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Geister der Kindheit

Leberecht Funk · 2022

214,320 words · about 15 h 1 min to read

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Licence: CC BY-NC-ND 4.0 · repository export licence (OAPEN) · Funk, Leberecht (2022), Geister der Kindheit, transcript Verlag - licensed CC BY-NC-ND 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/)

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About this book

Author
Leberecht Funk
Language
German
Published
2022
Length
214,320 words · about 15 h 1 min
Sections
5 reader sections
Text
Digital text
Rights
CC BY-NC-ND 4.0 · repository export licence (OAPEN)

 

Contents (5)

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Front matter

Leberecht Funk

Sozialisation von Emotionen bei den Tao in Taiwan

[ transcript | EmotionCultures | EmotionsKulturen

Teil Ii: Soziokultureller Kontext

Im ao

Kurzer historischer Überblicke ee 73 Ingroüp'vs..Qutgroup nun sn ee N e 88 Genderrelationeniss direnn res dann ange dga Tta 119 Bösartige Geistwesen yrna a a E A 131 BRPISCCIC tid. ce, tetera teh tect cat ee terre) ee a Re 149 KOFDErSCGIG 2-2. tet. isnt EEE ee ace Lee te ne Ane Bnd ae ee ee aes 157 Das Bauchorgan onowned «00.0.0... eee eee eeeeeeecccce cece cece cece enttteeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeees 174 ARUN CONAN teaser 207

TEIL Ill: INTERAKTIONEN

Kleinkindaltere..2...:. ee nn 228

Teil Iv: Emotionale Sozialisation: Angst, Scham, Ärger Und Traurigkeit

Ruhigbleiben: u... teens nern 301 Niehtbeächten 2.2.2.2: 22 a een 305

Sprachliche-Anomalien eiea ee. Ranger an 366

Ärger/Wut hervorlocken zu... ie ne 401 TEIL V: BINDUNG GOSS al 2:04 se tee Oe 3 EE ben a u Een 2 Dane Orie un a Te 475 Chinesisch - Deutsch oisinnean as a i aS 495 Liter att c iia a a aa E Lose AE ana an 501

Sira akey kong! Sira maran kong! Sira kaka kong!

Ehrenwerte Großväter, ehrenwerte Onkel und ehrenwerte ältere Brüder!

Yako manig yamizeyak dojya ta yabo ko katentenna nan am yamyan so naknakem ko do vazey ya.

Ich fühle mich verlegen, hier vor Euch zu sprechen. Ich verfüge über kein Wissen, doch ich habe zu diesem Thema eine Meinung.

Danksagung

Die vorliegende Studie zur Sozialisation von Emotionen bei den Tao in Taiwan basiert auf insgesamt zwölf Monaten Feldforschung, die ich im Januar und Februar 2010 sowie zwischen Oktober 2010 und August 2011 teilweise in Begleitung meiner damaligen Frau und unserer beiden minderjährigen Kinder in Iranmeylek an der Ostküste der Insel Lanyu durchgeführt habe.

Die Planung, Umsetzung und Auswertung dieser Forschung wäre ohne die Unterstützung einer ganzen Reihe von Personen nicht möglich gewesen. Mein Dank gilt vor allem den Bewohnerinnen und Bewohnern von Iranmeylek, die trotz negativer Erfahrungen mit »außenstehenden Personen« (dehdeh) - darunter auch Forschende - uns gegenüber immer freundlich auftraten und Anteil an unserer besonderen Situation vor Ort nahmen. Die Zusammenarbeit mit meinen Assistentinnen Xie Lai-Yu (+) und Huang Ying-Zhen, beide in Iranmeylek geboren und aufgewachsen, war besonders wichtig für das Gelingen meines Forschungsvorhabens. Ohne sie hätte ich viele Zusammenhänge aus dem Alltagsleben im Dorf nicht verstehen können. Auch unterrichteten sie mich in den lokalen Umgangsformen, die notwendig sind, um in der Tao- Gesellschaft anderen auf respektvolle Weise zu begegnen. Zusammen befragten wir rund 100 Personen aus Iranmeylek sowie gelegentlich auch aus anderen Inseldörfern zu diversen Themen. Ich weiß deren Vertrauen und Bereitschaft, ihr »kulturelles Wissen« (katentengan) mit uns zu teilen, sehr zu schätzen. Ferner danke ich Xie Qing-Guang und seinen Familienangehörigen sowie den Mitgliedern der presbyterianischen Kirchengemeinde von Iranmeylek für die Gastfreundschaft, die sie uns während des Feldaufenthaltes entgegenbrachten.

Auf wissenschaftlicher Seite gebührt mein Dank allen Mitgliedern des bidisziplinären Forschungsprojektes Sozialisation und Ontogenese von Emotionen im Kulturvergleich, das zwischen 2009 und 2014 am Exzellenzcluster Languages of Emotion an der Freien Universität (FU) Berlin angesiedelt war und von Prof. Dr. Birgitt Röttger-Rössler zusammen mit dem entwicklungspsychologischen Forschungspartner Prof. Dr. Manfred Holodynski geleitet wurde. Beide haben maßgeblich dazu beigetragen, dass meine Forschung in theoretischer, methodischer sowie auch forschungspragmatischer Hinsicht umgesetzt werden konnte. Birgitt Röttger-Rössler hat zudem die gesamte Zeit über meine berufliche Laufbahn konstruktiv begleitet und mich gefördert, wo sie konnte. Manfred Holodynski hat mich - so wie auch die übrigen Mitglieder des Forschungsteams - mit großer Geduld und Hilfsbereitschaft an (entwicklungs)- psychologische Forschungsperspektiven herangeführt. Als sehr inspirierend hat sich der fortlaufende Austausch mit meiner Kollegin Susanne Jung und meinem Kollegen

Dr. Gabriel Scheidecker erwiesen, die bei den Minangkabau auf Sumatra in Indonesien und den Bara im westlichen Hochland von Madagaskar zwischen 2009 und 2011 ähnliche Forschungen durchführten. Die wissenschaftlichen Hilfskräfte Susanne Brückner und Franziska Seise halfen bei der Transkription meiner Feldtagebücher und bei der Beschaffung von Fachliteratur.

Während meines Studiums der Ethnologie an der FU Berlin wurde meine wissenschaftliche Sichtweise — speziell mein Blick auf Verwandtschaft - durch Seminare geprägt, die von Prof. Dr. Georg Pfeffer (+) angeboten wurden. Henrik Flor, Dr. Wei-Ya Lin, Paula Müller und Benita von Behr haben mir beim Korrekturlesen meiner Arbeit wertvolle Anregungen gegeben. Matthias Fischer hat das Buch gesetzt und dafür gestalterische Lösungen gefunden. Prof. Dr. Heidi Fung vom Ethnologischen Institut der Academia Sinica in Taipeh hat meine Familie und mich bei der Beschaffung der Forschungsvisa unterstützt. Ihnen allen möchte ich herzlich danken.

Das Forschungsprojekt Sozialisation und Ontogenese von Emotionen im Kulturvergleich (und somit auch meine Forschung auf Lanyu) wurde aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des oben genannten Exzellenzclusters finanziert. Als mir nach vier Jahren von der FU Berlin aufgrund einer strikten Auslegung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes eine Weiterbeschäftigung als wissenschaftlicher Mitarbeiter verwehrt wurde, erhielt ich durch die Vermittlung von Birgitt Röttger-Rössler aus Cluster-Mitteln ein 20-monatiges Stipendium für die Niederschrift meiner Dissertation. Die darüber hinaus benötigte Zeit bestritt ich aus eigenen Mitteln, diemich über meine Eltern erreichten. Allen Institutionen und Personen, die direkt oder indirekt an der Finanzierung meiner Dissertation mitgewirkt haben, danke ich herzlich.

Ein besonderer Dank gilt zudem meiner Ex-Frau Monika Funk, die großes Verständnis für meine berufliche Situation aufbrachte und sich bereit erklärte, mit mir und unseren beiden damals 1,5 und 5 Jahre alten Kindern für insgesamt acht Monate auf Lanyu zu leben. Die Gespräche mit ihr trugen maßgeblich dazu bei, dass ich ein Verständnis vom lokalen Alltag entwickeln konnte. Einige der in diesem Buch aufgeführten systematischen Beobachtungen stammen von ihr. An unsere ungefragt nach Lanyu mitgenommenen Kinder richtet sich der Wunsch und die Hoffnung, dass sie während ihres Aufenthalts neben einigen irritierenden Erfahrungen auch Dinge erlebt haben, von denen sie in ihrem Leben profitieren mögen.

Einleitung

Die Tao 1A)! sind eine Gruppe von über 4000 Menschen, die auf der Insel Lanyu (HUH) südöstlich von Taiwan leben und in kultureller und linguistischer Hinsicht mit den Bewohnern? der nördlichen Philippinen verwandt sind. Sie betreiben traditionellerweise Fischfang und Gartenbau. Seit den 1980er-Jahren spielt außerdem der Tourismus eine immer stärkere Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Mehrheit der Tao dem christlichen Glauben zugewandt.’ Trotzdem kommt der traditionellen Weltanschauung und dem Glauben an die Wirkungsmächtigkeit der Ahnen weiterhin eine große Bedeutung zu. Die relative Isolation der Insel hat dazu geführt, dass sich bis in die Gegenwart hinein viele traditionelle Bräuche und Vorstellungen erhalten haben. Wer sich nach Lanyu begibt, betritt eine Welt von eigentümlicher, schroffer Schönheit. Das Innere der Insel besteht aus steil aufragendem Vulkangestein, das von dichtem tropischem Regenwald überwachsen ist. Nur entlang eines sanft ansteigenden schmalen Küstenstreifens können menschliche Siedlungen errichtet und terrassierte Tarofelder angelegt werden. In den Wintermonaten ist es wochenlang stürmisch und das Meer ist rau, sodass kein Fischfang möglich ist und die Verkehrsverbindungen zur Hauptinsel Taiwan vorübergehend zum Erliegen kommen. Im Herbst wird Lanyu regelmäßig von Taifunen getroffen, die verheerende Wirkungen zeigen können. Bei andauernden Seewinden und ausbleibenden Regenfällen droht eine Versalzung der Felder.

1 Die Tao werden außerdem als Yami (##3=) bezeichnet. Da Yami jedoch eine Fremdzuschreibung und kein Eigenname ist, habe ich mich dazu entschlossen, ausschließlich den Begriff Tao zu verwenden.

2 Mitdiesem und anderen generischen Maskulina beziehe ich mich grundsätzlich auf Personenjedweder Geschlechtsidentität. Gleiches gilt für die Verwendung generischer Feminina (z.B. »die Person«) oder Neutra (z.B. »das Kind«). Das in der deutschen Sprache heute vielfach praktizierte Gendern (z.B. mit Sternchen) erfolgt nach kulturspezifischen Kriterien und würde an vielen Stellen zu unauflösbaren kulturellen Übersetzungsproblemen führen. Beispielsweise wäre es wenig sinnvoll, im kulturellen Kontext der Tao allgemein von »Ahn*innen« zu sprechen, da die »Ahnen« nach wenigen Generationen in einem geschlechtsunspezifischen Kollektiv aufgehen. Es gibt in der Tao-Gesellschaft viele Tätigkeiten, die ausschließlich oder ganz überwiegend von nur einem Geschlecht ausgeführt werden. Konsequentes Gendern würde hier fälschlicherweise den Eindruck einer generell gegebenen Austauschbarkeit von Männern und Frauen erzeugen. Mit Begriffen wie»antagonistischer Gegner« oder »Gastgeber« sind tatsächlich für gewöhnlich Männer gemeint; auch Fischer sind bei den Tao beispielsweise immer Männer. Dort, wo ausschließlich Frauen gemeint sind, weise ich explizit hierauf hin.

3 Es gibt auf Lanyu verschiedene Konfessionen, von denen die katholische und die presbyterianische Kirche die zahlenmäßig größten Gemeinschaften darstellen.

Die Tao nehmen ihre Umwelt als »gefährlich« (ikeynanawa*) wahr und verlassen ihre Dörfer in der Regel nur, um diverse Subsistenztätigkeiten zu erledigen.’ Die in der Umwelt verorteten Gefahren gehen nach lokaler Auffassung von bösartigen Anito-Geistwesen aus, die nach den Seelen der Menschen trachten. Die Tao versuchen, sich die anito vom Leibe zu halten, indem sie »Kraft« und »Stärke« (moyat) demonstrieren und »furchterregend« (masozi) auftreten.‘ Auf diese Weise sollen die bösartigen Geistwesen an einem Näherkommen gehindert werden. Bis vor wenigen Jahrzehnten trugen Männer Helme und Brustpanzer aus Rottang, wenn sie in andere Dörfer oder zu gefährlichen Aktivitäten aufbrachen. Die Rüstungen dienten dazu, »den Seelen am Körper Halt zu gewähren« (panaptan so pahad). Außerdem führten sie Speere und Ritualdolche mit sich, da allgemein angenommen wurde (und nach wie vor angenommen wird), dass die anito sich vor Metallklingen fürchten. Diese Ausrüstung wird auch heute noch angelegt, wenn sich im Dorfein Todesfall ereignet hat.

Vor allem kleine Kinder sind den Attacken der anito schutzlos ausgesetzt. Ihre Seelen dürfen sich weder »erschrecken« (maogto) noch Frustration empfinden, weil sie dann in ihrer Unwissenheit »panikartig davonfliegen« (somalap so pahad). Bis zum Alter von 12 Jahren, wenn Kinder in Iranmeylek’, - dem Ort meiner Feldforschung - die örtliche Grundschule abschließen, dürfen sie das Dorf und seine unmittelbare Umgebung aus Sicherheitsgründen nicht verlassen. Der ihnen zugestandene Aktionsradius umfasst insgesamt nur eine Fläche von der Größe weniger Fußballfelder.

Die Tao glauben an die Wirkungsmacht von »Sprache« (ciring). Die kosmischen Mächte werden durch sprachliche Akte auf den Plan gerufen, weshalb ein kontrollierter und vorsichtiger Umgang mit diesem Medium zwingend erforderlich ist. Bösartige ebenso wie gutartige Geistwesen verfügen über einen suprahumanen Gehör- und Geruchssinn - hierin gleichen sie wilden Tieren. Von den anito wird angenommen, dass sie jegliche menschliche Unterhaltung belauschen, weshalb die Tao ihre Pläne und Vorhaben nur ungern verbalisieren. Da Kinder »die Dinge noch nicht verstehen« (5212318 hai mei dong shiging)® sollen sie besser schweigen, um sich und andere nicht in Gefahr zu bringen.

4 Damit Begriffe in der Sprache der Tao von anderen fremdsprachlichen Wörtern unterschieden werden können, habe ich mich entschlossen, Erstere kursiv und unterstrichen aufzuführen.

5 Ich verwende in diesem Buch häufig Formulierungen, die mit»Die Tao glauben« etc. beginnen. Ich bin mir darüber im Klaren, dass es sich hierbei streng genommen um unzulässige Verallgemeinerungen handelt. Da die im öffentlichen Leben formulierten Auffassungen bei den Tao sehr stark an einer »Mehrheitsmeinung (SR duoshuyijian) orientiert sind, ist es aber tatsächlich häufig so, dass die meisten Tao in ihren Meinungen und Standpunkten übereinstimmen. Ich verwende generalisierende Bemerkungen über kulturelle Vorstellungen und soziale Praktiken ausschließlich dann, wenn ich mir sicher bin, dass eine absolute Mehrheit der Tao die entsprechenden Ansichten teilt.

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Dieses Verhalten ist bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen.

Der chinesische Name von Iranmeylek lautet Dongqing (58343). Er wird heute vor allem von jüngeren

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Tao verwendet.

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Die Tao sind heute bilingual: Ältere Personen sprechen in der Regel die lokale malayo-polynesische Sprache ciriciring no tao (Linguisten auch als Yami bekannt), jüngere hingegen Mandarin-Chinesisch. Ich gebe zentrale Konzepte in der Regel auf ciriciring no tao an. Gelegentlich weiche ich jedoch auf das Chinesische aus, da mir bestimmte Angaben nur in dieser Sprache gemacht wurden.

Einleitung

Diese wenigen einleitenden Worte sollen verdeutlichen, dass viele soziale Praktiken der Tao nur verstanden werden können, wenn eine gewisse Vertrautheit mit dem lokalen soziokulturellen Kontext besteht. Dies gilt insbesondere in Bezug auf die im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehende Frage nach der emotionalen Sozialisation der Tao-Kinder. Es handelt sich hierbei um ein komplexes und vielschichtiges Thema, bei dem mehrere Ebenen miteinander verknüpft werden müssen. Im Wesentlichen sind dies: 1. die zeitliche Ebene (wozu ich sowohl den sozialen Wandel als auch den Prozess der Kindesentwicklung zähle); 2. die Ebene des Verhaltens, d.h. der sozialen Interaktionen und sozialen Praktiken; 3. der soziokulturelle Kontext; 4. die epistemologische Ebene, die mit dem Kulturvergleich in Verbindung steht, sowie 5. die emotional-affektive Ebene.

Eine der Herausforderungen beim Verfassen dieser Monografie bestand darin, eine sinnvolle Gliederung zu schaffen, die es vermag, all diesen Ebenen gerecht zu werden, sie nacheinander einzuführen und aufeinander zu beziehen. Für eine genaue Betrachtung der Emotionssozialisation bei den Tao ist es notwendig, die mannigfaltigen Verflechtungen zu diskutieren, die zwischen den komplexen sozialen Strukturen, kulturellen Wertvorstellungen sowie auch politischen und historischen Zusammenhängen bestehen. Da es so gut wie keine neueren Ethnografien über die Tao gibt, auf denen meine Untersuchung der emotionalen Sozialisation aufbauen könnte (eine Ausnahme ist Kao 2012), analysiere und interpretiere ich den soziokulturellen Kontext der Tao auf neuartige Weise (siehe Teil II).’

Der Sozialisationsprozess bei den Tao lässt sich grundsätzlich in zwei einander überlappende Phasen unterteilen: eine frühkindliche Priming-Phase und eine spätere Phase, in der die eigentliche Erziehung beginnt. In dieser Arbeit konzentriere ich mich auf die Priming-Phase, d.h. auf die Darstellung der von den unterschiedlichen Bezugspersonen der Kinder (Erwachsenen, aber auch älteren Kindern und Peers) angewandten sozialen Praktiken, die mit der frühkindlichen Sozialisation in Verbindung stehen. In den ersten Lebensjahren sind Kinder noch nicht in der Lage, komplexere Lerninhalte kognitiv zu durchdringen. Auch ist ihr emotionales Erleben und Verstehen noch nicht derart ausgereift, dass sie sich als soziale Personen innerhalb der Gesellschaft verorten könnten. Die in der Priming-Phase zur Anwendung gelangenden kulturspezifischen Sozialisationspraktiken und Abhärtungsübungen bereiten Tao-Kinder auf später zu erlernende kulturelle Wissensinhalte vor. Das Resultat des Prädispositionalen Primings (Quinn 2005) ist eine frühkindliche »Angst- und Scham-Disposition« (kanig) von Tao-Kindern. Der teilweise parallel, im Wesentlichen aber nachfolgend einsetzende Erziehungsprozess baut auf den in den ersten Lebensjahren erworbenen kindlichen Dispositionen auf. Er wird hier nur am Rande behandelt, da er mit qualitativ andersartigen Praktiken - den Erziehungsmethoden der Tao - verbunden ist.

An dieser Stelle ist es notwendig, die Begriffe Sozialisation und Erziehung voneinander zu unterscheiden. Grundsätzlich besteht ein Problem der Definition und

9 Ausführlicher befasse ich mich mit dem soziokulturellen Kontext in meiner an der Freien Universität Berlin veröffentlichten Dissertationsschrift (Funk 2020b), auf die ich an ethnografischen Inhalten interessierte Leser hinweisen möchte. Neben der Darstellung und Analyse des emotionalen Sozialisationsprozesses bei den Tao bestand ein weiteres Ziel meiner Forschung darin, einen fundierten Beitrag zur Ethnografie Südostasiens (bzw. Ostasiens) zu leisten.

Abgrenzung beider Begriffe, da sie auf dieselben Prozesse und Inhalte verweisen, aber unterschiedliche Akzente setzen. Nach Löw und Geier (2014: 24f.) ist Sozialisation der umfassendere Begriff, da er sowohl »ungeplante und unbeabsichtigte Einflüsse« umfasst als auch die gesamte Lebensspanne über andauert. Erziehung ist konkreter und expliziter, da sie das Ziel verfolgt, Heranwachsende auf geplante Weise zu beeinflussen, um sie zu »vollwertigen Mitgliedern einer Gesellschaft zu machen« (Löw & Geier 2014: 24). Nach Durkheim ist das Ziel von Erziehung die Gesellschaftlichkeit des Menschen, also letztlich seine normative Anbindung an soziale Regeln und kulturelle Wertvorstellungen. Diese gesellschaftliche Verankerung wird im Sozialisationsbegriff zwar nicht explizit ausgeschlossen, doch fokussiert er verstärkt auf »unbewusste Aneignung jeglicher Form des Gesellschaftlichen« (Durkheim 1972 [1911]). Im Gegensatz zur Bildung und Erziehung wird Sozialisation deshalb als »unumgänglich« begriffen (Löw & Geier 2014: 25).

Erziehung ist mit dem Verstand und der Sprache verbunden, von Kindern wird erwartet, dass sie den Sinn bestimmter Lektionen verstehen können. Sozialisation beinhaltet darüber hinaus eine kulturelle Modulierung des Körpers, eine Verkörperung (embodiment) bestimmter kultureller Praktiken, das sich sowohl bei den Bezugspersonen als auch bei den betroffenen Kindern einer bewussten Reflexion entzieht. Nach meiner Auffassung sind die Begriffe Sozialisation und Erziehung auf implizite Weise mit einem Körper-Geist-Dualismus verbunden, der in westlichen Kulturen immer auch als ein hierarchischer aufgefasst werden muss, da körperliche Prozesse für gewöhnlich den geistigen untergeordnet werden bzw. diesen zeitlich vorausgehen. Es erscheint mir aus oben genannten Gründen sinnvoll, die Kinderpflege im Säuglingsalter sowie zu Beginn der Kleinkindphase der Sozialisation zuzuordnen und die vom Kleinkindalter an erfolgende Vermittlung kultureller Wissensinhalte einer Erziehung im eigentlichen Sinn.

Die während der Kindheit von den Bezugspersonen und ggf. auch von weiteren Interaktionspartnern angewandten sozialen Praktiken orientieren sich am kindlichen Entwicklungsstand. Zum besseren Verständnis ist es wichtig, die verschiedenen Kindheitsphasen bei den Tao zeitlich einzugrenzen und die diversen sozialisationsrelevanten sozialen Praktiken begrifflich zu differenzieren. Die Tao betrachten die gesamte »Kindheit« (no kanakan) als ein Kontinuum, das von ihnen selbst nicht in Phasen eingeteilt wird. Ich nehme hier dennoch eine Phaseneinteilung vor, die auf meinen systematischen Beobachtungen der sozialräumlichen Interaktionsmuster und der angewandten sozialen Praktiken beruht, die in Abhängigkeit vom Lebensalter der Kinder signifikante Veränderungen durchlaufen. Auch in meinem Interviewmaterial zu den elterlichen Sozialisationsstrategien und Ethnotheorien von Kindheit, Entwicklung und Erziehung finden sich entsprechende Hinweise auf eine implizite Phaseneinteilung bei den Tao. So wird z.B. der Spracherwerb als ein wichtiger Meilenstein der kindlichen Entwicklung angesehen, weil das Kind nun anfängt, die Dinge zu verstehen, was neue Umgangsformen mit ihm ermöglicht. In der vorliegenden Arbeit bezeichne ich mit Säuglingsphase ein Entwicklungsalter, das von der Geburt bis zum Alter von 1,5 Jahren andauert, mit Kleinkindphase ein Alter von 1,5 bis 3,5 Jahren und mit Kindheitsphase ein Alter von 3,5 bis 12 Jahren.” Da es sich hierbei um allmähliche

10 Ich weiche somit von dem in der Entwicklungspsychologie verbreiteten Schema ab, nach dem die Säuglingsphase die ersten beiden Lebensjahre umfasst, die Kleinkindphase das 3. und 4. Lebensjahr und die Kindheitsphase mit 4 Jahren einsetzt.

Einleitung

Phasenübergänge handelt, die individuell unterschiedlich verlaufen können, dienen die von mir angegebenen Zeiträume lediglich der groben Orientierung.

Die Priming-Phase beginnt mit elterlichen Strategien der Säuglingspflege, die unmittelbar nach der Geburt einsetzen und teilweise bis in die Kindheitsphase hineinreichen. Keller (2007, 2011) unterscheidet diesbezüglich zwischen proximalen (Primäre Pflege, Körperkontakt und Körperstimulation) und distalen Strategien (Face-to-Face- Kontakt, Sprechverhalten und Objektstimulation)." Mit ca. 10 Monaten setzen parallel hierzu qualitativ andere Formen des Primings ein, die ich als Sozialisationspraktiken (und als eine spezielle Form derselben auch als Abhärtungsübungen) bezeichne. Diese Praktiken und Übungen dauern innerhalb der hierarchisch organisierten Verwandtschaftsgruppe bis zum Ende der Kleinkindphase an, also bis zu einem Alter von etwa 3,5 Jahren. Aufgrund der sich in diesem Alter verändernden sozialräumlichen Interaktionsmuster ist es Kindern fortan möglich, sich den von ihnen als bedrohlich empfundenen Sozialisationspraktiken innerhalb der Verwandtschaftsgruppe durch Weglaufen zu entziehen. Die Sozialisationspraktiken kommen damit jedoch nicht zum Erliegen, sie verlagern sich nun in die Peergruppe, in der Machtkämpfe um Status und Einfluss ausbrechen, bei denen ältere Kinder geringfügig jüngere Kinder auf vielfältige Weisen »schikanieren« (jyasnesnekan). Da das Verhalten der Kinder untereinander die zuvor erlebten Sozialisationspraktiken und Abhärtungsübungen der Bezugspersonen widerspiegelt bzw. eine Weiterentwicklung derselben darstellt, behandele ich die Auseinandersetzungen unter Peers im Zusammenhang mit der Priming-Phase.

Ich verstehe unter Sozialisationspraktiken (und Abhärtungsübungen) ein Verhalten der Bezugspersonen, älteren (Geschwister-)Kinder und Peers, das auf ambivalente und diffuse Weise verläuft und dessen Sinn von den betroffenen Kindern zunächst nicht durchschaut werden kann. Häufig handelt es sich um inszenierte Situationen, in denen Säuglinge und Kleinkinder von ihren Bezugspersonen absichtlich irritiert werden, um ein bestimmtes Verhalten bei ihnen hervorzulocken, das dann sogleich wieder durch Lachen zum Verschwinden gebracht wird. Sozialisationspraktiken sind in der Regel nonverbal, sie fokussieren auf den Körper, der durch Kneifen und Zwicken malträtiert wird und dessen Muskelanspannung unter Kontrolle gebracht werden muss. Die betroffenen (älteren) Säuglinge und Kleinkinder haben in der Regel keinen anderen »Fehler« begangen, als sich von ihren Bezugspersonen reizen zu lassen. Der kulturelle Sinn dieser Praktiken besteht in einer Fixierung der kindlichen »Seele« (pahad) an das »körperliche Selbst« (kataotao). Hierzu zählt u.a. die kulturelle Überformung des Schreckreflexes, der von ca. 2,5 Jahren an von Tao-Kindern in Momenten des Erschreckens erfolgreich unterdrückt wird. Allgemeiner formuliert bewirken die Sozialisationspraktiken eine umfassende Stärkung des Kindes, das dadurch lernt, sich in allen Lebenssituationen kontrolliert, d.h. aufwillkürliche Weise, zu verhalten.

Der eigentliche Erziehungsprozess (auf den ich hier nicht näher eingehen kann) beginnt bereits während der Priming-Phase in einem Alter zwischen 1und1,5 Jahren. Aus Sicht der Tao ist der mit der kognitiven Reifung der Kinder einsetzende Spracherwerb die Voraussetzung für den Beginn einer Erziehung durch »Belehren«, »Ermahnen« und »Instruieren« (nanaon). Von älteren Säuglingen wird erwartet, dass sie den Anweisungen ihrer Bezugspersonen Folge leisten - und sei es nur, dass sie ein bestimmtes

11 LeVine (1988) spricht in diesem Zusammenhang von customs of child care und Quinn (2005) bezeichnet dergleichen Praktiken als child-rearing practices.

Verhalten unterlassen, nachdem diese sie auf drohende Weise mit einem »Das darfst du nicht!« @# BLA ! « »Bu keyi!«) ermahnt haben. Die diversen Erziehungsmethoden basieren allesamt auf dem Nanaon-Konzept, das aus Sicht der Tao den »Königsweg der Erziehung« darstellt. Kinder werden zunächst belehrt und falls das nichts hilft von ihren Bezugspersonen ausgeschimpft. Das Schimpfen oder Anblaffen wird oft von einer Schlaggeste begleitet, die dazu führt, dass Kinder umgehend Reißaus nehmen und weglaufen. Bei schweren Vergehen kommt es auch heute vor, dass Kinder von ihren Bezugspersonen (zumeist vom Vater) geschlagen werden - jedoch nie vor den Augen der Dorföftentlichkeit, sondern nur im Inneren des Wohnhauses.” Die oben genannten erzieherischen Maßnahmen können nicht isoliert voneinander betrachtet werden, da sie miteinander verwoben sind. Das Geschlagenwerden - auch wenn es in der Praxis nur selten vorkommt - ist letztlich die Konsequenz, die sich für ein Kind ergibt, das Belehrungen und Beschimpfungen beharrlich ignoriert.”

Eine exakte Differenzierung zwischen Sozialisationspraktiken und Erziehungsmethoden ist allerdings nicht immer möglich, da sich beide zum Teil mit denselben Inhalten befassen und auch hinsichtlich ihrer Durchführung und Umsetzung Ähnlichkeiten aufweisen. Auch gehen bestimmte Erziehungsmethoden wie das Anblaffen mit der zur Schlaggeste erhobenen rechten Hand aus dem frühkindlichen Klapsen hervor.”

Mein Buch gliedert sich in fünf Teile. In Teil I behandele ich theoretische Perspektiven auf Sozialisation und Emotion, die Positionierung von mir und meiner Familie” im Feld und die während meiner Forschung angewandten Methoden. In Teil II widme ich mich dem historischen, sozialen und kulturellen Kontext, ohne den sich die sozialen Praktiken der Tao und die Sozialisation von Emotionen nicht verstehen lassen. Ich fasse zunächst die Geschichte Lanyus zusammen und beschreibe die soziale Organisation der Tao, wobei ich teilweise zu neuen Sichtweisen gelange. Anschließend behandele ich die lokalen kulturellen Modelle von Welt, Person, Emotion und Entwicklung. Die Teile III bis V bilden den Hauptteil der Monografie, in dem ich auf das eigentliche

12 Die Tao haben nach eigenen Angaben die Erziehungsmethode des Schlagens von den Japanern und Taiwanern übernommen. Auch heute noch wird das Schlagen von Kindern von den Tao negativ bewertet, da es die kindliche »Seele in Angst und Schrecken versetzt« (maniahey so pahad) und zu einem »Wegfliegen der Seele« (somalap so pahad) führen kann. Bezugspersonen, die Kinder schlagen, erleiden einen Kontrollverlust. In der traditionellen Zeit konnte dieser durch andere sozialräumliche Muster des Zusammenlebens normalerweise verhindert werden. Die damals bestehende größere Autonomie der Kinder ermöglichte es diesen, sich so lange der väterlichen »Wut« (somozi) zu entziehen, bis diese sich in Luft aufgelöst hatte.

13 Eine weitere hier nicht weiter ausgeführte Erziehungsmethode ist das »Ignorieren« bzw. »Nichtbeachten« (jiozayan) des Kindes durch seine Bezugspersonen.

14 Das Klapsen bewerte ich als eine Sozialisationspraktik, weil es häufig auf eine Weise erfolgt, die von den betroffenen Säuglingen nicht nachvollzogen werden kann. Die Bezugspersonen lenken z.B. einen älteren Säugling durch intensiven Augenkontakt ab und schlagen ihm dann unvermittelt gegen das Bein. Dieser ist zunächst noch nicht in der Lage, die ursächlichen Bezüge, die zur Berührung seines Beines geführt haben, herzustellen.

15 Während der ersten acht Forschungsmonate waren meine damalige Frau und unsere beiden Kinder (bei unserer Ankunft 1,5 und 5 Jahre alt) mit mir zusammen im Feld. Ich gehe hierauf in Kapitel 2 im Abschnitt Feldforschung mit Familie ausführlich ein.

Einleitung

Kernthema - die Sozialisation von Emotionen bei den Tao - zu sprechen komme. In Teil III behandele ich sozialisationsrelevante sozialräumliche Interaktionsmuster sowie proximale und distale elterliche Strategien (Keller 2007, 2011). In Teil IV werden die diversen bei den Tao anzutreffenden Sozialisationspraktiken und Abhärtungsübungen vorgestellt und der frühkindliche Entwicklungsverlauf skizziert, der sich maßgeblich durch die Evozierung einer »Angst- und Scham-Disposition« (kanig) auszeichnet. In Teil V diskutiere ich, welche Bedeutung dem Beispiel der Tao für die Bindungsforschung zukommt und stelle ein Konzept von emotionaler Wärme vor, das auf dem Geben und Empfangen von Nahrung basiert.

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