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Studien zur Geschichte der holländischen Malerei

Wilhelm von Bode · 1883 · Scanned text

162,689 words · about 11 h 24 min to read

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Author
Wilhelm von Bode
Language
German
Published
1883
Length
162,689 words · about 11 h 24 min
Sections
2 reader sections
Text
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Rights
Public domain · PD-US by publication date

 

Contents (2)
  1. Vorwort about 1 h 39 min
  2. Einleitung about 9 h 45 min

Continue:

Vorwort

Die vorliegende Sammlung von Auffätzen über holländifche Maler bietet einen Theil des Materials, welches der Verfaffer für eine Gefchichte der holländifchen Malerei gefammelt hat. Ueber den Vorarbeiten zu diefem feit längerer Zeit geplanten Unternehmen ift es dem Verfaffer klar geworden, dafs die Zeit für eine glückliche Löfung einer fo fchwierigen Aufgabe noch nicht gekommen ift.

Nach den vereinzelten Veröffentlichungen von Urkunden über holländifche Künftler aus den Archiven Hollands , welche ein Scheltema , Kramm, Elfevier u. A. in den fünfziger und sechsziger Jahren gelegentlich gemacht haben, hat die neuere hiftorifche Quellenforfchung fich in den kunftgefchichtlichen Publicationen Hollands Bahn gebrochen mit dem Werke eines Neftors der alten Richtung, mit van der Willigen's »Artiftes de Harlem«. Seitdem ift eine fyftematifche , bis zu einem gewiffen Grade abfchliefsende Erforfchung der holländifchen Archive das ausgefprochene Ziel der jungen Forfcher, namentlich der Herren Abraham Bredius, Dr. A. de Vries,

VI Vorwort.

Dr. S. Muller, Fr. D. O. Obreen, Dr. N. de Roever, P. A. Leupe u. A. Das aufserordentlich reiche und mannigfaltige Refultat ihrer Arbeit bringt uns jede neue Lieferung der kunftgefchichtlichen Zeitfchriften Hollands: Obreen's »Archief« und De Vries' und De Roever's »Oud Holland«. Für eine Reihe von Jahren haben diefe Forfcher bereits das Material zu weiteren Publicationen gefammelt. Aber auch damit werden diefelben noch nicht abgefchloffen fein: find doch die Notariatsarchive in ganz Holland bisher dem Studium unverzeihlicher Weife noch immer verfchloffen geblieben!

Bis diefe Forfchungen wenigftens einen gewiffen Abfchlufs erreicht haben — wie das für die vlämifche Kunft namentlich durch Veröffentlichung der Antwerpener »Liggere« bereits der Fall ift — , fcheint mir eine Gefchichte der holländifchen Malerei nicht an der Zeit zu fein. Für diefelbe ift aber auch eine zweite ebenso wesentliche Vorbedingung noch nicht hinreichend erfüllt: die kritifche Bilderexegese. Für eine grofse Zahl der holländifchen Maler ift eine kritifche Aufftellung ihres Malerwerks, ihres »ceuvre«, noch nicht einmal vermehrt, für alle anderen mufs daffelbe erweitert und namentlich nach den Veränderungen im Befitz der Bilder vielfach umgeftaltet werden. Nur auf der Grundlage folcher Arbeiten kann der künftlerifche Entwickelungsgang und die Charakteriftik der einzelnen Künftler richtig dargelegt werden.

Vorwort. VII

Aber über diefe Betrachtung der einzelnen hervorragenderen Maler hinaus, auf welche fich Waagen fowohl wie Smith und ihre Nachfolger im Wefentlichen befchränkt haben, mufs die Forfchung auch jener Schaar von geringeren Talenten, namentlich folcher Künfhler, welche den grofsen Meifhern vorgearbeitet haben , in ihren Werken nachgehen. Denn diefelben haben einen mehr oder weniger hervorragenden Antheil an der Entwickelung der holländifchen Malerei gehabt und der innere Zufammenhang in der Gefchichte derfelben kommt häufig erft dadurch in das rechte Licht.

Diefen modernen Anforderungen der hiftorifchen Forfchung find in der Gefchichte der holländifchen Malerei zuerft die unter dem Pfeudonym W. Bürger erfchienenen Arbeiten T. Thore's, obgleich feuilletoniftifch gehalten, gerecht geworden. Dem gleichen Ziele hat auch der Verfaffer bei einer Reihe kleinerer Auffätze nachgeftrebt, welche in verfchiedenen deutfchen Kunftzeitfchriften erfchienen find. Mehrere diefer Auffätze bilden die Grundlage oder einen Theil diefer »Studien«. Diefelben find zunächft den beiden grofsen Meiftern gewidmet, welche den Höhenpunkt der beiden Epochen der felbftftändigen holländifchen Malerei bilden, Frans Hals und Rembrandt. Ihrer Entwickelung ift der Verfasser auf Grund einer möglichft vollftändigen Zufammenftellung ihres Malerwerkes nachzugehen bemüht gewefen. Daran knüpft fich bei Frans Hals

VIII Vorwort.

eine ausführliche Betrachtung der geflammten Richtung der holländifchen Malerei, welche fich theils in der Schule des Hals theils unter feinem directen oder indirecten Einfluffe entwickelte. Diefer Studie liegt die Doctordiffertation des Verfaffers vom Jahre 1870 zum Grunde, welche in A. von Zahn's »Jahrbüchern« veröffentlicht wurde. In der jetzigen Geftalt diefes Auffatzes legt derfelbe hoffentlich Zeugnifs dafür ab, dafs jene meine erften Forfchungen, durch welche ich eine Reihe -holländifcher Künftler der Nachfolge des Frans Hals als folche zuerft wieder in die Kunftgefchichte einführte, im Wefentlichen begründet waren ; andererfeits aber auch dafür, dafs ich die Zwifchenzeit für die weitere Verfolgung diefer Künftler wie der ganzen Richtung der holländifchen Malerei, welcher fie angehören, nicht unbenutzt habe vorübergehen laffen.

Der Studie über Rembrandt geht ein Auffatz über feine Vorläufer und Lehrer voraus, insbefondere über Elsheimer, an welchen fich der Kreis feiner Vorgänger vornehmlich anfchliefst. Diefer Auffatz ift zuerft 1880 im »Jahrbuch der königl. preufsifchen Kunftfammlungen « erfchienen; doch konnte ich denfelben hier bereits nach mehreren Richtungen vervollftändigen.

Die Studie über »Rembrandt's künftlerifchen Entwickelungsgang« gründet fich auf das zum Schlufs gegebene » Ortsverzeichnifs der Gemälde Rembrandt's«. Ein folches erfchien mir trotz der

Vorwort. IX

neuen Auflage von Vosmaer's »Rembrandt, sa vie et ses oeuvres« (1877) eines der vornehmlichften Erforderniffe für die Gefchichte der holländifchen Malerei. Einmal fehlt ein folches Ortsverzeichnifs Vosmaer's verclienftvollem Werke überall, obgleich es für den Gebrauch des Buches in erfter Reihe nothwendig wäre. Sodann kann aber auch das von demfelben nach den Jahren der Entftehung der Bilder angeordnete Malerwerk keineswegs den Anfpruch auf ein eigentlich kritifches oder gar einigermafsen vollftändiges Verzeichnifs machen. Vosmaer zählt darin allerdings nahezu 400 Gemälde Rembrandt's auf. Nach Abzug der von ihm felbft als fraglich bezeichneten Bilder, der verfchollenen und nach Stichen des Vliet u. A. aufgezählten oder Vosmaer nach ihrem Aufbewahrungsort nicht bekannten, fowie der irrthümlich doppelt aufgeführten und der nach meiner Ueberzeugung von ihm mit Unrecht dem Rembrandt zugefchriebenen Bilder bleiben nur noch etwa 250 Gemälde, von denen Vosmaer aus eigener Anfchauung felbft bei der zweiten Auflage nur etwa 150 bis 160 Werke bekannt waren. Durch feine Vollftändigkeit hat vor diefem Vosmaer'fchen »ceuvre« meines Erachtens das Verzeichnifs von Rembrandt's Werken in John Smith' »Catalogue Raisonne« (Theil VII, 1836) auch heute noch den Vorzug. Allein es ift fehr veraltet, felbft für England , wo feit dem Erfcheinen wohl nahezu die Hälfte der Gemälde den Befitzer gewechfelt hat.

X Vorwort.

Aufserclem ift es aber auch für manche Sammlungen, namentlich des Continents, durchaus unkritifch und unvollftändig, da Smith die nordifchen Sammlungen, die Galerien von Italien, Spanien und zum Theil auch von Deutfchland unbekannt waren. In das hier zufammengeftellte Malerwerk find (mit einigen wenigen Ausnahmen von ficher beglaubigten, mir jedoch durch widrige Umftände noch nicht zugänglichen Gemälden) nur folche Bilder Rembrandt's, die ich felbft gefehen und geprüft habe, aufgenommen worden. Eine ziemlich beträchtliche Zahl von Gemälden, die bisher als echte Werke Rembrandt's anerkannt waren, habe ich dem Meifter abfprechen zu müffen geglaubt; dafür habe ich jedoch eine weit gröfsere Zahl von Bildern des Meifters , die bisher in der Literatur nicht erwähnt find, oder deren Aufbewahrungsort doch in Vergeffenheit gekommen war, dem ceuvre hinzufügen können, fodafs mein Verzeichnifs trotzdem etwa die gleiche Zahl von Gemälden Rembrandt's aufzuweifen hat, wie das von Vosmaer. Hoffentlich wird es dem Verfasser vergönnt fein, auf Grund diefer Vorarbeit, deren Prüfung und Vervollftändigung er feinen Studiengenoffen, zumal in England, ganz befonders ans Herz legt, fpäter ein ausführliches Malerwerk Rembrandt's zu veröffentlichen, welches auch die Angaben über Herkunft, Gröfse, Material der Bilder, ihre Reproductionen u. f. f. umfafst.

Den Eingang des Buches bildet ein Auffatz,

Vorwort. XI

in dem der Verfaffer » die Grundzüge der holländifchen Malerei« gewiffermafsen als kurzgefafstes Refultat feiner gefammten Studien über die holländifche Malerei darzulegen verfucht hat. Ein Theil diefes Auffatzes ift als gemeinsame Arbeit mit meinem Collegen Director Dr. Julius Meyer entftanden, und im »Katalog der Suermondt'fchen Gemäldefammlung« (1874) veröffentlicht worden. Auch für diefe vollftändigere und verbefferte Form habe ich deshalb in der Ausarbeitung die Beihilfe des Freundes erbitten zu müffen geglaubt. Ihm wie den Freunden, welche mir durch gelegentliche Notizen und Durchficht einzelner Correcturen behilflich gewefen find, fage ich hiermit meinen Dank.

Wenn am Schluffe diefes Bandes schon verfchiedene Zufätze und Verbefferungen der erften Auffätze nöthig waren, und wenn leider die Ausarbeitung in einzelnen Theilen die wünfchenswerthe Ausfeilung und gleichmäfsige Durchführung vermiffen laffen wird, fo bitte ich dies theilweife dem Umstände zu Gute halten zu wollen, dafs ich die Correcturen vielfach auf Reifen im Auslande zu machen genöthigt war, und dafs fich dadurch der Druck nahezu zwei Jahre hingezogen hat.

Berlin, im Januar 1883.

Der Verfaffer.

DIE ENTWICKELUNG

DER

HOLLÄNDISCHEN MALEREI

IN

IHREN GRUNDZÜGEN.

i

Anfänge der holländifchen Malerei.

L Die altniederländifche Malerei in den holländifchen Provinzen.

Eine holländifche Kunft im eigentlichen Sinne tritt erft auf nach der Begründung des holländifchen Staatenbundes: mithin erft feit der Zeit, da nach blutigem, jahrelangem Kampfe im Waffenftillftand von 1609 durch die (wenn auch bedingte) Anerkennung feitens Spaniens Holland zur Selbftändigkeit gelangt war. Doch zeigt die Kunft in den nördlichen Provinzen der Niederlande, im fpäteren Holland, fchon früher eine ftark ausgeprägte provinzielle Färbung , welche die Eigentümlichkeiten der fpäteren holländifchen Malerei zum Theil fchon im Keime erkennen läfst.

Diefes deutfche Niederland, am unteren Lauf des Rheins und der Maas, war durch Lage und Boden wie durch feine gemifchte Bevölkerung für Handel und Induftrie wie für die Kultur zu einer bedeutungsvollen Mittlerrolle zwifchen den grofsen Nachbarvölkern berufen und wirkte durch feine maritime Lage noch weit über die letzteren hinaus. Schon im Mittelalter hatte es mit der freiheitlichen Entwickelung feines Bürgerthums den Grund für eine gedeihliche Pflege und Entfaltung der Kunft gelegt. Faft gleichzeitig mit der Wiedergeburt

Anmerkung. Die nachfolgende Charakteriftik ift zum Theil dem von Herrn Dr. Jul. Meyer und mir gemeinfam verfafften »Verzeichnifs der Sammlungen des Herrn B. Suermondt« (Berlin 1875) mit des Erfleren Zuftimmung entnommen.

1* der Kunft in Italien erftanden auch nördlich der Alpen hier in den Niederlanden die grofsen Reformatoren der Malerei : die Brüder Hubert und Jan van Eyck.

Diefe nordifche Renaiffance, in ihren Vorbedingungen noch allzuwenig bekannt und daher in ihrem plötzlichen Aufblühen um fo überrafchender und grofsartiger , ift von vornherein wesentlich verfchieden von der künftlerifchen Wiedergeburt im Süden. Die Kunfhweife der van Eyck, welche für die niederländifche , ja für die nordifche Kunft überhaupt faft ein Jahrhundert lang beftimmend blieb, hat mit der gleichzeitigen italienifchen Malerei den Ernft für das volle Erfaffen des Gegenftandes und zugleich die Treue in der Anfchauung und Wiedergabe der Natur gemein. Allein während die Renaiffance in Italien durch das Studium der Ueberrefte alter Kunft zur Erkenntnifs der Natur gelangt war und daher an dem Vorbild der Antike ihren angeborenen Sinn für Monumentalität, für harmonische Ausbildung und das Zufammenwirken aller Zweige der Kunft , fowie für die Schönheit , namentlich der menfchlichen Geftalt , entwickelt hatte: richtete gleichzeitig die Kunft des Nordens, völlig naiv und ohne fremdes Vorbild, daher auch ohne bewufsten Gegenfatz gegen die vorausgegangene Epoche, ihr Streben vor Allem auf möglichft naturgetreue, charakteriftifche Wiedergabe des künftlerifchen Vorwurfs. Ihre Objecte, faft ausnahmslos biblifchen und religiöfen Inhalts, geftaltete fie daher zu fchlichten, aber tief empfundenen Scenen aus dem eigenen Volke und der eigenen Zeit inmitten der umgebenden Natur ; und dies in der ganzen Fülle und Mannigfaltigkeit der realen Erfcheinung, die auch das Kleinfte, als liebevoller Darftellung würdig, einfchliefst und nicht minder das Seelenleben als das Schimmern und Scheinen der äufseren Natur umfafst. Diefe anfpruchslofe Stellung des Menfchen innerhalb der Wirklichkeit, nicht als Beherrfcher fondern nur

Die altnieclerländifche Malerei in den holländifchen Provinzen. 5

als die vornehmfte Creatur der Schöpfung, diefe Verehrung des Göttlichen in der gefammten Natur, welche aus den niederländifchen Bildern des fünfzehnten Jahrhunderts fprechen , bewirken jene eigenthümliche Stimmung derfelben, jenen »frommen Sinn« , den fchon damals felbft die Italiener bewunderten.

Ein Ausflufs diefer Anfchauungsweife ist die vorwiegend malerifche Richtung der nordifchen Malerei , die gleich im Anfange diefer Epoche durch die künftlerifche Ausbildung der Oelmalerei fich das Mittel zum vollendeten Ausdruck jener AufTafsung fchaffte. Es ifl diefer malerifche Zug, der bei der naturtreuen Schilderung der Wirklichkeit in ihrem farbigen Scheinen und Leuchten die Welt für die Kunft gleichfam von Neuem entdeckt. Daher fchon in der erften und zugleich grofsartigften Schöpfung diefer Kunft, in dem Genter Altarwerke der Gebrüder van Eyck, der ausgefprochene Zug des Sittenbildlichen und die Richtung auf die Schilderung des Bildniffes und der Landfchaft , deren Loslöfung zu befonderen Zweigen der Malerei der weiteren Entwicklung der niederländifchen Kunft vorbehalten blieb.

Die Betheiligung der holländifchen Provinzen an diefem erften grofsen Auffchwung der niederländifchen Malerei ift, foweit wir noch nach den aus dem Bilderfturm 1566 geretteten dürftigen Reften ürtheilen können , eine verhältnifsmäfsig untergeordnete. Doch zeigt lieh darin bereits ein eigenartiger Charakter, welcher die fpätere felbftändige Entwicklung der holländifchen Malerei vorbereitete und mehr oder weniger mit beftimmte. Namentlich tritt darin der eben erwähnte Zug des Sittenbildlichen und Landfchaftlichen in befonders ausgefprochener Weife zu Tage.

Theilweife laffen fich diefe localen Eigentümlichkeiten fchon in denjenigen Künftlern erkennen, welche ihrer Herkunft nach den nördlichen Provinzen angehören , deren künftlerifche Entwickelung aber in den füdlichen Niederlanden direct unter den Einflüffen der van Eycks und des Roger van der Weyden erfolgte, wie Dirck Bouts und Gerard David. In fchärffter Weife aber hat der Haarlemer Maler Gerard, genannt Geertgen van St. Jans, diefe Eigentümlichkeit ausgeprägt: derbe Charakteriftik bis zur Carikatur und doch zugleich eine gewiffe Würde, Vereinfachung und Verftärkung der Wirkung durch Gruppirung in Maffen, fowohl in den Figuren wie in dem landfchaftlichen Hintergrunde, und breite malerifche Behandlung in einem tiefen und doch klaren, warmen braunen Gefammtton 1). Noch entfchiedener folgt jenem fittenbildlichen Zug der wenig jüngere »Meifter von 1480«, dem Namen nach unbekannt, der uns jene köftliche Reihe der im Amfterdamer Mufeum aufbewahrten Stiche und einige wenige Zeichnungen hinterlaffen hat.

In diefen Compofitionen ift der Vorläufer des Lucas van Leyden aufs Deutlichfte zu erkennen. Erfl mit diefem kommt in den holländifchen Provinzen — wie gleichzeitig mit Quinten Maffys in Flandern — eine neue Epoche der Malerei zum vollen Durchbruch, die gleichzeitig in feinem Lehrer Cornelis Engelbrechtfen, in Jacob Cornelisz von Amfherdam und in dem fpukhaft phantaftifchen Hieronymus Bofch verfchiedenartige , indefs weniger begabte und weniger bahnbrechende Vertreter findet. Lucas van Leyden greift voll und bewufst ins alltägliche Leben und fchildert

x) Aufser den bezeugten bekannten Bildern im Belvedere zu Wien fcheinen mir noch ein Flügelaltar mit der »Anbetung der Könige« in der Galerie zu Prag, ferner das bedeutende Bild des »Opfers des Neuen Bundes« in der Galerie zu Amfterdam (Nro. 485) und der kleine »Chriftus im Grabe von Marterinftrumenten umgeben« im Erzbifchöflichen Mufeum zu Utrecht von Gerard's Hand. Mehrere andere (wie diefe als »unbekannt« bezeichnete oder falfch benannte) Gemälde in diefen und anderen Galerieen Hollands und des Auslandes gehen wenigftens auf feine Schule oder Richtung zurück.

Die altniederländifche Malerei in den holländifchen Provinzen. 7

es mit derber Kraft und zugleich mit einem gemüthlichen Zuge , felbft wo er das Motiv der Bibel oder Heiligengefchichte entlehnt. Dadurch entfchädigt er wenigftens theilweife für den mehr und mehr fich verlierenden Ernft der Auffaffung. Diefelbe derbe Naturtreue charakterifirt auch feine landfchaftlichen Gründe , von denen zuweilen die Figuren fich faft nur noch als Staffage abheben. Die Vereinfachung und die gröfste Einheit in der Wirkung und in der Formengebung erzielt der Künftler durch feine aufserordentlich breite und weiche malerifche Behandlungsweife, indem er bei dünnem und flüffigem Auftrage die Farbenftimmung in einem ungewöhnlich hellen blonden Gefammtton hält.

Zu einem ähnlichen Refultate kommt auf ganz verfchiedenemWege derjenige Künftler, welcher durch die Einbürgerung der italienifchen Kunft nicht minder wie Lucas van Leyden auf die Entwicklung der Malerei des fechszehnten Jahrhunderts in den holländifchen Provinzen einwirkte: Jan Scorel, der Schüler des Jacob von Amfterdam. Jener naive Sinn für völliges Aufgehen im Gegenftand und die liebevolle Sorgfalt der Darfteilung auch für die kleinften Einzelnheiten der Natur, welche die Kunft des fünfzehnten Jahrhunderts charakterifirt und ausgezeichnet hatten, verloren fich gegen den Ausgang des Jahrhunderts mehr und mehr oder arteten in das Kleinliche oder Abfonderliche aus. An ihre Stelle trat nun das Streben nach Vereinfachung und einheitlicher Wirkung. Wie früher auf Mabufe und Orley, fo wirkte nun auf Scorel , als er um die Zeit von Raphael's Tode nach Italien kam, die grofsartige Richtung der Kunft in Rom überwältigend * ein ; ihr gegenüber mufste er die kleinliche Auffaffung und den Mangel an Verftändnifs für menfchliche Form und Bewegung in der heimifchen Kunft lebhaft empfinden. Daher warf fich der Künftler der Nachahmung diefer Kunft völlig in die Arme, freilich unvorbereitet und daher auch ohne Tie tiefer zu erfaffen. So wurde Scorel für die holländifchen Provinzen der Begründer jener die heimifche Tradition verachtenden, von den Zeitgenoffen als die wahre Kunft gefeierten italienifirenden Richtung, welche durch ein leeres und äufserliches Formenfpiel und unverftandene Nachahmung eines Raphael und Michelangelo in völlige Unnatur ausartete. Hohles Pathos, gezierte und gefpreizte Bewegung, prahlerifche Schaufhellung unverftandener anatomifcher Studien und wüfte Schnellmalerei, das find die Kennzeichen jener Kunft, die uns in den meiften Gemälden eines Marten van Heemskerk, Cornelis van Haarlem u. A. in abfchreckender Weife entgegentreten.

Doch erwuchs der niederländifchen Malerei auch aus diefer Richtung ein dauernder Gewinn , welcher ihr ein weit über ihren künftlerifchen Werth hinausgehendes Intereffe verleiht. Einerfeits nämlich entwickelte fich aus jenem Streben nach Vereinfachung und einheitlicher Wirkung allmälig Sinn und Verftändnifs für abgerundete Compofition, Formenfchönheit und Helldunkel; andererfeits wurde die Bedeutung theoretifcher Studien, namentlich der Perfpective und Anatomie erkannt und fo das Verftändnifs der Formen und Bewegungen vorbereitet und gefördert.

Diefer Gewinn zeigt fich in vortheilhafter Weife fchon bei den Begründern jener Richtung, fobald diefelben unmittelbar auf die Natur zurückgehen: vorzugsweife alfo im Bildnifs , in der Landfchaft und im Sittenbild. So nimmt hier Scorel felbft eine hervorragende Stellung ein, indem er im Bildniffe eine fchlichte und felbft grofse Auffaffung bewährt, in die Landfchaft ftilvolle Formen und Helldunkel einführt. Daher erfcheinen uns diejenigen Meifter diefer Zeit, welche fich jenen Gattungen ausfchliefslich widmen, von der vortheilhafteften Seite. So in der Bildnifsmalerei

Die altniederländifche Malerei in den holländifchen Provinzen.

Dirck Jacobsz , Marcus Gerards , Joos van Cleve , Lucas de Heere , namentlich aber Scorel's Schüler Antonis Mor , der fich unter Tizian's Einflufs zum erften Bildnifsmaler feiner Zeit nördlich der Alpen ausbildete. Dem Mor nahe kommt Tizian's Schüler, Hans von Calcar, deffen Bilder — wie Vafari etwas übertrieben erzählt — von denen feines Meifters nicht zu unterfcheiden waren. Diefen fchliefsen fich, zugleich als Landfchafts- und Genremaler ,' die Peeter Aertsen, Buecklaer, Cornelis Molenaer, der Braunfchweiger Monogrammift *) u. A. an. Wie Landfchaft und Sittenbild bei diefen Meiftern in der Regel noch ungetrennt auftreten und in einander übergehen, fo findet fich endlich auch bereits

!) Da diefer Meifler, der nächft und nach Lucas van Leyden in der Entwicklung des Sittenbildes in Holland wohl die erfte Stelle einnimmt, bisher in der Literatur völlig unberückfichtigt geblieben ift (die kurze Erwähnung im neuen Kataloge der Berliner Galerie von 1878 ausgenommen), fo fei hier eine kurze Charakteriftik des Künftlers an der Hand feiner mir bekannten Gemälde gegeben. Die Bezeichnung als »Monogrammift der Braunfchweiger Galerie« gebe ich ihm , weil der Künftler , für deffen Namen fich noch keine Anhaltspunkte gefunden haben, fich nur auf einem Bilde in der Braunfchweiger Galerie , dort Karel van Mander genannt , gezeichnet hat, und zwar mit dem beiftehenden Monogramme

Die Buchftaben fcheinen den ganzen Namen des Künftlers zu enthalten, von denen fich mit einiger Wahrfcheinlichkeit nur I. v. M. als Anfangsbuchftaben vermuthen laffen. Eine Jahreszahl trägt keines feiner Bilder ; nach den Koftümen und der Behandlung laffen fie fich etwa in das zweite Viertel des fechszehnten Jahrhunderts fetzen. Die früheren flellen fämmtlich ein und daffelbe Motiv rein fittenbildlicher — und zwar fehr derber Art dar: das Treiben in fchlechten Häufern. Zwei Bilder diefer Art befinden fich in Frankfurt a. M. (im Stadel' f che n Inftitut und im Archiv), ein drittes und zwar das befte in der Berliner Galerie. Naiv derbe , aber keineswegs finnliche Auffaffung , ruhige , faft etwas fteife Haltung, tüchtige Modellirung, durchgehende Typen feiner Männer und Weiber (an denen der Meifter fofort erkennbar ift) , reiche und feine Färbung bei einem warmen bräunlichen Ton find die charakteriftifchen Eigenfchaften diefer Bilder. Die übrigen mir bekannten Gemälde behandeln

IO

Grundzüge der holländifchen Malerei.

der Keim zu einer Gattung der Malerei, deren felbftändige Ausbildung erft in der fpäteren niederländifchen Kunft erfolgte : das Stillleben. Hierher gehören die Küchenftücke eines Aertsen, Buecklaer u. A.

biblifche Motive , jedoch in völlig genreartiger Auffaffung. Sie zeigen fämmtlich Scenen im Freien; daher find fie, im Gegenfatz gegen jene Darftellungen warm beleuchteter Innenräume, im kühlen Tageslichte gehalten. Die theilweife ftark betonte Landfchaft zeigt denfelben tüchtig naturaliftifchen Charakter, ohne jenen Zug für phantaftifche Gebirgsbildungen , der feinen Zeitgenoffen, befonders dem ihm verwandten Herri de Bles, eigen ift. Es find dies die folgenden Bilder : Im L o u v r e das »Opfer Ifaaks« ; in B r a u nfchweig die grofse mit dem oben facfimilirten Monogramm bezeichnete »Speifung der Armen« und »Juda und Tamar« ; in Stuttgart der »Kreuzesweg« , ein Motiv , das ich kleiner und verändert- in einem früher bei dem Kunfthändler Rocca in Berlin befindlichen, fehr fchadhaften Bilde wiederholt fah. Der neue Katalog der Karlsruher Galerie fchreibt dem Meifter auf die Autorität des Herrn Dr. Scheibler ein Gemälde mit lebensgrofsen Halbfiguren , eine »Trink- und Liebesfcene« (Nro. 152), zu, das früher Maffys benannt war. In mehreren diefer Bilder , namentlich in der fehr figurenreichen »wSpeifung der Armen« in Braunfchweig , zeigt fich in der gefliehten Perfpective (fowohl im Augenpunkte als in der Verkürzung der Figuren) und felbft in der Färbung ein unverkennbarer Einflufs des Michelangelo , deffen Bildnifs mir unter den Gäften angebracht zu fein fcheint. Wie dabei der Künftler feiner nationalen , derb naturaliftifchen Auffaffung und Behandlung dennoch treu geblieben , ift nicht das geringfte Intereffe, welches uns derfelbe abgewinnt.

2. Die Malerei in den holländifchen Provinzen während des Freiheitskrieges und unter der Einwirkung zugewanderter vlämifcher Künftler.

Indefs vermochten weder tüchtige, zum Theil ausgezeichnete Leiftungen in den genannten Gattungen, noch auch die im Anfchlufs an Lucas van Leyden fich ausbildende Breite und Leichtigkeit der malerifchen Behandlung einen Auffchwung der Kunft herbeizuführen. Vielmehr macht fich während der zweiten Hälfte des fechszehnten Jahrhunderts in den holländifchen Provinzen allmälig ein Abnehmen der Kraft geltend : in der völligen Gleichgültigkeit gegen den Inhalt der Darfteilung (wie denn biblifche Motive zum Vorwande für die Darftellung holländifcher Sitte und Unfitte wurden) in der Zerfahrenheit der Compofition und in leerer Manierirtheit der Zeichnung, namentlich bei allegorifchen oder mythologifchen Darftellungen. Die Regungen des geiftigen wie des religiösen und politifchen Lebens während und in Folge der Reformation, die beginnende Gährung und fchliefslich der Ausbruch des gewaltigen Kampfes um die Freiheit von Glauben und Land zogen das Intereffe von der Kunft ab, unterbanden derfelben eine Zeitlang die Lebensadern.

Daher erfcheinen die letzten Jahrzehnte des fechszehnten und der Beginn des fiebenzehnten Jahrhunderts in den holländifchen Provinzen arm an Erzeugniffen der Malerei und noch ärmer an einigermaafsen erfreulichen Werken derfelben.

12 Grundziige der holländischen Malerei.

Diefe befchränken fich auf vereinzelte, meift lokale Erzeugniffe, namentlich auf decorative Werke zum Schmuck öffentlicher Gebäude, die den Stolz der für ihre Freiheit und Selbftregierung kämpfenden Gemeinden ausmachten. Insbefondere find es Schützen- und Regentenftücke — meift von grofsem Umfange aber mäfsigem Kunftwerth — , die als Ausdruck jener Gefühle jetzt mehr und mehr aufkommen.

Allein der Kampf felbft, die blutige Strenge, mit welcher die Spanier jede felbftändige Regung und die Losfagung von der katholifchen Kirche in den füdlichen Provinzen, belbnders in dem damaligen Mittelpunkte der Niederlande für Handel und für Kunft, in Antwerpen, unterdrückten, trieb nicht wenige der gebildetften und tüchtigflen Elemente aus Flandern und Brabant zur Auswanderung oder zur Flucht nach den holländifchen Staaten. Darunter befanden fich auch eine Anzahl tüchtiger Künftler, die in Holland für längere Zeit , meift fogar dauernd , ihren Wohnfitz nahmen und heimifch wurden. Wenn auch die Entwickelung der Malerei in den füdlichen Provinzen einen ähnlichen Gang nahm wie in den nördlichen, fo hatten fich doch im Süden durch die blühende Akademie von Antwerpen, welche als folche noch lange eine Art Hochfchule auch für Holland bildete , alte Schultraditionen und gewiffenhaftere Studien zugleich mit einem weiteren Anfchauungskreis erhalten. Diefe aber, in Verbindung mit dem ununterbrochenen Studium der klaffifchen Kunft in Italien, bildeten die Vorbedingung jener glänzenden Entfaltung der vlämifchen Kunft im Anfange des folgenden Jahrhunderts, welche durch Peter Paul Rubens bezeichnet wird.

Durch die vlämifchen Zuwanderer wurde nun allmälig auch die Kunft Hollands von jenen Eigenfchaften durchdrungen und neu belebt. In Haarlem wurden theoretifche Unterfuchungen und ernfthafte Actftudien als Vorbedingungen

Die Zuwanderungen vlämifcher Maler. 13

einer hiftorifchen Malerei in der durch Karel van Mander mit Cornelis van Haarlem und Hubert Goltzius errichteten Akademie mit Eifer betrieben. In Haarlem wirkte gleichzeitig die blühende Schule von Kupferftechern unter Heinrich Goltzius' Leitung mit gutem Erfolge in der gleichen Richtung. Ein liebevolles Eingehen in die Natur, welches die felbftändige Ausbildung aller im Keime bereits vorbereiteten Zweige der Malerei ermöglichte , erftarkte wieder an dem Vorbilde der zugewanderten vlämifchen Maler, die in ihren Landfchaften zugleich das Volksbild und die Thiermalerei wie in einem Mikrokosmos vereinigten: Hans Bol, Roeland Savery, David Vinckboons, die beiden Nieulandt; und — um etwas vorzugreifen — für das Architekturbild B. van Baffen, für die Seemalerei Adam Willaerts und Jan Porcellis. Wie diefe Meifter ihrerfeits der Malerei der neuen Heimath neue Elemente zuführten , fo wirkte umgekehrt das rafch emporblühende politifche und geiftige Leben des jungen Freiftaates in vortheilhafter Weife auf fie zurück. Diefer Auffchwung, wie der frifche nationale Zug , der durch das ganze Volk ging, erweckte nun auch die Kunft allerorten im Lande zu neuer Blüthe. Und nun bildete fich auf Grund jener fremden Elemente fowohl als der alten Traditionen in rafcher Entwickelung eine wirklich nationale , eine holländifche Malerei im vollen Sinne des Wortes aus.

Erfte Periode der holländifchen Malerei. Der nationale Auffchwung.

Die erfte Epoche diefer felbftändigen holländifchen Malerei (etwa von 1610 bis 1640) trägt das deutliche Kennzeichen der Kämpfe, unter denen Land und Volk ihre Selbftändigkeit errangen. Grofs geworden inmitten des begeifterten Streites der Bürger für die Freiheit des Vaterlandes und der Religion, gehoben und belebt durch die allgemeine Theilnahme an den öffentlichen Dingen und an dem Wachsthum eines auf fich beruhenden Gemeinwefens , ift diefe Kunft vor Allem national und volksthümlich. Das Bewufstfein des Kampfes begünftigte eine gewiffe Gefchloffenheit und Tüchtigkeit ihrer Entwickelung, wie andererfeits der fiegreiche Abfchlufs ihre freiefte Ausbildung ermöglichte. Frei und derb, entfchieden und eigenartig, wie es das Volk geworden, ift diefe Kunft; und indem fie aus dem bürgerlichen Selbftbewufstfein heraus das eigene mit Noth und Arbeit errungene Leben zur Darfteilung bringt, kennt fie keine Schranken in Stoff und Behandlung. Der Mittelpunkt der nationalen Erhebung, Haarlem, ift auch der Vorort für die Kunftübung diefer Epoche.

Zunächft feiert die Malerei — wie es der natürliche Lauf der Dinge mit fich brachte — als ihren würdigften Gegenftand den freien Bürger, den Sieger in den heldenmüthigen

Der nationale Auffchwung. 1 5

Freiheitskriegen , den Menfchen an fich im Vollgefühl feiner Exiftenz gleichfam, die er fich felber erobert hatte. Daher ift die Portraitmalerei zu keiner Zeit und von keiner Schule iivfolchem Umfange ausgeübt worden, als damals in Holland: in allen Städten des Landes finden wir eine Anzahl Künftler — und zwar mein: die bedeutendfhen — ausfchliefslich damit befchäftigt , die Geftalten ihrer Landsleute der Nachwelt zu überliefern. Sei es als einzelne Portraitfigur oder in der Mitte ihrer Familie oder endlich in ihren bürgerlichen Aemtern, als Schützen, Rathsmänner, Vorfteher von Stiftungen und Innungen, mit ihren Collegen auf demfelben Bilde vereinigt. Für die neue Epoche der Malerei find diefe grofsen Bildnifsftücke befonders bezeichnend; fie vertreten gleichfam das hiftorifche Gemälde, das die holländifche Kunft jener Zeit kaum kennt, indem fie einfach die Bürger des Landes in der vollen Bedeutung ihrer Exiftenz und ihrer Stellung herausheben. Das Haupt diefer Richtung in der treffenden Charakteriftik fowohl als in der Meifterfchaft der malerifchen Behandlung, ift Frans Hals, der fomit unter den erften Bildnifsmalern aller Zeiten feine Stelle hat. Aber aufser dem hiftorifchen Moment liegt in jenen Bildnifsgruppen noch ein anderes, das für die Entwickelung der holländifchen Malerei von wefentlicher Bedeutung ift, nämlich ihr fittenbildlicher Charakter. Was wir Genremalerei nennen, die Darfteilung der Typen und der Sitten des Volks,- des täglichen Treibens und Laffens der verfchiedenen Stände, das hat ja zuerft die holländifche Kunft in eminentem Sinne ausgebildet. Auch nach diefer Seite hin ift Frans Hals als Künftler wie als Lehrer gleich bedeutend ; durch feine Darftellung charakteriftifcher Volkstypen ift er der Begründer der holländifchen Genremalerei.

Diefe alfo hatte das unmittelbare Leben des eigenen Volkes zum Gegenftand. Es war ein ganz natürlicher Proiß Grundzüge der holländifchen Malerei.

cefs, dafs die Kunft zu fchildern unternahm, was als der frohe Gewinn der vorangegangenen Kämpfe allerorten zu fichcrer Geftalt fich ausprägte: die Fülle des volkstümlichen Dafeins, wie es unter den befonderen Bedingungen des holländifchen Bodens nun ungehindert und unbefchränkt zu Tage trat. Zunächft die Nach- und Ausklänge des Krieges, Kampffcenen, Scharmützel und Getümmel; dann aber auch das friedliche Treiben einer übermüthigen und zugleich die feineren Stände nachäffenden Soldateska, wie andererfeits die Freuden eines gleich zwanglofen, in freier Derbheit aufwachfenden Bauernftandes. Das Leben der feineren Stände dagegen war noch nicht hinlänglich entwickelt und lag zudem der derb zufaffenden Anfchauungsweife diefer Kunft fern. Alfo das Treiben der unteren Stände in voller Lebensluft, ja in wild bewegter Ausgelaffenheit : in diefem lebhaften Ergreifen der Realität des Tages lag zugleich der Trieb, die neu errungene Selbftändigkeit des Volkes in feiner deutlichften und lauteften Form auszufprechen.

Und wie das Volksleben, fo wird nun auch die Natur des Landes zum vollgültigen Gegenftande der Kunft: fei es die Landfchaft des dem Feinde abgerungenen heimathlichen Bodens, fei es die See, diefe zweite Heimath des Holländers, mit der malerifchen Staffage der Boote und Schiffe , die gleichfalls vom Freiheitskampfe zu erzählen wiffen. Auch hier die fchlichte Auffaffung, welche ihrem Object auf den Leib rückt und es in feiner unmittelbaren Erfcheinung zu faffen fucht. Daher nimmt fich der Landfchaftsmaler das erfte befte Stück der vaterländifchen Natur zum Vorwurf : einen Flufs oder einen Canal mit« feinen Ufern, öde Dünenhügel , eine fpärlich bewachfene Ebene mit ein paar Bauernhütten oder das flache Geftade der See. Es find fchlichte aber treue Schilderungen der holländifchen Natur, welche die Eigcnthümlichkeit des Ländchens in der Erdbildung und

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befonders in der Mannigfaltigkeit feines durch die Lage am Meere fo reich entwickelten atmofphärifchen Lebens zum Ausdruck bringen. In Letzterem liegt oft auch der hohe malerifche Reiz. Hinfichtlich der Staffage, der Belebung von See , Geftade und Land durch Menfchen und Thiere , zeigt fich gleichfalls der einfache naturaliftifche Sinn: die früher gebräuchlichen mythologifchen und legendarifchen Figuren treten zurück, um den friedlichen oder auch den kriegerifchen Vorgängen Platz zu machen, mit denen die Vorftellung des Malers das ganze Land noch erfüllt fieht.

Diefer Entwicklung der Landfchaft entfpricht auch die Ausbildung jener kleineren Gattungen der Malerei, welche die Darftellung der Natur und Wirklichkeit nach allen Seiten zu erfchöpfen fuchen: das Architekturbild, die Thiermalerei und das Still leben. Weite Prachtbauten in der kühlen Wirkung eines hellen Tageslichtes, Vereinigungen von Thieren aller Art in Anlehnung an Motive heiliger und profaner Sage , malerifch angeordnetes Haus- und Prunkgeräth, reichfarbige Blumenfträufse bilden nun ebenfoviele Vorwürfe für den Künftler, der die Welt in ihrer malerifchen Erfcheinung nach allen Seiten zu erfaffen , nach ihrer charakteriftifchen Form und ihrem charakteriftischen Stoff in malerifcher Weife wiederzugeben fucht.

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