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Vorwort
Als Themistokles vor den Perserkönig gerufen und ihm eine slaatspolitische Frage vorgelegt wurde, erbat sich derselbe drei Tage Bedenkzeit. Nach Verlauf dieser Frist ersuchte er um Verlängerung derselben, und zwar zunächst um drei Wochen, sodann um drei Jahre. Ähnlich erging es dem Verfasser dieses. Als derselbe im Mai 1887 den Lesern des „Organs** das Versprechen gab, innerhalb Jahresfrist auf die verschiedenen Entgegnungen, welche sein Artikel: „Wunder und Verirrungen auf dem Gebiete der Heilpädagogik" hervorgerufen hatte, antworten und die beregten Gedanken weiter ausfuhren zu wollen, glaubte er nicht, wortbrüchig werden zu müssen. Bei genauerer Überlegung, erwies es sich jedoch weder thunlich noch auch als möglich, den festgesetzten Termin innezuhalten, denn nach Beginn der Arbeit traten dem Verfasser ungeahnte Schwierigkeiten entgegen. Und wenn ich mir nun erlaube, diese Blätter der Öffentlichkeit zu übergeben, so bin ich von der Mangelhaftigkeit der Ausführungen am meisten überzeugt; allein der Widerstreit der Meinungen, wie er sich in letzter Zeit auf dem Gebiete des Taubstummen-Bildungswesens geltend gemacht hat, Hess die Veröffentlichung gerade in diesem Augenblicke als rätlich erscheinen, denn: man soll das Eisen schmieden, solange es warm ist.
Dem Sprachgelehrten von Beruf bringen die ersten Kapitel wenig Neues, und er mag dieselben ohne Nachteil gern ungelesen lassen. Diese Kompilationen hielt ich jedoch mit Rücksicht auf den nächsten Leserkreis für unerlässlich, um einerseits den eigenen Urteilen in diesem meinem Erstlingswerke den nötigen Halt und Nachdruck zu geben, und um andererseits die Aufmerksamkeit meiner verehrten Berufsgenossen auf eine Litteratur zu lenken, welche nicht immer und überall die ihr gebührende Beachtung gefunden hat.
Meine Ausführungen mögen an einzelnen Stellen Schärfen enthalten und den Anschein erwecken, als ob es mir darum zu thun gewesen wäre, unliebsame Kritik zu üben. Demgegenüber darf ich jedoch versichern, dass es mir fern gelegen hat, irgend einem Kollegen absichtlich wehe thun zu wollen, und ich bitte darum, etwaige Härten mit meiner Schwerfälligkeit im Ausdruck gütigst entschuldigen zu wollen. Die Kritik gilt der Sache, nicht der
Person. — Bekennen muss ich jedoch, dass meiner Ansicht nach unserer Angelegenheit nicht mehr gedient ist mit warmen Lobspruchen und milden Beurteilungen, sondern ich halte es für beklagenswert, wenn die inneren Kämpfe, die Prinzipien- und Detailkontroversen, der Geist des Widerspruches und der Prüfung schwindet, der nach Goethe für jede Wissenschaft Lebensbedingung ist.
Es ist in jüngster Zeit fleissig auf unserem Gebiete geschrieben worden ; aber hat unsere Methode irgend nennenswerte Fortschritte gemacht? Tritt das zwischen der äusseren und inneren Entwickelung bestehende Missverhältnis nicht immer deutlicher und klarer zu Tage?
„Er hat es gesagt.** Mit dieser bequemen Ausrede suchten die Jünger und Zeitgenossen des Sokrates ihr Urteilen, ihr Thun und Handeln zu begründen, zu rechtfertigen und zu entschuldigen. „Er hat es gesagt**, so antworten auch wir Taubstummenlehrer, wenn uns Fragen vorgelegt werden, welche das Wie? und Warum? unserer Methode betreffen. Anstatt nach den tieferen Ursachen unserer Misserfolge zu forschen, halten wir fest an uns überlieferten Hypothesen, suchen wir durch Aneinanderreihung kleinlicher Mittelchen uns ein neues Arcanum zu verschaffen, um die klaffenden Risse und gähnenden Löcher in und an dem Gebäude der Taubstummen- Bildungsmethode notdürftig zu verstopfen. Wir verzehren uns in Hangen und Bangen, im Hoffen und Harren, und der Bau zerbröckelt uns unter den Händen.
Alle diejenigen Kollegen, welche nach solchen Mittelchen und praktischen Fingerzeigen haschen, werden diese Blätter unbefriedigt aus der Hand legen, sie werden mir nach wie vor den Vorwurf machen, dass ich versuche niederzureissen, anstatt aufzubauen. Diesen Vorwurf will ich vorerst gern ertragen, denn meine Ansicht geht nun einmal dahin, dass unsere Methode nicht genügend fundiert ist, dass sie auf nur halbwahren Voraussetzungen beruht, und dass der Bau nur dann seiner Vollendung entgegengeführt werden kann, wenn unsere Grundsätze, welche eine aus Wahrheit und Irrtum bestehende Legierung bilden, genügend analysiert sind. Einen dahingehenden Versuch bildet diese Schrift. Und wenn es mir auch nur gelingen sollte, durch dieselbe eine gründliche Diskussion über die Frage herbeizuführen, warum der Gehörlose stumm bleibt, so hätte diese Arbeit ihren Zweck voll und ganz erreicht, denn mit der Beantwortung dieser Frage ist das Problem der Taubstummen- Bildung so gut wie gelöst.
Breslau, Ostern 1889.
3. Ueidsiek.
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