Front matter
Andrea Zimmermann
Thai-buddhistische Religiosität im Alltag thailändischer Heiratsmigrantinnen in der Schweiz
J a, | HNA d og
Inhalt
Untersuchungsleitende Fragestellungen und:Ziele der Studie... u... nen E aa 25 Datenerhebung... 4.42.0212 E E een 31
Herausforderungen bei der Erschliessung
Spräachproblemei sera en ee E TA ie 40 Corönd-Randemie 4: er E ne here 42 INtErVIEWS a een een ne een ee 46
6 Zusammenfassung osre eini iie a E N AGES 53 Teil Il: Träume - Heirats- und Migrationsmotive 1.2: "Begriffsböstimmüng u... ana usa de 59 2 Prozess der Heiratsmigration: Strukturelle Bedingungen
4, *Zwischenfazit negesno 22 ee N ai 107 Teil Ill: Tränen - Problemfelder nach der Migration 1 Die Phase des Ankommens:
2 Die Phase des Daseins:
2.2: Sozialleben una en en Bra he 130 2:21: „breundeskreis en... E EEE E 130 2.2.3 Ambivalenz innerethnischer Kontakte: IRENE E E EEA E T E einen 145
3 Die Phase der Etablierung:
3.2. Migration:als:Chänce. 2.2.0.2. een ie 165 G- „Zwischenfazit. on orie ieren a aE naatuh ehe 17 Teil IV: Tempel - Ressourcen zur Problembewältigung im Migrationskontext
2.4 Samaakom Thai: Thailändische Gruppierungen, Kulturvereine, 3. - Zwischenfazit 2... sa nannaneiienin 211 Teil V: Religiosität von Thai-Frauen - Zwischen Bewahrung und Transformation 3:2: Situätive;Faktoreni ; usssacnh als taten 235 3:3: Persönliche Faktoren uns at seen 236 41.2 Verbesserung der Lebensumstände: 421 Die Suche nach Trost, Zugehörigkeit
5 Bewahrung und Transformation religiöser Praktiken
Exkurs: Ehemänner von Thailänderinnen
ATOT L RT EE E a3: 2202 E E EA 319
Abbildungen +: ee nee E EEA ee 329
Tabellen»... 2.2.2. Din Reihen 329
Vorwort
»Ich sage den Studenten oft, wenn die Forschungsarbeit keinen Spass macht, sollten sie es lassen. Denn es ist oftsehr harte Arbeit, frustrierend und angstauslösend, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spass machen!« (Strauss 2007: 78)
In den vergangenen vier Jahren konnte ich vieles tun, was ich sehr gerne mache. In fremde Lebenswelten eintauchen, Fragen stellen und Antworten finden, die sich im Laufe der Zeit zu einem grossen Ganzen zusammenfügen. Scheinbar wie von selbst, möchte ich rückblickend gerne sagen. Doch das wäre falsch. Vieles verlief alles andere als reibungslos. So etwa die Erschliessung eines Untersuchungsfeldes, das nicht auf eine Forscherin gewartet hat. Aber auch das Vertrauen der Migrantinnen aus Thailand zu gewinnen, sprachliche wie auch kulturelle Barrieren zu überwinden und ihren sehr persönlichen Geschichten zu folgen, war oft nicht einfach. Dabei bezieht sich letztgenannte Schwierigkeit weniger auf Sprachprobleme als auf den Umgang mit den teilweise emotional sehr fordernden Inhalten ihrer Erzählungen. Es handelt sich um Lebensgeschichten, die mir immer wieder bewusst machten, dass wir Menschen trotz aller Unterschiede eines gemeinsam haben: den Wunsch, unser Glück zu finden. Und ich habe grössten Respekt vor dem Weg, den meine Interviewpartnerinnen dafür zurückgelegt haben.
Mit Forschung ist immer ein Stück Leiden verbunden, wie Anselm L. Strauss, der Mitbegründer der Grounded Theory, der sich die vorliegende Studie methodologisch verschrieben hat, bemerkt. Die Angst, zu scheitern, der Frust, nicht vorwärtszukommen, und das Gefühl, sich auf dem Holzweg zu befinden, vermögen die Freude an der Forschungsarbeit hin und wieder zu trüben. Nichtsdestotrotz sind es die guten Momente, die mir in Erinnerung bleiben werden. Darunter fallen nicht zuletzt auch die spannenden Begegnungen mit den Menschen, die ich im Untersuchungsfeld kennengelernt habe und ohne deren Vertrauen und Unterstützung das Forschungsvorhaben nicht umzusetzen gewesen wäre. Damit meine ich nicht nur die befragten Thailänderinnen und deren Ehemänner, die mir bereitwillig Rede und Antwort standen, mich an Veranstaltungen begleitet und mir Mitfahrgelegenheiten und Essenseinladungen anerboten haben. Auch Informant:innen, die mir jenseits der Interviews für Gespräche und Übersetzungsarbeiten zur Verfügung standen, mich an Bekannte weitervermittelt haben und vieles mehr. Sie alle hatten direkte oder indirekte Auswirkungen auf das vorliegende Endprodukt, wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Aber auch darüber hinaus wurde die Entstehung dieser Arbeit von einer Reihe von Personen begleitet und unterstützt. Sie alle, die bei verschiedensten Gelegenheiten am Fortschritt der Studie beteiligt waren, namentlich zu nennen, würde den Rahmen dieses Vorworts sprengen. Es sind die Teilnehmenden verschiedener Workshops, des Kolloquiums des Religionswissenschaftlichen Seminars der Universität Luzern, aber auch Gelegenheiten, das Dissertationsprojekt im Rahmen des universitären Forschungsschwerpunkts Wandel der Familie im Kontext von Migration und Globalisierung in Luzern und des Global Science Film Festival in Zürich zu präsentieren, die es unter anderen ermöglichten, Feedbacks von anderen Forschenden einzuholen.
Insbesondere hervorzuheben ist dabei auch die selbst organisierte Tagung zum Thema Migration, Religion und Partnerschaft an der Universität Luzern, wobei die Beiträge der Referent:innen und die anschliessenden Diskussionen für den Arbeitsprozess sehr förderlich waren. Dazu, dass Forschung nicht nur Leiden, sondern auch Spass beinhaltet, haben einige Personen und Institutionen einen besonderen Beitrag geleistet, weshalb ich sie im Folgenden hervorheben möchte. Ihnen gebührt an dieser Stelle ein besonderer Dank. Zunächst ist dies Prof. Dr. Martin Baumann, Leiter des Religionswissenschaftlichen Seminars der Universität Luzern und Erstgutachter der vorliegenden Dissertation. Durch seine sorgfältige und verständnisvolle Betreuung wie auch seine aufmunternde und humorvolle Art unterstützte er den gesamten Arbeitsprozess, der bereits mit der Ausarbeitung des Förderungsantrags an den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) im Rahmen der Anschubfinanzierung für Forschende der Graduate School of Humanities an Social Sciences der Universität Luzern (GSL) begann. Ebenso für Anregungen, Diskussionen und konstruktive Kritik sorgte Prof. Dr. Dr. Manfred Hutter von der Universität Bonn, der als Zweitgutachter fungierte.
Vorwort
Auch über die Distanz hinweg stand er stets für Rückfragen zur Verfügung und belieferte mich mit spannenden Literaturhinweisen. Ebenfalls durfte ich im Rahmen des Workshops Migration, Religion und Partnerschaft von seiner Expertise profitieren. Ein besonderer Dank richtet sich auch an Dr. Andreas Tunger-Zanetti, der bei verschiedensten Gelegenheiten ein offenes Ohr für alle mit dem Forschungsprozess verbundenen Hochs und Tiefs hatte und stets mit Rat und Tat zur Seite stand. Nicht weniger motivierend war auch die Zusammenarbeit mit Dr. Anne Beutter, die sich bereit erklärte, im Rahmen der Analysearbeit immer wieder einen kritischen Blick auf das Datenmaterial und die daraus entstandenen Memos zu werfen. Für angeregte Diskussionen wie auch erholsame Kaffee- und Mittagspausen möchte ich mich auch bei meinen Bürokolleg:innen an der Universität Luzern bedanken, wobei ich den Austausch mit Sandra Gratwohl, Marino Ferri und Rebekka Khaliefi besonders geschätzt habe. Nicht zuletzt ist auch Dr. Christina Cavedon von der Graduate School für ihre stets sehr wohlwollende Unterstützung zu danken wie auch dem Schweizerischen Nationalfonds für die finanzielle Unterstützung im Rahmen der vierjährigen Doc.CH-Förderung. Schliesslich sind auch die wichtigsten Personen in meinem privaten Umfeld hervorzuheben, die mir in der Abschlussphase der Dissertation, aber auch darüber hinaus eine grosse Stütze sind: Simone Parise, Chiara Burri, Cornelia Ineichen, Lukas Michel, Nicole Zimmermann wie auch Katharina und Michal Bursztyn. Sie alle haben wesentlich dazu beigetragen, dass ich das mit der Forschung glücklicherweise nicht habe bleiben lassen.
Einleitung
Ich bin Thailänderin und [lebe schon lange in der Schweiz]. Und man kann nicht einfach seine Wurzeln, einfach Augen zu und vergessen. [...] Ich denke jede Thai, sie sehnen sich nach Hause. Sie sehnen sich, ihre Heimat zu fühlen. Und durch [...] Tempel, da können wir unsere Heimat sagen. Das heisst, wir müssen nicht zurück nach Thailand gehen, weil wir haben Familie hier. [L..] [DJurch diese können wir auch glücklich leben. Und auch in der Schweiz gut leben, in die Schweiz integrieren, auch Thailänder integrieren. Und Buddhismus, viele Leute denken, ist religiös, ist immer negativ. Aber ich sehe, das macht deine Leben einfacher. (8A/1170-1178)
Yai, von der das einleitende Zitat stammt, ist eine der rund 15 000 Thailänderinnen, die in den vergangenen 30 Jahren einen Schweizer Mann geheiratet haben, um mit diesem hierzulande zu leben und allenfalls eine Familie zu gründen. Einen Einblick in ihre Lebenswelt und ihre persönlichen wie auch kulturspezifischen Lebensstrategien zu gewinnen, ist das Ziel der vorliegenden Studie. Diese fokussiert sich auf drei wichtige biografische Phasen, welche der Arbeit ihre grundlegende Struktur verleihen: den Wunsch nach einem besseren Leben als Motivation für die Auswanderung (Träume), die zu bewältigenden Schwierigkeiten im Migrationskontext (Tränen) und die Religiosität als alte oder neue Konstante zur Alltagsbewältigung (Tempel). Dabei gilt Letztgenanntem, also der Rolle und Bedeutung thai-buddhistischer Religiosität in diesem spezifischen Lebenskontext, das zentrale Erkenntnisinteresse der vorliegenden Studie. Unter Religiosität wird im Folgenden »die subjektive Aneignung und Ausdeutung von Religion im Spannungsfeld traditioneller Deutungsrepertoires und subjektiver Erfahrungen« (Riesebrodt 2011: 328) verstanden, wobei davon ausgegangen wird, dass diese den untersuchten Akteurinnen als Ressource dient, um migrationsbezogene Probleme und psychisch-emotionale Belastungen überwinden zu können.
Die religiöse Praxis von Thai-Frauen in der Diaspora blieb seitens der Wissenschaft bislang unbeachtet. Auch im Allgemeinen sind nur wenige Studien auffindbar, welche sich mit der Pflege des Thai- respektive Theravada-Buddhismus in westlichen Kontexten auseinandersetzen. Der Religionswissenschaftler Paul Numrich (1999: xxii) erklärt sich diesen Umstand insbesondere durch das stille Wachstum asiatischer Communities. Ebenso wie die Migrant:innen, die seitens der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, blieben auch deren Tempel lange unsichtbar. Dementsprechend standen auch nicht ethnische Buddhist:innen aus Asien, sondern westliche Konvertit:iinnen im Fokus der wissenschaftlichen Forschung um den Buddhismus im westlichen Kulturraum, die seit den 1960er Jahren stark zugenommen hat.
Insofern soll die vorliegende Studie als religionswissenschaftlicher Beitrag zur Migrationsforschung dazu dienen, eine bisher vernachlässigte, insbesondere durch Frauen dominierte und daher atypische Migrationsgruppe in den Fokus der Wissenschaft zu rücken. Wie sich im Rahmen der Untersuchung zeigt, ist der von ihnen praktizierte Buddhismus für Personen aus einem westlichen Kulturkreis nicht ohne Weiteres zugänglich - zumal ihre Tempel in der Regel auf die religiösen, kulturellen und sozialen Bedürfnisse der Migrant:innen ausgerichtet und daher bereits sprachlich schwierig zu erschliessen sind. Wie einleitend von Yai erwähnt, sind thai-buddhistische Tempel für viele in der Schweiz lebende Thailänder:innen besonders wichtig. Sie repräsentieren nicht nur ein Stück Heimat, sondern sind auch als Ausdruck der Selbstidentifikation, Basis für Vergemeinschaftungsprozesse wie auch Schauplatz von über den religiösen Kontext hinausreichender »Thainess« zu betrachten, die den Migrant:innen den Prozess des Ankommens in einer fremd-kulturellen Umgebung erleichtern - und auch darüber hinaus Zuflucht, Rückhalt und Unterstützung bieten können.
Unter Rückgriff auf die Methoden der ethnografischen Forschung wurden im Rahmen der qualitativ ausgerichteten Studie insgesamt neun Thai-Frauen, teilweise auch mit ihren Ehepartnern, befragt und zu verschiedenen religiösen und nichtreligiösen Veranstaltungen begleitet. Wie sich dabei zeigt, haben die Akteurinnen sehr unterschiedliche Wege gefunden, um mit migrationsbezogenen Problemen und darüber hinausreichenden psychisch-emotionalen Belastungen umzugehen. Religiöses Coping ist dabei nicht für alle Interviewpartnerinnen gleichermassen von Bedeutung, ebenfalls nimmt es zu verschiedenen Zeitpunkten innerhalb ihrer Biografien undim Rahmen der Konfrontation mit bestimmten Lebensereignissen einen sehr unterschiedlichen Stellenwert ein.
Einleitung
Um das Auftreten und die verschiedenen Ausdrucksformen von religiösem Coping in seiner gesamten kontextuellen und konzeptuellen Verwobenheit zu untersuchen, wird auf die Forschungsmethodologie der Grounded Theory zurückgegriffen, wobei das Kodierparadigma (Strauss 1998: 56-57 und 101) nicht nur die Analysearbeit, sondern auch den gesamten Aufbau der vorliegenden Studie strukturiert.‘ Während in Teil I auf den aktuellen Forschungsstand, die untersuchungsleitenden Fragestellungen und die verschiedenen Methoden zu deren Erforschung eingegangen wird, erfolgt in Teil II eine Betrachtung der strukturellen Mechanismen und individuellen Beweggründe, die hinter den Heirats- und Migrationsmotiven der befragten Akteur:innen stehen. Wie anschliessend in Teil III gezeigt wird, bleiben diese mit dem spezifischen Herkunftskontext der Frauen verbundenen Lebensumstände in Thailand auch nach ihrer Migration von grosser Wichtigkeit. Sie gestalten einerseits die transnationalen Räume, in welchen sich die Interviewpartnerinnen - oft auch gemeinsam mit ihren Ehepartnern - bewegen, und andererseits auch die Problem- und Konfliktfelder, denen sie in ihrem Alltag in der Schweiz begegnen. Bevor sich der Fokus in Teil V der Studie auf die Rolle der kulturell-religiösen Tradition bei deren Bewältigung richtet und verschiedene religiöse wie auch nicht primär religiöse Copingstrategien der Akteurinnen beleuchtet, erfolgt in Teil IV ein Überblick über die verschiedenen Ressourcen, die ihnen dabei zur Verfügung stehen. In diesem Zusammenhang erhalten die in der Schweiz vorzufindenden thai-buddhistischen Tempel wie auch andere im Rahmen der ethnischen Selbstorganisation entstandene Binnenstrukturen der ethnischen Kolonie besondere Aufmerksamkeit. Wie sich das Vorhandensein — aber auch das Fehlen - bestimmter Ressourcen auf die Copingfähigkeiten der Interviewpartnerinnen auswirkt, ist Gegenstand der Analyse in Teil V. Dabei wird nicht nur aufgezeigt, wie vielfältig sich die religiösen Glaubensvorstellungen und -praktiken der Interviewpartnerinnen und deren religiöse Copingstrategien im öffentlichen und privaten Raum gestalten können, sondern auch, dass sich diese stets in einem Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Transformation verorten lassen. Letztlich folgt in der Schlussbetrachtung ein Fazit über die wichtigsten Erkenntnisse der Forschungsarbeit.
1 Für eine Übersicht über den Aufbau der Studie in der Terminologie des Kodierparadigmas siehe Abbildung 1, S. 54.
Anmerkungen zur Verwendung von Interviewzitaten und der Transliteration von fremdsprachigen Begriffen Die in der vorliegenden Studie zitierten Passagen aus den Interviews mit Thailänderinnen und deren Ehepartnern werden jeweils anonymisiert wiedergegeben, bleiben jedoch, abgesehen von kleineren Korrekturen zur Verbesserung der Leserlichkeit, unverändert. Wo es für das Verständnis bestimmter Konzepte sinnvoll ist, werden fremdsprachliche Begriffe auf Thai oder Pāli verwendet. Im Gegensatz zu Pāli besteht in der Literatur kein Einvernehmen bezüglich der Transliteration von Thai. Da somit kein einheitliches Regelwerk existiert, wurde die Umschrift relevanter Thai-Begriffe gemeinsam mit einer Dolmetscherin festgelegt, wobei diese der deutschen Aussprache nachempfunden wurde. Begriffe aus dem Pāli werden hingegen analog zur Transliteration der Pali Text Society (PTS) verwendet.
Mit dem folgenden Einblick in den Forschungsprozess wird beabsichtigt, den Verlauf des Erkenntnisgewinns transparent und nachvollziehbar darzulegen. Dies beginnt bereits bei der Darstellung des Forschungsstands (Kapitel 1), der letztlich auch entscheidend für die Ausarbeitung der Forschungsfrage und der untersuchungsleitenden Fragestellungen war, die den Aufbau der gesamten Studie strukturieren (Kapitel 2). Die Untersuchung erfolgte durch die Forschungsstrategie der Grounded Theory, in welche verschiedene theoretische Bezugspunkte integriert wurden, die einen dem Untersuchungsgegenstand angemessenen analytischen Blick auf das Datenmaterial erlauben (Kapitel 3).
Sämtliche Entscheidungen offenzulegen, die für die Planung und Durchführung der Studie vom April 2017 bis hin zu deren Abschluss im Mai 2021 relevant waren, ist zudem auch erforderlich, um schliesslich die Ergebnisse der Studie beurteilen zu können. Das heisst, dass auch näher auf die Umstände eingegangen wird, unter denen die empirischen Daten, die das Herzstück der Studie bilden, im Rahmen der Feldforschung gesammelt wurden. Dabei geht es nicht nur um die Herausforderungen bei der Erschliessung des Untersuchungsfelds und die Zusammensetzung der Stichprobe (Kapitel 4), sondern auch um die angewandten methodischen Werkzeuge und das erhobene Untersuchungsmaterial, die gleichermassen kritisch reflektiert werden müssen (Kapitel 5). Im Zwischenfazit (Kapitel 6) werden die einzelnen Analyseschritte dargestellt, die sich unter Berücksichtigung des für die Grounded Theory typischen Kodierparadigmas aus den Forschungsfragen und dem Datenmaterial ergeben haben.
1 Forschungsstand
Die Heiratsmigration von Frauen in europäische Länder und binationale Eheschliessungen haben in den vergangenen 40 Jahren erheblich zugenommen. Obwohl in der Schweiz mittlerweile die Hälfte aller Ehen gemischt national sind (52 Prozent, BfS 2015), bilden binationale Ehen und interkulturelle Familien hierzulande ein stark vernachlässigtes Forschungsthema.
Derzeit leben in der Schweiz insgesamt rund 16 000 Thais — vier Fünftel der immigrierten Personen sind Frauen, die in den meisten Fällen als Heiratsmigrantinnen bezeichnet werden können. Massgebend dafür ist, dass sie ihre Aufenthaltsbewilligung durch eine Eheschliessung mit einem Schweizer erworben haben und ihre Migration damit in einem unmittelbaren Zusammenhang mit ihrer Heirat steht." Bisherige Untersuchungen zu Thailänderinnen und Philippinerinnen in Deutschland haben gezeigt, dass sich diese Frauen überwiegend aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen auf die Ehe einlassen (Beer 1996, Ruenkaew 2003, Lauser 2004). Die Migrationsforschung und die Ethnologie haben sich sowohl in theoretischer als auch empirischer Hinsicht eingehend mit dem Thema Heiratsmigration beschäftigt.” Der Fokus bisheriger Untersuchungen lag dabei insbesondere auf den Motiven der Frauen für eine Migration durch Heirat und den soziokulturellen wie auch ökonomischen Hintergründen in den Herkunftsländern.? Die Erkenntnisse aus diesen Studien sind instruktiv für die Erforschung der Situation und Bedürfnisse thailändischer Heiratsmigrantinnen in der Schweiz.
1 Für eine Begriffsbestimmung sowie einen Überblick über die legislativen Rahmenbedingungen für Heiratsmigration siehe Teil Il, Kapitel 1.
2 Siehe dazu u.a. Müller-Schneider 2000, Yang et al. 2010, Schmidt 2011, Sims 2012, Kreckel 2013, Palriwala 2013, Piper et al. 2013.
3 Die Hintergründe der Heiratsentscheidungen der in dieser Studie befragten Thailänderinnen und deren Ehepartner werden in Teil Il, Kapitel 2 und 3, dargestellt.
Bis jetzt gibt es nur wenige ethnologische oder soziokulturelle Untersuchungen, die einen Einblick in die Lebenswelt von Heiratsmigrantinnen erlauben, wobei diese für die Schweiz gänzlich fehlen. Besonders hervorzuheben sind die Studien von Beer (1996), Ruenkaew (2003) und Lauser (2004). Ihnen gemeinsam ist, dass sie Heiratsmigration nicht im Rahmen der Thematik des Menschen- oder Ehehandels betrachten, da das damit einhergehende Täter- Opfer-Modell der Wirklichkeit solcher Eheschliessungen nicht gerecht wird. Die Untersuchungen zeigen, dass das Machtgefälle innerhalb der Beziehungen oft nicht den geläufigen Vorurteilen entspricht: Die Frauen verfolgen mit der Eheschliessung klare Ziele und wissen diese in der Regel erfolgreich durchzusetzen (Beer 1996: 32-41 und 162-167; Ruenkaew 2003: 293-311; Lauser 2004: 256). Daher liegt es gemäss den Autorinnen nahe, dass es sich bei Heiratsmigrantinnen um soziale Akteurinnen handelt, die über eigene Überlebens-, Handlungs- und Bewältigungsstrategien verfügen. Die Bedeutung religiöser Orientierungen und Bindungen, welche für den Alltag der Frauen wie auch die Gestaltung ihrer Beziehungen und Freundschaften wichtig sein könnten, untersuchte jedoch keine der Autorinnen. Insofern möchte ich diese Forschungslücke mit der vorliegenden Studie schliessen.
Ruenkaew (2003) zeigt auf, dass die Mehrheit der immigrierten Thai-Frauen* schlecht ausgebildet und mit der europäischen Kultur nur wenig vertraut ist. Diesen Befund untermauert auch die ethnologische Forschung von Tosakul (2010), die zeigt, dass Thailänderinnen meist sehr unrealistische Vorstellungen vom Leben in westlichen Gesellschaften haben. Die bereits genannten Untersuchungen von Beer, Ruenkaew und Lauser zeichnen neben weiteren einschlägigen Studien? ein differenziertes Bild von interethnischen Ehen und den vielfältigen Problemfeldern, mit welchen die Frauen und ihre Ehepartner im Alltag konfrontiert werden. Welche konkreten Strategien die Akteurinnen heranziehen, um diese zu bewältigen, bleibt dabei jedoch unbeachtet. Hierzu liefert die Studie von Bodenmann et al. (2010) aus der klinischen Psychologie wichtige Ansatzpunkte. Mittels eines standardisierten Fragebogens haben die Autoren thailändisch-schweizerische mit mononationalen Schweizer Paaren in Bezug auf die Ehezufriedenheit und den Umgang mit Stress verglichen. Die Resultate der Untersuchung zeigen, dass die Partnerschaftszufriedenheit der thailändisch-schweizerischen Paare unter jener der Schweizer Paare liegt und die
4 Der Ausdruck Thai-Frau wird gelegentlich verwendet, da die Frauen diesen auch als ethnische Selbstbezeichnung gebrauchen. 5 Sie dazu u.a. Hollenstein 1994, Kessler et al. 2010, Gründler 2012, Metzig 2013.
1 Forschungsstand
Stressbelastung innerhalb der binationalen Paarbeziehungen als deutlich höher empfunden wird. Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass dies auf die kulturell-religiösen Unterschiede zwischen den Ehepartnern zurückzuführen ist.‘ Für die vorliegende Untersuchung besonders relevant ist, dass die befragten Thai-Frauen ihre Probleme im Vergleich zu den Schweizerinnen im Sample überdurchschnittlich oft verdrängen und ihrem Partner gegenüber nicht kommunizieren. Zugleich gaben die Thailänderinnen an, verstärkt aufreligiöse Bewältigungsstrategien zurückzugreifen (Bodenmann et al. 2010: 145).
Der in früheren Forschungen vernachlässigte Befund, dass Religion gerade für Migrant:innen eine wichtige Rolle zur Bewältigung von Problemen einnimmt, stimmt mit einschlägigen sozial- und religionswissenschaftlichen Untersuchungen überein. Diese haben aufgezeigt, dass religiöse Inhalte, Religionspraxis und Vergemeinschaftung für Migrant:innen einerseits Bedeutungen von identitärer Selbstvergewisserung, Rückhalt und Unterstützung einnehmen und andererseits einen transnationalen Rückbezug zum Herkunftsland darstellen. Für immigrierte Personen spielt im Prozess des Heimischwerdens in der Fremde beides eine zentrale Rolle (Hirschman 2004; Baumann 2004, 2015, 2016; Nagel 2013, 2014; Arens et al. 2016).
6 Inden zum Zeitpukt der Ausarbeitung dieser Studie noch nicht veröffentlichten Ergebnissen des SNF-Projekts Ein Paar— zwei Religionen untersucht Michael Ackert (Universität Fribourg) mittels quantitativer Daten, inwiefern verschiedene religiöse Faktoren im Zusammenspiel mit beziehungspsychologischen und sozialen Faktoren zum Gelingen oder Scheitern interreligiöser Paarbeziehungen beitragen. Die Bedeutung religiöser Faktoren wird dabei im Vergleich zu den anderen Variablen relativiert.
2 Untersuchungsleitende Fragestellungen und Ziele der Studie
Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich folgende Forschungsfrage, die im Rahmen der vorliegenden Dissertation beantwortet wird: Welchen Beitrag nehmen thai-buddhistische Deutungssysteme, Handlungspraktiken und Formen der Vergemeinschaftung zur Bewältigung der Lebenssituation von thailändischen Heiratsmigrantinnen in der Schweiz ein?
Das Ziel der Studie ist, die Bedeutung thai-buddhistischer Religion für Thai-Frauen in der Schweiz zu untersuchen. Dabei wird davon ausgegangen, dass die buddhistische Religiosität und Religionspraxis im öffentlichen wie auch privaten Raum als Ausdruck der Selbstidentifikation, Basis für Vergemeinschaftungsprozesse und über den religiösen Kontext hinausreichende »Ihainess« zu verstehen sind, die den Frauen als wichtige Ressourcen dienen, um ihren Alltag in der Schweiz zu bewältigen. Die Untersuchung der Fragestellung soll dazu beitragen, die Lebenswelt von thailändischen Heiratsmigrantinnen in der Schweiz sowie deren Verortung innerhalb der Gesellschaft zu erfassen und zugleich die zuvor angesprochenen Forschungslücken zu schliessen.
Zur Operationalisierung der zuvor genannten Forschungsfrage konnten im Verlauf des Arbeitsprozesses verschiedene untersuchungsleitende Fragestellungen abgeleitet werden, die nicht nur die Analyse, sondern auch den Aufbau der Studie strukturieren:
1) Wie gestaltet sich die spezifische Lebenssituation von thailändischen Heiratsmigrantinnen in der Schweiz? Mit welchen Problemfeldern werden sie konfrontiert?
2) Was für Ressourcen stehen ihnen zur Bewältigung der ermittelten Problemfelder zur Verfügung?
3) Welche Rolle und Bedeutung kommt dabei der kulturell-religiösen Tradition des Herkunftslandes zu?
4) Inwiefern lassen sich aufgrund bestimmter biografischer Prozesse oder spezieller Lebensereignisse Veränderungen in ihrer Religiosität feststellen?
Die Untersuchung dieser explorativen Fragestellungen erfordert eine geeignete induktive Methode, die nicht nur flexibel an die Gegebenheiten im Untersuchungsfeld angepasst werden kann, sondern auch eine Integration verschiedener theoretischer Bezugspunkte erlaubt. Dabei fiel die Wahl auf die Grounded Theory, die sowohl Techniken zur Datenerhebung als auch ein pragmatisches Verfahren zur Analyse von Daten bereitstellt.
3 Grounded Theory als Forschungsstrategie
Die Grounded Theory ist im Grunde weniger als spezifische Methode denn als Forschungsstrategie zu betrachten. Aus methodologischer Perspektive ist sie nämlich nicht an spezielle Datentypen, Forschungsrichtungen oder theoretische Interessen gebunden (Strauss 1998: 29-30), weshalb dieses qualitative Verfahren für die Untersuchung der zuvor genannten Fragestellungen besonders gut geeignet ist. Im Folgenden wird dargestellt, was die Grounded Theory als Forschungsmethodologie und -methode auszeichnet, und zugleich näher daraufeingegangen, welche Leitlinien, Standards und theoretischen Perspektiven bei der Erhebung und der Analyse der empirischen Daten berücksichtigt wurden.
Die Grounded Theory wurde in den 1960er Jahren von Barney Glaser und Anselm Strauss vorgestellt. Beeinflusst durch die sozialphilosophischen Traditionen des amerikanischen Pragmatismus und der Chicagoer Schule (Strübing 2008: 37-49) beschreiben sie in ihrem Werk The discovery ofGrounded Theory ein analytisches Verfahren, das sie dazu entworfen haben, um »die Bedeutung menschlicher Erfahrung zu entdecken und die grösseren sozialen Strukturen aufzudecken, in denen Bedeutung konstruiert und rekonstruiert wird« (Corbin 2011: 70). Das Ziel des Forschungsprozesses ist letztlich die Formulierung einer erklärend-verstehenden Theorie über den untersuchten Gegenstandbereich. Bei der Arbeit mit Grounded Theory geht es somit nicht lediglich um die »dichte Beschreibung« (Geertz 1987) eines empirischen Phänomens. Von den Forschungsergebnissen wird darüber hinaus erwartet, dass es sich um neu entwickeltes Wissen handelt, das sich in bereits verfügbare Wissensbestände eingliedern lässt und somit über eine Systematik und konzeptionelle Dichte verfügt (Strübing 2008: 51).
Glaser und Strauss betrachten die Entwicklung einer Theorie auf der Basis von empirischen Daten als einen interpretativen Prozess, dem verschiedene Techniken und Prozeduren für die Datensammlung und -analyse zugrunde liegen - und der nicht zuletzt an bestimmte Verfahrensregeln gebunden ist. Da sich die Wege der beiden Gründerväter der Grounded Theory in den 1990er Jahren aufgrund grundlegender methodologischer Differenzen trennten, existieren heute parallel zwei Richtungen der Grounded Theory, die eine mehr oder weniger unterschiedliche Vorgehensweise nahelegen. Da das Verfahren nach Strauss als wesentlich differenzierter und forschungslogisch besser begründet gilt (ebd.: 65-78), orientiert sich das hier geäusserte Verständnis der Forschungsstrategie an seinen Ausführungen.
3.1 Theoretische Bezugspunkte für die Untersuchung
Es ist naheliegend, ein Verfahren zur empirisch begründeten Theoriebildung als induktive Forschungsstrategie zu bezeichnen. Da jedoch Konzepte und Kategorien nicht ohne aktives Zutun des Forschenden aus dem Datenmaterial emergieren, spielen theoretisches Vorwissen und Kontextwissen auch bei der Arbeit mit Grounded Theory eine entscheidende Rolle. Im Gegensatz zu deduktiven Verfahren geht es dabei aber nicht darum, sich vorgängig auf bestimmte theoretische Perspektiven festzulegen resp. dem Datenmaterial theoretische Konzepte überzustülpen, sodass die Gewinnung neuer Erkenntnisse dadurch eingeschränkt wird. Vielmehr wird von den Forschenden eine theoretische Sensibilität verlangt, die es erlaubt, theoretische Perspektiven bereits zu Beginn einer Untersuchung in den Ansatz der Grounded Theory zu integrieren (Strübing 2008: 56-58), um der Forschungsarbeit resp. der Analyse einen Rahmen zu geben. Obwohl dieser Rahmen nicht vorgängig als geschlossen betrachtet werden darf, liefern theoretisches Vorwissen und Kontextwissen Anhaltspunkte, um verschiedene Variationen eines empirischen Phänomens zu entdecken, entsprechende Vergleiche anzustellen und das weiter unten beschriebene Verfahren der theoretisch geleiteten Datenerhebung anzuwenden, um letztlich eine konzeptionell dichte Theorie zu entwickeln (ebd.: 36-37). Im Verlauf des Forschungsprozesses waren verschiedene theoretische Bezugspunkte zentral, die im Folgenden kurz beleuchtet und teilweise später an entsprechenden Stellen bei der Analyse nochmals aufgegriffen werden.
Copingansätze Die mit Thailänderinnen geführten narrativ-biografischen Interviews legen nahe, dass sich viele von ihnen in schwierigen und nicht selten auch sehr belastenden Lebenssituationen befinden, die einen unmittelbaren Einfluss aufihre psychische Gesundheit ausüben. Dabei lässt sich beobachten,
3 Grounded Theory als Forschungsstrategie dass einige der befragten Akteurinnen gezielt ein religiöses Umfeld aufsuchen, um soziale und psychologische Unterstützung zu erfahren, und/oder sich verstärkt religiösen Glaubensvorstellungen und Handlungspraktiken zuwenden, von welchen sie sich Schutz und Hilfe bezüglich ihrer emotionalen, sozialen wie auch materiellen Anliegen erhoffen. Hinter ihrer Religiosität steht damit eine Vielzahl von psychosozialen und intrapsychischen Motivationen, die im Rahmen der Analyse herausgearbeitet werden sollen.
In der Psychologie existiert eine grosse Bandbreite an Copingansätzen, die sich nicht oder nur bedingt als theoretische Bezugspunkte für diese Studie eignen. Dies ist einerseits darauf zurückzuführen, dass die Untersuchung von Religion als Copinginstrument meist aus einer quantitativen Perspektive erfolgt. Andererseits ist das in der Klinischen Psychologie vorherrschende Verständnis von Religion als vorwiegend dysfunktionales Mittel zur Stressreduktion durch Realitätsflucht für eine religionswissenschaftlich ausgerichtete Untersuchung nicht sonderlich fruchtbar. Insofern galt es einen Copingansatz zu wählen, der sich zur qualitativen Untersuchung von religiösem Coping eignet und offen genug ist, um die Vielzahl wie auch die Vielschichtigkeit der hinter religiösen Handlungen vorgefundenen Motivationen bei der Analyse zu berücksichtigen. Als zielführend erwiesen sich insbesondere die Ausführungen zweier Autoren: Zunächst handelt es sich dabei um das theoretische Konzept des Religionspsychologen Kenneth I. Pargament (1997). Seinem Flow of Coping (ebd.:90-130) liegt ein auf diese Studie übertragbares Verständnis des Zusammenspiels von Religion und Coping zugrunde, das zugleich eine Basis für die Rekonstruktion von Copingprozessen darstellt. Um nicht nur die vorgefundenen Prozesse, sondern auch die von den befragten Thailänderinnen angewandten religiösen Copingaktivitäten zu erfassen und entsprechend zu systematisieren, wurden des Weiteren auch die Darstellungen des Religionswissenschaftlers Winston L. King (1964) und des Kulturanthropologen Melford E. Spiro (1982) berücksichtigt. Ihre Kategorisierungen von buddhistischen Glaubensvorstellungen erlauben eine Differenzierung zwischen nibbanischen, kammischen und apotropäischen Handlungspraktiken, die jeweils mit unterschiedlichen Zielsetzungen in Verbindung stehen und somit auch Rückschlüsse auf die dahinterstehenden Motivationen zulassen. Eine nähere Darstellung der theoretischen Bezugspunkte zu Religion und Coping findet sich in Teil V der Studie, in welcher die Rolle, die Bedeutung und die Funktion von thai-buddhistischer Religiosität im Fokus der Analyse stehen.
Transnationalismus Obwohl dem Theoriekomplex um Coping eine zentrale Bedeutung zukommt, wäre es für die Analyse der vorliegenden Fragestellungen wenig aufschlussreich, religiöse Identitäten und Praktiken lediglich auf Strategien zur Bewältigung der Migrationssituation zu reduzieren. Vielmehr sind sie in komplexe Dynamiken zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsort verwoben (Lauser 2008: 11), weshalb ein »methodologischer Nationalismus« bei der Betrachtung von Migration abzulehnen ist (Schiller et al. 1992; Wimmer et al. 2002). Im Kontext des Transnationalismus wird Migration nicht als abgeschlossenes Phänomen verstanden, sondern als »transnationaler Prozess« (Schiller et al. 1995: 48), in welchem grenzübergreifende Beziehungen aufrechterhalten werden und für den Alltag der Migrantinnen eine wichtige Bedeutung einnehmen (ebd.: 52-54). Demnach sollte die Bedeutung von Religion im transnationalen Raum gemäss Lauser (2008) auf drei Ebenen sozio-religiöser Erfahrungen erfasst werden, die im Rahmen der Ausarbeitung dieser Studie berücksichtigt wurden: Auf der Mikroebene sind dies die individuellen und familiären Glaubensvorstellungen und Praktiken, die von Migrant:innen verwendet werden, um ihre Zugehörigkeit zu Gemeinschaften geltend zu machen. Auf der Mesoebene sind religiöse Institutionen und Organisationen zu untersuchen, die transnationale Gemeinschaften sind, da sie ein Verbindungsglied zwischen Herkunfts- und Aufenthaltsort darstellen. Sie stellen den Migrant:innen zudem eine Plattform zur Verfügung, um ihr transnationales Netzwerk im Aufnahmeland zu erweitern und soziale Kontakte zu knüpfen. Auf der Makroebene, die vom legislativen Regelsystem des Staates gestaltet wird, sind unter anderem der Umgang mit Religionspluralität wie auch die Migrations- und Integrationspolitik von Bedeutung, die den Migrantinnen unterschiedliche Möglichkeiten eröffnet, sich in verschiedenen religiösen und nationalen Kontexten zu bewegen (ebd.: 15-17).
Identität Die Selbst- und Fremdverortung thailändischer Heiratsmigrantinnen in der Schweizer Gesellschaft wird durch die Differenzierung des Identitätsbegriffs von Brubaker/Cooper (2000) untersucht. Die Autoren unterscheiden den als unscharf und mehrdeutig kritisierten Begriff »Identität« anhand von drei Begriffsgruppen: Identifikation und Kategorisierung beschreibt das Spannungsfeld zwischen Selbsteinordnung und Fremdkategorisierung, also womit sich das Individuum selbst identifiziert und wie seine Umwelt es kategorisiert. Die zweite Begriffsgruppe Selbstverständnis und soziale Positionierung rückt die »situative Subjektivität« (ebd.: 17) in den Vordergrund, die sowohl das Selbstverständnis als auch die soziale Verortung des Indivi-
3 Grounded Theory als Forschungsstrategie duums beinhaltet. Die dritte Begriffsgruppe Gemeinsamkeit, Verbundenheit, Gruppengefühl nimmt den Vergemeinschaftungsgedanken auf, indem eine Verbundenheit zu einer geteilten Idee, einem Ziel oder einer Gemeinschaft einerseits aufgrund der Empfindung von Gemeinsamkeit und Gruppengefühl erfolgt. Andererseits geht damit auch die Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen einher. Der Ansatz ermöglicht es, individuelle Positionierungen, Fremdzuschreibungen, Selbstverortungen und Verbundenheitskonstruktionen bei den Migrantinnen zu analysieren, die sowohl für die Untersuchung ihrer Lebenswelt in der Schweiz (Teil IV) als auch jene ihrer religiösen Bezüge (Teil V) relevant sind.
3.2 Datenerhebung
Kennzeichnend für den Forschungsprozess nach Grounded Theory ist, dass die Schritte der Datenerhebung, der Datenanalyse sowie der Theoriebildung keinem vorab festgelegten Ablauf folgen, sondern parallel resp. zyklisch erfolgen. Durch das Kodieren und Schreiben von Memos (siehe dazu Kapitel 3.3) entstehen immer wieder neue Fragen, »die nur bearbeitet werden können, indem neue Daten erhoben oder frühere Daten von neuem untersucht werden« (Strauss 1998: 56). Die Erhebung von Daten basiert somit nicht auf im Voraus definierten Kriterien, sondern wird durch analytische Fragestellungen geleitet, die sich aus dem jeweils aktuellen Stand der Theoriebildung ergeben. Da die zu entwickelnde Theorie somit den Bezugspunkt der Datenerhebung darstellt, wird dieses Verfahren als theoretisch geleitete Datenerhebung oder Theoretical Sampling bezeichnet. Werden neue Daten in das Sample aufgenommen, so sollen diese jeweils dazu beitragen, möglichst viele Variationen des untersuchten Phänomens aufzuzeigen. Auf diese Weise werden neue Konzepte ausgearbeitet oder bereits vorhandene Konzepte mit neuen Eigenschaften und Dimensionen ergänzt, um letztlich eine möglichst differenzierte Theorie entwickeln zu können (Strübing 2008: 30-31). Die Datenerhebung gilt erst dann als abgeschlossen, wenn sich aus hinzukommenden Daten keine neuen Erkenntnisse gewinnen lassen und somit das Kriterium der theoretischen Sättigung erreicht ist (Flick 2007: 161).
Da es sich bei der Grounded Theory um eine offene und explorative Methodologie handelt, können auch die Methoden zur Datenerhebung sehr vielfältige Formen annehmen (Corbin 2011: 71). Für diese Studie wurde dabei auf die Methoden der ethnografischen Forschung zurückgegriffen (siehe dazu Kapitel 5,
S. 43). Die Ethnografie liefert die methodischen Werkzeuge, fremde Lebenswelten »von innen« her zu erkunden (Hitzler 2011: 48), und dient der »Rekonstruktion der Arten und Weisen, wie Menschen im Zusammenleben mit anderen ihre jeweilige Welt konstruieren«. Zu verstehen, »welchen Sinn Akteure mit ihrem Tun (und Lassen) je verbinden« (ebd.: 51), ist das Ziel der ethnografischen Forschung und zugleich auch das zentrale Erkenntnisinteresse der vorliegenden Studie.
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The end
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