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Kulturgeschichte der Nutztiere (part 1 of 4)

Part 1 of 4 · Reinhardt, Ludwig · Public domain text

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Contents (4)

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Kulturgeschichte der Nutztiere

Kulturgeschichte der Nutztiere

Die Erde und die Kultur

Die Eroberung und Nutzbarmachung der Erde durch den Menschen

In Verbindung mit Fachgelehrten gemeinverständlich dargestellt von

Dr. Ludwig Reinhardt

Bd. III

Kulturgeschichte der Nutztiere

München

~Verlag von Ernst Reinhardt~

Kulturgeschichte der Nutztiere

von

Dr. Ludwig Reinhardt

Mit 67 Bildern im Text und 70 Kunstdrucktafeln

München 1912

~Verlag von Ernst Reinhardt~

Alle Rechte vorbehalten

Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.

Vorwort.

Im Jahre 1862, also vor genau 50 Jahren, wurde die auf wissenschaftlicher, nämlich vergleichend-anatomischer Grundlage beruhende Haustierkunde von meinem ehemaligen Lehrer, Professor Ludwig ~Rütimeyer~ in Basel, durch die Publikation seiner berühmten „Fauna der Schweizer Pfahlbauten“ begründet. Zehn Jahre vorher, bei Gelegenheit eines ungewöhnlich niedrigen Wasserstandes des Zürichsees, waren bei Meilen die ersten Reste von Pfahlbauten entdeckt worden, denen sich in rascher Folge andere Fundstellen an den übrigen Voralpenseen anschlossen. An Hand des umfangreichen, ihm zur Bestimmung überwiesenen Knochenmaterials konnte Rütimeyer die Zahl der von den Neolithikern der Schweiz gehaltenen Haustiere bestimmen und in unzweifelhafter Weise an ihrem Knochenbau die Merkmale der Haustierschaft gegenüber dem Wildstande feststellen. Woher sie aber kamen und welchen Ursprungs sie waren, auch welche Beziehungen sie zu den Haustieren der geschichtlichen Europäer hatten, das vermochte er allerdings nicht herauszubringen, weil das damals hierfür nötige wissenschaftliche Material fehlte. Doch haben sich in der Folge verschiedene seiner Vermutungen bestätigt. Was er kühn begonnen, führten bedeutende Männer wie Theodor Studer, Konrad Keller, Hermann von Nathusius, Alfred Nehring, Jeitteles, Woldrich u. a. weiter. Und wenn wir auch noch weit davon entfernt sind, die Geschichte der Herkunft, der Abstammung und Wanderung der Haustiere durch die Jahrhunderte genau zu kennen, so haben wir doch so viel erreicht, daß wir wenigstens die Grundzüge derselben ziemlich klar zu überblicken vermögen. Den Stand unseres heutigen Wissens darüber im Zusammenhange zu geben und das Interesse weiterer Kreise, die sich bis jetzt diesem wichtigen Tatsachenmaterial gegenüber gleichgültig verhielten, zu wecken, soll der Hauptzweck dieses Buches sein, das dem Titel gemäß außer den eigentlichen Haustieren auch alle Nutztiere des Menschen in den Kreis seiner Betrachtung einbezieht. Wie bei der zuvor publizierten Kulturgeschichte der Nutzpflanzen wurden besonders die literarischen Zeugnisse des Altertums als für uns wichtig gewürdigt. Dabei wurde wiederum mit derselben Sorgfalt für die Beschaffung von gutem, noch nirgends publiziertem Illustrationsmaterial als einem wesentlichen Bestandteil des hier in Betracht kommenden Urkundenmaterials gesorgt. Möge das Buch dieselbe freundliche Aufnahme wie seine Vorgänger finden.

~Basel~, im November 1911.

=Dr. Ludwig Reinhardt.=

Inhalt.

Seite

Einleitung 1

1. Der Hund 3

2. Rind und Büffel 47

3. Die Ziege 94

4. Das Schaf 116

5. Das Schwein 145

6. Der Esel 161

7. Das Pferd 180

8. Das Kamel 212

9. Das Lama 222

10. Das Renntier 228

11. Der Elefant 238

12. Kaninchen und Meerschweinchen 270

13. Die Katze 280

14. Das Huhn 300

15. Perlhuhn, Pfau, Fasan und Truthuhn 322

16. Gans, Ente und Schwan 338

17. Die Taube 361

18. Die Sing- und Ziervögel 384

19. Kormoran und Strauß 400

20. Die Nutzfische 412

21. Die Nutztiere unter den Wirbellosen 449

22. Die Honigbiene 488

23. Der Seidenspinner 521

24. Die Geschichte der Jagd 531

25. Die wichtigsten Jagdtiere 596

26. Nützliche wilde Vögel 638

27. Pelz-, Schmuckfedern- und Schildpattlieferanten 671

28. Die Transpender 702

29. Tiere als Spielzeug 728

Tafelverzeichnis.

Tafel Seite

1. Wolf; Pariahund 16

2. Eskimohunde; Schäferhund 16

3. Molosser; pompejanischer Hund 32

4. Assyrische Doggen 32

5. Altägyptischer Hund 32

6. Ägyptischer Windhund; römischer Hund 32

7. Banteng; Zebubulle 56

8. Zebuherde 56

9. Luxusgespann von Zebu 56

10. Hissarzebu; griechischer Stier 56

11. Assyrische Urjagd 64

12. Zuchtstier Walo 64

13. Schwyzerkuh 64

14. Wisent; Bison 64

15. Büffel im Reisfeld 80

16. Milchbüffel; Yack 80

17. Toskanisches Hausrind; kirgisisches Rind 96

18. Ägyptisches Relief mit Ziegen 96

19. Assyrische Herden von Tiglatpilesar III. 96

20. Markhor; Angoraziege 96

21. Mähnenschaf; Muflon 120

22. Schieferplatte der Negadazeit 120

23. Ägyptische Stiere und Widder 120

24. Steppenschaf; Mykenische Schafe 120

25. Assyrische Fettschwanzschafe 128

26. Kirgisische Fettschwanzschafe; Karakulschaf 128

27. Widderkampf; Fettschwanzschaf in Chiwa 128

28. Widder des Fettschwanzschafes 128

29. Orientalischer Esel; Ägyptischer Esel 128

30. Abessinischer Esel; Sartische Eselin 128

31. Eselhengst; Maultier 176

32. Zebroid; Grevy-Zebra 176

33. Zebra und Fohlen; Zebragespann 176

34. Weidende Zebraherde 176

35. Assyrische Wildpferdjagd; Przewalskis Pferd 184

36. Assyrischer Streitwagen 184

37. Rennwagen 208

38. Reiter vom Parthenon 208

39. Shetlandpony 208

40. Mongolenpferd; Araberpferd 208

41. Hochzeitszug mit Pferden und Kamelen 216

42. Trampeltier 216

43. Pflügende Kamele 216

44. Kamelkarawane in Biskra; Kirgisen auf dem Marsch 216

45. Lama 224

46. Renntiere 224

47. Kleiner afrikanischer Elefant; 2 erlegte afrikanische Elefanten 240

48. Ceylonelefant 240

49. Ägyptische Hauskatze 288

50. Jagdleopard; Frettchen 289

51. Schwan; Ägyptische Wildgänse 353

52. Stockente; Truthuhn 353

53. Kormorane 400

54. Strauß 400

55. Lachs 432

56. Hecht; Barsch 432

57. Aal; Schmetterlingsfische 432

58. Spiegelkarpfen; Karpfenteich in Böhmen 432

59. Seidenraupen 1. und 2. 528

60. Seidenraupen 3. und 4. 528

61. Assyrerkönig Assurbanipal zu Pferd 544

62. Windhunde des Khans von Chiwa 544

63. Wildfanggruben; Wasserjagd 576

64. Hirschjagd mit Leithunden; Vogeljagd 576

65. Schottisches Moorhuhn 640

66. Waldschnepfe 640

67. Junge Robben in Kalifornien 688

68. Biber; Biberbau 688

69. Römisches Mosaik 736

70. Ochsenhatz in Nürnberg; Derbyrennen 736

Einleitung.

Unter den Nutztieren des Menschen sind weitaus die wichtigsten seine ~Haustiere~, an die zunächst jeder denkt, wenn von solchen die Rede ist. Ohne diese Nutztiere wäre es ihm vollkommen unmöglich gewesen, die Kulturhöhe zu erreichen, auf der wir ihn heute angelangt sehen. Welche bedeutende Rolle sie im Haushalte des Menschen spielen, ist genugsam bekannt, so daß wir hier nicht näher darauf einzugehen brauchen. Es genüge ein kurzer Überblick über die Verbreitung der Haustiere auf der Erde. So hat das Ackerbauministerium der Vereinigten Staaten kürzlich eine Statistik aufgestellt, wonach man die Haussäugetiere der gesamten Erde auf anderthalb Milliarden schätzt; davon sind 580 Millionen Schafe, 95 Millionen Pferde, 9 Millionen Esel, 2 Millionen Kamele, 21 Millionen Büffel, 100 Millionen Ziegen, 150 Millionen Schweine und 900000 Renntiere. Dabei besitzen die Vereinigten Staaten von Nordamerika die größte Anzahl von Schweinen, nämlich 50 Millionen, und Pferden (25 Millionen). In bezug auf die Zahl der Pferde werden sie beinahe von Rußland eingeholt. Für die Schafzucht kommt an erster Stelle Australien mit 88 Millionen, dann Argentinien und an dritter Stelle die Vereinigten Staaten mit 57 Millionen. Die Hälfte aller Maulesel der Erde gehört den Vereinigten Staaten und ein Drittel aller Ziegen wird in Indien angetroffen. Diesem Lande gehört auch die erste Stelle in bezug auf den Besitz von Großvieh mit 70 Millionen Zebus oder Buckelochsen. Die Zahl der kleineren Nutztiere, vor allem der Hühner, Enten, Gänse, Tauben festzustellen, ist vollkommen unmöglich, geht aber jedenfalls in die vielen Milliarden.

Im folgenden wollen wir nun in der chronologischen Reihenfolge, wie sie unter die Botmäßigkeit des Menschen gelangten, die Zähmung der verschiedenen Haustiere und die Geschichte ihrer Verbreitung über die Erde vor unserem geistigen Auge entrollen. Den Anfang dabei macht der Hund, der weitaus der älteste Genosse des Menschen aus dem Tierreich ist, und infolge dieser überaus langen Domestikation auch am meisten intellektuell vom Umgange mit seinem ihm geistig so sehr überlegenen Herrn profitiert hat.

Die ältesten Nutztiere des Menschen waren alle diejenigen, die ihm in ihrem Fleisch zur Speise und in ihrem Felle als Wärmeschutz gegen die Unbill der Witterung, besonders die Winterkälte, dienten. So lange der Mensch als Jäger genug Beutetiere zur Verfügung hatte, kam es ihm durchaus nicht in den Sinn, sich etwa gefangene Beute als lebenden Proviant zu reservieren und in eingehegten Bezirken zu seiner Disposition zu halten. Und wenn er auch einmal ein junges Tier, das in seine Gewalt geriet, lebend nach Hause brachte und es angebunden oder in irgend welchem Verschlag gefangen hielt, so tat er dies nicht aus Nützlichkeitsgründen, sondern zu seinem und seiner Kinder Vergnügen. So halten die südamerikanischen Indianer und andere Jägerstämme auf niederer Kulturstufe nicht selten die verschiedensten Tiere um ihre Wohnstätten herum in Gefangenschaft, aus dem einfachen Grunde, weil sie ihnen Unterhaltung bieten. Sie wollen durchaus keinen Nutzen von ihnen ziehen und halten sie als große Kinder bloß zu ihrem Vergnügen.

In der Regel pflanzen sich solche gefangene Tiere überhaupt nicht fort, so daß schon dadurch keine Kontinuität in der Gefangenhaltung, die zur Haustierschaft hätte führen können, möglich ist. Und pflanzen sie sich auch ausnahmsweise fort, so fehlt dem Menschen dennoch zunächst die Erkenntnis, daß in der Zähmung dieser oder jener Tierart ein wirtschaftlicher Fortschritt liegen könne. Er erstrebt von diesen Genossen überhaupt keinen Nutzen, sondern nur Unterhaltung; und als er weiterhin dazu kam, auch einen Nutzen aus ihnen ziehen zu wollen, war es meist nicht der für uns Menschen einzig in Betracht kommende materielle Nutzen, der sie ihm angenehm machte, sondern ein ideeller Nutzen als nützliche Vermittler zwischen ihm und der von ihm so gefürchteten, ihn überall umgebend gedachten Geisterwelt. So sind, wie wir bald sehen werden, verschiedene, und zwar die ältesten Haustiere, zunächst aus solchen Gründen der Geisterfurcht, also des Aberglaubens, wie wir es auffassen, in ein innigeres Verhältnis zum Menschen getreten.

I. Der Hund.

Der unstet als Jäger lebende paläolithische Mensch hat noch keinerlei Haustiere sein eigen genannt; erst zu Beginn der jüngeren Steinzeit gelangte der Mensch in den Besitz von solchen. Unter diesen ist weitaus das älteste der ~Hund~, der uns in Europa zum erstenmal zu Beginn der neolithischen Zeit, vor etwa 12000 Jahren in sehr loser Verbindung mit dem Menschen, der an den Küsten der Ostsee in den Muschelhaufen die Abfälle seiner Nahrung anhäufte, entgegentritt. Dieser Hund der frühneolithischen Muschelesser an den Küsten des nordischen Meeres, speziell Dänemarks, war zum größten Teil noch ein Wildhund, und zwar ein zutraulicher Schakal, der sich freiwillig dem Menschen anschloß, um an der von ihm übriggelassenen Beute den knurrenden Magen zu füllen und sich in der warmen Asche der von ihm verlassenen Lagerfeuer zu wärmen. Junge dieses wenig scheuen und überaus gesellig veranlagten Wildhundes wurden gelegentlich gefangen und an den Lagerplatz der Horde gebracht, um hier als Spielzeug und Gefährten der heranwachsenden Jugend freiwillig Futter und ein warmes Plätzchen am Feuer zu erhalten. Von den Erwachsenen werden besonders die mitleidvollen Weiber diese drolligen Wesen gehätschelt und, wie dies heute noch sehr häufig bei kulturell niedrig stehenden Menschen vorkommt, die der Mutterbrust entbehrenden allzu jungen, hilflosen Gäste an ihrer Brust gesäugt haben. Durch solchen überaus engen Verkehr mit dem Menschen faßte der Wildling bald Zutrauen zu ihm und trat in ein besonderes Freundschaftsverhältnis zu den Kindern und Weibern, die sich seiner freundlich annahmen, während die Männer diese neuen Familienglieder häufig genug mit Fußtritten und Prügeln regaliert haben werden. Letztere sorgten auch sonst dafür, daß es ihm nicht zu wohl wurde in ihrer Mitte, und schlugen ihn häufig genug tot, besonders in Zeiten, da die Muschellese, der Fischfang oder die Jagd aus irgend welchen Gründen unergiebig war und der grimmige Hunger sich bei ihnen geltend machte. An verschiedenen auf uns gekommenen Bruchstücken von Hundeschädeln aus den dänischen Kjökkenmöddings oder Muschelabfallhaufen können wir erkennen, daß sie mit Holzknütteln eingeschlagen und dann weiter aufgebrochen wurden, um außer dem Fleisch, das als Speise diente, auch das warme Gehirn als besondere Delikatesse dieser Menschen zu verzehren.

Daß es diesem die größte Ähnlichkeit mit dem Schakal aufweisenden Wildhunde bei diesen unkultivierten Muschelessern im Ostseegebiet in jeder Beziehung schlecht genug ging, das beweist schon sein stark verkümmertes Knochengerüst. Es muß schon eine rührende Anhänglichkeit gewesen sein, daß dieses durch Hunger und Entbehrungen der schlimmsten Art herabgekommene Geschöpf bei solch schlechter Behandlung es in der wenig verlockenden Gesellschaft dieser rohen Menschen aushielt und es nicht vorzog, das ungebundene Leben der viel besser genährten freien Verwandten zu führen. Es liegt eben im gesellig lebenden Hundegeschlechte eine überaus treue Anhänglichkeit an die Umgebung, der die Einzelindividuen durch Aufnahme und Gewöhnung in jugendlichem Alter angepaßt wurden. Das können wir heute noch in den zoologischen Gärten beobachten, wo wir häufig genug sehen, wie sich jung eingefangene und unter einigermaßen guter Behandlung frei aufgezogene Schakale oder Wölfe mit Freudensprüngen, schweifwedelnd, den Körper zur Seite gekrümmt, sich an den Pfleger herandrängen und dessen Hand liebkosen. Mit vollem Recht schreibt der erfahrene Tierzüchter, Dr. Heck, der Direktor des Berliner Zoologischen Gartens über den Hund: „Wer wissen will, woher unser liebenswertestes Haustier, das nicht bloß seines körperlichen Nutzens halber vom Menschen unterjocht worden ist, sondern sich ihm freiwillig, von ganzem Herzen und mit ganzer Seele zu eigen gegeben hat: der Hund, stammt, der komme mit mir bei meinem mächtigen rumänischen Wolfsrüden vorbei und beobachte ihn, wenn ich nur mit den Fingern schnalze oder gar ein paar freundliche Worte mit ihm spreche! Die Liebe zum Menschen steht diesen Tieren auf dem Gesicht geschrieben, sie ist ihnen angeboren.“

Daß diese halbzahmen Hunde der Muschelesser Dänemarks dem Menschen außer als Fleisch- und Pelzlieferanten irgend welchen Nutzen gewährten, oder von ihm gar zum Aufspüren der Beute auf der Jagd verwendet wurden, ist zweifellos ganz ausgeschlossen. Jedenfalls blieben sie vorzugsweise in Gesellschaft der Frauen und Kinder an den Lagerplätzen und erhielten dort von jenen, die ihnen in erster Linie freundlich gesinnt waren, allerlei unvollständig abgenagte Knochen und sonstige Speiseabfälle zu essen. Diese Aufmerksamkeiten belohnten sie durch ihre Wachsamkeit. Mit einem außerordentlich feinen Geruchssinn und scharfem Gehör ausgestattet, meldeten sie alle sich dem Lagerplatze nähernden Menschen und Tiere lange bevor die dort weilenden Menschen ihrer gewahr wurden. Diese ihre Dienste waren besonders in der dunkeln, unheimlichen Nacht, in der ein Überfall durch bösgesinnte Menschen und wilde Tiere doppelt zu befürchten war, von größtem Vorteile für ihre menschlichen Genossen, da sie im Gegensatz zu diesen, in einen sehr tiefen Schlaf verfallenden Wesen nur einen äußerst leichten Schlaf besitzen, durch das geringste Geräusch erwachen und dann ihre Umgebung durch Lautgeben auf allfällige Ruhestörer aufmerksam machen.

Wie die Wildhunde werden auch sie noch geheult haben statt zu bellen, wie dies übrigens viele, nur sehr unvollständig domestizierte Hunde von Naturvölkern und auch die herrenlosen, mit dem Islam, der den Hund als unreines Tier verachtet, bis nach Europa gebrachten Pariahunde des Orients, wie überhaupt alle verwilderten und aus der Botmäßigkeit des Menschen entlaufenen Hunde heute noch tun. Erst später haben sie das sie als Haustiere kennzeichnende Bellen gelernt, „was“ -- wie der vorgenannte Dr. Heck sich ausdrückt -- „so im Hundeblut drin liegen muß, daß selbst manche zahme Vollblutwölfe und Schakale es sich angewöhnen!“ Jedenfalls besaßen sie auch noch wie ihre wilden Vorfahren Stehohren und einen hochgetragenen, noch nicht geringelten Schwanz und haben wie sie und ihre Verwandten, Wolf und Fuchs, beim Traben „geschnürt“, d. h. die vier Füße bei gerade in der Bewegungsrichtung gehaltenem Körper in eine gerade Linie hintereinander gesetzt, und zwar immer einen Hinterfuß in die Spur eines Vorderfußes derselben Seite. Später dagegen gewöhnte sich der Hund als Genosse des Menschen an zu „schränken“, d. h. beim Trabe den Körper schief zur Bewegungsrichtung zu stellen und Vorder- und Hinterfuß derselben Seite schief nebeneinander zu setzen. Auch in seinem anatomischen Bau nahm der Hund als Haustier gewisse Eigentümlichkeiten und Merkmale an, die ihn von seinen wilden Verwandten unterscheiden, von denen wir hier nur den verhältnismäßig starken Stirnabsatz erwähnen wollen.

So weit wir dies nachweisen können, ist der afrikanisch-südasiatische graue ~Schakal~, der nachts, zu Meuten vereinigt, die Ansiedelungen des Menschen nach Aas und eßbaren Abfällen aller Art absucht und den Schafen und Lämmern sehr gefährlich wird, der älteste vom Menschen zu seinem Gesellschafter erhobene Wildhund. Als Verzehrer von Leichen nahm er, nach dem auf niedriger Kulturstufe allgemein verbreiteten Glauben, mit dem Fleisch und den Eingeweiden auch die Seele des betreffenden Wesens in sich auf. Durch dieses Beherbergen eines Geistes wurde er von selbst zu einem Geistwesen, einem Fetischtier erhoben, das dem Menschen von größtem Nutzen sein konnte, wenn er es gut behandelte. So galt noch den alten Ägyptern der Schakal als Wüstengott Anubis, der über die in der westlich vom Niltal gelegenen Wüste beerdigten Toten Wache hielt, für heilig und nahm man eingefangene Exemplare dieser Wildhundgattung in Pflege und Wartung. Dies geschah auch anderwärts, und so mußte sich unwillkürlich aus diesem in Größe und Aussehen, besonders aber in der Kopfbildung mitten zwischen Fuchs und Wolf stehenden Wildhunde mit der Zeit ein Haustier entwickeln.

Das Gekläff dieser futterneidischen Tiere, welche schon in frühester Vorzeit wie heute noch die Niederlassungen des Menschen nächtlicher Weile umschwärmten, um dort etwas aufzustöbern, mit dem sie ihren allzeit regen Hunger stillen konnten, warnte den Menschen vor einem Überfall durch übelgesinnte Menschen oder Raubtiere irgend welcher Art. Ja, scheinbar ganz unmotiviert ausgestoßen, sollte es nach dem Glauben aller auf niedriger Kulturstufe lebender Stämme, ihm den Besuch der die Lebenden allseitig umgebend gedachten Geister der Abgeschiedenen anzeigen. Wenn sie auch der Mensch selbst nicht sah, so glaubte er nichtsdestoweniger felsenfest an deren Vorhandensein und wunderte sich durchaus nicht darüber, daß diese Wildhunde als Leichenesser und damit als mit Geistwesen beseelt erachteten Tiere solche sahen, er dagegen nicht.

Diese überaus unheimliche, aber höchst wichtige Eigenschaft, besonders die nächtlichen Unholde aller Art erspähen zu können und von ihrem, dem Menschen unsichtbaren Vorhandensein durch Heulen und später Bellen Kunde geben zu können, war wohl die älteste Nutzungseigenschaft, die der Hund dem Menschen bot. So wurde er für ihn mit der Zeit nicht nur ein wohlgelittener Begleiter, sondern geradezu ein sich immer mehr unentbehrlich machender Genosse, der ihm die trefflichsten Dienste leisten konnte wie kein anderes Wesen.

Diese höchste Wertschätzung des Hundes spricht schon zu Ende des 2. vorchristlichen Jahrtausends das altpersische Gesetzbuch aus, das von diesem Tiere geradezu behauptet, durch seinen Verstand bestehe die Welt. Wer eine solche uns ganz paradox erscheinende Behauptung aufstellt, muß schon gute Gründe dazu haben; nur ein Volk, dem der Hund ein unentbehrlicher Begleiter und Freund geworden war, konnte einen solchen Ausspruch tun. Diesem damals noch vorzugsweise Viehzucht treibenden arischen Volksstamme, dessen Vorfahren einst an der Ostsee gehaust hatten, waren außer dem gleicherweise wie der Hund die Unholdgeister der Nacht vertreibenden Feuer später auch der aus Indien bezogene Hahn schützende Fetische, deren Stimme, nächtlicherweile als Zeugnis der Wachsamkeit und des Kampfesmutes erhoben, die Erlösung von den dunkeln Sorgen der Nacht ankündigte. Das altpersische Gesetzbuch Bun-Dehesch sagt auch vom Hahn, wie vom Hunde, seine Stimme zerstöre das Böse; dadurch sei er den Dämonen und Zauberern feind, ein Gehilfe des Hundes. Er solle Wache halten über die Welt, als ob kein Herden- und kein Haushund (also schon damals wurden in Persien zwei verschiedene Arten von Haushunden unterschieden!) erschaffen worden. Das Gesetz sage: wenn Hund und Hahn gegen die Unholde streiten, so entkräften sie dieselben, die sonst Menschen und Vieh plagen. Und deshalb sage man: durch den Hund und den Hahn würden alle Feinde des Guten überwunden.

Noch der altgriechische Dichter Homer gibt zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends für den damals allgemein verbreiteten Glauben Zeugnis, daß der Hund als Wächter am Herdfeuer die bösen Unholdgeister, die, Übles sinnend, lautlos durch das Dunkel der Nacht schleichen, durch sein Gebell verscheuche. Und als später aus diesen Ahnengeistern vergöttlichte Wesen wurden, so verblieb dem Hund auch dann noch die Fähigkeit sie zu sehen und als solche zu erkennen, wo der Mensch mit seinen stumpfen Augen nichts sah. So wird beispielsweise in der Odyssee erzählt, wie Pallas Athene den Menschen unsichtbar in Ithaka erschien. Weder Odysseus, noch sein Sohn Telemachos bemerkten irgend etwas von ihrem Erscheinen:

„Denn nicht allen sichtbar erscheinen die seligen Götter; ~Nur die Hunde sahen sie~ und bellten nicht, sondern entflohen Winselnd und zitternd vor ihr nach der andern Seite des Hofes.“

Diese uralte Vorstellung lebt im Volksglauben heute noch fort. So bedeutet beim Landvolke das nächtliche Heulen des Hundes einen Todesfall in der betreffenden Richtung, d. h. der Hund sieht vermeintlich die Annäherung des Geistes, der als Todesursache betrachtet wird, und zeigt dies dem Menschen, der solches nicht zu sehen vermag, auf seine Weise an.

Als eigentliches Haustier tritt uns der Hund in Europa zuerst bei den neolithischen Pfahlbauern entgegen, und zwar zunächst nur in einer einzigen, aber weit verbreiteten Form. Es ist dies der ~Torfhund~ (Canis familiaris palustris), so bezeichnet, weil man seine Knochen mit der übrigen Hinterlassenschaft dieser neolithischen Volksstämme von den Humussäuren der Moorerde durchtränkt und so aufs beste konserviert in den heute meist vertorften ehemaligen Seegründen findet. Dieses Tier, das uns bereits, wenn auch mehr als gelittener Kommensale oder Tischgenosse, denn als eigentlicher Freund und Begleiter der ältesten Neolithiker der Kjökkenmöddingszeit in den Ufergebieten an der Ost- und Nordsee entgegentritt, war ziemlich klein, bot das Aussehen eines Spitzes mit kurzen, aber kräftigen Beinen und langem, jedenfalls buschig behaartem Schweif. Der zwischen 13 und 15 cm Länge schwankende Schädel zeigt eine gefällige Rundung der Gehirnkapsel, deren Kämme nur schwach entwickelt sind, außerdem eine relativ starke Bezahnung und ein auffallend enges Nasenrohr, wie solches dem Schakal eigentümlich ist. Diese Tatsache in Verbindung mit der andern, daß die Pfahlbauspitze in den Niederlassungen der älteren Steinzeit durch ganz Europa hindurch eine auffallende Einförmigkeit aufweisen, deutet mit Sicherheit darauf hin, daß der in Westasien heimische ~kaukasische Schakal~ die Ursprungsform dieses ältesten Haushundes war.

Diesem altertümlichen Torfhund der ältesten Neolithiker Europas am nächsten steht von noch heute gehaltenen Hunden der im Mittel 40 cm große, gelbweiß, gelbrot bis graubraun gefärbte, kurzhaarige, nur bellende und nicht beißende ~Battahund~, der uns durch die Schilderungen des Baslers Max Siber zuerst eingehender bekannt wurde. Die Battas sind durch die Malaien von den Küsten verdrängte, ab und zu noch Menschenfraß ausübende, auch am Lande in richtigen Pfahlhäusern wohnende Stämme, die außer gute Jäger und namentlich Fallen- und Schlingensteller auch bereits erfahrene Viehzüchter und leidliche Hackbauern sind, ganz so wie die Pfahlbauern Mitteleuropas in neolithischer Zeit. Mitten zwischen den schwarzen Schweinen, Ziegen, Büffeln, Hühnern und Menschen lebt in deren mit Palisaden umgebenen Ansiedlungen, Kampongs genannt, der kleine Battahund, der durch und durch Haushund ist und das Vorrecht genießt, als einziges Tier mit dem Menschen zusammen in den Hütten selbst zu übernachten. Der vorgenannte Basler schreibt über den kleinen Spitzhund der Battas, er genieße zwar von seiten seines Herrn wenig Freundlichkeit, habe jedoch von allen in Kampong friedlich nebeneinander hausenden Tieren das Vorrecht, in den Räumen der hohen Pfahlbauhäuser neben seinem Herrn zu wohnen. „Er gehört wie die Hühner, Ziegen und Schweine zum Departement der Frau, der er auch anhänglicher ist als dem Manne und an die man sich auch wenden muß, wenn man einen der Hunde erwerben oder zu Eßzwecken präparieren lassen will. Die Dienste des Hundes sind mannigfach, sein vornehmster ist der als Wachhund. In dieser Hinsicht ist der immer wache, scharf hörende Spitz den Battas bei ihren unaufhörlichen Fehden und den dabei häufigen nächtlichen Überfällen der Kampongs von unerhörtem Wert. Manch Battamädchen, manche Battafrau wurde durch des Hundes rechtzeitig erschallendes heftiges Gebell vor der Gefangenschaft und dem damit verbundenen Verkauf in die Sklaverei gerettet, mancher Krieger entrann dadurch dem Tod oder der Gefangennahme, die mit dem eventuellen Schicksal verbunden ist, gemästet und aufgefressen zu werden. Ferner leistet er leidliche Dienste als Jagdhund, indem er teils in Meuten als Treibhund, teils als Leithund zur Bestätigung des Hirsches und zum darauf folgenden Treiben desselben in angelegte Schlingen und Netze benutzt wird. Ferner ist er von großem Wert für die hühnerzüchtende Battafrau, da er Tag und Nacht um die Reisfeldhäuser, bei denen die Mehrzahl der Hühner gehalten wird, herumlungernd einen guten Schutz gegen den Hühnerräuber ‚Mussang‘ (eine Art Zibetkatze) und die im Battaland allerdings seltenen Leguane bildet. Doch, last not least, ist seiner auch als Nahrungsmittel zu gedenken, indem er an gewissen Orten geradezu für Speisezwecke gezogen wird. Er bildet nicht nur ein gesundes, wohlschmeckendes Nahrungsmittel, das im fleischarmen Lande nicht zu unterschätzen ist, sondern auch eine gewisse Erwerbsquelle für den Züchter, da junge Hunde im Preise ebenso hoch stehen wie Hühner, bald erwachsen aber bedeutend teurer sind als solche. Auf der Speisekarte der Battas figuriert nach den Angaben eines Raiafürsten der Hund an dritter Stelle. Am wenigsten geschätzt ist Huhn, mehr Hirsch, dann Hund, dann Babi oder Schweinebraten, als allerbestes aber gilt Menschenfleisch, vertraute mir der alte Sünder mit schmunzelndem Gesicht.“

Sieber ließ sich wiederholt Hundebraten in einheimischer Zubereitung servieren und fand es in der Mitte stehend zwischen Hühner- und Kalbfleisch; es sei weiß und saftig, ohne fett zu sein. Auch die Battahunde fressen gerne davon, während europäische Hunde sich mit allen Zeichen des Abscheus von solchem Fraße abwenden. Entsetzt schrecken diese Spitzhunde vor dem Europäer zurück und weichen heulend seiner Fährte aus. „Wo nicht eigentliche Fütterung mit Reis, Mais, Gemüse, Früchten oder Fleischabfällen stattfindet, nährt sich der Battahund von den Abfällen der kargen Mahlzeit der Frau, aber auch von den Käfern, Schnecken, Mäusen und sonstigen kleinen Tieren, die er unterwegs fängt, sowie von den Brocken und Knochen, die ihm bei der Mahlzeit der Männer zugeworfen werden, ja selbst von Exkrementen. Wo viele Hunde sind, da hat er schlechte Zeiten, denn seine Herren haben gewöhnlich auch nicht viel; wo wenige gehalten werden, gedeiht er gut, wird dick und groß, bekommt ein prächtig glänzendes Fell und einen munteren Charakter.“

„Wie bereits gesagt, gehört der Hund zum Departement der Frau. Wenn er nicht dazu bestimmt ist, in deren Abwesenheit das Haus zu hüten, so ist er ihr ständiger Begleiter auf Schritt und Tritt. Morgens früh, vor Tagesanbruch, sitzt er schon neben der armen Frau, die den Männern den Reis stampfen muß, auf dem erhöhten Gestell, auf dem sie dieses Geschäft ausführt, sorgsam jedes Körnchen aufschnappend, das nebenaus fällt, und in der ausgeschütteten Spreu nach solchen Körnern suchend, hier wie überall erbitterte Gefechte mit den frechen Hühnern führend, die ihm den Reis unter der Nase wegzustehlen suchen. Er begleitet die Frau zum Bade, getreulich am Ufer bei den Kleidern bleibend, während die Frau (Herrin kann man nicht sagen, denn solch ein armes Battaweib hat in keiner Beziehung etwas von einer Herrin) sich im Flusse kühlt. Im Kampong des Battafürsten von Bander passierten, während wir eben im sogenannten Rathaus, dessen Veranda nach dem Weiberbadeplatz schaut, mit dem Häuptling unterhandelten, an 30 seiner Nebenweiber, meist Kriegsgefangene oder durch Schulden in Sklaverei geratene Mädchen, vorbei, um nach dem Ablegen aller Kleider im nahen Fluß zu baden. Jede war begleitet von einem oder mehreren ihrer Hunde, die sich am Ufer in langer Reihe neben die Kleider (Sarongs) der Weiber setzten, um diese zu bewachen, bis jene das Bad wieder verließen.

Ebenso begleitet der Hund die Frau zur Arbeit in den Ladang (das Haus, in welchem die Bewohner der kleinen, mitten im Tschungel geöffneten Kulturfläche bis zur Ernte hausen) und ins Reisfeld, durch rechtzeitiges Bellen sie auf die Annäherung jedes Fremden aufmerksam machend.“

Die Battawohnungen sind 2-5 m über dem Boden errichtet; zu ihnen führen sehr steil gestellte Leitern mit 40-60 cm auseinander stehenden Sprossen. Diese lernen die Hunde erklettern, um in die Wohnungen zu gelangen, in denen sie sich mit Vorliebe aufhalten. Die jungen Hunde legen sich mit Vorliebe in die heiße Asche und weisen von dieser ihrer Gewohnheit sehr häufig versengte Haare und größere Brandwunden auf.

Kräftiger als dieser Spitz der Battas auf Sumatra, auf dessen Lebensweise wir näher eingingen, weil er uns wichtige Fingerzeige für diejenige des Spitzhundes der ältesten Pfahlbauern in Mitteleuropa gibt, ist der ostasiatische ~Tschau~ -- besser ~Kau~ ausgesprochen --, der Lieblingshund der Chinesen, der ebenfalls zu Nahrungszwecken gehalten und gemästet wird. Dieses schwarz bis rotbraun gefärbte Tier mit kurzer, dichter Behaarung hat einen langgestreckten Körper auf ziemlich kurzen Beinen, eine plumpe, dicke Schnauze und aufrecht stehende Ohren. Eine Abart desselben von geringer Größe und mit kurzen Beinen ist der als Luxushund in China und Japan gehaltene zierliche ~Dschin~. Seine seidenartige lange Behaarung ist schwarz mit Weiß untermischt. Er ist als eine hochgezüchtete Mopsform des Spitzes aufzufassen, an dessen Schädel die Nasenwurzel eingeknickt und die Kiefer so nach oben verschoben sind, daß die oberen Schneidezähne fast horizontal stehen und die Nasenöffnung nach oben zu liegt. Dieser in seiner Heimat hochgeschätzte Luxushund ist bei uns nicht leicht fortzubringen, da es ihm in Mitteleuropa zu kalt ist.

Dem alten Torfhund oder Pfahlbauspitz stehen auch die nordasiatischen Spitzhunde sehr nahe, der graue mit Schwarz gemischte ~Tungusenspitz~, der weißlichgraue ~Samojedenspitz~ und die als einziges, für sie höchst wichtiges, ja geradezu unentbehrliches Haustier gehaltenen spitzartigen Hunde der zirkumpolaren Völker, die man in ihrer Gesamtheit als ~Eskimohunde~ bezeichnet. Es sind dies keine reinen Schakalabkömmlinge mehr, sondern vielfach Kreuzungsprodukte derselben mit dem arktischen Wolf. Peary bezeichnet sie als derbe, prächtige Tiere, ohne deren Mithilfe er niemals den Nordpol erreicht hätte. „Es mag größere Hunde geben als sie und hübschere. Andere Hunde mögen auch ebensogut arbeiten oder ebenso schnell und weit laufen, wenn sie gut gefüttert sind, aber es gibt keinen Hund in der Welt, der so lange in niedrigsten Temperaturen ohne Nahrung arbeiten kann. Die männlichen Hunde wiegen durchschnittlich 34 bis 45 kg, die weiblichen sind etwas leichter. Ihre besonderen Merkmale sind: spitze Schnauze, große Breite zwischen den Augen, scharf gespitzte Ohren, sehr dickes, pelziges Fell, kräftige, stark muskulöse Beine und buschiger Schwanz, der Rute des Fuchses sehr ähnlich. Es gibt nur eine Rasse von Eskimohunden, aber sie sind verschieden gezeichnet, schwarz, weiß, grau, gelb, braun und gesprenkelt. Trotzdem sie von den armen Eingeborenen sehr vernachlässigt und außerordentlich schlecht gehalten werden, sind sie ihren Herren gehorsam wie unsere Hunde zu Hause. Ihre Nahrung ist Fleisch und nur Fleisch. Von anderer Nahrung können sie nicht leben. Statt Wasser zu saufen, fressen sie Schnee. Sie bleiben im Freien, gleichgültig welche Jahreszeit es ist. Sommer wie Winter werden sie beim Zelt oder dem Iglu (der Schneehütte) irgendwo angebunden. Frei herumstreifen dürfen sie nicht, damit sie nicht fortlaufen. Manchmal wird ein besonderer Liebling oder eine Hündin, die Junge hat, zeitweise in das Iglu genommen. Sind die Kleinen aber nur einen Monat alt, so sind sie schon so hart, daß sie dem strengen Winterwetter standhalten können.“

Diese Hunde, die eine Schulterhöhe von 50-60 cm aufweisen, sind den nordischen Völkern als Lasttiere und zum Schlittenziehen durchaus unentbehrlich. Mit einer Last von 10-15 kg beladen, begleiten sie ihre Herren, wenn diese zu ihren langdauernden Jagdzügen aufbrechen. Zu 6, 8 oder 10 Stück vermittelst eines an einen höchst einfachen Kumt befestigten und zwischen den Hinterbeinen durchgezogenen Riemens werden sie an leichte, niedere Schlitten gespannt, welche 300-400 kg zu tragen vermögen, und durchlaufen mit ihnen unter günstigen Umständen bis 50, und bei leichter Last bis 80 km im Tag. Spüren sie unterwegs ein Wild auf, so rennen sie ihm, ausgehungert wie sie sind, rasend nach, verwirren dabei oder bei gelegentlichen Beißereien ihre Riemen, so daß auch die mit Macht geschwungene Peitsche des Schlittenführers keine Ordnung mehr in den Haufen zu bringen vermag. Es bleibt nichts anderes übrig, als das zu einem undurchdringlichen Knäuel gewordene Gespann, in welchem alles knurrt, bellt, beißt und durcheinander wütet, nach Möglichkeit zum Halten zu bringen, die Tiere aus der Verschlingung zu lösen und von neuem einzuspannen. Natürlich kann bei solch ungestümer Fahrt von einer Lenkung des Schlittens nach unseren Begriffen von seiten des Menschen keine Rede sein. So gut es eben geht, weist man den Leithunden durch Peitschenhiebe den Weg, den sie nicht gehen sollen.

Diese genügsamen, abgehärteten Schlittenhunde sind nicht nur den grönländischen Eskimos und den kanadischen Pelzjägern, sondern auch allen nordasiatischen Volksstämmen als Zugtiere völlig unentbehrlich. Tungusen, Samojeden, Tschuktschen, Kamdschadalen und wie sie sonst heißen mögen, fallen geradezu in Hungersnot, wenn ihnen ihre Hunde durch eine Seuche hinweggerafft werden, weil sie ohne diese sich weder das nötige Brennholz verschaffen, noch dem sie ausschließlich ernährenden Fischfang und der Jagd, auch der für sie höchst wichtigen Pelzjagd, genügend obliegen können. Über die Hunde, die einzigen Haustiere der Kamtschadalen, schreibt der alte Steller: „Ohne diese Hunde kann jemand hier so wenig leben wie an andern Orten ohne Pferd und Rindvieh. Die kamtschatkischen Hunde sind verschiedenfarbig, hauptsächlich aber dreierlei: weiß, schwarz und wolfsgrau, dabei sehr dicht- und langhaarig. Sie ernähren sich von alten Fischen. Vom Frühjahr bis in den späten Herbst bekümmert man sich nicht im geringsten um sie, sondern sie gehen allenthalben frei herum, lauern den ganzen Tag an den Flüssen auf Fische, welche sie sehr behende und artig zu fangen wissen. Wenn sie Fische genug haben, so fressen sie, wie die Bären, nur allein den Kopf davon; das andere lassen sie liegen. Im Oktober sammelt jeder seine Hunde und bindet sie an den Pfeilern der Wohnung an. Dann läßt man sie weidlich hungern, damit sie sich des Fettes entledigen, zum Laufen geschickt und nicht engbrüstig werden mögen, und alsdann geht mit dem ersten Schnee ihre Not an, so daß man sie Tag und Nacht mit gräßlichem Geheul und Wehklagen ihr Elend bejammern hört. Ihre Kost im Winter ist zweifach. Zur Ergötzung und Stärkung dienen stinkende Fische, welche man in Gruben verwahrt und versäuern läßt. Das andere Futter besteht in trockenen Speisen von verschimmelten und an der Luft getrockneten Fischen. Damit füttert man sie des Morgens, um ihnen unterwegs Mut zu machen.

Man kann sich nicht genug über die Stärke der Hunde verwundern. Gewöhnlich spannt man nur vier an einen Schlitten; diese ziehen drei erwachsene Menschen mit 1½ Pud (24,5 kg) Ladung behende fort. Auf vier Hunde ist die gewöhnliche Ladung 5-6 Pud (82-98 kg). Ungeachtet nun die Reise mit Hunden sehr beschwerlich und gefährlich ist, und man fast mehr entkräftet wird, als wenn man zu Fuß ginge, und man bei dem Hundeführen und Fahren so müd wie ein Hund selber wird, so hat man doch dabei diesen Vorteil, daß man über die unwegsamsten Stellen damit von einem Ort zum andern kommen kann, wohin man weder mit Pferden, noch, wegen des tiefen Schnees, sonst zu Fuß kommen könnte.

Der andere Hauptnutzen der Hunde, weshalb sie auch häufig gehalten werden, ist, daß man sowohl den abgelebten Schlittenhunden als den zur Fahrt untauglichen die Häute abnimmt und zweierlei Kleider daraus macht, welche in dem ganzen Lande von großem Nutzen und von großem Werte sind.“

Eine ähnliche Lebensweise wie diese kamtschadalischen und überhaupt nordasiatischen Hunde führen diejenigen Islands, die dort in übergroßer Zahl (auf fünf Menschen drei Hunde!) untätig herumlungern, zu gewissen Jahreszeiten aber beim Trieb der Schaf- und Pferdeherden doch wesentliche Dienste leisten. Verwandt damit ist auch der Spitz der skandinavischen Lappen und westrussischen Finnen, der sogenannte ~Elchhund~, und der russisch-sibirische ~Laika~, d. h. Beller, die beide, ähnlich wie unsere Bracken, zum Aufstöbern und Treiben des Wildes dienen.

Ein etwas veränderter, vor allem durch bessere Ernährung kräftiger gewordener Abkömmling des alten Torfhundes der neolithischen Mitteleuropäer, der noch zur Römerzeit am Rhein und in Helvetien (so in Vindonissa) lebte, ist unser einheimischer ~Spitz~, dessen etwas grobes Fell weiß, grau, schakalfarbig, gelb oder ganz schwarz ist. Dank seiner außerordentlichen Wachsamkeit, die kein Geräusch und keine fremde Erscheinung unbeachtet läßt, ist er der Haus- und Wachthund in des Wortes eigentlichster Bedeutung. Tag und Nacht hütet er mit derselben Aufmerksamkeit den Hof oder das Fuhrwerk seines Herrn, das er nie verläßt, um sich wie andere Hunde gerne herumzutreiben. Mit wütendem Gekläff und seine scharfen Zähne weisend empfängt er jeden Fremdling, der ihm verdächtig erscheint. Als die beste Rasse gilt der Pommer, weil er bei unwandelbarer Treue und Anhänglichkeit besonders aufmerksam und lebhaft ist, dabei weder Regen, noch Kälte scheut, ja gewöhnlich im Hause oder Hofe dort am liebsten zu liegen pflegt, wo der Wind am stärksten pfeift. Nur als Kettenhunde taugen die Spitze infolge ihres großen Dranges zur Freiheit nicht. Unter ihnen gibt es auch Zwergformen, die besonders in England als Schoßhündchen der Modedamen sehr beliebt sind und bei einem Gewicht von nur 1,26 kg bis 1800 Mark kosten.

Ein noch weitergehend veränderter Abkömmling des Torfhundes ist der dem Spitz an Wachsamkeit und Mut kaum nachgebende ~Pinscher~, ein höchst munteres, kluges und jagdfreudiges Tier, dessen besondere Liebhaberei es ist, Mäusen, Ratten und Erde aufwühlenden Maulwürfen nachzuspüren und sie zu verfolgen. Die Mäuse und Ratten frißt er bis zu seiner Sättigung, die übrigen wirft er weg; die Maulwürfe dagegen frißt er nicht, sondern begräbt sie. Wie der Spitz zum ländlichen Gehöft gehört, pflegt der Pinscher im bürgerlichen Wohnhaus gehalten zu werden, obschon er wegen seiner steten Unruhe dem Herrn oft mehr Verdruß als Freude macht. Aus diesem Grunde eignet er sich mehr für Leute, welche reiten oder mit schnellen Pferden fahren; denn am allerliebsten begleitet der Pinscher seinen Herrn, wenn er tüchtig rennen und laufen muß. Doch selbst bei den schnellsten Ritten hat er immer noch Zeit, bald hier, bald dort ein Mauseloch zu untersuchen oder einen Maulwurf beim Auswerfen seiner Haufen zu stören. Die Nase hoch gegen den Wind getragen, späht er nach allen Seiten hin, und wo etwas raschelt, naht er sich vorsichtig und leise, um Beute zu machen. In England wird er mit Vorliebe zur Abhaltung von Rattenjagden benutzt, wobei es allerdings ohne oft recht hohe Wetten der Teilnehmer nicht abgeht. Auch von ihm gibt es Zwergformen, häßliche, aber muntere und unterhaltende Tiere, die höchst zutraulich und anhänglich an ihre Herrn sind und gleichfalls zur Rattenjagd, außerdem auch zur Kaninchen- oder Wachteljagd verwendet werden.

Der heute beliebteste Abkömmling des Pinscherstammes ist der durch die Engländer überall eingeführte und populär gewordene ~Foxterrier~, der jetzt auch in Deutschland überall angetroffen wird. Übersprudelnd von Temperament, ist er von einer Beiß- und Rauflust ohnegleichen, die sich in Ermangelung von Besserem an Teppichen, Gardinen, Tischdecken und Möbelüberzügen Luft macht. Wie von der deutschen Jägerei der Dachshund, wurde er von der englischen zum Aufsuchen von Fuchs und Dachs in ihren Erdbauen verwendet. Terrier, altenglisch terrar, heißt so viel wie Erdhund. Für die Arbeit in der Erde wurde auch diese kurzhaarige Pinscherart gezüchtet und besaß schon vor einigen Jahrhunderten einen gewissen Ruf. Als dann die Fuchsjagd zum reinen Sport der Vornehmen wurde, sanken diese in der Erde wühlenden Hunde zu nebensächlichen Handlangern für diese herab, die den unterirdisch verschlieften Fuchs wieder hervorzutreiben hatten. Von diesen Terriers wurde zuerst der Name Foxterrier gebraucht und dann in der Folge auf die ganze Sippe übertragen.

Seine Hauptbedeutung hat aber der Foxterrier längst als Luxushund erlangt, ebenso die übrigen Terrierformen Englands, die man bei uns kaum kennt. Einige davon, wie der kleine, langleibige, kurzbeinige ~Yorkshireterrier~ mit prächtigem Seidenhaar, sind besonders bei den Damen als Schoßhunde beliebt.

Andere Schakalabkömmlinge, die der hier besprochenen Spitzhundgruppe nahestehen, sind die West- und Südasien, den indomalaiischen Archipel bis zu den Philippinen, dann Neuguinea, Australien und Neuseeland, aber auch Nord- und Mittelafrika und Madagaskar bewohnenden ~Pariahunde~. Sie wurden von den Engländern so genannt, weil sie kaum oder nur schlecht domestizierte Hunde von häßlichem Aussehen sind, die als herrenlose Geschöpfe in der Nähe der menschlichen Wohnungen leben, um sich vom Wegwurfe des Menschen kümmerlich genug zu ernähren. Tagsüber liegen sie faul oder schlafend in der Sonne, um wie ihre Ahnen, die Schakale, gegen Abend lebhaft zu werden und auf Eßbares irgend welcher Art zu fahnden. Wie die Schakale machen sie sich des Nachts in orientalischen Städten durch ihr Geheul sehr unangenehm bemerkbar, indem sie bei den nicht daran Gewöhnten keinen rechten Schlaf aufkommen lassen. Sie haben einen schlanken Leib, ziemlich hohe Beine, einen schmalen Kopf mit zugespitzter Schnauze und aufrecht stehenden Ohren. Das Gesicht verrät nur geringe Intelligenz. Der lange, nicht gedrehte Schwanz wird bald hängend getragen, bald ist er gekrümmt. Die Behaarung ist meist kurz und von rostroter oder fahler Färbung, ähnlich dem Schakal. Auch der Schädelbau zeigt Ähnlichkeit mit diesem, und zwar am meisten mit dem indischen Schakal.

Wie heute noch allgemein im Orient besorgte dieser Pariahund hier schon in der Urzeit neben den Hausschweinen die Straßenreinigung. In altbabylonischen Texten wird er als kalbu siguu, d. h. umherschweifender Hund bezeichnet, der manchenorts den Schafherden lästig wurde, weil er sich zur Stillung seines übermächtigen Hungers an die jungen Schafe heranmachte. Da er sich für gewöhnlich von Aas ernährte, mied man ihn so viel als möglich als unheimliches Geistwesen und schützte sich vor seinem, wie man glaubte, krankmachendem Einflusse durch das Tragen von Amuletten, die, wie die Labartu, selbst hundeköpfig, sonst menschenähnlich, an der einen Brust ein Schwein, an der andern einen Hund, oder wie die Daua an beiden Brüsten Hunde säugend dargestellt wurden. Vielfach hing man sich auch Hundenachahmungen um. Alle Krankheitsdämonen wurden hundegestaltig dargestellt. So begreifen wir, wie bei den Semiten und durch sie bei allen Völkern des Morgenlandes der Hund eine verachtete Stellung einnahm, auch dann, als höher gezüchtete Formen desselben eingeführt wurden.

Wie die west- und südasiatischen Pariahunde, deren südlichster Zweig als ~Dingo~ schon in frühvorgeschichtlicher Zeit mit den dem altdravidischen Volkselemente Südasiens nahe verwandten Australiern in Australien einwanderte und hier in der Folge wiederum gänzlich verwilderte, vom ebenfalls in rostroter Färbung vorkommenden indischen Schakal abstammen, ist dies auch bei den meisten nord- und mittelafrikanischen Pariahunden der Fall. Dagegen leben im Nilgebiet und weiter westlich in Nordafrika Formen, die im Schädelbau stark von jenen abweichen und offenbar vom nubischen ~Schakalwolf~ (Canis anthus) abstammen. Der breite Kopf mit großen, aufrechtstehenden Ohren, der selbst im weiblichen Geschlecht stark entwickelte Scheitelkamm, die aufgetriebene, breite Stirn und der derbe, kräftige Schnauzenteil stimmen vollkommen mit diesem überein. Auch physiologische Gründe sprechen für diese Ableitung, so vor allem die Gewohnheit beider, im Boden Löcher zu graben und Aas hervorzuscharren. Bei den südafrikanischen Pariahunden dagegen scheint der dort einheimische ~Schabrackenschakal~ (Canis mesomelas) der eigentliche Stammvater zu sein.

~Wie die kleineren, spitzartigen Haushunde vom Schakal, so stammen alle größeren vom Wolf in seinen verschiedenen Abarten ab.~ Der älteste dieser Wolfsabkömmlinge ist der in spätneolithischer Zeit in Mitteleuropa auftretende Canis familiaris inostranzewi, von Anutschin nach Inostranzew so genannt, der die Überreste desselben zusammen mit denjenigen des Torfhunds in Kulturschichten der jüngeren Steinzeit Rußlands am Ladogasee zuerst entdeckte. Später wurde er dann auch in Pfahlbauten des Neuenburger- (Font) und Bielersees (an der Schüß) mit einigen Kupfergegenständen gefunden. Dieser an Größe einem mittleren Fleischerhunde entsprechende Hund besaß einen durchaus wolfähnlichen Schädel von 17,7 cm Länge und näherte sich sehr dem in Nordrußland und Sibirien verbreiteten, bereits besprochenen Eskimohund, von dem wir konstatierten, daß er eine starke Blutmischung mit dem nordischen Wolfe aufweise. Gegenüber dem Schädel des Torfhundes erscheint der seinige langgestreckt, niedrig, mit stark entwickelter Scheitelleiste und überhaupt ausgeprägten Muskelansätzen. Von der breiten Stirne setzt sich der lang ausgezogene, vorn sich verjüngende Gesichtsteil deutlich ab.

Durch die Kreuzung dieses wolfähnlichen Hundes mit dem Pfahlbauspitz von Schakalabstammung entstand der ~Aschenhund~, so genannt, weil seine Überreste vom Archäologen Grafen von Wurmbrand zuerst in Aschenschichten bei Weikersdorf in Niederösterreich gefunden wurden. Woldrich beschrieb sie im Jahre 1877 und nannte das Tier Canis familiaris intermedius. Weitere Überreste desselben fanden sich in Pulka und Ploscha in Böhmen. Mit einer Basilarlänge von 16,4 cm steht sein Schädel in der Mitte zwischen dem größeren wolfartigen Hund der Bronzezeit und dem kleineren Torfhund und war durch die bedeutende Stirnbreite und die Kürze der Schnauze ausgezeichnet.

Von diesem eigentlichen Jagdhund der Bronzezeit, der uns in einer bereits hängeohrigen, also hochgezüchteten Form auf einer Platte mit Tierdarstellungen von Hierokanopolis in Ägypten aus vorpharaonischer Zeit Antilopen und Steinböcke jagend entgegentritt, stammen die Laufhunde sowie die Vorstehhunde mit ihren verschiedenen Unterrassen ab. Und zwar schließt sich nach den eingehenden Untersuchungen von Prof. Theodor Studer in Bern der Schädel des schweizerischen ~Laufhundes~ in seiner Gestalt direkt an denjenigen des Aschenhundes an, dessen wesentliche Merkmale er bis in alle Details wiederholt, nur ist die Schädelhöhle bei ihm bedeutend geräumiger geworden, als Zeichen, daß er inzwischen bedeutend an Intelligenz zugenommen hat. Die Schädellängen schwanken zwischen 16,2 und 18,4 cm. Die größte Ähnlichkeit mit demjenigen des Canis intermedius zeigt der Schädel eines Laufhundes aus der helvetischen Station La Tène am Neuenburger See aus vorrömischer Zeit. Er stammt aus Kulturschichten, die neben zahlreichen eisernen Waffen und Geräten nebst bronzenen Schmuckgegenständen und Utensilien zahlreiche Knochen von Haustieren, wie Pferden, Rindern und Schweinen, lieferten. Schon bei ihm ist die Schädelkapsel etwas geräumiger, die Schläfenenge weniger eingeschnürt und die Stirne breiter und seitlich mehr gewölbt als beim Aschenhund, ein Prozeß, der sich im Laufe der Zeit noch steigerte bis zu den heutigen Laufhunden.

Schon in der Ilias ist vom Laufhund die Rede, der den Hirsch oder die Hirschkuh und deren Junges durch Täler und Schluchten verfolgt. Ein solcher Laufhund war der treue Argos, der einst zur Jagd auf wilde Ziegen, Rehe und Hasen gedient und das Aufspüren des Wildes trefflich verstanden hatte; kein Wild sei ihm je entkommen, wird in der Ilias von ihm gesagt. In der Folge hielten ihn die Griechen und Römer, aber auch die Völker nördlich der Alpen. So waren zur Zeit des Julius Cäsar die Gallier durch ihre Laufhunde berühmt, die sich vortrefflich zum Aufspüren und Verfolgen der Beute bei der Jagd bewährten. Bei ihnen waren besonders die nach dem gallischen Stamme der Segusier zwischen Saône, Rhone und Allier von den Römern als segusii bezeichneten Hunde hoch geschätzt. Nach den Schilderungen der alten Schriftsteller Ovid, Plinius und Gratius waren es rauhhaarige Tiere, die nicht nur bei den Römern, sondern nach dem Berichte von Flavius Arrianus im Jahre 130 n. Chr. auch in Griechenland Aufnahme fanden. Noch bis in das 6. und 7. Jahrhundert werden sie als segusii angeführt, später aber erhielten sie nach ihrer hauptsächlichen Züchtung in der französischen Landschaft Bresse die Bezeichnung chiens de Bresse. Doch waren neben ihnen schon in römischer Zeit glatthaarige Laufhunde sehr verbreitet, wie uns verschiedene antike Darstellungen zeigen. Daß bei den Galliern verschiedene Rassen von Laufhunden vorkamen, beweist ein im Jahre 1735 in den Ruinen des alten Aventicum (Avenches), der Hauptstadt des römischen Helvetien, aufgefundenes Mosaik, das leider in den Stürmen der Revolutionszeit 1798 zugrunde ging; doch besitzt das historische Museum in Bern die 1794 in Farben ausgeführte Originalkopie von Ingenieur Ritter, der im Auftrage der Berner Regierung damals die in Avenches zutage geförderten Altertümer untersuchte und kopierte. Wir sehen darauf, wie der wahrscheinlich helvetische Besitzer seine geliebten Jagdhunde und sein bevorzugtes Wild neben einer durchaus nicht dazu passenden Darstellung des auf dem Pegasus reitenden Perseus, Tubabläsern, Bären und Delphinen wiedergeben ließ. Zu oberst springt ein glatthaariger, langgestreckter Hund von graugelblicher Färbung, in dem wir unschwer einen Hirschhund erkennen, einer Hirschkuh nach. Darunter verfolgt ein großer Laufhund, weiß mit braunen Platten mit hoher, stumpfer Schnauze -- M. Siber vergleicht ihn mit dem dreifarbigen Berner Laufhund --, ein nicht mehr erhaltenes Wild. Im dritten Feld verfolgt ein schwerer, breitköpfiger und untersetzter Jagdhund einen Eber, im vierten läuft ein kleiner, gefleckter Jagdhund, in welchem M. Siber den Hasenhund par excellence, den gewöhnlichen weiß und gelben Schweizer Laufhund sieht, einem Hasen nach. Also muß schon im 1. Jahrhundert n. Chr. der von uns als Laufhund bezeichnete eigentliche Jagdhund bei den Helvetiern in einer ganzen Anzahl dem verschiedenen Wilde, das er verfolgen sollte, angepaßte Rassen zerfallen gewesen sein.

Auch bei den Germanen scheinen Laufhunde unter dem Namen segusu, seusii, seuces -- wohl von Gallien importiert --, ferner Bracken (braccones) in kleineren und größeren Formen vorgekommen zu sein. Sie alle werden in den alamannischen und bajuvarischen Volksgesetzen, die etwa um 700 n. Chr. verfaßt wurden, erwähnt. Eine besonders wichtige Rolle spielte bei den alten Deutschen der ~Leitihund~ (Leithund), dessen Verletzung mit den schwersten Strafen bedroht wurde. Nach der Abbildung Ridingers war dies ein stämmiger, mittelgroßer Hund mit untersetztem Körperbau, breiter Brust, starkem, breitstirnigem Kopf und hoher Schnauze, mit langem, breitem Behang, glatthaarig, vom Aussehen eines plumpen Laufhundes. Derselbe wurde bei der Jagd an der Leine geführt und erhielt seinen Namen davon, daß er den Jäger, den Spuren des Wildes folgend, zum Jagdobjekt leitete. Diese Rasse, die anscheinend zu Anfang des 19. Jahrhunderts ausstarb, war schon zu Anfang des Mittelalters bei den germanischen Völkern aus den gewöhnlichen, laut jagenden Treibhunden als bestimmte, selbständige Rasse hervorgegangen. Später diente er dazu, einen ganz bestimmten jagdbaren Hirsch auf der Vorsuche vor der eigentlichen Jagd auszumachen und auf einem bestimmten Standorte zu bestätigen.

Wie die Laufhunde auf primitiver Stufe verbliebene Jagdhunde sind, die dem aufgespürten Wilde laut bellend nachsetzen, so sind die ~Vorstehhunde~ eine weit höher gezüchtete Form des alten Jagdhundes. Dieser darf nicht mehr seine alte Raubtiernatur zum Vorschein kommen lassen, sondern muß allen seinen angeborenen Instinkten entgegen das von ihm durch sein feines Geruchsorgan aufgestöberte Wild durch unbewegliches Stillsitzen vor ihm, den Kopf nach ihm hingewendet, das Hinterteil etwas gesenkt und einen Vorderlauf erhoben, dem Jäger anzeigen. Dieses „Vorstehen“ ist tatsächlich auch die einzige Arbeit des modernen Setters und Pointers, die, wie der Name schon andeutet, in England aus dem altspanischen Vorstehhund in teils kurzhaarigen, teils langhaarigen Formen hochgezüchtet wurden.

Das deutsche Gegenstück zu diesen glänzenden englischen Virtuosen, dem besten Gehilfen des sportmäßigen shooting, ist der kurzhaarige ~deutsche Vorstehhund~, der beste Freund und Genosse des deutschen Weidmannes. Schon im 15. und 16. Jahrhundert besaß man in Deutschland kurzhaarige Vorstehhunde zur Habicht- und Falkenbeize auf Feldhühner und Hasen. Die ältesten Feuergewehrjäger des 17. Jahrhunderts, die mit ihren schwerfälligen „Schroth-Büxen“ nur auf ruhende oder langsam sich bewegende Ziele zu schießen vermochten, verwendeten diese Jagdhunde wesentlich nur zum Apportieren. Erst nachdem durch die französische Erfindung des Feuersteinschlosses und selbsttätigen Pulverpfannendeckels das Gewehr genügend verbessert war und damit die Periode der Schießjagd ihren Anfang nahm, kam im 18. Jahrhundert der Vorstehhund bei den fürstlichen Jägern wieder zu Ehren und verdrängte bei diesen den bis dahin üblichen „englischen“ Hatzhund. Bei den regen Verbindungen des Fürstenhauses von Hannover mit England kann es nicht verwundern, daß dann der deutsche Vorstehhund mit dem hochgezüchteten englischen Typus verbessert wurde, bis schließlich unsere unübertrefflichen vielseitigen ~Gebrauchshunde~ hervorgingen, die zu den verschiedensten jagdlichen Verrichtungen verwendet werden können.

Einem glatthaarigen Vorstehhund ähnelt an Größe und Gestalt der ~Schweißhund~ der deutschen Weidmänner. Die kräftig gebauten, lohbraun bis fahlgelb gefärbten Tiere mit schwärzlichem Anflug an Schnauze und Ohren besitzen einen breiten, wenig gewölbten Kopf. Die Lippen der stumpfen Schnauze fallen breit über und bilden im Mundwinkel eine starke Falte; die breitlappigen Ohren sind mittellang und unten abgerundet. Er ist ein kaum zu entbehrender Gehilfe bei Ausübung der Jagd auf Hochwild, indem er die Fährte angeschossener Tiere zu verfolgen hat. An der Leine gehalten, führt er bei der Nachsuche den Jäger still durch Busch und Wald zu der Stelle, wo das weidwunde Tier sich niedergelegt hat. Ist er freigelassen und hat er das Wild verendet gefunden, so „verbellt er es tot“, ist dieses aber noch flüchtig geworden, so hetzt er es laut und stellt es, bis der Herr herankommt und die Jagd mit einem Fangschuß beendet.

Nicht zu verwechseln mit diesem wichtigen Jagdgehilfen ist der ~Hirschhund~, der sich durch sein scharfes Spürvermögen und seine außerordentliche Schnelligkeit auszeichnet. Gegenwärtig befinden sich nur noch wenige im Besitz des englischen Königs. Früher war dieses Tier ein wichtiges Inventarstück am britischen Hofe, das bei den großen Hirschhetzen, an denen besonders Georg III. als leidenschaftlicher Liebhaber dieses Sportes oft persönlich teilnahm, eine sehr wichtige Rolle als Parforcehund spielte. Nicht selten hetzte man mit solchem Eifer, daß von den 100 berittenen Jägern, die anfangs hinter dem Hirsche dreinritten, zuletzt nur noch 10 oder 20 übrig waren, wenn das flüchtige Wild von der Meute der Hirschhunde gepackt wurde. Man durchritt dabei in Windeseile unglaubliche Entfernungen und setzte die Jagd oft so lange fort, bis ein großer Teil der Pferde und selbst viele Hunde dabei zugrunde gingen.

Diese Hirschhunde waren namentlich bei den alten keltischen Völkerschaften als Jagdhunde sehr verbreitet und wurden noch im Mittelalter auf dem mitteleuropäischen Festlande viel gehalten. Nach dem bereits erwähnten Berner Professor Th. Studer sind sie die wenig veränderten Nachkommen des als Canis familiaris leineri bezeichneten Wolfabkömmlings, dessen Überreste bisher in einem einzigen Exemplar im neolithischen Pfahlbau von Bodmann am Überlinger See gefunden und nach dem nunmehr verstorbenen Direktor des Rosgartenmuseums in Konstanz, Dr. Leiner, von Studer so genannt wurden. Die Eigentümlichkeit dieser Rasse besteht in einer langgestreckten, gewölbten Hirnkapsel mit mäßig entwickelter, gerader Scheitelleiste an dem an der Basis gemessen 20 cm langen Schädel. Die stumpf abgerundete Schnauze ist vor den Eckzähnen noch 3,5 cm breit. In seiner schlanken Form erinnert der Schädel an den des Windhundes und in seiner geraden Profillinie an den gleich zu besprechenden Bronzehund. Das unvermittelte Auftreten dieses Tieres weist auf den zunehmenden Handelsverkehr jener Gegenden mit dem Süden, von wo es zweifelsohne eingeführt wurde. Sein Entdecker wies nämlich nach, daß es jedenfalls auf den ~indischen Wolf~ (Canis pallipes) zurückgeht, der viel kleiner ist als der europäische Wolf, nämlich bei einer Schulterhöhe von 65 cm nur eine Gesamtlänge von 130 cm erreicht, wovon übrigens 40 cm auf den Schwanz entfallen. Von Indien aus erstreckt sich sein Verbreitungsgebiet bis nach Ostpersien. Sein gewöhnlicher Aufenthaltsort scheint das offene Gelände zu sein, während er das Waldgebiet möglichst meidet. Nach den Angaben der Eingeborenen haben die indischen Wölfe die Gewohnheit, weidende Antilopen oder Schafe nach einer günstigen Fangstelle zu treiben, was einen Fingerzeig dafür gibt, wie bei seinen gezähmten Nachkommen dieser Instinkt zum Bewachen und Zusammentreiben von Herdetieren durch zielbewußte Erziehung weiter ausgebildet wurde. Jeitteles nimmt Persien als den Ort der ersten Domestikation des indischen Wolfes an. Von dort kam dann dieses Tier nach seiner Zähmung als Haustier über Kleinasien und der Donau entlang ins Herz von Europa, um hier bald neben dem Torfhund recht beliebt zu werden.

Von dieser südlichen Haushundrasse leitet sich zweifellos der ~Bronzehund~ ab, den Jeitteles 1872 in einer vorgeschichtlichen Ablagerung der Stadt Olmütz entdeckte und unter dem Namen Canis familiaris matris optimae -- seiner Mutter zu Ehren so genannt -- beschrieb. In der Folge entdeckte man diesen an neun verschiedenen Orten Mitteleuropas in Kulturresten der Bronzezeit, so daß man annehmen darf, daß er zur Bronzezeit neben dem kleineren Torfspitz von Schakalabstammung ziemlich verbreitet war. Sein Schädel von durchschnittlich 18 cm Basislänge hat eine weniger gewölbte Hirnkapsel und eine längere und spitzere Schnauze als derjenige des Torfhundes. Diesen Canis familiaris matris optimae möchte neuerdings M. Hilzheimer in Stuttgart von einem kleinen Wolf ableiten, der nach seinen Untersuchungen Südschweden und die gegenüberliegenden Küstenländer Rußlands bewohnte. Damit stimmt überein, daß Th. Studer in Bern diesen von einem Hund ableiten will, der in einer jungsteinzeitlichen Ablagerung Nordwestrußlands gefunden und von ihm Canis putiatini genannt wurde. Was nun die Funktion der beiden Haushunde Mitteleuropas zur Bronzezeit betrifft, so nimmt Naumann an, daß der Torfspitz damals wie früher mehr zum Bewachen des Hauses, der Bronzehund dagegen mehr zum Bewachen und Hüten der Herden, besonders von Schafen, benutzt wurde. Letzteres ist sehr wohl möglich, um so mehr die Großviehhaltung zur Zeit der Bronzekultur gegenüber der Kleinviehzucht entschieden zurücktrat und besonders die Aufzucht des Schafes zur Gewinnung der damals zuerst in größerer Menge beliebt werdenden Wollkleidung einen großen Umfang annahm.

Jedenfalls sind unsere ~Schäferhunde~ die direkten Abkömmlinge des Bronzehundes. In allen Formen des Schädelbaues stimmen sie mit denjenigen des Bronzehundes vollkommen überein. Allerdings ist der Schäferhund, wie wir ihn heute kennen, kaum 200 Jahre alt. Seine Ausbildung begann erst mit der Ausrottung des Wolfes. Bis dahin war seine Stelle vom hatzhundähnlichen, mit Stachelhalsband bewehrten „Schafrüden“ eingenommen worden, der nur das Raubzeug, also vor allem den Wolf, abzuhalten hatte, gewöhnlich aber vom Hirten am Stricke geführt wurde, während dieser seine Herde selbst hütete und, die Schalmei oder den Dudelsack blasend, vor ihr herging. Als dann in England zuerst der Wolf ausgerottet wurde, entwickelte sich dort aus den klugen und wetterharten wolfähnlichen Landhundschlägen ein Schäferhund in unserem Sinne, dessen sich dann die Liebhaber bemächtigten, um aus ihm schließlich den hochedlen Rassenhund zu züchten, der uns heute im ~Collie~ oder ~schottischen Schäferhund~ entgegentritt. Wie der englische ist dann später auch der ~deutsche Schäferhund~ aus wolfähnlichen Landhunden herausgezüchtet worden; nur wurde er nicht so verfeinert, um nicht zu sagen überfeinert, sondern blieb ein derber, wetterharter und genügsamer Gesell.

Aus kleinen Schäferhundformen ging schließlich im Mittelalter der ~Pudel~ hervor, der Artist unter den Hunden. Er erscheint nach Studer zuerst in den Abbildungen der geduldigen Griselda von Pinturicchio als solcher. Seine Ursprungsform ist der Hirtenhund früherer Zeiten, der alte „Schafbudel“, der früher auch als Jagdhund verwendet wurde. Vermutlich hat er im Laufe der Zeit eine ziemliche Beimischung von Blut des vom Canis familiaris intermedius der Bronzezeit abstammenden Jagdhundes erhalten, da er früher viel für die Jagd, besonders die Wasserjagd, verwendet wurde. Später wurde er dann dank seiner Intelligenz und Gelehrigkeit zum persönlichen Gesellschafter, Begleit- und Stubenhund erhoben und durch zielbewußte Zucht zu einer Kulturrasse von besonderer Ausprägung erhoben. Wo dies zuerst geschah, wird schwer zu entscheiden sein. Die ersten Darstellungen desselben beziehen sich auf Burgund. In jener Zeit des Mittelalters war der Jagdsport so allgemein und der Austausch der tierischen Jagdgehilfen so international -- man denke nur an den massenhaften Bezug von nordischen Jagdfalken aus Island und Grönland, die für ganz Europa den Bedarf deckten --, daß es fast unmöglich sein wird, festzustellen, wo eine bestimmte Rasse zuerst erzeugt wurde. In Deutschland sollen größere Pudelformen erst im 16. Jahrhundert aufgetreten sein.

Sowohl mit Rücksicht auf ihren Körperbau als ihre geistige Eigenart bilden unter allen Hunden die ~Windhunde~ die am schärfsten umschriebene Rassengruppe. Der schlanke, zierliche Körper mit schmalen, hoch hinaufgezogenen Lenden und geräumiger Brust ruht auf hohen, sehnigen Gliedmaßen und trägt einen fein gebauten Kopf mit lang vorgezogener Schnauze, indem der Gesichtsschädel stark verlängert, dabei schmal und hoch ist, so daß die Lückenzähne auseinandergerückt sind. Die aufrecht gestellten Ohren sind an der Spitze gewöhnlich umgebogen. Der lange, dünne Schwanz wird hängend getragen und ist bisweilen am Ende nach oben gekrümmt. Die Behaarung ist in der Regel sehr kurz und dicht anliegend. Nur in den mehr nach dem kalten Norden gelegenen Wohngebieten entwickelt sich als Wärmeschutz ein längeres Grannenhaar.

Diese kurze Behaarung, die in unserem kühlen Klima leicht Veranlassung zum Frieren gibt, deutet auf die Herkunft der Windhunde aus dem Süden, und zwar weist das unruhige, ungemein bewegliche Wesen und das leichte Orientierungsvermögen, das ihnen eigentümlich ist, wie auch der schlanke Bau mit der stark entwickelten Brust mit geräumigen Lungen auf die tropische Steppe als ursprünglichem Wohngebiet dieser Tiere. Dort sind ja auch die ähnlich gebauten Antilopen zu Hause.

In Europa erscheinen die dieser Rasse angehörenden zahmen Hunde spät. Noch zur Bronzezeit fehlten sie hier gänzlich. Auch in Asien vermissen wir sie in den ältesten für uns nachweisbaren Kulturperioden, so auch in der altbabylonischen Zeit. Im alten Ägypten dagegen finden wir schon zur Zeit der 4. Dynastie (2930-2750 v. Chr.) neben dem auch hier die ursprünglich verbreitete Hunderasse darstellenden Torfhund, dem Spitz von Schakalabstammung, einen hochbeinigen, glatthaarigen, stehohrigen Windhund auf den alten Grabdenkmälern abgebildet. Die aufrechtstehenden Ohren weisen darauf hin, daß die Domestikation noch nicht allzusehr auf ihn eingewirkt hatte. Zuerst vermutete der Pariser Zoologe Geoffroy St. Hilaire und nach ihm der Züricher Konrad Keller, daß der langbeinige, spitzschnauzige ~abessinische Wolf~ (Canis simensis) der Stammvater des altägyptischen Windhundes sei. Er sei schon zu Ende des 4. vorchristlichen Jahrtausends irgendwo in Nubien gezähmt und zum Haustier erhoben worden. Dem entgegen machen die meisten Autoren geltend, daß die Windhunde, die uns allerdings in Ägypten zuerst entgegentreten, nicht einheitlichen Stammes sein können, daß die größeren und kleineren Formen verschiedenen Ursprungs seien. Letztere stammen zweifellos aus dem Niltal; doch meint neuerdings M. Hilzheimer, daß nicht der abessinische Wolf, sondern eine auffallend schlanke Schakalart, Canis lupaster, der Ausgangspunkt dieser Rasse sei. Dieser Schakal sei dem schakalköpfig dargestellten altägyptischen Gotte Anubis, dem Geleiter und Schützer der Toten, heilig gewesen, und man habe in Assiut Schädel bei Hundemumien gefunden, die denjenigen dieses schlanken Schakals außerordentlich ähneln. Diese aus Nubien stammenden kleineren Windhunde der Ägypter werden auf den Grabdenkmälern mit dünnem, teilweise geringeltem Schwanze abgebildet. Sie wurden dann durch die Phönikier nach Syrien gebracht und gelangten von da wohl über Kleinasien zu den Griechen, dann auch nach Mittelitalien zu den Etruskern und später durch die Römer in die Länder nördlich der Alpen.

Die größeren Windhunde dagegen führt M. Hilzheimer auf einen im Nordwesten des Schwarzen Meeres heimischen hochgestellten ~Steppenwolf~ zurück, der vom Menschen gezähmt und zu seinem Jagdgehilfen erhoben wurde. Noch heute ist er als solcher für die Jagd in der Steppe unentbehrlich. Auf diesen Wolf sei der als ~Barsoi~ bezeichnete langhaarige russische Windhund, wie auch die gleichfalls für die Jagd benutzten großen Windhunde, der persische ~Tasi~ und der durch ganz Nordafrika verbreitete ~Slughi~, zurückzuführen. Der westlichste Vertreter derselben ist der englische ~Greyhound~, der in ganz ähnlicher Gestalt schon auf etruskischen Grabdenkmälern erscheint. Also muß diese Windhundart schon frühe aus Westasien nach Südeuropa gelangt sein.

Der älteste stehohrige Windhund Altägyptens ist aus ganz Nordafrika verschwunden. Nach Keller hat er sich nur noch auf den Balearen östlich von Spanien im ~Ibizahund~ erhalten, so genannt, weil er nach den Kennern von der Insel Ibiza stammt, wohin er wohl von Nordafrika her durch die Karthager gebracht wurde. Auf die Frage, weshalb sich der Pharaonenwindhund ganz abseits vom Niltal auf den spanischen Inseln des Mittelmeeres bis heute erhalten konnte, während er sonst überall verschwand, antwortet Keller: „Es ist das Kaninchen, das uns diesen alten Windhund gerettet hat. Die Balearen waren schon im Altertum ihres Kaninchenreichtums wegen berühmt. Die dort angesiedelten römischen Kolonisten wandten sich, wie Plinius berichtet, an ihr Mutterland, damit dieses Soldaten schicke, um die Kaninchenplage zu beseitigen. Aber viel wirksamer erwiesen sich die von den Pityusen eingeführten Ibizahunde, die dem schädlichen Nager mit großem Geschick zu Leibe gehen. Dieser ausgesprochene Jagdinstinkt hat sich vererbt, und wir erfahren ja durch das bekannte Gemälde, das Prisse d’Avennes unter dem Titel ‚Rückkehr von der Jagd‘ aus der Nekropole von Theben veröffentlicht hat, daß die altägyptischen Windhunde zur Jagd auf Hasen verwendet wurden.“

Derselbe Autor hat, wie 1906 den Ibizahund auf den Balearen, so später auf der Insel Mallorka auch einen stehohrigen dachsartigen Hund, wie er im alten Ägypten gezüchtet wurde, gefunden. Diesen führt er, wie alle ~Dachshunde~ überhaupt, auf den altägyptischen Windhund zurück, der durch vererbte Rachitis die ihm eigentümlichen kurzen, gekrümmten Beine erhielt. Nun sind allerdings schon im 3. vorchristlichen Jahrtausend niedrige, langgestreckte, stehohrige Hunde unter dem Namen trqu, was etwa Feuriger, Heißer bedeutet, zur Jagd gebraucht worden. Doch ist es durchaus nicht sicher, wie Keller annimmt, daß unser deutscher ~Teckel~ auf diesen zurückgeführt werden darf. Leider ist die Geschichte dieses letzteren durchaus noch im dunkeln. Heute haben die Dachshunde, die den feinen Spürsinn der Jagdhunde besitzen, daneben sehr intelligent und bei der Jagd äußerst ausdauernd sind, als Zeichen einer uralten Kultur typische Hängeohren.

Weit besser geklärt als die Geschichte der Wind- und Dachshunde ist diejenige der ~Doggen~. Kann man erstere ihrem geistigen Wesen nach als Sanguiniker bezeichnen, so sind letztere mehr die Choleriker unter den Hunden. Ihr vehementer Angriff ist zu fürchten und zeugt von bissigem Wesen, das dem Feinde gefährlich wird; aber dem eigenen Herrn gegenüber sind sie fügsam und treu. Auch im Körperbau sind sie in ihrer massigen Erscheinung das reine Gegenstück zu den zierlichen, schlanken Windhunden. Ihre gedrungene Gestalt mit ungemein kräftiger Muskulatur trägt einen schwergebauten Schädel mit relativ langem Gehirn- und kurzem, breitem Schnauzenteil. Am Kopf erscheinen die Ohren hoch angesetzt und am verkürzten Gesichtsteil legt sich die Haut gern in Falten, welche in den Lippen schlaff herabhängen. Auch die Augenlider sind vielfach schlaff und kehren unten die rote, nackte Bindehaut heraus, was dem Gesicht einen eigentümlichen Ausdruck verleiht. An den kurzen Hals schließt sich eine breite Brust an, die Weichen sind wenig hoch aufgezogen, die Beine mittelhoch und mit kräftiger Muskulatur versehen. Ursprünglich war die Körperbehaarung lang, fast zottig, als Beweis, daß diese Hunderasse von einer in einem kalten Klima lebenden Wolfsart abstammt. Auch der Schwanz war buschig. Doch sind später aus diesen langhaarigen auch kurzhaarige Doggen entstanden, deren Schwanz auch nur kurz behaart ist.

Im vorgeschichtlichen Europa und im alten Ägypten fehlen diese gewaltigen Hunde vollständig, dagegen treffen wir sie schon in kurzhaarigen Formen in Vorderasien bei den alten Assyriern in der ersten Hälfte des letzten Jahrtausends v. Chr. an. Und zwar scheinen die Assyrier diese Hunde aus Indien erhalten zu haben, das sie seinerseits aus dem Hochlande von Tibet bezog. Nach Prof. Konrad Keller ist zweiffellos der auffallend große, schwarze ~Tibetwolf~ (Canis niger) der Stammvater dieser mächtigen, ebenfalls zottig schwarz behaarten Hunde, die im warmen Indien und Vorderasien ihre lange Behaarung bald verloren und kurzhaarig wurden. Der große, schwarze Wolf -- den Sclater 1874 zuerst als reichlich 1 m langen Wildhund beschrieb --, der im durchschnittlich Mont Blanc-Höhe aufweisenden Hochlande von Tibet neben dem gemeinen grauen Wolfe vorkommt, ist in den kräftig bemuskelten Beinen auffallend tief gestellt, hat an Hals und Brust eine auffallend lange Behaarung von schwarzer Farbe, alles Merkmale die auch die Tibetdoggen aufweisen, nur daß diese neben dem schwarzen Haarkleid häufig einen weißen Bruststern und weiße Pfoten aufweisen. Von den Abkömmlingen dieser Hunderassen waren nach den vorliegenden literarischen Quellen auch die altassyrischen Doggen und die von diesen abzuleitenden Molosserhunde der Griechen und später der Römer vorwiegend schwarz, teils einfarbig, teils auch mit weißen Flecken. Die späteren davon abweichenden Färbungen sind offenbar erst sekundär erworben worden.

Die großen Tibetdoggen sind heute noch in Europa wenig bekannt. Die ältesten Angaben über dieselben findet man in der chinesischen Literatur, nämlich im Schu-king, demzufolge 1121 v. Chr. ein Tibethund, der auf die Menschenjagd dressiert war, als Geschenk an den Kaiser von China gelangte. Heute bringen tibetische Händler solche häufig nach dem chinesischen Reich. Nach Europa gelangte die erste Kunde von diesen gewaltigen Tibethunden zu Ende des 13. Jahrhunderts durch den Venezianer Marco Polo, der erzählte, daß er die Größe eines Esels erreiche und zur Jagd auf wilde Ochsen (Yaks) verwendet werde. Fünf Jahrhunderte hindurch hörte man nichts mehr von ihm, bis der Engländer Samuel Turner um 1800 auf einer Gesandschaftsreise im Auftrage der Ostindischen Kompanie nach Tibet diese starken Hunde von 70-80 cm Schulterhöhe antraf, die er als bösartig bezeichnet. Nach ihm gab Bryan Hodgson eine genauere Beschreibung von ihnen. Er bezeichnet die Hunde von Tibets Hauptstadt Lhassa als die schönsten; sie seien von schwarzer Farbe mit braunen Beinen. Nach Hooker wird diese Dogge bei den Karawanen der Tibeter vielfach zum Lasttragen benützt. Diese Rasse, die nur vereinzelt über Tibet hinausgeht und z. B. in den Vorbergen des Himalajas vereinzelt angetroffen wird, steht schon durch die ziemlich wenig verkürzte Schnauze der Stammform am nächsten.

Die Geschichte der Doggen ist kurz folgende: Der Bildungsherd, in welchem durch Zähmung des großen, schwarzen Tibetwolfes die ältesten Doggen hervorgingen, ist Tibet. Von hier drangen diese durch ihre Stärke geschätzten Nutztiere nach Nepal und Indien, vereinzelt auch nach China vor. Von Indien aus gelangten sie frühe nach Persien und von da bereits in einer kurzhaarigen Form in der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrtausends nach Assyrien und Babylonien, wo wir sie mehrfach als Jagdhunde, teils an einem Riemen geführt, teils frei dahinstürmend, abgebildet finden. So finden wir eine höchst charakteristische Darstellung der assyrischen Dogge auf einer Topfscherbe aus Birs Nimrud. Noch viel wahrheitsgetreuer sind die auch künstlerisch viel höher stehenden Basreliefs von dem aus dem Jahre 668 v. Chr. stammenden Palast Asurbanipals in Kujundschik, die nun ebenfalls im Britischen Museum sind. Auf der einen Darstellung sehen wir den Auszug zur Jagd. Einige Jäger schreiten mit den Fangnetzen voran; ihnen folgen andere, eine kampfbegierig vorwärtsstürmende Dogge an der Leine führend. Auf der andern erblicken wir, wie vier bissige Doggen mit kräftigen Halsbändern ein Wildpferd anfallen und es niederzureißen versuchen.

Später erwähnt Herodot um die Mitte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts, ein Satrap von Babylon habe die Einkünfte von vier Städten auf den Unterhalt solcher Hunde verwendet, was auf eine größere Zahl derselben schließen läßt. Zu seiner Zeit gab es ähnlich große Hunde auch in Epirus, wohin sie nach Keller aus den Euphratländern durch den Zug des Xerxes gekommen sein sollen. Nachschübe dieser Doggen erfolgten durch den Eroberungszug Alexanders des Großen nach Indien, indem dieser makedonische König ihm vom Könige Porus und andern indischen Fürsten geschenkte gewaltige Hunde nach seiner Heimat Makedonien sandte. Über die Leistungsfähigkeit dieser indischen Hunde, die nur Tibeter gewesen sein können, erzählt der römische Geschichtschreiber Curtius Rufus auf griechische Quellen gestützt folgendes: Nach Überschreitung des Hydaspes und nach Besiegung des Porus kam Alexander ins Gebiet des Königs Sopites. „In diesem Lande gibt es sehr vortreffliche Jagdhunde, die, wie man sagt, beim Anblick eines Wildes sogleich zu bellen aufhören und besonders für die Löwenhatz sehr gut sind. Um Alexander davon zum Augenzeugen zu machen, ließ Sopites einen außerordentlich großen Löwen bringen und ihn bloß von vier Hunden hetzen, die sogleich den Löwen anpackten. Ein Hatzknecht nahm hierauf einen dieser Hunde, die am Löwen hingen, bei einem Bein und suchte ihn loszureißen. Als er nicht loslassen wollte, hieb er ihm dieses ab. Da er aber auch dies nicht beachtete, hieb er ihm ein zweites Bein ab, und, weil er noch immer den Löwen festhielt, schnitt er ihm ein Glied nach dem andern vom Rumpfe, und trotzdem hielt der Hund, obschon inzwischen tot, noch den Löwen mit den Zähnen fest. So hitzig sind diese Tiere von Natur auf die Jagd!“

Etwas abweichend von diesem Berichte erzählt der griechische Geschichtschreiber Diodorus Siculus zur Zeit Cäsars und Augustus: „Der indische König Sopites kam aus seiner Residenz dem Alexander entgegen, bewirtete dessen Soldaten einige Tage hindurch aufs glänzendste und schenkte ihm außer vielen andern wertvollen Dingen 150 Hunde von außerordentlicher Größe und Stärke. Um nun eine Probe von ihren Heldentaten zu geben, ließ er vor Alexander einen großen Löwen in ein Gehege bringen, und ließ dann auch zwei der schwächlichsten der geschenkten Hunde hinein. Diesen war der Löwe überlegen. Jetzt wurden noch zwei andere Hunde hineingelassen, und bald hatten die vier Hunde den Löwen so gepackt, daß sie ihn überwältigten. Darauf schickte Sopites einen Mann ins Gehege, der ein großes Messer trug, um einem der Hunde das rechte Bein abzuschneiden. Als Alexander das sah, schrie er voll Entsetzen auf, und Leute seiner Leibwache eilten hin, dem Inder Einhalt zu gebieten. Sopites aber versprach dem Alexander, er wolle ihm drei andere Hunde für den einen geben; und so schnitt denn der Inder dem Hunde ganz langsam das Bein ab, ohne daß dieser sich muckste. Er hielt im Gegenteil den Löwen mit seinen Zähnen so lange fest, bis er sich verblutet hatte und starb.“ Nebenbei bemerkt kommt es auch heute nicht selten bei Sauhatzen vor, daß sich Hunde so fest in das Beutetier verbeißen, daß sie von selbst nicht wieder loskommen können. Für diesen Fall muß der Hatzmeister dem Hunde einen stets bei sich geführten fußlangen Holzknebel von der Seite in den Mund schieben, indem er diesen behutsam öffnet.

Einen weiteren Bericht über die außerordentliche Leistungsfähigkeit dieser indischen Doggen hat uns der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte überliefert. Er schreibt nämlich: „Als Alexander (der Große) nach Indien zog, hatte ihm der König von Albanien einen Hund von ungeheurer Größe geschenkt. Das gewaltige Tier gefiel ihm, und er ließ erst Bären, dann Eber und endlich Antilopen zu ihm; aber der Hund blieb ruhig liegen und blickte sie mit Verachtung an. Erbittert über dessen Faulheit ließ ihn der Eroberer töten. Dies erfuhr der König von Albanien und sandte ihm einen anderen, mit der Aufforderung, ihn nicht an schwachen Tieren, sondern an Löwen und Elefanten zu versuchen; er habe nur zwei solcher Hunde gehabt und dieses sei der letzte. Ohne sich lange zu besinnen, ließ Alexander einen Löwen los; diesen machte der Hund augenblicklich nieder. Darauf befahl er, einen Elefanten vorzuführen, und nie sah er ein Schauspiel mit größerem Vergnügen an als das, das sich ihm jetzt darbot: Der Hund sträubte alle seine Haare, bellte furchtbar donnernd, erhob sich, sprang bald links, bald rechts gegen den Feind, bedrängte ihn und wich wieder zurück, benutzte jede Blöße, die er sich gab, sicherte sich selbst vor dessen Stößen und brachte es so weit, daß der Elefant vom immerwährenden Umdrehen schwindelig niederstürzte, so daß bei seinem Falle die Erde erdröhnte.“ Jedenfalls waren diese indischen Hunde von einer den Griechen bis dahin für unmöglich gehaltenen Tapferkeit und Stärke.

In Griechenland erfreuten sich die großen epirotischen Hunde neben den lakonischen von ägyptischer Windhundabstammung, die zur Jagd dienten, und den vom westasiatischen Schakal stammenden Spitzhunden, die als getreue Wächter des Hauses gehalten wurden, in der klassischen Zeit der größten Wertschätzung. Der 389 v. Chr. verstorbene attische Dichter Aristophanes berichtet, daß die starken epirotischen Hunde von fürsorglichen Ehemännern zur Hut der Frauengemächer benutzt wurden. Wie grimmig diese dreingeschaut haben müssen, beweist die Tatsache, daß der finsterblickende Höllenhund Kerberos von den Dichtern zum Stammvater der epirotischen Zuchten erklärt wurde.

Von den Griechen erhielten dann die Römer die hochgeschätzte epirotische Dogge, die sie ~Molosser~ (canis molossus) nannten. Eine eingehende Beschreibung des Tieres gibt der römische Ackerbauschriftsteller Columella um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr., und hebt den mächtigen Kopf des Tieres hervor. Diesen gewaltigen Hund, den sie mit Vorliebe bei den blutigen Tierhetzen im Amphitheater verwendeten und mit dem sie gewiß bei den Helvetiern und Germanen Aufsehen erregten, brachten die Römer zu Beginn der christlichen Zeitrechnung auch in ihre Kolonien nördlich der Alpen. So fand man vor einem Jahrzehnt im römischen Standlager von Vindonissa (dem heutigen Windisch am Zusammenfluß von Aare und Reuß) auf mehreren offenbar an Ort und Stelle hergestellten Tonlämpchen ein vollständiges Hundebild, das gut auf den antiken Molosser paßt. Es stellt einen sehr kräftig gebauten, hängeohrigen Hund dar, dessen Kopf eine dicke Schnauze aufweist. Der Körper erscheint langhaarig und der starkbehaarte Schwanz erinnert lebhaft an denjenigen unserer Bernhardinerhunde. Bemerkenswert und ebenfalls für den Doggencharakter sprechend ist der Umstand, daß an der Hinterpfote eine deutliche Wolfsklaue gezeichnet ist. Später kam eben dort auch ein wohlerhaltener Molosserschädel zum Vorschein, der nun in der Landwirtschaftlichen Sammlung in Zürich aufbewahrt wird.

Daß nun bei dem wiederholten Import einzelne Exemplare des Molossers in verschiedene entlegene Alpentäler Helvetiens gelangten und hier vor Kreuzung mit anderen Rassen und damit vor Vernichtung bewahrt blieben, ist weiter nicht wunderbar. Ebenso begreiflich ist es, daß sie hier vortrefflich gediehen. Boten doch die Alpenländer Verhältnisse, die klimatisch denen ihrer Urheimat in Tibet sehr ähnlich sind. So wurde in den abgeschiedenen Hochtälern der Alpen die alte Rasse weitergezüchtet und lieferte die in den Alpen und Voralpen gehaltenen ~Sennenhunde~ von ziemlich primitivem Charakter. Durch sorgfältige Reinzucht aber ging aus diesem Material der nach dem Hospiz des großen St. Bernhard benannte edle ~Bernhardinerhund~ hervor, der seiner vortrefflichen Eigenschaften wegen unter allen Doggen am höchsten geschätzt wird. Dort, auf dem Simplon- und Gotthardhospiz, auf der Grimsel usw., wurde der durch guten Spürsinn ausgezeichnete Hund, dessen Gutmütigkeit und Treue fast sprichwörtlich geworden ist, zum Aufsuchen verirrter Wanderer benutzt. Der berühmteste aller Hospizhunde war Barry vom Hospiz auf dem Großen St. Bernhard, der im ganzen 44 Personen das Leben gerettet hat und nunmehr ausgestopft im Naturhistorischen Museum zu Bern zu sehen ist.

Gegenüber dem von den Römern in das Alpenland importierten Molosser ist der Schädel wie der ganze Körper des Bernhardinerhundes größer, was wohl als Folge der besseren Haltung und Pflege durch den Menschen, unterstützt von dem ihm sehr zusagenden Hochgebirgsklima, erklärt werden kann. Von diesem prächtigen Hunde sind aus den früheren Jahrhunderten in der Schweiz keine schriftlichen Mitteilungen auf uns gekommen, weil er offenbar dort so bekannt war, daß man ihn nicht zu erwähnen brauchte; nur als Helmzier und als Wappen schweizerischer Edelleute tritt uns sein prächtiger Kopf entgegen. Im schweizerischen Landesmuseum in Zürich befindet sich eine Wappenrolle aus dem 14. Jahrhundert mit zahlreichen Bernhardinern, die uns den Beweis liefern, daß die schönen Hunde besonders beim Adel gehalten wurden. Noch heute lassen sich manche seiner Zuchten von den Hunden der Grafen de Rougemont, de Pourtalès, von Graffenried, von Judd usw. ableiten. Später kamen sie dann im schweizerischen Tiefland in Vergessenheit, wurden aber nicht nur auf dem Hospiz des Großen St. Bernhard in von den Mönchen für ihre menschenfreundlichen Zwecke geschenkten und rasserein gehaltenen Exemplaren, sondern auch auf anderen Alpenpässen und in vielen Alpentälern gezüchtet.

Die ersten, die in der Neuzeit die Bedeutung dieses Hundes erkannten, waren die Engländer. Sie lernten ihn, wie wir zuerst aus dem Jahre 1778 erfahren, auf dem Hospiz des St. Bernhard kennen und exportierten ihn schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nach England. Hier tauften sie ihn holy breed, d. h. heilige Zucht. Da ihn ein allerdings verdienter Nimbus umgab, wurde aus verständlichen Gründen der von einem Heiligenschein umschwebte Name Bernhardiner der am schärfsten ausgeprägten und berühmtesten Familie der gesamten Rasse beigelegt. Im Jahre 1863 wurde zum erstenmal in England ein Bernhardiner prämiiert. Offenbar wurde er zunächst in der Absicht, die einheimischen Mastiffs zu verbessern, nach England eingeführt. Später wurde er auch direkt gezüchtet, so daß er dort heute einen besonderen, von dem schweizerischen abweichenden Rassentypus darstellt.

Durch die Erfolge der Engländer, dann auch Franzosen und Deutschen aufmerksam geworden, begannen einige Schweizer Züchter, an ihrer Spitze Schuhmacher in Holligen bei Bern, in letzter Stunde bestes Zuchtmaterial vor der Auswanderung nach dem Auslande zu retten und treffliche einheimische Rassen hochzuzüchten, die die früheren weit übertreffen. Und zwar wird eine kurz- und langhaarige Bernhardinerrasse gezüchtet, deren getrennter Bestand sich bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts zurückverfolgen läßt. In der Ebene wird dem langhaarigen Typus der Vorzug gegeben, während die Hospizmönche den kurzhaarigen ziehen, dessen Behaarung sehr dicht ist. Der letztere besitzt bei einer Schulterhöhe von 70 cm beim Rüden und von 65 cm bei der Hündin einen in richtigem Verhältnis zum kräftigen Körper stehenden Kopf mit verhältnismäßig schwachem Gebiß. Der Hals wird steil getragen, ist im übrigen kurz und breit, der Rücken gerade, der Bauch weit aufgezogen. Die weiblichen Tiere sind feiner als die männlichen gebaut. Bei den langhaarigen Bernhardinern ist der Körper gestreckter, die Brust etwas tiefer, der Schwanz lang und etwas buschig behaart. Die Behaarung ist schlicht oder leicht gewellt und stimmt in der Färbung (weiß mit rotgelb) mit dem vorigen Typus überein. Gekräuseltes oder stark gelocktes Haar gilt als fehlerhaft. Erst in neuerer Zeit sind die großen Formen des Bernhardiners gezüchtet worden.

In bezug auf äußere Erscheinung schließen sich auch die ~Neufundländer~ eng an die Tibethunde an. Sie erreichen eine Schulterhöhe von 63-69 cm, sind kräftig gebaut, mit breitem, langem Kopfe, etwas verdickter Schnauze, ziemlich hohen, starken Beinen und sehr dichter Behaarung von äußerst feinen, weichen, tiefschwarz bis rotbraun gefärbten Haaren. Die Behaarung des Kopfes ist kurz, am übrigen Körper, auch am Schwanz buschig. Die Zehen der breiten Pfoten sind durch Bindehäute verbunden, so daß das Tier gewandt und ausdauernd zu schwimmen vermag. Es schwimmt leidenschaftlich gern und mit der größten Leichtigkeit, taucht wie ein Wassertier und kann stundenlang im Wasser aushalten. Schon oft wurden durch den Neufundländer Menschen vor dem Tode durch Ertrinken gerettet. Mit größter Treue und Anhänglichkeit verbindet er bedeutenden Verstand und außerordentliche Gelehrigkeit, ist sehr gutmütig, sanft und dankbar für empfangene Wohltaten. Die Stammrasse ist in England gezüchtet worden und scheint mit der Insel Neufundland, die ihr den Namen gab, gar nichts zu tun zu haben. So wenig wie im Jahre 1622, als die Engländer nach jener Insel gelangten, ist später dieser Hundetypus dort einheimisch gewesen. Wie er aber in England gezüchtet wurde, das konnte bis jetzt nicht in Erfahrung gebracht werden.

Schlanker gebaut, mit höheren Beinen und weniger plumpem Kopf als die echten Doggen sind die ~deutschen~ und ~dänischen Doggen~, die vermutlich Kreuzungsprodukte von großen Windhunden mit echten Doggen darstellen; denn in Gestalt und Eigenschaften halten sie die Mitte zwischen beiden inne. Namentlich die deutschen Doggen bieten in edlen Vertretern eine wahrhaft wunderbare Vereinigung an sich widerstreitender Eigenschaften dar, nämlich Größe und Flüchtigkeit mit Kraft und Eleganz. Wie schon der selbstverständlich vom englischen dog sich ableitende deutsche Name Dogge beweist, so führt auch die Geschichte der deutschen Dogge wie diejenige der edlen Jagdhunde auf die „englischen Hunde“ zurück, die seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts von den jagdliebenden deutschen Fürsten und Adligen besonders für die Sauhatz von England importiert wurden. Im 17. Jahrhundert wurden sie auch in Deutschland gezüchtet, hießen aber noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts bei uns „englische Hunde“ zum Unterschied von den leichteren, spitzschnauzigen „Rüden“ einheimischen Schlages, die, unter die Bevölkerung verteilt, von dieser auf höheren Befehl unterhalten und während der Jagdzeit den Herren zur Verfügung gestellt werden mußten. Zu großen Meuten vereinigt, hatten diese ungefügigen, bissigen Köter die Wildschweine rege zu machen und zu treiben, während die größeren und schwereren englischen Hunde, die Doggen, durch gepolsterte, mit Fischbein gesteifte „Jacken“ geschützt, bei den Herrenjägern blieben und, auf ein bestimmtes Stück losgelassen, dieses an den Ohren fingen und festhielten, bis es mit der „Saufeder“ gestochen und so getötet war. Dafür waren sie auch die Lieblinge ihrer hohen Herren, mit denen besonders auserwählte Exemplare der Gattung als „Leib- und Kammerhunde“ immer zusammen sein und sogar das Schlafgemach teilen durften. Als sie dann später durch Umgestaltung der Jagd bei dieser überflüssig wurden, wandte sich die Liebhaberei ihnen zu und züchtete aus ihnen herrliche Tiere, die mit Recht den Stolz ihres Besitzers darstellen. Die lichtgelbe Färbung mancher deutscher Doggen ist jedenfalls auf den Einfluß des Windhundblutes zurückzuführen.

Den Übergang zu ausgesprochen schweren und breitköpfigen Doggenformen bildet die echte ~dänische Dogge~, so genannt, weil sie seit etwa 50 Jahren mit einer gewissen Vorliebe in Dänemark gezüchtet wird, zumal in Gestalt des gelben, schwarz maskierten Broholmers. Auch dieser ist von englischer Abstammung und wurde in seiner ursprünglichen Heimat im englischen ~Mastiff~ zu einem wahren Klotz von Hund gezüchtet, der dank seiner Größe und Stärke einen geradezu unüberwindlichen Schutzbegleiter darstellt. Solche Schutz- und Kampfhunde hat es ja bereits im Altertum, wenn auch nicht in solchen gewaltigen Ausmaßen, gegeben. Man denke nur an die Hunde der Zimbern und Teutonen, die mit den Weibern die Wagenburg der Auswanderer aufs getreuste bewachten und mit denen die Römer nach Besiegung der Männer in offener Schlacht noch einen harten Strauß zu bestehen hatten.

Ebenfalls Produkte englischer Zucht sind die dem Mastiff nahe stehenden ~Bullenbeißer~, deren ausgezeichnetste Rassen heute noch in Irland hervorgebracht werden. Zu ihrer Stärke und Entschlossenheit besitzen sie einen geradezu unglaublichen Mut, so daß sie sich zu schwerer und gefährlicher Jagd, wie auch zu Kämpfen mit wilden Tieren besonders eignen. Ihre geistigen Fähigkeiten sind nicht so ausgezeichnet wie die der übrigen gescheiten Hunde, keineswegs aber so tiefstehend, als man gemeinhin glaubt; denn jeder Bullenbeißer gewöhnt sich leicht an den Menschen und opfert ohne Bedenken sein Leben für ihn. Er eignet sich vortrefflich zum Bewachen des Hauses und verteidigt das ihm Anvertraute mit wirklich beispiellosem Mute. Als Reisebegleiter in gefährlichen, einsamen Gegenden ist er gar nicht zu ersetzen. Man erzählt, daß er seinen Herrn gegen fünf bis sechs Räuber mit dem besten Erfolge verteidigte, und kennt Geschichten, in denen er als Sieger aus solchen ungleichen Kämpfen hervorging, trotz unzähliger Wunden, welche er dabei erhielt. Auch als Wächter bei Rinderherden wird er verwendet und versteht es, selbst den wildesten Stier zu bändigen, indem er sich alsbald in die Oberlippe seines großen Gegners einbeißt und so lange dort fest hängt, bis der Riese sich der Übermacht des Hundes gefügt hat. Auch zum Kampfe gegen große Raubtiere, wie Bären, Wölfe usw., läßt er sich abrichten. Früher waren Tierhetzen sehr beliebt, indem solche Hunde gegen gefangene Bären oder wilde Stiere in Bären- oder Hetzgärten genannten geschlossenen Räumen gehetzt wurden und das Volk sich an dem beispiellosen Mute dieser verhältnismäßig kleinen Hunde ergötzte. In England spitzten sich diese öffentlichen, gegen Eintrittsgeld zugänglichen Schaustellungen später so zu, daß gegen einen angeseilten Stier nur ein einziger, kleiner Hund losgelassen wurde, der ihn an der Nase zu fassen hatte.

Auf dem plumpen, kräftigen Körper des Bullenbeißers sitzt auf kurzem, dickem Hals der dicke, runde, hinten sehr breite, zwischen den Augen eingesenkte Kopf mit stumpfer, aufgeworfener Schnauze. Infolge der starken Verkürzung des mittleren Teiles der Oberlippe und Nase hat sich die Gesichtshaut in Falten gelegt und sind die vorderen Zähne unbedeckt, während die Lippen seitlich davon überhängen und von Geifer triefen. In den extremsten Fällen ist der Hund zu einer wahren Karikatur gezüchtet worden, die in ihrer Vierschrötigkeit und grinsenden Mine mehr Mitleid als Freude erweckt.

Eine große Bullenbeißerrasse richtete man früher dazu ab, Menschen einzufangen, niederzuwerfen und sogar umzubringen. Schon bei der Eroberung Mexikos wandten die Spanier derartige Hunde als Mitkämpfer und Aufspürer gegen die Indianer an. Unter ihnen war besonders Beçerillo berühmt, dessen Kühnheit und Klugheit außerordentlich waren. Er wurde unter allen seinen Genossen ausgezeichnet und erhielt doppelt so viel Futter als die übrigen. Beim Angriff pflegte er sich in die dichtesten Haufen der Indianer zu stürzen, diese beim Arme zu fassen und sie so gefangen wegzuführen. Gehorchten sie, so tat ihnen der Hund weiter nichts, weigerten sie sich aber, mit ihm zu gehen, so riß er sie augenblicklich zu Boden und würgte sie. Indianer, welche sich unterworfen hatten, wußte er genau von Feinden zu unterscheiden und berührte sie nie. Noch im Jahre 1798 benutzte man solche „Bluthunde“ zum Fangen von Menschen, und zwar waren es nicht Spanier, sondern Engländer, welche mit ihnen die Menschenjagd betrieben.

Die deutsche Bulldogge ist der ~Boxer~, der noch nicht zu solchem Zerrbild wie the old english bulldog überzüchtet wurde. Auch er hat eine breite Brust und einen muskulösen Körper, aber sein Kopf ist nicht so extrem verkürzt, so daß er seine Kiefer vortrefflich zum Beißen verwenden kann. Ungemein bissig und herrschsüchtig, ordnet er sich seinem Herrn gegenüber unter und zeigt ihm Treue und Anhänglichkeit; doch muß er diesen vollkommen kennen gelernt und erfahren haben, daß dessen geistige Energie seine leibliche Kraft unter allen Umständen unterjochen kann und sich unbedingten Gehorsam zu erzwingen versteht. Was der Boxer einmal gefaßt hat, läßt er so leicht nicht wieder los. Hat man ihn in einen Stock oder in ein Tuch beißen lassen, so kann man ihn an diesem Gegenstande in die Höhe heben, auf den Rücken werfen oder andere Dinge mit ihm vornehmen, ohne daß er sein Gebiß öffnet. Es gibt von ihm auch Zwergformen, die uns zum ~Mopse~ hinleiten. Dieser ist ein Bullenbeißer im kleinen, mit ganz eigentümlich abgestumpfter Schnauze und schraubenförmig gerolltem Schwanz. Auch zeigt er das mißtrauische, mürrische Wesen der Bulldoggen, wurde aber dennoch früher gerne von alten Jungfern mit großer Zärtlichkeit gehätschelt und als Schoßhund gehalten, wobei er eine oft sprichwörtliche Fettleibigkeit entwickelte. Diese einst sehr verbreitete Form ist jetzt fast ausgestorben; dagegen sind neuerdings edlere Rassen dieses Luxushundes aufgekommen, die sich wiederum großer Beliebtheit erfreuen, obschon auch sie launenhaft und im ganzen wenig angenehme Gesellschafter des Menschen sind.

Wie in den Alpen kommen auch in den Abruzzen, bei den Basken in den Pyrenäen und bei den Albanesen in Nordgriechenland große Hunde vor, die zweifellos in verwandtschaftlicher Beziehung zum alten Molosser stehen, aber Kreuzungsprodukte mit anderen Hunden sind. Überhaupt sind im Laufe der Jahrhunderte so viele Kreuzungen bei den Gebrauchshunden vorgekommen, daß sich ihre Abstammung im einzelnen nie mehr feststellen läßt.

Neuerdings will Hilzheimer die Doggen von einem im mittleren Schweden heimischen mächtigen, dickköpfigen und kurzköpfigen Wolf mit starkem Stirnabsatz ableiten. Diese Annahme ist jedoch nicht genügend begründet, um die ältere, viel wahrscheinlichere zu verdrängen. Immerhin darf zugegeben werden, daß ein solcher starker nordischer Wolf den Ausgangspunkt der von den eigentlichen Doggen zu trennenden ~Hirtenhunde~ bildet, denen im Gegensatz zu den Schäferhunden, die die Herde hüten, nur die Bewachung der Herde gegen den Angriff starker Raubtiere oder böswilliger Menschen obliegt. Sie zeichnen sich gegenüber den Doggen durch kaum verkürzte Schnauze und geringen Stirnabsatz aus. Sie sind langhaarig, weiß, grau oder braun gefärbt, vielfach auch gescheckt, und kommen in verschiedenen Ländern Europas in typischen Vertretern vor. Früher aber waren sie, solange es reißende Tiere von den Herden abzuhalten gab, weit verbreiteter als heute, da sie sich nur noch in zerstreuten Inseln vorfinden. Nach Hilzheimer soll Blut von diesem nordischen Wolfe auch in den Pudel übergegangen sein, dem früher besprochenen Abkömmlinge des Schäferhundes, der wahrscheinlich auch Blut vom Laufhunde in sich aufgenommen hat.

Wie in der Alten Welt so sind auch in der Neuen durch Zähmung verschiedener Wildhunde Haushunde von den Indianern gewonnen worden, soweit sie sich über die primitive Stufe der Sammler und Jäger erhoben hatten und zu einiger Ansässigkeit als Hackbauern gelangt waren. So fanden die Europäer bei ihrer Ankunft bei verschiedenen Volksstämmen zahme Hunde. Alle Indianersprachen an der Westküste von Südamerika hatten eigene Bezeichnungen für den Hund, und der spanische Geschichtschreiber Garcilasso de la Vega berichtet, daß in der ältesten Zeit das Volk der Huanca, bevor es noch von den Inkas unterjocht wurde, ein Hundebild anbetete und leidenschaftlich gerne Hundefleisch aß. Der St. Galler J. J. von Tschudi fand als Beweis der Urexistenz des Hundes in Peru in alten, vorkolumbischen Gräbern Skelette und Mumien von Hunden, welche meist quer vor den Füßen der mitbestatteten sitzenden Menschenkadaver lagen. Identisch mit diesen Mumienhunden ist der heute noch in den Ansiedelungen des Gebirges der Anden bei den Hirten und in den Indianerhütten verbreitete ~Inkahund~, der als ein bissiges, einen besonderen Widerwillen gegen die Europäer zeigendes Tier von ziemlich kleiner Gestalt mit rauhem Pelz von dunkelockergelber Farbe, am Bauch und auf der Innenseite der Beine heller, geschildert wird. Der zierliche Kopf ist scharf zugespitzt, die Ohren sind aufrecht, spitz und klein, der Schwanz ist stark behaart und gerollt. Auf Grund der Gräberfunde besonders von Ancon vermochte Alfred Nehring nachzuweisen, daß schon bei den alten Inkas drei verschiedene Rassen des Inkahundes gezüchtet wurden, die als Wacht-, Hirten- und Jagdhunde Verwendung fanden, und daß der Stammvater dieser südamerikanischen Hundeart der ~nordamerikanische Wolf~ (Canis occidentalis) war. Es ist also dieser Hund mit dem Volk von Norden her nach Süden eingewandert und kam auch in den Tropen in den kühlen Höhenlagen recht gut fort. Interessant ist, daß das recht hoch kultivierte Volk der alten Peruaner bereits Rassenzucht trieb und aus dem ursprünglichen Wolfshunde, den verschiedenen Zwecken, zu denen er verwendet wurde, entsprechend, eine schäferhundartige, eine dachshundartig durch erblich gewordene Rachitis verkümmerte und eine bulldoggähnliche mit verkürztem Oberkiefer züchtete.

Von demselben nordamerikanischen Wolfe stammt der ihm sehr ähnelnde Hund der Indianer Nordamerikas ab. Diese verbessern ihre Zuchten von Zeit zu Zeit durch Kreuzung mit Wölfen, wobei die Halbzuchtwölfe im allgemeinen leicht zähmbar sind. Der eigentümliche Hasenindianerhund mit kurzem Gesicht und kurzen Läufen ist dem ~Präriewolf~ (Canis latrans) nahe verwandt und wurde zweifellos durch Zähmung aus diesem gewonnen.

In Südamerika gibt es Hunde, die dem ~Maikong~ (Canis cancrivorus) gleichen und jedenfalls auch von ihm abstammen. Die Kreuzung derselben mit der wilden Stammart kommt häufig vor.

Auf den westindischen Inseln, in Mexiko und an den Küsten des nördlichen Südamerika lebt ein kleiner, fuchsartiger Hund, dessen schwärzlicher bis dunkelgrauer Körper fast haarlos ist. Es ist dies der ~Karaibenhund~, den schon Kolumbus bei seiner Ankunft antraf und der von den Altmexikanern Xoloitzcuintli genannt wurde. Sein Stammvater ist eine kleine Schakalart der Antillen, die durch spezielle Zucht ihr Haarkleid im warmen Klima mehr und mehr reduzierte. Wichtig sind den Feuerländern ihre Hunde, da sie ihnen beim Fang der Seeotter helfen. Darwin sagt daher von ihnen, „sie wollten in der Not lieber ihre alten Weiber als ihre Hunde töten und essen“. Übrigens wußten auch diese niedrig stehenden Wilden die Vorzüge der europäischen Hunde zu schätzen und trachteten danach, sie mit den größten Opfern anzuschaffen.

Mit dem Vordringen der Europäer nach der Neuen Welt gelangten selbstverständlich auch die verschiedensten altweltlichen Hunde dahin und fühlten sich dort sehr bald heimisch. Dabei mischten sie sich vielfach mit den vorgefundenen zahmen Hunden und gaben zu den buntesten Mischrassen Veranlassung. Solche unentwirrbare Kreuzungsprodukte gibt es ja auch in der Alten Welt genug. Sie gehen immer wieder, meist ungewollt, hervor und machen sich überall, oft unliebsam genug, bemerkbar; doch wird von den Kennern stets das reine Blut diesen Mischlingen vorgezogen werden.

Schon bei den Schriftstellern des Altertums finden wir gelegentlich Geschichten, die uns die hohe Wertschätzung des Hundes als Haustier und Gefährten des Menschen beweisen, die auch zeigen, wie sich dieses Tier oft für seinen Herrn opferte und ihm Treue über den Tod hinaus hielt. So berichtet u. a. der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Man erzählt von einem Hunde, der für seinen Herrn gegen Räuber kämpfte und, obgleich selbst schwer verwundet, dessen Leichnam doch nicht verließ, sondern gegen Vögel und Raubtiere verteidigte. Einen König der Garamanten holten 200 Hunde aus der Verbannung zurück und schlugen dessen Widersacher in die Flucht. Die Kolophonier und Kastabalenser hielten ganze Meuten von Hunden, die im Kriege die erste Schlachtreihe bildeten und sich nie feig erwiesen; sie waren die treusten Hilfstruppen und dienten ohne Sold. Als die Zimbern erschlagen waren, verteidigten noch Hunde ihre auf Wagen stehenden Zelte. Als der Lycier Jason getötet war, wollte sein Hund nicht mehr fressen und hungerte sich zu Tode. Ein Hund, den Duris (ein griechischer Schriftsteller aus Samos zur Zeit des Ptolemäos II. Philadelphos, 285-247 vor Chr.) Hyrkanus nennt, stürzte sich in die Flammen, als König Lysimachus verbrannt wurde. Dasselbe tat der Hund des Königs Hiero. Bei uns wurde Volcatius, ein Edelmann, der zu Pferd von seinem Landhaus zurückkehrte, als er abends von einem Räuber angefallen wurde, durch seinen Hund verteidigt; ebenso der Senator Coelius, als er zu Placentia (dem heutigen Piacenza) krank lag und von Bewaffneten überfallen wurde. Erst als der Hund erschlagen war, erhielt er eine Wunde. Über alles erhaben ist aber folgender Zug, der zu unserer Zeit in den Jahrbüchern des römischen Volkes, als Appius Junius und Publius Silius Konsuln waren, aufgezeichnet wurde: Als Titius Sabinus samt seinen Sklaven wegen des an Nero, dem Sohn des Germanicus, begangenen Mordes zum Tode verurteilt war, konnte der Hund eines dieser Unglücklichen nicht vom Gefängnis weggetrieben werden, verließ auch dessen Leiche nicht, als sie auf die Straße geworfen wurde, heulte kläglich und trug, als einer aus der versammelten Volksmenge ihm ein Stück Fleisch hinwarf, dieses zum Munde seines toten Herrn. Als dann die Leiche in den Tiber geworfen wurde, schwamm er mit ihr und suchte sie über Wasser zu erhalten, während das Volk am Ufer seine Treue bewunderte.

Der Hund ist das einzige Tier, das seinen Herrn kennt, Bekannte von Unbekannten unterscheidet, auf seinen Namen hört und seine Hausgenossen schon an der Stimme kennt. Die längsten Wege finden sie wieder, wenn sie sie einmal gemacht haben, und überhaupt ist ihr Gedächtnis nach dem des Menschen das beste. Wenn sie auch noch so wütend sind, kann man ihnen doch Einhalt tun, wenn man sich auf die Erde niedersetzt (was nach Schatter tatsächlich von Erfolg begleitet ist). Der Mensch hat an ihnen schon viele nützliche Eigenschaften aufgefunden; am nützlichsten werden sie aber durch ihren Eifer und ihren Spürsinn auf der Jagd. Sie suchen und verfolgen die Fährte des Wildes, ziehen den Jäger an der Leine hinter sich her, zeigen das Wild heimlich und schweigend, indem sie zuerst mit dem Schwanze, dann mit der Schnauze ein Zeichen geben. Selbst alt, blind und schwach leisten sie noch Dienste, indem man sie auf dem Arm trägt und durch den Geruch das Lager des Wildes aufsuchen läßt.

Die Hündin bekommt zweimal jährlich Junge. Dieselben werden blind geboren und werden um so später sehend, je reichlicher sie gesäugt werden, doch nie vor dem 7. oder 21. Tage. Die Weibchen von der ersten Hecke sollen die Eigenschaft haben, Faune (Waldgeister) sehen zu können. Unter den Jungen ist dasjenige das beste, das zuletzt zu sehen beginnt oder das die Mutter zuerst ins Lager trägt. (Noch heute gilt dieser Glaube bei manchen Hundeliebhabern. Diese nehmen der Hündin die Jungen, legen sie in einiger Entfernung nieder und halten das für das beste, das von ihr zuerst ins Lager zurückgetragen wird.) Die Alten hielten saugende junge Hunde für eine so reine Speise, daß sie dieselben sogar den Göttern als Sühnopfer darbrachten. Noch jetzt opfert man der Göttin Genita Mana ein Hündchen und trägt, wenn die Götter bewirtet werden sollen, Hundefleisch auf. Man glaubt auch, daß Hundeblut das beste Mittel gegen Pfeilgift ist.“

Der um die Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts von Spanien nach Rom gekommene Ackerbauschriftsteller Columella schreibt in seinem Buch über den Landbau: „Der Hund liebt seinen Herrn mehr als irgend ein anderer Diener, ist ein treuer Begleiter, unbestechlicher und unermüdlicher Wächter und beharrlicher Rächer.

Der Wachthund für ein Landhaus muß sehr groß sein, gewaltig und laut bellen, so daß er nicht bloß durch seinen Anblick, sondern auch durch seine Donnerstimme den Dieb erschreckt. Man wähle dafür einen solchen mit einfacher Farbe, am besten schwarzer. Bei Tage fürchtet sich der Dieb mehr vor dem schwarzen Hund, bei Nacht sieht er ihn nicht und wird leichter von ihm gepackt. Der Hund des Hirten soll dagegen weiß sein, damit er bei Tag und Nacht leicht vom wilden Tiere unterschieden werden könne, also beim Kampf von seinem Herrn nicht so leicht verwundet werde. Der Wachthund des Landhauses soll ferner weder zu sanft sein, denn sonst schmeichelt er selbst den Spitzbuben, noch allzuscharf, sonst ist er selbst den Hausbewohnern gefährlich. Die Hauptsache bleibt immer, daß er wachsam ist, sich nicht herumtreibt, keinen falschen Lärm macht, sondern nur dann anschlägt, wenn er sicher etwas Fremdes merkt. Der Hirtenhund soll so stark sein, daß er den angreifenden Wolf bekämpfen, und so schnell sein, daß er den fliehenden einholen und ihm die Beute abjagen kann. -- Die Hauptnahrung der Hunde ist Brot, am besten aus Gerste gebackenes. Den Wacht- und Hirtenhunden gebe man zweisilbige Namen. Für Männchen paßt z. B. Skylax, Ferox, Laco, Celer, für Weibchen Spude, Alke, Rome, Lupa, Cerva, Tigris.“

Der Grieche Arrian im 2. Jahrhundert n. Chr. rühmt in einem längeren Passus seine kluge, anhängliche und schnelle Hündin Horme, die er geradezu als göttlich bezeichnet; sie nehme es bisweilen mit vier Hasen auf. Sie sei immer guter Laune, verlasse ihn und seinen Jagdgefährten Megillos nie und gebe ihnen alle ihre Wünsche zu verstehen. Seitdem sie einmal die Peitsche zu kosten bekommen habe, ducke sie sich gleich, wenn man die Peitsche nur nenne, komme schmeichelnd herbei, springe an einem in die Höhe und höre nicht eher mit ihren Liebkosungen auf, als bis man wieder freundlich mit ihr tue.

Schon im Altertum wurden die Hunde auf verschiedene Weise dressiert und zu Kunststücken abgerichtet. So erzählt der griechische Geschichtschreiber Plutarch: „Folgendes habe ich mit eigenen Augen gesehen. In Rom war ein Tausendkünstler, der im Theater des Marcellus einen merkwürdig dressierten Hund zeigte. Dieser führte erst allerlei Kunststückchen aus und sollte zuletzt zum Schein Gift bekommen, davon betäubt werden und sterben. Er nahm also das Brot, worin das Gift verborgen sein sollte, an, fraß es auf, begann dann zu zittern, zu wanken, senkte den Kopf, als ob er ihm zu schwer würde, legte sich endlich, streckte sich, schien tot zu sein, ließ sich hin und her schleppen und tragen, ohne sich zu regen. Endlich rührte er sich wieder ein wenig, dann allmählich mehr, tat wie wenn er aus tiefem Schlafe erwache, hob den Kopf, sah er sich um und ging endlich freundlich wedelnd zu dem, der ihn rief. Alle Zuschauer waren gerührt; unter ihnen befand sich auch der alte Kaiser Vespasian.“

Älius Spartianus schreibt, daß der römische Kaiser Hadrian Pferde und Hunde so lieb hatte, daß er ihnen Grabdenkmäler setzen ließ, was ja auch heute von den Reichen vielfach geübt wird, so daß um die Städte London und Paris geradezu Hundefriedhöfe entstanden sind. Der Geschichtschreiber Lampridius berichtet, daß der römische Kaiser Heliogabal seine Hunde mit Gänselebern fütterte, auch vier große Hunde vor seinen Wagen spannte und mit ihnen in seiner königlichen Wohnung und auf seinen Landgütern herumkutschierte. Wie im Leben, so spielte der Hund auch in den Sprichwörtern der Alten eine wichtige Rolle; doch würde es uns zu weit führen, darauf einzutreten. Die schon damals bei diesem Tiere auftretende Tollwut wurde nach dem Arzte Celsus am besten so behandelt, daß man das Gift mit Schröpfköpfen herauszog, die Wunde dann brannte oder, wenn die Stelle dazu nicht passend schien, mit Ätzmitteln behandelte. Nachher ließ man die Gebissenen schwitzen und gab ihm drei Tage hindurch tüchtig starken Wein zu trinken. Lauter törichte Sympathiemittel gibt dagegen Plinius an.

Heute ist die Tollwut dank der scharfen staatlichen Kontrolle auf ein Minimum eingeschränkt und kann zudem nach Übertragung durch Biß eines tollen Hundes auf den Menschen dank der wertvollen Entdeckung von Louis Pasteur in fast allen Fällen leicht geheilt werden, ohne daß sie zum Ausbruch gelangt. Jedenfalls ist sie für den Menschen weit weniger gefährlich und verhängnisvoll als der winzige, nur 4 mm lang werdende Hundebandwurm (Taenia echinococcus), dessen Finne eine ganz bedeutende Größe aufweisen kann. Aus seinen Eiern entwickelt sich nämlich der von stecknadelkopf- bis kindskopfgroße Hülsenwurm (Echinococcus), der sich in den verschiedensten Organen des Menschen, am häufigsten aber in der Leber festsetzen und die schwersten Erkrankungen, ja selbst den Tod herbeiführen kann. Überhaupt gilt für alle Hundefreunde wegen ihres großen Parasitenreichtums, der unter Umständen für den Menschen sehr verhängnisvoll sein kann, der alte vielfach in Mosaik an der Türschwelle angebrachte römische Zuruf: cave canem, d. h. hüte dich vor dem Hund! allerdings in anderem Sinne als einst. Man sei freundlich, aber nicht zu intim mit ihm, da man solches vielleicht mit langem Siechtum und Tod zu büßen hat. Lieber als einen rasselosen Köter mit allen möglichen Untugenden halte man sich einen gut gezogenen wertvollen Rassehund, der geistige und körperliche Vorzüge besitzt, die dem Bastard versagt sind. Es gibt ja deren, die allen möglichen Ansprüchen, sei es solchen der Jagd, des Schutzes, sei es denen des Land- oder beengteren Stadtlebens sehr gut angepaßt sind und sich darin seit vielen Generationen bewährt haben.

Andere Wildhunde als die hier aufgezählten sind nicht dauernde Gesellschafter des Menschen geworden. Es hätte dies aber sehr wohl der Fall sein können, da auch solche, jung eingefangen und vom Menschen gut behandelt und gezähmt, sich an den Umgang mit diesem leicht gewöhnen. Wie heute noch in Syrien, Ägypten und Nordafrika wurden schon bei den alten Ägyptern jung eingefangene wilde ~Schakale~ wie Haushunde erzogen und so direkt in die Haustierschaft übergeführt. In den Grabgemälden des alten Reiches in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. ist mehrfach dargestellt, wie gezähmte Schakale die Stelle von Haushunden bei dem noch als lebend dargestellten Grabinhaber einnehmen oder sich als gute Freunde unter dessen Hunde mischen. In einer Darstellung eines Grabes zu Beni Hassan aus der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) sieht man einen solchen gezähmten Schakal sogar an der Jagd teilnehmen. Solche direkte Überführungen aus dem wilden in den gezähmten Zustand sind aber schon damals eben solche Ausnahmen gewesen, wie in unserer Zeit die Zähmung eines jung eingefangenen Wolfes zum Freunde und Begleiter seines Herrn.

Selbst der ~Hyänenhund~ (Canis pictus), jener heute noch vom südlichen Nubien an in großen Teilen Afrikas vorkommende Wildhund mit buschigem Schwanz und weißen bis ockerfarbigen, stets schwarz umsäumten Flecken auf kurz- und glatthaarigem Fell, wurde von den alten Ägyptern in den Haustierstand übergeführt, ohne sich allerdings längere Zeit darin zu erhalten. Dieser in hohem Grade anziehende Steppenhund, der in Meuten bis zu 60 Stück mit ungeheurer Ausdauer allerlei Wild, besonders Antilopen jagt, so daß selbst die größten Tiere ermatten und von ihm überwältigt werden, wird von Brehm als für die Zähmung vielversprechendes Raubtier bezeichnet, das einen vortrefflichen Spürhund abgeben würde. Georg Schweinfurth sah in einer Seriba im Bongolande ein in hohem Grade gezähmtes Stück, das seinem Herrn gegenüber die Folgsamkeit eines Hundes an den Tag legte. Brehm, der einige derselben gefangen hielt, bezeichnet sie als ungestüm mutwillig mit einem unbezähmbaren Drang zum Beißen. Er ist ungemein regsam und lebhaft und frißt vom erwürgten Wild fast nur die Eingeweide. Seine Vorzüge für die Antilopen- und Gazellenjagd veranlaßte schon die Ägypter des alten Reiches (2980 bis 2475 v. Chr.) ihn vielfach unter ihrer Meute von Jagdhunden zu halten. An den Wänden zahlreicher Gräber finden wir ihn als gezähmtes Tier nebst andern Jagdhunden abgebildet, so in denjenigen des Nub hotep und des Ran ken der 4. Dynastie (2930-2750 v. Chr.), dann des Aseskef ank und des Pta hotep der 5. Dynastie (2750 bis 2625 v. Chr.). In des letzteren Grabe in Sakkara sehen wir die Jagddiener des Verstorbenen mit der gemachten Beute von der Jagd zurückkehren. An ihrer Seite sehen wir als Chef derselben einen als Num hotep bezeichneten Mann mit zwei Windhunden und zwei Hyänenhunden an der Leine schreiten, bereit, sie auf allfällig angetroffenes Wild loszulassen. In demselben Grab des Pta hotep, das uns den Hyänenhund gezähmt und im Dienste des Menschen zeigt, sehen wir an der gegenüberliegenden Wand den wilden Hyänenhund mitten unter Antilopen in der Steppe lebend und von Windhunden angegriffen. Man sieht, daß der Künstler die Szene nach eigener Anschauung wiedergegeben hat. Später wurde weder im mittleren noch im neuen Reiche je wieder der Hyänenhund, sei es wild oder gezähmt, abgebildet, so daß wir annehmen dürfen, daß er damals weder als Haustier gehalten wurde, noch auch in den Gegenden, in denen die Großen des Reichs zu jagen pflegten, wild vorkam. Er muß sich damals schon mit der Abnahme der Antilopenherden weiter südlich gehalten haben; denn auch der Römer Pomponius Mela, der dieses Tier unter der Bezeichnung lycaon genau beschreibt, kennt ihn nur aus Äthiopien. Heute trifft man ihn erst in den obersten Nilländern und von da an südwärts bis zum Kap der Guten Hoffnung.

II. Rind und Büffel.

Wie der Hund, so ist auch das Rind zunächst nicht aus Nutzungsgründen, sondern infolge abergläubiger Vorstellungen vom Menschen unterjocht und in seinen Dienst genommen worden, um dann, als man später seinen Nutzwert erkannte und auszubeuten begann, vorbildlich für die Zähmung der übrigen Haustiere zu werden. Die Gewinnung eines so großen, starken Tieres, wie es das Rind ist, war durchaus nichts Einfaches und sich von selbst Verstehendes. Alte, entwickelte Individuen dieser Tierart gefangen zu halten und gar zur Fortpflanzung zu bringen, ist schon für uns unmöglich, wie viel mehr für den in seinen Vorstellungen, Erfahrungen und Hilfsmitteln so sehr beschränkten vorgeschichtlichen Menschen der jüngeren Steinzeit!

Ohne Zweifel haben sich die meisten alt, etwa in Fanggruben gefangenen Tiere, wenn sie ausnahmsweise nicht sofort als willkommene Beute zur Fleischgewinnung getötet und verspeist wurden, einfach totgerast. An eine Fortzucht wäre bei Tieren solcher Art, die am Leben blieben, in keiner Weise zu denken gewesen. Junge Tiere dagegen, die am leichtesten lebend zu bekommen und zu zähmen gewesen wären, konnte man ohne fremde Milch nicht am Leben erhalten. Da es nun an dieser völlig gebrach und die weiblichen Tiere, abgesehen von ihrer selbstverständlichen Unfruchtbarkeit in der Gefangenschaft und der dadurch bedingten Milchlosigkeit, auch nicht zum Melken oder zum Zulassen fremder Kälber an ihr Euter zu bringen waren, so konnte auch nicht durch solche in jugendlichem Alter gefangene Kälber an eine Zähmung dieses starken Wiederkäuers gedacht werden.

Für die erste Gefangenhaltung, Eingewöhnung und Züchtung des Rindes waren andere Gründe maßgebend als diejenigen der Nutzung für sich selbst. Solche der allertriftigsten Art waren aber religiöse, auf die der verstorbene Alfred Nehring in Berlin vom Katheder aus und Eduard Hahn in seinem Haustierbuche vollständig überzeugend hinwiesen, so daß wir jedenfalls hierin das tatsächliche Motiv der Gewinnung des Rindes als Haustier zu erblicken haben. Ihr Gedankengang ist folgender: Eine uralte, hier nicht näher zu verknüpfende Anschauung, die ich bei Besprechung des Mondkultus in meinem Werke: Der Mensch zur Eiszeit in Europa und seine Kulturentwicklung bis zum Ende der Steinzeit eingehend gewürdigt habe, schreibt bei allen Völkern auf niedriger Kulturstufe, so auch bei denjenigen des südasiatischen und westasiatisch-europäischen Kulturkreises, dem die hier in Betracht kommenden Stämme angehörten, dem Mond einen weitgehenden Einfluß auf Wachstum und Gedeihen aller Lebewesen aus Pflanzen- und Tierwelt mit Einschluß des Menschen zu. Von jeher hat er durch seinen schwankenden Lauf in Verbindung mit seinem den Primitiven unerklärlichen Gestaltwechsel von der feinsten Sichel bis zum glänzenden Vollmond die Aufmerksamkeit des Menschen viel eher auf sich gezogen und sie zu Grübeleien aller Art veranlaßt, als die täglich in derselben Gestalt ihre Bahn am Himmel zurücklegende Sonne. War diese ihm in ihrer machtvollen, Hitze bis zur Dürre erzeugenden Erscheinung das männliche Prinzip, so war ihm der in sanftem Lichte strahlende Mond, der mit dem Tau und dem Regen der Erde und allem auf ihr Lebenden Fruchtbarkeit spendete und ein für den Ackerbauer wichtiger Zeitmesser war, das weibliche Prinzip -- auch bei den alten Germanen trotz des später vertauschten Geschlechts. Schon auf niedriger Kulturstufe mußte es dem Menschen auffallen, daß die Menstruation des Weibes, die wir im Deutschen als monatliche Reinigung bezeichnen, wie die Schwangerschaft und Fruchtbarkeit überhaupt völlig in Verbindung mit dem Mondlaufe stand, von jenem geheimnisvollen Gestirn geregelt und also auch -- nach primitiver Anschauung -- bedingt wurde.

Was nun die Darstellung dieses vergöttlichten Wesens der Fruchtbarkeit anbetrifft, so hat man von jeher den Mond als Sichel im Gegensatz zur als Scheibe und später als scheibenförmiges Rad dargestellten Sonne abgebildet. Diese Sichelgestalt des Mondes wiesen in auffallender Form die gerade abstehenden Hörner des Wildrindes auf. Aus diesem Grunde war es naheliegend, ja nach der Denkweise aller Menschen auf niedriger Kulturstufe geradezu selbstverständlich, daß eine engere Beziehung zwischen dem Wildrinde und der Mondgöttin bestand und ersteres zum heiligen Tiere der letzteren erklärt wurde. Heischte nun die Göttin Opfer, damit sie dem Hackbauern und seiner Frau Fruchtbarkeit spende und seine Feldfrüchte gedeihen lasse, so war offenbar dasjenige des ihr durch die Sichelgestalt der Hörner engverbundenen und ihr heiligen Tieres ihr weitaus das liebste. Deshalb brachte man es dar, um sich ihr Wohlgefallen und ihren Schutz zu erringen. Am allernotwendigsten waren diese Opfer zur Zeit der schreckhaften Mondfinsternisse, wenn die so überaus wichtige, ja unersetzliche Göttin der Fruchtbarkeit von irgend welchen bösen Dämonen verschlungen zu werden drohte. Wie nun heute noch die Chinesen bei solchen Fällen mit allen ihnen überhaupt zur Verfügung stehenden Instrumenten einen gewaltigen Lärm verursachen, um diese vermeintlichen bösen Dämonen zu vertreiben, so glaubten die Stämme des südasiatischen Kulturkreises dieses Ziel der Befreiung der Fruchtbarkeitsgöttin aus der Gewalt böser Mächte, die sich durch die sonst ganz unerklärliche Verfinsterung dokumentierte, noch besser durch schleuniges Opfer eines Exemplars der ihr heiligen Tiere zu erreichen. Da aber lag die Schwierigkeit! Man wußte nicht von vornherein, wann solche Zustände des Überfalls, der Schwäche und Krankheit der Mondgöttin eintraten. Es war dies nur in ganz ungleichen, unbestimmten Zwischenräumen der Fall, und dann, wenn es am nötigsten war, hatte man just kein frischerbeutetes Wildrind zum Opfer bereit, konnte somit der bedrängten Göttin nicht beistehen, ihr nicht helfen und verscherzte damit ihr Wohlwollen. In der Urzeit war überhaupt kein Gebot für den bequemen und arbeitsscheuen Menschen so dringend als eine Kultpflicht, der er sich durchaus nicht entziehen konnte, wenn ihm überhaupt an seiner und der Seinigen Existenz gelegen war. Es galt also, da die Mondfinsternisse ganz plötzlich eintraten, sich nicht auf den Ertrag der Jagd zu verlassen, sondern die Opfertiere für alle Fälle vorrätig zu halten, um im Falle der Not sie zum unerläßlichen Opfer bei der Hand zu haben. Das erreichte man am einfachsten dadurch, daß man kleine Herden des Wildrindes in durch in den Boden geschlagene Holzpfähle eingezäunte Reviere trieb und sie dort in halber Gefangenschaft hielt, in der sie sich innerhalb des gewohnten Familienverbandes ruhig fortpflanzten.

Auf diese Weise war der schwierige Übergang des Wildlings vom Freileben zur Knechtschaft des Menschen ein unmerklicher geworden und konnte allmählich zur Gewinnung des Rindes als Haustier führen. Von frühester Jugend an häufiger mit dem Menschen in Berührung kommend, gewöhnte es sich nach und nach an diesen und seinen Geruch, der ihm im wilden Zustande Schrecken einflößte. Als der Gottheit geweihtem, heiligem Tiere ließ man ihm innerhalb der Umhegung volle Freiheit und suchte es nicht nur vor allfälligen Feinden, sondern auch, wenn nötig, vor Futtermangel zu schützen. Solcher Dienst von seiten des ihm wohlwollenden Menschen wurde von ihm bald dankbar empfunden. An den Verkehr mit dem Menschen immer mehr gewöhnt, ließ es sich schließlich mit zunehmendem Zahmwerden berühren, ja schließlich sogar melken; doch wurde die Milch als Produkt des ihr heiligen Tieres der Mondgöttin geopfert und erst sehr viel später riskierte der Mensch das zunächst wohl als strafbaren Frevel empfundene Wagnis, dieses geheiligte Produkt selbst zu genießen. Er trotzte kühn dem Zorne der Gottheit, um sich vielleicht mit dem Genusse dieses heiligen Kultobjektes direkt, ohne Vermittlung jener, einen Vorteil irgend welcher Art, besonders aber die Fruchtbarkeit betreffend, zu erringen. So wurde die Milch, indem der Mensch die Scheu vor diesem heiligen Produkt immer mehr ablegte, von einem Opfertranke schließlich ein geschätzter Haustrank, den man sich auch zu nichtrituellen Zwecken zu verschaffen versuchte.

Durch gegenseitige Gewöhnung aneinander zog sich das Band der Freundschaft zwischen Rind und Mensch immer enger, bis schließlich das von der Mutter entwöhnte Kalb, durch Anbieten von Salz zum Lecken angezogen, in engere Verbindung mit seinem Herrn trat und langsam der eigentlichen Zähmung unterworfen wurde. Solch heiliges Tier wurde selbstverständlich nur als Opfer an die bedrängte oder um Hilfe angerufene Mondgottheit geschlachtet und dessen Fleisch nur als Opferspeise auch vom Menschen gegessen. Je mehr aber die Domestikation dieses Tieres fortschritt und sich sein Nützlichkeitsverhältnis dem Menschen gegenüber offenbarte, um so schwerer entschloß sich letzterer, solch nützliches Tier der Gottheit zu opfern. Es konnte ihr anderweitig im Leben noch mehr als mit seinem Tode dienen, indem es beispielsweise das heilige Kultgerät der Fruchtbarkeit spendenden Göttin, ihr Idol in Kuhhorngestalt, auf dem mit massiven Rädern versehenen Wagen bei dem zu ihren Ehren abgehaltenen festlichen Umzuge zog. Dazu wurden zunächst die größeren Kälber und später von den geschlechtsreifen Tieren nur die fügsameren Kühe verwendet. Der unbotmäßige starke Stier konnte dazu nicht in Betracht kommen, schon weil man zu schwach war, ihn bei solcher Dienstleistung zu bändigen und in seiner Gewalt zu behalten. Zudem konnte er nach weitverbreitetem Glauben primitiver Völker nur als Kastrat Diener einer weiblichen Gottheit werden. So wurde das Tier, um zum Gottesdiener gemacht und als solcher bei den Umzügen bei Gelegenheit der Feste der Mondgöttin zum Ziehen von deren heiligem Wagen mit dem Kultbild verwendet werden zu können, durch Abschneiden der Hoden -- was sich ja sehr leicht bewerkstelligen ließ -- entmannt. Die Folgen dieses Eingriffs machten sich bald bemerkbar durch Verleihung einer sanfteren Gemütsart und Neigung zu Fettwerden, was die Mastfähigkeit erleichterte, alles Eigenschaften, deren Auftreten der Mensch als Nachwirkungen jener Operation nicht voraussehen und so zielbewußt herbeiführen konnte.

Als Kastrat, d. h. geschlechtslos gemachtes Wesen, war nun der ~Ochse~ der vorzugsweise, ja später ausschließlich der Göttin geweihte Diener, während ihm gegenüber auch die Kuh als Geschlechtstier zurücktrat. Ein grausam-wollüstiger Zug haftet nun einmal dem Dienste der Fruchtbarkeitsgöttin an und verlangte wie vom menschlichen Diener, der sich ihr völlig geweiht hatte, auch von dem von jenem ihr geweihten Tiere die freiwillige beziehungsweise erzwungene Geschlechtslosigkeit, von ihren Dienerinnen aber, die nicht kastriert zu werden vermochten, wenigstens das Zölibat, wenn nicht die Prostitution, d. h. das sich anderen Preisgeben im Dienste der Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, wie dies in den semitischen Kulten Vorderasiens allgemein üblich war und in Südasien, speziell Indien, heute noch üblich ist. Bis in die Gegenwart haftet den Kastraten ein Beigeschmack von Heiligkeit an. So sind es Eunuchen, die seit der ältesten Zeit den zum Fetisch erhobenen Meteorstein der Kaaba in Mekka und das Grab des Propheten Mohammed in Medina hüten. Eunuchen sind es, die nicht nur den Harems der mohammedanischen Großen vorstehen, sondern auch den Dienst in den Gemächern des „Sohnes des Himmels“ in Peking besorgen und in der Privatkapelle des „Heiligen Vaters“ in Rom singen.

Eine noch viel größere Bedeutung als der Wagen mit dem heiligen Kultbild der Göttin der Fruchtbarkeit erlangte als heiliges Gerät im Dienste der Mondgottheit der Pflug. Viel ausgiebiger als mit der von beiden Händen geführten Hacke ließ sich mit dem hakenförmig gekrümmten Holze mit später erz- beziehungsweise eisenbewehrter Spitze der Boden zur Aufnahme der Ackerfrucht aufreißen. Dieser Pflug wurde zunächst von kriegsgefangenen Knechten, dann aber noch erfolgreicher durch den zum Diener der Fruchtbarkeitsgöttin gemachten Ochsen gezogen. Er war ein heiliges Werkzeug, mit dem man den Schoß der Allmutter Erde aufriß, um sie zur Fruchtbarkeit zu zwingen, wie das Pflügen eine heilige Handlung, die wie vor vielen Jahrtausenden, so heute noch vom Kaiser von China, vom feierlichsten Zeremoniell umgeben, zur Eröffnung des Ackerbaues seiner Untertanen vor allem Volke vollzogen wird. Wie die Heiligkeit des Gerätes, so zieht sich die Heiligkeit des Gottesdieners durch die ganze menschliche Kulturgeschichte. Bei vielen Völkern, so in den meisten Gebieten Asiens, ist heute noch der den Pflug ziehende Ochse ein Tier, dessen Fleisch nicht gegessen wird. Wie die Chinesen, Inder und Westasiaten, hatte noch der gebildete Römer Cicero die Anschauung, das Rind sei zum Pflügen und nicht zum Gegessenwerden da; und Die Chrysostomus berichtet, daß in Cypern derjenige, der einen Pflugochsen getötet hatte, als Mörder mit dem Tode bestraft wurde. Wie bei den Juden, so wurde auch bei den alten Griechen ursprünglich die Tötung eines Ochsen bestraft. Gleicherweise war sie bei den nüchternen Römern verpönt, weil der Ochse ein Genosse des Mannes und ein Diener der Ceres sei. Der Grieche Plutarch bekennt, daß er es nicht über sich bringe, einen im Dienst alt gewordenen Ochsen auch nur zu verkaufen. Erst nach und nach schwand wenigstens bei einem Teil der Menschen das Vorurteil der Heiligkeit und Unantastbarkeit des Gottesdieners und wurde der Ochse als Mastvieh ebensogut in Benutzung von Seite des Menschen gezogen wie die milchende Kuh, deren Milch nicht mehr Opfer, sondern profanes Genußmittel war.

In der hier angegebenen Weise muß das Rind schon vor etwa 10000 Jahren als Genosse des Menschen gewonnen worden sein, und zwar zuerst in Südasien, das überhaupt die meisten Wildrinder beherbergt, die für die Domestikation von Seite des Menschen in Frage kommen. Zuerst hat der Baseler Zoologe Ludwig Rütimeyer, auf genaue vergleichend anatomische Untersuchungen des ihm zur Verfügung gestellten Materials gestützt, nachgewiesen, daß das älteste Hausrind der Neolithiker Mitteleuropas, die ~Torfkuh~ der Pfahlbauern -- wie der bereits besprochene Torfhund so genannt, weil ihre Überreste in den inzwischen meist vertorften Kulturschichten jener vorgeschichtlichen Periode der Pfahlbaubewohner gefunden werden --, nicht von einem einheimischen Wildrinde gezähmt wurde, sondern als fremder Import von Süden her zu den Stämmen Mitteleuropas in der jüngeren Steinzeit gelangte. Afrika kommt wegen Mangel an entsprechenden Wildrindern nicht in Betracht, sondern nur Südasien. Von den hier lebenden Wildrindern fällt der ~Yak~ (Bos gruniens) als Stammvater des ältesten Hausrindes wegen allzustarken Abweichungen im anatomischen Bau, wie auch wegen der 14 Rippenpaare, die er im Gegensatz zu den 13 des Hausrindes besitzt, außer Betracht. Zudem ist dieses Tier ein ausgesprochener Bewohner des Hochgebirges, dessen kaltem Klima und eisigen Stürmen entsprechend, er das zottige Pelzkleid trägt. Als solches vermag es sich dem heißen Tieflande durchaus nicht anzupassen. Gegen einen Zusammenhang mit dem indischen ~Gayal~ oder ~Stirnrind~ (Bos frontalis) spricht außer den ebenfalls 14 Rippenpaaren die gewaltige Ausdehnung der Stirnfläche des letzteren und die abweichende Gestalt und Richtung des Gehörns. Auch dieses ist übrigens ein Bergtier, das im Gebirge östlich vom Brahmaputra bis nach Birma hinein in Herden lebt, fast so geschickt wie der Yak klettert, gern das Wasser aufsucht und sich vor der drückenden Mittagshitze in die dichtesten Wälder zurückzieht, wo es wiederkäuend im Schatten ruht.

Auch der ~Gaur~ oder das ~Dschungelrind~ (Bos gaurus), das den undurchdringlichen Buschwald ganz Südasiens vom Himalaja bis in die indonesische Inselwelt bewohnt, kommt, obschon es 13 Rippenpaare besitzt, aus anatomischen Gründen als Stammvater des Hausrindes nicht in Betracht. Sein Schädel verbreitert sich nach oben zu, statt sich wie bei diesem in dieser Richtung zu verschmälern; auch ist er im Stirnteil auffallend konkav. Hinter dieser Konkavität erhebt sich ein mächtiger Stirnwulst, der beim Stier einer schiefen Wand vergleichbar ist, beim weiblichen Tier allerdings etwas niedriger, aber immer noch recht hoch ist.

Der ~Banteng~ der Malaien oder das ~Sundarind~ (Bos sondaicus) dagegen erfüllt nach den eingehenden Untersuchungen von Prof. Konrad Keller in Zürich und anderen Zoologen alle Bedingungen dazu, so daß wir ihn mit Sicherheit als Stammvater des ältesten Hausrindes ansprechen können. Der ganze Schädelbau, die eigentümliche Beschaffenheit der Hornzapfen, die bei beiden wie wurmstichiges Holz aussehen, die Gestaltung und Richtung des Gehörnes, die 13 Rippen usw. deuten mit aller Bestimmtheit darauf, daß irgendwo im südlichsten Asien der Banteng gezähmt und aus ihm die ältesten Hausrinder gewonnen wurden, bei denen sich der Gesichtsteil mit der Zeit etwas verkürzte.

Dem scheuen, am liebsten in wasserreichen bis moorigen Waldesteilen seinen Stand nehmenden und deshalb vorzugsweise flache Bergtäler mit langsam strömenden Flüssen bewohnenden Banteng steht in allen körperlichen Merkmalen von allen Hausrindern das indische ~Zeburind~ am nächsten. Dieses ist offenkundig ein domestizierter Banteng. Die anatomische Übereinstimmung beider ist auffallend. Beim Zeburind wie bei der Bantengkuh ist der Schädel lang und schmal, das Gehörn nach hinten ausgelegt, die Stirn seitlich abfallend, die Schläfengrube breit und flach, sind die Augenhöhlen fast gar nicht hervortretend, ist der Nasenast des Zwischenkiefers kurz und sind die Backenzähne schief gestellt. Brehm sagt in seinem Tierleben, „daß erwachsene Bantengs sich nicht zähmen lassen, Kälber desselben hingegen sich in der Gefangenschaft leicht an den Menschen gewöhnen und völlig zu Haustieren werden, da das Wesen des Tieres sanfter und milder zu sein scheint als das aller übrigen bekannten Wildrinder.“

Der wilde Banteng ist ein verhältnismäßig leicht gebautes Rind von braunroter bis kastanienbrauner Farbe bei den Kühen und jungen Stieren, dagegen schwarz bei alten Stieren. Weiß dagegen sind bei beiden Geschlechtern die untern Enden der Beine bis oberhalb der Knie- und Hackengelenke, ein großer ovaler Bezirk auf der Hinterseite der Schenkel, ein Streifen an der Innenseite der Beine, die Lippen und die Innenseite der Ohren. Bei den Kälbern, deren Beine in ihrer ganzen Ausdehnung außen kastanienbraun gefärbt sind, trägt der Rücken einen dunkeln Längsstreifen. Die Schulterhöhe eines ausgewachsenen Stieres beträgt 1,6-1,7 m, die Körperlänge etwa 2,6 m und die Schwanzlänge 0,9 m. Die bei jungen Tieren walzigen, bei ausgewachsenen an der Wurzel abgeflachten Hörner richten sich zuerst nach außen und oben, aber gegen die Spitze zu etwas nach rückwärts und innen. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus Gras. Gewöhnlich frißt es von vormittags 9 bis nachmittags 4 Uhr und geht dann trinken. Nachts legt es sich zum Ruhen nieder. Es meidet angebaute Gegenden so viel als möglich, stellt sich aber gelegentlich auf Äckern mit junger Saat zum Weiden ein. Es lebt meist in kleinen Herden von 5 oder 6 bis 20 Stück, die von einem großen Bullen geführt werden. Alte Stiere sollen sich gerne von der Herde trennen und einsiedlerisch leben. Werden diese verwundet, so greifen sie den Menschen, den sie sonst fliehen, ohne Zaudern an.

In diesem Banteng oder Sundarind hat nun der Südasiate nicht bloß das gefügigste, sondern auch das schönste Wildrind zum bildsamen Haustier herangezogen und damit alle weitere Haustiergewinnung vorbereitet. Dieser südasiatische Stamm der Hausrinder hat sich dann, weil sein großer Nutzen einleuchtete, sehr bald über weite Gebiete ausgedehnt. In der ostasiatischen Inselwelt reicht es bis Bali und Lombok, weiter nördlich bis China und Japan; hier überall macht ihm heute der später domestizierte Hausbüffel starke Konkurrenz. Nach Westen zu treffen wir ihn zuerst in Persien und Mesopotamien, dann auch sehr früh schon im Niltal an, wo uns auf einer der noch der neolithischen Negadazeit angehörenden skulptierten Schieferplatte von Giseh (s. Tafel), und noch deutlicher auf einer gleichzeitigen Platte im Louvre das charakteristische bantengähnliche Hausrind der ältesten nachweisbaren Zeit Ägyptens entgegentritt. Als Büffelfigur, sagt Keller, könne dieses Bild schon der Kopfbildung wegen nicht aufgefaßt werden. „Der Stier auf der Platte des Louvre zeigt vielmehr im Verlauf des Gehörns, in der auffallenden Stirnbreite und in der Kürze der Schnauze die typischen Kennzeichen eines alten Bantengstiers. Wir sind daher zu der Annahme gezwungen, daß das Hausrind der frühägyptischen, vorpharaonischen Zeit der Bantengstammform noch sehr nahe stand.“

Vom Niltal aus hat sich dieses Hausrind südasiatischer Herkunft weiter südlich zu den Hamiten verbreitet, die lange Zeit allein von den außerägyptischen Afrikanern in seinem Besitze waren. Erst später haben es dann die intelligenteren Stämme der Negerbevölkerung in Süd- und Westafrika übernommen. Madagaskar mit seiner starken Rinderzucht hat das Tier von Ostafrika her erhalten. Von Äthiopien gelangte schon vor der Zeit des alten Reiches im 4. Jahrtausend v. Chr. ein großgehörnter Rinderschlag von Bantengabstammung, der heute nur noch in Zentralafrika gefunden wird, nach Ägypten, wo er bald mit Vorliebe gezüchtet wurde. Dieser buckellose Schlag, aus dem meist der heilige Apis (altägyptisch hapi) genommen wurde, besaß ein ungewöhnlich langes, leier- oder halbmondförmiges oder auch gerade nach oben außen gerichtetes Gehörn und war von weißer, schwarz- oder rotbunter Färbung. Der nach Älian dem Mondgotte heilige Apis war nach Herodot schwarz, trug auf der Stirne ein weißes Viereck, auf dem Rücken das Bild eines Adlers, am Schwanz zweierlei Haare und auf der Zunge einen Käfer. Diese Färbung wird noch häufig beim Duxerschlag, namentlich aber bei den Eringerschlägen des südlichen Wallis angetroffen.

Neben Langhornrindern wurde schon im alten Reiche (2980 bis 2475 v. Chr) eine hornlose Rasse gehalten. Daß diese nicht gerade selten war, geht nach Erman aus der Angabe hervor, daß auf dem Gute des Chefre noch neben 835 Langhornrindern 220 hornlose Rinder vorhanden waren. Gleicherweise sind uns Darstellungen von Höckerrindern, wie sie uns in typischer Gestalt im indischen Zebu entgegentreten, schon in Abbildungen des alten Reiches erhalten geblieben. Diese Zeburasse, die sich am deutlichsten in Südasien ausprägte, hat einen Fettbuckel entwickelt und eine lang herabhängende dünne Wamme am Hals. Das meist kurze, höchstens mittellange Gehörn verläuft in der Flucht der Stirn nach hinten. Das Ohr hängt meist stark herab. Die Farbe ist weiß, grau, gelb, rotbraun oder gescheckt. Neben gewaltigen Schlägen kommen auch zwergartige vor. Diesem indischen Zebu steht das ostafrikanische Buckelrind am nächsten, das am reinsten im Sangarind Abessiniens vertreten ist. Es hat sich heute vom abessinischen Hochland aus bis zum oberen Nil und zum Tschadsee ausgebreitet. Das Gehörn ist bei ihm größer als beim nahe verwandten indischen Zebu, im allgemeinen leierförmig und nicht mehr so stark nach hinten ausgelegt, sondern aufgerichtet. Der schlanke, hochgestellte Körper weist dieselben Farben wie das indische Zebu auf. Es spielt als Zug- und Fleischtier eine große Rolle, doch ist sein Milchertrag ein geringer. Aus ihm ist offenbar als besondere Zuchtrasse das Langhornrind hervorgegangen, das schon im alten Ägypten eine wichtige Rolle spielte, aber, weil wirtschaftlich nicht hervorragend, im Laufe der Zeit stark zurückging, in Ägypten ganz ausstarb und heute nach dem Innern Afrikas zurückgedrängt wurde. Es findet sich heute im Seengebiet bei den ackerbauenden Kolonien abessinischer Abstammung als Watussirind; doch gibt es Bestände von ihm auch in Südabessinien. Es ist mittelgroß, einfarbig kastanienbraun oder dunkelbraunfleckig und hat ein über meterlang werdendes Gehörn von der Gestalt desjenigen des Sanga. Im neuen Reich Ägyptens (1580-1205 v. Chr.) tritt dieses Langhornrind zurück und dafür tritt ein kurzhörniges, meist buckelloses Rind offenkundig südasiatischer Bantengabstammung in den Vordergrund. Auf einem in Wasserfarben ausgeführten Wandgemälde in Theben aus der Zeit der 18. Dynastie (1580-1350 v. Chr.) bemerkt man einzelne gefleckte Exemplare mit Kennzeichen, die nur dem Zebu eigentümlich sind.

Auch in Mesopotamien ist das älteste Hausrind ein unverkennbarer Bantengabkömmling. Das auf einem sehr alten chaldäischen Siegelzylinder bereits vor den Pflug gespannt dargestellte Rind gleicht vollkommen einem kleinen indischen Hausrind. Aus der assyrischen Zeit treffen wir häufigere und bessere Darstellungen des Hausrindes. Auf einem Quarzzylinder, dessen Reproduktion Layard gibt, ist ein typisches, langhörniges Zeburind mit umfangreichem Fettbuckel und starker Wamme säugend dargestellt. Das auf den Skulpturen der Königspaläste häufig abgebildete Beutevieh wird stets mit gewölbtem Rücken oder mit eigentlichem Fettbuckel wiedergegeben, so daß auch dessen Abstammung von indischem Blute außer Zweifel steht. Nirgends begegnet uns eine Rinderart, die auf Abstammung des jedenfalls auch in Vorderasien einst lebenden ~Urs~ (Bos primigenius) hindeutet.

An der Peripherie des Areals, das die ältesten Hausrinder von Bantengabstammung bewohnen, d. h. im äußersten Osten Asiens, wie auf Bali und Lombok, dann in Westasien, Nordafrika und vor allem in Europa, begegnen wir einem kleinen, zierlich gebauten Rinderschlage von meist dunkler Färbung, mit kleinem, nach außen und aufwärts gebogenem Gehörn, zwischen den vortretenden Augenhöhlen eingesenkter Stirn und feiner Schnauze. Das Hinterhaupt erhebt sich bei ihm in einen deutlichen, steil abfallenden Höcker und seine Ecken sind nur ganz ausnahmsweise wie beim Zebu -- so beim sardinischen Hausrind -- zu Hornstielen ausgezogen. Das ist der Schlag, den wir überall in den Kulturschichten der neolithischen und späteren Bewohner Europas, so auch in den Pfahlbauten in den Seen und Torfmooren um die Alpen herum begegnen, wie er sich auch in der Urzeit in Mesopotamien und Ägypten nachweisen läßt. Es ist dies das bereits erwähnte ~Torfrind~ der Pfahlbauern, das in der Vorzeit überall in Europa als Haustier gehalten wurde und wahrscheinlich teils schon der Milchgewinnung diente, teils auch den Pflug zog, wie uns verschiedene Felsenzeichnungen von Nordafrika bis Skandinavien aus der Metallzeit zeigen. Rütimeyer nannte diese Rasse, die er aus den Überresten der Pfahlbauten der Schweiz kennen lernte, ~Kurzhornrind~ (Bos brachyceros), während der englische vergleichende Anatom Richard Owen sie als ~Langstirnrind~ (Bos longifrons) bezeichnete.

Dieses zierliche Hausrind mit zarten Gliedern und langem, schmalem Schädel mit breiter Stirne, die über die Hälfte der Schädellänge mißt, tritt uns von Anfang an in Europa in ihren charakteristischen, alle Zebumerkmale außer dem Fetthöcker aufweisenden anatomischen Merkmalen und Eigenschaften entgegen, so daß wir mit Bestimmtheit von ihm sagen können, daß es vollkommen domestiziert hier eingeführt wurde, und zwar nach Konrad Keller vorzugsweise aus Nordafrika. Er stützt sich dabei nicht bloß auf die Tatsache, daß sich eine dem alten Torfrind ganz nahe stehende Rasse hier bis nach Marokko hinein auffallend rein erhielt, sondern besonders darauf, daß die Annäherung des afrikanischen Zeburindes an unsere europäischen Braunviehschläge um so größer ist, je mehr man in Afrika nach Norden hin vorschreitet. Schon Nubien besitzt eine feinköpfige und kurzhornige Rasse, die dem algerischen und marokkanischen Rind auffallend nahe steht. Außerdem haben die kleinen beweglichen Zeburinder noch eine zweite direktere Wanderstraße aus ihrer Heimat Südasien nach Europa eingeschlagen, die über Mesopotamien, Kleinasien und durch die Donauländer ins Herz unseres Kontinentes führte. Keller hielt diesen direkten Import aus Asien für sekundär und nicht sehr ausgiebig, was wir nicht ganz unterschreiben möchten, da alle übrigen Kulturerrungenschaften der europäischen Neolithiker viel mehr nach Westasien als nach Nordafrika hinweisen. Jedenfalls hat der rege Handelsverkehr der Mittelmeerländer schon frühe wichtige Erzeugnisse Nordafrikas, zumal Ägyptens, nach Norden gebracht. Der bevorzugte Weg wird dabei aus dem Niltal über die ägäische Inselwelt nach dem Schwarzen Meer und von da donauaufwärts gegangen sein.

Überreste dieses Torfrindes von Bantengabstammung haben sich in den Braunviehschlägen der Zentralalpen ziemlich rein, am reinsten um das Gotthardmassiv herum beim sogenannten Schwyzervieh, erhalten. Die Haarfärbung wechselt vom dunkeln Braun bis zum hellen Mäusegrau. Als Rassekennzeichen gilt das dunkle Flotz- oder Rehmaul mit heller Umrahmung und ein heller, als Aalstrich bezeichneter Rückenstreifen. Diese Merkmale finden sich auch bei ostasiatischen und indischen Rindern. Auch ist der als Spiegel bezeichnete umfangreiche weiße Fleck am Hinterteil des Banteng als ein Rückschlag in Gestalt einer heller gefärbten Stelle am Hinterbacken nicht selten bei den einfarbigen braunen Kühen um das Gotthardmassiv herum zu sehen. In Südeuropa gehört dazu das dunkle sardinische, illyrische und albanesische Rind, im Osten das weitverbreitete polnische Rotvieh, das sich auch über das nördliche Rußland ausdehnt und im Nordwesten das hochgezüchtete und seiner Milchergiebigkeit wegen berühmte Jersey- oder Kanalrind.

Diese kleinen Rinder haben, wie auch das Zebu, von dem sie sich ableiten -- man denke nur an das hornlose altägyptische, das heutige Somalirind, die Rinder von Unjoro und Berta -- schon sehr frühe auch hornlose Formen hervorgebracht, die sich bereits in der neolithischen Pfahlbauzeit nachweisen lassen. Hornlose Rinder sollen auch die Skythen besessen haben. Jetzt sind sie außer in Zentralafrika, wo die meisten Rinder hornlos und ohne Fettbuckel sind, hauptsächlich über Nordeuropa verbreitet, so in Nordrußland, Skandinavien, Island, Schottland, England, Wales und sporadisch in Oldenburg. Auch in Irland scheint diese Rasse früher sehr verbreitet gewesen zu sein, da man in alten Ansiedelungen viele ungehörnte Schädel derselben fand. Die Haarfarbe dieses hornlosen Viehs ist vorzugsweise weiß, doch kommen auch gelbrote, braunrote und schwarze Nuancen vor.

Mit der Kurzhornrasse von Zebuabstammung, dem Torfrind, eng verwandt und durch künstliche Züchtung offenbar auf europäischem Boden entstanden, ist das durch auffallende Kürze des Kopfes ausgezeichnete ~Kurzkopfrind~ (Bos brachycephalus). Bei ihm ist die Stirne zwischen den Augen sehr breit und unten stark eingezogen, das drehrunde Gehörn ist stark, oft sehr groß und leierförmig, meist weiß mit schwarzer Spitze. Die Haarfarbe ist braun bis gelb, selbst weiß und rot bis schwarz, häufig mit weißem Abzeichen. Wie beim Braunvieh läßt sich bei dunkeln Varietäten häufig eine weiße Einfassung des Flotzmaules, eine weiße Innenseite des Ohres und ein ebenso gefärbter Aalstrich auf dem Rücken erkennen.

Nach Keller tauchen die Kurzkopfrinder zuerst auf dem Boden Italiens auf und wurden dann vermutlich durch römische Kolonisten nach Norden gebracht. Er glaubt, sie ließen sich ihrer Abstammung nach auf das altägyptische Langhornrind zurückführen und seien wahrscheinlich schon in vorgeschichtlicher Zeit nach Europa gelangt und hier umgezüchtet worden. Diese Ansicht kann nach den bisher bekannt gewordenen Tatsachen nicht aufrecht erhalten werden. Das Kurzkopfrind war schon in vorgeschichtlicher Zeit, nämlich zu Ende des 3. Jahrtausends v. Chr., nördlich der Alpen an den Schweizerseen zu finden. Dürst glaubt es bereits auf babylonischen Siegelzylindern aus dem Beginne des 3. vorchristlichen Jahrtausends nachweisen zu können. Auch im alten Ägypten wurde es bereits gehalten, ebenso in Arabien und Nordafrika, wo man teilweise Knochenüberreste von ihm fand. In Südeuropa muß es im letzten Jahrtausend v. Chr. allgemein verbreitet gewesen sein. Die Reste desselben aus der helvetisch-römischen Zeit in Vindonissa und Aquae weisen auf ein sehr stattliches Tier hin, wie es sich heute noch im Südwesten von Europa auf der iberischen Halbinsel in stärkster Entwicklung vorfindet. In Deutschland gehört dazu das ebenfalls stattliche Rind des bayerischen Allgäu. Kleiner ist das gleicherweise hierher gehörende Eringerrind aus dem südlichen Wallis, das meist einfarbig, schwarz oder dunkelbraun mit rötlichem Anflug gezüchtet wird. Verwandt damit ist der Zillertaler, der Pustertaler und der Duxer Schlag, dann der Voigtländer und der Egerländer Schlag, das Devonrind in den englischen Grafschaften Devonshire, Sussex und Hereford, wie auch das Rind der Kanalinseln (Jersey u. a.). Noch näher scheint der Urrasse das Albanesenrind zu stehen. Jedenfalls hat sich diese uralte Rinderrasse am besten in den entlegenen Gebirgstälern erhalten und stellt so gewissermaßen die Gebirgsform des Rindes dar.

Zu diesen Rindern von südasiatischer Abstammung kommen meist großgehörnte Formen von schwerem Körperbau, die anatomisch durchaus nicht auf den Banteng, sondern auf den ~Ur~ (Bos primigenius) zurückzuführen sind. Dieses neben dem ~Wisent~ (Bison europaeus) seit der diluvialen Zeit bei uns lebende Wildrind war teilweise größer als unsere Hausrinder und besaß einen Schädel von auffallend geradlinigem Umriß, mit schief nach vorn gerichteten Augenhöhlen und schief aufsteigendem Unterkieferast. Der Gesichtsschädel zeigt eine verhältnismäßig starke Entwicklung; die Stirnbeine sind flach und stoßen in rechtem Winkel mit der Hinterhauptsfläche zusammen. Das mächtige Gehörn besaß im ganzen Leierform, wandte sich zuerst nach außen, dann nach innen oben mit aufwärts gerichteten Spitzen. Während sich also bei ihm das ziemlich lange Gehörn gegeneinander krümmte, war es beim Wisent nicht nur kürzer, sondern auch nach einwärts und rückwärts gekrümmt. Dabei besaß letzteres einen dreieckigen Kopf, starke Mähne und abfallenden Rücken, während der Ur, dem Hausrinde ähnlich, einen länglichen Kopf, keine Mähne und einen geraden Rücken besaß. Außerdem war es schwarz und nicht dunkelbraun wie jenes gefärbt.

Das Verbreitungsgebiet des Ur erstreckte sich außer durch ganz Europa, wo er sich am längsten im nördlichen Rußland erhielt, auch über ganz Nordasien bis zum Altaigebirge und reichte nach Süden bis zum Bergland von Armenien und Nordbabylonien. Die Assyrier kannten ihn sehr wohl unter dem Namen rimu, was identisch mit dem biblischen reem ist. Nach einem Relief des um 884 v. Chr. durch Asurnasirpal erbauten Nordwestpalastes in Nimrud, auf welchem dieser König einem Ur das Messer ins Genick stößt, bildete dieses gewaltige Tier damals noch ein geschätztes Jagdobjekt für die Fürsten von Assur. Auf dieser Darstellung hat der Künstler, der dieses Tier genau gekannt haben muß, nicht nur das starke Gehörn, sondern auch den schief aufsteigenden Unterkieferast in sehr naturgetreuer Weise dargestellt, so daß wir unverkennbar einen Ur -- früher auch Auerochse genannt -- vor uns haben. Daß diese Tiere damals noch in größerer Menge in Nordbabylonien vorkamen, beweist die Tatsache, daß dieser König nach einer Inschrift auf einer Jagd deren nicht weniger als fünfzig erlegte und acht gefangen nahm. Diese letzteren werden im Wildparke des Königs Aufnahme gefunden haben. Auch anderweitig berichten uns assyrische Texte, daß junge Ure gefangengenommen und in der Gefangenschaft weitergezüchtet wurden. So scheint in Nordbabylonien der Ur zuerst gezähmt und für den Haustierstand in der Obhut des Menschen vorbereitet worden zu sein. Dies geschah zweifellos schon weit früher als zu Beginn des letzten Jahrtausends v. Chr., da wir urähnlichen Rindern schon auf den ältesten babylonischen Siegelzylindern und in Form prächtig modellierter Köpfe aus Bronze, die noch in die sumerische Zeit ins dritte Jahrtausend v. Chr. zurückreichen, begegnen. Dabei scheinen die Assyrier offenkundig diese gezähmten Rinder von Urabstammung zu opfern bevorzugt zu haben. Wenigstens werden sie in ihrer charakteristischen Erscheinung bei assyrischen Opferszenen, z. B. am Palast von Balawat, dargestellt, während wir unter den ebendort abgebildeten Rindern als Tribut fremder Völker ganz anders gekrümmte Hörner finden, die stark an ägyptische Darstellungen erinnern. Letztere waren zweifellos Hausrinder von Bantengabstammung.

Aus geschichtlicher Zeit haben wir mehrfache Zeugnisse über das Vorhandensein dieses mächtigen Wildrindes in Europa, so von Julius Cäsar, der in seinem Buche über den gallischen Krieg schreibt, daß im hercynischen Wald -- worunter jener römische Autor das Waldgebirge Mitteldeutschlands vom Rhein bis zu den Karpaten verstand -- ein urus genanntes Wildrind lebe, das äußerlich einem Stier gleiche, aber an Größe nur wenig hinter dem Elefanten zurückstehe. Mit letzterer Angabe hatten ihm seine germanischen Gewährsmänner einen „Bären aufgebunden“, wie sie ihm auch sagten, die Beine des Elches (alces) seien stocksteif und hätten keine Gelenke. „Deshalb legen sich die Tiere, wenn sie ruhen wollen, nicht nieder, können auch nicht wieder aufstehen, wenn sie zufällig hinfallen. Um zu schlafen, lehnen sie sich also an Bäume. Solche Plätze merken sich die Jäger, machen heimlich einen Einschnitt in jeden Baum, so daß er an sich stehen bleibt, aber umfällt, wenn sich das Tier daranlehnt.“ Noch manch anderes solch altdeutsches Jägerlatein hat der große römische Stratege und kluge Staatsmann als baare Münze entgegengenommen.

Nach Cäsar spricht dessen Zeitgenosse Vergil im zweiten Gesang seiner Verherrlichung des Landbaues vom Ur, indem er sagt, man solle die Weinberge einzäunen, damit das Vieh (pecus) ihnen nicht schädlich werde. Darunter zählt er außer den Schafen und dem Jungvieh die Rehe und die wilden Ure aus den Wäldern (silvestres uri). Das Landgut, das dieser Darstellung zugrunde liegt, war höchst wahrscheinlich des Dichters eigenes, das väterliche Gut in Andes bei Mantua, in welchem er am 15. Oktober 70 v. Chr. geboren wurde. Also müssen noch im letzten vorchristlichen Jahrhundert die Ure von den dichten Wäldern an den Vorbergen der Alpen weit in die lombardische Ebene hinein gewechselt sein. Im dritten Gesang wird von Vergil eine schwere Seuche, anscheinend Milzbrand, geschildert, die den ganzen Viehstand der Krainer Alpen vernichtet hatte. Als danach das Fest der Göttermutter herankam, hatte man keine Ochsen (boves), um mit ihnen den Prozessionswagen der Göttin zu bespannen, und mußte statt ihrer (kastrierte) Ure nehmen (Vers 531). Also muß es damals neben den wilden auch zahme Ure gegeben haben, die man als eine besondere Tiergattung vom Rindvieh unterschied. Allem nach scheinen auch diese zahmen Ure seuchenfester als die echten Rinder gewesen zu sein. Das mag mit ein Grund gewesen sein, daß in der Folge in manchen Gegenden Südosteuropas das Vieh vom Primigeniusstamme, also vom Ur abgeleitet, die Oberhand über die älteren, gegen Seuchen empfindlicheren Rassen von Bantengabstammung gewann.

Im 1. Jahrhundert n. Chr. schreibt dann der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Germanien ist durch das Vorhandensein von zwei Arten wilder Rinder merkwürdig, nämlich durch den mit einer Mähne geschmückten Bison (Wisent) und den Ur, der sich durch Kraft und Schnelligkeit auszeichnet.“ Tacitus weiß in seinen Annalen von einem römischen Steuerbeamten zu berichten, der die Friesen dadurch zum Aufstand trieb, daß er ihnen für die Entrichtung ihres in Ochsenfellen bestehenden Tributs Urfelle als Muster vorschrieb. Solche in größerer Menge zu beschaffen mochte ihnen schwer fallen. Wie Plinius spricht auch das Nibelungenlied von zwei in Germanien hausenden Wildrindern, dem Wisent und dem Ur. Letzterer wurde noch im 10. Jahrhundert in der Umgebung des Klosters St. Gallen gejagt und sein Fleisch an der Klostertafel nebst dem des Bibers und anderer dort heute längst ausgerotteter Tiere verspeist, wie wir den Benediktionen oder Tischgebeten des dort lebenden und 973 verstorbenen Mönches Ekkehard I. entnehmen können. Nach Alfred Nehring wurde in Bromberg ein aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammender Urstierschädel aufgefunden, der auf der Stirne noch Spuren von drei Lanzenstichen aufweist, als Beweis dafür, daß er um jene Zeit dort noch gejagt wurde. Noch ums Jahr 1550 erhielt der österreichische Gesandte und Freiherr von Heberstain auf einer diplomatischen Reise nach dem Königreiche Polen in Masovien vom König Sigismund August von Polen einen dort getöteten Ur als Geschenk. Das Tier war damals freilich nicht mehr zahlreich, sondern auf einen kleinen Bestand in Masovien zusammengeschmolzen. Später erhielt der Züricher Zoologe Konrad Geßner von einem seiner Schüler, Schneeberger, und von Johann Bonar zuverlässige Nachrichten über den in Polen lebenden und dort Thur genannten Ur und berichtete darüber 1560. Zuletzt hat August Wrzesniowski in einer 1878 in der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie veröffentlichten Arbeit an Hand der polnischen Quellen nachgewiesen, daß schon im 13. Jahrhundert die Jagd auf den „Thur“ ein ausschließliches Vorrecht der Herzoge von Masovien war, er bereits im 16. Jahrhundert selten zu werden begann und nur noch in den Forsten von Jaktorowka (etwa 55 km westlich von Warschau) vorkam. Hier wurde er zuletzt, wie heute der Wisent im urwaldähnlichen Riesenforste von Bjelowjesha im russisch-litauischen Bezirke Grodno, förmlich gehegt und über die noch vorhandenen Exemplare Buch geführt. 1564 zählte man nur noch 30 und 1599 24 Stück. 1602 ging der Bestand auf 4 Thure zurück und 1627 starb die letzte Urkuh.

Außer verschiedenem Skelettmaterial aus Torfmooren -- so einem nahezu vollständigen Skelett, das 1887 am Schwielochsee im Kreise Lübben in der Niederlausitz aufgefunden wurde und sich jetzt im Museum der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin befindet -- besitzen wir auch noch leidliche Bilder von diesem gewaltigen Wildrinde Europas. Heberstain, der letzte Zeuge, der den Ur noch sah, ließ eine Abbildung herstellen, die durch Konrad Geßner in weiteren Kreisen bekannt wurde. Daneben existiert noch ein vom Engländer Hamilton Smith bei einem Augsburger Kunst- und Antiquitätenhändler entdecktes Urstierbild, das im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts in Öl auf Holz gemalt wurde, 1827 in Griffiths „Animal Kingdom“ zur Veröffentlichung gelangte und seither im Original verschollen ist. Eine weit bessere Darstellung gibt das bereits erwähnte alte Jagdbild vom Palaste des assyrischen Königs Asurnasirpal aus dem Beginn des 9. Jahrhunderts v. Chr., besonders aber die aus bester mykenischer Zeit Griechenlands, aus der Mitte des zweiten Jahrtausends vor Chr. stammenden Rinderfiguren auf den Goldbechern von Vaphio, dem alten Amyklai. Es sind dies die weitaus besten Urbilder, die wir besitzen. Diese in einem prähistorischen Kuppelgrab 1888 gefundenen beiden Goldbecher, die offenbar aus der gleichen Werkstätte hervorgingen, zeigen in einem Basrelief den Fang und die Zähmung des wilden Urs. Der eine Becher (I) stellt dar, wie ein Ur sich in einem von starken Stricken verfertigten Netze fängt und dabei überkugelt, während zwei andere in gestrecktem Galopp aus dem Bereiche des Netzes flüchten, wobei der eine zwei sich ihm entgegenstellende, mit Wams und Hosen bekleidete Männer über den Haufen rennt, den einen derselben auf die Hörner nimmt und davonschleudert. Der andere (auf Tafel II) stellt vier gezähmte Ure, drei Männchen und ein Weibchen dar, welch letzteres sein Haupt in Profilstellung dem ihm zunächst stehenden Stier zuwendet. Davor steht ein mit Wams und Hosen bekleideter Mann, der einen laut aufbrüllenden Urstier mit einem dicken Strick am linken Hinterbein gefesselt hält.

Diese unschätzbar wichtigen Darstellungen von überaus hohem künstlerischem Wert zeigen uns, wie in vorgeschichtlicher Zeit neben dem von Südasien gezähmt eingeführten Torfrind das stärkere einheimische Wildrind gefangen und unter des Menschen Botmäßigkeit gebracht wurde, um aus ihm ein nützliches Haustier zu machen. Wie dies noch nach der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends in Griechenland geschah, was uns der Becher von Vaphio beweist, dessen Darstellung nur von einem Manne geschaffen worden sein kann, der persönlich beim Fange dieses Wildrindes mit Hilfe von starken Jagdnetzen zugegen war und den Vorgang aus eigener Anschauung, nicht nur vom Hörensagen schildert, so ist dies wahrscheinlich schon mehr als tausend Jahre früher in Nordeuropa, außerdem auch in Westasien, speziell Nordbabylonien, und vielleicht an anderen Orten gemacht worden und hat zur Gewinnung eines sehr kräftigen Rinderschlages geführt, das uns, dem Wildrinde noch recht nahestehend, bereits in den jüngeren Pfahlbauten entgegentritt. Diesem gezähmten Primigeniusrind des vorgeschichtlichen Europa, das uns weder in Asien östlich von Mesopotamien, noch in Afrika entgegentritt, steht von heute lebenden das großhörnige schottische Hochlandrind von schwärzlicher bis grauer Haarfärbung am nächsten. Ferner das ebenfalls großhörnige weiße englische Parkrind, das schon bei den alten Kelten in hohem Ansehen stand. Berichten doch die etwa aus dem 11. Jahrhundert stammenden Gedichte des angeblichen gälischen Barden Ossian, des Sohnes König Fingals, aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., daß zwei Häuptlinge wegen eines weißen Stieres in eine erbitterte Fehde gerieten, die erst mit dem Tode des einen beigelegt wurde. Ebenfalls ein Primigenius-Abkömmling ist das in gleicher Weise wie die vorigen einfarbige, großhörnige, überaus wetterharte und genügsame, aber nur geringe Milchergiebigkeit und Mastfähigkeit aufweisende Steppenrind Podoliens und Südrußlands. Als „graues Steppenrind“ finden wir es in Ungarn und in der römischen Campagna. Dieses silbergraue Vieh der römischen Campagna wurde nicht erst, wie man noch vor kurzem annahm, durch die Langobarden in Mittelitalien eingeführt, sondern ist hier schon in vorgeschichtlicher Zeit nachweisbar. So finden wir es deutlich auf der der La Tènezeit angehörenden Situla (Eimer) aus der Certosa von Bologna noch mit vorwärts zeigendem Gehörn dargestellt, als Beweis dafür, daß dieses Rind dem Ur sehr nahestand und nur geringe Veränderungen infolge von Domestikation aufwies. Über die Niederungen Rußlands finden wir das Steppenrind von Primigeniusabstammung durch ganz Sibirien, aber nicht mehr überall in reiner Rasse. So weist beispielsweise das Kirgisenrind eine beträchtliche Beimischung von Zebublut zum Primigeniusblut auf. Solche Kreuzungen wurden jedenfalls bereits in vorgeschichtlicher Zeit in ausgedehntem Maße vorgenommen, wozu die einheimischen Hausrinder genugsam Gelegenheit gaben. Nicht selten werden aber auch die zahmen Ure auf der Weide von wilden Urstieren belegt worden sein, wie es heute noch in Hinterindien häufig genug vorkommt, daß zahme Zebukühe von wilden Bantengstieren befruchtet werden, was die Malaien als eine willkommene Blutauffrischung gerne sehen.

Von Mischungsprodukten zwischen Torfrind und Primigeniusabkömmlingen sind wohl die meisten spurlos untergegangen und andere sind durch künstliche Züchtigung stark umgebildet worden. Eine solche durch Umzüchtung aus der älteren Primigeniusrasse ohne bedeutende Torfrindblutbeimischung hervorgegangene Rinderart ist nach L. Rütimeyer das von Nilsson als Frontosusrasse bezeichnete ~Großstirnrind~ (Bos frontosus), das zur Bronzezeit neben dem kleinen, zierlichen Torfrind zuerst in Nordeuropa, und zwar in Südschweden auftritt. Von da drang es erst sehr spät weiter nach Süden vor, um allerdings nur eine sehr lokale Verbreitung zu erlangen. Diese Rasse, die auch noch recht schwer, wie das reine Primigeniusrind, werden kann, zeigt einen Schädel mit unregelmäßigem Umrisse, zwischen den Augen verbreiteter Stirne, dachiger Hinterstirn, gestielten Hornzapfen und gewölbten Augenhöhlen. Die Färbung ist rot- oder schwarzscheckig mit scharf begrenzten Flecken; der Nasenspiegel ist fleischfarben. Noch jetzt wird diese Rasse im südlichen Schweden gehalten und hat die einst in England weitverbreitete, jetzt aber dort verschwundene Langhornrasse aus sich hervorgehen lassen, deren letzte Reste sich in Südschweden in dem Vieh der Insel Gotland erhielten.

Wichtiger als sie ist das durch kurze Hörner und schwarze oder rotscheckige Farbe ausgezeichnete Marschrind der Nordseeküste, zu dem auch das holländische Rind gehört. Es ist durch seine Milchergiebigkeit berühmt und scheint hier bis ins Altertum zurückzugehen. Wir wissen wenigstens, daß schon zur Zeit der Römer am Niederrhein ein ähnlich großes Rind gezogen wurde. Die größte Bedeutung aber erlangte das Großstirnrind in der Westschweiz im hochgezüchteten rotscheckigen Simmentaler- und im schwarzscheckigen, neuerdings stark im Rückgang begriffenen Freiburger Schlag. Dieses ebenfalls überaus milchergiebige schweizerische Fleckvieh, das bis zum Bodensee verbreitet ist, scheint erst zur Zeit der Völkerwanderung in Mitteleuropa eingewandert zu sein und kam nach Keller vermutlich mit den vom Niederrhein gekommenen Burgundern nach der Westschweiz. Nicht nur in den westschweizerischen Pfahlbauten, sondern auch in den helvetisch-römischen Niederlassungen der Schweiz, z. B. in Vindonissa, fehlen alle Spuren von ihm vollständig. Keller meint, diese Tatsache sei sehr schwerwiegend; denn die Römer, die beispielsweise in Vindonissa eine starke Besatzung zu unterhalten hatten, würden ohne Zweifel vorgezogen haben, die milchreichen Fleckviehrinder aus der Westschweiz zu holen, falls solche damals vorhanden gewesen wären, statt die schweren, wenig Milch liefernden Kurzkopfrinder aus dem Süden über die Alpenpässe in Helvetien einzuführen, da das kleine einheimische Torfrind den Bedarf nicht deckte.

Derselbe Autor meint in seinem Werke über die Abstammung der ältesten Haustiere: „Über das Verhältnis der Freiburger Schwarzflecken zum rotbunten Simmentaler Schlag müssen noch eingehendere anatomische Untersuchungen angestellt werden. Sie gehören zwar nach den osteologischen Merkmalen zur Frontosusrasse, dagegen ist das Gehörn steiler aufgerichtet und nach meiner Beobachtung häufig primigeniusähnlich. Daher die Behauptung, daß das Freiburger Vieh Einwirkungen von niederländischem Vieh erhalten habe. Andere vermuten eine Vermischung mit Braunvieh. Leider war es mir bei dem starken Rückgang dieses Schlages bisher nicht möglich, ausreichende Schädelserien zu beschaffen, wie denn überhaupt die Erwerbung von Haustiermaterial auf kaum glaubliche Schwierigkeiten stößt.“

Das ziemlich verwahrloste Rind Sibiriens repräsentiert nach den Untersuchungen von Okulitsch einen unvermischten Primigeniustypus. Die Färbung desselben ist vorwiegend rot; doch gibt es in der Umgebung von Tomsk auch graue Rinder dieses Schlages. Die Milchergiebigkeit der sibirischen Kühe ist gering; dennoch ermöglicht der bedeutende Viehstand eine starke Ausfuhr von Produkten der Milchwirtschaft. So wurden schon im Jahre 1901 27 Millionen kg Tafelbutter von Sibirien nach Europa exportiert und seither hat sich diese Ausfuhr durch bessere Bahntransporte bedeutend erhöht. Der Regierungsbezirk Tomsk allein weist einen Rinderbestand von gegen 2 Millionen Stück auf.

Alle weiter südlich in Asien gehaltenen Rinder sind dagegen Abkömmlinge des gezähmten Banteng, so auch diejenigen Chinas, die oft sehr klein sind und manchmal einen Fetthöcker aufweisen. Sie werden dort vorzugsweise zum Pflügen benutzt, ihre Milch überhaupt nicht und das Fleisch wenig genossen. Ebenso gering ist die wirtschaftliche Rolle des Rindes in Japan, wo es als Reit- und Lasttier dient und die wenigen im Lande verkehrenden Wagen zieht. Einen schönen Rinderschlag besitzt Korea, dessen Bewohner wohl dessen Fleisch, nicht aber die Milch genießen.

Wie die meisten Nutztiere hat Amerika auch das Rind durch die Vermittlung der Europäer erhalten. Auf seiner zweiten Reise brachte es Kolumbus 1493 nach San Domingo, von wo es sich rasch über die Antillen verbreitete. Hier verwilderte es teilweise und lieferte in dem an der Luft und über dem Feuer getrockneten Fleisch, der carne secca, und in den Häuten bald das hauptsächlichste Ausfuhrprodukt dieser Inseln. Von diesen verwilderten Rinderherden lebend bildete sich im 16. Jahrhundert aus Franzosen und Engländern an der Westküste von San Domingo der Freibeuterstaat der Flibustier -- entweder aus dem Worte freebooters, d. h. Freibeuter, oder aus fly boaters, d. h. auf rasch fahrenden Schiffen Segelnde entstanden --, die den das Monopol des amerikanischen Handels besitzenden spanischen Schiffen auflauerten und sie ausplünderten. Als diese durch Zuzug von allerlei Abenteurern und der Hefe aller Nationen zu Anfang des 17. Jahrhunderts zu einer furchtbaren Macht in den westindischen Gewässern geworden waren, die, bald von der einen, bald von der andern Regierung begünstigt oder gar in Sold genommen, später nicht nur gegen die Spanier, sondern gegen alle Besitzenden kämpften, sahen sich die europäischen Staaten genötigt, gegen diese bedrohliche Macht einzuschreiten. Vor allem gründete Frankreich, da sich ein großer Teil der Flibustier aus Franzosen zusammensetzte, in diesem westlichen Teil von San Domingo eine Kolonie, die bald durch ausgezeichnete Gouverneure zur Blüte gelangte. Mit dieser Gründung verloren die wilden Rinder der Insel bald ihre Bedeutung; doch exportiert der spanische Teil immer noch stark Fleisch und Häute derselben nach der jetzt dort errichteten Negerrepublik.

Ums Jahr 1525 gelangte das Rind nach Mexiko, wo sich seine Zucht an den grasreichen östlichen Abhängen der Anden stark ausbreitete. Neuerdings haben sich dort auch edlere europäische Rassen, wie die Holländer und das hellfarbige, meist rotfleckige, kurzhörnige Vieh der englischen Grafschaft Durham, eingebürgert.

Mittelamerika hatte im 17. Jahrhundert eine starke Viehzucht in Honduras. Auch Kolumbien erhielt im 16. Jahrhundert sein Vieh von den westindischen Inseln. In die Grassteppen von Venezuela brachte es Christobal Rodriguez 1548. Hier gedieh es vortrefflich und verwilderte bald. So begegnete schon der sogenannte Tyrann Aguirre 1560 in der Nähe von Valencia wilden Rinderherden. Um 1800 führte Venezuela ohne die zahlreichen geschmuggelten etwa 170000 Rinderhäute jährlich aus. Von der Kapverdeninsel San Vincente aus brachten die Portugiesen das Rind 1581 nach Brasilien, wo es sich der brasilianischen Indolenz entsprechend recht langsam von der Küste nach dem Innern ausbreitete. Nach den Angaben von Southeys Geschichte von Brasilien kam es erst 1720 nach Goyaz, 1739 nach Matto Grosso und 1788 in das Gebiet des oberen Amazonenstroms. Gegenwärtig besitzen die Provinzen Minas Geraes, Matto Grosso, San Paulo und Rio Grande do Sul eine ausgedehnte Viehwirtschaft. Wiederholt sind Zebus aus Indien als Zuchtmaterial in Matto Grosso eingeführt worden, und Bastarde derselben mit den aus Europa eingeführten Rassen sind stark verbreitet. Durch großes Gehörn ist die ursprünglich in San Paulo heimische Franqueirorasse ausgezeichnet. Nur in Minas Geraes wird Milchwirtschaft getrieben und ein grober, schlechter Käse gewonnen, der nur im Lande selbst gebraucht werden kann. Der Brasilianer ißt diesen Käse gern mit eingedicktem Zuckerrohrsaft zusammen, ähnlich wie die Helden Homers eine Mischung von Honig, Käse und Wein tranken. Sonst wird überall in Brasilien das Vieh bloß zur Gewinnung von Häuten und Hörnern für den Export nach Europa und zur Herstellung von getrocknetem Fleisch für den einheimischen Verbrauch gehalten. Dies war auch in den Pampas Argentiniens der Fall, wo vom 17. Jahrhundert an große halbwilde Viehherden vorhanden waren. Diese nahmen ihren Ursprung von 7 Kühen und einem Stier, die Kapitän Juan de Salazar 1546 von Andalusien nach Südbrasilien brachte, von wo aus sie ein gewisser Gaeta in seinem Auftrage über Land nach Paraguay trieb. Er entledigte sich dieser schwierigen Aufgabe vorzüglich und erhielt als Belohnung eine von den Kühen geschenkt, was für ihn jedenfalls einen sehr wertvollen Besitz darstellte.

Von Paraguay drang das Rind bald südwärts in die Pampas von Argentinien vor, von wo schon 1580 die erste Ladung Häute von dem damals eben gegründeten Buenos Aires nach Spanien ausgeführt wurde. Hier vermochte es in der Steppe überall leicht zu verwildern, während in den mehr waldigen Gebieten Paraguays dies wegen des Vorkommens einer sehr lästigen Aasfliege, die ihre Eier in jede Wunde legt, nicht möglich war. Da für diese Fliegen der Nabelstrang des neugeborenen Kalbes eine sehr willkommene Ablagestelle für die Eier bot, die eine Entzündung und schließlich den Tod des Kalbes herbeiführten, so gingen jeweilen alle Kälber zugrunde, bei denen nicht menschliche Hilfe fürsorgend eintrat. So weit also der Bezirk dieser Fliege reichte, gab es keine wilden Rinder. Im Süden aber, wo sie im offenen Graslande fehlte, vermehrten sich die halbwilden Viehherden dermaßen, daß das einzelne Stück fast wertlos und im 18. Jahrhundert nach Dobrizhoffer für einen Real, d. h. etwa fünf Groschen zu haben war. So wurden sie nur zur Gewinnung der Haut und etwa noch der Zunge als Delikatesse getötet, und nur ausnahmsweise das saftigste Fleisch von den Lenden zur Gewinnung von carne secca verwendet. Um diesen Reichtum wenigstens einigermaßen auszubeuten, wurde im vorigen Jahrhundert an der Küste nördlich von Buenos Aires, in Fray Bentos, die Liebigsche Fleischextraktfabrik eingerichtet, die heute noch das meiste Fleisch auf dieses ihr Spezialprodukt hin verarbeitet, daneben aber auch konserviertes Fleisch, Fett und Knochen gewinnt, die sie mit den Häuten auf den europäischen Markt bringt. Neuerdings suchen die Kulturstaaten Europas mit dem Fleischüberfluß Argentiniens die Fleischnot in ihrem eigenen Lande zu bekämpfen, und dies mit bestem Erfolge. In besonderen Schiffen mit Kühlräumen wird das Fleisch gefroren, wie das schon seit längerer Zeit von Australien nach England gebrachte Schaffleisch, aus Argentinien zu uns gebracht und findet überall willig Absatz. Jedenfalls ist Argentinien mit seinen grasreichen Ebenen vor andern Ländern dazu berufen, in der Viehhaltung eine führende Rolle zu spielen. Auch in Chile hat es einst eine bedeutende Rinderzucht gegeben. So fand v. Tschudi noch 1858 in Santiago das Straßenpflaster aus den Hüftknochen von Rindern gebildet, die man mit den Gelenkköpfen nach oben gesetzt hatte. Auch in Peru und Bolivien ist die wilde oder halbwilde Zucht jedenfalls die wichtigste. Milch geben die Kühe nur wenige Tassen voll, und auch das nur kurze Zeit. Bei den Indianern ist keine Neigung zur Haltung des Rindes vorhanden. Letzteres tritt demnach gegen Patagonien hin, wo die weiße Bevölkerung mehr oder weniger aufhört, zurück. Auf den Falklandinseln ist es verwildert.

In Nordamerika ist das erste Vieh zu Ende des 16. Jahrhunderts von England an die Ostküste nach Virginien gekommen. 1624 brachten es die Puritaner nach Plymouth in Massachusetts und ein Jahr später die Holländer nach dem von ihnen auf der Manhattaninsel an der Mündung des Hudson gegründeten Neu-Amsterdam, dem heutigen New York, mit. Diese guten Rassen wurden später mit dem wegen der bequemen Verbindung billigeren spanischen Vieh aus Westindien gekreuzt. Mit den Weißen verbreitete es sich westwärts, während schon früh vor seiner Ankunft mexikanisches Vieh nach Texas und Kalifornien gelangt war. Kanada besaß ursprünglich das Bretagnerind, das die Franzosen 1608 einführten.

Was die heutige Rinderhaltung in den Vereinigten Staaten anbetrifft, so geht die Züchtungspraxis der Amerikaner darauf aus, einzelne ausschließliche Leistungen der Tiere zu bevorzugen; daher werden die hervorragendsten englischen Fleischrassen und die europäischen Milchrassen stark bevorzugt. Von letzteren wurden außer südenglischen Rindern besonders das friesische, dann das Schweizer Braunvieh eingeführt. Dieses hat nun mehr und mehr das früher ausschließlich gezogene Texasvieh spanischer Abstammung, das seinerseits wiederum sich vom hochbeinigen, langhörnigen iberischen Rinde ableitet, auch in den Südstaaten der Union verdrängt.

Im Jahre 1788 wurde das Rind von den Engländern nach Australien eingeführt, wo jetzt Queensland die stärksten Bestände aufweist. Auch Neuseeland mit seinen weidereichen Alpen hat eine starke Rinderzucht. Dort gibt es über 1½ Millionen Rinder; daher ist die Ausfuhr an Butter und Käse bedeutend. Auch in Ozeanien ist das Rind auf den meisten Inseln eingeführt, spielt aber meist eine sehr untergeordnete Rolle im Haushalte des Menschen. Stellenweise, wie z. B. auf der Insel Tinian, ist es verwildert.

Außer in Syrien und Kleinasien wird das Rind in ausgedehnten Gebieten Afrikas als Last- und Reittier verwendet. Schon Herodot erwähnt Lastochsen aus Nordafrika und Älian hornlose Reitochsen aus Mysien. Wie die Kirgisen, Kalmücken und viele Kurden, so reiten die Gallastämme, die Einwohner von Wadai, von Angola und Südafrika auf besonders dressierten ~Reitochsen~, die in allen Gangarten gehen und in schwierigem Terrain durch kein anderes Tier zu ersetzen sind. Ohne sie könnte man die ausgedehnten Handels- und Jagdzüge durch die streckenweise oft gänzlich wasser- und futterlosen Einöden gar nicht unternehmen.

So sehr sein geistiges Wesen im allgemeinen durch die Knechtschaft und Bevormundung durch den Menschen abgenommen hat, so ist das Rind, besonders wenn es in Freiheit aufwächst, nicht so stumpfsinnig wie unsere in Ställen aufgewachsenen Individuen. Sie lassen sich unschwer zu allerlei Kunststücken abrichten. So berichtet schon der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Ich habe Ochsen gesehen, welche auf Befehl kämpften, auf die Hörner fielen und wieder aufstanden, sich auf die Erde legten und wegtragen ließen, und sogar auf schnellrennenden Wagen wie Kutscher standen. -- Zur Zeit unserer Vorfahren kam oft das Wunderzeichen vor, daß Ochsen sprachen; wurde dies angezeigt, so mußte die Senatsversammlung unter freiem Himmel gehalten werden.“ Wie einst der Apis im alten Ägypten, ist heute noch das Rind im allgemeinen dem Hindu ein heiliges Tier, so daß er lieber verhungern würde als auch nur Rindfleisch anrühren. Die Europäer sind ihm geradezu verächtlich, daß sie dieses für ihn unantastbare Tier schlachten und sein Fleisch verzehren. Als nützliches Haustier stand es noch bei den Kulturvölkern des Altertums in hohem Ansehen. So schreibt der gelehrte Römer Varro im letzten Jahrhundert v. Chr.: „Das Rindvieh dient dem Menschen beim Landbau, dient der Göttin Ceres, wurde daher seit Menschengedenken unter den Schutz der Gesetze gestellt und in Attika, wie im Peloponnes, wurde derjenige sogar mit dem Tode bestraft, der ein Stück Rindvieh mutwilligerweise getötet hatte.“ Und Plinius sagt: „Der Ochse ist unser Gefährte bei der Arbeit und beim Ackerbau und stand bei unsern Vorfahren in solchen Ehren, daß man ein Beispiel hat, wo ein Mann aus dem Volke zur Verbannung verurteilt wurde, weil er auf seinem Landgut einen Zugochsen geschlachtet hatte, bloß weil einer seiner Vertrauten, ein frecher Bursche, behauptet hatte, er habe noch keine Kaldaunen gegessen.“

Das Rind ist schon im zweiten Jahre seines Lebens fortpflanzungsfähig. Die Tragzeit währt in der Regel 285 Tage. Das Kalb erhebt sich bald nach seiner Geburt und saugt schon am ersten Tage an seiner Mutter, die es liebevoll beleckt und seine Entfernung durch Brüllen beklagt. Die Lebensdauer scheint 25 Jahre nicht zu übersteigen. Außer grünen Pflanzenteilen werden auch Früchte aller Art nebst Wurzelgemüsen und Knollengewächsen, besonders Möhren und Kartoffeln, sehr gern von ihm gefressen; dabei ist ihm das Lecken von Salz Bedürfnis. Alle seine Teile werden vom Menschen verwendet, so daß es mit Recht als das einträglichste aller Haustiere gilt.

Bei der Besprechung der Rinder dürfte es am Platze sein, einige Bemerkungen über die Viehzucht unserer Vorfahren in der ältesten, geschichtlich nachweisbaren Zeit mitzuteilen. Neben dem Wald und den Äckern gab es bei den Germanen nach der Völkerwanderungszeit ausgedehnte Wiesen, die nach Urkunden des 8. Jahrhunderts bis zu 130 und mehr Fuder Heu lieferten. Die Wiesen wurden im Frühjahr gehegt. Wer zu dieser Zeit sein Vieh darauf trieb und dadurch den Graswuchs verhinderte, der ward nach den Volksgesetzen der Westgoten nach seinem Stande verschieden bestraft. Bei den Langobarden konnte der Eigentümer einer Wiese, der auf derselben ein oder mehrere Schweine antraf, eines ohne Ersatz totschlagen. Wer eines anderen Wiese mähte, verlor nach dem Gesetz der salischen Franken seine Arbeit und bezahlte 15 Solidi Buße. Das war eine sehr strenge Bestrafung, da man damals mit einem Solidus, einem Goldschilling, eine Kuh zu kaufen vermochte. Ebensoviel Buße bezahlte er, wenn er das gemähte Gras nach Hause trug; fuhr er es aber heim, so mußte er 45 Solidi Strafe erlegen.

Damals war die Viehzucht noch nicht so ausgedehnt, daß sie den Wirtschaftsbedürfnissen angemessen gewesen wäre. Im Jahre 755 befanden sich auf einem ziemlich ansehnlichen Hofe 4 Zugstuten, 30 Schafe und 20 Schweine. Doch war das Rindvieh das wichtigste Besitztum des freien Mannes, der Stolz und Reichtum des Bauern, wie schon Tacitus in seiner Germania sagt: es sei der einzige Reichtum des Germanen. Dies hat sich auch in der Sprache ausgeprägt. Wie lateinisch pecunia Geld zu pecus Vieh gehört, so bezeichnet Schatz im Gotischen das Vieh, fê (Vieh) im Altnordischen und Süddeutschen die Habe; aus fê wurde später Fening und schließlich Pfennig. „Habe“ oder „Ware“ bedeutete in den deutschen Mundarten Vieh, wie manchenorts, z. B. im Berngebiet, „Speise“ Käse. Alles Vieh wurde in alter Zeit weit mehr geweidet als heute, da die Stallfütterung sich vollständig eingebürgert hat. Der ältere Plinius lobt die germanischen Weiden, und noch im Mittelalter bot die Allmende Raum genug zum Weidgange des Viehes der Dorfgenossen. Der Gemeindehirt ist in den alten Dorfordnungen eine sehr wichtige Person. Da aber die Menge und die Güte des Futters, sowie die Paarung geeigneter Zuchttiere bei der freien Weide nicht in dem Maße wie heute, vielfach überhaupt gar nicht garantiert werden konnte, so vermochte man in jenen frühen Zeiten keine großen oder sonst wertvollen Schläge zu erzielen. So sagt schon Cäsar von den Germanen: „Sie brauchen keine eingeführten Zugtiere (Pferde), aber die bei ihnen geborenen, die klein und häßlich sind, bringen sie durch tägliche Übungen zu den größten Leistungen“, und Tacitus berichtet: „Auch das Rind hat (bei den Germanen) nicht seinen Stirnschmuck (Hörner), man erfreut sich nur an der Zahl desselben.“ Damals war das Vieh der Germanen durch schlechte Pflege und starke Inzucht unansehnlich, wie noch heute in abgelegenen Riedgegenden kleines Vieh, von kaum mehr als 1 m Höhe gehalten wird. Das Skelett einer zahmen Kuh, das in dem vorgeschichtlichen Torfmoor von Schussenried in Schwaben gefunden wurde, ist nicht größer als ein großer Hund und hat winzige Hörner.

Eine Viehherde hieß bei den Franken sonesti; die einzelnen Individuen derselben wurden nebst etwaigen Pferden, Schafen und Schweinen, jedes mit einer Schelle behängt, unter Aufsicht eines Hirten zusammen ausgetrieben. Durch das Klingeln der Glöckchen konnte man im weitläufigen Bruch oder bei der beliebten Waldhütung das Entlaufen der Tiere besser verhindern, entlaufene auch leichter wieder finden und zur Herde zurücktreiben. Die deutschen Volksrechte bestraften das Entwenden dieser Klingeln sehr hart. So bestimmte das Gesetz der salischen Franken für die Entwendung einer Schelle (skella) von einem Pferde wie von einer Sau 15 Solidi Strafe, 3 aber von anderem Vieh. Wer bei den Burgundern von einem Pferd oder Ochsen die Glocke entwendete, der mußte sie durch ein Pferd oder einen Ochsen ersetzen, die von derselben Beschaffenheit waren als jene, an denen er sich verging. Dies war die Strafe des Freien, der Leibeigene dagegen wurde gehörig durchgebläut, so daß er solches sein Lebtag nie mehr tat. Bei den Langobarden wurden 6 Solidi für die entwendete Pferde- oder Rindschelle erlegt; die Westgoten bestraften dasselbe Vergehen mit 1 Solidus.

Zudem war das Vieh damals gezeichnet, damit es sein Eigentümer jederzeit aus der Herde herausfinden und als sein Eigentum in Besitz nehmen konnte. Beim Vieh wurden besondere Hirtenhunde zur Abwehr des Wolfes und anderer Raubtiere gehalten; wer einen solchen tötete, gab nach dem Volksrechte der Friesen 1, bei anderen Stämmen bis 4 Solidi Buße. Die Hirten hatten großes Recht; wer einen solchen erschlug, mußte bei den Alamannen 40 Solidi Strafe entrichten. Wer ihn mißhandelte, indem er ihn schlug, während ihn zwei andere hielten, bezahlte 9 Solidi. Die Hütung geschah entweder privat oder gemeinschaftlich. Es gab Freie, die sich eigene Hirten hielten; sonst stellten die Sippengenossen gewöhnlich einen Unfreien dazu an, ihr Vieh gemeinsam auf der Weide zu hüten. Während der ganzen guten Jahreszeit war das Vieh auf der Weide und wurde nur im Winter, wenn es wegen des hohen Schnees kein Futter mehr fand, im Stalle von dem im Sommer eingebrachten Heu gefüttert.

Die Fürsorge der Karolinger, besonders Karls des Großen, für die Kultur des Landes zeigt sich auch in den Vorschriften für den Viehstand ihrer Güter. So befahl Karl der Große, auf allen seinen Gütern Milchkühe zu halten und von der Milch auch Butter und Käse zu bereiten. So gab es nach einem uns erhaltenen Verzeichnis auf seinem Gute Stefanswerd 20 Kühe, 1 Stier, 61 Stück Jungvieh (animalia minora) und 5 Kälber. Auf seinem Gute Asnapium hatte er 50 Kühe mit Kälbern, 20 Stück Jungvieh (juvencus), 38 jährige Kälber und 3 Stiere, in Grisenwiler dagegen 30 Kühe mit Kälbern, 3 Stiere und 10 Stück Jungvieh stehen; auf einem anderen kleinen Gute hatte er 6 Kühe mit Kälbern und 8 Stück Jungvieh. Aus diesem Verzeichnis und nach allem, was wir sonst noch erfahren, dürfen wir schließen, daß die Kälber damals sehr lange bei ihren Müttern verblieben, wahrscheinlich bis sie die Kuh selbst absetzte. Die Kühe selbst wurden nicht nur zur Milchgewinnung, sondern auch zum Ziehen gebraucht, und zwar nicht bloß von den kleinen Leuten, sondern auch auf den großen Gütern. Daß Kaiser Karl bei der Bereitung von Butter und Käse auf seinen Gütern Reinlichkeit verlangte, beweist, daß man es damit nicht sehr genau nahm. Die Butter hieß damals noch mit einem altdeutschen Worte Schmeer oder Anken. Ein Stück Brot „beschmeeren“ -- woraus später allgemein beschmieren wurde -- heißt also, es mit Butter bestreichen. Da man schon in jener Zeit begann, den Untertanen, wenn nur irgend möglich, Dienste und Abgaben aufzubürden, so nötigten die Grundherren sie später in einigen Gegenden, herrschaftliche Kühe den Winter über zur Fütterung zu übernehmen. So mußte beispielsweise das Stift Lorch solche Kühe überwintern. Oft wurden die Zehnten in Käse bezahlt. So bekam der Abt von Fulda von drei Alpen, die ihm gehörten und auf die das Vieh zur Sömmerung getrieben wurde, als Entgelt je 3000 Käse, die für die Klosterwirtschaft sehr erwünscht waren. Im Laufe der Jahrhunderte ging dann die Viehwirtschaft hervor, wie wir sie heute noch kennen und auf die einzutreten ganz überflüssig ist.

Außer dem eigentlichen Rind sind aber noch andere Vertreter der Rinderfamilie vom Menschen gezähmt und in Pflege genommen worden. Von diesen soll nun noch die Rede sein. Ein naher Verwandter des Hausrindes ist der schon zu Eingang erwähnte ~Gayal~ oder das ~Stirnrind~ (Bos frontalis). Dieses Wildrind ist in beiden Geschlechtern bis zu den Knien braun, im untern Teil der Beine weiß oder gelblich, hat kurze Gliedmaßen, einen kurzen Kopf mit außerordentlich breiter Stirn und fast gerade nach auswärts gerichtetem Gehörn. Die Eingeborenenstämme südlich und nördlich vom Tal des Assam in Hinterindien fangen nicht nur Kälber desselben, um sie einzugewöhnen, sondern halten es schon so lange in gezähmtem Zustand als Haustier, daß es als Folge weitgehender Beeinflussung durch Domestikation in ziemlich vielen Exemplaren ganz weiß, andere wenigstens fleckig gefärbt sind. Die Herden zahmer Gayals werden von den Indochinesen des Fleisches wegen gehalten; auch soll teilweise ihre Milch genossen werden. Die Tiere, die weder zur Bearbeitung des Bodens, noch zum Tragen von Lasten verwendet zu werden scheinen, streifen, um zu fressen, während des Tages unbeaufsichtigt im Walde umher und kehren abends ins Gehöft ihres Besitzers zurück. Sie vermischen sich zuzeiten ungehindert mit dem neben ihm gehaltenen indischen Buckelrind, dem Zebu. Merkwürdigerweise sind von den aus dieser Kreuzung hervorgegangenen Bastarden nur die weiblichen Exemplare fruchtbar, nicht aber die männlichen, während bei den anderen Kreuzungsprodukten zwischen verschiedenen Rinderarten die männlichen und weiblichen Bastarde gleicherweise in der Regel unbegrenzt fruchtbar sind.

Auch der ~Gaur~ oder das ~Dschungelrind~ (Bos gaurus), dessen Verbreitungsgebiet von Vorderindien bis Siam und Cochinchina im Osten und die Halbinsel von Malakka im Süden reicht, ist in etlichen Berggegenden zwischen Assam und Birma gezähmt und wird als Haustier gehalten, obschon alle in Indien zu Züchtungszwecken eingefangenen Gaurkälber eingingen und keines das dritte Lebensjahr erreichte. Dieser Gaur scheint das größte lebende Rind zu sein und erreicht in den Stieren 1,8 m Schulterhöhe bei einer Körperlänge von 2,9 m. Die vordere Rückenhälfte trägt einen hohen Kamm, die Ohren sind klein, die Hörner an der Wurzel ziemlich stark zusammengedrückt, auf ihrer ganzen Länge gebogen und mit der Spitze nach innen und etwas nach rückwärts gerichtet. Beim Stier sind sie 50-60 cm lang. Das kurzbehaarte Fell ist bei jungen Männchen und Weibchen braun, bei alten Männchen dagegen schwarz. Die untern Teile sind ziemlich heller und die Beine vom Knie und vom Hackengelenk an bis zu den verhältnismäßig kleinen Hufen weiß. Die Kälber tragen einen schwarzen Längsstreifen auf dem Rücken. In den Berggegenden, die es bewohnt, hält es sich an den Wald und die hohen Grasbestände. Seine Lebensweise deckt sich fast ganz mit der beim Banteng geschilderten. Es klettert ausgezeichnet und hat hierzu trefflich geeignete kurze Beine.

Viel wichtiger als diese beiden Wildrinder ist eine dritte Art für den Menschen geworden. Es ist dies der in seinen ältesten Vertretern erdgeschichtlich schon im Pliocän auftretende ~Büffel~ (Bubalus). Von den beiden heute noch lebenden Arten ist nicht der wilde Schwarz- oder Kaffernbüffel (Bubalus caffer) Afrikas, sondern der südasiatische Büffel (Bubalus arni) vom Menschen in vorgeschichtlicher Zeit gezähmt und zum nützlichen Haustier erhoben worden, das von den Indern Arni, von den Malaien Hinterindiens dagegen Kerabau genannt wird. In Insulindien besonders ist er nachträglich wieder verwildert, da er sich dort der Aufsicht von seiten des Menschen zu entziehen wußte. Die Domestikation dieses weitaus kühnsten und wildesten unter den indischen Wildrindern erfolgte bedeutend später als diejenige des weit gutmütigeren Banteng. Dieser Wildbüffel bewohnt heute noch die sumpfigen Rohrwälder und die dicht mit hohem Gras bewachsenen Ebenen des Brahmaputra und Ganges vom Ostende von Assam bis nach Tirhut im Westen und diejenigen der östlichen Zentralprovinzen Indiens. Er ist ein besonders im Alter dünnbehaartes, am ganzen Körper dunkelgraues, fast schwarzes, an den Beinen jedoch meist heller gefärbtes massig gebautes Rind mit kräftig behörntem Kopf auf gedrungenem Hals, etwas gestrecktem Rumpf, dicken und kurzen Beinen und großen, für die Fortbewegung auf sumpfigem Boden breit ausladenden Hufen. Der niedrig getragene Kopf ist gestreckt und flachstirnig und trägt sehr große, schwarze, im Querschnitt dreieckige, in einer Ebene zuerst auf- und auswärts, dann nach innen und vorn, von der Gesichtsebene aus etwas nach rückwärts gebogene Hörner, die der Krümmung entlang gemessen 2 m lang werden können. In Oberassam findet sich eine nicht bloß durch die fahlere Färbung, sondern auch durch die Form des Schädels abweichende Unterart.

Dem Wildbüffel sagen heiße, sumpfige oder wasserreiche Gegenden am besten zu, denn er ist ein großer Wasserfreund, der vortrefflich schwimmt und sich so gebärdet, als ob das Wasser sein eigentliches Lebenselement sei. Auf dem festen Lande erscheint er in allen seinen Bewegungen schwerfälliger als im Wasser, in dem er sich tagsüber während der größten Hitze mit Vorliebe aufhält und, darin liegend, nur einen Teil des Kopfes herausstreckt. Nachts und am frühen Morgen weidet er, bricht gern in Pflanzungen ein und richtet darin bedeutende Verwüstungen an. Sein Wesen wird als mürrisch und unzuverlässig geschildert; er ist voll Mut und Angriffslust und läßt dann seine tiefdröhnende Stimme erschallen. Die Paarungszeit fällt in den Herbst; dann lösen sich die sonst bis zu 50 Stück zählenden Herden in kleinere Trupps auf, die je ein Stier um sich versammelt. Etwa 10 Monate nach der Paarung, also im Sommer, wirft die Kuh 1-2 Kälber, die sie sorgsam gegen alle Angriffe wilder Tiere behütet. Der Wildbüffel ist keineswegs scheu, scheint auch die Nachbarschaft des Menschen nicht zu meiden. Oft nimmt eine Herde oder ein einzelner Stier von einem Felde Besitz, von dem dessen Eigentümer zurückgetrieben wird. Angegriffen und besonders verwundet, stellen sie den Gegner und suchen ihn mit ihren gewaltigen Hörnern niederzurennen.

Wann und wie der indische Wildbüffel zuerst gezähmt wurde, ist völlig unbekannt. Jedenfalls geschah dies irgendwo in Südasien, wo nach der Domestikation des Banteng die seinige nahe lag. Dabei veränderte sich sein Charakter in einer für den Menschen sehr günstigen Weise. Ist der Wildbüffel sehr kampflustig, weil er sich selbst dem Tiger überlegen fühlt, so ist er im zahmen Zustande seinen Bekannten gegenüber überaus sanftmütig und anhänglich und läßt sich sogar von einem Kinde lenken. Nur fremden Leuten und Tieren gegenüber zeigt er sich feindlich und beweist dann einen großen Mut. Nach wie vor ist ihm das Wasser ein überaus wichtiges Lebenselement, auf das er nur ungern verzichtet und das er immer wieder zur Kühlung aufsucht.

Die älteste unzweifelhafte Darstellung des Büffels hat sich uns auf einigen altbabylonischen Siegelzylindern aus dem Anfang des 3. vorchristlichen Jahrhunderts erhalten. Auf dem einen derselben sehen wir einen langbärtigen Mann, offenbar eine Gottheit, der in einer irdenen Schüssel einem Büffel Wasser zum Trinken darreicht. Daß es sich wirklich um einen Büffel und nicht um ein schlecht gezeichnetes Rind handelt, geht sicher aus dem Verlauf der nach hinten gelegten quergerippten Hörner hervor. Dieselben typischen Büffelhörner treffen wir auf einer anderen Darstellung eines altbabylonischen Siegelzylinders, der etwa vom Jahre 2800 v. Chr. stammt. Wir sehen darauf zwei langbärtige Männer, offenbar auch Gottheiten, von denen der eine mit einem aufgerichteten Löwen, der andere mit einem gleichfalls aufgerichteten Büffel mit typischem Gehörn ringt. Dabei wird der Büffel mit der linken Hand am linken Horn und mit der rechten Hand am rechten Vorderfuß gepackt und letzteres umgeknickt, um das Tier zu Fall zu bringen. Daß der Büffel wie auf diesen, so auch auf andern mythologischen Bildern im Kampfe mit Göttern dargestellt wird, beweist zum mindesten, daß er im Kulte gewisser Gottheiten eine Rolle spielte und als solcher vielleicht in halber Zähmung gelegentlich vom Menschen in der Nähe von Tempeln gehalten wurde. Daß er völlig gezähmt war und als Haustier diente, ist ausgeschlossen, denn wir fänden sonst mehr Spuren von seiner Gegenwart. Ebenso wurde der Wildbüffel im ältesten Ägypten nachgewiesen, sowohl in bildlichen Darstellungen, als auch in Knochenresten, aber ein eigentliches Haustier war er hier ebenfalls nicht. Jedenfalls reichte einst sein Verbreitungsgebiet von Südasien über Westasien bis nach Europa hinein. So fand man Überreste eines Wildbüffels (Bubalus pallasi) in Diluvialschichten bei Danzig. Aber in ganz Westasien wie auch im Niltal wurde er vom Menschen ausgerottet, bevor er domestiziert worden war.

In Vorderasien treffen wir in der Folge keine Spur mehr von ihm, bis Alexander und seine Begleiter ihn auf ihrem Siegeszuge als Haustier zuerst in Persien, dann auch in Indien antrafen. Aber auch damals blieb den Kulturvölkern am Mittelmeer die Erwerbung dieses Nutztieres verschlossen. Erst die Muhamedaner brachten ihn nach Palästina und Ägypten. Im Jahre 723 begegnete der heilige Willibald im Jordantal, in dem sie heute noch wichtige Haustiere sind, die ersten Büffel, von deren Vorhandensein man bis dahin im Abendland keine Ahnung gehabt hatte. Dieser Priester, der durch Süditalien und Sizilien gereist war, traf diese dort nirgends, weil man sie damals noch nicht eingeführt hatte, und war nicht wenig erstaunt, sie in Palästina zu finden. In Ägypten, das früher besonders reich an Rindern gewesen sein muß, die später weitgehend durch die aus dem Süden dahin gebrachte Rinderpest dezimiert wurden, vermehrte sich der Büffel stark und gelangte von dort durch die Araber nach Sizilien und Süditalien, von wo aus er sich langsam weiter nördlich in die sumpfige Campagna di Roma verbreitete. Ums Jahr 1200 war er im Kaiserreich Bulgarien, etwa dem heutigen Mazedonien entsprechend, häufig anzutreffen und kam von da nach dem eigentlichen Bulgarien und den Tiefländern der Donau, um sich jenem Strom entlang bis Ungarn und Siebenbürgen auszudehnen, wo sie wie unsere Rinder in erster Linie als Milchvieh gehalten werden. Doch geben sie durchschnittlich nur halb so viel Milch wie unser Alpenrindvieh. Bringt es das Siebenbürger Rind auf 1600-1900 Liter und die sich dort immer mehr einbürgernden Freiburger, Simmentaler und Pinzgauer Kühe auf 2000 Liter im Jahr, so liefert der beste Milchbüffel in dieser Zeit nur 1000 Liter, die allerdings wegen des weit größeren Fettgehaltes von 7-8, bei altmelkenden Tieren sogar 10-12 Prozent gegenüber von 3-5 Prozent der Kuhmilch doppelt so teuer als jene verkauft wird. Auch in die Moldau-Walachei und die Krim gelangte der Hausbüffel und fand dort in den wasserreichen, noch ziemlich warmen Niederungen ihm zusagende Lebensbedingungen. Trotz des heißen Klimas fehlte ihm aber in Nordafrika westlich vom Niltal das für ihn zum Baden nötige Wasser, so daß er hier nicht heimisch werden konnte. Und weil er infolgedessen nicht nach dem südlichen Spanien und nach Portugal gelangte, erreichte er auch Amerika nicht, und die Vorschläge, ihn hier einzuführen, sind bis jetzt unbeachtet geblieben.

Noch größere Bedeutung als im Westen hat er im Osten Asiens erlangt, wo er bis nach Japan und über die Philippinen hinaus gelangte und sich über ganz Indonesien ausbreitete, und zwar in der von Malaien bewohnten ost- und südasiatischen Inselwelt in einer schiefer- bis hellbläulichgrauen, sehr spärlich behaarten Zuchtrasse mit sehr langen, im Bogen nach hinten gerichteten, auf der Oberseite stark abgeflachten Hörnern. Hier überall in den heißen, sumpfigen Niederungen hat er weit größere Bedeutung als das Hausrind von Bantengabstammung erlangt und ist der getreue Gehilfe des Menschen beim Ackerbau geworden. Seine Neigung für das Sumpfleben machte ihn besonders beim Reisbau verwendbar, der in diesen Gegenden eine überaus wichtige Rolle spielt. Nur in den trockenen Gebieten, die seinem Gedeihen nicht besonders zuträglich sind, und im Nordosten von Asien tritt das gegen Kälte weniger empfindliche Rind wieder stärker auf. Im ganzen Gebiet des Reisbaues ist er in seinem ureigenen Element und zieht den primitiven Pflug durch den von dem darauf geleiteten Wasser aufgeweichten schlammigen Boden der Reisfelder. Bei den Bisayern tritt er auch den gesäten Reis in den nassen Schlamm. Seine Milch wird hier kaum je gewonnen, obwohl sie eine vorzügliche Speise bildet, die, wie in Südeuropa, auch in ganz Süd- und Westasien sehr geschätzt wird, obschon sie einen moschusartigen Geruch besitzt. Die aus ihr bereitete Butter ist weiß und schmeckt ganz rein, entbehrt aber des feinen Aromas, das eine gute Kuhbutter auszeichnet. Das Fleisch alter Büffel ist im gekochten Zustande heller als das Rindfleisch, dabei grobfaserig, hart und weniger schmackhaft als jenes. Dagegen schmeckt das Fleisch der Büffelkälber sehr gut und wird von manchen Leuten sogar dem Fleisch der Rindkälber vorgezogen. Sehr geschätzt ist das Fell, das ein vorzügliches Leder liefert.

Wegen seiner ungeheuren Kraft, die bei einem Büffelochsen von 149 cm Höhe und 652 kg Körpergewicht auf 875 kg bestimmt wurde, hat der Büffel überall in seinem Verbreitungsgebiet besonders als Zugtier eine große Bedeutung erlangt. Er zieht tatsächlich auch auf schlechten Wegen Lasten, die man ihm kaum zutrauen dürfte. Nur ein Übelstand ist dabei in Kauf zu nehmen, nämlich seine vom Wildzustande beibehaltene Störrigkeit. Noch mehr als dem ruhigeren Asiaten offenbart er dem lebhaften Europäer gegenüber immer noch einen Rest seiner ursprünglichen Wildheit. Fremde greift er direkt an oder weicht ihnen in blinder Furcht aus und richtet dabei durch sein Ungestüm nicht selten allerlei Unheil an. Man hat also ihm gegenüber stets etwas auf der Hut zu sein. Eine ausgezeichnete Tugend des Büffels ist dagegen seine wirklich beispielslose Genügsamkeit, indem er hartes Schilf und andere Sumpfpflanzen, welche jedes andere Geschöpf verschmäht, mit demselben Behagen frißt, als ob er die leckerste Speise genösse. Unangenehm kann er durch seine Neigung werden, sich im Schlamm der Pfützen zu wälzen und sich dabei mit einer ihm vor der Peinigung durch die Stechfliegen schützenden Schlammschicht zu bedecken.

Der Büffel ist ein schweigsames Geschöpf. Wenn er behaglich im kühlenden Wasserbade ruht, läßt er nie seine Stimme hören. Auch während er weidet oder arbeitet geht er still und ruhig seines Weges. Nur in Wut versetzte Stiere und Kühe, welche säugende Kälber haben, geben Laute von sich, die ein Mittelding zwischen dem Brüllen des Rindes und dem Grunzen des Schweines sind. In den nördlicheren Gegenden paart sich der Büffel, sich selbst überlassen, im April und Mai; 10 Monate nach der Paarung wird das Junge geboren, das von der Mutter zärtlich geliebt und mit Eifer beschützt wird. Im 4. oder 5. Jahr ist der Büffel erwachsen und erreicht dann ein Gewicht von über 700 kg. Sein Alter bringt er auf 18-20 Jahre. Außer zum Ziehen von Lastwagen und zur Feldarbeit dient er vielfach auch, besonders bei den Malaien, zum Reiten, in Birma auch zu Kampfspielen, da dort aus religiösen Gründen die Hahnenkämpfe verboten sind. Jedenfalls gehört er zu den Haustieren, die ihr Verbreitungsgebiet noch bedeutend auszudehnen vermögen. Vor allem verdient er in den heißen, feuchten Niederungen Amerikas und Afrikas eingeführt zu werden. So sollte Deutschland mit dem guten Beispiel vorangehen und ihn in seinen afrikanischen Kolonien einführen, wo er ganz gute Daseinsbedingungen fände. Schon Emin Pascha bemühte sich als Gouverneur der Äquatorialprovinz, freilich vergeblich, Büffel nach seiner Residenz Lado zu bekommen. Es wäre auch zu empfehlen, Kreuzungen mit dem afrikanischen Wildbüffel vorzunehmen und Versuche mit der Zähmung des letzteren zu machen, die sehr wohl auf Erfolg rechnen dürften.

Von weiteren Wildrindern, die einst zur Zähmung durch den Menschen in Frage gekommen wären, sind noch der nordamerikanische Bison und der europäische Wisent zu nennen. Diese sind aber heute bereits durch menschliche Unvernunft bis auf unbedeutende, gehegte Reste ausgerottet. Einst lebte der ~Bison~ (Bison americanus), der buffalo der Amerikaner, in ungeheurer Menge auf den Prärien Nordamerikas zwischen dem Alleghany- und dem Felsengebirge. Die Gesamtheit einer Büffelherde zerfiel in zahlreiche Trupps, die unter der Leitung eines eigenen Stieres weideten und mit großer Regelmäßigkeit von den saftigen Weideplätzen zu den Flüssen, an denen sie ihren Durst löschten und badeten, hin und her wechselten, wobei sie ähnlich wie unsere Hausrinder auf den Alpweiden geradlinige Pfade, die „Büffelpfade“, austraten. Alljährlich unternahmen sie oft weite Wanderungen, indem sie in kleineren Herden vom Juli an südwärts zogen, um den grimmigen Schneestürmen des Nordens auszuweichen, mit Beginn des Frühjahrs aber sich wieder nordwärts wandten. Ihr schlimmster Feind war der Mensch. Solange sie es nur mit dem zwar berittenen, aber sonst für sie nicht allzu gefährlichen Indianer zu tun hatten, der nur so viel von ihnen erlegte, als er zu seinem und der Seinen Lebensunterhalte bedurfte, nahm ihre Zahl nicht nennenswert ab. Erst als der Weiße erschien, seine Eisenbahnen durch die Prärie fahren ließ und mit seinem weitreichenden Präzisionsgewehr sinnlos Hunderttausende dieser Wildrinder abschoß, um höchstens das zottige Fell zur Bereitung von Leder oder die Zunge als Delikatesse zu verwenden, waren ihre Tage gezählt. Reißend nahm ihre Zahl ab, und die amerikanische Regierung ließ dies ruhig gewähren, mit der unbegreiflichen Begründung, sie könnten den Betrieb der großen Pazifikbahn stören! Von den ungezählten Millionen, die noch bei der Errichtung dieser Bahn lebten, gab es 1889 nur noch etwas über 1000 amerikanische Büffel, welche inzwischen in der Reservation des Yellowstone-Park bis auf wenige Hunderte, die die starke Inzucht zudem bedeutend degenerieren ließ, zusammenschrumpften. Auch diejenigen in den Reservationen von Wichita und Montana schmolzen bis auf wenige Hunderte zusammen. Neuerdings hat sich indessen wieder eine Vermehrung erzielen lassen, so daß rund 1000 in den Vereinigten Staaten und 600 Stück in Kanada vom Menschen gehegt leben. Sie vermehren sich nur langsam, doch ist das Aussterben dieser interessanten Tierart noch nicht so bald zu erwarten. Immerhin sind durch die Ausrottung des wilden Bisons die davon lebenden Indianer, ihrer Nahrungsquelle beraubt, zu Kostgängern des Staates geworden, statt sich wie früher selbst zu ernähren!

Ein Glück ist es, daß viele zoologische Gärten Europas sich amerikanische Büffel anschafften, so lange sie billig zu haben waren. Sie pflanzen sich glücklicherweise auch in der Gefangenschaft leicht fort, so daß noch auf längere Zeit Exemplare dieses gewaltigsten aller Rinderarten als Schaustücke ersten Ranges in unseren Tiergärten zu sehen sein werden. Bereits sind mehrfach Kreuzungen zwischen Bison und Hausrind mit Erfolg vorgenommen worden, in Europa zu wissenschaftlichen Zwecken, in Amerika dagegen anscheinend auch in der Absicht, ein besonders wetterhartes und dabei milchergiebiges Weiderind zu erzielen. Inwieweit diese Hoffnungen sich erfüllen werden, wird die Zukunft lehren.

Nicht so glücklich, in zahlreichen Tiergärten den auf den Aussterbeetat gesetzten nordamerikanischen Bison zu beherbergen, sind wir mit dem europäischen, dem ~Wisent~ (Bison europaeus), daran. Dieser ist etwas kleiner wie jener und hat einen weniger gewaltigen Nackenbuckel, ähnelt ihm aber sonst. Er besitzt nur 14, statt wie der amerikanische Bison 15 Rippenpaare. Dazu sind seine Beine höher und schlanker und die Hörner schöner als bei seinem amerikanischen Verwandten ausgebildet, bei beiden Geschlechtern in ziemlich gleicher Entwicklung nach außen oben und schließlich einwärts gekrümmt. Wenn er auch neuerdings immer mehr durch Inzucht an Größe abgenommen hat, so stellt er ein recht stattliches Tier dar, das bei 1,7 m Schulterhöhe und 3 m Länge bis 700 kg schwer wird. Dagegen war ein im Jahre 1555 in Preußen erlegter Wisentstier 7 Fuß hoch, 13 Fuß lang und dabei 19 Zentner 5 Pfund schwer. Merklich kleiner und zierlicher gebaut, auch mit kleinerer Mähne und schwächerem Gehörn als der Stier ist die Wisentkuh.

Im Sommer und Herbst lebt der Wisent in kleinen Trupps von 15-20 Stück an feuchten Orten des Waldes, gewöhnlich im Dickicht versteckt, nur im Winter zieht er höher gelegenes und trockenes Gehölz vor. Jede einzelne Herde hat ihren festen Standort und kehrt immer wieder dahin zurück. Nur alte Stiere leben, wie auch bei den übrigen Wildrindern, einsam für sich. Am liebsten weiden die Tiere in den Morgen- und Abendstunden, wobei sie verschiedene Gräser, Blätter, Knospen und Baumrinde fressen. Sie schälen gern die Bäume ab, soweit sie reichen können. Ihr Lieblingsbaum scheint die Esche zu sein, deren saftige Rinde sie jeder anderen bevorzugen. Ihr Gang ist ein rascher Schritt, der Lauf ein schwerer, aber schnell fördernder Galopp, wobei der Kopf zu Boden gesenkt, der Schwanz emporgehoben und ausgestreckt wird. Durch Sumpf und Wasser waten und schwimmen sie mit Leichtigkeit. Während jüngere Tiere muntere, lebhafte und verhältnismäßig gutmütige Tiere sind, erscheinen ältere Tiere, zumal Stiere, als ernste, leicht reizbare und jähzornige Wesen, mit denen nicht gut Streit anzufangen ist. Die Brunst fällt auf den August bis September. Während derselben kämpfen die Stiere untereinander um den Besitz der Weibchen. Neun Monate nach der Paarung, im Mai oder Anfang Juni, kalben die Kühe, nachdem sie sich von der Herde abgesondert und in ungestörter Wildnis einen geeigneten Platz aufgesucht haben, wo sie sich und ihr Kalb während der ersten Tage vor den Genossen verbergen. Jetzt sind sie für jedes Wesen, das sich ihnen nähert, gefährlich, indem sie zum Schutze des Jungen ohne Besinnen jeden Gegner angehen. Die Kälber sind anmutige Tiere, die nur sehr langsam wachsen, wahrscheinlich erst im 8. oder 9. Jahre ihre volle Größe erlangt haben und 30-40 Jahre alt werden.

Die ältesten Darstellungen des Wisent, die wir besitzen, rühren von den dieses Wild mit besonderem Eifer jagenden Eiszeitjägern des Solutréen und Magdalénien her. In großer Zahl finden sie sich nicht nur in Umrissen, sondern teilweise auch in bunten, mit den drei Farben: Rot, Braun und Schwarz gemalten Bildern in den nordspanischen und südfranzösischen Höhlen abgebildet. In großer Menge muß dieses Wildrind in der späteren Diluvialzeit neben dem Wildpferd in Europa gelebt haben und war, nach der Menge der von ihm herrührenden Knochen, eines der wichtigsten Beutetiere des Menschen. Auch die alten Germanen jagten es noch häufig und bereiteten aus seinem Gehörn Trinkgefäße, wie dies bis in unsere Tage im Kaukasus, wo sich dieses Wild in die Gegenwart in einigen Herden erhielt, geschieht. So dienten bei einem Gastmahl, daß ein kaukasischer Fürst dem russischen General Rosen zu Ehren gab, 50-70 mit Silber ausgelegte Wisenthörner als Trinkbecher.

Die Schriftsteller des Altertums erwähnen mehrfach den Bison. So schreibt der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte, wie bereits erwähnt: „Germanien ist durch das Vorhandensein von zwei Arten wilder Rinder merkwürdig, nämlich durch den mit einer Mähne geschmückten Bison (Wisent) und den Ur, der sich durch Kraft und Schnelligkeit auszeichnet.“ Und der griechische Schriftsteller Oppianos spricht um 200 n. Chr. vom Wisent als einem entsetzlichen, in Thrakien lebenden, einem Ochsen ähnlichen Tiere, das eine Mähne wie der Löwe, und spitzige, krumme Hörner habe, mit denen es Menschen und wilde Tiere hoch emporschleudere. Seine Zunge sei sehr rauh, wie eine Feile, so daß sie die Haut durch Lecken aufreißen könne. Ferner sagt der Grieche Pausanias ums Jahr 150 n. Chr., sie seien von allen Tieren am schwersten zu fangen, denn kein Netz sei stark genug, sie zu halten. „Die Jagd auf sie wird demnach auf folgende Weise angestellt: Die Jäger bedecken eine Höhe, vor der sich ein Graben hinzieht, mit frischabgezogenen oder alten, geölten und dadurch schlüpfrig gemachten Häuten. Auf beiden Seiten davon wird ein starker Zaun errichtet. Dann treiben sie zu Pferd die Bisons an diesen Ort, woselbst sie auf den Häuten ausgleiten, sich überschlagen und in den Graben rollen. Dort werden sie binnen vier oder fünf Tagen vor Hunger matt. Will man sie dann etwa zahm machen, so bringt man ihnen Fichtenzapfen, weil sie anfangs kein anderes Futter nehmen. Endlich können sie gebunden und fortgeführt werden. -- Der päonische König Dropion hat einen ehernen Bisonkopf nach Delphi geschickt.“

Im Nibelungenlied wird neben dem Ur der Wisent als Jagdbeute des Helden Siegfried genannt, als er im Wasgenwalde, den Vogesen westlich von Worms, jagte. Zu Karls des Großen Zeit fand er sich noch häufig im Harze und im Sachsenlande. Nach den Benediktionen des Mönches Ekkehard I. muß er im 10. Jahrhundert noch ziemlich häufig auf den Tisch des Klosters St. Gallen gekommen sein. Noch verschiedene Ortsnamen in der Schweiz zeugen von seiner einstigen Anwesenheit in diesem Lande, so z. B. das Dorf Wiesendangen bei Winterthur, das in den ältesten Berichten der Chroniken als Wisonteswangun, d. h. Wisentanger angeführt wird. Gleicherweise haben wir in Süddeutschland Ortsnamen wie Wiesensteig (in mittelalterlichen Urkunden als Wisontessteiga) und Urach d. h. am Flüßchen des Ur. Ums Jahr 1373 lebte er noch ziemlich häufig in Pommern, im 15. Jahrhundert in Preußen, im 16. in Litauen und Polen, wo sich die Könige und Großen seine Erhaltung angelegen sein ließen, indem sie ihn, dort Zubr genannt, in besondern Wildparks hielten und nur selten einige Stücke einfingen, um sie als Geschenke an fremde Höfe zu benutzen. Eine allgemeine Seuche vernichtete am Anfang des 18. Jahrhunderts den größten Teil dieser Herden. In Ostpreußen wurde das letzte Exemplar zwischen Tilsit und Labiau im Jahre 1755 von einem Wilddieb erlegt. Die letzte Herde von einigen hundert Stück lebt, vom russischen Kaiser sorgfältig gehegt, in dem 200 qkm großen unberührten Forste von Bjelowjesha im russisch-litauischen Bezirke Grodno. Von dort wurden von den früheren Kaisern, zuletzt von Alexander II., einige Paare an zoologische Gärten, meist nach Deutschland, abgegeben, wo sie sich leicht fortpflanzen. So besitzt der Berliner zoologische Garten einige Stück, und auch dem Fürsten Pleß gelang es, in seinem oberschlesischen Reviere Meserzitz einen kleinen Bestand heranzuhegen, so daß sogar auf den deutschen Geweihausstellungen noch ausgestopfte Wisentköpfe und Schädel erscheinen. Außerdem schweifen nach Dr. Heck im Kaukasus noch einige vereinzelte Wisenttrupps umher; doch wandern sie so unstet, daß man sie in den letzten Jahren nicht mehr sah. Das Schicksal dieses Tieres ist auch im Forste von Bjelowjesha besiegelt; denn der Petersburger Säugetierforscher Büchner ist auf Grund eingehender Studien zum fatalen Ergebnisse gekommen, daß diese Tierart langsam, aber sicher, ihrem Erlöschen entgegengeht, nachdem ihr Vorkommen einmal so zerstreut und vereinzelt geworden ist, daß die Entartung infolge der Inzucht (Kleinheit der Tiere, Unfruchtbarkeit des weiblichen Geschlechts und Schwächlichkeit der Jungen) sich notwendigerweise immer stärker geltend machen muß. Dann wird Europa sein stolzestes Wild verloren haben, ohne daß ihm die Möglichkeit geboten war, der Domestikation durch den Menschen unterworfen worden zu sein.

Vom Menschen dagegen gezähmt und zu einem außerordentlich nützlichen Haustiere erhoben wurde der ~Yak~ oder ~Grunzochse~ (Bos grunniens), der seiner kalten Heimat gemäß durch eine lange Behaarung, besonders am Bauche, die ihm beim Ruhen gleichsam als wärmendes Bett dient, ausgezeichnet ist. Von allen Rindern unterscheidet er sich auch dadurch, daß er einen vollständig gleichmäßig langbehaarten Schweif wie ein Pferd hat. Er bewohnt die Hochländer Tibets zwischen 4000 und 6000 m und vermag dank seines langen, dichten, schwarzen Haarkleides die rasenden Schneestürme seiner unwirtlichen Heimat zu überstehen. In alten Männchen wird er 4,25 m lang bei einer Höhe von 1,9 m und einem Gewicht von 600 kg, während alte Kühe kaum über 2,8 m Länge bei 1,6 m Höhe erreichen. Die Kühe bilden im Sommer, wenn sie in die grasigen Niederungen steigen, Herden von 10 bis 100 Stück, die von Männchen angeführt werden. Deren Mitglieder fressen zur Nachtzeit und am frühen Morgen, ziehen sich aber am Tage meist auf eine steile, öde Berglehne zurück, wo sie wiederkäuend viele Stunden ruhen. Alte Stiere, die meist einzeln oder nur in kleinen Gesellschaften von 3 bis 4 Stück angetroffen werden, lieben Ruheplätze mit weiter Umschau, um sich beizeiten vor Feinden zurückziehen zu können. Nur alle zwei Jahre bekommt die Kuh, neun Monate nach der Paarung, ein Kalb, das sie über ein Jahr lang säugt. Erst im 6. oder 8. Jahre ist es erwachsen und erreicht ein Alter von 25 Jahren.

Mit außerordentlicher Sicherheit bewegt sich der Yak auf dem schwierigsten Terrain, strauchelt, obschon schwer gebaut, nie und arbeitet sich mit großer Gewandtheit durch tiefe Schneemassen hindurch, wobei er den Kopf gleichsam als Schneepflug benützt. Seine Intelligenz ist nur schwach entwickelt. Verwundet nimmt er ungescheut den Jäger an und wird ihm mit seinen 80-90 cm langen Hörnern sehr gefährlich. Deshalb fürchten ihn die Tibeter gleich einem Ungeheuer, gehen ihm gern aus dem Wege und feuern, wenn sie sich wirklich zur Jagd auf ihn entschließen, nur aus sicherem Verstecke und gemeinschaftlich, ihrer 8-12. Sein Fleisch wird vom Engländer Kinloch als saftig und ausgezeichnet gerühmt; Zunge und Markknochen desselben bezeichnet er geradezu als Leckerbissen. Aber mehr noch als das Wildbret schätzt man in seiner baumlosen Heimat den Mist des Yaks, der getrocknet den einzigen in jenen kahlen Höhen zur Verfügung stehenden Brennstoff darstellt.

Die früheste Erwähnung des Yaks treffen wir bei dem zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. in Rom lebenden Claudius Älianus an, der in seinem Werk über die Tiere sagt, daß die Inder ihren Königen nebst andern Tieren auch wilde Rinder darbringen, welche schwarz sind, aber weiße Schwänze haben, die zu Fliegenwedeln dienen. Tatsächlich bilden die Yakschwänze die von altersher vielberühmten Kriegszeichen der „Roßschweife“, die die Türken bis vor Wien trugen, und heute noch eine kostbare Trophäe sind, mit der sich besonders türkische Würdenträger zieren. Man stellt daraus außer Standarten besonders auch Pferdeschmuck her. Der römische Dichter Martial berichtet, daß die vornehmen römischen Damen unter Kaiser Domitian, dem zweiten Sohne Vespasians, der nach seines Bruders Titus’ Tode von 81 bis 96 n. Chr. regierte, daraus hergestellte äußerst kostbare Fliegenwedel benutzten. Damals wußte man noch, daß diese Haare vom Schwanze einer asiatischen Rinderart stammen, eine Kunde, die sich später völlig verlor.

Wann der Yak gezähmt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Es muß dies aber schon vor längerer Zeit geschehen sein, da wie bei so vielen andern Haustieren sich bei ihm infolge Einwirkung der Domestikation bereits ein weitgehender Leucismus entwickelt hat, so daß rein schwarze zahme Yaks sehr selten geworden sind. Gewöhnlich zeigen auch diejenigen, welche den wilden am meisten ähneln, weiße Stellen. Meist sind sie ganz weiß, vielfach auch hornlos; außerdem trifft man braune, rote und gescheckte an. Der gezähmte Yak ist durchgehends kleiner als der wilde. Man hat schon durch Kreuzung mit andern Rinderarten mehrere Rassen von Bastarden gezüchtet. Hier und da sind die zahmen Yaks wieder verwildert und haben dann ihre schwarze Urfärbung wieder angenommen. Auch die zahmen Herden gedeihen nur in kalten, hochgelegenen Gebirgsteilen und gehen bei großer Wärme zugrunde, ertragen dagegen Kälte mit Gleichmut.

In Tibet und der Mongolei weiden die Yakherden fast ohne jede Aufsicht; den ganzen Tag tummeln sie sich auf den Weideplätzen umher und werden nur über Nacht zu den Zelten ihrer Besitzer getrieben. Selbst gezähmt behält der Yak stets einen gewissen Grad von Wildheit, der sich vornehmlich durch Angriffslust gegen Fremde äußert. Gegen seine Bekannten benimmt er sich ziemlich freundschaftlich, läßt sich berühren, reinigen und vermittelst eines durch seine Nase gezogenen Ringes an einem Stricke leiten. Er dient hauptsächlich als Lasttier, daneben aber auch vielfach als Reittier. Über die unwegsamsten Pässe der Hochgebirge trägt er Lasten von 120-150 kg und vermittelt den Verkehr zwischen Tibet und China, der Mongolei und Nordindien. Nur auf sehr klippenreichen Pfaden ist er als Lasttier nicht zu gebrauchen, da dann seine schwere Last ihn hindert, über höhere Felsen zu springen. Im Westen reicht das Verbreitungsgebiet des gezähmten Yaks bis zur Bucharei, im Nordosten bis in die Mongolei und zu den nordöstlichen Nebenflüssen des Yang-tse-kiang. Auch in Südostsibirien werden vereinzelte Yaks gehalten. Als Gebirgstier fühlt es sich in Höhen unter 2000 m nur wenig behaglich; sonst gedeiht es auch ohne jegliche Pflege und ist äußerst genügsam. Die außerordentlich fette Milch gilt als sehr wohlschmeckend und ist überaus gesucht. Um den Milchertrag zu vermehren, hat man ihn mit dem Hausrind von Zebuabstammung gekreuzt. Solche Kreuzungsprodukte sollen am Südabhange des Himalaja zahlreich vorkommen und fruchtbar sein; dagegen scheinen die aus denselben wirtschaftlichen Gründen gezüchteten Bastarde mit dem Primigeniusrind Sibiriens unfruchtbar zu sein. Außer Milch und Fleisch werden auch die langen Haare verwertet, indem man sie zu groben Geweben verarbeitet. Sehr geschätzt sind die Schwanzhaare wie bei den Türkvölkern, so auch in China, wo sie zu mannigfachem Putz Verwendung finden. Der Yak ist schon so lange domestiziert, daß es bei ihm außer gefleckten und leucistischen sogar hornlose Rassen gibt.

Erst spät ist dieses Haustier der innerasiatischen Hochländer in Europa näher bekannt geworden. Die ersten Yaks, zwölf an der Zahl, die nach Europa gelangten, erhielt im Frühjahr 1854 die Ménagerie du Musée d’histoire naturelle in Paris. Da sie sich gut akklimatisierten und auch Nachkommen erzeugten, erhielten von Paris aus zahlreiche Tiergärten dieses Schaustück, das sich in unserm Klima besser hielt, als man hoffen durfte. Gleichwohl war die einst gehegte Hoffnung aussichtlos, den Yak als wertvolles und leistungsfähiges Haustier in unsern Gebirgsgegenden einzubürgern; denn hier liegen die Verhältnisse anders als in seinem Stammlande. Unsere Alpen und höheren Gebirge werden durch Rinder und Ziegen hinreichend ausgenutzt und der Verkehr mit Saumtieren ist mit der Entwicklung besserer Verkehrsmittel wesentlich eingeschränkt, so daß die Einführung des Yaks vom Standpunkte des Nutzens aus ganz zwecklos ist. Anders verhält es sich, wenn wir ihn als Luxustier in den von Fremden stark besuchten Gegenden einführen wollten, zumal ja die Tierwelt des Gebirges zum Bedauern jedes Freundes der Natur mehr und mehr verarmt. Da wären diese wie Gemsen kletternden Tiere eine prächtige Staffage und könnten noch als Last- und Reittiere Verwendung finden. Gar mancher Fremde fände es wohl ganz nett, einmal einen Yak statt eines prosaischen Maultiers zu besteigen, um sich in verkehrsarmen Gegenden in die hehre Bergwelt hinauftransportieren zu lassen. Wer weiß, vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, da ein unternehmender Hotelier auf den Gedanken verfällt und damit ein neues Zugmittel für das nach allem Neuen begierigen Publikum beschafft, das sich in der Folge weitgehender Beliebtheit erfreuen dürfte. Schon im Jahre 1850 versuchte man ihn in der Auvergne anzusiedeln; doch hielt er sich hier nicht auf die Dauer, weil der betreffende Privatunternehmer bald das Interesse an dieser Zucht verlor.

III. Die Ziege.

Nachdem das Rind zum Haustier des Menschen erhoben worden war, kam als weiteres Nutztier die ~Ziege~ hinzu, bei deren Domestikation sich jedenfalls auch religiöse Motive geltend machten. Eduard Hahn macht in seinem Buch über die Haustiere und ihre Beziehungen zur Wirtschaft des Menschen die Bemerkung, durch die ganze Ethnologie gehe die Anschauung, den Göttern sei das angenehmste Opfer dasjenige, das am schwersten zu gewinnen sei und am schmerzlichsten entbehrt werde. Bei den Assyriern und allen vorderasiatischen Völkern galt allgemein das eben der Mutter entrissene junge Tier als das wertvollste Opfer. Das Zicklein und die junge Antilope auf dem Arm des opfernden Königs kehren bei jenen in der Darstellung immer wieder, so daß obige Anschauungen als tief im Volksglauben eingewurzelt gelten können. Dieser grausame Zug machte vor dem Menschen selbst nicht halt, insofern man in schwierigen Lagen nicht zögerte, seine eigenen Kinder zu opfern. Man denke nur an das Molochopfer der Phönikier, die Opferung Isaaks durch Abraham, die allerdings durch göttliche Vermittlung abgewehrt und durch das Opfer eines Ziegenbockes abgelöst wurde. Daß solche Opfer insbesondere von erstgeborenen Söhnen als der Gottheit besonders wohlgefällige Darbringungen galten, beweisen verschiedene Tatsachen aus der morgenländischen Geschichte, von denen nur diejenige des um 850 v. Chr. lebenden Königs Mesa von Moab genannt sei, der uns in seinem einst in seiner Residenz Daibon aufgerichteten Altarstein, der 1868 vom Franzosen Ganneau aufgefunden wurde und jetzt sich im Louvre in Paris befindet, das älteste bis jetzt bekannt gewordene Schriftdenkmal semitischer Buchstabenschrift hinterlassen hat. Er berichtet darin, daß er den Israeliten die Stadt Nebo weggenommen habe und alle Bewohner, insgesamt 7000 Personen, tötete. Als er später von den Israeliten in seiner Hauptstadt belagert wurde und in arge Bedrängnis kam, opferte er, um seinen drohenden Untergang abzuwenden, auf der Stadtmauer im Angesicht der Feinde seinen ältesten Sohn.

Ebenso verbreitet als das Kindesopfer war die später von milder denkenden Generationen aufgebrachte Vorstellung, daß es die Gottheit ebenso sehr freue, wenn man das ihr gefällige Opfer, statt es zu schlachten, ihr weihe durch Freilassen in ihrem heiligen Tempelbezirke. So erzählt Älian, die Koptiten in Ägypten hätten die weiblichen Wildziegen, die sie gefangen, der Göttin geweiht, d. h. sie in deren heiligem Bezirke ausgesetzt, die Männchen dagegen geschlachtet. War einmal ein solch kleiner Bestand besonders weiblicher Tiere vorhanden, von denen wohl eine größere Zahl trächtig war, so waren sie, wie auch die von ihnen in der Gefangenschaft geborenen Jungen, als der Gottheit geweihte Tiere deren Eigentum, das der Mensch unter allen Umständen respektierte. So gewöhnten sie sich an den Menschen, der ihnen je und je Futter darbot und dafür sorgte, daß sie sich in der für sie kaum merkbaren Gefangenschaft ruhig vermehrten. Je nach Bedarf holte er sich dann ein Zicklein als Opfer für die betreffende Gottheit, der die Herde gehörte. Auch die Milch der Mutter wurde zu sakralen Zwecken verwendet und sank erst auf einer späteren, praktischer denkenden Stufe zum Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens herab. Ebenso wurde außer dem Fleisch, das nach und nach auch zu profanen Zwecken verwendet wurde, das lange Haar dieses Tieres zur Herstellung allerlei grober Gewebe, besonders der Zeltdecken des Nomaden, wie auch von Kleidern verwendet, da es viel wetterbeständiger ist und weniger Wasser aufsaugt als die Schafwolle.

Die Stammutter der ältest domestizierten Ziegen ist die im Hügel- und Bergland von Südwestasien heimische ~Bezoarziege~ (Capra aegagrus), an der H. Pohlig beobachten konnte, welch hohe Empfänglichkeit sie für den Anschluß an den Menschen besitzt. In Djulfa sah er eine Wildziege mit ihren beiden Jungen sich in einem Gehöft einnisten und sich so an diese neue Umgebung gewöhnen, daß sie von ihren Ausflügen pünktlich zur Fütterungszeit zurückkehrten. Das Verbreitungsgebiet dieser Wildziege erstreckt sich von Afghanistan und Beludschistan über die Gebirge Persiens, Syriens und Kleinasiens bis nach Griechenland, wo sie einst so gemein war, daß sie den Ägäischen Inseln (vom griechischen aix, Stamm aig, die Ziege) den Namen gab. Bevor sie der Mensch dort ausrottete, müssen sie auf den Küstenbergen des griechischen Meeres sehr gemein gewesen sein, wie etwa auf der Kyklopeninsel, von der es in Homers Odyssee heißt:

„Der Ziegen unendliche Menge durchstreift sie, Wilden Geschlechts, weil nimmer ein Pfad der Menschen sie scheuchet.“

Daß sie damals vom Menschen eifrig gejagt wurden, ist begreiflich. So wird in der Ilias geschildert, wie der Schütze ihr auf dem Anstand auflauert, bis das Tier aus dem Felsenversteck hervortritt. Alsbald trifft es der Pfeil von unten in die Brust, so daß es sich überschlägt und die Felsen hinunterfällt. Sein Fleisch wird als willkommene Beute gegessen und das mächtige Gehörn zu einem starken Bogen verarbeitet.

Die Bezoarziege ist merklich größer als unsere von ihm abstammende Hausziege, die ihr übrigens besonders in der der Wildform noch sehr nahestehenden kräftig gebauten gemsfarbigen Varietät noch sehr ähnlich sieht. In beiden Geschlechtern besitzt die zahme wie die wilde Form einen starken Bart und ein unregelmäßig geknotetes, vorn scharf gekantetes, hinten gerundetes, sichelförmig nach hinten gekrümmtes, gegen die Spitze zu etwas zusammenstrebendes Gehörn, das beim Bock viel stärker als beim Weibchen entwickelt ist. Bei ihm erreicht es nämlich eine Länge von über 130 cm bei einem Umfang von nur 17-18 cm; bei der auch sonst kleineren Geis sind sie nicht nur viel kleiner, sondern auch nur schwach nach rückwärts gekrümmt. Sie stehen bei ihr am Grunde auch weiter auseinander als beim Bock. Im Winter ist der Pelz der Bezoarziege, der in kalten Klimaten weiches Unterhaar erhält, bräunlichgrau, im Sommer dagegen gelblich- oder rötlichbraun. Die Unterseite des Rumpfes und die Innenseite der Schenkel ist weißlich oder weiß. Alte Böcke sind blasser und am Hinterhals, auf den Schultern, an der Kehle und auf der Vorderseite der Beine mit Ausnahme der Kniee braun und weisen einen schwarzen Rückenstreifen auf, der bis zum Schwanz verläuft und ziemlich scharf abgegrenzt ist. Es sind dies alles Merkmale, die sich, wie auch die aufrecht gestellten Ohren, bei der ebenfalls ausgezeichnet kletternden gezähmten Bergziege in derselben Weise wiederfinden. Die Länge des ausgewachsenen Bockes beträgt bei der Bezoarziege etwa 1,5 m bei einer Schulterhöhe von 95 cm.

Die Bezoarziege bewohnt mit Vorliebe wüste, felsige Berge, wo sich ihre verschieden großen Herden gern an die Klippen und Schluchten halten. Sie ist sehr lebendig, klettert und springt mit bewundernswerter Sicherheit von einem Felsenkamm zum andern und scheint steile Felsenabhänge kaum zu beachten. Rasch und sicher läuft sie auf schwierigen Graten dahin und faßt sichern Stand auf dem kleinsten Felsvorsprunge, der sich ihr darbietet. Während der Paarungszeit, im November, kämpfen die Böcke hartnäckig und gewaltig um die Weibchen, die dann nach der Belegung im April oder Mai die Jungen zur Welt bringen, und zwar die jüngeren Ziegen eins oder zwei, die älteren stets zwei, nicht allzuselten auch drei. Diese folgen der Mutter sofort nach der Geburt, vom dritten Tage ihres Lebens an selbst auf den schwierigsten Pfaden, wachsen rasch heran und sind jederzeit zu Scherz und Spiel bereit.

Den Wildziegen wird von seiten des Menschen eifrig nachgestellt, da ihr Fleisch einen ausgezeichnet schmackhaften Braten liefert, der an Rehbraten erinnert und ebenso zart und mürbe wie letzterer ist. Es wird entweder frisch genossen oder, in lange, schmale Streifen geschnitten, an der Luft getrocknet, um es später verwenden zu können. Das im Winter erbeutete langhaarige Fell wird von den Orientalen mit Vorliebe als Gebetteppich benutzt und, weil man seinen scharfen Geruch angenehm findet, hoch geschätzt. Das kurzhaarige Sommerfell wird zu Schläuchen verwendet, die im Morgenland allgemein als Behälter für Wein oder Wasser an Stelle unserer dort unbekannten Holzfässer dienen, und das Gehörn zu Pulverhörnern, Säbelgriffen usw. verarbeitet.

Ihren Namen hat übrigens die Bezoarziege von dem früher auch bei uns berühmten, heute noch überall in Westasien bis Persien als eine Gegengabe gegen Gift geschätzten und als eine Arznei für viele Krankheiten betrachteten, gelegentlich in ihren Eingeweiden gefundenen Steine, dem Bezoarstein. Dieser stellt einen Gallenstein dar und war den alten Schriftstellern unter dem Namen Pasen bekannt, welche Bezeichnung offenbar aus Pasang hervorging, einer der männlichen Bezoarziege in Persien beigelegten Bezeichnung.

Der älteste und wichtigste Bildungsherd der zahmen Ziege aus der Bezoarziege ist jedenfalls Westasien, das ja von sehr alten Kulturvölkern bewohnt war, die am ehesten imstande waren, die Domestikation vorzunehmen. Überall treffen wir sie bei diesen seit der jüngeren Steinzeit als Haustier an. In Mesopotamien wurde sie zur assyrischen Zeit vielfach abgebildet. Daß sie damals schon sehr lange im Haustierstande verweilt haben muß, geht daraus hervor, daß sie bereits hängeohrig war. Im alten Ägypten erscheint sie ebenfalls häufig in bildlicher Darstellung. Wir sehen sie die zum Holzfällen ausziehenden Arbeiter begleiten und die Blätter der gefällten Sykomoren und anderer Bäume abfressen. Sie wird stets mit einem Bart und der Bock mit einem stattlichen Gehörn abgebildet. Etwa einmal wird ein Zicklein geschlachtet, an den Hinterbeinen am Geäst eines Baumes aufgehängt und mit dem Messer zerlegt, um einen willkommenen Braten zu liefern. Die Ziegenzucht muß im alten Ägypten einen großen Umfang besessen haben und trat weit vor die Schafzucht, was wir sehr wohl begreifen, wenn wir bedenken, daß die Bewohner des heißen Ägypten vom Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends an nicht mehr Wollkleider, sondern die viel leichteren und angenehmeren weißen Linnenkleider trugen. Aus dem mittleren Reiche besitzen wir ein Dokument, worin einem Gutsherrn von seinem Oberschreiber 5023 Stück Vieh als Besitzstand angemeldet werden, worunter sich nur 924 Schafe, dagegen 2234 Ziegen und der Rest Rinder befinden.

Sagenhafte Überlieferungen, die weit vor die homerische Zeit zurückreichen, sprechen von einem Ziegenvolke, das von Kleinasien hervordrang und überall, wo es erschien, Angst und Schrecken verbreitete. Schälen wir den Grundgedanken der Sage aus der mythologischen Umhüllung heraus, so wird das wohl heißen, daß Griechenland die Hausziege in grauer Vorzeit von Westasien her erhielt. Hier wie überall sonst in den Mittelmeerländern hat sie als Begleiterscheinung einer primitiven Kultur willige Aufnahme und weite Verbreitung gefunden und in der Folge durch ihre Genäschigkeit und ausgesprochene Vorliebe für die Knospen und jungen Triebe von holzigen Gewächsen in Verbindung mit der Sorglosigkeit des sie haltenden Menschen als Verderberin des aufsproßenden jungen Waldes eine leider sehr verhängnisvolle Rolle gespielt.

In einer durch schlechte Haltung verkümmerten, kleinen Form treffen wir die Hausziege auch bei den neolithischen Pfahlbauern Mitteleuropas eingebürgert. Schon L. Rütimeyer wies darauf hin, daß in den Überresten der ältesten Pfahlbauten Ziegenreste viel häufiger als Reste des Schafes vorkommen, während dann mit dem Kulturaufschwung in der Bronzezeit das Verhältnis ein umgekehrtes wurde, d. h. die Ziegenzucht gegenüber der Schafzucht bedeutend zurücktrat, gleichzeitig aber auch die damals gehaltenen Ziegenrassen durch bessere Lebenshaltung größer und stattlicher erscheinen. Dieses Verhältnis in der Zucht beider Haustiere änderte sich hier auch in der Folge nicht. Wenn es auch noch zur Zeit Kaiser Karls des Großen viel Ziegen bei den Franken gab, so waren sie doch ziemlich weniger zahlreich als die Schafe. Dies drückt sich auch in dem uns erhaltenen Gesetzbuch der salischen Franken aus, laut dem das Schaf an Zahl die Ziege bedeutend überwog.

Bei den alten Griechen und Römern war die Ziege als Nutztier fast so beliebt als das Rind. Sie wurde besonders von der ärmeren Bevölkerung als Milch- und Fleischlieferant gehalten, wie sie ja heute noch die „Kuh des armen Mannes“ ist und als solche immer mehr zu Ehren gezogen zu werden verdient. Besonders in der älteren griechischen Zeit war die Ziegenzucht stark verbreitet. Zahlreiche uralte Namen, Abbildungen auf Münzen und die häufige Erwähnung in Sagen und in den homerischen Gesängen beweisen, daß ihr in älterer Zeit eine weit größere Bedeutung zukam, als später in der klassischen Zeit, da sich die Schafzucht wegen der Gewinnung der Wolle mehr in den Vordergrund drängte. Gleichwohl wurde sie auch dann noch häufig besonders von den Ärmeren gehalten und deren Milch nebst den Zicklein auf den Markt gebracht. Überall wurde die Ziegenmilch auch von der städtischen Bevölkerung gern genossen und aus dem Überschuß Käse bereitet. Der aus Spanien nach Rom gekommene römische Ackerbauschriftsteller Columella schreibt um die Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts über das Halten von Ziegen: „Den Ziegenbock (caper) und die Ziege (capella) hält man für vorzüglich gut, wenn an ihrem Halse zwei sogenannte Glöckchen hängen und wenn der Kopf klein ist. Man sieht es auch gern, wenn das Haar glänzend und lang ist, so daß man es scheren und Mäntel für Soldaten und Matrosen daraus anfertigen kann. Es ist besser, wenn das Ziegenvieh keine Hörner hat, weil es mit ihnen nur Schaden anrichtet. Es bekommt oft Zwillinge, auch Drillinge. Zur Zucht wählt man vorzugsweise das stärkste Zicklein von Zwillingen, behandelt es im übrigen wie die Schaflämmer. Die Mutterziegen schafft man im achten Jahre ab. -- Der Ziegenhirt muß ein rüstiger, ausdauernder Mann sein, der mit Behendigkeit über Felsen klettert, durch Wildnis und Dorngebüsch hindurchgeht, denn das Ziegenvieh ist rasch und kühn. Kann man die Ziegenmilch nicht frisch zur Stadt schaffen, so verwandelt man sie in Käse. Für den Handel macht man diesen von ganz frischer Milch, die man durch Lab (aus zerkleinerten Mägen) von Schaf- oder Ziegenlämmern zum Gerinnen bringt. Man setzt sie in die Nähe des Feuers, so daß sie warm, aber nicht heiß wird, gießt sie, sobald die Käseteile festgeworden sind und sich ausgeschieden haben, in dicht geflochtene Körbe und läßt die Molken ablaufen, was man noch durch aufgelegte Gewichte befördert. Dann nimmt man die Käse aus den Körben, bestreut sie mit pulverisiertem Salz und preßt sie nochmals. Dies geschieht 9 Tage hindurch, dann wäscht man sie mit reinem Wasser, legt sie an einen schattigen Platz so auf Horden, daß einer den andern nicht berührt, und bewahrt sie später, wenn sie mäßig trocken sind, an einem vor Luftzug gesicherten Orte auf.“

Columellas Zeitgenosse Plinius sagt in seiner Naturgeschichte, daß die Ziege in seltenen Fällen sogar 4 Zicklein bekomme und im Negerland 11, anderwärts aber meist nur 8 Jahre alt werde. „Kranke Augen kurieren sich die Ziegen selbst, indem sie eine Binsenspitze hineinstechen und sich so zur Ader lassen; die Böcke dagegen stechen sich einen Brombeerstachel hinein. -- Mutianus erzählt ein merkwürdiges, von ihm selbst erlebtes Beispiel von der Klugheit dieser Tiere. Es begegneten sich nämlich zwei auf einer sehr schmalen Brücke, und da sie weder umeinander herum, noch zurück konnten, indem der Pfad zu eng und unter ihm ein brausender Waldbach war, der sie zu verschlingen drohte, so legte sich die eine nieder und die andere schritt über sie hinweg. -- Nicht alle Ziegen haben Hörner; allein wenn sie da sind, kann man das Alter an der Zahl der Knoten erkennen. Die ungehörnten geben mehr Milch. Man sagt, die Ziegen sehen nachts so gut wie am Tage, und Leute, die am Abend schlecht sehen, müssen sich daher durch den Genuß von Ziegenleber heilen. In Cilicien und um die Syrten werden die Ziegen geschoren. Wenn die Sonne sich gesenkt hat, sollen sie sich auf der Weide so lagern, daß sie einander nicht ansehen, zu andern Tageszeiten aber so, daß sie sich ansehen, und zwar familienweise. Alle haben am Kinn einen Bart, und wenn man eine am Barte faßt und fortzieht, so sieht die ganze Herde staunend zu. Ihr Biß ist den Bäumen verderblich. Den Olivenbaum machen sie schon durch bloßes Lecken unfruchtbar und werden deshalb der Minerva nicht geopfert.“

In seinem Buche über die Landwirtschaft schreibt der gelehrte Marcus Terentius Varro (116-27 v. Chr.), selbst Besitzer schöner Landgüter: „In den Gesetzen über die Kolonien steht geschrieben: Niemand soll Ziegen (capra) da weiden lassen, wo junge Bäume oder Sträucher stehen. An Saaten aller Art, namentlich aber an jungen Weinstöcken und Ölbäumen, können Ziegen gefährlichen Schaden anrichten. Um nun die Beeinträchtigung des Rebbaues durch sie zu sühnen, werden dem Gotte Bacchus, der den Weinbau erfunden, Ziegenböcke geopfert; der Minerva aber opfert man kein Ziegenvieh, weil es ihr wegen des Schadens, den es den Ölbäumen verursacht, verhaßt ist. Nur einmal im Jahre wird auf der Burg in Athen der Minerva eine Ziege geopfert, außerdem darf sich dort keine sehen lassen.“ Weiterhin bemerkt er, daß die Ziegen wie die Schafe in Herden von 50 bis 100 Stück gehütet werden, „doch haben sie die Eigenschaft, daß sie lieber in Wäldern und auf Bergen weiden als auf Wiesen; denn sie knuspern gern an Holzgewächsen. In einem großen Teile Phrygiens werden die Ziegen geschoren, weil sie lange Haare haben, und man verfertigt dort aus ihnen die sogenannten cilicischen Kleider. In Cilicien soll man zuerst die Ziegen geschoren haben.“ Schon Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr. sagt in seiner Tiergeschichte, in Lycien schere man die Ziegen gerade wie anderwärts die Schafe, und Älian schreibt ca. 200 n. Chr.: „Tut man Ziegen zu einer Schafherde, so gehen sie voran und führen dieselbe. Orthagoras sagt in seinen Indischen Erzählungen, im Dorfe Koytha würden die Ziegen mit getrockneten Fischen gefüttert.“ Jedenfalls lassen sich diese Tiere unschwer an Fleischnahrung gewöhnen. So werden sie wie auch die Kühe auf Island vielfach mit getrockneten Fischen gefüttert. Daß die Ziegenhaare als Gespinstmaterial lange nicht so geschätzt waren als die Schafwolle, beweist die übrigens auch in den Episteln des Horaz vorkommende Redensart: über Ziegenhaare zanken im Sinne von: über Dinge zanken, die dessen nicht wert sind.

Das lange Verweilen im Haustierstande hatte schon damals zu verschiedenen Rassen geführt und auch hornlose Arten hervorgehen lassen. So tritt zur Römerzeit neben der altangesessenen kleinen Hausziege noch eine zweite Form auf, die in den Kolonien der Nordschweiz mehrfach Reste hinterließ und offenbar ziemlich verbreitet war. Es ist dies eine zweifellos aus dem Mittelmeergebiet stammende, durch bessere Lebenshaltung größere Ziege von gleichfalls Bezoarziegenabstammung, mit bedeutend stärkeren Hörnern. Auch zeigen die Hornzapfen im Verlauf und in der Oberflächenbeschaffenheit deutliche Unterschiede, die sich auch späterhin genau verfolgen lassen. Sie begegnet uns außer auf altgriechischen Münzen in bildlichen Darstellungen, z. B. einer großen Silberpfanne aus Vindonissa von zweifellos römischer Arbeit in Gestalt einer großhörnigen, langbehaarten Ziege, die dann besonders zahlreich in Begleitung römischer Kultur in das Gebiet nördlich der Alpen eindrang. Hier hat sie sich wie der Molosserhund und das kurzköpfige Rind, die sich zum Bernhardinerhund und zum Eringerrind umgestalteten, als ein Relikt aus der Römerzeit ziemlich rein in den entlegenen Tälern des Oberwallis in der ~schwarzhalsigen Walliserziege~ erhalten, die ein ausgesprochenes Gebirgstier ist. Der kräftig gebaute Körper trägt in beiden Geschlechtern im Vorderkörper eine tiefschwarze, im Hinterkörper eine schneeweiße Behaarung, wobei die beiden Farben hinter der Schulter in senkrechter, scharfer Begrenzung zusammenstoßen. Die Klauen der Vorderfüße sind schwarz, diejenigen der Hinterfüße dagegen weiß. Der Rücken ist vollkommen gerade, der Hals und der Kopf kurz, die Stirne breit. Neuerdings wird diese Rasse vom Oberwallis aus stark nach Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich verbreitet.

Durch Zucht bedeutend weniger verändert und der Wildform noch recht nahe stehend ist die ~gemsfarbige Ziege~ von mittlerer Größe, dabei von kräftigem Bau. Ihr ganzer Körper ist mit kurzen, gemsfarbenen Haaren bedeckt, die auf dem Rücken und an den Schenkeln mitunter länger werden. Außer dem schwarzen Rückenstreifen sind Gesicht, Vorderbrust und Schultern ebenfalls dunkler gefärbt als der übrige Körper. Sie ist vorzugsweise eine äußerst geschickt kletternde Bergziege, die in den Zentralalpen sehr verbreitet ist, aber auch in anderen Gebirgsgegenden Europas, so in den Pyrenäen, in Süditalien, Griechenland, Bosnien und den Balkanländern, gehalten wird.

Während diese beiden Ziegenrassen der Wildform ähnliche Hörner tragen, ist die ~hornlose Ziege~ als Kulturrasse offenbar aus der vorigen hervorgegangen, und zwar schon im frühesten Altertum, da sie bereits von den alten Griechen und Römern gehalten wurde und als besonders milchergiebig galt. Diese zielbewußte Wegzüchtung des Gehörns ist hier wie beim Rind sehr wohl begreiflich; denn dem Menschen mußten die Hörner als Werkzeuge zu Zerstörung und Angriff bald unbequem sein, und außerdem wollte er den Organismus des von ihm vor allen Gefahren beschützten Haustiers vor aller Ausgabe von unnützem Bildungsstoff bewahren. Der mittelgroße Körper dieser hornlosen Ziege weist regelmäßige Formen auf mit verhältnismäßig langem Kopf, breiter Stirn und aufrechten oder etwas hängenden Ohren. An ihrem Halse kommen häufig glöckchenartige Anhängsel vor, die, wie wir hörten, bereits Columella erwähnt. Die Behaarung ist fein, am Rücken und Schenkel verlängert; die Färbung wechselt von Hellbraun bis zu Weiß. Stirn und Nasenrücken sind meist hellbraun, auch kommt ein dunkler Rückenstreifen vor. Diese Rasse ist in den schweizerischen Bergländern stark verbreitet. Am geschätztesten ist die ~Toggenburger Ziege~ von brauner Färbung, die aber als Rückschlagserscheinung bisweilen ein feines Gehörn besitzt. Dieser Schlag gilt als sehr milchergiebig und wird aus dem St. Galler Oberland stark nach Baden, Bayern, Sachsen und Holland exportiert. Die ebenfalls hornlose ~Saanenziege~ ist rein weiß oder gelblichweiß mit gleichfarbenem Flotzmaul und kommt in kurz- und langhaarigen Abarten vor. Sie stammt vom Oberlauf des Flüßchens Saane im Obersimmental (Berner Oberland) und hat sich über die ganze Schweiz verbreitet, da sie durchschnittlich 4 Liter Milch täglich gibt. Auch sie wird viel nach dem Auslande zur Aufbesserung der heruntergekommenen Stallziege oder zur Reinzucht exportiert. So wird sie in Reinzucht vom Ziegenzuchtverein in Pfungstadt gezogen und an Liebhaber in Deutschland verkauft.

Alle diese europäischen Rassen werden hauptsächlich der Milchnutzung wegen gehalten und verdienen in der Tat als Milchlieferanten der ärmeren Bevölkerung die weiteste Verbreitung. Da, wo sie das ganze Jahr im Stall bleiben und ohne sachgemäße Pflege behandelt werden, sind sie, besonders im Tiefland, weitgehend degeneriert. In den Mittelgebirgen dagegen, z. B. im Harz, wo sie wenigstens im Sommer auf die Weide getrieben werden, haben sich mit dem freieren, naturgemäßeren Leben schon bessere Schläge erhalten. Da aber, wo sie, wie in der Schweiz, den größten Teil des Jahres im Freien zubringen und im Gebirge, ihrem Lebenselement, herumklettern können und man ihrer Zucht von jeher größere Aufmerksamkeit schenkte, da treffen wir die weitaus edelsten, milchergiebigsten Rassen, die zur Reinzucht oder zur Auffrischung der verkommenen Schläge des Tieflandes die weiteste Verbreitung verdienen. Das hat man auch überall in Deutschland erkannt und handelt danach. Wenn es gelänge, durch Verbesserung des in Deutschland vorhandenen Ziegenmaterials von etwa 3 Millionen Stück einen Mehrertrag von auch nur einem halben Liter Milch pro Exemplar und Tag zu erzielen, so würde damit das Nationalvermögen in Deutschland nach Ulrich um nicht weniger als 30 Millionen Mark jährlich erhöht. Deshalb sollten nicht nur Private, sondern vor allem auch die Kommunen und der Staat zur Veredlung dieses so nützlichen Haustieres das ihrige beitragen.

Mit vollem Recht schreibt der Direktor des Berliner Zoologischen Gartens, Dr. Heck, im Tierreich: „In unserem Vaterland und den anderen europäischen Ländern ist die Ziege zwar überall zahlreich vorhanden, aber was sachgemäße Züchtung und Behandlung anlangt, neben dem Geflügel entschieden das am meisten vernachlässigte Haustier. In unserer zünftigen Landwirtschaft sieht man sie nicht so recht für voll an; die ‚Kuh des armen Mannes‘ nennt man sie halb scherzweise, halb verächtlich. Ich möchte aber diesen Spottnamen vielmehr als einen Ehrennamen in Anspruch nehmen: Kann es denn etwas Wichtigeres geben als ein milchergiebiges und billig zu haltendes Haustier für den kleinen Mann, den kleinen Bauer, den Handwerker und Tagelöhner auf dem Dorfe, den Fabrikarbeiter in der Vorstadt?! Gerade heutzutage, wo durch den Zustrom nach den Städten immer größere Massen des Volkes ins Proletariertum hinabsinken, das kein Heim mehr hat und nichts mehr sein Eigen nennt! Wie wohl täte die fette Ziegenmilch dem hohläugigen Armenkinde der Großstadt, das seinen Hunger notdürftig mit minderwertiger Abfallsnahrung stillen muß! Das ist freilich nicht zu verwundern, daß unter der ‚Pflege‘ der Armut bei kargem Futter, in schlecht verwahrtem Stall aus der Hausziege die fast sprichwörtliche ‚magere Zicke‘ wurde, deren Haltung kaum mehr lohnt; um so verdienstlicher ist es aber, wenn seit einigen Jahren landwirtschaftliche (Gräfin v. Mirbach-Sorquitten) und industrielle Kreise (meine Landsleute Dettweiler und Ulrich) die Bedeutung der Ziege für das Volkswohl erkannt und ihre Verbesserung energisch in die Hand genommen haben.“

Verhältnismäßig selten wird in Deutschland die Ziegenmilch zu Butter und Käse verarbeitet. Letzterer wird in Altenburg und anderswo, besonders auch in der Schweiz, in bis tellergroßen Scheiben von Fingerdicke auf den Markt gebracht und mit Kümmel und Salz gewürzt gegessen. Die bei der Gerinnung des Käsestoffs ablaufende zucker- und nährsalzreiche grünlichgelbe Flüssigkeit, die Molke, wird noch vielfach als Heilmittel für Brustkranke verwendet. Erwachsen kommt die Ziege als Schlachttier wenig in Betracht, obschon die Haut ein vorzügliches Leder für Damenschuhe und feinere Sattlerarbeiten liefert und die Därme für Saiten von Musikinstrumenten sehr gesucht sind. Schon Karl der Große befahl den Verwaltern seiner Güter, nicht bloß Herden von Milchziegen, sondern auch von Böcken zu halten, deren Hörner und Felle ihm abgeliefert werden sollten. Damals wurde auch das Fleisch der Böcke gern gegessen, teils frisch, teils aber geräuchert. Besonders aber dienten und dienen heute noch die Zicklein, soweit man sie nicht aufziehen will, als leckerer Braten. Außer dem trefflichen Fleisch liefern sie das beste Material für die Herstellung von Glacéhandschuhen, für die allein aus der Schweiz nach Frankreich, wo in Grenoble -- dem alten Gratianopolis -- in der Dauphinée das Hauptzentrum für diesen Fabrikationszweig besteht, jährlich etwa 300000 Stück ausgeführt werden. Die Ziegenhaare werden nur noch ausnahmsweise verarbeitet, dagegen dienen Ziegenfelle den Hirten auf Korsika und Sardinien als Bekleidung.

Überhaupt ist die Hausziege am stärksten im gebirgigen Südeuropa von Spanien bis Griechenland und Zypern vertreten und ist ihre Zucht hier in manchen Gegenden wichtiger als die Schafzucht. Auch in den Gebirgstälern der östlichen Karpathen, in Siebenbürgen, in den österreichischen, schweizerischen und französischen Alpen ist die Ziege ein gemeines Haustier. Nach Fankhauser beträgt in der Schweiz die Zahl der Stallziegen etwa 180000, der Herdgeißen, die täglich ausgetrieben werden, 164000 Stück und der während des Sommers in den Alpen gesömmerten Ziegen ungefähr 65000 Stück. In Süd- und Mitteldeutschland hat die Ziegenzucht in neuerer Zeit eine Zunahme erfahren, während sie in Nordeuropa in Abnahme begriffen ist. Ganz unbedeutend ist sie in England, etwas mehr in Schottland, reich dagegen in Irland vertreten. In Frankreich läßt sich ein Rückgang ihrer Zucht feststellen, mit Ausnahme der südlichen Departemente. In ganz Europa werden reichlich 20 Millionen Ziegen gehalten.

Wie in Europa finden sich die Ziegen von Bezoarabstammung auch in Nordafrika und Westasien. Im tropischen Afrika sind sie zu einer Kümmerform degeneriert, die wir als ~Zwergziege~ vom äußersten Osten bis zur Westküste in verschiedenen Schlägen antreffen. Einzelne derselben, wie besonders diejenigen Westafrikas, erinnern in ihrer Färbung ganz an unsere gemsfarbige Ziege. Ihre dem heißen Klima entsprechende kurze Behaarung ist rotbraun mit schwarzem Rückenstreifen und dunkler Schulterbinde; andere neigen stark zu Leucismus, wie die blendend weiße ~Somaliziege~, die aber als Erbstück der Stammform sehr häufig einen schwarzen Rückenstreifen sowie eine über die Stirn und zwei über die Augen verlaufende dunkle Binden beibehalten hat. Alle diese Zwergziegen sind kurzbeinig und gehörnt, doch bleibt das Gehörn stets kurz. Ebenfalls ein kurzes, nach hinten und außen in einem Halbbogen verlaufendes Gehörn mit meist scharfer vorderer Kante hat die gleichfalls von der Bezoarziege stammende ~Mamberziege~ Westasiens, deren Ausgangspunkt vermutlich Syrien ist, von wo aus deren Zucht sich über den Orient verbreitete. Sie unterscheidet sich von allen anderen Ziegenrassen durch die ungeheuer langen Hängeohren, die die Kopflänge um das Doppelte übertreffen. Der gestreckte Kopf ist in der Stirngegend sanft gewölbt, der Hals ziemlich lang, der Leib von stattlicher Größe und hochgestellt. Die Behaarung erscheint am Kopf kurz, am übrigen Körper sehr lang, zottig und seidenartig glänzend. Die Färbung ist einförmig weiß, auch gelbbraun oder schwarz. Das Verbreitungsgebiet dieser Ziegenrasse, die offenbar schon sehr alt sein muß, da sie bereits Aristoteles bekannt war, erstreckt sich vom Mittelmeer bis nach Persien und Mittelasien hinein. Hier grenzt an sie eine andere, meist kleinere Ziegenrasse, die sich durch lange Behaarung und schraubenartiges Gehörn auszeichnet und sich damit als Abkömmling einer in den Bergen Afghanistans und Kaschmirs lebenden Wildziege, der ~Schraubenziege~ oder des ~Markhor~ (Capra falconeri) erweist. Es ist dies ein Gebirgstier von der Größe eines Steinbocks mit gerade verlaufendem, korkzieherartig gedrehtem, zweikantigem Gehörn, das eine Länge von 1,5 m erreicht und bei gewissen Varietäten nach hinten und außen gebogen ist. Das fahlbraune Haarkleid ist auf dem Rücken und am Vorderkörper stark verlängert. Ungleich den Steinböcken, die sich an die schwer zugänglichen Felsenlabyrinthe des Gebirges halten, liebt der Markhor Wälder mit felsigem Boden, in denen er sich so viel wie möglich versteckt; nur gelegentlich kommt er auf offenes Gelände hinaus. Wie andere Ziegen, gleich denen er in Herden lebt, hält er sich mit Vorliebe an steilen Felsklippen auf. In Afghanistan, wo Wälder meistens fehlen, wird er in steinigen Schluchten und an steilen Berglehnen gefunden, von wo ihn nur starker Schneefall den Tälern zutreibt. Er klettert vortrefflich und sein Weibchen bringt im Mai-Juni 1 oder 2 Junge zur Welt. Wiederholt hat sich der Markhor erfolgreich mit Hausziegen gepaart. Sein Verbreitungsgebiet erstreckte sich früher wahrscheinlich weiter nach Westen und reichte vielleicht bis zu den Bergen im Osten von Persien. Am frühesten tritt uns ein Abkömmling dieser innerasiatischen Wildziege in einem in Nordbabylonien ausgegrabenen Bronzekopf aus dem Anfang des zweiten vorchristlichen Jahrtausends entgegen. Auch aus späterer Zeit sind Darstellungen oft langhaariger Ziegen mit langem, schraubenartig gewundenem, geradem Gehörn und Bart auf uns gekommen, so auf Bildern aus der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrtausends, auf denen assyrische Krieger sie als Beute vor sich hertreiben. Durch ihre Schlappohren und die geringe Größe erweisen sie sich als weitgehend durch Domestikation veränderte Haustiere.

Diese Hausziege von Markhorabstammung drang dann mit der Zeit nach Syrien und Ägypten vor, erhielt sich aber hier nicht rein, sondern wurde weitgehend mit der Mamberziege gekreuzt. Diese Kreuzungsprodukte, die sich teilweise durch Mopskopf und außerordentlich lange Ohren auszeichnen, so daß letztere gelegentlich gestutzt werden müssen, damit sie die Tiere nicht am Weiden hindern, sind heute von Ägypten über ganz Vorder- und Mittelasien verbreitet.

In reiner Form hat sich die Hausziege von Markhorabstammung nur in der ~Kaschmirziege~ erhalten, die die eigentliche Hausziege Innerasiens ist. Auch sie ist gegenüber ihrem freilebenden Stammvater bedeutend kleiner geworden. Sie ist ein gefällig gebautes Tier von beinahe 1,5 m Gesamtlänge und 60 cm Schulterhöhe mit einer ihrer kalten Heimat Tibet entsprechenden dichten Behaarung. Ein langes, feines Grannenhaar überdeckt die kurze, flaumartig weiche Wolle. Die Färbung wechselt, ist oft einfach weiß, gelb, braun oder schwarz; häufig sind die Kopfseiten, der Hals und Kehlbart schwarz, die übrigen Teile des Körpers aber silberweiß. Der gestreckte Leib ist dick; der kurze Kopf trägt nicht sehr lange hängende Ohren und in beiden Geschlechtern Hörner, die beim Männchen sehr lang und wie bei der Stammform schraubenförmig gedreht sind, von der Wurzel an auseinanderweichen und in schiefer Richtung auf- und rückwärts, beim Weibchen dagegen fast gerade verlaufen. Ihr Stammland ist das Hochland von Tibet von Ladak bis Lhassa. Von da an reicht ihr Verbreitungsgebiet über Buchara bis zum Lande der Kirgisen einerseits und bis in die Mongolei andererseits. Neuerdings wurde sie auch in das Gebiet der Südabhänge des Himalaja nach Bengalen eingeführt. In Kaschmir selbst lebt sie nicht, sondern dort wird nur ihre aus Tibet stammende Wolle zu den feinen Kaschmirschals verarbeitet, die einst Weltruf besaßen und früher als ein äußerst gesuchter Handelsartikel in Menge exportiert wurden. Unter der Herrschaft des Großmoguls sollen 40000 Schalwebereien in Kaschmir bestanden haben. Doch sank dieser wichtige Erwerbszweig im Laufe des vergangenen Jahrhunderts so sehr herab, daß viele tausend Menschen, denen die Weberei ihren Lebensunterhalt verschaffte, aus Mangel an Arbeit aus dem Lande auswanderten.

Höchst schädigend auf diese Industrie wirkte die Tatsache, daß Frankreich vor etwa hundert Jahren die Fabrikation dieser feinen Wollwaren bei sich einführte. Der französische Arzt Bernier, der im Jahre 1664 im Geleite des Großmoguls Kaschmir bereiste, erfuhr als erster Europäer, daß zwei Ziegenarten, eine wild lebende und eine gezähmte, solche Wolle liefern. Ein einzelnes Tier liefert 0,3-0,4 kg brauchbaren Wollflaums. Am gesuchtesten ist das reine Weiß, das in der Tat den Glanz und die Schönheit der Seide besitzt.

Als Ternaux zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Schalweberei in Frankreich einführte, kam er auf den Gedanken, statt der teuren Kaschmirwolle die Kaschmirziegen selbst zu beschaffen. Zur Erreichung dieses Zweckes bot sich ihm ein gewisser Jaubert an, der sich 1818 nach Odessa einschiffte. Hier erfuhr er, daß die Nomadenstämme zwischen Astrachan und Orenburg Kaschmirziegen hielten; er reiste zu ihnen, überzeugte sich durch genaue Untersuchung des Flaums von der Echtheit der Tiere und kaufte 1300 Stück an. Diese Herde brachte er nach Kaffa in der Krim, schiffte sich mit ihr ein und landete im April 1819 in Marseille. Aber nur 400 Stück der Herde hatten die lange, beschwerliche Seereise ausgehalten, und diese waren so angegriffen, daß man wenig Hoffnung hatte, Nachzucht von ihnen zu erhalten. Namentlich die Böcke hatten sehr stark gelitten und gingen in der Folge auch tatsächlich ein. Glücklicherweise sandten darauf fast zu gleicher Zeit die französischen Naturforscher Diard und Duvaucel einen kräftigen Bock der Kaschmirziege, den sie in Indien zum Geschenk erhalten hatten, an den Tiergarten zu Paris. Er wurde der Stammvater all der zahlreichen Kaschmirziegen, welche gegenwärtig in Frankreich leben und diesem Lande jährlich 16 Millionen Mark einbringen. Von Frankreich aus kam dann die Kaschmirziege auch nach Österreich und Württemberg; doch erhielt sich leider hier die Nachzucht nicht.

Eine hochgezüchtete Form der langhaarigen Mamberziege, die, wie wir sahen, weitgehend Blut der Kaschmirziege in sich aufnahm, ist die ~Angoraziege~, ein schönes, großes Tier von gedrungenem Körperbau, mit starken Beinen, kurzem Hals und Kopf, mit Hängeohren, aber nicht korkzieherartig gewundenem Gehörn, wie sie es als teilweiser Abkömmling der Kaschmirziege tragen könnte. Beide Geschlechter tragen Hörner. Die des Bockes sind scharf gekantet und hinten stumpf zugespitzt, stehen gewöhnlich wagrecht vom Kopfe ab und bilden eine weite, doppelte Schraubenwindung, deren Spitze sich nach aufwärts richtet. Das Weibchen trägt kleinere, schwächere, einfach gebogene, runde Hörner. Nur das Gesicht, die Ohren und der unterste Teil der Beine sind mit kurzen, glatt anliegenden Haaren bedeckt; der übrige Körper trägt eine überaus reichliche, dichte, feine, weiche, seidenartig glänzende, lockig gekräuselte Behaarung von meist gleichmäßiger weißer Farbe. Selten zeigen sich auf dem weißen Grunde dunkle Flecken. Im Sommer fällt das Vlies in großen Flocken aus, wächst aber sehr rasch nach. Französische Züchter fanden, daß ein Vlies zwischen 1,25 und 2,5 kg wiegt.

Ihren Namen trägt diese Ziegenrasse nach der kleinen Stadt Angora im türkischen Paschalik Anadoli in Kleinasien, der schon im Altertum hochberühmten Stadt Ankyra. Ihre Heimatsgegend ist trocken und heiß im Sommer, jedoch sehr kalt im Winter, obwohl dieser nur 3-4 Monate dauert. Erst wenn es keine Nahrung mehr auf den Bergen gibt, bringt man die Ziegen in schlechte Ställe; das ganze übrige Jahr müssen sie auf der Weide verweilen. Sie sind höchst empfindlich, obwohl die schlechte Behandlung nicht dazu beiträgt, sie zu verweichlichen. Reine, trockene Luft ist zu ihrem Gedeihen eine unumgänglich notwendige Bedingung. Während der heißen Jahreszeit wäscht und kämmt man das Vlies allmonatlich mehrere Male, um seine Schönheit zu erhalten. Die Zahl der in Anatolien gehaltenen Angoraziegen wird auf eine halbe Million geschätzt. Auf einen Bock kommen etwa 100 Ziegen und darüber. Angora allein liefert fast 1 Million kg Wolle, die einem Wert von 3,8 Millionen Mark entsprechen. Ein Teil davon wird im Lande selbst zur Herstellung starker Stoffe für die Männer und feinerer für die Frauen, sowie auch zu Strümpfen und Handschuhen verarbeitet, alles übrige geht nach England. Man hat beobachtet, daß die Feinheit des Mohairs, wie man diese Art Wolle bezeichnet, mit dem Alter seiner Erzeuger abnimmt.

Die erste Notiz, die auf Angoraziegen deutet, findet sich bei dem Venezianer Barbaro, der 1471 diese Ziegen bei Sert östlich von Diarbekr in Kleinasien antraf. Dort benutzte man deren Haare zur Verfertigung eines feinen Wolltuchs, des Camelots, dessen Name andeutet, daß es ursprünglich aus Kamelwolle hergestellt wurde. Dann hat Bellon um 1580 diese weiße Wollziege in der Nähe von Konia, dem alten Iconium, gesehen und erzählt 1589 in seinem in Antwerpen erschienenen lateinischen Werke, daß sie noch nicht geschoren, sondern nach dem älteren Verfahren gerupft werde. 1598 sah sie der deutsche Harant auf Zypern und sagt, daß es damals schon welche in Böhmen gab. Es scheinen dies nach Ed. Hahn die 1575 nach Wien gekommenen „Schafe von Anguri“ gewesen zu sein, deren Zucht dann in den Kriegswirren des folgenden Jahrhunderts unterging. Im 18. Jahrhundert hat sie dann ein Mitglied der fürstlichen Familie von Lichtenstein wieder eingeführt. 1725 hatten die Holländer sie am Kap der Guten Hoffnung zu akklimatisieren versucht; 1740 hatte man sie in Schweden, 1771 in der Pfalz und 1788 in Holland, England, Venezien usw. Zu derselben Zeit bemühte sich Buffon um ihre Einführung in Frankreich, und in Südrußland waren sie damals nach Pallas sogar sehr häufig. Aber alle diese Kulturen verschwanden später wieder spurlos, teils durch Entartung der Zuchttiere, teils aber auch weil die technische Verwendbarkeit der Haare nicht den hohen auf sie gestellten Erwartungen entsprach.

Weniger edle Zuchten der Angoraziege als im trockenen Hochland findet man an anderen Orten Kleinasiens bis in die Tartarei. Deren ebenfalls feines, langes Haar wird regelmäßig geschoren und hauptsächlich nach Konstantinopel ausgeführt und in europäischen Fabriken verwoben. Eine Abart davon wird in Persien von den dort häufig gehaltenen großen, schwarzen oder gefleckten Ziegen gewonnen, deren Wolle regelmäßig geschoren und zu Teppichen verarbeitet wird. Die Bergvölker verwenden zur Bereitung der von ihren Frauen gewebten Teppiche das Haar der sogenannten ~Murgüsziege~. In ganz Innerasien wird, wie oben gesagt, die Kaschmirziege gehalten, deren langes Haar dort einen wichtigen Handelsartikel bildet. In Tibet und in der Mongolei dient das Tier auch als Transportmittel, indem man die Herden, mit Salz oder einem andern Handelsartikel beladen, langsam weitertreibt. Nach Norden hin verschwindet es und bildet bei den russischen Bauern in Sibirien nur eine untergeordnete Rolle, ist dagegen in den Kaukasusländern stark verbreitet. Seit dem Ende der 1880er Jahre gelangen als „japanische Ziegenfelle“ ziemlich große Felle der langhaarigen ~Mongolenziege~ über China zu uns.

Wie in Afrika ist die Ziege auch in Südasien ein wichtiges Haustier. In manchen Gegenden Ostindiens, wie besonders an der Malabarküste und bei den Malaien der Sundainseln, trifft man eine eigentümliche Ziegenrasse mit schafartigem Kopf, die von allen übrigen Rassen abweicht. Diese hat jedenfalls ziemlich viel Blut vom ~Tahr~ (Hemitragus jemlaicus) in sich, einer stattlichen, im Äußeren der echten Ziege sehr ähnlichen Halbziege, die im Himalaja in Höhen von 2000-2300 m lebt, aber in einer Abart auch auf den Blauen Bergen vorkommt. Dieses die hochgelegenen Bergwälder seiner Heimat bewohnende Tier erreicht eine Schulterhöhe von 0,9-1,0 m und eine Körperlänge von 1,45 m. Es hat einen langen Kopf mit schmalem, geradem Gesicht und schwach quergerunzelte, stark zusammengedrückte 0,3-0,38 m lange Hörner, die sich von der Wurzel an auseinander und stark nach rückwärts krümmen, an der Spitze jedoch einander etwas nähern. Es ist am Kopfe kürzer, am Körper länger behaart und trägt als alter Bock eine zottige Halsmähne. Die dunkelbraune Färbung geht im Gesicht und an der Vorderseite der Gliedmaßen fast in Schwarz über, auch läuft ein dunkles Längsband über den Rücken. Junge Tiere sind graubraun. Gleich den echten Ziegen bildet auch der Tahr Herden, in denen sich die im Winter paarenden Tiere, deren Weibchen im Juni oder Juli in der Regel je ein Junges werfen, den größten Teil des Jahres über nach den Geschlechtern getrennt halten. Da er sich leicht mit der Hausziege paart und, wie mehrfache Versuche ergaben, unschwer zu zähmen ist, ist das Auftreten von Bastarden, die zu neuer Rassenbildung führten, durchaus verständlich. Ein solches Produkt ist die von Ostindien bis Celebes gehaltene ~Malaienziege~, ein hochbeiniges Tier mit entschieden schafartigem Kopf, breiten, hängenden Ohren und einem mäßig langen, im Bogen sich nach hinten wendenden, auffallend dicken Gehörn mit gerundeten Kanten. Die Querwülste der Hornscheiden erscheinen regelmäßig, breit und niedrig. Der wie derjenige des Tahr dunkelbraune, kurzbehaarte Kopf mit schwarzer Stirnbinde und kastanienbraunen, schwarz eingefaßten Ohren trägt lichtgelbbraune Augen, während der Leib schwarz oder schiefergrau gefärbt und bald kurz, bald lang und zottig behaart ist. Derselben Rasse gehört offenbar auch die ~kreuzhörnige Ziege~ von Tibet an, bei welcher sich die Hornspitzen nach innen wenden.

Amerika hat seine Ziegen durch die Europäer erhalten, und zwar waren Spanier und Portugiesen, dann Engländer und Franzosen an deren Import beteiligt. Erstere haben sie aus ihrer Heimat nach Südamerika, letztere dagegen nach Nordamerika gebracht. Nach Garcilasso kamen sie bereits 1544 nach Peru. Bedeutend früher waren sie in Mexiko eingeführt, das heute besonders in den nördlichen Staaten Ziegen in großer Zahl züchtet, um deren an der Luft getrocknetes Fleisch und Felle in den Handel zu bringen. In den Vereinigten Staaten ist die Ziegenzucht beschränkt, doch hat sich neuerdings in Kalifornien die Angorazucht eingebürgert. Auf den Antillen wird neben der von den Spaniern importierten gemeinen Hausziege auch die von den Negersklaven aus Westafrika mitgebrachte Zwergziege, die dem Tropenklima gut angepaßt ist, gehalten. Ebenso ist es in Brasilien, wo die Zwergziege, wie ihre westafrikanische Stammutter, kurzgehörnt ist und glatt anliegendes gelbrotes Haar besitzt mit einem über den Rücken verlaufenden schwarzen Streifen. Peru hat auffallenderweise heute nur wenig Ziegen, dagegen sind sie in den gebirgigen Teilen Chiles und Argentiniens zahlreich und hat dort die Verwertung von deren Fleisch und Fellen einen ziemlichen Umfang angenommen.

Australien hat sein Ziegenmaterial erst zu Ende des 18. Jahrhunderts, um 1788, zuerst aus Europa, dann aus Südasien erhalten; neuerdings hat man dort auch Versuche mit der Einbürgerung der Kaschmir- und Angoraziege gemacht, die im gebirgigen Südwesten von Erfolg begleitet waren. Sehr gut eingelebt hat sich die Angoraziege in Neuseeland, deren Bergweiden ihr vortrefflich zusagen. In den letzten Jahren hat sich der Export ihrer Wolle aus jenem Lande bedeutend gehoben.

Da sich die Ziege gegenüber dem Schaf durch größere Selbständigkeit auszeichnet, ist es erklärlich, daß sie sich gern selbständig macht und dann verwildert. Als geschickt kletterndes Gebirgstier weiß sie sich dabei geschickt den Verfolgungen von seiten des Menschen zu entziehen. So gab es schon im Altertum wie heute noch verschiedene schwach oder gar nicht von Menschen bewohnte Inseln im Mittelmeer und im Persischen Meerbusen, ebenso manche Gebirgsgegenden des Festlandes, die von solchen verwilderten Ziegen bewohnt waren. So spricht Varro von wilden Ziegen der Insel Samothrake, wie auch von den Gebirgen von Fiscellum und Tetrica in Italien, die zweifellos nur verwilderte Hausziegen und keine wildlebenden Bezoarziegen waren. Verschiedene der ägäischen Inseln und der Italien umsäumenden Eilande bargen schon im Altertum solche verwilderte Ziegen; von andern, die ihren Namen davon erhielten, wie Capreae (das heutige Capri) und Capraria (das heutige Capreja bei Sardinien), sind sie heute verschwunden. Auch die von Garibaldi nach seiner Internierung 1867 zurückgelassenen Ziegen traf Heinrich v. Maltzan schon nach kurzer Zeit verwildert. Die meisten wilden Ziegen von allen Mittelmeerinseln hat die nicht beständig von Menschen bewohnte kleine Insel Tavolara bei Sardinien, auf der nach Cetti bei Jagden im 18. Jahrhundert bis 500 Stück erlegt wurden. Auch in Irland und Wales verwilderten in manchen Gebirgsgegenden Ziegen, die dann in wenigen Generationen viel größere Hörner als ihre zahmen Ahnen erhielten.

Von den afrikanischen Inseln sind eine ganze Reihe mit verwilderten Ziegen besetzt. Die ältesten sind wohl diejenigen von Teneriffe, wo sie die Flanken des Vulkanberges bewohnen und die dunkelbraune Farbe des dortigen Gesteins angenommen haben. Von Fuerteventura, einer andern der Kanaren, erwähnt sie J. v. Minutoli. Älteren Datums sind auch die verwilderten Ziegen der Kapverden, die schon im Jahre 1576 sehr zahlreich waren. Der Naturforscher der Challengerexpedition, Moseley, traf sie auf St. Vincent; auch dort hatten sie die Farbe des umgebenden Gesteins angenommen und waren rotbraun geworden. Bald nach der Entdeckung setzten Portugiesen -- vielleicht 1509 Fernan Lopez -- Ziegen auf St. Helena aus, wo sie sich sehr rasch vermehrten, so daß ein Einsiedler im 16. Jahrhundert deren jährlich etwa 500 schoß, um von ihrem Fleisch zu leben, während er die Felle an ankehrende Segler verkaufte. Thomas Herbert erzählt 1627, daß sie durch die beständigen Nachstellungen von seiten des Menschen ungemein scheu und vorsichtig geworden waren und, wie ihre wilden Vorfahren, Wachen ausstellten. Zweifellos haben sie neben den verwilderten Schweinen das meiste dazu beigetragen, nachdem diese Insel des einst sie bedeckenden Waldes vom Menschen beraubt war, durch beständiges Abnagen der Knospen und jungen Triebe den jungen Nachwuchs zu zerstören, so daß kein Baumwuchs mehr aufkam und das Eiland zu dem öden Felsen wurde, als der er uns heute entgegentritt. Auch Tristan da Cunha, Inaccessible, Mauritius, Réunion (schon 1691 bei der Anwesenheit Leguats), die kleine verlassene Inselgruppe Amsterdam und St. Paul, wie auch Sokotra bergen in den Gebirgen des Innern verwilderte Ziegen, die vollkommene Wildfärbung mit Ausmerzung aller hellen Töne angenommen haben. Gleicherweise gibt es in der Inselwelt der Südsee da und dort verwilderte Ziegen, so u. a. am Mauna Loa auf Hawaii, noch von Vancouver herrührend. Besonders bekannt sind die verwilderten Ziegen auf der Insel Juan Fernandez durch Defoes Robinson geworden. Diese waren von Juan Fernandez selbst bei der Entdeckung der Insel im Jahre 1563 ausgesetzt worden. Durch diese Wildziegen bot die Insel in der Folge allen möglichen Piraten- und Kaperschiffen eine bequeme Ruhe- und Verproviantierungsstation; so haben sie auch dem Urrobinson Alexander Selkirk, dem Seefahrer Dampier und andern Fleisch geliefert. Im 17. Jahrhundert sollen französische Seeräuber dort sogar einen regelrechten Herdenbetrieb eingerichtet haben. Um den Piraten diese angenehme Fleischversorgung abzuschneiden, setzte die spanische Regierung 1675 Hunde auf der Insel aus, die sich aber nicht bewährten; denn die Ziegen flüchteten sich in die unzugänglichsten Teile der Insel, wohin ihnen die Hunde nicht folgen konnten. Als dann die Hunde durch Nahrungsmangel umgekommen waren, vermehrten sich die Ziegen wieder ungestört. Sie sollen lange, weiche Haare besitzen. Auch auf der Schwesterinsel Masa fuera gibt es verwilderte Ziegen. Auf den Galapagos sind sie, durch die dort vorhandenen wilden Hunde beschränkt, nur gering an Zahl. Auf den Falklandsinseln, wo es wilde Pferde und wilde Rinder gibt, die aus einer von Argentinien ausgesandten verunglückten Kolonisation hervorgingen, fehlen wilde Ziegen, da die Spanier bei der Besiedelung der Insel offenbar keine solchen mitgebracht hatten.

Da die Ziege durch ihre besondere Neigung zu Knospen und jungen Trieben von Holzgewächsen überall dem Waldnachwuchse verhängnisvoll wird, sah sich schon 1567 das Parlament von Grenoble gezwungen, in einem großen Bezirk der Dauphinée das Halten der Ziegen ganz zu verbieten. Doch war diese Maßregel undurchführbar, da die Leute dort eben einfach nicht ohne die Ziege und deren Milch leben können. So ging die Waldzerstörung ruhig weiter, bis die ganze Gegend zu jener kahlen, alles Kulturlandes baren Felswildnis wurde, die zu verhängnisvollen Überschwemmungen und Murbrüchen Veranlassung gab. Auch in Italien, Istrien, Griechenland, Kreta, Zypern, Kleinasien und Syrien, die einst reichbewaldete Gebiete waren, ist der Baumwuchs durch die Sorglosigkeit des Menschen verschwunden. Und wenn auch da, wo infolgedessen der Humus nicht weggeschwemmt wurde, neuer Wald wachsen könnte, kommt er überall dort nicht auf, wo die Ziegen weiden und die jungen Baumpflanzen zugrunde richten.

Außer den drei genannten ist keine der andern, übrigens auf die gebirgigen Gegenden der Alten Welt beschränkten Wildziegen gezähmt und in den Dienst des Menschen gestellt worden. Einzig der ~Steinbock~ (Capra ibex), der in unsern Alpen auszusterben droht, ist mit der Hausziege gekreuzt worden, um sein Dahinschwinden aufzuhalten. Alle Steinbockarten der europäischen wie der asiatischen Gebirge haben als echte Hochgebirgstiere ihren Ausgang von Hochasien genommen, wo der ~sibirische Steinbock~ (Capra sibirica) der Stammform wohl am nächsten steht. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich über das sämtliche Hochgebirge Zentralasiens von Sibirien bis zum Himalaja. Das Steinwild bildet Rudel von verschiedener Stärke, zu denen sich die alten Böcke nur während der Paarungszeit gesellen, während sie den übrigen Teil des Jahres ein einsiedlerisches Leben führen. Die Ziegen und Jungen leben zu allen Jahreszeiten in einem niedrigeren Gürtel als die Böcke, bei denen der Trieb nach der Höhe so ausgeprägt ist, daß sie nur Nahrungsmangel und grimmige Kälte zwingen kann, tiefer herabzusteigen. Mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und geradezu unverständlicher Sicherheit klettern sie über die steilen Felswände und springen über tiefe Abgründe von einer Klippe zur andern.

Früher, als es noch Steinböcke in unsern Alpen gab, paarten sie sich nicht selten freiwillig mit den auf den Alpenweiden grasenden Hausziegen. Die so erzielten Bastarde werden bald äußerst wilde, zudringliche Tiere, die dem Menschen keine Ruhe lassen, bis er sich ihrer auf irgend welche Weise entledigt. Aber selbst das Aussetzen dieser starken Tiere hat seine großen Schwierigkeiten. Echte Alpensteinböcke gibt es nur noch in einem vom Könige von Italien gehegten savoyischen Revier zwischen Monte Rosa und Mont Blanc. Nach den Kulturüberresten der Pfahlbauzeit lebte er damals noch in den Voralpen. Zur Römerzeit konnten noch hundert und mehr auf einmal für die Kampfspiele der Arena lebendig gefangen werden. So berichtet Julius Capitolinus, daß Kaiser Gordian im Jahre 242 für die Jagdspiele 200 Steinböcke (ibex) aus den Alpen nach Rom schaffte, und bei Flavius Vopiscus lesen wir, daß Kaiser Probus (reg. 276-282) zu den Jagdspielen zahlreiche Steinböcke nach Italiens Hauptstadt befördern ließ. Durch die rücksichtslose Jagd seit Erfindung der weitreichenden Schießgewehre ist dieses edle Wild heute fast überall ausgerottet worden. Seit hundert Jahren ist es in der Schweiz erloschen; in Salzburg und Tirol verschwand es noch ein Jahrhundert früher.

IV. Das Schaf.

Wohl bald nach der Ziege trat das ~Schaf~ in den Haustierstand des Menschen ein, überflügelte dann aber im Laufe der Zeit jene an wirtschaftlicher Bedeutung weit. Vielerorts ist es dem Gebirge, in dem seine Ahnen einst heimisch waren, getreu geblieben und erscheint dort meist in Gesellschaft der Ziege. Daneben hat es in der Gefolgschaft des Menschen in ungeheuren Scharen die trockenen Steppengebiete vornehmlich der Alten Welt bevölkert und ist hier zu einem eminenten Faktor im Haushalte des Menschen geworden, von dem sein Dasein in vielen Fällen geradezu abhängt. Daß der Erwerb dieses überaus genügsamen Haustieres schon in recht früher Vorzeit stattgefunden haben muß, dafür sprechen außer der weiten geographischen Verbreitung zu Beginn der historischen Periode die Spaltung in zahlreiche, stark voneinander abweichende Rassen und vor allem die völlige Umgestaltung des geistigen Charakters, die durch Vererbung so sehr gefestigt ist, daß keinerlei Rückschlag in die psychische Regsamkeit der wilden Ahnen möglich erscheint. So sehr hat es infolge der vielhundertjährigen Bevormundung durch den Menschen im Gegensatz zur Ziege alle eigene Initiative eingebüßt, daß es sein willenloses Werkzeug geworden ist. Wir begreifen daher, wenn Brehm seinen Charakter in folgender Weise schildert: „Das Hausschaf ist ein ruhiges, geduldiges, sanftmütiges, einfältiges, knechtisches, willenloses, furchtsames und feiges, kurzum ein langweiliges Geschöpf. Besondere Eigenschaften vermag man ihm kaum zuzusprechen; einen Charakter hat es nicht. Es begreift und lernt nichts, weiß sich deshalb auch allein nicht zu helfen. Nähme es der eigennützige Mensch nicht unter seinen ganz besonderen Schutz, es würde in kürzester Zeit aufhören zu sein. Seine Furchtsamkeit ist lächerlich, seine Feigheit erbärmlich. Jedes unbekannte Geräusch macht die ganze Herde stutzig, Blitz und Donner, Sturm und Unwetter überhaupt bringen sie gänzlich aus der Fassung und vereiteln nicht selten die größten Anstrengungen des Menschen.“

In den Steppen von Rußland und Asien haben die Hirten oft viel zu leiden. Bei Schneegestöber und Sturm zerstreuen sich die Herden, rennen wie unsinnig in die Steppe hinaus, stürzen sich in Gewässer, selbst in das Meer, bleiben dumm an einer und derselben Stelle stehen, lassen sich widerstandslos einschneien und erfrieren, ohne daß sie daran dächten, irgendwie vor dem Wetter sich zu sichern oder auch nur nach Nahrung umherzuspähen. Zuweilen gehen Tausende an einem Tage zugrunde. Auch in Rußland benutzt man die Ziege, um die Schafe zu führen; allein selbst sie ist nicht immer imstande, dem dummen Tiere die nötige Leitung angedeihen zu lassen. Beim Gewitter drängen sie sich dicht zusammen und sind nicht von der Stelle zu bringen. „Schlägt der Blitz in den Klumpen,“ sagt Lenz, „so werden gleich viele getötet; kommt Feuer im Stalle aus, so laufen die Schafe nicht hinaus und rennen wohl gar ins Feuer. Ich habe einmal einen großen, abgebrannten Stall voll von gebratenen Schafen gesehen; man hatte trotz aller Mühe nur wenige retten können.“ Das beste Mittel, Schafe aus ihrem brennenden Stalle zu retten, bleibt immer, sie durch die ihnen bekannten Schäferhunde herausjagen zu lassen.

In gewissem Grade bekundet freilich auch das Schaf geistige Befähigung. Es lernt seinen Pfleger kennen, folgt seinem Rufe und zeigt sich einigermaßen gehorsam gegen ihn, scheint Sinn für Musik zu haben, hört mindestens aufmerksam dem Gedudel des Hirten zu, empfindet und merkt auch Veränderungen der Witterung vorher. Diese Unselbständigkeit des Schafes hat auch zur Folge, daß es niemals, sich selbst überlassen, wie die Ziege verwildert, sondern stets hilflos zugrunde geht. Seine grenzenlose Dummheit trug auch schuld daran, daß früher, solange es auch bei uns welche gab, Wölfe so schlimm unter diesen Tieren hausten, wenn sie einmal eine Schafherde überfielen oder die Hürden durchbrachen. Diesen Stumpfsinn muß es schon vor 2000 Jahren besessen haben; denn Plinius sagt in seiner Naturgeschichte: „Das Schafvieh ist ausgezeichnet dumm. Scheut sich die Herde irgendwohin zu gehen, so braucht man nur eins am Horne hinzuziehen, so folgen die andern alsbald nach.“

Das Schaf liebt trockene und hochgelegene Gegenden mehr als niedere und feuchte. Am besten gedeiht es, wenn es verschiedenerlei getrocknete Pflanzen haben kann. Getreidefütterung macht es zu fett und schadet der Güte der Wolle. Salz liebt es sehr, und frisches Trinkwasser ist ihm ein unentbehrliches Bedürfnis. Die alten Römer ließen ihre Schafe zwischen Mai und Juni zur Paarung; in unsern nördlicheren Breiten geschieht dies von September bis Oktober. Dann werden die Lämmer, weil das Schaf 144-150 Tage trächtig geht, in der zweiten Hälfte des Februar geworfen und bekommen bald gutes, frisches Futter. Gewöhnlich bringt das Mutterschaf nur ein einziges Lamm zur Welt; zwei Junge sind schon ziemlich, drei sehr selten. Anfangs müssen die kleinen Tiere sorgfältig gegen Witterungseinflüsse geschützt werden, später dürfen sie mit auf die Weide gehen. Im ersten Lebensmonat brechen die Milchzähne durch, im sechsten Monat stellt sich der erste bleibende Backenzahn ein, im zweiten Lebensjahre fallen die beiden Milchschneidezähne aus und werden durch bleibende ersetzt; erst im fünften Jahre werden die vorderen Milchbackenzähne gewechselt und ist damit das Zahnen beendet. Das Schaf kann 14 Jahre alt werden, doch fallen ihm schon im 9. oder 10. Jahre die meisten Zähne aus, wodurch es unbrauchbar wird, weshalb es dann so rasch als möglich gemästet und geschlachtet werden muß. Alle Schafrassen lassen sich leicht untereinander kreuzen und pflanzen sich ohne Schwierigkeit fort; deshalb läßt sich das Schaf leicht veredeln. Es ist Wollieferant, aber auch hervorragendes Fleischtier geworden, selbst als Milchtier hat es an manchen Orten eine gewisse Bedeutung erlangt; daneben wird es auch zum Tragen von Lasten benutzt. In einzelnen Kulturkreisen, besonders da, wo eine Abneigung gegen das Schwein vorhanden ist, wird es speziell auf Fett gezüchtet. In diese letzte Kategorie gehören die bei allen Nomaden Asiens und Afrikas so beliebten Fettschwanz- und Fettsteißschafe.

Erst neuerdings ist einige Klarheit in die Herkunft der verschiedenen Schafrassen gekommen, die aus vier Quellen, nämlich einer nordostafrikanischen, einer westasiatischen, einer zentralasiatischen und einer südeuropäischen hervorgingen. Der Bildungsherd der ganzen Schafgruppe, die sich in geologisch gesprochen erst neuerer Zeit vom Stamme der Antilopen abzweigte, liegt offenbar in Asien, von wo sich die einzelnen Glieder über die gebirgigen Teile von Asien, Europa und das westliche Nordamerika verbreiteten. Alle Wildschafe sind echte Gebirgstiere, die sich nur in bedeutenden Höhen wohlzufühlen scheinen und teilweise über die Schneegrenze emporsteigen. Als solche sind sie geistig begabt, sie schätzen die Gefahr ab und verteidigen sich mit Mut. Die meisten derselben lassen sich, jung eingefangen, ohne Mühe zähmen und behalten ihre Munterkeit wenigstens durch einige Geschlechter bei, pflanzen sich auch regelmäßig in der Gefangenschaft fort. An Leute, die sich viel mit ihnen abgeben, schließen sie sich innig an, folgen ihrem Rufe, nehmen gern Liebkosungen an und können einen so hohen Grad von Zähmung erlangen, daß sie mit andern Haustieren auf die Weide gesandt werden dürfen, ohne solch günstige Gelegenheit zur Erlangung ihrer Freiheit zu benützen. Ihr Haarkleid ist ein nicht sehr langes, etwas grobes Grannenhaar, unter welchem im Herbst zum Schutze gegen die Kälte ein Wollkleid hervorsproßt, das im Frühjahr in Fetzen und Flocken abgelöst und durch Schütteln des Tieres entfernt wird. Unter dem Einfluß der künstlichen Züchtung hat sich bei den Hausschafen ein dauerndes, vliesartiges Wollkleid entwickelt, das den Wildschafen, aber auch gelegentlich zahmen Schafen fehlt. Ihr Schädel erscheint an der Stirn abgeflacht und trägt ein im Querschnitt dreikantiges Gehörn, das spiralig verläuft und bei den Böcken stark, bei den Weibchen nur schwach oder gar nicht ausgebildet ist. Das Euter der letzteren ist vierzitzig.

In Mitteleuropa erscheint das Hausschaf bereits in neolithischer Zeit, und zwar in einer merkwürdig kleinen Art, mit einer Schädelbildung und Hörnern, die mehr ziegenartig sind und an unsere heutigen Halbschafe erinnern. Es ist dies das ~Torfschaf~ (Ovis aries palustris), nach dem Finden seiner Überreste in den meist in vertorftes Gelände eingebetteten Pfahlbauüberresten so genannt. Schon L. Rütimeyer fiel es auf, daß seine Reste in den ältesten Pfahlbauten noch spärlich sind und erst später häufiger werden. Diese Tatsache konnte Th. Studer bestätigen. Erst mit der Bronzeperiode macht sich ein entschiedener Aufschwung der Schafzucht bemerkbar, indem damals zum erstenmal statt der althergebrachten Fell- und Pelzkleidung leichtere und angenehmer zu tragende Wollkleider bei den Bewohnern Mitteleuropas aufkamen, unter denen man allerdings ein grobgewebtes leinenes Hemd zu tragen pflegte.

Das Torfschaf der Neolithiker Mitteleuropas war ein kleines, fast zwergartiges Schaf mit feinen, schlanken Extremitäten, langgestrecktem, schmalem Schädel, wenig gewölbter Stirnfläche und zweikantigen ziegenartigen Hörnchen. Die Augenhöhlen traten verhältnismäßig wenig vor. Im Jahre 1862 machte dann L. Rütimeyer die überraschende Tatsache bekannt, daß das Torfschaf der Pfahlbauern noch nicht ganz erloschen sei, sondern in einem direkten und nur wenig abgeänderten, aber jetzt im Aussterben begriffenen Abkömmling in dem ~Bündner~- oder ~Nalpserschaf~ weiterlebe. In dem vom Weltverkehr abgelegenen Bündner Oberlande hat sich dieses lebende Überbleibsel der schon längst abgelaufenen Pfahlbauzeit, nebst den Nachkommen des sonst überall verschwundenen Torfschweines der Neolithiker, bis auf unsere Tage erhalten. Die osteologische Übereinstimmung der Schädel beider Schafarten ist in der Tat eine höchst frappante. Die wichtigsten, wohl durch Domestikationsveränderungen zu erklärenden Abweichungen bestehen in einer ziemlich deutlichen Wölbung der Stirn und in einem weniger steilen Abfall des Hinterhauptes. Die knöchernen Hornzapfen sind bei beiden identisch, doch scheint das darauf gewachsene Gehörn beim Nalpserschaf etwas kleiner geworden zu sein. Die Ohren sind bei letzterem abstehend, verhältnismäßig klein, aber sehr beweglich. Das Wollkleid ist dicht, aber wenig lang, so daß der Wollertrag ungünstig ausfällt. Die vorherrschende Färbung desselben ist silbergrau, eisengrau, dunkelbraun bis ganz schwarz. Dunkle Exemplare haben häufig einen weißen Kopfstern und weiße Abzeichen an Schwanz und Füßen.

Der durch fortgesetzte planmäßige Zuchtwahl bei den übrigen moderneren Schafrassen erzielte Leucismus ist also bei diesem noch nicht erreicht worden. Das durchschnittliche Lebendgewicht desselben beträgt 28 kg. Der geistige Charakter der Tiere nähert sich als überaus altertümliches Merkmal demjenigen der Ziege. An Lebhaftigkeit in den Bewegungen, an Zutraulichkeit und natürlicher Intelligenz übertrifft diese Rasse alle andern Schafrassen. Während Rütimeyer noch Herden derselben aus den Nalpser Alpen erwähnt, hatte C. Keller 40 Jahre später (im Sommer 1900) Mühe, in Disentis noch ein gutes Exemplar reiner Rasse aufzutreiben. Am meisten soll diese Rasse zurzeit noch in den Vriner Alpen angetroffen werden, geht aber auch dort ein, da sie nach den Mitteilungen des bündnerischen Alpinspektors Solèr in Vrin gegenwärtig stark mit Walliserschafen gekreuzt wird. Nur wenige Ställe wiesen 1902 noch reines Blut auf. Keller hat damals noch eine kleine Kolonie reinrassiger Tiere beziehen können, die gegenwärtig im Tierpark des Sihlwaldes bei Zürich angesiedelt sind. Eine zweite Kolonie dieser letzten Mohikaner hat man in Flims untergebracht, um auch in Bünden noch eine Zuchtfamilie zu erhalten. Übrigens sollen auch einzelne primitive Schafrassen Irlands Zusammenhänge mit dem alten Torfschaf aufweisen. Auch wäre es möglich, in den abgelegenen Bergen Albaniens noch Überreste dieser sonst überall als an Wolle quantitativ und qualitativ minderwertigen und deshalb abgeschafften Schafrasse zu finden, worauf hiermit etwaige Reisende aufmerksam gemacht werden sollen.

Schon Rütimeyer hatte die Abstammung des Torfschafes vom nordafrikanischen ~Mähnenschaf~ (Ovis tragelaphus) vermutet, aber sein Material war noch zu dürftig, um diesen Beweis zu erbringen. Namentlich fehlten ihm die vermittelnden Glieder, die nun der Züricher Zoologe Prof. Konrad Keller so glücklich war, aufzufinden. Wir wissen nun, daß tatsächlich das Mähnenschaf der wichtigste Stammvater des neolithischen Torfschafes ist. Es verdient daher hier an erster Stelle besprochen zu werden. Es ist das äußerlich ziegenähnlichste Wildschaf, das über das ganze nordafrikanische Gebirge verbreitet zu sein scheint. Es ist ein stattliches Tier von oft über 90 cm Schulterhöhe und mit trefflicher Schutzfärbung den gelblichen Kalkfelsen seiner Heimatberge angepaßt. Es hält sich hier immer an der der Wüste zugewandten Seite auf. Mehrere Tage kommt es ohne Wasser aus. Da es aber schließlich gezwungen ist, von Zeit zu Zeit zur Tränke zu gehen, alle Tränken jedoch von den Beduinen mit ihren Ziegenherden in Anspruch genommen werden, hat es, um zum Ziele zu kommen, die Kunst des Versteckens in ungewöhnlichem Grade ausgebildet. Die arabischen Beduinen, die es oft genug hören, ohne es zu sehen, nennen es Arni, wir dagegen gaben ihm den Namen Mähnenschaf, weil das sonst kurze, graugelbe, bei alten Böcken dunklere, schwärzlich gesprenkelte Fell vom Kinne ab sich zu einer im männlichen Geschlecht schließlich bis zur Erde herabwallenden, im weiblichen dagegen nur schwach ausgebildeten Vorderhalsmähne entwickelt. Verlängerte Haarbüschel hängen auch an den Vorderläufen vom Ellbogen herab. Daher der französische Name mouflon à manchettes. Die meisten von uns kennen dieses Tier aus den zoologischen Gärten, in denen es sich gut halten läßt und leicht fortpflanzt! Nicht nur das geradlinige Profil, das dunkelgefärbte, verhältnismäßig hochstrebende Gehörn und der gerade ausgestreckte, flache, unterseits nackte, oben büschelförmig behaarte Schwanz geben ihm, besonders im weiblichen Geschlecht, etwas Ziegenartiges, sondern es fehlen ihm auch wie bei diesen im Gegensatz zu den übrigen Schafen Tränengruben und Tränendrüsen.

Bereits im Jahre 1561 beschrieb Cajus Britannicus das Mähnenschaf, dessen Fell ihm aus Mauretanien gebracht worden war. Erst im 19. Jahrhundert erwähnten es wieder Pennaut und später Geoffroy. Letzterer fand es in der Nähe von Kairo im Gebirge auf; andere Forscher beobachteten es am oberen Nil und in Abessinien. Am häufigsten scheint es noch im Atlas aufzutreten. Der Franzose Buvey schreibt über dieses Tier: „Das Mähnenschaf wird im südlichen Algerien von den Einheimischen im allgemeinen Arni genannt. Unzweifelhaft wird es in den höheren Teilen des Gebirges, im marokkanischen Atlas, noch häufiger sein als in Algerien, da Abgeschiedenheit vom menschlichen Verkehr, welche jenen Teil des Gebirges auszeichnet, einem Wiederkäuer nur zusagen kann.

Das Mähnenschaf liebt die höchsten Felsengrate der Gebirge, zu denen man bloß durch ein Wirrsal zerklüfteter Stein- und Geröllmassen gelangen kann; deshalb ist seine Jagd eine höchst mühselige, ja oft gefährliche. Dazu kommt, daß sie nicht viel Gewinn verspricht; denn es lebt meist einzeln, und nur zur Paarungszeit, welche in den November fällt, sammeln sich mehrere Schafe und dann auch die Böcke, halten einige Zeit zusammen und gehen hierauf wieder auseinander ihres Weges. Die Araber sind große Liebhaber des Fleisches dieser Wildschafe. Das Fleisch steht dem des Hirsches sehr nahe. Aus den Fellen bereiten die Araber Fußdecken; die Haut wird hier und da gegerbt und zu Saffian verwendet.

Obwohl das Mähnenschaf zu den selteneren Tieren gezählt werden muß, wird es doch manchmal jung von den Gebirgsbewohnern in Schlingen gefangen und dann gewöhnlich gegen eine geringe Summe an die Befehlshaber der zunächstliegenden Militärstationen abgegeben. Im Garten des Gesellschaftshauses zu Biskra befand sich ein solches junges Tier, das an einer 5 m hohen Mauer, der Umzäunung seines Aufenthaltsortes, mit wenigen, fast senkrechten Sätzen emporsprang, als ob es auf ebener Erde dahinliefe, und sich dann auf dem kaum handbreiten First so sicher hielt, daß man glauben mußte, es sei völlig vertraut da oben.“

Irgendwo in Oberägypten muß in frühneolithischer Zeit dieses Mähnenschaf gezähmt und in den Haustierstand erhoben worden sein. Eine Schieferplatte des Museums von Gizeh aus der vorägyptischen Negadazeit aus der Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends zeigt neben Rind und Esel starkgehörnte Hausschafe, die nach Keller wegen der noch vorhandenen Halsmähne ihrer Herkunft nach direkt auf das Mähnenschaf zurückweisen. Dieses Hausschaf der Negadazeit leitet direkt zum ältesten Hausschaf der Ägypter des Alten Reiches (2980 bis 2475 v. Chr.) über, das auch in späterer Zeit, so in Gräbern von Beni Hassan aus der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) mehrfach abgebildet wird. Damals, zur Zeit des Mittleren Reiches (2160-1788 v. Chr.) kommen bereits drei verschiedene Schläge dieser alten Rasse nebeneinander vor. Erst im Neuen Reich (1580-1205 v. Chr.), da an die Stelle der früheren Abgeschlossenheit infolge der wiederholten Feldzüge und ausgiebiger Handelsverbindungen eine regere Fühlung mit den vorderasiatischen Kulturreichen begann, wanderte eine neue asiatische Schafrasse in Ägypten ein, die nach und nach, wohl infolge der Gewinnung von mehr und besserer Wolle, die Oberhand gewann und die älteren Schafrassen von Mähnenschafabstammung verdrängte. Die damals mit großer Kunstfertigkeit in harten Stein gehauenen Widder, die in ganzen Reihen vor den Tempeln (z. B. von Karnak bei Theben) aufgestellt wurden und von beiden Seiten die Prozessionsstraße einfaßten, sind zweifellos diesen höher gezüchteten und deshalb höher geschätzten neuen asiatischen Abkömmlingen nachgebildet.

Von Ägypten aus kam teils durch Überfälle und damit verbundenem Raub, teils durch Tauschhandel das altägyptische Schaf von Mähnenschafabstammung nach dem Innern Arabiens, wo es heute noch bei den konservativen Beduinen wenig verändert als ~Nedjeschaf~ gehalten wird, dann über Syrien und Kleinasien oder durch den regen Schiffsverkehr direkt zu den Vorläufern der Träger der alten Inselkultur des griechischen Archipels, den Mykenäern oder Minoern, die im zweiten vorchristlichen Jahrtausend eine sehr hohe, weitgehend von den Kulturen Vorderasiens und Ägyptens beeinflußte Kultur besaßen. Wir wissen heute aus verschiedenen Funden von Schafdarstellungen aus dieser mykenischen Zeit, daß die Träger der späteren Inselkultur ein dem Torfschaf der Mitteleuropäer sehr ähnliches Hausschaf mit ziegenartigem Gehörn besaßen und dieses dank ihren Handelsverbindungen sehr frühe an die verschiedenen Stämme Europas weitergaben. So ist in einer Zeit, die vielleicht vor diejenige des Alten Reiches in Ägypten fällt, das ziegenähnliche Hausschaf des Niltals bis zu den noch länger in der Steinzeit verharrenden Stämmen Mitteleuropas gelangt.

Auf einer mykenischen Elfenbeinschnitzerei, die 1879 in einem aus der Zeit jener alten Inselkultur stammenden Kuppelgrabe von Menidi in Attika gefunden wurde, sind sehr langköpfige zahme Schafe mit ziemlich langem Schwanz und ziegenartig zweikantigem, hinter dem Hals gebogenem, starkem Gehörn abgebildet, die durchaus afrikanische Mähnenschafabstammung verraten. Ganz dieselbe eigentümliche Bildung zeigen vier Schafköpfe, die in einen in Vaphio ausgegrabenen Amethyst aus mykenischer Zeit eingraviert sind. Es kann also durchaus kein Zweifel obwalten, daß die Schafrasse der Mykenäer vom Niltale, mit dem sie rege Handelsverbindungen unterhielten, stammte. Von dort gelangte diese zu den weiter nördlich wohnenden Stämmen, nachdem sie irgendwo mit Schafrassen asiatischer Abstammung gekreuzt war, was ja bei deren höherer Leistungsfähigkeit sehr nahelag.

Schon um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends wurde auch dieses Haustier neben dem andern Vieh in größeren Herden im gebirgigen Griechenland gehalten. In der Ilias spielen die Bergweiden mit den Scharen braunroter Rinder, weißer oder schwarzer Schafe und den „sich weit ausbreitenden Herden der meckernden Ziegen“ eine so wichtige Rolle, daß die Herrensöhne selbst als Oberaufseher dahin gesandt werden. Auf einer solchen Bergweide sprach Alexandros (Paris) den drei aufeinander eifersüchtigen Göttinnen das berühmte Urteil, das seinem Volke so verderblich werden sollte. In der Verkleidung eines Herrensohnes, der die Herden des Vaters beaufsichtigt, tritt Athene dem heimkehrenden Odysseus entgegen. Auf der Bergweide weidet nach dem homerischen Epos das Vieh tagsüber von bewaffneten Hirten und starken Hunden bewacht. Mit einem Stabe, den er wirft, verhindert der Hirt, daß sich die Tiere zu sehr zerstreuen. Am Abend werden die Herden in feste Pferche oder Ställe eingetrieben. Dort werden wie die Kühe und Ziegen, auch die Schafe gemolken, und in der Höhle des Zyklopen ist nach der Beschreibung des Odyssee eine regelrechte Käserei eingerichtet, in der die Milch seiner Schafe verwertet wird. Außerdem ist an den Schafen das Fleisch und vor allem die Wolle wertvoll. Damals war der Löwe noch mehr als der Wolf der Feind der Viehzucht, mit dem manch harter Kampf ausgefochten wurde. Auch der schleichende Panther wurde den Herden gefährlich und mit Hilfe einer Hundemeute wurden auch auf ihn Treibjagden abgehalten.

Während das nordafrikanische Mähnenschaf, die Stammform der Rasse, ein stattliches Tier von 1,55 m Länge darstellt, ist das im Bündnerschaf uns mehr oder weniger rein erhaltene Torfschaf der Neolithiker durchschnittlich nur 0,84 m lang. Diese Verkleinerung der Rasse ist wohl Folge der schlechten Haltung und nicht in dem Sinne zu deuten, wie es Keller tut, der sagt: „Wir dürfen aber annehmen, daß die Auslese die kleinen Tiere begünstigte, weil sie für die Wanderung günstiger waren. Andere Schafrassen zeigen ja auch starke Größenunterschiede, asiatische und afrikanische Rinder weisen neben Riesenformen auch eigentliche Zwergformen auf.“

Der wichtigste Unterschied im Schädelbau des Mähnenschafes und des davon abzuleitenden Torf- beziehungsweise Bündnerschafes besteht darin, daß letzteres eine, wenn auch seichte Tränengrube besitzt, die ersterem völlig abgeht. Diese Eigentümlichkeit kann nur dadurch erklärt werden, daß das Torf- und das davon abstammende Bündnerschaf auf ihrem Wege vom Niltal nach Mitteleuropa etwas Blut der alsbald zu besprechenden Hausschafe von asiatischer Abstammung erhielt, die alle dadurch gekennzeichnet, daß sie wie ihr wilder Stammvater eine Tränengrube besitzen. Sonst steht die allgemeine Bildung des Schädels beim Torf- und Bündnerschaf wegen ihres ziegenartigen Charakters dem Mähnenschaf viel näher als irgend einem echten Wildschaf, nur die Stirnbeine sind beim Mähnenschaf flach, beim Torf- und Bündnerschaf dagegen gewölbt, was entweder Folge der Domestikation oder der Kreuzung mit asiatischen Schafrassen sein kann. Wie das Mähnenschaf das langgeschwänzteste Wildschaf ist, ist auch das Torf- wie das Bündnerschaf langschwänzig.

Von dem zum Teil hängeohrigen altägyptischen Hausschaf von Mähnenschafabstammung sind nur wenig veränderte Nachkommen im von den Nubierstämmen am oberen Nil, vorzugsweise den Dinkas, gehaltenen ~Dinkaschaf~ noch am Leben. Dieses trägt noch als Reminiszenz an seinen Ahnen einen mähnenartig an Hals und Vorderbrust herabfallenden Haarmantel; der übrige Körper ist kurz behaart, wie auch der lange, dürre Schwanz. Sein Gehörn ist durchaus ziegenartig, indem die kurzen, kräftigen Hörnchen sich dem Hals entlang scharf nach hinten wenden, um eine halbmondförmige Krümmung zu beschreiben. Die Färbung ist meist rein weiß, teilweise auch rotbraun oder weiß und schwarz gefleckt. Georg Schweinfurth fand dieses Schaf außer bei den Dinkas auch bei den Nuër und Schilluknegern.

Ein anderer Abkömmling des altägyptischen Hausschafes ist das ebenfalls stark bemähnte und vorwiegend weiß gefärbte ~Fezzan-~ oder ~libysche Schaf~. Dessen dürrer Schwanz trägt am Ende wie sein Ahnherr, das Mähnenschaf, eine an einen Kuhschwanz erinnernde große Quaste.

Ganz den Charakter des altägyptischen Schafes, wie es uns an den Wänden der Grabkammern und als hieroglyphisches Zeichen abgebildet entgegentritt, weist das in den Gegenden am oberen Lauf des Niger lebende ~Nigerschaf~. Dieses ist hochbeinig, besitzt einen Kopf mit Hängeohren und kleinen Ziegenhörnern und trägt ebenfalls am Vorderkörper an die Mähne des Mähnenschafs und der davon abstammenden ältesten Hausschafe Ägyptens erinnernde verlängerte Haare. Abkömmlinge von ihm verbreiteten sich bis nach Senegambien und dem Golf von Guinea.

Zweifellos enthalten auch die ~Senegalschafe~, dann das hochbeinige, hängeohrige ~Guineaschaf~, das ~Kongoschaf~ und das kropfige ~Angolaschaf~ oder ~Zunu~ vorzugsweise Mähnenschafblut, das aber mehr oder weniger stark mit solchem vom Fettschwanzschaf asiatischer Abstammung gemischt ist.

Der Stammvater dieses Fettschwanzschafes, das jetzt durch ganz Nordafrika, von Ägypten bis Marokko, verbreitet ist und vom Niltal aus nach Abessinien und zu den Somalis gelangte, wie aller asiatischer Hausschafe überhaupt, ist das transkaspische ~Steppenschaf~ oder der ~Arkal~ (Ovis arkal), der schon in sehr früher Zeit in Westasien zum Haustier erhoben wurde. Er ist kleiner als das Mähnenschaf, aber größer als das alsbald zu besprechende südeuropäische ~Muflon~ (Ovis musimon), von dem sich die Heidschnucken und Marschschafe ableiten. So sind denn die von jenem abstammenden langschwänzigen Hausschafe durchschnittlich größer als die von letzterem hervorgegangenen kurzschwänzigen. Am Schädel des Arkal ist wie an demjenigen der Hausschafe asiatischer Abkunft die Stirne schmal, die Hornzapfen liegen weiter auseinander wie beim Muflon, das dreikantige Gehörn ist hellfarbig, regelmäßig gewulstet und zwischen den starken Wulsten tief eingeschnitten, also mit dem Merinogehörn am meisten übereinstimmend. Die Tränengruben erscheinen tiefer als bei irgend einer andern Art. Die Augenhöhlen treten röhrenförmig hervor und sind mit ihrer Achse schief nach vorn gerichtet, ein Merkmal, das besonders beim chinesischen Schaf auffällt, das allerdings vorzugsweise ein Argaliabkömmling ist.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Wildschafen Asiens ist der Arkal kein Hochgebirgstier; er bewohnt vielmehr die niederen Vorberge und geht selbst bis zur Küste des Kaspischen Meeres herab, dessen Wasserspiegel bekanntlich unter dem Niveau des Mittelmeeres liegt. Mehr als alle anderen Wildschafe lebt er in größeren Herden von 60 bis 100, gelegentlich auch 200 Stück; vereinzelte Stücke werden nur selten angetroffen. Es ist ein wenig scheues, gutmütiges Tier, das sich leicht jagen und fangen läßt. Kein Wunder also, daß sich der Mensch schon früh seiner bemächtigte. Von ihm hochgezüchtete ~Fettschwanzschafe~ treten uns schon auf Reliefdarstellungen des 8. Jahrhunderts v. Chr. entgegen, so auf einer Platte aus der Zeit Tiglatpilesars II. um 745 v. Chr., die uns aus einer eroberten jüdischen Stadt durch Soldaten weggetriebene Schafe mit ansehnlichem Fettschwanz und kleinen Arkalhörnern zeigt. Solche Schafe, deren Hauptkennzeichen der mittellange, dicke und sehr breite Fettschwanz bildet, kannte schon der griechische Geschichtschreiber Herodot im 5. vorchristlichen Jahrhundert. Er schreibt nämlich: „In Arabien gibt es ganz wunderliche Schafe. Die eine Rasse hat Schwänze von drei Ellen Länge (= 1,5 m), so daß man den Schwanz eines jeden Schafes auf ein Wägelchen binden muß, damit er nicht auf der Erde hinschleife, sich da abreibe und verwunde. Die andere Rasse hat Schwänze, welche eine Elle breit werden.“ Er meint damit in starker Übertreibung die beiden heute noch in ganz Westasien gehaltenen Fettschwanz- und Fettsteißschafe. Diesen beiden Schafarten wurden starke Fettansammlungen im Unterhautzellgewebe des Hinterteils angezüchtet, die bis 20 kg Gewicht erlangen können. Die asiatischen Nomaden, denen im Gegensatz zu den Ackerbauern die Haltung des Schweines als Fettspender in der Steppe unmöglich war, verlegten sich schon sehr früh darauf, bei Schafen von Arkalabstammung solche Fettwucherungen zu unterstützen. So erlangten sie das Fettschwanzschaf, das nach Osten bis Turkestan reicht. Dort greifen sie vielfach in das Gebiet der alsbald zu besprechenden Fettsteißschafe über und liefern in den jungen Tieren das als Astrachan, Krimmer oder Persianer geschätzte Pelzwerk. Dieses wird besonders von den Lämmern der Karakulrasse gewonnen, die in Chiwa, Buchara und westlich davon bis Astrachan gehalten wird.

Die Rassen des Fettschwanzschafes mit mittellangem Schwanz, bei denen der Schwanz höchstens bis zu den Hacken reicht, finden wir auf den vorhin erwähnten assyrischen Darstellungen des 8. vorchristlichen Jahrhunderts nie mit einem konvexen, sondern mit einem geraden Profil, ja auf dem im Berliner Museum befindlichen Feldlager unter Sanherib, der 705 v. Chr. seinem Vater Sargon als König von Assyrien folgte und bis 681 regierte, da er von seinen eigenen Söhnen ermordet wurde, finden wir deren Profillinie sogar etwas konkav. Diese gerade bis konkave Profillinie, die wir bei allen Wildschafen treffen, zeigt an, daß das erst mit einem unbedeutenden Fettschwanz versehene Schaf dem wilden Vorfahren noch recht nahestand. Erst als die Domestikation stärker eingewirkt hatte, wurde das Gesichtsprofil, wohl als Folge des Schwächerwerdens des Gehörns, konvex, Verhältnisse, die wir in gleicher Weise auch bei den Ziegen beobachten. Auch die Hörner, die vorwiegend beim Widder vorkommen und dem Weibchen gewöhnlich fehlen, deuten mit Sicherheit auf die Abstammung dieser Tiere vom Arkal, das als Steppenschaf der Domestikation weit leichter zugänglich war als eines der Hochgebirgsschafe. Die Hörner des Fettschwanzschafes sind kurz und halbmondförmig nach hinten und nach der Seite gekrümmt. Von den hierher gehörenden Rassen unterscheidet man das meist hell gefärbte, kurzwollige, bucharische Fettschwanzschaf, das von den Kirgisen und Tataren gehalten wird. Es kommt auch noch in Syrien und Palästina vor. Sein Fettschwanz erreicht hier teilweise einen solchen Umfang, daß er, wie Russel aus Syrien berichtet, am untern Ende durch dünne Brettchen, die gelegentlich mit Rädchen versehen sind, gegen Verletzungen geschützt wird. So konnte die schon von Herodot gemeldete Sage aufkommen, der Schwanz der morgenländischen Schafe sei so schwer, daß er auf Wägelchen gebunden werden müsse, damit sich die Tiere nicht beim Nachschleifen desselben verletzen. In Ägypten wird es durch das bis Abessinien verbreitete ägyptische Fettschwanzschaf mit ziemlich großem Kopf, langen und breiten Hängeohren und nur auf den Widder beschränktem Gehörn abgelöst. Beim tunesischen und algerischen Fettschwanzschaf ist der bis zum Fersengelenk reichende, tiefangesetzte Schwanz nur in seinem oberen Teil mit Fett durchwachsen, gegen die Spitze hin aber normal. Außer in ganz Nord- und Ostafrika hat sich dieses Fettschwanzschaf auch in Südafrika eingebürgert.

Beim anatolischen und syrischen Fettschwanzschaf ist der Fettschwanz sehr lang und in der Höhe des Sprunggelenkes nach oben gekrümmt. Diese werden in Kleinasien und Syrien am häufigsten gehalten und haben vereinzelte Ausläufer bis nach Südeuropa gesandt, so nach der Balkanhalbinsel, Süditalien und neuerdings (von Algier aus) auch nach einigen Landstrichen des südlichen Frankreich. Das höchstgezüchtete Fettschwanzschaf ist das persische, das von ansehnlicher Größe, aber nicht sehr hoch gebaut ist. Das Vlies ist ziemlich dicht, mit mäßig langer, gewellter Wolle, die sich nicht zum Versponnenwerden eignet und deshalb auch kaum je technisch verwendet wird. Die Färbung ist schmutzigweiß, silbergrau, braunschwarz, oft auch scheckig. Das bogenförmige Gehörn ist von lichter Farbe, nicht groß, aber in beiden Geschlechtern vorhanden. Der Fettschwanz ist sehr umfangreich, erreicht nicht selten den vierten Teil des Gesamtgewichts und wird dann zur unbequemen Last für das Tier.

Ebenfalls langschwänzig, wie ursprünglich alle Schafe von Arkalabstammung, aber statt auf Fett- auf Wollnutzung gezüchtet, ist das ~westasiatische Wollschaf~, der Wolleerzeuger par excellence, dessen Produkt schon im Altertum berühmt war. Bereits zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends trieben die Phönikier einen schwunghaften Handel mit feinen und dazu noch prächtig, meist mit Purpur gefärbten Wollstoffen, für die die Küstenstämme Kleinasiens und Griechenlands willige Abnehmer waren. Wie vordem in Syrien und Mesopotamien wurde später dieses Wollschaf namentlich in Kleinasien gezüchtet und dessen Wolle vorzugsweise über Milet nach Griechenland ausgeführt. Die griechische Sage läßt ja im Argonautenzuge das goldene Vlies, d. h. wohl den gelbwolligen Träger desselben, in Kolchis, am östlichen Ufer des Schwarzen Meeres, holen. Dort muß es also schon früh Schafrassen mit besonders feiner Wolle gegeben haben, nach deren Besitz man in Griechenland lüstern war. Später fand über Samos ein lebhafter Import von hochgezüchteten kleinasiatischen Wollschafen nach Griechenland statt, wo in der Folge die Zuchtrassen von Epirus und Attika einen bedeutenden Ruf erlangten. Über Großgriechenland (Sizilien und Süditalien) gelangten diese edlen Wollschafe asiatischer Abstammung zu den Römern, die sie weiter nach Westen und Norden brachten. In der Folge überflügelte die iberische Halbinsel mit ihren trockenen, der Schafzucht besonders günstigen Hochsteppen in der Schafzucht und Wollverarbeitung alle übrigen Mittelmeerländer, und Corduba, das heutige Cordova, wurde das Zentrum der Wollindustrie. Hier züchtete man nach und nach aus dem asiatischen Blute das Edelschaf, das unter dem Namen ~Merinoschaf~ weltberühmt wurde.

Das gemeine Landschaf Spaniens ist das Churraschaf von Arkalabstammung, neben dem schon im Altertum eine Abart mit besonders feiner Wolle -- wohl aus Kleinasien importiert -- gehalten wurde. Bereits der 66 n. Chr. gestorbene Grieche Strabon berichtet in seinem Werke über Geographie: „Spanien erzeugt für den Handel herrliche Wolle, feine Gewänder, und die dortigen Schafböcke werden teuer bezahlt.“ Im Mittelalter, unter der maurischen Herrschaft, die die Landwirtschaft so überaus förderte, wurden die Herden dieser Wollschafe noch mehr veredelt. Später nahmen sich die Großgrundbesitzer und klösterlichen Verwaltungen der blühenden Schafzucht an. Sie erhielten unter Ferdinand V., dem Katholischen (geb. 1469, regierte 1479-1516), weitgehende Privilegien und taten sich zu Mesta genannten Verbänden zusammen, die sich selbst dem Privatbesitz gegenüber allerlei Rechte anmaßten, so vor allem dasjenige, ohne Entschädigung an die Eigentümer die Weidewege für die Wanderschafe über fremden Grund und Boden zu bestimmen. Solches nehmen sie laut altem Herkommen bis auf den heutigen Tag für sich in Anspruch. Übrigens hören wir bereits von römischen Schriftstellern, daß es wie in Spanien, so auch in Italien Wanderherden gab, die den Sommer im Gebirge und den Winter in der Ebene zubrachten und dabei Rechte freien Durchzugs besaßen.

Den Winter verbringen die Wanderherden der Merinoschafe meist in der Estremadura, daneben auch in Andalusien und Neukastilien. Im Sommer ziehen sie nordwärts nach Altkastilien, Leon, Burgos usw. Dieses Wanderleben, an dem nur die edlen Zuchten teilnehmen, wirkt höchst vorteilhaft auf den Gesundheitszustand dieser Schafe ein. Die minderwertigen Zuchten gleicher Abstammung, wie z. B. das weitverbreitete, grobwollige Churraschaf, genießen keine Weideberechtigung und sind daher Standschafe geworden.

Das Wort Merino ist dem Spanischen entlehnt und bezeichnete ursprünglich einen vom König eingesetzten Richter, der in seinem Bezirk große Machtbefugnisse ausübte; insbesondere war er ein Weiderichter, der allerlei Anstände zu schlichten hatte, wenn die Hirten mit ihren Wanderschafen (oviejos transhumantes) von einer Gegend zur andern zogen. Er war also eine Art Schirmherr der Schafherden und sein Name wurde später kurzweg auf die Wanderschafe selbst übertragen. Die Merinoschafe sind mittelgroße Tiere mit starkem, im Schnauzenteil abgestumpftem Kopf. Das Gehörn ist kräftig entwickelt, schraubenförmig gewunden, dem Kopfe anliegend und mit starken Querwülsten versehen. Die Tränengruben sind tief, die Ohren schmal und zugespitzt, der Hals an der Kehle kropfartig verdickt, der Körper in den Beinen niedriggestellt. Das starke Wollvlies ist äußerst dicht und besteht aus Büscheln fein gekräuselter Wolle, die durch eine Ausschwitzung von Wollfett (Lanolin) verklebt sind.

Diese das ganze Jahr im Freien zubringenden Tiere werden während des Weidebetriebs im Mai und Juni geschoren, nachher mit dem Stempel des Eigentümers versehen und zum Schutze der Haut mit einer ockerhaltigen Salbe bestrichen. Die Wolle wird sortiert, in besondern Waschanstalten gewaschen und das Wollfett daraus ausgezogen. Seit dem Beginne des 18. Jahrhunderts breiteten sich die spanischen Merinos nach verschiedenen europäischen und später auch außereuropäischen Ländern aus, wobei das Produkt Spaniens zum Teil überholt wurde und berühmte Zuchten entstanden, wie die Rambouillets, Elektorals und Negrettis. Den Anfang damit machte Frankreich, indem 1706 eine kleine Zuchtherde durch Dauberton nach Montbard in Burgund gelangte. Weit wichtiger war der 1753 vollzogene Import von 400 Merinos zur Errichtung der Zuchtherde von Rambouillet. Der Transport der Tiere zu Fuß auf dem Landwege von Altkastilien nach ihrem Bestimmungsorte dauerte volle 4½ Monate. Weiter wurde dann im Departement de l’Aisne der höchst wertvolle Stamm der Mauchampschafe mit langer, seidenartiger Wolle herangezüchtet. Im Jahre 1800 gab es in Frankreich bereits über 5000 dieser feinhaarigen Wollschafe. In Deutschland führte zuerst Sachsen das spanische Edelschaf ein; der erste Transport, bestehend aus 92 Böcken und 128 Mutterschafen, langte 1765 an. Dem Kurfürsten Friedrich August zu Ehren erhielten die sächsischen Merinos den Namen Elektoralschafe. In Preußen erfolgte die Einfuhr 1785. Österreich gründete 1772 in der Nähe von Fiume eine Pflanzschule spanischer Schafe; spätere Bezüge gelangten nach Mähren und Ungarn und waren Veranlassung einer intensiven Zucht. Gleichzeitig führte sie Italien und 1802 Rußland über Odessa nach dem Steppengebiet im Süden ein. Doch hatte im letzteren Lande bereits Peter der Große um 1715 deutsche Schafe zur Verbesserung der Wolle der russischen Schafe kommen lassen. Schweden hatte die Merinos schon 1753 eingeführt; doch mißglückte der Versuch völlig, sie in jenem Lande anzusiedeln. Noch großartiger als hier entwickelte sich die Merinozucht in Steppenländern außerhalb Europas, besonders in Australien, wo das Schaf, das heute dort das wichtigste Haustier bildet, erst im Jahre 1788 eingeführt wurde. In diesem Lande wurde in der Folge die Schafzucht die Grundbedingung des ganzen ökonomischen Aufschwungs des Landes, trug aber zugleich zum raschen Verschwinden der Ureinwohner viel bei. Letztere konnten nämlich in ihren kommunistischen Anschauungen nicht begreifen, daß sie kein Recht an den Schafen hätten, die doch die ihnen bis dahin zur Nahrung dienenden Kängurus verdrängten. So begann, als diese sich zur Stillung des Hungers an den Herden vergriffen, ein mit aller Scheußlichkeit geführter Vernichtungskrieg gegen sie, die bald zur Ausrottung der ganzen Rasse aus den Schafzucht treibenden Gegenden führte. Auf den ausgedehnten grasreichen Weideflächen gediehen die eingeführten Schafe so gut, daß der europäische Wollmarkt vom australischen Produkte förmlich überschwemmt wurde. Auch auf Neuseeland nahm die Merinozucht große Ausdehnung an. Ihr einziger Feind hier ist der mit dem Schwanz 50 cm lange Nestorpapagei, der sich bald daran gewöhnte, den Schafen große Wunden beizubringen, die vom Schmerz gepeinigten Tiere so lange zu quälen, bis sie eingingen, und dann von ihrem Fleische zu fressen, besonders aber deren Nierenfett herauszuholen.

Im Kaplande bürgerte sich die Merinozucht schon 1782 durch Vermittlung der Holländer ein. In England schlug die Einbürgerung dieser Schafrasse trotz mehrfacher Versuche fehl. Es scheint, daß das dortige Klima für sie zu feucht ist; denn die Merinoschafe verlangen trockene Luft und gedeihen in Steppen am besten. Auf den Sandwichinseln kommen sie nur mäßig fort, vorzüglich dagegen im Westen der Vereinigten Staaten, in Argentinien und Uruguay, wo gewaltige Herden dieser geschätzten Wollerzeuger weiden.

Ein weniger hochgezüchtetes Edelschaf asiatischer Abstammung als das Merino ist das der Stammform desselben noch recht nahestehende ~Sardenschaf~, das sich auf der Insel Sardinien in einer starken Kolonie erhielt und augenscheinlich eine sehr alte Form des Hausschafes darstellt. Ebenfalls weniger veredelte Abkömmlinge des asiatischen Wollschafes von Arkalabstammung sind die langschwänzigen ~Zackelschafe~, die in beiden Geschlechtern bald merinoartig gewundene, bald in langgezogener Spirale abstehende Hörner tragen. Von letzteren, die man als Zackenhörner bezeichnet, haben sie den Namen Zackelschafe erhalten. Dieser eigenartige Stamm mit grober Wolle nahm seinen Ausgangspunkt von Südosteuropa. Die wichtigsten Wohngebiete desselben sind Kreta, Mazedonien und die übrigen Balkanländer, das Donaugebiet bis nach Ungarn und Siebenbürgen. Das kretische Zackelschaf ist ziemlich groß mit kräftigen Beinen und vorwiegend schmutzigweißer Haarfarbe. Die Spitzen des in Spiraltouren nach rückwärts aufstehenden Gehörns stehen weit auseinander. Ähnlich gebaut, aber etwas kleiner und mit beinahe wagrecht auseinander stehenden Schraubenhörnern versehen, die beim Widder länger als beim Mutterschaf sind, ist das ungarische Zackelschaf. Sein Fleisch gilt als sehr schmackhaft. Die grobe Wolle wird zu Teppichen, Decken und groben Zeugen verarbeitet. Die gegerbte Haut liefert ein weiches Leder. Nahe verwandt mit ihm ist das mazedonische Zackelschaf.

Abkömmlinge der osteuropäischen Zackelschafe drangen früher auch nach Westeuropa vor. Sie spielten unter den früheren wirtschaftlichen Verhältnissen eine gewisse Rolle, sind aber gegenwärtig meist stark im Rückgang begriffen. Dahin gehören das jetzt selten gewordene bayerische ~Zaupelschaf~, das pommersche und hannoversche ~Landschaf~ und als westlichster Ausläufer das englische ~Norfolkschaf~, das früher wegen seiner Genügsamkeit eine große Verbreitung besaß. Diesen Zackelschafen nahe verwandt ist das in der Bergregion des Oberwallis stark verbreitete, ganz schwarze oder schwarz und weiß gefleckte ~Walliserschaf~. Es erinnert an das Norfolkschaf. Sein ziemlich starkes Gehörn ist spiralig ausgezogen und von dunkler Färbung; neben behörnten kommen aber auch hornlose Individuen vor. Ein Abkömmling dieses Walliserschafes ist das hornlose ~Frutigerschaf~ im Berner Oberland.

Ein diesem Formenkreis zugehörender starker Seitenzweig von hornlosen langschwänzigen Schafen umfaßt das stattliche, meist hängeohrige ~Bergamaskerschaf~, daß in den nach Süden mündenden Tälern des mittleren Alpengebietes gehalten und auf den hohen Alpweiden gesömmert wird, dann das diesem ähnliche paduanische und steirische Schaf. Entferntere Ausläufer sind das südfranzösische und ~englische Bergschaf~, dann das ~Rhön-~ und ~Thüringer Schaf~.

Mit Schafen dieser asiatischen Arkalabstammung haben wir es stets zu tun da, wo bei den alten Schriftstellern von Schafen überhaupt die Rede ist. Von ihm schreibt der römische landwirtschaftliche Schriftsteller Columella um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.: „Das Schaf ist ein äußerst nützliches Tier, es gibt uns Kleidung, Käse, Milch und verschiedene Gerichte. Am besten ist die weiße Wolle, weil man sie beliebig färben kann.“ Sein Zeitgenosse Plinius bemerkt: „Großen Wert hat das Schaf als Opfertier und wegen des Gebrauchs, den wir von seiner Wolle machen. Es gibt zwei Hauptrassen: die eine ist weichlicher und wird mit einer Decke belegt, welche man in bester Sorte aus Arabien bezieht, die andere Art ist die gemeine. In Syrien gibt es Schafe mit ellenlangen Schwänzen.“ Damit meint er die schon damals dort gehaltenen Fettschwanzschafe. Der drei Menschenalter vor diesen lebende gelehrte Römer Varro sagt: „Die tarentinischen und attischen Schafe haben eine wertvolle Wolle und werden mit Pelzen bedeckt, damit sie nicht schmutzig werden. Nach der Schur wird das Schaf mit Wein und Öl gesalbt, wozu einige auch weißes Wachs und Schweineschmalz nehmen. Wunden, die das Tier bei der Schur bekommt, werden mit Teer bestrichen. Es gibt auch Leute, welche die Schafe nicht scheren, sondern rupfen, was früher allgemein üblich war.“ In der Tat ist das Ausrupfen der Wolle die von Völkern auf primitiver Kulturstufe stets geübte Sitte, die wir auch den Pfahlbauleuten der späteren Steinzeit zuschreiben dürfen. Womit sonst als mit den Fingern hätten sich diese die Wolle ihrer noch wenig hochgezüchteten Schafe holen können! Heute noch wird allgemein von den Arabern die Kamelwolle mit den Händen ausgerupft und nie mit der Schere entfernt. Der zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. lebende griechische Schriftsteller Älian berichtet: „Die lydischen und mazedonischen Schafe sollen mit Fischen gefüttert und von dieser Kost fett werden.“ Wir haben früher gesehen, daß solches Futter heute noch auf Island an die sonst ausschließlich Gras fressenden Haustiere des Menschen verfüttert wird.

Nachdem einmal die Schafzucht in den Mittelmeerländern volkstümlich geworden und ihr Nutzen klar erkannt worden war, kann es uns nicht wundern, daß hier später auch das einheimische Wildmaterial der Domestikation umerzogen wurde, um daraus neue Schafrassen heranzuziehen. Dazu diente das einst sämtliche Bergländer Südeuropas und der angrenzenden Inseln bewohnende ~Muflon~ (Ovis musimon). Dieses kleinste aller Wildschafe ist der Stammvater der heute nach dem Norden von Europa gedrängten kleinen, kurzschwänzigen Hausschafe. Einst auch in Südeuropa gehalten, wurde es hier später vollständig durch die leistungsfähigeren Hausschafe von asiatischer Arkalabstammung verdrängt. Das Muflon kommt in Cypern bis zur Höhe von 2000 m vor, ist auf Sardinien noch vorhanden und lebte vor kurzem auch in Korsika. Er wird einschließlich des höchstens 10 cm langen Schwanzes 1,25 m lang, am Widerrist 70 cm hoch und 40-50 kg schwer. Er ist gedrungen gebaut, in der Rückenlinie dunkelbraun, sonst braunrot gefärbt; dabei spielt der Kopf ins Aschgraue. Das Gehörn des Bockes ist stark und in einer Länge von 65 cm nach außen hinten und zuletzt nach innen unten gebogen; es ist an der Wurzel sehr dick, im Querschnitt dreieckig. Das merklich kleinere Weibchen unterscheidet sich durch seine mehr ins Fahle spielende Färbung sowie durch das Fehlen oder seltene Vorkommen des Gehörns vom Bock.

Wie der Arkal lebt das Muflon im Gegensatz zum Mähnenschaf in Rudeln, deren Leitung ein alter, starker Bock übernimmt. Diese Rudel erwählen sich die höchsten Berggipfel zum Aufenthalt und nehmen hier an schroffen, fast unzugänglichen Felswänden ihren Stand. Wie bei andern gesellig lebenden Wiederkäuern halten stets einige Stück sorgfältig Umschau, um die Genossen bei der Wahrnehmung eines verdächtigen Gegenstandes sofort zu warnen und mit ihnen flüchtig zu werden. Zur Paarungszeit trennen sich die Rudel in kleine, aus einem Bock und mehreren Schafen bestehende Trupps, welche der leitende Widder erst durch tapfer durchgefochtene Kämpfe sich erworben hat. Das Schaf bringt im April oder Mai 1-2 Junge zur Welt, die der Mutter schon nach wenigen Tagen auf den halsbrecherischsten Pfaden mit der größten Sicherheit folgen und bald ebenso gewandt wie sie klettern. Alle Bewegungen des Muflon sind schnell, gewandt und sicher. Erwachsene Tiere vermag man kaum je zu fangen, junge nur dann, wenn man ihre Mutter weggeschossen hat. Sie gewöhnen sich bald an ihren Pfleger, sind anhänglich an ihn, bewahren ein munteres, ja mutwilliges Wesen, zeigen aber nur eine geringe Intelligenz.

Noch im Altertum muß dieses Wildschaf auf den Gebirgen Südeuropas recht häufig gewesen sein; denn Julius Capitolinus berichtet, daß Kaiser Gordian im Jahre 238 n. Chr. 100 wilde Schafe zu den Jagdspielen nach Rom brachte. Von Kaiser Probus, der von 276 bis 282 n. Chr. regierte, meldet Flavius Vopiscus, daß er so viel wilde Schafe als er auftreiben konnte, nach Rom kommen ließ. Schon früh wurde es irgendwo im östlichen Mittelmeergebiet gezähmt, wozu wohl die hier bereits gehaltenen ältesten Hausschafe von Mähnenschafabstammung die Anregung gaben. Schon zur Bronzezeit tauchen, zunächst allerdings noch spärlich, großgehörnte Hausschafe in den Pfahlbauten nördlich der Alpen auf, welche durch ihr großes Gehörn und die in ihrem Bau mit denjenigen des Muflon übereinstimmenden Hornzapfen ihre Herkunft von diesem südeuropäischen Wildschafe beweisen. Gegen das Ende der Bronzezeit erscheinen dann auch hornlose Hausschafe in der Schweiz, welche im Süden von gehörnten Muflonabkömmlingen gezüchtet worden waren. In der helvetisch-römischen Niederlassung von Vindonissa fanden sich beide Schafarten nebeneinander vor. In der Folge aber wurden sie hier wie auch das ältere Torfschaf von den von den Römern eingeführten, mehr und feinere Wolle liefernden Schafen asiatischer Abstammung verdrängt. Nur im Norden erhielten sie sich teilweise in eigentlichen Kümmerformen mit seit der Römerzeit bedeutend verkleinertem Gehörn. Es sind dies die nur einen halben Meter hoch werdenden, schwarz, braun oder grau gefärbten ~Heideschafe~, die ~Heidschnucken~, die als äußerst genügsame Rasse in Gebieten mit primitiver Wirtschaft, namentlich in der norddeutschen Heide bis nach Oldenburg und Ostfriesland, gehalten werden. Nahe verwandt mit ihm sind das die Bergländer Skandinaviens bewohnende ~skandinavische Schaf~, das ~finnische Schaf~ und das bis nach Sibirien hineinreichende ~nordrussische Schaf~, dann das ~Hebriden~-, ~Faröer~- und ~Shetlandschaf~. Das letztere ist bald klein gehörnt, bald hornlos. Sein Fleisch bildet neben Fischen die Hauptnahrung der Bewohner jener rauhen Eilande. Der westliche Ausläufer ist das ~isländische Schaf~, dessen Herden ein elendes Dasein fristen und vielfach mit getrockneten Fischen ernährt werden. Der Wollertrag ist bei all diesen Zwergformen ein geringer.

Im Gegensatz zu diesen überaus genügsamen Heideschafen stehen die ebenfalls vom Muflon abstammenden ~Marschschafe~, die fette Weide beanspruchen und auf mageren Triften nur schlecht gedeihen. Ihre bessere Ernährung macht sich in einer bedeutenderen Größe und großen Fruchtbarkeit geltend. Ihre Haarfarbe ist schmutzig gelblichweiß, rötlichbraun oder einfarbig schwarz. Das Hauptmerkmal bildet neben dem kurzen Schwanz ihre vollkommene Hornlosigkeit. Außer Fleisch und Wolle, die zu Strickgarn und gröberen Stoffen, wie Teppichen und dergleichen verarbeitet wird, liefern sie auch Milch, welche zur Käsebereitung dient. Es sind Vertreter der schon in der Bronzezeit aus dem Süden nördlich der Alpen eingewanderten hornlosen Schafe, die in den Marschen Nordwestdeutschlands, Hollands, Belgiens und Nordfrankreichs heimisch wurden, weiter im Süden aber wie die übrigen Hausschafe von Muflonabstammung von asiatischen Rassen verdrängt wurden. Es sind dies die friesischen, holländischen, belgischen und nordfranzösischen Schafe. Unter letzteren ist besonders das ~Roquefortschaf~ bekannt, das den berühmten Schafkäse dieses Namens liefert. Dieser wird in Roquefort, im französischen Departement Aveyron, in der Weise gewonnen, daß man die zum Gerinnen gebrachte Schafmilch mit von einer spezifischen Schimmelsorte bewachsenem Brote vermischt. Dieses Brot wird eigens für die Käsebereitung aus einer Mischung von Weizen- und Gerstenmehl mit Sauerteig hergestellt und der betreffende Schimmelpilz darauf zur Ansiedelung gebracht. Der damit hergestellte Schafkäse reift dann in 30-40 Tagen in Felsenhöhlen, wobei er sich mit einer dicken Schimmelschicht bedeckt. Diese wird von Zeit zu Zeit entfernt. Diese Fabrikation ist schon recht alt und wird bereits aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts erwähnt.

Außer den drei genannten Wildschafen ist endlich noch ein weiteres Wildschaf vom Menschen domestiziert worden. Es ist dies das zentralasiatische ~Argali~ (Ovis argali), von den Mongolen so genannt, ein gewaltiges Tier von der Größe eines dreivierteljährigen Kalbes, das die spärlich bewaldeten Bergzüge Innerasiens nördlich vom Hochlande Tibets vom Alatau bis zum Altai und von Akmolinsk im Westen bis zum Südostrande der mongolischen Hochebene im Osten in einer Höhe von 600-1000 m bewohnt. Es besitzt ein mächtiges, von der Wurzel an mit ringsumlaufenden wellenförmigen Wülsten bedecktes Gehörn, das sich nach hinten außen wendet. Dichtstehende wellige Grannen nebst feinen, kurzen Wollhaaren bilden das überall sehr gleichmäßige, jeglicher Mähne entbehrende Haarkleid, dessen vorherrschende Färbung, ein mattes Fahlgrau, im Gesicht, an Schenkeln wie am Hinterbauch in ein merklich dunkleres Bräunlichgrau, im Vorderteil der Schnauze, auf dem breiten Spiegel am Steiß, in der untern Hälfte der Beine aber in Gräulichweiß übergeht. Es meidet feuchte, waldbedeckte Gebirge und größere Höhen, lebt das ganze Jahr über etwa auf demselben Gebiete und wechselt höchstens von einem Bergzuge zum andern. Bis gegen die Paarungszeit leben Böcke und Schafe getrennt, letztere zu 3-5, erstere meist einzeln. Kurz vor der Paarungszeit vereinigen sie sich zu kleinen Herden von 10, höchstens 15 Stück. Während des Sommers frißt das Argali alle Pflanzen, die auch dem Hausschafe behagen, während des Winters begnügt es sich mit Flechten, Moos und getrocknetem Gras, die der Wind auf den Graten durch Wegfegen des Schnees bloßgelegt hat. Wählerischer als in der Äsung zeigt es sich beim Trinken, da es stets zu bestimmten Quellen kommt; auch salzige Stellen werden zum Lecken oft besucht. Solange der Schnee nicht allzudicht liegt, kümmert es der Winter wenig, denn sein dichtes Fell schützt es gegen die Unbill der Witterung. Seine Sinne sind ausgezeichnet entwickelt. In seinem Wesen spricht sich Bedachtsamkeit und Selbstbewußtsein aus; es ist neugierig, wenig scheu, zeigt sich aber überall sehr vorsichtig, wo es durch wiederholte Verfolgung von seiten des Menschen gewitzigt wurde und seine heimtückische Art kennen lernte. Die Jagd darauf ist durchaus nicht leicht. Sein Fleisch ist trotz seines strengen Beigeschmacks wohlschmeckend und wird von den Mongolen und Kirgisen sehr geschätzt.

Bei solchen Vorzügen ist es kein Wunder, daß sich der Mensch schon früh auch dieses Wildschafes bemächtigte, um es der Domestikation zu unterwerfen. Es ist der Stammvater der großhörnigen Schafe, die in Zentralasien innerhalb der Verbreitungszone des Argali als Schlachttiere und Wollspender besonders auf der Salzsteppe gehalten werden. Dabei hat sich im Haustierstande das Gehörn verkleinert. Noch am wenigsten ist dies der Fall bei den Hausschafen Russisch-Turkestans, mehr dagegen bei denen Tibets und der Südabhänge des Himalaja von Kumaon bis Sikkim. Bei diesen tragen beide Geschlechter Hörner, und zwar stoßen sie wie beim Argali auf der Stirne fast zusammen; dabei sind sie nach außen hin um den Kopf gewunden und noch reich mit Querwülsten versehen in derselben Weise wie beim Argali.

Durch spezielle Züchtung zur Vermehrung des den Hirtenvölkern so wertvollen Fettes, dessen sie sich zum Braten der Mehlspeise und des Reises bedienten, entwickelten sich aus ihnen im Laufe der Zeit die ~Fettsteißschafe~. Da der Schwanz bei ihnen im Gegensatz zu den Abkömmlingen des Arkal zu kurz war, um ihn zur Fettablagerung heranzuziehen, wurde der Steiß dazu ausersehen. Hier bildet die Fettmasse zwei gewölbte Kissen, die ansehnliche Größe erreichen können. Auch dieses Schaf besitzt wie die andern Rassen von Argaliabstammung in beiden Geschlechtern spiralig um den Kopf gewundene Hörner mit Querwülsten, die aber bei manchen hochgezüchteten Rassen schon ziemlich klein geworden, ja teilweise bei den Weibchen ganz in Wegfall gekommen sind. Es ist dies speziell beim ~Tatarenschaf~ der Fall, das vom Ostrand des Schwarzen Meeres bis zum Baikalsee das am häufigsten gehaltene Schaf ist und den Hauptreichtum der dortigen Steppenvölker bildet. Bei den Kirgisen gilt noch heute die uralte Sitte, das einjährige Lamm als Tauscheinheit zu betrachten, wie bei den alten Römern vor dem Aufkommen der Münzen durch die Vermittlung der süditalischen Griechen das Kleinvieh (pecus) die Werteinheit bildete, woher noch der spätere Ausdruck pecunia für Geld, Vermögen herrührt.

Beim Tatarenschaf ist der Kopf gestreckt, der Nasenrücken nur wenig gewölbt und die Ohren sind als Zeichen längerer Domestikation durch Degeneration der sie aufrichtenden Muskeln hängend geworden. Die Widder sind stärker behörnt als die Mutterschafe, die stets kleinhörnig sind, wenn sie überhaupt noch, was sehr häufig der Fall ist, Hörner besitzen und nicht völlig hornlos geworden sind. Der Fettklumpen am Steiß ist sehr umfangreich und gleicht zwei miteinander verwachsenen Halbkugeln, zwischen denen ein ganz kurzer Schwanzstummel hervorragt. Die Haarfarbe ist meist weiß, seltener rotbraun oder schwarz. Die filzige Wolle ist kurz und grob und zum Versponnenwerden ungeeignet. Östlich vom Baikalsee und der Mongolei schließt sich an das Tatarenschaf das ebenfalls vom Argali abzuleitende, aber als Zeichen einer sehr hoch getriebenen Zucht bereits völlig hornlos gewordene ~chinesische Schaf~, das allerdings nur einen schwach entwickelten Fettsteiß besitzt, da seine Züchter als Ackerbauer im Sesam und in manchen auf Öl angebauten Retticharten genugsam pflanzliches Fett zur Verfügung hatten, so daß sie auf die Gewinnung tierischen Fettes kein besonderes Gewicht legten.

Von seiner zentralasiatischen Heimat hat sich das Fettsteißschaf von Argaliabstammung auch weithin nach Süden verbreitet, so nach Persien und Arabien. Von letzterem Lande verbreitete es sich in die Länder am oberen Nil bis in das Gebiet der Dinkas, die es ebenfalls halten, und in die Somaliländer, wo es überall in Menge gezüchtet wird. Es ist wie das chinesische Schaf als hochgezüchtetes Hausschaf in beiden Geschlechtern völlig hornlos geworden und fast stets von weißer Farbe mit tiefschwarzem Kopf und Hals. In der Gegend von Massaua fand C. Keller neben schwarzköpfigen Schafen auch braungefärbte und gefleckte Tiere. Häufig pflegt man ihnen die Ohren bis auf einen kurzen Stumpf abzuschneiden. Es hat gleichfalls keine verspinnbare Wolle, sondern ein straffes, glattanliegendes Grannenhaar. Für die es haltenden Stämme ist es fast ausschließlich Fleischlieferant; daneben bilden die Häute einen nicht unwichtigen Exportartikel. Bei Abmagerung verschwindet der überhaupt schwach entwickelte herzförmige Fettsteiß fast vollständig. Auch Südafrika besitzt Fettsteißschafe; ebenso der ostafrikanische Archipel, doch sind sie dort nicht zahlreich. Im Innern von Madagaskar findet man sie bei den Howas, aber in einer degenerierten Rasse, deren Fleisch trocken ist. An der Küste dieser großen Insel scheinen sie nicht zu gedeihen. Von Persien aus nach Osten nehmen sie rasch an Menge ab und erreichen nicht mehr Indien, das als von vorzugsweise Ackerbauern bewohnt und mit einem heißen Klima ausgestattet, geringen Bedarf an tierischem Fett besaß. In Birma wurden sie erst 1855 eingeführt, sind jedoch dort nicht von Bedeutung geworden.

Wenn wir Europäer uns auch keine Fettsteißschafe wünschen, so wäre es doch sehr angezeigt, wenn ein Tierzüchter wie Herr Falz-Fein in seinem großen Tierpark Askania Nova auf der südrussischen Steppe oder ein Tierimportgeschäft wie dasjenige Hagenbecks in Stellingen bei Hamburg den Argali aus seiner Gebirgsheimat zu Zuchtzwecken in Europa einführen würde. Es würde sich außer zur selbständigen Zucht besonders zur Kreuzung mit den teilweise durch Inzucht degenerierten Hausschafen sehr eignen. So hat man in solcher Weise das leichter zu erlangende Muflon mehrfach zur Bastardierung mit Hausschafen verwendet. Beide Wildschafarten wären auch, wie das in derselben Weise zu benützende zentralasiatische Wildschaf Ovis poli (nach dem Venezianer Marco Polo so genannt) und andere Wildschafe teils aus Asien, teils aus Nordamerika zur Akklimatisation zum Zwecke der Belebung der Alpen und Voralpen geeignet und böten zudem dem Jäger ein willkommenes Wildpret.

Von andern Horntieren aus der Familie der Paarzeher kämen zur Domestikation von seiten des Menschen noch verschiedene ~Antilopen~ in Betracht, von denen tatsächlich auch verschiedene Vertreter von den alten Ägyptern zu Haustieren erhoben wurden, deren Zucht aber später wieder vollkommen verloren ging. So finden wir in Grabmalereien des Alten Reiches, der 4., 5. und 6. Dynastie (2980-2475 v. Chr.), neben Ziege und Schaf auch den einheimischen ~Steinbock~ (Capra sinaitica), die ~Gazelle~ (Antilope dorcas), die ~Säbelantilope~ oder ~Steppenkuh~ (Oryx leucoryx) und den ~Wasserbock~ (Kobus ellipsiprymnus) in des Menschen Hegung und Pflege. Nach den begleitenden Inschriften müssen diese damals auf den Gütern der Fürsten große Herden gebildet haben und mit Schafen, Rindern und Ziegen zusammen geweidet haben. Zur Zeit der 12. Dynastie, während des Mittleren Reiches (2160-1788 v. Chr.), bildete nur noch eine der drei Antilopenarten, die Säbelantilope, von Hirten bewachte Herden, während die beiden andern samt dem Steinbocke wieder wie in Urzeiten als Wild gejagt wurden. Und wieder ein Jahrtausend später, zur Zeit des Neuen Reiches (1580 bis 1205 v. Chr.), war auch diese letzte Gazellenart in Ägypten aus der Zucht von seiten des Menschen verschwunden, und blieben fortan von Paarzehern außer Rindern nur Schafe und Ziegen als Haus- und Nutztiere der Bewohner des Nillandes zurück. Der französische Archäologe François Lenormant meint in seinem Buche: Les premières civilisations, dessen erster Teil die vorhistorische Archäologie Ägyptens betrifft, daß der Einfall der Hyksos- oder Schasu-Beduinen (um 1650 v. Chr.) dieser nationalägyptischen Zucht ein Ende bereitet habe. Es ist dies höchst wahrscheinlich und dieses Ereignis nicht nur, wie Julius Lippert in seiner Kulturgeschichte der Menschheit (Bd. 1 S. 503) glaubt, der Schlußmoment in einem ganz natürlichen Ausleseprozeß; denn es ist nicht einzusehen, weshalb diese Tiere nicht fernerhin in des Menschen Hegung und Pflege hätten bleiben können.

Dieser Autor schreibt daran anschließend: „Wir dürfen uns diese älteste Art ‚Zähmung‘ großer Herden, die niemals die freie Weide verließen, nicht anders vorstellen, als etwa die Hegung des Wildes in unseren ‚Tiergärten‘, nur daß die großen Besitzer etwa die gegen die Wüste hin offene Grenze ihres Geheges durch ein Überwachen mit Hirten und Hunden abschlossen, während gegen das fruchtbare Land hin Wassergräben die Grenze bildeten. Welche Verwendung solche zur Güterbegrenzung fanden, das bezeugt unter anderem die ägyptische Vorstellung vom Jenseits, das nicht ohne solche Begrenzung gedacht werden konnte. Nach der Wüste hin mochten aber den Hirten natürliche Terrainverhältnisse zu Hilfe gekommen sein, abgesehen davon, daß die oasenartig gelegenen Weiden selbst Anziehungspunkte für die wilden Herden der Grasfresser bildeten. Darstellungen von Jagdszenen zeigen uns, wie die so von Hunden zusammengedrängten Tiere lebendig ergriffen wurden, während man andere durch die Fangleine zu Falle brachte. Während sich dieser Stufe von Hegung noch eine große Anzahl von Weidetieren willig anbequemte, mußte bei einer näheren Heranziehung an das stabile Haus des Menschen immer mehr Gattungen ausscheiden, während Schaf und Ziege als die ausgesiebten Arten auch dann noch zurückblieben.“

Was die Darstellungen an den Grabwänden der Vornehmen aus der 4. und 5. Dynastie anbetrifft, so finden wir also die Säbelantilope (altägyptisch mut genannt), die Gazelle (altägyptisch kehes) und den Wasserbock (altägyptisch nutu) mit dem noch heute auf dem Gebirge zwischen Niltal und Rotem Meer besonders in Mittelägypten vorkommenden Steinbock (altägyptisch naâ) vollkommen domestiziert auf den Gütern der Großen des Reichs angesiedelt. Daß sie sich als echte Haustiere auch in der Gefangenschaft fortpflanzten, beweist schon die Szene aus dem Grabe des Nub hotep aus der 4. Dynastie der großen Pyramidenerbauer von Giseh (2930-1750 v. Chr.), die zeigt, wie mitten in der Herde eine Gazelle ihr Junges an ihrem Euter trinken läßt, dann die verschiedenen Darstellungen, in denen die Hirten auf ihren Armen oder auf ihren Schultern die Antilopenjungen wie junge Kälber, Zicklein und Lämmer tragen. Im Grabe des Ma nefer der 5. Dynastie (2750-2625 v. Chr.) in Sakkara sehen wir, wie Hirten außer den Säbelantilopen, Gazellen, Wasserböcken und ägyptischen Steinböcken auch ~Springböcke~ (Antilope euchore) -- altägyptisch schekes genannt -- herbeitreiben, um sie von den Schreibern notieren zu lassen. Es ist dies die einzige Darstellung dieser Antilope im Stande der Hegung; denn auf allen andern Bildern wird sie stets nur als von den Windhunden der Ägypter verfolgtes Wild dargestellt. Diese Antilopenart muß also nur ganz vorübergehend in des Menschen Zucht gestanden haben.

Welchen Umfang diese Antilopenzucht in Ägypten in der ersten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends angenommen hatte, beweist die Inschrift auf dem Grabe des Sabu in Sakkara aus der 6. Dynastie (2625-2475 v. Chr.), in welcher als Besitztum des Verstorbenen 1235 Rinder und 1220 Kälber der für gewöhnlich dargestellten langhörnigen Rasse, 1360 Rinder und 1138 Kälber der kurzhörnigen Rasse, 405 Rinder einer besonderen, seltenen Rasse nebst 1308 Säbelantilopen, 1135 Gazellen und 1244 Wasserböcke angegeben sind.

Ein Basrelief des Grabes des Itefa in Sakkara aus der 5. Dynastie stellt, wie leicht zu erkennen ist und zudem durch eine begleitende Inschrift erläutert wird, die Mästung der Säbelantilope, des Wasserbocks und des Rindes dar, indem den betreffenden Tieren durch einen Knecht ein besonders nahrhafter Mehlteig mit der Hand ins Maul gestrichen wird.

In den Grabdarstellungen des Mittleren Reiches (11. und 12. Dynastie, 2160-1788 v. Chr.) findet sich, wie gesagt, keine Spur mehr von der Zucht der Gazelle und des Wasserbocks. Diese Tiere finden sich nur noch als Jagdwild dargestellt. Einzig die Säbelantilope findet sich noch in größeren Herden gezähmt. In den berühmten Grabmälern von Beni Hassan aus der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) sehen wir die Herden dieser Antilopenart durch ihre Hirten geführt neben Herden von Rindern, Schafen und Ziegen. Im Grabe des Num hotep, dem schönsten von allen, hat der Künstler ebenfalls das Mästen der Säbelantilopen durch den mit der Hand ins Maul gestrichenen Mehlteig dargestellt, neben solchem von Rindern, Ziegen und Gänsen vermittelst desselben Verfahrens.

Erst in den Grabmalereien des Neuen Reiches (18. u. 19. Dynastie, 1580-1205 v. Chr.) ist auch die Haltung von Säbelantilopen völlig aufgegeben worden und finden wir darin auch dieses Wild nur vom Menschen mit Hilfe von Windhunden aller Art gejagt.

Leider ist später nie mehr ein Domestikationsversuch mit diesen und andern Gazellen gemacht worden. Und weiter südlich hat der auf niedriger Kulturstufe stehengebliebene Neger niemals an solche Errungenschaften gedacht. Selbst die Europäer taten es nicht, als sie sich am Kap der Guten Hoffnung festsetzten. Da schossen die Buren mit ihren weittragenden Flinten vielfach zwecklos jene gewaltigen Antilopenherden zusammen, denen sie zu gewissen Jahreszeiten auf deren Wanderungen begegneten. Unter ihnen wird die ~Kuhantilope~ (Bubalis caama), das Hartebeest der Buren oder Kama der Betschuanen, wenn von Jugend an unter menschlicher Pflege stehend, ungemein zahm und folgt ihrem Pfleger auf dem Fuß. Erst erwachsen zeigt sich insbesondere bei den Böcken die Rauflust ihres Geschlechts.

Besonders geeignet und recht eigentlich dazu prädestiniert, vom Menschen in Zucht genommen zu werden, ist die gewaltige, am Widerrist bis gegen 2 m Höhe und ein Gewicht von 1000 kg erreichende ~Elenantilope~ (Buselaphus oreas). Nach den übereinstimmenden Berichten der Reisenden sollen diese Tiere auf weite Entfernungen kaum von den Zeburindern zu unterscheiden sein, weil auch die Stellungen und Bewegungen der ruhenden und grasenden Tiergestalten ganz dieselben sind. Nach Holub soll zwar der Kaffernstamm der Matabeles Herden zahmer Elenantilopen besessen haben; doch ist dies nur eine vorübergehende Zucht gewesen, die keine weiteren Folgen zeitigte. Jedenfalls sollte unbedingt auch von europäischer Seite der Versuch der Zähmung dieser größten aller Antilopen gemacht werden, bevor sie vom Erdboden verschwindet; denn sie besitzt auch erwachsen, im Gegensatz zu den rauflustigen Kuhantilopen, einen recht gutmütigen, sanften Charakter und pflanzt sich auch in der Gefangenschaft ohne alle Schwierigkeiten fort. Ihr Fleisch wird als ganz vorzüglich gerühmt.

V. Das Schwein.

Ausschließlich zur Gewinnung von Fleisch und Fett hat der Mensch das Wildschwein in den Haustierstand erhoben. Während der wandernde Nomade hierzu in erster Linie das Schaf mit den ihm am Schwanz oder am Steiß angezüchteten Fettmassen benutzte, hielt sich der ansässige Ackerbauer an das von ihm leichter zu haltende Schwein. In den sumpfigen Waldstrecken muß der Mensch gar häufig dem Wildschwein begegnet sein und es, wie uns schon die paläolithischen Darstellungen desselben an den Wänden von Höhlen Nordspaniens und Südfrankreichs beweisen, mit Vorliebe erlegt und gegessen haben. Aber nicht das europäische, sondern das südasiatische Wildschwein ist zuerst in menschliche Pflege genommen und zur Würde eines Haustieres erhoben worden. Dies geschah wohl einfach so, daß eines selbständigen Lebens ohne Muttermilch fähige ältere Frischlinge nach Tötung der Mutter gefangen und in eingehegte Plätze gesperrt wurden, um sie großzuziehen und gelegentlich bei Nahrungsmangel infolge Unergiebigkeit der Jagd zu verspeisen. Südostasien ist der weitaus älteste Herd der Schweinezucht, die jetzt noch dort eine wichtige Rolle spielt. Dort wurde das einheimische Wildschwein in Pflege genommen. Es ist dies das ~Bindenschwein~ (Sus vittatus), so genannt, weil es eine von der Wange über den Hals verlaufende weiße Binde aufweist, ein Überbleibsel der aus dunkeln Längsstreifen bestehenden Zeichnung der älteren Schweine, die sich noch im Jugendkleide auch unseres erwachsen nicht mehr gestreiften europäischen Wildschweins zeigt. Dieses Bindenschwein wird jetzt hauptsächlich auf Java, Sumatra und Borneo gefunden, war aber einst höchstwahrscheinlich auch in Hinterindien verbreitet. Von dort kam es gezähmt schon sehr früh nach China, wo es bereits im vierten Jahrtausend v. Chr. in Menge gezüchtet wurde; ebenso nach Indien und Westasien, von wo es bereits zu Beginn des dritten vorchristlichen Jahrtausends nach Ägypten vorgedrungen war. So hat Flinders Petri aus der 1. Dynastie (3400 bis 3200 v. Chr.) eine recht gute Umrißzeichnung des Schweins in Oberägypten gefunden, das offenbar gemästet war und wie die indischen Schweine Stehohren besitzt. Von da an fehlen bildliche Darstellungen des altägyptischen Hausschweins bis zur Zeit des Neuen Reiches (18. und 19. Dynastie, 1580-1205 v. Chr.), so daß man früher glaubte, das Schwein sei erst zur Zeit der 18. Dynastie ins Niltal eingeführt worden. Dies ist aber durchaus falsch. Von der ältesten Königszeit an wurden Schweine in Ägypten gehalten und, wie uns griechische Schriftsteller mitteilen, zum Eintreten der Saat in den frisch gepflügten und geeggten Acker benutzt; doch galten sie dem Ägypter, wohl weil sie gelegentlich auch Aas verzehrten, als unreine Tiere, und so hütete man sich eben, sie an den Wänden der Tempel und Grabkammern abzubilden. So berichtet der zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. lebende Claudius Älianus in seinem griechisch geschriebenen Werk über die Tiere: „Das Schwein ist so gefräßig, daß es weder seine eigenen Jungen, noch menschliche Leichen verschont; deshalb verabscheuen es die Ägypter. Der Ägypter Manetho, ein Mann (Priester) von hoher Weisheit, behauptet auch, daß man aussätzig wird, wenn man Schweinemilch genießt.“ Lange vor ihm schrieb der griechische Geschichtschreiber Herodot, der im 5. Jahrhundert v. Chr. Ägypten selbst bereiste: „Bei den Ägyptern gilt das Schwein für ein unreines Tier. Wird jemand zufällig von einem solchen am Kleide berührt, so geht er gleich an den Fluß und wäscht sich. Unter allen eingeborenen Ägyptern sind die Schweinehirten die einzigen, die in keinen Tempel gehen dürfen; auch kann ein Schweinehirt in Ägypten nur die Tochter eines Schweinehirten heiraten, weil ihm kein anderer seine Tochter gibt. Keiner Gottheit opfern die Ägypter ein Schwein, mit Ausnahme der Mondgöttin und dem Bacchos, und zwar bei Vollmond. Das Schwein, das diesen Gottheiten geopfert wird, wird noch an demselben Tage gegessen. Arme Leute, welche kein wirkliches Schwein haben, backen eins aus Teig und opfern es.“ Herodot sah selbst, wie die Schweine im Nildelta zum Einstampfen der Saat verwendet wurden. Bei einem Tiere, das so verachtet war, daß diejenigen, die sich mit dessen Aufzucht befaßten, nicht einmal einen Tempel betreten durften, um ihn nicht zu verunreinigen, ist es kein Wunder, daß es in der älteren Zeit nicht an heiligen Bauten dargestellt wurde. Erst zur Zeit der 18. Dynastie war man so freidenkend geworden, daß man in Grabdenkmälern jener Zeit in Theben dieses Borstentier wie die übrigen Herdentiere darstellte. Aber auch damals werden nur die Ärmsten in Ägypten das Fleisch dieses verachteten Tieres gegessen haben.

Anders als in Ägypten stand es im alten Griechenland und Rom, wo das Wildschwein im Gegensatz zum Niltal, wo es in geschichtlicher Zeit ausgerottet war, häufig vorkam, viel gejagt und sein Fleisch gern gegessen wurde. Dementsprechend war auch das Fleisch des Hausschweines als Speise geschätzt. Schon bei Homer ist vielfach von Herden des zahmen Hausschweins die Rede und war der Stand der Schweinehirten durchaus nicht verachtet, sonst wäre dem Sauhirten des Odysseus auf Ithaka mit Namen Eumaios sicher nicht der Ehrentitel des „Göttlichen“ gegeben worden. Nach dem Urteile der gebildetsten Griechen hatte die Schweinezucht viele Vorteile für sich. So schreibt der berühmte Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr.: „Von allen Tieren gewöhnt sich das Schwein am leichtesten an jedes Futter, wird auch am schnellsten groß und dick. In 60 Tagen kann man es ausmästen. Wer sich mit der Mast beschäftigt, füttert die Schweine die drei ersten Tage mager, dann werden sie bei gutem Futter desto schneller fett, wie meist alle Tiere, die recht ausgehungert sind. Das Fettwerden wird durch Ruhe befördert und geht beim Schwein schneller vor sich, wenn es sich im Schlamm wälzen kann. Dieses Tier kämpft selbst gegen den Wolf.“

Wie bei den Griechen wurde auch bei den Römern eine ausgedehnte Schweinezucht getrieben und dieses Haustier mit Vorliebe als Opfer geschlachtet. Der gelehrte Varro (116-27 v. Chr.) meint sogar -- allerdings durchaus falsch -- die griechische Bezeichnung hys habe ursprünglich thys gelautet und daher komme das Verbum thýein opfern. Er fährt dann fort: „Schweine scheinen die ersten Opfertiere gewesen zu sein. Beim Anfang der Ernte, beim Schließen von Bündnissen, bei Hochzeiten werden Schweine geopfert.

Der Sage nach hat die Natur das Schwein geschaffen, daß es verschmaust werden soll, auch hat sie ihm, da sie es nicht von vornherein einsalzen wollte, die Seele statt des Salzes gegeben, um sein Fleisch, solange es lebt, vor Fäulnis zu schützen. Die besten Speckseiten und Schinken kommen aus Gallien nach Rom. Cato sagt, daß in Gallien die Schweine so fett werden, daß sie weder stehen noch gehen können und auf Wagen fortgeschafft werden müssen, wenn sie an einen anderen Ort sollen. Der Spanier Attilius, ein durchaus rechtlicher Mann, sagte mir, daß ihm der Senator Volumnius von einem in Lusitanien (Portugal) geschlachteten Schwein ein Stück Fleisch mit zwei Rippen zusandte, das 23 Pfund wog; die Dicke des Specks habe von der Haut bis zu den Knochen 1 Fuß 3 Zoll betragen. Es hat mir auch jemand gesagt, er habe in Arkadien ein Schwein gesehen, das sich vor Fett nicht rühren konnte, und in dessen Speck eine Maus nistete. Das soll auch anderwärts vorgekommen sein.

Für das Schweinevieh paßt eine sumpfige Weide am besten; denn es hat seinen Gefallen an Wasser und Schlamm. Das Hauptfutter besteht aus Eicheln, Bohnen, Gerste und anderem Getreide, davon wird es fett und wohlschmeckend. Im Sommer treibt man es früh auf die Weide, bevor die große Hitze eintritt, mittags bringt man es im Schatten und bei Wasser unter, abends läßt man es abermals weiden. Im Winter treibt man es nicht eher aus, als bis Reif und Eis weggetaut sind. Die ersten Jungen bekommt man von den Sauen, wenn sie zwei, die letzten, wenn sie sieben Jahre alt sind. Man läßt die Ferkel (porculi) zwei Monate bei der Alten und trennt sie dann, zu welcher Zeit sie schon fressen können, von ihr. Die im Winter geborenen sind klein, werden auch schlecht gesäugt, weil die Alte dann wenig Milch hat und die Ferkel ihr aus Hunger die Euter wund beißen. Man gibt der Sau mit ihren Ferkeln einen eigenen Koben. Dieser wird gehörig rein gehalten und öfters nachgesehen, ob die Alte ein Junges totgedrückt hat. Sie bekommt übrigens zweimal jährlich Junge. Um die Milch zu vermehren, muß sie gut gefüttert werden, namentlich mit eingeweichter Gerste. Solange die Jungen saugen, heißen sie lactentes. Die Saugschweinchen sind vom 10. Tage an zu Opfern tauglich und heißen deshalb sacres. Abgesetzte Saugschweine heißen delici oder gewöhnlicher nefrendes, weil sie noch keine Bohnen kauen (frendere) können. Porcus ist ein altgriechisches Wort. Jetzt sagen die Griechen choíros. Die Sau (scrofa oder varro) muß, wenn sie säugt, täglich zweimal getränkt werden. Eigentlich muß sie so viel Junge bekommen, als sie Euterstriche hat. Bekommt sie weniger, so taugt sie nicht zur Zucht; bekommt sie mehr, so weissagt sie dadurch Wunderdinge. Das älteste bekannte Beispiel dieser Art stammt von der Sau des Äneas, welche 30 weiße Ferkel bekam. Die Prophezeiung traf ein, indem 30 Jahre später die Lavinienser die Stadt Alba gründeten. Noch jetzt findet man in Lavinium die Bildnisse der 30 Ferkel in Bronze aufgestellt und die Sau selbst wird, gut eingesalzen, von den Priestern gezeigt.

Die Schweine werden vom Schweinehirten gewöhnt, alles nach dem Klang des Hirtenhorns zu tun. So z. B. stößt er ins Horn, wenn er sie aus den Ställen läßt, wenn er sie im Walde zusammenruft usw. Die Herde alter Schweine kann aus 100 bis 150 Stück, diejenige junger aus doppelt soviel bestehen.“

Der ältere Plinius schreibt: „Wenn Schweine ihre Jungen fressen, so sieht man das nicht als schlimme Vorbedeutung an. Das Ferkel gibt am 5. Tage ein reines Opfer, das Lamm am 8., das Kalb am 30. Das Schwein ist überaus dumm, doch kennt man auch ein Beispiel, daß gestohlene Schweine die Stimme ihres Herrn erkannten, das Schiff, auf das die Räuber sie gebracht, versenkten, indem sie auf der einen Seite das Übergewicht gaben, und dann zurückschwammen; auch lernen die Anführer der Herde den Markt und die Häuser finden. Die Kunst, bei Sauen eine große Leber wie bei Gänsen zu erzeugen, ist eine Erfindung des Marcus Apicius (eines berühmten Feinschmeckers, der auch ein Kochbuch für die feine Küche schrieb) und besteht darin, daß man sie mit trockenen Feigen tüchtig füttert und mästet, ihnen dann Met zu trinken gibt und sie plötzlich tötet. Kern anderes Tier liefert Speisen von verschiedenerem Geschmack für die Küche; denn wenn von anderen Tieren jedes nur einerlei Geschmack hat, so hat das Schwein dagegen fünfzigerlei, weswegen auch durch mancherlei Gesetze den Zensoren einzelne Teile, wie Euter, Kopf usw., bei Gastmählern verboten sind; aber freilich kehrt sich nicht jeder an solche Gesetze.“ Die Feinschmecker Roms begnügten sich aber in der Regel nicht mit dem gewöhnlichen Schweinefleisch, das auch gesalzen und geräuchert wurde, wie dies heute noch geschieht, sondern ließen sich mit Vorliebe solches aus Sardinien kommen, von wo aus große Schweinezüchter (suarii), die zur Kaiserzeit besondere Rechte erlangt hatten, den Markt mit besonders feiner Ware versorgten.

Welcher Tafelluxus im kaiserlichen Rom und im üppigen Alexandreia herrschte, zeigen uns folgende Tatsachen. Petronius meldet: „Die Tafel war gedeckt: ein ganzer gebratener Eber ward aufgetragen. Das Jagdmesser wurde erhoben und in des Ebers Bauch gestoßen, -- da flogen zur Belustigung der Gäste aus der Wunde Drosseln hervor.“ Der um 220 n. Chr. in Alexandreia lebende Grieche Athenaios erzählt, wie bei einem Gastmahle eine silberne, reichvergoldete große Schüssel auf die Tafel kam, auf der ein erwachsenes Schwein gebraten auf dem Rücken lag und seine Beine zum Himmel streckte. Als sein Bauch mit einem Schnitte geöffnet ward, fand sichs, daß es mit gebratenen Drosseln, anderen kleinen Vögeln, Austern usw. gefüllt und in die Zwischenräume Eidotter gebracht war.

Ein anderes Mal ward ein Schwein aufgetragen, an dem mit Aufwand großer Kunst die eine Hälfte gebraten, die andere gekocht war. Alle bewunderten dies Gericht. Drob freute sich der Koch, nahm eine stolze Miene an und fragte: Na, wer von euch kann angeben, wie das Tier geschlachtet und wie sein Bauch mit tausend herrlichen Leckerbissen gefüllt ist? Er enthält Drosseln, andere kleine Vögel, gehacktes Schweinefleisch, Eidotter, Hühner, gepfefferte Fleischklößchen usw. Der Schriftsteller Macrobius sagt, daß diese mit kleinen Tieren gefüllten Schweine von den Kennern in Anlehnung an das sagenhafte trojanische Pferd Trojanische genannt wurden.

Der Geschichtschreiber Älius Lampridius berichtet in seiner Biographie des Alexander Severus (222-235 n. Chr.), dieser Kaiser pflegte sich während der Mittagstafel damit zu belustigen, daß er spielende Spanferkel oder kämpfende Rebhühner oder hin und her fliegende Vögel betrachtete. Seine Vogelhäuser enthielten Pfauen, Fasane, Haushühner, Enten, Rebhühner und eine Unzahl Tauben. Als unter seiner Regierung das römische Volk sich über eine Fleischteuerung beklagte, habe er Erkundigungen eingezogen und erfahren, daß es vorzüglich an Schweine- und Rindfleisch fehlte. Da gab er den Befehl: Niemand dürfe eine säugende Sau, ein saugendes Ferkel, eine alte oder junge Kuh schlachten. Da sei schon in zwei Jahren Fleisch in Menge und wohlfeil zu haben gewesen.

Nicht selten sind uns bildliche Darstellungen des Schweins aus römischer Zeit erhalten geblieben, die, wie beispielsweise das prächtige Basrelief vom großen Staatsaltar auf dem Forum Romanum, eine durch weitgehende Zucht kurzköpfige, sehr mastfähige Rasse mit runden Formen zeigen. Deren Beziehungen zum indischen Hausschwein sollen nach C. Keller recht deutlich ausgeprägt sein. Noch heute ist das asiatische Blut im Hausschwein der römischen Kampagna unverkennbar. Dieselbe Schweinerasse wurde nach Überresten in Herculanum und Pompeji zur Zeit von deren Untergang gehalten; eine in Portici gefundene Bronzestatuette bringt deren Merkmale sehr charakteristisch zum Ausdruck.

Bei den alten Germanen war die Schweinezucht sehr beliebt, da dieses Tier nach dem Pferd den beliebtesten Braten lieferte und deshalb gern geopfert wurde. Unter den Karolingern wurde es viel gehalten. So schärfte Karl der Große seinen Verwaltern ein, diese Tiere in möglichst großer Zahl auf seinen Landgütern zu halten. So finden wir in den Verzeichnissen der Königshöfe eine große Zahl derselben, so in Asnapium 260 große und 100 kleine Schweine, daneben 5 Eber, in Grisenweiler 150 große und 100 kleine Schweine. Sie wurden in die Wälder zur Eichel- und Buchenmast getrieben. Außer eingesalzenem Fleisch, besonders Schinken und Speck, wurden auch Würste beim Schweineschlachten im Frühwinter hergestellt. Schon im 12. Jahrhundert begannen westfälische Schweine und Schinken berühmt zu werden. Noch das ganze Mittelalter hindurch wurden wilde Eber auf zahme Sauen gesetzt, um eine bessere Zucht zu erlangen.

Das älteste Hausschwein der vorgeschichtlichen Völker Süd- und Mitteleuropas war nach den auf uns gekommenen Schädelüberresten nicht ein Abkömmling des gezähmten einheimischen Wildschweins, sondern, wie die genau vorgenommenen vergleichend anatomischen Feststellungen beweisen, ein solcher des südasiatischen Bindenschweins. In den ältesten Pfahlbauten und Landniederlassungen Mitteleuropas der neolithischen Zeit fehlte dieses zahme Hausschwein südasiatischer Herkunft noch durchaus. Es tritt uns erst in einer späteren Zeit der neolithischen Kultur in Überbleibseln entgegen und wurde dann namentlich in der Bronzezeit in steigender Menge gehalten. Es ist dies das ~Torfschwein~ (Sus scrofa palustris), von L. Rütimeyer so genannt, weil uns eben seine Reste, wie diejenigen der ältesten Haustiere überhaupt, vorzugsweise in den inzwischen vertorften Seegründen, wo einst die Pfahlbauniederlassungen gestanden hatten, entgegentreten. Es war ein zierlich gebautes Tier von mäßiger Größe, das sich in seinem Schädelbau durchaus von demjenigen des einheimischen Wildschweins entfernt, aber nahe Beziehungen zu dem des südindischen Bindenschweins aufweist. Da man es damals nicht in Stallungen bannte, sondern ähnlich wie das Hausschwein der Malaien der indonesischen Inselwelt ziemlich frei umherlaufen ließ, wich sein Schädel vom Wildschweincharakter nur wenig ab. Daher glaubte Rütimeyer zunächst, daß das Torfschwein ursprünglich wild bei uns gelebt habe. Doch kam er später von dieser Annahme zurück, und heute wissen wir mit Bestimmtheit, daß sein Stammvater das südindische Bindenschwein war. Bei letzterem ist, wie beim Torfschwein, der Schädel verhältnismäßig kurz, breit und hoch, die Tränenbeine sind kurz und hoch, nähern sich also der quadratischen Form; der knöcherne Gaumen scheint nach vorn verbreitert, so daß die vorderen Backenzähne stark auseinandergedrängt werden. Demgegenüber ist der Schädel des europäischen Wildschweins und der erst später von ihm gewonnenen Hausschweine niedrig, schmal und langgestreckt. Die Tränenbeine sind lang und niedrig, also mehr rechteckig, der knöcherne Gaumen ist nach vorn nicht verbreitert, so daß die Backenzähne annähernd parallel zueinander stehen.

Bei allen Schweinen aber ist die Wildform im Bau des Schädels von der Kulturform verschieden. Erstere wühlt im Boden nach eßbaren Knollen und Wurzeln, letztere hat sich dies in der Gefangenschaft fast abgewöhnt; infolgedessen ist ihr Schädel im Profil nicht mehr gerade, sondern zwischen Stirn und Nase eingeknickt. Die fächerförmige Schuppe des Hinterhauptbeins ist nicht mehr wie beim Wildschwein nach hinten gerichtet, sondern steigt mit der Stirn- und Scheitelgegend mehr oder weniger senkrecht empor. Während der jugendliche Wildschweinschädel anfänglich den indifferenten Typus des Säugetierschädels wiederholt, wird er später gestreckt und erhält scharf ausgeprägte Knochenleisten, im Gegensatz zu demjenigen des zahmen Schweins, bei dem die Nackenmuskulatur durch Nichtgebrauch schwächer wird und der Eckzahn an Größe abnimmt.

Dieses Torfschwein kam zweifellos über Westasien aus seiner südindischen Heimat nach Europa, wenn wir nicht annehmen wollen, daß sich sein Verbreitungsgebiet einst bis nach Westasien erstreckte, wo es dann hätte gezähmt werden können. Genaueres wissen wir über diese Wanderung nicht. Wir wissen nur, daß das Hausschwein im Altertum auch in Mesopotamien gehalten wurde. So ist uns aus der assyrischen Zeit in Kujundschick das Bild eines Mutterschweins mit Ferkeln erhalten geblieben. Im Gegensatz zu Layard, der darin eine Wildsau erblicken zu müssen meinte, glaubt Keller aus dem feinen, verhältnismäßig kurzen Kopf darin einen Abkömmling des südindischen Bindenschweins erkennen zu dürfen. Allerdings hat später der ganze semitische Kulturkreis das Schwein als Haustier abgelehnt, so daß es in der Folge aus Westasien, soweit semitische Stämme zu finden waren, verschwand. Anders bei den Ariern, denen der Schweinebraten, gleichgültig ob vom wilden oder zahmen Schwein, ein Festessen war. So verspeisen die Helden in Wallhall täglich den göttlichen Eber Särimni, der täglich wiederum neu ersteht, um sich von den Asen verspeisen zu lassen. So war es auch schon bei den Mitteleuropäern zu Ende der Stein- und zu Beginn der Bronzezeit. Diese liebten außer dem ihnen noch reichlich zur Verfügung stehenden Wildschweinbraten auch etwa solchen vom Hausschwein, besonders nachdem es von der Eichelmast im Herbste recht fett geworden war, zu verzehren und sich aus dem Überschuß durch Einsalzen und Räuchern Winterproviant zuzulegen. Da nun das halb wild gehaltene Torfschwein nicht selten Gelegenheit bekam, sich mit wilden Ebern zu begatten, so entstand bald eine größere Mischrasse. Schon Plinius meldet in seiner Naturgeschichte: „Das zahme Schwein paart sich sehr leicht mit dem Wildschwein.“ Diese Tatsache war also schon im Altertum, wo sich bei der großen Häufigkeit der Wildsauen viel mehr Gelegenheit zu solchen Beobachtungen bot als heute, allgemein bekannt.

Erst ganz am Schluß der neolithischen Zeit kam in Mitteleuropa ein kräftigeres und größeres Hausschwein auf, das offenbar ein mehr oder weniger reiner Abkömmling des einheimischen Wildschweins war; denn was lag näher, als einmal dieses größere Tier nicht bloß zur Kreuzung mit dem kleineren Torfschwein, sondern zur Reinzucht zu verwenden. Das Wildmaterial lag ja gleichsam vor der Tür und wird oft genug in halberwachsenen Frischlingen der Wildsau lebend in die Niederlassungen der Steinzeitjäger gebracht worden sein. Von der Metallzeit an wurde dann in Mitteleuropa das Torfschwein asiatischer Abstammung immer mehr vom leistungsfähigeren Hausschwein europäischer Zucht aus dem einheimischen Wildschwein verdrängt. Doch war es noch während der helvetisch-römischen Zeit in der Schweiz stark verbreitet. So gehören von den in der Römerkolonie Vindonissa aufgefundenen Resten 28 Knochenstücke ihm an, während das europäische Landschwein nur durch 10 solche vertreten war. Noch am meisten Torfschweinblut weist das alte ~Bündnerschwein~ auf. Auch die Hausschweine in den entlegenen Tälern um das Gotthardgebiet herum, im Tessin und oberen Wallis, stehen dem alten Torfschweintypus nahe, während in den südlichen Tälern des Wallis ein schwarzes oder fuchsrotes Schwein gehalten wird, das nach der Kopfform ein unverkennbares Kreuzungsprodukt des Torfschweins mit dem Landschwein von europäischer Abstammung ist.

In den romanischen Ländern südlich der Alpen, vor allem in ganz Italien, Spanien und Portugal, wird das schwach behaarte ~romanische Schwein~ von meist dunkler Farbe, mit kurzem Kopf, längerem Rüssel als beim indischen Schwein und geradlinigem, breitem Rücken gezüchtet, das ebenfalls neben asiatischem auch reichlich europäisches Blut enthält. Noch mehr asiatisches als europäisches Blut besitzt das durch seine krause Behaarung ausgezeichnete ~kraushaarige Schwein~ von dunkler Farbe mit kurzem Rumpf, kantigem Rücken und etwas spitzem Gesicht, das hauptsächlich über Ungarn und die anstoßenden Balkanländer verbreitet ist.

Je mehr wir nun in Europa nach Norden gehen, um so reiner tritt das europäische Blut auf. Diese Hausschweine europäischer Abstammung besitzen statt des verhältnismäßig breiten, ebenen Rückens einen erhöhten „Karpfenrücken“ infolge des seitlich zusammengedrückten Rumpfes. Statt der breiten Brust besitzen sie eine flachrippige Brust. Statt des in der Nasengegend eingesenkten Kopfes mit kurzem Rüssel haben sie eine gestreckte, oft völlig wildschweinähnliche Schnauze. Die Beine sind verhältnismäßig hoch. Es ist dies das ~europäische Hausschwein~, von dem eine Unterart mit großen, hängenden Ohren und schmälerer Stirn und eine solche mit kurzen aufrecht gestellten Ohren und breiter Stirn unterschieden wird. In Norddeutschland und Dänemark scheint ursprünglich das Torfschwein gefehlt zu haben und nur das europäische Blut gehalten worden zu sein. Die prähistorischen Knochenreste weisen auf eine durch kümmerliche Haltung sehr klein gewordene Rasse hin. Überhaupt hat das Schwein im allgemeinen seit seiner Überführung in den Haustierstand an Größe abgenommen, offenbar deshalb, weil die freie Natur günstigere Entwicklungsbedingungen darbietet als die Knechtschaft unter dem Menschen. Erst die moderne rationelle Tierzucht hat durch Darbietung besserer Lebensbedingungen die Größe wieder zu steigern vermocht.

Das der südostasiatischen Wildform noch am nächsten stehende, weil immer wieder durch Kreuzung mit jener aufgefrischte ~asiatische Hausschwein~ kommt in mehr primitiven, meist sehr mastfähigen Schlägen im ganzen östlichen Asien vor, so von der Mongolei durch ganz China, Annam, Siam und Hinterindien bis zu den Sundainseln und nach Neuguinea einerseits und Indien und Ostafrika andererseits. Es ist das das weitaus wichtigste Zuchtgebiet zahmer Schweine, indem es sowohl bei den mongolischen und malaiischen, wie auch den Papuastämmen das bei weitem wertvollste und oft einzige Haustier neben dem Hunde ist. Sein Fleisch und sein Fett sind für diese Stämme, soweit sie nicht an der Küste leben und viel Seetiere genießen, die wichtigsten animalischen Lebensmittel. Obenan steht das gewaltige China, wo die Schweinezucht gegen 6000 Jahre alt ist. Dabei hat Nordchina eine primitivere, meist schwarzgefärbte Rasse, während Südchina höher gezüchtete Kulturschweine von meist weißer Farbe besitzt. Im Norden ist die Haltung dieses Haustieres eine wenig sorgfältige. Hier leben die Schweine ohne Schutz im Freien und sind selbst in dem recht rauhen Winter aller Unbill der Witterung preisgegeben. Daraus erklärt sich das Vorhandensein auffallend dichter und langer Behaarung als Wärmeschutz der ursprünglich aus einem warmen Klima stammenden Tierart. Die überall auf dem Lande gezüchteten Schweine werden meistens nach den Städten verkauft, wo der Bedarf an Schweinefleisch ein sehr großer ist, indem der wohlhabende Chinese nicht nur kein Opfer ohne dieses begeht, sondern auch bei allen festlichen Gelegenheiten seine Familienglieder und Freunde damit bewirtet.

In der Mandschurei ist die Schweinezucht besonders in der mittleren Provinz Kirin entwickelt. Dieselbe Rasse wird auch in den Amurländern gehalten und geht bis nach Sibirien hinein. Doch tritt in letzterem Lande die Schweinezucht schon aus klimatischen Gründen gegenüber der Schafzucht zurück. Auffallenderweise besitzt Japan sehr wenig Schweine. Die Zucht dieses Haustieres ist in jenem Lande stark vernachlässigt und auf eine einzige Provinz, Kangoschima, beschränkt. Sehr blühend ist sie dagegen in ganz Hinterindien, auf den Philippinen und Sundainseln, wo überall das Schweinefleisch ein wichtiges Nahrungsmittel bildet. In Neuguinea ist das Schwein neben dem Hund das einzige Haustier, das überall in der Umgebung der Dörfer ziemlich frei gehalten wird, so daß es vielfach verwildert ist. Seine Nahrung besteht hier vorwiegend in Taroknollen. Auch Indien hat vorwiegend dunkelgefärbte Schweine, die in Schläge mit kurzen, aufrechtstehenden und in solche mit großen, herabhängenden Ohren zerfallen.

Im ganzen mittleren und westlichen Asien ist, soweit der Islam vordrang, das Schwein als unrein verpönt und deshalb die einst auch hier im Altertum betriebene Schweinezucht verdrängt worden. Hier ist an seiner Stelle überall das Schaf, das von dem Fluche Muhammeds nicht getroffen wurde, der Lieferant von tierischem Fett und Fleisch. Wie die Ostasiaten und Malaien Schweinefleisch zu ihrem Reis essen -- nach der nicht unwahrscheinlichen Sage soll Buddha an einer Überladung des Magens mit Schweinebraten seinen Tod geholt haben -- so genießen die Westasiaten Hammelfleisch zu ihrem Palaw genannten Reisgericht. Aber das war im Altertum noch nicht so. Um die Zeit der Entstehung des Christentums war das Schwein noch nicht aus Westasien verschwunden. Das beweist die bekannte Legende von den Schweinen der Gaddarener, in die die unreinen Geister fuhren. Immerhin haben die Semiten im allgemeinen, nicht nur die Juden, die solchen Abscheu wie so manches andere aus der Zeit ihrer Gefangenschaft in Ägypten hätten entlehnen können, das Schwein als unrein verpönt. Und diese Ächtung des Schweins hat in der Folge auch die aus dem Orient zu den Griechen und Römern gekommenen Kulte begleitet. So wurden der aus der semitischen Ischtar-Astarte hervorgegangenen Aphrodite auch in Griechenland keine Schweine geopfert, so wenig als der jener entsprechenden Venus in Rom.

Wie sehr die Muhammedaner das Schwein scheuen, geht aus der drolligen Geschichte hervor, die der, um ungefährdet im Orient reisen und selbst die allen Ungläubigen streng verbotenen heiligen Stätten in Mekka und Medina besuchen zu können, zum Islam übergetretene Baseler Burckhardt (Scheik Ibrahim) in seinem Buche: Reisen in Arabien (Weimar 1830) erzählt. In Dschidda, der Hafenstadt Mekkas, war -- wohl einem christlichen Schiffer entlaufen -- ein Schwein ans Land gekommen und führte in der Nähe des Marktes ein freudenvolles Dasein, weil die Marktleute lieber ihre Waren im Stiche ließen und sie dem Tiere Satans preisgaben, als sich durch die Berührung mit demselben zu verunreinigen. Alle ihre Flüche und Drohungen störten natürlich das biedere Borstentier sehr wenig. Im ganzen Gebiete des Islam dürfen auch die Christen nur ausnahmsweise Schweine halten. So ziehen die Armenier in der Türkei und in Persien gern wildgefangene Frischlinge auf, um sie fett werden zu lassen und dann zu schlachten und zu verspeisen. Nur in den Marställen der Großen wird, um die „böse Luft“, alle Verhexung und etwaige Krankheitserreger in seinen unreinen Leib abzuleiten, gern ein Schwein gehalten, wie noch vor gar nicht langer Zeit bei den Christen für solche Zwecke ein Ziegenbock gehalten wurde. Letzteres ist eine Reminiszenz an den Ziegenbock der Israeliten, der am Versöhnungstage mit allen Sünden des Volkes beladen in die Wüste getrieben und sich selbst überlassen wurde. Daher stammt unsere Bezeichnung Sündenbock.

Welch seltsame Form das Bewußtsein der eigenen Größe annehmen kann, schreibt Ed. Hahn in seinem Buche über die Haustiere und ihre Beziehungen zur Wirtschaft des Menschen (Leipzig 1896), beweist, daß die Venezianer am Ausgang des 15. Jahrhunderts eine ansehnliche Summe dafür ausgaben, daß sie in ihrer Faktorei in Alexandrien ein Schwein halten durften; einmal ärgerten sie damit die Ungläubigen, allerdings für ihr gutes Geld, und dann bewiesen sie den andern Christen ihre ungeheure Überlegenheit durch diesen sonderbaren Vertreter des Löwen von San Marco.

In Ägypten wird heute das Schwein nur von den christlichen Kopten gehalten. In ganz Nordafrika befaßt sich natürlich auch nur das christliche Element mit dessen Zucht. In den oberen Nilländern wurde es von den Negern übernommen; besonders in Sennar halten es die Eingeborenen, um dessen wohlschmeckendes Fleisch zu essen. In Ostafrika fehlt es natürlich im mohammedanischen Somaliland vollständig, dagegen trifft man Schweine indischer Abstammung in Mozambique. Auch auf Madagaskar wurde es offenbar unter dem Einfluß der Araber an der Westküste verdrängt; so züchten es die Sakalaven nicht. Dagegen findet man im Innern der Insel, im Gebiet der Howas, eine kleine, schwarze Rasse. Auf den Maskarenen und auf der Insel Réunion ist die Schweinezucht auf die bergigen Gegenden beschränkt. In ganz Inner- und Westafrika ist das Schwein nur selten anzutreffen, außer in den Küstengegenden von Angola, wo es von den Portugiesen eingeführt wurde. In Natal wurde es 1825 eingebürgert.

In Europa hat das Schwein nur in ganz kleinen Bezirken, wo einst Mohammedaner herrschten, an Wichtigkeit verloren, so in Griechenland. In Italien, Südfrankreich und Nordspanien ist es im Gebiet der Eichen- und Kastanienwälder das wichtigste Nutztier des Menschen; ebenso in Sardinien und Sizilien. Eine erhebliche Schweinezucht weist Mittelitalien auf, dann Spanien in der Estramadura, verschiedene Provinzen Portugals und Südwestfrankreich im Gebiete der Garonne. Die wichtigsten Produktionsländer für Schweine, welche davon stark nach Westeuropa exportieren, sind Serbien und Ungarn. In Süddeutschland findet man die intensivste Zucht in Bayern; dort wird die große wildschweinähnliche, in der vordern Körperhälfte weiße, in der hintern dagegen meist rote Landrasse noch in starker Verbreitung angetroffen. In Deutschland sind die nordischen Marschen relativ arm an Hausschweinen, reicher dagegen Westfalen, Hannover, Braunschweig, Thüringen und Sachsen. Meist sind in Deutschland wie in der Schweiz, in Belgien, Holland und Nordeuropa die einheimischen Rassen durch hochgezüchtete englische Rassen verdrängt worden. Nachdem nämlich schon um 1740 durch die schwedisch-ostindische Gesellschaft Mastschweine besonderer Güte aus Südchina zur Hebung des einheimischen Schweins durch Kreuzung nach Schweden eingeführt worden waren, nahm die englisch-ostindische Gesellschaft zu Beginn des vorigen Jahrhunderts diese Bestrebungen im großen Maßstabe auf. So wurden in England durch Kreuzung mit hochgezüchteten chinesischen Rassen die weltberühmten edlen Schläge gezüchtet, welche später in allen Kulturländern eingeführt wurden und hier nach und nach die weniger leistungsfähigen einheimischen Schläge verdrängten. Damit hat das asiatische Schwein einen vollständigen Sieg über die Hausschweine europäischen Blutes erlangt. Die wichtigsten Schläge desselben werden als Yorkshire, Berkshire, Suffolk und Leicester bezeichnet, lassen aber keine scharfe Grenze zwischen sich ziehen. Der Körperumriß nähert sich bei ihnen einem Rechteck, die Beine sind fein gebaut und kurz. Das Gesicht ist extrem verkürzt und die Gegend zwischen Nase und Stirn stark eingeknickt. Es gibt kurz- und langohrige, kleine und große Schläge. Die Färbung kann schwarz, rotgelb, weiß oder bunt sein. Die größte Schweinezucht weist Yorkshire und Westmoreland auf. Auch Irland besitzt große Zuchten, weniger dagegen Schottland. Außer nach Belgien, das besonders in der Provinz Lüttich englisches Blut züchtet, kam dieses besonders nach Nordamerika, wo seine Zucht heute eine der wichtigsten nationalen Industrien der Vereinigten Staaten bildet. Dort kamen ihm zunächst die zahlreichen Nüsse und Eicheln des Waldes zugute, während jetzt der größte Teil der Schweine des Westens mit Mais gefüttert wird. Welchen Umfang die Schweinezucht in den Staaten der Union angenommen hat, beweist am besten die Tatsache, daß die Zahl der Schweine, die im Jahre 1860 etwa 30 Millionen betrug, sich heute mehr als verdoppelt hat. Nach H. Moos wird die Zucht überall nach demselben Muster betrieben. Es werden vorwiegend schwarze, frühreife Schläge gehalten; unter ihnen ist am verbreitetsten das Poland-Chinaschwein und nachher die Berkshirerasse. Das Zuchtmaterial wird sorgfältig ausgewählt. Meist werden junge Tiere im Alter von 7-10 Monaten im Gewicht von 90-140 kg geschlachtet, nachdem sie außer Mais besonders auch Klee erhielten. Die größten Schlächtereien besitzt Chicago.

Mehr nach dem Süden zu tritt die Schweinezucht in Amerika in den Hintergrund. Schon in Mexiko ist sie sehr gering und in Südamerika nur in Brasilien da von erheblicher Bedeutung, wo deutsche Ansiedlungen sich befinden. In Argentinien ist sie seit längerer Zeit stark im Niedergang begriffen. Einige Zeit hindurch hatte eine ziemlich rege Ausfuhr von dort nach Brasilien bestanden; sie hörte dann bald auf. Es fehlt eben jenem Gebiet an einem rationellen Betrieb der Schweinezucht, ohne den die Konkurrenz mit Amerika nicht aufzunehmen ist. Übrigens gelangte das Hausschwein spanischer Rasse schon 1493 durch Kolumbus auf die Antillen und verbreitete sich von da mit der spanischen Kolonisation nach dem amerikanischen Festlande, wo es noch heute vielfach angetroffen wird.

Australien, das erst im 18. Jahrhundert das Hausschwein durch die Engländer eingeführt erhielt, besitzt heute sehr gute englische Rassen, vor allem die Berkshires, welche vortrefflich gedeihen und zu einer ausgedehnten Zucht Veranlassung gaben. Da im Lande selbst der Konsum an Schweinefleisch nicht sehr groß ist, werden die Produkte meist zum Export gebracht. Neuseeland besitzt ziemlich starke Zuchten, so daß auch jenes Land schon eine ausgedehnte Ausfuhr von Schweinefleisch nach Europa betreibt.

Der neueste Import aus Japan ist das ~Maskenschwein~, das 1861 durch den Tierhändler Jamrach, den Konkurrenten von Hagenbeck, in zoologischen Gärten Deutschlands eingeführt wurde. Es steht dem chinesischen Hausschwein nahe, besitzt aber auffallend große Ohren und durch starke Verkürzung des Oberkiefers ein faltiges Gesicht, daher sein Name. Es ist aber nicht japanischen, sondern indischen Ursprungs, und zwar eine besondere Art des großohrigen, indischen Schweins.

Da das Hausschwein bei Völkern auf primitiver Kulturstufe ein halbwildes Leben führt, ist es kein Wunder, daß es sich öfter der Aufsicht des Menschen entzieht und völlig verwildert. Solche verwilderte Hausschweine sind in Süd- und Ostasien nichts seltenes und lassen sich auf den verschiedensten Gebieten der Erde, besonders auf Inseln, wo sie keine größeren Feinde haben, nachweisen. Dabei nehmen sie schon nach wenigen Generationen ganz oder teilweise das Aussehen der wilden Stammform an. In Europa kommen verwilderte Hausschweine auf Sardinien und den Kykladen vor; weiter finden sich solche im oberen Nilgebiet, auf den Kanaren, Tristan da Cunha, Réunion und St. Helena. Auf letzterer Insel gab es nach Cavendish schon 1588 welche; Tavernier traf deren noch 1649 an. Neben den vielen verwilderten Ziegen trugen sie wesentlich dazu bei, den jung aufsprossenden Wald zu zerstören. Auf Jamaika, St. Domingo, St. Thomas und anderen westindischen Inseln gibt es solche, wahrscheinlich aus den Resten der spanischen Kolonisation herrührend. Auch in Venezuela, Brasilien, Paraguay und Peru gibt es verwilderte Schweine verschiedener Art, teils schwarze mit stehenden Ohren, teils heller gefärbte mit den Hängeohren ihrer chinesischen Vorfahren. Auf den Bermudas, den Galapagos, den Andamanen, Nikobaren und zahlreichen Inseln Melanesiens, Mikronesiens und Polynesiens sind ebenfalls verwilderte Hausschweine anzutreffen. Auf Neuseeland gibt es solche, die die konkave Form des Gesichts ihrer chinesischen Ahnen beibehielten.

Schwein und Huhn sind die einzigen Tiere, bei denen die Operation der Kastration zur Mast in größerem Umfang auch beim weiblichen Geschlecht vorgenommen wird. Im Altertum begnügte man sich, wie Columella berichtet, in solchen Fällen zur Verhinderung einer Befruchtung die Scheide narbig zu verschließen; erst im Mittelalter wurde die Beseitigung der Eierstöcke vorgenommen. Solche Tiere nannte man dann Nonnen. Ein solcher Schweineschneider in Ungarn war es, der es als erster wagte, bei seiner Tochter, die nicht auf natürlichem Wege niederzukommen vermochte, den Kaiserschnitt durch Eröffnung des Bauches und der Gebärmutter vorzunehmen. Dabei rettete er Mutter und Kind das Leben. Erst hernach haben dann die Ärzte diese Operation vorzunehmen gewagt.

VI. Der Esel.

Weit früher als das Pferd hat sich der Mensch den Esel gezähmt, nicht um sein Fleisch oder seine Milch oder sein Haarkleid zu benutzen, sondern um ihn als Transporttier zu verwenden. Als das Rind schon längst Haustier geworden war und an den Pflug, wie auch an den Wagen gespannt wurde, kam man noch nicht auf den Gedanken, auf ihm Lasten fortzubewegen. Dazu diente im ältesten Ägypten der Esel, der allerdings ausschließlich als Last- und noch nicht als Zugtier benutzt wurde. Außer den Lasten transportierte man auch die unbehilflichen Mitglieder der Familie, wie etwa Weiber und Kinder, auf dem Esel, den der Mann dann führte. Er selbst bestieg ihn nicht, um als Reiter mit größerer Geschwindigkeit das Land zu durchstreifen. Dies geschah erst, als der vornehmere und anspruchsvollere Vetter des Esels, das Pferd, vom Menschen domestiziert wurde und dann freilich seinem bescheidenem Verwandten den Rang ablief und weit ausgedehntere Verbreitung fand. Aber im hamitisch-semitischen Kulturkreis ist der Esel bis heute in hoher Wertschätzung geblieben; nur in Südeuropa, wo er sich ebenfalls stark einbürgerte, sank er zum verachteten und mißhandelten Geschöpf herab, dem man seine sprichwörtliche Starrköpfigkeit als Dummheit auslegt.

Die ältesten Spuren zahmer Esel, die uns bis heute bekannt geworden sind, lassen sich im Niltal nachweisen und reichen dort bis in die urägyptische Zeit, die um die Mitte des vierten Jahrtausends v. Chr. zu setzende Negadaperiode, zurück. So besitzen wir auf einer bereits früher erwähnten Schieferplatte des Museums in Giseh aus der Negadazeit, die de Morgan zuerst veröffentlichte, treffliche Abbildungen des Esels. Er ist dort in einer ganzen Reihe von Tieren mit großen, aufrechtstehenden Ohren neben dem Hausrind von Bantengabstammung und dem Hausschaf von Mähnenschafdescendenz dargestellt in der Form des gewöhnlichen Hausesels mit schwarzem Schulterkreuz, das auf allen Figuren deutlich erkennbar ist. Schon während des Alten Reichs in der ersten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends war die Zucht des Esels in Ägypten eine stark ausgedehnte. Im Grabe des Chafra ank in Giseh aus der 4. Dynastie (2930-2750 v. Chr.), der Zeit der großen Pyramidenerbauer, eines hohen Würdenträgers unter der Regierung des Chefren, berichtet ein Oberschreiber seinem Herrn, er besitze einen Viehstand von nicht weniger als 5023 Stück, darunter 760 Esel. In anderen Gräbern derselben Periode wird, vermutlich mit etwas Übertreibung, gemeldet, daß die Besitzer über mehr als tausend, ja Tausende von Eseln verfügten.

Zur Zeit der ältesten Dynastien wird der Esel häufig auf den Grabwänden dargestellt, da sich das bürgerliche Leben ohne ihn gar nicht vorstellen ließ. Er wurde ausschließlich als Lasttier, daneben etwa noch wie Schafe und Rinder zum Dreschen auf der Tenne, d. h. zum Austreten der Körner der Feldfrüchte mit den Hufen verwendet. Doch diente er daneben bereits als Reittier, doch nicht in der Weise, daß sich die Ägypter auf seinen Rücken setzten, sondern so, daß ein Reitsessel zwischen zwei Eseln befestigt wurde, um darin die über Land reisende vornehme Person aufzunehmen. Erst als zur Zeit des Neuen Reiches (um 1580 v. Chr.) infolge der regen Beziehungen mit den Völkern Vorderasiens das Pferd als wertvolles Kriegsinstrument, das den Schlachtwagen zog, nach dem Nillande kam und hier unter den kriegerischen Pharaonen der 18. und 19. Dynastie in Menge gezüchtet wurde, trat der Esel gegenüber dieser neuen Erwerbung etwas in den Hintergrund, um allerdings später wieder seine Vorherrschaft anzutreten, die er in jenem Lande bis heute zu behaupten vermochte.

Woher bezogen nun die vorpharaonischen Ägypter der Negadaperiode den Hausesel? Zweifellos aus Nubien, wo der ostafrikanische ~Steppenesel~ (Asinus taeniopus) von hamitischen Volksstämmen, wahrscheinlich den Vorfahren der heutigen Galla, gezähmt und damit in den Haustierstand übergeführt worden war. Der Steppenesel findet sich heute noch in den Steppen Obernubiens, am häufigsten in den Ebenen von Barka und um den Atbara, den Hauptzufluß des Nils. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich aber bis an die Küste des Roten Meeres. Wie bei allen Steppentieren ist Geselligkeit ein Grundzug seines Wesens. Das ausnehmend scheue und vorsichtige Tier lebt in kleinen Rudeln, wobei eine Herde von 10-15 Stuten von einem Hengst geführt, bewacht und verteidigt wird. Als Mittelglied zwischen seinen streifenlosen, asiatischen Verwandten und den afrikanischen Tigerpferden sind seine Füße leicht -- von unten nach oben in abnehmender Stärke -- gestreift und zieht sich dem Rücken entlang vom Schwanz bis zur Schulter ein schwarzes Band, das sich hier in zwei gegen die Seitenbuge hin verlaufende Arme teilt. Es ist dies das vorgenannte Rückenkreuz, das sich bei seinen gezähmten Nachkommen noch teilweise erhielt. Außerordentlich stark ausgesprochen war es noch nach der Abbildung bei den Hauseseln der Negadazeit, die also dem Stammvater noch hochgradig ähnlich gesehen haben müssen, ja, kaum von ihm abwichen, was also eine sehr junge Zucht bedeutet. Diese Negadahausesel haben auch die typische Kopfbildung und die aufrechtgestellten, großen Ohren des ostafrikanischen Steppenesels, von dem wildeingefangene Tiere bis auf den heutigen Tag je und je zur Veredlung der Eselzucht in ihrer Heimat verwendet werden. Wie vermutlich schon die alten Ägypter gaben die alten Römer große Summen für diese Veredelung aus, was die Araber jetzt noch tun. Deshalb haben sie auch ein so edles Eselmaterial, demgegenüber unser durch Inzucht und Vernachlässigung herabgekommenes Eselmaterial keinen Vergleich aushält.

Vom Niltal her wurden schon sehr früh die Juden und übrigen Semiten Vorderasiens mit dem Hausesel bekannt, der, wie in Ägypten, so auch bei ihnen eine sehr geachtete Stellung einnahm. Er diente auch hier zum Tragen von Lasten aller Art. So sehen wir auf einer der Wandmalereien des Grabes von Num hotep in Beni Hassan unter einem der ersten Könige der 12. Dynastie (2000-1788 v. Chr.) die Einwanderung eines semitischen Stammes von Hirten in das Land Gosen am Delta. Diese Nomaden werden darauf als Aamu bezeichnet und wandern mit ihren Herden nach Unterägypten ein, als einzige Lasttiere Esel mit großen Ohren mit sich führend, auf denen sie alle ihre Habe und die kleinen, des Gehens unfähigen Kinder aufgeladen haben. Überall im Alten Testament ist an Stelle des Pferdes der Esel der treue Begleiter des Vieh hütenden Nomaden. Von den Zeiten Abrahams an war es der Stolz des Oberhauptes der Familie, zahlreiche Esel neben den Schafen und Rindern zu besitzen, und später, als dies aufkam, alle seine Söhne auf Eseln beritten zu sehen. Nach demselben Grundsatze, an dem heute noch der Japaner speziell in bezug auf das pflügende Rind streng festhält, sollte das Arbeitstier nicht zugleich auch zur Nahrung dienen. Deshalb enthielten sich die Juden ausdrücklich des Fleisches vom Esel, was ursprünglich nicht alle semitischen Stämme getan zu haben scheinen. Ja, wahrscheinlich haben auch die vorpharaonischen Bewohner Ägyptens gelegentlich den zahmen Esel geschlachtet und als willkommene Speise verwendet. Aber die Juden enthielten sich nicht nur des Schlachtens von Eseln, sondern lösten sogar nach dem Gesetz die dem Tode verfallene Erstgeburt desselben wie diejenige des Menschen durch das Opfern eines Schafes ab.

Über Syrien und Kleinasien kam der Hausesel zu Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends in die Balkanhalbinsel, wo er vermutlich asnas hieß, und von da zuerst zu den Griechen als ónos und später auch als asinus zu den Römern. In der homerischen Zeit, da Viehzucht und Ackerbau vorherrschten, war der Esel noch nicht das gebräuchliche Lasttier, sondern ein durch seine Seltenheit wertvolles Zuchttier, das zur Gewinnung der damals schon geschätzten Maultiere diente. Nur an einer zweifellos später eingeschobenen Stelle der Ilias wird er in einem Gleichnisse erwähnt. In der ältesten, sich an Homer anschließenden griechischen Lyrik wird er als Zuchttier erwähnt, das viel zu kostbar war, um der Feld- und Hausarbeit zu dienen. In einem Fragmente des Lyrikers Archilochos von Paros (um 700 v. Chr.) wird von einem Menschen gesagt, daß ihm das Glied anschwoll, wie das des mit Korn gefütterten Zuchtesels aus Priene (einer Stadt der kleinasiatischen Küste nördlich von Milet). Auch Simonides von Amorgos, der jüngere Zeitgenosse des Archilochos, kennt den Esel nur als Zuchttier und legt in einem Gedicht einigen Weibern dessen Art bei, die träge, gefräßig und geil sei. Erst der Dichter Tyrtaios aus Attika um 684 v. Chr. spricht vom Esel als Lasttier, das die Kornfrucht vom Acker nach Hause tragen müsse.

Im Gegensatz zu dem als Beschäler der Pferdestute gehaltenen Eselhengst war bei den ältesten Griechen das von einem solchen mit einer Pferdestute erzeugte ~Maultier~ als hemíonos, d. h. Halbesel, oder oreús, d. h. Bergtier, das eigentliche Arbeitstier, sowohl bei der Feldbestellung als im Geschirr vor dem Wagen und beim Schleppen von Lasten; deshalb wird es gern als vielduldend und mühselig bezeichnet. Schon weil es stärker war als der Esel wurde es diesem vorgezogen, wie Theognis (der um 560 v. Chr. lebende Dichter aus Megara) ausdrücklich bezeugt. Nach Homer stammte das Maultier von den Enetern, einem paphlagonischen Volke aus dem pontischen, d. h. gegen das Schwarze Meere zu gelegenen Kleinasien, her. An einer andern Stelle der Ilias hatten die Bewohner von Mysien dem König Priamos von Ilion Maultiere geschenkt nach dem 24. Buche, Vers 277:

„Schirrten die Maultiere an, starkhufige, kräftig zur Arbeit, Welche die Myser dem Greise verehrt als edle Geschenke.“

In einem Fragment des jonischen Dichters Anakreon (550-478 v. Chr.) werden die Myser geradezu als Erfinder der Maultierzucht durch Kreuzung von Eselhengsten mit Pferdestuten bezeichnet. Schon im Alten Testament bei Ezechiel (596 v. Chr.) wird die Landschaft Thogarma, d. h. Armenien oder Kappadozien als diejenige bezeichnet, die die besten Maulesel lieferte. Den Israeliten selbst verbot das Gesetz diese Zucht. Noch später hören wir mehrfach, so bei Aristoteles, Plutarch und Plinius, die Maultiere Kappadoziens und Galatiens als besonders edle Zucht rühmen; von den ersteren wird berichtet, sie seien fruchtbar, also unter besonders günstige Naturverhältnisse gestellt.

Merkwürdig ist bei dieser Wertschätzung des Maultiers als Ersatz des Esels, daß, vielleicht durch semitische Anschauungen beeinflußt, seit der mythischen Zeit in Elis im Peloponnes das Verbot bestand, Maultiere im Lande selbst zu erzeugen. So soll der König von Pisa in Elis, Oinomaos, der Sohn des Meergottes Poseidon und Vater der Hippodameia, deren Freier er hinterlistig beim Wettfahren tötete, bis er von Pelops durch List überwunden wurde, einen Fluch über diese Zeugung ausgesprochen haben, und seither brachten die Eleer ihre Stuten außer Landes, um sie dort von Eseln belegen zu lassen, wie uns Herodot und Pausanias gleicherweise bezeugen. Vielleicht, meint V. Hehn, war in diesem elischen Brauch nur die durch Religion festgehaltene Anschauung der ältesten Zeit aufbewahrt, da es in Griechenland keine anderen als vom Orient eingeführte Maultiere gab und das Volksgefühl sich gegen solche widernatürliche Mischung noch sträubte. Auch in Homers Odyssee wird vom Bewohner Ithakas Naëmon gesagt, er besitze in dem weidereichen Elis zwölf Stuten mit den dazu gehörigen Maultierfüllen. Von einem Eselhengste aber ist dort nirgends die Rede. Gemäß der Bedeutung des Wortes oreús, d. h. Bergtier für Maultier, wird in der Ilias an einer Stelle geschildert, wie das Maultier mühsam Balken und Schiffsbauholz aus den Bergen hinabgeschleppt habe, an einer andern, wie die Männer mit Äxten, Seilen und Maultieren in das bewaldete Idagebirge hinaufziehen, um Holz für den Scheiterhaufen von Achills Freund Patroklos zu holen; wie dann nach dem Fällen und Zerkleinern der Bäume die Last den Maultieren aufgebunden wird, die sie dann stampfend in die Ebene hinabtragen.

Dieselbe Wertschätzung des Maultiers wie bei den Griechen finden wir auch bei den Römern. So sagt beispielsweise der ältere Plinius in seiner Naturgeschichte: „Das Maultier (mulus) ist zur Arbeit ganz ausgezeichnet gut.“ Daneben waren aber auch die Esel in hoher Achtung; denn derselbe Autor sagt an einer anderen Stelle von diesem Tiere: „Der Gewinn, welchen man aus Eseln zieht, übertrifft den der fruchtbarsten Landgüter.“ Des Plinius Zeitgenosse Columella sagt rühmend von ihm: „Der gemeine Esel (asellus) ist mit geringem Futter, wie Blättern, Dornen, Zweigen, Spreu usw. zufrieden, braucht auch nur geringe Pflege, hält Prügel und Mangel aus, wird selten krank und erträgt die Arbeit leicht. Auf dem Lande ist er ganz unentbehrlich, weil er die Mühle treiben und allerlei Gegenstände in die Stadt und von da zurücktragen muß.“

Hundert Jahre vor diesen beiden schreibt der gelehrte Varro: „Was die zahmen Esel betrifft, so werden in Griechenland die arkadischen sehr geschätzt, in Italien dagegen die von Reate, und ich weiß einen Fall, wo ein solcher mit 60000 Sesterzien (= 9000 Mark) bezahlt wurde und in Rom ein Viergespann von Eseln mit 400000 Sesterzien (= 60000 Mark).“ Weiter meint er: „Der Wildesel, der herdenweise in Phrygien und Lykaonien lebt -- offenbar ist hier vom später zu besprechenden Onager die Rede, dessen Verbreitungsgebiet sich damals westlich noch bis dort erstreckt zu haben scheint -- kann man leicht zähmen, den zahmen Esel aber nicht in einen wilden umschaffen. Man braucht den Wildesel gern zur Zucht. Das Junge des zahmen Esels läßt man im ersten Jahre ganz bei seiner Mutter, im zweiten nur bei Nacht, jedoch so, daß beide angebunden sind; im dritten wird es zu seiner Arbeit dressiert. Die meisten werden gebraucht, um die Mühle zu drehen, oder zum Tragen und Fahren, in leichtem Boden auch zum Pflügen. Kaufleute halten auch ganze Herden, um Öl, Wein, Getreide usw. zu transportieren.“ Jung wurden sie auch verspeist. So schreibt Plinius in seiner Naturgeschichte, Maecenas, der reiche Freund des Kaisers Augustus, habe die Mode aufgebracht, junge Esel zu essen. Derselbe Autor berichtet: „Die Eselsmilch soll die Haut weiß machen; deshalb führte Poppaea, die Gemahlin Neros, immer 500 milchende Eselinnen mit sich und badete in deren Milch.“

Seit dem Altertum hat sich der Esel als wichtigstes Arbeitstier überall in den Mittelmeerländern unentbehrlich gemacht, ist aber durch schlechte Haltung immer kleiner und unansehnlicher geworden. Dabei hat er eine mattere, aschgraue Farbe und schlaffere Ohren bekommen. Oken sagt von ihm: „Der zahme Esel ist durch die lange Mißhandlung so sehr heruntergekommen, daß er seinen Stammeltern fast gar nicht mehr gleicht. Der Mut hat sich bei ihm in Widerspenstigkeit verwandelt, die Hurtigkeit in Langsamkeit, die Lebhaftigkeit in Trägheit, die Klugheit in Dummheit, die Liebe zur Freiheit in Geduld, der Mut in Ertragung der Prügel.“ Tatsächlich ist an diesem treuen Arbeitstiere des Menschen im Laufe der Jahrhunderte unsäglich viel gesündigt worden, daher sein widerstrebender, eigensinniger Charakter!

Gemäß seiner Herkunft aus einer heißen Steppe fühlt er sich um so wohler, je wärmer und trockener das Land ist. Feuchtigkeit und Kälte verträgt er viel weniger als das hierin weniger empfindliche Pferd. Schon Plinius sagt: „Kälte kann dieses Tier (der Esel) nicht gut vertragen.“ In bezug auf Futter ist er durchaus nicht wählerisch und begnügt sich mit sehr geringen Mengen davon. Brehm sagt von ihm: „Gras und Heu, welches eine wohlerzogene Kuh mit Abscheu verratendem Schnauben liegen läßt und das Pferd unwillig verschmäht, sind ihm noch Leckerbissen: er nimmt selbst mit Disteln, dornigen Sträuchern und Kräutern vorlieb. Bloß in der Wahl des Getränkes ist er sorgsam, denn er rührt kein Wasser an, welches trübe ist; salzig, brackig ~darf~, rein ~muß~ es sein. In Wüsten hat man oft sehr große Not mit dem Esel, weil er, alles Durstes ungeachtet, nicht von dem trüben Schlauchwasser trinken will.“

Die Paarungszeit des Esels fällt in die letzten Frühlings- und ersten Sommermonate. Etwa 11 Monate nach der Paarung wirft die Eselin ein -- höchst selten zwei -- vollkommen ausgebildetes, sehendes Junges, das sie mit großer Zärtlichkeit ableckt und das ihr sofort zu folgen vermag. Schon eine halbe Stunde nach der Geburt bietet ihm seine Mutter das Euter dar, das ihm die nächste Nahrung spendet. Nach 5-6 Monaten kann das Eselsfüllen entwöhnt werden, folgt aber noch lange seiner Mutter auf allen Wegen nach. Es ist ein überaus munteres, lebhaftes Tier, das die possierlichsten Sprünge ausführt. Schon im zweiten Jahre ist es erwachsen; aber erst im dritten Jahre erreicht es seine volle Kraft, um selbst bei harter Arbeit ein Alter von über 30 Jahren zu erreichen.

Im Volksleben Mitteleuropas spielte der Esel nur als Mülleresel, der die Säcke nach und von der Mühle trug, eine beschränkte Rolle und wurde nie das volkstümliche Haustier wie in Südeuropa oder gar im Orient. Er kam einst im Mittelalter vorzugsweise durch die Mönchsorden nach Deutschland in die Klöster, um hier als Lasttier verwendet zu werden. So erlaubte z. B. Herzog Konrad I. von Urach 1263 den Franziskanern in Freiburg im Breisgau „mit drei Eseln aus dem Herzogenwald Holz zu holen.“ Aus den Klöstern ging er dann später teilweise zu den Laien über. Aber im allgemeinen kam er im Laufe der Zeit als schlecht gefüttertes und fast ungepflegtes Arbeitstier des kleinen, armen Mannes zu einem blöden Jammerwesen herunter und wurde so für den Volksmund zum sprichwörtlichen Vertreter der Dummheit. Nicht viel besser erging es dem Esel in den Mittelmeerländern, obwohl er dort viel zahlreicher gehalten wird und zum geradezu unentbehrlichen Gehilfen des Menschen, speziell des Gartenbauers, wurde. Auch hier ist das Leben des armen „Packesels“ eine Kette von Anstrengungen, Leiden und Entbehrungen gepaart mit zahlreichen Mißhandlungen. Erst im Morgenlande sehen wir aus diesem Proletarier unter den Haustieren des Abendlandes einen mit weit größerer Sorgfalt als bei uns behandelten Diener und Genossen des Menschen werden, der es sogar zu einigem Adel der äußeren Erscheinung, wie des Charakters bringt. Brehm schreibt in seinem bekannten Tierleben: „Der nordische Esel ist, wie allbekannt, ein träger, eigensinniger, oft störrischer Gesell, welcher allgemein, wenn auch mit Unrecht, als Sinnbild der Einfalt und Dummheit gilt, der südliche Esel dagegen, zumal der ägyptische, ein schönes, lebendiges, außerordentlich fleißiges und ausdauerndes Geschöpf, welches in seinen Leistungen gar nicht weit hinter dem Pferde zurücksteht, ja es in mancher Hinsicht noch übertrifft. Ihn behandelt man auch mit weit größerer Sorgfalt als den unsrigen. In vielen Gegenden des Morgenlandes hält man die besten Rassen so rein wie die des edelsten Pferdes, füttert die Tiere sehr gut, plagt sie in der Jugend nicht so viel und kann deshalb von den erwachsenen Dienste verlangen, welche unser Esel gar nicht zu leisten imstande sein würde. Man hat vollkommen recht, viele Sorgfalt auf die Zucht des Esels zu verwenden; denn er ist dort Haustier im vollsten Sinne des Wortes: er findet sich im Palast des Reichsten wie in der Hütte des Ärmsten und ist der unentbehrlichste Diener, welchen der Südländer kennt. Schon in Griechenland und Spanien trifft man sehr schöne Esel, obgleich sie noch weit hinter den im Morgenlande, zumal in Persien, Turkmenien und Ägypten gebräuchlichen zurückstehen. Der griechische und der spanische Esel kommen einem kleinen Maultier an Größe gleich; ihr Haar ist glatt und weich, die Mähne ziemlich, die Schwanzquaste verhältnismäßig sehr lang; die Ohren sind lang, aber fein gebaut, die Augen glänzend. Große Ausdauer, ein leichter, fördernder Gang und ein sanfter Galopp stempeln diese Esel zu unübertrefflichen Reittieren.“

Noch weit schöner als diese Esel von ostafrikanischer Abstammung sind die arabischen Esel, zumal diejenigen, welche in Jemen gezogen werden. Es gibt zwei Rassen, eine große, mutige, rasche, zum Reiten höchst geeignete, und eine kleine, schwächere, welche gewöhnlich zum Lasttragen benutzt wird. Der große Esel ist wahrscheinlich durch Kreuzung mit dem Onager und seinen Nachkommen veredelt worden. Ganz ähnliche Rassen finden sich in Persien und Ägypten, wo man viel Geld für einen guten Esel ausgibt. Ein allen Anforderungen entsprechender Reitesel steht höher im Preis als ein mittelmäßiges Pferd, und es ist gar nicht selten, daß man bis 1500 Mark unseres Geldes für ihn bezahlt. „Etwas Nutzbareres und Braveres von einer Kreatur als dieser Esel“, sagt Bogumil Goltz, „ist nicht denkbar. Der größte Kerl wirft sich auf ein Exemplar, welches oft nicht größer als ein Kalb von sechs Wochen ist, und setzt es in Galopp. Diese schwach gebauten Tiere gehen einen trefflichen Paß; wo sie aber die Kräfte hernehmen, stundenlang einen ausgewachsenen Menschen selbst bei großer Hitze im Trab und Galopp herumzuschleppen, das scheint mir fast über die Natur hinaus in die Eselsmysterien zu gehen.“ Man verschneidet den Reiteseln das Haar sehr sorgsam und kurz am ganzen Körper, während man es an den Schenkeln in seiner vollen Länge stehen läßt; dort werden dann noch allerlei Figuren und Schnörkel eingeschnitten, und die Tiere erhalten dadurch ein ganz eigentümliches Aussehen.

Weiter nach dem Innern, wo das nützliche Geschöpf ebenfalls als Haustier gehalten wird, sieht man wenige edle Esel, und auch diese werden erst eingeführt.

Die hier erwähnte hochgeschätzte, edlere Eselrasse, welche größer, von schlankerer Gestalt und feineren Gliedmaßen, mit kürzeren Ohren, isabellfarben bis weiß ist und wegen ihrer Gutartigkeit und Lenksamkeit häufig von vornehmen Damen geritten wird, ist tatsächlich kein Abkömmling des afrikanischen Steppenesels, von dem die gewöhnlichen Eselrassen abstammen, sondern des ~westasiatischen Steppenesels~, des ~Onager~ der Alten (Asinus onager), der auch in der Bibel mehrfach erwähnt wird. Dieses von Syrien über Arabien, Persien bis Indien verbreitete Tier ist merklich kleiner als der die Steppen Zentralasiens nördlich von Tibet in kleinen, äußerst scheuen Herden bewohnende edelste Wildesel, der ~Kulan~ der Kirgisen oder ~Dschiggetai~, d. h. zu deutsch Langohr der Mongolen, der mit dem Schwanz 2,5 m lang wird bei einer Höhe am Widerrist von 1,3-1,5 m, aber doch größer und feingliedriger als der gemeine Esel. Sein Kopf ist verhältnismäßig noch höher und größer als beim Kulan, die dicken Lippen sind bis an den Rand mit steifen, borstigen Haaren dicht bekleidet, die Ohren ziemlich lang, jedoch kürzer als beim Esel. Die vorherrschende Färbung ist ein silberiges Weiß, das auf der Oberseite des Kopfes, an den Seitenflächen des Halses und des Rumpfes, sowie an den Hüften in ein blasses Isabellgelb übergeht. Am Seitenbug zieht sich ein weißer Streifen von Handbreite herab. Ein zweiter Streifen verläuft längs des ganzen Rückens und an der Hinterseite der Schenkel; in seiner Mitte liegt der kaffeebraun gefärbte Riemen. Die Behaarung ist seidenartiger und weicher als beim Pferde, im Sommer äußerst glatt und zart, im Winter wolliger.

Der Onager ist äußerst scheu, vorsichtig und schnellfüßig, so daß ihm in offener Steppe gar nicht beizukommen ist. Er lebt in kleinen, aus Stuten und Füllen beiderlei Geschlechts bestehenden Herden, die von einem Haupthengst geführt werden. Er ist außerordentlich genügsam und kommt höchstens jeden zweiten Tag zur Tränke, weshalb der Anstand auf ihn meist vergeblich ist. Salzhaltige Pflanzen, wie sie die Salzsteppe seiner Heimat in Menge hervorbringt, sind seine angenehmste Nahrung. Salziges Wasser liebt er mehr als süßes, jedoch muß es rein sein; denn trübes trinkt er nie.

Schon im frühen Altertum wurde dieses Wildpferd in Vorderasien gefangen und gezähmt, um dem Menschen dienstbar zu sein. So haben ihn schon die Sumerer in Mesopotamien zum Kriegführen verwendet, lange bevor das Pferd aus Innerasien zu ihnen gelangte. Als aber letzteres im Zweistromland Aufnahme gefunden hatte, verdrängte es für diesen Zweck den älteren Esel. So finden wir unter den Kriegsszenen der Assyrer stets nur das Pferd als Zugtier am zweirädrigen Kriegswagen abgebildet, während der als Lasttier hauptsächlich landwirtschaftlichen Zwecken dienende Esel hier fehlt. Dagegen findet sich das Einfangen des Wildesels gelegentlich auf den Jagddarstellungen. Eine solche besitzen wir beispielsweise auf dem Basrelief einer Marmorplatte aus dem etwa 668 v. Chr. gebauten Palast des Asurbanipal in Kujundschik. Hier hat der assyrische Künstler eine Jagdszene wiedergegeben, die an packender Naturtreue den besten Leistungen der antiken Tierdarstellung an die Seite zu stellen ist. Zwei mit bis zu den Knien reichenden befransten Gewändern bekleidete Männer mit hohen Sandalen und wellig gescheiteltem Haupthaar ohne Bart führen zwischen sich an Stricken einen mit dem Lasso gefangenen jungen Onagerhengst, während darunter zwei wilde Onager in eiligstem Lauf, der eine mit den Hinterbeinen wild um sich schlagend, in entgegengesetzter Richtung davoneilen. Der ganze Körperbau, die Bildung des Kopfes und Halses mit der kurzen Mähne, dann vor allem der an der Spitze mit Haarquaste versehene Eselsschwanz weisen mit Bestimmtheit auf den westasiatischen Onager und nicht auf das Wildpferd, wie Konrad Keller darzutun versucht. Solche Wildlinge wurden wohl auch zur Auffrischung der einheimischen Eselzucht verwendet.

Noch weit später sind je und je wilde Onager in Westasien gefangen worden, müssen also damals in der dortigen Steppe noch in namhaften Herden gelebt haben. So wurden sie auch wiederholt zur Kaiserzeit bei den großen Zirkusspielen in Rom vorgeführt und allerlei Raubtiere auf sie gehetzt. So schreibt Julius Capitolinus in seiner Biographie des Gordian, der 238, 80 Jahre alt, mit seinem Sohne zum Kaiser ausgerufen wurde, sich aber 36 Tage nachher, als letzterer vor Karthago geschlagen ward und fiel, tötete, er habe, als er unter Caracalla und Alexander Severus Konsul war, einmal bei den von ihm gegebenen Jagdspielen im Zirkus Maximus in Rom 30 Wildesel -- wohl ein seltsames Schauspiel für die sonst so verwöhnten Römer -- auftreten lassen. Noch seltener gab es dort das ebenso flüchtige Tigerpferd Afrikas, das Zebra, von den Römern hippotigris genannt, zu sehen. So berichtet ein anderer römischer Schriftsteller, daß Kaiser Caracalla im Jahre 211 neben Tiger, Elefant und Nashorn auch einen Hippotigris auftreten ließ und eigenhändig tötete.

Schon frühe, wenn auch bedeutend später als der afrikanische Steppenesel, ist dieser südwestasiatische Steppenesel, jung eingefangen und an des Menschen Gegenwart und Pflege gewöhnt, zum Haustiere desselben geworden. Doch wurde er in seiner Heimat nicht so regelmäßig wie der Hausesel bei den Ägyptern und den mit diesem in der Folge beschenkten Völkern gehalten, so daß sich wohl erst spät eine eigentliche Zucht ausbildete. So berichtet der Vater der griechischen Geschichtsschreibung, Herodot, daß die 580 im Heere des Xerxes, bei seinem Zuge gegen Griechenland, befindlichen Inder Streitwagen führten, die teils mit Pferden, teils mit Wildeseln (ónos ágrios, eben dem Onager) bespannt waren. Von eben diesem Onager, der damals noch häufiger als heute angetroffen wurde, berichtet Xenophon vom Jahre 401 v. Chr. von seiner Expedition zugunsten des Cyrus: „Als Cyrus der Jüngere durch Arabien, im Westen des Euphrats, hinzog, kam er durch eine ganz unabsehbare Ebene, woselbst es sehr viele Wildesel gab. Diese liefen viel schneller als Pferde und konnten nur gefangen werden, indem Reiter sich in großen Entfernungen voneinander aufstellten und so im Jagen wechselten. Das Wildpret dieser Tiere glich dem des Hirsches, war aber zarter.“

Dieser westasiatische Hausesel ist gemäß seiner Abstammung vom Onager nicht grau, wie der sich vom afrikanischen Steppenesel ableitende Hausesel, sondern weiß oder isabellfarben und viel größer als jener. Ja, sie geben dem Pferd an Größe nicht viel nach. Am meisten werden sie in Südostarabien gezogen und kommen dann als ~Maskatesel~ in den Handel. Man trifft sie außer in Arabien besonders viel in Persien und Mesopotamien als Reittiere verwendet, da sie nicht nur stark gebaut, sondern, im Gegensatz zum störrischen Wesen ihres afrikanischen Vetters, lenksam und dabei ausdauernd sind. In Mesopotamien (Bagdad) kommen sie neben dem gewöhnlichen Lastesel häufig auf den Markt und gelten dort 25 türkische Pfund (= 560 Mark). Die besten Zuchten stammen aus Nedje in Zentralarabien. Als schöne und edle Rassetiere werden sie mit Vorliebe von den vornehmen und reichen Orientalen gehalten, die sich solchen Luxus leisten können. Das gemeine Volk aber begnügt sich mit dem weniger edlen Grautier, dem Abkömmling des afrikanischen Steppenesels, der sich allein als Arbeitstier über größere Gebiete der Erde verbreitet hat. Wie seit dem frühesten Altertum spielt letzterer heute noch in Ägypten als Reit- und Transporttier der Eingeborenen eine wichtige Rolle und gehört überall, besonders in den Städten, zur Staffage des Straßenlebens. Durch ganz Afrika hat er bei den hamo-semitischen Stämmen die größte Verbreitung gefunden, während ihn die Neger ablehnten. Im äußersten Osten, in den Somaliländern, ist er lediglich Lasttier, das den Karawanen folgt. Doch wird er dort nicht gerade zahlreich gehalten, da in den dortigen Steppenländern das Kamel leistungsfähiger ist. Auch in Abessinien wird er in den höheren Lagen ziemlich viel als Lasttier verwendet, aber auch ausgiebig zur Maultierzucht benutzt. Die am weitesten nach Innerafrika vorgeschobenen Hamiten, die Gallas und die Massai, halten zahme Esel in großer Zahl. Es sind kräftige, graue Tiere mit scharfgezeichnetem Schulterkreuz. Vom oberen Niltal hat sich das Tier stark nach den Haussaländern verbreitet, wo es ebenfalls vorzugsweise als Lasttier benutzt wird. Ebenso ist es in Südafrika häufig, da es gegen gewisse hier umgehende Krankheiten, besonders die Tsetse, widerstandsfähiger als das Pferd ist. Die ersten Esel kamen bereits 1689 aus Persien nach dem Kap und wurden in der Folge vorwiegend durch die Buren weiter nördlich bis zum Sambesi verbreitet.

In Arabien, Mesopotamien, Persien und Afghanistan wird neben dem großen, hellen Hausesel von Onagerabstammung sein kleiner, grauer, afrikanischer Verwandter ebenfalls häufig gehalten. Große, auffallend stark gebaute Esel von vorwiegend Onagerblut findet man bei den Turkmenen. In der Mongolei und Mandschurei besteht eine starke Eselzucht, die von ihrem Überschuß vielfach an chinesische Kleinhändler abgibt. Doch ist der Esel in China so unwichtig, daß er nicht einmal nach Japan kam, wo man nur das Pferd verwendet. In Indochina und Indonesien fehlt er ganz. In Ostindien findet man ihn nur selten, z. B. in Cotschin, wo sich Araber aufhalten. Kleinasien dagegen besitzt wie ganz Westasien eine Menge von Eseln, doch überwiegend Grautiere von ziemlich elender Erscheinung, weil sie schlecht gehalten werden. Auch in Griechenland finden wir den Esel häufig, weniger dagegen in den Balkanländern. Bedeutende Eselzuchten weist Süditalien auf. Auf Sizilien und der Insel Pantellaria wird eine stattliche Rasse gehalten, während die Esel Sardiniens sehr klein sind. In Südfrankreich dient der Esel vorzugsweise zur Maultierzucht, die auch in Spanien und Portugal eine sehr wichtige Rolle spielt. Daneben wird aber auch der Esel auf der Iberischen Halbinsel viel verwendet; ja man kann sagen, daß das Grautier neben Ägypten und Westasien hier am häufigsten gezüchtet wird. Von Spanien aus wurde der Esel im 16. Jahrhundert in Amerika eingebürgert, ist aber hier stark vernachlässigt. Seine Hauptbedeutung beruht hier in der Maultierzucht. Der erste Esel, den Garcilasso auf der Hochebene von Peru sah, war dazu bestimmt. In Australien ist seine wirtschaftliche Bedeutung, wie auch in Mitteleuropa, ohne Belang geblieben. Früher wurde er in der Westschweiz häufig gehalten, besonders in den Kantonen Genf und Waadt. Neuerdings ist er wesentlich durch die Bemühungen der Tierschutzvereine in verschiedenen Städten Deutschlands als Zugtier eingebürgert worden. Im Norden besitzt Irland stellenweise, z. B. in Connaught, eine starke Eselzucht. Auch in England, wo er früher nahezu fehlte, wird er jetzt häufig, wenigstens im Süden, als Zugtier von den Kleinhändlern gehalten.

Es ist schon mehrfach von den Kreuzungsprodukten von Esel und Pferd die Rede gewesen, die schon im frühen Altertum in Westasien und den Mittelmeerländern eine wichtige Rolle spielten und heute noch besonders in den romanischen Ländern sehr zahlreich gehalten werden. Dabei unterscheidet man den ~Maulesel~ (lat. hinnus) als Produkt der Kreuzung von Pferdehengst mit Eselstute und das ~Maultier~ (lat. mulus) als dasjenige von Eselhengst mit Pferdestute. In beiden Fällen schlägt der Bastard mehr nach der Mutter aus. So gleicht der Maulesel mehr dem Esel, sieht aber wegen des relativ schweren Rumpfes in Verbindung mit schwachen Gliedmaßen unschön aus und ist nie zu größerer Bedeutung gelangt. Man findet ihn heute nur sporadisch, so besonders in Abessinien, Nubien, Marokko, auf den Balearen, in Sizilien und Istrien. Dagegen war er im Altertum in manchen Gegenden nicht gar selten zu finden, so in Assyrien, wo er im Dienste der Haus- und Landwirtschaft als Lasttier wie der Esel gebraucht wurde. Zu sehr großer Bedeutung gelangte dagegen das Maultier, das mehr dem Pferde gleicht, viel leistungsfähiger ist, und mit seinen kleinen, zierlicheren Hufen ein weit besserer Bergsteiger ist als das Pferd und deshalb besonders viel als Saumtier gehalten wird. Von ihm werden weit mehr Männchen als Weibchen geboren. Sie sind in der Regel, aber durchaus nicht in allen Fällen unfruchtbar, wie man gemeinhin glaubt, nur ist ihr Geschlechtstrieb bedeutend herabgesetzt. Dabei sollen sie sehr alt werden, viel älter als beide Eltern. Auch im Charakter ist die mütterliche Abstammung maßgebend. So halten sich nach Dobrizhoffer die Maulesel zu den Eseln, die Maultiere jedoch zu den Pferden. Deshalb führt im romanischen Südamerika jede tropa Maultiere ein Pferd, die madrinha, mit der Schelle als Leittier. Nebenbei bemerkt kommt natürlich die Benennung Maulesel und Maultier vom lateinischen mulus.

Wie kam nun der Mensch dazu, eine solche auf den ersten Blick unnatürliche und sonst bei den Haustieren durchaus nicht gebräuchliche Bastardierung zwischen Esel und Pferd vorzunehmen? Darauf läßt sich keine bestimmte Antwort geben. Eduard Hahn hat sie bereits mit dem Eindringen des Pferdes selbst aus Hochasien nach Westen in Verbindung bringen zu dürfen geglaubt. Als das erste Reitervolk aus Innerasien nach den Kulturländern im Süden und Westen vorstieß, werden die Bewohner vor solch ungewohntem Anblick in denselben Schrecken geraten sein wie die alten Griechen, die aus solcher Reminiszenz ihre Sage von den Kentauren schufen, die halb Mensch halb Tier (Pferd) sein sollten. Vielleicht, ja wahrscheinlich, daß dieses Volk statt der wilden, ungestümen Hengste nur die sanfteren Stuten ritt, wie dies die Araber aus altgeheiligter Sitte heute noch tun. Zur Begründung dieser Gewohnheit sagen sie, wenn sie einmal einen nächtlichen Überfall machten und es wäre ein Hengst dabei, so könnte er, wenn er die Anwesenheit der Stuten im Lager röche, wiehern und dadurch die Feinde alarmieren. Dies soll unter allen Umständen vermieden werden! Ritt nun der ungläubige Araber nur Stuten, so ritt schon aus nationalem Gegensatz der gläubige Spanier nur Hengste. Wo Spanier in Südamerika leben, gilt es heute noch für eine Schande, die kaum ein Neger auf sich lädt, eine Stute zu besteigen.

Wie vielleicht jenes alte Reitervolk, das aus Innerasien hervorbrach, ritten nach dem Zeugnisse des Römers Trebellius Pollio die Skythen nur Stuten, indem man vermutlich die überschüssigen Hengste, die nicht zur Zucht gebraucht wurden, als Opfertiere schlachtete.

Fingen nun die betreffenden Westasiaten, die von diesem Reitervolke heimgesucht wurden, die ihrer Reiter entledigten Stuten, so konnte es nicht ausbleiben, daß diese mit dem hier bereits als Haustier gehaltenen Esel zusammengesperrt wurden, wobei sich Gelegenheit zur Bastardierung von selbst ergab. So etwa ist der Ursprung der in Westasien sehr alten Maultierzucht zu erklären.

Als man dann später die Vorteile dieser Bastardierung inne geworden war, pflegte man sie neben der Pferdezucht auszuüben. Nur manche Völker, wie beispielsweise die Juden, lehnten sie als ungehörig ab. So verbot das Gesetz den Juden, wie jede Bastardierung überhaupt, so auch diese. Bei den alten Persern waren die Maultiere ebenso gebräuchliche als beliebte Arbeitstiere wie bei den ältesten Griechen. Wir haben bereits gesehen, welche Verbreitung die Maultiere bereits in homerischer Zeit hatten und wie die Esel damals nur als Beschäler der Pferdestuten, also als Zuchttiere für die Maultiergewinnung benutzt wurden. Nicht anders scheint es bei den Mykenäern und dem ganzen illyrischen Kulturkreis zur Mitte des zweiten vorgeschichtlichen Jahrtausends gewesen zu sein, indem hier nach den Abbildungen das Maultier neben dem Pferd zum Ziehen der zweiräderigen Wagen und daneben auch zum Reiten ohne Schabracke und Sattel oder Bügel benutzt wurde. Im Heere der Perser spielten die Maultiere wie die Esel zur Beförderung der Bagage eine wichtige Rolle. So meldet uns der griechische Geschichtschreiber Herodot: „Als der Perserkönig Darius (im Jahre 513 v. Chr.) über die Donau gegangen war, um gegen die Skythen Krieg zu führen, zeigte sichs bald, daß die feindliche Reiterei der seinigen weit überlegen war. Indessen fand sichs, daß die Perser an den Eseln und Maultieren, welche in ihrem Lager waren, mächtige Bundesgenossen hatten; denn die skythischen Pferde nahmen vor ihnen Reißaus, weil sie dergleichen nie gesehen hatten, und fürchteten sich nicht bloß vor ihrem Anblick, sondern auch vor ihrer Stimme.

Als endlich Darius doch in Not geriet, blieb ihm nichts übrig, als sich zurückzuziehen, und dabei brauchte er folgende List: wie es Nacht war, ließ er die Esel im Lager anbinden und Feuer anmachen. Darauf zog er heimlich mit dem Heer von dannen, während die Skythen sicher glaubten, er wäre noch da; denn sie hörten die Esel laut schreien. Diese Tiere schrieen aber deswegen, weil ihre Herren weggegangen waren.“

Wie bei den alten Griechen, so hat auch bei den Römern das Maultier als nützliches Arbeitswesen weite Verbreitung gefunden. Hat doch seine fast aufgehobene Geschlechtlichkeit im Verein mit seinem leistungsfähigen Körper, der die Stärke des Pferdes mit der Zähigkeit, Ausdauer und Genügsamkeit des Esels verbindet, es bis auf den heutigen Tag überall in den von der altrömischen Kultur befruchteten romanischen Ländern zu besonderer Wertschätzung geführt. Schon der ältere Plinius sagt in seiner Naturgeschichte: „Das Maultier ist zur Arbeit ganz ausgezeichnet gut, der Maulesel dagegen ist unlenksam und unbändig faul. In der Regel bekommen Maultiere und Maulesel keine Jungen; doch geschieht es allerdings mitunter und dann hat man es immer für ein Zeichen bevorstehenden Unglücks gehalten.“ Dieser Aberglaube ist von den Römern auf die Romanen übergegangen. So berichtet Bollaert, daß eine der besten Silberminen bei Iquique ihren Ertrag einstellte, als ein weißes Maultier ein Junges warf. In ganz Südamerika hat man einen solchen Schrecken vor diesen Maultiergeburten, daß schon in verschiedenen Fällen Mutter und Kind gleich auf einen Scheiterhaufen gebracht und verbrannt worden sein sollen. Wie Älian berichtet, benutzten die Römer, besonders zum Ziehen von Reisewagen, Stuten oder Maultiere. Diese waren dann bei den Vornehmen vielfach kostbar beschlagen und mit bunten Bändern geschmückt. So berichtet Plinius von Kaiser Neros Gemahlin Poppaea, sie habe die Hufe ihrer Maultiere mit Gold beschlagen lassen. Und Sueton schreibt: „Wenn Kaiser Nero eine Reise machte, so hatte er immer wenigstens tausend Staatskarossen bei sich; die Hufe der vorgespannten Maultiere waren mit Silber beschlagen, die Kutscher waren in kanusinische Wolle gekleidet.“ Varro rühmt den Mut dieser Tiere, indem er sagt: „Die Maultiere sind von Natur mutig, und mir ist ein Beispiel bekannt, wo sich ein Wolf an eine Herde von Maultieren schlich, diese ihn aber umringten und mit den Hufen totschlugen.“

Heute noch wird in den Gebirgsländern Südeuropas, besonders in Italien und Spanien, dann in Österreich und der Schweiz -- hier besonders im Kanton Wallis --, das Maultier zum Befördern von Lasten als Saumtier, oder an den zweiräderigen Wagen angespannt, dem Pferde vorgezogen. Seine Genügsamkeit, seine große Ausdauer und die selbst auf dem schwierigsten Terrain sichere Gangart -- alles Erbstücke vom Esel -- in Verbindung mit der durch die vom Pferd ererbte Körpergröße ermöglichten größeren Leistungsfähigkeit beim Lastentragen machen es den Gebirgsbewohnern geradezu unentbehrlich. Deshalb wird es auch zum Befördern der Gebirgsartillerie dem Pferde vorgezogen. Auf eine hohe Stufe ist die Maultierzucht in Südfrankreich gelangt, wo Poitou und Deux Sèvres einen starken Export betreiben. Außer in den romanischen Ländern trifft man diese Zucht nur noch in Irland häufiger. Auf asiatischem Boden hat Persien ausgezeichnete Maultiere; auch Nordchina ist in dieser Richtung hervorragend. In Nordafrika züchten Algerien und Ägypten diesen Bastard in größerer Zahl, am berühmtesten ist aber das gebirgige Abessinien durch seine Maultierzucht. Sie wird dort dadurch erleichtert, daß einmal der dortige Pferdeschlag nicht sehr groß ist und die Abneigung des Pferdes gegen den niedern Verwandten dadurch verringert wird, daß Pferd und Esel von Jugend auf zusammen aufgezogen werden. In der Neuen Welt hat die Maultierzucht namentlich im spanischen Südamerika außerordentliche Verbreitung gefunden. So wurden früher nicht weniger als 80000 Stück jährlich von Argentinien nach Peru exportiert. Auch in Mexiko und den Südstaaten der Union hat die Maultierzucht zunehmende Bedeutung erlangt.

Wie der Wildesel würde auch das ~Zebra~ (Equus zebra) ein geeignetes Objekt für die Domestikation von seiten des Menschen sein. Durch die unablässigen Verfolgungen von Seiten des Menschen ist seine Verbreitung eine sehr beschränkte geworden. Früher war es ein gemeines Tier der afrikanischen Steppe, das in Herden bis zu 100 Stück lebte, die einzelnen Arten streng voneinander gesondert, aber sich gern unter Antilopen und Strauße mengend. Da ihr Gesicht, wie bei allen Pferden, weniger gut ausgebildet ist, während ihr Geruch vorzüglich ist, kam ihnen die Symbiose mit den gut sehenden, außerordentlich wachsamen Straußen sehr zugute. Letztere ihrerseits fraßen gern die im Zebradung lebenden großen Mistkäfer. Eine ähnliche Lebensgemeinschaft zu gegenseitiger Förderung besteht in Südamerika zwischen Hirschen und Nandus, im Kaukasus zwischen Steinböcken und Berghühnern.

Die Zebras sind wie die Wildesel typische Steppentiere, die sich aber im Gegensatz zu jenen nie allzuweit vom Wasser entfernen, da es ihnen bei der sehr harten, vielfach salzhaltigen Nahrung ein Bedürfnis ist, täglich zu trinken. Wie alle diese Tiere benutzen sie gewöhnlich die Nacht, um oft über weite Strecken zum Wasser zu gelangen, an dem sie ihren Durst zu stillen vermögen. Früher galt das Zebra für zu wild, um gezähmt werden zu können. Doch ist diese vorgefaßte Meinung durch den praktischen Erfolg widerlegt worden. So gibt es nicht nur in Deutsch-Ostafrika, sondern selbst in London als Zugtiere dressierte Zebras, die ihren Dienst vortrefflich tun. In letzterer Stadt fährt Baron W. von Rothschild im dichtesten Straßengewühl mit vier Zebras so glatt und flott wie mit dem besten Viererzug aus Pferden. Da das Zebra unter der Tsetsekrankheit nicht leidet, ist es dazu berufen, in weiten Gebieten Afrikas als Zugtier das Pferd zu ersetzen, das dort nicht gehalten werden kann, da es regelmäßig daran erliegt. Zum Reiten ist es allerdings zu schwach. Von allen Zebraarten hätte nur das Grevyzebra (Equus grevyi) die erforderliche Größe und Kraft, um ein brauchbares Reittier abzugeben. Da sich die Zebras sehr leicht mit Pferd und Esel kreuzen lassen, scheint eine solche Kreuzung von großer Bedeutung, da die daraus resultierenden Bastarde, die man als ~Zebroide~ bezeichnet, sehr leistungsfähig sind und gegenüber dem Maultier unverkennbare Vorzüge aufweisen, so daß sie diesem vielleicht in Bälde den Rang streitig machen werden. Verschiedene Gestüte haben sehr günstige Erfahrungen mit diesen Tieren gemacht, die durch ihre mehr pferdeähnliche Erscheinung in Verbindung mit der Zebrazeichnung recht stattliche Luxustiere sind. Außer Schnelligkeit und Ausdauer wird ihnen große Gelehrigkeit nachgerühmt. An Muskelstärke übertreffen diese Zebroide die Maultiere und lassen die Störrigkeit der letzteren ganz vermissen; außerdem sind sie weniger scheu. Jedenfalls haben diese Tiere eine bedeutende Zukunft, da sie eine besonders gute Rassenmischung darzustellen scheinen.

VII. Das Pferd.

Erst längere Zeit nach dem ostafrikanischen Wildesel ist irgendwo in Zentralasien das flüchtige ~Wildpferd~ (Equus caballus) vom Menschen gezähmt und zunächst als ausschließliches Werkzeug des Krieges benützt worden. Einst hat es nicht nur in Asien, sondern überall auch in Europa Wildpferde gegeben. Wie der nordamerikanische Bison die ausgedehnten Prärien und der europäische Wisent den Wald bewohnte, so war offenbar auch das europäische Wildpferd in frühgeschichtlicher Zeit mehr ein Waldtier, während es von Rußland an ein ausgesprochenes Steppentier wie einst in der Diluvialzeit geblieben war. In verschiedenen Epochen der Eiszeit hat neben dem Wildbüffel das Wildpferd das wichtigste Nahrungstier des Menschen gebildet, dessen Knochen sich an manchen einstigen Lagerplätzen des Diluvialmenschen zu mächtigen Abfallhaufen auftürmten. So findet sich an der Fundstelle von Solutré bei Mâcon nördlich von Lyon im Rhonetal eine gegen 4000 qm bedeckende Schicht von 0,5-2,3 m Mächtigkeit, bestehend fast ausschließlich aus Knochen des diluvialen Wildpferdes, das damals in zahlreichen Herden das Rhonetal bewohnt haben muß und trotz seiner Flüchtigkeit dem primitiven Jäger zahlreich zur Beute fiel. Die Gesamtzahl der auf jenem einzigen Platze einst vom Eiszeitmenschen verspeisten Wildpferde schätzt Toussaint auf wenigstens 40000, andere auf etwa 100000, meist vier- bis siebenjährige, also im besten Fleischzustand erbeutete Tiere. Dieses heute in Europa ausgestorbene diluviale Wildpferd, von dem sich auch mehrfach treffliche Zeichnungen von der Hand des Eiszeitjägers der jüngsten Phase der älteren Steinzeit an den Höhlenwänden, auf Steinplatten und auf allerlei Knochenstücken erhielten, besaß einen größeren Kopf, stärkere Zähne und kräftigere Kiefer als das heute lebende Pferd, war aber, wie man an einem aus Bruchstücken zusammengesetzten Skelett im Naturhistorischen Museum in Lyon sehen kann, ziemlich groß und schlank gebaut. Auch die Fundstelle von La Micoque im Vézèretal unweit von Laugerie haute birgt eine gewaltige Menge von Knochen dieses Tieres, dessen Röhrenknochen stets aufgeschlagen wurden, um das Markfett, nach dem jene Leute sehr lüstern waren, noch lebenswarm auszusaugen.

In späterer Zeit ist das Wildpferd infolge der fortgesetzten Verfolgungen zunächst in Süd- und Mitteleuropa immer seltener geworden, wenn auch noch der Römer Varro aus der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts schreibt: „In mehreren Gegenden des westlichen Spanien gibt es wilde Pferde.“ Im Speisezettel der Neolithiker hat es keine nennenswerte Rolle mehr gespielt, wenn es auch noch hier und da erlegt wurde. Nur in Nordeuropa gab es noch lange Zeit in entlegenen Waldgebieten, wo sie vor Ausrottung von seiten des Menschen geschützt waren, solche. Dies war auch in Schweden der Fall, wo Sjörgren im November 1900 bei Ingelstad einen Pferdeschädel aus der jüngeren Steinzeit fand, in dem noch, wie auf den Abbildungen 28 und 29 zu sehen ist, die abgebrochene Klinge eines Steinmessers steckte. Das Alter des Pferdes dürfte auf zwei Jahre anzuschlagen sein, und, da man ein so junges Tier, wäre es gezähmt gewesen, gewiß nicht als Opfer vermutlich an den Kriegsgott geschlachtet hätte, so läßt dies auf eine Wildform schließen. Von Schriftstellern des Altertums schreibt der ältere Plinius, wohl auf verbürgte Nachrichten gestützt: „Im Norden findet man Herden von wilden Pferden.“ Auch Strabon berichtet, daß in den Alpen, wie wilde Stiere, so auch wilde Pferde lebten. Vermutlich stammten die 30 wilden Pferde, die nach Julius Capitolinus der Kaiser Gordianus für die Jagdspiele im Circus maximus nach Rom schaffen ließ, von dort oder aus Spanien. Später meldet Venantius Fortunatus, daß in den Ardennen oder Vogesen neben dem Bären, Hirsch und Eber auch wilde Pferde gejagt wurden. Der langobardische Geschichtschreiber Paulus Diaconus im 9. Jahrhundert v. Chr. sagt, daß es den Bewohnern Italiens ein Wunder gewesen sei, als sie unter dem Könige Agilulf dorthin gebrachte „Waldpferde“ und Wisente sahen. Am längsten gab es diese Tiere weiter nördlich in Deutschland, das noch von ausgedehnten Waldungen bedeckt war, in denen diese Tiere eine Zuflucht fanden. So aßen nach Hieronymus die deutschen Volksstämme der Quaden und Vandalen, wie auch die weiter östlich wohnenden Sarmaten das Fleisch wilder Pferde, das ihnen dann die christlichen Priester bei der Einführung des Christentums strengstens untersagten. Der Apostel der Deutschen, der heilige Winfried oder Bonifacius, der den 5. Juni 755 bei Dokkum in Friesland den Märtyrertod starb, scheint dies in manchen Fällen noch gestattet zu haben; da aber solche Mahlzeiten stets mit heidnischen Opfern an den Gott Wodan verbunden waren, so verbot der Papst in Rom bald solche Abgötterei. Schon Papst Gregor III. schrieb um 732 an Bonifacius: „Du hast einigen erlaubt, das Fleisch von wilden Pferden zu essen, den meisten auch das von zahmen. Von nun an, heiligster Bruder, gestatte dies auf keine Weise mehr.“

In den Benediktionen oder Segenssprüchen zu den beim gemeinsamen Mahle aufgetragenen Speisen des Mönches Ekkehard IV., magister scholarum ums Jahr 1000, ist auch von wilden Pferden die Rede, die gelegentlich im waldigen Gürtel um die Einöde des Klosters St. Gallen erlegt wurden und deren ausdrücklich als „süß“ bezeichnetes Fleisch dann auf die Klostertafel gelangte. Vielleicht ist der „grimme Schelch“ des Nibelungenliedes, den Siegfried im Wasgenwald erlegte, ein Wildpferdhengst (mit beschälen zusammenhängend) gewesen. In der Weingartner Liederhandschrift spricht Winsbeke in Strophe 46 die Erfahrung aus: „Ein Füllen in einer wilden Herde Pferde wird, eingefangen, eher zahm, als daß ein ungeratener Mensch in seinem Innern Scham empfinden lerne.“ Im Sachsenspiegel bestimmt eine Glosse, daß bei der Zuweisung der fahrenden Habe einer Frau wilde Pferde, die man nicht immer in Hut behalte, nicht zu rechnen seien. In einer westfälischen Urkunde vom Jahre 1316 wird einem gewissen Hermann die Fischerei im ganzen Walde und die wilden Pferde samt der Jagd in jenem Wildforst zugeteilt. 1316 kamen im Münsterschen wilde Pferde vor, die dem zustanden, der den Wildbann inne hatte. Noch ums Jahr 1593 lebten im entlegenen Gebirgsteile der Vogesen wilde Pferde, wie der Elsässer Helisäus Rößlin schreibt. „Diese Wildpferde sind in ihrer Art viel wilder und scheuer, dann in vielen Landen die Hirsch, auch viel schwerer und mühsamlicher zu fangen, ebensowohl in Garnen als die Hirsch, so sie aber zahm gemachet, das doch mit viel Müh und Arbeit geschehen muß, sind es die allerbesten Pferde, spanischen und türkischen Pferden gleich, in vielen Stücken ihnen aber fürgehen und härter seind, dieweil sie sonderlich der Kälte gewohnet und rauhes Futter, im Gang aber und in den Füßen fest, sicher und gewiß seind, weil der Berg und Felsen, gleich wie die Gemsen, gewohnet.“ Diese Wildpferde der Vogesen müssen noch bis ins 17. Jahrhundert gelebt haben; denn wir erfahren, daß 1616 drei Wildpferdschützen von der Stadt Kaiserslautern angestellt wurden, um die Felder der Bürgerschaft vor Schaden durch jene zu bewahren.

Noch viel länger als hier hielt sich das Wildpferd in den ausgedehnten Waldgebieten von Norddeutschland, Polen und Rußland. So kamen nach Erasmus Stella noch im Anfang des 16. Jahrhunderts wilde Pferde in Preußen vor. Das Land der Pommern wird zur Zeit des Bischofs Otto von Bamberg in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als reich an Wild aller Art, auch Wildpferden und Wisenten, angegeben. Im Jahre 1132 brachte der Herzog Sobieslaus von Böhmen von einem Feldzuge nach Schlesien eine Anzahl wilder Pferde heim. Nach Töppen jagte man zur Zeit der Deutschordensritter wilde Pferde wie anderes Wild vornehmlich um ihrer Häute willen. Noch Herzog Albrecht erließ um 1543 ein Mandat an den Hauptmann zu Lyck, in welchem er ihm befahl, für die Erhaltung der „wilden Rosse“ zu sorgen. Auch für Polen und Litauen gehen die Hinweisungen auf das Pferd als Jagdtier bis tief ins 17. Jahrhundert hinauf. Für Rußland haben wir einen Bericht von Wladimir Monomach, dem von 1053-1125 lebenden Fürsten von Tschernigow, der in seiner für die Söhne verfaßten Lebensbeschreibung von sich selbst erzählt: „Aber in Tschernigow tat ich dies: ich fing und fesselte eigenhändig 10-20 wilde Pferde lebendig, und als ich längs des Flusses Roßj ritt, fing ich mit den Händen ebensolche wilde Pferde.“

Diese herrenlosen wilden Pferde sind nicht mit den noch lange in Europa gehaltenen „wilden Gestüten“ zu verwechseln, die ihre Besitzer hatten und nicht abgeschossen werden durften. Diese halbwilden Pferde lebten das ganze Jahr über im Freien, ohne daß sie sich einer irgend nennenswerten Fürsorge zu erfreuen gehabt hätten. Das letzte dieser wilden Gestüte bestand in Deutschland im Duisburger Walde und wurde erst von Napoleon I. aufgelöst.

Wenn nun auch Europa keine wilden Pferde mehr besitzt, so leben doch in den weiten Steppen Südrußlands verwilderte Pferde, die alle Eigenschaften wilder Tiere aufweisen und von Tataren und Kosaken auch als solche angesehen werden. Es sind dies die ~Tarpane~, kleine Pferde mit dünnen, aber kräftigen Beinen, ziemlich langem und dünnem Halse, verhältnismäßig dickem Kopfe, spitzigen, nach vorwärts geneigten Ohren und kleinen, lebhaften Augen. Ihre Behaarung ist im Sommer kurz, gelbbraun, im Winter lang, heller bis fast weiß, wobei sich am Kinn eine Art Bart bildet. Die kurze, dichte, gekräuselte Mähne und der mittellange Schwanz sehen dunkler aus als der Körper. Schecken kommen niemals, Rappen nur sehr selten vor. Sie bewohnen in größeren Herden die ungeheure Steppe und wandern von Ort zu Ort, indem sie außerordentlich aufmerksam mit weit geöffneten Nüstern und gespitzten Ohren sichern und so beizeiten jeder Gefahr zu entgehen wissen. Die Herde zerfällt in kleinere Gesellschaften von Stuten und Fohlen, die von einem Hengste beherrscht und geführt werden. Er sorgt für deren Sicherheit und treibt sie bei der geringsten Gefahr zu wilder Flucht an. Gegen hungrig umherschleichende Wölfe geht er mutig wiehernd vor und schlägt sie mit seinen Vorderhufen zu Boden. Der Tarpan ist schwer zu zähmen. Seine Wildheit und Stärke spotten sogar der Künste der pferdekundigen Mongolen. Er schadet den pferdehaltenden Völkern durch Wegführen der freiweidenden Stuten und wird deshalb mit Eifer verfolgt.

Dieselben Charaktereigenschaften zeigen auch die anderswo, namentlich in Argentinien verwilderten Pferde, die als Cimarrones in großen Herden die Pampas bewohnen. Nach Azara sollen sie von fünf bis acht bei der Aufgabe der 1535 gegründeten Stadt Buenos Aires zurückgebliebenen und sich selbst überlassenen Hauspferden stammen. Als im Jahre 1580 derselbe Platz wieder besiedelt wurde, fand man bereits eine Menge verwilderter Pferde vor, die aus diesen zurückgelassenen hervorgegangen waren. Dies ist der Ursprung der unzählbaren Pferdescharen, die sich in der Folge am Rio de la Plata (dem Silberstrom) herrenlos umhertrieben und von denen jeder nach Belieben einfangen und für sich gebrauchen konnte. Die Indianer der Pampas machen Jagd auf sie, um ihr Fleisch zu essen. Sie fangen auch manche, um sie zu zähmen und als Reittiere zu gebrauchen, wie sie es den Weißen absahen. Die Spanier jedoch machen kaum mehr Gebrauch von ihnen. Höchst selten fängt man einen Wildling, um ihn zu zähmen. Die in Paraguay vorkommenden Pferde sind zwar nicht herrenlos, leben aber beinahe so frei wie diese, indem sie ebenfalls das ganze Jahr unter freiem Himmel zubringen. Alle acht Tage treibt man sie zusammen, damit sie sich nicht versprengen, untersucht ihre Wunden, bestreicht sie mit Lehm und schneidet ihnen alle drei Jahre die Mähne und den Schwanz ab, um das Roßhaar zu verkaufen. An Veredelung derselben denkt niemand.

Rengger schreibt über sie: „Gewöhnlich leben die Pferde truppweise in einem bestimmten Gebiet, an welches sie von Jugend auf gewöhnt worden sind. Jedem Hengste gibt man 12-18 Stuten, welche er zusammenhält und gegen fremde Hengste verteidigt. Die Füllen leben mit ihren Müttern bis ins dritte oder vierte Jahr. Diese zeigen für jene, solange sie noch saugen, große Anhänglichkeit und verteidigen sie zuweilen sogar gegen den Jaguar. Wenn die Pferde etwas über zwei oder drei Jahre alt sind, wählt man unter den jungen Hengsten einen aus, teilt ihm junge Stuten zu und gewöhnt ihn mit denselben in einem besonderen Gebiete zu weiden. Alle Pferde, die zu einem Trupp gehören, mischen sich nie unter andere und halten so fest zusammen, daß es schwer hält, ein weidendes Tier von den übrigen zu trennen. Werden sie miteinander vermengt, z. B. beim Zusammentreiben aller Pferde einer Meierei, so finden sie sich nachher gleich wieder auf. Die Tiere zeigen übrigens nicht allein für ihre Gefährten, sondern auch für ihre Weiden große Anhänglichkeit. Ich habe welche gesehen, die aus einer Entfernung von 80 Stunden auf die altgewohnten Plätze zurückgekehrt waren. Um so sonderbarer ist die Erscheinung, daß zuweilen die Pferde ganzer Gegenden aufbrechen und entweder einzeln oder haufenweise davonrennen. Dies geschieht hauptsächlich, wenn nach trockener Witterung plötzlich starker Regen fällt, und wahrscheinlich aus Furcht vor dem Hagel, welcher nicht selten das erste Gewitter begleitet.

Die Sinne dieser fast wild lebenden Tiere scheinen schärfer zu sein als die europäischer Pferde. Ihr Gehör ist äußerst fein; bei Nacht verraten sie durch Bewegungen der Ohren, daß sie das leiseste, dem Reiter vollkommen unhörbare Geräusch vernommen haben. Ihr Gesicht ist, wie bei allen Pferden, ziemlich schwach; aber sie erlangen durch ihr Freileben große Übung, die Gegenstände aus bedeutender Entfernung zu unterscheiden. Vermittelst ihres Geruchsinnes machen sie sich mit ihrer Umgebung bekannt. Sie beriechen alles, was ihnen fremd erscheint. Durch diesen Sinn lernen sie ihren Reiter, das Reitzeug, den Schuppen, in dem sie gesattelt werden, usw. kennen, durch ihn wissen sie in sumpfigen Gegenden die bodenlosen Stellen auszumitteln, durch ihn finden sie in dunkler Nacht oder bei dichtem Nebel den Weg nach ihrem Wohnorte oder nach ihrer Weide. Gute Pferde beriechen ihren Reiter im Augenblicke, wenn er aufsteigt, und ich habe solche gesehen, welche denselben gar nicht aufsteigen ließen oder sich seiner Leitung widersetzten, wenn er nicht einen Poncho oder Mantel mit sich führte, wie ihn die Landleute, welche die Pferde bändigen und zureiten, immer tragen. Auf größere Entfernung hin wittern sie freilich nicht. Ich habe selten ein Pferd gesehen, welches einen Jaguar auf 50 Schritte gewittert hätte. Sie machen daher in den bewohnten Gegenden von Paraguay die häufigste Beute dieses Raubtieres aus.“

Das Leben der verwilderten Pferde in den weiter nach Norden hin gelegenen Llanos hat Alexander von Humboldt aus eigener Anschauung meisterhaft geschildert. Diese Herden werden viel von den Indianern nicht nur des Fleisches und der Häute wegen verfolgt, sondern auch um sie zu fangen und als Reittiere zu verwenden. Dabei quälen sie die mit dem Lasso eingefangenen jungen Tiere so lange, bis sie durch Hunger und Durst klein beigeben und den Menschen aufsitzen lassen. Überall ist bei den Rothäuten der Pferdediebstahl ein für ehrenvoll angesehener Beruf, dem sie sich mit Eifer hingeben.

Bau und Eigenart des Pferdes weisen auf die weite Steppe als die ursprüngliche Heimat dieses Schnelläufers hin. Und zwar hat nicht sowohl das Fluchtvermögen vor etwaigen Feinden, als die Notwendigkeit, in Trockenzeiten weite Strecken von einem nicht ausgetrockneten Tümpel zum andern zurücklegen zu müssen, wie bei den Wildeseln auch beim Wildpferd aus der ursprünglich vorhandenen Fünfzehigkeit die Stelzenfüßigkeit eines einzigen, des mittleren Zehens bewirkt. Diese Einhufer sind die Endglieder einer einseitigen Entwicklung zur Erlangung möglichst großer Schnelligkeit. So ist auch das einzige heute noch lebende Wildpferd im eigentlichen Sinne des Wortes -- und nicht nur ein verwildertes Pferd -- das von dem russischen Reisenden Przewalski 1879 in Innerasien entdeckte ~Przewalskische Pferd~. Während seines Aufenthaltes im Militärposten von Saisan erhielt er das Fell und den Schädel eines wilden Pferdes, das die Kirgisen in der Sandwüste Kanabo erlegt hatten. Das Exemplar gelangte in den Besitz des Museums der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg und wurde von Poljakow unter dem Namen Equus przewalski als neue Art beschrieben. Alles deutet mit Sicherheit darauf hin, daß wir es hier mit einer echten Wildform und nicht wie beim Tarpan mit einem verwilderten Hauspferd zu tun haben. Dieses Wildpferd haben seither auch andere europäische Reisende in der Dsungarei, d. h. den Wüsten zwischen Altai und Tianschangebirge, beobachtet und teilweise in lebenden jungen Exemplaren nach Europa gebracht. So vermochte Büchner 1899 zehn Fohlen, die von säugenden zahmen Mongolenstuten genährt wurden, mit ihren Pflegemüttern nach Südrußland zu bringen, wo sie im großen Wildpark von Falz-Fein in Askania nova akklimatisiert wurden. Später hat dann der unternehmende Tierhändler Karl Hagenbeck in Stellingen bei Hamburg ebenfalls durch eine eigene, sehr kostspielige Expedition über ein Dutzend Wildpferdfohlen aus der Dsungarei zu holen vermocht, um damit in Deutschland vielversprechende Zuchtversuche zu machen.

Das Przewalskische Pferd -- von den Kirgisen Kertag, von den Mongolen Taki genannt -- lebt in Herden von 5-15 Stück unter Anführung eines alten Hengstes. Seine Statur ist klein, fast ponyartig; es ist mit einem zottigen Haarpelz von hellgraubrauner Farbe bedeckt, das an den Beinen vom Knie an bis zu den Hufen dunkler wird. Die Ohren sind kurz, die dunkle Mähne ist im Gegensatz zu demjenigen des domestizierten Pferdes aufgerichtet, ferner fehlt ein Stirnschopf und die Schweifwurzel ist kürzer behaart. Übrigens besteht die kurze Mähne aus zweierlei Haar, einem äußeren paarigen Streifen von graubrauner Farbe an jeder Seite und einem mittleren schwarzen, der sich als sogenannter Aalstreifen über den Rücken fortsetzt. Ebenso ist der Schweif zweifarbig. Der kürzer behaarte Teil, die Schweifwurzel, ist graubraun wie der Körper, der übrige Teil des Schweifes aber schwarz gefärbt. Eine solche Färbungsverschiedenheit von Mähne und Schweif findet sich als Rückschlag in einen früheren Zustand nur ganz selten bei Hauspferden.

Dieses Wildpferd hat offenbar schon der durch Sibirien reisende Deutsch-Russe Pallas gekannt. Er beschrieb es unter dem Namen Equus equiferus. Der Russe Tscherski, der neuerdings eine genaue Untersuchung des von Przewalski aufgebrachten Originalschädels vornahm, betonte, daß man es hier mit einem den echten Pferden zugehörenden Tier zu tun hat. Der Hirnteil erreicht eine Breite, die über dem Mittel der Vertreter orientalischer Pferde steht, die Stirnknochen erscheinen flach und die Nasenbeine verschmälern sich langsam nach vorn, also nicht plötzlich wie beim Esel. Der Schädel steht seinem ganzen Bau nach demjenigen des russischen Pferdes am nächsten. Seither hat auch Tichomiroff durch erneuerte Untersuchungen festgestellt, daß dieses zweifellos wilde und nicht nur verwilderte Pferd, das früher wohl weit über Innerasien verbreitet war, tatsächlich dem Hauspferd sehr nahesteht. Wir haben in ihm die Stammquelle der zuerst domestizierten asiatischen Pferde zu erblicken.

Zweifellos ist irgendwo in Zentralasien, vermutlich von einem turanischen Volke, ein dem Przewalskischen nahestehendes Wildpferd, jung eingefangen und gezähmt, zum Gehilfen des Menschen erhoben und an seine Gegenwart gewöhnt worden. Von den weiten Ebenen Turans kam es zu Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends nach dem Berglande Iran und von da nach Mesopotamien, wo es kennzeichnenderweise den Namen „Esel des Ostens“ oder „Esel des Berglandes“ erhielt. Da dort der Onager als Wildling heimisch und zudem der Esel als Haustier bekannt war, benannte man diesen Verwandten einfach nach ihm mit einem unterscheidenden Beinamen. Wie in Babylonien war es um 2000 v. Chr. auch in Indien bekannt. Auch in China ist seine Einfuhr eine sehr alte; wenigstens verwendete man es nach den Angaben des Schuking schon etwa 2000 Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung.

Als vornehmstes Werkzeug des Krieges wurde es im Zweistromland bei den kriegerischen Assyriern, nach der Fülle der auf uns gekommenen Pferdedarstellungen zu schließen, in großer Menge gezogen. Meist begegnet uns auf den altassyrischen Monumenten ein langschweifiges Pferd, daneben eine andere Rasse mit kurzem Schweif und nackter Rübe. Außer zum Reiten diente es vornehmlich zum Ziehen des zweiräderigen Kriegswagens, auf welchem fechtend die Schwerbewaffneten in den Kampf zogen. Außer dem mächtigen König von Assur benutzten auch seine Generale und Unterführer den von einem Wagenlenker geleiteten Kriegswagen bei ihren Feldzügen. Offenbar war der zweiräderige Wagen bei den Assyriern viel populärer als das Reiten auf dem Pferde, ohne Bügel, nur auf einer Decke sitzend.

Im alten Reiche Ägyptens war das Pferd völlig unbekannt; als Last- und Arbeitstier wurde damals ausschließlich der Esel gehalten. Nicht anders war es noch im Mittleren Reich (2160-1788 v. Chr.). Erst im 17. Jahrhundert, um 1680 v. Chr., scheinen die Hyksos -- oder Schasu(beduinen), wie sie von den Ägyptern genannt werden -- das Pferd aus Westasien, wo es überall Eingang gefunden hatte, nach dem bis dahin ziemlich abgeschlossenen Niltal gebracht zu haben. Hier bürgerte es sich rasch ein und erscheint dann von der 18. Dynastie an (1580-1350 v. Chr.) unter den Tutmosis und Amenophis, dann namentlich in der 19. Dynastie (1350-1205 v. Chr.) unter den Ramses und Sethos als hochgeschätztes Haustier, dem von den Großen sorgfältige Pflege angediehen lassen wurde. Mit dem asiatischen Kriegswagen wurde das Tier, nach asiatischer Weise daran angespannt, zum Ziehen desselben verwendet. Die ägyptische Bezeichnung sus für Pferd ist ein semitisches Wort und die ägyptische Benennung des Streitwagens ist ebensosehr semitisch und dem Hebräischen fast vollständig gleich. Nach den spärlichen Stellen im Alten Testament, da vom Pferde und von dem von ihm gezogenen Kriegswagen die Rede ist, sind dies Attribute der kriegerischen Nachbarn und Feinde des Volkes Israel, an denen es keinen Teil hat. Als Haus- und Herdentier der altjüdischen Patriarchen erscheint es durchaus nicht und nimmt auch an den Wanderungen und Kämpfen der Juden keinen Anteil. Bei ihnen wie bei den Ismaeliten oder Arabern ist es zuerst der Esel und später das Kamel, auf dem sie reiten. In Übereinstimmung damit berichtet Herodot von den im Heere des Xerxes weilenden Arabern: „Die Araber waren alle auf Kamelen beritten, die den Pferden an Schnelligkeit nicht nachgaben.“ Auch nach Strabor gab es im Glücklichen Arabien keine Pferde, noch Maultiere; denn er schreibt: „An Haus- und Herdetieren ist dort Überfluß, wenn man Pferde, Maultiere und Schweine ausnimmt.“ Ähnlich sagt er vom Lande der Nabatäer: „Pferde sind in dem Lande keine; deren Stelle in der Dienstleistung vertreten die Kamele.“ Dabei war dieser Autor, der Freund und Genosse des Älius Gallus, des Feldherrn, der die große mißlungene Expedition nach Arabien gemacht hatte, über diese Halbinsel so genau wie nur sonst jemand in damaliger Zeit unterrichtet. Noch in der Schlacht bei Magnesia, in der er 190 v. Chr. zum zweitenmal den Römern erlag, führte Antiochus der Große, wie einst Xerxes, auf Dromedaren berittene Araber ins Gefecht.

Anders war es in Ägypten zur Zeit des Neuen Reiches (1580 bis 1205 v. Chr.). Hier diente das Pferd nur ganz ausnahmsweise zum Reiten, ganz gewöhnlich aber, schön aufgezäumt und mit einem wallenden Busche von Straußenfedern geziert, zum Ziehen des leichten Kriegswagens, auf dem der Pharao mit seinen Offizieren in die Schlacht zog. Da kämpfte man in den in Westasien geführten Schlachten Wagen gegen Wagen, Mann gegen Mann. Offenbar wurde auf die Pflege der Pferde große Sorgfalt verwendet und viel Gewicht auf gute Rasse gelegt. Der Kutscher war eine wichtige Person im vornehmen Hause, und selbst Prinzen leiteten am Hofe das Gespann, das zwei Pferde zählte. Die Leibpferde erhielten schöne Namen. So wird uns auf den Darstellungen der Feldzüge der verschiedenen Pharaonen an den Tempelwänden jeweilen genau angegeben, wie die Pferde hießen, die in dieser oder jener Schlacht das reich ausgestattete Gespann des Königs zogen. Auf diese Weise wissen wir vom Tempel in Theben, daß das Lieblingsgespann Ramses II. (1292-1225 v. Chr.) „Sieg zu Theben“ und „Zufriedene Nura“ hieß. Es waren dies die beiden Pferde, die eben jenen König im Jahre 1280 aus der großen Gefahr retteten, als er mit geringer Begleitung dem Gros seines Heeres vorauseilend bei der Stadt Kadesch am Orontes in einen Hinterhalt der Chetiter unter ihrem König Mutallu gefallen war und jede Hoffnung, heil aus der mißlichen Lage zu entrinnen, vergebens schien. Zum Dank ließ dann der König, wie uns im Schlachtenbericht des Pentaur erzählt wird, diesem seinem Gespann künftighin ganz ausnahmsweise sorgsame Behandlung zuteil werden. Das Kriegsgespann Ramses III. (1198 bis 1167 v. Chr.) trug die Namen: „Ammon siegt mit Macht“ und „Geliebt von Ammon“. Nach den bildlichen Darstellungen sind es außerordentlich edle, feurige Tiere von feinem Gliederbau und ziemlicher Größe mit langer, flatternder Mähne und prächtigem Schweif, der vielfach in der Mitte geknotet wurde, damit er nicht am Boden schleife. Als bevorzugte Nahrung erhielten sie statt Hafer, wie bei uns, Gerste, die bis auf den heutigen Tag in den Mittelmeerländern ihre alte Bedeutung als Pferdekraftmittel behielt.

Während die Ägypter neben den auf Kriegswagen kämpfenden Elitetruppen keine auf Pferden berittene Mannschaft besaßen, ist es interessant zu sehen, daß auf den zahlreichen Schlachtenbildern des 16. und 15. Jahrhunderts v. Chr., als Ägypten seine Macht weit nach Westasien ausdehnte, die Chetiter zwar auch vorzugsweise auf Kriegswagen kämpften, daneben aber auch, im Gegensatz zu den Ägyptern, teilweise auf Pferden ritten. So scheint in der Schlacht von Kadesch, in der Ramses II. das ägyptische Heer befehligte, ein berittener Chetiter mit einem Bogen bewaffnet und ein anderer, ebenfalls zu Pferd, eine Infanterieabteilung anzuführen. An einer Wand des großen Reichstempels von Karnak in Theben sehen wir mitten unter den Kanaanitern, die gegen die Stadt Askalon (im Text Askalunu genannt) flüchten, noch einen auf einem Pferde sitzend dargestellt. Auch die Assyrier (Rotennu) machen auf diesen Darstellungen neben dem Kriegswagen vielfach vom Pferde auch zum Reiten Gebrauch. In zwei Darstellungen aus der Zeit der 18. Dynastie, unter Tutmes III. (1480-1447 v. Chr.) und Tutankhamen, sehen wir Assyrier dem Pharao als Tribut wertvolle Rassepferde überbringen. Auch die Einwohner des Libanon (Lemenu genannt) kennen neben den Kriegswagen Reiter.

Damals besaß aber kein anderes Volk Afrikas außer den Ägyptern das Pferd. Auf allen kriegerischen Darstellungen kämpfen sowohl die Neger Äthiopiens, als auch die blonden Libyer (Lebu) stets zu Fuß und besitzen außer Rindern und Schafen, die man durch die siegreichen Ägypter fortgeführt werden sieht, keine Pferde. Das war allerdings um die Mitte des letzten Jahrtausends v. Chr. anders; denn Herodot berichtet uns, daß die Libyer von den Ufern des Tritonsees gewöhnlich auf von vier Pferden gezogenen Kriegswagen kämpften. Es wäre merkwürdig gewesen, wenn nicht mit der Zeit auch die Nachbarvölker dieses edle Tier und das zu ihm gehörende Gerät, den leichten, zweiräderigen Streitwagen, von den Ägyptern übernommen hätten. Erfahren wir doch, daß das libysche Volk der Maschuasch schon zur Zeit Ramses III. (1198-1167 v. Chr.) neben dem Esel auch schon das Pferd als Haustier besaß, da dieser König nach einer ihm beigebrachten Niederlage laut einer auf uns gekommenen Inschrift 183 Pferde und Esel von ihm erbeutete.

In der zweiten Hälfte des vorletzten vorchristlichen Jahrtausends hatte die Pferdezucht in Ägypten größere Ausdehnung erlangt, so daß die westasiatischen Kulturvölker ihr edelstes Pferdematerial von dort importierten. Zur Zeit des Königs Salomo, der von 993-953 v. Chr. regierte, bezog der König von Israel viele Pferde seines prunkvollen Hofhaltes und seiner Armee aus Ägypten und machte nebenbei noch ein gutes Geschäft damit, indem er dieses vielbegehrte Material an die Könige der Aramäer und Chetiter weiterverkaufte.

Damals waren in Ägypten die Gestüte königliches Eigentum, dem die Könige große Aufmerksamkeit schenkten. In Dschebel Barkal (dem alten Nepata) fand Mariette eine merkwürdige Stele, auf der erzählt wird, wie ums Jahr 745 v. Chr. der äthiopische König Pianki Meriamen das damals von zahlreichen, aufeinander eifersüchtigen kleinen Fürsten beherrschte Ägypten eroberte. Aus der Schilderung erfahren wir unter anderem, daß die Aufzucht des Pferdes für den Export damals eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes war. Jeder der zahlreichen Teilkönige besaß einen Marstall und ein Gestüt, dessen beste Pferde er dem damals siegreich vordringenden Könige der Äthiopier anzubieten sich beeilte. Letzterer nahm diese Geschenke stets wohlwollend in Empfang. Seine erste Sorge, wenn er wiederum ein neues Teilreich erobert hatte, war, in höchst eigener Person die königlichen Marställe und Gestüte zu besichtigen. In einer Stadt, Hermopolis in Mittelägypten, fand er diese Etablissemente vernachlässigt und die Pferde schlecht gehalten. Da geriet er in großen Zorn und rief aus: Bei meinem Leben, bei der Liebe des Gottes Re, der den Atem meiner Nase erneuert, es gibt in meinen Augen keinen größeren Fehler, als meine Pferde hungern zu lassen!

Bei solcher Wertschätzung der ägyptischen Pferdezucht kann es uns nicht wundern, daß 80 Jahre später, im Jahre 665, als der assyrische König Asurbanipal die ägyptische Residenzstadt Theben einnahm und plündern ließ, er vor allem in dem uns noch erhaltenen Beuteverzeichnis in Keilinschrift, das das Britische Museum besitzt, „große Pferde“ erwähnt. Diese Bezeichnung verdient besonders gewürdigt zu werden, denn sie schließt sich an die dieselbe Tatsache bezeugenden Darstellungen an den Tempelwänden zur Zeit der jüngeren Dynastien Ägyptens an, woraus hervorgeht, daß sich mit der Zeit in Ägypten eine besondere Pferderasse gebildet hatte, die größer und stärker war als die in Syrien und Babylonien gezüchtete. Es ist zweifellos diejenige Rasse, die sich unverändert in Dongolah, im Innern, erhielt und den mit Wattepanzern aus Baumwolle für Pferde und Mensch umgebenen Reitern als hochgeschätztes Kriegsmittel dient.

Durch die Handelsbeziehungen mit Ägypten und Vorderasien hat auch das alte Kulturvolk der Mykenäer auf Kreta und den Ländern am Ägäischen Meer schon vor der Mitte des vorletzten Jahrtausends v. Chr. das Pferd und den von ihm gezogenen zweiräderigen Kriegswagen kennen gelernt und übernommen. So treffen wir schon in den ältesten Partien der Ilias, die teilweise noch Erinnerungen an jene älteste Kulturblüte Griechenlands wach erhält, das Pferd und den Kriegswagen als geschätzte Artikel erwähnt. Sie erwähnt auch in erster Linie der Held Achilleus, wenn er von der ägyptischen Hauptstadt spricht:

„Theben, die hunderttorige Stadt, es fahren aus jedem Tor zweihundert Männer heraus mit Rossen und Wagen.“ --

Unter diesen Wagen sind natürlich ausschließlich Kriegswagen gemeint. Auf einer frühmykenischen Grabstele aus Agamemnons einstiger Residenz, dem „goldreichen Mykene“, sehen wir in ungeschickter, roher Darstellung einen Mann auf einem von zwei Pferden bespannten leichten Streitwagen dahinfahren. Und überall in der Ilias ist bei den Kämpfen zwischen den Griechen und Troern vor Ilions Veste vom feurigen Renner und dem von ihm gezogenen Streitwagen die Rede, auf dem die Helden in die „männermordende Feldschlacht“ zogen, nachdem sie sich „zum Kampfe gegürtet“, d. h. das bis zu den Knien reichende Hemd mit ganz kurzen Ärmeln, den Chiton, damit er nicht die Bewegungen hindere, hinaufgenommen und mit einem Ledergürtel in dieser Stellung fixiert hatten. Dann hatten sie die ledernen Beinschienen angezogen, die zum Schutze der Schienbeine vor dem Anschlagen des gewaltigen, den ganzen Mann bis zum Kinn vor den feindlichen Geschossen deckenden Lederschildes dagegen dienten. Dieser ursprünglich von einer ganzen, bis 50 kg wiegenden Rindshaut, später aus mehreren solchen hergestellte Schild war in der Mitte zum besseren Schutze eingezogen und daran waren zwei Querspreizen befestigt, an denen man ihn halten konnte. Für gewöhnlich geschah dies aber nicht, wie es mit dem erst später aufgekommenen kleinen Rundschild geschah, sondern der Schild wurde an einem Tragriemen getragen, der auf der nackten rechten Schulter auflag. Auf der Brust und auf dem Rücken kreuzte sich der letztere mit dem Riemen, der auf der linken Schulter auflag und an welchem auf der rechten Seite das Schwert getragen wurde. Beim Gehen trug man den Riesenschild auf dem Rücken, im Kampfe dagegen vor sich; beim Rückzuge nahm man ihn wieder auf den Rücken. Welches Gewicht diese Riesenschilde gelegentlich gehabt haben müssen, kann man sich vorstellen, wenn man in der Ilias vom siebenhäutigen Schilde des starken Priamossohnes Hektor liest.

Bei solcher schweren Bürde waren die Helden gezwungen, in einem zweiräderigen Streitwagen, in welchem sie den gewaltigen Schild vor sich hinstellen konnten, in die Schlacht zu fahren. Dort angekommen, kämpften sie stets zu Fuß, Mann gegen Mann, und nicht vom Wagen herab wie die Vorderasiaten und Ägypter. In der Ilias sind nur fünf, und zwar alles nachweisbar späte Stellen, in welchen auch von den Griechen von dem mit zwei flinken Pferden bespannten Wagen herab gekämpft wird. Auch zum Fliehen bediente man sich wiederum des Wagens, indem der außer Schußweite auf den Ausgang des Einzelkampfes wartende Wagenlenker bei Bedrängnis seines Herrn rasch herbeieilte, um ihn aufzunehmen und in Sicherheit zu bringen. Bei Homer haben nur die Bogenschützen keine Schilde und fahren deshalb nie. Ja, ein Held, der zwölf Wagen und die dazu gehörenden prächtigen Doppelgespanne sein Eigen nannte, ließ diese seine Habe vorsichtigerweise zu Hause und kämpfte zu Fuß als Bogenschütze.

Der Panzer ist dem homerischen Epos durchaus fremd und war bei dem vorhin beschriebenen gewaltigen Schilde durchaus unnötig, ganz abgesehen davon, daß er den Mann, der am schweren Schilde genug zu schleppen hatte, noch unnötig beschwert hätte. Selbst der Kriegsgott Ares trug nach der Schilderung in der Ilias keinen Panzer. Die einzige Bewaffnung der Helden wie auch ihres Anführers ist außer dem Helm von Leder, vielfach mit Eberzähnen überstickt, wie solche in einem Volksgrabe von Mykenä gefunden wurden, und dem vorgenannten großen Schild der mäßig lange Wurfspeer und das kurze Schwert an der rechten Seite. Wer unbeschildet war, trug Pfeil und Bogen. Wer aber als „Schwerbewaffneter“ in den Kampf zog, ließ sich, wenn er es irgendwie vermochte, auf dem Streitwagen dahin führen. So begreifen wir die Notwendigkeit der homerischen Helden, einen Streitwagen zu führen, und fühlen mit dem Dichter, der das edle Pferd als Liebling und Begleiter der Krieger in prächtigen Schilderungen verherrlicht, wie etwa in der folgenden:

„Gleich wie das Roß, das lang im Stall sich genährt an der Krippe, Seine Fessel zerreißt und stampfenden Hufs durch die Ebne Rennt, sich zu baden gewohnt in dem schön hinwallenden Strome, Strotzend von Kraft; hoch trägt es das Haupt und umher an den Schultern Flattern die Mähnen empor. Im Gefühl der eigenen Schönheit Tragen die Schenkel es leicht zur gewohnten Weide der Stuten, -- So schritt Priamos Sohn von Pergamons Veste hernieder, Paris im leuchtenden Waffenglanz, der Sonne vergleichbar, Freudig und stolz, rasch trugen die Schenkel ihn --“

In der klassischen Zeit Griechenlands waren die großen, schweren Schilde, wie auch die Streitwagen zum Transporte der „schwerbewaffneten“ Helden außer Gebrauch gekommen; dafür führte man am linken Arm getragene kleine Rundschilde und einen Panzer, wenn man zu Fuß ging, keinen Panzer dagegen, wenn man zu Pferde kämpfte. In letzterem Falle ritt man ohne Sattel und Bügel auf dem Pferderücken, dem man höchstens etwa eine Decke auflegte. Jeder von uns kennt ja die Art des Reitens der Griechen und später auch der Römer an den mancherlei auf uns gekommenen antiken Darstellungen von Reitern, in erster Linie von der herrlichen Darstellung reitender junger Athener am Panathenäenzuge auf dem berühmten Friese des Parthenon und an den mancherlei Grabdenkmälern in Germanien verstorbener römischer Soldaten. Schon der griechische Feldherr und Staatsmann Xenophon schrieb zu Beginn des 4. Jahrhunderts v. Chr. ein Werk über die Reitkunst. Darin ist von den Regeln die Rede, nach welchen man die Güte eines Pferdes beurteilen, es dressieren und reiten soll, fernerhin ist angegeben, wie Roß und Mann angetan sein und wie Speer und Schwert gebraucht werden sollen.

Das berühmteste aller Pferde von Griechen, die nebenbei bemerkt ausnahmslos von edler asiatischer Zucht waren, war das Leibroß Alexanders des Großen (356-323 v. Chr.), Bukephalos, d. h. Stierkopf, mit Namen. Nach den Angaben in der Naturgeschichte des älteren Plinius soll Alexanders Vater Philippos es ihm, als er noch ganz jung war, aus der Herde des Pharsaliers Philonikos um den Preis von 13 Talenten, d. h. 45000 Mark, gekauft haben, weil es ihm so wohl gefiel. „Obgleich dieses Pferd für gewöhnlich jeden Reiter aufnahm, so litt es doch, wenn es mit dem königlichen Schmucke geziert war, keinen als Alexander. Vorzügliche Dienste leistete es in Schlachten: bei der Belagerung von Theben (im Jahre 335) ließ es, obgleich schwer verwundet, den König doch nicht auf ein anderes steigen.“ Später gab es noch andere Beweise seiner Klugheit und Anhänglichkeit, begleitete seinen Herrn bis nach Indien und als es einige Zeit nach der Schlacht gegen König Porus „entweder an seinen Wunden oder an Altersschwäche starb,“ wie sich der Geschichtschreiber Plutarch ausdrückt, „betrauerte Alexander dasselbe wie einen Freund und baute ihm zu Ehren am Hydaspes die Stadt Bukephaleia. -- Er soll auch einem seiner Hunde, welcher Peritas hieß, zu Ehren eine Stadt gebaut haben.“

Nach demselben Plinius soll wie Alexanders, so auch Julius Cäsars Pferd keinen andern Reiter auf sich gelitten haben. Dieses Pferd soll Menschenfüßen ähnliche Vorderfüße besessen haben, „was auch an seiner vor dem Venustempel aufgestellten Bildsäule ausgedrückt ist“. Er meint damit wohl die unschönen langen Hufe, die lange im Stall stehende Pferde bekommen. Daß nun der stolze Diktator Cäsar einen solchen minderwertigen Gaul gehabt haben soll, ist kaum anzunehmen, noch weniger, daß er sich mit einem solchen Klepper auf einer Bildsäule verewigt habe.

Noch vieles sonst weiß dieser Autor von Pferden zu sagen, von dem wir Einiges hier mitteilen möchten. Er schreibt: „Als vorzüglich werden die skythischen Pferde gerühmt. Als ein Anführer der Skythen in einem Zweikampfe getötet worden war, wurde sein Feind, da er ihm die Waffen abnehmen wollte, von dessen Pferd durch Biß und Hufschlag niedergemacht. Die Gelehrigkeit der Pferde ist so groß, daß alle Pferde der sybaritischen Reiterei nach dem Takte der Musik zu tanzen gewöhnt waren. -- Die Pferde haben ein Vorgefühl von bevorstehenden Schlachten, trauern über ihren verlorenen Herrn und vergießen zuweilen Tränen der Sehnsucht. Als König Nikomedes getötet worden war, hungerte sich sein Pferd zu Tode. Phylarchus erzählt, daß, als der Galater Centaretus das Pferd des in der Schlacht gefallenen Antiochus siegestrunken bestiegen hatte, das edle Tier sich unwillig in die Zügel gelegt und in einen Abgrund gestürzt habe, so daß beide zerschmetterten. Philistus schreibt, das Pferd des Dionysius sei von diesem im Schlamme steckend verlassen worden, habe sich wieder herausgearbeitet, sei den Spuren seines Herrn nachgezogen, unterwegs habe sich ein Bienenschwarm an seine Mähne gehängt. Durch diese gute Vorbedeutung ermutigt, habe sich Dionysius dann der Herrschaft bemächtigt.

Die unbeschreibliche Klugheit der Pferde lernen diejenigen schätzen, welche reitend den Speer werfen, denn sie unterstützen des Reiters Anstrengung durch die Stellung ihres Körpers. Die auf der Erde liegenden Speere heben sie auf und reichen sie dem Reiter. (Plinius, ein tüchtiger Reitergeneral, schrieb ein besonderes Buch „über die Kunst des Kavalleristen, den Speer zu werfen“.) -- Die in der Rennbahn zum Wettlauf Angeschirrten zeigen deutlich, daß sie die Mahnungen verstehen und den Ruhm zu schätzen wissen. Bei den Säkularspielen des Kaisers Claudius wurde beim Wettlauf ein Wagenlenker namens Corax (Rabe) vom Wagen geschleudert; aber seine Pferde kamen allen zuvor, versperrten den einen den Weg, warfen andere um, kurz taten alles, was sie unter der Leitung eines geschickten Wagenlenkers hätten tun können, und standen zur Beschämung der Menschen zuerst am Ziele. -- Für eine wichtige Vorbedeutung galt es bei unsern Voreltern, daß Pferde von einem Wagen, von welchem der Fuhrmann herabgestürzt war, als ob er noch daraufstände, aufs Kapitol und dreimal um den Tempel liefen; aber noch wichtiger schien es, als Pferde mit Kränzen und Palmzweigen von Veji aufs Kapitol gerannt kamen. nachdem Ratumenna, der dort im Wettlaufe gesiegt hatte, vom Wagen gestürzt war. Das Tor, durch das sie hereinkamen, heißt seitdem das Ratumennische. Wenn die Sarmaten (ein Nomadenvolk im Norden des Schwarzen Meeres) eine weite Reise unternehmen wollen, so bereiten sie die Pferde tags zuvor durch Fasten darauf vor, geben ihnen auch nur wenig zu saufen und reiten dann ohne auszuruhen 150000 Schritte weit. -- Hengste können 50 Jahre alt werden; Stuten aber sterben früher. Hengste wachsen bis ins 6., Stuten bis ins 5. Jahr.“ Umgekehrt wie Plinius schreibt Aristoteles: „Der Hengst wird 35, die Stute über 40 Jahre; ja, es ist schon einmal ein Pferd 75 Jahre alt geworden.“

Welche Bedeutung die Pferde schon bei den Griechen, besonders aber bei den Römern bei den Rennen zu Wagen und unter dem Reiter erlangt hatten, ist aus mancherlei Angaben von Schriftstellern zu ersehen. So berichtet Pausanias (der Bädeker des Altertums, dem wir wertvolle Nachrichten über verschiedene Kultstätten und der darin aufgestellten Weihgeschenke verdanken, er lebte im 2. Jahrhundert n. Chr.): „In der 66. Olympiade gewann Kleosthenes zu Olympia den Preis im Wagenrennen und stellte dann in Olympia den betreffenden Wagen nebst seiner eigenen Bildsäule und der seines Wagenlenkers und seiner Pferde auf. Es sind auch die Namen der Pferde (bei den Wettrennen mit Wagen in der Rennbahn fuhr man stets mit einem Viergespann): Phönix, Korax, Knacias und Samos, angemerkt. Auf dem Wagen steht die Aufschrift: „Kleosthenes aus Epidamnos hat mit Rossen im schönen Wettkampfe des Zeus gesiegt.“ -- Der Korinthier Phidolas hatte nach Olympia einen Wettrenner mit Namen Aura gebracht. Dieser warf gleich beim Beginn des Laufes seinen Reiter ab, lief aber doch ganz regelmäßig weiter und gewann den Preis. Phidolas bekam die Erlaubnis, die Bildsäule seines Pferdes zu Olympia aufzustellen“.

Bei den Griechen wurden berühmte Pferde nicht nur im Leben, sondern auch nach dem Tode ausgezeichnet und mit Denkmälern geehrt. So schreibt Herodot: „Der Athener Kimon, Vater des Miltiades, siegte zu Olympia dreimal mit dem Viergespann. Das Grab Kimons steht vor Athen an der Hohlen Straße, ihm gegenüber das Grabmal seiner vier siegreichen Rosse. Nur die Rosse des Lakoniers Euagoras haben es jenen gleichgetan.“ Aber erst zur römischen Kaiserzeit wurde die Pferdeverehrung auf die Spitze getrieben. So berichtet uns der Geschichtschreiber Dio Cassius: „Kaiser Caligula hatte ein Pferd namens Incitatus (d. h. der Angespornte), das mit ihm speiste, die Gerste aus einer goldenen Schüssel fraß, den Wein aus goldenen Pokalen trank. Bei diesem Pferd pflegte der Kaiser zu schwören; auch wollte er es zum Konsul ernennen, aber der Tod vereitelte dieses Plänchen. -- Der Kaiser baute sich auch selbst einen Tempel, bestellte seine Gemahlin, sein Pferd und mehrere reiche Leute zu Priestern und ließ sich täglich Vögel von delikatem Geschmack und teurem Preise opfern. -- Kaiser Nero hatte eine merkwürdige Liebhaberei für Wettrennen. Waren ausgezeichnete Renner da, so ließ er sie einen prachtvollen Staatsrock anziehen und ihnen regelmäßigen Gehalt bezahlen. Dadurch kam es bald dahin, daß die Besitzer solcher Pferde und deren Stallknechte so übermütig wurden, daß sie sich sogar gegen Generäle und Konsuln flegelhaft benahmen. Der General Aulus Fabricius wußte sich aber zu helfen und rächte sich damit, daß er Wagen mit Hunden bespannte. -- Kaiser Hadrian war ein sehr eifriger Jäger, brach einmal auf der Jagd das Schlüsselbein und ward lahm, ließ aber seinem Jagdpferde namens Borysthenes, als es gestorben war, eine Denksäule mit einer Aufschrift setzen. -- Kaiser Commodus hatte einen Wettrenner gern, der Pertinax hieß. Als dieser einmal gesiegt hatte, schrieen die Leute: ‚Pertinax ist Sieger!‘ Als das Pferd alt wurde, ließ ihm Commodus die Hufe vergolden, eine vergoldete Schabracke auflegen und befahl, es in den Zirkus zu führen. Als es da erschien, schrieen die Leute: ‚Da kommt Pertinax!‘ Dies waren die Vorbedeutungen, die anzeigten, daß der Ligurier Pertinax nach der Ermordung des Commodus Kaiser werden mußte“. Julius Capitolinus berichtet: „Kaiser Verus trug stets das goldene Bild seines Pferdes namens Volucer bei sich. Er fütterte das Tier mit Rosinen, Nuß- und Mandelkernen, er schmückte es mit purpurfarbigen Schabracken und errichtete ihm, als es gestorben war, auf dem Vatikan ein Grabmal“ und Älius Lampridius meldet: „Kaiser Heliogabalus fütterte seine Pferde mit Rosinen, die er aus Apamea in Phrygien bezog“.

Nach Älian sollen die Oreïten und Adraster (indische Völker) ihre Pferde mit Fischen gefüttert haben, ebenso die Kelten. Wir sahen bereits bei der Besprechung des Rindes, daß man tatsächlich in grasarmen Gegenden, so z. B. auf der Insel Island, zu einem solchen Hilfsmittel griff und es an manchen Orten heute noch tut. Auch scheinen die indogermanischen Stämme bis in die historische Zeit das Pferdefleisch als besonderen Leckerbissen geliebt zu haben. Bei den alten Germanen galt es als vornehmstes Opfer, ein Pferd zu schlachten und dessen Fleisch beim Göttermahle zu verspeisen. Daß sich die Gottheit besser des Opfers erinnere, wurde der abgefleischte und des Gehirns entleerte Schädel gern am Dachfirst befestigt. Da nun das Pferdefleischessen stets mit heidnischen Opfern verbunden war, wurde dasselbe als minderwertig und unrein erklärt. Als alles dies nichts fruchtete, wurde von Rom aus die Todesstrafe darauf gesetzt. So vermochte man mit vieler Mühe den alten Deutschen die Freude am Pferdefleischgenusse zu verleiden, so daß heute, da die Gründe, die zu dessen Verbot führten, hinfällig geworden sind, die Tierschutzvereine die größte Mühe haben, das damals dem Volke beigebrachte Vorurteil zu beseitigen. Auch die Römer opferten jährlich im Oktober auf dem Marsfelde dem Mars ein Pferd. Dieses hieß beim Volke das Oktoberpferd. Ferner opferten die Massageten, Parther und Skythen ihrer obersten Gottheit Pferde, ebenso die Perser. Strabon berichtet, daß Alexander der Große in Pasargadä, der alten Residenzstadt der Perserkönige, das Grabmal des Cyrus von Magiern bewacht fand, denen täglich ein Schaf und monatlich ein Pferd zur Nahrung verabreicht wurde. Neben dem Fleisch haben nur die Steppenvölker Südrußlands und Asiens auch die Milch der Pferde genossen, und zwar stellten sie mit Vorliebe daraus ein von den Kirgisen als Kumis bezeichnetes berauschendes Getränk her. Bei den Germanen war dies nicht der Brauch, wohl aber bei den Litauern und Esten, die solche Sitte von den südöstlichen Nachbarn angenommen hatten.

Bei den Germanen und den mit ihnen verwandten Wenden hatte das Pferd eine besondere sakrale Bedeutung, indem es, besonders in weißgefärbten Exemplaren, als dem Kriegsgott heiliges Tier galt, das man ihm zu Ehren in dessen heiligen Hainen in halber Freiheit hielt, in der Annahme, daß sich der Gott ebensosehr als der Mensch an solchem Besitz erfreuen werde. Überreste von dieser uralten Sitte lassen sich mehrfach in Ortsbezeichnungen nachweisen. So rührt das Mecklenburgische Schwerin vom wendischen Worte Zuarin, das Tiergarten bedeutet, her. Gemeint damit ist aber nicht ein Wildpark für das Jagdvergnügen der Vornehmen, sondern ein heiliger Hain, in welchem das dem slavischen Kriegsgotte Swantewit geheiligte Tier, das Pferd, gezüchtet wurde. Solche Pferdezucht in eingehegten heiligen Bezirken läßt sich auch für Deutschland nachweisen und hielt sich auch nach der Einführung des Christentums für profane Zwecke im Gebrauch. So hat Stuttgart, d. h. Stutengarten, seinen Namen von dem Gestüt, das Kaiser Ottos I. Sohn Liutolf im Jahre 949 in den dortigen Waldungen anlegte.

Die Pferde der Germanen, die von den aus dem Süden und Osten eingeführten orientalischen Pferden abstammten, waren nach den Schilderungen der Römer nur unscheinbare, aber äußerst leistungsfähige und gut dressierte Tiere. So berichtet Julius Cäsar darüber: „Die Pferde der Germanen sind häßlich, jedoch durch die tägliche Übung sehr ausdauernd. In der Schlacht springen die germanischen Reiter oft vom Pferde, kämpfen zu Fuß und ziehen sich, wenn es sein muß, wieder zu ihren Pferden zurück; denn diese sind gewohnt, die bestimmte Stelle nicht zu verlassen. Sie reiten ohne Decke auf dem bloßen Pferde.“ Vielfach war den Reitern als willkommener Kampfgenosse auch ein Unberittener beigegeben, der sich beim Traben oder Galoppieren an der Pferdemähne hielt, um folgen zu können. Solchermaßen schildert uns Cäsar das Heer des germanischen Fürsten Ariovist, das aus 6000 Reitern und ebensoviel Fußkämpfern bestand. Nach Dio Cassius galten die Bataver, am Unterlaufe des Rheins, als die besten Reiter unter den Germanen, die bewaffnet mit ihren Pferden sogar über den Rhein schwammen, was den Römern einigermaßen imponiert haben muß.

Am berühmtesten von allen Pferden Deutschlands waren im frühen Mittelalter die thüringischen. König Hermanfried schenkte dem Frankenfürsten Theoderich, aus dessen Familie er die Amelberg freite, nach Landessitte mehrere weiße Pferde, wie Hochzeitspferde sein sollen. Diese sollen besonders angenehm zum Reiten gewesen sein, „man schien auf denselben zu ruhen,“ so sanft gingen sie. Sie wurden natürlich von ihren Herrn mit besonderen Namen benannt, die uns teilweise erhalten sind. So nannte Attila sein Lieblingspferd Löwe, ein anderes Leibpferd Dunkelbraun. Ihr Preis war ein verhältnismäßig hoher, so daß als Zugtier für die Landwirtschaft das Rind vorgezogen wurde. Galt doch in einer Urkunde von 884 ein Pferd 10 Solidi, d. h. so viel als 10 Kühe. Karl der Große verbesserte die Stutereien seiner Güter. Eine solche hieß stuot und stand unter einem mareskalk, d. h. Pferdeknecht. Dieser gehörte an den fürstlichen und bischöflichen Hofhaltungen zu den vornehmsten Ministerialen oder hörigen Dienstmannen, denen stets ein eigenes Pferd für ihren Dienst zustand. Die Pferde wurden zur Arbeit stets beschlagen, und die Hengste, damit sie ihr feuriges Temperament mäßigen sollten, verschnitten. Im 12. Jahrhundert erhielt das Stift Fulda noch 20 ungelernte Pferde geschenkt. Wenn ein einzelner Mann so viel Pferde wegschenken kann, so läßt dies vermuten, daß er eine ziemlich ausgedehnte Zucht gehabt haben muß. Im Laufe des Mittelalters hat dann die Pferdezucht eine stetige Verbesserung erfahren, bis sie sehr leistungsfähige Tiere lieferte.

Das Hauspferd asiatischer Abstammung erschien nach den Funden in Pfahlbauten schon zu Ende der jüngeren Steinzeit in Mitteleuropa in einzelnen, allerdings noch seltenen Exemplaren, die jedenfalls als wichtige Kriegsgehilfen sehr geschätzt waren. Erst in den Stationen der Bronzezeit erscheint es häufiger, um erst in der Römerzeit in Helvetien größere Verbreitung zu finden, wie wir aus den Überresten beispielsweise der römisch-helvetischen Kolonie Vindonissa ersehen. Es war wie alle orientalischen Pferde, von denen bis jetzt die Rede war, leicht gebaut und besaß zierliche Gliedmaßen mit hohen zylindrischen Hufen und einem feingezeichneten, im Profil mehr oder weniger konkaven Kopf. Das trockene, d. h. wenig fleischige Gesicht trat bei ihm gegenüber dem Hirnschädel zurück. Die Kruppe fiel nach hinten wenig ab und die Schweifwurzel lag in der Verlängerung der Rückenlinie. Nun finden wir zur Römerzeit in Helvetien neben dieser graziösen, auch eine plumpere Rasse mit massigen Formen, einem schwergebauten Kopf und kräftigen Gliedmaßen, mit flachen Hufen und starker Haarbildung darüber. Das fleischige Gesicht ist im Verhältnis zum Hinterteil des Schädels stark in die Länge gezogen. Das Schädelprofil erscheint bei ihm, statt konvex wie beim vorigen, deutlich konkav, d. h. geramst. Die Kruppe fällt steil ab und die Schweifwurzel springt aus der Rückenlinie heraus. Zu diesen anatomischen Merkmalen kommen noch Unterschiede der Bezahnung. So besteht bei diesem plumper gebauten Pferd ein durch die ungewöhnlich starke Entwicklung des Gesichtsteils bedingtes mehr in die Längegezogensein der Backenzähne. Dabei zeigen sie eine kompliziertere Faltung des Schmelzüberzuges als die zierlichere orientalische Rasse.

Während nun das im Schädelbau sich mehr dem Esel nähernde ~orientalische~ oder ~warmblütige Pferd~ den Ahnherrn aller schnellfüßigen Reit- und Wagenpferde darstellt, ist dieses plumpere, aber kräftigere ~okzidentale~ oder ~kaltblütige Pferd~ der Stammvater des schweren deutschen Karrengauls, dessen Vorfahren die mit schwerer Rüstung für Mensch und Tier bewehrten mittelalterlichen Ritter trugen, dann des flandrischen, normannischen und luxemburgischen Karrengauls, die sämtlich vorzügliche Arbeitspferde sind. Mit ihrer breiten Brust und dem starken Körper repräsentieren sie den herkulischen Pferdetypus. Dieser ging aus dem einheimischen kräftigeren Wildpferde Europas hervor, das zu zähmen und in den menschlichen Dienst zu stellen sehr nahe lag, nachdem man einmal an dem aus dem Morgenlande hier eingeführten leichteren Hauspferde den Nutzen dieses Tieres erkannt hatte.

Schon unter den diluvialen Wildpferden Europas lassen sich zwei Arten unterscheiden, nämlich eine kleinere, leichte, die mehr im Süden wohnte, und eine größere, derbere, die mehr im Norden lebte. Letztere wurde besonders von Nehring genauer untersucht. Wie in Europa war es sicher auch in Asien. Dort ist nun allerdings das zierlichere, mehr im Süden lebende warmblütige Pferd zuerst gezähmt und in des Menschen Dienst gestellt worden. Es hat sich dann im Laufe der Jahrhunderte in verschiedene Schläge gespalten. Aber neben ihm gab es nach Norden zu auch eine schwere, kaltblütige Art, die unabhängig vom okzidentalen Pferde Europas gezähmt und in den Haustierstand übergeführt wurde. Dieses schwere Pferd mit allen Kennzeichen der kaltblütigen Rassengruppe, nur mit einigen Abweichungen im Schweifansatz, wie sie für das Przewalskische Pferd typisch sind, ist in Mittelasien schon frühe der Zähmung unterworfen und in den menschlichen Dienst gestellt worden. So tritt es uns in typischer Weise, durch seine Kleinheit sich als durch Zucht noch wenig verändertes Przewalski-Wildpferd zu erkennen gebend, auf einem altpersischen Relief von Persepolis entgegen. Dort dient es, reich geschirrt, zwei bärtigen Fürsten in langer Gewandung und mit teils helm-, teils tiaraartiger Kopfbedeckung zum Reiten. Auch die mit dem Przewalski-Pferd trefflich übereinstimmende Kleinheit dieses Tieres tritt auf diesen Reiterbildnissen wie auf anderen Bildern dieser Zeit, in denen die Tiere wie auf unserer Abbildung an einen Kriegswagen angespannt geführt werden, deutlich hervor. In letzterem Falle werden die Tiere in der Weise geführt, daß der Führer den Arm über den Rücken legt und so mit der Hand den Zügel der von ihm abgewandten Seite hält.

Wenn nun Krämer zeigte, daß nach der Schweiz, speziell Vindonissa, erst die Römer schwere Pferde einführten, so können sie diese ganz gut aus Asien bezogen haben; denn damals gab es nicht nur in Persien, sondern auch in Kleinasien solche schwere, kaltblütige Schläge. So findet sich beispielsweise auf einer Münze der kleinasiatischen Stadt Larissa die charakteristische Darstellung eines kaltblütigen Pferdes. Diese Rasse scheinen die Römer zur Berittenmachung ihrer schwerbewaffneten Reiterei bevorzugt zu haben und führten sie deshalb bei sich ein. Durch Kreuzung mit dieser wurde in der Folge das kleinere leichte Pferd, das über alle Mittelmeerländer verbreitet war, etwas größer und stärker.

Sicher war das Hauspferd Europas zur Bronzezeit ein Abkömmling der zierlichen warmblütigen asiatischen Rasse, wurde dann aber auch aus dem massenhaft vorkommenden einheimischen Wildmaterial gezogen; denn anders ist es nicht erklärlich, daß die Gallier schon im Jahre 280 v. Chr. bei ihrem Einfall in Griechenland 60000 Reiter ins Feld stellen konnten. Da dieser Volksstamm schon früher eine tüchtige Reiterei bei sich ausgebildet hatte, kann es uns nicht wundern, daß sie in späterer Zeit eine besondere Schutzgöttin der Pferde, namens Epona, verehrten. Aus der ganzen Hinterlassenschaft der keltischen Volksstämme läßt sich ersehen, daß sie schon lange bevor sie mit der römischen Kultur bekannt wurden, eine ausgebildete Pferdezucht trieben. Ihre Zuchtprodukte wurden dann an die Nachbarn verhandelt. So kam das keltische Pferd auch nach Spanien, das ebenfalls schon vor der Einnahme durch die Römer eine blühende Pferdezucht besaß. Von Spanien aus drang dieses Pferd nach Nordafrika vor; denn Publius Vegetius sagt ausdrücklich, daß die Pferde der römischen Provinz Afrika (dem heutigen Algerien) spanischen Blutes seien.

Was die warmblütigen orientalischen Pferde anbetrifft, so ist heute der edelste Vertreter derselben der ~Araber~, der in reinster Rasse vorzugsweise in der Nedjed genannten unwirtlichen Hochebene Mittelarabiens gezogen wird und mit Recht den höchsten Stolz seines Besitzers ausmacht. Die Araber unterscheiden viele Familien ihrer Pferde, über die sie genaue Stammbäume führen, und jeder Stamm rühmt sich im Besitze einer besonders guten Rasse zu sein. Im ganzen unterscheidet man 21 Blutstämme oder Familien, von denen die 5 vornehmsten unter dem Namen „Khamsa“ zusammengefaßt werden. Sie sollen angeblich von den 5 Stuten Salomos abstammen.

Wie überaus hoch der Araber diese hochedeln Tiere, die ja tatsächlich seinen wichtigsten Besitz ausmachen, schätzt, das beweisen die Lobeserhebungen, die er ihnen spendet: „Sage mir nicht, daß dieses Tier mein Pferd ist; sage, daß es mein Sohn ist! Es läuft schneller als der Sturmwind, schneller noch, als der Blick über die Ebene schweift. Es ist rein wie das Gold. Sein Auge ist klar und so scharf, daß es ein Härchen im Dunkeln sieht. Es erreicht die Gazelle im Laufe. Zu dem Adler sagt es: Ich eile wie du dahin! Wenn es das Jauchzen der Mädchen vernimmt, wiehert es vor Freude, und an dem Pfeifen der Kugeln erhebt sich sein Herz. Aus der Hand der Frauen erbettelt es sich Almosen, den Feind dagegen schlägt es mit den Hufen ins Gesicht. Wenn es laufen kann nach Herzenslust, vergießt es Tränen aus seinen Augen. Ihm gilt es gleich, ob der Himmel rein ist oder der Sturmwind das Licht der Sonne mit Staub verhüllt; denn es ist ein edles Roß, das das Wüten des Sturmes verachtet. In dieser Welt gibt es kein zweites, das ihm gleicht. Schnell wie eine Schwalbe eilt es dahin. So leicht ist es, daß es auf der Brust deiner Geliebten tanzen könnte, ohne sie zu belästigen. Sein Schritt ist so sanft, daß du im vollsten Laufe eine Tasse Kaffee auf seinem Rücken trinken kannst, ohne einen Tropfen zu verschütten. Es versteht alles wie ein Sohn Adams, nur daß ihm die Sprache fehlt.“

Dem durch gute Lungen ausgezeichneten arabischen Pferd kommt seine Genügsamkeit sehr zu statten; denn es wird von seinem Herrn, der selber nicht viel besitzt, recht knapp gehalten. Mit 18 Monaten beginnt seine Erziehung, indem ein Knabe es zu reiten versucht. Im dritten Lebensjahre legt man ihm den Sattel auf und sucht nach und nach alle seine Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln. Erst wenn es das 7. Jahr erreicht hat, sieht man es als erzogen an, und deshalb sagt das arabische Sprichwort: „Sieben Jahre für meinen Bruder, sieben Jahre für mich und sieben Jahre für meinen Feind.“ Dieser Araber ging im Laufe des Mittelalters aus dem schon im Altertum berühmten persischen Pferde hervor und steht in näherer Beziehung zum nordafrikanischen Berberpferde, von dem die Mauren in Spanien einst die besten Zuchten hatten. Sein Blut kreist in allen edeln Reit- und Wagenpferden europäischer Rasse, vor allem auch im englischen Vollblut, über das wir hier einiges Authentische mitteilen möchten.

Zunächst ist festzustellen, daß die bis jetzt herrschende, auf die Zeugnisse der klassischen Schriftsteller gestützte Annahme, daß Arabien im Altertum fast nur Kamele und keine Pferde gezogen habe, nicht ganz richtig ist. Schon sehr früh gab es dort auch Pferde, die von den Siegern annektiert und mitgenommen wurden. So zählt Flavius Josephus unter der arabischen Beute des von 668-626 über Assyrien herrschenden Königs Asurbanipal ausdrücklich auch Pferde auf. Außerdem wird auf himjaritischen Inschriften öfter das Pferd erwähnt, auch sind zwei Bronzestatuetten von solchen bekannt. In den Ruinen von Nâ-it im Gebiete der Haschid sind nach dem Bericht des arabischen Schriftstellers Al-Hamdani mehrfach Darstellungen von Pferden gefunden worden. Doch hat die Aufzucht einer edleren Pferderasse erst im Mittelalter durch die Mohammedaner stattgefunden, die auf ihren Feldzügen großes Gewicht auf eine gute Reiterei legten. Zur Zucht verwandten sie das damals am höchsten gezüchtete, nämlich das persische Pferd, das schon im Altertum durch seine Leistungsfähigkeit berühmt war. Die Griechen erstaunten, als sie im persischen Reiche den auf schnellfüßigen Pferden durch Berittene besorgten, trefflich funktionierenden Meldedienst und das auf gut unterhaltenen Straßen vorzüglich eingerichtete Postwesen kennen lernten. Neben den persischen waren auch die vorderasiatischen Pferde hochgeschätzt. So ließ König Salomo Zuchtpferde aus Kilikien und Kappadokien holen, und König Philipp von Makedonien begann seine Stammzucht, der sein Sohn Alexander die treffliche Reiterei verdankte, angeblich mit 20000 skythischen Stuten.

Auch die Griechen suchten schon früh möglichst rasche und ausdauernde Pferde zu züchten. Dies geschah wie heute auf Grund von Leistungsprüfungen, und zwar in bezug auf Geschwindigkeit und Ausdauer. Dazu dienten in erster Linie die olympischen, pythischen, nemeischen und isthmischen Spiele, bei welchen sowohl Wagenrennen als Rennen unter den Reitern abgehalten wurden. Letztere waren noch wichtiger als die ersteren, und man hatte Jockeis und Herrenreiter, auch Geld- und Ehrenpreise wie heute. Ein Rennen zu gewinnen galt als höchste Ehre und man kann sich deshalb vorstellen, mit welchem Eifer die Zucht rascher Pferde betrieben wurde. Schon damals war das Rennpferd durchaus verschieden vom Pferd der Landeszucht. Es wird mehrfach mit seinen typischen Merkmalen abgebildet, so beispielsweise auch auf einer ums Jahr 450 v. Chr., also um die Zeit der Erbauung des Parthenon, hergestellten griechischen Vase. Auf ihr sehen wir die Pfosten der Rennbahn, den Zielrichter mit der Schärpe, den leichtgewinnenden Sieger, der den noch heute typischen Fehler macht, sich am Ziel umzusehen, während der zweite und dritte ein sog. Finish mit der Peitsche reiten. Die hier dargestellten Rennpferde sind länger im Hals, haben andere Schulter und Kruppe als die gewöhnlichen Reitpferde, die uns auf dem Parthenonfries entgegentreten und waren zweifellos orientalischen Ursprungs.

Von den Griechen übernahmen dann die Römer die Freude an den Wettrennen und die Hochschätzung der Rennpferde. Letztere brachten sie auch in ihre Kolonien. So hielt beispielsweise Kaiser Severus, der von 206-210 in England weilte, mit von Rom dahin importierten Pferden ein Rennen im York ab. Aber auch an zahlreichen andern Orten Englands gab es damals schon Rennen mit hochgezüchteten Pferden, so z. B. in Chester, wo noch ein Teil der antiken Rennbahn erhalten ist. Seitdem blieben die Rennen in jenem Lande ein nationaler Sport; aber von einer Zucht zu Rennzwecken war damals und das ganze Mittelalter hindurch keine Rede. Wenn auch öfter edle Pferde, namentlich zur Zeit der Kreuzzüge, ins Land gebracht wurden, so blieb man dort im Laufe der Jahrhunderte doch nur bei einem mäßig geschwinden Pferd, dem galloway. Das Bestreben, dieses kleine und nur mäßig leistungsfähige Pferd zu verbessern, war der Anlaß, daß man im 17. Jahrhundert anfing, in erheblichem Maße orientalische Pferde einzuführen. Von besonderer Wichtigkeit war ein Import von 30-40 orientalischen Stuten, den „royal mares“, die Karl II. etwa 1670 einführte. Im Laufe des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts führte man zudem nicht weniger als 26 orientalische Hengste in England ein, um die Zucht aufzufrischen. Von diesen war Darley Arabian nach dem bedeutendsten deutschen Rennstallbesitzer, Arthur von Weinberg, der wichtigste Stammvater, den etwa 90 Prozent aller heutigen Vollblüter zu ihrem Ahnen haben sollen. Nach ihm kommt an Bedeutung der 1728 importierte Godolphin Arabian, den ein Engländer in Paris vor einem Wasserwagen entdeckte und der im Beginn der englischen Vollblutzucht eine große Rolle spielte. Mit dem Import dieser Hengste beginnt das erste Aufzeichnen der Stammbäume im großen Gestütsbuch. Doch war zunächst noch von keiner systematischen Zucht die Rede. Die einzige Richtschnur war damals, daß für die Stuten der Vater, für die Hengste aber die Mutter in erster Linie maßgebend sei. Man wollte Rennen gewinnen und züchtete unbekümmert um Theorien stets von den besten, d. h. raschesten Pferden. So konzentrierte sich im Gegensatz zu den Ratschlägen der Theoretiker die Zucht auf eine immer geringer werdende Zahl von männlichen Linien, bis schließlich fast nur eine einzige Linie übrigblieb. Wie die heutigen Vollblutpferde auf wenige Hengste, so gehen sie, wie zuerst deutsche Forscher feststellten, zum größten Teil auf fünf Stuten zurück. Sie sind trotz der weitgehenden Inzucht außerordentlich leistungsfähig, haben eine Verlängerung von Oberarm- und Oberschenkelknochen zur möglichst raschen Fortbewegung erhalten und sind sehr frühreif. Während die Vollblutpferde schon mit 18 Monaten geritten werden und zweijährig Rennen laufen, kann man das Halbblutpferd, z. B. die Remonten der Kavallerie, meist erst vierjährig überhaupt anreiten.

Das arabische, wie auch das mit ihm nahe verwandte maurisch-berberische Pferd wurde wie in England, so auch auf dem Kontinent mit leichten und schweren einheimischen Schlägen gekreuzt und dadurch die verschiedensten Gebrauchspferde erhalten, die je nachdem zum Reiten, Fahren oder Ziehen besonders geeignet sind. Näher auf die Abstammungsverhältnisse und die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Pferderassen einzugehen, verbietet schon der beschränkte Rahmen dieses Buches. Es sei hier nur bemerkt, daß in Europa die Pferdezucht in den weiten Steppen des Ostens am bedeutendsten ist. So besitzt Rußland zahlreiche starke Gestüte in den Steppen am Don und am rechten Ufer der untern Wolga. Das russische Pferd ist klein, aber äußerst genügsam und ausdauernd. Auch in Ungarn und Siebenbürgen werden viele und gute Pferde für den Export gezüchtet. In Galizien, in der Bukowina und in der südöstlichen Steiermark findet sich gleicherweise ein leichter Schlag, während die weiter nördlich und östlich davon gelegenen Länder kräftigere Arbeitstiere ziehen, in denen reichlich Blut des schweren okzidentalen Pferdes beigemischt ist. In Hannover, Holstein und Mecklenburg werden viele edle Reitpferde gezogen. Dänemark züchtet die besten in Jütland. Skandinavien, Wales, Schottland, die Shettlandsinseln und Island besitzen ponyartige kleine Schläge, die im Winter einen langen, krausen Haarpelz erhalten. Belgien, die Normandie und gewisse Gegenden Englands züchten mit Vorliebe schwere, kaltblütige Arbeitspferde. In Spanien wird vorzugsweise das aus Nordafrika eingeführte Berberpferd gezogen. Die besten Gestüte besitzt Andalusien. Die europäischen Mittelmeerländer sind wenig reich an Pferden, weil Esel und Maultier dort stark verbreitet sind. Besonders in Griechenland ist die im Altertum blühende Pferdezucht in argen Verfall geraten. Italien besitzt nur lokal ein erhebliches Pferdematerial. Die schönste Rasse findet sich in der römischen Campagna, wo die Wagenpferde der Kardinäle und Patrizier gezüchtet werden. Den größten Pferdereichtum trifft man in Sardinien an. Nach Cetti ist dort das Pferd vielfach verwildert, soll angeblich nicht mehr zu bändigen sein und wird vielfach erlegt, hauptsächlich um das Fell zu gewinnen. Es haust hier namentlich in den ausgedehnten Waldungen im Innern.

Bald nach ihrer Entdeckung erhielt die Neue Welt das Pferd durch die Spanier, und zwar waren es Andalusier, die dort, speziell in Mexiko, eingeführt wurden. Doch sind sie nach und nach entartet und vielfach verwildert. Indessen sind heute die verwilderten Herden bis auf einzelne in Patagonien lebende Trupps auf einen 1865 erlassenen Befehl der Regierung hin vernichtet worden, da sie nicht nur die Weiden beeinträchtigten, sondern vielfach auch die zahmen Pferde entführten. Gegenwärtig nehmen die Vereinigten Staaten von Nordamerika den bedeutendsten Rang in der Pferdezucht ein. Berühmt ist die neuerdings aufgekommene Traberzucht, deren Grundstock das amerikanische Vollblut bildet.

In Australien wurde die Pferdezucht ebenfalls erst von den Europäern eingeführt. Das Material stammt aus England, der Kapkolonie und von den Sundainseln. In Indonesien werden mehr kleine Schläge gezüchtet, ebenso in Oberbirma und Südindien. In Nordwestindien wird viel ein dem Afghanenpferde verwandter Schlag gehalten. In China zieht hauptsächlich die Mandschurei Pferde, auf deren Haltung aber wenig Sorgfalt verwendet wird. Japan züchtete früher im Norden der Hauptinsel einen kräftigen Schlag; neuerdings wurden besonders europäische und amerikanische Rassen importiert.

Am zahlreichsten wird das Pferd in Innerasien gezüchtet. In Turkestan ist es das wichtigste, unentbehrlichste Haustier, das von jedermann gehalten wird. Persien hat drei verschiedene edle Schläge, einen kleineren im Gebirge und größere in den Ebenen. Die edelste Zucht von persisch-arabischem Blut trifft man in Schiras. Klein und unansehnlich, aber äußerst leistungsfähig ist das Kirgisenpferd, das auch von den Kalmücken und andern Mongolenstämmen in großen Mengen gehalten und auch zur Milchgewinnung benutzt wird. In Afrika, das einst seinen Pferdebestand Asien entlehnte, werden besonders im Norden und Osten viel Pferde gezogen. Ägypten, Abessinien, die Somaliländer und der Sudan besitzen verdorbene arabische Schläge, die als Reittiere ungemein leistungsfähig sind und Wassermangel vielfach besser als andere Schläge ertragen. Das zähe Gallapferd findet beim abessinischen Heere ausgiebige Verwendung. In Südafrika werden besonders in der Kapkolonie und in Transvaal kleine, sehr ausdauernde Pferde gezüchtet. Überall in den Tropenländern, wo das Klima zu feucht ist, hält es sich schlecht, deshalb haben die Portugiesen in ihren afrikanischen Kolonien den Reitstier eingeführt.

VIII. Das Kamel.

Die Kameliden sind der älteste Zweig der Wiederkäuer, der sich schon im Miozän von der Gesamtfamilie trennte, bevor sich bei ihren Vertretern Hörner oder Geweihe ausgebildet hatten. Sie sind die einzigen Wiederkäuer, die noch im Oberkiefer Schneidezähne -- im ganzen vier -- besitzen. Mit den ältesten Pferden entwickelten sie sich in Nordamerika, wo während der jüngeren Tertiärzeit die reichste Entfaltung derselben nachweisbar ist. Doch erlosch dort die Gruppe mit dem Eintritt der Eiszeit, während die Kamele nach Asien und die Schafkamele oder Lamas nach Südamerika auswanderten, wo sie sich auf den Höhen der Anden erhielten.

Noch heute lebt ein winziger Überrest der Kamele in ihrer ursprünglichen Wildheit in der innerasiatischen Wüste in der Dsungarei, ebendort, wo auch die letzten Wildpferde zu finden sind. Schon der russische Reisende Przewalski hatte von ihrem Vorkommen im Gebiet des Lob Nor, d. h. im westlichen Teil der Wüste Gobi, berichtet. Doch erhob man damals dagegen den Einwand, es möchten dies einzelne entlaufene und verwilderte Kamele gewesen sein. Indessen hat dann später der schwedische Reisende Sven Hedin auf Grund eigener Beobachtung das Vorkommen von eigentlichen Wildkamelen in jenen menschenleeren Einöden festgestellt. In einem Brief aus Obdal vom Juni 1900 schreibt dieser Autor in der Umschau: „In der Gegend, die wir durchwanderten, kamen wilde Kamele in großer Anzahl vor, und wir sahen und beobachteten sie täglich durch unsere Ferngläser. Sie halten sich längs des Fußes der Berge und in der Wüste auf, begeben sich aber von Zeit zu Zeit zu den schirmenden Quellen, um zu trinken und zu grasen. Es gewährt einen herrlichen Anblick, wenn man eine solche Herde, nachdem man ihr den Wind abgefangen, unvermutet überrascht. Die Karawane mußte, während unsere Jäger sich an die Tiere heranschlichen, in solchen Fällen immer Halt machen. Einige der Kamele standen gewöhnlich aufgerichtet als Späher da, während die andern sich in liegender Stellung ausruhten. Bei Jardang Bulak schoß der Kosake Tjernoff ein prächtiges Kamel, bei Altimisch Bulak unser Führer Abdu Rehim ein anderes. Ich meinerseits zog es vor, mit einem starken Fernrohr bewaffnet, ihre Bewegungen zu beobachten. Es liegt ein märchenhafter Glanz über diesen gewaltigen, stattlichen Tieren, an deren Existenz die Gelehrten bis in die neueste Zeit hinein gezweifelt haben. Es erweckte mein Staunen, daß wir diese Tiere immer nur in den unwirtlichsten, sterilsten und wasserärmsten Wüsten antrafen, wo wir mit unsern zahmen Kamelen Gefahr liefen, vor Durst umzukommen; und doch finden sie nur in solcher Umgebung ihr Fortkommen und sind so scheu, daß sie, wenn sie in meilenweiter Entfernung eine Karawane wittern, tage- und nächtelang fliehen und man nur aus den frischen Spuren ersehen kann, daß sie erst ganz kürzlich aufgebrochen waren.

Wunderschön ist auch der Anblick einer durch unsere Annäherung oder vielmehr durch einen Büchsenschuß erschreckten fliehenden Herde. Sie sehen sich nicht um, sie fliehen bloß und sie fliegen über die Wüste dahin wie der Wind und verschwinden in einigen Minuten am Horizonte, um erst wieder Halt zu machen, wenn sie sich ganz sicher fühlen, weit, weit hinten im Sande.

Es gibt sowohl Mongolen als Muhammedaner, welche nur von der Jagd auf wilde Kamele im Kurruktag und den weiter östlich davon gelegenen Gegenden leben. Diese Jäger sind mit den Gewohnheiten und dem Leben der wilden Kamele durch und durch vertraut. Sie jagen die Weibchen nur während der Brunstzeit, wo die Männchen mörderische Gefechte um ihre Gunst ausfechten. Der Stärkste ist der Herrscher und kann mitunter mit 5-6 Weibchen umherwandern, während die Besiegten, die fürchterliche Wunden davontragen und denen oft große Stücke Fleisch an den Seiten herausgerissen sind, einsam und verschmäht in der Wüste leben und sich den Familienherden nicht zu nahen wagen, wahrscheinlich aber doch der Hoffnung auf Glück das nächste Mal leben. Die Wüste gewinnt durch ihr Erscheinen bedeutend an Leben, und die Männer werden ganz wild, sobald der Ruf erschallt: „java tuga“ (wilde Kamele)!

Einer unserer Jäger verfolgte einmal ein großes schwarzes Männchen, das einen Schuß in das Bein erhalten hatte, aber in südlicher Richtung weiterhinkte, volle zwanzig Stunden lang und kam müde und durstig zurück, ohne daß es ihm gelungen war, das Tier wieder in Schußweite zu bekommen. Wie sonderbar ist doch die Welt, in der diese Tiere leben, und doch müssen sie das Gefühl haben, daß außerhalb ihrer friedlichen Fluren der Feind lauert, denn sonst würden sie nicht eine so stark ausgeprägte Furcht vor den Menschen hegen. Ihre einzige Gesellschaft ist der Buran, der schwarze Sturm, der in dieser Gegend unumschränkt herrscht und mit dem auch wir in intime Beziehung gerieten.“

Diese von der südlichen Dsungarei durch Ostturkestan und Nordtibet verbreiteten wilden Kamele schützen sich wie ihre gezähmten Abkömmlinge vor diesen fürchterlichen Sandstürmen, indem sie ihre Nasenlöcher hermetisch verschließen. Sie besitzen zwei Höcker, wie die von ihnen in direkter Linie abstammenden, in Ost- und Mittelasien als Haustiere lebenden baktrischen Kamele oder Trampeltiere, nur sind sie kleiner als die vom Menschen gezüchteten Höcker. Diese sind, wie der Buckel des Zebus, Ansammlungen von Reservefett, die bei den gezähmten Formen ein Gewicht von 2-5 kg erlangen. Diese Höcker lassen sich durch Mästung wie beim Höckerrind zu extremen Dimensionen steigern, können aber durch längere Zeit fortgesetzte Anstrengung bei knapper Nahrung in wenigen Wochen zum Verschwinden gebracht werden. Das weiter durch Kultur veränderte einhöckerige Kamel oder Dromedar, das sich von seinem Ursprungslande Zentralasien am weitesten westlich nach Afrika hinein entfernte, ist artlich durchaus nicht von diesem zweihöckerigen Kamel oder Trampeltier verschieden. So hat es, wie Lombardini in Pisa 1879 nachwies, während des Fötallebens ebenfalls die Anlage zu zwei Höckern, die sich aber noch im Mutterleibe zu einem einzigen vereinigen. Für die Abstammungsgeschichte ist diese Tatsache von größter Wichtigkeit, indem wir so mit einer einzigen wilden Stammform auskommen, das zweihöckerige Kamel als die ursprünglichere zahme Rasse und davon das Dromedar als jüngere Zuchtrasse ableiten können.

Auch physiologische Gründe sprechen für die Zusammengehörigkeit beider Hauptrassen, indem sich das zwei- und einhöckerige Kamel leicht kreuzen lassen und fruchtbare Bastarde liefern, bei denen sich die Zweihöckerigkeit in ausgesprochener Weise geltend macht. Gleicherweise stimmen die geistigen Eigenschaften bei den Tierarten auffallend miteinander überein. Beide Formen sind wenig begabt, wie es die tiefe Stellung der Familie im Stammbaum der Wiederkäuer mit sich bringt; beide zeigen neben Indifferenz, Dummheit und störrischem Wesen eine auffallend geringe Anhänglichkeit an den Menschen. Immerhin ist das Trampeltier als die ursprünglichere Form gutartiger als das Dromedar, läßt sich leichter einfangen und gehorcht seinem Herrn williger.

Beide Tierarten gedeihen nicht auf üppiger Weide, sondern verlangen im Gegenteil dürre Steppenpflanzen, welche anderen Tieren kaum genügen würden, besonders aber Salzpflanzen. Dabei ist das Trampeltier noch bedürfnisloser als das Dromedar und frißt die bittersten und salzigsten Wüstenkräuter, die von den übrigen Steppentieren durchaus verschmäht werden. Dazu saufen sie selbst das äußerst salzhaltige Wasser der Steppe, das kein anderes Tier anrührt, und sind überhaupt auch darin höchst bedürfnislos. Aristoteles schreibt sogar von ihnen: „Die Kamele saufen lieber trübes als reines Wasser, und trüben es, wenn sie es rein vorfinden, erst absichtlich, wenn sie saufen wollen. Übrigens können sie recht gut vier Tage ohne Getränk aushalten, nehmen aber auch nachher desto mehr zu sich. Sie leben meist 30 Jahre, zuweilen auch bis hundert.“

Irgendwo in seiner zentralasiatischen Heimat ist das ~zweihöckerige Kamel~, das ~Trampeltier~ (Camelus bactrianus) in vorgeschichtlicher Zeit vom Menschen gezähmt und in den Haustierstand übergeführt worden. Bis auf den heutigen Tag ist es ausschließlich auf Innerasien beschränkt und ist zu den Mongolen Ostasiens und nach dem südlichen Sibirien vorgedrungen. Hier überall bis tief nach China hinein ist es dem Menschen eines der nützlichsten Haustiere, das vorzugsweise als Lasttier, seltener zum Ziehen des Wagens und des Pfluges verwendet wird. Außer seiner Arbeitskraft verwendet man Fleisch und Fell und nutzt seine Milch und seine Haare aus. Mit ihm durchzieht man die wasserlosen Wüstenstrecken, in denen Pferde nicht zu gebrauchen sind und ihre Dienste versagen würden. Mit ihm erklimmt man Gebirge bis über 4000 m Höhe, in denen nur noch der Yak aushält. Brehm sagt von ihm: „Das Pferd ist der Genosse, das Trampeltier der Diener des Steppenbewohners.“

Derselbe Autor bemerkt: „Ein kräftiges Trampeltier legt mit 220 kg, ein sehr starkes mit noch 50 kg mehr täglich 30-40 km, mit der Hälfte der Last aber im Trabe fast das Doppelte zurück, vermag im Sommer 2 oder 3, im Winter 5-8 Tage zu dursten, halb so lange ohne Beschwerde zu hungern und beansprucht bei längeren Reisen nur alle 6-8 Tage eine Rast von 24 Stunden Dauer. In der Kirgisensteppe wird es übrigens nicht ausschließlich als Lasttier, sondern einzeln wie paarweise auch als Zugtier verwendet und tritt auf Flugsandstrecken sogar an Stelle der Postpferde.“ Doch geht es nur im Schritt und stößt dabei vielfach unwillige Laute aus, die einem auf die Dauer unangenehm werden.

Auf der Oberseite des Nackens haben die Trampeltiere, wie die von ihnen abstammenden Kamele, zwei Paar dichtstehender Drüsen, die beim Männchen in der Brunstzeit eine dunkle Schmiere absondern und dann die ganze Nackenmähne besudeln. Die Begattung wird vollzogen, indem sich das Weibchen, durch einige derb kneifende Bisse von seiten des Männchens in Hals, Höcker und Beine veranlaßt, wie sonst zur Belastung niederkniet. Das nach 12 Monate währender Tragzeit im Frühling geborene Junge von 30 cm Höhe entwickelt sich, von der Mutter an ihrem vierzitzigen Euter ein volles Jahr lang ernährt, rasch. Schon im zweiten Jahre beginnt man mit seiner Abrichtung, indem man dem Füllen die Nase durchsticht und ihm durch die so entstandene Öffnung den Zaumpflock durchsteckt. Im dritten Jahre wird es zu kurzen Ritten, im vierten zum Tragen leichter Lasten benutzt. Im fünften Jahre gilt es als erwachsen und arbeitsfähig und kann bei guter Behandlung bis zum 25. Jahre Dienste tun.

Wie in Zentalasien und der Mongolei spielt das Trampeltier auch in China eine wichtige Rolle im Karawanenverkehr. Im südwestlichen Sibirien wird dasselbe seit der raschen Entwicklung der Landwirtschaft häufig vor den Pflug gespannt. Über den Ostrand Asiens vermochte es nicht vorzudringen, weil für die Küsten- und Inselgebiete der Büffel besser paßt. Während des chinesisch-japanischen Krieges wurde es zahlreich in China angekauft und nach Japan eingeführt; da man aber nichts mit ihm anzufangen wußte, verschwand es wieder von dort. Nach Westen ist das Trampeltier über Persien nach Mesopotamien und bis zum Kaukasus vorgedrungen, kommt auch sporadisch in Südrußland vor. In einer Grenzzone, die vom nördlichen Kleinasien durch Persien, Afghanistan und Beludschistan bis nach Indien reicht, findet sich das Trampeltier mit dem Dromedar zusammen. Südlich von dieser Mischzone findet sich überall ausschließlich das ~einhöckerige Kamel~ oder ~Dromedar~ (Camelus dromedarius), das als südliche, mehr wärmeliebende Abart von Syrien und Arabien aus in ganz Nordafrika die ausschließliche Herrschaft erlangte. In Arabien, Ägypten und Nubien wird seine Zucht stark betrieben, ebenso bei den Somalis und Gallas. Nach Süden ist es bis Sansibar, in Nordafrika bis Marokko und die Kanarischen Inseln vorgedrungen. Es ist das Gimel der alten Juden oder das Djemmel der Araber, aus welch letzterem die Griechen kámēlos machten, das dann als camelus zu den Römern gelangte. Der aus Sizilien gebürtige griechische Geschichtschreiber Diodoros sagt: „Arabien besitzt viele und vorzügliche Kamele, auch von der zweihöckerigen Rasse. Die Kamele sind den Einwohnern sehr nützlich, indem sie durch Milch und Fleisch treffliche Nahrung bieten und Menschen und Lasten tragen. Die leicht und schlankgebauten sind schnell und können durch wasserlose Wüsten große Tagesmärsche machen. Sie tragen auch im Kriege zwei Bogenschützen, wovon der eine nach vorn, der andere nach hinten gewendet sitzt. -- Dromedare (vom griechischen dromeín, laufen) nennt man die schnellen Kamele, die in einem Tage beinahe 1500 Stadien (= 277 km) zurücklegen können.“ Und sein Volksgenosse Strabon schreibt: „Die in Zelten wohnenden Araber der dürren Wüste zwischen Mesopotamien und Coelesyrien bauen wenig Land oder gar keins an, haben aber Herden von allerlei Vieh, besonders von Kamelen“, und an einer andern Stelle: „Alexander der Große sandte Leute auf Dromedaren nach Ekbatana, welche in 11 Tagen den 30-40 gewöhnliche Tagereisen betragenden Weg zurücklegten.“

Älian berichtet: „Die Kamele am Kaspischen Meere sind zahllos, tragen viele, sehr weiche Haare, welche der feinsten Schafwolle nicht nachstehen. Priester und reiche Leute tragen daraus gefertigte Kleider.“ Der griechische Geschichtschreiber Herodot erwähnt sie mehrfach; so schreibt er: „Die Araber in der Armee des Xerxes (die 580 v. Chr. nach Griechenland zog) hatten sämtlich Kamele, die an Schnelligkeit den Pferden nicht nachstanden.“ -- „Als Xerxes nach Griechenland gegangen war und nach Therma zog, fielen Löwen seine Kamele an.“ Weiter meldet er, wie Cyrus sich listigerweise die Unkenntnis dieser Tierart bei seinen Gegnern zu Nutzen machte: „Als Cyrus vor Sardes rückte, stellte sich ihm Krösus in der Ebene mit einer trefflichen Reiterei entgegen. Cyrus errang jedoch auf folgende Weise den Sieg: Vor seiner Armee stellte er alle Kamele, welche die Bagage des Heeres trugen, auf, nachdem er ihnen die Last abgenommen und bewehrte Männer hatte aufsitzen lassen. Hinter den Kamelen ordnete er die Fußsoldaten und hinter diesen die Reiter. Er sah voraus, daß die Pferde im Heere des Krösus, welche noch keine Kamele gesehen hatten, sich vor diesen Tieren fürchten würden. Die List gelang: denn die lydischen Pferde ergriffen gleich beim Zusammentreffen die Flucht, wodurch sich der Sieg für Cyrus entschied.“

Auch die Bewohner Roms bekamen zur Kaiserzeit gelegentlich morgenländische Kamele zu sehen; so erwähnt Suetonius in seiner Biographie des Kaisers Nero: „Kaiser Nero gab Spiele aller Art und zeigte bei denen im Zirkus auch Wagen, vor die vier Kamele gespannt waren.“ Das war damals noch etwas Neues. Erst der extravagante, in Syrien aufgewachsene Kaiser Heliogabalus (218-222 n. Chr.) ließ dieses in Italien als Wunder angestaunte Tier in größerer Menge dahin bringen, ja sogar als Rarität schlachten. Sein Biograph Älius Lampridius berichtet: „Heliogabalus schaffte sich 600 Wagen mit Kamelen an und sagte, das sei gar nicht viel; der König von Persien halte sich ja zehntausend Kamele. Er ließ sich auch öfter ein Gericht zubereiten, das aus Kamelfersen, aus von lebenden Hühnern abgeschnittenen Kämmen und aus Zungen von Pfauen und Nachtigallen bestand, weil man sagte, solch ein Gericht schütze vor Epilepsie. Überhaupt tischte er nicht selten Kamelbraten auf.“

Aus dem irgendwo in Innerasien schon in vorgeschichtlicher Zeit aus dem wilden Kamel gewonnenen Trampeltier ist durch einseitige Weiterzüchtung das Dromedar gewonnen worden. Beide Kamelrassen gelangten bereits scharf in ihren Sonderheiten ausgeprägt verhältnismäßig spät nach Westasien, wo sie uns erst zu Beginn des letzten Jahrtausends v. Chr. in Assyrien entgegentreten. So finden wir auf dem berühmten schwarzen Obelisken von Nimrud im Britischen Museum in London, wie dem assyrischen Könige Salmanassar II. (860 bis 825 v. Chr.), der den größten Teil Syriens eroberte und in Kalach einen prächtigen Palast erbaute, ein recht naturgetreu dargestelltes zweihöckeriges Kamel als Tribut gebracht wird. Dann ist uns in Kujundschik, wie auch in Nimrud die Darstellung je eines beladenen einhöckerigen Kameles erhalten geblieben. In Niniveh fand Place ein Basrelief aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert, auf dem ein assyrischer Bogenschütze auf einem Dromedar reitend dargestellt ist.

In den jüngeren Epochen der jüdischen Geschichte wird uns mehrfach von südarabischen Karawanenzügen berichtet, die aus Tragkamelen bestanden. Es war dies zu einer Zeit, da die Juden selbst noch keine solchen besaßen, sondern sich ausschließlich der Esel zum Lastentragen bedienten. Nach Ägypten kam das Kamel von Syrien aus erst im 4. Jahrhundert v. Chr., wie Adolf Erman feststellte. Erst von jener Zeit an lassen sich Terrakotten mit Kameldarstellungen und Urkunden über Verkäufe dieser Tiere in Ägypten nachweisen. Plinius berichtet, daß zu seiner Zeit, also um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr., eine Karawanenverbindung von Koptos am oberen Nil nach Berenike am Roten Meer mit Kamelen bestand. Später schildert Philostratus einen Touristenverkehr nach den Pyramiden mit Kamelen. Aber erst Ammianus Marcellinus weiß 353 von räuberischen Wüstenbewohnern zu berichten, die mit ihren Kamelen bis zu den Nilkatarakten hin schweiften.

Sehr langsam drang das Kamel im Altertum vom Niltal weiter westlich über Nordafrika vor. Erst im sogenannten afrikanischen Krieg, den Cäsar gegen die Pompejaner und den mit ihnen verbündeten König Juba von Numidien führte, wird berichtet, daß nach der Niederlage von Thapsus im Jahre 48 v. Chr. 24 Kamele mit dem Throne jenes Königs erbeutet wurden. Während der friedlichen Kaiserzeit wird sich das Kamel weiter über Nordafrika verbreitet haben. So wird auf den bildlichen Darstellungen des heiligen Menas, eines Offiziers aus Ägypten, der 296 während der Diocletianischen Christenverfolgung den Märtyrertod erlitt und Gegenstand eines speziellen Kultes in der Oase von Mariût auf der Karawanenstraße zwischen Karthago und Alexandrien wurde, stets das Kamel dargestellt. Erst kürzlich sind dessen Heiligtümer vom Frankfurter Archäologen Karl Kaufmann ausgegraben worden. Jedenfalls fand das germanische Volk der Vandalen, als es 439 unter Geiserich von Spanien nach Afrika übersetzte, ziemliche Herden von Kamelen bei den Nomadenstämmen um das Atlasgebirge. Eine neue Zuwanderung nomadisierender Elemente fand mit den Arabern von Osten her statt, die jedenfalls auch Kamele mitbrachten und der Zucht dieses Tieres in Nordafrika besondere Aufmerksamkeit schenkten.

Ist das Kamel auch ein ausgesprochenes Wüstentier und jetzt das einzige Transportmittel, das für die Wüste Sahara in Betracht kommt, so ist es gleichwohl bei den Stämmen im Innern nicht häufig, sondern wird nur von den Beduinen der Randsteppen in größeren Herden gehalten. Es gedeiht nur in einem heißen, trockenen Klima und wird in den verschiedensten Rassen gezüchtet, in großen, schweren Formen, die mehr zum Tragen schwerer Lasten bis zu 400 kg geeignet sind, und in zierlichen, schlanken, leichten Reitkamelen, den Meharis. Das Heimatszentrum der letzteren ist Arabien, das heute noch die schnellsten Läufer liefert, dasjenige der letzteren dagegen Ägypten.

Südlich vom Wüstengürtel der Sahara hat das Kamel keine größere Verbreitung erlangt. Auch in Südeuropa gedeiht es nur an einigen wenigen Orten, so in der auf einer Ebene bei Pisa gelegenen Kamelstüterei von San Rossore, wo 1810 40, 1841 41 und später etwa 200 Kamele lebten. Von diesen stammt die Mehrzahl der auf den Jahrmärkten bei uns gezeigten Tiere. Dort wurden sie 1622 von Ferdinand II. von Toskana und ein zweites Mal 1738 eingeführt. Der Versuch, das Kamel in Sizilien einzuführen und dort als Lasttier in den Schwefelbergwerken zu gebrauchen, scheiterte an der Feuchtigkeit des Klimas. In Spanien scheint es besser zu gedeihen.

Gleich nach der Eroberung Perus suchte man das Kamel auch hier einzuführen. So sah Garcilasso um 1550 kleine Herden, die Juan de Reinaga eingeführt hatte; sie hatten damals wenig oder keine Jungen. 1570 sah dann Acosta neu von den Kanaren eingeführte Tiere. Um 1750 versuchte man sie auf Jamaika einzuführen. Als man sie aber hatte, wußte man nichts mit ihnen anzufangen. 1800 traf A. v. Humboldt Kamele von den Kanaren in Venezuela. Um 1845 gab es Kamele in Bolivien. Doch kamen sie hier überall herunter, weil ihnen der Feuchtigkeitsgehalt der Luft zu groß war. Auch in Nordamerika konnten sie sich auf die Dauer nicht halten. So führte im Jahre 1856 die Regierung der Vereinigten Staaten 57 aus Smyrna bezogene Dromedare in Texas, Arizona und Neumexiko ein, die während des nordamerikanischen Bürgerkriegs sämtlich in die Hände der Konföderierten fielen. Von ihnen wurden sie zur Beförderung der Post gebraucht und legten im Tag angeblich bis gegen 200 km zurück. Zu den beim Friedensschluß noch lebenden und von der Regierung der Vereinigten Staaten wieder übernommenen Tieren wurden 1866 neu eingeführte gesellt, die mit den alten zu Züchtungszwecken über Arizona und Texas verteilt wurden. Da jedoch viele starben und der Versuch, das Dromedar in Nordamerika zu züchten, mißglückte, ließ man die Überlebenden laufen, und es scheint, daß in den wilden Gegenden von Kalifornien und Arizona noch heute welche leben; diese führen im Laufe des Jahres weite Wanderungen aus. In Australien hat sich das Dromedar besser eingebürgert und bei der Erforschung der inneraustralischen Wüsten sehr große Dienste geleistet. Die erst vor drei Jahrzehnten aus Afghanistan eingeführten Tiere werden gegenwärtig in Westaustralien stark benutzt. Die deutsche Regierung führte sie beim letzten Aufstand der Bastardhottentotten auch in ihrer südwestafrikanischen Kolonie ein, wo sie sich bis heute gut erhielten und trefflich bewährten.

Außer in Arabien und Mesopotamien wird auch in Persien, Afghanistan, Beludschistan und in den Somaliländern die Kamelzucht sehr stark betrieben. Das Reitkamel vermag 16 Stunden lang zu traben und legt dabei bequem eine Entfernung von 140 km zurück. Ordentlich gefüttert und getränkt vermag es ohne Rasttag dazwischen 3-4 Tage solche Anstrengung auszuhalten. Die Lastkamele aber durchmessen mit einer bis 250 kg schweren Last in 12 Stunden bis 50 km. Außer durch ihre Arbeit nützen die Kamele auch durch ihre dicke, fette Milch, die bei den Beduinen besonders an Pferdefüllen verfüttert, sonst auch vom Menschen genossen wird. Die jungen Tiere dienen als Fleischlieferanten. Die ausgehende Wolle dient zur Herstellung von Tuch und Stricken, aus den elfenbeinharten Knochen werden allerlei Drechslerwaren angefertigt. In der Wüste ist ihr Dünger das einzige dem Menschen zur Verfügung stehende Brennmaterial. Nach Denham und Clapperton haben die Kamele der Tibbukuriere kleine Körbe unter dem Schwanze. Mit dem darin angesammelten Dünger kochten dann die Reiter abends ihren Kaffee. Der Schweiß der Kamele ist so salzig, daß die Schafe und Ziegen ihn lecken. Ein junges oder schwaches Kamel kostet manchmal nur 30 Mark, während ein gutes Lastkamel mit 90 und ein Reitdromedar mit 200-300 Mark unseres Geldes bezahlt wird. Die geschätztesten Tiere werden in der Nedjed genannten unwirtlichen Hochebene Mittelarabiens gezüchtet und weithin exportiert.

XI. Das Lama.

Die südamerikanischen Schafkamele (Auchenia, d. h. Halstier), welche gleichsam eine Miniaturausgabe der stattlichen altweltlichen Kamele darstellen, sind in zwei Formen, dem ~Lama~ und ~Alpaca~, zu Haustieren gemacht worden. Und zwar gehören sie zu den wenigen Arten, welche von den Indianern aus eigener Initiative gezähmt wurden. Damit hat dann der Mensch Gebirgsregionen der Kultur erschlossen, die ohne diese Gehilfen auf die Dauer nicht zu bewohnen gewesen wären. Deshalb begreifen wir sehr wohl, daß sie in ihrer Heimat eine Kultbedeutung erlangt hatten. Wie die ältesten spanischen Chronisten berichten, verwendete man sie zu Totenopfern und aß ihr Fleisch zur Versöhnung des betreffenden abgeschiedenen Geistes. So findet man Köpfe und sonstige Knochenüberreste dieser Tiere in vorspanischen Gräbern von Peru.

Noch heute leben zwei Arten von Schafkamelen in vollkommen wildem Zustande, nämlich das ~Guanaco~ (Auchenia huanaco) und das ~Vicuña~ (Auchenia vicuña). Beide bewohnen, wie auch die aus ihnen gezähmten Nachkommen, das Lama und Alpaca, das Hochgebirge der Anden vom Feuerland bis zum nördlichen Peru. Das Guanaco ist namentlich im südlichen Teile des Gebirges häufig. Es lebt gesellig in Rudeln, die gewöhnlich aus zahlreichen, von einem Männchen angeführten Weibchen bestehen. Die Männchen erreichen die Größe eines Edelhirsches, die Weibchen sind kleiner. Beide sind von einem ziemlich langen, aber lockern Pelz von schmutzig rotbrauner, an Brust und Bauch weißlicher Farbe bedeckt, das aus kürzerem, feinerem Wollhaar und dünnerem, längerem Grannenhaar besteht. Der dünne lange Hals ist nach vorn gekrümmt und trägt einen seitlich zusammengedrückten Kopf. Die raschen und lebhaften Tiere klettern sehr gut und laufen gemsenartig an den steilsten Gehängen und Abstürzen dahin, selbst da, wo der geübteste Bergsteiger nicht Fuß fassen kann. Dabei hält der leitende Hengst einige Schritt vom Rudel entfernt Wache, während seine Herde unbekümmert weidet. Bei der geringsten Gefahr stößt er ein lautes, wieherndes Blöken aus, worauf alle Tiere den Kopf erheben, scharf nach allen Seiten ausschauen und sich dann rasch zur Flucht wenden.

Kleiner und zierlicher als das Guanaco, auch weniger weit verbreitet, ist das Vicuña mit dem durch seine Feinheit berühmten ockerfarbigen Vließ und den langen, weißen Schulterbüscheln. Es steigt weniger hoch als jenes und weidet mit Vorliebe auf den Grasmatten der Anden. Da es weiche Sohlen hat, zieht es sich, auch verfolgt, niemals auf die steinigen Halden zurück. Im Februar wirft jedes Weibchen ein Junges, das schon gleich nach der Geburt eine große Schnelligkeit und Ausdauer entwickelt, also mit seiner Mutter leicht zu fliehen vermag. Als Weibchen bleibt es, auch erwachsen, bei der Herde; als Männchen jedoch wird es durch Beißen und Schlagen fortgetrieben und vereinigt sich dann mit seinesgleichen zu einem besonderen Rudel.

Jung eingefangen lassen sich Guanaco und Vicuña leicht zähmen und schließen sich bald zutraulich an ihren Pfleger. Mit zunehmendem Alter aber werden sie tückisch und speien dann den Menschen bei jeder Gelegenheit an, was gerade keine angenehme Gewohnheit ist. Zudem gebärden sie sich unbändig und sind nicht zur Paarung zu bringen. Gleichwohl sind die Guanacos schon in vorgeschichtlicher Zeit von den Indianern auf den Anden Perus gezähmt und in den Dienst des Menschen gestellt worden. Da nun die kurze und straffe Wolle des wilden Guanaco minderwertig ist, stellte man ihm viel weniger nach als dem äußerst feinwolligen Vicuña, das von den Europäern planlos abgeschossen wurde, so daß es stark dezimiert erscheint und seine Wolle kaum mehr zu haben ist. Man stellte einst daraus wertvolle Decken her, die, weil ungefärbt, niemals bleichten. Aus der französischen Bezeichnung des Tieres bildete sich die auch im Deutschen übliche Benennung vigogne für solche Gewebe. Die sehr teure echte Vigognewolle dient jetzt bei uns hauptsächlich dazu, der Oberfläche unserer feinen Filzhüte ihren seidigen Glanz zu verleihen.

Den Gegensatz zu diesen Wildformen bilden das Lama und das Alpaca, die nur in zahmem Zustande bekannt sind. Ersteres ist durch Domestikation aus dem Guanaco hervorgegangen, letzteres dagegen ist wahrscheinlich ein Kreuzungsprodukt beider Arten, das besonders zur Erlangung einer feinen Wolle gezüchtet wurde. Wahrscheinlich hat es aber weit mehr Lama- als Vicuñablut, so daß es manche Autoren als eine zu speziellen Zwecken verändertes Lama betrachten. Ganz sicher läßt sich indessen die Abstammung nicht bestimmen, da beide Formen sich beim Eindringen der Spanier in Südamerika als fertige Züchtungsprodukte vorfanden. 1541 gab Pedro de Cieza, dann wiederum 1615 Antonio de Herrera eine gute Beschreibung der beiden zahmen Schafkamele mit ihren besonderen Eigenarten.

Bei den alten Peruanern spielten Lama und Alpaca im Leben eine wichtige Rolle. Die Zähmung beider Haustierarten wurde von ihnen in das früheste Zeitalter menschlichen Daseins verlegt, als noch Halbgötter auf Erden lebten. Und zwar geschah sie zunächst auch nicht aus praktischen Gründen, sondern aus Gründen des Kultes, um nicht etwa in Notfällen in Verlegenheit wegen Opfertieren zu kommen.

Überall im Lande trafen die Spanier große Herden dieser Tiere an, die die wichtigsten Nutztiere der Peruaner bildeten, indem sie dieselben nicht nur zum Transport über die hohen Pässe der Anden benutzten, sondern auch Fleisch, Fell und Haare derselben verwendeten.

Das ~Lama~, eigentlich Llama (Auchenia lama), wird heute noch wie einst vorzugsweise in Peru gefunden und gedeiht am besten in der verdünnten Luft der Hochebenen. Es wird etwas größer als das Guanaco, aus dem es hervorging, und zeichnet sich durch Schwielen an der Brust und an der Vorderseite der Handwurzelgelenke aus. Als altes Haustier tritt es in den verschiedensten Farbenvarietäten auf: weiß, gescheckt, fuchsrot und dunkelbraun bis schwarz. Auch schwankt die Wolle bei den verschiedenen Abarten in bezug auf Länge, Dichte und Feinheit. Am kürzesten behaart sind die Arbeitstiere, von denen nur die Männchen zum Tragen von Lasten verwendet werden, während die Weibchen außer zur Zucht zur Fleisch- und etwa noch zur Milchgewinnung benutzt werden. Mit einer Warenlast von 50 kg und darüber beladen marschiert, von einem Treiber geleitet, ein Tier hinter dem andern sichern Schrittes an den steilsten Abhängen vorbei über die höchsten Pässe der Kordilleren. Stevensohn schreibt: „Nichts sieht schöner aus als ein Zug dieser Tiere, wenn sie mit ihrer etwa einen Zentner schweren Ladung auf dem Rücken, eins hinter dem andern in der größten Ordnung einherschreiten, angeführt von dem Leittiere, welches mit einem geschmackvoll verzierten Halfter, einem Glöckchen und einer Fahne auf dem Kopfe geschmückt ist. So ziehen sie die schneebedeckten Gipfel der Kordilleren oder den Seiten der Gebirge entlang, auf Wegen, auf denen selbst Pferde oder Maultiere schwerlich fortkommen möchten; dabei sind sie so gehorsam, daß ihre Treiber weder Peitsche noch Stachel bedürfen, um sie zu lenken und vorwärts zu treiben. Ruhig und ohne anzuhalten schreiten sie ihrem Ziele zu.“ Ihr Mist wird von den Indianern gesammelt und überall als das fast ausschließliche Brennmaterial auf den Markt gebracht. Das Einsammeln desselben wird dadurch erleichtert, daß die Lamas, wie auch ihre Verwandten, die Gewohnheit haben, für die Ablagerung ihrer Exkremente gemeinsame Plätze aufzusuchen. Zum Reiten wurde das Lama niemals verwendet, da es dazu zu schwach ist. Seine grobe Wolle spielt als Gespinnstmaterial keine bedeutende Rolle. Dazu wird vielmehr das lange, feine Vließ der zweiten domestizierten Form, des Alpacas, verwendet.

Das ~Alpaca~ oder ~Paco~ (Auchenia pacos) ist kleiner und gedrungener als das Lama und gleicht äußerlich einem Schafe, hat aber einen längeren Hals und einen zierlicheren Kopf. Sein langes und ausnehmend weiches Vließ erreicht an den Seiten des Rumpfes eine Länge von 10-12 cm. Die Färbung ist meistens ganz schwarz oder ganz weiß; es gibt aber von ihm wie vom Lama buntscheckige Individuen. Die Alpacazucht wird besonders auf den Hochebenen des südlichen Peru und nördlichen Bolivia stark betrieben, geht aber nicht so weit hinunter wie die Zucht des Lamas. Hier leben diese Tiere in halbzahmem Zustande in großen Herden in 4000-5000 m Höhe das ganze Jahr über im Freien. Zur Gewinnung ihrer sehr geschätzten Wolle werden sie gewöhnlich nur alle zwei Jahre geschoren. Dazu treibt man sie in der warmen Jahreszeit in die Hütten, wobei sie sich allerdings sehr störrisch benehmen. Wird ein Tier von der Herde getrennt, so wirft es sich auf die Erde und ist weder durch Schmeichelei, noch durch Schläge zu bewegen, wieder aufzustehen. Einzelne können nur dadurch fortgeschafft werden, daß man sie den Herden von Lamas und Schafen beigesellt. Aus ihrer Wolle werden seit uralter Zeit Decken, Mäntel und Kleiderstoffe verfertigt. Sehr schön gemusterte Proben der altperuanischen Textilkunst besitzt namentlich das Berliner Völkermuseum. Doch züchtet man das Alpaca außer der Wolle wegen auch zur Gewinnung des höchst schmackhaften Fleisches. Zum Lasttragen wird es nicht verwendet, wozu es auch etwas zu schwach wäre.

Wiederholt hat man versucht, Lamas und Alpacas auch außerhalb ihrer hochgelegenen Heimat zu akklimatisieren; doch schlugen bis jetzt alle diesbezüglichen Versuche fehl. So werden sie nur etwa in zoologischen Gärten gehalten. Das erste Lama, das man in Europa zu sehen bekam, war noch vor der Eroberung Perus durch Pizarro, als er bei Karl V. um Hilfe bat, gezeigt worden. Im Jahre 1643 sollte Admiral Brouwer bei seiner mißglückten Expedition gegen Chile das Vicuña im damals holländischen Nordbrasilien einführen. 1799 hatte man weiße Vicuñas nach Buenos Aires gebracht; 1808 sah Bory de St. Vincent einen kleinen Lamabestand in Cadiz. Das waren wohl die Tiere, die Karl IV. hatte kommen lassen. Dann schenkte auch Kaiserin Josephine welche; aber alle diese Ansiedelungsversuche verliefen völlig erfolglos. In Australien hat man, nachdem 1852 der erste Versuch verunglückt war, 1856 256 Tiere meist gemischten Blutes angesiedelt, aber trotz der ausgesetzten Prämie von 250000 Franken kein Glück damit gehabt; ebensowenig in Kuba trotz anfänglichen Gelingens. Teilweise ist eine als Caracha bezeichnete ansteckende Krankheit daran schuld, die besonders die Alpacas ergreift und an ihnen eiternde Wunden an den Vorderbeinen und den Geschlechtsteilen hervorruft, woran sie häufig eingehen.

Alpaca und Lama können leicht miteinander gekreuzt werden. Die Mischlinge, die unter dem Namen Guarizos oder Machorras bekannt sind, bieten aber durchaus keine Vorteile vor jenen. Als Lasttiere lassen sie sich ebensowenig gebrauchen als die Alpacas; auch erben sie die feine Wolle der letzteren nicht. Übrigens findet das Lama in Peru seit der Einführung des Maultiers und des Pferdes viel weniger Verwendung als Lasttier im Vergleich zu früher, da es noch ausschließlich als solches verwendet wurde. Zur Zeit der spanischen Eroberung gab es namentlich im südlichen Peru ungeheure Herden davon. Damals wurden nicht selten Züge von 500 oder selbst 1000 Stück angetroffen, alle mit Silberbarren beladen und unter Obhut weniger Männer ihres Weges ziehend. Für die Wegschaffung der Minenerzeugnisse von Potosi sollen zu jener Zeit allein über 300000 Lamas gebraucht worden sein. Der Spanier Acosta berichtet darüber: „Ich habe mich oft gewundert, diese Schafherden mit 2000-3000 Silberbarren, welche über 300000 Dukaten wert sind, beladen zu sehen, ohne eine andere Begleitung als einige Indianer, welche die Schafe leiten, beladen und abladen, und dabei höchstens noch einige Spanier. Sie schlafen alle Nächte mitten im Felde, und dennoch hat man auf diesem langen Wege noch nie etwas verloren; so groß ist die Sicherheit in Peru. An Ruheplätzen, wo es Quellen und Weiden gibt, laden die Führer sie ab, schlagen Zelte auf, kochen und fühlen sich, ungeachtet der langen Reise, wohl. Erfordert diese nur einen Tag, so tragen jene Schafe 8 Arrobas (92 kg) und gehen damit 8-10 Leguas (29 bis 36 km); das müssen jedoch bloß diejenigen tun, welche den armen, durch Peru wandernden Soldaten gehören. Alle diese Tiere lieben die kalte Luft und finden sich wohl im Gebirge, sterben aber in Ebenen wegen der Hitze. Bisweilen sind sie ganz mit Eis und Reif bedeckt und bleiben doch gesund. Die kurzhaarigen geben oft Veranlassung zum Lachen. Manchmal halten sie plötzlich auf dem Wege an, richten den Hals in die Höhe, sehen die Leute sehr aufmerksam an und bleiben lange Zeit unbeweglich, ohne Furcht oder Unzufriedenheit zu zeigen. Ein anderes Mal werden sie plötzlich scheu und rennen mit ihrer Ladung auf die höchsten Felsen, so daß man sie herunterschießen muß, um die Silberbarren nicht zu verlieren.“ Meyer schlägt die Wichtigkeit des Lamas für die Peruaner ebenso hoch an wie die des Renntieres, von dem alsbald die Rede sein wird, für die Lappländer.

Neuerdings beabsichtigt die preußische Regierung, das überaus genügsame Tier, dessen Fleisch einen sehr zarten Geschmack besitzt, in den sonstwie wenig brauchbaren Ländereien, so zunächst auf der Lüneburger Heide, einzuführen. Ob ihr die Akklimatisation gelingen wird, ist allerdings höchst fraglich, da diese Tiere im Tiefland nicht gedeihen.

X. Das Renntier.

Im ~Renntier~ (Rangifer tarandus), einem der jüngst erworbenen Haussäugetiere, das nur sehr oberflächlich gezähmt ist und sich noch weitgehender Freiheit und Selbständigkeit erfreut, haben wir den einzigen Vertreter der Familie der Hirsche vor uns, den der Mensch in seine Abhängigkeit brachte. Den Übergang von den eigentlichen Hirschen zum Renntier bildet der in den menschenleeren Einöden Nordchinas lebende ~Milu~ der Chinesen oder ~Davidshirsch~ (Elaphurus davidianus) der Europäer, so genannt, weil ihn 1865 der französische Missionar David durch einen Blick über die Mauer des kaiserlichen Wildparks bei Peking entdeckte. Dort wird dieses äußerst scheue und seltene Tier zum Vergnügen des Kaisers von China und seines Hofes in Gehegen gehalten. Durch die Vermittlung des damaligen deutschen Gesandten in Peking, v. Brandt, kamen von dort zwei Hirsche und ein Tier als außerordentliche Seltenheit in den Berliner Zoologischen Garten und von da auch in denjenigen von Köln. In seinem ganzen Bau, besonders der Füße, aber auch des Gehörns, erinnert der Milu viel mehr an das Renntier als an den Hirsch und läßt wie dieser bei jedem Schritt ein eigentümliches Knistern in den Fußgelenken hören, was sonst den Hirschen nicht zukommt.

Die geweihtragenden Wiederkäuer eigneten sich im allgemeinen deswegen nicht zur Domestikation, weil sie ausgesprochene Waldbewohner sind und sich deshalb zum dauernden Aufenthalt im offenen Lande nicht recht verwenden lassen. Davon macht nur das Renntier eine Ausnahme; denn schon im Wildzustande meidet es den Wald und bewohnt heute im Norden jenen Gürtel, der sich zwischen der Waldzone und dem Eismeer ausdehnt und den man als Tundra oder Moossteppe bezeichnet. Hier lebt es vorzugsweise von der Renntierflechte. Damit es nun mit seinen Füßen im moorigen Boden der Tundra nicht zu weit einsinke, besitzen die niedrigen, kräftigen Beine breit ausladende Hufe und bis auf den Boden hinabreichende Afterklauen. Auf dem dicken, wenig aufgerichteten Hals sitzt der nach vorn nur wenig verschmälerte Kopf mit dem ausnahmsweise in beiden Geschlechtern entwickelten, bei den Weibchen nur kleineren, zackigen Geweih. Das dunkelbraune Sommerkleid ist weniger dicht und lang als das grauweiße Winterkleid, das sehr warmhält und seinen Träger vor der großen Kälte seiner Heimat schützt. Der Vorderhals trägt eine bis zur Brust herabreichende Mähne.

Das wilde Renn lebt durchschnittlich nördlich vom 60. bis zum 80. Breitengrad der Alten wie auch der Neuen Welt. Die nordamerikanische Form ist nur etwas größer und dunkler gefärbt und wird als ~Karibu~ bezeichnet. Von ihm leben im Tundrengebiet Nordamerikas und in Grönland stattliche Herden bis zu 200 Stück, denen die Indianer stark nachstellen, die sie mit Pfeil oder Gewehr erlegen oder in Hürden aus Buschwerk treiben, um sie nachher mit Speer und Keule niederzuschlagen. Das altweltliche Renn, von dem man das größere „Waldrenn“ vom kleineren „Tundrarenn“ unterscheidet, die beide domestiziert wurden, lebt noch in großer Zahl wild auf Spitzbergen. Auf Island wurde es im Jahre 1770 eingeführt, ist dort vollständig verwildert und hat sich bereits in namhafter Zahl über alle Gebirge der Insel verbreitet. Es liebt die Geselligkeit überaus und lebt in Herden von 200-300 Stück, die gern wandern, so im Sommer, um der Mückenplage zu entgehen, nach den höheren, kühler gelegenen Gebieten, im Winter dagegen nach den weniger hoch mit Schnee bedeckten Niederungen. Es wittert ausgezeichnet, ist scheu und vorsichtig, wo es unter den Verfolgungen des Menschen zu leiden hat, kommt aber vertrauensvoll an Kühe und Pferde heran, die in seinem Gebiete weiden, mischt sich auch da, wo es Zahme seiner Art gibt, gern unter diese, obschon es recht wohl weiß, daß es nicht mit seinesgleichen zu tun hat. Hieraus geht hervor, daß die Furcht und Scheu vor dem Menschen die Folge der bösen Erfahrung ist, die es mit ihm gemacht hat, daß es also kein dummes Tier sein kann. Ende September ist die Brunst und Mitte April wird das Junge geworfen und längere Zeit von seiner Mutter gesäugt.

Der europäische Diluvialjäger lebte vorzugsweise vom Renntier, das damals während der Kälteperiode bis gegen das Mittelmeer hinunter in großen Herden lebte und dem Menschen das weitaus wichtigste Beutetier war. Um es leichter in seine Gewalt zu bringen, zeichnete er es unter Murmeln von Zaubersprüchen, wie dies heute noch manche auf derselben Kulturstufe lebende Jägerstämme tun, an die Wände der Höhlen, die er bewohnte, und an allerlei Gegenstände seines Besitzes, wohl auch die aus gegerbtem Renntierfell bestehenden Zeltwände auf Stangen. Dabei galt der Glaube, daß, je naturgetreuer das Tier dargestellt werde, es um so sicherer in des Menschen Gewalt gelange. Außer dem Fell, das ihm seine Kleidung und Zeltumhüllung, wie auch Riemen und Schlingen aller Art lieferte, wurden nicht nur das Fleisch und alle Eingeweide vom hungrigen Renntierjäger verzehrt, sondern auch das Geweih und die Knochen des Tieres als bald noch wichtigeres Werkzeugmaterial als der Feuerstein benutzt. So war die ganze Kultur der Magdalénienjäger der frühen Nacheiszeit ganz wesentlich auf die Erbeutung des damals ausschließlich wildlebenden und durchaus noch nicht vom Menschen in Herden vereinigten Renntiers gegründet, wie solches heute noch von den auf der reinen Jägerstufe verbliebenen Indianern Kanadas und noch höherer Breiten geübt wird. Auch diese leben, wie King berichtet, fast ausschließlich vom Renn. Sie erlegen das Wild auf seinen Wanderungen mit der Feuerwaffe, fangen es in Schlingen, töten es beim Durchschwimmen der Flüsse mit Wurfspeeren, graben tiefe, mit dünnem Astwerk und Laub verdeckte Fallgruben oder errichten an den Furten, die sie durchschreiten müssen, zwei aufeinander zulaufende Zäune aus Stecken, die da und dort schmale Lücken lassen. In eine jede solche Lücke legen sie eine Schlinge. Wenn das Rudel zwischen die Zäune getrieben wird, fangen sich einzelne Individuen, die seitlich durchbrechen wollen, darin und werden abgestochen. Das Fleisch essen sie roh und braten und räuchern den nicht sofort zu bewältigenden Rest am Feuer. Aus den Geweihen und Knochen verfertigen sie ihre verschiedenen Knochenwerkzeuge, vor allem die Fischspeere und Angeln. Mit den gespaltenen Schienbeinen und anderen Teilen schaben sie, wie das Fleisch von den Knochen, so Fett und Haar von den Häuten ab, und mit Renntiergehirn reiben sie das Innere der Felle ein, um sie geschmeidig zu machen. Das durch Räuchern mit feuchtem Holze konservierte Leder alter Tiere hängen sie um ihre Zeltstangen, während sie aus dem pelzartig weichen Fell jüngerer Tiere ihre Kleidung herstellen, die sie mit Nadeln aus Renntierhorn vermittelst Sehnenfäden vom Renntier nähen. Vom Kopf bis zu den Füßen sind sie in Renntierpelze gehüllt, werfen ein weichgegerbtes Renntierfell auf den Schnee, decken sich mit einem andern solchen zu und sind so imstande, der grimmigsten Kälte Trotz zu bieten. Kein Teil des Renntiers bleibt von ihnen unbenutzt, nicht einmal der aus aufgeweichten und halb aufgelösten Renntierflechten bestehende Mageninhalt, der mit Blut vermischt ein ihnen höchst schmackhaft vorkommendes Gericht liefert, von dem sie nur ihren besten Freunden anbieten.

Das wilde Renntier hat aber auch noch andere Feinde als den Menschen. Der gefährlichste von ihnen ist der Wolf, der stets, besonders im Winter, die Rudel umlagert. In Norwegen mußten die Renntierzuchten, welche man auf den südlichen Gebirgen anlegen wollte, der Wölfe wegen aufgegeben werden. Auch Vielfraß, Luchs und Bär stellen den Renntieren nach. Sonst setzen ihm hauptsächlich die Mückenschwärme stark zu und peinigen es im Sommer auf höchst unangenehme Weise.

Jung eingefangene Renntiere werden bald zahm. „Man würde sich aber“, sagt Brehm, „einen falschen Begriff machen, wenn man die Renntiere, was die Zähmung anlangt, den in den Hausstand übergegangenen Tieren gleichstellen wollte. Nicht einmal die Nachkommen derjenigen, welche seit undenklichen Zeiten in der Gefangenschaft leben, sind so zahm wie unsere Haustiere, sondern befinden sich immer noch in einem Zustande von Halbwildheit. Nur Lappen und deren Hunde sind imstande, solche Herden zu leiten und zu beherrschen.“

Das Renntier ist sehr spät vom Menschen zum Haustier erhoben worden und ist im ganzen jetzt noch recht mangelhaft domestiziert. Wann dies geschah, läßt sich nicht mehr bestimmen; doch kann dies vor nicht viel mehr als 500 Jahren geschehen sein. Nach Frijs in Christiania waren die Lappen im Norden Skandinaviens im 9. Jahrhundert noch Fischer und Jäger, die außer dem Hund noch keinerlei Nutztiere besaßen und das Renn nur als Wild kannten. Erst im 16. Jahrhundert gibt uns Olaus Magnus Kenntnis von zahmen Renntieren, die in ihrem Besitze waren. Julius Lippert hält es für wahrscheinlich, daß die Renntierzucht von Skandinavien ausging, während sie Eduard Hahn in ihrem Ursprung nach Nordasien verlegt und der Meinung ist, sie habe sich später von dort nach Westen ausgedehnt. Uns scheint diese letztere Annahme die allein richtige, da dort sicher die Renntierzucht eine ältere ist als in Nordeuropa.

Für die am Nordrande der Alten Welt lebenden Fischervölker, für deren Lebensweise der Hund zwar wichtig, aber nicht ausreichend war, wurde der Erwerb des Renns als Haustier von unschätzbarem Werte. Es war das einzige Wildmaterial, das ihnen für die Gewinnung eines nützlichen Haustiers zu Gebote stand, und so wurde es herdenweise in Pflege und Aufsicht genommen und trat dadurch in lose Verbindung mit dem Menschen, den es bis dahin als seinen ärgsten Feind geflohen hatte. Die Unterordnung unter das menschliche Joch ist aber heute noch eine sehr bedingte. Wohl werden die Herden durch wachsame Hunde zusammengehalten, indessen wenden sie sich doch dahin, wo es ihnen gerade paßt und die Weide günstig ist. Der Besitzer kann seine Tiere nicht beeinflussen und nach seinem Willen lenken, sondern er muß ihnen einfach folgen, wohin sie ihn führen. Günstig für ihn ist es, daß die Renntiere ein ausgeprägtes Herdenbewußtsein haben und stets geschlossen gehen, so daß sie sich nicht zerstreuen, was ihm das Hüten wesentlich erleichtert. Das Melkgeschäft ist durchaus keine Annehmlichkeit, da die störrischen Tiere beständig durchgehen wollen und nur mit einem Strick zum Ausharren bei diesem Geschäfte festgehalten werden können. Die Renntiermilch ist, wenn sie auch neben dem süßen einen starken Beigeschmack hat, sehr fettreich und nahrhaft; doch ist der Milchertrag gering.

Die von den Nomaden des Nordens zusammengehaltenen Renntierherden halten sich jahraus jahrein im Freien auf, da selbstverständlich Unterkunftsräume für so ausgedehnte Herden fehlen. Bei starkem Schneefall geraten sie allerdings in Not und gehen vielfach an Nahrungsmangel und Entkräftung zugrunde, so außerordentlich genügsam sie auch an sich sein mögen, indem sie sich von selbst aus dem Schnee hervorgescharrten Renntierflechten ernähren und als Flüssigkeitszufuhr den Schnee im Munde zergehen lassen.

Außer den Lappen geben sich auch die Finnen und zahlreiche sibirische Volksstämme mit der Zucht des Renntiers ab, das das Ein und alles, der Inbegriff von Glück und Reichtum dieser Menschen bildet. Mit Mitleid schaut der Fjeldlappe, der eigentliche Renntierzüchter, auf seine Volksgenossen herab, die das Nomadenleben aufgegeben und sich entweder als Fischer an Gewässern niedergelassen oder gar als Diener an Skandinavier verdingt haben. Er allein dünkt sich diesem gegenüber ein freier Mann zu sein; er kennt nichts Höheres als sein „Meer“, wie er eine größere Renntierherde zu nennen pflegt. Immerhin gehört eine beträchtliche Zahl von Renntieren dazu, um den Lappen und seine Familie zu ernähren. Erst etwa 200 sollen ausreichen, um ihn selbständig zu machen. Wer weniger sein eigen nennt, pflegt sich an einen reicheren Besitzer anzuschließen und dafür in ein Dienstverhältnis zu ihm zu treten. Eine Herde von etwa 500 Renntieren bedeutet Wohlhabenheit, die viele Lappen erreicht haben. Nur wenige bringen es zu einem in ihren Augen fabelhaften Reichtum von 2000-3000 Stück. Man berechnet die Gesamtzahl der den Lappen Norwegens gehörenden Renntiere auf rund 80000, in die sich 1200 Besitzer teilen sollen. Die Renntierlappen leben ganz nomadisch, indem sie sich gewöhnten, ihren Herdentieren zu folgen. Im Sommer ziehen sie mit ihnen hinauf zu den großen baumlosen Fjeldern (Hochflächen), wo diese am leichtesten ihre Nahrung finden und der sehr lästigen Mückenplage entweichen können. Im Winter dagegen wandern sie mit ihnen in die waldreicheren Regionen hinab, die weniger den rauhen Stürmen ausgesetzt sind. Dank ihrer breitausladenden Hufe können die Renntiere ebensogut über die sumpfigen Stellen wie über die Schneedecke hinweggehen und sogar an den Halden herumklettern. Ihre Fährten erinnern weit mehr an die einer Kuh als eines Hirsches.

Eine Renntierherde bietet ein höchst eigentümliches Schauspiel. Die Renntiere gehen geschlossen wie die Schafe, aber mit behenden, federnden Schritten und so rasch, wie sonst keins unserer Haustiere. Ihnen nach wandelt der Besitzer mit seinen Hunden, die eifrig bestrebt sind, die Herde zusammenzuhalten. Durch ihr Hin- und Herlaufen und durch ihr ewiges Blöken erinnern die Renntiere an Schafe, obgleich ihr Lautgeben mehr ein Grunzen genannt werden muß. Bei weitem die meisten, die in Herden gehalten werden, sind sehr klein und man sieht unter Hunderten nur sehr wenig starkgebaute, große Tiere. Dabei fällt die Unregelmäßigkeit ihrer Geweihe unangenehm auf.

Mancherlei Seuchen richten oft arge Verheerungen unter den Renntieren an. Außerdem trägt das rauhe Klima das seinige dazu bei, daß sich die Herden nicht so vermehren, wie es, der Fruchtbarkeit des Renns angemessen, der Fall sein könnte. Junge und zarte Kälber erliegen der Kälte oder leiden unter den heftigen Schneestürmen, so daß sie, vollkommen ermattet, der Herde nicht mehr folgen können und zugrunde gehen. Ältere Tiere können bei besonders tiefem Schnee nicht mehr hinreichende Nahrung finden. So können schneereiche Winter zuvor für reich geltende Lappen geradezu arm machen, so daß sie sich erst in vielen Jahren von ihrem Schaden erholen können.

Alles am Renntier wird von diesen Leuten benutzt, nicht bloß die Milch und der daraus bereitete wohlschmeckende Käse, das Fleisch und das Blut, sondern auch jeder einzelne Teil des Leibes. Aus dem weichen Fell besonders der Renntierkälber verfertigt man warme Pelzröcke und Pelzstiefel; die Sehnen benutzt man zu Zwirn, die Gedärme zu Stricken. Wie zur Renntierzeit werden auch heute noch aus Horn und Knochen allerlei Gerätschaften, besonders Fischhaken und Angeln hergestellt. Außerdem wird das Tier zum Tragen der Gerätschaften, besonders der Zeltbestandteile und Effekten seines Besitzers verwendet. In Lappland benutzt man das Renn hauptsächlich zum Fahren, weniger zum Lasttragen, weil ihm letzteres, des schwachen Kreuzes wegen, sehr beschwerlich fällt. Nur die Tungusen reiten auch auf den stärksten Rennhirschen, indem sie einen kleinen Sattel gerade über die Schulterblätter legen und sich mit abstehenden Beinen daraufsetzen. Auf diese Weise reiten sie selbst über Moorgebiete, in die Pferde und Menschen tief einsinken müßten, mit erstaunlicher Sicherheit hinweg. Der Korjäke dagegen fährt im Renntierschlitten und Wettfahrten gehören zu seinem Hauptvergnügen. Weder zum Fahren, noch zum Reiten werden die Tiere besonders abgerichtet, sondern man nimmt dazu ohne viel Umstände ein beliebiges, starkes Tier aus der Herde und schirrt es zum Ziehen des bootartigen Schlittens oder zur Aufnahme des kunstlosen Sattels an. Ein gutes Renntier legt mit dem Schlitten in einer Stunde etwa 10 km zurück und zieht 120-140 kg, wird aber gewöhnlich viel geringer belastet. Schont man solche Zugtiere, indem man sie nur morgens und abends einige Stunden ziehen, mittags und nachts aber weiden läßt, so kann man erstaunlich große Strecken zurücklegen, ohne sie zu übermüden. Doch ist auf die Dauer der Zughund leistungsfähiger als sie; deshalb haben die Kamtschadalen im Gegensatz zu ihren Nachbarn, den Korjäken, ihre Hunde zum Ziehen der Schlitten nicht mit dem Renntier vertauscht. Auch die Giljaken im Mündungsgebiet des Amur sind vom Renntiergespann wieder zum Hundeschlitten, als dem leistungsfähigeren Fortbewegungsmittel, zurückgekehrt. Allerdings muß man den Hunden für Nahrung sorgen, während das Renntier sich sein Futter selbst sucht.

Außer im Norden von Skandinavien ist das Renntier in Finnland stark verbreitet. In Rußland ist das Gouvernement Archangelsk am reichsten daran; auch die Gouvernemente Perm und Orenburg besitzen noch starke Bestände davon. Durch ganz Sibirien haben die Nomadenstämme der Samojeden, Ostjaken, Tungusen, Tschuktschen und wie sie sonst heißen mögen, große Herden von Renntieren, von denen sie neben der Jagd auf die wilden Renntiere leben. Als Proviant wird Renntierfleisch getrocknet; solchergestalt läßt es sich lange Zeit aufbewahren ohne zu faulen. In neuester Zeit hat man versucht, von Sibirien aus Renntiere in Alaska einzubürgern, um die soziale Lage der dortigen Einwohner zu heben. Ob dieser Versuch tatsächlich geglückt ist, steht dahin; doch wird dies wohl der Fall sein, da dieses Tier keine Schwierigkeiten bei der Haltung macht.

Da das Renntier erst so kurze Zeit im Haustierstande ist, hat es sich noch nicht in verschiedene Rassen spalten können. Immerhin sind bei der zahmen Art, abgesehen von der geringeren Größe, der größeren Häßlichkeit und der unregelmäßigen Bildung des Geweihs, das auch später abgeworfen wird, bereits kleine Farbenunterschiede bemerkbar. Bei vielen ist die Färbung des Felles schon ziemlich rein weiß, bei anderen scheckig geworden. Das wohlschmeckende Wildbret des Renns ist bei uns so beliebt geworden, daß es im Winter von Skandinavien aus regelmäßig auf unseren Markt gelangt und willige Abnehmer findet.

XI. Der Elefant.

Die letzten spärlichen Stammhalter einer einst durch zahlreiche Arten vertretenen Säugetiergattung sind die Rüsseltiere, unter denen die ~Elefanten~ die wichtigsten und für den Menschen nützlichsten sind. Schon seit dem hohen Altertum gezähmt und zum Nutztier des Menschen abgerichtet, sind sie indessen bis jetzt nie eigentlich zu Haustieren geworden, indem sie sich in der Gefangenschaft nur ausnahmsweise fortpflanzen.

Wenn wir von zahmen Elefanten sprechen, so verstehen wir darunter stets den etwas kleineren und mit kleinen Ohren versehenen ~indischen Elefanten~ (Elephas indicus), der ein ausgesprochenes Waldtier ist und die mit Wäldern bedeckten Teile von Vorderindien, Ceylon, Assam, Birma, Siam, Cochinchina, der Halbinsel Malakka und Sumatra bewohnt, aber auch in Borneo vorkommt, wo er indessen vielleicht nur eingeführt ist. Er ist fast haarlos, abgesehen von einer Reihe langer, grober Haare am Schwanzende, von dunkelgrauer Farbe und trägt an den Vorderfüßen 5, an den Hinterfüßen dagegen nur 4 Hufe. Weibchen werden meist bloß 2,4 m, Männchen durchschnittlich 2,7 m hoch, können aber bis 3,6 m Höhe und über 3000 kg Gewicht erlangen. Die Stoßzähne sind wurzellose Schneidezähne mit Emailüberzug, der nicht wesentlich härter ist als die innere Elfenbeinmasse. Sie wachsen ruckweise und bestehen aus dütenartig ineinander gesteckten einzelnen Schichten von Dentin. Beim Männchen sind sie stärker ausgebildet als beim Weibchen und dienen als Hebel zum Abbrechen von Zweigen und Entwurzeln von kleineren Bäumen, von deren Laub die Tiere sich ernähren. Gelegentlich können sie nicht nur beim Weibchen, sondern auch beim Männchen fehlen. Von den oben und unten nach und nach hervorbrechenden 6 Backenzähnen jeder Kieferhälfte sind meist nur 4 im Gebrauch, je einer oben und unten. Sie bestehen aus einer Anzahl sich selbständig entwickelnder, erst nachträglich durch Zement zusammengekitteter Platten, innen aus Dentin und außen aus Schmelz bestehend; und zwar ist der erste aus 4, der zweite aus 8, der dritte aus 12, der vierte gleichfalls aus 12, der fünfte aus 16 und der sechste aus 24 Querplatten zusammengesetzt. Die einzelnen Zähne sind weniger groß als beim afrikanischen Elefanten, weil seine Nahrung weicher ist. Sie besteht nämlich hauptsächlich aus verschiedenen Arten von Gräsern und Blättern, jungen Bambusschößlingen, aus Stengeln und Blättern wilder Bananen und aus den kleinen Blättern, den weichen Zweigen und der Rinde bestimmter Baum-, namentlich Feigenarten. Von einem ausgewachsenen Tiere werden täglich große Mengen von Nahrung, nämlich 300-350 kg, verzehrt. Dagegen trinken die Elefanten in der Regel nur zweimal am Tage, nämlich vor Sonnenuntergang und nach Sonnenaufgang. Sowohl das Wasser als auch die Nahrung führen sie mit dem Rüssel zum Munde, der ein überaus muskulöses Organ ist und aus über 35000 einzelnen Muskelbündelchen besteht, nämlich von in Reihen hintereinander geordneten Längs- und in Bogen verlaufenden Quermuskeln. Er ist beim indischen Elefanten länger als beim afrikanischen, etwa von der halben Körperlänge, und trägt vorn an der Spitze einen fingerartigen, äußerst nervenreichen Fortsatz, mit dem er die feinsten Gegenstände vom Boden aufzugreifen vermag. Die Augen sind auffallend klein und das Sehvermögen gering, das Gehör mäßig, aber der Geruch außerordentlich fein entwickelt.

Gewöhnlich lebt der indische Elefant in Herden von 30-50 Stück verschiedener Größe und beiderlei Geschlechts. Dabei gehören im allgemeinen alle Stücke einer Herde zu derselben Familie, sind also nahe miteinander verwandt. Verschiedene Herden vermischen sich nämlich nicht miteinander, obschon versprengte Weibchen und junge Männchen auch leicht in eine fremde Herde aufgenommen werden. Nur alte, griesgrämige Männchen leben gern für sich allein und können dann sehr bösartig werden. Der Anführer der Herde ist merkwürdigerweise stets ein Weibchen. Im allgemeinen sind alle Elefanten trotz ihrer Größe und Kraft furchtsame und schreckhafte Tiere, die dem Menschen, ihrem größten Feinde, sorgfältig aus dem Wege gehen. Abgesehen von den von den Engländern in Indien als rogues bezeichneten einzellebenden Männchen hat man sich besonders vor Weibchen mit Jungen zu hüten. Greift ein Elefant an, so benutzt er dabei die Füße und, falls es ein Männchen ist, seine Stoßzähne, nicht aber seinen Rüssel, den er beim Angriff vielmehr fest zusammenrollt. Den geworfenen Gegner zertrampelt er meistens.

Den größten Teil des Tages und der Nacht streicht der Elefant umher um zu fressen, ruht ungefähr von 9 oder 10 Uhr morgens bis nachmittags 3 Uhr und zum zweiten Male etwa von 11 Uhr abends bis 3 Uhr morgens. Beim Weiden zerstreut sich die Herde etwas, aber schnell sammeln sich ihre Mitglieder, sobald sie beunruhigt werden. Zum Schlafen legt sich der indische Elefant gleich andern Säugetieren nieder, während der afrikanische, der auch die Sonnenhitze besser erträgt, stets stehend schläft. In vielen Gegenden unternehmen die Elefanten zu bestimmten Jahreszeiten Wanderungen von beträchtlicher Ausdehnung, hauptsächlich wohl des Futters wegen, zum Teil aber auch, um gewissen, ihnen lästig fallenden Insekten aus dem Wege zu gehen. Bei den Wanderungen marschieren die Tiere im Gänsemarsch hintereinander; kommen sie bei warmem Wetter an Wasser, so baden sie, wälzen sich auch gern im Schlamme. Sind sie erhitzt, so spritzen sie mit dem Rüssel Wasser über ihren Körper. Können sie solches nicht haben, so benetzen sie ihren Rücken mit Speichel, werfen auch Erde und Blätter zur Kühlung darauf.

Wenn auch die geistigen Fähigkeiten des Elefanten meist überschätzt werden, so ist gleichwohl zuzugeben, daß er außerordentlich gelehrig, klug und gehorsam ist, und dies in so hohem Grade, daß sich kein anderes ausgewachsenes Säugetier auch nur halbwegs so leicht zähmen läßt wie er. Seine sehr lange Entwicklungszeit von 25 und mehr Jahren und sein Leben in engstem Familienverbande, durch das die Jungen nicht bloß das Lernen, sondern auch die Alten das Lehren so gewohnt werden, daß sie es auch in der Gefangenschaft nicht lassen können, begünstigen in hohem Maße seine Dressurfähigkeit. Diese Neigung zum Bevormunden ist auch der Hauptgrund, weshalb die zahmen Elefanten so gern bei der Bändigung der wilden helfen. Wie Jäger sagt, steckt ihnen das Schulmeistern im Blute. Wenn nun auch der Elefant außerordentlich zahm ist und auf jeden Wink seines Führers gehorcht, so pflanzt er sich gleichwohl in der Gefangenschaft, wenigstens in Britisch-Indien, nur selten fort; doch soll die Elefantenzucht mit zahmen Weibchen in Teilen von Birma und Siam etwas ganz gewöhnliches sein. Sogar in Menagerien und Tiergärten pflanzt er sich gelegentlich fort, so bekam eine Elefantenkuh im bekannten Tiergarten von Schönbrunn bei Wien zweimal Junge, die gut gediehen. Der Elefantenbulle ist etwa im 20. Jahre fortpflanzungsfähig, wenn er auch erst mit 25 ausgewachsen ist und erst im 35. Jahre seine Vollkraft erreicht. Seiner langsamen Entwicklung entsprechend, wird er 100-150 Jahre alt. Die Weibchen bringen ihr erstes Kalb ungefähr im Alter von 16 Jahren zur Welt und weitere Junge in Zwischenräumen von durchschnittlich 2,5 Jahren. Die Tragzeit beträgt 20½ Monate. Meist im Herbst wird das eine Junge geboren, das bei der Geburt 85 cm hoch und ungefähr 100 kg schwer ist und mit seinem Munde, nicht aber mit dem dann noch dünnen, kurzen und wenig beweglichen Rüssel, der dabei zurückgelegt wird, an den beiden an der Brust befindlichen Zitzen seiner Mutter saugt. Nur in seltenen Ausnahmefällen werden Zwillinge geboren. Hat ein Weibchen geworfen, so verbleibt die ganze Herde, der es angehört, rücksichtsvoll ein paar Tage an der Stelle, da solches geschah. Überhaupt leben die Mitglieder einer Herde äußerst friedlich zusammen. Nur bei der an keine Periode oder Jahreszeit gebundenen Brunst sind die Tiere leicht reizbar und können Streit miteinander bekommen, oder, wenn sie gezähmt im Dienste des Menschen stehen, wütend werden, besonders die Männchen, bei denen dann, wie übrigens auch bei den Weibchen, aus einer kleinen, zwischen Auge und Ohr gelegenen Schläfendrüse eine ölige Substanz herausfließt. Es ist dies ein sexuelles Reizmittel von für die menschlichen Nasen kaum merklichem Geruch, das aber für die so sehr viel feineren Geruchsorgane jener Tiere stark wirkt.

Da die indischen Elefanten so leicht gezähmt werden können, hat man sich gar nie die Mühe genommen, sie systematisch zu züchten und in der Gefangenschaft zur Fortpflanzung zu bringen. Weil sie überaus langsam wachsen und bis zu ihrem leistungsfähigen Alter sehr viel Futter verbrauchen, das der Mensch ihnen geben muß, ist es sehr viel einfacher, sie sich in der Wildheit fortpflanzen und verköstigen zu lassen, bis sie ein für den Dienst beim Menschen taugliches Alter erlangt haben, und sie dann zu fangen. Dazu treibt man eine oder einige Herden durch eine lärmende und schießende Treiberkette in eine aus Baumstämmen hergestellte Einfriedigung, eine sogenannte Keddah. Hier fängt und entfernt man die zum Behalten gewünschten Exemplare mit Hilfe zahmer Elefanten und läßt die übrigen laufen. Die gefangenen Individuen werden an starke Bäume angebunden, durch Entzug von Nahrung und Trank, wie auch der Gelegenheit zu Baden mürbe gemacht, dann zwischen zwei zahmen Elefanten zur Tränke und zum Bad und bald auch zur Arbeit geführt, wobei sie sich trotz ihrer Stärke ziemlich rasch unter die geistige Gewalt des Menschen beugen und seinem Willen gehorchen. Die Südasiaten sind Meister in der Kunst wilde Elefanten mit Hilfe von zahmen zu fangen und zu zähmen. Außer dem Fang in Einfriedigungen, in die die durch unmenschlichen Lärm erschreckten Tiere herdenweise getrieben werden, betreibt man den Einzelfang. Entweder sucht man wilde Elefanten vor dem Wind auf schnellen zahmen einzuholen und mit Schlingen zu fesseln, oder man folgt großen Männchen, auf die man es besonders abgesehen hat, mit zahmen Weibchen und bindet ihnen, wenn sie schlafen, die Hinterbeine zusammen.

In Indien, wie auf Ceylon gibt es eine besondere Kaste von Einzelfängern, die mit wunderbarem Scharfsinn und großer Tapferkeit erwachsene Elefanten beschleichen, um ihnen die zuvor an einem starken Baum befestigte zähe Schlinge aus Hirsch- oder Büffelhaut um eines der Hinterbeine zu legen, sie so zu fangen und durch Hunger zur Zähmung mürbe zu machen. Überall in Südasien halten die Fürsten zahlreiche zahme Reitelefanten, die aus solchen Wildlingen gezähmt und zu nützlichen Tieren des Menschen dressiert wurden. Für feierliche Prunkaufzüge und zu Jagden auf den Königstiger, den Wildbüffel und andere gefährliche Tiere im Dschungel sind sie sehr beliebt und fast unentbehrlich. Für die feierlichen Prozessionen werden in den indischen Tempeln sogenannte Tempelelefanten gehalten. In Hinterindien werden sie besonders zum Transport von gefällten und zugehauenen Baumstämmen, besonders des Tiekholzes, verwendet, auch dienen sie dort und in Vorderindien zum Ziehen von Wagen und schweren Geschützen. Die Engländer haben ganze Batterien von Positionsartillerie, die mit Elefanten bespannt und sehr leistungsfähig sind. Denn trotz ihrer plumpen Gestalt entwickeln diese Tiere eine große Gewandtheit beim Erklimmen steiler Abhänge. Auch im Wasser sind sie außerordentlich gewandt wie wenige Landvierfüßler. Sie schwimmen zwar nicht eben schnell, legen in der Stunde vielleicht kaum 2 km zurück, können dafür aber 6 Stunden und darüber ohne zu ruhen fortschwimmen. Albinos von hellerer Färbung und roten Augen werden in Siam heilig gehalten und in einem kostbaren Stalle in der Hauptstadt vom Herrscher gefüttert. Der „weiße Elefant“ ist zum Wappentier jenes Reiches erhoben worden. Hat jemand einen solchen ausgekundschaftet, so wird er unter großem Aufwand des Hofes und der buddhistischen Priesterschaft gefangen und in einen besonderen Tempel nach der Hauptstadt Bangkok gebracht, wo er von den Gläubigen mit Leckerbissen gefüttert wird und ein sehr gutes Leben führt. Und wer der Untertanen ein solches heiliges Tier, dem hohe Ehren zuteil werden, auskundschaftet und dem Könige von Siam oder einem seiner Statthalter meldet, der wird von seinem Herrscher für diese Meldung wahrhaft königlich belohnt.

Etwas verschieden vom indischen ist der ~afrikanische Elefant~ (Elephas africanus), der sich auf den ersten Blick von jenem durch seine gewaltigen, in der Ruhelage die Schultern vollständig bedeckenden Ohren unterscheidet. Diese werden bei Erregung des Tieres mit ihren Flächen senkrecht zum Kopfe gestellt und geben dabei ihrem Träger ein höchst sonderbares Aussehen. Der afrikanische Elefant ist erwachsen größer und schwerer als der indische, hat einen krummen Karpfenrücken, einen ebenso kurzen aber gleichwohl sehr beweglichen Hals und 28 statt wie dieser 27 Schwanzwirbel, dennoch aber einen kürzeren Schwanz. Die Füße sind verhältnismäßig länger und dünner, dadurch ist der plumpe Körper höher gestellt. Die Schulterhöhe erreicht 4-5 m, das Gewicht bis 4000 kg und darüber. Am verhältnismäßig kleineren Kopfe ist die Stirne flacher, das Auge größer, der Rüssel kürzer, dünner und flach, dessen Haut auf der Oberseite in scharfe, nach vorn gerichtete Falten gelegt, die Spitze, statt mit nur einem fingerartigen Fortsatz am Vorderrand der Öffnung, mit zwei gleichgroßen Fortsätzen versehen, wovon der eine in der Mitte des Vorder-, der andere in der des Hinterrandes steht. Die Stoßzähne des afrikanischen Elefanten, die bei den Elefanten von Nord- und Ostabessinien zu fehlen oder wenigstens sehr klein zu sein scheinen, sonst aber nicht bloß beim Männchen, sondern auch beim Weibchen gut entwickelt sind, sind größer als die des indischen Elefanten. Während der, soviel man weiß, längste bekannte Stoßzahn eines indischen Elefanten 2,44 m Länge und ein Gewicht von 45 kg hatte, betrug die Länge eines der größten bekannt gewordenen Stoßzähne eines afrikanischen Elefanten 6,33 m und das Gewicht 82,5 kg. Durchschnittlich beträgt das Gewicht der beiden Stoßzähne eines ausgewachsenen männlichen afrikanischen Elefanten nur 70 kg. Im Jahre 1874 wurde jedoch in London ein einzelner Stoßzahn verkauft, der 94 kg wog. Doch sind nach Schillings Zähne von über 50 kg Gewicht selten. Solche stammen dann stets von Männchen, während Weibchen selten schwerere als 15 bis im Maximum 20 kg Gewicht besitzen. Ein Unikum waren nach demselben Autor die im Jahre 1898 von einem gewerbsmäßigen schwarzen Elefantenjäger am Kilimandscharo gewonnenen Zähne eines schon fast greisenhaften Bullen, die zusammen etwa 225 kg gewogen haben sollen. Beide Zähne gelangten auf den Elfenbeinmarkt in Sansibar und wurden nach Amerika verkauft.

Wie die Stoßzähne sind auch die Backenzähne des afrikanischen Elefanten gewaltiger als diejenigen des indischen Verwandten, weil dessen Nahrung viel gröber und härter ist und viel größere Anforderungen an das Gebiß stellt. Unter ihnen ist der erste aus 3, der zweite aus 6, der dritte gleich dem vierten aus 7, der fünfte aus 8 und der sechste und letzte aus 10 Platten zusammengesetzt, die sich von dem die Backenzähne des indischen Elefanten zusammensetzenden Platten durch ihren auf der Kaufläche sichtbaren rautenförmigen Querschnitt unterscheiden. Zudem ist der Körper des afrikanischen Elefanten kräftiger behaart und die Färbung eine dunklere als bei jenem. Während die Vorderfüße 5 Hufe tragen, besitzen die Hinterfüße nicht 4 wie beim indischen, sondern bloß 3 Hufe.

Der afrikanische Elefant ist stärker und lebendiger als sein indischer Vetter. Seine Bewegungen sind rascher und beim Erklimmen abschüssiger Hänge zeigt er sich ebenso geschickt. Er steigt am Kilimandscharo bis zu 3000 m und im Hochland von Abessinien bis 2400 m empor, ist kein so ausschließliches Waldtier wie sein indischer Gattungsgenosse, findet sich im Sudan oft sehr weit vom Walde entfernt auf trockenen, mit verdorrtem Grase bestandenen Ebenen und erträgt die Hitze viel besser als jener. Nach C. G. Schillings ist sein eigentlicher Aufenthaltsort nicht der schattige, kühle Hochwald, sondern vielmehr da, wo er sich nicht allzusehr verfolgt weiß, und namentlich in der Regenzeit die Baumsteppe, sonst aber die dichten Bestände von außerordentlich hohem Gras und schilfbestandene Flußufer. Seine Nahrung besteht nie aus Gräsern -- nur Prof. Volkens hat in Höhenlagen zwischen 2000 und 3000 m am Kilimandscharo Reste von Schilf in den Elefantenlosungen gefunden -- sondern ausschließlich aus Baumzweigen, Rinden und Früchten aller Art. Baumzweige, die er in der Dicke des Handgelenks eines Mannes abreißt, durchkaut er und speit die holzigen Fasern wieder aus, während er den nahrhaften weichen Bast hinunterschluckt. In den Mimosenwäldern entwurzelt er mit Hilfe seiner Stoßzähne die meist nur 5-6 m hohen Bäume, um deren Rinde und Zweige, auch die Wurzeln, weniger die Blätter zu fressen. Der vorgenannte Schillings hat beobachtet, daß er mit Vorliebe mehrere Arten von Sanseverien aufnimmt, deren ausgekaute Stengel er aber wieder fallen läßt, so daß sie, von der Sonne bald weiß gebleicht, weithin auf dem Steppenboden sichtbar sind. Da sie einen erheblichen Wassergehalt besitzen, dienen sie ihm als einen, wenn auch notdürftigen Ersatz für das dort weithin fehlende Wasser. In Südost- und Südafrika benutzt er seine Stoßzähne gern zum Ausgraben von Wurzelknollen und Zwiebeln. Man sieht dort große Strecken des sandigen Bodens von ihnen gleichsam umgepflügt.

Der afrikanische Elefant scheint gleicherweise wie sein indischer Verwandter ein ziemlich starkes Wasserbedürfnis zu haben und trinkt täglich wenigstens einmal. Im Gegensatz zu jenem schläft er nie am Boden liegend, sondern stets nur stehend, in schattigen Hainen verborgen, und zwar während der heißesten Stunden des Tages. Gewöhnlich lebt er nur in kleinen, aus je einer Familie, und zwar aus jungen Männchen, Weibchen und Kälbern bestehenden Gesellschaften. Die alten Männchen leben einzeln, paarweise oder in kleinen Gesellschaften für sich, scheinen sich aber bei Wanderungen den übrigen Tieren anzuschließen. Solche Wanderungen, wozu sich gelegentlich Hunderte von Elefanten in kleinen Trupps zusammenfinden, scheinen vorwiegend aus Nahrungsmangel, dann auch zur Erlangung einer zu gewissen Zeiten reifenden Nahrung unternommen zu werden. Während Gesicht und Gehör verhältnismäßig schlecht entwickelt sind, ist sein Geruch fast noch besser als bei seinem indischen Verwandten ausgebildet. So kann er bei günstigem Winde einen Menschen schon aus sehr weiter Entfernung wahrnehmen und läuft dann erschreckt in größter Eile davon, um manchmal erst nach etlichen Stunden haltzumachen. Gern stellt sich der europäische Jäger bei der Elefantentränke auf den Anstand, um das vorsichtige Wild zu erlegen. Wo sich aber keine Gelegenheit dazu bietet, schießt er den Elefanten auch gern vom Pferde. Im ganzen ist aber die Jagd auf den afrikanischen Elefanten nicht bloß schwieriger, sondern auch gefährlicher als diejenige auf den indischen, da dieses Tier entschieden wilder und mehr zu einem Angriff geneigt ist als jener; und zwar scheinen die alten Weibchen gefährlicher als die Männchen zu sein und nicht selten sogar ungereizt anzugreifen.

Vor der Einführung der Feuerwaffen wurden die Elefanten in manchen Teilen Afrikas, besonders im Süden und Südosten, nur selten angegriffen. Nur gelegentlich taten sich die Eingeborenen zusammen, um sie vor dem Winde anzugreifen und sie durch Hunderte von Speerwürfen und den dadurch verursachten Blutverlust allmählich zu Tode zu quälen. Durch Speerwürfe tötet man auch in Mittelafrika die in Fallgruben, manchmal zu zweien gefangenen Elefanten. War das 3-4 m hohe Gras der Steppe während der heißen Jahreszeit so trocken geworden, daß es, angezündet, lichterloh brannte, umgab man auch gern eine dazu ersehene kleine Elefantenherde mit einem etliche Kilometer im Durchmesser haltenden Kreise von Feuer, dessen Inneres sich durch die Ausdehnung des Feuers allmählich verkleinerte und schließlich die Elefanten, die von der Angst getrieben bald dahin, bald dorthin zu entfliehen suchten, sich aber nach allen Seiten vom Feuer umgeben sahen, auf einem kleinen Fleck vereinigte. Dann stürzten sich die von prasselnden Flammen und Tausenden wild schreienden Eingeborenen umgebenen, durch gesteigerte Furcht sinnlos gewordenen Tiere, halberstickt durch den dicken Rauch, verzweifelt durch das Feuer, an dessen Außenrand sie, verbrannt und geblendet, unbarmherzig von den Speeren der blutdürstigen Wilden empfangen wurden. Hundert und mehr der großen Tiere sollen früher gelegentlich bei einer einzigen solchen Jagd getötet worden sein. Viele Eingeborenenstämme betrieben die Elefantenjagd auch aus dem Hinterhalte mit vergifteten Pfeilen. Andere, besonders in Westafrika, flochten aus armdicken holzigen Schlingpflanzen ein netzartiges Gehege um einen bestimmten Waldbezirk und jagten die Elefantenherden hinein. Wenn nun die Tiere unschlüssig vor dem verschlungenen Zaun aus Rankenwerk stehen blieben, so schleuderten die Neger von den benachbarten Bäumen, auf denen sie sich postiert hatten, hunderte von Lanzen in den Leib der stärksten und größten Tiere, bis diese schließlich, vom Blutverlust geschwächt, zusammenbrachen. Gebräuchlicher war es indessen bei derartigen Waldjagden, ein solches Zaunwerk in weitem Halbkreise herzurichten und die zufällig hineingegangenen oder hineingetriebenen Elefanten möglichst schnell vollständig zu umhegen. Ringsum wurden dann Wachen aufgestellt und Feuer angezündet, um die der Umzäunung sich nähernden Tiere zurückzuscheuchen. Obwohl selbst der kleinste Elefant die lockere und schwache Einhegung ohne weiteres durchbrechen und den schlecht bewaffneten Eingeborenen entrinnen könnte, wagen die gefangenen doch nicht zu entfliehen. Sie werden dann von den geduldig um sie herumlagernden und zuwartenden Jägern zu Tode gehungert, gespeert und im Zustande äußerster Entkräftung endlich umgebracht. Ihr Fleisch wird als Leckerbissen gern gegessen und das gewonnene Elfenbein zu allerlei Schmuck verarbeitet.

Die Hamram-Araber des Sudan pflegen die Elefanten zu Pferd zu jagen. Drei oder vier berittene Jäger trennen dabei einen Stoßzahnträger von seinen Genossen und folgen ihm so lange, bis das ermüdete Tier sich gegen den Jäger wendet, der sofort davongaloppiert und von dem dicht hinter ihm herlaufenden Elefanten verfolgt wird. Diesem aber reiten zwei andere Jäger so schnell sie können nach. Haben sie den Elefanten erreicht, so ergreift der eine die Zügel des Pferdes seines Genossen. Der andere springt sofort ab und durchschneidet flink mit einem einzigen Hiebe seines großen Schwertes die Achillessehne des Elefanten, wodurch das zum Gehen auf drei Beinen unfähige gewaltige Tier sofort zum Stehen gebracht und seinen Angreifern überantwortet wird. In ähnlicher Weise pflegten die Eingeborenen Maschonalands früher Elefanten zu jagen, nur daß sie zu Fuß waren und anstatt des Schwerts eine breite Axt gebrauchten. Mit dieser schlichen sie sich an den schlafenden Elefanten hinan, um eine seiner Achillessehnen zu durchhauen. Bei andern Eingeborenenstämmen im Stromgebiet des Sambesi ist es üblich, dem Elefanten von einem über einen seiner am häufigsten benutzten Pfade hängenden Baumast aus einen mit einem Holzklotz beschwerten starken Speer in den Rücken zu stoßen. Der damit getroffene Elefant rast, den schweren Speer im Rücken, davon, stößt damit an verschiedene Äste und Zweige an, vergrößert dadurch die schon allein durch das Gewicht des Speeres immer tiefer werdende Wunde und sinkt, vom Blutverlust erschöpft, schließlich zu Boden, wo ihm die in angemessener Entfernung insgeheim nachfolgenden Wilden den Garaus machen, sich an seinem Fleisch, das sie sehr lieben, sättigen und ihn der auch von ihnen zur Herstellung von allerlei Schmuck geschätzten Stoßzähne berauben. Anderswo, z. B. in gewissen Gebieten von Äquatoria, erbeutet man den Elefanten vermittelst eines aufgehängten beschwerten Fallspeers, der, falls die durch den Tritt des unter dem Speer hindurchgehenden Elefanten in Tätigkeit gesetzte Fallvorrichtung gut gerichtet ist, zwischen Schädel und Halswirbelsäule eindringt, den hier gelegenen Teil des Zentralnervensystems durchschneidet und den wie vom Blitz getroffenen Elefanten sofort im Todeskampfe zu Boden sinken läßt.

Während sich die Eingeborenen Afrikas ganz gut auf die Jagd des Elefanten verstehen, wissen diese zur Zähmung von Tieren überhaupt ungeschickten Leute den Elefanten weder zu fangen, noch gar abzurichten. Der Fang der afrikanischen Elefanten kann aber schließlich nicht viel schwerer sein als der des seit uralten Zeiten als Arbeitstier gebrauchten indischen, und nach dem Benehmen gefangener Elefanten, z. B. des großen Jumbo im Londoner Zoologischen Garten, zu urteilen, sind sie ebenso leicht zähmbar und nicht minder gelehrig als ihre indischen Vettern. So wissen wir, daß die nordafrikanischen Kulturvölker des Altertums den einheimischen Elefanten ebenso zähmten wie die Indier den ihrigen, und daß die Karthager zweifellos solche afrikanische Elefanten auf ihren Kriegszügen benützten. So dürfen wir auch annehmen, daß die 37 Kriegselefanten, die der berühmte karthagische Feldherr Hannibal im zweiten punischen Kriege im Sommer 218 v. Chr. von Spanien aus über die Pyrenäen und Alpen nach Norditalien führte, solche Afrikaner waren.

Früher war das Verbreitungsgebiet des afrikanischen Elefanten ein sehr viel größeres als heute, da er auf den südlich von der Wüste Sahara gelegenen Teil von Afrika beschränkt ist und auch hier durch die unsinnigen Verfolgungen von seiten der Elfenbeinjäger an vielen Orten ausgerottet wurde. Er kam im Altertum außer in ganz Nordafrika auch in Westasien und Südeuropa, besonders auf Sizilien und Spanien vor. Wir wissen aus sicher datierbaren geschichtlichen Urkunden, daß er in manchen Gebieten Westasiens bis ums Jahr 1000 v. Chr. gejagt wurde. So melden uns die Königsannalen im Allerheiligsten des Ammontempels zu Karnak, der einstigen ägyptischen Hauptstadt Theben, daß König Thutmosis III. (1480-1447), der seine Eroberungszüge bis weit nach Vorderasien ausdehnte, im Lande Naharina, d. h. Stromland (zwischen den Oberläufen von Euphrat und Tigris) bei der Stadt Nij am Euphrat unterhalb von Karkemisch nicht weniger als 120 Elefanten erlegte. Dabei geriet allerdings der Pharao selbst einmal in Lebensgefahr, indem eines der Tiere wütend gegen ihn eindrang und ihn wohl zweifellos zerstampft hätte, wenn nicht der Feldhauptmann Amenemhab seinem Gebieter zu Hilfe geeilt wäre und dem Angreifer mit dem Schwerte den Rüssel abgehauen hätte. Später hat auch der mächtige assyrische König Tiglathpileser I. noch ums Jahr 1120 v. Chr., wie er uns auf Inschriften meldet, in derselben westlich von Assyrien gelegenen Landschaft der Elefantenjagd obgelegen.

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