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Naturphilosophie;

Erich Becher, Carl Stumpf · 1914 · Scanned text

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Authors
Erich Becher, Carl Stumpf
Language
German
Published
1914
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Contents (5)

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Vorwort

Die Darstellung der „Kultur der Gegenwart" soll für jeden Gebildeten verständlich sein. Darum mußten die abstrakteren, insbesondere die erkenntnistheoretischen Probleme verhältnismäßig breit behandelt werden. Das Gesamtbild der Natur, welches den abschließenden Hauptteil dieser Naturphilosophie bildet, durfte hingegen relativ kurz gefaßt werden, weil es sich da vielfach um Gegenstände handelt, die der Anschauung näherstehen. Auch war Rücksicht auf die naturwissenschaftlichen Bände der ,, Kultur der Gegenwart" erforderlich, die in ihrer Gesamtheit ein reicheres Naturbild entwerfen. Ihre Darlegungen sind vielfach von philosophischem Geiste durchweht, so daß sie sich als Ergänzung unseres Naturbildes vortreffHch eignen. Die Rücksicht auf die naturwissenschaftlichen Bände hat die Stoffauswahl bei unserer Darstellung der Gesamtnatur sehr wesentlich mitbestimmt. Insbesondere mußten dem astronomischen und dem physikalischen Teil der ,, Kultur der Gegenwart" Gebiete überlassen bleiben, die an sich in der Naturphilosophie" wohl Behandlung verdient hätten.

Ich bin vielfach auf von den meinigen abweichende Ansichten eingegangen; dabei habe ich öfters auf die Nennung ihrer Vertreter verzichten zu sollen geglaubt, weil sich sonst (vor allem in der Naturerkenntnistheorie) leicht Ungenauigkeiten ergeben hätten, da ich meist nur die wesentlichen Züge einer Schulmeinung, nicht aber die individuellen Variationen berücksichtigen konnte.

Einzelne wertvolle Erscheinungen der allerjüngsten erkenntnistheoretischen Literatur konnten meine Darstellung nicht mehr beeinflussen, da die erste Hälfte dieses Buches bereits vor einiger Zeit gedruckt wurde.

Münster i.W., den 2. April 1914.

ERICH BECHER.

INHALTSVERZEICHNIS.

Einleitung. Aufgabe der Naturphilosophie. Seite

Altertum 3

Patristik und Scholastik 5

Neuzeit 6

Die spekulative deutsche Naturphilosophie 8

Die Naturphilosophie der letzten Jahrzehnte lo

Vieldeutigkeit des Wortes Natur 12

Bestimmung der Wortbedeutung 13

Einwände von selten einer Kritik des Körperbegriffes i4

Einwände auf Grund neuerer Einteilungen der Wissenschaften 16

Definition der Wissenschaft 21

Wissenschaft von der Natur und Naturwissenschaften 22

Philosophie der Natur. Das Bild der Gesamtnatur 23

Erfahrungserkenntnis und Hypothese in der Naturphilosophie 26

Erweiterung der Aufgabe der Naturphilosophie 26

Naturphilosophie und Erkenntnistheorie 30

Philosophie der Natur und Philosophie der Naturwissenschaft 32

Ergebnis: Aufgabe der Naturphilosophie 33

Naturerkenntnistheorie.

Aufgabe der Erkenntnistheorie, insbesondere der Naturerkenntnistheorie 37

Aus der Geschichte der Erkenntnistheorie 37

Differenzen bezüglich der Aufgabe der Erkenntnistheorie 38

Erkenntnistheorie und Psychologie 38

Erkenntnistheorie und übrige Wissenschaften 41

Erkenntnistheorie und Logik 43

Weitere Aufgaben der Erkenntnistheorie 47

Angebliche Ungereimtheit der Aufgabe der Erkenntnistheorie 49

Die Bezeichnung „Erkenntnistheorie" 51

Erkenntnistheorie und Naturerkenntnistheorie 51

Die Feststellung der Voraussetzungen 52

Die Untersuchung der Voraussetzungen 56

Vorläufige Festlegung und Kritik vorwissenschaftlicher und wissenschaftlicher Realitätsvoraussetzungen 61

Zum Begriff der Wirklichkeit 61

Die Wirklichkeit nach vorwissenschaftlicher Auffassung 63

Die Wirklichkeit nach naturwissenschaftlicher Auffassung 64

VIII

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Kritik der realistischen Voraussetzungen bezüglich der Körperwelt. Erscheinung und Ding-an-sich im vorwissenschaftlichen Denken 65

Bedeutung der Unterscheidung von Erscheinung und Ding-an-sich für das

Erkennen 66

Die Erscheinung als Wirkung des Dinges-an-sich 66

Auffassung der Dinge-an-sich in der Physik. Primäre und sekundäre Qualitäten 67

Der Phänomenalismus 69

Der Konszientialismus (subjektiver, erkenntnistheoretischer Idealismus, Immanenzphilosophie) 70

Der vermeintliche Widerspruch in der Annahme von Dingen-an-sich ... 72

Der Solipsismus 73

Das Gegenwärtig-Bewußte 74

Das Gegenwärtig-Bewußte und das Unzweifelhaft-Bewußte 74

Feststellung der immanenten Grundlagen und Rechtfertigung transzendenter Voraussetzungen. Die Voraussetzung des Erinnerungsvertrauens 76

Die Grundlage : Wirklichkeit des Sicher-Gegebenen und logische Grundsätze . . 76 Fortsetzung: Voraussetzung der Verschiedenheits-, Ähnlichkeits- und Gleichheitserkenntnis im Sicher-Gegebenen 77

Erkenntnisnotwendigkeit transzendenter Voraussetzungen 79

Erste transzendente Voraussetzung: das Vertrauen auf die Erinnerung ... 80

Psychogenese der Voraussetzung des Erinnerungsvertrauens 81

Das durch die Voraussetzung eröffnete Erkenntnisgebiet 82

Das Erkennen der Zukunft des eigenen Bewußtseins und die Regelmäßigkeitsvoraussetzung 84

Das Erkennen des für das individuelle Bewußtsein Transzendenten und die Regelmäßigkeitsvoraussetzung 85

Analogieschluß, Induktionsschluß, Kausalprinzip und Regelmäßigkeitsvoraussetzung 87

Unbeweisbarkeit der Regelmäßigkeitsvoraussetzung 88

Die Regelmäßigkeitsvoraussetzung ist nicht unmittelbar evident 90

Die Regelmäßigkeitsvoraussetzung folgt nicht analytisch aus dem Begriff der

Wirklichkeit 90

Radikale Konventionslehre 92

Die Regelmäßigkeit im realen Geschehen ein Produkt des Verstandes? Kant-

Schopenhauersche Lehren 97

Erkenntnistheoretische Rechtfertigung der Regelmäßigkeitsvoraussetzung lOI

Widerspruchsfreiheit und Bewährung loi

Lebensnotwendigkeit und Erkenntnisnotwendigkeit der Regelmäßigkeitsvoraussetzung. Ihre Unentbehrlichkeit für das Erklären 104

Der natürliche Glaube des gesunden Menschenverstandes als letztes Fundament 108

Psychologisches zur Entstehung der Regelmäßigkeitsvoraussetzung iio

Die Gesetzmäßigkeitsvoraussetzung ii4

Regelmäßigkeits- und Gesetzmäßigkeitsvoraussetzung ii4

Gesetzmäßigkeitsvoraussetzung und (gemäßigte) Konventionslehre 119

Regeln der Koexistenz, des Beharrens und der Veränderung 122

Der Ding-Begriff 122

Der Substanzbegriff 123

Inhaltsverzeichn is .

IX

Kausalität und gesetzmäßige unmittelbare Sukzession 128

Das Wirken als Tätigkeit der Dinge 130

Wirken gleich Aus-sich-Hervorbringen 132

Kausalität und Identität 134

Das Ursache-Wirkungs-Verhältnis und der logische Grund-Folge-Zusammenhang 1 37

Notwendigkeit des Ursache-Wirkungszusammenhanges? 140

Kausalität und streng regelmäßige unmittelbare Sukzession 144

Aufeinanderfolge oder Gleichzeitigkeit von Ursache und Wirkung? 146

Zur Rechtfertigung des Kausalprinzips 148

Zur Psychogenese der Kausalauffassungen 151

Modifikation des Kausalprinzips zum Zwecke der Anwendung. Unvollständige

und angenäherte Wiederholung der Ursachen 153

Das Zusammenwirken von Teilfaktoren. Superposition der Wirkungen . . .155

Die Wirkung als Funktion der Ursache. Stetigkeitsvoraussetzung 156

Ersatz des Kausalbegriffs durch den Funktionsbegriff? 158

Autgabe und Begriffsbestimmung 162

Die Voraussetzungen der Regelmäßigkeit, Gesetzmäßigkeit, Kausaütät, Stetig- .

keit und des Einzelbewußtseins-Transzendenten 162

Selbständige Rechtfertigung des Einzelbewußtseins-Transzendenten 164

Abwelir von Einwendungen gegen die Annahme des Bewußtseins-Transzendenten 166

Fortsetzung. Idealistische Deutung der Naturerkenntnis 167

Fortsetzung. Die Außenwelt als Fiktion 171

Die Erkennbarkeit der Außenwelt 173

Erkenntnistheoretische Rechtfertigung und Kritik der vorwissenschaftlichen

und einzelwissenschafthchen Außenweltserkenntnis 174

Fortsetzung. Ablehnung der sekundären Qualitäten. Ubergang vom naiven zum

physikalischen Realismus 176

Fortsetzung. Beibehaltung primärer Qualitäten. Die räumlichen Eigenschaften.

Der physikalische und der kritische Realismus 177

Der kritische Realismus und die Metageometrie 180

Relativität der Außenweltserkenntnis. Zeichen-, Bilder- und Fiktionshypothese 183 Ausblick auf die kinetischen Hypothesen der Naturwissenschaft und die kinetische (mechanische) Naturauffassung 185

Der Sinn der kinetischen Hypothesen 186

Das Erkennen unwahrnehmbarer Außenweltsrealitäten. Vermehrung und Erweiterung unserer Sinne *S 188

Grenzen der Außenweltserkenntnis 189

Die Voraussetzung einer Körperwelt. Körper und Kräfte. Unkörperliche bewußtseins-transzendente Realitäten. Der Naturbegriff. Schluß 192

Verschiedene Gesamtauffassungen des Bewußtseins-Transzendenten 192

Die Außenwelt als Körperwelt 193

Die Körper als Substanzen 193

Eigenschaften und Kräfte. Djmamismus 194

Unkörperliche bewußtseins-transzendente Realitäten. Ausblick auf den Mechanismus-Vitalismus-Streit in der Biologie 196

Der Begrifi der Natur 200

Schluß. Empirische und apriorische Grundlagen der Naturerkenntnis . . . 201

X

In halts verzeichni s .

Gesamtbild der Natur. Seite

Einleitung 205

Makrostruktur und Mikrostruktur der Körperwelt 206

Unhaltbarkeit prinzipieller Einwände gegen die Mikrostrukturhypothesen . . 209

Allgemeine Begründung der physikalischen Molekulartheorie 213

Molekulartheorie der Aggregatzustände. Kinetische Gastheorie 220

Größenverhältnisse in der Welt der Moleküle 226

Die chemische Molekular- und Atomtheorie 233

Fortsetzung. Gewichtsverhältnisse bei chemischen Verbindungen (Stöchiometrie) 238

Kritisches zur chemischen Molekular- und Atomtheorie 245

Die Elektronentheorie 248

Fortsetzung. Elektronentheorie der Elektrizität mit sich führenden Strahlen 251

Die Struktur der Atome und ihre elektrischen Bausteine 261

Fortsetzung. Elektrische Theorie der Materie 269

Schwierigkeiten der Elektronentheorie und der elektrischen Theorie der Materie 275 Ergebnis. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis der Materie und ihrer Bausteine 279

Der Äther der elastischen Lichttheorie 284

Die elektromagnetische Lichttheorie und ihre Ätherlehre 293

Die Faraday-Maxwellsche Theorie und die Elektronentheorie. Äther und

Elektronen 305

Kritik der Ätherlehre. Die sogenannten Feld-,, Zustände" des Äthers als selbständige stoffartige Realitäten 313

Prüfung der Synthese von Emissions- und Wellentheorie des Lichtes sowie

der Stofftheorie des elektrischen und magnetischen Feldes 320

Allgemeinere Motive und Argumente für die kinetische Naturauffassung . . 331

Empirische Begründung der einzelnen kinetischen Hypothesen 339

Elimination von Qualitäten aus dem Naturbild durch kinetische und Struktur- Theorien 348

Spezielle Ausgestaltungen der kinetischen Naturauffassung. Mechanische und

kinetisch-elektrische Auffassung 353

Die charakteristischen Merkmale der Lebewesen 362

Einteilung der Lebewesen 37S

Die Abstammungslehre 378

Die Herkunft der ältesten irdischen Lebewesen 386

Die Triebkräfte der Entwicklung der Arten 391

Zweckmäßigkeitsentwicklung und Beseelung. Psychovitalismus 403

Kritische Betrachtung von Einwänden gegen den Vitalismus. Metaphysischer Abschluß des Naturbildes 414

Einleitung

AUFGABE DER NATURPHILOSOPHIE.

K.d.G. III. VII. Bd. I. Naturphilosophie.

AUS DER GESCHICHTE DER NATURPHILOSOPHIE.

Um über die Aufgabe der Naturphilosophie Aufschluß zu erhalten, werfen wir zunächst einen Blick auf ihre Geschichte.

Altertum. Geschichtschreiber der Philosophie beginnen nach mancherlei vorbereitenden Betrachtungen über Methoden, Quellen, Einteilung des Stoffes die eigentliche Darstellung wohl mit einem Abschnitt über die ,, ältere Jonische (Milesischej Naturphilosophie". Die philosophische Entwicklung setzt in Griechenland sofort mit naturphilosophischen Reflexionen ein. Die griechischen Denker haben eine Fülle naturphilosophischer Ideen produziert, die zum großen Teil von phantastischem Charakter und lediglich historischer Bedeutung sind, vielfach aber Züge unseres gegenwärtigen Naturbildes vorweggenommen oder doch vorbereitet haben.

Thaies von Milet läßt alle Dinge aus einem Urstoff, aus Wasser, entstehen. Wahrscheinlich galt ihm die Materie als beseelt oder belebt (Hylozoismus).

Anaximander philosophiert über Herkunft und Entstehung der Tiere und des Menschen in einer Weise, die an die moderne Abstammungslehre erinnert hat.

Anaximenes ahnte Umwandlungen der StofTe durch Verdichtung und Verdünnung.

Man hat eine naheliegende Erklärung dafür gegeben, daß die philosophische Denkarbeit sich zunächst der Natur, der körperlichen Außenwelt, zuwandte. Von Naturdingen und -erscheinungen, von Wind und Wetter, von Nutztieren und Nutzpflanzen, von Nahrung und Kleidung usw. hängt das Wohl und Wehe des Menschen ursprünglich ab. Aus den praktischen Interessen aber entspringen die theoretischen, wie die Geschichte der Wissenschaften, z. B. der Mathematik, der Astronomie, der Chemie beweist. Die Beobachtung der Naturdinge und -Vorgänge erscheint als etwas Ursprünglicheres, Natürlicheres gegenüber der Beobachtung und Zergliederung des seelischen Inneren. Damit hängt es zusammen, daß für die naive Weltbetrachtung die Naturdinge, die schweren, tastbaren und sichtbaren Körper als das eigentlich und selbstverständlich WirkHche gelten.

In den phantastischen Zahlenspekulationen der Pythagoreer, die allerdings nur zum Teil zur Naturphilosophie zu rechnen sind, klingt der Gedanke einer mathematisch strengen Naturordnung an. Heraklit ist unserer gegenwärtigen Naturanschauung verwandt durch seine Betonung des Werdens, der unaufhaltsamen Veränderung im Weltgeschehen. Auch bei den Eleaten kann

i*

Erich Becher: Aufgabe der Naturphilosophie.

man Gedanken finden, die im naturwissenschaftlichen Weltbild der Gegenwart fortleben. Sie betonen die Einheit des Alls; sie unterziehen den Begriff der Bewegung einer kritischen Untersuchung. — Allerdings konnten die alten Philosophenlehren die Jahrhunderte nur überdauern, indem sich ihr Inhalt den wechselnden Weltanschauungen und dem wachsenden Erfahrungsbesitze durch eigene Wandlung anpaßte.

Bei Empedokles hat man Ansätze zu der Darwinistischen Lehre gefunden, daß von den durch Zufall sich bildenden Lebensformen nur die lebensfähigeren, ,, angepaßten", Bestand haben, während die lebensunfähigen untergingen. Wir hätten somit einen Versuch zur Überwindung des ,,Teleologieproblems" vor uns, einen ersten Schritt zur Erklärung der Zweckmäßigkeitserscheinungen, speziell in der lebenden Natur.

Den Ansatz zu einer anderen, dem Darwinismus gegenüberstehenden Lösung des Teleologieproblems dürfen wir bis auf Anaxagoras zurückverfolgen. Als Prinzip der Weltbildung, die von einem chaotischen Urzustände ausgeht, nimmt er ein geistiges Wesen, den ,,Nus" {vovg) an (der jedoch zugleich noch als stofflich erscheint) ; der Nus bewirkt durch Erzeugung einer Wirbelbewegung Scheidung der Stoffe. Freilich scheint Anaxagoras sein Prinzip nicht zur Durchführung von Zweckerklärungen verwertet zu haben, wie schon Plato und Aristoteles tadelnd hervorhoben.

Eine hervorragende Stellung in der Geschichte der Naturphilosophie gebührt den Atomisten Leukipp (dessen Existenz angezweifelt worden ist) und Demokrit. In ihrem Weltbilde ist alles aus unteilbaren, ewigen, qualitätslosen, nur durch Größe, Form und Lage unterschiedenen Urteilchen, aus den zahllosen ,, Atomen" aufgebaut; diese bewegen sich im leeren Räume nach notwendigen mechanischen Gesetzen, unter Ausschluß jedes Zufalls.

Bei den Sophisten wendet sich die philosophische Reflexion dem Subjekte, dem Erkennen und Handeln zu ; dies verbindet die Sophistik mit ihrem Gegner, mit Sokrates, der die Abwendung von der Naturphilosophie mit großer Entschiedenheit vollzieht. Doch erweitert bereits der vielseitige Genius Piatos wiederum den Horizont der sokratischen Interessen. Allerdings ist auch der von Sinnenfeindschaft nicht freie Geist des Platonismus der Naturphilosophie an sich wenig günstig. Immerhin konnte bei einem so universalen Denker die Naturphilosophie nicht fehlen; sie wurde im ,,Timäus" dargestellt. Von Plato stammt die folgenreiche Einteilung der Philosophie in Dialektik, Physik und Ethik; die Bezeichnungen dürften von dem Platoniker Xenokrates eingeführt sein. Unter Physik ist dabei die gesamte Naturerkenntnis nebst der Psychologie zu verstehen.

Die teleologische, am Zweckbegriff orientierte Naturauffassung findet in Piatos großem Schüler ihren hervorragendsten Vertreter. Aristoteles, der Vater der Naturgeschichte, gehört zu den größten Naturphilosophen und Naturforschern aller Zeiten. Er sammelt und verarbeitet ein für seine Tage erstaunliches Material von Einzelerfahrungen. Von seiner ,, ersten Philosophie", die später die Bezeichnung Metaphysik erhielt, von der ,, Wissenschaft der

Aus der Geschichte der Naturphilosophie.

ersten Gründe und Ursachen", werden die obersten Prinzipien zur philosophischen Erfassung der Natur gehefert.

Mit der teleologischen Naturansicht und mit uralten, vorwissenschaftlichen Anschauungen hängt die Bedeutung zusammen, welche Aristoteles dem Seelischen beimißt. Die Seele ist als Lebensprinzip aufzufassen; alles Lebende, es sei Pflanze, Tier oder Mensch, ist als solches beseelt. Man kann diese Lehre mit einem modernen Ausdruck als Psychovitalismus bezeichnen. Sie findet auch gegenwärtig wieder Anklang.

So beachtenswert die naturwissenschaftlichen Leistungen der nach- ^'^

II- • • (• 1 aristotelische

aristotelischen Zeit sem mögen, für die Naturphilosophie war sie wenig frucht- zeit. bar. Epikur übernahm die materiahstische Atomistik nach einigen erheblichen Modifikationen; doch kann er sich mit seinen Vorgängern nicht an naturphilosophischer Bedeutung messen. In des Lucretius Carus Lehrgedicht ,,de rerum natura" wurde der Epikureismus in wirksame poetische Form gebracht.

In der peripatetischen Schule wandte man sich vielfach naturwissenschaftlicher Einzelforschung zu. Aristoteles' Schüler und Nachfolger im Lehramt, Theophrast, machte sich besonders um die Botanik verdient. Strato ,,der Physiker", Theophrasts Nachfolger, führte die theistische Metaphysik des Aristoteles in einen pantheistischen Naturalismus über.

Die Bezeichnung ,,philosophia naturalis" stammt von dem Stoiker Seneca. Sie schließt, wie die ,,physica" {(pvoixi]) bis in die beginnende Neuzeit neben der Naturphilosophie im heutigen Sinne die Naturwissenschaft (und die Psychologie) ein, obgleich eine Scheidung der Arbeitsgebiete zum Teil schon weit früher, etwa in Alexandria, ja bereits vorher im Anschluß an Aristoteles sich ergab.

Schon das auf ethische Probleme gerichtete Interesse der großen nacharistotelischen Schulen, des Stoizismus und Epikureismus, war der Naturphilosophie wenig günstig. Das gilt erst recht für die religiös gestimmte Philosophie des untergehenden Heidentums und die aufblühende Spekulation auf der Grundlage des Christentums. Die im Piatonismus liegende Geringschätzung der Sinnenwelt wird zur Gleichgültigkeit, oder sie steigert sich bis zum Haß. Die äußere Natur, die Materie, der sterbliche Leib wird zur Fessel der Seele, zur Quelle des Bösen.

Patristik und Scholastik. Der Philosophie der Kirchenväter liegen Kirchenim allgemeinen die Probleme der Naturerkenntnis recht fern. Zwar fehlen auch in der Patristik naturphilosophische Ansätze nicht ganz. Solche Ansätze ergeben sich aus den Lehren der christlichen Religion (Schöpfungslehre usw.). Bei Tertullian finden wir gar einen extremen Materialismus. Er lehrt die Körperlichkeit Gottes und der Seele; die Kindesseele gilt ihm als Sproß oder Schößling der elterlichen.

Im wesentlichen beschäftigt sich die Patristik mit Theologie und Religionsphilosophie. Augustin, der größte der Kirchenväter, wendet sich ausdrücklich von der äußeren Natur ab. Gott und die Seele will er erkennen und weiter nichts, wie er selbst bezeugt. —

Erich Becher: Aufgabe der Naturphilosophie.

Die Scholastik. Die Scholastik mit ihren universalen und systematischen Tendenzen konnte Naturphilosophie (und Naturerkenntnis überhaupt) nicht gänzlich vernachlässigen. Johannes Eriugena, den man den Vater der Scholastik genannt hat, gibt seinem Hauptwerk den Titel: De divisione naturae. Seine Philosophie stellt indessen eine mystisch-theosophische Metaphysik dar. Jüngere Frühscholastiker entwickeln eine platonisierende Naturphilosophie; auch atomistischmaterialistische Ideen finden Vertreter.

In der klassischen Periode der Scholastik überragt Albertus Magnus, „doctor universalis'', seine Zeitgenossen an naturwissenschaftlichen (vor allem botanischen) Kenntnissen. Seine Philosophie ruht in erster Linie auf aristotelischen Gedanken, die er jedoch in naturphilosophisch bedeutsamen Punkten verwirft, wenn sie der Kirchenlehre widerstreiten: so lehnt er Aristoteles' Lehre von der Ewigkeit der Welt ab.

Roger Baco, der sich mit Astronomie, Physik und Chemie beschäftigt und wichtige naturwissenschaftliche Entdeckungen macht, tritt bei aller Verehrung für Aristoteles doch mutig seiner absoluten Autorität entgegen. Als Grundlage der Wissenschaften gilt ihm die Mathematik, als Krönung die seientia experimentalis. Er fordert systematisch-methodische, experimentelle Beobachtung. Wenn er mit Nachdruck die Erfahrung als unentbehrliche Quelle des Wissens bezeichnet, so versteht er darunter freilich nicht allein naturwissenschaftliche Beobachtung, sondern auch innere ekstatische Erfassung des Ubersinnlichen. Auf die Förderung der Naturerkenntnis durch die Araber, die für die Geschichte der Naturwissenschaft im Mittelalter überaus bedeutsam ist, kann hier nur hingewiesen werden. Die philosophische Spekulation der Araber steht in erster Linie unter aristotelischem Einfluß. Die Renaissance. Neuzeit. Mit der Renaissance und ihrer neuen Wertung der Sinnenwelt, der Natur, setzt eine neue, starke naturphilosophische Strömung ein. Sie offenbart zunächst viel Begeisterung, tiefes Naturgefühl, reiche Phantasie; aber es fehlt streng logische Zucht, und so entsprechen die geschaffenen Dauerwerte nicht den stolzen Aspirationen. Paracelsus und Cardanus sind typische Vertreter solcher Geistesrichtung.

Auf diesen empfänglichen Boden fallen die ersten großen naturwissenschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit. Das kopernikanische System mit seiner tiefgreifenden Umgestaltung des Weltbildes gibt der naturphilosophischen Spekulation sofort einen starken Antrieb. Giordano Bruno sieht neben unserem Sonnensystem unzählige Welten im unendlichen Räume. Das räumlich unendliche Universum ist unvergänglich in der unendlichen Zeit.

Auch bei Bruno überwiegt die Fülle des Gefühls und der Phantasie die logische Energie und Klarheit. Je mehr aber die aufblühende Naturwissenschaft mit ihren strengen mathematischen Methoden sich durchsetzt, um so mehr tritt das phantastisch-mystische Element in der Naturphilosophie zurück. Die gesunde Entwicklung wird vor allem durch jene glückhche Personalunion gesichert, die zwischen Philosophie und exakter Naturforschung

Aus der Geschichte der Naturphilosophie.

so häufig sich findet. Galilei, Descartes, Leibniz und Newton gehören der Geschichte der Philosophie und der Naturforschung an.

Das Bild der Natur, welches so über phantasievollere Auffassungen der mechanische

. . , . 11-1 Naturauffassung.

Renaissance-Naturphilosophie den Sieg erringt, ist das einer unendlichen mechanischen Maschine. Diese ,, mechanische Naturauffassung" entfernt sich zwar weit von der traditionellen kirchlich -scholastischen Naturanschauung, ist aber zunächst keineswegs antireligiös; sie verbindet sich vielmehr mit theistischen oder pantheistischen Auffassungen. Dabei wird vornehmlich durch das Teleologieproblem, durch die Betrachtung der Zweckmäßigkeit der Weltmaschine oder ihrer Teile, eine feste logische Verknüpfung zwischen der mechanischen Naturauffassung und dem Theismus (bzw. Deismus) geschaffen. Die unendlich kunstvolle und exakte Weltmaschine weist auf einen unendlich weisen Weltbaumeister hin.

Die mechanische Naturanschauung läßt weit auseinandergehende Auffassungen bezüglich des Wesens der Materie zu. Descartes kannte nur eine Grundeigenschaft der körperlichen Substanz: die Ausdehnung. Ihm gegen- Dynamismus. über schrieb Leibniz den letzten substanziellen Bestandteilen, welche den körperlichen Erscheinungen zugrunde liegen, aktive Kräfte zu; die Leibnizschen Weltbausteine, die ,, Monaden", sind Kraft-Substanzen. Newtons Lehre von der Gravitation, der allgemeinen Massenanziehung, mußte die Ansicht bestärken, daß alle Körper Kräfte ausüben, daß Kräfte zum Wesen des Körpers gehören, ja daß die Körper im Grunde aus Kräften bestehen. Die letztere Auffassung bezeichnet man als Dynamismus. Kant, der zugleich unter dem Einfluß der Leibnizschen Philosophie und der Newtonschen Naturwissenschaft steht, gibt der dynamischen Theorie eine besondere Ausgestaltung, indem er die Erscheinung der Materie durch das Zusammenspiel abstoßender und anziehender Kräfte erklärt.

Die dynamische Theorie hat seither in der Naturphilosophie eine bedeutende Rolle gespielt.

Der Gegensatz der neuen Naturerkenntnis gegen die aristotelisch-scho- Methodeoiehre lastische Tradition ist nicht nur ein solcher der Ergebnisse und Hypothesen; theone der die neuen Erfolge gründen in neuen Methoden. Gerade auf neue Methoden, Naturforschung, auf neue Erkenntniswege ging das Suchen der Zeit; um sie bemühten sich philosophierende Naturforscher und Philosophen. So wurde das Interesse naturgemäß hingelenkt auf die Methodenlehre, die Logik und die damit zusammenhängende Erkenntnistheorie der Naturforschung. Die ,, Wissenschaftslehre" der Naturforschung, wie wir kurz sagen dürfen, wird so als wichtiges Grenzgebiet der Naturphilosophie gepflegt.

Der Bereicherung nach der Seite der Erkenntnistheorie hin, die sich übri- Abtrennung der gens weiter zurückverfolgen ließe, steht zweifache Einengung gegenüber. Ein- ^^der "nSL-""^ mal schied die Psychologie aus der Naturphilosophie aus. Descartes hatte mit p^osophie. großer Schärfe Körper und Seele geschieden. Der Aufschwung der Naturwissenschaft seit der Renaissance betraf vor allem die Physik, insbesondere die Mechanik, auch die Astronomie. Die Natur, an deren Erklärung die For-

Erich Becher: Aufgabe der Naturphilosophie.

schung der Zeit arbeitete, erschien als mechanisches Getriebe; das Seelenleben mußte ihr gegenüber als eine andere Welt erscheinen. So wird die Psychologie aus der Naturphilosophie als besondere Wissenschaft herausgehoben. Diese berechtigte, ja notwendige Trennung brachte allerdings die Gefahr mit sich, daß fortan bei der Zeichnung eines Weltbildes von naturwissenschaftlicher Seite das Seelische vernachlässigt, übersehen, ja schlechtweg geleugnet werden konnte.

Trennung von War SO durch Aussondcrung des Seelischen der Umfang des Begriffs Natur

Naturphilosophie . . , , ^

und Natur- cmgccngt wordcn, SO trennte sich bei der Erforschung der Natur in diesem Wissenschaft, engeren Sinne von der Naturphilosophie die Naturwissenschaft ab. Diese Trennung war bereits im Altertum vorbereitet und bis zu einem gewissen Grade durchgeführt, insofern als die Arbeitsteilung zwischen naturwissenschaftlicher Einzelforschung und philosophischer Gesamtauffassung der Natur schon damals sich ergab. Die prinzipielle Scheidung aber setzte sich erst spät, etwa im Aufklärungszeitalter durch. Dazu trug natürlich die wachsende Fülle der naturwissenschaftlichen Einzelkenntnisse nicht wenig bei. Ferner gehörte die Wissenschaftslehre der Naturforschung, die von der Grundlage und dem Weg der Erkenntnis, der Forschung und der Beweise handelte, offenbar nicht zur Naturwissenschaft selbst, die die Körperwelt untersuchte. Vor allem spielte wohl auch das rationalistische Ideal der Philosophie eine Rolle. Echte Philosophie sollte nach diesem Ideal ihre Einsichten niemals der Erfahrung verdanken, sondern unabhängig von dieser, ,,a priori", rein aus dem Verstände oder der Vernunft heraus die Wahrheit gewinnen. So sollte auch die Naturphilosophie, die ,, spekulative Physik", die ,, Metaphysik der Natur" die Grundbegriffe und Grundsätze, die obersten und tiefsten Einsichten bezüglich der Natur unabhängig von aller Erfahrung, a priori, aus der Vernunft heraus, rein spekulativ entwickeln. Der ,, spekulativen Physik" wurde die ,, empirische", die einzelwissenschaftliche Naturforschung zur Seite bzw. untergeordnet, die auf dem Wege der Erfahrung Einzelkenntnisse sammelt.

Kant. Die spekulative deutsche Naturphilosophie. Bei Kant ist die Trennung der ,, reinen" und der ,, empirischen" Naturerkenntnis mit großer Schärfe hervorgekehrt. In der nachkantischen deutschen sogenannten idealistischen Spekulation erwachsen aus der Scheidung der spekulativen Naturphilosophie und der empirischen Naturforschung, bzw. aus dem Überwuchern der Die nach- erstcrcn zum Teil recht unerfreuliche Folgen. Kant hatte die reine Naturkuiatwe^Nat^t^'- Erkenntnis auf wenige allgemeine Begriffe und Sätze beschränkt. Seine Nachphiiosophie. folger waren kühner. Sie dehnten den Bereich der erfahrungsfreien Spekulation weit aus und ließen diese tief in die Gebiete der einzelnen Naturwissenschaften eindringen. Der Zweckbegriff und die seelisch-geistige oder auch logische Ausdeutung des Naturgeschehens beherrschen die phantastische, oft mystische Konstruktion der Naturanschauung. Schelling ist der typische Vertreter dieser Richtung. Kraft der Phantasie, Tiefe des Naturgefühls, Reichtum an künstlerischen Intuitionen charakterisieren diesen Geist ebenso wie ein Mangel an logischer Selbstzucht, der den wissenschafthchen Wert seiner

Aus der Geschichte der Naturphilosophie.

stolzen Gedankenschöpfungen untergräbt. So konnte der große Erfolg dieses Mannes nur ein vorübergehender sein. Die Kollision mit der empirischen Naturwissenschaft ergab sich sofort. Mit einem Hochmut, dem jeder Maßstab zur Abschätzung eigener und fremder Leistungen verloren gegangen war, sah man über die Gegnerschaft der empirischen Forschung hinweg. Schelling läßt mit der neuen Naturphilosophie eine höhere Erkenntnis der Natur durch ein neues Organ der Anschauung und des Begreifens derselben beginnen, nach der blinden und ideenlosen Art der Naturforschung, die seit dem Verderb der Philosophie durch Baco, der Physik durch Boyle und Newton allgemein sich festgesetzt habe. Die Früchte dieses neuen Begreifens waren nur zu oft leere Allgemeinheiten, offensichtlich auf uneingestandener Erfahrung beruhende vage Analogien und der einzelwissenschaftlichen Naturforschung entlehnte Anschauungen, vermengt mit gröbsten Fehlern; immerhin wurde das Ganze zusammengehalten von einzelnen wirklich bedeutsamen, wenn auch oft nicht neuen metaphysischen Gedanken. — Bildungstrieb und chemischer Prozeß, Irritabilität und Elektrizität, Sensibilität und Magnetismus werden leichthin zusammengestellt. Die Materie bzw. die Schwerkraft, das Licht und der Organismus werden als erste, zweite und dritte Potenz in eine Reihe gestellt usw. Hegel bewies a priori, daß es nur sieben Planeten geben könne, um alsbald durch Entdeckung der Ceres widerlegt zu werden. Ja selbst die Lehre, daß die Fixsterne einen Hitzeausschlag des Himmelsgewölbes darstellen, tauchte wieder auf.

Verteidiger jener spekulativen Naturphilosophie haben darauf hingewiesen, daß sie viele spätere Errungenschaften der Naturforschung, etwa auf dem Gebiete der Biologie, längst vorweggenommen habe; es sind selbst Prioritätsstreitigkeiten zugunsten der Naturphilosophen begonnen worden. Schon die antike Naturphilosophie hat große naturwissenschaftliche Hypothesen der Gegenwart vorgebildet; es ist unzweifelhaft ein Verdienst und Ruhmestitel der Philosophie der Natur, derart den Einzelwissenschaften vorgearbeitet zu haben. Wenn aber ohne logisch irgendwie ernsthafte Begründung naturphilosophische Vorstellungen in Massen produziert werden, so kann deren Urheber kein großes Verdienst beanspruchen, falls sich zufällig das eine oder andere aus seinen Phantasieschöpfungen in den Hypothesen wiederfindet, die die wissenschaftliche Naturforschung nach streng logischen Richtlinien erarbeitet.

Die Stimmung der Romantik hatte die naturphilosophische Spekulation trotz aller offenbaren Mängel zu gewaltigem Einflüsse kommen lassen, weil ihr ästhetischer und religiöser Gefühlswert dem Bedürfnisse der Zeit entsprach. Die Naturwissenschaft hat in Deutschland schwer darunter gelitten. Ein weiterer ernster Schaden aber zeigte sich, als der Zusammenbruch der idealistischen Spekulation erfolgt war. Sie hat der Verachtung der Philosophie, insbesondere der Naturphilosophie, und dem Materialismus die Wege geebnet.

Lange konnten die kühnen, stolzen Gedankenbauten der spekulativen ^^'^ zusammei Naturphilosophie nicht bestehen. Sie brachen zusammen vor der exakt natur- kuiativen Naf« wissenschaftlichen Forschung, die auch in Deutschland mit glänzenden Er- pMosopt'e.

lO

Erich Becher: Aufgabe der Naturphilosophie.

Der Materialismus.

folgen sich durchsetzte, nachdem sie in Frankreich zur Zeit der idcahstischen Spekulation zu hoher Blüte gelangt war. Die spekulative Naturphilosophie verfiel übrigens nicht nur, weil die Naturwissenschaft sich als überlegener Gegner erwies; sie brach vielmehr aus Mangel an innerem logischem Halt, an streng wissenschaftlicher Fundierung in sich zusammen, nachdem die Geistesrichtung der Romantik sie nicht mehr stützen konnte.

Naturphilosophie wurde nun ein verpöntes Wort. Die scharfe Ablehnung von Seiten der Naturforscher, die gegenüber den Auswüchsen der spekulativen Richtung gewiß berechtigt, ja verdienstHch war, traf alle naturphilosophischen Bestrebungen. Sie wollte es wenigstens, begünstigte in Wirklichkeit aber die materialistische Philosophie, die nunmehr in Deutschland zu weitester Verbreitung gelangte.

Die Naturphilosophie der letzten Jahrzehnte. Auch in der Zeit der entschiedenen Verachtung aller Philosophie hat die naturphilosophische Die naturwissen- Arbeit nie ganz geruht. Die großen naturwissenschaftlichen Errungenschaften

schaftlichen Er- . ° , , , , .

rungenschaften des vorigeu Jahrhundcrts brachten ihr neue, kräftige Antriebe. Der Aufbau des XIX. Jahr- organischer Verbindungen aus unorganischen Stoffen durch die Chemiker (zunächst Wöhlers Synthese des Harnstoffes) riß eine Schranke zwischen der lebendigen und toten Natur ein und gab einen Anstoß zum Kampfe zwischen Vitalismus (vgl. S. 14, 197) und Mechanismus in der Biologie. Das Gesetz von der Erhaltung der Energie verband und vereinheitlichte die verschiedenen Teilgebiete der Physik, und fernerhin auch anderer Naturwissenschaften. Der Entropiesatz legte Schlüsse auf das zukünftige Geschick unserer Welt nahe. Dann kam, von Darwin siegreich durchgeführt, der Entwicklungsgedanke, in Verbindung mit der Zuchtwahllehre — von D. Fr. Strauß als erstes Kind der heimlichen Ehe zwischen Philosophie und Naturwissenschaft begrüßt. Neues Aufstreben Allcs dies drängte die Naturforscher zur Naturphilosophie hin, wenn sie

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Philosophie, es auch selbst nicht Wort haben wollten. Die Philosophen, die nach dem Zusammenbruch der spekulativen Systeme gerade der Naturphilosophie gegenüber sehr zurückhaltend blieben, näherten sich ihr doch von der Wissenschaftslehre, von der Erkenntnistheorie her, die nach dem Bankrott der nachkantischen Metaphysik vielen, insbesondere den Neukantianern, als die eigenthch zentrale philosophische Wissenschaft erschien. Schopenhauer, dessen lange Zeit wenig beachtete Werke in ihren naturphilosophischen Partien doch immerhin die Erfahrung nicht völlig vernachlässigten, kam zur Geltung. Vor allem waren es aber Philosophen, die von der Naturwissenschaft kamen und mit ihrem Rüstzeug und ihren Ergebnissen wohl vertraut waren, welche mit vollem Bewußtsein die Philosophie an die Naturwissenschaft anknüpften und auf sie aufbauten. Hier sind in erster Linie Fechner und Lotze zu erwähnen, von denen jener durch das freie Walten seiner Phantasie, dieser durch seine logisch-konstruktiven Fähigkeiten noch an die spekulative Epoche erinnert. Beide aber vereint das Bestreben, wie der empirischen Naturforschung, so den Bedürfnissen des menschlichen Gemüts gerecht zu werden. — Auch E. v. Hartmann wäre an dieser Stelle zu nennen.

Aus der Geschichte der Naturphilosophie.

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