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WISSENSCHAFT UND HYPOTHESE
Vorwort
Das folgende Buch ist aus Studien über die philosophischen Grundlagen der Natur- und Geisteswissenschaften hervorgegangen. Sein leitender Gedanke ist, die Bedeutung der Erlebnisse für diese Grundlagen darzutun und den Zusammenhang von Wissenschaft und Leben, den keine Abstraktion aufzuheben vermag, aufzuweisen.
Die neuere Erkenntnistheorie hatte ihren festen Rückhalt an der mathematischen Naturwissenschaft gefunden. Dadurch war eine Bevorzugung der rein logischen und mathematischen Grundlagen der Wissenschaft gegeben, welche der gesamten philosophischen Erkenntniskritik des 17. und des 18. Jahrhunderts ihr Gepräge verlieh. Der Rationalismus wie der Empirismus stand unter der Vorherrschaft des mathematischen Denkens und noch bei Kant wirkte dieses mit der ganzen Macht seiner Sieghaftigkeit. Aber allerorten machte sich doch schon auch in dieser Zeit das allem Denken vorliegende Recht des unmittelbaren Lebens und Erlebens geltend. Es ist noch nicht historisch erschöpfend untersucht, wie inmitten der Besinnung über die Fundamente unseres exakten Erkennens die Anerkennung des irrationalen Gehaltes unserer Erfahrung sich durchsetzte. Jedenfalls entstand im Schoß der Aufklärung selbst eine Opposition gegen ihren Intellektualismus, die dann, durch mannigfache Motive gesteigert, in der nachkantischen Philosophie volle Freiheit der Entfaltung fand. Unter diesen Motiven war die Entwicklung des geschichtlichen Bewußtseins, die im Beginn des 19. Jahrhunderts stattfand, von grundlegender Bedeutung. In ihr vollzog sich die Konstitution einer Gruppe von Erfahrungswissenschaften, die, ebenbürtig den älteren Naturwissenschaften gegenübertretend, ganz anderer Denkmittel als diese sich bedienen und in einem anderen Verjy Vorwort.
hältnis zum Leben wurzeln. Durch sie wurde die Vorherrschaft der rationalistischen Denkweise am tiefsten erschüttert. Freilich vermochte die Philosophie jener Zeit einen gerechten Ausgleich nicht herzustellen, denn das Vorwalten der metaphysischen Interessen führte über die beschränktere Aufgabe einer Grundlegung der Geisteswissenschaften sogleich zu umfassenden Spekulationen über den Weltzusammenhang fort. Erst die Neubelebung des Kritizismus hat die rein erkenntnistheoretischen Probleme wieder hervortreten lassen. Aber wenn zunächst — vermöge des historischen Anschlusses an Kant und den Positivismus des 18. Jahrhunderts — der einseitige Intellektualismus eine Art von Auferstehung feierte, so hat sich in unseren Tagen eine wachsende Gegenbewegung erhoben, die am stärksten in den voluntaristischen und pragmatistischen Schulen lebendig ist, aber doch schließlich ihren festen Rückhalt nur in den Geisteswissenschaften und der Geschichte finden kann. Hier einen Ausgleich zu erarbeiten, einen Standpunkt zu gewinnen, auf welchem sich gleichmäßig die mathematische Naturwissenschaft wie die niemals durch reines Denken zu begründende Geschichte verstehen, die logischen und die Erlebnisgrundlagen unseres Erkennens würdigen lassen, bildet eine der wichtigsten theoretischen Aufgaben unserer Zeit.
Einen Beitrag zu ihrer Auflösung wollen auch die folgenden Betrachtungen geben. Der Standpunkt, von dem sie ausgehen, ist der der kritischen Philosophie. Ihre Fragestellung ist die kritische, die unter Ablehnung jeglichen Dogmatismus auf die im Bewußtsein enthaltenen Bedingungen zurückgeht, in welchen allein die Grundlagen der Wissenschaft enthalten sind, allein der Ursprung ihrer Begriffe und Prinzipien zu suchen ist. Aber dieses Bewußtsein darf nicht nur als logische Denksetzung oder als Abstraktion aus der Sinnen- und Selbstwahrnehmung verstanden werden. Das Denken ist nicht die einzige Weise, durch welche wir einen Erfahrungsstoff erfassen, der Sinn unserer Begriffe erschöpft sich nicht in ihrer Funktion im Urteil, die Relationen, durch welche wir ein
Vorwort. V
Mannigfaltiges in einer Einheit denken, sind nicht ausschließlich logischer Natur. Vielmehr ist das Bewußtsein als ein lebendiges zu betrachten, in welchem die Kategorien als Weisen des Erfahrens, als allein im Erlebnis aufgehende Beziehungen uns erstehen. Aus dieser lebendigen Erfahrung, die vor allem Denken Bestimmtheit besitzt, wenn auch das Denken erst sie wissenschaftlich fruchtbar machen kann, sind die Gesichtspunkte abzuleiten, welche in der wissenschaltlichen Natur- und Lebensbetrachtung fortwirken, indem sie ihnen Richtung und Gehalt verleihen.
Das Buch behandelt von den auf diesem Standpunkte auftretenden Fragen nur das Realitätsproblem. Die ursprünglich weitergreifenden Untersuchungen zu einer allgemeinen Kategorienlehre, die zum größten Teil ausgearbeitet und abgeschlossen sind, habe ich auf Wunsch der Verlagsbuchhandlung hier vorläufig zurückgestellt und mich allein auf die Erörterung derjenigen Kategorie, die für die Natur- wie für die Geisteswissenschaften von gleich zentraler Wichtigkeit ist, beschränkt.
Indessen mußte doch der Darstellung des positiven Gedankengehalts eine kritische Auseinandersetzung vorangeschickt werden, in welcher zunächst einmal die Notwendigkeit und das Recht, überhaupt auf Erlebnisse zurückzugehen, zu begründen war. Die bedeutendste intellektualistische Erkenntnistheorie der neueren Zeit ist die reine Logik der Marburger Schule. Für jeden philosophischen Standpunkt ist eine innere Auseinandersetzung mit dieser reinen Logik, wenn anders er eine wirkliche kritische Rechtfertigung erstrebt, unabweislich. Andererseits stellt die von Windelband und Rickert entwickelte Philosophie der Werte den tiefsten Versuch dar, die Einseitigkeit der intellektualistischen Auffassung zu überwinden, ohne doch die prinzipielle Beschränkung auf reine Urteilsanalyse und die logischen Grundlagen der Wissenschaften preiszugeben. Beiden Richtungen gegenüber, die Ausprägung des transzendentalen Idealismus sind, wollen die kritischen Erörterungen nachweisen, daß,
VI Vorwort.
bei aller Anerkennung der Autonomie der Wissenschaft und der Kulturwerte, durch sie das Realitätsbewußtsein nicht die Würdigung finden kann, die es als Grundlage auch unseres Erkennens verdient; und zugleich wollen sie grundsätzlich dartun, warum und in welcher Weise die bloß logische Urteilsanalyse durch phänomenologische Betrachtungen eine Ergänzung erfordert.
Der zweite Teil gibt zunächst eine Bestimmung des Standpunktes des Bewußtseins, der den Ausgangspunkt aller philosophischen Untersuchung bildet. Den Mittelpunkt der Untersuchung bildet aber das zweite Kapitel dieses Teils, in welchem die Erlebnisgrundlagen unseres Wirklichkeitsbegriffes aufgedeckt werden. Das Schlußkapitel will im Grundriß zeigen, wie nun im einzelnen der Aufbau unseres Begriffes der empirischen Wirklichkeit, der nur durch Erweiterung und Ergänzung des Erlebens durch das Denken, d. h. durch Wissenschaft gewonnen werden kann, sich vollzieht. Das Wichtigste ist hier die Deduktion der apriorischen Prinzipien der Naturwissenschaft und die Rechtfertigung ihrer objektiven Gültigkeit; denn durch sie allein gelangen wir zu dem Begriff einer gemeinsamen Erfahrungswelt, die dann den Gegenstand der Erforschung durch die positiven Wissenschaften darstellt. —
Ich hatte gehofft, das Buch mit dem Namen meines verehrten Lehrers Wilhelm Dilthey als ein äußeres Zeichen dafür schmücken zu dürfen, wieviel die hier entwickelten Ideen ihm verdanken. Nun da der Tod diesen rastlosen Geist, der bis an das Ende seiner Tage unablässig bemüht war, uns für das unerschöpfliche alles umschließende Leben sehend zu machen, abberufen hat, bleibt mir nur, diese Blätter seinem Gedenken zu widmen.
Berlin, im November 191 1.
Max Frischeisen - Köhler.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Einleitung i
1. Kapitel: Der kritische Standpunkt . . .6
1. Die Voraussetzungslosigkeit des krit. Standpunktes 7
a) Der Psychologismus 8
b) Erdmanns Satz 11
c) Die Absolutheit der logischen Gesetze 15
2. Das reine Denken 18
a) Der Begriff des Gegenstandes .... 18
b) Setzung des Gegenstandes 23
c) Bestimmung des Gegenstandes .... 27
d) Reflexive und konstitutive Kategorien 31
2. Kapitel: Der logische Idealismus ..... 33
1. Der Gegenstand als unendliche Aufgabe ... 34
a) Denken und Gegebenes 34
b) Objektiv und subjektiv 37
2. Der materiale Faktor der Erkenntnis 41
a) Die Bestimmtheit des Gegebenen ... 42
b) Die Selbständigkeit der Sinnlichkeit . . 49
3. Denken und Erfahrung . 56
a) Kants Kategorienlehre 57
b) Die reine Logik der Marburger Schule 60
c) Kritik der reinen Logik 70
d) Der Standpunkt der Phänomenologie . . 86
3. Kapitel: Die Philosophie der Werte .... 99
1. Der WertbegrifT 101
a) Das Problem der Freiheit 102
b) Die Unbedingtheit der Werte .... 108
2. Das Problem der Gegebenheit 117
a) Der Gegenstand als transzendenter Wert . 118
b) Kritische Einwände 120
3. Das Problem der objektiven Wirklichkeit . . . 125
a) Die apriorischen Grundlagen 126
b) Das naturwissenschaftliche Objekt und das
Gegebene 128
4- Die methodologischen Kategorien 139
a) Naturkausalität und Gesetzlichkeit . . . 141
b) Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung 145
c) DieWerte und die historische Begriffsbildung 162
VIII Inhaltsverzeichnis.
II. Teil: Phänomenologie des Realitätsbewusstseins. 188
i. Kapitel: Der Standpunkt des Bewußtseins . . 190
1. Vom Bewußtsein überhaupt 190
a) Der Begriff des Bewußtseins 191
b) Bewußtsein und Zeit 202
2. Der Satz des Bewußtseins 215
a) Der Satz des Bewußtseins im engeren Sinne 215
b) Satz der Immanenz 222
c) Der Satz des Bewußtseins und das Unbewußte 226
3. Transzendenter und empirischer Realismus . . . 229
a) Die Realität der Gottheit 230
b) Die Realität des Ich .235
c) Die Realität der Außenwelt 238
2. Kapitel: Ich und Außenwelt 242
1. Der Solipsismus 242
a) Ich und , .Bewußtsein überhaupt" . . . 243
b) Die Eigenerfahrung 253
2. Die Erlebnisgrundlagen des Wirklichkeitsbegriffes 267
a) Die Beweise für die Existenz der Außenwelt 267
b) Das Wirklichkeitserlebnis 273
c) Verhältnis zu verwandten Theorien . . . 287
d) Die Unhaltbarkeit des Solipsismus . . . 294
3. Der Erfahrungsmonismus 298
a) Die Einheit der Erfahrung 298
b) Kritik des Erfahrungsmonismus .... 302
3. Kapitel: Vom Begriff der empirischen Wirk-
lichkeit 311
1. Die gemeinsame Erfahrungswelt 3*2
a) Der subjektive Ausgangspunkt .... 314
b) Die apriorischen Prinzipien der Naturauf-
fassung 317
c) Die objektive Gültigkeit der apriorischen
Prinzipien 334
d) Die geistige Welt 353
2. Vom Substrat der Erscheinungen 377
a) Der Agnostizismus 379
b) Die energetische Naturauffassung . . . 384
c) Die qualitative Beschaffenheit des Substrates 402
3. Realitätswert der sinnlichen Erscheinungen . .411
a) Der Begriff der Empfindung 4*6
b) DieEmpfindung und ihr physisches Korrelat 423
c) Die sinnlichen Qualitäten und die Natur . 451 Schluß 457
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The end
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