Read here

Wider die Verunsicherung

Anina Zahn · 2021

119,959 words · about 8 h 24 min to read

Period artwork: Interior of the Bodleian Library, 1845
About this edition

Licence: CC BY-NC-ND 4.0 · repository export licence (OAPEN) · Zahn, Anina (2021), Wider die Verunsicherung, open access publisher - licensed CC BY-NC-ND 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/)

Text from OAPEN Library and set out for reading on screen; no words of the book are rewritten or summarized. How RedLectern is built

About this book

Author
Anina Zahn
Language
German
Published
2021
Length
119,959 words · about 8 h 24 min
Sections
9 reader sections
Text
Digital text
Rights
CC BY-NC-ND 4.0 · repository export licence (OAPEN)

 

Contents (9)
  1. Front matter under 1 min
  2. Teil 1 about 1 min
  3. Teil 2: Kritik am Sozialstaat about 1 min
  4. Teil 3: Reformulierungen von Erwerbsarbeit about 1 min
  5. Teil 4: Die Arbeitslosenkomitees als Teil der sozialen Sicherung about 31 min
  6. Teil 1 about 2 h 47 min
  7. Teil 2 about 2 h 2 min
  8. Teil 3 about 1 h 31 min
  9. Teil 4 about 1 h 30 min

Continue:

Front matter

ANINA ZAHN

ANBEITSLÜSENNOMITEES IN DER SCHWEIZ 1975-200:

Anina Zahn

Teil 1

Zur Beziehung zwischen Arbeitslosenkomitees und Sozialstaat: Gegenstand und Fragestellung

Arbeitslosigkeit in der Schweiz

Eine Sozialstaatsgeschichte «von unten»: Zum Forschungsstand Was können uns die Arbeitslosen sagen?

Theoretische und methodische Bezüge

Quellen

Aufbau der Arbeit

Die Arbeitslosenbewegung in der Schweiz

Zwischen emanzipatorischer Bildungsarbeit und Selbstorganisation:

Gründungen von Arbeitslosenkomitees in den 1970er-Jahren

Eine flüchtige Empörung: Arbeitslosenkomitees 1975 und 1976 Stigma Arbeitslosigkeit: Individuelle Erfahrungsberichte Wirkungen von «68» und die Gründung des Arbeitslosenkomitees Genf

Von der evangelischen Bildungsarbeit zur nationalen Arbeitslosenlobby

Selbstorganisation, Selbstverwaltung und Selbsthilfe: Arbeitslosenkomitees in den 1980er-Jahren

Die Schweizerische Interessengemeinschaft für eine neue Arbeitslosenpolitik im Wandel

Abhängigkeit als Problem: Die ADC Genf in den 198oer-Jahren Selbstverwaltung von Arbeitslosen: Die ADC La Chaux-de-Fonds

Ein Arbeitslosenkomitee der Vielfalt? Das Arbeitslosenkomitee Basel

Die Stempelkontrolle und die Mobilisierung vor dem Arbeitsamt Zusammenfassung

Der Höhepunkt der Arbeitslosenbewegung: Arbeitslosenkomitees in den 1990er-Jahren

Allen Divergenzen zum Trotz: Zur Geschichte der nationalen Organisationen der Arbeitslosenkomitees

Die schwierige Mobilisierung der Arbeitslosen:

Die ADC La Chaux-de-Fonds

Hilfe oder Aktivismus? Die ADC Genf in den 1990er-Jahren

«Pass auf! Hier kommt das ZAK!»

Über die Selbstorganisation von Arbeitslosen

Ein aktivistisches Arbeitslosenkomitee: Die ADC Lausanne Ein gesellschaftliches Labor:

Das Arbeitslosenkomitee Basel in den 1990er-Jahren Zusammenfassung

Fazit Teil 1: Die unmögliche Mobilisierung der Arbeitslosen?

Teil 2: Kritik am Sozialstaat

«Ein Gesetz des Misstrauens»: Die Einführung der obligatorischen Arbeitslosenversicherung (1976-1984) Gesetzgebungsprozess zur Einführung der obligatorischen Arbeitslosenversicherung

Die Krise und die «Arbeitslosigkeit»:

Eine Risikokategorie in Diskussion

Sind alle Arbeitslosen gleich?

Über den Zugang zur Arbeitslosenentschädigung

«Gegen jede Form der sozialen Benachteiligung!»

Die Drohung der Aussteuerung

Die zumutbare Arbeit als Zumutung

Von guten und schlechten Arbeitslosen: «Vermittlungsfähigkeit» in der Kritik

Stempeln und strafen: Verhältnis zum Arbeitsamt Zusammenfassung

Widerstand im Spannungsfeld von «Sozialabbau»

und Aktivierung: Reformen in den 1990er-Jahren

Die Einführung der Aktivierungspolitik in den 1990er-Jahren Die Ver(un)sicherung:

Widerstand gegen den dringlichen Bundesbeschluss von 1993 Über Pflichten: Die Zukunft des Arbeitsamts

Wie wıedereingliedern? Kontroversen um die Revision

der Arbeitslosenversicherung 1995

Gegen den Sozialabbau!

Widerstand gegen Reformen von 1997 und 2002

«Nein zu Zwangsarbeit!»:

Die regionalen Arbeitsvermittlungszentren in der Kritik Zusammenfassung

Fazit Teil 2: Die Ambivalenz der sozialen Sicherheit

114 120

125 130

145 150 154 160

168 173 177

179 180

182 188

204 210

2II

Teil 3: Reformulierungen von Erwerbsarbeit

6 6.1

6.2 6.3

6.4 6.5

6.6

7.5

Arbeit um jeden Preis?

Aktivierung von Arbeitslosen im Wandel der Zeit

«Wir Arbeitslosen lassen uns nicht gegen die Arbeitsbesitzenden ausspielen»: Verhältnis zu den Gewerkschaften

Streik in einem Beschäftigungsprogramm

«Arbeiten wir alle, arbeiten wir weniger»:

Die Forderung nach einer Umverteilung der Arbeit Anpassung an den Strukturwandel durch Umschulung und Weiterbildung?

Mehr Beschäftigung! Mehr Arbeit!

Über die Aneignung von sozialpolitischen Instrumenten «Arbeit soll Vergnügen machen»:

Vom Versuch der selbstorganisierten (Erwerbs-)Arbeit Zusammenfassung

Von der Arbeits- zur Prekaritätsgesellschaft?

Wandlungen der Kategorie «Arbeitslosigkeit»

Freiwillig arbeitslos? Erwerbsarbeit in der Kritik Vollbeschäftigung oder ein neues Verhältnis zur Arbeit? Prekarität: Semantische Verschiebungen rund um Erwerbsarbeit und Arbeitslosigkeit

«Adieu, du lieber Lohn»:

Die Sozialpolitik und der Wandel der Arbeitswelt

Ist die Arbeitslosenversicherung noch zeitgemäss?

Die Forderung nach einem Grundeinkommen Zusammenfassung

Fazit Teil 3: Emanzipation durch Arbeit?

Teil 4: Die Arbeitslosenkomitees als Teil der sozialen Sicherung

8.3

8.4

Die Beratungsstellen der Arbeitslosenkomitees und der Sozialstaat Die Isolation durchbrechen:

Beratungsstellen als «Selbsthilfe auf solidarischer Ebene» Beratungsstellen ohne Staat:

Die finanzielle Situation in den 1970er- und 8oer-Jahren Beschäftigungsprogramme und Subventionen:

Die Institutionalisierung der Beratungsstellen

Die Organisation der Arbeitslosenkomitees

im Kanton Neuenburg

251 252 256 260

265 269

275 277 278 283 285

8.5 Über Bedingungen: Gestrichene Subventionen und Beschäftigungsplätze

Fazit Teil 4: Soziale Sicherung gegen die Verunsicherung

Der Sozialstaat in Verhandlung

Dank Abkürzungen Quellen und Literatur

319 321

Für eine Geschichte der Arbeitslosen, nicht der Arbeitslosigkeit

«Im Zentrum der heutigen sozialen Frage stehen erneut die «Nutzlosen», Überzähligen, und um sie herum ein diffuser Bereich von Situationen, die von Prekarität und der Ungewissheit über den jeweils nächsten Tag geprägt sind und vom Wiederauftreten massenhafter Verwundbarkeit zeugen.»' Die soziale Frage im ausgehenden 20. Jahrhundert sei nicht durch die Industriearbeit, sondern durch das Verschwinden der Lohnarbeit gekennzeichnet, so der französische Soziologe Robert Castel 1995. Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen würden sich um die Nichtarbeitenden drehen, um die «Überzähligen», was nicht nur die Lohnabhängigen verunsichere, sondern auch eine sozialpolitische Herausforderung bedeute. Das ausgehende 20. Jahrhundert sei durch soziale Unsicherheit geprägt.

Castels Interpretation der neuen sozialen Frage spiegelt die vorherrschende Sorge um Arbeitslosigkeit und ungesicherte Arbeitsverhältnisse in den 1990er-Jahren. Arbeitslosigkeit war in der Schweiz einer der grössten Unsicherheitsfaktoren in dieser Zeit.” Nach der dreissigjährigen Hochkonjunktur führte der Einbruch der 1970er-Jahre erstmals wieder zu Stellenverlusten. Die Rezession der 1990er-Jahre erhöhte die Arbeitslosigkeit und machte diese zum politischen Thema. Vor diesem Hintergrund ist Castels Aussage zu verstehen, dass ungesicherte Beschäftigung die soziale Frage des späten 20. Jahrhunderts ausmache. Deshalb stelle ich die Arbeitslosen ins Zentrum dieser Arbeit. Ich frage, was ihre Auseinandersetzungen über den Wandel des Sozialstaats und der Erwerbsarbeit aussagen. Die soziale Sicherheit erscheint als gesellschaftlich umkämpftes Feld.

Ich untersuche Schweizer Arbeitslosenkomitees zwischen 1975 und 2002 und ihre Aushandlungen rund um die Sozialpolitik. Arbeitslosenkomitees waren Gruppen, die sich an der Schnittstelle von Protest und Hilfe bewegten. Sie entstanden ab Mitte der 1970er-Jahre. Ich setze in einer Zeit an, als Arbeitslosigkeit als Risiko anerkannt war und die entsprechenden Sozialversicherungen in Kraft traten. Die sozialpolitischen Akteure mussten nun nicht mehr soziale Sicherungssysteme einrichten. Deshalb steht in dieser Untersuchung die Frage im Mittelpunkt, wie sich die Arbeitslosenpolitik auf die Arbeitslosen selbst auswirkte. Arbeitslosenkomitees sind erst durch den Sozialstaat entstanden und kritisierten diesen zugleich. Protagonist”innen der vorliegenden Geschichte sind die Leistungsempfänger*innen. Eine Geschichte der Arbeitslosigkeit lässt sich nicht ohne die Arbeitslosen schreiben.

ı Castel: Die Metamorphosen der sozialen Frage, 2008, S. 401. Erstausgabe 1995. 2 Longchamp: Sorgen haben ihre eigene Konjunktur, 2018.

Zur Beziehung zwischen Arbeitslosenkomitees und Sozialstaat: Gegenstand und Fragestellung

Mit der Untersuchung von fünf Arbeitslosenkomitees - den Arbeitslosenkomitees Basel und Zürich, den Associations de défense des chômeurs (ADC) Genf und Lausanne sowie der Association pour la défense des chômeurs (ADC) La Chaux-de-Fonds - stelle ich organisierte Arbeitslose in den Mittelpunkt einer Sozialstaatsgeschichte.® Ausserdem beleuchte ich ihre nationalen Vernetzungen, namentlich die Schweizerische Interessengemeinschaft für eine neue Arbeitslosenpolitik (SINAP) in den 1970er- und S8oer-Jahren sowie die Vereinigung Schweizer Arbeitslosenkomitees (VESAK) in den 1990er-Jahren. Die Arbeitslosenkomitees waren lokal verankerte Gruppen, die sich im Zuge gesetzlicher Umbrüche national organisierten. Die Auswahl ist erstens durch die Quellenlage begründet. So erreichten diese fünf Komitees im Gegensatz zu anderen Arbeitslosengruppierungen eine gewisse Stabilität, was sich auf die Verfügbarkeit von Dokumenten auswirkte. Zweitens handelt es sich bei ihnen um Gruppen, die politisch intervenierten und zugleich eigene Treffpunkte aufbauten.* Drittens repräsentiert die Auswahl die Diversität der Arbeitslosenbewegung und berücksichtigt sowohl die Deutsch- als auch die Westschweiz.

Mit der Wahl des Untersuchungszeitraums von 1975 bis 2002 möchte ich zum Verständnis des wirtschaftlichen Strukturwandels und der damit einhergehenden Politisierung der Arbeitslosigkeit beitragen. Der Konjunktureinbruch der 1970er-Jahre wirkte wie ein Schock, Stellensuchende gründeten erstmals seit der Krise der 1930er-Jahre Arbeitslosenkomitees und 1976 führte der Bundesrat mit einem dringlichen Bundesbeschluss die obligatorische Arbeitslosenversicherung ein. Dass die Untersuchung mit der dritten Arbeitslosenversicherungsrevision von 2002 endet, hat drei Gründe: Erstens wird die Quellenlage für die Zeit danach dünner. Zugleich war das Referendum gegen die Revision das letzte Mal, dass Komitees bei einer Abstimmungskampagne federführend waren. Zweitens waren sowohl bei der Arbeitslosenversicherung wie auch bei den Komitees grundlegende Veränderungen vorläufig abgeschlossen: Die Aktivierungspolitik war durchgesetzt und die Beratungsstellen der Komitees waren professionalisiert. Drittens zeigte sich, dass sich nach 2002 die Mobilisierung veränderte: Nicht mehr Arbeitslose standen im Fokus, vielmehr organisierten sich nun Sozialhilfebeziehende und Armutsbetroffene.’ Diese Entwicklungen hätten meine Analyse von der Arbeitslosenversicherung weggeführt.

Die Kernfrage der vorliegenden Arbeit bezieht sich auf die wechselseitige Beziehung zwischen dem Sozialstaat und den Arbeitslosenkomitees, die den Ar-

3 Ich benutze, ausser wenn es um eine spezifische Gruppe geht, den deutschen Begriff.

4 Es gab weitere stabile Komitees, zum Beispiel dasjenige in Neuenburg, das hier nicht untersucht wurde. Mit der ADC La Chaux-de-Fonds untersuchte ich ein Komitee aus demselben Kanton.

$ Vgl. Dokumentation zu Armutskonferenzen im Archiv des Arbeitslosenkomitees Basel.

beitslosenstatus politisierten. Am Beispiel der Komitees untersuche ich, inwiefern der Sozialstaat die Bildung neuer Gruppen, bestehend aus seiner eigenen Klientel, bewirkte. Die Komitees entstanden, als die obligatorische Arbeitslosenversicherung schweizweit den Stellenverlust als ein Risiko jeder arbeitenden Person anerkannte. Die Versicherung bot bei einem Stellenverlust finanzielle Entschädigung und damit eine gewisse Absicherung; gleichzeitig wirkte sie normierend, da nur eine bestimmte Gruppe von Menschen als «arbeitslos» anerkannt wurde und andere davon ausgeschlossen waren. Dies hatte soziale Folgen, die von bestimmten Akteuren zu einem politischen Gegenstand gemacht wurden. Wer als arbeitslos gilt und Leistungen beziehen kann, ist bis heute ein Politikum. Diese Wechselwirkungen untersuche ich ausgehend von den Arbeitslosenkomitees. Ich interessiere mich dafür, wie sich Arbeitslose zur Sozialpolitik in Beziehung setzten und was sie über Bedeutung und Veränderungen der sozialen Sicherheit, über das Risiko Arbeitslosigkeit und über Armutsphänomene aussagten.

Eine erste zu untersuchende Frage betrifft die Entstehung der Komitees: Wie wirkten sich das Risiko Arbeitslosigkeit und die damit einhergehenden sozialstaatlichen Massnahmen und Gesetze auf die Versichertengruppe aus?‘ Erst die Sozialpolitik machte aus Stellenlosen Arbeitslose, die ihren Status nur noch unter diesem Label begreifen konnten; erst die sozialstaatliche Kategorisierung konnte also zu den untersuchten Gruppen führen: den Arbeitslosenkomitees. Deren Organisierung stand in Beziehung zu Gesetzgebungsprozessen, denn die Einführung der obligatorischen Arbeitslosenversicherung wie auch verschiedene Gesetzesreformen bauten soziale Rechte aus oder entzogen sie. Somit verstehe ich die Arbeitslosenkomitees als kritische Akteure im schweizerischen Sozialstaat, die erst durch ihn entstanden und sich direkt auf ihn bezogen.

Die zweite Frage bezieht sich auf die Kritik der Komitees am Sozialstaat und was jene über diesen aussagt. Erwartungen und Kritik an Gesetzen, Massnahmen und Praktiken trugen zur Politisierung der Frage bei, wer leistungsberechtigt war und wie der Sozialstaat Arbeitslose behandelte. Folglich handelt es sich um die politische Dimension von Arbeitslosigkeit, um eine «Politikgeschichte «von untem».7 Die Komitees kritisierten die Sozialpolitik und betonten deren repressiven Charakter, besonders die engen definitorischen Grenzen, die gewisse Stellenlose ausschlossen, und die Kontrollen, denen die Leistungsbezüger*innen unterworfen waren. Sie verstanden die Risikodeckung als ambivalent: Der Sozialstaat sichert nicht nur, er verunsichert zugleich. Die Versicherung kann durch Nichteinschluss, Leistungsentzug oder Reformen eine Verunsicherung darstellen, so das titelgebende Argument dieser Arbeit.

Dem setzten die Arbeitslosenkomitees Forderungen und Gegenmodelle entgegen, die sich sowohl auf Arbeit und Beschäftigung wie auch auf die Versicherung bezogen. Abhängig von der sozialstaatlichen Definition von Arbeitslosigkeit, er-

6 Vgl. Conrad: Was macht eigentlich der Wohlfahrtsstaat?, 2013, S. 555-592.

7 Vgl. Raphael: Jenseits von Kohle und Stahl, 2019. Raphael nimmt die Industriearbeiter*innen in Zeiten der Deindustrialisierung in den Blick.

gänzten die Komitees diese durch eigene Deutungen und durch die Entwicklung von Angeboten und Praktiken. Wie prägten sie damit die Ausgestaltung sozialer Sicherung? Was unterschied ihre Angebote von den sozialstaatlichen? Ihre kreative Seite führte zu einer zunehmenden Verflechtung mit dem Sozialstaat; die Arbeitslosenkomitees wurden Teil der sozialen Sicherung. Dies veranschaulicht den Deutungswandel von Sicherung im Bereich der Arbeitslosigkeit und es stellt sich damit die Frage, was soziale Sicherheit überhaupt ist.

Der Sozialstaat formte also die Arbeitslosenkomitees, die als Teil von ihm verstanden werden müssen. Ich verstehe sie als Akteure im schweizerischen Sozialstaat, die nicht nur politisch agitierten, sondern auch Sicherungsfunktionen übernahmen. Aber wie war die Arbeitslosenpolitik in diesem Zeitraum ausgestaltet? Und weshalb entstanden die Arbeitslosenkomitees gerade in dieser Zeit?

Arbeitslosigkeit in der Schweiz

Im Untersuchungszeitraum 1975-2002 verloren nach einer dreissig Jahre dauernden Hochkonjunktur erstmals wieder viele Menschen ihre Arbeit. Arbeitslosenstatistiken waren abstrahierte Abbildungen der neuen Krisenerfahrung. Die Grafik ı zeigt, dass 1974 noch kaum Arbeitslose registriert waren, die Arbeitslosigkeit stieg von 1975 bis Ende der 1970er-Jahre und erneut von 1982 bis Ende der 198oer-Jahre an. In den 1990er-Jahren waren mit Abstand am meisten Arbeitslose über einen längeren Zeitraum registriert. Neben den gesamtschweizerischen Arbeitslosenzahlen verzeichnet das Diagramm die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen in den untersuchten Kantonen Basel-Stadt, Genf, Neuenburg, Waadt und Zürich.‘ Ausser in Zürich sind die Werte höher als der schweizerische Durchschnitt; in den 1990er-Jahren verzeichneten die französischsprachigen Kantone die höchsten Arbeitslosenzahlen. Dies unterstreicht, wie wichtig es ist, regional zu differenzieren.

Die Grafik ist allerdings mit Vorsicht zu geniessen: In die Arbeitslosenstatistik geht nicht ein, wer seine Stelle verloren hat, sondern nur, wer sich arbeitslos meldet und seinen Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung geltend machen kann. ? Die Grafik zeigt, dass die Arbeitslosenzahlen erst in den 1980er-Jahren auf über ein Prozent kletterten. Dabei war der Stellenrückgang in den 1970er-Jahren weitaus grösser; die Zahlen blieben jedoch wegen der vielen ausländischen Arbeitnehmer*innen, die mit der Stelle zugleich ihr Bleiberecht verloren, niedrig. Die Arbeitslosenquote widerspiegelt die Arbeitsmarktsituation nicht. Erst in den 1990er-Jahren reflektieren die konstant höheren Arbeitslosenzahlen die strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarkts und die Rezession. Im internationalen Vergleich verzeichnete die Schweiz stets geringe Arbeitslosenzahlen und wegen

8 Die Zahlen stammen vom Bundesamt für Statistik, vgl. Bundesamt für Statistik: Arbeitslose nach Kanton, 2019. 9 Vgl. Geschichte der sozialen Sicherheit: Die Arbeitslosenversicherung in Zahlen, 2015.

Grafik 1: Arbeitslosenquote in Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung, 1973-2002

2 A So EFF u > p

— Gesamte Schweiz ===- Kanton Basel-Stadt =——= = Kanton Genf ++****- Kanton Neuenburg Kanton Waadt = — Kanton Zürich

Quelle: BFS, Arbeitslose nach Kanton, 2019.

der exportierten Arbeitslosigkeit bis in die 1990er-Jahre kaum Sockelarbeitslosigkeit. Wie gezeigt wird, war die Diskussion um die Exaktheit der Statistiken für die Arbeitslosenkomitees wichtig, um die Arbeitslosenpolitik zu kritisieren oder um Forderungen zu stellen. Für die vorliegende Untersuchung ist die Prämisse entscheidend, dass nicht nur die Höhe der Arbeitslosenzahlen, sondern die Definition von Arbeitslosigkeit an sich Teil der Auseinandersetzungen war. Dies spiegelt sich in dem von den Komitees benutzten Begriff des «Ohne-Arbeit-Seins». Zwar verorteten sie sich meist im Kontext der Arbeitslosenversicherung, sie hatten aber auch Mitglieder ohne Anrecht auf Arbeitslosenentschädigung. Begriffliche Veränderungen hin zu «Erwerbslosigkeit» verweisen auf ein verändertes Selbstverständnis und auf Auseinandersetzungen um die Deutung von Arbeit und Nichtarbeit. Mit Begriffen wie «stellenlos» und «erwerbslos» trage ich dem Rechnung; da sich meine Forschung jedoch mit sozialstaatlichen Vorgaben beschäftigt, verwende ich meist «arbeitslos».

Das Gesetz definiert Arbeitslosigkeit als einen temporären Status und sieht nur eine zeitlich begrenzte Bezugsdauer von Arbeitslosenentschädigung vor. Nach Ablauf dieser sogenannten Rahmenfrist werden Arbeitslose «ausgesteuert» und verlieren ihren Anspruch auf Taggelder. Ab 1977 war die Verwaltung der Arbeitslosenversicherung dreigeteilt: Das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA) war für die Aufsicht über die Arbeitslosenversicherung und den Einzug der Versicherungsbeiträge zuständig. Die kantonalen

10 Vgl. Geschichte der sozialen Sicherheit: Die Verwaltung der Arbeitslosenversicherung, 2019.

Arbeitsämter, die ihre Funktion an Gemeindearbeitsämter übertragen konnten, waren für die Kontrolle der Arbeitslosen und die Stellenvermittlung zuständig. Arbeitslose mussten hier regelmässig persönlich anwesend sein und ihre Bemühungen um Arbeit belegen. Bis in die 1990er-Jahre kontrollierten die Arbeitsämter die Arbeitslosen mittels eines Stempels in einem Kontrollausweis; erst der Stempel gab Anrecht auf Arbeitslosenentschädigung. Die öffentlichen, gewerkschaftlichen und paritätischen Arbeitslosenkassen waren für die Auszahlung zuständig und bei nichterfüllten Pflichten stellten sie die Entschädigungen ein." Man sprach von Taggeldern, da die Höhe der Entschädigung nach Wochentagen berechnet wurde (und wird). Sanktioniert wurde durch die Verfügung einer Anzahl von Einstelltagen. In dieser Zeit bekam die betreffende Person kein Geld. Im untersuchten Zeitraum wurde das Arbeitslosenversicherungsgesetz häufig reformiert, eine Übersicht findet sich in der Tabelle ı (S. 27). Verhandelt wurden bei diesen Reformen jeweils Fragen zum Leistungsbezug, zu Kontrollen und Sanktionen - insbesondere auch von den organisierten Erwerbslosen selbst. Denn das Gesetz beeinflusste die Beziehung von Arbeitslosen zum Sozialstaat besonders stark. Gesetzesänderungen wurden zum Anlass politischen Handelns von Arbeitslosen.

Eine Sozialstaatsgeschichte «von unten»: Zum Forschungsstand

Um eine wechselseitige Beziehung zwischen Arbeitslosen und Arbeitslosenpolitik zu untersuchen, sind Arbeitslose nicht nur als passive Leistungsempfängerinnen und -empfänger, sondern als Akteure im Sozialstaat zu begreifen. Folglich ist diese Arbeit ein Beitrag zu einer akteurszentrierten Sozialstaatsgeschichte. Traditionell nahm die historische Sozialstaatsforschung überwiegend eine institutionenzentrierte Perspektive ein; der Staat und seine Einrichtungen standen im Zentrum der Untersuchungen. Neuere Forschungsperspektiven tragen der Komplexität von sozialen Sicherheitssystemen vermehrt Rechnung. Infolgedessen fokussieren neuere Forschungen auf die Rolle von verschiedenen Kollektivakteuren für die soziale Sicherung. Beim Sozialstaat handle es sich um «feingestaffelte Mehrebenensysteme (von der Kommune bis zur EU), mit öffentlich-privaten Mischungsverhältnissen, mit Koproduktion öffentlicher Güter und Dienste durch plurale Akteure, mit hybriden Institutionen», so Christoph

11 Schweizer Gewerkschaften gründeten Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Arbeitslosenkassen, um ihre Mitglieder zu versichern. Später kamen öffentliche und paritätische Kassen hinzu. Als die Schweiz die obligatorische Arbeitslosenversicherung einführte, blieb das Kassensystem bestehen. Seither haben Kassen keine Mitglieder mehr, sondern Arbeitslose melden sich bei einer Kasse ihrer Wahl an.

12 International Ritter: Der Sozialstaat, 1991; Geyer: 1974-1982: Bundesrepublik Deutschland, 2008; Vgl. für die Schweiz Leimgruber: Etat federal, Etat social?, 2011; Studer: Ökonomien der sozialen Sicherheit, 2012; Moser: Der schweizerische Wohlfahrtsstaat, 2008; Bernardi-Schenkluhn: Das Gesundheitssystem der Schweiz, 1994.

Conrad. Auch der schweizerische Sozialstaat wird als ein «Wohlfahrtsmix» von öffentlichen, verbandlichen und zivilgesellschaftlichen Trägern gedeutet." Die bisherige akteurszentrierte historische Forschung konzentrierte sich hauptsächlich auf die Bedeutung von nichtstaatlichen Akteuren bei der Entstehung des Sozialstaats. Im Blickfeld standen etablierte Kollektivakteure wie Interessenverbände, Klassen, Unternehmen oder Parteien." Der Sozialstaat sei keine Erfindung eines Zentralstaats, so der Tenor dieser Studien.” Die akteurszentrierte Forschung zur Sozialstaatsgeschichte wandte demnach eine genetische Perspektive an und fragte insbesondere nach den gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen sozialstaatlicher Einrichtungen und danach, wie Kollektivakteure daran mitwirkten.

Die Studien, die sich mit der «Erfindung» von Arbeitslosigkeit als sozialpolitischem Risiko beschäftigen, bestätigen die Wichtigkeit von staatlichen wie nichtstaatlichen Akteuren in diesem Prozess.” Christian Topalov betont die Rolle der Sozialreformern bei der Konstituierung dieser Risikokategorie, Bénédicte Zimmermann, dass in Deutschland insbesondere Gewerkschaften und Sozialdemokraten Nichtarbeit als «Arbeitslosigkeit» konzipierten." Wie Bernard Degen am Beispiel Basels zeigt, grenzten sich in der Schweiz Ende des 19. Jahrhunderts ebenfalls Arbeitende, die ihre Stelle verloren hatten, und deren gewerkschaftliche Vertreter von den «übrigen Armen» ab.” Verschiedene sozialpolitische Akteure begannen also gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Risiken zu differenzieren, die zu Armut führten. Arbeitslosigkeit, das heisst der temporäre Ausfall von Erwerbsarbeit, wurde als Risiko definiert, wogegen der Staat diejenigen Personen abzusichern hatte, die arbeiten konnten und wollten.” An die bisherige Forschung anschliessend verstehe ich Arbeitslosigkeit zudem als sozialpolitisch definiertes Risiko, das Nichtarbeitende klassifiziert, nämlich in solche, die Anspruch auf Entschädigung haben, und in solche, die ihn nicht haben.

Die bisherige, noch bescheidene Historiografie zur Arbeitslosigkeit und zur Arbeitslosenversicherung in der Schweiz untersuchte in erster Linie die Gewerkschaften." Denn diese waren massgeblich an der Anerkennung von

13 Conrad: Was macht eigentlich der Wohlfahrtsstaat?, 2013, S. 560.

14 Studer: Ökonomien der sozialen Sicherheit, 2012, S. 926.

ı5 Exemplarisch Baldwin: The Politics of Social Solidarity, 1990. Nach Baldwin war bei der Formulierung von sozialstaatlichen Interessen die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe wichtiger als die Klassenzugehörigkeit; vgl. für die Schweiz Leimgruber: Solidarity without the state?, 2008. Leimgruber stellte bei seiner Untersuchung über die Entstehung und Ausgestaltung des Dreisäulensystems bei der Altersvorsorge die privatwirtschaftlichen Akteure in den Mittelpunkt.

16 Exemplarisch Kott: Sozialstaat und Gesellschaft, 2014. Nach Kott förderten Arbeiterschaft wie auch Industrielle, aber auch innerhalb der staatlichen Institutionen tätige Akteure die Entstehung des Sozialstaats.

17 Vgl. Salais; Baverez; Reynaud: L’invention du chômage, 1986; Topalov: Naissance du chômeur, 1994; Degen: Aus Armen wurden Arbeitslose, 1995; Zimmermann: Arbeitslosigkeit in Deutschland, 2006.

19 Degen: Aus Armen wurden Arbeitslose, 1995.

20 Vgl. Degen: Arbeitslosenversicherung (ALV), 2002.

21 Pionierarbeiten zur Geschichte der Arbeitslosigkeit in der Schweiz stammen insbesondere von

Arbeitslosigkeit als sozialpolitisches Risiko und damit an der Einrichtung einer Versicherung beteiligt, wie Jean-Pierre Tabin und Carola Togni herausarbeiteten.” Die Einführung der obligatorischen Arbeitslosenversicherung basierte schlussendlich auf Verhandlungen und Kompromissen der Sozialpartner, also der Gewerkschaften und der Arbeitgeberorganisationen. Zudem spielten und spielen die Gewerkschaften über ihre Arbeitslosenkassen eine fundamentale Rolle bei der Verwaltung der Arbeitslosen, sodass Tabin und Togni ihre Funktion als «eine Erweiterung des Staates» beschreiben.” Neben der Bedeutung der Gewerkschaften bei der Einrichtung der Arbeitslosenversicherung thematisiert Togni die Auswirkungen der Arbeitslosenversicherung auf die Geschlechterordnung und untersucht dafür Frauenbewegungen und -organisationen.** Resultat dieser Studie ist, dass die Arbeitslosenversicherung höchst normierend wirkte und als Werkzeug der geschlechtlich ausdifferenzierten Arbeitsteilung fungierte. Die Frage von Togni, wie sich die Arbeitslosenversicherung auf die Versicherten (und in Tognis Untersuchungszeitraum auch auf Nichtversicherte) auswirkte, ist auch für diese Arbeit massgebend.

In den Worten von Bénédicte Zimmermann: Es gilt, eine «Vielzahl der Bühnen, auf denen sich die kollektive Formalisierung von Arbeit und Nicht-Arbeit vollzieht», untersuchen.’ Diese Arbeit beleuchtet die Arbeitslosen selbst, und zwar nachdem sie bereits als Arbeitslose definiert und die Versicherung eingeführt worden war. So frage ich, wie sie mit dieser Kategorisierung umgingen. Damit verbinde ich eine akteurszentrierte Sozialstaatsgeschichte mit der Frage, was der Sozialstaat bewirkt. Ich stütze mich dabei auf Conrad, der dafür plädiert, die produktive Ebene des Sozialstaats zu analysieren.” Das heisst, nicht zu fragen, wie der Sozialstaat entstanden ist, sondern was er mit den Versicherten «macht».” Im Mittelpunkt stehen nicht etablierte Kollektivakteure, die zur Entwicklung des Sozialstaats beigetragen haben, sondern eine zivilgesellschaftliche Gruppierung, die sich aus dem Kreis der Versicherten selbst konstituierte.

Die für diese Arbeit wichtige sozial- und politikwissenschaftliche Literatur zur Arbeitslosenversicherung wiederum fokussiert auf den Wandel der Institutionen, insbesondere wenn sie die Einführung der Aktivierungspolitik untersucht. Die Soziologin Chantal Magnin zeigt, wie die 1995 eingeführten regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) Arbeitslose durch «Beratung und Kontrolle» ak-

Bernard Degen, der die Entstehung von «Arbeitslosigkeit» als sozialpolitisches Risiko sowie die Massnahmen gegen Arbeitslosigkeit in der Zwischenkriegszeit mit einem Fokus auf Basel untersuchte, vgl. ebd.; Degen: Zur Geschichte der Arbeitslosigkeit in der Schweiz, 1993; Degen: Arbeitsbeschaffung, sozialer Frieden und Denkmalpflege, 1996. Die Beschäftigungsentwicklung bis um 2000 zeichnet nach Gugerli; Lorenzetti; Müller, et al.: Wirtschaftliche Entwicklung, Demographie und Technologie, 2012.

22 Vgl. Tabin; Togni: L’assurance chômage en Suisse, 2013.

24 Vgl. Togni: Le genre du chömage, 2015.

26 Vgl. Conrad: Was macht eigentlich der Wohlfahrtsstaat?, 2013.

27 Vgl. für eine solche Perspektive Lengwiler: Arbeitsgesellschaft, 2015.

tivierten.*® Für einen Leistungsbezug musste man nun eine Gegenleistung erbringen. Der Soziologe Stephan Lessenich nennt deshalb das Aktivierungsparadigma eine individualisierende «Neuerfindung des Sozialen». Der Sozialstaat setzte auf die Mitwirkung der Individuen bei der Ausgestaltung dieser Politik und somit auf ihre Autonomie. Ich folge der Aufforderung Lessenichs, zu untersuchen, wie die Versicherten auf die Einführung der Aktivierungspolitik reagierten und ob sie dagegen protestierten; eine Frage, die er selbst noch vernachlässigte.” Die arbeitslosen Menschen sollen als Handelnde im Mittelpunkt stehen.

Folglich kombiniere ich eine Geschichte der Arbeitslosigkeit und der sozialen Sicherheit mit einer Bewegungsgeschichte. Eine der ersten Arbeiten zur Bewegungsgeschichte der Arbeitslosen ist Frances Fox Pivens und Richard A. Clowards Studie «Aufstand der Armen», die unter anderem die Arbeitslosenbewegung der 1930er-Jahre beschreibt. Arbeitslosenbewegungen seien dann erfolgreich, wenn sie spontan auftreten, so die Hauptthese. Institutionalisierung hingegen schwäche die Bewegung. Neuere Studien fokussieren auf die Arbeitslosenproteste der 1990er-Jahre in Westeuropa, vor allem in Frankreich und Deutschland. Die meist politikwissenschaftlichen Studien analysieren Protestereignisse, insbesondere die öffentlichkeitswirksamen Arbeitslosenproteste in Frankreich um 1997/98, die diskursiven Strategien der marginalısierten Arbeitsloseninitiativen sowie die politischen Gelegenheitsstrukturen, die vor allem in den 1990er-Jahren wegen der Rezession und der wohlfahrtsstaatlichen Reformen günstig waren.’ Ebenfalls untersuchen Forschende einzelne Arbeitslosenorganisationen.®* Es wurde oft festgestellt, dass Arbeitslose schwer zu mobilisieren seien. Diese Feststellung fusst unter anderem auf der häufig zitierten und immer noch als Referenzwerk geltenden Studie «Die Arbeitslosen von Marienthal», die 1933 erschien.’ Arbeitslosigkeit führe zu Passivität und Resignation, so die Autorinnen der Studie. Dem entgegnend fragen Matthias Reiss und Matt Perry, weshalb Stellenlose trotz dieser persönlichen Schwierigkeiten in vielen Ländern und zu verschiedensten Zeiten protestiert haben.' Zentrale Aussage des von ihnen herausgegebenen Bandes ist, dass Stellenlose seit zweihundert Jahren - das

28 Vgl. Magnin: Beratung und Kontrolle, 2005.

29 Lessenich: Die Neuerfindung des Sozialen, 2009, S. 137.

30 Vgl. Piven; Cloward: Aufstand der Armen, 1986, S. 63-118.

31 Vgl. Chabanet: When the Unemployed Challenge the European Union, 2010; Maurer; Pierru: Le mouvement des chômeurs de !’hiver 1997-1998, 2001; Demaziere; Pignoni: Chömeurs: du silence à la révolte, 1998; Baumgarten: Interessenvertretung aus dem Abseits, 2010; Baglioni; Baumgarten; Chabanet: The Mobilization of the Unemployed in France, Germany, and Italy in a Comparative Perspective, 2010.

32 Vgl. insbesondere für Deutschland Rein: 1982-2012. Dreissig Jahre Erwerbslosenprotest, 2013.

33 Vgl. Wolski-Prenger: Marginalität und Widerstand, 1997; für eine Zusammenfassung verschiedener Studien vgl. Giugni; Berclaz; Füglister: La politique contestataire du chömage en Suisse, 2014, S. 118-132

34 Vgl. Jahoda; Lazarsfeld; Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal, 2015.

35 Perry; Reiss: Beyond Marienthal: Understanding of Movements of the Unemployed, 2011, S. 10.

heisst, noch bevor Arbeitslose als solche sozialpolitisch anerkannt waren - wiederholt aufbegehrten, auch wenn die Proteste nicht immer politisch motiviert und kollektiv organisiert waren.’ Die Forschungen zu Arbeitslosenbewegungen nehmen also in der Mehrheit an, dass eine Organisierung von Arbeitslosen zwar schwierig, aber unter bestimmten politischen, sozialen und organisatorischen Bedingungen möglich sei.

Auch die Forschung zu schweizerischen Arbeitslosenorganisationen betonte deren Mobilisierungsschwierigkeiten. Die Politikwissenschaftler*innen Marco Giugni, Michel Berclaz und Katharina Füglister analysierten Diskurse über Arbeitslosigkeit sowie Netzwerke zwischen zentralen Akteuren von 1990 bis 2002. Arbeitslosenkomitees seien mangels Netzwerken im öffentlichen Raum fast unsichtbar und marginalisiert gewesen.’ Vergleicht man diese Befunde mit historiografischen Beiträgen, wird deutlich, dass sowohl in den 1930er- wie auch in den 1990er-Jahren die Beziehung zu linken und gewerkschaftlichen Organisationen massgeblich für die Entwicklung von Arbeitslosenorganisationen war.’ Studien, die einen genaueren Blick auf einzelne Arbeitslosenorganisationen werfen, zeigen zudem, dass sich diese zwischen Interessenvertretung und Hilfe bewegten.’ Die Rolle der Interessenvertretung nahmen die Arbeitslosenkomitees im Jahr 1997 besonders stark ein, als die Association pour la defense des chömeurs (ADC) La Chaux-de-Fonds ein Referendum gegen Leistungskürzungen bei der Arbeitslosenversicherung ergriff und gewann - ein Prozess, den der Soziologe Blaise Duvanel genauestens beschrieb. Im Zentrum des Interesses bisheriger Forschungen zur Arbeitslosenbewegung standen die Mobilisierungsprozesse, die Reaktionen von Arbeitslosenbewegungen auf die staatliche Politik oder ihre Verbindungen mit anderen politischen und gewerkschaftlichen Organisationen.

Nur wenige Studien setzen die Entstehung und Entwicklung von Arbeitslosenorganisationen in Beziehung zur Sozialpolitik." Die Schwierigkeit liegt darin, dass Arbeitslose in einer asymmetrischen Beziehung zu sozialstaatlichen Einrichtungen stehen, die Behörden müssen ihren Anspruch anerkennen und überprüfen. Jedoch würde es auch die Arbeitslosenversicherung ohne Arbeits-

37 Giugni; Berclaz; Füglister: La politique contestataire du chômage en Suisse, 2014, S. 118-132; Duvanel: La Suisse et ses chômeurs, 2002, S. 137-152.

38 Vgl. Perrenoud: Entre la charité et la révolution. Les Comités de chômeurs face aux politiques de lutte contre le chômage dans le canton de Neuchâtel lors de la crise des années 1930, 1995; Cantini: L’union des chômeurs de Lausanne (1934-1939), 1994; Auderset; Pizzolato: Défendre les droits des chömeuses et des chômeurs: L'exemple de ADC Lausanne (1992-2010), 2011.

39 Duvanel: La Suisse et ses chömeurs, 2002; Auderset; Pizzolato: Defendre les droits des chömeuses et des chômeurs. L'exemple de ADC Lausanne (1992-2010), 2011; Perrenoud: Entre la charité et la revolution. Les Comités de chômeurs face aux politiques de lutte contre le chômage dans le canton de Neuchâtel lors de la crise des années 1930, 1995.

40 Vgl. Duvanel: La Suisse et ses chômeurs, 2002.

41 Die Beziehung zwischen Arbeitslosenbewegungen und dem Staat steht im Zentrum in Bagguley: From Protest to Acquiescence?, 1991. Weitere Studien kontextualisieren Erwerbslosenproteste anhand der Sozialpolitik.

lose nicht geben. Die Metamorphosen sozialer Sicherung sollen im Spannungsfeld von Arbeitslosen und sozialstaatlichen Institutionen erforscht werden, denn das Soziale lässt sich letztlich nur durch einen Einbezug der Versicherten und Betroffenen analysieren: als eine Sozialstaatsgeschichte «von unten».

Was können uns die Arbeitslosen sagen?

Theoretische und methodische Bezüge

Um Arbeitslose als Akteure, als Handelnde zu konzipieren, die sich organisieren, sich in politische Debatten einmischen und anderen Arbeitslosen helfen, stütze ich mich auf klassische historische Methoden wie die Quellenanalyse sowie auf Konzepte aus der Soziologie und der Bewegungsforschung. Die vorliegende Arbeit verbindet kultur- und sozialhistorische Ansätze, um auf einen Wandel des Sozialen zu verweisen und darauf, «wie Menschen ihre Geschichte machen: im Zusammenspiel mit anderen Akteuren, deren Erwartungen an das eigene Handeln sie einbeziehen, und in Auseinandersetzung mit institutionellen und kognitiven Strukturen, die ihren Handlungsspielraum begrenzen, aber zugleich als Ressourcen zu dessen Transformation dienen können».* Das bedeutet, dass Denken, Sprechen und Handeln nicht getrennt sind. Dabei folge ich Simona Cerutti, die dafür plädiert, Akteure nicht einfach in einen Kontext zu stellen, sondern sie als Teil der Konstruktion von Normen - mittels ihrer Handlungen, ihrer Deutung der Gesellschaft wie auch der Interpretation ihrer eigenen Handlungen - zu verstehen.*

Um die Verschränkung zwischen Arbeitslosenkomitees, einer sozialkritischen Gruppierung und dem Sozialstaat zu analysieren, stütze ich mich auf die pragmatische Soziologie der Kritik. Entwickelt vom französischen Soziologen Luc Boltanski und anderen Sozialwissenschaftler*innen wie Laurent Thevenot und Eve Chiapello, liefert die Soziologie der Kritik Instrumente, um kritische Akteure zu erforschen.” Dabei rückt sie die Akteurskompetenzen bei Disputen in den Fokus. Ich stütze mich hauptsächlich auf ein späteres Werk von Boltanski, «Soziologie und Sozialkritik», weil er dort die Kompetenzen von Akteuren betont und zugleich ihre Auseinandersetzungen im Zusammenspiel mit Institutionen analysiert.*

42 Nathaus: Sozialgeschichte und Historische Sozialwissenschaft, 2012.

43 Vgl. Cerutti: La construction des categories sociales, 1995.

44 Cerutti: Histoire pragmatique, ou de la rencontre entre histoire sociale et histoire culturelle, 2008, S. 156. Das bedeutet nicht, diese losgelöst vom Kontext zu betrachten, Akteure sind stets örtlich und zeitlich situiert.

45 Vgl. Boltanski; Thevenot: Über die Rechtfertigung, 2007 (auf Französisch 1991 erschienen); Boltanski; Chiapello: Die Rolle der Kritik in der Dynamik des Kapitalismus und der normative Wandel, 2001; Boltanski; Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, 2006; Boltanski: Soziologie und Sozialkritik, 2010; vgl. für eine Einordnung: Bogusz: Zur Aktualität von Luc Boltanski, 2010.

46 Boltanski: Soziologie und Sozialkritik, 2010, ist wieder näher bei Bourdieus kritischer Soziolo-

Der Soziologie der Kritik geht es darum, alltägliche Akteure ernst zu nehmen und in den Fokus zu rücken. Menschen zeichnen sich durch Kompetenzen und Reflexionsfähigkeit aus, die in spezifischen Situationen — eben in Kontroversen und Auseinandersetzungen - zum Tragen kommen. Forschende müssten anerkennen, «wozu die Leute imstande sind». Kritik ist bei Boltanski aktiv-interventionistisch konzipiert und hat zum Ziel, soziale Beziehungen zu verändern.“ An diesem Punkt setzt Boltanskis Analyse der Interdependenz von Kritik und Institutionen an. Anhand des Institutionenbegriffs legt Boltanski in seinem neuesten Werk ein grösseres Gewicht auf strukturalistische Elemente und auf Herrschaftsverhältnisse. Boltanski ist entgegen seinen früheren Werken der Auffassung, dass Akteure mittels einer Praxis der Kritik eben nicht jeglichen sozialen Wandel herbeiführen könnten.* Mit dem Institutionenbegriff versucht Boltanski zu erklären, weshalb sich Ordnungen trotz Kritik und Disputen halten können.

Der Institution kommen zwei Aufgaben zu: Grenzen zu ziehen und Eigenschaften und Güter Personen oder Organisationen zuzuteilen. Das unterscheidet sie von zwei anderen Entitäten, den Organisationen, die Koordinationsfunktion haben, und den Administrationen, die Polizeifunktion haben. 5° Dieses Verständnis von Institution rechtfertigt meine Verwendung des Begriffs Sozialstaat, obwohl der Begriff soziale Sicherheit das Verständnis für die verschiedenen Ebenen (Gemeinden, Kantone und Bund) wie auch der Beteiligung der verschiedenen staatlichen und privaten Akteure fördert.s' Die Auseinandersetzungen der Arbeitslosenkomitees bezog sich meistens auf eine staatliche Ebene, da diese Schutz vor sozialen Risiken verspricht.? Der «Sozialstaat» bezeichnet hier also die Institution, die über die Arbeitslosenversicherung festlegt, wer als arbeitslos gilt und wer nicht. Gleichzeitig delegiert diese die Ausführung an weitere Organisationen und Verwaltungen. Das Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA, seit 1999 SECO) hatte die Aufsicht über die Arbeitslosenversicherung und dagie zu verorten. Nachdem sich Boltanski in den 1980er- und goer-Jahren von seinem Lehrer abgegrenzt hatte, da er ihm vorwarf, die Akteure und ihre Motive nicht ernst zu nehmen, näherte er sich nun wieder Bourdieu an und betonte die Herrschaftseffekte von Institutionen. Die Soziologie der Kritik entwickelte sechs Rechtfertigungsmodelle, sogenannte Konventionen, welche die Akteure nutzen können: die der Inspiration, des Hauses, des Marktes, eine staatsbürgerliche Polis, eine Polis der öffentlichen Meinung und die Polis der Industrie. Im Werk von Boltanski und Chiapello kam noch eine siebte Polis hinzu: die projektbasierte. Simona Cerutti kritisiert dieses Modell zu Recht als rigide. Es verhindere, dass die Forschenden konsequent vom Standpunkt der Akteur*innen ausgehen und deren kreative Fähigkeiten ernst nehmen. Vgl. Cerutti: Pragmatique et histoire. Ce dont les sociologues sont capables (note critique), 1991.

The opening of the book is shown; the full text loads in the reader.

Loading the full text…