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Die Briefe des P.P. Rubens

Peter Paul Rubens · 1918 · Scanned text · Free in the US

169,756 words · about 11 h 53 min to read

Period artwork: Interior of the Bodleian Library, 1845
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About this book

Author
Peter Paul Rubens
Language
German
Published
1918
Length
169,756 words · about 11 h 53 min
Sections
5 reader sections
Text
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Rights
Public domain in the United States · PD-US by publication date

 

Contents (5)
  1. Einleitung about 54 min
  2. II about 1 min
  3. IV about 4 min
  4. V about 4 min
  5. VI about 10 h 51 min

Continue:

Einleitung

Briefe des Peter Paul Rubens zu lesen, heißt: das Barock selbst zu lesen. Welche weitausfassende Gebärde eines einzigen Individuums! Erscheinteer uns als Maler? Nein, es sind nicht Briefe eines Künstlers. Manchmal möchte man glauben, es wären Briefe eines Archäologen. Aber dann findet man ihn wieder mit einer solchen Ausschließlichkeit als Abgesandten des Königs von Spanien, daß man nur einen Diplomaten zu schauen glaubt. Aber auch Briefe eines Diplomaten sind es nicht: denn eigenbrödlerisch zeigt er sich nur mit der Lektüre mathematischer, philosophischer, naturwissenschaftlicher Werke beschäftigt. Dieser Briefeschreiber ist mit einem Kennwort nicht zu umfassen, er entgeht jeder Festhaltung, wächst aus allen Attributen hinaus, trägtnie dasselbe Gewand ; er lebt zwischen Rom und London, zeigt hunderte Seiten, schillert in verschiedensten Farben, ist stets in Aktion und immer in einer andern. Aber endlich erkennt man ihn doch, erkennt ihn, wie er mit ausgebreiteten Armen Leben von allen Richtungen aufatmet und verarbeitet, erkennt, daß dennoch dieses Dutzendfache einer einheitlichen Kraft entspringt, und nun erst hebt er sich klar auf: gewaltig sich auswirkender Mensch des Barocks.

Denn das ist er. Barock. Wie hier Heilige auf großformatigen Bildern eine Verzückung zeigen, die sie über ihr Erdendasein hinausschleudert, — wie dort Säulen eine Tragkraft haben, die sich schon zum Stoß eines kosmischen Willens verdichtet, — wie hier Fontänen nicht mehr Wasserstrahlen, sondern Berauschtheiten eines Elementes sind, — “ wie dort Bauwerke eine Plananlegung haben, die sie zu Mittelpunkten und Beherrschern ganzer Städte macht, — wie einfach alles an dieser Form schon Überform ist, wie das Maß zum Übermaß wird, — und wie in allen Äußerungen dieser Zeit eine Energie wirkt, die ein jedes über sich selbst hinausschwellen läßt, so wirkt sie auch in dieser Erscheinung Peter Paul Rubens. Und schon mehr als Erscheinung; schon er: hobene Erscheinung für so viele andere Erscheinungen, schon erhöhtes Symbol der Massen, weil er sie, die stumm sind, ausschreit und weil dieser Ausschrei zu ewigen Bildern wird.

1*

Man darf es niemals vergessen, daß barock sein, heißt: sich in seinen Gegebenheiten eingedämmt fühlen und Himmel, Erde und Hölle zu gleicher Zeit greifen wollen. Und man könnte vielleicht Briefe des Rafael lesen, ohne einen Kommentar zu benötigen, ohne einen Blick in seine Umwelt zu tun, ohne den Sinn seiner Zeit zu erlernen, — ich sage vielleicht, — denn in geschlossener Persönlichkeit sich harmonisch antik zu beruhigen, das ist Renaissance. Aber man kann nicht eine Seele begreifen, die alle Seelen in die ihre hineinreißen will, ohne den Horizont rings um sie herum abzusehen. Rubens stand in einer Atmosphäre, welche Religion, Gotteskindstum wollte, die aber gleichzeitig nach Weltmacht und Erdentrunkenheitgierte. Zur Zeit seiner reichsten Werke begann im Osten. der Dreißigjährige Krieg und er warf sich mit den stärksten Geschehnissen breitarmig noch bis in die Niederlande. Aber hier selbst brannte die Erde. Als Rubens von seinen italienischen Lehrjahren in die Heimat zurück- ‘ kehrte, hatte seit ungefähr vierzig Jahren Krieg zwischen dem König von Spanien und den von ihm abgefallenen reformierten Niederlanden gewütet. Denn 1585, also etwa um die Geburt des Künstlers, war Antwerpen, die letzte Feste der Reformierten in den südlichen Niederlanden, in die Hände des Alexander Farnese gefallen und dies bedeutete wohl den Abschluß einer Kampfepoche, aber viel mehr noch bedeutete es Beginn einer neuen. Nun war so weit Klärung geschaffen, als man die südlichen Niederlande rund als die wieder spanisch gewordenen erkennen mußte, als aber auch von jetzt an die nördlichen Niederlande sich eindeutiger zu einem selbständigen und nur um so unabhängigeren Staät festigten. Dieser neue Staat hatte keine Veranlassung, locker zu lassen. Ihn hetzten ebenso Eifer für die reformierte Sache als Wille zur Weltposition. Und so ging der Kampf weiter, unablässig, zwar oft nur als Paradestrategie, oft aber jäh wieder in bürgerlich wuchtigem Furor. Der Feldherr der nördlichen Niederlande war Prinz Moritz, der Sohn des Nationalhelden Wilhelmus von Oranien, den man als einen der befähigtesten Feldherren seiner Zeit nennen kann, Aber der Feldherr der spanischen Niederlande war der Genuese Marquis Ambrosius Spinola, wahrhafter Edelmann, wahrhafter Soldat, wahrhafter Untertan, weniger genial vielleicht, aber mit Geschlossenheit des ganzen Charakters durchbrechend.

Mit dem ausgehenden Jahr 1608 kehrte Rubens von Italien zurück und er fand sein Land in einer Zeit des Aufatmens. Denn ungefähr ein Jahr vorher hatte man infolge beiderseitiger Erschöpfung einen Waftenstillstand geschlossen und dieser sollte zwölf Jahre währen. Zwölf Jahre Waffenstillstand bedeuteten aber Hoffnung auf immerwährenden. Es glaubte weder in diesen spanischen noch in den feind-

lichen Niederlanden irgend jemand daran, jemals noch die Waffen ergreifen zu müssen. Zwölf Jahre waren, wie immer im Zustand schwerer Frmüdung, eine himmlische Seligkeit, die jeder sich zu einer ewigen erhoffte. Das Land lag derart darnieder, daß es sich bloß in die endlich gefundene Ruhe ausstreckte und nichts anderes erwünschte. Die flämischen Provinzen waren entvölkert, sie waren beraubt und arm. Der Krieg allein hatte sie nicht dazu gemacht. Viele Ein: wohner waren ihres Glaubensbekenntnisses wegen aus» gewandert. Antwerpen, die Großstadt, war in diesen vierzig Jahren schäbige Provinz, war für ihre Einwohner zu groß geworden. 1585 hatte sie noch 90.000 Menschen gezählt, aber schon zehn Jahre später waren es nur mehr die Hälfte. Und da nun die Schelde trotz des Waffenstillstandes geschlossen blieb, so kam kein neu einsetzender Handel. Der Handel Antwerpens war vernichtet, und was war Antwerpen ohne Handel? Man sprach von der toten ‘Stadt und das war nicht der Ausruf klagender Poeten, sondern es war die Sprache des Volkes. Zeitgenossen schilderten sie, die einst Königin gewesen, sie schilderten ihre leeren Gassen, die tote Börse, und sie erzählten, daß auf der Straße das Gras wachse und Roß und Wagen seien nicht zu erblicken. Und dennoch war es Aufatmen, denn es war Ruhe, wenn auch die Ruhe der Armut, aber immerhin Ruhe. Man konnte sich zwar mit der Hoffnung, demnächst sein Geschäft wieder eröffnen zu können, nicht betrügen, aber man war beseligt, nicht mehr den Waffenläirm zu hören, und so warf man sich, trotz aller

Beschränkung, in alle Künste des Friedens, hungernd nach Genuß und beinahe unersättlich.

Inmitten der Ruinen einer Gesellschaft erblühte eine Hochkultur ersten Ranges. Daß dies möglich wurde, daran hatte nicht zum mindesten der Katholizismus Verdienst, der, aus der Stadt so lange vertrieben und nun wieder mit Triumph einziehend, überschwenglich ausbrach. Es galt, Jahrzehnte nachzuholen. Man kräftigte den alten Glauben durch eine neue Literatur. Man förderte das theologische Studium. Man rief alle vertriebenen Mönchsorden zurück. Man setzte Geistliche in alle hohen Würden, machte sie häufiger als jemals vorher zu Trägern diplomatischer und administrativer Missionen. Zehn neue Orden zogen in die Stadt ein. Die Jesuiten erhielten Gewalt und Gold. Alle Kirchen und Klöster wurden wieder geöffnet. Neue Kirchen wurden gebaut, kostbare Altäre gestiftet, teuerste Bildwerke bestellt, 1621 vollendete man die Jesuitenkirche, die Rubens mit Bildern geschmückt hat, die mit Marmor bedeckt war, deren Fassade überladen von Skulpturen prunkte und deren Turm bald eine Sehenswürdigkeit Europas werden sollte Ein Überschwang an Weihrauch durchwolkte die Stadt. Wieder . wurde sie die Stadt der betrunkenen Glockengeläute, der mit Reichtum bestickten Meßgewänder, der adeligen Ministrantenknaben. Wie ein Baum, der in fetter Erde unbändig im Wachstum ist, so breitete sich der alte Glaube wieder aus und es baute in ihm die Kunst, zu ihm zurückflatternd und bei ihm Schutz findend, ihre Nester. Ein zerbrechender Staat schoß hier in einem geistigen Spätsommer aus, eine faulende Macht maskierte sich noch mit den Prunkgewändern ihrer Religion, und es webte hier die Luft von Treibhäusern. |

Welch ein Gegensatz dazu die nördlichen Niederlande! Unabhängige Republik, neuer Freistaat, wuchtig erwachtes Volk. Durch die Waffenruhe allgemein, ja sogar von ihrem . Feinde und bisherigen Oberherrn in ihrer Freiheit anerkannt. Nicht lange blieb sie im Anstaunen der geschaffenen Verhältnisse. Vielmehr begann sie mit einer nüchternen Schnelligkeit sich einzurichten. Sie eilte, Gesandte nach europäischen Höfen zu schicken, und man war klug genug, diese mit allen üblichen Ehren zu empfangen. Als der Papst die Venezianer bat, den holländischen Gesandten nicht anzu: nehmen, und ihnen dafür während der zwölf folgenden Jahre den Zehent, den er von der Geistlichkeit bezog, abtreten wollte, schlugen sie seine Bitte rund ab und sandten an ihre Schwesterrepublik als ihren Gesandten Contarini. Ebenso ließ der türkische Sultan alle Einflüsterungen Frankreichs und Englands ungehört und schloß 1611 nach ausgedehnten Verhandlungen mit Cornelis Haga einen Handelsvertrag, worin er der Republik dieselben Vorteile zugestand wie den Franzosen und Engländern. Schweden empfing die holländischen Gesandten mit einer ganz ausgesuchten Höflichkeit und selbst der Kaiser von Marokko zögerte nicht, seinen Gesandten nach dem Haag zu senden. In Ostindien wurden verschiedene Handelstraktate mit inländischen Fürsten geschlossen, so mit dem Könige von Makassar auf Celebes und mit dem von Adphin, mit den Fürsten von: Djohor und Patani und mit den Inseln Buton, Golor und Timor, die in der Nähe der Molukken liegen. Damals aber wurde vor allem der Beginn des Handels mit Japan festgelegt. Den 2. Juli 1609 kam das erste holländische Schiff unter Verhoeven nach Firando bei Nangasaki und wurde freundlich bewillkommt: denn das Mifßstrauen gegen Portugiesen und Jesuiten konnte von deren Widersachern nur das Beste erhoffen. Von dieser Zeitan begann die goldene Zeit des holländischen Handels in Japan. Aber zugleich wurde ein Handels- und Schutzbündnis mit Ceylon geschlossen und so ergaben sich im fernsten Osten die vorteilhaftesten Beziehungen binnen weniger Jahre, Reichtum und Ansehen mit sich bringend, und von einer einschneidenden Konkurrenz sowohl für alle hier eingesessenen katholischen Mächte als für England. Mit der Umsicht germanischen Blutes wurde eine Zentralbehörde alsogleich eingesetzt: Peter Both wurde 1610 erster General: gouverneur des niederländischen Indiens und er nahm seinen Sitz zu Bantam. |

Aber eine Macht, die sich nach außen stark erweist, erweist sich nicht anders nach innen. Dieses neue Holland setzte sich nicht nur für alle Zeiten mit Bedeutung in die Welt, es festigte ebenso sich selbst, wohl begreifend, daß nur der zu beherrschen und erobern versteht, der sich gut nährt und Sorge für seinen Organismus trägt. Also begann es auch mit einer Kräftigung des eigenen Körpers. Damals wurde es das Land der Deiche, der Mühlen und der Kanäle. Schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts hatte man begonnen, die vielen kleinen Landseen mit Deichen zu umgeben und dann durch Wassermühlen auszutrocknen. Im Jahre 1610, nach Abschluß der Waffenruhe, machte man sich an die große Arbeit, den Beamstersee in fruchtbares Land umzuschaffen. Es gelang und so ist diese einstige Wasserfläche jetzt eine herrliche Gegend. Später wurden die kleineren Purmer-, der Wormer-, der Schermer-, der Bronker- und der Balmersee trocken gelegt und binnen eines Jahrhunderts war dieses von den Elementen des Wassers von außen und innen bedrohte Land zu einer Stätte aufschießender Weidenfruchtbarkeit geworden, auf der die Viehzucht zur ersten des Kontinents zu werden vermochte.

So standen sich die alte katholische spanische Macht und die neue reformierte gegenüber, nun sich zu einer zwölfjährigen Ruhe bescheidend, aber mit gespanntester Aufmerksamkeit einander beobachtend. In den spanischen Niederlanden wurde ein Statthalter eingesetzt: der Erzherzog Albrecht, ein Neffe Philipps II., Kardinal-Erzbischof von Toledo und Vizekönig von Portugal. Seine Frau war Philipps II. Tochter Isabella, von beiden die bedeuten dere Kraft. In seinem Testament hatte sie ihr Vater das Licht seiner Augen genannt. Und Licht seiner Augen war sie, weil sie habsburgisch war: gemessen im Gehaben und lodernd in der Seele. Von einem nüchtern»sachlichen Fleiß im Amt, von einer vergeudenden Hingebung in ihrem Glauben. Von einer düsteren Lebensführung, die rings um sich allen Glanz der Erde erstrahlen ließ, um nur desto fanatischer sich selbst in die Luft von Moder und Grab zu ver: schließen. Sieht man ihr Bildnis, das sie in der Tracht des Franziskanerordens zeigt, so erscheint das ihres Mannes von einem beinahe heiteren Temperament. Ihm wird eine chevalereske Gutmütigkeit, verbunden mit einer zwar mittelmäßigen, aber wahrscheinlich gerade deswegen nie fehlgehenden Gewandtheit, nachgesagt. Ihm eignen alle positiven Eigenschaften, deren Gesamtheit doch nicht mehr als ein Bild des sympathischen und an seinen Platz wohlgestellten Mannes ergibt. Elf Jahre Regent von Portugal gewesen, überträgt er seine Erfahrungen auf die Niederlande. Tüchtig in Taktik und Strategie, ist er ein tapferer Soldat, der mit Vorliebe in den ersten Reihen kämpft. Verliebt in Kunst und alle schönen Dinge, versessen auf Malerei, besitzt er eine Sammlung, die man ein Museum nennen darf. Sein Schloß Tervueren enthält zweihundert wertvolle Gemälde, sein Palast in Brüssel, sein Schloß Mariemont sind nicht viel ärmer. Seine Hofmaler sind Otto Vaenius, Jan Breughel und Rubens. Wo man ihn anpackt, ist er Kultur, geschliffene Persönlichkeit, edle Rasse und eben deshalb in keiner Richtung von Genialität. Er regiert die Niederlande gut, aber man kennt ihn dort kaum. Nach seinem Tod regiert Isabella einseitiger, vielleicht strenger, mit einer gütigen Strengheit gleichsam; aber noch besser als er und jedenfalls populärer. Dem Namen nach waren sie unabhängige Herrscher, in Wahrheit aber doch nur Statthalter: denn spanisches Militär hielt die großen Festungen des Landes besetzt und nach dem Aussterben ihres Geschlechtes sollte an Spanien wieder alle Verfügung fallen. Ihnen selbst mochte es so am besten gepaßt haben: sie verfügen nach ihrem Ermessen, aber fragen in den großen Verantwortungen in Madrid an und schaffen so eine Stütze hinter ihrem Rücken, die allen Anstürmen gewachsen ist.

In diese Verhältnisse trat Rubens ein, als er 1608 von Italien zurückkehrte, und obwohl es nur wegen des Todes seiner Mutter war, so hätte er doch keinen besseren Zeitpunkt wählen können. Man erwartete das Genie, das Freude bringen sollte. Als Sohn eines alten Patriziergeschlechtes, der das Malen hatte erlernen wollen, war er fortgegangen; als ein gefeierter Maler, als Hofmaler des Herzogs von Mantua, mit den besten Aufträgen in Rom und mit Auszeichnungen in Spanien geehrt, kam er zurück. Er kam mit der Absicht, nach dem Begräbnis seiner Mutter eilig wieder nach Mantua zu gehen, aber er verließ die Niederlande nicht mehr und er hat Italien nicht wieder gesehen. Denn zuerst wünschten der Erzherzog und die Erzherzogin nur das Eine: von seiner Hand konterfeit zu werden; aber daß er diesem Auftrag nachkam, das bedeutete den Anfang aller Ehrungen und diese waren es, die ihn schließlich festhielten. Kurze Zeit nachher war er zum Hofmaler ernannt, und zwar mit einem so hohen Gehalt, daß ihn die Preise Italiens nicht mehr locken konnten, und daß er auch den Ruf seines Herzens betäubte, in Gold und Schmeichelworten, und blieb.- Der Brief, der ihn zum Hofmaler macht, ist vom 23. September datiert: «wegen seiner großen Kenntnisse und Tüchtigkeit, sowohl im Malen als in mehreren anderen Künsten». Sein Gehalt jährlich beträgt fünfhundert Pfund, ohne ihn zum geringsten zu verpflichten. Daß er so gnädig ist, in Antwerpen zu bleiben, das allein wird bezahlt. Seine Bilder für den Hof aber werden gesondert vergütet. Und so wird er in der Vaterstadt seßhaft, wird Bürger, Patrizier, Hofmann, Hausbesitzer. Mitseinem Bruder lebt er gemeinsam im elterlichen Haus, und da dieser heiratet, bleibt er hier allein zurück, in der Sankt-Michaels-Straße, in der ein Patrizierhaus neben dem andern steht und in der nur die Vornehmheit ihren Korso hält.

Aber schon drei Jahre nachher kauft er sich eine neue Heimstätte mit einem Stück Land, am Kanal gelegen: baut sich hier neben einem alten Haus ein prächtiges, großes, in italienischem Stil, wie er es in Oberitalien gesehen hat. Wahrhaftig: das Haus eines großen Herrn, der auf bedeutendem Fuß zu leben vermag, Luxus und ÄAnnehmlichkeit liebt, Gesellschaften zu geben und Persönlichkeiten von Rang zu empfangen pflegt. Alte Stiche geben uns Erinnerung daran. Mit Wandmalereien geschmückte Außenwände lassen auf den Glanz vorbereiten, den das Innere birgt: auf der Rückseite die Gestalten des Perseus und der Andromeda, der Zug des Silen, das Urteil des Paris, ein heidnisches Opfer, die Krönung eines Heiden gemalt. Die Wohnung geräumig, edel, Wohnung eines römischen Palastes, Vorhalle mit offenen

Kolonnaden, prunkende Treppen, großes, kuppelförmig gedecktes Zimmer, einem Pantheon ähnelnd. Hinter dem Haus aber ein Säulengang mit dem Blick auf den Hof, der mit Bildhauerwerken geziert ist. Dies ist das Haus des Rubens, das heute noch steht, aber umgebaut und so ganz verwandelt, daß es doch ein anderes ist und daß ihm keine historische Pietät mehr gebührt. Haus eines geliebten Malers, aber nun bald mehr als dies, bald Haus einer politischen Kraft und eines vielberühmten Diplomaten: denn nun läuft die Waffenruhe ab und es erweitert sich ihm die Welt. Am 9. April 1621 hatte der Waffenstillstand geendet und es erhob sich nun die Frage, ob er verlängert oder der Krieg aufs neue begonnen werden sollte. Gerne hätten die nördlichen Niederlande den Frieden gesehen, und ebenso waren die Erzherzoge der südlichen Niederlande mit Entschiedenheit gegen jeden Krieg. Diesen beiden Feinden aber stand höherer Wille entgegen: die spanische Macht, welche die Abgefallenen noch immer als Rebellen zu unterwerfen gedachte. Ja, vielleicht erschien jetzt diese Unterwerfung dringlicher erwünscht als jemals vorher: denn die neue Macht hatte einen Einfluß in Indien gewonnen, der gefahrdrohend anwuchs. Zuerst aber, schon drei Jahre vorher, war es der Osten gewesen, wo Gewitterwolken dunkelten. Die Protestanten und die Katholiken — die Union und die Ligue — standen einander gegenüber und es nahm der Dreißigjährige Krieg in Deutschland seinen Anfang. Kaiser Ferdinand II. siegte auf dem Weißen Berge, mit neuem Ruhm stieg der Katholizismus in den österreichischen Landen und so blähte sich auch Spanien wieder.

Der vertriebene König von Böhmen, Friedrich von der Pfalz, den sein Schwiegervater Jakob II. von England verlassen hatte und dem kein Thron, kein Land, ja keine Ruhestätte für den abgehetzten Leib geblieben war, suchte Zuflucht und fand sie nirgends sonst als bei den Reformierten der abgefallenen Niederlande. In dem Utrechter Städtchen Rheenen war sein Aufenthalt. Nun warf ihn Österreich in die Reichsacht. Nun hätte ihn niemand mehr beherbergen dürfen. Und nun war den katholischen Mächten die willkommene Gelegenheit gegeben, auch gegen die Niederlande, seine Beschützerin, aufzutreten. Der Ratsherr Peckius wurde nach dem Haag gesandt. Stolz auf das Glück im Osten und von der Hoffnung getragen, mit Hilfe des Kaisertums alles wagen und gewinnen zu können, war sein Ton voll Entschiedenheit. Er legte Forderungen vor, die einer Kriegserklärung glichen: er verlangte Unterwerfung. So brach es von neuem los. So wurde aber: mals dieses Land Kriegswüste, Europa selbst wurde Stätte von einander anfallenden Energien: denn schon hatte der Dreißigjährige Krieg den Osten und die Mitte überritten, und da erst Spanten mit den Niederlanden neu in Streit kam, mischte sich auch Frankreich unter Ludwig XII. ein, doch erstaunlicherweise nicht auf katholischer Seite, sondern auf reformierter: von Richelieus Erwägung geleitet, daß eine Schwächung Spaniens eine Schwächung Österreichs, des alten Erbfeindes, bedeuten mußte.

So brannte es auf allen Seiten. Spinola belagerte Jülich und riß es im Sommer 1622 an sich, belagerte Bergen op Zoom, mußte aber diese Unternehmung wieder aufgeben. Dies war der Beginn eines so langwierigen und so farblosen Krieges, der auf keiner Seite Tat brachte und doch auf keiner Seite Einsicht und Entschluß zur Versöhnung. In lauen Soldatenspielereien wurde Jahr um Jahr verloren, für keinen andern Gewinn als für die Sättigung des Ehrgeizes einzelner. |

Hier begann jener Abschnitt von Rubens’ Leben, in welchem er, nach seinem eigenen Wort, beständig den Fuß im Steigebügel haben sollte. 1623 griff er zum ersten Male in die Politik ein. Zumindest verhandelte er damals mit einem Verwandten, der in Holland Einfluß besaß, über die Möglichkeit, den Waffenstillstand zu erneuern. In einem Briefe des englischen Geschäftsträgers in Brüssel, William Trumbull, datiert vom 13. Oktober 1624, wird bestätigt, daß der Einfluß des Malers ein schon außerprivater geworden war: «Zuerst will ich von einer geheimen Friedens- und Waftenstillstandsunterhandlung sprechen, geleitet durch Peter Paul Rubens, den berühmten Maler, zwischen den vereinigten Provinzen und denen, die jetzt unter des Königs von

Spanien Botmäßigkeit stehen. Ein Beweis nach meiner bescheidenen Ansicht, daß, obgleich sie (die Spanier) sich um Breda bewarben und es schon so gut wie gewonnen ansehen, sie des Krieges müde sind und zufrieden wären, die Waffen abzulegen.... Darum ist der Marquis Spinola fest entschlossen, entweder Breda zu gewinnen oder in den Laufgräben davor seinen Leichnam und seine Ehre zu begraben.» Es konnten also solche Verhandlungen nicht unverbindliche Unterhaltungen bedeuten. Vielmehr mußte dahinter Auftrag und Weisung stehen. Daß Rubens’ Bemühung nutzlos blieb und nutzlos bleiben mußte, konnte das ihn schon aus einer Bahn werfen, in der sich nicht nur seine nach Aktivität gierende Natur auswirken konnte, sondern in der ihm auch ein Ziel winkte, das ihm als das höchste dieser Erde dünkte: der Friede? Wir sehen ihn zwar von dieser Unternehmung zurücktreten, aber nicht von der Politik selbst. Denn bald wurde ihm eine neue Mission.

Dies geschah in Paris, am Hofe der Maria von Medici, im Jahre 1625. Der Herzog von Buckingham, der Günstling Karls I. von England, war im April herübergekommen, um wegen der bevorstehenden Hochzeit seines Herrn mit der Prinzessin Henriette von Frankreich die letzten Abmachungen festzulegen. Buckingham zählte damals dreiunddreißig Jahre: nicht nur der vornehmste Höfling seiner Zeit war er, sondern auch ihr geschicktester (wenn man von der vergleichslosen Persönlichkeit Richelieus absehen will) und ihr einflußreichster: denn sein neuer König war ihm ebenso anheimgegeben wie vorher dessen Vater Jakob I., und er besaß den Mut, auf diesem Piedestal alles oder nichts zu wollen. In Paris machte er die Bekanntschaft von Rubens, der hier wegen der Gemälde für die Galerie der Maria von Medici weilte. Nur eine einzige Leidenschaft kennend, nämlich diejenige für die Kunst, zog er ihn an sich heran, ließ sich von ihm porträtieren. Und da, während der Sitzungen, einem Austausch von Courtoisie gleichend, wurde über die politische Lage gesprochen. Ein gewisser Gerbier, Vertrauensmann des Herzogs, Vermittler in dessen diplomatischen Geschäften, unbedingtester Schurke, Gauner, Intrigant und Verräter, nebstbei auch Maler, führte diese Unter: haltungen mit Rubens fort, nun schon mit schwerem Gewicht. Noch ist ein Bericht über diese Besprechungen erhalten und es lautet eine Stelle, kennzeichnend für Rubens’ Stellungnahme, folgendermaßen: «Der Herr Rubens hatte in der Unterhaltung mit dem Herzog einen löblichen Eifer für die Sache des Christentums wahrgenommen. Nach seiner Abreise von Frankreich und dem Bruch zwischen Spanien und England schrieb er häufig an Gerbier, wobei er den gegenwärtigen Stand der Dinge höchlich bedauerte, das goldene Zeitalter wieder herzustellen wünschte und Gerbier beschwor, er möge den Herzog von Buckingham von dem großen Bedauern der Infantin über den gegenwärtigen Stand der Dinge in Kenntnis setzen. Er legte dar, daß Ihre Hoheit nicht darunter leiden dürfe, da sie doch nichts anderes wünsche als ein gutes Einvernehmen, was sie für ganz vernunftgemäß halte, da sie weder Partei für einen der Streitenden genommen, noch auch zu deren Zerwürfnis beigetragen habe. Daß, wenn der König von Großbritannien eine Absicht habe, die Wiedereinsetzung des Pfalzgrafen zu verlangen, er sich an den Kaiser halten müsse und an den König von Spanien, der voraussichtlich die Macht dazu besäße ; daß aber mindestens das gute Einvernehmen, das bisher zwischen der Infantin und England bestanden habe, aufrecht erhalten und auf eine eigene Grundlage gestellt werden sollte, denn zwischen ihnen gäbe es keine strittigen Punkte.»

So ist in den nächsten Jahren Rubens nur mehr Diplomat oder ist es zumindest immer in erster Reihe. Als wäre er für die Politik erzogen worden, als fülle sie sein Wesen ganz, als stünde sie als Lebensaufgabe vor ihm. Er wird Vertrauter der Infantin, Vertrauter und Freund ihres Beraters und Feldherrn Spinola, er schreibt ebenso lange als gewundene und mit den internationalen Phrasen des diplomatischen Lebens geschmückte Briefe an Gerbier und Buckingham, er wird auf eine Zeitlang heimatlos, wie es Vertreter von Regierungen sind, ist stets unterwegs und neuer Weisungen gewärtig. Es könnte den Anschein haben, als ströme jetzt sein Leben nur mehr dem Einen und Einzigen zu, der Vollendung des «schönen Meisterwerks», wie er den Frieden zwischen Spanien und England genannt hat. Er erreicht es, daß Lord Carleton, außerordentlicher Gesandter Englands in den Vereinigten Provinzen, nach dem Haag kommt. Er trifft sich mit Gerbier und unter dem Vorwand von Kunstankäufen reist er mit ihm von der einen holländischen Stadt in die andere, hinter Atelierbesuchen den eigentlichen Zweck dieser Reise vor den Augen der Späher verbergend. Dem vorsichtigen Carleton scheint diese Reise voll Gefahr der Entdeckung, aber so vortrefflich ist das Blendmanöver durchgeführt, daß der deutsche Kunstschriftsteller und Maler Joachim van Sandrart, der als verehrender Schüler dem Meister auf Schritt und Tritt folgt, ohne Ahnung über den eigentlichen Zweck bleibt. Rubens konferiert tagelang; möchte lieber heute als morgen die schöne Taube des Friedens wieder über die Niederlande fliegen sehen. Aber der englische Gesandte darf sich auf nur mündliche Verabmachungen nicht einlassen, darf sich selbst auf Versicherungen der Infantin nicht einlassen: und er verlangt es schwarz auf weiß zu sehen, daß Rubens mit Vollmacht von seiten des Königs von Spanien handle. So muß man sich dazu bescheiden, auf den spanischen Gesandten zu warten, der dringlichst und zu wiederholten Malen verlangt wird. Am 29. August trifft Don Diego de Mexia, «auf den man wie auf einen Messias hoffte», in Brüssel ein; aber er ist alles eher denn geneigt, die Friedensbestrebungen zu unterstützen. Mit ihm ist ‚plötzlich wieder Spanien in den Kreis der Unterhandelnden getreten. Und so geschieht es, daß Gerbier wieder nach England zurückreist, den jäh in Hoffnungslosigkeit gestürzten und mit seinem Herrn grollenden Rubens zurücklassend. Schon ist alle Aussicht auf eine Fortsetzung der Bemühungen geschwunden; schon ist vielmehr Spanien daran, mit Frankreich ein Bündnis gegen England zu schließen; schon ist der Maler-Diplomat in sein Haus zurückgekehrt, — als eine Wendung der Dinge eintritt, weil Spinola nach Madrid gereist ist. Spinola ändert die Windrichtung. Er schreibt an seinen Freund. Er veranlaßt einen neuen Briefwechsel mit England. Und im Mai wird Rubens von dem außer: ordentlichen englischen Gesandten im Haag, Grafen von Carlisle, in Antwerpen aufgesucht.

Nun erst die bedeutende Epoche seiner diplomatischen Laufbahn. Es ist in diesem Jahre, daß die Infantin ihn zum Kammerherrn ernennt. Und es ist im Sommer dieses selben Jahres, daß Philipp IV. ihn nach Madrid beruft, weil mündliche Erläuterung jetzt wichtiger erscheint als Ketten langwieriger Briefe. Nicht mehr Maler und nicht mehr Patrizier, sondern Hofbeamter vertraulichen Dienstes, so kommt er in Madrid an, wohnt im königlichen Schloß, wird täglich des königlichen Besuches beehrt, malt die Bildnisse der allerhöchsten Familie, darunter ein Reiterbildnis Philipps I., studiert in den Bibliotheken antike Schriftsteller und verkehrt mit Velasquez, der gleich ihm das Schloß bewohnt. (Trotzdem in den Briefen — seltsamste aller seltsamen Er scheinungen dieses Briefschreibers — Velasquez nicht mit einer Silbe erwähnt ist.) So lebt er hier, begleitet von Ehren und stets eingedenk des Friedenszieles, das er bei dem Grafen Olivarez, dem allmächtigen Minister des Königs, zwischen angespanntester künstlerischer Produktivität und Genuß des Hoflebens durchzusetzen gewillt ist. Er erreicht mehr, als er vielleicht zu hoffen gewagt. Jedenfalls ist es sicher, daß Olivarez im Frühjahr 1629 sich entschließt, dem englischen Hof entgegenzukommen: er arbeitet Friedensvorschläge aus und schon am Tage nach ihrer Vollendung macht sich Rubens auf den Weg nach London, offiziell als Gesandter der Erzherzogin Isabella, in Wahrheit als Vorbereiter des spanischen Gesandten Don Carlos Colonna. Und am 5. Juni landet er in England.

Wie in Madrid ist er in dem feindlichen London bewillkommt und hochgeehrt. Denn König Karl ist nicht minder Kunstfreund als Philipp IV.: ihm wird der berühmte Künstler zum persönlichen Gast. Er bittet ihn mehr um Gemälde denn um politische Auseinandersetzungen. Und Rubens malt für ihn den Ritter Georg, malt ihn mit den Zügen des Königs, und malt die befreite Jungfrau mit den Zügen der Königin. Und er malt die Vorlage für eine silberne Prunkschüssel, die Geburt der Venus zeigend. Und er entwirft Vorlagen für Wandteppiche. Und er beginnt vor allem, die Plafonds des Festsaales von Whitehall mit Fresken zu schmücken, mit jenen pompösen Fresken, die eine Glorifikation des Königs Jakob sein sollten und die mit allem ‚Aufwand an persönlicher Mühe und an Schülerkräften erst 1655 vollendet wurden. London schenkt ihm alle Ekstase, deren ein so von Kunst entblößtes Land nur fähig ist. Ist er ihnen denn nur bedeutender Maler? Ist er ihnen nicht begnadeter Gesandter einer reicheren Rasse? Potenz flämischer und italienischer Trunkenheit zugleich? Glut des kontinentalen Europas, Feuer südlicher Landstriche, Musik, die hier teuer ist, symphonische Musik der Farben?

Geliebte Welt hätte ihm London sein können, aber Hölle wurde es ihm: denn die Menschheit, allen anderen Auswirkungen himmlischer Gnade gerne geneigt, wehrte sich gegen die höchste der Gnaden, gegen den Frieden. Hindernis legte sich auf Hindernis in den Weg. Als Rubens den Fuß auf englische Erde gesetzt hatte, schien ihm ein schneller Abschluß gesichert. Aber bald sollte er Machinationen des politischen Treibens kennen lernen, die selbst er, der schon hinlänglich Eingeweihte, bisher für unmöglich gehalten hätte. Hier wirkten Worte Netz auf Netz, aber es blieb unklar, für wen diese Netze gewirkt waren. Mit vertraulichen und allergeheimsten Mitteilungen wurde jede Partei von der andern auf die Schulter geklopft, — aber, einmal die Türe hinter dem Beglückten geschlossen, und dasselbe Spiel wurde mit den feindlichen Parteien und mit nicht anderer Freundschaftlichkeit begonnen. Hier war jedes Wort als Ehrenwort des Gentleman gegeben, aber es hatte ein jedes sein Loch, durch welches der Gehalt nach Belieben entschwinden konnte. Frankreich, mit Richelieu an der Spitze, ebenso mißgünstig als beängstigt die Verhandlungen verfolgend, wurde der Quertreibereien nicht müde, die zwar ihren Effekt niemals vollends erzielten, die aber immerhin den gegnerischen Effekt zu schwächen verstanden. Der König, beiden Parteien Gehör gebend und keiner treu, fand sich im Parlament, wie immer er auch hätte wählen mögen, stets einer gegnerischen Gruppe gegenüber: in gleicher Stärke stand die spanische gegen die französische und es mochte mit der einen ebenso vorteilhaft abzuschließen sein als mit der andern.

Freunde des Rubens entpuppten sich als Schleicher, Hinterbringer und Gegenschürer, und so war dieser Boden nur mehr das Schachbrett von politischen Existenzen, denen ein einziges Ziel: die eigene Erhaltung gesetzt war. Dazu endlich das Gehaben des spanischen Hofes, der ebenso viel versprach als nicht einhielt, und der mit der Nichtabsendung des so gespannt erwarteten Grafen Colonna nur Feuer unter die Sohlen des ohnehin schon Isolierten setzte. So ist es kein Wunder, daß Rubens, sobald der Gesandte wirklich und nun schon unfehlbar in Sicht war, die Bitte um eine baldige Heimkehr einreichte, daß ihm seine politische Mission hinlänglich erfüllt schien, daß er mehr zu erreichen nicht mehr wünschte, und daß er nur mehr Heimsehnen nach Antwerpen, nach dem Palast am Kanal, dem Atelier und den Schülern war, nur mehr Heimsehnen nach dieser liebsten Geliebten: der Kunst. Anfang April 1630 wieder Antwerpen. Im November desselben Jahres Abschluß des Friedens. Und nun schenkt ihm das Schicksal zwei ganze Jahre der Kunst wieder. Läßt ihn, wie aus lang zurückgedämmten und deshalb kräftiger ausströmenden Kräften, stärkste, berauschendste, gewaltigste und fraulich anmutigste Bildwerke schaffen. Läßt ihn zwei Jahre lang Maler sein. Bis ihn im Jahre 1632 die Politik abermals fordert. Doch diesmal handelt es sich um das Wohl des engeren Vaterlandes: um die spanischen Niederlande. Ihnen war die Wiedereröffnung des Krieges zum Unheil geworden. Die Katastrophe drohte als unvermeidlich. Wie in einer letzten Verzweiflung und alles auf eine Karte setzend, hatte die Infantin den Grafen Pappenheim, einen der vorzüglichsten kaiserlichen Feldherrrn, den Eroberer, aber auch Mordbrenner Magdeburgs, nach den Niederlanden gerufen.

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