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Kulturgeschichte der Nutztiere (part 2 of 4)

Part 2 of 4 · Reinhardt, Ludwig · Public domain text

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Kulturgeschichte der Nutztiere (part 2 of 4)

Einst gab es auch im Nilland selbst Elefanten, wie wir aus der einen solchen darstellenden Hieroglyphe ab entnehmen können. Früher wurde aber dieses Tier durch die immer dichter sich ansiedelnden Menschen aus dem Niltale verdrängt. Man jagte es damals schon fast ausschließlich zur Erlangung des Elfenbeins, das seit der vorgeschichtlichen Zeit als Ausgangsmaterial für allerlei Schmuck und Geräte wie in Asien, so auch in Afrika eine große Rolle spielte. Um es zu gewinnen, jagte man erbarmungslos die sonst so gutmütigen und friedlich beisammenlebenden Tiere, so daß der Elefant weithin ausgerottet wurde. Heute ist er auch aus ganz Südafrika verschwunden, wo er einst ebenfalls sehr häufig war. In den weniger besuchten Gegenden von Matebeleland, von Nordostmaschonaland und in den undurchdringlichen Urwäldern der Küstenniederungen an der Sofalabucht leben zwar noch einige zerstreute Elefantenherden; sonst gibt es südwärts vom Sambesi heute keine Elefanten mehr. An der Westseite von Südafrika mag es vielleicht in dem dem Kunene und Okawango benachbarten äußersten Nordosten von Owamboland noch etliche Elefanten geben, aber höchstens Männchen ohne Stoßzähne oder Weibchen. Die letzte Elefantenherde am Botlebi und am Ngamisee wurde 1889 von den Betschuanen völlig vernichtet, und die im Anfang der 1890er Jahre noch ziemlich zahlreich zwischen den Flüssen Sambesi und Chobi lebenden Elefanten mögen gegenwärtig schon alle oder doch der Hauptsache nach den Angriffen der Barotse erlegen sein. In Ostafrika sind Elefanten am Kilimandscharo noch ziemlich häufig. Am längsten mögen sie sich in etlichen Gegenden von Innerafrika halten. Aber wenn keine wirksamen Gesetze zum Schutze der freilebenden afrikanischen Elefanten erlassen werden, wird man schließlich nur noch hier und da einige von Regierungs wegen geschützte Elefantenherden treffen, wie es heute schon etliche im östlichen Kaplande gibt. Dort ist es den Behörden dank scharfer Erlasse seit dem Jahre 1830 gelungen, in den Zitzikamma- und Knysnawäldern einige solche zu erhalten. Die fortschreitende Inzucht wird dann dafür sorgen, daß dieser ehrwürdige Riese vielleicht noch vor Ende des begonnenen Jahrhunderts ganz ausgerottet sein wird.

Afrika, wo nicht die Weißen mit ihren fürchterlichen Explosivgeschossen, sondern die Eingeborenen mit ihren gewöhnlichen Flinten das Hauptvernichtungswerk am Elefanten vollführen und weitaus das meiste Elfenbein in den Handel bringen, liefert heute noch fast ausschließlich das von uns außer zu allerlei Zier an Geräten und Spazierstöcken, zu Knöpfen und Messergriffen, besonders aber zu Billardkugeln verwendeten rezenten Elfenbeins, nämlich nach einer für die Jahre 1879/83 aufgestellten Übersicht jährlich von den im Durchschnitt in den Handel gelangenden 868000 kg nicht weniger als 848000 kg, während Ceylon und Sumatra zusammen nur 2000 kg, Hinterindien 7000 kg und Vorderindien 11000 kg abgab. Nach C. G. Schillings wurde der Antwerpener Elfenbeinmarkt allein gegen das letzte Jahrzehnt durchschnittlich mit den Zähnen von gegen 18500 Elefanten jährlich versorgt, in den Jahren 1888 bis 1902 aber 3212700 kg Elfenbein dort eingeführt, während das durchschnittliche Zahngewicht etwa 8,5 kg pro Zahn betrug und das Gesamtquantum fast ausschließlich vom Kongogebiet stammte. „Im Jahre 1902 aber wurden allein in Antwerpen 322300 kg Elfenbein verkauft!! In ähnlicher Höhe bewegt sich die Einfuhr an den übrigen hauptsächlichsten Elfenbeinhandelsplätzen der Welt, und diese Ziffern geben uns ein treues, wenn auch unsäglich trauriges Bild der Vernichtung des edlen Tieres. Ungeheuer sind die an einigen Handelsplätzen aufgestapelten Elfenbeinvorräte. Ihre späteren Eigentümer werden in kürzester Zeit -- wenn erst einmal die von ihnen sehnlichst erstrebte vollkommene Ausrottung des afrikanischen Elefanten erreicht ist -- diese Ware rapid im Preise heraufschrauben und zweifelsohne das heute nicht mehr sehr beliebte Elfenbein wieder als Modeartikel einzuführen wissen. -- Alle diese Elefanten wurden hingeschlachtet nur ihres Elfenbeins halber. Es spricht der hoch entwickelten Technik unserer Zeit Hohn, daß sie nicht vermocht hat, ein Surrogat zu finden, welches Elfenbein (speziell zu Billardkugeln) gleichwertig zu ersetzen vermag. Ein glückliches Schicksal hat den indischen Elefanten vor dieser Vernichtung bewahrt, weil die weiblichen Tiere des asiatischen Elefanten kein oder nur sehr wenig Elfenbein tragen, und auch die Bullen nur selten eine starke Stoßzahnentwicklung zeigen.“ Nachdem die Baumsteppe ihr Elefantenmaterial größtenteils eingebüßt hat, muß der dichte Wald, der mit seinem für den Menschen fast undurchdringlichen Unterholz diesem Riesen noch den meisten Schutz gewährt, zur Erlangung solcher Beute aufgesucht werden. Hier sind die Urwälder des Kongogebiets noch am besten mit diesem Edelwilde versehen, so daß die Eisenbahn des Kongogebiets nach statistischen Feststellungen allein im Betriebsjahre 1907/08 307000 kg und 1908/09 381000 kg Elfenbein beförderte. Das bedeutet einen Abschuß von 40000 Elefanten!

Bei den südasiatischen Kulturvölkern, speziell in Indien, spielte der gezähmte Elefant schon im hohen Altertum eine wichtige Rolle als Luxustier, das besonders auch zur Kriegsführung verwendet wurde. Die Griechen lernten ihn unter Alexander dem Großen auf ihrem Zuge nach Indien im Jahre 327 v. Chr. kennen. So schreibt Diodorus Siculus: „Als Alexander der Große in Indien eindrang, fand er jenseits des Flusses Aornos einen indischen Fürsten, der 20000 Soldaten und 15 Elefanten bei sich hatte. Dieser ward aber von seinen eigenen Leuten ermordet, sein Kopf zum König gebracht und dieser bekam nun auch die Elefanten, welche im Lande herumirrten, in seine Gewalt. -- Jenseits des Indus stellte sich ihm der indische König Poros entgegen, welcher 50000 Mann Fußvolk, gegen 3000 Berittene, über 1000 Streitwagen und 130 Elefanten hatte. Wie es zur Schlacht kam, stellte er die Elefanten in vorderster Reihe auf, einen jeden für sich, vom andern entfernt, und füllte die Zwischenräume mit schwerbewaffnetem Fußvolk aus. Die Elefanten zertraten, was sich ihnen entgegensetzte, mit den Füßen samt Waffen und Knochen; andere hoben die Makedonier mit dem Rüssel hoch empor und schmetterten sie dann gegen den Erdboden, andere spießten sie mit den Zähnen auf. Die Makedonier hielten aber tapfer stand, brachten den Elefanten eine Menge Wunden bei und jagten sie auf ihre eigene Armee zurück, die dadurch in entsetzliche Verwirrung geriet. Poros ritt selbst auf einem Elefanten, sammelte deren rasch noch 40, die den Mut und die Geistesgegenwart nicht verloren hatten und focht tapfer, bis er, von vielen Wunden bedeckt, samt seinem Elefanten ohnmächtig zu Boden sank. Alexander erbeutete in dieser Schlacht 80 Elefanten.“

Von diesen indischen Elefanten, die damals zum erstenmal in den Gesichtskreis der Europäer traten, berichtet der Grieche Strabon: „In Indien ist es keinem Privatmanne erlaubt, ein Pferd oder einen Elefanten zu halten; denn beides gilt für königliches Vorrecht. Die Elefantenjagd wird in Indien folgendermaßen betrieben: Man umgibt einen großen Platz mit einem breiten Graben und läßt nur einen schmalen Eingang frei. Auf den Platz werden 3-4 zahme Weibchen getan. Bei Nacht gehen dann auch einzelne wilde Elefanten hinein und hinter diesen wird das Tor leise zugeschlossen. Nun macht man die wilden durch Hunger matt, führt dann die stärksten zahmen hinein, um jene zu bekämpfen. Sind sie nun ganz kraftlos, so schleichen sich die mutigsten Führer unter den Leib der zahmen Elefanten und fesseln den wilden die Beine. Sie werden dann in einen Stall gebracht und mit dem Hals an eine starke Säule gebunden. Allmählich werden sie zahm und lernen dem Wort, dem Gesang und dem Zimbelschlag gehorchen. Von Natur sind sie sanft und klug. Es ist schon vorgekommen, daß sie ihre im Kampfe gefallenen Führer aufgehoben und aus der Schlacht getragen, daß sie ihre lebenden Führer, die sich unter ihnen verborgen hatten, verteidigt und gerettet, ja daß sie ihren Führer, den sie im Zorn umgebracht, tief betrauert haben, so daß einzelne, wie man sagt, in solchem Falle sich zu Tode hungerten.“ -- „Vom Weibchen wird das Junge 6 Jahre lang gesäugt. Das Alter dieser Tiere erstreckt sich bis auf 200 Jahre. Ihre Augenkrankheiten sucht man durch Kuhmilch zu kurieren, ihre meisten Krankheiten mit rotem Wein, ihre Wunden mit Butter, ihre Geschwüre mit Schweinefleisch. Onesikritos und andere sagen, die indischen Elefanten seien größer und stärker als die libyschen. Mit ihrem Rüssel reißen die Elefanten Brustwehren ein und Bäume aus. Sie lassen sich abrichten, Steine nach einem Ziele zu werfen, mit Waffen zu fechten; auch schwimmen sie vortrefflich. -- Der König von Indien hält seine Jagden in Tiergärten ab, reitet dabei auf einem Elefanten und die bewaffneten Weiber, welche seine Leibgarde bilden, folgen ihm im Wagen oder auf Pferden oder auf Elefanten nach. -- Auf jedem Elefanten sitzen drei Bogenschützen und ein Führer (Kornak), auf jedem Streitwagen zwei Streiter und ein Wagenlenker.“

Auch sonst weiß uns der griechische Geograph Strabon viel von Elefanten zu berichten, so daß Maurusien (das westliche Algerien und Marokko) außer Schlangen, Antilopen, Affen, Löwen und Panthern auch viel Elefanten habe und das maurusische Fußvolk Schilde von Elefantenhaut trage. In Arabien wohnten in der Nähe der Stadt Saba die „Elefantenesser.“ „Sie lauern den Elefanten auf und hauen ihnen die Sehnen durch. Auch schießen sie die Tiere mit Pfeilen, die in Schlangengalle getaucht sind. Der Bogen wird von zwei Männern gehalten und der dritte schießt den Pfeil ab. Andere machen Einschnitte in die Bäume, an welche sich die Elefanten anzulehnen pflegen, wenn sie ausruhen. Kommt nun das Tier und lehnt sich an, so fällt es um, kann aber nicht aufstehen, weil die Beine nur einen Knochen ohne Gelenk haben“. Daß solche Fabeln damals noch von den gebildeten Griechen geglaubt wurden, beweist, daß diese noch wenig Elefanten gesehen hatten und dieses Tier mehr vom Hörensagen kannten.

Nach der Rückkehr der Makedonier vom Feldzuge nach Indien unter ihrem Könige Alexander erzählten sie den Griechen von ihren Erlebnissen daselbst und von den großen Elefanten jenes Landes. So erfuhr auch Aristoteles von ihnen und beschreibt sie in seiner Naturgeschichte ziemlich getreu. Er sagt, daß sie mit dem Munde, ohne Beihilfe der Nase, stöhnende Töne, mit dem Rüssel aber trompetenartige hervorbringen, daß das Elefantenweibchen im 12. Jahre das erste Junge bekomme, das bei der Geburt die Größe eines 2-3 Monate alten Kalbes habe, gleich sehen und gehen könne und mit dem Munde, nicht mit dem Rüssel, an seiner Mutter sauge. „Unter allen wilden Tieren ist der Elefant der zahmste und sanftmütigste. Er lernt auch vielerlei, namentlich, daß er vor Königen die Kniee beugt. Man glaubt, daß er 100 oder 200 Jahre alt wird. Winter und Kälte kann er nicht gut vertragen. Er lebt in der Nähe der Flüsse, jedoch nicht im Wasser, aber er watet durch Flüsse, wenn er nur seinen Rüssel über das Wasser emporstrecken kann; denn mit dem Rüssel atmet er.“

„Die Elefanten kämpfen wütend miteinander und stoßen sich mit den Zähnen. Der Besiegte wird völlig unterjocht und fürchtet sich dann sehr vor der bloßen Stimme des Siegers. An Mut sind die Elefanten sehr verschieden. Die Inder brauchen die Männchen und Weibchen zum Kriege, obgleich die letzteren kleiner und weniger mutig sind. Mit den Zähnen kann der Elefant Mauern einstoßen. Palmen biegt er mit der Stirne nieder und tritt sie dann vollends zu Boden. Bei der Elefantenjagd besteigt man gezähmte, die recht mutig sind, verfolgt die wilden und, wenn man sie erreicht, läßt man sie von den zahmen so lange schlagen, bis sie entkräftet sind. Dann springt ein Jäger auf sie und lenkt sie mit dem Stachel. Sie werden bald zahm und gehorsam. Solange man auf ihnen sitzt, sind sie allemal ruhig; manche aber werden wild, sobald man abgestiegen ist. Solchen bindet man die Vorderfüße mit Stricken, damit sie sie nicht viel rühren können.“

Die ersten gezähmten indischen Elefanten brachte Alexander der Große von seinem indischen Feldzuge mit nach Vorderasien und von da an spielten sie in den Kriegen seiner Nachfolger, der Diadochen, eine gewisse Rolle. So berichtet Curtius: „Nach dem Tode Alexanders des Großen wurde das makedonische Fußvolk von Meleager, die Reiterei nebst den Elefanten von Perdikkas kommandiert. Der letztere warf etwa 300 Anhänger des Meleager im Angesicht des ganzen Heeres den Elefanten vor und ließ sie sämtlich von den Tieren zertreten. Dies war der Anfang der dann folgenden makedonischen Bürgerkriege.“ Und Diodorus Siculus meldet: „Als sich nach Alexanders Tode dessen Feldherrn befehdeten, hatte sich Demetrios bei Alt-Gaza in Syrien gelagert; Ptolemäos und Seleukos boten ihm daselbst eine Schlacht an. Demetrios stellte vor seinem Heere 34 Elefanten auf. Seine Gegner stellten diesen aber Pfähle entgegen, die mit eisernen Spitzen versehen und mit Ketten verbunden waren. Lange war der Kampf unentschieden. Da bekamen die Elefanten des Demetrios das Zeichen zum Angriff, schritten kühn gegen den Feind, konnten aber nicht weiter, als sie an die Pfähle kamen. Ihre indischen Führer wurden alsbald von Schützen, die hinter den Pfählen standen, erschossen, die Elefanten selbst gerieten in die Hand der Feinde und das Heer des Demetrios mußte das Schlachtfeld räumen.“ Derselbe Autor erzählt dann später, daß diese Elefanten unter ihrem neuen Herrn und unter der Leitung frisch von Indien bezogenen Kornaks an verschiedenen späteren Schlachten teilnahmen. „Auch der Feldherr Polysperchon verwandte einen Teil derselben bei der Belagerung von Megalopolis in Arkadien. Da er dabei mit seiner Mannschaft nicht gleich zum Ziele gelangte, so beschloß er, den Eingang in die Stadt durch Elefanten zu erzwingen. Damis, der Kommandant der Stadt, erfuhr den Plan und traf heimlich Gegenanstalten. Er sammelte eine Menge Türen, ließ lange, spitzige Nägel durch sie hindurchschlagen, dann mit diesen Türen den Eingang zur Stadt pflastern und die Nägel leicht mit Erde zudecken. Zu beiden Seiten dieses Stachelwegs stellte er Schützen und Geschütze auf. Als nun die Elefanten kamen, traten sie in die Nägel und wußten sich nicht zu helfen, wurden samt ihren indischen Führern auch von zahllosen Pfeilen getroffen, so daß sie teils zusammenbrachen, teils gegen ihre eigenen Leute rückwärts rannten.“

Von diesen indischen Elefanten, die begreiflicherweise überall, wohin sie kamen, großes Aufsehen erregten, wissen auch andere Geschichtschreiber allerlei Denkwürdiges zu erzählen. So berichtet Älian: „Als Antigonos Megara belagerte, befand sich in seinem Heere ein Elefantenweibchen namens Nikaia, dem die Frau des Wärters ihr Kind, als es 30 Tage alt war, zu Schutz und Wartung übergab. Nikaia gewann das Kind so lieb, daß sie sich immer freute, wenn das Kind anwesend war, daß sie die Fliegen von ihm abwehrte, was mit einem belaubten Zweige geschah, den sie in den Rüssel nahm, daß sie keine Nahrung zu sich nahm, solange sie das Kind nicht bei sich hatte. Sie bewegte auch dessen Wiege, wenn es schrie, wie eine Wärterin.“ Derselbe Autor sagt, daß die Elefanten der Insel Taprobane (Ceylon) größer und stärker als die des Festlandes seien, auch für klüger gelten. „Man bringt auch welche zu Schiff und schafft sie außer Landes. Will man zahme Elefanten auf ein Schiff bringen, so täuscht man sie dadurch, daß man es mit frischen Zweigen und anderem Grün schmückt und belegt; sie denken dann, da sei frischer Boden, und gehen darauf. -- Das eigentliche Getränk der Elefanten ist Wasser, die für den Krieg bestimmten bekommen aber auch Wein zu trinken, der aus Reis und Zuckerrohr (Arrak) bereitet wird. Das Tier hat auch seine Freude an wohlriechenden Blumen, wird auf Wiesen getrieben, sammelt die besten und wirft sie in einen Korb, den der Wärter hinhält. Hat es sich dann gebadet, so verlangt es, wenn es aus dem Wasser kommt, zuerst nach seinen Blumen, und bringt man sie nicht, so schreit und fastet es, bis sie doch kommen. Auch seine Krippe und seinen Ruheplatz bestreut es gern mit Blumen.“ Nur vor dem Schweine fürchte es sich: „Als die Stadt Megara von Antipater hart bedrängt wurde, beschmierten die Bewohner der Stadt Schweine mit Pech, setzten sie in Brand und trieben sie gegen die Feinde. Sie schrien entsetzlich und jagten wie rasend auf die Elefanten los. Diese wurden durch diesen unerwarteten Angriff wie verrückt, und so entstand eine entsetzliche Verwirrung.“ In Indien begleite der Elefant überall den König und bewache ihn: „Geht der indische König aus, um Recht zu sprechen, so wirft sich der erste Elefant anbetend vor ihm nieder und macht dann kriegerische Bewegungen, um zu zeigen, daß er sich auch darauf gut versteht. Übrigens halten 24 Elefanten beim Könige Wache und werden regelmäßig abgelöst. Sie sind im Wachen zuverlässiger als Menschen.“

Der griechische Geschichtschreiber und Geograph Pausanias sagt in seiner zwischen 160 und 180 n. Chr. geschriebenen Periegesis: „Wie Alexander der erste Europäer war, der Elefanten besaß -- er hatte sie dem König Poros abgenommen --, so war Pyrrhos der erste Grieche, welcher gegen die Römer über das Meer zog. Seine Elefanten hatte er im Kampfe gegen den Demetrios (einen der Feldherrn Alexanders) gewonnen.“ Dieser König von Epirus, der, 301 von den Epiroten vertrieben, mit Hilfe des Königs Ptolemäos von Ägypten seine Herrschaft wieder erlangt hatte, war damals von den Tarentinern, also ebenfalls Griechen, gegen die Römer zu Hilfe gerufen worden, schlug diese auch 280 bei Herakleia und 279 bei Asculum in Apulien, erlitt aber dabei selbst große Verluste, so daß seither der Ausdruck Pyrrhossieg sprichwörtlich wurde. Damals sahen die Römer zum erstenmal diese berühmten Kriegshelfer der Griechen, über die sie sehr erstaunten. Der ältere Plinius sagt hierüber in seiner Naturgeschichte: „Die ersten Elefanten sah Italien im Kriege gegen den Pyrrhus und nannte sie lukanische Ochsen, weil man sie zuerst im Lukanerlande erblickte. Sieben Jahre später sah man schon welche zu Rom bei einem Triumphe, und im Jahre 502 nach Roms Erbauung (251 v. Chr.) sah man hier schon eine ganze Menge, die Lucius Metellus in Sizilien den Karthagern abgenommen hatte. 142, oder nach andern 140, wurden auf Flößen übergeschifft, welche man auf Reihen von Fässern gelegt hatte. Verrius berichtet, sie hätten in der Rennbahn ein Kampfspiel geben müssen und wären mit Spießen erstochen worden, weil man sie weder füttern noch verschenken wollte. Lucius Piso dagegen sagt, sie wären bloß in der Rennbahn von gedungenen Leuten mit stumpfen Spießen herumgejagt worden, um den Römern die Furcht vor ihnen zu benehmen; was aber dann aus ihnen geworden ist, erwähnt er nicht.“

Von diesen indischen Elefanten der Pyrrhos weiß sein Biograph Plutarch mancherlei zu erzählen: „Als Pyrrhos bei den Städten Pandosia und Herakleia, am Flusse Siris, dem römischen Heere eine Schlacht lieferte, brachte er durch seine Elefanten die Feinde in Unordnung und errang den Sieg. -- Um ihre Gefangenen für Geld auszulösen, schickten dann die Römer eine Gesandtschaft an Pyrrhos. Den Gajus Fabricius, einen der Gesandten, den man ihm sehr rühmte, nahm er freundlich auf, beschloß aber, seinen Mut auf eine harte Probe zu stellen. Er lud ihn zur Audienz, ließ aber vorher seinen größten Elefanten in voller Rüstung hinter einem Vorhange verbergen. Wie sich nun Fabricius nichts Böses versah, fiel plötzlich der Vorhang, der Elefant trat mit entsetzlichem Brüllen vor, hob drohend seinen Rüssel über den Fabricius; aber dieser wandte sich ganz gelassen um und sagte lächelnd zu Pyrrhos: „Vor diesem Elefanten fürchte ich mich nicht.“ -- In der Schlacht bei Asculum mußten die Römer ebenfalls der Gewalt der Elefanten weichen. Auch bei Beneventum wurden die Römer von den Elefanten der Pyrrhos hart mitgenommen, trieben sie aber doch endlich mit Pfeilen und Wurfspießen zurück, errangen einen ruhmvollen Sieg und Pyrrhos mußte Italien verlassen. -- Späterhin unternahm Pyrrhos einen Kriegszug gegen Argos. Er drang heimlich bei Nacht in die Stadt, deren Tor ihm Aristeas öffnete, und besetzte den Marktplatz. Im Tore hatte er, weil es nicht hoch genug war, seinen Elefanten die Türme müssen abnehmen lassen, wobei es ohne Lärm und Zeitverlust nicht abging, so daß die Besatzung der Stadt eilig die festesten Plätze besetzte. Daraufhin kam es in den Straßen zu einem mörderischen Kampfe. Pyrrhos mußte weichen, seine Leute gerieten am Tor furchtbar ins Gedränge und in Verwirrung. Gerade im Tor lag der größte von Pyrrhos’ Elefanten, schrie entsetzlich und versperrte den Rückweg. Währenddem suchte ein anderer Elefant, welcher Nikon hieß, seinen Führer, welcher schwer verwundet heruntergefallen war. Das Tier rannte wie unsinnig umher und warf Freund und Feind über den Haufen. Endlich fand er den Führer, hob ihn mit dem Rüssel und den Zähnen empor, stürzte sich mitten unter die Leute des Pyrrhos, so daß sich diese in der engen Straße zu einer dichten, ganz unbehilflichen Masse zusammendrängten, in der jeder von seinen Nachbarn gestoßen, niedergeworfen und verwundet wurde, während auch die Feinde von allen Seiten schossen und warfen. Endlich wollte Pyrrhos der Verwirrung ein Ende machen, stürzte hoch zu Roß mitten unter die Feinde; aber ein armes, altes Weib, das auf dem Dache stand, warf ihm einen Ziegelstein aufs Genick, worauf er ohnmächtig niedersank. Die Feinde packten ihn und hieben ihm den Kopf ab.“ Es war dies im Jahre 272 v. Chr.

Was in der Folge aus den indischen Elefanten Alexanders des Großen geworden ist, wissen wir nicht. Aber jetzt traten auch die größten Nebenbuhler Roms in der Herrschaft über das Mittelmeer, die Karthager, auf, und auch diese kämpften mit Vorliebe mit Elefanten, die sie aber jedenfalls nicht aus Indien bezogen, sondern aus einheimischem Materiale gezähmt hatten. In allen größeren Schlachten, die sie in der Folge den Römern lieferten, traten sie in Aktion und ein Teil derselben machte, wie früher erwähnt, Hannibals berühmten Zug von Spanien nach Norditalien über die Pyrenäen und die Alpen mit; dabei kamen aber alle teils unterwegs, teils in den Schlachten in Oberitalien um. Von einem dieser afrikanischen Kriegselefanten der Karthager teilt uns Plinius folgende Episode mit: „Berühmt ist der Kampf eines Römers gegen einen Elefanten, als Hannibal die römischen Gefangenen gegeneinander zu fechten zwang. Den einzigen, welcher dabei mit dem Leben davonkam, warf er einem Elefanten vor, versprach ihm aber die Freiheit, wenn er siegen würde. Der Römer schlug sich allein auf dem Schauplatz mit dem Elefanten und machte ihn zum großen Ärger der Karthager glücklich nieder. Hannibal ließ nun zwar den Sieger frei, schickte ihm aber Reiter nach, die ihn niederhauen sollten, damit er nicht durch die Erzählung seiner Tat die Elefanten (bei seinen Landsleuten) verächtlich machen könne.“

Von diesen afrikanischen Kriegselefanten der Karthager berichtet uns der römische Geschichtschreiber Livius: „Als Hannibal (im Sommer 218) durch Gallien nach Italien zog, brachte er seine Elefanten folgendermaßen über die Rhone: Er baute eine Fähre von 100 Fuß Länge und 50 Fuß Breite, ließ sie mit Erde bedecken; so gingen die Elefanten, als wären sie auf festem Boden, darauf. Die Fähre wurde dann von Ruderschiffen aufs jenseitige Ufer gezogen. Sowie die Fähre auf dem Wasser zu schwanken begann, wurden die Elefanten unruhig, die meisten drängten sich in der Mitte zusammen, einige wurden aber wild, stürzten sich ins Wasser und warfen dabei ihre Führer ab, gelangten aber doch auch ans jenseitige Ufer.“ -- „Hasdrubal, der Bruder des Hannibal, war diesem (im Jahre 207) zu Hilfe über die Alpen gezogen und lieferte den römischen Konsuln Claudius und Livius eine Schlacht. Seine Elefanten brachten anfangs die Römer in Unordnung; als aber der Kampf und Lärm zunahm, verloren sie die Geistesgegenwart, rannten zwischen beiden Heeren hin und her und wurden meist, damit sie ihrer eigenen Armee nicht schaden könnten, von ihren Führern getötet. Diese hatten nämlich einen scharfen Stahlmeißel, den sie dem Tiere, wenn es gefährlich wurde, mit einem Hammerschlag zwischen den Kopf und den vordersten Halswirbel trieben, worauf es augenblicklich niedersank.“ Es war dies in der Schlacht am Metaurus, wo Hasdrubal Sieg und Leben verlor. -- „Bei Zama (südwestlich von Karthago, wo Hannibal im Jahre 202 von Scipio, der davon den Ehrenbeinamen Africanus erhielt) besiegt wurde, hatte Hannibal vor seinem Heere 80 Elefanten aufgestellt; so viele hatte er früher in keiner Schlacht gehabt. Als aber die Schlacht begann und die römischen Trompeten und Signalhörner ihnen entgegenschmetterten, wandten sich die Elefanten größtenteils gegen ihr eigenes Heer, und auch die wenigen, welche grimmig unter den Römern zu hausen begannen, wurden endlich zurückgetrieben.“

Erst Mithridates VI., der Große, König von Pontos, der 120 seinem Vater folgte und im Jahre 88 ganz Kleinasien eroberte, wo er alle Römer, 80000 an der Zahl, ermorden ließ, dann in drei langen Kriegen mit zäher Ausdauer gegen das immer mächtiger werdende Rom ankämpfte, um schließlich doch zu unterliegen, hat wieder Elefanten, die er sich aus Indien kommen ließ, gegen die Römer geführt. In der Folge kamen nicht selten diese Tiere, teilweise als Kriegsbeute, nach der Stadt Rom, wo sie zur Belustigung des Volkes im Zirkus auftreten und gegen allerlei Gegner kämpfen mußten. Im Bürgerkriege zwischen Julius Cäsar und seinen Mitbewerbern spielten sie dann ebenfalls eine Rolle. So schreibt Cäsar selbst in seiner Schilderung des Krieges in der Provinz Afrika, dem heutigen Tunis, daß, als er nach Besiegung des Pompejus bei Pharsalos im Jahre 48 den Krieg in Afrika gegen die Pompejaner unter Scipio fortsetzte, dieser bei seinem Heere außer seinen eignen (etwa 60) 30 zweifellos afrikanische Elefanten hatte, die ihm König Juba nebst einer größeren Truppenmacht zur Verfügung gestellt hatte. Jeder dieser Elefanten habe, wenn es zum Kampfe ging, einen Turm getragen. Diese Elefanten seien aber noch nicht eingeübt gewesen; deshalb suchte Scipio sie noch besser einzuüben, indem er sie in Schlachtreihe aufstellen und von seinen eigenen Leuten mit Steinen bombardieren ließ. Nahmen sie daraufhin Reißaus, so standen hinter ihnen ebenfalls Leute, die sie mit noch größeren Steinen traktierten. Er bemerkt, daß dieser Versuch zur Abrichtung keinen großen Wert gehabt habe, indem sie sich in der Schlacht dann doch nicht bewährten. Überhaupt bedürfe der Elefant für den Krieg einer Dressur von vielen Jahren und bleibe auch dann noch seiner Armee gefährlich. Als dann Cäsar merkte, daß sich seine Leute vor den Elefanten fürchteten, ließ er sogleich Elefanten aus Italien kommen, „damit sich die Leute und Pferde an solche große Bestien gewöhnen könnten. Er ließ diesen auch ihre volle Rüstung anlegen, zeigte die Stellen, wo ihnen mit Waffen beizukommen war, und ließ mit Speeren, an deren Spitze ein Ball steckte, nach ihnen werfen. -- In der Entscheidungsschlacht bei Thapsus (46 v. Chr.) wurden Scipios Elefanten durch Pfeile und geschleuderte Steine schnell zum Weichen gebracht, stürzten sich auf ihre eigenen Leute, traten sie nieder und flüchteten ins Lager. Bei dieser Gelegenheit zeigte ein Veteran der fünften Legion großartigen Mut. Ein verwundeter Elefant hatte in seiner Wut einen waffenlosen Markedenter angefallen, niedergeworfen, zertreten und machte dabei mit drohend gehobenem Rüssel ein gellendes Geschrei. Der Veteran wollte dem unglückseligen Markedenter zu Hilfe eilen; aber der Elefant ließ von der Leiche ab, packte den neuen Feind mit dem Rüssel und hob ihn hoch in die Luft. Dieser hieb und schnitt aber mit seinem Schwerte so kräftig auf den Rüssel los, daß ihn der Elefant, der den Schmerz nicht ertragen konnte, fallen ließ und die Flucht ergriff. -- Die Zahl der Elefanten, die Cäsar bei Thapsus erbeutete, betrug 86.“

In seiner Naturgeschichte berichtet Plinius: „Schon in den Gefechten gegen Pyrrhos brachte man in Erfahrung, daß man den Rüssel der Elefanten leicht abhauen kann. Fenestella erzählt, daß die ersten Elefanten in der Rennbahn zu Rom im Jahre 655 der Stadt (98 v. Chr.), als Claudius Pulcher Ädil war, gekämpft haben; 20 Jahre später, als Lucius und Marcus Lucullus Ädilen waren, kämpften sie gegen Stiere. Während des zweiten Konsulats des Pompejus (55 v. Chr.) kämpften 20 Elefanten zur Einweihung des Venustempels gegen Gätuler (Nomadenvolk in Nordafrika), die mit Wurfspeeren bewaffnet waren. Einer der Elefanten zeichnete sich dabei vorzüglich durch Tapferkeit aus: seine Beine waren durchbohrt, da kroch er auf den Knien gegen die feindlichen Massen, riß ihnen die Schilde weg und warf sie hoch in die Luft. Ein anderer dagegen wurde durch einen einzigen Wurf getötet, indem der Speer durchs Auge ins Gehirn drang. Obgleich der Platz mit eisernen Gittern umgeben war, so versetzten sie doch das Volk in große Angst, indem sie mit Macht durchzubrechen versuchten. Deshalb umgab auch späterhin der Diktator Cäsar, als er ein ähnliches Schauspiel geben wollte, den Platz mit Wassergräben. Die erwähnten Elefanten des Pompejus verloren endlich die Hoffnung, entrinnen zu können, und suchten nun in einer Stellung, die sich nicht begreifen läßt, jammernd und weinend das Mitleid des Volkes zu erregen. Das Volk wurde durch den Ausdruck ihrer Verzweiflung so gerührt, daß alle einmütig sich jammernd erhoben und, ohne darauf zu achten, daß Pompejus ihnen zu Ehren das prachtvolle Schauspiel gegeben hatte, ihn mit Verwünschungen überhäuften, deren Folgen auch bald genug eintraten. (Es ist dies eine Anspielung auf seine Niederlage in Pharsalos am 9. August 48 und seine Ermordung am 29. September desselben Jahres in Ägypten.)

Späterhin ließ der Diktator Cäsar 20 Elefanten gegen 500 Fußgänger kämpfen, und ein anderes Mal ebensoviel, auf denen Türme standen, aus denen zusammen 60 Kämpfer gegen 500 Fußgänger und ebensoviel Reiter fochten. Unter den Kaisern Claudius und Nero mußten die Fechter ihr Meisterstück zeigen, indem sie einzeln gegen Elefanten kämpften. Dieses mutige Tier ist andererseits aber auch sehr gutmütig gegen schwächere und schiebt, z. B. in einer Viehherde, was ihm begegnet, mit dem Rüssel zur Seite, um es nicht unversehens zu zertreten. Schaden tut der Elefant nur, wenn er gereizt wird. In der Wildnis gehen sie herdenweise, nie gern allein. Werden sie von Reitern umringt, so nehmen sie die Schwachen, Matten oder Verwundeten in die Mitte und fechten, als ob es nach bestimmten Kriegsregeln geschähe. Sind sie gefangen, so werden sie durch Gerstensaft leicht gezähmt.

In Indien werden die Elefanten gefangen, indem man auf einem gezähmten ausreitet und von diesem einen einzelnen oder von der Herde weggetriebenen wilden schlagen läßt; ist dieser davon ermattet, so steigt man auf ihn und lenkt ihn ebenso wie den zahmen. In Afrika fängt man sie in Gruben; doch wenn einer hineinfällt, so kommen gleich die andern zu Hilfe, werfen Äste und Erdmassen hinein und suchen ihn, wenn möglich, herauszuziehen. Früherhin fing man sie, um sie als Haustiere zu benutzen, indem man die Herden in eigens dazu bereitete Schluchten ohne Ausgang trieb und sie dort durch Hunger bändigte. Nahmen sie einen hingehaltenen Zweig an, so war das ein Zeichen ihrer Unterwürfigkeit. Jetzt erlegt man sie der Zähne wegen und zielt nach ihren Füßen, weil diese leicht verwundbar sind. Die Troglodyten (Höhlenbewohner), welche neben den Negern wohnen, leben nur von dieser Jagd. Sie besteigen am Wege der Elefanten stehende Bäume, passen dem letzten von der Herde auf, fassen mit der Linken den Schwanz, schlingen die Beine um den linken Schenkel und, indem sie so hängen, zerhauen sie dem Tiere die eine Kniekehle mit einem scharfen Beile, springen herab und zerhauen ihm mit der größten Geschwindigkeit auch noch die andere. Manche bedienen sich eines weniger gefährlichen, aber nicht so gewissen Mittels: In einiger Entfernung halten kraftvolle Jünglinge einen ungeheuren Bogen, andere spannen ihn mit großer Anstrengung an, schießen dann damit ihre Speere auf die vorübergehenden ab und folgen dann der blutigen Spur. Die weiblichen Elefanten sind viel feiger als die männlichen. Manchmal werden sie rasend, und man bändigt sie dann durch Hunger und Prügel, wobei man sie durch andere Elefanten fesseln läßt. In Indien hält man ganze Herden davon, wie bei uns die Kuhherden. Gezähmte Elefanten werden zum Kriege verwendet, tragen mit Soldaten besetzte Türme und entscheiden im Morgenlande meistens die Schlachten. Sie werfen Schlachtreihen nieder und zerstampfen die Bewaffneten. Sind sie verwundet oder in Furcht versetzt, so weichen sie immer zurück und fügen ihrer eigenen Partei oft ebensoviel Schaden zu als dem Feinde. Das geringste Grunzen oder Quieksen eines Schweins kann sie erschrecken. Die afrikanischen Elefanten fürchten sich vor den indischen, letztere sind auch größer.“ Dies mag für die nordafrikanischen richtig sein, nicht aber für die südlich der Sahara lebenden. Tatsächlich war die Elefantenrasse der Mittelmeerländer kleiner als selbst die indischen Elefanten sind, und gab es einst auf den Inseln des Mittelmeers, z. B. auf Malta, eine eigentliche Zwergrasse, von der mehrfach Skelettknochen ausgegraben wurden.

Unzählige falsche und wahre Angaben durcheinander erzählt Plinius in seiner Naturgeschichte über den Elefanten. So sagt er, daß er 200-300 Jahre leben könne, im 60. Jahre aber am kräftigsten sei; daß die Elefanten gern an Flüssen leben, obschon sie nicht schwimmen können; daß sie am liebsten Baumfrüchte, besonders solche von Palmen, aber auch Erde und selbst Steine fräßen. „Sie kauen mit dem Munde, atmen, trinken und riechen aber mit dem Rüssel. Kein Tier scheuen sie so sehr als die Maus, lassen auch das Futter liegen, das von einer solchen berührt wurde. Große Not haben sie, wenn ihnen beim Saufen ein Blutegel in den Rüssel kommt; dieser saugt sich hier fest und bewirkt unerträgliche Schmerzen. Am Rücken ist ihre Haut am härtesten, am Bauche dagegen weich. Sie haben keine Haarbedeckung und können nicht einmal mit dem Schwanze die Fliegen abwehren, von denen sie trotz ihrer gewaltigen Größe geplagt werden. Ihr Geruch zieht die Fliegen an. Ihre Haut hat tiefe Runzeln; die Fliegen setzen sich in die Vertiefungen. Aber plötzlich zieht sich die Haut zusammen und erdrückt die lästigen Gäste. Das Elfenbein hat einen großen Wert und wird besonders für Bildsäulen der Götter gesucht. Auch der Rüssel gewährt Leckermäulern eine angenehme Speise, vielleicht nur deswegen, weil sie sich einbilden, Elfenbein zu schmausen. Polybius berichtet, auf die Aussage des Königs Gulussa gestützt, daß man im äußersten Afrika die Elefantenzähne in Wohnungen als Pfosten benutzt und sie bei Umzäumungen statt der Pfähle einsetzt.“

In Indien seien die größten Elefanten, die mit ungeheuer großen Drachen in Feindschaft leben. Ihr kaltes Blut locke bei der Hitze die Drachen an, die sich im Wasser des Flusses, an welchem der Elefant zur Tränke komme, verbergen und ihm auflauern. Sobald er zu trinken beginne, stürzen sie sich auf ihn, umschlingen seinen Rüssel und beißen ihn ins Ohr, weil dieser Teil allein mit dem Rüssel nicht verteidigt werden kann. Die Drachen sind so groß, daß sie den ganzen Elefanten aussaugen können; dieser stürzt dann, alles Blutes beraubt, zu Boden und erdrückt im Fallen den betrunkenen Feind. „Der Elefant ist das größte und an Klugheit dem Menschen zunächststehende Tier. Er versteht die Landessprache, gehorcht den Befehlen, ist seiner Pflichten eingedenk, sucht sich Liebe und Ruhm zu erwerben, ja, was selbst bei Menschen selten vorkommt, er ist brav, vorsichtig, gerecht und verehrt die Sterne, die Sonne und den Mond. Man erzählt, daß in Mauretanien (Marokko) ganze Herden von Elefanten beim Erscheinen des Neumonds in den Fluß hinabsteigen, sich dort feierlich reinigen, den Mond begrüßen und dann wieder in die Wälder zurückkehren, indem sie die ermatteten Jungen vor sich hertragen. Auch die religiösen Gebräuche der Menschen scheinen sie zu kennen; denn sie besteigen kein Schiff, bis ihnen der Kapitän durch einen Eid die Rückkehr zugesichert hat. Man hat kranke Elefanten gesehen, die sich auf den Rücken legten und Gras gen Himmel warfen, als ob sie ihr Gebet durch die Fürsprache der Erde unterstützen wollten. Sie lernen übrigens ihre Knie vor Königen beugen und Kränze darreichen. In Indien braucht man die Kleinen zum Ackern. In Rom wurden sie zum erstenmal vor den Wagen gespannt, als Pompejus der Große über Afrika triumphierte. Bei den Fechterspielen des Germanicus machten sie einige tölpelhafte Bewegungen, als ob sie tanzten. Sie lernten nun häufig Waffen in die Luft werfen, gleich Fechtern miteinander kämpfen, Tänze ausführen und endlich sogar auf Seilen gehen, wobei oft vier einen fünften in der Sänfte trugen. Auch sah man sie sich in Speisesälen, die voller Gäste waren, zu Tische legen, ohne einen Menschen zu berühren.

Es ist eine ausgemachte Sache, daß ein Elefant, der die Sache nicht recht begreifen konnte und öfters Prügel bekam, des Nachts seine Künste eingeübt hat. Es ist schon bewundernswert, daß die Elefanten aufwärts auf Seilen gehen lernen, aber daß sie auch abwärts gehen, ist noch merkwürdiger. Mutianus, der dreimal Konsul war, erzählt, daß ein solcher sogar griechische Buchstaben gelernt und folgende Worte geschrieben habe: ‚Ich selbst habe dies geschrieben und erbeutete keltische Waffen geweiht‘; auch habe er selbst gesehen, daß diejenigen, welche zu Puteoli ausgeschifft wurden, rückwärts ans Land gingen, um sich über die Länge der Brücke zu täuschen, die vom Lande zum Schiffe führte und der sie nicht recht trauten.

Sie wissen recht gut, daß man ihnen der Stoßzähne wegen nachstellt, daher vergraben sie die, welche durch Zufall oder im Alter ausfallen. (Die Tatsache, daß bisweilen fossile Elefantenstoßzähne im Boden gefunden werden, wird Plinius zu dieser Annahme geführt haben.) Jene Zähne allein geben das Elfenbein; aber soweit sie im Fleische verborgen stecken, sind sie nicht besser als Knochen (d. h. innen hohl und nicht massiv wie vorn). Um ihre Stoßzähne sind sie sehr besorgt; die Spitze des einen schonen sie, um ihn als Waffe benutzen zu können, den andern brauchen sie, um Wurzeln aus dem Boden zu wühlen, Mauern einzustoßen und dergleichen mehr. Werden sie von Jägern umringt, so stellen sie diejenigen in die erste Schlachtreihe, welche die kleinsten Zähne haben, damit man glauben soll, die Beute sei nicht der Mühe wert; ermatten sie im Kampfe, so zerstoßen sie die Zähne an Bäumen und lassen sie gleichsam als Lösegeld zurück.

Es ist wunderbar, daß die meisten Tiere wissen, weshalb man ihnen nachstellt und wovor sie sich zu hüten haben. Begegnet ein Elefant in der Einsamkeit einem harmlos herumwandelnden Menschen, so soll er ihm freundlich und gefällig den Weg zeigen; bemerkt er aber den Fußtritt eines Menschen eher als den Menschen selbst, so bleibt er stehen, wittert, blickt umher, schnaubt vor Wut, zertritt aber die Fußspur nicht, sondern hebt sie aus, gibt sie dem nächsten, dieser wieder dem nächsten usw., worauf die Herde eine Schwenkung vollführt und in Schlachtordnung aufmarschiert.

Stets gehen die Elefanten herdenweise, und zwar geht der älteste voran, während der dem Alter nach folgende den Nachtrab bildet. Wollen sie durch einen Fluß setzen, so schicken sie die kleinsten voran, weil die Großen durch ihre Schwere das Flußbett vertiefen würden. Als König Antiochus einen Fluß durchschreiten wollte, weigerte sich der Elefant, der bis dahin den Zug geführt hatte und Ajax hieß, voranzugehen. Da wurde bekanntgemacht, derjenige solle künftig der Anführer sein, der zuerst hinüberginge; und siehe da, der Elefant Patroklus schritt hindurch, und ward deshalb mit silbernem Kopfschmuck, den sie sehr lieben, geziert und zum Anführer gewählt. Der frühere Anführer aber wollte seine Schande nicht überleben und hungerte sich zu Tode. Überhaupt wissen sie sehr gut, was rühmlich und was schimpflich ist. Kämpfen sie gegeneinander, so reicht der Besiegte dem Sieger Erde und Gras dar (wie dies bei den Menschen des Altertums Sitte war, wodurch sich der Betreffende für überwunden erklärte) und flieht dann schon vor dessen Stimme.

Die Elefanten leben in treuer Ehe und man findet also bei ihnen die verderblichen Wettkämpfe nicht, welche andere Tiere um die Weibchen vollführen. Sie haben bisweilen eine große Zuneigung zu bestimmten Menschen, wie denn z. B. einer in Ägypten eine Blumenhändlerin geliebt haben soll. Ein anderer liebte den Jüngling Menander im Heere des Ptolemäus und fastete aus Sehnsucht, so oft der Jüngling abwesend war. Juba erzählt auch von einer Salbenhändlerin, die von einem Elefanten geliebt wurde. Alle zeigten ihre Liebe durch unbeholfene Liebkosungen, freuten sich beim Wiedersehen und bewahrten Geschenke, welche sie bekamen, auf, um sie ihrem Lieblinge darzubringen.

Daß sie Gedächtnis haben, zeigte sich deutlich in einem Falle, wo ein Elefant seinen Führer, den er seit langen Jahren nicht gesehen, sogleich wieder erkannte. Daß sie wissen, was Unrecht ist, zeigte sich dagegen in folgendem Falle: Als König Bokchus 30 Menschen hatte an Pfähle binden lassen und ihnen 30 Elefanten gegenübergestellt hatte, welche sie zerfleischen sollten, so konnten die Elefanten doch nicht dazu gebracht werden, dem Tyrannen den Willen zu tun, obschon sie von zwischen den Pfählen aufgestellten Leuten gereizt wurden.“

Schon zu Ende der Republik sah man nicht selten Elefanten bei Prunkzügen einhermarschieren, um dem Volk zu imponieren und ihm eine interessante Augenweide zu bereiten. So berichtet der römische Geschichtschreiber Suetonius: „Als Julius Cäsar über Gallien triumphierte (im Jahre 51), stieg er beim Schein der Fackeln aufs Kapitol, indem 40 Elefanten, zu seiner Linken und Rechten verteilt, die Leuchter trugen.“ Das war damals ein ganz ungewohntes Schauspiel, mit dem Cäsar jedenfalls großes Aufsehen erregte, worauf es ihm ja ankam. Auch später wurde der Elefant gelegentlich von römischen Kaisern und Triumphatoren bei ihrem feierlichen Einzuge in Rom und als Auszeichnung auch sonst zum Ziehen von Prunkwagen verwendet. So eröffneten nach Flavius Vopiscus beim Triumph des Kaisers Aurelianus über Zenobia, die Herrscherin von Palmyra, im Jahre 274 n. Chr. 20 Elefanten den Zug. Als Mesitheus, der Feldherr Kaiser Gordians III. (238-244), im Jahre 242 einen glänzenden Sieg über die mächtigen Perser erfochten hatte, erkannte der Senat in Rom dem Gordian Elefantenviergespanne zu, womit er triumphieren könne, und dem Mesitheus ein Pferdeviergespann. Das war damals eine besondere Ehrung. Der Geschichtschreiber Julius Capitolinus, der uns dies berichtet, fügt dem bei, es habe damals in Rom 32 Elefanten gegeben, die ständig bei feierlichen Aufzügen zu sehen waren. Hatte doch schon Kaiser Heliogabalus (218-222) nach seinem Biographen Älius Lampridius vier Wagen, an deren jeden er vier Elefanten spannte. So sei er auf dem Vatikan herumgefahren und habe zuvor zu diesem Zwecke den Platz erst ebnen lassen.

Im Zirkus wurden öfter Elefanten gezeigt, die mit anderen Tieren kämpfen oder allerlei Kunststücke, die sie gelernt hatten, vorführen mußten. So mußte der Elefant sich besonders mit dem Nashorn messen und sich, wenn möglich, von ihm den Bauch aufschlitzen lassen. Seneca, der Lehrer Neros, schreibt in einer seiner philosophischen Schriften: „Lucius Sulla ließ zuerst im Zirkus Löwen kämpfen, die nicht angebunden waren, Pompejus 18 Elephanten; Metellus führte, als er die Karthager in Sizilien besiegt hatte, im Triumphe 120 gefangene Elefanten auf.“ Gelegentlich ließ sich selbst ein Kaiser herab, um einen dieser Riesen vor allem Volke zu fällen. So schreibt Älius Lampridius in seiner Biographie des Commodus, des Sohnes Marc Aurels und der Faustina, der jenem 180 n. Chr. auf dem Throne folgte, alle nur erdenkbaren Laster besaß, wollüstig, grausam und feig war, Ämter und Ehrenstellen an die Meistbietenden verkaufte, den Staatsschatz durch unsinnige Verschwendung erschöpfte, die Regierung des Reichs Günstlingen überließ und schließlich am 31. Dezember 192 auf Anstiften seiner Geliebten Marcia, erst 31jährig, erdrosselt wurde: „Kaiser Commodus war ungeheuer stark und fand ein besonderes Vergnügen daran, bei den öffentlichen Spielen gegen Gladiatoren und gegen wilde Tiere zu kämpfen, ja er tötete bei solcher Gelegenheit selbst mehrere Elefanten.“ Indische und afrikanische Elefanten traten nicht selten als Künstler auf, schrieben in Sand, gingen auf einem schräg gestellten Seile auf und ab. Acht derselben trugen zu viert auf einer Sänfte einen anderen, tanzten nach dem Takte, speisten von prächtig besetzter Tafel aus kostbarem Geschirr mit Beobachtung der feinen Sitte und des Anstandes und vollführten zahlreiche andere Künste. Der griechische Schriftsteller Oppianos schrieb ums Jahr 200 n. Chr.: „Der Elefant ist das größte Landtier und sieht aus wie ein Berg oder eine gewitterschwere Wolke. Seine Nase ist ungeheuer lang und schlank und dient ihm als Hand. Im wilden Zustande ist er grimmig, gezähmt dagegen sanft und menschenfreundlich. Wenn er dazu abgerichtet ist, schreitet er nach dem Takte des Flötenspiels bald langsam, bald schnell, wie tanzend, einher. Als Germanicus Cäsar (der Adoptivsohn des Kaisers Tiberius) den Römern Schauspiele gab, waren von Elefanten, die man in Rom hielt, Junge gezogen worden und diese nahm ein tüchtiger Lehrmeister in Unterricht. Sie wurden an Flötenspiel, Trommelschlag und Gesang gewöhnt und lernten die Glieder bewegen, wie wenn sie tanzten. Als nun der Tag der Schauspiele erschien, traten sie, zwölf an Zahl, mit bunten Tanzkleidern geschmückt, auf, gingen mit zierlichen Schritten einher, wiegten dabei den Leib recht fein hinüber und herüber, formierten auf Befehl des Meisters eine Linie, einen Kreis, schwenkten rechts und links. Sie streuten Blumen umher, ließen sich auf schöne Kissen, die für sie hingelegt waren, nieder, fraßen mit großer Bescheidenheit von Tischen, die aus kostbarem Holz der Sandarakzypresse (citrum, aus dem Atlasgebirge bezogen) und aus Elfenbein angefertigt waren, und tranken bescheiden aus goldenen und silbernen Bechern. Ich habe auch selbst einen Elefanten gesehen, der mit dem Rüssel römische Buchstaben ganz regelmäßig auf eine Tafel schrieb; dabei führte ihm jedoch der Meister den Rüssel.“

Auch der griechische Schriftsteller Plutarch (50-120 n. Chr.) schreibt: „Auf dem Theater führen die Elefanten sehr künstliche Stücke auf. Es ist auch neulich vorgekommen, daß einer, der das zu Lernende nicht recht begreifen konnte, es von selbst bei Nacht einübte. (Weshalb sollte nicht dieses Tier gelegentlich für sich selbst die ihm beigebrachten Kunststücke ausführen?) In Rom wurde einmal einer von Knaben geneckt und in den Rüssel gestochen. Er ergriff einen derselben, hob ihn hoch empor, tat, als wolle er ihn zerschmettern, setzte ihn dann aber ruhig wieder hin, weil er dachte, jener hätte schon an der ausgestandenen Angst genug. Nach Jubas Angabe decken die Jäger die Gruben, worin sie Elefanten fangen wollen, mit Reisig und Erde zu. Ist aber einer hineingefallen, so füllen die anderen die Grube so weit, daß er wieder herauskann. Er schreibt auch, daß die Elefanten Gelübde tun und mit aufgehobenem Rüssel die Sonne anbeten.“ Sueton schreibt: „Bei den Spielen, die Nero gab, ritt ein allgemein bekannter römischer Ritter auf einem Elefanten, der auf einem ausgespannten Seile ging,“ und ferner: „Kaiser Galba (der im Juni 68 von den gallischen Legionen gegen Nero zum Kaiser erhoben, aber schon am 15. Januar 69 von den wegen seiner Knauserigkeit erzürnten Prätorianern getötet wurde) zeigte bei den Spielen Elefanten, welche auf Seilen gingen.“ Selbst als Opfer wurden sie bei besonders wichtigen Anlässen den Göttern dargebracht. Gelegentlich wurden solche nur gelobt und in Wirklichkeit durch Nachahmungen ersetzt, da die Originale den Opfernden denn doch zu kostbar sein mochten. So schreibt Älian: „Als Ptolemäos Philopator den Antiochos besiegt hatte, veranstaltete er eine prachtvolle Opferfeier und wollte auch dem Gotte Helios vier herrliche Elefanten als Zeichen seiner großen Verehrung darbringen. Daraufhin träumte aber Ptolemäos, dem Gotte schiene das Opfer befremdlich und unangenehm. Er weihte ihm also, statt der vier wirklichen Elefanten, vier aus Erz gegossene.“

Nach den Berichten der alten Autoren müssen die orientalischen Fürsten im Altertum noch mehr Elefanten als heute besessen haben; sie waren eben damals noch nicht so dezimiert und konnten leichter gefangen werden. Plinius berichtet darüber: „Am Ganges hat der König der Kalinger, dessen Hauptstadt Protalis ist, 60000 Mann Fußvolk, 1000 Mann zu Pferde, 700 Elefanten, die alle stets schlagfertig sind. Es gibt daselbst eine eigene Menschenkaste, die sich mit Fang und Zähmung des Elefanten beschäftigt. Mit diesen Tieren pflügen sie, auf ihnen reiten sie, mit ihnen kämpfen sie fürs Vaterland. -- Der König der Thaluter hält 50000 Mann Infanterie, 4000 Mann Kavallerie und 400 Kriegselefanten. -- Das Volk der Andarer hat 30 mit Mauern und Türmen befestigte Städte, stellt 100000 Mann Infanterie, 2000 Mann Kavallerie und 1000 Elefanten. -- Das mächtigste Volk in ganz Indien sind die Prasier, deren große und reiche Hauptstadt Palibothra heißt. Ihrem Könige dienen 600000 Mann Infanterie, 30000 Mann Kavallerie und 9000 Elefanten; diese ganze Macht wird Tag für Tag besoldet. -- Am Indus hält der König der Megaller 500 Elefanten; -- die Asmarer, in deren Land es auch von Tigern wimmelt, haben 30000 Mann Infanterie, 800 Reiter und 300 Elefanten. -- Die Orater haben nur 10 Elefanten, aber viel Fußvolk. -- Die Suaratarater unterhalten im Vertrauen auf ihre eigene Tapferkeit gar keine Elefanten. Der König der Horaker unterhält 150000 Mann Infanterie, 5000 Mann Kavallerie und 1600 Elefanten. -- Der König der Charmer hat 60 Elefanten. -- Das Volk der Pander, das einzige in Indien, das stets von einer Königin beherrscht wird, stellt 150000 Mann Infanterie und 500 Elefanten.“ -- Woher Plinius diese Zahlenangabe hatte, ist uns unbekannt. Sind sie auch jedenfalls stark übertrieben, so ist doch kein Zweifel darüber möglich, daß die indischen Fürsten damals sich in der Kriegsführung wesentlich auf ihre Elefanten verließen und große Scharen davon unterhielten. Aus dem 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wissen wir, daß die indischen Fürsten 2000 bis 3000 Kriegselefanten zur Verfügung hatten. Der Venetianer Marco Polo, der, erst 15jährig, mit seinem Vater Niccolo und seinem Oheim Maffeo Polo 1271 zu dem Tatarenchan Kublai nach Zentralasien reiste, meldet, dieser habe 5000 Elefanten besessen, die er zum Kriege gebrauchte. Im 16. Jahrhundert besaß der Großmogul Akbar, d. h. der sehr Große (eigentlich hieß er Dschelal eddin Muhammed), der mächtige Herrscher über Hindustan, ein Nachkomme Timurs, der von 1556-1608 regierte, nach den Angaben seines Vesirs Abul Fazl 6000 Elefanten. Der mächtige Schah Jehangir soll ihrer 12000 und seine Vasallen zusammen 40000 besessen haben. Im 17. Jahrhundert fand Tavernier, daß der zu Gehanabad residierende Großmogul 500 Elefanten zum Lasttragen und 80 zum Kriege benutzte. Seit der allgemeinen Verbreitung der Feuerwaffen wurde aber der Elefant, der sich vor jenen fürchtet, immer weniger zu Kriegszwecken benutzt und ist heute in Indien mehr ein Luxustier, das wesentlich nur noch zur Jagd und bei festlichen Aufzügen Verwendung findet. In Hinterindien dagegen wird es in ausgedehntem Maße als Arbeitstier beim Transport der schweren Stämme von Tiek- und anderem Nutzholz verwendet.

Während früher der rezente Elefant ausschließlicher Lieferant des seit dem hohen Altertum zu Schnitzereien und Geräten aller Art sehr beliebten Elfenbeins war, kommen in neuerer Zeit mit der Erschließung des noch vielfach von der letzten Eiszeit her vereisten nordöstlichen Sibirien auch die gewaltigen Stoßzähne des ausgestorbenen ~Mammut~ (Elephas primigenius) als fossiles Elfenbein in den Handel. Der russische Reisende Middendorf schätzte die Zahl aller seit der Besiedelung durch die Russen von dort ausgeführter Mammutstoßzähne als von etwa 20000 Tieren stammend. Jährlich kommen wenigstens 100 Paar Stoßzähne in den Handel. Dabei sind sie noch so gut erhalten, daß kein Unterschied darin bemerkbar ist, ob das Elfenbein rezent oder fossil ist. Mit diesem fossilen Elfenbein aus dem hohen Norden Asiens allein werden wir auszukommen haben, wenn einmal der Elefant als Wildling ausgerottet sein wird und die letzten Exemplare desselben in völligem Dienste des Menschen oder in einigen Reservationen unter menschlichem Schutze das Gnadenbrot bekommen werden. Diesen fossilen Elefanten hat der Mensch der frühen Nacheiszeit in Europa ausgerottet, indem er ihn nicht sowohl wegen seiner gewaltigen Stoßzähne, als wegen seines Fleisches aufs eifrigste verfolgte und jedenfalls bei seiner armseligen Bewaffnung vorzugsweise in Fallgruben fing und mit Werfen von großen Steinen tötete. Neben dem Knochen und Horn des Renntiers war das Elfenbein des Mammuts ein viel verwendetes Werkzeugmaterial des diluvialen Jägers, das uns in den Überresten seiner Lagerplätze nicht selten entgegentritt.

XII. Kaninchen und Meerschweinchen.

Eine ebenfalls junge Erwerbung wie das Renntier ist das ~Kaninchen~ (Lepus cuniculus), das sich durch weit geringere Größe, schlankeren Bau, kürzeren Kopf, kürzere Ohren und kürzere Hinterbeine vom eigentlichen Hasen unterscheidet. Es ist gegenwärtig über ganz Süd- und Mitteleuropa verbreitet und an manchen Orten recht gemein. Am zahlreichsten trifft man es in den Mittelmeergegenden, obgleich man dort keine Schonzeit kennt und es das ganze Jahr hindurch verfolgt. Besonders zahlreich muß es im östlichen Teil des Mittelmeergebiets gelebt haben, da die alten Schriftsteller Spanien als seine Heimat bezeichnen. In England und in manchen von dessen Kolonien wurde es der Jagdlust zuliebe in verschiedene Gegenden verpflanzt und anfangs sehr hochgehalten. Noch im Jahre 1309 war es dort so selten, daß ein wildes Kaninchen ebensoviel als ein Ferkel kostete. In Nordeuropa ist es ihm schon zu kalt; so hat man bis jetzt vergeblich versucht, es in Rußland und Schweden einzubürgern.

Das wilde Kaninchen verlangt hügelige, sandige Gegenden, die von niederem Gebüsch bedeckt sind, in dem es sich verstecken kann. In den lockern Boden gräbt es sich am liebsten an sonnigen Stellen und in Gesellschaft einen einfachen Bau, bestehend aus einer ziemlich tiefliegenden Kammer und in einem Winkel dazu gebogenen Röhren, von denen eine jede wiederum mehrere Ausgänge hat. Jedes Paar hat seine eigene Wohnung und duldet kein anderes Tier darin. Mit scharfen Sinnen ausgestattet, ist das Kaninchen äußerst vorsichtig, lebt fast den ganzen Tag in seiner Höhle und rückt erst gegen Abend auf Äsung aus, indem es lange sichert, bevor es den Bau verläßt. Bemerkt es Gefahr, so warnt es seine Gefährten durch starkes Aufschlagen der Hinterfüße auf die Erde, und alle eilen so rasch als möglich in ihren Bau zurück oder suchen sonst ein Schlupfloch zu finden. Wie die Häsin geht das Kaninchen 30 Tage schwanger und setzt bis zum Oktober alle 5 Wochen 4-12 Junge in einer besonderen Kammer, die es vorher mit der Wolle von seinem Bauche reichlich ausgefüttert hat. Einige Tage hindurch sind die Kleinen blind, doch rasch entwickeln sich ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten, so daß sie schon nach dem nächsten Satze der Pflege der um sie sehr besorgten Mutter entraten können. Sie erreichen erst im 12. Monat ihr völliges Wachstum, sind aber in warmen Ländern schon im fünften, in kalten im achten Monate fortpflanzungsfähig.

Durch diese ihre ungeheure Fruchtbarkeit sind die Kaninchen noch schädlicher als die Hasen, indem sie mit Vorliebe Baumrinden abnagen, wodurch oft ganze Pflanzungen eingehen. Wo sie sich vor Verfolgungen sicher wissen, werden sie ungemein frech und vertreiben durch ihr unruhiges Wesen das andere Wild, vor allem Hasen und Rehe. In Gegenden, die zu ihrer Entwicklung günstig sind, können sie zu einer wirklichen Landplage werden und die Bewirtschaftung des Bodens außerordentlich benachteiligen. Wenn sie einmal die Oberhand gewonnen haben, sind sie kaum mehr zu beseitigen. So haben sie sich in manchen Gegenden, so namentlich in Spanien und auf den Balearen, schon im Altertum so stark vermehrt, daß man auf Maßnahmen zu ihrer Zurückdrängung sann. Der griechische Geschichtschreiber Strabon im 2. Jahrhundert n. Chr. schreibt: „In Spanien gibt es wenige schädliche Tiere mit Ausnahme der den Boden durchwühlenden Häschen, welche von einigen Kaninchen genannt werden. Sie zerstören die Pflanzungen und Saaten und sind bis Massalia (dem heutigen Marseille) und auch über die Inseln verbreitet. Die Bewohner der gymnesischen Inseln (Balearen) sollen einmal eine Gesandtschaft nach Rom geschickt und um eine andere Insel gebeten haben, weil sie über die Menge der Kaninchen nicht mehr Herr werden konnten.“ An einer anderen Stelle sagt dieser Autor: „Auf den gymnesischen Inseln sollen die Kaninchen nicht ursprünglich heimisch sein, sondern von einem Pärchen stammen, das von der Küste dahin gebracht wurde. Sie haben in der Folge Bäume und Häuser so unterwühlt, daß sie umstürzten. Jetzt weiß man ihre Zahl so weit zu beschränken, daß die Felder bebaut werden können. Übrigens verfolgt man sie mit Frettchen, die man in ihre Höhlen schickt.“

Nach allem scheinen die Griechen das Kaninchen ursprünglich nicht gekannt zu haben, sonst hätten sie einen besonderen Namen zu seiner Bezeichnung gehabt. Sie lernten es erst von Westen her kennen und nannten es nach dem lateinischen cuniculus kóniklos oder nach dem lateinischen lepus lebērís. Über diese Kaninchen, die den Römern sehr wohl bekannt waren, schreibt der ältere Plinius: „In Spanien und auf den balearischen Inseln, wo die Kaninchen ungeheuren Schaden anrichten, so daß man sich von dort aus einst vom Kaiser Augustus militärische Hilfe gegen diese Tiere erbat, bereitet man deren aus dem Nest genommene Junge als Leckerbissen zu. Der Kaninchenjagd wegen schätzt man dort die Frettchen sehr hoch. Man läßt sie in den unterirdischen, mit vielen Röhren versehenen Bau; die Bewohner fliehen dann eilig heraus und werden gefangen.“ Auf den Pityusen, damals Ebuso genannt, gab es im Gegensatz zu den Balearen, wo sie also nach Strabon in einem einzigen Pärchen von der spanischen Küste eingeführt wurden, keine Kaninchen, wie uns Plinius berichtet, dagegen waren sie nach dem griechischen Geschichtschreiber Polybios auf Korsika vorhanden; er nennt sie kýniklos.

Im Gegensatz zum Hasen, der bei den Römern häufig auf den Tisch kam -- nach Lampridius soll Kaiser Alexander Severus täglich Hasenbraten gegessen haben -- war das Kaninchen, wenigstens in Italien nur wenig als Speise gebräuchlich. Einzig Martial, freilich ein Spanier von Geburt, führt es mit einigen charakteristischen Versen unter den Küchenartikeln auf. Von einem Halten des Kaninchens als Haustier ist selbst in Spanien, das dieses Tier als für das Land charakteristisch auf einigen Münzen der römischen Kaiserzeit abbildete, im Altertum nirgends die Rede. Sie mag frühestens zu Beginn des Mittelalters in Südwesteuropa ihren Anfang genommen haben und nahm erst im späteren Mittelalter einen größeren Aufschwung, der hauptsächlich den Klöstern zu verdanken ist. So ließ sich der Abt Wibald von Corvey 1149 zwei männliche und zwei weibliche Kaninchen aus Frankreich kommen. Später begann man auch an den weltlichen Höfen Kaninchen in Gehegen zu halten, um den Damen ein müheloses Jagdvergnügen zu gewähren. Da man dabei die Schädlichkeit des Kaninchens kennen lernte, das das andere Wild verjagte, hörte man mit diesem Sport bald auf und begnügte sich, das genügsame Tier auf Inseln anzusiedeln, wo seiner unbegrenzten Vermehrung einigermaßen gesteuert werden konnte. So waren Kaninchen überall auf den Italien umgebenden Inseln vorhanden. Zur Zeit der fränkischen Herrschaft wurden sie auch auf den Kykladen, d. h. den Inseln des Ägäischen Meeres, angesiedelt, wo sie heute noch auf den Inseln vorkommen, auf denen es keine Hasen gibt. Nur auf der größeren Insel Andros hat es sich so mit seinem Vetter in das Gebiet geteilt, daß die Kaninchen den einen und die Hasen den anderen Teil der Insel bewohnen. Nach Olivier gibt es auch bei Konstantinopel im Marmarameer eine Kanincheninsel. Im Jahre 1407 hielt man schon Kaninchen auf der nach ihnen genannten Insel im Schwerinersee. 1684 erfahren wir, daß sie ein Rostocker Ratsherr auf den Dünen Warnemündes ausgesetzt hatte, aber erst nachträglich an den von ihnen angerichteten Verwüstungen sah, welche Dummheit er damit gemacht hatte. Noch im 16. Jahrhundert kannte man weder im Rheinland, noch in Mitteldeutschland wilde Kaninchen, dagegen kannte sie Schwenckfeld 1603 zahm und in den Häusern gehalten. 1612 sah sie der Nürnberger Paul Hetzner auf einem Kaninchenwerder der Königin Elisabeth von England als Merkwürdigkeit. Seit 1596 leben sie auf Helgoland und seit 1699 auf den ostfriesischen Inseln.

Eine besondere Bedeutung erlangten die Kaninchen als leicht zu transportierende Nahrung für den Menschen im Zeitalter der Entdeckungen. Um allfälligen Schiffbrüchigen ihre Existenz zu erleichtern, setzten die schiffahrenden Portugiesen auf kleineren und größeren Inseln, die sie ohne Tiere antrafen, außer Ziegen auch Kaninchen aus. Schon Perestrello, der erste Besiedler der Insel Porto Santo in der Nähe von Madeira, brachte 1418 hierher Kaninchen mit, die sich aber, da Feinde fehlten, in wenigen Jahrzehnten derart vermehrt hatten und solche Verwüstungen auf der Insel anrichteten, daß die Ansiedler zum Aufgeben ihrer Niederlassungen gezwungen wurden. Im Laufe der Zeit bildete sich hier eine Lokalrasse aus, die um die Hälfte kleiner und im Pelz oben rötlich und unten blaßgrau wurde. Sonst kehren die wilden Kaninchen meist zur ursprünglichen grauen Färbung ihrer Ahnen zurück. Auch auf Teneriffe kommen wilde Kaninchen vor; sie sind gleichfalls klein und sehr scheu, graben keine Löcher, was im vulkanischen Boden auch nicht möglich wäre, sondern wohnen in den Spalten zwischen den Lavablöcken. Weiterhin leben welche auf St. Helena, Ascension, dann auf Jamaika und den Falklandinseln.

In der Äquatorialprovinz Afrikas suchte Emin Pascha vor einem Menschenalter Kaninchen einzuführen. In Südafrika haben die vorsichtigen Holländer ihre Einführung auf dem Festland durch strenge Strafbestimmungen zu verhindern gewußt. Nur auf den kleinen Inseln in der Hafenbucht der Kapstadt wurden sie angesiedelt. In Batavia wollten sie 1726 nicht recht gedeihen, da es ihnen wohl zu warm war. Dagegen haben sie neuerdings in den Kulturrassen als Haustier in Japan großen Beifall gefunden. Ganz schlimme Erfahrungen machte man mit den wilden Kaninchen in Australien und Neuseeland, wo sie unbedachterweise zur Frönung der Jagdlust ausgesetzt wurden. Bald wurden sie hier zu einer fürchterlichen Landplage, indem sie die Weideplätze der Kühe und Schafe kahl fraßen. Schon im Jahre 1885 gab die Regierung von Neusüdwales etwa 15 Millionen Mark aus, um dem Übel zu wehren; doch vergebens. Gift, Schlingen, Frettchen, Hermeline, Mangusten und andere Raubtiere, die eingeführt wurden, nützten nichts. Diese Tiere vermehrten sich zwar, hielten sich aber nicht an Kaninchen, sondern an das Hausgeflügel der Ansiedler, so daß sie selbst eine fast ebenso schlimme Plage als die Kaninchen wurden. Selbst der Versuch, eine ansteckende Krankheit unter den Kaninchen zu verbreiten, nützte nichts. Deshalb bleibt die Vertilgung der Kaninchen nach wie vor besonderen Kaninchenfängern vorbehalten, die das Land in Gesellschaften durchziehen und bald hier, bald dort ihr Lager aufschlagen. Um neue Einwanderungen von Kaninchen in die von ihnen gesäuberten Gegenden zu verhindern und bis jetzt kaninchenfreie Ländereien vor ihrer Einwanderung zu verschonen, hat man meilenweite Einfriedigungen aus Drahtnetzen gezogen, unter denen eine im Auftrage der Regierung der Kolonie Viktoria errichtete über 1120 km lang ist. Bis jetzt ist es freilich noch in keiner australischen Kolonie gelungen, der Plage Herr zu werden. An vielen Orten ist der Boden ganz unterwühlt von den Nagern, an andern ist der Wald durch sie eingegangen.

Ebenso wie in Australien spielt unter den in Neuseeland eingeführten Tieren das dort vor etwa 45 Jahren eingeführte Kaninchen eine äußerst verhängnisvolle Rolle. Es hat sich in manchen Gegenden Neuseelands so stark vermehrt, daß man sogar gedacht hat, ihm diese Gegenden ganz preiszugeben. Auch in verschiedenen Gegenden Südamerikas wurden sie eingeführt, doch vermehrten sie sich hier nirgends im Übermaß, da sie die natürlichen Feinde in Schranken hielten. In Mexiko und Peru scheinen sie ziemlich häufig zu sein.

Das Wildbret des Kaninchens ist weiß und wohlschmeckend. Die feinen Haare des Pelzes werden wie diejenigen des Hasen zur Herstellung von Filzhüten verwendet. In der römischen Kaiserzeit stopfte man damit Kissen, bis man von den als Barbaren verachteten Germanen die Verwendung der Daunenfedern der Gans zu diesem Zwecke kennen lernte.

Die Domestikation hat beim Kaninchen eine Reihe von Veränderungen hervorgerufen, auf die schon Darwin aufmerksam machte. Vor allem haben die Hauskaninchen bedeutend an Gewicht zugenommen; während das wilde Kaninchen ein Gewicht von höchstens 2 kg besitzt, gibt es zahme Rassen, deren Vertreter 5-6 kg schwer werden. Dies wurde erzielt durch Zufuhr reichlicher, nahrhafter Kost in Verbindung mit wenig Körperbewegung und infolge der fortgesetzten Zuchtwahl der schwersten Individuen. Dann hat die Länge und Breite der Ohren durch künstliche Züchtung enorm zugenommen, so daß sie infolge ihres erheblichen Gewichtes nicht mehr aufrecht getragen werden können, sondern hängend geworden sind. Bei den größeren Rassen hat der Schädel an Länge zugenommen, aber nicht im richtigen Verhältnis zur Längenzunahme des Körpers. Auch manche Schädelteile weisen erhebliche Veränderungen auf gegenüber denjenigen der wildlebenden Vertreter. Im richtigen Verhältnis zum vergrößerten Körpergewicht sind die Extremitäten kräftiger geworden, haben aber durch Mangel an gehöriger Körperbewegung nicht im richtigen Verhältnis an Länge zugenommen. Die ursprünglich graue Färbung ist verschieden geworden, teils ist sie in Braun, Schwarz, Weiß oder Scheckfärbung übergegangen.

Beim ~Angora-~ oder ~Seidenkaninchen~ ist ein sehr reichlicher, weicher Pelz von seidenartigem Glanze erzielt worden, der hoch im Preise steht. Es soll ursprünglich in Kleinasien gezüchtet worden sein und kam am Ende des 18. Jahrhunderts nach Europa. Es ist sehr zart und verlangt eine sorgfältige Pflege. Meist wird es einfärbig weiß gezüchtet; doch gibt es auch schwarze, gelbe und graue Sorten.

Das ~Silberkaninchen~ gehört zu den kleineren Schlägen. Sein Gewicht beträgt 2,5 bis 3,5 kg. Auf dem rundlichen Kopfe sitzen die aufrechtstehenden Ohren an der Wurzel nahe bei einander. Die Färbung ist gewöhnlich grau mit einem silberähnlichen Anflug; auch blaue, braune und gelbe Nuancen kommen vor. Das Fell spielt als Handelsartikel eine nicht unerhebliche Rolle und wird von den Kürschnern zu Pelzwerk verarbeitet. Ihm nahe steht das graue bis schneeweiße ~russische Kaninchen~, dessen Nasen, Ohren, Pfoten und Schwanz allein schwarz sind. Es besitzt eine herabhängende Wamme am Hals. Aus seinem Pelz werden Hermelinpelzimitationen hergestellt.

Ein kurzhaariger Schlag mit langgestrecktem Körper und kurzen, aufrechtstehenden Ohren, von Farbe schwarz und weiß gescheckt, ist das ~englische Scheckenkaninchen~. Ein noch bunter geschecktes Kaninchen, dessen Fell außer Schwarz und Weiß auch Gelb in buntester Mischung aufweist, ist neuerdings als „~japanisches Kaninchen~“ importiert worden, ohne indessen bisher eine weitere Verbreitung gefunden zu haben. In Frankreich und England wird besonders das ~Widderkaninchen~ (lapin bélier) gezüchtet. Es verdankt seinen Namen dem stark geramsten Kopf, der ungemein lange und schlaff herabhängende Ohren besitzt. Es erreicht ein Gewicht von 5-6 kg und besitzt ein wohlschmeckendes, zartes Fleisch, weshalb es viel gezüchtet wird. Sein Fell ist kurzhaarig und schwarz, grau, weiß, gelb oder blau, auch gescheckt.

Das Kaninchen hat man auch schon mit dem Feldhasen zu kreuzen vermocht. Die so erhaltenen Bastarde nennt man ~Leporiden~. Sie haben nach W. Hochstetter eine große Ähnlichkeit mit dem Feldhasen, sind hasengrau mit rostgelbem Nacken, tragen schwärzlich geränderte Ohren und sind fruchtbarer als alle reinen Kaninchenrassen. Ihr Fleisch ist sehr wohlschmeckend, und bereits nach sechs Monaten erreichen sie ein Gewicht von 3-4 kg.

Die Kaninchen sind die einzigen Nagetiere, die wirtschaftlich für uns von Bedeutung geworden sind. Als leicht zu erlangende Warmblüter dienen sie mit Meerschweinchen, Ratten und Mäusen sehr oft zu Einimpfungs- und Vivisektionsversuchen, können deshalb mit Recht auch als „Märtyrer der Wissenschaft“ bezeichnet werden. Unter diesen spielt jedoch das ~Meerschweinchen~ (Cavia cobaya) als Versuchstier der Physiologen und Bakteriologen die weitaus erste Rolle, da es sehr fruchtbar und leicht zu halten ist. Wenn es auch vielfach bei uns zum Vergnügen gehalten wird, so hat es doch bei uns keinen praktischen Nutzen gefunden. Allerdings in seiner alten Heimat Südamerika ist es von den alten Peruanern, wie seinerzeit das Kaninchen in Europa, der Fleischnutzung wegen gezüchtet und zum Haustier erhoben worden. Im altperuanischen Gräberfeld von Ancon fand man nicht selten Überreste von offenbar einst als Haustier gehaltenen Meerschweinchen, die nach Nehring sowohl äußerlich in der Färbung, wie auch durch ihren anatomischen Bau in der Mitte stehen zwischen der wilden Art Südamerikas und dem zahmen Meerschweinchen der Gegenwart. Die altperuanischen Hausmeerschweinchen besaßen, wenn auch schon als offenkundiges Haustiermerkmal Weiß auftrat, im allgemeinen noch immer die dunkelbraune, fein gesprenkelte „Wildfarbe“, die durch verschiedenfarbige Ringelung der einzelnen Haare entsteht. Daneben hatten sie die schlankere, schärfer umrissene Schnauze und das festere Gefüge des Schädels, das sich besonders in dem keilförmigen Einspringen der Nasenbeine in die Stirnbeine ausspricht. Diese Unterschiede mögen wohl auf veränderte Lebensbedingungen zurückzuführen sein. Jedenfalls waren sie bei den alten Peruanern noch nicht in so strenger Haft gehalten wie die heutigen Nachkommen und lebten wohl noch ziemlich frei in und um die Hütten der Eingeborenen herum.

Diese mehr einfarbigen, schlanken, spitzschnauzigen Vorfahren unseres heutigen weißbunten, fettleibigen und dickköpfigen Meerschweinchens stellen also Mittelglieder zwischen letzterem und der noch heute in Peru wildlebenden Stammform Cavia cutleri dar. Außer als Nahrung benutzten die alten Peruaner sie auch als Opfer für die Götter. Nach Rengger zähmen die Indianer in Paraguay noch heute die dem wilden Meerschweinchen Perus entsprechende Form der Ostabhänge der Anden, die Cavia aperea, und diese pflanzt sich auch in der losen Gefangenschaft, in der sie gehalten wird, leicht fort. Im Laufe des 16. Jahrhunderts kam dann das peruanische Hausmeerschweinchen durch die Spanier wohl nur als Spielerei nach Europa. Speziell den Holländern ist dessen Einführung nach Mitteleuropa zu verdanken. In der Schweiz erwähnt es 1554 zuerst der Züricher Naturforscher Konrad Geßner (1516-1565). Doch war es damals in Mitteleuropa noch recht selten. Weil es übers Meer zu ihnen gekommen war und in seiner kurzbeinigen Dickleibigkeit einem Schweinchen glich, nannten es die Deutschen Meerschweinchen, während es die Engländer als guinea-pig bezeichneten. Die Färbung ist sehr verschieden. So berichtet schon der Leibarzt der reichen Fugger in Augsburg in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Munzinger, von ganz weißen und ganz braunen Meerschweinchen. Jetzt sind die meisten Formen schwarz, rotgelb und weiß gefleckt; ein Teil ist ganz weiß mit roten Augen. Es sind dies also richtige Albinos. Neben diesen kurzhaarigen Rassen gibt es auch eine sehr langhaarige unter der Bezeichnung ~Angorameerschweinchen~. Bildet ihre Behaarung an verschiedenen Körperstellen eigentümliche Wirbel, so spricht man von ~Struppmeerschweinchen~.

In seinem Benehmen ist das Meerschweinchen ein Mittelwesen zwischen Kaninchen und Mäusen. Sein Lauf setzt sich aus einer Reihe kurzer Sprünge zusammen und ist keineswegs sehr schnell. Fühlen sie sich wohl, so lassen sie eine Art sanften Murmelns vernehmen; erschreckt quieken sie wie die Schweine. Bei uns werfen die Weibchen 2 bis 3 mal im Jahre 2-3, auch 4 oder 5, in heißen Ländern sogar 6-7 Junge. Diese werden in einem hochentwickelten Zustand mit offenen Augen geboren und laufen schon nach wenigen Stunden hinter der Mutter her. Sie werden nur etwa 14 Tage lang von der Mutter gesäugt und während dieser Zeit liebevoll behandelt. Vom zweiten Tage an fressen sie neben der Muttermilch auch Grünes und sind vom Ablauf der 4. Woche an selbständig. Nach 5-6 Monaten sind sie fortpflanzungsfähig und haben schon nach 8-9 Monaten ihre vollkommene Größe erreicht. Bei guter Behandlung können sie ihr Leben auf 6-8 Jahre bringen. Sie sind der Wärme bedürftig und müssen an einem trockenen Ort gehalten werden. Gegen rauhe und kalte Witterung sind sie sehr empfindlich und gehen dann leicht zugrunde. Wenn man sich viel mit ihnen abgibt, werden sie ungemein zahm und zutraulich, obwohl sie ihre Furchtsamkeit nie gänzlich ablegen und bei ihren geringen geistigen Fähigkeiten selten dahin gelangen, den Wärter von andern zu unterscheiden. Im ganzen bleiben sie stumpfsinnig und wenig anhänglich. Nur in Oberschlesien ißt man sie wie in ihrer Heimat Peru.

Endlich ist noch von der ~zahmen Hausmaus~ (Mus musculus domesticus) zu reden, die in Ostasien zum Haustier erhoben wurde und neuerdings auch bei uns in den verschiedensten Zeichnungs- und Färbungsformen gezüchtet wird. Nach ihrer Herkunft werden sie als ~chinesische~ und ~japanische Ziermäuse~ unterschieden. Die chinesischen Mäuse, die in ihrer Heimat auch vom Menschen gegessen werden, unterscheiden sich von unserer wilden Hausmaus und von der gewöhnlichen weißen Maus nur durch die Färbung und Zeichnung und zerfallen in eine große Anzahl Rassen. Es gibt einfarbig schwarze, dann solche mit ganz kleinen weißen Abzeichen an verschiedenen Körperstellen, ferner schwarz- und weißgescheckte, einfarbig graue, grau- und weißgescheckte, braune, braun- und weißgescheckte, hell- und dunkelgelbe und gelbgescheckte Mäuse. Alle diese haben meist schwarze Augen; nur gelbe Mäuse kommen auch mit roten Augen vor. Sonst finden sich letztere regelmäßig bei den noch nicht aufgezählten Rassen, den fahlen, den fahl- und weißgescheckten und den blauen Mäusen, deren Färbung von Aschgrau bis Mohnblau wechselt. Diese blauen Mäuse unterscheiden sich von den fahlen dadurch, daß ein gelblicher, bräunlicher oder rötlicher Farbenton bei ihnen fehlt. Zu ihnen gesellen sich blaue Mäuse mit wenig bis viel Weiß und endlich die schon seit langer Zeit in Europa gezüchteten einfarbig weißen Mäuse mit roten Augen. Übergänge zwischen den aufgezählten Rassen finden sich nur selten. Als Übergänge zwischen fahlen und gelben Mäusen kann man die gelben Mäuse mit roten Augen betrachten. Sonst kommen nur Übergänge zwischen grauen und gelben Mäusen vor, nämlich graue Mäuse mit Gelb und gelbe Mäuse mit Grau meliert. Andere Übergänge hat man trotz zahlloser Züchtungsversuche nicht erhalten, und vor allem ist es auch nie gelungen, Mäuse zu züchten, die gleich den meisten Meerschweinchen dreifarbig gescheckt sind.

Nicht minder wunderbare Züchtungsprodukte haben die Japaner aus der gemeinen Hausmaus zu machen verstanden. Die japanischen Ziermäuse unterscheiden sich von den chinesischen durch geringere Körpergröße, zierlichere Formen, namentlich spitzen Kopf, vor allem aber durch die merkwürdige Eigenschaft, daß sie, wenn sie irgend ein Ziel erreichen wollen, nicht geradewegs darauf losgehen, sondern schwankenden Ganges hin und her wackeln, wobei sie häufig in eine drehende Bewegung geraten, ja nicht selten auf einem Fleck so schnell herumwirbeln, daß man Kopf- und Schwanzende nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Sie lieben es auch, um die runden Futternäpfe im Kreise herumzulaufen und um Pflöcke, die man auf dem Boden ihres Käfigs befestigt hat, herumzutanzen. Oft führen zwei zusammen einen Wirbeltanz aus. Diese sogenannten ~japanischen Tanzmäuse~ zieht man in ihrer Heimat gewöhnlich in zwei Rassen, nämlich in schwarzweißem und blauweißem Kleide. Bei beiden Rassen überwiegt das Weiß, und Schwarz und Blau sind jeweilen am Kopfende angehäuft. Nur selten erhält man auch fahl und weiß gescheckte Tanzmäuse. In Frankfurt a. M. ist es indessen neuerdings gelungen, zahlreiche verschiedenartige Tanzmäuse zu züchten, und nach den dort angestellten Vererbungsversuchen lassen sich die Tanzmäuse in denselben 19 verschiedenen Färbungs- und Zeichnungsformen züchten, wie die chinesischen Mäuse, so daß es im Ganzen 38 verschiedene Hauptrassen von Ziermäusen gibt. Dazu kommen noch einige, allerdings sehr seltene Übergänge zwischen verschiedenen Rassen.

Dieselbe Züchtungsarbeit hat man in Ostasien teilweise auch der Wanderratte angedeihen lassen. Sie kommt weiß, schwarz oder braun gescheckt vor, ist aber viel weniger mannigfaltig gefärbt als die Ziermäuse. Am meisten wird die ~japanische Tanzratte~ gehalten, die durch ihr Benehmen an die japanischen Tanzmäuse erinnert. Sie wird gelegentlich auch vom Menschen verspeist, was sehr begreiflich ist, da an ihr gewiß mehr Fleisch enthalten ist als an den Mäusen, die demselben Zwecke dienen.

XIII. Die Katze.

Die Hauskatze, die als geborener Einzeljäger sich bis auf den heutigen Tag auch als Haustier eine sehr selbständige Stellung als Genosse des Menschen bewahrt hat und infolgedessen auch dem Einfluß der künstlichen Züchtung so gut wie gar nicht unterliegt, ist kein Abkömmling unserer europäischen Wildkatze (Felis catus), wie man noch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts annahm, sondern stammt von der von Rüppel in Nubien entdeckten ~Falbkatze~ (Felis maniculata), die in vorgeschichtlicher Zeit irgendwo im oberen Nilgebiet zum Haustier erhoben wurde. Es ist dies ein fahlgelb bis fahlgraues Tier, an Hinterkopf und Rücken rötlicher, mit weißem Bauch und verwaschenen, schmalen, schwarzen Querbinden am Rumpf, die an den Beinen deutlich hervortreten. Der Pelz ist an einigen Stellen schwarz gesprenkelt; der Schwanz endet in eine schwarze Spitze, davor hat er drei schwarze Ringe. Charakteristisch ist der Sohlenfleck, d. h. die schwarze Färbung der Hinterseite der Hinterfüße von der Pfote bis zum Hacken. Diese Färbung macht sich auch bei den gezähmten Vertretern sehr leicht geltend und kommt niemals bei der europäischen Wildkatze vor. Ferner ist bei den Hauskatzen wie bei deren Stammutter, der Falbkatze, der Schwanz gleichmäßig zugespitzt und nicht am Ende verdickt wie bei der europäischen Wildkatze, die auch nie schwarze Sohlen aufweist. Dann wies der Engländer Hamilton nach, daß sich bei den Hauskatzen die Stirne mit zunehmendem Alter verflacht, während sie bei der europäischen Wildkatze höher wird. Alle diese Tatsachen sprechen in demselben Sinne, daß eben die Hauskatze ein Abkömmling der afrikanischen Falbkatze und nicht der europäischen Wildkatze ist.

Wenn nun also die Hauskatze nicht von der europäischen Wildkatze abstammt, ist es nicht zu verwundern, daß sie im vorgeschichtlichen Europa durchaus fehlt; auch die älteren Griechen und Römer kannten sie noch nicht. Ihre Rolle als Mäusevertilger besorgten bei ihnen Wiesel und Iltis, die beide gezähmt gehalten wurden. Ebenso wird die Katze nirgends in der Bibel erwähnt; auch im vedischen Zeitalter Indiens war sie durchaus unbekannt. Aus allen diesen Gründen muß die noch von W. Schuster vertretene ältere Ansicht, wonach unsere Hauskatze von der Wildkatze abstammt, absolut verlassen werden, wenn auch zuzugeben ist, daß da und dort durch gelegentliche Paarung von Hauskatzen mit Wildkatzen Blut von letzterer in manche Stämme der Hauskatze gelangte. Ganz abgesehen von der großen Schwierigkeit der Zähmung der überaus wilden europäischen Wildkatze weicht auch der anatomische Bau der Hauskatze in vielen Einzelheiten vollkommen von demjenigen jener ab, stimmt aber sehr genau mit demjenigen der nubischen Falbkatze überein. Nach François Lenormant kam die Hauskatze als bereits gezähmtes Tier mit dem Hunde von Dongola erst zur Zeit des Mittleren Reiches nach der Eroberung des Landes Kusch in Nubien durch die Ägypter nach Ägypten und wird mit jenem zuerst auf Grabdenkmälern der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) in Beni Hassan abgebildet. Dagegen will neuerdings Konrad Keller sie schon zur Zeit der 6. Dynastie (2750-2625 v. Chr.) in einem Grabgemälde von Sakkarah mit einem Halsband, also dem Attribut eines Hausgenossen, abgebildet gefunden haben. Genaueres darüber gibt er aber nicht an.

Bei den alten Ägyptern wurde ihre Zucht in der Folge sehr populär; denn die Katze, von ihnen nach ihrer Lautäußerung mau genannt, wurde als Jagdgehilfe und eifriger Bekämpfer von Ratten und Schlangen von ihnen in hohem Maße geschätzt. So finden wir auf verschiedenen Grabgemälden der 18. Dynastie (1580-1350 v. Chr.) von Kurnah, die Sir Gardner Wilkinson publizierte, Ägypter in leichten Booten im Schilfdickicht Jagd auf Wasservögel machen, wobei ihnen zahme Katzen das vom Bumerang betäubte Wild durch geschicktes Schleichen zwischen den Sumpfpflanzen holen. Wo also der Hund nicht zu gebrauchen war, trat die Katze in ihr Recht und leistete dem Menschen gute Dienste. Als Rattenvertilgerin finden wir die Katze aus leicht verständlichen Gründen nirgends dargestellt; aber daß sie als solche fungierte, beweist der berühmte satyrische Papyrus von Turin, in welchem die Darstellungen der glorreichen Siege Ramses III. (1198-1167 v. Chr.) der 19. Dynastie an den Wänden des von ihm errichteten Tempels in Medinet Abu in der Weise karikiert wurden, daß der auf seinem Kriegswagen stolz einherfahrende König und seine Leute in Form von Ratten, die Feinde dagegen, die Chethiter, in Gestalt von Katzen dargestellt wurden. In einer Darstellung des Totenbuches aus dem Neuen Reiche finden wir eine unter einem Baume sitzende Katze abgebildet, die unter der einen Vordertatze einen Schlangenkopf hält. Tatsächlich jagt die Hauskatze ebenso gern selbst die gefährlichsten Giftschlangen als die Mäuse und Ratten. Dadurch mag sie sich bei den Ägyptern, jenen ausgesprochenen Ackerbauern, denen die die Kornvorräte brandschatzenden Nagetiere, wie auch die giftige Schlangenbrut äußerst lästig fielen, sehr bald in hohe Gunst gebracht haben. Da sie andere Tiere verspeiste und damit deren Seelen in sich aufnahm, sah man in ihr ein Geistwesen verkörpert, dem als solchem so gut eine Kultpflege zukam, als dem die Umgebung der menschlichen Wohnungen von Aas reinigenden Ibis oder Schakal. Wie diese wurde sie in der Folge zu einem heiligen Tiere gestempelt, das als guter Geist gern im Hause gehalten wurde, weil es durch seine göttlichen Eigenschaften Segen in dasselbe brachte. Ihr Tod versetzte die altägyptische Familie in Trauer, die man äußerlich durch Abrasieren der Augenbrauen bekundete. Der Unglückliche, der freiwillig oder unfreiwillig einer Katze das Leben raubte, war verloren. So schreibt der griechische Geschichtschreiber Diodoros, mit dem Beinamen Siculus, über Ägypten: „Wer dort irgend ein heiliges Tier absichtlich ums Leben bringt, wird zum Tode verurteilt. Wer aber eine Katze oder einen Ibis umbringt, muß sterben, wenn er auch die Sünde ohne es zu wollen beging; das Volk läuft zusammen und behandelt, oft ohne Verurteilung, den Missetäter aufs grausamste. Sieht also jemand ein totes heiliges Tier, so bleibt er, um nicht in falschen Verdacht zu kommen, von ferne stehen, schreit, wehklagt und beteuert, daß er es schon tot gefunden habe. -- Die abergläubische Verehrung der heiligen Tiere ist bei den Ägyptern tief und unwandelbar festgewurzelt. In der Zeit, da der König Ptolemäus (XI, 81-51 v. Chr.), von den Römern noch nicht für einen Freund erklärt war und sich das ägyptische Volk auf alle mögliche Weise bemühte, den sich in ihrem Lande aufhaltenden Römern gefällig zu sein und aus Furcht vor Rom jede Gelegenheit zu Beschwerden vermied, da kam der Fall vor, daß ein Römer eine Katze ums Leben brachte. Alsbald rottete sich das Volk wütend gegen ihn zusammen, und, obgleich er den Mord gar nicht mit Vorsatz begangen, konnten doch weder die Bitten des vom Könige hingesandten Beamten, noch die Furcht vor Rom den unglücklichen Katzenmörder vom Tode erretten. -- Finden die Ägypter auf ihren Kriegszügen in fremdem Lande tote Katzen oder Habichte, so sind sie betrübt und nehmen die Tiere mit sich nach Hause.“ An einer anderen Stelle berichtet derselbe Autor: „Den Katzen und Ichneumons brocken die Ägypter Brot in Milch, locken sie herbei und setzen es ihnen vor, oder sie füttern sie mit zerschnittenen Nilfischen. In ähnlicher Weise füttern sie auch die übrigen heiligen Tiere. Die eigentlichen Wärter jener Tiere tun groß mit ihrem wichtigen Götzendienst; sie tragen auch besondere Abzeichen, und wenn sie durch Dörfer und Städte gehen, so verbeugt sich jedermann ehrfurchtsvoll vor ihnen. Stirbt ein heiliges Tier, so wickeln sie es in feine Leinwand, schlagen sich jammernd die Brust und bringen es in die zum Einbalsamieren bestimmten Häuser. Ist es dort mit Zedernöl und andern guten Dingen, die einen guten Geruch geben und vor Verwesung schützen, durchdrungen, so wird es in einem heiligen Sarge bestattet.“

Auch Herodot, der selbst in Ägypten war und die Sitten der Ägypter aus eigener Anschauung kannte, schreibt: „Die Katzen in Ägypten lieben ihre Jungen sehr, aber sie werden ihnen oft von den Katern geraubt. Entsteht irgendwo eine Feuersbrunst, so kümmern sich die Ägypter nicht ums Feuer, sondern um ihre Katzen. Sie stellen sich um diese herum und halten Wache; aber die Katzen entwischen ihnen doch oft, springen auch über sie hinweg und stürzen sich in die Flammen. Geschieht dies, so kommt über die Ägypter große Trauer. Stirbt eine Katze, so scheren sich alle Bewohner des Hauses ihre Augenbrauen ab; stirbt aber ein Hund, dann scheren sie sich den ganzen Kopf ab. Die toten Katzen werden in heilige Gemächer geschafft, einbalsamiert und dann in der Stadt Bubastis beigesetzt. Die Hunde und Ichneumons werden in der Stadt, in der sie starben, in heiligen Grüften bestattet, die Spitzmäuse und Ibisse aber in Hermopolis. Die Bären, welche jedoch selten sind, und die Wölfe, welche nicht viel größer sind als Füchse, werden da begraben, wo sie gerade liegen.“

Die Angaben dieser beiden Autoren betreffend das Einbalsamieren der verstorbenen Katzen und das darauffolgende Bestatten in besonderen „heiligen Grüften“ sind durch das Auffinden von eigentlichen Katzenfriedhöfen in Bubastis und Beni Hassan bestätigt worden. Hier wurden sorgfältig einbalsamierte und mit Leinenbändern umwickelte Katzenmumien in Menge gefunden. Der bedeutendste Kultort für die Katzen war die Stadt Bubastis, im östlichen Delta, die ihren Namen (ägyptisch Pe Bast = Ort der Bast) von der dort verehrten Göttin Bast erhielt, die mit einem Katzenkopfe dargestellt wurde. Es ist dies eigentlich die Göttin Sekhet, die Gemahlin des Ptah, des großen Gottes von Memphis, die ursprünglich löwenköpfig und erst seit dem Bekanntwerden der Katze in Unterägypten katzenköpfig abgebildet wurde. Die Griechen stellten sie später ihrer Artemis gleich.

Wenn nun auch mit dem Untergang des alten Ägypten die Heiligkeit der Hauskatze im Niltal dahin fiel, so sind doch Spuren derselben hier bis auf unsere Zeit nachzuweisen. Noch heute glaubt man in Ägypten, daß die Katze Glück bringen könne; sie wird von den dortigen Haremsdamen verhätschelt und mit Ohrringen geschmückt. In Oberägypten gilt sie heute noch als heilig und unverletzlich; sie ist dort nach Klunzinger ebenso geehrt als die Hunde verachtet. In Kairo vermachte der Sultan Ez Zahir Beibars einen Garten nördlich der Stadt zum Besten der Katzen. Derselbe wurde dann verkauft, aber zurückerworben und dient heute noch zur Erhaltung herrenloser Katzen; daneben besteht in jener Stadt ein förmliches Katzenspital. Außerdem sind wiederholt Legate zu deren Fütterung ausgesetzt worden. Diese Hochhaltung der Katze im heutigen Ägypten wird mit der Vorliebe des Propheten Mohammed für diese Tiere motiviert. Dieser soll einst, um ein in seinem weiten Ärmel liegendes Kätzchen nicht in seinem Schlafe zu stören, denselben beim Aufstehen abgeschnitten haben. Überhaupt ist der Morgenländer durchschnittlich sehr rücksichtsvoll gegen seine Mitgeschöpfe. So erzählt ein deutscher Edelmann, der im Mittelalter das Morgenland durchwanderte, von einem Soldaten, der sich neben dem schönsten Schatten seufzend von der Mittagssonne peinigen ließ, weil er das in seinem Schoß eingeschlafene Kätzchen nicht stören wollte.

Wie sich aus den Mumien ergibt, war die Gesamtfarbe der altägyptischen Hauskatze noch ganz der der Falbkatze ähnlich. Nach Keller trifft man solche Färbung noch heute häufig bei den Hauskatzen in den Küstenorten des Roten Meeres. Auch das Knochengerüst beider Arten entspricht einander vollkommen. Jedenfalls hat sich hier in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet die Falbkatze je und je mit der Hauskatze gepaart und so zur Auffrischung des Blutes beigetragen. Aber auch die Wildform selbst mag da und dort später wiederholt gezähmt worden sein, wie dies heute noch bei den Niam-Niam der Fall ist, die die Falbkatze fangen und sie in kurzer Zeit an die Wohnung gewöhnt haben, so daß sie ihnen nicht mehr entläuft, sondern sich, mit Mäusefang beschäftigt, in deren Nähe verweilt. Diese Beobachtung von G. Schweinfurth bestätigte C. Keller, indem ihm auf seiner Reise in Nubien wiederholt gezähmte Exemplare der wilden Falbkatze angeboten wurden. Er schreibt ferner: „Am mittleren Webi in den Somaliländern konnte ich gezähmte Falbkatzen in den Dörfern antreffen, die ich vorher in Ogadeen nirgends vorfand. Sie dienen dazu, die Getreideschuppen gegen die schädlichen Nager zu schützen. Übrigens richten die Somalifrauen auch ihre Knaben in origineller Weise zum Mäusefang ab und, wie ich mich überzeugt habe, entwickeln diese ein großes Geschick. Diese Tatsache liefert vielleicht die Erklärung für das lokale Fehlen der Hauskatze in manchen Gebieten Ostafrikas.“

Vom Niltal verbreitete sich die Hauskatze im Altertum nur langsam nach Syrien, Persien und von da nach Indien. Bei den Indern galt die weiße Katze als das Symbol des Mondes, der die grauen Mäuse, d. h. die Schatten der Nacht vertreibt. In China wird die Katze zum erstenmal im 6. Jahrhundert v. Chr. erwähnt. Ein Bekanntwerden der Griechen mit der ägyptischen Katze läßt sich vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. nicht nachweisen und war auch da nur vereinzelt. So berichtete Herodot seinen Landsleuten von der hohen Wertschätzung dieses Tieres in ihrer ägyptischen Heimat. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Katze in den griechischen Kolonien Süditaliens in einzelnen Exemplaren von Kyrene her eingebürgert; doch vermochte sie auch hier nicht den älteren Vorläufer, das Wiesel, zu verdrängen. Bei den Römern fand sie erst um 100 v. Chr. Eingang. Bei ihnen hatte das Wort felis zuerst den Edelmarder, dann die Wildkatze und, von ihr übertragen, zuletzt die Hauskatze bezeichnet. Zu Beginn der christlichen Zeitrechnung treffen wir sie immer noch nur vereinzelt als Haustier bei den alten Römern. Der ältere Plinius kennt und beschreibt sie unter dem Namen tigris: „Die Katzen schleichen ganz still und leise, wenn sie ein Vögelchen haschen wollen; den Mäusen lauern sie heimlich auf und springen dann plötzlich auf sie los. Ihren Kot bedecken sie mit zusammengerscharrter Erde, damit er ihre Anwesenheit nicht verrate.“ Seine Zeitgenossen Columella und Seneca raten die Hühner vor ihnen zu hüten. Dies rät Palladius um 380 n. Chr. dadurch zu tun, daß man letzteren ein Stückchen Raute unter den rechten Flügel bindet. Er sagt, daß man sich Katzen zum Wegfangen der Maulwürfe halte. Von allen Geschichtschreibern erwähnt sie nur Dio Cassius einmal, indem er in der Biographie des Tiberius sagt: „Während Sejanus zur Zeit, da Tiberius regierte (14-37), noch allmächtig war, kamen einmal eine Menge Gratulanten zu ihm und das Sopha, auf das sie sich setzten, brach zusammen; dann lief dem Sejanus, als er aus dem Hause ging, eine Katze über den Weg. Hierdurch ward ihm, vor dem sich damals alles beugte, Verderben prophezeit.“ Auch ist ihre Darstellung bisher nur ein einziges Mal auf einem römischen Mosaik gefunden. Jedenfalls spielte die Katze im antiken Haushalt neben dem hier früher als Mäusefänger gebräuchlichen Frettchen eine sehr bescheidene Rolle. Erst vom 4. Jahrhundert n. Chr. an wurde das bis dahin noch häufig gehaltene Hauswiesel ganz von der Katze verdrängt, die damals einen besonderen Namen, nämlich catus erhielt, woraus später im Vulgärlatein catta, und daraus im Italienischen gatta, im Französischen chat, im Deutschen dagegen Katze wurde. Die römische Bezeichnung catus aber, die bei den Byzantinern als katós gebräuchlich war, stammt aus dem syrischen Worte katô, das seinerseits wiederum mit dem nordafrikanischen gâda und kadiska zusammenhängt. So sehen wir auch in der Terminologie den Weg angedeutet, den das Tier in der Tat aus dem Niltal über Syrien und das Römerreich bis ins Herz Europas nahm.

Zur späteren ausgiebigen Verbreitung der Katze durch die Länder am Mittelmeer und in Europa trug wesentlich das christliche Mönchtum bei, das ja in Ägypten seinen Anfang nahm und sich dort sehr bald mit der Hauskatze befreundet hatte. So berichtet uns Johannes Diaconus im Leben des heiligen Gregor (um 600), ein Eremit habe, durch die Predigt dieses großen Mannes gerührt, seinen einzigen Schatz auf Erden, seine Katze, opfern wollen. Aus dem Mittelalter findet sich die Angabe, daß die Mönche eines Klosters auf Zypern Katzen gezogen hätten, um die Schlangen zu bekämpfen. Damit an diesen frommen Orten die Kater nicht ihren sinnlichen Lüsten frönten, verschnitt man gewöhnlich die Klosterkatzen. Es ist dies dasselbe Bestreben, das nicht nur Frauen, sondern überhaupt weibliche Tiere vom heiligen Berge Athos mit seinen zahlreichen Mönchsklöstern aufs strengste fernzuhalten sucht.

Noch im 10. Jahrhundert war die Katze in Mitteleuropa recht selten; so mußte damals in Sachsen und Wales derjenige, der eine solche getötet hatte, als Strafe so viel Getreide entrichten, daß das am Schwanze aufgehängte und mit der Schnauze den Boden berührende Tier von diesem vollständig bedeckt ward. Damals wird es wohl nur gelbe und braune Katzen in Europa gegeben haben.

Um 1620 fand dann der Italiener Pietro della Valle in Chorasan sehr schöne langhaarige Katzen, von denen er ein Paar mit nach Europa brachte. Es sind dies vielleicht die Vorläufer der ~Angorakatze~, die besonders in Persien und Kleinasien gehalten wird, aber aus Innerasien stammt. Die dichte und lange Behaarung, die blau, blaugrau, schwarz, bunt oder einfarbig weiß ist, will der russische Forscher Pallas der Kreuzung mit der ziemlich langhaarigen asiatischen Steppenkatze (Felis manul) zuschreiben. Da die Wildkatzen sich überall gelegentlich mit den einheimischen Hauskatzen paaren, ist dies sehr wahrscheinlich; doch könnte schließlich auch die gewöhnliche Hauskatze unter der Einwirkung des rauhen Gebirgsklimas Innerasiens eine längere Behaarung erhalten und diese an ihre Nachkommen vererbt haben.

Die europäische ~gemeine Hauskatze~ ist also ein mehr oder weniger reiner Abkömmling der nubischen Falbkatze, die sich in ihrer primitivsten Erscheinung in Ostafrika und in den Ländergebieten am Roten Meer erhielt. Die dort angetroffene Hauskatze stimmt ganz auffallend mit der wilden Falbkatze überein; sie ist nämlich fahlgelb oder fahlgrau mit rötlichem Anflug, die Nasengegend rostrot mit dunklerer Einfassung. Der Fuß ist bis zur Ferse unterseits schwarz behaart; auch zeigt der Pelz mehr oder weniger deutlich dunkle Flecke. Die Bauchseite ist heller, der Körper schmächtig gebaut, der Schwanz lang und wenig voll. Diese Katze steht der altägyptischen Hauskatze sehr nahe, die stets gelblich, von hellgelb bis dunkelbraun wechselnd, gefärbt war. Die Ohren mancher Exemplare erscheinen auffallend groß und zugleich an der Spitze mit einem kleinen Haarbüschel versehen. Dies beweist eine Kreuzung der ägyptischen Hauskatze mit dem alsbald zu besprechenden ~Sumpfluchs~ (Felis chaus). Die betreffenden Bastarde unterscheiden sich von den Hauskatzen von reiner Abstammung von der Falbkatze außerdem durch die gedrungene und größere Gestalt, das dunkelgefleckte Fell und den langhaarigen Schwanz. Dieses Kreuzungsprodukt wurde, wie verschiedene Bilder beweisen, auch zur Vogeljagd abgerichtet. Doch scheint in ihnen das Blut der Falbkatze überwogen zu haben. Die kräftige Gestalt auch dieser Katzen zeugt davon, daß sie schon damals in Ägypten nicht in engem Gewahrsam, sondern in voller Freiheit wie heute noch aufwuchsen. In dieser altertümlichen Gestalt hat sich die Hauskatze in Europa einzig auf der Insel Sardinien erhalten, wo sie jedoch verwildert ist und als Rückschlagserscheinung kleine, schwarze Ohrpinsel zeigt. Die europäischen Hauskatzen weisen schon weitere Veränderungen auf und variieren stark in der Körperfärbung. Es gibt unter ihnen wildfarbene, graugestreifte, gefleckte, mausgraue, schwarze und weiße Spielarten. Die sogenannte ~Zypernkatze~, die durch ihre schwarze Streifung auf gelblichgrauem Grunde stark an unsere Wildkatze erinnert, muß wie die andern wildfarbenen, gestreiften und gefleckten Hauskatzen stark Blut der europäischen Wildkatze aufgenommen haben, die sich besonders früher, da sie häufiger war, oft mit der Hauskatze zu paaren Gelegenheit hatte. Weit seltener als die Zypernkatzen sind die gelbgrauen Katzen ohne schwarze Zeichnung am Kopf, Rumpf und Schwanz, nur mit zwei schwarzen Querbändern an den Vorderbeinen. Ihnen schließen sich die gelbschwarzen Katzen an, die auf gelblichem Grunde unregelmäßige, an den Rändern verwaschene, ziemlich kleine schwarze Flecken ohne Beimischung von Weiß zeigen. Meist sind diese weiblichen Geschlechts und die zugehörigen Männchen sandfarben. Doch können auch Weibchen sandfarben sein, und Katzen, die auf sandfarbenem oder gelbschwarzem Grunde weiß gescheckt sind, finden sich in beiden Geschlechtern nicht selten. Ziemlich lang und weichhaarig grau mit schwarzen Lippen und Fußsohlen sind die sogenannten ~Karthäuserkatzen~. Weiße Katzen haben entweder gewöhnliche Katzen- oder rein blaue Augen. Dabei kann nun das eine Auge blau und das andere von gewöhnlicher Färbung sein. Sind beide Augen blau, so ist die weiße Katze meist taub. Schwarze Katzen haben meist gelbe Augen.

Stummelschwänzig oder nahezu schwanzlos ist die ~Katze der Insel Man~ zwischen England und Island. Dazu hat sie einen großen Kopf und unverhältnismäßig lange und starke Hinterbeine. Sie ist eine unermüdliche Springerin und Kletterin und stellt den Vögeln viel mehr nach als andere Hauskatzen. Die Färbung ist verschieden. Bei der Kreuzung mit der gewöhnlichen Hauskatze sind die Nachkommen teils kurzschwänzig, teils schwanzlos. Über die Entstehung dieser eigentümlichen Rasse ist nichts Näheres bekannt geworden. Sie wird wohl plötzlich durch Mutation hervorgegangen sein. Wie unter den europäischen gibt es auch unter den asiatischen Katzen stummelschwänzige, so besonders in China und Japan. In Siam, Birma und auf der Halbinsel Malakka lebt die ~malaische Haus-~ oder ~Knotenschwanzkatze~, deren Schwanz nur die halbe Länge gewöhnlicher Hauskatzenschwänze hat und oft infolge einer Mißbildung der Knochen zu einem festen Knoten verdickt ist. Diese Anomalie ist angeboren und wird vererbt.

Die ~chinesische Hauskatze~ besitzt ein seidenweiches, langes Haar von lichtgelber bis weißer Farbe. Unter dem Einflusse der Domestikation ist sie wie so viele andere Haustiere hängeohrig geworden. Sie wird in China viel gezüchtet, um nach vorhergehender Mästung geschlachtet und als beliebte Speise verzehrt zu werden. Sie scheint stark Blut der asiatischen Wildkatze in sich aufgenommen zu haben. Auch in Südwestindien, speziell in Kotschin, wird die Hauskatze häufig gegessen, wie übrigens auch in Frankreich, wo deren Fleisch regelrecht auf den Markt gelangt. Die schönste und edelste aller Katzen aber ist die ~Siamkatze~, die außer in ihrer Heimat auch in China und Japan als Luxustier gehalten wird, dort sehr hoch im Preise steht und nur selten nach Europa gelangt. Die frischgeworfenen Jungen sind blendendweiß mit roten Augen, also eigentliche Albinos, die aber später durch Pigmentbildung sich verfärben. Der dichte, kurzhaarige Pelz wird dann silbergrau bis schokoladebraun, mit schwärzlichem Gesicht, ebenso werden die Füße, Schwanzspitze und Ohrspitzen schwarz. Die Augen sind blau. Ihre Abstammung ist unbekannt. In reiner Rasse ist sie nur aus dem Palaste des Königs von Siam zu bekommen, der allein das Vorrecht besitzt, sie zu halten. Sie ist geistig hochbegabt und sehr zutraulich, was schon auf ein sehr altes, inniges Zusammenleben mit dem Menschen hinweist. Die gewellten oder gefleckten Hauskatzen Indiens scheinen Kreuzungsformen der Hauskatze mit der indischen Wüstenkatze zu sein.

Überall, wo der Mensch unter der Mäuseplage zu leiden hatte, hat er die Hauskatze kommen lassen, so der Konquistador Almagro, der nach Herrera dem Italiener Montenegro, der die erste Katze nach Peru brachte, dafür 600 Pesos (= 2634 Mark) gab. Dort werden sie heute zur Unterhaltung der verschiedenen Madonnen in die Kirche gelassen, indem die betreffenden Besitzerinnen glauben, jene werden sich für eine solche Liebenswürdigkeit erkenntlich erzeigen und ihnen ihre Wünsche eher erfüllen. In Bolivia sind heute gemästete Katzen ein Lieblingsgericht der vorwiegend indianischen Bevölkerung. Auch bei der ersten Besiedelung des Goldlandes von Cuyabá am Paraguay um 1745 wurde für die erste, zur Beseitigung der Mäuseplage kommen gelassene Hauskatze nicht weniger als ein Pfund Gold bezahlt. Als Missionar Sagard bei seiner Abreise 1626 dem Huronenhäuptling eine Katze schenkte, nahm dieser sie mit großem Dank entgegen. Als in Neuseeland um 1855 die Ratten verheerend auftraten, wurde 1857 eine ganze Schiffsladung Katzen dahin eingeführt. Im 14. Jahrhundert soll Whittington, einer der ersten Handelsfürsten Englands, den Grund seines großen Vermögens dadurch gelegt haben, daß er seine Katze einem westafrikanischen Häuptling abtrat, der derselben wegen der Mäuse stark bedurfte. Dort sind die Katzen heute gemein; an der Goldküste wurden sie nach Bosmann auch gegessen. Nach Nachtigal verehrten die Heiden des alten Negerlandes Dar Fur eine weiße Katze, wie nach dem älteren Plinius in der Stadt Rhadata eine goldene Katze angebetet wurde. Jedenfalls ist mit dem alten Kulttier auch die Heiligkeit desselben gewandert. So treffen wir selbst in den Vorstellungen unseres Volkes noch Spuren davon. So soll die Katze, wenn sie ihre Pfoten vor dem Fenster säubert, Besuch ankündigen, d. h. der in ihr wohnend gedachte, die Zukunft vorausschauende Geist soll diesen erblicken und damit anmelden. Ferner wird der Glaube noch häufig angetroffen, daß, wer die Hauskatze nicht gut füttert, einen schlechten Hochzeitstag erlebt. Nach dem deutschen Volksmärchen steht die schwarze Katze stets mit dem Bösen im Bunde; deshalb ist sie auch die unzertrennliche Begleiterin der Hexe. Wohl durch diese Stellung als Kulttier während vieler Generationen hat die Katze mit der Zeit etwas Eigenwilliges und Aristokratisches angenommen. Wenn sie auch nicht mehr so unzuverlässig ist wie die gezähmte Wildkatze, so ist sie doch nicht so gutmütig wie der Hund. Ohne gerade falsch zu sein, wie man gern behauptet, läßt sie sich schon durch geringe Behelligung zum Kratzen und Beißen verleiten. Im allgemeinen ist die Katze schon als Einzeljäger viel selbständiger als der Hund und läßt sich vom Menschen nicht alles bieten. Leicht entzieht sie sich ihm durch Flucht, kehrt aber später gern wieder ins Haus und in ihr gewohntes Lager zurück.

Neben der Katze hatten die Ägypter des Mittleren Reiches auch den ~Sumpfluchs~ (Felis chaus) gezähmt, der bisweilen den vornehmen Jäger auf der Jagd im Sumpfe begleitete und die von ihm mit dem bumerangartigen Wurfgeschoß getroffenen Vögel apportieren mußte. Dieser wurde, wie bereits erwähnt, gelegentlich mit der Hauskatze gekreuzt, doch lassen sich keine tiefergehenden Einwirkungen von ihm auf die altägyptische Hauskatze nachweisen. Auch er galt dem Ägypter als heiliges Tier und wurde in Beni Hassan mehrfach mumifiziert vorgefunden.

Zur Zeit des Neuen Reiches gab es am ägyptischen Hofe auch gezähmte ~Löwen~, die den Herrscher umgaben und ihn sogar in die Schlacht begleiteten. So ist an einer der Tempelwände von Karnak König Ramses II. (1292-1225 v. Chr.) auf seinem Streitwagen mitten in der Schlacht dargestellt, und um ihn kämpfte mit derselben Bravour wie er sein „Leiblöwe“, von dem es im Bericht über jene Schlacht gegen die Chethiter heißt: „Der große Löwe, der seinen Wagen begleitete, kämpfte zugleich mit ihm; die Wut ließ alle seine Glieder erzittern und wer sich ihm näherte, den schlug er zu Boden.“ An einem der Pylone von Luksor sehen wir denselben Herrscher auf dem gleichen Feldzuge im Lager ruhend. Vor seinem Zelt ruht an einer Kette der Löwe, von einem mit einer Keule bewaffneten Hüter bewacht; denn so zahm er auch war, so konnte man ihm doch im Lager nicht trauen. Mit demselben äußeren Symbol seiner Herrschermacht, dem gezähmten Löwen, umgab sich auch sein Nachfolger, Ramses III. (1198-1167 v. Chr.). Auf einem Basrelief am Palast von Medinet Abu ist er auf seinem Streitwagen fahrend dargestellt und vor ihm marschiert ein Löwe neben den beiden Wagenpferden. Zur Jagd allerdings konnte der Löwe nicht verwendet werden. Es ist zweifellos ein Irrtum, wenn Sir Gardner Wilkinson nach einer Grabmalerei von Beni Hassan aus der Zeit des Mittleren Reiches, der 12. Dynastie (nämlich 2000 bis 1788 v. Chr.), auf welcher eine Löwin mitten unter andern Tieren einen Steinbock überfallen und niedergeschlagen hat, während sich ein Jäger mit Pfeil und Bogen in der Hand der Gruppe nähert, aus dieser Zusammenstellung schließen zu dürfen glaubt, es sei dies eine zur Jagd dressierte zahme Löwin. Allerdings scheint im alten Indien dieses Bravourstück geleistet worden zu sein; denn der griechische Schriftsteller Älian berichtet: „In Indien gibt es gewaltig große Löwen, die entsetzlich grimmig sind und eine schwarze Mähne besitzen. Jung aufgezogen können sie aber so zahm werden, daß man sie zur Jagd auf Rehe, Hirsche, Wildschweine, Stiere und wilde Esel benutzen kann.“ In diesem Falle scheint der Autor wirklich Löwen und nicht, wie Lenormant glaubt, Geparde gemeint zu haben.

Auch später war am persischen und römischen Hofe zeitweise der gezähmte Löwe als Begleiter des Monarchen anzutreffen. So schreibt Dio Cassius: „Der römische Kaiser Antoninus Caracalla (212-217) hielt sich mehrere zahme Löwen und hatte sie immer bei sich. Am liebsten hatte er den einen, den er Acinaces nannte und oft vor allen Leuten küßte. Dieser pflegte mit ihm zu speisen und sich auf seinem Ruhebette zu lagern. Ehe der Kaiser ermordet wurde, wollte ihn der Löwe vor der Gefahr warnen und hielt ihn, als er ausgehen wollte, am Kleide so fest, daß dieses sogar zerriß, aber Antoninus achtete der Warnung nicht.“ Und Älius Lampridius berichtet: „Der römische Kaiser Heliogabalus (218-222) hielt sich zahme Löwen und Leoparden und hatte seinen Spaß mit ihnen. Die Zähne und Krallen waren ihnen kurz und stumpf gemacht. Bisweilen, wenn er ein Gastmahl gab, ließ er beim Nachtisch die Bestien eintreten und neben den Gästen Platz nehmen und lachte sich über die Angst seiner Freunde halb tot. Er fütterte auch seine Löwen und Leoparden oft mit Papageien und Fasanen. -- Er fand auch großes Vergnügen daran, seine Gäste abends betrunken zu machen, brachte sie dann in einen Saal und schloß sie ein; dann ließ er Löwen, Leoparden und Bären hinein, deren Zähne und Krallen abgestumpft waren. Die meisten Gäste starben, wenn sie aufwachten und die Ungeheuer sahen, vor Schreck. -- Er ließ auch Löwen vor seinen Wagen spannen und sagte, er sei die Göttin Cybele“, die man sich mit einem Löwengespann fahrend vorstellte.

Auch der ~Tiger~ war schon im Altertume teilweise gezähmt. So schreibt der griechische Geschichtschreiber Älian: „Unter den Geschenken, welche die Inder ihrem Könige bringen, sind auch zahme Tiger.“ Dann berichtet der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Pompejus der Große hat zu Rom den ersten zahmen Tiger in einem Käfig gezeigt, Kaiser Claudius aber vier zu gleicher Zeit.“ Und der römische Geschichtschreiber Lampridius bemerkt: „Kaiser Heliogabalus spannte Tiger vor den Wagen und sagte, er sei Bacchus.“ Der Tiger war bekanntlich das Attribut des aus dem Morgenlande, und zwar dem fernen Indien, über Kleinasien zu den Griechen gekommenen Gottes der ausgelassenen Lebensfreude und Fruchtbarkeit des Bodens, nämlich Bacchus. Er ließ sich der Sage nach auch im Abendlande von den Tigern Indiens ziehen und behing sich mit dem Tigerfell, an dessen Stelle erst später das Leopardenfell trat. Ähnlichen Zeitvertreib wie Heliogabalus hatte sich übrigens schon Kaiser Vespasians Sohn Titus als Kronprinz geleistet, bis er dann mit der Übernahme der Regierung löblicherweise eine ernste Lebensführung begann. Sonst haben diese großen Katzenarten nur als Prunkstücke für einzelne Vornehme oder Herrscher eine Rolle gespielt, nie jedoch praktische Bedeutung für den Menschen erlangt.

Anders ist dies mit dem ~Gepard~ der Fall, welcher schon im hohen Altertum im Morgenlande zum Jagdgehilfen des Menschen abgerichtet wurde. So treffen wir ihn mehrfach an der Kette geführt als Begleiter des vornehmen Jägers auf Wandgemälden des alten Ägypten; doch gelangte er als gezähmter Genosse des Menschen nie zu den Griechen und Römern; wenigstens ist uns nichts davon überliefert. Dagegen hat er im Orient bis auf den heutigen Tag eine bedeutende Rolle als Jagdgehilfe des Menschen gespielt, so daß er hier eine eingehende Besprechung verdient.

Von Afrika aus, wo er sich in verschiedenen Unterarten fast über den ganzen Erdteil ausdehnt, erstreckt sich das Verbreitungsgebiet des Geparden über ganz Westasien bis Indien. Der am ganzen Körper getüpfelte ~asiatische Gepard~ oder ~Tschita~ (Cynailurus guttatus) ist schlanker und hochbeiniger als der mit weißem Bauch, ohne Fleckenzeichnung daran versehene ~afrikanische Gepard~ oder ~Fahhad~ der Araber (C. guttatus). Letzterer wird auch gelegentlich für die Jagd dressiert und ist die gewöhnlich in den Menagerien und Tiergärten angetroffene Art. Aber der eigentliche „~Jagdleopard~“ ist der asiatische Gepard, der gezähmt ein wichtiges Zubehör des Hofstaates indischer Fürsten bildet. Dieses Tier, von der Größe eines Leoparden, nur viel schlanker und höher gestellt, ist in eigenartiger und weitgehender Weise dem Leben in der Steppe angepaßt. Sein Körper trägt die charakteristische gelbbräunliche Wüstenfärbung mit kleinen, runden, innen nicht helleren schwarzen Flecken und ist durch die hohen Beine und den schlanken Leib zum außerordentlich schnellen Verfolgen seiner Beutetiere befähigt. Letztere bilden in Indien die ~Schwarzbockantilopen~ (Antilope cervicapra), die viel in unsern zoologischen Gärten gehalten und gezüchtet werden und meist unter dem Namen Hirschziegenantilopen bekannt sind. In der Nachbarschaft der Ebenen, auf denen diese Antilopen weiden, hält sich der Gepard auf niedrigen Felsenhügeln auf und beschleicht von hier aus mit außerordentlichem Geschick gegen den Wind und jede Unebenheit des Bodens, Gebüsch und dergleichen als Deckung benutzend, seine Beute. Hat er sich ihr auf 150-200 Schritte genähert, so schießt er in gewaltigen Sätzen unglaublich schnell auf sie los und hat sie bald eingeholt. Mit gewaltigen Tatzenhieben schlägt er die Antilope zu Boden und tötet sie durch einen Biß in die Kehle. Gelingt es ihm nicht, das Wild nach 400-600 Schritten einzuholen, so läßt er von der Jagd ab, da er diese außerordentliche Schnelligkeit, die ihn beim Laufen auf kurze Strecken als schnellstes aller Säugetiere erscheinen läßt, nicht längere Zeit entwickeln kann.

Der Gepard jagt paar- oder familienweise. Seine Zähmung und Abrichtung zur Jagd ist eine sehr einfache und wird von Angehörigen einer besonderen Kaste vollzogen. Er wird in der Weise gefangen, daß rund um einen besonderen Baum, um den sich diese Tiere zum Spiele zu versammeln und an welchem sie ihre Krallen zu schärfen pflegen, Schlingen aus getrockneten Antilopensehnen mit Pflöcken auf dem Boden befestigt werden. Kommen die Tiere bei Sonnenuntergang zu dem betreffenden, an seinen Kratzspuren erkennbaren Baum, so fangen sie sich leicht in den geschickt angebrachten Schlingen. Die in der Nähe auf der Lauer liegenden Inder eilen alsbald herbei, werfen eine Wolldecke über sie, binden ihnen die Beine zusammen und fahren sie auf dem inzwischen herangekommenen Ochsenfuhrwerk in das Dorf, wo die Frauen und Kinder dazu beordert werden, den ganzen Tag über bei den frischgefangenen Tieren zu verweilen und sich laut miteinander zu unterhalten, um die Geparde dadurch an die menschliche Stimme zu gewöhnen. Haben sie sich daran gewöhnt, so werden sie an einen Baum oder eine Hütte möglichst nahe an einem belebten Ort angekettet, damit sie fortwährend Menschen sehen und sich an ihren Anblick gewöhnen. Dann beginnt die verschiedene Stufen durchlaufende Abrichtung der Geparde, die in etwa sechs Monaten beendet ist. Dabei sind die Tiere so sanft und gelehrig wie Hunde geworden, nehmen zutraulich die Liebkosungen des Menschen entgegen, sind selbst Fremden gegenüber gutmütig, glätten beim Streicheln ihr Fell an ihren Freunden, nach Art der Hauskatzen schnurrend. Gewöhnlich hält man die zahmen Jagdleoparden vor dem Haus mit einer Kette an der Wand befestigt, auf einer Eingeborenenbettstelle, nicht aber in einem Käfig.

Nur erwachsen gefangene Geparde werden in Indien zur Jagd abgerichtet; denn die indischen Schikaris oder Gepardjäger halten mit Recht dafür, daß nur solche, die von ihren Eltern in der Wildnis das Jagen erlernt haben, gute Jäger in der Gefangenschaft abgeben. Will man mit dem gezähmten und abgerichteten Geparde jagen, so setzt man ihm eine ihn am Sehen hindernde Kappe aus Leder auf, bindet eine Schnur an einen um seinen Hals oder um seine Weichen gehenden Lederriemen, setzt ihn auf ein Ochsenfuhrwerk und fährt mit ihm so nahe als möglich in die Nachbarschaft von Antilopen, die sich vor gewöhnlichen Landwagen, die sie täglich sehen, nicht fürchten und deshalb leicht eine starke Annäherung eines solchen Gefährtes erlauben. So kann sich ein Karren bis auf 200 Schritte einem Rudel Antilopen nähern. Alsbald nimmt der Jäger dem Jagdleoparden die Kappe vom Kopf und läßt ihn los. Je nach der Entfernung von den Antilopen eilt er dann entweder ohne weiteres auf sie zu, oder er schleicht sich, indem er die Unebenheiten des Bodens mit Vorteil benutzt, so weit an sie heran, daß er einen erfolgreichen Überfall unternehmen kann. Ist ein Antilopenbock in der Herde, so ergreift der Gepard gewöhnlich diesen, wahrscheinlich aber nur deswegen, weil der Bock als Führer des Rudels am weitesten zurückbleibt. Der Jagdleopard stürzt sich auf die Antilope und soll sie dadurch, daß er mit einer Pranke von unten an ihre Beine schlägt, zu Falle bringen, worauf er das gefallene Tier an der Kehle ergreift und so lange festhält, bis der Jäger herangekommen ist. Darauf durchschneidet dieser mit seinem Jagdmesser die Kehle der Antilope, sammelt etwas von ihrem Blut in die mitgenommene Freßschüssel des Jagdleoparden und gibt es diesem, der es eifrig aufleckt, zu trinken, wobei er ihm in einem geeigneten Augenblick die Kappe wieder über den Kopf zieht, um ihn alsbald wieder zur Jagd zu verwenden; denn ein guter Jagdleopard soll manchmal nicht weniger als vier Böcke an einem einzigen Morgen erbeuten.

In ganz Indien ist der gezähmte Gepard ein geschätzter Jagdgehilfe des Menschen. An den Höfen der indischen Fürsten wird er in großer Menge, bis hundert Stück, gehalten, was allerdings ein sehr kostspieliges Vergnügen bedeutet, da dessen Unterhalt und Wartung durch ein ganzes Heer von Wärtern und Jägern, die ungefähr die geachtete Stellung der Falkner bei uns im Mittelalter bekleiden, große Summen verschlingt. Der reichste von allen indischen Fürsten, der Großmogul von Delhi, soll bis zu tausend Geparde auf seinen Jagdzügen mit sich geführt haben. Der Schah von Persien läßt sie sich aus Arabien kommen und hält sie in einem besonderen Hause. Im Jahre 1474 sah der Italiener Guiseppe Barbaro beim Fürsten von Armenien etwa hundert Stück Jagdleoparden. Früher kamen gelegentlich solche Jagdleoparden als Geschenke orientalischer Fürsten auch an europäische Höfe. So erhielt beispielsweise der deutsche Kaiser Leopold I. um 1680 vom türkischen Sultan zwei abgerichtete Jagdleoparden, mit denen er oftmals jagte. Da aber diese Tiere sehr der Wärme bedürfen, so sind sie bei uns recht hinfällig und kurzlebig, dauern aber in ihrer heißen Heimat sehr lange aus.

Wie außerordentlich zahm und zutraulich der Gepard wird, das bezeugt Brehm, der selbst einen solchen besaß und dreist wagen durfte, ihn an einem Stricke durch die Straßen seiner Heimatstadt zu führen. Solange er es nur mit Menschen zu tun hatte, ging er ihm stets ruhig zur Seite; nur wenn er Hunden begegnete, zeigte er eine große Unruhe und wäre gern gegen sie losgesprungen. Das war das einzige Tier, das ihn in Aufregung brachte. In seinem Tierleben schreibt Brehm von ihm: „Daß die Zähmung nicht schwierig sein kann, wird jedem klar, der einen Gepard in der Gefangenschaft gesehen hat. Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß es in der ganzen Katzenfamilie kein so gemütliches Geschöpf gibt wie unseren Jagdleoparden, und bezweifle, daß irgend eine Wildkatze so zahm wird wie er. Gemütlichkeit ist der Grundzug des Wesens unseres Tieres. Dem angebundenen Gepard fällt es gar nicht ein, den leichten Strick zu zerbeißen, an den man ihn gefesselt hat. Er denkt nie daran, dem etwas zuleide zu tun, der sich mit ihm beschäftigt, und man darf ohne Bedenken dreist zu ihm hingehen und ihn streicheln und liebkosen. Scheinbar gleichmütig nimmt er solche Liebkosungen an, und das höchste, was man erlangen kann, ist, daß er etwas beschleunigter spinnt als gewöhnlich. Solange er nämlich wach ist, schnurrt er ununterbrochen nach Katzenart, nur etwas tiefer und lauter. Oft steht er stundenlang unbeweglich da, sieht träumerisch starr nach einer Richtung und spinnt dabei höchst behaglich. In solchen Augenblicken dürfen Hühner, Tauben, Sperlinge, Ziegen und Schafe an ihm vorbeigehen, er würdigt sie kaum eines Blickes. Nur andere Raubtiere stören seine Träumerei und Gemütlichkeit. Ein vorüberschleichender Hund regt ihn sichtlich auf: das Spinnen unterbleibt augenblicklich, er äugt scharf nach dem gewöhnlich etwas verlegenen Hunde, spitzt die Ohren und versucht wohl auch, einige kühne Sprünge zu machen, um ihn zu erreichen.“ Soweit dies bekannt ist, hat er sich aber in der Gefangenschaft noch nicht fortgepflanzt, ist also noch nicht zum eigentlichen Haustier des Menschen geworden.

Weiter sind von Raubtieren ~Wiesel~ und ~Frettchen~ bei den Griechen und Römern gezähmt und zum Mäusevertilgen in ihren Wohnungen gehalten worden, lange bevor die Katze aus Ägypten zu ihnen gebracht wurde. Besonders letzteres, das Frettchen, war ein häufig angetroffenes, sehr beliebtes Haustier. Es hieß bei den Griechen iktis und bei den Römern mustela. Das ~Frett~ (Mustela furo) ist nichts anderes als der durch Gefangenschaft und Zähmung kleiner und zugleich albinotisch gewordene Abkömmling des Iltis. Es ist weiß bis semmelgelb, am Leibe 45 cm und am Schwanze 13 cm lang. Nur wenige sehen dunkler und dann echt iltisartig aus. Es ist weniger lebhaft als sein wilder Verwandter, steht ihm aber an Blutgier und Raublust nicht nach. Sein Zähmungsherd scheint in Nordafrika gewesen zu sein, und zwar wurde es dort nicht nur gegen Mäuse, sondern besonders auch gegen Kaninchen losgelassen, die es aus ihrem Bau heraustrieb. So schreibt Strabon: „In Turdetanien (einer spanischen Landschaft) bedient man sich der Frettchen aus Libyen, um die Kaninchen zu jagen. Man schickt sie mit einem Maulkorb in die Löcher; so ziehen sie die Kaninchen entweder mit den Krallen heraus oder jagen sie empor, so daß sie von den Leuten gefangen werden können.“ Schon lange vorher schrieb Aristoteles, es gleiche an Gestalt, weißer Farbe des Bauches und Bosheit den Wieseln (galé), könne jedoch außerordentlich zahm gemacht werden. Es gehe gern über die Bienenstöcke und nasche Honig, hasche aber auch gern Vögel, wie die Katze. Aus Spanien kam dann das Frett zu uns, um bei der Kaninchenjagd zu dienen. Dabei legt man ihm, damit es sich nicht am Blut seines Opfers berausche, auch heute noch einen Maulkorb an; früher war man so roh, ihm den Mund zusammenzunähen, damit es solches nicht tue und dann im Kaninchenbau bleibe, so daß der Jäger lange warten kann, bis es zum Bau herauskommt. In England benutzt man es viel als Rattenjäger, doch muß es dazu besonders erzogen werden, indem man es zuerst nur mit jungen Ratten kämpfen läßt. Später wächst dann sein Mut, so daß es schließlich in einer Stunde bis 50 Ratten in einem 2-3 qm großen Raum zu töten vermag. Durch Kreuzung mit dem Iltis zum Zwecke der Blutauffrischung entstehen die „wildfarbigen“ sogenannten ~Iltisfrettchen~, welche etwas stärker sind als das eigentliche Frettchen. Stets muß das Frettchen in Käfigen gehalten werden, da es der Anhänglichkeit an Haus und Hof entbehrt, durch die sich die eigentlichen Haustiere auszeichnen. Es wird jetzt namentlich zur Jagd auf Kaninchen gezüchtet, ist sehr empfindlich gegen Kälte, aber gleich vielen anderen Haustieren fruchtbarer als die Stammart, indem das Weibchen 5-10 Junge wirft, und zwar zweimal im Jahr.

XIV. Das Huhn.

Zweifellos ist von allen Vögeln das Huhn von der weitaus größten wirtschaftlichen Bedeutung für den Menschen geworden. Heute ist es in zahlreichen Rassen über die ganze Welt verbreitet und findet sich in dem elendesten Negerdörfchen Zentralafrikas ebensogut wie in den entlegensten Eingeborenenniederlassungen Amerikas und Indonesiens. Das war aber nicht von jeher so. Der vorgeschichtliche Europäer kannte dieses Haustier so wenig als die alten Ägypter, Inder und Morgenländer überhaupt. Nirgends treffen wir bei ihnen irgend welche Spuren von der Anwesenheit dieses Vogels, der sich sonst sehr wohl bemerkbar gemacht haben würde. Im Alten Testament wird er nirgends erwähnt; erst im Neuen tritt er uns beispielsweise bei Petri Verleugnung des Herrn entgegen.

Das Huhn ist jedenfalls schon im zweiten Jahrtausend v. Chr. irgendwo in Südasien vermutlich von einem Malaienstamme durch Zähmung des dort einheimischen ~Bankivahuhns~ (Gallus ferrugineus) als Haustier gewonnen worden. Von seinem ältesten Domestikationsherd Südasien breitete es sich langsam nach allen Seiten hin aus und wurde schon ums Jahr 1400 v. Chr. nach China eingeführt. Nach Westasien gelangte es erst viel später. So hat es Layard zuerst auf einem altbabylonischen Siegelzylinder aus dem 6. bis 7. Jahrhundert v. Chr. abgebildet gefunden. Auf diesem steht ein Priester in Opferkleidung vor einem größeren und einem kleineren Altar, auf welch letzterem sich ein Hahn befindet. Auf einer ebenfalls aus derselben Zeit stammenden babylonischen Gemme sehen wir eine geflügelte Gottheit in betender Stellung vor einem Hahne auf einem Altar. Beide Male erscheint der Hahn von Osten, und über beiden Abbildungen schwebt ein Halbmond, wahrscheinlich als Zeichen der schwindenden Nacht. Im alten Ägypten ist jedenfalls das Hühnchen, das die Hieroglyphe u darstellt, nicht das Junge eines Haushuhns, sondern dasjenige eines Wildhuhns, und zwar vermutlich eines Steinhuhns.

Homer kannte das Huhn noch nicht, denn er erwähnt es nirgends in seinen Epen. Zum erstenmal spricht von ihm der griechische Dichter Theognis in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. Aber erst um die Zeit der Perserkriege finden wir bei den Dichtern Epicharmos, Simonides, Äschylos und Pindar den Hahn unter dem stolzen Namen aléktōr, d. h. Abwehrer, Kämpfer, als bekannten Genossen des Menschen. Die griechischen Dichter vergleichen den Kampf der Hähne desselben Hofes untereinander mit dem Streite der Menschen. In den Eumeniden des Äschylos warnt Athene vor dem Bürgerkrieg, als dem zwecklosen Kampf zwischen zwei Hähnen gleichend. Ebenso vergleicht Pindar in seinem 12. olympischen Liede den ruhmlosen Sieg in der Vaterstadt mit demjenigen des Hahnes auf dem Hofe.

Bei den griechischen Komikern heißt der Hahn stets der „persische Vogel“, weil er durch die Vermittlung der Perser nach Griechenland kam. Seine hohe Wertschätzung bei den alten Persern erfuhren wir bereits bei der Besprechung des Hundes. Dort wurde gesagt, daß der Hahn, wie der Hund, der Feind der Dämonen und Zauberer sei. Er solle Wache halten über die Welt, als sei kein Hund zum Beschützen der Herden und der Häuser vorhanden. Wenn der Hund mit dem Hahn gegen den bösen Feind kämpfen, so entkräften sie ihn, der sonst Menschen und Vieh plage. Daher heiße es, durch ihn werden alle Feinde des Guten überwunden, seine Stimme zerstöre das Böse. Wo sich nun ein Perser niederließ, sorgte er so sicher für einen Hahn, als er die Frühgebete und Reinigungen beim Sonnenaufgang, die ihm seine Religion gebot, vornahm. Soweit also die Grenzen der persischen Herrschaft sich erstreckten, ward auch der Hahn, als leicht übertragbares Fetischtier, das durch seine Stimme die bösen Geister vertrieb, mitgenommen. So kam das Tier auch nach Kleinasien und zu den Griechen an den Küsten des Ägäischen Meeres, die ihn mehrmals auch auf ihren Münzen abbildeten. Seine vormalige Heiligkeit erhielt sich auch bei ihnen insofern, als sie sich zunächst scheuten, ihn oder die Eier des Huhnes zu essen. Bald aber ward der Hahn ein Opfertier, das man besonders dem Heilgotte Asklepios nach erlangter Genesung opferte. So befahl auch der Philosoph Sokrates, bevor er den Schierlingsbecher trank, man solle dem Asklepios einen Hahn opfern; er sei dann durch den Tod genesen. Auch zu mannigfaltigem Zauberspuk benutzte man in Griechenland den Hahn. So schreibt Pausanias: „Wenn bei Mehtana im Gebiet von Trözen der Südwestwind aus dem Saronischen Meerbusen auf die ausschlagenden Weinstöcke weht, so vertrocknen diese leicht. Um diesem Übel vorzubeugen, packen zwei Männer einen Hahn, der ganz weiße Flügel hat, reißen ihn entzwei und jeder läuft mit seiner Hälfte um den Weinberg herum. Da, wo sie dann zusammentreffen, vergraben sie die Stücke.“ Hier ist also schon von partiellem Leucismus beim Hahne als einem Zeichen weitgehender Beeinflussung durch Domestikation die Rede.

Viel länger bewahrte das Huhn seinen sakralen Charakter bei den Römern, die es durch Vermittlung der süditalischen Griechen kennen gelernt hatten. Diese betrachteten es als einen Vogel, der von einem göttlichen Geiste beseelt war, mit der Fähigkeit, die Zukunft vorauszuschauen. So wandte man denn überall da, wo ein einzelner die Verantwortung nicht zu tragen wünschte und ein „Augurium“, eine Weissagung aus dem Fluge gewisser wilder Vögel nicht gerade zu haben war, die Sache aber doch zur Entscheidung drängte, ein künstliches „Auspicium“ an, das man auspicium ex tripudiis nannte. So stellte denn, so oft man dessen bedurfte, der pullarius oder Hühnerwärter die Vögel durch Vorstreuen von Futter auf die Probe. Fraßen sie gierig, so war das ein günstiges Zeichen für die geplante Unternehmung. Unlust dagegen würde, so müssen wir ergänzen, auf eine Beängstigung des weiter in die Zukunft schauenden Geistes in den Fetischtieren schließen lassen.

Zahllos sind die Beispiele, in welchen die Annahme oder Ablehnung einer Schlacht von seiten der Römer auf das Verhalten der mitgeführten heiligen Hühner abgestellt wurde. Dabei ist der Standpunkt, den die verschiedenen römischen Schriftsteller dieser Tatsache gegenüber einnehmen, ein sehr verschiedener. Die jüngeren, freier denkenden sind erstaunt darüber, daß die wichtigsten Staatsgeschäfte, die entscheidendsten Schlachten von Hühnern geleitet und entschieden, die Weltbeherrscher von Hühnern beherrscht würden. Die älteren, konservativer denkenden Naturen aber stoßen sich durchaus nicht daran, sondern meinen, wie Cicero in seinem Werke de divinatione schreibt: „Bei der Beobachtung der von den heiligen Hühnern ausgehenden Prophezeiungen (auspicium) verfuhren unsere Vorfahren gewissenhafter als wir. Der Hühnerprophet (auspex) wählte zum Gehilfen einen Mann, der selbst ein vollkommener Vogelprophet (augur) war und demnach genau wußte, was ‚heilige Stille‘ bedeutet. In unserer Zeit kann jeder ohne weiteres bei der heiligen Handlung als Gehilfe dienen.“ Dann berichtet er ausführlich in Rede und Gegenrede, wie bei der Handlung verfahren wird. Er meint, daß dabei nicht mehr mit der Aufmerksamkeit wie früher vorgegangen werde und das Fressen oder Nichtfressen der Hühner in die Hand des Hühnerwärters (pullarius) gegeben sei. Er sagt nämlich: „Übrigens ist es nicht zu leugnen, daß bei einer solchen Art zu prophezeien die Vögel doch nicht so ohne weiteres als Diener und Propheten Jupiters betrachtet werden sollten, da sie ja beim Fressen nicht nach dem Willen Jupiters, sondern nach dem Willen des Hühnerwärters handeln, der sie vorher nach Belieben in ihrem Käfige längere oder kürzere Zeit fasten läßt.“

Wenn die heiligen Hühner (pulli) so gierig fraßen, daß das schon im Schnabel befindliche Futter auf die Erde zurückfiel, so wurde das als eine besonders gute Vorbedeutung aufgefaßt. Es hieß dies bei den Römern tripudium und sollte nach Cicero von terripudium = terripavium, quia terram pavit abzuleiten sein. Dann schreibt dieser Autor: „Im zweiten punischen Kriege (218-201 v. Chr.) hat der römische Staat dadurch entsetzlichen Schaden gelitten, daß Gajus Flaminius nicht auf Warnungszeichen achten wollte. Einstmals fütterte der Priester, der die der Armee beigegebenen heiligen Hühner besorgte, diese Tiere, um durch die Art und Weise, wie sie fräßen, die Zukunft zu erforschen, und tat dann den Ausspruch, die Schlacht müsse verschoben werden. Darauf fragte Flaminius (der Oberfeldherr), was dann geschehen sollte, wenn die Tiere wieder nicht fressen wollten? Der Priester antwortete: Dann müsse man eben wieder zuwarten. Hierauf antwortete Flaminius: Das wäre doch eine schöne Geschichte, wenn ich nur dann auf den Feind losgehen dürfte, wenn meine Hühner hungrig sind, aber mich ruhig verhalten müßte, wenn meine Hühner satt sind.“

Allerdings waren nicht alle Feldherren so nachgiebig, daß sie eine ihnen günstig scheinende Schlacht vom Fressen oder Nichtfressen der im Heere mitgeführten heiligen Hühner abhängig machen wollten. So ging einer einmal radikal vor, hatte es aber schwer zu büßen, als die gegen den Willen der heiligen Hühner unternommene Schlacht ungünstig verlief. Es war dies Publius Claudius. Über jenen Fall schreibt Valerius Maximus: „Als Publius Claudius im ersten punischen Kriege eine Seeschlacht liefern wollte, verkündete ihm der Hühnerwärter, die heiligen Hühner wollten nicht aus dem Käfig heraus und nicht fressen. Da gab Claudius den Befehl, sie ins Meer zu werfen und sagte: Wollen sie nicht fressen, so sollen sie saufen! Er verlor aber die Schlacht und ward vom Volke verurteilt.“ Derselbe Autor berichtet in einem anderen Falle: „Als der Konsul Gajus Hostilius Mancinus im Begriffe war, nach Spanien abzugehen und in Lavinium opfern wollte, huschten die heiligen Hühner aus ihrem Käfig in den Wald und verschwanden daselbst spurlos. Infolgedessen verlor er dann eine Schlacht.“

Der römische Geschichtschreiber Livius weiß allerlei solche Hühnergeschichten vom Diktator Lucius Papirius Cursor zu erzählen. Als er gegen die Samniten zog, machte ihn der Hühnerwärter darauf aufmerksam, daß die Hühner kein Glück prophezeit hätten. Da eilte er nach Rom, um die Hühner abermals zu befragen, befahl aber seinem Reiteroberst (magister equitum) Quintus Fabius Maximus Rullianus, während seiner Abwesenheit keine Schlacht zu liefern. Dieser benutzte aber doch eine Gelegenheit, erfocht einen glänzenden Sieg, geriet aber darüber mit dem Diktator in einen Streit, der fast zu offenem Aufruhr Veranlassung gab. „Diese letztere dem römischen Staate drohende Gefahr war also eigentlich von den Hühnern gemeint und prophezeit worden,“ meint dazu Livius. Also sollten die Hühner in jedem Falle recht behalten.

An einer anderen Stelle schreibt dieser Autor: „Als später Papirius den Samniten bei Luceria gegenüberstand, kamen Gesandte von Tarent, wollten beiden Parteien befehlen, die Waffen niederzulegen, und drohten auch noch gar, sie wollten derjenigen Partei, die ihrem Willen nicht gehorche, entgegentreten. Wie nun die Gesandten den Papirius verlassen hatten, rüstete sich dieser sogleich zur Schlacht, versäumte aber auch nicht, seine Hühner zu befragen. Gerade wie er damit beschäftigt war, kamen die Tarentiner zu ihm und Papirius verkündigte ihnen: Ihr Tarentiner, die Hühner meines Hühnerwärters verkünden mir den Sieg, und so werde ich mit Hilfe der Götter sofort den Feind angreifen! Er tat das wirklich, siegte mit Leichtigkeit und machte große Beute.“

„Ein anderes Mal stand Papirius den Samniten bei Aquilonia gegenüber. Sie hatten ein gewaltiges Heer; aber Papirius begeisterte seine Soldaten durch eine Rede so sehr, daß sie laut eine Schlacht forderten. Papirius befahl nun in aller Stille seinem Hühnerwärter, die heiligen Hühner zu befragen. Dieser tat es; doch die Hühner wollten nicht fressen. Aber der Hühnerwärter war so begeistert für die zu schlagende Schlacht, daß es ihm auf eine Lüge nicht ankam und er dem Konsul meldete, die Hühner hätten Heil und Segen prophezeit. Voller Freude gab nun Papirius das Zeichen zum Aufbruch. Aber unterwegs begann unter den Hühnerwärtern ein Zank über die Hühnerprophezeiung. Die Reiter hörten den Disput mit an und meldeten die bedenkliche Sache dem Konsul. Dieser tat den Ausspruch: Wenn ein Vogelprophet lügt, so trifft ihn allein alles aus der Lüge entstehende Unglück. Mir und dem römischen Volke ist nur Glück prophezeit worden, also munter vorwärts! Er befahl nun, die Hühnerwärter in die erste Schlachtlinie zu stellen. Der erste feindliche Speer streckte den lügnerischen Hühnerwärter nieder und der Konsul rief mit lauter Stimme: Die Götter stehen uns bei, das schuldige Haupt ist bestraft! Wie er dies sagte, krächzte ihm ein Rabe laut entgegen. Er begrüßte dieses günstige Zeichen mit Freuden, befahl den Trompetern, das Zeichen zum allgemeinen Angriff zu geben und erfocht einen ruhmvollen Sieg. Er verdankte diesen teils der Klugheit, mit der er das prophezeite Unglück auf das Haupt des Hühnerwärters abwälzte, teils auch dem Umstande, daß er im entscheidenden Augenblick dem Jupiter einen Becher Wein versprach, wenn die Feinde durch seine Hilfe geschlagen würden.“ Diese Erklärung des Plinius kennzeichnet ihn vollkommen in seinen Anschauungen. Er war ebensogut wie Livius ein Kind seiner Zeit. Damals dachten eben alle Römer so wie er.

Eine begeisterte Beschreibung des Hahnes liefert der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte in folgenden Worten: „Ruhmbegierig ist der Vogel, der in der Nacht für uns wacht, der vor Anbruch des Morgens den Menschen weckt und zur Arbeit ruft. Er kennt die Sterne und kräht (canet = singt) am Tage jedesmal, wenn drei Stunden verflossen sind. Mit der Sonne geht er schlafen und ruft gegen Morgen den Menschen zu neuen Sorgen und Arbeiten wach. Ehe er kräht, schlägt er mit den Flügeln. Er ist herrschsüchtig und ein jeder führt auf seinem Hofe das Regiment. Sie kämpfen untereinander um die Herrschaft, als ob sie wüßten, daß sie zu diesem Zwecke die Waffen an den Füßen trügen, und hören nicht eher auf, als bis einer tot auf dem Platze liegt. Der Sieger kräht gleich auf dem Schlachtfelde und verkündet dadurch seine Heldentat. Der Besiegte verkriecht sich stillschweigend und grämt sich über die verlorene Herrschaft. Der gemeinste Hahn schreitet übermütig einher, trägt sein gekröntes Haupt hoch und stolz, schaut oft gen Himmel, was kein anderer Vogel tut, und hebt auch seinen sichelförmigen Schwanz empor. Er flößt daher dem mutigsten Tiere, dem Löwen, Schrecken ein. Manche Hähne werden zu Krieg und Schlacht geboren und bringen selbst ihrem Vaterlande Ruhm und Ehre, so die Hähne von Rhodus und Tanagra. Nach diesen sind die berühmtesten die von Melos und Chalcis. Der Hahn ist der Ehre wert, die ihm selbst die römischen Konsuln erweisen. Sein mehr oder weniger begieriges Fressen gibt die wichtigsten Aufschlüsse über dem römischen Staate bevorstehendes Glück oder Unglück. Täglich regiert er unsere Obrigkeiten oder verschließt und öffnet ihnen ihr eigenes Haus. Er befiehlt den römischen Konsuln vorzurücken oder stehen zu bleiben, befiehlt oder verbietet Schlachten; er hat alle auf Erden erfochtenen Siege im voraus verkündet, beherrscht die Beherrscher der Welt und ist, als Opfer dargebracht, ein herrliches Mittel, die Gunst der Götter zu erhalten. Kräht er zu ungewohnter Zeit oder des Abends, so deutet er auf wichtige Begebenheiten hin. Als die Böotier jenen berühmten Sieg über die Lakedämonier erfochten, hatten es die Hähne dadurch vorausverkündet, daß sie die ganze Nacht krähten. Da der Hahn nicht kräht, wenn er besiegt ist, so war die Deutung zweifelhaft.“ Plinius geht so weit, daß er dem Hühnervolke sogar sonst rein menschliche Eigenschaften, wie den Besitz von Religion und Sprache, beilegt. So sagt er: „Auch die Haushühner (villares gallinae) haben ihre Religion: Sobald sie nämlich ein Ei gelegt haben, schütteln sie sich und nehmen eine Zeremonie vor, indem sie um das Ei ein Grashälmchen herumtragen.“ Es kommt nämlich öfter vor, daß sich die Hühner nach dem Eierlegen schütteln, daß sie dann Hälmchen mit dem Schnabel fassen und sie neben und hinter sich legen, ohne Zweifel, weil sich dann die angeborene Neigung zum Nestbau regt. Plinius betrachtet diese Eigenschaft poetisch als Zeremonie, wie sie damals bei den Menschen gebräuchlich war und purificare und lustrare genannt wurde. Was das Vermögen der Sprache anbetrifft, sagt er: „In den Jahrbüchern ist aufgezeichnet, daß unter dem Konsulat des Marcus Lepidus und Quintus Catulus ein Haushahn auf dem Landsitze des Galerius gesprochen hat; dies ist aber auch, so viel mir bekannt, das einzige Beispiel der Art.“

Weiterhin sagt Plinius: „Zu religiösen Zwecken hält man Hähne und Hühner mit gelben Füßen und gelbem Schnabel nicht für rein, zu geheimen Opfern die schwarzen. Es gibt auch Zwerge unter den Hühnern, und zwar fruchtbare, was bei andern Vögeln nicht der Fall ist.“ Natürlich war man in der Kaiserzeit, zu der ja Plinius lebte, nicht mehr so von der Heiligkeit dieses Vogels eingenommen, daß man sich, wie noch zur älteren Zeit der Republik, scheute, sein Fleisch zu profanen Zwecken zu essen; als Opferfleisch war es ja schon früher gegessen worden. Damals kamen gemästete Hühner -- richtige Poularden, nur daß zu jener Zeit die Kastration derselben noch nicht geübt wurde -- sehr häufig auf den Tisch der reichen Römer. Aber sehr alt kann diese Sitte zu jener Zeit noch nicht gewesen sein. Plinius schreibt nämlich in seiner Naturgeschichte folgendes darüber: „Die Bewohner der Insel Delos haben sich zuerst mit Mästung der Hühner beschäftigt und seitdem sind die Menschen so albern, daß sie Vögel schnabulieren wollen, die in ihrem eigenen Fett gebraten wurden. In den alten Gesetzen über Schmausereien finde ich ein elf Jahre vor dem Beginn des dritten punischen Krieges (also im Jahre 160 v. Chr.) vom Konsul Gajus Fannius gegebenes, daß bei einem Gastmahl kein Vogel außer einer einzigen Henne aufgetragen und diese nicht gemästet sein dürfe. Diese Bestimmung ist später in allen Gesetzen wiederholt worden, aber man hat sie recht listig zu umgehen gewußt, indem man statt der Hühner Hähne mit Speisen mästete, die mit Milch getränkt waren, worauf sie weit besser schmecken. Man darf zur Mast nicht alle Hühner nehmen, sondern nur die, deren Halshaut fett ist.“

Mancherlei weiß Plinius von den Hühnereiern zu berichten. Er sagt, daß, wenn Hühner keinen Hahn haben, die Eier unfruchtbar, kleiner, von schlechterem Geschmack und flüssiger als die guten (befruchteten) seien. Man nenne sie Windeier, weil manche Leute glauben, sie seien vom Winde (Zephyr) erzeugt. Manche Hühner legen lauter Eier mit doppeltem Dotter „und brüten aus solchen auch manchmal Zwillinge aus, wie Cornelius Celsus schreibt. Andere aber behaupten, es kröchen nie Zwillinge aus. Es ist am besten, die zum Brüten bestimmten Eier nicht über 10 Tage alt werden zu lassen, alte oder gar zu frische sind unfruchtbar. Man muß eine ungleiche Zahl unterlegen. Wenn man sie am vierten Tage nach Beginn des Brütens mit den Fingern (an einem dunklen Orte) gegen das Licht hält und sie rein und durchsichtig sind, so sind sie unfruchtbar und müssen durch andere ersetzt werden. Man kann sie auch im Wasser probieren, denn die leeren schwimmen dann, und man muß die vollen, welche sinken, zum Brüten unterlegen. Schütteln darf man die Eier nicht, denn es kann sich darin kein Junges mehr erzeugen, wenn die Lebensgefäße untereinander geworfen sind. Wenn es während des Brütens donnert, so gehen die Eier zugrunde; dasselbe geschieht auch, wenn ein Falke in der Nähe schreit. -- Selbst Menschen können Eier ausbrüten. Als Julia Augusta (die Tochter des Kaisers Augustus) mit Kaiser Tiberius Nero vermählt worden war und wünschte, ihr erstes Kind möchte ein Sohn sein, so brütete sie an ihrem Busen ein Ei aus. Mußte sie es einmal weglegen, so gab sie es ihrer Amme, damit es nicht erkalten könne. Sie glaubte von dem auskriechenden Küchlein eine Vorbedeutung entnehmen zu können, ob ihr Kind ein Sohn oder eine Tochter sein werde. Es soll auch richtig eingetroffen sein. Von daher kommt vielleicht die neulich gemachte Erfindung, daß man Eier an einem warmen Orte auf Spreu legt, durch Feuer mäßig erwärmt und zuweilen wendet, wobei die Küchlein am bestimmten Tage auskriechen. (Also kannten die Römer der Kaiserzeit bereits einen Brutapparat für Hausgeflügel.) -- Ein sonderbares Schauspiel hat man, wenn eine Henne Enteneier ausgebrütet hat. Erst bewundert sie die Kleinen und will sie nicht recht anerkennen, bald aber ruft sie dieselben sorgsam zusammen und, wenn sie sich nun, von einem innern Triebe geleitet, ins Wasser stürzen, so läuft sie jammernd am Ufer herum.“

Bei der kampfesfrohen, streitsüchtigen Natur der Hähne ist es kein Wunder, daß schon sehr frühe auch bei den Griechen ~Hahnenkämpfe~ als öffentliche Volksbelustigungen aufkamen. So schreibt Plinius: „Zu Pergamum (in Kleinasien) werden jährlich öffentliche Hahnenkämpfe abgehalten.“ Daß er solches in seiner Naturgeschichte erwähnt, beweist, daß diese Sitte um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. bei den Römern noch nicht üblich war. Was für Gründe etwa zur Einrichtung von Hahnenkämpfen bei den Griechen maßgebend waren, darüber schreibt der griechische Geschichtschreiber Älian: „Als die Athener die Perser besiegt hatten, bestimmten sie einen Tag, an welchem im Schauspielhause öffentliche Hahnenkämpfe abgehalten werden sollten. Die Veranlassung dazu war folgende: Als Themistokles mit dem Heere auszog, sah er in der Nähe des Zuges zwei Hähne, die miteinander kämpften. Er ließ sogleich das Heer Halt machen und redete es so an: „Diese Hähne kämpfen nicht für ihr Vaterland, nicht für ihre Götter, für die Gräber ihrer Väter, nicht für Ruhm, für Freiheit, für ihre Kinder, sondern jeder von ihnen kämpft nur, um zu siegen.“ Diese Rede begeisterte die Soldaten, sie fochten mit kühnem Mute und der Feldherr wünschte, durch die Abhaltung jährlicher Hahnenkämpfe das Andenken an den Sieg zu erhalten und den Keim für neue Siege zu legen.“

Nach Varro waren die Hähne von Tanagra, Medien und Chalcis zum Kampfe besonders brauchbar. Er nennt sie sehr schön, aber die betreffenden Hühner weniger fruchtbar als die italienischen. Letztere hatte man gern so gefärbt, daß Schwanz und Flügel schwarz, das übrige Gefieder aber bräunlich war. „Will man auf einem Landhause 200 Stück Haushühner halten, so gibt man ihnen einen besonderen Stall, zäunt den Platz davor, auf dem auch Sand zum Bade liegen muß, ein und hält ihnen einen eigenen Wärter. Will man die Eier für die Küche aufbewahren, so reibt man sie mit gepulvertem Salz oder legt sie drei Stunden in Salzwasser, trocknet sie und bedeckt sie mit Kleie oder Spreu. Sollen Haushühner gemästet werden, so sperrt man sie an einem lauen, dunkeln Orte ein und nudelt sie mit Gerstenabkochung. So oft sie genudelt werden, wird ihnen auch der Kopf, wenn es nötig ist, von Läusen gereinigt. In 25 Tagen müssen sie fett sein. Manche machen sie auch in 20 Tagen fett und erzeugen ein zartes Fleisch, indem sie sie mit Weizenbrot füttern, das in einer Mischung von Wasser und Wein aufgeweicht wurde.“

In seinem Buche über den Landbau gibt Columella ausführliche Anleitung über die Anlage des Hühnerhofes, die Pflege der Hühner, das Brüten und die Aufzucht der Küchlein. Diese entspricht in ihren Grundzügen vollständig den heutigen; nur daß dabei noch allerlei heute aufgegebene sympathische Mittel angewandt wurden, um sie vor Erkrankung und aller sonstiger Gefährdung zu beschützen. Er rät, den Hühnerstall neben der Küche oder neben dem Backofen anzubringen, so daß der Rauch in ihn hineindringen könne; denn dieser sei den Hühnern sehr gedeihlich. Er hält die dunkeln Hühner für empfehlenswerter als die hellen. „Die weißen Haushühner sind meist weichlich, weniger lebhaft, auch meist nicht sonderlich fruchtbar im Legen. Sie werden auch, weil sie aus großer Ferne in die Augen fallen, leicht von Raubvögeln erbeutet. Die Zwerghühner sind nur für den Liebhaber, der sie wegen ihrer geringen Größe schätzt. Übrigens bringen sie nicht den Gewinn, wie die gemeinen großen Haushühner; auch sind die Zwerghähne entsetzlich zänkisch gegen die großen Hähne, so daß man sich oft genötigt sieht, ihnen einen ledernen Gurt um den Leib zu legen, durch den die Füße gesteckt und die Kampfgelüste gemindert werden.“ Nach den um 200 n. Chr. lebenden Athenäus waren Zwerghühner besonders in Athen beliebt. Pausanias sagt, daß in Tanagra zwei Arten von Hühnern gehalten werden: 1. kampfesstarke, 2. die Amselhühner, so genannt, weil sie (wie die Amseln) rabenschwarz sind und auf der Schnabelspitze kleine, weiße Flecken haben. Kamm und Kammlappen seien bei ihnen rot wie Anemonen. Er meint damit die in Griechenland heimische Anemone pavonina mit scharlachroten Blüten.

Die schönen Rassen des asiatischen Haushuhns bezogen die Römer von den Griechen; so waren besonders die Hühner von Delos, Rhodos und Melos durch ihre Größe und fleißiges Eierlegen berühmt und gesucht. Mit den römischen Kolonisten kamen diese auch in die Gebiete nördlich der Alpen. So fanden sich Reste von Haushühnern mehrfach im Wegwurf der helvetisch-römischen Kolonie Vindonissa und anderwärts. Aus dem römischen pullus Huhn wurde das französische poule. Doch hatten die Kelten und Germanen schon vor der römischen Invasion das Haushuhn besessen und eine besondere Bezeichnung dafür, ganz unabhängig von der römischen. Der Hahn hieß gotisch hana, althochdeutsch hano, angelsächsisch hona, das Huhn gotisch hôn. Das deutsche hana ging dann bei den benachbarten Finnen in kana über. Alles deutet darauf hin, daß das Huhn als Haustier selbständig von Südosten nach Mittel- und Nordeuropa gelangte, soweit es ihm nicht zu kalt war. Und auch hier drang es überall als etwas Fetischhaftes, Heiliges, das zwar nicht selbst, höchstens dessen Eier gegessen werden durften, ein. So sagt Julius Cäsar, der um die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts an der Südküste Englands landete, von den dortigen keltischen Einwohnern, sie hätten zwar das Haushuhn, aber sie fänden es eine Sünde (nefas), das Tier zu essen, ebenso die Gans und den Hasen. Noch im Mittelalter, als das Huhn längst zum Speise- und Provianttier degradiert war, wohnte dem Hahn im Glauben der Leute noch eine große Zauberkraft inne. So sagt der mittelalterliche Bischof Burchard von Worms, man solle nachts nicht vor dem Hahnenrufe das Haus verlassen, weil die unreinen Geister vor diesem Rufe mehr Macht zu schaden hätten als nachher und weil der Hahn mit seinem Schrei jene besser zu vertreiben und zu bändigen vermöge als selbst das Kreuzeszeichen. Es ist dies die Weiterleitung desselben Fetischgedankens, den wir schon bei den alten Persern antrafen und der uns in der griechischen Benennung des aléktõr, d. h. Abwehrer, Kämpfer, entgegentrat. Noch in Shakespeares Hamlet sagt Horatio: „Ich habe gehört, daß der Hahn, der die Trompete des Morgens ist, mit heller Stimme den Gott des Tages weckt und daß bei seinem warnenden Ruf alle die Geister, die in Wasser und Feuer, in Luft oder Erde schweifen und irren, jeder an seinen Ort zurückschlüpfen.“

Auch die slavischen Pommern verehrten den Hahn und fielen anbetend vor ihm nieder; bei den Litauern wurde bei der Beziehung eines neuen Hauses Hahn und Henne zuerst ins Haus gelassen. Diese Exemplare galten dann als unantastbar, wurden gehegt und niemals geschlachtet und gegessen. In diesem Falle sehen wir, wie sich mit der Zeit das praktische Moment mit dem religiösen abfand. Als man sich erlaubte, das Huhn zu essen, haftete die Beschränkung des Nichtessendürfens nur noch an einzelnen auserlesenen Individuen. Bei den verschiedensten Völkern begegnet uns noch später in gewissen, am Althergebrachten hängenden Kreisen solche Enthaltung vom Genusse von Hühnerfleisch. Wie im altindischen Gesetzbuch war auch den Teilnehmern an den Mysterien in Eleusis das Essen von Hühnerfleisch verboten, weil diese Tiere den Erdgottheiten, der Persephone und Demeter, geweiht waren. Bei den Römern wurde der Vogel der Lichtgottheit, der dessen Kommen verkündet, bei Nacht der Nachtgöttin geopfert. Im Mittelalter begegnen uns bei den verschiedensten Völkern Hahnenopfer. Bei den Wenden in der Altmark war es noch in christlicher Zeit Sitte, einen Hahn auf ihr Malzeichen zu setzen, wie A. Kuhn uns in den märkischen Sagen berichtet. Gleicherweise haben es die Deutschen aus der Heidenzeit übernommen, das Bild des Hahnes über dem Kreuze auf Dächern und Kirchtürmen anzubringen. Jenes ist älter als dieses; beider Zweck aber ist, die bösen Geister, die ja auch das Christentum nicht leugnet, sondern nur in ihrem Ursprunge anders erklärt, aus dem Kreise der menschlichen Ansiedelungen fernzuhalten.

Im Mittelalter, als die Scheu vor dem Essen dieses altheiligen Tieres gewichen war, war die Hühnerzucht durch ganz Mitteleuropa ein sehr wichtiger Kulturfaktor, dem besonders die Klöster Vorschub leisteten. So war es vornehmlich ein fürsorglicher Bischof namens Martinus, der im Eierlegen leistungsfähige Hühnerrassen aus Italien nach Deutschland und Frankreich sandte, wo sie in den Klöstern Verbreitung fanden und von da an deren Hörige und Zinsbauern abgegeben wurden. Wie wir aus den mittelalterlichen Zinsregistern der Gutsherrschaften entnehmen können, bildeten Hühner und Eier für die Herrschaften das Haupterträgnis ganzer Güter und oft den einzigen Wirtschaftsbestand der ärmeren Klasse, lebende Hühner in großen Käfigen aus Holz zugleich den beliebtesten Proviant für Heereszüge und größere Menschenansammlungen. Schon der vorsorgliche Kaiser Karl der Große hatte befohlen, daß auf seinen größeren Gütern 100 Hühner und 30 Gänse, auf seinen kleineren wenigstens 50 Hühner und 12 Gänse gehalten und im Herbst, soweit sie geschlachtet wurden, gemästet werden sollten. Auch späterhin traf man sie überall auf den Bauernhöfen, wo sie frei herumliefen und sie sich vom Abfall der Körner, Samen aller Art und kleinem Gewürm und Insekten ernährten. Als einst Bischof Meinward von Hildesheim auf einen solchen Hof kam, wo er keine Hühner bemerkte, tadelte er die Wirtin darob. Als sie sich mit Futtermangel entschuldigte, gab er ihr den Rat, sie solle sie ihr Futter selbst suchen lassen. Das befolgte sie nun und hatte beim nächsten Besuche des Bischofs eine ordentliche Hühnerschar, so daß er sie belobte und beschenkte.

Bis auf den heutigen Tag spielt das Huhn überall in der Kleinwirtschaft eine wichtige Rolle, besonders in den Ländern, in denen sich die Bodenwirtschaft dem Gartenbau nähert, während es dort, wo die Landwirtschaft überwiegend Großbetrieb ist, weniger geschätzt wird. Letzteres ist beispielsweise in England der Fall, das seinen hohen Eierbedarf vom Kontinente her deckt. Auch Deutschland kann seinen eigenen Bedarf nicht selbst decken. Von der Hühnerzucht in Deutschland meint Eduard Hahn: „Schlimm steht es mit der deutschen Zucht; trotzdem in letzter Zeit viel geredet und geschrieben worden ist, will das echte deutsche Huhn, das allen Anforderungen entsprechen soll, immer noch nicht erscheinen. Unsere Hühnerologen, wie sie sich ernstlich nach einem Schwankwort nennen, sind Liebhaber und züchten Spanier, Franzosen, Italiener, Chinesen und andere, die für unser Klima nicht passen, und die Hühner auf unsern Bauernhöfen sind ein kümmerliches Gemengsel aus allen möglichen Rassen, die weder in Eiern noch Fleisch leisten, was man von ihnen verlangen kann, freilich auch nur geringe Pflege verlangen und erhalten. Ausnahmen sind bei uns selten; so will ich die Hamburger Hühner nennen, die in den Gartendistrikten des „alten Landes“ gezogen werden, sonst aber muß Frankreich und in neuerer Zeit vielfach Italien unsern Bedarf an feinerem Geflügel decken helfen. Die Eier aber, die unsere Großstädte bei der gesteigerten Lebenshaltung immer mehr brauchen, kommen aus Galizien und Russisch-Polen zu uns. Auch hier ist das Huhn kein Beweis eines extensiven Betriebes, sondern das Produkt einer nachlässigen extensiven Wirtschaft, die zu Gelde machen muß, was sich zu Gelde machen läßt. Daß auch diese Zucht im Rückgang ist, beweisen die Eier, die rapide kleiner werden.“

Welch große volkswirtschaftliche Bedeutung die Hühnereier als Nahrungsmittel erlangt haben, ergibt eine von Professor Sonndorfer von der Wiener Handelsakademie aufgestellte Statistik, wonach England im letzten Jahre 2265 Millionen Stück im Werte von 180 Millionen Franken einführte. In demselben Zeitraum importierten: Deutschland 2454 Millionen Stück im Werte von 185 Millionen Franken, Frankreich 205 Millionen Stück im Werte von 15 Millionen Franken und die Schweiz 188 Millionen Stück im Werte von 14½ Millionen Franken. Frankreich produziert seinen Bedarf größtenteils selbst, während Deutschland, England und die Schweiz hauptsächlich auf den Import angewiesen sind. Die Hauptmenge Eier erzeugen die Agrarstaaten. So exportierte im Jahre 1907 Rußland 2833 Millionen Stück im Werte von 148 Millionen Franken, Österreich-Ungarn 966 Millionen, Dänemark 294 Millionen, die Balkanstaaten 580 Millionen und Italien 511 Millionen Stück.

Nach Südamerika kam das Huhn schon 1493 bei der zweiten Reise des Kolumbus. Die Indianer müssen dies leicht zu haltende Haustier gern aufgenommen und rasch verbreitet haben; denn schon 1530 fand es Federmann am Oberlauf des Amazonenstroms. Auch nach Mittel- und Nordamerika kam das Huhn mit den verschiedenen europäischen Kolonisten. Nach Garcilasso wollte es sich nur in dem hochgelegenen Cuzko nicht fortpflanzen. Vom Niltal aus verbreitete sich das Huhn über ganz Afrika, wo es überall von den Negern gern aufgenommen wurde. Teilweise kam es als Proviant der indischen Segelschiffe direkt aus Indien nach Ostafrika und verbreitete sich von der Küste nach dem Innern. In Indien und Hinterindien bis nach China und den Philippinen ist das Tier als Sportobjekt sehr geschätzt. Hier stehen überall die Kampfhähne hoch im Preise und dienen, wie im Mittelalter in Europa, zu den beliebten Volksbelustigungen, deren Reiz noch durch Wetten erhöht zu werden pflegt. Weitaus am grausamsten sind diese Hahnenkämpfe bei den Malaien Indonesiens, besonders der Philippinen, indem den kämpfenden Hähnen scharf geschliffene Stahlklingen an den Sporn gebunden werden, mit denen der Gegner erstochen wird. Oft erliegen beide Gegner dieser fürchterlichen Waffe.

Eduard Hahn nimmt an, daß der Hahn zunächst nicht aus Nutzungs-, sondern aus Sportgründen, dann auch als eine Art Weckeruhr vom Menschen gezähmt wurde. „In die Gefangenschaft übergeführte Hühner pflanzten sich nicht fort, legten keine Eier und waren also völlig nutzlos. Aus diesem Grunde sind sie also nicht gehalten worden und ihre anfängliche Gefangenschaft und spätere Zucht ist sicher nicht deshalb erfolgt. Die Eier, das wesentliche Produkt unseres heutigen Huhnes, erreichten erst im weiteren Verlauf der Zucht eine so große Zahl, daß sie dem Menschen zugute kamen; für den Beginn der Zucht müssen wir nach einem andern Grunde suchen. Da ist es nun natürlich schlimm, wenn nicht ~ein~ Grund, sondern gleich zwei, und zwar sehr abweichende Gründe, zu Gebote stehen, wie das beim Huhn der Fall ist. Beide schließen sich nicht aus, immerhin decken sie sich keineswegs, und, was besonders schlimm ist, das Ursprungsgebiet beider Hypothesen deckt sich mit dem Urgebiet des wilden Huhnes und beide sondern sich doch geographisch. Wie sollen wir uns entscheiden? Wurde unser Huhn auf indobaktrischem Boden als Uhr ein Haustier (nach F. Spiegel, Eranische Altertumskunde wurde der Hahn von Tahmuhrath dazu eingeführt) oder auf malaiischem Boden zum Kampfhuhn erzogen? Eine dieser beiden seltsamen Verwendungsweisen ist für mich der Ursprung der Zucht des Huhnes, vielleicht ist aber das Kampfhuhn bei den Malaien das ältere und ursprünglichere gewesen, weil die Verbindungen zwischen den einzelnen polynesischen Inseln doch nach allem, was wir wissen, keine sehr häufigen waren.“ Uns will letzteres auch bedünken. So möchten wir unbedingt annehmen, daß der Kampfhahn die ältere Zucht ist, und daß der Hahn als Wecker erst später, und zwar besonders bei den Iraniern Bedeutung gewann. Über letztere Tatsache sagt Hahn: „Ebenso fremdartig (wie der Kampfhahn) berührt uns moderne Menschen der Hahn als Uhr; wir können uns eigentlich kaum vorstellen, wie es Menschen geben kann, die nie wissen, was die Glocke geschlagen hat; freilich müssen wir neidisch bekennen, daß dem Glücklichen keine Stunde schlägt. Trotzdem gab es natürlich auch auf niedrigen Kulturstufen bereits Lebenslagen, in denen Zeitbestimmungen nötig waren. Am Tage reicht die Sonne aus, aber wie soll z. B. eine Karawane, die möglichst die kühlen Stunden des jungen Tages genießen will, erfahren, wann man mit dem langwierigen Packen der Kamele beginnen muß? Da trat nun aufs glücklichste eine Eigenschaft des Hahnes ein. Es ist seltsam genug, daß der Hahn um Mitternacht kräht; die Dämmerung morgens und abends begrüßen ja eine ganze Reihe Tiere mit ihren Tönen, aber gerade die Mitternacht wohl nur der Hahn. Es ist selbstverständlich, daß eine so auffallende und nützliche Eigenschaft dem Hahn eine feste mythologische Stellung von hohem Rang verschaffte; sein Abbild steht bekanntlich noch heutzutage auf der Spitze unserer Kirchtürme. Wie es scheint, wurde auf persisch-baktrischem Boden diese Eigenschaft entdeckt und so der Hahn und späterhin das Huhn gezähmt. Auf die Diener Ahuramazdas mußte ja das Betragen des Vogels einen tiefen Eindruck machen. War er doch gewissermaßen der Herold des Lichts. Und wenn nun gar erst ein weißer Hahn mit dem feuerfarbenen Kamm dieses Amt übte! So wurde der weiße Hahn der Repräsentant der lichten Tagesgottheiten, das schwarze Huhn geriet ebenso selbstverständlich in Beziehung zu den Gottheiten der Nacht. Bei der leichten Zucht und schnellen Vermehrung wurde dann das Huhn sehr bald das gewöhnliche Opfertier des kleinen Mannes; wo der Reiche Ochsen, Schafe und Schweine spendete, kam der Arme, wie Sokrates, mit einem Hahn aus. -- Die Verwendung des Hahns als Ersatz der Uhr ist ungemein weit verbreitet und vielleicht noch weiter, wie jetzt bekannt, wenn man darauf achtet. In Abessinien sind Hähne die Kirchenuhr; als Uhren schätzen sie die Kaffern und ebenso traf sie Bastian in Birma. Endlich nahmen sie die Spanier hauptsächlich als Uhren nach Amerika und deshalb fiel es ihnen (wie Oviedo in seiner Historia de las Indias berichtet) auf, daß sie nicht mehr so pünktlich krähen wollten. -- Im Altertum war man gewöhnt, sich nach der Stimme des Hahnes zu richten, zumal die Römer wie die Griechen ihre bürgerliche Tätigkeit sehr früh begannen, so daß das Haus schon vor dem Beginne der Dämmerung rege war. Deshalb sagt Plinius vom Hahn, daß ihn die Natur geschaffen habe, um die Sterblichen zur Arbeit zu rufen und ihren Schlaf zu brechen. So gewann der Hahn für das bürgerliche Leben damals eine große Bedeutung. Eine Redensart, die bei vielen Dichtern und auch sonst wiederkehrt, erklärt uns das; man unterschied die Tätigkeit des Friedens und des Krieges einfach so: im Frieden beginnt der Tag mit dem ersten Hahnenschrei, im Kriege mit dem ersten Trompetenstoß. Da es auch später im kirchlichen Dienst sehr nötig war, eine gewisse Einteilung der Nacht zu haben, so mußte auch hier unser Haushahn herhalten; zog eine noch so kleine Mönchskolonne aus, um eine neue Niederlassung zu gründen, so nahm sie einen Hahn mit, wie wir einen Regulator zur notwendigen Wohnungseinrichtung rechnen. Im Orient hat der Hahn diese Stellung wahrscheinlich heute noch. Es wird wenigstens erwähnt, daß große Karawanen gewöhnlich einen recht schönen Hahn mit sich führen, dessen Krähen den Aufbruch der Reisenden regelt. Im Okzident ist der Hahn durch die Schlaguhren verdrängt worden, welche ja schon verhältnismäßig früh (um 1100) vorkommen.“

In China und Japan spielt die Hühnerzucht eine wichtige Rolle. Dort sind eine große Anzahl ausgezeichneter Rassen erzogen worden, die dann nach dem englischen Opiumkrieg in den 1840er Jahren zu uns nach Europa gebracht wurden, so vor allem die Bramaputras und Cochinchinas. Mit den Malaien wanderte das Huhn über die mikronesische Inselwelt, doch gelangte es nicht nach Neuseeland. Dorthin und nach Australien wurde es erst durch die Europäer gebracht.

Bevor wir nun näher auf die verschiedenen Hühnerrassen eingehen, wollen wir kurz die Stammform derselben, das ~Bankivahuhn~ (Gallus ferrugineus), in seinen Hauptmerkmalen würdigen. Es ist ein Waldvogel, der morgens und abends, aber auch tagsüber oft beim Suchen der Nahrung auf Äckern angetroffen wird. Sein Verbreitungsgebiet ist das größte von allen Wildhühnern und reicht nach Armand David von Kaschmir und den Vorbergen des Hindukusch bis nach der Insel Hainan, Cochinchina und über die Halbinsel von Malakka bis nach Sumatra. Auf Java und den östlich davon gelegenen Inseln, auch auf den Philippinen, ist es wahrscheinlich eingeführt worden. Es hat im männlichen Geschlecht einen gezackten Kamm und am Schnabel jeweilen einen Fleischlappen, trägt schmale, lange, einen Kragen bildende Halsfedern, ist am Nacken und am Hals goldgelb schimmernd, am Oberkörper purpurbraun, am Unterkörper schwarz gefärbt; die Brust schillert grün, die Schwanzfedern sind lang, schwarz, die mittleren schillernd wie beim Haushahn. Im weiblichen Geschlecht ist die Farbe am Nacken schwarz mit blaß gelbbraunen Federsäumen, auf der Oberseite hellbraun mit feinen schwarzen Wellenlinien, am Oberkopf und auf der Unterseite rotbraun. Der Ruf des Hahn ist kein Kikeriki wie bei seinem gezähmten Abkömmling, sondern ein kurzes Kikeri. Die übrigen Laute sind, wie auch beim Weibchen, ganz ähnlich demjenigen des Haushuhns. Das Huhn brütet im Frühjahr und legt 5-6, zuweilen auch 9-11 blaß lehmgelbe Eier in einer gewöhnlich mit Gras und abgestorbenen Blättern ausgekleideten Bodenmulde. Die Hähne sind besonders zur Brutzeit außerordentlich kampfeslustig. Nach Hutton lassen sich junge Bankivahühner, wenn sie auch im Anfang wild sind, leicht zähmen. Auf den Philippinen, wo die Hahnenkämpfe sehr beliebt sind, scheinen wilde Hähne oft in Gefangenschaft gehalten zu werden, um dann bei den Kampfspielen zu dienen. Dies gibt uns einen Fingerzeig, daß wohl die Benutzung der Kampfeslust der Hähne zu Hahnenkämpfen das erste Motiv der Domestikation des Bankivahuhns innerhalb des malaiischen Verbreitungsgebiets in Südasien war. Überhaupt scheinen die östlichen Varietäten des Bankivahuhnes viel leichter zähmbar zu sein als die westlichen in Indien, weshalb Darwin mit gutem Grunde an die Möglichkeit dachte, daß das Huhn zuerst von Malaien domestiziert wurde. Die Kreuzung desselben mit unserem Haushuhn gelingt leicht und die Bastarde sind unter sich unbegrenzt fruchtbar und geben mit anderen Hühnern, so mit Bantamhühnern, reichliche Nachkommenschaft. Die Bastarde von andern südasiatischen Wildhühnern dagegen, wie dem Gallus sonnerati, G. stanleyi und G. varius sind, als sicherer Beweis einer entfernteren Verwandtschaft, stets unfruchtbar. Übrigens lassen schon Abweichungen im Gefieder und namentlich eine durchaus verschiedene Stimme alle diese Wildhühner als Stammformen unserer zahmen Hühner nicht zu. Wenn verschiedene Rassen unserer Haushühner miteinander gekreuzt werden, so schlagen sie gern in die Färbung der wilden Stammform, des Bankivahuhns, zurück. So erzog Darwin einen Hahn, der ein Bastard einer weißen Seidenhenne mit einem dunkelgrünen spanischen Hahn war und dem wilden Bankivahahn außerordentlich glich. Endlich kann als weiterer Beweis für die Abstammung des Haushuhns vom Bankivahuhn angeführt werden, daß W. Elliot in Pegu Haushennen antraf, die von den wilden Bankivahennen nicht unterschieden zu werden vermochten. Es ist dies also eine ganz primitive Rasse, die sich hier noch erhielt, während sie sonst überall auch in der Färbung durch die Domestikation weitgehend verändert wurden.

Da das Bankivahuhn schon im Wildzustande eine ausgesprochene Neigung besitzt, Varietäten zu bilden, und dadurch, sich den verschiedensten Lebensbedingungen anpassend, in den verschiedenen Ländern seines großen Verbreitungsgebietes sich in zahlreiche Lokalrassen spaltete, darf es nicht überraschen, daß auch die seit alter Zeit geübte künstliche Züchtung eine ganze Reihe von zahmen Hühnerrassen hervorgebracht hat. Im allgemeinen ist bei hochgezüchteten Rassen der Unterschied in der Färbung beider Geschlechter verringert. Dabei sind teils Riesen-, teils Zwergformen hervorgegangen, die wir in besonders ausgesprochenem Maße bei den ostasiatischen Kulturrassen antreffen. Zwerghühner können eine in allen Proportionen den gewöhnlichen Hühnern gleichende Form darstellen. Es kann aber auch die Größe des Körpers gewahrt bleiben, so daß nur die Beine verkürzt werden, wie dies bei den kurzbeinigen ~Krüpern~ der Fall ist. Da diese Tiere infolgedessen nur wenig ausgiebig scharren können, kann man sie in Gärten frei laufen lassen. Bei manchen Hühnern, wie bei der ~Cochinchinarasse~, sind die Federn vermehrt und bedecken den ganzen Lauf, bei andern ist das Federkleid rückgebildet, wie bei den ~Chittagongs~, die eine nackte Kehle haben, und den ~Nackthalshühnern~, oder die Federn sind haarähnlich geworden, wie bei den ~Strupp-~ oder ~Seidenhühnern~. Bei manchen, wie beim japanischen ~Phönixhuhn~, sind die Schwanzfedern ins Ungeheuere verlängert, beim ~Kluthuhn~ dagegen sind sie ganz in Wegfall gekommen. Der Verlust geht bei diesen sogar so weit, daß ihnen überhaupt das den Schwanz tragende Knochenstück fehlt. Selbst der Kamm, das wichtigste unterscheidende Merkmal der wilden Hühner, ist mannigfachen Veränderungen ausgesetzt gewesen, verschwand bei den ~Haubenhühnern~ sogar vollkommen und wurde durch eine Federhaube ersetzt. Zwei Haushuhnrassen haben sogar statt vier fünf Zehen erlangt, indem bei ihnen der als atavistische Mißbildung zuerst aufgetretene überzählige fünfte Zehe in der Zucht erblich wurde.

Aber außer in der Form ist das Huhn auch physiologisch weitgehend durch die Zucht beeinflußt worden. So ist vor allem seine Legefähigkeit enorm gesteigert. Während die wilde Stammform, sobald sie erwachsen ist, was nach einem Jahre der Fall ist, wie wir sahen, höchstens 11 Eier legt, soll einer der besten Leger, aber dadurch ein schlechter Brüter, nämlich die auch bei uns viel gehaltene ~italienische Rasse~ bis zu 120 Eier im Jahre legen. Nach der Vermutung von Baldamus ist diese hochgezüchtete Rasse sehr alt und geht nicht nur auf die Hühner der Römer und Griechen zurück, sondern reicht in ihren Anfängen bis zum Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends zurück. So zeigen Darstellungen auf assyrischen Siegelzylindern in Umrissen und Proportionen große Ähnlichkeit mit dem italienischen Huhn.

Am nächsten stehen der wilden Stammform die eleganten ~Kampfhühner~, die nur eine geringe Einwirkung der Domestikation zeigen. Der auffallend schlanke Körper zeigt vielfach Unterschiede in der Färbung. Am Kopf sind die Fleischlappen und der Kamm klein, der Hals ist beim Hahne lang, die Halsfedern kurz. Die Schenkel sind lang und kräftig, die Sporne lang und scharf. Die Hähne werden zu Hahnenkämpfen verwendet, die Hennen sind schlechte Legerinnen. Ihnen nahe stehen die ~Malaienhühner~, die ebenfalls hochgestellt sind und lange, orangegelbe Beine haben. Sie sind ebenso streitsüchtig wie die vorigen und die Hennen schlechte Eierlegerinnen. Sie kommen in rotbraunen, weißen und schwarzen Farbenvarietäten vor und werden ebenfalls mehr zum Luxus als für praktische Zwecke gehalten. Während sie einen kurzen Schwanz besitzen, ist derjenige der bereits erwähnten ~Phönixhühner~ ganz außerordentlich verlängert, so daß er stark am Boden schleift. Er erreicht eine Länge von nicht weniger als 2 m und mehr. Damit er nicht beschädigt werde, hält man diese Hühner auf hochgelegenen Stangen. Sie sind ein spezielles Zuchtprodukt Japans und kamen erst vor kurzem als Merkwürdigkeit nach Europa. Dem Äußeren nach gleichen sie den gewöhnlichen ~Landhühnern~, die wenig hochgezüchtet sind und in der Form und Färbung der wilden Stammart noch ziemlich nahe stehen. Aus ihnen sind in den verschiedenen Ländern spezielle Rassen gezüchtet worden. Unter ihnen sind zu nennen die ~spanische Rasse~ von stolzer Haltung, mit weißem Gesicht, mit langen Kehllappen und großem, gezacktem Kamm. Das Gefieder dieses Huhnes ist bei den reinrassigen Vögeln schwarz mit grünem Schiller. Sie sind im Hühnerhofe sehr geschätzt, weil sie viele und große Eier legen. Ihnen nahe stehen die ~Minorcas~ mit scharlachrotem Gesicht und sehr großem Kamm, ferner die diesen gleichenden ~Anconas~ mit gesperberter Federzeichnung und die ~Andalusier~ mit rotem Gesicht, schwarzem Hals und dunkelschieferblauem Gefieder.

Sehr stattlich ist die englische ~Dorkingrasse~, welche sich zur Fleischnutzung sehr empfiehlt und gute Brüter liefert. Das volle Gefieder kann dunkel, gesperbert, silbergrau oder weiß sein. Die Brust erscheint breit. Das Gewicht geht bei der Henne bis zu 4 kg, beim Hahn bis zu 5 kg. Ein sehr zartes, weißes Fleisch haben auch die ~Hamburger Hühner~, deren Zucht stark verbreitet ist. Sie besitzen einen nach hinten spitz auslaufenden Rosenkamm, weiße Ohrlappen, einen hornfarbigen Schnabel und blaue Beine. Dazu besitzt der Hahn im Schwanze lange Sichelfedern. Nach der Färbung unterscheidet man ~grünschillernde~, ~schwarze Silbersprenkel~, ~Goldlack~ und ~Silberlack~. Die Hennen gelten als gute Eierlegerinnen, sind aber zum Brüten schlecht.

In Siebenbürgen werden die ~Nackthalshühner~ gezüchtet, die durch ihren roten, von Federn entblößten Hals wie gerupft aussehen. Manche Züchter führen diese Eigentümlichkeit auf eine Kreuzung mit dem Truthahn zurück, was aber zweifellos unrichtig, ja unmöglich ist. Sie sind ziemlich groß, schwarz gesperbert oder weiß mit einem einfachen Kamm. Eine schöne französische Rasse sind die nach dem Dorfe La Flèche genannten La Flèche-~Hühner~ von glänzend schwarzem Gefieder, rotem Gesicht mit langen Kehllappen und weißem Ohrfleck. Weil sich der niedrige Kamm in zwei lange, hörnchenartige Zapfen spaltet, nennt man sie auch poules cornette. Die ~Haubenhühner~ besitzen an Stelle des zurückgebildeten Kammes einen Schopf von aufrechtstehenden, mit den Spitzen überfallenden Kopffedern. Zu ihnen gehören die in Frankreich und Deutschland vielfach gezüchteten schwarzen Crève-cœur-~Hühner~, die neben dem Federschopf noch zwei aufrechte Kammspitzen von roter Farbe aufweisen. Dann die stattlichen schwarz und weiß gescheckten ~Houdanhühner~, die neben der starken Haube einen Kamm mit gezackten Blättern besitzen. Diese stattlichen Tiere, deren Füße wie diejenigen der englischen Dorkings fünf Zehen besitzen, sind sehr mastfähig und werden besonders im Departement Seine et Oise gezogen. Eine starke Vollhaube und dazu noch Bärte besitzen die goldbraunen oder silberweißen ~Paduaner~, die aber wenig mastfähig und schlechte Brüter sind. Rein schwarz mit weißer Haube sind die ~Holländer~, die an Stelle des Bartes lange rote Kehllappen tragen. Der Kamm ist ganz klein und fehlt bei den reinrassigen Tieren.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts aus China bei uns eingeführte Rassen sind die großen ~Cochinchina-Hühner~ mit rundem, vollem Körper und breiter Brust. Der Kopf ist klein mit schwach entwickeltem, aufrechtstehendem Kamm. Die Flügel sind kurz, die dicken Beine sind an der Außenseite bis zu den Zehen hinunter befiedert. Der Schwanz ist auch beim Hahn recht kurz. Die Färbung ist meist gelb, doch kann sie auch schwarz, weiß, rebhuhnartig oder gesperbert sein. Sie besitzen ein vortreffliches Fleisch und sind gute Brüter. Sehr nahe verwandt damit sind die ~Brahmaputrahühner~, die sich eigentlich nur durch die erbsenförmige Gestalt des Kammes unterscheiden. Ebenfalls ostasiatischen Ursprungs sind die ~Seidenhühner~, die ihren Namen vom feinen, haarartigen Federkleide haben. Im Körperumriß ähneln sie den Cochinchinas; auch ihre Flügel sind auffallend kurz, so daß sie durchaus nicht fliegen können. Zu dem reinweißen Federkleide kontrastiert die blauschwarze Farbe der Beinhaut. Sie sind gegen Nässe empfindlich. Ihre Eier sind blaßgelb.

Aus Japan stammen die ~Zwerghühner~ oder ~Bantams~, die nicht viel größer als Tauben werden. Sie sind schwarz, weiß oder gesperbert und machen sich durch ihr munteres Wesen beliebt. Wirtschaftlich spielen sie eine unbedeutende Rolle. Weit mehr geschätzt ist das neuerdings bei uns eingeführte ~Yokohamahuhn~. Aus Nordostasien kamen die ~Langshans~ zu uns. Durch Kreuzung verschiedener alter Rassen erzielten die Amerikaner diverse neue, unter denen die ~Brahmas~, ~Plymouth-Rocks~ und ~Wyandottes~ eine weitere Verbreitung bei uns erlangten. Die neuerdings durch die unternehmungslustigen Engländer auf den Markt gebrachten ~Orpingtonhühner~ sind noch nicht zu einer festen Rasse geworden.

Die Hauptaufgabe der Hühnerzucht ist das Heranzüchten eines guten Landhuhns, das während seines ganzen, etwa 6 Jahre dauernden Lebens, die meisten allerdings in den vier ersten Jahren, 500 bis 600 Eier legt und daneben noch als Fleischlieferant zu gebrauchen ist. Unter den deutschen Nutzhühnern spielt gegenwärtig das in Westfalen heimische ~Lakenfelderhuhn~ und das ~Ramelsloherhuhn~ aus der Lüneburger Heide eine Hauptrolle. Sobald die Hühner mit dem Eierlegen nachzulassen beginnen, mästet und schlachtet man sie, so daß sie dann noch als Fleischlieferanten von Nutzen sind.

XV. Perlhuhn, Pfau, Fasan und Truthuhn.

Von weiteren domestizierten Hühnervögeln ist das ~Perlhuhn~ (Numida meleagris) zu nennen, das in Westafrika bis Marokko heimisch ist. Es hat seinen lateinischen Namen meleagris von Meleager, dem Sohne des kalydonischen Königs Oineus, der auf der berühmten kalydonischen Eberjagd umkam. Darüber waren seine Schwestern ganz untröstlich und wurden durch das Mitleid der Götter in Vögel verwandelt. Da die auf schiefergrauem Grunde stehenden perlenartigen Tropfen an Tränen erinnerten, sollten sie die Tränen der Schwestern des Meleager bedeuten. Diese Vögel sollten nach Plinius auf dem Grabe des Meleager gehalten werden und dort zu Ehren des Toten kämpfen, wie in der Vorzeit zu Ehren Verstorbener abgehaltene Kampfspiele durch Menschen üblich waren.

Die Perlhühner bewohnen mit Büschen bestandene Gegenden bis zu 3000 m Höhe. Da, wo sie häufig sind, bemerkt man sie bald, indem sie morgens und abends ihre durch unser zahmes Perlhuhn wohlbekannte trompetenartige Stimme vernehmen lassen. Sie wohnen in Familien von 16-20 Stück beieinander, sind sehr scheu und schlüpfen bei der geringsten Beunruhigung ins schützende Gebüsch. Mit Vorliebe schlafen sie auf hohen Bäumen an Flußufern. Im Frühjahr brüten sie ein Gelege von 5-8 schmutzig gelblichweißen Eiern aus. Die Küchlein gleichen im Flaumkleide jungen Fasanen, wachsen rasch heran und folgen, wenn sie die halbe Größe der Eltern erreicht haben, diesen auf allen Streifereien und bäumen dann nachts regelmäßig mit ihnen.

Nach Brehm lassen sich Perlhühner leichter eingewöhnen als irgend ein anderes Wildhuhn, werden aber nicht leicht und kaum jemals vollständig zahm, schreiten auch nur dann in der Gefangenschaft zur Fortpflanzung, wenn sie weiten Spielraum haben. Dagegen kann man gefangene bald so weit gewöhnen, daß sie in Haus und Hof umherlaufen, ohne ans Entweichen zu denken. Sie sind zänkisch, liegen mit Haus- und Truthühnern beständig im Streite, werden so bösartig, daß sie erwachsene Hähne und Kinder angreifen. Sie erfreuen durch ihre unermüdliche Beweglichkeit, ihr hübsches Gefieder und die sonderbaren Stellungen und Bewegungen, die sie beim Laufen einnehmen. Beim Brüten sind sie wenig eifrig und können keine Kälte ertragen.

Von Westafrika wurden sie im 18. Jahrhundert durch Negersklaven auf den Antillen eingeführt, wo sie sich vollkommen eingewöhnten und verwilderten. Dabei wurden sie hier kleiner und dunkler. Schon vor bald sieben Menschenaltern war es auf Jamaika häufig; jetzt ist es dort wie auch im östlichen Kuba so gemein, daß es unter Umständen zur Landplage wird. Schon im Altertum wurde es bei den Griechen und Römern als Haustier gehalten, verschwand aber nach dem Untergange des Römerreichs wieder aus Europa, um erst wieder im 15. Jahrhundert von den Portugiesen aus Angola hier eingeführt zu werden. Seither sind sie besonders in den Mittelmeerländern, wo es ihnen warm genug ist, so weit domestiziert worden, daß sie gleich dem Pfau begonnen haben, wenigstens in der Färbung abzuändern. Unter den gewöhnlichen Perlhühnern mit weißen Tupfen auf schiefergrauem Grunde kommen nämlich silber- und blaugraue und, wie bei den Pfauen, auch weiße Tiere vor. Wie bei den weißen Pfauen das Auge der zum Rad ausgebreiteten Schwanzfedern, so ist bei den weißen Perlhühnern die ursprüngliche Tüpfelung noch deutlich erkennbar.

Im Altertum scheint das Perlhuhn als Fetischtier von Nordafrika nach Griechenland gekommen zu sein. Nach dem Schüler des Aristoteles, Klytos von Milet, wurden auf der kleinen, von den Milesiern kolonisierten Insel Leros um den Tempel der Artemis heilige Perlhühner aus Afrika gehalten. Dabei wird nirgends gesagt, wie sie dahin gekommen und weshalb sie der jungfräulichen Göttin geweiht waren. Noch Älian behauptete, kein Raubvogel wage die lerischen heiligen Hühner anzugreifen. Auch auf der Akropolis scheinen nach Suidas Perlhühner gehalten worden zu sein. Zu den Römern kamen sie zur Zeit der punischen Kriege aus Numidien unter dem Namen numidische oder afrikanische Vögel. Noch zu Varros Zeit im letzten Jahrhundert v. Chr. waren sie in Italien sehr selten und teuer. Gleichwohl begann man schon damals diese kostbaren Tiere, eben weil sie eine Rarität waren, zu essen. Dieser Autor sagt nämlich: „Die afrikanischen Hühner, welche man meleagrides nennt, sind erst neulich für die Schmausereien der Leckermäuler in Gebrauch gekommen, aber noch teuer, weil selten.“ Der Spötter Martial macht sich in einem Epigramm darüber lustig, daß Hannibal, der Barbar, seinen Landsmann, den Vogel aus Numidien, nicht aß. Der verrückte Kaiser Caligula ließ sie sich opfern. Nach Pausanias wurden sie auch in Phokis bei Tithorea zweimal im Jahre im Tempel der Isis neben Gänsen geopfert.

Nachdem die Portugiesen die Perlhühner wieder in Europa eingeführt hatten, sah sie Volaterranus vor 1500 beim Kardinal San Clemente. Der Züricher Konrad Geßner bildete den Vogel in seinen Icones animalium 1563 zuerst ab und bemerkt dazu, es sei ein fremder wilder Hahn aus Afrika und der Berberei, den er von seinem Freunde Cajus, einem englischen Arzte, erhielt. In Frankreich war er damals schon öfter als poule de Guinée in den Hühnerhöfen zu sehen. Der Vogel ist so leicht zu halten, daß er auch in seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet vielfach gezähmt wird. So traf Staudinger am Niger solche, die durch ihre weiße Farbe verrieten, daß sie schon längere Zeit domestiziert waren. Da sie sich leicht versetzen lassen, sind sie im Laufe der Zeit auf eine Reihe von Inseln gekommen und dort verwildert, so auf den Kapverden, auf Ascension und St. Helena. Daß sie auch auf zahlreichen Inseln und Inselchen der Antillen verwilderten, wurde bereits mitgeteilt. Sie wurden in Amerika kleiner und erhielten schwarze Füße in Verbindung mit weißem Bauch, weißem Rücken und Flügelspitzen. Im milden England gelang es noch, sie verwildern zu lassen. Dies würde wohl auch in den milderen Gegenden Deutschlands möglich sein. Hier überall, wo es ihnen nicht zu kalt ist, eignen sie sich vortrefflich als Hausgeflügel. Sobald sie die ersten Tage hinter sich haben, sind sie gar nicht weichlich und auch im Futter durchaus nicht anspruchsvoll; dabei lassen sie sich leicht mästen, liefern ein gutes Fleisch und schmackhafte Eier.

Häufiger als das Perlhuhn wird der ~Pfau~ (Pavo cristatus) in unseren Hühnerhöfen angetroffen, wo er wegen seiner Schönheit auch mehr ein Luxus- denn ein Nutzvogel ist. Seine Heimat ist Ostindien und Ceylon. Dort bewohnt er lichte Waldungen mit Vorliebe bergiger Gegenden mit dichtem Unterwuchs; ebensogern hält er sich in Pflanzungen auf, die ihm Deckung gewähren und einzelne hohe, zur Nachtruhe geeignete Bäume haben. In vielen Gegenden Indiens gilt er wegen seines prächtigen Gefieders als heilig und unverletzlich und seine Tötung wird von den Eingeborenen als ein Verbrechen angesehen, das jeden, der sich solches zuschulden kommen läßt, gelegentlich in Lebensgefahr bringt. In der Nähe vieler Hindutempel pflegen sich zahlreiche Herden von halbwilden Pfauen aufzuhalten, deren Pflege mit zu den Obliegenheiten der Priester gehört. Dabei werden sie sich des ihnen hier gewährten Schutzes bald bewußt und zeigen, wenigstens dem Hindu gegenüber, kaum größere Scheu als diejenigen, die auf dem Hühnerhofe heranwuchsen.

Wo sie ungestört sind, halten sich die wilden Pfauen am Tage in Trupps von 30 bis 40 Stück meist auf dem Boden auf, um in den Vormittags- und Abendstunden zur Nahrungssuche auf die Waldblößen oder Felder herauszukommen. Verfolgt suchen sich die Tiere so lange als möglich laufend zu retten und, erst wenn sie einen gewissen Vorsprung erreicht haben, entschließen sie sich zum Fluge, der rauschend und schwerfällig vor sich geht. Sie bäumen dann so bald als möglich und verbergen sich mit ihrem grünen Gefieder im dichten Blättergewirr, wo sie sich wohlgeborgen wissen. Von Raubtieren scheuen sie besonders den Tiger, dessen Anschleichen sie weithin durch lautes Geschrei kundgeben. Sie fressen wie unsere Hühner sowohl tierische als pflanzliche Nahrung und brüten nach der Regenzeit im April, nachdem die Männchen ihr prächtiges Hochzeitskleid mit dem schillernden, beim Liebeswerben zur Schau ausgebreiteten Schweife erhalten haben. Ihrer Schönheit sich wohl bewußt, paradieren sie damit vor den Weibchen, um deren Gunst zu erlangen. Das meist auf einer erhöhten Stelle, einem Busche im Walde, errichtete Nest besteht aus dünnen Ästchen und trockenen Blättern und ist ebenso liederlich gebaut, als dasjenige anderer Hühnervögel. Das Gelege zählt 4 bis 15 Eier, die vom Weibchen mit großem Eifer ausgebrütet und nur im Notfalle verlassen werden. Das unscheinbare Jugendkleid, das die Jungen zu ihrem Schutze mit dem Weibchen teilen, legen die Männchen erst nach dem zweiten Lebensjahre ab, um im dritten ihre volle Schönheit zu erlangen und zur Paarung zu schreiten.

Auf seinem Eroberungszuge nach Indien erblickte Alexander der Große mit seinen Gefährten als erster Europäer den wilden Pfau in seiner Heimat am Indus. Er war von der Schönheit des ihm bis dahin unbekannten Vogels so entzückt, daß er nach dem Berichte des Älian jeden, der ihn zum Opfer schlachten wollte, mit den schwersten Strafen bedrohte. Er soll nach der Sage auch einige dieser Vögel auf dem Rückzuge aus Indien mit sich genommen haben. Sehr viel früher war er gelegentlich schon als seltener Ziervogel an einige vorderasiatische Höfe gelangt, so auch nach Jerusalem, wo ihn Salomo als wertvolles Prunkstück hielt. Heißt es doch 1. Könige 10, 22, daß diesem König in einem edomitischen Hafen am Nordende des Roten Meeres von phönikischen Seeleuten ausgerüstete und bemannte Schiffe nach dreijähriger Abwesenheit neben Gold, Silber, Elfenbein und Affen auch Pfauen aus Ophir brachten, das wir in Ostafrika zu suchen haben. Dorthin muß der schöne indische Vogel durch den Monsun zur Überfahrt benutzende indische Segler damals schon als Tauschware gebracht worden sein, da er daselbst nicht einheimisch ist. Er heißt im Hebräischen tukkijîm, was mit dem tamulischen togei zusammenhängen dürfte.

Aus dem semitischen Vorderasien, wo der Pfau als seltenes und durch die vielen Augen seines Schweifes mit den Sternen und den dort herrschend gedachten Überirdischen in Verbindung gebrachtes Fetischwesen in den Tempelhöfen der höchsten weiblichen Gottheit gehalten wurde, kam er dann durch die Vermittlung der Phönikier zu den Griechen als ta(v)ós, um später dann von ihnen als pavo an die Römer weitergegeben zu werden. Der erste Ort auf griechischem Boden, von dem wir wissen, daß dort Pfauen als heilige Tiere gehalten wurden, ist der Heratempel von Samos. Hera ist offenkundig die mit der phönikischen Astarte identifizierte Himmelsgöttin, deren Kult sich der merkwürdige Sternenvogel ganz natürlich anschloß. Ein sich von selbst ergebender Mythus war es denn auch, daß der allschauende Argos, der die Mondgöttin Jo zu bewachen hatte, nach seiner Tötung durch den Argeiphontes sich in den Pfau verwandelt haben soll. So stolz waren die Bewohner der Insel Samos auf die heiligen Pfauen in ihrem Heratempel, den Herodot für den größten aller griechischen Tempel seiner Zeit erklärte, daß sie das Tier auf ihre Münzen prägten. Zu des Polykrates Zeit, der von 535 bis 522 v. Chr. Tyrann von Samos war und einen Seestaat von ziemlich großer Ausdehnung gegründet hatte, war er aber noch nicht dort, sonst hätten die Hofdichter Ibykos und Anakreon ihn wohl einmal in ihren Gedichten genannt. Auch nach Athen würde der Ruf des Vogels und er selbst wohl früher gedrungen sein. Wir finden ihn nämlich erst nach der Mitte des fünften vorchristlichen Jahrhunderts in jener Stadt, und zwar als höchste Merkwürdigkeit und außerordentliche Seltenheit. Es war dies zur Zeit des Perikles, da Leute von weither kamen, um dieses Wunder zu sehen. Vielleicht haben die Athener bei der Unterwerfung der Insel Samos unter ihre Oberhoheit im Jahre 440 den schönen Vogel vom Heraion nach Athen entführt, obschon der Geschichtschreiber Thukydides nur von Auslieferung der Schiffe und Bezahlung der Kriegskosten spricht.

In einer seiner Schriften berichtet der Redner Antiphon von einem reichen Vogelzüchter in Athen namens Demos, Sohn des Pyrilampes, der Pfauen in seinem Hühnerhofe hielt. Von weither, vom Peloponnes und aus Thessalien, kamen die Leute, um diese Vögel zu bewundern und sich, wenn möglich, Eier von ihnen zu beschaffen. Jeden Monat einmal, am Tage des Neumondes, wurden alle zugelassen, an den andern Tagen dagegen niemand. „Und das“ -- setzt Antiphon hinzu -- „geht nun schon mehr als 30 Jahre so fort.“ Nach Plutarch soll schon der Vater Pyrilampes aus seiner Vogelzucht den Weibern, die sein Freund Perikles zu gewinnen wünschte, unbemerkt Pfauen zugewandt haben. Doch, meint Antiphon, es gehe nicht an, die Vögel in der Stadt zu verbreiten, weil sie dem Besitzer davonfliegen. Wollte sie aber jemand stutzen, so würde er ihnen alle Schönheit nehmen; denn diese besteht in den Federn und nicht im Körper. Daher seien sie so lange eine Seltenheit geblieben, daß man ein Paar derselben mit 10000 Drachmen (etwa 8000 Mark) bezahle. Bei so hohem dafür bezahlten Preise begreifen wir den Ausspruch des griechischen Dichters Anaxandrides der mittleren Komödie, daß es Wahnsinn sei, Pfauen im Hause aufzuziehen und Summen dafür aufzuwenden, die zum Ankaufe von Kunstwerken ausreichen würden. Erst im Laufe des vierten vorchristlichen Jahrhunderts wurden die Pfauen häufiger in Athen und deshalb weniger kostbar, so daß gegen das Ende desselben der Komödiendichter Antiphanes -- ohne Zweifel mit starker Übertreibung -- sagen konnte: „Sonst war es etwas Großes, auch nur ein paar Pfauen zu besitzen; jetzt aber sind sie häufiger als die Wachteln.“ Aristoteles schildert ihn als einen neidischen und eitlen Vogel, der gegen 25 Jahre lebe, aber seine schönen Federn erst im dritten Jahre bekomme, auch dann erst niste. Er brüte des Jahres nur einmal, und zwar 30 Tage oder etwas mehr. Er lege 12 oder etwas weniger Eier, und zwar in Zwischenräumen von zwei bis drei Tagen.

Als die Griechen in Begleitung Alexanders des Großen in das Innere Asiens vordrangen, scheinen sie, wie Diodor uns berichtet, in Babylonien zahlreichen Pfauen begegnet zu sein. Der Vogel war also hier schon gemein, so daß wir begreifen, wie ihn einzelne griechische Schriftsteller als „medischen Vogel“ bezeichnen konnten. Gewiß ist Victor Hehn im Unrecht, wenn er meint, der Pfau sei erst durch die Griechen über Westasien verbreitet worden, da die asiatischen Pfauennamen alle dem Griechischen entlehnt seien. Vielmehr ist, wie wir oben sahen, das Umgekehrte der Fall; die Griechen erhielten ihn aus Kleinasien über die Insel Samos, und aus den Städten Großgriechenlands lernten ihn dann die Römer kennen. Zu Ende der Republik war der Pfau den Römern kein allzuseltener Vogel mehr, denn Varro (116-27 v. Chr.) schreibt in seinem Buche über die Landwirtschaft: „Erst in unserer Zeit hat man angefangen, ganze Herden von Pfauen zu halten. So z. B. soll Marcus Aufidius Luco jährlich 60000 Sesterzien (= 9000 Mark) aus seiner Pfauenzucht lösen. Sieht man auf den Nutzen, so hält man mehr Weibchen, sieht man aber nur auf die Pracht, so hält man mehr Männchen. Auf der Insel Samos und auf Planasia (jetzt Pianosa an der Westküste Etruriens, südlich von Elba, damals Ilva genannt) soll es wilde Pfauen geben. Unter allen Vögeln gebührt dem Pfau der Preis der Schönheit. Sie fressen allerlei Getreide, besonders Gerste. Man läßt die Eier von Pfauenhennen oder von Haushühnern ausbrüten, hat auch für die Jungen eigene Pfauenhäuser, die in Verschläge geteilt sind, reinlich gehalten werden und vor sich einen sonnigen Platz haben, wo die Tierchen bei gutem Wetter gefüttert werden. Den ersten jungen Pfau hat Quintus Hortensius (ein ausgezeichneter Redner zu Varros Zeit) für die Tafel braten lassen, als er seinen Antrittsschmaus als Augur hielt. Darauf folgten viele seinem Beispiele und der Preis stieg dermaßen an, daß ein Pfauenei mit 5 Denaren (= 3 Mark) und ein Pfau selbst wohl mit 50 Denaren (= 30 Mark) bezahlt wird.“

Selbstverständlich mußte bei den Römern zu Ende der Republik und zur Kaiserzeit ein Tier wie der Pfau, das schon in Athen der Üppigkeit gedient hatte, in umso höherem Maße in Aufnahme kommen, als der römische Luxus und Reichtum den attischen hinter sich ließ. Obschon das Fleisch, wenigstens der älteren Pfauen, gerade kein Leckerbissen ist, so fand doch das gegebene Beispiel, schon weil die Sache teuer war, bei den Protzen allgemeine Nachahmung. Schon Cicero (106-43 v. Chr.) schreibt in einem Briefe: „Ich habe mir eine Kühnheit erlaubt und sogar dem Hirtius ein Diner gegeben, doch ohne Pfauenbraten.“ Und der Dichter Horaz spottet in einer seiner Satiren: „Wird ein Pfau aufgetragen und daneben ein Huhn, so greift alles nach dem Pfau. Und warum das? Weil der seltene Vogel Goldes wert ist und ein prächtiges Gefieder ausbreitet, als wenn dadurch dem Geschmack geholfen wäre.“ In der Kaiserzeit wird wohl kein größeres Prunkmahl ohne Pfauenbraten abgehalten worden sein. Ja, wer es ganz üppig geben wollte, der gab nur Gehirn von Pfauen. So berichtet Sueton von Vitellius als er 69 n. Chr., zum Kaiser ausgerufen, in Rom einzog: „Beim Ankunftsschmause, der dem Kaiser Vitellius von seinem Bruder gegeben wurde, betrug die Zahl der aufgetragenen ausgesuchten Fische 2000, die der Vögel 7000. Einen noch größeren Schmaus gab er selbst, als er eine ungeheuer große Schüssel einweihte, die er den „Schild der Minerva“ nannte. Sie war bedeckt von untereinander gemischten Lebern von Papageifischen, Gehirn von Fasanen und Pfauen, Zungen von Flamingos, Milch von Muränen; das alles hatten Kriegsschiffe vom östlichen und westlichen Ende des Mittelmeeres zusammenbringen müssen.“

Diesen übertrumpften noch die späteren Kaiser. So meldet der Geschichtschreiber Älius Lampridius vom üppigen Kaiser Heliogabalus: „Kaiser Heliogabalus ließ öfter ein Gericht auftragen, das aus Kamelfersen, aus Kämmen, die lebendigen Hähnen abgeschnitten waren, aus Zungen von Pfauen und Nachtigallen bestand. Er gab auch seinen Palastdienern ungeheuere Schmausereien, wobei die Eingeweide des Rotbartfisches, Gehirn von Flamingos, Rebhuhneier, Köpfe von Papageien, Fasanen und Pfauen die Hauptrolle spielten. Seine Hunde fütterte er mit Gänselebern.“ Außer zum Essen dienten die Pfauen auch als Schmuck der Gärten der Vornehmen und ihre Federn zu Fliegenwedeln. So spricht der Dichter Martial vom muscarium pavonium, und der Geschichtschreiber Dio Cassius berichtet: „Als Severus Kaiser geworden war (im Jahre 193), hielt er für seinen ermordeten Vorgänger Pertinax mit großem Gepränge ein Totenamt. Dessen aus Wachs angefertigtes Bild lag auf einem prachtvollen, mit Purpur und Goldstickerei bedeckten Paradebett und neben ihm stand ein Knabe, der die Fliegen, als ob der Verewigte ruhte, mit einem Wedel aus Pfauenfedern abwehrte.“

Bei solcher Wertschätzung des Pfaues ist es kein Wunder, daß er zur römischen Kaiserzeit in größerer Menge besonders auf Inseln, auf denen er sich frei bewegen konnte, gezüchtet wurde. Die Vorteile solcher von Wasser umgebener Pfaueninseln setzt Columella folgendermaßen auseinander: „Auf kleinen, waldigen Inseln sind die Pfauen leicht zu ziehen; sie fliegen von da nicht weg, weil sie überhaupt nicht weit fliegen. Sie sind da vor Dieben und Raubtieren sicher, man kann sie frei herumgehen und selbst brüten lassen, wobei sie sich auch das meiste Futter selbst suchen und nur täglich einmal zu bestimmter Zeit gerufen und mit etwas Gerste gefüttert werden. Auf dem festen Lande umgibt man eigene, mit Wald bestandene Grasplätze für sie mit Mauern und Ställen und rechnet auf je fünf Weibchen ein Männchen. Die Eier legt man hier gewöhnlich Haushühnern unter, und die Pfauhenne kann, wenn sie nicht selbst brütet, jährlich 11 bis 12 Eier legen. Geht das brütende Haushuhn vom Neste, so wendet man die Eier, weil das Huhn sie wegen ihrer Größe nicht gut selbst wenden kann. Um das Wenden zu überwachen, bezeichnet man die Eier auf einer Seite mit Tinte; denn es kommt auch vor, daß ein Haushuhn sie selbst wendet.“ Dann gibt es genaue Anweisung über die Aufzucht und Fütterung der Pfauen.

Die Römer brachten den Pfau in die Länder nördlich der Alpen, wo wir Darstellungen von ihm, beispielsweise auf Lampen der römisch-helvetischen Ansiedelung von Vindonissa, antreffen. Aus dem lateinischen pavo wurde das französische paon und das deutsche Pfau. Doch wird seine Zucht erst im Mittelalter von Italien her nach Deutschland gedrungen sein. Hier diente er ebenfalls als Prunkvogel, und mit seinen schönen Federn zierten sich Ritter und vornehme Frauen, indem sie dieselben auf ihren Kopfbedeckungen und als Garnituren um den Hals anbrachten. Auch noch im Mittelalter pflegte man bei feierlichen Essen einen gebratenen Pfau im Schmuck seines nachträglich wieder auf ihn gesteckten Gefieders auf den Tisch zu bringen. Gewöhnlich trug ihn die Dame des Hauses selbst unter Trompetenschall auf silberner oder vergoldeter Schüssel und der Herr zerlegte ihn, wie dies im Lanzelot König Artus seinen um die Tafel versammelten Rittern tut. Erst zur Zeit der Renaissance kam dieser Gebrauch allmählich ab, und später wurde der Pfau durch den Truthahn verdrängt, der ein schmackhafteres Fleisch besitzt. Daß das Pfauenfleisch bereits in der späteren Römerzeit von seinem Nimbus eingebüßt hatte, beweist die Behauptung des heiligen Augustinus, daß es kaum verweslich sei. Er erzählt, er habe selbst einen Versuch damit angestellt und nach 30 Tagen sei das Fleisch noch unverwest gewesen, ja es sei ein Jahr lang so aufbewahrt worden. Im 11. Jahrhundert meint dann die heilige Hildegard, Äbtissin vom Kloster Rupertsberg bei Bingen, wer einen gesunden Magen habe, der könne solches am Ende schon verdauen.

Heute wird der Pfau noch immer in herrschaftlichen Gärten als Ziervogel gehalten; doch tritt seine geringe Fruchtbarkeit seiner Ausbreitung hindernd in den Weg. Als Folge der Haustierhaltung hat sich auch bei ihm der Leucismus geltend gemacht; doch gibt es außer weißen auch dunklere Pfauenarten. Da er sehr selbständig ist, verwildert er leicht. So ist er namentlich auf Inseln, speziell in Westindien, verwildert. Dapper sagt in seiner 1671 in Amsterdam erschienenen Beschreibung Afrikas, daß die Könige von Kongo und Angola die Pfauen als Regal betrachteten und jeden, der auch nur eine Feder von ihnen stahl, mit dem Tode bestraften oder als Sklaven verkauften. Eine ähnliche Wertschätzung erfuhr der Vogel bei den Süd- und Ostasiaten. So ist der Thron des persischen Schahs wie derjenige des Kaisers von China über und über mit Pfauenfedern verziert. Mandarinen tragen am Knopfe ihrer Kopfbedeckung die Pfauenfeder als eine der höchsten Auszeichnungen, und in Kambodja bezeichnet die Pfauenfeder den Edelmann. Auch in der Kunst der Orientalen spielt die Pfauenfeder eine wichtige Rolle und hat vielfach in der Ornamentik Eingang gefunden, wie übrigens auch bei uns. In unsern Herrschaftsgärten trifft man heute den schönen, aber mit einer häßlichen Stimme begabten Vogel nur selten an; denn er ist gegenwärtig etwas aus der Mode gekommen.

Lange nicht so herrlich gefiedert, aber nützlicher als der Pfau ist der ihm sehr nahe verwandte ~Fasan~ (Phasianus colchicus), im Gegensatz zu den verschiedenen andern asiatischen Arten auch ~Edelfasan~ genannt. Er hat seinen Namen von der griechischen Bezeichnung phasianós, d. h. Vogel vom sagenberühmten Flusse Phasis in Kolchis, dem Lande der zauberkundigen Medeia, in welchem die Helden der Vorzeit unter Anführung des Jason auf dem schnellen Schiffe Argo das goldene Vließ holten. Von dort her erhielten ihn die Griechen, um ihn später unter demselben Namen an die Römer weiterzugeben. In Griechenland tritt er uns in einer Komödie des Aristophanes ums Jahr 420 v. Chr. zum erstenmal als kostbarer Luxusvogel entgegen, hat aber in der Folge bei ihnen als Nutztier keine bedeutende Rolle gespielt. Eine wichtigere Rolle spielte er bei den alten Römern, bei denen er nach Plinius in Gehegen in großer Zahl gezogen wurde, um bei den prunkvollen Gastmählern als kostbarer Leckerbissen zu dienen. Dazu mästete man ihn nach Palladius 30 Tage lang mit einem mit Öl angefeuchteten Brei aus Weizen- oder Gerstenmehl und sperrte ihn während dieser Zeit ein, damit er durch geringe Bewegungsmöglichkeit recht viel Fett ansetze.

Schon damals wurden die Fasaneneier mit Vorliebe von Haushühnern ausgebrütet, wie dies heute noch bei uns geschieht. Der Satiriker Martial erwähnt den Fasan als Leckerbissen der Vornehmen, und Älius Lampridius sagt in seiner Biographie des Kaisers Heliogabalus, dieser habe an jedem Tage eine bestimmte Speise genossen, so einmal nur Fasanen oder junge Hähne, oder nur eine Fischart, oder nur Schweine- oder Straußenbraten, oder nur eine Obstart oder eine Kuchensorte oder nur Milchspeisen. Zur Zeit der Völkerwanderung erhielt sich der geschätzte Vogel in den Villen der Römer, wo ihn die Germanen kennen lernten. In der Folge wurde er von manchen Fürsten, so von Karl dem Großen, dann auch von einigen der reicheren Klöster als Luxusvogel übernommen. So kam er nach den Benediktionen des Mönches Ekkehard bisweilen auf die Tafel der St. Galler Mönche. Im Jahre 1130 sollen ihn die Cluniacenser in Frankreich gehalten haben; 1299 wird er in England erwähnt. 1333 gab es Gehege von ihm in Hessen und anderwärts in Süddeutschland; doch war er damals noch recht selten. Erst von der Mitte des 16. Jahrhunderts an erlaubte die zunehmende Territorialhoheit den Fürsten, die Fasanen im freien Walde so zu schützen, daß man sie aus den Gehegen entlassen konnte. Mit dem zunehmenden Prunke der Fürstenhöfe wurde dieser Vogel immer häufiger gehalten, bis zur Zeit Ludwigs XIV. jeder kleine Hof seine Fasanerie haben zu müssen glaubte. Hatte der Sonnenkönig die kleine Insel Pourquerolles an der Küste der Provence zum Fasanengehege bestimmt, so machte der 1759 auf den spanischen Thron erhobene König Karl II. von Neapel aus der ganzen Insel Procida einen Fasanenbezirk, in welchem die Haltung von Katzen strengstens verboten war. Erst als sich daraufhin die Mäuse und Ratten so sehr vermehrten, daß die Kinder in der Wiege vor ihnen nicht mehr sicher waren, hob der König dieses Verbot wieder auf. Sein Nachfolger, Ferdinand IV. (1758-1832), erging sich gern auf der Fasanenjagd. Er war ein so ausgezeichneter Schütze, daß er auch ohne Repetiergewehr in einer Stunde bis 300 Fasanen erlegt haben soll.

Während der Fasan in Süddeutschland und Österreich in der Folge vollkommen verwilderte, wird er in Norddeutschland halbzahm in Gehegen gehalten. Auch in Südrußland lebt er häufig wild, schon seltener dagegen in Italien und sehr selten in Spanien; auch in Griechenland, wo er früher gemein war, geht er seiner Ausrottung entgegen. Seine ursprüngliche Heimat waren die Küstenländer des Kaspischen Meeres und Westasien, während der ~Königs-~ und ~Goldfasan~ in China und der der Lady Amherst, die ihn zuerst nach Europa brachte, zu Ehren benannte ~Amherstfasan~ in der Mongolei und in Transbaikalien beheimatet ist. In Südchina und dem Hochlande von Tibet ist der ~Diamantfasan~ zu Hause, ebenso in Südchina der ~Silberfasan~, der im 17. Jahrhundert zum erstenmal lebend nach Europa gelangte. Wie der Goldfasan, der Kinki, d. h. das Goldhuhn der Chinesen, wird auch der Silberfasan sehr häufig in China und Japan zahm gehalten. Auch bei uns gedeihen beide bei einfacher Pflege ausgezeichnet, sind aber wegen ihrer auffallenden Färbung wenig dazu geeignet, in unsern Waldungen ausgesetzt zu werden, da die bunte Tracht der Männchen sie dem Raubzeuge mehr aussetzt, als das weit bescheidenere Kleid des westasiatischen Edelfasans.

Alle Fasanen meiden geschlossenen Hochwald und bevorzugen von Fruchtfeldern oder Wiesen umgebene Haine oder Buschwerk, in welchem sie Schutz finden können. Während des ganzen Tages treiben sie sich auf dem Boden umher, schleichen nahrungsuchend von einem Busch zum andern und suchen sich erst mit Einbruch der Nacht einen geeigneten Baum zum Schlafen auf. Ihre Intelligenz ist eine geringe und sie sind leicht aus der Fassung zu bringen, so daß sie häufig ihrer Dummheit zum Opfer fallen. Diese ihre geistige Beschränktheit tut ihrer Vermehrung und Ausbreitung erheblichen Abbruch. Gegen Artgenossen zeigen sie sich wenig liebenswürdig; sie sind vielmehr ungesellig und unverträglich. Zwei Hähne kämpfen, sowie sie zusammenkommen, mit Erbitterung, bis die Federn davonfliegen und Blut fließt; ja der eine bringt den andern um, wenn er dazu imstande ist.

Die Ende März einsetzende Paarungszeit macht den sonst schweigsamen Vogel ein häßliches Gekrähe ausstoßen, mit dem er laut etwaige Nebenbuhler herausfordert. Nach der Paarung sucht sich die Henne ein stilles Plätzchen unter dichtem Gebüsch auf, wo sie in eine mit dürren Blättern belegte, von ihr ausgekratzte seichte Vertiefung im Boden in Zwischenräumen von je zwei Tagen ihre 8-12 gelblich-graugrünen Eier legt und nach Vollendung des Geleges eifrig bebrütet. Sie sitzt so fest, daß sie den gefährlichsten Feind sehr nahe kommen läßt, bis sie sich zum Davonlaufen entschließt, nachdem sie das Gelege leicht mit Niststoffen bedeckt hat, um es unkenntlich zu machen. Nach 25-26 Tagen schlüpfen die Jungen aus, die bald von der Mutter zur Äsung vom Neste weggeführt werden und schon nach 12 Tagen so weit sind, daß sie ein wenig flattern können. Wenn sie dann Wachtelgröße erreicht haben, bäumen sie abends regelmäßig mit den Alten. Bis in den Herbst hinein halten sich die Jungen bei der Mutter auf, dann trennen sich zuerst die Hähne und gegen das Frühjahr hin auch die Hennen, die nunmehr fortpflanzungsfähig geworden sind, von ihr. Sie haben viele Feinde und unterliegen bei uns weit eher als alle ihre Verwandten Witterungseinflüssen. Die Fasanen lassen sich leicht untereinander und mit dem ihnen nahe verwandten Haushuhn kreuzen. Somit haben wir die Aussicht, durch kunstgemäße Bastardierung und Fortzucht der Bastarde noch eine ganze Reihe schöner Schmuckvögel aus dem Geschlecht der Fasanen zu erhalten, die dazu berufen sind, einmal unsere von Wildhühnern verödeten Landschaften zu beleben und den Augen erfreuliche Bilder zu spenden. Während der gemeine Fasan sich schon seit dem 14. Jahrhundert von den Rheinniederungen aus als Jagdwild über Süd- und Mitteldeutschland verbreitete, aber erst spät nach Norden gelangte -- er wird in Preußen erst 1678 als Jagdwild erwähnt --, bürgerte sich der schöne Königsfasan erst neuerdings auf den Donauinseln bei Wien und in Frankreich ein.

Der prächtige Goldfasan ist vermutlich der sagenhafte Vogel ~Phoinix~ der alten Griechen; wenigstens paßt die zuerst von Herodot gegebene Beschreibung desselben am besten auf diesen Vogel, der wohl schon im frühen Altertum in einzelnen Exemplaren aus Ostasien durch Vermittlung indischer Schiffer an die Küsten des Roten Meeres und zu den Ägyptern gelangte. Nach Oppian sollte er in Indien leben und nie von Menschen verfolgt werden. Er lebe sehr lange, fühle er sich aber altersschwach, so baue er sich auf einer Felsenspitze aus dürrem Reisig einen Scheiterhaufen und lege sich darauf. Von der Sonne entzündet, verbrenne dann der Scheiterhaufen samt dem Vogel und statt des toten steige ein junger Phönix aus den Flammen hervor. Nach dem älteren Plinius soll der in Arabien lebende Phönix die Größe eines Adlers erreichen, am Halse mit Goldfarbe glänzen, übrigens purpurfarbig sein und im Schwanze himmelblaue und rosenrote Federn haben; sein Kopf soll oben mit einem Federbusch, unten mit Kammlappen geziert sein. Unter den Römern sei der Gelehrte Senator Manilius der erste gewesen, der genauere Nachrichten über diesen Vogel gab. Zur Zeit des Kaisers Claudius im Jahre 34 n. Chr. sei einer nach Rom gebracht und öffentlich dem Volke gezeigt worden; doch galt er nicht für echt, da er Gerste, Weizen und Brot fraß und eines gewöhnlichen Todes starb, ohne vorher sein berühmtes Nest gebaut zu haben. Der römische Geschichtschreiber Tacitus meldet, daß vor diesem einer zur Zeit des Sesostris (Senwosret III., 1887-1849 v. Chr., der das nördliche Nubien unterwarf und für sich die Stufenpyramide von Dahschûr erbaute), ein anderer zur Zeit des Amasis (Ahmose, 570 bis 526 v. Chr.), ein dritter zur Zeit des Ptolemäus III. (Euergetes, 247 bis 221 v. Chr.) nach der Sonnenstadt Heliopolis in Ägypten geflogen und jeweilen von einer Menge neugieriger Vögel begleitet und bewundert worden sei. Jedenfalls sei es eine ausgemachte Sache, daß dieser Vogel sich bisweilen in Ägypten sehen lasse. Später schrieb dann der im 4. Jahrhundert n. Chr. lebende Lactantius ein eigenes Gedicht über den Phönix, dessen Gestalt zwischen Pfau und gemeinem Fasan in der Mitte stehe und dessen Gang leicht, rasch und voll königlichen Anstandes sei.

Unbekannt war den Alten selbstverständlich das erst nach der Entdeckung Amerikas durch spanische Vermittlung nach Europa gelangte ~Truthuhn~ oder der ~Puter~ (Meleagris gallopavo). Neben dem Kakao und der Cochenille verdanken wir den alten Mexikanern die Zähmung des dort und im Süden der Vereinigten Staaten einheimischen Truthuhns, das bei ihnen und den weiter südlich wohnenden Mayastämmen neben dem zahmen Hund die Hauptquelle für Fleischnahrung bildete. Das Truthuhn lebt heute noch, soweit es nicht in dichter besiedelten Gegenden ausgerottet wurde, in den Wäldern des südlichen Nordamerika. Einst war es besonders in den Staaten Ohio, Kentucky, Illinois, Arkansas und Alabama sehr häufig. Die beste Schilderung des freilebenden Tieres verdanken wir dem nordamerikanischen Ornithologen John James Audubon (1780-1851). Dieser schreibt von ihm, daß es zeitweilig in großen Gesellschaften lebe und unregelmäßige Wanderungen antrete, indem es tagsüber nahrungsuchend auf dem Boden fortlaufe, nachts aber auf hohen Bäumen raste. Gegen den Oktober hin, wenn noch wenige von den Baumsamen hinabgefallen seien, reisten die Truthühner dem Tieflande des Ohio und Mississippi zu, wo sie mehr Äsung fänden. In nahrungsreichen Gegenden pflegten sie sich in kleinere Gesellschaften zu zerteilen. Wenn sie sich, von der Wanderung ermattet, Bauernfarmen näherten, mischten sie sich gern unter den Hühnerstand. Im Frühjahre fände die Paarung statt, wobei die Männchen die uns allen bekannten Werbungstänze, von den schnell aufeinanderfolgenden rollenden Tönen begleitet, aufführten. Das Nest bestehe aus einer seichten, liederlich mit Federn ausgekleideten Vertiefung im Boden; das Gelege bestehe aus 15-20 auf dunkelrauchgelbem Grunde rotpunktierten Eiern, die von der Henne mit Ausdauer bebrütet würden. Falls diese das Nest verlasse, decke sie die Eier sorgsam mit trockenen Blättern zu, so daß es schwer sei, überhaupt ein Nest aufzufinden, wenn man nicht gerade die brütende Mutter davon aufscheuche. Zuweilen geschehe es, daß mehrere Hennen in ein gemeinsames Nest legten und es zusammen bebrüteten. Die Jungen seien schon nach 14 Tagen befähigt, mit den Alten abends aufzubäumen.

Der Truthahn wird besonders gern während der Balz, die er zuweilen auf Bäumen abhält, erlegt. Häufig werden die dummen Tiere in Fallen gefangen, in die man Mais als Lockspeise gestreut hat. Ihr Fleisch ist in ihrer Heimat sehr beliebt. Der erste Europäer, der das Truthuhn erwähnt, ist der Spanier Oviedo, der in seiner Geschichte Indiens schreibt: „In Neuspanien gibt es sehr große und schmackhafte Pfauen, von welchen viele nach den Inseln und die Provinz Castilia de Oro geschafft worden sind und daselbst in den Häusern der Christen ernährt werden. Die Hennen sehen unansehnlich aus, die Hähne aber sind schön, schlagen auch oft ein Rad, obgleich sie keinen so großen Schweif haben als die Pfauen in Spanien.“ Um 1523 soll der Erzbischof von San Domingo, Alessandro Geraldini, das erste Paar Truthühner nach Rom gesandt haben. Als „indische Hühner“ haben sie sich in der Folge langsam verbreitet, waren aber 1557 noch so selten und kostbar, daß der Rat von Venedig bestimmte, auf welche Tafel sie kommen dürften und auf welche nicht. 1571 wurden sie nach Konrad von Heresbach in ziemlicher Zahl am Niederrhein gezogen. Schon 1560 hatte man bei einer großen Hochzeit zu Arnstadt 150 Stück; 1561 bezahlten die reichen Fugger in Augsburg zwei erwachsene Truthähne mit 3½ Gulden und zwei junge Hähne mit 2 Gulden per Stück.

Nach England sollen die ersten Truthühner 1524, nach Deutschland 1534 gekommen sein. Gleichzeitig gelangten sie auch nach Frankreich. Nach Pennant soll 1585 der Truthahn urkundlich zuerst auf einem englischen Weihnachtstisch erschienen sein. In der Folge gewann er hier als beliebtester Weihnachtsbraten eine große Bedeutung. Merkwürdigerweise gab man ihm hier den Namen turkey im Sinne von „weither gebrachtes Huhn“. Die Türken selbst, die das Truthuhn verhältnismäßig früh erhielten, nannten es „Frankenhuhn“, weil sie es von den Franken, den Christen Europas, erhielten. Im Jahre 1625 wollte es in Kairo noch nicht gedeihen; jetzt hat es dort die Gans als Festbraten verdrängt. Es heißt hier Maltahuhn. Nach Persien brachte es der französische Reisende Tavernier. In Indien gedeiht es nicht recht und bleibt klein, ebenso auf Malakka und Java, wo es sich manchmal überhaupt nicht fortpflanzt. Um 1870 waren sie in Annam neu eingeführt. In China werden sie nur als Rarität gehalten und nicht benutzt. An der Küste von Oberguinea traf sie Bosmann 1705 auf den Gehöften der Europäer, doch sind sie nicht in den Besitzstand der Neger übergegangen. Die Indianer des nördlichen Südamerika dagegen hatten von den mittelamerikanischen Kulturvölkern, speziell dem Stamme der Mayas, das Truthuhn übernommen; so traf es 1860 der englische Naturforscher Bates im Besitze der Indianer am Amazonenstrom. Schon seit langer Zeit hatten diese allerlei einheimische Waldhühner, so den ~Hokko~ und die ~Penelope~, in ihren Hütten gezähmt gehalten. Doch geschah dies nur zum Vergnügen, ohne irgend welchen Nutzen aus ihren Pfleglingen zu ziehen. Aber zur Fortpflanzung in der Gefangenschaft und zur eigentlichen Haustierschaft gelangten sie nie. Man kann daraus schließen, daß es keineswegs leicht ist, aus einem ohne Schwierigkeit zähmbaren und vielgehaltenen Tier ein Haustier zu machen.

Die in der Kultur hoch gestiegenen Azteken Mexikos und Mayastämme Yucatans hatten das Truthuhn jedenfalls schon lange vor der Einwanderung der Europäer gezähmt. Dies beweist, daß die ersten Spanier in deren Besitz schon durch fortgesetzte Inzucht zu Leucismus gelangte weiße Truthühner antrafen. Die europäischen Ansiedler Nordamerikas, die jedenfalls ihre Truthühner aus ihrer alten Heimat, besonders England, mitgebracht hatten, legten ihren Truthennen mit Vorliebe die Eier der wilden unter, um dann mit den Jungen der wilden Zucht das Blut ihrer zahmen aufzufrischen. Überhaupt scheint das Truthuhn verhältnismäßig leicht zähmbar zu sein und auch leicht zu verwildern. So ist es im vergangenen Jahrhundert mehrfach in englischen Parks verwildert, ebenso in Deutschland. Darwin fand nahezu verwilderte Truthühner am Parana in Südamerika. Vielleicht hat sich das Truthuhn mit dem Pfau, nicht aber mit dem Haushuhn gekreuzt, wie einzelne Berichte melden. Neuerdings sucht man es als Jagdvogel bei uns einzuführen, was wohl keine Schwierigkeiten haben wird, da es sich leicht akklimatisiert.

XVI. Gans, Ente und Schwan.

Die in den Haustierstand übergetretenen Schwimmvögel gehören alle der Familie der Zahnschnäbler oder Entenvögel an, die ebenso wie die bereits besprochenen Hühnervögel vielfach erhebliche Unterschiede in der Färbung des Gefieders beider Geschlechter erkennen lassen, besonders was die Wildenten betrifft. Ihre geistige Begabung wird vielfach zu niedrig angeschlagen, so daß die Bezeichnung „dumme Gans“ geradezu sprichwörtlich geworden ist. Jedenfalls ist sie durchschnittlich höher als bei den übrigen Schwimmvögeln. Nur die gezähmten Vertreter derselben haben durch jahrhundertlange Bevormundung durch den Menschen von der Intelligenz ihrer freien Ahnen erheblich eingebüßt. Allen Mitgliedern der Sippe ist große Geselligkeit und eine ausgesprochene Fürsorge für die Brut eigen. Soweit sie sich dem Menschen anschlossen, verlangen sie auch im Haustierstande die Nähe von Teichen oder langsam fließenden Wasserläufen, um sich darauf zu tummeln, zu baden und nach allerlei kleinem Getier und pflanzlichen Stoffen zu gründeln.

Von ihnen trat die Wildgans als die verhältnismäßig am leichtesten zähmbare zuerst in die Abhängigkeit des Menschen, und zwar begegnen wir ihr im wasserreichen Ägypten zuerst als Haustier. Dort hatte man schon sehr früh außer der Gans auch Reiher und Kraniche eingefangen und nach Stutzung der Flügel eingehegt in kleinen, von Hirten getriebenen Herden gehalten. Dann haben auch die Griechen und Römer der späteren Zeit nicht nur ~Kraniche~ gefangen, um sie als geschätzten Braten zu essen, sondern auch zuvor in besonderen Gehegen gemästet. So klagt Plutarch über die Grausamkeit mancher Leute, die den zum Mästen eingesperrten Kranichen und Schwänen die Augenlider zusammennähen. Schon Platon erwähnt Anstalten zum Füttern von Gänsen und Kranichen. Später berichtet der Römer Varro zu Ende der Republik, daß Sejus eine Villa besitze, auf der große Herden von Gänsen, Hühnern, Tauben, Kranichen, Pfauen, Siebenschläfern, Fischen, Wildschweinen und anderem Wild gehalten würden, wodurch er ein jährliches Einkommen von 50000 Sesterzien (= 7500 Mark) erziele. Noch lange erhielt sich in Italien die Vorliebe für Kranichbraten, zu dessen kunstgerechter Zubereitung der Feinschmecker Apicius die nötige Anweisung gab. ~Reiher~ wurden von den Römern der Kaiserzeit kaum gegessen, wohl aber ~Störche~. So sagt Horaz in einer seiner Satiren, der Storch sei in seinem Neste sicher gewesen, bis man durch einen gewesenen Prätor erfuhr, daß er vortrefflich schmeckt. Nach Porphyrio war es Asinius Sempronius Rufus, der die Sitte einführte, junge Störche zu essen. Auch ~Flamingos~ waren bei den römischen Feinschmeckern beliebt. So berichtet Plinius, der Erzschwelger Apicius habe die Römer darauf aufmerksam gemacht, daß die dicke Zunge des Flamingo vortrefflich schmeckt. Martialis erwähnt sie als Leckerbissen für Leckermäuler, und Suetonius berichtet: „Kaiser Vitellius war im Essen ganz unmäßig und ließ, nebst anderen Leckerbissen, auch Flamingozungen auftischen.“ Nach Älius Lampridius ließ der schwelgerische Kaiser Heliogabalus bei seinen großen Schmausereien auch Gehirn von Flamingos auftragen.

Alle diese Wasservögel sind aber nie gezüchtet oder gar zu Haustieren erhoben worden. Nur die Gans wurde es, und zwar waren nach den auf uns gekommenen Darstellungen an den Wänden der altägyptischen Gräber diese Gänse im Alten Reich viel schlanker und zierlicher als die plumpen Gestalten unserer hochgezüchteten jetzigen Gänse. In einem altägyptischen Gau war der Erdgott Keb mit der ihm heiligen Gans über dem Kopfe dargestellt und wurde „der große Gackerer“ genannt. Den alten Ägyptern war das Gänseei das Symbol des Welteies, aus dem die ganze Schöpfung hervorgegangen sein sollte. Die Eier des von ihnen gezähmten Tieres aßen sie wohl deshalb nicht, doch spielte der Braten von erlegten wilden, wie auch später von zahmen Gänsen eine bedeutende Rolle im Leben der Ägypter; denn unter den Opferspeisen, die den vornehmen Toten dargebracht wurden, steht solcher mit an erster Stelle.

Die Stammform dieser altägyptischen Gans war nun nicht diejenige unserer europäischen Gänse, von der alsbald die Rede sein wird, sondern die die afrikanischen Gewässer bewohnende, durch ihre auffallend schöne Zeichnung ausgezeichnete ~Nilgans~ (Chenalopex aegyptiacus). Sie besucht von Afrika und Syrien aus ziemlich regelmäßig Südeuropa, aber nur ausnahmsweise Deutschland. Sie vertritt die Gattung der Baumgänse und kennzeichnet sich durch ihre schlanke Gestalt, den dünnen Hals, großen Kopf, kurzen Schnabel, die hohen Füße, die breiten Flügel und das prachtvolle Gefieder. Kopfseiten und Vorderhals sind gelblichweiß und fein gesprenkelt; ein Fleck um das Auge, der Hinterhals und ein breiter Gürtel am Mittelhals sind rostbraun, das Gefieder der Oberseite grau und schwarz, das der Unterseite fahlgelb, weiß und schwarz quergewellt, die Mitte der Brust und des Bauches lichter, erstere durch einen großen, rundlichen, zimtbraunen Flecken geschmückt, die Steißfedern schön rostgelb, die Flügeldecken weiß, gegen die Spitze zu schwarz, prachtvoll metallisch schimmernd, die Schwingenspitzen und Steuerfedern glänzend schwarz.

Der schöne Vogel bewohnt ganz Afrika, besonders soweit es mit einem Waldsaum eingefaßte Ströme besitzt, da er am liebsten im Walde und auf Bäumen nistet. Im nördlichen Nilgebiet bilden Inseln und Sandbänke im Strom seinen bevorzugten Aufenthalt. Von ihnen aus fliegt er dann auf die Felder hinaus, um daselbst zu äsen. Er ist überaus vorsichtig, scheu und mißtrauisch, daneben aber auch streitsüchtig mit Geschlechtsgenossen.

Die Zähmung der einheimischen Nilgans wurde schon sehr früh von den alten Ägyptern bewerkstelligt, so daß sie zweifellos als der älteste im Niltal domestizierte Vogel anzusehen ist. Schon auf den Grabgemälden des Alten Reiches (2980-2475 v. Chr.) sehen wir Bäuerinnen Gänse dieser Art auf den Markt oder in den Tempel zum Opfer bringen. Auf anderen sehen wir, wie Nilgänse gestopft werden, um sie fett zu machen, oder wie an einem Bratspieß in glühender Asche Gänsebraten kunstgerecht hergestellt wird. Erst im Neuen Reich (1580-1205 v. Chr.) wird dazu ein über dem Feuer stehender Metallkessel verwendet, wobei der Küchenjunge zum Umwenden des Bratens sich einer großen zweizinkigen Gabel bedient. Wir sehen auch Geflügelhändler sie gerupft in ihrem Laden feilbieten, dessen Wand eine ganze Reihe dieser gemästeten Vögel birgt, die fein säuberlich ausgenommen waren und durch ihre appetitliche Auslage zum Kaufen einluden.

Wie hoch die Zucht der Nilgans im Neuen Reiche Ägyptens entwickelt war, zeigt uns ein im Britischen Museum in London aufbewahrtes Gräberbild aus Theben, auf dem ganze Herden von Gänsen und ganze Körbe voll geschlachteter Leiber derselben einem hohen Beamten vorgeführt werden. Dabei werden die sich herandrängenden Gänsehirten von den Aufsehern zur Ruhe gewiesen. Auf diesem, wie auf den anderen altägyptischen Bildern, ist die Darstellung der Nilgans ungemein naturgetreu. Merkwürdigerweise ist diese Zucht, die über 2000 Jahre hindurch von der größten wirtschaftlichen Bedeutung für Ägypten war, späterhin spurlos verschwunden. Weder im Niltal noch sonstwo in Afrika läßt sich irgend welche Spur der Erhaltung dieser einstigen Gänsezucht nachweisen. In Europa wurde sie gelegentlich wieder aufzunehmen versucht; doch wurde die Nilgans nicht mehr in den Haustierstand erhoben, sondern sie wird nur gelegentlich als Ziervogel gehalten. Nach J. Geoffroy St. Hilaire ist 1839 in Frankreich die Aufzucht dieses Tieres mit gutem Erfolg gelungen. Die gezüchteten Exemplare nahmen nach und nach an Größe zu und die Befiederung wurde etwas heller. Gleichzeitig gelang es von 1844 an, die Brutzeit zweckmäßig zu verschieben, indem die Eiablage vom Ende Dezember oder Anfang Januar bis 1846 in den März und später in den April hinausgeschoben wurde. Leider wurde dieser vielversprechende Versuch nicht weitergeführt und die Zucht der Nilgans aufgegeben, bevor sie wiederum zum wirklichen Hausvogel, wie sie es einst im alten Ägypten gewesen, geworden war.

Außer der Nilgans scheinen die Ägypter noch drei andere Arten von Wildgänsen gezähmt und mit gestutzten Flügeln in Herden gehalten zu haben. Dies dürfen wir vor allem nach dem berühmten Wandgemälde des Alten Reiches, das unter dem Namen die „Gänse von Meidum“ bekannt ist, schließen. Darauf sehen wir nach Gaillard und Lortet weidende Graugänse (Anser cinereus), dann Bläßgänse (Anser albifrons) und Rothalsgänse (Branta ruficollis). Immerhin war diese Zucht nur sehr vereinzelt und ohne volkswirtschaftliche Bedeutung, da sie sehr bald aufgegeben wurde.

Die Stammform unserer ~Hausgans~ ist nicht die afrikanische Nilgans, sondern die in Europa und Nordasien heimische, auf dem Rücken bräunlichgraue, auf der Unterseite gelblichgraue, spärlich und unregelmäßig gefleckte ~Grau-~ oder ~Märzgans~ (Anser cinereus). Sie gehört mehr den gemäßigten Gegenden als dem hohen Norden an und ist die einzige der bei uns vorkommenden Arten, die in Deutschland brütet. Hier erscheint sie schon Ende Februar oder Anfang März, also noch vor der eigentlichen Schneeschmelze in kleinen Gesellschaften, um, wie dies wenigstens früher der Fall war, an allen größeren stehenden Gewässern in schwer zugänglichem Schilfdickicht oder mit Gesträuchern und hohem Gras bewachsenen Inseln zu brüten und nach Beendigung der Mauser Ende Juli wieder nach Süden abzuziehen, wo sie den Winter verbringt. Treu halten die Familien zusammen. Die im Gegensatz zu den überaus schwerfällig gewordenen Hausgänsen viel rascher und zierlicher sich bewegenden, gut und ausdauernd fliegenden, gewandt schwimmenden und bei großer Gefahr in gewisse Tiefe tauchenden wilden Graugänse beweisen einen scharfen Verstand und zeigen sich sehr vorsichtig und mißtrauisch. Nur die Hausgänse erfreuen sich, als ob sie die nahe Verwandtschaft herausfühlten, ihrer Zuneigung, indem sie sich diesen auf den Weideplätzen oft nähern, ja einzeln sich nicht selten unter diese mischen. In die aus allerlei Stengeln und Halmen von Schilf, Rohr oder Binsen unordentlich und locker hergestellten und mit einer dicken Daunenlage ausgepolsterten Nester legen die jüngeren Weibchen 5-6, die älteren dagegen 7-14 durchaus denen der Hausgans gleichende, glattschalige, glanzlose, etwas grobkörnige Eier von grünlichweißer oder trübgelblicher Färbung. Am 28. Tage der Bebrütung entschlüpfen die Jungen, werden noch etwa einen Tag lang im Nest festgehalten, dann auf das Wasser geführt und zum Futtersuchen angeleitet. Später werden Wiesen und Felder zum Äsen aufgesucht. Abends kehrt alt und jung noch zum Nest zurück. Nach ungefähr zwei Wochen wird dieses für die inzwischen heranwachsenden Jungen zu klein und letztere nehmen bald hier, bald dort, dicht neben der Mutter hingekauert, ihre Schlafstelle ein.

Jung eingefangene Graugänse werden bald zahm, doch verleugnen sie, sobald sie erwachsen sind, so wenig als die von Hausgänsen erbrüteten und erzogenen Wildgänse, ihren Freiheitsdrang und Wandertrieb. Sie beginnen zu fliegen und ziehen, wenn man sie nicht gewaltsam zurückhält und ihnen die Flügel stutzt, im Herbst mit anderen Wildgänsen nach Süden. Zuweilen geschieht es, daß einzelne zurückkommen und das Gehöft, in welchem sie großgezogen wurden, wieder aufsuchen; aber sie gehören doch zu den Ausnahmen. Von vier im Hause erbrüteten und erwachsenen wilden Graugänsen, die Boie beobachtete, entzogen sich nach und nach drei der Obhut ihrer Pfleger; eine aber kehrte im nächsten Frühling und in der Folge noch 13 Jahre lang zu dem Gut zurück, auf welchem man sie aufgezogen hatte, bis sie endlich ausblieb, also wohl ihren Tod gefunden haben mußte. Sie stellte sich in den 13 Jahren nie früher als den 1. und nie später als den 4. April, also mehrere Wochen später als die übrigen Gänse ein, zeigte sich auf dem Hofe sehr zahm, außerhalb aber ebenso scheu als die wilden ihresgleichen, kam in den ersten Wochen nach ihrer Rückkunft gewöhnlich morgens und abends, um sich Futter zu holen, blieb auch wohl eine halbe bis eine ganze Stunde, flog dann jedoch immer wieder zurück, und zwar sofort dem nahen See zu, so daß man auf die Vermutung geriet, sie möge dort ihr Nest haben. Von der Zeit an, in welcher die wilden Gänse Junge auszubringen pflegen, blieb sie länger auf dem Hof, und später hielt sie sich beständig dort auf. Abends 10 Uhr erhob sie sich regelmäßig und flog stets in derselben Richtung davon, dem See zu.

Das Wildbret der alten Graugänse ist zwar hart und zähe, dasjenige der Jungen dagegen zart und außerordentlich schmackhaft. So ist es kein Wunder, daß die Tiere von alters her vom Menschen erbeutet wurden, um als willkommene Nahrung zu dienen. Wie wir Überreste dieser Wildgänse unter den Speiseabfällen der frühneolithischen Kjökkenmöddings der Muschelesser Dänemarks antreffen, so begegnen wir ihnen, wenn auch allerdings selten, in denjenigen der Pfahlbauzeit. Doch gezähmt kannten die vorgeschichtlichen Europäer die Gans durchaus nicht, obwohl ihr gleichende Vögel nebst Rinderköpfen auf einem bei Frankfurt an der Oder gefundenen heiligen Wagen der Bronzezeit dargestellt sind. Letztere waren der Gottheit geweihte wilde Tiere. Im alten Babylonien finden wir Gewichte in Gestalt eines Schwimmvogels, der vermutlich ebenfalls eine Gans darstellt. In Indien, wo der Vogel Henza eine wichtige mythologische Rolle spielt, hat man mehrfach Gänsefiguren in Gräbern gefunden, so daß man annehmen darf, daß diesem Vogel in den religiösen Anschauungen der dortigen Bewohner eine gewisse Bedeutung zukam. In Birma sind nach Yule heute noch Gewichte in Gebrauch, von denen die Eingeborenen wissen, daß sie Gänse darstellen. Daraus schließt Eduard Hahn, daß die Gänsezucht im alten Babylonien wie in Ägypten in Blüte gestanden haben muß und von dort weiter östlich verbreitet wurde. Es ist dies wohl möglich, ja wahrscheinlich, weil dort viele Kanäle diesen Wasservögeln Gelegenheit zum Baden und Tauchen gewährten. Doch haben die solcher Wasseransammlungen entbehrenden Juden diesen Nutzvogel weder von dort noch von Ägypten her übernehmen können. In den heiligen Schriften der Juden wird die Gans nirgends erwähnt; erst seit dem Mittelalter ist bei den nach Europa gekommenen und hier häuslich niedergelassenen Juden der Genuß von Gänsefleisch und von Gänsefett zum Schmälzen des Rindfleisches, da ihr Gesetz die Verwendung von Rinderfett oder Butter zu letzterem verbietet, sehr beliebt geworden.

Dagegen hielten bereits die Griechen des homerischen Zeitalters zahme Gänse in kleinen Herden. Im Hofe des Königs Menalaos von Sparta, dem Bruder des mächtigen Herrschers des „goldreichen Mykene“, Agamemnon, gab es schon, wie uns im 15. Gesang der Odyssee berichtet wird, die „sehr große, gemästete, weiße Gans“, auf welche ein Raubvogel hinabstößt. Diese kennzeichnenden Beiwörter legen Zeugnis dafür ab, daß wir es hier mit einem sehr alten, schon längst in der menschlichen Zucht und Pflege befindlichen Tiere zu tun haben, bei dem sich der bei Haustieren so weit verbreitete Leucismus schon vollkommen ausgebildet hatte. Wahrscheinlich hatten die alten Griechen die weiße Hausgans von Norden her erhalten. Da die wilde Stammform in Südeuropa nicht brütet, sondern im Herbst mit bereits erwachsenen Jungen in das Gebiet des Mittelmeeres fliegt, so ist sie wohl in ihrem südlichsten Brutbezirk, in Mitteleuropa, irgendwo von vermutlich indogermanischen Stämmen in die Haustierschaft gebracht worden. Hier konnten leicht nach Tötung der Mutter erbeutete junge Wildgänse in des Menschen Pflege herangezogen und später durch Brechen der Flügel vor dem Davonfliegen beim Größerwerden bewahrt werden.

Bei den Griechen galt die Gans für einen lieblichen Vogel, dessen Schönheit bewundert wurde und der zu Geschenken an geliebte Knaben und Mädchen diente. Als Ziervogel erscheint sie auch im 19. Gesang der Odyssee, wo von Penelope, der treuen, von Freiern viel umworbenen Gattin des Odysseus, als sie ihrem unbekannten, in Bettlergestalt ihr gegenübersitzenden Gemahl ihren Traum erzählt, gesagt wird, sie besitze -- nicht draußen bei der Ökonomie, sondern bei der Wohnung -- 20 Gänse, die anzusehen ihr Freude mache. Diese ausdrücklich hervorgehobene Zahl scheint offenbar einen nicht unbedeutenden Reichtum darzustellen. Nach späterer griechischer Vorstellung sind Gänse wachsame Hüterinnen des Hauses. So war auf dem Grabe einer guten Hausfrau unter andern Emblemen eine Gans abgebildet, um die Wachsamkeit der Verstorbenen hervorzuheben. In der bekannten Fabel des aus Kleinasien gebürtigen Äsopos ist von der Gans die Rede, die goldene Eier legt. Hier erscheint also dieses Tier genau in der Stellung wie bei uns das Huhn, in China aber die Ente, die dort zur Eierlegerin herangezüchtet wurde. Aristoteles berichtet von der Gans, daß sie 30 Tage brütet und der Gänserich ihr dabei nicht helfe. Sonst fließen die literarischen Quellen über dieses Tier bei den Griechen nur spärlich.

Sehr viel häufiger finden wir dagegen die Gans bei den Römern erwähnt, bei denen sie als Nutztier eine erhebliche Bedeutung besaß. Der römische Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. schreibt von ihr in seinem Buche über Landwirtschaft: „Die Gans wird vom Landmann sehr gern gehegt und gepflegt, weil man sich mit ihr nicht viel Mühe zu geben braucht und weil sie sorgfältiger wacht als ein Hund; denn sie verrät durch ihr Geschrei den Spitzbuben ganz sicher, wie sie denn einmal durch ihre Wachsamkeit das Kapitol (vor dem Überfall durch die Gallier oder Kelten) gerettet hat. Zur Gänsezucht gehört übrigens Wasser und viel Gras; auf Saatfeldern darf sie nicht weiden, denn sie reißt da die zarten Pflänzchen ab. Sie liefert nicht bloß Junge, sondern auch Federn, die man jährlich zweimal, im Frühling und Herbst, ausrupfen kann. Auf drei Gänse hält man einen Gänserich. Gewöhnlich beschränkt man die Zahl der Gänse auf wenige. Will man aber ganze Herden davon halten, so muß man einen See oder Teich oder Fluß für sie haben. Man baut dann für sie allein einen Hof, umgibt ihn mit einer neun Fuß hohen Mauer, diese an der Innenseite mit einem Gang, der ein Dach hat und eine Wohnung für den Wärter enthält. Rings im Gange werden für einzelne Gänse steinerne Verschläge gebaut, wovon jeder drei Fuß im Geviert mißt und eine feste Türe hat.

Außer dem Wasser müssen die Gänse auch Wiesen haben, ferner müssen Äcker für sie bestimmt sein, welche mit Wicken, Klee, sogenanntem griechischem Heu (Bockshornklee), vorzüglich aber mit Salat und einer Art Zichorie, welche die Griechen seris nennen, besät sind; denn diese weichen Blätter fressen die Gänse besonders gern und sie bekommen den Jungen vortrefflich. Man hält womöglich nur weiße Gänse, da sie die besten sind. Das Brüten beginnt im Februar oder März. Läßt man eine Gans nicht brüten, so legt sie jährlich zu drei verschiedenen Zeiten Eier, erst fünf, dann vier, dann drei. Man läßt die Eier am liebsten von Haushühnern ausbrüten, auch die Jungen von diesen oder von den Gänsen selbst führen. Zur Legezeit muß man gut auf die Gänse aufpassen und diejenigen, bei welchen man das erste reife Ei fühlt, einsperren, bis sie gelegt haben. Hat man das beim ersten Ei getan, so sucht dann die Gans für jedes andere dasselbe Nest wieder auf. Einem Haushuhn darf man nur drei bis höchstens fünf Gänseeier unterlegen, der Gans selbst 7 bis 15. Unter das Neststroh muß man Nesseln mischen; dadurch beugt man vor, daß später die jungen Gänschen nicht sterben, wenn sie von Nesseln gestochen werden. Gewöhnlich kriechen die Gänschen am 30. Tage aus dem Ei, bei warmem Wetter auch früher. Wie bei andern jungen Tieren, so muß auch bei den Gänschen dafür gesorgt werden, daß sie keine Natter, keine Otter, keine Katze, kein Wiesel anhauchen kann, geschieht es doch, so sind die zarten Wesen unrettbar verloren.“ Selbstverständlich ist letzteres eine abergläubische Ansicht, wie solche bei den Römern wie bei den andern Völkern des Altertums sehr zahlreich verbreitet waren.

Es gab damals bei den Römern, wie uns der gelehrte Varro zu Ende der Republik berichtet, eigentliche Gänsezüchtereien, die man mit dem griechischen Worte chēnoboskeíon bezeichnete. „Scipio Metellus und Marcus“, fährt dieser Autor fort, „besitzen große Gänseherden. Sejus schaffte große und weiße an; er hoffte von ihnen eine ebensolche Nachkommenschaft zu ziehen. Es gibt auch eine bunte (graue) Gänserasse, die man die wilde nennt, die sich nicht gern mit zahmen zusammentut und nicht leicht zahm wird. Man füttert sie mit der speziell für sie angepflanzten seris oder mit Gerste oder anderem Getreide oder gemischtem Futter. Zur Mast nimmt man Junge von 4 bis 6 Monaten, sperrt sie in einen Verschlag, gibt ihnen eine mit Wasser naßgemachte Mischung von Gerstengraupen und Mehl, so daß sie sich täglich dreimal sättigen können, und nach dem Fressen reichlich zu saufen. Auf solche Weise müssen sie in drei Monaten fett sein. So oft sie gefressen haben, wird ihr Verschlag gereinigt; denn sie verlangen, daß er rein sei.“

Schon bei den Feinschmeckern des alten Rom galt die Leber gemästeter Gänse als Leckerbissen. So schreibt der Dichter Horaz in einer seiner Satiren: „Um eine delikate, große Gänseleber auftischen zu können, werden die Tiere mit Feigen gemästet.“ Juvenal sagt: „Die Leber der Gans wird so groß wie die Gans selbst“, und Martial ruft einmal aus: „Da, sieh, eine Gänseleber, die größer ist als eine große Gans! Woher stammt denn diese?“ Der ältere Plinius bemerkt in seiner Naturgeschichte: „Die Römer sind pfiffiger (als die Griechen) und schätzen die Gänse weniger wegen ihrer Liebe zur Philosophie als wegen ihrer wohlschmeckenden Leber. Werden sie gemästet, so wird die Leber außerordentlich groß und nimmt an Umfang noch zu, wenn man sie in eine Mischung von Milch und Honig legt. Es ist eine wichtige Frage, wer zuerst diese köstliche Entdeckung gemacht hat, ob der Konsular Scipio Metellus oder dessen Zeitgenosse, der Ritter Marcus Sejus. Das ist dagegen unbestreitbar, daß Messalinus Cotta, Sohn des Redners Messala, die Erfindung gemacht hat, Gänsefüße zu rösten und nebst Hahnenkämmen einzumachen.“

Im ersten Jahrhundert n. Chr. lernten die Römer noch ein weiteres neues Produkt durch die Germanen kennen, nämlich die Daunen als überaus weiches und angenehmes Polstermaterial. Die Kulturvölker des Mittelmeers hatten vorher augenscheinlich diese Verwendung noch nicht gekannt. Wollte man weich sitzen oder liegen, so mußte man eben mehrere Decken oder Felle aufeinander legen. Im verweichlichten Orient kamen dann Hasenhaare und Rebhuhnfedern als Polstermaterial für Kissen auf, und als der aus Syrien stammende Kaiser Heliogabalus diese morgenländische Sitte nach Rom verpflanzte, unterläßt es sein Biograph Lampridius nicht, diese luxuriöse Neuerung anzuführen. Da lehrten die Feldzüge nach Germanien, besonders am Niederrhein, die Römer die Gänsedaunen als ein ganz besonders feines Polstermaterial kennen, und sie benutzten sie als solches gern. Der vorhin erwähnte ältere Plinius schreibt in seiner Naturgeschichte: „Einen andern Vorteil (als die Leber) zieht man aus den Federn der weißen Gänse. An manchen Orten rupft man sie zweimal des Jahres und sie bekommen doch wieder neue Federn. Der weichste Flaum sitzt der Haut am nächsten, der beste aber kommt aus Germanien. Die dortigen Gänse sind weiß, klein, heißen gant (Gans) und das Pfund ihrer Federn kostet 5 Denare (= 3 Mark). Daher kommt es, daß die Offiziere der dort stehenden römischen Hilfstruppen so oft angeklagt werden, ganze Kohorten auf die Gänsejagd statt auf die Wache zu schicken. So sehr sind wir nun schon verweichlicht, daß sogar Männer kaum schlafen können, wenn ihr Kopf nicht auf einem Kissen aus Gänseflaum ruht.“ Bis auf den heutigen Tag ist ja das Schlafen in Federbetten eine mehr nordische Sitte geblieben, die den in einem wärmeren Klima lebenden Südländern nicht zusagte, sonst hätten die Römer am Ende auch diese Gewohnheit den Germanen am Niederrhein entlehnt.

Dagegen kannte das Altertum noch nicht den Gebrauch der Gänsefeder zum Schreiben, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa dazu üblich war. Es benutzte dafür das Schreibrohr, den Kalamós der Griechen, den die Römer als calamus übernahmen, der dann später als Kelâm zu den Arabern gelangte und von ihnen bis auf den heutigen Tag gebraucht wird. Erst der Anonymus Valesii, zur Zeit des Ostgotenkönigs Theodorich, erwähnt als Schreibinstrument auch die penna, d. h. Feder, die mit Vorliebe von den Flügeln der Gans genommen wurde. Dann erwähnen Isidorus Hispalensis, der als Bischof von Sevilla in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts n. Chr. lebte, ebenso der um 670 n. Chr. lebende Paulus von Ägina Gänsefedern zum Schreiben. Von da an war sie in ganz Europa bis in die Neuzeit im Gebrauche.

Wegen ihrer Wachsamkeit wurden im Altertum auf dem Kapitol neben Hunden auch Gänse gehalten. Letztere waren nach Livius und Diodorus Siculus der Juno geweiht und weckten die eingeschlafenen Schildwachen, als einst Gallier das Kapitol belagerten und heimlich bei Nacht am Felsen hinaufkletterten. Zum Dank für jene Rettung vor Überfall wurden nach Servius „jährlich am selbigen Tage mit Gold und Purpur geschmückte Gänse auf Sänften in Rom zur Schau herumgetragen, während die Hunde, die den Feind nicht verraten hatten, ans Kreuz geschlagen wurden“. Nach Plinius war es die erste Sorge der Zensoren, einen Vertrag mit den Leuten zu schließen, welche die Fütterung der heiligen Gänse auf dem Kapitol übernehmen wollen. Derselbe Autor sagt dann auch: „Die Gans verliebt sich mitunter in Menschen; so ist der Knabe Ägius zu Olenus von einer solchen und von einer andern Glauce, die Spielerin der Kithara am Hofe des Königs Ptolemäus, geliebt worden. Die Gänse scheinen sogar für Weisheit empfänglich zu sein, denn es bezeugte eine dem Philosophen Lakydes eine solche Anhänglichkeit, daß sie ihn nirgends, weder auf der Straße, noch im Bade, weder bei Nacht, noch bei Tag verließ.“ Solche Beispiele ließen sich auch aus der Gegenwart in größerer Zahl anführen.

Bei den Kelten und Germanen war die Gans in einer kleineren, weniger hochgezüchteten Art schon vor ihrem Bekanntwerden mit der römischen Kultur vorhanden. Wir erwähnten vorhin den Passus bei Plinius, der von der Gesuchtheit der Daunen der germanischen Gänse als Polstermaterial für die Kopfkissen der Römer berichtet. So hat auch Gudrun in der Edda ihre Gänse auf dem Hof, und diese schrieen hell auf, als ihre Herrin am Leichnam Sigurds laut jammerte:

Und hell aufschrieen Die zierlichen Vögel, Im Hofe die Gänse, Die Gudrun zog.

Nachdem sie im Herbste fett geworden waren, wurden sie, da man sie nicht vollzählig überwintern konnte, zum größten Teil geschlachtet und dem Gotte Thor zu Ehren gegessen. Als der heilige Martin den letzteren bei der Christianisierung der Germanen ablöste, verspeiste man sie dem letzteren zum Gedächtnis. Noch heute ist bei uns die Martinsgans in Ehren. In Norddeutschland wird die gerupfte und ausgenommene Gans wie das Schweinefleisch seit alter Zeit geräuchert, um sie so in den Winter hinein aufbewahren zu können.

Die Veränderungen, die unsere Hausgans gegenüber der Wildgans erlitt, sind eigentlich unbedeutend. Ihr Gang ist infolge des erhöhten Gewichtes schwerfälliger geworden und ihre Flugfähigkeit hat sich bedeutend vermindert, der Rumpf wurde etwas tiefer gestellt und der Schwanz kürzer als bei der Graugans. Auch die Färbung wurde bei den grau gebliebenen Schlägen einfacher in der Zeichnung. Eine solche graue Art von bedeutender Schwere ist die ~Toulouser Gans~, die oben dunkelgrau und unten hellgrau ist, mit fleischfarbenem Schnabel. Eine kleine Varietät derselben mit struppigen, gekräuselten oder gelockten Federn, deren dünner Schaft eine zerschlissene Fahne besitzt, ist die ~Sebastopol-~ oder ~Struppgans~. Die meisten europäischen Abarten besitzen als Folge des durch Domestikation weit gediehenen Leucismus ein rein weißes Gefieder, einen gelbroten Schnabel, hellblaue Iris und orangefarbene Füße, so die ~Emdener Gans~ und die durch ihre Größe ausgezeichnete ~pommersche Gans~.

Mit den Europäern haben die Hausgänse sich auch in die von jenen kolonisierten Länder verbreitet, so besonders nach Nordamerika. Dieses Land hat aus seinem reichen Bestand von wilden Gänsen in der Folge ebenfalls eine zur Domestikation geliefert. Es ist dies die ~Kanadagans~ (Anas canadensis), deren von wild lebenden Tieren ausgenommene Eier mehrfach von Hausgänsen europäischen Ursprungs ausgebrütet wurden. So war es nicht schwer Zuchtmaterial von ihr zu erhalten. Doch gelang es nur, wenn diese Tiere ganz jung waren, sie untereinander fortzupflanzen. Für die Volkswirtschaft hat aber das Tier, das keine Vorzüge vor der Hausgans europäischen Ursprungs darbietet, durchaus keine Bedeutung erlangt und wird in seiner Heimat, wie auch bei uns, meist nur als Ziervogel auf größeren Teichen gehalten. Da niemand auf seine Fortpflanzung achtete, wird es immer wieder erloschen sein, um dann später gelegentlich neu aufzutauchen. So erwähnt es schon Willoughby 1676 als im Besitze König Jakobs I. befindlich. Bald danach berichtet Edwards, daß sich der Vogel in der Gefangenschaft fortgepflanzt habe. In neuerer Zeit scheint dies öfter vorzukommen. Doch ist dies alles aus obengenannten Gründen bedeutungslos geblieben. Der Vogel hat eben keinen praktischen Wert für die Züchter.

Ganz anders steht es mit der ~chinesischen Gans~, die von der ostasiatischen wilden ~Höcker-~ oder ~Schwanengans~ (Anas cycnoides) abstammt, aber sich von ihr dadurch unterscheidet, daß ihr jede Spur eines Höckers an der Schnabelwurzel fehlt, den besonders das Männchen der wilden Art sehr ausgeprägt zeigt. Sonst ähnelt der wilde Vogel in der Färbung unserer Märzgans. Der zahme Vogel zeigt aber meist die auch von der domestizierten Märzgans angenommene weiße Farbe; dabei weist das Männchen oft noch eine Art Kehlsack auf. Die chinesische Hausgans nimmt in ihrer Heimat China, weniger in Japan, ungefähr die Stellung der Hausgans bei uns ein. Hier geht, besonders im Süden, die Ente bedeutend an Wichtigkeit vor. Schon im 16. Jahrhundert wurde sie von den Portugiesen unter dem Namen spanische Gans oder -- nach dem Wege über Afrika -- Guineagans nach Europa gebracht. Doch hat sie hier nicht die Verbreitung gefunden, die sie verdient. Nur in Rußland, besonders im Süden, war sie schon im 18. Jahrhundert recht verbreitet. Sie war dahin auf dem Karawanenwege gelangt, wurde hier aber in der Folge stark mit der europäischen Hausgans gekreuzt, so daß die Vögel durchgängig gemischten Blutes sind. Hier benutzt man sie mit Vorliebe zu den Gänsekämpfen, die besonders dadurch possierlich werden, daß jedem der kämpfenden Männchen das Weibchen sekundiert. Neuerdings ist die chinesische Gans auch mit der kanadischen gekreuzt worden.

Viel später als die Erwerbung der Gans als Haustier erfolgte diejenige der ~Ente~, die erst in historischer Zeit domestiziert wurde, und zwar wie die Gans sowohl in Europa, als auch in China in durchaus selbständiger Weise. Die alten Ägypter, Assyrer, Inder und homerischen Griechen besaßen sie so wenig als die älteren Römer. Erst vom Ende des 2. vorchristlichen Jahrhunderts an scheinen sie die Römer und dann auch die Griechen mit andern Schwimmvögeln zusammen in besonderen Teichen gehalten zu haben. So schreibt der römische Ackerbauschriftsteller Columella etwa um 60 n. Chr.: „Im Entenpark hält man Enten (anas), Knäkenten (querquedula), Kriekenten (boscas), Wasserhühner und ähnliche Wasservögel. Das Ganze umgibt man mit einer 15 Fuß hohen Mauer, deckt es mit einem weitmaschigen Netz (damit keiner der Insassen hinaus und kein Raubvogel hinein könne, sagt an einer ähnlichen Stelle Varro), gräbt in der Mitte einen Teich von zwei Fuß Tiefe, der immer frisches Wasser erhält und dessen Ufer allmählich abwärtsgehen und mit Mörtel ausgestrichen sind. Rings am Ufer hin ist der Boden des Teiches gepflastert, in der Mitte dagegen besteht er aus Erde und ist daselbst mit Wasserpflanzen besetzt, unter welchen sich die Vögel verbergen können. Der Platz außerhalb des Teiches ist mit Gras bewachsen. Zum Nisten sind am Fuße der Mauer je einen Fuß ins Geviert haltende Zellen aus Stein gebaut, die von Buchs- und Myrtenbäumchen beschattet werden. Das Futter wird in einen besonderen flachen Wasserkanal geworfen. Am liebsten fressen sie die Körner der verschiedenen Hirsearten, aber auch Gerste. Hat man Eicheln und Weintrester, so gibt man auch diese. Ebenso sind Abgänge von Fischen, Krebse und kleine Wassertiere dienlich. Das Eierlegen beginnt im März. Zu dieser Zeit wirft man Hälmchen hin, aus denen sie ihre Nester bauen. Übrigens verfahren manche Leute beim Anlegen eines Entenparks so: sie lassen an Sümpfen Eier von wilden Enten sammeln und diese von Haushühnern ausbrüten. Solche nisten dann leicht in der Gefangenschaft, alt eingefangene dagegen nicht gern.“ Dieses letztere Verfahren, die Eier wilder Enten zu sammeln und sie durch Haushühner ausbrüten zu lassen, beweist, daß damals die Domestikation dieses Vogels erst im Gange war; auch muß die Flugfähigkeit desselben noch nicht vermindert gewesen sein, daß man Netze über die Ententeiche spannte.

Wie die Gans muß auch die Ente irgendwo in Mitteleuropa von germanischen Stämmen in Pflege genommen worden sein; noch in späterer Zeit sagt der Bischof Isidor von Sevilla, daß die bevorzugte Zuchtrasse der Enten eine deutsche sei. Sie hieß althochdeutsch anut, angelsächsisch ened, altnordisch önd, lateinisch anas, anatis, griechisch nēssa (wohl aus nētia), sanskrit âti (für anti). Diese gemeinsame indogermanische Bezeichnung bezieht sich natürlich auf die Wildente und nicht auf die gezähmte. Nur erstere war dem Urvolke vor seiner Zerstreuung bekannt. Die Wildente, welche die Stammform unserer Hausente bildet, ist die ~Stockente~ (Anas boscas), deren Verbreitungsgebiet ganz Europa und Nordafrika, dann Asien und Amerika bis Mexiko umfaßt. Vom Norden wandert sie im Herbst nach dem wärmeren Süden, bleibt aber schon in Süddeutschland oft auch im Winter innerhalb ihres Brutgebiets wohnen. Sie liebt als Aufenthaltsort schilf- oder riedbedeckte Seen und Teiche, in denen sie sich verbergen kann, nicht aber offene Gewässer. Ihre Lebensweise gleicht durchaus derjenigen ihrer Nachkommin, der Hausente, nur ist sie in allen ihren Bewegungen gewandter als diese. Zum Nestbau sucht sie eine ruhige, trockene Stelle unter Gebüsch oder andern Pflanzen aus und legt in das kunstlose Nest 8-16 längliche, hart- und glattschalige grauweiße Eier, die von denen der Hausente nicht unterschieden werden können. Die Jungen werden nach dem Ausschlüpfen noch einen Tag im Neste erwärmt und sodann dem Wasser zugeführt. Die ganze Pflege übernimmt die Mutter; der buntgefärbte Vater kümmert sich nicht mehr um sein Weibchen, sobald es zu brüten beginnt, sondern verläßt es, um mit seinesgleichen in Gesellschaften sich bald hier, bald dort umherzutreiben. Da das Wildbret der Stockente vorzüglich ist, wird von jeher eifrig auf sie Jagd gemacht. Und als man die in bezug auf Fleischmenge ausgiebigere Gans gezähmt hatte, lag es nahe, auch die Wildente aus junger Brut oder Hausgänsen unterlegten Eiern zu gewinnen.

Trotzdem die Ente kürzere Zeit Haustier ist als die Gans, haben sich von ihr mehr Varietäten gebildet, als von letzterer. Indessen betreffen die Abänderungen weniger die Körperform als die Färbung des Gefieders. Die Neigung zu Weiß- und Schwarzfärbung macht sich bei ihr stark geltend; doch kommen bei allen zahmen Entenvarietäten Individuen mit Wildentenfärbung vor. Der Stockente im Gefieder am ähnlichsten ist die namentlich in der Normandie rein fortgezüchtete ~Rouenente~. Sie kommt auch in weißer Färbung vor und erreicht ein bedeutendes Gewicht. Rein weiß oder fahlgelb ist die durch eine Haube auf dem Kopfe ausgezeichnete ~Kaiserente~, die bei guter Fütterung ein Gewicht von 3,5-4 kg erreicht. Rein weiß ist die ~Aelesburyente~, die in großartigem Maßstabe in der englischen Grafschaft Buckingham gezüchtet wird und ihres schmackhaften Fleisches und der feinen Federn wegen auf dem Markt in London sehr gesucht ist. Weiß mit gelblichem Anflug ist die auch bei uns öfter gezüchtete ~Pekingente~. Diese chinesische Hausente wurde selbständig in Ostasien von der dort heimischen Wildente gewonnen, und zwar scheint bei den Chinesen die Entenzucht weit älter als in Europa zu sein. Sie wird von ihnen an den Ufern der Flüsse, Kanäle und Stauseen seit alter Zeit in großem Maßstabe mit außerordentlicher Sorgfalt betrieben. Die überaus interessante Zucht, bei welcher gewöhnlich zehn Enten auf einen Enterich gehalten werden, wird größtenteils an Bord ausgedienter Schiffe geübt. Das ganze Schiff ist mit den Käfigen der Enten besetzt, die im ganzen nur wenig Futter erhalten und deshalb wesentlich darauf angewiesen sind, ihre Nahrung im Wasser und an den Ufern zu suchen. Je nachdem nun die Nahrung reichlicher zu Gebote steht, wechselt der schwimmende Stall seinen Ankerplatz. Dabei wird bei den Pfleglingen strengste Disziplin geübt, indem beim abendlichen Gongsignal, das die Enten in ihre Ställe zurückruft, die zuerst heimkehrenden Enten Reis als Belohnung, die letzten dagegen Hiebe mit dem Bambusstab erhalten. Dabei haben die Chinesen zur Erleichterung ihrer Entenzucht selbständig eine Methode zur künstlichen Ausbrütung der Eier gefunden. Diese wird in besondern Anstalten in der Weise ausgeübt, daß man Spreu erwärmt und mit Enteneiern in große Korbe bringt, die auf Etagen gelegt und in besondern Räumen mit heißer Asche oder Kohlentöpfen erwärmt werden. Überall in Südchina wird dieses Brutgeschäft im großen betrieben und werden die herangezogenen Enten an Händler verkauft, welche oft Hunderte derselben in den vorgenannten Entenschiffen halten und die erwachsenen Vögel an Lebensmittelverkäufer absetzen. Sowohl die vornehmeren Chinesen, als auch die niedern Volksklassen konsumieren das Entenfleisch mit Vorliebe, sei es frisch, sei es eingesalzen oder an der Luft getrocknet. Mit letzterer Konservierungsmethode beschäftigen sich größere Etablissements, die die volkreichen Städte mit diesem beliebten Nahrungsmittel versorgen. Daneben werden auch sehr viel Enteneier, wie bei uns die Hühnereier, gegessen, meist aber erst, wenn sie durch längeres Liegen in Salzwasser innerlich ganz schwarz geworden sind und pikant schmecken. Tatsächlich sollen die so präparierten Enteneier auch für den europäischen Geschmack sehr angenehm sein. Auch die ~japanische Ente~ ist in hohem Maße auf Eierertrag gezüchtet worden und legt 80-90 Eier jährlich. Sie ist in der Färbung wildentenartig, gleicht der Rouenente und eignet sich auch wegen ihrer Größe und Widerstandsfähigkeit zur Zucht. Sie kam 1878 nach Europa.

Die in den Männchen prächtig geschmückte ostasiatische ~Mandarinenente~ (Aix galericulata) wird in China öfter gezähmt gehalten, ist aber dort noch nicht zum Haustier geworden. Bei uns ist sie mit andern buntgefärbten Arten eine Zierde der Zoologischen Gärten und wird so nach und nach völlig domestiziert werden. Dies ist auch mit der in den Männchen wunderschön gefärbten, über ganz Nordamerika verbreiteten ~Brautente~ (Lampronessa sponsa) der Fall, die sich auf unsern Weihern fest eingebürgert hat. Sie vereinigt in sich alle Eigenschaften, die einem Schwimmvogel unsere Zuneigung gewinnen können. An die Gefangenschaft gewöhnt sie sich schneller als irgend eine andere Ente; selbst die alt Eingefangenen lernen sich bald in die veränderten Verhältnisse fügen, in ihrem Wärter den wohlwollenden Pfleger erkennen, lassen sich bereits nach kurzer Haft herbeilocken und können eher als andere zum Aus- und Einfliegen gewöhnt werden, pflanzen sich auch regelmäßig in der Gefangenschaft fort, sobald ihnen nur eine passende Gelegenheit dazu geboten wird. Da ihr Wildbret vom September an bis zum Eintritt des Winters köstlich ist, wird ihr überall in ihrer Heimat nachgestellt und kommt sie dort zu Tausenden auf den Markt. Als Parkvogel verdient sie den Vorzug vor sämtlichen fremdländischen Verwandten nicht bloß deshalb, weil sie alle an Schönheit übertrifft, sondern auch, weil sie sich leichter als alle andern zur Fortpflanzung bringen läßt.

Im Gegensatz zu diesen ist eine andere amerikanische Ente schon seit längerer Zeit zum Haustier geworden. Es ist die südamerikanische ~Moschusente~ (Cairma moschata), die in wasserreichen Gebieten von Brasilien bis Paraguay stark verbreitet ist. Das Männchen ist oberseits bräunlichschwarz, Hals und Kopf dunkelgrün, Flügel und Schwanz metallischgrün, ein Teil der Flügeldeckfedern weiß. Um das Auge ist die Haut nackt und mit roten Warzen bedeckt. Das Weibchen ist ähnlich, aber weniger lebhaft gefärbt. Ihre Körpergröße ist sehr bedeutend, so daß ihre zahmen Abkömmlinge 70-85 cm lang werden und ein Körpergewicht von 5 kg erreichen. In ihrer Heimat wird die Moschusente ihres wohlschmeckenden Fleisches und der weichen Daunen wegen sehr geschätzt. Sie wird dort schon seit langem, noch vor der Entdeckung des Landes durch die Weißen, gezähmt gehalten. Sie war nach Garcilasso de la Vega bei den alten Peruanern unter dem Namen Nunjuma als Hausente bekannt und gibt beim Fressen einen eigentümlichen schmatzenden Ton von sich. Von den Peruanern hatten sie auch die nördlicher wohnenden Kulturvölker übernommen. So traf sie Kolumbus auf seiner zweiten Reise bei den Eingeborenen von Haiti an, darunter auch, zum Zeichen einer intensiven Domestikation, bereits weiße Exemplare. Heute ist die Färbung bei fast allen zahmen Moschusenten weiß geworden mit einem roten Warzenhof ums Auge, einem fleischroten Schnabel und orangegelben Füßen. Von Südamerika aus hat sie sich am Kongo, am Euphrat, in Indonesien und Europa eingebürgert, doch wird sie in letzterem Lande, wo sie „türkische Ente“ heißt, nicht rein gezüchtet, sondern gewöhnlich zur Kreuzung mit größeren Hausenten verwendet. Die Bastarde erhalten die Mittelgröße zwischen beiden Eltern, wachsen sehr schnell und sind gut mastfähig. Entgegen früheren Annahmen sind sie fruchtbar, neigen aber zur Wildheit. Besonders empfohlen werden zur Kreuzung Rouen-, Peking- und Aylesburyenten. Da die Moschusente sich besonders für die Tropen eignet, hat sie für jene Gegenden eine große Zukunft. Bei den Malaien Südasiens ist bereits die chinesische Ente eingebürgert und wird vielfach in großen Herden gehalten, um als willkommene Abwechslung zum Schweinefleisch zu dienen. Als große canne de la Guinée erwähnt sie P. Belon bereits 1555 in seiner Histoire des oiseaux. Schon damals war sie in Frankreich nicht selten, muß also sehr früh durch die Spanier nach Europa gebracht worden sein. Hier wurde sie aber mehr als Zier- denn als Nutzgeflügel gehalten.

Von den Entenvögeln ist wenigstens als halbes Haustier noch der ~Schwan~ zu erwähnen. Der zahme Schwan unserer Weiher, der nur als Schmuckvogel gehalten wird, wobei ihm der Mensch bloß Gelegenheit zur Fortpflanzung bietet, ist der ~Höckerschwan~ (Cycnus olor), der noch in Norddeutschland, dann in Nordeuropa und Nordasien als wilder Vogel lebt. Er ist in beiden Geschlechtern rein weiß mit gestrecktem Leib und langem, schlankem Hals, mit rotem, an der Basis durch einen schwarzen Höcker ausgezeichnetem Schnabel. Das Weibchen ist etwas kleiner als das Männchen, die Jungen sind eigentlich graubraun gefärbt, können aber durch fortschreitenden Leucismus auch schon weiß erscheinen. Gedrungener als der Höckerschwan mit kürzerem, dickerem Hals und höckerlosem gelbem Schnabel ist der ~Singschwan~ (Cycnus musicus), während der ebenfalls in Europa und Nordasien lebende ~Zwergschwan~ (Cycnus bewicki) noch kleiner ist und einen dünnen Hals hat.

Erfreut der Höckerschwan durch die Zierlichkeit seiner Gestalt und die Anmut seiner Bewegungen, so hat der Singschwan durch seine laute, verhältnismäßig wohlklingende Stimme von jeher die Phantasie des Volkes beschäftigt, wenn er im Herbst nach Süden zum Überwintern und im Frühling nach Norden zur Fortpflanzung zog. Welche Rolle spielt nicht der Schwan in der Sage und im Märchen der Deutschen! Auch die alten Griechen, die ihn kýknos, und die Römer, die ihn nach jenen cycnus oder olor nannten, sprachen viel von ihm und alle ihre Dichter erwähnen rühmend seinen Gesang, wenn auch wohl meist nur vom Hörensagen. In Homers Ilias wird das in glänzender Rüstung zum Kampfe aufziehende Heer der Griechen mit den Scharen von Gänsen, Kranichen und langhalsigen Schwänen verglichen, „wenn diese mit lautem Geschrei sich auf den Wiesen am Flusse Kaystros (in Lydien, mündet bei Ephesus ins Meer) niederlassen.“ Der Schwan war dem Apollon heilig. So heißt es schon in einem altgriechischen, Homer zugeschriebenen Hymnus: „O Phöbus, dir singt der Schwan am Ufer des Flusses Peneios (in Thessalien) laut ein Loblied; Dir singe auch ich, der Sänger, indem ich meine Kithara anschlage, früh und spät ein preisendes Lied.“ Hesiod schildert, wie auf dem Schilde des Herakles der Okeanos abgebildet war, auf dessen Wogen lautsingende Schwäne schwammen, während unter ihnen die Fische spielten. In Äschylos’ Agamemnon heißt es: „Der Schwan singt sein eigenes Leichenlied“ und in Euripides’ Elektra: „Der junge Singschwan ruft am Wasser des Flusses seinen in der Schlinge gefangenen sterbenden Vater.“ Bekannter ist die Stelle aus Platons Phädon, an der es heißt: „Als Sokrates zum Sterben kam, unterredete er sich mit seinen Schülern und sagte unter anderem: ‚Denkt ihr denn, daß ich den Tod zu fürchten habe? Denkt ihr, daß ich weniger vom künftigen Leben weiß als die Schwäne? Diese singen zwar oft, aber wenn sie fühlen, daß der Tod ihnen nahe ist, dann singen sie gerade am meisten, weil sie sich freuen, daß sie zu dem Gotte gehen, dessen Diener sie sind. Leute, die sich vor dem Sterben fürchten, legen freilich die Sache ganz falsch aus und behaupten, die Schwäne sängen vor ihrem Tode vor Jammer. Diese Leute sollten doch wissen, daß kein Vogel vor Jammer singt, z. B. wenn er hungert oder friert. Auch diejenigen stellen eine verkehrte Behauptung auf, welche sagen, die Nachtigall, die Schwalbe, der Wiedehopf sängen vor Jammer. Ich glaube jedoch, daß sie ebensowenig vor Jammer singen als die Schwäne. Die letzteren sind offenbar Propheten des Apollon, kennen im voraus das Glück, das ihnen in der Unterwelt zuteil wird und singen deswegen, ehe sie den Weg antreten, freudiger als zuvor. Ich denke nun, daß ich wie die Schwäne ein Priester des Gottes bin, und denke, daß ich von ihm die Wahrsagekunst so gut gelernt habe, als jene Vögel, und daß ich ebenso freudig als sie das Leben lassen muß.‘“

Von diesem Volksglauben rührt die bei späteren griechischen und römischen Schriftstellern angetroffene, auch noch von uns sprichwörtlich gebrauchte Redensart vom „Schwanengesang“ als der letzten Äußerung eines Menschen vor seinem Tode her, so bei Cicero, Ovid, Martial, Dio Chrysostomus und andern. Bei den Römern galt der Schwan als der Vogel der Liebesgöttin Venus, die auf einem von Schwänen gezogenen Wagen einherfahrend gedacht wurde, so bei Horaz, Silius Italicus, Statius und andern. Martial rät seiner Geliebten, sanft auf Schwanenflaum zu ruhen, wenn sie müde sei. Demnach wurde der Flaum auch dieses Tieres, wie derjenige der Gans, zur Polsterung von Kissen verwendet. Von Schwanenbraten spricht der alexandrinische Grieche Athenaios um 200 n. Chr. Allerdings mied man in der Regel das Fleisch dieses halb für heilig gehaltenen Vogels. So schreibt Plutarch: „Will man durchaus Fleisch des Schwanes essen, so mißhandle man wenigstens die Tiere nicht vorher, sondern töte sie mit Bedauern. Es gibt Leute, welche Kranichen und Schwänen die Augenlider zusammennähen und sie dann im Dunkeln mästen.“ In allen diesen Fällen ist stets von wilden Schwänen die Rede, da der Vogel im Altertum nirgends als Haustier gehalten wurde.

Auch im Mittelalter wurde der wilde Schwan häufig als Speise benutzt. Die heilige Hildegard im 12. Jahrhundert rühmt sein Fleisch als heilsam gegen den Aussatz. Man begann ihn damals auf Teichen in halber Freiheit zu halten; doch durften dies vielfach nur Könige und vornehme Leute tun, da solches damals zu den Regalien gehörte. Reste einer solchen Auffassung haben sich an manchen Orten bis in die Gegenwart erhalten; so sind sämtliche Schwäne auf der Themse wie auf der Havel und Spree königliches Eigentum. Im Mittelalter gehörte der Schwan, wie der Pfau, zu den feierlichen Schaugerichten der Prunktafel an Höfen. Außerdem muß ihm eine gewisse abergläubische Verehrung gezollt worden sein; so wissen wir, daß König Eduard I. von England 1307 „bei Gott und den Schwänen“ schwur, er werde sich an seinem Erbfeinde Robert Bruce rächen.

Heute noch gilt ein Schwanenbraten als außerordentliche Delikatesse und wird in England, wo er am Königshofe ständiger Weihnachtsbraten ist, zu bedeutsamen Geschenken verwendet. So beschenkt der Herzog von Norfolk, der „erste Peer Englands“, seine besten Freunde damit. In der Hauptstadt seiner Grafschaft Norfolk, dem alten Bischofssitz Norwich, hat er nebst dem Bischof, dem Abt des St. Benethospitals und der Norwicher Schwanenkorporation das alleinige Recht, Schwäne auf den öffentlichen Gewässern zu halten. Jeder dieser Eigentümer hat eine besondere, sorgfältig gebuchte Hausmarke, die den Schwänen auf den Oberschnabel eingeschnitten wird. Der Schwan vermehrt sich dort gut und ist widerstandsfähig. Man hat ein Schwanenpaar beobachtet, das in fünf Jahren 85 Eier erzeugte und von diesen 82 Kücken durchbrachte. Das Aussuchen der zur Mast geeigneten Jungen wird von den Insassen des St. Benethospitals besorgt und man nimmt nur so viel Tiere, als von den Besitzern bestellt werden; denn diese haben für das Stück 1 Pfund Sterling (= 20 Mark) Mastgeld zu entrichten. Die jungen Tiere schmecken am besten gerade um die Zeit, wo sie fliegen können. In dieser Zeit werden sie geschlachtet, haben dann ein Lebendgewicht von wenigstens 16 kg und schmecken wirklich gut.

Wie wir den Höckerschwan, halten die Russen nach Pallas gern den Singschwan als Ziervogel auf ihren Teichen. Die Nordamerikaner haben den Schwan von Europa erhalten. Dagegen erhielten wir um die Mitte der 1850er Jahre vom Süden Südamerikas den ~Schwarzhalsschwan~ (Cycnus nigricollis), der sich wie der Singschwan benimmt, jedoch nur selten seine schwache Stimme erschallen läßt. Er hat sich mehrfach in unsern Tiergärten fortgepflanzt. Ebenso verhält es sich mit dem am ganzen Gefieder bis auf die weißen Hand- und einen Teil der Armschwingen bräunlichschwarzen ~Schwarz-~ oder ~Trauerschwan~ (Cycnus atratus), der in den 1820er Jahren zum erstenmal nach Europa, und zwar England, kam und sich dort auf dem Landgute Sir Herons auch fortpflanzte und im ganzen 45 Junge aufbrachte. Von jenen scheinen die meisten der in den Zoologischen Gärten und bei Privaten gehaltenen Exemplare abzustammen. Seit dem Jahre 1698 kennt man übrigens den Schwarzschwan, den auch Cook an der von ihm besuchten Küste Südaustraliens und Tasmaniens auf den Süßwasseransammlungen antraf. In den weniger besuchten Gegenden des Innern soll er, soweit dort Wasser anzutreffen ist, in großer Menge vorkommen. Für unsere Weiher eignet er sich so gut als die übrigen Schwäne. Die Strenge des nordischen Winters ficht ihn wenig an und seine Nahrungsansprüche sind bescheiden. In der Gefangenschaft pflanzt er sich regelmäßig fort. In seinem Benehmen mahnt er an die stummen Verwandten, doch ist er schreilustiger; besonders gegen die Paarungszeit hin läßt er seine trompetenartige, dumpfe Stimme oft vernehmen.

XVII. Die Taube.

Wie die verschiedenen einheimischen Entenvögel, so haben auch die verschiedenen einheimischen Wildtauben von jeher als Wildbret die Beachtung des Menschen gefunden. Unter ihnen ist die ~Felsentaube~ (Columba livia) die Stammform sämtlicher Haustauben. Sie hieß bei den alten Griechen peleiás, und der Pluralis peleiádes diente diesen zur Bezeichnung der Sternwolke des Siebengestirns, die ihnen wie ein Schwarm wilder Felsentauben vorkam. Daraus ist dann unsere Bezeichnung Pleiaden entstanden. Häufig spricht Homer von peleiádes, worunter er stets wilde Tauben versteht. Sie sind ihm das Sinnbild des Flüchtigen und Furchtsamen. So entzieht sich Artemis der Göttermutter Hera, die ihr den Köcher geraubt hat:

„Weinend aber entfloh sie zur Seite sofort, wie die Taube, Die vom Habicht verfolgt in den Spalt des zerklüfteten Felsens Schlüpft -- nicht wars ihr beschieden des Räubers Beute zu werden.“

Hektor flieht vor Achilleus wie die „scheue, flüchtige“ Taube vor dem Falken:

„Wie im Gebirge der Falk, der geschwindeste unter den Vögeln, Leicht im Schwunge des Flugs der schüchternen Taube sich nachstürzt. Seitwärts flüchtet sie bang; dicht hinter ihr stürmt er beständig Nach mit hellem Geschrei und brennt vor Begier sie zu fangen.“

Auch im Sagenkreis der Argonauten erscheint die Taube als der schnellste Vogel. Das Schiff Argo war, wie der Name sagt, wunderbar schnell, und als es auf seiner Fahrt zwischen zwei zusammenschlagenden Felsen hindurchfahren sollte, sandten die Schiffer auf den Rat des greisen Sehers Phineas zuvor eine Taube aus; wenn diese unverletzt hindurchflog, hofften die Helden ebenfalls unversehrt durchzukommen. So verderblich seien diese Felsen, heißt es in der Odyssee, daß selbst die geschwinden Tauben ihnen nicht immer entgehen und Vater Zeus, dem sie Ambrosia bringen, die verlorenen durch andere ersetzen muß. Daß nun die Schiffer Tauben bei sich hatten, um sie von ihrem Schiffe aus fliegen zu lassen, beweist, daß man also schon im hohen Altertum solche gefangene und noch nicht gezähmte Tiere zur Bestimmung des nächstgelegenen Landes oder als Opfer mit sich nahm. Solches taten wie die Griechen so auch die Phönikier, wie wir u. a. auch aus der später zu würdigenden Tatsache von den weißen Tauben auf der Flotte der Perser unter Xerxes wissen, die nach deren Scheitern am Vorgebirge Athos freikamen und von den Anwohnern eingefangen wurden.

In der Ilias wird das böotische Thisbe und das lakedämonische Messe als taubenreich, wie bei Äschylos die Insel Salamis als taubennährend, bezeichnet. Bei den Spielen bei der Beerdigung seines Freundes Patroklos läßt Achilleus eine lebendige, an die Spitze des Mastbaums gebundene Taube als Ziel aufstellen. Nach diesem schießt zuerst der gefeierte Bogenschütze Teukros; da er aber vergessen hatte, dem Apollon sein Gelübde zu tun, trifft er nur die Schnur, und die nun befreite Taube strebt kreisend zum Himmel empor. Da ergreift Meriones schnell den Bogen, betet und holt den flüchtigen Vogel mit dem Pfeil aus der Höhe herunter.

Außer der Felsentaube peleiás unterschieden die alten Griechen von Wildtauben noch die Hohltaube oinás, die Ringeltaube pháps und die Turteltaube trygṓn, während sie die später erhaltene Haustaube als peristerá bezeichneten. Demgemäß nannten sie das Taubenhaus peristereṓn oder peristerotropheíon, wie uns der gelehrte Varro berichtet. Dieser Name der Haustaube tritt uns erst in der späteren attischen Sprache entgegen, während die Dorier fortfuhren, peleiás zu sagen. Wie kamen nun die Griechen zu diesem Haustier, das erst gegen das Ende des 5. vorchristlichen Jahrhunderts in Athen eine gewöhnliche Erscheinung wurde?

Die wilde Felsentaube ist in Westasien in Verbindung mit dem Kult der Liebesgöttin allmählich in die Abhängigkeit des Menschen geraten und zum Haustier erhoben worden. Bevor wir uns klar zu machen suchen, wo dies vermutlich geschah, wollen wir das freilebende Tier in seinen Lebensgewohnheiten kennen lernen. Die Felsentaube bewohnt die Felsküsten der Mittelmeerländer und ganz Westasien, von Kleinasien und Syrien bis Indien und China; sie geht tief nach Afrika hinein bis Abessinien und reicht östlich bis zu den Kapverdischen Inseln im Süden und Schottland im Norden. Auf diesem ungeheuren Gebiet hat sie als Ausdruck ihrer Anpassungsfähigkeit eine große Anzahl von Lokalformen gebildet, wodurch sich die Spaltung in zahlreiche Rassen nach ihrer Domestikation begreifen läßt. Überall in ihrem Verbreitungsgebiet ist sie Standvogel und nistet stets in dunkeln Felslöchern, niemals auf Bäumen, wie Hohl-, Ringel- und Turteltauben. In Färbung des Gefieders, Lebensweise und Betragen weicht die Felsentaube wenig von unserer primitiven Haustaube, der sogenannten Feldtaube, ab. Sie ist auf der Oberseite hell aschgrau, auf der Unterseite mohnblau, der Kopf hell schieferblau, der Hals bis zur Brust dunkel schieferfarben, oben hell blaugrün, unten purpurfarben schillernd. Die Lendengegend ist weiß; doch ist dieses Merkmal nicht so konstant wie die beiden ziemlich breiten schwarzen Querbinden auf den Flügeln. Die Flügel sind aschgrau, der Schwanz ist dunkel mohnblau, am Ende schwarz; die äußersten Federn desselben sind weiß. Das Auge ist schwefelgelb, der Schnabel schwarz, an der Wurzel lichtblau, der Fuß dunkel blaurot. Die beiden Geschlechter sind in der Färbung wenig verschieden, die Jungen aber dunkler als die Alten.

Die Felsentaube ist gewandter, namentlich behender im Fluge als ihre domestizierten Abkömmlinge, die Feldtauben, und sehr menschenscheu. Sie geht nickend, fliegt klatschend ab, durchmißt mit pfeifendem Geräusch etwa 100 km in der Stunde, steigt gern empor und kreist oft längere Zeit in dicht geschlossenen Schwärmen; denn sie liebt die Geselligkeit im Gegensatz zu der nur in einzelnen Pärchen lebenden und nie sich zu größeren Schwärmen zusammenfindenden baumbewohnenden Ringel-, Hohl- und Turteltauben. Beim Nahrungsuchen läuft sie stundenlang auf dem Boden herum; beim Trinken watet sie bisweilen ein bischen ins Wasser hinein. Sie lebt von allerlei Sämereien und nistet dreimal im Jahre. Mit Beginn des Frühlings wirbt der Tauber sehr eifrig rucksend unter allerlei Bücklingen und Drehungen um ein Weibchen, dem er die größte Zärtlichkeit bekundet, während er gegen andere Genossen zänkisch und unverträglich ist. Erwidert sie seine Gefühle und ist damit die Ehe zustandegekommen, so sammelt er allerlei trockene Pflanzenstengel und dürre Halme, mit denen die Täubin das Nest baut, in das sie zwei glattschalige, rein weiße Eier legt. Beide Geschlechter brüten, die Täubin von 3 Uhr nachmittags bis 10 Uhr vormittags ununterbrochen, der Täuberich dagegen in den übrigen Stunden. Nachts schläft letzterer in der Nähe des Nestes, immer bereit, die Gattin zu beschützen, und duldet nicht einmal, daß sich ihr eine andere Taube nähert. Nach 16-18 Tagen schlüpfen die äußerst unbehilflichen, blinden Jungen aus, die in der ersten Zeit von beiden Eltern mit dem im Kropfe gebildeten Futterbrei ernährt werden, um dann später erweichte, endlich härtere Sämereien nebst Steinchen als Reibemittel für den muskulösen Kaumagen zu erhalten. Schon nach vier Wochen sind sie erwachsen, schwärmen mit den Alten aus, machen sich in wenigen Tagen selbständig, und die Eltern schreiten alsbald zur folgenden Brut. Jung aus dem Neste genommene Felsentauben benehmen sich ganz wie Feldtauben, befreunden sich mit dem Menschen, sind aber nicht so untertänig wie Haustauben.

Da es zahlreiche Rassen der Haustaube gibt, die im einzelnen sehr starke Abweichungen in der äußeren Erscheinung erkennen lassen, so war unter den Züchtern früher die Annahme allgemein verbreitet, daß mehrere wilde Stammarten angenommen werden müssen. Indessen haben die umfassenden Untersuchungen von Charles Darwin diese Frage endgiltig gelöst und festgestellt, daß sie alle von der Felsentaube abstammen, die schon im Freileben so veränderlich ist, daß man, wie gesagt, mehrere geographische Rassen von ihr unterscheidet. Er führt eine Reihe von Gründen an, die ausschlaggebend für die Abstammung aller unserer Taubenrassen von der Felsentaube sprechen. Wenn auch unsere Haustauben in Einzelehe leben, haben sie wie die wilde Stammart einen starken Hang zur sozialen Lebensweise, vermeiden es wie diese auf Bäume zu fliegen oder gar ihre Nester auf denselben anzulegen, sondern verlangen vielmehr für ihre Nistplätze halbdunkle, unzugängliche Orte. Alle Haustauben betragen sich wie die Felsentaube und legen wie diese je zwei Eier. Bei allen Rassen derselben treten gelegentlich mohnblau wie die Wildform gefärbte Individuen mit dem charakteristischen Metallschimmer am Halse und den schwarzen Flügelbinden auf. Darwin hat ausgedehnte Kreuzungsversuche bei verschiedenen Haustaubenrassen gemacht und dabei häufig bei den Nachkommen schwarze Flügelbinden auftreten sehen, auch wenn die Zuchttiere keine Spur davon erkennen ließen. Durch Kreuzung mancher Schläge, die durchaus kein Blau in ihrem Gefieder besaßen, erhielt er Nachkommen von blauer Färbung und Zeichnung, die als vollständige Rückschläge in die Felsentaube erschienen. Die Felsentaube kreuzt sich fruchtbar mit den Haustaubenschlägen und letztere kreuzen sich unter sich, was ebenfalls für die Felsentaube als gemeinsame Ausgangsform hindeutet. Schon bei den wilden Felsentauben tritt gelegentlich Leucismus auf, der dann bei manchen der vom Menschen gezüchteten Schläge überwiegt.

Dieses Auftreten der weißen Farbe hält Ed. Hahn für sehr wichtig, indem Tauben dadurch zuerst die Aufmerksamkeit, den Schutz und später die Pflege des Menschen erworben haben sollen. Er sagt in seinem Buch über die Haustiere und deren Beziehungen zum Menschen: „Bei keinem Tier ist es so deutlich, daß seine Einführung mit religiösen Momenten zusammenhängt, und bei keinem Tier lassen sich so leicht die ursprünglichen Bedingungen der Einführung feststellen. Grotten und Felshöhlen, aus denen vielleicht noch ein starker Quell entspringt, gehören zu den ursprünglichsten Heiligtümern; dies sind Stellen, die die Taube mit besonderer Vorliebe bewohnt, und so scheu sie sonst ist, oft mit merkwürdiger Nichtachtung des menschlichen Verkehrs auch trotz aller Störungen innebehält. Jede Gottheit nimmt die Tiere, die sich ihr freiwillig anvertrauen, in ihren Schutz. Fanden sich nun einmal unter den Tauben einige Albinos, so war die weiße, lichtglänzende Verkörperung der Gottheit von selbst gegeben, und daß die Taube mit ihrer äußerst verliebten Natur der Göttin der Liebe geweiht wurde, ist ebenso selbstverständlich. Ich glaube sogar sagen zu können, daß die Taubengestalt in so alter Zeit sich mit der Vorstellung, unter der man sich die Gottheit des weiblichen Prinzips verkörpert dachte, verband, daß sie von sehr bedeutendem Einfluß auf die Ausgestaltung dieses weiblichen Prinzips selbst gewesen ist; bekanntlich wurde Semiramis, die nur eine spezialisierte Form der großen Göttin darstellt, aus einem großen Ei am Ufer des Euphrat von den Tauben ausgebrütet (Diodor II, c. 4; später flog sie als Taube gen Himmel, c. 20). Schon in ältester Zeit hat die Taube sich als heiliger Vogel der Göttermutter durch den ganzen Orient verbreitet. Die Phönizier brachten sie so weit sie den Kult ihrer Götter trugen, z. B. nach dem Berge Eryx in Sizilien, und mit der Leichtigkeit, mit der sich der heilige Vogel wieder an anderen Stellen festsetzte, gab er dann seinerseits Grund zu neuen Heiligtümern der Venus. An eine Benutzung des Vogels, etwa zur Speise, war in solchen Fällen natürlich nicht zu denken, stand er doch unter dem unmittelbaren Schutz der Göttin. Erst sehr viel später lernte man den Vogel auch als Braten schätzen; hier waren es wohl die Römer zuerst. Doch ging die Idee des Zusammenhangs des Vogels mit der Venus nicht gleich ganz verloren; das beweist uns Martial (der in einer seiner Xenien sagt: ‚Nicht soll diesen Vogel essen, wer geil zu sein begehrt‘).“

In der dargestellten Weise mag irgendwo in Westasien die wilde Felsentaube vor allem in gewissen albinotischen Individuen als heiliges Tier der großen Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit unverletzlich erklärt und dann sogar in menschliche Pflege genommen worden sein, bis sie sich schließlich an ihre Beschützer gewöhnte und zum Haustier wurde. Und was zunächst nur einigen auserwählten Individuen zuteil wurde, das erstreckte sich später auf das ganze Geschlecht, so daß die Felsentaube überhaupt für ein unverletzliches, heiliges Tier galt. So war seit den ältesten geschichtlichen Zeiten die Felsentaube der großen Göttermutter und Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, Astarte, heilig und wurde überall in Vorderasien bei ihren Tempeln in größeren Scharen gehegt. Auch mag da und dort ein Taubenpärchen in den Höhlen, die als älteste Kultorte dienten, später auch an dunkeln Orten der Steintempel genistet und sich so an den Umgang mit dem Menschen gewöhnt haben. Dies gab vielleicht dem betreffenden Kultorte ein besonderes Ansehen, so daß dann künstlich von den Priestern Tauben dort angesiedelt wurden, wodurch die Zähmung beschleunigt wurde.

Als der Grieche Xenophon im Jahre 400 v. Chr. im Heere des jüngeren Cyrus mit anderen griechischen Söldnern Syrien durchzog, fand er, daß die Einwohner die Fische und Tauben als göttliche Wesen verehrten und ihnen kein Leid anzutun wagten. Nach Pseudo-Lucian waren in Hierapolis oder Bambyce die Tauben so heilig, daß niemand eine derselben auch nur zu berühren wagte. Wenn dies jemandem wider Willen widerfuhr, dann trug er für den ganzen Tag den Fluch des Verbrechens; „daher leben auch,“ fügt der Verfasser hinzu, „die Tauben mit den Menschen ganz als Genossen, treten in deren Häuser ein und besetzen weit und breit den Erdboden.“ Ganz dasselbe berichtet der Jude Philo von Askalon, wo auch ein berühmter Tempel der Göttin Astarte -- der Aphrodite uraniḗ. wie die Griechen sich ausdrückten -- war. Er schreibt nämlich: „Ich fand dort eine unzählige Menge Tauben auf den Straßen und in jedem Hause, und als ich nach der Ursache fragte, erwiderte man mir, es bestehe ein altes religiöses Verbot, die Tauben zu fangen und zu profanen Zwecken zu verwenden. Dadurch ist das Tier so zahm geworden, daß es nicht bloß unter dem Dache lebt, sondern ein Tischgenosse des Menschen ist und dreisten Mutwillen treibt.“

Als der Dienst der semitischen Göttin Astarte durch die der Schiffahrt kundigen Vertreter dieses Stammes weiter westlich im Mittelmeer verbreitet wurde, zog selbstverständlich ihr heiliges Tier, die zahme Taube, mit und wurde an ihren Heiligtümern in halber Wildheit gehalten, wie dies heute noch überall im Orient auch unter den Mohammedanern der Fall ist. Allgemein bekannt sind die Tauben der Göttin in Paphos auf Zypern, die paphiae columbae der Römer, die im Tempel ein- und ausflogen, ja sich selbst auf das Bild der Göttin setzten. Von Zypern gelangte der Dienst dieser orientalischen Liebesgöttin schon vor der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends zu den die Küsten des Ägäischen Meeres und die Inseln nebst Kreta bewohnenden Mykenäern. Dort sind ihre auf uns gekommenen Darstellungen stets von Tauben umgeben. So fand man im dritten Grabe der Burg von Mykenä zwei einst auf Kleider genähte Goldbleche mit dem Bildnis einer jedenfalls sie darstellenden weiblichen Gottheit, auf deren Haupt eine Taube sitzt. Im einen fliegt außerdem von jedem Arme eine Taube aus. Fünf andere Goldbleche aus dem 3. und 5. Grabe stellen ein von Tauben umgebenes Gebäude dar, das wohl an den Astarte-Aphroditetempel von Paphos erinnern soll. Dann sind auf einem elfenbeineren Spiegelgriff aus mykenischer Zeit zwei weibliche Gottheiten dargestellt, von denen jede eine Taube mit ausgebreiteten Flügeln und ausgestrecktem Hals auf dem einen Arm hält.

Zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends waren es besonders die Phönikier, die zugleich mit ihrer Kolonisation den Astartekult und die damit zusammenhängende Pflege ihres heiligen Tieres verbreiteten. So brachten sie denselben u. a. auch nach ihrer Pflanzstadt Korinth. Allerdings ist später im Kulte der Aphrodite der Griechen zunächst vom heiligen Tiere ihrer phönikisch-semitischen Vertreterin keine Rede; es muß nicht direkt mit jenen von ihnen übernommen worden sein. Auch in den alten homerischen Hymnen auf sie finden sich die Tauben als ihr heilige Tiere nicht erwähnt. Es wird dort berichtet, wie die Göttin ihren duftenden Tempel auf der Insel Zypern betritt, wie sie von den Chariten mit dem unsterblichen Öle gesalbt, mit herrlichen Gewändern bekleidet und mit goldenem Geschmeide geschmückt wird und sich dann, Zypern verlassend, hoch durch die Wolken nach dem quellenreichen Ida schwingt.

Die älteste Erscheinung der Haustaube stammt, wie schon Darwin festzustellen vermochte, aus der Zeit der 5. ägyptischen Dynastie (2750 bis 2625 v. Chr.) zur Zeit des Alten Reiches. Damals wurde sie schon auf manchen Gehöften in Scharen gehalten und vom Menschen gefüttert. Im Alten Testament wird sie zur Zeit des Exils (586-536 v. Chr.) im Pseudo-Jesaias 60, 8 angeführt. Nach Ohnefalsch-Richter hat man auch, besonders auf Zypern, hoch ins letzte vorchristliche Jahrtausend hinaufreichende Abbildungen kleiner Tempel und Kapellen ausgegraben, die wie die heutigen Bauernwohnhäuser in Syrien und Ägypten als Taubenschläge eingerichtet sind. Alles dies beweist das hohe Alter der Taubenzucht in der Ostecke des Mittelmeers.

Von dorther gelangte die Haustaube jedenfalls schon vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. zu den Griechen. Wenn nun der griechische Geschichtschreiber Charon von Lampsakos, der Vorgänger des Herodot, in seinen Persiká schreibt: „Zu der Zeit, da die persische Seemacht unter Mardonios (492 v. Chr.) -- zwei Jahre vor der Schlacht bei Marathon -- bei der Umschiffung des Vorgebirges Athos zugrunde ging, seien zuerst die weißen Tauben im Lande erschienen,“ so will er damit nicht sagen, wie die meisten Autoren schließen, damals sei die Haustaube überhaupt zum erstenmal nach Griechenland gekommen, sondern er meint damit offenbar nur Haustauben edler Rasse, die wir wohl mit dem Kulte der orientalischen Liebesgöttin in Verbindung setzen dürfen. Noch viel später lesen wir bei einigen griechischen Schriftstellern von der „weißen Taube Aphrodites“. Es haben sich also beim Schiffbruche der persischen Flotte am Berge Athos zahme weiße Tauben des Astartedienstes aus den scheiternden Fahrzeugen ans Land gerettet und fielen den Einwohnern in die Hände, die diese auffallenden Gäste hegten und an ihre Landsleute weitergaben. Ein halbes Jahrhundert später war unter den Athenern, die mit Thrakien in lebhaftem politischem und Handelsverkehr standen, die zahme, -- wohl vielfach weiße -- Taube unter dem Namen peristerá, der vielleicht aus jener nördlichen Gegend stammt, ein verbreitetes Haustier, das gelegentlich, wie im Orient, zu schnellen Botschaften gebraucht wurde. So sandte der um diese Zeit lebende Äginet Taurosthenes seinem Vater durch eine Taube Botschaft von seinem Siege in Olympia, und diese soll noch an demselben Tage nach Ägina gelangt sein. Die wörtliche Schilderung dieses Vorgangs erzählt uns Älian folgendermaßen: „Als Taurosthenes von Ägina den Sieg zu Olympia errang, gelangte die Nachricht von seinem Glücke noch selbigen Tags an seinen Vater nach Ägina. Er hatte nämlich eine Taube mitgenommen, deren Junge noch im Nest saßen, und ließ sie, sowie er gesiegt hatte, mit einem angehängten roten Läppchen davonfliegen.“ Als der Aphrodite heilige Vögel wurden sie dieser Göttin als Weihgeschenke dargebracht, um ihre Tempel in halber Freiheit gehalten und dort regelmäßig gefüttert. Nach den Darstellungen auf Münzen muß besonders Sikyon eine Hauptstätte des Aphroditekultes, wie auch der Taubenzucht gewesen sein.

Nach Italien kam die Taube durch die Vermittlung der süditalischen Griechen, nachdem diese wohl durch den auf die Phönikier zurückgehenden Tempel von Eryx in Sizilien zuerst Bekanntschaft mit jenem heiligen Vogel gemacht hatten. Zog nun die dort verehrte Göttin Astarte an einem bestimmten Tage des Jahres nach Afrika fort, so sollten ihr nach Älian alle Tauben dorthin folgen. „Sind neun Tage verflossen, so sieht man, wie die Leute behaupten, eine wunderschöne purpurfarbige Taube von Libyen aus über das Meer nach Eryx fliegen und dieser folgt dann eine ganze Wolke gewöhnlicher Tauben. Ist der Zug angelangt, so wird (wie bei ihrem Auszug das Abschiedsfest) ein anderes Fest, das Rückkehrfest, gefeiert.“ In der Zeit zwischen beiden mochten wohl die Tempeltauben durch die Priester in ihren Kammern verschlossen gehalten werden. Den Vogel nannten die sizilischen Griechen, als sie ihn an jenem uralten phönikischen Heiligtum an der Nordwestspitze Siziliens kennen lernten, kólymbos, woraus dann die Römer columbus oder columba machten. In Italien wurde die zahme Taube dann allmählich bekannt und ihre Zucht in Angriff genommen. Der gelehrte Römer Varro zu Ende der Republik sagt, daß sie sonst ohne Unterschied mit columba Männchen und Weibchen der Haustaube bezeichnet hätten und erst später, da der Vogel bei ihnen gewöhnlich ward, columbus von columba (als Männchen und Weibchen) unterschieden. Er unterscheidet genau zwischen der Feldtaube -- dem halbwilden Abkömmlinge der Felsentaube -- und der zahmen Haustaube, und beschreibt Taubenhäuser, in denen bis 5000 Stück gehalten wurden. „Man pflegt zwei Arten von Tauben zu halten: die Feldtaube, welche andere auch Felsentaube nennen. Sie ist scheu, wohnt in den Türmen und andern hohen Teilen des Landhauses und fliegt von da nach Belieben auf das Feld, um sich ihr Futter selbst zu suchen. Dann Haustauben, die zutraulicher sind und sich mit dem zu Hause gereichten Futter begnügen. Diese sind meist weiß, während die Feldtauben nirgends weißes Gefieder haben. Es paaren sich auch beide Arten von Tauben miteinander, wodurch eine dritte Sorte entsteht. Das Taubenhaus hat eine gewölbte Decke, eine enge Tür und mit Netzwerk überzogene Fenster, durch welche Licht einfällt, aber weder eine Schlange noch sonstiges Ungeziefer eindringen kann. Die Innenwände macht man glatt, ebenso die Außenwände, damit weder Mäuse noch Eidechsen hinein können; denn die Tauben sind sehr furchtsamer Natur. Für jedes Paar wird eine besondere Zelle hergestellt, inwendig drei Spannen breit und lang mit einem zwei Spannen langen Brett am Eingang. Es muß reines Wasser ins Taubenhaus fließen, das zum Trinken und Baden dient; denn diese Vögel sind sehr reinlich. Auch muß der Taubenwärter das Haus in jedem Monat mehrmals fegen. Der Taubenmist ist von großem Wert für die Landwirtschaft und wird für den besten gehalten. Der Wärter muß auch die kranken Tauben kurieren, die gestorbenen beseitigen und die zum Verkaufe passenden jungen herausnehmen; dann muß er die Habichte wegfangen, indem er ein Tier, nach welchem dieser Raubvogel zu stoßen pflegt, anbindet und Leimruten so um dasselbe steckt, daß sie sich über ihm wölben.

Ihr Futter bekommen die Tauben in Trögen, welche im Innern des Taubenhauses an den Wänden stehen und von außen durch Röhren gefüllt werden. Sie fressen gern Hirse, Weizen, Gerste, Erbsen, Bohnen, Linsen. Kauft man Tauben, so müssen sie das richtige Alter haben und die Zahl der Männchen muß der der Weibchen gleich sein. Kein Tier übertrifft die Taube an Fruchtbarkeit. Innerhalb 40 Tagen legt, brütet und erzieht sie ihre Brut von jeweilen zwei Jungen, und das geht das ganze Jahr hindurch. Wer junge Tauben zum Verkaufe mästet, sperrt sie ab, sobald sie ganz befiedert sind, und stopft sie dann mit gekautem Weißbrot; diese Fütterung geschieht im Sommer täglich drei-, im Winter nur zweimal. Will man die Jungen im Neste von den Alten mästen lassen, so zerbricht man ihnen die Beine und gibt reichliches Futter. Das Paar alter, schöner Tauben kann in Rom gewöhnlich für 200 Sesterzien (= 30 Mark) verkauft werden; ein ganz ausgezeichnetes Paar kostet auch bis 1000 Sesterzien (= 150 Mark). Als neulich ein Kaufmann ein solches Paar vom Ritter Lucius Axius kaufen wollte, antwortete dieser, sie wären unter 400 Denaren (= 240 Mark) nicht feil.“

Sehr ausführlich schildert der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte die Haustaube und deren Lebensgewohnheiten. Am Schlusse seiner Ausführungen sagt er: „Es gibt viele, die vor lauter Taubenliebhaberei wie verrückt sind. Sie erbauen ihnen Türme auf ihren Dächern und wissen von einer jeden nachzuweisen, woher sie stammt und wie edel ihre Abkunft ist. Schon vor dem pompejanischen Bürgerkriege (49 und 48 v. Chr.) verkaufte der römische Ritter Lucius Axius einzelne Paare, wie Varro erzählt, für 400 Denare (= 240 Mark). In Kampanien sind sie vorzüglich groß, und dieses Land ist in dieser Hinsicht berühmt. Die Tauben sind auch schon in wichtigen Angelegenheiten als Botschafter gebraucht worden, wie denn z. B. Decimus Brutus, als er in Mutina (dem heutigen Modena) belagert wurde, ihnen Briefe an den Beinen befestigte und sie ins Lager der Konsuln schickte. Was konnte da dem Antonius sein Wall, seine Wachsamkeit, der durch Netze gesperrte Fluß helfen, da der Bote durch die Luft flog?“ Übrigens sei hier bemerkt, daß man im Altertum gelegentlich auch Schwalben statt wie hier Haustauben zu raschen Überbringerinnen von Botschaften auf große Entfernungen benutzte. So schreibt der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Cäcinna, ein Ritter aus Volaterra, der zu öffentlichen Wettrennen bestimmte Wagen besaß, pflegte Schwalben mit nach Rom zu nehmen, bestrich sie, wenn er gesiegt hatte, mit der Farbe des Sieges (rot), ließ sie fliegen und sie überbrachten, indem sie ihrem Neste zueilten, bald seinen Freunden die Botschaft. Auch erzählt Fabius Pictor in seinen Jahrbüchern, daß man, als eine römische Besatzung von den Ligustinern belagert wurde, ihm eine von den Jungen genommene Schwalbe zuschickte, damit er ein Fädchen an ihre Füße binden und durch Knoten die Zahl der Tage angeben könne, nach deren Verlauf er zum Entsatze da sein würde. Die Besatzung sollte dann einen Ausfall machen.“

Auch allerlei Aberglauben knüpfte sich bei den Römern an die Taube, wie an zahlreiche andere Vögel; so berichtet Dio Cassius: „Dem Macrinus wurde der Verlust der Schlacht und sein darauf erfolgender Tod dadurch prophezeit, daß, während sein erster Brief, worin er verkündete, Kaiser geworden zu sein, im Senat vorgelesen wurde, eine Taube sich auf seine Bildsäule, die in dem Versammlungssaale stand, niederließ.“ Als großer Tierfreund hat besonders der Vetter, Adoptivsohn und Nachfolger des Heliogabalus, einer der besten Fürsten seiner Zeit, Alexander Severus, der 222 14jährig die Regierung antrat, 231 siegreich gegen den Perserkönig Artaxerxes focht und 235 unweit von Mainz von aufrührerischen Soldaten ermordet wurde, große Geflügelhöfe und Tausende von Tauben gehalten. So berichtet der Geschichtschreiber Älius Lampridius von ihm: „Nach Heliogabals Tod übernahm ein herrlicher Mann, Alexander Severus, die Regierung des Römischen Reichs. Dieser duldete während der Mahlzeit die bei den Römern üblichen Unterhaltungen durchaus nicht, sondern hatte Spaß daran, wie kleine Hündchen und Kätzchen mit Spanferkelchen spielten und Vögel um ihn herumflogen. Überhaupt waren die Vögel seine Hauptfreude. Er hatte eigene Anstalten für Pfauen, Fasanen, Haushühner, Enten, Rebhühner, die größten aber für Tauben, deren er 20000 gehabt haben soll. Um nun dem Staate nicht durch die Fütterung der ungeheuren Menge von Geflügel lästig zu fallen, mußten seine Angestellten die Eier, die Küchlein, die jungen Tauben verkaufen und von dem daraus gelösten Gelde das Futter kaufen.“

Aus diesen Stellen kann man entnehmen, wie populär auch bei den Römern der späteren Kaiserzeit die Taubenzucht war. Noch ums Jahr 400 n. Chr. spricht Palladius von Taubentürmen, die man auf dem Herrenhause baue und so einrichte, daß alle Nester inwendig seien. Dabei müßten alle Eingänge so klein sein, daß sich kein Raubvogel hineinwage. Dabei weiß er noch allerlei von uns allerdings sehr skeptisch aufgenommene Ratschläge zu erteilen, so sagt er: „Um die Tauben vor Wieseln zu sichern, wirft ein Mann ganz heimlich, ohne daß es jemand sieht, einen blattlosen Dornbusch oder einen Haufen altes Spartgras in das Taubenhaus. Um sie vor dem Tode zu schützen und damit sie nicht in andere Taubenschläge übersiedeln, hängt man in alle Eingänge etwas von dem Strick, mit dem ein Mensch gehängt wurde. Die Tauben bringen sogar noch fremde mit, wenn man sie fleißig mit Kümmel füttert.“ Heute rät man zu letzterem Zwecke Anisöl in die Taubenschläge zu bringen, für das die Tauben tatsächlich eine große Vorliebe hegen.

Auch bei den Römern, die als Realisten sich nicht scheuten, die Tauben trotz ihrer althergebrachten Heiligkeit zu verspeisen, waren sie der Liebesgöttin Venus geweiht. Man dachte sich ihren Wagen von weißen Tauben gezogen, wie schon die Griechen erzählten. Es sei hier nur an die Ode an Aphrodite erinnert, die die berühmteste Dichterin des Altertums, die aus vornehmem lesbischem Geschlechte stammende Sappho zu Beginn des 6. vorchristlichen Jahrhunderts verfaßte und die in Geibels Nachdichtung folgendermaßen beginnt:

„Die du thronst auf Blumen, o schaumgeborene, Tochter Zeus, listsinnende, hör mich rufen, Nicht in Schmerz und bitterer Qual, o Göttin, Laß mich erliegen.

Sondern huldvoll neige dich mir, wenn jemals Du mein Flehn willfährigen Ohrs vernommen, Wenn du je, zur Hilfe bereit, des Vaters Halle verlassen.

Raschen Flugs auf goldenem Wagen zog dich Durch die Luft dein Taubengespann, und abwärts Floß von ihm der Fittiche Schatten dunkelnd Über den Erdgrund.

So dem Blitz gleich stiegst du herab und fragtest, Sel’ge, mit unsterblichem Antlitz lächelnd: ‚Welch ein Gram verzehrt dir das Herz, warum doch Riefst du mich, Sappho?‘“

Wie bei den Griechen diente auch bei den ihnen so vieles entlehnenden Römern der Name Taube, wie Spätzchen und Häschen, als Kosewort; so heißt es bei Plautus u. a.: mea columba. Eine besondere Rolle spielte dann die Taube in der christlichen Kirche. Man findet sie in den ältesten christlichen Katakomben Roms häufig abgebildet. Als reiner, frommer Vogel diente sie früh als Ausdruck der neuen Religion und der damit verbundenen Seelenstimmung, und man glaubte, daß beim Tode des Gläubigen sich dessen Seele als Taube zum Himmel hinaufschwinge, wie einst in ihrer Gestalt der heilige Geist auf die Erde herniederkam. Als der Frankenkönig Chlodwig im Jahre 496 nach Besiegung der Alamannen mit 3000 Franken in Reims zum Christentum übertrat und sich taufen ließ, brachte eine Taube dem Bischof Remigius, wie Hinkmar im Leben des Heiligen erzählt, das Ölfläschchen zu dessen Salbung vom Himmel herab. Seit der Zeit der Kirchenväter herrschte ein allgemeiner Glaube in der Christenheit, daß die Taube keine Galle habe und deshalb so sanft und ohne Falsch sei; daher kommt es, daß schon der St. Galler Mönch Ekkehard in seinen Benediktionen, den Tischgebeten, den heiligen Geist bittet, sein Tier, die „Taube ohne Galle“ für das Verspeisen zu segnen. Gleicherweise preist Walter von der Vogelweide die schöne, sanfte Griechin Irene von Byzanz, die Gemahlin des am 21. Juni 1208 von Otto von Wittelsbach in Bamberg ermordeten deutschen Königs Philipp von Schwaben, als ein rôs âne dorn, ein tûbe sunder gallen.

Wie der Papst besonders verdienten Christen die goldene Tugendrose verschenkte, so verlieh er ihnen auch als Auszeichnung gelegentlich das Bild der Taube, das Symbol des heiligen Geistes. Den Germanen war einst, wie allen Indogermanen, die graue wilde Taube ein düsteres Geschick und den Tod ansagender Vogel. Nicht anders war es bei den Römern, bei denen, wie wir sahen, durch das Herbeifliegen einer Haustaube der bevorstehende Tod des Kaisers Macrinus angekündigt worden sein soll. Ihr trat nun, wie dem Heidentum das Christentum, die anmutige und zärtliche, zutraulich mit dem Menschen lebende und aus seiner Hand das Futter nehmende weiße, fremdländische Taube gegenüber, in deren Gestalt der heilige Geist auf die Erde gekommen sein sollte. Schon letztere Tatsache gab ihr einen Heiligenschein und machte sie in Anknüpfung an altorientalische Vorstellungen zu einem Gegenstand religiöser Verehrung. So werden in Moskau und den übrigen Städten des weiten Rußland Scharen von meist weißen Tauben von den Gläubigen unterhalten und ernährt, und einen der heiligen Vögel zu töten, zu rupfen und zu essen wäre eine große Sünde und würde dem Täter übel bekommen -- ganz wie einst zur Zeit Xenophons und Philos in Hierapolis und Askalon. Noch heute wohnen auf den Kuppeln der Markuskirche und auf dem Dache des Dogenpalastes im halbgriechischen Venedig Schwärme von Tauben, die, von niemandem beunruhigt, auf dem Markusplatz ihr Wesen treiben und zur bestimmten Stunde auf öffentliche Kosten ihr Futter gestreut erhalten.

In den beiden letztgenannten Städten sind schon bedeutende orientalische Einflüsse bemerkbar. Im heutigen, mohammedanischen Morgenland hat die Taube durch die Jahrhunderte den Stempel der Heiligkeit bewahrt und wird als Gegenstand religiöser Verehrung in halbwildem Zustande um die Moscheen gehalten. Schon im frühen Altertum geschah dies, wie wir sahen, in den Tempeln der Liebesgöttin. Aber auch sonst stand die Taube in einem gewissen Verhältnisse zum Menschen. Wie in der Genesis erscheint im altbabylonischen Sintflutbericht die Taube (samâmu-summatu) neben dem Raben als Sendling Schamaschnapischtims, des babylonischen Noah, um das nächste Land auszukundschaften. Auf solche Weise haben auch die alten Phönikier und Griechen, wenn sie sich ausnahmsweise einmal aus der Sehweite der Küste entfernten, durch das Aussenden von Tauben das nächste Land erkundet, wie dies die nordischen Wikinge mit gefangen gehaltenen Raben machten. Auch anderwärts wird die Taube in Keilinschriften erwähnt; so heißt es auf einer Tontafel medizinischen Inhalts: „Die Krankheit des Kopfes fliege davon, wie eine Taube in ihren Schlag.“

Wie in Mesopotamien und Syrien wurde auch im alten Ägypten die Felsentaube als Haustier gehalten. Schon zur Zeit der ältesten Dynastien finden wir sie, wie erwähnt, unter dem Hausgeflügel abgebildet, doch trat ihre Zucht damals gegenüber derjenigen der dort einheimischen Nilgans stark zurück. So ist auf einem Grabe eine vom Menschen gefütterte Schar Tauben dargestellt. Auf einem andern heißt es zwar: „Die Taube holt sich Futter“, während daneben steht: „Die Gans wird gefüttert“ und „die Ente erhält zu Fressen.“ Mit dieser sich selbst das Futter holenden Taube ist sehr gut die Feldtaube charakterisiert, die heute noch im Niltale, wie im Morgenlande überhaupt, in halbwildem Zustande auf alten ruhigen Gebäuden, Tempeln und in für sie errichteten Türmen gehalten wird. Zum Nisten dienen ihr hoch übereinandergeschichtete eiförmige Töpfe, die mit Nilschlamm oder Mörtel miteinander verbunden wurden. Jeder Topf ist an dem nach außen gekehrten Ende etwas durchbrochen, um Luft und Licht durchzulassen. Der Eingang für die Taube befindet sich aber an der innern Seite. Von hier aus wird auch alljährlich der angesammelte Mist als das einzige von den Tieren Benutzte zusammengekratzt, um als wertvoller Dünger besonders für die Melonenkulturen verwendet zu werden. Dieser Taubendünger ist für den Orientalen deshalb so wertvoll, weil in dem holzarmen Lande der Mist der pflanzenfressenden Haustiere als Brennmaterial benutzt wird. Der verstorbene Ägyptologe Brugsch Pascha berichtet von seiner Reise nach Persien, daß die berühmten Melonen von Isfahan in Persien wesentlich dem reichlichen Taubendünger, den sie erhalten, ihre Vorzüglichkeit verdanken. Schon im Altertume gab es übrigens da, wo wir solchen noch heute begegnen, derartige Taubentürme. So werden sie schon im Alten Testament bei Pseudo-Jesaias 60, 8 erwähnt, der sagt: „Wer sind die, welche fliegen wie die Wolken und wie die Tauben in ihren Wohnkammern?“ Auch auf der späteren Königsburg in Jerusalem, die im Jahre 70 n. Chr. im allgemeinen Brande unterging, waren nach Josephus „viele Türme mit zahmen Tauben.“

Nach der Sage wurde die Taube für die Mohammedaner deshalb ein heiliger Vogel, weil eine solche, die sich durch seinen Eintritt in die Höhle, in der sie brütete, nicht stören ließ, den Propheten Mohammed auf seiner Flucht vor der Gefangennahme durch die ausgesandten Häscher schützte. Deshalb wird sie überall in der mohammedanischen Welt in halber Wildheit gehalten, ohne irgend welchen Nutzen aus ihr zu ziehen. Einzig ihr Mist wird, wie oben gesagt, als Düngmittel verwendet. Von den ebenfalls halbwilden, auf öffentliche Kosten oder von den Gläubigen ernährten Tauben des Kreml in Moskau und der Markuskirche in Venedig wird nicht einmal dieser verwendet. Ebenso ist es in den mohammedanischen Moscheen und in den siamesischen Pagoden. „Taube der Moschee“ zu heißen, ist ein lobendes Prädikat für einen frommen Moslem. In Indien und China hat sich ohne allen europäischen Einfluß schon in alter Zeit eine namhafte Taubenliebhaberei entwickelt, die früh zur Züchtung verschiedener Kulturrassen führte. So wird vom mächtigen Eroberer mohammedanischen Glaubens, dem Großmogul Akbar dem Großen, der von 1556 bis 1605 regierte, berichtet, daß er sich persönlich mit ihrer Zucht abgab und an seinem Hofe über 20000 Tauben hielt. Um seine Arten zu vermehren, ließ er sich von den Herrschern in Iran und Turan seltene Rassen senden. So besaß er schließlich bereits 17 verschiedene Taubenrassen. In Syrien soll es heute noch mehr Taubenfreunde und -Züchter geben als selbst in England, das in der Zucht dieses Haustieres Großes geleistet hat. Auch die Chinesen haben Freude an der Taube und halten sie gern. Dabei schützen sie ihre Taubenschwärme durch das Anbringen kleiner Pfeifen aus Bambus, die dann beim Fliegen durch schwirrende Töne die Raubvögel abhalten sollen. Dieser Gebrauch ist auch bei den Japanern üblich, die dieses Haustier, wie so vieles andere, von den Chinesen übernahmen.

Während auch die Ostasiaten als Feinschmecker junge Tauben gern essen, tun dies die christlichen Abessinier nicht aus religiöser Scheu, da die Taube als Sinnbild des heiligen Geistes bei ihnen als heiliges Tier gilt. Man findet sie deshalb in jenem Lande häufig in der noch dort geübten byzantinischen Kunst abgebildet. Die abessinischen Juden müssen für ihre vorgeschriebenen Opfer wilde Tauben fangen, wie das in der älteren Zeit im Judentum auch bei den Turteltauben der Fall war. Auch in den Haussaländern ist sie geschützt wie in allen dem Islam huldigenden Ländern. Durch die Araber wurde sie dann den Negern Ostafrikas gebracht, die sie teilweise willig annahmen. So werden sie in Unjamwesi in großen Schlägen aus Rindenschachteln gehalten, worunter auch viele weiße. Bis zum Jahre 1883 hatten sie sich bis in das Herz des schwarzen Kontinents, zum Flusse Lulua, verbreitet.

Mit den Europäern gelangte die Taube natürlich auch nach Amerika und Australien, wo sie vollständig eingebürgert wurde. An zahllosen Stellen ist die Taube verwildert und hat mehr oder weniger die Färbung ihrer wilden Vorfahren angenommen, so besonders in den Mittelmeerländern und auf vielen ozeanischen Inseln. Auf den Azoren flossen bei den verwilderten Tauben die weißen Flügelbinden zusammen. Das gab den Ornithologen Gelegenheit, eine neue Unterart aufzustellen, wie deren durch künstliche Auslese und zielbewußte Zucht zahlreiche durch den Menschen willkürlich geschaffen wurden.

Schon im Altertum entstanden die Stammformen der meisten heutigen Taubenrassen im Morgenlande, um dann nach dem Abendlande verbreitet zu werden. So war schon im Mittelalter die Zahl der in Europa bekannten Taubenrassen beträchtlich. Man züchtete damals bereits in den Niederlanden eigene Rassen, zu denen durch die Einfuhr aus dem Orient stets neue hinzukamen. Von den Niederlanden, die im 15. Jahrhundert das kultivierteste Volk Mitteleuropas besaßen, verbreitete sich die Taubenzucht im 16. Jahrhundert über Deutschland, England, Frankreich und die diesen benachbarten Länder. Schon vor dem Jahre 1600 waren die Hauptrassen unserer Haustaube vorhanden; seither gingen einzelne wieder verloren, während andere eine Umbildung erfuhren. In seiner Ornithologie führt der Italiener Ulysses Aldrovandi die um 1600 in Europa gezüchteten Taubenrassen auf, die damals immer noch vorzugsweise in den Niederlanden gezüchtet wurden. Es gab dort besondere Vereine von Taubenzüchtern, die Anregungen in diesem Wirtschaftszweige zu geben bestrebt waren. Trotz der einheimischen Zucht hat aber die Einführung orientalischer Taubenrassen noch nicht aufgehört; denn wie früher ist noch immer das Morgenland das Hauptzuchtgebiet der Taube.

Von der in Westasien zuerst gezähmten Felsentaube sind so zahlreiche Rassen hervorgegangen, daß es schwer hält, sie alle einzureihen. Der wilden Stammform am nächsten stehen die im wesentlichen nur durch ihre Färbung und Zeichnung von ihr verschiedenen ~Feldtauben~, deren Hauptverbreitungsgebiet das westliche Europa ist. Sie haben in ihrer Lebensweise eine gewisse Unabhängigkeit bewahrt, indem sie von ihrem Nistplatze aus aufs Feld fliegen, um ihr Futter selbst zu suchen. Nur im Winter werden sie gefüttert. In der Regel sind sie glattköpfig, d. h. ohne Haube, und ohne Federhosen an den Beinen. Als Nutzvögel stehen sie wegen ihrem Fleischwert obenan.

An die Feldtauben schließen sich die zahlreichen ~Spiel~- oder ~Farbentauben~ an, die durch eigenartige Färbungen und Zeichnungen von konstantem Charakter ausgezeichnet sind. Die meisten von ihnen gehen wie die Feldtauben aufs Feld; doch ist ihre Abhängigkeit vom Menschen größer. Man unterscheidet bei ihnen Lerchen-, Star- und Storchtauben, Schwalben- und Gimpeltauben, Weißschwänze, Weißschläge, Farbenbrüster, Latztauben, Mohren- und andere Farbenköpfe. Die in mehreren Farbenvarietäten auftretende Eistaube besitzt ein wie bereift erscheinendes hell lichtblaues Gefieder. Die gelbliche bis bräunlichrote Mondtaube ist durch eine halbmondförmige Zeichnung auf der Brust charakterisiert. Nahe mit ihr verwandt ist die fahlgelbe Elbe oder Schweizertaube. Die Maskentaube ist ganz weiß mit dunklem Schwanz und halbmaskenartigem Stirnfleck. Dabei ist der Kopf glatt oder mit Haube versehen, die Beine sind glatt oder befiedert.

Die ~Trommeltauben~ weichen im Äußeren nicht auffallend von den Feldtauben ab, sie zeichnen sich aber durch ihre Stimme aus, die kein abgesetztes Rucksen, wie die anderer Tauben, sondern ein fortgesetztes Fortrollen ist, wobei das stillsitzende Tier den Kropf etwas aufbläht und mit den Flügeln zittert. Manche Trommeltauben sind am Kopf mit einer Haube und an der Schnabelbasis mit einer Federnelke geziert. Die Füße sind glatt oder befiedert. Die Färbung ist sehr verschieden. Häufig erscheint die Zeichnung gescheckt, auch blau, wie bei der Altenburger Trommeltaube, die besonders in Sachsen sehr beliebt ist. Als der beste Trommler gilt die etwas schwerfällig gebaute russische Trommeltaube, die meist einfarbig schwarz mit stahlblauem, bronzeschimmerndem Halse ist und am großen Kopf Muschelhaube und Federnelke trägt, welch letztere Augen und Schnabel bedeckt.

Bei den ~Lockentauben~ erscheint das Gefieder gelockt oder struppig. Das Gefieder ist weich und flaumig und die Deckfedern sind nicht abgerundet, sondern in eine Spitze auslaufend, welche zu einer Locke umgebogen ist. Das Gefieder ist blau bis fahlrot; der Kopf bald glatt, bald mit Haube versehen und die Beine nackt oder befiedert. Am stärksten gelockt ist die österreichische Lockentaube. Weniger hoch sind die Locken bei der holländischen Lockentaube, die fast stets eine Muschelhaube besitzt.

Die ~Perückentauben~ sind Tauben mit kurzem, kleinem Kopf, flacher Stirn und eigentümlicher Perücke oder Kapuze, die in der Weise zustande kommt, daß die verlängerten Federn unten am Hals regelmäßig gescheitelt sind, so daß ein Teil die Schultern bedeckt, die Hauptmasse aber sich nach vorn und oben richtet, so daß sie den Kopf hinten vollständig umschließen. Diese Perücke ist eine übermäßige Weiterentwicklung der Kopfhaube, die wir bei vielen Formen antreffen. Sie sind teils einfarbig blau oder weiß, teils „gemöncht“, indem aus der roten, gelben oder schwarzen Grundfarbe der weiße Kopf hervorsticht. Flügel und Schwanz weisen ebenfalls weiße Federn auf. Im allgemeinen sind die Vertreter dieser Rasse durch die gesättigten Töne der Grundfarbe bemerkenswert. Das Wesen dieser Vögel ist auffallend ruhig; sie fliegen nur wenig umher.

Eine kleine, zierliche Rasse, die bei den Taubenliebhabern stark bevorzugt wird und ein sehr weites Verbreitungsgebiet besitzt, sind die ~Mövchen~. Der kleine Kopf mit kurzem Schnabel ist bald glatt, bald behaubt. Vom Kinn verläuft ein faltiger Kehlsack gegen die Brust und der Vorderhals ist mit strahlig angeordneten, abstehenden Federn verziert. Von den zahlreichen Varietäten sind hervorzuheben: das deutsche Schildmövchen mit spitzer Haube, Schildzeichnung und etwas schleppenden Flügeln, dann die durch schöne Haltung, gewölbte Brust, hohe Beine und etwas aufgerichteten Schwanz ausgezeichneten italienischen Mövchen. Die milchblaue Varietät derselben gilt als besonders schön. Sehr geschätzt sind neben den ägyptischen auch die chinesischen Mövchen, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa eingeführt wurden, deren eigentliche Heimat aber nicht sicher ermittelt werden konnte, jedenfalls aber irgendwo in Asien zu suchen ist. Hals und Brust tragen bei dieser Spielart eine sehr umfangreiche Federrosette; außerdem ist oben am Hals noch eine deutliche Krawatte, welche den Kopf umgibt. Die kurzschnäbligen und mit befiederten Füßen versehenen Satinetten oder Atlasmövchen besitzen eine weiße Grundfarbe mit braunroten, schwarz umsäumten Flügeldeckfedern. Sie gehören mit zu den schönsten Tauben und sollen aus dem Orient stammen.

Eine ebenfalls alte Rasse von offenbar ostasiatischer Abstammung sind die nach ihrem pfauenartig aufgerichteten Schwanz so genannten ~Pfauentauben~, die schon vor dem Jahre 1600 in Indien gehalten wurden. Während normalerweise die Zahl der Schwanzfedern bei der Taube 12 beträgt, ist sie bei den heute noch in Asien gezüchteten Pfauentauben auf 14 bis 24, bei den in Europa gezüchteten jedoch auf 28 bis 40 gesteigert worden. Diese sind breit, am Bürzel in 2 bis 3 Reihen angeordnet und werden fächerförmig aufgerichtet getragen, während die Flügel hängen, so daß sie unter den Schwanz zu liegen kommen, ohne sich zu kreuzen. Der lange Hals ist gebogen, so daß der Kopf weit nach hinten zu liegen kommt. Das Gefieder ist verschieden gefärbt, häufig einfarbig blau, weiß oder schwarz.

Die auffallende Gestalt schätzt man an den Kropf- und Huhntauben. Die ~Kropftauben~ haben einen gestreckten Körper mit langen Federn meist auch an den Beinen und Füßen. Sie sind durch die Fähigkeit ausgezeichnet, den Schlund enorm aufzublasen und ihn beliebig lange in diesem Zustande erhalten zu können. Auch sie sind offenbar aus Asien zu uns gelangt, sind aber schon lange in Europa eingebürgert, da sie bereits Aldrovandi im Jahre 1600 erwähnt. Als Stammform der besonders in Zentraleuropa und in den Küstenländern der Nord- und Ostsee, nicht aber in den Mittelmeerländern stark verbreiteten Kropftauben gilt die deutsche Kropftaube, die eine bedeutende Körpergröße erlangt und deren Kropf beständig sehr stark aufgeblasen ist. Die hauptsächlich in der Normandie, dann auch im übrigen Nordfrankreich gehaltene französische Kropftaube hat einen fast kugeligen, vom Rumpf abgesetzten Kropf und lange Beine. Ihr Gefieder ist häufig einfarbig weiß, blau oder gelb, auch fahlrot mit braunen Binden. Dagegen niedriggestellt in den Beinen und überhaupt zwergartig ist die holländische Ballonkropftaube, deren Kopf wie bei den Pfauentauben zurückgebogen ist. Deren ballonartiger Kropf nimmt im aufgeblasenen Zustande die Hälfte der Taube ein. In der äußeren Haltung und Bewegung dem Huhn ähnlich, auch durch bedeutende Größe ausgezeichnet, sind die ~Huhntauben~. Am gedrungenen, vorn gerundeten Rumpf mit kurzen Flügeln und kleinem, aufrecht getragenem Schwanz sitzt auf langem, kräftigem, gebogenem Hals der stets unbehaubte Kopf mit kurzem Schnabel. Ihr Steiß ist dicht mit Flaum besetzt. Diese Taubenart ist der Pfauentaube nahe verwandt und stammt vermutlich wie die letztere aus Ostasien. Eine typische Rasse ist die ~Maltesertaube~, die in Vorderindien stark gezüchtet wird und dort heimisch ist, vermutlich aber über Malta zu uns gelangte. Ihre äußere Erscheinung ist etwas vierschrötig, die Brust voll und der sehr kurze Schwanz steil aufgerichtet. Ihr nahe verwandt ist der Epaulettenscheck, ebenfalls ein Produkt südasiatischer Zucht, das ziemlich früh nach Europa gelangte. In Italien wurde sie unter dem Namen Tronfo bekannt. Sie trägt meist dunkles Gefieder mit weißer Zeichnung an Kopf und Flügeln.

Ebenfalls südasiatischer Herkunft sind die ~Tümmler-~ oder ~Purzlertauben~, so genannt, weil sie die seltsame Gewohnheit angenommen haben, sich während des Fluges durch die Luft rückwärts zu überschlagen. Daneben gibt es auch solche Typen, die auf dem Boden purzeln. Ein guter Tümmler überschlägt sich schon beim Aufsteigen und führt seine eigentümliche Bewegung in der Weise aus, daß er die Flügel über dem Rücken zusammenschlägt, sich rückwärts überwirft und dann mit einem kräftigen Flügelschlag wieder in die frühere Flugrichtung einlenkt. Auch beim Kreisen wird das Purzeln ausgeführt, doch zeigt der Vogel seine Kunst nur bei Wohlbefinden. In der Mauser oder in entkräftetem Zustande versagt er, ebenso an fremdem Ort, bis er sich genügend eingelebt hat. Ganz gute Vögel tümmeln zwei- bis dreimal in rascher Aufeinanderfolge. Meist sind die Tümmler von geringer Körpergröße mit kleinem, zierlichem Kopf und langem, mittellangem oder kurzem Kopf und befiederten oder glatten Füßen. Hinsichtlich der Zeichnung sind Weißschwanz-, Elster- und Scheckzeichnung häufiger als bei anderen Rassen. Von charakteristischen Tümmlern mögen die gehaubten Kalotten und Nönnchen, die preußischen Weißkopftümmler, die Kopenhagener Elstern, die englischen Baldheads, die kurzschnäbeligen Barttümmler und die Königsberger Mohrenkopftümmler hervorgehoben werden.

Die ~Warzentauben~ sind kräftig gebaute, meist einfarbige Tauben mit einer warzenartigen Wucherung an der Schnabelbasis und oft auch noch am Augenring. Der Kopf ist in der Regel ohne Haube, die Füße sind glatt, die Farben gesättigt, doch die Neigung zu Gefiederzeichnung gering. Die Rasse stammt aus dem Orient und die einzelnen Schläge werden häufig unter dem Sammelnamen „türkische Tauben“ zusammengefaßt. Sie heißen auch Bagdette, weil sie in Bagdad zuerst gezüchtet worden sein sollen oder wenigstens von dort zu uns kamen. Von den bekannteren Schlägen ist zunächst die französische Bagdette zu nennen. Bei ihr ist der gedrungene Körper mit knapp anliegendem blauem, weißem oder geschecktem Gefieder bedeckt. Die Haltung ist aufrecht. Der starke Schnabel ist etwas gekrümmt, die rosenrote Schnabelwarze ist sehr umfangreich. Die kräftigen Beine sind karminrot. Trotz dem Namen wird diese Rasse in Frankreich selten gehalten. Auch die Nürnberger Bagdette ist wenig verbreitet. Der glatte Kopf trägt einen langen, stark gekrümmten Schnabel, an dessen Basis ein mäßig umfangreicher Warzenhöcker sitzt. Zu den geschätztesten englischen Zuchttauben gehört die englische Bagdette oder Carrier. Die Stammrasse ist im Orient weit verbreitet und wurde vor etwa 200 Jahren in Europa importiert und von englischen Züchtern veredelt. Die Färbung ist schwarz, braun, blau oder weiß, der Schnabel lang und gerade, die Schnabelwarze enorm, bis zur Größe einer Walnuß entwickelt, daneben sind die warzigen Augenringe sehr umfangreich. Die Indianer- oder Berbertaube ist schwarz, braun oder gelb, selten blau befiedert, der Schnabel kurz, das große Auge mit weißer Iris von einem mächtigen, rotgefärbten Warzenring umgeben. Auch sie stammt aus dem Orient und wurde von Nordafrika aus nach England, Holland und Deutschland eingeführt. Durch Pinselhaare am Hals ist die in Italien stark verbreitete römische Taube ausgezeichnet. Diese wird wegen ihrer bedeutenden Größe auch Riesentaube genannt. Zu dieser Gruppe gehören auch die Korallenaugen, die Syrier, Kurdistaner und andere, deren Name schon auf die orientalische Herkunft hinweist.

Ebenfalls aus dem Morgenlande wurden die ~Brieftauben~ bei uns eingeführt, die triebartig stets zu ihrem heimatlichen Schlage zurückkehrt und denselben auch dank ihrem hochentwickelten Orientierungsvermögen auf sehr große Entfernungen hin mit Sicherheit findet, wobei sie per Minute einen Kilometer zurücklegt. Selbst längere Internierung an einem fremden Orte schränkt ihren Heimatstrieb nicht ein; so vermag sie selbst nach sechs Monaten wieder ihren heimatlichen Schlag zu finden. Diese Eigenschaft, die durch ihre außerordentlich scharfen Sinne bedingt wird, hat ihr eine wichtige Rolle im Kriegsdienst gesichert, weil sie, wenigstens vor der Zeit der drahtlosen Telegraphie, oft das einzige Mittel zur Besorgung des Nachrichtendienstes bot. Auch von der hohen See aus kann sie Meldungen nach dem Lande überbringen. In wichtigen Fällen wird man, wenn sie zum Depeschendienst verwendet wird, mehrere Brieftauben mit denselben Nachrichten, die man in leichten Federspulen an der Schwanzbasis befestigt, absenden, da Raubvögel gelegentlich solche Tauben wegfangen und man so sicherer ist, seinen Zweck zu erreichen. Neuerdings hat man sie auch zu photographischen Aufnahmen des feindlichen Geländes benutzt, indem man ihr einen leichten Photographenapparat mit selbsttätigem Belichter um die Brust hing. Von den in Europa weiter gezüchteten Schlägen sind am bekanntesten und geschätztesten die Antwerpener, Lütticher und Brüsseler Brieftaube. Ihr Gefieder ist vorwiegend blau mit dunkeln Flügelbinden.

Außer der Felsentaube ist nur noch eine Taubenart, eine ~Lachtaube~ (Columba risoria), ebenfalls in Asien zu einem Hausvogel erhoben worden. Indessen gibt es außer den Hauslachtauben, die den wilden Lachtauben sehr ähneln und die große Mehrzahl bilden, nur noch weiße Lachtauben; aber auch sie tragen das schwarze Genickband des wilden Stammes. Der Leucismus dieser Vögel beweist, daß sie schon längere Zeit in des Menschen Pflege sein müssen. Erst im 17. Jahrhundert kamen sie aus China oder Indien nach Europa, wo sie jedoch nur beschränkte Verbreitung fanden. In ihrer Heimat Asien aber scheinen sie ihres angenehmen Wesens wegen vielerorts gezüchtet zu werden. Der Lieblingsaufenthalt dieser Vögel sind dürre Steppen, in denen sie ihr Lachen und Girren aus fast jedem Busche hören lassen. Doch haben sie sich trotz ihrer angeborenen Scheu teilweise auch schon an den Menschen gewöhnt. So genießen Lachtauben in Konstantinopel das Privilegium, von jeder Kornladung ihren Tribut in Anspruch nehmen zu dürfen.

Von den übrigen Taubenarten ist keine einzige in Abhängigkeit vom Menschen geraten. Zwar haben schon die alten Römer wilde Ringel- und Turteltauben gefangen und gemästet, um sie als leckeren Braten zu verzehren; aber zu Haustieren sind sie damals nicht erhoben worden. Seit der ältesten Zeit haben die Dichter die durch Vorderasien und das gemäßigte Europa verbreitete ~Turteltaube~ (Columba turtur) wegen ihres klangvollen Rucksens und der ehelichen Zärtlichkeit, mit der Männchen und Weibchen aneinander hängen, besungen. Weil sie auch leicht zu fangen und in Gefangenschaft zu erhalten war, ist sie auch zu allen Zeiten und überall vielfach gehalten worden; aber sie scheint sich in der Gefangenschaft nicht fortgepflanzt zu haben, so daß sich ihrer Haustierwerdung erhebliche Schwierigkeiten entgegenstellten. In halber Freiheit aber pflanzt sie sich willig fort, und so haben sie schon die alten Römer gehalten. So berichtet Varro in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts v. Chr.: „Für Turteltauben baut man auch ein besonderes, demjenigen für Haustauben bestimmten ähnliches Gebäude, gibt ihnen aber offene Nester und füttert sie mit trockenem Weizen. Sie ziehen zur Erntezeit viele Junge und diese lassen sich schnell mästen.“

XVIII. Die Sing- und Ziervögel.

Ihres lieblichen Gesanges wegen hat der Mensch je und je Vögel seiner Umgebung mit Schlingen oder in Fallen gefangen, um sie in kunstlos aus Stäbchen geflochtenen Bauern in seiner Behausung aufzustellen, damit sie ihn durch ihr munteres Wesen und ihr wohllautendes Liebeswerben erfreuten. Von allen ~Finkenarten~, die zu diesem Zwecke am häufigsten in Gefangenschaft gehalten werden, ist nur der ~Kanarienvogel~ (Serinus canarius) zu einem eigentlichen Haustier geworden, indem er sich nicht nur regelmäßig in der Gefangenschaft fortpflanzt, sondern auch verschiedene Spielarten hervorgebracht hat. Seine Heimat sind, wie der Name schon andeutet, die Kanarischen Inseln westlich von Afrika, wo diese unserm Girlitz am nächsten verwandte Finkenart gezähmt und zum Haustier gemacht wurde. Der auch in seiner Heimat von Spaniern und Portugiesen canario genannte Vogel ist merklich kleiner und schlanker als derjenige, der in Europa gezähmt gehalten wird, und kommt noch häufig in denjenigen Teilen der Kanaren vor, die noch nicht ganz abgeholzt sind; denn sein bevorzugter Standort sind Bäume, in deren Laub er sich vermöge seiner Färbung geborgen weiß. Beim erwachsenen Männchen ist die Farbe vorwiegend Gelbgrün untermischt mit Aschgrau, nur die Brust ist nach hinten zu heller, gelblicher und der Bauch weißlich. Auch die schwarzgrauen Schwanzfedern sind weißlich gesäumt. Der Augenring ist dunkelbraun, Schnabel und Füße sind dagegen bräunlich fleischfarben. Die Nahrung besteht fast ausschließlich aus Pflanzenstoffen, allerlei Samen, zarten Blättern und saftigen Früchten, namentlich Feigen. Wasser zum Trinken und Baden ist ihm unbedingtes Bedürfnis. Sein Flug gleicht demjenigen des Hänflings. Er ist etwas wellenförmig und geht meist nur von Baum zu Baum. Mit Vorliebe baut er sein Nest im März auf jungen Bäumen in über 2 m Höhe, um darein fünf blaß meergrüne Eier mit rötlichbraunen Flecken zu legen. Während das Weibchen brütet, sitzt das Männchen in seiner Nähe, am liebsten hoch oben auf einem noch unbelaubten Baum, um seinen von demjenigen des zahmen Kanarienvogels wenig verschiedenen Gesang erschallen zu lassen. Die Brutzeit dauert 13 Tage; dabei werden drei bis vier Bruten jährlich großgezogen. Die Jungen bleiben im Nest, bis sie vollständig befiedert sind und werden noch eine Zeitlang nach dem Ausfliegen von beiden Eltern, namentlich aber vom Vater, aufs sorgsamste aus dem Kropfe gefüttert.

Der Fang der wilden Kanarienvögel ist sehr leicht; besonders die jungen gehen fast in jede Falle, sobald nur ein Lockvogel ihrer Art daneben steht. Auf den Kanaren bedient man sich gewöhnlich zu ihrem Fange eines Schlagbauers, der in der Mitte einen Käfig mit dem Lockvogel und seitlich davon je eine Falle mit aufstellbarem Trittholz besitzt. Er wird in baumreicher Gegend in der Nähe von Wasser aufgestellt und fängt am ergiebigsten morgens. In der Gefangenschaft sind die Vögel unruhig und brauchen längere Zeit, ehe sie die ihnen angeborene Wildheit abgelegt haben. Sperrt man sie in engen Käfigen zu mehreren zusammen, so zerstoßen sie sich leicht das Gefieder. Sie sind sehr gesellig und schnäbeln sich gern untereinander. Die jungen Männchen geben sich durch fortgesetztes lautes Zwitschern zu erkennen. Doch sind die Vögel außerordentlich empfindlich und gehen leicht an Krämpfen ein.

Bald nach der Eroberung der Kanaren durch die Spanier im Jahre 1478 wurde der Kanarienvogel von den Siegern in großer Zahl nach ihrer Heimat eingeführt. So war er in Spanien schon in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein beliebter Hausgenosse. Nach der Bezeichnung Zuckerinseln, die man den Kanaren wegen des bald aus ihnen mit ausgezeichnetem Erfolg betriebenen Anbaues von Zuckerrohr gab, hieß der von dort kommende Vogel, den vermutlich bereits die dortigen Ureinwohner, die Guanchen, gezähmt hatten, bei den Spaniern zunächst „Zuckervogel“. Als solcher wird er 1555 zum erstenmal vom Züricher Konrad Geßner, nicht aber vom Pariser Zoologen Pierre Bellon erwähnt. Seiner Verbreitung nach Italien soll ein Schiffbruch bei der Insel Elba Vorschub geleistet haben. Bis dahin hatten nämlich die Spanier nur männliche Vögel ausgeführt, die sie in eigenen Zuchten zogen. Da scheiterte um die Mitte des 17. Jahrhunderts ein spanisches Schiff bei Elba mit einer Kanarienvogelhecke. Die Vögel entkamen, verwilderten auf der Insel und bildeten so einen Stamm, von dem aus Europa mit Vögeln versehen wurde, so daß das Monopol der Spanier aufhörte. Immerhin war er dank seiner Seltenheit noch lange Zeit recht teuer, so daß sich nur die besser Situierten diesen Fremdling aus dem warmen Süden, der sich in Mitteleuropa recht wohlfühlte und gut gedieh, leisten konnten. So ließen sich vornehme Damen gern mit diesem Vogel auf der Hand abkonterfeien.

Selbstverständlich war dieser hübsche Singvogel sehr bald den Spaniern in ihre neuweltlichen Kolonien gefolgt. So war er nach Garcilaso de Vega schon 1556 in Kuzko, im Hochlande von Peru, und 1600 sogar in Ostindien zu finden. In letzterem Lande mußte man den Käfig mit dem Vogel über eine Schale mit Wasser setzen, um ihn vor den Angriffen der Termiten zu schützen. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts zog man den Kanarienvogel schon recht häufig in Deutschland. Horst in Frankfurt am Main berichtet 1669, daß man ihn gern mit dem Stieglitz kreuze. Dabei lokalisierte sich die Zucht mehr und mehr auf bestimmte Gegenden. War es zuerst Spanien, dann Italien gewesen, das die Kulturwelt mit Kanarienvögeln versorgt hatte, so übernahm dieses Geschäft im 18. Jahrhundert das tirolische Städtchen Imst, das von 1776 an einen regen Handel damit nach den Kulturländern Mitteleuropas trieb. Im Jahre 1782 konnten beispielsweise von dort 1600 wertvolle Sänger allein nach England exportiert werden, abgesehen von den zahlreichen andern, die nach Deutschland, Rußland, Österreich und bis nach Konstantinopel gingen. Erst im 19. Jahrhundert wurde diese blühende Zucht durch diejenige im Harz verdrängt, die heute alle Welt mit ihren Zuchtvögeln versorgt. Die besten Sänger kommen von Andreasberg und Zellerfeld, die deren jährlich für etwa 280000 Mark exportieren. Dort werden in fast allen Häusern als Nebenbeschäftigung Kanarienvögel gezüchtet und zu Sängern ausgebildet, indem sie stets nur den Gesang der besten Vorsänger zu hören bekommen. Alle minderwertigen oder fehlerhaften Sänger werden außer Hörweite der jungen Zöglinge gehalten, so daß sie deren Gesang nicht annehmen können, sondern sich ausschließlich an den besten Vorbildern schulen. Ein guter Harzer Sänger ist mit dem dazu gehörenden Weibchen nicht unter 80-120 Mark zu haben.

Nach Tirol beteiligten sich auch die lange von den Spaniern beherrschten Niederlande am Handel mit Kanarienvögeln, und bereits gegen das Ende des 16. Jahrhunderts wurde dort eine besondere bunte Rasse gezogen, deren Aufzucht später auch in gewissen Bezirken Englands aufkam. Von diesen „bunten“ Kanarienvögeln, die heute noch von Holland, Belgien und England in den Handel gelangen, gilt ein Paar 120-160 Mark. Unter ihnen gibt es auch verschiedene barocke Formen, bei denen die auf Kopf, Brust und Schultern befindlichen Federn zu allerlei krausen Gebilden umgeändert wurden. Zoologisch variiert der Kanarienvogel sonst hauptsächlich in der Größe, wenig in der Farbe. Bei ihm ist das ursprünglich vorwiegend gelbgrüne bis braune Federkleid durch Entfärbung statt weiß hell- bis dunkelgelb geworden. Schon Isidore Geoffroy St. Hilaire sprach es 1757 aus, daß der Flavismus, wie er sich ausdrückt, den Leucismus der ursprünglich grünlichen Vögel bilde. Daneben gibt es auch bei ihm gelegentlich einen Albinismus mit weißen Federn und roten Augen. Solche weiße Kanarienvögel erwähnt schon Adanson aus Frankreich ums Jahr 1750; aber die Züchter ziehen sie nicht auf, weil sie für die Zucht zu schwächlich sind. Außerdem gibt es auch pigmentreiche schwarze Formen. Doch ist viel fremdes Blut in unsere Kanarienstämme gekommen, da sie seit geraumer Zeit mit Stieglitz, Zeisig und andern Finken, in Italien besonders mit dem Hänfling gekreuzt wurden. Dabei sind die Bastarde meist fruchtbar. Heute ist der Kanarienvogel als geschätzter Sänger und dabei leicht zu haltender Stubenvogel über die ganze zivilisierte Welt verbreitet. Schon 1870 war er auf dem chinesischen und bald nachher auch auf dem japanischen Markt zu haben, obschon von jenen Völkern gern auch nicht minder lieblich singende einheimische Finken in engen Vogelbauern zur Unterhaltung gehalten werden.

Außer den Finken sind es besonders ~Drosseln~, welche gern vom Menschen in Gefangenschaft gehalten werden. Da sie, statt wie jene Körnerfresser zu sein, Kerbtierfresser sind, war ihre Erhaltung in der Obhut des Menschen bedeutend schwieriger, so daß es kein Wunder ist, daß bis heute keine einzige Drosselart zum eigentlichen Haustier erhoben wurde. Gleichwohl sollen sie hier eine kurze Würdigung finden, da sie nicht bloß häufige Gesellschafter des Menschen sind, sondern auch als Leckerbissen für ihn eine gewisse Rolle spielen. In letzterer Beziehung ist besonders die ~Wacholderdrossel~ oder der ~Krammets-~ (zusammengezogen aus Kranewits-) ~Vogel~ (Turdus pilaris) wegen ihres Fleisches sehr geschätzt. Sie hat ihren Namen von den Wacholder- oder Krammetsbeeren, die sie wie die übrigen Drosseln gern frißt und wovon ihr Fleisch einen würzigen Geschmack erhält. Sie ist ein echter Waldvogel und nistet nicht bloß im höchsten Norden Europas und Asiens, sondern auch in gemäßigteren Gegenden, wie Mitteleuropa. Den Winter über zieht sie wie die übrigen Drosseln nach den Mittelmeerländern und Nordafrika. Sie war es in erster Linie, welche die Römer unter dem Drosselnamen turdus bezeichneten und gern aßen. So sagt der witzige Spötter Martial (42-102 n. Chr.), der gern die Großen umschmeichelte, um von ihnen zur Tafel geladen zu werden, in einem seiner Xenien, auf Deutsch Gastgeschenke, d. h. Epigramme, die als Aufschriften zu den an den Saturnalien verteilten Gastgeschenken gedacht waren: „Fette Drosseln sind mir lieber als andere Leckerbissen.“ An einer anderen Stelle meint er: „Ein Kranz von Drosseln gefällt mir besser als ein aus Rosen und Narden geflochtener“, und fernerhin: „Unter den Vögeln gebührt der Drossel, unter den vierfüßigen Tieren dem Hasen der Preis.“ Auch der Feinschmecker Horaz (65-8 v. Chr.), der sich durch alle „Rehrücken der Saison“ aß und das Genießen zur Kunst ausbildete, so daß er sich selbst humorvoll als „ein fettes Schweinchen aus der Herde Epikurs“ bezeichnet, meint in einer seiner Episteln: „Nichts ist besser als die Drossel.“ Die frisch Gefangenen wurden für die Feinschmecker noch besonders gemästet. So schreibt Plinius um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in seiner Naturgeschichte: „Cornelius Nepos, der unter dem Kaiser Augustus lebte, schrieb, man habe erst kürzlich angefangen, Drosseln zu mästen. Dazu bemerkt er, nach seinem Geschmack geben (junge) Störche ein besseres Gericht als Kraniche. In unserer Zeit wird der Kranich als Leckerbissen geschätzt, den Storch aber will niemand anrühren.“

Sein Zeitgenosse Columella berichtet: „Auf Drosseln verwendet man viel Mühe und Geld. Sind sie frisch gefangen, so muß man zahme zu ihnen tun, die ihnen Gesellschaft leisten, sie aufheitern und im Fressen und Saufen mit gutem Beispiel vorangehen. In den Vogelhäusern, die sie bewohnen, sind Sitzstangen für sie angebracht, jedoch nicht höher, als daß man sie bequem erreichen kann. Das Futter wird, damit es reinlicher bleibt, so gestellt, daß keine Stange darüber ist; es wird im Überfluß gereicht und besteht aus einer Mischung von zerstampften Feigen mit Mehl. Manche geben dieses Futter, nachdem sie es vorher gekaut haben. Aber bei einer großen Zahl von Vögeln unterläßt man dies lieber; denn Leute, die zum Kauen gemietet werden, verlangen zu hohen Tagelohn und verschlucken auch von der süßen Speise zu viel. Viele geben den Drosseln auch Samen und Beeren, die sie im Freien gern fressen. Das Wasser wird wie bei Hühnern in Gefäßen hingestellt.“

In seinem Buche über die Landwirtschaft schreibt der gelehrte Varro (116-27 v. Chr.) eingehend über die von den reichen Römern seiner Zeit angelegten Vogelhäuser (aviarium von avis, Vogel). Er sagt darüber: „Unsere Vorfahren hatten vorzugsweise zwei Arten von Vogelbehältern; am Erdboden befand sich der Hühnerhof, in welchem Hühner gehalten wurden und Ertrag von Eiern und Küchlein gaben. In der Höhe stand der Taubenschlag. Heutzutage nennt man einen Behälter Ornithon (nach dem griechischen órnis -- Stamm, ornith -- Vogel), und diese werden mitunter von Gutsbesitzern, die gern gute Bissen verzehren, so angelegt, daß nur die für Pfauen und Drosseln (wohl besonders Krammetsvögel) bestimmten größer sind, als ehemals die ganzen Landhäuser. -- Lucullus hatte ein großes Vogelhaus, in das er einen Speisesaal so hineinbaute, daß er während des Schmauses und während gebratene Vögel aufgetragen wurden, auch die lebendigen herumfliegen sah.

Übrigens soll hier ein solches Vogelhaus beschrieben werden, das nicht dazu bestimmt ist, in ihm Vögel zu verschmausen, sondern aus ihm Vögel zum Verschmausen und zum Verkaufen zu nehmen. Man baut das Haus so groß, daß einige tausend Drosseln und Amseln drin Platz haben, setzt auch wohl andere Vögel hinein, die gut bezahlt werden, wie Ortolane und Wachteln. Die Tür muß niedrig und schmal sein. Die Fenster sind so angelegt, daß die Gefangenen nirgends Bäume oder freie Vögel sehen können; denn ein solcher Anblick erregt in ihnen die Sehnsucht nach Freiheit und macht sie mager. Es darf überhaupt ins ganze Vogelhaus nur so viel Licht fallen, daß die Vögel ihren Sitz, ihr Futter und ihr Wasser sehen können. Es ist ferner alles so einzurichten, daß weder Mäuse noch andere gefährliche Tiere hinein können. Zum Sitzen sind entweder überall an den Wänden Stäbe angebracht oder Stangen lehnen schräg an die Wand und sind stufenweise mit Querstäben verbunden. Auf dem Boden ist ferner ein Wasserbehälter aufgestellt. Die Fütterung besteht vorzugsweise aus Kügelchen, die aus einem aus Feigen und Mehl bereiteten Teig bestehen. An das beschriebene Haus ist ein kleines, helles angebaut, in das man die Vögel treibt, die geschlachtet werden sollen. Beim Schlachten selbst wird die Tür, durch welche die Vögel hereinkommen, geschlossen; denn die noch lebenden dürfen es nicht sehen.“ Auch Vogelhändler besaßen solche Vogelhäuser. So bemerkt derselbe Autor: „Die Stadtmetzger haben eigene Vogelbehälter und mieten auch welche auf dem Lande.“ Und fernerhin sagt er: „Aus dem Vogelhaus einer Villa bei der Stadt Reate wurden einst in einem Jahre 5000 Drosseln (Krammetsvögel) zu je 3 Denaren (= 1,80 Mark) genommen, so daß dieses Vogelhaus allein mehr eintrug als manches schöne Landhaus.“

In seiner Naturgeschichte berichtet Plinius: „Vogelhäuser hat zuerst der römische Ritter Marcus Laenius Strabo angelegt und alle möglichen Vögel darin eingesperrt. Seitdem ist die Sitte, Tiere, denen die Natur den freien Himmel angewiesen hat, in den Kerker zu sperren, allgemein geworden. Der Schauspieler Äsopus ließ einmal eine Schüssel auftragen, deren Inhalt auf 100000 Sesterzien (= 15000 Mark) geschätzt wurde; sie war nämlich mit gebratenen Vögeln gefüllt, welche sich durch Gesang oder durch Sprechen menschlicher Worte ausgezeichnet hatten und von denen jeder 6000 Sesterzien (= 900 Mark) gekostet hatte. Äsopus hielt es für ein großes Vergnügen, diese Tierchen zu essen, welche gleichsam Menschen waren, weil sie sangen und sprachen, und bedachte nicht, daß er erst durch Singen und Sprechen seine Reichtümer erworben hatte. Über seinen Sohn durfte er sich wenigstens nicht beklagen; denn dieser verschlang sogar Perlen (wie Kleopatra bei der Bewirtung des Antonius in Essig aufgelöst)“. Dieser Äsop, der tragische Rollen ausgezeichnet gut spielte und damit sein Vermögen gemacht hatte, war ein Zeitgenosse und Freund Ciceros (106-43 v. Chr.). Trotz seiner Verschwendung hinterließ er seinem Sohne ein ungeheures Vermögen, das dieser in derselben Weise, wie sein Vater, durchbrachte. So berichtet Valerius Maximus von ihm: „Der Sohn des Schauspielers Äsopus war ein toller Verschwender; so kaufte er z. B. ausgezeichnet gut singende Vögel zu ungeheuren Preisen und ließ sie für sich und seine Gäste braten. Dazu gab er Getränke, worin sich die kostbarsten Perlen, in Essig aufgelöst, befanden.“ Wie wir Papageien, so richteten die Römer Stare und ausnahmsweise auch Drosseln zum Sprechen ab. So berichtet Plinius, daß Agrippina, die Gemahlin des Kaisers Claudius (geb. 9 v. Chr. in Lyon, ward 41 n. Chr. nach Caligulas Ermordung von den Prätorianern zum Kaiser ausgerufen, wurde 54 durch seine zweite Gemahlin Agrippina mit einem Schwammgericht vergiftet), eine zum Sprechen abgerichtete Drossel besaß, was früherhin unerhört gewesen sei. Nebst solchen dressierten Vögeln sah man nach Varro in Rom gelegentlich auch Papageien, weiße Amseln und ähnliche Merkwürdigkeiten. Solche Drosselalbinos sollten nach dem Bädecker des Altertums, Pausanias, im 2. Jahrhundert n. Chr. auf dem Berge Kyllene im Peloponnes vorkommen. Nach dem älteren Plinius soll eine weiße ~Nachtigall~ „eine große Seltenheit“ für 6000 Sesterzien (= 900 Mark) verkauft worden sein, um sie der vorgenannten Agrippina, zweiten Gemahlin des Kaisers Claudius, zum Geschenk zu machen. Bei dieser Gelegenheit bemerkt er in seiner Naturgeschichte: „Durch ihre Vorzüge (im Gesang) sind die Nachtigallen (luscinia) so teuer wie Sklaven geworden, ja teurer als ehemals die Waffenträger waren. Man hat oft welche gesehen, die auf Befehl sangen und, indem sie miteinander abwechselten, ein Konzert gaben, so wie man auch Menschen gehört hat, welche in ein aus Rohr gemachtes Querpfeifchen, worin sich Wasser befand, durch ein Loch bliesen, und indem sie die Zunge etwas vorhielten, den Gesang der Nachtigall täuschend nachahmten. -- Während ich dies schreibe, besitzen die kaiserlichen Prinzen einen Star und Nachtigallen, welche die griechische und lateinische Sprache lernen, täglich gründlicher studieren und immer etwas Neues und mehr Zusammenhängendes sprechen. Wenn sie lernen, sind sie ganz abgeschieden und hören nur die Stimme dessen, der ihnen die Worte vorsagt und ihnen dabei mit Leckerbissen schmeichelt.“ Älian schreibt: „Charmis aus Massalia (dem heutigen Marseille) sagt, die Nachtigall sei ruhmbegierig, singe in der Einsamkeit ganz einfach, in der Gefangenschaft und vor Zuhörern aber kunstreich und schmelzende Melodien wirbelnd.“ Dem fügt er später von sich aus hinzu: „Wenn eine erwachsene Nachtigall gefangen und eingesperrt wird, so will sie weder fressen noch singen; daher behalten die Liebhaber von den gefangenen nur die jungen und lassen die älteren wieder frei.“ Von diesen Vögeln sagt Oppian: „Die Natur hat den Nachtigallen einen wunderlieblichen Gesang gegeben. Sie verpflegen auch diejenigen ihrer Jungen, welche musikalisches Talent zeigen, aufs allerbeste, hacken dagegen die stummen tot. Sie impfen auch ihren Jungen eine so große Liebe zur Freiheit ein, daß sie in der Gefangenschaft nie einen Laut von sich geben.“ Letzteres ist allerdings eine Behauptung, die nicht widerlegt zu werden braucht und wohl auch im Altertum nur wenige Nachbeter hatte.

Außer den vorhin erwähnten wurden auch andere Vögel im Rom der Cäsaren zum Sprechen dressiert, so vor allem auch ~Raben~, ~Elstern~ und ~Eichelhäher~. So schreibt Plinius: „Die Elster ist weniger berühmt als der Papagei, weil sie nicht ausländisch ist, spricht aber noch ausdrucksvoller. Die Worte, welche sie spricht, hat sie ordentlich lieb. Sie lernt nicht bloß, sondern lernt auch mit Freuden, und man bemerkt, wie sie für sich mit Eifer, Anstrengung und Nachdenken studiert. Es ist eine bekannte Sache, daß Elstern gestorben sind, weil es ihnen unmöglich war, ein Wort auszusprechen. Sie vergessen auch Worte, wenn sie dieselben nicht öfters hören, versinken dann in Nachdenken und werden ganz entzückt, wenn sie währenddem das vergessene Wort zufällig wieder hören. Sie haben eine ziemlich breite Zunge und so alle Vögel, welche die menschliche Stimme nachahmen lernen, was jedoch die meisten tun.“

Später fährt er fort: „Auch den Raben gebührt Ehre; denn wir werden sogleich sehen, in welchem Grade sie sich die Gunst des römischen Volkes zu erringen wußten. Unter der Herrschaft des Tiberius flog ein junger Rabe aus einem Neste, das auf dem Kastortempel stand, in die gegenüberliegende Werkstatt eines Schusters und wurde von diesem mit Ehrfurcht aufgenommen. Hier lernte er bald sprechen, flog jeden Morgen auf die Rednerbühne, wendete sich dem Markte zu und grüßte namentlich den Kaiser Tiberius, dann den Germanicus und Drusus und bald darauf das vorbeigehende Volk, worauf er in seine Schusterwerkstatt zurückkehrte. So erntete er mehrere Jahre lang Bewunderung. Endlich schlug ihn der zunächstwohnende Schuster tot, entweder aus Neid oder, wie er zum Schein behauptete, aus Rachsucht, weil er ihm einen Klecks auf einen Schuh gemacht hatte. Über die Ermordung seines Lieblings ward das Volk so aufgebracht, daß es den Schuster erst wegjagte, dann sogar totschlug und dem Vogel ein überaus feierliches Leichenbegängnis bereitete. Die Bahre wurde von zwei Mohren getragen; ein Flötenspieler ging voraus und Kränze aller Art wurden bis zum Scheiterhaufen getragen, welcher rechts an der Appischen Straße errichtet war. Das Genie eines Vogels schien also dem römischen Volke ein hinlänglicher Grund zu einem feierlichen Leichenbegängnis und zur Ermordung eines römischen Bürgers in derselben Stadt, in der kein Mensch dem Begräbnis der vornehmsten Leute beigewohnt hatte und niemand den Tod des Scipio Ämilianus, der Karthago und Numantia zerstört, gerächt hatte. Dies geschah unter dem Konsulat des Marcus Servilius und Gajus Cestius am 28. März. Auch während ich dies schreibe, besitzt ein römischer Ritter in Rom eine Krähe aus Baetica (Südspanien), die sich durch dunkelschwarze Farbe auszeichnet, mehrere zusammenhängende Worte ausspricht und immer neue dazu lernt. Neuerdings hat man auch vom Kraterus Monoceros gesprochen, der in der ericenischen Gegend Asiens mit Hilfe der Kolkraben jagt. Er trägt sie in den Wald, dort suchen sie und jagen das Wild, und weil es oft geschieht, so schließen sich selbst wilde Raben der Jagd an. Einige Schriftsteller erwähnen auch, daß ein Rabe bei großem Durste Steine in ein tiefes Gefäß warf, worin sich Regenwasser befand, das er sonst nicht hätte erreichen können, und es dadurch so weit in die Höhe trieb, daß er sich satttrinken konnte.“

Von einem Eichelhäher berichtet der griechische Geschichtschreiber Plutarch folgendes: „Viele Römer und Griechen sind Zeugen folgenden Vorfalls: Auf dem sogenannten Griechischen Markt in Rom wohnte ein Barbier, der einen Eichelhäher besaß, welcher mit wunderbarer Geschicklichkeit die Stimme der Menschen, der Tiere und die Töne der Instrumente, und zwar ganz aus freiem Antrieb, nachahmte. Einst wurde ein reicher Mann begraben. Der Leichenzug ging mit Trompetenschall über den Griechischen Markt. Die Trompeten bliesen ganz vorzüglich schön und verweilten ziemlich lange auf dem Platze. Von diesem Augenblick an war der Häher plötzlich still und stumm. Man faßte den Argwohn, der Vogel sei von einem andern Barbier, der auf ihn neidisch war, behext worden. Andere meinten jedoch, der Trompetenschall sei dem Tiere zu stark gewesen; daher sei es von jener Zeit an verblüfft. Alle diese Vermutungen waren aber falsch. Der Vogel studierte in aller Stille für sich, übte in Gedanken die Trompetenmusik ein und ließ sie dann plötzlich in ihrer Vollkommenheit hören.“

Sonst galten schon im Altertum die ~Papageien~ als die besten Nachahmer der menschlichen Sprache. So schreibt der Grieche Älian: „In Indien gibt es sehr viele Papageien (psittakós), aber kein Inder ißt einen solchen Vogel; denn die Brahmanen halten ihn für den heiligsten, weil er die menschliche Sprache am geschicktesten nachahmt.“ Aristoteles und Plinius berichten, der Papagei stamme aus Indien und ahme die menschliche Stimme nach. Letzterer fügt hinzu, er werde durch den Genuß von Wein lustig und führe ordentliche Gespräche. „Er begrüßt den Kaiser und spricht die Worte nach, die er hört. Sein Kopf ist so hart wie sein Schnabel. Soll er sprechen lernen, so schlägt man ihm mit einem eisernen Stäbchen auf den Kopf, weil er sonst die Schläge nicht spürt.“ Wir haben noch ein nettes Gedicht auf den Tod eines Papageien von Ovid und ein ähnliches von Statius.

Was für Papageien dies waren, wird sich wohl nicht so leicht feststellen lassen. Jedenfalls kannten weder die Ägypter, noch Babylonier, noch die älteren Griechen irgend welche Papageien. Erst auf dem Zuge Alexanders des Großen nach Indien lernten letztere diesen Vogel als gezähmten Hausgenossen des Menschen kennen und brachten die ersten solchen nach Griechenland mit. Aber erst in der römischen Kaiserzeit wurden diese Vögel etwas häufiger von Indien her importiert. Doch hat schon der strenge Zensor Marcus Porcius Cato (234 bis 149 v. Chr.) sich darüber beklagt, daß sogar römische Männer mit diesen Tieren in der Öffentlichkeit erschienen. „O unglückliches Rom“, rief er aus, „in welche Zeiten sind wir verfallen, da die Weiber Hunde auf ihrem Schoße ernähren und die Männer Papageien auf der Hand tragen!“ Man setzte sie ihrer Kostbarkeit entsprechend in silberne und elfenbeinerne Käfige und ließ sie von besonderen Lehrern unterrichten, die ihnen vor allem das Wort „Cäsar“ beizubringen hatten. Der Preis eines sprechenden Sittichs überstieg oft den Wert eines Sklaven. Der halb verrückte Kaiser Heliogabalus glaubte seinen Gästen nichts Köstlicheres vorsetzen zu können als Papageiköpfe. Was diese bei der Kostbarkeit der seltenen Vögel gekostet haben werden, das kann man sich leicht ausmalen. Um die Zeit der Kreuzzüge kamen dann aus dem Morgenlande auch Papageien nach Mitteleuropa, um in den Käfigen reicher Adeliger und Städter zur Kurzweil gehalten und gelegentlich auch zum Sprechen abgerichtet zu werden. Erst im 15. Jahrhundert kam mit den Fahrten der Portugiesen nach Westafrika der von der Goldküste bis nach Benguela heimische ~Graupapagei~ (Psittacus erithacus), der gelehrigste aller Papageien, direkt nach Europa. Hier bewohnt der aschgraue Vogel mit scharlachrotem Schwanz, dessen Verbreitungsgebiet mit demjenigen der Ölpalme zusammenfällt, in Scharen die Wälder und wird überall von den Eingeborenen gefangen, gezähmt und zum Sprechen abgerichtet, auch als Tauschgegenstand oder Handelsware verwertet. Er ist einer der beliebtesten aller Stubenvögel und verdient die Gunst, die er genießt; denn er besitzt Sanftmut, Gelehrigkeit und Anhänglichkeit an seinen Herrn, die Bewunderung erregen. Sein Ruhm wird sozusagen in allen Sprachen verkündet, von ihm ist in zahlreichen Schulbüchern und in allen Naturgeschichten manches Interessante zu lesen. Schon Levaillant erzählt ausführlich von einem dieser Papageien, der in der Gefangenschaft eines Kaufmanns in Amsterdam lebte, und rühmt die guten Eigenschaften des Vogels. Er schreibt: „Karl, so hieß dieser Papagei, sprach fast so gut wie Cicero; denn ich würde einen ganzen Band mit den schönen Redensarten anfüllen können, die er hören ließ und die er mir, ohne eine Silbe zu vergessen, wiederholte. Dem Befehle gehorsam, brachte er die Nachtmütze und die Pantoffeln seines Herrn und rief die Magd herbei, wenn man sie im Zimmer brauchte. Sein bevorzugter Aufenthalt war der Kaufladen, und hier erwies er sich nützlich; denn er schrie, wenn in Abwesenheit seines Herrn ein Fremder eintrat, so lange, bis jemand herbeikam. Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und lernte ganze Sätze und Redensarten des Holländischen vollkommen genau. Erst im 60. Jahre seiner Gefangenschaft wurde sein Gedächtnis schwach und er vergaß täglich einen Teil von dem, was er schon konnte. Er wiederholte nie mehr als die Hälfte einer Redensart, indem er selbst die Worte versetzte oder die eines Satzes mit denen eines andern mischte.“

Vielleicht der ausgezeichnetste aller Graupapageien lebte jahrelang in Wien und Salzburg und starb nach dem Tode seines letzten Herrn aus Sehnsucht nach ihm. Wer über die hohe Intelligenz und das verblüffende Sprachverständnis dieses Jako genannten Vogels Näheres zu erfahren wünscht, der lese den betreffenden Abschnitt in Brehms Tierleben nach. Er wird dort noch weitere solche, für ein Tier ganz unglaublich klingende Geschichten finden, die von durchaus glaubwürdigen Autoren berichtet werden.

In den feuchten Niederungen des Amazonenstroms und seiner Zuflüsse werden die größten Vertreter der dort vorzugsweise heimischen Keilschwanzsittiche, die prächtig buntgefärbten ~Araras~, von den Indianern in und um ihre Hütten gezähmt gehalten. Es geschah dies schon lange vor der Ankunft der Weißen in diesem Lande. Schomburgk berichtet, daß die Indianer noch heutigentags die Papageien frei fliegen lassen, ohne ihnen die Flügel zu stutzen. „Ich sah mehrere“, schreibt er, „die sich des Morgens unter die Flüge der wilden mischten, die über das Dorf hinwegflogen und bei der Rückkehr am Abend sich wieder auf die Hütte ihres Herrn niederließen.“ Nach diesem Autor gehören zu den indianischen Niederlassungen im Walde die Papageien, wie zu unsern Bauernhöfen die Hühner. „Auffallend ist die Zuneigung der zahmen Papageien und Affen gegen Kinder. Ich habe selten einen Kreis spielender Indianerkinder bemerkt, dem sich nicht auch Affen und Papageien beigesellt gehabt hätten. Diese lernen bald alle Stimmen ihrer Umgebung nachahmen, das Krähen der Hähne, das Bellen der Hunde, das Weinen und Lachen der Kinder usw.“ Manche lernen sogar die Indianersprache sprechen und bringen es darin zu großer Vollkommenheit. Bekannt ist die Geschichte jenes sprechenden Papageis in einer der Niederlassungen an einem Zuflusse des Orinoko, von dem Alexander von Humboldt berichtet. Er war alt und sprach die Sprache eines ausgestorbenen Indianerstamms, so daß ihn niemand mehr verstand. In der Tat ein rührendes Bild der Vergänglichkeit alles Irdischen!

Von allen Papageien ist nur der ~Wellensittich~ (Melopsittacus undulatus) zum eigentlichen Haustier des Menschen geworden, indem er sich seit 57 Jahren in der Gefangenschaft des Menschen ohne großen Nachschub aus seiner Heimat enorm vermehrt hat und hier bereits bedeutende Farbenvarietäten zeigt. Bald wiegen die gelben, bald die grünen, bald die blauen Farbentöne seines ursprünglich sehr gemischten, allerdings vorwiegend grüngelben Farbenkleides vor, ja es gibt nach Ed. Hahn schon welche, bei denen das ihnen ursprünglich fremde Weiß eine ziemliche Rolle spielt und die selbst rote Augen haben, also eigentliche Albinos sind. Erst im Jahre 1794 lernte man in Europa diesen kleinen Papagei kennen, der in großen Scharen die mit Gras bewachsenen Ebenen von Inneraustralien bewohnt und sich hier von den Samen der Gräser ernährt. Als der Ornithologe Gould zu Anfang Dezember die Ebene des Innern Australiens besuchte, sah er sich von Wellensittichen umgeben und beschloß längere Zeit an derselben Stelle zu verweilen, um ihre Sitten und Gewohnheiten zu beobachten. Sie erschienen in Flügen von 20 bis 100 Stück in der Nähe einer kleinen Wasserlache, um zu trinken, und flogen von hier zu regelmäßigen Zeiten nach den Ebenen hinaus, um dort die Grassämereien, ihre ausschließliche Nahrung, aufzunehmen. Am häufigsten kamen sie frühmorgens und abends vor dem Dunkelwerden zum Wasser. Während der größten Tageshitze saßen sie bewegungslos unter den Blättern der Gummibäume, deren Höhlungen damals von brütenden Paaren bewohnt wurden. Solange sie ruhig auf den Bäumen saßen, waren sie schwer zu entdecken; erst wenn sie zur Tränke fliegen wollten, sammelten sie sich in Scharen und setzten sich auf die abgestorbenen oder zum Wasser niederhängenden Zweige der Gummibäume. Ihre Bewegungen sind wundervoll, ihr Flug ist gerade und falkenartig schnell, den andern Papageien kaum ähnelnd, der Gang auf dem Boden verhältnismäßig gut, ihr Klettern im Gezweige wenigstens nicht ungeschickt. Im Fluge lassen sie eine kreischende Stimme vernehmen. Im Sitzen unterhalten sich die sehr geselligen Vögel mit kosendem Gezwitscher. Wenn sie abends zur Tränke eilen, werden sie in Menge in großen Beutelnetzen gefangen, in rohe Kistenkäfige gesperrt und so den Händlern übermittelt. Aufmerksamere Vogelhändler setzen sie zur Weiterbeförderung in Australien gesellschaftsweise in kleine Käfige, deren Sitzstangen wie Treppenstufen hinter- und übereinander liegen, damit auf möglichst wenig Raum die größtmöglichste Zahl von Vögeln Platz finden kann.

Der Wellensittich gehört in der Gefangenschaft nicht zu denjenigen Papageien, die aus Trauer über den Verlust ihres Gefährten oft dahinwelken und sterben, verlangt aber Gesellschaft, und zwar natürlich am liebsten die des entgegengesetzten Geschlechts seiner eigenen Art. Im Notfall findet er auch in einem verschiedenartigen kleinen Papagei einen Ersatz. Niemals aber behandelt er einen andersartigen Vogel mit jener liebenswürdigen Zärtlichkeit, welche er gegen seinesgleichen an den Tag legt. Es ist deshalb notwendig, ihn immer paarweise zu halten; erst dann gibt er seine ganze Liebenswürdigkeit, die ihm sofort die Gunst des Menschen erwarb, kund. Er ist äußerst genügsam im Futter und nimmt in Ermangelung der Grassamen seiner australischen Heimat mit Hirse, Kanariensamen und Hanf vorlieb; daneben frißt er gern grüne Pflanzenblätter, verschmäht zunächst Früchte, läßt sich aber mit der Zeit auch daran gewöhnen. Er wird mit seiner sanften Stimme dem Menschen niemals lästig wie andere Papageien, die einem mit ihrem nicht unterdrückbaren Bedürfnis nach Gekreisch oft genug zur Last fallen und auf die Nerven gehen. Er unterhält mit seinem plaudernden Gezwitscher, lernt auch ein Liedchen und in einzelnen Fällen sogar Worte nachsprechen.

Paarweise gehaltene Wellensittiche, denen man Nistgelegenheit in einem hohlen Stamm verschafft, schreiten auch in der Gefangenschaft fast ausnahmslos zur Fortpflanzung. Das Männchen ist das Muster von einem Gatten, das sich ausschließlich mit seinem erwählten und nie mit andern Weibchen abgibt, die etwa zugleich in demselben Raume sein mögen. Gleicherweise ist das Weibchen das Muster einer Mutter; es baut ausschließlich das Nest aus, bebrütet darin seine 4-8 weißen Eichen, die es in Zwischenräumen von zwei Tagen legt, eifrig während 16-20 Tagen und atzt die Jungen, die etwa 30-35 Tage im Neste verweilen und letzteres erst dann verlassen, wenn sie ganz befiedert sind. Derweil wird das Weibchen vom Männchen gefüttert, das ihm zugleich, auf einem Zweige vor der Öffnung des Nestes sitzend, seine schönsten Lieder vorsingt. Wenn die erste Brut selbständig geworden ist, schreitet das Pärchen alsbald zur zweiten, ja zur dritten und selbst zur vierten vor. Ums Jahr 1848 wurde er durch die Beschreibung des Ornithologen Gould in seinem Buche Birds of Australia in weiteren Kreisen bekannt und scheint bald nach England gekommen zu sein. 1854 pflanzte er sich nach Delon in England und Frankreich in Käfigen fort und wurde seit 1855 auch in Berlin gezogen. Damals nannten ihn die Händler nach seinem lateinischen Artnamen den „Undulatus“. Als aber die spanische Tänzerin Pepita von sich reden machte und geradezu einen Begeisterungstaumel hervorrief, hielten es die Händler für vorteilhaft, von ihm als „Andalusier“ zu reden, eine Bezeichnung, die sich allerdings, weil vollkommen unberechtigt, bald wieder verlor. Eine Zeitlang schien es, als sei ihm neben dem Kanarienvogel eine größere Rolle als Stubenvogel bestimmt; doch ist er neuerdings gegenüber dem letztgenannten mehr und mehr in den Hintergrund getreten. Auch nach Neuseeland wurde er eingeführt und verwilderte dort, wie gelegentlich auch bei uns.

Neben den Wellensittichen gehören die ebenfalls Australien, daneben auch Ozeanien bewohnenden ~Kakadus~ zu den liebenswürdigsten Papageien, die sich gern und innig mit dem Menschen befreunden und dankbar seine Liebe erwidern. Ihre geistige Begabung ist außerordentlich entwickelt und ihre Neugier ebenso groß wie ihr Gedächtnis, so daß sie empfangene Beleidigungen schwer oder gar nicht vergessen. In bezug auf Gelehrigkeit wetteifern sie mit den begabtesten aller Papageien, den Jakos oder westafrikanischen Graupapageien, lernen bald mit Fertigkeit verschiedene Worte sagen und in sinngebender Weise verbinden und lassen sich zu allerlei Kunststücken abrichten. Ihre natürliche Stimme ist ein abscheuliches Kreischen, mit dem sie in ihrer Heimat von den Kronen hoher Bäume, ihrem Nachtquartier, die aufsteigende Sonne begrüßen. Dann fliegen sie zu ihren Futterplätzen, um Früchte und Sämereien zu naschen. Auch sie leben gesellig in großen Scharen und nisten in Baumhöhlen. Des Schadens wegen, den sie den menschlichen Kulturen verursachen, werden sie in ihrer Heimat eifrig verfolgt und zu Hunderten erlegt und ihr Fleisch, weil ziemlich wohlschmeckend, gegessen. Namentlich wird die aus ihnen bereitete Suppe sehr gerühmt. Sie lassen sich leicht fangen und dauern auch in Europa in der Gefangenschaft viele Jahre lang aus. Man kennt Beispiele, daß ein Exemplar dieser Vogelart länger als 70 Jahre im Käfig lebte. Ihre Erhaltung erfordert wenig Mühe; denn sie gewöhnen sich nach und nach an alles, was der Mensch ißt.

Als eigentlicher Schädling für die Schafzucht hat sich der in Neuseeland heimische, ziemlich große, olivengrüne ~Gebirgspapagei~ (Nestor notabllis), der ~Kea~ der Eingeborenen, erwiesen. Der in einem zwischen 1500 und 2000 m Höhe gelegenen Gürtel lebende Vogel hat sich angewöhnt, sich in den wolligen Rücken der Schafe einzukrallen und mit seinem scharfen Hakenschnabel ganze Löcher darein zu bohren, um sich so Fleisch, das ihm sehr zu schmecken scheint, zu verschaffen. Viele dieser dummen Vierfüßler, die sich der Angriffe dieser frechen Burschen nicht zu erwehren vermochten, gingen infolge davon ein, so daß die Ansiedler diese lästigen Quälgeister ihrer Herden eifrig zu verfolgen und abzuschießen begannen. Jetzt haben sie sich gewöhnt, ihre gemeinschaftlichen Raubzüge nachts zu machen und müssen sich vielfach mit dem Abfall geschlachteter Schafe oder mit Aas begnügen.

XIX. Kormoran und Strauß.

Der Kormoran ist als Haustier ausschließlich eine Errungenschaft der chinesischen Kultur. Die Betriebsamkeit und die Geduld dieses alten Kulturvolkes hat damit einen Vogel zum nützlichen Gehilfen des Menschen gemacht, der bei uns als gefährlicher Konkurrent von jeher eifrig verfolgt wird und im wesentlichen in Mitteleuropa auf dem Aussterbeetat steht. Freilich wären auch unsere durch die gedankenloseste Raubwirtschaft und die Verunreinigung der Flüsse durch die giftigen Abwässer der chemischen Fabriken an Fischen verarmten Gewässer kein günstiges Gebiet für die Tätigkeit dieses ausgezeichneten Fischfängers, der sich uns bisher nur als Fischräuber verhaßt gemacht hat.

Der ~Kormoran~ (Phalacrocorax carbo), auch Baumscharbe oder Wasserrabe genannt, ist ein sehr gefräßiger und deshalb vom Menschen überaus gehaßter Fischräuber. Vom mittleren Europa an trifft man ihn in ganz Mittelasien und Nordamerika, von hier aus bis Westindien, von dort aus bis Südasien wandernd. Er bewohnt je nach Gelegenheit die kahle Meeresküste und die bewaldeten Ufer der Binnengewässer; dabei scheut er sich gar nicht, in unmittelbarer Nähe von Ortschaften, ja gelegentlich in diesen selbst, z. B. auf Kirchtürmen, sich anzusiedeln. Er liebt die Geselligkeit und hält sich deshalb in größeren oder kleineren Scharen mit seinen Artgenossen zusammen, nistet auch gewöhnlich in größeren Gesellschaften auf Bäumen, hohen Felsen, in Gebüschen oder im Schilf. Dabei kehren die Vögel mit großer Zähigkeit zu ihren alten Brutplätzen zurück, so lange sie nicht gewaltsam davon vertrieben werden. Gern nimmt der Kormoran von den verlassenen Nestern anderer Vögel, so besonders von Reiher- und Krähennestern, Besitz, um so mühelos die erste Unterlage für sein eigenes Nest zu erhalten, das aus Pfanzenstoffen errichtet und inwendig immer naß und sehr schmutzig ist. Zweimal im Jahre werden 3-4 Junge aus den grünlichweißen Eiern ausgebrütet und großgezogen.

Der Kormoran ist 81 cm lang und der Hauptsache nach glänzend grünschwarz gefärbt, an Rücken und Flügeln kupferbraun, die Backen weiß, Schnabel und Füße schwarz. Er schweift außer der Brutzeit gern umher, ist auf dem Lande sehr schwerfällig, fliegt auch nicht besonders gut, zeigt sich aber im Wasser äußerst beweglich und flink. Mit geräuschlosem Ruck taucht er in bedeutende Tiefen und kann wenigstens zwei Minuten unter Wasser bleiben, wobei er mehr oder weniger tief hunderte von Metern zurückzulegen vermag. Pfeilschnell schießt er auf der Jagd nach Fischen mit weitausholenden Flügelschlägen so gewandt unter Wasser dahin, daß ihm auch der flinkste Schuppenträger nicht zu entgehen vermag. Aus einer Tiefe von 40 m holt er Schollen vom Meeresgrunde herauf, und Fische bis zu 7 cm Breite und 30 cm Länge, Aale, die er besonders liebt, selbst wenn sie 60 cm lang sind, verschlingt er mit Leichtigkeit.

Der vorsichtige, am Brutplatze zwar minder scheue Vogel, entzieht sich jeder nahenden Gefahr. Kann er nicht tauchen, so erhebt er sich über Schußweite in die Luft. Am liebsten aber verschwindet er bei Verfolgung im Wasser, streckt, um rasch zu atmen, nur Kopf und Hals etwas über die Oberfläche und verschwindet alsbald wieder in der Tiefe, wo er sich geborgen fühlt, bis die Gefahr verschwunden ist. Gegen andere Vögel ist er heimtückisch und sucht gern ihre Nester auszurauben oder gar die alten Vögel wegzuschnappen. So sah man im früheren Zoologischen Garten in Wien die Kormorane sich der Länge nach aufs Wasser legen und die hart am Wasserspiegel auf Insekten jagenden Schwalben mit beispielloser Gewandtheit wegfangen, ohne jemals fehlzugreifen.

Während der Morgenstunden fischen sie mit regem Eifer; nachmittags pflegen sie der Ruhe und der Verdauung. Gegen Abend unternehmen sie nochmals einen Fischzug und gegen Sonnenuntergang gehen sie schlafen. Dabei wählen sie im Binnenlande zur Nachtruhe hohe Bäume, an der Meeresküste dagegen hohe felsige Inseln, die ihnen Umschau nach allen Seiten gewähren. Von ihnen bewohnte Inseln erkennt man schon von weitem an dem weißen Kotüberzug, mit dem die Vögel sie bedeckt haben, und sie würden schließlich auch bei uns zu Guanolagern werden, hätten wir in unsern Breiten weniger Regen und die tropische Sonne, die den Vogeldünger unter dem Himmel Perus rasch trocknet. Bei ihrer ungemeinen Gefräßigkeit und raschen Verdauung ist der Kot sehr ausgiebig. Sie fressen solange sie können und stürzen selbst mit gefülltem Magen auf eine Beute, wenn sie ihnen gerade vor die Augen kommt. Weil sie bei solchen Eigenschaften der Fischerei sehr bedeutenden Schaden zufügen, können sie in Ländern, in denen der Mensch zur Herrschaft gelangte, nicht geduldet werden. Sie werden deshalb überall in zivilisierten Ländern als gefährliche Fischräuber verfolgt. Nur vorübergehend sind einzelne Exemplare der Gattung im 17. Jahrhundert an den Höfen Englands und Frankreichs zum Erbeuten von Fischen zahm gehalten worden, wie für die Reiherbeize Falken gehalten wurden. Dazu benutzte man jedenfalls jung aus dem Nest genommene Tiere; und zwar gaben vielleicht Jesuitenmissionare, die in China solche Verwendung kennen gelernt hatten, Veranlassung zu solchem Sporte, da diese gezähmten Kormorane ausdrücklich als aus dem katholischen Flandern bezogen erwähnt werden. So berichtet Pennant, daß König Karl I. von England, der von 1625-1649 regierte, einen Mr. Wood als master of the corvorants hielt. Dieser habe die Kormorane so gezähmt, daß er sie ganz wie Falken habe gebrauchen können. Um 1628 sah dann Puteus als Sekretär des Kardinals Barberini in Fontainebleau am Hofe Ludwigs XIII. solche Tiere, die vom König von England als Geschenk an seinen Schwager dahin gelangt waren. Jedenfalls ist die Verwendung des Kormorans in Europa damals ganz vereinzelt geblieben und haben sich die Vögel nicht in der Gefangenschaft fortgepflanzt, sind also nicht zu Haustieren geworden, wie dies seit alter Zeit in China der Fall ist.

Über die Kormoranzucht der Chinesen hat uns der französische Missionar Armand David 1875 eingehend berichtet. Dort ist dieser Vogel vollständig Haustier geworden und pflanzt sich in der Gefangenschaft regelmäßig fort; doch läßt man gewöhnlich die von den Weibchen gelegten Eier durch Hühner ausbrüten. Die Jungen werden schon beizeiten mit auf das Wasser genommen und sorgsam unterrichtet, so daß sie bald auf den Befehl ihres Herrn ins Wasser tauchen, um die erhaschte Beute nach oben zu bringen und sie ins Boot zu apportieren. Ein um den Hals gelegter lederner Ring verhindert den Kormoran am Hinunterschlingen des erbeuteten Fisches. So schwimmt er auf das Boot seines Herrn zu, wo ihm seine Beute sofort abgenommen wird. Zur Belohnung wird ihm nach Abnahme des Halsrings etwas Bohnenteig als das übliche Futter verabreicht. Hierauf läßt man den Vogel am Rande des Bootes kurze Zeit ruhen und schickt ihn dann wieder an die Arbeit. Lässige Vögel werden bestraft, wie fleißige am Schlusse des Fischens einen Fisch zum Fressen erhalten. Wie groß muß noch der Reichtum der chinesischen Gewässer an Fischen sein, daß sich ein solches Verfahren so gut rentiert, daß ein gezähmter Kormoran den für chinesische Verhältnisse sehr hohen Preis von 12000 Käsch (= 30 Mark) einträgt. Übrigens haben die Japaner den Chinesen den Fischfang mit Kormoranen abgeguckt und wenden ihn gelegentlich ebenfalls in ihren fischreichen Gewässern an. Da der treffliche Vogelkenner Naumann mit gutem Grund den Kormoran als schwer zu zähmen und bissig bezeichnet, ist die große Geduld und Ausdauer der Chinesen bei der Gewinnung dieses Haustiers doppelt anzuerkennen. Für uns aber sind die Zeiten endgültig vorbei, da ein solcher Gehilfe des Menschen existenzberechtigt wäre; denn wie lange müßte der arme Geselle in den meisten unserer Gewässer tauchen, bis er endlich ein paar Gründlinge oder Weißfische aufgetrieben hätte!

Dagegen hat die Kulturmenschheit noch in elfter Stunde einen anderen Vogel zu zähmen verstanden, der an zahlreichen Orten seines einstigen Verbreitungsgebietes bereits ausgerottet ist und nur noch in einigen Steppen Südafrikas häufiger angetroffen wird. Es ist dies der afrikanische ~Strauß~ (Struthio camelus), der einst auch die Steppen Westasiens wie sämtliche des schwarzen Erdteils bewohnte. So sah Xenophon in der vorderasiatischen Steppe wilde Strauße, die von den sie verfolgenden Reitern nicht eingeholt zu werden vermochten, und Diodoros Siculus berichtet von Straußen in Arabien, die mit solcher Gewalt Steine mit ihren Füßen gegen ihre Verfolger schleudern, daß letztere oft schwer getroffen werden. Damit meint er die bei ihrem schnellen Laufe unabsichtlich nach hinten fliegenden Steine. Wie dieser schreibt auch der ältere Plinius, er sei so dumm, daß er sich geborgen glaube, wenn er nur den Kopf in einen Busch gesteckt habe. Man suche seine Eier als etwas Kostbares auf und gebrauche die Schale derselben wegen ihrer Größe zu Gefäßen. Mit den Federn der Strauße verziere man die Helme. Älian sagt: „Der Strauß legt viele Eier, bebrütet aber nur die fruchtbaren, legt dagegen die unfruchtbaren gleich auf die Seite und setzt sie später den ausgekrochenen Jungen als Futter hin.“ Aus Libyen und Mauretanien, also Nordafrika, das schon längst keine Strauße mehr besitzt, kamen diese Tiere auch zu den Zirkusspielen nach Rom. So ließ Kaiser Gordianus nach Julius Capitolinus bei den Jagdspielen nebst vielen anderen Tieren auch 300 mit Mennige rot gefärbte Strauße auftreten, die ausdrücklich als aus Mauretanien stammend bezeichnet werden. Bei den Jagdspielen, die Kaiser Probus in Rom gab, erschienen unter anderen wilden Tieren gar 1000 Strauße „und wurden dem Volke preisgegeben.“ Und Älius Lampridius berichtet von Kaiser Heliogabalus, daß er einmal bei einem Schmause die Köpfe von 600 Straußen auftragen ließ, deren Gehirn verzehrt werden sollte. „Mehrmals gab er auch bei Gastereien Straußen- und Kamelbraten und behauptete, den Juden sei vorgeschrieben, solche Braten zu verzehren.“ Wenn damals der Strauß in solcher Menge gefangen und nach Rom gebracht wurde, ist es kein Wunder, daß diese Tiere mit der Zeit dann gänzlich aus Nordafrika verschwanden.

Gewöhnlich lebt der Strauß in Gesellschaften von 10-20 Stück, in Südafrika gern mit Antilopen-, besonders Gnu- und Hartebeestherden vergesellschaftet. Mit hocherhobenem Kopf vermag er mit seinen außerordentlich scharfsichtigen Augen überaus weit zu sehen und ist so ein willkommener Warner für die wohl mit gutem Geruch, aber nur mit mäßig scharfen Augen begabten Antilopen. Er liebt das Wasser und sucht es zum Trinken und Baden gern auf. Wenn es sein muß, kann er dasselbe aber auch lange entbehren, macht auch keine weiten Wege, um es aufzusuchen. Außer Kraut, Früchten und Sämereien aller Art frißt er gelegentlich auch kleine Tiere, schlingt auch Steine, die zum Zerreiben der harten Pflanzennahrung im kräftigen Muskelmagen dienen sollen, hinunter.

Während junge Strauße schweigsam sind, stoßen die alten Männchen meist am frühen Morgen ein Gebrüll aus, kämpfen zur Fortpflanzungszeit auch mit Schnabel und Füßen miteinander, um eine Anzahl Weibchen für sich zu gewinnen. Durch allerlei tanzende Balzbewegungen vermag jedes meist drei bis vier Weibchen an sich zu fesseln. Diese legen nun ihre Eier in ein einziges, nur aus einer vom Männchen in den Sandboden gewühlten Mulde bestehendes Nest, das oft 20 Eier enthält und von anderen, nicht zum Ausbrüten, sondern als Nahrung für die ausgeschlüpften Jungen dienenden Eiern umgeben zu sein scheint. Die dickschaligen, glatten, mit Poren zum Atmen für die Jungen versehenen gelblichweißen Eier werden fast ausschließlich vom Männchen bebrütet, das während der ganzen Nacht daraufsitzt und auch während des Tages sie nur zur Nahrungsaufnahme für kurze Zeit verläßt. Nur in ganz heißen Gegenden überläßt es sie während des Tages, mit Sand bedeckt, sich selbst. Nach etwa 50 Tagen entschlüpfen ihnen die Jungen, die alsbald vom sorgsam um sie bemühten Vater in Obhut genommen und gefüttert werden. Sie sind zunächst von stachelartigen Horngebilden umgeben, die nach zwei Monaten dem grauen Federkleide Platz machen, das bei den Weibchen nur wenig verändert das ganze Leben hindurch bestehen bleibt, während bei den Männchen vom zweiten Jahre an alle kleinen Federn des Rumpfes kohlschwarz, die langen Flügel- und Schwanzfedern aber blendend weiß werden. Diese gekräuselten Federn sind ein sehr beliebter Schmuck schon der unkultivierten Wilden, ganz besonders aber des danach lüsternen Kulturmenschen.

Das hauptsächlichste Ziel der Jagd des Straußes sind diese Federn, die überall willige Abnehmer finden. Ihr Preis ist je nach dem Wechsel der Mode erheblichen Schwankungen unterworfen, ist aber dadurch bedeutend im Wert hinuntergegangen, daß der Vogel jetzt auch gezähmt gehalten wird und ihm die Federn abgeschnitten werden können, ohne daß er, wie früher der wilde, getötet zu werden braucht. Einst wurde die Straußenjagd zur Gewinnung der Federn von den berittenen Beduinen Nordafrikas mit Leidenschaft betrieben und galt als eine der edelsten Vergnügungen, umsomehr sie sehr schwierig war und ein Zusammenarbeiten mehrerer Jäger erforderte. Diese zogen auf flüchtigen Pferden oder Reitkamelen in die Steppe hinaus, wobei ihnen in einiger Entfernung Wasser in Schläuchen tragende Lastkamele folgten. Die Treiber dieser letzteren hatten sich auch während der Jagd in möglichster Nähe der Verfolger zu halten. Sobald die Jäger einen Trupp Strauße trafen, suchten sie ein Männchen von der Herde zu trennen und ritten im gestreckten Galopp hinter ihm her. Während einer von ihnen dem Vogel auf allen Krümmungen seines Laufes folgt, sucht ein anderer diese abzuschneiden, übernimmt, wenn es ihm gelang, die Rolle des ersteren und läßt diesen die kürzere Strecke durchreiten. So wechseln sie miteinander ab, bis sie den mit möglichster Schnelligkeit dahineilenden Strauß ermüdet haben. Gewöhnlich sind sie schon nach Verlauf einer Stunde dicht hinter ihm her, zwingen ihre Reittiere, meist Pferde, zu einer letzten Anstrengung und versetzen dem Vogel schließlich einen heftigen Streich über den Hals oder auf den Kopf, der ihn sofort zu Boden streckt. Unmittelbar nach dem Falle des Wildes springt der Jäger vom Pferde, schneidet ihm unter Hersagen des üblichen -- da allerdings sehr unpassenden -- Spruches: „Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Gott ist groß!“ die Halsschlagader durch und steckt, um Beschmutzung der Federn durch das Blut zu verhüten, den Nagel der großen Zehe eines Fußes in die Wunde. Nachdem sich der Strauß verblutet hat, zieht ihm der Jäger das Fell ab, dreht es um und benutzt es gleich als Sack, um in ihm die Schmuckfedern aufzubewahren. Vom Fleische schneidet er so viel ab als er braucht, um seinen Hunger zu stillen; das Übrige hängt er an einen Baum zum Trocknen und für etwa vorüberziehende Wanderer auf. Mittlerweile sind die Kamele mit dem Wasser nachgekommen und die Jäger erquicken sich und ihre Pferde nach der anstrengenden, heißen Jagd mit dem kühlenden Naß, ruhen einige Stunden aus und kehren alsbald mit ihrer Beute beladen nach Hause zurück. Hier sortieren sie die Federn nach ihrer Güte, binden die kostbaren weißen, deren ein vollkommen ausgebildeter Strauß höchstens 14 besitzt, in einzelne Bündel zusammen und bewahren sie zu gelegentlichem Verkauf in ihren Zelten auf. Der Händler muß, um die Federn zu bekommen, sich selbst zum Jäger begeben und erlangt von diesem die gesuchte Ware erst nach längeren Verhandlungen. Man begreift diese Zurückhaltung sehr wohl, wenn man bedenkt, daß alle Fürsten und Regierungsbeamten Nordafrikas noch heute, wie zur Zeit der alten Ägypter, von ihren Untertanen Straußenfedern als Königstribut verlangen und sich kein Gewissen daraus machen, diesen durch ihre Unterbeamten gewaltsam eintreiben zu lassen. Der Beduine vermutet daher in jedem, der ihn nach Federn fragt, einen Abgesandten seines Oberherrn und rückt mit seinem Schatze erst dann heraus, wenn er sich durch eingehendes Ausforschen von den reellen Absichten des Käufers überzeugt hat.

In der Kulturgeschichte der Menschheit hat die Straußenfeder seit der ältesten Zeit eine so wichtige Rolle gespielt, daß wir hier etwas näher darauf eintreten müssen. Schon die Naturvölker Afrikas schmückten sich einst und schmücken sich heute noch damit. Auf einer höheren Stufe waren es vornehmlich die Häuptlinge, die sich ihre Abzeichen daraus schufen, worunter auch aus ihnen zusammengesetzte, an langen Stielen getragene Fächer waren. Im alten Ägypten war eine Straußenfeder das Abzeichen von Maat, der Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Gemahlin von Thot, dem Gotte der Zeit, der Geschichte, Schrift, Magie und des Mondes. Das Bild der Göttin Maat, die eine Straußenfeder als Zier auf dem Kopfe trug, war das kostbarste Weihgeschenk für die Götter; der Oberrichter trug es an einer Kette um den Hals. In der Folge bedeutete die Straußenfeder in der Hieroglyphik Wahrheit und Gerechtigkeit. Als später die Abzeichen der verschiedenen Rangklassen im Zeremoniell am Hofe durch Übereinkommen fixiert waren, war die Straußenfeder das Symbol des Fürsten und das Tragen derselben nur diesen und den Prinzen königlichen Geblüts gestattet. Diese Straußenfedergezierten sind auf den Monumenten als „Fächerträger zur Linken des Königs“ bezeichnet. Auch die Prinzessinnen trugen Fächer aus Straußenfedern. So wurde im Grabe der Königin Aa hotep (um 1703 v. Chr.) ein solcher aus vergoldetem Holz gefunden, an dessen Halbkreis noch die Löcher zu sehen sind, in denen die inzwischen zu Staub aufgelösten Straußenfedern steckten, die einst den Wedel bildeten. Auch am persischen Hofe spielte der Staatsfächer mit Straußenfedern eine große Rolle. Gleicherweise zierten sich die vornehmen Griechinnen und Römerinnen mit Straußenfedern, wie die Männer sie als Schmuck gelegentlich auf ihre Helme steckten.

Im Mittelalter war die Straußenfeder aus Nubien über den Orient nach Europa gekommen, blieb aber zunächst zu teuer, als daß sich weitere Kreise mit ihr zu schmücken vermocht hätten. Erst am Ende des Mittelalters wurde dieser Artikel häufiger auf den Markt gebracht, so daß er weitere Verbreitung und Anwendung fand. Seit dem Anfang des 15. Jahrhunderts liebten es die vornehmen Kavaliere des in Europa tonangebenden, an Reichtum und der damit in Zusammenhang stehenden Prachtentfaltung alle andern überstrahlenden burgundischen Hofes, 3-4 Federn zunächst des Reihers als aigrette vorn an der Kappe oder am Stirnband zu befestigen. Als dann auf ihre höfische Zierlichkeit und Eleganz der schwerfällige Prunk des Ritters aus der Zeit Kaiser Maximilians folgte, wurde die zierliche Aigrette durch den wallenden Federbusch aus Straußenfedern ersetzt. Aber nicht nur der adelige Ritter, sondern auch der gewöhnliche Landsknecht suchte mit diesem teuren Schmucke zu prunken. Bald fand er auch Eingang in der wohlhabenden Bürgerschaft, so daß die Obrigkeit es für nötig fand, Gesetze gegen diesen unerhörten Luxus zu erlassen. So wurde in einer Kleiderordnung einer reichen Stadt am Rhein aus dem 16. Jahrhundert den Handwerkern das Tragen von Straußenfedern auf ihrem Barett als übertriebene Verschwendung gänzlich untersagt.

In der Folge nahm diese Straußenfedermanie in Europa ziemlich ab. In Deutschland sorgte die Not des 30jährigen Krieges dafür, daß den Leuten solcher Tand gleichgültig wurde. Als dann Spanien in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Welt beherrschte, wurde die Strenge seiner Etikette und die Form seiner Kleidung tonangebend für die vornehmen Kreise. Bald trugen die Damen und Herren nur noch die kleine toque, welche höchstens noch ein kleiner Federstutz garnierte. Als dann Europa nach dem Tode Philipps II. (1598) die steife Grandezza Spaniens abgeschüttelt hatte, stülpte sich der französische Ritter den respondent genannten ungeheuren Filzhut auf seine jetzt absichtlich ungepflegten Locken; diesen schmückte er mit einigen kühn aufgesteckten Straußenfedern. Von da an herrschte das ganze 17. Jahrhundert hindurch in verschiedenen Variationen der mit Straußenfedern gezierte große Filzhut. Am üppigen Hofe des Sonnenkönigs umhüllte die Straußenfeder wieder in verschwenderischer Fülle den Hut des Elegants, wie den Helm des Offiziers. Erst mit dem Beginne des Rokoko änderte sich dieses Verhältnis, indem jetzt die Damen siegreich das Feld behaupteten und ihre zu immer gewaltigerer Höhe emporgetürmte Coiffüre mit wallenden Straußenfedern krönten.

Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wurde die Straußenfeder auch zu höfischen Festdekorationen gebraucht, so zur Ausschmückung des Thronbaldachins und später auch der Prunkbetten des Rokoko. Sie erschien damals als ein unumgängliches Erfordernis der feierlichen Aufmachung, der Galamontur und des Paradekleides. Wie zum erstenmal der Stifter König Friedrich I., so trägt heute noch der König von Preußen als Großmeister des hohen Ordens vom Schwarzen Adler einen Hut mit vier Reihen übereinandergetürmter weißer Straußenfedern. Einen ähnlichen Federbusch trägt nicht nur der Vorsitzende, sondern tragen auch die Ritter des 1730 gestifteten englischen Bath-Ordens, wie auch die Mitglieder des höchsten englischen Ordens überhaupt, des Hosenbandordens. Daß auch die strenge Empirezeit nicht ohne diesen pompösen Schmuck auskommen konnte, sobald es sich um die höchste Prachtentfaltung handelte, ersieht man aus dem Kupferstich des kleinen Krönungsornats Napoleons I., dessen berühmter Dreispitz hier unter einer Wolke duftiger weißer Straußenfedern fast verschwindet.

Bis dahin hatte Europa den Bedarf an dieser kostbaren Ware mit seiner Einfuhr aus Afrika decken können. Genuesische und französische Schiffe hatten schon im ausgehenden Mittelalter den Import derselben aus der Berberei und der Sahara vermittelt. Im 17. Jahrhundert wurden dann Ägypten und Syrien wichtige Ausfuhrländer für diese teilweise auch aus Arabien bezogene wertvolle Ware. Die jahrhundertelang in der schonungslosesten Weise zur Erbeutung der Federn betriebene Straußenjagd ließ aber trotz der Fruchtbarkeit des Riesenvogels mehr und mehr in empfindlicher Weise nach, so daß Livorno und Wien, die von alters her die Stapelplätze für die Straußenfedern gewesen waren, zu Beginn des 19. Jahrhunderts die verlangten Mengen derselben nicht mehr liefern konnten. Als ums Jahr 1830 wieder große Hüte getragen wurden, zahlte man schon 40 Mark für eine hübsche Feder. Wie Gold- und Silberschmuck waren sie eine Zeitlang die beliebtesten Brautgeschenke und wurden in großer Menge verbraucht.

Einen Umschwung brachte erst die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts angeregte künstliche Straußenzucht. Um dem fortwährenden Rückgang des wertvollen Tieres zu steuern, stellte auf Anregung des Genfer Arztes Gosset der Pariser Kaufmann Chagot der société d’acclimatisation eine Summe von 2000 Franken zur Verfügung, um dieses Tier künstlich zu züchten. Vom Jahre 1857 an wurde dieser Gedanke von Hardy mit Ausdauer verfolgt und es gelang ihm, in Algier die Strauße zum Brüten zu bringen, so daß er bereits 1860 die zweite Generation zu erziehen vermochte. Gleichzeitig wurden auf Anregung des Fürsten Demidoff in San Donato bei Florenz Zuchtversuche mit Straußen vorgenommen und hatten Erfolg. Dabei ergab sich die bemerkenswerte Tatsache, daß das Weibchen in einem Falle das Brutgeschäft vollständig dem Männchen überließ, das andere Mal abwechselnd mit diesem brütete. Aus zwei Bruten gingen von 1859 bis 1860 acht Nachkommen hervor. Gleicherweise wurden im Tiergarten von Marseille durch Suquet Strauße gezüchtet; auch in Grenoble und Marseille erlangte man günstige Resultate, so daß es sich nur noch um eine Übertragung der Versuche in die Praxis handeln konnte.

Nachdem 1866 die künstliche Ausbrütung der Straußeneier geglückt war, ging die Sache rasch vorwärts. In Algier freilich, wo die ersten Versuche stattfanden, vermochte sich die Straußenzucht nicht einzubürgern; dagegen hatten die Farmer im Kaplande überraschende Resultate. Schüttelte man auch dort anfänglich die Köpfe über den Versuch, Strauße zu züchten, so kamen doch einzelne Farmer dadurch zu Vermögen. Die Straußenfarmen wuchsen bald wie Pilze aus dem Boden, und die Kaufpreise der Vögel stiegen rasch in die Höhe. Während noch im Jahre 1865 im Kaplande nicht mehr als 80 zahme Strauße gezählt wurden, hielt man zehn Jahre später schon 21751 Stück. Im Jahre 1886 schätzte man den dortigen Bestand an gezähmten Straußen auf 150000 Stück und später stieg er gar auf 200000 Stück, so daß man sehr wohl begreift, wie heute die Straußenzucht einen der wichtigsten Erwerbszweige Südafrikas bildet, soweit es von Europäern bevölkert ist. Vom Jahre 1865-1885 hob sich die Ausfuhr von 1500 auf 90000 kg Federn jährlich, was einen Wert von etwa 20 Millionen Mark darstellt. In neuerer Zeit ist der Preis der Federn und damit auch der Vögel stark gesunken; doch ist die Straußenzucht gleichwohl immer noch lohnend. Die allzugroße Inzucht der Tiere scheint aber die Qualität der Federn verschlechtert zu haben, so daß eine nicht künstlich verstärkte Feder heute tatsächlich eine Seltenheit geworden ist. Eine Auffrischung der Zuchten mit Wildmaterial ist wegen des starken Rückganges freilebender Strauße bedeutend erschwert.

Kleinere Farmer lassen die Strauße den Tag über im Felde herumlaufen und treiben sie abends in die Gehöfte, wie es übrigens die Somali schon vor den Europäern machten, um die Straußenfedern leichter als durch die mühevolle Jagd auf jene so überaus schnellaufenden Tiere zu erlangen. Viel häufiger als solche kleine sind große Zuchten, in denen etwa 100 Vögel auf einem Raum von 250 ha, von Drahtzäunen oder Steinmauern umgrenzt, gehalten werden. Die Nahrung besteht aus Gras und Laubwerk; daneben wird auch Mais verfüttert. Die Straußenhenne legt im dortigen Frühjahr im Laufe von 14 Tagen 12-16 ihrer elfenbeinfarbenen, dickschaligen Eier, deren Ausbrütung, wie wir sahen, fast ausschließlich das Männchen besorgt. Sie wird aber auch sehr häufig im Incubator genannten Brutapparat vorgenommen, wodurch eine gleichmäßigere Erwärmung und infolgedessen auch eine größere Zahl von ausschlüpfenden Jungen erzielt wird. Im Laufe des Jahres erfolgen 2-3 Bruten, so daß die Vermehrung eine sehr starke ist. Im Brutapparat bedarf das Ei zu seiner völligen Bebrütung durchschnittlich 43 Tage. Die Jungen werden mit kleingeschnittenem Grünfutter, besonders Luzerne, dann in Wasser eingeweichter Brotkrume und Kleie aufgezogen, was einige Vorsicht und in der ersten Zeit Trennung von den Alten erfordert, da diese gegen die auf diese Weise gewonnenen Jungen sehr bösartig zu sein pflegen. Sobald die Tiere drei Jahre alt sind, werden ihnen zum erstenmal Federn entnommen, nicht ausgerissen, sondern an der Wurzel mit der Schere abgeschnitten. Der Stumpf fällt dann aus und an seiner Stelle entwickelt sich eine neue Feder. Alle acht bis zehn Monate wird dieser Prozeß, bei welchem man die Vögel vielfach in ein bewegliches Holzgestell einspannt, wiederholt, und 15 Jahre lang kann man bei einem gesunden Tier auf Rentabilität rechnen. Bei einem jährlichen Unterhalt von 80 Mark pro Vogel erzielt man eine Ernte von 1 kg Federn im Werte von 260-1200 Mark. Es ist dies also eine sehr schöne Verzinsung des Anlagekapitals.

Die Straußenzucht gedeiht nur in Steppengegenden und sandigen Gebieten. Der Wind hat wenig Einfluß auf das Wohlbefinden der Tiere; dagegen sind die Strauße sehr empfindlich gegen Nässe und Kälte. Starke Verheerungen richten leicht übertragbare Wurmparasiten unter ihnen an. Es wird angegeben, daß die jungen Strauße mit Vorliebe Exkremente von Trappen und Feldhühnern aufpicken und auf diese Weise die Keime von parasitischen Würmern in sich aufnehmen, die sie im wilden Zustande nicht in sich haben. Ferner brechen sich die Tiere in ihrer Ungeschicklichkeit leicht die Fußknochen und gehen dann meist zugrunde. Noch schlimmer aber ist es, daß der Absatz des Produktes ganz von den Launen der unberechenbaren Mode abhängt und die Preise mit dem zunehmenden Angebot sinken.

Trotzdem die Kapregierung einen hohen Ausfuhrzoll auf lebende Vögel und Eier festsetzte, hat sich die Straußenzucht, außer der blühenden Zucht von Matarieh bei Kairo in Ägypten, auch außerhalb Afrikas eingebürgert, vor allem in Kalifornien und Argentinien. Auch Neuseeland züchtet diesen Schmuckvogel mit Erfolg; in Australien dagegen vermochte er bis jetzt nicht zu gedeihen. Seit kurzem ist man auch in Deutsch-Südwestafrika dem Beispiele der Engländer gefolgt. So ist in Otjkondo ein Gebiet von 8200 ha ganz für die Aufzucht dieser Vögel reserviert worden. Da diese, wenn sie rationell betrieben wird, nur einen Verlust von 10 Prozent verursacht und die Vögel sehr fruchtbar sind, d. h. zwei- bis dreimal jährlich 10-16 Eier legen, so kann die Zucht sehr lukrativ sein.

XX. Die Nutzfische.

Noch mehr als für die fluß- und seenbewohnenden Binnenländer ist für die Küstenbewohner der Fischfang eine wichtige Erwerbs- und Nahrungsquelle. Und mit dem immer besser eingerichteten Versand der Fische sind auch die meisten Städte im Innern vorzüglich mit diesem ebenso nahrhaften als billigen Nahrungsmittel versorgt, das in den weitesten Schichten der Bevölkerung eine zunehmende Bedeutung gewinnt. Nach vielen Milliarden Mark belaufen sich die Werte, die von den verschiedenen Völkern dem Meere, der Mutter alles Lebens, in Form von Fischen entnommen werden. So hat auch in Deutschland nicht nur die Küsten-, sondern besonders auch die Hochseefischerei immer größere Bedeutung erlangt, nachdem hierin England vorbildlich vorangegangen war. Vom überreichen Erntesegen, der lange Zeit vorzugsweise den Briten zufloß, kommt nun ein stets wachsender Teil auch den Deutschen zugute. Werden doch jährlich allein für 40 Millionen Mark Heringe nach Deutschland eingeführt.

Unter den zahlreichen Meerfischen haben besonders die Schellfische mit Einschluß der Kabeljaus oder Dorsche, daneben die Heringe durch ihr gehäuftes Auftreten in der Laichzeit in manchen Gegenden eine große Bedeutung erlangt. Diese suchen seichtere Stellen des Meeres zur Ablage ihrer Eier auf und werden dann in großen Netzen in Menge gefangen, teilweise auch mit der Grundschnur erbeutet, die etwa 2000 m Länge hat und gegen 1200 Angelschnüre mit köderbewehrten Haken besitzt. Letztere wird ausgeworfen und alle sechs Stunden emporgeholt, der Fang ausgelöst, die verbrauchten Köder ersetzt und die Schnur neu gelegt. Währenddem beschäftigen sich die Fischer mit Handangeln, von denen sie je eine in die Hand nehmen, rasch emporziehen, wenn sie merken, daß sich etwas gefangen hat, und sofort wieder in die Tiefe versenken. Letzteres geschieht besonders beim ~Schellfisch~, ~Kabeljau~ und ~Merlan~ (Gadus morrhua, aeglefinus und merlangus), von denen ein Mann täglich 300 bis 400 Stück zu erbeuten vermag. Am besten schmecken alle diese Fische frisch verzehrt. Durch das Trocknen verlieren sie an Geschmack, doch bleibt bei ihrer ungeheuren Menge gleichwohl nichts anderes übrig, als den größten Teil auf diese Weise zu konservieren, außerdem eine beträchtliche Menge davon in Fässern einzusalzen.

Der ~Kabeljau~ -- jung Dorsch genannt -- bewohnt den nördlichen Teil des Atlantischen Ozeans und die angrenzenden Gebiete des Eismeeres, hat seine Hauptverbreitung zwischen dem 50. und 75. Breitegrad, kommt nicht südlicher als im 40. Breitegrad vor, wird 1-1,5 m lang und bis 40 kg schwer. Zur Laichzeit zieht er in gewaltigen Zügen, die über 100 km breit und 30 km lang sein können, dicht gedrängt an die zur Eiablage geeigneten flachen Stellen des Meeres, an den Lofoten, dann an der Doggerbank in der Nordsee (dogg heißt im Altholländischen der Kabeljau), besonders aber an der Neufundlandbank, wo allein alljährlich etwa 1300 Millionen Kilogramm Kabeljaus gefangen werden. Die Neufundlandbank ist heute noch die wichtigste Fangstelle des Kabeljaus und wurde seit Anfang des 16. Jahrhunderts von Engländern, Holländern, Franzosen, Portugiesen und Spaniern aufgesucht und fleißig ausgebeutet. Schon im Jahre 1615 waren 250 englische Schiffe dort beschäftigt. Heute sind es deren 1800 mit 17000 Matrosen, während die Amerikaner noch mehr senden, um den hier gebotenen Reichtum aus dem Meere zu schöpfen. Die meisten Kabeljaus werden mit beköderten Angeln an der Grundschnur oder an Angelschnüren, die von den Booten herabhängen, gefangen und sofort geköpft und ausgenommen. Sie werden dann meist halbiert und die einzelnen Teile auf Stangen getrocknet. So liefern sie den „Stockfisch“, während sie mit Salz bestreut und auf Felsen getrocknet als „Klippfisch“, und in Fässern eingesalzen als „Laberdan“ in den Handel gelangen. Beim Ausweiden der Fische kommt die Leber in ein besonderes Faß, der Rogen in ein anderes, die übrigen Eingeweide werden als Köder verwendet. Die abgeschnittenen Köpfe dienen vielfach als Viehfutter. Die Lebern läßt man in großen Bottichen stehen und in Zersetzung übergehen, wobei sich in ihnen ein Öl an der Oberfläche sammelt. Es ist dies der Lebertran, der von Zeit zu Zeit abgeschöpft, durch Seihen gereinigt und, seiner Güte entsprechend, in verschiedene Fässer gefüllt wird. Am besten ist natürlich der wenige Tage nach Beginn der Fäulnis gewonnene Lebertran, am schlechtesten der Rest, den man durch Auskochen erlangt.

Kein Meerfisch gewöhnt sich rascher an die Gefangenschaft auch in engem Raum, keiner geht leichter ans Futter, keiner frißt mehr und wächst rascher als der Kabeljau. Nur muß das Wasser seines Beckens kühl gehalten werden, da er, wie gesagt, ein nordischer Fisch ist. Geschieht dies und reicht man ihm genügend Nahrung, so gedeiht er nicht nur vortrefflich, sondern dauert auch mehrere Jahre selbst in einem offenbar für ihn zu engen Gewahrsam aus. In neuerer Zeit hat die Fischkommission der Vereinigten Staaten von Nordamerika den Versuch unternommen, mit Hilfe der künstlichen Fischzucht den Kabeljau, der im nordatlantischen Gebiete heimisch ist, auch in südlicheren Gebieten, z. B. in der Chesapeakebai, heimisch zu machen.

Noch mehr als der stattliche Kabeljau und seine Verwandten ist der ~Hering~ (Clupea harengus) ein Speisefisch des Volkes, der, auch dem Dürftigsten noch käuflich, in gar vielen Haushaltungen, besonders der nordischen Länder Europas, die Stelle des zu teuer gewordenen Fleisches vertreten muß. Von ihm werden jährlich über 10 Milliarden Stück gefangen, von denen Deutschland etwa 500 Millionen Stück konsumiert, während die nordischen Völker weit mehr verbrauchen. Bei ihnen ist er vielfach mit Brot zusammen die tägliche Nahrung. Dieser nur 30 cm lange, stark zusammengedrückte Fisch lebt weder wie die vorgenannten vorzugsweise im Polarmeere, noch macht er wie diese weite Reisen. Er bewohnt vielmehr die Tiefen der Meere, an deren Küsten er laicht, wird dort zu allen Zeiten vereinzelt gefangen, namentlich mit solchen Gerätschaften, die in größere Tiefen reichen, und steigt nur zur Laichzeit aus diesen Tiefen empor, um der Küste zuzusteuern, an der er seine Eier wie die vorigen zur Winterszeit absetzt.

Betrachtet man eine Tiefenkarte der Nordsee, so überzeugt man sich leicht von der Tatsache, daß Großbritannien auf einer geräumigen Hochebene liegt, die nirgends tiefer als 200 m ist, so daß bei einer Senkung des Meeresspiegels um diesen Betrag ganz Großbritannien in das europäische Festland einbezogen wäre. Diese Untiefe der Nordsee stellt, außer den Westküsten Großbritanniens und Skandinaviens, den Laichplatz des Herings dar, wohin außer den Scharen fortpflanzungslustiger Individuen alljährlich auch große Heere noch nicht völlig erwachsener sogenannter Jungfern- oder, wie die Holländer sagen, Matjesheringe aus der heimatlichen Tiefe emporsteigen. Der von kleinen Spaltfußkrebsen lebende Fisch macht an der Küste Norwegens vom Februar bis April seine Laichzüge. In der dem Laichen vorausgehenden Zeit entwickeln sich bei ihm Rogen und Milch als wasserreiche und deshalb leichtere Stoffe so stark auf Kosten von Fett und Eiweiß der Muskulatur, daß das Gewicht des Fisches geringer wird und er sich getrieben fühlt, um seine Gleichgewichtslage wieder herzustellen, Plätze aufzusuchen, an denen die Temperatur höher und daher das spezifische Gewicht des Wassers geringer ist. Danach richten sie ihre Wanderungen und wählen deshalb nicht immer dieselben Laichplätze.

Die älteren Heringe laichen früher als die jüngeren und beginnen damit teilweise schon im Herbst, und zwar vermutlich an denselben Stellen, an denen sie geboren wurden. Doch können verschiedene Ursachen, wie Witterungseinflüsse und Strömungsänderungen, bewirken, daß sie in manchen Jahren an bestimmten Orten, an denen sie früher in Masse erschienen, gänzlich ausbleiben; ebenso zeigen sie sich gegen Veränderungen ihrer Laichplätze höchst empfindlich, meiden insbesondere solche Plätze oft jahrelang, an denen der Überzug von Tangen zerstört oder ihrer zu viele weggefangen wurden. Doch sind die Ursachen, welche Richtung und Ziele der Heringswanderungen bestimmen und zeitweilig ändern, noch nicht völlig erkannt. Immerhin scheint es heute schon zweifellos, daß innerhalb gewisser großer Zeiträume die Heringszüge sich von den bis dahin regelmäßig besuchten Gebieten ab- und anderen zuwenden.

Erscheinen irgendwo die Heringe zum Laichen, so treiben sie sich zwei bis drei Tage hindurch nahe der Oberfläche des Meeres umher, drängen sich, namentlich bei stürmischem Wetter, zu dichten Haufen, eilen vorwärts und lassen währenddem die Eier ins Wasser fallen, die gleichzeitig von dem von den männlichen Fischen entlassenen Samen befruchtet werden. Dabei werden sie von zahlreichen Feinden verfolgt und dezimiert. Solange sie sich in den oberen Wasserschichten umhertreiben, nähren sich alle hier lebenden Raubfische, alle Meervögel, besonders Möwen, und fast sämtliche Meersäugetiere ausschließlich von ihnen. So erkennen die Norweger ihre Ankunft an den sich um sie sammelnden Zahnwalen. Aber alle Verluste, die die zahlreichen Räuber der See den Heringszügen zufügen, sind verschwindend gegenüber denjenigen, die der Mensch ihnen mit seinen großen Netzen beibringt. Um die Heringe im großen zu fangen, bedient man sich der sogenannten Driftnetze, die 40 m lang und 10 m tief sind. Größere Fischerboote führen bisweilen so viele dieser Netze mit sich, daß sie auf 2,5 qkm das Wasser bestellen können. Gegen Abend werden die Netze eingesenkt, mit Gewichten teilweise in die Tiefe gezogen, teilweise aber durch Korkstücke und leere Fässer oben gehalten, so daß sie je nach der Meerestiefe höher oder niedriger zu stehen kommen. Die Maschen sind genau so weit, daß ein junger Hering durchzuschlüpfen vermag, während der erwachsene beim Bestreben, sich durchzuzwängen, mit den Kiemendeckeln darin hängen bleibt und so gefangen wird. Mit Tagesgrauen beginnt man die Netze auszulösen und schafft dann die gefangenen Fische so eilig als möglich an den Strand und in den Arbeitsraum des Einsalzers, da sie um so besser werden, je eher sie ins Salz kommen. Hier werden sie alsbald ausgenommen und gelangen, mit Salz bestreut und in Tonnen festgepreßt, zum Versand.

Sichere Kunde von der Heringsfischerei reicht bis ins frühe Mittelalter zurück. Altenglische Urkunden erwähnen sie und alte Gesetze regeln sie. Bis zu Ende des 14. Jahrhunderts befand sich die Fischerei, obschon sie damals durchaus nicht unbedeutend war, erst in den Anfängen. Da lernte man den Fisch durch Einsalzen vor dem Verderben zu schützen und so transportfähig zu machen. Dadurch erst gewann der Hering als Volksnahrungsmittel die allergrößte Bedeutung. Zuerst waren es die Holländer, die den Heringsfang in großartiger Weise betrieben; später nahmen auch die Hanseaten und Norweger an ihm teil. Erst seit 200 Jahren begannen die Briten eine größere Anzahl Schiffe auf den Heringsfang auszusenden und überflügelten darin bald alle anderen Völker Europas. Da aber der Wanderzug der Fische sich nicht im voraus feststellen läßt, so spielt der Zufall eine große Rolle dabei, ob man Erfolg hat oder nicht. In der Gefangenschaft geht der erwachsene Hering in wenigen Stunden, der junge in wenigen Tagen ein, so daß von einer künstlichen Aufzucht bei ihnen niemals die Rede sein kann.

Die nächste Verwandte des Herings ist die ~Sprotte~ (Clupea sprottus), die nur 15 cm lang wird. Sie lebt wie jener in bedeutender Meerestiefe und erscheint alljährlich im Frühling in unermeßlichen Scharen in der Nähe der Küste, um zu laichen. Zu ihrem Fange wendet man entsprechend feinmaschige Netze an. An der britischen Küste, wie auch an derjenigen der Ostsee wird diese Fischerei stark betrieben. Geräuchert kommen sie von Eckernförde aus als „Kieler Sprotten“, in Salz eingemacht dagegen aus Norwegen unter dem Namen „Anchovis“ (franz. anchois) in den Handel.

Etwas größer, nämlich 20-25 cm lang, ist die ~Sardine~ (Clupea sardina), die vom Süden Englands längs der ganzen französischen und nordspanischen Küste bis Portugal bald in tieferem, bald in seichterem Wasser vorkommt, sehr gefräßig ist und vorzugsweise von kleinen Garneelen lebt, die sie am Meeresboden aufnimmt, um damit den Magen prall zu füllen. Sie laicht vorzugsweise in den Herbstmonaten und wird dann in großen Mengen gefangen, doch wird sie zumeist außerhalb der Laichzeit mit dem Grundnetz erbeutet. Viele derselben werden eingesalzen, die große Mehrzahl aber, nachdem sie kürzer oder länger in der Sülze gelegen, in Öl gekocht, mit diesem in kleinen Blechbüchsen eingeschlossen und als Sardinen in den Handel gebracht.

Etwas kleiner, nämlich nur 15 cm lang, d. h. so groß wie die Sprotte, wird die ~Sardelle~ oder der echte ~Anchovis~ (Engraulis encrasicholus). Dieser an der Oberseite bräunlichblaue Fisch bewohnt besonders das Mittelländische Meer, ist aber durch die Meerenge von Gibraltar längs der europäischen Küste bis in den nördlichen Teil der Nordsee, ja sogar in die Ostsee gedrungen. Für die nördlichen Teile des Verbreitungsgebietes hat der Fang dieses geschätzten Fisches keine besondere Bedeutung, wohl aber in den südlichen Gegenden. Schon in der Bretagne bringt die Sardellenfischerei Millionen ein. Im Mittelländischen Meer zählt das Fischchen zu den geschätztesten Speisefischen. Es lebt in tieferen Schichten und kommt an die Küsten zum Laichen, wobei es in so dichten Scharen auftritt, daß oft mit einem einzigen Zuge mit dem Netz viele Tausend aus dem Wasser gehoben werden. Schon die Alten schätzten es hoch. In Aristophanes „Rittern“ wird uns ein Wursthändler vorgeführt, der durch den billigen Verkauf dieses Speisefisches, zu dem er gratis die Zukost an Zwiebeln gab, besondere Popularität erlangte. Aber nicht nur die Armen, auch die Reichen Griechenlands aßen den Fisch gern, besonders in siedendem Olivenöl zubereitet. Der Grieche Oppianos schreibt in seinem um 200 n. Chr. in Hexametern verfaßten Gedicht über den Fischfang: „Die Sardellen (engraulis) sind furchtsame, schwache Fische, welche von anderen hart verfolgt werden und sich daher, um sicherer zu sein, in so dichte Scharen zusammendrängen, daß sie oft Schiffe in ihrem Laufe, Ruder in ihrem Schlage hemmen. Die Massen sind so dicht, daß man sie nicht mit dem Beile auseinander zu hauen vermag und daß man mit der Hand so viele nehmen kann als man will. Die Fischer ziehen sie mit Netzen heraus und man sieht oft große Haufen derselben, die den Strand bedecken.“ Man schneidet ihnen nach dem Fange die Köpfe ab, nimmt die Eingeweide heraus und salzt sie oder macht sie in Olivenöl ein. In ersterem Falle kommen sie als „Sardellen“, in letzterem dagegen als „Anchovis“ in den Handel.

Ebenfalls im Mittelmeer heimisch und von da der Küste entlang nach Norden vorgedrungen sind die ~Rotbarben~ (Mullus), von denen vor allem der ~Rotbart~ (Mullus barbatus), ein 30-40 cm langer karminroter Fisch mit gelben Flossen, von den Alten überaus geschätzt war. Nach Plinius, der von ihm bemerkt, daß er in Fischbehältern nicht gedeiht, soll der Konsular Asinius Celer zur Zeit des Kaisers Caligula einen solchen für 8000 Sesterzien (= 1200 Mark) gekauft haben und fügt bei: „Sonst klagte man darüber, daß Köche teurer seien als Pferde; jetzt kostet ein Koch soviel wie ein Triumph, ein Fisch soviel wie ein Koch, und fast kein Mensch wird so hoch geschätzt wie ein Koch, obgleich seine Hauptkunst darin besteht, seinen Herrn durch Kochen um Hab und Gut zu bringen.“ Seneca erzählt in einer seiner Episteln, Kaiser Tiberius habe einen 4½ Pfund schweren Rotbart auf den Markt geschickt und dafür von Publius Octavius 5000 Sesterzien (= 750 Mark) erhalten. Martial sagt, ein reicher Römer habe einen Sklaven für 1300 Sesterzien (= 195 Mark) verkauft und für diese Summe einen 4 Pfund schweren Rotbart eingehandelt. Juvenal berichtet, es habe jemand einen 6 Pfund schweren Rotbart für 6000 Sesterzien (= 900 Mark) gekauft, und Älius Lampridius erzählt, der verschwenderische Kaiser Heliogabalus habe Schmausereien gegeben, bei denen ungeheure Massen von Eingeweiden der Rotbärte aufgetragen wurden, auch habe er ganze Schüsseln und Teller, die nur mit Bartfäden der Rotbärte gefüllt waren, aufgetischt.

In größeren Wassertiefen leben die ~Makrelen~ (Scomber), die ebenfalls bei den Alten als Speisefische sehr geschätzt waren. Ihr köstliches Fleisch muß so rasch als möglich gegessen werden. Eine sehr pikante Sauce, garum genannt, gewannen die Römer durch Faulenlassen von deren Fleisch, nebst Blut und Eingeweiden. Riesenmakrelen sind die ~Thunfische~ (Thynnus), die für die Bewohner der Mittelmeerküsten von besonderer Bedeutung sind. Sie erreichen 3-4 m Länge und ein Gewicht von 300-400 kg und werden ihres wohlschmeckenden Fleisches wegen eifrig verfolgt. Ihre wahre Heimat ist das Mittelländische Meer, während sie im Atlantischen Ozean spärlicher vorkommen und durch andere Arten ersetzt werden. Zwar behauptete man im Altertum und glauben die Fischer heute noch, daß sie alljährlich in Menge vom Weltmeere aus durch die Meerenge von Gibraltar nach dem Mittelländischen Meere ziehen. So schreibt der vorhin genannte Oppian: „Die Thunfische kommen vom Weltmeer ins Mittelländische, wenn sie im Frühjahr Eier legen wollen. Sie gehen erst an Spanien, dann an Gallien und Sizilien hin. Zu dieser Zeit werden Wächter auf die Felsen am Strande gestellt, welche den Zug und die Zahl der kommenden Fische beobachten. Sehen sie die Scharen herannahen, so werden die Netze gestellt, welche Kammern bilden, die mit Vorhallen und Eingängen versehen sind. In diese dringen dann die Thunfische in Menge ein und gewähren einen überreichen Fang.“ Nur muß diese Anschauung von der Herkunft der Thunfische aus dem Atlantischen Ozean dahin abgeändert werden, daß sie für gewöhnlich in größeren Tiefen des offenen Mittelländischen Meeres leben und sich erst gegen die Laichzeit den Küsten nähern. Statt wagrechte Wanderungen, wie man früher glaubte, vollführen sie vorzugsweise senkrechte, um sich in den flacheren Gewässern der Küste zu tummeln. Hier hält er allerdings -- vermutlich durch unterseeische Täler bewogen -- bestimmte Straßen ein, in denen er oft in Herden von Tausenden fortzieht, um sich im Frühling im seichten Wasser der Küste fortzupflanzen. Seit dem frühesten Altertum sind gewisse Fangplätze durch ihre Ergiebigkeit berühmt. Dort wird der Fang der Thunfische durch dieselben gekammerten Netze, wie sie vorhin aus dem Jahre 200 nach Chr. beschrieben wurden, bewerkstelligt. Sobald die auf erhabenen Stellen beobachtenden Wächter die Ankunft der Thunfische melden, stechen eine Menge bereit gehaltener Boote in die See, bilden unter Befehl eines Anführers einen weiten Halbmond, werfen ihre tonnare genannten Fangnetze, wahrhaftige Gebäude aus Stricken und Maschen aus und schließen die Fische ein. Indem sie den Kreis mehr und mehr verengern, zwingen sie die Thunfische, gegen das Land hin zu schwimmen. Im seichten Wasser breitet man dann das letzte Netz aus und zieht es mit allen innerhalb desselben befindlichen Thunfischen ans Land, um sie alle abzustechen, so daß sich das Meer weithin mit ihrem Blute rotfärbt. Die Ausbeute wird oft an Ausländer, die sich als Käufer eingefunden haben, frisch verkauft und von diesen in Tonnen eingesalzen. Von den Einheimischen wird der Thunfisch vielfach auch gekocht, in Öl konserviert und so in den Handel gebracht. Jedem Italienfahrer ist solcher tonno in oleo, der ganz gut schmeckt, sehr wohl bekannt.

Für die Nordsee sehr wichtig sind die am liebsten im Sande der Flachsee halb in den Boden eingegraben auf Beute lauernden ~Flachfische~ oder ~Seitenschwimmer~, die verschiedenen Arten von ~Schollen~, ~Flundern~, ~Seezungen~, ~Heil-~ und ~Steinbutte~. In der Fähigkeit, sich zu verstecken, werden sie in hohem Maße durch die Begabung gefördert, die eine pigmentierte und mit beiden Augen versehene Seite je nach der Farbe des Untergrundes verschieden zu färben. Sie laichen im Frühling und Vorsommer zwischen Tangen, an die sie die Eier mit Vorliebe festkleben. Ihr sehr wohlschmeckendes Fleisch zeichnet sich durch seine große Haltbarkeit aus und wird deshalb weithin verschickt. Außer englischen sind es besonders holländische und dänische Fischer, die sich mit deren Fang abgeben und sie besonders nach London verhandeln. Sie lassen sich wie im Meerwasser, so auch im Süßwasser lange Zeit halten, haben überhaupt eine außerordentliche Lebenszähigkeit.

Besonders geschätzt war bei den alten Römern das Fleisch eines Aalfisches, der ~Muräne~ (Muraena helena), die sie in eingedämmten Meeresarmen oder Salzwasserteichen hielten, um stets den nötigen Bedarf für ihre Schwelgereien bei der Hand zu haben. Plinius berichtet über sie in seiner Naturgeschichte: „Bloß für Muränen bestimmte Fischteiche hat zuerst Gajus Hirrius angelegt; aus diesen lieh er dem Diktator Cäsar zu den Triumphschmausereien 6000 Muränen unter der Bedingung, daß er ebensoviel zurückerhalte; denn für Gold und andere Kostbarkeiten waren sie ihm nicht feil. Kurz darauf wurde sein Landgut verkauft, und der Preis desselben betrug wegen der darauf befindlichen Fischteiche 4 Millionen Sesterzien (= 600000 Mark). Von da an begann man mit einzelnen Individuen dieser Fischart Liebhaberei zu treiben. Bei Bauli in der Nähe (des damals sehr beliebten Badeortes) von Bajae hatte der Redner Hortensius einen Fischteich, worin sich eine Muräne befand, die er so liebte, daß er sie nach ihrem Tode beweint haben soll. Auf demselben Landsitze schmückte Antonia, die Tochter des Drusus, eine geliebte Muräne mit Ohrringen, und manche Leute gingen nur nach Bauli, um das berühmte Tier zu sehen.“ Später, um 220 n. Chr., berichtet Älian: „Berühmt ist die Muräne des Crassus, welche Ohrringe und mit Steinen besetzte Halsbänder trug, auf den Ruf des Crassus herbeikam und ihm aus der Hand fraß. Sie wurde nach ihrem Tode von ihm beweint und begraben.“

Bekannt ist, daß diese gierigen Raubfische gelegentlich mit Menschenfleisch gefüttert wurden. So erzählt Plinius: „Die Gefräßigkeit der Muränen hat dem römischen Ritter Vedius Pollio, einem Freunde des Kaisers Augustus, Gelegenheit zur Erfindung einer neuen Grausamkeit gegeben; denn er ließ in die mit diesen Fischen besetzten Teiche verurteilte Sklaven werfen, nicht weil er sie von Löwen, Tigern und dergleichen nicht hätte zerfleischen lassen können, sondern weil er sein Vergnügen daran fand, zuzusehen, wie der ganze Mensch zu gleicher Zeit von allen Seiten her durch Feinde zerfleischt wurde, das andere Raubtiere nicht gewähren konnten.“ In zahlreichen Lesebüchern wird die Geschichte erzählt, wie er in Gegenwart des bei ihm zu Gast weilenden Kaisers Augustus einen Sklaven, der ein kostbares murrhinisches Gefäß zerbrach, als Strafe dafür mit dem Ausdrucke: ad muraenas d. h. zu den Muränen! lebend diesen Tieren vorwerfen ließ. Vorzüglich sollten sie nach Plinius wütend werden, wenn man ihnen Essig zu schmecken gab.

Wie für Muränen hatten die Römer auch für andere von ihnen wegen ihres wohlschmeckenden Fleisches geliebte Meerfische besondere Teiche, die oft mit großem Aufwand hergestellt wurden. So berichtet der vorgenannte Plinius: „Zu derselben Zeit, da Sergius Orata die Austernparks erfand, erfand Licinius Muraena die Fischteiche, und berühmte Männer, wie Philippus und Hortensius, haben ihn darin nachgeahmt. Lucullus ließ sogar bei Neapel einen Berg mit größeren Kosten, als er auf sein Landgut verwendet hatte, abtragen und leitete das Meerwasser ins Land, weshalb ihn Pompejus der Große den römischen Xerxes nannte. Nach seinem Tode wurden die dort befindlichen Fische für 4 Millionen Sesterzien (= 600000 Mark) verkauft.“ Daß es den in solchen Fischteichen installierten Fischen vorzüglich erging und sie gelegentlich ein sehr hohes Alter erreichten, können wir aus einer Notiz desselben Autors entnehmen, worin es heißt: „Wie alt ein Fisch werden kann, das haben wir erst neulich an einem merkwürdigen Beispiel gesehen. Pausilypum ist ein nicht weit von Neapel gelegenes kampanisches Landhaus. Dort wurde von Vedius Pollio ein Fisch in Cäsars Fischteiche gesetzt, der, wie Annäus Seneca schreibt, erst 60 Jahre später starb, während zwei ebenso alte derselben Art noch lebten.“ In solchen Teichen zu fischen war ein besonderes Vergnügen der vornehmen Herrn. Dazu wurden oft auserlesen kostbare Geräte gebraucht. So fischte Kaiser Nero nach den Angaben seines Biographen Suetonius mit Netzen, deren Fäden purpur- und scharlachfarbig und mit Gold verziert waren. Außer mit Netzen fischte man im Altertum nach Oppian auch mit dem an einer Rute an einer Schnur aus Pferdehaar befestigten Angelhaken, dem Dreizack und durch Anbringen von Reusen. Durch letztere wurden besonders auch Aale gefangen. So schreibt Aristoteles: „Um Aale zu fangen, setzt man ein irdenes Gefäß mit Pökelfleisch hin und befestigt an dessen Mündung eine Reuse. Mit dem Geruch von gebratenem Fett kann man alle Fische leicht anlocken.“

Von den ~Aalen~ (énchelys der Griechen und anguilla der Römer) blieb die Fortpflanzung bis in unsere Tage unbekannt. Aristoteles ließ sie aus Regenwürmern entstehen, welche sich von selbst aus Schlamm und feuchter Erde erzeugen und fügt zur Bekräftigung seiner Aussage bei: „Man hat auch gesehen, wie sich Aale von Regenwürmern loslösten, teils werden sie auch bei Zerreißung derselben sichtbar.“ Spätere Autoren sahen Eingeweidewürmer der Aale für die junge Brut an. Heute wissen wir, daß alle Süßwasseraale Weibchen sind, die in allen Gewässern Europas vom 64.-65. Grade nördlicher Breite, auch im Mittelländischen Meer, nicht aber in den Zuflüssen des Schwarzen und Kaspischen Meeres, also auch nicht in der Donau, vorkommen. Sie lieben vor allem tiefes Wasser mit schlammigem Grunde und liegen den Winter über im Schlamme verborgen, bis sie wieder mit Beginn der warmen Jahreszeit ihr bewegliches Räuberleben aufnehmen. Sie wachsen sehr rasch, haben in 2-3 Jahren eine Länge von 50-60 cm, in 4-5 dagegen eine solche von 70-80 cm und ein Gewicht von 1,5 kg und darüber erreicht. Ihre Geschlechtsreife erlangen sie aber nur im Meere. Alle Weibchen, die in geschlossenen Gewässern leben und deshalb nicht ins Meer gelangen können, wachsen bis zu 1,5 m Länge bei einem Gewicht von 10 kg heran und sterben schließlich, ohne sich fortgepflanzt zu haben. Die in offenen Gewässern lebenden Weibchen dagegen wandern, sobald sie erwachsen sind, in stürmischen Herbstnächten in Trupps von 20-40 Stück flußabwärts dem Meere zu, wo die bedeutend kleineren, nur etwa 40 cm langen männlichen Aale, die zeitlebens an den Meeresküsten verbleiben, ihrer harren. Gemeinsam ziehen dann beide Geschlechter langsam der Tiefsee zu, wobei ihre bis dahin unentwickelten Geschlechtsdrüsen auswachsen und sie für das Dunkel der Meerestiefe geeignete große Augen von 1 cm Durchmesser erhalten. Hier pflanzen sie sich fort und sterben dann vermutlich ab, wenigstens kehren sie nicht mehr an die Küsten zurück. Die junge Aalbrut steigt im Frühjahr aus der Meerestiefe von 1000 m und mehr allmählich gegen die Küsten, wobei die durchsichtigen, schmalen Larven, die man früher als Leptocephalen, d. h. Schmalköpfe, beschrieb und für eine besondere Tierart hielt, weil sie den eigentlichen Aalen vollkommen unähnlich sind, schließlich Aalgestalt erhalten. Weil diese Aallarven um so kleiner sind, je weiter nach Süden sie im Atlantischen Ozean gefischt werden -- die kleinsten fing man südlich von den Azoren -- glaubt Hjort annehmen zu dürfen, daß die Laichplätze des Aales im südlichen, zentralen Teil des Mittelländischen Ozeans sich finden und die Aallarven durch Meeresströmungen und schließlich den Golfstrom an unsere Küsten geführt werden. Im April und Mai wandern dann die jungen Weibchen dicht aneinandergeschmiegt in langem Zuge, kein Hindernis achtend, ins Süßwasser ein. Sie überkriechen Wehre und Stromschnellen, überwinden sogar den Rheinfall bei Schaffhausen, was für diese Tierchen in Anbetracht der Höhe des Falles eine erstaunliche Leistung ist, um überall ins Quellgebiet der Flüsse zu gelangen. Im Verlaufe von 4-5 Jahren wachsen sie dann aus und vollziehen dann ihren Abstieg ins Meer und die Tiefsee.

Überall wird auf dem Festlande die Aalfischerei eifrig betrieben, da das Fleisch dieser Tiere äußerst wohlschmeckend ist und frisch, geräuchert oder eingemacht einen nicht unwichtigen Handelsartikel bildet. Von Holland aus wird speziell London mit dieser Ware versehen. In Oberitalien sind in den Lagunen von Comacchio an der Pomündung große Aalfischereien, die jährlich über 1 Million kg dieses fetten Fischfleisches liefern. Zum Zwecke des Aalfanges sind dort ganze Systeme von Schleusen, Kanälen und Rinnen angelegt. Diese letzteren, die mit kleinen Querleisten versehen und innen mit Kies und Sand belegt sind, dienen der Einwanderung der Aale, die dann, wenn sie erwachsen zum Meere zurückwandern, abgefischt werden.

Umgekehrt wie beim Aal, der seine Heimat in der Tiefsee hat und sich wenigstens in den weiblichen Vertretern im Süßwasser großfrißt, verhält es sich mit dem ~Lachs~ oder ~Salm~ (Salmo salar), der von seiner einstigen Heimat, dem Süßwasser, sich an die Meeresküste begibt, um hier zu erwachsen, wobei er bis 1,5 m lang und 45 kg schwer wird. An dem im Meere reichgedeckten Tisch frißt er sich rasch groß, um zur Fortpflanzung im Herbst in seinen Heimatfluß zurückzuwandern und an sandigen Stellen der Quellzuflüsse zu laichen. Wie die Eier des Aals für ihre Entwicklung die Ruhe der Tiefsee verlangen, so ist umgekehrt bewegtes kaltes Wasser die Vorbedingung für die normale Entwicklung der Lachsbrut. Ihm zuliebe legen deshalb diese Wanderfische mit Aufwand einer Unsumme von Kraft den weiten Weg vom Meer in das Quellgebiet der heimatlichen Ströme zurück, dabei die größten Widerstände, wie Wehren und Wasserfälle, zu überwinden suchend. Die paar Monate, die sie im Süßwasser verweilen, fressen sie überhaupt nicht und benutzen das Fleisch besonders ihrer Seitenmuskeln zur Bildung der Geschlechtsprodukte, die im Oktober und November zur Ablage reif sind. Zum Laichen sucht das stets von mehreren Männchen begleitete Weibchen seichte Stellen mit reinem Sand- und Kiesgrund auf. Oft sind diese Stellen an den Quellbächen so wasserarm, daß darin nicht einmal die Rückenflossen der laichenden Tiere ganz vom Wasser bespült werden. In verschiedene mit dem Schwanz aufgewühlte flache Mulden legt das Weibchen die alsbald von den Männchen besamten und dadurch befruchteten Eier, die dann leicht mit Kies oder Sand bedeckt werden. Nach Beendigung des Laichgeschäftes wandern die Lachse, von der bedeutenden Kraftabgabe stark abgemagert, mit weichem, weißem Fleisch zum Meere zurück. In diesem geringwertigen Zustande bezeichnet man sie im Rhein als Lachs, während sie dort im frischgemästeten Stadium vor der Ausbildung der Geschlechtsprodukte mit festem, rötlichem Fleisch als „Salm“ bezeichnet werden. Abwärts matt und willenlos sich mehr von der Strömung treiben lassend als eigentlich schwimmend, erreichen sie das Meer, um sich darin nach so langem Fasten durch reichliches Fressen wieder festes, rötliches Fleisch anzumästen. Im Laufe des Sommers haben sie sich wieder so weit gekräftigt und Reservematerial für die spätere Ausbildung der Geschlechtsprodukte in ihren Seitenmuskeln aufgespeichert, daß sie abermals zur Fortpflanzung in die Quellflüsse aufzusteigen vermögen. Hier wächst die Brut rasch heran, um im zweiten Jahre, wenn die jungen Lachse bis 0,5 m lang geworden sind, ihren Eltern nach dem Meere zu folgen. Bevor sie sich in die salzige Flut begeben, halten sie sich in großen Scharen wochenlang an den Flußmündungen auf und gehen erst allmählich vom Brackwasser ins Salzwasser des Meeres über. Dieser gewiß für das weichhäutige Tier nicht gleichgültige Übergang vom Süß- ins Salzwasser wurde für diesen einst in den kalten Flüssen des Nordens heimischen Fisch durch die starke Aussüßung der den Flußmündungen zunächstliegenden Meeresabschnitte durch die gewaltigen Schmelzwässer der Eiszeit erleichtert und damit die Änderung seiner Lebensweise angebahnt und überhaupt ermöglicht.

Der Fang der Lachse geschieht in der verschiedensten Weise mit mancherlei Garnen, in großen eisernen Reusen und Lachsfallen und durch Speeren der durch Feuer herbeigezogenen Fische vom Boote aus. Früher war dieser ausgezeichnete Speisefisch so häufig, daß er ein billiges Volksnahrungsmittel bildete. Ja, er war so gemein auf den Tischen der Bürgerhäuser, daß in den Städten am Rhein, z. B. in Basel, sich die Mägde im Mittelalter ausbedangen, nicht mehr als sechsmal in der Woche Salm essen zu müssen. Heute wäre man froh, wenn er billiger zu bekommen wäre. Daß dies in diesen Gebieten nicht mehr geschieht, dafür sorgen die mit Dampf betriebenen Fischereien der Holländer an den Rheinmündungen, die den größten Teil der Salme direkt beim Einwandern in den Fluß im besten Ernährungsstadium abfangen. Was nützt es auch unter diesen Umständen, künstlich ausgebrütete Junglachse in die Oberläufe des Rheins auszusetzen, wenn andere die Früchte all dieser Bemühungen einheimsen! Nichtsdestoweniger hat in vielen Flüssen diese künstliche Versorgung mit Lachsbrut gute Erfolge erzielt, so daß der Fang dieses Edelfisches neuerdings wieder ausgiebiger geworden ist, zumal wenn freundnachbarliche Abkommen sein zu ausgiebiges Wegfangen schon an den Flußmündungen verhindern. In Nordamerika ist der Lachs durch nahe Verwandte, im Gebiete der in den Stillen Ozean mündenden Flüsse durch die schöngefärbte ~Regenbogenforelle~ vertreten, die neuerdings auch bei uns mit Erfolg eingeführt wurde. Dort und in den Flüssen Sibiriens spielen die Lachse volkswirtschaftlich eine große Rolle und werden von einigen Orten der Weststaaten der Union in Menge zur Herstellung einer geschätzten Fischkonserve verwendet.

Im Donaugebiet vertritt die Stelle des Lachses ein naher Verwandter, der ~Huchen~ (Salmo hucho), der eine Länge von 1,5-2 m bei einem Gewicht von 20-50 kg erreicht. Im Gegensatz zu jenem geht er aber nicht ins Meer, um sich dort großzufüttern, sondern bleibt im Hauptstrom, um von Ende März bis Mai zum Laichen in die Quellflüsse und Bäche hinaufzusteigen. Wie der Lachs sucht er seichte, kiesige Stellen auf, wühlt dort mit dem Schwanz seichte Gruben auf und ist während des Eierlegens so mit sich selbst beschäftigt, daß man mit einem Kahne über ihn hinwegfahren kann, ohne ihn zu verjagen. Sein weißliches Fleisch steht an Wohlgeschmack demjenigen des Lachses merklich nach. Der Fang geschieht mit großen Garnen oder mit der Angel, auch sticht man ihn, wenn er ruhig in der Tiefe steht. Da er weniger kaltes Gebirgswasser als der Lachs zu seinem Gedeihen bedarf und in Teichen, die beständigen Zufluß haben, gut gedeiht, würde er sich im Gegensatz zu jenem Wanderer für die Teichwirtschaft eignen, wäre er nicht ein so gefräßiger Raubfisch und erläge er nicht so leicht einer bei Fischen häufigen Hautkrankheit.

Neben dem Lachs spielen auch die andern zeitlebens im Süßwasser verbleibenden Verwandten, die verschiedenen ~Forellenarten~, eine wichtige Rolle beim Ertrag der einheimischen Gewässer. Noch mehr als der Lachs werden sie, besonders die ~Bachforelle~ (Salmo fario), in den verschiedenen Fischzuchtanstalten zu Jungbrut erzogen und dann in die verschiedenen Bäche, die man wieder zu bevölkern sucht, ausgesetzt. Vielfach werden sie auch in besonderen Teichen mit kühlem Quellwasser durch Füttern mit gehackter Leber und Lunge zu verkaufsfähigen „Portionenfischen“ von 250 g Gewicht auferzogen. Dabei ist man bestrebt, durch künstliche Zuchtwahl eine möglichst raschwüchsige Rasse zu erhalten, die schon in zwei statt wie bisher meist erst in drei Jahren die gewünschte Größe erreicht. Ließe man sie länger leben, so würden sie schließlich ein Gewicht von 5-10 kg und darüber erreichen. Solche Riesen sind aber in unsern Gewässern äußerst selten, da sie bei ihrer enormen Freßgier viel früher dem Menschen zur Beute fallen.

Da die Bachforelle klares, sauerstoffreiches fließendes Wasser liebt, findet sie sich in allen Gebirgswässern bis zum Alpengürtel hinauf. Sie laicht von Mitte Oktober bis zu Anfang Dezember in seichtem Wasser auf Kiesgrund oder hinter größeren Steinen, da, wo eine rasche Strömung sich bemerkbar macht, in eine seichte, durch lebhafte Bewegungen mit dem Schwanze erzeugte Vertiefung und bedeckt nachher die gleich nach dem Legen vom Männchen befruchteten Eier durch weitere Bewegungen mit dem Schwanze mit Sand und feinem Kies, um sie dann ihrem Schicksal zu überlassen. Nach ungefähr sechs Wochen entschlüpfen die Jungen der Eihülle, verweilen mehr oder weniger regungslos auf der Brutstätte, bis sie ihren angehängten Dottersack aufgezehrt haben und ein Bedürfnis nach Nahrungszufuhr verspüren, dem sie zunächst durch kleine und später durch immer größere Wassertiere zu genügen suchen.

Viel größer als die Bachforelle wird die ~Seeforelle~ (Salmo lacustris), von der gelegentlich gewaltige Riesen gefangen werden. Während Forellen gelegentlich auch sehr groß werden -- so hat man nach einem Zeitungsbericht als die größten bisher in europäischen Gewässern beobachteten in der Etsch bei Meran zwei Exemplare gefangen, von denen das größere 99 cm lang war und 32 Pfund wog, das kleinere immer noch 27 Pfund schwer war -- ist dies bei der Seeforelle weit häufiger der Fall. So hat Prof. Lunel in Genf solche aus dem Genfer See gesehen, die 15 kg Gewicht und 110 cm Länge besaßen. Im Museum von Genf wird das Skelett einer Seeforelle aufbewahrt, die 131 cm lang ist und im Leben jedenfalls bedeutend über 15 kg gewogen haben muß. Ein anderer Genfer Gelehrter, Jurina, schrieb 1815, daß seit Beginn des 18. Jahrhunderts keine Seeforellen von einem Gewicht über 17,6 kg gefangen worden seien. Er gibt gleichzeitig das Maximalgewicht dieser Tiere zu 19,8 kg an. Gregor von Tours spricht von bis 1 Zentner schweren Forellen, und der Züricher Naturforscher J. J. Wagner meldet in seiner Historia naturalis helvetica curiosa von 1680, daß Anno 1663 eine 62 Pfund schwere Forelle von Genf nach Amsterdam verschickt wurde. Vor wenigen Jahren wurde eine 40pfündige Forelle von Fischern bei St. Gingolph im Genfer See gefangen. Allerdings gehören heute Exemplare von annähernd 30 Pfund auch im Genfer See zu den Seltenheiten. Auch die Seeforelle steigt im Herbst zum Laichen aus den Seen in die betreffenden Quellflüsse hinauf. Ihr Fang ist bedeutend und ihr Fleisch wird sehr geschätzt. Ihr ähnlich ist die ~Lachsforelle~ (Salmo trutta), die noch etwas größer, nämlich statt 80 cm bis 1 m Länge und ein Gewicht von 15 kg erreicht. Sie geht wie der Lachs ins Meer, um dort heranzuwachsen und dann im Frühsommer in die Flüsse aufzusteigen, um darin im November und Dezember zu laichen. Da sie nicht so weit flußaufwärts geht wie der Lachs, wird sie im Oberlauf der Ströme nicht mehr angetroffen.

Ein Relikt der Eiszeit ist der ~Saibling~ oder die ~Rotforelle~ (Salmo salvelinus) der Gebirgsseen, die in der Regel nicht einmal während der Laichzeit in den einmündenden Flüssen emporsteigt und wie die ~Renken~ oder ~Blaufelchen~ (Coregonus wartmanni) mit nicht minder geschätztem Fleisch sich in den tiefen Gründen der betreffenden Seen aufhält, um sich im November zu seichteren Uferstellen zu erheben und ihren Laich dort abzusetzen, wobei sie dann durch Fischen mit Netzen gefangen wird.

In denselben Seen, die die Blaufelchen beherbergen, lebt die ~Bodenrenke~ (Coregonus fera), die größer als jene, nämlich 60 cm lang wird und ein Gewicht von über 3 kg erreicht. Sie gehört zu den besten Süßwasserfischen und ist um so wichtiger, als sie das ganze Jahr hindurch, selbst mitten im Winter, wenn die Blaufelchen nicht zu haben sind, gefischt werden kann. Man fängt sie im Winter mit Garnen, im Sommer aber an der Angel; doch stirbt sie, sobald sie aus dem Wasser gezogen wird. Ein mit ihr fast identischer, die Tiefen der großen Seen Norddeutschlands bewohnender Salmonide ist die ~Maräne~ (Coregonus maraena), die zum Laichen Mitte November nach den seichten Stellen unweit der Ufer kommt und hauptsächlich im Winter mit großen Netzen gefangen wird. Auch diese Fische sterben außerhalb des Wassers sofort ab, lassen sich aber doch, in Eis verpackt, ziemlich weit versenden oder werden, wie die Bodenrenke, eingesalzen und geräuchert in den Handel gebracht.

Am tiefsten unter allen Renken, nämlich wenigstens in 70-90 m Tiefe, lebt in unsern Seen der ~Kilch~ (Coregonus hiemalis), auch ~Kropffelchen~ genannt, weil diesem kleinen, höchstens 40 cm lang werdenden Fisch beim Heraufgezogenwerden im Netz aus so großer Tiefe die von mehr als 7,5 auf 1 Atmosphäre versetzte Schwimmblase so stark ausgedehnt wird, daß er trommelsüchtig wird. Nur gegen Ende September kommt er in höhere Schichten, um hier zu laichen.

Eine für gewöhnlich im Meere lebende Renke, die im Mai aus der Nord- und Ostsee in die Flüsse hinaufsteigt, um darin zu laichen, ist der bis 60 cm lange und 1 kg schwere ~Schnäpel~ (Coregonus oxyrhynchus), im Rhein, wo er früher häufig war, aber jetzt sehr selten geworden ist, ~Maifisch~ genannt. Er steigt aber lange nicht so weit in die Ströme hinauf als der Lachs und kehrt gleich nach dem erst von September bis Dezember erfolgenden Laichen ins Meer zurück. Dahin folgen ihm auch die Jungen, wenn sie 8 cm Länge erreicht haben, und kehren nach erlangter Reife zur Fortpflanzung wieder in diejenigen Flüsse hinauf, in denen sie ihre Jugend verbrachten. Ihr zartes, schmackhaftes Fleisch wird sehr geschätzt und frisch wie eingesalzen und geräuchert gegessen. Dieser Fisch bildet in ganz Norddeutschland einen wichtigen Gegenstand des Fanges.

In denselben Gewässern wie die Forelle, obschon sie ein weniger großes Sauerstoffbedürfnis als diese hat, findet sich in allen Flüssen des nördlichen Europa und Asiens die schön rot gefärbte, bis 60 cm lange und 1,5 kg schwere ~Äsche~ (Thymallus vulgaris). Ähnlich der Forelle schwimmt sie ungemein rasch und springt nach vorüberfliegenden Kerfen über den Wasserspiegel empor, so daß sie gleich jener mit der künstlichen Fliege an der Angel gefangen werden kann. Sie laicht im April und Mai, wobei die Tiere auf sandigem Grunde wie ihre Verwandten mit der Schwanzflosse seichte Gruben auswerfen, die nach der Ablage des Laichs wieder mit Sand zugedeckt werden. Ihr Fleisch wird dem der Forelle an Güte gleichgeschätzt, ist aber weniger haltbar als jenes, weshalb sie weniger auf den Markt gebracht wird, auch bis jetzt nicht zur Zucht in Fischteichen benutzt wurde, obschon sie sich so gut als die Forelle dazu eignen würde.

Gleich dem Lachs und Schnäpel aus der Familie der Salmoniden treibt es der zur überaus altertümlichen Familie der Schmelzschupper gehörende ~Stör~ (Accipenser sturio), der 2-6 m lang wird und im Atlantischen Ozean, in der Nord- und Ostsee und im Mittelländischen Meer, wie auch an der Ostküste Nordamerikas, nicht aber im Schwarzen Meer in mittleren Tiefen lebt, um sich von den verschiedensten Kleintieren zu ernähren, die er vermittelst seiner spitzen Schnauze aus dem Schlamme aufwühlt und mit den vorstreckbaren Lippen erfaßt. Erst zur Laichzeit im Frühjahr kommt er in höhere Wasserschichten herauf und zieht von da den Flußmündungen zu, in welche er eindringt und weit aufwärts schwimmt, um im Quellgebiet zu laichen und dann alsbald wieder dem Meere zuzustreben. Im Schwarzen und Kaspischen Meer und deren Zuflüssen wird der Stör durch die beiden nahe verwandten Arten, den ~Sterlet~ (Accipenser ruthenus) und den ~Hausen~ (Acc. huso) ersetzt. Ersterer wird selten größer als 1 m lang bei einem Gewicht von 12 kg, während letzterer -- von den Russen belúga genannt -- bis 15 m lang und 1000-1600 kg schwer wird. Weil ihr Fleisch, besonders das des Sterlet, sehr wohlschmeckend ist, wird von jeher eifrig Jagd auf sie gemacht.

Plinius sagt in seiner Naturgeschichte, die Störe seien bei den alten Griechen und Römern überaus geschätzt gewesen, wurden aber zu seiner Zeit wenig geachtet, obwohl sie selten seien. Nach dem Griechen Athenaios, um 200 n. Chr., kostete ein Fisch dieser Art 1000 attische Drachmen (= 7500 Mark), was ein unerhörter Preis ist. Man aß ihn unter Flötenspiel, wobei nicht nur die Gäste, sondern auch die Diener bekränzt waren. In Deutschland hat der Störfang nur noch geringe Bedeutung. An der Elbe und Weser erbeutet man jährlich höchstens einige tausend Störe, auch in der unteren Donau, die früher Ungarn und Österreich mit Störfleisch und Kaviar versorgte, empfindet man schwer die Folgen der bisherigen sinnlosen Fischerei, so daß eine Schonzeit eingeräumt werden sollte, damit sich der Fisch wieder erholen kann. Noch sehr ausgiebig ist der Störfang in Rußland, wo an allen in das Schwarze und Kaspische Meer einmündenden Flüssen Fangplätze liegen, die jährlich über 4 Millionen Rubel eintragen. Außer dem wohlschmeckenden Fleisch gewinnt man aus den Eiern ~Kaviar~ und aus der Schwimmblase einen trefflichen Leim. Den besten Kaviar liefern die kleineren Arten. Die Eierstöcke, aus welchen man Kaviar gewinnen will, werden zuerst mit Ruten gepeitscht und dann durch Siebe gedrückt, um die Eier von den sie umgebenden Häuten des Eierstocks zu lösen. Dann werden sie gesalzen, wobei das Salz mit den Händen in die Masse hineingeknetet wird. In Fässern verpackt, kommt dann der Kaviar in den Handel, um wegen seiner Güte überall willige Abnehmer zu finden. Der Name Kaviar kommt übrigens von der italienischen Bezeichnung für den ähnlich eingesalzen genossenen Rogen des Thunfischs caviale und wurde auf den eingesalzenen Rogen der Störarten übertragen, der russisch ikrá genannt wird.

Unter den Edelfischen nehmen die verschiedenen Karpfenarten eine wichtige Stellung im Haushalte des Menschen ein. Der ~Teichkarpfen~ (Cyprinus carpio), der bei uns dank den Fastengeboten der katholischen Kirche ganz wesentlich durch die Bemühungen der Klostergeistlichen geradezu zu einem Haustier erhoben wurde und in allerlei Farben- und Schuppenvarietäten in besonderen Teichen gezüchtet wird, war ursprünglich dem Kaspischen und Schwarzen Meer und deren Zuflüssen eigentümlich. Er findet sich dort und weiter gegen Mittelasien hinein noch in beträchtlicher Menge wild, während er in den Gewässern Europas westlich und nördlich davon offenkundig eingeführt ist und in ihnen teilweise verwilderte. In seiner Heimat hält er ebensogut wie im Süßwasser auch in den salzreichsten Sümpfen aus. Im Sommer trifft man ihn vorzugsweise in den seichten Küstengewässern; im Herbst steigt er dann vom Meere aus die Flüsse hinauf, um hier zu überwintern. Seine hauptsächlichste Nahrung besteht vorwiegend aus allerlei kleinem Getier, besonders Würmern, daneben auch aus vermodernden Pflanzenstoffen. Er laicht am liebsten in stehendem oder ruhigfließendem Wasser mit schlammigem Grund und gedeiht nur dann, wenn das von ihm bewohnte Wasser viel den Strahlen der Sonne ausgesetzt ist und Zuflüsse weichen Wassers hat. Bei genügender Nahrung wird er schon im dritten Lebensjahre fortpflanzungsfähig. Sobald er sein Hochzeitskleid anlegt, wird er wanderlustig und versucht, soweit es ihm möglich ist, flußaufwärts zu steigen und überwindet dabei bedeutende Schwierigkeiten. Zum Laichen sucht er mit Wasserpflanzen dicht bewachsene Stellen aus, und zwar legt das Weibchen im fünften Jahre bereits gegen 300000 Eier; später kann sich diese Anzahl noch verdoppeln. Er erreicht die Länge von 1 bis 1,5 m und ein Gewicht von 15-20 kg.

Die erste sichere Erwähnung des Karpfens finden wir bei Kassiodor, dem Geheimschreiber des großen Ostgotenkönigs Theodorich (475 bis 526), der in einem scharfen Rundschreiben an die verschiedenen Provinzialstatthalter ihnen vorwirft, sie sorgten durchaus nicht angemessen dafür, daß des Königs Tisch auch königlich beschickt werde. Die Stelle lautet wörtlich: „Der Privatmann mag essen, was ihm die Gelegenheit bietet; auf fürstliche Tafeln aber gehören seltene Delikatessen, wie z. B. der in der Donau lebende Fisch carpa.“ Vermutlich wird dieser Fisch auch in den im mittelalterlichen Latein vivaria genannten Süßwasserteichen mit Fischen der Landgüter Karls des Großen in erster Linie gehalten worden sein. Jedenfalls ist in einem Glossar des 10. Jahrhunderts mehrfach von ihm als karpho die Rede. Im 13. Jahrhundert spricht der Geistliche Vincentius von Beauvais im Speculum naturale vom Fisch corpera, womit nur der Karpfen gemeint sein kann, und der Mönch Cäsarius von Heisterbach sagt in seinen Dialogi miraculorum, „Bruder Simon habe den Teufel gesehen und dieser habe Helm und Panzer getragen, beide mit Schuppen, wie die des Fisches carpo.“ Olaus Magnus sagt um 1530 ausdrücklich, es gebe im Norden keine Karpfen außer vom Menschen eingeführte und in künstlichen Teichen gehaltene. In Schweden würden sie wie die Karauschen auch mit eingeweichten Erbsen und dergleichen gefüttert.

Überall bei Neugründungen von Klöstern sorgte man dafür, daß die Patres für die Fastentage einen wohlgefüllten Karpfenteich zur Verfügung hatten. So ist dieser Fisch durch menschliche Hilfe überall durch Europa gewandert und in der Folge an vielen Orten verwildert. Besondere Wichtigkeit hatte die Karpfenzucht schon im 15. Jahrhundert in Böhmen, Polen und Holstein erlangt. Nach dem Zeugnis des Johannes Dubravius, Bischofs von Olmütz, trieb man in Polen den Luxus so weit, daß man in der Nähe der Karpfenteiche besondere Eishäuser besaß, um das Wasser derselben bei zu großer Erhitzung kühlen zu können. Daß solches geschah, beweist, daß neben den Karpfen wohl auch Forellen, die nur in kaltem Wasser gedeihen, darin gehalten wurden. Wenn Bock in seiner 1782 in Dessau erschienenen Naturgeschichte Ost- und Westpreußens berichtet, daß erst Kurt von Nostiz 1589 den Fisch nach Ostpreußen gebracht habe, so kann es sich wohl nur um eine lokale Neueinführung handeln; denn Voigt spricht schon um 1440 von Karpfenteichen in jenem Lande. Eher will Ed. Hahn die Möglichkeit zugeben, daß der dänische Staatsmann und große Ökonom Peter Oxe den Karpfen von Deutschland aus in Dänemark einführte. Der Fisch geht auch jetzt kaum über Südschweden hinaus, wird auch nur im Süden Norwegens angetroffen, wo er infolge der ungünstigen Lebensbedingungen überhaupt kleiner bleibt. Jedenfalls ist auch die vielfach zitierte Angabe falsch, daß der Karpfen erst 1514 durch Leonard Mascall von Plumstead nach England gekommen sei. Während allerdings der Dichter Chaucer in seinen um 1375 geschriebenen Canterbury tales nur breme and luce in stew, also Brassen und Hechte im Vorratsteiche kennt, so kommt der Karpfen schon 1504 bei Bischof Washam unter Heinrich VII. vor. Nach Irland sollen die Karpfen durch Jakob I., den despotischen, dabei schwachen und eitlen Sohn Maria Stuarts und Darnleys (geboren 1566, nach der erzwungenen Abdankung seiner Mutter 1567 zum König von Schottland gekrönt, von 1603-1625 König von England) gekommen sein. In Schottland gedeihen sie nicht recht und bleiben oft unfruchtbar, jedenfalls infolge des zu kalten Wassers. Deshalb werden sie in jenem Lande noch heute nur selten gehalten. Erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts kam der Karpfen nach Frankreich und Spanien, wo er als willkommene, leicht zu haltende Fastenspeise in dem klerikalen Lande bald größere Bedeutung erlangte.

Am Schwarzen und Kaspischen Meer findet sich der Karpfen, wie gesagt, immer noch zahlreich; er ist aber dort, trotz den Bemühungen Peters des Großen (geb. 1672, reg. 1676-1725), wild geblieben und wird vom Menschen nicht gezüchtet. Auch nach dem Innern Rußlands hat er sich nicht als Zuchtfisch verbreitet. Hingegen wird er in Ungarn und Galizien vielfach gezogen. In den 1840er Jahren wurde er von Frankreich her nach den Neu-Englandstaaten Nordamerikas gebracht, als der dort ursprünglich vorhandene Fischreichtum durch die den Amerikanern leider bisher eigentümliche Raubwirtschaft arg gelitten hatte und man sich nach leicht zu haltenden Ersatzfischen umsah. Nach Kalifornien kam er erst 1872 und wird dort mit Vorliebe verwendet, um die riesigen Staubecken für die Bewässerungs- und Bergwerksanlagen mit Nutzfischen zu bevölkern. Nach dem katholischen Südamerika kam er viel früher, hat sich aber infolge der Indolenz der Bevölkerung nur an wenigen Orten eingebürgert. Neuerdings ist er wieder mehrfach eingeführt worden, so auch in Chile und Argentinien. Allerdings sollen die sogenannten Karpfen der Musterfarm der argentinischen Republik nach Philippi in die braune Urform zurückgeschlagene Goldfische, also Karauschen und nicht echte Karpfen sein.

Bei uns und in den Gewässern Nordamerikas, wie auch anderer Kulturländer, in denen sich Europäer in größerer Zahl niederließen, wird der Karpfen heute als einer der beliebtesten Speisefische in großer Menge gezüchtet. Da man erkannt hat, daß er um so wohlschmeckender ist, je rascher er wächst, so haben die Fischzüchter, nach dem Vorgange des Schlesiers Dubisch, ein Verfahren gefunden, nach welchem die Karpfen in kürzester Zeit den höchsten Nutzungswert erreichen. Dabei wird die Karpfenbrut schon eine Woche nach dem Ausschlüpfen aus den Eiern mit feinen Gazenetzen aus dem sogenannten Streichteich herausgefischt und in besondere Teiche gebracht, die Streckteiche heißen. In ihnen gibt man etwa 25000 der winzigen Fischchen auf einen Hektar Wasserfläche. Schon nach vier Wochen werden die Fische aus diesem Wasser herausgenommen und in geringerer Zahl -- etwa 1000 Stück pro Hektar -- in andere Teiche übertragen, in denen sie bis zum folgenden Frühjahr bleiben, um dann wieder umgesetzt zu werden, und zwar 500 Stück pro Hektar. Nachdem sie hier ein ganzes Jahr verblieben sind, kommen sie in den letzten Teich, den Abwachsteich, in welchem man nur 200 Stück auf den Hektar rechnet. Aus diesem Teiche werden sie im Herbst als marktfähige Ware herausgefischt, und zwar wiegen sie dann durchschnittlich 1 kg und darüber. Sie bringen also einen ziemlichen Ertrag, da der Preis für sie etwa 2 Mark pro kg beträgt. Durch die fortgesetzte Züchtung sind verschiedene Spielarten des Fisches entstanden, so der Lederkarpfen, der gar keine Schuppen mehr trägt, der Spiegelkarpfen, der an jeder Körperseite nur eine Reihe sehr großer Schuppen besitzt, dann der durch einen rötlichen Schimmer und lachsfarbenes Fleisch ausgezeichnete Goldkarpfen, der Blaukarpfen u. a. In den Gewässern von Schwaben, Bayern und Böhmen wird mit Vorliebe die als Karpfenkönigin bezeichnete Abart, im Donaugebiet und den ungarischen Seen dagegen der Spitzkarpfen gezogen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Karpfen auch in Australien angesiedelt. Schon längst ist er dagegen ist in Ostasien heimisch, und zwar als uraltes einheimisches Zuchtprodukt der Chinesen, von dem, wie von der Karausche, mehrere buntfarbige Kulturrassen existieren. Die Fischzucht in Teichen ist in China uralt und wird schon im Schi-king, d. h. dem Buch der Lieder, einer von Konfutse (550-478 v. Chr.) veranstalteten Sammlung von Liedern, die teilweise in das 18. Jahrhundert v. Chr. zurückreichen, erwähnt. Genauere Aufzeichnungen über die Art der Fischzucht sind allerdings auch in den Annalen dieses uralten Kulturvolkes erst späteren Datums. So wird uns als der älteste Fischzüchter Tao-tsu-kung genannt. Dieser lebte im 5. Jahrhundert v. Chr. und verfuhr dabei folgendermaßen. Er grub einen Teich, der die Größe eines Morgens (gegen 30 Ar) besaß und neun kleine Eilande umfaßte. Darein setzte er 20 Karpfenweibchen von 3 Fuß Länge und 4 Karpfenmännchen gleicher Größe aus, und zwar im März. Ein Jahr darauf waren schon 5000 Fische von einem, 10000 von zwei und 15000 von drei Fuß Länge im Teiche. Im dritten Jahre hatte sich ihre Zahl bereits verzehn- und verzwanzigfacht. Die neun Inselchen, die der Fischzüchter Tao-tsu-kung im Teiche gebaut hatte, sollten den Fischen vortäuschen, sie befänden sich in einem großen Meere und schwämmen an Festländern vorbei. Noch heute werden Karpfen und andere Süßwasserfische in Menge in China gezüchtet. Man füttert die Brut mit Eidotter, feingestoßener Kleie und pulverisierten Bohnen. Wenn die Fische eine bestimmte Größe erreicht haben, werden sie in flache Teiche gesetzt, deren Ufer von ganz bestimmten Bäumen und Sträuchern bepflanzt werden. So glaubt man beispielsweise, daß der am Morgen nach kühler Nacht von den Blättern der Platane in den Teich tropfende Tau von heilsamer Wirkung für das Fischvolk sei. Mancher Europäer, der im Innern und besonders im Süden Chinas einen idyllisch gelegenen und von prächtigen Bäumen und Sträuchern eingefaßten Fischteich bewundert, spendet dem Schönheitssinn der naturfrohen Chinesen unwillkürlich Lob, ohne zu wissen, daß die reizvolle Umgebung des Teiches nur abergläubischen Gründen ihre Entstehung verdankt.

Ebenso alt oder vielleicht noch älter als der Teichkarpfen ist in China die ~Teichkarausche~, die man als hochgezüchteten Zierfisch auch bei uns unter dem Namen ~Gold-~ oder ~Silberfisch~ (Carassius auratus) eingeführt hat. Für die Deutschen gab zuerst Kämpfer in seiner 1777 herausgegebenen Beschreibung Japans eine Schilderung dieses von den Japanern King-jo genannten, meist roten, am Schwanze aber leuchtend goldgelben Zierfisches, der in Japan und China viel in Teichen gehalten und gewissermaßen als Haustier betrachtet wird. Er ist aber nicht in Japan, sondern in dem viel früher zu hoher Kulturblüte emporgestiegenen China zum Kulturfisch erhoben und nicht nur in bunten Farben, sondern auch in den bizarrsten Formen mit gedrängtem Körper, dickem Kopf, weit hervorquellenden großen Glotzaugen und stark verlängerten und verbreiterten Flossen gezüchtet worden. Meist wird die Provinz Tsche-Kiang am östlichsten Zipfel Chinas, südlich vom Jang-tse-kiang und der Stadt Schang-hai, als Ursprungsgebiet der chinesischen Karauschenzucht angesehen, seitdem der Holländer Nieuhof in seiner 1665 in Amsterdam publizierten beschryving von Sina bei Gelegenheit der Gesandtschaft an den Kaiser von China, an der er teilnahm, solche Behauptung aufgestellt hat. Doch ist dies keineswegs sicher. Wir wissen nur, daß sie am frühesten im eigentlichen Herzen Chinas gezüchtet wurden; und zwar finden wir sie nach chinesischen Quellen zuerst im Jahre 540 n. Chr. erwähnt. Ums Jahr 960 war ihre Zucht im ganzen Reiche der Mitte verbreitet und gelangte dank den regen Kulturbeziehungen frühe auch nach dem Sonnenaufgangslande Nippon, d. h. Japan, wo sie bald ebenso populär als in ihrer ursprünglichen Heimat wurde. Die schätzenswerte Eigenschaft der Karauschen, in sehr kleinen Wasserbecken gut zu gedeihen und darin sogar zur Fortpflanzung zu schreiten, begünstigte ganz wesentlich ihre rasche Ausbreitung und ihre Haltung in den von den Japanern so geliebten Miniaturgärtchen in vielfach geradezu winzigen Wasserbehältern.

Nach Brehm gelangte der Goldfisch aus China wahrscheinlich zuerst nach Portugal und verbreitete sich, nachdem er hier eingebürgert war, allmählich weiter über Europa. Das Jahr der Einführung desselben wird von den Schriftstellern verschieden angegeben. Einzelne nennen 1611, andere 1691, wieder andere 1728. Diese Zahlen wären sehr wohl möglich, da sich die Portugiesen schon um 1522 um Makao festsetzten und in regen Tauschverkehr mit den Chinesen traten. Da lag es ja sehr nahe, diesen leicht in kleinen Behältern in wenig durchlüftetem Wasser zu haltenden Zierfisch auf ihren Schiffen weithin zu befördern. Eduard Hahn aber ist in seinem Haustierbuche anderer Meinung. Er hält die von Markus Bloch in seiner 1782 erschienenen Naturgeschichte der Fische Deutschlands angegebene Jahreszahl 1611 als Termin der Einführung nach Europa für einen Druckfehler, statt des richtigeren 1691. Die Zahl 1611 sei auch viel zu früh für die Ankunft des Goldfisches in Europa; denn bei der langsamen und mühseligen Schiffahrt, wie sie damals bestand, sei wohl an einen Transport von China bis Europa ohne Zwischenstation nicht zu denken. Als eine solche Zwischenstation ergebe sich naturgemäß Batavia, dessen reiche chinesische Kaufleute es ebenso wie die Holländer, die sich 1594 nach Verdrängung der seit 1579 dort ansässig gewordenen Portugiesen auf Java festsetzten, allerdings erst 1677 bedeutende Gebiete des Landes eroberten und schließlich die ganze Insel unter ihre Botmäßigkeit brachten, liebten, sich mit dem Glanze und Luxus ihrer einheimischen Kultur zu umgeben. In seinem 1726 in Dordrecht erschienenen Buche über Niederländisch Indien erwähnt Valentijn den Fisch als in Batavia gezogen. Die nächsten Stationen von dort her auf dem Wege nach Europa seien wohl Mauritius und dann St. Helena gewesen. Von hier seien dann nach Pennant die ersten Goldfische 1691 nach England gekommen; doch scheinen sie sich hier nicht fortgepflanzt zu haben. Nachher kamen sie von dorther öfter nach England, so nach Petiverius mehrfach zwischen 1711 und 1718. Die ersten Goldfische, die zur Fortpflanzung zu bringen waren, gelangten 1728 nach London, wohin sie eines der Schiffe des damaligen Lordmajors, Sir Decker, brachte. Auch von diesen Fischen wird ausdrücklich bezeugt, sie seien von St. Helena gekommen. Diese Goldfische scheinen dann den ersten Grundstock des englischen und später auch des allgemein europäischen Bestandes abgegeben zu haben.

Die Goldfische, die in der Folge durch Decker in England verteilt wurden, dann durch seine Vermittlung auch nach seiner Heimat Holland, z. B. in den berühmten Cliffordschen Garten in der Universitätsstadt Leiden, an dem einst Karl von Linné seine ersten botanischen Studien gemacht hatte, gelangten, schritten an ihrem neuen Wohnorte ganz ausnahmsweise zur Fortpflanzung. Nur diejenigen, die ein naturkundiger Arzt in Harlem bekommen hatte, pflanzten sich anfangs spärlich, dann aber reichlicher fort. Von ihm erhielt Baster in Harlem 1758 junge Goldfische, die er mit großer Sorgfalt großzog. Als er 1775 starb, verkaufte die Witwe den Bestand um einen hohen Preis; denn diese Tiere waren damals noch sehr selten und kaum bei Privatleuten zu finden. Deshalb glaubte auch die französisch-ostindische Handelsgesellschaft ein wertvolles Geschenk zu machen, als sie der allmächtigen Maitresse Ludwigs XV. von Frankreich, der Marquise de Pompadour, um 1760 einige Goldfische überreichen ließ. Diese Fische scheinen aus dem botanischen Garten gekommen zu sein, den die Compagnie in ihrem Hafenplatz Lorient im Departement Morbihan in der Bretagne besaß. Allmählich verbreiteten sich ihre Nachkommen über Frankreich und die angrenzenden Länder des europäischen Kontinents.

Nach der wissenschaftlichen Beschreibung, die Linné von ihnen gab, scheinen die ersten Goldfische, die nach Leiden gelangten, sogenannte Straußschwänze gewesen zu sein. Auch die Fische Basters gehörten zu dieser Rasse, die in der Folge bald in ganz Holland Mode wurde. Um 1750 sagt der Engländer Edwards in seiner Geschichte der Vögel, daß alle aus St. Helena nach Europa fahrenden Schiffe Goldfische mit sich führen. 1749 bezog die schwedisch-ostindische Compagnie eine Sendung lebender Goldfische aus Kanton. Damals waren sie nicht nur in Schweden, sondern selbst in England noch eine solche Neuigkeit, daß Naturforscher, wie Gilbert White, der Verfasser einer sehr guten Naturgeschichte, stundenlang vor sie hinsitzen konnten, um sie zu beobachten. Noch John Bell of Antermony hatte sie, als er 1763 seinen Reisebericht in Glasgow publizierte, nur in China gesehen, wo er 1720 gewesen war. 1808 sah sie der französische Naturforscher Bory de St. Vincent bei Gelegenheit der Besetzung Spaniens durch die Franzosen in einem Teiche des Schlosses Alcazar bei Sevilla. Sonst sind keine Nachrichten über diesen Zierfisch aus früherer Zeit aus jenem Lande auf uns gekommen.

Gegenwärtig hat sich der Goldfisch über die ganze Erde verbreitet, soweit sie von gebildeten Menschen bewohnt wird. Überall ist er in den warmen Teilen der gemäßigten Zone wirklich heimisch geworden und an vielen Orten verwildert, besonders auf Inseln, auf denen ihm nur eine schwache Konkurrenz an Süßwasserfischen gegenüberstand. So bildet er heute den wichtigsten Süßwasserfisch auf den Azoren und belebt in großer Zahl die Gewässer von Madeira, Réunion und Mauritius; dann ist er auch in Algerien, Portugal, auf Java, den Philippinen und Hawaii verwildert. Hier ist er überall mehr oder weniger goldig gefärbt geblieben; nur in Chile, wo er ebenfalls verwilderte, ist er in die braune Urform zurückgeschlagen.

In ihrer Heimat China ist der Goldfisch durchaus nicht bloß Zierfisch, sondern vor allem auch Nutzfisch, der eine respektable Größe erreicht und sehr wohlschmeckendes Fleisch aufweist. So berichtet der Franzose Courcy in seinem 1867 in Paris erschienenen Buche: „Das Reich der Mitte“ von bis 10 Pfund schweren Goldfischen. Bei uns werden sie in größeren Teichen nur 25-30, höchstens 40 cm lang, während sie in kleinen Behältern ganz winzig bleiben. Sie werden in letzteren mit Semmelkrumen oder Oblatenstücken und zerriebenen Ameisenpuppen gefüttert, doch darf die Menge derselben nur ganz gering sein, da ein Übermaß von Futter einen selbst diesen genügsamen Fischen unerträglichen Schleim erzeugt. Bei sorgfältiger Pflege gewöhnen sie sich bald an den Menschen und sind schließlich so weit zu bringen wie in ihrer Heimat China, wo sie gelegentlich das vorgehaltene Futter aus der Hand nehmen.

Der Stammvater des Goldfisches ist die ~chinesische Karausche~, ein dem nahe verwandten Karpfen ähnelnder Fisch von dunkelbrauner Farbe. Diese ihre Abstammung bekunden sämtliche Varietäten des Goldfisches, indem sie stets als Reminiscenz an die Färbung der Ahnen in der Jugend dunkelbraun gefärbt sind und erst später die durch Zucht erzielte definitive Färbung erlangen, die bald goldgelb und metallisch glänzend, bald schön rot, bald schwarz und gelb oder schwarz und rot, auch rot und silberweiß gescheckt, manchmal auch ganz silberweiß oder schwarz ist. Die Goldfarbe entspricht einer der Stufen zwischen dem Leucismus und Melanismus und kommt durch Zuchtauslese außer beim Goldfisch auch bei andern Fischen vor, so bei Schleie und Orfe, die dann als Goldschleie und Goldorfe unterschieden werden. Letztere sind nun allerdings als erst kürzlich in Zucht genommene Varietäten lange nicht so schön gefärbt wie der Goldfisch; doch wird letzterer einst, als die Chinesen begannen ihn in Zucht zu nehmen, auch nicht schöner gefärbt gewesen sein.

Auch der bedeutendste Fischkenner unserer Zeit, Dr. Günther in London, ist der Ansicht, daß der Goldfisch eine durch Zucht fixierte Farbenvarietät der chinesischen Karausche ist, die von unserer ~europäischen Karausche~ (Carassius carassius) kaum verschieden ist. Solche goldfarbige Varietäten kommen auch bei unserer Karausche vor, die von Europa über ganz Mittel- und Nordasien verbreitet ist. Der deutsch-russische Reisende Pallas erwähnt eine solche goldfarbige Varietät aus der Steppe am Ural. Wahrscheinlich würde also auch aus unserer Karausche, deren Farbe oft wechselt und häufig sehr bunt ist, sich mit der Zeit eine ganze Reihe hübscher Abarten ziehen lassen, wenn man sich darauf verlegen wollte. Bei uns begnügt man sich eben mit ihrer Zucht als Speisefisch, da sie außerordentlich genügsam ist und auch noch in moderigem Wasser gedeiht, wo die Karpfenzucht ganz unmöglich ist, weil das Fleisch des Karpfens dadurch fast ungenießbar wird. Solches Wasser schadet dem Geschmack des Fleisches der Karausche durchaus nicht.

Die Karausche liebt schon im Wildzustand stehendes Wasser, namentlich Seen mit versumpften Ufern und Altwässer, wie man die vom aktiven Strom abgetrennten Flußarme nennt. Sie kommt aber auch in Teichen, Sümpfen und Mooren vor, ist überhaupt befähigt, in dem verschiedenartigsten und unreinsten Wasser auszuhalten und bei der schmutzigsten, schlammigsten Nahrung zu gedeihen. Sie nährt sich wie der Karpfen hauptsächlich von Würmern, Larven, faulenden Pflanzenstoffen und Schlamm, hält sich dementsprechend fast stets am Grunde auf, verweilt hier auch während der kalten Jahreszeit in Erstarrung, kann sogar in Eis einfrieren und wieder aufleben. Sie hat überhaupt ein sehr zähes Leben, kann stundenlang außer Wasser leben und läßt sich, in Schnee oder feuchtes Laub verpackt, in jeder Jahreszeit weithin versenden. Nur während der Laichzeit, die in Südeuropa in den Juni, in Nordeuropa dagegen in den Juli fällt, erscheint sie öfter an der Oberfläche des Wassers, insbesondere an seichten, mit Pflanzen bewachsenen Stellen, tummelt sich hier in Scharen umher und spielt, mit den Lippen schmatzend, an der Oberfläche, bis das Eierlegen beginnt. Obschon das Weibchen nur gegen 100000 Eier legt, vermehrt sich die Karausche stark und wird mit Erfolg nicht nur in moderigen Teichen, sondern auch in Forellenteichen gezüchtet, in denen sie als Futter für diese Raubfische dient. Sehr geschätzt ist die Karausche besonders in Rußland, wo sie alle Steppengewässer in großer Menge bevölkert und von den Umwohnern als willkommene Speise genossen wird. Sie läßt sich mit dem Karpfen kreuzen und liefert dann die ~Karpfkarausche~ (Cyprinus kollari), die aber keine besonderen Vorzüge vor den Stammeltern hat und deshalb nur selten gezogen wird.

Wie der Karpfen ist auch die ihm verwandte kleinschuppige ~Schleie~ (Tinca tinca), die eine Länge von 70 cm und ein Gewicht von 3-4, in seltenen Fällen wohl auch 5-6 kg erreicht, ihres zarten, wohlschmeckenden Fleisches wegen als Speisefisch sehr geschätzt. Sie gehört unter den europäischen Karpfenarten zu den verbreitetsten und bewohnt den größten Teil Europas, überall zu den gemeinsten Teichfischen gehörend. Auch sie ist mehr ein Fisch der Ebenen, obschon sie bis zu 1000 m Höhe emporsteigt. Sie liebt Flüsse weniger als stehende Gewässer und unter diesen Seen, Teiche und Sümpfe mit schlammigem oder lehmigem Grund mit spärlichem Röhricht. In den Flüssen zieht sie sich stets nach solchen Stellen zurück, in denen das Wasser langsam fließt und ziemlich viel Schlamm abgesetzt hat; denn aus ihm bezieht sie ihre Nahrung. Ganz besonders soll sie in abgebauten und mit Wasser angefüllten Lehmgruben gedeihen. Träge hält sie sich fast beständig nahe dem Boden auf und steigt bloß bei sehr gutem Wetter und während der Fortpflanzungszeit an die Oberfläche herauf. Wie der Schlammbeißer findet sie sich noch in Gewässern wohl, in denen andere Fische und selbst Karpfen absterben, weil ihr Sauerstoffbedarf außerordentlich gering ist. Sie liebt wie alle andern Karpfenarten warmes Wasser und frißt wie diese allerlei Gewürm und vermodernde Pflanzenstoffe mit der darin lebenden Kleintierwelt. Ihre Laichzeit fällt von Mai bis Juli, wobei ein etwa 2 kg schweres Weibchen 300000 Eier legt. Die Vermehrung ist also eine sehr starke. Die Jungen wachsen ziemlich schnell heran, doch vergehen immerhin meist 4 Jahre, bevor sie fortpflanzungsfähig werden. Ihr Fleisch erzielt kaum einen höheren Preis als dasjenige der Karausche, übertrifft aber das der letzteren unzweifelhaft an Güte. Weil nun die Schleie, die sich während des Winters nach Art anderer Familienverwandten in den Schlamm einwühlt, um die kalte Jahreszeit in einem halb bewußtlosen Zustande zu verbringen zu den anspruchslosesten Fischen des Erdballs zählt, eignet sie sich -- abgesehen vom Aal -- wie kein anderer Fisch zur Besetzung sumpfiger, sonst höchstens der geringwertigen Karausche preisgegebener Gewässer. Schon aus diesem Grunde verdient ihre Zucht die wärmste Empfehlung. Von ihr züchtet man in einzelnen Gegenden, besonders in Böhmen und Oberschlesien, eine prachtvolle Spielart, die unbedingt zu den schönsten aller europäischen Fische gezählt werden muß. Es ist dies die vorhin erwähnte Goldschleie.

Außer der Schleie eignet sich unter den Karpfenarten vor allem auch die ~Barbe~ (Barbus vulgaris), die das Gebiet aller deutschen Ströme bevölkert, insofern zur Teichwirtschaft, als sie den Hecht im Karpfenteich ersetzt, d. h. die trägen Karpfen aufrüttelt und durch den dadurch bei ihnen angeregten Stoffwechsel günstig auf deren Entwicklung wirkt. Sie erreicht eine Länge von 60-70 cm und ein Gewicht von 4-5 kg, ist gestreckt gebaut und durch die vier als Tastorgane dienenden Bartfäden an der oberen Kinnlade des unterständigen Maules ausgezeichnet. Sie meidet stehendes Wasser, sucht dagegen strömendes Wasser mit sandigem oder kiesigem Untergrund auf. Während des Sommers hält sie sich gern zwischen Wasserpflanzen auf, am Tage mehr ruhend, nachts dagegen Futter suchend, das aus Würmern, kleinen Fischen, Schlamm und winzigen Tieren aller Art besteht. Sobald die Wasserpflanzen im Herbste absterben, an denen sie ihr Futter sucht, begibt sie sich an tiefere Stellen im Flusse und sucht sich hier Zufluchtsorte unter und an Steinen, in Höhlungen und dergleichen, wühlt sich auch wohl am Uferrande ein. Hier hält sie, oft haufenweise angesammelt, eine Art Winterschlaf. Zur Zeit der Fortpflanzung, die in die Monate Mai und Juni fällt, bilden die Barben Züge von hundert und mehr Stück, die in langer Reihe hintereinander herschwimmen, so daß die alten Weibchen den Zug eröffnen, die alten Männchen ihnen folgen, minder alte sich ihnen anreihen und die Jungen den Schluß bilden.

Durch ihre Massenversammlungen zur Laichzeit gibt auch die ~Nase~ (Chondrostoma nasus) Veranlassung zu reichem Fang. Sie bevölkert im Donau- und Rheingebiet fast alle Seen, lebt meist gesellig und hält sich fast stets am Grunde auf, sich von Pflanzen, namentlich Wasseralgen aller Art, ernährend, die sie mit den harten Kieferrändern leicht von der Unterlage abzulösen vermag. Um sich fortzupflanzen, zieht sie im April und Mai in Scharen vom Hauptstrom in die Nebenflüsse und von diesen in die Bäche. Hier legt sie die Eier an kiesigen Stellen ab, über die das Wasser rasch hinwegströmt. Ihr Fleisch ist seines Grätenreichtums wegen nicht sonderlich geschätzt.

Einer unserer häufigsten Flußfische ist der ~Barsch~ (Perca fluviatilis), dessen gedrungener, seitlich zusammengedrückter, gelber bis grünlicher Leib mit 5-9 vom Rücken gegen den Bauch verlaufenden dunkeln Querbinden versehen ist. Seine Länge übersteigt bei uns selten 25 cm, das Gewicht 1 kg; doch kommen in manchen Seen Stücke von 1,5 bis 2 kg Gewicht vor. Er ist überall im Norden der Alten Welt verbreitet und gedeiht am besten in Seen mit klarem Wasser; doch fehlt er auch Flüssen und tiefen Bächen nicht, geht auch ins Brackwasser und selbst in schwach salzige Meeresteile, wie beispielsweise die Ostsee. In den Flüssen zieht er die Uferseiten und die Stellen mit geringerem Strome der Mitte und dem lebhaften Strome vor, ist auch fähig, in den Seen in größere Tiefen, von etwa 80-100 m, hinabzusteigen und dort zu leben, so daß ihm, mit dem Netz von dort heraufgezogen, infolge des verminderten Luftdrucks durch Ausdehnung der Schwimmblase der umgestülpte Magen blasenförmig zum Munde hervorquillt. Mit Vorliebe jagt er zu kleinen Trupps vereinigt, lauert auch gern in Höhlungen des Ufers auf seine Beute. Seine Freßgier ist so groß, daß er nach jedem Köder schnappt und, auch gefangen, bald das Futter aus der Hand seines Pflegers nimmt. Er läßt sich sehr leicht fangen, dauert auch außerhalb des Wassers längere Zeit aus, läßt sich daher weit versenden, wenn er nur unterwegs von Zeit zu Zeit zur Erfrischung in Wasser getaucht wird. Auch hält er sich Tage und Wochen im engen Fischkasten, was ein weiterer Vorzug ist. Aus der Haut der zum Essen nicht geschätzten jüngeren Fische wird ein der Hausenblase ähnlicher, sehr haltbarer Leim bereitet; die älteren Fische dagegen dienen als wohlschmeckende Speise. Seine Laichzeit fällt von März bis Mai. Im dritten Lebensjahre, wenn er eine Länge von etwa 15 cm erreicht hat, ist er bereits fortpflanzungsfähig und legt bis zu 300000 Eier. Doch vermehrt er sich gleichwohl nicht in größerer Zahl, da Fische und Wasservögel zahlreiche Eier fressen, auch die jungen Fische zahlreichen Feinden ausgesetzt sind.

Den Barsch übertrifft an Wohlgeschmack bedeutend sein Verwandter, der durch ein köstliches schneeweißes Fleisch ausgezeichnete ~Zander~ (Lucioperca sandra), der die Ströme und größeren Flüsse Nordost- und Mitteleuropas, in Norddeutschland die Elbe-, Oder- und Weichselgebiete und benachbarten Seen, in Mitteleuropa das Donaugebiet bewohnt, dagegen dem Rhein- und Wesergebiet, ebenso ganz Westeuropa fehlt, auch innerhalb seines Verbreitungsgebietes alle schnellfließenden Flüßchen meidet. Er liebt langsamfließende Gewässer, in deren Tiefe er sich für gewöhnlich aufhält, und erscheint nur während der zwischen die Monate April und Juni fallenden Laichzeit an seichteren, mit Wasserpflanzen bewachsenen Uferstellen, um hier seine Eier zu legen. Als ein außerordentlich raubgieriger Fisch, der alle kleineren Fische auffrißt und seine eigene Brut nicht verschont, wächst er ungemein schnell und erreicht im ersten Jahre bereits ein Gewicht von 0,75, im zweiten ein solches von 1 kg. Auch seine Vermehrung ist eine bedeutende. Sein Fleisch ist wie bei allen Fischen am besten und fettesten vor der Laichzeit, also im Herbst und Winter, muß aber frisch zubereitet werden, da es geräuchert oder gesalzen sehr an Schmackhaftigkeit verliert. An der unteren Elbe wird es demjenigen des Lachses gleichgeschätzt und ist fast eben so teuer. Im Rhein- und Wesergebiet, wo er, wie gesagt, ursprünglich nicht heimisch war, ist er in den letzten Jahren mit so gutem Erfolge eingesetzt worden, daß der Zanderfang für die dortigen Fischer heute schon ein bedeutender Faktor geworden ist. In größeren, an schlecht schmeckenden Weißfischen, Plötzen, Rotaugen, Stinten, Gründlingen und anderen minderwertigen Fischen, die ihm zur Nahrung dienen könnten, reichen Gewässern, kleineren Seen oder Teichen würde sich die auf die Zucht gerade dieses Fisches verwandte Mühe reichlich lohnen.

Ebenfalls sehr empfehlenswert für die Teichwirtschaft ist der den beiden vorigen verwandte, nur 25 cm lang und 250 g schwer werdende ~Kaulbarsch~ (Acerina cernua), der überall in Deutschland gefunden wird, nur im Oberrheingebiet fehlt, weil er den Rheinfall von Schaffhausen nicht zu überwinden vermag. Seine Lebensweise ähnelt derjenigen des Flußbarsches. Er zieht klare, tiefe Seen seichteren Gewässern vor, besucht aber letztere während der Laichzeit im April und Mai und wandert dann gewöhnlich truppweise, während er sich sonst mehr einzeln hält. In den Flüssen und Bächen verweilt er bis gegen den Herbst hin; zum Aufenthalt im Winter aber wählt er sich tiefere Gewässer und kehrt deshalb wieder zu den Seen zurück. Seine Nahrung besteht aus kleinen Fischen, Würmern und Kerfen. Der Laich wird auf Steinen abgesetzt. Seinen Fang betreibt man mit der durch einen Regenwurm geköderten Angel oder mit feinmaschigen Netzen. Sein Fleisch wird als sehr schmackhaft geschätzt.

Ihres köstlichen Fleisches wegen wird, wie die verschiedenen Karpfenarten, auch die ~Schmerle~ oder ~Bartgrundel~ (Nemachilus barbatulus) in manchen Gegenden, so besonders in Böhmen, in kleinen, reichlich mit Schafmist zur Entwicklung von ihr zur Nahrung dienenden Kerbtierlarven beschickten Teichen gezüchtet. Sie lebt darin lange Zeit und zeichnet sich durch ungeheure Gefräßigkeit aus. Ihr Wohngebiet ist Mitteleuropa nördlich der Alpen und reicht im Osten bis zum Ural. In Schweden wurde sie durch Friedrich I., der von 1751 bis 1771 regierte, aus Deutschland eingeführt. Sie hält sich besonders in Flüssen und Bächen mit raschfließendem Wasser auf und verbirgt sich tagsüber unter hohlliegenden Steinen. Erst gegen Sonnenuntergang beginnt ihre die ganze Nacht hindurch währende Jagdzeit. Ihre Laichzeit fällt in die ersten Frühlingsmonate. Das Männchen gräbt mit dem Schwanz ein Loch in den Sand, in welches das Weibchen die Eier legt; dann hält es bis zum Ausschlüpfen der Jungen Wacht am Neste.

Häufiger als die Schmerle findet man in Fischteichen den ~Hecht~ (Esox lucius) angesiedelt, der nicht mit Unrecht der „Hai der Binnengewässer“ genannt wird, da er der gefürchtetste Räuber der europäischen Seen und Flüsse ist. Er scheint sich in seichtem, sumpfigem Gewässer ebenso wohl zu fühlen wie in einem tiefen, klaren See und erreicht gelegentlich eine Länge von 2 m und ein Gewicht bis zu 35 kg. Wie ein Pfeil schießt er durch das Wasser auf seine Beute zu, sobald er sie mit seinen scharfen Augen erspäht hat. Seine Gefräßigkeit übertrifft die aller anderen Süßwasserfische. Dabei ist ihm alles recht, von dem er glaubt, daß er es bewältigen könne, bis hinauf zu größeren Vögeln und Säugetieren. Bei solcher Unersättlichkeit ist es kein Wunder, daß das Wachstum dieser Tiere ungemein rasch ist und sie im ersten Jahr 1 kg, im folgenden 2 kg, bei genügender Nahrung sogar 4 und 5 kg an Gewicht erreichen. Ihre Laichzeit fällt in den März und April. Die Eier werden auf seichten, mit allerlei Wasserpflanzen bewachsenen Stellen abgelegt und sind schon nach wenigen Tagen gezeitigt. Von den Jungen findet ein großer Teil im Magen älterer Hechte sein Grab, ein anderer, kaum geringerer, fällt den Geschwistern zum Opfer, die um so rascher heranwachsen, je mehr sie Nahrung finden.

Im Altertum stand das Fleisch der Hechte bei Römern und Griechen nur in geringem Ansehen. Nördlich der Alpen jedoch wurde es von jeher vom Menschen sehr geschätzt und galt besonders in England für teilweise noch besser als dasjenige des Lachses. Auch heute noch ist er als Braten geschätzt und wird schon aus diesem Grunde, nicht nur des Schadens wegen, den er anrichtet, eifrig verfolgt. Außer Netz und Reuse wird besonders die Schmeißangel zu seinem Fange benutzt. Zur Teichwirtschaft eignet er sich vorzüglich, vorausgesetzt, daß man ihn da unterbringt, wo er nicht schaden kann, oder ihm genügenden Vorrat an Fischen gewährt. Er verträgt hartes wie weiches Wasser, darf aber nicht während der Laichzeit eingesetzt werden, weil er zu dieser Zeit leicht absteht. Um die trägen Karpfen in Bewegung zu erhalten, wird er in kleinen Exemplaren, die weiter nicht schaden, auch in Karpfenteichen gehalten.

Nicht in der Teichwirtschaft verwendet, aber gleichwohl meist gern gegessen wird die ~Brachse~ (Abramis brama), die 50-70 cm Länge und ein Gewicht von 4-6 kg erreicht. Nördlich der Alpen wird sie überall in den tieferen Süßwasseransammlungen, meist in starken Gesellschaften, gefunden, wo sie den Sommer über im Schlamme nach Nahrung wühlt. Um zu laichen, was stets zur Nachtzeit an seichten, grasreichen Stellen in der Nähe des Ufers geschieht, vereinigt sie sich im Frühjahr zu großen Zügen und wird dann in Menge gefangen. Wenige Tage nach dem Abzuge der Fische wimmeln die seichten Uferstellen von Millionen ausgeschlüpfter Jungen, die sich noch eine Zeitlang auf der Stätte ihrer Geburt umhertreiben und dann ihren Eltern in die Tiefe der Gewässer folgen.

Von den ihres minderwertigen Fleisches wegen nicht besonders geschätzten Süßwasserfischen soll hier nicht die Rede sein. Nur die ~Lauben-~ oder ~Weißfische~ (Alburnus) mögen noch genannt werden, da man sie regelmäßig fängt, um sie als Köder für andere Fische zu benutzen, und aus ihren feinzerstoßenen Schuppen eine Masse gewinnt, die Glasperlen täuschend das Aussehen echter Perlen zu geben vermag. Die letztere Erfindung wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts von einem französischen Rosenkranzverfertiger gemacht und lange geheimgehalten. Der ölartig dicke Saft kam als Essence d’Orient in den Handel und wurde zum Bestreichen des Innern von Glaskügelchen benutzt, die dann vollkommenen Perlglanz aufweisen. Zur Gewinnung von 500 g Silberglanz sollen gegen 20000 Weißfische nötig sein. Wegen ihrer unermüdlichen Regsamkeit und unterhaltenden Spiellust eignen sich diese Fischchen vorzüglich, wie die Goldfische in engerem Gewahrsam gehalten zu werden.

Hierzu verwendet man neuerdings bei uns mit Vorliebe die von den Chinesen zur Kulturrasse erhobenen ~Großflosser~ (Polyacanthus viridi-auratus), die von europäischen Liebhabern auch als ~Paradiesfische~ bezeichnet werden. Es ist dies eine Art Vieldorner mit gestrecktem und seitlich zusammengedrücktem Leib mit sehr großer, halbmondförmiger, zweilappiger Schwanzflosse. Besonders die Männchen sind bunt mit farbigen Querbinden geziert. Die Länge beträgt bloß 8-9 cm. Über das Freileben dieses Zierfischchens fehlt jede Kunde. Wir wissen nur, daß es in China schon recht lange gezähmt worden sein muß und die Chinesen durch sein munteres Wesen erfreute. Deshalb wird es in China allgemein gefangengehalten und wie der Goldfisch behandelt, nur pflanzt es sich auch in engem Raume viel leichter als letzterer fort und ist zudem durch seine Brutpflege interessant. Das Männchen errichtet nämlich mit dem Mund aus von Schleim überzogenen Luftblasen ein Nest, in das es die vom Weibchen gelegten Eier trägt und sorgsam bewacht. Auch nach dem Ausschlüpfen der Jungen hütet es dieselben mit derselben aufopfernden Fürsorge wie das Stichlingsmännchen, das eine analoge Brutpflege in einem Nest aus Pflanzenfasern ausübt. Erst wenn die Jungen seiner Hülfe nicht mehr bedürfen, überläßt es dieselben ihrem Schicksal und frißt sie auch gelegentlich, wie es das Weibchen zu tun pflegt, auf. Die Jungen ernähren sich anfänglich vom Schleim des Schaumnestes, später von kleinen Aufgußtierchen, dann von allerlei winzigem und zuletzt größerem Gewürm wie die Eltern. Ein einziges Paar dieser Fische soll in einem Sommer nicht weniger als sechsmal gelaicht und dabei jedesmal 400 bis 600 Junge erzielt, also zusammen 3000 Nachkommen ins Leben gesetzt haben. Ihr überaus zierliches Wesen, ihre große Fruchtbarkeit und ihre leichte Fortpflanzung in noch so kleinen Behältern empfehlen sie allen Aquarienfreunden aufs wärmste, so daß sie berufen sind, zum großen Teile, wenn nicht ganz, die viel langweiligeren Goldfische zu verdrängen.

Von China kamen die Großflosser schon zu Ende des 18. Jahrhunderts in Spiritus nach Europa. Erst 1867 werden die ersten lebenden Exemplare in Berlin erwähnt, doch wird nicht mitgeteilt, ob sie sich dort auch schon fortpflanzten. Im Jahre 1869 erhielt Dumeril eine Sendung dieser Zierfische, die der französische Konsul Simon in Ningpo mit Sorgfalt ausgesucht und gesandt hatte. Diese pflanzten sich anstandslos fort und auf sie dürfte wohl die größte Zahl unserer europäischen Großflosser zurückzuführen sein.

Zum Schlusse seien noch einige Bemerkungen über die Fischerei der alten Deutschen beigefügt. Zunächst konnte jedermann da fischen, wo es ihm beliebte, bis mit der Ausbildung des Privateigentums an Grund und Boden auch das Recht der Fischerei, wie der Jagd, immer mehr unter Bann getan wurde. Wer in solchen Banngewässern fischen wollte, mußte eine Erlaubnis dazu vom betreffenden Besitzer haben. Der Fischfang geschah vorzugsweise mit Reusen und Netzen verschiedener Art, von welch letzteren die größte sagina, kleinere barsa und tegum hießen, daneben auch mit Angeln, die im Mittelalter bei uns Hamen genannt wurden. Man errichtete mit Pfählen und Rutengeflecht dazwischen sogenannte Vennen (lat. venna), in denen sich die Fische beim Stromaufwärtsschwimmen verfingen und keinen Ausweg mehr fanden. Da die Errichtung und Unterhaltung solcher Vennen viel Holzwerk erheischte, wurde bei Verleihung derselben durch Könige meist auch ein Wäldchen geschenkt, so vom Frankenkönig Arnulf, dem Sohne Karlmanns (regierte 887-899) an ein Kloster. Vor ihm erlaubte Karl der Große 777 dem Kloster Lorch zu ihrer Venne auf dem Rhein aus einem Walde, der keine Fruchtbäume hatte, das nötige Holz zur Unterhaltung und Ausbesserung derselben zu holen.

Außer der Fischerei wurde schon bei den alten Franken auch eine Teichwirtschaft getrieben, indem vor allem die Klöster in Nachahmung der römischen Vivarien ebenso genannte Fischteiche errichteten. Karl der Große befahl seinen Verwaltern auf allen Höfen (villa) Fischteiche zu halten und Fische für den Bedarf des Hofhaltes in Holzkästen bereit zu halten. Nur was nicht gebraucht wurde, durfte verkauft werden.

Als mit der Zunahme der geistlichen Stiftungen die Zahl der zu den kirchlichen Fasten eine Menge von Fischen gebrauchenden Mönche wuchs, wurden von den Hörigen, die Fischfang trieben, die Abgaben in Gestalt von Fischen gefordert; diese wurden meist frisch, seltener eingesalzen oder geräuchert gegessen. Erst später wurden die Abgaben an Fischen teilweise in Geld verwandelt. Mit der fortschreitenden Einschränkung der natürlichen Freiheit gehörte der Fischfang im Mittelalter den jeweiligen Grundbesitzern, die das Recht dazu gegen Entschädigung verleihen oder verbieten konnten. Mit Vorliebe wurde von den Königen und Fürsten das Recht des Fischens an Laien und Klöster verliehen; solche Fischenzen oder Fischereien kommen in den Urkunden häufig vor. Den Stadtbürgern wurde erlaubt, in dem zur Stadt gehörenden Wasser zu ihrer eigenen Speise, aber nicht zum Verkaufe, mit einem Hamen, ausnahmsweise auch mit Netzen, zu fischen. Unbefugte Fischerei wurde sehr streng bestraft. Fische aus einem Teiche stehlen, war ein größeres Verbrechen, als wenn solches aus gemeinem Wasser geschah; denn solche Fische gehörten nach altem Rechte zum Besitzstand, weil Arbeit darangewendet worden war. Nach dem berühmtesten Rechtsbuch des Mittelalters, dem ums Jahr 1230 aufgezeichneten Sachsenrecht, dem „Sachsenspiegel“, gab derjenige, der in gegrabenen Teichen fischte, 30 Solidi oder Goldschillinge im Goldwerte von etwa 10 Mark (tatsächlich aber viel mehr) Strafe, d. h. zehnmal mehr als in gemeinem Wasser, und ward zudem gepfändet, wenn man ihn in „handhafter Tat ergriff“.

XXI. Die Nutztiere unter den Wirbellosen.

Gegenüber der großen Menge von Fischen spielen die an Arten und Individuen sehr viel spärlicheren Krebse als Speise des Menschen eine sehr unbedeutende Rolle. Unter den Krabben ist eine Art ~Bogenkrabbe~ (Carcinus maenas) die weitaus die gemeinste der europäischen Meere. Große Mengen davon im Wert von ½ Million Lire werden von Venedig aus, wo sie als Leckerbissen gelten, in Fäßchen verpackt, nach dem Festlande ausgeführt. Ebenfalls zu vielen Tausenden wird meist in großen, locker geflochtenen Körben die ~große Meerspinne~ (Maja squinado) auf die Fischmärkte der Küstenstädte am Mittelmeer zum Verkauf gebracht. Sie wird besonders in den Garküchen für das niedere Volk zubereitet und bildet, in ihrer eigenen Schale geröstet, eine schmackhafte Zukost zu Brot und Wein. Von ihr wußte man im Altertum allerlei wunderbare Dinge zu erzählen. Sie sollte außerordentlich klug und eine Musikfreundin sein. Auf verschiedenen Münzen findet sie sich verewigt und prangte als Halsschmuck der Diana von Ephesus.

Weniger häufig im Adriatischen und Mittelmeer, dafür aber um so bekannter an den Nordseeküsten ist der ~große Taschenkrebs~ (Cancer pagurus). Er zieht felsigen Grund dem sandigen Strande vor und wird seines Wohlgeschmacks wegen namentlich in England viel gefangen und verzehrt. Ebenfalls auf felsigem Grund lebt die ~gemeine Languste~ (Palinurus vulgaris). Dieser in einzelnen Riesenexemplaren 6-8 kg schwere Panzerkrebs ist im Mittelmeer viel häufiger als der ~Hummer~ (Homarus vulgaris), welch letzterer in der Nordsee seine eigentliche Heimat hat. Dort findet er sich mit den Schollen und vielen anderen Meerestieren überall auf der sandigen Doggerbank und der weiterhin Britannien mit Norwegen verbindenden Untiefe, von welcher dann weiter nördlich ein jäher Absturz in den Ozean erfolgt. Von den rund 6 Millionen Hummern, die Nordeuropa jährlich verbraucht, werden weitaus die meisten in England konsumiert. Vermittelst kleiner, schnellsegelnder Schiffe mit doppeltem, als Hummerbehälter dienendem Boden werden von den drei Millionen Stück, die jährlich an der Südwestküste Norwegens gefangen werden, eine Million nach London geliefert. Bei Helgoland fängt man jährlich 20-30000 Stück. Der Wert der jährlichen Ausbeute an der Ostküste Schottlands stellt sich ungefähr auf 6 Millionen Mark. Wie in London ist auch in Paris Hummer ein sehr beliebtes Gericht, das in allen feineren Restaurants zu haben ist. Der weibliche Hummer legt über 12000 Eier und trägt dieselben bis unmittelbar vor dem Auskriechen der Jungen am Hinterleib und seinen Anhängen angeheftet mit sich herum. Auch späterhin flüchtet sich wenigstens ein Teil der Jungen unter den Schwanz der Mutter, während die große Mehrzahl ausschwärmt und von zahllosen Feinden dezimiert wird, so daß nur ein kleiner Bruchteil derselben das fortpflanzungsfähige Alter erreicht.

Sein nächster Verwandter, der ~Flußkrebs~ (Astacus fluviatilis), wird nur 20, in seltenen Fällen 25 cm lang und pflanzt sich im Herbst fort, wobei die befruchteten Eier an die Haare der mütterlichen Schwimmfüße festgeklebt werden. Erst im folgenden Frühjahr oder zu Beginn des Sommers schlüpfen die Jungen aus, die dann rasch heranwachsen, so daß sie am Ende des ersten Jahres schon 4,5 cm lang sind. Nach der ersten Häutung beginnen sie zwar ein selbständiges Leben, kehren aber doch öfter schutzsuchend unter den Schwanz der Mutter zurück. Erst nach der zweiten Häutung -- etwa am 28. Tage nach dem Ausschlüpfen -- machen sie sich völlig selbständig und zerstreuen sich nach und nach. Die Flußkrebse sind Allesfresser, sie fressen auch frisches totes Fleisch, aber kein eigentliches Aas. Was sie zu bewältigen vermögen, dient ihnen als willkommene Beute. Neben tierischer Kost sind ihnen auch Wasserpflanzen, namentlich saftige Wurzeln und Armleuchter, letztere wohl ihres Kalkgehaltes wegen, ein Bedürfnis. In der Gefangenschaft lassen sie sich gern mit Mohrrüben und Kürbisschnitzen füttern. Man unterscheidet unter ihnen den ruhiges Wasser bevorzugenden Edelkrebs als eine Form der Niederungen und den raschströmendes Wasser bevorzugenden Steinkrebs als Bewohner der Berggegenden. Letzterer ist die einzige Art für die Iberische Halbinsel und Britannien. Beide Arten können an geeigneten Orten nebeneinander vorkommen. Eine dritte schmächtigere Form (Astacus leptodactylus) bewohnt das Einzugsgebiet der in das Schwarze und Kaspische Meer mündenden Ströme. Durch Kanalverbindungen mit der Wolga und andern Flüssen ist er neuerdings in das Stromgebiet des Finnischen und Weißen Meeres gelangt und beginnt dort den Edelkrebs zu verdrängen. In Nordamerika befindet sich östlich vom Felsengebirge eine verwandte Form, die ebenfalls gern gegessen wird. Bei uns ist heute der Edelkrebs viel seltener als früher, da er in großer Menge alle Gewässer bevölkerte und in großen Mengen gefangen und verspeist wurde. Seit aber vor 35 Jahren die Krebspest von Frankreich her nach Deutschland kam und im Laufe von 10 Jahren bis nach Rußland vordrang, wurde an vielen Orten der gesamte Krebsbestand vernichtet, so daß viele Gewässer, die früher reich an Krebsen waren, nunmehr völlig daran verödet sind. Statt seiner wurde mehrfach der allerdings in bezug auf Wohlgeschmack des Fleisches minderwertige, schmächtige galizische Krebs mit bedeutend dünneren Scheren zur Wiederbevölkerung der Gewässer mit Krustentieren in Deutschland eingeführt.

Die artenreichste Familie unter den langschwänzigen Zehnfüßlern sind die ~Garneelen~, von denen die beim Kochen farblos werdende gewöhnliche, bräunliche ~Sandgarneele~ (Crangon vulgaris) -- die crevette der Franzosen und shrimp der Engländer -- und die beim Kochen rotwerdenden ~Granaten~ (Palaemon serratus und P. squilla) -- die sogenannten Krabben der Ostseefischer -- zum Verspeisen die beliebtesten sind. Sie werden an den Küsten in oft von Pferden gezogenen feinmaschigen Schleifnetzen mit länglichem Rahmen aus Eisen gefangen und korbweise auf den Markt gebracht. Die meisten der so erbeuteten 8 cm und mehr langen Garneelen sind Weibchen, die ihre Eier zwischen den Afterfüßen des Hinterleibs tragen. Sie liegen ganz in Sand eingegraben vor Feinden sicher und geraten ins Netz, indem die untere eiserne Lippe des Schleppnetzes den Sand aufwühlt, in welchem sie ruhig liegen und auf Beute lauern. In den Küstenstädten des Mittelmeers wird auch der bis 18 cm lange gemeine ~Heuschreckenkrebs~ (Squilla mantis) viel gefangen und verzehrt. Hier überall geben auch die ~Kopffüßler~ oder ~Tintenfische~ als frutti di mare eine geschätzte Speise für das gemeine Volk. Besonders beliebt sind die gemeine ~Sepia~ (Sepia officinalis) und der ~Kalmar~ (Loligo vulgaris), von denen die mittelgroßen Exemplare, weil wohlschmeckender, den größeren vorgezogen werden. Sie wandern vielfach mit den kleinen Fischen, von denen sie sich ernähren, und werden in besonderen Fallen und Netzen gefangen.

An den Küsten des Mittelmeers werden auch allerlei ~Meerschnecken~ wie auch alle Sorten von ~Landschnecken~ gern verzehrt. Die Mitteleuropäer dagegen essen von den 1600 Arten der auf dem europäischen Festlande lebenden Gattung Helix, den Schnirkelschnecken, fast ausschließlich die ~Weinbergschnecke~ (Helix pomatia). Sie ist die größte aller einheimischen Landschnecken und ihr hellrötliches bis gelblichbraunes Gehäuse erreicht eine Höhe bis zu 5 cm. Diese Tiere sind Zwitter und befruchten sich gegenseitig. Ihre 60-80 johannisbeergroßen Eier legen sie im Frühjahr haufenweise in Löcher, die sie in lockere, feuchte Erde gewühlt haben und nach der Eiablage wieder zudecken, so daß das Eiernest kaum gefunden werden kann. Die Entwicklung nimmt etwa 26 Tage in Anspruch; dann kriechen die jungen Schnecken aus dem Boden hervor, um sich vorzugsweise von weicher Pflanzenspeise zu ernähren. Doch fressen sie gelegentlich auch tierische Kost, so das Fleisch etwa von einem Wagen überfahrener oder von Menschen zertretener Genossinnen. Dabei wachsen sie verhältnismäßig rasch heran und graben sich im Herbst am liebsten unter einer Moosdecke 20-30 cm tief in die lockere Erde ein und verschließen ihr Gehäuse mit einem soliden Kalkdeckel. Letzterer ist porös und läßt die Luft für die übrigens während des Winterschlafes stark herabgesetzte Atmung ungehindert hindurchtreten. Wenn im April und Mai die zunehmende Bodenwärme die Lebenstätigkeit des etwa 6 Monate im Winterschlaf verharrenden Tieres aufs neue weckt, so wird der Deckel mit dem Fuß leicht abgestoßen. Nur in diesem gedeckelten Winterzustande gilt die Weinbergschnecke als ein tafelfähiger Leckerbissen. Da sie zum Aufbau ihres Kalkgehäuses viel Kalk benötigt, findet sie sich nur in Gegenden, wo der Erdboden genügend von diesem Stoff enthält. Sie lebt außer in Weinbergen auch in Gärten, Hainen und lichten Laubwäldern mit viel Unterholz. Von alters her wird sie zur Sommer- und Herbstzeit gesammelt, um in besonderen Gehegen aus Brettern oder aus engem Drahtgeflecht mit Salat, Mohrrüben und Fallobst mit Beigabe von Kalk gefüttert zu werden. Bei solchem Futter wird sie besonders zart und fett. Berühmt in ganz Frankreich und Süddeutschland sind wegen ihres Wohlgeschmacks die aus Burgund bezogenen Schnecken. Hier ist die Zubereitung derselben in der Schale à la bourgignonne sehr beliebt, so daß diese Tiere ein eigentliches Volksgericht geworden sind.

Schon die reichen Römer zu Ende der Republik und zur Kaiserzeit, jene Erzschlemmer, wußten die gemästeten Weinbergschnecken als leckere Speise zu würdigen und zogen sie in besonderen Schneckengärten. Der gelehrte Varro beschreibt uns um die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts die Anlage und den Betrieb eines solchen Cocleariums. Es sollte unter freiem Himmel liegen und von Wasser umgeben sein, weder zu sonnig, noch zu stark dem Tau ausgesetzt sein. Hier wurden die gesammelten Schnecken mit Kleie und mit Honig eingekochtem Weinmost gemästet. Von besonderen Verkäufern wurden sie dann in den Straßen ausgeboten und vom Volke gern gekauft. Nach Plinius legte Fulvius Lupinus auf dem Gebiete von Tarquinii kurz vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges, den Cäsar 49 v. Chr. mit Pompejus zu führen begann, die ersten Coclearien an. Er trennte die verschiedenen Schneckensorten und erfand die Mästung derselben mit Mehl und mit Honig eingekochtem Traubenmost. Nach Varro wurden in den verschiedenen Gebieten des römischen Reichs verschiedene Schneckenarten gemästet. Er sagt, daß die kleinen weißlichen aus der Umgebung von Reate im Sabinerlande (dem heutigen Perugia), die großen aus Illyrien, die mittelgroßen aber aus Afrika nach Rom gebracht und an vielen Orten auf großen, künstlich zu einer Insel gemachten Strecken gezüchtet würden. Man mäste sie auch in Töpfen, in die durch Löcher Luft eintreten gelassen werde; inwendig seien diese mit Honigmost und Mehl ausgestrichen.

Von den Römern übernahmen im Mittelalter die Klöster die Zucht von Weinbergschnecken als beliebte Fastenspeise und führten sie nördlich von den Alpen ein. Aus den Klostergärten übernahmen später auch Laien diese Zucht. So gab es später an verschiedenen Orten Frankreichs, Süddeutschlands, der Schweiz und Österreichs größere Schneckenzüchtereien, die die benachbarten Städte mit ihren Produkten versorgten. Schneckenbauern in der Gegend von Ulm führten einst jährlich über 4 Millionen gedeckelte Schnecken zu je 10000 Stück im Winter auf der Donau hinunter bis jenseits Wien aus. Sie werden meist in der Weise zubereitet, daß man sie in einem Salzsud kocht, dabei quellen die Tiere stark auf, so daß das sie abschließende Kalkdeckelchen von selbst abfällt. Die fast gargekochten Leiber lassen sich dann leicht mit einer Gabel aus dem Gehäuse ziehen, werden geputzt und zwei bis dreimal in warmem Wasser gewaschen, um allen Schleim daraus zu entfernen. Mit Fleischbrühe und Wein weichgekocht, werden sie fein gehackt, mit Petersilie und Sardellenbutter vermischt und schließlich in die sauber geputzten Gehäuse gefüllt. Die auf solche Weise zubereiteten Schnecken sollen wie Krebspastetchen eine wirkliche Delikatesse sein. Von Paris aus werden sie in solcher Zubereitung weithin exportiert und haben sich sogar in Norddeutschland, das sich bisher gegen solche Leckerbissen ablehnend verhielt, viel Freunde erworben. Während in Nordfrankreich Helix pomatia gezogen wird, züchtet man in Südfrankreich vorzugsweise Helix aperta und H. nemoralis, außer letzterer in Italien auch Helix pisana. In Spanien dagegen ißt man Helix alonensis und lactea, in Griechenland H. parnassea. Sie, wie auch die rotbraunen bis schwarzen ~roten Wegschnecken~ (Limax rufus) ohne Gehäuse werden zur Gewinnung einer sehr wohlschmeckenden Fleischbrühe gekocht, die früher besonders Lungenleidenden als Heilmittel gegeben wurde.

Von den Schnecken haben sonst nur die ~Purpurschnecken~ kulturgeschichtlich eine größere Bedeutung erlangt, indem sie im Altertum zur Gewinnung der überaus geschätzten Purpurfarbe eine sehr wichtige Rolle spielten. Es sind dies Vertreter der Gattungen Murex und Purpura, die an den Küsten des Mittelmeers auf felsigem Grunde sehr häufig vorkommen und an den Orten der Purpurfabrikation, die in Phönikien ihren Ausgang nahm, in großen Mengen gesammelt und verarbeitet wurden, so daß aus ihren weggeworfenen Schalen mächtige Ablagerungen hervorgingen. Wie an der syrischen Küste ließen sich auch an manchen Orten Griechenlands und Italiens einstige Purpurfabriken an solchen Schalenhaufen nachweisen.

Die den Purpurfarbstoff liefernde kleine Drüse mündet in eine Umschlagsfalte des Mantels und liefert ein anfänglich farbloses Produkt, das an der Sonne zuerst gelb, dann grünlich und zuletzt violett wird und um so dunkler, bis schwärzlich erscheint, je mehr davon auf dem betreffenden Stoff aufgetragen und je länger er nachher den Sonnenstrahlen ausgesetzt wurde. So hatte der geschickte Färber alle Grade von einem matten bis dunkeln Violett in der Hand. Zur Gewinnung von 1,5 g Purpursaft sind die Drüsen von nicht weniger als 12000 Purpurschnecken nötig; so läßt es sich begreifen, daß damit gefärbte Gewänder außerordentlich hoch zu stehen kamen und nur den Fürsten und Reichen zugänglich waren. Noch zur Zeit des Kaisers Diokletian im Jahre 301 n. Chr. kostete das Pfund der besten Purpurwolle 950 Mark unseres Geldes. Und doch war die Farbe ein ziemlich unreines, rotstichiges Violett, das sich in keiner Weise weder an Glanz, noch an Echtheit der Färbung mit den modernen, synthetisch gewonnenen Teerfarbstoffen vergleichen läßt. Übrigens dienten nach dem römischen Dichter Martial die Purpurschnecken außer zum Färben auch zum Essen. Sie wurden nach den antiken Autoren in mit Miesmuscheln beköderten kleinen Reusen gefangen, die kleinen Arten samt den Schalen, die größeren dagegen ohne diese zerstampft, mit Wasser ausgelaugt und auf mäßigem Feuer in bleiernen Gefäßen eingekocht. Je nach der Mischung der verschiedenen Purpurschneckenextrakte wurden verschiedene Nuancen erzielt. So schreibt Plinius in seiner Naturgeschichte: „Die Purpurschnecke (buccinum) ist allein nicht brauchbar, weil ihre Farbe nicht hält, wird sie aber mit dem Saft der Murexschnecke (purpura) vermischt, so wird sie dauerhaft und gibt jener dunkeln Farbe eine Beimischung, welche ein schönes Scharlachrot hervorbringt. Je nach der Mischung beider wird die Farbe bald heller bald dunkler. Um eine herrliche Amethystfarbe zu haben, nimmt man auf 50 Pfund Wolle 200 Pfund Purpurschnecke (buccinum) und 110 Pfund Murexschnecke (purpura). In Tyrus taucht man die Wolle erst in Murex- und dann in Purpuraschneckensaft. Am beliebtesten ist der tyrische Purpur, wenn er die Farbe geronnenen Blutes hat, von vorn gesehen schwärzlich aussieht und von der Seite gesehen schimmert. Auch Homer nennt das Blut purpurfarbig. -- Färbt man bloß mit Murexschnecken oder Purpuraschnecken, so setzt man Wasser und Menschenurin zu und erlangt dadurch die beliebte blasse Farbe, welche desto schwächer ist, je weniger durstig die Wolle war.“

Weiter sagt Plinius: „Das Kleid der römischen Konsuln und freigeborenen Knaben wird mit einem Purpursaum geschmückt. Purpur unterscheidet den Senator vom Ritter, versöhnt die Götter, gibt den Kleidern seinen Glanz und mischt sich beim Triumphzuge unter das Gold.“ Von Anfang an war der Purpur in Rom gebräuchlich; Romulus trug ihn an der trabea, Tullus Hostilius an der praetexta (verschieden gestalteten Röcken). Nepos Cornelius, der unter der Regierung des Augustus starb, sagte: „Als ich noch jung war, schätzte man den veilchenfarbenen Purpur am höchsten, wovon das Pfund 100 Denare (60-70 Mark) kostete, bald darauf zog man den roten tarentinischen vor und später den doppelgefärbten tyrischen, wovon man das Pfund nicht unter 1000 Denaren (600-700 Mark) kaufen konnte. Der Ädil Publius Lenthulus Spinther, der diesen tyrischen Purpur zuerst trug, wurde darob getadelt; jetzt aber hat jedermann bei Schmausereien mit tyrischem Purpur gefärbtes Tischzeug. Spinther war im Jahre 691 der Stadt (62 v. Chr.) Ädil, (d. h. Hilfsbeamter der beiden Volkstribunen und als solcher mit der Straßen- und Baupolizei, wie auch mit der Überwachung des Marktverkehrs betraut), da Cicero Konsul war, und damals nannte man den tyrischen Purpur doppelt gefärbt (dibapha) und betrachtete ihn als eine sehr kostspielige Sache; jetzt aber ist jeder gute Purpur doppelt gefärbt.“ Und Plutarch schreibt in seiner Biographie Alexanders des Großen: „Als Alexander die Stadt Susa in Persien erobert hatte, fand er daselbst Geld und Kostbarkeiten in unsäglicher Menge; dabei sollen auch 5000 Talente (= 301000 kg) hermionischen Purpurs (Hermione war eine Stadt in Argolis) gewesen sein, den man 190 Jahre lang aufbewahrt hatte und der noch so glänzend aussah, als ob er neu wäre.“

Jedenfalls hat die Wertschätzung des Purpurs von der syrischen Küste aus schon im hohen Altertum ganz Vorderasien erobert, lange bevor die Griechen durch die phönikischen Kaufleute mit ihm bekannt wurden und die Bekanntschaft damit den Römern übermittelten. In Babylonien und Assyrien war der purpurgefärbte Mantel das Abzeichen des Königs und wurde als besondere Auszeichnung auch an Private verliehen, wie dies Nebukadnezar (Nabûkuduriussur), der von 604-561 über Babylon herrschte, nach Daniel 5, 16 dem Juden Daniel tun wollte. Wie im alten Rom die purpurati die höchste Adelsklasse darstellten, haben, durch sie beeinflußt, auch die Nachbarvölker von ihnen eingehandelte Purpurgewänder als königliches Abzeichen benutzt. Erst mit dem Untergang der antiken Kultur verlor sich im Abendlande mehr und mehr die Kenntnis von der Bereitung des Purpurs. Nur im byzantinischen Reiche blieb sie das ganze Mittelalter hindurch erhalten. Auch dort durfte nur der Herrscher sich mit Purpurstoffen bekleiden, so daß der Ausdruck den Purpur nehmen, wie bei den Römern der Kaiserzeit, so viel als sich der Herrschaft bemächtigen bedeutete und der Beiname Porphyrogenetos, d. h. der in Purpur Geborene, den bei der Geburt schon mit der Kaiserwürde Bekleideten bezeichnete. Die letzte Erwähnung von Purpurgewändern als Galatracht des basileus in Byzanz datiert vom Jahre 1440, 13 Jahre vor der Eroberung durch die Osmanen. Mit der Invasion der Türken ging auch im byzantinischen Reiche die Kenntnis der Gewinnung des Purpurs verloren, bis in der Neuzeit der französische Zoologe Lacaze-Duthiers durch Zufall sie wieder entdeckte. Als er nämlich im Sommer 1858 im Hafen von Mahon auf der spanischen Insel Menorca mit Hilfe eines Fischers allerlei Seetiere aufsuchte, bemerkte er, daß sein Schiffer sein Hemd mit der schleimigen Absonderung einer Meerschnecke, die sich alsbald als Purpura haemastoma entpuppte, zeichnete. Die mit einem Stückchen Holz aufgetragenen Buchstaben und Figuren erschienen bald gelblich und der Fischer sagte, sie würden rot werden, sobald die Sonne eine Zeitlang darauf geschienen habe. Der Zoologe ließ auch sein Hemd mit diesem schleimigen Safte zeichnen und machte alsbald die Entdeckung, daß bei der Einwirkung der Sonnenstrahlen sich ein höchst unangenehmer durchdringender Geruch entwickelte und eine immer intensiver werdende Violettfärbung auftrat. Dies war die Veranlassung zur Wiederentdeckung der Herstellung des Purpurfarbstoffs, von dem wir heute wissen, daß er aus Dibromindigo besteht, d. h. aus Indigo, in welchem zwei Wasserstoffatome durch zwei Bromatome ersetzt sind. Außer Purpura haemastoma ermittelte Lacaze-Duthier auch die im Mittelmeer sehr gemeinen Murex brandaris und Murex trunculus als Träger des Purpurfarbstoffs. Übrigens haben die nordamerikanischen Indianer von sich aus, unabhängig von den Europäern, den Saft der einheimischen Purpurschnecken zum Rotfärben benutzt. So färbten sie einst, wie heute noch die Indianer von Tehuantepec, mit dem Safte von Purpura patula ihre Frauenröcke purpurrot.

Von den großen Meeresschnecken des Mittelmeers hat wahrscheinlich die große ~Tonnenschnecke~ (Dolium galea) das Vorbild für das Spiralornament der jonischen Säule gegeben. Als Prof. Troschel bei seinen zoologischen Studien in Messina sie lebend zur Untersuchung erhielt, ließ sie, gereizt, aus ihrem einen halben Fuß weit ausgestülpten Rüssel einen Strahl einer wasserklaren Flüssigkeit einen Fuß weit hervorspritzen. Zu seinem höchsten Erstaunen nahm Troschel wahr, daß der Kalkstein des Fußbodens von der Flüssigkeit stark aufbrauste, der vermeintliche Speichel also eine scharfe Säure war. Die genaue chemische Untersuchung des von einer dicht neben der Speicheldrüse gelegenen besonderen Drüse abgesonderten Saftes ergab darin die Anwesenheit von 3-4 Prozent freier Schwefelsäure und 0,3 Prozent freier Salzsäure. Sie dient dem Tiere dazu, die Kalkgehäuse der Schnecken und Muscheln, von denen sie sich ernährt, im Bereiche des Mundes aufzulösen, damit sie dann mit der Zunge ins Innere eindringen kann, um die Weichteile aufzufressen.

Die großen ~Tritonshörner~ dagegen, besonders das Tritonium nodiferum des Mittelmeers, die buccina der alten Römer, diente mit einer künstlich gemachten Öffnung an der Spitze der gewundenen Schale, in welcher das Tier einst seinen Eingeweidesack trug, als Kriegstrompete. Deshalb sagt der Dichter Vergil: „Die buccina zwang schon die alten Quiriten zu den Waffen.“ Teilweise schon im Altertum, mehr aber noch in der Rokokozeit, wurden ihre Schalen nicht nur als Signaltrompete, sondern auch mit dem Delphin als eigentliches dekorativ ausgestaltetes Attribut der Meeresgötter immer wieder auf Statuen und Reliefs angebracht. Man gab ihnen später bei den Deutschen, die sie zur Zierde als Nippsache in ihren besseren Stuben aufstellten, den Namen Kinkhörner, weil sie kinken, d. h. klingen oder sausen, wenn man ihre Mündung an die Ohren hält. Man wollte darin das Brausen des Meeres hören. Dies ist natürlich unrichtig. Alle Muschelschalen sind vielmehr natürliche Resonanzböden für bestimmte schwache Geräusche, die sie so verstärken, daß sie uns hörbar werden. Bei absoluter Stille lassen sie kein Brausen hören. Diese und andere große Schneckenschalen dienen auch zum Einschneiden von allerlei bildlichen Darstellungen oder zur Herstellung von Kameen, wobei durch Benutzung verschieden gefärbter Schichten die Figuren eine andere Farbe als der Grund erhalten. Mit prächtig perlmutterartig glänzenden Stücken von Kreiselschnecken der Gattung Turbo stellen die Chinesen allerlei Einlegearbeiten in ihre lackierten Möbel und Schränke her, während bei uns die durch Interferenz schön irisierenden inneren Schichten auch anderer Schneckenschalen und Muscheln, vor allem der alsbald zu besprechenden Perlmuschel dazu benutzt werden, wie auch zur Herstellung von Knöpfen, Zahlmarken usw. Die zum Schutze gegen das Weggeschwemmtwerden von seiten der Brandung außerordentlich fest an der felsigen Unterlage haftenden ~Napfschnecken~ der Gattung Patella sind, wie auch manche der größeren Meeresschnecken, ein nicht besonders wohlschmeckendes, aber von den ärmeren Klassen der europäischen Küstenbewohner viel gesuchtes und gern gegessenes Nahrungsmittel.

Außerordentliche volkswirtschaftliche Bedeutung besitzen unter allen Meerschnecken heute nur die ~Porzellanschnecken~ in ihrem wichtigsten Vertreter, der ~Kaurischnecke~ (Cypraea moneta). Diese Schnecke mit 1,5-2 cm langer, breiteiförmiger, weißlicher oder gelblicher Schale kommt in großen Mengen auf den Malediven im Indischen Ozeane vor, wo sie, nach älteren Angaben, zweimal im Monat, drei Tage nach Voll- und Neumond, eingesammelt wird, um nach dem Ablaufenlassen der Weichteile die Gehäuse teils nach Bengalen und Siam, vorzugsweise aber nach Afrika zu verschiffen, wo sie als Schmuck und Münze zugleich dienen. In Indien, wo sie als Verkehrsmittel seit dem 6. Jahrhundert n. Chr. nachweisbar sind, gelten etwa 24-36, in Afrika etwa 6 Stück gleich einem deutschen Pfennig, früher überall mehr wegen der größeren Transportkosten. Der Hauptstapelplatz für den ausgedehnten afrikanischen Kaurihandel ist Sansibar. Von dort und anderen Orten der Ostküste Afrikas gehen seit vielen Jahrhunderten große Karawanen mit diesem Artikel, der zugleich Geld und Ware ist, nach dem Innern des Kontinentes ab. Ganze Schiffsladungen wiederum werden von europäischen Schiffen von dort, besonders von Sansibar, abgeholt und an der Westküste gegen die dortigen Produkte: Goldstaub, Elfenbein, Palmöl und neuerdings auch Gummi eingetauscht, soweit die Stämme noch nicht den Gebrauch der europäischen Münzen angenommen haben. In Gure hatten einst 700000 Stück den Wert von 990 Mark, also etwa 2120 denjenigen von 3 Mark, und es beliefen sich die Einkünfte des Herrschers auf 30 Millionen Kaurischneckenschalen. Ihr Wert ist natürlich dem Kurs unterworfen und hängt von der Zufuhr und der Entfernung ab. Gewöhnlich sind sie zu Hunderten auf Schnüre gereiht, um das Zahlgeschäft zu erleichtern. An manchen Orten ist dies aber nicht Sitte und müssen die Tausende einzeln abgezählt werden. Solange die Holländer Ceylon besaßen, war diese Insel der wichtigste Stapelplatz für die Kauris, von wo sie in Körben oder Ballen von je 12000 Stück oder für Guinea in Fässern versandt wurden. Eine Zeitlang wurde vermittelst der Kauris der ganze afrikanische Sklavenhandel betrieben, indem für 12000 Pfund 500-600 Sklaven eingekauft werden konnten. Gegen die Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich der Preis bereits verdoppelt. Als dann aber die Küstendistrikte Westafrikas mit dem Kaurigelde überschwemmt waren, traten andere Tauschobjekte an dessen Stelle, und heute wird überall in den Kolonialgebieten mit der betreffenden Münze bezahlt. Noch Henry Stanley bestritt auf seiner berühmten ersten Reise quer durch Afrika auf der Suche nach dem verschollenen David Livingstone mit 6 Kauris die Tageskost eines Trägers und erhielt von den kein anderes Tauschmittel kennenden Eingeborenen für 3 ein Huhn und für 2 zehn Maiskolben. In Angola werden kleine, scheibenförmig geschnittene Stückchen einer großen Landschnecke (Achatina monetaria) als Geld verwendet, in Neuguinea die kleine Nassa camelus und globosa, an der Nordwestküste Nordamerikas noch vor kurzem ein Dentalium, das deshalb pretiosum heißt, und die große Haliotis splendens; es gab eine Zeit, da man für ein einziges Stück der letzteren im Binnenland ein Pferd bekommen konnte.

Keine andere Konchyliengattung genießt so alte und allgemeine Beliebtheit als Schmuck des Menschen als die größeren Arten von marinen Porzellanschnecken. In allen Erdgegenden, selbst bei unkultivierten Völkern, trifft man sie vermöge ihres glänzenden, buntgefärbten Äußern als Zierat der Wohnungen oder der Personen.

Als menschliche Speise übertreffen aber die ~Muscheln~ an Bedeutung weit die Schneckenarten. Schon dem vorgeschichtlichen Menschen Europas wie Südamerikas und anderer Küsten waren die am Strande oder in wenig tiefen Meeresbuchten gesammelten Muscheln eine willkommene Speise, die sie gern verzehrten. So treffen wir zu Beginn der neolithischen Zeit an den Küsten Dänemarks eine vorzugsweise von Muscheln lebende Bevölkerung, die uns ganze Hügel von weggeworfenen Schalen mit ihren Herdstellen dazwischen hinterließ. Unter Knochenresten der verschiedensten Landtiere und Hochseefische finden sich darin besonders Schalen der Auster, Miesmuschel, Herzmuschel, Gehäuse von allerlei Strandschnecken und anderen Weichtieren. Auch späterhin haben die Küstenbewohner gern solche Muschelspeise gegessen, wenn sie auch nicht die Schalen dieser Weichtiere zu derartigen Haufen aufstapelten wie sie uns in den Kjökkenmöddings Dänemarks und den Sambaquis Brasiliens entgegentreten.

Unter allen Muscheltieren ist heute noch die gemeine ~Auster~ (Ostrea edulis) die geschätzteste zum Verspeisen. Sie kommt an allen ihr zusagenden Küstengebieten, wo grober Sand oder Steine liegen und kein Schlick sie zu überdecken und so zum Ersticken zu bringen vermag, gesellig in sogenannten Austernbänken vor. Wie alle Muscheln ist sie ein ausgesprochener Küstenbewohner, der im Flachwasser von Diatomeen, Infusorien und kleinen Krebschen lebt, welche ihm die Wimperströmung zuträgt. Trotz ihrer ausgiebigen Fortpflanzung vermehrt sich die Auster nur schwach, weil die Jungen viel Feinden ausgesetzt sind. Sie ist zwar zwitterig, doch reifen die Eier und Samen nicht gleichzeitig, so daß gleichwohl keine Selbstbefruchtung eintreten kann. Höchstens 30 Prozent, oft aber nur 10 Prozent der Austern sind trächtig und ältere Exemplare liefern über 1 Million Eier. Die Zeit der Fortpflanzung fällt in den Sommer. Die Jungen entwickeln sich zunächst in der Mantelhöhle der Mutter und schwärmen später aus, um sich rasch irgendwo festzusetzen. Am Ende des ersten Jahres messen sie etwa 3 cm, sind aber erst mit 4 bis 6 Jahren so groß, daß sie auf den Markt gebracht werden können.

Nach Plinius hat zuerst der Römer Sergius Orata zur Zeit des Lucius Crassus vor dem Marsischen Krieg (91-88 v. Chr.) im Gebiet von Bajae Austernparks (ostrearum vivarium) errichtet. „Er zog aus ihnen große Gewinne und behauptete, die lukrinischen Austern von der kampanischen Küste seien die besten. Damals dienten freilich die Küsten Britanniens den Römern noch nicht mit ihren Austern. Man holt jetzt auch welche von Brundisium (dem heutigen Brindisi am Adriatischen Meer) in die Austernteiche am Lukrinersee und mästet sie in letzterem nach der langen Seereise. -- Die Austern genießen bei reichen Leuten den Vorzug vor anderen Speisen. Sie lieben das süße Wasser der sich ins Meer ergießenden Ströme und sind in Farbe verschieden: rot in Spanien, braun in Illyrien, schwarz an Fleisch und Schale zu Circeji. Für die besten gelten allerwärts die derben, nicht durch ihren eigenen Schleim schlüpfrigen; auch verlangt man, daß sie sich durch Dicke, nicht durch Breite auszeichnen. Man liebt die auf festem Boden, nicht auf Schlamm oder Sand gefundenen. Sie lassen sich auch leicht in fremde Gewässer versetzen. Als Arznei sind die Austern sehr wichtig. Für den Magen sind sie wahrhaft erquickend. Schwelger bedecken sie auch mit Schnee, um sie kühler zu erhalten, und vermischen so gleichsam die Bergspitzen mit der Meerestiefe. In ihrer Schale, geschlossen wie sie angekommen, gekocht, wirken sie kräftig gegen den Schnupfen. Asche von Austerschalen dient mit Honig gegen Geschwulst des Zäpfchens und der Mandeln.“

Außer den lukrinischen Austern aus der Umgebung von Neapel liebten die Römer besonders auch diejenigen vom Golf von Tarent und von Kyzikos in Mysien. Heute gelten in Italien außer den noch jetzt sehr geschätzten tarentinischen die Triester Pfahl- und die venezianischen Arsenalaustern als die besten Sorten. In Frankreich sind diejenigen von Marennes und La Tremblade, in Belgien die von Ostende, in Holland die seeländischen von Vlissingen und Middelburg besonders berühmt. In England gelten außer den Austern aus den Zuchtteichen von Whitstable diejenigen von Essex und die von Colchester kommenden sogenannten Grünbärte (d. h. solche mit durch Einlagerung von winzigen Algen grünen Kiemen) als die vorzüglichsten. In Norddeutschland werden meist holsteinische oder Flensburger Austern von der Westküste, der Strecke von Husum bis Tondern, verzehrt. Weniger schmackhaft als sie sind die dickschaligen Austern von Helgoland, Friesland, Schottland und Skandinavien. Außerdem werden sehr viele amerikanische eingeführt. In der Ostsee gedeihen die Austern heute nicht mehr, da ihnen das Meerwasser dort zu süß ist. Das Minimum von Salzgehalt, das sie zu ihrer Existenz bedürfen, ist etwa 17 pro Mille. Am fettesten und schmackhaftesten werden sie bei 20 bis 30 pro Mille, daher man, abgesehen von denen des Mittelmeers, auch an den Küsten des Atlantischen Ozeans und der Nordsee die beliebtesten Austern an Stellen findet, wo der Salzgehalt des Meeres durch in die Buchten einmündende Flüsse gemildert wird.

Seit der römischen Kaiserzeit scheint die Austernzucht nie ganz verloren gegangen zu sein. Sie erhielt sich besonders bei den Byzantinern am Hellespont und um Konstantinopel, aber auch im Abendland, obschon uns aus dem Mittelalter nur wenige Nachrichten darüber erhalten sind. Daß die Austernzucht auch im Westen Europas nie ganz aufgehört hat, geht aus einem im Jahre 1375 erlassenen Gesetze hervor, das verbot, Austernbrut zu einer anderen Zeit als im Mai zu sammeln und zu versetzen. Besonders scheint die Hegung und Aufzucht dieser Schaltiere in Teichen an der Themsemündung geübt worden zu sein, da es sich fand, daß bei Milderung des Meerwassers durch mäßigen Zutritt von Flußwasser die Austern den Kennern noch besser mundeten. Diese Austernparks erfüllen einen doppelten Zweck, indem sie Mastställe und Magazine zugleich sind. Man gibt darin der Brut Gelegenheit, sich vor Feinden geschützt ruhig zu entwickeln. Es sind gewaltige, durch Schleusen mit dem Meere verbundene gemauerte Bassins, in denen das Wasser monatlich zweimal erneuert wird. Die Parks von Marennes und La Tremblade werden nur zur Zeit der Springfluten, bei Neu- und Vollmond, mit frischem Wasser versehen. Dreijährig kommen dann die Austern zum Verkauf. So liefern die drei Parks von Ostende jährlich etwa 15 Millionen Austern. In den großen Städten werden sie mit Vorliebe von den Reichen konsumiert, da sie immerhin kein billiges Essen sind. Paris verbraucht deren jährlich etwa 75 Millionen und London gar 1 Milliarde. In den Städten der Vereinigten Staaten werden jährlich über 5 Milliarden gegessen und außerdem noch 120 Millionen nach Europa abgegeben. In der Chesapeakebay, wo sich die größten Austernparks finden, werden ganze Wagenladungen verdorbener Pfirsiche, mit denen man sonst nichts anzufangen weiß, zu ihrer Fütterung ins Meer geworfen. In Virginien gibt es zahlreiche Austernkonservenfabriken, die die Vereinigten Staaten mit ihren Produkten versorgen.

Auch die mit der Auster nahe verwandte ~Kammmuschel~ (Pecten) wird gern gegessen und besonders zu feinen Ragouts verwendet, während sich mit ihren Schalen die aus dem Morgenlande heimkehrenden Pilger Hut und Kleid zu schmücken pflegten. Ebenso beliebt als Speise ist die ~eßbare Miesmuschel~ (Mytilus edulis), die am besten in der Nordsee und den nordeuropäischen Meeren gedeiht. Sie gehört zu den wenigen Meerestieren, die aus den Meeren mit normalem Salzgehalt, wie aus der Nordsee, in die ziemlich stark ausgesüßten Binnenmeere, wie die Ostsee, eindringt und hier ganz gut gedeiht. Hier wird sie in manchen Gegenden ähnlich der Auster gezüchtet. Hierzu benutzen die Fischer von Ellerbeck bei Kiel abgehauene Bäume, mit Vorliebe Erlen, denen die feineren Zweige abgeschnitten wurden. Sie spitzen sie unten zu und versenken sie mit Hilfe eines Taues und einer Gabel in die Region des lebenden oder toten Seegrases in 3,6-5,5 m Tiefe fest in den Grund. Das „Setzen“ der Muschelbäume geschieht zu jeder Jahreszeit, herausgezogen werden sie aber nur im Winter, am häufigsten auf dem Eise, da dann die Muscheln am besten schmecken und ungefährlich sind, welch letzteres in wärmeren Jahreszeiten nicht immer der Fall ist. Den Stand ihrer „Muschelpfähle“, wie sie diese Bäume nennen, wissen die Fischer durch Merkzeichen am Lande, die sie aus der Ferne fixieren, aufzufinden. Wenn sie über einem Baum angekommen sind, treiben sie eine Stange in den Grund, um den Kahn daran festzubinden; dann schlingen sie ein Tau um einen Haken, führen dieses unter Wasser um den Stamm des Muschelbaums herum und winden denselben damit in die Höhe. In ganzen Klumpen hängen dann nebst anderen Meerestieren die Miesmuscheln daran, die sich mit vom Fuß ausgeschiedenen Fäden, dem Byssus, an ihnen fest verankert haben, damit sie nicht von der Strömung weggerissen werden. In der Kieler Bucht werden jährlich wenigstens 1000 Muschelpfähle gesetzt und ebensoviel gezogen, nachdem sie 3 bis 5 Jahre gestanden haben. Auf den Kieler Markt kommen den Winter hindurch über 4 Millionen Stück solchermaßen geernteter Miesmuscheln und finden willig Abnehmer, da sie recht gut schmecken.

Während die haarähnlichen Fäden, mit denen sich die Miesmuscheln am Boden verankern, grob und steif sind, sind sie bei manchen Arten, wie bei der langgestreckten ~Steckmuschel~ (Pinna) fein, geschmeidig und seidenglänzend, so daß sie hier und da, allerdings mehr als Kuriosität für die Fremden und nicht zum täglichen Gebrauch, zu Geweben versponnen werden. So werden in Unteritalien, besonders in Tarent und Reggio, fein anzufühlende goldbraune Handschuhe aus solchen Byssusfäden gewoben. Eine solche Verwendung geht mindestens bis in die späteren Zeiten des Römerreiches zurück, da schon der 220 n. Chr. verstorbene Kirchenvater Tertullian sie erwähnt. Zu diesem Zwecke werden die in ruhigen Meerbusen mit Schlammgrund wenige Meter tief in großen Mengen aufrecht beieinander sitzenden Steckmuscheln mit einem eigenen Instrument gefischt. Es besteht aus zwei gebogenen, an beiden Enden miteinander verbundenen dünnen Eisenstangen und wird so an der Muschel herabgelassen, daß es an beiden Seiten des breiteren Teiles derselben hinabgleitet und dann durch Drehung um einen rechten Winkel dieselbe festhält und herauszieht. Früher wurde diese ~Muschelseide~ besonders im Neapolitanischen hergestellt. Außer zur Gewinnung des Byssus werden die Steckmuscheln, von denen Pinna squamosa des Mittelmeers 56 cm lang wird, auch ihres zwar weniger guten Fleisches wegen erbeutet. Schon die Alten hatten beobachtet, daß die Steckmuschel in ihrer Mantelhöhle einen rundlichen Krebs beherbergt, den sie -- wie uns Plinius und Älian berichten -- Pinnotheres oder Pinnophylax, d. h. Wächter der Steckmuschel (pinna) nannten. Dieser sollte in der Weise für die Ernährung der blinden Muschel sorgen, daß er letztere, die ihre Schalen öffnet, um ihren Fuß als Köder für Fische auszustrecken, kneift, wenn sich einige Fischchen in sie hineinbegeben haben. Die Muschel schließe dann ihre Schalen und verzehre gemeinsam mit ihrem Genossen, dem Krebschen, die so gemachte Beute. Selbstverständlich ist dies ein, wenn auch recht anmutig erdachtes, Märchen.

Die größte aller Muscheln ist die in den Korallenriffen des Indischen Ozeans lebende ~Riesengienmuschel~ (Tridacna gigas), die ein Gewicht von 100-200 kg erreicht, ohne die Schale allerdings nur bis zu 10 kg schwer wird. Ihr Fleisch wird zum Essen benutzt, ihre ungemein massiven Schalen mit gewulsteten Rippen aber nicht selten in katholischen Kirchen als Weihwasserbecken aufgestellt oder zu Wasch- oder Springbrunnenschalen benutzt. Jedenfalls fehlen sie als imposante Schaustücke keinem größeren Museum mariner Tiere. Weniger auffallend aber kulturgeschichtlich unvergleichlich wichtiger als sie ist die ebenfalls dem Indischen Ozean angehörende ~echte Perlmuschel~ (Avicula margaritifera), deren bis 30 cm lange, rauhe, äußerlich meist von Moostierchen und Kalkalgen überzogene, flache Schalen auf grünbraunem Grunde weiße Strahlen und nach außen zu immer stärker werdende Schuppen tragen und mit einem grünlichen grob-faserigen Byssus fest an der steinigen Unterlage befestigt sind. Wie sie inwendig von einer unverhältnismäßig dicken Perlmutterschicht bedeckt sind, so scheidet der dieselbe ausscheidende Mantel auch um alle unter ihn gedrungene Fremdkörper, vornehmlich Parasiten der verschiedensten Art, dieselbe Perlmuttermasse ab, wodurch die in Sage und Geschichte so berühmten ~Perlen~ entstehen. Sie liegen nicht immer frei zwischen Mantel und Schale, sondern sind häufig mit letzterer verwachsen, haben auch oft statt der kugeligen eine unregelmäßige Form. Außer der Gestalt bestimmen Größe, Farbe, Glanz und die sogenannte Klarheit oder das Wasser ihren Wert. Wegen ihrer Größe sind die sehr unregelmäßigen, eckigen Beulen- oder Brockenperlen, wegen ihrer gleichmäßigen, schönen Rundung die Stückperlen teuer. Was die Färbung betrifft, werden in Europa die weißen, auf Ceylon die rosenfarbigen, im Orient die ins Gelbliche spielenden Perlen am meisten geschätzt. Sind schöne Perlen auch noch groß, wie die größte in Europa bekannt gewordene, die taubeneigroße Perle König Philipps II. von Spanien, des Sohnes Kaiser Karls V. und Isabellas von Portugal (1527-1598), so haben sie einen ungeheuren Wert. An Papst Leo X., den zweiten Sohn Lorenzo il Magnificos von Medici, der 1513 Papst wurde und, um seinen Finanzen aufzuhelfen, den bekannten, schließlich zur Reformation der Kirche führenden Ablaßhandel besonders schamlos in Szene setzte, verkaufte ein Venezianer eine Perle für 264000 Mark unseres Geldes. Den Wert der großen Perle, die Kleopatra in Essig aufgelöst trank, um dem Antonius zu imponieren, schätzte man auf 1½ Millionen Mark. Außer den schön runden Stück- und den eckigen Brockenperlen unterscheidet man noch die auf einer Seite flachen Kartenperlen und die nicht gut anbohrbaren, nur zur Einfassung von Schmuckgegenständen dienenden Staubperlen. Man spricht auch von Zahl-, Unzen- und Lotperlen und sortiert sie für den Handel durch 5-10 verschiedene Siebe mit engeren und weiteren Löchern. Außer den Perlen werden auch die als ~Perlmutter~ in ganzen Schiffsladungen nach Europa kommenden Schalen der Perlmuscheln vielfach zur Anfertigung von Knöpfen, Messergriffschalen und dergleichen verwendet. 1 kg derselben repräsentiert einen Wert von 3 Mark. Die schlechteren Stücke werden in manchen Gegenden Südasiens gelegentlich auch als Dachziegel verwendet. Aus dem Schloßband der Perlmuschel schneidet man den wie Labradorstein schillernden ~Pfauenstein~, der zur Herstellung von allerlei Schmuck dient.

Die echte Perlmuschel ist an den Küsten des Indischen und Stillen Ozeans weit verbreitet und lebt gesellig in Tiefen von 6-45 m, am meisten zwischen 8 und 16 m, und wird, wo sie häufig ist und erfahrungsgemäß öfters Perlen birgt, von Tauchern auf gut Glück heraufgeholt. Diese können, durch lange Übung dazu befähigt, 2-3 Minuten unter Wasser bleiben. Sie tauchen, den Fuß durch eine Schlinge mit einem schweren Stein gesteckt und mit einem Messer zur Abwehr der Haie bewaffnet, wie auch von den Mantras -- den Zaubersprüchen -- des mit hinausfahrenden Priesters begleitet, vom Boot aus ins Meer, reißen oder schneiden die mit einem Byssus an den Grund gehefteten Perlmuscheln ab, stecken deren etwa 50 in ein von ihnen über den Nacken getragenes Netz, geben dann den Leuten im Taucherboot durch Rütteln des an ihnen befestigten Strickes ein Zeichen, werden von diesen heraufgezogen und beginnen die Arbeit nach kurzer Pause von neuem. Etwa 40 bis 50mal können sie an einem Tage nacheinander auf den Meeresgrund tauchen, dann aber sind sie so erschöpft, daß sie einer längeren Ruhe zu ihrer Erholung bedürfen. Nicht selten werden sie bei ihrem nicht ungefährlichen Berufe die Beute der gefürchteten Haifische oder von den Sägehaien verletzt. Weit häufiger aber werden sie ein Opfer ihrer ungesunden Lebensweise; denn nicht selten stürzt ihnen, nachdem sie einige Male getaucht sind, ein Blutstrom aus Nase und Mund. Sie leben während der Fischzeit von Datteln, Fischen und Reis, den ihnen die Engländer liefern, und setzen sich während des Tauchens nach Perlmuscheln ein Stück elastisches Horn über die Nasenöffnung, welche dadurch fest zusammengehalten wird. Die gefischten Muscheln läßt man, damit sie ihre Klappen öffnen und die Perlen herausgesucht werden können, eine Zeitlang am Ufer faulen, was im Sommer bei einer Hitze von oft 50° C. einen furchtbaren Gestank verursacht, so daß der Aufenthalt an diesen sonst paradiesischen Gestaden nichts weniger als ein Genuß ist. Oft findet man in 20 Muscheln nicht eine einzige Perle, ausnahmsweise aber auch wohl 20 Perlen in einer einzigen Muschel. Neuerdings hat man vorgeschlagen, die Röntgenstrahlen zur Prüfung der frischgefischten Perlmuscheln auf Perlen zu verwenden und alle perlenfreien ins Meer zu werfen, um sie gelegentlich später wieder auf etwaige Bildung von Perlen zu untersuchen. Es ist dies natürlich eine sehr rationelle und humane Neuerung, so daß die unzähligen Stücke, die bisher nutzlos ihr Leben lassen mußten, geschont werden könnten.

Die Zeit der Perlenfischerei sind an den Küsten des Indischen Ozeans die Monate März-April und August-September, weil alsdann in der Zeit zwischen dem Ost- und Westmonsun Windstille zu herrschen pflegt, was sowohl für die Sicherheit der die Taucher begleitenden Fahrzeuge, als für das bessere Sehen unter Wasser von Wichtigkeit ist. In dieser Zeit belebt sich der sonst so öde Strand der Perlmuschelgegenden nicht nur durch die Perlenfischer selbst, sondern durch die Lebensmittelverkäufer, Unterhändler und allerlei Gesindel, die in der Regel noch einen sichereren Gewinn machen als die Perlenfischer selbst, die miserabel bezahlt sind, nämlich außer einem kleinen Anteil an den erbeuteten Muscheln nur 30 Cent (= 41 Pfennige) Lohn im Tag erhalten. Die Taucher stehen im Dienst größerer Unternehmer, die an die Regierung des Landes, an deren Küste sie fischen, entweder eine feste Pachtsumme oder einen bestimmten Teil des Ertrages bezahlen. Dieser ist sehr verschieden in den einzelnen Jahren. In der Regel wird dieselbe Perlmuschelbank erst nach 5 bis 7 Jahren wieder befischt, um sie nicht so sehr zu erschöpfen. Zuweilen werden vor Beginn der eigentlichen Fischerei Proben genommen und da, wo 1000 Muscheln nicht Perlen im Werte von 1½-3 Mark ergeben, die Fischerei ganz unterlassen. Ein anderthalbfach größerer Ertrag gilt schon für recht günstig.

Die wichtigsten Perlmuschelbänke liegen um die Dahlakinseln im Roten Meer, um die Bahreininseln und die Insel Ormus im Persischen Meerbusen. Von der letzteren sagt ein persisches Sprichwort: Wäre die Erde ein Ring, so wäre Ormus der Edelstein darin. Gegen 30000 Menschen sollen den Sommer hindurch im Persischen Meerbusen mit der Perlfischerei beschäftigt sein und dabei einen Gesamtgewinn von jährlich etwa 80 Millionen Mark erzielen. Andere wichtige Perlmuschelbänke liegen an der Westküste Ceylons, im Golf von Manaar in der Bai von Kondatschi und in der Meerenge zwischen Ceylon und der Küste von Madura, an der sogenannten Perlküste, wo die englische Regierung das Recht zur Perlfischerei besitzt und regelmäßig ausübt. Dabei läßt sie jedes Jahr nur bestimmte Perlbänke und diese erst wieder nach 6-7 Jahren absuchen und erzielt einen jährlichen Gewinn von ½-4 Millionen Mark. Hier sind die Perlbänke an die Ceylon Company of Pearl Fishers vermietet, die die Tagesernte von Muscheln in Säcken von 1000 Stück gleich an Ort und Stelle öffentlich versteigern lassen, während die Taucher ihren Anteil in Partien von ungefähr 6 Muscheln auf dem Fischmarkt von Colombo verhökern lassen. Bei den Auktionen erzielt der Sack von 1000 Austern durchschnittlich 30 Rupies (= 58 Mark). Sowie aber in einem von diesen eine besonders kostbare Perle gefunden wurde, schnellen die Preise der nächsten Säcke plötzlich in die Höhe und erzielen zwischen 100 und 200 Rupies (= 192 und 386 Mark), bis der Eifer der aus der ganzen Welt zusammengeströmten Perlenhändler verrauscht ist. Die Muscheln der ersteigerten Säcke werden von den mehr oder weniger glücklichen Besitzern sofort geöffnet und auf etwaige Perlen untersucht. Diejenigen, die keine Perle enthalten, werden einfach fortgeworfen.

Außer bei Ceylon wird auch bei den Suluinseln zwischen Borneo und den Philippinen schon seit langem Perlfischerei getrieben, ebenso neuerdings bei Japan, an einigen Stellen der Nordküste Australiens und in Polynesien. In Amerika und an seinen tropischen Küsten, wo die echte Perlmuschel des Indischen Ozeans durch eine ihr sehr nahe verwandte Art vertreten ist, betreibt man im Meerbusen von Kalifornien, im Meerbusen von Mexiko und an den Küsten Westindiens Perlfischerei, namentlich aber bei den Perlasinseln im Meerbusen von Panama und bei der Karaibeninsel Margarita, die Kolumbus so, d. h. Perleninsel benannte. Hier wurden sie von den Indianern schon vor der ersten Ankunft der Europäer geschätzt und gesammelt. So traf Kolumbus auf seiner dritten Reise 1498 in der Nähe der Orinokomündungen Indianerinnen, welche Perlschnüre als Arm- und Halsbänder trugen und gab der in der Nähe befindlichen Insel, an deren Küste die Eingeborenen nach Perlen fischten, eben den Namen Margarita. Ebenso erhielt Vasco Nuñez de Balboa 1513, da er als erster Europäer am Golf von Darien die Landenge von Mittelamerika überstiegen und den Stillen Ozean erreicht hatte, von einem dortigen Häuptling an der Küste 240 Perlen als Geschenk. Später wurden die Halbinseln Guajiro und San Marta, an der Mündung des Magdalenenstroms, sowie La Paz am Meerbusen von Kalifornien berühmte Stellen für Perlfischerei. Die „okzidentalischen“ Perlen sollen durchschnittlich größer, aber weniger glänzend als die orientalischen sein.

Der Gebrauch der letzteren als Schmuck ging offenbar von Indien aus, von wo bis in die späte römische Kaiserzeit nach dem Bericht der griechischen und römischen Autoren die meisten Perlen in die Mittelmeerländer gelangten. Im Heldengedichte Ramajána werden sie als etwas Bekanntes mehrfach erwähnt. Von der Sanskritbezeichnung dafür, mangara, dürfte sich die griechisch-lateinische Bezeichnung margaros, später margarita, ableiten. Auch das romanische Wort für Perlmutter, französisch nacre, stammt von einem orientalischen Worte ab. Das hochdeutsche „Perle“ dagegen ist wahrscheinlich ursprünglich nur eine vergleichende Bezeichnung, vom lateinischen pirula, d. h. kleine Birne. Homer kannte die Perlen und deren Verwendung als Schmuck noch nicht. In der griechischen Literatur werden sie zuerst von Theophrast, einem Schüler des Aristoteles, erwähnt, nachdem durch Alexanders des Großen Eroberungen die Griechen mit dem Orient in engere und mit Indien zuerst in direkte Verbindung gekommen waren. Nach Athenaios sagt Theophrast in seinem Buche über die Steine folgendes über die Perle: „Unter den bewunderten Steinen gehört auch die Perle; sie ist von Natur durchscheinend und dient zu verschiedenartigen Halsbändern. Sie kommt aus Muscheln, welche der Steckmuschel ähnlich, jedoch kleiner sind, und hat die Größe großer Fischaugen.“

Androsthenes sagt in der Beschreibung seiner Schiffahrt entlang der Küste Indiens: „Es gibt dort eine eigentümliche Muschel, welche die Eingeborenen berberi nennen und aus welcher der Perlstein (margarítis líthos) kommt. In Asien werden sie hoch geschätzt und nach Persien und weiter hinauf verhandelt. Die Muschel sieht der Kammuschel ähnlich, ist aber nicht gefurcht, sondern glatt und rauh; sie hat auch die zwei ohrförmigen Hervorragungen nicht, welche die Kammuschel hat, sondern nur eine. Die Perle entsteht im Fleische des Tieres und ist entweder so goldfarbig, daß man sie vom Gold kaum unterscheiden kann, oder silberfarbig, oder vollkommen weiß wie (gekochte) Fischaugen.“

Chares von Mitylene schreibt im siebenten Buche der Geschichte Alexanders: „Im Indischen Meere werden Muscheln gefangen, aus denen man weiße Knöchelchen nimmt, die Perlen genannt und, an Schnüren aufgereiht, zu Schmuck für Hals, Hände und Füße verwendet werden. Sie werden in Persien, Medien und (Klein-) Asien höher geschätzt als aus Gold gemachte.“ Isidoros von Charax in Susiana sagt in seiner Beschreibung Parthiens: „Im Persischen Meere liegt eine Insel, woselbst es sehr viele Perlen gibt. Deswegen befinden sich bei der Insel viele aus Rohr geflochtene Kähne, aus welchen Taucher ins Meer springen, bis zur Tiefe von 20 Ellen hinabsteigen und die Muscheln heraufbringen. Die meisten und besten Perlen sollen in den Muscheln entstehen, wenn Donnerschläge und Platzregen fallen. Im Winter verstecken sich die Muscheln im Abgrund, im Sommer aber öffnen sie sich bei Nacht, schwimmen hin und her, schließen aber bei Tag die Schalen. Diejenigen aber, die an Klippen festwurzeln, erzeugen daselbst die Perlen. Die im Abgrunde wohnenden Muscheln erzeugen die glänzendsten, reinsten und größten Perlen; bei den herumschwimmenden und in der Höhe lebenden sind sie dagegen an Größe und Farbe geringer.“

Sehr eingehend behandelt Plinius in seiner Naturgeschichte die Perlen. Er sagt dort von ihr: „Unter allen Kostbarkeiten sind die Perlen (margarita) das Kostbarste. Man bezieht sie vornehmlich aus dem Indischen Meere, wo sie mitten unter den schrecklichen Seeungeheuern gedeihen, von wo man sie aus jenem glühenden Himmelsstriche, mitten durch so viel Länder und Meere, bis zu uns schafft. Die meisten werden bei der Insel Taprobane (Ceylon) und Stoidis, sowie beim indischen Vorgebirge Perimula (Kap Komorin) gefunden. Vorzüglich gelobt werden diejenigen aus dem bei Arabien liegenden Persischen Meerbusen. Die Entstehung und Fortpflanzung der Perlmuschel unterscheidet sich von der der Auster nicht sehr bedeutend. Im Frühjahr öffnen sich die Perlmuscheln, saugen den Tau ein, werden dadurch befruchtet, und Perlen sind die daraus hervorgehende Frucht, deren Reinheit sich nach der Reinheit des empfangenen Taues richtet. Geschah die Befruchtung bei stürmischem Himmel, so werden die Perlen bleich; denn sie stammen vom Himmel und nicht vom Meere, werden daher wolkig oder rein, je nachdem der Himmel es war. Sättigen sich die Muscheln frühzeitig am Tau, so werden die Perlen groß; blitzt es, so schließen sich die Muscheln, und je länger sie dann fasten, um so kleiner werden die Perlen. Donnert es aber noch dazu, so schließen sie sich im Schrecken ganz fest und bringen nur eine hohle Blase statt einer Perle hervor. Vollkommene Perlen bestehen aus vielfachen, gleichsam häutigen Lagen und bilden sozusagen eine Schwiele, weshalb sie auch von Sachverständigen erst gereinigt werden. Da sie den Himmel so sehr lieben, wunderts mich, daß sie nicht auch mit der Sonne in freundschaftlicher Verbindung stehen; denn von letzterer werden sie rot gefärbt und verlieren ihre weiße Farbe gleich der menschlichen Haut. Das reinste Weiß zeigen daher diejenigen, welche so tief im Meere stecken, daß die Sonnenstrahlen sie nicht erreichen. Doch auch diese werden im Alter gelb und runzlich und glänzen nur solange sie rund sind. Im Alter werden sie auch dick und hängen so fest an der Muschelschale, daß man sie nur mit der Feile trennen kann. Übrigens sind die Perlen im Wasser weich, werden aber augenblicklich hart, wenn man sie herausnimmt.

Wenn die Perlmuschel die Hand des Menschen bemerkt, so schließt sie sich und versteckt ihren Schatz, weil sie weiß, daß man danach strebt. Packt sie die Hand zwischen ihren Schalen, so schneidet sie sie zur gerechten Strafe ab; jedoch ist dies nicht die einzige Gefahr, welche den Fischer bedroht; denn sie wohnt meist zwischen Klippen, und im hohen Meere ist sie von Haifischen umgeben. Aber das alles kümmert die Damen nicht, deren Ohren Perlen zieren. Manche Leute erzählen, die Perlmuscheln haben gleich den Bienen einen König, der sich durch Alter und Größe auszeichne und Nachstellungen äußerst schlau zu entgehen wisse. Diesen König suchen die Taucher vor allem zu erhaschen, die übrigen würden dann leicht in Netzen gefangen. Man tut sie dann in irdene Gefäße, bestreut sie tüchtig mit Salz. Wenn dann das Fleisch verfault ist, fallen die Perlen zu Boden.

Es ist gewiß, daß die Perlen durch den Gebrauch abgenutzt werden und die Farben verlieren, wenn man sie nicht sorgfältig behandelt (Tatsache ist, daß sie in häufiger Berührung mit der menschlichen Haut sich besser halten als in den Schmuckkästchen aufbewahrt). Ihr Wert richtet sich nach der hellen Farbe, nach Größe, Rundung, Glätte und Gewicht, Dingen, die so selten vereinigt sind, daß man nie zwei ganz gleiche Perlen findet. Auch in der Farbe zeigt sich ein großer Unterschied. Im Roten Meere haben sie ein helleres Weiß, die indischen dagegen sehen aus wie Marienglas, sind aber vorzüglich groß. Das größte Lob für eine Perle ist, wenn man sie alaunfarbig nennen kann. Auch die länglichen Perlen sind beliebt. Die Damen halten es für einen großen Ruhm, an Fingern und Ohren Perlen zu tragen, welche die Gestalt einer langen, unten dicken Birne haben. An jedes Ohr hängen sie deren sogar zwei bis drei. Verschwendungssucht und üble Sitten haben auch für dergleichen Schmuck eigene Namen erfunden; denn man nennt solche Ohrgehänge Klappern (crotalia), weil sie ein für die Eitelkeit ganz liebliches Geklapper hervorbringen. Selbst die Ärmeren wollen jetzt solchen Schmuck, und ihre Frauen möchten auch auf der Straße ihre Anwesenheit durch Perlengeklapper anzeigen. Ja sie zieren sogar ihre Füße damit, und zwar nicht bloß die Schuhbänder, sondern die ganzen Schuhe. Es ist ihnen nicht genug, Perlen zu tragen; sie wollen sogar auf Perlen gehen und sie mit Füßen treten.

Daß die Perlen eine dichte Masse bilden, sieht man daraus, daß sie beim Fallen nicht zerbrechen. Nicht immer findet man sie mitten im Fleische der Muschel, sondern bald hier, bald dort; ja, ich habe welche schon ganz am Rande gesehen, als ob sie herausfallen wollten, und in manchen Muscheln 4-5. Bis jetzt hat man nur sehr wenige gefunden, die um ein Skrupel schwerer gewesen wären als zwei Lot (=35 g). Auch in Britannien müssen Perlen, jedoch kleine und nicht sonderlich schöngefärbte, wachsen, weil Julius Cäsar den Brustharnisch, den er der Venus weihte, für eine aus britannischen Perlen gemachte Seltenheit ausgab. (Es sind dies, wie wir alsbald sehen werden, von der europäischen Flußperlmuschel gewonnene Perlen.)

Ich habe die Gemahlin des Kaisers Gajus (Caligula, dritter römischer Kaiser 37-41 n. Chr.), Lollia Paulina, gesehen, wie sie bei einem ganz gewöhnlichen Verlobungsschmause, wobei keineswegs ein großer Aufwand an Pracht verlangt wurde, mit Smaragden und Perlen bedeckt war, die in wechselnden Reihen schimmerten. Am ganzen Kopfe, auf den Haaren, der Kopfbinde, den Ohren, dem Halse, dem Halsbande, den Fingern befanden sich so viel, daß sich der Wert derselben auf 40 Millionen Sesterzien (= 6 Millionen Mark) belief, was sie selbst aus ihren Quittungen zu beweisen bereit war. Diese Herrlichkeiten waren nicht einmal Geschenke des verschwenderischen Kaisers, sondern ererbte, durch Plünderung der Provinzen zusammengescharrte Reichtümer. Das ist der Erfolg von Räubereien und Geschenken, die Marcus Lollius schändlicherweise im ganzen Orient von den Königen erpreßte, weswegen ihm Gajus Cäsar, der Sohn des Augustus, die Freundschaft aufsagte, so daß er sich in der Verzweiflung vergiftete. Das also hat er durch sein Leben und durch seinen Tod erlangt, daß seine Enkelin mit einem 40 Millionen kostenden Schmucke beim Scheine der Lichter glänzen konnte.

Nun wollen wir einmal den Schmuck des Curius und Fabricius (sehr einfach lebender Römer der guten, alten Zeit) bei Triumphzügen und ihre (sehr bescheidenen) Mahlzeiten einerseits und die schmausende Lollia andererseits vergleichen. Wäre es nicht besser gewesen, sie wären von ihren Triumphwagen hinuntergeworfen worden, als daß sie für solche Nachkommen gesiegt hätten? -- Doch das ist nicht einmal das ärgste Beispiel der Verschwendung. Die zwei größten Perlen, die man seit Menschengedenken gefunden hat, besaß Kleopatra, die letzte ägyptische Königin; sie hatte sie von orientalischen Königen geerbt. Als sie nun täglich von Antonius mit den ausgesuchtesten Leckerbissen gemästet wurde, spottete sie doch stolz, frech und übermütig über alle seine Herrlichkeiten, und als er fragte, wie er denn noch kostbarere Sachen herbeischaffen könne, gab sie die Antwort, sie wolle bei einer einzigen Mahlzeit 10 Millionen Sesterzien (= 1½ Millionen Mark) vertun. Antonius hielt die Sache für unmöglich, war aber doch begierig, zu erfahren, was sie tun würde. Es kam zur Wette. Am folgenden Tag, dem Tage der Entscheidung, gab Kleopatra, um den Tag nicht ungenossen vorübergehen zu lassen, ein glänzendes, übrigens ganz alltägliches Mahl, und Antonius machte sich darüber lustig und fragte nach der Rechnung. Das ist nur eine kleine Zugabe, antwortete Kleopatra; die Mahlzeit wird den bestimmten Preis kosten, und ich selbst will allein die 10 Millionen verschlucken. Sie befahl nun, den Nachtisch zu bringen. Auf Befehl stellten die Diener nichts vor sie hin als eine Schale mit Essig, dessen Säure die Perlen auflöst. Sie trug jenes herrliche und wahrhaft einzige Geschenk der Natur als Ohrschmuck. Während nun Antonius voller Erwartung dasaß, nahm sie die eine Perle vom Ohr, warf sie in den Essig, und trank sie, nachdem sie sich aufgelöst hatte (was allerdings nur sehr langsam vor sich gegangen sein wird). Eben war sie im Begriff, mit der andern Perle (dem Ohrgehäng der andern Seite) ebenso zu verfahren, als Lucius Plancus, der Schiedsrichter bei dieser Wette, ihre Hand zurückhielt und den Antonius für besiegt erklärte. Die damals gerettete Perle hat sich später ebenfalls einen Namen gemacht; denn sie wurde nach der Gefangennahme der Kleopatra in zwei Teile zerschnitten, deren jeder ein Ohr der Venus (der angeblichen Ahnfrau des julischen Geschlechtes) im Pantheon zu Rom geziert.

Doch Antonius und Kleopatra brauchen mit ihrer Verschwendung nicht so gar groß zu tun; denn sie können sich darin kaum mit einem Schauspieler messen. Dieser war Clodius, der Sohn des Tragikers Äsop und Erbe seiner unermeßlichen Reichtümer. Dieser Clodius nahm noch vor der Zeit des Antonius Perlen von großem Werte, löste sie auf und trank sie, nicht, um in einer Wette zu siegen, sondern nur um zu wissen, wie sie schmecken. Und wie sie ihm nun herrlich mundeten, gab er auch jedem seiner Gäste eine zu verschlucken.“

Diese Sucht nach Perlengeschmeide, die Plinius an den Römerinnen seiner Zeit (nach der Mitte des 1. Jahrh. n. Chr.) rügt, so daß sie diese Zier nicht nur in den Ohren, sondern auch als Halsschmuck in 1-3 Reihen und danach in Anlehnung an die betreffenden griechischen Bezeichnungen als Mono-, Di- und Trilinum bezeichnet, dann sogar an den Schuhen trugen, war durch Beeinflussung der Orientalen zuerst bei den alexandrinischen Griechen aufgekommen und wurde bei den reichen Römern erst nach den asiatischen Feldzügen des Pompejus Mode. Erst in der späteren Kaiserzeit, wie auch bei den Byzantinern, wurde ein übermäßiger Luxus damit getrieben, wie dies die morgenländischen Herrscher, speziell die persischen und indischen, das ganze Mittelalter hindurch bis in die Gegenwart taten, indem sie nicht nur die Kopfbedeckung und die ganze Gewandung, sondern auch ihre Waffen und übrigen Gebrauchsgegenstände mit Perlen wie auch Edelsteinen überzogen. Manche römische Kaiser suchten allerdings dem Perlenluxus entgegenzutreten. So der sittenstrenge Alexander Severus, von dem uns sein Biograph Älius Lampridius folgende Geschichte berichtet: „Dem Kaiser Alexander Severus brachte einstmals ein Gesandter für seine Gemahlin zwei ausgezeichnet große und schwere Perlen zum Geschenk. Der Kaiser bot sie zum Verkauf aus, und da sich kein Käufer dafür fand, so ließ er sie in die Ohren der Venus (auf dem Kapitol) hängen und sagte: ‚Trüge die Kaiserin solche Perlen, so würde sie andern Damen ein böses Beispiel geben, indem sie Schmuck von so hohem Werte trüge, daß niemand ihn bezahlen könnte.‘“

Der um 180 n. Chr. lebende griechische Sophist Claudius Älianus aus Präneste erzählt uns mancherlei von der, wie er sich ausdrückt, „von unverständigen Männern gepriesenen und von den Weibern bewunderten Perle“ und fügt hinzu, daß durch den Perlenhandel gar manche Leute reich geworden seien. Er nennt als Herkunftsort der besten Perlen das Rote Meer und die Küste zwischen Ceylon und Indien. Dort würden die Perlmuscheln, in denen die Perlen dadurch entstehen sollten, daß ein Blitz in die geöffneten Muscheln leuchte, an heitern Tagen bei ruhigem Meere mit großen Netzen gefischt. Sie schwämmen herdenweise umher und hätten Führer, wie die Bienen ihre Könige haben. „Diese Führer sollen sich durch Farbe und Größe auszeichnen. Ist nun ein solcher gefangen, so fällt die ganze verwaiste Herde in die Hände des Tauchers; deswegen sind letztere auf den Fang des Führers sehr erpicht. Solange der Führer noch lebt, weiß er die Herde mit klugen Schwenkungen zu lenken und zu retten; ist er aber verloren, so rührt sich die Herde nicht vom Fleck, wie eine Schafherde, die ihren Hirten verloren hat. Die gefangenen Muscheln werden, wie man sagt, in Fässern eingesalzen; wenn dann das Fleisch verzehrt ist, bleiben die Perlen zurück. Man kann in den größten Muscheln kleine Perlen finden und in den kleinen große. Manche Muschel hat gar keine, manche nur eine; in vielen aber sind sie zahlreich. Ja, man sagt, es können in einer Muschel 20 Perlen sein. Die Perle wächst im Fleische der Muschel wie ein Dorn; öffnet also jemand die Muschel, ehe sich Perlen in ihr erzeugt haben, so findet er keine. Es ist auch bekannt, daß Perlmuscheln, denen man die Perlen genommen hatte und die man wieder freiließ, neue erzeugten, als wüßten sie, daß sie sich mit diesem Schatze loskaufen könnten. Die Perle gleicht einem Steine und enthält in sich nicht die geringste Feuchtigkeit. Sie ist von Natur glatt und rund. Will jemand eine Perle, deren Gestalt ihm mißfällt, durch Kunst abändern, so gelingt dies nicht; sie wird rauh und verrät dadurch den Betrug. Die ganz weißen und großen gelten für die vollkommensten.“

Bis auf den heutigen Tag hat sich die Perle in der ganzen Kulturwelt ihre Schätzung als Schmuckstein erhalten. Besonders Halsgeschmeide von großen, gleichmäßig runden Stücken sind auch zu unserer Zeit sehr beliebt. Berühmt ist der Perlenschmuck verschiedener europäischer Höfe, auch derjenige der deutschen Kaiserin, die eine besondere Vorliebe für Perlen hat. Manche dieser Geschmeide sind berühmt und haben ihre Geschichte wie einzelne hervorragende Diamanten.

Das zunehmende Seltnerwerden der wertvollen Perlmuschel gab Veranlassung, sie künstlich in abgeschlossenen Meeresbecken zu züchten und ihr Fremdkörper unter den Mantelraum zu schieben, damit sie Perlen daraus bilde. Die Erfolge sind nun auch ganz günstig. Schon lange vor den Europäern haben die Chinesen sich mit der künstlichen Erzeugung von Perlen und dem Überziehen von allerlei kleinen Figürchen mit einem Perlmutterüberzug durch Schieben von Vorlagen zwischen Schale und Mantel der bei ihnen heimischen Flußperlmuschel erfolgreich bemüht. Auch bei uns stammt ein Teil der Perlen von der durch dicke Schalen ausgezeichneten ~Flußperlmuschel~ (Margaritana margaritifera). Sie lebt auf sandigem bis steinigem Boden klarer Gebirgsbäche der nördlichen Hälfte Europas vom Böhmerwald, Fichtel- und Erzgebirge an bis ans Eismeer, von den Flüssen des Ural bis zur Westküste Irlands, und in den reißenden Bächen der Pyrenäen. Von solchen Muscheln Britanniens brachte Julius Cäsar, wie wir hörten, einen Perlenschmuck mit nach Rom, also muß die Ausbeutung der Perlen in denselben von den Kelten schon vor Ankunft der Römer praktiziert worden sein. Die deutschen Perlen werden in der Literatur zuerst 1514 erwähnt. Gegenwärtig werden diese Flußperlen hauptsächlich im sächsischen Vogtland und im Amtsbezirk Vilshofen in Niederbayern von Unternehmern, die das Regal von der Regierung in Pacht genommen haben, ausgebeutet, noch mehr aber in der Moldau zwischen Rosenberg und Moldautein. Hier werden jährlich für 8000 bis 12000 Gulden Perlen gefischt, die als böhmische Perlen in den Handel gelangen. Bei diesem Perlenfang werden die lebenden Muscheln sorgfältig geöffnet und, wenn sie keine Perlen enthalten, wieder möglichst unverletzt ins Wasser zurückversetzt. Stellenweise rechnet man auf 100 Muscheln eine Perle, zuweilen findet man auch bedeutend mehr, doch meist nur kleine von geringem Wert. Äußere Unebenheiten und Unregelmäßigkeiten an der Schale geben einige Hoffnung, eine Perle zu finden. Im allgemeinen ist der Ertrag nur ein geringer, da die Flußperlen in der Regel weniger schönen Glanz haben als die orientalischen, doch gibt es einzelne glänzende Ausnahmen; solche findet man z. B. im Grünen Gewölbe in Dresden.

Auch in der Mandschurei und in China gibt es Flußmuscheln, welche glänzende Perlen liefern. Die chinesischen werden schon in der Geschichte eines der frühesten Kaiser, namens Yü, angeblich aus dem 22. Jahrhundert v. Chr., erwähnt. Schon seit vielen Jahrhunderten sind in verschiedenen Gegenden der Provinz Tschekiang hunderte von Familien damit beschäftigt, systematisch Perlen und perlartigen Schmuck von den dort einheimischen Flußperlmuscheln zu gewinnen. Diese, die Anodonta plicata, werden in großen Mengen gesammelt und die größten Exemplare davon ausgesucht, um ihnen Körner oder Matrizen aus der Schale der echten Meerperlmuschel oder aus Blei -- letztere stellen meist kleine Figürchen von Buddha in sitzender Stellung dar -- reihenweise unter den Mantelüberzug beider Schalen zu schieben. Durch diese Fremdkörper gepeinigt, drückt sich das Tier krampfhaft an die Schalen, und dadurch bleiben die Formen auf ihrem Platze. Hierauf legt man die Muscheln eine nach der andern in 10-15 cm Abstand in Kanäle oder Teiche in einer Tiefe von 0,7-1,7 m unter Wasser, zuweilen 50000 Stück. Nach 10 Monaten bis 3 Jahren werden sie wieder aufgefischt und die betreffenden Gegenstände, die sich inzwischen mit einer ausgiebigen Perlmutterschicht überdeckt haben, herausgenommen, um sie zu einem billigen Preise in den Handel zu bringen. Sie werden von den Juwelieren zu Schmuck der verschiedensten Art verarbeitet und sind durch ganz China sehr verbreitet.

Auch in den Flüssen Nordamerikas gibt es Perlmuscheln, deren Perlen von den Eingeborenen lange vor der ersten Ankunft der Europäer gesammelt und als Schmuck getragen wurden. Solche fand Fernando Soto 1539 bei seinen Zügen durch das heutige Florida, Georgia und Alabama im Besitze der Eingeborenen und an ihren Kultstätten angehäuft. Weiße Perlen liefern die Flußmuscheln Unio rectus und U. complanatus, gelbe dagegen U. dromas. Außerdem gibt es auch fleischfarbene, rote, purpurne und schwarze Flußperlen; himmelblaue aber sind seltene Ausnahmen. Eine solche brachte in London 13200 Mark ein. Bereits im vorigen Abschnitte wurde erwähnt, daß künstliche Perlen, die wie die Nachahmungen von Edelsteinen sehr häufig getragen werden, aus hohlen Glaskugeln gemacht werden, deren Innenwand mit einer aus den Schuppen des ~Uklei~ (Alburnus lucidus), eines unseres gemeinsten Süßwasserfisches aus der Sippe der Weißfische, bereiteten Masse ausgekleidet wird.

Übrigens sei hier bemerkt, daß es auch Perlen pflanzlicher Abstammung gibt, die von den Malaien, die sie als mestica bezeichnen, von alters her als wertvolle Amulette an einer Halsschnur oder am Waffengehänge getragen werden. Sie kommen im Holz der Kokospalme und der Kasuarinenbäume, ferner in den Früchten der Brotfrucht und Arekapalme vor. Die betreffenden, im Zellgewebe entstandenen Perlen sind rund bis länglich und erreichen in seltenen Fällen die Größe eines kleinen Taubeneies. Die meisten von ihnen sind weiß gefärbt, ohne jedoch den Glanz der echten Perlen aus der Perlmuschel zu besitzen. An einer Seite besitzen sehr viele derselben eine kleine leuchtende Zone, ein „Sönnchen“, wie es der deutsche Gelehrte in holländischen Diensten, Rumphius, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Tier- und Pflanzenwelt Indonesiens erforschte, sinnig nennt. Manche Pflanzenperlen sind mehr gelblich oder bräunlich, ja bis schwärzlich. Alle Mesticas funkeln im Dunkeln, wenn man sie, wie beim bekannten Feuerschlagen, mit einem harten Steine zusammenschlägt. Es sind dies Konkrementbildungen aus fast reiner Kieselsäure.

Weiterhin haben wir von den Menschen nützlichen Weichtieren die ~Holothurien~ oder ~Seegurken~ zu nennen, die bei den als Feinschmecker berühmten Chinesen wie die eßbaren Vogelnester der Salangane als sehr gesuchte Leckerbissen teuer bezahlt werden. In den malaiischen Meeren beschäftigen sich Tausende von Fahrzeugen ausschließlich mit dem Fang der Seegurken, die, auf die verschiedenste Weise zubereitet, unter dem Namen ~Trepang~ (franz. biche de mer) nach China ausgeführt werden. Es sind dies wurmartig verlängerte Stachelhäuter mit einer bis auf kleine Reste zurückgebildeten Verkalkung der Außenschicht. Sie benutzen zur Fortbewegung nur drei Füßchenreihen wie die ~eßbare Seegurke~ (Holothuria edulis), haben vom Wassergefäßsystem der Seeigel nur die Fühler bewahrt und sind Zwitter. Die Geschlechtsdrüsen liegen nicht radiär wie bei den übrigen Stachelhäutern, sondern sind als lange Schläuche nur in einem der fünf Interradialräume vorhanden. Sie leben im sandigen Schlamm des Meergrundes, wo sie von allerlei tierischer und vegetabilischer Nahrung leben, die sie sich mit Hilfe ihrer Fühler zum Munde führen.

Die Zahl der Seegurkenarten, die im Handel unterschieden werden, ist eine ziemlich große, und ihre Namen wechseln je nach der Mundart der chinesischen Stadt, wohin sie ausgeführt werden. Sie werden von den Eingeborenen der Molukken, Philippinen, Neuguineas, ganz besonders aber der Inseln des Stillen Ozeans in großen Mengen erbeutet und für den Verkauf an die Händler präpariert, indem man sie zuerst in Meerwasser kocht und dann auf hölzernen Gestellen an der Sonne trocknet. Dabei schrumpfen sie gewaltig ein. In der Folge werden sie zur vollständigen Auslaugung des Meerwassers noch einige Male in etwas Süßwasser gedünstet und in großen, eigens dazu erbauten Schuppen an rauchenden Feuern getrocknet. Erst kurze Zeit vor der Verladung in die Schiffe werden sie, in Säcke verpackt, an die Händler verkauft, die in kleinen Küstenfahrzeugen von selten mehr als 100-120 Tonnen Gehalt die Ansiedelungen der Eingeborenen anlaufen, um von diesen den Trepang gegen allerlei Tauschartikel einzuhandeln. Wollen die Chinesen sie verspeisen, so reinigen sie den Trepang gründlich und lassen ihn 24-38 Stunden im Süßwasser aufquellen, wobei er eine schmutziggraue Farbe annimmt. Nach mehrmaligem Waschen und sorgfältiger Entfernung der Eingeweide werden sie in kleine Stückchen geschnitten und in starkgewürzten Suppen oder mit verschiedenen anderen Speisen gegessen. Sie erscheinen dann als milchig aussehende Gallertklumpen und sind sehr leicht verdaulich. Sie sollen reizend auf die Genitalsphäre wirken, weshalb sie von den sinnlich veranlagten Chinesen so überaus geschätzt werden.

Auch von den an den Meeresküsten verbreiteten ~Seeigeln~, so in den Mittelmeergegenden von dem überall gemeinen ~Steinseeigel~ (Echinus saxatilis), werden wenigstens die Geschlechtsdrüsen als leckere Speise gern gegessen. Besonders schmackhaft sollen die fünf gelben traubenförmigen Eierstöcke der Weibchen sein. Von ihnen sollen allein in Marseille 100000 Dutzend auf den Markt gebracht und das Dutzend zu 20-60 Centimes verkauft werden. Schon die alten Griechen und Römer aßen die Seeigeleierstöcke gern und man fand Schalenreste des ~eßbaren Seeigels~ (Echinus esculentus) in Küchen des einst vom Vesuv verschütteten Pompeji. Diese Art erwähnt schon Aristoteles unter dem Namen echínos als eßbar und sagt, daß man von ihr die großen sogenannten Eier genieße. Älian um 180 n. Chr. meint: „Der Seeigel bietet eine vorzüglich gesunde Speise und stärkt den geschwächten Magen. Bestreicht man Leute, welche an Krätze leiden, mit ihm, so werden sie geheilt; samt der Schale verbrannt, dient er zum Reinigen der Wunden.“ Und Palladius um 380 n. Chr. sagt: „Den ganzen Winter hindurch wird das Fleisch der Seeigel eingesalzen.“

Endlich haben wir noch die für den Menschen nützlichen Korallen und Schwämme kurz zu erwähnen. Von ersteren kommt nur die ~Edelkoralle~ (Corallium rubrum) in Betracht, deren Vorkommen auf das Mittelmeer und das Adriatische Meer nördlich bis Sebeniko, die Nordwestküste von Afrika und die Küsten der Kapverdischen Inseln beschränkt ist. Sie lebt in Tiefen von 40-240 m, meistens aber in solchen von 80-180 und ist gewöhnlich in abwärts gerichteter Stellung an Felsen, namentlich an der Unterseite überhängender Vorsprünge festgewachsen. Die mehr oder weniger verzweigten, bis zu 30 cm langen Stöcke besitzen ein rotes, rosenfarbenes bis fast weißes Kalkskelett, in dessen roter bis orangefarbiger Rinde die kleinen weißen, völlig in die Rinde zurückziehbaren Einzelindividuen oder Polypen stecken. Die Stöcke tragen meist entweder nur männliche oder nur weibliche, bloß ganz ausnahmsweise zwitterige Individuen. Ihre wichtigsten Standorte liegen an der Küste von Algerien und Tunis, bei den Balearen, bei Sardinien und Sizilien, wobei besonders von Torre del Greco bei Neapel aus alljährlich hunderte von Barken zu dem mühseligen Betrieb der Korallenfischerei hinausfahren. Die Fahrzeuge variieren von 6-12 Tonnen Gehalt und 4-12 Mann Besatzung; danach richtet sich auch die Größe und Schwere des Gestells und Netzes, womit die Korallen vom felsigen Grunde, an dem sie fest angewachsen sind, abgelöst werden. Dieses besteht aus zwei übers Kreuz gelegten und stark verfestigten, bis 3 m langen Balken, die an der Kreuzungsstelle mit einem großen Steine oder besser noch mit einem Eisen beschwert werden. Daran hängen 34-38 Bündel grobmaschiger Netze in Form von Beuteln oder Wischern, wie sie auf Schiffen zum Reinigen des Bodens gebraucht werden. Dieser an einem starken Seile befestigte Apparat wird nun vor dem Winde geschleppt und je nach der Größe von Hand oder mit einer auf dem Hinterteil des Fahrzeugs befindlichen Winde heraufgezogen und auf den Grund gelassen. Da die Edelkorallen nur auf sehr unebenem Felsboden, am liebsten unter Vorsprüngen, unter welche die Arme des Kreuzes eindringen sollen, wachsen, so gehört das Festsitzen des Schleppapparates zu den täglichen und stündlichen Vorkommnissen und das fortwährende Flottmachen desselben zu den anstrengendsten und aufreibendsten Arbeiten, zumal die Fischerei der Edelkoralle unausgesetzt während der heißen Jahreszeit betrieben wird.

Die von den vorzugsweise italienischen Korallenfischern erbeuteten, einen jährlichen Erlös von mehreren Millionen Franken darstellenden Korallen werden zunächst von der dünnen lebendigen Rinde gereinigt, nach der Farbe sortiert und namentlich in Neapel, Livorno und Genua, aber auch in Marseille zu allerlei Schmuck verarbeitet. Die von den Felsen abgerissenen, oft von Würmern und Schwämmen durchbohrten Basisstücke kosten 5-20 Franken das kg. Der Preis der guten Ware ohne solche Beschädigungen schwankt zwischen 45 und 70 Franken das kg. Für das kg ausgewählter dicker und besonders rosenrot gefärbter Stücke, die man als peau d’ange bezeichnet, werden 400, ja 500 und mehr Franken bezahlt. Die Stücke, welche entweder nur bis zu einer gewissen Tiefe oder durch und durch schwarz sind und als „schwarze Korallen“ gesondert zu 12-15 Franken das kg verkauft werden, kommen nicht etwa von einer besondern Art, sondern sind Edelkorallen, die einst abgerissen wurden, versanken und längere Zeit vom Schlamm bedeckt in der Tiefe lagen, wobei die rote Farbe durch einen chemischen Vorgang in eine schwarze verändert wurde. Im Indischen Ozean und im Roten Meer gibt es aber eine von Hause aus mit schwarzem Kalkskelett versehene Art Rindenkoralle. Es ist dies die ~schwarze Koralle~ (Plexaura antipathes). Sie hat einen dickwurzeligen, buschig verzweigten, schwarzen, nur an den dünnen Endreisern braunroten, bis zu 35 cm hohen, an der knolligen Wurzel 3 bis 5 cm dicken Stock mit graugelber Rinde, der im Orient zu allerlei Schmuckgegenständen verarbeitet, auch zu Amuletten als Schutz gegen Verzauberung getragen wird. Schon Plinius kannte beide Arten, glaubte aber irrtümlicherweise, daß die aus den Korallen gearbeiteten Perlen, die man schon damals an Schnüren aufgereiht als Schmuck trug, Früchte des am Meeresboden wachsenden Korallenstrauchs seien und erst an der Luft von Weiß in Rot übergingen. Daß die Koralle ein Tier und keine Pflanze sei, diese Erkenntnis blieb ja erst unserer Zeit vorbehalten. Wenn auch bereits im Jahre 1723 von Peyhsonel ihre tierische Natur erkannt wurde, so dauerte es doch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, bis diese Tatsache allgemein anerkannt wurde.

Der römische Dichter Ovid gibt uns die landläufige Ansicht des Altertums über diese Wesen in folgendem Ausspruche: „Die Koralle ist, solange sie im Wasser lebt, ein weiches Kraut, wird aber im Augenblicke hart, wie sie an die Luft kommt.“ Und Plinius schreibt über sie in seiner Naturgeschichte: „Die Korallen des Roten Meeres sind schwärzlich; die im Persischen Meer heißen jace. Die beliebtesten Sorten finden sich im Gallischen Meerbusen bei den Stöchadischen Inseln (jetzt Iles d’Hyières bei Marseille), im Sizilischen Meere bei den Äolischen Inseln (im Norden Siziliens) und bei Drepanum (dem heutigen Trapani, der bekannten Stadt an der Westküste Siziliens); sie kommen auch bei Graviscä (an der etrurischen Küste) und an der Küste Kampaniens bei Neapel vor. Die von Erythräa (einer Stadt Kleinasiens gegenüber der Insel Chios) sind vorzüglich rot, aber weich und daher wertlos. Die Korallen haben die Gestalt eines Strauches und eine grüne Farbe. Ihre Beeren sind unter dem Wasser schneeweiß und weich; herausgenommen werden sie sofort hart und rot und gleichen an Ansehen und Größe den Früchten des Kornelkirschbaums. Schon durch bloße Berührung sollen sie, wenn sie noch frisch am Stamme hängen, zu Stein werden. Man fischt die Korallen mit Netzen oder haut sie mit einem scharfen eisernen Werkzeug ab. Am liebsten hat man die vollkommen roten und recht ästigen Korallenstämme, nur dürfen sie nicht rauh oder mit Wurmgängen besetzt oder hohl sein oder vertiefte Stellen haben. In Indien werden die Korallenbeeren so hoch geschätzt wie bei uns die Perlen; ihre Priester halten sie, wenn sie getragen werden, für ein Schutzmittel gegen Gefahren. Sie werden dort demnach als Schmuck und Amulett zugleich getragen. Ehe man sie nach Indien zu verkaufen wußte, schmückten die Gallier (Kelten) ihre Schwerter, Schilde und Helme damit. Jetzt aber ist solcher Mangel an verkäuflichen Korallen, daß man sie selbst da, wo sie gefunden werden, nur selten sieht. Man hängt übrigens die kleinen Zweige den Kindern als Schutzmittel an, braucht sie auch innerlich und äußerlich als Arznei.“ Jedenfalls sind die Korallenhalsbänder unserer Kinder und Erwachsenen aus Amuletten hervorgegangen, wie sie noch die gebildeten, aber sehr abergläubischen Römer trugen. Noch Solinus schreibt: „Man arbeitet aus Korallen mancherlei Schmuck; denn sie enthalten, wie Zoroastres (der Gesetzgeber im medisch-baktrischen Reich, der Verfasser des Zend-Avesta) sagt, eine heilsame Kraft. Gewöhnlich nennt man sie curalium, Metrodoros (ein Schüler des athenischen Philosophen Epikur, der von 342-270 v. Chr. lebte) nennt sie gorgonia und behauptet, sie widerständen den Wirbelwinden und Blitzen.“ Noch viel üppiger als im Altertum schossen im Mittelalter solche abergläubische Ansichten über die Korallen ins Kraut; doch können wir hier nicht näher darauf eingehen. Wenden wir uns vielmehr zu den Schwämmen.

Bei den Schwämmen, deren tierische Natur noch schwerer als bei den Korallen nachzuweisen war, kommt als schon im Altertum wie heute verwendetes Nutztier des Menschen einzig der allbekannte ~Badeschwamm~ (Spongia usitatissima) in Betracht. Das Netzwerk von elastischen Hornfasern, das wir als Schwamm benutzen, ist ja nur das skelettartige Gerüst, das übrigbleibt, wenn man den frisch aus dem Meere genommenen, wie die Koralle mit einem lebenden Überzuge versehenen Schwamm so lange knetet und drückt, bis er von den die Maschen ausfüllenden und die Poren und Auswurfsöffnungen bekleidenden weichen Zellen befreit ist. Solche Hornschwämme finden sich in der kalten Zone gar nicht. Auch in der nördlichen Hälfte der gemäßigten Zone trifft man sie nur vereinzelt und verkümmert; dagegen ist schon das Mittel- und Adriatische Meer reich an verschiedenen Sorten, von den feinsten bis zu den gröbsten Schwämmen. Eine Einteilung derselben in gute Arten ist sehr schwer. Die Schwammhändler nehmen nach der gröberen oder feineren Beschaffenheit des elastischen Netzwerks 16 Sorten nutzbarer Schwämme an, die von verschiedenen Gegenden des Mittelmeers stammen.

Die durch ganz besondere Weichheit und häufige Becherform ausgezeichnete, schön blaßgelbe Sorte des Badeschwamms wird an der syrischen Küste erbeutet. Fünf andere Sorten der sog. éponge fine werden im östlichen Teile des Mittelmeers, bei Tripolis und an der Ostküste des Adriatischen Meeres in Tiefen von 2-180 m gefischt. Sie sind etwas dunkler gelb und weniger fein als die erstgenannte Sorte. Noch dunkler, nämlich dunkelbraungelb, und gröber in der Textur ist der mehr flache und dichtere Zimokkaschwamm, der im Griechischen Inselmeer, an der Küste der Berberei und in der Adria gewonnen wird. Er wird im Handel als éponge dure bezeichnet. Die éponge commune des Handels, die geringste Schwammsorte, ist der einer andern Gattung angehörende ~gemeine Pferdeschwamm~ (Hippospongia equina), der meist brotlaibförmig ist und besonders von der afrikanischen Mittelmeerküste kommt.

Im Griechischen Meere und an der Küste Syriens gewinnt man die Schwämme aus einer Tiefe von 20-50 m durch Taucher, deren gewöhnlich vier außer dem Gehilfen in einem Boote sind. An einem Seile, das der Taucher in einer Hand hält, wird er, sobald er ein Zeichen gegeben hat, schnell mit seiner in einem Netze geborgenen Beute zur Oberfläche des Wassers emporgezogen. An der istrischen und dalmatinischen Küste werden die oberflächlicher liegenden Schwämme nicht durch Taucher, sondern von einem langsam fahrenden Boote aus mit einer langen vierzinkigen Gabel, wie wir sie auf alten Bildwerken als Wahrzeichen des Meergottes Neptun erblicken, vom Grunde heraufgeholt. In den starken Barken, die während der guten Jahreszeit die zerrissene und inselreiche Küste absuchen, befinden sich in der Regel nur zwei Mann. Am Vorderdeck, der einen viereckigen Ausschnitt hat, stellt sich der die Gabel führende Mann auf, um, über Bord gebeugt, den Oberkörper sicher balancieren zu können. Der zweite Mann führt die Ruder, deren Stützpunkte auf einem die Bordseite überragenden Balken liegen, wodurch die notwendigen feinen Bewegungen des Bootes leichter und sicherer werden. Während er nun das Boot hart am Felsenufer über einem Grunde von 4-13 m Tiefe langsam dahintreibt, späht jener scharfen Auges nach den durch ihre schwarze Farbe sich verratenden Schwämmen. Am günstigsten ist natürlich der Fang bei völliger Windstille, da dann die Schwämme am besten gesehen werden können. Bei mäßig bewegtem Meer wird die Oberfläche des Wassers mit Öl geglättet. Zu diesem Zwecke liegt stets auf der Spitze des Bootes ein Haufen glatter Kiesel und daneben steht ein Gefäß mit Öl. Will nun der Schwammfischer die unruhige Meeresoberfläche glätten, so taucht er einige der Steine mit der Spitze in das Öl, meist Olivenöl, und wirft sie einzeln in einem Halbkreise um sich. Alsbald breitet sich von den getroffenen Stellen eine feine Ölschicht aus, die die kleinen Wellen besänftigt, so daß das Auge nicht mehr durch die sich kreuzenden Brechungen und Spiegelungen geblendet und im Sehen gestört wird. Der Schwammfischer muß aber die Schwämme nicht bloß mit den Augen erspähen; da sie am liebsten unter Felsenvorsprüngen gedeckt wachsen, muß er mit seiner 7-14 m langen Gabel zwischen und wenn möglich unter die Felsen tasten und sie nach dem Aufspießen durch Drehen der Gabel von der Unterlage loszulösen versuchen. Kehren die Boote mit Beute beladen zurück, so werden die Schwämme am Ufer so lange getreten, dann mit den Händen geknetet und ausgedrückt und wiederholt gewaschen, bis die schwarze Oberhaut und alle zwischen den Hornfasern gelegene lebende Substanz abgegangen ist. Bevor sie in Gebrauch genommen werden können, müssen sie dann nochmals in lauem süßem Wasser gereinigt werden. Der Sand, den man stets in den gekauften Schwämmen findet und den man vor deren Ingebrauchnahme zu entfernen hat, wird erst nachträglich zu betrügerischen Manipulationen von den Händlern hineingetan, da die Schwämme nach Gewicht verkauft werden. Zu diesem Zwecke werden die ganz rein aufgekauften Schwämme in den Magazinen der Großhändler mit Sand durcheinandergeschaufelt, um sie künstlich zu beschweren und so mehr daraus zu lösen. Ganz so wie diese weniger feinen adriatischen Badeschwämme werden übrigens auch die feinen syrischen und griechischen Schwämme von den dortigen Fischern behandelt.

Es leuchtet ein, daß bei der in der oben geschilderten Weise betriebenen Schwammfischerei der Fang immer weniger ergiebig wird. Es ist daher ein großes Verdienst von Prof. Oskar Schmidt, daß er bei seinen von 1863-1872 zur Hebung der Schwammfischerei an der Küste Dalmatiens angestellten Studien dazu kam, die Schwämme künstlich zu züchten. Bei der ungemein großen Regenerationsfähigkeit dieser Tiere war das Verfahren ein sehr einfaches. Er zerschnitt den frischen Badeschwamm in kleinere Stücke und befestigte diese auf hölzerne Gestelle, die er an geschützten Orten ins Meer versenkte. Er hatte die Freude, daß die Anlagen gut gediehen und die Schwämme vortrefflich wuchsen. Leider scheiterte der Versuch trotzdem, da einmal unzählige Pfahlwürmer das Holzwerk der Anlage zerstörten, andererseits aber die Küstenbewohner und Schwammfischer selbst sich nicht nur vollkommen gleichgültig gegen die Neuerung, die ihnen doch nur Nutzen bringen sollte, verhielten, sondern sogar die Anlagen zu zerstören suchten. So scheiterte in diesem Falle wie so oft das redlichste und Erfolg versprechende Unternehmen an der Beschränktheit und Indolenz der Menschen, die schließlich, wenn ihre Schwammgründe bei ihrer unsinnigen Methode abgefischt sein werden, was in absehbarer Zeit der Fall sein wird, doch zu der Neuerung der künstlichen Schwammzucht gezwungen sein werden; denn trotz der außerordentlichen Vermehrung des Badeschwammes werden die Schwämme immer seltener, da die unvernünftigen Fischer schon im Frühjahr, wenn der Schwamm mit jungen, bald ausschwärmenden Larven angefüllt ist, Schwämme stechen und auf diese Weise ungezählte Millionen junger Tiere vernichten. Vielleicht wird man aber in späterer Zukunft sich mit künstlichen Schwämmen aus porösem Gummi behelfen und so nach und nach das natürliche Produkt entbehren können.

Neuerdings hat der Lyoner Physiologieprofessor Raphaël Dubois durch seine vieljährigen Versuche in Tamaris der künstlichen Aufzucht von Badeschwämmen neue Wege gewiesen. Da er mit dem Wachstum in kleine Stücke geschnittener Schwämme, die er auf allerlei Gegenständen mit einer Schnur befestigte und, vor zu greller Sonne geschützt, in 2-3 m Tiefe heranwachsen ließ, keine besonders günstigen Resultate erzielte, begann er mit der Aufzucht der in großer Menge von den Mutterschwämmen gewonnenen Larven, die von sehr gutem Erfolg war und für die systematische Aufzucht besonders feiner Schwammarten große Vorteile bietet, so daß wohl diesem Verfahren die Zukunft gehört. Damit dürfte es nicht schwer fallen, die durch vieljährigen Fang von Schwämmen entvölkerten Küsten wieder mit neuem gutem Material zu bevölkern.

Schon das Altertum kannte die heute bei uns übliche Verwendung des Badeschwammes bei den Mittelmeervölkern. Plinius berichtet uns, daß er durch Taucher gewonnen werde, die Taucher aber großen Gefahren, besonders von seiten der Haifische, ausgesetzt seien. Er schreibt darüber wörtlich: „Den Tauchern, welche Badeschwämme am Meeresgrunde holen, werden Haifische gefährlich, die sich oft in Menge einfinden. Die Taucher erzählen, es zeige sich oft über ihrem Kopfe eine wie ein flacher Fisch aussehende Wolke, welche sie niederdrücke und am Auftauchen hindere; deshalb führten sie spitze Dolche bei sich, weil die Wolke nicht Platz mache, wenn sie nicht durchstochen werde. Das alles mag wohl nur Wirkung der Dunkelheit und Furcht sein; aber jedenfalls setzt es mit den Haifischen einen harten Kampf ab und kann man sich nur dadurch retten, daß man mutig auf sie losgeht und sie auf diese Weise in Schrecken versetzt. In der Tiefe ist der Vorteil von beiden Seiten gleich; kommt aber der Taucher an die Oberfläche, so ist die Gefahr für ihn groß, weil er nun das Wasser verlassen will und daher dem Haifisch nicht mehr entgegengehen kann. In diesem Falle muß er sich ganz auf die Hilfe seiner Kameraden verlassen, welche ihn an einem unter den Armen hindurchgezogenen Seil aufwärtsziehen. Sobald der Kampf unter dem Wasser beginnt, schüttelt der Taucher mit der Linken am Seile und zeigt dadurch die Gefahr an, seine Rechte aber kämpft mit dem Dolche. Man zieht ihn nur langsam in die Höhe; sobald er aber dem Schiffe nahe ist, muß er schnell durch einen starken Ruck auf das Schiff geschleudert werden, sonst wird er doch noch verschlungen. Oft wird er vom Ungeheuer noch aus der Luft geschnappt, wenn er sich nicht in eine Kugel zusammenzieht. Aus dem Schiffe hält man zwar dem Haifisch dreizackige Gabeln entgegen, allein er weiß ihnen pfiffig genug auszuweichen, indem er sich unter dem Schiffe verbirgt und von da aus, ohne sich einer Gefahr auszusetzen, angreift. Am sichersten kann man übrigens da tauchen, wo man platte Fische sieht; denn wo diese sind, findet man niemals Raubtiere. Deshalb werden die ersteren heilige Fische genannt.“

Drei Menschenalter nach Plinius berichtet uns der griechische Sophist Oppian über die Schwammfischerei: „Am schlimmsten sind diejenigen Leute dran, die nach Badeschwämmen (spóngos) tauchen. Zu ihrem Geschäfte bereiten sie sich dadurch vor, daß sie wenig essen und trinken, wodurch der Atem freier wird, auch schlafen sie viel. Bevor sie ans Werk gehen, bitten sie die Götter, ihnen Schutz gegen gefährliche Seetiere zu verleihen. Sehen sie irgendwo den Kallichthys (d. h. Schönfisch), so sind sie frohen Mutes und wissen, das kein gefährliches Tier in der Nähe ist. Wollen sie tauchen, so haben sie ein Seil um den Leib, in der linken ein Bleigewicht, in der rechten eine Sichel, im Munde Öl. Das Blei bringt sie schnell auf den Grund, das Öl spucken sie aus, wo sie einen Schwamm sehen; denn Öl macht das Wasser durchsichtig. Die Schwämme sind an Felsen angewachsen. Der Taucher schneidet eiligst ab, was er erreichen kann, zuckt dann schnell am Seil, damit ihn die Kameraden wieder hinaufziehen. Kommt er glücklich an die Oberfläche, so ist er doch vor Angst und Anstrengung ganz elend; oft aber wird er in der Tiefe von den Ungeheuern verwundet oder ganz zerrissen.“ Daß alle Autoren so einstimmig über die großen Gefahren von seiten der Haie bei der Schwammfischerei berichten, beweist, daß diese Tiere im Altertum in den Mittelmeergegenden viel häufiger waren als heute, da man diesen gefährlichen Raubfischen mit allen Mitteln entgegentritt und sie so viel als möglich auszurotten sucht.

Hier könnten noch die ausschließlich das Meer an der Oberfläche oder in größeren Tiefen als Plankton lebenden einzelligen ~Radiolarien~ erwähnt werden, deren Kieselschalen als ~Kieselgur~ oder ~Infusorienerde~ als eine farblose oder gefärbte mehlartige Masse oft mächtige Lager bildet wie in der Lüneburger Heide, am Vogelsberg bei Franzensbad, in Ungarn, Toskana, Schweden, Finnland, Virginia usw. Sie dient zur Bereitung von Dynamit, indem das Nitroglyzerin damit getränkt wird, von Wasserglas, Ultramarin, von Tonwaren aller Art, Papiermaché, Siegellack, zum Kitten, als Formsand und Poliermittel, zur Umhüllung von Dampfkesseln und feuerfesten Schränken als schlechter Wärmeleiter statt Asbest usw. In Schweden und Finnland wird sie sogar dem Brote beigemischt. Bei vielen unkultivierten Völkern bildet sie als ~eßbare Erde~, rein oder mit andern Stoffen vermischt, eine nicht nur in Zeiten von Hungersnot, sondern auch sonst beliebte Speise. Es sei hier nur an die südamerikanischen Erdesser, die Otamaken, erinnert, über die Alexander von Humboldt in seinem Buche: Reise in die Äquinoktialgegenden des neuen Kontinents eingehend berichtet. Dort sind alle bis dahin bekannten Erde essenden Stämme zusammengestellt, so daß wir alle Interessenten darauf verweisen können. Zu dieser sind im Laufe des 19. Jahrhunderts noch zahlreiche neue hinzugekommen, so daß wir heute sagen können, daß diese Sitte fast über die ganze Erde verbreitet ist und eine größere Rolle spielt, als man bis dahin glaubte. Außer dem mageren Kieselgur werden auch die verschiedensten fetten Erden, besonders Tonarten, mit Behagen und ohne irgend welche Nachteile verspeist, vorausgesetzt, daß die Gesamternährung durch allzugroße Zufuhr dieses natürlich nicht nahrhaften Balastes nicht leidet.

XXII. Die Honigbiene.

Unter allen Insekten ist zweifellos die gemeine ~Honigbiene~ (Apis mellifica) das weitaus nützlichste und seit Urzeiten dem Menschen durch ihre süßen Vorräte von Honig dienstbar. Soweit überhaupt historische Urkunden zurückreichen, wissen wir, daß alle Völker von jeher den in hohlen Baumstämmen oder Felslöchern von wilden Bienenkolonien zusammengetragenen Honig aufsuchten und als äußerst geschätzte Speise oder -- mit Wasser verdünnt -- als überaus beliebtes Getränk genossen. Von den heute noch auf niedriger Kulturstufe lebenden Volksstämmen wissen wir, daß dem Naturmenschen der Begriff Honig den höchsten denkbaren Gaumengenuß bedeutet, den er sich so häufig als möglich zu verschaffen sucht. Alle Jägerstämme schauen auf ihren Streifereien durch die Natur mit Eifer nach etwaigen Kolonien wilder Bienen aus, und manche Stämme, wie z. B. die Australier, ergreifen gern reich mit Pollen zum Neste zurückkehrende Bienen, um ihnen mit Harz eine Flaumfeder anzukleben, so daß sie gerade noch wegfliegen können. Den so gezeichneten Bienen folgen sie raschen Laufes, bis sie den Bienenstock mit dem ersehnten Honigvorrat ausgekundschaftet haben. Dann wird derselbe ausgeplündert und der Honig, wohl weil er konzentriert zu süß ist und in größeren Mengen widersteht, mit Wasser in der Vertiefung eines Felsens verdünnt und ausgetrunken. Blieb irgendwo eine solche Honiglösung in Wasser in einem Gefäße stehen, so entstand von selbst durch die hineingefallenen allgegenwärtigen Hefepilze das älteste berauschende Getränk des Menschen, der Met, der bei allen Völkern der Vorläufer von Bier und Wein war, wie wir im 15. Abschnitte des ersten Bandes der Kulturgeschichte der Nutzpflanzen eingehend besprachen.

Wie dem Jäger ist auch dem Viehnomaden der Honig ein ersehntes Labsal, und als das Höchste, was Jahve seinem Volke, den Kindern Israels, auf ihrem vieljährigen Zuge durch die Wüste versprechen konnte, war ein Land, in welchem „Milch und Honig“ fließt. Das sollten sie im Lande Kanaan finden. Aber schon zur Zeit der großen Propheten Judas fanden die Nachkommen dieser Viehzüchter israelitischen Stammes, daß ein Land voll Honig ein Land der Unkultur sei. So war auch dem gebildeten Griechen, wie wir in Platons Schrift Kritias lesen, ein Land voll Honig ein Land der Wüste; denn vor der intensiveren Kultur durch den Menschen flüchten sich die wilden Bienen gern in Einöden zurück, wo sie ohne Beunruhigung durch jenen der unermüdlichen Arbeit zum Wohle ihres Gemeinwesens obliegen können.

Nach den Veden und den Gesetzen Manus war der zunächst immer noch von wilden Bienen gesammelte Honig bei den Indern nicht nur ein wertvolles Geschenk für die Menschen untereinander, sondern auch eine geschätzte Opfergabe für die Götter. Auf den Märkten des Landes bildete er einen begehrten Handelsartikel, von dem die Könige, die seit den ältesten Zeiten mit Honigwasser gesalbt wurden, den sechsten Teil als ihnen gebührende Abgabe beanspruchten. Auch bei den alten Babyloniern und Ägyptern fand der Honig als Tauschmittel, Opfergabe und Arznei ausgiebige Verwendung. In der späteren Zeit mögen hier überall die Bienen auch als Haustiere gehalten worden sein, indem man gelegentlich einen Schwarm der wilden Biene abfing und in einem hohlen Baum ansiedelte, um sich dann des von ihnen gesammelten Honigvorrats zu bemächtigen. Gleicherweise liebten die alten Juden den Honig als leckere Speise, doch verwandten sie ihn in der uns überlieferten Zeit nicht als Opfergabe. Der Prophet Hesekiel berichtet uns, das die Bewohner von Juda und Israel nebst Wein, Öl und Balsam auch Honig nach der alten phönikischen Handelsstadt Tyrus brachten. Aus dem Talmud erfahren wir, daß der Honig zu Geschenken beliebt war, um sich die Gunst jemands zu erwerben. Man benutzte ihn bei den Juden wie bei den zuvor genannten Völkern zur Verbesserung des Weines, zur Herstellung von heilenden Salben und Heiltränken. Damals (um 200 n. Chr.) wurden die Bienen jedenfalls schon gezüchtet; denn in der Mischna, dem ersten Teile des Talmuds, finden wir verschiedene Angaben über die Bienenwirtschaft und das Bienenrecht. Die Bienen wurden meist in aus Stroh oder Rohr geflochtenen Körben gehalten und die Völker bei der Entnahme des Honigs durch Räuchern getötet. An einer Stelle des Talmuds wird sogar von einer Bienenwohnung gesprochen, die mit Fensterchen versehen war.

Auch in Arabien war der Honig von alters her als Genußmittel sehr geschätzt. Im Koran heißt es von den Bienen: „Aus ihren Leibern kommt eine Flüssigkeit, die verschieden an Farbe ist und Arznei für den Menschen enthält.“ Nach der schon vor Muhammed geltenden Anschauung der Araber fließt im Paradiese ein Fluß voll Honig. Muhammed selbst teilte die Vorliebe seiner Landsleute für Süßigkeiten und pflegte gern Honigwasser zu trinken. Frühe wurde dort auch der Honigbau eingeführt, den schon der um 25 n. Chr. verstorbene griechische Geograph Strabon aus Amasia in Pontos als in Arabien sehr ergiebig erwähnt.

In den homerischen Gedichten wird der Honig als beliebtes Genußmittel der Helden erwähnt. Außer der direkten Anführung des Honigs in Ilias und Odyssee werden ziemlich oft Vergleiche mit seiner Flüssigkeit gemacht. So haben die Sirenen eine honigsüße Stimme, und Nestors Rede fließt dahin süßer als Honig usw. Wie von Honig ist bei Homer von Bienen die Rede, doch sind bei ihm stets wilde Bienen gemeint. So heißt es im zweiten Buche der Ilias, daß die Achäer sich sammelten „wie die Bienen aus einer Felsenhöhlung herausfliegen“. Damit ist deutlich erkennbar ein frei in der Wildnis und nicht in einem Bienenstocke unter der Obhut des Menschen stehender Schwarm gemeint. Von zahmen Bienen spricht erst im 8. Jahrhundert v. Chr. der böotische Dichter Hesiod an einer Stelle seiner Theogonie, wo er auch besondere Behälter aus vermutlich ausgehöhlten Baumstämmen als Herberge von Bienenvölkern erwähnt. Den späteren Griechen galt Aristaios, der angeblich die Kultur des Ölbaums aufgebracht haben sollte und den die Nymphen die Bienenpflege gelehrt hatten, als erster, der, um eine regelmäßige Honiggewinnung zu erzielen, die Bienen in Stöcke einschloß, aus denen er dann im Herbste die Honigwaben ausschnitt. Honig war angeblich die erste Nahrung des Göttervaters Zeus gewesen, der dann in seiner kretischen Heimat in einer Höhle des Berges Ida von der Ziege Amalthea gesäugt wurde. Zum Dank für ihre Dienste wurde sie dann als Capella unter die Gestirne versetzt, und eines ihrer Hörner gab Zeus den Töchtern des Melisseus, die Alles, was sie wünschten, darin fanden. Dieses Horn der kretischen Ziege Amalthea ist das Urbild des späteren Füllhorns.

Bei allen Opferhandlungen der Griechen war Honig von großer Bedeutung. Nach Platon opferte man in den ältesten Zeiten den Göttern mit Honig bestrichene Früchte. Platons Schüler Aristoteles, der von 343 v. Chr. an Lehrer Alexanders des Großen war, spricht sehr eingehend über das Leben der Bienen, die unter mehreren Anführern (hégemṓn -- er meint damit die Bienenkönigin) leben sollten, die sich niemals aus dem Stocke entfernen als wenn sie ausschwärmen. Dann scheinen sich alle Bienen an sie heranzudrängen. „Will ein Stock schwärmen, so hört man schon einige Tage lang vorher einen eigenen eintönigen Laut (das „Tüten“), und zwei bis drei Tage lang fliegen nur wenige Bienen (mélitta) um den Stock; ob aber unter diesen auch ein Anführer ist, hat man noch nicht gesehen, weil dies nicht leicht zu beobachten ist. Haben sie sich endlich versammelt, so fliegen sie aus und teilen sich in Haufen, die sich an die einzelnen Anführer anschließen. Trifft es sich, daß ein kleiner Haufen neben einen großen zu sitzen kommt, so schließt er sich an diesen an und tötet den Anführer, dem er untreu geworden ist, wenn er ihm folgt.“

Nach Aristoteles sind also die Anführer im Bienenstaate Männchen. Er sagt von ihnen, sie übertreffen die Arbeitsbienen an Größe um die Hälfte, besonders sei ihr Hinterleib doppelt so lang als bei jenen. Daß aber seine Ansicht nicht allgemein geteilt wurde, geht aus dem Zusatze hervor: „Manche nennen aber den Anführer Mutterbiene (mḗtēr) und behaupten, daß, wenn sie nicht im Stocke sei, man zwar Drohnenbrut, aber keine Arbeitsbienenbrut finde. Andere sagen, die Drohnen seien Männchen, die Arbeitsbienen aber Weibchen. Die andern Bienen werden in den Wachszellen erzeugt, die Anführer aber entstehen in Zellen, welche größer sind und unten an den Waben hängen. Die Anführer besitzen zwar einen Stachel, stechen aber nicht, weshalb sie Viele für stachellos halten.“ Die Drohnen nennt er von allen am größten, aber stachellos und faul. Er beschreibt das Leben und Treiben im Bienenstock so genau, daß er unbedingt dasselbe aus eigener Anschauung gekannt haben muß. Er schreibt über die Lebensweise der Bienen: „Bei Trockenheit beschäftigen sich die Bienen mehr mit Einsammeln des Honigs, bei Regenwetter dagegen mehr mit der Brut. Zuerst verfertigen sie die Waben, dann legen sie die Brut in die Zellen, und zwar, wie einige sagen, mit dem Munde, und nun erst tragen sie zur Ernährung im Sommer und Herbste Honig (méli) ein. Der Herbsthonig ist der beste. Das Wachs sammeln sie aus Blumen, das Vorwachs aber tragen sie aus den ausschwitzenden Säften der Bäume zusammen; der Honig hingegen fällt aus der Luft nieder (er meint damit den Honigtau und glaubt, wie der viel später lebende Plinius anführt, daß auch der Nektar der Blüten vom Himmel herab in sie hineingefallen sei), zumal beim Aufgang der Gestirne und beim Regenbogen. Der Honig ist anfangs wie Wasser und einige Tage lang flüssig, nach 20 Tagen aber wird er dick und ist dann auch süßer. Die Biene sammelt von allen Blumen, welche einen Kelch haben, leckt auch an allen andern süßen Dingen, beißt aber keine Früchte an. Wachs und Bienenbrot tragen sie an den Schenkeln, Honig aber speien sie in die Zellen. Auf den Eiern brüten sie wie die Vögel. Die Made liegt, solange sie noch klein ist, schief in der Zelle; späterhin richtet sie sich auf, frißt und hängt mit dem Wachse weiter nicht zusammen, so daß man sie herausnehmen kann. Die Eier der Arbeitsbienen und Drohnen sind weiß, aus ihnen kommen Maden; diese verwandeln sich in Arbeitsbienen und Drohnen. Die Eier der Anführer aber sind rötlich und so zart wie dicker Honig, sie haben sogleich den Umfang des aus ihnen hervorgehenden Tieres und verwandeln sich, wie man sagt, nicht erst in eine Made, sondern gleich in eine Biene. Die Puppe bekommt erst Füße und Flügel, wenn ihre Zelle durch einen Deckel geschlossen ist; sobald sie aber Flügel hat, durchbricht sie den Deckel und steigt heraus. Die Bienen leben sechs, einige auch sieben Jahre; wenn daher ein Stock 9-10 Jahre bestanden hat, so hat er sich gut gehalten. Ihre Nahrung besteht aus Honig und sogenanntem Bienenbrot, welch letzteres aber von geringerem Werte und etwa so süß wie Feigen ist. Den Bau der Waben zur Aufspeicherung der Nahrung beginnen sie an der Decke des Stockes und führen dann deren viele auf bis zum Boden herunter. Sowohl Honig- als Brutzellen haben nach beiden Seiten hin eine Öffnung, weil, wie bei den Doppelbechern, in der Mitte ein gemeinschaftlicher Boden ist. Einige behaupten, daß die Drohnen mit den Arbeitsbienen gemeinschaftlich an den Waben bauen, jedoch keinen Honig eintragen, sondern sich und ihre Jungen von jenen füttern lassen. Meist bleiben die Drohnen im Stocke; wenn sie aber einmal ausfliegen, so erheben sie sich in hellen Haufen gen Himmel, treiben sich im Kreise herum und scheinen sich zu üben. Sind sie fertig, so kehren sie in den Stock zurück und lassen sichs wohl sein. Die Anführer fliegen weder um Futter zu suchen, noch aus andern Gründen; sie tun es nur, wenn der Stock schwärmt. Wenn sich der Schwarm vom Anführer verloren hat, so soll er ihm solange nachspüren, bis er ihn vermittelst des Geruches wieder aufgefunden hat. Kann der Anführer nicht fliegen, so soll er vom Schwarm getragen werden, und kommt er um, so soll auch der ganze Schwarm verloren gehen; und hält er sich auch noch kurze Zeit, so trägt er nur Wachs, aber keinen Honig mehr ein. Das Wachs sammeln die Bienen, indem sie an den Blüten herumkriechen, mit den Vorderbeinen, von da bringen sie es an die mittleren und von diesen wieder an die Hinterbeine. Beladen mit der Beute fliegen sie dann fort und man sieht, daß die Last sie drückt. Bei jedem Ausfluge besucht die Biene niemals verschiedenartige Blüten, sondern fliegt nur z. B. von Veilchen zu Veilchen. Im Stocke entledigen sie sich dann ihrer Bürde und werden dabei jedesmal von 3 oder 4 andern bedient. Was diese ihnen abnehmen, kann man nicht wohl sehen, sowie man auch noch nicht beobachtet hat, wie sie es verarbeiten.“

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