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Indiskrete Fiktionen

Johannes Franzen · 2023

155,298 words · about 10 h 53 min to read

Period artwork: Interior of the Bodleian Library, 1845
About this edition

Licence: CC BY-NC-ND 4.0 · repository export licence (OAPEN) · Franzen, Johannes (2023), Indiskrete Fiktionen, Wallstein Verlag - licensed CC BY-NC-ND 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/)

Text from OAPEN Library and set out for reading on screen; no words of the book are rewritten or summarized. How RedLectern is built

About this book

Author
Johannes Franzen
Language
German
Published
2023
Length
155,298 words · about 10 h 53 min
Sections
4 reader sections
Text
Digital text
Rights
CC BY-NC-ND 4.0 · repository export licence (OAPEN)

 

Contents (4)
  1. Front matter about 1 min
  2. Inhalt about 5 min
  3. II about 2 h 26 min
  4. III Was Ist Ein Schlüsselroman? about 8 h 21 min

Continue:

Front matter

Johannes Franzen

Theorie und Praxis des Schlüsselromans 1960-2015

Wallstein

Inhalt

5.ı Was hat der Autor zu verbergen? 5.2 Der Mord des Autors I: 5.3 Der Mord des Autors II: 5.4 >Poetologie der Rücksichtslosigkeit«:

6.1 »Lumpensammler<: Die ethische Ambivalenz eines amoralischen Autorkonzepts. . . aoaaa aaa 275

6.3 Narrativierungskonkurrenz: Die Kontroverse über

7. Biographische Agonalität: Der Schlüsselroman als Kampfmittel ... 2... 2.22.22... 357 7.1 »Aufeinander bezogene Schlüsselromane«: Wolfgang Hilbigs Das Provisorium (2000) und

7.2 Den Vorwurf durch die Tat widerlegen: Martina Zöllner Bleibtreu (2003), Martin Walser Der Augenblick der Liebe (2004),

8. Indiskrete Fiktionen: Resümee . . . 2... 22222. 415 9. Literatur ua an A y I E R a a E ee EE E R 425 9.1 Primärquellen .. aaa as eek 425 9.2 Forschungsbeiträge ... #2 34 3 1 ea ae 433 Dik en were azeinn en a n An T an a 449 r. Annäherungen

1.1 Prolog: Klaus Rainer Röhls Die Genossin (1975)

In seiner Reinform kann der Schlüsselroman eine fragwürdige Angelegenheit sein: Im Herbst 1975 veröffentlichte der Fritz-Molden-Verlag den Roman Die Genossin des konkret-Herausgebers Klaus Rainer Röhl. Der Klappentext auf dem Buchrücken verkündet stolz: »Der Mann Ulrike Meinhofs schrieb den Roman, den außer ihm niemand schreiben konnte.«' Verlag und Autor war diese Information offenbar so wichtig, dass man sie zu Beginn der kurzen inhaltlichen Zusammenfassung des Buches in der Einbandinnenseite fast wörtlich wiederholte - und um die Gefahr, dieses Faktum könnte dem Leser doch entgehen, vollständig zu bannen, wurde am Ende der Verfasserbiographie noch einmal angemerkt: »War mit Ulrike Meinhof verheiratet.«

Was aber autorisiert den Journalisten Klaus Rainer Röhl in besonderer Weise, den Roman zu schreiben, »den außer ihm niemand schreiben konnte«? Warum ist nur er und kein anderer dazu in der Lage? Der Grund ist seine Biographie: Die ostentative paratextuelle Inszenierung der Tatsache, dass Röhl mit Ulrike Meinhof verheiratet war, weist ihn als Besitzer eines wertvollen intimen Wissens aus. Wie andere Menschen als »Nahost-Experten« oder »Wein-Connaisseure< durch ihre Kenntnisse berechtigt sind, sich zu bestimmten Themen zu äußern, macht die Ehe mit Meinhof den Autor zu einem ausgewiesenen Kenner, dessen Expertise zum Thema »Meinhof< diejenige aller anderen in den Schatten stellt.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Die Genossin erfreuten sich Informationen zum Leben des RAF-Mitglieds, das sich seit Juni 1972 in Haft befand, reger Nachfrage. Die unerbittliche Mythisierung der RAF, die bis heute ganze Archive mit Büchern und Filmen füllt, stand damals bereits in voller Blüte.” Und Röhl hatte ein besonders seltenes und damit begehrtes Wissen anzubieten: Einblicke nämlich in das Privat- und Intimleben der Terroristin. Das Buch Die Genossin sollte dieses Wissen an die Leser bringen.

ı Klaus Rainer Röhl: Die Genossin, Wien 1975.

2 Vgl. Cordia Baumann: Mythos RAF. Literarische und filmische Mythentradierung von Bölls »Katharına Blum« bis zum »Baader Meinhof Komplex«, Paderborn 2012 und Luise Tremel: Lizerrorisierung. Die RAF in der deutschen Belletristik zwischen 1970 und 2004. In: Die RAF und der linke Terrorismus. Band 2, hg. von Wolfgang Kraushaar, Hamburg 2006, S. 1117-1154.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum Röhl seinen Text als Roman verkaufte, als fiktionale Erzählung also, deren Erfundenheit aber schon in den Paratexten wieder zurückgenommen wird? Unbehaglich oszilliert die Statusinszenierung des Buches zwischen Fiktionssignalen und überdeutlichen Referenzialisierungsangeboten. Konventionell bestimmt die Gattungsbezeichnung »Roman« auf der Titelseite den Inhalt (Figuren, Schauplätze, Ereignisse) als im Großen und Ganzen fiktiv, während der ständige paratextuelle Verweis auf die Ehe von Röhl und Meinhof den Leser auffordert, den Text autobiographisch (faktual) zu lesen.3 Der Titel Die Genossin trägt dazu als zusätzlicher Wink mit dem Zaunpfahl bei, indem er verspricht, eine weibliche Hauptfigur mit linkem Hintergrund in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen - eine Ankündigung, die mühelos auf Ulrike Meinhof übertragen werden kann. Bevor also der informierte Leser nur eine Seite des Romans gelesen hat, weiß er schon, wie der Text zu rezipieren ist und was er zu erwarten hat. Die Hauptfiguren Michael Luft und Katharina Holt sind Klaus Rainer Röhl und Ulrike Meinhof. Fast schon penibel vollzieht der Roman die biographischen Stationen der beiden Vorbilder nach und legt der Lebensgeschichte der scheinbar fiktiven Katharina das damals weitverbreitete Wissen über den Lebensweg Ulrike Meinhofs zugrunde. Ihre Karriere von der Friedensaktivistin zum KPD-Mitglied zur Terroristin bildet das Handlungsgerüst des Romans und erzeugt vor allem Wiedererkennbarkeit.

Das eigentlich neue Wissen aber, das Die Genossin für den Leser bereithält, ist ein intimes Wissen. Hier liegt der Grund dafür, dass Röhl die Romanform für seinen Insider-Bericht über die Innenwelt seiner berühmten Ex-Frau gewählt hat. Die Gattungsbezeichnung erfüllt zum einen eine Schutzfunktion und garantiert zum anderen die Möglichkeit, sich literarische Freiheiten bei der Darstellung herauszunehmen. Es handelt sich bei dem Roman um eine Art Nachschrift zu Röhls Autobiographie Fünf Finger sind keine Faust, die ein Jahr zuvor erschienen war.4 Auch in diesem Buch hatte er seine Geschichte mit Meinhof verarbeitet. Das Wissen, das

3 Die verwendete Terminologie ist angelehnt an Frank Zipfel: Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität. Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft, Berlin 2001, S. 19, der zwischen der »Fiktivität des Dargestellten« und der »Fiktionalität eines Textes« unterscheidet. Das Adjektiv»fiktiv< soll sich demgemäß auf die Existenzweise der dargestellten Dinge beziehen, insofern als diese »frei erfunden« sind, wohingegen das Adjektiv »fiktionak die Darstellungsweise eines Textes beschreibt, der fiktive Gegenstände zum Inhalt hat. Es wird also im Folgenden von fiktiven Figuren und fiktionalen Erzählungen/Texten die Rede sein.

4 Vgl. Klaus Rainer Röhl: Fünf Finger sind keine Faust, Köln 1974.

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PROLOG nötig war, um die hinter den fiktiven Namen versteckten Personen und Ereignisse zu entschlüsseln, konnte der Leser also der ein Jahr zuvor erschienenen Autobiographie entnehmen. Lediglich die intimsten persönlichen Details wurden in Röhls faktualem Bericht noch ausgespart. Diese konnten dann in Die Genossin detailreich dargestellt werden. Der Roman ist, so könnte man sagen, die Fortsetzung der Autobiographie mit anderen Mitteln.

Deutlich werden die Freiheiten der Fiktionalität bereits zu Beginn des Buches eingefordert. Die paratextuelle Anweisung, den Roman autobiographisch zu lesen, wird hier im Ton einer Vorschrift kurzerhand wieder zurückgenommen:

[...] Orte, Namen oder Situationen sind geändert, die Figuren der Katharina Holt, ihrer Mit- und Gegenspieler fiktiv. Ihre Eigenschaften und Handlungen können nicht auf lebende Personen übertragen werden. Solche standen dem Verfasser bei der Niederschrift natürlich vor Augen; es ging ihm jedoch nicht um wirklichkeitsgetreue Widerspiegelung von Begebenheiten oder Persönlichkeitsbildern. Er wollte durch Verdichtung zeitgeschichtlicher Tatsachen und Tendenzen in der Kunstform des Romans aus seiner Sicht ein kritisches Bild jüngster Vergangenheit entwerfen. Das Buch ist daher in diesem Sinne kein Tatsachenroman.S

Die Rhetorik dieser Art von Beteuerungen ist bekannt. Ihre Funktion liegt in der Abwehr möglicher juristischer Interventionen. Als Fiktionssignale sind sie eher unbrauchbar; stattdessen laden sie mit ihrem expositorischen Verbot referenzialisierender Lektüren eher noch dazu ein, nach realen Vorbildern hinter den scheinbar fiktiven Figuren des Textes zu suchen. Qui s’excuse s’accuse — wer sich entschuldigt, klagt sich an, und die Beteuerung, es gäbe in gerade diesem Text keinerlei Vorbilder zu finden, erweist sich in so gut wie allen Fällen als paratextuelle Selbstbezichtigung. Die Frage, die der Leser sich angesichts einer solchen Beteuerung stellen muss, lautet: >Was hat der Autor zu verbergen ?«*

5 K.R.Röhl: Die Genossin, S. 5.

6 Vgl. Gerard Genette: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches, übers. von Dieter Hornig, Frankfurt a.M. 2001, S. 209. Genette nennt Paratexte, die eine »Beteuerung der Fiktivität« enthalten, »Fiktionsverträge«. Auch er weist darauf hin (S. 211), dass die entsprechende Leugnung von Ähnlichkeit mit realen Personen »von Anfang an die doppelte Funktion besitzt, den Autor vor eventuellen Folgen der »Applizierung« zu schützen und die Leser unweigerlich auf die Suche nach ihnen anzusetzen«.

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