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Inhalt
Seite
Einleitung 1—63
I. Psychologische Experimente 1
II. Seele und Körper 6
III. Psychologische Kausalität 13
lY. Willenshandlnng und Gef&hl 19
V. Die apperceptiven Funktionen des Bewusstseins . . 27
VI. Bewusstsein und Bewusstseinsinhalt 33
VII. Wundts Apperceptionstheorie 42
Vin. Das Selbstbewusstsein 53
IX. Die Aufgabe 61
Willkürliche und unwillkürliche Vorstellungsver-
bindung 64—188
I. Die Anordnung der Experimente 64
n. Versuche mit verkürzten Reaktionen 69
ni. Die Assoctationsreaktionen 87
IV. Versuche mit ürteilsreaktionen 94
V. Die Versuchsergebnisse und die Apperceptionstheorie 106
VI. Die Associationstheorie 123
VII. Die Associationstheorie und das logische Denken 141
VIII. Die verkürzten Reaktionen und die Associations-
theorie 161
IX. Die ürteilsreaktionen und die Associationstheorie . 173
Vorwort
Die Einleitung an der Spitze dieses Heftes will nicht nur in die heute veröffentlichten Arbeiten einfähren, sondern die leitenden Gesichtspunkte für die meisten bisher in meinem Laboratorium ausgeführten und weiterhin geplanten Untersuchungen darlegen. In gleicher Weise mögen diese Zeilen nicht nur die vorliegenden Blätter, sondern das ganze unternehmen befürworten und bevorworten, damit es den folgenden Heften erspart bleibt, jedesmal aufs neue den Reisepass vorzuweisen.
Die 9 Beiträge* sollen in einer fortlaufenden Reihe einzelner Hefte psychologische Studien bringen, denen experimentelle Untersuchungen zu Grunde liegen. Der Versuch, auf experimentellem Weg unsere Kenntnis von den psychologischen und psychophysischen Thatsachen zu erweitem, bedarf heute nicht mehr der besonderen Begründung. Besonders hinweisen möchte ich dagegen auf die Grenzen, die ich für die «Beiträge* festhalten -will.
Die experimentellen Untersuchungen sollen psychologisch, nicht physiologisch sein. So wertvoll etwa Versuche am Tiergehim für die Ausgestaltung der physiologischen Psychologie sind, so zweckmässig erscheint es mir, eine saubere Trennung zwischen solchen Experimenten festzuhalten, bei denen die Bewusstseinserscheinungen direkt zugänglich sind, und solchen, bei denen sie mit oft gewagten Hypothesen aus tierischen Aeusserungen erst erschlossen werden. In der
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Regel soll nur von Versuchen ersterer Art unser Unternehmen berichten.
Die Studien wollen psychologisch, nicht metaphysisch sein. Die Einleitung bemüht sich, den prinzipiellen Problemen gerecht zu werden und darzulegen, in welchem Sinne die einzeken Arbeiten zur Klärung erkenntnistheoretischer Grundfragen beizutragen vermögen. Die einzelne Untersuchung wird es dagegen vermeiden, immer wieder auf die letzten Fragen zurückzugehen; sie wird sich darauf beschränken, den Punkt zu zeigen, wo die spezielle Erörterung in eine allgemeinere Betrachtung einmündet.
Jeder Beitrag wird von neuen Experimenten ausgehen; rein theoretische Arbeiten, auch selbst solche, die an fremde Experimente anknüpfen, sollen nur ausnahmsweise eingere^lt werden. Dagegen beabsichtige ich, mich sozusagen niemals auf die blosse Berichterstattung über die angestellten Versuche und Versuchsergebnisse zu beschränken. Einerseits kritische Erörterung älterer Arbeiten und abweichender Auffassungen, andererseits umfassender Ausblick auf die theoretischen Eonsequenzen soll überall ergänzend hinzutreten.
Zu diesen inneren Beschränkungen des Unternehmens kommen äussere. NursolcheArbeitenwerdeu in den «Beiträgen ** veröffentlicht werden, welche ich selber ausgeführt habe. .Der Kundige freilich weiss, dass psychologische Experimente in den seltensten Fällen von einer Person allein unternommen werden können; nicht davon also ist die Rede, dass ich die Versuche durchweg an mir selber angestellt hätte, im Gegenteil die eifrige Unterstützung zahlreicher Mitarbeiter war die notwendige Voraussetzung für die Mehrzahl der Untersuchungen. Dagegen ist jede in meinem Laboratorium ausgeführte Arbeit, bei der ich nur die Leitung ausgeübt, nicht persönlich mitgearbeitet habe, von den « Beiträgen* ohne weiteres ausgeschlossen; desgleichen jede Untersuchung, an der ich vielleicht geholfen, deren Ausarbeitung ich aber einem der Mitarbeiter überlassen habe. Die «Beiträge* sind also
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kein zeitschriftenartiges Sammelbassin, für dessen vielleicht aus den verschiedensten Anschauungen geflossenen Inhalt ich nur die Verantwortung des Herausgebers trage, sondern ich allein bin der Autor jeder einzigen Zeile und es liegt mir gänzlich fem, die in den Arbeiten zum Ausdruck gebrachten Anstauungen den Herren unterzuschieben, die * mir bei ^n Experimenten behilflich waren und behilflich sein werden. '
Die Zahl der Arbeiten, die je ein Heft bringen soll, wird erheblich wechseln; jedes Einzelheft soll etwa zehn Bogen 8|ark sein, üeber die Zeitintervalle, in denen die Hefte sich folgen, kann ich natnrgemass nichts Sicheres vorausbestimmen. Da nicht jede Arbeit zu berichtenswerten Resultaten fQhrt, vielmehr die mühsamsten Untersuchungen oft Ergebnisse bringen, die nur negativen Wert besitzen oder mit wenigen Worten dargestellt werden können, und da schliesslich das Interesse der Studierenden, auf deren Mithilfe ich angewiesen bin, ein unberechenbarer Faktor ist, so kann ich nicht versprechen, dass nicht zuweilen grössere Pausen im Erscheinen sich dazwischen schieben. Im allgemeinen hoffe ich jährlich etwa drei Hefte der Oeffentlichkeit übergeben zu können. Da Arbeiten über eine neue Grundlegung der Psychophysik, über Zeitsinn, Augenmass, Schwankungen der Aufmerksamkeit, Einheit und Umfang des Bewusstseins, über Lokalisation der Gehörsempfindungen, Bewegungseinübung und Schätzung der Tonintervalle, in ihrem experimentellen Teil schon abgeschlossen vorliegen, andere Arbeiten über Gefühlswirkung, Kopfrechnen u. s. w. im Gang sind, so reicht jedenfalle schon der bis jetzt vorhandene Stoff für die ersten vier Hefte aus.
Bezüglich der Hilfsmittel, mit denen wir arbeiteten und über die ich im einzelnen bei jeder Untersuchung referieren werde, schicke ich hier nur ein prinzipielles Wort voraus. Ich habe mich grundsätzlich bemüht, die Versuchsanordnung so einfach und übersichtlich zu gestalten, wie es mit der Anforderung an exakte Ergebnisse nur irgend zu vereinbaren ist. Mich leitete dabei der Wunsch, dass jeglicher möglichst leicht meine Experimente kontrollieren und ergänzen kann. Mehr nämlich als auf anderen Gebieten ist es in der Psychologie wünschenswert, dass die Versuche nachgeprüft werden, da individuelle Zufälligkeiteh und vorgefasste Meinungen hier am schwersten zu eliminieren sind; andererseits ist in psychologischem Gebiet mehr als in anderen die Nachprüfung erschwert, wenn sie auf kostbare Instrumente angewiesen ist, da die Zahl der vollständig eingerichteten psychologischen Laboratorien in Europa noch immer nicht die Zahl der Grazien übersteigen dürfte.
Dass diesem Bestreben Grenzen gesetzt sind, versteht sich von selbst. So halte ich beispielsweise bei den zeitmessenden Versuchen jede Vereinfachung des komplizierten Instrumentariums für unangebracht; ich selbst muss mich schuldig bekennen, die bezügliche Technik durch Zufügimg eines stromöfifnenden Schlüssels mit fünfzig Tasten noch erschwert zu haben. Und noch nach einer anderen Richtung glaubte ich komplizierte Apparate nicht vermeiden zu dürfen, überall da nämlich, wo es galt, früher von anderer Seite angestellte Versuche zu kontrollieren. Durchweg habe ich in diesen Fällen genau dieselben Instrumente verwertet; speziell die im Leipziger Institut benutzten Zeitsinnapparate, Komplikationsapparate und viele andere habe ich von demselben Mechaniker bezogen, der sie dorthin geliefert hat.
Schliesslich kann ich nicht leugnen, dass, wenn die angestrebte Einfachheit des Verfahrens sich zuweilen auch auf die räumliche Anordnung erstreckte, ich mehr der Not als dem eigenen Triebe gehorchte. Gerade in dieser Beziehung kann sich ja selbstverständlich ein Laboratorium, das völlig auf eigenen Füssen steht, nicht mit einem vom Staat getragenen XJniversitätsinstitute messen. So hat es sich in Leipzig neuerdings als zweckmässig erwiesen, bei Reaktionsversuchen die beiden beteiligten Personen in zwei weit von einander entfernten Räumen unterzubringen, die in telegraphi-
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scher Verbindung stehen; es wird dadurch mancherlei Störung des Reagierenden vermieden. Ich musste zu meinem Bedauern auf solche Anordnung verzichten.
Uebrigens kann ich zuffigen, dass den Nachteilen meines Verfahrens auch Vorteile gegenüberstehen und zwar Vorteile fClr die Ausbildung der Mitarbeiter. Jede räumliche Trennung der an einem Versuch beteiligten Personen macht die unerlässliche Arbeitsteilung zur Ursache wachsender Einseitigkeit; jeder sieht nur eine Hälfte der Versuche und verliert dadurch mehr als wünschenswert den einheitlichen Ueberblick über das Ganze. Für die Arbeit kann das nützlich sein, für die Arbeitenden ist es jedenfalls bedenklich, und gerade die Instruktion der letzteren scheint mir wichtig, wenn unsere junge Disziplin wirklich organisch fortschreiten soll. So hat denn auch niemand längere Zeit in meinem Laboratorium gearbeitet, der nicht entweder an einem, die gesamte Psychologie umfassenden Demonstrationskursus teünahm, oder wenigstens gelegentlich für die wichtigeren Versuche die experimentelle Praxis kennen lernte. Vorläufig möchte ich schon hier den Herren A. Thumb, F. Hausdorff, H. Rothacker, H. Mayer, H. Rieger, F. Kalchthaler meinen Dank aussprechen für den Eifer, mit dem sie an mühevollen Untersuchungen teilgenommen; zahlreiche andere Studierende der hiesigen Universität, die mir vorübergehend wissenschaftliche Hilfe geleistet haben, werde ich, dankend zu erwähnen, bei den einzelnen Arbeiten Gelegenheit finden.
Nur eines noch ist, an der Schwelle des neuen Unternehmens auszusprechen, mir innerstes Bedürfiiis. Mannigfache Arbeiten, und nicht am wenigsten die des vorliegenden Heftes, wenden sich gegen die Ausführungen von Wundt. Das zu vermeiden ging nicht an. Wundt hat das gesamte Gebiet der experimentellen Psychologie so eingehend behandelt, dass fast jede neue Arbeit entweder seinen Untersuchungen beistimmen muss, in welchem Falle eine Publikation mehr oder weniger überflüssig sein dürfte, oder aber
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ihnen zu widersprechen genötigt ist. So möchte ich denn wenigstens den polemischen Ausführungen gegen Wundt die Bitte beifdgen, dass man nach denselben zugleich die Bedeutung bemessen möge, die ich den psychologischen Arbeiten dieses Philosophen beilege, dem ich in der Ausbildung eigener psychologischer Ansichten am meisten verdanke. Auch im Kampfeseifer bleibe ich dankbar mir bewusst, dass die besten Waffen, die ich gegen ihn trage, er selber mir geschmiedet hat.
Preiburg i. B. April 1889.
Hugo Münsterberg.
I
Die Psychologie, als Lehre von den Bewusstseinserscheinungen, führt ihre hervorragenden Fortschritte der letzten Jahrzehnte mit Recht auf die völlige Umwandlung ihrer Methode zurück. Selbstbeobachtung galt früher als das einzige Mittel, um das Leben der Seele zu ergründen, ohne dass die Fehlerquellen berücksichtigt wurden, die einerseits daraus entstanden, dass der Beobachter zugleich das beobachtete Objekt war, andrerseits daraus, dass unabsichtlich die Lücken jeglicher Beobachtung sich mit den die Seele beherrschenden Vorstellungen, mit vorgefassten Ideen ausfüllen, die bei der Arbeit des sich selbst beobachtenden Psychologen reichlich aus den metaphysischen Spekulationen zu strömen pflegten. Heute sind wir gewohnt, das Experiment im Mittelpunkt psychologischer Diskussion zu erblicken, mit künstlichen Hilfsmitteln genau kontrollierbare Bedingungen für das Auftreten der Bewusstseinserscheinungen herzustellen und nur die exakt feststellbaren Resultate solchen Versuchs als feste Stützen theoretischer Betrachtung anzuerkennen.
Selbst das reiche Material von Geistesprodukten und psychisch bedingten Lebensformen aus dem individuellen und socialen Dasein, aus der ontogenetischen und phylogenetischen Entwicklung, alles wird von der modernen Psychologie durch vergleichende Betrachtung und durch Feststellung der vari-
Mflnsteiberg, Beitrage. I. 1 ablen Elemente gegenüber den konstanten derart geordnet, dass es gleichsam als unendliche Reihe von Experimenten der Natur verwertet wird. Die Ueberzeugung von der Notwendigkeit des psychologischen Experimentes hat sich in der That überraschend schnell verbreitet und hat schon längst auch solche Kreise erfasst, welche durch ihre sonstigen Interessen hinlänglich vor dem Verdacht bewahrt sind, dass sie etwa aus mangelnder Uebung in den spezifisch philosophischen Methoden die in der Naturwissenschaft wertvollen Hilfsmittel schablonenhaft einem anderen Gebiete aufzwingen, das bei erkenntnistheoretischer Würdigung seines Wesens und seiner Grenzen vielleicht ganz andere Werkzeuge zu seiner Durcharbeitung erheischte. Wahrlich, wenn die Psychologie noch heute sich beklagen will, so kann sie es wohl darüber, dass zu wenig experimentiert wird und somit die Erörterung vorläufig noch viel zu kleine experimentelle Unterlage findet, vor allem die Versuchsergebnisse noch viel zu wenig durch wechselseitige Kontrolle in Nachversuchen geklärt sind, keinesfalls aber darüber, dass ihren zahlenmässigen Experimentalergebnissen zu wenig Berücksichtigung gezollt wird.
So erfreulich nun dieser Sieg der mühsamen Untersuchung über die beschauliche Selbstbetrachtung ist, so bedenklich sind doch die gerade dadurch nahegelegten Gefahren. Nicht diejenigen Mängel habe ich dabei im Auge, die sich aus den Fehlerquellen der Versuchsanordnung ergeben; fortschreitende Bemühungen werden da zweifellos etwaigen Uebelständen Abhilfe schaflFen. Wichtiger ist ein anderes. Wenn das Interesse sich immer mehr auf die ziffermässige Feststellung des Resultates konzentriert, so gleitet die Aufmerksamkeit naturgemäss gar zu flüchtig über diejenigen Faktoren des Ergebnisses hinweg, auf welche die Ziffern sich beziehen. Die Zahlen für sich allein haben ja natürlich gar keinen Wert; nur die benannte, die möglichst klar und eindeutig benannte Zahl kann wissenschaftlich Bedeutung gewinnen, und doch liegt die Gefahr so nahe, Zahlen zu sammeln und Zahlen in ihren Verhältnissen zu prüfen und Zahlen zu erklären, ohne ernstlich die wichtigste Vorfrage zu erledigen, was jene Zahlen eigentlich bedeuten sollen, und für welche psychologischen Vorgänge sie eigentlich ein Mass sind. Welche Menge von exakt festgestellten Zahlen ist beispielsweise bei der Prüfung des sogenannten Zeitsinnes gewonnen worden, und doch hat keiner der Experimentatoren sich ernsthaft mit der Frage beschäftigt, welcher psychologische Vorgang durch jene Zahlen überhaupt gemessen wird.
Zu verwundern ist es ja nicht, dass nach unfruchtbaren Perioden spekulativer Selbstergründung die moderne Wertschätzung der zahlenmässigen Versuchsergebnisse zunächst zu einer üeberschätzung derselben gefuhrt hat oder richtiger zu einer Unterschätzung derjenigen ans der Selbstwahrnehmung zu schöpfenden Elemente, welche notwendig zu der Zahl hinzutreten müssen, wenn dieselbe zum Ausdruck für die Grössenverhältnisse eines wirklichen Thatbestandes werden soll. Wir dürfen nie vergessen, dass, wenn es von irgend einer* Sprache gilt, sie sei geschaffen, um die Gedanken zu verbergen, es vornehmlich von der Sprache der Ziffern Geltung hat und dass, wo Begriffe fehlen, sich eine Zahl noch leichter zur rechten Zeit einstellt als ein Wort. Soll der Nutzen der experimentellen Methode nicht paralysiert werden durch den verwirrenden Schaden, den die Vieldeutigkeit der unbenannten Zahlen mit sich bringt, so muss jedem Versuch eine ganz eingehende Erwägung darüber vorausgehen, was die zu erlangenden Zahlen eigentlich besagen können und sollen, und vor allem muss der Experimentierende, aus dessen psychischen Erlebnissen die Zahlen entnommen sind, durch möglichst getreue Erinnerungswiedergabe des erlebten Bewusstseinsvorganges dem Ziffemskelette erst Fleisch und Blut geben. Kurz, über dem ungeheuren Fortschritt, den die experimentelle Methode in der Psychologie begründet, darf nicht vergessen werden, dass schliesslich die Selbstwahrnehmung und auf Selbstwahrnehmung gestützte Erwägung doch die eigentliehe Grundlage bleiben muss, ohne welche die grössten Zahlenreihen nur scholastisches Beiwerk wären; dass diese Anschauung nie bestritten wurde, dass sie vielmehr stets als stillschweigende Voraussetzung gegolten, ist selbstverständlich, nur ist der Schritt vom Stillschweigen zum Vergessen so überaus klein.
Diese üeberzeugung wirkte bestimmend auf die Form ein, in der ich die Arbeiten aus meinem Laboratorium der psychologischen Diskussion zu übergeben beabsichtige. Die Arbeiten sind ihrer Methode nach durchaus experimentell, in ihren zahlenmässigen Ergebnissen ruht ihr etwaiger Wert und dennoch will ich der Darstellung unserer Versuche und Versuchsergebnisse absichtlich weder das erste noch das letzte Wort lassen. Der gesamte Arbeitscomplex wie jede einzelne Untersuchung soll vielmehr durch theoretische, auf Selbstwahrnehmung und methodologische Prinzipien gestützte Erwägungen eingeleitet und in ihren Verzweigungen verfolgt werden. Es liegt mir alles daran, vollständige Klarheit darüber zu gewinnen, was die Zahlen, die ich ermittelt, zu bedeuten haben und was sie für das Verständnis der Bewusstseinserscheinungen überhaupt zu leisten vermögen. Diese theoretischen Betrachtungen sind es auch, die mich veranlassten und weiter veranlassen werden, nicht willkürlich dieses und jenes weniger bearbeitete Thema herauszugreifen, sondern ganz bestimmte Untersuchungen zu beginnen, von denen sich von vornherein besonders wichtige Fingerzeige für die Erklärung der psychischen Thatsachen erwarten lassen und innerhalb dieser Grenzen wieder bestimmte Versuchsanordnungen zu bevorzugen. Weit entfernt also, nur zahlenmässiges Material fiir allerlei, bunt zusammengewürfelte Probleme aufzuhäufen, sind die Untersuchungen vielmehr durchgängig in den Dienst einiger leitenden Ideen gestellt, die, in ihrer Richtung freilich von vornherein durch gelegentliche Experimente bestimmt, doch im allgemeinen rein theoretischen Ueberlegungen entstammen. Den Yersuchsergebnissen ist damit in keiner Weise präjudiziert; die Zahlen erhalten dadurch zwar von vornherein ihre eindeutige Bestimmung, aber erst das Experiment lehrt, ob sie meine, zum Versuch anregenden, Auffassungen widerlegen oder bestätigen. In jedem Falle durfte und darf ich künftig bei so absichtlich zugespitzten Fragen Antwort auf einige Grundprobleme erwarten, und diese Antwort muss um so überzeugender werden, je mannigfacher die Wege, auf denen ich sie suche, je unwahrscheinlicher also ein zufalliges Zusammentreffen im Falle übereinstimmender Ergebnisse ist.
In jenen theoretischen Erwägungen liegt somit selbstverständlich die Voraussetzung für die in den folgenden Heften beschriebenen Versuche, für ihre Auswahl, für ihre Richtung, für ihre experimentelle Anordnung und für ihre Deutung.
Ob jene Erwägungen berechtigt oder unberechtigt waren, ist zunächst eine sekundäre Frage; das wird vielleicht sich bei der Erörterung dieser oder jener Versuchsergebnisse herausstellen, vorläufig handelt es sich nur darum, welche Erwägungen es waren, die mich thatsächlich zu den bestimmten Versuchen führten. Da, wie gesagt, in jenen Selbstbesinnungen der Schlüssel für die Auswahl und Anordnung der Experimente liegt, so muss jedenfalls meine erste Aufgabe die sein, kurz und, ich möchte sagen, rein historisch zu verfolgen, was mich zu jenen Problemen geführt und was ich von ihrer experimentellen Prüfung erfahren woUte. Es kommt hier also nicht darauf an, ob ich beim Beginn der Experimente die Dinge richtig oder falsch gesehen, ob ich meine damalige Auffassung heute noch, nachdem ich eine grössere Serie prüfender Versuche schon angestellt, noch vertreten kann oder nicht und ob ich den Stand der Fragen wirklich begriffen hatte oder die Schwierigkeiten, die ich zu sehen glaubte, vielleicht nur selbst hineingetragen hatte; lediglich darauf kommt es an, dass der Weg, der mich zu jenen Aufgaben führte, für jeden klar erleuchtet wird, der die behandelten Fragen ebenfalls von einem Punkt aus überblicken will. Es versteht sich von selbst, dass, sobald einmal die einzelne Frage aufgeworfen war, die experimentelle Durchführung von den hinführenden Anschauungen völlig u^beeinflusst blieb, so dass derjenige, welcher diesen Erwägungen ablehnend gegenübersteht, in jeder einzelnen Arbeit das objektiv gewonnene, empirische Material leicht von den Erörterungen ablösen kann, zumal nicht jede der ausgeführten oder begonnenen oder geplanten Untersuchungen dem zentralen Grundgedanken gleich nahe steht. Die Einleitung der Einleitung kann ich also mit der Fragestellung abschliessen: welche theoretischen Erwägungen wurden bestimmend für die Auswahl und Versuchsanordnung der später darzustellenden Experimente?
IL
Wahrlich, nicht metaphysische Spekulationen schwebten mir vor, wenn jede Betrachtung über die Voraussetzungen psychologischer Versuche mich immer wieder zu der Grundfrage fährte, wie Körper und Seele, Bewusstseinsvorgang und Gehirn zusammenhängen. In der Grenze empirischer That- Sachen muss, so schien es mir, zu diesen Verhältnissen irgendwie Stellung genommen sein, wenn die zahlenmässigen Versuchsergebnisse wirklich klare, eindeutig bestimmte Antworten enthalten sollen, widrigenfalls solche Zahlen die begrifflichen Schwierigkeiten mehr verdecken als lösen. Dass solche Stellungnahme nicht im Sinne eines metaphysischen Dogmas geschehen darf, kann demjenigen nicht zweifelhaft sein, der den Standpunkt der Spezialwissenschaft jemals mit dem höheren der philosophischen Erkenntnistheorie vertauscht hat; er weiss, dass selbstverständlich auch die Körperwelt uns nur als Bewusstseinsthatsache gegeben ist, dass physische und psychische Welt nur deshalb in zwei getrennte Systeme sich für uns sondern, weil seelische Antriebe uns nötigen, unseren VorstelluDgsinhalt bald auf ein Substrat zu beziehen, das nur in den Lageverhältnissen wechselnd gedacht wird, bald auf ein
Innenwesen unräumlicher Art. Wer der allerletzten Wahrheit nachgehen will, weiss also das eine sicher, dass er dieselbe niemals auf dem Wege findet, der mit der Frage beginnt: wie hängen Körper und Seele zusammen? Sein Ausgangspunkt kann vielmehr lediglich die Thatsache sein, dass nur Bewusstseinsvorgänge , keine Körper uns gegeben sind, die Untersuchung sich also zunächst darauf richten muss, wie es kommt, dass wir zur Vorstellung einer Körperwelt und einer Seelenwelt gelangen. Er wird dann freilich bald an die Grenze wissenschaftlicher Erkenntnis geführt sein, um entweder mit positivistischer Exaktheit dieselbe anzuerkennen oder mit religiösem Gemüt und poetischer Phantasie sich über dieselbe unwissenschaftlich hinwegzusetzen und spekulativ einen anschaulichen Urgrund für jene Körper und Geist umfassenden Vor Stellungsreihen hinzuzuergänzen.
Ist damit aber das Problem, wie Gehirn und Bewusstsein zusammenhängen, irgendwie aus der Welt geschafiPt? Hat die Fragestellung ihre Berechtigung verloren, weil wir erkennen, dass sie metaphysisch bedeutungslos ist? Keineswegs ! Die positiven Spezial Wissenschaften, wie die Physiologie und die Psychologie und demgemäss, als Lehre von den Beziehungen zwischen körperlichen und seelischen Vorgängen, die Psychophysik, sie haben sich alle um jenes metaphysische Schlusswort menschlicher Erkenntnis im Verfolg ihrer speziellen Aufgaben überhaupt nicht zu kümmern. Die Naturwissenschaft hat die Körperwelt als das gegebne Objekt zu betrachten, dessen Wirklichkeit für sie selbstverständliche Voraussetzung ist; sie hat nicht zu fragen, wie die Vorstellung des Körpers, des Raumes, der Materie, der Bewegung entsteht, und ebensowenig hat die Geisteswissenschaft den Bewusstseinsinhalt erst wieder auf seine erkenntnistheoretischen Voraussetzungen zu prüfen. Solange aber eine Naturwissenschaft die körperlichen Vorgänge als solche betrachtet, beschreibt und erklärt, und eine Geisteswissenschaft die psychischen Objekte behandelt, so lange wird die Frage eine
Antwort yerlangen, wie jene beiden Objektreihen miteinander verbunden sind.
Aber grade deshalb, weil erkenntnistheoretische Würdigung uns zu der Ueberzeugung führt, dass solche Antwort nicht Wiedergabe einer metaphysischen Wirklichkeit sein kann, dass Körper und Seele im absoluten Sinn überhaupt nicht existieren, es sich also nur darum handeln kann, eine HilfsYorstellung von relativer Richtigkeit zu schaffen und dadurch das menschliche Bedürfnis nach einheitlicher Erkenntnis zu befriedigen : eben deshalb gewinnt die Aufgabe selbst einen ganz anderen Charakter. Es handelt sich bei ihr nicht so sehr um theoretisches Erkennen, als um ein praktisches Hilfsmittel, zwei ganz gesonderte Reihen wissenschaftlicher Erfahrungen in einer, sie gemeinsam umfassenden Hypothese widerspruchslos zu vereinigen. Es fragt sich also eigentlich nicht, welches die richtigste Vorstellung vom Zusammenhang zwischen Körper und Seele ist, sondern welche die beste, die geeignetste, fast möchte ich sagen, die bequemste ist. Jede einzige hypothetische Vorstellung erfüllt hier somit ihre Aufgabe, wofern sie nur das eine leistet, um dessenwillen sie überhaupt gesucht wird, nämlich den gesamten Thatsachenkreis, den die Naturwissenschaft für die körperlichen Vorgänge und den die Geisteswissenschaft für die psychischen festgestellt hat, in eine einheitliche, in sich widerspruchslose Gesamttheorie zu vereinigen; sie darf keine Thatsachen aas einem der beiden Gebiete ignorieren, im übrigen hat sie freies Spiel, beschränkt natürlich durch die allgemeinen methodologischen Gesichtspunkte, dass jede Hypothese so einfach wie möglich sein soll, möglichst wenig hinzuergänzen und möglichst fruchtbar sein muss für die Auffindung neuer Thatsachen.
Dass eine solche gemeinsame Vorstellung nötig ist, nicht also beide Gebiete in jener Isolierung verharren dürfen, in der sie sich den mechanischen und den psychologischen Untersuchungen darbieten, deren erstere nur Körper, gar kein Bewusstsein, die letztere nur Bewusstsein, gar nichts Materielles in ihrem Gesichtskreis vorfindet: das resultiert schon aus jenen unkritischen, nicht selten in die Wissenschaft verschleppten provisorischen Hypothesen des praktischen Lebens. Auch sie suchen sich mit der Thatsache abzufinden, dass den körperlichen Reizvorgängen seelische Empfindungen entsprechen und den seelischen Willensimpulsen körperliche Gliederbewegungen folgen. Indem jene populären Theorien das Verhältnis sich meist so vorstellen, als wäre die Seele in einem Punkte des Gehirns und würde hier einerseits durch die Körpervorgänge alteriert, und könnte andererseits, wenn es ihr geeignet scheint, durch den blossen Willen dem Körper einen Anstoss zur Bewegung geben, so erfüllen auch sie vollkommen ihre Aufgabe, diejenigen physischen und psychischen Vorstellungen zu verknüpfen, die in dem vulgären Gesichtskreis des täglichen Lebens liegen. Dass auch diese heute landläufigen Theorien nicht so selbstverständlich sind, ist ja bekannt; auch sie mussten langsam durch die Arbeit philosophischer Denker errungen werden. Ebenso bekannt aber dürfte es sein, dass jene Theorien heute nicht mehr ausreichen, sobald der Gesichtskreis erweitert wird, sobald zu denjenigen physischen und psychischen Daten, die schon das Kind kennt, noch diejenigen treten, welche erst bei eingehenderer Untersuchung sich in den Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften ergeben.
Jene Hypothesen vernachlässigen, um nur eines von vielem hervorzuheben , denjenigen Kreis physischer Erscheinungen, der die unbedingte Gültigkeit des materiellen Kausalgesetzes beweist; sie vergessen also, dass jede physische Erscheinung durch vorausgehende physische Erscheinungen kausal begründet sein muss und somit einfach physische Daten ignoriert werden, wenn die gewollte Gliederbewegung, die als Muskelkontraktion ja völlig körperlich ist, nicht aus körperlichen Vorgängen erklärt werden kann, vielmehr auf psychsische Ursachen zurückgeführt wird. Dasselbe gilt natürlich, wenn jene Hypothese etwas wissenschaftlich aufgeputzt wird, die Seele etwa auf ein bestimmtes Gebiet der Gehirnrinde den erregenden Anstoss aussendet; auch hier ist die Erregung des betreffenden Centralteiles physisch nicht bedingt^ ein Wunder ist statuiert, genau wie in der bescheideneren Form jener Hypothesen. Es ist also unbedingt notwendig, nach neuen Hilfsvorstellungen zu suchen, welche auch diesen Thatsachen des physischen Kausalzusammenhanges wie allen übrigen physischen und psychischen, uns bekannten Daten gerecht werden. Dass an dieselben nicht der Anspruch erhoben werden kann, eine für alle Zeit gültige Hypothese darzustellen, das ist ja klar; auch sie wird, wenn neue Thatsachen auf einem der beiden beteiligten Gebiete entdeckt werden, sich diesen anpassen oder, wofern das unmöglich, verworfen und durch neue ersetzt werden müssen. Wenn sie nur alle die Thatsachen berücksichtigt, welche die Wissenschaft heute feststellt, so hat sie ihre relative Wahrheit, die uns genügen muss und die wir nicht entbehren können. Auch die naheliegende Vorstellung, dass der Zusammenhang beider Erscheinungsreihen von einem schöpferischen Weltgeist vorher ersonnen und geschaffen ist, kann uns nicht genügen, da die Schwierigkeit des Problems nur weiter zurückgeschoben ist und jener weltschaffende Intellekt ein viel schwereres psychophysisches Rätsel ist als das Gehirn des Individuums.
Wenn die physischen und psychischen Erscheinungen nun aber einerseits zusammenhängend gedacht werden müssen, andererseits ihr Zusammenhang nicht prästabiliert angenommen werden kann, so bleiben nur zwei Möglichkeiten übrig. Entweder ist der Ablauf der psychischen Erscheinungen die Bedingung für das Auftreten der physischen, oder umgekehrt die physischen folgen ihrem eignen Gesetz und die psychischen sind von ihnen abhängig.
Ich habe an anderer Stelle, in meiner Schrift über die Willenshandlung, nachzuweisen versucht, dass jene erstere, die spiritualistische Hilfsvorsteilung keinesfalls den praktischen
Anforderungen an die Hypothese entspricht. Das einzige, was sie mühelos erklären würde, wäre der Erseheinungskomplex der gewollten Körperbewegung, der in der That keine Schwierigkeiten mehr bereitet, sobald der psychische Vorgang als direkte Bedingung des physischen vorgestellt wird. Alles übrige bliebe nicht nur unerklärt, sondern unerklärbar. Die dort ausgeführten Argumente lassen sich dahin zusammenfassen, dass die psychischen Erscheinungen fortwährend Lücken, wie etwa im Schlaf aufweisen, während die physischen trotzdem weiter ablaufen ; dass aus dem seelischen Inhalt wohl Erinnerungen und Denken, nicht aber neu auftauchende Wahrnehmungen zu erklären wären, jede Wahrnehmung also etwas neues Unberechenbares sein müsste, während die der Wahrnehmung entsprechenden körperlichen Vorgänge der Voraussage theoretisch vollkommen zugänglich sind, ihre Erscheinungsreihenfolge also von der Seele unabhängig sein muss. Ausserdem würde, solange wir den Seeleninhalt auf das uns wirklich psychisch Gegebne beschränken, der Kreis der seelischen Erscheinungen so klein bleiben, dass die parallel laufenden, durch den psychischen Inhalt bedingten körperlichen Erscheinungen nur einen verschwindend kleinen Bruchteil der Welt ausmachen. Wenn wir dagegen in gewagter Hypothese den Seeleninhalt selbst zeitlich und räumlich so unbegrenzt vorstellten, dass jedem Molekül der Welt eine Empfindung entspräche, ein Vorstellungsreichtum unserer Seele, von dem unserem Bewusstsein nur ein winziger Teil zugänglich wäre, so könnten wir aus parallel gehenden Körpererscheinungen wohl die materielle Welt, niemals aber das Vorhandensein eines anderen, fremden Bewusstseins erklärlich machen; wir wären in unfruchtbarem Solipsismus festgehalten. Eine konsequente spiritualistische Theorie ist psychophysisch einfach unmöglich; sie muss unwillkürlich fortwährend in jene populären Theorien zurückfallen, welche an der physischen Kausalität festhalten, bis zu dem Moment, wo der Reiz physisch wirkungslos in das immaterielle Nichts überspringt, um dort Empfindungen zu erzeugen oder aus jenem physischen Nichts der WiUensimpuls hervorbricht, um eine physisch ursachlose Bewegung hervorzurufen, während andererseits die Seele alles aus sich selber schafft, nur auch in ihrer Kausalität durch neu eintreffende Ladungen körperlicher Reize fortwährend unterbrochen wird und im übrigen sich um den Körper nicht kümmert, bis sie etwas will.
So drängt thatsächlich jede wissenschaftliche Erwägung zu der, für die Sinneswahrnehmungen längst allgemein acceptirten Annahme, die allein noch übrig bleibt: die physischen Erscheinungen laufen ausnahmslos gesetzmässig ab und sind die Bedingung für das Auftreten der psychischen. Die Reihenfolge der Bewusstseinsthatsachen wäre demnach bestimmt durch den Ablauf körperlicher Prozesse; die psychischen Akte wären isolierte Erscheinungen, deren jede einzelne durch einen physischen Vorgang bedingt wird. Da das praktische Bedürfois einer, beide Thatsachenreihen umfassenden Gesamtvorstellung durch den rein logischen Ausdruck, die eine sei die Bedingung der anderen, nicht so befriedigt wird wie durch ein anschauliches Bild, so können wir künftig auch in diesem Sinne sagen, die physische Erscheinung sei gewissermassen die Innenseite der psychischen und fassen dann die Theorie so zusammen, dass die materiellen äusserlichen Vorgänge dem physischen Kausalgesetz unterliegen und gewisse dieser Vorgänge eine dem Bewusstsein zugängliche Innenseite haben. Darin liegt schon eine Erklärung für alle jene, vom Standpunkt der spiritualistischen Theorie unerklärlichen Thatsachen; so ist ohne Schwierigkeit anzunehmen, dass es viele bewusste Geister gibt, weil die Bedingung überall vorhanden, wo gewisse körperliche Substrate vorhanden sind ; ebenso muss das Bewusstsein zeitweilig erlöschen, wenn die Vorgänge ruhen, und anderes mehr.
III
Gleich hier sei ein wichtiger Punkt berührt, der meist übersehen wird. Während jene spiritualistische Theorie das physische Kausalgesetz geradezu durchbricht und damit aufhebt, wird durch unsere phychophysische Theorie das psychologische Kausalgesetz durchaus nicht beeinträchtigt, geschweige aufgehoben. Man muss sich nur vergegenwärtigen, was das Kausalgesetz, auf physischem und psychischem Gebiet, zu leisten vermag, und was es überhaupt bedeutet. Das Kausalgesetz ist ja nicht Ausdruck einer Beobachtung, sondern Ausdruck eines Postulates; die Behauptung, dass alles physische und psychische Geschehen dem Kausalgesetz unterliegt, bedeutet lediglich, dass wir die körperliche und geistige Welt, wenn wir ihre Vorgänge erklären wollen, nicht anders denken können, als unter der Voraussetzung, dass jede physische Erscheinung eine physische Ursache , jede psychische Erscheinung eine psychische Ursache hat und wir somit, wenn überhaupt eine Erklärung möglich sein soll, das Vorhandensein dieses Verhältnisses von vornherein annehmen müssen. Während wir somit an die erklärende Arbeit in Geistes- und Naturwissenschaft mit der Ueberzeugung gehen, ein wirklich bestehendes Kausalverhältnis klarzulegen, besteht unsere Arbeit thatsächlich darin, die Thatsachen solange zu ergänzen und zu zerlegen, bis sie sich einer kausalen Betrachtung fügen. Diese kausale Betrachtung verlangt aber weiter nichts, als dass wir die physischen Vorgänge anschaulich verfolgen. und die psychischen in unserem Bewnsstsein nacherzeugen können, dass wir, mit anderen Worten, beide uns widerspruchslos vorstellen können; eine darüber hinausgehende, in das Innere des physischen oder psychischen Prozesses eindringende Erklärung liegt weder in der Absicht noch in der Möglichkeit der Kausalbetrachtung. Nur wer dieses verkennt und gleichzeitig sich einbildet, dass er wirklich in seiner Seele die inneren Kräfte kenne, welche die Vorstellungen in das Bewusstsein drängen und aus demselben vertreiben, welche auf dieses Gefühl gerade diesen Willensakt, auf jene Wahrnehmung gerade jenes Gefühl folgen lassen, nur der kann die Würde seines Selbstbewusstseins beleidigt fühlen, wenn ihm die Hilfs- Yorstellung zugemutet wird, dass die psychischen Akte durch die physischen bedingt werden und nicht die physischen durch die psychischen.
Wer sich deutlich vergegenwärtigt hat, dass die Bedingungen für das Auftreten der Erscheinungen uns an sich völlig unbekannt sind und auch dann unbekannt bleiben, wenn wir sie, um den abstrahierten Zusammenhang regelmässiger Erscheinungsreihenfolgen anschaulich zu machen, auf treibende Kräfte der Materie oder der Seele zurückführen: der wird erkennen, dass die Bedeutung und der Wert des seelischen Lebens weder durch die eine Hypothese gehoben, noch durch die andere vermindert wird, sondern dass lediglich der Gesichtspunkt theoretischer Verdeutlichung und Vereinigung des Thatsachenkomplexes massgebend sein darf. Am wenigsten aber wird er sich in der Entscheidung zwischen den beiden charakterisierten psychophysischen Hypothesen durch jene psychologische Eigentümlichkeit beeinflussen lassen, der sich mancher schwer entzieht; ich meine jene Eigentümlichkeit, dass, wenn ein Wort doppelte Bedeutung hat, der Gefühlston sich nicht so sehr der Bedeutung, als dem Wortlaut associiert, derart, dass die Gefühle, welche die Auffassung des Wortes in dem einen Sinn begleiten, sich nun auch dort an dasselbe heften, wo es in seiner anderen Bedeutung gedacht wird. Nur so nämlich lässt es sich erklären, dass jene theoretische Hypothese, welche die Reihenfolge derjenigen Erscheinungen, die wir auf ein materielles Substrat projizieren, als die Bedingung derjenigen Erscheinungen auffasst, welche wir auf ein psychisches Subjekt beziehen, und welche somit unter gewissen erkenntnistheoretischen Voraussetzungen als psychophysischer Materialismus bezeichnet werden darf, bei manchem sofort alle diejenigen Gefühlsbeziehungen auslöst, welche sich auf jenen praktischen Materialismus beziehen, der eine bestimmte, auf sinnlichen Genuss basierte Lebensauffassung bezeichnet.
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The end
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