daß ihm jemand auf die Achseln klopfte. Er schaute sich um und sah einen sonderbar gekleideten Mann vor sich, der ihn fragte, weshalb er so jammere. Der Fuhrmann zeigte auf seinen Wagen und erzählte sein Unglück. Da zog der Fremde ein Fläschchen aus der Tasche, in welchem sich ein Ding hin und her bewegte, und sagte zum Fuhrmann, er solle ihm dafür zwei Thaler geben; wenn er das Fläschchen rüttle und sich dabei etwas wünsche, so werde sein Wunsch augenblicklich in Erfüllung gehen; nur müsse er das Fläschchen billiger verkaufen, als er es eingehandelt habe. Der Fuhrmann zahlte voll Freuden das Geld, rüttelte das Fläschchen und wünschte sich das schönste Haus in Nürnberg. Dort lebte er in Hülle und Fülle. Eines Tages aber, als er wiederum im Wirtshaus saß und mit Geld um sich warf, sah er einen schwarz gekleideten Herrn, der ihn ganz seltsam anblickte. Der Fuhrmann ging auf ihn zu und fragte ihn, warum er ihn so betrachte. Der Fremde antwortete, daß ihm seine Verschwendung auffalle. »Ja,« sagte der Reischdörfer, »ich hab' da ein Fläschchen, damit kann ich mir alles wünschen, was ich will. Um einen Thaler jedoch will ich's Euch verkaufen.« Der Fremde nahm das Fläschchen, sprach einen Spruch darüber, so daß es in tausend Stücke zersprang; das darin befindliche Ding aber ward eine Schlange, die so stank, daß der Bauer in Ohnmacht fiel. Als er erwachte, befand er sich auf der nämlichen Stelle, wo sein Gespann zu Grunde gegangen war. Er ging nach Nürnberg, um zu sehen, was aus seinen Reichtümern geworden sei. Da sah er auf dem Balkon des Hauses, das ihm gehört hatte, seine eigene Gestalt, die ihm zuwinkte. Er trat ins Haus, allein alle Leute darin waren ihm fremd und die Gestalt war verschwunden. So kehrte er ebenso arm nach Hause zurück, als er ausgezogen war.
447. Die Tempiskapelle zwischen Komotau und Görkau.
(J. Mann in der Erzgebirgs-Zeitung, 1882, S. 15.)
Über die Entstehung der Tempiskapelle am obern Wege von Komotau nach Görkau erzählt die Sage:
In Rothenhaus war Herr Tempis Kastellan, der seine Arbeitsleute und Herrschaftsangehörige sehr hart und grausam behandelte. Einmal kehrte er auf seinem Rosse von Komotau nach Hause zurück. Es war eine finstere, rabenschwarze Nacht, und dazu hatte er noch etwas zu viel von geistigen Getränken genossen. Anfangs ging sein Roß ganz gut, dann aber sauste es im rasenden Galopp dahin. In der Ferne bemerkte Herr Tempis ein Licht und glaubte schon bei Rothenhaus zu sein. Da auf einmal fing sein Pferd an zu sinken, und je weiter er ritt, desto tiefer sank es. Trotz aller seiner und seines Pferdes Anstrengung gelang es nicht, aus diesem Moraste heranzukommen. Herr Tempis sah schon seine letzte Stunde gekommen, da eine Rettung hier nicht möglich war. In diesem qualvollen und entsetzlichen Augenblicke that er das Gelübde, im Falle er gerettet werde, eine Kapelle zu Ehren der Mutter Gottes an dieser Stelle zu erbauen. Er trieb jetzt sein Pferd noch einmal an. Dieses bot seine letzten Kräfte auf und siehe, Roß und Reiter waren gerettet. Herr Tempis erfüllte nun auch gewissenhaft sein Gelübde.
448. Sieben versteinerte Jungfrauen.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 274.)
Bei Komotau gegen das Gebirge hin liegen auf einem Berge mehrere große Steine, die Katzen ähnlich sind. Das sollen sieben Jungfrauen sein, welche ein schlechtes Leben führten und deshalb in diese katzenähnlichen Steine verwandelt worden sind.
449. Wie die große Glocke in der Marienkirche zu Zwickau ihre Stimmung bekommen hat.
(T. Schmidt, ~Chronica Cygnea~ I., S. 78.)
Als auf dem Turme der Marienkirche zu Zwickau die große Glocke am 12. Juli 1512 sprang, weil man von 8 Uhr des Abends bis den andern Morgen früh um Vier eines schrecklichen Gewitters halber nach damaliger Gewohnheit geläutet hatte, so fragte der Glockengießer, der sie umzugießen hatte, als das Metall schon geschmolzen war, und er das Werk selbst beginnen sollte, die dabei stehenden Ratsherren, was für einen Ton er der Glocke geben solle? Da nun diese verlangten, er solle derselben das Chormaß nach der Orgel, also das bloße ~C~ geben, hat er ein Pulver von Kräutern zugerichtet und in das Metall geworfen, und davon hat die Glocke den gewünschten Ton bekommen.
450. St. Wolfgang zu Freiberg.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, Nr. 290.)
Ist einst ein Bischof, namens Wolfgang, aus dem Geschlechte derer von Schleinitz zu Freiberg gewesen. Wie der nun einmal in vollem Ornate zum Dienste des Herrn in den Dom geht, da stürzt sich ein Bettler vor seine Füße nieder, der Gliederreißen oder das böse Wesen zu haben schien. Mitleidsvoll blickten den Unglücklichen alle Anwesende an, nur der Bischof machte eine Ausnahme, er sprach zu ihm: »Tobt wirklich eine Krankheit in Dir, so möge sich Gott Deiner erbarmen und Dich gesund machen, hast Du sie aber zum Frevel erlogen, um Almosen zu erlangen, soll sie von jetzt an Deine Strafe sein.« Kaum war aber der gottlose Heuchler, welcher der ernsten Mahnung des Bischofs nicht ungehorsam zu sein wagte, vom Boden aufgestanden, als er auch mit jämmerlichem Geschrei wieder niederfiel und niemand mehr an der Erfüllung des göttlichen Strafgerichts zweifeln konnte. Da hat das Volk den frommen Bischof als Heiligen verehrt und die Begleiter haben seitdem den St. Wolfgang zu ihrem Schutzpatron angenommen.
451. Der Fallsüchtige in der Kirche zu Annaberg.
(Nach der poet. Bearbeitung von Ziehnert bei Gräße, Sagenschatz etc., Nr. 511.)
Am 26. Juli des Jahres 1519 ward die St. Annenkirche in der Stadt Annaberg durch den Bischof von Meißen, Johann VI., geweiht und bei dieser Gelegenheit ereignete sich folgende wunderbare Begebenheit, welche durch ein, wahrscheinlich von Lucas Cranach gemaltes Bild, das sich am Grabmonumente L. Pflocks, eines reichen Bergherrn, der bei diesem Vorgange zugegen war, befindet, noch heute im Andenken erhalten wird. Als nämlich die Prozession, bei der sich auch Herzog Georg von Sachsen befand, an der Pforte der Kirche angelangt war und der Bischof sich anschickte, dieselbe einzuweihen, sah er plötzlich einen zerlumpten Bettler, der sich in epileptischen Zuckungen auf der Erde herumwälzte, vor sich. Da erhob sich in der Seele des geistlichen Herrn der Verdacht, die Krankheit dieses Elenden sei nur eine verstellte und derselbe benutze dieselbe bloß, um bei dem heutigen hohen Feste das Mitleid der Anwesenden zu erregen. Er hob also die Rechte zur Benediktion, schlug ein Kreuz über den Bettler und sprach mit laut erhobener Stimme: »Bist Du wirklich krank, so helfe Dir der Herr, verstellest Du Dich aber, so strafe er Dich!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so geschah es, daß die von dem Bettler vorgegebene Krankheit zur Wirklichkeit ward, ein fürchterliches Geschrei verkündete ihr Dasein und mehrere starke Männer waren jetzt kaum im Stande, den Unseligen in seinen Zuckungen zu bändigen und auf die Seite zu bringen.
452. Ein Totenschänder wird entdeckt.
(Köhler, Volksbrauch im Vogtlande, S. 572.)
Vor einer Reihe von Jahren lebte in Schöneck ein Pfarrer Merz, welchem ein Kind von 2 Jahren starb. Nach 14 Tagen rief eine Kinderstimme bei diesem Pfarrer Merz des Abends nach 10 Uhr beim Schlafstubenfenster: »Mein Händchen und mein Füßchen!« und dies einigemale. Der letzte Ruf lautete: »Vater, mein Händchen und mein Füßchen fehlt mir!« Darauf ließ der Pfarrer Merz sein Kind wieder ausgraben, und wirklich fehlten auch diese Glieder. Es wurde nachgeforscht und man hatte auf einen Bewohner der Birkenhäuser bei Schöneck, welcher einen Schatz hatte heben wollen, Verdacht. Am nächsten Sonntage erblickte der Pfarrer den bezeichneten Mann in der Kirche; er leitete seine Predigt auf den Vorfall und rief, indem er auf den Verdächtigen hinzeigte, laut aus: »Du Schalksknecht, Du Übelthäter, verschaffe die Glieder meines Kindes wieder!« Darauf soll der Mann wie tot umgefallen sein.
453. Eine Wundersage von dem Stücke des Kreuzes Christi in der Marienkirche zu Zwickau.
(Tob. Schmidt, ~Chron. Cygnea~ I., S. 63.)
Früher ward in der gewölbten Sakristei in der Marienkirche zu Zwickau ein in arabisch Gold gefaßtes Stücklein vom Kreuze Christi verwahrt, welches der Hauptmann Martin Römer im Jahre 1479 der Kapelle geschenkt hatte. Nun war aber in die Einfassung mit Cyrillischen Buchstaben und in serbischer Sprache eine Inschrift gegraben, welche also lautete: »Dieses ehrwürdige Crucifix ist auf der Königin ... (der Name war nicht mehr zu lesen) Befehl gemacht und in die Kirche der h. Dreifaltigkeit bei der Grube (zu Konstantinopel) gesetzt worden; es sind in demselben fünf ganze Stücklein vom h. Kreuz und vier Edelsteine, die hölzernen Stücklein sind für 2000 Gulden gekauft, das Gold aber und die Edelsteine kosten 1000. Wer ein Stücklein von diesem Holze des Kreuzes mit Gewalt aus der Kirche der h. Dreifaltigkeit nehmen wird, der sei verflucht und das h. Kreuz bringe ihn um, wer es etwa an einem andern Orte antrifft, der schaffe es wieder in die Kirche zur h. Dreifaltigkeit, wer es nicht thut, den bringe Gott und das h. Kreuz um.« Trotz dieses Fluches hat aber, als die Türken Konstantinopel eingenommen, ein Grieche dieses Heiligtum, damit es nicht in unheilige Hände komme, errettet und hernach M. Römern in Zwickau verkauft, der auch von dem darauf geschriebenen Fluch nichts zu befürchten gehabt, weil er es nicht mutwillig entwendet, sondern nur vor denen, die es ohnedem zerschlagen und beschimpft hätten, bewahrt hat. Nun hat aber der Herzog von Friedland, insgemein der Wallenstein genannt, am 1. September 1632 dieses Kleinod durch seine Vettern Graf Maximilian von Wallenstein und Graf Paul von Lichtenstein abholen und hernach auf der Post durch genannten Grafen von Wallenstein dem Kaiser anbieten lassen, als verehre die Stadt Zwickau und die geistliche Behörde solches demselben freiwillig; allein es war hierbei wenig Willigkeit, sondern nur Gewalt zu finden, und es hieß vielmehr: willst du nicht, so mußt du. Nun ist aber der besagte Fluch an allen diesen Personen ausgegangen. Nachdem dies nämlich hier am 14. September geschehen, hat der Wallenstein am 6. November die große Schlacht bei Lützen verloren und seit dieser Zeit kein Glück mehr gehabt, also daß er bald darauf zu Eger ein blutiges Ende nahm; die beiden Grafen aber sind noch in demselben Jahre umgekommen und ist keiner von ihnen eines natürlichen Todes gestorben.
454. Das Marienbild in der Kirche zu Fürstenau.
(Brandner, Lauenstein, seine Vorzeit, frühere Schicksale und jetzige Beschaffenheit. Lauenstein, 1845. S. 297.)
Eine geschichtliche Merkwürdigkeit besitzt das in einem der rauhesten Teile des Erzgebirges liegende Dorf Fürstenau in seiner Kirche, welche eine Filiale von Fürstenwalde und die älteste Kirche der ganzen Umgegend ist. Denn schon lange vor der Reformation war die Kapelle in Fürstenau eine Tochter der Hauptkirche zu Graupen; sie führte den Namen »Zur unbefleckten Empfängnis Mariä« und ward 1424 mit einer Glocke beehrt. Das am Altar dieser Kirche befindliche Marienbild, von nicht ganz schlechter Bildhauerarbeit und reicher Vergoldung, stellt den Besuch Marias bei ihrer Schwester Elisabeth vor. Zu diesem Marienbilde zog der fromme Glaube eine Menge Wallfahrer, und mehrere dem Kirchlein verehrte Geschenke, sowie daselbst aufgestellte und bewahrte, von geheilten Kranken zurückgelassene Gegenstände sollen die gnadenreiche Wirkung bezeugen. Auch noch jetzt findet alljährlich am Sonntage nach Mariä Heimsuchung eine Wallfahrt der Katholiken aus dem benachbarten Böhmen unter Gesang zur Fürstenauer protestantischen Kirche statt. Sie verrichten dort vor dem Bilde knieend ihre Andacht und ziehen dann singend wieder über die Grenze zurück.
Zur Zeit der hussitischen Unruhen (um 1419 bis 1436) wurde das genannte Marienbild des Nachts von Dieben entwendet; diese aber sollen sich im Walde verlaufen und sodann, um den Weg aufzusuchen, das Bild einstweilen in einem Strauche versteckt haben. Kaum sei aber das Bild aus ihren Händen gewesen, so hätten sie auch den Weg wiedergefunden. Als nun einer der Diebe wieder zurückgegangen, um das Bild nachzuholen, sei dasselbe nirgends aufzufinden gewesen, so hätten die Diebe unverrichteter Sache wieder abziehen müssen. Das Bild aber ist tags darauf wieder an seinem Platze in der Kirche zu Fürstenau gewesen. Einer der Diebe soll dies seinem Beichtvater noch auf dem Sterbebette entdeckt haben.
Bei einem zweiten Entwendungsversuche sollen die Diebe mit dem Marienbilde des Nachts in der Gegend von Teplitz von unbekannten Männern angefallen, das Bild ihnen wieder abgenommen und solches an den Prior des Klosters Mariaschein abgeliefert worden sein. Der Prior jedoch habe das Bild seiner Schönheit und reichen Vergoldung halber für sich behalten, oder solches einer anderen Kirche verehren, nicht aber nach Fürstenau zurückgeben wollen. Allein dasselbe sei hierauf bei ihm auf einmal verschwunden und wieder an seinem Platze in der Kirche zu Fürstenau gewesen. Diese Begebenheit ist auf Befehl des Priors in allen Kirchen der Umgegend öffentlich bekannt gemacht worden, seitdem aber sei nie wieder ein Versuch zur Entwendung des Bildes vorgekommen.
455. Die Fußtapfe der heiligen Maria.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 306.)
Zwischen dem Hausberge bei Graslitz und dem Holzhaue ist die Räumer, ein Thal, das mit großen Granitblöcken besäet ist. Dort liegt auch ein Stein, auf welchem der Abdruck eines Fußes sichtbar ist. Als die heilige Jungfrau übers Gebirge ging zu ihrer Base Elisabeth, soll sie hier gestrauchelt sein und den Fuß in den Stein eingetreten haben. Die Fußtapfe hat deshalb auch die merkwürdige Eigenschaft, daß jeder Fuß in dieselbe paßt. -- Nach einer anderen Sage soll hier ein Mädchen ermordet worden sein und im Todeskampf das Mal in den Stein getreten haben.
456. Maria im Erzgebirge.
(Nach der metrischen Bearbeitung von Ludw. Bowitsch bei Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 105.)
Ein armes Mädchen mußte durch Klöppeln für sich und die alte Mutter das kärgliche tägliche Brod erwerben. Da wurde ihm einst von der reichen Edelfrau, der Besitzerin ausgedehnter Güter und ihrer Herrin, der Auftrag erteilt, für sie in einer bestimmten kurzen Frist ein reiches Spitzenkleid zu fertigen. Wenn die arme Klöpplerin ihre Aufgabe pünktlich und zur Zufriedenheit ihrer Herrin löste, sollte ihr reicher Lohn werden; beim Gegenteile erwartete sie dagegen Spott und bitt'rer Hohn. Die arme Klöpplerin saß Tag und Nacht bei ihrer Arbeit, doch als die sechste Nacht kam, da konnte sie sich nicht mehr des Schlafes erwehren und sie wankte todesmüde ans Bett der Mutter hin. Aber wunderbare Träume zogen jetzt wie ein Frühlingshauch durch ihre Seele; die ärmliche Stube erglühte in rosenrotem Scheine und leise trat eine holde Frau ein, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte. Es war die Himmelskönigin Maria. Dieselbe setzte sich an das Klöppelkissen und die Klöppeln flogen so zauberhaft, wie es dem Mädchen nie gelungen war, so daß vor Anbruch des Tages das reichste Spitzenkleid vollendet da lag. Als das also träumende Mädchen aus dem Schlafe erwachte, stand bereits die Sonne hoch am Himmel. In Wirklichkeit aber, wie der Traum es gezeigt hatte, war das Spitzenkleid fertig und die Klöpplerin trug es frohen Mutes hinauf zum Schlosse. Da freute sich die stolze Herrin und belohnte die Arbeit so reichlich wie nie zuvor. In dem Kleide jedoch war Gottes Segen eingewoben, welcher in der Folge nicht nur der strengen Edelfrau, sondern auch der armen Klöpplerin zu teil wurde.
457. Der heilige Petrus in Eisenberg.
(Nach Vernaleken bei Henne-Am-Rhyn, Die deutsche Volkssage, 1879, S. 424.)
Bei einem alten Manne, einem Schmied in Eisenberg bei Komotau, kehrte einst der heilige Petrus ein, blieb über Nacht und gab ihm am Morgen drei Wünsche frei. Der Schmied wünschte sich: 1. einen Stuhl, von dem keiner ohne seinen Willen aufstehen könne, 2. einen Kirschbaum, von dem kein Hinaufgestiegener ohne seinen Willen wieder herab könne, und 3. daß er bei jedem Spiele gewinne. Das Letztere machte den Schmied zum reichen Manne. Endlich wollte niemand mehr mit ihm spielen, da kam der Tod und wollte ihn holen. Der Schmied schlug auch ihm ein Spiel vor und gewann noch zehn Jahre Leben. Als der Tod wieder erschien, bot er ihm den Stuhl und der Tod saß und durfte nur um zehn neue Jahre frei fort. Als auch die um waren, ließ er ihn auf den Baum steigen, dessen Kirschen ihm in die Augen stachen, und ließ ihn erst wieder herab, als er verhieß, nie wieder zu kommen.
458. Die Fußspur des heiligen Wolfgang bei Graupen.
(Jos. Schwarzer in der Erzgebirgszeitung, 5. Jahrg., S. 162.)
Noch vor wenigen Jahrzehnten zeigte man in einem Felsen oberhalb des Bergstädtchens Graupen eine Fußspur, welche von dem heiligen Wolfgang herrühren sollte. Dieser Heilige und spätere Bischof von Regensburg soll vor Antritt seiner Mission nach Pannonien hier in einer Höhle gewohnt und dabei die Spur seines Fußes zurückgelassen haben.
459. Der Hengstberg bei Hengstererben.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirk, S. 76.)
In dem Hengstberge bei Abertham arbeiteten einmal fünf Bergleute, die wegen ihrer Frömmigkeit und Gottesfurcht weit und breit bekannt waren. Sie fuhren nie an, ohne den kräftigen Bergmannssegen gesprochen zu haben:
In Gottes Namen setzen Wir unser Erz jetzt ein; Laß uns von Deinen Schätzen Auf's neu beschenket sein! Wir sehn auf Deine Hände, Wem Du es giebst, dem glückt's, Vom Anfang bis ans Ende Herr benedei! so blickt's!
Die Grube aber, in welcher sie arbeiteten, war ein Bau auf Zinn. Unverdrossen und mit treuem Sinn verrichteten sie ihre Schicht. Der Herr segnete auch ihrer Hände Fleiß; denn wo sie mit ihrem Gezähe einschlugen, arbeiteten sie große Mengen Erzes heraus, und daher kam es auch, daß die Strecken schon tief in den Berg hineinreichten. -- Eines Tages versammelten sie sich wie gewöhnlich im Grubenhause. Immer pflegten sie heitern Angesichts zu sein, heute hingegen war in ihren Mienen Traurigkeit und Besorgnis zu lesen. »Freunde,« hub der älteste an, »mir scheint, daß Ihr heute sehr ernsthaft gestimmt seid. Ich bin es auch und zwar, weil ich einen bösen Traum gehabt, in welchem ich mich in einer großen Gefahr befand.« -- »Uns ist es auch nicht besser gegangen,« sprachen die Viere. Da sie aber fromm waren und feste Zuversicht auf Gott hatten, blieb ihr Gemüt ruhig, sie sangen ohne Furcht und mit Ergebung den Bergmannssegen und fuhren ein. Als sie vor Ort gekommen, falteten sie nochmals die Hände und beteten:
Jesu! Du reicher Schöpfer mein, Thu kräftig sprechen Auf allen Zechen Den Segen Dein. Bescher mit Freud' Reiche Ausbeut'! Wend' allen Schaden, Thu uns in Gnaden Behüten fein! Schicht! Schicht!
Da ward plötzlich die ganze Strecke sonnenhell erleuchtet, und die erschrockenen Bergleute wußten nicht, wie ihnen geschah. Sie hörten aber eine Stimme: »Fürchtet Euch nicht, Ihr frommen Männer! Blicket auf zu mir, ich bin der Engel des Herrn, der Euer Gebet erhört! Gehet eilends aus der Grube, denn diese findet heute ihren Untergang!«
Die Fünf blickten auf und sahen freilich nur auf einen einzigen kurzen Augenblick das milde Antlitz des Himmelsboten, und als sie ihm danken wollten, war er verschwunden. Heiliger Schauer durchrieselte ihre Glieder, lautlos fuhren sie zu Tage, eilten zu den Ihrigen und dankten Gott für alle Gnaden mit Rührung und Andacht. Da krachte es auf einmal wie ungeheueres Gewitter vom Hengstenberge her, -- der Bau war und blieb verschüttet.
460. Das Mönchgesicht an der Kirche zu Schlettau.
(Nach der poet. Bearbeitung von Ziehnert in Gräße, Sagenschatz etc. Nr. 525.)
An der östlichen Außenseite der Kirche zu Schlettau befindet sich etwa 8 Ellen von der Erde ein Stein in der Mauer, der angeblich, ohne von Menschenhänden bearbeitet zu sein, einem Mönchgesichte täuschend ähnlich ist. Das Volk erzählt sich von demselben folgende wunderbare Geschichte: Um das Jahr 1520 war Johannes Küttner (oder Kottne), ein Bruder des Grünhainer Abtes Georg Küttner, Pfarrer zu Schlettau. Da begab es sich, daß einst in stiller Mitternacht, als dieser noch eifrig in den Kirchenvätern studierte, ein bleicher Schatten vor ihn hintrat und also sprach: »Fürchte Dich nicht, ich bin der Geist eines Deiner Vorgänger, der vor nunmehr 100 Jahren, als die Hussiten in der Nähe waren, ein silbernes Crucifix um Mitternacht in die Kirchmauer vergrub, wo es noch ist; ich ward am nächsten Morgen von den wilden Ketzern erschlagen und bin jetzt gekommen, um Dich aufzufordern, das heilige Kreuz wieder an seinen frühern Ort auf den Altar zu stellen; Du wirst den Fleck, wo es vermauert ist, leicht erkennen, denn es wird sich Deinem Auge ein Lichtschein zeigen und da, wo derselbe erglänzt, schlage ein, und Du wirst es sogleich entdecken!« Damit verschwand der Geist, der fromme Pfarrer aber eilte in die Kapelle, wo der Sakristan ihn bereits zur Messe erwartete. Diesem teilte er das Erlebte mit und hieß ihn am folgenden Mittag mit Hammer und Spitzhaue zur Hand sein, um das Crucifix aus seinem Verstecke herauszunehmen. Kaum war aber der Pfarrer wieder weggegangen, da versuchte der Böse das dem Geize an sich schon zugewendete Herz des Sakristans, er beschloß auf der Stelle den Versuch zu machen, das Crucifix zu entdecken, den Raub auf die Seite zu schaffen und dann den Fleck möglichst gut wieder auszubessern, damit man von dem geschehenen Diebstahl nichts gewahren möge. Nach kurzem Suchen fand er auch das Lichtlein, und als er an der Stelle, die hohl klang, einschlug, blinkte ihm auch das Silber entgegen; allein er hatte bei dem Schlage das eherne Bildnis des Heilandes mit zerschlagen. Da fuhr auf einmal ein Donnerschlag vom Himmel herab und die Kirchenglocken fingen von selbst an Sturm zu läuten. Der Pfarrer fuhr aus dem Schlummer empor, er eilte herab und fand schon eine Menge Volk um die Kirche versammelt, weil man glaubte, dieselbe stehe in Flammen. Als die Thüren geöffnet wurden, fand man dieselbe zwar ganz hell, aber nirgends sah man Feuer, wohl aber lag der Tempelräuber zerschmettert neben dem herabgestürzten Crucifix am Boden, doch war sein Kopf vom Rumpf wie abgehauen, und als man nach demselben suchte, fand man ihn an derselben Stelle in der Mauer, wo das Crucifix eingemauert gewesen war. Der tiefbetrübte Pfarrer ließ nun das zerschlagene Bild des Heilands aus seinen Trümmern zusammensuchen, den Körper des Verbrechers aus der Kirche fortschaffen und befahl, den Kopf desselben nach Morgen zu in der Mauer zum ewigen Gedächtnis einzumauern. Als aber der Tag anbrach, da sah man das bleiche Gesicht des Sakristans von selbst zum Stein geworden aus der Mauer heraussehen, und dort steht es noch, denn es läßt sich weder übertünchen noch vermauern, ja man erzählt, daß es oft Thränen vergieße und allemal, wenn dem Städtchen Gefahren drohen, in gelbem Lichte leuchte.
461. Die Totenhand in Buchholz.
(Nach Ziehnert, Sachsens Volkssagen, 4. Auflage, Nr. 53 bei Gräße, Sagenschatz etc., Nr. 521.)
Als im Jahre 1730 der Totengräber auf dem Kirchhofe zu Buchholz ein Grab machen wollte, fand er im Sande noch eine ganz unverweste Totenhand, der aber der Gold- und kleine Finger wie abgehackt waren. Er zeigte dieselbe dem Pastor Melzer daselbst und dieser schlug nun im Kirchenbuche nach, wem dieselbe gehört haben möge, da er sich erinnerte, daß schon am 14. Juni des Jahres 1704 ihm von dem damaligen Totengräber dieselbe Meldung gemacht worden sei, er aber demselben den Bescheid gegeben, die Hand wieder einzuscharren, weil sie wahrscheinlich an einer Wasserkluft gelegen und deshalb nicht habe verwesen können. Jetzt fand sich's, daß die Hand dem im Jahre 1669 begrabenen Sohne des Stadtrichters von Buchholz, Andreas Müller, gehörte, der, weil er seine alte Mutter, die er bestohlen und die ihm den Diebstahl vorgeworfen, gemißhandelt und mit Ermordung bedroht, von dieser verflucht worden war. Dadurch war denn jene alte Sage bewiesen, daß dem, der sich an seinen Eltern vergeht, die Hand aus dem Grabe wächst.
Auch Temme erzählt in den Sagen der Altmark (Nr. 56.) von einem ungeratenen Sohne im Dorfe Groß-Redensleben, welcher seinen Vater schlug, als ihn derselbe wegen seines sündhaften Wandels ermahnte. Darauf ereilte den Sohn sogleich die Strafe des Himmels; er stürzte tot nieder. Als man ihn aber begrub, wuchs seine eine Hand aus dem Grabe heraus und man mußte sie abhauen, da sie sich nicht mit vergraben ließ. Zur Erinnerung wurde sie in der Kirche aufgehangen und darüber an einer schwarzen Tafel folgendes geschrieben:
Sieh, sieh Du böses Kind, Was man hier merklich find't, Eine Hand, die nicht verwest, Weil der, deß sie gewest, War ein ungeratenes Kind, Wie man auch jetzt noch find't. Den Vater schlug der Sohn, Drum hat er dies zum Lohn, Daß hier hängt seine Hand; Hüt' Dich für solche Schand'.
462. Der Doppelgänger zu Wiesenthal.
(Flader, Wiesenthalisches Ehrengedächtniß, 1719, S. 108. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K. S., Nr. 500.)
Im Jahre 1709 ist ein kurfürstlicher Geleitseinnehmer, mit Namen A. L., in gewissen Angelegenheiten verreist; da er nun wenigstens zwanzig Meilen entfernt ist, so sieht sein damaliges Hausmädchen, da sie am Abend gegen 5 Uhr von ihrer Frau in ihre Schlafkammer geschickt wird, ihn von ohngefähr in seinem Bette liegen und meint, er sei ohne ihr Wissen nach Hause zurückgekehrt. Sie fragte also die Frau: »Ist der Herr nach Hause gekommen?« Diese antwortet aber: »Du wirst ihn ja sehen.« Daher hat sie sich weiter nicht darum gekümmert. Nachdem nun die Frau selbst des Nachts gegen 12 Uhr schlafen geht, erblickt diese ihn ebenfalls in ihrem Bette, da er sich denn gerührt, daß es davon geknistert und das Bett ein wenig von sich geschlagen. Welches sie bewegt, daß sie unten um das Bett herumgegangen und ihn angeredet hat: »Ei, mein Kind, wie bist Du denn hier? Hast Du mich doch erschreckt!« Da er denn die Beine hinausgeschlagen, aus dem Bette gefahren und unter das Dach, so sich in der Schlafkammer findet, gekrochen, auch daselbst plötzlich verschwunden ist. Die Frau hat sich nun zwar ins Bett gelegt, aber vor großem Schreck die ganze Nacht nicht schlafen können, weil sie nicht gewußt, wie es zugehe, daß sie ihren Mann, der so viele Meilen entfernt war, habe sehen können. Sie hat aber fleißig gebetet, der Herr wolle sie vor Anfechtung bewahren. Als ihr Mann nun wieder nach Hause gekommen, hat er erzählt, er sei an jenem Tage gerade bei einem Jäger gewesen, der ihn sehr wohl traktiert und mit Braten, Kuchen und Wein bestens bewirtet, da habe er immer an seine Frau gedacht und gewünscht, daß sie solches auch mit genießen möge.
463. Arndts Paradiesgärtlein ist unverbrennlich.
(~Curiosa Saxon.~, 1738, S. 269. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, Nr. 229.)
Als Gott am heiligen Abende vor dem Johannistage des Jahres 1738 Tuttendorf bei Freiberg mit einem heftigen Donnerwetter heimsuchte und der Strahl des Bergmanns J. D. Schieffels Wohnhaus im Oberdorfe entzündete, hat zwar die wütende Feuersglut alles verzehrt, allein alle im Hause befindliche Personen sind mit dem Leben davon gekommen, und was das Sonderbarste ist, die schon zu mehreren Malen über ~Dr.~ Joh. Arndts berühmtes Gebetbuch, Paradiesgärtlein betitelt, in Feuersgefahr waltende Fürsorge Gottes hat sich auch hier wiederum bethätigt. Denn da sich unter dem geistlichen Büchervorrat dieser armen Verunglückten auch gedachtes Buch in der von Chr. Weinmann, Buchhändler zu Erfurt, in länglich Duodez 1725 besorgten Auflage befunden, so hat man dasselbe am anderen Tage unter der Asche dergestalt angetroffen, daß, obwohl der Einband desselben gänzlich zu Kohlen verbrannt, dennoch kein Buchstabe in dem Buche selbst verletzt war, sondern dasselbe ganz unversehrt im Feuer geblieben ist. Es ist solches dem Pastor des Ortes von den Abgebrannten zum ewigen Andenken überlassen worden, bei dem man es noch lange hat sehen können.
464. Das Meteoreisen in Elbogen.
(I. Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 168. II. Die Natur von Müller, 1878, Nr. 45.)
I. Es war seinerzeit in Elbogen ein Burggraf von Wülfenfels unter der Oberherrschaft der Rohenburger als berüchtigter, mordlustiger und raubgieriger Burgherr und wegen seiner grausamen Handlungen gefürchtet und bekannt. Seine Leibeigenen pflegte er oft ohne besonderen Anlaß in den Sprudel-Teufelsweiher zu werfen, um sie zu versteinern. Als er sogar seine eigene Tochter im Burghofe anketten ließ und im Begriff war, den Todespfeil auf sie zu schleudern, da grollte plötzlich der Himmel, ein Donnerschlag ertönte und ein Blitz lähmte seinen Arm. Das Kind war gerettet, denn soeben hielt der edle Rohburger seinen Einzug in Elbogen. Da ihm Mitteilung von den Schandthaten des Burgherrn gemacht wurde, befahl er, denselben sofort festzunehmen und zu züchtigen. Wülfenfels, der dies hörte, verschwand. Das letztemal sah man ihn mit drohenden Gebärden, seine Armbrust gegen den Himmel haltend, auf dem Schloßbalkon stehen und hörte ihn lästern über den Donner und Blitz, die Schuld trugen, daß sein Kind noch lebte. Vergeblich suchte man nach ihm; doch bald sollte sich das Ganze aufklären; am Balkon fand man einen großen, zur Eisenschlacke zusammengeschmolzenen Stein, mit den Resten einer halbverbrannten Armbrust auf einem Klumpen liegen. Der Markgraf ließ diesen Stein im Schlosse aufbewahren; die Franzosen aber warfen ihn bei ihren Kriegszügen im Jahre 1776 in den tiefen Schloßbrunnen, aus dem er später wieder herausgehoben wurde, um auf das Rathaus gebracht zu werden. Dieser Stein, von den Naturforschern als Meteor bezeichnet, war ursprünglich 192 Pfund schwer; ein Teil davon kam in das Naturalienkabinet nach Wien, ein Teil in jenes nach Prag, und der Rest im Gewichte von 43 Pfund wird auf dem Rathause zu Elbogen vorgezeigt.
II. Auf dem Schlosse zu Elbogen lebte vor Jahrhunderten ein böser Burggraf, welcher seine Unterthanen hart drückte. Einst läutete derselbe während eines Gewitters eigenhändig auf dem Turme die Glocke, um damit seine Leute zum Frohndienste zusammenzurufen. Da schlug plötzlich der Blitz ein und schmolz den Grafen und die Glocke in einen Guß zusammen. Das ist nun jener Eisenklumpen, von welchem man noch heute in der Stadt einen Teil zeigt. Man hat die Masse schon oft in einen Brunnen versenkt, aber immer ist dieselbe von selbst wieder herausgekommen. Sie soll bald zentnerschwer, bald ganz leicht sein, letzteres aber nur für Menschen, welche noch nicht gesündigt haben.
465. Der Köhler von Klingenthal.
(Metrisch von Hager, Vogtl. Volkssagen, 1839, II., S. 13. Darnach bei Gräße a. a. O., Nr. 640.)
Vom Kirchhofe zu Klingenthal bis an den naheliegenden Wald geht jede Nacht um die zwölfte Stunde ein gespenstiger Schatten, eine Leuchte in der Hand. Das Volk erzählt sich hierüber folgende Geschichte: Es soll einst in Klingenthal ein Köhler gewohnt haben, der jede Nacht von der Seite seiner getreuen Hausfrau aufstand, um angeblich im Walde nach seinem Meiler zu sehen. Die wahre Ursache war aber, daß er im Busche zu einer dort wohnenden Concubine schlich. Einst ging er auch in finsterer Nacht, die Leuchte in der Hand, den wohlbekannten Weg, da folgte ihm sein Weib, das er schlafend glaubte, und warf ihm geradezu sein Vergehen vor. Er wollte es zwar anfangs leugnen, aber bald gab ein Wort das andere, er ward heftig, schlug seine rechtschaffene Frau nieder und begab sich zu seinem Kebsweibe. Als er mit diesem im besten Kosen begriffen war, öffnete sich plötzlich die Thür und sein Weib stürzte herein und traf die Schuldigen auf offner That. Jetzt halfen keine Verstellungen mehr, er mißhandelte sie abermals und warf sie zur Thür hinaus mit der Drohung, sie in den brennenden Meiler zu schleudern, wenn sie ihm wieder zu nahe komme. Sie aber verfluchte ihn und rief: »Der Meiler werde Dir selbst zum Grab, mögest Du lebendig verbrennen!« Des lachte der Köhler; als er aber nach seiner Gewohnheit den Meiler erklomm, um sich umzuschauen, stürzte dieser plötzlich zusammen und der Frevler versank in seinen feurigen Schlund.
466. Vom flinken Knecht zu Rechenberg.
(Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen o. J., S. 289.)
An der südlichen Grenze des meißnischen Erzgebirges lebte vor alter Zeit ein wohledler Ritter, mit Namen Kurt von Rechenberg, auf seinem Stammschlosse Rechenberg an der Mulde, von welchem sich noch jetzt Ruinen auf einem Felskegel am rechten Thalgehänge inmitten des freundlichen Fleckens Rechenberg vorfinden.
Hochbegütert und vom Glanze einer zahlreichen Dienerschaft umgeben, lebte der fromme Edelmann gar glückliche Tage dahin. Seine Diener hielt er gleich eigenen Kindern wert, und er wurde darum von allen auch wieder geliebt wie ein Vater.
Da geschah es eines Tages, daß ein junger, dürftig gekleideter Bursche aus fremden Landen zum Ritter kam und ihm seine Dienste anbot. Das treuherzige Wesen des jungen Mannes, der erzählte, wie viel Elend er schon habe ertragen müssen, gefiel dem Herrn von Rechenberg und er nahm ihn in seinen Dienst.
Georg -- so hieß der junge Bursche -- war munter und flink auf den Füßen, er flog gleichsam wie ein Pfeil, wenn ihn sein Herr irgendwo hinsandte, und seiner thätigen, willfährigen und geschickten Hand glückte alles wunderbar, ja, es schien ordentlich, als wenn ein besonderer Segen auf seinem Thun ruhte. Ein außerordentliches Ereignis sollte seine Verdienste um das Haus Rechenberg noch mehr ins Licht stellen.
Einst versetzten Flüchtlinge aus der nahen böhmischen Pflege die Bewohner der Burg Rechenberg in lebhafte Aufregung, denn sie meldeten, daß einige bekannte böhmische Raubritter mit ihren Mannen sich der Grenze näherten und mordend und sengend das Land verwüsteten. Darüber ward Kurt von Rechenberg sehr betrübt und er beschloß nach Rücksprache mit seinem Vogte einen Kundschafter auszusenden, um zu erfahren, wie stark die Zahl der Feinde sei. Niemand erschien ihm dazu geeigneter als sein flinker Diener Georg. Derselbe dankte für den ihn ehrenden Auftrag und wenige Minuten später jagte er auf flüchtigem Rosse hinaus zum Burgthore, dem Feinde entgegen. Bereits am andern Morgen kehrte der Knappe in das Schloß zurück. Zum Erstaunen der Burgbewohner befanden sich zwei gefüllte Säcke, einer hinten und einer vorn, auf dem Gaule. Ritter Kurt stand unter dem Thor, und befremdet wegen des seltsamen Aufzuges fragte er: »Was klirrt denn so um Deinen Sattel?« Georg antwortete wohlgemut: »Seid getrost, Herr Ritter, alles hat gute Wege. Das sind Hufeisen, die ich den Pferden abgerissen habe, während die Feinde schliefen. Vorsichtig und dennoch sonder Hast eilte ich den Raubgesellen entgegen, immer der Grenze entlang, bis ich sie in der Nähe des Dorfes Einsiedel erblickte. Es war schon finstere Nacht und alle hatten sich sorglos dem Schlafe überlassen. Deshalb machte ich mich unverweilt an die Arbeit und glaube damit unsern Feinden einen recht üblen guten Morgen geboten zu haben, denn ohne Hufeisen sind die Spitzbuben nicht imstande, die Gebirgspfade zu bereiten, und noch viel weniger möchte es gelingen, hier herum so viel Eisen aufzutreiben, als ihnen fehlen. Damit ihr aber, gestrenger Herr, die Anzahl der Feinde schätzen möget, bracht' ich die Eisen gleich mit, da die Dunkelheit der Nacht mich hinderte, die Feinde zu überzählen. Nun ist es wohl mit uns bestellt, und ruhig können wir uns rüsten, bevor sie sich uns nahen.« Der Burgherr lächelte zufrieden und sagte: »Du bist, traun, ein seltsamer, aber vortrefflicher Bursche!« Dann setzte er, zu dem Vogte gewendet, hinzu: »Entweder war das Begebnis ein Wunder, oder der Knecht Georg ist verwegen bis zur Tollkühnheit. Nun, wir wollen die Raubgesellen gehörig empfangen!«
Die Worte Georgs erfüllten sich; die Feinde nahten erst, nachdem alle Vorbereitungen zu deren nachdrücklichem Empfange getroffen waren. Sie wurden über die Grenze zurückgetrieben und dabei zeichnete sich Georg durch persönliche Tapferkeit aus, so daß er sich noch mehr die Liebe seines Herrn gewann.
Später zeigte sich die Treue und Liebe Georgs noch auf eine andere Art. Sein Herr gab ihm einst ein Schreiben, welches nach dem Rittersitze Grünau bei Marienberg bestimmt war, mit dem Bemerken, bei der Bestellung zu eilen, dieweil es Not habe, der Ort, wohin der Brief solle, fern liege und die Sonne schon tief stehe. Georg versprachs und rühmte sich, die drei Meilen bis nach dem Orte Grünau mit der Schnelle eines Vogels zurücklegen zu wollen. Nach Verlauf einer Stunde aber kam der Ritter von ungefähr in den Stall. Wie erstaunte er da, als er seinen Knecht, den er weit fort glaubte, in einer Ecke des Stalles, auf Stroh gebettet, sanft schlafend fand. Da ward der Ritter unwillig und weckte den Knecht auf, indem seine Augen in aufsteigendem Zorne funkelten, doch bezwang er sich, denn sein Herz war gut und sein Gemüt lauter und fromm. Erschrocken vor seines Herrn plötzlicher Umwandlung fuhr Georg auf und sprach: »Da, lieber Herr, -- o zürnt mir nur nicht! -- da ist ja schon die Antwort!« Unter diesen Worten überreichte er das Gegenschreiben. »Bei allen Heiligen!« rief der Ritter aus, dessen Angesicht erbleicht war, »es ist die Wahrheit! Sage, Georg, wie wäre das wohl möglich? Du müßtest schneller als der Sturm, flüchtiger als der Raubvogel gewesen sein, um das zu vollbringen. Du warst also wirklich in Grünau?« Und als Georg diese Frage bejahte, verfinsterten sich des frommen Rechenbergers Züge; mit stillem Grausen erbrach er zitternd das Schreiben und taumelte mit Entsetzen zurück, als er wirklich die ihm wohlbekannte Handschrift des weitentfernten Freundes in Grünau erblickte.
Nachdem er die Antwort gelesen hatte, hob er also an: »So ist es denn wahr, was ich nimmermehr für möglich gehalten hätte! Dies zu vollbringen, reicht die Menschenkraft nicht aus. Entweder bist Du, seltsames Wesen, ein Bote Gottes, oder ein Abgesandter der Teufels! Die Weise Deines Thuns, wie auch Dein Thun selber ist unheimlich und verschlossen, und Du scheinst mir unmöglich ein Sterblicher zu sein!« Da verwandelte sich schnell, wie durch Zauberkraft, der rätselhafte Jüngling vor den Augen des Ritters und eine von Licht umflossene Engelsgestalt stand da, welche sprach: »Der Herr der Herren, welcher mich zu Dir gesandt hat, Dir zu dienen, hat mich auch zugleich befähigt, Dir also thun zu können, wie ich that; sein Auge ruhte schon lange auf Deinem Haupte, Dir zum Schutze. Durch mich läßt Dir der Herr verkünden, wie wohl es ihm gefalle, wenn Herrscher gegen ihre Untergebenen Milde und Geduld üben! Diese hast Du mir erwiesen und auch den andern Knechten. Der Herr wird Dir dafür lohnen, wenn Du die Menschen stets wie Deine Brüder liebst!« Darauf verschwand der Engel wie das Rot eines Sommermorgens, den Ritter aber durchwehte Gottesfrieden, und es zog ihn in die Burgkapelle, wo er Gott für seine unendliche Gnade dankte. Er gelobte, seinen Untergebenen stets ein Vater sein zu wollen und bis an sein Lebensende hat er dieses Gelöbnis treu gehalten.
467. Warum die Eisenberger Kapelle nicht vollendet wurde.
(Lotti Cori in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 1885, S. 126.)
Seitwärts vom Eisenberger Forsthause befindet sich auf einer malerisch schön gelegenen Waldlichtung eine niemals vollendet gewesene und teilweise wieder verfallene Kapelle in romanischem Stil. Behauene Steine und Säulen liegen rings umher, von Gesträuch und Epheu überwuchert, die Stufen sind mit Moos überkleidet, und im Innern der Kapelle grünt und blüht es. Die Vögel üben hier nun ungestört ihre Baukunst, denn die Gebirgsbewohner meiden voll Scheu jenen Unglücksort. Die Sage giebt nämlich die Kunde, daß ein Graf Lobkowitz, als das Geschlecht noch nicht gefürstet war, hier einst eine Kapelle für den heiligen Dorn erbauen wollte, um einen Wallfahrtsort zu gründen; doch der edle Graf fand beim Bau, den er oft besichtigte, durch einen herabstürzenden Stein den Tod. Ein Nachkomme, ein Fürst Lobkowitz, wollte später das begonnene Werk vollenden, doch ihn erschlug eine riesige Eiche, die man zum Bau fällte. Dieses abermalige Unglück wurde als Fingerzeig Gottes aufgefaßt, daß der heilige Dorn in der Schloßkapelle verbleiben solle, und die Kapelle, deren Kuppel sich schon zu wölben begann, blieb unvollendet. Aus jener Eiche wurde ein großes Crucifix geschnitzt, das man an der Unglücksstelle mit einer kleinen Kapelle überbaute. Jetzt aber ist dieses Kreuz, welches einen nicht unbedeutenden Kunstwert besitzen soll, in der renovierten Schloßkapelle aufgestellt.
VIII.
Völker-, Helden- und Geschlechts-Sagen.
Abgesehen von Ortsnamen und andern sprachlichen Resten, sowie von einzelnen Gebräuchen, sind von den einstigen sorbischen Bewohnern des Erzgebirges nur wenig Ueberlieferungen uns erhalten worden. Dies gilt insbesondere auch von den Sagen. Manche mythische Sagen tragen zwar noch unverkennbar das Gepräge ihres slavischen Ursprungs, aber nur zwei Sagen dieses Abschnittes, die vom Riesen Einheer und von Schwanhildis, gedenken auch der Kämpfe der Deutschen mit der slavischen Nation, über deren Wohnsitze in unserem Gebirge mir ebenfalls nur zwei dem Sagengebiete angehörige Überlieferungen bekannt geworden sind. Diese Armut hierher gehöriger Stoffe beruht jedenfalls auf dem Umstande, daß die Sorben einen doch nur vorübergehenden und teilweise nur geduldeten Wohnsitz in unserm Gebirge gefunden haben. Ebenso arm sind die Sagen von bergentrückten Helden und versunkenen Kriegern; sie besitzen teilweise einen mythischen Grund, teilweise gestalten sie sich zu bloßen Gespenster- und Spukgeschichten. Die Sagen von den edlen Geschlechtern endlich, welche aufgenommen wurden, wenn Glieder der letzteren in unserm Gebirge auf Gütern ansässig waren oder noch sind, leben nur in den chronikalischen Aufzeichnungen, obschon sie wenig wirkliche und urkundliche Begebenheiten enthalten. Im Volksmunde haben sie sich bei uns nicht fortgepflanzt, ja sie sind wohl kaum dem eigentlichen Volke aus den alten Schriften bekannt geworden, und so finden wir auch bei uns bestätigt, was die Brüder Grimm in der Vorrede zum 2. Bande der deutschen Sagen schreiben, daß sich nämlich die Sage um die seltsame Bildung eines Felsens dauernder, als um den Ruhm selbst der edelsten Geschlechter sammelt.
468. Von den alten Wenden bei Eibenstock.
(Oesfeld, Historische Beschreibung einiger merkwürdigen Städte im Erzgebirge, 2. Teil, 1777, S. 50. -- Oettel, Alte und neue Historie der freien Bergstadt Eibenstock, 1748, S. 3, 202.)
Bei Eibenstock sind von den alten Wenden noch verschiedene Spuren anzutreffen; z. B. an der Mulde gegen Schönheide liegt die Cunitzhöhe und die daneben am Dorfbache liegenden Wiesen heißen die wendischen. In derselben Gegend hat auch ein Dorf gestanden und der über der Mulde angebaute Hammer hat sonst Windischthal geheißen. Ferner die anstreichende Höhe von der Mulde nach der Stadt zu heißt noch jetzt der wendische Berg oder wendische Knock, und die auf derselben Höhe befindlichen drei Freihöfe sollen aus einem zerteilten Rittergut entstanden und nach der Überlieferung die Wohnung des vornehmsten wendischen Herrn gewesen sein. Dieselben haben auch mit der Schwarzenberger Herrschaft keine Verbindung gehabt und bereits mit der Lehnsfolge nach Dresden gehört, ehe noch Eibenstock mit Schwarzenberg an das Kurhaus Sachsen verkauft wurde. -- Man ist auch der Meinung, es wäre mit dem Seifen des Zwitters der Anbau Eibenstocks erfolgt, und die Wenden hätten schon den ganzen Grund der Wendisch- oder Windischwiesen bis an die jetzige Stadt ausgeseift.
469. Rottmannsdorf von Wenden bewohnt.
(Sachsens Kirchengalerie, 8. B., S. 69.)
Der am Fuße des Erzgebirges, 1½ Stunde südlich von Zwickau liegende Ort Rottmannsdorf, welchen man zum Unterschiede von Alt-Rottmannsdorf auch Wendisch-Rottmannsdorf nennt, soll von Wenden bewohnt gewesen sein, die später vom Landesherrn genötigt wurden, in die Lausitz auszuwandern.
Der Zusatz »Wendisch« zu dem Namen Rottmannsdorf, welcher sich auch häufig in andern jetzt deutschen Provinzen und Ländern, wie in der Altmark und in Thüringen findet, oder welcher wenigstem früher daselbst gebräuchlich war, weist vielleicht darauf hin, daß sich in dem Dorfe unter den Bewohnern die slavische Sprache und slavische Gebräuche und Sitten länger als anderswo erhielten. Im alten Pleißnerlande behielten die daselbst wohnenden Nachkommen der ehemaligen sorbischen Bevölkerung lange Zeit ihre Sprache bei, so daß man sie auch vor Gericht hören mußte. Im Jahre 1327 ward aber ernstlich anbefohlen, daß weder Parteien noch Advokaten ihre Klagen und Verantwortungen in wendischer, sondern allein in deutscher Sprache anbringen sollten. (Gottl. Göpfert, Gesch. d. Pleißnergrundes, S. 18.)
470. Der Riese Einheer.
(Tob. Schmidt, ~Chronica Cygnea~, II, 1656, S. 5 und 6.)
Als im Jahre 805 Karl der Jüngere, Karls des Großen Sohn, die aufrührerischen Böhmen überwunden und ihren Fürsten Lecho erschlagen hatte, zog er durch den Böhmerwald in die Gegend von Zwickau, um hier, sowie überhaupt zwischen Saale, Mulde und Elbe die mit den Böhmen verbündeten Wenden zu strafen. In diesem Kriege hat auch die Fürstin Schwanhildis mit ihren Schwanfeldern dem Kaiser getreulich gedient, so daß Karl der Jüngere die Stadt Zwickau zur Mark wider die Wenden und Böhmen machte. In derselben Zeit lebte auch ein Riese oder Recke, der hieß Einheer (sein rechter Name ist aber ~Aenotherus~ gewesen) und war ein Schwabe, gebürtig aus Thurgau in der Schweiz. Dieser watete durch alle Wasser, durfte über keine Brücken gehen, zog sein Pferd bei dem Schwanze nach und sagte allezeit: »Nun Gesell, du mußt auch hernach«. In den genannten Kriegen des Kaisers half er diesem gegen die Wenden. Er mähete die Leute wie das Gras nieder, hängte sie an den Spieß, trug sie über den Achseln wie Hasen oder Füchse, und da er wieder heim kam und seine guten Gesellen und Nachbarn fragten, was er ausgerichtet hätte und wie es ihm im Kriege gegangen wäre, sagte er aus Unmut und Zorn: »Was soll ich von diesen Fröschlein sagen? Ich trug ihrer sieben oder achte an dem Spieß über der Achsel, weiß nicht, was sie quaken, ist der Müh nicht wert, daß der Kaiser so viel Volks wider die Kröten und Würmer zusammengebracht.« Es flohen vor ihm die Feinde und Wenden und meinten, er wäre der leidige Teufel.
Die Sage vom Riesen Einheer erzählen auch die Brüder Grimm (Deutsche Sagen, I, Nr. 18), jedoch ohne Beziehung auf die Gegend von Zwickau. Es heißt darin noch: Diesen Riesen nennt man Einheer, weil er sich in Kriegen schier einem Heer vergleicht und also viel ausrichtet.
471. Schwanhildis.
(Tob. Schmidt, ~Chronica Cygnea~, Zwickau, 1656, S. 20 u. 24.)
Aus dem Geschlechte der ~Cygnus~ ist entsprossen Schwanhildis, der letzte Zweig aus diesem Stamm, welche in der Gegend um Zwickau von der Mulde bis an die Pleiße regierte, von welcher die ganze Gegend ihren Namen hat und Schwanfeld genannt wird. Etliche geben noch aus, als sollte sie ihren Sitz gehabt haben auf dem Schloß Alten-Schönfels, eine Meile von Zwickau, welches ein sehr altes Bergschloß und von welchem auch nicht weit ihr Begräbnis ist entdeckt worden. Johann Lupas von Hermannsgrün, ein Vogtländischer von Adel, schreibt nämlich, daß eine bleierne Tafel, worauf der Fürstin Schwanhildis ~Epitaphium~ gestanden, im Felde auf einem Hügel unter einem Baum, welchen der Wind niedergeworfen, von einem Bauer, der den Baum aufräumen sollte, bei dem Dorfe Stenn entblößet gefunden und gedachten vom Adel gebracht worden sei, darinnen ihre Ankunft vermeldet und sonderlich die Lehrsprüche, welche sie der Stadt Zwickau Einwohnern befohlen. -- Dieselbe hat Karls des Großen Sohn, dem jüngern Karl, als er in diesen Landen wider die Sorbenwenden und Böhmen gestritten, getreulich Beistand geleistet, und ist ihm nicht allein mit ihren Unterthanen zu Hülfe kommen, sondern hat ihm auch mit Speise und Trank großen Vorschub gethan.
472. Libussas Tanzplatz.
(E. Kunze in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 1885, S. 112.)
Am südlichen Fuße des Erzgebirges erhebt sich eine ziemlich bedeutende Anhöhe, auf welcher man eine weite Fernsicht genießt. Zu Füßen des Betrachtenden breitet sich ein herrlicher Teil des Böhmerlandes aus, in einer Entfernung von vielleicht zwei Stunden erblicken wir das schöne Teplitz, und im Hintergrunde ragen mächtige Bergkegel zum Himmel empor. Den Hügel krönt ein Baum, der seine weitausgebreiteten Äste stolz in die Lüfte reckt. Unter diesem Baum soll einst Libussa, Böhmens Herzogin, gestanden, und nachdem sie die herrliche Landschaft zu ihren Füßen lange betrachtet und bewundert hatte, vor Entzücken getanzt haben.
473. Die Herren von Einsiedel.
(Schumann und Schiffner, Lex. v. Sachsen, 15. B., S. 528. Gauhen, Adelslex. I, 364. Peccenstein, ~Theatrum Sax.~ I, 73. Darnach bei Haupt, Sagenbuch d. L., II, Nr. 38.)
Daß der Name des Dorfes Einsiedel bei Chemnitz mit dem Einsiedelschen Geschlechte, welches den Ort Jahrhunderte hindurch besaß und noch jetzt (?) zu Lehen trägt, in einer gewissen Verbindung stehe, ist sehr glaublich, wenn auch die Ableitung des Geschlechtsnamens von dem Orte nicht festgestellt ist.
Außerdem giebt es noch einen Ort gleichen Namens zwischen Olbernhau und Katharinenberg. Eine Sage erzählt, daß dieses Dorf seinen Namen von drei Einsiedlern erhalten habe, und es würden demnach die folgenden Sagen, welche den Geschlechtsnamen der Herren von Einsiedel zu erklären suchen, damit in Verbindung gebracht werden können.
Die Grafen und Herren von Einsiedel führen einen Einsiedler im Wappen. Das kommt davon her: Graf Berthold's von Sulzau Gemahlin war kinderlos und lag Gott in heißen Gebeten um eine Leibesfrucht an, that auch das Gelübde, das Kind, welches er ihr schenken würde, dem Herrn zum Dienste zu weihen. Sie gebar nun einen Sohn, welcher Grubo genannt wurde. Derselbe wurde also geistlich und wohnte lange als Einsiedler in einer einsamen Gegend Böhmens, wo er sich eine Kapelle gebaut hatte. Nachher aber verließ er seine Zelle, zog in den Krieg, nahm ein Weib und wurde der Stammvater derer von Einsiedel. Das geschah um das Jahr 1280.
Nach einer andern Sage hieß der Sohn Meginrad (Meinrad, Meinhard). Der lebte als Einsiedler ums Jahr 850 in den böhmischen Wäldern, aber er war (damals vor Einführung des Cölibats ging das noch) beweibt und gründete ein zahlreiches Geschlecht. Einer seiner Nachkommen, der im Jahre 1280 lebte und Grubo hieß, ging endlich in die Welt zurück.
474. Die Herren von Rechenberg.
(Schumann, Lex. v. Sachsen, 8. B., S. 818. Gauhen, Adelslex. I, 1332. Darnach Haupt, Sagenbuch d. Lausitz, II, Nr. 52. Sinapius, Schles. Curiosität. I, S. 111. Gräße, Geschlechts-, Namen- u. Wappensagen, S. 129.)
In dem südlich von Frauenstein nahe der böhmischen Grenze gelegenen Dorfe Rechenberg sieht man noch die Ruinen des gleichnamigen Schlosses, welches schon 1289 von Böhmen an Meißen überlassen wurde, jedoch ein böhmisches Lehen blieb. Die frühesten Besitzer waren wahrscheinlich die Herren von Rechenberg; in einer Urkunde von 1270 kommt bereits ein Heinrich, und in einer von 1299 ein Apetz v. Rechenberg vor.
Die Herren von Rechenberg stammen von denen von Haugwitz ab, deren Wappen auch das ihrige sehr ähnlich ist. Ihr Ahnherr ist Hans von Haugwitz. Als in der blutigen Tatarenschlacht bei Liegnitz 1241 die Feinde eine Anhöhe erstürmt und eingenommen hatten, rief Heinrich der Fromme ihm zu: »Hans, räche den Berg!« worauf dieser sich an die Spitze eines Heerhaufens stellte und die wilden Horden von dem Berge vertrieb. Von dieser tapfern Kriegsthat war er fortan Rechenberg genannt.
Es haben die Herren von Haugwitz in Sachsen im roten Schilde einen schwarzen, vorwärts stehenden Widderkopf mit gelben Hörnern und gelber Krone, die von Haugwitz in Schlesien und die von Rechenberg aber einen nach der Seite liegenden Widderkopf ohne Krone, die von Haugwitz in Sachsen auf dem Helme den gekrönten Widderkopf mit Hals und Brust, aber ohne Beine, und auf dem Kopfe einen rot und weiß abgeteilten Federbusch, die von Haugwitz in Schlesien und die von Rechenberg aber den Widderkopf mit Hals, Brust und zwei zum Sprunge aufgerichteten Vorderbeinen ohne Krone und Federn.
475. Die Herren von Sebottendorf.
(Schumann, Lex. v. Sachsen, 11. B., S. 32. Sinapius, Schles. Curios. I, S. 865. Darnach bei Haupt, Sagenbuch d. Lausitz, II, Nr. 63.)
Die Herren von Sebottendorf, welche aus Kurland stammen, wo ihre Vorfahren in der kurischen Nehrung einige kleine Besitzungen hatten, waren mutmaßlich auch im Erzgebirge seßhaft. Zwischen Lößnitz und Thierfeld liegt eine wüste Mark Sebottendorf; das gleichnamige Dorf wurde bereits im 13. Jahrhundert gänzlich verwüstet. Ein Herr von Sebottendorf wurde einstmals als Gesandter zu kaiserlicher Majestät geschickt und von diesem wegen seiner vortrefflichen Eigenschaften und guten Dienste in den Ritterstand versetzt, mit dem Namen »Seebote« beehrt und mit einem Wappen begnadigt, welches im Schilde eine Wasser-Kannelwurzel mit zwei daran hängenden Kannelblättern, auf dem Helme aber zwei dergleichen Blätter mit zuwachsenden Seerosen enthält.
476. Das Geschlecht Callenberg.
(Schumann und Schiffner, Lex. v. Sachsen, 17. B., S. 165. Gauher, Adelslex. I, S. 232. Angelus, Märk. Chronik, S. 39. Haupt, Sagenbuch der Lausitz II, Nr. 35, Kirchengalerie von Sachsen, 12. B., S. 193.)
Die Stadt Callnberg wurde 1712 nach der ersten Gemahlin des Begründers, Grafen Otto Wilhelm von Waldenburg, einer geborenen Gräfin von Callenberg aus Muskau, benannt.
Anfangs gab man der Stadt, als einer beabsichtigten Erweiterung von Lichtenstein den Namen »Neustadt«. Nachdem aber des Grafen Otto Wilhelm erste Gemahlin, Henriette Eleonore geb. Gräfin von Callenberg, von der man sagt, daß sie von den Fenstern des Schlosses aus mit vieler Teilnahme »ihre fleißigen Schäfchen« bei dem Neubau betrachtet habe, 1710 gestorben war, ward ihrem Gedächtnis zu Ehren von dem verwitweten Gemahl die neue Stadt Callenberg (Callnberg) genannt.
Das Stammschloß der Grafen Callenberg liegt in Westfalen bei Marburg. Es ward von einem der vier Ritter erbaut, welche Kaiser Karl der Große nebst einem Grafen von Oettingen im Jahre 804 in jene Gegend schickte, um dem fortgesetzten Götzendienste der heidnischen Einwohner zu steuern. Als Heinrich der Vogler die Wenden in der Mark bekriegte, kamen mehrere Callenberger nach der Stadt Brandenburg und ließen sich dort nieder. Galle von Callenberg zog 1093 mit gegen die Saracenen.
Der Grund und Boden, auf welchem Callnberg erbaut wurde, hieß das »Rennfeld«. Dieser Name wird von einem im Jahre 1136 daselbst geschehenen Treffen, bei welchem mehr als 50 Zwickauer geblieben sind, oder davon abgeleitet, daß hier ehemals ritterliche Übungen auf einer Rennbahn von den Besitzern des Schlosses Lichtenstein gehalten wurden.
477. Die Familie von Berbisdorf.
(Kirchengalerie von Sachsen, 2. Band. S. 231.)
Neben andern Rittergütern, wie Ober- und Nieder-Forchheim, hat die Familie von Berbisdorf Jahrhunderte hindurch und zwar bis 1767, da Heinrich von Berbisdorf kinderlos starb, auch das Rittergut Lippersdorf besessen. Das uralte Geschlecht führt gekrönte Arme mit dem leuchtenden Stern im Wappen und eine alte Urkunde besagt darüber: »~Anno~ 1140 hat der Großmeister Weinrich von Kniprode mit Knisdude, Fürstin zu Littaw, so eine Hewdin (Heidin) gewesen, eine Schlacht vor Khaen in Littaw gehalten, in welcher Schlacht Andreas von Berbisdorf ein Fendrich gewesen, und sein Fähnlein, ob ihm gleich beide Arme ab- und zerhauen gewesen, im Maule davon bracht, um welches Ritterlichen Wohlverhaltens willen er nicht allein zum Ritter geschlagen, sondern ihm auch sein Wappen mit dem abgehawenen gekrönten schwartz und rothen Armen (welches ohne Zweiffel blut undt leiden oder schmertzen bedeutet) mit den darüber leuchtenden Stern verbessert, undt zu führen gegeben worden.«
Das adelige Geschlecht von Berbisdorf stammt aus Preußen, wie nachstehende alte Nachricht zu erkennen giebt: »Caspar von Berbisdorf ist wegen Kriegsgefahr außn Land in Preusen mit einem Graffen von Leisneck (Leisnig) in diese Länder kommen, so geschehn im Jahr unser Erlößung 1230 und ist bey mehr gedachten Graffen alß sein Hoffmeister blieben, auch allda ~Anno~ 1270 verstorben. Wer sein Weib gewesen, hat man nicht in Erfahrung bringen können, hat nach sich einen Sohn gelassen mit Namen Hanß. Dieser Hanß von Berbisdorff hat etliche Bergwerk zu Freybergk an sich bracht, undt daraus großen Reichthum erlanget, die Gütter Wegfahrt, Duttendorff undt den Halß bey Freybergk erkaufft, auch dem Graffen Leisneck (des vorigen Sohn) 4000 Rheinische Gülden uff die Herrschafft Lauterstein geliehen, so geschehen ~Ao.~ 1300.«
478. Die Herren von Hartitzsch.
(Kirchengalerie von Sachsen, 2. B. S. 240.)
Das Rittergut Dorfchemnitz bei Sayda soll durch Heirat an die von Hartitzsche Familie gekommen sein. Ein Vorfahr dieser Familie, erzählt man, sei Fischer an der Donau gewesen, habe einen deutschen Kaiser auf der Flucht mit der größten Lebensgefahr über die hochangeschwollene Donau gesetzt, da es kein andrer Fischer gewagt habe, und sei nachher von dem Kaiser dafür, daß er ihn gerettet, in den Adelstand erhoben worden. Darauf könnten wohl die zwei Fische in dem Hartitzschen Wappen hindeuten.
Die Familie hat sich sonst von Harticz, nach dem Rittergute bei Jonsdorf in Böhmen an der sächsischen Grenze geschrieben, ist sehr früh aus Böhmen nach Sachsen gekommen, wahrscheinlich wegen der reichen Silberbergwerke bei Freiberg, und hat wichtige Stellen im Rate zu Freiberg bekleidet.
479. Die Herren von Pardubitz.
(Gräße, Geschlechts-, Namen- und Wappensagen, 1876, S. 114.)
Das Schloß Hauenstein am südlichen Fuße des Erzgebirgs besaßen unter Kaiser Karl IV. die Herren von Pardubitz. Von diesem Geschlechte wird folgendes erzählt: Als Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahre 1158 Mailand belagerte, war ihm auch Herzog Wladislaw von Böhmen mit vielen böhmischen Rittern zur Hülfe gezogen. Im Dunkel einer Nacht erstiegen die Böhmen die Mauern der belagerten Stadt und drangen bis auf den Markt vor; allein hier kamen ihnen die Mailänder entgegen, es entstand ein heftiger Kampf und die Übermacht der Bürger drängte die bisherigen Sieger zurück. Vorher sprengten sie jedoch das Thor und hatten sich so den Rückzug gesichert. Es gelang auch allen zu entkommen, nur Gescheck von Pardubitz verweilte am längsten im Thore, noch immer kämpfend, und als er endlich den Seinigen folgen wollte, rief man von der Stadt aus dem Türmer zu, er möge das Seil zerhauen, womit das Fallgitter befestigt war. Dies geschah auch und das herabstürzende Gitter fiel dergestalt auf Geschecks Roß, daß es von der ungeheuren Gewalt in zwei Hälften geteilt ward. »Das halbe Roß, Ihr Wälschen, schenke ich Euch!« rief der Ritter und schleppte die andere Hälfte ins böhmische Lager, wo ihm Wladislaw entgegenrief: »Dies soll Dir und Deinem Stamme zum Ehrenzeichen dienen!« Am andern Tage aber schlug er Gescheck zum Ritter und verlieh den Herren von Pardubitz ein halbes weißes Roß im roten Felde zum Wappen.
480. Geschlecht von Vitzthum.
(Gauhen, Adelslexicon I, S. 1968. Falkenstein, Thüringsche Chronik, I. II. S. 414, 481. Gräße, Geschlechts-, Namen- und Wappensagen S. 176.)
Der Ursprung der Herren, Freiherren und Grafen von Vitzthum, in alten Schriften Vitzdom geheißen, wird hergeleitet von den ~Vicedominis~, welche nach Abgang der Könige von Thüringen anstatt des Kaisers die Regierung in den Händen hatten und zu Erfurt residiert haben. Ihr Stammgut heißt Eckstädt, Grenzort des Spezialgaues Thüringen, und daher nennt sich auch noch ein Zweig dieser Familie Vitzthum von Eckstädt. Das gräflich Vitzthum von Eckstädtsche Geschlecht besitzt seit 1764 Lichtenwalde bei Chemnitz, das bereits im 15. Jahrhundert und vielleicht schon früher in dessen Besitze gewesen war.
481. Die Herren von Wildenfels.
(Kirchengalerie v. Sachsen, 8. B., S. 25.)
Wildenfels scheint nach einer Geringswalder Klosterurkunde bereits 1233 Stadt gewesen zu sein. Nach dem Orte nannten sich die im Jahre 1602 ausgestorbenen Herren von Wildenfels, deren zuerst 1222 urkundlich und zwar als Besitzer der gleichnamigen Herrschaft gedacht wird. In ihrem Wappen führten sie eine Rose im goldenen Felde.
482. Die Herren von Ortwinsdorf.
(Kirchengalerie von Sachsen, 8. B. S. 28. 179.)
Das Dorf Ortmannsdorf wird vor der Reformation Ortwinsdorf geschrieben, und wahrscheinlich gab der Ort dem gleichnamigen Geschlechte, welches bereits im Jahre 1219 urkundlich vorkommt, seinen Namen. Einen Teil des Dorfes besaßen im 15. Jahrhunderte die Ritter von Remse als Wildenfelser Afterlehen. -- Vielleicht dankt auch das Dorf seinen Namen dem im 14. und 15. Jahrhunderte in Chemnitz blühenden Patriziergeschlechte der Ortwyne oder Ortweine, ein Name, welchen im Gudrunliede auch Gudruns Bruder führt. Ein Nicol und Matthias Ortwyn haben 1373 zu der Kirche St. Jacob und besonders dem Altar des heiligen Leichnams und Blutes Christi das Dorf Meinersdorf erkauft. (Hist. Nachricht von denen vornehmsten Denkwürdigkeiten der Stadt Chemnitz. 1734. S. 18).
483. Geschlecht von Arnim.
(Hesekiel, Wappensagen, S. 3. in poetischer Bearbeitung. Gräße, Geschlechts-, Namen- und Wappensagen, S. 5.)
Seit mehr denn tausend Jahren führen die auf Planitz mit Kainsdorf, Voigtsgrün u. s. w. angesessenen Arnims im roten Felde zwei silberne Balken als Wappenzeichen. Der Familiensage nach rühren dieselben davon her, daß einst in einer Schlacht gegen die Friesen der Feldherr einem Junker von Arnheim befohlen hatte, eine hölzerne Brücke, welche zwischen ihm und den ihn verfolgenden Friesen liegend, diesen die Möglichkeit ihn zu verfolgen, gewährte, abzubrechen. Der tapfere Mann vermochte jedoch nicht, alle Balken derselben ins Wasser zu werfen, sondern es blieben zwei übrig, über welche die nachsetzenden Friesen das Wasser zu überschreiten suchten. Allein Arnheim ließ sich nicht von seinem Platze vertreiben, sondern wußte sich so lange zu halten, bis Hülfe kam. Zur Belohnung erhielt er von dem Grafen von Holland, seinem Lehnsherrn, den Ritterschlag und das obengedachte Wappen. Später nannten sich die Arnheims Arnim.
484. Geschlecht von Auerswald.
(Kirchengalerie von Sachsen, 8. B., S. 123.)
Das Dorf Auerswald bei Chemnitz gehörte sonst den Herren von Auerswald, deren Geschlecht im 15. Jahrhundert in Meißen bekannt geworden ist. Der erste dieses Geschlechts, so aus Preußen gekommen und Oberster gewesen ist, hat ein gräfliches Fräulein von Dohna geheiratet und ist vom Kurfürsten mit dem genannten Dorfe, so er erbauet und nach seinem Namen genannt, belehnt worden. Bis zu Ende des 16. Jahrhunderts haben die Herren von Auerswald hier ihren Sitz gehabt und Nachkommen von ihnen leben noch im Königreiche Preußen. Von 1596 an aber sind die Herren von Schönberg hier Gerichtsherren gewesen.
485. Die Herren von Bünau.
(Gräße, Geschlechts-, Namen- und Wappensagen, S. 25.)
Die Herren von Bünau waren auch im Erzgebirge angesessen; ein Heinrich von Bünau verkaufte 1596 Bärenwalde mit Lichtenau an den Zwickauer Rat. (Kirchengalerie, 8. B. S. 24.)
Die Abkunft dieses uralten meißnischen Geschlechts leiten einige aus Polen her und sagen, das Geschlecht der von Bunawezky an der litthauischen Grenze sei mit den Bünaus einerlei Stammes. Andere sagen, sie seien aus der Schweiz nach Sachsen gekommen; allein die Hauptmeinung ist, daß sie von den Pedemontanen oder piemontesischen Fürsten abstammen, welche im Jahre 1232 von dem savoyischen Grafen Thomas ihrer Erblande beraubt worden wären. Sie hätten nun zuerst in Sicilien Kaiser Friedrich II. um Beistand gebeten, allein dieser habe mit seinen eigenen Kriegen genug zu thun gehabt; dann hätten sie sich an andere deutsche Fürsten um Hülfe gewandt, als diese ihnen aber auch nicht beizuspringen gewagt, wären sie in Deutschland geblieben und hätten sich in Böhmen und Meißen ansässig gemacht. Ihr Wappen, ein Löwenkopf, im Rachen eine Lilie haltend, sei auch das Wappen jener pedemontanischen Fürstenfamilie. Weil nun aber im Turnierbuche Feierabends einer Demuth von Bünau, der hinterlassenen Witwe Günthers von Saalhausen gedacht wird, die auf dem 996 vom Markgraf Ludolph von Sachsen und Herrn von Braunschweig gehaltenen Turniere zu Braunschweig den vierten Dank dem Turniervogt Kilian von Wolfskäl, einem Franken gab, so mußten die Herren von Bünau eher aus Italien als erst im Jahre 1232 nach Deutschland gekommen sein, wenn sie italienischer Abkunft wären. Einer aus diesem Geschlechte derer von Bünau soll nun aber Kurfürst von Trier gewesen sein, und als Kaiser Maximilian II. (nach anderen sei das viel früher geschehen und zwar unter Kaiser Konrad III. und jener Heinrich von Bünau sei nicht Kurfürst von Trier, sondern von Mainz gewesen) zu Frankfurt gekrönt ward, an S. Majestät folgende drei Bitten gerichtet haben: Erstlich, weil er einer aus dem Geschlechte der von Bünau sei, welches zwei Helme führe, daß er sein (rotes) Kurhütlein auf den einen Helm setzen dürfe. Zweitens, daß die von Bünau unterschiedliche gewisse Namen, als Heinrich, Rudolph und Günther haben könnten, und drittens, daß er seinen ganzen Schatz, welchen er in seinem Stifte erübrigt, dem Geschlechte derer von Bünau zum ewigen Gedächtnisse vermachen dürfe, welche drei Bitten S. K. Majestät gedachtem Herrn Kurfürsten auch bewilligt habe. Weil nun seine Verlassenschaft sich auf etliche Tonnen Goldes belaufen, habe er in seinem Testamente verordnet, daß seine Barschaft zum ewigen Gedächtnis an acht Stammhäuser verwendet werde, nämlich an je zwei in Böhmen, Meißen, Thüringen und Vogtland, von deren Einkommen das ganze Geschlecht zu genießen habe. Peccenstein aber meldet in seinem ~Theatr. Saxon.~ I. No. 50 von den drei Taufnamen Heinrich, Günther und Rudolph, daß solches aus einem besonderen Zufall und Betrug eines, so sich ihres Stammes gerühmt und damit ein ~Falsum~ gebraucht, auch allerhand Unglück gestiftet, nach deren Vorfahren Rat und Vergleich geschehen sein sollte, oder daß vor ohngefähr 200 Jahren (er schrieb um das Jahr 1608) das Geschlecht bis auf drei Personen ausgestorben sein sollte, da dann diese damals unter sich einig geworden wären, diese drei Namen fort und fort zu gebrauchen. (Nach anderen wäre dies viel später geschehen, erst nach der Schlacht am weißen Berge, wo gegen 200 Glieder dieser Familie gefallen waren.)
486. Die Ritter von Bärenstein.
(Kirchengalerie von Sachsen, 4. B. S. 138.)
In der Kirche des Städtchens Bärenstein befinden sich die Bildnisse Kaspar von Bärensteins auf Bärenstein und Bärenburg (1612), Walzig v. Bernsteins (1492) und Christoph von Bernsteins (1534 oder 1315?). Ein Albrecht von Bernstein, welcher ebenfalls auf dem Schlosse Bärenstein wohnte, wird bereits unter dem Jahre 1156 genannt, da er auf seine Unkosten einem Turniere zu Zürich, welches der Herzog von Baiern und König von Sardinien anstellten, beiwohnte. Früher schrieben sich die in Bärenstein sässig gewesenen alten Ritter von »Bernstein«, weil sie aus der Schweiz, bei Constanz her, abstammen sollen und dieser Name dort mehr (z. B. Bern) angetroffen wird. Späterhin schrieb man aber, wahrscheinlich wegen der früher in der Gegend hausenden vielen Bären und wegen einer gehabten sehr glücklichen Bärenjagd »Bärenstein«. Viele andere Orte in der Nähe haben davon ihre Namen, als: Bärenklau, Bärenhecke, Bärenburg, Bärenfels, Bärenklause u. s. w.
Auch führten die alten Ritter von Bernstein folgendes Wappen: Ein in silbernem Schilde zum Streit gerüsteter aufrecht stehender schwarzer Bär; auf dem Schilde ruhet ein mit einer goldenen Krone bedeckter offener Turnierhelm, aus welchem ein erhabener und zum Streit geschickter Bär hervorragt; die Helmdecken sind schwarz und silbern.
487. Das Geschlecht von Lüttichau.
(Gräße, Geschlechts-, Namen- und Wappensagen, S. 98. Nach Hesekiel, Wappensagen, S. 175.)
Das Wappen der Herren von Lüttichau sind zwei Sicheln und drei schwarze Federn. Die Sage erzählt hierüber folgendes: Es soll einst ein deutscher Kaiser in den Niederlanden gegen die Franzosen im Felde gestanden haben und in der Nähe von Lüttich mit dem feindlichen Heere zusammengestoßen sein. Anfangs war dieses im Vorteil, allein ein adliger Junker aus Meißen, der bei der böhmischen Reiterei des Kaisers diente und sich durch drei schwarze Federn auf seinem Helme auszeichnete, deshalb auch den Namen »der schwarze Hahn« erhalten hatte, hat sich mit seinen Leuten so wütend in die Reihen der Gegner gestürzt, daß er sie sprengte und die Kaiserlichen die Schlacht gewannen. Da hat ihm der Kaiser aus Dankbarkeit den Namen Lüttichau, weil er in Lüttichs Auen den Sieg gewonnen hatte, und als Wappen zwei Sicheln, weil er die Feinde wie Korn abgemäht, verliehen.
Die Herren von Lüttichau werden als mehr denn 200jährige Besitzer der bei Dippoldiswalde gelegenen Rittergüter Ober- und Nieder-Ulbersdorf, sowie im Besitze von Stadt und Dorf Bärenstein, Hammerbärenklau, Groß- und Kleinbörnchen und Walthersdorf angeführt.
488. Das Wappenschild der Schönburge.
(Dietrich und Textor, Die romant. Sagen des Erzgebirgs, I. S. 35 etc.)
In seiner Herrlichkeit saß Karl der Große eines Tages auf dem Herrscherthrone zu Pavia, und alle seine Edlen standen um ihn im weiten Kreise. »Zeigt mir Eure Wappenschilder,« sprach der hohe Siegesfürst, »daß ich ihre Kleinode durch neue, auf die späte Nachwelt forterbende Zeugnisse Eurer Thaten verherrlichen kann!« Da nahten sich ihm die Großen seiner Reiche und er bestätigte die Kleinode in ihren Wappenschildern oder fügte denselben neue bei. Jetzt fiel sein Blick auf einen der jüngsten seiner Edlen. Einfach, ohne Kleinod war das Silberschild des blonden jugendlichen Helden. »Schönburg!« sprach zu ihm der große König, »auch Deine Thaten sah ich in dem letzten Kampfe, auch Deiner Tapferkeit verdanke ich den Sieg; willst Du kein Kleinod in das Wappenschild?« Da erwiderte der junge ritterliche Held: »Erhabener Herr und König! Was ich that, war Pflicht, und ich focht bis jetzt für Dich, ohne für Dich zu bluten. Lasse mir mein Wappenschild, rein sei es in seiner Silberfarbe, der Unschuld und der Herzensreinheit wahres Sinnbild für und für!« »Bescheidener Jüngling!« sagte darauf der Kaiser, »Du sollst es so behalten, bis mit Deinem Blute sich's färbt zu meiner Ehre. Sei immer, was Du warst, ein Ritter ohne Furcht und Tadel, einfach und gut, tapfer und bescheiden, und das treue Vorbild Deines künftigen Stammes! Die Tage des Ruhmes werden kommen!« Und sie kamen. Noch einmal trat Wittekind, der Herzog der Sachsen, als Feind gegen Kaiser Karl auf. Eine furchtbare Schlacht entbrannte; Karl wurde umgangen, die Felsen im Rücken seines Heeres waren vom Feinde besetzt, Steine hagelten nieder und entwurzelte Baumstämme rollten auf die Streitenden herab. Da zerschmetterte ein Felsenstück Kaiser Karls Schild und seine Brust war nun den Waffen der Feinde freigegeben. In dieser Not erhob sich aus dem Leichenhaufen um ihn der Verwundeten einer. Blässe deckte das schöne Angesicht und Blut floß aus der treuen Brust. Er reichte dem Kaiser seinen Schild und sank ermattet wieder nieder. Die Feinde staunten und meinten ein Wunder zu sehen, denn sie hatten den gefallenen Helden an des Kaisers Seite erblickt und zum Tode getroffen fallen sehen. Die Christen wurden mit neuem Mute erfüllt und erfochten unter Karl einen glänzenden Sieg. Jetzt blickte der Kaiser aufmerksam auf den Schild, welcher ihn errettete und er rief: »Das ist Schönburgs Schild! Wo ist er, der ihn trug?« Man suchte einen Toten und fand einen Schwerverwundeten. Derselbe schlug die Augen auf, als Karl vor ihm stand und sprach: »Mein Herr und König!« Der Kaiser aber sprach, nachdem er ihm die blasse Lippe geküßt: »Du hast vollbracht, was Du gelobt! Dein König bin ich und Dein Freund!« Dann berührte er mit dem Ring-, Mittel- und Zeigefinger seiner Rechten die blutende Wunde und strich mit der Wunde reinem Blute zweimal über das silberfarbene, herzförmige Wappenschild, so daß zwei rote Streifen des edlen reinen, für Christentum, König und Vaterland vergossenen Blutes es verherrlichten. »Schönburg! dies sei fortan Dein Zeichen, Dein Blut das Wappenkleinod Deines Hauses!«
489. Woher das Wappen der Herren von Schönberg entstanden ist.
(Grünewald, Meißner Chronik I., Anhang S. 87. Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 58.)
In einem alten handschriftlichen Wappenbuche findet sich folgende Erklärung über den Ursprung des alten meißnischen und seit Jahrhunderten auch im Erzgebirge, u. a. z. B. seit 1336 auf Purschenstein angesessenen Geschlechtes der Schönberge. Es soll ein Ritter aus dieser Familie einst ins gelobte Land gezogen und auf der Jagd an einem Flusse, dessen morastige Ufer mit Schilf bedeckt waren, von einem Löwen überfallen worden sein. Dem hat der tapfere Ritter so zugesetzt, daß er verwundet und brüllend vor Schmerz sich in den Schilfwald zurückzog; der Schönberg aber hat nicht abgelassen, sondern ist ihm gefolgt und hat ihm hier den Todesstoß gegeben. Wie nun der Löwe verendet und von ihm aus dem Moraste gezogen ward, da fand es sich, daß er zur Hälfte mit Meerlinsen bedeckt war und grün aussah. Der Ritter hat nun zum Andenken an diese Begebenheit in sein Wappen einen kämpfenden Löwen, dessen Unterleib grün, der Oberleib aber rot ist, aufgenommen.
490. Wie die Herren von Römer zu Zwickau zu ihrem Wappen gekommen sind.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, Nr. 612.)
Ist um die Mitte des 15. Jahrhunderts ein Eseltreiber zu Zwickau in der Mühle gewesen, dem hat einer Kuxwerk geschenkt, das erstlich nicht viel getragen, also daß er es auch fahren lassen wollte, weil er kein Vermögen hatte, es zu erhalten. Da nun die Bergleute Zubuße haben wollten, haben sie ihn getröstet und gesagt: Gott der Herr werde in Bälde einen großen Schatz aufthun, was auch kurz darauf geschehen ist, also daß der Eseltreiber nicht allein bei diesem Kux geblieben, sondern auch viele andere dazu gekauft, wodurch er mächtig reich geworden, daß die Silberkuchen in seinem Hause wie Stücken Blei nebeneinander gelegen und täglich auf Schleifen die Straße auf Zwickau geführt wurden, davon dieselbige Straße bis auf den heutigen Tag die Silberstraße genannt wird. Nun ist aber zu wissen, daß zu Zwickau zu jener Zeit eine Münze gestanden hat und täglich gemünzt worden ist. Weil aber das Silber damals zu viel gewesen, hat dieser Römer, so ein kleines Männlein gewesen, zu sich gesagt: Wohl ist ein reicher Mann auch wohl ein armer Mann, weil ich mein Silber nicht einmal gemünzt haben kann! Darum ist er bei sich darüber zu Rat gegangen und hat drei Lastwagen mit Silberkuchen beladen und beschlossen, dieselben nach Nürnberg zu führen, wo ein sehr reicher Rat sein sollte. Als er nun nicht weit von dieser Stadt, sind ihm etliche Kaufleute begegnet, welche er gar einfältig gefragt, ob sich der Markt auch wohl anlasse. Aber diese haben ihn verlacht und gesagt: Dieser alte Narr kömmt zu Markte, da derselbe schon aus ist, er wird den Weg wieder nach Hause zurückmachen müssen. Er hat das nicht groß gerechnet, sondern hat sein Vorhaben dem Kämmerer angezeigt und gefragt, ob wohl ein ehrenweiser und wohlweiser Rat ein Stück Geld für ein Stücklein Silbers, so einen Zentner schwer, geben wolle. Da haben sie gesagt: Ja wohl, wenn nur das Silber vorhanden und zwar des recht viel wäre. Darauf hat er gesagt, er habe ein solches Stücklein, wenn sie es sehen wollten. Da antworteten sie, er solle sie zufrieden lassen, wo er es denn hernehmen wolle? Doch endlich auf sein Anhalten ist einer von ihnen mit ihm gegangen, dem hat er ein Stücklein Silber gewiesen und nach der Probierung, als jener gesehen, daß es gediegen Silber gewesen, hat er ihm noch ein Stücklein gezeigt und gesagt, so ihm Geld dafür zugewogen werde, wolle er es allda lassen. Da hat der Kämmerer gesagt: Ja Herr, wenn es mehr wäre, so könnte es ein Rat der Stadt Nürnberg wohl thun! Darauf hat er ihm die drei Wagen mit Silber beladen gezeigt und gesagt, er habe dessen noch mehr. Darüber ist der Kämmerer sehr erschrocken und hat nicht gewußt, wie er mit ihm daran sei, hat aber gesagt, er wolle es den Herrn anzeigen. Nach diesem ist ihm für so viele Zentner Silbers, als er gehabt, ebensoviel gemünztes Geld zugewogen, er von ihnen zu Gaste geladen und herrlich traktiert und für einen gnädigen Herrn tituliert und geehrt worden. Als er nun seine Ware losgeworden, ist er wiederum mit seinen drei Wagen mit Geld beladen nach Zwickau gekommen. Darauf hat aber Herzog Albrecht von Sachsen zu ihm geschickt, ob er ihm auf seiner weiten Reise zum heiligen Grabe mit etlichen tausend Gulden dienen könne, worauf er denn zurück gemeldet hat, dafern es seiner fürstlichen Gnade gefällig, so wolle er selbst mit, welches denn auch geschehen, und hat dieser Römer seinen Fürsten mit 150 Pferden bis zum heiligen Grabe und dann wieder anheim freigehalten und endlich quittiert, welche Reise ohne Zweifel eine stattliche Summe Geldes wird gekostet haben. Darum ist er beim heiligen Grabe zum Ritter geschlagen und er und die Seinen edel gemacht worden. Zum Zeugnis führen die Römer, so in Zwickau wohnen, eine Eselspeitsche (nach anderen einen Pilgerstab) im Wappen. Auch hat dieser Römer ein gewaltiges Haus am Markte eine Gasse lang nach der Mulde zu, und das Kaufhaus am Markte nebst dem Kornhause am Schlosse gebaut, das Kaufhaus dem Rate und das Kornhaus dem Fürsten geschenkt, auch dem Rate noch viele andere Güter geschenkt und sonst noch etliche tausend Gulden dazu geliehen, also daß sie nur Söhnen seines Geschlechts, so diese in die Schule gehen und studieren würden, von den Zinsen erhalten sollten, damit es ihren Eltern nichts koste, sie möchten studieren, wo sie wollten.
491. Die Siebenschläfer.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, 1863. S. 23.)
Im Schloßberge von Teplitz sollen einige Ritter schon 700 Jahre lang schlafen und heißen daher die Siebenschläfer. Wenn es einmal den Deutschen schlecht gehen wird, werden die Ritter hervorkommen und ihnen helfen. Das Bächlein am Fuße des Berges ist oft gelb gefärbt von dem Urin der Pferde, die im Innern des Berges stehen, und auf dem Berge liegen Steine, in denen die Hufe dieser Pferde abgedrückt sind. Früher soll den Schloßberg eine Mauer umgeben haben; es ist aber davon nichts mehr übrig, als das Thor, durch welches die Ritter aus- und einritten. Bei diesem Thore soll in der Nacht von 12--1 Uhr ein großer, starker Mann ohne Kopf umgehen.
Wenn statt des befruchtenden Regens, welchen der milde, segnende Gott Wuotan mit seinen himmlischen Helden zur Erde niedersendete, in den kalten Wintertagen Schnee niederfiel und Eis die Erde bedeckte, da glaubte man, daß die Winterdämonen zur Herrschaft gelangt seien. Wuotan hatte sich mit seinem Gefolge in den Wolkenberg, nach späteren Anschauungen in das Innere eines wirklichen Berges zurückgezogen, um hier zu schlafen oder verzaubert auf die Wiederkehr des Frühlings zu warten. Später wurde Wuotan zu einem der Lieblingshelden unseres Volks, der in einem Berge schlafend auf die Wiedergeburt des deutschen Reiches harrt. So schläft nach der Sage Karl der Große in dem Desenberge bei Warburg, Kaiser Heinrich der Vogelsteller im Sudemerberge bei Goslar und Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser. Bei den Slaven ist es Swantewit, welcher mit seinen himmlischen Kriegern die Stelle des germanischen Wuotan einnimmt, und auf ihn ist die Sage der Böhmen vom Könige Wenzel und seinen Kriegern im Berge Blanick zurückzuführen. -- Die Sage von den Siebenschläfern im Schloßberge zu Teplitz erzählt zwar nichts von einem bestimmten Helden, der an die Stelle Wuotans getreten ist, doch trägt sie ganz das Gepräge der obengenannten Überlieferungen. Die im Berge schlafenden Ritter, welche den deutschen in der Not helfen werden, sind das Gefolge Wuotans, auf welchen vielleicht die Abdrücke der Hufe in den Steinen und die gespenstische Erscheinung eines großen Mannes ohne Kopf hindeuten. Hufeisen, später dem Teufel zugeschrieben, weisen ursprünglich auf Odhins weißes Roß Sleipnir hin. Als der Gott einst im wilden Ritte dahin sauste, flog von diesem Rosse eins der Eisen ab und blieb an einem Felsen bei Wexiö hängen. Der Mann ohne Kopf erinnert an den wilden Jäger, welcher in den Sagen an Wuotans Stelle getreten ist. (Mannhardt a. a. O. S. 135.)
492. Die Türkenheide.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, 1863. S. 23.)
In der Nähe des Dorfes Kühnheide breitet sich ein Stück sumpfiges Land aus, welches in der Gegend unter dem Namen Türkenheide bekannt ist. Dieses sumpfige Land soll seinen Namen von einem Regimente Türken haben, welche hier, als sie ins Gebirge dringen wollten, versunken sind. In der Karwoche in der Nacht von Donnerstag auf Freitag sollen sich dort blaue Flämmchen sehen lassen und türkische Musik und Pferdegetrappe zu hören sein.
Es ist auffällig, daß die Sage den Namen Türkenheide von einem versunkenen Regimente Türken herleitet, da doch Türken niemals in jene Gegend gekommen sind. Hängt der Name vielleicht mit einer Begebenheit, welche ~Dr.~ Joh. Pöschel (Eine erzgebirgische Gelehrtenfamilie, Leipzig 1883, S. 150 etc.) erzählt, zusammen? Darnach hielten 1632 die Kaiserlichen die Ausgänge der Pässe von Preßnitz und Reitzenhain besetzt, die Bauern aber thaten sich zusammen, vertrieben die Kaiserlichen aus den Schanzen und lauerten ihnen auf, wenn sie mit Beute durchs Gebirge zogen. Der Anführer der Bauern war der Amtsschösser von Grünhain, Friedrich +Türck+. Als nun von allen Seiten Klagen über die Bauern beim General Gallas, welcher um Freiberg lag, einliefen, schickte dieser wiederholt Kuriere an Friedrich Türcken mit Warnungen und Drohungen und verlangte Kontribution. Friedrich Türck wollte davon nichts wissen und ließ den Kaiserlichen entbieten, er wollte ihnen Pestilenz, Pulver und Blei und alle katholischen Steine aus dem Kloster Grünhain auf die Köpfe geben. Dies konnte nicht ungestraft bleiben. Gallas entsandte 2000 Pferde mit zwanzig Standarten unter dem Obristen Kehreuß gegen die Bauern ins Gebirge. Am 7. November kamen sie auch durch Kühnheide. Von Friedrich Türck wird gerühmt, »er habe seine Bauern dermaßen animirt und abgericht, daß sie frisch vorn Feind standen, keine Gefahr scheuten und sich trefflich wehrten, sonderlich wenn er darbey wahr vnd ihnen zusprach.« -- Es drängt sich die Vermutung auf, daß die Türkenheide bei Kühnheide ihren Namen von jenem Bauernanführer Friedrich Türck erhalten hat.
493. Die Korporallöcher bei Schönau.
(Chemnitzer Tageblatt, 1882. N. 17. 1. Beil.)
Auf der Rittergutsflur zu Schönau bei Chemnitz liegen seitwärts der Bahn die sogenannten Korporallöcher, von denen die Sage geht, es sei im letzten Schwedenkriege eine ganze Korporalschaft spurlos darin versunken. Noch sollen sich zeitweilig die Ertrunkenen in verschiedenen Gestalten daselbst sehen lassen, auch wird erzählt, daß die mit weißlichem Wasser gefüllten Löcher mit dem Meere in Verbindung stehen.
IX.
Ortssagen.
Was in diesem letzten Abschnitte unter dem Begriffe der Ortssagen zusammengefaßt wurde, besteht einerseits aus bloßen chronikalischen Mitteilungen über Orte oder über Begebenheiten, welche sich an bestimmte Plätze knüpfen. Diese Erzählungen, und dies gilt besonders auch von einigen alten Gebräuchen, gehören demnach nicht dem eigentlichen Sagengebiete an; doch möchte ich sie nach dem Vorgange Carl Haupts in dessen Sagenbuche der Lausitz nicht unberücksichtigt lassen, und zwar umsomehr nicht, als sich bei manchen derselben ein schwacher Schimmer der dichterischen Gestaltungskraft des Volkes zeigt. Andererseits haben einige dieser Ortssagen wieder etwas vom mythischen Charakter an sich, so daß sie vielleicht auch in einer der vorhergehenden Abteilungen, besonders bei den Wundersagen, hätten untergebracht werden können. Hierhin gehören z. B. manche der Mitteilungen über die Gründung von Ortschaften und die Entdeckung reicher Erzgänge. Häufig hat die dichterische Phantasie des Volkes die Namen von Orten, Bergen und Felsen, sowie von Ortssiegeln und Wappen erfaßt, und solche Überlieferungen mußten deshalb in diesem Abschnitte, ebenso wie diejenigen von den Wahrzeichen der Städte, eine Stelle finden. Letztere können bloße Zeichen der Gewahrsame d. h. Umgrenzung der Orte, oder Symbole der Bürgerschaft und mißverstandene Wappen und Bilder sein; oder sie sind auch nur Andenken einer Sache, Sitte, oder Begebenheit aus früherer Zeit. Verwandt mit solchen Wahrzeichen sind alle die sprichwörtlichen Redensarten und Scherze, welche sich auf die Lage oder Eigentümlichkeit eines Ortes oder den Charakter und die Beschäftigung seiner Bewohner beziehen; manche derselben müssen auch auf eine bestimmte Begebenheit oder die That eines Einzelnen zurückgeführt werden. Anhangsweise wurden den sprichwörtlichen Redensarten auch eigentliche Sprichwörter (und Rätsel) beigefügt, insofern dieselben der Beschäftigung der Bewohner oder gewissen Beobachtungen an denselben entsprungen sind.
494. Entdeckung der Freiberger Silbererze.
(Petrus Albinus, Meißnische Bergk-Chronika. Dreßden, 1590. S. 10.)
Auf eine Zeit ist ein Goslarischer, oder wie etliche bloß setzen, sonst ein sächsischer Fuhrmann zu Hall durchgefahren und hat Salz ins Land zu Böhmen führen wollen, weil dasselbe Land auf den heutigen Tag aller Ding die Fülle, allein kein Salz hat. Dieser Salzführer, als er fast an die Grenzen des böhmischen Gebirges, gleich um die Gegend, da jetzo Freiberg stehet, kommen, hat er ohngefähr ein Geschiebe von einem gediegenen Glanz oder Bleierz in einem Wagengleis gefunden, dasselbe, weil es schön gleißende und schwer gewesen, auf den Wagen geworfen und im Wiederkehren mit sich gen Goslar gebracht. Daselbst, nachdem es von den Bergleuten probiert und im Silber viel reicher als der Goslarische Glanz und Bleischweif befunden worden, haben sich die Sachsen alsbald aufgemacht, sind dahin auf Nachrichtung des Fuhrmannes gezogen, da er das Geschiebe gefunden hatte, haben Gänge ausgerichtet, eingeschlagen und geschürft, und da es ein gut Ansehen genommen, folgend getrost Kübel und Seil eingeworfen, in Eil etliche Röschen getrieben, damit sie die Gebirge etwas verstollet, und das Wasser verschroten, auf daß sie ohne Hindernis bauen mögen, und haben also in Summa die Sachsen das Bergwerk im Lande Meißen rechtschaffen rege gemacht.
495. Der Anfang der Stadt Freiberg.
(Moller, ~Theatrum Freibergense Chronicum~. II. 1653, S. 3.)
Im Jahre 1169 hat der Bergmeister mit den Bergleuten auf dem Zellerfeld in Sachsen, verschiedener Unbilligkeiten wegen, die ihnen widerfahren, einen Aufstand gemacht und hat sich dann mit den Bergleuten nach Meißen zum neuen Bergwerk, welches bereits in hohen Ruf gekommen war, begeben. Zwei Jahre darauf aber haben die eingewanderten Sachsen das Dorf Christiansdorf am jetzigen Münzbach im Baue gebessert und also zugerichtet, daß es einer neuen Stadt glich, wie auch hernach dieser Ort die Sachsenstadt genannt wurde. Etliche rechnen deshalb den Anfang der Stadt Freiberg vom Jahre 1171 an.
Die Entdeckung der reichen Freiberger Silbergänge erfolgte wahrscheinlich zwischen 1162 und 1170. Nach Aufzeichnungen des Klosters Zelle vom Ende des 13. Jahrh. wurde die Stadt Freiberg im Jahre 1181 gegründet; wahrscheinlich aber fällt die Gründung zwischen die Jahre 1185 und 1190. Urkundlich wird der Freiberger Bergbau zuerst 1185 erwähnt. (Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des K. Sachsen, III. S. 8.)
496. Die Stellen, wo in Freiberg das erste Bergwerk fündig wurde.
(Benseler, Berggeschichten vom Aufkommen des sächs. Silberbergbaues. Freiberg, o. J. S. 12.)
Wo das Rathaus in Freiberg steht, soll der erste Silberfund geschehen sein, und in einem Kreuze, welches in einer Ecke desselben eingemauert ist, soll man noch heute die erste Art Freiberger Erze sehen. Gegenüber an der Ecke der Petersstraße, da, wo das Bild des Bergmannes an dem Hause steht, soll sich die erste Zeche befunden haben. Die bedeutenderen älteren Gruben waren im alten Loßnitz- oder Münzbachthale. In Christiansdorf, welches seinen Anfang in der Nähe vom Vorwerk Langerinne nahm und sich bis an die Loßnitz erstreckte, war eine sehr alte Grube der Stubenberg, von dem erzählt wird, daß eine Köchin aus dem Kloster Zelle das erste Grubengebäude hier gebaut habe und sehr reich davon geworden sei.
497. Ursprung der Bergwerke bei Nossen.
(Ursprung der Bergwerke in Sachsen. Chemnitz, 1764. S. 110.)
Es wird erzählt, daß die Bergwerke an der Mulde gegen Nossen lange vor den Freiberger Silbergruben gangbar gewesen seien. Das Gersdorfische Bergwerk soll unter diesen das älteste und bei folgender Gelegenheit aufgekommen sein. Im Jahre 733, am Tage Simonis und Judä, hätte ein Mönch, der Kappenmönch genannt, einen auf der alten, jetzt gänzlich verfallenen Wunderburg bei Roßwein gesessenen Räuber, mit Namen Martin Griechen, besuchet. Darauf habe ihn letzterer nebst seiner Buhlerin, welche Gertraut geheißen, beim Abschiede ein Stück Weges begleitet, bei welcher Gelegenheit sie unterwegs reiche Erze entdeckt hätten. Der Mönch habe infolgedessen seine Kutte für immer abgelegt und der Räuber von seinem Räuberhandwerk gelassen. Dafür hätten sie ein Bergwerk angelegt und reichhaltige Erze gefunden und nun an dem Orte einen Flecken gegründet, den sie nach des ehemaligen Räubers Buhlerin Gertraut Gersdorf benannt hätten. Das Bergwerk wäre hierauf bis zum Jahre 887 angebauet worden, von dieser Zeit an aber zwei Jahre lang, einer sich entsponnenen Räuberei halber, liegen geblieben, mit welchem Schicksale auch ein anderes Bergwerk, der Goppisch genannt, dessen Lage man nicht mehr wüßte, heimgesucht worden. Nach einer anderweiten Niederlage von drei Jahren, wovon die eigentliche Zeit nicht angegeben werden könnte, hätte man endlich angefangen, zu Erzdorf ein ganz neues Bergwerk vorzurichten, wozu bei Ermangelung der Bergarbeiter ein jeder Bauer zwei Leute schicken müssen, und wäre das Bergamt damals auf dem jetzigen Schafhofe gewesen.
498. Entdeckung der Silbererze des Schneeberges.
(Albinus, Meißnische Bergk-Chronica etc. Dreßden, 1590. S. 28. Meltzer, ~Hist. Schneeberg.~, S. 33--35.)
Es hat sich von ungefähr zugetragen, daß ein Bergmann oder Arbeiter, welcher zu dem in Schlema vor Zeiten befindlichen Hammer gehörte, nach Eisenstein schürfte. Dabei kam er auch an den Schneeberg, wo er einen besseren Eisenstein zu finden vermeinte, als er am Wolfsberge, Hasenberge und anderen Orten gefunden hatte. Als er nun etliche Schürfe geworfen, wobei es ihm aber nach seinem Sinne nicht gegangen, hat sich nicht lange darnach an dem Orte, wo später die St. Georgenzeche und die zugehörenden, als die alte und neue Fundgrube u. s. w. aufkamen, ein Bürger von Zwickau (die Sage nennt ihn Romner oder Römer), welcher mit einer Würzlade auf dem Lande umherging und sich dadurch seine Nahrung suchte, in einem alten Schurf, darin eine schöne Gilb und Bräun alsbald in der Dammerde gewesen, eingelegt und zwei Arbeiter daselbst gehalten, denen er alle vier Wochen abgelohnt, und unterdeß alleweg mit seinem Kram wieder ausgelaufen. Bald nachher ließ er einen Schacht sinken, und die Arbeiter trafen endlich eine »gänßkötige« Bergart, samt einer Bräun und Gilben, welche der ersten Bergart im Schurf ähnlich war, wovon sie ihrem Herrn an dem Lohntage etliche Handsteine nach Zwickau brachten. Derselbe ließ sie bei einem Goldschmiede probieren und erhielt darauf die Antwort, wenn er dieses Dinges noch mehr habe, solle er's ihm bringen, er wolle ihm schöne silberne Becher daraus machen. Dieses soll ungefähr im Jahr 1470 geschehen sein. Nach dieser Zeit sollen sich bald mehr Bürger von Zwickau und von anderen Orten, edel und unedel, zusammengeschlagen, fortgebauet und endlich ein mächtig Erz angetroffen haben. Im Jahre 1472 hat man allererst den rechten Putzen, wie die Bergleute reden, angetroffen, worauf das Schneebergische Bergwerk so in Schwank gekommen, daß seinesgleichen nie gewesen, also daß man damals das Silber nicht alles vermünzen können, sondern kuchenweise oder in ganzen »Plicken« hat austeilen müssen.
Nach einer anderen Erzählung habe sich ein Schustergerätträger mit Namen Sebastian Romner, welcher von Krembs an der Donau gebürtig, aber zu Görkau in Böhmen wohnhaft gewesen sei und der seine Nahrung zu Zwickau gesucht, in der Gegend von Schneeberg verirrt. Dabei sei er an eine Eisenzeche gekommen und habe den Steiger heraus gerufen, um ihn nach dem rechten Wege und um einen Trunk Wasser zu bitten. Der Steiger habe ihm im Verlaufe des Gesprächs geklagt, daß die Gewerken nicht mehr verlegen wollten, weil man aus dem Eisensteine nichts machen könne; es sei ein Gang dazu gekommen und derselbe mache das Eisen so flüssig, daß man kein Stabeisen mehr schmieden könne, weil alles zerfahre. Romner nahm darauf einige Stücke des Erzes mit nach Görkau und Nürnberg, um sie untersuchen zu lassen und es fand sich, daß sie reichlich Silber enthielten. Als er später wieder nach Zwickau zurückkehrte, wurde er infolge eines Streites vor den Hauptmann geführt. Als der etwas berauschte Romner vor diesem Worte fallen ließ, daß er in der Nähe einen Schatz wisse, ließ der Hauptmann nicht nach, bis ihm Romner versprach, ihn nach diesem Orte zu führen. Und als sie am andern Tage zu der Eisenzeche gelangten, fand sichs, daß der Hauptmann bei dieser durch Kuxe beteiligt war. Beide begannen jetzt in Gemeinschaft den Silberbau, und da der Hauptmann erkundete, daß Romner ehrlichen Stammes sei, gab er ihm eine Muhme, Anna von Bünau, zur Ehefrau. Romner hielt sich darauf zu Neumark auf, genoß des Bergsegens und wandelte, indem er das Geschlecht derer von Römer begründete, seinen Namen in Römer um.
Als gegen Ende des 15. Jahrhunderts die Silbererze des Schneeberges entdeckt wurden, war die Gegend umher nicht mehr so unwirtlich, wie angenommen wird. Von Lößnitz führte bereits durch das Schlemathal über Neustädtel eine Straße nach Böhmen; im genannten Thale pochten Eisenhämmer und im hohen Forste, sowie in der Gegend der über die Mulde führenden Eisenbrücke gab es schon Silbergruben. Der erste Fund auf dem Schneeberge geschah am Ende des Jahres 1470 und bald darauf, am 6. Febr. 1471 folgte ein neuer reicher Anbruch.
Als die junge Ansiedelung auf dem Berge 1481 den Stadtbrief empfing, hatte man daselbst schon Gruben von 200 M. Tiefe. (H. Jacobi, Schneeberg. Ein Gedenkblatt zur 400jährigen Jubelfeier, S. 3--7).
Der in der zweiten sagenhaften Erzählung genannte Hauptmann war der Amtshauptmann von Zwickau, Martin von Römer, dessen Epitaph noch jetzt in der dortigen Marienkirche vorhanden ist. Derselbe gehörte mit zu den bedeutendsten Fundgrübnern jener Zeit, unter denen uns noch Angehörige der adeligen Familien von Starschedel, von Spiegel und von Schönberg, sowie die Zwickauer Bürger Hans Federangel, Clemens Schicker, Andreas Gaulnhöfer und Peter Polner genannt werden.
Martin Römer soll nicht allein durch die Schneeberger Silberausbeute, sondern auch durch den ihm zufließenden Segen aus anderen Fundgruben so reich geworden sein, daß er z. B. für den Neubau der Zwickauer Marienkirche allein 72000 Gulden beitragen konnte.
Sebastian Romner, dem er die Kenntnis der Schneeberger reichen Gänge verdankte, soll dann später in Venedig große Geschäfte mit Silberkuchen, welche er daselbst verkaufte, gemacht haben.
499. Entdeckung der Altenberger Zwitter.
(Meißner, Umständliche Begebenheit von der Bergstadt Altenberg. Dreßden und Leipzig, 1747, S. 2.)
Als Anno 1458 in dem ehemaligen Walde, welcher dem Herrn Walzig von Bärenstein eigentümlich zugestanden, ein Köhler einen Meiler auf einem mächtigen flachen Gange, welcher jetzt die alte Fundgrube genannt wird, zugerichtet hatte, traf er im Ausstoßen Zinn an. Denn die am Tage gelegenen Zwitter, welche der Köhler zu seinem Kohlenbrennen lange Zeit hindurch zum Unterlegen gebraucht hatte, waren durch die heftige Hitze nach und nach zermalmt und mürbe gebrannt worden, so daß endlich »berglauter Zinn« zum Vorschein kam. Auf diese Art ist der so berufene Zwitterstock zum Altenberge unvermutet fündig geworden. Nachdem nun hierauf das Gerücht von diesem reichen Zinnbergwerke durchs Land erschollen, haben sich viele ausländische Bergleute an dem Platze niedergelassen und die Stadt Altenberg gegründet.
Historisch ist, daß bereits in den letzten vierziger Jahren des 15. Jahrh. auf dem Schlosse zu Bärenstein die Anfänge zu einer Bergordnung neben einem förmlichen Bauplane für die Stadt Altenberg festgesetzt wurden. Kurfürst Friedrich der Weise aber verlieh bereits 1451 »dem Czynnern off dem Geusinge« (worunter mit ziemlicher Sicherheit Altenberg zu verstehen ist) einen freien Markt und auch Stadtrechte. (Darstellung der Bau- und Kunstdenkmäler v. Sachsen, II. S. 1.)
500. Entdeckung der Zinnerze bei Fürstenau, Mückenberg und Graupen.
(Brandner, Lauenstein, seine Vorzeit, früheren Schicksale und jetzige Beschaffenheit. Lauenstein, 1845, S. 272. Erzgebirgszeitung, 5. Jahrgang, S. 162.)
Die Königin Judith, Gemahlin des Herzogs Wladislaus I. von Böhmen, gründete in Teplitz ein Kloster der Benediktinerinnen. Es geschah dies in einem der Jahre 1153 bis 1173. Im Jahre dieser Gründung aber war es, so berichtet der böhmische Geschichtsschreiber Hajek, da ging ein Mann, mit Namen Wnadeck, aus dem Dorfe Cloditze, auf dem Gebirge, welches fast eine Meile Weges von Teplitz gegen Mitternacht gelegen, und fand einen langen und lichten, aus der Erde herausgewachsenen Stab. Er vermeinte, derselbe wäre Silber, brach ihn ab und brachte ihn der Herzogin Gertrud (Königin Judith) gen Teplitz. Diese aber übergab den Stab bergverständigen Männern zum Probieren, welche im Feuer befanden, daß es Zinn war. Hierauf befahl die Herzogin, dem Wnadeck 3 Mark Silber zu geben, doch sollte derselbe den Ort zeigen, wo er den Stab gefunden habe. Als dieses geschehen, grub man nach, und wurde eine gar große Menge Zwitter gefunden, darum die Herzogin und alles böhmische Volk unserm Herrgott mit Herz und Mund großen Dank sagten.
Auch erzählt die Sage: Als Libusa das Czechenvolk beherrschte, eine weise Seherin, die das Glück und Unglück ihres Landes in der Nähe und in der Zukunft schaute, da geschah es auch (d. h. im Jahre 733), daß die Herzogin, von der Höhe des Wyschehrad aus, weissagend sich nach Nordwesten gewendet und dem Volke in blühenden Worten von dem übermäßigen Zinnreichtum des einstigen Graupens gepredigt habe.
501. Anfang des Bergwerks am Schreckenberge bei Annaberg.
(Richter, Chronica der freyen Bergstadt Annaberg. 1746. S. 17.)
In dem Dorfe Frohnau wohnte ein Bergmann, welchen die alte geschriebene Stadt-Chronica von Annaberg Caspar Nietzel oder Nitzelt nennt. Dieser schürfte an dem Schreckenberge und entdeckte daselbst den 27. Oct. 1492 in der Dammerde einen lettigen Gang, welcher im Centner 2 Loth Silber hielt. Dieser Bergmann nahm den Letten, trug denselben am Abende Simonis Judä nach Geyer zu einem Schmelzer, welcher Martin Pflugk oder Pfennig geheißen, und ließ es probieren. Als aber der Schmelzer diesem Nietzel es nicht glauben wollte, daß er zu Tage aus einen solchen herrlichen Gang gefunden, so gab er ihm etliche verständige Bergleute mit, welche die Sache sollten in Augenschein nehmen, und diese, als sie den Gang wirklich so gefunden, hatten auch dem Nietzel hernach geraten, daß er solchen Gang von Herrn Johann Fischern, Bergmeistern zu Freiberg, aufnehmen sollte. Das allerälteste geschriebene Chronikon aber, welches noch vorhanden ist, sagt, daß Hans Heintze und Martin Pflugk, der Schmelzer in Geyer, das Lehngeld geleget, und solchen Gang bei Hans Fischern, Bergmeistern in Freiberg, aufnehmen lassen. Als sich nun beim Abteufen der Gang veredelt, der Gehalt gebessert, und das Geschrei ins Oberamt nach Freiberg geschollen, so hat der Bergmeister daselbst etliche abgeordnet, das neue Gebäude zu befahren und an dem nahe dabei liegenden Schottenberge einen Stollen zu treiben anfangen lassen. Dies ist also Anno 1492 geschehen, als in welchem Jahre dieser wüste und wilde Ort das Glück hatte, daß er bekannt geworden. Von diesem Jahre an rechnen nun etliche den Anfang der Stadt St. Annaberg.
502. Ein Pferd entdeckt die Silbererze des St. Georg in Schneeberg.
(Meltzer, ~Hist. Schneeberg.~ 1716, S. 32.)
Als noch der Schneeberg mit Wald bedeckt war, befand sich daselbst eine Försterei. Hier wurde den Umwohnenden, besonders in den Mühlen gegen Griesbach, sowie den Hammerleuten in Schlema Holz angewiesen. Dabei soll ein Pferd, welches man an einen Baum gebunden hatte, gescharrt und in der Dammerde eine »Gilbe« entblößt haben. Das war der Anfang zum Fündigwerden des St. Georg, an dessen Zechenhause sich vor Zeiten zur Erinnerung ein aufgenietetes Hufeisen befand.
Auch auf dem Rammelsberge im Harz soll nach der Sage ein Bleierzgang durch das scharrende Pferd eines adeligen Herrn, mit Namen Ramm, nach welchem später der Rammelsberg benannt wurde, aufgefunden worden sein. Ist vielleicht die Schneeberger Sage derjenigen vom Rammelsberge nachgebildet worden? Hingewiesen mag darauf werden, daß Wuotan der Herr der Schätze ist und daß sein Roß dieselben hervorstampft, indem es Erzadern ausscharrt.
503. Die Entdeckung des Freudensteiner Ganges in Schneeberg.
(Meltzer, Bergkläufftige Beschreibung der löbl. Bergk-Stadt Schneebergk. 1684, S. 42. Wrubel, Sammlung bergmännischer Sagen. 1883. S. 22.)
Der Freudensteiner Gang wurde 1526 von einer Magd entdeckt, als sie auf dem hinteren Gleeßberge in einem Waldraum auf Neustädter Feldern Gras holte und dabei einen Silberzahn mit der Sichel abhieb und nach Hause brachte. Glaublicher wird gesagt, daß das gediegene Silber daselbst von einer Kuh ausgetreten und vom Hirten gefunden und nachgehends mit großem Nutzen gehauen worden ist, deswegen hier die Bergleute ein Rätsel gemacht und einander zu raten aufgegeben haben: Wo das Erz über den Haspel gewachsen? welches sodann mit dieser Zeche aufgelöst worden.
504. Die Entdeckung der Silbergänge zu Joachimsthal.
(Wrubel a. a. O., S. 23.)
In der Gegend von Joachimsthal trafen Bergleute vom Geyer den ersten Gang an der Wurzel eines Baumes, den der Wind an einem Bache umgeworfen hatte.
505. Ein Zain Goldes wird mit dem Getreide abgeschnitten.
(Albinus, Meißnische Bergk-Chronica. 1590, S. 125.)
Bei Joachimsthal, nicht weit von Arlsgrün (Arletzgrün) hinter dem Galgenberge ist ein Zain Goldes mit dem Getreide abgeschnitten worden.
506. Entdeckung der reichen Zeche St. Lorenz bei Abertham.
(Albinus, Meißnische Bergk-Chronica, 1590, S. 79.)
Das Bergwerk St. Lorenz oder Gottesgab bei Abertham ist also aufgekommen: Nachdem eine Zeitlang an diesem Orte gebaut worden war, ist im Jahre 1528 ein gar armer, jedoch verständiger und guter Bergmann gewesen, welcher im dichten Walde fast allein in seinem Hüttlein wohnte und sich von Viehzucht, obschon nicht alles sein Eigen war, ernährte. Als dieser einstmals (es soll am 20. Februar gewesen sein) bei seinem Weiler eine andere Milchgrube, wie solche gebräuchlich waren, graben wollte, hat er eine reiche Sicherung von gediegen Silber, welche der Brunnenquell vom Gange geröhret hatte, angetroffen. Darauf ist er mit großen Freuden zu seinem Herrn gelaufen und hat ihm und anderen solches anvertraut. Bald ist er auch zum Bergmeister gegangen und hat eine Fundgrube gemutet, welche er Gottesgabe nannte. Nachdem er geschürft und gesunken, hat er schöne Bergarten und noch mehr gediegen Silber gefunden. Später hat man auf dieser Zeche so viel gediegen Silber gebrochen, wie auf keiner andern seit Mannes Gedenken, ausgenommen St. Georgen auf dem Schneeberge.
507. Der Fronleichnams-Stollen bei Annaberg.
(Richter, Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg, 1746, S. 18.)
Derselbe hat sich von ohngefähr einem Fischer entblößet; denn als dieser unter Buchholz fischte und mit dem »Stirreln« an dem Ufer das Wasser trübe machen wollte, so brach ein Stück vom Ufer ein und entblößte einen reichen und nutzbaren Gang, darauf hernach viel Erz gebrochen und viel Silber gewonnen worden. Solches geschah am heiligen Abende des Fronleichnams-Tages, davon der Stollen also den Namen bekommen hat.
508. Die Entstehung von Schöneck.
(I. Nach der poet. Bearbeit. Ziehnerts bei Gräße a. a. O., Nr. 633. II. Nach mündlicher Überlieferung.)
I. Das Städtchen Schöneck soll seinen Namen folgender Ursache verdanken: Einst soll der kaiserliche Landvogt Heinrich Reuß (der Reiche von 1140--1150?) auf der Jagd von seinem Gefolge getrennt worden und auf ein Bärenlager gestoßen sein. Die für ihre Jungen besorgte Bärin sprang auf sein Roß los, dasselbe stürzte von ihrem wütenden Angriffe zu Boden, und es würde um den Landvogt geschehen gewesen sein, da sein Schwert beim Sturze zerbrach, wäre nicht ein junger Köhler auf sein Hülferufen herbeigeeilt und hätte das wütende Tier von hinten mit seinem Schürbaum erschlagen. Der Vogt erlaubte nun seinem Retter sich eine Gnade auszubitten, und derselbe gestand ihm, er habe eine Geliebte, die er aber nicht heiraten könne, weil er zu arm sei; er bitte nur um einen Platz, wo er sich ein Häuschen bauen könne, und um Holz dazu. Da lachte der Reuß und sagte ihm, er möge in seinem Lande sich aussuchen, welchen Platz er wolle, wo er sich ein Haus bauen möge, Holz möge er aus dem nächsten Walde nehmen und Steine brechen, so viele er brauche, und so ihn jemand nach seinem Rechte fragen werde, dem solle er diesen seinen Ring und sein zerbrochenes Schwert, welches er ihm einhändigte, vorzeigen. Darauf zog der Köhler lange mit seinem Liebchen im Vogtlande herum und nirgends wollte denselben ein Ort passend erscheinen; endlich kamen sie auf einen hohen Berg voll Wald und üppigem Graswuchs, da rief sie: »Das ist ein gar schön Eckchen, da kann man weit ausschauen, da wollen wir bauen!« Und so geschah es auch; der Köhler baute sich ein Häuschen und brannte einen Meiler an, und nach und nach zogen auch andere Leute dahin und bauten sich um das Häuschen herum an, und so entstand nach und nach ein Flecken, den hieß man zum Andenken Schöneck.
II. Emigranten aus Böhmen kamen einst in die Gegend von Schöneck. Da gefiel es ihnen so wohl, daß sie ausriefen: »Das ist eine schöne Eck'! hier wollen wir uns anbauen!« Und sie gründeten einen Ort, aus dem später eine Stadt wurde, und nannten ihn wegen der Schönheit des Platzes, auf dem er gegründet wurde, Schöneck.
Nach ~Dr.~ Ulrich Schneider (Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung, 1883, Nr. 31) befand sich an der Südseite des in der Stadt sich erhebenden Friedrichsteines eine jedenfalls zur Zügelung der Slaven erbaute Burg, welche schon um 1225 Schöneck hieß, denn um diese Zeit wird ein Ritter von Schonegge genannt. Später siedelten sich um die Burg Deutsche an, und die aus diesen Ansiedelungen entstandene Stadt hieß anfänglich, wie z. B. 1370 in dem Freibriefe des Kaisers Karl IV., die Stadt »Unter Schöneck«. Die Stadt Schöneck nahm also ihren Namen von der weit älteren Burg an. Der Name der Burg aber ist, wie solches zuerst von Limmer angenommen wurde, kein slavischer, sondern rein deutsch, und als »schöne (d. h. passende) Ecke« zu deuten. Das Wort »Ecke« aber ist eine seit alter Zeit gebräuchliche Bezeichnung für »Vorsprung«. Darnach bezieht sich »schön« auf den für Anlage einer Burg geeigneten Platz und nicht auf die durch die Sage hervorgehobene Aussicht, von welcher bei Gründung des Ortes mitten in den damals hohen Wäldern wohl keine Rede sein konnte.
509. Der Ursprung des Schlosses Bärenstein.
(Peccenstein, ~Theatrum Sax.~ I, S. 89. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, Nr. 243.)
Da, wo jetzt das Schloß Bärenstein liegt, war vor grauen Jahren eine rauhe Wildnis, und es hat einmal einer aus dem Geschlechte derer von Bärenstein mit einem seiner Söhne auf dem Felsen, den jetzt das genannte Schloß krönt, zwei wilde Bären angetroffen. Nachdem diese zum Stehen gebracht worden, ist der Sohn vor dem Vater niedergefallen, willens, den einen abzufangen, allein es ist ihm dies mißlungen, indem ihm der Bär den Spieß zerbrach und ihn den Felsen hinuntergeworfen hat. Hierauf hat die ganze Gefahr den Vater bedroht, allein dieser, über den Fall seines Sohnes, den er tot vermeinte, hart ergrimmt, hat den Bären heftig zugesetzt, sie mit seinem Spieße durchbohrt und den Felsen hinabgestürzt, dann ist er aber zu seinem Sohne hingeeilt und hat diesen wider alles Erwarten noch lebendig gefunden. Von dieser Geschichte hat der Ort den Namen Bärenstein erhalten und ist derselbe nachmals auch auf das Schloß übertragen worden.
510. Die Stiftung des Klosters Altzelle.
(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, Nr. 357. Merkel und Engelhardt, Erdbeschr. von Kursachsen, 2. B., S. 111.)
Einst ist der heilige Benno über Land gereist, und da er an einem öden Orte viele Tauben sitzen sah, prophezeite er, es werde in Kurzem ein neuer Orden dorthin kommen, durch dessen Gebete viele könnten selig werden. Darnach hat Otto, ein Markgraf zu Meißen, dem Cisterzienserorden hier ein Kloster, Zelle genannt, bauen lassen, herrlich begabt und ihnen eingegeben. Ein wunderthätiges Kreuzbild in der Mitte der Klosterkirche, sowie eine Menge Reliquien machten das Kloster bald zu dem berühmtesten und reichsten im Markgraftume Meißen, und ein alter sächsischer Geschichtsschreiber erzählt von den Reliquien, es wären ihrer so viel gewesen, daß er zweifele, ob St. Petrus an der Himmelspforte sie alle namentlich in seinem langen Thorzettel beisammen haben möge.
511. Ursprung von Dippoldiswalde.
(I. Rüger, Beiträge zur älteren Geschichte der Stadt Dippoldiswalde, 1863, S. 4. Lessing, Bemerkungen zu der Frage: Ist der Ursprung und erste Anbau von Dippoldisw. mit histor. Gewißheit nachzuweisen? 1863, S. 6, 7. II. Nach einer handschriftl. Nachricht, welche sich einem der Stadtgemeinde Dippoldiswalde gehörigen Manuskripte: »Der Churfürstl. Sächs. Stadt Dippoldiswalde Statuta und Stadt-Recht etc. Anno 1678« beigelegt findet.)
I. Um das Jahr 930 soll in der Dippoldiswalder Heide ein Einsiedler mit Namen Dippold aus dem Geschlechte derer von Clumme oder Lohmen gelebt haben, um Gott in dieser Abgeschiedenheit mit Beten und Fasten zu dienen und die heidnischen Bewohner zum Christentume zu bekehren. Zu dieser Zeit soll auch die ganze Gegend noch böhmisch gewesen sein. Nun hatte aber der Herzog Wratislaw von Böhmen zwei Söhne, Wenzel und Boleslaw, von denen der erstere durch seine bereits christliche Großmutter Ludomilla ebenfalls zum Christentume erzogen wurde. Darüber entstand zwischen beiden Brüdern Feindschaft, welche so weit ging, daß eines Tages Boleslaw seinen Bruder bei der Taufe eines seiner Kinder meuchlings umbringen ließ. Aber der Brudermörder fand nun keine Ruhe mehr, und um seine Gewissensbisse zu betäuben, suchte er Zerstreuung in der Jagd. Dabei kam er auch in die mit dichtem Walde bedeckte Gegend von Dippoldiswalde, wo er Kunde von dem Einsiedler Dippold erhielt. Er suchte ihn auf und wurde von seiner Frömmigkeit und seinem Zuspruche so ergriffen, daß er sich entschloß, Christ zu werden und sich taufen ließ. Nach empfangener Taufe soll dann Boleslaw nicht weit von Dippolds Klause, am Weißeritzflusse, an der Seite gegen Morgen, wo jetzt die Stadtkirche steht, eine Kapelle gebaut und den Ort zu Ehren des heiligen Mannes ~Sancti Dippoldi Silvam~, d. h. des heiligen Dippolds Wald, genannt und den Ort mit vielen Freiheiten begnadigt haben. Dieser Kirche soll Dippold acht Jahre lang als Priester vorgestanden und viel von den ungläubigen Sorben, welche die angrenzende Landschaft bewohnten, zu leiden gehabt haben. Nach seinem Tode soll er vom Papste Johann X. oder Leo VII. heilig gesprochen worden sein, und weil man angenommen, er thäte nach seinem Tode viel Wunder, soll eine große Wallfahrt nach dem Orte erfolgt und dadurch Dippoldiswalde in Aufnahme gekommen sein.
Noch sieht man in der Heide am Fußwege nach Wendischcarsdorf die Wohnung Dippolds, den Einsiedlerstein, und man zeigt dabei die Küche, sowie im Grunde eine Quelle, den Brunnen des Einsiedlers, und auf der Höhe im Walde zusammengeschichtete Steine, welche einer früheren Kapelle angehört haben sollen. Ebenso war vor Jahren noch der Eingang zu einer Höhle zu sehen, welche sich als Gang bis unter die Totenkirche in Dippoldiswalde fortgesetzt haben soll.
II. Die Stadt Dippoldiswalde hat daher ihren Ursprung und Anfang genommen: Es ist einer mit Namen ~Dippoldus~ des Geschlechts der ~Clomen~ gewesen, welcher sich in seinem Alter in die Wildnis begeben und darinnen etliche Zeit als Einsiedler mit Fasten und Beten Gott gedienet. Seine Klause war in der Dippoldiswalder Heide nahe am Dresdner Steige in einem großen Steine zu finden, und dabei befand sich eine kleine Kapelle, ein Obstgarten und ein Brunnen, was aber alles, bis auf den Brunnen, zerstört worden ist. Als einst der Herzog Wenzel von Böhmen, wohin diese Landschaft ehemals gehörte, auf der Jagd gewesen und den Einsiedler angetroffen, hat er sich mit ihm in seine Klause begeben, und sich nicht allein über des Mannes Heiligkeit und Andacht verwundert, sondern er hat auch nicht weit davon ihm eine Kapelle zu Ehren erbauet, die er nach seinem Namen ~Sancti Dippoldi Silvam~ genannt. Es ist diese Kapelle an dem Flusse Weißeritz, an der Seite gegen Morgen, da jetzt die Stadtkirche stehet, erbaut worden. Der Herzog aber hat diesen Ort mit vielen Freiheiten begnadet und dem heiligen Manne vermacht. Derselbe hat darauf der Kirche acht Jahre lang als ein Priester vorgestanden, das Volk treulich belehret, auch viele von dem Unglauben zum christlichen Glauben gebracht. Wegen seiner Heiligkeit ist er vom Papste canonisieret und von allem Volke verehrt worden, und weil man dafür gehalten, er thäte nach seinem Tode noch viele Wunder, ist eine große Wallfahrt nach dem Platze gehalten worden. Dabei hat nun die Stadt Dippoldiswalde den Anfang genommen und viele Jahre lang als ein offener Flecken bestanden. Als derselbe aber unverhofft von Jahr zu Jahr zugenommen, die Hölzer zum Teil ausgerodet, das dadurch gewonnene Feld bebauet und gute Silberbergwerke angelegt worden waren, aber als ein Grenzflecken bei den Kriegszeiten, da die Herzöge und Regenten in Böhmen und Markgrafen zu Meißen einander oft bekriegt, großen Schaden hat leiden müssen, so hat man zum Schutze gegen die eine oder andere feindliche Partei die Stadt zusammengezogen, ordentliche Gassen und den Markt abgeteilet, und diese mit einer starken Mauer und hohen Türmen, auch mit einer Zwingermauer und tiefem Stadtgraben in der Runde umgeben. Solches ist zu der Zeit geschehen, da der Ort unter die Markgrafen zu Meißen gehörte.
512. Ursprung der Stadt Oederan.
(Staberoh, Chronik der St. Oederan. 1847. S. 15--17.)
In früherer Zeit wurde die von Freiberg nach Chemnitz führende Straße, besonders in der Gegend, wo jetzt Oederan liegt, von den Rittern des Schellenberges und anderen Räubern vielfach beunruhigt.
Im Jahre 1210 reiste ein Handelsmann aus Uffenheim im Frankenlande, mit Namen Sebald Ranius, begleitet von seinem Diener nach der Stadt Julin (Wollin) in Pommern. Als beide von Chemnitz aus glücklich durch die unsicheren Waldungen bis in die Gegend des Wolfsthales gelangt waren, wurden sie von den Räubern des Schellenberges überfallen. Nach heftigem Widerstande blieben sie auf dem Platze in ihrem Blute liegen, während der Wagen mit den Maultieren von den Räubern mitgenommen wurde. Einige herbeikommende Mönche vom Orden der schwarzen Brüder, welche am Ausgange des Wolfsthales, in der Gegend des jetzigen Hospitales bei Oederan, eine Kapelle erbaut hatten und für die Klöster zu Flöha und Chemnitz Almosen sammelten, kamen bald darauf an die Stelle und fanden den Herrn tot, den halbtoten Diener jedoch nahmen sie mit und verpflegten ihn. Als derselbe nach einigen Monaten geheilt war, reiste er wieder nach Uffenheim zurück. Im folgenden Jahre kam die Witwe des erschlagenen Ranius mit dem Diener an den Unglücksort, denn sie trug das Verlangen, den Platz zu besuchen, wo ihr Eheherr gestorben und begraben war. Sie beschenkte die schwarzen Brüder reichlich, ließ in der Kapelle Seelenmessen lesen und verordnete, daß an dem Platze des Überfalls ein Denkstein errichtet werde. Treulich befolgten dies die Brüder, fertigten ein Denkmal, und weil der Erschlagene Ranius, dessen Witwe aber Edda geheißen, so schrieben sie darauf: ~Edda Ranio~, d. h. Edda dem Ranius. Das Denkmal stand an der Stelle, wo sich jetzt der Gasthof zu den drei Schwanen befindet. Der Diener baute daneben ein Gasthaus, um die Pilger mit Speise und Trank zu erquicken. Auch die schwarzen Brüder benutzten diese Gelegenheit, verließen ihre Wohnung bei der Kapelle und bauten sich bei dem Denkmale an, an welchem sie nun ihre Almosen einsammelten. Von der Inschrift des Denkmals aber wurde diese kleine Ansiedelung »Edda Ranio«, genannt, woraus sich mit der Zeit der Name »Eddaran« und »Oederan« bildete. Die Ansiedelung vergrößerte sich, denn es entstand bald darauf eine Schmiede neben dem Gasthofe und später auch ein Kloster, das bald eine größere Menge von Ansiedlern herbeizog. Von diesen Ansiedlern lebt der Name eines einzigen fort, welcher gleich anfangs hier eine Mühle (die Kirschbaummühle) anlegte, und dessen Name sich bis auf unsere Zeiten erhalten hat.
513. Die Gründung von Mittelsayda.
(Kirchengalerie von Sachsen, 2. B., S. 234.)
Der Sage nach ist der Anbau von Mittel- mit Ober- und Niedersayda in der Zeit des Hussitenkrieges unter Ziska und Prokopius zwischen 1419 und 1435 geschehen, da viele der bedrängten Hussiten abwanderten und sich in den waldigen Gegenden des Erzgebirges anbauten. Noch in diesem Jahrhunderte lebten in Obersayda zwei Familien, die Seyfert'sche und Zimmermann'sche, deren Vorfahren zu den Ausgewanderten gehörten.
514. Die Gründung des Dorfes St. Michaelis bei Freiberg.
(E. H. Müller, Beschr. der Bergstadt Brand, 1858, S. 28.)
In einem tiefen, fruchtbaren, mit Laubholz bewachsenen Thale bei Erbisdorf entdeckten einige Mönche aus Zelle ein klares rieselndes Quellwasser. Einem alten, im blutigen Kriegshandwerke ergrauten Ritter, welcher des rohen, wilden Lebens müde war, gefiel die abgelegene friedliche, von Grün umgebene Gegend so sehr, daß er hier sein Schwert niederlegte, eine Hütte erbaute und ein beschauliches Einsiedlerleben führte. Viele Menschen aus der Umgegend besuchten bald darauf den stillen, frommen und zugleich erfahrenen Mann und fragten ihn in besonders schwierigen Lebensfällen um Rat. Vorzugsweise galt er für einen guten Arzt und seine Arten von Thee sollen große Heilkuren bewirkt haben. Das klare Wasser seiner Quelle kam bald in den Ruf, daß es wunderbare Heilkräfte besitze und wider viele Gebrechen und Übel gute Dienste leiste. Später baute man, angeblich ums Jahr 1430, eine kleine Kapelle in der Nähe der Quelle, und der Abt zu Zelle widmete sie dem Erzengel Michael. An der Kapelle zu St. Michael dienten anfangs zwei, später nur ein Priester, der daselbst Messe las und Beichte hörte. Über dem geweihten Altare hing ein uraltes schwarzes, aber wunderthätiges Heiligenbild, von dem man aber völlig im Unklaren blieb, ob es den Erzengel Michael oder die Jungfrau Maria vorstellen sollte.
Die Kapelle, welche später mit dem Heiligenbilde durch einen Brand vernichtet wurde, war der Anfang des Dorfes St. Michaelis.
515. Die Gründung der Kirche zu Niederschönau.
(Nach der Kirchengalerie von Sachsen, 2. B. S. 216.)
Schon zu Zeiten der Kreuzzüge gab es in Niederschönau eine berühmte Wallfahrtskapelle, die Hundskapelle genannt, welche man aus weiter Entfernung besuchte. Die jetzige Kirche soll durch einen Ritter von Mergenheim oder Mergenthal gegründet worden sein. Derselbe hatte sich das Kreuz angeheftet und war zur Wiedergewinnung des heiligen Landes fortgezogen. Dabei that er das Gelübde, wenn er glücklich wieder in die Heimat zurückkehre, wolle er eine Kirche und Pfarrei begründen. So geschah es auch. Für die Pfarrstelle gab er ein ansehnliches Stück Land und eine nicht unbedeutende Waldung her; später aber sollen leider einige Priester ihren Haushälterinnen von dem Pfarrgrundstücke einige Parzellen zu verschaffen gewußt haben, jedenfalls dieselben, welche gegenwärtig mit einem sehr geringen Erbzins für den Pfarrer des Ortes belegt sind.
516. Der Ursprung des Dorfes Waschleite bei Schwarzenberg.
(Oesfeld, Hist. Beschreibung einiger merkwürd. Städte im Erzgebirge. II. 1777. S. 68. Lindner, Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Erzgebirges, I. H., Annaberg, 1844. S. 13.)
In dem Dörfchen Waschleute (Waschleite) hatten sich zu der frommen Klosterzeit in Grünhain Leute angesiedelt, die das Waschen und Scheuern im Kloster versahen; man hatte sich nicht die Mühe genommen, ihrem Ansiedelungsplatze einen Namen zu geben, denn waren sie nötig, so wußte jedermann, wo die Waschleute zu suchen waren. -- Das Gerichtssiegel des Ortes führt ein Waschfaß, an welchem zwei weibliche Personen mit Wäsche beschäftigt sind.
Historisch ist wohl, daß der Ort seine Entstehung und seinen Namen von Erzwäschereien erhielt, welche der reiche Hammerherr Kaspar Klinger 1500 nebst einer Schmelzhütte am Oswaldsbache anlegte. Das Dorf entstand auf einem Teile der Glaßberger Fluren. Das Dorf Glaßberg, welches im Hussitenkriege zerstört wurde, lag am Fuße des Glaßberges (Schatzensteins) und entlang am oberen Teile des Oswaldbaches. (Archiv f. sächs. Geschichte, 12. B., S. 91.)
517. Ursprung des Dorfes Geyersdorf bei Annaberg.
(Richter, Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg, 1746. S. 15.)
Daß lange vor der Erbauung von Annaberg schon Bergbau in der dortigen Gegend getrieben worden, erhellet daraus, daß das Dorf Geyersdorf, ¾ Stunde von der genannten Stadt entfernt, schon vor Gründung derselben angebaut gewesen und eigentlich Häuersdorf geheißen hat. Viele Bergleute von Geyer sind hierher gezogen und haben dem Dorfe den Namen gegeben, indem damals nichts als Häuer und andere Bergleute darinnen gewohnet. Auch hat an dem Pöhlberge ehemals ein Dorf gelegen, darinnen vielleicht auch Bergleute mögen gewohnt haben, welche hernach nach Geyersdorf gezogen sind, und welches Dorf damals, als St. Annaberg erbauet worden, schon wieder wüste gelegen und von seinen Einwohnern vielleicht wegen der gefährlichen Gewitter am Pöhlberge verlassen worden ist.
~Dr.~ E. Herzog nennt einen Ort Witzdorf, welcher ehedem zwischen Annaberg und dem Pöhlberge gelegen haben soll. (Archiv für sächs. Gesch. 10. B., S. 84.)
518. Ursprung des Namens Buchholz.
(Richter, Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg, II. 1748. S. 17.)
Buchholz heißt eigentlich Catharinenberg, und weil auch ein Catharinen- oder Catharberg in Böhmen gelegen, in der Gegend des heutigen Annaberg und Buchholz aber ein Buchenwäldlein oder sogenanntes Buchholz vorhanden gewesen, so ist dieser, durch Erregung des Bergwerks angebaute Ort nach selbiger Zeiten Brauch der heiligen Catharina, als einer vermeinten Schutzpatronin, geeignet, dann aber zum Unterschied des Catharinenberg in Böhmen, St. Catharinenberg im Buchholz genannt worden; doch hat es meistens, nur der Kürze willen, den Namen Buchholz behalten.
519. Ursprung des Namens Grünstädtel.
(Richter, Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg, II. 1748, S. 25.)
Grünstädtel bei Schwarzenberg wird in Schriften »Dorff-Städtlein« genannt. Von Annaberg aus wurden nach seiner kleinen, der heiligen Anna geweihten Kirche große Wallfahrten unternommen. »Maßen denn auf dem Altar noch das Bildnis der St. Anna stehet, die in der einen Hand ~Salvatorem mundi~ mit der Erdkugel hält, und in der anderen Hand den heiligen Johannes; unter dem Bildnisse aber stehet in Holz eingeschnitten: ›O heilige Anna, hilf selb dritt!‹« Das Dorf hatte einen Jahrmarkt samt Brauen und freien Bierschenken, nebst Fleischbank, und darum wurde es »Städtel« genannt, bis nachgehends etliche Häuser nach Pöhla zu angebaut wurden, die man »die Grün« geheißen; so habe man's endlich zusammengesetzt und es sei »Grünstädtel« daraus geworden.
Die Verehrung der h. Anna, Maria's Mutter, war die Veranlassung zur Benennung Annabergs. Herzog Georg hatte bereits 1498 zu Ehren der h. Anna eine Kapelle für die Bergleute auf dem Schreckenberge erbauen lassen, da man von ihrer Verehrung Reichtum erhoffte. Die Inschrift unter ihrem Bildnisse in Grünstädtel: »O heilige Anna, hilf selb dritt«, bezieht sich auf die damalige Vorstellung, daß Anna, Maria und Jesus ganz unzertrennt von einander wären, und man nannte sie daher die erschaffene Dreieinigkeit. In der 1794 geschriebenen Geschichte des Pleißengrundes erzählt der Diaconus Gottlieb Göpfert, daß sich am Kirchthore zu Crimmitschau die Worte eingehauen finden: »Hilf St. Anna selb dritt uns allen Amen!« und er verweist dabei auf eine ähnliche Inschrift in der St. Annenkapelle in Freiberg, welche lautet: »Hilf St. Anna Du Gerechte mit alle Deinem Geschlechte!« Sind diese Inschriften noch vorhanden?
520. Gründung und Name des Dorfes Zschorlau.
(Nach Mitteilung des Lehrers E. Schlegel aus Zschorlau.)
Als einst die Sorben immer weiter nach Süden ins Gebirge gedrängt wurden, kamen sie auch in die Gegend, wo jetzt Zschorlau liegt. In dem dichten Walde, welcher die Gegend bedeckte, gelangten sie an eine frische, sprudelnde Quelle, an der sie ihr Mittagsmahl hielten. Das Thal gefiel ihnen so, daß sie beschlossen, sich hier niederzulassen. Die Quelle nannten sie eine »Zschorle«, aus welchem Worte nach und nach Zschorlau geworden ist. Noch heute wird jener Brunnen gezeigt, derselbe befindet sich im obersten Teile des Dorfes. Früher floß der Quell in einen Wasserkasten, später wurde ein kleines Häuschen darüber gebaut und jetzt fördert eine Pumpe das Wasser zu Tage.
Urkundlich wird das Dorf Zschorlau »Schorl, Schorel, Zschorl« genannt. Nach Immisch ist der Name von dem wendischen ~Zorlo~, die Quelle, abzuleiten.
521. Entdeckung des Karlsbader Sprudels.
(Albinus, Meißnische Bergk-Chronika, 1590, S. 191.)
Im Jahre 1370 ist Kaiser Karl IV. in der Gegend, da jetzt Karlsbad liegt, auf der Jagd gewesen. Nachdem aber ein Hund einem Wild etwas zu sehr nachgefolget und also in das heiße Wasser geraten, hat er alsbald ein großes Heulen und Geschrei angefangen. Als dies die Jäger vernommen und gedacht, der Hund hätte etwas angetroffen und gestellet, sind sie dem Geschrei nachgefolget und haben den Hund in dem heißen Pfuhl oder Moder gefunden. Wie solches dem Kaiser angezeigt worden, ist er mit vielen der Seinen hinunter geritten, und als er und seine Medici nachmals befunden, daß dies Wasser eine heilsame Art an sich hätte, auch solches an seinem eigenen Leib, weil er einen bösen Schenkel gehabt, probiert, hat er befohlen, daß man den Ort säubern, bebauen und bewohnen solle. Er ist auch in willens gewesen, alsbald eine große Stadt zu bauen und dieselbe mit Mauern zu umgeben, wie etliche Stück Mauern am Hirschenstein ausweisen. Daselbst ist noch zu sehen, daß Keller allda gewesen, denn der Kaiser wollte an diesem Orte ein Schloß bauen; weshalb dies aber unterblieben, weiß niemand zu sagen. Nur das wird auch von den Alten gesagt, daß der Ort, da gedachter Kaiser Karl seinen Schenkel gebadet, an der Stelle gewesen, wo jetzt das Rathaus stehet, wie denn noch ein Brunn drunter ist, nicht allzu heiß, sondern etwas laulicht. Daselbst soll man vor Zeiten einen Sessel, in Stein ausgehauen, gezeiget haben.
Historisch ist festgestellt, daß die warmen Quellen von Karlsbad bereits vor Kaiser Karl IV. und zwar schon im 11. Jahrhundert den Umwohnenden bekannt waren. Eine alte Karte, welche den Zustand Böhmens zu Anfang des 13. Jahrhunderts darstellt, hat auf der Stelle, wo sich heute Karlsbad befindet, einen Ort ~Wary~; dieses böhmische Wort drückt aber den Begriff Sieden oder Kochen aus. Jedenfalls entstand, nachdem die gelehrten, sich mit medizinischer Wissenschaft beschäftigenden Mönche der schon frühzeitig in dieser Gegend entstandenen Klöster auf die Heilkräftigkeit des Wassers aufmerksam geworden waren, dann in dem Tepelthale der Ort »Warmbad«, wie Karlsbad vielfach noch im Mittelalter genannt wurde. Historisch ist weiter, daß schon im Jahre 1325 dieses Warmbad vom König Johann, dem Vater Kaiser Karls IV., mit dem nahen Dorf Thiergarten belehnt wurde, und daß Karl IV. das Warmbad, welches er jedenfalls öfter besucht hatte, am 14. Aug. 1370 von Nürnberg aus zur Stadt erhob und derselben dabei seinen Namen verlieh. (S. Ausführliches bei Fr. Bernau, Die Kur- und Badestadt Karlsbad. Comotovia, 5. Jahrg. 1879.)
522. Die Entdeckung der Heilquellen von Teplitz.
(Comotovia, 1877, S. 106. Th. Schäfer, Führer durch Nordböhmen, 3. Auflage, S. 71. Josef Schwarzer in der Erzgebirgszeitung, VI, 9. und 10. Heft.)
Da, wo heute das Dorf Settenz liegt, wohnte einst ein begüterter und mächtiger Wladik oder Edelmann mit Namen Kolostuj. Dessen Hirten hatten eines Tages von ihrer weidenden Herde einige Schweine verloren, welche sie nach vielem Suchen in der Mitte eines nahen Waldes fanden, wie sie mit ihren Rüsseln in einem heißen Sumpfe wühlten. Das Wasser des Sumpfes schien seine Wärme von einem unterirdischen Feuer erhalten zu haben. Eiligst trugen nun die Hirten die Kunde von ihrer wunderbaren Entdeckung ihrem Herrn zu, und dieser verfügte sich sofort an Ort und Stelle und ließ daselbst in der Folge eine wohlbefestigte Holzburg erbauen.
Zu dieser Zeit aber regierte in Böhmen der Herzog Nezamislaus. Da bewog Biela, eine Verwandte des Herzogs und Herrin von Bilin, welche den Wladik Kolostuj wegen des wunderbaren Wassers beneidete, ihren Gemahl Kostial, daß er sich der Quelle durch einen Ueberfall bemächtige. Kostial rückte auch sofort mit 20 Knappen gegen die Burg Kolostuj's, doch mißlang der Angriff, da die Burg unterdeß in Verteidigungszustand versetzt worden war; Kostial fand dabei seinen Tod.
Noch bis zum Jahre 1793 wurden die Fichten gezeigt, unter denen Kostial von dem tödlichen Pfeile getroffen ward, und ebenso zeigt man noch heute bei dem in die Kirchengasse ausmündenden Ausgange des Teplitzer Schloßgartens ein mit zwei Türmchen geziertes Haus, welches als das erste, noch von Kolostuj herrührende Haus der Stadt Teplitz bezeichnet wird. An der Wand eines der Türmchen sieht man ein verwittertes Frescogemälde, das eine Figur darstellt, welche zum Fenster hinaussieht. Es soll den Ritter Kostial darstellen, der an dieser Stelle erschossen wurde. Auch zeigt man an der Korridorwand im Stadthause eine aus dem 17. Jahrhundert stammende bronzene Relieftafel, worauf in guter Ausführung abgebildet ist, wie die ihren borstigen Schützlingen folgenden Sauhirten die warme Quelle entdecken. Eine lateinische Inschrift dabei erzählt in gereimten Versen diese Historie. Sie lautet in deutscher Übersetzung:
»Unter dem Schirme des allerschaffenden dreieinigen Gottes, unter dem Schutze Johannes des Täufers, unter der Regierung des Herzogs Nezamislaus, als Kolostuj hierorts gebot, wurde durch dessen Schweine, die in den Wäldern auf der Weide waren und mit ihren Rüsseln die Thermen aufwühlten, unser Quell 762 entdeckt. Zum Andenken daran ward dieser Stein errichtet, angefertigt von dem Bildhauer Balthasar.«
Die obengenannte Jahreszahl entstammt einer freilich unverbürgten Angabe des altböhmischen Chronisten Menzel Hajek von Libotschan, welcher auch als Tag der Entdeckung der Quelle den 29. August, den Tag Johannes des Täufers, anführt. Josef Schwarz teilt dagegen (Erzgebirgszeitung VI, S. 135) mit, daß man beim Abtäufen der Urquelle 1879 alte Silbermünzen gefunden habe, die dafür zu sprechen scheinen, daß die Wirkung der Teplitzer Thermen bereits den alten Römern bekannt war. Diese Münzen sind vielleicht aus Dankbarkeit für günstige Heilerfolge der Quellennymphe gespendet worden. Auch beim Abtäufen der Riesenquelle bei Dux fand man Bronzeschmuck aus der Heidenzeit.
Der gelehrte Bohuslaw Balbinus vermutet aus dem Umstande, daß sich Kolostuj's Nachfolger, Radobeil Fürst von Teplitz, Saaz und Leipa nannte, es möge Teplitz bald zu den bedeutenderen Städten gehört haben, da sich Herzöge nur nach solchen nannten. Ferner erzählt er, daß einst die Quellen, wie dies auch später im Jahre 1755 bei dem Erdbeben von Lissabon geschah, plötzlich vor den Augen der Anwohner verschwunden seien, was man als eine Strafe der Gottheit ansah, weil sich die Besitzer den Gebrauch der Quellen hätten bezahlen lassen.
Im Gegensatz zu Hajeks Angabe, nach welcher die Entdeckung der Teplitzer warmen Quellen 762 erfolgt sei, giebt der schon genannte Balbinus das Jahr 502 n. Chr. an; von anderen Schriftstellern werden noch die Jahre 507, 616 und 858 angeführt. Das in dem Teplitzer Stadtwappen befindliche Bild des Hauptes Johannes des Täufers, welches auf einer wagerecht gestellten Schüssel ruht, bezieht sich auf die sagenhafte Angabe, daß der Tag der Entdeckung der 29. August gewesen sei. (Erzgebirgszeitung a. a. O.) -- Es ist nicht uninteressant, wie die Sage auch von andern warmen Heilquellen meldet, daß dieselben zufällig durch Tiere entdeckt wurden. So wird z. B. erzählt, die Schwefelquellen des Bades Warmbrunn in Schlesien seien im 12. Jahrhunderte bei einer Jagd des Herzogs Boleslaus von Schweidnitz und Jauer dadurch aufgefunden worden, daß man einen Hirsch aufspürte, welcher, seinem Instinkte folgend, in dem »warmen Borne« als leidendes Tier ein Bad nahm. (Vom Fels zum Meere. Sommerfrische, 1884, S. 500.)
523. Die Namen der Stadt Zwickau.
(Tobias Schmidt, ~Chronica Cygnea~ oder Beschreibung der sehr alten, löblichen und Churfürstl. Stadt Zwickau. Zwickau, 1656, S. 8.)
Einige halten dafür, Zwickau habe vor Alters geheißen ~Cygna~, sei also benannt von dem alten Fürsten ~Cygno~, welcher einesteils für ~Herculis~ Sohn, einesteils für seiner Nachkommen einen, einesteils auch für seinen Wandergesellen gehalten wird. Diesem sollen Gottesdienst und Ehre in der Gegend von Zwickau mit Aufbauung der Tempel und Altäre in der Heidenzeit erzeigt worden sein. -- Andere sagen, diese Stadt habe den Namen von ~Cygno~ des ~Harminii~ und Sachsen-Königs, so den Römer ~Quintilium Varum~ erlegt, Kriegs-Obristen einen, dem denn auch dieselbe Gegend, als einem Statthalter gegeben und zuletzt ganz erblich gelassen worden sei. -- Etliche leiten diesen Namen von demjenigen der alten Fürstin Schwanhildis ab und sprechen, dieselbe ganze Gegend von der Mulde an bis an die Pleiße sei derselben Frauen zu Ehren durch König Karl, Karls des Großen Sohn, nach ihrem Namen ~Cignavia~ oder Schwanenfeld benannt worden, wie auch die Reime am Rathaus vor Alters bezeugt haben, welche also gelautet:
Schwanhildis gherrscht an diesem Ort, Nach ihr Schwanfeld genannt ward.
Dieser Name ist eine lange Zeit gebräuchlich gewesen, nämlich bis auf Kaiser Heinrich des Ersten Zeiten, der Ursach gegeben, den Namen zu verändern und die Stadt vom Verzwicken Zwicka zu nennen. -- Etliche meinen, der Name sei daher gekommen, weil der Kaiser drei Schwanen zur Zeit der Erbauung habe sehen auf der Mulde schwimmen, so hätte er die Stadt davon genannt. Es haben zwar etliche noch andere Meinungen, aber sie können doch dieser nicht vorgezogen werden. Denn sie sagen, Zwicka habe des Namens Ursprung von Zwickbärten, welche die Zwickauer vor Zeiten getragen haben und sonsten nicht jedermann hat tragen dürfen, darauf sie auch sonderlichen sind privilegiert gewesen.
Immisch hat in seiner Arbeit über die slawischen Ortsnamen im Erzgebirge (Annaberg, 1866) die Ableitung des offenbar slawischen Namens Zwickau als von ~Wiki~, der Markt, möglich hingestellt, so daß derselbe dann mit ~Wikow~, dem wendischen Namen für Elsterwerda, gleichbedeutend wäre und so viel als Marktplatz heiße. Jedenfalls entwickelte sich die Ansiedlung infolge ihrer günstigen Lage sehr bald zu einem Handelsplatze; sie lag an den alten Verkehrswegen nach Böhmen zwischen Leipzig und Nürnberg, mußte also besonders im Mittelalter eine Station des Handelsverkehrs zwischen Nord- und Süddeutschland werden.
524. Ursprung des Dorfnamens Rittersberg bei Marienberg.
(Steinbach, Historie des Städtchens Zöblitz. Dresden, 1750, S. 12.)
Das Dörfchen Rittersberg bei Marienberg soll seinen Namen von einem Besitzer des Schlosses Lauterstein haben; und zwar, als es belagert worden, soll der Besitzer, welcher ein Räuber und Schwarzkünstler war, mit einem Pferde herab auf die Wiese gesprungen und das Pferd darüber in der Erde stecken geblieben sein. Hierauf habe er sich auf den Berg, wo das Dörfchen liegt, retirieret und er sei alsdann dort gefangen worden. Von diesem ritterlichen Sprung habe darauf erwähntes Dörfchen den Namen Ritterssprung und nach der Zeit Rittersberg bekommen.
525. Gründung und Name der Stadt Werdau.
(Göpfert, Ältere und neuere Geschichte des Pleißnergrundes. Zwickau, 1794, S. 267.)
Ein Bischof Egidius soll zu der Zeit, als die ganze Gegend noch Wald gewesen, an diesem Orte gejagt haben. Als er hier etwas ausgeruht und geschlummert hatte, sei ein Reh zu ihm gekommen, und da er gerufen: »Wer da!« habe sich das Reh vor ihm niedergeworfen und seine Läufte auf den Schoß gelegt. Da habe sich denn der Bischof entschlossen, die Bäume auszurotten, eine Stadt anzulegen und an dem Ort, wo das Reh zu ihm gekommen, das Rathaus zu bauen, und die Stadt habe daher den Namen »Werda« bekommen. Sie führt im Siegel einen Bischof mit einem Stabe.
526. Der Name der Stadt Frankenberg.
(Schumann und Schiffner, Lex. von Sachsen, 15. B., S. 809.)
Den Namen der Stadt Frankenberg findet man in ältern Urkunden Vrankenberc geschrieben, und man will ihn von den Brüdern Franz und Anton Franke ableiten, welche das berühmte Silber- und Kupferbergwerk am Treppen- oder Trappenhauer jenseits des Schlosses Sachsenburg gründeten oder doch sehr erhoben. Andere aber bringen ihn mit dem Namen Sachsenburg in Vereinbarung.
Auf dem Treppenhauer, wo man früher Spuren von Wällen und Gräben sah, soll nach einer Überlieferung im 13. Jahrhundert die Burgwarte Gozne gestanden haben.
527. Von dem Namen der Stadt Marienberg.
(Kirchengalerie v. Sachsen, 12. B., S. 207.)
Das Gebiet der Stadt Marienberg wurde am 29. April 1521 von ~Dr.~ Ulrich Rülein von Kalbe, Bürgermeister zu Freiberg, welcher im Jahre 1497 Annaberg hatte messen helfen, abgesteckt. Es soll nun Herzog Heinrich die neue Stadt deshalb Marienberg genannt haben, weil sie gleichsam wie eine Tochter aus den Annabergischen Bergwerken entsprungen wäre, oder weil sich bei neulichen Zeiten der Jungfrau Maria Eltern, Anna und Joachim, sehr wohl und reich im Bergbau dieser Gegend zu St. Annaberg und in Joachimsthal bezeiget, habe er solches zum guten Glücke gethan und gemeint, die Tochter werde nicht minder als die Eltern sich wohl lösen.
Es ist bemerkenswert, daß sich in den Städtenamen des Erzgebirges die ganze heilige Familie, nämlich die Eltern der Maria, Joachim und Anna, durch Joachimsthal und Annaberg und die Eltern Jesu, Josef und Maria, durch Josephsstadt und Marienberg vertreten findet. Aus Josephsstadt entstand durch Zusammenziehung Jöhstadt, das als Dorf Gißdorf hieß. Joachimsthal soll nach Meltzer, (Bergkläufftige Beschreibung der löblichen Bergk-Stadt Schneeberg, 1684, S. 26) anfangs von den Bergleuten blos Thal genannt worden sein, »dahero auch dieses Geschrey beym Anfang desselbigen Bergkwerks entstunde: Im Thal, im Thal, mit Mutter mit all!«
528. Ursprung und Name von Elterlein.
(Lindner, Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des sächs. Erzgebirges, 1. H., Annaberg, 1844, S. 57. Grundig, Neue Versuche nützlicher Sammlungen etc., 1. B., 1750, S. 99. Joh. Poeschel im Glückauf, Jahrbuch für das Erzgebirge, 1884, S. 168 etc.)
Vor Jahrhunderten breitete sich eine dichte Waldung von der Gegend von Elterlein bis Wiesenthal aus. Reisenden war in der Nähe, wo jetzt Elterlein liegt, ein Altärlein für die Andacht aufgerichtet, um welches sich bald einige Häuserlein erhoben, die Schutz und Nahrung gewährten. Sie hießen die Häuser am Altärlein und gaben Anlaß für die allmählige Erbauung des Städtchens, welches in seinem Ratssiegel ein Altärlein mit zwei Kerzen und einem Kelche bis zur Stunde führt. Lange Zeit noch erhielt sich die Tradition, daß die Reisenden gemeiniglich unterwegs den Vorsatz gefaßt: »wenn wir zum Altärlein kommen, wollen wir uns Messe halten lassen; daher sei es gekommen, daß der Ort selbst nach und nach Altärlein, oder wie man jetzt schreibt, Elterlein sei genennet worden.«
Nach Richters »Umständlichen aus zuverlässigen Nachrichten zusammengetragenen Chronica der im Meißn. Obererzgebirge gelegenen Königl. Kurfürstl. Sächs. freyen Bergstadt St. Annaberg, II. Theil (Annaberg 1738) S. 31, soll Elterlein so viel heißen als »das ältere Lehen«, ~respectu~ Schlettau, welches bereits vormals den Schönburgischen Herrn zugestanden.«
Nach anderen soll Elterlein ehedem »Quedlinburg« geheißen haben.
Bei den Beschwerden und Gefährlichkeiten des Reisens in früheren Jahrhunderten war es Bedürfnis, daß die Reisenden vor einer Reise Gott um Schutz anflehten und nach derselben für seinen Schutz dankten. Diesem Bedürfnisse kam die Kirche dadurch entgegen, daß z. B. im Jahre 888 auf dem Konzil zu Mainz durch Erzbischof Liutbert dem Reisenden gestattet worden war, in Ermangelung einer Kapelle oder Kirche unter freiem Himmel an geweihten tragbaren Altären Messe halten zu lassen. Ein solcher Altar mochte auch da, wo jetzt Elterlein steht, durch das Cistercienserkloster Grünhain errichtet worden sein. Das Recht, derartige Altäre im Freien anzustellen, gehörte mit zu den besonderen Privilegien der Cistercienserklöster. (S. Joh. Poeschel a. a. O., S. 169.)
529. Ursprung des Namens Hermannsdorf bei Elterlein.
(Richter, Chronica von Annaberg, II, 1748, S. 31.)
Es soll in Hermannsdorf ehemals einer von Adel gewohnt haben, Hermann genannt, von dem habe das Dorf seinen Namen bekommen. Dessen drei hinterlassene Söhne aber, als Simon, Walther und Konrad, hätten die drei nahgelegenen Dörfer Sehma, Walthersdorf und Konradsdorf angebaut und bewohnt.
Um Hermannsdorf hat auch früher ein großer Buchenwald gestanden, also, daß die Annaberg'schen Bergleute, die solches Holz oft geholt, die Hermannsdörfer nur die »Hainbuchner Bauern« geheißen.
530. Ursprung des Namens Crandorf.
(Richter, a. a. O., II, 1748, S. 33.)
Einige Alten wollten wissen, daß der Anbau von Crandorf zur Zeit des Hussitenkrieges im 15. Jahrhundert seinen Anfang genommen habe, da einige von den Verfolgten aus Böhmen in die damals in dortiger Gegend ausgebreiteten Wälder geflohen seien. Sie hätten dann mit Holzschlagen und Kohlenbrennen ihre Nahrung gesucht. Weil nun in den Waldungen mancher »Kohl-Cram«, d. h. Häuschen für die Köhler, anzutreffen gewesen, oder weil sich die Ansiedler zu ihren Wohnungen anfangs nur solche niedrige Hütten gebaut, die einem »Kohl-Cram« nicht unähnlich geschienen, so hätte man den Ort anfänglich »Cramdorf« genannt, woraus später »Crandorf« geworden sei.
531. Ursprung des Namens Grünhain.
(Richter, a. a. O., II, 1748, S. 34.)
Grünhain soll seinen Namen von dem grünen Hain haben, darin die Sorbenwenden ihre Götzen aufgerichtet, oder wenigstens haben sich die Mönche darin verliebt und ihr Kloster darinnen aufgebaut.
532. Von dem Namen Hermannsdorf bei Weißbach.
(Mündlich. Schumann, Lex. von Sachsen, 12. B., S. 548. Sachsens Kirchengalerie, 8. B., S. 31, 59, 60.)
Hermannsdorf oder Hermersdorf ist ein Ortsteil von Weißbach. Seinen Namen soll derselbe von einem gewissen Hermann erhalten haben, dessen Edelsitz nach der Volkssage im untern Teile des Ortes lag, wo man beim Kellergraben verschiedene alte Gefäße und in einem Garten tief in der Erde ein altes Hufeisen gefunden haben will. Man bezeichnet auch noch heute einen Felsen, welcher sich am Abhange eines kleinen, nördlich von Hermannsdorf im Walde liegenden Thales erhebt, als »Hermannsgrab.« Dicht an demselben führt ein Weg vorüber, welcher sich links von dem von Griesbach nach dem Orte führenden Wege abzweigt, und wenn man in unmittelbarer Nähe des Felsens auf diesem Wege scharf auftritt, so klingt es hohl, als ob man sich über einem Gewölbe befinde. Hier soll der genannte Hermann, welcher auch ein berühmter Heerführer gewesen sein soll, in einem silbernen Sarge begraben liegen. Manche erzählen, daß von dem Hermannsgrabe ein unterirdischer Gang bis nach Hermannsdorf führe. In dem anstoßenden Walde sind schon viele Leute des Nachts durch Lichter irre geführt worden, oder sie erblickten an dem oben erwähnten Felsen den Schlangenkönig mit goldener Krone. Früher war es Sitte, daß die Schützen von Hermannsdorf bei einem ihrer Feste jedes Jahr mit Musik nach diesem Platze zogen.
Am Hermannsgrabe sollen auch 1718 die acht Steinplatten mit uralten Inschriften gefunden worden sein, welche sich seit dem Jahre 1753 im Schlosse zu Wildenfels befinden. Die eine dieser Platten nennt einen »Hermin«, und man vermutet (jedoch mit Unrecht), daß dies ein Sohn Markgraf Eckarts I. gewesen sei, welcher zwischen 1029 und 1032 von den aufständischen Sorben erschlagen wurde. Auch verlegt die Volkssage in die Gegend, nämlich auf eine südlich von der Kirche zu Weißbach, dicht am Kirchhofe liegende kleine Anhöhe, welche früher mit einem Walle umgeben gewesen sein soll, die Stelle, wo einst die Rammels-, Rommels- oder Rummelsburg stand. Von dieser aus soll jener Hermann gegen die Sorben zu Felde gezogen sein.
Die genannten 8 Steinplatten bestehen bis auf eine, welche eine Grünschieferplatte ist, aus Thonschiefer. Adelung hat seiner Zeit die Inschriften für die ältesten Denkmäler obersächsischer Mundart erklärt. Sie lauten: ~1. Voir glabbe alla in ainen Got Vade Vahan.~ (Nun folgen die Figuren einer Krone, einer Geißel und eines Kreuzes.) ~2. Diser hogn ist im tuszend and tr... nati Chrs. 3. Da laitgodsa hermin was of a man Künglg anita vilil starn Amshabt and üm handa üm dar alaigt üm dar akogl haer um gumers din was dar bool bor. 4. Daristain haldi laits tuai. 5. sgrab dar harmit ludott bottai. 6. Dia Hermandr barrtn sundr sandan boolbor. 7. Das awas ab hagods. 8. Das Gebat~ (eine Überschrift des nun folgenden, aber nur bruchstückweise noch vorhandenen Vaterunsers) ~Voder onser du bist im Himel ... dein Voill gescho ...~
Nach Joh. Gottfried Wellers Erklärung besagt die Inschrift Folgendes: Wir glauben alle an einen Gott, Vater von (wegen) der Dornenkrone, der Geißel und des Kreuzes (des Leidens Christi). Dieser Hügel ist im tausend und dritten (13ten oder 30sten) Jahre ~Nat. Christi~. Da liegt Hermann, welcher war ein königlicher Mann hienieden, viel (vortrefflich) regierend amtshaft (amtsmäßig) und umhanden (um der Beschaffenheit oder Gelegenheit wegen). Darum er liegt am Ende des Eichhügels. Herr, um deines Jammers willen war er wohlgefahren. Der Stein enthüllt zwei Leute, des Grabs in dessen Mitte sie gelegt wurden. Die Hermunduren (Kriegsmänner) wurden (sind) wohlgefahren (selig gestorben) auch ohne Mönchskutten (~santan~ wahrscheinlich von ~sanctum~, weil hohe Personen sich im Mittelalter zum Beweis ihrer Frömmigkeit gern in Mönchskutten begraben ließen). Das war ihres Herrgotts wegen. Das Gebet. Vater unser u. s. w.
533. Entstehung des Namens Gottesgab.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 71. Krieglstein in der Erzgebirgszeitung, 5. Jahrg. 3. und 4. Heft.)
Auf einem überaus stiefmütterlich ausgestatteten, unwirtbaren und frostigen Moorplateau des an Naturschönheiten aller Art reichen Erzgebirges liegt hart an der sächsischen Grenze Gottesgab, die höchstgelegene Stadt der österreichisch-ungarischen Monarchie. Ursprünglich Wintersgrün genannt, erhielt dieses Städtchen seiner Silbererze wegen, die hier im 16. Jahrhunderte zu Tage gefördert wurden, gar bald von frommen und dankbaren Bergleuten den bedeutungsvollen Namen: Gottes Gabe.
Der Sage nach verdankt Gottesgab die Entstehung seines Namens dem Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen. Als derselbe nämlich eines Tages mit seinem Gefolge nach Wintersgrün kam, das dazumal zu Sachsen gehörte, und den blühenden Bergbau in Augenschein nahm, setzte man ihm einen aus einer Silberstufe ausgehauenen Sessel zum Niedersetzen vor. Der fromme Kurfürst aber soll dieses Anerbieten mit den Worten abgewiesen haben: »Das ist Gottesgabe, und so soll die Stadt hinfüro genannt werden.« Daher hieß in der Folge die Bergstadt Gottesgab.
Nach einer andern Sage kam der Kurfürst Johann Friedrich einst mit seinem Jagdgefolge in die waldreiche Gegend der Hochebene. Da traf es sich, daß sein edles Roß, mit dem Hufe die Erde stampfend, ein ansehnliches Stück Silbererz zu Tage förderte. Über solch reichen Bergsegen erstaunt, rief der Fürst aus: »Das ist eine Gottesgabe!« Und darnach wurde bald darauf die infolge der daselbst brechenden reichen Silbererze entstehende Ansiedelung genannt.
534. Die Entstehung des Namens Abertham.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 83.)
An einem kleinen Bache, der roten Wistritz, liegt unweit am Fuße des waldlosen, gras- und moosbewachsenen Pleßberges auf einem rauhen Hochplateau das alte Bergstädtchen Abertham, über dessen Namensentstehung die Sage folgendes berichtet: Als um das Jahr 1529 ein Bergmann in der Aberthamer Gegend eine Silberader verfolgte und bei seiner Arbeit einen Damm schlug, wurde er von einem Fremden, der gerade vorüberging, gefragt, was er hier mache. Der Angeredete, welcher sich in seiner Beschäftigung nicht stören ließ, sagte kurz und schnauzig: »Einen Damm.« Der Fremde ging seines Weges weiter, kam aber nach kurzer Zeit wieder zu dem Orte, wo er den emsigen Bergmann bei der nämlichen Arbeit beschäftigt fand. Diesmal werde ich mit der Antwort glücklicher sein, dachte der Fremde und sprach: »Guter Freund, sagt mir doch, was für Arbeit Ihr da vollführt?« Allein der Bergmann gab ärgerlich, weil ihm entweder die Arbeit nicht gelingen wollte, oder er den Fragesteller, dem er schon einmal Rede gestanden, wieder erkannte, zur Antwort: »Aber einen Damm!« Aus diesen Worten entstand für die neue Bergkolonie der Name: »Am Abertham,« der in der Folge als »Abertham« dem Städtchen verblieb. Manche Leute aus der Umgebung gebrauchen noch die alte übliche Benennung: »Am Abertham.«
535. Ursprung des Namens der Stadt Platten.
(Albinus, Meißnische Bergk-Chronica, 1590, S. 48.)
Es geben etliche für, die Platten soll ihren Namen haben vom ~Petro Plateano~, dem hochgelehrten Mann und wohlverdienten weitberühmten Schulmeister, welcher zu der Zeit, da er der Schul in Joachimsthal fürgestanden, bisweilen selbst am selben Ort geschurft haben soll, wie auch auf der Gottesgab. Soll des Morgens frühe mit etlichen großen Schülern aufgestanden sein, auf dieselben Gebirge hinaus gelaufen, geschurft und gearbeitet haben, bis zu der Zeit, da er in der Schul ~laboriren~ sollen.
536. Ursprung und Namensentstehung von Bärringen.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 86.)
Das ganze obere Erzgebirge war vor ungefähr 400 Jahren noch mit einem dichten Urwald von Fichten, Eichen und Buchen bedeckt, in welchem Eber, Dachse, Luchse, Elenthiere, Biber, Wölfe und Bären hausten. Auf das Vorkommen solcher Thiere weisen viele Bezeichnungen von Plätzen hin. So giebt es beispielsweise in der Umgebung von Platten einen Wolfsberg, eine Wolfspinge, einen Bärenfang, bei Salmthal am Abhange des Wölflings ein Bärenloch, bei Mariasorg einen Wolfsberg. Ja die Sage schreibt einem Bären sogar den Ursprung und Namen des Städtchens Bärringen zu. Sie lautet: Einst fuhr ein Bergmann von dem Dörfchen Irrgang nach dem heutigen Bärringen und bemerkte abseits des Weges im Walde, in der Gegend des sogenannten schwarzen Teiches, einen gewaltigen Bären, der mit seinen Tatzen die Erde aufwühlte, um sich ein Lager zurecht zu richten. Der Mann suchte, das grimmige Tier fürchtend, das Weite. Als er aber später auf demselben Wege nach Irrgang zurückfuhr, war von dem Bären nichts zu sehen. Deshalb ging er auf den Ort zu, wo der Bär gescharrt hatte, und erblickte erstaunt einen Schurf (Ring, Kreis), aus welchem Zinngraupen von ungewöhnlicher Größe hervorblinkten. An dieser vom Bären entblößten Lagerstätte von Zinnerz wurde im Jahre 1532 der Bergbau begonnen, dem das Städtchen, das durch Vereinigung der Wörter »Bär« und »Ring« den Namen Bärringen erhielt, seinen Ursprung verdankt. Darauf soll auch das Stadtwappen deuten, welches einen Bären vorstellt, der einen Ring in der Pfote hält.
Andere erzählen, daß Bärringen in seinen ersten Anfängen nur aus wenigen zerstreut liegenden, armseligen Hütten bestanden habe, welche Bergleute bewohnten. Eines Tages sahen mehrere Bergknappen zwei Bären im erbitterten Kampfe mit einander ringen. Als in der Folge mit dem Aufschwung des Bergbaues sich die Ansiedler mehrten und die Niederlassung zu einem zusammenhängenden und ansehnlichen Orte anwuchs, wurde dieser »Bär-Ringen« genannt, woraus sich im Laufe der Zeit das Wort Bärringen bildete.
Nach einer anderen Sage soll ein Bergmann mit einem Bären gerungen haben.
Ein jüngerer Bruder des ritterlichen Grafen Stephan Schlick, durch dessen vortreffliche Fürsorge Joachimsthal zu einer reichen, dichtbevölkerten Stadt emporblühte, verlor einmal auf einer Jagd im dunkeln Tannenforst der Bärringer Gegend einen prachtvollen Ring. Alles Suchen blieb erfolglos. Da bemerkte kurze Zeit darauf ein Bergmann auf einem alten Gemäuer einen Bären, der den verlorenen Ring des Grafen Schlick im Rachen hielt. Auch von dieser Begebenheit sucht man durch Verknüpfung der Wörter »Bär« und »Ring« die Benennung des Städtchens Bärringen abzuleiten.
537. Die Entstehung von Jahnsbach bei Thum.
(Dietrich und Textor, Die romantischen Sagen des Erzgebirges, 1822, I, S. 134 etc. Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, Nr. 41. Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen o. J., S. 105.)
Ein Wandersmann, mit Namen Jahn, irrte bei Nacht in der Gegend des Greifensteins im Walde umher. Da trat ihm plötzlich eine zwerghafte Geistergestalt entgegen und winkte, ihm zu folgen. Nicht ohne Grausen folgte Jahn. Über Stock und Stein führte ihn der Zwerg, bis sie endlich an eine Höhle kamen, die sich, sobald sie eintraten, mächtig erweiterte und ein prächtiges Ansehen gewann. Die Wände waren von Silber, die Tische und Stühle von Gold. Tausend krystallene Leuchter mit langen Kerzen verbreiteten einen blendenden Glanz über das ganze Gewölbe. Zwölf Männer in stattlichen Rittergewändern und mit langen Bärten saßen an einer Tafel und speisten. Der Zwerg lud den erstaunten Jahn ein, sich zu setzen und am Mahl teilzunehmen. Der Hunger besiegte die Schüchternheit, -- Jahn setzte sich und aß und trank von dem, was ihm der Zwerg bot. Noch nie hatte er so köstlich getafelt; er ward erquickt und allmählich getrosten und frohen Mutes. Die zwölf schienen sich über ihn zu freuen und geboten dem Zwerge, sein Ränzel zu füllen. Mit herzlichem Danke schied Jahn von seinen gastfreien Wirten. Der Zwerg führte ihn aus der Höhle, welche, wie Jahn jetzt bemerkte, im Greifensteine war, und geleitete ihn auf die Straße, welche nach Böhmen führte und auf welcher Jahn sich nicht mehr verirren konnte. Dann verschwand er.
Als nun Jahn sein Ränzel auspackte, um zu sehen, womit ihn die freigebigen Geister beschenkt hatten, da fand er in demselben eine ziemliche Anzahl Barren gediegenen Goldes und Silbers. Voller Freuden gelobte er, dasselbe recht gut anzuwenden. Er baute also in der Gegend des Freiwaldes bei Thum mehrere Häuser, welche er armen Leuten ohne Mietzins überließ, und that auch sonst allerlei Gutes an Kranken und Armen. Später, als die Zahl jener Häuser sich vermehrte und ein ganzes Dorf daraus entstand, ward dasselbe ihm zum Andenken Jahnsbach genannt.
538. Woher der Name des Dorfes Müglitz bei Lauenstein stammt.
(Ed. Haller, Kurzgefaßte Volkssagen über den Mückenberg. Mückenberg, 1880. S. 8.)
Zu der Zeit, da auf dem Mückenberge bei Graupen reiches Zinnerz brach, wurde noch nicht mit genügender bergmännischer Vorsicht gebaut, so daß infolge dessen ein großer Teil des Berges samt zwei Arbeiterhäuschen im 14. Jahrhunderte untergingen. Dadurch ist die große Pinge am Mückentürmchen entstanden. Damals lebten auch die drei Gebrüder Müchle als Zinngrubenbesitzer in der Gegend, von denen das Dorf Müglitz (Michlitz) abstammen soll.
539. Ursprung des Namens Wolkenstein.
(Köhler, Histor. Nachrichten von der Bergstadt Wolkenstein. Schneeberg, 1781, S. 3. O. Mosen, Reisehandbuch für das sächs. Erzgebirge, 1882, S. 65.)
Wolkenstein soll seinen Namen von der Höhe des Schlosses, indem es fast die Wolken erreiche, und von dem Steine oder Felsen, auf welchem es erbaut ist, führen. Nach anderen stammt der Name von seinem mutmaßlichen Erbauer Bolko von Waldenburg, weshalb es eigentlich Bolkenstein heißen müßte.
540. Ursprung des Namens Eibenstock.
(Oettel, Alte und neue Historie der Bergstadt Eibenstock, 1748, S. 1 u. 2.)
Man will vorgeben, es hätte ehedem an dem Orte, wo jetzt die Kirche von Eibenstock erbauet ist, eine Eibe gestanden, bei deren Stock die anfahrenden Bergleute sich versammelt hätten; davon soll der Name der Stadt herkommen. Auch wurde erzählt, es sei aus dem Stamme der Eibe das früher in der Kirche stehende Kruzifix, nach anderen aber der Pfeiler der Kanzel gemacht worden.
541. Der Name des Schlosses Pürstein.
(Erzgebirgs-Zeitung, 1880, S. 67.)
Der Name des Schlosses Pürstein ist erst seit diesem Jahrhundert eingeführt. In früheren Zeiten hieß es Birsenstein, Pirssinstein, Pirschanstein, Pirkenstein. Der Name soll von einem alten Ritter herstammen, der mit Vorliebe in dieser Gegend »auf die Birsche« ging.
542. Ursprung des Ortsnamens Reitzenhain.
(Erzgebirgs-Zeitung, 1882, S. 41. Kirchengalerie, 12. B., S. 180.)
Reitzenhain erhielt nach Angabe der Eingebornen auf eigentümliche Art seinen jetzigen Namen. Da in früheren Zeiten der ganze Verkehr den Straßenfuhrwerken überlassen war, haben die Fuhrleute jedes an der Straße gelegene Wirtshaus »Han« genannt. Da nach ihren Berechnungen dort, wo jetzt Reitzenhain liegt, der dreizehnte »Han« war, so wurde dieses einzelnstehende Wirtshaus der dreizehnte Han, dann Dreizehnhan, Reitzenhan und endlich Reitzenhain genannt. Man schätzte dabei den dreizehnten Han als gleichweit von Leipzig und Prag entfernt.
543. Ursprung und Name des Bergstädtchens Brand.
(I. Wilisch, Kirchen-Hist. von Freyberg etc., II. S. 300. II. Novellistisch in E. H. Müllers Beschr. der Bergstadt Brand, 1858, S. 6 etc.)
I. Das Städtlein Brand soll seinen Namen daher haben, weil anfangs lauter Wald und Busch allhier gewesen, welchen nach der Zeit eine unvermutete Feuersbrunst größtenteils verzehret; darauf Gott Bergwerke in dieser Gegend gezeiget, und so hätte man anfänglich schlechte Zechen und Hüttenhäuser, da aber der Bergsegen sich reichlich vermehret, Wohnhäuser zu bauen angefangen, und habe sich das Bergvolk häufig allhier vermehret.
II. In dem Walde, welcher einst die Gegend, wo jetzt das Städtchen liegt, bedeckte, wohnte einst mit seiner Tochter der Köhler Klaus. Derselbe hatte in seine Hütte einen jungen Mann aus dem Thüringer Lande aufgenommen, welcher ihm als Gehülfe dienete und sich bald um die Gunst von seines Herrn Tochter Margaretha bemühte. Da geschah es eines Tages, daß auch ein junger Bergmann in die Hütte kam, der im Walde in eine Wolfsgrube gestürzt war und sich dabei so verletzt hatte, daß er einen vollen Tag bei dem Köhler verleben mußte, um sich zu erholen. Er stammte aus dem nahen Freiberg, und bald wurde er der Liebling des Vaters Klaus und der Verlobte von dessen Tochter. Darüber wurde der fremd zugereiste Gehülfe ergrimmt und in der Nacht nach der Hochzeit Margarethens mit dem fremden Bergknappen führte er seinen Racheplan aus. Plötzlich wälzte sich eine Feuerwolke über dem Boden hin, von allen Seiten kamen die Flammen gezüngelt und ergriffen auch sehr bald die Hütte des Vaters Klaus, in welcher alle im friedlichen Schlummer lagen. Nur mit Mühe entgingen die Neuvermählten dem Tode, ihr Vater aber kam in dem grausigen Flammenmeer, welches den größten Teil des Waldes verzehrte, um. Das Feuer wütete den ganzen folgenden Tag und eine Nacht hindurch, bis am nächsten Morgen ein gewaltiger Gewitterregen den Flammen ein Ziel setzte. Das junge Paar flüchtete nach Freiberg, wo die Glocken stürmten und von wo aus eine Rettungsschar den Fliehenden bereits entgegenkam. Erst am vierten Tage zogen die Flüchtlinge wieder hinaus auf die Brandstätte. Sie gingen in Freiberg von Haus zu Haus, suchten ihre ebenfalls mit ihnen aus den übrigen zerstreuten Köhlerhütten geflüchteten Gefährten und sprachen: »Wir wollen auf den Brand gehen!« Von der Hütte des Vaters Klaus, sowie von den übrigen Wohnungen war nichts mehr zu sehen, nur hie und da fanden sich Menschengebeine, welche man sammelte und in geheiligter Erde, auf dem Kirchhofe in Erbisdorf begrub. Als man dann an den alten Plätzen wieder Grund zu neuen Wohnungen grub, fand der Knappe eine Stufe rotgültigen Erzes und er legte die erste neue Grube auf dem Brande an, welche man später zum Gedächtnisse des göttlichen Segens den »Segensfürsten« nannte. Der Ruf von dem Silberreichtume verbreitete sich weiter und bald zogen noch andere Bergleute herbei, welche sich daselbst anbauten. Später wurden diese Berghütten, Wald- und Zechenhäuser auf dem Brande unter der Regierung des Herzogs Georg des Bärtigen im Jahre 1515 zu einer Gemeinde vereinigt und der Ort erhielt von da an den Namen »Bergstadt Brand.«
544. Ursprung des Dorfnamens Weißenborn.
(Sachsens Kirchengalerie, 2. B., S. 164.)
Das an der von Freiberg nach Frauenstein führenden Straße gelegene Dorf Weißenborn hat seinen Namen von einem unfern der Mulde vorhanden gewesenen Brunnen, welchem man Heilkräfte zuschrieb und bei welchem sich bisweilen eine weiße Frau sehen ließ.
545. Ursprung des Namens Conradsdorf.
(Sachsens Kirchengalerie, 2. B., S. 167.)
Conradsdorf, das einzige Dorf dieses Namens in Sachsen, liegt eine Stunde von Freiberg entfernt. Vermutlich hat es seinen Namen von seinem Erbauer und ersten Besitzer Conrad, obwohl behauptet wird, daß es dem Kaiser Conrad zu Ehren so genannt worden sei, der es mit besonderen Freiheiten begnadigte, die bis in die neueren Zeiten sich erhalten hatten.
546. Von dem Namen des Dorfes Ursprung.
(Sachsens Kirchengalerie, 8. B., S. 88.)
Der frühere Name des Dorfes Ursprung bei Hohenstein-Ernstthal ist Morspurg gewesen. In der Umgegend findet sich dafür die geläufigere Benennung Morspring. Nach einer sagenhaften Überlieferung soll der jetzige, um die Zeit der Reformation an seine Stelle getretene Name davon herrühren, daß aus dem oberen Gemeindeborne des Dorfes der Lungwitzbach entspringt, oder daß der Ort zur Zeit der Reformation das erste evangelische Pfarramt in dieser Gegend bekam.
547. Der Name des Dorfes Wüstenbrand.
(Sachsens Kirchengalerie, 8. B., S. 68.)
Nach einer Sage hat das Dorf Wüstenbrand bei Hohenstein-Ernstthal in uralten Zeiten einen anderen Namen gehabt, ist in der heillosen Zeit des großen Interregnum »verwüstet« und »verbrannt« und erst in der Folge unter den Hohenstaufen wieder hergestellt und mit seinem gegenwärtigen Namen belegt worden. Ebenso ist nach einer Sage Wüstenbrand als Filiale zu Pleise geschlagen worden, als das Dorf Gecksdorf, von dessen Lage zwischen dem Rabensteiner Walde und den Meinersdorfer Fluren sich bis auf die neuere Zeit Spuren erhalten haben, im Hussitenkriege völlig zerstört worden war.
548. Der Name des Dorfes Crossen.
(Sachsens Kirchengalerie, 8. B., S. 75.)
Laut Nachrichten aus einem alten Kirchenbuche stammt der Name des Dorfes Crossen bei Zwickau von dem slavischen Worte ~croszove~, d. h. zerrissen oder zerstückelt, her. Denn da es von Slaven erbaut worden und sie, wie sie dem sumpfigen Terrain nach und nach trockenes Land abgewannen, dasselbe unter sich verteilt haben, so haben die Bewohner ihre Grundstücke vereinzelt und nicht beisammen.
Immisch (die slav. Ortsnamen im Erzgebirge) ist nicht geneigt, den Namen für einen slavischen gelten zu lassen, vielmehr hält er unser Crossen, sowie alle Orte, welche dieselbe Benennung haben, für fränkische Ansiedelungen. Er verweist dabei auf die in deren Nähe liegenden Orte Frankenau (2 Stunden von Crossen bei Mitweida, 3 Stunden von Crossen bei Zeitz) und Franken (6 Stunden von Crossen bei Luckau); Crossen bei Zwickau ist von einem Frankenau ungefähr 3 Stunden entfernt.
549. Die frühere Lage und der Name von Gersdorf.
(Beschreibung über die Kirche zu Oberlungwitz, St. Martin genannt etc. von dem dortigen Schulmeister aufgezeichnet, 1766. Manuskript.)
Gersdorf soll vor Zeiten ganz anders gelegen und die Kirche oben im Hofgraben gestanden haben, bis sie durch Kriegsverwüstung ihren Untergang allda gefunden hat. Das Dorf soll nicht weiter als bis dahin, wo jetzt Hüllbert wohnt, gegangen sein. Die obere Hammermühle soll damals in einem dicken Walde gestanden haben und davon umgeben gewesen sein. Da aber der Bach vorher den Namen »Gersche« geführt haben soll, so hätte das Dorf, nachdem es weiter abwärts angebaut und auch die Kirche weiter herunter gesetzt worden wäre, vom Wasser den Namen Gersdorf bekommen.
550. Der Ursprung des Namens Silberstraße.
(Meltzer, ~Historia Schneebergensis~, S. 1102.)
Edelmann von Uttenhoff auf der Armen-Ruhe, ein alter und getreuer Diener der Kurfürsten von Sachsen, brachte einst zu Zwickau bei einem Landesfürsten folgende Bitte mündlich vor: Dieweil aus Gottes Segen das reiche Bergwerk zu Schneeberg geoffenbaret und desselben Lob in aller Welt erschollen wäre, zögen viel Fürsten, Grafen, Herren, Ritter, Edel- und andere gute, redliche Leute nach demselben, und müßten dabei meist bei ihm durch, wodurch sein und seines Geschlechtes Namen weithin bekannt würde. Aber es stünde nicht wohl, wenn man fragete, wer er sei? und geantwortet würde: Es ist der von Uttenhoff auf der Armen-Ruhe. Da nun das Erz und Silber bei ihm nach Zwickau durchgeführt würde, so bäte er unterthänigst, man wolle ihm seines Gutes und Dörfleins Namen »die Armen-Ruhe« in der Landtafel auslöschen und dasselbe dafür die »Silberstraße« nennen zu lassen. Dies würde ihn in ein größer Ansehen bei den Leuten bringen, da er doch ohne das, wenn nur sein Name nicht also bekannt werden sollte, wohl mit dem alten Namen zufrieden gewesen wäre. -- Diese Bitte wurde dem Uttenhoff gewährt, und der Armen-Ruhe Namen also geändert, daß bis diese Stunde noch das Dorf die »Silberstraße« und die dabei befindliche Muldenbrücke die Silberstraßer Brücke heißt.
551. Ursprung der Namen Frauenstein, Purschenstein, Pfaffroda, und Rechenberg.
(Mündlich, desgl. bei Bahn, Das Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein, 1748, S. 19.)
Auf der jetzt in Ruinen liegenden Burg Rechenberg hausten einmal mächtige Ritter. Dieselben hatten in Frauenstein ihre Frauen, in Purschenstein ihre Burschen, in Pfaffroda wohnte ihr Pfaffe und in Rechenberg machten sie die Rechnung und teilten den Raub. -- Die genannten Schlösser sollen auch durch unterirdische Gänge mit einander verbunden gewesen sein.
552. Der Name des Fleckens Bockau.
(Nach Ziehnerts poet. Bearbeitung bei Gräße, Sagenbuch des K. Sachsen, No. 579.)
Die Bewohner des Bergfleckens Bockau bei Schneeberg ernährten sich sonst vorzugsweise durch den Anbau von Arzneikräutern und den Handel damit. Sie zogen damit, sowie mit Pulvern, Tropfen, Pillen und dgl. mehr auf Jahrmärkte und waren einst wie die Königsseer häufig im deutschen Vaterlande anzutreffen. Die Sage erzählt, es habe sich einst in jenem Thale, in welchem jetzt der Flecken Bockau liegt, ein Bock, das einzige Eigentum eines armen Gärtnersohns, verlaufen. Sein Herr, der ihn gesucht, habe ihn endlich mitten unter den kostbaren Arzneikräutern wohlbehalten wieder gefunden, habe sich den Platz genau gemerkt und sei dann durch das Sammeln und den Verkauf jener Kräuter sehr bald wohlhabend geworden. Nach und nach hätten sich daselbst mehrere niedergelassen und den neuen Wohnort zur Erinnerung an seinen Ursprung Bockau genannt.
Historisch ist, daß der Kräuter- und Medikamentenhandel der Bockauer erst gegen das Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts begann. Die in dem Orte wohnenden Schachtelmacher, und unter diesen zuerst zwei Brüder Weiß, füllten ihre Schachteln anfänglich mit gedörrten medicinischen Wurzeln und Kräutern, welche sie an Apotheker und Laboranten und später auch als Hausmittel an andere Leute verkauften. (Körner, Nachrichten von Bockau, S. 346--355).
In der Einleitung zum ersten Abschnitte des Sagenbuchs wurde bereits darauf hingewiesen, daß der Name des Ortes nicht von dem slavischen ~bóh~, d. i. Gott, sondern von dem slav. ~buk~, die Buche, und dem davon gebildeten Adjektivum ~bukowy~ abzuleiten ist. Aus ~bukowy~ entstand Bockau, was wir demnach mit Buchwald oder Buchholz zu übersetzen hätten. Dasselbe gilt auch von dem Ortsnamen Bockwa bei Zwickau. Bockau und Bockwa wurden in früherer Zeit mit u geschrieben. (Immisch, a. a. O., S. 8.)
553. Ursprung des Ortsnamens Remse.
(Kirchengalerie von Sachsen, 12 B., S. 87.)
Der Name des Kirchdorfes Remse zwischen Glauchau und Waldenburg scheint auf das lateinische ~remissa~, die Erlassung, hinzuweisen. Eine Sage erzählt, es habe sich in dem früher daselbst befindlichen und in dem 12. Jahrhundert gestifteten Nonnenkloster ein wunderthätiges Marienbild befunden, zu dem die Ablaß Suchenden aus der Nähe und Ferne wallfahrteten. Von einem Erker des jetzt sogenannten roten Stockes aus habe dann der Probst den Segen erteilt und die Gläubigen mit den Worten entlassen: »~peccata sunt vobis +remissa+~« (d. h. die Sünden sind euch vergeben). Daher der Name Remse.
554. Der Ursprung der Bergstadt Sebastiansberg.
(Comotovia, 2. Jahrg. 1876., S. 10.)
Es wird erzählt, daß im Jahre 1364 der Prager Bürger Johlin Rotlöw mit Bewilligung Karls IV. seinen besten Bergmeister in die Gegend des Gebirgs, wo jetzt Sebastiansberg liegt, sandte, um Erze zu suchen. Er hatte so glücklichen Erfolg, daß sich die Bergleute sogleich die ersten Häuser bauten. Man nannte nun den neuen Ort Paßberg, weil bereits der Berg, auf welchem die Stadt steht, und welcher die Grenze bildete und zum Aufpaß und zur Sicherung der Fuhrleute und Reisenden mit einem Militärposten besetzt war, den Namen Paßberg führte. Aus Paßberg soll mit der Zeit der Name Sebastiansberg entstanden sein. Nach einer anderen Sage soll jedoch Sebastiansberg anfänglich den Namen Neustadtl geführt haben.
Richtig ist wohl, daß die Stadt ihren Namen dem Sebastian von Weitmühl verdankt. Von demselben wurde Sebastiansberg des Bergbaues wegen, aber keinesfalls vor 1519 gegründet; er erbaute daselbst auch eine kleine Kirche, die auf Wunsch seiner Unterthanen nach seinem Namenspatron zu St. Sebastian benannt wurde. Von der Kirche ging der Name auch auf die ganze Ansiedelung über.
555. Der Name der Stadt Sonnenberg.
(Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 71.)
Die Veranlassung zur Gründung der Stadt Sonnenberg gab der in dortiger Gegend einst stark betriebene Bergbau auf Silber, Kupfer, Zinn und Blei. An einem nebligen Morgen, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, so erzählt die Sage, sandte der Grundherr, der ein Lobkowitz auf Hassenstein war, einige seiner erfahrenen Bergleute auf die Höhen mit dem Auftrage, dort, wo die Sonne am ersten durch das trübe Gewölk brechen würde, einzuschlagen und das Bergglück zu suchen. An dem Orte nun, wo jetzt Sonnenberg steht, erschien sie ihnen zuerst. Es wurde gleich mit Schlägel und Eisen Hand an die Arbeit gelegt, und die Mühe belohnte sich reichlich. Man baute dann einzelne Hütten für die Bergleute. Mit dem wachsenden Bergglück vermehrten sich beide. Die Sonne gab diesem Orte den Namen, und aus dem wüsten Waldorte wurde in kurzem ein Bergflecken. Durch spätere Begnadigung erwuchs er endlich zu einer Bergstadt.
556. Der Name der Stadt Falkenau.
(Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 169.)
Die Stadt Falkenau soll ihren Namen dadurch erhalten haben, daß ein Bürger aus Eger einen Falkenhof erbaut und dadurch eine Ansiedelung hervorgerufen hat, die sich allmählig zu einem Dorfe und schließlich zu einer Stadt emporhob. Die über dem Röhrbrunnen am Marktplatze in Falkenau sich erhebende Bildsäule stellt einen Falkner dar, der ein Hüfthorn am Schulterbande und einen Hund zur Seite hat. Es soll dies die Statue jenes Falkners sein, der als Gründer der Stadt gilt und dessen Name im Volksmunde »Wastel« (Sebastian) heißt.
Fr. Bernau (Comotovia 4, S. 98) hält es zwar für nicht unmöglich, daß auf dem am rechten Egerufer sich hinziehenden Wiesenlande vielleicht im 12. Jahrhunderte, da sich in Böhmen nicht bloß Edelleute, sondern auch selbst Geistliche dem Jagdvergnügen mit Leidenschaft hingaben, eine Falkenbeize errichtet war, doch hält er mehr dafür, daß zu obiger Sage bloß der Ortsname den Stoff geliefert habe. In dem Stadtwappen von Falkenau wurde seit ältester Zeit ein Falke geführt und es ist daher jedenfalls die in der Stadt in jetziger Gestalt erst 1724 errichtete Falknerstatue nur eine Ausschmückung des Stadtwappens.
Vom »Falken« abgeleitete Ortsnamen treten überhaupt häufig sowohl in deutschen, als auch slavischen Gebieten auf; der historische Ursprung dieser Benennungen ist aber wohl immer unbekannt. Nur von dem Dorfe ~Sokolec~ (~Sokol~ = Falke) bei Podiebrad wird erzählt, daß man daselbst noch im 16. Jahrhundert für die Podiebrader Jäger Falken abgerichtet habe. Dieses slavische Dorf besitzt also zu seinem Namen eine gleiche Sage wie unser im deutschen Gebiete liegendes Falkenau.
557. Die Entstehung des Namens Neudeck.
(Ed. Wenisch in der Erzgebirgs-Zeitung, 2. Jahrg., S. 4.)
In der sehr industriellen, am Rohlauflüßchen gelegenen Stadt Neudeck zieht der sogenannte Turmbergfels unsere Aufmerksamkeit auf sich. Er besteht aus mehreren über einander liegenden Granitblöcken. Auf diesem Felsen steht ein uralter Glockenturm, der ehedem zu einer Burg gehört haben soll, welche von einem Raubritter bewohnt wurde. Diesem Turme verdankt Neudeck, wie folgende Sage berichtet, seinen Namen.
Einstmals verirrte sich auf der Jagd ein Jäger im dichten Walde und wußte nicht, wo ein und aus. Schon viele Stunden hatte er im Waldesdunkel nach einem rettenden Pfade gespäht, da kam er auf den Hochtannenberg und stieg dort, um sich in der Gegend zurecht zu finden, auf eine hohe Tanne. Hocherfreut sah er östlich im Thale ein Gebäude stehen, welches neu eingedeckt war. Darauf ging der ermüdete Waidmann zu und fand daselbst den alten Turm, neben dem ein Häuschen stand, welches ein Schmied, namens Waldesel, bewohnte. Er trat in die Schmiedewerkstätte. »Lieber Waldesel«, redete er den alten Meister an, »dem neugedeckten Turme da verdanke ich den Ausweg aus dem Walde; deshalb heiße er samt den andern Gebäuden von jetzt an »Neudeckt!« Und des Jägers Wunsch ging in Erfüllung; denn noch heute trägt der Ort, der nach und nach zu einer gewerbfleißigen Stadt anwuchs, den Namen Neudeck.
558. Die Entstehung des Namens Frühbuß.
(Mündlich.)
Frühbuß ist ein altes Bergstädtchen im böhmischen Gebirge, das einst weiter oben und zwar da lag, wo sich heute der Kranichsee ausbreitet. In diesem Moore ist es eines Tages versunken. Da haben sich die Bewohner tiefer angebaut, weil ihnen hier die vielen Zinnerze, welche aus dem Gebirgsschutte durch die Seifenarbeit gewonnen werden konnten, reichen Unterhalt versprachen. Die Gewinnung der Erze nahm sie auch so in Anspruch, daß sie den Bau ihrer Hütten und ihre häuslichen Arbeiten nur vor der Seifenarbeit vornehmen konnten, um bei dieser selbst keine Zeit zu versäumen. Solche Früharbeit aber nannte und nennt man noch jetzt in der Gegend »Frühbuß«, und von ihr erhielt in der Folge die Ansiedelung ihren Namen.
Bezüglich des ersten Teiles der Sage wird noch auf »die unterirdischen Glocken im Kranichsee« verwiesen.
Das Wort »Frühbuß« erinnert an das in manchen Gegenden, z. B. in Geringswalde und in der Oberlausitz gebräuchliche »herumbusseln« = geschäftig da und dort in der Arbeit nachhelfen, und das davon abgeleitete »Hausbussel«, womit ein auf diese Weise thätiger Mensch bezeichnet wird.
559. Über den Namen des Dorfes Sauersack.
(Mündlich.)
Oberhalb Karlsfeld nahe am Kranichsee, durch welchen sich die sächsisch-böhmische Grenze zieht, liegt auf einer Meereshöhe von ca. 900 Mtr. das böhmische Dorf Sauersack.
~M.~ Christoph Gottlob Grundig macht in den »Neuen Versuchen nützlicher Sammlungen zu der Natur- und Kunstgeschichte, sonderlich von Ober-Sachsen, 2. B., (Schneeberg, 1752,)« bei diesem Orte und seinem Namen folgende Bemerkungen: »Sauersack, ein fast auf dem höchsten Gipfel derer Gebirge, welche Böhmen und Meißen auf dieser Seite von einander scheiden, sehr zerstreut liegender Bergort, welcher auf dem kahlen Boden derer abgetriebenen Holzungen an einem aus Nordwest nach Südost streichenden Gehänge sich als der Rest des ruinirten Waldes vom Grunde bis auf die Giebel der Häuser hölzern erhebt, -- -- hat wohl den Namen mit der That, weil sowohl denen Reisenden die hier vorübergehende Straße, sonderlich bei üblem Wetter, äußerst sauer werden, als auch denen armen Einwohnern des Ortes, welche wie die Vögel des Himmels weder säen, ernten, noch etwas in ihre Scheuern sammeln können, -- -- nicht weniger ihr mühseliges Leben sehr sauer und unangenehm fallen muß.« Und: »Es ist unter diesem Gehänge, zunächst gegen Westen, eine lange, schmale und sumpfige saure Wiese, welche die gebirgischen Bauern ein »Geseer« (Gesäuer?) zu nennen pflegen und die vermutlich zu dem Namen der Gegend und des Ortes Anlaß gegeben hat.«
Eine Sage erzählt nun über die Entstehung des Ortsnamens Sauersack folgendes:
In jener Zeit als der Zinnreichtum des dortigen Gebirges, welcher hauptsächlich in Seifenwerken ausgebeutet wurde, die ersten Ansiedler anlockte, gebot die unwirtliche Gegend, daß alle Nahrungsbedürfnisse aus dem fruchtbaren Egerthale geholt wurden. Diese Arbeit hatten hauptsächlich die Frauen der Seifner zu verrichten. Da geschah es nun, daß die Frau des ersten Ansiedlers einen schweren Sack mit Nahrungsmitteln (die Volkssage spricht von Kartoffeln) geholt hatte und bei ihrer Ankunft in der Hütte sprach: »Ei, das ist ein saurer Sack!« So wurde die Hütte und später die gesamte Ansiedelung »Sauersack« genannt, welchen Namen sie bis zum heutigen Tage behalten hat.
560. Ursprung des Namens Sorgenthal.
(Mündlich.)