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Kulturgeschichte der Nutztiere (part 3 of 4)

Part 3 of 4 · Reinhardt, Ludwig · Public domain text

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Kulturgeschichte der Nutztiere (part 3 of 4)

Weiter sagt Aristoteles: „Unter den Bienen ist eine jede zu einer bestimmten Arbeit angewiesen, so z. B. sammeln die einen von den Blüten Honig, die andern holen Wasser und wieder andere bauen und glätten die Waben. Wasser tragen sie, wenn die Brut gefüttert wird. Ist das Wetter gut, so arbeiten sie rastlos, und selbst die Jungen beginnen, wenn sie Nahrung haben, schon am dritten Tage nach dem Auskriechen die Arbeit. Kräftige Stöcke haben das ganze Jahr Brut mit Ausnahme der 40 auf die Wintersonnenwende folgenden Tage. Sind die Jungen in den Zellen herangewachsen, so setzen ihnen die Bienen nochmals Speise vor und schließen dann die Zelle durch einen Deckel; diesen zerbrechen aber die Jungen und kommen hervor, sobald sie stark genug sind. Alle Tierchen, welche sich in Bienenstöcken erzeugen und das Wachs zerstören, werden von guten Bienen herausgeschafft, von schlechten aber zu allgemeinem Schaden geduldet. Überhaupt sind die Bienen sehr reinlich; tote schaffen sie gleich aus dem Stock. Üble Gerüche und Wohlgerüche sind ihnen zuwider; daher sind Leute, die sich parfümieren, ihren Stichen ausgesetzt. Die Bienen kämpfen öfters gegeneinander, auch gegen Wespen. Auswärts lassen sie sich zwar in keinen Streit irgend welcher Art ein, aber bei ihrem Stocke erstechen sie alles, was sie überwältigen können. Eine Biene, die gestochen hat, muß sterben, weil sie ihren Stachel nicht ohne Verletzung der Eingeweide aus der Wunde zurückziehen kann; drückt aber der Gestochene den Stachel sorgfältig heraus, so kann sie am Leben bleiben. Selbst große Tiere können durch Bienenstiche umkommen; sogar ein Pferd ist schon einmal daran gestorben. Am wenigsten Neigung zum Zorn und zum Stechen haben die Anführer. Den meisten Schaden fügen den Bienen die Wespen, Meisen, Schwalben und Bienenfresser zu. Auch die Frösche lauern ihnen beim Wasser auf, weswegen sie denn auch von den Bienenwärtern (melitturgós) in den Gewässern, in welchen die Bienen trinken, verfolgt werden. Wespen-, Schwalben- und Bienenfressernester zerstört man ebenfalls in der Nähe der Bienenstöcke.“

Wir haben hier auszugsweise Aristoteles Meinung wiedergegeben, ohne Richtigstellung der zahlreichen von ihm vertretenen Irrtümer, indem wir annehmen, daß die Leser von sich aus dieselben korrigieren werden. Uns lag nur daran zu zeigen, wie weit man damals schon in der Erkenntnis des Bienenstaates und seiner Mitglieder gediehen war.

Aristoteles kennt und beschreibt aber auch die verschiedenen Krankheiten der Bienenvölker, die Faulbrütigkeit und die Schädigungen durch die Wachsmotte und den Bienenwolf. Er sagt, daß man beim Schneiden der Honigwaben den Bienen noch welche als Winternahrung übriglassen müsse, sonst stürben sie bei schlechtem Wetter an Futtermangel, bei gutem aber flögen sie davon. Sturm und Regen merkten sie im voraus; die Bienenwärter bemerkten es gleich, daß sie Unwetter erwarten, wenn sie bei heiterem Himmel nicht fliegen wollen und zu Hause bleiben. Wenn sie sich im Stocke klumpenweise zusammenhängen, so sei dies ein Zeichen, daß sie schwärmen wollen. Sobald die Bienenwärter solches bemerken, spritzen sie mit Honig eingekochten Traubensaft in die Stöcke. Manche Bienenwärter bestreuen ihre Bienen mit Mehl, um sie im Freien erkennen zu können. Tritt das Frühjahr spät ein, entsteht Dürre oder fällt Mehltau, so machen die Bienen nur wenig Brut. Er gibt genaue Anweisung über die beste Art der Einrichtung eines Bienenstandes. Ein solcher dürfe weder im Sommer der großen Hitze, noch im Winter der Kälte ausgesetzt sein. Eine vorzügliche Futterpflanze für die Bienen sei der Thymian. Weil der Berg Hymettos in Attika reich an Thymian war, galt der von dorther stammende Honig im ganzen Altertum als besonders fein und gewürzhaft. In Attika soll es schon zur Zeit des Perikles, um die Mitte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts, etwa 20000 zahme Bienenvölker gegeben haben, was auf eine reiche Imkertätigkeit der alten Griechen hinweist.

Auch die alten Römer trieben, wohl weitgehend von den Griechen beeinflußt, ausgedehnte Bienenzucht. Der gelehrte Varro (116-27 v. Chr.) schreibt in seinem Buche über den Landbau, er kenne einen Mann, der seinen Bienenstand für eine Abgabe von jährlich 5000 Pfund Honig verpachtet habe. Und ein Verwandter von ihm habe in Spanien zwei Soldaten mit Namen Vejanus in seiner Armee gehabt, die von ihrem Vater nur ein ganz kleines Gütchen geerbt hätten. Diese hätten ihre Wohnung ganz mit Bienenstöcken umgeben und das Feld darum herum mit Thymian, Melisse und anderem Bienenfutter bepflanzt, so daß sie in der Regel jährlich 10000 Sesterzien (= 1500 Mark) aus dem Honig lösten. Er gibt genaue Anweisung, wie ein Bienenstand, der tüchtige Einkünfte gewähren soll, angelegt werden muß und rät als beste Bienenweide Thymian zu pflanzen, der den besten und reichlichsten Honig gebe. Deswegen sei auch der sizilische Honig der berühmteste, weil dort der Thymian gut und häufig sei. Der Honig, der von verschiedenen Pflanzen gesammelt werde, sei verschieden. Von den Blüten der Baumheide sei er flüssiger, vom Rosmarin dicker, vom Feigenbaum komme ein schlecht schmeckender, vom baumförmigen Schneckenklee ein guter, der beste aber vom Thymian. Die Bienenstöcke stelle man meist aus in runder Gestalt geflochtenen Weidenruten, die innen und außen mit Kuhmist verstrichen würden, oder aus Holz oder Rinde her. Manche nehmen dazu hohle Baumstämme oder große Tonkrüge. Am besten seien die aus Baumrinde gefertigten Stöcke, am schlechtesten dagegen die irdenen, da durch sie Hitze und Kälte am stärksten eindringe. Jeder Stock bekomme in seiner Mitte links und rechts einen Eingang für die Bienen und habe oben einen Deckel, damit man die Honigwaben herausnehmen könne. Im Bienenhaus stelle man die Stöcke reihenweise nebeneinander, doch so, daß sie sich nicht gegenseitig berühren. Man könne auch zwei oder drei Reihen übereinander stellen, eine vierte aber würde beschwerlich sein, da man ohne Leiter nicht gut zu ihr hinaufreiche. „Im Frühjahr und Sommer hat der Bienenwärter (mellarius von mel Honig) jeden Stock etwa dreimal monatlich zu untersuchen, wobei er ein wenig Rauch gibt und Unreinigkeiten und Würmchen (Larven des Bienenwolfs und der Wachsmotte) entfernt. Außerdem hat er darauf zu sehen, daß nicht mehrere Könige (regulus, d. h. kleiner König oder Weisel) in einem Stocke sind; denn sonst entsteht darin schädlicher Aufruhr. Manche behaupten, es gäbe dreierlei Könige bei den Bienen, nämlich schwarze, rote und bunte.“ Menekrates aber sagt, es gebe nur zweierlei, schwarze und bunte. (Auch Aristoteles kannte deren nur zwei, eine rötliche Art, die er für besser hielt, und eine dunkelfarbige und bunte.) „Die bunte Art ist jedenfalls die beste, und so tut denn der Bienenwärter gut, den schwarzen König zu töten, wenn er neben einem bunten im Stocke ist und darin Unfug stiftet. Von den Arbeitsbienen sind diejenigen die besten, welche klein, bunt und rund sind. Die Drohnen sind schwarz und haben einen breiten Leib. -- Beim Kauf hat der Käufer darauf zu achten, ob die Bienen gesund oder krank sind. Gesunde Bienen schwärmen fleißig, sind glänzend, bauen gleiche, glatte Waben. Die kränklichen sind haarig, struppig, staubig; doch können auch gute Bienen bei angestrengter Arbeit struppig und mager werden.

Da die Bienen nicht zu jeder Zeit auf Nahrung ausfliegen können, füttert man sie in der bösen Zeit, damit sie nicht von bloßem Honig zu leben brauchen oder die Stöcke verlassen. Das Futter besteht aus Feigen, die mit Wasser gekocht und zu Klumpen geknetet sind. Andere verfüttern Honigwasser (aqua mulsa), das sie in kleine Gefäße tun, worin Wolle liegt; diese hindert die Bienen, nicht zuviel zu saugen und ins Wasser zu stürzen. Manche stampfen getrocknete Weinbeeren und Feigen, gießen mit Honig eingekochten Traubensaft darauf und machen daraus Klümpchen. -- Will man einen Bienenstock an eine andere Stelle versetzen, so muß es mit Vorsicht und zur rechten Zeit geschehen. Zum Versetzen ist der Frühling günstiger als der Winter, denn in der kalten Jahreszeit verlassen die Bienen gern den neu angewiesenen Standort. Ebenso entweichen sie gern, wenn man sie aus einer reiche Nahrung bietenden Gegend in eine daran arme versetzt. Man darf auch nicht sorglos verfahren, wenn man sie an einer Stelle, wo sie bleiben sollen, aus einem Stock in einen anderen versetzt. Man muß dann den neuen Stock für sie mit Melisse ausreiben, die sie sehr gern haben; auch muß man mit Honig gefüllte Waben darein einsetzen, damit sie nicht von vornherein Mangel leiden müssen.

Haben die Bienen sich stark vermehrt, so pflegen sie eine Kolonie auszusenden. Man bemerkt ihre Absicht im voraus an zwei Zeichen: 1. einige Tage lang hängen sie in einer traubenförmigen Masse am Flugloch; 2. wenn sie eben ausziehen wollen oder schon begonnen haben es zu tun, summen sie heftig und der Lärm gleicht einigermaßen dem, welchen eine Armee macht, wenn das Lager abgebrochen wird. Einige bilden die Vorposten, fliegen im Angesicht des Stockes auf und nieder und warten ab, ob der Schwarm sich in Bewegung setzt oder nicht. Sieht das der Bienenwärter, so wirft er Staub nach ihnen, klingelt mit ehernen Instrumenten und bringt sie dadurch wohin er will. Nicht weit vom alten Stock bestreicht er einen neuen Stock mit Vorwachs und Melisse oder anderen Dingen, die den Bienen angenehm sind. Haben sich nun die Bienen angesetzt, so bringt der Bienenwärter einen Stock herbei, welcher inwendig mit den genannten lockenden Dingen ausgestrichen ist, setzt ihn in die Nähe des Schwarms, räuchert diesen ein wenig und zwingt ihn so zum Einzug. Hat die neue Kolonie den Stock bezogen, so bleibt sie gern darin und zieht auch dann nicht aus, wenn er ganz nahe an den alten gestellt wird.

Ist der Stock schwer, so kann man ihm Honig entnehmen. Die mit Honig gefüllten Zellen sind mit einem dünnen Wachsdeckel geschlossen. Einige sagen, man müsse den Bienen 9/10 nehmen und ⅒ lassen, weil sie den Stock verlassen, wenn man ihnen alles nimmt. Schneidet man die Stöcke nicht alle Jahre oder wenigstens nicht zu stark aus, so sind die Bienen fleißiger und tragen mehr ein. Die erste zum Schneiden der Bienenstöcke (zur Honigernte) taugliche Zeit ist die, da die Vergilien (die Plejaden oder das Siebengestirn) aufgehen, die zweite zu Ende des Sommers, die dritte zur Zeit, da die Vergilien untergehen. Ist zu dieser Zeit der Stock schwer, so nimmt man ihm doch nicht über ⅓ des Honigs und läßt ihm ⅔ für den Winter. Sind Waben, die man den Bienen genommen, leer oder schmutzig, so schneidet man solche Stellen mit dem Messer weg.

Ist ein Volk so schwach, daß es von anderen überwältigt wird, so vereinigt man es heimlich mit einem stärkeren. Entstehen unter den Bienen häufig Raufereien, so bespritze man sie mit Honigwasser, worauf sie sich freundlich lecken, statt die Zänkerei fortzusetzen. Nimmt man statt des Honigwassers flüssigen Honig, so lecken sie sich noch eifriger und sind ganz entzückt über die herrliche Leckerei. Fliegen sie spärlich aus dem Stock und bleibt ein Teil darin, so räuchert man ihn etwas von unten und legt in seine Nähe wohlriechende Kräuter, vorzüglich Melisse und Thymian. Vor allzu großer Hitze und Kälte hat man den Stock sorgfältig zu beschützen. Sind die Bienen auf Nahrung ausgeflogen und dabei plötzlich von einem Platzregen oder von Kälte überfallen worden (was jedoch selten geschieht, da sie jedes Wetter im voraus merken), so sammelt man sie und setzt sie an einen lauen Ort. Bei gutem Wetter nimmt man sie aus diesem, bestreut sie mit warmer Asche von Feigenholz, schüttelt sie, ohne sie mit der Hand zu berühren, gelinde und bringt sie an die Sonne. Sind sie auf solche Weise warm geworden, so leben sie wieder auf. Bringt man sie nun in die Nähe der Stöcke, so kehren sie dann an ihre Arbeit und in ihre Wohnung zurück.“

Es ist erstaunlich, wie groß auch bei Barro die Erkenntnis in der Beurteilung der Lebensweise der Bienen ist, wenn auch er, wie Aristoteles, noch gar vielen Irrtümern huldigte, worunter auch dem, daß die Bienen aus dem Aase von Rindern, wie die Wespen aus solchem von Pferden und die Mistkäfer aus solchem von Eseln hervorgehen. Am ausführlichsten behandelt der römische Dichter Vergil die vermeintliche Entstehung der Bienen aus dem Aase von Rindvieh im 4. Buche seiner Georgica, das mit seinen 566 Versen ganz den Bienen gewidmet ist. Er sagt, daß wenn durch irgend ein Unglück der Bienenstand ausgestorben sei und man keine bevölkerten Stöcke kaufen könne, so wende man die höchst merkwürdige Kunst an, die der arkadische Hirt Aristäus erfunden habe und die noch jetzt in Ägypten mit großem Gewinn angewendet werde. Einem zweijährigen Stiere verstopfe man trotz allem Sträuben Mund und Nase und prügle ihn so lange, bis, ohne daß die Haut verletzt wird, inwendig alles zu Brei geschlagen sei. So lasse man den Kadaver ruhig liegen, nachdem man ihm Thymian und Zimt untergelegt habe. Bald komme das Innere desselben in Gärung, man sehe darin ein wunderbares Gewimmel fußloser Tiere (Maden), bis zuletzt geflügelte Bienen hervorkämen und die Menge wachse und ganze Wolken davon herumschwirren. Tatsächlich sind das aber aus Eiern entstandene Schweißfliegen und keine Bienen.

Im ganzen Altertum war die Anschauung von solcher Urzeugung gang und gäbe. Es sei hier nur an das uns allen geläufige Rätsel erinnert, das, wie im 14. Kapitel des Buches der Richter erzählt wird, vom Helden Simson bei seiner Hochzeit mit der Philisterin zu Thimnath den 30 um ihn weilenden Gesellen aufgegeben wurde, wobei er ihnen 30 Hemden und 30 Festkleider versprach, falls sie es lösen sollten. Könnten sie es aber nicht erraten, so sollten sie ihm 30 Hemden und 30 Festkleider geben. Das Rätsel lautete: „Speise ging aus von dem Fresser und Süßigkeit von dem Starken.“ Er meinte damit den Bienenschwarm im Kadaver des jungen Löwen, den er einige Tage zuvor am Wege durch die Weinberge zu Thimnath mit seinen starken Armen zerrissen hatte, „wie man ein Böcklein zerreißet“. Dieser Bienenschwarm sollte aus dem Aase des Löwen hervorgegangen sein und hatte bereits Honig gesammelt, den Simson in die Hand nahm und von dem er unterwegs aß; „und er ging zu seinem Vater und zu seiner Mutter und gab ihnen, daß sie auch aßen. Er sagte ihnen aber nicht, daß er den Honig von des Löwen Aas genommen hatte.“

Mehrfach berichten Livius in seiner Geschichte Roms und Cicero in seinem Buche de divinatione von Wundern, die durch das merkwürdige Verfliegen von Bienenschwärmen angezeigt worden seien. Es galt als unglückbringend, wenn sich ein solcher vor einer geplanten Unternehmung irgendwo einfand. So berichtet Livius: „Als die Römer am Flusse Ticinus (dem heutigen Ticino) dem Hannibal gegenüberstanden, war ihnen nicht ganz wohl zumute und ihre Furcht nahm zu, als ein Wolf ins Lager drang und unversehrt wieder hinauslief, und als sich ein Bienenschwarm auf einem Baume niederließ, der das Zelt des Befehlshabers beschattete. Man suchte dem üblen Erfolg dieser Unglückszeichen dadurch vorzubeugen, daß man den Göttern Sühnopfer darbrachte. -- Im Verlaufe desselben Krieges ereigneten sich zur Zeit, da Quintus Fulvius und Appius Claudius Konsuln waren, neue Wunderzeichen: In Campanien wurden zwei Tempel und einige Gräber vom Blitze getroffen, zu Cumä benagten die Mäuse im Tempel des Jupiter das Gold, zu Catinum ließ sich ein ungeheurer Bienenschwarm auf dem Markte nieder, zu Caere flog ein Adler auf den Tempel des Jupiter. Wegen dieser drohenden Zeichen wurde ein allgemeiner Bettag angesagt und einige Tage lang mit ungünstigem Erfolge geopfert. Endlich verhießen die Opfer Glück, und der Erfolg zeigte, daß das Unglück die Konsuln traf, der Staat aber ohne Schaden davonkam.“ Nach dem griechischen Geschichtschreiber Dio Cassius (155-229 n. Chr.) soll dem Pompejus seine Niederlage bei Pharsalus im voraus verkündet worden sein, indem Blitze in sein Lager schlugen, Bienen sich auf seine Fahnen setzten und viele Opfertiere vor dem Altar die Flucht ergriffen. Die Niederlage, die Varus im Jahre 14 n. Chr. in Germanien erlitt, sei den Römern durch Zeichen prophezeit worden, indem der Blitz in den Tempel des Mars auf dem Marsfeld schlug, viele Heuschrecken in die Stadt Rom flogen und dort von den Schwalben weggeschnappt wurden und Bienen an römischen Altären Wachszellen bauten. Auch des Kaisers Claudius Tod sei durch einen Kometen, einen blutigen Regen, die freiwillige Öffnung des Tempels des Jupiter Victor und auch dadurch voraus verkündet worden, daß sich ein Bienenschwarm im Lager festsetzte. Und Plinius (23-79 n. Chr.) meint: „Bienenschwärme geben einzelnen Menschen und ganzen Staaten wichtige Vorbedeutungen, wenn sie sich an Häuser oder Tempel hängen, worauf schon oft schrecklicher Jammer erfolgt ist. Als Plato noch ein Kind war, setzten sich Bienen auf seinen Mund und deuteten dadurch auf das Liebliche seiner zukünftigen Beredsamkeit. Im Lager des Feldherrn Drusus ließ sich ein Schwarm während der glücklichen Schlacht von Arbalo (in Germanien) nieder, woraus man sehen kann, daß die Wissenschaft der Zeichendeuter, welche eine solche Begebenheit immer für ein Unglück erklärt, nicht untrüglich ist.“

Auch Plinius behandelt die Bienen sehr ausführlich in seiner Naturgeschichte. Er sagt von ihnen: Wir müssen ihnen die höchste Bewunderung zollen und ihnen den Vorzug vor allen Insekten geben, sind sie doch die einzigen bloß um des Menschen willen geschaffenen. Man braucht sich deshalb nicht zu wundern, wenn man hört, daß manche Menschen ganz verliebt in ihre Bienen gewesen seien. So habe Aristomachos von Soli sich 58 Jahre lang mit nichts anderem als mit ihnen beschäftigt, und Philiskos aus Thasos habe mit seinen Bienen einsam in einer Einöde gelebt. Beide haben über sie geschrieben. Dann fährt er fort: „Den Winter über verbergen sich die Bienen, denn woher sollten sie auch die Kräfte nehmen, um der Kälte, dem Schnee und den Nordstürmen zu widerstehen? Aber ehe noch die Bohnen blühen, kommen sie heraus, um zu arbeiten, und wenn das Wetter günstig ist, geht kein Tag verloren. Zuerst bauen sie die Waben, dann erzeugen sie die Brut, sammeln Honig und Wachs von den Blüten, wie auch Vorwachs aus den klebrigen Abscheidungen der Bäume. Mit letzterem streichen sie erst inwendig den Stock aus, und weil sie wohl wissen, daß ihr Honig ein Leckerbissen ist, so mischen sie zur Abhaltung kleiner Schmarotzer dem Vorwachse noch bittere Säfte bei. Mit derselben Masse verengern sie auch den Eingang, wenn er allzu weit sein sollte. -- Bei ihren Geschäften beobachten die Bienen eine bestimmte Ordnung: Am Tage steht eine Schildwache am Eingang; nachts ruhen sie, bis der Morgen anbricht und bis eine durch zwei- oder dreimaliges Sumsen gleich einem Trompeter das Zeichen zum Aufbruche gibt. Jetzt fliegen alle hinaus, wenn ein heiterer Tag bevorsteht. Ist aber Wind und Regen in Aussicht, so bleiben sie zu Hause, denn sie wissen im voraus, wie das Wetter sich gestalten wird. Sind sie zur Arbeit ausgezogen, so tragen die einen Blütenstaub mit den Füßen ein, andere Wasser im Munde und an den Haaren, womit ihr ganzer Leib bedeckt ist. Die Jungen fliegen aus und tragen ein, die Alten dagegen besorgen die häuslichen Arbeiten. Diejenigen, welche Blütenstaub sammeln, bedienen sich der Vorderfüße, welche behaart sind, und des Rüssels, um die Vorderfüße zu beladen, und so kehren sie denn endlich, von der schweren Last gebeugt, nach Hause zurück. Hier kommen ihnen sogleich drei bis vier entgegen und nehmen ihnen die Last ab, denn auch im Stocke sind die Arbeiten verteilt. Die einen bauen, die andern glätten, andere tragen den Baustoff herbei, andere bereiten aus dem, was eingetragen wird, die Speisen; denn sie halten gemeinschaftliche Mahlzeiten ab, damit die allgemeine Ordnung der Geschäfte nicht gestört wird. Den Bau beginnen sie oben an der Decke des Stockes und bauen nun die Waben abwärts so, daß dabei zwei Wege offen bleiben, auf deren einem sie herbei-, auf dem andern aber weggehen können. Die Waben hängen oben und auch ein wenig an der Seite fest; bis auf den Boden aber gehen sie nicht herab. Bald haben sie eine längliche, bald eine mehr runde Gestalt, wie es gerade die Form des Stockes mit sich bringt. Wollen die Waben fallen, so setzen sie Stützen darunter, wölben sie aber vom Boden aus so, daß ein Zugang für neue Ausbesserung übrig bleibt. Etwa die drei ersten Zellenreihen bleiben leer, damit nicht so leicht Diebe angelockt werden; die hintersten werden am meisten mit Honig gefüllt, und deswegen schneidet man den Stock auch von hinten aus.

Die Honig eintragenden Arbeitsbienen (gerula apis) sehen sehr auf günstigen Wind; beginnt ein Sturm, so nehmen sie ein Steinchen als Balast zu sich (wie schon Aristoteles geglaubt hatte), welches sie, wie einige behaupten wollen, auf den Schultern tragen. Geht ihnen der Wind entgegen, so fliegen sie an der Erde hin und weichen den Dornbüschen aus. Man ist erstaunt, wenn man ihre Arbeit beobachtet. Die Faulen werden getadelt, gestraft, ja sogar getötet. Sie sind äußerst reinlich. Jeder Unrat, der sich irgendwo im Stocke vorfindet, wird sogleich hinausgeschafft. Sobald der Abend kommt, nimmt allmählich der Lärm im Stocke ab, bis endlich eine Biene herumfliegt und durch dasselbe Sumsen, womit die Schar morgens geweckt wird, das Zeichen zur Ruhe gibt, worauf alle augenblicklich schweigen.“

Auch Plinius glaubt, daß der Honig aus der Luft herabfalle. Er sagt darüber: „Der Honig kommt aus der Luft, und zwar gegen Tagesanbruch, weshalb man auch mit dem Erscheinen der Morgenröte die Blätter der Bäume von Honig betaut findet und Menschen, die sich zufällig im Freien aufhalten, ihre Kleider und Haare mit Honig gesalbt fühlen. Mag nun der Himmel den Honigtau ausschwitzen, oder mögen ihn die Sterne ausspucken, oder mag er eine Reinigung der Luft sein, so wäre nur zu wünschen, daß er so rein, flüssig und echt sein möchte, wie er anfänglich herabträufelt. So aber fällt er aus der unermeßlichen Höhe herab, wird im Fallen durch schmutzige Beimischungen verunreinigt, vom Hauche der Erde vergiftet, außerdem von den Blättern abgeleckt, in den Magen der Bienen geschluckt, obendrein durch Blumensaft vermischt, im Bienenstocke geknetet, und dennoch behält er noch ein gutes Teil seiner himmlischen Eigenschaften bei.

„Der Honig ist immer da am besten, wo er in den Behältern der besten Blumen aufbewahrt wird. Am berühmtesten sind in dieser Hinsicht der Berg Hymettus in Attika, der (Berg) Hybla auf Sizilien und die Insel Kalydna (bei Kleinasien). Anfangs ist der Honig flüssig wie Wasser, gärt die ersten Tage wie Most und reinigt sich; am 20. beginnt er dick zu werden. Bald überzieht er sich mit einer Haut, welche sich aus dem durch Gärung entstehenden Schaume bildet. Der beste und am wenigsten nach Laub schmeckende wird von den Blättern der Linden, Eichen und der Rohrarten entnommen. Die Güte des Honigs hängt zwar von der Beschaffenheit der Gegend ab; übrigens zeigt sich aber doch noch ein Unterschied; denn z. B. im Lande der Peligner (in Italien) und in Sizilien zeichnet sich das Wachs aus, in Kreta, Zypern und Afrika der Honig, im Norden die Größe, so daß man in Germanien schon eine acht Fuß lange Wabe gesehen hat, deren Höhlungen schwarz waren. Allerwärts gibt es dreierlei Honig:

„1. Den ~Frühlingshonig~, von Blüten gesammelt, deshalb auch Blütenhonig genannt, den man nicht wegnehmen darf, weil sonst die Brut nicht kräftig wird. Manche Bienenwärter nehmen aber gerade von diesem den meisten, weil bald darauf, beim Aufgang der großen Gestirne, großer Überfluß erfolgt. Übrigens sind im Sommer, wenn Thymian und Weinstock zu blühen beginnen, die Zellen am besten gefüllt. Man muß aber beim Schneiden der Stöcke eine gehörige Einteilung treffen; denn wenn man zuviel Honig wegnimmt, so überlassen sich die Bienen der Verzweiflung, sterben oder zerstreuen sich. Dagegen werden sie aber auch durch allzu großen Vorrat faul und fressen dann reinen Honig statt Bienenbrot. Vorsichtige Bienenwärter lassen ihnen daher von dieser Ernte den zwölften Teil. Der Tag, an welchem diese Ernte gehalten wird, ist gleichsam durch ein Naturgesetz bestimmt, und zwar ist es der 30. nach dem Auszuge des Schwarms, also meist im Monat Mai.

„2. Den ~Sommerhonig~, welchen man auch reifen Honig nennt, indem er zur günstigsten Jahreszeit gesammelt wird, etwa 30 Tage nach der Sonnenwende, während der Sirius glänzt. Dieser Honig würde die herrlichste Gabe der Natur sein, wenn nicht der Betrug des Menschen alles verschlechterte und verdürbe; denn was sich beim Aufgang der Gestirne, vorzüglich deren vom obersten Range, oder beim Regenbogen, wenn kein Platzregen folgt, sondern der Tau vom Sonnenstrahl erwärmt wird, bildet, ist kein Honig, sondern ein himmlischer Balsam für die Augen, für Geschwüre und für die Eingeweide. Sammelt man ihn beim Aufgang des Sirius, wenn zufällig der Aufgang der Venus, des Jupiter oder Merkur auf denselben Tag fällt, so ist seine Kraft, Menschen zu heilen und selbst vom Tode zu erretten, nicht geringer als die des göttlichen Nektars. Beim Vollmond ist die Honigernte reichlicher, bei reinem Himmel aber fetter. Vorzüglich gut ist der rötliche, zumal für Krankheiten des Ohres. Der vom Thymian gesammelte ist goldfarbig, von köstlichem Geschmack und sehr geschätzt. Was sich in den Behältern der Blumen bildet, ist fett, was vom Rosmarin kommt, ist dick. Honig, welcher gerinnt, wird nicht gelobt. Honig von Thymian gerinnt nicht; berührt man ihn, so zieht er sehr feine Fäden, und dies ist der beste Beweis seiner Schwere. Trennt er sich leicht, so daß die Tropfen fallen ohne Fäden zu ziehen, so gilt das für einen Beweis von geringem Werte. Man verlangt ferner, daß der Honig wohlriechend, süßlichsauer, klebrig und durchsichtig sei. Bei der Sommerernte soll man nach Cassius Dionysius den Bienen den zehnten Teil lassen, wenn der Stock voll ist; ist er es aber nicht, so soll man nach Verhältnis schneiden. Ist er leer, so soll man ihn gar nicht anrühren. Diese Ernte hält man anfangs Juli ab.

„3. Den ~wilden Honig~, den man auch Heidehonig nennt und wenig schätzt. Die Bienen sammeln ihn nach dem ersten Herbstregen, während im Walde nur die Heide (Baumheide, Erica carnea) blüht, weswegen er auch gleichsam sandig ist. Diesen Honig schneidet man im November, und die Erfahrung lehrt, daß man davon den Bienen zwei Drittel und jedenfalls den Teil der Waben lassen muß, der das Bienenbrot enthält. Vom kürzesten Tage an bis zum Aufgang des großen Bären schlafen die Bienen sechzig Tage lang, ohne Nahrung zu sich zu nehmen; von da an bis zur Frühlingsnachtgleiche wachen sie zwar, da die Luft schon lauer ist, bleiben aber gleichwohl im Stocke und zehren von den vorhandenen Vorräten. In Italien schlafen sie bis zum Aufgang des Siebengestirns.

„Manche Bienenwärter wiegen beim Schneiden die Stöcke und bestimmen dann, wieviel Honig darin bleiben soll. Auch gegen die Bienen muß man billig sein; denn die Stöcke sollen aussterben, sobald man ungerecht gegen sie handelt. Vorzüglich empfiehlt man denen, welche schneiden, sich vorher zu baden und zu reinigen. Vor Dieben haben die Bienen einen eigenen Aberwillen. Während man den Honig herausnimmt (nach dem zu Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. lebenden Nonnos schützte sich der Bienenwärter dabei mit einem aus feinen Leinenfäden geflochtenen schleierartigen Gewand, das ihn vom Kopf bis zu den Zehen verhüllte), müssen die Bienen durch Rauch vertrieben sein, damit sie nicht wütend werden oder auch selbst sich über den Honig hermachen. Gibt man ihnen öfters Rauch, so werden sie arbeitsamer, durch allzuhäufigen aber leiden sie und der Honig wird dann bei der leisesten Berührung des Taues sauer.“

Über die Gewinnung des Wachses gibt Plinius ausführliche Auskunft und sagt, das beste komme von Karthago. Am schönsten weiß werde es, wenn man es nur einmal kocht. Man brauche es zu unzähligen Dingen und färbe es auf verschiedene Weise; oft benütze man es auch, um Wände und Waffen gegen Nässe zu schützen. Die besten Bienenstöcke mache man aus Baumrinde, und zwar aus Kork der Korkeiche; die aus Ruten geflochtenen seien nicht so gut. Viele ließen sie aus Marienglas herstellen, um die Bienen bei der Arbeit beobachten zu können. Man stelle sie am besten so auf, daß das Flugloch nach der Gegend gerichtet sei, wo die Sonne während der Tag- und Nachtgleiche aufgehe. Im Winter müsse man sie mit Stroh bedecken und oft räuchern, am besten mit Rindermist. Diesen Rauch lieben die Bienen wegen der Verwandtschaft (bezieht sich auf die vermeintliche Entstehung der Bienen aus totem Rindvieh) und er tötet zugleich das Ungeziefer, von dem sie geplagt werden wie Spinnen, Würmer (Larven des Bienenwolfs und der Wachsmotte) und Schmetterlinge (Wachsmotte und Totenkopf), muntert dagegen die Bienen auf. Am schlimmsten sind die Schmetterlinge; man kann sie aber im Frühjahr, zur Zeit, da die Malve reift, nachts bei Neumond bei heiterem Himmel töten, indem man Feuer vor den Bienenstöcken anzündet, in welches sie sich dann hineinstürzen.“

Auch nach Plinius „leben die Bienen, wenn ihnen kein Unglück zustößt, sehr lange, nämlich sieben Jahre. Nie sollen aber Bienenstöcke über 10 Jahre gedauert haben.“ Tatsächlich aber lebt nur die Königin, das fruchtbare Weibchen, 3-5 Jahre, ist aber höchstens 3 Jahre recht fruchtbar. Sie vermag nach den angestellten Versuchen jährlich 50 bis 60000 Eier zu legen, in den letzten Jahren bedeutend weniger. Die unfruchtbaren Weibchen, die Arbeiterinnen, leben im Sommer nur 6-8 Wochen und sterben, von der rastlosen Arbeit verbraucht oder von Bienenfeinden getötet. In der Haupttrachtzeit währt das Leben dieser unermüdlichen Arbeiterinnen nur 6 Wochen. Das konstatierte man durch Einführung der italienischen Bienen in Deutschland. Gibt man nämlich einem deutschen Volke eine befruchtete italienische Königin, so ist nach 6 Wochen bis auf vereinzelte Exemplare jenes völlig verschwunden und durch ein Volk italienischer Bienen ersetzt. Nur die im August und September ausgeschlüpften Arbeitsbienen leben, wenn der Stock normal ist und ihnen nichts zustößt, bis in den April hinein, bis eine neue Brut sie in der Arbeit abzulösen vermag. Ein starkes Volk zählt im Sommer 30-80000 Arbeitsbienen. Die Drohnen genannten Männchen aber, die dicker und länger als die Arbeitsbienen sind und im Gegensatz zu sämtlichen Weibchen stachellos sind und nicht arbeiten, auch von jenen leicht am dröhnenden Tone ihres Fluges erkannt werden können, haben keine andere Aufgabe, als die jungen Königinnen, die beim Schwärmen mit einem Teil des Bienenvolkes ausziehen, um eine neue Kolonie zu gründen, zu befruchten. Sie entstehen im Frühjahr aus unbefruchteten Eiern, während die Weibchen aus befruchteten hervorgehen, im Falle sie Königinnen werden sollen, durch bessere Ernährung ihre Geschlechtsorgane voll ausbilden, im Falle sie aber nur Arbeiterinnen abgeben sollen, trotz der längeren Entwicklungsdauer von 3 Tagen gegenüber den Königinnen, in bezug auf ihre Geschlechtsorgane verkümmern. Gegen Ende April erscheinen die ersten Drohnen, deren es in einem starkgewordenen Volke über 1000 geben kann. Von diesen sind nur einige wenige auserwählt, die jungen Königinnen beim Hochzeitsfluge in der Luft zu begatten, wobei sie sofort sterben. Die befruchtete Königin aber füllt dabei ihre Samentasche für die Zeit ihres Lebens mit Samen, von dem sie willkürlich ein Samenfädchen zu dem den Eileiter passierenden Ei gelangen läßt oder nicht. In ersterem Falle entstehen daraus Weibchen, im letzteren dagegen Männchen. Deshalb kann ein unbefruchtetes Weibchen durch Jungfernzeugung nur Männchen hervorbringen, und man nennt in diesem Falle das betreffende Volk drohnenbrütig. Die nicht beim Hochzeitsflug umgekommenen Drohnen aber werden, sobald eine Trachtpause anbricht, als überflüssige Schmarotzer, die nur bei warmem Sonnenschein und windstillem Wetter den Stock zwischen 10 Uhr morgens und 4 Uhr nachmittags verlassen, um im Freien hin und her zu fliegen, aber keinen Nektar oder andere Nahrung suchen, sich aber am Nahrungsvorrat des Stockes sättigen, durch die Bienen von den Honigvorräten weggedrängt, nicht mehr gefüttert und, wenn sie dem Verhungern nahe sind, zum Stocke hinausgedrängt und ihrem Schicksal überlassen oder umgebracht. Es ist dies die von Mitte August bis Ende September sich alljährlich einmal ereignende „Drohnenschlacht“. Pfarrer Schönfeld hat nun nachgewiesen, daß die Drohnen ohne Futtersaftfütterung, d. h. ohne Zufuhr stickstoffhaltiger Nahrung, nicht länger als drei Tage leben können. Sobald nun die Arbeitsbienen die Darreichung des Futtersaftes einstellen, ermatten die Drohnen schon am zweiten Tage so sehr, daß sie sich leicht überwältigen lassen oder von selbst an Entkräftung zugrunde gehen. Findet in einem Stocke keine Drohnenschlacht statt, so ist der Stock weisellos, d. h. ohne Königin. Sind im Sommer die Drohnen in einem Stocke zu zahlreich, so steckt der Imker eine sogenannte Drohnenfalle ins Flugloch, um die müßigen Honigfresser darin zu fangen. Die Arbeitsbienen, welche nicht so dick sind, schlüpfen durch die Löcher hindurch, während dagegen die Drohnen darin stecken bleiben.

In Beziehung auf die Fortpflanzung der Bienen sagt Plinius: „Wie sie ihre Jungen erzeugen, ist eine wichtige und schwierige Aufgabe für Gelehrte; denn man hat sie nie in der Paarung angetroffen. Viele Leute sind der Meinung, sie entständen aus einer zu diesem Zwecke geeigneten Zusammensetzung von Blütensäften. Andere glauben, es geschehe durch Paarung des Königs mit den andern Bienen. Es befindet sich in jedem Stock nur ~ein~ König; er ist weit größer als die andern Bienen und soll das einzige Männchen sein. Ohne ihn soll es keine Brut geben, und die übrigen Bienen sollen ihn wie Weibchen ihren Mann und nicht wie ihren König begleiten. Das Vorkommen der Drohnen ist ein Beweis gegen diese Behauptung; denn wie können von denselben Eltern teils vollkommene, teils unvollkommene Wesen abstammen? Die erstere Meinung würde wahrscheinlich sein, wenn nicht eine andere Schwierigkeit dagegen spräche. Es entstehen nämlich zuweilen am äußersten Ende der Wachstafeln größere Bienen, welche die übrigen vertreiben; man nennt sie oestrus. (Ob hier Drohnen oder in den Stock eingedrungene Raubbienen gemeint sind, ist ungewiß.) Aber wie könnten sie entstehen, wenn die Bienen sich selbst erzeugten?

Gewiß ist, daß die Bienen wie Hühner brüten. Zuerst kriecht bei ihnen ein kleines weißes Würmchen aus, der König aber hat gleich eine Honigfarbe, als wäre er aus einer auserwählten Blume entstanden; auch ist er nicht erst ein Würmchen, sondern gleich geflügelt. Reißt man den Larven der andern Bienen den Kopf ab, so sind sie für ihre Mütter ein wahrer Leckerbissen. Werden die Würmchen größer, so träufeln ihnen die Bienen Speise ein und bebrüten sie, wobei sie ein starkes Gemurmel erheben, wahrscheinlich um die zum Brüten erforderliche Wärme zu bewirken. Endlich zersprengt jeder Wurm die Hülle, in welche er gleich einem Ei in seiner Schale eingewickelt ist, und nun kriecht der ganze Schwarm aus den Zellen hervor. Diese Tatsache ist bei Rom auf dem Landgute eines Konsularen beobachtet worden, wo man aus durchsichtigem Horn verfertigte Bienenstöcke aufgestellt hatte. Die Brut bedarf 45 Tage, bis sie zur Vollkommenheit gelangt ist. (In Wahrheit ist die Zeit viel kürzer und bedarf eine Königin zu ihrer Entwicklung nur 15, eine Arbeiterin 21 und eine Drohne 24 Tage.) Sind die Jungen glücklich ausgekrochen, so arbeiten sie sogleich unter der Aufsicht ihrer Mütter, und eine Schar junger Bienen begleitet den König. Es werden mehrere Könige erzogen, damit es nicht daran fehlen kann. Sind sie aber erwachsen, so werden die schlechtesten mit allgemeiner Zustimmung getötet, damit sich der Schwarm nicht um ihretwillen teilt. Es gibt zweierlei Art Könige, wovon die bessere Art schwarz und bunt ist. Alle Könige haben stets eine sie auszeichnende Gestalt und sind doppelt so groß als die übrigen Bienen; ihre Flügel sind kürzer, ihre Beine gerade, ihr Anstand erhabener und auf der Stirn haben sie einen weißen Fleck, der einem Diadem ähnlich sieht. Auch durch Glanz zeichnen sie sich vor dem gemeinen Volke aus. Sie haben einen Stachel, aber sie bedienen sich desselben nicht. Es ist wunderbar, welchen Gehorsam das Volk seinem Könige erweist. Geht er herum, so zieht ein ganzer Schwarm mit ihm, nimmt ihn in die Mitte, beschützt ihn und verhindert, daß man ihn sehen kann. Während der übrigen Zeit, wenn das Volk arbeitet, geht er im Stocke umher, besichtigt die Arbeiten, scheint zu ermahnen und ist allein müßig. Um ihn herum sind einige Leibgardisten, die seine Würde allerwärts aufrecht erhalten. Er verläßt den Stock nur, wenn ein Schwarm ausziehen will. Dies bemerkt man schon lange vorher, indem einige Tage lang sich inwendig ein geräuschvolles Murmeln hören läßt, ein Zeichen, daß sie Vorbereitungen treffen und nur auf gutes Wetter warten. Schneidet man dem König einen Flügel ab, so zieht der Schwarm nicht aus. Sind sie aber ausgezogen, so drängt sich jede an den König und will sich durch Diensteifer auszeichnen. Ist er müde, so stützen sie ihn mit den Schultern; kann er nicht weiter, so tragen sie ihn ganz. Ist eine Biene vor Ermattung zurückgeblieben oder hat sie sich zufällig verirrt, so zieht sie dem Schwarme nach, indem sie dem Geruche folgt. Wo sich die Hauptmacht niederläßt, da versammelt sich das ganze Heer.“

Im Gegensatz zu den älteren Autoren war man also zu Plinius’ Zeit glücklich dazu gelangt, statt mehrerer nur ~einen~ Anführer in jedem normalen Bienenstocke anzunehmen. Über dieses Wissen ist man das ganze Mittelalter hindurch nicht hinausgekommen. Erst im 17. Jahrhundert entdeckte dann der in Amsterdam erst 43 Jahre alt verstorbene holländische Gelehrte Jan Swammerdam (1637-1680) durch Sezieren der Bienen unter dem Vergrößerungsglas, wobei er deren Eierstöcke und Eileiter fand, daß der bis dahin allgemein als Männchen betrachtete, deshalb auch im Deutschen als der Weisel bezeichnete Anführer oder König des Stockes tatsächlich ein Weibchen und der Bienenstaat auf der Mutterschaft begründet sei.

Nach Swammerdam hat der Franzose R. A. de Réaumur die wissenschaftliche Bienenkunde durch zahlreiche Beobachtungen und Versuche in seinem Garten in Charenton gefördert. Noch weit mehr tat dies der 1750 in Genf geborene François Huber, durch Réaumurs Experimente angeregt. Sein Werk „Nouvelles observations sur les abeilles“, von dem der erste Band im Jahre 1789 in Form von Briefen an einen andern Bienenforscher Charles Bonnet erschien -- der zweite folgte erst 25 Jahre später -- ist klassisch und enthält die Grundlage unseres heutigen Wissens über die Bienen. In der Folge hat der 1811 in Lobkowitz in Schlesien geborene katholische Pfarrer Johann Dzierzon die Bienenkunde am meisten gefördert, indem er zuerst die jungfräuliche Zeugung, welche zur Entstehung von Drohnen führt, bei den Bienen feststellte. Es geschah dies auf seiner Pfarrei Karlsmarkt bei Brieg in Schlesien, wo er auch 1861 den ersten Kastenstock mit beweglichen Waben erfand, wodurch der Imker erst befähigt wurde, seinen Anteil an der Honigernte zu gewinnen, ohne nutzlos seine besten Völker zu vernichten und die Arbeit eines ganzen Jahres in einem Augenblicke zu zerstören. Dieser zunächst noch sehr unvollkommene Kastenstock wurde dann vom Amerikaner Langstroth bedeutend vervollkommnet, indem er den eigentlichen beweglichen Rahmen erfand, der zunächst in den Vereinigten Staaten weite Verbreitung fand und außerordentliche Erfolge erzielte. Dann erfand Mehring, um den Bienen Arbeit und Wachs, also auch viel Honig und Zeit zu ersparen, die Herstellung von Kunstwaben, die sie alsbald benutzten und ihren Bedürfnissen anpaßten. Und Major von Hruschka endlich konstruierte die Honigschleuder, wodurch die Waben ihres Inhalts entleert werden konnten, ohne zerstört werden zu müssen. Damit eröffnete sich eine neue Periode der Bienenzucht, die erst die Biene zum eigentlichen Haustier des Menschen erhob.

Kehren wir indessen von diesen allerdings äußerst wichtigen theoretischen Betrachtungen zur Praxis zurück, wie sie die alten Römer und Griechen betrieben. Plinius sagt in seiner Naturgeschichte, daß auf jedem Landgute Bienenstände zu finden seien. Jedenfalls war der Verbrauch von Honig und Wachs in den Kulturländern am Mittelmeer bereits im Altertum ein sehr großer. Wissen wir doch vom griechischen Geschichtschreiber Strabon, daß in Norditalien die einheimische Erzeugung derselben nicht genügte, sondern daß diese Produkte von verschiedenen Volksstämmen der Alpentäler, die sich dieselben von Wildbienen verschafften, gegen Landesprodukte eingetauscht wurden. Erst durch die Römer kam dann die Bienenzucht in die von ihnen unterjochten Länder nördlich der Alpen.

Dort hatte die keltische und germanische Bevölkerung ausschließlich den wilden Honig verwendet, um damit den als Getränk höchst beliebten Met zu erzeugen, den schon der kühne griechische Seefahrer Pytheas aus Massalia (dem heutigen Marseille), ein Zeitgenosse Alexanders des Großen, der eine Entdeckungsreise in die Nordsee nach dem Bernsteinlande machte, als ein an der Nordküste Germaniens gemeines Getränk bezeichnet. Jedenfalls darf man annehmen, daß es im waldreichen alten Germanien viele wilde Bienenvölker in den durch Spechte oder Pilzinvasion hohlgewordenen Bäumen gab. So zeigen uns die Bestimmungen der germanischen Volksrechte nach der Völkerwanderung, vom 5.-8. Jahrhundert, daß unter den Nebennutzungen des Waldes die wilden Bienen eine nicht unwichtige Rolle spielten. Nach den Gesetzen der Bajuvaren gehörten nicht nur die wilden Bienen dem Waldeigentümer, sondern auch ein Schwarm der damals schon gehaltenen Hausbienen, der sich verflogen und in einen hohlen Baum verzogen hatte. Jedoch konnte der bisherige Eigentümer eines solchen Schwarms mit Vorwissen des Waldeigentümers versuchen, denselben durch Rauch oder Anschlagen gegen den Stamm, aber ohne Schaden für den Baum, auszutreiben und wieder zu fassen. Tat er dies ohne Vorwissen des Waldeigentümers mit Erfolg, so mußte er auf Andringen des letzteren mit sechs Eideshelfern schwören, daß der eingefangene Schwarm wirklich der seinige und ihm entflogen war. Bei den Langobarden wurde es mit den wilden Bienen gehalten wie mit dem Ausnehmen der Vögel. Nur im Gehege des Königs war das Ausbeuten eines wilden Bienenstocks unbedingt verboten, während in einem sonstigen Wald nur dann eine Bestrafung eintrat, wenn der Baum zum Beweis der Entdeckung des Schwarmes bereits gezeichnet war. War aber der Baum nicht gezeichnet, so konnte der Finder den Stock ungestraft ausnehmen und mußte bloß, wenn der Waldeigentümer dazu kam, ihm den Honig überlassen. Ähnliche Bestimmungen weist das Volksrecht der Westgoten auf. Dieses schrieb vor, daß, wer immer einen Schwarm fand, es mochte im eigenen Walde oder in Felsen und hohlen Bäumen des Gemeindewaldes sein, er drei Zeichen, welche „Charaktere“ genannt werden, dort anzubringen hatte, damit nicht durch ein einziges Betrug entstehen könne. Wer ein fremdes Zeichen der Besitzergreifung verletzte, wenn er es antraf, der mußte dem Geschädigten doppelten Ersatz leisten und überdies 20 Streiche erdulden.

Die Bienenzucht der alten Germanen war wesentlich eine ~Waldbienenzucht~ und wurde das ~Zeideln~ oder die ~Zeidelweide~ genannt. Nach den zahlreichen auf uns gekommenen Urkunden war sie sehr ausgebreitet und beruhte auf Gewohnheiten, Verträgen und später Gesetzen, die niemand bei strenger Strafe verletzen durfte. Überall in den Wäldern waren Zeidelbäume eingerichtet, die als Privateigentum besonders gezeichnet waren. Wer einen solchen ausbeutete, der bezahlte 6 Solidi (d. h. Goldschillinge von etwa 12 Mark Metallwert, tatsächlich aber viel höher bewertet, da man damals für einen solchen eine erwachsene Kuh kaufen konnte) Strafe. Jeder Zeidler hatte ein eigenes Revier, in welchem er seine Bienen hielt; dabei durfte er nicht seinem Nachbarn und dieser nicht ihm zu nahe kommen. Wenn nun ein Schwarm sich in den Zeidelbezirk des Nachbars verflogen hatte, so durfte ihm sein Eigentümer nach den Gesetzen der Bajuvaren dahin folgen, mußte es aber dem Nachbar melden. Dann mußte er die Bienen aus dem Baume, in dessen Höhlung sie sich festgesetzt hatten, ausräuchern und dreimal mit umgekehrter Axt an den Baum schlagen. Kamen sie dann heraus, so durfte er sie mitnehmen; was nicht folgte, verblieb dem Nachbar.

Daneben wurde seit der Völkerwanderungszeit auch eifrig die eigentliche von den Römern übernommene Hausbienenzucht getrieben. Man hielt ordentliche Bienenhäuser (in den lat. Urkunden und Gesetzen apile, aprarium, apiculare oder apicularium genannt), die eingedeckt waren und verschlossen werden konnten. Doch durften sie, wie auch einzelne Stöcke, nicht in den Dörfern und Ansiedelungen gehalten werden, sondern mußten an abgelegene Orte geschafft werden, damit sie nicht jemandem Schaden zufügten. Man hatte dreierlei Arten von Bienenstöcken (vasculum), nämlich aus Holz, aus Baumrinde oder von Ruten geflochten. Um die Schwärme im Wald oder bei den Bienenhäusern zu fassen, standen stets dergleichen Behälter bereit. Legte sich ein Schwarm bei Nachbars Bienenhaus in ein solches Gefäß, so mußte es nach dem Volksrechte der Bayern diesem gemeldet und versucht werden, ob der Schwarm herauszutreiben sei oder nicht. Doch durfte das Gefäß nicht geöffnet werden. War es von Holz, so bewarf es derjenige, dem der Schwarm fortgeflogen war, dreimal mit Erde, war es aus Rinde oder Ruten, so schlug er dreimal mit der Faust darauf. Was dann herausging, erhielt er wieder zu eigen, was zurückblieb, gehörte dem Besitzer des Gefäßes.

Die Beraubung der Zeidelbäume, Bienenhäuser und Stöcke wurde streng geahndet. Selbst der Versuch, etwas rauben zu wollen, wenn man auch nichts erhielt, ward nach dem Volksrechte der Westgoten bitter bestraft. Der Freie gab in solchem Falle 3 Solidi Strafe und erhielt 50 Prügel; wenn er aber etwas genommen hatte, so mußte er es neunfach ersetzen und bekam noch die Schläge dazu. Der Leibeigene erhielt im ersteren Falle 100 Hiebe, im letzteren dagegen mußte er den sechsfachen Schadenersatz leisten. Bezahlte der Herr nicht für ihn, so mußte er ihn dem Bestohlenen zum Eigentume ausliefern. Das Volksrecht der Sachsen setzte, wie auf gewöhnlichen Diebstahl, so auch auf das Stehlen eines Bienenstockes aus dem Verschluß die Todesstrafe; er ward aber nur neunfach ersetzt, wenn er außer demselben im Freien gestanden hatte. Wer bei den Langobarden aus einem Bienenhause ein oder mehrere Stöcke stahl, der bezahlte 12 Solidi Strafe.

Unter der Herrschaft der Frankenkönige fand die Hausbienenzucht neben der Zeidelweide zunehmende Bedeutung. Karl der Große bestimmte, daß auf jedem seiner Güter ein erfahrener Bienenwärter zur rationellen Pflege der dort gehaltenen Bienenvölker angestellt sein solle. In seinem Gute Stefanswert befanden sich 17, in Grisenweiler sogar 50 Bienenstöcke. Honig und Wachs mußten reinlich gewonnen und an die königliche Hofhaltung abgeliefert werden. Von den Besitzern der Mansen und Hufen wurde Honig und Wachs als Zins gegeben.

In dem Maße, als unter den sächsischen und fränkischen oder salischen Kaisern im 10.-12. Jahrhundert die Wälder den Gemeinden entzogen und unter Bann getan wurden, traten die vorher freien Zeidler (cidelarii) in die Dienstbarkeit der Fürsten. So werden sie 990 in einer Urkunde Ottos II. nach den Manzipien als Dienstleute angeführt, und 959 schenkte Otto der Große der Kirche zu Salzburg die Ortschaft Grabestatt und die Zeidler daselbst. Mit der Übertragung eines Bannforstes gingen auch die Zeidelweiden an den neuen Besitzer über. So übergab 1025 Konrad II. an das Kloster Freising einige Ländereien nebst Zubehör, worunter auch Zeidelweiden. Der Zins wurde in Honig und Wachs abgeliefert. Ersterer hatte zur Herstellung des immer noch sehr volkstümlichen Metes große Bedeutung, während letzterer seit der Einführung des Christentums zur Verarbeitung zu Kerzen für die Kirchen in immer größerer Menge gebraucht wurde. Allerdings hielten die meisten Klöster eigene Bienenstände, oft in größerer Zahl. So kommen beispielsweise im Verzeichnis der Schenkungen an das Kloster Fulda 40 Bienenstöcke (epiastrum) vor, welche ein einzelner Privatmann dahin gestiftet hatte. Doch genügten meist deren Erträge nicht, um den großen Bedarf der Kirche an Wachs zu decken. Deshalb suchten sich die Klöster von ihren zinspflichtigen Leuten eine regelmäßige Lieferung von Wachs zu sichern. Neben den Wachszinsen, deren Maß in den meisten betreffenden Urkunden genau nach dem Gewichte bestimmt ist, wurde auch eine entsprechende Abgabe an Honig und der Zehnten von den bevölkerten Bienenstöcken, die Schwärme inbegriffen, gefordert.

Unter den Hohenstaufen im 12. und 13. Jahrhundert und den folgenden Kaisern wurde in Deutschland die Zeidelweide neben der Hausbienenzucht in reger Weise weiterbetrieben. In einer Urkunde von 1288 bekennt eine Frau, daß sie vom Bischofe von Eichstätt die Bienennutzung (fructus apium), welche gewöhnlich Cidelwaid genannt wird, aus bloßer Gnade für die Lebenszeit in zwei Wäldern erhalten habe. Man hatte zu diesem Behufe wie ehemals so damals und teilweise bis auf den heutigen Tag besondere Bäume durch künstliches Aushöhlen eingerichtet. Solche nannte man ~Beuten~. Die Bienenschwärme, welche man in den Wäldern fand, gehörten dem Gutsherrn und nicht dem, der sie fand. In Frankreich hieß dieses Recht abeillage (in einer Urkunde von 1311 als abellagium erwähnt). Über die Bienenfolge gab es besondere Verordnungen. So bestimmten die Schonischen Gesetze von 1163, daß derjenige, dem seine Bienen in einen andern Wald flogen, sie dort holen und auch diejenigen mitnehmen dürfe, die er daselbst antraf, vorausgesetzt, daß sie niemand sonst ansprach; den Baum aber durfte er ohne besondere Erlaubnis des Herrn nicht fällen. Nach dem Schwabenspiegel (1276) durfte man noch nach drei Tagen seinen Bienen folgen, wenn sie auf eines andern Baum, Zaun oder Haus flogen. Man mußte aber den Eigentümer des Ortes mitnehmen, alsdann in seiner Gegenwart daranschlagen und bekam diejenigen, welche herabfielen; die andern aber gehörten jenem.

Zu Ende des Mittelalters gelangte die Imkerei in den deutschen Landen zu höchster Blüte. In den dem Reich gehörenden Bannforsten und auch sonst wurde noch eifriger als bis dahin die Zeidelweide oder Waldbienenzucht getrieben, und die Zeidler taten sich neben den Hausbienenzüchtern zu Genossenschaften zusammen, die manche Privilegien genossen. Die bedeutendsten Zeidelplätze waren zu Muskau und Hoyerswerda in der Oberlausitz, in der Kurmark, auf der großen Görlitzer Heide, in Pommern und im Nürnberger Reichswald. Vom Zeidlerwesen an letzterem Orte, wo die Einwohnerschaft der Umgegend nach den diesbezüglichen Urkunden ausgedehnte Waldnutzungsrechte besaß, haben wir ausführliche Kunde. Die Zeidelordnung Kaiser Karls IV. vom Jahre 1350 bestätigte die Rechte der Zeidler im Laurenzer Wald und gibt uns ein klares Bild von der Ausdehnung des bienenwirtschaftlichen Betriebes der damaligen Zeit und der Bedeutung, welche man demselben beilegte. Die Gerichtsbarkeit in „des Reiches Bienengarten“ stand unter einem besonderen Zeidelmeister, dem die Besetzung der Zeidelgüter oblag und der dafür zu sorgen hatte, daß dem Kaiser und Reich an seinem Gute und Dienste nichts abgehe. Die Zeidler aber waren freie Leute und freizügig. Jeder konnte von seinem Gute „abfahren“ (wegziehen), wenn es ihm beliebte, und war beim Abgange dem Zeidelmeister nur 13 Heller zu geben schuldig. Wollte dieser dieses Absagegeld nicht annehmen, so konnte der Zeidler dasselbe auf die Übertür seines Hauses legen und als ein Gerechter abfahren. Wer danach „auffuhr“, hatte dem Zeidelmeister einen Schilling und einen Heller zu entrichten und dieser sich damit zu begnügen. Die Zeidler hatten das Erbrecht an ihrem Gute und waren allein befugt, im Bannforste Bienen zu halten. Niemand durfte, so weit der „Bienkreis“ reichte, einen Schwarm aufheben. Wer einen „Peuten“ (Bienenbaum) umhieb, war dem Zeidelmeister 10 Pfund Heller und einen Heller schuldig. Das nötige Holz bekamen die Zeidler umsonst aus dem Reichswald und genossen manche Privilegien, so waren sie zollfrei in allen Städten des Reichs, dafür aber mußten sie Kaiser und Reich dienen „zwischen den vier Wäldern“, d. h. Böhmer-, Schwarz-, Thüringer- und Scharnitzwald. Der Dienst sollte mit sechs Armbrüsten geschehen; Pfeile, Wagen und Kost erhielten sie vom Reich. Außerdem hatte jeder Zeidler dem Kaiser das herkömmliche Honiggeld zu geben. Ursprünglich wurde zweifellos eine bestimmte Menge Honig abgeliefert.

Ähnlich wie im Laurenzer Wald war es im Sebalder Wald bei Nürnberg. In einem Salbuche des 13. Jahrhunderts über die Reichsgüter bei Nürnberg wird u. a. gesagt: „Das Amt Heroldsberg soll setzen dem Reich einen Pingarten hintz dem Eynch, da 72 Immen inne seyen, die untötlich seyen.“ Diese Stöcke waren also nur zur Zucht bestimmt und durften nicht zur Honigentnahme getötet werden. Die aus ihnen hervorgehenden Schwärme ließ man offenbar frei in den Wald fliegen, wo sie sich in die vorbereiteten „gewipfelten und gelochten“ Bäume zogen. In verschiedenen Urkunden jener Zeit ist von der Zeidelweide (sidelweide) und von Zeidlern (cidelarius) die Rede. Wo keine Zeidelwirtschaft bestand, teilten sich der Grundherr oder Waldeigentümer und der Finder meist in das Erträgnis eines gefundenen wilden Bienenstockes. Gelegentlich aber, so im Wildbanne von Altenaer an der Ahr, erhielt der Finder eines wilden Biens denselben gegen Erlegen eines Geldbetrags allein. Nach Aussage der Erbwildförster im Jahre 1617 mußte der Finder eines herrenlosen Biens den Ort alsbald zeichnen und beim nächsten Wildförster gegen Bezahlung von 9 Hellern „Urlaub heischen, den Bien als sein eigen Gut abzuholen“, wogegen niemand etwas tun durfte, auch der Waldeigentümer nicht.

Ihren Glanzpunkt erreichte die Zeidelweide im Zeitalter der Zeidlerinnungen im 14. und 15. Jahrhundert. Damals gab es in allen deutschen Gauen Bestimmungen in den Weistümern betreffs des Fundrechts an den „imben“, d. h. an den in den Wald verflogenen Bienenschwärmen, die sich in hohlen Baumstämmen eingenistet hatten. Diese hohlen Bäume, in denen die sich selbst überlassenen Bienenschwärme sich ansiedelten, gaben das Vorbild zu den im Mittelalter für die Hausbienen meist gebräuchlichen Klotzbeuten. Diese bestanden aus einem ausgehöhlten 4-5 Fuß langen Baumstamm, der mit einem abnehmbaren Deckel und einem Flugloche versehen war. Daneben mögen auch schon kunstlos aus Stroh geflochtene Körbe verwendet worden sein, die später jene mehr und mehr verdrängten. Als in späteren Zeiten die Wälder mehr und mehr ausgeholzt und einem regelrechten Forstbetrieb unterworfen wurden, verkümmerte nach und nach die Zeidelweide und die seit Jahrhunderten neben ihr betriebene zahme oder Hausbienenzucht trat an ihre Stelle und wurde gesetzlich geschützt. Wo aber ausgedehntere Waldstrecken dem neuen Betriebe nicht unterworfen wurden, da blieben die alten Zeidelweiden bestehen. Damals gab es gutbesuchte Honigmärkte in allen größeren Städten, so besonders in Köln, Nürnberg, Breslau und Prag.

Seit dem 16. Jahrhundert machte sich in Mitteleuropa ein merklicher Niedergang der Bienenzucht geltend, indem die Reformation viele Klöster, welche bis dahin die Hüter so vieler Bienenstöcke gewesen waren, verdrängte und die Kerzen in den Kirchen überflüssig machte. Als später auch noch der verheerende Dreißigjährige Krieg ausbrach, da war es begreiflich, daß in der allgemeinen Drangsal sehr zahlreiche Bienenstöcke eingingen, da sie nicht mehr die nötige Pflege erhielten. Ein weiteres ungünstiges Moment war das Aufkommen des Rohrzuckers, der dem bis dahin als alleinigem Süßstoffe gebrauchten Honig durch seine größere Billigkeit bedenkliche Konkurrenz machte und ihn bald zum größten Teil in der Küche verdrängte. Kurze Zeit nach der Entdeckung Amerikas war das ursprünglich in Südasien heimische Zuckerrohr dort eingeführt worden und wurde durch die gleichfalls bald in großer Masse aus Afrika importierten Negersklaven in solcher Menge angebaut, daß der viel wohlfeiler zu produzierende und stärker süßende Rohrzucker so billig zu haben war, daß der Honig bald als zu teuer in den Hintergrund trat. Er wurde schon noch als Leckerbissen gegessen, aber zum Süßen der Speisen, vor allem der verschiedenen Kuchen und süßen Platten, fiel er gänzlich in Wegfall, und nur altertümliche Gebäckarten, wie Lebkuchen, Leckerli usw., behielten ihn bei. Als dann zum Rohrzucker noch die großartige Sirupfabrikation aus Kartoffeln und vollends noch der billige Rübenzucker dazu kam, so war es um den Honig als Süßstoff in den Haushaltungen vollends geschehen.

In Deutschland suchten die einsichtsvollen Fürsten, vor allem Friedrich der Große, die sehr heruntergekommene Bienenzucht wieder zu heben. Jener Preußenkönig zog in der Bienenzucht erfahrene Kolonisten aus Polen und Preußen in die Mark Brandenburg und interessierte sich in der Folge sehr auch für diesen Zweig der Landwirtschaft. Mehrfach spricht er sich in Briefen erfreut über die Fortschritte der Imkerei in seinem Lande aus, so unter anderem auch in einem Briefe an Voltaire vom 5. Dezember 1775, in welchem er die bis dahin erfolgte Vermehrung der Bienenvölker um ein Drittel hervorhebt. Um die Bienenzucht möglichst zu schützen, verlieh er den Bienenzüchtern manche Erleichterungen und legte einen hohen Einfuhrzoll auf den fremdländischen Rohrzucker. In Österreich war die Kaiserin Maria Theresia in hohem Maße für die Landwirtschaft besorgt und erließ am 8. April 1775 einen Schutzbrief für die Bienenzüchter. In Süddeutschland und der Schweiz interessierte man sich mehr und mehr in den ökonomischen Gesellschaften und landwirtschaftlichen Vereinen für die Bienenzucht, die man immer rationeller durchzuführen bestrebt war. Große Fortschritte darin wurden erst seit der Einführung des Mobilbaues möglich. Haben darin die praktisch veranlagten Nordamerikaner zuerst Großes geleistet, so sind ihnen heute die Deutschen vollständig ebenbürtig geworden. In allen deutschen Landen wird die Bienenzucht durch eine reiche Vereinstätigkeit gefördert. Von größeren Vereinen oder vom Staate angestellte Wanderlehrer halten an vielen Orten regelmäßige Kurse für Anfänger ab. Daneben gibt es eigentliche Imkerschulen, von denen die von Date, Eystrup in der Provinz Hannover und Durlach im Großherzogtum Baden hervorzuheben sind. Österreich besitzt eine solche in Wien und Ungarn in Gödöllö. Gegenwärtig gibt es über 3 Millionen Bienenvölker in Deutschland. Von dem jährlichen Verbrauch von über 20 Millionen kg Honig erzeugt Deutschland etwa 18 Millionen kg im Werte von 30 Millionen Mark.

Baron von Ehrenfels nannte die Bienenzucht mit vollem Recht die Poesie der Landwirtschaft. Sie ist aber nicht nur das, sondern eine eminente Förderin des Nationalwohlstandes und ihre Zucht ein wesentlicher Hebel zur Veredlung und Bildung des Volkes. Neben dem großen materiellen Nutzen gewährt sie Belehrung, Unterhaltung und Erholung nach des Tages Arbeit; denn sie wird meist als Nebenbeschäftigung betrieben, da sie nur einen geringen Aufwand an Zeit und Mühe beansprucht und die meisten dabei erforderlichen Hantierungen in den Mußestunden verrichtet werden können. Wer auch nur 25-50 Stöcke beweglichen Baues hat, kann von denselben eine jährliche Einnahme von 150-300 Mark und darüber erzielen. Dabei ist der Stock durchschnittlich zu 5 kg Honigertrag und das kg zu 1.20 Mark gerechnet. Guter Schleuderhonig wird aber gern mit 2 Mark und Wabenhonig mit 3 Mark bezahlt. Dabei ist nicht einmal die Einnahme für Wachs und etwa verkaufte Schwärme oder Völker in Anrechnung gebracht, ebensowenig, daß man nicht selten einem einzigen Stock 30 kg Honig und darüber entnehmen kann. Tritt auch einmal ein Fehljahr ein, so hat das nichts zu sagen, da ein einziges gutes Jahr nicht nur ein, sondern zwei und drei schlechte Jahre einbringt. Dabei ist zu bedenken, daß die Gewinnung von Honig und Wachs nicht einmal der größte Nutzen ist, den wir von den Bienen haben, daß eigentlich der Vorteil, den wir daraus ziehen, daß sie die Befruchtung sämtlicher Obstbaumblüten besorgen, noch viel wichtiger ist. Wenn sie nicht im April und Mai von Baum zu Baum und von Blüte zu Blüte flögen, um die Befruchtung zu vollziehen, sollten wir sehen, wo unsere Obsternte bliebe. Überall, wo ein Natur- und Tierfreund einen Bienenstand errichtet, um sich eine angenehme und zugleich nützliche, jedermann zu empfehlende Nebenbeschäftigung zu verschaffen, sollten ihn die Nachbarn nicht scheel ansehen, sondern als großen Wohltäter der ganzen Gegend und Beförderer des Obstbaues mit Freuden begrüßen und ihm in seinem Unternehmen alle nur denkbaren Erleichterungen verschaffen. Es gibt ja nicht nur im deutschen Sprachgebiet, sondern in allen Kulturländern eine vortreffliche Literatur über Bienenzucht und deren rationelle Handhabung, so daß sich jedermann daraus Rat holen kann. Dann schließe er sich älteren Imkern an, die ihm gern mit Rat und Tat an die Hand gehen werden, trete einem Bienenzüchtervereine bei, aus dessen Zusammenkünften er reichen Gewinn für die beste Art der Behandlung seiner Schützlinge empfangen wird.

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier die Grundzüge der rationellen Bienenzucht an Hand der Lebensweise der Bienen und der Einrichtung ihres Staatshaushaltes, die als jedem Gebildeten geläufig vorausgesetzt werden darf, zu geben. Wir möchten nur alle Interessenten auf das von Ulrich Kramer, dem Präsidenten des Vereins schweizerischer Bienenfreunde in Zürich, in dritter vermehrter Auflage herausgegebene, reichillustrierte Buch: Die Rassenzucht der Schweizer Imker und die amerikanischen Zuchtmethoden (für Deutschland und Österreich zu beziehen durch die Buchhandlung Paul Watzel in Freiburg i. Breisgau). Darin wird in allgemeinverständlicher Weise gezeigt, wie die Weiselzucht der Zukunft sich gestalten soll. Jedenfalls hat sie schon mit eintägigen Larven zu beginnen, die man nach amerikanischer Methode in künstliche Weiselzellen bringt, oder noch besser durch Ausstechen einzelner Brutzellen und Anfügen an die Wabenkanten der zu veredelnden Stöcke; denn begreiflicherweise kommt es für die Erlangung guter Bienenvölker vor allem auf die Gewinnung guter Königinnen an. Und diese zu erlangen, hat man so völlig in der Hand. Wir haben nämlich außer den Naturrassen auch verschiedene Kulturrassen der Honigbiene, auf die wir noch kurz einzutreten haben. Sie werden durch Kreuzung verschiedener Naturrassen gewonnen. Von letzteren haben wir anzuführen:

Die ~nordische~ oder ~deutsche Biene~ (Apis mellifica im eigentlichen Sinne des Wortes). Sie ist dunkelbraun mit gelblichbraunen Säumen an den Leibesringen und erscheint an älteren haarlos gewordenen Exemplaren schwarz. Sie ist über ganz Mitteleuropa verbreitet und geht nordwärts bis zum 60. Grad nördlicher Breite (Helsingfors in Finnland). Sie findet sich aber auch in Nordspanien, Dalmatien, Griechenland, Kleinasien und Nordafrika, gelangte nach dem Kap der Guten Hoffnung und Nordamerika, wo sie heute sehr verbreitet ist. Sie ist fleißig und ausdauernd und liefert bei guter Frühlingstracht 2-3 Schwärme. Eine Abart von ihr ist die ~Heidebiene~, die sich durch ihre große Schwarmlust auszeichnet, aber geringeren Honigertrag liefert. Zur Beförderung des Brütens und Schwärmens wird sie gern mit der vorigen gekreuzt. Eine andere Abart, die in der Behaarung weißlicher als die nordische Biene ist und mehr graue Hinterleibsringe hat, ist die ~Krainer Biene~. Sie ist auch sehr fruchtbar und schwarmlustig, bestiftet mehr Drohnenzellen als die nordische und die italienische Biene, ist eine gute Honigsammlerin und viel gutmütiger als die nordische und italienische Biene, so daß man gewöhnlich ohne Rauch und Schleier mit ihr umgehen kann. Wegen ihrer sanften Gemütsart ist sie besonders Anfängern zu empfehlen. Sie eignet sich besonders zur Kreuzung, da, wo man den Bruttrieb zu steigern begehrt.

Die ~italienische Biene~ (Apis ligustica). Sie ist so groß wie die vorigen, aber heller gefärbt, und die beiden ersten Hinterleibsringe sind bei ihr rotgelb. Ihr Verbreitungsgebiet ist Italien von den Alpen bis Sizilien. Sie ist fruchtbarer als die nordische Biene, beginnt im Frühjahr früher mit dem Eierlegen und Schwärmen, stellt dafür die Vermehrung im Nachsommer auch eher ein. Bei der Rückkehr von der Tracht verfliegt und verirrt sie sich öfter als die schwarze Biene und ihre Völker sind um so schwächer, je heller sie gefärbt sind. Im Auffinden neuer Honigquellen sind sie besser als die nordischen Völker, auch sind sie sanfter und weniger stechlustig; doch verteidigen sie ihren eigenen Stock mit viel Mut und Geschick. Im Bruttrieb sind sie den schwarzen nordischen Bienen überlegen, im Sammeltrieb mindestens ebenbürtig. Die durch Kreuzung von ihnen mit den schwarzen nordischen Bienen entstandenen Bastardvölker übertreffen in bezug auf Geruchsinn und Sammeltrieb, aber auch in Stechlust ihre beiden Eltern. Die Einführung der italienischen Biene in Mitteleuropa hat viel dazu beigetragen, die einheimische Bienenrasse durch Blutauffrischung zu heben und zu verbessern. Ein Schweizer, Thomas Konrad von Baldenstein auf Schloß Baldenstein in Graubünden, hat die deutsche Imkerwelt zuerst auf die italienische Biene aufmerksam gemacht, worauf der verdiente Pfarrer Dzierzon sie 1853 in Deutschland einführte. Sie wurde durch die Europäer nach China gebracht und 1862 auch in Australien angesiedelt.

Noch stechlustiger als sie sind die ~cyprische~ und ~syrische Biene~, die bei uns ebenfalls eingeführt wurden, aber sich wegen dieser großen Stechlust nicht dauernd einzubürgern vermochten. Ebenfalls ungeeignet für unsere Gegenden ist die über Ägypten, Arabien, Syrien bis nach China verbreitete ~ägyptische Biene~ (Apis fasciata), von kleiner Gestalt, mit rotem Schildchen und weißer Behaarung. Sie ist im Gegensatz zu den vorigen wärmebedürftig und hält bei uns den kalten Winter nicht aus. Ihr nahestehend, aber an Brust und Hinterleib graugelb behaart, ist die mit Ausnahme von Algerien und Ägypten über ganz Afrika verbreitete ~afrikanische Biene~ (Apis adansoni). Sie ist nach Konrad Keller in den Somaliländern, namentlich längs der Flüsse, häufig und wird wohl am stärksten in Abessinien gezüchtet, das eine Menge Honig produziert und Wachs nicht nur im Inland verwendet, sondern auch in ziemlicher Menge ausführt. Ebenfalls kleiner als unsere nordische Biene, stark behaart und einfarbig schwarz ist die auf der großen Insel Madagaskar und den ihr vorgelagerten vulkanischen Eilanden Bourbon und Mauritius heimische ~madagassische Biene~ (Apis unicolor). Außerdem beherbergt Asien die drei vom Menschen in Kultur genommenen Bienenarten Apis dorsata, A. florea und A. indica, die für uns nicht in Betracht kommen, aber in Südasien von Wichtigkeit sind. In Kaschmir und im Pandschab hält fast jeder Landwirt Bienenstöcke, welche er in seine Wohnung einbaut.

Nordamerika entbehrte der stacheltragenden altweltlichen Honigbiene, als die Europäer die Ostküste desselben besiedelten. Erst im Jahre 1675 wurde sie aus Europa dort eingeführt und in Newbury, (Massachusetts) der erste Bienengarten eingerichtet. Unsere Honigbiene fühlte sich in der Neuen Welt recht wohl, sie flog in entronnenen Schwärmen dem Ansiedler immer weiter nach Westen voran, und die Indianer nannten sie die „Fliege des weißen Mannes“. Im Jahre 1779 hatte sie den Mississippi noch nicht überschritten, aber 1811 war sie bereits 900 km über ihn hinaus in wildlebenden Völkern verbreitet. Heute gibt es in den Vereinigten Staaten über 700000 Imker, und der Wert des jährlich von ihnen geernteten Honigs beläuft sich auf etwa 80 Millionen Mark, der des gesammelten Wachses dagegen beträgt 8 Millionen Mark. Kalifornien erzeugt den besten Honig der Union, und als beste Biene wird die Palästinabiene gerühmt, die im Jahre 1884 dort eingeführt wurde.

In Mittel- und Südamerika war wenigstens der Honig den Eingeborenen vor der Ankunft der Spanier sehr wohl bekannt. In Mexiko fand man in alten Ruinen aus der Zeit der Azteken mit ihm gefüllte hermetisch verschlossene Gefäße. Er stammte von den in Mittel- und Südamerika einheimischen stachellosen Bienen von den Gattungen Melipona und Frigona. Diese Bienen, von den Einwanderern „angelicos“, d. h. die engelgleichen, weil nicht stechend, genannt, liefern auch heute noch einen großen Teil des in Mexiko gewonnenen Honigs. In wirtschaftlicher Bedeutung werden sie aber mehr und mehr von der europäischen Honigbiene verdrängt, die im letzten Jahrhundert überall, auch in den Republiken Südamerikas, eingeführt wurde. Sie kam 1764 von dem damals noch spanischen Florida zuerst nach der Insel Kuba, warf sich dort aber mit solcher Intensität als Zuckerräuber auf die Siedereien von Rohrzucker, daß die Zuckerpflanzer sie alsbald in ihrem Lande ausrotteten. Von Kuba aus kam sie durch die Spanier nach Haiti, wo sie bald verwilderte. Erst 1839 kam sie nach Brasilien, 1848 nach Chile und 1857 nach Argentinien. Während die Bienenzucht neuerdings in Brasilien so gewachsen ist, daß das Land Honig und Wachs exportieren kann, wovon ein Teil auch nach Deutschland geht, liefert seit einigen Jahrzehnten besonders Chile sehr viel davon. Das milde Klima und der Reichtum des Landes an Honigpflanzen förderten die Bienenzucht ungemein. Ein Bienenstock ergibt hier durchschnittlich 25 kg Honig jährlich; doch sind Fälle, in denen gegen 40 kg gewonnen wurden, nicht selten. Von den 2½ Millionen kg Honig, die aus Chile exportiert werden, geht etwa die Hälfte nach Deutschland. Die Insel Kuba, auf der erst neuerdings die Bienenzucht wieder eingeführt wurde und mit größtem Erfolge betrieben wird, führt gegen 1½ Millionen kg Honig aus, von denen wiederum die Hälfte nach Deutschland geht. So verzehren wir nicht so selten in unseren Lebkuchen Honig, den die Bienen in fernen Ländern jenseits des Atlantischen Ozeans eingetragen haben. Es ist dies kein Wunder; denn von den 300 Millionen kg Honig, die jährlich auf der ganzen Welt gewonnen werden, erzeugt Amerika mehr als die Hälfte. Im Jahre 1840 kam die Honigbiene nach Neuseeland. Schon vorher war sie in Australien eingeführt worden, wo ihre Zucht von 1865 an einen besondern Aufschwung nahm.

XXIII. Der Seidenspinner.

Außer der Honigbiene kommt unter allen Insekten wirtschaftlich nur noch der ~Maulbeer-Seidenspinner~ (Bombyx mori) als wichtiges Nutztier des Menschen in Betracht. Und zwar steht er in Ostasien schon so lange unter der Fürsorge des Menschen, daß er im Gegensatz zur Biene sich im Laufe der Zeit zu einem echten Haustier umbildete und deutliche Einwirkungen der Domestikation erkennen läßt. Ja, er ist unter der Pflege des Menschen so unselbständig geworden, daß seine Raupe nicht mehr ihr Futter selbst findet, wenn sie nicht von jenem daraufgesetzt würde. Raupen, die im Freien aufgezogen werden und vom weißfrüchtigen Maulbeerbaum (Morus alba), ihrer ausschließlichen Futterpflanze, herunterfallen, finden den Weg zu den beblätterten Zweigen nicht mehr. Sie klettern nicht wie andere Raupen den Stamm hinauf, um zu ihrem Futter zu gelangen, sondern irren planlos umher und verhungern schließlich. So sehr sind sie durch ungezählte Generationen hindurch gewöhnt worden, von ihrem Pfleger auf die beblätterten Zweige gesetzt zu werden, daß sie den angeborenen Instinkt der wildlebenden Vorfahren verloren haben. Die lange Dauer der Domestikation und namentlich die Aufzucht in geschlossenem Raume ist auch anderweitig nicht ohne Einfluß auf den Seidenspinner gewesen. Das Geschlechtsstadium, der Schmetterling, hat viel von seinem Flugvermögen eingebüßt; er schwirrt mehr statt zu fliegen, während die meisten Verwandten sehr fluggewandt sind. Neben größeren Formen sind auch Zwergformen gezüchtet worden und solche mit einer doppelten Generation im Jahr, während das Tier ursprünglich nur eine Generation jährlich aufwies. Auch zeigen die Kokons sowohl in der Größe wie in der Färbung erhebliche Unterschiede; es gibt unter ihnen weiße, goldgelbe und grüne Farbennuancen.

Der unscheinbare Falter von 4-5 cm Spannweite ist an Körper und Flügeln schmutzigweiß mit drei gelbbraunen Wellenlinien über letzteren und gekämmten schwarzen Fühlern in beiden Geschlechtern. Die Vorderflügel erscheinen am Außenrand wie ausgeschnitten und haben gegen die Spitze zu sichelartige Fortsätze. Die Neigung der Falter, sich bald nach dem Ausschlüpfen aus der Puppe zu paaren, deutet darauf hin, daß der kurzlebige Imagozustand lediglich die Aufgabe hat, für die Erhaltung der Art zu sorgen. Nahrung wird in demselben nicht aufgenommen, womit die geringe Entwicklung der Mundwerkzeuge im engsten Zusammenhange steht. Das dickleibige, größere Weibchen läßt sich unschwer vom schmächtigen Männchen unterscheiden. In ihm sind die Eier in den paarigen, jederseits aus vier langen Eischläuchen bestehenden Eierstöcken perlschnurartig aufgereiht. Im Herbst legt das Weibchen durchschnittlich 500 mohnkorngroße Eier, von denen 1450 auf 1 g gehen. Sie sind erst strohgelb, verfärben sich später und werden schiefergrau. In der Regel kommt jährlich nur eine Generation zur Entwicklung. Aus den überwinterten Eiern schlüpfen im Frühjahr, sobald der weißfrüchtige Maulbeerbaum junge Blätter treibt, die kleinen nackten, anfangs dunkelbraunen, später weißlichgrauen Raupen aus, welche am zweiten und dritten Ringe merklich aufgetrieben sind und namentlich wegen ihres Hornes am Leibesende, am elften Ringe, große Ähnlichkeit mit einer Schwärmerraupe haben. Sie verfügen wie alle Raupen über einen sehr guten Appetit und fressen, wie die Chinesen behaupten, an einem Tage das zwanzigfache ihres Gewichtes an Maulbeerblättern. Man rechnet, daß 10000 Raupen während der 32 Tage ihres Raupenlebens etwa 200 kg Maulbeerblätter verzehren. Die Nahrung wird rasch umgesetzt und außer zum Wachstum zur Aufspeicherung von Reservestoffen für die Verwandlung in den Falter verwendet. Die rasch wachsende Raupe wechselt ihr Chitinkleid wiederholt, und bis zur Verpuppung erfolgen fünf Häutungen. Die erste Häutung erfolgt nach fünf, die zweite nach weiteren vier, die dritte nach weiteren sechs und die vierte nach weiteren sieben Tagen. Die letzte Hülle wird erst innerhalb des Gespinstes vor der Verpuppung abgestreift. Jedesmal vor der Häutung setzt sie mit dem Fressen aus und gibt sich der Ruhe hin; nach absolvierter Häutung beginnt sie wieder zu fressen und setzt diese Arbeit so lange fort, bis ihr das Kleid zu eng geworden ist und sie eines weiteren bedarf, was durch erneute Häutung bewerkstelligt wird.

Die Raupe des Seidenspinners ist wohl die vollendetste aller Spinner. Die außerordentlich entwickelten Spinnschläuche liegen neben dem Darm und bilden das Hauptorgan in der Leibeshöhle. Im spinnreifen Zustande schimmern sie durch die dünne Chitindecke des Leibes hindurch und erreichen im ausgestreckten Zustand eine Länge von ¾ m. Die fein ausgezogenen Spinnschläuche münden auf der Unterlippe und ermöglichen es der Raupe aus ihrem zähflüssigen, gelblichen Inhalt einen feinen Seidenfaden von etwa 3000 m Länge zu spinnen. Derselbe ist völlig strukturlos und besteht aus 66 Prozent stickstoffhaltiger Seidensubstanz, Fibroin genannt, und 33 Prozent Bast, einer Sericin genannten leimartigen Substanz, die die Farbe enthält und die Seide rauh, hart und steif macht. Beginnt die Raupe das Gespinst anzulegen, so drückt sie die Unterlippe gegen eine Unterlage, etwa einen dargereichten Zweig, und zieht mit eigentümlichen Kopfbewegungen den zähen, an der Luft sofort erhärtenden Spinnstoff aus den Röhren heraus, wobei der Faden natürlich doppelt wird. Erst wird ein lockeres Gespinst von sogenannter Flockseide angelegt, später der feste Kokon in regelmäßigen Achtertouren gesponnen. Die braune Puppe ruht in der seidenen Hülle, die sie zum Schutze gegen Feinde und schädigende äußere Einflüsse in etwa 3½ Tagen um sich herum gesponnen hat, 14-18 Tage lang, um sich während dieser Zeit zum geflügelten Geschlechtstier, der Imago, zu entwickeln. Sobald der Schmetterling fertig ausgebildet ist, reißt er an einem Pol die vorher durch ein verdauendes Ferment aufgeweichte Puppenhülle durch, schlüpft aus und läßt die Flügel erstarren, ohne aber Flugversuche zu unternehmen. Doch so weit läßt es der Mensch in der Regel gar nicht kommen, außer wenn er die Gewinnung von Eiern, sogenannten Grains, zur Fortpflanzung des Seidenspinners beabsichtigt. Da die Kokons abgehaspelt werden müssen, um die Seidenfäden, auf die es der Mensch abgesehen hat und deretwegen er das Tier überhaupt in Pflege genommen hat, zu gewinnen, so wird das Ausschlüpfen des Falters verhindert, indem man die Puppe durch Anwendung von Hitze oder dem giftigen Schwefelwasserstoff tötet.

Bevor der Mensch die Seidenspinnerraupe zur Gewinnung von Seide selbst züchtete, sammelte er deren Kokons auf den Bäumen, von deren Blättern sie sich ernährte. Später trieb er eine wilde Zucht, indem er die Raupen auf bestimmten, in der Nähe seiner Wohnung zu diesem Zwecke gepflanzten Bäumen ansiedelte und hegte, um dann nach deren Einpuppung Ernte zu halten. Diese wilde Zucht wird noch im Norden Chinas, besonders aber in Indien betrieben, in welch letzterem Lande sie noch wichtiger als die häusliche Zucht ist, bei welcher die Raupen in geschlossenen Räumen gehalten und mit vom Maulbeerbaume gepflückten Blättern gefüttert werden. Diese engere Zucht ist in China zuerst eingeführt worden und hat sich von da über zahlreiche Länder der Erde verbreitet. Sie ist jedenfalls in jenem Lande eine uralte, da dort schon im hohen Altertum vom Kaiser und seinem Hofe wie auch von den Vornehmen seidene Gewänder neben den älteren wollenen und leinenen getragen wurden. Nach der Sage soll die Gattin des Kaisers Huang-li im 26. Jahrhundert v. Chr. als erste die Seidenraupe genährt und nach deren Einpuppung mit ihren Fingern, d. h. ohne Zuhilfenahme einer Maschine, die Seidenfäden von den Kokons abgehaspelt haben. In Peking ist ihr ein innerhalb des verbotenen, vom Kaiser und seinem Hofe bewohnten Stadtteils gelegener Tempel geweiht und dort werden ihr alljährlich einmal von der Kaiserin und ihrem ganzen Hofstaat Opfergaben dargebracht. In feierlichem Aufzuge begiebt sie sich dahin. Im Tempelgarten schneidet sie eigenhändig mit einer goldenen Schere Blätter des weißfrüchtigen Maulbeerbaums ab, während die sie begleitenden Hofdamen dies mit silbernen Scheren besorgen. Damit werden dann die Seidenraupen im Innern des Tempels gefüttert. Dann werden der Kaiserin und deren Hofdamen von den Priestern Kokons dargereicht, von denen sie mit den Fingern die Seide abzuwickeln versuchen. Und wie in der Hauptstadt durch die Kaiserin, so wird in den Provinzialstädten durch die Frauen der betreffenden Mandarine, die der Stadt vorstehen, ein solches Fest zu Ehren der vergöttlichten Gattin des Kaisers Huang-li, der Schutzgöttin der Seidenraupenzucht, gefeiert. Bis vor kurzem zog auch die Kaiserin mit ihren Hofdamen, wie auch die Prinzessinen, Seidenraupen. Heute geschieht dies allerdings nicht mehr. Gleichwohl ist bis auf den heutigen Tag die Aufzucht der Seidenraupe überall in China eine Beschäftigung der Frauen, während der Ackerbau Sache der Männer ist.

Die beste chinesische Seide wird in der Provinz Tsche-kiang hergestellt. Die Hauptstadt derselben, Hang-tschou, ist gleichzeitig das Handelszentrum für Seidenbau und Fabrikation von Seidenstoffen, wie heute Lyon für Europa. Die Seidenraupenzucht wird dort von den Bauern im kleinen betrieben. Wie unsere Bauern ihre eigenen Kartoffeln und Rüben auf ihren Äckern pflanzen, so pflanzt auch jeder Bauer in der Provinz Tsche-kiang seinen Reis und Tee und zieht seine Seidenraupen, die ihm nicht nur zur Lieferung von Seide, sondern auch zur Nahrung dienen. Sind nämlich die Kokons abgebrüht und die Seidenfäden abgewickelt, so werden die durch das Brühen getöteten Puppen als leckere Speise verzehrt. Für die Zucht der Seidenraupe werden natürlich immer nur die größten und vollkommensten Kokons verwendet. Schon am ersten Tage, nachdem sich der Falter durch die seidene Hülle des Kokons gebohrt hat und ans Tageslicht getreten ist, legt er nach erfolgter Paarung -- oft aber auch ohne diese -- auf einen großen Bogen groben Papiers, auf den man ihn gesetzt hat, seine gegen 500 winzige Eier ab. Diese Papierbogen werden nun sorgfältig in reines Wasser getaucht und auf horizontalen Bambusstangen zum Trocknen aufgehängt. Dort bleiben sie den Sommer und Herbst über bis zum Dezember und werden dann in einem reinen, staubfreien, sonnigen Zimmer auf den Boden gelegt. Im Februar werden die Eierbogen nochmals dadurch gewaschen, daß man sie eine Zeitlang mit warmem Wasser übergießt. Dies geschieht wohl auch deshalb, um ein möglichst gleichzeitiges Auskriechen der Raupen zu erzielen. Sobald die jungen Räupchen ausgekrochen sind, bekommen sie Maulbeerblätter, die alle 2-3 Stunden neu gestreut werden. Sie dürfen aber weder vom Regen noch vom Tau naß sein. In den Raupenzimmern legt man die Blätter auf Papierbogen oder Matten auf Hürden, wobei man nach der ersten Häutung das Lager mit den Exkrementen und unverbrauchten Blattresten täglich entfernt. Zu dem Zwecke legt man Netze oder durchlöchertes Papier auf die Raupen. Sehr bald kriechen sie hervor und können auf neue, saubere Hürden übertragen werden. Das alte Lager wird aufgerollt und hinausgeschafft. Mit dem Größerwerden der Raupen müssen ihnen natürlich immer größere Räume zur Verfügung gestellt werden. Am 32. Tage nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei, wenn die Raupen aufhören zu fressen und man sieht, daß sie sich zum Verpuppen vorbereiten, hängt man in den Raupenhäusern lose Strohbündel auf und setzt auf jedes derselben 70-80 Raupen. Die Strohhalme geben ihnen den nötigen Halt, um sich einzuspinnen. Nach spätestens fünf Tagen haben sie sich aus den zarten Seidenfäden ihre Kokons gesponnen. Alsbald werden diese von den Strohhalmen abgelöst, auf Bambusmatten gelegt und der Hitze von Kohlenfeuern ausgesetzt, welche die Puppen tötet. In großen Betrieben benutzt man dazu backofenartige Kammern, in denen die erhitzte Luft das Töten der Puppen besorgt. Nun werden die Kokons sorgfältig sortiert und in flachen Körben in heißes Wasser gelegt, um das Seidengespinst zu lockern und die Fäden abhaspeln zu können. Nach dem Erweichen in Wasser von 90-100° C. bringt man sie in solches von 60-70° und schlägt sie mit einer von Hand oder in größeren Betrieben in Europa durch einen Exzenter auf und ab bewegten Bürste, um die oberflächliche Flockseide zu lösen und die Anfänge des Seidenfadens zu gewinnen. Hierauf gelangen sie in einen Trog mit Wasser von 50-60° und werden nach Vereinigung mehrerer Fäden zu einem Rohseidenfaden abgehaspelt. Während in China die Seidenfäden mit den primitivsten Mitteln gewonnen werden, benutzt man dazu in den Kulturländern Europas, die sich mit Seidenzucht abgeben, großartige maschinelle Einrichtungen. Die Rohseide wird dann auf besonderen Maschinen gezwirnt, indem man mehrere, meist 5-7 Fäden durch Zusammendrehen vereinigt. Von den 3000 m Seidenfaden, aus denen ein ganzer Kokon besteht, gewinnt man nur etwa 300-600, ausnahmsweise auch 900 m brauchbare Seide. Dabei wiegen 500-600 Kokons 1 kg und etwa 10 kg derselben liefern 1 kg gesponnene Seide, die an Haltbarkeit jede Pflanzenfaser übertrifft. Da nun aber diese Rohseide hart, steif und ohne Glanz ist, wird sie durch Kochen mit Seifenlauge zur Entfernung des Bastes „entschält“; dadurch wird sie nicht nur glänzend und weiß, sondern auch leichter und besser färbbar.

Von allen Städten Chinas ist das in einer tief sich ins Land hinein erstreckenden Bucht an der Küste südlich von Schang-hai gelegene Hang-tschose durch seine Seidenindustrie am berühmtesten. Ganze Quartiere werden hier von Seidenwindern und -spinnern eingenommen, die Tag für Tag ohne Unterbrechung ihrem Gewerbe obliegen und sich nur an 3 oder 4 Tagen im Jahr, am Neujahrsfest, Ruhe gönnen. Der größte Teil der Erzeugnisse dieser Stadt wird im Inlande abgesetzt, da die reichen und vornehmen Chinesen sich von jeher mit Vorliebe in Seidengewänder kleiden, die sehr kunstvoll mit prächtigen Stickereien hergestellt werden. Die gesamte Ausfuhr der Provinz Tsche-kiang beläuft sich nur auf 400 Pikuls (= 25000 kg) jährlich im Werte von ¼ Million Taels (= 1½ Millionen Mark). Am meisten Seide wird aus Han-kau, im Herzen Chinas am Yang-tse-kiang oder blauen Flusse gelegen, ausgeführt. Hier erreicht ihr Wert etwa 24 Millionen Mark im Jahr. Ebenso viel exportiert Kau-tau, dann folgen der Reihe nach Tschi-fu und I-schang. Der Gesamtexport Chinas beträgt im Jahre etwa für 150-160 Millionen Mark.

In den nördlichen Provinzen Chinas sowie in der Mandschurei werden die Seidenraupen nicht mit Maulbeerblättern, sondern mit Eichenlaub, bei uns in Europa auch mit den Blättern der Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica), großgezogen. Man läßt dort die Raupen auf den Bäumen, wo sie sich selbst ernähren. Hier bleiben sie ohne Pflege und besonderen Schutz, bis sie sich eingesponnen haben. Die Frühjahrkokons werden nicht eingeheimst; man läßt aus ihnen die Falter auskriechen und sich vermehren. Erst die Herbstkokons werden geerntet und auf Seide verarbeitet. In diesen nördlichen Provinzen, wie auch im Stromgebiet des Yang-tse-kiang, sind die Krankheiten der Seidenraupe, welche in Frankreich und Italien so große Verheerungen anrichten, unbekannt; dagegen sind sie in Tsche-kiang schon aufgetreten. Trotzdem liefert China unzweifelhaft auch heute noch die meiste Rohseide; und wollten die Chinesen endlich die bewährten europäischen Erzeugungsmethoden annehmen, so würde es ihnen leicht werden, den sich in letzter Zeit äußerst stark geltend machenden japanischen Wettbewerb aus dem Felde zu schlagen und ihre schon jetzt so großen Einnahmen zu verdoppeln. Daß dies in verhältnismäßig naher Zukunft der Fall sein wird, daran ist nicht im geringsten zu zweifeln.

Wie die Chinesen den Seidenspinner zum eigentlichen Haustier erhoben, haben sie auch die Seidenraupenzucht im Altertum als ihr ausschließliches Monopol eifersüchtig gehütet. Dieses Monopol wurde zum erstenmal, soweit wir wissen, im Jahre 140 v. Chr., durch eine chinesische Prinzessin durchbrochen. Solche wurden schon damals als Opfer der Politik zur Einleitung freundschaftlicher Beziehungen oder zur Befestigung bestehender Bündnisse gewissermaßen als Ehrengeschenke Fürsten der angrenzenden Länder gegeben. Eine solche brachte die Zucht der Seidenraupe aus dem Herzen Chinas nach der uralten Kulturoase Chotan am nördlichen Abhange des Kuen-lün oder Himmelsgebirges. Von Kind auf mit der Aufzucht dieses Tieres vertraut, wollte sie es als teure Erinnerung an die ferne Heimat mitnehmen. Das durfte sie aber nur ganz im Verborgenen tun, und so schmuggelte sie Eier des Seidenspinners in ihrem Kopfputz verborgen über die Grenze.

Schon lange vorher waren Kleidungsstücke und Stoffe von in China bereiteter Seide als wertvolle Tauschmittel nach dem Auslande gebracht worden, zumal nach dem reichen Indien, wo solche früher schon an den Höfen und bei den Vornehmen einen beliebten Schmuck bildeten. Über den Umweg Indien oder auch direkt kam solcher Seidenstoff schon im Altertum auch in die Kulturländer am Mittelmeer, wo man sich allerdings von dessen Gewinnung teilweise sehr abenteuerliche Vorstellungen machte. So spricht der römische Dichter Vergil (70-19 v. Chr.) in seiner Georgica „von den Wäldern des Negerlandes, die weißgraue Wolle tragen -- er versteht darunter offenbar die Baumwolle -- und von der feinen Wolle, welche die Serer von Blättern kämmen“. Unter der Bezeichnung Serer verstand das klassische Altertum die Chinesen im fernsten Asien, und deshalb kann unter dieser von Blättern gekämmten Wolle nur die Seide, die bereits damals bei den Vornehmen Roms gebräuchlich war, verstanden worden sein. Auch der ältere Plinius (23-79 n. Chr.) sagt in seiner Naturgeschichte: „Die Serer sind berühmt durch die Wolle ihrer Wälder (also die Seide); sie begießen die weißgrauen Haare der Blätter und kämmen sie ab. Unsere Weiber müssen die Fäden wieder abwickeln und von neuem weben. So mühsam ist die Arbeit, durch die unsere Damenkleider hergestellt werden, so weit her holt man ihren Stoff“.

Die Behauptung, daß die Seide in Form von Haaren auf Blättern wachse, ist zweifellos daher entstanden, daß man eine dunkle Ahnung davon hatte, daß gewisse Blätter zu deren Gewinnung nötig seien. Daß aber eine Raupe von diesen Blättern lebt und aus der Blattsubstanz Seide erzeugt, das wußte man noch nicht allgemein. Doch hatten schon einige besser unterrichtete Griechen Kunde davon. So spricht schon der gelehrte Erzieher Alexanders des Großen, Aristoteles (384-322 v. Chr.), von der Gewinnung einer Art Seide durch einen in Griechenland einheimischen Spinner. Er schreibt nämlich in seiner Naturgeschichte: „Aus einem großen Wurme, der eine Art Hörner hat und sich von andern unterscheidet, wird zunächst durch Verwandlung eine Raupe, dann ein bombylios (Kokon) und später eine Puppe; alle diese Verwandlungen macht er in sechs Monaten durch. Von diesem Tiere haspeln manche Weiber das Gespinst (ta bombýkia) ab und weben es dann. Pamphila, die Tochter des Plates, soll zuerst auf der Insel Kos (in der Nähe der Karischen Küste) diese Webekunst ausgeübt haben.“ Diese Stelle des Aristoteles bringt der ältere Plinius mit geringen Veränderungen und sagt dann, daß aus den Kokons eines Spinners (bombyx) als bombycine bezeichnete Gewebe verfertigt würden, aus denen man Kleider für prachtliebende Damen mache. Die Kunst, diese Fäden abzuhaspeln und dann zu weben, habe eine Frau von Koos, Pamphila, erfunden. Späterhin fährt er fort: „Auch auf der Insel Koos soll eine Art Spinner (bombyx) entstehen, indem sich die vom Regen abgeschlagenen Blüten der Cypressen, Terebinthen, Eschen und Eichen durch den Hauch der Erde beleben. Zunächst sollen daraus kleine, nackte Schmetterlinge (papilio) entstehen, welche bald gegen die Kälte einen schützenden Haarüberzug erhalten und sich dann gegen die Rauhigkeit des Winters eigene Kleider verfertigen, indem sie mit den Füßen den feinen Haarüberzug (lanugo) der Blätter abkratzen. Diesen krämpeln sie dann mit den Nägeln, breiten ihn zwischen den Ästen aus und ordnen ihn wie mit einem Kamme, worauf sie sich in das Ganze wie in ein bewegliches Nest einhüllen. Hierauf nimmt man sie ab, legt sie in lauwarme irdene Geschirre und füttert sie mit Kleie. Daraufhin bekommen sie Federn (pluma). Nun läßt man sie wieder frei, damit sie ihre Arbeit aufs neue beginnen können. Die schon begonnenen Gewebe werden in der Feuchtigkeit zähe und werden dann mit einer aus Binsen gemachten Spindel in dünne Fäden gezogen. Selbst Männer tragen solche leichte Kleider während der Sommerhitze, denn vom Panzer wollen unsere Weichlinge, die kaum noch ein leichtes Kleid zu tragen vermögen, nicht mehr viel wissen. Doch den assyrischen Bombyx überlassen wir noch den Damen“. Unter letzterem scheint die echte Seide verstanden worden zu sein, die vorzugsweise von den vornehmen Damen Roms zur Kaiserzeit getragen wurde; denn der römische Geschichtschreiber Tacitus (54-117 n. Chr.) schreibt in seinen Annalen, der Senat habe unter der Regierung des Kaisers Tiberius (14-37 n. Chr.) beschloßen den Aufwand einzuschränken und verbot Speisen in Gefäßen von massivem Gold aufzutragen, wie auch den Männern das Tragen seidener Kleider. Unter dem Gespinst von Kos muß aber das Erzeugnis eines anderen Spinners, der dort vielleicht in wilder Zucht kultiviert wurde, verstanden worden sein, wenn man nicht annehmen will, daß die aus gekrämpelten Fäden hergestellte Floretseide irrtümlicherweise von einer auf Kos lebend angenommenen Bombyxart abgeleitet wurde. Letzteres scheint sehr wahrscheinlich zu sein, denn man sollte doch denken, daß, wenn auf der Insel Kos tatsächlich eine Art Seidenspinner gezogen worden wäre, man über diese Zucht noch weitere Angaben bei antiken Schriftstellern finden sollte, was aber durchaus nicht der Fall ist.

Weit besser als die bisher genannten Autoren war der griechische Geschichtschreiber und Geograph Pausanias, der zwischen 160 und 180 n. Chr. einen Reiseführer durch die Kulturländer am Mittelmeer schrieb, über die Herkunft der chinesischen Seide orientiert. Allerdings war auch sein Wissen mit zahlreichen Irrtümern gespickt. Er schreibt nämlich in seiner Periegesis: „Im Lande der Serer lebt ein Tierchen, welches die Griechen sér nennen, während es bei den Serern selbst anders heißt. Es ist doppelt so groß wie der größte Käfer, übrigens den Spinnen gleich, hat auch acht Beine. Diese Tiere halten die Serer in eigenen Gebäuden, die für den Sommer und Winter eingerichtet sind. Das Gespinst dieser Tiere ist zart und sie wickeln es mit ihren Füßen um sich herum. Vier Jahre lang werden sie mit Hirse gefüttert; im fünften aber, und man weiß, daß sie nicht länger leben, bekommen sie grünes Rohr (kálamos) zur Nahrung. Dieses schmeckt ihnen unvergleichlich gut; sie fressen sich davon so dick und voll, daß sie platzen und sterben. Man findet alsdann in ihrem Innern noch viele Fäden.“

Wenn nun auch die alten Römer nicht recht wußten, was für ein Erzeugnis die Seide sei, so wußten sie doch, daß die von ihnen Serer genannten Chinesen im fernen Osten Asiens diesen kostbaren Stoff gewannen und in den Handel brachten. Der römische Geschichtschreiber Ammianus Marcellinus (geboren 330 zu Antiochia in Syrien, diente zuerst im Heer, lebte später in Rom, wo er in lateinischer Sprache eine „Römische Geschichte von 96-378“ in 31 Büchern schrieb und nach 390 starb) weiß uns zu erzählen: „Die Serer sind ruhige, sich nie mit Waffen und Krieg befassende Leute. Sie leben in einer gesunden Gegend, die reich an ziemlich lichten Wäldern ist, holen von den Bäumen, nachdem sie dieselben tüchtig mit Wasser bespritzt haben, eine Art Wolle, die, mit der Flüssigkeit gemischt und dann gekämmt, einen äußerst feinen Stoff liefert, der gesponnen die Seide gibt. Früher trugen nur vornehme Leute solche Kleider, jetzt tragen sie selbst die gemeinsten ohne Unterschied. -- Kommen Fremde zu den Serern, um Fäden (d. h. Seide) zu kaufen, so legen sie ihre Ware aus und der Handel wird geschlossen, ohne daß ein Wort dabei gewechselt wird.“

Wenn auch nach diesem Autor im 4. Jahrhundert n. Chr. selbst die gemeinen Leute seidene Kleider trugen, so war dies zu Ende der Republik und zu Anfang der Kaiserzeit durchaus noch nicht der Fall. Damals waren Seidenstoffe etwas überaus Kostbares, deren Anschaffung sich nur sehr Reiche leisten konnten. So schreibt der römische Geschichtschreiber Dio Cassius: „Um einen Begriff von der verschwenderischen Pracht zu geben, welche der Diktator Julius Cäsar (es war in den Jahren 46-44 v. Chr.) entfaltete, so bemerke ich, daß er, wie einige Schriftsteller erzählen, im Theater seidene Stoffe zum Schutze gegen die Sonne über den Zuschauern ausbreiten ließ. Die Seide ist ein für Üppigkeit bestimmtes Gewebe, das eigentlich zum Gebrauche vornehmer Damen eingeführt wird. Die Zuschauer im Theater, welche bis dahin bei jeder neuen Szene laut über unvernünftige Verschwendung Cäsars geschrieen hatten, ließen sich die seidenen Tücher (Velarien) zur Abhaltung der Sonne ruhig gefallen; die Soldaten aber, welche sich ärgerten, daß das Geld nicht lieber für sie selbst verwendet worden war, machten einen entsetzlichen Lärm und konnten nicht eher zur Ruhe gebracht werden, als bis Cäsar einen von ihnen mit eigener Hand packte und hinrichten ließ.“

Außer zu Kleidern für vornehme Damen und Velarien für Theater und später auch Zirkus, wurde für alle möglichen Zwecke ein ausgedehnter Gebrauch von Seidenstoffen gemacht. So spricht Properz (45 v. bis 22 n. Chr.) in seinen Elegien von mit Seide geschmückten Wagen, von in arabischer Seide glänzenden Mädchen, von bunten Seidengeweben, die gegen Kummer nicht helfen. Horaz (65-8 v. Chr.) schreibt in einer seiner Epoden von „Büchern, die auf seidenen Kissen liegen.“ Ovid (43 v. bis 7 n. Chr.) sagt in seinem Amores, die über den Rücken herabwallenden Haare der Geliebten seien so zart wie Seide und so fein wie Spinnengewebe. Quintilian berichtet von einer aus Seide gewebten Toga, also dem Männerüberwurf. Martial spottet: „Galla ist alt und häßlich, schmückt sich aber mit seidenen Kleidern.“ Und der ältere Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte: „Kränze sind schon seit langer Zeit bei den Römern im Gebrauch; jetzt aber hat es die Üppigkeit der Weiber so weit gebracht, daß man diejenigen Kränze für die besten hält, die mit bunten Seidenbändern durchflochten sind und von Salben triefen.“

In der späteren Kaiserzeit wurde der Luxus mit den kostbarsten Dingen, darunter auch mit Seidengeweben, immer weiter getrieben. Stark darin war der halbverrückte Kaiser Commodus. Nach dessen Ermordung im Jahre 192 fand der zum Imperator ausgerufene Stadtpräfekt in Rom, Pertinax, nach dem Berichte des Julius Capitolinus die Finanzen in einem verzweifelten Zustande, der durch die unsinnige Verschwendung seines Vorgängers Commodus verursacht worden war. Er sah sich daher, um hierin Ordnung zu schaffen, genötigt, alles zu verkaufen und zu Geld zu machen, was derselbe an verkäuflichen Dingen hinterlassen hatte, so z. B. Hofnarren, liederliche Dirnen, zahlreiche kostbare Kleider, deren Aufzug aus Seide, der Einschuß aber aus Goldfäden bestand, dann Waffen und Schmuck aller Art aus Gold und Edelsteinen, zahlreiche Gefäße, die aus Gold, Silber, Elfenbein oder kostbarem Holz der Sandarakzypresse aus dem Atlasgebirge (citrus) gearbeitet waren, Prunkkarossen usw. Bis dahin waren die Gewebe meist noch nicht ganz aus Seide hergestellt, sondern nur der Aufzug war von Seide, der Einschuß aber aus Wolle, Leinen, Baumwolle oder Gold, wie sie Commodus trug. Erst nach seiner Zeit ist von ganzseidenen Gewändern (stola holoserica -- Stola war das bei den Römern über der Tunika getragene lange Frauengewand, das unter der Brust zu einem weiten Faltenbausch aufgegürtet wurde) die Rede, die als besonders üppig, weil sehr teuer, galten. Und Älius Lampridius schreibt in seiner Biographie des Kaisers Heliogabalus: „Kaiser Heliogabalus (regierte von 218-222 n. Chr.) soll der erste Römer gewesen sein, der ein ganzseidenes Kleid (holoserica vestis) trug; bis dahin hatten römische Männer nur halbseidene (subserica) getragen. -- Er ließ sich Stricke aus purpur- und scharlachroter Seide flechten, um sich damit erhängen zu können, wenn sein letztes Stündlein geschlagen hätte. Um die Wahl zu haben, hielt er auch in hohlgeschliffenen Edelsteinen Gifte vorrätig, baute auch einen sehr hohen Turm und ließ an dessen Fuß den Boden mit Gold und Edelsteinen pflastern, um sich gegebenenfalls recht großartig auf dieses Prachtpflaster zu stürzen und so ganz glorreich den Hals brechen zu können. Aber alle diese schönen Plänchen wurden vereitelt; denn Hofnarren und Soldaten jagten ihn in einen Abtritt, schlugen ihn da tot, schleiften ihn durch allen möglichen Dreck und warfen ihn zuletzt mit einem Stein am Halse, damit er nicht begraben werden könne, in den Tiberstrom.“

Im Gegensatz zu diesem an den größten orientalischen Luxus gewöhnten Kaiser sagt der Geschichtschreiber Flavius Vopiscus von Kaiser Aurelian (ward 270 nach Claudius II. Tod von den Truppen in Mösien zum Kaiser ausgerufen, machte 272 der Herrschaft der Zenobia in Palmyra ein Ende, besiegte den gallischen Gegenkaiser Tetricus, fiel aber 275 auf dem Zuge gegen die Perser durch Meuchelmord): „Kaiser Aurelian hatte weder selbst ein ganzseidenes Kleid, noch schenkte er jemandem eins. Als ihn seine Gemahlin um die Erlaubnis bat, wenigstens ein pupurfarbiges seidenes Kleid tragen zu dürfen, antwortete er: „Nein, bewahre! Die Seide darf nicht mit Gold aufgewogen werden.“ Damals aber stand ein Pfund Gold einem Pfund Seidenstoffes an Wert gleich.“ Und vom Kaiser Tacitus, der 275, im Alter von 75 Jahren vom Senat zum Imperator gewählt, treffliche Absichten hatte, aber schon 276 auf einem Zug gegen die Goten in Kleinasien von seinen eigenen Soldaten ermordet wurde, hebt sein Biograph Flavius Vopiscus rühmend hervor, er habe allen Männern das Tragen ganzseidener Kleider verboten, da er solche Sitte als allzu verweichlichend für unpassend fand. Sein Verbot hatte aber nur vorübergehend Geltung und wurde unter seinen Nachfolgern bald aufgehoben. Ungescheut trugen auch die Männer jene üppigen Seidenstoffe aus dem fernen Asien. Erst später, als das Tragen solcher Gewandung in breitere Volksschichten überging, kamen die einsichtsvolleren Männer Roms wieder davon ab. Und der ums Jahr 400 n. Chr. lebende Schriftsteller Claudius Claudianus berichtet, daß es zu seiner Zeit Stutzer gab, denen selbst das seidene Kleid zu schwer war. Derselbe Autor spricht in seiner Lobschrift über den Vandalen Stilicho, der 395 Vormund des Kaisers Honorius und Regent des weströmischen Reiches ward, von seidenen Zügeln. Als dieser Stilicho 408 von einem Römer ermordet worden war, drang der Westgotenkönig Alarich mit seinem Heere, das jener 403 bei Pollentia und Verona geschlagen hatte, abermals plündernd in Italien ein und eroberte die Stadt Rom am 24. August 410. Bei der Übergabe dieser Stadt stellte dieser Germanenfürst, der bereits auf seinem Raubzuge durch Griechenland 395 die Annehmlichkeit des Tragens seidener Kleidung kennen gelernt hatte, nach dem Berichte des Geschichtschreibers Zosimus die Bedingung auf, daß ihm die Römer außer andern Kostbarkeiten 4000 seidene Gewänder abliefern sollten, was denn auch geschah. Daß dies möglich war, beweist, daß die Seide damals in jener üppigen Hauptstadt des weströmischen Reiches etwas ziemlich Gewöhnliches war.

In jener Zeit hatte die Zucht der Seidenraupe vom Gebiet von Chotan aus durch ganz Turkestan so weite Verbreitung gefunden, daß um die Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. Dizabul, ein Herrscher der Turkvölker, mit Umgehung des dazwischenliegenden Reiches der Sassaniden mit dem oströmischen Kaiser Justinian I., der 527 seinem Onkel Justinus I. in der Herrschaft folgte und bis 565 regierte, Unterhandlungen über die Einfuhr von Seidenstoffen anknüpfte. Dieses Anerbieten Dizabuls lehnte aber Justinian ab, da inzwischen die Oströmer selbst die Seidenraupenzucht erhalten hatten. Im Jahre 551 hatten nämlich nach dem Geschichtschreiber Procopius zwei syrische Mönche die ersten Eier des Seidenspinners und eine gründliche Kenntnis der ganzen Zucht desselben von Turkestan nach Konstantinopel gebracht. Da die Todesstrafe auf der Ausfuhr von Eiern der Seidenraupe stand, schmuggelten sie diese in hohlen Stöcken auf oströmisches Gebiet hinüber, wo man mit diesem kostbaren Geschenk sehr wohl zufrieden war. Dort lernte man bald die Seide selbst gewinnen und daraus Seidengewebe herstellen. So konnte Justinian mit Umgehung der in Syrien ansässigen Seidenhändler aus der Seide in seinem eigenen Lande ein Monopol machen. Und dieses wurde in der Folge bis ins 12. Jahrhundert streng aufrecht erhalten. Späterhin wurde besonders die Insel Kos durch ihre Seidenkultur berühmt.

Erst als man die Seidenraupenzucht im eigenen Lande hatte, korrigierte man die falschen Anschauungen, die bis dahin über die Herkunft dieser Art Gewebe im Abendlande geherrscht hatten. Doch gab es gleichwohl noch genug Leute, die darin nicht recht Bescheid wußten und bei den althergebrachten falschen Ansichten blieben. So schreibt noch der 636 als Bischof von Hispalis (Sevilla) verstorbene Isidorus in seiner Biographie des Origines: „Die Seide heißt sericum, weil sie zuerst aus dem Lande der Serer kam. Dort sollen Würmchen (vermiculi) leben, welche die Fäden auf Bäumen ziehen; solche Würmer (vermes) werden von den Griechen bómbykes genannt.“

In Persien, Syrien und Kleinasien war die Seidenzucht schon zu Muhammeds Zeiten (571-632) stark verbreitet, und obschon dieser einflußreiche Prophet seinen Anhängern drohend zurief: „Wer hier Seide trägt, wird dort keine tragen,“ konnte der seit dem Altertum hier getriebene orientalische Luxus an kostbaren Webereien und Stickereien unmöglich auf dieses neue hervorragende Material verzichten. So erdachten sich die schlauen Anhänger des Propheten einen Kompromiß zwischen den allzustrengen Geboten Muhammeds und den Bedürfnissen des täglichen Lebens, und erklärten nur reinseidene Gewänder und Gewebe für verboten, während Seide, die in anderes Gewebe eingewebt, eingestickt oder eingenäht wurde, erlaubt sein sollte. Jedenfalls ist die Seidenzucht in allen muhammedanischen Ländern bald zu großer Blüte gelangt und hat besonders auch unter den gewerbetüchtigen Mauren in Spanien eine große Bedeutung erlangt, indem der Export von kostbaren Seidenstoffen von dort nach Europa ein nicht unwichtiger war. Aber nicht von Spanien, wo die Mauren nur Seidenstoffe, nicht aber die Seidenraupe selbst außer Land gaben, sondern von Sizilien aus wurde die Seidenzucht zunächst nach Italien und dann nach Südfrankreich verbreitet. In Siziliens Hauptstadt Palermo hatten die Araber seit dem 10. Jahrhundert eine auch von ihren Nachfolgern, den Normannen, nach der Eroberung der Insel im Jahre 1072 beibehaltene staatliche Fabrik für Seidengewebe, die unter anderm auch die normannischen Krönungsgewänder lieferte. Diese kamen durch Konstantia, die Erbin des sizilischen Königs Wilhelm II., mit der sich Kaiser Friedrichs I. Barbarossas Sohn Heinrich IV. 1186 vermählte, in den Besitz der Hohenstaufen und wurden durch sie zu den deutschen Reichskleinodien gemacht. Daher kommt es, daß der Mantel und die Strumpfbänder, mit denen der Kaiser des heiligen römischen Reichs deutscher Nation bei der feierlichen Krönung bekleidet wurde, arabische Inschriften von Goldstickerei auf purpurfarbiger Seide tragen. Ersterer, der im Jahre 1133 für Roger II. hergestellt wurde, welcher sich drei Jahre zuvor in Palermo zum Könige von Sizilien und Apulien, das er 1127 erbte, hatte krönen lassen, trägt außerdem das echt arabische Motiv der Darstellung eines Löwen, der unter einer Dattelpalme ein Kamel würgt.

In Italien breitete sich dann in begünstigten Gebieten die Seidenzucht ziemlich rasch aus. So empfingen die Fabriken Norditaliens ein wichtiges Produkt für ihre Weberei. Besonders zeichnete sich Lucca, Bologna und Florenz aus; aber auch sie suchten daraus ein Monopol zu ihren Gunsten zu machen, indem sie die Ausfuhr des Seidenspinners und seiner Nährpflanze, des weißfrüchtigen Maulbeerbaumes, aus ihrem Gebiete aufs strengste untersagten. Solches Verbot mußte aber nur umsomehr die Begehrlichkeit der Nachbarn reizen. So ließ Ludwig XI., der von 1461 an Frankreich regierte, in seinem Lieblingssitze Plessis-les-Tours durch einen Kalabresen eine Seidenzucht einrichten, die aber erfolglos blieb. Erst einem seiner Räte gelang diese Einführung, indem er zuerst die Nährpflanze der Seidenraupe, den weißfrüchtigen Maulbeerbaum, in Südfrankreich anpflanzte und dann erst Eier des Seidenspinners zur Aufzucht der Raupe einführte. In der Folge wurde die südfranzösische Seidenzucht von den Königen Frankreichs in hohem Maße begünstigt, so daß schon unter Heinrich IV. der Altmeister der französischen Landwirtschaft, Olivier de Serres, sie als blühend hervorhob. Seit der Zeit des prachtliebenden Ludwigs XIV. nahm dann Lyon in der Fabrikation aller Seidenstoffe eine führende Stellung ein, gegen die die oberitalienischen Städte, selbst Mailand, wohin sie 1550 eingeführt wurde, zurücktreten mußten.

Während in Süditalien und Sizilien die vormals blühende Seidenweberei im 14. Jahrhundert verschwand, behielten diese Länder in der Folge nur die Erzeugung des Rohmaterials, während sich die dem damals überaus mächtigen und reichen Herzogtum Burgund angegliederten Niederlande einen großen Teil der Herstellung der allerkostbarsten Seidenzeuge, speziell Brokate, aneigneten. In Deutschland bildete sich im Jahre 1670, und zwar in Bayern, die erste Seidenbaugesellschaft. Von 1764 an bis zu seinem 1786 erfolgten Tode führte König Friedrich II., der Große, den Seidenbau in Preußen ein und begünstigte ihn in so hohem Maße, daß Krefeld versuchen konnte, es mit Lyon aufzunehmen. Doch verfiel in der Folge die ganze Unternehmung, weil es der Seidenraupe hier zu kalt war, so daß Krefeld, um weiter bestehen zu können, das Rohmaterial aus überseeischen Ländern, wie auch später Lyon infolge der Muscardine, beziehen mußte. Dadurch erhielt die Zucht der Seidenraupe im subtropischen Gebiet einen neuen Anstoß, zugleich aber wurde die Seidenindustrie des Orients, die sich bis dahin, wenn auch in geringerem Maße, in alter Weise erhalten hatte, durch die Entziehung des Rohmaterials aufs empfindlichste betroffen. Jetzt ziehen Persien, Kleinasien und Mazedonien die Seide für die französischen Fabriken, und China und Japan exportieren zunehmend rohe Seide. Auch die indische Seide geht jetzt fast ganz in die europäische Fabrikation über. Rußland hat die alte Seidenkultur Zentralasiens an sich gerissen, wie Frankreich diejenige Algeriens.

Am Kap der Guten Hoffnung wurden im Jahre 1730 ohne Erfolg Seidenraupen gezogen; auch in Mexiko, Argentinien und Chile blieben die diesbezüglichen Versuche bedeutungslos. Asien dagegen ist heute noch die Hochburg der Seidenzucht. Während in Indien bis nach Indo-china hinein die wilde Zucht die zahme weit überwiegt, wurde letztere von China aus schon frühe weiter ostwärts verbreitet. So kam sie zu Beginn des 2. Jahrhunderts in Korea auf und im Jahre 195 wurde sie durch den Prinzen Koman, einen Sproß des chinesischen Kaiserhauses, nach Japan, wo er sich niederließ, eingeführt. Sein Sohn ließ dann eine große Schar aus China herübergebrachter Seidenweber über das ganze Land verteilen, um das japanische Volk in dieser Kunst zu unterweisen. Man erzählt sich, das 50 Jahre später der damalige japanische Kaiser seine Gemahlin veranlaßt habe, die Häuser der Seidenraupenzüchter und Seidenweber zu besuchen, um sie in ihrer Tätigkeit zu ermutigen. Ja, im Jahre 462 ließ Kaiser Yurgake als ermunterndes Beispiel für das ganze Volk seine Gemahlin höchst eigenhändig Seidenraupen züchten und sie mit den Blättern des Maulbeerbaums füttern. Von dieser Zeit an wurde die Seidenkultur nach dem Berichte der japanischen Annalen, wie in China, ein Gegenstand von größter nationaler Bedeutung, so daß wie dort Seidenstoffe von allen besser Situierten getragen und an Stelle anderer Bezahlung als Steuer auch von den Staatsbeamten angenommen werden.

Heute werden alljährlich 24 Milliarden Kokons des Seidenspinners zur Gewinnung von Seide verbraucht, obschon neuerdings auch Kunstseide aus nitrierter Cellulose oder Schießbaumwolle hergestellt wird. Durch die vielhundertjährige Zucht in geschlossenen Räumen zeigen die Seidenraupen eine verminderte Widerstandsfähigkeit gegen Infektionen und sind den verschiedensten Krankheiten ausgesetzt, die große Verheerungen unter ihnen anrichten. Von den durch Spaltpilze angerichteten Krankheiten, den sogenannten Mykosen, ist zunächst die Schlaffsucht hervorzuheben, von den Franzosen flacherie und den Italienern flaccidezza genannt. Sie trat in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit ungewöhnlicher Heftigkeit auf und vernichtete einen starken Prozentsatz der Zuchten. Die Krankheit macht sich meist kurz vor der Verpuppung bemerkbar und nimmt einen sehr raschen Verlauf. Die Raupen zeigen dann verminderte Freßlust, werden schlaff und verenden schließlich. Das Innere derselben verfließt schon nach 1-2 Tagen zu einer schwarzbraunen Jauche, in welcher sich viele Spaltpilze befinden. Eine andere Mykose verursacht die Kalksucht, von den Franzosen muscardine, von den Italienern dagegen calcino genannt. Sie wird durch den Pilz Botrytis bassiana hervorgerufen, dessen Mycel das Innere des Raupenkörpers durchsetzt, wobei die absterbende Raupe zuerst wachsartig, später aber wie mit Kalk begossen erscheint, indem sie sich über und über mit den Sporenträgern bedeckt, die durch Verstreuen der rasch in die gesunden Raupen eindringenden Sporen andere Individuen anstecken. Die Seuche ist seit 1763 bekannt und gewann zu Beginn des vorigen Jahrhunderts besonders in Frankreich eine große Ausdehnung, ist aber seit 50 Jahren fast ganz verschwunden. Die Fleckenkrankheit oder Pebrine zeigt sich zuerst in verminderter Freßlust, dann erscheinen auf der Haut dunkle Flecken und das Schwanzhorn der Raupe verschrumpft meist. Doch können schwach infizierte Raupen noch einen Kokon spinnen und sich zu einem Schmetterling entwickeln. Der Erreger dieser Fleckenkrankheit ist ein Nosema bombycis genannter Spaltpilz, der ebenfalls leicht übertragen wird und großen Schaden anrichtet. Ebenfalls verderblich sind die Fett- oder Gelbsucht und die Schwind- und Schlafsucht.

Wie der Mensch Schläge der Seidenraupe mit strohgelbem, goldgelbem, grünlichem oder weißem Kokon gezüchtet hat, hat er auch größere und kleinere Rassen, wie auch solche mit ein und zwei Generationen im Jahr gezogen. Ganz verwildert ist dieses Haustier nirgends, immerhin gab es nach Aldrovandi im Jahre 1623 eine halbverwilderte Zucht in Kalabrien, indem man dort die Raupe auf dem Maulbeerbaume selbst ansiedelte und von diesen die Kokons sammelte. Der Haupthinderungsgrund des Gedeihens einer solchen Zucht im Freien sind vor allem die insektenfressenden Vögel, gegen die auch die Südasiaten ihre halbwilde Zucht durch Netze schützen müssen. Wahrscheinlich sind auch diese Feinde der wehrlosen Raupe die Ursache gewesen, daß man die Zucht dieses Tieres mehr und mehr ins Haus zog. Da in allen zur Seidengewinnung verwendeten Kokons die Tiere getötet werden müssen, wird die Seidenzucht nur durch die große Fruchtbarkeit des Schmetterlings ermöglicht. Durch Ausziehen des klebrigen, dickflüssigen Inhalts der Spinndrüsen kurz vor dem Verpuppen erzielt man in China und Japan ein sehr festes Material zum Anbringen der Angel an der seidenen Schnur.

Als wilde Stammform des Seidenspinners hat man den in dem östlichen Himalajagebiet vorkommenden Bombyx huttoni ansehen wollen, den der Engländer Hutton wildlebend auf dem wilden weißfrüchtigen Maulbeerbaum antraf. Jedenfalls muß er dem echten Seidenspinner sehr nahe verwandt sein, da er sich mit ihm kreuzen läßt, wobei die Nachkommen einer solchen Kreuzung fruchtbar sind. Ist dieser wilde Seidenspinner tatsächlich die Stammform des zahmen, so muß früher sein Vorkommen, das jetzt auf das östliche Himalajagebiet beschränkt ist, weiter östlich über Yünnan nach Südchina gereicht haben, wo eben der Wildling durch Zähmung zum Verschwinden gebracht wurde.

Doch ist dieser Spinner durchaus nicht der einzige, der verspinnbare Seide liefert. So beherbergt Ostasien noch einige andere Spinner, deren Kokons ebenfalls eine für den Menschen brauchbare Seide erzeugen. Als zu Beginn der 1850er Jahre unter den Seidenraupenzüchtern Südfrankreichs die als Pebrine erwähnte verheerende Epidemie ausbrach, deren parasitäre Natur Louis Pasteur feststellte, sah man sich, als sie den Züchtern schwere Verluste beibrachte und ihre ganze Existenz in Frage stellte, nach andern Spinnern um, die sich in Europa züchten ließen. Schon 1740 hatte der Missionar Pater d’Incarville über einen südasiatischen Spinner berichtet, der 20 Jahre später von Daubanton als „Halbmond“ in seinem Atlas abgebildet wurde und 1773 von Drury seinen wissenschaftlichen Namen erhielt. Es war der ~Ailanthusspinner~ (Saturnia cynthia), in Assam Erya genannt, der als Ersatz des Maulbeerspinners 1856 von Pater Fantoni aus China nach Frankreich eingeführt wurde. Seine Raupe, die auf dem Götterbaum (Ailanthus glandulosa) und der Rizinusstaude (Ricinus communis) lebt, entwickelt sich so rasch, daß in einem Jahre bequem dreimal frische Kokons erzielt werden können, die eine vorzügliche Seide liefern. Ja, Sir W. Neid, der Gouverneur von Malta, züchtete in der Zeit vom 2. Dezember bis zum folgenden November sogar viermal vollkommen gesunde Falter. Durch die künstlichen Zuchtversuche ist der schöne gelbbraune Schmetterling in Italien, Südfrankreich, bei Straßburg im Elsaß, wo er 1878 ausgesetzt wurde, bei Frankfurt am Main, im Tessin, bei Trient, in Istrien, bei Laibach, bei Wien und im östlichen Nordamerika heimisch geworden. Leider treiben die beiden genannten Futterpflanzen, die sonst in Deutschland ganz gut gedeihen, zu spät Blätter, um eine Zucht im großen ohne Treibhaus lohnend erscheinen zu lassen. Daher sahen die Akklimatisationsvereine sich nach anderen Seidenspinnern um, die mit einheimischen Pflanzen gefüttert werden können.

Bald wurden aus China und Japan zwei große Falter eingeführt, die in ihrer Heimat schon längst ihrer vortrefflichen Seide wegen gezüchtet wurden und allen Wünschen zu entsprechen schienen. Beide lassen sich bei uns leicht mit Eichenblättern ernähren. Es sind dies erstens der ~chinesische Eichenseidenspinner~ (Saturnia pernyi). Dieser in seiner Grundfarbe ledergelbe Schmetterling liefert in China zweimal jährlich Kokons, nämlich im Juni und Oktober. Drei Tage nach der Paarung, die 40-50 Stunden dauert, werden 150 bis 230 große, braune Eier gelegt, die nach etwa acht Tagen die anfangs schwarzen, nach der ersten Häutung aber grünen Raupen liefern. Setzt man ihnen saftiges Eichenlaub vor und bespritzt man dieses samt den Raupen einige Male mit Wasser, so gedeihen sie sehr gut und spinnen sich nach 50 Tagen zwischen den Blättern ihrer Futterpflanze ein. Die im Herbst erzielten Kokons überwintert man im Keller, damit die Raupen im April nicht früher auskommen, als frisches Eichenlaub zu ihrer Fütterung vorhanden ist. In China zieht man diese Raupen im Freien auf Eichengebüsch unter Aufsicht von Wärtern, die die Vögel zu verscheuchen und die Raupen von einem kahl gefressenen auf einen belaubten Busch zu setzen haben. Die großen, braunen Kokons werden zuerst auf Bambushürden über dem Feuer geröstet, um die darin befindlichen Puppen zu töten, dann zehn Minuten lang in kochendes Wasser gelegt, dem man einige Hände voll Buchweizenasche hinzufügt. Dadurch löst sich der das Gespinst verbindende Klebestoff auf, so daß sich die Seide bequem abhaspeln läßt. Diese ist fester und billiger als diejenige des Maulbeerspinners und bringt den Chinesen reichen Ertrag.

Zweitens der ~japanische Eichenseidenspinner~ (Saturnia yama mayu, d. h. Bergkokon). Dieser ist dem chinesischen sehr ähnlich, jedoch hat der Falter mehr goldgelbe Flügel mit rötlichen Rändern. Auch die Raupen sind fast gleich, doch haben diejenigen dieser Art einen grünen, die der andern dagegen einen braunen Kopf. Bis 1856 war die Ausfuhr seiner Eier in Japan mit der Todesstrafe bedroht; doch gelang es Duchesne de Bellecourt, dem französischen Generalkonsul und Bevollmächtigten in Tokio, Eier desselben an die Société d’acclimatisation in Paris zu schicken. Trotz sorgfältigster Pflege lieferten aber die mit Eichenlaub gefütterten Raupen nur einen einzigen Kokon. Nun wurde Eugène Simon, der landwirtschaftliche Kommissar der französischen Republik für China und Japan, beauftragt, Eier dieses Eichenseidenspinners zu beschaffen, und mit Hilfe seines Freundes, des holländischen Marinearztes Pompe van Meerdervoort, wurden heimlich wieder einige Eier nach Europa gebracht. Mit diesen erzielten die französischen Raupenzüchter guten Nachwuchs und konnten 1863 die Fachausstellung in Paris mit Kokons und gehaspelter Seide beschicken. Marquis de Riscal züchtete diesen Falter mit Erfolg im Freien, doch ist er in Europa nirgends heimisch geworden. Die Aufzucht dieser empfindlichen Raupe ist übrigens auch nicht so lohnend, da aus den überwinternden Eiern nur eine Brut im Jahre zu erzielen ist. Sie spinnt je einen großen, hellgrünen Kokon.

Auch der in China und Ostindien heimische ~Atlasspinner~ (Saturnia atlas), der größte Schmetterling der Erde, der 25 cm breit und 18 cm hoch wird und rotbraun, mit wie Atlas glänzenden weißen, schwarz umsäumten Flecken verziert ist, liefert einen großen Kokon reich an Seide. Seine Raupe ähnelt derjenigen des Ailanthusspinners, häutet sich aber einmal mehr als die meisten Spinnerraupen, nämlich fünfmal. Sie wird bei uns am besten mit Berberitzenlaub gefüttert, doch ist ihre Aufzucht in Europa zu schwierig, um für die Seidengewinnung irgendwie in Betracht zu kommen. Wie der Leib dieses riesigen Falters nur etwa 4 cm lang ist, sind auch Raupe, Gespinst und Puppe verhältnismäßig klein. Die Zucht der schwerfälligen Raupe, die sich nur bewegt, wenn sie frißt, ist sehr langweilig. Diese Trägheit hat aber das Gute für sich, daß sie niemals, wie andere Raupen, von der Futterpflanze herabfällt. Ihre ganze Entwicklung nimmt bei uns etwa 40 Tage in Anspruch.

Endlich ist in Südchina der Spinner Saturnia pyretorum heimisch, dessen Raupe sich von den Blättern des Kampfer- und Amberbaums ernährt und dessen Gespinst zur Herstellung von Angelschnüren gebraucht wird. Letztere kommen auch nach Japan in den Handel und werden dort unter dem Namen tegusu seit langer Zeit von den Fischern als sehr dauerhaft benutzt. Neuerdings ist dieser Spinner durch die Japaner auf Formosa eingeführt worden, wo die große Häufigkeit der Kampferbäume Gelegenheit zur Zucht ihrer Raupe gibt. Die Seide wird dadurch künstlich von ihr gewonnen, daß sie nach der Reife in Essig getaucht wird, worauf man aus ihrem Körper goldgelbe Fäden von 2 bis 2,5 m Länge zieht.

Auch Nordamerika hat drei Seidenspinner, die für die Seidengewinnung benutzt werden könnten. Der wichtigste derselben ist die schön braunrote Saturnia polyphemus mit auffallendem, schwarzgelbem Augenfleck. Deren prächtig grüne Raupen sind fleischfarbig gestreift und nach ihrer letzten Häutung mit 48 silber- und 8 goldglänzenden Flecken geschmückt. Von der Sonne beschienen erscheinen sie wie mit Diamanten übersät. Ihre schöne starke Seide ist schneeweiß, so daß sie zu der lichtgrünen von S. yama mayu und der hellbraunen von S. pernyi einen prächtigen Gegensatz bildet. Etwa gleich groß ist Saturnia promethea, deren beide Geschlechter auffallend verschieden gefärbt sind. Das Männchen ist schwärzlich und das Weibchen rotbraun. Die Raupe ist aber nicht leicht zu züchten, da sie in bezug auf Futter sehr wählerisch ist. Sie frißt in ihrer Heimat die Blätter des Benzoe-, Sassafras- und Tulpenbaums, also von Bäumen, die bei uns nicht überall angepflanzt werden. Bedeutend größer und schöner ist Saturnia cecropia, die an Schönheit noch den Atlasspinner übertrifft. Die ebenfalls wunderschöne Raupe ist leicht zu ziehen, da sie fast jedes Laub annimmt. Sie braucht 7 bis 9 Wochen zu ihrer Entwicklung und liefert einen recht großen Kokon, dessen Seide technisch gut verwendbar ist. Ebenfalls hervorragend schön ist die bedeutend kleinere Saturnia ío aus Nordamerika, die zwar keine Seide liefert, aber wegen ihrer Schönheit mit Vorliebe gezüchtet wird. Die auf Eichenzweigen leicht zu ziehenden Raupen sind dicht mit grünen Härchen überzogen, die beim Anfassen ärger brennen als Nesseln. Sie häuten sich fünfmal und brauchen 10-15 Wochen zu ihrer Entwicklung.

Außer in Ostasien wird nur noch auf Madagaskar seit alter Zeit eine Seide gewonnen und zu Geweben verarbeitet. Hier ist der Lieferant der starken Seide der Spinner Bombyx rhadama, der in manchen Dörfern in größerer Menge gezogen wird und dessen Gespinst zu den durch ihre Schönheit ausgezeichneten und sehr dauerhaften Seidenlambas verarbeitet wird, die nicht nur von den wohlhabenden Eingeborenen als Überwürfe getragen werden, sondern auch einen Exportartikel von allerdings beschränkter Bedeutung bilden. Dann stellt auch in einzelnen Teilen von Nigeria die Bevölkerung aus den Kokons von Anaphe infracta einen somyan genannten Seidenstoff her. Die davon gewonnene Rohseide ist braun oder gelblichbraun. Daneben gibt es dort auch eine rein weiße Seide, die aus den Distrikten Bauchi und Bornu im Innern nach dem Handelsplatz Ibadan gebracht wird. Man nennt sie Gambari- oder Haussaseide. Offenbar ist sie ein Fabrikat gleichen Ursprungs mit der gelblichen Rohseide, nur daß sie von anders behandelten Kokons hergestellt wird. Die Eingeborenen sammeln die betreffenden Raupen von den Bäumen, wenn sie gerade im Begriffe sind, sich einzuspinnen. Ein Londoner Züchter hat Versuche mit der Züchtung dieser Raupe gemacht und gefunden, daß, wenn man sie im Dunkeln aufzieht, sie stets rein weiße Kokons statt der braunen hervorbringt. Da nun die Eingeborenen beim Einsammeln der Raupen zum Zwecke der Gewinnung von Gambariseide die Gewohnheit haben, die Tiere in ihren dunkeln Hütten aufzubewahren, erklärt es sich leicht, daß dieses Produkt von rein weißer Farbe ist.

XXIV. Die Geschichte der Jagd.

So lange es Menschen gibt, die ihren Hunger nicht völlig an den von der Natur gebotenen Früchten und anderer Pflanzennahrung stillten, sondern auch noch zu tierischer Beute, zunächst noch roh, wenn auch lebendwarm, später gekocht, ihre Zuflucht nahmen, so lange schon hat es eine Jagd gegeben. Ihre Geschichte schreiben hieße die Geschichte der menschlichen Kulturentwicklung darstellen. So wissen wir, daß schon der vorgeschichtliche Eiszeitjäger, dessen ganze Kultur auf die Jagd abgestellt war, ganz raffinierte Jagdmethoden anwandte und sich nicht nur mit Wurfspeer und Keule, sondern auch mit Fallgruben, Fallen und Schlingen sich der tierischen Beute, auf die er zu seinem Unterhalte angewiesen war, zu bemächtigen suchte. Zudem nahm er wie alle Primitiven zu Zauberprozeduren der verschiedensten Art seine Zuflucht, als deren Niederschlag wir die mancherlei Darstellungen von Jagdwild an den einst von den Mammut- und Renntierjägern der letzten Eiszeit und frühen Nacheiszeit bewohnten Höhlen anzusehen haben.

In der Folge entwickelte sich die Jagd bei den verschiedenen Volksstämmen in verschiedener Weise, je nach den vorhandenen Anlagen und gegebenen Verhältnissen. Über die Jagd der alten Assyrer, Babylonier und Ägypter geben uns manche bildliche Darstellungen Kunde, doch sind wir daneben nur auf Vermutungen angewiesen, so daß wir außerstande sind, auf so spärlichem Beweismaterial fußend, eine Geschichte ihrer Jagd zu schreiben. Schon reichlicher fließen die diesbezüglichen Urkunden von den alten Griechen, deren Jagdarten uns um 400 v. Chr. Xenophon, ein Schüler und Freund des Sokrates, in seinem Buche über die Jagd und wiederum etwa im Jahre 130 v. Chr. Flavius Arrianus aus Nikomedien in seiner Kynegetika beschrieben. Über das römische Jagdwesen gibt es so gut wie keine Literatur. Anders verhält es sich mit der Jagd unserer germanischen Vorfahren seit der Zeit der Völkerwanderung. Da haben wir zunächst aus Gesetzesbestimmungen, dann aus eigentlichen Jagdanweisungen ein so überreiches Material von Tatsachen, daß wir uns hier mit einer kurzen Übersicht begnügen müssen. Und zwar soll im folgenden als am nächsten liegend vorzugsweise die Geschichte der Jagd unserer Vorfahren, so weit sie urkundlich bezeugt ist, behandelt werden.

Die ältesten Bewohner Deutschlands waren Kelten, die auf Einzelhöfen lebten, Landwirtschaft und Viehzucht trieben und sich einer verhältnismäßig hohen Kultur erfreuten. Das Andenken an ihr einstiges Vorhandensein ist besonders in Deutschland westlich von der Weser und südlich vom Main in zahlreichen Ortsnamen erhalten geblieben. Sie wurden nach und nach von den von Osten und Norden heranrückenden Germanen zurückgedrängt und unterjocht. Diese nahmen die alten Keltenhöfe in Besitz, machten die früheren Bewohner zu Knechten und führten nun als Herren die Wirtschaft auf den Einzelhöfen weiter. Dazu wurden neue gebaut, das umgebende Land aber wurde zu gemeinschaftlichem Eigentum an die verschiedenen Sippen verteilt und bildete die Allmende, d. h. das Gemeindeland. Die Gesamtheit der freien Hofbesitzer eines Gaues tat sich zu einer Hundertschaft -- so genannt, weil wenigstens hundert Familien umfassend -- zusammen und bildeten eine Markgenossenschaft, welche die gemeinschaftlichen Angelegenheiten beriet. An ihre Stelle stellte sich als der tüchtigste der Markgenossen ein Graf, dessen Amt nicht erblich war, zum Unterschied vom Königtum, das der Gesamtheit der das Volk bildenden Markgenossenschaften vorstand und dessen Amt sich in derselben Familie forterbte.

Da der Viehstand vorerst noch bescheiden war und nur ausnahmsweise zum Schlachten diente, so war damals die Jagd in den wildreichen großen Waldgebieten, wie in der Vorzeit, eine wichtige Nahrungsquelle zur Beschaffung von Fleisch als Zukost zu der von den Frauen und Hörigen gewonnenen Pflanzenspeise in Form von hauptsächlich Brot oder Brei. Ihr wie dem Kriege lag der Freie ob, dem jede andere Arbeit als schimpflich galt. Die Jagd galt als beste Vorschule für den Krieg, wurde aber nicht weidmännisch in unserem Sinne betrieben. Man jagte ohne irgend welche Schonzeit das ganze Jahr hindurch und berücksichtigte weder Alter noch Geschlecht. Man folgte dem weidwund geschossenen Wild nicht wie heute, um seine Qualen zu verkürzen, sondern weil man den Braten nicht verlieren wollte. Zur Jagd benutzte man nach den Bestimmungen der vom 5. bis 8. Jahrhundert n. Chr. schriftlich fixierten Volksrechte der deutschen Stämme verschiedene ~Jagdhunde~, deren freventliche Tötung mit 3-15 Solidi gebüßt wurde. Nun war damals ein Solidus ein Goldschilling im Metallwert von 12 Mark, der aber tatsächlich einen viel höheren Wert repräsentierte, da dafür eine erwachsene Kuh zu kaufen war. Demnach waren die Bußen, die die Volksrechte verfügten, ganz anständige Strafen. Das alamannische Recht bestrafte die Tötung oder den Diebstahl eines Leithundes doppelt so hoch als diejenige eines Pferdes, nämlich mit 12 Solidi, während letztere nur 6 Solidi galt. Eine besondere Art der Strafe hatten die Burgunder, die dem Diebe freistellten, sich mit 6 Solidi auszulösen oder dem gestohlenen Hunde in Gegenwart des ganzen Volkes einen Kuß auf den Hintern zu geben.

Vom Jagdhund der germanischen Stämme, dem canis sagax oder segutius auch sëusis oder sëusis, unterschieden die Gesetze der Bajuvaren drei verschiedene Arten, nämlich außer dem freilaufenden Triebhund die beiden an der Leine die Spur des Wildes verfolgenden Hunde, den Spürhund und den Leithund. Letztere standen bei Totschlag oder Diebstahl mit je 6 Solidi Buße doppelt so hoch im Wert als ersterer, für dessen Verlust nur 3 Solidi Buße zu entrichten waren. Mit dem Leithund, der vornehmlich als canis segutius bezeichnet ist, wurde die Beute aufgespürt und verfolgt. Worin sich der Spürhund der alten Bayern von diesem Leithund der Alamannen, salischen Franken und Burgunder unterschied, ist nicht klar; vielleicht war er eine als Schweißhund dressierte Unterart des segutius. Wenigstens hatte man im späteren Mittelalter eigene Hunde zur Verfolgung des mit der Armbrust angeschossenen Wildes, die man als Bracken bezeichnete. Außerdem besaß man einen starken Schlag von Hunden, die man auf Wildstiere, Bären und Wildsauen hetzte, für welche in den Volksrechten weder eine lateinische noch eine deutsche Bezeichnung vorkommt, sondern nur eine Beschreibung ihres Gebrauches. Später nannte man sie lateinisch molossus, deutsch rudo, woraus Rüde wurde. Daneben wurde eine als canis veltris oder veltrus (im Deutschen später wint, d. h. Windspiel genannt) bezeichnete leichte Hundeart gehalten, die den Hasen nicht nur verfolgte, sondern ihn auch vermöge ihrer Schnelligkeit ergriff. Das ganze Mittelalter hindurch spielten diese als Jagdhunde eine wichtige Rolle und werden in vielen Weistümern erwähnt.

Sehr interessant ist die Erwähnung eines Hapuch-, d. h. Habichtshundes im Volksrecht der Bayern, der uns als canis acceptoritius im Gesetze der Friesen begegnet. Über dessen Gebrauch wird nichts mitgeteilt; doch dürfen wir zweifellos annehmen, daß er zur Aufsuchung des Federwildes diente, das damals nicht geschossen, sondern gebeizt, d. h. durch gezähmte Falken und Habichte gefangen wurde. Noch in den Weistümern des Mittelalters wird öfter der „Vogelhund“ genannt, und zwar stets in Gesellschaft des „Habk“ (d. h. Habichts). Zur Verfolgung kleineren Wildes diente bei den Burgundern der schon von den Römern gebrauchte petrunculus, der „Steinbracke“, der seinen Namen von den harten Fußsohlen ableiten soll, vermöge welcher er anhaltend auf felsigem Terrain zu jagen imstande war. Bei den Friesen wird er braco parvus oder Barmbracke genannt. Im Volksrecht der Bajuvaren ist noch vom „unter der Erde jagenden“ Biberhund die Rede, dessen freventliches Töten mit 16 Solidi gebüßt wurde, während die ebendort erwähnten Hirtenhunde, die es mit dem damals noch sehr häufigen Wolf aufnahmen und ihm das geraubte Vieh entrissen, auch, wenn ein Geschrei wegen eines Wolfes erhoben wurde, weithin zu Hilfe eilten, und die sehr geschätzten Hofhunde (Hofwart der alten Bayern) nur mit 3 Solidi bezahlt werden mußten. Diese Biberhunde dienten zur Erbeutung des damals noch überall in Mitteldeutschland häufigen Bibers, waren größer als unsere Dachshunde und gingen gern ins Wasser. Dachshunde, die ihren Namen vom früher von ihnen mit Vorliebe gejagten Dachse haben, während sie heute bei Abnahme jenes häufiger gegen den Fuchs gebraucht werden, kamen erst im späteren Mittelalter auf.

Diejenigen Hunde des Frankenkönigs, die nicht am Hofe verblieben, wurden zum Unterhalt in die Provinzen verteilt, wie es schon an den Höfen der morgenländischen Fürsten des Altertums gehalten wurde. Den darübergesetzten Beamten befahl Karl der Große genaue Aufsicht, daß sie von den betreffenden Untertanen richtig gehalten und das nötige Futter erhielten. Wahrscheinlich waren die königlichen Hunde auf der rechten Seite gezeichnet; wenigstens scheint ein Befehl Karls des Großen vom Jahre 803, daß diejenigen Leute, die auf der rechten Seite geschorene Hunde haben, mit denselben vor dem Könige erscheinen sollten, nur so erklärt werden zu können, daß dies zu tun niemandem außer dem Könige gestattet war. Die Hunde hatten schon damals eigene Namen, mit denen man sie rief. So spricht Hrabanus Maurus von einem Hunde Fax, und anderswo ist von einer Hündin Zoba die Rede. Übrigens waren die Jäger und Förster der Frankenkönige Leibeigene, von denen es außer dem obersten Falkner (falconarius principalis) in Neustrien, Austrien, Burgund und Aquitanien je einen Oberjägermeister (venator principalis) gab. Diese hatten die nötige Zahl von Ministerialen, venatores und falconarios, unter sich, welche abwechselnd, teils bei Hofe, teils in den villis beschäftigt wurden. Der in der karolingischen Zeit lebende Bischof Hinkmar nennt in seinen Briefen über die Ordnung des karolingischen Hofes dreierlei Arten von Jägern: bersarii (vom spätlateinischen bersare, d. h. mit Pfeil und Bogen schießen = birsen der mittelalterlichen Urkunden, woraus schließlich pürschen wurde. Erst seit etwa hundert Jahren hat sich diese ursprüngliche Bedeutung des Wortes birschen dahin verändert, daß man darunter ein Anschleichen an das Wild verstand), Waldjäger mit Gebrauchshunden, veltrarii Feldjäger mit Windspielen und beverarii, d. h. Biberjäger mit den Biberhunden für die Wasserjagd auf Biber.

Außer Hunden waren von alters her auch gezähmte ~Falken~, ~Habichte~ und ~Sperber~ sehr geschätzte Jagdgenossen der Deutschen, deren Verlust mit 1-45 Solidi gebüßt wurde. Auch hier hat das Recht der salischen Franken, die ihren Namen vom Flusse Isala oder Yssel haben und sich über das nördliche und mittlere Gallien ausbreiteten, das damals in höherer Kultur stand als die deutschen Gaue, die höchsten Strafsätze. Vielleicht hatte das Geld dort geringeren Wert. Die Burgunder leisteten sich auch bei diesen Strafen ein besonderes Vergnügen, indem der Dieb eines Jagdhabichts 2 Solidi Strafe und 6 Solidi Entschädigung an den Besitzer bezahlen oder den Habicht 6 Unzen Fleisch von seinen eigenen Hoden fressen lassen mußte.

In den Strafbestimmungen der Volksrechte der Deutschen führen die größeren Beizvögel den Namen accipiter oder acceptor (meist wohl Habicht), die kleineren dagegen sparawarii (also Sperber). Deutsche Benennungen finden sich nur in den Gesetzen der Bayern, die sogar viererlei Jagdraubvögel unterscheiden, nämlich 1. als vornehmsten, den Kranichar (chranohari), einen auf Kraniche abgerichteten großen Raubvogel, wenn auch keinen Adler, da diese Vogelgattung nicht den für die Beize dieser Vögel erforderlichen raschen Flug besitzt. Damals müssen die bayerischen Moore und Sümpfe reich an Kranichen gewesen sein, die nach der lex salica de furtis avium damals auch in den Höfen vornehmer Leute zahm gehalten wurden. Es waren dies vermutlich Wanderfalken. Solche aus Island kamen erst im späteren Mittelalter nach Deutschland. Wandte sich doch im 8. Jahrhundert König Ethelberth von England an den heiligen Winfrid (Bonifazius) um zwei Falken, welche geschickt und kühn genug wären, um Kraniche zu ergreifen und zu Boden zu werfen, wobei er ausdrücklich seine Anerkennung der trefflichen Naturanlagen der in Deutschland vorkommenden Raubvögel aussprach.

Die im Mittelalter so gern geübte Reiherbeize fand wahrscheinlich erst dann recht Eingang bei den Deutschen, als der edlere Kranich durch die leidenschaftliche Verfolgung mit Beizvögeln schon seltener geworden war. 2. den Gänsehabicht, einen hapuch, der Wildgänse, 3. einen solchen, der Wildenten fing, also einen Entenhabicht, und 4. einen Sperber für Rebhühner und kleinere Vögel. Die Entwendung eines dieser Vögel wurde mit dem neunfachen Wertbetrage wie andere Diebstähle gesühnt. Dabei konnte eine sehr schwere Strafe herauskommen. Nimmt man den Wertsatz des Volksrechtes der ripuarischen Franken für den commorsus gruarius in Anwendung auf den chranohari, so ergibt sich eine Geldbuße von 54 Solidi, was an Geldwert 54 Kühen entsprach. Im Falle der Tötung war ein gleicher Vogel als Ersatz zu geben und außerdem noch zur Sühne für einen Kranichar 6 Solidi, für einen Gänsehabicht 3 Solidi, für einen Entenhabicht und einen Sperber je 1 Solidus. Dabei verstand man unter hapuch außer dem Hühnerhabicht auch die größeren Arten der einheimischen Edelfalken, welche in späterer Zeit als Beizvögel erwähnt werden, nämlich den Würg- und Wanderfalken, und unter sparawarius nicht nur den Sperber oder Finkenhabicht, sondern auch den Baum- oder Lerchenfalken.

Im Volksrecht der Alamannen werden nur zweierlei Beizvögel genannt, einer auf Kraniche und einer auf Gänse. Das Eigentum an ersterem war durch eine Strafe von 6, an letzterem von 3 Solidi geschützt. Bei den Langobarden wurde im Falle der Tötung eines Beizvogels eine Sühne von 6 Solidi bezahlt, im Falle des Diebstahls aber der achtfache Betrag an den Beschädigten erlegt. Wer nun bei diesem Volke aus dem Gehege des Königs solche Vögel vom Neste nahm, mußte 12 Solidi Buße bezahlen. Geschah dies im Privatwalde eines andern von einem gezeichneten Baume, so betrug die Sühne 6 Solidi. Hatte der Baum kein Zeichen, so konnte man die Vögel ungestraft aus dem Neste nehmen. Wenn aber der Waldeigentümer dazu kam, durfte er sich dieselben aneignen.

Falls Beizvögel an Zahlungs Statt anzunehmen waren, so betrug die Taxe bei den ripuarischen Franken für einen ungezähmten 3 Solidi, für einen auf Kraniche abgerichteten 6 Solidi, für einen acceptor mutatus 12 Solidi. Wo solche Taxen nicht bestanden, konnte der Zahlende den Wert beschwören. Weil aber der Wert solcher Vögel zu hoch beschworen wurde, verbot Kaiser Ludwig der Fromme deren Hingabe an Zahlungs Statt. Die sehr hohe Bewertung dieser Vögel läßt die große Vorliebe für die Beize bei den alten Deutschen ahnen. Übrigens stellte das Gesetz der Bayern auch andere gezähmte Waldvögel, die auf den Höfen der Freien gehalten wurden, unter seinen Schutz. Die Entwendung solcher Vögel, „die durch Kunst und menschlichen Fleiß aus wilden zahm und zutraulich gemacht werden, so daß sie auf den Höfen der Adeligen herumfliegen und singen“, wurde mit 1 Solidus gebüßt, außerdem mußte der Übeltäter beschwören, in Zukunft keinen Vogel mehr zu stehlen.

Außerdem sprechen die Volksrechte der alten Deutschen von ~gezähmtem Rotwild~ -- vornehmlich Hirschen -- und ~gezähmtem Schwarzwild~ -- speziell Wisent und Ur -- die zur Jagd gebraucht wurden. In welcher Weise dies geschah, darüber wird nichts gesagt, doch scheint es sich um Schießhirsche oder Schießbüffel gehandelt zu haben, d. h. solchen, die sich vom Jäger leiten ließen, der hinter ihnen gedeckt sich unter dem Winde dem gesuchten Wild so weit näherte, daß er mit Erfolg den Pfeil auf dasselbe entsenden konnte (sagittare). Man scheint damals mit Rotwild nicht nur an anderes Rotwild, sondern auch an Schwarzwild herangeschlichen zu sein. Dann mußte das gezähmte männliche Wild in der Brunst auch schreien, und zwar sowohl die Hirsche als auch die Büffel. Vermutlich begab sich der Jäger mit seinem gezähmten Tier vor Tagesanbruch auf einen der ihm bekannten Brunstplätze, um sein Tier schreien zu lassen oder abzuwarten, bis die freien Tiere schrien und sein Tier ihnen antwortete. Vielleicht waren die zahmen Tiere in kleinen Gehegen gehalten und dienten dem Jäger dazu, wilde Verwandte herbeizulocken, damit er sie dann, wenn sie nahe genug herangekommen waren, abschießen konnte. Der Römer Columella erwähnt in seinem zweiten Buche über Landwirtschaft, daß in Gallien zahmes Wild dazu diene, das frischgefangene Wild, das in einen der Riesenparks jenes Landes gesetzt war, an die Futterstellen zu gewöhnen. Möglicherweise dienten solche zahme Tiere auch als solche Schlepper, um ihre Verwandten an Futterstellen zu locken, wo sie abgeschossen zu werden vermochten.

Diese gezähmten Tiere wurden mit einem treudis oder triutis genannten Zeichen versehen, wodurch sie Frieden erlangten, so daß sie nicht erlegt werden durften. Dabei stieg ihr Wert in dem Maße, als sie sich bei der Jagd bewährt hatten. Dementsprechend richtete sich auch der Betrag der Sühne im Falle der Entwendung oder Tötung. Wer bei den salischen und ripuarischen Franken einen auf der Jagd erprobten zahmen Hirsch entwendete oder tötete, der mußte zur Sühne 45 Solidi bezahlen. War der Hirsch noch nicht auf der Jagd gebraucht worden, so betrug die Sühne bei den salischen Franken 35, bei den ripuarischen dagegen nur 30 Solidi. Im alamannischen und langobardischem Volksrecht wurde bei Entwendung eines zahmen Hirsches der neun- bezw. achtfache Betrag, d. h. die gebräuchliche Diebstahlsstrafe gefordert. Dabei galt eine zahme Hirschkuh nur als halb so wertvoll wie ein gezähmter Hirsch. Doppelt war die Strafe, wenn der getötete Hirsch zu seiner Zeit brunstete gegenüber einem solchen, der dies nicht tat.

Für den Jäger damaliger Zeit war ein gutes ~Reitpferd~ ein notwendiges Erfordernis, um den Hunden bei der Hetzjagd auf Rot- und Schwarzwild und auf Hasen zu folgen und zur Erlegung oder Abnahme des betreffenden Wildes rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein, oder die das Federwild verfolgenden Beizvögel im Auge zu behalten. Zum Reiten dienten, wie es scheint, vorwiegend Hengste, caballi genannt, daher caballicare reiten. Außerdem hatte man aber auch eigene Zuchthengste und solche Hengste, die zum Ziehen von Wagen benutzt wurden. Auch ist in den Volksrechten von Wallachen die Rede (caballi spadati), welche geringeren Wert hatten. Die Stuten hießen jumenta, weil sie außer zur Nachzucht vorzugsweise als Zugtiere benutzt wurden. Bei den Alamannen konnte in Fällen von Diebstahl der Wert eines Zuchthengstes bis zu 12 Solidi beschworen werden, und die Strafe betrug das Neunfache des Wertes; ebensohoch war der Wert eines Pferdes, das man marach hieß. Der Wert eines gewöhnlichen caballus und einer säugenden Stute dagegen betrug nur 6 Solidi, einer gewöhnlichen Stute, die noch nicht trächtig war, 3 Solidi, wie für einen Zuchtstier, während eine Kuh bloß bis zu 1 Solidus gewertet wurde.

Man war in jener Zeit sehr heikel in bezug auf seine Reitpferde. So mußte bei den Franken einer, der ein fremdes Roß eigenmächtig ritt, zur Sühne an den Eigentümer 30 Solidi Strafe bezahlen, während die Strafe für die Entwendung des wertvollsten Pferdes eines Privatmannes nur die Hälfte mehr, nämlich 45 Solidi, betrug.

Abgesehen von den für die Jagd reservierten Forsten hielt der König besonders in Niederungen, Brüchen und Sümpfen von einem Hag von Bohlen eingefriedete Tierreservationen, deutsch Brühl, lateinisch bersa genannt. Ihnen standen Leibeigene vor, die bersarii genannt wurden und bei der Jagd Hilfe leisten mußten. Solche Brühle konnten einen großen Umfang haben. In einem solchen bei Frankfurt am Main stürzte Ludwig der Deutsche 864 bei einer Hirschhatz mit dem Pferde und beschädigte sich eine Hüfte erheblich.

Der Franke Angilbert, Abt von St. Riquier, der mit Zustimmung Karls des Großen, der ja selbst ein uneheliches Kind gewesen war, mit dessen Tochter Berta in freier Liebe lebte und zwei Knaben von ihr hatte, beschreibt uns in einem höfischen Gesang nach der Art Vergils eine Parkjagd Karls in dem großen von Mauern umgrenzten Brühl bei Aachen. Dieser Tierpark war vom Flüßchen Wurm durchflossen, an dessen Ufer sich grüne Wiesen ausbreiteten, auf denen sich Sumpf- und Wasservögel tummelten. An andern Stellen waren die Ufer steil. Auch zwischen den Gehölzen, in denen „Wild von jeglicher Art“ stand, erstreckten sich Wiesenflächen, auf denen König Karl zu lagern liebte. Mit ihm brachen morgens in aller Frühe auch die Königin und die Töchter, goldene Reifen im Haar und in schöner Gewandung, auf prächtigen Pferden auf. Im Tale des Parkes wurde von den Jägern ein Keiler hochgemacht und von kräftigen Hunden gehetzt. Die Reiter folgten, bis der Keiler gedeckt und von Karl abgefangen war; währenddem schauten die Damen vom Berge aus zu. In der Zwischenzeit hatte ein Teil der Jägerei die Jagd auf zusammengetriebene Rudel von Sauen vorbereitet. Zu diesem Zwecke war ein großes Netz ausgespannt worden, gegen welches die Wildsauen getrieben wurden, um dort von Karl und seinen Begleitern mit dem Wurfspeer abgestochen zu werden. Nach diesem Massenmord wendete sich Karl langsam den Zelten zu, die von der Dienerschaft am frischen Quell, dicht am Gehölz im Schatten hoher Buchen aufgeschlagen worden waren. Hier erwarteten ihn die Damen, die dann mit den Jägern an vor den Zelten aufgestellten Tischen das schmackhafte Mahl einnahmen. Mit dem Eintritt der Nacht begab sich die Gesellschaft in den Zelten zur Ruhe, um am folgenden Tage zu neuem Weidwerk gestärkt aufzuwachen.

Wie in der Urzeit bedingte die Unvollkommenheit der Schußwaffen noch im frühen Mittelalter die weitgehende Verwendung von ~mechanischen Fangvorrichtungen~ zur Erbeutung des Wildes. So wurden an den Wechseln desselben Fallgruben, foveae oder fossae, errichtet, in Form großer viereckiger Gruben, die unten weiter waren als oben und mit Zweigen, Laub und Erde bedeckt und unsichtbar gemacht waren, so daß jedes Tier, das die trügerische Decke betrat, hinunterstürzen mußte und leicht erbeutet werden konnte.

Schon Cäsar erzählt in seinem Buche über den gallischen Krieg, daß die Germanen häufig den Ur in solchen Fallgruben fingen. Auch Wisent, Hirsch, Damhirsch, Reh und Bär, wie der Elch, der nach einer Urkunde König Ottos I. vom Jahre 943 noch in den Niederlanden häufig war, wurden mit Vorliebe auf solche Weise gefangen, oder dadurch, daß man ihnen Netze stellte, in denen sie sich verfingen. Eine andere Art der Fangjagd war das Legen von Fallen (taliolae) und Fußschlingen (pedicae) zum Festhalten des Wildes, dann das Aufhängen von Halsschlingen (laquei) an den Wechseln. Außerdem werden in den Volksrechten noch Selbstgeschosse in Gestalt von gespannten Bögen (arcus), die bei Berührung einer Schnur selbsttätig einen starken Pfeil (sagitta) entsandten, der das Wild -- besonders das Raubwild, wie Wölfe und Bären -- erschoß. Die Gesetze damaliger Zeit bestimmen, daß das Anlegen solcher gefährlicher Fangapparate den Nachbarn mitgeteilt werden müsse, um möglichst etwaiges Unglück zu verhüten. Dabei mußten Schutzvorrichtungen für Menschen angebracht werden. Unterblieb dies und ereignete sich eine Tötung oder Beschädigung, so mußte je nach Beschaffenheit der betreffenden Person das volle Wehrgeld derselben wie bei einer absichtlichen Verletzung beziehungsweisen Tötung bezahlt werden. Wenn aber ein Fremder Schaden erlitt oder getötet wurde, war der Jäger nur ein Drittel der gesetzlichen Sühne schuldig.

Außer Wurfspieß dienten als Fernwaffen vor allem Pfeil und Bogen. Erst im späteren Mittelalter, vom 11. Jahrhundert an, kam die Armbrust auf und verdrängte mehr und mehr letztere. Als unerwünschter Räuber und Wildschädling wurde besonders der Wolf verfolgt, ihm Fußangeln und vergiftete Köder gelegt. Unter Karl dem Großen war die systematische Wolfsjagd eine Aufgabe der Landespolizei. Jeder Unterbeamte des Grafen sollte in seinem Amtsbezirke zwei Wolfsjäger haben, die vom Heerbann befreit waren und die öffentliche Gerichtsversammlung des Grafen nur dann zu besuchen brauchten, wenn Anklagen gegen sie erhoben wurden. Jeder Gerichtseingesessene war ihnen eine Abgabe an Getreide schuldig. Auch das kleine Weidwerk des Vogelfangs wurde mit allerlei Schlingen und Fallen geübt.

Für alle Freien bildete die Jagd eine Lieblingsbeschäftigung, so daß sie oft andere wichtige Geschäfte hintan setzten. So erließ Karl der Große 789 eine Verordnung, wonach die Grafen an den Gerichtstagen nicht auf die Jagd gehen sollten. Von den Fürsten erfahren wir, daß sie fast ausnahmslos mit Leidenschaft die Jagd liebten. König Guntram, der Enkel des Gründers des Frankenreichs, Chlodwigs, ließ nach dem Bericht Gregors von Tours einen seiner vornehmsten Hofbeamten, den Kämmerer Chundo, wegen unberechtigter Erlegung eines Urs im Vogesenwald, welche Handlung nicht einmal unzweifelhaft erwiesen war, erbarmungslos steinigen. Ein anderer Enkel Chlodwigs, Theodebert, fand seinen Tod im Kampfe mit einem gewaltigen Wildstier durch einen von diesem abgeschlagenen Baumast, der an des Königs Kopf heftig anschlug. Von König Dagobert I. wird gesagt, daß er durch beständige Übungen mit den Waffen und in der Jagd eine unvergleichliche Gewandtheit und Rüstigkeit erlangt hatte. Ebenso gewandt war Karl der Große, der sich noch im hohen Alter gern mit der Jagd befaßte. Er erließ mehrmals scharfe Verordnungen über den Jagdschutz in den königlichen Forsten; denn kraft des Eigentumsrechts hatte er wie jeder andere Eigentümer eines geschlossenen Grundbesitzes das ausschließliche Jagdrecht auf seinen Landgütern.

Das Wort forestum oder forestis, woraus das deutsche Forst und das französische forêt wurde, bedeutet in den lateinischen Urkunden stets den Sonderwald, im Gegensatz zum Markgenossenschafts- und Allmendewald. Es wird im Deutschen mit Bannwald bezeichnet. Der forestarius (woraus Förster entstand) der karolingischen Zeit war ein höriger Jagdbediensteter, denn eine Forstwirtschaft in unserem Sinne gab es damals noch nicht. Dürres und gefallenes Holz konnte jedermann auch im Bannwald holen, aber ohne Erlaubnis keine Bäume darin fällen und seine Schweine nicht ungefragt darin auf die Eichelmast treiben. Wer die Erlaubnis zu letzterem erhielt, mußte den Zehnten als Entschädigung für die Mastnutzung bezahlen.

Der oberste Verwaltungsbeamte eines königlichen Landgutes (judex villae, d. h. Hofrichter) hatte auch den Wald und das darin befindliche Wild zu überwachen, für Jagdhunde und Beizvögel für den königlichen Dienst zu sorgen, die Umzäunungen der eingeparkten Orte in gutem Stande zu halten, die Wölfe vertilgen zu lassen und sollte eigene Ministerialen zur Anfertigung von Netzen für Jagd- und Vogelfang, wie auch für den stets dabei verstandenen Fischfang halten. Hatte jemand aus dem Volke einen Wilddiebstahl in den königlichen Forsten begangen, so mußte er unnachsichtlich die gesetzliche Strafe von 60 Solidi -- eine sehr harte Strafe -- bezahlen. Niemand sollte beim Huldigungseide, den damals das ganze Volk zu leisten hatte, einen Wilddiebstahl verhehlen.

Zur Zeit des Frankenreichs erhielten auch die Kirchen von den Königen und Fürsten, ebenso reichen Privaten, die sich mit dem Himmel gutstellen wollten und ein böses Gewissen wegen Verbrechen und Gewalttat der verschiedensten Art hatten, mit den geschenkten Gütern und Waldungen auch das Recht darin zu jagen zu alleinigem Eigentum. Die Geistlichen sollten aber wegen ihres kirchlichen Amtes nicht selbst jagen, sondern ihr Jagdrecht durch ihre Ministerialen ausüben lassen. Doch hielten sie sich vielfach nicht an diese Vorschrift und gingen selbst zu Pferd zur Jagd. So haben die Könige je und je dagegen einschreiten müssen. Im Jahre 759 erließ Karl der Große das Gebot, wonach sich die Diener Gottes alles Herumschweifens mit Hunden, auch Sperbern und Falken, enthalten sollten. 789 ward das Gebot erneuert: Bischöfe, Äbte und Äbtissinnen sollten weder Kuppeln Hunde noch Jagdfalken oder Habichte halten. Karl überließ zwar 774 Geistlichen eines Klosters einen Wald mit der Vergünstigung, darin Hirsche und Rehe zu jagen, aber nur deshalb, damit sie vom Leder dieser Tiere die zum Gottesdienst gehörenden Bücher und mit dem Fleische die Körper der kranken Brüder stärken und herstellen könnten. Auf die nämliche Art erlaubte er 789 einem andern Kloster, die Mönche dürften in ihren eigenen Waldungen jagen, um Leder zu Büchereinbänden und Handschuhen zu gewinnen. Man sieht daraus, daß Karl den Geistlichen teilweise nachgeben mußte, die ihrem kirchlichen Amte die Jagd als nationalen Sport nicht opfern wollten. Er überließ auch wirklich dem Stifte Osnabrück einen Wald ohne alle Einschränkung der Jagd auf wilde Schweine, Hirsche, Vögel, Fische und was sonst zum Bannforste gehörte. Übrigens benutzten die Beamten oder Meier der Klöster, z. B. des Klosters St. Gallen, wie uns der jüngere Ekkehard berichtet, den Umstand, daß die Mönche selbst nicht jagen durften, und versicherten ihren Herren, daß die Jagd ihnen als Männern gehöre. Später wurde den Geistlichen die Jagd wenigstens zu gewissen Zeiten erlaubt. So überließ König Arnulf 890 dem Erzbischof Dietmar von Salzburg die Jagd auf Bären und Schweine drei Wochen vor Herbstnachtgleiche bis zum Feste des heiligen Martin (11. Nov.).

Nach dem römischen Schriftsteller Arrian, der in der Mitte des 2. Jahrhunderts starb, hatten schon die keltischen Jäger, die mit Vorliebe Hetzjagden auf Hirsche und Hasen abhielten, in Nachahmung der römischen, ihre geselligen Vereine, die unter dem Schutze einer weiblichen Gottheit standen, welche er, da er griechisch schrieb, mit dem Namen Artemis bezeichnet, und es bestand der löbliche Gebrauch, dieser Artemis zu Ehren alljährlich ein Liebesmahl zu feiern. Die Gelder dazu wurden im Laufe des Jahres gesammelt, und zwar in Form einer Spende, welche die Jäger in die Klubkasse zu geben hatten. Die Spende belief sich für einen erlegten Hasen auf zwei Obolen, für einen Fuchs auf eine Drachme, für ein Reh aber auf vier Drachmen. Je nach dem Kassenstand wurde dann am Jahresfest eine Ziege, ein Schaf oder ein Rind gekauft und der Göttin der Jagd geopfert, d. h. zu Ehren derselben von den Mitgliedern verschmaust, wobei auch die Hunde ihr Teil erhielten.

Etwa 400 Jahre nach Arrian treffen wir anscheinend ähnliche Zustände. So läßt der Bischof Gregor von Tours einen Diakonus Vulfelaich von einer Klostergründung erzählen, die sich im Jahre 585 zugetragen hatte. Vulfelaich hatte bei Trier ein Bild der römischen Jagdgöttin Diana gefunden, „das das abergläubische Volk abgöttisch verehrte“. Nun kam dieser sonderbare Heilige auf die verrückte Idee, sich bei jenem Heiligenbilde als Säulenheiliger zu produzieren und auch im Winter auszuhalten, obschon ihm die Zehen erfroren. Wenn er nun von Ferne einen Menschen zu Gesicht bekam, fing er an zu predigen: „Es sei nichts mit der Diana, nichts mit den Bildern, nichts mit dem Götzendienst, unwürdig seien jene Lieder, die sie beim Weine und den schwelgerischen Gelagen sängen. Würdig sei es allein, dem allmächtigen Gotte, der Himmel und Erde erschaffen habe, Opfer des Dankes zu bringen.“ Als Vulfelaich sich einen Anhang erworben hatte, stieg er von seiner Säule und veranlaßte die Menge, die Bildsäule der Diana mit Stricken umzuwerfen und mit Hämmern in kleine Stücke zu zerschlagen.

Über die jagdlichen Verhältnisse des Mittelalters geben uns wiederum die verschiedenen Rechtsbücher jener Zeit Kunde, von denen die berühmtesten das um das Jahr 1230 aufgezeichnete Sachsenrecht, der „Sachsenspiegel“, und der bald nachher, um 1276, verfaßte „Schwabenspiegel“ sind. Vom 10. bis zum 13. Jahrhundert dehnten sich die Bannforste immer mehr aus und die Jagd in ihnen war ein Reservatrecht dessen, dem der Wildbann gehörte. Nicht nur der Kaiser, sondern auch die Grafen hatten den Königsbann, der sich auf die hohe Jagd bezog, während nur die Jagd auf Raubwild, zu dem auch der Bär gehörte, freigegeben war. So wurde durch den Wildbann das alte Recht gebrochen, wonach die Jagd ein Zubehör auf Grund und Boden war. Schon im 9. Jahrhundert schenkten die Könige an Klöster Liegenschaften, ohne das Recht der Jagd. Die Gemeinfreiheit schwand immer mehr dahin. Diesen Vorgang beschleunigte ein grausames Schuldrecht durch die immer mächtiger werdenden Grafen. Der wirtschaftliche Kampf wurde noch erschwert durch die gewaltsame Art, wie der Heerbann zusammengebracht wurde. Um nun der Willkür der Grafen zu entgehen, stellten sich die meisten der freien Markgenossen unter den Schutz des Königs oder der Kirche. Nun konnten sie, da der Heeresdienst nur den freien Männern oblag, nicht mehr willkürlich ausgehoben werden. Als Vasallen des Königs und der erstarkten Geistlichkeit mußten sie als Gegenleistung für den gewährten Schutz fronen und zinsen.

Die ersten nachweisbaren Spuren von Frondienst, welche die unfreie Bauernschaft im Interesse der Jagd zu leisten hatte, betraf die Instandhaltung der Brühle oder Tierparke, deren Instandhaltung ausschließlich der unfreien Bevölkerung oblag. Schon Ludwig der Fromme verordnete im Capitulare vom Jahre 820, daß kein freier Mann gezwungen werden sollte, an den herrschaftlichen Brühlen (brolii dominici) zu arbeiten. Die Ausübung der Jagd war im ganzen noch dieselbe wie zur Zeit der Stammesherrschaft, nur wandte der neue große Grundbesitz natürlich einen größeren Apparat an, er hatte eigene Jagdbediente, eine vermehrte Anzahl Hunde und einen großen Vorrat von Netzen und andern Fangvorrichtungen. Die zur Jagd gebrauchten Hunde waren dieselben wie früher. Es wurden besonders starke und scharfe Fanghunde (molossus oder Rüde) gehalten, die den Kampf mit Bären und Wildstieren ehrenvoll bestanden. Ausgedehnte Jagdbezirke wurden mit lose auf Stellstangen liegenden Fallnetzen umstellt und durch die Hörigen das Wild hineingetrieben. Hier fing es sich in den Maschen der herabfallenden Netze und wurde von den in der Nähe versteckten Jägern abgestochen.

Die Jagd wurde immer mehr eine beliebte Zerstreuung der Grundherrn, und ein weites, wildreiches Jagdrevier, in welchem zu Ehren der Gäste Jagden abgehalten wurden, gehörte zu jedem großen Grundbesitz. So gab es an den Fürstenhöfen keine große Festlichkeit ohne Jagdvergnügen, wobei auch die Damen mit dem Falken auf der Faust der Reiherbeize oder der Hetzjagd mit den flinken Federspielen oblagen. Dem jungen Brun de Montagne wurden, als er noch Säugling war, junge Hunde und Falken verehrt. Das war damals das vornehmste Spielzeug des Adeligen.

Da man sich oft ganze Wochen hindurch dem Jagdvergnügen hingab, führte man Zelte mit sich, mit denen das ganze Mittelalter hindurch ein großer Aufwand getrieben wurde. Mit ihnen und dem nötigen Proviant beladene Pferde wurden an bestimmte Plätze, an denen man zusammenkommen wollte, vorausgesandt. Die Landesherren aber bauten sich schon frühe Jagdschlösser, die mehr Bequemlichkeit als solche Zelte boten, inmitten ihrer größeren Jagdforste. Schon Karl der Kahle ließ sich das vermutlich an der Isar gelegene Jagdschloß Bacivum bauen, das er oft besuchte. Und sein Enkel Karlmann starb daselbst 884 an einer auf der Jagd durch unglücklichen Zufall erhaltenen Verwundung. Heristallum war ein Jagdschloß der Frankenkönige, an der Mosel gelegen und schon zu Karls des Großen Zeiten als solches berühmt; es ging noch auf Heinrich I. den Vogler (876 bis 936), den 919 von den Franken und Sachsen in Fritzlar zum König gewählten Sohn Ottos des Erlauchten, Herzogs von Sachsen, den eigentlichen Gründer des deutschen Reiches, über, wurde aber dann von den plündernd die Flüsse herauffahrenden Normannen zerstört. Ein solches Jagdschloß wird im mittelhochdeutschen Gedicht aus dem Ende des 12. Jahrhunderts Biterolf und Dietlieb jeithove oder gejeithof genannt, im Erek des Hartmann von Aue (1170-1215), der an den Kreuzzügen von 1189 und 1197 teilnahm, wird es jagehûs genannt, im Epos Parzival Wolframs von Eschenbach (gest. um 1225) dagegen weidehûs. Das Jagdhaus im Erek liegt an einem See, zwei Meilen rundherum ist der Wald von einer Mauer umgeben und innerhalb der Mauer sind drei Gehege angelegt, von denen das eine Rotwild, das andere Schwarzwild und das dritte „kleinen Klunder“, d. h. Füchse, Hasen u. dgl. enthält. Es sind Hunde da zur Hirschhatz und Windhunde für die Hasen, gegen Schweine und Bären „breite, starke Spieße“; und im Jagdhaus sind allerlei Fangnetze und „gutes Geschütz“ vorhanden.

Im späteren Mittelalter waren solche Jagdschlösser etwas ganz Gewöhnliches. So besaß Kaiser Maximilian I. (geb. 1459, reg. von 1486-1519) ein Jagdschloß bei Augsburg, Wellenburg genannt, westlich davon dasjenige von Wellersberg, noch weiter entfernt das von Dillingen; ferner nennt er selbst Jagdhäuser in Günzburg, Weißenhofen, Pfaffenhofen, Angelberg und Oberndorf. Wo solche Jagdhäuser fehlten, wird wohl die Gastfreundschaft der Untertanen in Anspruch genommen worden sein, namentlich die der Klöster. In Verbindung damit entwickelte sich dann die Pflicht der Atzung und Hundelege.

Die Häute des erlegten Wildes wurden unter anderem auch zu Anzügen und Handschuhen verarbeitet. So kleidete sich Karl der Große mit Vorliebe in Wildleder und noch im 16. Jahrhundert war die Jägertracht aus Tierfell keine Seltenheit. Auf der Jagd Verunglückte und andere Tote wurden zur Beförderung in frisch abgezogene Hirschhäute genäht, und es scheint sogar allgemein Sitte gewesen zu sein, die Könige von Frankreich nach ihrem Tode in eine solche einzuwickeln. Für gewöhnlich bestand die Kleidung des Jägers aus einem Hemd mit halblangem Wams, das im Winter grau, im Sommer grün sein sollte. Bei den Vornehmen war das Winterwams mit Pelz gefüttert. Gegürtet wurde das Wams mit einem Ledergurt, der das Jagdschwert und das Weidmesser trug. Die Beine steckten in strumpfartigen Hosen, die Füße waren mit Schuhen oder Stiefeln bekleidet und auf dem Kopf saß ein Filzhut oder eine Kappe.

Als Waffen benützte man außer dem Schwert den Ger als Wurfspeer und Stoßwaffe zugleich. War er besonders für letzteren Zweck bestimmt, so trug er vielfach einen Querriegel. Mit ihm, dem espieu der Franzosen, im Gegensatz zur geworfenen lance, ließ der Jäger die Wildsau auflaufen und ging er dem Bären zu Leibe. Der Riegel war fest oder beweglich und in letzterem Falle mit ledernen Riemen angebunden, die um den Schaft gewickelt und daselbst festgenagelt waren. Man benützte aber auch den espieu, die Saufeder, zum Werfen. Als Fernwaffe diente der mit dem Bogen entsandte Pfeil. Dieser sollte acht Handbreiten lang, seine eiserne Spitze aber fünf Finger lang und vier Finger breit sein. Abgeschnellt wurde er mit dem vorzugsweise aus Eibenholz hergestellten Langbogen, dessen Sehne besser aus Seide denn aus Hanf angefertigt sein sollte. Der Bogen sollte, an der Sehne gemessen, 20 Handbreiten lang und so biegsam sein, daß ihn der Jäger längere Zeit gespannt halten konnte, wenn er sich dem Wild langsam und sichernd näherte. Zum Langbogen kam jetzt noch der Kreuzbogen, die Armbrust, hinzu. Schon im Jahre 1048 wird die Armbrust in einer Urkunde Tirols erwähnt, es dauerte aber Jahrhunderte bis sie in Deutschland den Langbogen verdrängte. In Frankreich war dies noch später der Fall. In den französischen Artus- und Abenteuerromanen wird die Armbrust als Waffe noch nicht erwähnt; dagegen geht in dem nach französischem Vorbilde um 1210 vom mittelhochdeutschen Dichter Gottfried von Straßburg gedichteten Epos „Tristan und Isolde“, Tristan mit ihr bürschen. Als Kriegswaffe wurde die Armbrust früher heimisch denn als Jagdwaffe. So wurde in Paris im Jahre 1359 die Gesellschaft der Armbrustschützen gegründet, aber als Jagdwaffe soll die Armbrust in Frankreich erst seit 1554 nach einer Verbesserung durch Andelot allgemein benützt worden sein. Kaiser Maximilian I. führte mit Vorliebe die Armbrust, mit einem Bogen aus Stahl, bei Frostwetter dagegen benutzte er eine solche mit Bogen aus Horn. Das Weidmesser wurde im 12. und 13. Jahrhundert in Frankreich quenivet bezeichnet, ein Ausdruck, der sich im französischen canif, im englischen knife und im norddeutschen Knif bis auf den heutigen Tag erhielt. Als die Schwerter für den Krieg, die bis dahin eine runde Endigung gehabt hatten, seit dem 12. Jahrhundert spitz ausliefen, wurde auch das Jagdschwert nach vorne zu gleichmäßig spitz hergestellt, um zum Stechen zu dienen. Das Jagdpersonal trug kein Schwert, dafür aber das Weidmesser, franz. escorcheor, deutsch Weidener. An einem Band trug der Jäger um die Schultern das Horn, zuerst aus dem Horn von Wildbüffeln, später von Hausrindern angefertigt; war es ausnahmsweise aus dem kostbaren Elfenbein hergestellt, so hieß es oliphant. Damit gab man die Signale, durch welche nicht nur die Jäger benachrichtigt, sondern auch die Hunde gelenkt und die ganze Jagd geleitet wurde. Huer et corner, d. h. Schreien und Hornen waren das unerläßliche Mittel der Hetzjagd im freien Revier, welche die beliebteste Jagdart des Mittelalters war. Man nannte sie in Deutschland das Überlandjagen, in Frankreich die chasse à courre. Die Entwicklung dieser Jagdart zu einer eigenen Kunst vollzog sich mit dem Aufkommen der großen Vasallen in Frankreich, wo diese Jagdart durch die fränkischen Eroberer von den unterworfenen Kelten übernommen wurde. Letztere haben nach der Überlieferung Arrians schon die Hetzjagd auf Hirsche und Hasen geübt.

Der Grundbesitz hatte in Frankreich schneller als in Deutschland und England zu einem mächtigen und selbständigen Vasallentum geführt, das Ludwig II. und Suger, Philipp der Schöne, Ludwig XI. und Richelieu erst brechen mußten, bevor eine staatliche Einheit möglich war. Dieses reiche, vornehme Vasallentum hat die Hetzjagd geschaffen, begünstigt durch die Überlieferung solcher Jagdweise aus keltischer Vorzeit und die verhältnismäßig hohe Kultur, die schon Julius Cäsar an den Galliern rühmte und die in der Folge Frankreich jenen großen Vorsprung vor Deutschland und England in materieller und geistiger Hinsicht verschaffte. Die Vasallen besaßen ein ausgedehntes Jagdrevier und bezogen aus dem ausgedehnten Grundbesitz die Mittel, ein geschultes Jagdpersonal und zahlreiche Meuten zu unterhalten. In der Mitte des 14. Jahrhunderts schätzt Gace de la Bigne die Meuten in Frankreich auf 20000 Stück. Nach Frankreich bildete das vom Normannen Wilhelm eroberte und an seine Vasallen aufgeteilte England diese vornehme französische Jagdart bei sich aus, während in Deutschland der Mangel an materiellem Reichtum und das Fehlen des keltischen Blutes im Jäger wie im Hund solche noble Passion erst spät und zögernd aufkommen ließ.

Wie in Frankreich war auch in Deutschland das ganze Mittelalter hindurch der Gebrauch des an einem Riemen geführten Leithundes (franz. liëmier) allgemein üblich. Mit ihm wurde der Hirsch oder sonstiges Wild „bestätigt“ und dann von den Jägern zu Pferd mit den Laufhunden gehetzt, bis es gestellt und abgestochen zu werden vermochte. Dabei suchte man ihm die Flucht über Land, wo man ihm weniger leicht zu folgen vermochte, zu verwehren und ihn im Walde festzuhalten, indem man den zu bejagenden Waldbezirk durch Knechte und Bauern umstellte, die den Auftrag hatten, das Ausbrechen des Wildes aus dem Walde zu verhindern. Dabei wurde der einzelne Posten als Warte bezeichnet. Dieser sollte durch Schreien und Lärmen das auszubrechen versuchende Wild zurückjagen; geschah dies nicht und brach das Wild aus, so wurde der betreffende Bauer nach dem Weistum von Rode mit der Wegnahme des besten Ochsen bestraft. In Tristan und Isolde des Meisters Gottfried von Straßburg und in den Nibelungen des unbekannten ritterlichen Dichters aus dem Beginne des 12. Jahrhunderts ist mehrfach von solchen Warten bei der Jagd die Rede. Auch bei der Jagd im Meleranz sind drei Warten mit Hunden aufgestellt. Man ließ nämlich nicht von Anfang an die ganze Meute, sondern immer nur einen Teil derselben auf den Hirsch (oder anderes Wild) los, da die Hunde nicht ausdauernd genug waren, um ihn mattzuhetzen und nach einiger Zeit der Ablösung durch frischgebliebenes Material bedurften. So wurde ein Teil der Meute auf die Warten gegeben und später angehetzt, wenn der Hirsch gerade vorüberflüchtete.

Wenn ein hoher Herr „über Land“ jagte, dann legte die vorsichtige Jägerei Windhundwarten weit hinaus auf Feld, die auf den halb mattgehetzten Hirsch (oder anderes Wild) losgelassen wurden und ihn in der Regel bald stellten. War das Revier von einem Fluß begrenzt, so wurden auch Schiffswarten aufgestellt. Die Meute bestand aus wenigstens 12 Laufhunden und einem Leithund. Im Nibelungenlied hat Gunther zwei Meuten, also zweimal 12 gleich 24 ruore (= Bracken) zur Verfügung. Als Siegfried gleichfalls auf die Jagd reiten will, schlägt ihm Hagen vor, das Jagdpersonal und die Hunde zu teilen. Da nimmt Siegfried wohl das Personal an, verzichtet aber auf die Meute und bittet sich nur den Leithund aus. Im Meleranz besteht die Meute aus 13 _ruor_hunden und diese ziehen „in die ruore“, d. h. auf die Jagd, und im Weistum des bei Trier gelegenen Spurkenburger Waldes heißt es, der Förster soll zweimal im Jahre den Vogt und einen Ritter nebst Knechten und einen Jäger mit 12 Hunden und einem Leithund bei sich aufnehmen. In der Meute wurden junge Hunde mit den alten gemischt, damit sie von diesen angelernt würden. Namentlich auf gute Leithunde wurde großer Wert gelegt, da die Vorsuche sehr wichtig war. Ja, in Frankreich verlangte jeder Seigneur vor der Jagd einen Bericht über Beschaffenheit, Alter und Geweihstärke des zu jagenden Hirsches. Die deutschen Fürsten waren in ihren Ansprüchen bescheidener, und sie mußten es sein, weil sie selbst nicht die Voraussetzungen einer guten Vorsuche erfüllen konnten und nicht immer im Besitz eines guten Leithundes waren. So treffen wir in zahlreichen Briefen von deutschen Fürstlichkeiten des 15. Jahrhunderts Bitten um gute Leithunde.

Aus diesem Überlandjagen hat sich zuerst in Frankreich die klassische Parforcejagd -- à force de chiens -- entwickelt, welche uns fertig zum erstenmal in dem vermutlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verfaßten Gedicht la chasse du cerf entgegentritt. Darin wird ein wissensdurstiger Laie über diese Jagdart von einem Jäger unterrichtet. Sie erscheint dort ums Jahr 1200 fertig ausgebildet, war bei der im 14. Jahrhundert zuerst auftretenden jagdlichen Literatur in Prosa auf der Höhe, auf welcher sie sich bis ins 16. Jahrhundert hinein hielt. Nach der Angabe des Roy Modus jagte man zehn Arten Wild à force. Von diesen waren fünf rot: Edelhirsch, Hinde, Damwild, Reh, Hase, und fünf schwarz: Wildsau, Bache, Wolf, Fuchs und Fischotter. Es galt aber für ebenso weidgerecht, das schwarze Wild im Netz zu fangen. Jagdbar hieß der Hirsch, wenn er ein Geweih von wenigstens 10 Enden trug. Die Fußspur eines solchen, die einen längeren Tritt und breitere Ballen als die einer Hinde hat, wird, wenn möglich, von dem am Riemen vom Jäger geführten Leithund in der Morgenfrühe des zur Jagd bestimmten Tages ausgemacht. Findet der Jäger auch noch die Losung (Kot) eines solchen, so tut er dieselbe in sein Horn, um sie als Wahrzeichen zur Versammlung mitzunehmen und dort vorzulegen. In der Hand darf er sie nicht tragen, weil sie dabei die charakteristische Form verlieren würde. Ist der Hirsch durch Verfolgung der Fährten bis zu feinem vermutlichen Lager ausgemacht, so erhält der inzwischen mit der Jagdgesellschaft am Versammlungsorte eingetroffene Grundherr davon Bericht durch die Besuchknechte. Die an gedeckten Tischen sich an kalter Küche und Wein zum bevorstehenden Jagdritt erfrischende Gesellschaft läßt auch die Besuchknechte sich sättigen und durch einen Trunk laben; dann bricht sie auf, nachdem inzwischen die Warten dort aufgestellt sind, wohin der ausgemachte Hirsch nicht flüchten sollte. Besonders gefährdete Stellen, wie die Ufer breiter Ströme, in die sich der geängstigte Hirsch gern flüchtet, wurden mit Vorliebe durch Windhunde gesichert. Auch waren zuvor die Relaishunde verteilt, die dem flüchtig vorbeieilenden Wild nachjagen sollten.

Der Seigneur erhebt sich zum Zeichen des Aufbruchs, die Jäger steigen zu Pferd und die Jagdgesellschaft folgt dem Besuchknecht, der den Hirsch bestätigt hat, zu der Stelle, da dieser am Morgen die Fährte verließ. Die Gesellschaft bleibt im Hochwald vor der Dichtung, in der sich der Hirsch befinden muß, halten, während der Besuchknecht seinem Leithund auf der Fährte folgt, bis er ihn zum Lager des Hirsches geführt hat. Ist dieses noch warm, als Zeichen dafür, daß der Hirsch es eben verlassen hat, so gebärdet sich der Leithund wie toll an der Leine und gibt freudig laut. Durch Hornsignal wird nun die Meute mit den Jägern avisiert und unter lautem Gebell beginnt das Jagen. Besonders nach dem Lautgeben oder Schweigen der alten Hunde wird beurteilt, ob man bei der Verfolgung des flüchtig gewordenen Hirsches auf richtiger Fährte ist oder nicht. Signale und Rufe leiten die Teilnehmer nach der jeweiligen Richtung der Flucht des Hirsches, bis dieser, der vergeblich alle Schliche und Finten anwandte, endlich vom weiten Laufe erschöpft und um sein Leben bangend von den Hunden gestellt und dann vom herbeigeeilten Jagdherrn durch einen Stich ins Herz abgetan wird. Sein Tod wird von allen Jägern durch das Signal „Hirsch tot“ verkündigt. Hierauf wird ihm das Fell abgezogen und sein Körper zerlegt und verteilt, wobei auch die Hunde ihren Anteil an den Eingeweiden erhalten.

In ähnlicher Weise wurde mit den nötigen Abänderungen das übrige Wild par force gejagt, wobei sich ein ganz bestimmtes Zeremoniell, auf das wir nicht eintreten können, herausbildete. Besonders an Wildsauen wurde eine Massenschlächterei ohnegleichen vollzogen, da solche damals noch sehr zahlreich vorhanden waren und wegen ihrer Schädlichkeit für den Landbau rücksichtslos verfolgt wurden. So schrieb z. B. Kurfürst Albrecht von Brandenburg 1480 an seinen Sohn: „Wir haben beiläufftig 30 und 100 swein ‚gefangen‘. Und ist noch Swein und ander Wildpert, gott seis gelobt, genug hie außen und gutter frid: gott geb’ lang!“ Vierzehn Tage darauf meldete er ihm abermals, er habe „32 und 100 swein“ gefangen; es seien aber 200 da. Der französische Verfasser des Roy Modus hält das Treiben des Wildes zu den Netzen für die beste Jagdart und das schönste Vergnügen mit Hunden, dem sich die großen Grundbesitzer auch häufig hingaben. Der Graf von Foix dagegen erklärt diese Netzjagd nicht für ritterlich, ebenso verurteilen sie verschiedene deutsche und englische Autoren, die sich darüber äußerten. Nicht auf die Beute komme es an, sondern auf die Art, sie kunstgerecht zu erjagen. Auch Treibjagden wurden von den großen Herren veranstaltet, indem die hörigen Bauern Treiberdienste leisten mußten und das Wild mit großem Lärm gegen die mit grünem Laub verkleideten Stände mit den vornehmen Jägern trieben, die es mit der Armbrust und später mit der Büchse erlegten. Zuerst wurde das kleine Wild durch Harriers genannte kleine Hunde rege gemacht und dann erst das Rotwild durch Hirschhunde gehetzt. Um das Wild zwangläufig zu führen, waren außer den den Wald umstellenden Warten mit Windhunden auch solche im Treiben aufgestellt. Je näher zu den Ständen, um so dichter standen sie. Eine der ältesten Mitteilungen über die Treibjagd finden wir in der am Ausgang des 12. Jahrhunderts gedichteten Eneide des Heinrich von Veldecke. Darin wird von Askanius eine Treibjagd in der Weise ausgeübt, daß Schützen mit Pfeil und Bogen sich vor die Bäume stellen und sich Wild zutreiben lassen. Auf die Fährte des verwundeten Hirsches wurden dann die Hunde gehetzt.

Gern birschte sich der Einzeljäger in die grüne Farbe des Waldes gekleidet gegen den Wind, den Bogen in der Hand, Schritt für Schritt an das Wild heran. Dazu benutzte er entweder natürliche Deckungen oder künstliche, indem er einen Schirm aus grünen Zweigen oder ein Schild mit aufgemalten Ochsen vor sich hielt. Nach dem Schuß ließ man das getroffene Tier durch Bluthunde verfolgen. Für solche Jagd empfiehlt Roy Modus einen leichten und biegsamen Bogen zu verwenden, den der Schütze längere Zeit gespannt halten konnte, während er sich dem Wilde näherte.

Neben diesen Jagdarten spielte die von alters her geübte Beize mit dem Jagdfalken das ganze Mittelalter hindurch eine sehr große Rolle. Man schrieb damals die Einführung dieser Jagdart fälschlicherweise dem sagenhaften König Dankus von Armenien zu. Tatsache ist, daß sie allerdings durch die Kreuzzüge mancherlei Beeinflussung aus dem Orient, wo sie ebenfalls mit großer Leidenschaft ausgeübt wurde, erfuhr, besonders von seiten des im 10. Jahrhundert lebenden Arabers Mohammed Tarkani, der ein verbreitetes Buch über die Jagd mit dem Falken schrieb. Unabhängig von ihm schrieb der gelehrte Albertus Magnus (als Graf von Bollstädt 1193 zu Lauingen in Schwaben geboren, wurde Dominikaner und starb, nachdem er Bischof von Regensburg gewesen, 1280 in Köln) und fast gleichzeitig Kaiser Friedrich II., der Enkel Friedrichs I. Barbarossas (1194-1250), eine allerdings erst im Jahre 1596 in Augsburg gedruckte Abhandlung über das Federspiel. Das Buch des von einer sizilianischen Mutter geborenen und mit Vorliebe in Palermo residierenden Fürsten, der zahlreiche Beziehungen zu den Arabern unterhielt und selbst einen Harem besaß, handelt eigentlich nur von der Zähmung des Falken und nicht von der Jagd mit ihm, obschon es den Titel trägt: de arte venandi cum avibus (über die Kunst mit Vögeln zu jagen). Dieser Fürst war selbst ausübender Falkenjäger und ließ zu seiner Belehrung vor der Abfassung des Buches über die Falknerei Falkner aus dem Oriente kommen, wo die Kunst mit dem Falken zu jagen in hoher Blüte stand. Auch in Byzanz war die Falkenbeize ein beliebtes Vergnügen der großen Herren. Dort schrieb Demetrios, wahrscheinlich Arzt des griechischen Kaisers Michael Palaeologus, in griechischer Sprache ein Buch über Falknerei, das im Jahre 1612 ins Französische übersetzt in Paris gedruckt wurde.

Zur Kreuzfahrerzeit und später kamen die gesuchtesten Jagdfalken aus Island und Norwegen und wurden neben den von unsern Altvordern von jeher gezähmten Habichtarten, dem Hühnerhabicht und Sperber, als sehr geschätzte Jagdgehilfen gehalten. Diese hellfarbigen nordischen Falken waren auch bei den vorderasiatischen Völkern die gesuchtesten. So schlug Sultan Bajazet I., nachdem er am 28. September 1396 bei Nikopolis das abendländische Kreuzheer unter König Siegmund besiegt hatte, alles Lösegeld aus, das ihm für die dabei gefangen genommenen Herzog von Nemours und zahlreiche andere französische Edelleute angeboten wurde, gab sie aber sofort frei, als ihm statt des Geldes zwölf weiße isländische, zur Beize abgerichtete Falken vom Herzog von Burgund geschickt wurden. Und Philipp August, König von Frankreich, dem bei der Belagerung von Akkon ein prächtiger weißer Falke wegflog, bot den Türken für dessen Rückgabe vergeblich 1000 Goldstücke.

Wie gute Jagdhunde waren abgerichtete Falken das ganze Mittelalter hindurch die beliebtesten Geschenke zwischen hohen Herren. Namentlich war Preußen eine dankbare Quelle für Falken. So sandte der Hochmeister Heinrich von Richtenberg im Dezember 1471 acht Falken an den Kurfürsten Albrecht von Sachsen, und Albrecht von Brandenburg machte Maria, der Katholischen, ein ähnliches Geschenk. Lange Zeit übte die dänische Regierung den Brauch, alljährlich eine Anzahl Falken durch ein besonderes Schiff aus dem Norden holen zu lassen und sie geschenkweise an die europäischen Fürsten zu verteilen. Brabanter Kaufleute brachten Falken aus dem Norden nach Frankreich und Spanien. Im Weißkunig wird von Kaiser Maximilian gesagt, er habe Falken gehabt aus der Tartarei, aus der Heidenschaft, aus Rußland, Preußen und von der Insel Rhodus. Lopez von Ayala, kastilischer Gesandter bei Karl V. und Karl VI., erzählt, daß der Preis eines Falken mit hohem Flug 40 Franken in Gold und derjenige eines speziell auf den Reiher abgerichteten Falken 60 Goldfranken betrug. Das sind nach unserem Gelde 472 und 708 Mark, also in Berücksichtigung des damaligen hohen Geldwertes ganz anständige Preise.

Eingehend wird die Abrichtung des meist aus dem Horst genommenen und in einem künstlichen Horst mit rohem Fleisch, Käse, Eiern und Milch aufgezogenen jungen Falken geschildert. Der Akt der Zähmung ging in der Weise vor sich, daß ihm die Klauen geschnitten und die Fangschuhe aus leichten Riemen mit einer kleinen Schelle, bei deren Klang man später den Falken leichter wieder zu finden vermochte, angelegt wurden, damit er auf der Faust gehalten werden konnte. Durch Blenden mit losem Zusammennähen der Augenlider und Hungernlassen, wobei sie 24 Stunden in einen dunkeln, stillen Raum auf der durch einen dicken Handschuh aus Hirschleder geschützten Faust umhergetragen wurden -- dabei löste ein Falkner den andern ab -- wurden die Tiere abgemattet und zunichte gemacht. Gern sah man, wenn die übermüdeten Vögel während des Umhertragens einschliefen, denn gerade das Schlafen auf der Faust machte nach Roy Modus den Falken vertraut. Nach dieser Frist bekam der Vogel zu „ätzen“, d. h. zu fressen, und zwar stets auf der Faust. Einige Tage später trug man ihn an hellere, belebtere Orte und lockerte allmählich den Faden, mit dem die Augenlider zusammengenäht waren, daß er etwas zu sehen vermochte; schließlich zog man ihn ganz heraus. War der Vogel im Hause zahm geworden, so trug man ihn ins Freie und gewöhnte ihn an Hund und Pferd. Wenn der Falkner das erstemal mit dem Vogel das Pferd bestieg, um auszureiten, hatte er gern einen leichten Regen, weil der Vogel dann weniger unruhig war. Dann bekam der Falke in stiller Gegend auf einem Federspiel genannten, mit Leder überzogenen Stiel, an dem flatternde Bänder und Vogelschwingen befestigt waren, zu fressen. Er wurde nun daran gewöhnt, auf diesem gefüttert zu werden; dadurch gelang es, ihn herbeizulocken, wenn er verflogen war, indem man ihm den Federspiel zeigte und die Bänder im Winde flattern ließ. Das erweckte in dem hungrigen Tiere das Bewußtsein, er werde dort zu fressen bekommen, und kam herbei, um sich daraufzusetzen. Deshalb mußte der Falke stets hungrig sein, wenn es zur Jagd ging, sonst riskierte der Falkner, daß er nicht wiederkam.

War der Falke so weit zahm, daß er auf den Ruf herbeigeflogen kam, ruhig auf der Hand stand und darauf fraß, so begann man damit, ihm lebenden Raub zu zeigen. Meist benutzte man dazu Tauben, denen man die meisten Schwungfedern ausgerissen hatte, so daß sie mehr flatterten als flogen, so daß sie vom Falken leicht zu schlagen waren. Dann durfte der Falke von der Taube fressen. Später nahm man sie ihm ab und bot ihm dafür das Ziget oder den kalten Flügel. Die ersten Stoßübungen machte der Falke an einer langen Schnur, und erst wenn der Falkner des Vogels sicher zu sein glaubte, wurde ihm die Fessel abgenommen. Nach und nach brachte man den Vogel an größeres Wild und allmählich lernte er Enten, Gänse, Fasanen, Hasen, Trappen, Weiher, Kraniche und Reiher schlagen.

In zahlreichen mittelalterlichen Gedichten ist vom Falken die Rede; denn damals war die Reiherbeize das Hauptvergnügen der großen Herren weltlichen und geistlichen Standes. Überallhin, selbst zur Messe nahmen sie wie ihren Hund, so auch den Falken mit sich. Die Beize konnte nur bei gutem Wetter und am besten im Herbst geübt werden, da die Falken im Frühjahr mauserten und dann äußerst empfindlich waren, im Winter aber durch den Schnee geblendet wurden. In der Zeit der Hohenstaufen war der Gebrauch der Lederhaube durch die Araber aufgekommen und wurde an Stelle der Blendung durch Zusammennähen der Augenlider nicht nur bei der Dressur, sondern auch später zu Hause und unterwegs öfter aufgesetzt, um das Tier ruhig zu halten. Der Falke wurde vom Jäger oder der Jägerin in der Weise auf der behandschuhten rechten Hand gehalten, daß er mit den Fängen zwischen das Handgelenk und die gebogenen Finger griff. Nie durfte die Schelle erklingen, wenn der Vogel richtig getragen wurde. Die Fessel war um den kleinen Finger geschlungen; an ihr wurde der Falke gehalten. Beim Ausritt mußte der Falke stets gegen den Wind gerichtet sein und erst wenn er jagen sollte, nahm man ihm die Haube ab. Eine solche Falkenbeize erforderte sichere Pferde, die kein Hindernis scheuten, da man beim Dahinsausen in Verfolgung des von den Stöberhunden aufgescheuchten Reihers die Augen mehr gegen den Himmel zur Beobachtung der interessanten Flugkünste von Raubvogel und Wild, als auf die Erde richtete und deshalb leicht stürzte. Besonders war dies bei den in Seitensitz reitenden Damen der Fall, die im Mittelalter das rechte Bein nicht um das Sattelhorn gelegt hatten, sondern seitwärts im Sattel saßen, die Füße auf ein Brett gestellt. Da konnte denn freilich der Halt kein sicherer sein. Auf einer Reiherbeize verunglückte denn auch durch einen Sturz vom Pferd am 27. März 1482, erst 25jährig, die immens reiche Tochter und Erbin Herzogs Karl des Kühnen von Burgund, seit 1471 die Gemahlin des Erzherzogs Maximilian von Österreich, des späteren Kaisers Maximilian I., dem sie zwei Kinder, Philipp den Schönen und Margarete, geboren hatte. Auch Maximilians zweite Gemahlin verunglückte auf einer solchen Jagd durch Sturz vom Pferde.

In Frankreich wurde die Beize auch vom Mittelstand geübt. Ritter, Domherren, Bürger und Junker taten sich zusammen und ließen ihre Falken und Sperber auf Rebhühner und Lerchen fliegen. Der Anblick des zu Tode gehetzten Wildes bot diesen noch wenig feinfühligen Menschen die schönste Augenweide und war ihre höchste Lust. In Tirol war schon seit dem Jahre 1414 dem Adel verboten, Fasanen und Rebhühner auf eine andere Art zu fangen als mit dem Federspiel. Kaiser Maximilian I. hat dann die Reiherbeize in den österreichischen Erblanden neu belebt und an vielen Orten auch Enten, zum Teil unter Aufwendung von erheblichen Kosten, als Jagdwild hegen lassen. Auch auf seinen Reisen und Feldzügen übte er die Jagd und das Beizen aus, ersteres am Vormittag und letzteres am Abend. Allgemein wurde die abendliche Beize bevorzugt, weil dann der Falke den größten Hunger hatte und die geringste Neigung zeigte, sich zu verfliegen.

Noch im späteren Mittelalter wurde gezähmtes Edelwild gelegentlich zur Jagd gebraucht, ebenso war der Fang vermittelst Antrieb gegen mitten im Wald errichtete künstliche grüne Hecken beliebt, die im Zickzack verliefen und an den offenen Winkelspitzen Netze in Beutelform aufwiesen, in denen sich das hier auszubrechen versuchende Wild fangen mußte, während die einspringenden Winkel durch Reisig geschlossen wurden. War das Tier wie eine Fliege im Netz gefangen, so eilten die in der Nähe versteckten Wachen herbei, um es zu töten. Dieses Jagen mit hag war ebenso bequem als ergebnisreich, wenn es gelang ein Rudel Wild dagegen zu treiben. Nach und nach wurden die feststehenden Hecken durch die beweglichen Netze und hohen Tücher verdrängt, denen schon Roy Modus und Foix im 13. Jahrhundert den Vorzug gaben. Ein Hauptgrund für die Aufgabe der Hecken war auch die Wilderei, der dadurch Vorschub geleistet wurde.

Außer in solchen Hecken wurde das Wild wie früher auch in Fallgruben gefangen. Diese waren unten weiter als oben und mit Zweigen verdeckt. Von der Fallgrube gingen zwei oder vier Hecken in schräger Richtung ab, welche das nahende Wild zwangläufig nach der Grube führten, in die es hineinstürzen mußte. Die Gruben für Schwarzwild und Raubzeug wurden im Walde, die für Rotwild dagegen im Freien angelegt. Auch Fallen und Schlingen wurden noch gelegt, besonders für die kleineren Tiere und Vögel. Letztere wurden außerdem auch mit Netzen und Leimruten gefangen, wobei allerlei Lockvögel zu Hilfe genommen wurden. Habichte und Falken köderte man mit einem Huhn und fing sie in Schlingen. Sperber dagegen lockte man durch einen andern Sperber, der in einem Bauer saß. Auch solche ältere Vögel wurden zur Jagd abgerichtet. Wenn sie dabei dem Falkner auch mehr zu schaffen gaben als die jungen, aus dem Nest genommenen Vögel, so lohnten sie andererseits die vermehrte Mühe durch größere Kühnheit und waren daher sehr beliebt.

Bären und Wölfe wurden mit Selbstschüssen zu erlegen versucht; man fing sie auch in der Schlinge und in Schlagfallen und jagte sie mit Spürhunden vielfach in mit Netzen eingehegten Revieren. Die noch immer zahlreichen Wölfe suchte man in Fallgruben und an Luderplätzen mit vergiftetem Fleisch unschädlich zu machen. In ähnlicher Weise wurde den Füchsen nachgestellt, die im Altfranzösischen gupil und erst später renard -- wohl eine Nachbildung von Reinecke -- genannt wurden. Die Fischotter wurden wegen des Schadens, den sie in den Fischteichen anrichteten und wegen des gesuchten Pelzwerks, das nach Albertus Magnus zur Verbrämung anderer Pelzarten gebraucht wurde, in Schlingen, Netzen und Fallen gefangen oder mit Spürhunden gejagt. Ihr Fleisch galt wie das des Bibers als Fastenspeise und wurde als solche in den Klöstern gern gegessen.

Wie das Rotwild wurden auch die Gemsen von Kaiser Maximilian I., den man gern als letzten Ritter bezeichnet, durch Treiber mit Hunden zu Tal gehetzt und an Engpässen in Netzen gefangen oder durch Hecken und Netze zwangläufig vor die Armbrust oder den Wurfspieß des hohen Jägers und seiner Gäste geführt. Der Kaiser erzählt selbst im Weißkunig durch die Feder seines Hofschreibers, M. Treizsaurwein, daß er im Tal Smyeren in Tirol eine Jagd hatte, bei der 600 bis 1000 Gemsen ins Jagen kamen, und daß einmal 183 Stück gefangen worden seien. Als erster hat er seinen Untertanen gegenüber behauptet, ohne es allerdings beweisen zu können, daß die Jagden „Kaiserliche Regalia“ seien. Nur er wollte die Jagd in seinen Erblanden, die durch Fälschung von Freiheitsbriefen von den Habsburgern zu einem selbständigen Herzogtum gemacht worden waren, ausüben und bestrafte jeden Jagdfrevel der Bauern, die gerade in Tirol auf ihr altangestammtes Recht der Jagd pochten, aufs strengste, ja nicht selten mit den Tode. So ließ er auch den Bauern Mathäus Sailler von Zirl, der unbefugt auf der Pirsch angetroffen wurde, kurzerhand an den Galgen hängen. Schon im Jahre 1414 war in Tirol verordnet worden, daß niemand ohne landesfürstliche Erlaubnis Hirsche, Rehe, Bären, Gemsen oder graue Hasen jagen oder fangen dürfe; ausgenommen war der Adel, der auf seinen Besitzungen die Jagd behielt. Schon auf dem Landtage zu Bozen im Herbst des Jahres 1478 klagten die beim Jagdvergnügen der Herren zur Fron gezwungenen Bauern über Wildschaden. Aber es wurde ihnen versagt, sich dagegen selbst zu helfen. Erst bei Maximilians Tode am 12. Januar 1519 in Wels ließ sich der lange verhaltene Grimm der Bauern nicht mehr dämpfen und sie begannen alsbald einen rücksichtslosen Vernichtungskrieg gegen alles Wild, das der Kaiser für seine Jagden in den Tiroler Bergen gehegt hatte.

Das ganze Mittelalter hindurch wurde keinerlei Schonzeit für das Wild gehalten und mit Vorliebe wurden auch trächtige Tiere gejagt. So findet es der Verfasser des Roy Modus sehr unterhaltend, die säugende Hinde zu hetzen. Am besten jagt man nach seiner Auffassung das Tier, wenn es hochträchtig ist, wegen der schönen Jahreszeit im Mai und Juni. Ist aber das Hirschkalb schon gesetzt, dann kehrt die Mutter auf der Flucht oft zu ihm zurück, wenn es nicht rasch genug folgen kann, und wagt nicht, es zu verlassen. Solches zu beobachten gewähre ein besonderes Vergnügen. Zuweilen sei das Tier mit Kalb feister als ein geltes Tier. „Findest du also ein Tier mit Kalb, gib dir Mühe, es mit dem Leithund zu bestätigen und laß die Hunde danach jagen.“ Führwahr, Mitleid kannten die Menschen jener Zeit nicht! Sie ergötzten sich an dem Anblick, wenn die vom Jagdsperber verfolgte Lerche, die bei den Menschen Schutz suchend sich unter sie warf, vom Raubvogel erwürgt wurde. Roy Modus sagt von einer solchen Schilderung: „Wenn der Sperber sie dann fängt, das ist ein köstliches Vergnügen!“ Der feingebildete Albertus Magnus, Bischof von Regensburg, sagt, daß der Gerfalke mit frischem, noch warmem Fleisch gefüttert werden müsse. Deshalb ließ man ihn vom noch lebenden Tiere fressen. Darum rissen etliche Falkner einer lebenden Henne einen Schenkel aus und am nächsten Tag den andern, um dem Falken ein schmackhaftes Gericht zu bieten. Der große Albert tadelt zwar solches, aber nur deswegen, weil am zweiten Tage das Fleisch nicht mehr gut sein könne „von wegen der hitz, so der schmertz erwegt“. Die unmenschliche Grausamkeit, der solche Handlung zugrunde liegt, empfindet der fromme Graf von Bollstädt nicht als solche. Der große Weidmann Maximilian I., der sich schon als Herzog von Österreich den Rang eines Kurfürsten anmaßte und sich „des heiligen Römischen Reichs Erzjägermeister“ nannte, ließ sich mit Vorliebe das gehetzte Wild in einen See treiben, um es dort gemächlich vom Schiff aus zu töten. Einmal schoß er eine hochträchtige Hirschkuh, die alsbald nach der schweren Verwundung ein Kalb gebar, „bevor Er noch die Pluetthundt daran hat gehetzt“, wie er uns selbst in seinem geheimen Jagdbuch erzählt. Das Wort Edelmann, das damals von solch großer Bedeutung war, kommt vom angelsächsischen ead oder ed, dem altdeutschen ôd Besitz und heißt nur der (an Grundbesitz) reiche Mann; mit edler Gesinnung und Edelmut hatte es durchaus noch nichts zu tun. Solcher Erwerb ward erst einer späteren, feiner fühlenden Zeit vorbehalten, die nicht mehr unter Umständen ein Menschenleben geringer achtete als dasjenige eines aus purem Egoismus gehegten Wildes. Derselbe fürstliche Kerl, den sein Leibeigener, der rechtlose Bauer, mit seinen zahlreichen Dienern und der oft hunderte von Hunden umfassenden Meute ohne Entgelt füttern mußte, hing ihn kurzerhand an den Galgen, wenn er sich dessen weigerte, und niemandem hatte er ob solcher Schurkerei Rechenschaft abzulegen.

Was diese Edelleute im Mittelalter an dem ihnen untergebenen rechtlosen gemeinen Volke gesündigt haben, ist zu bekannt, als daß hier weiter darauf eingegangen werden mußte. Der fromme Cyriacus Spangenberg sagt in seinem 1561 erschienenen Jagdteuffel: das Sprichwort sage, ein Edelmann solle vor dem 60. Jahr nicht wissen, daß er eine Seele und ein Gewissen habe, sonst könne er nicht zu Geld kommen. Die Jagd wurde immer mehr zu einem Hoheitsrechte, die der Landesfürst allein sollte ausüben dürfen. Der Grundbesitz des Landesherrn umfaßte außer dem allodium, dem ererbten Familienbesitz, und dem beneficium, den Bodenflächen, mit denen ihn einst der Kaiser belehnt hatte, noch allerlei eingezogene Güter. Auf diesen übte er allein die Jagd aus, wie auch in den Bannwäldern, die sein Haus sich mit der Zeit zu verschaffen gewußt hatte. Beständig suchte die fürstliche Jägerei ihre Rechte zu erweitern und auf alle Reviere auszudehnen, in denen noch ein Rudel Wild stehen konnte. Schon im Jahre 1499 beschwerte sich beispielsweise die Ritterschaft in Landshut, daß die fürstliche Jägerei auf den Lehen die hohe Jagd ausübe und auch mit der kleinen Jagd sich viel zu schaffen mache. Im Jahre 1516 wurde zwar Prälaten, Edelleuten und den Geschlechtern in den Städten, „da sy es von alter hergebracht haben“, die Jagd auf Rehe, Wildschweine und Bären eingeräumt sowie die Niederjagd ausdrücklich zugewiesen, aber das Hochwild behielt sich der Herzog selber vor. Er setzte damit den tatsächlich schon vorher bestehenden Unterschied zwischen hoher und niederer Jagd gesetzlich fest. Und die von ihm angestellten Pfarrer mußten von der Kanzel herab dem Volke verkünden, daß die Jagd allein der hohen Obrigkeit gebühre, die Luther als von Gott eingesetzt und deshalb schon an sich göttlich, d. h. gottähnlich, bezeichnet hatte.

Je mehr die großen Grundbesitzer in ihrer Eigenschaft als Landesherren erstarkten, um so despotischer traten sie auf, um so weniger nahmen sie Rücksicht auf das Wohl ihrer Untertanen. Sie dehnten den Wildstand möglichst aus, um so ausgiebig wie möglich dem Jagdvergnügen zu frönen und die Jagdküche stets reichlich mit Wildbret zu versehen. Mochte dabei auch das Wild die Äcker der Untertanen verwüsten und oft in einer einzigen Nacht die Früchte von des Bauern vielmonatlichem Fleiß vernichten. Es war ihm nicht einmal erlaubt, auf eigene Kosten seine Felder gegen die Verwüstungen von seiten des herrschaftlichen Wildes zu schützen, indem ihm die Errichtung von Zäunen untersagt war. Erst wenn er nachweisen konnte, daß seine Hufe von Urväter Zeiten her eingezäunt waren, wurden ihm solche erlaubt. Aber diese mußten so niedrig sein, daß das Hochwild darübersetzen konnte, so daß also auch sie keinen Schutz der Flur gewährten.

Wenn irgendwo von einem Herrn ein Wildstand herangezüchtet werden sollte, so nannte man das „ins Gehege legen“, weil man einst im Mittelalter die Bannforste durch eine Hecke einzuschließen pflegte, damit das Wild nicht auswechsle. Mit dem Erstarken der fürstlichen Macht, die niemand außer sich selbst zu jagen gestattete, hielt man die Einhegung nicht mehr für erforderlich, da die Untertanen ja doch kein Wild erlegen durften und es dem Landesherrn willkommen war, wenn es auf den dem Wald benachbarten Feldern Äsung suchte; dann brauchte er es nicht zu füttern und sparte sein Geld. Die Besitzer der vom Fürsten ins Gehege gelegten Felder durften diese nicht bebauen, wie sie wollten, die Wiesen nicht abmähen und kein Vieh auf sie treiben, ja in der Satzzeit sie nicht einmal betreten. Half sich etwa ein Bauer selbst gegen den ihm zugemuteten Wildschaden oder ließ er es sich gar in den Sinn kommen zu wildern, so wurde er aufs grausamste an Leib und Gut bestraft. Wie der bereits erwähnte Cyriakus Spangenberg 1561 schreibt, wurden „etlichen unterthanen umb eines Hasen willen die Augen ausgestochen, hende oder füsse abgehauen, nasen und ohren abgeschnitten und dergleichen unmenschlichkeiten an inen begangen. Aber es wolt lang werden, solch’s alles zu erzehlen.“ Und der Konsistorialrat M. Rebhan in Eisenach meint: „Wie mancher Fürst oder Edelmann straffet denjenigen härter, der ein Wild umbbracht, als der einen Menschen ermordet hat.“ Im Jahre 1537 entkam dem Erzbischof Michael von Salzburg ein angeschossener Hirsch und flüchtete sich in das Kornfeld eines Bauern, wo er verendete. Statt ihn an seinen Herrn abzuliefern, behielt ihn der Bauer, der arm war und viele Kinder zu ernähren hatte. Als der Erzbischof davon erfuhr, ließ er den Mann sofort fesseln und ins Gefängnis abführen und befahl seinem Richter, Gericht über ihn zu halten und ihn zum Tode zu verurteilen. Da aber der Richter, der menschlich mit dem armen Manne fühlte, das Todesurteil nicht fällen wollte, ließ der Erzbischof den Bauern stracks in das Fell des vorgefundenen und verzehrten Hirsches nähen und ihn dann vor allem Volk auf dem Marktplatz von seinen englischen Doggen zerfleischen und zerreißen, wobei er selbst ins Jägerhorn stieß und sich am Anblick der Qualen des armen Mannes ergötzte. Gehängt und gevierteilt werden war sonst die gewöhnliche Strafe für Jagdfrevel. Nur adelige Wilderer kamen mit sehr hohen Geldstrafen davon. Natürlich hatten die Bauern dem Herrn schwer zu fronen und ohne Entschädigung nicht nur die Jagdangestellten, sondern auch deren Pferde und die große Hundemeute zu füttern und Treiberdienste bei der Jagd zu tun, wobei ihnen in der grimmigen Winterkälte oft genug die Zehen erfroren. Nach Wagner war im Herzogtum Württemberg die Jägerei die Hälfte des Jahres unterwegs in einer Zahl von 30-40 Mann mit ebensoviel Pferden und einem Heer von Hunden, das sich auf 600 bis 800 Stück belief. Dieser Schwarm legte sich mit Vorliebe in die Klöster, wo solche noch vorhanden waren, oder auf die großen Gutshöfe, aus dem einzigen Grunde, weil er sich da besser aufgehoben wußte als bei den Bauern, die selber nichts zu beißen hatten und eben für gut genug geachtet wurden, die Hunde für den Herrn aufzuziehen. Dabei waren diese herrschaftlichen Jagdangestellten durchaus nicht bescheiden in ihren Ansprüchen und erzwangen sich oft unter Anwendung von Gewalt eine bessere Bewirtung. So hatte zwar die Württembergische Jagdordnung bestimmt, daß die Jäger des Morgens eine Suppe und Brot und des Mittags wie des Abends vier Gerichte, dazu an Wein 1¼ bis 2 Maß pro Mann, der Herr Windmeister aber 5 Maß erhalten sollten; als aber diese Jagdbediensteten im Kloster Bebenhausen 1607 nur ein Vorgericht, dann Suppe und Fleisch mit süßen Kirschen und Äpfelschnitzen, nachher gesalzenes Fleisch und Bratwurst und zum Nachtisch Käse aus Münster, Lebkuchen aus Nürnberg und frisches Obst in Form von Äpfeln und Birnen zu essen bekamen, beklagten sie sich schwer bei ihrem Herrn und bekamen in der Folge auch Recht. Künftighin mußten sie besser bewirtet werden.

Ursprünglich hatte der Königsdienst die Pflicht der Herberge und Speisung des Gebieters mit seinem ganzen Anhang und Troß mit umfaßt, weil noch keine Gasthäuser vorhanden waren. Diese Königsrechte gingen dann auf die Stellvertreter, die Grafen, und in der Folge auf die Landesherren über, die sich das Recht anmaßten, die Leistungen der Untertanen selbst zu regeln. Auch alle Steuern gingen einst aus dem alten Königsdienst hervor und hafteten ursprünglich auf dem Boden und nicht auf der Person. Erst im 15. Jahrhundert fingen die Landesherren an, die Steuer auf die fahrende Habe umzulegen. Mit dem Recht der Steuer übernahmen sie zugleich auch das am Boden haftende Recht der Atzung und Herberge, das sie dann auf ihr Jagdbedientenpersonal übertrugen. In Hessen-Kassel ward 1681 noch bestimmt, daß die Städte und Dörfer, welche durch die Jagden berührt wurden, für das gesamte Jagddienstpersonal und deren Pferde sorgen sollten. Erst als diese Gastlichkeit infolge der Begehrlichkeit des Jagdbedienstetenpersonals zur wahren Landplage wurde, entschloß man sich im 17. Jahrhundert zur Ablösung derselben durch eine jährliche Zahlung, die beispielsweise für das Stift Kaufungen seit 1629 500 Taler betrug.

Aus reinem Egoismus und nicht aus moralischen Bedenken kam es im 16. Jahrhundert an den aufgeklärteren Höfen zur Aufstellung einer Schonzeit, wenigstens so lange das Wild minderwertig war. So kamen 1521 Hessen und Henneberg mit unter den ersten überein, die Jagd auf Rotwild „in der Kalbung“ ruhen zu lassen, und diese Einschränkung wurde zehn Jahre später auf die Zeit von Anfang März bis Anfang Juli erweitert. Für Mecklenburg ward 1562 eine geschlossene Jagdzeit festgesetzt und bald folgten ihm darin auch andere Staaten. Aber erst im 17. Jahrhundert gelangte man allgemein zur gesetzlichen Aufstellung einer Schonzeit und zur moralischen Verurteilung vor allzu groben Verstößen gegen weidgerechtes Jagen, wie solches heute als selbstverständlich geübt wird. Sonst stand die Jagd auch damals noch in sittlicher Beziehung auf einer recht tiefen Stufe, wie die Herren, die sie übten, denen das täglich geübte Sichbesaufen die wichtigste Beschäftigung war. Mit den geistlichen Herren stand es auf katholischer Seite selbst nach der Reformation nicht besser als mit den weltlichen. Wie der Adel, so nahm auch die hohe Geistlichkeit noch immer Jagdfalken und Hunde mit in die Messe, so daß der Gang der gedankenlos heruntergeleierten heiligen Handlung und der eintönige Gesang der Priester vom Bellen der Hunde unterbrochen wurde. Auch die Geistlichkeit brachte die Feiertage mit Jagen zu und hatte oft mehr Jagdhunde als die weltlichen Landesherrn. Der Übermut der Herren und des von ihnen geschützten Jagdpersonals kannte keine Grenzen und erlaubte sich gegen die Bauern und deren Weiber und Kinder Eingriffe, die sich hier nicht wiedergeben lassen.

Die allgemein geübte Jagdart in Deutschland war das „Jagen am Zeug“, wobei der betreffende Bezirk so gut wie möglich umgrenzt und abgeschlossen war, um ein Entweichen des Wildes zu verhindern. Während aber im Mittelalter außer den Warten vorzugsweise lebende grüne Hecken mit Schlingen und beutelförmigen Netzen in den Durchgangsöffnungen Verwendung fanden, wurden im 16. und 17. Jahrhundert neben solchen vorzugsweise Fallnetze benutzt, die den großen Vorzug hatten, beweglich zu sein und nach Bedarf an verschiedenen Orten aufgestellt werden zu können. Nachdem der betreffende Bezirk morgens mit Berücksichtigung des Windes in aller Stille mit Fallnetzen und Wachen umstellt war, wurde die Hundemeute auf die vorher bestimmte Fährte gesetzt und die Treibjagd ging los, indem die Treiber das eingeschlossene Wild mit den hinter ihm herstürmenden Hunden den Hecken und Netzen zutrieben. Letztere schlugen als Fallnetze über dem angstvoll einen Ausweg suchenden Wilde zusammen und hielten es fest, bis die in der Nähe versteckten Warten es abstechen konnten. Die früher geübte kunstgerechte Spurjagd war jetzt ausgeschlossen. Die Hunde jagten nicht mehr nach der Nase, sondern nach den Augen und verfolgten jedes Wild, das ihnen begegnete, in gleicher Weise, so daß es innerhalb des sich gegen die scheinbar offene, tatsächlich aber mit Netzen umstellte offene Seite verengernden Treibergürtels ein wüstes Durcheinander von einzelnen bellenden, jagenden Hunden und angstvoll flüchtendem Wild gab. Die Warten waren hinter grünen Schirmen aus Laub innerhalb des Triebes vor den Fallnetzen versteckt und hetzten, sobald das flüchtende Wild auf die Netze zukam, ihre Windhunde hinter ihm her, so daß es aus Schrecken vor diesen und dem Geschrei der Warten in die Netze lief und hier alsbald abgestochen werden konnte. Um dem Grundherrn, seinen Damen und Gästen Gelegenheit zu geben, diesen kritischen Moment der Jagd zu beobachten und sich am Abstechen des wehrlosen Wildes höchst eigenhändig zu beteiligen, waren neben den Schirmen der Warten mit den Windhunden auch solche für die hohen Herrschaften errichtet. Stellte sich ein Hirsch den Hunden, so suchte man ihn zu schießen, wenn er sich nicht von der Seite her, während ihn die Hunde beschäftigten, erstechen ließ. Das getötete Wild wurde auf der Stelle zerlegt, das Fleisch verteilt oder auf bereitstehende Wagen für die Hofküche verladen und den Hunden die nicht vom Menschen beanspruchten Eingeweide überlassen.

Ein Überlandjagen in Form von Verfolgung des Hirsches zu Pferd im freien Revier ohne Hecken und Netze war damals in Deutschland eine große Ausnahme und kam erst im darauffolgenden Zeitalter auf, während solches in Frankreich noch immer üblich war. Das klassische französische Werk des 16. Jahrhunderts über die Hetzjagd mit Spürhunden ist die venerie von Fouilloux. Dieser Autor rechnet zur venerie nur die Hetzjagd von Hirsch, Reh und Hase, nicht aber die des Wildschweins, weil letzteres mit Rüden gehetzt werde. Fuchs und Dachs dagegen wurden statt mit chiens courants mit chiens de terre gejagt.

Bevor die Jagdgesellschaft zur Hirschhetze aufbrach, hatte sie gut gespeist und so reichlich getrunken, daß die ganze Jagd in angeheitertem Zustande vor sich ging. Sie verlief ähnlich der bereits geschilderten des 14. Jahrhunderts, ebenso die Sauhatz, zu welcher zahlreiche Hunde bereit gehalten wurden. So erschien 1592 Herzog Julius von Braunschweig zur Sauhatz an der Oberweser mit nicht weniger als 600 Jagdhunden, Saurüden oder Hatzhunde genannt. Man schätzt die Zahl der alljährlich den Saujagden zum Opfer fallenden Rüden für Deutschland allein auf 20000 Stück. Die Schäfer waren in den meisten Gegenden dazu verpflichtet -- natürlich ohne irgend welche Entschädigung -- jährlich je einen Hund zu stellen. Taten sie es nicht, so wurden sie mit der Wegnahme von fünf Hammeln gestraft. Da man so billig zu den Hunden kam, wurden sie auch nicht geschont und mit Vergnügen wütenden Ebern geopfert. Landgraf Philipp von Hessen, der von jedem Untertan „so Schafe und einen Pferch hat“ alljährlich einen Rüden verlangte und ihm im Falle des Nichtleistens das Recht zur Schäferei nahm, erlegte im Jahre 1561 auf den Sauhetzen, an denen er persönlich teilnahm, 1714 Sauen. Der Reinhardtswald allein lieferte ihm 1563 1072 Wildsauen, und sein Nachfolger, Landgraf Wilhelm, fing 1584 in einem einzigen Jagen daselbst 133 Sauen. Welch eine Metzelei setzte es ab, eine solche Menge von Tieren in den Netzen abzustechen, und wie mögen die armen Bauern geseufzt haben, wenn ihnen diese so zahlreich auftretenden Borstentiere ihre Äcker verwüsteten. In der Jagd auf die Wildsau war insofern eine Verfeinerung vom Mittelalter bis zum 16. Jahrhundert eingetreten, als die Bracke, die damals auch zur Sauhatz verwendet wurde, als zu edel dafür galt und man sich dabei meist mit minderwertigen Hunden behalf. Eine wichtige Rolle spielte auch die Jagd auf den Wolf, für dessen Vertilgung die Bauern ihrem Herrn eine besondere Steuer bezahlen mußten.

Die Hatzjagd auf Hasen wurde von dem deutschen Adel mit Windhunden geübt, während in Frankreich die allerdings feinere Jagd mit Spürhunden bevorzugt wurde. Sie machte im allgemeinen auch mehr Freude als die Hirschhetze, da man die Hunde besser sah und diese auch mehr zusammenhielten. Die Hasenmeute betrug 12 bis 16 Hunde und war gewöhnlich zahlreicher als die Hirschmeute. Sie arbeiten zu sehen war wie im Mittelalter das Entzücken derer, die sich den echten jägerischen Geist bewahrt hatten, wie er im 12. bis 14. Jahrhundert in Frankreich wie in Deutschland herrschte. Die Technik dieser Jagd war ebenfalls ähnlich derjenigen des Mittelalters.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts verdrängte die Büchse die Armbrust, besonders seitdem 1517 in Nürnberg das Radschloß erfunden worden war, das die Lunte überflüssig machte. Sie hieß auch Pirschrohr und danach nannte man die Jagd, bei welcher man sich ihrer bediente, im Gegensatz zum Hetzen Pirschjagd. Doch war sie im allgemeinen wenig beliebt und galt nicht für weidmännisch. Nichtsdestoweniger brach sie sich mehr und mehr Bahn, weil sie billiger war als die mit jagenden Hunden. So fand sie besonders an kleineren Höfen zuerst Eingang. Landgraf Wilhelm von Hessen erlegte 1582 durch Pirschen 345 Stück Wild und nur 307 durch Jagen. Auch der Schrotschuß taucht bereits im 16. Jahrhundert auf; 1556 wird er zuerst erwähnt.

Beim Pirschen auf Rotwild trat alsbald nach dem Schusse der Bluthund in Aktion, indem er, von der Leine gelöst, das Wild verfolgte und, wenn er es eingeholt hatte, zu packen und niederzureißen versuchte. Da in dem vom deutschen Geistlichen Johannes Colerus um 1600 in Wittenberg herausgegebenen lateinischen immerwährenden Kalender Leit- und Bluthund stets zusammen genannt werden, muß man annehmen, daß der Leithund damals auch zur Blutarbeit verwendet wurde. Wegen dieser Bestimmung sollte er groß und stark sein, damit er das Wild niederreißen konnte. So wurde er wie die Jagdhunde im allgemeinen mit Windhund- und Doggenblut gekreuzt, und so entstand eine starke Spürhundrasse wie sie mit zuerst das Neue Jagd- und Waidwerkbuch von Feyerabend 1582 auf Seite 11 zeigt. Auch die Bilder von Jost Ammann zeigen uns solche durch Kreuzung erzielte auffallend große Jagdhunde. Aus diesen schweren Spürhunden entstand dann der schwere Typ der deutschen Vorstehhunde, wie er sich an manchen Orten bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts erhielt.

In dem Maße wie der Adel durch das Regal des Landesfürsten das Recht der Jagd verlor, schwand auch die Falkenbeize, die sich im Mittelalter durch die Begeisterung des Ritterstandes so hoch erhoben hatte. Solange das Kornfeld, das der Reiterzug bei der Falkenbeize durchjagte, dem Bauern gehörte, hatte der Adel keinen Anstoß an dieser Art Jagd genommen; nun aber das Korn sein eigen war und durch die Leibeigenen gepflanzt wurde, wurde er andern Sinnes und wollte seine Felder geschont wissen. Er hatte auch keine Lust mehr dazu, den Tag am Hofe zu verbringen und mit seinen Falken zu vertändeln, mußte vielmehr auf seinem Gute nach dem Rechten sehen und seine Hörigen beaufsichtigen, damit sie gehörig für ihn arbeiteten. Auch hatte die Küche wenig Nutzen von der Falkenbeize, die viel Geld kostete, nicht nur für die Zähmung und den Unterhalt der Falken, sondern auch für die selten gewordenen Reiher, die künstlich im Reiherhaus aufgezogen werden mußten, wenn bei Bedarf kein Mangel daran vorhanden sein sollte.

An Stelle der deutschen Ordensherrn von Marienburg hatten die Könige von Dänemark die Lieferung von Falken übernommen, mit denen sie die meisten Höfe, die sich diesen Luxussport noch leisteten, zu versorgen pflegten. Alljährlich sandten sie ein Schiff nach Island und ließen von dort die geschätzten weißen Wanderfalken holen, die sie durch ihre Falkner an die Höfe verteilen ließen, wobei diesen für jeden Falken eine Gabe von 12-16 Talern ausgehändigt wurde. Die hessischen Fürsten erhielten jedes Jahr durchschnittlich sechs Falken zu ihrem ziemlich großen Bestand, für dessen Unterhalt die Falkner ungefragt auf den Dörfern die erforderlichen Hühner und Tauben selbst nehmen durften. In andern Herrschaftsgebieten war der Taubenzehnte eingeführt, der in Hessen im Jahre 1703 in eine feste Abgabe von 400 Tauben umgewandelt wurde. Landgraf Moritz von Hessen-Darmstadt untersagte 1593 seinen Untertanen ganz die Jagd mit den Falken, „dass wir selbsten unsere Lusten damit gern haben wollten.“ Auch am Hofe zu Kassel wurde die Falkenjagd nach dem Dreißigjährigen Kriege wieder eingeführt; sie hielt sich dort bis ins 18. Jahrhundert. In Württemberg dagegen ging die Beize schon mit dem 17. Jahrhundert zu Ende und ward 1714 gänzlich abgeschafft. Der Reiher wurde nicht mehr gehegt, sondern zum Raubvogel erklärt, und 1726 wurde ein Preis auf seinen Kopf gesetzt. So kehrte die Jägerei zur alten Jagdweise der Markgenossen, zum Habicht und Sperber der Volksrechte zurück. Sie kaufte die Beizvögel von umherziehenden Falknern, fing sie wohl auch selber mit Schlaggarnen am Finkenherd ein, wenn sie auf die Lockvögel stießen, selten zog sie selbst Nestlinge auf, weil dies sehr beschwerlich war. Allgemein im Brauch war noch die Hasenbeize. Dabei suchten 2-3 Stöberhunde das Feld nach Hasen ab, während der Jäger mit dem Vogel auf der Hand zu Pferde folgte. Am Riemen wurden einige Windspiele mitgeführt, die dann dem ergriffenen Hasen, dem vom Raubvogel zuerst die Augen ausgehackt wurden, den Garaus machten. Auch auf das Feldhuhn wurde der Habicht gern geworfen. Wie ein Pfeil schoß er hinter der Hühnerkette her und griff ein Huhn heraus. Die andern ließen sich vor Schreck zu Boden fallen und lagen nun so fest, daß der Hund sie greifen oder der Jäger mit der Hand sie aufheben konnte.

Im 18. Jahrhundert besaß der große Grundbesitz unbeschränkte Macht. Mit Verachtung sah er auf alle Bürgerlichen und noch vielmehr auf die leibeigenen Bauern herab, mit denen er in der gewissenlosesten Weise verfuhr und sie auf das schamloseste ausbeutete. Zäune zur Abhaltung des sich stark vermehrenden Wildes von den Äckern waren verboten oder, wo sie, wie beispielsweise in Sachsen von 1775 an „aus Landesmütterlicher Vorsorge“ den Untertanen gestattet waren, durften sie nur um Kohl- und Obstgärten gezogen werden und mußten so nieder und die einzelnen Pfähle oben stumpf sein, daß das Rotwild darübersetzen und sich dabei nicht verletzen konnte. Einzig das Schwarzwild wurde dadurch abgehalten. Im Jahre 1718 erließ der Herzog von Württemberg das Reskript, daß alle Zäune seines Landes mit Ausnahme der Zäune an der Landesgrenze niedergelegt werden sollten. Den Bauern wurde untersagt, auf ihren eigenen Gütern das Laub zusammenzurechen und die Eicheln aufzulesen, damit sie dem Wilde als Lagerstatt und Futter dienen konnten. Auch Hunde durfte der Bauer nicht fortlaufen lassen oder gar zum Verscheuchen des Wildes von seinen Äckern verwenden. In ganz Württemberg war während des 18. Jahrhunderts das Halten von Hunden überhaupt verboten. So blieb dem Bauern, der etwas ernten wollte, nichts anderes übrig, als selbst oder durch seine Familienangehörigen den ganzen Tag und die Nacht hindurch die Felder zu bewachen, damit das Wild, besonders die Sauen, dieselben nicht verwüsteten. So mußten allein in Sachsen Nacht für Nacht 4000 Menschen wachen, damit der despotische Landesvater gelegentlich auf die Jagd gehen konnte. Auf das heutige Deutschland übertragen, mußten für die Bewachung der Felder in der Nacht wenigstens 68000 Menschen allnächtlich ihren Schlaf opfern, und diesen schweren Dienst mußten die größtenteils von der Fronarbeit am Tage ermüdeten Leute vielfach bei Regen und Kälte verrichten. Das Rotwild, dessen Bestand von Seckendorf 1656 für Sachsen auf 3000 Stück geschätzt wurde, durchstreifte truppweise die Felder, wenn das Getreide reifte, und machte sich daselbst bequeme Lagerstätten. Von den Sauen aber, deren Sachsen nach derselben Schätzung damals etwa 6000 aufwies, lag etwa ein Drittel beständig auf den Feldern, unbeachtet der niederen Zäune, die sie mit Leichtigkeit zu überspringen vermochten. So schreibt ein anonymer Sachse 1799 in einer Schrift über die Schädlichkeit der Jagd: „Wer die Gegenden an der Elbe, z. B. von Dresden bis Wittenberg, von Torgau bis Wurzen, wie auch die Gegend von Colditz, Annaberg usw. durchreitet, der wird in den dortigen Feldern, wenn er die von diesen Tieren vernichtete Hoffnung des armen Landmannes sieht, sich selbst zum Jammer und Mitleid gerührt fühlen und die Stimme der fröhlichen Jäger vor den Klagetönen der über ihren Verlust Jammernden nicht hören können. -- Im Jahre 1777 reisete ich in das Erzgebirge nach Elterlein, einem Städtchen, welches unweit Annaberg liegt. Hier sprach ich unter andern Einwohnern auch den Stadtrichter. Dieser Mann zeigte mir eine schriftliche Taxe, welche einen Verlust von 5000 Talern betrug, den die wilden Schweine nur diesem kleinen Städtchen zugefügt hatten.“ Und Franz Philipp Florinus schreibt in seinem 1751 in Nürnberg erschienenen Oeconomus prudens vom Rotwild: „Im Sommer liegt es bei nächtlicher Weile im Getreide und läßt sich von den Wachfeuern und dem Geheul der Bauern fast wenig abschröcken, maßen, sobald es aus einem Samen herausgetrieben wird, gleich in den nächsten und besten hineingehet.“

In Württemberg war es nicht anders. Schon im 17. Jahrhundert wollten die Klagen über den Wildschaden nicht aufhören. Wenn diese zu laut wurden, ließ der Herzog etwa eine Hetze abhalten und zwang die Bauern, ihm das Wildbret, für das er keine Verwendung hatte, zu teurem Preise abzukaufen und selbst zu essen. Der Wildstand im damaligen Württemberg betrug rund 9000 Stück Edelwild und 2000 Sauen. In der Zeit von 1770-1790 wurden durchschnittlich 3300 Stück Rotwild und 1100 Sauen jährlich bei den Hofjagden erlegt. Die Hofküche aber brauchte (nach einer Berechnung vom Jahre 1679) nur etwa 300 Stück Rotwild und 350 Sauen. Setzen wir auch den Bedarf für den oben erwähnten Zeitabschnitt auf 1000 Stück, so blieben immer noch 3400 Stück für den Zwangsverkauf an die Untertanen übrig, der für eine flüssige Rente galt. Die Zustände in Württemberg zur Zeit des Herzogs Karl Eugen, der 1744 die Regierung übernahm, schildert der Prälat Johann Gottfried Pahl. Vom Gelde der von den Höflingen mißhandelten und ausgesaugten Bauern ließ der Herzog kostspielige Bauten herstellen, Opern aufführen, zu denen die Vorbereitungen einen Aufwand von 100000 Gulden erforderten, glänzende Geburtstagsfeste in Form von „Festinjagden“ veranstalten, die bald in dieser, bald in jener Gegend des Landes veranstaltet wurden und 300-400000 Gulden verschlangen. „Da erschien alles im höchsten Glanze, es wurden die prächtigsten Schauspiele und Ballette gegeben; Veronese brannte Feuerwerke ab, die in wenigen Minuten eine halb Tonne Goldes verzehrten. Der ganze Olymp war versammelt, um den hohen Herrscher zu verherrlichen, und die Elemente und die Jahreszeiten brachten ihm ihre Huldigungen in zierlichen Versen dar. Der Herzog liebte diese Art von Vergnügen ebenso leidenschaftlich, als er andererseits der kostspieligen Baukunst frönte. Ein zahlreiches Korps von höheren und niederen Jagdbedienten stand ihm zu Gebote. Seiner Nachsicht gewiß, durften sie sich die rohesten Mißhandlungen und die schreiendsten Ungerechtigkeiten gegen den seufzenden Landmann erlauben. Man zählte in den herrschaftlichen Zwingern und auf den mit dieser Art von Dienstbarkeit belasteten Bauernhöfen über tausend Jagdhunde. Das Wild ward im verderblichsten Übermaße gehegt. Herdenweise fiel es in die Äcker und Weinberge, die zu verwahren den Eigentümern streng verboten war, und zerstörten oft in einer Nacht die Arbeit eines ganzen Jahres; jede Art von Selbsthilfe ward mit Festungs- und Zuchthausstrafe gebüßt, nicht selten gingen die Züge der Jäger und ihres Gefolges durch blühende und reifende Saaten. Wochenlang wurde oft die zum Treiben gepreßte Bauernschaft, mitten in dem dringendsten Feldgeschäfte ihren Arbeiten entrissen, in weite, entfernte Gegenden fortgeschleppt. Ward, was nicht selten geschah, eine Wasserjagd auf dem Gebirge angestellt, so mußten die Bauern hierzu eine Vertiefung graben, sie mit Ton ausschlagen, Wasser aus den Tälern herbeischleppen und so einen See zustande bringen. -- Um den Glanz zu vermehren, hatte man eine große Menge fremden Adels ins Land gezogen. Es wimmelte von Marschällen, Kammerherren, Edelknaben und Hofdamen; mehrere von ihnen genossen große Gehalte. In ihrem Gefolge erschien ein Heer von Kammerdienern, Heiduken, Mohren, Läufern, Köchen, Lakaien und Stallbedienten in den prächtigsten Livreen. Zugleich bestanden die Korps der Leibtrabanten, der Leibjäger und der Leibhusaren, deren Uniformen mit Gold, Silber und kostbarem Pelzwerke bedeckt waren...“ Diese Gesellschaft benahm sich den für halbe Tiere gehaltenen Bauern gegenüber skandalös und verführte mit Vorliebe deren Töchter, ohne an das Bezahlen von Alimenten für die nicht ausbleibenden Kinder zu denken. Allein für die von ihm selbst gestifteten Kinder bezahlte der Herzog Karl Eugen großmütig „ein für allemal“ 50 Gulden, und seine Geliebten hatten das viel beneidete Vorrecht, blaue Strümpfe tragen zu dürfen.

Auch der fromme Herzog Ernst Ludwig von Hessen hatte, wie alle Fürsten Mitteleuropas, sein Land in einen Wildpark verwandelt, um der Jagdlust zu frönen, mochten auch die fronenden Bauern in Armut und Elend verkommen. Von den vielen Nachtwachen, die die Leute jahraus, jahrein leisten mußten, um das Wild von ihren Feldern abzuhalten, schliefen sie beim Gottesdienst ein, worüber sich die Pfarrer beklagten. Das war die Zeit, da die Fürsten, auch geistliche Herren, wie der Bischof von Münster, ein Bernhard von Galen, ihre Untertanen für durchschnittlich 155 Mark an auswärtige Regierungen als Soldaten verkauften, damit diese mit ihnen ihre Kriege führen konnten. Viele Tausende mußten so zwecklos in fremdem Lande verbluten. Bei Culloden entschieden die Hessen den Untergang der Stuarts, und Marlborough wie sein Gegner Villeroi fochten meist mit deutschen Truppen gegeneinander. Der Erzbischof Karl hatte dem Herzog Philipp mit Deutschen den spanischen Thron bestritten, und bevor die Angelegenheit geregelt war, verbluteten 400000 Menschen auf dem Schlachtfelde.

Bei der unmenschlichen Behandlung und der Nutzlosigkeit aller Arbeit infolge der Übergriffe des Landesfürsten kamen viele der Bauern aus Not dazu, zu wildern, um sich überhaupt am Leben zu erhalten. Sie taten dies aus Verzweiflung und Auflehnung gegen die grausame Herrschaft, die ihnen beständig das größte Leid zufügte, obschon sie im Falle des Erwischtwerdens mit den härtesten Strafen bedroht waren, so im gelindesten Falle mit etlichen Jahren Zwangsarbeit in Ketten, bei Wiederholung mit Abhauen der rechten Hand, beim dritten Male aber mit dem Galgen zu büßen hatten. Oft wurden Bauern, wenn sie nur mit einer Büchse in einem Gehege angetroffen wurden, ohne große Untersuchung mit kurzem Prozeß binnen 24 Stunden gehängt. Wer dem Wilde verlarvt nachging, wurde kurzerhand in der Verlarvung aufgehängt. Hessen hatte 1613, Preußen 1728 angeordnet, daß die überführten Wilderer ohne Gnade aufzuknüpfen seien. Der Herzog von Württemberg bestimmte 1737 als Strafe derer, „welche diebischer Weise Wild geschossen haben“, das Abhauen der rechten Hand, mindestens aber öffentliche Arbeit „mit aufgesetzter Wildererkappe auf Lebenszeit“, bei Rückfall Aufhängen am Galgen. Diese Wildererkappe, die dem zur Schanzarbeit Verurteilten an den Kopf geschlossen wurde, war ein grauenvolles Marterwerkzeug, das aus einem eisernen Reifen mit einem schweren Hirschgeweih daran bestand. Der Landesvater von Weimar verfügte 1751, „daß alle Wilderer als offenbare Straßenräuber und Mörder angesehen und auf Betreten sofort aufgehängt, deren Weiber gebrandmarkt und ins Zuchthaus gesetzt werden sollen, daß ein Förster oder Jäger, der einen Wilddieb totschießt, 50 Taler verdient, während seine Witwe, falls er selbst totgeschossen wird, lebenslänglich 200 Taler Pension erhält, daß aber ein Jäger, der den Wilddieben durch die Finger sieht, selbst aufgehängt wird“. 1761 wurde in Württemberg eine Belohnung von 20 Gulden für einen toten und 30 Gulden für einen lebenden Wilddieb, der alsbald aufgehängt wurde, ausgeschrieben. Am findigsten waren die Fürsten, die das einträgliche Geschäft des Menschenhandels trieben. So schloß der Herzog von Württemberg 1716 einen Vertrag mit der Republik Venedig ab, wonach alle Sträflinge, auch die Wilderer, die mit dem Leben davonkamen, auf die Galeeren verkauft wurden. So brachten die Kerls noch Geld ein und man war sie los! Das Reskript wurde in feierlicher Stunde nach dem Gottesdienst mit salbungsvoller Stimme von den Kanzeln verkündet.

Während die Bauern so unmenschlich strenge bestraft wurden, kam der Adel beim Wildern mit Geldstrafen davon. Diese waren beispielsweise in Preußen gepfeffert und betrugen 1720 500 Taler für einen Hirsch oder für eine Wildsau; davon erhielt der Angeber den vierten Teil. In dem Vertrage zwischen Hanau und Frankfurt a. M. vom Jahre 1787 wurde die Denunziantengebühr auf den dritten Teil der Geldstrafe bemessen und damit der Verrat zu einem einträglichen Gewerbe ausgebildet. In der Jagdordnung Josefs II. von 1786 wurde dem „Entdecker eines Wildschützen“ 12 Gulden und dem „Einbringer“ eines solchen 25 Gulden Belohnung zugesichert. Diese Jagdordnung war übrigens als ein großer Fortschritt zu begrüßen, indem darin die Vorrechte der Krone aufgehoben wurden. Wenigstens das Schwarzwild wurde auf Tiergärten beschränkt und das Recht zum Abschuß freier Sauen jedem Menschen zugesprochen. Für den Fall, daß sich der Jagdinhaber diesem Abschuß widersetzen sollte, verfiel er in eine Strafe von 25 Dukaten. Das Betreten angebauter Grundstücke wurde verboten, die Einzäunung derselben dem Bauern freigestellt, und zwar in jeder Höhe. Dem Jagdinhaber aber wurde das Wild unter Abschaffung einer Schonzeit als sein unbeschränktes Eigentum freigegeben, er aber zugleich für Wildschaden ersatzpflichtig gemacht. Damit begann die Morgenröte einer neuen Zeit, die gerechter als die vorhergehende die allgemeinen Menschenrechte, die die französische Revolution proklamierte, vertrat.

Am Ende des 18. Jahrhunderts waren aber sonst in keinem andern Staate so vorsorgliche Bestimmungen getroffen, wie von dem edeldenkenden Josef II. Dieses ganze Jahrhundert hindurch waren die Jagdfronen noch im Steigen begriffen, denn statt 500-700 Mann wie im 17. Jahrhundert wurden jetzt ebensoviel Tausende zum Zusammentreiben des Wildes aus ihrer Häuslichkeit herausgerissen, um ganze Wochen hindurch ohne irgend welche Entschädigung, ja unter Vorschrift der Selbstbeköstigung, im Walde zuzubringen und das Vergnügen eines Tages für die Hofgesellschaft vorzubereiten. Zur Massenschlächterei von Hochwild gesellte sich diejenige von Hasen, wie denn zu Stammheim in Württemberg am 20. November 1756 ein Kesseltreiben abgehalten wurde, das eine Ausdehnung von 9½ Meilen hatte, drei Tage dauerte und gegen 4600 Mann in Anspruch nahm. Zu den Treiberdiensten kamen die Jagdfuhren, der Wegebau, die Zaunarbeit, das Futtersammeln und der Wildfang. Zu letzterem gehörten auch die Wolfsjagden, die am schwersten auf dem Volke lasteten und wofür auch die Städter zu bezahlen hatten. Es kam oft vor, daß die Bedienten des Landesherrn einerseits die Geldabgabe bezahlen ließen und andererseits die Leute trotzdem zwangen, bei der Wolfsjagd zu erscheinen, ansonsten sie gebüßt wurden. Und wer von ihnen frühmorgens beim Apell nicht anwesend war, der wurde als fehlend angesehen, auch wenn er den ganzen Tag anwesend war und mithalf. Dabei mißhandelten die übermütigen Dienstleute die Bauern in einer Weise, daß es einem heute noch beim Lesen solcher Gemeinheiten die Schamröte ins Gesicht treibt.

Die Pflicht der Untertanen, die fürstliche Jägerei zu beherbergen und zu verpflegen, kam im 18. Jahrhundert mehr und mehr außer Übung, weil der gesteigerte Verkehr Gasthäuser geschaffen hatte, in denen die Jäger nächtigen und sich an Speise und Trank stärken konnten. Auch hier hatte wie bei der Wolfsjagd eine Geldablösung stattgefunden. So kam in Württemberg zwischen dem Fürsten und dem Kirchenrat 1777 ein Vertrag zustande, wonach gegen eine jährliche Zahlung von 12002 Gulden die Klöster von den Besoldungsbeiträgen für die Jägerei, von Kostgeld und Pferdefutter, von der Pflicht, das Jagdzeug, die Seilwagen und Jagdschirme zu unterhalten, die Hunde zu ernähren usw. befreit wurden. Den Gemeinden ward 1714 die Verpflichtung auferlegt, beim Dachsgraben die Hunde zu füttern, und, wo sie nicht abgelöst war, blieb auch die Hundelege in Kraft, wie denn z. B. im Uracher Forst jeder steuerpflichtige Untertan, der keinen Hund in Pflege hatte, zu einer jährlichen Abgabe von 3 Gulden 20 Kreuzern gezwungen wurde. Vielfach ließen die Jäger des Landesherrn aus eigener Machtvollkommenheit ihre eigenen Hunde an Stelle der herrschaftlichen von den Untertanen aufziehen; andere ließen sich heimlich die Pflicht der Hundelege gegen bares Geld abhandeln und stellten den Hund bei einem Bürger ein, der nicht bezahlen wollte. Wieder andere trieben einen heimlichen Handel mit den Hunden ihres Landesherrn. Vielfach suchten die Forstbeamten die Pflichten der Untertanen noch auszudehnen und die Strafen zu erhöhen. Dabei nahmen sie den dritten Teil der Strafgelder als sogenannte „Ruggebühr“ ein. Man kann sich denken, welchen Gebrauch sie von solcher Vollmacht machten, um sich möglichst zu bereichern. Auch den Müllern wurde am Ausgang des 17. Jahrhunderts an Stelle der Pflicht zur Schweinemast die noch lästigere Pflicht des Fütterns der Jagdhunde des Landesherrn aufgebürdet. Die Leineweber dagegen mußten die Leinewand für das Jagdzeug zu einem billigen Preise anfertigen. Es handelte sich dabei meist um große Beträge; allein das kleine Hessen-Kassel hatte einen jährlichen Bedarf von 1600 Ellen. Außerdem mußte jeder Jude alljährlich 1000 Federn für die Federlappen liefern.

In dieser Zeit der unbeschränkten Macht des großen Grundbesitzes ward der weidgerechten Ausübung der Jagd eine erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Vor allem wurde teilweise schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, ziemlich allgemein aber im 18. Jahrhundert eine Schonzeit des Wildes eingeführt. Dabei war der Gedanke maßgebend, daß während einer solchen das Wild sich fortpflanzen, heranwachsen und feist werden sollte, damit der jagdliche Ertrag ein möglichst großer sei. Viele Landesherren aber, so vor allem derjenige von Württemberg, hielten sich nicht an die von ihnen hierüber aufgestellten Bestimmungen und arrangierten zu jeder Jahreszeit, wenn es ihnen gerade einfiel, ihre mit Massenschlächtereien verbundenen Jagdfeste. In manchen Territorien aber hielt man strenge auf die Einhaltung der Fristen. So setzte Hessen-Darmstadt 1776 eine Strafe von 50 Dukaten für das Erlegen eines Hirsches in der Schonzeit fest; beim zweitenmal ward die Strafe verdoppelt und beim drittenmal das Recht zur Ausübung der Jagd aberkannt. Weimar schloß die hohe Jagd am 1. Dezember, Magdeburg Mitte, Hessen-Darmstadt Ende Februar, in Mainz dagegen hörte die Hirschjagd schon Ende Oktober auf. Auch in der kleinen Jagd begann man vielfach dem Wild eine kurze Ruhepause zu lassen, so in der Rheingauer Forstordnung dem Hasen die Zeit vom 16. März bis 24. August, den Rebhühnern vom 2. Februar bis 10. August.

Trotzdem die von Frankreich übernommene Parforcejagd gerade im 18. Jahrhundert an manchen deutschen Höfen zur Einführung gelangte, tauchte andererseits als große Neuerung im Jagdbetrieb das mehrfach wiederkehrende Verbot der Hetzjagd auf, hervorgerufen durch die schärfere Ausbildung des Regals und die Ruhe des herrschaftlichen Wildes. Um die jagenden Hunde den fürstlichen Revieren fernzuhalten, wurden alle andern als die fürstlichen Jagdhunde „ein für allemahl abgeschafft“ -- so im Rheingau 1737 --, bloß Schweißhunde gestattet, und diese sollten nur am Riemen für verwundetes Wild Verwendung finden. Nach wie vor war aber das Hetzen des Wildes quer über die Felder der Bauern, auch im Frühjahr, dem Adel gestattet. Nur dieser durfte überhaupt neben dem Landesherrn noch Hunde zur Jagd halten.

Zu Anfang des 18. Jahrhunderts kamen die zünftigen Weidesprüche außer Gebrauch und dafür wurden für die Jagdbediensteten Uniformen eingeführt, für die Bürgerlichen mit Silber, für die Adeligen dagegen mit Gold durchwirkt.

Die Pirsch- und Parforcejäger, wie auch die Falkner, hatten ihre besonderen Abzeichen. Neben dem Weidmesser kam der Hirschfänger auf. Die alte Form des Hift- oder Jägerhornes hatte sich, seitdem es üblich geworden war, es aus Metall zu verfertigen, in verschiedene Unterformen gespalten.

Der Großtuerei der Zeit entsprechend wurden die Jagden im größten Maßstabe abgehalten. Am beliebtesten war das sogenannte Hauptjagen, bei welchem eine Vorbereitung von einigen Wochen, ja Monaten nötig war. Tausende von Bauern wurden für diese Zeit zum Zusammentreiben des Wildes aus großem Umkreis ohne irgend welche Entschädigung, vielmehr mit der Verpflichtung der Selbstbeköstigung, angestellt. Das Anlegen der Treiberlinien leiteten die Besuchknechte, die frühmorgens mit dem Leithunde den besten Wildstand, worunter namentlich jagdbare Hirsche, d. h. solche von zehn und mehr Enden, ermittelten und nach dem Ergebnisse ihrer Suche die nötigen Anordnungen zur Jagd trafen. Das Wild wurde von allen Seiten her zusammengetrieben, bis das Revier so klein geworden war, daß Lappen, Netze und Zeuge hinreichten, um es einzustellen. Die Treiber hatten Tag und Nacht zu wachen, daß das Wild nicht ausbrach, bis die nötige Arena zu seiner Abschlachtung durch den Landesherrn von andern fronenden Bauern errichtet war. Diese bestand aus drei Teilen, dem Zwangtreiben, der Kammer und dem Lauf. Es waren breite, rings von hohen Tüchern eingefaßte Gänge. Mitten in der Arena war den hohen Herrschaften ein mit grünem Laub und Girlanden verziertes Bretterhaus gebaut, von dem aus sie dann das Wild ohne die geringste Gefahr für sich selbst abschießen konnten. War dies alles errichtet, so wurde der Landesherr davon benachrichtigt und kam mit großem Troß zum Abstechen des Wildes, das immer wieder durch die Treiberlinien durchzubrechen versuchte und deshalb seinen Hütern viel zu schaffen machte. Aus dem ganzen Lande wurden die herrschaftlichen Hunde durch die Rüdenknechte und Hundejungen aus ihren Pensionaten in den Dörfern und Städten abgeholt und durch fronende Bauern nach der Stätte des Hauptjagens gefahren oder in bequemen Tagemärschen zu Fuß dahin geführt, um an der Jagd teilzunehmen.

Der Hof fuhr an dem für das Hauptjagen bestimmten Tage mit großem Gefolge auf den Laufplatz und verabschiedete hier die Wagen, um mit ihren Gewehren die sichere Bretterhütte in der Arena zu besteigen. Hinter derselben waren die Kammer- und Leibhunde aufgestellt, während die andern Fanghunde vor dem die Kammer vom Lauf trennenden Quertuche ihren Posten fanden. Vom Oberjägermeister und dessen Stellvertreter wurde durch Öffnen des Quertuches nach Belieben Wild vor die Herrschaften hereingelassen, damit sie es in aller Bequemlichkeit mit Musikbegleitung abschießen konnten. Dabei wurden unterschiedslos junge wie alte, weibliche wie männliche Tiere auf meist qualvolle Weise zu Tode gebracht. Auf die krank Geschossenen und zu Tode Geängstigten wurden zur Abwechslung Hunde gehetzt und Schwärmer unter sie geworfen. Da sie sich nicht flüchten konnten, drängten sie sich zitternd in die Winkel. Schließlich wurde zum Augenschmaus der Fürstlichkeiten durch hineingelassene Jäger ein allgemeines Gemetzel unter ihnen angerichtet. Einem ersten folgte ein zweites, drittes, ja oft viertes Gemetzel, wobei viele hunderte von Tieren vorgetrieben und langsam abgetan wurden. Zum Schluß fand ein prunkvolles Essen statt, das bis in die Nacht dauerte und schließlich in Völlerei ausartete, wobei sehr grobe Späße getrieben wurden. Am folgenden Tage wurde das zuvor aufgebahrte Wild von den Jägern zerwirkt und in Fässern eingesalzen, um dann an die Untertanen verkauft zu werden. Die fronenden Bauern aber brachen die Tücher, Netze, Federlappen und Zelte ab und hatten die Hunde wieder ihren Kostgebern zuzuführen.

Weniger kostspielig als solche Hauptjagen waren ähnliche, aber nur ebensoviel Tage als jene Wochen heischende, die man Bestätigungsjagen nannte. Zu diesen wurden nur die Bauern der nächstliegenden Dörfer zum Treiben aufgeboten. Die Hunde jagten das zusammengetriebene spärlichere Wild in der Kammer und auf dem Lauf umher, bis die Herrschaften es zusammengeschossen hatten. Noch einfacher und billiger waren die eingestellten oder Kesseljagen, die in einem Tage bewerkstelligt werden konnten, indem man einen Waldteil, in welchem Wild steckte, mit Netzen umstellte. In den umstellten Bezirk begaben sich dann die hohen Herrschaften mit den losgelassenen Hunden, um hier mit Schießen und Stechen zu wüten und ein allgemeines Blutbad anzurichten. Wurden die Netze fängisch gestellt, damit das Wild in die Netze fallen sollte, um darin mit Flinten und Messern getötet zu werden, so nannte man solch „ergötzliche Jagd“ Netzjagen.

Zur Augenweide der hohen Herrschaften wurden auch, wie im alten Rom, mit Vorliebe Tierkämpfe arrangiert, bei welchen man die Kampflust der betreffenden Tiere durch Schrecken mit dazwischen geworfenen Schwärmern zu wecken versuchte. Nutzte das nicht, so ließ man große Hunde unter sie, um sie durcheinander zu jagen und zu neuem Kampfe zu reizen.

Von berittenen Jägern mit 4-5 Meuten von je 8-10 Hetzhunden wurden die Streifjagen auf Schwarzwild abgehalten, wobei die Herrschaften zu Wagen gefahrlos zusehen konnten. Weniger beliebt war die alte Treibjagd, wie auch Birsch und Anstand. Auch die an manchen deutschen Höfen eingeführte Parforcejagd erfreute sich im allgemeinen nur geringer Sympathie, da das angestrengte Reiten den bequemen Herrn nicht recht paßte. Zudem erforderte sie einen großen Aufwand, den sich nur größere Höfe leisten konnten. So kostete sie den Höfen von Hessen-Darmstadt und Württemberg jährlich etwa 35-40000 Gulden, Summen, die neben der kostspieligen Maitressenwirtschaft nicht überall leichterhand aus dem ausgesogenen Lande aufgebracht werden konnten. Die Technik derselben war seit dem Mittelalter ziemlich unverändert geblieben. Dabei wurde auch in Deutschland der Leithund wie die Meute während des Jagens mit französischen Worten geleitet. Hatte man im 16. Jahrhundert dem gefangenen Hirsch die Schalen gespalten und den Lauf verletzt, um die jungen Hunde an ihm arbeiten zu lernen, so war man im 18. nicht mitleidiger gesinnt. Nur fing man es anders an, um denselben Zweck zu erreichen. Der zu hetzende Hirsch wurde durch einen guten Schützen leicht verletzt und die ganze Hundemeute zur Verfolgung der blutigen Spur veranlaßt. Man nannte das Bilbaudieren. Es geschah nur zur Lust der nachreitenden Herren und Damen; denn das Fleisch eines so gejagten und zu Tode gequälten Hirsches war gar nicht zu genießen.

Noch immer wurde der Hase zu Pferd mit schnellfüßigen Windhunden gehetzt oder mit dem Habicht gebeizt. Mit letzterem jagte man mit Vorliebe allerlei Federwild, besonders Rebhühner. Doch war die Falkenjagd damals nicht mehr in Blüte; ihr war mit dem Untergange des Rittertums der Lebensnerv abgeschnitten worden. Einer der letzten Höfe, der solche noch aufrecht erhielt, war derjenige von Hessen-Kassel, an welchem Landgraf Friedrich 1772 noch einen Oberfalkenmeister mit vier Falkenknechten und einen Reiherwärter hielt. Doch wurde diese überlebte Herrlichkeit nach seinem Tode von dessen Nachfolger aufgegeben. Auch am Württembergischen Hofe wurde die Falkenjagd noch bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts geübt. Damals pflegte man die Falkner aus Brabant kommen zu lassen. Die Habichte dagegen fing man im Lande selbst und ließ sie durch jene auf die Beize dressieren. Doch wurde ihre Hilfe mit zunehmender Ausbildung des Schießens auf fliegendes Wild immer seltener in Anspruch genommen und fiel schließlich ganz weg. In der Mitte des 18. Jahrhunderts überwog in Deutschland das Fangen der Rebhühner mit Netzen weit das Schießen. Für diesen Netzfang benutzte man, wie einst für die Habichtbeize, besondere „vorliegende“ Hunde, die mit dem Aufkommen der Schießjagd zunehmende Bedeutung erlangten. So wurde aus der Bracke der eigentliche Vorstehhund gezüchtet, der als Hühnerhund schon am Ausgange des 16. Jahrhunderts erwähnt wird. Er diente damals, wie auch im 17. und weit ins 18. Jahrhundert hinein, nur zum Aufspüren und Vorstehen des Wildes, bis dann von Italien her die Aufgabe, das geschossene Wild zu suchen und zu apportieren hinzutrat und als unerläßlich für einen vollkommenen Vorstehhund betrachtet wurde. Während die alte Bracke ihre Raubtiernatur auch beim Jagen beibehalten und das aufgespürte Wild fangen durfte, nur auf Horn und Ruf Folge zu leisten hatte, durfte der Vorstehhund dem gefundenen Wild nicht folgen und es nicht greifen, sondern mußte davor stehen bleiben. Erst wenn es geschossen war, durfte er es apportieren und bekam nicht wie jener davon zu fressen oder das Blut zu trinken. Diese Überwindung der angeborenen Instinkte und Unterordnung unter den menschlichen Willen wurde dem Hunde vom Menschen in eiserner Zucht durch die Peitsche und das Halsband mit eisernen Spitzen innen, an dem er vermittelst der Leine auf die Jagd geführt wurde, beigebracht. Welch schweren Stand die Dresseure dabei hatten, kann jeder sich vorstellen, der versucht, eine Bracke oder einen Laufhund zum Vorstehhund heranzubilden, was nach den zeitgenössigen Jagdschriftstellern im 17. und 18. Jahrhundert noch oft vorkam. Diese Grausamkeit wurde geübt, um das Vergnügen des Menschen zu erhöhen, weil der Jäger mehr Lust beim Schießen als beim Fang der Hühner durch den Hund empfand. Mitgefühl mit der leidenden Kreatur hatte auch der Mensch des 18. Jahrhunderts noch nicht; deshalb wurde auch keine Nachsuche des angeschossenen Wildes gehalten; Lerchen, Finken und andere Singvögel wurden in Massen gefangen und verzehrt, die gefangen gehaltenen Singvögel zur Steigerung der Häufigkeit ihres Gesanges in grausamer Weise wie früher geblendet.

Wie im frühen Mittelalter legte man damals noch meist mit Palissaden umgebene Tiergärten zur Lust des Landesherrn und seiner Hofgesellschaft an. Darin standen außer dem Lusthaus, von dem die Wege strahlenförmig sich weithin erstreckten, so daß das Wild gesehen werden konnte, sobald es darüberging, noch allerlei andere Hütten und Gebäulichkeiten, nebst dem Schießhaus, das am Äsungsplatze lag. Wurde dort auch das Wild gefüttert und damit zutraulich gegen den Menschen gemacht, so hinderte das dennoch die hohen Herren und Damen nicht, gemächlich vom im Winter geheizten Schießhaus aus es zu erlegen.

Dieser ganze feudale Plunder, wie überhaupt die regalistische Auffassung des Jagdrechts erhielt ihren Todesstoß im Jahre 1789 durch den Ausbruch der großen französischen Revolution, welche mit allen Vorrechten und grundherrlichen Lasten, auch mit dem Jagdrecht auf fremdem Grund und Boden gründlich aufräumte. In den linksrheinischen, damals zu Frankreich gehörenden deutschen Gebieten wurden das Jagdregal und die übrigen Feudallasten um 1800 aufgehoben und auch nicht mehr hergestellt, als diese Gebiete wieder mit Deutschland vereinigt worden waren. Dagegen erhielt sich das Jagdregal im rechtsrheinischen Deutschland bis zum Revolutionsjahr 1848, das seine völlige Beseitigung, sowie diejenige der übrigen Reallasten herbeiführte. Mit dem Jagdrecht auf fremdem Grund und Boden wurden auch die Jagddienste und die Jagdfolge aufgehoben. Allgemein wurde dem altdeutschen Grundsatze Geltung verschafft, wonach auf seinem Grund und Boden ein Jeder jagdberechtigt ist. Allerdings verlieh erst ein zusammenhängender Flächenraum von 300 Morgen dem Besitzer fortan das Recht, die Jagd selbst auszuüben. Diese Bestimmung hat bis auf den heutigen Tag ihre Giltigkeit behalten. Da nun aber im Deutschen Reiche etwa 96 von 100 landwirtschaftlichen Betrieben eine Größe unter 300 Morgen aufweisen, sind ebensoviele der ländlichen Eigentümer und Pächter vom Jagdrecht ausgeschlossen. Die ihnen gehörende Bodenfläche beträgt mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Betriebsfläche in Deutschland. Auf diese Fläche ergießt sich nun im Herbst eine Schar weidlustiger Kapitalisten, die reich genug sind, um sich diesen Sport leisten zu können. Sie mieten das Jagdrecht von den Landgemeinden, die dasselbe dem Meistbietenden zusprechen. So gibt es in Deutschland etwa 300000 Jäger auf rund 60 Millionen Einwohner. Diese sind aber auch als Jagdberechtigte zum Ersatz des Wildschadens verpflichtet. Diese Verpflichtung wurde zum erstenmal in der österreichischen Jagdordnung von 1786 ausgesprochen und hat seither überall Anwendung gefunden.

Hatten im 17. und 18. Jahrhundert die Fürsten und reichen Adeligen eine rücksichtslose Wildhege und Jagdausübung auf Kosten der Allgemeinheit ausgeübt, so befriedigten während den Revolutionen die Bauern in nicht minder rücksichtsloser Weise ihren lange im Stillen genährten Haß gegen das von jenen gehegte Wild, das jahrhundertelang ungestraft ihre Äcker verwüsten durfte. Vor allem der Rotwildstand wurde damals bedeutend dezimiert. Zugleich verdrängte mit Beginn des 19. Jahrhunderts die Schieß- und Niederjagd die älteren Jagdarten, die immer weniger weidgerecht gehandhabt worden waren. Das Perkussionsgewehr hatte die Radschloßflinte verdrängt, aber erst 1820 wurde das Zündhütchen erfunden, womit die Zündung unabhängig von den Regengüssen gemacht wurde. Dieser Fortschritt war ein so außerordentlicher, daß die Erfindung des Hinterladergewehrs durch den Franzosen Lefaucheux, die schon 1835 erfolgte, lange bei uns unbeachtet blieb und erst in den 1850er Jahren anfing, die alten Vorderlader zu verdrängen. Neben der durch die Vervollkommnung der Gewehre immer leichteren Schießjagd verlor auch die früher so überaus wichtige Netzjagd auf kleineres Wild, besonders Rebhühner, immer mehr an Bedeutung. Dabei wurde der Dressur eines möglichst vollkommenen Vorstehhundes die größte Wichtigkeit beigelegt.

Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts bestand der Frondienst der Bauern bei der Jagd noch in Deutschland; erst durch die Nationalversammlung im Jahre 1848 wurde er in Preußen abgeschafft und müssen seither die nur noch bei den großen Kesseltreiben gegen die Hasen in Dienst tretenden Treiber wie andere Arbeiter für ihre Arbeit bezahlt werden. Das Jagdvergnügen der Herren bringt vielen Leuten Verdienst und die Jagdpacht den betreffenden Gemeinden eine schöne Einnahme. Man hat ausgerechnet, daß der Ertrag der letzteren etwa 40 Millionen Mark jährlich beträgt. Außerdem betragen die Kosten von Jagdverwaltung und Betrieb, Jagdschutz und Wildpflege weitere 15 Millionen Mark jährlich, die ebenfalls zuguterletzt dem Volke zugute kommen.

Mit dem Aufschwung der weidgerecht gehandhabten modernen Jagd wurde der Zucht und Dressur der Jagdhunde, besonders in den letzten 30 Jahren, die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Heute besitzen die deutschen Jäger mindestens 200000 meist vortrefflich arbeitende Jagdhunde, deren Fütterung, Dressur und Pflege jährlich etwa 17 Millionen Mark erfordern, wozu noch der Betrag der Hundesteuer für dieselben in der Höhe von 1 Million Mark zu rechnen ist. Rechnen wir hinzu den gewaltigen Umfang der Fabrikation von Gewehren, Munition, Jagdgeräten, Jagdkleidung, die Reisekosten der Jäger und die Transportkosten des Wildes, so ergibt sich, daß die Jagd allein in Deutschland einen Geldumsatz von 130 Millionen Mark jährlich erzeugt. Hiervon fallen etwa 30 Millionen Mark auf die Verwertung des erbeuteten Wildes, nämlich 25 Millionen Mark für die rund 25 Millionen kg Wildbret, 4 Millionen Mark für die Felle und 1 Million Mark für die Geweihe von Rot- und Damhirschen und Rehböcken. Daraus läßt sich die große volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd erkennen. Der Wert des gesamten deutschen Wildstandes wird auf etwa 100 Millionen Mark geschätzt und bildet einen nicht zu unterschätzenden Bestandteil des Nationalvermögens, der bedeutende Zinsen abwirft.

XXV. Die wichtigsten Jagdtiere.

Nachdem wir nun mit den verschiedenen im Laufe der Jahrhunderte in Europa geübten Jagdmethoden bekannt geworden sind, wollen wir einen kurzen Überblick über die wichtigsten bei uns gejagten Tiere geben. Dabei unterscheidet man eine hohe Jagd auf Rotwild, nämlich Hirsch, Reh, Damhirsch, Elch und Gemse, dann Schwarzwild, d. h. Wildschwein, ausnahmsweise auch auf den Bär, und eine niedere Jagd auf Hase, Biber, Eichhörnchen, Murmeltier, Wolf, Fuchs, Dachs, Fischotter, Wildkatze, Luchs, Marder, Iltis, Wiesel und das verschiedene Federwild, welch letzteres im folgenden Abschnitt für sich besprochen werden soll.

Seitdem Ur und Wisent bei uns ausgerottet sind, gilt der ~Rot-~ oder ~Edelhirsch~ (Cervus elaphus) als das edelste jagdbare Tier unserer Wälder. Deshalb wurde auch die Jagd auf ihn mit größtem Gepränge ins Werk gesetzt und besondere Methoden zu dessen weidgerechter Erlegung ausgebildet. Diese haben wir der Hauptsache nach kennen gelernt, so daß wir uns hier damit begnügen können, seine Besonderheiten kurz aufzuzählen. Ein in der Weidmannssprache als jagdbar und gut bezeichneter Hirsch muß bei der deutschen Jagd wenigstens 12 Enden an den Stangen seines Geweihes haben und etwa 150 kg wiegen. Er ist dann sechsjährig, während ein sogenannter Kapitalhirsch in der Feistzeit bei guter Äsung gegen 300 kg wiegt und 20, ausnahmsweise auch bis zu 24 Enden an seinem Geweih aufweist. Dieses Geweih sitzt aufrecht auf einem kurzen Rosenstock, ist vielsprossig einfach verästelt und wird als sekundäres Geschlechtsmerkmal nur vom Männchen aufgesetzt, um die grimmigen Kämpfe um den Besitz des Weibchens auszufechten. Im Februar wird es abgeworfen und jeweilen in den folgenden Monaten mit wachsender Endenzahl neu gebildet. Während dieser Geweihbildung leben die Männchen zurückgezogen, bis sie im Juli oder August ihre stolze Kopfzier wieder vollendet und „gefegt“, d. h. den lästigen Bastüberzug durch Reiben an Bäumen entfernt haben. Dabei wird vielfach die ursprünglich weiße Farbe des Gehörns beeinflußt, so z. B. sind Bruchhirsche, die an Erlen gefegt haben, an der dunkelbraunen Farbe des Geweihs kenntlich.

Erst im Miozän begann bei den ungehörnten Vorfahren der Hirsche das erste bescheidene Geweih sich zu entwickeln, und zwar als einfache, zunächst mit Haut bedeckte, später von der Haut entblößte Stirnzapfen ohne jede Spur einer Rose. Darauf folgten chronologisch, wie es das einzelne Hirschindividuum als kurze Rekapitulation der Stammesgeschichte bei seiner Entwicklung durchmacht, zunächst das Spießer-, dann das Gablergeweih mit meist unvollkommen entwickelter Rose, die als Beweis dafür gelten kann, daß die Geweihe damals begannen periodisch abgeworfen zu werden. Erst im Pliozän trat als Weiterbildung des Hirschgeweihs der Sechsender auf, dem sich nach und nach, durch die unbehinderte Verbreitungsmöglichkeit begünstigt, Individuen mit noch weiter gegabelten Geweihen anschlossen. Damals sind die Hirsche über die ganze Nordhemisphäre der Erde gewandert und haben sich in zahlreiche Arten gespalten, von denen der Edelhirsch in bezug auf die Geweihbildung die weitaus schönste Form entwickelte. Nach neunmonatlichem Bestande lockert sich der Stirnzapfen durch Entstehung gewisser vielkerniger Zellen, der sogenannten Knochenbrecher, bis sich das Geweih in einer konkaven Fläche vom Stirnzapfen löst.

Gutgenährte Hirsche im mittleren Lebensalter tragen die stärksten Geweihe. Reiche Nahrung, unterstützt durch Salzlecken und Genuß von Kalkphosphaten in assimilierbarer Form, ebenso Trennung von den Hirschkühen kann die Geweihbildung so ungewöhnlich beschleunigen, daß schon im dritten Lebensalter statt eines Sechsenders Zehn- und Zwölfender entstehen, oder ein sonst sechsjähriger Zwölfender im nächsten Jahre als Sechzehnender erscheint. Umgekehrt verringert sich im hohen Alter bei Abnahme der Körperkräfte die Zahl der Enden wieder. Mehr als 20 Enden sind schon sehr selten. Gemäßigtes und Höhenklima, Sumpf- und Moorboden begünstigen, anhaltend heißes, tropisches Klima und Ebenen hemmen die Geweihbildung. Auch die Geweihe gefangener, auf Inseln oder in abgegrenzten Wäldern lebender Hirsche zeigen, wie diese selbst, einen Rückgang in der Entwicklung. Außer Erkrankungen der Stirnzapfen können Verletzungen der Weichteile, insbesondere der Geschlechtsorgane und des Skeletts die Geweihbildung teilweise oder ganz unterdrücken oder Mißbildungen der Geweihe hervorrufen. Je schwerer die Verletzung oder je näher die Zeit der Verletzung dem Beginn der Geweihbildung war, um so größer ist die Abnormität in der Geweihbildung. Sonderbarerweise deformiert die Verletzung einer Vorderextremität beide Geweihteile, während die Verletzung einer Hinterextremität nur die Mißbildung einer, und zwar der entgegengesetzten Geweihhälfte zur Folge hat. Wahrscheinlich ist die letzte Ursache aller Abnormitäten in der Geweihbildung die Ernährungsstörung, die die Hirsche infolge von Verletzungen und Krankheiten erleiden. Auch mangelhafte Entwicklung der Geschlechtsdrüsen spielt dabei mit. So bedingt eine Entwicklungshemmung der Hoden Geweihlosigkeit. Bei kastrierten Hirschen steht, einerlei ob sie bei der Kastration ein Geweih trugen oder nicht, die Geweihbildung still, und einseitig kastrierte werfen das Geweih nur auf einer, und zwar der Schädigung entgegengesetzten Seite ab und setzen es nur dort wieder auf.

Der Edelhirsch bewohnte ursprünglich ganz Europa bis zum 65. Grad nördlicher Breite und Südsibirien bis zum 55. Grad nördlicher Breite. Nach Süden hin bilden der Kaukasus und die Gebirge der Mandschurei die Grenzen seines Verbreitungsgebiets. In allen stärker bevölkerten Ländern hat er begreiflicherweise stark abgenommen oder ist, soweit er nicht künstlich gehegt wird, verschwunden. Am häufigsten ist er noch in Osteuropa und Asien, besonders im Kaukasus und im bewaldeten südlichen Sibirien zu finden. Er liebt ausgedehnte ruhige Waldgebiete oder dicht bewachsene Bruchgegenden, bewohnt aber auch, beispielsweise in Schottland, unbewaldete Berge und findet dort nur in deren Tälern und Schluchten Verstecke. Seinen Stand oder Wohnort ändert er in ungestörten Gegenden nur in der Brunstzeit und beim Aufsetzen des neuen Geweihs, ebenso bei Mangel an Äsung. Er lebt rudelweise nach Alter und Geschlecht gesondert -- nur die Kapitalhirsche leben bis zur Brunstzeit meist einzeln -- tagsüber versteckt, um sich erst bei Sonnenuntergang auf regelmäßigen, nur infolge von Störungen aufgegebenen Wechseln aus dem Dickicht nach seinen Äsungsplätzen auf Feldern, Wiesen und andern lichten Plätzen zu begeben. Dort hält er sich fressend die Nacht über auf, um sich mit der Morgendämmerung wieder in sein Versteck zu begeben. Während die Hirsche in den aus lauter männlichen Stücken bestehenden Rudeln selbst auf ihre Sicherheit bedacht sein müssen, fällt in den aus männlichen Exemplaren gemischten Rudeln die Pflicht der Wachsamkeit hauptsächlich den weiblichen Stücken, den Tieren, zu. So steht an der Spitze solcher Rudel stets ein Leittier, eine Hirschkuh, von der das Vordringen des ganzen Rudels auch in der Brunstzeit so lange abhängt, als das Rudel nicht, wie man sagt, vom Hirsche gepeitscht, d. h. getrieben wird. Zu Beginn der in den September und Oktober fallenden Brunstzeit trennen sich die Männchen, und zwar die älteren vor den jüngeren, von ihren Rudeln, um die Weibchen aufzusuchen und, beim Rudel angekommen, die schwächeren Hirsche von ihm zu entfernen. Mit im Nacken angeschwollenem Hals und windhundartig eingezogenen Weichen geht der Hirsch den Tieren nach und Nebenbuhlern entgegen, um sie von seinem Harem in grimmigem Kampfe zu verdrängen. Unterliegt er dabei, so muß er denselben dem glücklicheren Sieger überlassen; doch entfernt er sich erst, wenn alle Versuche zu siegen erfolglos waren, unwillig das ihm abgejagte Rudel umkreisend. Treffen aber gleichstarke Hirsche zusammen, so bekämpfen sie einander so lange, bis der eine getötet ist oder beide Kämpfer mit den Geweihen ineinander verschlungen sind und nicht mehr loskommen, wodurch sie beide dem Hungertode verfallen. Oft bleibt der Streit stundenlang unentschieden. Nur bei völliger Ermattung zieht sich der Besiegte zurück. Abends und morgens ertönt der Wald vom Röhren der Hirsche, die ihre Nebenbuhler zum Kampfe auffordern.

Nach der Brunstzeit, die jeweilen nach vollkommener Entwicklung des Geweihes und des Sommerhaares eintritt und mit dem Beschlagen der Tiere endet, rudelt sich das Rotwild wieder friedlich zusammen. Es bildet sich das dichtere, warme Winterhaar, und im Februar werfen die starken Hirsche schon ihr Geweih ab, während die jüngern dieses oft erst im Mai verlieren. Bei jenen ist es schon im Juni, bei diesen erst wieder im August vollkommen ausgebildet. Nach dem Abstoßen des Geweihs bildet sich auch das Sommerhaar aus; ist dieses entwickelt, so wirft die Hirschkuh im Mai oder Anfang Juni nach einer Tragzeit von 40-41 Wochen ein, selten zwei Kälber, die der Mutter schon nach wenigen Tagen folgen und nur während der Brunst auf kurze Zeit von ihr abgeschlagen werden. Das neugeborene Kalb liegt in einem Versteck zwischen hohem Heidekraut oder anderem Gestrüpp, bleibt tagsüber sich selbst überlassen und wird abends von der Mutter aufgesucht und genährt. Verläßt sie es wieder, so drückt sie das Kleine mit der Schnauze in sein Lager nieder, wo es zusammengekugelt, den Kopf nach Hundeart dicht beim Schwanze haltend, den ganzen Tag über ruhig liegen bleibt, ohne auch nur den Kopf zu erheben. Doch entfernt sich die Mutter nicht weit von ihm; an einer Stelle unter dem aus der Richtung des Kalbes kommenden Winde ist sie stets auf seine Sicherheit bedacht und vertreibt sofort alle sich ihm nähernden Raubtiere. Bald folgt das Junge der Alten, wächst rasch heran und trennt sich vor Jahresfrist von der Mutter. Bis zum ersten Haarwechsel im Oktober trägt es ein weißgeflecktes Jugendkleid. Im ersten Herbst wird das weibliche Kalb Schmaltier, im folgenden Übergehendtier, später, wenn es zu tragen beginnt, Alttier genannt, während das Hirschkalb im ersten Winter Spießer, im zweiten Gabler, meist aber gleich Sechsender wird. Auch die Stufe des Achters wird häufig übersprungen, sehr selten aber die des Sechsers und die des Zehners. Im dritten Jahr ist das Hirschkalb erwachsen.

Mit der Äsung wechselt der Edelhirsch nach der Jahreszeit ab; im Herbst hält er sich gern an die Buchen- und Eichelmast, im Winter lebt er von Baumrinde, Moos und Heidekraut. Dabei zwingt ihn hoher Schnee aus den höheren Gebirgen auf Vorberge und in Ebenen hinabzusteigen, wo er sichere, gegen den Wind geschützte Stellen aufsucht, um im Frühjahr nach dem alten Standort zurückzukehren. In der Brunstzeit nehmen die starken Hirsche nur wenig Futter zu sich, trinken aber um so mehr und baden und suhlen mit Leidenschaft, wenn sie das Rudel in die schützende Deckung gebracht haben. Regelmäßig werden vom Rotwild in der Nähe seines Standortes angelegte Salzlecken aufgesucht. Außer Wolf und Luchs ist sein größter Feind der Mensch, der es auf dem Anstand oder Birschgang schießt, es zu Pferde, zu Wagen und zu Schlitten beschleicht, es auf Treibjagden, nur noch ausnahmsweise auf Parforcejagden erlegt und den Hirsch in der Brunstzeit durch das Nachahmen seiner Stimme auf einer Schneckenschale oder einem besonderen Instrument, dem Hirschruf, herbeilockt. Getriebenes Rotwild geht ohne Umstände ins Wasser. Angeschossene, von Hunden heftig verfolgte Hirsche suchen namentlich in bergigen Gegenden gerne die Bäche auf, in denen die Hunde den wegen ihrer langen Beine begünstigteren Tieren nur schwer folgen können. In die Enge getrieben, wehren sie sich, den Rücken deckend, mit ihrem Geweih tapfer gegen eine ganze Hundemeute, indem sie damit wuchtige Stöße austeilen. Selbst dem Menschen können sie gefährlich werden. So wurde unter anderen auch der griechische Kaiser Basilius im Jahre 886 von einem Hirsche, der ihm das Geweih in den Leib stieß, getötet, nachdem er vorher schon einmal durch einen solchen beinahe das Leben verloren hätte. Sonst wird das Edelwild auch von Fliegen, Mücken und Bremsen in hohem Maße gepeinigt. Es läßt sich leicht zähmen und zum Fahren und Reiten, wie auch zu verschiedenen Kunststücken abrichten. So fuhr nach Pausanias die Priesterin der Diana an deren Tempel zu Paträ in Achaia beim jährlich einmal prunkvoll durch eine Prozession gefeierten Feste der Göttin auf einem von zahmen Hirschen gezogenen Wagen. Nach Älius Lampridius fuhr auch Kaiser Heliogabalus in Rom mit vier Hirschen, und nach Flavius Vopiscus führte Kaiser Aurelian bei dem Triumphe, den er 273 nach Besiegung der Königin Zenobia von Palmyra und des gallischen Gegenkaisers Tetricus in Rom abhielt, einen einst dem Gotenkönige gehörenden Wagen mit, an den vier Hirsche gespannt waren. Außerdem ließ er im Zuge 20 Elefanten, 4 Königstiger, verschiedene zahme Löwen, 200 verschiedene Bestien aus Syrien, Giraffen, Elche und andere Seltenheiten vorführen. Sehr beliebt waren die Hirsche bei den Jagdspielen in der Arena. So ließ Kaiser Probus bei solchen einmal tausend Hirsche auf einmal in die Arena los. Wie reich müssen die Wälder damals noch an solchem Wild gewesen sein, daß eine so große Zahl derselben auf einmal zur Augenlust des Pöbels zu Tode gehetzt werden konnte. Daneben hielt man schon damals in den Parks der Vornehmen zahmes Rotwild, worunter gelegentlich auch als Rarität Albinos. So sah Pausanias um 160 n. Chr. in einem Park in Rom weiße Hirsche, konnte aber nicht angeben, woher sie stammten. Noch im Mittelalter waren sie an manchen Orten sehr zahlreich; so wurden im Jahre 1619 auf einer Treibjagd in Preußen 672 Hirsche, 614 Tiere und 179 Kälber erlegt, darunter ein Zwanzigender von über 360 kg Gewicht. Das Rotwildbret ist geschätzt, nur zur Brunstzeit ist es wegen des ihm anhaftenden strengen Geschmacks unbeliebt; aus seiner Haut verfertigt man ein starkes, weiches Leder und aus seinem Geweih die verschiedensten Gegenstände. Leider ist der Schaden, den das Rotwild anrichtet, viel größer als der Nutzen, den es bringt. Nur aus diesem Grunde ist es in den intensiver bevölkerten Gegenden Europas ausgerottet worden.

Weit kleiner, deshalb auch viel weniger schädlich und infolgedessen auch seine Haltung mit den modernen forstwirtschaftlichen Grundsätzen besser vereinbar ist das ~Reh~ (Capreolus caprea), das schon nach anderthalb Jahren ausgewachsen ist. Im Vergleich zum Edelhirsch ist es gedrungener gebaut und sein Kopf kurz und abgestumpft. Das Gehörn zeichnet sich durch breite Rosenstöcke und verhältnismäßig starke, mit weit hervortretenden Perlen besetzte Stangen aus. Gewöhnlich setzt die Hauptstange nur zwei Sprossen an, so daß das ganze Gehörn nicht mehr als sechs Enden hat. Und diese Sechserstufe erreicht das Reh so schnell, daß seine Altersbestimmung dadurch unmöglich ist. Sein Alter, das auf 15-16 Jahre, in seltenen Fällen aber auch bis 20 Jahre geht, ist nicht leicht, am sichersten noch am Gebiß zu bestimmen. Das Gehörn steht wie beim Hirsch in innigstem Zusammenhang mit der geschlechtlichen Reife des Rehes. So bekommen Rehböcke, die in frühester Jugend ihrer Hoden beraubt wurden, kein eigentliches Gehörn, sondern eine als Perückengehörn bezeichnete unförmliche Wucherung, die auch entsteht, wenn die Hoden, etwa durch einen Schuß, verkümmern. Falls aber die Böcke nach der Ausbildung des Gehörns ihrer Hoden beraubt werden, werfen sie das Gehörn überhaupt nicht ab. Auch hier macht sich die Entfernung oder Verletzung nur eines Hodens am Gehörn der anderen Körperseite geltend. Die ersten Spieße werden im Februar oder März gefegt, und in der Regel im darauffolgenden Dezember abgeworfen. Auf diese sogenannte Kopfspießerstufe folgt die Schmalspießerstufe, wobei die Spieße noch kein scharfes Ende und auch keine eigentliche Rose, sondern an deren Stelle einen aus Perlen besetzten Kranz haben. Sie werden im darauffolgenden Dezember, wenn der Bock 2½ Jahre alt ist, abgeworfen. Erst auf der auf die Schmalspießerstufe folgenden Gablerstufe zeigt das Gehörn zum erstenmal wirklich scharf ausgebildete Enden, wodurch es erst zu einer Waffe wird. Gleichzeitig damit tritt die Geschlechtsreife ein. Mit dem ersten wahren Sechsergehörn ist der Rehbock vier Jahre alt. Die hell- bis dunkelbraune Färbung des Gehörns hängt wesentlich von den Holzarten ab, an denen es gefegt wurde. So färbt die gerbstoffreiche Rinde der Eiche die Stangen dunkel, während sie an Kiefern ziemlich hell bleiben. Fortpflanzungsfähige Rehgeißen erhalten nie ein Gehörn; diese Abnormität in Form kleiner, zwar auf Rosenstöcken stehender, aber keiner Fegung unterliegender Knöpfe, die nur ausnahmsweise zu wohlgefegten Gehörnen auswachsen, entsteht nur bei unfruchtbaren Tieren mit mehr oder weniger zwitterigen, bei alten auch mit entarteten Geschlechtsorganen. Gelegentlich mag auch eine äußere Verletzung an der Stirne Gehörnbildung bei Ricken veranlassen; denn bei einer Rehgeiß, der ein Glassplitter an einer der Stellen, wo der Bock das Gehörn trägt, eingedrungen war, bildete sich dort ein 11,6 cm langer, ein wenig gegabelter Auswuchs. Dieses pathologische Geißengehörn wird wohl niemals abgeworfen, was bei den Böcken etwa Mitte Dezember geschieht. Nach vier Monaten, etwa Ende April, ist das neue Gehörn gewöhnlich fertig und gefegt, und zwar bei den stärkeren Böcken früher als bei den schwächeren.

In Farbe und Behaarung macht das Rehwild mit der Jahreszeit einen ähnlichen Wechsel durch wie das Rotwild. Auf die dunkel rostrote, dünne Sommerdecke, die wesentlich aus sprödem, brüchigem Grannenhaar besteht, folgt eine braungraue, dichte Winterdecke, die reichlich mit der weichen, warmen Unterwolle versehen ist. Davon hebt sich der blendendweiße Spiegel ab, der dem gesellig lebenden Tier bei der Flucht im Waldesdunkel die Richtung, in der seine Genossen flohen, verrät. Merkwürdig sind die Haare des Spiegels durch ihre Beweglichkeit. Der Spiegel kann nämlich zusammengezogen und ausgedehnt werden und scheint beim sichernden, d. h. bei dem sich über seine Sicherheit unterrichtenden Tiere viel größer als sonst; beim Äsen dagegen wird der Spiegel zusammengezogen. Außer den gewöhnlich gefärbten Rehen kommen auch albinotisch weiße, schwarze und gescheckte vor. Die schwarzen Rehe werden bei der Umfärbung im Frühling so fahl, daß sie dann nur noch durch den Kopf als solche gekennzeichnet sind. Zu ihnen rechnet man auch die sogenannten Schwarzbuckel, Rehe, die im Sommer zwar rotbraun, im Winter aber an Hals und Rücken, oft sogar bis mitten an den Leib tiefschwarz gefärbt sind, im übrigen aber die gewöhnliche Färbung der Rehe zeigen. Gleich der Weißfärbung tritt auch die Schwarzfärbung plötzlich auf, doch scheint sie mehr oder weniger auf sumpfigem und moorigem Boden, wie er sich in der norddeutschen Tiefebene vielfach findet, vorzukommen. Bei Paarungen mit andersgefärbten Rehen vererbt sie sich viel leichter als Weißfärbung. Wo sich ein schwarzes Reh zeigt, gibt es in wenigen Jahren mehrere, so daß sich schwarzes Rehwild leicht vermehren lassen würde.

Das Verbreitungsgebiet des Rehs erstreckt sich mit Ausnahme der nördlichsten Länder über ganz Europa und den größten Teil von Asien. In der Schweiz und in Südeuropa ist es fast ausgerottet. Seinen liebsten Stand bilden nicht die großen, zusammenhängenden Waldungen, wie sie der Hirsch bevorzugt, sondern die gleich Inseln in den Feldern zerstreut liegenden Wälder. Es zieht nicht die reinen Nadelholzgegenden, sondern diejenigen vor, in denen Laubholz mit abfallenden Früchten, wie Eichen, Buchen, Ebereschen, Elsbeeren usw. an blumenreiche Wiesen mit kräftigem Graswuchs stößt. Das Strauchwerk des Untergrundes bietet ihm in den jungen Trieben vorzügliche Äsung und zugleich ein geschütztes Lager.

Niemals bildet das Reh so starke Trupps wie das Edelwild. Während des größten Teils des Jahres lebt es familienweise zusammen ein Bock mit einer, seltener zwei bis drei Ricken und deren Jungen; nur da, wo es infolge starken Abschusses an Böcken fehlt, gewahrt man Rudel von 12-15 Stück. Im Winter vereinigen sich bisweilen mehrere Familien und leben längere Zeit miteinander. Die Kälber halten sich bis zur nächsten Brunstzeit zu den Ricken, werden dann von diesen abgeschlagen und bilden oft eigene Trupps für sich. Während des Tages hält sich das Reh in einer ruhigen, geschützten Stelle des Walddickichts verborgen und tritt gegen Abend, in Gegenden, wo es ungestört bleibt, bereits in den späteren Nachmittagsstunden, auf junge Schläge, Wiesen oder Felder mit saftigem Klee oder kräftig sprossender Saat, besonders Roggen, heraus, um zu äsen. Dabei ist es wählerisch und nascht von allem nur das Beste, bleibt auch beim Äsen nie lange an demselben Platz, sondern sucht sich Abwechslung zu verschaffen. Es leckt gern Salz und scheint in der Zeit des vollen Pflanzenwachstums nur dann zu trinken, wenn es krank ist. Sein geringes Wasserbedürfnis deckt es von der Feuchtigkeit der aufgenommenen Pflanzenteile und von dem in den Blattwinkeln abgelagerten Tau oder Regen.

Zuerst tritt die alte Geiß mit anbrechender Nacht vorsichtig aus dem schützenden Walde heraus, um in der Nähe ihrer Kitze, die im Dickicht ruhen, zu äsen. Auf den geringsten Klageton derselben kommt sie angstvoll herbeigerannt, um jene zu beschützen und einen etwa sich an sie heranschleichenden Fuchs mit den Vorderläufen in die Flucht zu schlagen. Auf den ersten Warnungsruf der Mutter drücken sich diese Tierchen, solange sie erst unbeholfen zu gehen vermögen, mit vorgestrecktem Kopf fest in ihr Lager im dichten Unterwuchs oder hohen Gras. Erst wenn sie 4-6 Wochen alt sind, folgen sie der Mutter zu den Äsungsplätzen. Sie knuppern auch hier und da ein wenig am Gras oder Klee, aber es schmeckt ihnen noch nicht, da ihre Verdauungsorgane nur Milch zu bewältigen vermögen. Während der Nacht bleiben die Rehe auf den Wiesen und Feldern, um mit der Morgendämmerung wieder ihre Verstecke im angrenzenden Wald aufzusuchen. An gewitterigen Tagen sind sie sehr unruhig, benutzen kaum die üblichen Wechsel und ist auch ein Birschgang auf sie an den gewöhnlichen Äsungsplätzen erfolglos.

Ende Juni schwellen den Rehböcken die Hoden an und beginnt die Brunstzeit, die im Juli auf der Höhe ist und bis in den August hinein andauert. Von Geilheit getrieben umwirbt der Rehbock ungestüm die Geiß, die sich nicht gleich willfährig zeigt und sich lange im Kreise herumdreht und sich dem Bocke, dessen sie sich kaum erwehren kann, zu entziehen sucht. Der in voller Begierde hinter der brunstigen Geiß herziehende Bock vergißt alle Vorsicht, stößt röchelnde Laute aus und folgt in immer kleiner werdenden Bogen der Geiß, die sich schließlich beschlagen läßt. Da der Bock in dieser ruhelosen, angestrengten Zeit wenig frißt und häufig beschlägt, wird er immer matter. Trotzdem springt er noch Wochen nach der Brunst auf den Ruf der Geiß und ist seine Kampfbegier gegen Nebenbuhler noch größer als zuvor. Grimmig kämpfen die Böcke um die Weibchen und können dabei mit ihrem Gehörn so aneinander geraten, daß sie sich nicht wieder trennen können und verfolkelt, wie der Jäger sagt, elend verhungern müssen.

Das im Eileiter befruchtete Ei des Rehs verweilt ohne sich weiter zu entwickeln bis nach Mitte Dezember, also volle 4½ Monate im Fruchthalter, der auch keine Veränderung zeigt. Erst dann beginnt es sich rasch zu entwickeln und die Gebärmutter auszudehnen, so daß der Keimling nach etwa 25 Tagen sich nur noch zu vergrößern braucht. Vierzig Wochen nach erfolgreichem Beschlage, also im Mai, setzt die Rehgeiß an dem stillen Orte, an den sie sich zu ihrer Entbindung zurückgezogen hat, ein bis zwei, selten drei Kitze, die der Mutter schon nach wenigen Stunden, allerdings zunächst recht unbeholfen, in spinnenhaften Bewegungen zu folgen vermögen. Nach der Brunstzeit gehen die vorübergehend von der Mutter abgeschlagenen Kitze wieder mit ihr und oft gesellen sich noch die zweijährigen hinzu. Bis zum September ist der Sprung gesammelt und Ende September tun sich mehrere derselben, aber selten mehr als 8-10 Rehe, zu Rudeln zusammen, die der inzwischen wieder von den Strapazen der Brunst erholte Bock führt. Das Verfärben beginnt jetzt wieder und schreitet je nach der Witterung rascher oder langsamer vor. Mitte Oktober ist kaum mehr ein braunrotes Reh anzutreffen. Um diese Zeit werfen schon einzelne starke Böcke ihr Gehörn ab; die meisten aber verlieren ihr Gehörn erst im November, manche sogar erst im Dezember oder gar im Januar.

Einst waren außer dem Menschen, der mit Schlingenstellen und Schießen ihm nachstellte, Bär, Wolf und Luchs die schlimmsten Feinde des Rehs. In Mitteleuropa kommt nur noch der Fuchs in Betracht, der unabläßlich den Rehkitzen und kranken älteren Rehen nachstellt. Angeschossenem Rehwild folgt der Fuchs auf der schweißigen Fährte wie der beste Hund; findet er es noch lebend auf dem Wundbett, so beschleunigt er den Tod durch Zerreißen der Halsadern, ist es aber schon verendet, so beginnt er es von der Wunde aus anzuschneiden. Auch Wildkatze, Baummarder und Iltis stellen den Kitzen eifrig nach und kennen deren Fiepton und Angstschrei genau. Von den mitteleuropäischen Vögeln wird nur der Uhu den jungen Rehen gefährlich, im Hochgebirge und in Asien auch der Adler. Eine besondere Klasse von Feinden, gegen die die Rehe vollkommen machtlos sind, bilden die den Hirsch greulich peinigenden Dassel- oder Bießfliegen und Bremsen, deren Larven entweder in den Schleimhäuten der Nasenhöhle oder im Unterhautzellengewebe besonders des Rückens schmarotzen und ihrem Träger arg zusetzen, ja ihn gelegentlich zugrunde richten können. Lästig werden auch Zecken, Läuse und verschiedene Eingeweidewürmer; ebenso sind ansteckende Krankheiten, worunter besonders die Tuberkulose und Wild- oder Rehseuche, zu erwähnen.

Wegen ihrer Anmut und ihres zutraulichen Wesens werden Rehe schon seit alter Zeit als Hausgenossen gehalten. Der um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Rom lebende Spanier Columella schreibt in seinem Buche über den Landbau: „Wilde Tiere, wie Rehe (capreolus), Antilopen, Hirsche und Wildschweine, hält man entweder zu eigenem Vergnügen, oder zum Verkauf und Gewinn. Im ersteren Falle genügt jeder nahe am Wohnhaus gelegene umzäunte Platz und man füttert und tränkt sie aus der Hand; im zweiten muß ein Stück Wald, der auch Wasser enthält, für das Wild bestimmt und ummauert oder mit Latten umzäunt werden.“ Plinius meint, die Rehe und Wachteln ernähren sich von Gift, werden dabei dick und fett, sind aber gleichwohl die gutmütigsten Tiere der Welt. Tatsächlich fressen Hirsche und Rehe in der Brunstzeit mit Vorliebe Pilze, worunter auch giftige, die ihnen nicht schaden. Merkwürdigerweise behauptet derselbe Plinius in seiner Naturgeschichte, daß das „kleine, ästige Gehörn des Rehwilds“ nicht abfällt. Dies und daß es von den antiken Schriftstellern kaum erwähnt wird, beweist, daß es schon damals in den Mittelmeerländern fast ausgerottet war.

Das eingefangene Rehkitzchen gewöhnt sich sehr rasch an seine Umgebung, sowohl an Mensch als auch an Tier. Es spielt mit dem Hunde wie mit seinesgleichen, legt bald alle Scheu ab, ist für Leckerbissen sehr empfänglich, klettert auf Bänke und Tische und wird der verhätschelte Liebling aller. Bei der Ricke kann diese Liebenswürdigkeit länger anhalten und bleibt sie mit zunehmendem Alter ein angenehmer Hausgenosse, aber es empfiehlt sich, zur Zeit der Brunst ein wachsames Auge auf sie zu haben, falls Wald in der Nähe ist und Rehe dort stehen. Ist ihr der Weg zum Walde abgeschnitten, dann bleibt sie dem Hause treu. Der gefangen gehaltene Rehbock jedoch wird schon nachdem er seine Spitzen gefegt hat, unangenehm, er gefährdet Kinder und Frauen durch seine Stöße, tyrannisiert alle Haustiere, besonders die braven Jagdhunde, die genau wissen, daß sie ihm nichts tun dürfen, und muß regelmäßig früher oder später eingesperrt oder einem zoologischen Garten geschenkt werden. Hier ist ihm in der Regel trotz sorgsamer Pflege und vielfältiger Fütterung kein sehr langes Leben beschieden, da der Aufenthalt in einem eingehegten, wenn auch noch so großer Wildpark sein Gedeihen ungünstig beeinflußt. Er gehört in den Wald, dessen Zierde er ist, und bildet die bevorzugte Beute des Weidmanns, der ihn auf Anstand oder Ansitz, auf dem Birschgange, durch Blatten oder Treiben mit Hunden erlegt. In Deutschland werden alljährlich etwa 200000 Rehe geschossen, die drei Millionen Kilogramm Wildbret geben und einem Verbrauchswert von 3-4 Millionen Mark gleichkommen. Das Wildbret vom Reh ist sehr kurzfaserig und liefert deshalb einen sehr zarten Braten. Das Mark der Röhrenknochen gibt ausgelassen ein vorzügliches Fett zum Schmieren von Gewehrschloß und anderen Stahlwerkzeugen. Die Gehörne bilden Material zu allerlei Zierat, das Fell liefert Decken und Leder, mit Haaren vom Winterfell werden feinere Reitsättel gefüttert. Jedenfalls ist aber der Schaden, den das Reh in jungen Schlägen anrichtet, größer als sein Nutzen.

Im Gegensatz zu dem in der Gefangenschaft hinfälligen Reh, das sich auch keineswegs regelmäßig im Zwinger fortpflanzt, ist der zwischen Rotwild und Renntier stehende ~Damhirsch~ (Dama vulgaris) für das Leben in Parks wie geschaffen. Man kann sich auch kaum eine größere Zierde solcher großer Anlagen beschaffen als eben das Damwild, das seinen Namen davon tragen soll, daß es das Wild der Damen ist. Es ist weit weniger scheu als Hirsch und Reh, treibt sich an lichten Waldstellen oft ungescheut am hellen Tage umher und wechselt weder so regelmäßig noch so weit wie der Rothirsch. Im engeren Wildpark wird es so neugierig-zutraulich, daß es den Namen Wild kaum mehr verdient und es schon ein ganz schlimmer „Schießer“ sein muß, der am Niederknallen eines so wenig scheuen liebenswürdigen Geschöpfes noch ein Vergnügen findet. Mit seinen bunten Farben und seiner unruhigen Lebhaftigkeit ist es zur Belebung einer Parklandschaft wie geschaffen, und tatsächlich bevölkert es auch, besonders in England, die Umgebung aller Sommerschlösser, für deren nicht selten gelangweilte vornehme Bewohner es gewiß viel unterhaltender ist als das scheu sich zurückziehende Rotwild. Nur muß man junge Bäume und Anpflanzungen gegen das Damwild noch sorgfältiger schützen als gegen das Rotwild, da es noch mehr wie dieses das Schälen, d. h. Abnagen der Rinde und Verbeißen, d. h. Abfressen der sprossenden Zweige und Blätter, jene beiden großen Verbrechen des Wildes in den Augen des Forstmanns und Gärtners, sich zuschulden kommen läßt. Doch kann man diese Neigung, der zweifellos bestimmte physiologische Bedürfnisse zugrunde liegen, dadurch ablenken, daß man den verschiedenen, in der modernen Forstwirtschaft allerdings streng verpönten Unterholzsträuchern im Park ihre Stelle läßt, außerdem auch durch rationelle Fütterungs- und Leckeinrichtungen von Salz mit Lehm und aromatisch bitteren Stoffen abschwächt.

Was die geographische Verbreitung des Damhirsches betrifft, so hat es, wie verschiedene Knochenfunde beweisen, vor der Eiszeit ganz Mitteleuropa bis Norddeutschland bewohnt, wurde aber durch die Klimaverschlechterung während derselben in die Länder am Mittelmeer bis zur Sahara verdrängt. Von dort wurde er erst in der Neuzeit durch den Menschen künstlich wieder in Mitteleuropa eingeführt, wo er im Altertum und Mittelalter vollkommen fehlte. Heute ist er bis Südschweden und Norwegen verpflanzt worden. Am frühesten kam er nach England, wo es schon 1465 dunkelfarbiges Damwild im königlichen Park von Windsor gab. Unter dem Großen Kurfürsten wurde er um 1680 nach der Mark Brandenburg und unter Friedrich Wilhelm I. um 1730 nach Pommern gebracht. Hier überall gedeiht der Damhirsch bei einiger Winterpflege recht gut, aber er ist fast zu einem Haustier geworden, dessen Färbung manchem Wechsel unterworfen ist. Gewöhnlich ist er loh- oder gelbbraun, auf dem Kopf und obern Hals dunkler gefärbt und auf dem Rücken vom Nacken bis zum Schwanzende mit einer dunklen Linie gezeichnet. An Rumpf und Hüften ist er mehr oder weniger deutlich weißgefleckt und an der Unterseite des Körpers weiß. Daneben gibt es aber auch fleckenlose braune, gelbe, fast schwarze und ganz weiße Damhirsche mit allen Übergängen ineinander. Im allgemeinen ist das Damwild im Sommer mehr rötlich gefärbt und deutlicher gefleckt, im Winter dagegen mehr grau und fast fleckenlos. Charakteristisch ist sein bei völliger Ausbildung unten drehrundes, oben handförmig ausgebreitetes Geweih, das je einen Mittel- und Augensproß nach vorn entsendet.

Das Damwild liebt hügeliges Land, in welchem sanfte Täler mit niederen Anhöhen abwechseln, ebenso lichte Laubwaldungen und Haine, deren Boden mit kurzem Gras bewachsen ist. Es gleicht in seiner Lebensweise dem Rotwild, ist nur unsteter und unruhiger, hält an seinem Standort und seinem Wechsel im allgemeinen fester als jenes und pflegt auch stärkere Rudel zu bilden. Seine Feistzeit fällt in den September, die Brunst tritt im November ein und etwa einen Monat später als beim Edelhirsch wirft das etwa acht Monate lang tragende Tier ein oder zwei bis zur folgenden Brunstzeit von ihm gesäugte Kälber, die, falls es Männchen sind, im zweiten Jahr runde, sich in jedem Frühling erneuernde und sich allmählich zerteilende Geweihstangen erhalten, an denen zuerst Augen-, dann Mittelsproß und zuletzt die schaufelförmig erweiterte, nach hinten zerteilte Spitze auftritt. Die alten Damhirsche werfen im Mai, die jungen Spießer im Juni ihr Geweih ab, das sich bis zum August oder September erneuert. Das Damwild liefert zarteres Wildbret und eine weichere und elastischere, aber auch schwächere Haut als das Rotwild und wird ebenso gejagt und benutzt wie dieses. Seine Munterkeit bewahrt es auch in engerer Gefangenschaft, an welche es sich leicht gewöhnt.

Einst über ganz Mitteleuropa verbreitet, aber heute hier überall ausgerottet ist der ~Elch~ (Alces machlis). Diese hochbeinige, stattliche Hirschart mit plumpem Körper, großem Kopf, dicker Schnauze und im männlichen Geschlecht mit Kehlbart und mächtigem, fast wagrecht verlaufendem schaufelförmigem Geweih liebt moorreiche Waldungen. Wenigstens tummelt sich der Elch vom April bis September fast ausschließlich im Sumpf, über dessen Schlammboden ihn die großen, breiten, tief gespaltenen Hufe leicht tragen. Früher war er westlich bis Großbritannien und Frankreich, südlich bis in die Lombardei verbreitet. In Norditalien scheint er bereits zur römischen Kaiserzeit ausgestorben gewesen zu sein. Der Grieche Pausanias schreibt um 170 n. Chr.: „Der Elch (alkḗ) sieht dem Hirsch und dem Kamel ähnlich, bewohnt das Land der Kelten. Menschen können es nicht aufspüren und es kann daher nur erlegt werden, wenn man große Strecken einkreist und dann immer näher zusammenrückt.“ Um 208 schaffte Gordian als Konsul nach Julius Capitolinus 10 Elche für die Jagdspiele nach Rom und 273 ließ Kaiser Aurelian auch dieses Tier als Schaustück aus Gallien in seinem Triumphzuge aufmarschieren. In Gallien verschwand der Elch schon im 5. Jahrhundert n. Chr. Länger blieb er in Deutschland erhalten. Im Walde Viergrund bei Nördlingen in Bayern erlegten zwei Hofleute des Königs Pipin einen Elch, dessen riesenhaftes Geweih sich im Original und in einer Abbildung bis heute erhielt. Im 10. Jahrhundert lebte der Elch noch in Flandern, im 14. in Böhmen; im 16. war er schon in Mecklenburg und dem größten Teile Deutschlands ausgerottet. In Sachsen wurde das letzte Exemplar dieser Tierart 1746, in Schlesien 1746, in Galizien 1760 erlegt. In Ungarn, wo es noch im 17. Jahrhundert Elche gab, waren zu Ende des 18. keine mehr vorhanden. Aus Westpreußen ist der Elch erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts verschwunden, in Ostpreußen wird er im kaiserlichen Forst von Ibenhorst gehegt. In Skandinavien, Nordrußland und Sibirien kommt er noch in inselartiger Verbreitung vor, verträgt sich aber nirgends mit geordneter Forstwirtschaft, da er ein schlimmer Waldfrevler ist, fast ausschließlich von Sträuchern und jungen Bäumen äst, und zwar nicht bloß deren Blätter und junge Schößlinge, sondern namentlich auch die Rinde und holzigen Zweige bis zu Fingerdicke. Im Februar und März schält er die Rinde der Nadelholzgewächse, später diejenigen der Laubbäume, und zwar ist für ihn als Sumpfhirsch das Lieblingsgesträuch die Werftweide. Im Winter bilden Baumknospen seine Hauptnahrung. Wo er sich sicher fühlt, zieht er Tag und Nacht, beunruhigt dagegen vor Sonnenunter- und Aufgang seiner Nahrung nach, um die übrige Zeit im Dickicht oder Moore zuzubringen. Nach der Sättigung legt er sich nach Rinderart zum Wiederkauen nieder.

Im allgemeinen friedfertig und gesellig lebt der Elch familienweise; nur die starken Hirsche bleiben bis gegen die Brunstzeit allein. In der Brunstzeit im August bis September verhalten sich die Männchen ähnlich den Rothirschen, fordern auch durch Schreien ihre Nebenbuhler heraus und kämpfen wütend mit ihnen um den Besitz der Weibchen. Besiegte Elchhirsche, die keine Tiere zur Begattung finden, geraten in eine Art Koller, der sie unaufhörlich herumschweifen, wohl gar in bewohnte Gegenden laufen und ebenso abmagern läßt wie die glücklicheren Geschlechtsgenossen. Das beschlagene Tier zieht sich gegen das Ende der 40 Wochen betragenden Tragzeit in einsame Sumpfgegenden zurück, wo es meistens zwei Kälber setzt, die es sorgsam beschützt und ernährt. Nach drei Jahren sind die Weibchen erwachsen, die Männchen dagegen erst im fünften Jahre, wobei sich bei ihnen das Geweih schaufelartig auszubreiten beginnt. Ein ausgewachsener Elchhirsch wiegt 330 kg, ein ausgewachsenes Elchtier dagegen nur 280 kg, während ein eben gesetztes Elchkalb 10-12 kg wiegt. Der Elch erreicht nur ein Alter von 20 Jahren und hat besonders unter den Angriffen der rudelweise jagenden Wölfe zu leiden, die ihn im Winter auf dem Eise leicht zu Falle bringen. Gefährlich ist ihm auch der Bär, der gern einzelne Elche beschleicht, ebenso der Luchs, der Elchkälbern auflauert und sie bei Entfernung der Mutter überfällt und abwürgt. Bei mehrmaliger Beunruhigung ändert der Elch seinen Stand, haßt überhaupt mehr als die übrigen Hirsche alle Störungen aufs tiefste und verläßt eine Gegend, in der er wiederholt behelligt wurde. Jung eingefangene Elche werden leicht zahm und wurden früher in Schweden zum Ziehen von Schlitten abgerichtet; doch bleiben sie in der Gefangenschaft nur verhältnismäßig kurze Zeit am Leben und sterben an zunehmender Abmagerung vorzeitig dahin. Das Zusammensein mit Vertretern lebhafter Hirscharten ist dem Elch zuwider; nur mit den ruhigen, gelassenen Renntieren verträgt er sich gut, eignet sich aber wegen seiner Hinfälligkeit in der Gefangenschaft nicht zur Domestikation.

Ein trefflich kletternder Bewohner des Hochgebirges ist die kluge ~Gemse~ (Capella rupicapra), die ein ausgesprochenes Tagtier ist und durch ihr bei aller blitzartigen Entschlossenheit doch ruhig überlegendes Wesen sich vorteilhaft von der kopflosen Scheu und nervösen Schreckhaftigkeit der mehr nächtlichen hirschartigen Waldtiere unterscheidet. Sie bewohnte früher das Vorland der Gebirge, bis sie sich in harter Bedrängnis durch den Menschen auf das für ihn schwer zugängliche Hochgebirge zurückzog. Aber auch da ist sie nicht wie der Steinbock ein reines Felsentier, sondern eigentlich ein Bewohner des obersten Waldgürtels, wo sie am liebsten weilt. Früh zieht sie zur Äsung auf bekannte Weideplätze, um bis um 10 Uhr saftige Kräuter allerlei Art und junge Triebe von Sträuchern, besonders Alpenrosen, zu fressen, dann wandert sie einem Waldbestand oder einem Legföhrendickicht zu, um hier wiederzukauen. Um 4 oder 5 Uhr wird sie wieder rege, zieht auf den Äsungsplatz, wo sie bis zur Nacht, bei Mondschein bis 10 oder 11 Uhr, frißt, um dann die Nacht über in gedeckter Stellung teilweise wiederkauend zu ruhen. Auf der Flucht entwickelt sie eine überraschende Sprungfertigkeit und Kletterkunst. Mit ihren sehnigen langen Läufen mit starken, scharfrandigen Hufen springt sie dann bis 7 m weit und schnellt sich an senkrechten Wänden bis 4 m in die Höhe. Im Notfall rutscht sie mit zurückgestemmtem Körper und scharf gegen das Gestein eingesetzten Hinterhufen schnurrend die steilsten Wände hinunter und auch ein Absturz bis zu 100 m soll ihr nicht schaden, wenn sie nur unten auf weichen Schnee fällt. Droht oben Gefahr, so eilt sie mit wilden Sätzen abwärts, wobei sie 10-15 m hohe Bergwände herunterspringt, um hart an der Wand zu entkommen. Im Winter rutscht sie oft zum Vergnügen auf dem Bauch mit vorgestemmten Füßen steile Schneehalden hinunter, wobei sie in hockender Stellung so lange mit den Hinterbeinen sich abschnellt, bis sie ins Gleiten gekommen ist. Ihre Sinne, besonders der Geruch, sind vortrefflich ausgebildet; dabei ist sie in hohem Grade wachsam und unterscheidet sehr wohl harmlose Menschen vom sich an sie heranschleichenden Jäger.

Als höchst geselliges Tier vereinigt sich die Gemse zu ziemlich großen Rudeln von 30-40 Stück, die die Geißen, deren Kitzchen und die jüngeren Böcke bis zum zweiten, höchstens dritten Jahre umfaßt. Alte Böcke leben außer der Paarungszeit für sich oder vereinigen sich nur vorübergehend mit einigen wenigen ihresgleichen. Im Rudel übernimmt eine alte, erfahrene Geiß die Leitung, doch wachen alle älteren Mitglieder desselben abwechselnd für die Sicherheit des Trupps. Jede Gemse, die etwas Verdächtiges gewahrt, drückt dies durch ein weithin vernehmbares, mit Aufstampfen des einen Vorderfußes verbundenes Pfeifen aus, worauf das Rudel, sobald es sich von der Tatsächlichkeit der Gefahr überzeugt hat, sofort die Flucht ergreift. Gegen die Paarungszeit hin, welche um Mitte November beginnt und bis Anfang Dezember währt, finden sich die starken Böcke bei den Rudeln ein, indem sie sich dumpfgrunzend um die Geißen bewerben. Bei ihrem Erscheinen stieben die jungen Böcke erschreckt auseinander. Da die starken Böcke keinen Nebenbuhler bei dem von ihnen mit Beschlag belegten Rudel dulden, setzt es unter den geilen Gesellen grimmige Kämpfe ab, wobei der unterliegende Bock gelegentlich einen Abgrund hinuntergestoßen oder ihm mit dem spitzen nach rückwärts gebogenen Gehörn auch der Bauch oder eine andere Körperstelle aufgerissen wird. Zuerst werden die jüngeren, dann die älteren Geißen beschlagen. Dabei läßt der Bock von einer bei ihm viel stärker als bei der Geiß anschwellenden Drüse hinter den Krickeln einen für uns widrig duftenden, den Geißen aber angenehmen und sie sexuell erregenden Duft ausströmen. Bei der Brunst, während welcher er beständig erregt ist und kaum etwas frißt, magert der Gemsbock stark ab, um sich nach Ablauf derselben allerdings rasch wieder zu erholen. Die Satzzeit fällt auf Ende Mai oder Anfang Juni. Während jüngere Geißen stets nur ein Kitzchen setzen, gebären alte deren zwei, ausnahmsweise auch drei, die ungemein rasch heranwachsen, schon im dritten Monat Hörner erhalten und bereits im dritten Jahr die volle Größe der Alten erreicht haben.

Ungeachtet mancherlei Gefahren und der harten Bedrängnis schneereicher Winter vermehren sich die Gemsen da, wo sie gehegt und nur in vernünftiger Weise abgeschossen werden, ungemein rasch und sind eine unvergleichliche Zier unseres Hochgebirges. Die Jagd auf sie ist ein beschwerdereiches Vergnügen, das einen ganzen Mann verlangt. Ihr Wildbret ist vorzüglich und übertrifft an Wohlgeschmack noch dasjenige des Rehs, das als das beste der einheimischen Wildarten gilt, bei weitem durch seinen würzigen Beigeschmack. Das Fell wird zu einem vorzüglichen Wildleder verarbeitet, die Hörner zu allerlei Zierat verwendet, während die 20-23 cm langen, schwarzen Haare mit gelb-weißer Spitze, die als eine Art Mähne dem Rücken entlanglaufen, als „Gamsbart“ in Nachahmung einer Tiroler Sitte einen beliebten Hutschmuck auch für die Städter im Reisekostüm bilden. Nur jung eingefangene Gemsen lassen sich zähmen. Sie werden zunächst mit Ziegenmilch, dann mit saftigen Kräutern, Kohl, Rüben und Brot ernährt und einer gutartigen Ziege mit deren Zicklein zugesellt, in deren Gesellschaft sie zu allerlei keckem Spiel aufgelegt sind. Zutraulich drängen sie sich an ihren Pfleger heran, um sich Futter zu erbitten. Erst in erwachsenem Zustande kommt bei ihnen meist eine gewisse Wildheit zum Durchbruch, die sich durch nachdrücklichen Gebrauch ihrer Hörner bekundet. In einem Stalle behagt es ihnen nicht. Auch im Winter wollen sie Tag und Nacht im Freien zubringen und begnügen sich auch im Schnee mit ein wenig Streu als Lager. Alt eingefangene Gemsen bleiben immer furchtsam und scheu und pflanzen sich in der Gefangenschaft kaum je fort. Von jung eingefangenen Gemsen hat man in verschiedenen Tiergärten Junge gezüchtet.

Häufiger als auf Gemsen findet sich für den deutschen Weidmann Gelegenheit, auf Sauen zu jagen. Das ~Wildschwein~ (Sus scrofa) ist der einzige Vertreter der Schweinefamilie in ganz Europa. Mit Vorliebe wählt es sich feuchte, sumpfige Gegenden zu seinem Aufenthaltsort, gleichgültig, ob diese bewaldet oder mit Sumpfwuchs bestanden seien. Nur wo es verfolgt wird, zieht es sich in das Waldesdickicht zurück, um darin unter tiefbeasteten Fichten oder im Gestrüpp tagsüber zu ruhen, wobei es sich eine mit Moos und Farnen gepolsterte Vertiefung im Boden zum bequemen Lager herrichtet. Mit einbrechender Dämmerung erhebt es sich, um zunächst einer Suhle zuzustreben, in welcher es sich ein halbes Stündchen wälzt. Wenn alles ruhig geworden ist, sucht es mit Vorliebe die reifenden Getreidefelder und Kartoffeläcker auf, um sich darin gütlich zu tun. Dabei frißt es weit weniger als es verwüstet, weshalb es dem Landmanne begreiflicherweise so verhaßt ist. Sonst sucht das Wildschwein in Wald und auf Wiesen Erdmast in Form von Trüffeln, fleischigen Wurzeln, Kerbtierlarven, Würmern, Schnecken, aber auch Mäusen und anderen kleinen Säugetieren nebst Leichen aller Art; im Herbst und Winter ernährt es sich vorzugsweise von abgefallenen Eicheln, Bucheln, Haselnüssen und Kastanien, verfolgt angeschossenes und kränkelndes Wild, um ihm den Garaus zu machen, und frißt in der Not die eigenen Jungen. Beim Fressen sichert es häufig mit emporgehaltenem Rüssel, zumal wenn es aus einem Dickicht ins Freie und über einen Weg wechselt. Fällt ihm etwas Verdächtiges auf, so entfernt es sich nach Ausstoßen eines schnaubend-fauchenden Tons so geräuschlos, daß man glauben könnte, es sei in die Erde verschwunden. Das unbedeutendste verdächtige Zeichen genügt, das scheue Tier zu vertreiben. Geruch und Gehör sind bei ihm seiner nächtlichen Lebensweise entsprechend ausgezeichnet, während das Gesicht mangelhaft ist. Den Jäger erkennt es an der Witterung, nicht an seiner Gestalt. Verfolgt stürzt es sich ohne Bedenken in reißende Ströme, um sie zu überschwimmen, wobei es sehr geschickt und ausdauernd schwimmt.

Als sehr geselliges Tier pflegt sich das Wildschwein zu Rudeln zusammenzutun, und zwar die stärkeren Keiler für sich, während die Bachen genannten Weibchen mit den Frischlingen und geringen Keilern gehen. Vom dritten Lebensjahre an leben die dann Hauptschweine genannten Männchen als Einsiedler und schlagen sich erst zur Paarungszeit, zur sogenannten Rauschzeit, zu den Rudeln der Weibchen, um deren Besitz sie mit gleichstarken Keilern erbitterte Kämpfe führen. Die geringeren Keiler werden vertrieben, wenn sie sich zur Rotte, wie man eine Herde Wildschweine nennt, gesellen. Abgeschlagene Wildschweine suchen ihren Geschlechtstrieb vielfach bei Herden von zur Eichel- oder Buchelmast in den Wald getriebenen Hausschweinen zu befriedigen, wodurch dann Blendlinge entstehen, die wegen ihres wilden und scheuen, mit schlechter Mastfähigkeit gepaarten Temperaments dem Zuchtsauenbesitzer wenig willkommen sind. Den Hauptschutz der Keiler bei ihren grimmigen Kämpfen mit den Nebenbuhlern bildet ein an den Schulterblättern zwischen Haut und Fleisch, oft bis zwei Finger dicker „Schild“ aus hornartiger weißer Masse. Harnisch dagegen nennt man die feste Kruste, die sich an Brust und Vorderschulter der Keiler durch Reiben an den Stämmen Harz ausschwitzender Fichten bildet, deren Harz die Borsten und die Unterwolle zu einer harten, schützenden Decke zusammenklebt.

Schon ehe das Wildschwein vollkommen ausgewachsen ist, wird es fortpflanzungsfähig. Von Ende November bis in den Januar dauert die Rauschzeit. Nach einer Tragzeit von 20 Wochen wirft die Bache, für sich abgesondert, so lange sie noch jung ist 4-6, später 10-12 Frischlinge, die auf gelbgrauem Grunde braune Längsstreifen aufweisen. Es ist dies ein altmodisches Gewand, das die Vorfahren einst auch erwachsen trugen. Die Frischlinge werden von der Bache aufmerksam bewacht und im Falle eines Angriffs mutig verteidigt. Schon der geringste Klagelaut eines Jungen ruft die Alte herbei, die sich wutschnaubend auf den Friedensstörer wirft. Die Wildschweine werden 20-25 Jahre alt, erreichen nur ausnahmsweise ein Gewicht von 225 kg bei einer Länge von 1,6 m und einer Höhe von 0,5 m. Die einzige Seuche, die bei ihnen auftritt und sie rasch dahinrafft, ist die Halsbräune. Sie werden auf dem Anstand, namentlich auf der Saukanzel, dann auf der Birsch und auf der Jagd mit Treibern und Hunden erlegt. Jedenfalls ist der Schaden, den sie verschulden, nicht so bedeutend, daß er ihre vollkommene Ausrottung rechtfertigen würde. Dadurch, daß sie durch Aufwühlen weiter Bodenstrecken nach Engerlingen (Larven des Maikäfers) diese Schädlinge ausrotten und gleichzeitig die natürliche Besamung der Waldbäume erleichtern, sind sie dem Forstmanne geradezu nützlich. Während sie heute auf freier Wildbahn bei uns selten geworden sind, werden sie noch vielfach in eingehegten Waldbezirken als geschätzte Jagdtiere gehalten. Die Jagd auf sie hat seit alten Zeiten als ein ritterliches Vergnügen gegolten, war es aber nur solange der Jäger mit der Saufeder ihnen direkt entgegentrat, um sie zu fällen. Heute aber, wo man sie ohne alle Lebensgefahr auf weite Distanz mit den weitreichenden Präzisionsgewehren schießt, ist alle Ritterlichkeit dahin. Ihr Fleisch ist sehr geschätzt, weil es neben dem Geschmack des Schweinefleisches den des echten Wildbrets hat. Das Gehirn der Wildsau ist hoch entwickelt, weshalb sie sich leicht abrichten läßt. Auf den britischen Inseln ist sie wie der Wolf schon seit längerer Zeit ausgerottet.

Nur ganz ausnahmsweise kommt ein mitteleuropäischer Jäger auf den ~braunen Bären~ (Ursus arctos) zu Schuß. Wer diesen in freier Wildbahn kennen lernen will, der muß schon nach Siebenbürgen oder Rußland gehen, wo er auch jetzt noch in gewissen Gegenden nicht selten vorkommt. In Siebenbürgen bewohnt er die Legföhrenregion des Gebirges, während er in den Rokitnosümpfen Rußlands ein echter Sumpfbewohner ist, der sich nur zur Winterszeit in trockeneres Gelände zurückzieht. Im allgemeinen liebt der Bär schwer zugänglichen oder doch wenig besuchten, dichten Wald, in welchem ihm Höhlen unter Baumwurzeln oder in Baumstämmen, im Felsengeklüfte, mit reichem Unterholz bewachsene Inseln in Brüchen Obdach und Ruhe vor seinem Erzfeinde, dem Menschen, gewähren. Er kann 2 m Länge, 1 m Höhe und ein Gewicht von 300 kg erreichen und trägt im Winter ein dichtes, zottiges, langhaariges Fell, im Sommer dagegen ein viel kürzeres, dünneres und dunkleres von brauner bis schwarzer Farbe. Trotz seines schwerfälligen Körperbaues ist er ein gewandtes Tier, das im tiefen Schnee Sprünge von 3,5-5,5 m machen kann und auch beim Klettern eine große Gelenkigkeit zeigt. Mit seiner urwüchsigen Kraft, die ihn einen 350 kg schweren Hirsch aus einer Grube zu ziehen und weit wegzuschleppen erlaubt, verbindet er eine ungeheure Ausdauer und Zähigkeit im Ertragen von Strapazen und im Aushalten von Verwundungen. Während sein Geruch und Gehör ausgezeichnet sind, ist das Gesicht bei ihm nur schlecht entwickelt. Seine geistigen Fähigkeiten sind sehr gute, doch ist er bei aller Gutmütigkeit höchst falsch und mißtrauisch, liebt Behaglichkeit ungemein, greift aber, sobald er gereizt wird, sofort an. Er ist seinem Gebiß und der Beschaffenheit seiner Eingeweide nach Allesfresser, hält sich im allgemeinen aber mehr an Pflanzen- als Fleischkost. Monatelang kann er sich mit Früchten, besonders Eicheln, Bucheln und Haselnüssen, dann Beeren aller Art, reifendem Mais, saftigem Hafer und anderem Getreide neben Schnecken, Käfern und Insektenlarven ernähren. Wo ihm aber Gelegenheit dazu geboten wird, ergreift er gern Wild oder größere Haustiere des Menschen, besonders Rinder und Schafe, um sie zu fressen. Kann er keine lebenden Tiere haben, so begnügt er sich auch mit Aas. Meist schlägt er sein Opfer mit einer seiner kräftigen Vorderpranken am Rücken, wobei die scharfen, langen Krallen tief ins Fleisch eindringen, und beißt es dann am Halse tot. Beim Verzehren des gestreckten Tieres reißt er ihm zuerst die Brust auf, um die Eingeweide zu verzehren. Was er nicht fressen kann, wird notdürftig von ihm verscharrt oder mit Reisig bedeckt und später wieder aufgewühlt. In Siebenbürgen sind außer Haustieren, besonders Rindern, Wildschweine und Rehe seine gewöhnlichen Opfer, während er in Rußland außerdem auch Elche erbeutet. Begieriger als nach jeder anderen Nahrung ist er aber nach Honig. In den Bäumen, in deren Höhlungen wilde Bienen wohnen und ihre Vorräte angelegt haben, kratzt und beißt er Löcher, um zu der von ihm so geliebten süßen Speise zu gelangen. Wasser kann er nicht längere Zeit entbehren. Solange sein Standquartier wasserreich genug ist, um seinen Durst zu stillen, verläßt er es nie. Erst wenn ein sehr heißer Sommer Wassermangel herbeiführt, besucht er benachbarte, mit Wasser versehene Gegenden, um sofort in sein Revier zurückzukehren, sobald dessen Wassermangel vorüber ist.

Bei der Eichel- und Buchelmast im Herbst hat er sich genug Fett angemästet, um im geschützten Lager gekrümmt, mehr auf der Seite als auf dem Bauche liegend über die für ihn schlimme Jahreszeit zu ruhen. Ein Winterschlaf ist es kaum zu nennen; denn es ist mehr ein duselndes Wachen, bei dem er niemals die angeborene Vorsicht außer acht läßt. Kurze Zeit nach dem Lagern sind die Bären noch unruhig; besonders die schlechtgenährten verlassen das Lager häufig, um sich, weil ihnen die gegen Kälte schützende Fettschicht der feisten fehlt, durch Bewegung zu erwärmen. Sobald sie beunruhigt werden, erheben sie sich, um ein anderes Lager zu beziehen. Eingeschneite oder in Höhlen lagernde Bären liegen am festesten. Bärinnen mit Jungen und alte, früher schon einmal angeschossene Bären sind am ängstlichsten und erheben bei jedem verdächtigen Geräusch den Kopf, um sich bei nahender Gefahr beizeiten zu flüchten.

Solange der Winter anhält, bleibt der Bär im Lager, wobei sich seine Sohlen häuten. Sobald Tauwetter eintritt, erhebt er sich, reckt und streckt und schüttelt sich und geht zunächst auf die Beerensuche, wobei er mit seinen Pranken die die Moosbeerensträucher bedeckende Schneeschicht beseitigt, um zu den roten Beeren zu gelangen. Im Mai oder Anfang Juni suchen sich meist zur Nachtzeit, mitunter schon in der Dämmerung, laut brummend Bär und Bärin, um sich zu paaren. Indessen hält sich die Bärin nicht nur an einen Bären, so daß es unter den Männchen nicht selten harte Kämpfe absetzt, die mit dem Tode des schwächeren endigen können. Um die Mitte des Winters, im Dezember oder Januar, wirft die Bärin in ihrem weich mit Moos, Gras und Blättern ausgestopften Lager das erste Mal höchstens zwei, später drei, auch wohl vier, im Alter aber schließlich nur ein Junges, um vom 16.-18. Jahre an gelte, d. h. unfruchtbar, zu bleiben. Im Gegensatz zum Bären wechselt sie häufig ihr Lager und spielt mit den Jungen auf dem Schnee, den sie nicht selten vollständig festtritt. Sie bleibt aber länger im Winterlager als das Männchen. Erst wenn die Jungen ihr folgen können, verläßt sie es, um zunächst nur in der Nähe umherzustreifen und die Jungen im Aufsuchen von Fraß, im Klettern und in andern Dingen zu unterrichten. Können die Jungen einige Strapazen aushalten, so zieht die Familie weiter, wobei die Bärin als Beherrscherin ihres Distrikts jedes Vorkommnis mißtrauisch überwacht und sich dem Eindringen des Menschen standhaft und mutig widersetzt, auch die Jungen tapfer verteidigt, während sie nicht selten die unbeholfenen Säuglinge bei Gefahr verläßt. Sind die Jungen so weit selbständig, daß sie sich ernähren und erhalten können, so verteidigt sie dieselben fast gar nicht mehr. Die Jungen beziehen auch, falls die Mutter nicht wieder trächtig ist, immer denselben Distrikt zum Überwintern, aber besondere, niemals weit von dem jener entfernte Lagerplätze. Ist die Bärin aber trächtig, so duldet sie die Jungen unter keinen Umständen in ihrem Distrikt, sondern vertreibt sie mit Beißen und Ohrfeigen. Von den Jungen, die von diesem Zeitpunkte an selbständig sind, geht jedes im nächsten Frühjahr seinen eigenen Weg. Erst im fünften oder sechsten Jahre werden sie fortpflanzungsfähig. Vom Menschen aufgezogene Bären, die selbständig fressen und ihren Fraß selbst aufsuchen können, sind ungemein schwer auszusetzen und arten förmlich zu Haustieren aus, die sich nicht mehr vertreiben lassen.

Zur Jagd auf den Bären gehört persönlicher Mut, kaltes Blut und vollständige Sicherheit in der Handhabung der Waffe; dann ist sie ebenso ungefährlich wie die auf irgend ein anderes Raubtier. Sie wird in verschiedenen Gegenden auf verschiedene Weise betrieben. Entweder wird der Bär mit einer Treiberkette und einer Hundemeute aus dem zuvor festgestellten Lager getrieben oder in diesem selbst geschossen. Im Frühjahr und Herbst, wo er Aas am begierigsten annimmt, jagt man ihn auf dem Anstand bei geschlagenem Vieh. Gewöhnlich besucht der Bär das Aas erst nach eingetretener Dämmerung oder in der Nacht und ist in der Dunkelheit schwer zu treffen. Auch durch Selbstschüsse auf den von ihm begangenen Wechseln und in Tellereisen wird er gefangen. Sein Fleisch ist wohlschmeckend, besitzt zwar durch Reichtum an Glycogen wie das Pferdefleisch einen nicht jedermann zusagenden süßlichen Geschmack; doch sind die Schinken gesalzen und geräuchert ausgezeichnet. Sein weiches, kaum je ranzig werdendes Fett, das einen guten Ruf als ein den Haarwuchs beförderndes Mittel besitzt, wird gut bezahlt und sein Fell gilt 60-250 Mark.

Das gemeinste Beutetier der mitteleuropäischen Jäger ist der ~Feldhase~ (Lepus vulgaris), der ganz Mitteleuropa und einen Teil des westlichen Asien bewohnt. Im Süden vertritt ihn der kleinere und rötlich gefärbte Hase der Mittelmeerländer, im hohen Norden der Schneehase und im Hochgebirge der Alpenhase, welch letztere im Sommer bräunlichgrau, im Winter aber bis auf die schwarzen Ohrspitzen weiß gefärbt sind. Die Nordgrenze der Verbreitung des Feldhasen geht von Schottland über Südschweden zu den Gegenden am Weißen Meer; in Sibirien fehlt er. Er hält sich am liebsten auf ausgedehnten, fruchtbaren Ebenen, auch an lichten Waldrändern auf, kommt jedoch im Innern von großen, dichten Wäldern selten vor, wird aber in Gebirgsgegenden noch regelmäßig in der Laubholz-, seltener in der Nadelwaldregion angetroffen. In den Alpen steigt er bis zu 1600 m und im Kaukasus fast bis zu 2000 m. Er ist im allgemeinen mehr ein Nacht- als ein Tagtier, obwohl man ihn an heiteren Sommertagen schon vor dem Untergang der Sonne und noch am Morgen im Felde, wo er seine Nahrung sucht, umherstreifen sieht. Für gewöhnlich verläßt er sein Lager oder das ihn bergende Gehölz erst bei Sonnenuntergang, vor Eintritt der Dämmerung, um sich zum Äsen und Spielen ins Freie zu begeben. Bei Sonnenaufgang sucht er wieder sein Lager auf, um tagsüber zu ruhen. Höchst ungern verläßt er den Ort, an welchem er aufgewachsen und groß geworden ist. Er ernährt sich von Gras, jungem Getreide und allerhand saftigen Kräutern, in harten Wintern auch von saftiger junger Baumrinde, besucht aber zu allen Jahreszeiten gern die Kohl- und Gemüsegärten. Er äst nachts und bringt den ganzen Tag, das Auge auch im Schlaf weit geöffnet, schlummernd in einem zwischen Erdschollen oder Gebüsch wohlversteckten, immer gegen den Wind geschützten Lager zu, worin er sich bei stürmischem Schneewetter gern vergräbt oder einschneien läßt. Nie geht er gerade auf den Ort los, wo er ein altes Lager weiß oder ein neues machen will, sondern läuft erst ein Stück über den Ort, wo er zu ruhen gedenkt, hinaus, kehrt um, macht wieder einige Sätze vorwärts, dann wieder einen Sprung seitwärts und verfährt so noch einige Male, bis er mit dem weitesten Satz an den Platz gelangt, auf dem er bleiben will. Bei der Zubereitung des Lagers scharrt er im freien Felde eine etwa 5-8 cm tiefe, am hintern Ende etwas gewölbte Höhlung in die Erde, welche so lang und breit ist, daß der obere Teil des Rückens nur sehr wenig sichtbar bleibt, wenn er die Vorderläufe ausstreckt, auf diesen den Kopf mit anliegenden Löffeln ruhen läßt und die Hinterbeine unter den Leib zusammendrückt.

Der Feldhase verläßt sich mehr auf sein scharfes Gehör als auf sein schlechtes Gesicht, erlaubt dem Menschen, den er weniger als Hunde fürchtet, auf seine Schutzfärbung vertrauend, oft ganz nah an ihn heranzukommen. Plötzlich aufgeschreckt, verläßt er sich lediglich auf die Schnelligkeit seiner Beine, läuft jedoch selten lange geradeaus und nähert sich, Winkel und Hacken schlagend, bald wieder seinem Lager. Weit davon vertrieben, kehrt er, am folgenden Tage anderswo aufgeschreckt, gern dahin zurück. Bei der eiligen Flucht läuft er am liebsten ebenaus oder bergan, da er sich wegen seiner kurzen Vorderbeine beim Laufen bergab leicht überschlägt. Ist dem fliehenden Hasen ein Hund dicht auf den Fersen, so schlägt er, um ihn an sich vorbeischießen zu lassen und einen Vorsprung in umgekehrter Richtung zu gewinnen, einen plötzlichen Hacken; drängt ihn die Not, so durchschwimmt er auch Teiche und Flüsse. Viermal im Jahre setzt die Häsin nach einer Tragzeit von je 30 Tagen 2-4 Junge, die sehr ausgebildet, mit offenen Augen zur Welt kommen. Nur während der ersten 5-6 Tage verweilt sie bei ihren Kindern, dann aber überläßt sie dieselben ihrem Schicksal, kehrt nur während 14 Tagen von Zeit zu Zeit zum Ort zurück, wo sie die Brut verließ, lockt sie mit einem eigentümlichen Geklapper mit den Löffeln herbei und läßt sie saugen. Bei Annäherung eines Feindes verläßt sie freilich ihre Kinder, obwohl auch Fälle bekannt sind, daß alte Häsinnen die Brut gegen Raubvögel und Raben verteidigten. Die Geschwister entfernen sich zunächst nur wenig voneinander, wenn auch jedes sich ein anderes Lager gräbt. Abends rücken sie zusammen auf Äsung aus und morgens gehen sie gemeinschaftlich nach dem Lager zurück. Erst wenn sie halbwüchsig sind, trennen sie sich voneinander. Nach 15 Monaten sind sie erwachsen, können sich aber schon im ersten Jahre fortpflanzen. Ihre Lebensdauer schätzt man auf 8-10 Jahre; doch stirbt der Hase wohl nie an Altersschwäche, sondern wird vor der Zeit von einem seiner zahlreichen Feinde erbeutet und gefressen. Außer dem Menschen stellen ihm alle kleineren Raubtiere und größeren Raubvögel, selbst der Storch, nach. Vom Menschen wird er am häufigsten auf Treibjagden und in Kesseltreiben erlegt, doch auch auf dem Anstand geschossen und mit Hunden aufgesucht. Durch wiederholte Jagden gewitzigt, erhebt er sich schon beim Vernehmen des Jagdlärms vom Lager, um sich an ihm bekannte geschützte Orte zu flüchten. Gefangene Hasen werden leicht zahm, gewöhnen sich ohne Weigerung an alle Nahrung, die man den Kaninchen füttert, sind jedoch empfindlich und sterben leicht dahin. Bringt man junge Hasen zu alten, so werden sie regelmäßig von diesen totgebissen. Außer ihrem wohlschmeckenden Fleisch wird auch das Fell verwendet. Aus der von Haaren entblößten und gegerbten Haut verfertigt man Schuhe und eine Art Pergament oder benutzt sie zur Leimbereitung.

Ein überaus seltenes Wild Mitteleuropas ist der ~Biber~ (Castor fiber), der früher hier häufig war, aber dem Menschen und seiner Kultur weichen mußte. Unablässig verfolgt, ist er in den meisten Gegenden, am frühesten in den Mittelmeerländern, ausgerottet worden. Die Griechen nannten ihn kastor und die Römer fiber und machten Jagd auf ihn nicht sowohl seines geschätzten, weichen Felles wegen, als besonders zur Erlangung des Bibergeils. Dieses befindet sich in Form einer gelblichen, schmierigen, eigentümlich nach Karbolsäure riechenden Masse in zwei birnförmigen, zu beiden Seiten der Geschlechtsöffnung gelegenen Beuteln und spielt vor allem zur Brunstzeit zur gegenseitigen Anlockung der Tiere eine große Rolle. Besonders beim Männchen sind die Kastorbeutel stark entwickelt und wird ihr Inhalt an bestimmten Stellen entleert. Die Anziehungskraft dieses Geils ist so groß, daß sich Biber, die, dadurch angelockt, in eine Falle gerieten, aber entkamen, schon nach wenigen Tagen in einer andern Falle fangen, darunter sogar Tiere, die in Eisen Fußteile eingebüßt hatten. Dem Menschen diente es von alters her als geschätzte Arznei. So sagt schon der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Der Biber trägt einen Arzneistoff an sich, den man castoreum nennt. Bei drohender Gefahr beißt er sich den Teil, worin jener Stoff enthalten ist, selbst ab, weil er wohl weiß, weshalb man ihn jagt. Übrigens hat der Biber ein entsetzliches Gebiß, fällt, wie mit Stahl, Bäume an den Flüssen; und hat er einen Menschen gepackt, so läßt er nicht eher los als bis die Knochen zersplittert sind. Er sieht aus wie ein Fischotter, hat aber einen Fischschwanz (d. h. einen fischartig mit Schuppen bedeckten Schwanz). Sein Haar ist weicher als Vogelflaum.“

Noch im Mittelalter war der Biber in allen Ländern nördlich von den Alpen zu finden. In England kam er noch ums Jahr 1188 als seltener Bewohner des Flusses Teify in Wales vor, wurde aber dann auch hier ausgerottet. An einzelnen Flußgebieten Mitteleuropas hielt er sich in kleinen Kolonien bis gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts. In Böhmen, wo die Biber schon im 18. Jahrhundert ausgestorben waren, führte man 1773 aus Polen wieder welche ein, die sich, aus ihrem Zwinger gebrochen, so stark vermehrten, daß sich einmal über hundert Familien um Wittingau vorgefunden haben sollen. Als sie jedoch begannen die Dämme zu untergraben, begann man einen Vernichtungskrieg gegen sie, der 1865 nur noch zehn übriggelassen hatte. Zur Gewinnung des noch immer gesuchten Bibergeils fielen die letzten Tiere bald Wilddieben zur Beute. Das allerletzte hatte man in einem Zwinger im Rosenberger Teiche untergebracht, wo es im Januar 1883 starb. Auch in Österreich-Ungarn kommen heute keine Biber mehr vor. Einzelne fanden sich indessen noch im Jahre 1857 in Siebenbürgen, 1860 in Galizien und 1865 bei Semlin auf den Inseln zwischen Donau und Sau. Bei Fischamend, an der Mündung der Fischa in die Donau, wo noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts größere Biberansiedelungen bestanden, wurden die beiden letzten Biber 1863 erlegt. In Bosnien und der Herzegowina, wo, wie anderswo, verschiedene Ortsnamen für das frühere Vorkommen des Bibers zeugen und Skelettfunde es bestätigen, sind keine Biber mehr zu finden.

Früher noch als aus Österreich-Ungarn verschwanden die Biber in Livland. Noch im 18. Jahrhundert lebten sie dort in Ansiedelungen, und 1724 begünstigten sie in hohem Maße durch ihre Dammbauten die Überschwemmungen. Aber auch dort führte die große Wertschätzung des Bibergeils noch mehr als ihr schönes Fell zu ihrer Ausrottung. Im Jahre 1841 wurde im Quellgebiet der Aa der letzte Biber geschossen. In Skandinavien, wo der Biber einst sehr häufig war, ist er heute vielleicht nicht mehr vorhanden. In Mittelrußland scheint er schon vor Ende des 18. Jahrhunderts ausgestorben zu sein. Nur an einem Nebenfluß des Pripet im Westen und an der Petschora und Dwina im Norden leben noch Biber, obschon ihnen wegen des Pelzes und des vorzüglichen sogenannten moskovitischen Bibergeils stark nachgestellt wurde. In der Schweiz lebten noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts Biber an der Steinach bei St. Gallen, sind aber auch dort schon längst ausgerottet worden. Unter den deutschen Bibern lebten die letzten des Alpenvorlandes auf bayerischem Gebiet, und zwar an der Sur, einem in die Salzach fließenden Bach. Auch in den auf österreichischem Gebiet liegenden Antheringer Auen nordwestlich von Salzburg kam der Biber noch 1867 vor. Am Rhein sollen die Biber schon vor über 300 Jahren ausgestorben sein; im Gebiete der Möhne in Westfalen hielten sie sich länger; dort wurde der letzte talabwärts durch die Ruhr nach dem Rhein vertrieben und am 2. Oktober 1870 an der Werthausener Fähre erschlagen.

Heute lebt der Biber auf deutschem Gebiet nur noch in einem beschränkten Gebiet an der Saale und an der Elbe zwischen Wittenberg und Magdeburg, wo er als große Seltenheit vom Menschen geschützt wird, dennoch aber zusehends abnimmt. Nicht selten fängt er sich in den Stellnetzen der Fischer oder in den für die Fischotter gelegten Eisen. Hier lebt er meist paarweise, nur in den stillsten Gegenden zu größeren Familien vereinigt und meist wie der Fischotter in einfachen unterirdischen Uferhöhlen hausend. Nur wo er ungestört leben kann errichtet er seine Burgen mit im Innern backofenförmigen Hütten, wobei, wie bei den meisten Tieren, das Weibchen der eigentliche Baumeister ist und das Männchen mehr Zuträger- und Handlangerdienst leistet. Außerdem baut er nötigenfalls Dämme von bis 150 und 200 m Länge und 2-3 m Höhe bei einem Durchmesser von 4-6 m unten und 1-2 m oben, um das Wasser aufzustauen und in gleicher Höhe zu erhalten. Die so aufgestauten Flüsse überschwemmen dann die Täler oft auf weite Strecken, bringen dadurch die teilweise unter Wasser gesetzten Bäume zum Absterben und nachträglichen Umstürzen und schaffen so künstliche Teiche und Seen. Zum Bau seiner Dämme und Hütten benutzt der Biber verschieden lange und dicke, der Rinde, von der er außer dem Blattwerk vorzugsweise lebt, beraubte Knüttel, die er übereinander schichtet und mit Steinen beschwert und mit Sand, Schlamm und Lehm verdichtet. Er ist ein durchaus nächtliches Tier, das sich erst nach Sonnenuntergang von seinem Lager erhebt, um mit anbrechendem Tag in seinen Bau zurückzukehren. Bei Tage schläft er auf dem Bauch oder Rücken, nicht aber auf den Seiten liegend, in seiner sehr rein gehaltenen Wohnung. Er entleert sich seines Kotes wahrscheinlich nur im Wasser. Nur in kalten Wintern hält er sich, ohne Winterschläfer zu sein, Tag und Nacht in der Wohnung auf und verläßt sie nur bei Tauwetter auf kurze Zeit, um neue Nahrung zu holen oder die Wohnung auszubessern. Schon Ende Februar beginnt die Brunstzeit des in Einzelehe lebenden Tieres, die bis in den März hinein dauert. Gegen das Ende der wahrscheinlich sechs Wochen langen Tragzeit bleibt das Weibchen ungestört in der Wohnung, um 2-3, höchstens 4 blinde, doch schon behaarte Junge zur Welt zu bringen, die an den vier Brustwarzen der Mutter saugen, dem Schreien kleiner Kinder ähnlich klingende Töne hören lassen, acht Tage nach der Geburt die Augen öffnen und bei günstigem Wetter bald mit ins Wasser genommen werden, wo sie sich gleich schwimmend und tauchend umhertummeln, auch wohl an den Rücken der schwimmenden Mutter anklammern. Nach etwa vier Wochen erhalten sie schon zur Milch Rinde von Espen, Pappeln, Weiden, Erlen und Birken, die die Mutter ihnen zuträgt; nach weiteren 6-8 Wochen gehen sie selbst in den Wald, um Rinden abzunagen und den Eltern bei ihren Arbeiten zu helfen. In diesem Alter eingefangen, sind sie sehr leicht zähmbar und können so zahm werden, daß sie ihrem Herrn wie ein Hund überallhin folgen. Im dritten Lebensjahre werden sie fortpflanzungsfähig und verlassen die Wohnung ihrer Eltern, um sich selbständig zu machen und einen eigenen Hausstand zu gründen. Bäume mit Hartholz benagt der Biber nur, um seine Zähne zu schärfen; sonst hält er sich ausschließlich an solche mit weichem Holz, und zwar Laubholz. Nadelholzbäume fällt er nur, wenn sie ihm im Wege stehen, verarbeitet sie aber nicht weiter, jedenfalls des Harzgeschmackes wegen, der ihrem Holze anhaftet. Leckerbissen sind ihm die saftigen Wurzelstöcke mancher Sumpf- und Wasserpflanzen, wie Seerosen, Schilf, Kalmus und Schachtelhalme. Vor Beginn des Winters sammelt er sich einen Vorrat, wozu er meist berindete Knüttel seiner Lieblingsnahrung wählt, von denen er, wenn er Hunger hat, gewöhnlich nur die Rinde und im äußersten Notfall einen Teil des Holzes verzehrt. Solche Vorratshaufen werden als falsche Hütten oder unechte Burgen bezeichnet. Besonders große Vorräte trägt er dann zusammen, wenn ein strenger Winter bevorsteht. Er erreicht ein hohes Alter, wurde selbst in der Gefangenschaft 50 Jahre alt, und wird heute kaum je gegessen, da sein Fleisch tranig schmeckt. Außer dem Menschen hat der freilebende Biber wenig Feinde.

Ein anderes Nagetier von geringer Bedeutung ist das allbekannte ~Eichhörnchen~ (Sciurus vulgaris), das die bewaldeten Gegenden ganz Europas und Nordasiens bewohnt. Meist ist es braunrot, nur in manchen Gebirgen schwarz gefärbt, klettert vorzüglich von einem Baum zum andern, ohne auf den Boden zu kommen, lebt von Haselnüssen, Bucheckern, Eicheln, Nadelholzsämereien, jungen Vögeln und Eiern, im Notfall auch von Knospen und Baumrinde, gelegentlich auch von Pilzen. Von seiner Nahrung, die es, auf den Hinterbeinen sitzend, mit den beweglichen Vorderfüßen zum Munde führt, legt es im Herbst in hohlen Bäumen Wintervorräte an. Es hält keinen eigentlichen Winterschlaf, wenn es auch bei unfreundlichem Winterwetter sein freistehendes, rundes, im Innern weich gepolstertes, mit einem einzigen Eingangsloch versehenes Nest, das es in Mehrzahl für sich erbaut, oft tagelang nicht verläßt. Darin und auch in Baumlöchern wirft das Weibchen vier Wochen nach der die Männchen zu erbitterten Kämpfen mit Nebenbuhlern veranlassenden, von Ende Februar bis in den April dauernden Paarungszeit seine 3-7, etwa neun Tage blind bleibenden Jungen, die es sorgsam nährt und nach Störungen in ein anderes Nest trägt. Nachdem sie entwöhnt wurden, schleppt ihnen die Mutter, vielleicht auch der Vater, noch einige Tage lang Nahrung zu; dann werden sie ihrem eigenen Schicksal überlassen. Doch bleiben sie, häufig spielend und gemeinsam Nahrung suchend, noch längere Zeit beisammen, bevor sie sich zerstreuen. Im Juni wirft die Alte das zweite Geheck, dessen Mitglieder sich später oft mit denjenigen des ersten vereinigen, um in demselben Waldesteil ihr Wesen zu treiben. Im Edelmarder hat das Eichhörnchen seinen furchtbarsten Feind. Das muntere Tierchen ist eine der Hauptzierden unserer Wälder und läßt sich, jung gefangen, leicht zähmen. Es gewöhnt sich bald an seinen Herrn und wird wegen seiner Lebhaftigkeit in Verbindung mit großer Reinlichkeit gerne gehalten.

Wichtiger ist für die Alpenländer, die Pyrenäen und Karpaten das ~Murmeltier~ (Arctomys marmotta), das auf den höchsten Steinhalden des Hochgebirges, wo kein Baum und Strauch mehr wächst, auf ringsum von steilen Felswänden eingerahmten, der Sonne möglichst Zutritt gewährenden Grasplätzen lebt und sich am liebsten von saftigen Bergkräutern und deren Blüten ernährt. Es erreicht eine Leibeslänge von 51 cm, außer der Schwanzlänge von 11 cm, bei einer Höhe von 15 cm, ist dicht schwarzbraun behaart, lebt während des Sommers paar- oder familienweise in nur 1, höchstens 2-4 m langen Sommerwohnungen, deren oft kaum das Durchzwängen einer Faust zulassender Gang in einen erweiterten Kessel führt. Dieser ist bald einfach, bald in zwei Arme geteilt, von denen der eine zum Wohn- und Schlafkessel, der andere zum Abort führt. In letzterem Fall wird er auch im Winter benutzt und hat dann einen geräumigeren Wohnkessel. Im ersteren Falle wird eine besondere Winterwohnung bezogen, die 300-600 m tiefer liegt und durch eine 2-6, ja 8 m lange, am Ende meist aufwärts gerichtete Röhre in eine 1-2 m im Durchmesser haltende, längliche oder runde Kammer führt, die die Tiere schon im August mit abgebissenem und getrocknetem Grase und Kraut beschicken. Die losgegrabene Erde der selten tiefer als 1,5 m unter dem Rasen liegenden Höhle wird nur zum kleinsten Teile hinausgeschafft; das meiste wird festgetreten, wodurch die Gänge fest und hart werden. Noch ehe sich die 5-15 Glieder starke Familie zum Winterschlaf in den Bau begibt, wird dessen Winterbenutzung durch davorliegende Heureste verraten. Nach den ersten rauhen Tagen gegen Ende Oktober wird die Winterwohnung bezogen und ihr Eingang mit Heu, Erde, Steinen verstopft, damit kein Raubtier eindringe. Hier ruht die zuvor gemästete Gesellschaft zusammengerollt im Winterschlafe unter stark verminderter Lebensintensität, wobei sie die geringe Wärmeabgabe durch Verbrennen des zuvor angesammelten Fettes bestreitet. Im April erscheinen sie dann stark abgemagert vor der Öffnung ihrer Winterwohnung, um an schneefreien Stellen etwas verdorrtes Gras zur Stillung ihres Hungers zu fressen. Dann verzehren sie wohl auch von dem bis dahin nur als Lager dienenden, im Herbste eingetragenen Heu. Sobald die Vegetation wieder zu sprossen beginnt, finden sie reichlich Futter und erholen sich bald von ihrer Abmagerung, paaren sich, und schon im Juni findet man die 4-6 zuerst aschgrauen, später gelbbraun werdenden Jungen, die sich, ehe sie etwas herangewachsen sind, selten vor dem Baue zeigen. Sie werden von der auf den Hinterbeinen sitzenden und die Vorderbeine weit ausgespreizt haltenden Mutter lange gesäugt und bleiben bis in den nächsten Sommer hinein bei den Eltern. Auch die Familien, die keine höher gelegene Sommerwohnung beziehen, machen oft weite Gänge auf blumenreiche Weideplätze, von denen sie den unwillkommenen, unter erbärmlichem Geschrei fliehenden Artgenossen durch tüchtige, mit den Vorderpfoten auf Kopf und Rücken ausgeteilte Hiebe vertreiben. Dabei fressen, spielen und ruhen sie abwechselnd. Alle Augenblicke sehen sie sich um und überwachen mit der größten Aufmerksamkeit die Umgebung. Das erste, das etwas Verdächtiges bemerkt, einen Raubvogel, Fuchs oder Menschen, pfeift tief und laut durch die Nase, die übrigen wiederholen das Warnungssignal teilweise und im Nu sind sie in die benachbarten Löcher verschwunden. Bei dieser ihrer Wachsamkeit ist es für den Jäger sehr schwer, sie zu beschleichen. Deshalb erbeutet man gerne die Murmeltiere durch das vielerorts allerdings verbotene Ausgraben der Baue, auch wohl in Fallen, die man oft nur für die alten Tiere einrichtet. Man sucht sie auch mit eigens darauf abgerichteten Hunden auf, die ihnen den Rückweg zum Bau abschneiden und sie in den nächsten Schlupfwinkel treiben, wo sie mit einem Stock totgestoßen werden. Da ihr Gewicht im Herbst auf 6-8 kg steigt, liefern sie einen nicht zu verachtenden Braten. Ihr Fleisch hat zwar einen erdigen Wildgeschmack, wird aber gewöhnlich durch Einreiben und Abbrühen mit Salz und Salpeter und Räuchern während einiger Tage vor dem Kochen wohlschmeckender. Das Fett dient den Gebirgsbewohnern als Arznei für allerhand Übel, der frisch abgezogene Balg wird bei Rheumatismus angezogen, und die Tiere selbst dienen dem Älpler als Wetterpropheten. Im halbwüchsigen Alter gefangene Junge lassen sich leicht auffüttern und werden im Umgang mit dem Menschen sehr zahm und zutraulich. Sie achten auf den Ruf ihres Pflegers, sind gehorsam und gelehrig, so daß man ihnen allerlei Kunststücke beibringen kann. Früher durchzogen arme Savoyardenknaben mit solch einem gezähmten Murmeltier Almosen heischend die Städte und Dörfer. Neuerdings ist jedoch der intelligentere Affe an dessen Stelle getreten, und wandern nun an Stelle der Savoyarden Italiener damit durchs Land.

Von andern Nagetieren werden noch die baumbewohnenden, in Wäldern, Hainen und Baumgärten lebenden ~Bilche~ oder ~Schlafmäuse~ (Myoxus) gelegentlich gefangen gehalten. Sie sind zwar außerordentlich reinlich wie die Murmeltiere, aber im Gegensatz zur Zutraulichkeit jener scheu und wenig liebenswürdig. Besonders unfreundlich benimmt sich der gefangen gehaltene ~Siebenschläfer~ (Myoxus glis), der sich durchaus nicht an seinen Pfleger gewöhnt und ihn, wie jeden andern, der sich ihm nähert, wütend anknurrt. Dieses besonders die Eichen- und Buchenwaldungen Süd- und Osteuropas bewohnende, 16 cm Leibes- und 13 cm Schwanzlänge erreichende aschgraue Tier, das sich tagsüber verborgen hält und nur nachts nahrungsuchend in seinem Revier herumstreift und von einer Gefräßigkeit ohnegleichen ist, außer Eicheln, Bucheln, Kastanien, Hasel- und Walnüssen auch saftiges Obst liebt und alle kleinen Tiere, denen es begegnet und die es zu überwältigen vermag, mordet und frißt, sammelt gegen den Herbst Nahrungsvorräte ein und speichert sie in seinen Höhlen auf. Diese macht es in trockenen Erdlöchern, in altem Gemäuer oder in tiefen Baumhöhlungen zurecht, bereitet sich ein Nest von zartem Moos und fällt darin, gewöhnlich mit mehreren seiner Artgenossen gemeinsam, zusammengekugelt gegen den Oktober hin in tiefen Schlaf, der gewöhnlich sieben Monate lang andauert. Es erwacht daraus Ende April, paart sich und wirft in seiner Höhle 3-6 nackte und blinde Junge, die sich sehr rasch entwickeln und schon vor dem Herbste selbständig sind.

Im Herbste wird der Siebenschläfer durch Ansammlung von Brennmaterialien für seinen sieben Monate dauernden Winterschlaf recht fett und galt in diesem Zustande den alten Römern als Leckerbissen. Sie wurden von ihnen in besondern Zuchtanstalten (glirarium von glis = Siebenschläfer) gezogen und zum Verbrauch gemästet. Eine solche umfaßte nach Varro einen kleinen Hain von Eichen, der von einer glattwandigen Mauer umgeben war, damit sie nicht hinausklettern konnten. Darin machte man ihnen zum Schlafen und Nisten geräumige Höhlungen zurecht. „Das Mästen geschieht in großen, faßartigen Töpfen, an deren Wänden inwendig Treppen sind; auch muß eine Höhle darin sein, worin die Tiere ihr Futter verstecken können. Die Mast wird durch Eicheln, Walnüsse und Kastanien, die im Überflusse gereicht werden, bewirkt; dabei wird das Faß dunkel gehalten.“ Der drei Generationen später lebende Plinius bemerkt in seiner Naturgeschichte: „Der Siebenschläfer (glis) ist ein Tier, dessen Genuß, gleich dem der Austern und ausländischen Vögel, durch Gesetze der Zensoren und des Konsuls Marcus Scaurus verboten wurde. Der Erfinder der Tiergärten (Fulvius Lupinus) hat auch die Kunst erfunden, Siebenschläfer in Töpfen zu mästen. Es ist dabei wohl zu beachten, daß man nur Landsleute aus demselben Walde zusammenstecken darf; denn wenn fremde dazukommen, und wenn sie nur durch einen Berg oder Fluß getrennt gelebt hatten, so beißen sie sich tot. Ihre abgelebten Eltern versorgen sie mit kindlicher Liebe. Mit jedem Frühjahr erwachen sie verjüngt. Ihre Winterruhe ist von der der Haselmäuse (nitela) nicht verschieden.“ Heute noch stellt ihm der Mensch überall da, wo er häufig ist, teils des Fleisches, teils des Felles wegen eifrig nach, lockt ihn in Fallen aller Art und künstliche Winterwohnungen, um ihn darin zu erbeuten. In Unterkrain erbeuten ihn die Bauern in mit einer saftigen Birne oder Pflaume beköderten Schnellfallen. Außerdem gräbt man teilweise mit Obst gefüllte Fässer in die Erde, in die ein Rohr führt, in welchem Eisendrähte so befestigt werden, daß sie wohl das Hineinschlüpfen, aber nicht das Herauskommen des Bilches gestatten. Hier fangen sich die Tiere oft in so großer Menge, daß mancher Bauer während eines Herbstes 200-400 Bilche erbeuten kann.

Im Gegensatz zum knurrigen Bilch und dem ebenso verdrossenen ~Gartenschläfer~ (Eliomys nitela) wird die anmutige, niedliche, gelblichrote ~Haselmaus~ (Muscardinus avellanarius), deren Heimat Mitteleuropa ist und die nicht selten in Dohnenstiegen gefangen wird, weil sie auch den Beeren der Eberesche nachgeht, ein höchst beliebter Stubengenosse des Menschen. In England wird sie wie Stubenvögel zu Markt gebracht und wie diese sehr viel in Käfigen gehalten. Sie verliert in der Gefangenschaft bald ihre Scheu, wenn auch nicht ihre Furchtsamkeit, und gewöhnt sich rasch an den Menschen. Durch ihre große Reinlichkeit, Liebenswürdigkeit und Verträglichkeit mit ihresgleichen, die zierlichen Bewegungen und ihr munteres Wesen wird sie bald zum Lieblinge des Menschen. Sie frißt anfänglich nur nachts, sparsam und bescheiden und fällt auch in der Gefangenschaft in Winterschlaf, wenn die Örtlichkeit nicht stets gleichmäßig warm gehalten wird. Sie versucht sich dann ein Nestchen zu bauen und hüllt sich in dieses oder schläft in einer Ecke ihres Käfigs. Bringt man sie wieder an die Wärme, z. B. zwischen die warme Hand, so erwacht sie, schläft aber bald wieder ein.

Ein für uns Mitteleuropäer nur ausnahmsweise in Betracht kommender Wildhund ist der ~Wolf~ (Canis lupus), der in Paaren oder einzeln sowohl offenes Land als auch Wälder bewohnt, am Tage wie in der Nacht beutelüstern umherschweift und sich manchmal, besonders im Winter, zu Rudeln zusammentut, um gemeinsam unter Ausstoßen eines fürchterlichen Geheuls größeres Wild zu jagen und auch den Menschen anzufallen. So fielen im Jahre 1875 nicht weniger als 161 Menschen russischen Wölfen zum Opfer. Die Wölfe, die beim scharenweisen Durchstreifen einer Gegend in einer Reihe hintereinander herlaufen, verfolgen ihre Beute in einem außerordentlich ausdauernden Galopp, reißen ein eingeholtes Tier nicht sofort nieder, sondern verwunden es, folgen ihm, beißen es abermals und hetzen es so zu Tode. Pferde- und Rinderherden schließen, sobald sie Wölfe wittern, einen Kreis und stellen sich, die Pferde mit den Hinterbeinen, die Rinder mit den Hörnern, zur Wehr, greifen einzelne Wölfe auch ohne weiteres an. Nicht bloß große Rudel, sondern auch einzelne Wölfe können ein entsetzliches Geheul ausstoßen, das selbst den Menschen vor diesem sonst feigen Tiere erzittern läßt. Die Paarungszeit des Wolfes dauert vom Dezember bis in den April. Die 14 Tage dauernde Ranzzeit der Wölfin tritt nämlich bei alten Weibchen früher ein als bei jüngeren. Während der Paarungszeit kämpfen die Männchen oft auf Leben und Tod. Etwa 13 Wochen nach der Paarung wirft das Weibchen in Felshöhlen oder Erdlöchern 6-10 neun bis vierzehn Tage lang blindbleibende Junge, die bis zur nächsten Ranzzeit bei der Mutter bleiben, bis zum dritten Jahre wachsen, dann auch fortpflanzungsfähig werden und ein Alter von 12-15 Jahren erreichen. Junge Wölfe lassen sich leicht zähmen und gewöhnen sich gleich Hunden an ihren Herrn, weshalb es leicht zu verstehen ist, daß der Wolf in verschiedenen Abarten zum Stammvater eines großen Teiles der Haushunde wurde. Den alten Wölfen, denen großer Verstand und ungemeine Schlauheit innewohnt, sucht man in Schießhütten und auf Treibjagden beizukommen. Sie werden auch in tiefen, steilwandigen Gruben, sogenannten Wolfsgruben, gefangen, die man mit Reisig und darüber mit Moos und Schnee bedeckt, auf einer in der Mitte der Grube stehenden Stange mit einem Huhn oder dergleichen beködert und mit einem etliche Fuß hohen Zaun umgibt, der vom Wolfe übersprungen werden muß und ihn daran hindert, unzeitigen Verdacht zu schöpfen. Denn der Wolf ist außerordentlich vorsichtig und weiß unbekannten Öffnungen, Schlingen oder Fallen aus dem Wege zu gehen, wird jedoch auch in Tellereisen gefangen, soll sich aber, wenn er gefangen ist, häufig tot stellen und in einem geeigneten Augenblick entlaufen. Da er auch Aas angeht, wird ihm auch mit vergiftetem Fleische nachgestellt. Früher, als es in Europa noch viel Wölfe gab, waren sie eine wesentliche Gefahr der Herden. Noch heute ist bezeichnenderweise bei den Renntiere züchtenden Lappen das Wort Friede gleichbedeutend mit Ruhe vor Wölfen. In Rußland, das noch reich daran ist, fallen ihnen jährlich etwa 180000 Stück Großvieh und über 600000 Stück Kleinvieh, besonders Schafe, zur Beute. Laserewski bemißt den durch sie angerichteten Schaden an Haustieren auf 15 Millionen, an nutzbarem Wilde aber auf 50 Millionen Rubel (= 165 Millionen Mark). Dazu kommt noch, daß sie auch von der Tollwut befallen und dann Menschen wie Tieren gleich gefährlich werden. Selbst die Hunde hassen den Wolf und scheinen kein größeres Vergnügen zu kennen, als auf ihn Jagd zu machen. Auf der südrussischen Steppe, wo der Wolf in selbstgegrabenen Höhlen wohnt, wird er zu Pferd so lange gehetzt, bis er nicht mehr laufen kann, und dann totgeschlagen. Den größten Nutzen bietet er in seinem Winterfell, das als gutes Pelzwerk vielfach verwendet wird. Die besten und größten Felle kommen aus Skandinavien, Nordrußland, Sibirien und Nordchina und werden mit 10-25 Mark bezahlt. Außerdem gewähren viele Regierungen noch ein besonderes Schußgeld für die Erlegung eines Wolfes.

Ein kleinerer, aber noch viel listigerer Wildhund ist der ~Fuchs~ (Canis vulpes), der in den eigentlichen Wolfsgegenden verhältnismäßig selten ist, da der Wolf ihm feindlich wie dem Hund gegenübertritt und ihn tötet und frißt, wo er nur kann. In dem Maße aber als der Wolf ausgerottet wird, vermehrt er sich und weiß sich dank seiner Schlauheit und Gewandtheit auch da noch zu behaupten, wo dies andern Raubtieren nicht möglich wäre. Um zu rauben, zieht der Fuchs die Nacht dem Tage vor; doch jagt er an stillen Orten auch bei Tage. Den Tag über hält er sich mit Vorliebe in dichten Schonungen und mit Gestrüpp bewachsenem Gelände auf, um dort zu schlafen, bis er mit Eintritt der Dämmerung oder schon in den Nachmittagstunden auf Raub ausgeht. Dabei gilt seine Jagd allem Getier, vom jungen Reh an bis zum Käfer, vorzüglich aber den Mäusen, die den Hauptbestandteil seiner Mahlzeiten ausmachen. Auch Beerenfrüchte, Stein- und Kernobst, besonders Trauben, verschmäht er so wenig als Honig, wenn er solches haben kann. Am Bache lungert er umher, um eine Forelle oder einen Krebs zu erbeuten. Am Meeresstrand frißt er den Fischern die Netze aus; im Walde nimmt er die gefangenen Vögel aus den Dohnen- und Schnepfenstiegen. Als ungeselliges Tier geht jeder Fuchs seinen eigenen Weg und bekümmert sich um andere seiner Art nur insoweit, als es ihm Vorteil gewährt. Sobald die Füchsin Ende Januar oder Anfang Februar hitzig zu werden beginnt, was sich durch Schwellung der äußeren Geschlechtsteile und Austritt von etwas Blut aus der Scheide bekundet, beginnt sie unruhig umherzutraben. Zu mehreren folgen ihr dabei die männlichen Füchse, einer seine Füße in die Fußtapfen seiner Vorgänger im Schnee setzend. So geht es fast ohne Halt und Rast die ganze Nacht durch den Wald und über das Feld, bis schließlich einer das Ziel seiner Begierden erreicht hat und der Füchsin in ihr Lager folgt. Nach einer Tragzeit von 60-63 Tagen, gegen deren Schluß die Füchsin den selbstgegrabenen oder von einem daraus verjagten Dachse bezogenen Bau nur bei Nacht und für kurze Zeit verläßt und vom Gatten mit Raub versorgt wird, wirft sie 4-7 unbeholfene, 14 Tage lang blind bleibende, aber alle Milchzähne besitzende Junge, die sie mit großer Zärtlichkeit säugt. Sie verläßt sie in den ersten Tagen ihres Lebens gar nicht, später nur für kurze Zeit in der Nacht und scheint ängstlich bestrebt zu sein, ihren Aufenthalt zu verheimlichen. Etwa fünf Wochen nach der Geburt erscheinen die mit rötlichgrauem Grannenhaar über ihrem ursprünglichen Wollkleid bedeckten Jungen, um sich zu sonnen und untereinander oder mit der gefälligen Alten zu spielen. Diese beginnt ihnen lebende Käfer, Frösche, Mäuse und Vögel zuzutragen und lehrt sie dieselben fangen und verzehren. Scharf nach allen Richtungen hinsehend und riechend, überwacht sie die sorglosen, äußerst possierlichen Spiele der Jungen und veranlaßt sie, beim geringsten Verdacht einer Gefahr sofort in den Bau zu kriechen. Wird dieser stärker beunruhigt, so verläßt sie ihn mit den Jungen noch in der nächsten Nacht, wobei sie die zu weiten Wanderungen etwa noch zu schwachen Kleinen einzeln oder zu zweien im Maule wegträgt. Nur in höchster Not raubt sie gleich dem männlichen Fuchs in nächster Umgebung des Baus und nähert sich ihm höchst vorsichtig gegen den Wind, um ihre Jungen nicht zu verraten. Hat sie nichts Verdächtiges wahrgenommen, so naht sie sich dem Baue trabend, um ihre Beute vor ihm abzulegen und die hungrigen Jungen durch einen leisen Ruf zur Mahlzeit einzuladen, die sehr rasch beendet ist. Schon im Juli begleiten die Jungen die Alte in der Abenddämmerung in die Umgebung des Baus auf die Jagd und werden von ihr sorgfältig zum Rauben angeleitet, wobei ungeschickte Junge durch scharfe Bisse bestraft werden. Wenn das Getreide hoch genug ist, zieht die Fuchsfamilie nachts aufs Feld, wo manches junge Rebhuhn und mancher halbwüchsige Hase den jungen Füchsen zur Beute fällt, bis die Ernte die zu dieser Zeit nur selten zu Baue gehenden Tiere zur Rückkehr in den Wald zwingt, wo sie sich tagsüber im dichten Buschwerk verbergen. Wenn aber die Blätter im Herbste fallen, trennen sich die mit Vollendung des ersten Lebensjahres fortpflanzungsfähigen, aber erst nach Ablauf des zweiten ausgewachsenen jungen Füchse allmählich von der Mutter, um unter glücklichen Umständen, nach gefangenen zu urteilen, ein 16 Jahre übersteigendes Alter zu erreichen. Jung eingefangene Füchschen kann man leicht aufziehen. Sie werden, falls man sich viel mit ihnen abgibt, bald zahm, wenn auch nie eigentlich zutraulich, und erfreuen durch ihre Munterkeit und Beweglichkeit. Außer dem Menschen hat der Fuchs bei uns wenige Feinde. Dieser vertilgt ihn als Jagdschädling wo er kann mit Schießen, Fangen, Vergiften und Ausgraben und verwertet höchstens seinen Pelz. Durch Vertilgung sehr zahlreicher Mäuse, die, wie gesagt, seine Hauptspeise bilden, und deren er 20 bis 30 Stück pro Mahlzeit verbraucht, macht er sich einigermaßen nützlich. Auch er leidet wie Wolf und Hund gelegentlich an Tollwut und kommt dann am hellen Tage ins Innere von Dörfern, um dort alles zu beißen, was ihm in den Weg kommt.

Ebenfalls nicht selten in Mitteleuropa ist der ~Dachs~ (Meles taxus), der gelegentlich in Weinbergen und auf Rübenfeldern Schaden anrichtet, aber diesen reichlich durch Wegfangen und Verzehren von allerlei Ungeziefer, besonders Engerlingen und Mäusen, in Wald und Flur nützt. Unter allen Mardern ist er der nützlichste und ein Erhalter, nicht aber ein Schädiger des Waldes, weshalb er den weitgehendsten Schutz verdient. Auf der Sonnenseite dicht mit Gestrüpp bedeckter Hügel gräbt er sich mit seinen Krallen eine geräumige Höhle mit mehreren Ausgängen, von denen die wenigsten von ihm benützt werden, sondern als Notausgänge zur Flucht oder als Luftgänge dienen. Überall in ihr herrscht die größte Reinlichkeit, wodurch sich der Dachsbau vor allen übrigen ähnlichen unterirdischen Behausungen von Säugetieren vorteilhaft auszeichnet. Der Hauptraum im Bau, der Kessel, ist sehr geräumig und weich mit Moos ausgepolstert. In diesem traulichen Gemach ruht der Dachs während des Tages, um ihn erst, wenn die Nacht vollkommen hereingebrochen ist, zur Nahrungssuche zu verlassen. Nur ganz ausnahmsweise treibt er sich in stillen Waldungen während des Hochsommers schon in den späteren Nachmittagsstunden herum, um außer kleinen Tieren aller Art auch saftige Wurzeln, Buchnüsse und Obst zu verzehren. Nur zur Zeit der Paarung gesellt sich der Dachs vorübergehend zu einem Weibchen, bewohnt aber den ganzen übrigen Teil des Jahres allein einen Bau. In dem ihrigen wirft die Dächsin Ende Februar oder Anfang März 3-4, selten 5 bis zum zehnten Tage blinde Junge, die sie treu behütet und denen sie nach der Säugezeit so lange Würmer, Schnecken, Engerlinge, Wurzeln und kleine Säugetiere in den Bau schleppt, bis sie sich selbst zu ernähren vermögen. Schon nach 3-4 Wochen begeben sich die kleinen Dachse in Gesellschaft ihrer Mutter vor den Eingang der Höhle, um sich zu sonnen und zu spielen. Bis zum Herbst bleiben sie bei der Mutter, trennen sich dann und leben für sich, indem sie sich eine eigene Höhle graben. Im zweiten Jahre sind sie völlig ausgewachsen und beginnen sich fortzupflanzen. Der Dachs erreicht ein Alter von 10 oder 12 Jahren. In Gegenden mit kalten Wintern hält er einen Winterschlaf ab, wobei er die Mündungen seiner Wohnung verstopft. Schon in England, das ein verhältnismäßig mildes Klima besitzt, unterbricht er denselben. Jung eingefangene und sorgfältig aufgezogene Dachse werden sehr zahm und anhänglich, alte aber nie. Man fängt den Dachs in Fallen, jagt ihn mit Dachshunden oder Foxterriers aus seinem Bau und gräbt oder bohrt ihn aus. Nur ganz früh am Morgen kann man dem heimkehrenden Dachse wohl auch auf dem Anstande auflauern und ihn erlegen. Sein Fell wird für allerlei Pelzwerk verwendet, seine ziemlich steifen Haare geben ein gutes Material für Bürsten und sein Fleisch wird von Jägern gern verzehrt.

Ein Wassermarder von reichlich 1,2 m Länge, wovon 42 cm auf den Schwanz zu rechnen sind, ist der ~Fischotter~ (Lutra vulgaris), der ganz Europa und Asien nördlich vom Himalaja bewohnt. Er findet sich an allen fischreichen Gewässern, wo er sich mehrere unterirdische Wohnungen gräbt, deren Eingang sich stets etwa ½ m tief im Wasser befindet, um mit einem etwa 2 m langen, schief aufwärts steigenden Gang in einen regelmäßig mit Gras und Laub ausgepolsterten geräumigen Kessel zu führen, von dem ein zweiter schmaler Gang zur Vermittlung des Luftwechsels nach der Bodenoberfläche geht. Im Wasser ist er zu Hause und führt darin weite Streifzüge aus, um außer Fischen, die die Hauptmenge seiner Nahrung bilden, allerlei Wassertiere, Vögel und deren Eier und saftige Wurzeln nebst Obst zu erbeuten. Alte Fischotter leben gewöhnlich einzeln, alte Weibchen aber streifen lange Zeit mit ihren Jungen umher oder vereinigen sich mit andern Weibchen oder um die Paarungszeit mit solchen und Männchen und fischen dann in Gesellschaft. Neun Wochen nach der Paarung, bei uns gewöhnlich im Mai, wirft das Weibchen in seinem sichern Uferbau 2-4 fast schwarze Junge, die nach 9-10 Tagen die Augen öffnen und von der Mutter sorgfältig verpflegt werden. Im Alter von ungefähr zwei Monaten nimmt sie die Mutter auf den Fischfang mit, um sie in allen Otterkünsten zu unterrichten. Im zweiten Jahre sind sie schon erwachsen und fortpflanzungsfähig. Jung aus dem Nest genommen und richtig behandelt wird der Fischotter sehr zahm und anhänglich an seinen Herrn, dem er treu wie ein Hund auf Ruf und Pfiff folgt. Wie den Kormoran benützen die Chinesen auch ihn beim Fischfang. Daß ein so intelligentes, gewandtes Raubtier wie er im Fischstand eines Gewässers großen Schaden anrichtet, ist begreiflich. Nach dem Urteil Sachverständiger verzehrt er täglich wenigstens 1 kg Fische. Deshalb haben schon zu Beginn des Mittelalters Otterjäger von Beruf ihn gleich dem Biber mit eigens dazu abgerichteten Hunden gejagt. Sie standen unter den Fischmeistern und waren weniger angesehen als andere Jäger. Noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es an allen Fürstenhöfen und auf größeren Besitzungen Otterjäger, die sich zur Otterjagd besonderer Otterhunde bedienten. Diese schon längst ausgestorbene Rasse war niedrig, langgestreckt, stichelhaarig, dunkelbraun, mit seitwärts abstehenden Ohren, starkem Gebiß und von bissigem, zänkischem Charakter. Mit dem Schwinden der Ottern und Biber gerieten diese Otterjäger in Deutschland in Vergessenheit, während sich in England der Ottersport in früherer Blüte erhielt. Die Otterjagd wird auf verschiedene Weise betrieben, nämlich durch Ansitz auf den Otter, durch die Suche nach ihm mit Dachs- und Vorstehhunden, durch die Treibjagd, die Jagd mit Sperrnetzen, das Stechen des Otters mit dem Ger und durch die Parforcejagd. Der Ansitz auf den Otter ist wenig erfolgreich, die übrigen Jagdweisen, die nur mit Hunden betrieben werden können, sind nur in seichten Flüssen oder Bächen aussichtsvoll, während die Hunde in großen, tiefen Gewässern nichts auszurichten vermögen. Deshalb stellt man dem Otter, wo man ihm sonst nicht beikommen kann, mit Fallen nach und sucht ihn auch in Schlingen und durch Selbstschüsse zu erbeuten.

Ganz Europa, mit Ausnahme des höheren Nordens, namentlich Skandinaviens und Rußlands, bewohnt die ~Wildkatze~ (Felis catus), ein echtes Waldtier, das ausgedehnte, dichte Wälder der Mittelgebirge, namentlich Nadelwälder, bevorzugt, von denen sie in die Wälder des Flachlandes hinausschweift. In Mitteleuropa wird sie noch im Harz und in den Ostalpen, besonders aber in den ganz unbewohnten Gebirgswaldungen der Karpaten gefunden. Sie ist bedeutend stärker als die Hauskatze, hat einen dickeren Kopf, einen gedrungeneren Leib, einen kürzeren, buschigeren, schwarzgeringelten Schwanz, der von der Wurzel bis zum schwarzen Ende gleichmäßig dick, ja an der Spitze aufgetrieben erscheint. Ihre Farbe ist bräunlichgrau mit schwarzen Querstreifen, auf dem Scheitel mit schwarzen Längsstreifen und gelblich weißem Fleck an der Kehle. Sie erreicht eine Körperlänge von 70-90 cm und ein Gewicht von 9 kg. Sie ist äußerst scheu und lebt nur während der Ranzzeit oder solange die Jungen noch nicht selbständig sind in Gesellschaft, sonst stets allein. Den Tag über verbirgt sie sich gern in hohlen Bäumen, Felsspalten, verlassenen Fuchs- oder Dachsbauten, oft auch in dichtbewachsenen Sümpfen und tritt mit Beginn der Dämmerung ihre Jagdzüge an. Vorsichtig und listig, unhörbar sich anschleichend und geduldig lauernd, überfällt sie den Hasen in seinem Lager, den Vogel in seinem Nest, das Eichhörnchen auf dem Baume, springt dem Reh und dem Hirschkalb auf den Rücken und zerbeißt ihm die Halsschlagader, lauert an Seen und Wildbächen auf Fische und Wasservögel und weiß sie mit großer Geschicklichkeit zu erbeuten. Weitaus die Hauptnahrung aber bilden Mäuse und daneben kleine Vögel. Das in der Art der Fortpflanzung der Hauskatze nahestehende Tier wirft im April oder Mai sechs anfangs noch blinde Junge, bringt sie in Baumhöhlen, Felsspalten oder ähnlichen Verstecken unter, schleppt sie bei Befürchtung von Gefahr in ein anderes Versteck, gleicht im Benehmen sehr der Hauskatze, spinnt in guter Laune wie sie und drückt ihre Gefühle durch Bewegungen der Schwanzspitze aus. Vielfach vermischt sie sich mit der Hauskatze und erzeugt dann ungebärdige Junge, die leicht verwildern und sich wie der Vater raubend in den Wäldern herumtreiben.

Der früher überall in den Ländern nördlich der Alpen verbreitete ~Luchs~ (Felis lynx) wird gegenwärtig nur noch im Norden von Skandinavien und Rußland gefunden. Ostwärts verbreitet er sich durch den größten Teil des nördlich vom Himalaja gelegenen Teiles von Asien. In den entlegenen Gebieten der Alpen wird er gelegentlich noch erbeutet, ist in den Karpaten häufiger, wurde aber auf den Mittelgebirgen Deutschlands und Frankreichs längst ausgerottet. Die letzten fünf Luchse des Thüringer Waldes wurden zwischen 1773 und 1796, der letzte oberschlesische Luchs 1809, die letzten beiden Harzer Luchse 1817 und 1818, der letzte Luchs der schwäbischen Alb 1846, der letzte französische in dem Departement Haute-Loire 1822 geschossen. Er ist ein ausgesprochenes Waldtier, das mit Leichtigkeit Bäume erklettert, um von deren untersten Ästen aus dem Wild auf dessen Wechseln aufzulauern, ihm beim Vorübergehen ins Genick zu springen und die Halsschlagader aufzubeißen. Wie die Wildkatze ist der Luchs ein durchaus nächtliches Tier, das sich tagsüber in allerlei Schlupfwinkeln der dichten von ihm bewohnten Wälder versteckt hält, um nachts auf Raub auszugehen. Im Gegensatz zum Wolf hält sich der Luchs oft längere Zeit in ein und demselben Gebiete auf, um es nachts nach allen Richtungen zu durchstreifen. Größeres Wild zieht er kleinerem vor und scheint sich durchaus nicht mit Mäusefang zu befassen. Er schleicht den Rehen in den Waldungen, den Gemsen auf den Alpen nach, berückt Auer-, Birk-, Hasel- und Schneehühner und fällt räuberisch unter die Schaf-, Ziegen- und Kälberherden, unter denen er gelegentlich großen Schaden anrichtet, indem er mehr erwürgt als er zur Nahrung braucht, auch von einem von ihm geschlagenen Tier oft nur das Blut aufleckt und kleine Partien frißt, das übrige aber, Wölfen und Füchsen zur Beute, liegen läßt. Dadurch macht er sich dem Jäger wie dem Hirten gleich verhaßt, die ihn überall mit Eifer verfolgen. Jung eingefangen und an den Pfleger gewöhnt, wird er sehr zahm und zutraulich. Außer dem Kalbfleisch ähnlichen, sehr schmackhaften Fleisch, das noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts auf fürstlichen Tafeln als vorzügliches Mittel gegen Schwindel gegessen wurde, ist sein Pelz sehr gesucht. Die skandinavischen gelten als die schönsten und werden mit 30 Mark und darüber bezahlt. Sibirien liefert alljährlich etwa 15000, Rußland und Skandinavien etwa 9000 Felle. Die Pelze der Luchse des östlichen Sibirien kommen ausschließlich in den chinesischen Handel und werden von den an die Mongolei grenzenden Völkern, besonders den Chinesen, sehr begehrt.

Mit diesen letzteren Wildarten haben wir uns schon mit den eigentlichen Pelztieren befaßt, die wesentlich ihres schönen, dichten Felles wegen gejagt werden. Zu ihnen gehören auch Marder, Iltis, Wiesel, Hermelin, Zobel und die übrigen Marderarten, die wir im nächstfolgenden Abschnitte für sich betrachten wollen. Es sei hier nur noch bemerkt, daß zum Ersatz des vielfach ausgerotteten einheimischen Wildes vielfach fremdes eingeführt wurde, so beispielsweise Hasen und Rotwild aus Ungarn; doch sind die großen Hoffnungen, die man an diese Blutauffrischung knüpfte, nur zum geringen Teile erfüllt worden. Mit gutem Erfolge hat man jedoch das südeuropäische Wildschaf, den Muflon, aus Korsika und Sardinien, im Harz, im Thüringerwald und in anderen Gebirgsgegenden eingeführt. Seine Lebensgewohnheiten wurden auf Seite 135 besprochen, so daß wir an dieser Stelle nicht näher darauf einzutreten brauchen.

XXVI. Nützliche wilde Vögel.

Alle größeren einheimischen Vögel sind beliebte Jagdobjekte, von der scheuen Trappe und dem Urhahn bis zu den Rebhühnern. Die stattliche ~Trappe~ (Otis tarda) ist ein Bewohner der baumlosen Ebene, die außer der Brutzeit als Standvogel in geselligen Vereinen von 6-10, im Winter oft in Scharen von 50-100 Stück lebt. Von den entlegensten Brachfeldern, auf denen sie stets Nachtruhe hält, zieht sie morgens früh auf ihre Futterplätze, wo sie außer größeren Insekten und Sämereien aller Art hauptsächlich Teile grüner Pflanzen frißt. Dabei reckt der scheue Vogel oft den Kopf in die Höhe, um sich umzusehen. Geht er ruhig seiner Nahrung nach, so schreitet er langsam und gemächlich einher, läuft er davon, so holt ihn ein flüchtiger Hund nur schwer ein. Im Fluge bewegt er sich mit langsamen Flügelschlägen ohne sonderliche Anstrengung. Im März kämpfen die Männchen um die Weibchen, bis die Paare sich gefunden haben und zu brüten beginnen. In der zweiten Hälfte des Mai, wenn sich das Weibchen im jungen Getreide verbergen kann, bereitet es das Nest in Form einer Mulde im Boden und brütet darin in 30 Tagen seine 3 Eier aus. Die zunächst sehr unbeholfenen, erst nach einigen Tagen ordentlich laufen lernenden Jungen verbergen sich mit der Mutter meist im Getreide und leben zuerst nur von Insekten und deren Larven, später von zartem Grün. Sie werden von den Eltern sorgsam bewacht und kräftig selbst gegen ebenbürtige Feinde verteidigt. Da die Trappen besonders im Alter kein wohlschmeckendes Fleisch haben, werden sie hauptsächlich wegen der Schwierigkeit, mit der ihnen beizukommen ist, gejagt. Um sie leichter beschleichen zu können, bedient man sich des Schießpferdes oder des Bauernwagens, verkleidet sich gelegentlich auch einmal als Bauernfrau mit dem obligaten Tragkorb.

In höherem Ansehen als sie stehen beim Weidmann die ~Ur-~ und ~Birkhühner~, von denen fast nur die Männchen im Vorfrühling -- von Ende März an -- auf der Balz, während welcher die sonst äußerst vorsichtigen Vögel weder sehen noch hören, geschossen werden. Das ~Urhuhn~, d. h. großes Huhn (Tetrao urogallus), ist ein echter Waldvogel und lebte ursprünglich im Tiefland, wurde aber mit der Ausrodung des Waldes aus der Ebene ins Gebirge hinauf vertrieben. In Europa ist es heute von den Gebirgen der südeuropäischen Halbinseln bis Rußland und zum Eismeer und durch Sibirien bis nach Kamtschatka verbreitet. Das meiste Urwild kommt in Asien, aber auch noch in Rußland vor. Allen andern Waldarten zieht es den Kiefernwald vor, lebt aber nur in ausgedehnten Waldbeständen mit reichem Unterwuchs und ernährt sich vorwiegend von Kiefernadeln, Wacholderbeeren und anderer Pflanzenkost.

Das ~Birkhuhn~ (Tetrao tetrix) dagegen liebt gemischte, lockere Waldbestände mit zerstreutem Buschwerk und erhielt seinen Namen nach seiner Vorliebe für Birken. Es äst gern Laubknospen und hat einen bestimmten Standort, den es nur wechselt, wenn es beunruhigt wird. Sein Verbreitungsgebiet stimmt mit dem des vorigen überein, doch lebt es sowohl im Tiefland, als im Mittel- und Hochgebirge, und geht in letzterem über die Baumgrenze hinaus. Seine Balzzeit währt von Mitte März bis Mitte oder Ende Mai; dabei balzt der Birkhahn im Gegensatz zum Urhahn, der dies stets auf Bäumen tut, fast ausschließlich auf dem Boden, auch fleißiger und zu verschiedener Tageszeit, nicht bloß wie jener in der Morgen- und Abenddämmerung. Auf den Balzplätzen des Tieflandes und des Mittelgebirges, auf Waldblößen, Weiden oder Torfstichen balzen manchmal gleichzeitig 20 und mehr Hähne, im Hochgebirge treten sie dagegen mehr vereinzelt auf. Je schlechter ein Forst bewirtschaftet wird, desto eher ist Birkwild darin anzutreffen. In Rußland und Sibirien verbreitet es sich mehr und mehr nach Norden, indem es vielfach die Stände des durch die großen Holzrodungen vertriebenen Urwilds einnimmt. In Neufundland ist es mit Erfolg eingeführt worden. In Mitteleuropa ist es weniger zahlreich als das Urwild vertreten, dagegen ist es im Norden zahlreicher als jenes. Infolge der stärkeren und besseren Bodenbewirtschaftung nimmt es bei uns mehr und mehr ab, wie auch das Haselwild.

Das ~Haselhuhn~ (Tetrao bonasia) ist das kleinste der mitteleuropäischen Waldhühner und liebt im allgemeinen ähnliche Standorte wie das Urwild, meidet aber die dem Birkwild besonders zusagenden wilden oder verwilderten Holzbestände und Kahlschläge. Gern lebt es an Waldstellen, wo es leicht zwischen Laub- und Nadelholz wechseln kann. Es ernährt sich vorzugsweise von Laubholzknospen und Waldbeeren, wie auch von kleinen Tieren aller Art. Es lebt vorzugsweise in den gemischten Wäldern von Mittelgebirgen und in den Vorbergen und dem Waldgürtel der Alpen, obwohl es ursprünglich mehr ein Vogel des Tieflandes als des Gebirges ist. Am reichsten an Hasel-, wie überhaupt an Waldhühnern, ist heute noch die russische Tiefebene. Je mehr in andern Ländern der Wald aus dem Tieflande verschwand, um so mehr hat sich das Haselhuhn in deren Gebirge zurückgezogen. Je mehr die unterwuchslosen, geschlossenen Hochwälder aus Reinbeständen namentlich von Nadelholz verschwinden, um so seltener wird das Haselwild, weil ihm dadurch besonders die zu seiner Äsung notwendigen Beerenfrüchte entzogen werden. Es hält sich vorzugsweise am Boden auf, wo es durch Scharren allerlei Insektenlarven und Gewürm verschiedenster Art zu erlangen sucht. Es läuft sehr gewandt und bildet familienweise ganze Ketten im Wald, kommt jedoch manchmal auch einzeln vor. Da es sich bei Beunruhigungen im Gestrüpp oder im dichten Astwerk versteckt oder sich an den Boden drückt, wird es von Unkundigen auch in gutbesetzten Revieren kaum je wahrgenommen. Es ist ein treuer Standvogel und liefert ein hochgeschätztes Wildbret. Es erzeugt mit dem Schnee- und Birkhuhn Bastarde.

Unter den beiden Arten der europäischen ~Schneehühner~ liebt das ~Moorhuhn~ (Lagopus albus) feuchte, mit Krüppelwald, besonders mit Birken- und Weidenbeständen, abwechselnde Niederungen und Moorgründe. Es lebt meist im Gestrüpp der Tundren und Moore, nicht aber im Waldinnern. Dieser mehr nordische Vogel ist in den Mittelgebirgen Schottlands und Skandinaviens sehr häufig und findet sich überall zirkumboreal außer in Grönland und auf Island, wo nur das Alpenschneehuhn gefunden wird. In Deutschland findet es sich nur im nordöstlichsten Preußen, wo es im Sommer in unzugänglichen Mooren brütet. Einzelne Moorhühner des Nordens überwintern in ihrem Brutgebiet, die Mehrzahl aber begibt sich nach Süden bis dahin, wo der Nadelwald aufhört und die Birkenbestände beginnen, um im April oder Mai auf ihre nordischen Brutplätze zurückzukehren. In Schottland und Skandinavien wird es wegen seines wohlschmeckenden Fleisches eifrig gejagt und in sehr großen Mengen auf den Markt gebracht.

Das ~Alpenschneehuhn~ (Lagopus mutus) lebt im Hochgebirge über 1800 m Höhe zwischen wilden Steinmassen, Zwergweiden, Alpenrosen, Legföhren und anderem Gesträuch. Im hohen Norden ist es der Begleiter des Schneehasen und Moschusochsen und durch sein dichtes Federkleid gut gegen die Kälte geschützt, weiß sich auch mit seinen gleich denen des Moorhuhns dicht befiederten Füßen tiefe Gänge in den Schnee zu graben, die es an seine Nahrung, die Knospen der verschiedensten Sträucher, bringen und es auch vor seinen Feinden schützen. Es ist kleiner und geselliger als das Moorhuhn und wird wegen seiner an Einfalt grenzenden Arglosigkeit leicht die Beute von Jägern und Raubvögeln. In Skandinavien bildet es, wie der Fisch an der Küste, so im Innern die gewöhnliche Fleischspeise, während das Moorhuhn mehr auf den Markt der südlichen Städte gebracht wird. Das Fleisch des Alpenschneehuhns ist indessen dunkler und weniger schmackhaft als dasjenige des Moorhuhns; es ähnelt dem Hasenwildbret.

Ein ausschließlicher Feldvogel, aber auch ein Freund von Gebüsch und niederem Gehölz, ist das ~Rebhuhn~ (Perdix cinerea). Es ist Standvogel und nur zum Teil Strichvogel, lebt im Winter familienweise, die übrige Zeit in einzelnen Paaren, die treu zusammenhalten. Im auf Saatfeldern, im hohen Wiesengras und Gestrüpp oder an Buschrändern gut versteckten Neste werden 10-12 Junge ausgebrütet, die von den beiden Eltern sorgsam behütet und zum Auffinden der aus Insekten, Getreidekörnern und anderen Sämereien, wie auch grünen Pflanzenteilen bestehenden Nahrung angeleitet werden. Erwachsen bilden sie mit den Eltern eine sogenannte Kette, die im Herbst mit Hilfe des Vorstehhundes gejagt wird. Hat derselbe mit seinem vorzüglichen Geruchssinn eine solche an den Boden geduckte Rebhuhnfamilie ausgekundschaftet, so bleibt er mit lang vorgestrecktem Hals und einer erhobenen Pfote wie angewurzelt stehen, bis der Herr sie sieht und auf sie schießen kann. Das im Grunde nicht sehr scheue Rebhuhn wird in Gegenden, wo es gejagt wird, sehr vorsichtig und weiß sich seinem Feinde durch rasches Verstecken zu entziehen. In Südeuropa tritt es seltener auf, desto häufiger aber in Mitteleuropa, wo es eines der gemeinsten Feldvögel und das gewöhnlichste Federwild ist. Auf Neuseeland wurde es vor einem Menschenalter mit Erfolg eingeführt.

Die alten Griechen und Römer fingen die Rebhühner mit Netzen, um sie teilweise zahm zu halten und die Männchen gegeneinander kämpfen zu lassen, wie dies heute noch auf den Kykladen mit Steinhühnern geschieht. Nach Oppian wurden sie in der Weise mit Netzen gefangen, daß man sie durch andere Rebhühner hineinlocken ließ, oder der mit einer Hirschhaut verkleidete Jäger schlich sich an sie heran, um sie in Schlingen oder auch Netzen zu fangen. Der etwas später, zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. lebende Grieche Älian schreibt in seinem Buch über die Tiere: „Diejenigen Rebhühner (perdix), die eine helle Stimme oder große Kampfeslust haben, sträuben sich sehr, wenn sie von Menschen gefangen werden, weil sie wissen, daß sie nicht zum Schlachten, sondern deswegen gefangen werden, weil sie durch ihre Stimme und den Kampfesmut ergötzen sollen. Diejenigen aber, die sich bewußt sind, daß sie weder als Sänger, noch als Kämpfer geachtet sind und zum Braten gefangen werden, sind schlau genug, dem Menschen seinen Spaß zu verderben; denn sie fressen nichts, wovon sie fett werden könnten, dagegen Knoblauch in großer Menge. Wer das weiß, gibt sich demnach mit dem Fang dieser Tiere keine Mühe; wer solches aber nicht weiß und auf den Fang geht, der erlebt an seinem Braten wenig Freude.“

Ein weiterer Bewohner der Grassteppe und Getreidefelder ist die ~Wachtel~ (Coturnix communis), die die milderen Gegenden Europas von Süditalien nördlich bis Mittelschweden, aber auch weit ausgedehnte Gebiete von Afrika, namentlich aber die Steppenländer Asiens bis nach Nordchina bewohnt. In Europa beherbergen Ungarn und die südrussischen Steppen die meisten Wachteln; in Deutschland hat ihre Zahl besonders im Süden stark abgenommen. Sie ernährt sich wie das Rebhuhn von Insekten, Sämereien und grünen Pflanzenteilen, ist in der Morgen- und Abenddämmerung am tätigsten und verläßt nur in der Mittagshitze ihr Versteck, um sich zu sonnen und im Sande zu baden. Sie fliegt nur ungern und verkriecht sich viel lieber, als daß sie sich einer Gefahr durch Fliegen entzöge. Auf freiem Felde überrascht, drückt sie sich ganz flach auf den Boden, was sie auch tut, wenn sie aufgescheucht wurde und sich wieder niederwarf. Im Frühjahr ist das Männchen sehr kampflustig und schlägt sich auf Leben und Tod mit Nebenbuhlern um ein Weibchen. Dann läßt es fleißig seinen bekannten Schlag hören, den die Römer mit „dic cur hic (sage, weshalb bist du da),“ die Deutschen mit „Bück den Rück“ oder „Flick de Büx“ wiederzugeben versuchten. Wegen dieses seines Balzgesangs wird die Wachtel gern als Stubenvogel gehalten. Sie wird im umgitterten Raume bald ganz zahm und schreitet in ihm auch leicht zur Fortpflanzung. Sogar in den Bauernstuben läßt man sie gern brüten und schätzt den Vogel wegen seines stets munteren Wesens und der Vertilgung manchen Ungeziefers. Noch mehr als bei uns ist die Wachtel in Persien und der Bucharei ein beliebter Stubenvogel, der nicht nur zahlreich in Käfigen gehalten, sondern auch als lebendiges Spielzeug viel in den Händen getragen und gehätschelt wird. Den wilden Vogel schießt man im Herbst wie das Rebhuhn vor dem Hühner- oder Vorstehhund oder fängt ihn in Netzen, und zwar oft mit der Wachtelpfeife, einem kleinen Instrument, das den die Nebenbuhler in die Schranken fordernden Schlag der Hähne oder den Lockton des Weibchens „Krüb krüb“ genau nachahmen muß.

Erst im Juli paart sich die Wachtel. Schon während des Brütens trennt sich das Männchen vom Weibchen; denn die Wachteln führen kein Familienleben wie die Rebhühner. Das Nest der Wachtel findet sich, gut versteckt, meist zwischen Äckergewächsen, seltener im Wiesengras und Sommergetreide, bildet eine kleine, kunstlos mit Hälmchen ausgekleidete Vertiefung, in der 8-14 Eier ausgebrütet werden. Gleich nach dem Auskriechen laufen die Jungen mit der Mutter davon und werden bald selbständig.

Die Wachtel gehört bei uns zu den Zugvögeln. Viele Wachteln überwintern zwar schon in Südeuropa, die meisten gehen aber weit nach Afrika hinein, teilweise bis nach Südafrika. Ende September ziehen sie ab; Mitte September ist der Zug am stärksten, bis anfangs Oktober die letzten Nachzügler abreisen. Die Wachteln fliegen zwar gut, reisen aber gern in der Richtung eines leichten Windes, werden durch Gegenwind veranlaßt, Land oder auch nur Klippen oder Sandbänke, selbst das Verdeck von Schiffen, wo sie ermattet und verwirrt liegen bleiben, aufzusuchen und sollen sich sogar auf den Meereswellen eine Zeitlang ausruhen, kommen aber häufig darin um. In zahlloser Menge erscheinen sie auf ihrem Zuge in Südeuropa und Nordafrika und werden dort in Menge gefangen, so daß sie für die betreffenden Bewohner eine ergiebige Nahrungs- und Erwerbsquelle bilden. Außer der spanischen Küste, Sizilien und manchen Gegenden Nordafrikas ist besonders auch Capri wegen der Ergiebigkeit des Wachtelfangs berühmt. Frühere Bischöfe, zu deren Sprengel das Eiland gehörte, hatten einen bedeutenden Teil ihres Einkommens dem Wachtelfang zu verdanken, der mit Fuß- und Halsschlingen, mit Klebe- und Steckgarnen, vornehmlich aber mit italienisch roccoli genannten Schlagnetzen ausgeübt wird. Die gefangenen, fetten Tiere werden gerupft, ihnen die Köpfe und Füße abgeschnitten, der Bauch geöffnet und die Eingeweide herausgenommen, sie dann wie Heringe verpackt und versendet. Schon die alten Griechen und Römer lagen diesem Fange ob, wie auch die Kinder Israels auf ihrem Zuge durch die Wüste. Der griechische Schriftsteller Oppianos sagt, daß man die Wachteln, wenn sie mit geschlossenen Augen aus Furcht vor dem Meere aufs Land fallen, in Garnen fängt, indem man sie entweder durch in Käfigen gehaltene Wachteln lockt oder in die man sie treibt, indem man ein Kleid auf zwei Stäbe steckt, hochhält und so vorwärts schreitet. In einem kürzlich in Ägypten aufgefundenen Fragment des im 3. Jahrhundert v. Chr. lebenden alexandrinischen Dichters Kallimachos soll ein Priester auf einer der Kykladen ungünstigen Wind für den Wachtelfang bitten... „wenn sich der Wachteln (órtix) Volk stürzt in das Netz aus Garn“. In seiner Naturgeschichte berichtet Plinius von ihnen: „Die Wachteln (coturnix) sind kleine, bei uns mehr an der Erde als in der Luft lebende Vögel. Sie fliegen scharenweise über das Meer und bringen, wenn sie sich dem Lande nähern, selbst Schiffe in Gefahr; denn sie fallen oft in solcher Menge, und zwar bei Nacht in die Segel, daß die Schiffe versinken. Bei ihren Reisen haben sie bestimmte Gegenden, in denen sie sich niederlassen, um zu ruhen. Bei Südwind fliegen sie nicht, weil dieser Wind ihnen zu feucht und schwer ist, und doch wollen sie mit dem Winde fliegen, weil ihr Körper schwer und ihre Kraft gering ist. Die Anstrengung, welche ihnen der Flug verursacht, geben sie durch klagende Töne zu erkennen. Sie fliegen daher vornehmlich mit dem Nordwind und unter Anführung des Wachtelkönigs (eines größeren Vogels, der mit ihnen zugleich nach Süden zieht, aber natürlich sie nicht anführt). Die erste Wachtel, die sich dem Lande naht, holt sich der Falke. Ziehen sie nun weiter, so tun sie sich nach Begleitern um und überreden die Glottis, die Horneule (otus) und den Cychramus, mitzufliegen. Erhebt sich ein dem Zuge widriger Wind, so nehmen die Wachteln kleine Steinchen als Ballast in die Füße, oder den Schnabel voll Sand und fliegen dann weiter. Sie fressen vorzüglich gern giftige Sämereien und werden deshalb nicht verspeist. Sie sind das einzige Tier, das gleich den Menschen am bösen Wesen leidet, und deshalb pflegt man, so oft man eine Wachtel sieht, auszuspucken.“

Daß die Römer nicht wie ihre Nachkommen, die heutigen Italiener, die Wachteln gern gegessen hätten, ist kaum anzunehmen. Sagt doch Varro zu Ende der Republik ausdrücklich: „Manche Leute mästen in ihren Vogelhäusern auch Ortolane und Wachteln und verkaufen dann beide teuer.“ Auch die Griechen verzehrten diesen Vogel gern, aber noch lieber benützten sie die, wie uns bezeugt wird, mit Netzen gefangenen und mit Hirse gefütterten Wachteln, wie heute noch die Chinesen und Süditaliener, zu Kampfspielen. Der 125 n. Chr. geborene griechische Schriftsteller Lukianos sagt, in Athen seien die Wachtelkämpfe sehr beliebt und häufig gewesen. Die Leute hätten sich dabei in großer Menge versammelt; ja, es habe ein Gesetz bestanden, das den Jünglingen gebot, den Wachtel- und Hahnenkämpfen zuzusehen, um von diesen Vögeln, die mit Hartnäckigkeit auf Tod und Leben kämpfen, Tapferkeit zu lernen. Nach dem Berichte des Plutarch war der junge Alkibiades (450-404 v. Chr.) in seiner Vaterstadt Athen auf den Markt gekommen, wo das versammelte Volk gefragt wurde, wer freiwillige Steuern bezahlen wolle. Da meldete sich Alkibiades. „Über diese Freigebigkeit war das Volk entzückt, klatschte und schrie, da vergaß Alkibiades selbst vor lauter Freude die (Kampf-)Wachtel, die er zufällig unter dem Mantel trug, lies sie los und sie flog davon. Nun schrien die Leute noch ärger, jagten hinter der Wachtel her und es gelang dem Steuermann Antiochus, sie wieder einzufangen.“ Der Philosoph Platon sagt, indem er auf die übertriebene Wachtelliebhaberei seiner Zeitgenossen anspielt, im Lysis: „Mir ist denn doch ein braver Freund lieber als die beste Wachtel oder der beste Hahn“, und der Komödiendichter Aristophanes nennt die Söhne seines Kollegen Karkinos „Hauswachteln“, weil sie sich zu Hause immerfort zankten. Er sagt von der Wachtel, sie lasse ihre Stimme während des Kampfes ertönen, das Rebhuhn dagegen vorher und der Haushahn nach dem Siege. An einer andern Stelle schreibt er, die Athener hätten denen, die sie liebten, gern Purpurhühner, Wachteln oder Gänse geschenkt. Noch um 200 n. Chr. waren die Wachteln als Kampfvögel bei den Griechen beliebt, denn der damals in Alexandrien lebende Athenaios nennt Leute, die gar zu erpicht auf Kampfwachteln sind, Wachtelnarren. Von ihnen übernahmen die Römer diese Liebhaberei, so daß wir die Behauptung des Plinius, daß man in Rom keine Wachteln esse, dahin deuten können, daß sie von den reicheren Römern lieber zu Kampfspielen denn als Braten verwendet wurden. Noch heute ist in vielen Städten Italiens, insbesondere in Neapel, der Wachtelkampf eine beliebte Volksbelustigung. Die Wachtelhähne werden mit Hirse gefüttert und dann auf jedes Ende eines länglichen Tisches einer gesetzt. Alsbald nähern sich die Tiere und hauen so wütend mit Schnabelhieben aufeinander ein, daß die Federn fliegen und das Blut aus offenen Wunden fließt, bis eines besiegt ist und die Flucht ergreift. Der Besitzer der siegreichen Wachtel bekommt den ausgesetzten Preis und kann das Tierchen, wenn es mehrmals gesiegt hat, oft für 10-12 Goldstücke verkaufen, da der Käufer durch weitere Siege diese Summe reichlich wieder einbringen kann. Allerdings haben schon im Altertum die besseren Elemente von dieser Volksbelustigung gelassen. So schreibt Marcus Antonius, er habe vom Philosophen Diognetos gelernt, keine Wachteln zum Vergnügen zu halten und überhaupt sich nicht mit Albernheiten abzugeben. Übrigens wurde damals die Wachtel außer zum Kampf auch zu Spielen aller Art verwendet. So schreibt Julius Pollux von einem griechischen Spiele, das Wachtelhieb genannt wurde. Dabei setzte einer seine Wachtel in die Mitte eines gezogenen Kreises; ein anderer aber versetzte ihr einen schwachen Hieb mit dem Finger. Wich nun die Wachtel nach diesem Hiebe aus dem Kreise, so hatte der Besitzer der Wachtel die Wette verloren.

Denselben Griechen verdankten die Römer und in der Folge das ganze Abendland die Einführung des ~Fasans~ (Phasianus colchicus), von dem wir erfahren, daß ihn einst die unter Anführung des Jason zur Erlangung des von einem grimmigen Drachen gehüteten goldenen Vließes ausgezogenen Argonauten, d. h. Schiffer auf dem Schiffe Argo, am Flusse Phasis, im Lande Colchis südlich vom Kaukasus kennen lernten und danach phasianós, d. h. den phasischen Vogel nannten. Dieser ursprünglich Westasien bewohnende Vogel ist heute durch den Menschen nicht nur in den Mittelmeerländern, sondern in Europa bis England und Norddeutschland, d. h. soweit die klimatischen Verhältnisse es zuließen, verbreitet worden. Schon die Römer, die ihn von den Griechen mit demselben Namen übernommen hatten, brachten ihn wie den Pfau in ihre Kolonien nach Südfrankreich und Helvetien, von wo aus er allerdings erst zu Ende des Mittelalters als Wildling weiter nordwärts vordrang. Während er heute in ganz Süddeutschland, Böhmen und Österreich im Zustande vollkommener Wildheit lebt, wird er in Norddeutschland noch unter Obhut des Menschen in sogenannten Fasanerien gehalten, und, wenn freilebend, wenigstens in strengen Wintern gefüttert. Als nunmehr vollkommen eingebürgertes Wild wird der Fasan mit dem Hühner- oder Vorstehhund in seinem Lager aufgesucht und zum Schuß gebracht, oder nach Zerstreuung eines Volkes in Steckgarnen gefangen. Man beschleicht auch die Hähne beim Balzen und stellt, wenn viele auf einmal geschossen werden sollen, förmliche Treibjagden auf sie an, wie dies bei großen Herren Mode ist.

Eine Lieblingsjagdart vieler Jäger ist die auf dem sogenannten Schnepfenstrich, wenn im ersten Frühjahr die ~Schnepfen~ aus ihren in Südeuropa gelegenen Winterquartieren zu uns in ihre Brutgebiete zurückkehren. Was dieser Jagd ihren besonderen Reiz verleiht, ist das dabei zu beobachtende Wiedererwachen der Natur, wenn schon die Wildtauben, das Rotkehlchen, die Amsel, die Heidelerche, die Bachstelze aus dem Süden eingetroffen sind und mit ihren Werbelauten den Wald beleben. Man unterscheidet drei Arten von Schnepfen.

1. Die ~Waldschnepfe~ (Scolopax rusticula), die mit Ausnahme einiger nordischer Inseln alle Länder Europas, wie auch ganz Mittel- und Nordasien bewohnt. Im Norden trifft man sie während des Sommers in allen größeren Waldungen an, wo sie, ohne einen Unterschied zwischen Laub- und Nadelholz zu machen, feuchte, sumpfige Stellen, niemals aber eigentliche Sümpfe und freie Moräste bewohnt. Nur in der Dämmerung begibt sie sich auf Waldwiesen und Viehtriften in der Nähe des Waldes, wo sie sich von allerlei Getier ernährt, die sie mit ihrem feinfühligen, langen Schnabel aus der Erde zieht. Fleißig wendet sie zur Erbeutung von Würmern, Schnecken und Insektenlarven das vermodernde Waldlaub um und bohrt in Rinderdünger, wie auch in von jenen belebten weichen Bodenschichten ihren Schnabel ein, den sie zum Erfassen und Verschlingen ihrer Beute nur vorne öffnet, ohne ihn aus dem Boden herauszuziehen. Laufend weicht sie zwar häufig einer Gefahr, z. B. einem Hühnerhund, aus und duckt sich, ihrer Schutzfärbung wohl bewußt, zu Boden, aber, um etwas zu suchen, fliegt sie am liebsten. Dabei bewegt sie sich in geringer Höhe langsamer als die übrigen Schnepfenarten.

Die ungeheure Anzahl von Waldschnepfen, die auf ihrem Herbstzuge fast alljährlich gefangen und vertilgt wird und trotzdem immer wiederkehrt, legt die Vermutung nahe, daß das Hauptbrutgebiet der Waldschnepfe die dünn bevölkerten, einsamen Wälder Nordrußlands und Sibiriens sind. Jedenfalls ist die Waldschnepfe im Osten und Norden viel reichlicher als Brutvogel vertreten als im Westen und Süden. Während sie schon auf den Karpaten in ziemlicher Zahl brütet, gehört sie im waldarmen Frankreich und England zu den seltenen Brutvögeln und wird auch bei uns fast nur auf dem Durchzuge geschossen, wenn sie je nach der Witterung von Mitte März an in ihre nordische Heimat zurückkehrt. Ihre Straße ist nicht stets dieselbe, so daß man sie in einem bestimmten Revier nicht alle Jahre gleich häufig zu sehen bekommt. Der Balzflug, der gewöhnlich nur in einer Höhe von 12-15 m ausgeführt wird und in der Abend- und Morgendämmerung nicht viel länger als ¼ Stunde dauert, niemals bei Kälte und Ostwind, besonders aber bei warmer, regnerischer Witterung und bei Südwestwind, der die stets mit dem Winde wandernden Schnepfen herbeiführt, stattfindet, ist eine Art Unterbrechung des Frühlingszuges, um dem Männchen ein Weibchen zu verschaffen oder einem schon gewonnenen seine Aufmerksamkeit zu erweisen. Wenn es dann liebetrunken mit dick aufgeblähtem Gefieder mit kurzen Flügelschlägen langsam unter Ausstoßen leiser, pfeifender und quaksender Töne über dem Gehölze streicht, fällt es dem Blei des Jägers zum Opfer.

2. Die ~Sumpfschnepfe~ oder ~Bekassine~ (Gallinago coelestis), deren Heimat ebenfalls der Norden Europas und Asiens ist. Auch sie überwintert in Südeuropa, Nordafrika und Indien und zieht Ende März und im April zu ihren Brutplätzen im Norden, um schon Ende August bis Oktober wieder ihre Rückreise in die Winterquartiere im Süden zu vollführen. In Norddeutschland, Dänemark, Skandinavien, Rußland und Sibirien ist sie sehr gemein und lebt dort auf sumpfigen Wiesen und Mooren zwischen Weiden- und Erlengebüsch. Ihr Nest findet sich auf kleinen Hügelchen und auf Grasbüscheln im Sumpf und enthält in der zweiten Hälfte des April vier Eier, die vom Weibchen ausgebrütet werden, während das Männchen morgens und abends über dem Nestplatz seinen eigentümlichen Balzflug vollführt. Mit dem Ausschlüpfen der Jungen hat der regelmäßige Balzflug ein Ende. Dank ihres geschützten Aufenthaltsortes und ihrer größeren Flugfertigkeit ist sie weniger Gefahren als die Waldschnepfe ausgesetzt. Wegen ihres schmackhaften Wildbrets, das jenes der Waldschnepfe entschieden übertrifft, wird sie allenthalben verfolgt, wenn auch nicht überall mit besonderem Eifer, da das Umherwaten im Sumpfe nicht jedermanns Sache ist. Wie die Waldschnepfen lassen sie sich auch in der Gefangenschaft halten, doch ist ihre Eingewöhnung keine sehr leichte.

3. Die ~Moorschnepfe~ (Gallinago gallinula), die kleinste aller Schnepfen. Sie ist ebenfalls ein Sumpfbewohner und hat ihre Heimat im Norden, besonders in Rußland und Westsibirien. Wie die andern Schnepfen wird sie an denselben feuchten Stellen bei ihrem Durchzuge geschossen, um als Leckerbissen verzehrt zu werden.

Von weiteren jagdbaren Vögeln sind die ~Enten~ und ~Gänse~ zu nennen, die besonders für die nordischen Völker eine wichtige Rolle spielen. Der bei uns häufigste Brutvogel unter den Wildenten ist die ~Stockente~ (Anas boscas), deren Nest man an buschreichen Ufern unter Weiden und Erlen, zwischen Schilfrohr und Sumpfpflanzen, im Grase oder auf mäßig hohen Bäumen in verlassenen Krähen- und Raubvogelnestern findet. Es enthält anfangs April 8-14 schmutzigweiße, von denen der, wie wir sahen, von ihr abstammenden Hausente nicht unterscheidbare Eier. Die nach 26tägiger Bebrütung aus ihnen ausschlüpfenden Jungen werden von ihrer Mutter auf versteckreiche Gewässer geführt, unter ihren Flügeln erwärmt und fast bis zur Erlangung vollständiger Flugfähigkeit sorgsam beschützt und geleitet. Sie ernähren sich mit der verschiedensten tierischen und pflanzlichen Speise. Während die Weibchen brüten und ihre Jungen aufziehen, vereinigen sich die Männchen zu kleineren oder größeren Gesellschaften. Die im Oktober ihr Jugendkleid verlierenden Jungen gehen dann mit den alten Artgenossen aus den stillen Gewässern auf die Flüsse, um hier Scharen zu bilden und, wenn das Wasser gänzlich zufriert, nach milderen Gegenden im Süden zu ziehen. In schräger Linie oder ein hinten offenes Dreieck bildend fliegen sie meist zur Nachtzeit nach Südeuropa, um schon im Februar oder März in ihr Brutgebiet zurückzukehren. Dieses erstreckt sich von der unteren und mittleren Donau, Süddeutschland und der Schweiz bis zur Waldgrenze im Norden und verbreitet sich auch über Nordasien und Nordamerika. Der äußerst scheue und vorsichtige, in der Gefangenschaft leicht zur Fortpflanzung zu bringende Vogel wird namentlich in Brüchen, wo er dem Samen des Schwadengrases nachfliegt, auf dem Morgen- und besonders auf dem Abendanstand erlegt. Auch fängt man ihn in Laufschlingen und mit Angeln, in großen Massen aber in den sogenannten Entenfängern oder Vogelkojen, die es freilich früher in größerer Menge als jetzt in Deutschland gab. Es sind dies fünfeckige Teiche, die an jeder der fünf Ecken spitz zulaufende, von Erdwällen umgebene und mit mannshohen Blendschirmen aus Schilfrohr eingefaßte Ausbuchtungen haben, die mit einem Netze bedeckt sind und in eine gewöhnliche Fischreuse endigen. Die Wälle und die Umgebung der Koje sind mit dichtem Buschwerk bepflanzt. Auf den Teichen und deren Ausläufen befinden sich zahlreiche zahme Enten, Spieß-, Pfeif- und Stockenten mit gestutzten Flügeln. Der Kojenwärter, der sich durch ein stets bei sich getragenes Torfräuchergefäß verwittert, streut dann seinen zahmen Enten Futter, meist Gerste, und lockt sie damit unter die Netze, wohin ihnen die Wildlinge ohne Bedenken folgen. Durch das Erscheinen des Kojenwärters aufgescheucht, wollen sie ihm entfliehen, wobei sie immer mehr in den Blindsack und schließlich in die Reuse geraten, wo sie getötet werden. Dann wird den Lockenten abermals Futter gestreut, und das Spiel beginnt von vorne. Ist eine Ausbuchtung zweimal abgetrieben, so kommt die nächste an die Reihe. So werden viele Tausende von Enten jährlich gefangen, z. B. auf der Insel Föhr in einem Herbst über 30000 Stück. Weniger aber als durch die Jäger und Entenfänger nimmt die Stockente infolge der zunehmenden Bodenkultur, besonders infolge der Trockenlegung von Wiesen und Sümpfen, bei uns ab.

Etwas kleiner als die Stockente ist die zu derselben Zeit nach Süden ziehende ~Schnatterente~ (Anas strepera), die ihren Namen dem schnatternden Rufe des Weibchens verdankt, an dem man sie, namentlich wenn das helle Pfeifen der Männchen dazwischen klingt, von allen andern in Deutschland vorkommenden Entenarten unterscheiden kann. Der auch durch einen eigentümlichen wippenden Flug ausgezeichnete Vogel bewohnt den Norden von Europa, Asien und Nordamerika und nistet mehr im Osten unseres Kontinents bis zum Schwarzen Meer. In Deutschland nistet er namentlich in Schlesien und in einigen Seen Ostpreußens. In das von ihr kunstlos hergestellte Nest legt das Weibchen 6-12 trüb olivengrünliche Eier, die sie selbst ausbrütet.

Häufiger als sie ist die ~Spießente~ (Anas acuta) mit langem, dünnem Hals und stark verlängertem Schwanz. Zu ihrem Aufenthalte wählt sie ausgedehnte Sümpfe mit vielen Wassergräben und freien Wasserflächen, dann große, schilfreiche Seen und verwilderte Teiche mit Wasserpflanzen aller Art, nicht aber buschreiche, im Walde versteckte Örtlichkeiten, wie sie die Stockente liebt. Hier findet man, bei uns in der zweiten Hälfte des April, 8-10 sehr bleiche, graugrüne Eier, die etwas kleiner als die der Stockente sind. Ihr Brutgebiet erstreckt sich über den Norden Europas, Asiens und Nordamerikas, wo sie ungefähr dieselben Gegenden wie die Stockente bewohnt, aber weiter nach Norden geht. Sie wandert vom Oktober an nach Süden und kehrt im März und April in ihr Brutgebiet zurück. Auf dem Zuge ist sie neben der Krick- und Pfeifente die häufigste Ente an der Nordseeküste.

Dasselbe Verbreitungsgebiet hat die ~Löffelente~ (Anas clypeata), die ihren Namen von dem vorn stark verbreiterten Schnabel hat. Sie zieht Ende August nach Südeuropa und Nordafrika, nach Indien und Südchina, um im März und April paarweise auf ihre Brutplätze zurückzukehren, wo man im Mai das zwischen Schilf und Binsen stehender Gewässer versteckte und mit 7-14 trüb gelblichweißen Eiern belegte Nest findet.

Die häufigste deutsche Sommerente nach der Stockente ist die ~Knäckente~ (Anas querquedula), obwohl sie später als jene bei uns ankommt und früher wieder abzieht. Sie hat ihren Namen von ihrer gewöhnlichen Stimme, ist klein und äußerst gewandt im Fliegen, so daß sie sich durch geschickte Schwenkungen selbst einem auf sie stoßenden Falken in der Regel zu entziehen vermag. Sie nistet vom Rhein bis nach Südschweden im Schilf oder Gebüsch an sumpfigen Gewässern. Ende April findet man 9-12 gelblichweiße Eier in ihrem Nest.

Ebenso zierlich von Gestalt, aber schöner wie sie ist die ~Krickente~ (Anas crecca), die ihr Brutgebiet weiter nördlich hat und auf dem Durchzuge fast überall an der deutschen Küste erscheint. Sie ist wenig scheu, fliegt schnell und geräuschlos und ist eine fertige Taucherin, die eine weite Strecke unter dem Wasser zurücklegen kann.

Ebenso mehr dem Norden eigentümlich ist die ~Pfeifente~ (Anas penelope), so genannt, weil sie beim Fluge einen lauten, pfeifenden Ton von sich gibt. Auch sie kommt auf dem Zuge regelmäßig an unsere Küsten und wird dann erbeutet. Ebenso im Norden, besonders in Rußland häufig ist die kleine ~Tafelente~ (Fuligula ferina), die mit einem vernehmbaren Rauschen fliegt und sich mit einem kleinen Anlauf von der Wasserfläche erhebt. Eigentliche Moore dagegen bevorzugt die verwandte ~Moorente~ (Fuligula nyroca). Sie gehört vorwiegend dem Osten von Europa an und reicht bis Turkestan.

Von den zahlreichen übrigen Enten ist besonders die ~Eiderente~ (Somateria mollissima) für den Menschen von Bedeutung, weil sie ihm die durch ihre Feinheit und Elastizität hochgeschätzten Dunen liefert. Sie ist ein echter Meeresvogel, der sich auf dem Lande nur schwerfällig fortbewegt und auch beim Fluge rasch ermüdet. Sie taucht vortrefflich und bleibt dabei gewöhnlich zwei Minuten unter Wasser. Sie taucht selbst in der stärksten Brandung unter und bringt von 20 bis 24 m tiefem Grunde ihre teils aus kleinen Tieren, besonders Miesmuscheln, teils aus Tang bestehende Nahrung in ihrem Kropfe herauf. Sie bewohnt den Norden der ganzen Erde und kommt in Europa von Jütland bis Spitzbergen vor. Je weiter nach Norden, um so häufiger wird sie. Schon in Mittelnorwegen lebt sie zu Tausenden, von den Küstenbewohnern durch besondere, leider nicht überall geachtete Gesetze geschützt und gehegt. Sie brütet mit Vorliebe auf kleinen Inseln, wohin der Eisfuchs, ihr gefährlichster Feind, nicht hingelangen kann, erst im Juni und Juli, und zwar nicht in einzelnen Paaren wie die echten Tauchenten, sondern in großen Gesellschaften zusammen. Das aus allerlei Stoffen der Umgebung, besonders Tang, höchst liederlich zusammengeschichtete Nest wird innen mit den feinen Dunenfedern ausgepolstert, die sich das Weibchen vom Bauche rupft. Diese sind bräunlichgrau und an der Wurzel weiß gefleckt, haften zwar so fest aneinander, daß auch bei starkem Wind nicht eine wegfliegt, trotzdem aber ballen sie sich nicht zusammen. Da, wo sich der Mensch um deren Brutgeschäft kümmert, indem er den Vögeln außer den Dunen auch die sehr wohlschmeckenden Eier nimmt, legt er alte Kisten und mit Brettern und Reisig überdeckte Steine zum Empfange der für ihn so überaus nützlichen Gäste bereit. So scheu der Eidervogel früher war, so zutraulich zeigt er sich jetzt, da er sich des Schutzes des Menschen sicher fühlt. Dreist kommen diese Vögel bis unmittelbar an das Gehöft des einsamen Küstenbewohners gewatschelt, ja begeben sich sogar in das Innere der Hütte, um sich einen passenden Platz zum Nest auszusuchen. So geschieht es nicht selten, daß manche Eidervögelweibchen in Kammern, Backöfen oder Ställen brüten und dadurch der Hausfrau fast lästig werden. Anfänglich begleitet das Männchen sein Weibchen regelmäßig bei allen diesen Fußwanderungen; wenn aber das Gelege vollständig geworden ist, verläßt es Nest und Weibchen und fliegt aufs Meer hinaus, wo es sich mit andern Männchen vereinigt und jenem das Brutgeschäft überläßt.

In bewohnten Gegenden kommt nun das Eiderentenweibchen nur selten dazu, seine erste Brut aufzuziehen, da die Nester regelmäßig der wertvollen Dunen und Eier beraubt werden. Einsichtige Eigentümer der Brutplätze von Eiderenten begnügen sich damit und lassen die Vögel dann gewähren; habsüchtige und unverständige Leute aber rauben ihnen nicht bloß die erste Brut von 4-6 Eiern, sondern auch die zweite, die aus 3, oder gar die dritte, die nur aus 2 Eiern, manchmal nur aus einem einzigen besteht und gleich der zweiten oft merklich kleinere Eier aufweist. Für das Wegnehmen der dritten Brut werden aber die Leute gewöhnlich durch den dauernden Abzug der Vögel bestraft. Da das Eiderentenweibchen, das sich, wenn ihm die Dunen wiederholt weggenommen wurden, trotzdem es sich den Bauch beinahe kahl rupft, für die späteren Gelege nicht mehr genug Dunen hat, so muß dann das Männchen herhalten, das sich auch vom Weibchen geduldig ausrupfen läßt, um es dann allerdings zu verlassen. Das Weibchen besorgt das Brüten und Aufziehen der Jungen allein. Die Norweger tragen die eben ausgeschlüpften Jungen gern in einem Korbe zum Meere, um sie dort auszuschütten. Ihnen folgen die besorgten Mütter, um wieder zu ihren Jungen zu gelangen, die sie dann an sich locken, um sie zum Leben im Wasser zu erziehen.

Für die armen Bewohner der Küsten des hohen Nordens ist der Handel mit Eiderdunen sehr wichtig; deshalb suchen sie die Eiderenten in die Nähe ihrer Wohnungen zum Brüten anzusiedeln, wo sie dann ganz zahm werden. Am wertvollsten sind die Dunen dann, wenn sie vor dem Brüten aus dem Nest genommen werden, da sie nachher meist verunreinigt sind. Ein Kilogramm gut gereinigter Dunen, zu dessen Gewinnung 10-15 Nester geplündert werden müssen, wird mit 30 Mark und darüber bezahlt. Zur Füllung eines Bettes sind etwa 2,5 kg Dunen nötig, die sich, auf einen kleinen Raum zusammengedrückt, bei nachlassendem Druck so schnell wieder ausdehnen, daß ein mit ihnen gefülltes Bett an Weichheit und Warmhalten seinesgleichen sucht. Die Eier werden wie die Hühnereier verwendet. Auch das Fleisch der Eiderente wird gegessen und ihr abgezogener Balg zur Anfertigung warmer Unterkleider verwendet. Geschossen wird die Eiderente auch auf dem hohen Meere selten. Der dort sehr scheue Vogel verlangt seines dichten Pelzes wegen einen tüchtigen Schuß mit grobem Schrot und ist so ungemein zählebig, daß er sich, wenn ihn der Schuß nicht augenblicklich tötet, durch Tauchen zu retten sucht, wobei er sich an Pflanzen auf dem Meeresgrund festbeißt, dort verendet und deshalb für den Schützen meist verloren geht.

Von den zahlreichen nordischen Vögeln dienen noch manche andere dem Menschen regelmäßig als Speise, so außer verschiedenen nordischen Enten und Gänsen auch die im hohen Norden brütenden ~Schwäne~ (Höcker-, Sing- und Zwergschwan), deren Fleisch, wenn die Tiere noch jung sind, äußerst zart und wohlschmeckend ist. Deren mit den Federn gargemachten Häute liefern ein kostbares Pelzwerk und die Dunen einen bedeutenden Handelsartikel. Auch ~Möven~, ~Segeltaucher~ und ~Pelikane~ liefern gutes Fleisch, geschätzte Eier und ein zu Muffen und Verbrämungen beliebtes Pelzwerk. Noch wichtiger als sie sind für den Menschen die ~Gänse~, von denen einzig die ~Graugans~ (Anser cinereus), die Stammutter unserer Hausgans, in Mitteleuropa brütet, während die übrigen Gänsearten mehr nördlich brüten und nur bei ihrem Durchzuge nach dem Süden bei uns geschossen werden. Nach der Überwinterung in Afrika erscheint dieses Tier bei uns in großen Gesellschaften mit viel Lärm, um in wasserreichen Einöden zu brüten. Hier kämpfen die jüngeren Männchen ums Weibchen, während die älteren schon gepaart sind. Das Weibchen legt, wenn es jung ist, 5, wenn es älter wird bis 10 trüb gelblichweiße Eier, die es mit von Brust und Bauch abgerupften Dunen umgibt. Es bebrütet sie mit der infolgedessen fast bloßgewordenen Haut und bedeckt sie beim jedesmaligen Verlassen des Nestes sorgsam mit Dunen, damit sie nicht etwa erkalten. Die den Eiern nach einer vierwöchentlichen Brutzeit entschlüpfenden Jungen werden von der Mutter noch einen Tag lang erwärmt, dann zum Aufsuchen zarter Pflanzennahrung aufs Wasser und später wieder aufs Land geführt, während der Vater ängstlich auf die Sicherheit der Seinen bedacht ist und sie beim geringsten Anzeichen von Gefahr warnt. Als junges Tier zu Ausgang der Ernte geschossen, liefert die Graugans einen vorzüglichen Braten, ist aber als scheuer, vorsichtiger Vogel schwer zu beschleichen. Sie wird meist morgens und abends auf dem Anstand erlegt. Meist verläßt sie uns im August, um nach Süden zu ziehen, wobei die flugfähigen Jungen schon im Juli den Eltern vorausgezogen sind. Die Graugans ist zierlicher und schlanker als die Hausgans, von der sie sich sonst nur durch ihr stets bräunlichgraues Gefieder unterscheidet.

Im September und Oktober trifft bei uns die den hohen Norden Asiens bewohnende ~Saatgans~ (Anser segetum) auf ihrem Zuge nach Süden ein, um entweder bei uns oder in südlicheren Gegenden zu überwintern und im April wieder auf ihre Brutplätze zurückzukehren. Etwas später als sie trifft die etwas kleinere, ebenfalls hochnordische ~Ackergans~ (Anser arvensis) teils als Durchzugsvogel, teils als Wintergast bei uns ein, während die dieselben Breiten bewohnende ~kurzschnäbelige Gans~ (Anser brachyrhynchus) mehr Westeuropa streift. Dagegen trifft man nicht selten bei uns im Winter die Nordasien bewohnende ~Bläßgans~ (Anser albifrons). Alle sind sehr vorsichtige, scheue Tiere, die sehr wohl den gefährlichen Jäger vom harmlosen Bauern zu unterscheiden vermögen. In China, wo sie in großer Zahl überwintern und gesetzlich geschützt sind, erweisen sie sich infolge des Schutzes, den sie genießen, viel zutraulicher gegen den Menschen als bei uns. Besonders zahlreich sind auch dort die Saatgänse, die sich sogar im Innern von Peking in Scharen niederlassen, während sie bei uns überall geschossen werden, wo sie sich zeigen.

In Waldrevieren gewinnt gelegentlich die Jagd auf ~Drosseln~ Wichtigkeit, da sie mitunter mehr abwirft als diejenige des übrigen Federwildes. Diese geschieht fast nur mit Dohnen in Form von an die unteren Baumäste aufgehängten Bügeln, die Vogelbeeren oder Holundertrauben als Lockspeise erhalten, bei deren Verzehrenwollen sich die armen Tiere an den heimtückischerweise angebrachten Schleifen aus Pferdehaar fangen und dabei erwürgt werden. Für solche Drosselarten, die, wie die Wacholder- und Ringdrossel, sich mehr an der Erde aufhalten, werden zwischen den von ihnen mit Vorliebe besuchten Wacholderbüschen Pferdehaarschleifen als sogenannte Laufdohnen am Boden befestigt.

Auch der ~Krammetsvogel~, so genannt, weil er auf seinem Durchzuge im Herbst gern Krammets- oder Wacholderbeeren nascht, oder die ~Wacholderdrossel~ (Turdus pilaris) ist ein vorzugsweise im Norden brütender Vogel, dessen Heimat fast die Grenze des Baumwuchses erreicht. Hier nistet er als ein echter Waldvogel in großen Kolonien gesellig in den lichten, niederen Wäldern des Nordens, um im November zu uns zu kommen, in gelinden Wintern auch wohl ganz bei uns zu bleiben, meistens aber nach Südeuropa und selbst Nordafrika zu ziehen. Er wird wegen seines Fleisches geschätzt; doch kommen als Krammetsvögel auch seine Verwandten auf den Markt, vor allem auch die ebenfalls hochnordische ~Weindrossel~ (Turdus iliacus) und die außer im Norden auch auf den Alpen und anderen südlichen Gebirgen lebende ~Ringdrossel~ (Turdus torquatus). Schon von Mitte September an führt der Herbstzug diese Drosseln in beerenreiche Wälder Südeuropas, Kleinasiens, Persiens und Nordafrikas, von wo sie Ende März oder im April in ihre kalten Brutgebiete zurückkehren. Mit ihnen wird dann auch die am liebsten in hohen Wäldern lebende, Nadelholz dem Laubholz vorziehende ~Misteldrossel~ (Turdus viscivorus) erbeutet, die ein nicht minder wohlschmeckendes Fleisch besitzt. Sie bewohnt Nord- und Mitteleuropa und Nordasien bis zum Himalaja hinauf. Im Norden ist sie Zug-, weiter südlich dagegen Strich- und Standvogel, der im Vorfrühling und Spätherbst familienweise umherstreicht, um Futter zu suchen und sich dabei vielfach in den schnöden Dohnen fängt.

Wie heute noch in den romanischen Ländern Südeuropas, vor allem in Italien, so wurde früher auch bei uns Jagd auf die Gesamtheit der kleinen Vögel gemacht, die auf ihrem Durchzuge, besonders im Herbst, gut gemästet nach Süden ziehen. Man benutzte und benutzt heute noch dazu den Vogelherd, den schon der Sachsenherzog Heinrich der Sage nach bestellt haben soll, als er im Jahre 919 von den Franken und Sachsen in Fritzlar zum deutschen Könige gewählt wurde. Davon erhielt dieser eigentliche Gründer des Deutschen Reiches, der die Einheit des von ihm innerlich gefestigten Reiches herstellte, seinen Beinamen der „Finkler“ oder der „Vogelsteller“. Zur Anlage eines solchen Vogelherdes wählt der Vogelsteller zur Zugzeit im Herbst eine hochgelegene, von den Zugvögeln regelmäßig besuchte Stelle, etwa einen bebuschten Hügel auf der Zugstraße. Hier stellt er ein großes Schlagnetz auf, stellt im Bereiche desselben Futter zum Speisen der hungrigen und Wasser zum Tränken der durstigen Wanderer auf und ladet diese durch besondere Lockvögel ein, bei ihrem Durchzuge sich hier niederzulassen und zu stärken. Dazu tut auch der in einer Rasen- oder Laubhütte versteckte Papageno mit der Lockpfeife sein Möglichstes, bis die armen Wichte, wenn sie sich müde und hungrig oder durstig niederlassen, durch Niederfallen des Netzes infolge eines Ruckes an der Schnur, gefangen werden, wonach ihnen meuchlings der Hals umgedreht wird. Heute schämen wir feinfühlig gewordenen Kulturmenschen uns solcher Roheit und lassen die durch Insektenvertilgung äußerst nützlichen und durch ihren ansprechenden Gesang uns lieben Vögel, die doch keinen nennenswerten Nährwert haben, lieber am Leben und an ihrer nützlichen Arbeit in Wald und Feld. Anders die gefühlsrohen, noch von der römischen Kaiserzeit an Blutvergießen und Tierquälerei nicht nur keinen Anstoß nehmenden, sondern sich vielmehr noch daran erfreuenden Romanen, die diese kleinen Leichname gerupft, an dünnen Weidenruten aufgezogen, auf den Markt bringen und ihren Volksgenossen gegen geringes Entgelt zum Braten und Verspeisen mit einer Reis- oder Maisspeise verkaufen. Wie in den Städten Italiens kann man auch in Marseille solche Vögel für billiges Geld kaufen. Es ist eigentlich eine Schande, daß solche Leckerei in einem sonst so hochstehenden Kulturstaate heute noch geduldet wird.

Unter allen diesen Vögeln sind besonders die Lerchen von den Feinschmeckern geschätzt. Unter ihnen versteht man in erster Linie unsere mitteleuropäische ~Feldlerche~ (Alauda arvensis), die auf allen Ebenen mit Getreidebau, auf öden Heiden und auf feuchten Marschländern, nicht aber im Wald, auf kahlen Bergrücken und in Ortschaften angetroffen wird. Auf einem ihm zusagenden Gebiet wählt sich jedes Pärchen einen kleinen Bezirk aus, worin es keinen Nachbarn duldet. In jubilierenden Trillern läßt das Männchen, während das Weibchen brütet, immer höher gen Himmel steigend, seinen Balzgesang erschallen, um sein Brutrevier gegen allfällige Eindringlinge zu behaupten. 2-3mal im Jahre brüten sie und von Ende September an ziehen sie in großen Gesellschaften in die Winterherberge nach Süden, um schon Ende Februar scharenweise in ihre Heimat zurückzukehren. In gelinden Wintern können manche auch in unseren Gegenden zurückbleiben. Doch sind es nicht sie, sondern Haubenlerchen, welche wir dann auf unseren Straßen, selbst in Städten, nach Futter suchend, umhertrippeln sehen. Die ~Haubenlerche~ (Galerita cristata) ist ein Gattungsgenosse der Heidelerche, deren flötender, abwechselungsreicher Gesang dem der Feldlerche wenig nachsteht. Sie ist ein echter Steppenbewohner, der in den Ebenen Mittelasiens von China und der Mongolei an bis Südrußland Standvogel ist und erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts sich bei uns in Mitteleuropa einbürgerte. Bei ihrem Vordringen nach Westen folgte sie hauptsächlich den großen Heerstraßen, auf denen sie ihre Nahrung sucht, besonders auch, indem sie den unverdauten Haferkörnern im Roßmist nachgeht, und in deren Nähe sie auch gern brütet. Man sollte meinen, jeder feinfühlige Mensch ziehe die so nützliche lebende Lerche mit ihrem unsere Ackerfluren belebenden und die Laut gewordene Poesie des Feldes darstellenden herrlichen Gesang der gebratenen vor. Dies ist aber leider durchaus nicht der Fall. Sie wird heute auch bei uns in Menge gegessen, wenn auch ihr Konsum seit 1850 auf etwa den vierten Teil zurückging. Immerhin verbraucht Berlin deren noch 30000, Wien 36000 und Paris gar 1500000 jährlich. In Frankreich kamen um 1750 zuerst in Pithiviers, dem Safranzentrum, die Lerchenpasteten auf, denen sich in unserer Zeit die „Lerchen in Aspik“ als eine Glanznummer des Frühstücksprogramms der Schlemmer neben der Gänseleber mit Trüffeln hinzugesellten. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ist ein besonderer Verehrer dieser feinen Bissen und die dazu nötigen Lerchen fangen und liefern ihm als besonderes Privileg die Halloren in die kaiserliche Küche. Wenn solches noch bei uns an tonangebender Stelle geschieht, so haben wir keine Ursache, den Romanen ihre Grausamkeit und Herzlosigkeit vorzuwerfen, daß sie solch edle Sänger einem so schändlichen Lose opfern! Auch die Tatsache, daß die Lerchen gut schmecken, entschuldigt nicht die Brutalität, die in ihrem Verspeisen liegt. Wir können nur die rohe Gesinnung des Schriftstellers Rosner bedauern, der 1894 schrieb: „Eine ausgebeinte, feiste schmucke Lerche ist allerdings nur ein Bissen, aber ein Bissen von wunderbarer Saftfülle und geradezu köstlichem Wohlgeschmack, der den ganzen Schmeckapparat bis in die feinsten Fibern hinein in namenloses Entzücken versetzt.“

Von den Feinschmeckern Chinas werden gleicherweise die ~eßbaren Vogelnester~ als eine der feinsten Delikatessen geschätzt und in großen Mengen nach China eingeführt, wo sie als die Geschlechtstätigkeit anregendes Mittel gelten und schon aus diesem Grunde sehr gesucht sind. Deren Erzeuger sind eine Art Segler Südasiens und Indonesiens, die ~Salanganen~ (Collocalia nidifica), die unsere Uferschwalbe etwas an Größe übertreffen und an den Wänden dunkler Höhlen aus dem zähen Schleim ihrer Speicheldrüsen ihre sehr bald erhärtenden, getrocknetem arabischen Gummi gleichenden zierlichen Nester erbauen. Die Höhlen, in denen sie auf Java und sonst nisten, sind Eigentum bestimmter Personen, die sie besonders zur Nistzeit streng bewachen lassen, damit kein Unberufener sich unerlaubterweise solche Nester aneigne. Dreimal im Jahre brüten diese Tiere, wobei sich Männchen und Weibchen alle 6 Stunden ablösen sollen. Dabei wird von ihnen niemals von einem Neste zweimal Gebrauch gemacht, sondern sie bauen für jede Brut ein neues Nest, an dem sie etwa einen Monat lang zu arbeiten haben, während das alte Nest mit der Zeit stinkend wird und abfällt. Der Zahl der Bruten entsprechend wird dreimal im Jahre geerntet, sobald die Jungen halbwegs flügge geworden sind. Dabei geht gleichwohl etwa die Hälfte der Jungen zugrunde. Doch vermindert sich die Zahl der Salanganen nicht wesentlich, da man an den Orten, wo man an die Zukunft dieser Vögel denkt, jährlich wenigstens eine Brut ganz ausfliegen läßt. Eine einzige, vom Meer ausgewaschene große Höhle an der Südküste von Java liefert 500000 Nester; verteilt man nun diese auf drei Ernten, so ergibt es sich, daß über 33000 Salanganen darin ihrem Brutgeschäfte obliegen. Alljährlich werden etwas über 5 Millionen Salanganennester nach China ausgeführt, die einen Gesamtwert von 6 Millionen Mark repräsentieren. Man benützt sie hauptsächlich zu Suppen; sie quellen im heißen Wasser auf und schmecken an sich fade, sollen aber in der sorgfältigen Zubereitung, die ihnen die Chinesen angedeihen lassen, köstlich zu essen sein, wie mir solche berichteten, die mehrfach Gelegenheit fanden, sie bei vornehmen Chinesen zu essen.

Wie einst bei unseren Vorfahren, so steht heute noch bei den Hirtenvölkern der asiatischen Steppen, den Kirgisen, Baschkiren und wie sie sonst heißen mögen, die Jagd mit Falken und Adlern hoch in Ehren. Man beizt mit ihnen Antilopen und Hasen, wie auch Wölfe und Füchse; dabei erscheinen die Jäger noch in Prunkaufzügen auf prächtigen Pferden, die ganz an die Jagdaufzüge der Deutschen im Mittelalter erinnern. Die Abrichtung der Jagdfalken und übrigen zur Jagd gebrauchten Raubvögel war ein eigener Zweig der Jägerei in Europa. Im Abschnitte über die Geschichte der Jagd wurde Näheres darüber berichtet. Von Europäern, die sich noch heute diesem Sport widmen, sind außer Russen und dem Herzog von Bedford in England nur die englischen Offiziere in Indien zu nennen. Diese reiten gern mit einem Jagdfalken auf der mit starkem Lederhandschuh bekleideten Rechten auf die Antilopenjagd.

Am großartigsten wurde von jeher die Falkenjagd in Mittelasien betrieben. So schreibt der weitgereiste Venezianer Marco Polo von seinem vieljährigen Aufenthalt in Zentralasien vom Tatarenchan Kublai ums Jahr 1290: „Im März pflegt Kublai Chan Kambalu zu verlassen; er nimmt dann etwa 10000 Falkner und Vogelsteller mit sich. Diese werden in Abteilungen von 200-300 Mann im Lande verteilt, und was von ihnen erlegt wird, muß dem Chan abgeliefert werden.“ Der Franzose Tavernier, der sich viele Jahre in Persien aufhielt, erzählt im Jahre 1681: „Der König von Persien hält sich über 800 Falken, wovon die einen auf wilde Schweine, wilde Esel, Antilopen und Füchse, die andern auf Kraniche, Reiher, Gänse und Feldhühner abgerichtet -- der fachmännische Ausdruck heißt abgetragen -- sind.“ 1827 schreibt der Engländer John Malcolm über die Falkenjagd in Persien: „Man jagt zu Pferde, mit Falken und Windhunden. Ist eine Antilope aufgetrieben, so flieht sie mit der Schnelligkeit des Windes. Alsbald läßt man Hunde und Falken auf sie los; die letzteren fliegen nahe am Boden hin, erreichen das Wild bald, stoßen gegen dessen Augen und halten es auf; inzwischen kommen die Hunde heran und packen es.“

Bei den Kirgisen und Baschkiren ist die Falknerei noch ein hochgeschätzter Betrieb, in welchem man Adler für großes und Falken, Habichte und Sperber für kleines Wild verwendet. Bei ihnen wird ein bewährter Jagdfalke so hoch bewertet, daß der glückliche Besitzer sich eher entschließen würde, sein Weib als seinen Vogel zu verkaufen. Die geschätztesten Jagdgehilfen des Menschen sind die ~Edelfalken~, unter denen, wie wir bereits besprachen, der den hohen Norden bewohnende, fast rein weiße ~Jagdfalke~ (Falco candicans) im Mittelalter der geschätzteste war. Man bezog ihn damals vorzugsweise aus Island, wo er auch noch brütet. Sonst begnügte man sich meist mit dem über ganz Europa verbreiteten, alle Erdteile vom hohen Norden bis in die heiße Zone bewohnenden ~Wanderfalken~ (Falco peregrinus). Während er im Norden auch häufig auf der flachen Tundra vorkommt, wählt er in den heißeren Ländern die kühleren Gebirgszüge zu seinem Aufenthalt. Dort baut er sein Nest auf dem nackten Boden, hier wählt er zur Errichtung seines Horstes am liebsten Höhlungen in unzugänglichen, nackten Felswänden oder nistet, wo er solches nicht haben kann, auf hohen Waldbäumen. Dabei wählt er gern, um sich Mühe zu ersparen, das Nest eines andern Raubvogels, eines Reihers oder Raben. Ist ein solches, das ihm passen würde, besetzt, so vertreibt er den betreffenden Eigentümer mit Gewalt. Er ist ein äußerst mutiger Vogel, der mit raschen Flügelschlägen meist niedrig über die Erde dahinfliegt. Auf einen aufgescheuchten Vogel, den er rasch überstiegen hat, stößt er mit reißender Schnelligkeit schief von oben herab. Er vermag nur fliegende Vögel zu erbeuten, da er mit so großer Heftigkeit auf sie stößt, daß er sich beim Stoßen auf den Boden verletzen würde. Seine Beute bilden Vögel von der Größe einer Lerche bis zu der einer Ente, ja einer Wildgans. Im Walde sind es Ur-, Birk- und Haselhühner, auf dem Felde vorzugsweise Rebhühner, die er wegfängt, um sie stets auf freiem Felde zu verzehren, niemals aber im Gebüsch, weshalb Bussarde und Milane oft über ihn herfallen, um ihm seine Beute abzujagen. Indessen vertreibt ihn nur die freche Schmarotzermöve aus seinem Gebiet. In Deutschland ist jetzt der Wanderfalke als Brutvogel selten. Als solcher zieht er im Herbste nach Süden, um indessen durch Besucher aus dem Norden ersetzt zu werden. Oft schlägt der Wanderfalke sein Winterquartier auf Türmen in belebten Städten auf, von wo aus er den Tauben nachstellt. So nistete im Jahre 1880 sogar ein Paar auf dem Turm der Petrikirche mitten in Berlin. Als großer Schädling kann er nicht geduldet werden und wird deshalb von Jägern und Taubenzüchtern aufs eifrigste verfolgt. Gefangen hält er sich bei sorgsamer Pflege jahrelang im Käfig und nimmt hier mit allerlei Fleisch vorlieb, verlangt aber viel Nahrung. Er ist der gewöhnliche Jagdfalke der Vergangenheit und Gegenwart, der auch dem Dorf Falkenwerd bei Herzogenbusch in Flandern den Namen gab. Dort bestand Jahrhunderte hindurch die beste und zuletzt einzige Falknerschule Europas. Da früher die an Ort und Stelle gefangenen Vögel für den großen Bedarf nicht hinreichten, reisten die Angestellten der Falkner oder diese selbst weit herum, selbst nach Norwegen und Island, um solche zu fangen. Dies geschah vorzugsweise im Herbst. Man behielt in der Regel nur die Weibchen, und zwar am liebsten die von demselben Jahre, weil diese sich zur Dressur am besten eignen. Die zweijährigen galten auch noch als brauchbar, ältere dagegen ließ man wieder fliegen. Der Fang geschieht in folgender Weise: Der Falkner sitzt gut verborgen auf freiem Felde und hält eine auf dem Boden sitzende Taube an einer etwa 100 m langen Schnur fest. 40 m vom Falkner entfernt geht diese Schnur durch einen Ring, neben welchem ein Schlagnetz liegt, von dem eine Schnur ebenfalls zum Falkner verläuft. Ist ein Falke im Anzug, was durch einen unweit der Taube gefesselten, äußerst eifrigen und scharfsichtigen Wächter, nämlich einen Würger, schon zu einer Zeit angezeigt wird, da das menschliche Auge durchaus noch nichts zu erkennen vermag, so wird der Taube mit der Schnur ein Ruck gegeben, wodurch sie emporflattert, den Falken anlockt und von ihm in der Luft ergriffen wird. Sobald dies geschehen ist, zieht der Falkner die Taube und mit ihr den sie krampfhaft festhaltenden Falken allmählich bis zum Ringe, wo plötzlich das Schlagnetz beide zudeckt. Der frisch gefangene Falke muß zunächst drei Tage hungern und wird dann in der früher angegebenen Weise abgerichtet. Ein gut abgerichteter Vogel wird nicht selten mit 800 holländischen Gulden (= 856 Mark) bezahlt.

Jedenfalls ist die Kunst, Falken zur Jagd abzurichten, eine uralte, schon von den asiatischen Kulturvölkern des hohen Altertums geübte. Der Grieche Ktesias aus Knidos, der von 416-399 v. Chr. als Arzt am persischen Hofe in Susa lebte und eine wertvolle persische Geschichte schrieb, die uns leider nur in Auszügen und Bruchstücken erhalten blieb, berichtet von den Indern, daß sie gern mit dem abgerichteten Falken jagen. Ums Jahr 75 hören wir von der Falkenjagd bei den Thrakern. Damals war sie auch schon bei den germanischen Stämmen eingeführt, doch haben weder die Griechen, noch die Römer sie ausgeübt. Erst ums Jahr 480 n. Chr. hören wir vom römischen Geschichtschreiber Sidonius Apollinaris, daß des römischen Kaisers Avitus’ Sohn, Hecdicius, der erste war, der in seiner Gegend die von den Deutschen Falkenbeize genannte und jedenfalls auch ihnen entlehnte Jagd mit dem abgerichteten Falken einführte. Dieser Sport fand bei den Vornehmen alsbald großen Beifall und selbst die Geistlichen taten mit, so daß man schon im Jahre 506 auf einer Kirchenversammlung zu Agda das Führen von Jagdfalken und Jagdhunden verbot. Wie die deutschen Stämme die auf die Jagd abgerichteten verschiedenen Raubvögel seit dem frühen Mittelalter überaus hochschätzten, haben wir bereits gesehen. Auch ihre Fürsten jagten mit Vorliebe hoch zu Pferd hinter dem Jagdfalken her. So wird von Friedrich I. Barbarossa, dem zweiten Kaiser aus dem Haus der Hohenstaufen (1123-1190), berichtet, daß er selbst Falken, Pferde und Hunde zur Jagd abrichtete. Sein Sohn, der mit der Erbin von Sizilien, Konstantia, vermählte und in Messina verstorbene Kaiser Heinrich IV. (1165-1197) war gleicherweise ein großer Liebhaber der Falknerkunst. Und dessen Sohn, Friedrich II., der sich ganz als Sizilianer fühlte (1194-1250), war ein leidenschaftlicher Falkner, der sogar ein namhaftes Buch über die Kunst, mit Raubvögeln zu jagen, schrieb. Noch der prachtliebende, aber ausschweifende König Franz I. von Frankreich (1494-1547) hatte einen Oberfalkenmeister, unter welchem 15 Edelleute und 50 Falkner standen. Die Zahl seiner Jagdfalken betrug 300. Sein Rivale, Kaiser Karl V., belehnte die Johanniter, den ältesten der drei geistlichen Ritterorden, im Jahre 1530 mit den Inseln Malta, Gozzo, Comino und dem Lande Tripolis unter der Bedingung, daß sie ihm jährlich einen nordischen weißen Jagdfalken liefern sollten. Selbst die geistlichen Herrn schwärmten für Jagdfalken und nahmen sie selbst in die Kirche mit, bis sie die ihnen lästige Formalität des täglichen Messelesens gedankenlos genug absolviert hatten. Als ihnen solches von ihrem Oberhaupte verboten wurde, blieben doch die Barone, über die jener keine Macht hatte, auf ihrem Recht, die Jagdfalken während des Gottesdienstes auf den Altar setzen zu dürfen. Die ganze mittelalterliche Poesie strahlt die Freude aus an diesem ritterlichen Sport und spricht an unzähligen Stellen vom Falken als dem Lieblingsgenossen des höfischen Menschen jener Zeit.

Außer dem nordischen weißen Jagd- und dem stattlichen Wanderfalken wurde aber auch das verkleinerte Abbild des letzteren, der ~Baumfalke~ (Falco subbuteo), gelegentlich zur Jagd abgerichtet. Als der schnellste unter allen europäischen Raubvögeln fliegt er leicht und pfeilgeschwind und überholt alle andern Vögel, selbst Schwalben und Mauersegler. Mit bewundernswürdiger Gewandtheit verbindet er große Kühnheit und Entschlossenheit; auch er fängt niemals sitzende, sondern nur fliegende Vögel, auf die er schief von oben herab so reißend schnell stößt, daß man seine Gestalt nicht zu erkennen vermag. Allerhand kleine Vögel, vor allem Lerchen und Schwalben, bilden außer fliegenden größeren Insekten, wie Heuschrecken und Käfer, die Nahrung des niemals Aas berührenden Vogels. Die Lerchen fürchten ihn so sehr, daß sie entsetzt zur Erde stürzen und sich mit den Händen greifen lassen, wenn er plötzlich erscheint. Erblicken sie ihn aber rechtzeitig, so retten sie sich in die Höhe, in die er ihnen nicht folgt. Ist das Getreide hoch genug, so daß sich die Lerchen darin vor dem Baumfalken verbergen können, beginnt er, sich mehr den Schwalben zuzuwenden, die die meisten anderen Raubvögel necken und verfolgen, vor ihm jedoch, gewöhnlich in einem lärmenden Schwarm, eiligst in die Luft, ins Röhricht oder in ein anderes Versteck fliehen. Wo er sich auch zeigt, ist die ganze Gegend in einem Augenblick schwalbenleer. Sieht der Baumfalke eine vom Haupttrupp abgelöste Schwalbe, so verfolgt er sie sogleich. Falls sie noch jung und weniger gewandt als eine Alte ist, ist sie schon nach wenigen Stößen verloren. Alte Schwalben entwischen einem noch ungeübten jungen Baumfalken leichter, und auch alte Baumfalken ziehen mißmutig ab, wenn sie 4-10 Fehlstöße getan haben. Zuweilen leitet der Baumfalke, als ob er die Vögel verwirren wolle, seine Jagd mit eigentümlichen Schwenkungen ein, und manchmal jagen Männchen und Weibchen gemeinsam, ohne sich indessen beim Verzehren der Beute vertragen zu können. Mit seiner Beute kehrt der Falke nach seinem vorher innegehabten Standorte auf einem hohen Baume zurück, um sie dort gemütlich zu verzehren. Diesen Standort verläßt der kleine Räuber erst ziemlich spät am Morgen, überkreist dann seinen liebsten Aufenthaltsort, den Wald, und begibt sich erst nach Sonnenaufgang auf die Feldjagd, bei der er nicht selten dem Hunde eines Jägers folgt, um die von ihm aufgescheuchten Lerchen und andere kleine Vögel dicht vor dem Jäger wegzufangen. Zum Nestbau hat er ebensowenig Lust als seine Verwandten und die meisten anderen Raubvögel. Zum Nisten benutzt er am liebsten ein fremdes, besonders ein Krähennest, das meistens erst im Juni 3-4 Junge, wie beim Wanderfalken, enthält. Sobald sie flugfähig sind, werden sie von den Eltern im Fluge gefüttert. Im September und Oktober verläßt uns der Baumfalk, um im April wieder zu erscheinen. Er bewohnt sonst die gemäßigten Länder Europas von Schweden bis zum Mittelmeer und die entsprechenden Breiten Asiens und überwintert im Süden.

Sehr häufig wurde auch der bedeutend größere, statt 30 wie jener 50 cm wie der Wanderfalk langwerdende ~Habicht~ (Astur palumbarius) besonders von den alten Deutschen zur Jagd abgerichtet. Sein liebster Aufenthalt sind mit Feldern und obstbaumbepflanzten Wiesen abwechselnde Wälder in der Nähe von Dörfern. Dort baut er sich auf einem hohen Baum, sei es Laub- oder Nadelholz, sein Horst, in welchem man in der zweiten Hälfte des April 2-4 Eier findet. Die oben mit grau-, unten mit reinweißen Dunen bekleideten Jungen sitzen zuerst mit geschlossenen Zehen auf den Fersen, lernen erst nach Wochen stehen und sind erst nach zwei Monaten befiedert genug, um auszufliegen. Die Mutter ist so überaus anhänglich an ihre Jungen, daß sie ihretwegen alle Vorsicht außer acht läßt und nicht nur auf Kinder, sondern auch erwachsene Menschen, die die Jungen bedrohen, mit Wut stößt. Allerlei Vögel und kleine Wirbeltiere, selbst Hasen, bilden die Nahrung des Habichts. Ein lähmender Schrecken ergreift alle kleineren Vögel bei seinem Erscheinen, so daß sie oft starr sitzen bleiben und sich vom Räuber greifen lassen. Flüchtende Vögel sind nicht einmal im Gebüsch vor ihm sicher; er springt ihnen zu Fuß nach und zerrt sie aus den dichtesten Dornen hervor. Gleich dem ihm an Gewandtheit ebenbürtigen Sperber stürmt er Waldrändern oder Zäunen entlang, auch wohl über ein niedriges Dach hinweg oder zwischen zwei Gebäuden hindurch und ergreift seine Beute so schnell, daß der erschrockene Vogel erst zu lärmen beginnt, wenn der Habicht schon mit ihm davonfliegt. Von allen Seiten, selbst von unten her ergreift er fliehende Vögel und versteht es auch, im Gegensatz zu den Edelfalken, auf sitzende zu stoßen. Mit seinen scharfen Krallen tötet er sehr rasch die meisten Tiere, selbst Raben; mit den Fängen und nie im Schnabel trägt er seine Beute davon. Am besten kann man sich an ihn schleichen, wenn er vollgefressen auf einem Aste ruht. Dagegen ist er wegen seiner Raubgier in Fallen und auf Vogelherden leicht zu fangen. Den Verlust der Freiheit ertragen alte Vögel nicht leicht; selbst mit Hilfe ihrer geraubten Jungen gefangene und mit ihnen zusammengesperrte Habichte gebärden sich so wütend, daß sie zuerst die Jungen auffressen und sich dann gegenseitig überfallen, wobei meistens das größere und stärkere Weibchen übrig bleibt. Junge Habichte indessen werden leicht zahm. Aber auch Wildfänge verstand man früher durch ein drei Tage und drei Nächte andauerndes, den Schlaf verunmöglichendes Wiegen zu zähmen, um sie für die Jagd abzurichten. Denn wie heute noch in der Tartarei und in Indien, war er früher bei uns als Jagdgenosse des Menschen teilweise noch höher geschätzt als die Edelfalken, zu denen er übrigens damals gerechnet wurde. In der Jagdkunst übertrifft tatsächlich der Habicht mit dem ebenso gewandten und mutigen Sperber, der gleich jenem sowohl auf schnellfliegende als auch auf sitzende Vögel stößt, selbst die Edelfalken. Das Ausnehmen eines Habichtnestes im Bannwalde wurde schon bei den alten Deutschen streng bestraft, ebenso, wie wir sahen, der Diebstahl eines für die Jagd dressierten Habichts. König Eduard III. von England (1312-1377), der grimmige Gegner Frankreichs, dem er einen Teil seiner westlichen Besitzungen entriß, der Stifter des berühmten Hosenbandordens, setzte sogar den Tod auf den Diebstahl eines Habichts, und ließ jeden, der ein Habichtnest ausnahm, auf ein Jahr und einen Tag ins Gefängnis setzen. Der Habicht bewohnt als Brutvogel die gemäßigten und nördlichen Gegenden von Europa und Asien bis zum fernsten Osten in Japan; doch fehlt er in manchen Gegenden aus unbekannter Ursache.

Außer dem Habicht ist auch der bedeutend kleinere, im männlichen Geschlecht 31, im weiblichen 36-40 cm lang werdende ~Sperber~ (Accipiter nisus), wie bei den alten Deutschen, so noch heute bei asiatischen Steppenvölkern ein hochgeschätzter Beizvogel, der im südlichen Ural von allen Falken am meisten zur Jagd gebraucht wird, wenn auch hauptsächlich nur zu solcher auf Wachteln. Er kann am besten gezähmt werden, wenn man ihn im Dunenkleid aus dem Neste nimmt und schon ganz jung dressiert. Er gehört bei uns nebst dem Turmfalken zu den bekanntesten Raubvögeln; denn er dehnt namentlich im Winter seine Raubzüge ohne Scheu bis in belebte Ortschaften aus. Doch bleiben nicht alle Sperber den Winter über bei uns. Die meisten ziehen im September und Oktober weg, um im März und April auf ihre Brutplätze zurückzukehren. Das Brutgebiet des Sperbers erstreckt sich über ganz Europa, Nordwestafrika und die entsprechenden Gebiete Asiens. Hier hält er sich am liebsten in Feldgehölzen oder in kleineren, an Wiesen und Felder grenzenden Waldungen in der Nähe von Ortschaften auf, kehrt auch von seinen Jagdzügen und zur Nachtruhe dahin zurück. Im Stangenholz häufiger eines Nadel- als Laubholzes errichtet er sein Nest dicht am Stamm, oft aus einem gutgelegenen Krähennest hergerichtet und so groß, daß der lange Schwanz des brütenden Weibchens es nicht überragt. Dieses brütet von Mitte Mai bis Mitte Juni sein Gelege von 3-5 Eier aus, verteidigt seine Brut aufs energischste und greift selbst Knaben, die den Horstbaum ersteigen, mit Krallenhieben an. Beide Eltern tragen den Jungen Nahrung in solcher Fülle zu, daß nicht selten 8-10 kleine Vögel gleichzeitig auf dem Horste liegen, doch ist nur das Weibchen imstande, diese in entsprechender Weise für die Jungen zu zerlegen. So hat man beobachtet, daß junge Sperber, deren Mutter getötet worden war, bei vollbesetzter Tafel verhungerten, weil der Vater zu ungeschickt war, ihnen die Speise mundgerecht zu machen. Noch lange nach dem Ausfliegen werden die jungen Sperber von den Eltern geführt und unterrichtet, bis sie dieselbe Meisterschaft im Erhaschen der Beute wie jene erlangt haben; dann müssen sie sich ein anderes Jagdgebiet suchen. Mit reißender Geschwindigkeit streicht der Sperber auf seinen Jagdzügen dicht über die Erde dahin und schießt oft weite Strecken hindurch ohne Flügelschlag durch die Luft und mit angelegten Flügeln pfeilartig durch dichte Baumkronen. Er fliegt meistens niedrig, weiß alle sich ihm entgegenstellenden Hindernisse, wie Hecken und Zäune, leicht zu überwinden, biegt mit unglaublicher Schnelligkeit um scharfe Ecken und überrascht so wie ein Blitz aus heiterem Himmel die kleinen Vögel, deren Futter- und Sammelplätze er genau auszukundschaften versteht. Diese fürchten ihren unheimlichen Feind auch über alles und werfen sich sofort zu Boden oder verkriechen sich in ein nahes Mauseloch.

Der Sperber jagt alle Vögel von der Größe eines Zeisigs bis zu der einer Taube, mit Vorliebe Sperlinge, denen er sogar in vom Menschen besetzte Zimmer folgt. Dabei stößt er in schräger Richtung und von oben herab auf seine Beute, und immer unter einer raschen Schwenkung im Augenblick des Greifens, so daß er seine Beute von unten oder von der Seite zu packen kriegt. Hat der Sperber keinen besonders großen Hunger, so beschreibt er mit seiner Beute zuweilen zierliche Kreise in der Luft, bevor er sie nach Ausrupfen der großen Federn gemächlich auf einem Baumast verzehrt. Knochen, Federn und Haare gibt er wie alle Raubvögel in sogenannten Gewöllen von sich. Junge Nestvögel, namentlich solche, die am Boden ausgebrütet wurden, gehören zu seinem Lieblingsfutter; aber auch die Eier verschont er nicht. Die weit größeren Edelfalken und der Habicht fressen den Sperber als verhaßten Konkurrenten ohne Umstände, wenn sie seiner habhaft werden können. Auch der Mensch verfolgt ihn als überaus schädlichen Räuber gleich dem Habicht, wo er nur kann. Um ihrer habhaft zu werden, stellt er Käfige aus Drahtgitter auf, die unten einen Doppelboden haben, zwischen welchen eine Locktaube gesteckt wird. Oben ist dieser sogenannte Habichtskorb offen, in der Mitte hat er ein Trittholz, das mit einem Schlagnetz in Verbindung steht. Stößt nun der Räuber auf die Taube herab und berührt er das Trittholz, so löst sich alsbald das Schlagnetz aus und bedeckt die obere Abteilung des Korbes.

Eine beliebte Methode, um diese, wie auch die dem Menschen verhaßten kleinen Raubvögel, wie Raben und Elstern zu schießen, besteht in der Anwendung einer Krähen- oder Schuhuhütte. Diese ist auf einem freiliegenden, weithin sichtbaren Hügel angebracht und außen mit Rasen bedeckt. Ein Pfahl mit Querholz trägt den Uhu, den man durch Zerren an einer Schnur zum Flattern bringt, wenn ihn seine Feinde nicht bemerken sollten. Ringsum stehen eingegrabene Bäume mit dürren Ästen, auf denen sich die Vögel niederlassen können und von denen sie herabgeschossen werden können, wenn sie nicht schon beim Losfahren auf den Uhu erlegt werden.

Zum Schlusse geziemt es sich, unter den Vögeln, die mit dem Menschen in engerem Zusammenhange stehen, auch den ~weißen Storch~ (Ciconia alba) anzuführen, der im Gegensatz zu seinem einzigen, ebenso weit verbreiteten europäischen Gattungsgenossen, dem ~schwarzen Storch~ (C. nigra), seit dem hohen Altertum in Sage und Geschichte unzertrennlich mit ihm verbunden ist. Als das Einschlagen des Blitzes verhindernd und überhaupt glückbringend, siedelte er ihn auf den Giebeln seiner Wohnungen und Kirchen an, indem er ihm in einem flachen Korb oder in einem alten Wagenrad Nistgelegenheit bot, die er sonst auf hohen Bäumen mit ausgebreiteten Ästen oder abgebrochenem Wipfel suchte, um hier sein kunstloses Nest aus Stecken, Reisern, Schilfrohr und Erdklumpen zu bauen. Sein würdevolles Betragen, sein gravitätischer Gang und die Eigenschaft, sich von im Boden hausenden und darin die Seelen der darin Bestatteten in sich aufnehmenden Tieren zu ernähren und damit selbst ein Seelenträger zu sein, brachte ihn beim gemeinen Volke von jeher in den Geruch der Heiligkeit und garantierte ihm, als in vermeintlichem Besitze überirdischer Kenntnisse und Gaben seiend, Unverletzlichkeit. Bei den alten Germanen war er der Adebar oder Seelenträger, der die kleinen Kinder den Eltern bringen sollte. Bei den Orientalen zeigt er sich uns in den Märchen von Tausend und einer Nacht als ein verwunschener Prinz, dem die höchste Einsicht in künftiges Geschehen verliehen sein soll. Vom Menschen unterscheide er sich nur durch das Fehlen des Sprachvermögens. Was dem Storche aber an Stimmitteln fehlt, das ersetzt er reichlich durch sein Klappern, das schon von den Jungen im Neste geübt wird, beim Männchen stärker als beim Weibchen ist und bald Freude und Verlangen, bald Hunger, Zorn und Ärger ausdrückt. Mit Klappern erheben sich die Störche, wenn sie gegen Ende August in größeren Trupps nach dem warmen Süden verreisen, mit Klappern begrüßen sie im Frühjahr ihr Nest, wenn Ende Februar oder Anfang März zuerst das Männchen und einige Tage später das Weibchen nachts in ihre alte Heimat und Niststätte einrücken. Alljährlich kehrt dasselbe Paar dahin zurück, um ihre 3-5 Jungen großzuziehen, die nach dem Ausschlüpfen aus den Eiern noch mehr als zwei Monate hindurch unter der rührenden Pflege und Aufsicht der Eltern im Neste bleiben. In den ersten Tagen würgen ihnen die Alten halbverdauten Futterbrei in den Schnabel, indem sie dessen Spitze in den Mund nehmen, so daß die Jungen nur zu schlucken brauchen. Später würgen sie ihnen das Futter aus dem Kehlsack, zuerst ins Nest hinein, später an dessen Rand, und schließlich lassen sie dieselben ihre tierische Nahrung sich selbst suchen.

Schon die alten Griechen glaubten, wie uns Aristophanes und gleicherweise Aristoteles erzählen, die Störche hätten von alters her ein Gesetz, wonach die Jungen, sobald sie flügge sind, ihre Eltern ernähren müssen. Aristoteles sagt, daß die Störche und andere Vögel, wenn sie verwundet würden, Dosten (origanon) auflegen. Noch der gelehrte Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte: „Man weiß noch nicht, woher die Störche (ciconia) kommen und wohin sie ziehen. Wollen sie fortziehen, so versammeln sie sich an einem bestimmten Orte, wobei keiner fehlt, er schmachte denn in menschlicher Gefangenschaft. Und sie beginnen nun den Zug, als wenn der Tag dazu durch ein Gesetz bestimmt sei. Niemand hat sie wegziehen sehen, obgleich jeder die Anstalten zu ihrem Abzuge bemerkt; ebensowenig sieht man sie zurückkehren, sondern nur, daß sie zurückgekehrt sind; denn beides geschieht zur Nachtzeit. In Asien liegt auf einer weiten Ebene ein Ort, welcher Pythonos Kome heißt; dort versammeln sich die Störche, murmeln, zerreißen den zuletzt kommenden und dann erst ziehen sie weg. Manche behaupten, der Storch habe keine Zunge (tatsächlich hat er eine, aber eine sehr kleine). Wegen Vertilgung der Schlangen wird er so hoch geehrt, daß Leute, die einen töteten, sonst in Thessalien mit dem Tode bestraft wurden. Die Störche kehren jedes Jahr zu ihrem Neste zurück. Die jungen ernähren ihre Eltern, wenn diese schwach werden.“ Und der Grieche Älianos schreibt: „Alexander der Myndier (der ein auch von Athenaios um 200 n. Chr. erwähntes naturgeschichtliches Buch schrieb) sagt, daß die Störche, wenn sie alt geworden sind, nach den im Okeanos gelegenen Inseln ziehen, dort menschliche Gestalt annehmen und für die fromme Liebe, die sie ihren Eltern erwiesen, den Lohn empfangen. Auch wollen die Götter dort, wie ich glaube, ein frommes und heiliges Geschlecht absondern, da ein solches sonst nirgends unter der Sonne ein Plätzchen findet. Mir scheint das keine Fabel. Und was hätte denn Alexander davon gehabt, wenn er sich solche Fabeln erdacht hätte. Ein verständiger Mann wie er lügt selbst dann nicht, wenn er den größten Vorteil davon haben könnte.“

Ähnliche Verehrung, wie bei den Abend- und Morgendländern der Storch, genoß bei den alten Ägyptern der heilige weiße ~Ibis~ (Ibis religiosa), der durch das Verschlingen und Wegschaffen von tierischen Leichen ebenfalls als ein Seelenträger galt und als solcher mit besonderen Eigenschaften ausgestattet gewähnt wurde. Der griechische Geschichtschreiber Diodorus Siculus schreibt: „Die Ägypter behaupten, der Ibis nütze durch Vertilgung der Schlangen, Heuschrecken und Raupen“, und Strabon sagt, daß sie in Ägypten, dank ihrer Unverletzlichkeit, sehr zutraulich seien. „In Alexandreia wimmeln alle Straßen von ihnen; sie sind nützlich, weil sie alles Tierische auflesen, namentlich die Abfälle der Fleisch- und Fischmärkte, andererseits aber lästig, da sie alles beschmutzen.“ Sein Kollege Älianos weiß die merkwürdigsten Dinge von diesem, nach ihm der Mondgöttin heiligen Tiere zu berichten, das nie aus Ägypten weggehe, weil dieses Land unter allen das feuchteste sei. Zum Ausbrüten seiner Eier brauche er so viel Tage als der Mond ab- und zunimmt. „Freiwillig wandert der Ibis nicht aus; fängt ihn aber jemand und bringt ihn mit Gewalt fort, so ist alle Mühe vergeblich; denn der Vogel hungert sich zu Tode. Er schreitet ruhig und wie ein Mädchen einher und geht immer nur Schritt vor Schritt. Die schwarzen Ibisse beschützen Ägypten gegen die aus Arabien kommenden geflügelten Schlangen, die weißen Ibisse aber vernichten die Schlangen, welche zur Zeit der Überschwemmung aus Äthiopien kommen. Ägypten wäre verloren, wenn es nicht von Ibissen beschützt würde. Er ist sehr hitziger Natur, frißt Schlangen und Skorpione. Nur sehr selten sieht man einen kranken Ibis. Den ganzen Tag geht er im Schmutze herum, sucht darin nach allerlei Dingen, steckt den Schnabel in alles, badet sich aber erst gehörig ab, bevor er schlafen geht. Um den Katzen zu entgehen, nistet er auf Palmbäumen; denn auf diese klettern die Katzen wegen der daran befindlichen Hervorragungen nicht gern.“ Tatsächlich bevorzugt der Ibis zum Nisten eine Mimosenart, die die Araber der dichten, ungemein dornigen, ja fast undurchdringlichen Äste halber harasi, d. h. die sich Schützende nennen. Aus den Zweigen des harasi besteht auch das innen mit Grashalmen ausgepolsterte flache Nest des Vogels, in welchem die 3-4 Eier ausgebrütet werden.

Zur Zeit der alten Ägypter haben die heiligen Vögel sich höchstwahrscheinlich im Zustande einer Halbgefangenschaft in Tempelhöfen fortgepflanzt. Heute tun sie dies bei guter Pflege nicht allzuselten in unseren Tiergärten. Noch heute stellt man dem Ibis im Sudan nicht nach, obgleich sein schmackhaftes Fleisch die Jagd wohl lohnen würde. So aßen auch die alten Griechen und Römer den Storch nicht. Erst der gottlose einstige Prätor Asinius Sempronius Rufus soll die Sitte, junge Störche zu essen, in Rom eingeführt haben, worauf Horaz in einer seiner Satiren auf seine genußsüchtige Zeitgenossen anspielt.

Wie die Ägypter den heiligen Ibis, so hielten die alten Griechen und Römer das prächtig gefärbte ~Purpurhuhn~ (Porphyrio hyacinthinus) in halber Gefangenschaft in den Höfen ihrer Villen und Heiligtümer. So schreibt der Grieche Älian von ihm: „Das Purpurhuhn (porphyríon) ist ein ausgezeichnet schönes Tier. Es badet sich im Staube wie im Wasser, frißt aber nicht gern vor Zeugen, daher am liebsten in einem Versteck. Die Menschen haben es sehr gern und füttern es mit großer Sorgfalt. Es paßt gut in prachtliebende, reiche Häuser, auch in Tempel, und geht in diesen als heiliger Vogel frei umher. Schwelger schlachten den Pfau, der ebenfalls schön ist, aber ich weiß von keinem Menschen, der das Purpurhuhn für die Tafel geschlachtet hätte.“ Mit dem Untergang der alten Kultur verschwand auch dieses Tier wieder aus der Nähe des Menschen.

XXVII. Pelz-, Schmuckfedern- und Schildpattlieferanten.

Zu allen Zeiten hat bei den mehr im Norden wohnenden Völkern, bei denen es im Winter empfindlich kalt wurde und denen es an der nötigen Erwärmung der nur mangelhaft verschließbaren Räume fehlte, die Pelzkleidung hohe Wertschätzung gefunden. Dies war um so eher möglich, als gerade die für sie zunächst in Betracht kommenden nordischen Tiere zum Schutze gegen die winterliche Kälte ein sehr schönes, dichtes Fell besitzen, das sich der Mensch zu seiner Erwärmung, daneben auch als Zierde gern aneignete. Noch im Mittelalter spielte der Pelzbesatz als Schmuck in der Männerkleidung eine große Rolle, während ihn heute fast ausschließlich die Frauen tragen. Bei diesen ist allerdings der Pelz nicht nur zum Wärmen, sondern in erster Linie als Schmuck, heute mehr Mode als je; die elegante, reiche Frau schwelgt geradezu im Pelzwerk. Und wie immer, ist die für sie geschaffene Mode auch für die minderbegüterten Kreise maßgebend. Sie paßt sich den kleinen Geldbörsen an, und die dienstwillige Industrie zaubert für diese Nachahmungen aus billigem Pelzwerk hervor, die, technisch von überraschender Vollendung, schließlich auch der Arbeiterfrau und dem Dienstmädchen eine Pelzstola und einen Pelzmuff zu tragen gestatten.

Bis über das Mittelalter hinaus war das gewaltige russische Reich der Hauptlieferant des Pelzwerkes für die Kulturvölker Europas und die Häfen der Ostsee bildeten die Hauptstapelplätze dieses Handels. Die Entdeckung Amerikas lenkte den Pelzhandel in neue Bahnen und verschaffte den Europäern zahlreiche neue Produkte, die teilweise große Wertschätzung fanden. Um den großen Bedarf zu decken, sind heute zahllose Menschen mit der Beschaffung und Verarbeitung von Pelzen aller Art beschäftigt; und zwar kommt das Material Kanadas in London und dasjenige Sibiriens in Nischni Nowgorod und Irbit im Gouvernement Perm auf den Markt. In diesen Städten kaufen dann die Leipziger Großhändler und andere die Ware, um sie zugerichtet und teilweise auch gefärbt in den Handel zu bringen. Nur für den echten Sealskin besitzt London noch das Monopol, sonst hat es Leipzig für alle übrigen „Rauchwaren“ -- wie der technische Ausdruck lautet --, so daß dort die Pelzhändler aller kaukasischen Kulturländer ihren Bedarf einkaufen. Da nicht weniger als 75 Prozent des ganzen Bestandes des großen russischen Pelzstapelplatzes Nischni Nowgorod nach Leipzig gelangen, ist es begreiflich, daß ein jährlicher Umsatz von etwa 50 Millionen Mark in Pelzen erzielt wird.

Die erste Zubereitung der Felle ist fast in allen Ländern dieselbe. Nachdem das Fell vorsichtig abgezogen ist, wird es mit einem scharfen Messer von anhaftenden Fett- und Fleischteilen so gut wie möglich gereinigt und dann an einem luftigen, kühlen Ort im Freien getrocknet. Hierauf werden sie auf der Innenseite reichlich mit Salz bestreut und eines auf das andere gelegt. In dieser Lage bleiben sie 2-3 Wochen. Nach diesem Pökelprozeß sind sie zum Versand fertig. Zu diesem Zwecke werden sie mit der Pelzseite nach außen je zu zweien zusammengerollt und stark verschnürt. So gelangen sie auf die Auktionsplätze, wo sie von geübten Händen geglättet und dann versteigert werden. Die auf der Auktion erworbenen Felle wandern, bevor sie der Kürschner in die Hände bekommt, in eine Pelzbearbeitungsfabrik, in der sie zugerichtet werden. Dabei wird das rohe, getrocknete Fell zuerst in Wasser oder feuchten Sägespänen aufgeweicht, damit es geschmeidig werde; dann wird es, nachdem es in Zentrifugen getrocknet wurde, an der Rückseite mit großen Messern von etwaigen noch anhaftenden Fleischteilchen gesäubert und unter Zusatz von etwas Fett in besonderen Maschinen gewalkt. Hierauf wird es in rotierenden Trommeln unter Zusatz von Sägespänen entfettet, ausgezogen und gespannt, damit es Form gewinnt, nochmals gereinigt und zum Schluß vielfach geschoren oder gerupft, um die längeren Grannenhaare zu entfernen. Umgekehrt werden manche Pelze „frisiert“, indem man mit unendlicher Geduld bestimmte Haarsorten, z. B. weiße (Silberhaare) in dunkeln Pelz einklebt.

Ein großer Teil der Pelzwaren wird auch gefärbt, nicht nur die Nachahmungen, wie man wohl anzunehmen geneigt ist. So zeigt z. B. das Fell der zwischen Kamtschatka und Alaska lebenden Bärenrobbe, von den Engländern fur seal genannt, im Naturzustande ein dichtes gelbes Wollhaar, und darüber ein grobes aschgraues bis braunschwarzes Grannenhaar. Erst wenn letzteres entfernt und das ganze Fell dunkelkastanienbraun gefärbt ist, entsteht der herrliche samtartige Sealskin, für den unsere Damen eine so erklärliche Vorliebe haben. Um nun diesen beliebten Pelz auf den Markt bringen zu können, werden die grausamsten Massenschlächtereien abgehalten, in denen die wehrlos auf dem Lande zur Fortpflanzung und Paarung versammelten Tiere zu Tausenden erschlagen werden. Ebenso sind sämtliche Persianer, die gekräuselten Felle junger Schafe, gefärbt, wodurch sie erst den eigentümlichen prachtvollen Glanz erhalten. Dabei ist die Kunst der Färberei heute so weit fortgeschritten, daß sie absolut wetterbeständige Ware liefert. Wo es Imitationen herzustellen gilt, wirken Zurichterei und Färberei auch zusammen. Und diese sind sehr wichtig, da sie auch Minderbemittelten beinahe an Schönheit, jedenfalls aber an Haltbarkeit den Originalien ebenbürtige Nachahmungen bieten. So wird der teure Sealskin mit Vorteil durch den Sealbisam, den geschorenen und gefärbten Pelz der nordamerikanischen hell- bis dunkelbraunen Bisamratte, ersetzt, neuerdings aber durch den noch viel billigeren Sealkanin von langhaarigen Kaninchen meist belgischer Herkunft. Welche Preisunterschiede dabei in Betracht kommen, illustriert am besten die Angabe, daß ein einfacher Muff in echtem Sealskin 100 Mark, in Sealbisam 15 Mark und in Sealkanin nur 4 bis 6 Mark kostet.

Aus den Zurichtereien und Färbereien gelangen die Pelze zu Hunderttausenden in die Speicher der Großhäuser zurück, um von hier aus in den Handel gebracht zu werden. So treffen zur Ostermesse, die immer noch einen zeitlichen Mittelpunkt des Rauchwarenhandels bildet, die Aufkäufer nicht nur der engeren Heimat, sondern aus aller Herren Ländern in den Großhäusern Leipzigs ein, um ihren Bedarf einzuhandeln. Dieser wird dann im Laufe des Sommers fertiggestellt, um im nächsten Herbst und Winter verkauft zu werden. Die Ostermesse ist auch die Haupterntezeit der zahlreichen Kommissionäre und Makler, die der Rauchwarenhandel ernähren hilft. Diese geben mit ihrem geschäftigen Wesen dem Brühl den Charakter der Messe, in der unaufhörlich gehandelt, gefeilscht, gelärmt und gestritten wird. Doch hat heute die Ostermesse lange nicht mehr die Bedeutung für den Rauchwarenhandel, die sie einst besaß. Konzentrierte sich in ihr ehemals das Hauptgeschäft, so bildet sie in diesem nur eine, allerdings wichtige und unruhvolle Etappe. Heute geht nämlich der Verkauf von Pelzwaren mehr oder weniger während des ganzen Jahres vor sich. Die erleichterten Reisebedingungen ermöglichen den Käufern den häufigeren Besuch Leipzigs. Viele ziehen überhaupt den Kauf zu einer ruhigeren Periode, als die Messezeit es ist, vor. Dazu kommt, daß die von den Grossisten auf den großen Londoner Auktionen erstandenen Waren zur Osterzeit noch nicht zugerichtet sein können, und daß von der Messe zu Nischni Nowgorod, die vom Juli bis September stattfindet, die russischen Waren erst im Frühherbst in Leipzig eintreffen können. Dazu kommt noch, daß die neuen Moden, die immer noch hauptsächlich in Paris gemacht werden, erst zu Ende des Sommers oder zu Herbstbeginn in die Erscheinung treten, und daß die Pelzkonfektion dann durch sie oft noch zu großen Einkäufen veranlaßt wird.

Die vornehme russische Gesellschaft versteht viel von edlen Pelzen; denn in jenem Lande spielte das Pelzwerk von jeher eine wichtige Rolle in der Kleidung der reicheren Leute. Besonders der Zobel stand dort mit an der Spitze der Wertschätzung. Ist doch die alte Zarenkrone eine mit Goldschmuck und Juwelen besetzte Zobelmütze. Noch höher als Zobel werden aber Schwarz- und Silberfüchse eingeschätzt, d. h. solche, die ein glänzend schwarzes oder ein mit silbrigen Haaren durchschossenes schwarzes Fell haben. Die schönsten Exemplare derselben kommen nicht aus Sibirien, sondern aus dem nordamerikanischen Labradorgebiet, und ein ausgesuchtes Stück kostete schon vor Jahren 11600 Mark. Ein ebenfalls sehr hoch bewerteter Pelz ist derjenige des ursprünglich ausschließlich aus Kamtschatka, neuerdings aber mehr aus Alaska ausgeführten Seeotters, der in ausgesuchtester Qualität auf 5-6000 Mark zu stehen kommt. Die sibirischen Zobelfelle stehen den nordamerikanischen bedeutend voran, und sie sind um so geschätzter, je dunkler sie sind, auch je regelmäßiger die silbergespitzten Grannenhaare im Fell verteilt sind. Daher schwankt der Wert eines solchen sehr. Während ein geringes, erst durch „Blenden“, d. h. Auffärben ansehnlich gemachtes Zobelfell schon zu 60 Mark zu haben ist, kosten die besten 1000 bis 1500 Mark und mehr. Wenn auch der Zobel in den letzten Jahren viel seltener geworden ist, kommen außer den nordamerikanischen immer noch jährlich 40000 bis 50000 nordasiatische Zobelfelle in den Handel, von denen aber nur ein kleiner Prozentsatz die hochgeschätzte dunkle Farbe aufweist.

Außer dem Zobel liefert Rußland auch den Edelmarder, der im Wert dem hellen Zobel nahe kommt. Die besten Stücke derselben liefert aber Norwegen und Finnland. Ferner liefert Rußland den Nörz, ebenfalls eine Marderart, deren beste Felle allerdings Nordamerika liefert, dann den kostbaren Hermelin, dessen Preis sich in den letzten Jahren, nachdem er eine Zeitlang wenig begehrt war, durch die gewaltige Nachfrage verzehnfachte. Es ist dies bekanntlich eine Wieselart, deren im Sommer gelblichbrauner Pelz in kälteren Gegenden mit viel Schnee rein weiß wird bis auf die schwarze Schwanzspitze. Weiterhin beziehen wir aus Rußland die Felle von Iltis, Wolf und Bär, außerdem in ungeheuren Massen von sibirischen Eichhörnchen, die man als „Feh“ oder „Grauwerk“ bezeichnet. Endlich stammen von dorther auch die in Südrußland, noch mehr aber in der Bucharei gewonnenen Persianer, die von jungen Fettschwanzschafen, die noch nicht Gras gefressen haben, gewonnen werden.

Beginnen wir die Aufzählung der verschiedenen Pelzlieferanten mit dem sibirischen ~grauen Eichhörnchen~. Je weiter östlich, um so dunkler und wertvoller wird dessen Fell; diesseits des Urals ist es heller und billig im Preise. An der Lena leben die Bauern von Anfang März bis Mitte April ganz dem Eichhörnchenfang vermittelst Fallen, von denen mancher dort über 1000 stellt. Die Tungusen erlegen es mit stumpfen Pfeilen oder gebrauchen engläufige Büchsen mit Kugeln von der Größe einer Erbse, und schießen es in den Kopf, um das Fell nicht zu verderben. Rußland und Sibirien liefern deren jährlich 6 bis 7 Millionen im Werte von 3 Millionen Mark. Davon kommen bloß 2-3 Millionen Felle auf den westeuropäischen Markt; die übrigen werden im Lande selbst verbraucht oder gehen nach China. Außer dem Felle, von dem die grauen Rücken Mäntel und anderes Pelzwerk, die weißen Bauchseiten dagegen, zu großen Tafeln zusammengenäht, ein beliebtes Pelzfutter geben, verwendet man die Schwänze zu „Boas“ und die Schwanzhaare zu guten Malerpinseln.

Auch das kleinere und plumper gebaute sibirische ~Backenhörnchen~, der ~Burunduk~ (Tamias striatus), der am häufigsten in Zirbelkieferbeständen lebt und unter den Wurzeln dieser Bäume eine gabelförmig geteilte Höhle anlegt, deren einer Teil als Wohnraum, der andere als Vorratskammer für Getreidekörner und Nüsse dient, von denen sie für manchen Winter 5 kg in den Backentaschen nach Hause schleppen, liefert hübsche Bälge. Diese gelangen meist nach China, wo man sie hauptsächlich zur Verbrämung wärmerer Pelze benützt.

Von allen Nagetieren hat der ~Biber~ das geschätzteste Fell. Von Amerika her kamen früher jährlich etwa 150000 derselben im Gesamtwerte von 3 Millionen Mark in den Handel. Heute aber sind es deren höchstens noch 50000 im Jahr, und zwar sind auch von ihnen die dunkeln die wertvollsten. Je nach seiner Güte wird das Stück mit 20-60 Mark bezahlt. Er wird dort von den Trappern meist in Fallen gefangen, nur ausnahmsweise geschossen. Da er aber auch in Amerika mehr und mehr abnimmt, muß vielfach der ~Sumpfbiber~ oder ~Coypu~ (Myopotamus coypu), die ~Nutria~ der spanischen Amerikaner, mit ihrem Felle für ihn eintreten. Auch der Sumpfbiber ist ein ausgesprochenes Wassertier von nahezu der Größe des Fischotters, das vorzugsweise die reich mit Pflanzen bewachsenen Ufer der stillen Wasser Südamerikas zu beiden Seiten der Anden bewohnt. Jedes Paar gräbt sich am Ufer eine metertiefe, 60 cm weite Höhle, in der es die Nacht und einen Teil des Tages zubringt. In dieser Wohnung wirft das Weibchen 8-9 Junge, die behaart und mit offenen Augen zur Welt kommen, schon in den ersten Tagen fressen und bald ihrer Mutter auf ihren Streifzügen folgen. Die Tiere werden in ihrer Heimat mit Schlagfallen gefangen oder mit eigens abgerichteten Hunden gejagt. Ihr weißes, wohlschmeckendes Fleisch wird gegessen, das braune Fell jedoch in großen Mengen in den Handel gebracht. Davon kommen jährlich eine halbe Million nach Europa, um hier nach Ausrupfen der langen, groben Grannenhaare zu Pelzbesätzen zu dienen. Das dichte, weiche Wollhaar gibt einen sehr schönen und dabei billigen Pelz, ist daher sehr beliebt.

Viel teurer und begehrter ist das seidenweiche, aschfarbene Fell der die hohen Anden zwischen Südchile und dem Norden von Bolivia bewohnenden ~Chinchilla~ oder ~Wollmaus~ (Chinchilla lanigera), an dem schon die vorgeschichtlichen Peruaner, die Inkas, ihre Freude hatten. Wie sie aus den Haaren der Vicuña die feinsten Stoffe herstellen, bereiteten sie aus den Haaren dieser Wollmaus wunderbare Gewebe für ihre Herrscher. Sie erbeuteten das Tierchen in Schlingen und Schlagfallen, die sie vor deren Löcher aufstellten, daneben auch mit gezähmten Wieseln, die speziell auf die Chinchillajagd abgerichtet waren, wie in Südeuropa die Frettchen auf die Kaninchenjagd. Nach Europa kamen die ersten Chinchillafelle gegen Ende des 18. Jahrhunderts, und zwar vermittelte Spanien den Handel damit. Für das Dutzend der kleinen Fellchen dieser in großen Gesellschaften in selbstgegrabenen Erdlöchern lebenden Tierchen wurde früher an die Jäger 6-8 Mark bezahlt. Seither sind die Preise infolge der übermäßigen Jagd danach gewaltig in die Höhe gegangen. Schon 1899 bot ein französisches Haus 150-300 Franken für das Dutzend und jetzt ist der Preis dafür auf über 1060 Franken gestiegen. Noch ums Jahr 1900 schätzte man die jährliche Ausfuhr allein aus den beiden argentinischen Provinzen Coquimbo und Vallenar auf 40400 Dutzend. 1905 betrug die Gesamtausfuhr der Felle aus Chile 18153 Dutzend, 1906 nur 9776, 1907 4000 und 1909 3000 Dutzend.

Die Chinchilla bevorzugt steinige, dürre Hänge und Hochebenen, die mit dem zierlichen Leguminosenstrauch Balsamocarpum brevifolium, der algarobilla der spanischen Chilenen, bewachsen sind, von dessen wie Nuß schmeckenden Samen sie sich ernährt und die sie auch in ihren Höhlen aufspeichert. Zur Zeit der Paarung sind die Männchen sehr eifersüchtig und kämpfen ingrimmig wegen der Weibchen miteinander. Letztere werfen zweimal im Jahr 2-4 Junge, für die sie aus sich selbst ausgerauften Haaren ein weiches Lager bereiten. Sie sind auch später sehr besorgt um sie und führen sie zum Futter. Morgens und nachmittags sind diese hübschen Nager am lebhaftesten und verlassen alsdann ihre Höhlen, um auf die Nahrungssuche auszugehen, ohne sich jedoch weit zu entfernen. Sie lassen sich leicht in der Gefangenschaft halten und werden darin bald recht zahm; nur die Männchen vertragen sich gegenseitig nicht gut. Solange es genug dieser Tierchen gab, war die Chinchillajagd sehr lohnend und brachte noch vor wenigen Jahren mit geringer Mühe reichen Gewinn. Seitdem diese Tiere aber beinahe ausgerottet sind, ist ihre Jagd kaum mehr lohnend. Meist werden sie, wenn das Gestrüpp auf größere Strecken niedergebrannt ist, mit Knüppeln aus ihren Höhlen aufgescheucht und, in weitem Kreise beginnend, allmählich der Mitte zugetrieben, wo sie, unterschiedlos alte und junge von abgerichteten Hunden totgebissen werden. Außerdem werden sie vielfach vermittelst Rattenfallen gefangen. Neuerdings beginnt man sie zur Pelzgewinnung zu züchten. Auch das Fleisch wird sehr geschätzt.

Von nordamerikanischen Pelzlieferanten ist der ~Waschbär~ oder ~Schupp~, der Raccoon der Amerikaner (Procyon lotor), zu nennen, dessen gelblichgraues, schwarzgemischtes Fell die beliebten Schuppelze liefert. Dieser Kleinbär von 80-90 cm Gesamtlänge ist gleichzeitig Boden-, Wasser- und Baumtier. Am Tage schläft er in einem hohlen Baume oder auf der Astgabel einer dichten Baumkrone, um dann nachts auf Beute auszugehen. Gern hält er sich in der Nähe seichten Wassers auf, um Fische und Krebse zu fangen oder Süßwassermuscheln zu erbeuten. Außerdem ernährt er sich von Fröschen, Süßwasserschildkröten, Vögeln und deren Eiern, Mäusen, Insekten aller Art, aber auch Nüssen, Früchten und Korn. Im Norden hält er einen Winterschlaf ab. Das Weibchen wirft im April 4-6 Junge, die es ein Jahr lang um sich behält. Wegen seines sehr geschätzten Pelzes, der früher in den Staaten des Mississippitales als eine Art Münze im Werte von ¼ Dollar galt, wird er eifrig verfolgt und entweder in am Rande von Sümpfen oder Flüssen unter Wasser angebrachten Fallen aus Stahl gefangen oder während der Nacht mit eigens dazu abgerichteten, gewöhnlich zur Rasse der Fuchshunde gehörenden Hunden gejagt. Diese wissen seiner Spur zu folgen und treiben ihn nach kurzer Zeit auf einen Baum, wo er, falls er sich nicht in einem Loche verkriecht, vom Jäger erlegt wird. Neuerdings wird er, da er sich leicht in der Gefangenschaft fortpflanzt, zur Pelzgewinnung in eingehegten Waldteilen gezüchtet. Jung eingefangen wird er gewöhnlich sehr bald und in hohem Grade zahm. Seine Beweglichkeit und Zutraulichkeit machen ihn dem Menschen als Gesellschafter angenehm.

Der Winterpelz der amerikanischen ~grauen Eichhörnchen~ geht unter dem Namen Petitgris, ist aber weniger geschätzt als der russische Feh; ebenso verhält es sich mit demjenigen des Luchses. Dagegen wird der Pelz der nordamerikanischen Iltisse ebensosehr wie derjenige der altweltlichen geschätzt. Der ~Iltis~ oder ~Ratz~ (Mustela putoria) ist ein Nachttier, das am Tage zwischen Gestein, aufgestapeltem Holz, in verlassenen Fuchs- oder Kaninchenlöchern ruht, abends jedoch seinen Schlupfwinkel verläßt, um auf Raub auszugehen. Dabei verzehrt es alle Tiere, die es zu überwältigen vermag. Außer Fröschen sind Mäuse, Wachteln, Rebhühner, Hühner, Enten und Fische seine bevorzugte Nahrung. Er ist sehr gewandt, versteht meisterhaft zu schleichen und unfehlbare Sprünge auszuführen, klettert gut, besteigt aber selten Bäume. Nach Art der Stinktiere verteidigt er sich im Notfalle durch Ausspritzen einer sehr stinkenden Flüssigkeit und schreckt dadurch oft die ihn verfolgenden Hunde zurück. Seine Lebenszähigkeit ist unglaublich groß. Nach zweimonatlicher Tragzeit wirft das Weibchen im April oder Mai in einer Höhle oder noch lieber in einem Holzhaufen 4-5, zuweilen auch 6 Junge, die es sorgfältig großzieht, so daß es dieselben schon nach sechs Wochen auf seine Raubzüge mitnehmen kann. Junge Iltisse lassen sich leicht durch Katzenmütter großziehen und zähmen; doch erlebt man an ihnen wenig Freude, da der angeborene Blutdurst mit der Zeit durchbricht. Sie lassen sich ohne Mühe zum Kaninchenfang abrichten. Wir sahen ja am Schlusse des 13. Abschnittes, daß durch jahrhundertelange Domestikation in Verbindung mit Albinismus aus dem Iltis das Frett hervorging, das als Mäusefänger bei den Griechen und Römern eine nicht unwichtige Rolle spielte, bevor die Katze von Ägypten her zu ihnen gelangte. Der Iltis wird besonders seines dichten Felles wegen gejagt, das aber wegen des ihm anhaftenden unangenehmen Geruches weniger geschätzt ist als es ohnedies der Fall wäre.

Dem Iltis ungemein nahestehend ist der ~Nörz~ (Mustela lutreola), ein halber Wassermarder, der vortrefflich schwimmt und taucht und die Fische bis in ihre Verstecke verfolgt, selbst flinke Forellen und Lachse erbeutet. Im Moore verfolgt er Wasserratten und allerlei Wasser- und Sumpfvögel mit Einschluß von Enten. Er hält sich gewöhnlich an den Ufern von Flüssen und Seen auf und kommt fast nur noch in Rußland vor. In Nordamerika vertritt ihn der ganz ähnlich lebende, fast ebenso gefärbte ~Mink~ (Mustela vison), dessen Pelz noch weicher und wolliger ist. Beide graben sich unter überhängenden Flußufern ein Loch oder beziehen in einem hohlen Baum ein Lager, das sie mit Federn auspolstern und in das das Weibchen im April 4-6 Junge wirft, die bis zum nächsten Herbste bei der Mutter bleiben. Jung eingefangen lassen sie sich leicht zähmen und in ähnlicher Weise wie das Frettchen verwenden. Wegen des Gestankes war sein Pelz früher so wenig geschätzt, daß es Fang und Förderung kaum lohnte. Neuerdings legt man ihm einen größeren Wert bei, weshalb die Tiere viel gefangen werden und dadurch stellenweise stark vermindert worden sind. Ums Jahr 1865, in welchem ein gutes Minkfell in Amerika 5 Dollar kostete, wurden von Neuschottland allein über 6000 Minkfelle jährlich ausgeführt. In den letzten Jahrzehnten wurden in Europa durchschnittlich 55000 Nörze erbeutet, während die Anzahl der in dieser Zeit jährlich gefangenen Minke 160000 erreichte und im Jahre 1888 sogar 370000 betrug. In jenem Jahre kostete ein russisches Nörzfell etwa 4 Mark, ein Minkfell dagegen bis 10 Mark. Die besten Minkfelle kommen von Alaska und Neuengland.

Vortreffliche Pelze liefern auch die anderen Marderarten, unter denen der berühmte ~Zobel~ (Mustela zibellina), den weitaus kostbarsten liefert. Er ist dem Baummarder sehr nahe verwandt, hat nur einen viel ausgesprochener kegelförmigen Kopf, große Ohren, längere und stämmigere Beine und ein langhaarigeres, seidenweiches, gelbbraunes bis schwarzes Fell. Letzteres gilt für um so schöner, je größer seine Dichtigkeit, Weichheit und Gleichfarbigkeit ist. Die dunkleren Felle stehen im Preise weit höher als die helleren und können fast schwarze von reiner Farbe bis 2500 Mark das Stück erzielen, während helle von geringster Qualität schon für 50 Mark das Stück zu haben sind. Diese ganz dunkeln stammen von Tieren, die in den dichtesten Urwäldern leben, in die kein Sonnenstrahl einzudringen vermag. Das Wohngebiet des Zobels erstreckte sich einst vom Uralgebirge im Westen bis zum Beringsmeer im Osten und vom 68. Grad nördlicher Breite bis zu den südlichen Grenzgebirgen Sibiriens. Aber infolge der langjährigen unablässigen Verfolgung ist er aus vielen Gegenden verschwunden und ist nur noch in den abgelegensten Gebirgswäldern Ostsibiriens und Kamtschatkas einigermaßen häufig. Dieser menschenscheue Marder liebt die einsamen Wälder, in denen er, seinem Lieblingswilde, dem Eichhörnchen, nachziehend, größere Wanderungen unternimmt und bei deren Verfolgung ungescheut auch breite Ströme, selbst während des Eisgangs, durchschwimmt. Sehr beliebte Aufenthaltsorte sind für ihn die ausgedehnten Arvenwaldungen, deren riesige Stämme ihm ebensowohl passende Schlupfwinkel wie in den ölreichen Samen ihrer Zapfen eine erwünschte Speise darbieten. Auch er ist ein Nachttier, das bei Tage in Baumlöchern oder unter Baumwurzeln schläft und erst nachts auf Raub ausgeht. In Baumlöchern wirft er einmal im Jahr, und zwar meist im April, seine 4-5 Jungen, die er wohl behütet und später zur Jagd erzieht.

Die Zobeljagd beschränkt sich auf die drei Monate Oktober, November und Dezember. Da die Jagdgründe in der Regel sehr weit abgelegen sind, brechen die Zobeljäger mit eigens abgerichteten Hunden schon im September auf, um beim ersten Schneefall an Ort und Stelle zu sein. Die Hunde müssen während der Reise zugleich die Schlitten ziehen, welche mit Lebensmitteln für mehrere Monate beladen sind. Auf den Jagdplätzen vereinigen sie sich zu kleinen Gesellschaften, die sich Hütten bauen und nach allen Richtungen ihre Streifzüge unternehmen. Man stellt Fallen und Schlingen der verschiedensten Art und verfolgt mit den Hunden die Spur eines Zobels auf Schneeschuhen. Sobald ein solcher aufgespürt ist, sucht man ihn auf einen Baum zu treiben, den man alsbald mit Netzen umgibt, auf die er durch Schütteln der Zweige oder mit Stangen hinuntergeschlagen wird. Fällt der Zobel vorbei, so wird er entweder von den Hunden eingeholt und zu Tod gebissen, oder auf einen andern Baum getrieben, wo man ihn wiederum, wenn möglich ohne Schuß, der sein kostbares Fell verderben könnte, zu erlangen sucht. Ist ein Zobel erbeutet, so wird er in ein Tuch gewickelt und mit einem Stück Holz so lange geklopft, bis das Innere zu Brei zerschlagen ist und durch kleine Löcher um den After und die Augen herausgenommen werden kann. Dann wird das Fell umgedreht und weiter präpariert. Auf diese Weise wird es ermöglicht, das ganze Fell völlig unverletzt in den Handel zu bringen. Jedenfalls ist der Zobelfang eine ununterbrochene Reihe von Mühseligkeiten aller Art, und wenn ein Jäger zwanzig Zobelfälle auf einer Expedition erbeutet, so schätzt er sich glücklich. Für ein einzelnes Zobelfell erhält der Jäger Waren im Werte von 16 Rubeln (= 52 Mark). In St. Petersburg gilt es dann ein Mehrfaches davon. Völlig wertlos sind die Bälge der im Frühjahr erbeuteten Zobel, auch wenn sie noch ihre Winterhaare haben, denn dieses fällt selbst dann noch aus, wenn die Haut schon hergerichtet ist. Natürlich wird von dem kostbaren Pelz jedes Fleckchen verwertet; so werden beispielsweise die helleren und dunkleren Partien der Kehle zu farbenprächtigen Pelzstücken zusammengefügt, die als Mantelfutter sehr beliebt sind. Infolge des Immerseltenerwerdens des Zobels machen sich die Zobeljagden je länger um so schlechter bezahlt, so daß die russischen Pelzhändler in diesem Jahre beschlossen, den Präsidenten des Ministerrats telegraphisch um ein Verbot des Zobelfangs während zweier Jahre zu bitten. Nur hierdurch könne der Ausrottung des Zobels vorgebeugt werden.

Unter unseren einheimischen Säugetieren liefert der ~Baum-~ oder ~Edelmarder~ (Mustela martes) das weitaus kostbarste Pelzwerk, das in seiner Beschaffenheit am meisten demjenigen des Zobels ähnelt. Die schönsten und größten liefert Skandinavien. Diese sind noch einmal so dicht und so lang als diejenigen unserer deutschen Edelmarder und in der Farbe grauer. Unter den deutschen finden sich mehr gelbbraune als dunkelbraune, welch letztere mehr in Tirol vorkommen und dem amerikanischen Zobel oft täuschend ähneln. Die südlicher vorkommenden Edelmarderarten sind heller, blaßgraubraun oder gelbbraun. Der Edelmarder lebt von menschlichen Wohnungen weit entfernt in Wäldern und findet sich um so häufiger, je einsamer, dichter und finsterer sie sind. Er ist ein echtes Baumtier und ein unübertroffener Kletterer, bereitet sich in hohlen Bäumen, Felsspalten, verlassenen Nestern von Wildtauben, Raubvögeln und Eichhörnchen ein weiches Lager aus Moos, das er -- denn er besitzt gleichzeitig mehrere Wohnungen -- nach Störungen mit einem andern vertauscht. Wo er sich sicher fühlt, geht er schon in den frühen Abendstunden, sonst erst mit Beginn der Nacht auf Raub aus. Vom Rehkälbchen und Hasen bis hinab zur Maus ist kein Säugetier vor ihm sicher, ebenso Wald- und Feldhühner. Geräuschlos schleicht er zu ihrem Lager, mag dieses auf einem Baume oder am Boden sein, überfällt sie plötzlich und würgt sie ab, gierig sich am Blute der zerbissenen Halsschlagader labend. Außerdem plündert er alle Vogelnester aus, raubt den Bienen den Honig und sucht sich an Früchten und Beeren der verschiedensten Art zu laben. Wenn ihm Nahrung im Walde zu mangeln beginnt, wird er dreister und schleicht sich an die menschlichen Wohnungen heran, um den Hühnerställen und den Taubenschlägen einen Besuch abzustatten und darin große Verwüstung unter den Insassen anzurichten. Er würgt nämlich, von Blutgier berauscht, auch dann noch, wenn sein Hunger gestillt ist. Im Januar oder Februar findet die Paarung statt und im April oder Mai wirft das Weibchen in sein Mooslager 3-5 Junge, die 14 Tage lang blind sind, im Alter von 6-8 Wochen jedoch schon selbständig auf den Bäumen herumspringen und von den Alten sorgsam zur Jagd angeleitet werden. Solche Junge lassen sich wie junge Zobel leicht zähmen, während alt eingefangene Individuen ihre Wildheit niemals verlieren. Überall wird der Edelmarder auf das eifrigste verfolgt, weniger um seinem Würgen zu steuern, als vielmehr um sich seines wertvollen Felles zu bemächtigen. Man fängt ihn in Tellereisen und Kastenfallen mit einem Stückchen in ungesalzener Butter mit etwas Zwiebel und Honig gebratenem Brot, das man mit Kampfer bestreut. Am leichtesten erwischt man ihn, wenn man ihn mit einem scharfen Hunde bei Neuschnee bis zu seinem Lager verfolgt und ihn dort schießt oder vom Hunde, gegen den er wütend springt, abwürgen läßt.

Etwas kleiner als der Edelmarder und mit einem weit weniger wertvollen helleren, kürzeren Pelze versehen ist der ~Stein-~ oder ~Hausmarder~ (Mustela foina), so genannt von seiner Vorliebe für Felsen, Steinhaufen und menschliche Wohnungen, in denen er Mäuse, Ratten, Hühner, Tauben und anderes Geflügel zu erbeuten hofft. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich weiter südlich und weniger nach Norden als dasjenige des vorigen. In Deutschland ist er häufiger als der Edelmarder, den er an Kühnheit übertrifft und dessen Lebensweise sich fast ganz mit der seinigen deckt. Er ist schon aus dem Grunde weit schädlicher als jener, weil er weit öfter Gelegenheit findet, dem Menschen Verluste an seinem Hausgeflügel beizubringen und sein Spalierobst zu brandschatzen. Wie seine Verwandten ist auch er im Vergleich zu seiner Größe ein außerordentlich blutdürstiges Tier, das oft mehr Beute tötet als es fressen kann. Während der Paarungszeit, die Ende Februar, ungefähr drei Wochen später als diejenige des Edelmarders, stattfindet, läßt dieser sonst schweigsame Marder katzenähnliche, schon auf weite Strecken hörbare Rufe vernehmen. In seinem in einer Baumhöhle, einer Felsenspalte oder an einem anderen geschützten Ort aus Heu oder Stroh errichteten Nest wirft das Weibchen 4-5 vierzehn Tage lang blinde Junge, die sich leicht zähmen lassen. Während das Fell des Edelmarders auf 30-100 Mark zu stehen kommt, kostet das des Steinmarders 20-40 Mark. Auch sein Pelz ist um so wertvoller, aus um so nördlicherer Gegend er stammt. So werden die Edel- und Steinmarderfelle Nordeuropas meistens als Zobel verkauft, obschon sie jenen an Wert weit nachstehen, nicht bloß wegen ihrer Farbe und der geringen Haarlänge, sondern auch wegen der verhältnismäßig bedeutenden Länge des von den Grannen kaum verdeckten Wollhaars.

Der nächste mitteleuropäische Verwandte des Iltis ist das ~Hermelin~ oder ~große Wiesel~ (Mustela erminea), das nördlich von den Pyrenäen und dem Balkan in ganz Europa, ebenso in Mittel- und Nordasien bis zur Ostküste Sibiriens vorkommt. In Deutschland ist es eines der häufigsten Raubtiere, das tagsüber in einem Erdloch oder anderen Schlupfwinkel schläft, um gegen Anbruch der Dämmerung rege zu werden und außer Mäusen, Ratten, Schlangen und Eidechsen, Kaninchen, Tauben, Hühner, Sperlinge, Schwalben, Lerchen und dergleichen aus ihren Nestern zu holen. Meist jagt es paarweise, nicht selten auch zu dreien, zeigt große Behendigkeit, tollkühnen Mut und eine unbändige Mordlust. Im April oder Mai legt das Weibchen in ein verstecktes, weich ausgepolstertes Nest 5-6 und mehr Junge, die es sorgfältig beschützt und großzieht. In allen nördlicheren Gegenden seines Verbreitungsgebietes wird es im Winter bis auf die auch dann schwarzbleibende Schwanzspitze weiß, so bei uns in Deutschland, wie in Skandinavien und dem schottischen Hochland, während es in Nordengland häufig, aber nicht immer, und in Südengland nur selten weiß wird. In die Enge getrieben, strömt es einen höchst unangenehmen, durchdringenden Duft aus, wenn auch weniger stark als der Iltis. Es wird in Fallen aller Art, auch Rattenfallen, in die es zufällig gerät, gefangen. Jung aus dem Nest genommene Hermeline werden sehr zahm, folgen ihrem Herrn wie ein Hund und bereiten ihm viel Vergnügen. Früher war der Hermelinpelz sehr geschätzt und durfte nur von Fürsten getragen werden. Heute tragen ihn oder dessen Imitation auch Bürgersleute; doch ist er gleichwohl im allgemeinen weniger begehrt als einst, da die Krönungsmäntel der Fürsten aus ihm mit den schwarzen Schwanzspitzen wie Flämmchen zwischen dem reinen Weiß bestanden. Die aus nördlicheren Gegenden stammenden Pelze sind gleichfalls besser und deshalb begehrter als die aus südlicheren, die kürzeres, dünneres und weniger reinweißes Haar besitzen. Während noch im Jahre 1833 über 100000 Hermelinfelle nach England kamen, fand man später die Mühe des Sammelns nicht mehr lohnend genug; doch hob sich in letzter Zeit ihr Import infolge der gesteigerten Nachfrage in bedeutendem Maße und ist ihr Preis sehr stark gestiegen.

Weit weniger wertvoll ist der Pelz des kleinsten europäischen Marders, des ~Wiesels~ (Mustela vulgaris). Es ist im Norden der ganzen Welt verbreitet und findet sich in geeigneten Gegenden fast überall, indem es in Baumhöhlen, Steinhaufen, altem Gemäuer, unter hohlen Ufern, in Maulwurfsgängen, Hamster- und Rattenlöchern, im Winter in Scheunen, Kellern und Ställen, unter Dachböden usw. Schlupfwinkel vor seinen größeren Feinden sucht. Von dort aus unternimmt dieses kühne und neugierige Tier, wo es ungestört ist selbst bei Tage, wo es aber verfolgt wird bloß bei Nacht oder wenigstens tagsüber nur mit größter Vorsicht, seine Raubzüge, bei denen es alle kleinen Tiere, die es zu überwältigen vermag, abwürgt und frißt. Als geselliglebendes Tier jagt es oft auch gemeinschaftlich, wobei es von den größeren Tieren, die es mordet, nur das Blut leckt. Meist in einer Erdhöhle oder in einem hohlen Baum wirft das Weibchen nach fünfwöchiger Tragzeit 2-3mal im Jahr 5-8 Junge, die es lange säugt und dann noch mehrere Monate mit Mäusen ernährt, die es ihnen lebendig zuträgt. Bei Gefahr verteidigt es dieselben mit größtem Mute und trägt sie bei Beunruhigung im Maul an einen andern Ort. Von Kindheit auf an den Menschen gewöhnt, werden die Wiesel ungemein zahm und können 4-6 Jahre in der Gefangenschaft aushalten. In der Freiheit dürften sie ein Alter von 8-10 Jahren erreichen und machen sich durch die Mäusejagd, zu der sie sich vortrefflich eignen, ungemein nützlich, so daß sie so viel als möglich geschont werden sollten, um so mehr ihr winziges Pelzchen nur geringen Wert hat.

Sehr wertvoll ist der Pelz des früher besprochenen ~Fischotters~ (Lutra vulgaris), der 30-50 Mark wert ist und zu Mützen, Kragen und Verbrämungen verwendet wird. Noch beliebter ist er bei den Mongolen, die viel höhere Preise als die Europäer für ihn bezahlen. Am wertvollsten ist aber derjenige des nordamerikanischen Fischotters, der einen Wert bis zu 200 Mark erreicht. Ein Riese von über 1 m Körperlänge und einem Schwanz von 60 cm ist der ~brasilische Fischotter~ (Lutra brasiliensis), der ungleich andern Ottern ein ausgesprochenes Tagtier ist. Auch sein Fell steht hoch im Preise. Unvergleichlich kostbarer als dieses ist aber das des ~Seeotters~ (Enhydris lutra), der eine Gesamtlänge von 1,5 m bei einer Schwanzlänge von 30 cm und ein Gewicht von 40-50 kg erreicht. Der lange, walzenförmige Körper trägt vorn kurze und hinten längere Füße mit Schwimmhäuten. Das auffallend lose Fell besteht der Hauptsache nach aus dem weichen Wollhaar von dunkelbrauner Farbe, zwischen dem sich die langen, steifen, an der Spitze weißen Grannenhaare nur in geringer Anzahl finden. Sie verleihen aber dem Pelz das prachtvolle, silberschimmernde Aussehen und den herrlichen Glanz. Je gleichmäßiger und dichter die Silberspitzen in dem Pelz verteilt sind, um so kostbarer ist er; davon gibt es einzelne Stücke, die bis 8000 Mark wert sind. Ein gutes Fell bringt schon dem kamtschadalischen Jäger 100 Rubel ein und kostet durchschnittlich 1200-1600 Mark, in tadellosen Stücken in Europa sogar 4000-6000 Mark. Im Frühjahr, vom März bis Mai, ist der Pelz am besten. Daher wird die Jagd auf den Seeotter zu dieser Jahreszeit am eifrigsten betrieben. Und zwar wird dieses Tier entweder in seinem Lager beschlichen und getötet oder vom Boot aus, nachdem man sich leise an dasselbe herangerudert hat, erschlagen, auch durch Schüsse in den Kopf erbeutet. Zu Ende des Winters wird es auf dem Eise auf Schneeschuhen eingeholt und mit einem Stocke totgeschlagen.

Der Seeotter ist ein äußerst scharfsichtiges, kluges und behendes Tier, das sich mit vollendeter Meisterschaft im Wasser bewegt und auch am Lande sehr flink ist. Seine Heimat sind die Gestade des nördlichen Stillen Ozeans. Längs der amerikanischen Küste geht er aber weiter nach Süden als längs der asiatischen, wird aber auch hier dank der eifrig auf ihn betriebenen Jagd immer seltener. Er ernährt sich der Hauptsache nach von Schaltieren und Seeigeln, daneben von Krabben, weniger von Fischen. Das, wie es scheint, zu verschiedenen Jahreszeiten geborene einzige Junge ist erst im vierten oder fünften Jahre ausgewachsen; es läßt sich in der Gefangenschaft nicht aufziehen, da es darin ausnahmslos eines freiwilligen Hungertodes stirbt. Vielleicht weil es da in größerer Menge sein Lieblingsfutter findet, zieht es gewisse Örtlichkeiten anderen vor. So werden mehr als zwei Drittel der an den Küsten von Alaska erbeuteten Seeotter in der Umgebung der Insel Saanach und Chernobours erbeutet. Früher waren sie bei den ostwärts von den Alëuten im Beeringmeer gelegenen Prybiloffinseln so häufig, daß in der ersten Jagdperiode nach der Entdeckung dieser Inseln dort über 5000 Stück erbeutet wurden. Sechs Jahre später war der Seeotter bei den Prybiloffinseln vollständig verschwunden, und auch an fast allen andern Stellen seines Verbreitungsgebietes ist er so selten geworden, daß er, wenn er nicht aussterben soll, schleunigen Schutzes bedarf. Heute werden jährlich höchstens 500 Seeotterfelle auf den Markt gebracht und meist Kragen daraus geschnitten. In China sind solche Seeotterpelze besonders beliebt und reiche Würdenträger lassen sich ganze Mäntel daraus verfertigen, die selbst dort mit 15000-20000 Mark bezahlt werden müssen.

Ungefähr dieselben Breiten wie der Seeotter bewohnt die ~nordische Bärenrobbe~ (Otaria ursina), eine in den männlichen Exemplaren bis 2,4 m lange und 400 kg schwere Pelzrobbe mit einem Gürtelumfang von 1,8-2,1 m. Während diese ihre volle Größe etwa im sechsten Jahre erreichen, tun dies die viel kleineren Weibchen schon im fünften Jahre. Sie werden nur 1,2 m lang, 40-50 kg schwer und erhalten einen Gürtelumfang von 76 cm. In der Jugend sind sie glänzend schwarz, später die Männchen an den oberen Teilen mit Ausnahme der Schultern beinahe schwarz mit einer mehr oder weniger starken, bald mehr grauen, bald mehr rötlichen Bereifung, auf den Schultern grau, am Gesicht bräunlich, an der Brust bräunlich orangefarben und an Bauch und Beinen rötlichbraun. Die Weibchen dagegen tragen ein viel helleres Gewand, das oben ziemlich einförmig grau, unten dagegen bräunlich oder roströtlich ist. Die Bärenrobbe kam früher an der amerikanischen Seite des Stillen Ozeans südwärts bis nach Kalifornien vor, an der asiatischen bis zum Südende der Insel Sachalin. Heute besucht sie zur Fortpflanzung vor allem die beiden Inseln St. Paul und St. Georg der Prybiloffgruppe. Das Klima dieser hochnordischen Inseln ist sehr unwirtlich; selbst im kurzen Sommer bedeckt fast immer Nebel das Land, der Regen setzt fast keinen Tag aus und im Winter liegt alles unter Eis und Schnee begraben. Auf diesen vollständig öden und vom Menschen nicht bewohnten Inseln erscheinen im Mai nach der Schneeschmelze zuerst die erwachsenen Männchen der sonst im offenen Meer von Fischen lebenden Bärenrobbe. Sie sind sehr scheu und halten sich zunächst immer dicht am Ufer auf, später suchen sie sich mehr landeinwärts Standplätze auf, an denen im Juni noch weitere Männchen zu ihnen stoßen, mit denen sie oft grimmige Kämpfe ausfechten, um ihren jeweiligen Standort zu behaupten. Von den fortwährenden Kämpfen mit den Nebenbuhlern erschöpft und verdrängt müssen viele der ersten Ankömmlinge sich weiter landeinwärts einen neuen Standplatz suchen; manche derselben gehen an den mit den scharfen Eckzähnen erzeugten schweren Wunden zugrunde. Ein laut dröhnendes Gebrüll, das selbst das Donnern der Brandung übertönt, wird von den im ununterbrochenen Kampfe befindlichen Männchen ausgestoßen. Zu den Kämpfen um den Platz treten nach Ankunft der Weibchen Mitte Juni die um deren Besitz, die mit voller Wut während der ganzen Paarungszeit fortgesetzt werden. Kein Wunder, daß die Männchen Mitte Juli, wenn die letzten Weibchen ankommen, schon völlig erschöpft sind. Schließlich haben aber die meisten Weibchen bekommen, deren Zahl je nach der Stärke der Männchen und der Lage der von ihnen eingenommenen Plätze verschieden ist. Bei einem durch die günstige Lage seines nur mit einem Zugangsloch versehenen Platzes begünstigten alten Männchen hat man über 45 Weibchen beobachtet; die in der Nachbarschaft des Ufers festgesetzten Männchen haben durchschnittlich 12-15, die weiter ins Land zurückgedrängten nur 5-9 Weibchen und manche der am weitesten landeinwärts verdrängten Männchen erlangen überhaupt keine. Indessen können etliche von den bis fast an den Schluß der Paarungszeit unbeweibten Männchen die Stelle der inzwischen infolge Erschöpfung abgezogenen Nebenbuhler einnehmen. Während der ganzen Paarungszeit, die bis in den August hinein andauert, können die ihren Platz zu behaupten wünschenden Männchen denselben auch nicht einen Augenblick verlassen und fasten wenigstens drei, manchmal auch vier Monate hindurch. Dabei leben sie von dem vorher reichlich angesammelten Speck.

Die Weibchen der Bärenrobbe sind sehr sanftmütige Geschöpfe, die niemals einen Streit miteinander haben und selten einen Schrei ausstoßen, auch wenn sie von den Männchen roh behandelt oder gar mit den Hauern schwer verwundet werden. Nur wenn sie ihr Junges geworfen haben, blöken sie, um es an sich zu locken. Gleich bei ihrer Ankunft werden sie von den dem Ufer nächsten Männchen mit aller Aufmerksamkeit empfangen, wechseln aber in der Folge oft ihren Besitzer, indem sie immer weiter nach dem Innern drängen, wo sie unter sorgfältiger Vermeidung von Plätzen mit Wassertümpeln Herden bilden. Hier werfen sie bald nach ihrer Ankunft je ein Junges, das sie immer wieder nach ihren Exkursionen zum Fressen ins Meer aufsuchen, um es zu stillen. Mit dem Größerwerden desselben bleibt die inzwischen aufs neue befruchtete Mutter immer länger aus. Anfangs August versuchen sich die dem Ufer nächsten Jungen im Schwimmen. Wenn auch die ersten Schwimmübungen sehr unbeholfen ausfallen und bald eingestellt werden, so bilden sie sich bald zu geschickten Schwimmern aus, die von Ende September in größeren Gesellschaften das Meer nach Beute durchsuchen. Ende Oktober verlassen sie mit den Müttern und älteren Geschwistern die Inseln, um sich mit Eintritt des Winters nach dem wärmeren Süden zu begeben.

Auf den Prybiloffinseln dürfen nur die unbeweibten ein- bis sechsjährigen Männchen getötet werden, und auch diese nur in bestimmter Zahl, um der Ausrottung der Tiere vorzubeugen. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat das alleinige Recht zum Robbenschlag auf den Prybiloffinseln im Jahre 1869 an eine Handelsgesellschaft verpachtet und ihr erlaubt, auf St. Georg jährlich 25000 und auf St. Paul 75000, also zusammen 100000 junge Männchen zu töten. Durch die Ausbeutung dieses Rechtes hat die Gesellschaft von 1869 bis 1889 über 33 Millionen Dollar eingenommen, und zwar unter Aufwendung einer geringen Arbeit, indem sich die ein- bis sechsjährigen männlichen Bärenrobben für sich halten und von den Angestellten der Gesellschaft leicht vom Meere abgedrängt werden können. Die auf dem Lande unbeholfenen, vor Angst brüllenden Tiere werden nun langsam dem Innern zugetrieben, wobei sie in einer halben Stunde beinahe einen Kilometer zurücklegen. Dann müssen sie eine Zeitlang ruhen und sich erholen, bis sie weitergetrieben werden können. Unterwegs werden alle wegen Beschädigung des Felles unbrauchbaren Tiere und die etwa mitgefangenen Weibchen ausgesondert und ihnen die Rückkehr zum Meere gestattet. Der anderen harrt, an den Schlachtplätzen in der Nähe der Salzhäuser angelangt, ein schreckliches Schicksal. Nachdem sie eingehürdet, sich gekühlt und ausgeruht haben, werden sie in Scharen von 50-100 Stück durch Hiebe auf den Kopf mit schweren eichenen Knütteln niedergehauen und von den noch warmen, zuckenden Leibern die Felle abgestreift und in die Salzhäuser gebracht. Hier werden sie immer zwei und zwei mit den Haarseiten aufeinander gelegt und so schichtenweise verpackt, wobei jede Schicht mit einer Lage Salz bedeckt wird. Nachdem die Felle so 2-3 Wochen gelagert haben, werden sie paarweise, aber jetzt mit der Haarseite nach außen, zusammengerollt und, in Fässer verpackt, in die Schiffe verstaut, die sie nach London, dem Hauptmarkt dieser rohen Felle, führen. Von dort kommen sie nach Entfernung des groben aschgrauen bis braunschwarzen Grannenhaars als kostbarer ~Sealskin~ in den Handel, um als Jackett eine Dame oder als Kragen den Mantel eines reichen Herrn zu zieren. 40-50 Robbenjäger töten und enthäuten an einem Tage bis zu 3000 Stück der wehrlosen Pelzrobben. Während des Sommers 1872 haben 45 Leute über 72000 Bärenrobben in weniger als vier Wochen zum Schlachtplatz getrieben, getötet und abgehäutet.

Trotz der Bestimmung, daß in jedem Jahre nur 100000 männliche Bärenrobben getötet werden dürfen, soll diese Anzahl vielfach überschritten werden. Die Folge davon ist, daß die Zahl der die Prybiloffinseln zur Fortpflanzung aufsuchenden Bärenrobben immerfort abnimmt. Die jungen Männchen und unfruchtbaren Weibchen bleiben auch den Sommer über auf hoher See, wo ihnen britische Schiffe nachstellen. Hat eins der wohlausgerüsteten etwa 50 britischen Segelschiffe eine Bärenrobbe in der Beringsee gesichtet, so werden mit je zwei Matrosen und einem mit zwei Schrotflinten und einer Kugelbüchse ausgerüsteten Jäger bemannte kleine Boote auf die Pelzrobbenjagd ausgesandt. Ruhig fährt das Boot an die wahrgenommene Bärenrobbe heran und der Jäger sucht sie durch einen Schuß in den Kopf zu töten, was allerdings durch die große Wachsamkeit der Tiere in den allermeisten Fällen vereitelt wird, indem sie beizeiten die Gefahr merken und untertauchend in die Tiefe verschwinden. Der Jäger soll nur dann schießen, wenn er seiner Beute ganz sicher zu sein glaubt. Ist diese getroffen, so beginnt sie sofort zu sinken, weshalb das Boot sich beeilen muß, an den Kadaver heranzukommen, ihn zu gaffeln und an Bord zu nehmen. Die auf die Robbenjagd geschickten kleinen Boote bleiben auf dem Wasser, solange sie eine Bärenrobbe sehen können, und wenn sie manchmal auch nur eine oder zwei während eines ganzen Tages erbeuten, so fallen ihnen gelegentlich auch mehr, bis zwanzig, zum Opfer. Das Fleisch dieser Tiere wird von den Eingeborenen, aber auch den Europäern, gern gegessen, da es recht schmackhaft ist.

In derselben Weise wie der Bärenrobbe wird auf den Prybiloffinseln der im männlichen Geschlecht bis 4 m langen, einen Umfang von 2,5-3 m und ein Gewicht von 500-650 kg erreichenden ~Stellerschen Ohrenrobbe~ (Otaria stelleri), von den Matrosen wegen ihres grimmigen Gesichtsausdrucks ~Seelöwe~ genannt, nachgestellt. Diese größte aller Pelzrobben, die in der Jugend lebhaft kastanienbraun, erwachsen dagegen in beiden Geschlechtern hellrötlichbraun ist, wurde im Jahre 1741 während Berings erster Forschungsfahrt in diesem Weltteil entdeckt und von dem Bering begleitenden Naturforscher Steller, nach welchem das Tier später benannt wurde, beschrieben. Da diese Robbe ihren schweren Körper über Land nur sehr mühsam fortbewegt, begibt sie sich während der Fortpflanzungszeit nicht so weit ins Land hinein wie die Bärenrobbe, nämlich nicht sehr weit über den Bereich der höchsten Flut hinaus. Während der Paarungszeit im Frühsommer besucht sie dieselben Küstenstrecken wie die Bärenrobbe, die sie durch ihre bedeutendere Stärke verdrängt, ohne daß sie sich ihrem gewaltigen Gattungsgenossen gegenüber zur Wehr setzte. Doch scheint es die männliche Ohrenrobbe bei der Bildung und Beschützung ihres Harems weniger genau zu nehmen als die männliche Bärenrobbe. Die Ohrenrobbe ist äußerst scheu und wachsam und läßt keinen Menschen nahe herankommen, ohne daß sie sich plötzlich Hals über Kopf ins Meer stürzte. Hierbei werden die Weibchen von den Männchen begleitet, die die Jungen bewachen, sie im Wasser schwimmend umkreisen und sie so lange zusammenhalten, bis eine neue Landung gefahrlos erscheint. Bei den Jungen bleiben auch die mit ihnen und den Männchen ins Wasser geflohenen Weibchen, tauchen und schwimmen hierhin und dorthin, beim jedesmaligen Auftauchen den Störenfried mit einem heisern Grollen bedrohend.

Auf ihren Paarungsplätzen erscheinen die männlichen Ohrenrobben im Mai. Ihnen folgen 3-4 Wochen später die Weibchen, die ihre Jungen einen Monat früher als die Bärenrobben werfen. Auch bei ihnen nehmen die stärksten Männchen die meisten Weibchen in Beschlag, um bis Ende September mit ihnen zusammenzubleiben. Gewöhnlich versammelt jedes genügend starke Männchen 10-15 Weibchen um sich, um sie bald nach dem Werfen der Jungen zu befruchten. Auch nach der Paarungszeit halten sich die Ohrenrobben den ganzen Winter hindurch nahe der Küste. Doch sind sie nicht mehr zahlreich auf den Prybiloffinseln. Man schätzt die Anzahl der die Insel St. Paul besuchenden Ohrenrobben auf etwa 25000, während 7000-8000 auf die zweite Hauptinsel der Prybiloffgruppe, St. Georg, kommen sollen. Ein Beobachter meint, daß übrigens nur 15000-20000 Ohrenrobben im Jahre die Prybiloffinseln besuchen. Auf der Insel St. Paul werden die zum Abschlachten bestimmten Ohrenrobben langsam der Küste entlang getrieben, wobei sie fortwährend tiefe Klagetöne ausstoßen. Um die Tiere aufzuscheuchen, genügt es, in ihrer Nähe plötzlich einen Regenschirm auszuspannen. Dies wird alle paar Minuten wiederholt, bis die ganze Herde munter geworden ist und sich unter viel Gebrüll und Gekläff in Bewegung setzt. Durch Rufe und Flaggenschwenken am Ende und an den Rändern der Herde werden die Tiere, die jetzt so gut wie möglich vorwärtshumpeln, so lange in Bewegung gehalten, bis sie neuer Ruhe bedürfen. Endlich am Schlachtplatz angelangt, werden die zum Erschlagen durch Keulen viel zu gewaltigen ausgewachsenen Männchen mit Büchsen totgeschossen und ihr Fell abgezogen. Die Weibchen und jungen Männchen dagegen, die die besten Pelze liefern, werden erstochen. Mit einem scharfen Messer wird das Unterhautzellgewebe der abgezogenen Häute und zugleich damit die tiefer als die Wollhaare wurzelnden Grannenhaare durch Entwurzelung aus dem Pelze entfernt. Im übrigen ist die Behandlung der Felle dieselbe wie bei den Bärenrobben.

Von ihnen wie von den weiter südlich lebenden Ohrenrobben wird auch das Fett gesammelt und eingekocht, das schwach behaarte Fell der letzteren zur Herstellung eines starken Leders erbeutet. Vor etwa 100 Jahren war die Zahl der Ohrenrobben vieler Gegenden ungeheuer groß. An der chilenischen Küste, die seitdem nahezu eine Million Felle lieferte, sollen damals 500000-700000 dieser Tiere gelebt haben. In Südgeorgien wurden im Jahre 1800 nicht weniger als 112000 Bärenrobben erbeutet, wovon auf ein einziges amerikanisches Schiff rund 50000 kamen. Damals wurde auch die Entdeckung von Bärenrobben an der australischen Küste bekannt, von wo im Jahre 1804 ein einziges Schiff 74000 Häute ausführte. Auch an den südostwärts vom Kap der Guten Hoffnung gelegenen Prinz Edward-Inseln wurden große Scharen von Ohrenrobben erbeutet, und zwischen 1820 und 1821 wurden über 300000 Häute von den Südshettlandinseln ausgeführt, wo 1821 über 100000 junge Ohrenrobben, ihrer Mütter beraubt, zugrunde gingen. Von der in der Nähe der Küste von Neusüdwales gelegenen Antipodeninsel wurden 1814 und 1815 über 400000 Felle großer Pelzrobben ausgeführt, wovon der vierte Teil bei der Ankunft in Europa wegen ungenügender Zubereitung als Dünger verkauft oder fortgeworfen werden mußte. Kein Wunder, daß die Anzahl der Pelzrobben der südlichen Meere schon im Jahre 1813 so gering geworden war, daß die auf ihren Fang ausgehenden Schiffe statt Gewinn meistens Verlust hatten, und daß eine den Pelzrobben geltende Schiffsreise ein großes Risiko in sich faßte, ob sie sich überhaupt bezahlt macht. So unvernünftig hat das grimmigste Raubtier, der Mensch, mit den ihm unerschöpflich scheinenden Naturschätzen gewütet, die ihm bei einigermaßen vernünftiger Ausbeutung viele Jahrhunderte hindurch Reichtümer ohne Zahl gewährt hätten. Die einst immensen Herden von Pelz- und Haarrobben sind heute so sehr zusammengeschmolzen, daß jährlich insgesamt nur noch etwa 185000 Pelz- und 875000 Haarrobben erbeutet werden. Wenn nicht ganz energische Schonungsmaßregeln von seiten der betroffenen Nationen ergriffen werden, wird das völlige Aussterben der großen Ohrenrobben wie so mancher anderer Wunder der Schöpfung -- es sei hier nur an die gewaltige Stellersche Seekuh erinnert -- nur eine Frage der Zeit sein.

Ein anderes Wassertier, dessen Pelz sehr geschätzt wird, ist der ebenfalls auf den Aussterbeetat gesetzte ~Biber~, von dem in einem früheren Abschnitte eingehend die Rede war. Für den Handel ist nur noch mit dem Biber in Nordamerika, speziell Kanada, zu rechnen. Von dort kommen ungefähr noch 50000 Felle jährlich in den Handel. Die Farbe des Bibers, die gewöhnlich auf der Oberseite dunkelbraungrau, auf der Unterseite dagegen heller ist, variiert ganz bedeutend. Es gibt von ihm ganz helle und ganz dunkle Exemplare; die Pelze der letzteren sind die wertvollsten. Bei deren Zubereitung wird das grobe, braune Grannenhaar entweder stehen gelassen oder entfernt, so daß nur das weiche, dichte, graublaue Wollhaar zurückbleibt, das ein sehr feines, überaus geschätztes Pelzwerk liefert.

Eines der wichtigsten Pelztiere ist der ~Fuchs~, dessen Lebensweise ebenfalls bereits besprochen wurde. Der bei uns heimische Rotfuchs mit rötlichgelbem, auf dem Rücken braunrotem Pelze hat an seiner dichten, buschigen Lunte meistens eine weiße Spitze. Je nach ihrer Farbe und Dichtigkeit steigen die Felle des Fuchses bedeutend an Wert. Die schönsten für Pelzwerk in Betracht kommenden Rotfüchse stammen aus Alaska und Kamtschatka; aber auch Sibirien hat sehr gesuchte Fuchspelze. Im Gouvernement Tobolsk wurden in den letzten Jahren 50000-75000 junge und nur 5000-10000 ausgewachsene Füchse jährlich gefangen. In den Gouvernements Jakutsk und Jenissei, wo die Jungen nicht gefangen werden dürfen, kommen jährlich 15000 bis 25000 Füchse zur Strecke. Zu diesem Rotfuchs tritt in den Polarländern noch der Weißfuchs. Eine besondere Art desselben mit blaugrauer Farbe ist der Blaufuchs, der schon sehr hoch im Preise steht. Bei weitem am kostbarsten sind aber die Silber- oder Schwarzfüchse, die in Sibirien, auf den Alëuten und im nördlichsten Teile Kanadas leben, aber heute infolge der unaufhörlichen Verfolgung überall selten geworden sind, so daß man sie manchenorts in regelrechte Zucht in eingehegten Revieren genommen hat, um einigermaßen mühelos ihren kostbaren Pelz zu erhalten. Derselbe hat ganz schwarzes, sehr feines, langes Haar, das stets nach unten fällt. Trägt dieses Haar weiße Spitzen, so wird der Pelz Silberfuchs genannt, überwiegt aber das reine Schwarz in der Färbung und sind nur wenige Stellen mit Silberhaaren bedeckt, dann heißt der Pelz Schwarzfuchs. Ganz reine Schwarzfüchse ohne jedes Silber sind ganz außerordentlich selten. Von ihnen werden jährlich noch nicht ein halbes Dutzend erbeutet, und der Wert eines solchen Felles steigt bis auf 12000 Mark.

In den Provinzen Schensi und Schansi wird das an Gestalt der Angoraziege ähnliche Tibetschaf in großen Massen nur des Pelzes wegen gezüchtet. Der deutsche Pelzhandel kennt diese Felle, die sich durch eine feine, langhaarige, glänzendweiße Wolle auszeichnen, seit kaum 20 Jahren. Heute aber werden jährlich wenigstens 600000 Stück davon importiert, und zwar meist schon in zugerichtetem Zustande, was die Chinesen, die überhaupt Meister in der Kürschnerkunst sind, ganz vortrefflich besorgen. In den weiten Ebenen und Steppen der Bucharei dagegen lebt in großen Herden bis zu 5000 Stück das auf Seite 127 besprochene Fettschwanzschaf von Arkalabstammung, das die schwarzen, seidenglänzenden, vielfach gekräuselten und gerollten Pelze gibt, die unter dem Namen Astrachan, Krimmer oder Persianer in den Handel gelangen und prächtige Wintermäntel und Jacken liefern. Ihn erzeugen die ganz jungen Schafe, während die Felle der neugeborenen Lämmer, die ein eigenartiges, moiréähnliches Muster zeigen, Breitschwanz genannt werden. Letztere werden an Ort und Stelle schon mit 8 Mark das Stück bezahlt, während die Felle der älteren Lämmer als Astrachan nur 4 bis 5 Mark kosten. Um die Bildung der feinen Löckchen des Felles zu fördern, näht man zuweilen die jungen Lämmer während ihres kurzen Lebens in ein Fell oder ein Stück grobe Leinwand ein. Die Bucharen sind sehr stolz auf diese ihre Schafe, die so herrliche Felle besitzen und die es noch nicht gelang anderswo anzusiedeln. Die Felle werden alljährlich von den Vertretern großer Pelzfirmen an Ort und Stelle eingekauft oder gelangen auch auf die großen Märkte nach Astrachan. Sie werden darauf in rohem Zustande in besonderen Fabriken einer ersten Präparierung unterworfen, die sie für die Reise nach Europa geeignet macht. Hier werden sie vollends gereinigt und, da das natürliche Schwarz zu stumpf wirkt, noch künstlich gefärbt, bis sie den sie so beliebt machenden schwarzen Glanz erlangt haben.

Zu Nachahmungen wertvollerer Pelze dient hauptsächlich der dichte Winterpelz des ~Kaninchens~. Zu diesem Zwecke wird er gewöhnlich geschoren, gefärbt und kommt dann als Sealkanin, Nutriakanin, Chinchillakanin und Zobelkanin in den Handel. Am beliebtesten ist das Fell des Silberkaninchens, das im Rohzustande herrliche Imitationen des echten Hermelins liefert. Deshalb wird dieses Tier in sehr großen Mengen gezüchtet und seine Felle in gewaltiger Zahl namentlich in die romanischen Länder eingeführt, wo sie meist sehr gut bezahlt werden. Außer durch Kaninchenfell wird der so beliebte Chinchillapelz vielfach auch durch das Fell einer australischen Beuteltierart imitiert. Das Fell des nordischen Eisfuchses wird sehr häufig durch dasjenige des nordischen Schneehasen nachgeahmt oder aus dem Felle des vorhin genannten weißen Tibetschafes imitiert, nachdem es durch Aufbügeln und Auskämmen einem Regenerationsverfahren unterworfen wurde. Auf eine bestimmte nordische Wolfsart führt meist der vielgerühmte Kamtschatkafuchs seinen Stammbaum zurück und hinter dem Luchspelz aus Rußland steckt in der Regel das Fell eines australischen Beuteltieres. Der russische Edelmarder entpuppt sich dem Kundigen nicht selten als Fell des nordamerikanischen Opossums, also ebenfalls eines Beuteltieres. Gleicherweise werden auch die als Kolinski bezeichneten Felle des tatarischen Marders durch diejenigen von Hauskatzen geschickt nachgeahmt.

Wie die Säugetiere der nördlichen Breiten mit ihrem dichten Pelz, müssen die Vögel der sonnenreichen Tropenländer mit ihrem herrlichen Gefieder dem Menschen dienen. Wie jene hat er deshalb auch diese mit erbarmungsloser Gier in ungezählten Scharen gemordet, so daß das Herz jedes Naturfreundes sich in Bitterkeit zusammenkrampft, wenn man bedenkt, wie scheußlich gegen jene frohe, bunte Schaar im Laufe der letzten Jahrzehnte dank der infamen, launischen, von den herz- und gedankenlosen Halbweltdamen in Paris zum größten Teil diktierten Mode gewütet wurde. Und dank ihrer angeborenen Eitelkeit macht auch die bessere, anständige Frau jenen frivolen Hetären all diesen Blödsinn nach. Der beklagenswerten Mode des Tragens von bunten Vogelfedern oder ganzen Vogelbälgen auf den Damenhüten sind schon viele Milliarden Vögel in der herrlichsten Zeit ihres Lebens, in der Zeit der Fortpflanzung, wenn sie ihr schönstes Kleid, das Hochzeitskleid, anhaben, herzlos in den Tod geschickt und mit ihnen ihre Brut dem Hungertode und der Vernichtung preisgegeben worden. Wir haben bei Besprechung der kulturgeschichtlichen Rolle der Straußenfeder gesehen, daß ihr im 15. Jahrhundert am üppigen, reichen burgundischen Hofe die zierliche Aigrette als Hutschmuck vorausging. Diese Aigrette wurde ursprünglich vom ~Silberreiher~ (Ardea alba) gewonnen, der am liebsten in schwer zugänglichen Rohrdickichten an den Ufern stehender oder langsam fließender Gewässer nistet und einst wie in ganz Südeuropa, so in den Donautiefländern, von Ungarn an bis in die Dobrudscha hinein, ein häufiger Brutvogel war. Durch die ihm seiner prächtigen Schmuckfedern wegen bereiteten Nachstellungen ist er nicht nur dort, sondern überall auf der Welt, wo er nistet, selbst in den entlegensten Gegenden, überaus selten geworden. Auch der dieselben Gegenden bewohnende überaus anmutige ~Seidenreiher~ (Ardea garzetta), der in den Brutkolonien seine Nester fast ausnahmslos auf den obersten, ziemlich dünnen Seiten- und Gipfelzweigen der Bäume errichtet, in denen er von Ende Mai an seine 3-4, selten 5 hellbläulichgrünen Eier bebrütet, ist dank den eifrigen Nachstellungen beinahe ausgerottet, obschon seine Schmuckfedern viel weniger begehrt sind und dementsprechend niedriger im Preise stehen als diejenigen des Silberreihers. Die mit sparrigen, kurzen Strahlen versehenen Schmuckfedern dieser Edelreiher stehen bei dem Männchen den Rücken entlang und nicht am Hinterkopfe, wie man gewöhnlich glaubt. Ihretwegen werden sie geschossen. So hat man im Jahre 1898 in Venezuela allein 1538738 dieser Edelreiher zur Gewinnung der Aigretten getötet; zehn Jahre später konnte man nur noch 259916 derselben erbeuten. Dort und in Mittelamerika, Afrika und Ostasien, wo er einst in ungezählten Scharen lebte, ist er so überaus selten geworden, daß man trotz der hohen Preise die größte Mühe hat, die Nachfrage nach den Aigretten zu befriedigen.

Eine einzige Sendung eines großen Londoner Hauses umfaßte außer 19000 Aigretten 80000 Seevögel und 800000 Paare von Flügeln verschiedener Art. Eine andere einer Berliner Firma enthielt 32000 Kolibris. Die Kolibrifedern dienen nicht nur zur Verzierung von Damenhüten, sondern auch zum Garnieren von Schuhen, von denen allerdings ein Paar 6000 Mark kostet. So ist es kein Wunder, daß z. B. auf der Insel Trinidad, wo der Gang der Ausrottung überschaut werden kann, von ursprünglich 18 Kolibriarten nur noch 5 existieren. Von den wundervollen Paradiesvögeln Neuguineas kamen 1907 19742 Bälge in London auf den Markt. Eine einzige Sendung einer Londoner Firma zählte 28300 Bälge dieser Art auf und täglich laufen neue große Sendungen derselben in London ein. Kürzlich schossen japanische Raubjäger auf einsamen Inseln der Hawai-Gruppe 250000 brütende Albatros, jene herrlichen Flieger des offenen Meeres, die mitten auf den gewaltigen Wasserwüsten der Ozeane als fast einzige Vertreter der Vogelwelt anzutreffen sind, um sie über Japan auf den Londoner Mark zu bringen. In einer einzigen Saison wurden von einer Pariser Modistin 40000 Seeschwalben verbraucht. Hunderttausende von nützlichen einheimischen Schwalben und Stieglitzen, wie der schönsten und seltensten exotischen Vogelarten werden jährlich der Eitelkeit der europäischen Frau geopfert. Wie die Paradiesvögel stehen vor allem die herrlichen Glanzstaare, Quesals, Trogone, Sittiche, Kolibris und zahlreiche andere Schmuckvögel der Tropen auf der Liste der bald der Ausrottung Verfallenen. So hat man berechnet, daß für die europäische Damenwelt allein über 300 Millionen Ziervögel jährlich ihr Leben lassen müssen. Es ist dies, wie Dr. Paul Sarasin in Basel in seinem Aufruf zur Gründung eines Weltnaturschutzbundes mit Recht sagt: „ein die Natur beleidigendes Riesenopfer an die Eitelkeit und Herzlosigkeit der europäischen Frau.“

Es wäre höchste Zeit, daß die betreffenden Nationen sich in zwölfter Stunde aufrafften, um diesem sinnlosen Treiben der Ausrottung der schönsten Geschöpfe unserer Erde ein jähes Ende zu setzen. Haben wir nicht in den bunten Seidenbändern und den mit großer Naturtreue erzeugten künstlichen Blumen hübsche Garnituren genug, um auch die größten Ansprüche der verwöhntesten Dame zu befriedigen?

Außer Pelz und Feder ist auch das ~Schildpatt~ und die Haut mancher Schlangen und Alligatoren ein gesuchter Handelsartikel. Das Schildpatt oder Schildkrot wird von der eine Gesamtlänge von nahezu 1 m erlangenden, als gieriger Räuber ausschließlich von tierischen Stoffen lebenden ~Karettschildkröte~ (Chelone imbricata) gewonnen. Diese lebt nicht nur im Indischen und Stillen, sondern auch im Atlantischen Ozean, hat zwar ungenießbares Fleisch, liefert aber durch ihre 3-7 mm dicken, auf braunem Grunde eine gelbe Zeichnung tragenden, dachziegelartig angeordneten Rückenplatten, von denen ein ausgewachsenes Tier 2-6 kg besitzt, ein wichtiges Rohmaterial für allerlei Schmucksachen, wie Kämme, Dosen und Einlegearbeiten. Dieses Schildpatt wird indessen auch von mehreren anderen verwandten Schildkröten gewonnen und kommt in bester Beschaffenheit von Indonesien, in großer Menge aber auch vom Roten Meer, von Westindien und den Küsten Südamerikas in den Handel. Nur wenn es stark erwärmt wird, löst es sich leicht vom Rückenpanzer der betreffenden Schildkröte. So wird dieses bedauernswerte Tier über einem Feuer aufgehängt und so lange geröstet, bis jene Wirkung erzielt worden ist. Die Chinesen, die einsahen, daß das Schildkrot durch trockene Wärme leicht verdorben werden kann, bedienen sich gegenwärtig zu diesem Zwecke des kochenden Wassers. Nach überstandener Ablösung des Schildkrots gibt man die Karettschildkröte wieder frei und läßt sie dem Meere zulaufen, da man glaubt, daß sich das Patt wieder erzeugt.

Das Schildpatt übertrifft nicht nur an Schönheit und Güte jede andere Hornmasse, sondern läßt sich auch leicht zusammenschweißen. Es genügt, die einzelnen Tafeln, die ungleich dick und spröde sind, in siedendheißes Wasser zu tauchen und sie dann zwischen Metallwalzen zu pressen. Bei hinreichendem Druck haften sie so fest aneinander, daß man die einzelnen Teile nicht mehr unterscheiden kann, behalten dabei auch, nachdem sie langsam erhärtet sind, jede ihnen im erweichten Zustande beigebrachte Form vollkommen bei und eignen sich somit vortrefflich zur Herstellung von Dosen und Kämmen. Selbst die Abfälle können noch gut benutzt werden, da man mit ihnen die Vertiefungen zwischen den einzelnen Tafeln ausfüllt und sie wieder in der Wärme so lange preßt, bis sie sich mit jenen innig verbunden haben.

Dieses Schildpatt wurde schon im hohen Altertum zur Herstellung von allerlei kostbaren Schmuckgegenständen verwendet. So sagt Seneca, der Erzieher Kaiser Neros: „Die Schale der Schildkröte, dieses scheußlichen und über alle Maßen faulen Tieres, wird mit großer Kunst und Sorgfalt bearbeitet, durch allerlei Mittelchen bunt gefärbt und zu ungeheueren Preisen gekauft.“ Und Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte: „Carvilius Pollio, ein verschwenderischer und in Gegenständen des Luxus erfinderischer Mann, hat zuerst die Schalen der Schildkröten zerschneiden und mit den Platten Betten und Präsentierteller überziehen lassen.“ Auch Ovid, Vergil, Martial, Juvenal und Lucanus erwähnen das Schildpatt, von dem Julius Capitolinus speziell berichtet, daß in Rom kaiserliche Prinzen in damit ausgelegten Badewannen gebadet wurden. In der Renaissancezeit wurden damit besonders kunstvolle Einlagen in wertvolle Möbel erzeugt. Erst in der Neuzeit sind Dosen und Kämme daraus verfertigt worden. Jetzt wird es sehr viel, wie das teure Elfenbein, in billigem Celloidin nachgeahmt.

Verwandt mit der Karettschildkröte ist die viel größere ~Suppenschildkröte~ (Chelone viridis), die bei den Feinschmeckern in hohen Ehren steht. Dieses im Stillen, im Indischen und im Atlantischen Ozean, selten als Irrgast auch im Mittelmeer auftretende, 2 m lang und 500 kg schwer werdende Tier lebt vorwiegend von Pflanzen, namentlich von Seetang, und wird von Westindien aus lebend auf den europäischen Markt gebracht. Im Meere schwimmt es mit solcher Kraft, daß es sich ungefährdet in die stärkste Brandung wagen darf. Nur zum Eierlegen verlassen die weiblichen Suppenschildkröten das hohe Meer und steuern bestimmten, altgewohnten, von Menschen nicht bewohnten Plätzen mit sandigem Ufer zu, um dort nachts ihre Eier lose in den Sand zu vergraben. Dabei lassen sie sich von den Menschen leicht erbeuten. Doch muß er sich ganz leise an sie heranschleichen, da das ungemein argwöhnische und trotz seines stumpfsinnigen Benehmens mit sehr scharfen Sinnen ausgestattete Tier beim geringsten Verdacht schleunigst dem Meere zustrebt und, wenn es das Wasser auch nur mit den Vorderflossen erreicht hat, selbst durch die vereinte Kraft mehrerer Männer nicht mehr zurückgehalten zu werden vermag. Ist es weit genug vom rettenden Wasser entfernt, so muß man versuchen, den mit seinen riesigen Ruderfüßen wütend um sich schlagenden Koloß auf den Rücken zu werfen, wozu ein einzelner Mensch manchmal nicht stark genug ist. Auf dem Rücken liegend ist die Schildkröte völlig wehrlos und endgültig in die Gewalt des Menschen gegeben. Am folgenden Morgen werden die Gefangenen in eigens für sie bereitete Behälter mit Seewasser oder auf die Schiffe gebracht. In der Gefangenschaft fressen sie kaum, magern deshalb rasch ab und verlieren ihren Wert. Auf dem Verdeck der Schiffe werden sie auf dem Rücken liegend mit Stricken befestigt, ein Tuch über sie gebreitet und dieses so oft mit Seewasser begossen, daß es beständig naß oder wenigstens feucht bleibt. In den europäischen Seestädten hält man sie in großen Kübeln, die alle 2 bis 3 Tage einmal mit Wasser gefüllt werden, schlachtet sie dann, indem man ihnen den Kopf abhackt, und hängt sie 1-2 Tage so auf, daß alles Blut ablaufen kann. Erst dann hält man das Fleisch geeignet zur Bereitung von köstlichen Suppen.

Die Indianer Südamerikas töten diese und andere Meerschildkröten des Öles wegen, das in ihrem Fleische enthalten ist, kochen es aus und sammeln die zahlreichen Eier, die im Sande oder noch im Leibe des Tieres enthalten sind, in großen Körben, um sie zu Hause zu verzehren. Die Eier mehrerer, die südamerikanischen Flüsse bewohnender ~Halswenderschildkröten~ (Pleurodira) sind für manche Indianerstämme von größtem Nutzen. Am berühmtesten wurde aber durch die farbenreiche Schilderung Alexanders von Humboldt die im ganzen tropischen Südamerika östlich der Anden lebenden ~Arrauschildkröte~ (Podocnemis expansa), ein Tier von 77 cm Panzerlänge und einem Gewicht von 20-25 kg. Zur Zeit des niedrigsten Wasserstandes der von ihr bewohnten Flüsse, zu Anfang März, kommt diese Schildkröte alljährlich an die von ihr zur Eiablage bevorzugten sandigen Ufer und Inseln und genügt ihrem Fortpflanzungstrieb. Hier wird sie teilweise von den in großer Menge zur Ernte herbeieilenden Indianern erlegt; zum weitaus größten Teile läßt man sie unbehelligt ihre taubeneigroßen, mit ziemlich dicker Pergamentschale versehenen Eier ablegen, um diese zu erbeuten. Die betreffenden sandigen Ufer sind dann durchschnittlich 1 m tief damit gefüllt. Sie werden von den Indianern mit den Händen ausgegraben, in Körben ins benachbarte Lager getragen und in große, mit Wasser gefüllte hölzerne Tröge geworfen. In diesen werden sie mit Holzschaufeln zerdrückt, umgerührt und der Sonne ausgesetzt, bis der obenauf schwimmende ölige Teil, das Eigelb, dick geworden ist. Das Öl wird dann abgeschöpft und über starkem Feuer gekocht. Gut zubereitet ist es farblos mit einem Stich ins Gelbliche, geruchlos, um so besser haltbar, je stärker es gekocht wurde und dient als sehr geschätztes Speisefett. Da es meist recht unreinlich gewonnen wird und teilweise ausgebildete und dann in der Weiterentwicklung gehemmte Keime enthält, die verfaulen, besitzt es in der Regel einen fauligen Geschmack, der aber der Wertschätzung von seiten der Indianer keinen Eintrag tut.

Begreiflicherweise ist keine Schildkröte in engere Beziehungen zum Menschen getreten. Dagegen ist dies mit einigen anderen Reptilien der Fall, vor allem mit einigen Schlangen, die der Mensch teils aus heiliger Scheu wegen ihres überaus giftigen Bisses, teils aus praktischen Gründen, weil sie ihm bei der Bekämpfung der seinen Vorräten schädlichen Mäuse und Ratten gute Dienste leisten, in Kultpflege nahm. Bei manchen Volksstämmen Indiens und Afrikas sind verschiedene gefürchtete Giftschlangen geradezu heilige Tiere, denen regelmäßig Opfer von Milch dargebracht werden. Dies war schon im Altertum der Fall, wo beispielsweise in Ägypten die überaus giftige ~Hornviper~ (Cerastes cornutus), ein typischer sandfarbener Wüstenbewohner, als heiliges Tier in einigen Tempeln gehalten und vom Menschen gefüttert wurde. Gleicherweise geschah es im alten Athen mit der ungiftigen ~Natter~, von welcher der Geschichtschreiber Herodot erzählt: „Die Athener sagen, als Schutzgeist wohne in ihrer Burg im Tempel der Athene eine große Schlange, und diese füttern sie alljährlich mit einem Honigkuchen. Als nun die Perser die Stadt mit Heeresmacht bedrohten, verkündete die Priesterin der Pallas, diesmal sei der sonst immer verzehrte Honigkuchen unberührt geblieben. Hieraus schlossen nun die Athener, die Göttin habe die Stadt verlassen; sie faßten demnach alsbald den Entschluß, ein Gleiches zu tun, schafften ihre Habe fort und begaben sich auf die Schiffe.“ Die Rolle, welche die harmlose ~Äskulapnatter~ (Coluber aesculapi) als heiliges Tier des Heilgottes Asklepios an dessen Heiligtümern in Griechenland und später, als sein Dienst bei Gelegenheit einer schweren, drei Jahre die Stadt heimsuchenden Seuche nach Rom überpflanzt wurde, im ganzen römischen Reiche spielte, ist zu bekannt, als daß hier näher darauf eingetreten zu werden brauchte. Diese zutrauliche Schlange wurde auch sonst in römischen Haushaltungen als guter Geist und Mäusefängerin gehalten und mit Milch gefüttert, so wie heute überall in Brasilien halbzahme ungiftige Hausschlangen an Stelle der Katzen zur Befreiung der Häuser von der lästigen Mäuseplage gehalten werden. Unter diesen ist die beliebteste eine Giboea genannte kleine Art Boa von etwa 4 m Länge und der Dicke eines Arms. Diese wird z. B. auf den Märkten von Rio de Janeiro, Pernambuco und Bahia für 4 bis 5 Mark verkauft und findet stets Abnehmer. Die Schlange liegt den ganzen Tag schläfrig im Hausflur; erst bei Eintritt der Nacht beginnt sie ihre Jagd, gleitet geräuschlos den Mauern entlang und schnellt geschwind wie der Blitz auf eine Maus oder Ratte zu, die sie mit tödlicher Sicherheit ergreift. Sie begnügt sich aber nicht mit einem Fraß, sondern tötet die schädlichen Nager massenhaft aus bloßer Mordlust. Ihrem Herrn gegenüber wird sie vollständig zahm und bekundet große Anhänglichkeit an das Haus, das sie fast niemals verläßt, so daß eine gute Hausschlange für den Besitzer ein wahrer Schatz ist.

Von den Reptilien sind sonst einzig noch die ~Alligatoren~ zu halben Haustieren erhoben worden, und zwar weil ihre Haut ein zur Mode gewordenes geschätztes Luxusleder, ihre Zähne einen beliebten Schmuck liefern und winzige Alligatorbabies nebst mit Edelsteinen gezierten kleinen Schildkröten, die gleicherweise als lebende Broschen getragen werden, die „Lieblingstiere“ der extravaganten reichen Amerikanerinnen geworden sind. Um nun diese durch die zunehmende Besiedelung immer seltener werdenden Tiere leichter erlangen zu können, haben findige Yankees begonnen, sie zu züchten. So gibt es in den Vereinigten Staaten, besonders in Kalifornien, eigentliche Alligatorenfarmen, in denen diese gefürchteten Saurier in besonderen Gehegen gehalten werden. Um sich vor Schaden zu schützen, legt der Farmer den bösartigsten dieser in Pflege genommenen Echsen einen regelrechten Maulkorb an. Im Monat Juli scharren sich die Weibchen aus Riedgras und Reisig ein primitives Nest zusammen und legen 30-40 längliche Eier hinein. Ist dies geschehen, so bedecken sie dieselben sorgfältig mit demselben Material und überlassen der Sonne das Ausbrüten ihrer Nachkommenschaft. Der Farmer aber entnimmt den Nestern alsbald die meisten Eier, um sie einem Brutapparat anzuvertrauen. Darin werden die Eier bei einer Temperatur von 70° C. unter täglicher Anfeuchtung in etwa 60 Tagen ausgebrütet. Haben die Jungen die Eischale verlassen, so sind sie schon eine gesuchte marktfähige Ware. Sie gedeihen ohne besondere Pflege und werden mit Fleischabfällen gefüttert. Ihr Wachstum geht außerordentlich langsam vor sich. So hat ein zwei Fuß langes Tier ein Alter von annähernd zehn Jahren, während ein zwölf Fuß langes oft das stattliche Alter von hundert Jahren aufzuweisen hat. Die großen Exemplare sind für Menagerien und zoologische Gärten sehr begehrt.

XXVIII. Die Transpender.

Das Tier war dem Menschen der älteste Fettlieferant, den später mit dem Aufkommen des Hackbaues und dem Anpflanzen gewisser Öl in ihren fettreichen Samen liefernder Pflanzen das vegetabilische Fett wenigstens bei den Kulturvölkern mehr und mehr verdrängte. Gleichwohl nimmt auch der gesittete Kulturmensch gern die Fettquellen des Tierreichs in Anspruch, um seinem gesteigerten Bedarf nach solchen Genüge zu tun. Unter diesen sind die Transpender die wichtigsten. Es sind dies alles dem Leben im Wasser angepaßte Raubtiere, teilweise geistig sehr hochstehende warmblütige Säugetiere, deren Körper zur Aufrechterhaltung der bedeutenden Eigenwärme in dem sehr viel besser als die Luft die Wärme leitenden nassen Element eine dicke Schicht eines schlechten Wärmeleiters umgibt. Diese warmhaltende Fettumhüllung in Form einer massenhaften Ansammlung von im Lebendzustande flüssigem Fett im Zellgewebe vermindert zugleich das bedeutende Gewicht der meist eine gewaltige Größe erreichenden Tiere, läßt sie dementsprechend leichter in der salzigen Flut schwimmen und hilft zugleich den riesigen Wasserdruck bzw. die Schwankungen desselben beim raschen Hinabtauchen in große Tiefen und Wiederauftauchen ohne Schaden ertragen. Und je nördlicher das Wohngebiet der betreffenden Tierart sich erstreckt, je größer also die Wärmeabgabe im eisigen Meerwasser ist, um so mächtigere Fettschichten sammelt das betreffende Tier um sich an.

Die gesuchtesten, weil ausgiebigsten Fettspender sind die heute nur noch im hohen Norden in einiger Zahl vorkommenden ~Wale~, die man nach ihrem Gebiß in ~Zahn-~ und ~Bartenwale~ einteilt. Beide Arten von Tieren sind Räuber, die ausschließlich von tierischer Beute sich ernähren. Während aber die Zahnwale auch größere Tiere, besonders Tintenfische und Fische in teilweise größerer Meerestiefe erbeuten und fressen, ernähren sich die nur in ihrer Jugend rudimentäre Zähne aufweisenden und später kammartig von den Rändern des Gaumens herabhängende Barten aus ~Fischbein~ ausbildenden Bartenwale von winzigen pelagischen Weichtieren, meist Flügelschnecken, die sie zu Tausenden mit jedem Schluck Meerwasser in die Mundhöhle aufnehmen. Beim Schließen und Zusammendrücken der Mundhöhle fließt das Wasser durch das Nachobenpressen der gewaltigen Zunge seitwärts durch die feinen Lücken des Fischbeinsiebes in Gestalt der Barten ab, während die kleinen Weichtiere zurückbleiben und durch den engen Schlund in den Magen und Darmkanal zur Verdauung und Assimilation aufgenommen werden. Diese Fischbeinsiebe sind bei manchen Walen nur wenige Dezimeter, bei vielen aber auch 4-5 m lang und ebensoviele Dezimeter breit. Das Fischbein von Walen der besten Art wiegt zuweilen 1500 kg, ist für die Industrie außerordentlich wertvoll und kann für manche Zwecke kaum durch einen andern Stoff ersetzt werden; von anderen Arten aber ist es so kurz, schlecht und brüchig, daß es nur einen niedrigen Preis erzielt. Diese letzteren, die schon für 1 Mark das Kilogramm zu haben sind, bilden nicht den Gegenstand des eigentlichen Fischbeinhandels, der ausschließlich mit den Barten der rückenfinnenlosen Glattwale sich beschäftigt. Diese nennt man deshalb auch die Rechtwale (engl. right whales), und zwar unterscheidet man als die besten die „Polarbarten“ des Grönlandwals, dann die an Güte nächstfolgenden „Nordwestbarten“ des Japanwals und endlich die „Südseebarten“ des Südpolarwals, deren Verwendung im eigenen Lande der Weltmarkt den Japanern und Australiern um so weniger streitig macht, als sie kleiner und weniger elastisch sind als jene. Für die Damenkonfektion und die Peitschenindustrie, wofür das Fischbein heute noch unersetzlich ist, werden die Fischbeinlamellen in großen Dampfkesseln erhitzt und dann nach Entfernung der minderwertigen Außenteile von Reißern genannten Arbeiten dem Fasernwuchs entsprechend der Länge nach gespalten. Diese Stangen werden von Arbeiterinnen weitergespalten, auf rotierenden Filzscheiben poliert und grosweise zum Versand fertiggemacht. Mit der zunehmenden Abnahme der Wale ist das Fischbein außerordentlich teuer geworden, so daß es schon heute einen kostbaren Artikel darstellt.

Die Wale sind ins Wasser gegangene und dementsprechend umgestaltete Huftiere, wie die Seekühe ins Wasser gegangene Elefantenverwandte und die Robben ins Wasser gegangene Raubtiere sind. Im Gegensatz zu den durch Kiemen atmenden Fischen haben die durch Lungen atmenden Wale als mächtiges Auftriebswerkzeug zum regelmäßigen Emporsteigen an die Oberfläche des Wassers zum Luftatmen eine wagrechtstehende Schwanzflosse ausgebildet und fehlt bei ihnen, weil als Wärmeschutz des Körpers überflüssig, das bis auf wenige Borsten an Kinn und Oberlippe aufgegebene Haarkleid der Säugetiere. Zur raschen Bewegung im Wasser wurde der Hals unterdrückt und wurden die sieben Halswirbel zu schmalen, platten Scheiben zusammengepreßt, die vielfach noch untereinander verwachsen sind. Vom Schultergürtel ist nur noch das Schulterblatt vorhanden, während die vorderen Gliedmaßen mit einer Überzahl von Fingern zu Steuerflossen verändert wurden. Von den hinteren Gliedmaßen sind nur noch im Fleisch verborgene Rudimente vorhanden. Die markhöhlenlosen Knochen sind mit Fett erfüllt. Am Schädel ist der Hirnteil ausnehmend klein, doch ist die Intelligenz der Wale nicht so gering, wie man vermuten könnte. Die Sinnesorgane sind nicht besonders entwickelt, das Gesicht ist schlecht, das Gehör ziemlich gut, der Geruch vollkommen fehlend. Die auf dem höchsten Teile des Kopfes ausmündende Nase ist nur ein Luftkanal, der unten in den fest verschließbaren Kehlkopf mündet und die während des langen Schwimmens unter Wasser in den Lungen zurückgehaltene körperwarme Atmungsluft mit großer Gewalt nach außen schleudert. Diese ist mit Feuchtigkeit gesättigt und verdichtet sich in der kalten Atmosphäre der nordischen Meere zu einer Art Dampfstrahl. Das ist das sogenannte „Spritzen“ der Wale. Der mehrfache Magen deutet auf Huftierverwandtschaft. Das Blutgefäßsystem zeichnet sich durch häufige Auflösung der größeren Blutgefäße in sogenannte Wundernetze aus, die offenbar den chemischen Atmungsprozeß, d. h. die Abgabe von Sauerstoff und Aufnahme von Kohlensäure seitens des Blutes, verlangsamen und so den Tieren langes Anhalten des Atems und damit langes Tauchen ermöglichen. Besonders an Herz- und Lungenschlagader finden sich sackförmige Blutbehälter, in welchen sich sowohl arterielles als venöses Blut ansammeln kann. So können große Wale 10-20 Minuten, bei Verfolgung sogar bis eine Stunde unter Wasser bleiben. Die Brutpflege ist dem Wasserleben angepaßt. Die Milchdrüsen liegen in Vertiefungen zu beiden Seiten der Geschlechtsöffnung und die Milch wird dem Jungen, das meist in einer wenig tiefen Bucht sehr hoch entwickelt geboren wird und sogleich der Mutter folgt, durch den Druck eines besonderen Muskels ins Maul gespritzt, sobald es dieses in die erwähnte Vertiefung hineinstreckt. Wie die Tragzeit bei den größeren Arten bis auf zwei Jahre geht, ist die Säugezeit auf mindestens ein Jahr anzunehmen. Dabei wird das Junge von der um es sehr besorgten Mutter unter Nichtachtung ihres eigenen Lebens verteidigt.

Die Wale kommen in allen Meeren vor, leben gesellig in sogenannten „Schulen“ und machen, ihrer Lieblingsbeute nachziehend, weite Wanderungen. Während sie früher nicht selten waren, sind sie heute nur noch in geringen Resten vorhanden, was jeder Naturfreund in hohem Maße bedauern muß. Allerdings werden nicht alle Walarten gewerbsmäßig verfolgt, sondern nur alle diejenigen, bei denen der Wert der Ausbeute die Gefahr und Mühe des Fangens und die Kosten der Ausrüstung aufwiegt. Nur beim Küstenfang, der bloß gelegentlich betrieben wird, und zwar wenn eben Wale an den Küsten erscheinen, ist man nicht besonders wählerisch; dann muß die Masse es bringen, wie man zu sagen pflegt. Dabei werden auch kleinere Walarten oft zu Hunderten vermittelst Booten in seichte Buchten getrieben und dort jämmerlich abgeschlachtet. Den Menschen kommt hierbei zustatten, daß die Wale sich leicht durch den Lärm anrückender Boote aufscheuchen und sich in ihrer Verwirrung auf den Strand treiben lassen. Brechen aber erst einige durch die Linie der Boote hindurch, so folgt ihnen unaufhaltsam in geschlossener Masse die ganze Schule und die Menschen haben das Nachsehen. Große Wale dagegen kommen selten der Küste so nahe, daß sie sich auf den Strand treiben lassen; sie müssen kunstgerecht verfolgt und erlegt werden, was früher mit Harpunen geschah, jetzt aber mit aus kleinen Kanonen gefeuerten Granaten mit Widerhaken an etwa 700 m langem, glatt geöltem, ungemein leicht ablaufendem Tau geschieht. Sobald das aus der kleinen, beweglichen Harpunenkanone gefeuerte Stahlgeschoß tief in den Körper des Wales gedrungen ist, explodiert es daselbst, wobei ein zweiter dumpfklingender Schuß ertönt. Dies tötet den Wal meist augenblicklich. Sollte dies nicht der Fall sein und der Wal zu entfliehen versuchen, so spreizen sich beim Anziehen des Harpunentaues die beweglichen Widerhaken der Granate und halten ihn am leicht ablaufenden Taue fest. Vom Blutverlust und vom Ziehen des schweren Schiffes ermattet der Wal bald, stirbt und wird an Bord gezogen, um schon hier oder später am Lande zerlegt zu werden. Im ersteren Falle wird der Körper durch eine starke, vom Vordersteven aus um die Schwanzwurzel geschlungene Kette längsseit mit dem Kopf nach hinten festgelegt und die Speckhülle in Längsstreifen abgelöst, wobei ein Teil der Mannschaft von einem vom Bord herabgelassenen Hängegerüst aus mit scharfen, langgestielten Spaten arbeitet. Ein anderer Teil schneidet die an Bord gehißten Speckstreifen klein und bedient die großen Trankessel, die nur anfangs mit Holz, später mit den Grieben des ausgelassenen Specks geheizt werden. Der so gewonnene Tran wird in Fässer gefüllt und diese werden dann in mehreren Lagen im Schiffsraum verstaut. Ebenso wird das wertvolle Fischbein losgelöst und im Schiff aufgestapelt, um später zu sehr guten Preisen verkauft zu werden.

Die ersten Nachrichten über den Walfang stammen aus dem 9. Jahrhundert von Angelsachsen und Isländern; doch beschränkte man sich damals wesentlich auf den gelegentlichen Küstenfang. Erst seit dem 13. Jahrhundert begannen die Basken als kühne Seefahrer besonders die großen Bartenwale mit eigens zu diesem Zweck ausgerüsteten Schiffen bis nach Grönland hin zu verfolgen. Als mit ihrem politischen Niedergang auch ihre Seeschiffahrt aufhörte, traten besonders holländische, später auch britische Walfänger an ihre Stelle und machten ungeheure Beute. In der letzten Hälfte des 17. Jahrhunderts sandten die Holländer in manchen Jahren etwa 260 Schiffe mit 14000 Seeleuten auf den Walfang aus. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gesellten sich zu ihnen die Engländer in namhaften Kontingenten, so daß die Zahl der Fangschiffe in die Tausende, die der getöteten Wale in die Zehntausende und der Gesamterlös aus diesen in die Hunderte von Millionen ging. Um auch sein Volk an diesem großen Gewinn zu beteiligen, ließ Friedrich der Große gegen das Ende seiner Regierungszeit ebenfalls Walfänger ausrüsten. Doch war damals die goldene Zeit des Walfanges schon vorbei. Im 19. Jahrhundert verringerte sich die Zahl der erbeuteten Wale dermaßen, daß man schon in die entlegensten Gebiete des hohen Nordens und Südens fahren mußte, um überhaupt noch Beute zu machen. Gegenwärtig sind die Nordamerikaner die wichtigsten Waljäger, die auch die Südpolarwelt nach den so geschätzten Tranlieferanten absuchen und noch einigermaßen gute Geschäfte machen, bis auch ihnen einmal durch gänzliche Ausrottung dieser Meeresriesen das Geschäft unmöglich gemacht wird.

Unter allen Walen ist der 18-20 m lang werdende, schwarz gefärbte ~Grönlandwal~ (Balaena mysticetus) einer der gesuchtesten, da er 130-200, manchmal sogar 280 Faß Tran und 500-1500 kg dunkles Fischbein in mehr als 380 in der Mitte 3-4 m lang werdenden Platten liefert. Letztere sind sehr geschätzt und kosteten schon 1881 22000 Mark die 1000 kg, heute aber über 56000 Mark. Je nach der Größe repräsentiert dieser Wal einen Wert von 20000 bis 40000 Mark, so daß man begreift, daß er ein sehr gesuchtes Beutetier ist. Er schwimmt in kleinen Gesellschaften den seine Nahrung bildenden Ruderschnecken des Nordens nach, sammelt sich im Herbst in größeren Schulen, um nach Süden zu ziehen, wo er den Winter über verbleibt. Nach der Schätzung Sachkundiger legt er beim gewöhnlichen Schwimmen durchschnittlich 8 km in der Stunde zurück, kann sich aber bei Verwundung mit mehr als doppelter Geschwindigkeit fortbewegen. Verwundet bleibt er bis zu 50 Minuten lang unter Wasser, während er sonst alle 12-15 Minuten zum Atemholen an die Oberfläche kommt. So plump auch sein Leib erscheint, so rasch und geschickt sind seine Bewegungen. Von Natur ist er sehr friedfertig, ja äußerst furchtsam, so daß er die Boote seiner Verfolger nie angreift. Im Frühjahr bringt das Weibchen nach einer Tragzeit von 14 Monaten ein einziges, selten zwei Junge zur Welt, die ein Jahr lang gesäugt werden, wobei sich die Alte etwas zur Seite neigt, um ihnen die Zitze darzubieten. Das Wachstum geht sehr rasch vor sich, so daß das Junge bereits während der Saugzeit eine Länge von 6 m bei einem Umfange von 4 m und ein Gewicht von 6000 kg erreicht.

Im nördlichen Stillen Ozean ist der wichtigste Bartenwal der ~Grauwal~ (Rhachianectes glaucus), der im männlichen Geschlecht 11-13, im weiblichen 12-14 m lang wird, oben bläulichgrau, unten fast weiß ist und nur 45 cm lange, spröde gelbe Barten besitzt. Auch er ist infolge der eifrigen Verfolgung sehr selten geworden, so daß er in Gefahr schwebt, ausgerottet zu werden. Der einst auch im Norden sowohl des Stillen als des Atlantischen Ozeans verbreitete ~Südwal~ (Balaena australis) kommt im eigentlichen südlichen Eismeer nicht mehr vor. Er war der wichtigste Transpender der baskischen Walfänger, bis er zu Ende des 16. Jahrhunderts bei uns so selten geworden war, daß diese sich dem Fange des wertvolleren Grönlandwales zuwandten.

Weit öfter als diese und besonders der Grönlandwal wird der plumpe ~Buckelwal~ (Megaptera longimana) in Schulen angetroffen. Dieser oben schwarze, unten aber dunkelaschfarbene Wal von bis 15 m Länge, mit kurzen, breiten Barten, die grob sind und wenig federn, kommt zu beiden Seiten des Äquators bis zum nördlichen und südlichen Eismeer vor und hat seinen Namen von einer buckelartigen Erhebung auf dem hinteren Teil des Rückens, die eine kleine Rückenflosse trägt. Die bis 4,3 m langen Brustflossen haben ihm den Namen Langflossenwal eingetragen. Er bewegt sich meist sehr lebhaft, wird aber nicht selten an ruhigen, sonnigen Tagen schlafend an der spiegelnden Meeresoberfläche angetroffen. Das Buckelwalweibchen wirft oft zwei Junge und hat, auch wenn es nur eines besitzt, nach der langen Säugezeit kaum mehr Speck. Überhaupt liefert mancher Buckelwal nur 8-10 Faß Tran, während fette deren bis 75 Faß liefern.

Weit größere Kehlhautfurchen als die Buckelwale besitzen die ~Finnwale~, Tiere, die ihren Namen von einer kleinen, sichelförmigen, weit hinten auf dem Rücken stehenden Rückenfinne oder Rückenflosse haben. Diese schlanken Tiere mit flachem, zugespitztem, ⅕-¼ der Gesamtlänge einnehmendem Kopf haben nur kleine, schmale, bloß vier Finger in sich bergende Brustflossen und kurze Barten mit grobem Fischbein. Die Mitglieder der in allen Meeren vertretenen Gattung waren früher, solange die echten Wale noch häufiger waren, weniger zahlreichen Verfolgungen durch Walfänger ausgesetzt, da sie sich schneller bewegen und schwerer zu töten sind, zudem weniger Speck und nur ein schlechtes Fischbein liefern. Auf der Nordhalbkugel leben vier Arten, nämlich der selten über 20 m, meist nur 18-19,5 m lange ~gemeine Finnwal~ oder ~Rorqual~ (Balaenoptera musculus), der oben schiefergrau und unten weiß gefärbt ist und wie der vorige hauptsächlich Fische frißt. Er wird nicht selten in Scharen von 10-20 Stück angetroffen, spielt gern um fahrende Schiffe herum und wird im Schwimmen an Geschwindigkeit und Kraft nur vom ~Riesenfinnwal~ (B. sibbaldi) übertroffen, der bis zu 26 m lang wird und bei dieser Länge etwa 90 Fässer Tran liefert. Er besitzt lange Kiefer und große Brustflossen, entwickelt mit seiner mächtigen Schwanzflosse eine unvergleichliche Kraft und treibt beim Ausatmen seinen wasserdampfgesättigten Hauch höher als die anderen Walarten. Schiffen folgt er manchmal auf weite Entfernungen, ist aber weniger kühn als der gemeine Finnwal. Im Frühling zieht er nordwärts und im Herbst südwärts.

Nicht wie diese von Fischen, sondern ausschließlich von kleinen Krebsen lebt ~Rudolphi’s Finnwal~ (B. borealis), der bis 16 m lang wird und auf bläulichschwarzem Grunde längliche weiße Flecken aufweist. Er atmet geräuschloser als seine Artgenossen und macht beim Auftauchen statt 5-6 Atemzügen deren nur 1-2. Auch er wird eifrig verfolgt, obschon er nur halb so viel wert ist als der gemeine Finnwal, nämlich nur etwa 700 Mark, und bloß 15-30 Fässer Tran liefert. Der kleinste Finnwal ist der durch seine zugespitzte Schnauze ausgezeichnete ~Schnabelwal~ (B. rostrata), der selten über 10 m lang wird. Er ist oben grauschwarz, unten weiß und hat nahezu weißes Fischbein. Er wird in den nördlichen Meeren beider Erdhälften noch ziemlich häufig gefunden, fühlt sich ganz wohl zwischen Eisschollen und wird meist allein, selten paarweise angetroffen. Er besucht gern die Fjorde und Buchten Norwegens, in denen er mit Netzen gefangen und daraufhin mit Speeren getötet wird.

Zu den Zahnwalen gehört als deren von den Walfängern gesuchtester Vertreter der über alle wärmeren Meere verbreitete, im nördlichen oder südlichen Eismeer fehlende ~Potwal~ (Physeter macrocephalus). An Größe steht er nur einigen der längsten Bartenwale nach. Die Männchen erreichen 17-18 m Länge, während die schlankeren Weibchen bedeutend kleiner bleiben. Früher sollen gelegentlich Männchen von 24 m Länge gefangen worden sein, die bis 100-120 Fässer Tran lieferten. Außer diesem gewinnt man von ihm noch das sogenannte Walrat oder Spermaceti, ein wasserhelles Öl, das sich vornehmlich im Kopfe des Tieres, dann in einer bis zum Schwanze verlaufenden Röhre und in vielen kleinen, in Fleisch und Fett zerstreuten Säckchen gefunden wird, in der Kälte gerinnt und dann eine weiße Färbung annimmt. Das grobfaserige Fleisch wird von vielen dicken Sehnen durchflochten. Der große Rachen geht fast bis zum Auge und trägt eine Reihe wurzelloser, kegelförmiger Zähne von wechselnder Zahl, weil manche ausfallen und im höheren Alter nicht mehr ersetzt werden. Die Zunge ist mit ihrer ganzen Unterseite am Grunde des Unterkiefers festgewachsen; der Magen ist vierteilig. Gewöhnlich trifft man den Potwal in Gesellschaften an, die 20-30 Stück verschiedenen Alters und Geschlechts unter Anführung von alten Männchen vereinigen. Gern treibt er sich in der Nähe von Steilküsten umher, meidet aber ängstlich die ihm so gefährlichen Untiefen, obwohl er auch dort gelegentlich angetroffen wird. Beim ruhigen Schwimmen gleitet er leicht unter der Oberfläche dahin, bei schnellerem dagegen schlägt er so heftig mit dem Schwanz auf und nieder, daß sein Kopf bald tief untersinkt, bald hoch emportaucht. Gar nicht selten stellt er sich senkrecht ins Wasser, was andere Wale kaum je tun. Er soll in einer Stunde 20-24 km weit schwimmen können. Seine Hauptnahrung bilden große, in ziemlicher Tiefe lebende Kopffüßler, die wir teilweise nur aus Potfischmägen kennen. Von diesen Tintenfischen bildet sich in seinen Gedärmen eine immer eine Anzahl von Krakenschnäbeln aufweisende wachsartige, leichte Masse von verschiedener Färbung, die einen höchst angenehmen Geruch besitzt, durch Kochen sich in ein Öl umwandeln und bei großer Hitze verflüchtigen läßt. Es ist dies der einst als Arznei sehr gesuchte Amber, der heute nur noch in der Parfümerie eine große Rolle spielt. Viel häufiger als aus dem Leibe des Potwals gewinnt man ihn durch Auffischen im Meere, wo man ihn in oft sehr großen Klumpen von bis 90 kg Gewicht antrifft. Außer Tran, Walrat und Amber finden auch die Zähne des Potwals Verwendung. Sie sind zwar im Innern etwas gelblich, doch sehr fest und dienen zur Herstellung von Knöpfen und Spielmarken. 1 kg derselben wird mit 5-8 Mark bezahlt.

Bei der Vielseitigkeit seiner Nutzstoffe ist es kein Wunder, daß diesem Ungeheuer schon lange eifrig nachgestellt wird, obschon er der wehrhafteste aller Wale ist und verwundet ohne Scheu die größten Schiffe angreift, auch nicht selten kleinere Segler und Kutter zum Kentern bringt und die Menschen durch seinen ungestümen Angriff gefährdet. Im vergangenen Jahrhundert haben ihn besonders Engländer und dann Amerikaner im Stillen Ozean verfolgt und große Reichtümer durch ihn gewonnen, da ein ausgewachsenes Männchen Stoffe im Werte von bis zu 20000 Mark liefert. Seit zwei Menschenaltern aber ist der Ertrag des Potwalfanges bedeutend zurückgegangen, weil er bei der jetzigen Seltenheit des Tieres kaum mehr lohnt. Sein Tran wird teuerer bezahlt als anderer Walfischtran. Von ihm gibt es mehrere Abarten. Alle sind so sehr dem Leben auf hoher See angepaßt, daß sie in der Nähe der Küste häufig hilflos werden und stranden.

Hierin stimmen mit den Potwalen die verschiedenen ~Entenwale~ (Hyperoodon) überein, die der Hauptsache nach durch gestrandete Exemplare bekannt wurden. Auch sie leben im offenen Meere und ernähren sich von pelagischen Tintenfischen. Sie haben ihren Namen von der schnabelartigen Form ihrer längeren oder kürzeren Schnauze, besitzen aber im Gegensatz zu den Potwalen im Unterkiefer nur ein bis zwei Paar Zähne, die besonders bei den Männchen sehr groß werden. Der gemeinste von ihnen ist der im männlichen Geschlecht 9 m, im weiblichen 7,3 m lang werdende ~Dögling~ oder ~Entenwal~ im engeren Sinne (H. rostratus), bei dem die beiden an der Spitze des Unterkiefers stehenden Zähne während des Lebens vollständig im Zahnfleisch versteckt bleiben. Dieser in der Jugend oben schwarze, mit zunehmendem Alter aber hellbraun und zuletzt fast gelb werdende Zahnwal ist auf den Norden des Atlantischen Ozeans beschränkt und gehört zu den wandernden Walen, der aber nicht weit über Großbritannien hinaus nach Süden vorzugehen scheint, da man an der Westküste von Frankreich und Spanien noch niemals Exemplare von ihm gestrandet fand, wie dies im Herbste gewöhnlich an den Küsten des Kanals und der Nordsee der Fall ist. Schon früh im Jahre wandert dieser Entenwal nach Norden, um in größerer Tiefe seine größtenteils aus Tintenfischen bestehende Nahrung zu erbeuten. Dem weiten Weg in die Nährgründe entsprechend bleibt er sehr lange unter Wasser und atmet sehr schwer, wenn er wieder auftaucht. Mit großer Lebendigkeit schwingt er sich gelegentlich hoch in die Luft, um nach Artgenossen Umschau zu halten; denn, wenn er auch meist in einzelnen, übrigens gewöhnlich noch jungen Stücken, ausnahmsweise auch als altes Weibchen mit seinen beiden Jungen auf den Strand gerät, trifft man ihn als geselliges Tier meist in Herden von 4-10 Stück. Sie werden manchmal von einem der allerdings häufig einzeln lebenden erwachsenen Männchen geführt und vom Geselligkeitstrieb so beherrscht, daß die Mitglieder einer Herde bei einem verwundeten Genossen bleiben, bis er tot ist, so daß man bisweilen sämtliche Mitglieder einer Herde nach und nach töten kann. Die Erbeutung des wenig furchtsamen, dagegen, wie es scheint, sehr neugierigen Döglings wird auch durch dessen Gewohnheit, um die Schiffe herum und darunter hinweg zu schwimmen, sehr erleichtert; doch ist er sehr zählebig. Alte Männchen haspeln rasch die ganze Harpunenleine ab und bleiben zuweilen zwei Stunden unter Wasser, um anscheinend völlig munter wieder zu erscheinen. Dennoch ist sein Fang lohnend genug, da erwachsene Männchen in ihren Köpfen wenigstens 100 kg Walrat haben und außerdem mehrere Faß Tran liefern.

Auf der südlichen Erdhalbkugel, wie es scheint, in größerer Anzahl vertreten als auf der nördlichen, sind die in verschiedenen Arten bekannt gewordenen ~Riemenzahnwale~ (Mesoplodon), so genannt, weil die beiden, gewöhnlich nicht am Ende, sondern mehr in der Kiefermitte stehenden Zähne des Unterkiefers zwar zugespitzt, aber seitlich stark zusammengedrückt sind, wodurch sie namentlich bei einer Art der Gattung, bei der sie stark verlängert und gebogen sind, eine riemenartige Gestalt annahmen. An den europäischen Küsten ist der etwa 4,5 m lang werdende ~Sowerby’s Riemenzahnwal~ (M. bidens) der häufigste. Er ist durch einen fast geraden Schnabel, von welchem an sich der Kopf allmählich wölbt, um vor dem Atemloche eine ziemlich starke Hervorragung zu bilden, und durch seine verhältnismäßig kleinen Zähne gekennzeichnet.

Den Entenwalen näher steht der sehr weit verbreitete, aber seltene und nur von gestrandeten Stücken bekannte ~Cuvierswal~ (Ziphius cavirostris). Bei ihm sind die an der Spitze des Unterkiefers stehenden beiden Zähne gut entwickelt. Von allen Walen aber strandet am allerhäufigsten der zu den Rundkopfwalen gehörende ~Grindwal~ (Globiocephalus melas), dessen große Geselligkeit ihm bei Gefahr regelmäßig verderblich wird. Kaum ein Jahr vergeht, in welchem nicht hier oder da eine größere oder geringere Zahl dieser Tiere, die zu den wichtigsten Nutztieren der Nordländer gehören, auf den Strand läuft. Im Jahre 1779 verunglückte eine Herde von 200, 1805 eine solche von 300 Stück auf den Shetlandinseln; in den Jahren 1809 und 1810 wurden gar 1110 Stück in einer nach den Grindwalen Walfjord genannten Bucht auf Island durch die eifrigen Bemühungen der Menschen ans Ufer geworfen, und 1845 sollen in einem Zeitraum von sechs Wochen 2080 Stück auf den Faröerinseln in ähnlicher Weise erbeutet worden sein. Überall, wo sich Herden dieses Tieres zeigen, erfolgt eine allgemeine Jagd auf sie. Die ganze Fischerflotte der Nachbarschaft eilt unverzüglich aufs Meer, um den Tieren durch Bildung eines aus Booten bestehenden Halbkreises den Rückzug abzuschneiden und die ganze Grindwalgesellschaft in eine Bucht oder dergleichen hineinzutreiben, wobei man die Tiere durch Werfen von zu diesem Zwecke reichlich mitgenommenen Steinen zu erschrecken sucht, wenn sie durchzubrechen versuchen. Gelingt der auf den Faröerinseln noch durch Seile, mit Strohpuppen von Boot zu Boot gezogen, erschwerte Durchbruch auch nur einem einzigen Wal, so ist die ganze Gesellschaft für die Fischer verloren, weil dann die übrigen Tiere trotz aller Bemühungen der Fischer dem ersten folgen. Gelingt es aber, die Grindwale in seichtes Wasser zu treiben, so drängen sie in ihrer Angst so ungestüm vor, daß sie stranden. Dann eilt die ganze Bevölkerung mit allerlei Waffen, wie Harpunen, Speeren, Beilen, Pickeln, Spaten u. dgl. herbei, um unter heillosem Geschrei den hilflosen Tieren den Todesstreich zu geben. Weithin färbt sich das Meer vom Blut der Gemordeten rot. Solcher Tag bedeutet einen Festtag für die Insulaner; denn bei der meist gewaltigen Beute gibt es Fleisch und Speck die Fülle. Zuerst werden Leber, Herz und Nieren als besondere Leckerbissen gegessen; dann labt man sich an Fleisch und Speck, und was man von diesen nicht essen kann wird eingesalzen oder getrocknet. Auf jeden Grindwal rechnet man eine Tonne Tran. Unter allen Angehörigen der artenreichen Delphinfamilie ist der Grindwal einer der größten. Er wird nämlich etwa 6 m lang und bildet unter allen Walen die größten Scharen, nämlich Gesellschaften, die nicht selten 200-300 Stück zählen und gelegentlich aus 1000, ja selbst aus 2000 Tieren bestehen. Wenn das Leittier dieser sonst das hohe Meer bewohnenden Wale in seichtes Wasser gerät und dort festgerannt ist, folgen ihm die übrigen Mitglieder der Herde blindlings, wodurch eben ganze Scharen stranden und verderben. Er geht ziemlich weit nach Norden, nämlich bis Grönland, und kommt in verschiedenen Abarten in fast allen Meeren vor, scheint aber im Mittelmeer selten zu sein. Er besitzt in jeder Kieferhälfte nur 8-12 auf das vordere Ende der Kiefer beschränkte kleine Zähne, ist einförmig schwarz gefärbt -- deshalb wird er auch Schwarzwal genannt -- von Natur sehr sanftmütig und ernährt sich vorzugsweise von Tintenfischen, daneben aber auch von Fischen und Weichtieren. Er ist durch seinen schnabellosen, fast kugelförmigen Kopf, durch eine lange, niedrige, dicke Rückenflosse und durch lange, schmale Brustflossen ausgezeichnet. Von den Mundwinkeln bis zu den Brustflossen erstreckt sich ein weißer Fleck.

In allen Meeren rings um den Nordpol lebt ebenfalls meist in großen Gesellschaften der auch ~Beluga~ genannte ~Weißwal~ (Delphinapterus leucas). Dieses 5-6 m lang werdende Tier ist in der Jugend hell graubraun, erwachsen dagegen gelblichweiß und entbehrt der Rückenflosse. Große Herden der Weißwals treten namentlich an den Küsten von Spitzbergen und Nowaja Semlja auf. Gern besucht der Weißwal die Mündungen von Flüssen, in die er beträchtliche Strecken weit hinaufsteigt. Er ernährt sich von Kopffüßlern, Fischen und Krebsen und gerät gelegentlich bei der Verfolgung von Heilbutten oder Flundern in seichtes, ihm kaum das Schwimmen erlaubendes Wasser. Oft ziehen die Mitglieder einer Herde in einzelnen Reihen, selten mehr als zwei oder drei der Tiere nebeneinander, unregelmäßig auftauchend dahin, wobei sie oft ein schwaches Gebrüll ausstoßen. Wo er nur kann, macht der Nordländer Jagd auf ihn. Wie den Grindwal sucht man ihm durch vor die Eingänge der Fjorde und Buchten aufgestellte Netze den Rückweg zum Meer zu versperren und ihn mit Harpunen und Lanzen zu töten. Im offenen Meere ist ihm dank seiner Geschwindigkeit und Gewandtheit kaum beizukommen, so daß die Walfänger meist auf seine Jagd verzichten, obschon er einen Handelswert von durchschnittlich 60 Mark besitzt. Die Zirkumpolarvölker schätzen ihn außerordentlich hoch und benützen alle Teile von ihm. Auch die Europäer verwenden außer dem Tran, von dem ein ausgewachsenes Tier über 450 Liter gibt, das Fleisch und die Haut, die in England als Tümmlerhaut verkauft und in Rußland zu Pferdegeschirr u. dgl. verarbeitet wird. Wenn auch gefangene Weißwale in der Gefangenschaft bald sterben, so erweisen sie sich als leicht zähmbar und gelehrig. Wiederholt wurden diese Tiere im Westminsteraquarium in London vorübergehend gehalten.

Ebenfalls eine hochnordische Delphinart ist der ~Narwal~ oder das ~See-Einhorn~ (Monodon monoceros), ein gewöhnlich in kleinen, 15 bis 20 Stück starken Scharen auftretendes Tier von 4-5 m Länge, unten weiß, oben dunkelgrau gefärbt, mit unregelmäßigen, verwaschenen, helleren und dunkleren kleinen Flecken dazwischen. Abgesehen von einigen kleinen, verkümmerten, unregelmäßig auftretenden Zähnen ist der weibliche Narwal zahnlos, was auch für das Männchen gelten würde, wenn dieses nicht durch einen im Oberkiefer stehenden 2-2,5 m langen und an der Wurzel einen Umfang von 20 cm besitzenden Stoßzahn ausgezeichnet wäre. Dieser Zahn gehört in der Regel der linken Oberkieferhälfte an, ist schraubenförmig, und zwar immer von links nach rechts gewunden, auf dem größeren Teil seiner Länge hohl und besteht aus einer sehr dichten, sahnenfarbigen, elfenbeinartigen Masse. Äußerst selten entwickeln sich bei einem Männchen zwei Stoßzähne, wie sie sich z. B. an einem Narwalschädel des Museums von Cambridge finden, an dem auch der rechte Zahn merkwürdigerweise von links nach rechts gedreht ist. Dieser Stoßzahn dient den Männchen bei ihren Kämpfen um die Weibchen. Die Tiere sind sehr lebhaft und spiellustig, ernähren sich ebenfalls vorwiegend von Tintenfischen, daneben von verschiedenen Krebsen und kleinen Fischen. Wie bei allen Walen werfen die Weibchen meist nur ein einziges, nur ausnahmsweise zwei Junge, die von ihnen lange gesäugt und sorgsam behütet werden.

Wegen der sehr geschätzten Stoßzähne, seines trefflichen Fleisches und seines gewöhnlichen Waltran an Güte übertreffenden Tranes hat der Narwal heute in allen den Walfängern zugänglichen Meeren bedeutend an Zahl abgenommen. Südlich des Polarkreises kommt er nur ausnahmsweise in verirrten Exemplaren vor. So weiß man nur von drei Narwalen, die zwischen den Jahren 1648 und 1808 an der Küste Englands auftauchten und erlegt wurden. An der deutschen Nordseeküste wurden nur im Jahre 1736, aber zweimal, solche beobachtet und erlegt. Bei der ungeheuren Seltenheit des Tieres an den nördlichen Küsten Europas kann es nicht wundern, daß man seine Stoßzähne, denen man allerlei Wunderkräfte zuschrieb, mit ungeheuren Summen bezahlte. Galten sie doch als vom Einhorn der Bibel abstammend, weshalb dieses fabelhafte Tier im englischen Wappen auch solche Zier trägt. Kaiser und Könige ließen sich oft mit dem zierlichsten Schnitzwerke versehene Stäbe daraus verfertigen und sich nachtragen, auch wurden die kostbarsten Bischofsstäbe daraus geschnitzt. Noch im 16. Jahrhundert bewahrte man im Bayreuther Archiv auf der Plassenburg vier Narwalzähne als außerordentliche Seltenheit auf. Einen derselben hatten zwei Markgrafen von Bayreuth von Kaiser Karl V. für einen großen Schuldenposten angenommen, und für den größten wurde von den Venezianern noch im Jahre 1559 die ungeheure Summe von 30000 Zechinen (= 198000 Mark) angeboten, ohne daß es ihnen gelungen wäre, in den Besitz desselben zu gelangen. Ein Zahn, der in der kurfürstlichen Sammlung zu Dresden an einer goldenen Kette hing, wurde auf 100000 Reichstaler geschätzt.

In den gemäßigten Meeren, auch im Nordatlantischen Ozean, in der Nordsee und im Mittelmeer lebt der fast 4 m lange, hauptsächlich Tintenfische fressende ~Risso’s Delphin~ (Grampus griseus). Viel verbreiteter und auch weiter nach Norden gehend ist der 9 m, meist aber 5-6 m lange ~Schwertwal~ (Orca gladiator), der nirgends häufig ist und sich nur in kleinen Gesellschaften teils in offenem Meere, teils nahe den Küsten umhertreibt, um Beute zu machen. Er ist nicht nur der größte, sondern auch der raublustigste und gefräßigste aller Delphine, der nicht bloß von Fischen, sondern auch von Seehunden und kleinen Delphinen lebt. Er ist so unersättlich, daß er gelegentlich vier oder mehr Tümmler nacheinander verschlingt. Im Magen eines gegen 5 m langen Schwertwales befanden sich einmal nicht weniger als 14 Seehunde. Ja, er greift gelegentlich sogar die größten Wale, darunter den Grönlandwal, an, um ihnen ganze Stücke Fleisch aus den Seiten und von den Lippen zu reißen. Schon Plinius weiß in seiner Naturgeschichte zu erzählen, daß der orca junge und alte Wale angreift und sie mit seinen großen Zähnen zerfleischt. „Die Wale können weder ausweichen, noch Widerstand leisten und suchen nur zu entfliehen und das hohe Meer zu erreichen; ihre Feinde aber versperren ihnen den Weg, treiben sie in die Enge und jagen sie auf die Sandbänke oder Klippen. Solche Kämpfe bieten ein erhabenes Schauspiel dar und die Wogen brausen und schäumen infolge des Schlachtgetümmels, als ob der ärgste Wirbelwind wütete.“ Obgleich der Schwertwal sehr viel Tran besitzt, wird doch nirgends regelmäßig Jagd auf ihn gemacht.

Der gemeinste Delphin unserer Meere ist der ~Tümmler~ oder ~Braunfisch~, auch ~Meerschwein~ genannt (Phocaena communis), der 1,5-2, in seltenen Fällen auch wohl 3 m lang wird. Er lebt im ganzen Norden des Atlantischen Weltmeers, wandert gegen den Winter nach Süden, im Frühling wieder nach Norden und verfolgt dann die Heringe mit solchem Eifer, daß er den Fischern die Netze zerreißt. Seine Gefräßigkeit ist sprichwörtlich, er verdaut außerordentlich schnell und bedarf einer ansehnlichen Menge von Nahrung. Gesellig wie alle Delphine, findet man ihn nur in kleinen Scharen mit überraschender Schnelligkeit durch die Wellen dahineilen. Er zieht im Gegensatz zu den anderen Walen die Küstengewässer dem hohen Meere entschieden vor und tummelt sich, wie schon die Alten wußten, besonders lebhaft vor und während eines Sturmes im Wasser umher. Selbst in der schwersten Brandung weiß er der Gefahr des Strandens zu entgehen und schwimmt spielend um die Schiffe, denen er begegnet. Früher wurde er auch seines Fleisches wegen, jetzt wird er hauptsächlich zur Gewinnung seines Tranes und seiner Haut, die gewöhnlich als Haut des Weißwals auf den Markt gelangt, verfolgt.

Viel berühmter als er und mit den merkwürdigsten Fabeln bedacht ist unter den verschiedenen eigentlichen Delphinen der ~gemeine Delphin~ (Delphinus delphis). Dieser etwa 2,3 m lange, gewöhnlich oben dunkelbraune und unten weiße Zahnwal besitzt eine schnabelförmig ausgezogene Schnauze und ist durch seine ungewöhnliche Lebendigkeit und Spiellust allen Seefahrern bekannt. Früher wurde er an den meisten Küsten Europas seines Fleisches wegen gejagt; nur die alten Griechen und Römer hielten das Töten dieses dem Meeresgotte heiligen Tieres für eine Sünde und Schande. Plinius sagt von ihm, daß er gegen den Menschen freundlich gesinnt sei, die Musik, besonders den Ton der Wasserorgel sehr liebe und leicht so zahm werde, daß er sich mit Brot füttern lasse. Unter der Regierung des Kaisers Augustus habe ein Delphin im Golf von Puteoli (dem heutigen Pozzuoli) bei Neapel eine solche Zuneigung zu einem Knaben, der ihn mit dem Namen Simon anrief und mit Brot fütterte, gefaßt, daß er jedesmal erschien, wenn er gerufen wurde, dem Knaben aus der Hand fraß, ihn durch seine Stellung zum Aufsitzen einlud und ihn mitten durch das Meer nach Puteoli in die Schule trug und ihn von dort wieder nach Hause brachte. Dies sei mehrere Jahre so gegangen, bis der Knabe an einer Krankheit starb. „Jetzt kam der Delphin noch oft traurig ans Ufer geschwommen und überlebte, ohne Zweifel von Sehnsucht gequält, seinen Geliebten nicht lange.“ Mehrfach weiß Plinius nicht nur von Knaben, sondern sogar von Männern zu berichten, die von Delphinen weithin übers Meer getragen worden seien. „Alles dies,“ fährt er fort, „macht auch die Geschichte des Arion glaublich. Er war zu Schiffe und die Matrosen wollten ihn wegen seiner Schätze ermorden. Da bat er um die Erlaubnis, nochmals seine Kithara erklingen lassen zu dürfen. Beim Klang der Töne versammelten sich die Delphine, und als er sich ins Meer stürzte, ward er von ihnen aufgenommen und ans Ufer von Tänarum (am Peloponnes) getragen.“ Nach ihm sollten in einem See an der Rhonemündung die Delphine, zu Hilfe gerufen, den Menschen die Fische ins Netz treiben und dafür mit einem Teil der Beute und mit in Wein getauchtem Brot gefüttert werden.

Im Mittelalter war man auch in den Mittelmeerländern weniger skrupulös gegen diesen „Liebling Poseidons“ und harpunierte ihn gern, um ihn als geschätzte Fastenspeise wie die eigentlichen Fische zu verzehren. In der Neuzeit wird der Delphinfang besonders an der atlantischen Küste Nordamerikas mit starken Netzen eifrig betrieben und scheint sich reichlich zu lohnen, da 3,5 m lange Stücke des in allen gemäßigten und warmen Meeren verbreiteten ~großen Delphins~ (Thursiops tursio) etwa 110 Liter Tran liefern. Auch die in den großen Strömen Indiens und Südamerikas vorkommenden ~Flußdelphine~, die kaum über 2 m Größe hinausgehen, werden vielfach ihres Fleisches und Tranes wegen gejagt.

Als Transpender viel wichtiger als diese Zwergwale sind die mancherlei großen ~Robben~, die heute eine Hauptbeute der Walfänger bilden. Auch diese ins Wasser gegangenen Raubtiere haben sich weitgehend, wenn auch lange nicht so wie die Wale, dem Wasserleben angepaßt. So haben sie die beiden Hinterbeine zu einem kräftigen Ruderschwanze zusammengelegt, der die vorwärtstreibende Kraft beim Schwimmen ist. Beim Geradeausschwimmen werden die Vorderflossen an den Körper angezogen gehalten und nur bei Richtungsänderung werden sie zu Hilfe genommen. Am weitesten in der Umbildung der Hinterfüße zu reinen Flossen ist der Seehund gegangen, der sich am Lande wie eine Spannerraupe bewegt und sich durch rasch aufeinanderfolgende hüpfende Bewegungen des ganzen Körpers vorwärts schnellt. Das geringste Maß der Umbildung der Extremitäten zu Flossen zeigt das Walroß, das sich durch die starke Verkürzung der Schenkelknochen auf dem Lande zwar auch noch unbeholfen, aber doch ganz nach Art der großen Landtiere vorwärtsbewegt, indem es je ein Vorder- und ein Hinterbein gleichzeitig vorsetzt. Zwischen diesen beiden Extremen finden wir bei den Robben alle möglichen Übergänge.

Die Haut der Robben ist äußerst elastisch und liegt dem Körper nur lose auf, damit sie sich bei der Anhäufung des Fettes im Unterhautzellgewebe nach Belieben dehnen kann. Bei ihnen ist das Haarkleid nur spärlich geworden und nicht ganz ausgemerzt wie bei den Walen; es ist so reichlich mit Talg eingefettet, daß es durchaus kein Wasser annimmt. Äußere Ohren, wenn auch sehr kleine, haben noch die danach auch Ohrenrobben genannten Seelöwen. Die Ohröffnungen können durch willkürliche Muskeln verschlossen werden. In der Ruhe sind die schlitzförmigen Nasenlöcher durch elastische Knorpel verschlossen, können aber willkürlich durch strahlig angeordnete Muskelbündel geöffnet werden. Der Geruch ist außerordentlich scharf, wie überhaupt das Gehirn ein verhältnismäßig hochentwickeltes Raubtiergehirn darstellt, das von guter Intelligenz zeugt. Die Hornhaut der großen, klug dreinblickenden Augen ist dem Brechungswinkel der Lichtstrahlen im Wasser entsprechend flach gewölbt, während dafür die Linse als Anpassung an das Wasserleben fast kugelig ist. Entsprechend der weichen Fischnahrung sind die Zähne verhältnismäßig schwach, besonders die Schneidezähne sehr klein und hinfällig. Das Milchgebiß verschwindet schon vor oder unmittelbar nach der Geburt. Das Nahrungsbedürfnis ist groß und der Stoffwechsel ein rascher. So frißt der gemeine Seehund täglich etwa 7,5 kg Fische, der viel größere kalifornische Seelöwe dagegen 20 kg. Am Herzen und an den großen Gefäßen sind durch Erweiterungen und Auflösungen in sog. Wundernetze Vorrichtungen getroffen, die es den Flossenfüßlern ermöglichen, verhältnismäßig lange unter Wasser zu bleiben, ohne atmen zu müssen. Die Tiere leben gesellig; die meisten derselben haben sog. „Brutplätze“, an denen sie sich stets wieder zur Fortpflanzung einfinden. Zuerst erscheinen auf denselben die Männchen, und zwar vorzugsweise alte, die höchst eifersüchtig aufeinander sind und als Polygamisten möglichst viel Weibchen für sich in Anspruch zu nehmen suchen. Bei ihren Kämpfen um die Weibchen brüllen die größeren Robben, besonders die Walrosse, furchtbar, während bei den kleineren die Lautäußerungen mehr dem Bellen eines heisern Hundes gleichen, woher auch der Name „Seehund“ herrührt. Bald nach der Ankunft der kleineren und schlankeren Weibchen an den „Brutplätzen“ werfen sie ihr meist einziges Junges. Sehr selten werden deren zwei geboren, die für junge Raubsäugetiere merkwürdig entwickelt sind, so daß die gefährliche Zeit der Säugung je nach der Größe der Art nur 4-8 Wochen dauert. Wie die eifersüchtigen Männchen während des Bewachens der von ihnen erkämpften Weibchen ausschließlich vom angesammelten Speck zehren, fressen auch die Weibchen auf dem Lande nichts während der Säugungszeit, da sie von den Männchen gewaltsam vom Besuche des Meeres abgehalten werden. Diese Robbenansammlungen bei Gelegenheit der Fortpflanzung werden vom Menschen zum Robbenschlag benutzt. Erst nach Verlust des sehr weichen Jugendkleides begeben sich die jungen Flossenfüßler ins Meer, wo die Mütter sie schwimmen, tauchen und Fische fangen lehren. Dabei werden sie von jenen aufs sorgsamste beschützt. Die Weibchen haben 2-4 Paar weit nach hinten liegender Zitzen und behalten die Jungen bis zur Geburt des folgenden Sprößlings bei sich. Die Seehunde sind sehr liebenswürdige und gelehrige Geschöpfe, die, abgerichtet, ihrem Herrn die Fische ins Netz treiben und unschwer allerlei Kunststücke lernen.

Überall auf ihren „Brutplätzen“ werden die verschiedenen Robbenarten mühelos erbeutet. So sind sie an vielen Orten beinahe ausgerottet worden. Früher pflegte man in Grönland etwa 33000, bei Neufundland über 500000 und bei Jan Mayen mindestens 30000 Stück des bis 2 m lang werdenden ~grönländischen Seehundes~ oder der ~Sattelrobbe~ -- so genannt von einem eigentümlichen an einen Sattel erinnernden schwarzen Fleck auf dem Rücken (Phoca groenlandica) -- jährlich zu erbeuten, da dieses Tier in großen Scharen auftritt und deshalb einen Hauptgegenstand der Robbenjagd im nördlichen Atlantischen Ozean bildet. Die Sattelrobben waren einst so massenhaft auf ihren „Brutplätzen“ vorhanden, daß eine Schiffsbesatzung an einem einzigen Tage 500-800 erwachsene und 2000 junge Tiere tötete. Im Jahre 1866 erbeutete ein einziger Dampfer in neun Tagen deren 22000 Stück. So wurde denn, um der Ausrottung des Tieres zu wehren, im Jahre 1876 den britischen Untertanen eine Schonzeit für Sattelrobben auferlegt, ein Beispiel, das bald darauf auch in anderen Ländern nachgeahmt wurde.

Von den andern hochnordischen Robbenarten, die mehr einzeln auftreten, sich von der Küste stets fernhalten und im März auf Treibeis ihre Jungen gebären, werden jährlich nur etwa je 1000-3000 Stück erbeutet. Einer der mutigsten dieser Seehunde ist die von den Robbenschlägern ~Klappmütze~ genannte ~Blasenrobbe~ (Cystophora cristata), deren bis 3 m lang werdende Männchen einen mit der Nase in Verbindung stehenden blasenartigen Sack willkürlich mit Luft aufblähen können. Das nicht bloß von Fischen, sondern zum größten Teil auch von Tintenfischen lebende Tier gehört zu den wandernden Robbenarten und verteidigt sich nicht selten auch gegen den Menschen so mutig, daß deren Jagd für die Eskimos in ihren leichten, aus Robbenhaut verfertigten Booten nicht ungefährlich ist. Der größte nordische Seehund ist die im männlichen Geschlecht eine Länge von 3 m erreichende ~Bartrobbe~ (Phoca barbata), die mehr einsiedlerisch lebt, aber von den Eskimos gern gejagt wird, da ihre dicke Haut zur Anfertigung von Harpunenleinen sehr geschätzt ist und ihr Fleisch und Tran schmackhafter als die anderer Robben sein sollen.

Die größte Robbe ist die in den Männchen bis 6 m Länge und ein Gewicht von über 3000 kg erreichende ~Elefantenrobbe~ (Macrorhinus leoninus), die ihren Namen davon hat, daß die Männchen nicht den gewöhnlichen Robbenkopf der Weibchen und Jungen haben, sondern einen kurzen, gewöhnlich schlaff herunterhängenden, aber willkürlich aufblähbaren, an der Spitze schief abgeschnittenen Rüssel haben, der den Tieren ein höchst sonderbares Aussehen verleiht. Die Elefantenrobbe bewohnt das Südpolarmeer bis in die gemäßigteren Regionen und geht in einer Abart an der Westküste Amerikas bis über Kalifornien hinauf. Vor 20-30 Jahren war sie noch ziemlich häufig, ist aber überall infolge der unsinnigen Verfolgung recht selten geworden. Dies läßt sich sehr wohl begreifen, da die Tranausbeute bei alten, gut genährten Männchen gegen 1000 Liter beträgt. Vor 60 und 70 Jahren wurden allein an der patagonischen Küste jährlich durchschnittlich 40000 Elefantenrobben erschlagen. Auf den Kerguelen, die bei ihrer Entdeckung von ihnen wimmelten, hatten einmal nordamerikanische Robbenschläger, die rohesten und rücksichtslosesten dieser Mordgesellen, so ungeheure Mengen Tran von diesen Tieren eingeheimst, daß der Markt damit überfüllt war und sie keinen Absatz dafür fanden. Kurz entschlossen verbrannten sie die zahllosen mitgebrachten mit Tran gefüllten Fässer, um nicht die Preise zu drücken. Welche Niedertracht liegt nicht in solch unsinniger Handlung!

Weniger der Gefahr der Ausrottung ausgesetzt als die Elefantenrobbe ist das das nördliche Eismeer und die nördlichen Teile des Atlantischen und Stillen Ozeans in zwei Unterarten bewohnende wehrhafte ~Walroß~ (Trichechus rosmarus), die ungeheuerlichste aller Robben, von der im Mittelalter die wunderlichsten Sagen in Europa kursierten. Einen eingezalzenen Kopf desselben sandte ein Bischof von Drontheim 1520 an den Papst Leo X. nach Rom; dieser wurde in Straßburg abgezeichnet und der Züricher Naturforscher Konrad Geßner gab eine ziemlich richtige Beschreibung von ihm. Einen guten, ausführlichen Bericht von ihm gab erst Martens von Hamburg, der zu Ende des 17. Jahrhunderts das Walroß im Eismeere selbst zu sehen bekam. Das Tier erreicht bei einem Umfang von 2,5-3 m und einem Gewicht bis 1500 kg eine Länge von 4,5 m. Das Gebiß des jungen Walrosses ist demjenigen der Ohrenrobben ähnlich zusammengesetzt. Von den ursprünglich 30 Zähnen behalten ausgewachsene Walrosse nur 18, von denen die zwei oberen wurzellosen Eckzähne zu gewaltigen Hauern werden, die nahezu 80 cm lang und gut 4 kg schwer werden können. Infolge der rücksichtslosen Verfolgung sind aber Hauer von solcher Größe selbst bei ausgewachsenen Männchen jetzt schon sehr selten. Eckzähne von 60 cm Gesamtlänge und 2 kg Gewicht können schon als stark entwickelt gelten und ragen etwa 45 cm weit aus dem Kiefer hervor. Die Eckzähne der weiblichen Walrosse werden selten mehr als 50 cm lang. Beim pazifischen Walrosse mit breiterer und höherer Schnauze sind sie länger und stärker, dazu mehr gegeneinander geneigt. Sie dienen dem Tiere dazu, seinen unförmlichen Körper aus dem Wasser aufs Eis hinaufzuziehen und unterstützen es auch bei seinem unbeholfenen Forthumpeln über Land. Der Hauptdienst aber, den sie seinem Träger leisten, besteht darin, daß das Walroß mit ihnen Schlamm und Sand gewissermaßen durchpflügt, um darin nach Schaltieren zu suchen. Außer Tintenfischen, Fischen und Krebsen sind nämlich Muscheln die Hauptnahrung dieser Tiere, die deren Schalen mit ihren Mahlzähnen zertrümmern und dann wieder ausspucken. Mit der Beschaffenheit ihrer Nahrung hängt es zusammen, daß die Walrosse sich selten auf hohem Meere, sondern meist in der Nachbarschaft des Ufers aufhalten, und zwar in mehr oder weniger großen Herden, deren Gebrüll man schon aus weiter Entfernung vernimmt. Ihrer Herdentiernatur entsprechend tun sie sich zur Verteidigung eines verwundeten Genossen zusammen und greifen dann ungescheut feindliche Boote an, die sie mit ihren mächtigen Hauern leicht zum Kentern bringen. Außer auf dem Lande werden sie auch vom Wasser aus in besonders dafür gebauten starken Booten verfolgt, wobei man ihnen den Rückzug ins Wasser zu verlegen sucht; denn die das Meer erreichenden Stücke entkommen dem Jäger gewöhnlich. Man sucht sie mit Harpunen zu spießen, um sie dann ans Land zu ziehen und dort mit langen Lanzen oder durch Büchsenschüsse zu töten. Fett liefern die Walrosse zwar verhältnismäßig weniger als die eigentlichen Robben, denn die größten Stücke geben selten mehr als 250 kg. Auch ist das Walroßfett weniger fein als das Robbenfett. Die 2,5-4 cm dicke Haut wird zu Sattelzeug, besonders zu starken Schuhsohlen und Ruderriemen verarbeitet. Wertvoller als sie sind die allerdings den Elefantenstoßzähnen weit an Güte nachstehenden Hauer, die in Amerika 1879 nur 40 Cents, 1883 aber schon 4½ Dollar das Pfund kosteten.

Während die Walrosse früher an den Küsten Nordeuropas in größerer Zahl vorkamen und südwärts bis Schottland wanderten, sind sie heute selbst auf Grönland und Spitzbergen so selten geworden, daß sich ihre Erbeutung nur noch als Nebenbetrieb des Walfanges lohnt. Auf der Bäreninsel beim Nordkap wurden bei einer Gelegenheit deren innerhalb sechs Stunden nicht weniger als 600-700 getötet und ein anderes Mal in kaum sieben Stunden 900-1000 abgeschlachtet. In weniger als acht Jahren waren sie dort ganz ausgerottet. Auf einer Insel bei Spitzbergen stach man an einem einzigen Tage über 900 Walrosse tot, die man unbenutzt liegen ließ, da man auf das Wegschaffen einer solchen Beute nicht eingerichtet war. Ähnlich sinnlos wurde auch anderwärts gegen diese auf dem Lande wehrlosen Tiere vorgegangen. Bei Labrador tötete die Besatzung des französischen Schiffs Bonaventura im Jahre 1589 1500 große und kleine Walrosse auf einer kleinen Insel, und 1593 tötete die Besatzung eines französischen Schiffes so viele derselben, daß deren Knochen noch jahrelang künstliche Strandstrecken bildeten. Zu jener Zeit scheinen Walroßhauer sehr geschätzt gewesen zu sein und wurden fast ausschließlich an den Tieren benutzt; sie kosteten doppelt so viel als das beste Elfenbein und wurden zu Kämmen und Messerschalen verarbeitet. Das pazifische Walroß war niemals so verbreitet als das atlantische. Sein Vorhandensein im nördlichen Stillen Ozean wurde um die Zeit von 1640-1645 bekannt; aber eine regelrechte Jagd auf es begann erst 1680, da der Walfang bis dahin viel vorteilhafter war. Mit der zunehmenden Verminderung der Wale wandten sich die Walfänger mehr und mehr dem Walroß zu, und zwischen 1870 und 1880 wurden rund 2 Millionen Gallonen Walroßtran und 400000 Pfund Walroßzähne auf den Markt gebracht, was einer Beute von etwa 100000 Walrossen entsprach.

Ebenso mitleidlos schlachtete der Mensch einen andern Riesen der Schöpfung ab, so daß dieses Wunder der Natur bald nach seinem Bekanntwerden überhaupt ausgerottet war. Es ist dies das gewaltige ~Borkentier~, eine 7,5-9 m Länge mit einem Bauchumfang von 5,5 bis 6 m und einem Gewicht von 4000 kg aufweisende Seekuh, mit der am 12. Juni 1742 die schiffbrüchigen Leute des im Jahre zuvor auf der nach ihm benannten Insel verstorbenen jütischen Schiffskapitän in russischen Diensten Vitus Bering bekannt geworden waren. Nach dem Arzte der Expedition, G. W. Steller, einem eifrigen Naturforscher, der die erste Beschreibung dieses merkwürdigen Tieres gab, wird es auch ~Stellersche Seekuh~ (Manatus gigas) genannt. Die 4 cm dicke, dunkelgefärbte Lederhaut war so rauh und runzelig, daß sie von Steller der Rinde oder Borke eines Baumes verglichen wurde. Dieses stumpfsinnige Tier lebte gesellig in Herden in der Nachbarschaft von Flußmündungen und fraß Tang, namentlich die dort in reichlicher Menge vorkommenden Laminarien. Ihr Unvermögen zu Tauchen zwang diese unbeholfenen Geschöpfe ihre Nahrung in seichtem Wasser zu suchen, und da Stürme und Eis die Küsten ihres nordpazifischen Wohngebiets oft schwer zugänglich machten, waren die Tiere im Frühling gewöhnlich stark abgemagert. Auf diesen leicht zu erbeutenden Fleischlieferanten aufmerksam geworden, lebten in der Folge alle Pelzjägerexpeditionen von ihm und nahmen große Vorräte von dessen Fleisch eingesalzen mit sich fort. Die Pelzjäger pflegten sich dem unbeholfenen Tier, während es in seichtem Wasser lag, vorsichtig zu nähern und zu versuchen, ihm einen tödlichen Lanzenstich beizubringen. Natürlich wurden so nur wenig Seekühe auf der Stelle getötet; die Mehrzahl entfloh ins tiefere Wasser, unterlag dort der Verwundung, um dann später ans Ufer gespült zu werden und nutzlos zu verfaulen, zumal das Borkentier so schnell in Verwesung überging, daß sein Fleisch schon 24 Stunden nach dem Tode wertlos war. Von den 1500-2000 Borkentieren auf den 15 für sie geeigneten Weideplätzen der Beringinsel wurde das letzte 1767 oder 1768 getötet. Im Jahre 1754, nur neun Jahre nach der Entdeckung der Insel, war das Borkentier auch auf der kleinen Kupferinsel ausgerottet. Bis zum Jahre 1883 waren zwei Skelette in den Museen von St. Petersburg und Helsingfors und zwei im Britischen Museum in London aufbewahrte Rippen alles, was der Wissenschaft von Überbleibseln dieses Wunders der Schöpfung übrig geblieben war. Da brachte der im Auftrag des Nationalmuseums der Vereinigten Staaten zur Forschung nach Borkentierskeletten ausgesandte Stejneger im Laufe von zwei Jahren noch ansehnliche Reste von Schädeln und Knochen zusammen, die sich in verschiedenen Tiefen des Sandes fanden und dadurch aufgefunden wurden, daß man eiserne Stäbe in den Sand hineinstieß. Viele Knochen fanden sich so weit vom Ufer entfernt, daß die Annahme naheliegt, die Insel habe sich seither gehoben.

Dieselbe geistige Beschränktheit haben die anderen noch existierenden, gesellig als Pflanzenfresser an seichten, tangbewachsenen Küsten oder im Süßwasser lebenden ~Seekühe~. Wie den Walen fehlen ihnen die hinteren Gliedmaßen und ist infolgedessen das Becken verkümmert, so daß dessen Reste teilweise gar nicht mehr mit dem übrigen Skelett verbunden sind. Die Knochen, besonders des Kopfes und der Rippen, entbehren einer Markhöhle, sind massig und schwer, um das Sinken dieser Tiere an ihren Weideplätzen zum Abgrasen des Seetangs zu erleichtern. Sie haben einen deutlich abgesetzten Hals mit nicht verwachsenen Wirbeln, im Gegensatz zu den äußerlich ganz zu Fischen gewordenen Walen. Die äußere Gehöröffnung erinnert durch ihre auffallende Kleinheit noch an die Wale, aber Augen und Nase liegen oben am Kopf an ihrer gewöhnlichen Stelle, die äußeren Nasenlöcher sind mit einer Klappe versehen. Das Zwerchfell steigt von vorn unten auffallend schräg nach hinten oben, so daß sich die Brusthöhle nach rückwärts fast über die ganze Bauchhöhle hinweg erstreckt. Mit den sehr geräumigen Lungen können die Tiere ohne einzuatmen bis 8 Minuten aushalten. Die Mundhöhle ist mit hornigen Kauplatten versehen und die Backenzähne wachsen zeitlebens nach, indem sie entsprechend der Ausnutzung nach und nach erscheinen. Die Hände haben bloß vier Finger, jeder aus drei schlanken Gliedern bestehend und durch eine gemeinsame Haut vereinigt. Zu Beginn des Frühjahrs kämpfen die Männchen um den Besitz der Weibchen, die nach längerer Tragzeit stets nur ein Junges werfen, das sie mit größter Mutterliebe umgeben und beim Säugen mit einer der Flossen an eine der beiden brustständigen Zitzen halten. Ihre Stimme besteht in einem schwachen, dumpfen Stöhnen, während des Atmens vernimmt man auch ein heftiges Schnauben. Von ihnen finden Fleisch und Speck, Haut und Zähne Verwendung.

An den Küsten des Indischen Ozeans lebt der nach der malaiischen Bezeichnung für Meerkuh genannte ~Dujong~ (Halicore dujong). Halicore heißt Seemaid, so auch deutsch geheißen nach der schon von Plinius und Älian erzählten Fabel, daß an den Küsten Indiens Seetiere in Gestalt von Satyrn mit Weibergesichtern leben, deren Körper nach hinten in lange, gewundene Schwänze auslaufen und die statt der Füße Flügel haben. Nachts kämen sie aus dem Wasser ans Land, um Gras und Palmenfrüchte zu fressen, und in der Morgendämmerung kehrten sie ins Meer zurück. Dieser 3-5 m lange Dujong bevorzugt die Nähe der Küste, die reich mit ihnen Nahrung bietenden Meeresalgen bewachsen ist, und lebt dort paarweise oder in kleinen Familien, alle paar Minuten zum Atmen an die Wasseroberfläche kommend und dann langsam wieder in die Tiefe versinkend. So lange es noch Nahrung an einer Stelle gibt, verändert das faule Tier kaum seinen Aufenthaltsort. Erst wenn eine Meerwiese abgeweidet ist, siedelt es langsam nach anderen tangbewachsenen Stellen über, welche ihm wieder eine Zeitlang Nahrung liefern. Besonders die Jungen haben äußerst zartes, weniger fettes, süßliches Fleisch, das vom Menschen sehr begehrt ist, weshalb die Tiere von den Anwohnern gern gejagt werden. Das an der Luft getrocknete harte Leder gibt vortreffliche Sandalen.

Während der Dujong höchstens Flußmündungen aufsucht, geht der die Ostküste Mittel- und Südamerikas und die Westküste Afrikas bewohnende ebenso große und bis 400 kg schwere ~Lamantin~ -- eine französische Verballhornung des spanischen Manati, d. h. mit Händen versehen -- (Manatus latirostris und andere Arten) von den Küsten weit die Flüsse aufwärts und bei Überschwemmungen auch in Seen und Sümpfe, wo er die an ruhigen Stellen reichlich wachsenden Wasserpflanzen abweidet. Da auch sein Fleisch vorzüglich, wenn auch ziemlich fett ist, wird ihm überall mit Eifer nachgestellt. Eingesalzen und getrocknet bleibt es sehr lange gut und soll nach einem Schriftsteller des 16. Jahrhunderts sogar Gnade vor den Feinschmeckern am spanischen Hof gefunden haben. Unter den fortwährenden Verfolgungen ist er an den meisten Stellen, wo er einst sehr häufig war, verschwunden und allgemein sehr selten geworden. Die weit ins Innere hineingehende westafrikanische Art ist schwarzgrau und wird nur etwas über 2 m lang. Die bleigraue gewöhnliche südamerikanische Art wird selten über 3 m lang und bildete einst ein beliebtes Jagdobjekt für die Eingeborenen, denen sein schmackhaftes Fleisch als besonders lecker gilt.

Endlich wäre noch als einst für die Seefahrer wichtiger Fett- und Fleischlieferant die ~Dronte~ oder der ~Dodo~ (Didus ineptus) zu nennen. Dodo kommt vom portugiesischen doudo, d. h. Tölpel. Dieser Name wurde dem reichlich truthahngroßen Girrvogel der Insel Mauritius gegeben, weil er äußerst wenig scheu, wozu seine geringe geistige Begabung beigetragen haben mag, mit ungemein plumpem, schwerfälligem Körper auf kurzen, watschelnden Beinen dem Menschen entgegentrat. Der große Kopf trug einen starken, hakenförmigen Schnabel; der Körper war spärlich mit lockerem, grauem, auf der Brust braunem Gefieder bedeckt und trug an Flügel und Schwanz gelbliche oder schmutzigweiße steife Federn. Infolge Fehlens von Feinden hatten diese Vögel ihre Flugfähigkeit eingebüßt und sich durch reichliche Ernährung zu den reinsten Fettkugeln entwickelt, die den ersten Schiffen, die dort landeten, willkommenen lebenden Proviant lieferten. Als erster schreibt der holländische Admiral Jakob Cornelius van Neck von ihm als Walckvogel, rühmt aber sein Fleisch nicht besonders. Besser mundete es der Mannschaft des 1601 auf Mauritius landenden holländischen Schiffes eines gewissen Wilhelm van West-Zannen, den die reiche Beute sogar zu einem Gedicht begeisterte. An einem Tage erbeutete seine Mannschaft 24, am folgenden 20 der großen, überaus schweren Vögel, von denen sie insgesamt nicht einmal zwei bei einer Mittagsmahlzeit verzehren konnten. Bei der Abfahrt nahm sie einen großen Vorrat an eingesalzenen Dronten mit. Andere holländische Schiffe folgten dem Beispiele Zannens, schwelgten in Dodo- und Landschildkrötenfleisch, nahmen Mengen von eingesalzenen Vögeln mit und ließen die Reihen der Dronten stark gelichtet zurück. Deshalb ist es nicht zu verwundern, daß sich der letzte Bericht über lebende Dronten im Schiffstagebuche des englischen Steuermanns Benjamin Harry findet, der Mauritius im Jahre 1681 besuchte. Schon 1693, also noch nicht ein Jahrhundert nach seiner Entdeckung, war die Dronte ausgerottet; denn Leguat, der sorgfältige Beschreiber eines damit verwandten, etwas weniger schwerfällig gebauten, ebenfalls längst ausgerotteten Vogels, des ~Einsiedlers~ (Pezophaps solitaria) der Insel Rodriguez, erwähnte sie nicht mehr und bemerkt überdies, daß Wasserhühner und Schildkröten dort selten geworden seien. Kurz nach der Ausrottung der Dronte verließen die Holländer, die bis dahin Mauritius besetzt hielten, die Insel, von der die Franzosen 1715 Besitz ergriffen, um sie 1811 an die Engländer abzutreten. Dieser wiederholte Besitzwechsel hatte zur Folge, daß alles Wissen über den sonderbaren Vogel verloren ging und nicht einmal in der mündlichen Überlieferung weiterlebte. Auch waren die wenigen, übrigens längst verloren gegangenen, in Museen aufbewahrten Stücke des Dodo so wenig bekannt, daß selbst einige Naturforscher am früheren Vorkommen eines solchen Vogels zu zweifeln begannen. Diese Zweifel wurden jedoch durch verschiedene Veröffentlichungen wieder zerstreut, und im Jahre 1866 gelang es, beträchtliche Mengen von Dronteknochen zu sammeln. Sie fanden sich ausschließlich im Bodenschlamm des unter dem Namen mare aux songes, d. h. Traumpfütze, bekannten großen Moores, das mit dem Land herum noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts dicht mit großen Bäumen bedeckt war, deren Früchte einst den Dronten zweifellos als Nahrung dienten. Die hier gefundenen Überreste scheinen von einst friedlich hier verstorbenen Dronten zu stammen; denn keiner unter den im Moore aufgefundenen Knochen zeigt Spuren einer Benagung. Als einzige Darstellung der Dronte sind solche auf zwei Gemälden von Roland Savary und seinem Neffen Johann, holländischen Malern aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, auf uns gekommen. Diese malten den Vogel nach lebend nach Holland gebrachten Exemplaren. So räumt der Mensch unbarmherzig und gedankenlos mit allem auf, was sich ihm in der Schöpfung an wehrlosen, aber ihm irgendwie nützlichen Geschöpfen entgegenstellt.

XXIX. Tiere als Spielzeug.

Von jeher hat der Mensch, wie wir schon in der Einleitung dieses Buches bemerkten, jung eingefangene und sich dann leichter an seine Gesellschaft gewöhnende Tiere zu keinem andern Zweck als zu seiner und der Seinen Unterhaltung in seinen Niederlassungen gehalten. Alteingefangene Männchen von solchen Tierarten, die als eifersüchtige Nebenbuhler gern miteinander kämpfen, ließ er zu seiner Belustigung gegeneinander los und freute sich, wenn sie sich recht zerzausten. Nach Überwindung des kommunistischen Urzustandes und der Erwerbung von Besitz ging er mit seinen Genossen Wetten ein, setzte für den Gewinnenden Preise aus und erhob das Spiel zum Sport. Die Wetten bildeten später einen Hauptzweck solcher Tierkämpfe, seien die Ausübenden Grillen, Wachteln, Hähne, Gänse oder Widder. Mit der Verrohung der Massen bei durch zahlreiche Kriege an Blutvergießen gewöhnten Stämmen hatten solche Kämpfe nur Reiz, wenn sie blutig endeten und wenn möglich, auf Leben und Tod gingen. So hefteten die Malaien ihren Kampfhähnen haarscharf geschliffene Stahlklingen an ihre Sporne, mit denen sich die Duellanten sehr oft gegenseitig erstachen.

Im alten Rom wurden diese blutigen Tierkämpfe zu Massenabschlachtungen gesteigert, in denen selbst Menschen auftraten, um miteinander zu kämpfen und sich nach dem Willen des Pöbels abzustechen. Es sind dies die bekannten ~Gladiatorenkämpfe~, die aus Fechterspielen bei Gelegenheit des Begräbnisses hervorragender Männer hervorgingen, wie sie zuerst die Etrusker und dann auch die Römer in jenen Zeiten ausübten, als auf dem Forum bei der Bestattung eines Feldherrn die Kriegsgefangenen, die er erbeutet, zu Ehren des Totengeistes des Verstorbenen auf Tod und Leben miteinander kämpfen mußten. Vielfach ließ man auch an solchen Leichenspielen schwere Verbrecher gegenseitig an sich das Todesurteil vollziehen. Das taten diese nicht ungern; denn Seneca sagt in einer seiner Episteln, daß ein solcher lieber öffentlich kämpfend in der Arena sterbe, als daß er sich in einem geschlossenen Raum hinrichten lasse. Und zu diesem Schauspiel wurde das Volk eingeladen, wie noch im 18. und 19. Jahrhundert das Henken und Köpfen vor großem Publikum geschah. Wer von diesen Verurteilten brav focht und durch seine Tapferkeit Bewunderung erregte, dem wurde vom Volke durch Akklamation das Leben geschenkt. Auch viele Kriegsgefangene und mißliebige Sklaven wurden als Gladiatoren verhandelt. Gewöhnlich standen sie bei jedem Gefecht etwa hundert gegen hundert, die einen mit großen, die andern mit kleinen Schilden, die einen mit Netz und Harpune, die anderen mit Schwert oder Dolch, alle aber mit kostbaren Helmen, vielfach aus purem Silber mit Edelsteinen eingelegt, mit Pfauenfedern als Helmbusch versehen. Zum Kampf erscholl grelle Musik, um das Stöhnen und Todesröcheln der Sterbenden zu übertönen. Die Leichen wurden fortgeschafft, frischer Sand in die Blutlachen gestreut und das Volk ging befriedigt nach Hause. Die gewandten Fechter aber, denen es gelang, solche Schlachten zu überleben, wurden die Helden des Tages und Lieblinge des Publikums, wie es heute den Stierkämpfern in Spanien ergeht, und der Festgeber beschenkte sie in der Arena selbst mit Schüsseln voll blinkenden Goldes. In der Kaiserzeit waren solche Gladiatorenkämpfe bei allen festlichen Anlässen zu sehen, und bei den viermonatlichen Siegesfesten des Trajan im Jahre 107 sollen im ganzen 10000 Mann gefochten und zum größten Teil ihren Tod gefunden haben.

Für diese Massenkämpfe und die alsbald zu besprechenden Tierhetzen wurden mit ungeheuerem Aufwand luxuriöse Arenen gebaut, die möglichst die ganze freie Stadtbevölkerung aufnehmen sollten. Denn auch die Frauen erschienen zu solchen Schauspielen und brachten selbst die Kinder mit. Während sie im Zirkus mitten unter den Männern saßen, waren sie im Amphitheater von ihnen getrennt. Rom gelangte zuerst im Jahre 29 v. Chr. durch den reichen Statilius Taurus zu einem Amphitheater. Dieser Bau wurde aber durch das meist als Colosseum bezeichnete berühmte flavische Amphitheater übertroffen, das vom Kaiser Vespasian erbaut und im Jahre 80 von dessen Sohn Titus eingeweiht wurde. Es war 185 m lang, 156 m breit und 50 m hoch, besaß 80 Portale und faßte 85000 Zuschauer. Die Arena selbst war 86 m lang und konnte nebst dem Zuschauerraum mit einem etwa 180 m langen Zelttuche gegen die Sonne überspannt werden. Unter ihr waren weite Hohlräume, aus denen wie durch Zauber ganze Kämpfergruppen und Scharen von wilden Tieren emporgehoben werden konnten. Auch vermochte man sie unter Wasser zu setzen, um ganze Seeschlachten darin vorzuführen. Wurde des Kaisers Anwesenheit erwartet, so erschien das ganze Publikum weiß gekleidet und bekränzt. Solche Festtage waren in Rom durchaus keine Seltenheit. Hören wir doch gelegentlich, daß es dort jährlich 175 regelmäßige Spieltage gab, die außerordentlichen bei Triumphen usw. gar nicht gerechnet. Davon entfielen 10 Tage auf die Gladiatorenkämpfe, 64 auf Wagenrennen, 101 dagegen auf das Theater, in welchem vorzugsweise operettenhafte Possen, deren Coupletmelodien man auf allen Gassen pfiff, mit allerlei Anzüglichkeiten auf stadtbekannte Personen, und zweideutige Pantomimen aufgeführt wurden. Am meisten zogen beim rohen Pöbel die Fechterspiele und Tierhetzen, bei denen Blut in Strömen floß und die Arena voller Leichen lag. Das gab eine Aufregung, wenn man seltene wilde Tiere miteinander kämpfen und sterben sah! Da füllten sich schon vor Sonnenaufgang die Zuschauerränge, um ja einen guten Platz bei solchen interessanten Tierhetzen zu erhalten. Das fesselndste dieser Schauspiele waren die eigentlichen Jagden, venationes genannt, bei denen ungeheuere Mengen von wilden Tieren von besonders dazu angestellten Leuten verfolgt und erlegt wurden. So wurden in der Kaiserzeit alle größeren Tiere der damals den Römern zugänglichen Welt nicht nur in einzelnen Exemplaren, sondern gelegentlich in ganzen Scharen dem nach Unterhaltung verlangenden Volke in der Arena vorgeführt und von gut geschulten, gut bewaffneten und von starken Hunden unterstützten Jägern, die ihr Handwerk trefflich verstanden, zum Gaudium des Pöbels kunstgerecht gejagt und schließlich abgeschlachtet. Nur seltene Tierarten wurden verschont, um späterhin abermals bei solchen Jagden auftreten zu können. Hauptsächlich waren es dem Menschen gefährliche Raubtiere, die bei diesen Jagdspielen auftraten und zur Belustigung des festfeiernden Volkes getötet wurden, so vor allem Bären, Panther, Tiger, Löwen und Hyänen, seltsamerweise aber nicht der Wolf. Der mochte für jenes Vergnügen zu gemein und wegen seiner Feigheit reizlos zum Abschlachten sein. Selten kamen harmlose große Bestien wie Flußpferde und Giraffen aus dem fernen Afrika in die Arena, um dem Volke, das damals noch keine zoologischen Gärten kannte, vorgeführt zu werden. Nach Plinius zeigte Marcus Scaurus in Rom bei den Spielen, die er als Ädil gab, das erste Flußpferd nebst fünf Krokodilen, und hatte dazu einen besonderen Teich graben lassen. Nach Dio Cassius wurde bei den feierlichen Spielen, die Kaiser Augustus gab, wiederum ein Flußpferd gezeigt und erlegt. Zur Zeit Heliogabals und der Gordiane waren in Rom im Amphitheater Flußpferde zu sehen, die damals wegen der vielen Verfolgungen schon nicht mehr in Ägypten vorkamen, sondern aus dem Lande der Blemmyer im Sudan geholt werden mußten, also zweifellos sehr teuer zu stehen kamen. Nach Plinius sah man in Rom die erste Giraffe bei den Spielen, die der Diktator Cäsar gab, und seitdem öfter. Nach Flavius Vopiscus gab es zur Zeit des Aurelian mehrere Giraffen in Rom, und zwar nach Julius Capitolinus zur Zeit der Gordiane nicht weniger als zehn. Was mögen diese Tiere, die weither vom oberen Nilgebiet bezogen wurden, bei den mangelhaften Verkehrsverhältnissen jener Zeit für eine umständliche Reise hinter sich gehabt haben, bis sie dem verwöhnten Pöbel in Rom gezeigt werden konnten!

Nach dem Geschichtschreiber Dio Cassius ließ der römische Kaiser Caligula in Rom 400 Bären auf dem Kampfplatz erscheinen und mit großen Hunden und schwerbewaffneten Gladiatoren kämpfen. Und Julius Capitolinus berichtet, daß Gordian I., als er unter Caracalla und Alexander Severus Konsul war, an einem Tage in Rom 100 libysche Bestien, an einem andern 1000 Bären im Amphitheater auftreten und töten ließ. Als er zum sechsten Male Spiele gab, wurden im ganzen 200 Damhirsche, 30 wilde Pferde, 100 wilde Schafe, 10 Elche, 100 kyprische Stiere, 300 Strauße, 30 wilde Esel, 150 Wildschweine, 200 Steinböcke und ebensoviel Antilopen dem Volke preisgegeben. Und unter seinem Enkel Gordian III. (238-244) wurden einmal in Rom 32 Elefanten, 10 Elche, 10 Tiger, 60 zahme Löwen, 30 zahme Leoparden, 10 Hyänen, 1 Flußpferd, 1 Nashorn, 10 große Löwen, 10 Giraffen, 20 wilde Esel, 40 wilde Pferde und noch zahllose derartige Tiere auf die Arena geführt und bei den Jagdspielen getötet.

In seiner Biographie des Kaisers Probus (276-282) schreibt Flavius Vopiscus: „Probus gab im Zirkus ein ungeheures Jagen und überließ dem Volke die Tiere. Dabei verfuhr er so: Erst ließ er von Soldaten entwurzelte Bäume im Zirkus pflanzen und wartete ab, bis sie mit grünem Laube prangten. Als nun der Wald fertig war, wurden alle Zugänge geöffnet: Es kamen 1000 Strauße in die Arena hinein, dann 1000 Hirsche, 1000 Wildschweine, 1000 Antilopen, Steinböcke, wilde Schafe und andere graßfressende Haartiere, soviel man hatte auftreiben und füttern können. Jetzt wurde auch das Volk hereingelassen und jeder packte und behielt, was ihm beliebte. Am folgenden Tage ließ er im Amphitheater auf einmal 100 mit Mähnen prangende Löwen los, deren Gebrüll wie Donner rollte. Sie wurden sämtlich mit sarmatischen Speeren erlegt. Nach ihnen traten 100 libysche Leoparden auf, dann 100 syrische, ferner 100 Löwinnen und 300 Bären. Übrigens war das ganze Schauspiel mehr großartig als hübsch.“

Nach Plinius hat zuerst Quintus Scaevola als Ädil mehrere Löwen in Rom kämpfen lassen. Dann ließ Lucius Sulla, der spätere Diktator, als Prätor zuerst 100 alte bemähnte Löwen kämpfen, später Pompejus in der Rennbahn 600 Löwen, worunter 315 mit Mähnen, und Cäsar als Diktator 400 Löwen. Gezähmte Löwen hat nach demselben Autor zuerst Marcus Antonius, der Triumvir, vor den Wagen gespannt, und zwar nach der Schlacht bei Pharsalos, wo er von Augustus besiegt worden war. Nach Dio Cassius gab Pompejus bei der Einweihung des von ihm erbauten Theaters außer Wettrennen, Schauspielen, Konzerten und gymnastischen Spielen auch Tierhetzen im Amphitheater, wobei in der Zeit von fünf Tagen 500 Löwen erlegt wurden und 18 Elefanten mit bewaffneten Männern kämpften. Und Julius Capitolinus berichtet, daß bei Jagdspielen, die Kaiser Antoninus Pius (der Adoptivsohn Kaiser Hadrians, regierte von 138-161) gab, Elefanten, gefleckte Hyänen, Krokodile, Flußpferde, Tiger und andere Tiere aus allen Weltgegenden auftraten. Damals wurden auf einmal 100 Löwen auf den Kampfplatz gelassen.

Wie an den morgenländischen Fürstenhöfen gab es gelegentlich auch im Kaiserpalast in Rom gezähmte große Raubtiere als Begleiter der Cäsaren, wie am Schlusse des XII. Abschnittes über die Katzen berichtet wurde. Die sich als Götter fühlenden halbverrückten Kaiser, wie Caracalla (212-217) und Heliogabalus (218-223) ließen sich wie die ihnen vorschwebenden Vorbilder aus dem Olymp gelegentlich von bestimmten wilden Tieren auf ihrem Zweigespann ziehen, so ersterer von Löwen mit der Behauptung, er sei die Göttin Cybele, die man sich von Löwen gezogen vorstellte, und letzterer nach Lampridius von Tigern als angeblicher Bacchus; der Tiger war ja mit seinem buntgefleckten Fell das Leibtier jenes angeblich aus Indien nach den Mittelmeerländern gekommenen Gottes der Fruchtbarkeit und des Lebensgenusses. Älian sagt, daß unter den Geschenken, welche die Inder ihrem Könige darbringen, auch zahme Tiger seien. Aus Indien gelangten solche auch nach Westasien und in den Machtbereich des römischen Reichs. Nach Plinius hat Pompejus den ersten zahmen Tiger, den er aus Kleinasien im Jahre 63 v. Chr. mitbrachte, zu Rom in einem Käfig gezeigt. Nach ihm zeigte Claudius, der Stiefsohn des Augustus, der nach Caligulas Ermordung im Jahre 41 von den Prätorianern zum Kaiser ausgerufen wurde, deren vier zu gleicher Zeit. Afrikanische Panther durften nach einem alten Senatsbeschluß nicht nach Italien gebracht werden. Doch setzte nach Plinius der Volkstribun Cnäus Aufidius beim Volke ein Gesetz durch, wonach sie wenigstens zur Verwendung bei Jagdspielen im Amphitheater nach Rom gebracht werden durften. Scaurus habe als Ädil zuerst 150 nach Rom kommen lassen, dann Pompejus 410 und der vergötterte Augustus 420. Alle wurden bei Jagdspielen im Zirkus Maximus zur Unterhaltung des römischen Plebs getötet.

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