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Psychologie : die Lehre vom bewussten Geiste des Menschen, oder, Entwickelungsgeschichte des Bewusstseins, begründet auf Anthropologie und innerer Erfahrung

Immanuel Hermann Fichte · 1864 · Scanned text

195,816 words · about 13 h 43 min to read

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Author
Immanuel Hermann Fichte
Language
German
Published
1864
Length
195,816 words · about 13 h 43 min
Sections
28 reader sections
Text
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Rights
Public domain · PD-US by publication date

 

Contents (28)
  1. Front matter about 2 min
  2. II under 1 min
  3. III about 1 min
  4. IV under 1 min
  5. V about 1 min
  6. VI under 1 min
  7. VII about 1 min
  8. VIII under 1 min
  9. IX about 1 min
  10. X under 1 min
  11. XI under 1 min
  12. XII under 1 min
  13. XIII about 1 min
  14. XIV under 1 min
  15. XV under 1 min
  16. XVI about 1 min
  17. XVII about 1 min
  18. XVIII about 2 min
  19. XIX about 1 min
  20. XX about 2 min
  21. XXII about 1 min
  22. XXIII about 2 min
  23. XXIV about 1 min
  24. XXV about 1 min
  25. XXVI about 1 min
  26. XXVII about 1 min
  27. XXVIII about 2 min
  28. XXIX about 13 h 19 min

Continue:

Front matter

THE

CHARLES MYERS LIBRARY

£>pearman

II

Er steht nicht im Gegensätze zu denjenigen Realwesen, welche in den (sogenannten) Naturerscheinungen das Beharrliche bilden; — der ganze vermeintliche Dualismus von „Natur“ und „Geist“, von „Denken“ und „Ausdehnung“, wie er seit Cartesius unter verschiedenen Formen den unterscheidenden Charakter der neuern Philosophie, ingleichen Seelenlehre bildete, erweist sich vielmehr bei genauerer Erforschung des Thatsächlichen als die unbegründete Abstraction eines voreilig die Untersuchung abschliessenden Denkens: —

III

Sondern der Unterschied der Geistesmonade von den niedern Weltsubstanzen beruht einestheils in der relativen Höhe und dem Reichthume ursprünglicher Anlagen, welcher der Vollkommenheit der niedern seelischen Weltwesen noch neue eigenthümliche hinzufügt; anderntheils in der jener Höhe und Universalität seiner Weltstellung genau entsprechenden höchst vielseitigen Erregbarkeit, mit welcher der Menschengeist jeden von Aussen kommenden Reiz durch eine eigenthümliche Umstimmung beantwortet. Darin, in dieser zugleich leichten und energischen Erregbarkeit des Geistes, wird die Psychologie die erste Bewusstseinsriuelle desselben nachzuweisen haben. (Wenn Leibnitz

VIII behauptete, jede Monade sei ein Spiegel des Universums von ihrem eigentümlichen Standort aus, so gilt dies er fahrungsmässig in vollem Sinne nur vom Menschengeiste, wie auch nur von ihm aus ein ähnliches Verlmltmss für die übrigen Wcltwesen per analogiam erschlossen werden konnte.)

IV

Alles dies hat nun die „Anthropologie“ in den einfachen Satz zusammengefasst:

Der Menschengeist hat nicht blos gewisse „apriorische“ Bestandteile (Urerkenntnisse, Urgefühle, Urstrebungen) in seinem Bewusstsein, wie Kant’s sorgfältige Analyse des letztem es lehrte, - sondern er ist nach seinem eigentlichen Bestände selbst ein vorempirisches Wesen, aus seinen übersinnlichen Grundanlagen in Wechselwirkung mit dem andern Realen sich herausgestaltend in die „Smnenwelt“. ebenso daraus sich erzeugend das Bewusstsein dieser Welt

V

Gleicherweise ist diese vorempirische Grundlage des Menschen nicht zu denken als irgend eine unpersönliche „Allgemeinvernunft“, als universalistischer ,,W eltgeist , von welchen Producten übereilter metaphysischer Abstraction die besonnene anthropologische und psychologisch Beobachtung nicht das Geringste zu entdecken vermag. Vielmehr zeigt sich der Geist schon in seinen vorbewussten Ursprüngen und Wirkungen durchweg als mdividualisirter, als Keim einer Eigenpersönlichkeit, und seine psychologische Entwickelungsgeschichte bestätigt dies immer entscheidender, indem durch die Her Vorbildung des Bewusstseins die Selbstgewissheit der „Persönlichkeit“ nur gesteigert und befestigt wird. Die höchste psychologische Thatsache endlich, das Bewusstsein des Ergriffenseins vom göttlichen Geiste, kurz dasjenige, was wir „religiöse

IX

Erhebung“, „religiöse Begeisterung“ nennen müssen, zeigt abermals nicht ein Erlöschen oder Kraftloswerden jenes Persönlichkeitsgefühles, sondern umgekehrt, wie schwach oder wie stark auch der Grad der religiösen Erhebung sei, sicherlich ist damit eine Steigerung jenes Gefühles verbunden, eine unüberwindliche Zuversicht und innere Freudigkeit , bis hinauf zum höchsten weltüberwindenden Heroismus.

Was weiter dabei zu bedenken Sei, wie namentlich der Begriff des hierdurch von uns behaupteten „Individualismus“ sich verhalte zu dem an seinem Theile nicht minder berechtigten Principe des „Universalismus“, darüber müssen wir auf die nachfolgenden Untersuchungen (im ersten Buche der „Psychologie“) verweisen, wo gleichfalls nicht nach abstract apriorischen Voraussetzungen oder , nach einem im voraus fertigen metaphysischen Systeme, sondern durch Rückschluss aus der Erfahrung diese entscheidende Frage ihre Erledigung findet.

VI

Mit Fug könnte gefragt werden, ob nicht schon im unmittelbarsten Bewusstsein, in dem von aller wissenschaftlichen Reflexion freien, sich selbst überlassenen Menschenwesen ein deutliches und unverkennbares Zeughiss sich finde von jener behaupteten innern Ewigkeit und vorzeitlichen Uranlage des Geistes? Die Forderung ist eine vollständig und in allen Fällen berechtigte, dass das Innere auch stets und imgesucht sich äussern, zur universalen Erfahrung werden müsse, und dass, wo dies nicht stattfinde, mit Recht der Verdacht entstehe, statt der einfachen, objectiven Wahrheit möge irgend ein absichtlich erdachtes, künstlich ersonnenes Theorem sich eingeschlichen haben. So auch in diesem Falle!

X

VII

Hier nun brauchen wir fürwahr nach solchem Zeugnisse des Geistes über sich selbst nicht weit zu suchen und nicht blos auf Vereinzeltes, Zweifelhaftes, Vieldeutiges uns zu berufen. Das Gesammtverhalten wie das Gesammtgelühl des Menschen bekundet auf unwiderstehliche Art, dass er als „Fremdling“ sich wisse in dieser Sinnenwelt und dass das Hinausstreben über dieselbe der eigentliche Sinn aller eigentümlich menschlichen Thätigkeit sei. Daher die rastlose Unruhe und der tiefe Zwiespalt, der sein ganzes Wesen durchzieht, indem er jedes irdisch Erreichte sofort wieder vor sich verneinen muss; die ungestillte Sehnsucht gerade mitten im kräftigsten Lebensgefühle, die jeder höchsten Freude sogleich sich beimischende ernste Wehmuth, was ebenso die Quelle höchster Erhebung zu Poesie und Religion dem Menschen wird, als umgekehrt den irdisch Gesinnten in die Verödung eines leeren, ewig unbefriedigten Strebens hinauswirft: — alles dies ist nur das Zeugniss einer unablässigen Verneinung seines gegenwärtigen Zustandes; das heisst aber zugleich: seines substantiellen Hinaus

seins über denselben.

Aber dasselbe hat auch einen sehr positiven, aut Tieferes deutenden Grund. Es ist zugleich die thatkraftige Wirkung und unwillkürliche Beglaubigung seines wahrhaften, jenseitigen Wesens. Indem der Mensch alles Zeitliche zu einem Ungenügenden herabsetzt, in keinem irdisch erreichten Ziele sich gefangen gibt, verräth er dadurch, eine überzeitliche Macht und eine überzeitliche Bestimmung in sich zu tragen.

VIII

Die Psychologie, behaupten wir, ist unvollständig, denn sic ist ausser Stande, den Menschengeist in seiner Tiefe und Ganzheit zu erklären, so lange sie nicht jenen seltsamen

XI zwiespältigen Drang, das eigentliche Räthsel seines Daseins, verständlich gedeutet hat. Mit diesem Postulate, was zugleich einer Kritik der bisherigen Psychologie gleichzuachten wäre, treten wir an diese Wissenschaft heran. Aber jenes Räthsel kann nur richtig gedeutet werden durch Hinweisung auf die transscendentale , alles Zeitliche überschreitende Natur des individuellen Menschengeistes. Dies hat unsere nachfolgende Ausführung der Wissenschaft zu zeigen, welche aus diesem Grunde, der bisherigen Psychologie gegenüber, zum ersten male auf Vollständigkeit Anspruch macht.

IX

Aus dem oben Gesagten (IV) folgt zugleich noch weiter, dass der Geist seine Bewusstseinsquelle in sich selbst trage, mit nichten erst von Aussen empfange. Das „Sinnenbewusstsein“ somit, als die erste und unmittelbaoste Erweckung dieser Quelle, sainmt Allem, was aus ihm sich entwickelt, der ganze Augpunkt unsers irdischen Daseins, ist nur eine der möglichen Bewusstseinsformen, ist nur „Erd gesi eilt“, verschwindend, wenn die organischen Bedingungen unwirksam werden, mittels deren es entsteht (wozu es keinesweges immer und überall des leiblichen Todes bedarf, sondern was auch bei gewissen ekstatischen Zuständen einzutreten vermag), ohne dass damit die innere „Sehe“ des Geistes, seine ursprüngliche Bewusstseinsquelle zerstört oder beeinträchtigt wäre.

Die nach allen Seiten hin folgenreiche Bedeutung dieses, wie wir meinen, streng von uns erwiesenen Satzes brauchen wir hier nicht zu erörtern. Dass aber auch Kanfs Transscendentalphilosophie, wenn man sie consequent bis zu ihrer Grundprämisse zurückverfolgt, auf derselben Voraussetzung.» beruhe, wurde ausführlich gezeigt, und möge hier noch beiläufig erwähnt sein, um die „befremdliche Paradoxie“ unserer Behauptungen, welche der gegenwärtigen Wissenschaft und gesannnten Denkweise noch durchaus nicht eingehen

XII wollen, wenigstens vorläufig unter (len Schutz seines Namens zu stellen.

X

Die „Psychologie41 daher, wenn sie das ganze Menschenwesen und die Gesammtheit seiner Bewusstscinsmöglichkeiten ergründen will — bisher hat sie nur auf die Betrachtung seines hälftigen Daseins und Bewusstseins , auf sein Sinnenleben sich beschränkt — , muss auch die andere Hälfte, die Anlage zu einer völlig verschiedenen Seins- und Perceptionsweise ins Auge fassen; und erst dann wird der Gesammtumfang des Geistes, damit zugleich der Begrift seiner Apriorität, erschöpft sein.

XI

Auch dieser Aufgabe haben wir zu genügen versucht. Wir glauben das „Organ“ gefunden zu haben, durch welches eine übersinnliche Welt hineinscheint und hineinwirkt mitten in unser sinnliches Bewusstsein, welcher der Geist als selbst übersinnliches Wesen seiner Substanz nach zwar angehört (I — IV), von welcher er aber durch sein unmittelbares, ins Sinnenleben verflochtenes Bewusstsein aufs Eigentlichste ab gewendet, aus dem eigenen Innern heraus - gewendet und ihm entfremdet ist. Auch über diese Ansichten und Behauptungen bitten wir den Leser erst daun sich zu entscheiden, wenn er mit unbefangenem L rtheil die im nachfolgenden Werke dafür aufgeführten Thatsaehen und Gründe der Reihe nach geprüft hat.

XII

Die Entwickelungsgeschichte des menschlichen Geistes umfasst bekanntlich die drei Stufen: des ersten. Bewusst- Werdens, des Bewusst- Seins und des Selbstbewusstseins. Aber diese Entwickelung ist Selbstentwickelung, d. h. von Allem, was im Geiste er Selbst ist, was seines

XIII

Bewusstseins Eigent hum geworden, hat er nichts von Aussen blos empfangen, leidend in sich aufgenommen, sondern durch Wechselwirkung mit dem Andern selbstthätiff sich angebildet. Dies der Fundamentalsatz jeder gründlichen Psychologie, welcher im folgenden Werke durch einen vollständigen Inductionsbeweis an den Thatsachen des Bewusstseins erhärtet wird. Die Aussenwclt bestimmt den Menschen nur insofern, macht ihn nur in dem Sinne „von sich abhängig“, als sie fordernd oder hemmend, anspornend oder rückhaltend zur Entwickelung seiner innern Anlagen sich verhält, welche allein sein Selbst aus machen und aus denen allein sein Schicksal sich entscheidet.

XIII.

Diesem ersten Satze stellt sich sogleich ein zweiter zur Seite.

Auf allen Stufen jener Selbstentwickelung ist der Geist formal der Eine, mit sich Identische, und er weiss sich also („Ich“). Aber er bleibt darin nicht qualitativ mit sich identisch, sondern er ist und er weiss sich als ein veränderter und stets weiter veränderbarer. Wie erklärt sich doch dieser merkwürdige Vorgang, der zwar stets in uns Allen und vor Aller Augen sich vollzieht, deshalb jedoch um nichts weniger der Begründung bedarf, und die richtige nicht überall gefunden hat?

Es ist eben die „Wund er Wirkung“, so zu sagen, des Bewusstseins, dass der Geist durch den lediglich formalen Act des Ichwerdens und Ichseins, durch das „Licht, mit dem er seine eigenen innern Zustände als die seinen erleuchtet“ (wie das Bewusstsein dieses „Als“ entstehe, wird die Psychologie zu erklären haben), zugleich innerlich sich umgestaltet, aus dem Zustande substantieller Einfachheit heraus- und in die Mannichfaltigkeit wechselnder Bewusstseinszustände auseinandertritt. Was in der Einheit seines vorbewussten Wesens als blose Anlage ungesondert ruhte,

XIV tritt durch den Bewusstseinsact unterschieden und als ein besonders Wirkendes hervor, wird aber damit zugleich in die bewusste Macht des Geistes gegeben. Und dieser Process, den wir die „Entwickelungsgeschichte“ des Bewusstseins nennen , hat sich zu vollenden , bis alle Anlagen des Geistes in den bewussten Besitz des „Ich“ gelangt sind, sein blindes Sichaus wirken zur freibewussten Selbstbestimmung sich erhoben hat. Es ist der allmähliche Uebergang vom „Bewusstsein“ ips „Selbstbewusstsein."

XIV

Dieser ist jedoch abermals nichts von Aussen im Geiste Bewirktes oder Zufälliges, sondern durch die innere Beschaffenheit des Bewusstseinsprocesses begründet. Indem das Bewusstsein unserer Manniclifaltigkeit immer mehr sich ausbreitet, befestigt und verstärkt sich in gleichem Masse daran das (centralisirende) Bewusstsein unserer Einheit (unseres „Selbst“) in jenen Unterschieden und Gegensätzen. Je mehr, bildlich zu reden, die Gefahr sich steigert, an jenen Zersplitterungen die innere Einheit zu verlieren, desto mehr wächst der Widerstand dagegen, indem in ganz gleichem Verhältniss das Bewusstsein der Einheit, des „Selbst“, sich verstärken muss, so gewiss die Vorstellung des „Selbst“ an jedem Bewusstsein des Unterschiedes sich wiederholt und immer neu vollzieht.

XV

Erst auf der Stufe des „Selbstbewusstseins“ daher ist der Geist völlig bei sich selbst, hat sein apriorisches Wesen in seine Gewalt bekommen, sein „Für sich" ist seinem „An sich“ möglichst adäquat geworden. (Warum nur „möglichst“, warum im endlichen Geiste immer ein dunkler Rest, ein nicht völlig im Bewusstsein sich auflösender Hintergrund seiner Apriorität zurückbleibt, darüber wird die „Psychologie“ sehr bestimmte Rechenschaft ablegeu.)

XV

Uebrigens ist pädagogisch und ethisch Nichts bekannter oder populärer, als dieser Gedanke. Theoretisch „Selbstbesinnung“, praktisch „Selbstbeherrschung“ wird uns unablässig als Ziel der intellectuellen, wie ethischen Bildung hingestellt. Beides ist nichts Anderes, als die Möglichkeit einer Erhebung des blosen Bewusstseins ins Selbstbewusstsein.

XVI

In letzterin ist nun zugleich auch der Begriff der „Persönlichkeit“ gefunden. Denn mit diesem Worte bezeichnen alle Sprachen die nur dem Geiste zukommende Eigenschaft: alles ihm Angeeignete und Eingelebte mit

Bewusstsein zu durchdringen, es als das Seinige zusammenzufassen, damit aber auch als von ihm freies Selbst darüberzustehen. („ Transscendenz“ in der „Immanenz“.)

Persönlichkeit ist die Grundform des Geistes als solchen, daher als Form in allen Geistern, im absoluten wie in den endlichen, schlechthin gleich.

(Es ist daher einer der unberechtigtsten Vorurtheile, eine reine Grille des Pantheismus, zu behaupten, dass Gott als Absolutes, nicht Persönlichkeit sein könne, weil er damit „verendlicht“, anderen Persönlichkeiten nebengeordnet werde. Umgekehrt ist zu sagen — und wir haben das Recht, uns dabei auf die ausführliche Beweisführung unserer „Ontologie“ zu berufen*) — : dass Persönlichkeit die höchste, vollkommenste Existentialform alles Wirklichen, zugleich diejenige Daseinsform sei, in welcher allein die höchste, absolute Welteinheit ohne Widerspruch denkbar wird. Die Idee Gottes und die der absoluten Persönlichkeit zeigen sich dergestalt unabtrennbar voneinander,

*) „Grundzüge zum System der Philosophie: Zweite Abtheilung: die Ontologie.“ Heidelberg 1836. §. 286 fg. 296. 297.

XVI dass jede nur in der andern ihre Begreiflichkeit und Bewährung findet!)

Unterschieden und abgestuft dagegen sind die (endlichen) Persönlichkeiten lediglich nach der Fülle des Geistesgehaltes, wie nach der Klarheit und Intensität des Bewusstseins, mit welchem sie jenen Gehalt wissend durchleuchten und ordnend beherrschen. Und als volhnenschliches Dasein wäre nur dasjenige anzusprechen, in welchem Apriorisches und Persönlichkeit völlig sich deckt, wo der Geist mit vollkommen bewusster Sicherheit des Erkennens und Wollens seiner Anlagen Herr geworden wäre. *)

XVII

Allein von hier aus, vom Begriffe des „Selbstbewusstseins“ oder der „Persönlichkeit“, ist nun das Wesen und der Inhalt des Geistes zu begründen, d. h. nur also, wie er sich vom Gipfel und Höhenpunkt seines Bewusstseins aus zeigt, ist sein Begriff auch an seinem Anfang oder Ausgangspunkte zu fassen; nicht von anderswoher (etwa aus einer „Natur“, aus „stofflichen“ Elementen oder dess Etwas) oder aus einem niedern (etwa sensualistischen) Principe kann er erklärt werden. 'Denn der Erfolg der Untersuchung zeigt, dass der Geist selbst es ist, der aus der eigenen apriorischen Anlage zu jener Höhe emporsteigt, der somit in seinem Anfänge schon sein muss, wozu er sich machen soll, ein „transscendentales“, mit vorempirischen Grundanlagen ausgestattetes Wesen, aus denen heraus er sein Bewusstsein, auch die Form seines empirischen Bewusstseins sich anbildet.

*) Ueber den daraus hervorgehenden Begriff des „Urmenschen“ vergleiche man vorläufig (bis zur Vollendung des gegenwärtigen \N erkes) die „Anthropologie“, 2. Aufi., S. Ö73 fg.

XVII

XVIII

Dies ist der Punkt, um dessen entscheidende Hervorhebung in gegenwärtiger Psychologie es sich handelt, und wobei abermals an Kant anzuknüpfen ist.

Die „synthetische Einheit der Apperception“, welche Kant zum gestaltenden Principe der „theoretischen“ Vernunft, des blosen Erkennens machte, zum universalen Princip zu erheben , oder auch , um an J. Gr. Fichte’s bestimmtere Fassung der Aufgabe zu erinnern, das „frans - scendentale Ich“ (schärfer und behutsamer ausgedrückt: „das transscendentale Wesen des Geistes“) zum Fundamentalbegriffe der gesammten Geisteslehre zu machen, das ist es , auf dessen consequente und erschöpfende Durchführung nach unserer Ueberzeugung auch jetzt noch Alles ankommt. *)

*) Eben dies ist auch der Punkt, welchen S-engler mit grosser Energie und Klarheit zur Geltung gebracht hat (theils im ersten Bande seiner „Erkenntnisslehre“, 1858, theils in sechs besonders wichtigen und lehrreichen Artikeln „über Begriff und Aufgabe der Erkenntnisslehre“ in der „Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik“, Bd. 37. 38. 39. 40. 41), ebensowohl für eine gründliche Reform der Erkenntnisslehre, als auch dafür, um die gegenwärtige Speculation von dem noch immer nicht überwundenen Gegensatz eines blos empiristischen Realismus und eines leer aprioristischen Idealismus dauernd zu befreien. Der Durchdringungspunkt für Ideales und Reales ist ihm eben das „transscendentale Ich“, dessen Grundvermögen und Grundbestimmungen ebenso real sind — denn in ihnen concentrirt sich die ganze Wirklichkeit, des Geistes Wesen ist mikrokosmisch — , als auch ideal; denn sie enthalten eben damit zugleich den Möglichkeitsgrund des Erkennens der Wirklichkeit; sie sind die Idealgründe einer wahrhaft objectiven (realen) Wissenschaft. Aus demselben Grunde ist ihm fürjetzt die Psychologie — aber ausdrücklich als „Pneumatologie“, als Lehre vom transscendentalen Wesen des Geistes gefasst — die unentbehrliche Vorwissenschaft, um die rechten, vollständigen Real- und Idealprincipien zu gewinnen. „Die Psychologie“, sagt er, „soll nicht Zweck, sondern Mittel zu ihm sein“ (das reine Wesen des Ich zu erkennen), „wie ja die Seelenvermögen überhaupt nur diese Mittel zum Zweck sind. Aber dadurch

* *

Fichte, Psychologie.

XVIII

Wir haben soeben schon angedeutet, was bei jener Fassung der Aufgabe zu berichtigen sei. Wir heben dies noch bestimmter hervor, indem unsere Erachtens die Nichtbeachtung dieses scheinbaren Nebenpunktes zu den verhängnissvollsten Irrthümern Veranlassung gegeben. Es ist die sofortige Bezeichnung des Geistes als „Ich“, als ob beide Begriffe gleichbedeutend wären und sich deckten. Es ist die daraus hervorgehende irrthüniliche Folgerung, als müsse, weil mit Recht erkannt worden, dass Alles im Geiste nur aus dem Wesen des Geistes herzuleiten sei, nicht von anderswoher, um deswillen Alles aus dem „Ich“, der Ichform, „abgeleitet“ werden.

XIX

Das „Ich“, als solches, als „reines“, „allgemeines“, und mit welchen Prädicaten man es sonst noch auszustatten gedenkt, ist weder ein Reales, noch viel weniger Princip eines Realen, sondern lediglich das Product einer psychologischen Abstraction, mit welcher die allen Geistern gemeinsame Vorstellung derselben von sich zu einem Allg emeinbegriff erhoben und als charakteristisches Prädicat des Geistes als solchen bezeichnet wird.

Wie kritisch die „Anthropologie“ erwies, wie psychologisch das nachfolgende Werk zu zeigen hat, ist das kommen wir weiter, nämlich durch psychologische Begründung der metaphysischen Begriffe.“ Im Hinblick auf den Inhalt dieses Werkes kann ich mich nur mit allen diesen Bestimmungen einverstanden erklären, und es wäre mir höchst erwünscht und ermuthigend, wenn der treffliche Denker in dem nachfolgenden Versuche einer Psychologie zugleich einen Beitrag zur Lösung jener allgemeinen Aufgabe finden wollte, obschon ich, aus sogleich anzuführenden Gründen, einer etwas andern Terminologie und einer abweichenden Methode mich bediene, nämlich der Induction aus der Erfahrung, welche sicherlich die einzig geeignete ist, um neue Principien zuerst festzustellcn und vor Zweifel und Ungewissheit zu sichern.

XIX

Ich die für sich leere Form des Selbstbewusstseins, in welcher der Geist seine realen, aber ihm bewusst gewordenen Unterschiede vorstellend zusammenfasst: Zeichen

eines Realen, aber selbst nichts Reales (Inhaltliches), aus welchem daher auch nichts Inhaltliches im Bewusstsein „abgeleitet“, das überhaupt nicht in realem Sinne zum „Principe“ gemacht werden kann.

XX

Der Ausdruck ,, transscendentales Ich“ endlich, wenn man überhaupt sich dessen bedienen will — uns scheint er theils überflüssig, theils ungenau — , kann nur die Höhe und Tiefe der „Selbsterkenntniss“ bezeichnen, mit welcher der Geist in sein eigenes transscendentales, vorempirisches Wesen zurückgeht, um darin den Grund und die Quelle, seines sinnlich - empirischen Bewusstseins zu finden. Die echte, gründliche Psychologie, als durchdringende Selbsterkenntniss des Geistes, soll transscendental sein; aber ein „transscendentales Ich“ in seiner Unmittelbarkeit und Ausdrücklichkeit wird im Bereiche der psychischen Thatsachen nirgends gefunden, kann nicht gefunden werden, weil im gegebenen, wirklichen Bewusstsein oder „Ich“ jenes Apriorische, Transscendentale, als innerster Grund und Princip dieses Bewusstseins oder Ich, eben darum nothwendig ein ihm verdeckter Hintergrund, ein Un- oder Vorbewusstes bleiben muss.

Eine ganz andere, damit nicht zu verwechselnde Frage ist die, wie die Psychologie ihre eigene Möglichkeit begründen, d. h. erklären könne,, welchergestalt es ihr gelinge, bis zu jenem vorbewussten Plintergrunde des gegebenen Bewusstseins erkennend vorzudringen, selbst „transscendental“ zu werden? da doch soeben noch behauptet wurde, dass dem factischen Bewusstsein der eigene Grund desselben nothwendig verdeckt bleiben müsse.

XX

XXL

Auch darüber wird die Psychologie (im nachfolgenden Werke) genaue Rechenschaft abzulegen wissen. Sie zeigt, dass in der F o rm des Bewusstseins als solcher zugleich die Möglichkeit „unendlicher Reflexibilität“ liege, indem jeder an sich schon bewusste Zustand des Geistes, sofern er unterschieden wird durch dieses Bewusstsein von einem andern, gleichfalls bewussten, eben damit zum Objecte eines noch höhern (zusammenfassenden) Bewusstseins gemacht werden kann. Und so vermag der Geist, stufenweise immer höher sich objectivirend („ reflectirend“), durch den Selbsterkenntnissprocess der psychologischen Reflexion zuletzt auch im transscendentalen Wesen des Geistes die höchste allgemeine Bedingung seines Bewusstseins zu entdecken, welche dem wirklichen oder factischen Bewusstsein nothwendig sich verbirgt, gerade weil sie in letzterm auf eine besondere Weise wirksam ist. Aber aus eben diesem Grunde wird die Psychologie sich enthalten, diesen höchsten, auf das Transscendentale des Geistes zurückgreifenden Reflexionsact zum Begriffe eines „transscendentalen Ich“ zu hypostasiren, da ein solches Ich im wirklichen Bewusstsein nicht vorkommt, ausser eben nur im Reflexiousacte des psychologisirenden Subjects !

Man wolle übrigens in diesen Bemerkungen nicht eine unfruchtbare Subtilität , eine überflüssige psychologische Silbenstecherei erblicken. Wir sind der festen Ueberzeugung, dass bevor nicht der lange eingewohnten Verwechselung des „Ich“ mit dem „Geiste“ vollständig ein Ende gemacht worden, auch der Begriff der individualen Substanti alität des Geistes nicht fest begründet, der Gefahr nicht gründlich gewehrt sei, die Psychologie von neuem in pantheistischen Universalismus zurückfallen zu sehen oder in die noch schlimmere Verflachung, das Ich sich zusammensetzen zu lassen aus einer Vielfachheit „einfacher

XXI

Elemente“. Wir dürfen darüber statt alles Weitern nur auf die Ergebnisse unserer „kritischen Geschichte der Seelenlehre“ (im ersten Buche der „Anthropologie“) verweisen. *)

XXII

Wie schon die alten Dichter, offenbar nur aus dem Zeugniss des eigenen Innern schöpfend, es preisend verkündeten, ist der Menschengeist „göttlichen Geschlechts“, ist göttlicher „Erregung“ aufgeschlossen; und zwar, wie die eindringende psychologische Forschung dies erweist, keineswegs als universalistisches Gattungswesen, sondern gerade umgekehrt, sofern in ihm das concret Persönliche, die Eigentümlichkeit (XII) zum Bewusstsein und zur Geltung kommt, kurz eben das, was wir „Genius“ nennen. Dies nun ist die schlechthin höchste, zugleich die begeisterndste Einsicht, welche der Mensch über sich gewinnen kann, das tiefste Ergebniss seines Selbsterkennens. Wer dieser innern Ewigkeit, dieses Anteils am Göttlichen thatsächlich innegeworden, dem ist zugleich jenes Bäthsel seines Daseins gelöst (VII), der hat der tiefen Sehnsucht genug getan, welche ihn mitten im Sinnenleben, in der ,, Zeitlichkeit“ nie verlassen wollte. Er hat „die Zeit überwunden“, indem er mitten in der Zeitlichkeit die Quelle des Ewigen in sich erweckt hat.

XXIII

Die Psychologie aber, als vollendete „Selbsterlcenntniss“ des Menschengeistes, würde unvollständig bleiben, und ihr Princip mangelhaft, wenn sie nicht jene Thatsache in den Bereich ihrer Untersuchung zöge, noch eigentlicher, wenn sie nicht ihr gesammtes Princip auf diese höchste Erweisung im Bewusstsein gründete. Auch dies bitten wir

*) Z. B. auf S. 25 und 26 ebendaselbst, 2. Aull.

XXII als leitenden Gedanken für die folgende Untersuchung nicht unbeachtet zu lassen.

Offenbar bietet jene Wahrheit (XXII) zwei sehr bestimmt zu unterscheidende Seiten dar, deren Verwechselung, ja auch nur deren Vermischung von verhängnisvollen Folgen begleitet ist, welche aufzudecken auch jetzt noch an der Zeit sein mochte.

Der Menschengeist erweist sich als ein übersinnliches, ewiges Wesen mitten im Sinnlichen und in der Flucht der Zeitlichkeit. Eben darum vermag er aber auch in ein directes Verliältniss zum höchsten, absoluten Geiste zu treten, und von ihm erfüllt, zum „Organ“ schier Offenbarung zu werden.

Beide Gedanken sind allerdings unabtrennlich von einander und factisch niemals getrennt worden, wie schon aus jener universalen culturgesckicktlicken Tkatsache zu ersehen, dass wo Unsterblichkeit (innere Ewigkeit) des Menschengeistes gelehrt wurde, dies in ausdrücklicher Verbindung mit dem Glauben an eine lebendige Gottheit geschah, ja dass jene Lehre gerade als die vornekmlichste Offenbarungswahrkeit hochgehalten wurde.

Dennoch sind beide Sätze nicht „identisch“, sondern wohl und sorgsam voneinander zu imterscheideu. Denn eine gänzliche Versciclitigung beider wäre es, ja das Verderbniss eines jeden derselben in seinem eigentlichen Werthe, wollte man sie zu jenem wohlbekannten pantheistischen Begriffe von der „Einheit des göttlichen und menschlichen Geistes“, vom „Bewusstwerden Gottes im Menschen“ u. dgl. einschwinden lassen, in dessen banal gewordener Trivialität ebenso der erhabene Ernst jener religiösen Wahrheit rettungslos verflacht, als die unbefangene psychologische Forschung nachweislich auf die verderblichsten Irrwege geleitet worden ist.

Die „Psychologie“ wird gerade zu zeigen haben und damit abermals berichtigend zurückwirken auf eine in Vor-

XXIII urtheilen befangene Metaphysik und danach gemodelte Religionslehre: — wie beide Wahrheiten sich wechselseitig voraussetzen, keinesweges aber zusammenfallen, indem nur unter der Bedingung, dass der Menschengeist ein Eigensubstantielles, selbständig aus sich Anfangendes, mithin von Gottes Geiste Unterschiedenes sei, auch eine wahrhafte, nicht blos illusorische, eine vom Menschen errungene und durchgekämpfte, darum aber auch zuversichtlich gewusste und tiefgefühlte Vereinigung („Versöhnung“) mit dem göttlichen Geiste möglich werde, und wie dieser begrifflichen Unterscheidung beider auch allein der wirkliche Hergang, die durchgreifende menschliche Erfahrung entspreche.

XXIV

Die letztere Betrachtung hat uns den Weg gebahnt zum höchsten Standpunkte, welcher der Psychologie zu erreichen bleibt. Wir können ihn den th eosophischen nennen; denn nur von ihm aus ist der letzte, gründliche Aufschluss über die eigentliche Quelle menschlicher Geistesentwickelung zu gewinnen.

Dass nämlich jede ideale Entwickelung des menschlichen Bewusstseins, jeder eigentliche „Culturfortschritt“, im ganzen Geschlechte sowol , wie im einzelnen Genius, nur aus jenem innern Verhältniss zum Geiste Gottes, aus göttlicher „Eingebung“ erklärlich werde, dass der wahre Erzeuger neuer Gedanken in uns nur Gott sei, dass namentlich Gott nicht ohne Gott von uns gewusst, nicht gefühlt noch erkannt werden könne, diese grosse, allein stichhaltende Einsicht verdanken wir vor allem den Lehren der Theosophie, und so darf endlich noch gesagt werden, dass nur vom Standpunkte der Theosophie aus die ganze psychologische Aufgabe gelöst werden könne. *)

*) Man vergleiche die analoge Beweisführung am Schlüsse der „Anthropologie“ (S. 608 fg., 2. Aull.).

XXIV

Diese zerfällt hiernach unter einen doppelten Gesichtspunkt :

Einerseits wird sie nachzuweisen haben, was der Menschengeist aus seinem eigenen apriorischen Vermögen, in Wechselwirkung mit dem Objectiven der Aussenwelt, in seinem Bewusstsein hervorzubringen vermöge, ebenso wfas der Grundcharakter und die Grenze dieses Bewusstseins sei. Andererseits wird sie zu zeigen haben, wo dies Erklärungsprincip nicht mehr ausreiche, sondern wro ein neues, aus dem bisherigen Causalnexus der Vorstellungsverkettung nicht mehr erklärbares Element hineintritt in dies Bewusstsein, von Innenher (durch „Eingebung“) es umgestaltend.

XXV

Hiermit erwächst unserer eigenen psychologischen Theorie noch ein anderes eigenthümliches Problem. Denn es ist sogleich ersichtlich, dass nicht in derselben Weise das Verhältniss des absoluten Geistes zum menschlichen Bewusstsein gedacht werden könne, wie das der endlichen objectiven Dinge zu demselben. Gott kann unserm Bewusstsein niemals als ein blos Objectives gegenübertreten, gleich jenen. Damit fiele sein Begriff einer wahrhaften „Verendliehung“ zu. Er wäre, gleich andern endlichen Objecten, ein Ding ausser und neben unserm Geiste. Aber er ist eine Macht in ihm und zugleich über ihm.

Wir werden sonach ein doppeltes Grundverhältuiss des Bewusstseins zum Realen zu unterscheiden haben.

Das apriorische Wesen unsers Geistes (IV) entwickelt zunächst seine Grundanlagen an der Wechselwirkung mit dem Andern, Realen, zum Bewusstsein dieses Andern und seiner selbst, es wird darin zum „Subject“ einem „Objecte“ gegenüber, und aus den verschiedenen Verhältnissen zwischen Subject und Object entstehen jene verschiedenen Grundunterschiede bewusster Thätigkeit, welche wir als „Erkennen“, „Fühlen“, „Wollen“ bezeichnen.

XXV

XXVI

Nun aber kann eine eindringende psychologische Beobachtung sich nicht verbergen, dass innerhalb des Rahmens jener allgemeinen und unaufhebbaren Grundverhältnisse es bestimmte Bewusstseinszustände gibt, welche sich durchaus nicht erklären lassen aus der blosen Wechselwirkung von Subject und Object, von Geist und Aussenwelt, bei denen wir vielmehr ein von Innenher auf den Geist und sein Bewusstsein einwirkendes Princip anzunehmen genöthigt sind, wenn wir dem Charakteristischen dieser psychischen Thatsachen gerecht werden wollen; — ein Verhältniss daher, in welchem der Geist nicht mehr als Subject einem Objecte gegenüber sich befindet, sondern nach welchem ein Höheres in ihn eingeht, Eins mit ihm wird und durch ihn sich offenbart. (Dies eben, die Einsicht, dass Gott niemals äusseres Object, ,, Aussending“, für das menschliche Bewusstsein werden könne, ist das allerdings hochwichtige Ergebnis, der bleibende Rest der Wahrheit, der aus den letzten Systemen seit Fichte sorgsam zu bewahren ist, dort freilich untermischt mit vielen Irrthümern und übereilten, gerade auf jene Prämisse gestützten psychologischen Folgerungen. *)

XXVII

Auch dies Verhältniss ist am menschlichen Bewusstsein nicht unbemerkt vorübergegangen ; und wie konnte es anders sein , da es gerade durch die gewaltigste Erregung im Geiste sich kundgibt, unvergleichbar in ihrer Eigenthümlichkeit mit

*) Beiläufig sei bemerkt, dass Fichte’s Behauptung, welche ihm den Vorwurf des Atheismus zuzog, eben nur die war, Gott könne nichts „O hj ecti ves“, kein in den (sinnlichen) Formen der Objeetivität zu denkendes Ding, nach seinem Sprachgebrauche keine „Substanz“ sein, in welcher Verneinung und in deren Gründen er unstreitig recht hatte.

XXVI allen andern Erregungen, welche der Geist von Aussen empfangt. Man hat diese tiefempfundene Wirkung seit Anbeginn in allen Sprachen mit einem Ausdruck belegt, welcher ,, Einhauch“, „Eingebung“, kurz eine von Innenher den Geist und sein Bewusstsein steigernde Kraft bezeichnet; und alle Grossen und Guten, alle wahrhaft Begeisterten haben sich zu solchen Erlebnissen bekannt. Aber die Schulmetaphysik hat diese hochwichtige psychische Thatsache unbeachtet zur Seite gelassen und ebensowenig ist es unsers Wissens der Psychologie unserer Zeit irgendwo in den Sinn gekommen, dies Verhältniss zum Mittelpunkte ihrer Forschung zu machen, sodass, hätte die christliche Theosophie und Mystik nicht unermüdlich daran erinnert, dass ohne den steten Einfluss des göttlichen Geistes der menschliche todt und unerweckt, dem Einerlei des sinnlichen Naturkreislaufes verfallen bliebe, der weltlichen MTssenschaft diese gründliche Einsicht wol ganz abhanden gekommen wäre. *)

Es ist die Bestimmung des gegenwärtigen Werkes, auch diese Lücke auszufüllen, oder den theosophischen Standpunkt als den einzig erschöpfenden für die Psychologie aufzuweisen.

Dies kann jedoch erst dann gelingen, wenn vollständig ermittelt ist, was der Geist in der immanenten Entwickelungsgeschichte seines Bewusstseins aus sich selbst zu erzeugen vermag, wo dagegen der mehr als menschliche Factor, das göttliche Element, in jenen festgegliederten Context hineintritt.

*) Es braucht wol kaum erinnert zu werden, dass zu unserer Zeit vornehmlich Franz Baader es war, der auf diesen Cardinalpunkt aller Wahrheit mit unermüdlicher Energie und in den verschiedensten Wendungen hingewiesen hat. Und in diesem Betracht darf er mit Recht den ersten Denkern, ja den Neubegründern der Wissenschaft in unserer Zeit beigezählt werden.

XXVII

XXVIII

Der erste Versuch dieser Art sollte die „Ethik“ des Verfassers sein *), eine Monographie über den Willen, welche einen Theil der Aufgabe behandelt, die vollständig und im Ganzen zu lösen dem gegenwärtigen Werke obliegt. Aus Gründen nämlich, welche dort angegeben sind, lässt sich am Bewusstsein des Willens, der Selbstthätigkeit, deutlicher und unwidersprechlicher zeigen, als an den beiden andern Thätigkeitsweisen des Geistes, wie weit die Macht dieses „Selbst“ reiche, und wo er innerhalb dieses „Selbst“ von einer noch höhern, ihn „entselbstenden“ Macht ergriffen werde und davon zugleich das untrügliche Bewusstsein gewinne. Es konnte dort nachgewiesen werden, wie in der stufenweisen Entwickelung des menschlichen Willens deutlich und entschieden der Moment sich abhebt, wo anerkannt werddn muss, „dass nicht blos menschliche Freiheit und ein endliches Thun im ethischen Processe wirkt, sondern dass es eigentlich ewige, göttliche Kräfte sind, welche die menschliche Freiheit ergreifen, sie begeisternd über die aus dem ursprünglichen Grundtriebe des Geistes stets emporsteigende (natürliche) Selbstsucht erheben und so den ethischen Process zum Abschluss bringen“; dass hierin aber allein „die Eintracht zwischen dem Selbstgefühl und dem Willen, die innere Glückseligkeit durch , Wiedergeburt4 erreicht werde“.**)

Am Schlüsse der „Güterlehre“ aber, oder der allgemeinen „Gesellschaftswissenschaft“ ergibt sich***): dass „ohne diesen göttlichen Beistand und fortdauernde Assistenz,

*) „System der Ethik, zweiter darstellender Theil: erste, zweite Abtheilung.“ Leipzig 1851, 1853.

***) A. a. O., zweite Abtheilung, S. 493.

XXVIII welche die ungeheuere Gegenwucht der Selbstsucht in uns Allen unablässig überwindet und an tausend unwillkürlichen Regungen des Menschen dem sinnigen Beobachter sich verräth, die Gesellschaft im kleinsten Umkreise, wie im grössten, in steter Gefahr wäre, zu Trümmern zu gehen. Dies sei das wahre, greifliche Wunder, das offenbare Mysterium der göttlichen Gegenwart in der Menschheit, welches sich jeden Augenblick vor unsern Augen begibt, die jedoch oft genug mitten im Lichte Nichts erblicken. Die Religion enthülle uns dies Räthsel, wie die wahre mit sich zu Ende gekommene Speculation. Durch beide werde der Mensch, die Menschheit ihres eigenen Wesens sicher, indem sie sich begreift als im Geiste Gottes gegründet“ (diese Einsicht erklärt erst die A priorität ihres Wesens) „und als von seinem Willen erhalten in jedem Augenblicke ihrer Existenz“ (diese Einsicht ist die höchste Vollendung ihres Wesens und ihres Bewusstseins).

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