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Reise in Syrien und Mesopotamien

Eduard Sachau · 1883 · Scanned text

165,674 words · about 11 h 36 min to read

Period artwork: Interior of the Bodleian Library, 1845
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About this book

Author
Eduard Sachau
Language
German
Published
1883
Length
165,674 words · about 11 h 36 min
Sections
15 reader sections
Text
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Rights
Public domain · PD-US by publication date

 

Contents (15)

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Front matter

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I

EEISE

Kapitel I. Von Damascus bis Aleppo 22

lieber Kutefe und Nebk nach Karjeten. Bauernhäuser daselbst. Syrische Handschriften, Tracht. Der Krieg der Wüste. Sedd-Elbardi, Ruinen eines Cisternenbaus. Palmyra. Topographisches. Rückreise über Kasr-Elher nach Karjeten. Elghuntur, heisse Quelle. Die Ruinen von Khawwärin. Sadad. Abschied von der Palmyrene. Rible am Orontes. Der Damm an der Nordseite des Sees von Horns. Apamea am Orontes. Griechische und Lateinische Inschriften der Citadelle und der Stadt. Topographisches. Im Gebirge von Elbära. Die Ruinen von Ruweha. Spärliche Reste von Tezar und Erbih. Aleppo.

Kapitel II. Von Aleppo bis Urfa 110

Das Gebirge Djebel Hass. Der Bittaltar der Wüste. Khunäsara und Zebed, Topographisches und Inschriften. Ruinen von Abu Hanajä, Eragiza. Irrfahrt in der Wüste in der Gegend von Djebel Elhümr und Djebel Elmuhtaric. Abü-Ghalghal und der Stamm der Hanädi. Die Shirke, eine Form des orientalischen Grundbesitzes. Ruinen von Membidj. Streit zwischen den Tscherkessen und den Beduinen vom Stamme der Beni Sa'id. Felsenburg Kafat Nidjm. Das Thal des Sädjür. Station Zembür an der Aleppo-Strasse. Kreuzfahrerfestung Teil Bashar. Ruinen von Djeräbis oder Karkhemish. Englische Ausgrabungen daselbst. Expedition nach Sresät. Arabische Sprachgrenze. Biredjik, Eingangspforte Mesopotamiens. Mosaik - Böden von Bälkiz. Durch das Land Serüdj. Armenier von Beso. Ruinen von Saibidj und Shabaka. Urfa oder Edessa, Topographisches, Epigraphisches. Ruinen des Klosters Der Ja'küb. Syrisch-Griechische Inschrift daselbst.

Kapitel III. Von Urfa über Ragga nach Der . . . . 211

Ruinen von Harrän. Topographisches. Ruinenorte im Djebel Tektek. Die Quelle cAin Solöla. Quelle des Belikh. Hohiz. Spuren von Turkmanen am Belikh. Die Niederung Hishe und der Fluss ■ Karamükh. Teil Essimn. See Gölbashi. Marienglas-Wüste. Das Flussthal des Belikh. Die Stämme der Ces und 'Adwän. Ruinen von Ragga-Callinicum. Ueber Ortsnamen im Euphrat- Thal. Djedede, Elkhass, Zeltdörfer im Tamariskenwald. Der Stamm der Shewäjä. Der Zehnte. Ruinen Gabr Abu cAtic. Das Euphrat-Defile Elhamme mit den Ruinen von Halebijje und Zelebijje. Bewässerungsart im Euphrat -Thal. Ankunft in Ed- Der.

VIII Inhalt.

Seite

Kapitel IV. Von Der nach Mosul 2G2

Topographisches über Der. Civilisations -Versuch des Arslan Pasha. Slisiikli Färis, das Oberhaupt der Shemmar-Beduinen. Expedition nach Tabus. Schwierigkeiten der Weiterreise. Ruinenstätte Abu Nuhud. Irrfahrt in der Finsterniss. Dorf Bogrus. Bürg Rahaba am Rande der Wüste. Mejadin. Unwetter. Am Chaboras bei Elbusera. Circesium. Topographisches. Militär und Civil-Beamte in der Türkei. Reise im Chäbur-Thal; zur Topographie desselben. Im Zeltlager der Shemmar in der 'Odjä. Die fürstliehe Familie Djerba: Sfug, c Abdelkerifti; Kampf mit den Türken. Ferhän und Färis, die feindlichen Brüder. Aus dem Leben der Wüste. Die Stellung der Frau. Khuwwe, die Steuer der Wüste. Topographie. In den Zeltlagern der Shemmar bis zum Sindjär- Gebirge. Geschichte des Teil Sfug. Djebel Sindjär, Tog und Djerebe. Ankunft in Skenijje. Indogermanen und Semiten, Beduinen und Jeziden. In der Kaserne von Beled-Shingär. Weiterreise über Teil 'Afar. Erste Anzeichen der Hunocersnoth. Ankunft in Mosul. Thatsächliches über die llungersnoth daselbst. Christen in Mosul. Syrische Handschriften. Jeremias. Die Hamavend - Kurden.

Kapitel V. Von Mosul nach Alexandrette 358

Nestorianer-Dorf Teil Kef. Alkosh. Im Fclscnklostcr Rabban Hormizd. Syrische Handschriften. Tai-Araber in Simel. Zäkhö am Khäbür. Syrische Christen und Kurden. Djezire. Topographisches. Ilungersnoth. Tracht der Kurden. Jacobiten - Dorf Sha'bänijje. Die Landstrasse unsicher wegen der Teufelsanbeter in den Bergen. Ueber die Kurdischen Stämme im Gebirge. Xsebin-Nisibis. Ruinen von Därä. Im Sandsturm. Teil Ermen. Armenier. Wo lag die Armenische Königsstadt Tigranocerta ? Mardin. Der-Za'ferän. Stellung der Jacobiten im Türkischen Staat. Reise im Masius nach Midyäd und Kefr Djoz. Hädjo der Bandit. Verbreitung des Toräni-Dialects. Das Thal von Kefr Djoz. Rückreise über Kyllith nach Mardin. Missionsthätigkeit der Amerikaner. Ilungersnoth. Zur Topographie der Umgegend von Teil Ermen. Weiterreise nach Dijarbekr. U eberfall im Pass von !Ain Omer Agha. Dijarbekr. Herabsetzung der Geldwerthe. Unwetter auf dem Karaca-Dägh. In Süwerek. Dorf Hawäk und seine Einwohner. Von Biredjik nach Aleppo. Thenerung daselbst. Abschied von meinen Leuten. Ueber Aleppo. Letzte Heise über Antiochien nach Alexandrette an die Küste des Mittelmecrs.

Anhang 467

Ueber Geldwerth, Gewicht und Preise.

Verzeichnis der Ortsnamen

Inhalt, IX

Verzeichniss der Abbildungen.

Seite

Plan von Apamea • 70

Plan von Elbära und Umgegend 86

Plan von Khunäsara und Umgegend 117

Säulenkapitäle aus Khunäsara 118

Plan von Zebed und Umgegend 128

Skizze des Sädjür -Thals 147

Grabrelief in Teil Bashar 164

Plan von Der Ja kub 206

Ruine einer Basilica im Südwesten von Harrän 219

Viereckiges Ruinenfeld von Harrän (Skizze) 221

Plan von Harrän 223

Elhamme mit Halebijje und Zelebijje 258

Schichtung der Ziegel in der Burg Rahaba 280

Skizze von Djebel Alkosh, Djebel Zäkhö und Djebel Dehok 369

Tigrislauf bei Djezire 379

Plan von Därä 398

Skizze von Teil Ermen und Umgegend 403

Von Kasr nach Teffe 419

Lichtdrückbilder.

Karjeten 30

Arabische Bauern in Karjeten 32

Palmyra. Uebersicht über das Centrum des Ruinenfeldes 42

Der kleine Sonnentempel in Palmyra 43

Büsten aus Palmyrenischen Gräbern 46

Basilica von Khawwärin 54

Damm am Nordende des Sees von Horns 61

Horns (Emisa), Stadt und Burgberg 63

Hamä (Hamäth , Epiphania) 67

Kal'at- Sedjar, Larissa 69

Akropolis von Apamea am Orontes, Kal'at Mudik (Titelbild) 77

Apamea am Orontes, Ruine des Nordthores 77

Apamea am Orontes , Ruine an der Centralstrasse 77

Elkefr 89

Mausoleum in Elkefr 90

Mausoleum in Elkefr 90

Ruweha 96

Mausoleum im Norden von Ruweha 97

Dorf Khan Tümän am Kuwek 104

Ale^po . 458

Burg von Aleppo 458

Othmänijje- Moschee in Aleppo 459

X

Inhalt.

Karten.

E. Sachau's Routen in Syrien, construirt von H. Kiepert.

E. Sachau's Routen in Mesopotamien, construirt von II. Kiepert.

Mein hochverehrter College H. Kiepert hat die Güte gehabt mein Itinerar in zwei Karten übersichtlich darzustellen, wofür ich ihm meinen herzlichsten Dank ausspreche. Sie werden es dem Leser erleichtern, sich in den topographischen Details meines Reiseberichts zurechtzufinden. Mit meinen kleinen Terrainskizzen und Planzeichnungen, für deren Unvollkommenheit ich als im Zeichnen nicht geübt um gütige Nachsicht bitte, möge der Leser solange fürlieb nehmen, bis bessere gemacht sind.

Die Photographien von Sabundji haben ursprünglich eine Länge von 27 V2 Ctm. und eine Breite von 2iy2 Ctm. ; die Rücksicht auf die Buchform und auf den Kostenpunkt machte es erforderlich, einerseits sie bis zu dem Format zu verkleinern, in dem sie hier gegeben sind, andrerseits die Photographien durch Phototypien zu ersetzen.

Einleitung

Früh am Morgen des 17. September 1879 ging unser Schilf vor Anker. Aufgeweckt durch das Aufhören der schaukelnden SchhTsbewegung eilte ich an das Fenster, zu sehen, was es gäbe, und siehe da! vor meinen Augen lag halb noch im Schatten, halb von der Morgensonne zauberisch beleuchtet das vom Meer zum Libanon ansteigende Phönizierland, am Ufer in terrassenförmiger Schichtung die Häuser der Stadt Berüt zwischen Gärten und Baumpflanzungen, besonders Pinien, Palmen und Cypressen, das Ganze überragt von einem der gewaltigsten Bergriesen des Libanon, der steilen Spitze des Djebel Sannin von 2608 m Höhe ü. d. M. Berüt (Bairüt) selbst erscheint dem Nordländer kaum fremdartiger als irgendeine Stadt Unteritaliens, da es nur zu einem sehr geringen Theil den Typus einer orientalischen Stadt bewahrt hat, um so mächtiger und eigenartiger ist aber der Eindruck der Landschaft im Grossen und Ganzen. Ein fruchtbares Gestade, auf dessen welligem Terrain man zahlreiche Dörfer erblickt, überall angebaut und an manchen Stellen mit Waldungen bedeckt, ein mächtiges Gebirge, das in unabsehbarer Linie von Nord nach Süd den östlichen Horizont begrenzt, das unendliche Meer und ein Himmel von einer Farbenpracht, deren gleichen uns Nordländern nur selten beschieden ist: dies alles vereint ergibt ein landschaftliches Bild von erhebender, bestrickender Schönheit. Fremdartig ist für den Nordländer auch die Farbe des Ganzen: ein helles Grau in dem flachen Küstensaum, allmählich übergehend in den höheren Theilen in das kühne Rothbraun der Kuppen und Hochplateaux des Libanon.

Einleitung.

Zugleich mit uns hatte am 11. September ein englisches Kanonenboot Constantinopel verlassen , das wir in der Gegend zwischen Tenedos und Mytilene, da es einen mehr westlichen Curs steuerte, aus den Augen verloren. Es trug einen Mann nach Syrien, dessen Name der Wissenschaft und der Politik zugleich angehört, den Entdecker Ninives, Sir Henry Layard, damals Vertreter Englands am Bosporus. Nach Beendigung des Türkisch -Russischen Kriegs und der Annexion von Cypern beherrschte der Einfluss der englischen Tory- Regierung die politische Situation in Stambul. England hatte das feierliche Versprechen gegeben, eventuell die türkischarmenische Grenze gegen Russland vertheidigen helfen zu wollen, und hatte sofort eine ganze Schaar von Consuln nach Kleinasien und Armenien geschickt, ausschliesslich Genieoffiziere, welche die Topographie jener Länder, besonders die Strassenzüge studiren und ausserdem das Thun und Treiben der Provinzialbeamten überwachen sollten. Seit dem Frieden von Constantinopel lag der Schwerpunkt des Türkischen Reichs, die Hauptquelle seiner Finanzund Militärmacht, nicht mehr in Europa, sondern in Kleinasien, Armenien, Syrien und Mesopotamien; sollte daher das geknickte Osmanenthum wieder aufgerichtet werden, um als ein wirksames Bollwerk gegen russische Expansion den Interessen des mittleren und westlichen Europas zu dienen, so musste in den asiatischen Provinzen reformirt, öffentliche Sicherheit, Recht und Ordnung geschaffen werden, damit die reichen Hülfsquellen jener Länder sich entwickeln konnten. Dies war der Grundgedanke der englischen Politik und zu seiner Durchführung war gerade Sir Henry Layard nach Constantinopel geschickt, weil er seit Decennien mit dem Leben des Orients vertraut war und ausser andern Qualifikationen für diesen Posten die eine höchst seltene aufzuweisen hatte, dass er mit den türkischen Staatsmännern in ihrer eigenen Muttersprache verkehren konnte. Syrien war zur Musterprovinz erkoren ; der als Reformator von der Presse viel gerühmte Midhat Pascha war durch englischen Einfluss Syriens Statthalter geworden und bereits in voller Thätigkeit. Layard's Besuch galt der Küste und den Städten Syriens, wo er durch sein persönliches Erscheinen Midhat's Reformwerk unterstützen und fördern wollte. Wo er erschien, wurde er auf das glänzendste empfangen, und in der grossen Masse des Volks erregte sein Besuch die ungemessensten Hoffnungen

Einleitung.

Dieser Hoffnungsrausch dauerte nur wenige Monate. Als ich um Ostern 1880 aus Mesopotamien nach Syrien zurückkam, war er gänzlich verflogen und nichts übrig geblieben als die Bitterkeit getäuschter Erwartung. Seitdem ist für die Hebung der Provinzen nichts geschehen; die Misere ist dieselbe wie früher, ja sie ist in den letzten Jahren bedeutend ärger geworden als sie jemals war, in Folge von Dürre, Miswachs und Hungersnoth, ganz besonders aber durch die im Frühjahr 1880 von der Regierung decretirte Herabsetzung der gangbarsten Münzsorten (der Beshlik und Medjidi), wodurch das mühsam erworbene Baarvermögen besonders der niederen Bevölkerung in jenen Ländern über Nacht auf die Hälfte reducirt wurde.

Jedoch wir sind den Ereignissen vorausgeeilt. Kehren wir zurück zu der Zeit, da ich in Berat, d. h. Brunnen (phönizisch Be'eröth), landete. Der Zweck meines Kommens war eine Studienreise in Syrien und Mesopotamien, für welche mir die Zeit bis zum Mai 1880 zu Gebote stand. Man darf das Programm einer Orientreise nicht zu eng begrenzen, zu scharf präcisiren wollen, denn der Orient ist noch so wenig bekannt, dass der Beisende oft durch Zufall auf ganz anderes und wichtigeres, als die grösste Umsicht daheim ihm zur programmmässigen Aufgabe anweisen konnte, hingelenkt wird. Ich erfreute mich in dieser Hinsicht vollkommener Freiheit und konnte sprachlichen, epigraphischen oder geographischen Studien, je nachdem sich die Gelegenheit bot, unbehindert nachgehen. Dagegen lag eine Schwierigkeit in der mir zugemessenen Zeit vom September bis zum Mai, denn diejenige Jahreszeit, in der ein Europäer in jenen Ländern ungestört durch die Witterung und mit ungeminderter Kraft thätig sein kann, sind eigentlich nur die Monate October, November, April, Mai und allenfalls noch Juni , denn der Winter der Länder Syrien und Nordmesopotamien, die durchweg Gebirgsländer sind , kann unter Umständen ungewöhnlich hart sein, und in der Kernzeit des Sommers erreicht die Hitze einen die Energie des Europäers lähmenden Grad. Am Tage mit erstarrten Gliedern durch Schneefelder zu reiten oder zur Nachtzeit auf einem Kamel hockend Wüsten zu durchstreifen bringt der Wissenschaft wenig Gewinn und lohnt in den seltensten Fällen die Mühe, die Zeit und das Geld. Es war daher, soweit die Umstände eine derartige Vorausberechnung gestatten, der Reiseplan

1*

Einleitung.

in einer solchen Weise mit den Jahreszeiten in Einklang zu setzen, dass die Gefahr, durch die Witterung am Arbeiten behindert, eventuell der Früchte der Arbeit beraubt zu werden, möglichst ausgeschlossen schien. Ich glaubte dies dadurch zu erreichen, dass ich den südlichsten Theil meiner Reise in die Zeit der grössten Kälte, die nördlichen Theile in die Herbst- und Frühlingsmonate verlegte.

Gleich in den ersten Tagen meines Aufenthalts in Berüt lernte ich einen Landsmann kennen, der durch seinen Rath und Beistand mächtig fördernd in meine Bestrebungen eingriff: Herrn Ernst Lütticke, Viceconsul des Deutschen Reichs in Damascus. Seit vielen Jahren als Kaufmann und Consularagent in Syrien ansässig, ist er mit dem Charakter und den Sitten des Volks, mit der Verwaltung und den Beamten und schliesslich mit dem Arabischen wie wenig andere vertraut; er stellte mir seine Erfahrung und seinen persönlichen Einfluss zur Verfügung, Hess alle Reisevorbereitungen, soweit sie nicht in der Heimat hatten getroffen werden können, für mich besorgen und gewann bald ein solches Interesse für meinen Plan, dass er sich entschloss, mich bis Palmyra, vielleicht noch weiter zu begleiten. Thatsächlich war Lütticke vom 8. October bis zum 14. November auf dem langen >Ritt von Damascus über Palmyra nach Aleppo mein Reisegefährte, der überall helfend eingriff, alle geschäftlichen Angelegenheiten von mir fern hielt und meine arabischen Diener einschulte, sodass ich unter seiner Führung und Beihülfe, unbelästigt durch die Sorge um Pferde, Kamele, Futter und Wasser mich in die Praxis des Reisens einleben und mit der arabischen Umgangssprache vertraut machen konnte. Die Zusammenstellung meiner kleinen Karavane, ihre vortreffliche Anleitung, der glückliche Anfang der Reise, von dem wohl in den meisten Fällen der ganze weitere Verlauf derselben abhängt: dies alles ist ausschliesslich das Verdienst Lütticke's.

Da eine auf längere Zeit berechnete Orientreise mit mancherlei eigenthümlichen Schwierigkeiten verknüpft ist , so darf ich vielleicht im Interesse künftiger Reisender kurz darlegen, mit welcher Ausrüstung ich meine Reise angetreten, und will gleich bemerken, dass dieselbe sich von Anfang bis zu Ende durchaus bewährt hat. Von einer grössern Stadt bis zur andern für kürzere Zeiträume Diener und Thiere zu miethen ist durchaus unpraktisch; der Fremde,

Einleitung.

nicht unterstützt durch den Rath und das Ansehen eines Einheimischen, wird bei solchen Contracten meistens geprellt, kann leicht argem Gesindel in die Hände fallen und würde ferner oftmals an einem Ort gegen -seinen Willen zurückgehalten werden, weil die Orientalen zu gewissen Jahreszeiten, z. B. im Winter, weder ihre Thiere hergeben noch selbst auf Reisen gehen. Für den letzten Theil meiner Reise, von Aleppo nach Alexandrette , musste ich, da meine Leute aus Berüt über Hänia und Horns in ihre Heimat zurückkehrten, mit einem aleppiner Mukaeri (Pferdevermiether) einen Contract schliessen; dieser Mann war von einheimischen Freunden für mich ausgesucht und mir als besonders brauchbar und zuverlässig empfohlen; trotzdem erwies er sich in den wenigen Tagen auf einer vielbegangenen Strasse, wo nicht die geringste Schwierigkeit vorhanden Avar, als so unfähig und unzuverlässig, dass ich, wenn ich mit ihm und seinesgleichen die Reise hätte machen müssen , wohl nach acht Tagen Kehrt gemacht haben würde. Ende Februar 1880 suchte ich in Mardin Kamele oder Maulthiere zu miethen; die ersteren waren nicht vorhanden und die letzteren wollte man mir nicht hergeben, weil die Witterung abscheulich und nirgends Futter zu haben war. Wäre ich daher auf die Ressourcen Mardins angewiesen gewesen, so hätte ich gewiss bis Mitte April dort warten müssen, bis man mir die erforderliche Anzahl von Thieren gegen hohe Miethspreise zur Verfügung gestellt hätte.

Ein anderer Modus, selbst Pferde (Reit- und Lastpferde), Maulthiere und Esel zu kaufen und die zu ihrer Bedienung erforderliche Mannschaft zu engagiren, selbst für die Ernährung der Leute und für das Futter und die Behandlung der Thiere zu sorgen, war für mich durchaus unannehmbar. Es ist ein gemeiner Zug in den Orientalen, von denen ich nur die Beduinen ausnehme, dass sie kein Mitgefühl für die Thierwelt haben; ich habe es wiederholt beobachtet, dass Individuen, die vielleicht nichts als ihr Pferd besassen, Abends, wenn wir nach vielstündigem Ritt Halt machten, am Feuer niederkauerten, Cigaretten rauchten und plauderten, ohne sich im geringsten um das Pferd, das seit Sonnenaufgang keinerlei Nahrung erhalten hatte, zu kümmern. Der Orientale hat Sinn für seine Familie, aber über dieselbe reicht seine Sympathie nicht hinaus, nicht bis zum Nebenmenschen und nicht bis zum Thier. Wer Orientalen eigene Thiere anvertraut, muss sie auf das a

Einleitung.

strengste controliren, und dies setzt genaue Kenntniss von der Behandlung des Pferdes, Fütterung, Hufbeschlag und anderen Dingen, die ich nicht besass , voraus und hat grossen Zeitverlust zur Folge. Ganz unmöglich ist ferner, dass man selbst die Garantie für die Ernährung der Leute übernimmt. Man findet zwar auf den Landstrassen in gewissen Entfernungen Unterkunft und in normalen Zeiten auch Lebensmittel; aber sobald man von dem Derb Essultäni, wir würden sagen: von der Chaussee, abweicht und weniger bekannte Gegenden aufsucht, geräth man in der Sorge um Lebensmittel, Wasser und Futter oft in die peinlichste Verlegenheit.

In der besten Jahreszeit braucht man nur wenig Tross; begleitet von zwei fAgel (fUkail) oder von einem Koch und einem Zaptijje kann man auch ohne Zelt in der Wüste, beziehungsweise im Culturgebiet weit und breit umherwandern. Will man aber zu jeder Jahreszeit reise- und arbeitsfähig sein, so muss man sich gegen die Ungunst der Witterung wappnen, braucht ein Zelt und daher mehr Leute und Thiere.

Als mein Reiseproject in Berut bekannt wurde, kamen mehrere der sogenannten Dragomans und trugen mir ihre Dienste an, eine Klasse von Menschen, welche den Fremdenverkehr im Heiligen Lande, besonders auf der Route von Jerusalem nach Damascus und Berut vermitteln, indem sie den Heisenden Zelte, Reit- und Lastthiere, Beköstigung und Bedienung gegen eine bestimmte Pauschalsumme liefern. Unter diesen machte mir ein gewisser Ahmed Bodrosheni die annehmbarste Proposition, und unter Beihülfe Lütticke's kam nach langem Handeln ein Contract zwischen uns zu Stande. Die Leistungen seinerseits waren folgende:

1) Ein gutes Pferd für mich, zwei beliebige Pferde, eins für ihn und eins für Koch und Küchenapparat; ferner vier Maulthiere, zwei, um zwei Zelte, ein drittes, um mein Gepäck, und ein viertes, um Yorräthe zu tragen. Dazu gehören der Landessitte gemäss vier Eselchen, denn der Maulthiertreiber kann nicht immer den ganzen Tag zu Fuss gehen, sondern pflegt abwechselnd zu marschiren und auf seinem Esel zu reiten.

2) Ein Koch und vier Maulthiertreiber.

3) Zwei Zelte, eins für mich und das zweite für Ahmed und den Koch: die übrigen Leute schliefen im Freien.

t

Einleitung. 7

4) Die gesummte Verpflegung von Mensen und Thier. Für dies alles zahlte ich ihm 50 Frs. per Tag. Die Bestimmung der Route und des Tempos der Reise lag ausschliesslich in meiner Hand; Ahmed verpflichtete sich zu folgen, wohin ich führte, aber nach 3 — 4 schweren Marschtagen sollte allemal ein Rasttag folgen, was im Interesse der schwer beladenen Maulthiere erforderlich ist. Wenn er und seine Leute mich unterwegs verliessen, war ich nicht zu einer Zahlung verpflichtet; wenn ich sie dagegen fortschickte, hatte ich ihm für jeden Tag der Rückreise 25 Frs. zu zahlen. Im Fall einer Differenz über die Zahl der Tage der Rückreise sollte das nächst erreichbare Consulat als Schiedsgericht angerufen werden.

Dieser Contract wurde später in Damascus im deutschen Consulat schriftlich ausgeführt und von beiden Parteien unterzeichnet. Ich erkenne bereitwilligst an, dass Ahmed im Grossen und Ganzen treu und willig die übernommenen Verpflichtungen ausgeführt hat; wenn er zuweilen aufsätzig wurde, was ihm besonders in der Trunkenheit passiren konnte, so genügte die leiseste Andeutung, dass ich ihn nach unserer Rückkehr nach Berüt, wo er ein Haus besass, vor dem Gericht wegen Contractbruch und Schadenersatz verklagen werde , um ihn zur Vernunft und zu seiner Pflicht zurückzubringen. Ahmed und seine Leute dienten mir vom 8. October 1879 bis zum 22. März 1880, dem Tage meiner Rückkehr nach Aleppo. In unserem Contract waren nur zwei Punkte übersehen worden, über die wir uns späterhin gütlich verständigten, nämlich die Fragen, wer für die Benutzung der Fähren am Euphrat und Tigris das Fährgeld und wer von uns, wenn wir lischt im Zelt, sondern in einem Bauernhaus übernachteten, dem Bauern das Trinkgeld zu zahlen habe. Im Uebrigen bewährte sich unser Contract durchaus; er sicherte mir vollkommene Freiheit der Bewegung und nahm mir jede materielle Sorge um meine kleine Karavane ab. Wenn ich trotzdem gegen Ende der Reise in meiner Bewegung gehemmt und über Gebühr in die Sorge um Brot und Futter verwickelt wurde, so lag die Schuld in Verhältnissen, für die keiner von uns verantwortlich Avar und die keiner voraussehen konnte.

Sämmtliche Vorbereitungen sollten bis zum 8. October fertig sein, an welchem Tage wir von Damascus aufbrechen wollten. Von allen Orten der syrischen Küste ist Berüt zum Ausgangspunkt einer Expedition am meisten geeignet, weil dort, und nur dort, eine

Einleitung.

grosse Auswahl europäischer Waaren aller Art vorhanden ist und nur dort stets an grössere Reisen gewöhnte Diener und Thiere zu haben sind. Alexandrette (oder Iskenderün) ist zwar für Nordsyrien und Mesopotamien der nächste Landungspunkt, die Hafenstadt von Aleppo, aber als Ausgangspunkt einer grössern Reise ist es nicht zu empfehlen, da man sich dort leicht das Malariafieber zuzieht und von Reisebedürfnissen aller Art fast nichts vorfindet.

Nach Erledigung aller Geschäfte machte ich einige Ausflüge in die nächste Umgebung von Berut, nach BetMeri, einem Maronitendorf auf den Vorhöhen des Libanon, und dem etwas südlich davon gelegenen Kloster Der ElkaFa, wo nach dort noch vorhandenen lateinischen Inschriften im Alterthum ein Tempel des Baal Markod stand. Cultusstätten pflegen ihre Lage nur selten zu wechseln; die neue Religion setzt siegreich ihren Fuss auf den Nacken der älteren, überwundenen, und dort, wo die Vorgängerin einen Tempel hatte, gerade dort baut die Nachfolgerin nach gründlicher Zerstörung desselben dem neuen Gott ein neues Heiligthum. Eine andere, im höchsten Sinn des Worts historische Oertlichkeit, die ich besuchte, sind die Felsen an der Mündung des Hundsflusses (Nahr Elkelb, Lykos), wo mehrere der grossen Eroberer der orientalischen Geschichte, Ramses IL, Sanherib, Nebukadnezar und Kaiser Antonin , sich in Inschriften verewigt haben. Die meisten der bisher bekannten Inschriften stehen auf den Felsen südlich vom Fluss auf geglätteten Wänden neben einer durch den Fels gebrochenen Strasse; neuerdings hat man aber auch auf der Nordseite des Baches auf geglätteten, von Vegetation überwucherten Wänden keilinschriftliche Texte bemerkt. Leider sind sämmtliche Inschriften und Bildwerke, da der Kalkstein des Libanon wenig widerstandskräftig ist, zum grössten Theil zerstört. Dass gerade diese Oertlichkeit die Potentaten des Alterthums zu inschriftlichen Expectorationen gereizt hat, liegt in den Wegeverhältnissen jener Gegend. Wer vom inneren Syrien aus die phönizische Küste und Aegypten erreichen wollte, musste durch das Thal des Eleutheros (Nahr Elkebir), am Nordende des Libanon vorbei und von dort südwärts den schmalen Küstensaum zwischen Libanon und Mittelmeer passiren; auf dieser Route versperrten nun die bis an das Meer hinantretenden Felsen am Lykos die Strasse. Es war die einzige

Einleitung.

schwierige Stelle auf einer langen Route, wo ohne Pulver und Dynamit eine Passage durch die Felsen gebrochen werden musste.

Am Abend des 26. September verliess ich Berüt und ritt mit Lütticke nach Arejja (Areja) auf den Vorbergen des Libanon zu seinem nicht weit nördlich von der Landstrasse gelegenen Landhaus. Die meisten der in Berüt ansässigen Europäer bewohnen während der heissen Jahreszeit Villen in und bei den Dörfern auf dem Westabhang des Libanon unter einer herrlichen Vegetation und gemessen eine unvergleichlich schöne Aussicht über das Küstenland, Berüt und das Meer. Reich gesegnft sind die Westabhänge des Libanon und die ihnen vorliegende Ebene ; vortrefflich gedeiht dort der Maulbeerbaum, und die Seidenzucht, deren Producte nach Lyon exportirt werden, ist sehr bedeutend. Jeder Fleck Landes ist bebaut und die Zahl der Dörfer (auch der Klöster) eine sehr grosse. Selbst damals im Herbst war die Vegetation noch wuchernd und üppig zu nennen. In den Waldungen der Berglehnen soll nach Aussage der Einheimischen der Nirm- oder Leopard hausen.

Am folgenden Morgen bestieg ich früh 6 Uhr den von einer französischen Compagnie gehaltenen Omnibus, der täglich die Fahrt von Berüt nach Damascus macht, und erfreute mich auf der Imperiale desselben einer wunderbaren Fernsicht über die rothbraunen Spitzen des zerklüfteten Libanon. Die vortrefflich erhaltene Chaussee steigt in kühnen Linien , vielfach an die Semmering-Bahn erinnernd, bis zur Passhöhe des Libanon von 1542 m empor, senkt sich alsdaun zur Bekära oder Coelesyrien , dem Hochplateau zwischen den beiden Libanons; zum zweiten Mal steigt sie hinauf zur Passhöhe des Antilibanus von 1350 m, senkt sich zum Baradäthal hinab und folgt dann dem Lauf dieses Flusses bis nach Damascus. Um 11 Uhr verliess ich den Omnibus in Shtöra und ritt in (> Stunden bei starker Hitze durch die Bekara, in der Mitte derselben den damals ausgetrockneten Litani kreuzend, nachBaalbek, wo bereits ein europäischen Ansprüchen genügendes Hotel, Hotel- de -Palmyre, gehalten von dem Griechen Pericly Mimikaki, vorhanden ist. Die Oase von Baalbek mit ihrem klaren Bach, ihrer üppigen Vegetation, ihren Silberpappeln von ungewöhnlicher Höhe macht inmitten der allgemeinen Oede einen höchst erquickenden Eindruck; denn so blühend ich die Landschaft westlich vom Libanon gefunden, so öde waren die Ostabhänge und die Bekäfa. Auf dem ganzen Wege

Einleitung.

von Shtora bis Baalbek findet man nicht ein einziges Dorf und von Anbau sab man nur wenige Spuren. Vereinzelte Dörfer liegen in weiterer Ferne zur Linken, in Bergspalten versteckt.

Nachdem ich Abends bei schönstem Mondschein und in den Morgenstunden des folgenden Tags die Ruinen von Baalbek durchwandert, brach ich am 28. September Morgens 10 Uhr wieder auf und ritt bergauf bergab über die kahlen Felsen des Antilibanus. Um Mittag traf ich auf einen kleinen Bach mit klarem, kaltem Wasser, der sich in einem schmalen, vielgewundenen Bett durch die Felsen zwängt; frisches Grün, schöne Bäume, duftende Blumen begleiten seinen Lauf, gehen aber nicht über wenige Schritte zu beiden Seiten hinaus. Ich ritt an dem von Sha'ibe kommenden Bach aufwärts bis nach Djisr Runimäni (d. h. Granatapfelbrücke), wo er sich nach Norden wendet. Von der Brücke an reitet man nach Süden zuerst über Felsen, dann einem Bach folgend durch ein fruchtbares Hochplateau bis Zebedäni. Quellen mit köstlichem Wasser trifft man bei den Dörfern Surghaja und rAin-H6r. ( östlich von dem Plateau von Zebedäni erhebt sich die massive Hauptkette des Antilibanus mit ihren höchsten Spitzen, dem Djebel Abulhin von 2640 m und dem Djebel Eshshekif von 2075 m Höhe, rothbraunen Bergriesen gleich denen des Libanon. Mit Sonnenuntergang erreichte ich Zebedäni, ein wegen der Vorzüglichkeit und des Reichthums seiner Früchte berühmtes Dorf, wo ich in einem maronitischen Hause Quartier nahm. Es ist mir aufgefallen, dass in Zebedäni trotz seiner 1100 m Höhe ü. d. M. die Leute noch in jener Jahreszeit unter freiem Himmel schliefen und zwar die ganze Familie, Mann, Weib, Kinder und .Verwandte zusammen in einem grossen Collectivlager auf dem Hofe.

Am Morgen des folgenden Tags 6 Uhr ritt ich von Zebedäni durch eine fruchtbare Ebene nach Süden, dann mehrere Stunden über felsige Höhen bis an das Thal des Baradä, der umgeben von einer blühenden Vegetation in einem engen Bett sich durch die Felsen windet. Der schmale Pfad, auf dem die Eidechsen ihr Spiel trieben, führt bald auf diesem, bald auf jenem Ufer oft an tiefen Abgründen vorbei. Bei dem kleinen Dorf Sük Wädi Baradä steigen auf der Nordseite die Felsen zu einer bedeutenden Höhe empor. In dieser Felswand bemerkt man etwa auf halber Hohe von Menschenhand bearbeitete Löcher, auch geglättete

Einleitung.

Felsflächen, Felsengräber einer früheren Zeit, die jetzt zum Theil nicht mehr erreichbar sind. Um 11 Uhr verliess ich das Baradä- Thal, ritt über ein kahles Felsenplatean in einer fast unerträglichen Sonnenghit nach dem an einem Bach gelegenen Dorf Khan Djedede und von dort in einer halben Stunde an die Landstrasse von Berüt nach Damascus. Auf dieser traf ich bald wieder mit dem Barada zusammen, der der Chaussee parallel der Ghüta — so heisst die Niederung von Damascus — zuliiesst. Man sieht Damascus erst, wenn man schon in seiner nächsten Nähe ist. Die Stadt hat keine hochgelegene Citadelle, keine hervorragenden Gebäude und nur ein bedeutendes Minaret, dasjenige der Omar-Moschee. Sie liegt ganz liacli mitten in der Ebene, bis auf weite Entfernungen von üppigem Grün umgeben, ein Bild des Friedens und der Fruchtbarkeit. Im fernen Osten bilden isolirte Hügel die Grenze zwischen Culturgebiet und Wüste. Im Westen von Damascus nahe dem Merdj, einer Wiese auf beiden Seiten des Baradä, liegen ein Cafe, die Gebäude der französischen Omnibuscompagnie, das Hotel -Dimitri und das Serai, der Sitz der Provinzialregierung. Von dort musste ich meinen Weg in das Innere der Stadt nach dem Bazar erfragen. Der weit ausgedehnte Bazar ist überall überdacht, wodurch zwar die Sonne, aber auch jeder freie Luftzug ausgeschlossen wird. Schwüle Luft, Dämmerlicht und Staub ohne Ende ist diesem wie fast allen Bazaren des Orients eigen. Nachdem ich einen engen, dunklen Gang passirt, sah ich mich plötzlich aus dem Gedränge des Bazars in den architektonisch schönen, geräumigen, von Orangen- und Granatbäumen beschatteten, von zwei plätschernden Fontainen gekühlten Hof des deutschen Consulats versetzt, wo ich von Lütticke und den Seinigen empfangen wurde.

Einige Tage nach meiner Ankunft Hess ich mich bei Sr. Hoheit dem Gouverneur Midhat Pascha melden, um ihm meine Empfehlungsbriefe zu überreichen; mein Kommen und mein Reiseplan war ihm bereits durch Layard, der einige Tage vorher in Damascus gewesen war, mitgetheilt worden. Er empfing mich im Serai, in seinem Tribunal, wo ich zum ersten Mal das nicht uninteressante, malerische Treiben an dem Sitz einer Provinzialregierung beobachten konnte. Im Hof und auf den Gängen wogt ein buntes, lärmendes Gedränge von Gensdarnien, Offizieren und Beamten aller Art, von kommenden und gehenden Bittstellern, das mit der würdevollen Ruhe in

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dem grossen Saal, in dessen Mitte Se. Hoheit thront, sehr contrastirt. Das Volk denkt sich die Thätigkeit der Regierung noch immer als eine rein patriarchalische, weshalb Jedermann jedes Anliegen persönlich dem Gouverneur vortragen will, und der letztere, der auf diese Weise stark in Anspruch genommen ist, muss den Anschauungen des Volks Rechnung tragen. Als ich bei Midhat eintrat, trug gerade ein christlicher Kaufmann, dem aus seiner Bude eine Summe Geldes gestohlen war, sein Anliegen vor und Se. Hoheit hörte ihn ruhig an. Midhat versprach, meine Reise nach Kräften fördern zu wollen. Im weitern Verlauf der Unterhaltung, die Französisch geführt wurde, entwickelte er rosige Ansichten von der Zukunft seiner Provinz, sprach von seinen Reformen, vom Strassenbau und ähnlichen Dingen. Eine von ihm eingeführte neue Uniform der Gensdaraierie machte ihm eine solche Freude, dass er sofort zwei Leute antreten liess, um sie mir zu zeigen. Die Macht der türkischen Gouverneure ist eine sehr geringe. Da noch bis in die Mitte unseres Jahrhunderts die Centrairegierung in Stambul mit den Unabhängigkeitsgelüsten der Paschas in den Provinzen zu kämpfen hatte, so hat sie seitdem das Princip befolgt, ihre Macht so viel wie möglich zu beschneiden und sie in vollkommenster Abhängigkeit zu halten, wobei sie durch Post und Telegraph wie durch mancherlei aus Europa importirte Reformen wesentlich unterstützt wurde. Zu letzteren gehören die Regierungsconseüs, welche aus der einheimischen Bevölkerung gewählt und vom Gouverneur präsidirt werden , im übrigen aber ganz unabhängig von ihm sind. Jetzt liegen die Verhältnisse so, dass der Gouverneur auf das Militär und die Rechtspflege gar keinen Einfluss hat, denn sie ressortiren direct unter die Ministerien des Kriegs und der Justiz in Stambul, und auf die Finanzverwaltung nur einen sehr geringen, da die Details der Erhebung der Steuern wie auch ihre Verwendung vom Finanzministerium aus decretirt werden. Nach dem Muster der Provinzialregierung ist auch die Verwaltung der einzelnen Districte und Bezirke (Muteserrifliks , Käimmakamliks und Mudirliks) zugeschnitten. Conseils spielen überall in türkischen Ländern eine grosse Rolle und einer der angesehensten Titel ist jetzt Mitglied des und des Conseils (min 'cfdä'i mcäjlis etc.).

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