← Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen (part 2 of 3)

Part 2 of 3 · Ruge, Sophus · Public domain text

About this edition

Source: Project Gutenberg e-text #54832, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (3)

Continue:

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen (part 2 of 3)

Dagegen gingen 1527 unter Leitung eines portugiesischen Piloten drei Schiffe von Dieppe aus, um als Freibeuter das indische Meer zu durchstreifen. Zwei Schiffe kamen nach Diu, ein drittes, welches schon am Cap der guten Hoffnung von den anderen getrennt war, segelte aufs Gerathewohl, ohne den Weg zu kennen, weiter und gerieth an die Küste von Sumatra. Von hier aus forschte er nach der Goldinsel, wo der ganze Strand, Kies und Sand, aus purem Golde bestehen sollte. Dieselbe wurde als ein üppiges Land geschildert, mit schönen Bäumen und klaren Wasserbächen und mit vielerlei wohlschmeckenden Früchten. Das nackte, wilde Volk kleidete sich nur mit Baumblättern, zeigte sich aber den Fremden gegenüber freundlich. Händler aus Sumatra erzählten später in Malaka, das Schiff habe die Goldinsel wirklich gefunden, sich mit Gold beladen und sei dann wieder abgesegelt, habe aber, der Meere unkundig, vielfach umhergeworfen, an der Küste von Sumatra Schiffbruch gelitten und alle Mannschaft verloren. Die dortigen Fischer hätten das Gold an sich genommen.[138] Dadurch schien also die Existenz dieser Inseln außer Frage gestellt. Und so schickte denn der Generalgouverneur Martim Affonso de Sousa im Jahre 1543 wieder eine Galee mit zwei Fusten aus, im Meere westlich von Sumatra nach der Goldinsel auszuspähen. Jeronimo de Figueiredo wollte zu dem Zweck von Goa ausgehen, aber das Unternehmen scheiterte bereits vor Beginn, infolge einer Intrigue.[139] Die Lage der Insel glaubte man ziemlich sicher ansetzen zu können. Man wird darum auch nicht vergebens suchen, wenn man auf den älteren Karten nach der Lage der Goldinsel forscht. Ortelius führt in seinem Theatrum Orbis[140] westlich von Sumatra sowohl ~Isole d’or~, als ~isolas d’oure~ an. Im Atlas Mercators, 1613, lesen wir in derselben Gegend ~Andramania id est aurea insula~. Und Willem Blaeu führt in seinem Kartenwerke 1634, ebenso wie Hend. Hondius die Insel „~de Ouro~“ an drei verschiedenen Stellen westlich von Sumatra an. Wenn man nun später auch etwas mehr Zweifel hegen mochte, so haben sich diese Fabelinseln doch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten. Eine von Homanns Erben 1748 veröffentlichte Karte unter dem Titel ~Cartes des Indes orientales~ führt auf der Linie von den Malediven nach Nord-Sumatra wiederum noch an drei Stellen die Inseln auf mit den Inschriften: 1) ~Ouro, juxta Anglos, positionis et existentiae incertae~ (südlich von Ceylon); 2) ~I^{ae} ouro s. auri, juxta Batavos, pariter incertae~; 3) ~Ouro, juxta Batavos~.

Man erkennt auch hier wieder, daß Fabelwesen ein außerordentlich zähes Leben haben.

Daß man sich aber nicht blos unter den seefahrenden Nationen lebhaft mit diesen Inseln beschäftigte, beweist ein Brief, welcher (ohne Datum) an den Kurfürsten August von Sachsen gerichtet ist und folgendermaßen lautet: Es sind wahrhaftige (?) Zeitungen gekommen in kurzen Tagen aus Spania, wie daß der König habe eine neue Insel gefunden, Serieff, darin liegt nichts als lauter gediegen Gold, man hat zwei Gefangene aus den Königen allenthalben umhergeschickt, wer mit ihnen reden könnte, aber keinen gefunden, der sie hat verstehen können, vermeinend, man wolle viel erfahren durch sie, wie es um ihre Insel stehe. Sie sind aber bald gestorben. Der König hat wieder drei Schiffe verordnet, wie sie zu der Insel hinzufahren und zu besichtigen, wie sie zu gewinnen und zu erobern sei, nachfolgends will er erst ein Volk darauf verordnen. Er ist entschlossen, sie alle todt schlagen zu lassen, denn er könnte die Insel sonst vor ihnen nicht behalten, denn es ist ein rauhes, hartes und fahriges Volk.[141]

Wie alle solche Phantome, so wechselten auch diese Inseln ihre Stelle. Sie flackerten wie Irrlichter durch den großen Inselarchipel, tauchten einmal südlich von Timor auf und verloren sich schließlich in dem weiten fast insellosen Raum des nördlichen großen Oceans.

Es war am Ende des 16. Jahrhunderts, als Schiffer von der Insel Solor, nordwestlich von der Insel Timor, ins südliche Meer verschlagen wurden, und nun erzählten, sie hätten die Goldinsel gefunden. Als man dann zum zweitenmale die Entdeckung ausbeuten wollte, war das goldene Eiland nicht wieder zu finden. Aber die Kunde davon kam nach Malaka, wo damals Manoel Godinho de Eredia weilte, ein portugiesischer Mestize, welcher 1563 in Malaka geboren war und, nachdem er eine kurze Zeit dem Jesuitenorden angehört hatte, sich mit Kosmographie beschäftigte. Zuerst im Jahre 1594 schlug er vor, eine Expedition nach den langgesuchten Inseln auszurüsten und schrieb zu dem Zweck auch eine besondere Abhandlung.[142] Aber leider wurde der Plan zerstört, da zwei Jahre später Cornelis Houtman mit einer holländischen Flotte bei Sumatra erschien. Als dann nach Beseitigung dieser Gefahr für Malaka Godinho wieder Zurüstungen machte, wurde seine Vaterstadt 1601 zum zweitenmale von dem Holländer Jacob van Heemskerk angegriffen und Godinho wieder abgehalten, die Schätze der Goldinsel zu heben. Somit unterblieb der Zug überhaupt.[143]

Als dann kurz darauf die Holländer sich auf den Molukken und auf Java festsetzten, traten sie auch die Erbschaft bezüglich der Goldinseln an. Es war im Jahre 1635, als ein Beamter der holländischen Handelscompagnie, Willem Verstegen, dem holländischen Generalgouverneur Henricq Brouwer, dem Vorgänger des berühmten Antonio van Diemen, eine Schrift überreichte, worin er den Vorschlag machte, die Gold- und Silberinsel, welche östlich von Japan im großen Ocean unter 37½° nördl. Breite liegen sollte, für Holland in Besitz nehmen zu lassen. Brouwer mußte, da er 1636 abberufen wurde, die Ausführung seinem Nachfolger überlassen. Dieser war aber in den ersten Jahren durch wichtigere Angelegenheiten gegen seinen Willen (~tegen ons gemoet~) abgehalten, obwohl er die Wichtigkeit eines solchen Zuges nicht unterschätzte, und konnte erst 1639 zwei Schiffe unter dem Commandeur Matthys Quast aussenden mit dem Befehl, unter dem angegebenen Breitenparallel vierhundert Meilen nach Osten zu steuern, um die reichen Inseln aufzusuchen. Aber die ziemlich unglückliche Fahrt blieb resultatlos, da die Schiffe nur bis zu den Bonininseln kamen, welche südöstlich von Japan zwischen dem 20. und 30. Breitengrade liegen. Darum mußte der Versuch 1643 wiederholt werden. Wiederum sandte van Diemen zwei Fahrzeuge unter Martin de Vries aus, welcher zuversichtlich die so oft vergeblich gesuchten Inseln zu finden hoffte, da man sichere Kunde von ihrer Existenz in der bezeichneten Gegend zu haben meinte; denn die spanischen Schiffe, welche seit Jahren zwischen Manila und Mexiko verkehrten, hatten seit 1610 oder 1611 die Inseln schon gesehen. Es sollten hohe Gebirgsinseln sein, welche über die Maßen gold- und silberreich und von einem hellfarbigen, freundlichen, civilisirten Volke bewohnt wären. Unzweifelhaft liegt diesen Mittheilungen eine dunkle Nachricht von den hohen Sandwichinseln zu Grunde, deren Lage aber erst durch J. Cook, auf seiner dritten Reise, 1778, bestimmt wurde.

Die beiden Schiffe des Capitän Vries wurden an der Küste von Japan von einander getrennt; beide unternahmen daher selbständig die Forschungsreise. Vries wußte genau, wohin er zu steuern hatte, denn er besaß sogar eine japanische Karte, auf welcher an der Ostseite der Goldinsel ein Fluß verzeichnet war, in dem er ankern konnte. Vries drang 460 Meilen weit von Japan gegen Osten vor, das andere Schiff kam sogar 500 Meilen weit, aber das gesuchte Land blieb verborgen, denn die Sandwichinseln liegen nicht in der Nähe des 37. Parallelkreises, sondern nahe dem nördlichen Wendekreise.[144]

So blieb also der gehoffte Erfolg aus und man gab weitere Unternehmungen auf; aber zur Erweiterung der Kenntniß von den östlichen Meeren hatten auch diese fruchtlosen Fahrten beigetragen.

11. Der erste Besuch der Portugiesen in China und Japan.

Mit den Söhnen aus dem Reiche der Mitte waren die Portugiesen zuerst in Malaka zusammengetroffen; es war eine durchaus friedliche Begegnung gewesen. Die Chinesen waren ohne Scheu, lediglich im Handelsinteresse, an die fremden Schiffe herangekommen, denn sie hatten sofort die nautische Ueberlegenheit der Portugiesen erkannt, und ebenso war es für diese wohlthuend gewesen, gegenüber dem schleichenden, unzuverlässigen Wesen der Malayen, in den Chinesen eine Klasse von Händlern zu finden, mit denen man auf gleichem Fuße verkehren konnte, und die auch nicht durch irgendwelche religiöse Satzungen an einem ungezwungenen Geschäftsleben gehindert wurden.

Es stand sicher zu erwarten, daß, sowie die Verhältnisse in Malaka etwas geregelter sich gestalteten, man zu weiterer Bekanntschaft gern die Hand bieten würde, um dadurch den begonnenen Handelsverkehr noch mehr zu beleben. Leider sollte man bald die Erfahrung machen, daß der Chinese in der Fremde weit zugänglicher ist als in seinem Heimatlande.

Im Juli 1514 war Jorge d’Albuquerque Befehlshaber in Malaka geworden, im folgenden Jahre sandte er den Rafael Perestrello mit zehn Leuten in einer chinesischen Dschunke nach China, um das Land zu erkunden, von da kehrte er in einer Brigantine, die er auf seine Kosten ausgerüstet hatte, mit reicher Ladung nach Kotschin zurück.[145]

Kurz vorher langte der neue Generalstatthalter Lopo Soarez aus Portugal an; in seiner Begleitung kam Fernão Perez d’Andrade, um auf Befehl der portugiesischen Regierung eine Flotte nach China zu führen.

Andrade begab sich zunächst nach Sumatra, um eine Ladung Pfeffer einzunehmen, welche man in China gegen andere Waaren vertauschen wollte. Leider wurde er durch den Verlust seines besten Schiffes, welches durch Feuer zerstört wurde, genöthigt, sich nach Malaka zu begeben, und brach von hier am 12. August 1516 von neuem auf, obwohl die beste Jahreszeit ihrem Ende entgegen ging; denn es lag dem neuen Statthalter von Malaka, de Brito, daran, zu erfahren, was aus Perestrello geworden sei, von dem man damals noch nichts gehört hatte. Andrade kam aber nur bis zur Küste von Kotschinschina, nahm auf der wichtigen Insel (Pulo) Kondor, welche vor der Mündung des Mechong liegt und gegenwärtig im Besitz der Franzosen ist, Wasser ein, und kehrte, durch Stürme genöthigt, über den Hafen Patani, an der Ostküste der Halbinsel Malaka, nach dem Hafen von Malaka zurück. Nur das Schiff des Duarte Coelho blieb aus; dasselbe lief in die Mündung des Menam in Siam ein, blieb dort während der schlechten Jahreszeit und ging dann von hier aus allein nach China, wo Andrade wieder mit ihm zusammentraf. In der Zwischenzeit war Perestrello hier eingelaufen und dann weiter nach Kotschin gegangen. Der merkantile Erfolg seiner Reise spornte Andrade an, im Juli 1517 zum zweiten Male seine Fahrt nach China anzutreten. Ohne Zwischenfälle erreichte er am 15. August die Küste von Süd-China und ließ an der Insel Tamão (Tamong) die Anker fallen.[146]

Andrade’s Flotte bestand aus vier portugiesischen und vier malayischen Schiffen. An der Küste fand er chinesische Schiffswachten gegen die Piraten postirt. Auch bestand die Einrichtung, daß die Schiffe, welche in den Fluß einlaufen wollten, von den chinesischen Behörden mit Pässen versehen werden mußten. Nach mancherlei Verzögerungen und Plackereien von Seiten der chinesischen Beamten erhielt Andrade Lotsen, welche ihn nach Kanton brachten. Die Absendung einer Gesandtschaft, welche im Namen des Königs von Portugal dem Kaiser von China Geschenke überreichen sollte, zog sich aber in die Länge, weil der Statthalter von Kanton erst am kaiserlichen Hofe um die Genehmigung zur Abfertigung der Gesandtschaft nachsuchen mußte. In dem ungesunden Klima von Kanton starben viele Portugiesen, so daß Andrade es gerathen fand, nach der Insel Tamao zurückzugehen. Von hier sandte er den Duarte Coelho nach Malaka zurück, um über den günstigen Verlauf seines Unternehmens Bericht zu erstatten. Ein anderes Schiff unter Jorge Mascarenhas wurde auf Kundschaft weiter nach Norden geschickt, um Nachrichten über das Land der Lequios einzuziehen. Mascarenhas kam bis nach Tsiuan-tschau an der Fukianstraße, der Insel Formosa gegenüber, und fand in diesem weniger besuchten Hafen viel vortheilhaftere Handelsverhältnisse, da man die chinesischen Artikel viel billiger eintauschen und die mitgebrachten Waaren viel höher verwerthen konnte. Auch erfuhr Mascarenhas dort, daß das Land Lequia, worunter in engerem Sinne die zu Japan gehörigen Liukiu-Inseln und im weiteren Sinne das japanische Reich selbst zu verstehen ist, noch über hundert Meilen weiter nordwärts liege.

Nach einem Aufenthalte von vierzehn Monaten entschloß sich Andrade, China wieder zu verlassen. Dazu nöthigte ihn besonders die Nachricht, daß Malaka wieder von den malayischen Fürsten der Nachbarschaft ernstlich bedroht sei. Ehe er wieder in See ging, ließ er in Kanton und im Hafen von Tamao ausrufen, daß, wenn irgend ein Chinese von den Portugiesen geschädigt sei, derselbe sich melden und seine Entschädigung erhalten solle. Dieses Verfahren wurde von den Chinesen ihm hoch angerechnet und gab ihnen einen Begriff von der Gerechtigkeitsliebe der Fremden.[147] Der portugiesische Gesandte Thomas Perez blieb auf Tamao zurück, bis er endlich, nach dreimaliger Anfrage, die Erlaubniß erhielt, an dem kaiserlichen Hofe zu erscheinen. So konnte er erst im Januar 1520 seine Reise antreten. Inzwischen war aber im August 1519 Simão d’Andrade, der Bruder des Fernão Perez, mit einem zweiten Geschwader vor Tamao erschienen. Thomas Perez fuhr zuerst zu Schiffe bis an die südliche Grenze der Provinz Fukian und begab sich dann zu Lande nach Nanking und von da weiter nach Peking. Da der Kaiser sich aber zu jener Zeit noch in den nördlichen Grenzländern aufhielt, so erfolgte die Audienz erst im Jahre 1521. Während dieser Zeit waren aber über das Benehmen der Portugiesen höchst ungünstige Nachrichten eingelaufen, welche mit der von dem Fernão Perez d’Andrade laut verkündigten Ehrlichkeit und Gerechtigkeit in grellem Widerspruche standen. Simão d’Andrade, unvorsichtig und rücksichtslos, hatte die Zeit benutzt, um sich, ohne dazu von den chinesischen Behörden die Erlaubniß zu haben, auf Tamao zu befestigen, angeblich, um sich dadurch gegen die Angriffe von Seeräubern zu decken. Sodann wurde gemeldet, daß Simão d’Andrade vor seiner Abreise einige Kinder angesehener Eltern, allerdings ohne zu wissen, daß dieselben ihrer Familie gestohlen waren, aufgekauft und mit nach Indien genommen hatte. Endlich waren auch Abgesandte des Fürsten der Insel Bintang bei Malaka erschienen, welche ihren Herren als einen Lehnsmann des Kaisers bezeichneten, welcher ein Recht auf die Hilfe der Chinesen habe, da die Portugiesen ihm einen Theil seines Reiches genommen hätten, und welche erklärten, daß die letzteren nur zum Zweck der Eroberung ihre Fahrten bis China ausdehnten. Die Folge dieser Nachrichten war, daß der Kaiser Befehl gab, den portugiesischen Gesandten nach Kanton zurückzuschaffen und dort als Gefangenen zurückzuhalten, bis die Portugiesen in allen Stücken Ersatz geleistet hätten. Ihre Schiffe wurden gleichfalls mit Beschlag belegt und kein Portugiese mehr in einen Hafen zugelassen, denn der Kaiser wollte solche eigenmächtige, streitsüchtige und habgierige Leute in seinen Landen nicht dulden.[148]

Darum wurde Duarte Coelho, als er im Juni 1521 wieder mit zwei Schiffen vor Tamao erschien, von den Chinesen angegriffen. Er wies zwar mit seinen Kanonen den feindlichen Angriff zurück und befreite noch eins der portugiesischen Schiffe, aber Perez und sein Gefolge blieben als Gefangene zurück und wurden nicht freigegeben. Der abenteuernde Reisende Mendez Pinto wollte sogar im Jahre 1550 noch einige davon am Leben getroffen haben. Dagegen behauptet Barros, Thomas Perez sei mit allen seinen Mitgefangenen etwa ums Jahr 1523 hingerichtet. Ebenso schlug ein erneuter Versuch, welchen Martin Affonso de Mello Coutinho 1522 wagte, vollständig fehl, die Beziehungen zu China wieder anzuknüpfen. Die Chinesen griffen sein Geschwader von fünf Schiffen an, eroberten eins derselben und sprengten ein zweites in die Luft, so daß Coutinho die übrigen mit Mühe nach Malaka zurück rettete. So hatte also das unüberlegte Verfahren Simãos d’Andrade auf längere Zeit die nachtheiligsten Folgen.

Einzelne Schiffe wagten sich später wieder in die chinesischen Gewässer, wandten sich aber weiter nordwärts nach Ningpo, wo sie sich anfänglich vorsichtiger benahmen, um an dem lebhaften Handel der Stadt theilnehmen zu können. Aber mit den wachsenden Erfolgen stieg auch wieder der Uebermuth der Portugiesen; in Folge dessen sie in den vierziger Jahren wieder vertrieben wurden. Ningpo besaß aber eine lebhafte Verbindung mit Japan, und so gelangten die Portugiesen von hier nach jenem Inselreiche. In der Mitte des Jahrhunderts war China ihnen wieder verschlossen, nur auf +Macao+ wußten sie sich zu behaupten und haben den kleinen Besitz auf der Halbinsel bis heute zu erhalten vermocht, von dem aus sie auch mit Kanton weiterhin in geschäftlicher Verbindung blieben, nachdem sie sich zur Zahlung einer Geldsumme bequemt hatten.

Die erste Bekanntschaft mit +Japan+ machten die Portugiesen im Jahre 1542. Leider fließt hier die wichtigste historische Quelle so trübe, daß Wahrheit und Dichtung schwer zu unterscheiden ist. Es ist der Reisebericht des Fernão Mendez Pinto,[149] welcher 1539 nach Malaka kam, und nachdem er mehrere abenteuerliche Streifzüge nach Sumatra ausgeführt hatte, sich im folgenden Jahre mit Antonio de Faria nach China begab.

Der Piratenzug, an welchem sich Pinto betheiligte, scheint ihn mehrere Jahre in der Nähe und an den Küsten Chinas beschäftigt zu haben. So mochte er vielleicht vernommen haben, daß von der Mannschaft des Diogo de Freitas, welcher sich im Jahre 1542 in der alten Residenz von Siam, in Ayuthia befand, mehrere Leute desertirten und auf einer chinesischen Dschunke versteckt, dem „himmlischen Reiche“ zusteuerten, aber von einem Sturme nordwärts geführt unter dem 32° nördl. Br. bis an die Inseln der Japaner geführt wurden, wo sie auf Nipongi freundliche Aufnahme fanden. Sie waren die ersten Europäer, durch welche die Japaner mit Feuerwaffen bekannt gemacht wurden.

Pinto, dessen Erzählung von Richthofen als „ein Meer von Lügen“ bezeichnet, „in welchem man einzelne Inseln der Wahrheit findet“,[150] eignete sich selbst den Ruhm der Entdeckung zu und behauptete, einer von jenen Matrosen gewesen zu sein, aber er verlegte das Ereigniß um zwei Jahre zu spät. Da aber seine Darstellung und die Angabe von Ortsnamen wirkliche Kenntniß von Japan verräth, so ist es nicht unmöglich, daß er selbst, nachdem er vielleicht in Ningpo die Nachricht von jener ersten Entdeckung erhalten hatte, den südlichen japanischen Inseln, Tamga-sima und Kiusiu einen Besuch abgestattet hat. Eine klarere Vorstellung von jenem Inselreiche gewann man bald, seit Franz Xaver als erster Glaubensbote 1549 das Land betrat und bis 1551 mit großem Erfolge wirkte. Aber über Nippon hinaus nordwärts blieb Meer und Land in Dunkel gehüllt.

Auch China wurde noch in demselben Jahrhundert durch Augustiner- und Franziskanermönche genauer bekannt, welche von den Philippinen her 1577 zuerst in das große Reich eindrangen und ihr Bekehrungswerk begannen. So verdanken wir den Portugiesen nur die Kenntniß der Küsten, den spanischen Geistlichen die Kenntniß des Binnenlandes.

Die Thätigkeit der Portugiesen, welche in den ersten Decennien sowohl in Vorder-Indien als auch im Gebiet der Sunda-Inseln, einen so glänzenden Aufschwung genommen hatte, erlahmte sehr bald. Das kleine Reich hatte sich an Mitteln und Menschen erschöpft, es behauptete den errungenen Besitz nur noch mühsam, bis nach der Vereinigung Portugals mit Spanien im Jahre 1580 und nach der Vernichtung der spanischen Suprematie zur See die Holländer und Engländer in den indischen Gewässern erschienen und die ersten Entdecker der Gewürzländer aus ihrer Domäne verdrängten. Die Holländer übernahmen dann im folgenden Jahrhundert die Weiterführung der Entdeckungsfahrten, einerseits gegen Südosten nach Australien, andererseits gegen Nordosten über Japan hinaus bis an das ochotskische Meer und bis zu den Kurilen.

Zweites Capitel.

Die Bahn der Spanier nach Westen und die Entdeckung der neuen Welt.

1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen Nautik und das frühere Leben des Christoph Columbus.

Noch ehe die Portugiesen das Ziel ihrer langjährigen Anstrengungen zur See, Indien, zu erreichen vermochten, ja noch ehe sie das ihnen in den Weg geworfene Hinderniß, die plumpe Masse des ungegliederten Erdtheils Afrika, durch glückliche Umschiffung endlich überwunden hatten, tauchte ein anderes Project auf, das durch seine Kühnheit alle Welt stutzig machte und deshalb naturgemäß überall auf Widerspruch stieß, ein Project, das in seinem Kern von ganz richtigen Grundsätzen ausging und unter der damals nicht mehr bestrittenen Annahme von der Kugelgestalt der Erde den geraden Weg nach Westen über das völlig unbekannte Weltmeer als den nächsten und bequemsten Weg nach Indien oder überhaupt nach dem Ostrande der alten Welt vorschlug, deren Gestade, wie man aus den Erzählungen Marco Polos und seiner Nachfolger wußte, gleichfalls von einem unendlich scheinenden Ocean bespült wurden. Der Träger dieses Projects, wenn auch keinesweges der Schöpfer desselben, war ein Italiener Christofero Colombo oder, wie er mit der latinisirten Form seines Namens allgemein genannt wird, +Columbus+.

Italienern verdanken wir im Mittelalter den ersten folgenreichen Aufschwung der Nautik, Italiener waren die Lehrmeister der Portugiesen gewesen, ein Italiener entwarf zuerst den kühnen Plan einer Westfahrt nach Indien, ein Italiener führte den Gedanken aus, nach einem Italiener erhielt die neue Welt ihren Namen; Italiener waren zur selben Zeit auch die Leiter der Seeunternehmungen, welche von Frankreich und von England aus im westlichen Meere Entdeckungen machen sollten. Aber daß sie niemals in der Heimat eine hochherzige Unterstützung für ihre Pläne fanden, und ihre Ideen nur im Auslande verwerthen konnten, wo sie, nur von Fremden umgeben, und von nationaler Eifersucht bewacht, vielfach auf Widerstand stießen, hat mannigfache Verwicklungen und manche Wechselfälle in dem Leben der leitenden Persönlichkeiten veranlaßt; vor allem in dem tragischen Ausgange des berühmtesten von allen, des Columbus selbst.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das +frühere Leben+ dieses merkwürdigen Mannes, auf die Zeit, in welcher er das Schicksal so mancher seiner Zeitgenossen und Landsleute, die sich dem Seegewerbe widmeten, theilte.

Auf die Ehre, die Geburtsstätte des Columbus gewesen zu sein, haben viele Orte Italiens Anspruch erhoben: Albisola, Bogliasco, Chiavara, Cogoleto, Nervi, Oneglia, Pradello, Quinto, Savona, Genua; aber Columbus selbst bezeugt in seinem Testamente zweimal, daß er in der Stadt (~ciudad de Genova~) geboren sei, so daß damit die rechtmäßige Entscheidung gegeben ist.

Er stammte also aus derjenigen Seestadt, welche den weitgehendsten Einfluß auf die Entwicklung des Seewesens in Westeuropa bereits seit mehreren Jahrhunderten gehabt hatte. Denn schon in den Jahren 1116 und 1120 waren genuesische Schiffsbaumeister und Seeleute nach Spanien gerufen, um die Küsten des Landes vor den maurischen Seeräubern zu schützen, und im 13. und 14. Jahrhundert wurden Genuesen zum Range castilischer Admirale erhoben.

Genuesen hatten bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts (s. o. S. 23) den Versuch gewagt, einen Seeweg nach Indien, um Afrika herum, aufzufinden, und hatten vielleicht um dieselbe Zeit schon die canarischen Inseln wieder aufgefunden. Der König Diniz III. von Portugal stellte 1307 einen Genuesen an die Spitze der Flotte und noch unter Heinrich dem Seefahrer zeichneten sich die Söhne Genuas bei den Entdeckungsfahrten aus: Perestrello, ein Vorfahr des Schwiegervaters des Columbus, wird als der Wiederentdecker von Porto Santo genannt, Antonio de Noli fand 1460 die capverdischen Inseln (s. o. S. 96).

Auch in Frankreich und England nahmen seit dem 13. und 14. Jahrhundert die Könige genuesische Seeleute in ihren Dienst und vertrauten ihnen die Führung von Seegeschwadern an.[151] Diesem selben Zuge der genuesischen Jugend, in den westlichen Ländern am Ocean und auf dem Ocean selbst ihr Glück zu suchen, folgte auch Columbus.

Ueber +sein Geburtsjahr+ ist viel gestritten worden. Man hat dafür die Jahre 1436, 1446 und 1456 angenommen. Die Ursache dieser auffälligen Schwankungen liegt in den einander widerstreitenden Angaben, wobei, je nach der Berechnung der Zeiträume, auch noch die geringeren Abweichungen bezüglich der Jahre 1435 bis 1437 oder 1445 bis 47 vorkommen. Der Beweis für das Jahr 1436 stützt sich vornehmlich auf die Aussage eines zeitgenössischen Geschichtschreibers, welcher persönlich mit Columbus bekannt war, auf Andres Bernaldez (~Historia de los Reyes catolicos D. Fernando y Da. Isabel, Sevilla 1870~), welcher von 1488 bis 1513 Geistlicher im Städtchen Los Palacios bei Sevilla war, und den Entdecker der neuen Welt bei seiner glücklichen Heimkehr von seiner zweiten Reise als Gast bei sich sah. Bernaldez schreibt, daß Columbus in gutem Greisenalter, im Alter von 70 Jahren etwa gestorben sei. (~Murió in senectute bona de edad de setenta años poco mas o menos.~) Nach dieser Angabe wäre Columbus also etwa 32 Jahre älter gewesen als sein jüngster Bruder Diego, welcher bestimmt im Jahre 1468 geboren ist. Aber Bernaldez hat sich durch das graue Haar des Entdeckers täuschen lassen und wußte nicht, daß Columbus schon mit 30 Jahren ganz weiß geworden war.

Nach einer zweiten Ansicht, welche besonders von Peschel vertreten wurde,[152] soll Columbus 1456 geboren sein. Columbus schreibt nämlich am 7. Juli 1493, er sei in einem Alter von 28 Jahren in den Dienst der spanischen Krone getreten,[153] und erwähnt am 14. Jan. 1493, daß er den kommenden 20. Januar den katholischen Majestäten gerade 7 Jahre gedient habe.[154] Sein Eintritt erfolgte demnach 1486 und sein Geburtsjahr würde um 1458 zu setzen sein. Andererseits sagt aber der Entdecker am 21. Dec. 1492, er sei fast ohne Unterbrechung 23 Jahre auf See gewesen,[155] also seit 1470. Nimmt man dazu die Angabe der „~vida del Almirante~“, welche selbst behauptet[156] von seinem Sohne Ferdinand geschrieben zu sein, daß der Vater schon in seinem 14. Jahre auf die See gegangen sei, so mußte Christoph Columbus 1456 geboren sein.

Allein dagegen ist mit Recht eingewendet, daß Columbus von 1483 bis 1492 fast gar keine Seereisen mehr gemacht hat und seit 1486 sich beständig in Spanien aufhielt, daß demnach der Ausgangspunkt, von dem die 23 Jahre ununterbrochener Seefahrten an rückwärts zu zählen sei, in das Jahr 1483 zu setzen sei, so daß also Columbus seit 1460 etwa das Seegewerbe betrieben habe. Dazu stimmt ferner, daß Columbus 1501 erklärt, er befahre nun bereits seit mehr als 40 Jahren das Meer. Kam er nun sehr jung, im 14. Jahre, aufs Schiff, so müßte er 1446 geboren sein.

Diese Ansicht vertheidigt besonders d’Avezac.[157] Den Widerstreit gegen die eigene Angabe des Columbus, er sei in seinem 28. Jahre in spanische Dienste getreten, löst d’Avezac scheinbar gewaltsam, indem er, wie vor ihm bereits Navarrete, die Zahl 28 für einen Schreibfehler erklärt und behauptet, Columbus hätte schreiben müssen, im 38. Jahre.[158]

Aber d’Avezac verstärkt seine Hypothese durch den Hinweis auf eine gerichtliche Urkunde vom Jahre 1472, in welcher Columbus zweimal als Zeuge vor dem Gericht in Savona, wo sein Vater damals wohnte, aufgeführt wird als: ~Christopherus Columbus, lanarius de Janua, annos Laetoriae legis egressus~. Da nun das Lätorische Gesetz sich auf das 25. Lebensjahr bezieht und Columbus 1472 dieses Jahr bereits überschritten hatte, so kann er unmöglich 1456, wohl aber 1446 geboren sein. Auch in den Jahren 1473 und 1476 wird Columbus zusammen mit seinem Bruder noch in den Gerichtsacten Genuas genannt. Es ist immerhin möglich, daß er, wenn er auch zeitweilig das Handwerk seines Vaters, die Wollweberei betrieb, doch daneben auch kleinere Seereisen unternahm, von denen er nach seiner Vaterstadt zurückkehrte.

Ueber seine Jugendzeit wissen wir wenig, die Angabe der „~Vida~“, welche sogar seinen Sohn Fernando als Verfasser nennt, aber sicherlich nicht von ihm geschrieben ist, sind theils legendenhaft, theils geradezu unglaublich, so daß sie vor der historischen Kritik beanstandet worden sind.[159] Man hat ohne Bedenken danach angenommen, daß Columbus die Universität Pavia besucht habe, aber seine Jugend und die für diese Studien verfügbare Zeit sprechen dagegen, da er bereits mit dem 14. Lebensjahre auf die See ging.[160]

Den Ocean scheint er erst im 30. Jahre kennen gelernt zu haben. Es wird nämlich erzählt, daß er im Jahre 1477 und zwar bereits im Februar, wahrscheinlich von Bristol aus, hundert spanische Meilen über Tyle (Thule) hinaus gesegelt sei (vgl. oben S. 28). Thule identificirte man mit den Faröern, welche damals unter dem Namen Friesland bekannt waren. Columbus suchte also, wie auch andere seiner Landsleute, sein Glück im Auslande zu machen. Von England begab er sich später nach Portugal, wahrscheinlich zu Ende der Regierung Alfons V., welcher 1481 starb, und machte von hier aus eine Fahrt nach der Küste von Guinea. Da er bei dieser Gelegenheit die portugiesische Niederlassung von St. Jorge de la Mina besuchte, so kann diese Fahrt nicht vor 1482 fallen, in welchem Jahre das genannte Fort an der Goldküste erst angelegt wurde. In Lissabon verheirathete er sich mit der Donna Felipa Muñiz-Perestrello, und zog mit ihr nach dem Besitzthum ihres Vaters auf der Insel Porto Santo. Dort lernte er auch die auf das Seewesen bezüglichen Karten und hinterlassenen Papiere seines bereits verstorbenen Schwiegervaters Perestrello kennen. Aus ihnen schöpfte er wohl auch die ersten dunklen Nachrichten von Inseln und Ländern, welche im westlichen Meere liegen sollten, von denen er dann selbst mit Eifer neue Kunde sammelte.

2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt.

Es lag im Glauben der Zeit, hinter jeder am Horizonte auftauchenden Nebelbank im Ocean ein noch unbekanntes, reiches und gesegnetes Land zu vermuthen. Die Canarien, Açoren und Capverden waren in den letzten Jahrzehnten genauer bekannt geworden, die Fortschritte der portugiesischen Entdeckungen wirkten auf die Seeleute geradezu fieberhaft. Die Matrosen erzählten einander von den Geheimnissen des westlichen Weltmeeres, und Columbus lauschte aufmerksam auf solche Berichte. Die ~Vida del Almirante~ führt (Cap. 8) eine Reihe solcher Schiffernachrichten auf, welche gerade durch das Nebelhafte ihrer Umrisse die Phantasie aufzuregen vermochten. Danach hörte Columbus über die Nähe der den westlichen Gestaden der bekannten Welt gegenüberliegen sollenden Küsten mancherlei von solchen Seeleuten, welche häufig die Meere jenseit Madeira und der Açoren befahren hatten. Der portugiesische Pilot Martin Vicente erzählte ihm, er habe 450 Leguas (spanische Meilen) westlich vom Cap S. Vicente ein geschnitztes Holz aufgefischt, welches unter dem mehrere Tage anhaltenden Westwinde herangetrieben sei. Es müsse also in nicht zu großer Entfernung im Westen Inseln oder größeres Land geben. Sein Schwager Pedro Correo theilte ihm mit, daß ein ähnlich bearbeitetes Holz auch in Porto Santo angeschwommen sei. Auf den Açoren waren Stämme von Fichten, wie sie dort nicht wachsen, angetrieben. Auch ein mächtiges Schilfrohr, wie es nur in Indien wachsen konnte, und welches von Knoten zu Knoten 9 Karaffen Wein fassen sollte, war aufgefunden. Auf der açorischen Insel Flores hatten die Bewohner zwei Leichen einer unbekannten Menschenrasse gefunden. Die Ansiedler in der Nähe des Cap de la Virga wollten sogar gedeckte Barken, s. g. Almadias mit fremdartigen Menschen besetzt gesehen haben.

Antonio Leme von Madeira erzählte dem Columbus ferner, er habe 100 Meilen weit gegen Abend drei Inseln gesehen. Dieselben Inseln wurden 1484 wiederum von einem Schiffscapitän aus Madeira gesehen, der sich in Folge dessen nach Portugal begab, um sich von der Regierung eine Caravele zu erbitten, mit welcher er jene Inseln entdecken wollte.

Ein anderer Pilot erzählte ihm in Puerto de Sta. Maria, daß er auf der Reise nach Irland Land gesehen, welches er für den Theil der Tatarei gehalten; schlechtes Wetter habe ihn aber abgehalten daselbst zu landen. Ebenso wollte auch ein Galicier, Pedro Velasques (oder Velasco), westlich von Irland Anzeichen von Land bemerkt haben. Und endlich kam auch der Portugiese Vicente Dias aus der Stadt Tavira in Algarbien mit der Nachricht heim, er habe auf der Rückfahrt von Guinea nach Madeira im Westen unbekanntes Land gesehen. Mit Unterstützung eines reichen Genuesen, Lucas de Cazzana, wurden in Folge dessen mehrere vergebliche Versuche gemacht, dieses Land aufzufinden.

Ob Columbus von der Fahrt des +Johann von Kolno+[161] gehört hatte, welcher 1476 von dem König Christian I. von Dänemark abgesandt worden, um die Verbindung mit Grönland wieder herzustellen, und welcher wahrscheinlich Labrador und den Eingang der später sogenannten Hudsonstraße sah, ist sehr fraglich, wenn sich auch später die Nachricht von dieser Entdeckung bis nach Spanien und Portugal verbreitete, wie daraus zu ersehen ist, daß Gomara in seiner Geschichte von Indien (Zaragoza 1553, S. 20) dieselbe erwähnt.[162]

Alle diese und ähnliche Mittheilungen über Inseln, welche im fernen westlichen Meere liegen sollten, gehörten aber nicht allein dem Zeitalter des Columbus an, sondern lassen sich bis ins classische Alterthum rückwärts verfolgen, wie bereits oben S. 22 angedeutet ist.

Wichtiger noch war es, daß solche Angaben auch von den Verfertigern der Seekarten im 14. und 15. Jahrhundert mit verwendet wurden. Vor allem waren es die Italiener, welche, wie sie den Fortschritt der portugiesischen Entdeckungen mit größter Aufmerksamkeit verfolgten, auch die von ihren Landsleuten zuerst gesehenen Canarien und Açoren in die Karten einzeichneten (oben S. 24). Gradezu überraschend wirkt die Wahrnehmung, daß Andrea Bianco schon 1448 auf seiner Karte eine Andeutung von den Capverden machte, noch ehe dieselben, nachweisbar, von den Portugiesen betreten waren.[163] Aber daneben erscheinen auch andere Gebilde von Inseln, welche nur einer Sinnestäuschung der Seefahrer ihre Existenz verdankten. Zu diesen gehört namentlich die Insel +Antilia+, welche seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts auftauchte und uns zuerst auf einer im Jahre 1424 gezeichneten und in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar aufbewahrten Karte entgegentritt.[164] Ebenso findet sich diese Insel auf den Karten des Battista Beccario vom Jahre 1426 (in München) und vom Jahre 1435 (in Parma). Westlich von den Açoren und etwa 15° vom Cap Finisterre in Galicien erstreckt sich auf der letztern (vom Jahre 1435) eine Inselkette von Norden nach Süden, vom Parallel der Gironde bis zu dem von Gibraltar, und führt die Inschrift: ~Insule de novo reperte~. Von den zwei größeren Inseln ist die südliche Antilia genannt.[165] Auch Andrea Bianco wiederholt 1436 das Bild von Antilia (~ya de antillia~) und fügt hinzu, daß nach der Inselgruppe spanische Schiffe gelangt seien (~questoxe mar de spagna~). Ihm folgt 1476 Andrea Benincasa von Ancona und zeichnet das Bild der Insel wie Bianco, während Martin Behaim dieselbe auf seinem Globus (siehe Beilage) weiter südlich hart an die Grenzlinie der heißen Zone versetzt.

Diese Insel hat eine gewisse Bedeutung in dem Plane des Columbus gehabt und hat, wenn auch nicht ihre damals bereits ziemlich unbestimmte Existenz, so doch wenigstens ihren Namen gerettet und auf die westindische Inselflur vererbt.

Verfolgen wir nun weiter die verschiedenen Anregungen, welche Columbus in sich aufnahm, so müssen wir neben den Schifferberichten und den dieselben beglaubigenden Seekarten auch eines damals verbreiteten geographischen Werkes gedenken, welches der Genuese schon während seines Aufenthaltes in Portugal sehr fleißig las und auch später auf seinen Reisen mit sich führte. Es ist die ~Imago mundi~ (Weltbild) des Cardinal von Cambray, Pierre d’Ailly (Petrus de Alliaco), welche um 1410 geschrieben ist. Dieses Werk stellt sich als eine ziemlich mittelmäßige Compilation aus früheren scholastischen Arbeiten heraus, ~ex pluribus auctoribus recollecta~, wie der Titel der ältesten Ausgabe besagt. d’Ailly bemühte sich, das Wissen der Vergangenheit zusammenzufassen und citirte sowohl Lateiner und Griechen als auch Araber, von jenen den Seneca, Plinius, Solinus, Osorius, Augustin, Isidor und Beda, ferner den Aristoteles, Ptolemäus, Hegesippus, Johannes Damascenus, von diesen den Alfragani und Albategna. Aber er schreibt ziemlich ohne eignes Urtheil und stellt die Ansichten der classischen Autoren höher, als die Resultate neuerer Forschung. Den Namen Marco Polos erwähnt er nirgend. Aus ihm aber schöpfte Columbus den ganzen Vorrath seiner kosmographischen Vorstellungen, namentlich seine Auffassung von der Größe der Erde, von der Schmalheit des Oceans, von der Lage und Natur des Paradieses und von dem bevorstehenden Weltuntergange.[166]

Vor allem auffällig ist die Abhängigkeit des Columbus zu erkennen, wenn wir das 8. Capitel der Imago, über die Größe der bewohnbaren Erde, prüfen. Aus diesem Abschnitte entlehnte der Genuese in seinem Briefe aus Haiti, auf seiner dritten Reise (1498), einen längeren Abschnitt. d’Aillys Darstellung ist etwa folgende.[167] Wenn man wissen will, wie viel von der Oberfläche der Erde bewohnbar ist, so hat man theils das Klima, theils das Wasser zu berücksichtigen. Ptolemäus meinte, etwa ein Sechstel der Erde sei Land, das übrige mit Wasser bedeckt. Im Almagest (~lib. II.~) modificirte er seine Ansicht, und hielt ¼ der Erdoberfläche für bewohnbar. Aristoteles nahm einen noch größeren Länderraum an und lehrte, daß zwischen der Westküste Spaniens und der Ostküste Indiens das Meer (unser atlantischer Ocean) nur schmal sei. Ueberdies sagt Seneca im 5. Buche der Naturgeschichte, daß man bei günstigem Winde in wenig Tagen über dieses Meer segeln könne. Aehnlich spricht sich auch Plinius aus, so daß man daraus folgern darf, daß das Meer unmöglich ¾ der Erdoberfläche bedecken kann.

Dazu kommt noch der gewichtige Ausspruch Esra’s (Esdra) im 4. Buche, welcher behauptet, es sei nur 1/7 der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt.

Im 49. Capitel, welches von der Verschiedenheit der Gewässer und namentlich vom Ocean handelt, kommt d’Ailly noch einmal auf dieses Thema zurück und betont, daß sowohl Aristoteles als auch sein Commentator Averroes darauf aufmerksam gemacht, daß der Abstand zwischen der Westküste Afrikas und der Ostküste Indiens (d. h. Asiens) nicht sehr groß sein könne, weil man in beiden Ländern Elephanten finde. Wie groß aber der Abstand ist, weiß man noch nicht, denn er ist weder in unseren Zeiten gemessen, noch finden wir darüber bei den alten Schriftstellern genauere Angaben. Aber, fügt er im 51. Capitel hinzu, soviel ist gewiß, daß die Ausdehnung der bewohnten Erde von Spanien ostwärts bis Indien viel größer ist als der halbe Umfang der Erde.

Mit diesen und ähnlichen Gründen wollte Columbus später die leichte Ausführbarkeit seines Planes einer Westfahrt erhärten. Mit Recht bemerkt Humboldt (Kosmos II, 281) dazu: „Sonderbares Zeitalter, in welchem ein Gemisch von Zeugnissen des Aristoteles und Averroes, des Esra und Seneca über die geringe Ausdehnung der Meere im Vergleich mit der der Continentalmasse den (spanischen) Monarchen die Ueberzeugung von der Sicherheit eines kostspieligen Unternehmens geben konnte.“

Außer diesen Hauptstellen hatte Columbus auch noch andere Vorstellungen aus den Lehren d’Ailly’s sich angeeignet. Dahin gehört die Behauptung des Cardinals (Cap. 12), daß, wie schon Augustin gelehrt habe, die heiße Zone von menschlichen Ungeheuern belebt sei. Es geht dies hervor aus einer Aeußerung aus dem Tagebuch der ersten Reise des Entdeckers, wo derselbe verwundert bemerkt, die erwarteten Ungeheuer habe er noch nicht gefunden. Ferner die Auffassung von der Lage des irdischen +Paradieses+. Dasselbe liegt, schreibt d’Ailly Cap. 55, nach der Angabe des Isidor, Johannes Damascenus, Beda u. a. in der lieblichsten Gegend des Ostens, weit von unserm bewohnten Gebiet entfernt auf einem erhabenen Ort, so daß es fast bis in die Mondsphäre reicht und von den Wassern der Sündflut nicht bedeckt werden konnte. Von diesem hohen Berge stürzen nun die Gewässer mit gewaltigem Brausen herab und bilden einen großen See. Eine ebenfalls von Columbus benutzte Ansicht und eine Ergänzung des obigen über die Natur des Paradieses finden wir bereits im 7. Capitel, wo gelehrt wird, daß das im Osten gelegene Paradies, auch wenn es in der Nähe des Aequators liege, doch wegen seiner bergehohen Lage ein sehr mildes Klima besitze.

Endlich gehört hieher noch ein Ausspruch d’Ailly’s, in seinem ~Vigintiloquium de concordia astronomicae veritatis cum theologia, p. 181~, worin er die Dauer der Erde von der Schöpfung bis auf die Geburt Christi, nach Ermittlung Bedas, auf 5199 Jahre berechnet, so daß also bis 1501 nach Christi 6700 Jahre verflossen seien. Da aber das jüngste Gericht 7000 Jahre nach Christi eintreten wird, ist der Weltuntergang nahe bevorstehend. Obwohl Columbus in den Zahlen etwas abweicht, so hat er den Grundgedanken doch in seinen Plan verwebt.

3. Das Project Toscanelli’s.

Wenn nun auch alle diese Meinungen und Lehrsätze d’Ailly’s einen großen Einfluß auf die Gestaltung des Planes gehabt haben, so waren sie, weil im allgemeinen zu verschwommen, nicht kräftig genug, um einen wirklichen Impuls auszuüben, die Fahrt zu unternehmen. Denn welcher Seemann konnte nach solchen allgemeinen, vagen Vorstellungen seinen Cours einschlagen, welcher Fürst und welcher Staat würde zu einem solchen Zuge ins Blaue die Mittel verschwendet haben? Darum kann ich Humboldt darin nicht beistimmen, daß die Imago Mundi mehr Einfluß auf die Entdeckung von Amerika geübt, als der Briefwechsel Toscanelli’s (Kosmos II, 286). Grade die ganz bestimmte Direction, welche dieser ausgezeichnete Astronom und Physiker den Ideen seines Landsmannes gab, man kann sagen, die von ihm ganz genau vorgeschriebene Segelroute war es, welche einerseits den noch unklaren Vorstellungen des Columbus den richtigen Stützpunkt gab und andererseits auch die Monarchen ermuthigte, die Kosten zu wagen.

In dieser Hinsicht muß man entschieden der Ansicht d’Avezacs beipflichten: „Die Ideen des Columbus entstanden aus einer Summe von Notizen, welche er allmählich aus verschiedenen Quellen geschöpft; aber ein bestimmtes Project kam erst durch den Brief Toscanelli’s zur Reife. Dieser +monumentale+ Brief sichert dem Toscanelli das unzweifelhafte Verdienst, die transatlantischen Entdeckungen angeregt zu haben.“[168]

Diesen Brief lernte Columbus wahrscheinlich erst im Anfange der achtziger Jahre kennen. Bis dahin war er einfach ein Seefahrer gewesen, von da an wurde er Entdecker. Danach ist auch die von Las Casas gemachte Zeitangabe zu verbessern,[169] wonach sich Columbus 14 Jahre bemüht haben soll, den König von Portugal für seine Pläne zu gewinnen. Da wir wissen, daß Columbus noch um 1476 in Genua war, und 1484 nach Spanien ging, so ist die Angabe des Bischofs bestimmt falsch. Avezac (~l. c. p. 43~) stellt die Vermuthung auf, es könne statt 14 Jahre recht wohl 14 Monate heißen und Columbus habe seinen Vorschlag zuerst im September oder October 1483 gethan, und sei dann gegen Ende des nächsten Jahres nach Spanien übergesiedelt. -- Doch wenden wir zunächst unsere Aufmerksamkeit dem Briefe Toscanelli’s zu. Paolo Toscanelli, auch, weil er Arzt war, ~Paolo fisico~ genannt (geb. 1397 in Florenz, gestorben 1482), gehörte zu den ausgezeichnetsten Gelehrten seiner Vaterstadt und beschäftigte sich namentlich mit Kosmographie. Durch lebhaften Verkehr stets in Verbindung mit berühmten Reisenden, Seefahrern und Kartenzeichnern, hat er wohl zuerst bei dem Studium des Marco Polo und angesichts der durch persönlichen Verkehr mit Nicolo de Conti (s. oben S. 77) weiter bestätigten großen Entfernung Ostasiens von Europa, sowie neuer Beglaubigungen der Berichte von den kostbarsten Produkten, den menschenwimmelnden prachtvollen Städten und großartigen Reichen den Gedanken gefaßt, daß von Portugal oder Italien aus +ostwärts+ die Entfernung bis Quinsay und Zaiton weit mehr als den halben Erdumfang betragen müsse, und weiterhin daraus gefolgert, daß dann der Weg über das Westmeer der nähere sein müsse. Zur Veranschaulichung dieser Idee bedurfte es einer Karte, welche die, wie es scheint, vor ihm noch nie entworfene Wasserseite der Erde darstellte. Denn die Seekarten dienten praktischen Zwecken und stellten daher nur die in der Nähe der großen Handelslinien befindlichen Küsten und Länder dar. Da nun Toscanelli sah, wie sich bereits seit einem halben Jahrhundert die Portugiesen abmühten, die Umfahrt um Afrika zu vollenden, so richtete er 1474 einen Brief an den Canonicus Fernam Martinz in Lissabon, um den König unter Beigabe einer von ihm selbst entworfenen Karte auf seine Idee, das Morgenland durch eine Westfahrt zu erreichen, aufmerksam zu machen. Allein die Portugiesen hatten 1471 glücklich die Goldküste entdeckt (s. oben S. 104) und beuteten dieses Gebiet aus, ohne Neigung, sich in unbestimmte kostspielige Unternehmungen einzulassen. Toscanelli’s Aufforderung fand also keinen Anklang; sein Brief galt wohl mehr als Curiosum, denn daß man ein Staatsgeheimniß daraus machte, von dem nichts verlauten dürfe, um nicht andere Unternehmer in dieselben Bahnen zu lenken. So konnte auch Columbus nach Jahren davon Kunde erhalten und sich eine Abschrift dieses Briefes verschaffen, indem er sich direct an Toscanelli wandte. Wir kennen die Briefe des Columbus nicht, sondern nur die Antworten des Florentiner Gelehrten und auch diese in einer sicher nicht authentischen Fassung, da sie nur in der Vida del Almirante sich finden, welche den Wortlaut nicht nur nicht getreu wiedergegeben hat, sondern durch offenbare Einschiebsel den Zeitpunkt des Schreibens zu verrücken sucht, um Columbus zu glorificiren, indem man die Bedeutung des Briefes als maßgebend für den Impuls zu der Westfahrt verminderte und die Initiative allein dem Entdecker beimaß.

Nach der jetzt vorliegenden Fassung des Briefes schrieb nämlich Toscanelli folgendermaßen:

„Ich sehe Eurer edles und großes Verlangen, dahin zu reisen, wo die Spezereien wachsen. Daher sende ich Euch zur Beantwortung Eures Briefes die Abschrift eines andern, den ich +vor einigen Tagen+ an einen meiner Freunde, im Dienste Sr. Maj. des Königs von Portugal, +vor den castilischen Kriegen+, in Beantwortung eines andern schrieb, welchen er im Auftrage des Königs über die betreffende Angelegenheit an mich richtete, und ich schicke Euch eine andere Seekarte (~carta da marear~), die mit derjenigen übereinstimmt, welche ich ihm sandte.“

Der castilische Erbfolgekrieg fällt in die Zeit von 1474-1479. Es liegt auf der Hand, daß man den Ausdruck „+vor+ den castilischen Kriegen“ nur gebrauchen kann, wenn der Krieg vollständig beendigt ist, aber weder im Beginn noch im Verlauf desselben. Der Brief Toscanelli’s muß also an Columbus +nach+ 1479 geschrieben sein, der Originalbrief an Martinz +vor+ oder um 1474. Das Datum dieses Briefes lautet auch: Florenz, 25. Juni 1474. Steht dieses fest, dann kann Toscanelli aber nicht an Columbus schreiben, er habe erst „vor einigen Tagen“ den Brief an Martinz verfaßt, denn es lag ein Zeitraum von mindestens 5 Jahren dazwischen. Eine der beiden Zeitangaben ist falsch, die Entscheidung fällt unbedingt +gegen+ den Ausdruck „vor einigen Tagen“. Es soll einerseits durch diesen Zusatz der Plan als geistiges Eigenthum des Columbus hingestellt und der Einfluß Toscanelli’s verdeckt werden; denn wenn der florentinische Gelehrte erst „vor einigen Tagen“ den ersten Brief nach Portugal geschickt hat, kann Columbus noch keine Mittheilung von demselben haben, selbst wenn der Brief direct an ihn selbst gerichtet wäre. Es soll dem Entdecker die Priorität des Gedankens gerettet worden. Andererseits wird der Zeitpunkt, in welchem dem Genuesen der Plan reifte, um wenigstens fünf Jahre zurückgerückt, aber leider in eine Zeit verlegt, welche mit dem angeblich früheren, ständigen Aufenthalte des Columbus in Portugal sich nur schwer vereinigen läßt, da sein Name in den Acten Genuas 1472, 1473 und 1476 erscheint. Wenn dadurch auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß Columbus 1474 sich zu Lissabon aufgehalten, so doch sicher nur als Seemann vorübergehend, und es bleibt die Frage unerledigt, warum er sich nicht direct von Italien aus an den Physiker in Florenz gewandt. Zudem ist auffällig, daß, nach dem zweiten Briefe Toscanelli’s zu urtheilen, dieser Gelehrte nicht zu wissen scheint, daß Columbus ein Italiener ist. Er hält ihn vielmehr für einen Portugiesen, wie aus der Anspielung auf diese Nation hervorgeht. Wenn Columbus nun nach dieser Seite sich nicht deutlich ausgesprochen hat, ist der Schluß nicht unberechtigt, daß er bereits in Portugal seit mehreren Jahren ansässig gewesen und sich also gleichsam als Portugiese gefühlt habe, wie er ja auch in Spanien später seinen ganzen Namen umänderte. Dann aber fällt die Correspondenz mit Toscanelli bereits in den Anfang der achtziger Jahre,[170] was auch am besten zu dem ganzen Verlauf der Angelegenheit in Portugal stimmt.

Glücklicherweise ist von dem ausgezeichneten Forscher der ältesten amerikanischen Literatur, von Harrisse, eine von Columbus selbst geschriebene Copie des Toscanelli’schen Briefes an Martinz in der Colombinischen Bibliothek zu Sevilla aufgefunden und veröffentlicht. Ein Vergleich dieses lateinisch geschriebenen Briefes mit dem in der ~Vida del Almirante~ gegebenen Texte zeigt deutlich, daß auch dieses wichtige Document durch die Hand des Biographen des Entdeckers nicht unwesentliche Veränderungen erfahren hat.

Wegen seiner großen Bedeutung theilen wir den Brief vollständig mit.[171]

„Dem Canonicus Ferdinand Martinz zu Lissabon sendet der Physiker Paul (Toscanelli) seinen Gruß. Von deinem vertrauten Umgange mit Sr. Maj. dem Könige ist es mir um so angenehmer gewesen Kenntniß zu erhalten, als ich mit dir schon früher gesprochen habe über einen kürzeren Seeweg zu den Gewürzländern, als derjenige ist, welcher über Guinea führt. Der König wünscht nun von mir eine noch mehr durch den Augenschein überzeugende Erläuterung, so daß auch der minder Bewanderte diesen Weg begreifen und verstehen kann. Obgleich ich nun weiß, daß man dies an einer Kugel, welche die Erde vorstellt, zeigen könnte, so habe ich mich doch des leichteren Verständnisses und der geringen Mühe wegen, entschlossen, diesen Weg auf einer Seekarte zu erläutern. Ich sende also Sr. Majestät eine eigenhändig entworfene Karte, auf welcher eure Küsten und Inseln eingezeichnet sind, von denen der Weg, immer gegen Abend, beginnt, und die Orte, zu denen man gelangen muß, und wie weit man vom Pol oder vom Aequator abweichen muß, und durch einen wie großen Abstand, d. h. nach wie viel Meilen, man zu jenen Orten kommen muß, welche die größte Fülle von allen Gewürzen und Edelsteinen besitzen. Und wundert euch nicht darüber, daß ich +das+ „+westliches+“ Gebiet nenne, wo die Gewürze sind, während es gewöhnlich als östliches bezeichnet wird, weil durch Seefahrten immer nach Westen jene Gegenden durch unterirdische (~subterraneas~) Fahrten gefunden werden, während sie zu Lande und auf dem +oberen+ Wege immer nach Osten aufgesucht werden. Demnach zeigen die geraden in der Länge der Karte eingetragenen Linien den Abstand von Osten nach Westen, dagegen die transversalen Linien die Abstände von Süden nach Norden. Ich habe aber in der Karte verschiedene Orte eingetragen, zu denen ihr nach den genauern Nachrichten der Schifffahrten kommen könntet; sei es nun, daß man durch (widrige) Winde oder durch irgend einen andern Umstand anderswohin gelangte, als man erwartete, theils aber auch, um den Einwohnern zu zeigen, daß sie (die Seefahrer) bereits eine Kenntniß jenes Landes haben, was um so angenehmer sein muß. Es wohnen aber auf den Inseln nur Kaufleute. Es wird nämlich behauptet, daß dort eine so große Menge von Kauffahrteischiffern, wie sie auf der ganzen übrigen Welt nicht sind, sich in dem einen berühmtesten Hafen, Namens Zaiton finden. Man behauptet nämlich, daß in jenem Hafen jährlich 100 große Schiffe mit Pfeffer abgehen, ungerechnet die anderen Schiffe, welche andere Gewürze laden. Jenes Land ist sehr volkreich und sehr reich an Provinzen, Staaten und zahllosen Städten und steht unter +einem+ Fürsten, welcher der +Groß-Kan+ genannt wird, was so viel als König der Könige bedeutet. Sein Sitz und seine Residenz ist meistens in der Provinz +Katay+. Seine Vorfahren wünschten mit den Christen in Verkehr zu treten. Schon vor 200 Jahren schickten sie zum Papste und baten um mehrere Gelehrte, damit sie im Glauben unterrichtet würden; aber dieselben stießen unterwegs auf Hindernisse und kehrten wieder um. Auch zur Zeit des Papstes Eugen kam einer zu Eugen[172] und bestätigte das große Wohlwollen gegen die Christen; und ich habe selbst ein langes Gespräch mit ihm gehabt über vielerlei, über die Größe der königlichen Paläste und über die Größe der Flüsse in der Breite und wunderbaren Länge und über die Menge der Städte an den Ufern der Flüsse, daß an einem Flusse gegen 200 Städte erbaut sind und marmorne Brücken von großer Breite und Länge, welche allenthalben mit Säulen geziert sind. Dieses Land ist werth, von den Lateinern aufgesucht zu werden, nicht allein weil ungeheure Schätze von Gold, Silber und Edelsteinen aller Art von dort gewonnen werden können und von Gewürz, welches nie zu uns gebracht wird, sondern auch wegen der gelehrten Männer, Philosophen und erfahrenen Astrologen, und um zu erfahren, mit welchem Geschick und Geist dieses so mächtige und große Land regiert wird und auch Kriege geführt werden. Florenz, 25. Juni 1474.“

„Von Lissabon nach Westen in gerader Linie sind 26 Spatien in die Karte eingetragen, von denen jedes 250 Milliarien umfaßt, bis zu der sehr prächtigen und großen Stadt Quinsay. Dieselbe hat einen Umfang von 100 Milliarien und hat 10 Brücken und der Name bedeutet Stadt des Himmels,[173] und viel Wunderbares wird darüber berichtet von der Menge der Künstler und der Einkünfte. Dieser Abstand beträgt fast den dritten Theil der ganzen Erde. Jene Stadt liegt in der Provinz +Mangi+, in der Nachbarschaft der Provinz +Katay+, in welcher die Hauptstadt des Landesherrn liegt. Aber von der auch bekannten Insel +Antilia+ zu der sehr berühmten Insel +Cippangu+ sind 10 Spatien. Jene Insel nämlich ist sehr reich an Gold, Perlen und Edelsteinen, und mit purem Golde deckt man Tempel und Paläste. Und so muß man auf unbekannten aber +nicht weiten+ Wegen den Raum des Meeres durchschneiden.“

Leider ist die Karte Toscanelli’s, welche Columbus auf seiner Reise bei sich hatte und welche später Las Casas in seinem Besitze hatte, nicht bis auf unsere Zeit erhalten. Um ein Bild von derselben zu gewinnen, muß man vor allem die von Toscanelli fixirten Abschnitte oder Spatien prüfen. Es ist besonders wichtig zu betonen, daß der florentinische Astronom nur +ein+ Längenmaß, Milliarien, gebraucht und von diesen römischen Millien 250 auf ein Spatium rechnet. Humboldt[174] und Peschel[175] sind deshalb zu irrigen Resultaten gelangt, weil sie den lateinischen Originaltext des Toscanelli’schen Briefes noch nicht kannten und durch die in den spanischen und italienischen Uebersetzungen jenes Documents eingeschobenen und zum Theil wieder verschriebenen und entstellten Uebertragungen von Millien in Leguas zu falschen Schlüssen verleitet worden.

Die Angaben und Vorschriften Toscanelli’s für eine westliche Fahrt zu den Gewürzländern waren so bestimmt und zuversichtlich gegeben, daß Columbus dieselben nur zu adoptiren brauchte. Und daß er sich in diesem Sinne ausgesprochen hat, läßt sich aus der darauf folgenden Antwort Toscanelli’s erkennen. Da sind keine Zweifel zu beseitigen, keine dunklen Punkte mehr aufzuhellen, keine Fragen zu beantworten. Columbus hat sich bereit erklärt, die Idee Toscanelli’s zu verwirklichen und dieser versichert noch einmal, der Weg sei ganz sicher und führe zum Ziel: „Ich lobe eure Absicht,“ schreibt der Physiker, „nach Westen zu fahren und ich bin überzeugt, wie ihr auf meiner Karte bereits gesehen habt, daß der Weg, den ihr nehmen wollt, nicht so schwierig ist, als man denkt; im Gegentheil der Weg nach jenen Gegenden, welche ich eingezeichnet habe, ist ganz sicher. Ihr würdet keine Bedenken haben, wenn ihr, wie ich, mit vielen Personen verkehrt hättet, welche in jenen Ländern gewesen sind, und seid gewiß, mächtige Könige anzutreffen, viele volkreiche wohlhabende Städte und Provinzen zu finden, welche an jeder Art Edelsteinen Ueberfluß haben; und es wird die Könige und Fürsten, welche in jenen entfernten Ländern herrschen, hoch erfreuen, wenn man ihnen einen Weg bahnt, um mit den Christen in Verbindung zu treten und sich von denselben in der katholischen Religion und in allen Wissenschaften, welche wir besitzen, unterrichten zu lassen. Deshalb und wegen vieler anderen Ursachen wundere ich mich nicht, daß ihr so viel Muth zeigt wie auch die ganze portugiesische Nation, in welcher es immer Männer gegeben hat, die sich in allen Unternehmungen auszeichnen.“

Zwei Momente sind in diesem Schreiben noch beachtenswerth, einmal die besondere Bedeutung der Fahrt für die Verbreitung des Glaubens, auf welche Columbus selbst möglicherweise in seinem Brief angespielt hatte und sodann die Anerkennung des portugiesischen Unternehmungsgeistes. Toscanelli weiß offenbar nicht, daß Columbus Italiener ist, er hält ihn vielmehr für einen Portugiesen, und dieser hat über seine Heimat und sein Vaterland keine Mittheilung gemacht.

* * * * *

Wahrscheinlich im Jahre 1483 trat Columbus zuerst mit seinem Plane hervor. Der König Johann II. forderte darüber das Gutachten einer Commission ein, welche aus den bedeutendsten Gelehrten, Diego Ortiz, Bischof von Ceuta und Beichtvater des Königs, so wie aus den beiden königlichen Aerzten Rodrigo und Joseph bestand. Aber diese Räthe nahmen, wie Barros erzählt[176] die Reden des Genuesen für eitle Prahlerei und erklärten das ganze Project für Träumerei, welche nur in den Berichten Marco Polo’s ihren Grund habe. Und da auch der König sah, daß Columbus ein höchst fantastischer Schwätzer sei, so schenkte er ihm keinen Glauben. Und als bald darauf seine Gemahlin starb, verließ Columbus 1484 Portugal für immer, um in Spanien sein Glück zu versuchen. Man hat das Urtheil der Commission scharf getadelt wegen der rücksichtslosen Abweisung eines Unternehmens, welches noch im Laufe des nächsten Decenniums mit Erfolg gekrönt zu sein schien. Allein man darf nicht vergessen, daß die portugiesischen Ziele bestimmt nach einer andern Richtung wiesen und daß, wenn auch das Südende Afrikas noch nicht entdeckt war, doch die Erforschungen des Weges nach Indien nicht wieder auf einem ganz andern Wege begonnen werden konnten, nachdem man bereits so manchen Erfolg zu verzeichnen gehabt hatte. Es würde die Mittel des Reiches zersplittert haben. Dazu hatten die portugiesischen Räthe im Grunde Recht, den geringen Abstand der Westküste Europas von der Ostküste Asiens zu leugnen; und es ist nicht abzusehen, was aus dem Geschwader des Columbus geworden wäre, wenn er die wirkliche Breite des Weltmeers bis zu den Gestaden Chinas hätte durchmessen müssen.

Das später ausgesprengte Gerücht, der König Johann habe heimlich ein Schiff zur Westfahrt abgesendet, um den Plan des Columbus auszuführen, entbehrt jedes historischen Glaubens.

Auch in Spanien fand Columbus anfangs keinen günstigen Boden, aber er harrte, da sich allmählich die Aussichten günstiger zu gestalten schienen, jahrelang aus, bis die Zeitverhältnisse die Erfüllung seiner heißesten Wünsche, denen er von nun an sein ganzes Leben widmete, gestatteten.

4. Columbus in Spanien.

Es ist ein beachtenswerther Umstand, daß wir kein Porträt von Columbus besitzen, welches erwiesenermaßen als getreu bezeichnet werden darf. Daher weichen die Bildnisse, welche es von dem Entdecker der neuen Welt gibt, so außerordentlich von einander ab. Vielleicht liegt die Ursache darin, daß Columbus nur wenige Jahre sich der höchsten Gunst erfreute und bei seinem Tode unter seinen Zeitgenossen fast vergessen schien. Wenn man indeß die Schilderungen der Mitlebenden prüft, werden die beigegebenen Porträts wohl als die annähernd getreuesten zu erachten sein. Columbus war von hoher und kräftiger Gestalt, aber nach der Eigenthümlichkeit seines Kopfes und seiner Farbe hätte man ihn eher für einen Nordländer als für einen Italiener halten sollen. In dem länglichen, gerötheten, mit Sommersprossen bedeckten Gesichte leuchteten ein Paar hellblaue Augen; auch sein Kopfhaar war röthlich, ergraute aber frühzeitig, weshalb man ihn in der Regel für älter hielt, als er wirklich war. Die älteste Charakteristik verdanken wir dem Italiener Angelo Trivigiano,[177] welcher 1507 die Reiseberichte veröffentlichte. In der deutschen Uebersetzung des Jobst Ruchhamer vom Jahre 1508 lautet diese Darstellung, welche uns zugleich in die Unternehmung des Columbus einführen soll, folgendermaßen:

Hie anhebet das vierde Buch, Vnd ist von der schieffarthe des kuniges von Castilia, von Inseln vnd landen in kurtze erfunden. Das lxxxiiij Capitel, wie der kunige von Hispania rüstet, oder beraythe zway schieffe, dem Christoffel Dawber[178] von Jenua zu faren gegem nidergang.

DIser Christoffel Dawber von Jenua was ein man̄e lang vnd gerade, was grosser vernunfft, hette ein lang angesicht, nachuolgte vnd anhienge lange zeythe den Allerdurchleuchtigsten kunigen von Hispania, an alle orthe vnd ende so sie hin raysten, begerthe, das sie ime solten helffen zurüsten vnd belastigen etwan ein Schieffe, erbothe sich, er wölte finden gegen dem nidergange Inseln, anstossende an India, daselbstdann̄ die mennge der Edlen gestaynen, vnd Spezereyen, vnd auch des goldes, welches man leychtlich möchte vberkummen, der Kunig vnd Kunigin, vnd auch alle die vorgeensten in Hispania, hetten lange zeyte ein spyle, oder kurtzweyl an diesem furnemen dises Christoffels, vnd zu letzste nach siben jaren oder vber siben jare, vnd nach seynem manigualtigen begeren, bitten, vnd anlangen, wurden sie zu gefallen seynem willen, vnd rusten ime ein Naue, das ist, ein großses schieffe, vnd zway Grauele, mit welcher er hinweg fure von Hispania, vnd also anfienge sein rayse oder schieffarthe, vmb die ersten tage des Septeēber, das ist, des Herbstmondes, im MCCCCxCij Jare. --[179]

Am Schluß der originellen Uebersetzung steht: Also hat ein endte dieses Büchlein, welches auß wellischer sprach in die dewtschen gebrachte vnd gemachte ist worden, durch den wirdigē vnd hochgelarthen Herrn̄ Jobsten Ruchamer der freyen Künste, vnd artzenneien Doctorn̄ etc. Vnd durch mich Georgen Stüchßen zu Nüreinbergk, Gedrückte vnd volendte nach Christi vnsers lieben Herren geburdte. M.ccccc.viij Jare, am Mittwoch sancthi Mathei, des heiligen apostels abenthe, der do was der zweyntzigiste Tage des Monadts Septembris.

Columbus ging nach Südspanien. Hier gelang es ihm, einflußreiche Gönner zu finden, unter denen namentlich der Herzog von Medinaceli sich seiner annahm und ihn fast zwei Jahre lang als Gast in seinem Hause beherbergte, damit derselbe nicht, wie er beabsichtigte, nach Frankreich gehe, um dort dem Könige sein Project anzubieten.[180]

Im Januar des Jahres 1486 erhielt er durch die Vermittlung des Cardinalbischofs Mendoza von Toledo bei der Königin Isabella Audienz, wurde, nachdem er seinen Plan vorgelegt, in das königliche Gefolge aufgenommen und erhielt dessen Freiheiten und Auslösung. Er war damit in den Dienst der spanischen Krone getreten. Aus den Jahren 1487 und 1488 haben sich mehrere Belege der kleinen Unterstützungen erhalten, welche Columbus aus der königlichen Kasse erhielt, und welche in den einzelnen Posten höchstens 10 Ducaten betrugen.[181]

Man hatte zwar von dem Vorhaben des Columbus im allgemeinen eine günstige Meinung, wollte aber zuvor das Urtheil der Gelehrten hören und wies ihn daher an die Universität von Salamanca. Hier hatte Columbus einen schlimmen Stand; denn er berief sich nicht blos auf seine kosmographischen Autoritäten, sondern glaubte vor dem Rath der gelehrten Geistlichen auch mit falschverstandenen Bibelsprüchen kämpfen zu können und legte von sich und seinem Beruf eine so eigenthümliche schwärmerische Meinung an den Tag, daß die Mehrzahl der Richter sich nicht für ihn erklären konnte.

Die Art seines Auftretens läßt sich am besten aus den brieflichen Mittheilungen erkennen, welche Columbus später bei verschiedenen Gelegenheiten selbst gegeben hat.

„Ich habe mit wissenschaftlichen Männern, Geistlichen und Weltlichen, Lateinern und Griechen, Juden und Mauren und vielen anderen verkehrt. Dazu gab mir der Herr den Geist der Erkenntniß. In der Schifffahrtskunde gab er reiche Fülle; von der Sternkunde gab er mir, was ich brauchte und auch von der Geometrie und Arithmetik. In dieser Zeit habe ich alle Arten von Schriften studirt: Geschichtswerke, Chroniken, Philosophie und andere Wissenschaften.“[182]

„Die heilige Trinität,“ schreibt Columbus bei einer andern Gelegenheit,[183] „bewog Ew. Maj. zu dem Unternehmen nach Indien und durch ihre unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu verkündigen. Deshalb kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Ew. Maj., wie zu den mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im Glauben übten und so viel für seine Verbreitung thaten. Trotz alles Ungemachs, welches mir widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung gelingen werde, und beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen wird, ausgenommen das Wort Gottes. Und in der That, Gott spricht so klar von diesen Gegenden durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen der heiligen Schrift, wenn er versichert, daß von Spanien aus sein heiliger Name solle verbreitet werden.“[184]

In der Colombinischen Bibliothek zu Sevilla wird noch die handschriftliche Correspondenz des Columbus mit dem Pater Gorricio, einem Karthäuser aus dem Kloster Sa. Maria de las Cuevas zu Sevilla aufbewahrt, welche eine Menge Texte des alten und neuen Testamentes enthält, die sich auf die Entdeckung der neuen Welt beziehen sollen, sowie verschiedene Aussprüche der Kirchenväter und Classiker. Diese letzteren sind aus Aristoteles, Plinius, Seneca u. a. von Gorricio excerpirt in der besondern Absicht, von Columbus verwendet zu werden.[185] Unter diesen ist besonders berühmt und viel genannt worden die prophetische Stelle aus der Tragödie Medea von Seneca:

~Venient annis saecula seris, Quibus Oceanus vincula rerum Laxet et ingens pateat tellus, Thetysque novos detegat orbes, Nec sit terris ultima Thule.~[186]

Mit diesen Prophezeiungen, welche Columbus auf sich bezog und durch welche er um so fester von seiner göttlichen Sendung sich überzeugt hielt, ging Hand in Hand die von ihm gefaßte Idee, durch die schon von Toscanelli in Aussicht gestellten Schätze das heilige Grab zu erobern und den Erzfeind aus dem Besitz der heiligen Stätten zu verdrängen. Diesen Gedanken legt er in dem Tagebuch seiner ersten Reise (vom 26. December 1492) nieder und wiederholt ihn in einem Briefe von 1503.

Aber er fühlt auch den Beruf in sich, alle Heiden vor dem nahen Weltuntergange zum Christenthume zu bekehren. „Der heilige Augustin lehrt uns,“ schreibt er 1503, „daß das Ende der Welt 7000 Jahre nach der Schöpfung stattfinden werde. Das ist auch die Meinung der heiligen Theologen und des Cardinals Pedro de Aliaco. Da nun nach der Berechnung des Königs Alfons von Portugal bereits 6845 Jahre verflossen sind, so ist die Frist bis zum Untergange nur noch eine sehr kurze.“

Man darf sich nicht wundern, daß selbst die Theologen von Salamanca sich mit diesen mystischen Combinationen, mit dieser wunderlichen Mischung einerseits von astronomisch-kosmographischen Berechnungen und Schlüssen, anderseits von classischen und biblischen Prophezeiungen und falschen Deutungen nicht einverstanden erklären konnten.

Man muß dazu auch die politische Lage der beiden verbundenen spanischen Monarchien erwägen, und daß Ferdinand und Isabella nicht blos schwere Kämpfe zur Befestigung der königlichen Autorität, sondern auch langwierige Kriege mit den Mauren zu führen hatten und durch diese Projecte leicht auch in neue Verwickelungen mit dem Nachbarstaate Portugal gebracht werden konnten.

„Glücklicherweise aber,“ sagt Humboldt,[187] „begünstigten die vorhandenen Irrthümer die Ausführung des Planes und flößten einen Muth ein, welchen genauere Kenntniß von den Dimensionen des Erdkörpers, der geographischen Länge von Catigara, Cathai und Zipangu, der bedeutenden Ausdehnung des zwischen liegenden Oceans und der geringen Masse des Festlandes wahrscheinlich erschüttert haben würden.“

Man hat das Urtheil der wissenschaftlichen Prüfung in Salamanca ebenso verdächtigt und verleumdet, als jenes abfällige Urtheil der Junta in Portugal. Aber alle die Gegengründe, welche vorgebracht sein sollen, klingen so lächerlich, daß sie als platte Erfindung erscheinen, welche später, nachdem der Erfolg sich für Columbus ausgesprochen, zu seiner Verherrlichung erdacht sind.

Im Collegium zu Salamanca fand sich nur Einer, Diego de Deza, der Lehrer des Prinzen Don Juan, später Erzbischof von Sevilla, welcher sich des kühnen Planes annahm; aber da sich Talavera, damals Prior von Prado und später Erzbischof von Granada entschieden dagegen erklärte, so wurde vorläufig die Entscheidung ausgesetzt und Columbus auf eine günstigere Zeit vertröstet. So lebte er, von Jahr zu Jahr auf Erfüllung hoffend, bald in Sevilla, bald in Cordoba, gleichsam von königlichem Gnadenbrote, wenig gekannt und wenig Freunde gewinnend.

Die ganze Angelegenheit rückte nicht vorwärts. Und als selbst noch im Jahre 1491 die entscheidende Commission erklärte, sie könne erst nach Beendigung des Krieges gegen Granada die Sache in genaue Erwägung ziehen und damit gleichsam in einer höflichen Form das Project ablehnte, so entschloß sich Columbus endlich, doch das Land zu verlassen, das ihn seit sieben Jahren in peinlicher Muße hingehalten hatte.

Auf seinem Wege nach Huelva, wo er sich einschiffen wollte, kam er, mit seinem Sohne Diego an der Hand, von Palos, am breiten Rio Tinto abwärts wandernd, zu Fuß nach dem alten Franziskanerkloster +la Rabida+. Dasselbe liegt nahe dem Meere auf einem dürren Hügel, dessen Anbau den Fleiß der Bearbeiter nur spärlich lohnt. Zwischen verfallenen Mauern und Dornhecken von Nopal und Aloë steigt man jetzt auf die beherrschende Höhe. Auf einer kleinen Plattform hinter den Klostergebäuden bezeichnet ein steineres Kreuz die Stelle, wo Columbus von Kummer gebeugt und von Hunger erschöpft niedersank[188] und für seinen Knaben und sich die Mönche um Brot und Wasser bat. Aber hier, wo er mit tiefem Seelenleiden seine Hoffnungen bereits zu Grabe getragen hatte, sollten sie neu belebt werden. Der seltsame Anblick der Bittenden, der fremde Dialect des Mannes erregten die Neugierde der barmherzigen Brüder, besonders des Juan Perez de Marchena, der den Titel eines Beichtvaters der Königin führte. Columbus wurde ins Kloster eingelassen und in die Wohnung des Priors geleitet. In dem hohen Saal, aus dessen Fenstern man einen prachtvollen Blick auf das Meer genießt und wo Columbus neugestärkt und belebt, im Angesicht des Oceans von seinen Plänen und Enttäuschungen erzählte, sind jetzt zur Erinnerung an diese denkwürdigen Stunden mehrere Gemälde zu sehen, welche die Geschichte dieser Ereignisse darstellen. Der Pater Juan Perez, welcher sich bald von der schwärmerischen Glut des Erzählers angezogen fühlte, ließ einen in der Astronomie und Kosmographie kundigen Physiker, Garcia Hernandez, aus dem nahen Orte Palos zu sich bitten, um mit ihm den Gehalt des vernommenen Berichts zu prüfen, denn er kannte den Genuesen zweifelsohne nicht einmal dem Namen nach. Auch mochte er anfänglich keine große Meinung von dem ärmlich und schlecht gekleideten Fremdlinge haben. Columbus war eben noch eine Persönlichkeit, welche kein Mensch kannte (~por que ninguna persona conoscia el dicho almirante~.[189]) Aber auch der junge Physiker aus Palos, welcher damals kaum das 30. Lebensjahr überschritten hatte,[190] horchte mit demselben Interesse wie der Pater Marchena. Beide glaubten der Königin einen großen Dienst zu leisten, wenn sie den merkwürdigen Mann zurückhielten. Juan Perez schrieb an die Königin Isabella einen Brief und sandte ihn durch die Hand des Piloten Sebastian Rodriguez an den spanischen Hof von Granada. Einstweilen blieb Columbus als Gast bei den Klosterbrüdern. Nach 14 Tagen kam ein Dankschreiben der Königin zurück, worin der Pater zur Königin berufen wurde. Derselbe reiste noch in derselben Nacht ab und erhielt von der Königin die Zusage, daß Columbus für seine Unternehmung drei Schiffe erhalten solle. Dann gab die Fürstin ihm noch 53 Ducaten mit für Columbus, damit derselbe sich besser kleiden und in anständiger Form zu Hofe reiten könnte.

So war also in Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes eingetreten und wenn auch noch manche Schwierigkeiten zu überwinden sein mochten, so war es doch nun entschieden, daß der kühne Gedanke, den Orient im Westen auszusuchen, seiner Verwirklichung nahe war.

Im Lager zu Santafé vor Granada erwartete man die baldige Uebergabe dieser letzten maurischen Stadt. Als dieselbe im Januar 1492 erfolgte, schien der Weg für Columbus geebnet, denn der maurische Krieg war beendigt. Aber zum letztenmale schien das ganze Unternehmen doch noch sich zerschlagen zu wollen, weil Columbus allzuhohe Forderungen stellte, Forderungen, welche weder mit seiner hilfsbedürftigen Lage, noch mit der Würde der Krone vereinbar schienen; denn er verlangte die höchsten Würden in Spanien und fast königliche Gewalt in den zu entdeckenden Ländern. Seine Bedingungen stellte er dahin, daß er Rang und Würde eines Admirals oder eines spanischen Almiranten für sich und seine Nachfolger erhalte, daß er und seine Familie in den Adelstand erhoben würden, daß er in den neuentdeckten Ländern zum Vicekönig ernannt werde mit dem Rechte, für alle hohen Verwaltungsstellen in jeder Insel, in jeder Provinz drei Männer vorzuschlagen, daß ihm ein Zehntel der königlichen Einkünfte aus dem Gewinn von Perlen, Edelsteinen, Gold, Silber, Spezereien und anderen Handelswaaren zufalle, daß er der einzige Richter sei in allen Processen, welche aus dem Verkehr zwischen jenen Ländern und Spanien entstehen könnten und daß er, wenn er den achten Theil der Ausrüstung von Schiffen bestreite, auch den achten Theil aus dem Gewinn erhalte. Diese Forderungen klangen geradezu unerhört. Eine Reihe von Conflicten war vorauszusehen, wenn man einem Fremden zugestand, was man nie einem Spanier von Geburt zugestanden haben würde. Die Königin, so willig sie sich gezeigt hatte, das Unternehmen doch noch zu fördern trotz aller Widerreden und Zweifel, schreckte vor solchen Forderungen zurück. Und Columbus wich in keinem Punkte von seinen Ansprüchen; so fest glaubte er selbst sowohl an seine Bestimmung, als auch an den großen materiellen Erfolg für Spanien. So zerschlug sich auch noch im Januar die Verhandlung, und Columbus wandte sich zum zweiten Male vom Hofe ab, um über Cordoba nordwärts nach Frankreich zu gehen, wo, wie er selbst behauptete, man ihm glänzende, sichere Versprechungen gemacht. Da versuchten noch einmal seine Gönner bei Hofe, namentlich der Cardinal Mendoza und der Schatzmeister Luis de Sant-Angel, die Königin zu dem Vertrage zu überreden. Sie stellten ihr vor, welche unermeßlichen Reichthümer nach erfolgreicher Fahrt durch die Unternehmung des Genuesen nach Spanien fließen müßten, wie sie durch Zuwachs an Colonialbesitz und durch Ausbreitung des christlichen Glaubens an Ruhm gewinnen würde, und erreichten es, daß Isabella den Befehl ertheilte, Columbus zurückzurufen. Ein Eilbote traf ihn bereits unterwegs in Pinos Puente, eine Stunde von Santafé und rief ihn unter der Versicherung, daß die Königin auf seine Forderungen eingehe, zurück. Der Vertrag wurde am 17. April vollzogen; aber der Besitz der unerhörten Gewalt, die dem Entdecker verliehen, die plötzliche Erhebung in den höchsten Stand führten nur zu bald den Sturz des Mannes herbei, weil er nicht im Stande war, allen Ansprüchen seiner neuen Stellung zu entsprechen. Man kann Columbus nicht frei sprechen von der Schuld, die vielfachen bitteren Kränkungen und schweren Demüthigungen seiner letzten Lebensjahre sich durch das Uebermaß seiner Forderungen selbst heraufbeschworen zu haben.

Augenblicklich dachte er nur an die Ausrüstung seiner Schiffe. Der Staatsschatz war leer, Luis de Sant-Angel schoß der Königin 5300 Ducaten zur Fertigstellung der kleinen Flotte vor und Columbus begab sich sofort nach Palos, nahe bei dem ihm günstigen Kloster la Rabida, um hier seine Abfahrt mit allen Mitteln zu betreiben. Es war ein sehr günstiger Umstand, daß er in dem kleinen Hafenplatz am untern Lauf des Rio Tinto lebhafte Unterstützung durch die einflußreiche und wohlhabende Schifferfamilie der Pinzone fand, welche sich selbst in ihren Hauptträgern erbot, die kühne Fahrt mitzumachen. Ganz besonders machte sich Martin Alonso Pinzon um das Zustandekommen der Expedition verdient und trug sogar zur Bestreitung der Kosten bei. Es wurden drei kleine Schiffe ausgerüstet; nur das größere war vollständig gedeckt, die beiden andern hatten nur am Vorder- und Hintertheil erhöhte Verdecke, waren aber in der Mitte offen. Die Schiffsmannschaft recrutirte sich meist aus den umliegenden Hafenplätzen, aus Moguer, Huelva und aus Palos selbst. Das größte Schiff, die Santa Maria, stand unter dem Befehl des Columbus, auf der Pinta commandirte Martin Alonso Pinzon und außer ihm sein Bruder Francisco Martin als Steuermann, auf der Niña führte Vicente Yañez Pinzon das Commando. Die Mannschaft belief sich im Ganzen auf 120 Köpfe.

5. Die erste Fahrt des Columbus über den Ocean.

Es war ein denkwürdiger Tag, als am 3. August 1492, nachdem die Mannschaft vorher gebeichtet und das Abendmahl genommen hatte, die drei Schiffe den Hafen von Palos verließen und dem unbekannten Weltmeere zusteuerten. Columbus führte von Anfang an ein ausführliches Tagebuch, von welchem uns Las Casas den größten Theil, vielfach in wörtlichen Auszügen, erhalten hat. Die Einleitung erörtert die Beweggründe und Ziele der Fahrt und läßt einerseits die Abhängigkeit des Führers von den Angaben des Toscanelli, andererseits seine religiösen Empfindungen deutlich erkennen.

„Nachdem Ew. Majestäten in dem gegenwärtigen Jahre 1492 den maurischen Krieg beendigt haben in der sehr großen Stadt Granada, in welcher ich, am 2. Januar dieses Jahres, durch die Gewalt der Waffen die königlichen Banner auf den Thürmen der Alhambra aufpflanzen und den maurischen König sich ans Thor begeben und Ew. Maj. die Hände küssen sah, und nach den Erklärungen, welche ich Ew. Hoheiten von den Ländern Indiens und von einem Fürsten, welcher der Großchan, d. h. König der Könige genannt wird, gegeben habe, sowie darüber, daß derselbe wie auch seine Vorgänger nach Rom gesendet hatten, um sich Lehrer unseres heiligen Glaubens zu erbitten, und daß so viele Völker im Unglauben und Götzendienst verloren gingen, beschlossen Ew. Hoheiten als christliche Fürsten und Verbreiter des heiligen christlichen Glaubens und Feinde der Sekte Mohammeds und aller Ketzerei mich, Cristóbal Colon[191] zu den erwähnten Ländern Indiens auszusenden, um die erwähnten Fürsten und Völker und Länder, ihre Lage und ihren Zustand und die Art und Weise zu erforschen, wie man sie zu unserm heiligen Glauben bekehren könne. Sie befahlen mir, nicht zu Lande nach dem Osten zu gehen, wie man gewöhnlich gethan hat, sondern vielmehr den Weg nach Westen einzuschlagen, von dem wir bis jetzt nicht bestimmt wissen, ob er schon von jemand eingeschlagen ist.“ Weiter fügt Columbus hinzu, daß er beschlossen, ein genaues Tagebuch zu führen, genaue Segelanweisungen zu geben und dazu eine Reihe von gemalten Karten zu entwerfen in einem Netz von Breiten- und Längenlinien.

Dieses letztere Vorhaben hat aber der Admiral nicht ausgeführt, er war dazu auch kaum im Stande. Der Admiral steuerte gradenwegs nach den Canarischen Inseln, um unter dem Parallelkreis dieser spanischen Eilande westwärts über Antilia und Cipangu nach Indien zu segeln. Da aber bereits am vierten Tage das Steuer der Pinta beschädigt wurde, mußte man den Hafen in Gomera aufsuchen und sah sich dadurch vier Wochen auf den Canarischen Inseln festgehalten. Erst am 6. September setzte Columbus die Fahrt wieder fort und steuerte mit Nordostpassat nach Westen. Schon am dritten Tage, am 9. September entschloß er sich, eine zwiefache Berechnung der täglich zurückgelegten Meilenzahl zu führen, und in dem jedermann zugänglichen Schiffsjournal kleinere Ziffern aufzuführen, als er selbst die Entfernungen schätzte, um, wie er sagt, die Mannschaft nicht durch die Größe der zurückgelegten Meilenzahl zu erschrecken. Es ist dies wohl der einzige Fall, daß bei einer großen Entdeckungsfahrt ein solches Mittel der Täuschung zur Anwendung gekommen ist: „Am 10. September segelte er 60 Leguas, berechnete aber nur 48, um die Mannschaft nicht zu entmuthigen, wenn die Reise lange dauern sollte.“[192]

Am 13. September, bei Einbruch der Nacht, beobachtete Columbus zuerst die +Declination der Magnetnadel+, „ein denkwürdiger Zeitpunkt in den Jahrbüchern der nautischen Astronomie“.[193] Die Abweichung gegen NW. nahm am folgenden Tage noch zu. Drei Tage später machte er die Wahrnehmung, daß ein rascher Wechsel des Klimas eintrat.

Schon vom 16. September an, wo die Schiffe zuerst in das Sargassomeer eintraten, glaubte er Anzeichen von der Nähe eines Landes oder von Inseln zu bemerken. Das Schiffstagebuch enthält darüber eine Reihe von Bemerkungen. Am 18. galt ein dunkler Horizont als Zeichen von großer Nähe des Landes; am 19. bildete sich ein Nebel ohne Wind, eine sichere Andeutung von Land. Auch die schwimmenden Tangmassen, welche häufig angetroffen wurden, galten als Beweis dafür. Dieses Tangmeer liegt zwischen 20° und 35° n. Br. und reicht gegen Westen bis an den Rand des Golfstroms. Das Kraut bedeckt die Oberfläche nicht in gleichmäßig dichten Massen, sondern treibt in langen Streifen in der Richtung des herrschenden Windes. Diese Streifen bestehen aus mehreren Reihen von Krautbüscheln, jedes einzelne höchstens einen Fuß lang; es sind vom Strande losgerissene Fragmente, welche absterben und allmählich untersinken, so daß von einer Behinderung der Fahrt eines Schiffes nicht die Rede sein kann.[194]

Der beständig günstige Fahrwind erregte in den Matrosen die Befürchtung, es werde wegen des herrschenden Ostwindes die Rückfahrt sehr erschwert, wo nicht unmöglich gemacht werden. Als am 23. September die Krautmassen wieder dichter die Oberfläche des Wassers bedeckten und das Meer so ruhig und glatt blieb, äußerte sich die Besorgniß des Schiffsvolkes laut: man werde in dieser Gegend niemals einen günstigen Wind zur Rückkehr nach Spanien treffen. Als dann aber das Meer sich erhob, ohne daß ein Wind wehte, und eine rauhe See entstand, waren alle höchlich erstaunt. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Columbus: „Diese hoch gehende See war mir ebenso nothwendig als den Juden zur Zeit da die Aegypter auszogen, um Moses zu verfolgen, welcher die Hebräer aus der Knechtschaft befreite.“ Am 25. September besprach sich der Admiral mit Martin Alonso Pinzon über eine Karte, welche er ihm vor 3 Tagen geschickt, und auf welcher in dieser Gegend einige Inseln eingetragen waren. Offenbar handelte es sich dabei um die Karte Toscanelli’s und die etwas südlich vom Schiffscours vermuthete Insel Antilia (vgl. den Globus Behaims). Martin Alonso glaubte diese Insel sogar zu sehen; auch Columbus theilte diese Ansicht und schätzte die Entfernung auf etwa 25 Meilen. In Folge dessen ließ der Admiral gegen West steuern, aber am folgenden Tage klärte sich der Irrthum auf, man war durch das dunkle Aussehen des Horizonts getäuscht worden. Daß aber die Insel Antilia in der Nähe liegen müsse, bezweifelte Columbus nicht. Am 3. October glaubte er diese Insel bereits hinter sich haben, denn Anzeichen von Land hatte er genug gehabt; aber er wollte seine Zeit nicht mit dem Aufsuchen verlieren, weil Indien sein Ziel war.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß, je länger die Fahrt dauerte, die Mannschaft immer lauter ihre Besorgniß aussprach, vielleicht auch sogar allerlei Drohungen gegen den fremden Führer, gegen den Liguren laut werden ließ, wenn auch die dramatische Ausschmückung dieser Stimmung, welche in der Erzählung von einem Vertrage gipfelt, den Columbus sollte eingegangen sein, einer späteren Zeit angehört. Dennoch sollte der Admiral sich dazu verstanden haben, nach drei Tagen umzukehren, wenn bis dahin das gesuchte Land noch nicht aufgefunden sei. Die Zeugnisse Peter Martyrs und des Columbus selbst sprechen zu deutlich von der schwierigen Haltung der Matrosen. „Die spanischen Begleiter,“ erzählt Martyr, „fingen erst heimlich an zu murren und traten dann offen zusammen. Sie drohten ihren Führer ins Meer werfen zu wollen; sie seien von dem ligurischen Menschen betrogen und ins Verderben gebracht.“[195] Diese Angaben über die bedenkliche Stimmung unter dem Schiffsvolke bestätigt Columbus in seinem Tagebuche, wenn er, am 14. Februar 1493, also auf dem Heimwege, berichtet, daß er schon auf der Hinfahrt viel von den Leuten zu leiden gehabt, weil alle einstimmig erklärt hätten, umkehren zu wollen, und daß sie sich zu Drohungen gegen ihn hätten hinreißen lassen.[196] Vom 7. October an beschloß Columbus, einen südwestlichen Cours beizubehalten. Er wurde dazu durch den Flug zahlreicher Vögel veranlaßt, welche nach dieser Richtung zogen; denn er wußte, daß die Portugiesen der Beobachtung des Flugs der Vögel die Entdeckung mancher Inseln verdankten. Auch am 10. October beklagten sich seine Leute wieder über die lange Dauer der Reise, aber der Admiral belebte ihre Hoffnung auf reichen Gewinn, der in sicherer Aussicht stehe. Uebrigens fügte er hinzu, ihre Klagen nützten nichts, da er unter allen Umständen mit Gottes Hilfe seinen Weg fortsetzen werde, bis er Indien erreicht habe.

So hätte er nicht sprechen können, wenn es wirklich zu einem Vertrage gekommen wäre, der ihn verpflichtet hätte, nach drei Tagen umzukehren.

Columbus war zu fest überzeugt, dem Ziel seiner Wünsche nahe zu sein und fand in den Pinzonen eine kräftige Stütze. Ohne Schwankung war er in den ersten Wochen westwärts gesteuert und wich nur in den letzten Tagen mit bewußter Absicht von dieser Richtung ab.

Sie waren bereits mehr als 750 Meilen von den Canarien entfernt.[197] Das Schiffsvolk spähte immer eifriger nach Land aus, denn dem Glücklichen, welcher zuerst dasselbe erblicken sollte, waren reiche Geschenke und eine jährliche Pension von 10,000 Maravedis (etwa 25 Ducaten) verheißen. Da in Folge dessen zu wiederholten Malen der Ruf: Land! erscholl, ohne daß die daran geknüpfte Erwartung sich erfüllte, so wurde bestimmt, daß derjenige, welcher die Gemüther auf solche Weise vergeblich in Aufregung versetzte, in Zukunft keinen Anspruch auf die ausgesetzte Belohnung haben solle.

Aber trotzdem blieben aller Augen mit gespannter Aufmerksamkeit auf den fernen Horizont im Westen geheftet, zumal sich die echten Anzeichen von Land zu mehren schienen. Am Morgen des 7. October gab die Niña, welche vorausgesegelt war, durch einen Kanonenschuß das Signal, daß man Land sehe, aber man mußte wiederum eingestehen, daß man sich getäuscht habe. Die nun folgende Niedergeschlagenheit wurde aber bald wieder gehoben, am 9. October spürte man einen frischen Hauch der Luft, wie wenn er von fernen Blütenbäumen herüberwehe. Am 11. October fischte man bei dem Admiralschiffe einen frischgrünen Zweig, bei der Pinta einen mit Feuer bearbeiteten Stab und einen Zweig mit rothen Beeren aus dem Wasser. Am späten Abend sah Columbus vom hohen Hintercastell seines Schiffes aus einen Lichtschein, der sich vorwärts zu bewegen schien, als ob jemand eine Fackel trage; auch andere, die er herbei rief, glaubten dasselbe zu erkennen. Man befand sich in der That in der Nähe des Landes. Wenige Stunden später, am 12. October, Morgens 2 Uhr, sah der Matrose Rodrigo von Triana auf der Pinta einen flachen, sandigen Strand im Mondschein leuchten; denn man hatte sich dem Lande von der Seite bereits bis auf 2 Seemeilen genähert.

Ein Kanonenschuß verkündete die glückliche Entdeckung den beiden nachfolgenden Schiffen, und so wie es Tag wurde, sahen sie eine anmuthig grüne Insel vor sich liegen. Die Ueberfahrt von den Canarischen Inseln hatte 32 Tage gedauert. Entzückt und mit Freudenthränen im Auge stimmte Columbus den Lobgesang ~Te deum laudamus~ an, und alle seine Gefährten stimmten mit ein. Man umringte den noch vor kurzem geschmähten Führer und brachte dem Helden seine Huldigung dar. Leider gönnte der glückliche Entdecker dem Matrosen Rodrigo den verheißenen königlichen Lohn nicht; er erhob selbst Anspruch auf die ausgesetzte Jahresrente, weil er in der Nacht zuvor das Licht in der Ferne gesehen hatte und erhielt wirklich später das Geld ausgezahlt. War es Geiz oder Ehrgeiz? Fast muß man fürchten, daß der schlechtere Beweggrund ihn verleitete.

Die Befehlshaber der Schiffe landeten nun mit bewaffneten Böten. Unter fliegenden Fahnen, welche außer dem grünen Kreuz die Anfangsbuchstaben der katholischen Könige F. und I. zeigten, stiegen sie ans Land und warfen sich nieder, um den Boden zu küssen. Dieses erste Eiland, welches die Entdecker betraten, nannte Columbus San Salvador und weihete es dadurch zu einem Erstlingsopfer dem Heiland der Welt. Bei den Eingebornen hieß es Guanaham oder +Guanahani+.[198]

Die braunen Insulaner schaarten sich harmlos um die fremden, dem Meere entstiegenen Männer, und Columbus theilte, um sie zutraulich zu machen, kleine Geschenke unter sie aus: Glasperlen, Nadeln und kleine Schellen. Die Leute gingen vollständig nackt, nur einige Weiber trugen eine Art Schürze von Blättern oder Gras oder zu dem Zweck bearbeiteter Baumwolle. Metall war ihnen unbekannt, Waffen trugen sie nicht. Daß sie in der Hautfarbe den Bewohnern der Canarischen Inseln glichen, fand Columbus ganz natürlich, denn die entdeckte Insel lag unter derselben Breite mit Ferro. Und unter denselben Breiteparallelen, so lautete damals ein allgemein gültiger Lehrsatz, haben die Menschen gleiche Farbe, und zwar um so dunkler, je näher dem Aequator. Einige der Insulaner erschienen auch bemalt, schwarz, roth oder mit weißen Streifen im Gesicht oder am ganzen Leibe. Ihr Haar war schwarz und straff.

Bald eröffnete sich ein gewinnbringender Tauschhandel, denn man sah hie und da goldenen Nasenschmuck, den die Spanier für Kleinigkeiten einzuhandeln verstanden. Auf die Frage, woher das Gold stamme, wiesen die Indianer (Indios nannte Columbus sie bereits am vierten Tage) nach Südosten, woraus man also auf das Vorhandensein anderer Länder in der Nachbarschaft schließen konnte; denn wenn die Eingebornen auch Ruderkähne, aus einem Stamme gearbeitet, besaßen, mit denen sie erstaunlich schnell fuhren, so taugten diese Fahrzeuge doch nur zu einem Verkehr zwischen nahegelegenen Inseln oder größeren Landmassen, aber keineswegs zu weiteren Fahrten über den Ocean.

Die Vermuthung, daß noch andere Inseln in der Nähe lägen, wurde durch den weiteren Verkehr mit den Wilden bestätigt, woraus man mittelst der Gebärdensprache soviel verstehen konnte, daß manche unter ihnen im Kampfe mit den über See kommenden feindlichen Stämmen Wunden davongetragen hatten, deren Narben die Spanier an den Insulanern bemerkten.

6. Wo liegt Guanahani?

Bevor wir den weiteren Verlauf der Entdeckungsfahrt schildern, müssen wir die Insel nachzuweisen suchen, welche Columbus zuerst betrat. Sicherlich umwebt ein historischer Glanz jene Stätte, wo die Menschheit der alten und neuen Welt sich zuerst einander entgegen trat, und doch muß man fast mit Beschämung gestehen, daß mit bindender Beweiskraft jene Insel nicht nachzuweisen ist. Nur eine größere oder geringere Wahrscheinlichkeit fällt ins Gewicht und läßt die Schale der Entscheidung sinken. Daß das Geschwader auf eine der flachen Koralleneilande gestoßen, welche als die dritte Gruppe der westindischen Inseln unter dem Namen der Bahama-Inseln am meisten bekannt ist, unterliegt keinem Zweifel; aber welche unter diesen den Ehrennamen S. Salvador verdient, ist streitig.

Die Gruppe der Bahama besteht aus 12 größeren Inseln und über 600 Inselchen, ungerechnet die nach Tausenden zu zählenden Seeklippen. Dieselben sind auf einer Strecke von 150 deutschen Meilen in der Richtung von Südost nach Nordwest den großen Antillen vorgelagert und erstrecken sich von dem Norden Haitis bis gegen die Halbinsel Florida. Obwohl über einen so weiten Raum ausgedehnt, umfassen die meist in der Richtung des ganzen Zuges sich hinlagernden schmalen Inseln doch nur einen Flächenraum, welcher nicht ganz die Größe des Königreichs Sachsen erreicht. Sämmtliche Inseln bestehen aus Korallenbauten, welche sich auf submarinen Plateaus von Sandbänken oder Korallenkalk aufgesetzt haben. Ihre Höhe übersteigt nirgend 60 ~m~. Es sind also flache Eilande, meistens auch noch von Korallenriffen umschlossen und mit untiefen Korallenbänken untermischt, zwischen denen die Schifffahrt mit größter Vorsicht betrieben werden muß. Hie und da erheben sich am Strande niedere Kalkklippen. Viele der Inseln sind frisch grün, sogar bewaldet, aber es fehlt an frischen Quellen; die Teiche und Lagunen auf manchen dieser Eilande haben salziges oder brakisches Wasser, weil sie unterirdisch mit der See in Verbindung stehen. Wenn nun auch der Reichthum an Nutzhölzern immerhin erwähnenswerth ist, so konnte doch das Verlangen der Spanier nach Gold und Gewürzen auf den der See entstiegenen flachen Eilanden nicht befriedigt werden. Columbus hielt sich darum auch nur einige Tage an jeder der größeren Inseln auf und tastete an den Korallenbänken und Riffen hin, seinen Weg nach Südwesten, wohin ihn alle Indianer auf seine Fragen nach Gold wiesen. Denn alles Sinnen und Trachten des Entdeckers war auf das edle Metall gerichtet, sein Schiffstagebuch schreibt davon am 15. 16. 19. 22. und 27. October, am 4. 5. 6. 12. u. s. w. November; und grade diesem Verlangen konnten die Bahama-Inseln nicht entsprechen. Darum sind auch die späteren Entdeckungsfahrten nie wieder auf diese Korallengebilde gerichtet, dieselben wurden als gefährlich gemieden und höchstens aufgesucht, um Menschen zu fangen. Hierin haben wir auch einen Grund zu suchen, daß S. Salvador eigentlich verschollen ist. Der Hauptgrund aber, warum man die Insel nicht wieder findet, liegt in der mangelhaften astronomischen Bildung des Admirals. Er hatte sich zwar beim Beginn der Fahrt vorgenommen, neben einer genauen Segelanweisung auch eine Karte von den entdeckten Gebieten zu entwerfen, aber von einer Ausführung dieses Vorhabens ist nirgend mehr die Rede. „Im Tagebuche des Columbus findet sich während der ganzen Fahrt über den Ocean auch nicht eine einzige Breitenbestimmung, und die, welche er in Westindien angestellt haben will, sind so ungeheuerlich, daß sie schon seinerzeit Verdacht erregten; er gibt zum Beispiel an der Küste von Cuba eine Breite von 42° statt 21°. Es läßt sich nun einmal nicht abstreiten, daß Columbus einen sehr geringen Grad wissenschaftlich-nautischer Kenntnisse besaß.“[199] Und allein von diesen Thatsachen ausgehend, darf man behaupten, daß die von der ~Vida del Almirante~ zuerst verbreitete Nachricht, Columbus habe in Pavia studirt (s. oben S. 220) auf Unwahrheit beruht; denn auf einer Universität wird man schwerlich gelehrt haben, was die roheste Empirie verräth, daß man die geographische Breite eines Ortes aus der Dauer des Tages abzuleiten habe. Und doch scheint aus dem Tagebuch hervorzugehen, daß Columbus auf diese Weise am 13. December 1492 rechnete. Es fehlt also in Beziehung auf die Lage von San Salvador jedweder Anhalt einer astronomischen Bestimmung; daher konnten die späteren Historiker bei ihren Vermuthungen drei volle Breitengrade von einander abweichen.

Man muß also auf anderem Wege die Lage der zuerst entdeckten Insel zu ermitteln suchen. Es liegt nahe, vor allem die ältesten Karten jener Inselwelt zu Rathe zu ziehen. Allein wir vermissen auf allen Darstellungen bis weit ins 17. Jahrhundert den Namen Salvador, sowie die folgenden von Columbus weiterhin ertheilten neuen Inselbenennungen. Schon die erste, von einem Begleiter des Entdeckers, um 1500 von dem Basken Juan de la Cosa entworfene Karte Amerikas (siehe die Beilage) führt nur die einheimischen Inselnamen und darunter auch Guanahani auf. Aber diese Karte ist hier so ungenau, daß Capitän Becher sie als ein altes Document bezeichnet, das den Namen einer „Karte“ nicht verdiene.[200] In gleichem Sinne haben auch die späteren Kartographen die Bahama-Inseln sehr ungenau dargestellt, weil man sie für ziemlich werthlos hielt. War doch auch Peter Martyr der Ansicht, nachdem er die Antillen genau beschrieben, es sei überflüssig, diese Koralleninseln einer eingehenden Darstellung zu würdigen, weil die Spanier diese armen Inseln, wo man höchstens Fischfang und etwas Landbau treiben könne, aufgegeben hätten.[201]

Es scheint zwar noch einen andern Ausweg zu geben, das fragliche Guanahani zu ermitteln, indem man unter den Bewohnern des Archipels selbst sich erkundigte; denn da der Name von den Eingebornen ertheilt ist und die Sprache der Insulaner vermuthlich wenig Aenderung erlitten haben könnte, so müßte, sollte man meinen, auch der Name der Insel entweder sich noch erhalten haben oder doch noch in Erinnerung geblieben sein. Allein auch dieser Ausweg ist seit mehr als drittehalbhundert Jahren vollständig versperrt: die Urbevölkerung ist ausgestorben oder deutlicher gesagt, durch die Spanier vernichtet, und man darf nicht verhehlen, daß Columbus selbst den Anlaß dazu gegeben. Schon am 13. October schreibt er: „Diese gutartigen Menschen müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben.“ Bei seiner Abfahrt entführt er von Salvador mehrere Insulaner mit Gewalt, „damit sie unsere Sprache lernen und uns Auskunft geben können über ihr Gebiet“. Als nun die Königin Isabella durch ein Edikt vom 30. October 1503[202] gestattete, die dem Christenthum und ihren neuen Unterthanen in Westindien feindlichen Canibalen wegzufangen und zu verkaufen, war damit dem Sklavenfang der Stempel der Berechtigung aufgedrückt; und fünf Jahre später erhielt eine spanische Gesellschaft die Erlaubniß, auch die Bahama-Insulaner einzufangen, angeblich um sie so leichter zum Christenthum bekehren zu können. Die ohnehin spärlich bewohnten Inseln waren bereits um 1525 dermaßen entvölkert, daß der fromme Pedro de Isla die letzten Bewohner, nur noch 11 Personen, zusammensuchen und nach Haiti bringen ließ, um sie vor seinen Landsleuten zu retten.[203] Damit war der Urstamm der dortigen Insulaner erloschen, und folglich aus ihrem Munde auch die Lage von Guanahani nicht mehr zu ermitteln.

Die neuern Historiker haben darum den einzigen noch möglichen Weg eingeschlagen, indem sie der von Columbus in seinem Tagebuche gegebenen Beschreibung seiner Fahrt, der Coursrichtung, den abgeschätzten Entfernungen von einer Insel zur andern, und der Schilderung einzelner Oertlichkeiten nachgingen. Die mancherlei Lücken des Berichts, die offenbaren Ungenauigkeiten, die aus falscher Schätzung der Verhältnisse entstanden, die Unklarheiten im Ausdruck haben diese kritische Spürarbeit erschwert und die abweichenden Ansichten verursacht. Die hauptsächlichen Meinungsverschiedenheiten sind auf der, einer englischen Admiralitätskarte entlehnten Darstellung jenes Inselgebiets, welche unserem Werke beigegeben ist (S. 249), zu ersehen.

Wenn wir diese Ansichten nicht historisch, sondern geographisch ordnen, so sehen wir, daß muthmaßlich der Schiffscours auf vier verschiedene Inseln gerichtet ist, welche von Nordwest nach Südost in folgender Ordnung sich aneinanderreihen: Cat Island, Watling Island, Mariguana (oder Mayaguana), Turk Islands.

Nach Cat Island führen den Entdecker W. Irving[204] und Alex. v. Humboldt,[205] nach Watling der treffliche spanische Geschichtsschreiber Muñoz[206] und Capitän Becher,[207] nach Mariguana läßt ihn Varnhagen[208] gelangen, nach den Turk-Inseln Navarrete.[209] Von diesen Erklärungsversuchen ist derjenige Navarretes mit Recht von den Neueren ganz aufgegeben, weil er dem Texte des Reiseberichtes weder nach der Beschreibung der zuerst betretenen Insel, noch in Bezug auf die später eingeschlagenen Course entspricht. Gegen Irving und Humboldt ist in erster Linie beizuwenden, daß Columbus nach dem Wortlaut seines Tagebuches die Insel Guanahani thatsächlich auf der Nordseite umsegelt hat, während nach der Vorstellung der beiden genannten Forscher San Salvador nur an seinem Südende berührt wurde. Ferner aber hat auch die im weitern Verlauf der Fahrt bis zur Nordküste Cubas gedachte Courslinie ihre großen Bedenken, weil dieselbe auf der Westküste von Long Island durch die ganze Breite der Bahamabank führen müßte, wo an manchen Stellen die Wassertiefe wenig über einen Faden mißt. Da Muñoz weiterhin bei der Erzählung der Fahrt zu den andern Inseln in der Bahamagruppe nur allgemein gehaltene Vermuthungen ausspricht über die Identität der von Columbus berührten Inseln, ohne sich eingehend mit der Prüfung der eingeschlagenen Richtungen und der berührten Oertlichkeiten einzulassen, so bleiben nur noch die Hypothesen Bechers und Varnhagens zu vergleichen. Beide haben auf das sorgsamste das Tagebuch des Columbus zu Rathe gezogen und alle darin enthaltenen Angaben für ihre Idee zu verwerthen gesucht. Es läßt sich nicht leugnen, daß für Varnhagen manche wichtige Momente sprechen, daß namentlich die fast rathlos erscheinenden Kreuzfahrten zwischen den nächst San Salvador besuchten Koralleninseln nach den Aufzeichnungen sehr geschickt erklärt sind und zu den angegebenen Courslinien der Schiffe passen. Allein zwei Momente von Bedeutung gestatten nicht, daß wir uns für Varnhagen erklären. Varnhagen hält nämlich Mariguana oder Mayaguana für San Salvador, und grade Mayaguana ist auf allen älteren Karten, von Juan de la Cosa an, +neben+, d. h. südöstlich von Guanahani eingetragen. Mögen nun auch die früheren Kartographen die Umrisse der einzelnen Inseln noch so ungenau und falsch gezeichnet haben, so ist doch bei allen die klare Ueberzeugung zu erkennen, daß sie Guanahani und Mayaguana als zwei verschiedene Inseln wollen betrachtet wissen. Sodann paßt auch die von Columbus gegebene Beschreibung der Insel nicht recht auf Mariguana. Und in dieser Beziehung trägt Bechers Ansicht entschieden den Sieg davon. Man muß dem englischen Capitän beipflichten, wenn er sagt: „Beides, Lage und Beschreibung dieser Insel (Watling Island) entspricht in jeder Weise dem Journal“ (des Columbus).[210] Man kann sogar behaupten, daß nur Watling auf die Beschreibung paßt, welche der Entdecker gegeben hat. „Diese Insel,“ sagt er, „ist ziemlich groß und ganz flach und hat sehr viel Bäume und viel Wasser und in der Mitte eine sehr große Lagune, aber keine Gebirge.“ Daß die Insel Süßwasserquellen besitzt, ist nicht gesagt.[211] Wir werden uns im Folgenden an die Auffassung von Becher halten, ohne indeß der Ansicht zu sein, daß die Untersuchung schon vollständig abgeschlossen sei.

7. Die Fahrt durch das westindische Meer.

Von S. Salvador steuerte Columbus nach Südwesten, berührte die kleine Insel +Rum Cay+ und wandte sich von da nach dem Nordende von +Long Island+, welche er S. Maria de la Concepcion nannte. Westlich davon fand er die dritte Insel, +Groß Exuma+ und gab ihr den Namen Fernandina, zu Ehren des Königs. Widrige Winde hinderten ihn, dieses Eiland zu umsegeln, er kehrte nach Concepcion zurück und segelte, weil die Indianer Samaot oder Saomet als eine Localität nannten, wo man Gold finde, an der Ostseite von Long Island südwärts bis zum Cap Verde und suchte von hier aus, wobei die Schiffe getrennt ihren eigenen Cours gingen, ostwärts das Land Saomet auf. Nach drei Stunden Fahrt tauchte eine neue Insel auf: es war das gesuchte Saomet, jetzt +Crooked Insel+, an deren Nordwestende die Schiffe sich wieder vereinigten. Sie erhielt den Namen Isabella, nach der Königin. Im Charakter glich dieselbe den übrigen, war schön bewaldet und etwas hügelig. Während die Schiffe an dieser Insel kreuzten, erhielt Columbus bestimmte Nachrichten von einer großen Insel gegen Süden. Die Indianer nannten sie Colba (Cuba), Columbus vermuthete, es sei Cipangu. So ging er am 24. October dahin unter Segel und wollte von da direct nach Quinsay fahren, um dem Großkaan die königlichen Briefe zu überreichen. Er war um so mehr überzeugt, daß er die Wunderinsel Cipangu vor sich habe, weil dieselbe auf den Globen, die er gesehen, und auf den Weltkarten in dieser Gegend angegeben war.[212]

Zuerst ging die Fahrt nach Südwesten und dann, nachdem man am Abend des 26. October auf den Untiefen der Columbusbank vor Anker gegangen war, am folgenden Morgen südwärts. Bei Einbruch der Nacht wurde Land gesehen; da aber der Regen in Strömen fiel, konnte man sich demselben nur mit Vorsicht nähern. Am 28. October liefen die Schiffe in einen prachtvollen Fluß an der Nordküste +Cubas+ ein, wahrscheinlich in Port Nipe. Columbus strebte unaufhaltsam vorwärts; und wenn er auch in begeisterten Worten die Pracht der entdeckten Inseln schildert, er will doch nicht eher anhalten, als bis er in genügender Menge Gold und Gewürze findet, um seine Schiffe damit zu befrachten, denn das ist der einzige Zweck seiner Unternehmung. Auf Cuba entzückten ihn die majestätischen Palmen, welche er von den afrikanischen verschieden fand. Von den Indianern wurde ihm gesagt, man brauche zwanzig Tage, um Cuba zu umschiffen. Es mußte demnach eine Insel sein. Als aber der Capitän der Pinta die abweichende Ansicht äußerte, unter Cuba müsse man eine Stadt verstehen, das vor ihnen liegende Land gehöre zu Asien und das weiter westlich gelegene Gebiet gehöre bereits zum Reiche des Großkaan, da ließ sich auch Columbus willig zu dieser Auffassung, welche seinen Wünschen und Zielen so sehr entgegen kam, bekehren und erklärte im Tagebuch bereits am 1. November: Cuba ist das feste Land von Asien, wir befinden uns vor Quinsay und Zaiton in einem Abstande von etwa 100 spanischen Meilen.[213] Martin Alonso, der Führer der Pinta, war aber zu seiner irrigen Annahme durch ein Wort der mitgenommenen Indianer verleitet, welche, als sie wiederholt die Fundstätten von Gold nachweisen sollten, den Ausdruck ~Cuba-nacān~ gebrauchten, was in ihrer Sprache soviel als die Mitte von Cuba bedeuten sollte, während die Spanier das Wort als „Kaan oder Can von Cuba“ deuteten. Später brachte Columbus auch den Ausdruck Caniba, mit dem die furchtsamen Stämme der kleinen Inseln ihre gefährlichen Nachbarn, welche die erschlagenen Feinde verzehrten, mehrfach bezeichneten, mit dem „Kaan“ in Zusammenhang und meinte, unter Canibalen seien die Unterthanen des Großkaan zu verstehen.

In welchem Theile des indischen Meeres er damals sich zu befinden glaubte, wird auch noch durch die befremdende Bemerkung des Tagebuches genauer bestimmt, daß er noch keine +Sirenen+ gefunden habe. Es findet sich nämlich auf dem Behaim’schen Globus zwischen den Inseln, welche westlich von Cipangu gezeichnet sind, die Inschrift: „Hie findt man vil merwunder von +serenen+ und anderen Fischen.“ Man darf wohl annehmen, daß Behaim manche seiner Inschriften von anderen Karten, die ihm in Portugal bekannt geworden waren, entlehnt hat, und daß dergleichen Bemerkungen auf den Weltkarten zu lesen waren, welche der Entdecker eingesehen hatte oder bei sich führte.

Nach allen diesen merkwürdigen Trugschlüssen scheint es nun ganz natürlich, daß Columbus danach strebte, sich möglichst bald mit dem Großkaan in Verbindung zu setzen. Daher schickte er bereits am 2. November zwei Spanier ans Land: Rodrigo de Jerez und den gelehrten Juden Louis de Torres, der Hebräisch, Chaldäisch und sogar etwas Arabisch verstand. Zugleich sandte er mit ihnen zwei Indianer; gemeinschaftlich sollten sie das Land ausforschen, dem König die Briefe aus Spanien überreichen, und sich unterwegs nach Gewürzen erkundigen, zu welchem Zwecke ihnen sogar Proben der verschiedensten Spezereien mitgegeben wurden. An Stelle des Geldes erhielten sie Perlenschnüre, um sich Lebensmittel dafür einzutauschen.

Am vierten Tage kamen diese Abgesandten wieder zurück und erzählten, sie seien 12 Meilen zu einem Orte von 50 Häusern und etwa 1000 Einwohnern gekommen. Man hatte sie nach Landessitte feierlich empfangen und in den besten Häusern untergebracht. Die Indianer küßten ihnen Hände und Füße, weil sie die Fremdlinge für Sendboten des Himmels hielten. Die Vornehmsten des Dorfes trugen sie auf ihren Armen zu dem größten Gebäude und ließen sie niedersitzen; auch die Frauen erschienen sodann und erwiesen ihnen gleiche Verehrung wie die Männer. Auf die Frage nach Gewürzen, von denen man den Eingebornen die Proben vorlegte, zeigten diese nach Süden, wo dergleichen Produkte gedeihen sollten. Bei ihrer Wanderung durch das Land lernten die beiden Spanier auch zuerst die Sitte des Rauchens kennen. Man nannte nicht das Kraut, sondern die daraus gefertigten Rollen, welche man anzündete und deren Rauch man einsog, ~tabaco~. Der Admiral fügte diesem Berichte die Hoffnung hinzu, daß die spanischen Majestäten bald Geistliche herübersenden würden, um die zahlreichen Völker zum rechten Glauben zu bekehren.

Am 12. November lichtete er die Anker, um seine Entdeckungsfahrt weiter fortzusetzen. Mit günstigem Fahrwind steuerte er an der Nordküste Cubas weiter gegen Nordwesten. Mit Entzücken spricht er von dem Reichthum an Gold, Perlen und Spezereien und hofft bald die großen Städte des Kaans zu erreichen. Da sich aber die Küste immer weiter gegen Nordwesten zog, und Columbus fürchtete, in den Winter hineinzukommen (denn nach einer ganz fehlerhaften Beobachtung glaubte er schon bis zur Breite von Spanien, bis zum 42° n. Br. vorgedrungen zu sein), und da ferner seine indianischen Begleiter wiederholt die Insel Babeque als besonders goldreich nannten und behaupteten, dieselbe liege weiter nach Osten, so ließ Columbus am 13. November die Schiffe wenden und wieder nach Osten steuern. Er war etwa bis zum 77½° westlich von Greenwich gelangt.[214]

Am folgenden Tage (am 14. Nov.) glaubte er in der Nähe der zahllosen Inseln sich zu befinden, welche auf den Weltkarten im äußersten Osten, Asien vorgelagert, gezeichnet sind. Diese phantastische Inselwelt fand sich also wahrscheinlich bei Toscanelli in ähnlicher Weise dargestellt, wie auf dem Globus Behaims. Von diesen Vorstellungen war Columbus ganz erfüllt und wie in einem Banne gefangen. Nie hat er sich von diesen Anschauungen losmachen können und schloß dann später daraus, daß, da er nach seiner Schätzung nicht so weit von den Canarien entfernt war, als man nach der Darstellung der ihm vorliegenden Karten erwarten konnte, die Erde einen geringeren Umfang besitze, als die Kosmographen auf die Autorität der Alten hin allgemein annahmen.

Mit widrigen Winden kämpfend ging Columbus an der Nordseite Cubas wieder zurück nach Osten. Als er am 21. November, nahe der östlichen Spitze der Insel, sich genöthigt sah, die Küste zu verlassen und gegen Nordosten weit ins Meer hinauszusteuern, so daß er bereits den halben Weg nach der Bahama-Insel Isabella zurückgelegt hatte, entfernte sich am Abend die Pinta heimlich von den andern Schiffen, um auf eigene Hand das goldreiche Babeque aufzusuchen. Der Admiral selbst wandte sich wieder nach Cuba zurück. Entzückt von der Schönheit dieses Theils der Insel schrieb er am 27. November, tausend Zeugen genügten nicht, alle die Herrlichkeiten zu preisen, und seine Hand sei nicht im Stand, die Wunder, die ihn umgäben, zu beschreiben. In dem milden, lieblichen Klima, welches von demjenigen an der Guineaküste durchaus verschieden sei, befände sich die ganze Mannschaft wohl, nicht ein Einziger sei krank. Aber, setzt er hinzu, die spanischen Majestäten dürften keinen Menschen, der nicht gut katholisch sei, gestatten, dies Paradies zu betreten. „Denn das ist das Ziel der Entdeckungen gewesen, die ich auf Befehl Ew. Maj. gemacht habe, und die nur unternommen sind, den christlichen Glauben zu verbreiten und zu verherrlichen.“

Am 5. December steuerte er von der Ostspitze Cubas, dem C. Maysi, dem er den Namen Alpha und Omega gab, weil er dasselbe für den äußersten Vorsprung Asiens hielt, nach Haiti hinüber und erreichte die Nordwestspitze dieser Insel am folgenden Tage. Wegen der Aehnlichkeit mit südspanischen Landschaften benannte der Entdecker sie Espagnola.[215] Sie schien noch herrlicher als Cuba. „Ihre Berge und Ebenen, ihre Auen und Fluren sind so schön und üppig. Hier könnte man alle Feldfrüchte bauen, alle Arten Vieh züchten, Städte und Dörfer gründen. Die Küste ist reich an Häfen; die Menge und Größe der Flüsse, von denen die meisten Gold in ihrem Sande mit sich führen, übertrifft alles.“ Acht Tage später glaubte er ganz nahe jener Gegend zu sein, wo die Erde die größten Reichthümer birgt, und er hoffte, daß Gott ihn bald in die ergiebigsten Goldfelder führen werde. Dieser lebhafte Wunsch wird zum täglichen Gebet und Stoßseufzer. Möge der Herr nach seiner Barmherzigkeit mich die Goldminen finden lassen! Die letzten Tage der Fahrt waren sehr mühevoll gewesen, Columbus hatte zwei Tage lang kein Auge zugethan. Da die See ruhig geworden, begab er sich am Abend des 24. December, erschöpft von Anstrengungen, in seine Cajüte, um auszuruhen. Er wußte das Steuer in sicherer Hand; aber auch der Pilot hatte das Bedürfniß nach Ruhe empfunden und unverantwortlicher Weise die Leitung des Fahrzeuges einem Schiffsjungen überlassen. So kam es, daß kurz vor Mitternacht die Santa Maria auf eine Untiefe gerieth und auf eine Sandbank stieß. Auf das Geschrei des unerfahrenen Steuermanns eilte der Admiral sofort herbei, allein das Schiff war nicht mehr zu retten. Die bestürzte Mannschaft wollte sich zum Theil auf die nicht weit entfernte Niña retten, fand aber, als sie mit dem Bote dort anlangte, mit Recht keine Aufnahme, denn das Meer war vollkommen ruhig. Als nun aber bei zunehmender Ebbe das Hauptschiff sich stark auf die Seite zu neigen begann, ließ Columbus den Hauptmast kappen, um das Fahrzeug zu erleichtern; aber umsonst, das Schiff neigte sich immer mehr und füllte sich mit Wasser. Da die Windstille glücklicherweise anhielt, wurde mit Hilfe des Capitäns der Niña, Vicente Yañez Pinzon, nicht nur die Mannschaft des gescheiterten Schiffes gerettet, sondern am nächsten Tage ein großer Theil der Ladung geborgen. Hierbei halfen auch zahlreiche Indianer, mit denen Columbus bereits in freundschaftlichen Verkehr getreten war, und deren Häuptling Guacanagari die geretteten Sachen bewachen ließ.

Der Admiral hielt den Schiffbruch für eine unmittelbare Fügung Gottes, der ihn dadurch gleichsam auf die in der Nähe befindlichen, sehr goldreichen Gebiete hinführen wolle.[216] In diesem Glauben wurde er noch besonders durch den Namen einer Landschaft in Haiti bestärkt, welche die Indianer Cibao nannten und welche Columbus, durch die Aehnlichkeit des Klanges getäuscht, für Cipangu hielt. Da nun das Volk sehr gutmüthig schien und viel Gold in der Nähe zu finden sein sollte -- hatte man doch den Spaniern schon mancherlei goldenen Zierat und dünne Goldblättchen gegeben --, da ferner der Boden des Küstenlandes eine üppige Fruchtbarkeit zeigte, so beschloß Columbus hier eine Colonie anzulegen, um so mehr, als in dem einzigen kleinen Fahrzeuge, welches ihm noch geblieben war, die ganze Mannschaft nicht untergebracht und nach Spanien zurückgeführt werden konnte. In diesem Plane wurde er noch dadurch unterstützt, daß sich viele Matrosen freiwillig erboten, zurückzubleiben, die sich schmeichelten, durch einträglichen Tauschhandel ihre Goldgier in kurzer Frist befriedigen zu können. So wurde auch der Admiral über den Verlust seines Schiffes bald beruhigt und schrieb am zweiten Weihnachtstage: „Ich hoffe zu Gott, daß ich bei meiner Zurückkunft von Castilien hieher eine Tonne Goldes finden werde, welche die Hierbleibenden eingetauscht haben, und daß diese inzwischen die Goldminen selbst und die Spezereien in solcher Fülle entdeckt haben, daß, ehe drei Jahre vergehen, der König und die Königin die Eroberung Jerusalems in Angriff nehmen können. Denn das war -- ich bezeugte es vor Ew. Maj. -- mein Verlangen, durch meine Unternehmung die Mittel zur Eroberung Jerusalems zu schaffen. Ew. Maj. lachten darüber und sagten, daß ihnen das gefalle, daß sie aber auch ohne dies bereit seien, die Entdeckungsfahrt zu unterstützen.“ Dies sind, fügt Las Casas hinzu, die eigenen Worte des Columbus.[217]

In der neuen Colonie, welche den Namen Navidad (Weihnachten) erhielt, blieben 39 Spanier zurück. Am 4. Januar 1493 nahm Columbus Abschied und steuerte der Heimat zu. Zwei Tage darauf traf er zufällig wieder mit der Pinta zusammen, welche seit jener Zeit, wo sie im November sich getrennt, zuerst die Insel Groß-Inagua (nördl. von dem Canal, welcher Cuba von Haiti trennt) und dann die östlichen Theile von Haiti besucht hatte. Hier war sie dem Admiral zuvorgekommen und hatte viel Gold eingetauscht, für ein Stück Schnur hatte Pinzon schöne, zwei Finger lange, selbst handgroße Goldstufen erhalten.[218] Martin Alonso kam zum Admiral an Bord der Niña und entschuldigte sich wegen seiner Sonderfahrt, welche nur durch die ungünstigen Verhältnisse veranlaßt und gegen seinen Willen geschehen sei. Columbus glaubte ihm zwar nicht, aber er zeigte sich mit der Erklärung zufriedengestellt, „um den Lockungen des Satans nicht nachzugeben, welcher diese Reise von Anfang an zu hindern gesucht hatte“.

Von nun blieben beide Schiffe zusammen. Am 13. Januar fand der erste blutige Zusammenstoß mit Indianern statt, bei welchem zwei derselben schwer verwundet wurden. Am 16 Januar verließen sie bei dem Cap Samana (19° 18′ n. Br., 69° 8′ w. L. Gr.) die Insel Haiti und steuerten über den Ocean zurück. Die Fahrt ging bis zum 12. Februar ohne Unfall von statten, aber in den folgenden Tagen überfiel sie ein heftiger Sturm. Auf der Niña gelobte Columbus eine Walfahrt nach Loreto und Guadelupe, je nachdem das Los einen von der Mannschaft dazu bestimmte; auch verpflichteten sich alle, am nächsten Lande, wohin sie sich retten würden, im Bußgewande eine Procession zu machen und der heiligen Mutter ihr Dankgebet darzubringen. Als in der Nacht vom 13. zum 14. Februar die Gefahr aufs höchste stieg, und die kleinen Fahrzeuge sich unter der Wuth der Elemente kaum noch über Wasser hielten, so daß Columbus das schlimmste fürchtete, traf er Vorkehrung, um womöglich wenigstens eine Kunde seiner Entdeckungen nach Europa gelangen zu lassen und ließ den auf Pergament geschriebenen Bericht seiner Reise sorgfältig in Segeltuch einpacken und in einem wasserdichten Kistchen verwahrt über Bord werfen, in der Hoffnung, daß die Wellen und die Strömung die Botschaft irgendwohin ans Gestade tragen möchten. Am 15. Februar kam die südöstlichste der Açoren, Sa. Maria, in Sicht, aber erst am 17. konnten sie landen. Die Hälfte der Mannschaft zog in Procession zur Kapelle der Mutter Gottes, aber der portugiesische Gouverneur der Insel Juan da Castañeda ließ sie während der Andacht überfallen und gefangen nehmen. Erst nach Verlauf mehrerer Tage, während welcher das Unwetter von neuem losbrach und auf der unsichern Rhede die Schiffe von den Ankern riß, erhielt Columbus seine Leute zurück, nachdem er den Abgesandten des Statthalters seine königlichen Vollmachten vorgezeigt hatte, welche ihn zu seiner Reise autorisirten. Um sich weiteren Unannehmlichkeiten zu entziehen, ging der Admiral am 24. wieder unter Segel; aber am 3. März Abends brach ein so wüthender Orkan los, daß die Schiffe von einander getrennt und der Segel beraubt ein willenloser Spielball der aufgeregten Elemente wurden. Glücklicherweise beruhigte sich die See am andern Morgen, je näher sie dem Lande kamen und zu ihrem großen Entzücken erkannte die Mannschaft in der hochaufsteigenden Küste das Cintragebirge an der Mündung des Tajo. Das Schiff des Columbus gelangte glücklich in den Hafen von Lissabon, wo sich die Kunde von der staunenswerthen Reise, welche durch das Erscheinen der mitgenommenen Indianer beglaubigt wurde, rasch verbreitete und gewaltiges Aufsehen machte. Das portugiesische Wachtschiff verlangte, Columbus solle an Bord kommen und über sein Unternehmen Auskunft geben; dieser aber, im Bewußtsein seines hohen Ranges als castilischer Admiral lehnte die Forderung ab und sandte nur seine königlichen Vollmachten. Sofort wurde dem Könige Johann II., welcher sich in Valdeparaiso bei Santarem, oberhalb Lissabon am Tajo aufhielt, die Nachricht von dem großen Ereigniß überbracht, und dieser lud den glücklichen Entdecker ein, an den Hof zu kommen. In der am 9. März stattfindenden Audienz wurde Columbus freundlich empfangen, wenn auch der König äußerte, daß nach den wiederholten Schenkungen der Päpste und den Verträgen mit Castilien die neuentdeckten Länder von Rechtswegen ihm gehören müßten. Aus solchen Aeußerungen glaubten einige Hofleute entnehmen zu dürfen, daß sie ihrem Könige einen großen Gefallen erwiesen, wenn sie den Genuesen beseitigten. Sie erboten sich, mit demselben wie von ungefähr Händel anzufangen und ihn zu tödten, um so die Entdeckung für immer zu vernichten. Aber der König wies solches Ansinnen entschieden zurück und entließ seinen Gast unter Gnadenbezeugungen. -- Columbus segelte am 13. März von Lissabon ab und langte nach zwei Tagen glücklich an der Barre von Saltes vor Palos an. An demselben Tage kam auch Alonso Pinzon mit seinem Schiffe dahin zurück. Er war nach der Nordwestküste Spaniens, nach Galicien verschlagen worden, hatte von dort aus die erste Kunde der glücklichen Heimkehr an den König von Spanien gelangen lassen und um Audienz gebeten, war aber dahin bedeutet worden, daß er nur im Gefolge seines Admirals zu erscheinen habe. Diese Zurücksetzung kränkte ihn so tief, daß er bald darauf starb. Unzweifelhaft war er der bedeutendste unter den Begleitern des Columbus, was schon daraus hervorgeht, daß er auf eigne Hand auf Entdeckungen ausging, indem er sich von Columbus trennte, wenn auch nicht geleugnet werden darf, daß er durch dieses eigenmächtige Verfahren den Erfolg der kühnen Unternehmung im ganzen in Frage stellte. Erst später hat die spanische Krone diese Verdienste anerkannt, indem sie die Nachkommen Alonso’s in den Adelsstand erhob.

Unter dem Jubel des Volkes zog Columbus in Palos ein und ging von da nach Sevilla. Durch Eilboten wurden die kgl. Majestäten, welche zu jener Zeit in Barcelona Hof hielten, von der glücklichen Heimkehr und dem glänzenden Erfolg der Expedition in Kenntniß gesetzt. Durch ein königliches Schreiben vom 30. März wurde der Entdecker eingeladen nach Barcelona zu kommen; zugleich wurde die Ausrüstung einer großen Flotte nach dem Wunsche des Admirals angeordnet und ihm selbst die Ertheilung der verheißenen Titel und Würden zugesagt. Mit allen Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten Indiens, welche er auf seiner Fahrt gesammelt hatte, und mit einigen der entführten Indier brach Columbus von Sevilla auf und zog wie im Triumphzuge durch ganz Spanien. Die Kunde von den unerhörten Entdeckungen flog durchs Land, überall strömte das Volk zusammen, um den Bezwinger des Oceans zu sehen und seine Wunderdinge anzustaunen. So zog er in der Mitte des April in Barcelona ein.[219] Bei Hofe wurden ihm die höchsten Ehren zu Theil, in öffentlicher Audienz lud man ihn ein sich zu setzen, was als die höchste königliche Gnadenbezeugung galt,[220] und von seiner Fahrt zu erzählen. Da Columbus gegen Ausgang und zum Schluß seiner Reise zwei ziemlich gleichlautende Berichte in Briefform über den Erfolg seiner Entdeckungsfahrt abgefaßt und dieselben, den einen „auf der Höhe der Canarischen Inseln,“ am 15. Februar 1493 unter der Adresse des Geheimsecretärs Luis de Sant-Angel[221] an den König und die Königin gerichtet und den andern von Lissabon aus am 14. März an den königlichen Schatzmeister Rafael Sanchez[222] gesandt hatte, und da in diesen Schreiben der Gesammtgewinn der Unternehmung zusammengestellt ist, so darf man wohl annehmen, daß der mündliche Bericht an die Majestäten in ähnlicher Weise, wenn vielleicht auch in glühenderen Farben und in wärmeren Worten erfolgt ist. Jedenfalls lernen wir aus jenen Schreiben die Anschauungen und Hoffnungen des Admirals deutlich erkennen. Daß er wirklich im indischen Meere gewesen, bezweifelt er keinen Augenblick. Wenn auch die volkreichen Städte und Seeplätze mit ihren Gewürzfrachten, die im äußersten Asien liegen, noch nicht gefunden sind, so haben doch die großen neuentdeckten Inseln so viele werthvolle Produkte, und verheißen in ihren goldführenden Flüssen eine so reiche Ernte des edelsten Metalles, daß das zweite Ziel und die zweite Aufgabe, welche der Entdecker sich gestellt hat, das heilige Land wieder zu gewinnen, bald wird in Angriff genommen werden können. So viel steht fest, daß die Zweifler und Spötter verstummen werden „denn Gott hat auf so wunderbare Weise alles bestätigt, was ich behauptet habe gegenüber den Meinungen hochgestellter, einflußreicher Persönlichkeiten, welche meinen Plan für Träumerei und mein Vorhaben für ein Hirngespinnst hielten“. „Aber daß dieses große Unternehmen so glänzend verlaufen, ist nicht mein Verdienst, sondern dasselbe gebührt dem heiligen katholischen Glauben und der Frömmigkeit unserer Monarchen, weil, was der menschliche Geist nicht zu fassen vermag, doch der göttliche Geist den Menschen gibt. Denn es erhört Gott die Gebete seiner Diener, welche seine Gebote befolgen, auch dann, wenn sie, wie in diesem Falle, Unmögliches zu bitten scheinen. So habe auch ich Erfolg gehabt in meinem Unternehmen, welches bis jetzt menschliche Kraft überstieg; denn wenn bisher einige über diese Inseln geschrieben oder gesprochen haben, so geschah es doch nur in der Form von Muthmaßungen, da noch niemand dieselben gesehen hatte, so daß das ganze fast für Fabel gehalten wurde. Deshalb mögen nun der König und die Königin, die Fürsten und ihre glücklichen Staaten, so wie alle anderen Länder der Christenheit, wir alle, dem Erlöser unserm Herrn Jesu Christo danken, daß er uns einen solchen Sieg verliehen hat. Es mögen Processionen begangen und heilige Feste gefeiert, die Tempel mit grünen Zweigen geschmückt werden. Christus mögen auf Erden jubeln, wie im Himmel, wenn er so vieler Völker bis hieher verlorene Seelen gerettet sieht. Auch wir wollen uns freuen über die Erhöhung unseres Glaubens, über den Zuwachs an weltlichen Gütern, an denen in Zukunft nicht blos Spanien, sondern die ganze Christenheit theilhaben wird.“

Seine schwärmerische Begeisterung, welche der Admiral auch bei dieser Gelegenheit zur Schau trug, mochte recht wohl zu dem eignen Entzücken über die herrliche Natur der neuentdeckten Welt passen und dem beredten Munde des heimgekehrten Helden Ohr und Herz aller Hörer zuwenden. Aber wenn dann die praktischen, nüchternen Fragen herantraten: wo auf der Erde liegt das neue Indien, wie groß sind die bedeutendsten Inseln, dann mußte doch manchem kritischen Geiste hie und da ein Bedenken über die Zuverlässigkeit der Angaben und die Sicherheit der Behauptungen des Columbus auftauchen, zumal derselbe nicht im Stande gewesen war, eine Karte der entdeckten Gebiete zu entwerfen. An der Küste von Cuba war er nach seiner Meinung 107 Leguas in gerader Linie von Osten nach Westen entlang gefahren, ohne das westliche Ende erreicht zu haben; und doch liegt sein Cours nur zwischen 78 n. 74 w. v. Gr. Die Länge der Nordküste Haitis schätzte er gar auf 138 Leguas, während die von ihm besegelte Nordseite der Insel in der That in grader Richtung nur 60 geogr. Meilen lang ist. Aus diesen Irrthümern erwuchsen die Ueberschätzungen der Größe jener Inseln. Cuba war demnach größer als England und Schottland zusammen, Haiti größer im Umfange als ganz Spanien von Catalonien herum bis nach Fuentarabia in Biscaya. Cuba galt ihm, trotz der bestimmten Erklärung der befragten Insulaner, für das Festland von Catayo, Haiti für Cipangu, oder, wie P. Martyr angibt, auch wohl für das Salomonische Ophir. Dazu kommen noch die ganz unbegründeten Breitenangaben dieser Inseln, die Nordküste Cubas soll unter 42° n. Br., der Westen Haitis unter 34°,[223] der Osten unter 26° n. Br. liegen, wenn er die letzte Bestimmung auch nur als Vermuthung gibt.[224] Vor allem aber konnte ihm mit Recht eingewendet werden, daß er nicht gehalten, was er versprochen, daß er Katai nicht erreicht, daß er die eigentlichen Gewürzländer nicht gefunden habe und daß die geringen Goldproben und die zweifelhaften Gewürze die rege gemachten Erwartungen nicht befriedigen könnten.

Darum schreibt auch Peter Martyr kaum einen Monat nach jenem großartigen Aufzuge und Empfang in Barcelona an den Grafen Boromeo ziemlich nüchtern: „Bald darauf (nämlich nach dem Mordanfall gegen den König Ferdinand im December 1492) kehrte von den westlichen Antipoden ein gewisser Cristóbal Cólon zurück, ein Ligure, welcher von meinen Monarchen nur mit Mühe zur Reise nach jener Gegend drei Fahrzeuge erhalten hatte, weil, was er behauptete, als Fabel erschien. Er kam mit vielen werthvollen Dingen heim und brachte namentlich Proben von Gold mit, welches jene Länder von Natur liefern. Doch lassen wir so fern liegende Dinge bei Seite.“[225]

In einem späteren Briefe vom 1. October 1493 an den Erzbischof von Braga bemerkt derselbe fleißige Schriftsteller, Colon habe mehrere Inseln entdeckt an einem Gestade, das er für das indische halte. Angeblich seien es dieselben, welche nach den Kosmographen (Toscanelli?) in dem Ostmeere von Indien liegen sollten. „Ich will das nicht ganz in Abrede stellen; allein die Größe des Umkreises der Erde scheint zu einer andern Annahme führen zu müssen. Doch gibt es Leute, welche meinen, daß die Entfernung zwischen der spanischen Seeküste und dem Gestade Indiens nur gering sei.“[226]

Manche Irrthümer des Columbus wurden auch bald von der Kritik berichtigt oder zu berichtigen gesucht. So sagt Martyr, daß wenn man die Karten genau prüfe, Haiti in der Gegend der Antillen, aber nicht bei Asien liegen müsse,[227] und daß der Admiral die Größe dieser Insel übertrieben habe.[228]

Zunächst aber stand Columbus in der Gunst der Monarchen so fest und wurde so mit Ehren überhäuft, daß auch die kühleren Herzen sich mit ihm zu befreunden beflissen waren. So stand auch Peter Martyr bald mit dem berühmten Entdecker, dem Granden Spaniens, in Briefwechsel und bezeichnete ihn nicht ohne Eitelkeit als seinen intimen Freund.

Am 28. Mai 1493 erhielt Columbus eine neue Bestätigung seiner ausbedungenen Privilegien und Gerechtsame als Admiral und Vicekönig und ein Wappen verliehen, in welchem außer seinem Familienwappen die Wappen von Castilien und Leon und goldene Inseln in blauen Meereswogen enthalten waren. Fünf Anker waren das Abzeichen seiner Admiralswürde und die Umschrift lautete: ~A Castilla y a Leon Nuevo Mondo dió Colon~. (Columbus gab Castilien und Leon eine neue Welt.)

8. Die Demarcationslinie.

Dann beeilte man sich, den Papst Alexander VI. für die Pläne weiterer Entdeckungen und der damit zu verbindenden Ausbreitung des Christenthums zu gewinnen. Man mußte vor allem gesichert sein vor den Ansprüchen der Portugiesen, denen bereits zu wiederholten Malen durch päpstliche Erlasse alle neuen Erwerbungen in Afrika und Indien sanctionirt und monopolisirt waren. So gelang es auch schon im Mai 1493, die gewünschte Concession von Seiten des Papstes zu erhalten. Die darauf bezüglichen Decrete sind vom 3. und 4. Mai datirt, in denen natürlich die Verkündigung der christlichen Lehre unter den Indianern als ein Gott wohlgefälliges Werk vorangestellt wurde. „Da nun,“ heißt es weiter, „Columbus gewisse weit entlegene Inseln und Festländer (~terras firmas~ mit Anspielung auf Cuba), welche bisher noch nicht gefunden waren, entdeckt hat, so geben wir aus freier Bewegung, ohne Euren (d. h. der spanischen Monarchen) oder irgend jemandes Antrieb, und aus apostolischer Machtvollkommenheit, Euch alle diese neu entdeckten und neu zu entdeckenden Inseln und Länder, so weit sie noch keinem christlichen König gehören, Euch und Euren Erben und verbieten allen anderen, bei Strafe der Excommunication, dahin zu fahren und ohne Eure Erlaubniß Handel zu treiben.“ Da aber bei der zu allgemein gehaltenen Erklärung doch Verwicklungen und Streitigkeiten mit der portugiesischen Krone entstehen konnten, wenn die Entdeckungsbereiche beider Mächte nicht genauer abgegrenzt wurden, so wurde in einem Decret vom folgenden Tage, vom 4. Mai, noch eine +Demarcationslinie+ eingefügt und bestimmt, daß eine meridional gezogene Linie, welche hundert Leguas westlich jenseits der Açoren und Caboverdischen Inseln vom Nordpol zum Südpol laufe, beide Nationen in ihren Unternehmungen von einander halten solle.[229] Die westliche Erdhälfte solle spanisch, die östliche dagegen portugiesisch sein. Es sollte also der Erdball wie ein Apfel halbirt, und jedem Staate eine Hemisphäre zugewiesen werden. Warum man die Scheidelinie hundert Meilen westlich von den bisher bekannten westlichen Inseln verlegte, darf wohl auf die Ansichten und Beobachtungen des Columbus zurückgeführt werden, welcher an der genannten Linie glaubte ein wesentlich anderes Klima, und den Anfang eines neuen Himmels und einer neuen Erde gefunden zu haben.

„Ich erinnere mich,“ schreibt der Entdecker 1498, „daß, so oft ich nach Indien segelte, 100 Leguas westlich von den Açoren sich die Temperatur änderte, und daß dies überall von Norden nach Süden stattfand.“ An einer späteren Stelle desselben Berichtes kommt Columbus noch einmal auf dasselbe Thema zurück. „Wenn ich von Spanien nach Indien segelte, fand ich, sobald ich hundert Meilen (Leguas) westlich von den Açoren zurückgelegt hatte, eine sehr große Veränderung am Himmel und den Gestirnen, in der Temperatur der Luft, in dem Wasser des Meeres, und ich habe diese Erscheinungen mit großer Sorgfalt beobachtet. Ich bemerkte, daß wenn man die genannten 100 Leguas vor den genannten Inseln passirt, von Norden nach Süden, die Compaßnadeln, welche bisher nach Nordosten abwichen, sich nun einen vollen Viertelwind[230] nach Nordwesten wandten, und daß dies stattfand von der Zeit an, wo ich jene Linie erreichte. Und zur selben Zeit trat eine Erscheinung ein, als wenn eine Erhöhung der Erde sich hier fände; denn ich fand die See ganz mit einem Kraut überdeckt, welches Tannenzweigen glich und Früchte wie vom Mastixbaum trug und zwar so dicht, daß ich auf meiner ersten Reise meinte, es sei eine Untiefe, und die Schiffe müßten auflaufen. Sobald wir jenen Strich erreicht hatten, fand sich nicht ein Zweig mehr. Auch bemerkte ich, daß an diesem Punkte das Meer ruhig und glatt und fast nie von einem Winde bewegt war. Desgleichen fand ich, daß von derselben Linie an, gegen Westen, die Temperatur immer milde war, und daß Sommer und Winter sich wenig unterschieden.“[231]

„Diese Stelle,“ bemerkt A. v. Humboldt,[232] „enthält Ansichten der physischen Erdkunde, Bemerkungen über den Einfluß der geographischen Länge auf die Abweichung der Magnetnadel, über die Inflexion der isothermen Linien zwischen den Westküsten des alten und den Ostküsten des neuen Continents, über die Lage der großen Sargasso-Bank in dem Becken des atlantischen Meeres, und die Beziehungen, in welchen dieser Meeresstrich zu dem über ihm liegenden Theile der Atmosphäre steht. Irrige Beobachtungen der Bewegung des Polarsternes in der Nähe der açorischen Inseln hatten Columbus schon auf der ersten Reise, +bei der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse+, zu dem Glauben an eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde verführt. In der westlichen Hemisphäre ist nach ihm die Erde „angeschwollener“, die Schiffe gelangen allmählich in größere Nähe des Himmels, wenn sie an den Meeresstrich kommen, wo die Magnetnadel nach dem wahren Norden weist; eine solche Erhöhung ist die Ursache der kühleren Temperatur. Wenn man dazu erwägt, daß Columbus gleich nach seiner Rückkehr von der ersten Entdeckungsreise die Absicht hatte, selbst nach Rom zu gehen, um, wie er sagt, dem Papste über alles, was er entdeckt, Bericht abzustatten; wenn man der Wichtigkeit gedenkt, welche die Zeitgenossen des Columbus auf die Auffindung der +magnetischen Curve ohne Abweichung+ legten, so kann man wohl eine von mir zuerst aufgestellte historische Behauptung gerechtfertigt finden, die Behauptung, daß der Admiral in dem Augenblick der höchsten Hofgunst daran gearbeitet hat, +die physische Abgrenzungslinie in eine politische verwandeln zu lassen+.“

Es ist klar, daß die von Columbus auf einer Meridianlinie zusammengelegten großen Unterscheidungsmerkmale der östlichen und westlichen Welt einen ungeheuren Eindruck auf den Entdecker machen mußten, und daß er die Hemisphäre jenseit der 100 Seemeilen, von den Açoren ab, für die in den alten Weissagungen genannte und durch ihn zuerst betretene „neue Erde“ ansah, von welcher er auch keinen Fußbreit abtreten möchte. Die Merkmale schienen ja auch zahlreich und sicher genug zu sein, um eine erkennbare Scheidelinie zu bilden. Der entschiedene Ausspruch des Entdeckers, daß eine so auffällige Veränderung am Himmel und auf der Erde hundert Leguas westlich von den Açoren sich zeige, konnte dem Papste genügen. Wenn es in dem Erlasse auffälligerweise heißt, die Linie soll 100 Meilen westlich von jeder beliebigen (~qualibet~) Insel der Açoren +oder+ Capverden gelegt werden, so wird auch dabei unentschieden gelassen, welche Gruppe und welche Insel die westlichste ist. Gegenwärtig wissen wir, daß die westliche der Capverden beinahe 6 Meridiangrade weiter östlich liegt als die äußerste der Açoren; in jenen Tagen, wo bekanntlich noch alle Mittel fehlten zu einer exacten Längenbestimmung, war diese Frage noch nicht entschieden. Und eben bei der Unmöglichkeit, die nach den Angaben des Columbus postulirte Demarcationslinie wirklich ermitteln zu können, sahen sich die beiden Seemächte bald in die Lage versetzt, mit einander in Unterhandlungen zu treten, um diesen Unklarheiten, als möglicher Ursache unendlicher Streitigkeiten, baldigst eine Grenze zu setzen. Denn wie sehr der portugiesische Monarch über seine vermeintlichen Rechte in Bezug auf den Ocean wachte, sieht man daraus, daß er, kurz nachdem er Columbus entlassen hatte, dem Hof in Spanien seine vom Papst sanctionirten Entdeckungsräume nachweisen ließ und sogar mit dem Plane umging, eine Flotte nach der neuen Welt zu entsenden. Seine Gesandten Pedro Dias und Ruy de Pina verlangten in Spanien den Parallelkreis der Canarischen Inseln als Grenze oder Demarcationslinie. Die Spanier sollten nur nördlich von dieser Inselgruppe über den westlichen Ocean segeln und also nur außerhalb der Tropen sich auch in den neuentdeckten Gewässern bewegen dürfen. Man wünschte sie von allem Eindringen in die heiße Zone fern zu halten. Lope de Herrera ging wiederum als Gesandter Spaniens nach Lissabon. So schienen sich durch das Hin- und Wiedersenden der Botschafter die Verhandlungen verschleppen zu wollen, als durch ein anderweites Ereigniß der politische Einfluß Spaniens bedeutend hervortrat und dadurch ein Druck auf Portugal ausgeübt wurde, welcher es zu unerwartetem Nachgeben geneigt machte. Spanien hatte nämlich von Frankreich die Rückgabe der Grafschaften Roussillon und Cerdaigne erlangt. Damit war eine wichtige Streitfrage erledigt, Spanien hatte keinen äußeren Feind mehr zu fürchten und konnte, falls Portugal noch länger gerechten Anforderungen widerstreben sollte, wenn es sein mußte, die Entscheidung der wichtigen maritimen Frage dem Schwerte anvertrauen.

So kam denn am 7. Juni 1494 der berühmte Vertrag von Tordesillas (in Altcastilien am Duero, südwestlich von Valladolid, wo Columbus 12 Jahre später starb) zustande, in welchem die Monarchen Spaniens zunächst die Gerechtsame des Nachbarstaats auf Guinea u. s. w. in vollem Umfange anerkannten und ferner zugaben, daß die Demarcationslinie 270 Leguas über die anfänglich vom Papste genehmigte Grenze hinaus, nämlich auf 370 Leguas westlich von den Capverden verlegt wurde. Nach unserer jetzigen Kenntniß von dem Unterschiede der Lage der westlichen Açoren und westlichsten Capverden können wir hinzufügen, daß der von Spanien noch eingeräumte Meridiangürtel von 270 Leguas sich noch weiter um mindestens 90 Leguas verminderte, weil man nach dem neusten Vertrage nur von den Capverden ausging und die Açoren nicht weiter in die Streitfrage hineinzog.

Da nun der von Columbus über den Ocean zurückgelegte Weg von den Canarien aus mindestens 600 Leguas bis zu den neuen Inseln betrug, so konnte man unbedenklich den mittleren Strich des atlantischen Ocean preisgeben. Was man auf dieser Seite aufgab, erhielt man natürlich, da die Theilungslinie auch über die andere noch unbekannte Erdhälfte hinweglief, auf jener Seite, im Westen wieder. Und gerade hier sollte sich später den Spaniern ein ganz unerwarteter Gewinn zeigen, als es nach Entdeckung der eigentlichen Gewürzinseln fraglich wurde, ob dieselben auf spanischer oder portugiesischer Hemisphäre lägen. Wir werden darüber noch im Verfolg der Weltreise Magalhães’ zu berichten haben. Vorläufig war in dem Vertrag auch noch die Frage offen gelassen, auf welche Weise die Demarcationslinie festzulegen sei, ob durch eine Gradbestimmung oder auf eine andere Weise, „wie es sich am genauesten werde berechnen lassen“. Innerhalb der nächsten zehn Monate nach Ratification des Vertrages sollten von beiden Parteien eine oder zwei Caravelen oder auch noch mehr, je nach Uebereinkommen, auf Gran Canaria zusammenkommen, um durch Piloten und Astronomen, von beiden Seiten gleich viel Personen, die Grenzlinie zu fixiren. Diese Commission sollte von Canaria sich nach den Capverden begeben und von da 370 Leguas weit westwärts segeln, um dann die Entfernung entweder durch Schiffstagereisen oder sonst wie zu bestimmen. Diese von beiden Parteien gemeinschaftlich bestimmte Linie sollte dann für alle Zeiten gültig bleiben.[233] Allein diese Expedition kam nie zustande, vielleicht weil beiderseits keine Autoritäten sich fanden, welche mit Sicherheit die gewünschte Demarcation anzugeben wagten. Ueber diese Linie war man auch noch 20 Jahre später ebenso im Unklaren. Peter Martyr erzählt,[234] wie er in Burgos die Karten der neuen Entdeckungen, nach den Aufnahmen des Amerigo Vespucci, Bartolomeo Colon, Juan de la Cosa, Morales und anderer Castilier, auch auf einem Globus die Entfernungen geprüft und mittelst eines Zirkels den Abstand von der Westspitze Portugals und von den Capverden bis zur Theilungslinie und weiter bis zu den Küsten Brasiliens gemessen habe; aber die Karten stimmten nicht genau überein und nahmen die Küstenabstände der alten und neuen Welt verschieden an, so daß also ein entscheidendes Urtheil nicht gefällt werden konnte.

Wenn auch im atlantischen Ocean kein streitiges Object lag, so mußte doch die Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit der Demarcationslinie nothwendigerweise in Südamerika noch wieder zu Differenzen führen.

9. Die zweite Reise des Columbus.

Inzwischen war aber bereits der Admiral des indischen Meeres mit einer stattlichen Flotte zum zweiten Male über den Ocean gesegelt, ohne den Abschluß der Verhandlungen abwarten zu können. Juan Rodriguez de Fonseca erhielt die Leitung der indischen Angelegenheiten und mußte, wenn auch widerstrebend, allen Forderungen des Columbus bezüglich der Ausrüstung einer großen und theuren Flotte nachgeben, welche aus 14 Caravelen und drei großen Lastschiffen bestand und 1200 Bewaffnete und Reiter mit an Bord nahm. Es waren Vorkehrungen getroffen, die europäischen Hausthiere in genügender Anzahl nach Westindien zu verpflanzen, sowie Getreide, Gemüse und Weinreben anbauen zu können. Es war nicht mehr ein bloßes Entdeckungsgeschwader, sondern eine Flotte mit Auswanderern; denn es galt die thatsächliche Besitzergreifung der neuen Welt. Columbus wollte nicht allein Admiral des Meeres sein, sondern auch den andern Theil seines neuen Titels „Vicekönig“ durch Gründung von Colonien verwirklichen. Ein großes Gefolge von Beamten und Soldaten mußte diesen Plan unterstützen. Als Geistlicher wurde Fray Bernardo Boïl, ein Benediktiner von Monserrat in Catalonien, mitgegeben, welcher von Rom aus zum apostolischen Vicar in den neuen Ländern ernannt worden war. Auch war der spanische Adel in diesem Seezuge vertreten: Alonso de Hojeda, Juan Ponce de Leon, der Entdecker Floridas, sowie die späteren Statthalter von Cuba und Jamaica, Diego Velasquez und Juan de Esquivel nahmen an dem Zuge theil, welcher ebensowohl glänzenden Gewinn als die mannigfachsten Abenteuer in Aussicht stellte. War dann an geeignetem Platze die erste Niederlassung, in größerem Maßstabe als bei der ersten Fahrt in Navidad, begründet, dann wollte Columbus seine an der Küste Cubas abgebrochenen Entdeckungen wieder aufnehmen und nicht blos bis nach Cipangu und Katai zu den Weltmärkten Ostasiens vordringen, sondern wo möglich von da aus, in derselben Richtung weiter steuernd, den Erdball umkreisen. Es war also auch eine Erdumsegelung geplant, welche der Admiral um so eher auszuführen hoffte, weil er nach den auf der ersten Reise gemachten Beobachtungen überzeugt war, die Erde sei nicht so groß, als die Astronomen und Kosmographen behaupteten.

Am 25. September 1493 brach die Flotte von der Bucht von Cadix auf und steuerte zunächst nach den Canarischen Inseln. Wir besitzen über diese Expedition den Bericht eines Augenzeugen, des Doctor Chanca aus Sevilla, welcher als Arzt die Fahrt mitmachte und in objectiver Weise seine Beobachtungen aufgezeichnet hat.[235]

Am 2. October erreichte die Flotte Gran Canaria und mußte hier und später auch in Gomera einlaufen, weil eines der Schiffe leck geworden war und ausgebessert werden mußte. Erst am 13. October stach man von Ferro aus in See, durchschnitt in 20 Tagen den atlantischen Ocean, wobei Columbus einen südlicheren Weg einschlug, als auf der ersten Fahrt.

Am 3. November, am ersten Sonntage nach Allerheiligen, entdeckte man, unter dem allgemeinen Jubel des Schiffsvolks, das erste Land. Die Piloten schätzten die Entfernung von Ferro auf 780 bis 800 Leguas. Rechts neben der ersten Insel wurde noch eine andere sichtbar. Jene war hoch und gebirgig, diese flach, aber dicht bewaldet. Als es heller Tag wurde, erschienen auf beiden Seiten noch andere Inseln. Die zuerst gesehene erhielt den Namen +Dominica+. Dieselbe liegt in der Mitte der Reihe der kleinen Antillen, zwischen 15 und 16° n. Br. Columbus erreichte also auf dieser Fahrt die westindischen Inseln an einem Punkte, welcher 8 bis 9 Breitengrade südlicher lag, als bei seiner ersten Unternehmung. Dominica bot aber keinen Hafen, und so steuerte die Flotte nach der zweiten nördlicheren Insel, welche nach dem Admiralschiffe den Namen +Maria galante+ erhielt. Hier stieg der Flottenführer ans Land und nahm, mit dem spanischen Banner in der Hand, von der Insel Besitz. Dieselbe schien aber unbewohnt. Der nächste Tag führte die Entdecker nach der Doppelinsel +Guadalupe+. Einem Versprechen zufolge, welches Columbus den Mönchen des Klosters von Guadalupe in Estremadura gegeben, erhielt die Insel den neuen Namen. Von der See aus bot sie einen großartigen Anblick dar: vom hohen Gebirge stürzte sich ein prachtvoller Wasserfall ins Thal herab. Die Landung erfolgte bei mehreren verlassenen Hütten, in denen man Lebensmittel und viel, zum Theil verarbeitete Baumwolle fand, aber auch Menschenknochen. Die Insel war also von Menschenfressern bewohnt. „Menschenfleisch ist ihr bestes Essen, Knaben werden verschnitten und zu Festmahlen aufgemästet.“ Von einzelnen gefangenen Insulanern erfuhr man, daß die Bewohner Cariben hießen. Man deutete den Namen auf Canib und dachte sich die Leute als Unterthanen des Großchanes, nach dessen Lande man suchte. So entstand durch Misverständniß und falsche Deutung bald die Bezeichnung der Canibalen für die wilden Stämme, welche ihre Mitmenschen verzehrten. Bei dem Verkehr mit den Indianern leisteten die auf der ersten Entdeckungsreise entführten Bahama-Insulaner als Dolmetscher wesentliche Dienste. Leider waren von den sieben Mitgenommenen nur noch zwei am Leben geblieben. Die Canibalen zeigten offenbar eine höhere Entwicklung als die an Hilfsmitteln armen Bahama-Indianer und verstanden auch bessere Häuser zu bauen. Die einheimischen Freien und die von andern Inseln weggefangenen und zu Sklavinnen gemachten Weiber unterschieden sich durch Bänder von gewebter Baumwolle, welche am Knie und Fußgelenke getragen wurden. Die Sklavinnen ließen sich von den Fremdlingen leicht gefangen nehmen, oder kamen auch wohl aus freien Stücken zu den Schiffen. Von ihnen erfuhr man auch, daß die weiterhin entdeckte Insel +Monserrat+ durch die Cariben erst entvölkert worden sei. Sodann gelangte man zu den Inseln +Sa. Maria la Redonda, Sa. Maria la Antigua, San Martin+. Sie erhielten ihre Namen nach den spanischen Kirchen, in denen man besondere Gelübde gethan hatte. Dann folgte am 15. November die Entdeckung von +Sa. Cruz, Sa. Ursula+ und +der 11,000 Jungfrauen+, und endlich tauchte die schöne und fruchtbare Insel +Puerto rico+, die östlichste der großen Antillen, vor den Augen der Entdecker auf. Die Eingebornen nannten sie Burequen oder Burenquen,[236] der von Columbus zuerst gegebene Name „San Juan Bautista“ fand nicht lange Verbreitung. Hier lebten keine Cariben mehr.

Von dieser Insel aus erreichte das Geschwader am 22. Nov. die Insel Hispaniola; derjenige Theil der Küste, wo man zuerst landete, hieß Haiti. Aber man verweilte nicht lange, sondern strebte der Ansiedlung Navidad zu, welche man nach der Meinung des Admirals in blühendem Zustande und vielleicht auch schon im Besitz reichlichen Goldes, welches von den Indianern so leicht zu erlangen war, anzutreffen wähnte. Aber es sollte bald eine furchtbare Enttäuschung eintreten. Das Vorspiel dazu bot sich ihnen im Hafen von Monte Christi, 12 Meilen von Navidad, dar. Zuerst fand man zwei Leichen nicht weit vom Strande im hohen Grase, unbekleidet und bereits unkenntlich geworden; von denen trug die eine noch einen Strick um den Hals, die andere um die Füße. Am zweiten Tage wurden noch zwei Leichen entdeckt, von denen eine durch ihren großen Bart auffiel; ein sehr verdächtiges Zeichen, weil die Insulaner sämmtlich bartlos waren. Am Abend des 27. November, kurz vor Mitternacht, kam die Flotte vor Navidad an, aber wegen den Klippen blieb man die Nacht auf See und landete erst am folgenden Morgen. Der Admiral ließ zwei Kanonen lösen, um seine Ankunft zu melden und wartete in höchster Spannung auf Antwort. Aber alles blieb still. Statt, wie man gehofft hatte, eine fröhliche, jubelnde Menge sich am Strande versammeln zu sehen, ließ sich in der Nähe des Hafens nur ein einsamer, indianischer Nachen sehen. Bange Ahnung erfüllte das Schiffsvolk. Endlich kam das Boot näher und fragte nach dem Admiral. Die Indianer brachten zwei goldene Masken als Geschenk ihres Königs mit und erwiderten auf die Fragen nach den zurückgebliebenen Spaniern in zurückhaltender, dunkler Weise: diejenigen, welche im Kastelle geblieben seien, befänden sich wohl. Einige seien an Krankheiten gestorben, andere in einem unter ihnen ausgebrochenen Streite erschlagen worden. Ihr Land, berichteten die Indianer ferner, sei von zwei Fürsten, Caonabo und Mayreni überfallen und verheert, die Hütten niedergebrannt. Ihr König Guacamari[237] sei im Kampfe verwundet und habe daher nicht kommen können.

Das hölzerne Kastell in Navidad war bis auf den Grund niedergebrannt, man sollte danach wohl annehmen, es sei von feindlicher Hand vernichtet. Aber auffällig blieb, daß die Indianer in der Nähe sich gegen früher sehr scheu zeigten. Nur mit Mühe wußte man einige zu bewegen, an Bord zu kommen. Hier gestanden sie nun, daß die Spanier sämmtlich todt seien. Aber man fand in der nächsten Umgebung von Navidad keine Leiche. Man durchstreifte nun weiterhin das Land und entdeckte zunächst in einem kleinen aus 7 oder 8 Hütten bestehenden Dorfe, deren Insassen geflohen waren, mancherlei Gegenstände, namentlich Kleidungsstücke, welche den Spaniern gehört hatten. Nach der Stätte der Festung zurückgekehrt, zeigten die inzwischen bereits dreister gewordenen Indianer die Stellen, wo man von hohem Grase überwuchert, die Leichen von eilf Spaniern fand. Dann suchte der Admiral in stärkerer Begleitung den anscheinend kranken Guacanagari auf. Derselbe lag, mit verbundenem Bein, ausgestreckt auf einem Lager, das nach Landesart aus einem von starken Baumwollfäden gefertigten Netzwerk bestand, welches an beiden Enden an die Pfosten der Hütte befestigt war. Es ist die erste Erwähnung der Hängematte. Der König beklagte thränenden Auges den Tod der Spanier. Einige seien an Krankheiten gestorben, andere auf einem beabsichtigten Beutezuge nach den Goldminen im Gebiete Caonabos erschlagen, der Rest in der Citadelle angegriffen und bei der Vertheidigung gefallen. Der begleitende Arzt, Doktor Chanca, welcher über diese Vorfälle ausführlich berichtet hat,[238] erbot sich, den Verwundeten zu heilen. Dieser schien gerne dazu bereit; da es aber in der Hütte zu dunkel war, um die Wunde untersuchen zu können, so mußte er seine Lagerstelle verlassen. Mehr aus Furcht vor den Spaniern, als aus Neigung begab er sich, auf den Admiral gestützt, ins Freie. Er wollte durch einen Steinwurf empfindlich getroffen sein. Als der Verband entfernt war, war keine Verletzung zu bemerken, trotzdem klagte der Indianer über heftigen Schmerz. Unbekannt mit dem wahren Verlauf der betrübenden Katastrophe, konnte Columbus nicht zu einem entscheidenden Schritte bewogen werden. Mehrere seiner Begleiter glaubten entschieden an die Mitschuld Guacanagari und riethen deshalb dem Admiral, den Fürsten gefangen zu nehmen. Aber Columbus lehnte dieses trotz mancherlei Verdachtsgründe ab. Er suchte so lange wie möglich mit den Eingebornen in Frieden zu leben. Auf seinen Plan, die niedergebrannte Festung wieder zu errichten, wollte Guacanagari keine zustimmende Meinung äußern, er wies vielmehr, und wohl auch mit Recht, auf die ungesunde Lage des Platzes hin. So entschloß sich denn Columbus, eine geeignetere Stelle auszusuchen; aber man suchte lange vergeblich nach einer günstigen Oertlichkeit. Man steuerte an der Küste zurück und kämpfte dabei mühsam gegen Wind und Wetter. So vergingen drei Monate, ehe man 10 Leguas östlich von Monte Christi den Fuß ans Land setzte und hier sich zu befestigen beschloß. Die neue Burg erhielt den Namen Isabella. Daneben wurde der Plan zu einer Stadt entworfen, in welcher die Hauptgebäude aus Stein errichtet werden sollten. Jetzt finden sich nur noch einige Trümmer dieser Anlagen, alles ist mit Wald bedeckt; denn es zeigte sich bald, daß auch dieser Platz ein ungesundes Klima hatte, welches den dritten Theil der neuen Ankömmlinge aufs Krankenlager warf. Selbst der Admiral blieb nicht verschont und konnte in Folge dessen ein Vierteljahr lang sein Tagebuch nicht fortführen.

Von der Willfährigkeit der Indianer äußerte Chanca:[239] „Ich glaube, wenn wir mit dem Volke sprechen könnten, würde man es leicht bekehren können, denn sie machen alles nach, beugen die Knie vor den Altären und machen bei dem Ave Maria sowie bei den anderen Ceremonien das Zeichen des Kreuzes. Sie sind zwar Götzendiener, denn man findet in allen Hütten Götzenbilder; aber sie wünschen Christen zu werden.“ Die Gegend schien reich an werthvollen Produkten, man glaubte mancherlei Gewürze, Zimmt und Muskatnüsse entdeckt zu haben und sammelte Wachs und Baumwolle. Besonders aber lockte die Kunde von Goldfeldern, welche im Innern der Insel, 25 bis 30 Leguas von der Küste entfernt, in einer Landschaft, Namens Cibao, liegen sollten. Im Januar 1494 machte sich der muthige Alonso Hojeda mit 15 Begleitern auf den Weg, kam nach 7 Tagen ans Ziel und brachte als besten Beleg für den Erfolg seines Streifzuges aus den Bächen gesammelten Goldsand mit.

Nachdem Columbus am 2. Februar sodann 12 Schiffe unter Antonio de Torres nach Spanien zurückgeschickt hatte, theils um die Kranken heimzubringen, welche bei dem zunehmenden Mangel an guten Lebensmitteln sich nicht erholen konnten und der Colonie zur Last fielen, theils um den spanischen Majestäten einen Bericht über den Verlauf seiner Reise zu überreichen, brach er selbst mit einer größeren Schar nach dem Goldlande auf. Mit kriegerischer Musik und mit fliegenden Fahnen zog er durch die Dörfer, erreichte am 16. März das Bergland von Cibao und ließ dort zum Schutze für die Goldgräber aus Holz und Erde ein festes Haus anlegen, in welchem eine Besatzung von 56 Mann unter dem Befehle des Pedro Margarita zurückblieb. Columbus kehrte dann wieder nach Isabella zurück. Er war der Ueberzeugung, das Ophir Salomos gefunden zu haben.[240] Den unerwartet reichen Goldfund bestätigt auch Chanca am Ende seines Berichtes. „Seit Anfang der Welt ist kein solches Wunder gesehen oder davon gelesen. Man wird Gold in solcher Menge mitbringen, daß man staunen soll. Man mag mich vielleicht für einen Schwärmer halten; aber Gott ist mein Zeuge, daß ich auch nicht im mindesten übertreibe.“

Dann schickte sich Columbus an, nachdem er von den wiederholten Fieberanfällen genesen war, den Plan seiner ersten Reise wieder aufzunehmen und den Weg nach Katai zu vollenden. In der Niederlassung ließ er seinen Bruder Diego als Statthalter zurück und lichtete am 24. April die Anker, um zunächst nach Cuba zu segeln. Am folgenden Tage erreichte er mit seinen drei Schiffen Niña, S. Juan und Cardera die Insel Tortuga und steuerte am 29. April von der Nordwestspitze Haitis, von dem Cap S. Nicolas, nach der Südküste Cubas hinüber.

Während Columbus an dieser Küste entlang fuhr, näherten sich ihm die Indianer zutraulich in ihren Böten und brachten Früchte, Fische, Wasser, oder luden ihn ein ans Gestade zu kommen und ihre Gastfreundschaft anzunehmen. Wenn sie nach Gold befragt wurden, wiesen sie in der Regel nach Süden. Ihrem Fingerzeige folgte der Admiral, verließ am 3. Mai das Gestade von Cuba und steuerte nach Südwesten. Am 2. Tage erreichte er die Mitte der Nordküste +Jamaicas+, deren landschaftliche Schönheit ihn über alles entzückte, so daß er sie nur mit den Wohnungen der Seligen vergleichen zu können meinte, und nannte die Gegend daher Santa Gloria und den zuerst gefundenen Hafen Santa Anna. Da er aber zur Ausbesserung seines leck gewordenen Hauptschiffes einen günstigeren Ankerplatz wählen wollte, richtete er den Lauf seiner Schiffe wieder nach Westen bis zum Hafen, der noch heute Puerto bueno heißt. Die Insulaner zeigten sich weit kriegerischer als auf Cuba, umschwärmten in ihren Kähnen unter wildem Geschrei seine Schiffe, schossen ihre Pfeile ab und schienen eine beabsichtigte Landung ernstlich hindern zu wollen. Aber man vertrieb die Indianer leicht durch einige Schüsse, ganz besonders aber dadurch, daß man große Bluthunde auf sie hetzte. Als die Einwohner, welche vor solchen unbekannten Angriffswaffen zurückwichen, in den folgenden Tagen sich wieder ermannten und allmählich näherten, zeigten sie sich in ihrer Haltung wesentlich verändert, sie begannen sogar den üblichen Tauschhandel mit den Spaniern. Man bemerkte mit Vergnügen, daß sie in manchen Dingen sich weiter entwickelt zeigten als auf Cuba, ihre großen, bis zu 96 Fuß langen und 8 Fuß breiten, aus einem Stamm gefertigten Kriegsböte waren an beiden Enden mit Schnitzwerk hübsch verziert; aber, was man vor allem bei ihnen suchte, Gold, war nirgends zu finden. Darum verließ Columbus, nachdem sein Schiff wieder in Stand gesetzt war, die Insel, der er den Namen Santiago gab, und kehrte, nordwärts steuernd, wieder nach Cuba zurück. Vom Cap Santa Cruz, wo das Gebirge an der Südostküste jener Insel endigt, drang er in das Labyrinth von Klippen und kleinen zum Theil grünbewachsenen Inseln ein, welche den größten Theil der Südküste Cubas umsäumen. In diesem „+Garten der Königin+“, wie Columbus diesen Theil Westindiens nannte, hatte er, unter täglich wiederkehrenden Gewittern mit tausend Gefahren zu kämpfen und mußte die äußerste Wachsamkeit üben, um seine Fahrzeuge sicher hindurchzuführen. Die unzähligen kahlen Korallenbänke und grünen Eilande, die er um sich sah, hielt er für jenen Archipel, welcher nach Marco Polos Erkundigungen östlich von Cim (China) liegen und über 7000 Inseln umfassen sollte.[241] Von diesem wunderbaren Inselgarten erzählt auch eine Inschrift auf dem Globus Behaims, westlich von Cipango, also in jener Weltgegend, wo sich Columbus bereits zu befinden glaubte. Er athmete ja auch die Wohlgerüche, die von den mancherlei Gewürzbäumen und prächtigen Blumen übers Wasser zu ihm herüberwehten.

In Kreuz- und Querfahrten, bald nach Norden, bald nach Westen steuernd, tastete der Admiral in dem gefährlichen Wundergarten weiter, ohne die Küste von Cuba aus dem Gesicht zu verlieren. Unzählige buntfarbige Fische tummelten sich in den klaren Gewässern, die Muscheln umschlossen kostbare Perlen, das Meer wimmelte von großen Schildkröten.[242] In seiner Meinung, in Cuba bereits das Festland von Asien erreicht zu haben, wurde er von neuem durch die falsche Deutung eines Namens bestärkt, als er von den Eingeborenen erfuhr, daß weiter im Westen ein großer Fürst namens Magon wohne. Magon und Mango waren identisch, und Mango war der König von Mangî (China). Er gelangte endlich zu der größern Insel de Pinos, nahe dem Westende Cubas. Auf Befragen hatten die Cubaner erklärt, daß man die Grenzen ihres Landes nicht kenne, er könne wohl noch 20 Tage weiter fahren, ehe er das Ende erreiche. Nach seiner Berechnung war er bereits 335 Leguas an diesem großen Lande entlang gesegelt,[243] welches er mit größter Bestimmtheit für den Anfang Indiens erklärte. Er wähnte, nur noch 2 Sonnenstunden (also 30 Meridiangrade) von dem goldenen Chersones -- mit diesem Namen bezeichnete man seit dem Alterthum die Halbinsel Malaka in Hinter-Indien -- entfernt zu sein.[244] So schmal dachte er sich den noch völlig unbekannten, noch nie betretenen Abschnitt auf dem Erdball. Als er dann der Insel de Pinos gegenüber die Küste Cubas sich nach Süden wenden sah, war auch der letzte Zweifel gehoben: denn die asiatische Küste lief nun, nach seiner Meinung, in südöstlicher Richtung bis zum goldenen Chersones weiter. Bei der Insel Evangelista, denn so nannte er die Isla de Pinos, nahm er neue Vorräthe an Wasser und Lebensmitteln ein. Wäre er nur noch einen oder höchstens zwei Tage weiter gesegelt, so hätte er das Ende des vermeintlichen Continentes erreicht. Schon von der Höhe des Mastes aus hätte man das freie Meer westlich vom Cap S. Antonio sehen können. Leider nöthigte ihn der üble Zustand seiner Schiffe zur Umkehr, so daß er die eigentlich beabsichtigte Fahrt um Indien, wodurch er eine erstmalige Erdumsegelung zu beschließen hoffte, aufgeben mußte. Aber er nöthigte auch noch die gesammte Mannschaft, ein von dem Schreiber Fernan Perez de Luna aufgesetztes Protokoll zu unterzeichnen, in welchem sie sich alle bei schwerer Ahndung zu der verkehrten Ansicht ihres Admirals bekennen mußten, daß man die Provinz Mango vor sich habe.[245] Das geschah am 12. Juni 1494.

Dann wandte sich Columbus wieder nach Osten. Bei ungünstigem Wetter legten die Schiffe den gefährlichen Weg noch einmal unter steten Sorgen zurück. Am 6. Juli gerieth die Niña auf den Strand, wurde zwar mit großer Anstrengung wieder flott gemacht, war aber dabei dermaßen beschädigt, daß man, behufs der Ausbesserung, in der Bucht bei Cap S. Cruz landen mußte. Erst nach 10 Tagen konnte die Fahrt weiter fortgesetzt werden. Am 8. Juli wurde das Cap S. Cruz dublirt und am 20. Juli ging Columbus nach Jamaica hinüber, um diese Insel auch auf der Südseite zu erforschen. Das Land entzückte durch seine Schönheit und Fruchtbarkeit. Von der Menge seiner Bewohner zeugten die zahlreichen Dörfer an der Küste. Auch hier mit widrigen Winden kämpfend, gelangten die Schiffe erst am 19. August an die Ostspitze Jamaicas (das heutige Cap Morante). Am folgenden Tage sah man eine neue Küste vor sich aufsteigen. Das nächste Vorgebirge erhielt den Namen S. Michael (jetzt Cap Tiburon); es war die Westspitze von Haiti erreicht. Gewißheit darüber, daß man die Insel ihrer Niederlassung glücklich wieder gefunden, gewann man erst am zweiten Tage, als einige Indianer am Strande den Seefahrern außer einigen spanischen Ausdrücken auch das Wort „Almirante“ zuriefen.

Bald darauf jagte ein Sturm das kleine Geschwader auseinander, doch fanden sich die Fahrzeuge nach sechs Tagen glücklich wieder zusammen, segelten nach der kleinen Insel Beata weiter, welche mitten vor der Südseite Haitis liegt, entdeckten die reizende Bucht an der Mündung des Neivaflusses und empfingen hier von den Eingebornen die frohe Kunde, daß neue Schiffe von Spanien bei der Colonie angelangt seien. Um seine bevorstehende Ankunft zu melden, sandte Columbus neun Mann mitten durch die Insel nach seinem Blockhause S. Thomas und setzte dann seine Fahrt weiter fort. Die Schiffe wurden durch Sturm und Unwetter von einander getrennt. Der Admiral selbst, der aus gewissen Anzeichen den Ausbruch desselben vorhergesehen, brachte sein gebrechliches Fahrzeug noch bei Zeiten in den geschützten Canal, welcher von der Insel Saona (nahe der Südostecke Haitis) und der Hauptinsel gebildet wird. Aus einer Mondfinsterniß, welche er hier beobachten konnte (14./15. September), berechnete er den Abstand von Cadiz bis Saona auf fünf Stunden 23 Minuten[246] (oder 80° 45′). Nach Ablauf einer bangen Woche konnten sich die drei Schiffe wieder vereinigen. Zwar beabsichtigte der Admiral noch weiter nach Osten zu gehen, Puertorico und die kleinen Antillen vollständig zu entdecken und zugleich die unbändigen Cariben zu züchtigen, allein als er die kleine zwischen Haiti und Puertorico gelegene Insel Mona am 24. September erreicht hatte, brach seine Kraft zusammen. Die übermenschlichen Anstrengungen, die steten Aufregungen der gefahrvollen Reise, (er hatte 32 Nächte nicht geschlafen) hatten seine Energie übermannt. Er brach zusammen und verfiel in eine tiefe, einer Ohnmacht ähnliche Schlafsucht. Alle weiteren Pläne wurden aufgegeben und noch zweifelnd, ob sie ihren Admiral am Leben erhalten könnten, richteten die Piloten den Lauf der Schiffe gegen Nordwesten und segelten nach Isabella, wo sie am 29. September anlangten. Hier erholte sich Columbus bald wieder unter entsprechender Pflege und konnte nun mit Befriedigung die Resultate seiner zweiten Entdeckungsfahrt überblicken, auf welcher ein Gesammtbild von den vier großen Antillen gewonnen war, von denen Haiti und Jamaica vollständig, Cuba fast ganz umsegelt worden war. Wäre er hier nicht durch seine kosmographischen Autoritäten irregeleitet und wie in einem Zauberbanne gefangen, welcher ihn die Inselnatur Cubas nicht erkennen ließ; so hätte er seine weiteren Entdeckungen an jenem Westende der Insel wieder aufnehmen müssen, und wäre vielleicht schon nach dem Goldlande Mexiko gelangt. So aber traute er den Angaben der Indianer zu sehr, welche ihn bei allen Fragen nach Gold immer nach Süden wiesen, und suchte darum auf seiner dritten Reise einen südlichern Weg schon über den Ocean einzuschlagen.

In seiner Colonie fand Columbus eine unerwartete, aber sehr willkommene Stütze an seinem Bruder Bartholomäus. Derselbe war schon vor Beginn der ersten Reise in seines Bruders Auftrage nach England gegangen, um dem britischen Könige Vorschläge behufs einer Fahrt nach Indien zu machen, und war 1493, ehe ihm selbst sichere Kunde von dem Erfolge seines Bruders zugekommen war, von dem Könige Heinrich, welcher directe Nachricht von der Entdeckung der neuen Welt erhalten hatte, mit dem Versprechen entlassen, die Pläne des Christoph Columbus unterstützen zu wollen. Bartholomäus eilte über Frankreich nach Spanien, wo er, für den ihm in England gewordenen Auftrag allerdings zu spät, eintraf, aber doch bei Hofe sehr wohlwollend aufgenommen wurde und durch sein festes männliches Auftreten, durch seine gewandte Rede und seine nautischen Fertigkeiten sich bald einen günstigen Boden bereitete. Man ertheilte ihm den Titel eines „Don“ und übergab ihm die Führung dreier Schiffe, welche, mit den von dem Admiral erbetenen Vorräthen und Hilfsmitteln versehen, nach Haiti abgehen sollten. Columbus erhielt zugleich Nachricht von dem mit Portugal abgeschlossenen Theilungsvertrage und fand in dem Briefe der Monarchen vollständige Zustimmung zu den bisher von ihm getroffenen Maßnahmen. Auch noch andere in demselben Jahre 1494 einlaufende Briefe ließen in schmeichelhafter Weise die ungeminderte Gunst des Hofes erkennen. Aber neben diesen erfreulichen Zeichen seiner wachsenden Macht fand der Vicekönig von Indien unter den Spaniern Mißstimmung, Unzufriedenheit, Aufruhr. Der Geistliche Boïl, dem man das Seelenheil der Indianer anvertraut, war seines mühevollen Amtes überdrüssig geworden, der Anführer der Truppen, Margarit, der sich den Anordnungen des vom Admiral eingesetzten Statthalters nicht gefügt hatte: beide verließen auf den Schiffen, mit denen Don Bartolome Colon gekommen war, die Ansiedlung und kehrten nach Spanien zurück. Unter den spanischen Truppen war die Manneszucht in bedenklicher Weise gelockert. „Margarit,“ sagt Muñoz,[247] „brachte unter unsere Leute die Pest der Zwietracht und veranlaßte bei den Indianern einen tödtlichen Abscheu gegen den spanischen Namen. Er hielt das Kriegsvolk beständig in der angebautesten und wohlversehensten Gegend der Vega-Real (Königsgau), wo es schwelgen und sich alle Freiheit erlauben durfte.“ Dieser Uebermuth der Soldateska trieb die Indianer aus ihrer Schlaffheit auf, die bedeutendsten und mächtigsten Häuptlinge der Insel traten zu einem Bunde zusammen, um die fremden Eindringlinge zu vernichten. An der Spitze der Verschwörung stand Caonabo. Diesen gefährlichsten Gegner zu beseitigen, übernahm der verwegene Alonso Hojeda, welcher mit einer Handvoll unternehmender Gesellen den feindlichen Caziken aufsuchte und unter der Vorspiegelung besonderer Auszeichnung zu bereden wußte, sich mit glänzenden Handfesseln schmücken zu lassen, an denen kleine Glöckchen, woran die Indianer ganz besonders Gefallen fanden, befestigt waren. Der auf solche Weise bereits halbgefangene Häuptling mußte sich dann zu Hojeda auf sein Roß setzen, um dergestalt, mit den neuen Abzeichen eines hohen Ranges geschmückt, in der Mitte seines Volkes zu erscheinen. Statt aber in das Dorf, wie versprochen war, einzureiten, jagte Hojeda mit seinem Gefangenen der Küste zu; die Indianer aber wurden durch das kühne Auftreten des spanischen Ritters und durch das ihnen unbekannte Roß so in Schrecken gesetzt, daß sie zu spät an die Befreiung ihres Herren dachten. Hojeda kam glücklich, wenn auch erschöpft und halbverhungert, mit seinem Gefangenen in Isabella an, wo er den Caziken in die Burg ablieferte. Caonabo blieb hier, sorgfältig bewacht, bis er von Columbus selbst auf seiner Rückreise mit nach Spanien genommen wurde; aber er starb auf der See.

Der Admiral sah sich aus verschiedenen Ursachen bewogen, im Frühjahr 1496 nach Spanien zurückzukehren. Zwar war von Seiten der Regierung ein strenges Verbot ergangen, welches allen privaten Handel mit der neuen Colonie untersagte, daneben war es aber jedem Spanier gestattet, dahin auszuwandern, und überdies durften Handelsschiffe zur Aufsuchung neuer Länder über den Ocean und überall, ausgenommen in Haiti, Handel treiben. Dadurch wurde offenbar das dem Entdecker der neuen Welt gegebene Privilegium verletzt. Columbus wollte daher seine Gerechtsame persönlich wieder in Erinnerung bringen, außerdem aber den Anfeindungen und Verleumdungen, welche bereits gegen ihn und seine Verwaltung laut wurden, entgegen treten. Bei dieser Gelegenheit sollten auch mehr als 200 Colonisten, welche dem Lande zur Last lagen und auf Staatskosten erhalten werden mußten, zurück gebracht werden. So verließ denn der Admiral, nachdem er die Verwaltung der Insel seinem Bruder Bartolome als Adelantado übertragen hatte, am 10. März 1496 mit zwei Schiffen, 225 Spaniern und 30 Indianern Haiti, steuerte durch die Reihe der kleinen Antillen, berührte Guadalupe und langte am 11. Juni in Cadiz an.

10. Die dritte Reise des Columbus und die Entdeckung Südamerikas.

Wiederum zog der Entdecker, wie bei seiner Rückkehr von der ersten Fahrt, mit prunkendem Gefolge durch Spanien an den Königshof. Die vornehmsten Indianer wurden mit goldenem Schmuck behängt, den sie recht augenfällig zur Schau tragen mußten. Andere zeigten Gewürze und feine Hölzer. Dadurch sollte der Glaube an den Reichthum der neuen Länder wieder aufgefrischt und beim Volke verbreitet werden. Durch die Sicherheit seines Auftretens wußte er selbst seiner Behauptung, in Haiti das Ophir Salomos gefunden zu haben, Eingang zu verschaffen. Zwar waren die Zeitverhältnisse seinen weiteren Plänen wenig günstig, denn einerseits war Aragonien mit Frankreich in Krieg verwickelt und alle verfügbaren Mittel und Kräfte des Landes wurden gesammelt, um das Königreich Neapel den Franzosen wieder zu entreißen, andererseits war die große Gönnerin des Columbus, die Königin Isabella, durch Familienangelegenheiten, durch die bevorstehende Vermählung ihrer Kinder, des Infanten Don Juan und der Infantin Dona Juana mit den Kindern des Kaisers Maximilian, dem Erzherzog Philipp und der Prinzessin Margarethe von Oesterreich, vollständig in Anspruch genommen. Trotzdem fanden die spanischen Monarchen noch Gelegenheit, den Bericht des Admirals anzuhören und ihm die wiederholte Versicherung ihrer Gunst auszusprechen. Wenn somit auch nicht sofort zur Ausrüstung eines neuen Geschwaders verschritten werden konnte, so fand Columbus doch Gelegenheit, sich seine Privilegien von neuem bestätigen und die Rechte eines Admirals neu verbriefen zu lassen. Auch die eigenmächtig vorgenommene Ernennung seines Bruders Bartolome zum Statthalter (~adelantado~) wurde nachträglich bestätigt. Eine neue Verzögerung erlitt die Vorbereitung zur dritten Reise durch den unerwarteten Tod des spanischen Thronerben Don Juan, am 4. October 1497. Die bereits für die indischen Unternehmungen bewilligten Gelder mußten für den französischen Krieg verausgabt werden, so daß erst im Januar 1498 zwei Schiffe mit Vorräthen nach Haiti, zur Versorgung der Colonie, vorausgesendet werden konnten. Die fortdauernden Störungen seines Planes, die in einflußreichen Kreisen offen zu Tage tretende Misgunst gegen seine kostspieligen Unternehmungen lasteten schwer auf dem ungeduldig harrenden Admiral und verstimmten ihn tief. Da für eine neue, auf der Südseite der Insel anzulegende Colonie sich nur mit Mühe eine hinlängliche Anzahl von Auswanderern freiwillig aufbringen ließ, so verfiel Columbus auf den gefährlichen Gedanken, sein indisches Reich mit Sträflingen zu bevölkern. Die spanischen Gerichte erhielten die Anweisung, alle Verbrecher, welche mit Verbannung bestraft werden mußten, nach Indien zu verweisen. Auch die portugiesische Regierung hatte bei den Fahrten Gamas und seiner Nachfolger zu dem Mittel gegriffen, einige Verbrecher zur Ausführung lebensgefährlicher Unternehmungen, Kundschaften und dergleichen mit an Bord zu senden; Columbus ging aber in seinem Plane weiter, und machte die Verbrecher zu Colonisten, welche in der jungen, nur mühsam zu erhaltenden Ansiedlung die Elemente der Unzufriedenheit und Gährung verstärkten. Dazu kam der immer mehr zu Tage tretende Zwiespalt des Admirals mit dem Bischof Fonseca als dem Leiter des indischen Amts, welcher sich den zu hohen Anforderungen des Columbus überall widersetzte. In Folge dieser Misstände und des Miskredits, dem die indischen Angelegenheiten bereits unterlagen, konnte Columbus erst am 30. Mai 1498 die Rhede von San Lucar de Barrameda an der Mündung des Guadalquivir mit sechs Schiffen verlassen und in See gehen.

Um französischen Kaperschiffen, welche ihm vom Cap S. Vicente aus den Weg verlegen wollten, auszuweichen, steuerte der Admiral auf einem Umwege nach Madeira, wo er sich sechs Tage aufhielt, und dann weiter nach den Canarien. Auf der Höhe der Insel Ferro entsandte er drei Schiffe direct nach Haiti und gebot ihnen denselben Cours einzuschlagen, welchen er 1493 genommen hatte, und an der Küste Hispaniolas entlang zu seiner Colonie zu segeln, um derselben neue Hilfsmittel zuzuführen. Er selbst ging weiter gegen Südwesten nach den Capverden, indem er ein größeres Schiff und zwei Caravelen bei sich behielt. Seine Absicht war, die heiße Zone aufzusuchen und in der Nähe des Aequator über das Weltmeer nach Westen zu steuern, denn hier hoffte er die kostbarsten Produkte zu finden. In dem allgemeinen Glauben der Zeit, daß nur die heiße Zone neben den schwarzhäutigen Bewohnern auch die edelsten Erzeugnisse hervorbringe, wurde er durch die Mittheilungen eines angesehenen Seemanns bestärkt, welcher auf Anregung der Monarchen ihm seine Gedanken darüber in einem schmeichelhaften Briefe[248] mittheilte. Moisen Jaime Ferrer aus Blanes, einem catalonischen Hafenorte nordöstlich von Barcelona, huldigte in seinem Schreiben den überschwenglichen Vorstellungen, welche der Admiral von seiner Sendung selbst hatte. Er nannte die Entdeckungsfahrt mehr göttlich als menschlich, bezeichnete den Führer als einen Abgesandten Gottes, welcher ausersehen sei, in den unbekannten Westen das Christenthum zu tragen, wie einst der heilige Apostel Thomas nach dem Osten, nach Indien gezogen sei. Er sprach dabei die Hoffnung aus, daß sein Unternehmen zur Ehre Gottes und zu Nutz und Frommen der ganzen Christenheit, besonders Spaniens gedeihen werde und behauptete, daß nach allen seinen Erkundigungen, welche er in Syrien und Aegypten bei den Händlern über die Herkunft der werthvollsten Produkte eingezogen habe, Edelsteine, Gold, Gewürze und Droguen größtentheils aus der heißen Zone stammten, und daß Columbus diese Dinge nur dort erst in Ueberfluß antreffen werde, wo die Menschen schwarz oder dunkelhäutig wären.

Diese Ideen waren für den Admiral maßgebend, und er machte sie sich dergestalt zu eigen, daß er aus ihnen wiederum als aus unanfechtbaren Lehrsätzen seine seltsamen kosmographischen Folgerungen zog. Wir besitzen von Columbus selbst einen ausführlichen Bericht über den Verlauf seiner dritten Reise,[249] in welchem diese merkwürdigen Ansichten niedergelegt sind. Die eigenthümliche Gemüthsstimmung, welche diese Erzählung durchweht, und welche die Behauptung Ferrers, daß auch er den Columbus für das unmittelbare Werkzeug Gottes halte, noch verstärkte, lernen wir am besten aus den eigenen Worten des Entdeckers kennen, mit denen er den Verlauf seiner ersten Fahrten und die später lautwerdende Misgunst berührt. „Ich zog aus,“ schreibt der Admiral, „im Namen der heiligen Trinität und kehrte bald wieder heim, mit dem Beweis in der Hand von alle dem, was ich gesagt hatte. Ew. Hoheiten schickten mich zum zweitenmale und ich entdeckte in kurzer Zeit durch Gottes Gnade das Festland im äußersten Osten auf einer Strecke von 330 Leguas,[250] und dazu noch 700 Inseln. (!) Ich umsegelte die Insel Hispaniola, welche größer als Spanien ist.“ Diese arge Uebertreibung erklärt sich nur daraus, daß Columbus, ohne eigne Berechnung einfach die auf den Karten (man vergleiche den Globus Behaims) niedergelegte Größe Cipangus (denn dafür hielt er die Insel Haiti), mit jener von Spanien verglich und beide Länder ziemlich gleichgroß gezeichnet fand; denn in Wahrheit ist Spanien mindestens sechsmal und die ganze pyreneische Halbinsel, welche Columbus wahrscheinlich im Auge hatte, sogar mehr als siebenmal so groß wie Haiti. „Dann,“ fährt der Admiral fort, „erhoben sich Klagen und Verdächtigungen, um meine Unternehmungen zu verkleinern, weil ich nicht gleich mit goldbeladenen Schiffen heimkehrte. Die Kürze der Zeit und andere Hemmnisse wurden dabei nicht in Rechnung gebracht. Daher fiel ich, entweder wegen meiner Sünden oder zu meinem Heile, wie ich glaube, in Misgunst und fand bei allem, was ich sagte und wünschte, Widerstand.“ Weiter zeigt er dann mit ausführlichen historischen Belegen, daß er für Spanien das Goldland Ophir wiedergefunden und in Besitz genommen habe. „Von den Capverden segelte ich 480 ~millas~ oder 120 Leguas gegen Südwesten (Anfang Juli), wo ich fand, daß der Polarstern 5 Grad hoch stand. Da trat Windstille ein,[251] die Hitze war so groß, daß ich fürchtete, Schiffe und Mannschaften würden versengt. Kein Mann wagte sich unter Deck, um auf Wasser- und Mundvorräthe zu achten.[252] Diese Hitze dauerte acht Tage; am ersten Tage war der Himmel klar, am zweiten wurde es nebelig und regnete es; aber wir fanden keine Erleichterung, so daß ich glaube, wir wären alle umgekommen, wenn die Sonne wie am ersten Tage geschienen hätte. Nach acht Tagen sandte mir Gott einen günstigen Wind und ich steuerte nun nach Westen.“ Columbus gab also den weitern Cours gegen Südwesten auf, weil er sich von seinen frühern Fahrten erinnerte, daß er jenseits von 100 Leguas westlich von den Açoren stets eine merkliche Abnahme der Hitze beobachtet hatte und daher auch jetzt die Region der milderen Temperatur aufzusuchen beschloß. Unter der Breite von Serra Leona, wie er meinte, steuerte der Admiral 17 Tage mit günstigem Winde nach Westen und fand am Morgen des 31. Juli Land. Es war eine in drei Bergen aufsteigende Inselküste. Unter dem Gesange des ~Salve regina~ näherte man sich in freudiger Erregung dem Strande. Die Insel erhielt den Namen +Trinidad+, das zuerst berührte Vorgebirge wurde Cabo de la Galea (jetzt Cap Galeota) benannt. Man hatte also die südlichste der kleinen Antillen erreicht, welche nahe an der Küste des südamerikanischen Continentes liegt. Dieser zunächst gelegene flache Streifen des Festlandes erhielt den Namen Gracia. Auf Trinidad bemerkte man Häuser, von gutgepflegten Gärten umgeben und zahlreiche Menschen. Auch Böte ließen sich blicken, aber scheu vermieden die Schiffer jede Annäherung an die fremdartigen großen Fahrzeuge. Man suchte sie durch Lockmittel, auch durch Musik, die vom Verdeck ertönte, zu bewegen, näher zu kommen; aber vergebens. Man sah nur aus der Ferne, daß sie mit Bogen und Pfeilen und hölzernen Schilden bewaffnet waren, und bemerkte mit Staunen, daß diese Indianer eine viel hellere Hautfarbe hatten, als die früher gesehenen. Ihre Haare waren nach spanischer Art vor der Stirn abgeschnitten.[253] Als Bekleidung trugen sie nur einen aus buntfarbigen Baumwollfäden gefertigten Schamgürtel.

An der Südküste Trinidads segelte der Entdecker gegen Westen, erreichte am 1. August die westliche „Sandspitze“ der Insel, welche sich auf zwei Leguas dem gegenüberliegenden Orinocodelta nähert. Trichterartig verengt sich gegen Westen der Ocean zwischen Insel und Festland und drängt die gewaltigen Massen süßen Wassers, welche sich aus den Deltaarmen des Orinoco ergießen, unter der Wucht des nordwestlich flutenden Aequatorialstromes zu der immer enger werdenden Straße nach dem Pariagolfe. Das Wasser strömte mit solcher Gewalt in den Golf hinein, wie der Guadalquibir bei Hochwasser, also ungefähr 2½ Meilen in einer Stunde. „Wenn man weiter nach Norden fahren will,“ schreibt Columbus, „so trifft man auf eine Reihe von Stromschnellen, welche den Canal durchsetzen und einen furchtbaren Lärm machen. Ich glaubte, dies komme von Felsen und Riffen, welche den Eingang sperren. Dahinter zeigten sich zahlreiche tosende Strudel, wie wenn die Wogen sich über Felsen brechen.“ Außerhalb des Canals gingen die Schiffe vor Anker, denn Columbus fürchtete wegen der Strömung nicht zurückkehren und wegen der vor ihm liegenden Untiefen nicht vorwärts kommen zu können. „Tief in der Nacht vernahm ich vom Decke des Schiffes aus ein furchtbares Getöse, welches von Süden her gegen das Schiff kam.“ Die wirbelnden schiffshohen Wasserberge, welche heranrollten, drohten die Schiffe zu kentern. Columbus war von Jugend auf mit den mannigfachsten Gefahren der See vertraut, aber niemals war er durch die übermächtigen Gewalten des Ocean so in Angst und Schrecken versetzt, als hier.[254]

„Am folgenden Tage,“ erzählt Columbus weiter, „sandte ich unsere Böte aus, um die Straße zu sondiren. Man fand 6 bis 7 Faden Tiefe, aber in heftigen Gegenströmungen flutete das Wasser hier in den Golf hinein und dort wieder aus demselben heraus. Doch gefiel es Gott, uns günstigen Fahrwind zu geben, und so passirte ich diese Straße glücklich und kam bald in ruhiges Wasser. Zum Erstaunen der ganzen Mannschaft war das Wasser im ganzen Golfe, wo man es auch schöpfte, süß und trinkbar. Columbus steuerte nordwärts über das Becken des Golfs auf die gebirgige Halbinsel +Paria+ zu, welche die Bucht im Norden abschließt. Hier zeigte sich ein zweiter, noch engerer und gefährlicherer Schlund, wo sich thurmartig einzelne dunkele Klippen aus der brandenden Flut erhoben. Die Küste der Pariahalbinsel zog sich gegen Südwesten, und da Columbus in dieser Richtung eine ruhige Fahrt hoffte, wendete er sich nach Westen. Je weiter man kam, desto frischer und gesunder zeigte sich das Wasser. Das Land schien angebaut, das Geschwader ging vor Anker, Böte wurden zur Kundschaft ans Gestade geschickt, aber die Hütten waren verlassen. Weiter im Westen, wo das Land flacher wurde, hoffte man mehr Menschen zu finden und wünschte mit ihnen in Verkehr zu treten. Wiederum wurden an der Mündung eines Flusses die Anker ausgeworfen. Dort waren die Eingeborenen zutraulicher, näherten sich den Fremden und gaben an, daß ihr Land Paria heiße, und daß dasselbe weiter gegen Westen noch mehr bewohnt sei. Dies bestätigte sich auch bald, als man noch weiter an dem Lande entlang segelte. Reizende, dicht bewohnte Gegenden luden zum Verkehr ein. Die Eingeborenen kamen an Bord und baten den Admiral, im Namen ihres Königs, ans Land zu kommen. Sie trugen Goldschmuck auf der Brust und mit Perlen besetzte Armbänder. Auf die Nachfrage, wo die Perlen gefunden würden, wiesen sie nach Norden und bemerkten, die Fundstätten lägen nicht allzufern. Am Lande zeigten sich die Indianer sehr höflich, die Häuptlinge an ihrer Spitze empfingen sie, führten sie zu großen, geräumigen Häusern, wo man die Gäste zum Niedersitzen nöthigte und mit Brod, Früchten und verschiedenen Arten von rothem und weißem Wein bewirthete, welcher nicht aus Trauben, sondern aus anderen Früchten bereitet war. Leider konnte man sich nur wenig verständigen, weil man keine Dolmetscher hatte. Von dem Mais, welchen sie anbauten, nahm Columbus später mit nach Spanien, um dieses amerikanische Getreide auch nach der alten Welt zu verpflanzen. Das Gold, womit sie sich schmückten, stammte aus den Bergen an der Grenze des Landes, doch warnte man die Spanier durch Zeichen, sich nicht dahin zu wagen, weil dort Menschenfresser wohnten.[255]

Aber Columbus hatte nicht die Absicht, sich dahin zu wenden, noch auch die Perlenbänke zu besuchen, denn die Mundvorräthe drohten bei der längeren Dauer der Reise zu verderben, auch waren die Schiffe für eine schwierige Entdeckungsfahrt nicht mehr geeignet, und endlich litt er selbst an den Augen und fürchtete, wie es auf einer der früheren Reisen schon geschehen war, zeitweilig des freien Gebrauchs des Augenlichts beraubt zu werden. Da er Paria noch für eine Insel hielt, so hoffte er sie westlich umsegeln zu können, um sich dann nordwärts zu wenden. Ein Caravele wurde zur Prüfung des Fahrwassers vorausgesendet, man fand aber leider, daß sich der Golf westwärts immer mehr verengte, daß unter dem Einströmen zahlreicher Flüsse das Wasser der Bucht vollständig Süßwasser werde, daß demnach nach dieser Richtung kein Ausgang zu finden sei. Man mußte also umkehren, konnte aber der Strömung wegen nicht an dem bisher besuchten und bevölkerten Gestade von Paria wieder entlang gehen, sondern mußte, der Wirbelbewegung des Wassers im Golfe folgend, an den flachen Ufern der Orinocoinseln hin fast bis zum südlichen Eingang zurücksegeln und dann nordwärts den einzigen Ausweg durch den gefürchteten Drachenschlund zwischen Trinidad und Paria wählen. Die Erscheinung der stürmischen Wirbel an den beiden Ausgängen aus der Pariabucht erkannte der Admiral richtig als die Folge des Zusammenstoßes der gewaltigen Wassermassen, welche der Orinoco ergoß, mit der Strömung des Meeres und bezeichnete die Insel Trinidad als ein durch die abspülende Kraft der Gewässer losgetrenntes Stück des Continents. Am 13. August gelang es dem Geschwader glücklich die gefürchtete Straße des Drachenschlundes zu passiren und in das caribische Meer zu kommen. „Als ich den Drachenschlund verließ,“ berichtet der Admiral weiter, „strömte das Meer so mächtig westwärts, daß ich in einem Tage 65 Leguas zurücklegen konnte; und dabei blies nicht etwa ein starker Wind, sondern es wehte ganz gelinde, was mich zu dem Schlusse führte, daß das Meer gegen Süden beständig ansteigt und dem entsprechend gegen Norden abfällt. Ich halte es für sicher, daß das Meerwasser sich mit dem Himmel von Osten nach Westen bewegt und daß es, weil es in diesem Striche reißender fließt, so viel Land abgespült hat, woher die große Zahl von Inseln -- Columbus hat die Reihe der kleinen Antillen im Auge -- entstanden ist. Und in der That bieten diese Inseln einen weiteren Beweis dafür, da einerseits alle diejenigen Eilande, welche sich von Osten nach Westen oder genauer von Nordwesten nach Südosten erstrecken, breit sind, andererseits diejenigen, die sich von Norden nach Süden oder von Nordosten nach Südwesten ausdehnen, schmal und kleiner sind. Allerdings scheinen die Wasser in einigen Strichen nicht dieselbe Strömungsrichtung zu haben; aber man trifft dies nur an vereinzelten Stellen, wo sie, durch Land aufgehalten, in eine andere Richtung gedrängt werden.

Neben diesen großartigen Anschauungen über physische Erdkunde begegnen wir auch den wunderlichsten Vorstellungen über die Gestaltung der Erde, die jemals ein Seefahrer ausgesprochen. Aus falschen Voraussetzungen, ungenauen astronomischen Beobachtungen und irrigen Verknüpfungen der Naturerscheinungen mit ein für allemal bei dem Entdecker feststehenden Lehrsätzen, die er aus seiner mittelalterlichen Kosmographie geschöpft hatte, baute er sich ein System von Schlüssen auf, welches in der ungeheuerlichen Behauptung gipfelte, +die Erde habe nicht Kugelgestalt, sondern sei wie eine Birne+ geformt.

„Irrige Beobachtungen der Bewegungen des Polarsternes in der Nähe der açorischen Inseln hatten Columbus schon auf seiner ersten Reise bei der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse zu dem Glauben an eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde geführt.“ Dieser Ausspruch Humboldts[256] findet seine Erklärung in den Bemerkungen des Columbus über seine dritte Reise. „Ich bemerkte,“ sagt er, „daß ich den Polarstern während der Nacht in einer Höhe von 5 Grad hatte und seine Geleitsterne (die Sterne β und γ des kleinen Bären) grade über dem Kopfe; dann um Mitternacht befand sich der Stern in 10 Grad Höhe und bei Anbruch des Tages waren die Begleiter zu Füßen, in 5 Grad Höhe. Ich sah das mit Staunen, beobachtete die Sterne mehrere Nächte hindurch auf das sorgfältigste und mußte, da ich meine erste Wahrnehmung bestätigt fand, es für etwas ganz +neues+ ansehen, daß auf einem so kleinen Raume eine so große Differenz am Himmel vor sich gehen könne.“[257] Zur Erklärung dieser „neuen“ Thatsache verfiel nun Columbus auf die Birnengestalt der Erde. Man wird den Trugschlüssen, welche zu diesem Resultate führten, um so leichter folgen können, wenn wir auch im Folgenden die eigenen Worte des Admirals wiedergeben, und dadurch zugleicherzeit die historische Localfarbe des Gemäldes bewahren.

„Ich habe stets gelesen, daß die Welt, Land und Wasser zusammen, sphärisch sei, und die von Ptolemäus gemachten Beobachtungen, so wie diejenigen der anderen Gelehrten, welche über diesen Gegenstand geschrieben, haben durch die Mondfinsternisse und andere Erscheinungen oder Beweise, welche in der Richtung nach Osten und Westen beobachtet sind, so wie durch die Erhebung des Poles über den Horizont von Süden nach Norden, dasselbe dargethan.“

„Ich sah aber eine so große Unregelmäßigkeit (~disformidad~, Unterschied in der Elevation des Polarsternes), daß ich mir eine andere Vorstellung von der Welt machte, und daß ich daraus schloß, sie sei nicht rund, wie man es bisher beschrieben hat, sondern wie eine Birne gestaltet (~de la forma de una pera~), welche vollkommen rund ist, mit Ausnahme der Stelle, wo der Stil ansetzt, oder auch wie ein ganz runder Ball, an dem auf irgend einem Punkte eine Art Warze, wie die Brustwarze einer Frau, aufgesetzt ist, und daß dieser Punkt der Warze höher und dem Himmel näher liegt und im äußersten Osten im Ocean sich unter dem Aequator befindet. Ich nenne den äußersten Osten jene Gegend, in welcher alles Land und alle Inseln endigen.[258] Zur Unterstützung dieser Ansicht verweise ich auf die Linie 100 Meilen westlich von den Açoren,[259] von wo gegen Westen sich die Schiffe sanft gegen den Himmel erheben und man sich einer milderen Temperatur erfreut. Die Magnetnadel verändert in Folge dieser Milde ihre Richtung um einen Viertelswind, und je mehr man westwärts kommt und sich (zu der Anschwellung der Birnenform) erhebt, um so mehr weist die Nadel nach Nordwesten. Und diese Erhebung bewirkt die Abweichung des Kreises, welchen der Polarstern mit seinen Begleitern beschreibt. Je mehr man sich dem Aequator nähert, desto höher erheben sich die Gestirne über den Horizont und desto größer wird der Unterschied in den Kreisen sein, welche die Begleitsterne beschreiben. Ptolemäus und andere Gelehrte, welche von dieser Welt geschrieben haben, betrachten die Erde als kugelförmig und meinen, daß sie es überall ebenso sein müsse wie an jenen Orten, wo sie sich befanden; namentlich auf jener Hemisphäre, deren Mittelpunkt mit der Insel Arin zusammenfällt,[260] welche unter dem Aequator (!) zwischen dem arabischen und persischen Meerbusen liegt. Die Grenzen dieser Hemisphäre laufen im Westen durch das Cap S. Vincente in Portugal, im Osten durch Cangara (Cattigara) und das Land der Serer (vgl. oben S. 6. und 7.); und so findet sich keine Schwierigkeit anzunehmen, daß die Erde auf dieser Hälfte kugelförmig sei. Aber die westliche Erdhälfte gleicht einer halben Birne mit der Anschwellung am Stiel. Ptolemäus und die übrigen, welche über die Welt geschrieben haben, kannten diesen Theil der Erde nicht, der damals unbekannt war, und so urtheilten sie nur nach der sphärischen Gestalt auf der ihnen bekannten Seite.“

„Allein auf der von mir entdeckten Erdseite,“ meint Columbus, „liegen die Verhältnisse anders und nöthigen zu anderen Schlußfolgerungen. Denn an der Küste Afrikas, unter dem Parallel von Arguin (vgl. oben S. 91) fand ich die Bewohner dunkel und die Erde wie ausgeglüht. Unter der Breite der Capverden waren die Eingebornen noch schwärzer[261] und je weiter nach Süden, desto schwärzer dergestalt, daß unter dem Parallel von Serra Leona, wo der Polarstern sich 5 Grad erhebt, auch die allerschwärzesten Menschen wohnen.“

„Bei meiner Fahrt von hier gegen Westen stieg anfangs die Hitze noch aufs höchste; so bald ich aber die Grenzlinie (100 Meilen westlich von den Açoren) überschritten hatte, fühlte ich, wie die Temperatur milder wurde, so daß mir bei der Insel Trinidad und dem Lande Gracia, welche gleichfalls unter dem 5. Grad n. Br. liegen,[262] das Klima so milde erschien, und Felder und Bäume so schön grün waren, wie im Monat April in den Gärten von Valencia. Dazu waren die Eingebornen nicht so dunkel, als ich sie früher in Indien gesehen hatte. Die liebliche Temperatur rührt nur von der Höhe dieses Theils der Erdoberfläche her. Folglich kann die Erde hier nicht sphärisch gestaltet sein.“

Wenn schon zu diesen mit großer Zuversicht ausgesprochenen neuen Lehrsätzen Alexander von Humboldt bemerkt,[263] daß die Hypothese von der Unregelmäßigkeit der Figur der Erdkugel einen Mangel an mathematischen Vorkenntnissen und eine Verirrung der Einbildungskraft verrathe, die uns mit Recht überraschen müsse; so wächst unser Erstaunen und unsere Verwunderung noch mehr, wenn wir aus dem Munde des Columbus vernehmen, daß er sich in Bezug auf astronomische Vorgänge auf den naivsten Standpunkt des Kinderglaubens der Naturvölker stellt. Um nämlich zu beweisen, daß auf jener birnenförmigen Anschwellung das irdische Paradies liege, und daß er selbst so glücklich gewesen sei, in dessen Nähe zu kommen, fährt er in seiner Deduction also fort: „Was aber noch besonders zur Unterstützung meiner Ansicht beiträgt, ist dieses: Als der Herr die Sonne schuf, geschah es am +ersten Punkte des Orients+, wo +das erste Licht erschien+ (!)[264] und wo die höchste Erhebung der Erde ist. Obwohl nun Aristoteles der Ansicht gewesen, daß der antarktische Pol oder das Land unter ihm der höchste Theil der Erde und dem Himmel am nächsten sei,[265] haben doch andere Gelehrte sich dagegen erklärt und sich für den arktischen Pol ausgesprochen. Demnach scheint also die Annahme gerechtfertigt, daß +ein+ Theil der Erde dem Himmel näher sei als der andere. An die äquatoriale Zone dachten sie nicht, und das ist keineswegs zu verwundern, denn über diese Region fehlte es an einer genauen Kenntniß, da vor mir noch niemand zur Entdeckung ausgesendet worden.“ „Dort nun,“ führt Columbus aus, „in der Nähe des Drachenschlundes rasen die Wasser des Oceans und kämpfen mit den Ergüssen des Orinoco, welche mit ungeheurer Wucht nach den Ausgängen des Golfes von Paria drängen.“ Diese gewaltigen Strömungen lassen sich nach seiner Meinung nicht anders deuten, als daß die Süßwasserströme aus einer bedeutenden Höhe (von der birnenförmigen Anschwellung) herabrauschen, auf welcher das irdische Paradies gelegen ist.

„Die heilige Schrift bezeugt, daß unser Herr das irdische Paradies schuf, und daß dort vier Flüsse aus einer Quelle entspringen. Ich finde nicht und habe noch nie gefunden irgend eine Schrift der Griechen oder Lateiner, welche genau die Lage des Paradieses angebe und habe es noch auf keiner Karte gefunden, welche nach zuverlässigen Angaben gemacht ist. Einige verlegen es nach Aethiopien an die Quellen des Nil; aber andere, welche diese Länder durchzogen, fanden weder die Temperatur, noch die Sonnenhöhe ihren Ideen entsprechend. Andere wieder haben das Paradies auf den Canarischen Inseln gesucht.“

„St. Isidor, Beda, Strabon (Walafried Strabo, der Verfasser der scholastischen Geschichte) und St. Ambrosius, Scotus und alle gelehrten Theologen stimmen darin überein, daß das Paradies im Osten lag. Ich nehme nicht an, daß das irdische Paradies auf einem steilen Berge liege, wie man es uns gelehrt hat, sondern daß dasselbe auf der Höhe der angedeuteten Anschwellung der Erde gelegen sei, welche sich aus weiter Ferne in unmerklichem Ansteigen erhebt, und daß niemand auf den Gipfel kommen kann; daß aber alle die Wasser, welche hier die See bedecken (am Golfe von Paria), von dort herabkommen. Auch glaube ich nicht, daß dieser erhabene Ort schiffbar ist oder daß dort Wasser sich findet, vielmehr halte ich es für unmöglich, dahinanzusteigen, weil ich überzeugt bin, daß ohne den Willen Gottes niemand zu dem Orte des irdischen Paradieses gelangen kann.“

„Es sind hier also gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses, und die Ansichten der heiligen und gelehrten Theologen stimmen mit meinen Beobachtungen überein. Und wenn die Wasser (des Orinoco) nicht aus dem irdischen Paradiese kommen, so scheint das ein noch größeres Wunder zu sein, weil ich nicht glaube, daß man auf der ganzen Welt einen so mächtigen und tiefen Fluß findet. Und ich glaube,“ fügt Columbus an einer andern Stelle hinzu, „daß, wenn der erwähnte Fluß nicht aus dem irdischen Paradiese käme, derselbe in einem ausgedehnten Lande im Süden entspringen müßte, von welchem wir bisher noch keine Kunde gehabt haben.“

Las Casas läßt den Entdecker sogar die Worte gebrauchen: „Sollte es doch ein Festland sein, so wird die gelehrte Welt tief darüber erstaunen.“[266] Der Verfasser der ~vida del Almirante~ berichtet dazu noch bestimmter, daß Columbus, nachdem er mehrere Inseln entdeckt hatte, überzeugt gewesen sei, in Paria das Festland erreicht zu haben, weil er darin einen mächtigen Strom gefunden, und weil er die Angabe der Bewohner auf den kleinen Antillen bestätigt gesehen, welche von einem großen Lande im Süden gesprochen. Um so befremdender erscheint das Benehmen des Admirals, der schon am zweiten Tage, nachdem er den Drachenschlund glücklich durchsegelt hatte, mit der Strömung gegen Nordwesten zwischen den Testigos und der Insel Margarita hindurchsteuernd, die kaum als continental erkannten Küsten wieder verließ und, indem er die begonnene Entdeckung kurz abbrach, nach Haiti segelte.

War der Eindruck seiner Paradies-Hypothese so mächtig, daß er sein Auge gegen die ermittelte Existenz einer großen Landmasse verschloß, oder beherrschten seine Autoritäten, welche in diesen Erdstrichen von einem Festlande nichts wußten und nichts berichteten, auch jetzt noch seine Ansichten so sehr, daß er ihnen gegenüber und ihnen entgegengesetzt nicht auszusprechen wagte, was der Augenschein lehrte? Das Räthsel wird nicht gelöst durch die vorgebrachte Entschuldigung, es habe seinen Schiffen bereits an Lebensmitteln gefehlt und er selbst sei von einem Augenleiden befallen gewesen, so daß er sich von den Piloten habe berichten lassen müssen. Denn wenn er wirklich zu einer längeren Erforschungsreise ausgerüstet war, konnten doch die Vorräthe nach Verlauf von 14 Tagen (denn länger weilte er nicht an der Küste Südamerikas) nicht schon erschöpft sein. Auch auf den früheren Reisen war er wochenlang durch Krankheiten an der persönlichen Leitung der Schiffe behindert, ohne seine Unternehmungen deshalb sofort abzubrechen. Vielleicht war es, wie Peschel angibt,[267] innere Unruhe über das Schicksal der Colonie, die er seit 29 Monaten verlassen; weniger wohl Besorgniß, daß die Lebensmittel, welche er zuführte, verderben möchten, denn der größere Theil seiner Flotte war bereits von den Canarien aus direct nach Hispaniola gegangen.

Daß er selbst den rein geographischen Werth seiner neuen Entdeckung weniger würdigte, darf man wohl aus den wunderlichen Theorien schließen, welche er darauf aufbaute, und daß er gegen die Weiterführung der Küstenaufnahmen ziemlich gleichgültig geworden war, spricht auch Humboldt aus:[268] „Columbus legte bei seiner dritten Reise mehr Werth auf die Perlen der Insel Margarita und Cubagua als auf die Entdeckung der Terra firma, da er bis zu seinem Tode fest überzeugt war, schon im November 1492 auf seiner ersten Reise in Cuba einen Theil des festen Landes von Asien berührt zu haben.“

Möglicherweise wollte er auch den immer lauter werdenden Widersachern in Spanien nicht neue Veranlassung zu dem schon oft gehörten Vorwurf geben, daß er in nutzlosen Fahrten viel Geld vergeude, sondern wollte sich ganz der Pflege und Ausbeutung seiner Colonie widmen, um sie so bald wie möglich von den Unterstützungen durch das Mutterland unabhängig zu machen.

In fünf Tagen segelte das Geschwader von der Küste des Continents über das caribische Meer nach Haiti. Die westliche Abdrift führte die Schiffe über ihr Ziel hinaus, so daß, als Columbus das Ufer seines Coloniallandes erreicht hatte, der Cours, nach Osten zurück, eingeschlagen werden mußte, um den Platz der neuen von Bartolomé Colon gegründeten Stadt San Domingo zu erreichen, welche an der Mündung des Ozamáflusses lag.

11. Die Zustände auf Haiti und die Gefangennahme des Columbus.

Während der Abwesenheit des Vicekönigs hatte sein Bruder Bartolomé als Adelantado oder Statthalter die Colonie verwaltet, die Zahl der festen Häuser auf der Insel vermehrt und die Häuptlinge zur Anerkennung der spanischen Oberhoheit gebracht. Der ihnen auferlegte Tribut bestand entweder in Gold oder in anderen den Spaniern willkommenen Erzeugnissen des Landes. Unter dem thätigen Hieronymiten Fray Ramon Pane, welcher innerhalb eines Jahres die Sprache der Eingeborenen erlernte, und unter dem Franziskaner Fray Juan Borgoñon hatte das Bekehrungswerk unter den Indianern begonnen. Nach dieser Richtung war also die Befestigung der Colonie in günstiger Entwicklung begriffen. Anders verhielt es sich mit den eingewanderten Spaniern, den Soldaten und Colonisten. Hier trat der tiefe Gegensatz der Nationalitäten immer greller zu Tage. Daß sie genuesischen Fremdlingen gehorchen mußten, ertrug ihr Stolz mit Widerwillen. Der Adelantado forderte strenge Manneszucht; statt des erträumten glückseligen Lebens, dessen Vorspiegelungen sie über das Meer gelockt hatten, warteten ihrer angestrengte Arbeiten, sollten sie mit Entbehrungen aller Art, selbst mit Hungersnoth kämpfen und wurden in unablässigen Märschen nach allen Theilen des Landes ermüdet.

Während der Abwesenheit des Statthalters brach in der Stadt Isabella der Aufstand aus. Der Commandant Diego Colon, dem es überhaupt an Energie zu fehlen schien, gerieth in eine mißliche Lage, um so mehr, als der Oberrichter +Francisco Roldan+ sich an die Spitze der Unzufriedenen stellte. Bei der Rückkehr des Adelantado mußte Roldan mit seinem Anhange aus der Stadt weichen, fuhr aber fort, die Familie des Columbus zu verdächtigen und zu schmähen als Feinde des spanischen Blutes. Auch das wurde besonders den Genuesen zum Vorwurf gemacht, daß sie die Goldminen als Familienmonopol behandelten. Um die Indianer für sich zu gewinnen, erklärte Roldan ihnen, er wolle sie gegen die Bedrückungen des Statthalters schützen. In Folge dessen verweigerten jene den Tribut und lieferten keine Nahrungsmittel mehr. Selbst die treugebliebenen Spanier wurden durch die nun eintretende Noth entmuthigt und begannen zu desertiren, und wenn nicht im Anfange des Jahres 1498 zwei Schiffe von Spanien neue Lebensmittel und Mannschaften gebracht, so hätte schon damals die Colonie sich vielleicht aufgelöst. Durch diese Zufuhr gewann Bartolomé Colon neue Kräfte, die aufrührerischen Caziken zu bändigen und Roldan in den entfernten Gau von Jaragua zu verdrängen, wo derselbe sich einem üppigen Leben hingab und seinem Gefolge Zügellosigkeiten und Bedrückungen aller Art gestattete. Ende Juli kamen die drei von Columbus vorausgesendeten Schiffe an die Südseite von Haiti, wo Roldan Gelegenheit fand, sofort einen Theil der neuen Ankömmlinge auf seine Seite zu ziehen, und grade einen Monat später traf auch der Admiral selbst bei der neugegründeten Stadt San Domingo ein. Vor allem war ihm daran gelegen, den Unfrieden unter den Spaniern, durch welchen die Entwicklung der Colonisation vollständig gelähmt wurde, zu beseitigen. Da er sah und hörte, daß viele des unerquicklichen Lebens und Treibens auf der Insel überdrüssig geworden waren, denn man vernahm oft den auffälligen Schwur: „So wahr mich Gott wieder nach Castilien bringe“, so erließ Columbus eine Bekanntmachung, in welcher er jedem Spanier gestattete, auf einem der fünf zur Abfahrt nach Spanien vorbereiteten Schiffe in die Heimat zurückzukehren. Er hoffte dadurch besonders die Zahl seiner Widersacher und der Misvergnügten zu lichten. Aber Roldan und seine Partei gingen darauf nicht ein; sie hielten sich für mächtig genug, dem Vicekönige zu trotzen. Dieser ließ sich dann sogar dazu herbei, einen freundlichen Brief an den Oberrichter zu schreiben und eine Versöhnung anzutragen, fand aber auch dafür kein Gehör; denn seine Gegner erkannten seine hilflose Lage, daß er ohne Geld gekommen und seinen Soldaten den rückständigen Sold nicht bezahlen, sich bei einem ausbrechenden Kampfe also auch nicht auf sie verlassen konnte.

Die Flotte, auf welcher Columbus gekommen war, mußte, nach dem Vertrage mit den Rhedern, binnen Monatsfrist wieder abgefertigt werden, und wenn er sie auch bis über sechs Wochen zurückbehielt, so mußte er sie doch endlich am 18. October entlassen, ohne, wie er gewünscht hatte, den spanischen Monarchen von dem wiedergewonnenen Frieden in der Colonie berichten zu können. Er schilderte in seinem Briefe seine Gegner als Diebe, Schurken, Räuber und Landstreicher und erklärte in seiner Aufregung, er werde sich noch genöthigt sehen, die äußersten Gewaltmaßregeln anzuwenden, um diese Friedensstörer zu vernichten.

Natürlich hatte auch die Gegenpartei Gelegenheit gefunden, in einem Schreiben an die Regierung ihr Verhalten zu begründen und über den Admiral und seine Verwandten die ärgsten Beschuldigungen von Willkürherrschaft und Grausamkeit vorzubringen, wodurch die Feindschaft gegen die Genuesen am spanischen Hof neue Nahrung gewann. Das konnte freilich nicht ohne bedenkliche Folgen auf die Anschauung der Monarchen bleiben.

Columbus sah sich wieder zu neuen Verhandlungen getrieben und mußte schließlich, wenn auch widerstrebend, unter schimpflichen Bedingungen mit den Meuterern Frieden machen. Dieselben erhielten demgemäß zwei Schiffe mit Proviant, um nach Spanien zurückkehren zu können. Auch mußte ihnen der Vicekönig einen Schein ausstellen, wonach ihnen der rückständige Sold in Spanien bezahlt werden sollte und ertheilte ihnen schließlich sogar noch das Zeugniß, daß sie sich in Indien um den König wohl verdient gemacht hätten. Alle, welche in Indien bleiben wollten, erhielten freie Geleitsbriefe.

Weil aber Columbus die versprochenen Schiffe zur gesetzten Frist nicht ausrüsten konnte, erklärten seine Gegner auch diesen Vertrag für nichtig. So dauerte die Zwietracht bis zum September 1499. Endlich bequemte sich Columbus sogar dazu, Roldan wieder als Oberrichter einzusetzen, dessen Parteigenossen mit Ländereien zu beschenken und zu gestatten, daß, wenn der rückständige Sold nicht voll ausgezahlt werde, die Meuterer das Recht haben sollten, diese Zusagen mit Gewalt zu erzwingen.

Tiefer konnte sich ein Statthalter nicht erniedrigen, als in solcher Weise den Aufruhr durch Belohnung auszuzeichnen. Zwar hatte Columbus gar nicht die Absicht, diese Versprechungen zu halten, und darum den Vertrag an Bord eines Schiffes unterzeichnet, wo er, wie er sich selbst und auch seinem königlichen Herrn zu bereden suchte, nur in seiner Stellung als +Admiral+ rechtskräftige Urkunden unterzeichnen konnte, während der Ausgleich mit den Meuterern hätte von ihm auf dem Lande in seiner Eigenschaft als +Vicekönig+ vollzogen werden müssen.[269] Aber zeigte er durch solche Handlungs- und Denkweise nicht auf das klarste, daß ihm zu einer höchsten Verwaltungsstelle alle Befähigung abging?

In Spanien hörten die Klagen gegen ihn nicht auf. Daß er den Antheil der Krone an der Ausbeute aus den Goldminen nicht rechtzeitig einsandte, nannte man bereits Unterschlagung; und daß er den Oberrichter Roldan, den er selbst gleichsam als seinen Liebling großgezogen und zu der hohen Stellung vorgeschlagen hatte, jetzt als seinen gefährlichsten Feind bezeichnete, mußte Bedenken erregen. Die Königin war erzürnt, daß Columbus mit dem letzten Geschwader wiederum, um dem Fiscus Geld zuzuführen, eine Fracht von Sklaven gesendet hatte, statt der so oft in Aussicht gestellten Schätze von edlem Metall und Gewürzen.

Man sah wohl, daß die Colonie unter den beständigen Wirren ihrer Auflösung entgegenging. Ein Mittel, die Ordnung wieder herzustellen, bot sich in dem Wunsche des Vicekönigs, welcher um einen tüchtigen Richter bat, um die Streitigkeiten auf der Insel zu untersuchen und Recht zu sprechen. Aber die königliche Vollmacht, welche dem neuen Richter auch die ganze Verwaltung der Insel übertrug und von Columbus sogar die Uebergabe der höchsten militärischen Gewalt verlangte, ging wiederum zu weit, weil sie die wiederholt bestätigten Rechte des Genuesen als Vicekönig ohne weiteres bei Seite schob.[270] +Francisco de Bobadilla+, dem so weitgehende Befugnisse durch Decret vom Mai 1499 ertheilt wurden, erhielt sogar das Recht, jeden, der ihm für das Wohl der Colonie gefährlich schien, mit Gewalt aus der Insel zu entfernen. Seine Entsendung nach Haiti erfolgte aber erst im Sommer 1500, seine Ankunft vor San Domingo am 23. August. In der Woche zuvor hatte Columbus noch sieben Spanier mit dem Tode am Galgen bestraft, weil sie Unruhen anstifteten; und doch schrieb er an die Amme des Prinzen Juan: „als Bobadilla nach S. Domingo kam, war +die Insel ruhig+“. Bobadilla sah die Leichen der Erhängten noch am Galgen beiderseits der Einfahrt in den Hafen, und sah diese Art der Justiz als einen Beleg für die Grausamkeit des Genuesen an, welcher er entgegentreten müßte. Weder der Admiral noch sein Bruder Bartolomé waren um diese Zeit in der Stadt anwesend. Bobadilla landete am nächsten Morgen mit seiner Schar, und ließ, nachdem er in der Kirche der Messe beigewohnt, seine Beglaubigungsschreiben der versammelten Menge vorlesen. Als er dann noch zum Schluß das königliche Mandat verkündigte, daß allen in königlichen Diensten Stehenden der rückständige Gehalt ausgezahlt werden solle, hatte er bereits einen großen Theil der Spanier gewonnen. Dann drang er mit Gewalt, aber ohne Blutvergießen in die Festung ein und ließ sich die Gefangenen ausliefern, um seinem Amte gemäß ihre Vergehen zu untersuchen. Seine Wohnung nahm er im Hause des Columbus, dessen Eigenthum und Papiere er mit Beschlag belegte, als sei er nur abgesendet, dem Vicekönig den Proceß zu machen, nicht aber, die Rechtsansprüche +beider+ Parteien zu prüfen. Das ganze Volk zog er aber dadurch auf seine Seite, daß er am nächsten Tage verkündigen ließ, in den nächsten 20 Jahren könne jedermann ungehindert sich mit Goldgewinnung befassen, falls nur der eilfte Theil des Ertrages an die Krone abgeliefert würde. So entfremdete er mit Ausnahme der wenigen Getreuen dem Vicekönig die Gemüther aller Spanier und konnte es auch wagen, indem er den ihm gewordenen königlichen Auftrag verkannte und überschritt, Hand an den Admiral und seine Verwandten zu legen. Gebieterisch fordert er diesen auf, vor ihm zu erscheinen, und Columbus leistete, als er die königlichen Befehle gesehen, Folge, indem er ohne Begleitung nach San Domingo reiste. Mittlerweile hatte Bobadilla den Bruder des Vicekönigs, Don Diego, in Ketten an Bord eines seiner Schiffe bringen lassen. Gleiches Schicksal widerfuhr kurz darauf dem Admiral selbst. Bobadilla erreichte von dem Gefangenen sogar, daß dieser seinem energischen Bruder Bartolomé schrieb, er möge sich gleichfalls der königlichen Entscheidung unterwerfen. So wurde auch der dritte von den genuesischen Brüdern gefesselt. Bobadilla scheute sich, persönlich mit den Gefangenen zu verkehren. „Ich habe nie mit ihm gesprochen,“ klagte Columbus in seinem Briefe an die Amme des Prinzen, „auch hat er keinem anderen erlaubt, mit mir zu sprechen. Ein Gouverneur, der z. B. nach Sicilien geschickt wird und das Land nach bestehenden Gesetzen friedlich regiert, hat eine ganz andere Stellung als ich in einem ganz fremden, neu unterworfenen Lande mit fremden Menschen und Sitten. Wenn ich geirrt habe, so geschah es ohne Schuld oder unter dem Zwange der Verhältnisse. Was mich am meisten kränkt, ist die Wegnahme meiner Papiere, die ich nie wieder sammeln kann, und die meine Unschuld am besten beweisen würden.“[271]

Columbus war durch die ihm widerfahrene Schmach so vollständig gebrochen, daß er selbst für sein Leben fürchtete. Als der Hidalgo Alonso de Villejo, ein Verwandter Fonsecas, mit der Wache bei ihm erschien, um ihn aufs Schiff zu bringen, fragte Columbus, in dem Glauben, man führe ihn zum Tode: „Villejo, wohin führt Ihr mich?“ „Aufs Schiff um abzusegeln,“ lautete die Antwort. „Abzusegeln?“ wiederholte der Admiral fast ungläubig. „Villejo, redet Ihr die Wahrheit?“ Erst bei der wiederholten Versicherung, daß man ihn nicht täusche, fühlte sich Columbus beruhigt. Auch fand er sowohl bei dem Schiffscapitän Andreas Martin als bei Villejo Ehrerbietung und Theilnahme. Man wollte ihm die Ketten abnehmen; aber er lehnte es ab: Spanien sollte die Schmach sehen, die ihm, angeblich auf königliches Geheiß, als Lohn für seine hohen Verdienste angethan war. Eine kurze und glückliche Ueberfahrt ließ ihn schon in der letzten Woche des November 1500 in Cadiz landen.

Der Hof befand sich in Granada. Der Capitän Andreas Martin hatte gestattet, daß Columbus einen Brief an die Amme des Prinzen richten dürfe, welche, wie er wußte, bei der Königin bedeutenden Einfluß besaß. So gelangte die Darstellung der Verhältnisse nach seiner Auffassung eher zu Ohren des Königpaars, als der bestimmt feindselige Bericht Bobadilla’s.

Wie es schon in Cadiz und Sevilla, soweit die Kunde gedrungen war, das größte Aufsehen erregte, daß man den Entdecker der neuen Welt in Ketten nach Spanien zurückbefördert hatte, so fühlten auch die Monarchen, daß die gleichsam in ihren Namen dem Vicekönig angethane Schmach ihren Schatten auf die eigne Majestät werfe, und gaben daher sofort ihr höchstes Misfallen darüber zu erkennen. Columbus sollte sogleich seiner Fesseln entledigt und mit aller ihm gebührenden Auszeichnung behandelt werden. Zu gleicher Zeit ließen sie ihm eine bedeutende Summe (2000 Ducaten) zustellen, damit er seinem Range gemäß reisen und bei Hofe erscheinen könne. Daß er in seinen Ketten vor dem Thron erschienen, darf wohl als romantische Ausschmückung bezeichnet werden; eher aber dürfen wir dem Zeugniß Herreras[272] glauben, daß Columbus, als er vor den Majestäten am 17. December erschien, und dem Königspaar knieend seine Huldigung darbrachte, vor innerer Bewegung nicht sprechen konnte.

Wenn ihm auch bei dieser Gelegenheit und in Zukunft stets mit Auszeichnung begegnet wurde, und er darin eine Vergeltung für das ihm zugefügte bittere Unrecht erblicken konnte, so sah er sich in dem Einen, was er vor allem wünschte, getäuscht, daß er nicht wieder in seine Hoheitsrechte über die neue Welt eingesetzt wurde.

12. Die letzte Reise des Columbus.

Es scheint, als ob König Ferdinand vor der Hand nicht daran dachte, den einmal vollendeten Eingriff in die Rechte des Columbus wieder rückgängig zu machen. Die Verwaltung der indischen Colonien mußte vor allem in einen geregelten Gang gebracht werden. Bobadilla hatte sich durchaus untauglich gezeigt durch die übereilte Parteinahme gegen den rechtmäßigen Statthalter, den er, ohne ihn nur zu sehen und zu hören, von der Insel entfernte. Seine Anordnungen lockerten alle Bande, Zügellosigkeit und Gesetzwidrigkeiten traten an die Stelle der straffen Zucht Bartolomé’s, so daß die bessern Elemente sich von dem neuen Regimente abwandten. Auch war man auf der Insel selbst dem beseitigten Befehlshaber eine entschiedene Genugthuung schuldig. Daher wurde im königlichen Rathe beschlossen, Bobadilla durch den gerechten und unparteiischen Don Nicolas de +Ovando+ zu ersetzen; denn es galt zu gleicher Zeit auch, den nutzlosen Bedrückungen und Grausamkeiten, welche sich die spanischen Herren über ihre indischen Unterthanen erlaubten, ein Ziel zu setzen. Ovando erhielt von der Königin Isabella den ausdrücklichen Befehl, den Caziken und andern Indianern die bestimmte Versicherung zu geben, daß sie selbst ihre neuen Unterthanen in jeder Beziehung zu beschützen gesonnen sei. Nur für den königlichen Dienst sollten die Indianer zu Arbeiten herangezogen werden dürfen. Dieses letzte Recht bot aber in der Folgezeit wieder die Handhabe für fortdauernde neue Quälereien. Auch sollte es gestattet sein, gewiß in der guten Absicht, die Indianer zu entlasten, Negersklaven nach Haiti einzuführen entweder von Spanien oder von der Westküste Afrikas, wo der Menschenhandel schon seit langer Zeit bestand. Damit war der erste Anlaß zu dem für Amerika so verhängnißvoll gewordenen schwarzen Sklaventhum gegeben, welches in den folgenden Jahrhunderten so oft zu blutigen Conflicten und staatserschütternden Kämpfen führen und -- ein eignes Verhängniß -- nach 300 Jahren grade die erste spanische Colonie, Haiti, ganz in die Hände der Schwarzen und Farbigen liefern sollte.

Das von Bobadilla confiscirte Vermögen des Statthalters sollte Ovando zurückfordern, die dem Vicekönig zustehenden Einkünfte ihm ungeschmälert überweisen, die von Bobadilla erlassene Verfügung bezüglich des freien Bergbaus auf Gold wieder aufheben.

Das Vertrauen, welches man in Spanien auf die Tüchtigkeit Ovando’s setzte und die Hoffnung, mit seinem Eintreffen in Haiti die Colonie geordneten Verhältnissen wieder zugeführt zu sehen, ermuthigte eine große Zahl von Auswanderungslustigen, ihr Heil in der neuen Welt zu suchen. So segelte er mit 30 Schiffen und 2500 Personen am 13. Februar 1502 von San Lucar de Barrameda ab. Ein Schiff ging leider im Sturm unter, die übrigen erreichten indeß am 15. April ihr Ziel. Ovando wurde ohne Schwierigkeit, nachdem er die königlichen Befehle vorgelegt, als Statthalter anerkannt. Gegen Bobadilla, dessen Ansehen mit einem Male verschwand, wurde keine Untersuchung eingeleitet, doch mußte er nach Spanien zurückkehren. Roldan dagegen und seine eifrigsten Parteigänger wurden in Haft genommen und zur Verurtheilung auf die Flotte gebracht, welche den neuen Befehlshaber herübergeführt hatte. Nachdem dieselbe befrachtet war, sollte sie in die Heimat zurückkehren.

Columbus hatte inzwischen, da er sah, daß er nicht sofort in seine westindische Herrschaft wieder eingesetzt werde, sich zu einer neuen großen Entdeckungsfahrt gegen Westen erboten. Man darf annehmen, daß die Erfolge der Portugiesen einen wesentlichen Einfluß auf seine neuen Pläne ausübten. Vasco da Gama war im September 1499 aus dem indischen Gewürzlande zurückgekehrt, zu einer Zeit also, wo Columbus noch in heftigem Kampfe gegen Roldan lag. In Spanien hatte er weitere Nachrichten über Indien eingezogen, und da er sich überzeugt hielt, das Ostgestade des asiatischen Continents bereits in Cuba und Paria berührt zu haben, da ferner durch die Entdeckungsfahrten spanischer Privatunternehmer, der Hojeda, Vespucci, Pinzon noch weitere Küsten des Festlandes, zu welchem Paria gehörte, besucht waren, so schloß er daraus, eine Fahrt zwischen Cuba und Paria gegen Westen werde ihn nach dem portugiesischen Indien bringen. Die gewaltige Meeresströmung, welche an der Küste Südamerikas ungestüm nach Westen drängte, mußte nach seiner Vorstellung durch eine noch unerforschte Meerenge führen, hinter welcher er das indische Meer „jenseits des Ganges“, wie es seit dem Alterthum genannt wurde, zu finden meinte. Durch diese Vorstellungen war die Richtung der neuen von ihm ins Auge gefaßten Unternehmung bestimmt. Sein Plan wurde von den spanischen Souveränen gern genehmigt, und so konnte er bereits im Herbste 1501 an die Vorbereitungen zur Ausrüstung der bewilligten Schiffe gehen. Er scheint selbst sein Leben daran setzen zu wollen, um einen großen Erfolg zu erzielen; aber als ein vorsichtiger Mann wollte er dabei die Zukunft seiner Familie möglichst sicher stellen. Darum ließ er von den wichtigsten Dokumenten beglaubigte Abschriften nehmen und dieselben in der Bank von Genua niederlegen. Darunter befand sich auch die am 14. März 1502 von der Krone gegebene erneuerte Versicherung, daß ihm und seinen Kindern alle seine verbrieften Rechte unverkürzt erhalten bleiben sollten. Er hatte vier kleine Caravelen, von 70 resp. 50 Tons ausgerüstet und mit 150 Leuten bemannt. Sein Bruder Bartolomé, der ihm überall die kräftigste Stütze gewesen war, sowie sein jüngerer, damals erst 13jähriger Sohn Ferdinand begleiteten ihn.

Am 9. Mai 1502 ging er von Cadiz aus in See. Beseelt von frommer Hoffnung, daß seine Unternehmung gelingen werde, schrieb er von den Canarien aus an seinen Freund und Rathgeber, der Karthäusermönch Gaspar Gorricio in Sevilla. „Ich reise im Namen der heiligen Trinität und hoffe auf Sieg“.[273] Eine rasche Fahrt von 19 Tagen brachte das Geschwader von den Canarischen Inseln über den Ocean nach Martinique (Matinino) und von hier an den kleinen Antillen und der Südküste von Puertorico entlang nach San Domingo. So lange seine Schiffe im Stande waren, wollte er seine Reise beeilen, aber da eins derselben zur Forschungsreise untauglich war und schlecht segelte, so wollte er dasselbe gegen ein besseres vertauschen und dieses auf seine Kosten ausrüsten lassen. Im Haupthafen von San Domingo lag die große Flotte noch vor Anker, als er am 29. Juni vor der Stadt erschien. Aber Ovando gestattete dem Admiral nicht, ans Land zu kommen und Columbus hinwieder hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, sein gesunkenes Ansehen in seiner Colonie wieder zu heben, wenn er als Befehlshaber eines Geschwaders einlaufe. Nur die von ihm aus Spanien mitgebrachten Briefe konnten abgegeben werden, Ovando lehnte jede weitere Annäherung ab. Auch darin fand Columbus kein Gehör, daß er aus astrologischen Ursachen[274] den nahebevorstehenden Ausbruch eines furchtbaren Sturmes verkündete und daher den Statthalter Ovando warnte, vor Ablauf einer Woche die im Hafen segelbereite Flotte, auf welcher sich Bobadilla, Roldan u. a. befanden, nicht abfertigen zu wollen.

Wenn nun bald darauf, als die Flotte wirklich ausgelaufen war, der Orkan losbrach, gegen 20 Schiffe mit Mann und Maus verschlang und dabei auch Bobadilla und Roldan vernichtete; wenn von allen Fahrzeugen nur ein einziges, und dazu ziemlich gebrechliches, welches aber das wieder ausgelieferte Vermögen des Admirals an Bord hatte, endlich nach Spanien die Reise fortsetzen konnte: mußte Columbus in allem nicht die unmittelbare Hand Gottes und sein Strafgericht erkennen? Er selbst hatte sich mit seinen vier Schiffen in die Nähe der Küste geflüchtet und dort das verderbliche Unwetter glücklich überstanden, wenn auch der schlechte Segler, den sein Bruder befehligte, aufs Meer getrieben und seiner Böte beraubt wurde. „Der Sturm war furchtbar,“ schreibt Columbus, „die Schiffe wurden getrennt und ich fürchtete, daß die übrigen untergegangen. Wie schmerzlich ist es bei solcher Gefahr und in Angst um den Sohn, den Bruder, die Freunde, nicht ans Land oder in den Hafen flüchten zu dürfen, an einer Küste, welche ich unter so vielen Mühseligkeiten für Spanien selbst gewonnen habe.“

Am 14. Juli segelte Columbus von Haiti ab und steuerte, indem er die Inseln Jamaica und Cuba zur Rechten ließ, grade gegen Westen. Jenseits Jamaica trieb ihn aber eine heftige Strömung gegen Nordwesten bis zu der Region, wo die „Gärten der Königin“ lagen, doch sah er das Land nicht. Von hier steuerte er nach der ~terra firma~ hinüber und erreichte am 30. Juli die im äußeren Golf von Honduras gelegene Insel Guanaja,[275] welche er nach dem prächtigen Fichtenwalde Isla de Pinos nannte. Dort traf er mit yukatanischen Händlern zusammen, welche in ihren großen, aus einem Stamm gefertigte Barken allerlei Handelswaren hatten, als messingene Schellen, Messer und Beile von hellem, durchscheinenden Stein, hölzerne Schwerter, deren Schneiden aus scharfen Steinen bestanden, welche beiderseits in Rinnen eingefügt waren, schön geschnitzte hölzerne und marmorne Gefäße, baumwollene, in verschiedenen Farben gewebte Decken u. a. Columbus erkundigte sich bei den Insassen der Böte nach dem Lande im Westen. Man nannte das Land der Maya (Yukatan). Da die Handelswaren eine höhere Kultur verriethen, als die Spanier bisher im westindischen Gebiete angetroffen, so wäre Columbus, wenn er die Heimat der einheimischen Händler aufgesucht hätte, zu den Städten in Yukatan, vielleicht gar an das Gestade von Mexiko gelangt. Aber von der Vorstellung einer Meerenge beherrscht, welche ihn weiter südlich um die vermeintliche hinterindische Halbinsel, in deren Nähe er sich zu befinden glaubte, in den Golf von Bengalen führen sollte, blieb der Admiral seinem Plane treu und segelte statt nach Westen, nach Osten, und sah sich dadurch auch bei der letzten Fahrt auf die Erforschung innerhalb des caribischen Meeres beschränkt. Zunächst ging der Admiral nach dem im Süden gelegenen festen Lande hinüber und landete in der Nähe des Cap Honduras, um von dem neu entdeckten Gebiete für Spanien Besitz zu ergreifen. Es scheint, daß er bei dem fortdauernd schlechten Wetter hier gegen 14 Tage verweilte, dann steuerte er an der Küste gegen Osten. Aber die heftigen Stürme und die furchtbare Gegenströmung ließen ihn kaum einen Schritt vorwärts gewinnen. In einem Zeitraum von vier Wochen, vom 14. August bis zum 12. September (Columbus gibt irrthümlich 60 Tage, Peter Martyr richtiger 40 Tage, den Aufenthalt bei Guanaja eingerechnet), legte er, unter stetem Laviren, nur einen Abstand von drei Meridianen zurück. „Es regnete, donnerte und blitzte unaufhörlich, es sah aus, als ob die Welt untergehen sollte. In der ganzen Zeit sah ich weder Sonne noch Sterne. Meine Schiffe hatten furchtbar gelitten, die Segel waren zerrissen. Wir hatten Anker, Takelwerk, Böte und eine große Menge Vorräthe eingebüßt. Das Schiffsvolk war krank und niedergedrückt. Manche gelobten ein religiöses Leben zu führen und alle verpflichteten sich zu Walfahrt und Beichte. Wir haben manche Stürme erlebt, aber nie einen von solcher Heftigkeit.“[276] Am meisten war Columbus um seinen 13jährigen Sohn besorgt; aber er fand einen Trost darin, daß dieser sich auf der See bewährte. Dann machte er sich Vorwürfe darüber, daß er seinen Bruder Bartolomé, den er gegen dessen Willen mitgenommen, stets der äußersten Gefahr ausgesetzt sah, weil er sich auf dem schlechtesten Fahrzeuge befand. Der Admiral selbst lag fieberkrank danieder, leitete aber trotzdem von einer kleinen Cabine aus, die auf Deck errichtet worden war, den Lauf des Schiffes. Krankheit und Sorgen preßten ihm die Klage aus, daß er nun in 20 Dienstjahren voll Mühen und Gefahren noch nichts gewonnen habe und bis jetzt in Castilien noch keinen Dachziegel erworben habe, daß er in Spanien beständig auf das Wirthshausleben angewiesen gewesen sei und meistens kaum die Mittel besessen habe, um seine Rechnungen bezahlen zu können.

So erreichte er endlich am 12. September das östlichste Vorgebirge von Honduras, von wo die Küste nach Süden lief und ihm besseres Wetter und günstiger Fahrwind in Aussicht stand.

Zum Dank für die Errettung Aller nannte er jenes Vorgebirge ~Gracias à Dios~ (Gott sei Dank), wie es noch heute heißt. Die Küste, welche sich von da ab, zwischen dem 15° und 10° n. Br. nach Süden zog, bewahrte zwar noch denselben Charakter, aber die Fahrt ging leichter von statten. Hinter dem flachen, sandigen Strande breiten sich zahlreiche Lagunen hin. Der Boden ist, bisweilen bis dicht ans Meer, mit Pechtannen bewachsen oder mit üppigem Platanenwald bedeckt. Große Savannenflächen breiten sich dazwischen aus. Die ganze Gegend gilt als gesund. Erzgänge kennt man hier nicht; aber manche Flüsse, wie der Rio Tinto gegen Norden, und der Rio Pataca scheinen reich an goldführendem Sande zu sein.

Am 25. September gelangte das Geschwader zu einer reizenden Gestadeinsel, welche Columbus den Garten (la Huerta) benannte. Am festen Lande lag, in der Nähe der Mündung eines Flusses, das Indianerdorf Cariai.[277] Hier gönnte er (vielleicht in der Nähe der heutigen Stadt Greytown) seiner Mannschaft eine längere Ruhe, ließ die Schiffe ausbessern und Vorräthe einnehmen. Aus den Erkundigungen, welche Bartolomé Colon am Lande einzog, ging hervor, daß weiter gegen Südosten reiche Goldgestade ihrer warteten. So steuerten denn die Schiffe am 5. October dieser verheißenden Küste zu und kamen nach zwei Tagen in die heutige inselreiche Bai von Chiriqui. Die Indianer nannten diese Gegend Cerabaró oder Carabaro. „Ich selbst,“ schreibt Columbus, „erhielt Mittheilung über die gesuchten +Goldbergwerke in der Provinz Ciamba+ und zwei Indianer führten mich nach Carambaru, wo das nackte Volk Goldschmuck am Halse trug.“

Die Provinz Ciamba, welche Columbus nennt, ist das schon von Polo erwähnte Königreich Tschampa in Hinter-Indien. Der Irrthum des Admirals erklärt sich aber, sowie wir einen Blick auf den Globus Behaims werfen. Westlich von Cipangu (Haiti, nach Ansicht des Columbus) erstreckt sich die Ostküste Asiens zwischen dem 20° und 10° n. Br. von Norden nach Süden. An dieser Küste glaubte der Admiral angelangt zu sein, und eben hier sehen wir auf Behaims Globus das Königreich Ciamba eingezeichnet. So fest war auch hier wieder Columbus von seinen Ideen eingenommen, daß er ohne weitere Erklärung und mit der größten Sicherheit von der „Provinz Ciamba“ spricht.

Wo südlich von der Mündung des Rio San Juan die Küste des mittelamerikanischen Isthmus in den Staaten Costarica und Panama sich im allgemeinen mehr nach Osten zieht, ändert sich die Natur des Gestades. Dicht bewaldete Berge treten bis an die See; größere und kleinere, zum Theil mit Berginseln malerisch besetzte Buchten öffnen sich und bieten guten Ankergrund. Gegenüber von Carabaró lag auf den anderen Seiten der herrlichen, fischreichen Bucht von Chiriqui die Landschaft +Aburéma+, beide reich an Gold in allen Flüssen. Hier war es, wo Columbus die erste dunkle Kunde von dem großen Ocean erhielt, diese Nachricht aber auf das indische Meer jenseits des Ganges bezog. Neun Tagereisen quer durch das Land nach Westen lag nach den Angaben der Indianer, denen man Glauben schenken durfte, das goldreiche Land +Ciguara+, dessen Bewohner Korallenschmuck im Haar und große Korallenarmbänder trugen. Auch sollte dort der Pfeffer bekannt sein. Columbus erfuhr weiter, daß in jenem Lande Messen und Märkte abgehalten würden, daß die Leute kunstreich gearbeitete Kleidung trügen, mit Schwertern, Bogen und Pfeilen bewaffnet, sogar mit Harnischen gerüstet seien. Auch glaubte der Admiral aus den weiteren Mittheilungen zu verstehen, daß das Volk auf seinen Schiffen Kanonen führe und Streitrosse besitze. Die goldreiche Küste jenseits der Bai von Chiriqui wurde nach einem Indianerorte +Veragua+ genannt. Eine höhere, der Küste parallel laufende Gebirgskette war fast immer in Wolken gehüllt. Ihre Gipfel schätzte Columbus auf 50,000 Fuß Höhe. Am Fuß der Gebirge, sagte er, öffne sich ein Pfad zu dem asiatischen Ostmeere, so daß Veragua und Ciguara einander gegenüber liegen wie Tortosa und Fuentarabia in Spanien, oder Venedig und Pisa in Italien. Er hoffte also, da er sich die mittelamerikanischen Landschaften auf den einander gegenüberliegenden Küsten einer Halbinsel, wie Spanien und Italien vorstellte, bei einer Weiterfahrt das Ende des Landes umsegeln zu können und eine Meerenge zu finden in ähnlicher Lage, wie südlich von Italien oder Spanien. Darum fügt er hinzu: Die See umgibt Ciguara und in 10 Tagen kommt man von da zum Ganges. Er glaubte also nahe dem südlichen Ende der hinterindischen Halbinsel zu sein, wo nach der Vorstellung des Ptolemäus der Hafen Catigara lag. Bestärkt wurde Columbus noch durch die Angaben der Kosmographie des Aeneas Sylvius[278] (Papst Pius II.), welche er auf seinem Schiffe mit sich führte. Hier fand er bei der Beschreibung Ostasiens, Katais und Matschins (Großchinas) Mittheilungen über das Tätowiren, über den Sonnenkultus u. a., was er an der Küste von Mittelamerika auch beobachtet hatte, so daß er daraus folgerte, er sei in die Nähe des alten Handelshafens von Catigara angelangt, die Halbinsel sei nur noch 9 Tagereisen breit und jenseits derselben erreiche man bei günstiger Fahrt in 10 Tagen den Ganges.

War diese Berechnung richtig und hatte er damit, auf die Autorität des Ptolemäus bauend, welcher Catigara 180 Meridiane östlich von den Canarischen Inseln ansetzt, gegen Westen segelnd, die Hälfte des Erdballs umfahren, dann konnte auch der Umfang der Erde nicht so groß sein, wie seit der Berechnung des Alterthums allgemein angenommen wurde; denn er war sich wohl bewußt, daß er in geradem Abstande von Osten nach Westen noch nicht eine so große Strecke durchmessen hatte, welche der Hälfte des Erdumfanges entspräche. Aber auch vor dieser Consequenz schreckte er nicht zurück und erklärte darum in seinem Briefe aus Jamaica: +Die Welt ist nicht so groß, als man gewöhnlich annimmt+, denn ein Aequatorialgrad beträgt nicht 60 sondern nur 56⅔ Meilen (~millas~).[279]

Unter diesen Vorstellungen und in der sicheren Erwartung, die Meerenge bald zu erreichen, segelte er weiter, ohne das Goldland von Veragua genauer zu untersuchen. Am Abend vor Simon und Judä wurde er widerstandslos vom Sturme fortgetrieben und fand erst nach mehreren angstvollen Tagen Schutz vor der wilden See und dem rasenden Sturme in einem prächtigen Hafen, dem er den Namen Puerto bello gab. Hier blieb er vom 2. bis 9. November liegen, bis das Unwetter sich ausgetobt zu haben schien. Nach den Goldminen von Veragua wollte er nicht zurückkehren; er sah sie schon als spanisches Eigenthum an. Unter heftigen Regengüssen segelte er weiter, wurde aber schon nach kurzer Fahrt genöthigt, wider seinen Willen, an der schützenden Küste eine Zuflucht gegen die von neuem losbrechenden Wetter zu suchen. Die Umgebung des Hafenplatzes war wohl angebaut und bot eine willkommene Fülle von Nahrungsmitteln, daher erhielt die Bucht den Namen ~Puerto de los bastimentos~ (Hafen der Vorräthe). Sturm und Ungewitter hielten ihn hier bis zum 23. November fest. Als er sich ohne günstiges Wetter von neuem wieder hinauswagte, konnte er unter großer Anstrengung nur 15 Meilen zurücklegen; denn Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen, daß er nach dem verlassenen Hafen zurückweichen mußte. Unterwegs fand er einen andern Hafen, den er Retrete nannte. Es war ein ganz kleiner, unbequemer Hafen, der von Sandbänken und Felsen umsäumt war. Hier ward er von neuem auf die Dauer von 14 Tagen festgehalten. Am 5. December, als er die Zufluchtsstätte verlassen und nur vier Meilen weit gekommen war, brach der Sturm mit gesteigerter Wuth wieder los und machte ihn völlig rathlos. Die schaumbedeckte See erhob sich zu furchtbarer Höhe, wie er noch nie erlebt hatte. „Der Wind war uns grade entgegen,“ so beschreibt Columbus diese Unwetter, „und machte es uns unmöglich, nach einer vor uns liegenden Landspitze zu steuern. Die See kochte wie ein Kessel über starkem Feuer. Tag und Nacht flammte der Himmel von den zuckenden Blitzen, welche von so entsetzlichem Donner begleitet waren, daß wir alle fürchteten, die Schiffe müßten untergehen.“ Neun Tage schwebte er so in Lebensgefahr und während dieser ganzen Zeit strömte das Wasser vom Himmel nicht wie Regen, sondern wie eine neue Sündflut. Die Mannschaft wurde so muthlos, daß sie den Tod als eine Erlösung aus diesem Jammer ansah. Zweimal hatten die Schiffe bereits Verluste an Böten, Ankern und Tauwerk erlitten und lagen nun ohne Segel bei.

In der Nähe der eigentlichen Landenge von Panama wurde Columbus zur Umkehr genöthigt. Seine Schiffe waren in dem erbärmlichsten Zustande und hielten sich, von Bohrwürmern angegriffen, kaum noch über Wasser. Aber auch auf dem Rückwege nach Veragua tobte das Wetter und hielten widrige Winde ihn beständig auf, so daß er wiederholt sich in den Schutz der Küste flüchten mußte; so auch am Weihnachtsabend, wo er aus der bevorstehenden Opposition des Saturns mit der Sonne auf ein neues Ausbrechen der Wuth der feindlichen Elemente sich glaubte gefaßt machen zu müssen. Erst mit dem Beginn des neuen Jahres 1503 trat günstigeres Wetter ein und so erreichte er, im Zustande höchster Erschöpfung, denn die Mannschaft lag größtentheils krank darnieder, die Küste von Veragua am Epiphaniastage und lief in den Fluß Belen oder Yebra ein, über dessen Barre er zwar mit großer Schwierigkeit, aber doch glücklich in stilles Fahrwasser gelangte. Am folgenden Tage brach der Sturm wieder los und hätte es ihm unmöglich gemacht über die Barre zu kommen, wenn er von dem Unwetter noch auf der See überrascht worden wäre. Der Regen hielt bis zum 14. Februar an, so daß man anfangs nicht im Stande war die Schiffe zu verlassen. Am 24. Januar schwoll der Fluß plötzlich so gewaltig an, daß er die Schiffe von ihren Kabeln losriß und beinahe wieder auf das Meer hinausgetrieben hätte.

Erst am 6. Februar konnte der Admiral es wagen, seinen Bruder Bartolomé mit 68 Mann auf Kundschaft nach dem Veraguafluß zu senden. Der Adelantado erreichte in seinen Böten bald das Dorf des Quibian oder Caziken von Veragua. Der Häuptling, nach Landessitte bemalt, aber nackt, kam den Fremden mit großem Gefolge, aber unbewaffnet entgegen. Bei der Zusammenkunft holten seine Begleiter aus der Nähe einen großen Stein herbei, wuschen denselben in dem Flusse sorgsam ab, rieben ihn trocken und legten ihn vor ihrem Fürsten nieder, damit er, seiner Würde gemäß, sitzend die Unterhaltung beginnen könne.[280] Auf den Wunsch der Spanier, zu den Fundstätten des Goldes geführt zu werden, zeigte sich der Quibian sofort bereit und bestellte drei Führer, um die Fremden dahin zu geleiten. Bartolomé Colon sandte einen Theil seiner Mannschaft zum Schutz der Böte zurück und brach mit den übrigen nach den Minen auf. In allen Gewässern konnte man mit leichter Mühe zwischen den Wurzeln der Bäume, unter dem Flußgeröll und im Sande Goldblättchen auflesen. Weiter brachten die Indianer den Adelantado mit seinem Gefolge auf einen hohen Berg, von wo aus man das Land weit und breit übersehen konnte und erklärten, daß überall, namentlich gegen Westen auf 20 Tagereisen weit sich Gold sammeln lasse und nannten Städte und Dörfer, welche in jenem Goldgebiete lägen. Nachher erfuhr man, daß der schlaue Quibian den Spaniern die ergiebigen Gebiete eines ihm feindlichen Nachbarfürsten hatte zeigen lassen, um die Fremdlinge mit seinem Feinde in Streit zu bringen, daß er aber die besten Goldfelder im eignen Lande verheimlicht hatte.

Am 16. Februar setzte Bartolomé die Erforschung des Landes weiter fort, fand überall reichliche Spuren von Gold, besuchte mehrere Caziken, bei denen er freundliche Aufnahme fand, erkannte aber, daß das Gebiet von Veragua von allen am reichsten sei. Auch wiederholte sich hier wieder die Kunde von einem mächtigen Kulturvolke, das an dem andern Meere wohnen sollte.

Es schien klar, daß man sich hier in der Nähe der reichsten Gebiete Asiens befand, und daher beschloß Columbus hier eine Niederlassung zu gründen. Veragua war der goldene Chersones. (Siehe oben S. 207.)[281]

Am Flusse Belen wurden Häuser errichtet, der Adelantado entschloß sich in der Colonie die Leitung zu übernehmen und mit einem Fahrzeuge zurückzubleiben, indeß Columbus nach Spanien zurückkehren und von da neue Verstärkungen herüberführen wollte. Der Quibian, den der Admiral durch Geschenke für seinen Plan gewonnen glaubte, sah die Versuche seiner Gäste, sich häuslich niederzulassen, mit schelem Blick und wachsendem Unbehagen. Das gute Einvernehmen zwischen Spaniern und Indianern wurde allmählich getrübt, denn die Eingeborenen hatten von der Anmaßung der Fremden zu leiden. Der Quibian benutzte die entstehende Zwietracht zu einer allgemeinen Verschwörung, man wollte die neuen Häuser der Colonie in Brand stecken und die Insassen tödten. Diego Mendez, ein dem Columbus treu ergebener Mann, erhielt zuerst von diesem Plan Kenntniß; er bewachte die Bewegungen der bewaffneten indianischen Scharen, so daß sie im geheimen ihre Absicht nicht ausführen konnten, ja er drang sogar bis zu dem Mittelpunkte der feindlichen Macht, bis zur Behausung der Caziken vor, indem er sich für einen Wundarzt ausgab, welcher dem verwundeten Häuptling Linderung bringen wolle. Nachdem er sich dabei noch einmal vergewissert hatte, daß in der That ein Angriff auf die spanische Niederlassung bevorstehe, kehrte er nach dem Belen zurück. Bartolomé Colon wählte sofort gegen 50 tüchtige Leute aus, rückte vor das Haus des Quibian und nahm denselben sammt seiner zahlreichen Familie gefangen. Leider entkam der Häuptling in der darauf folgenden dunkeln Nacht wieder und gab nun das Signal zum Angriff auf die Ansiedlung. Inzwischen hatte der Admiral im Anfang April drei Schiffe aus dem Flusse wieder über die Barre aufs Meer gebracht, um nach Spanien zurückzukehren, während sein Bruder nebst einem Schiffe in Veragua zurückbleiben sollte. Als aber durch den erbitterten Angriff der Indianer die am Lande befindlichen Spanier aus ihren Hütten vertrieben wurden, und als vollends der Capitän Diego Tristan mit seiner Bootsmannschaft, welche den Fluß Belen hinaufgegangen war, um Wasser zu holen, von den Feinden erschlagen worden, war das Schicksal der Colonie besiegelt. Es galt nur noch, den Adelantado mit seinen Leuten, die sich am Strande verschanzt hatten, zu retten. Der Admiral, selbst in heftigem Fieber liegend, und fast aller seiner Böte beraubt, nicht fähig seinem Bruder Hilfe zu bringen, gerieth in die höchste Aufregung. „Ich war allein draußen,“ erzählte er später, „an der gefährlichen Küste, von schwerem Fieber befallen und todesmatt. Alle Hoffnung, zu entkommen, war dahin. Ich arbeitete mich mühsam auf den höchsten Theil des Schiffes und rief mit zitternder Stimme unter heißen Thränen die Hauptleute mir zu Hilfe zu kommen, aber es kam keine Antwort.“ In seinen Fieberphantasien glaubte Columbus nun, als er völlig erschöpft eingeschlafen war, eine mitleidige, tröstende Stimme zu vernehmen, welche zu ihm sprach: „Warum verzagst du in deinem Glauben an Gott? Was that er mehr für Moses oder für seine Knechte, als er für dich gethan? Seit deiner Geburt hat er die größte Sorge um dich gehabt. Als er dich zu den von ihm bestimmten Jahren kommen sah, hat er deinen Namen in der ganzen Welt ertönen lassen. +Er gab dir Indien+, den reichsten Erdtheil, du vertheiltest es nach deinem Belieben. Du empfingst von ihm die Schlüssel zum Ocean, der bisher mit starken Ketten verschlossen war. Man gehorchte deinen Befehlen in den unermeßlichen Ländern, und du hast unsterblichen Ruhm unter den Christen erworben. Was that er mehr für das Volk Israel, als er es aus +Aegypten+ führte, und für David, den er aus dem Hirtenstand zum Throne Judas erhob? Kehre zurück zu deinem Gott, erkenne endlich deinen Irrthum; sein Mitleid ist ohne Grenzen. Dein Alter (~ta vejez~) wird dich nicht hindern, große Thaten zu thun. Er hält in seiner Hand die glänzendste Erbschaft... Sprich, wer hat dich so tief und so oft gebeugt, Gott oder die Welt? Gott hält stets, was er verspricht. Fürchte nichts, fasse Muth!“

Die peinliche Ungewißheit über die am Lande Zurückgelassenen währte tagelang, denn wegen der starken Brandung war aller Verkehr mit der Küste abgeschnitten. Endlich erbot sich der Pilot Pedro Ledesma, durch die Brandung zu schwimmen, wenn man ihn mit dem letzten verfügbaren Bote bis an die Grenze derselben bringe. Diese kühne That gelang, und so erhielt Columbus Nachricht, daß sein Bruder sich noch an der Küste vertheidige. Trotz seiner gefahrvollen Lage -- denn die von Würmern zerfressenen Schiffe hielten sich kaum noch über Wasser -- mußte er noch längere Zeit ausharren, bis das Wetter sich günstiger gestaltete und es ermöglichte, die am Lande befindliche Mannschaft, wenn auch mit Zurücklassung ihrer Caravele, wieder einzuschiffen und die Gründung einer Colonie einer späteren Zeit vorzubehalten. So gelang es denn Ende April, die gefährliche Goldküste von Veragua mit drei Schiffen zu verlassen. Das Geschwader ging nach Osten an der Küste entlang, mußte bei Puerto bello noch ein Schiff zurücklassen, welches zu einer Fahrt über das Meer völlig untauglich geworden war, und drang bis an den Golf von Darien vor. Von hier steuerten die beiden letzten Schiffe grade nach Norden, um womöglich Jamaica zu erreichen; aber Wind und Strömung trieben sie von ihrem Cours ab und zu weit nach Westen, so daß sie statt nach Jamaica an die kleine Cayman-Insel und von da nordwärts zu der Inselwolke kamen, welche Columbus bei seiner Erforschung der Südküste Cubas bereits besucht und mit dem Namen „Gärten der Königin“ belegt hatte. „Die See war sehr stürmisch und ich wurde rückwärts getrieben vor Top und Takel (~volver atras sin velas~). Das eine Schiff verlor drei Anker. Um Mitternacht brach ein Wetter los, als sollte die Welt untergehen, so daß auch die Kabel des andern Schiffes rissen und dasselbe mit solcher Gewalt auf uns zutrieb, daß alles in Stücke zu gehen drohte. Nur +ein+ Anker hielt noch, und war nächst Gott unsere einzige Rettung.“[282] Erst nach sechs Tagen, als das Wetter ruhiger geworden war, konnte man weiter segeln. Es war eine verzweifelte Fahrt. Die Schiffe waren von den Würmern wie Honigwaben durchlöchert. Die Mannschaft war völlig verzagt und muthlos. Als Columbus die Südwestspitze Cubas, Cap de la Cruz erreicht hatte, hoffte er an der Küste entlang ostwärts nach Haiti zu kommen; aber Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen, daß er mit seinen kaum noch haltbaren Schiffen nicht dagegen ankämpfen konnte und sich genöthigt sah, sich nach Jamaica zu wenden. Das Wasser drang unaufhaltsam in die Fahrzeuge ein und konnte, trotzdem man mit drei Pumpen, mit Töpfen und Kesseln am Ausschöpfen arbeitete, nicht bewältigt werden, sondern stieg im Schiffsraum immer höher. Man war froh, mit den sinkenden Schiffen bis nach Jamaica hinübergekommen und wenigstens das Leben gerettet zu haben. So ließ denn der Admiral beide Schiffe an einer günstigen Stelle an den Strand laufen. Es war am 25. Juni 1503, daß die Schiffe sich im Hafen Santa Gloria, jetzt Christovals-Bucht genannt, nahe am Lande auf seichtem Grunde mit Wasser füllten, so daß sie bis ans Verdeck sanken. Das Verdeck selbst blieb über Wasser, und hier wurde in gedeckten Cajüten die Mannschaft untergebracht. So konnten die Wracks noch als Holzfestungen gegenüber unerwarteten Angriffen von Seiten der Bewohner dienen, auch wurden die Mannschaften abgehalten, am Lande herumzuschweifen und den Indianern Anlaß zu Conflicten zu geben, welche bei der hilflosen Lage der Spanier allen den Untergang bereiten konnten, wenn ihnen vom Lande her die erforderlichen Lebensmittel versagt wurden, denn die Schiffsvorräthe waren natürlich sämmtlich verloren gegangen.

Glücklicherweise zeigten sich die Indianer, welche bald scharenweise am Strande erscheinen, geneigt, zum Tausch gegen europäische Artikel Lebensmittel herzuzuschaffen. Aber diese Art der Verproviantirung konnte bei ihrer Unregelmäßigkeit auf die Dauer die Spanier nicht vor Hungersnoth schützen. Es mußte das Gebiet der Bezugsquellen weiter ausgedehnt, es mußten mit den entfernteren Dörfern gewissermaßen Lieferungsverträge abgeschlossen werden.

Zu dem Ende erbot sich Diego Mendez, mit drei Leuten auf Kundschaft auszuziehen. Ueberall fand er freundliche Aufnahme; Cassavebrod und Fische wurden ihm in Fülle gereicht. So zog er von einem Dorf zum andern und gelangte endlich bis an den äußersten Osten der Insel, wo er sogar mit dem Caziken Blutsfreundschaft schloß und seinen Namen eintauschte. Hier kaufte Mendez ein Boot, belud es mit Nahrungsmitteln und brachte es nach der Hafenbucht von Santa Gloria.

War damit und mit dem in Folge des Uebereinkommens reichlich zugeführten Lebensbedarf die Noth der Schiffbrüchigen gehoben, so blieb doch ihre Lage eine absolut hoffnungslose, wenn es nicht gelang, nach Haiti zum Statthalter Ovando eine Mittheilung von ihrem Aufenthalte und ihrem Schicksal zu befördern. Auch zu diesem Wagniß erbot sich Mendez. Zwar schlug der erste Versuch fehl, da er mit seinen Genossen am östlichen Strande von Jamaica gefangen genommen wurde und nur mit Noth den Eingeborenen entrinnen konnte. Aber er war auch zum zweiten Male bereit, sein Leben für die Rettung des von ihm verehrten Admirals und seiner Begleiter zu wagen. Diese zweite Unternehmung wurde besser vorbereitet. Es gingen nämlich zwei Böte, indianische Canoes, welche für die Seefahrt besonders hergerichtet waren, unter Mendez und Bartolomeo Fiesco ab. In jedem Bote befanden sich sechs Spanier und zehn indianische Ruderer; es fand nämlich ein Verkehr über See zwischen den großen Inseln statt und die Indianer konnten dabei den Spaniern die Segelrichtung angeben. Damit aber die beiden Böte, welche erst vom Ostende Jamaicas sich nordwärts über das Meer wagen sollten, nicht wieder von Indianern überfallen werden könnten -- denn es konnte der Fall eintreten, daß wegen widriger oder hochgehender See die Böte nicht sofort vom Strande ablaufen durften, sondern mehrere Tage auf günstiges Wetter zu warten hatten; -- so begleitete sie der Adelantado mit 50 Bewaffneten, die am Strande hinzogen und denselben so lange schützten, bis ihre Genossen sich mit den Canoes aufs Meer hinaus wagen durften. Diese kühne Bootfahrt fällt in den August 1503. Fünf Tage und vier Nächte wurde unablässig gerudert, Mendez saß ohne Unterbrechung am Steuer. So erreichten sie das Cap St. Miguel (jetzt Cap Tiburon), die Westspitze Haitis, wo sie, erschöpft von der großen Anstrengung, zwei Tage rasteten. Dann setzten sie ihre Fahrt längst der Südküste weiter fort. In der Landschaft Jaragua traf Mendez den Statthalter Ovando, welcher ihn zwar freundlich empfing, aber doch seinem Bericht über die trostlose Lage der Schiffbrüchigen auf Jamaica nicht trauete, vielmehr argwöhnte, Columbus wolle durch eine plumpe List ihn täuschen, um wieder den Boden seiner Colonie betreten zu dürfen.

Monate vergingen, ehe der Statthalter von Haiti dem Drängen des Mendez nachgab und ein Schiff unter Diego de Escobar auf Kundschaft nach Jamaica entsendete. Die Wahl dieses Sendboten war als eine für Columbus nicht günstige aufzufassen, denn Escobar hatte zu den Parteigängern Roldans gezählt, war aber später begnadigt worden. Er kürzte auch seinen Besuch in Jamaica möglichst ab, nahm Briefe des Columbus mit und ging bald wieder in See mit dem Versprechen, ein größeres Schiff zu senden, um den Admiral aus seiner gefährlichen Lage zu befreien; das Fahrzeug, auf welchem er gekommen, sei zu klein, um die Schiffbrüchigen alle aufzunehmen.

Mendez hatte sich indessen bemüht, mit dem Gelde des Columbus in Haiti ein Schiff zu miethen, konnte aber seine Absicht erst im Frühling 1504 erreichen, weil nicht eher Schiffe von Spanien angekommen waren. Er belud dann ein Fahrzeug mit Vorräthen aller Art und sandte es nach Jamaica, während er selbst nach Spanien ging, um dem Könige von dem Schicksal des Columbus Mittheilung zu machen. So kam es, daß der Admiral sich ein ganzes Jahr unter wachsender Gefahr und aufreibenden Sorgen auf Jamaica festgehalten sah.

Bald nach der Abfahrt des Mendez hatten die Indianer die weiteren Lieferungen von Lebensmitteln verweigert und konnten nur durch eine auf ihre Einfalt und ihren Aberglauben berechnete List bewogen werden, die weitere Verpflegung der fremden Gäste zu übernehmen. Columbus wußte, daß am 29. Februar 1504 eine Mondfinsterniß eintreten werde. Er drohte daher den Indianern mit dem Zorn der himmlischen Gottheit, welche ihr leuchtendes Angesicht von ihnen abwenden werde, wenn man den Spaniern den nöthigen Nahrungsbedarf entzöge. Die kindlichen Gemüther der Eingebornen wurden durch das rasche Eintreffen der drohenden Prophezeihung so erschreckt, daß sie, um den Zorn des Lichtgottes zu besänftigen, sich alsbald bereit erklärten, die Spanier mit Vorräthen zu versehen.

Weit gefährlicher und langwieriger gestaltete sich die Meuterei der beiden Brüder Francisco und Diego Porras, welche mit 48 Gesinnungsgenossen unter Drohungen, denen sich der muthige Adelantado vergebens zu widersetzen suchte, die Schiffe verließen und auf demselben Wege wie Mendez und Fiesco ihr Heil versuchen und nach Haiti segeln wollten, weil sie meinten, Columbus habe gar nicht die Absicht, Jamaica wieder zu verlassen, sondern wolle sie zwingen, mit ihm dort eine dauernde Colonie zu gründen. Ihr Versuch, auf indianischen Böten ihre Flucht auszuführen, scheiterte an der Ungunst des Wetters, sie waren nach kurzem Kampf mit dem feindlichen Elemente genöthigt, nach Jamaica zurückzukehren. Columbus suchte vergebens eine Verständigung herbeizuführen, aber diese zerschlug sich an den unbilligen Forderungen der Meuterer. Und als diese vollends sich anschickten, einen geeigneten Hafenplatz, wo man die Landung der verheißenen rettenden Fahrzeuge erwartete, zu besetzen, und sich dadurch zu Herren der Rettungsschiffe zu machen, blieb der dem Columbus treu gebliebenen Mannschaft, an deren Spitze der Adelantado trat, nichts übrig, als die Entscheidung der Waffen anzurufen. So kam es am 19. Mai 1504 zu einem blutigen Zusammenstoß, in welchem mehrere Meuterer erschossen und Francisco Porras gefangen genommen wurde. Die Besiegten baten um Gnade und mußten unter feierlichem Eidschwur von neuem Treue geloben. Nur unter dieser Bedingung wurden sie in dem Schiffe mit aufgenommen, welches, von Diego Mendez gesendet, am 28. Juni vor der Bucht von Santa Gloria eintraf und alle Spanier nach Haiti hinüberbrachte, wo sie am 13. August den Hafen von San Domingo erreichten. Ovando nahm den Admiral mit seinen Leuten ehrerbietig auf, zeigte ihm aber auch seine höhere Amtsgewalt, indem er dem gefangenen Francisco Porras seine Fesseln abnehmen ließ. Am 12. September trat Columbus seine letzte Heimreise aus der neuen Welt an und erreichte im Anfang November nach einer stürmischen Ueberfahrt den spanischen Boden in Cadiz.

13. Die letzten Lebensjahre des Columbus.

Gekränkt und in seiner Ehre verletzt, niedergedrückt durch den Verlust aller Schiffe, mit denen er von Spanien ausgezogen, siech an Körper und Geist kam er von dieser seiner letzten Fahrt zurück. Niemand kümmerte sich um die Heimkehr des armen Schiffbrüchigen. Der Jubel, der ihn sonst empfangen, war verstummt. Peter Martyr, welcher in seinen Briefen ehedem sich der intimen Freundschaft des Admirals gerühmt hatte, schweigt in seinen gleichzeitigen Briefen über die Resultate dieser Reise. Columbus ist ihm ein gefallener Mann, den man nicht mehr nennen darf, ohne sich zu compromittiren. Man darf wohl daran erinnern, daß Martyr auch in seinen Decaden (~Dec.~ I. ~lib.~ 10) am gehörigen Orte nur ganz kurz diese letzte Fahrt des Columbus erwähnt; und erst viel später, in den 1515 geschriebenen Abschnitten seines Werkes (~Dec.~ III. ~lib.~ 1-4) wo er die Ereignisse von 1513 auf dem mittelamerikanischen Isthmus erzählt, erinnert er sich seines an Columbus begangenen Unrechts und holt die Geschichte der letzten Fahrt nach.

Gewiß, Columbus hatte, als er wieder in Spanien eintraf, nur noch wenig Freunde und sollte bald nach seiner Ankunft auch noch die treueste Freundin, die Königin, verlieren. Isabella starb am 26. November 1504, also nur wenige Wochen, seitdem Columbus in Cadiz angekommen war. Daher fand dieser keine Gelegenheit, seine hohe Beschützerin noch einmal zu sehen.

Der Admiral brachte den folgenden Winter in Sevilla zu. Er erwartete, den schriftlichen Zusagen der Krone gemäß, baldigst in seine Rechte und Würden wieder eingesetzt zu werden, er rechnete darauf, daß ihm die versprochenen Einkünfte und der Antheil an den Erträgnissen der Colonie, welche er seit mehreren Jahren nicht erhalten, ausbezahlt würden. Wiederholt richtete er Briefe an seinen Sohn Diego, um seine Angelegenheiten bei Hofe nachdrücklicher zu betreiben. So schrieb er am 1. December 1504: „Mein Leiden gestattet mir nur des Nachts zu schreiben, denn bei Tage habe ich keine Kraft dazu in den Händen“. Er brannte vor Verlangen, von seinem Sohne zu hören, wie es bei Hofe zugehe und wie seine Sachen stünden. Er ermahnt ihn, so oft als irgend möglich zu schreiben.

Auch an den König Ferdinand richtete er einen langen Brief, in welchem er die Misstände der Colonialverwaltung ausführlich darlegte, und forderte, es solle ein Vertrauensmann zur Untersuchung hinübergesandt werden. Aber er erhielt keine Antwort darauf. Er beklagte sich bitter, daß ihm kein Mensch mehr schreibe.

Man liest diese Briefe des Verlassenen nicht ohne Mitleid; die steten Wiederholungen seiner Wünsche, die drängende Ungeduld, die wehmüthigen Klagen -- alles zeigt uns den gebrochenen Mann.

Der König Ferdinand behandelte die ganze Angelegenheit ohne Wärme und persönliche Theilnahme und überließ die Ordnung derselben einem Tribunal, welches die testamentarischen Verfügungen der Königin ordnen sollte. Daher vermochte selbst Bartolomé Colon, der sich mit seinem Neffen Ferdinand ebenfalls an den Hof begab, nichts ausrichten. Endlich machte sich der Admiral im Mai 1505 selbst auf die beschwerliche Reise nach Segovia, wo sich damals der König aufhielt. Zwar erwies man ihm hier die seinem Range gebührende Achtung, aber eine von Herzen kommende Werthschätzung seiner Verdienste mußte er schmerzlich vermissen. Offenbar waren nach dem Tode der Königin die Stimmen der Gegner noch lauter aufgetreten und hatten den König Ferdinand gewonnen, so daß auch der edle Las Casas gestehen muß, er habe von manchen dem Monarchen nahe stehenden Personen zu seinem Bedauern Aeußerungen vernehmen müssen, welche diese Abneigung und den Mangel des königlichen Wohlwollens bestätigten.[283] Das einberufene Tribunal, die Junta de Descargos, hielt zwar mehrere Sitzungen, traf aber keine Entscheidung. Man behandelte die ganze Frage als eine rein castilische Angelegenheit. Als dann nach längerem Zögern dem Entdecker der neuen Welt der Vorschlag gemacht wurde, seine Rechte auf das Vicekönigthum gegen Besitzungen und Titel in Castilien zu vertauschen, wies Columbus diesen Antrag zurück, weil er darin einen Bruch des gegebenen königlichen Wortes erblickte und seine höchste Ehre darein setzte, den Ruhm seines mühevollen Lebens seiner Familie in vollem Maße zu erhalten. Auch als er sich bereit erklärte, zu Gunsten seines Sohnes Diego auf seine indischen Würden zu verzichten, ging man nicht darauf ein und zog es vor, die Entscheidung noch weiter hinauszuziehen. Man gewöhnte sich daran, die Verdienste eines Mannes zu unterschätzen, „welcher lästig zu werden anfing, als er zu nützen aufgehört hatte“.[284] Ein letzter Hoffnungsstrahl schien dem Verlassenen noch zu winken, als die neuen Monarchen Castiliens, Philipp und Johanna am 28. April 1506 von Flandern nach Spanien kamen. Selbst krank und leidend, sandte er seinen Bruder Bartolomé dem jungen Königspaar entgegen, um demselben in seinem Namen zu huldigen. Er erhoffte von der Tochter der Isabella dieselbe Güte und Gunst, welche ihm die Mutter stets bewiesen. Es war natürlich, daß die neuangekommenen Regenten nicht sofort eine Entscheidung treffen, sondern nur freundliche Zusagen machen konnten. Aber auch davon sollte Columbus nichts mehr vernehmen, er starb am Himmelfahrtstage, den 21. Mai 1506 zu Valladolid, nachdem er zwei Tage vorher, im Vorgefühl des Todes sein bereits 1505 verfaßtes Testament gerichtlich hatte bestätigen lassen. Er setzte seinen älteren Sohn Diego zum Haupterben ein, da dieser allein aus einer rechtmäßigen Ehe entsprossen war. Seine letzten Worte waren: ~In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum~. Er starb in den Armen der Franziskaner und wurde auch im Franciskanerkloster beigesetzt. Die Welt hatte ihn bereits vergessen; sein Tod machte keinen Eindruck mehr. Das ~Cronicon de Valladolid~, welches sonst die kleinsten Vorfälle in der Stadt bespricht, erwähnt des Todesfalls mit keiner Silbe. Selbst Peter Martyr, der sich 10 Jahre früher gerühmt hatte, mit dem Genuesen im Briefwechsel zu stehen, schweigt in seinen Briefen darüber, und erwähnt auch in den Decaden nur einmal ganz nebenbei, daß Columbus gestorben; und doch befand er sich vom 10. Februar bis zum 26. April 1506 zu Valladolid, also zu einer Zeit, wo Columbus schon den Keim des Todes in sich fühlte. Ruchhamer hatte bis zum 20. September 1508, wo er sein Werk (Unbekanthe landte) vollendete, noch nichts vom Tode des Columbus gehört, sondern schreibt vielmehr, daß er „noch auf den gegenwertigen Tage“ mit seinem Bruder Bartolomé am spanischen Hofe lebe.

Wahrscheinlich im Jahre 1513 wurde die Leiche nach Sevilla ins Kloster ~Santa Maria de las Cuevas~ übergeführt und vermuthlich erst hier erhielt der Sarg die Inschrift: ~A Castilla y à Leon Nuevo Mondo dió Colón~, welche sich auch in dem Wappen des Vicekönigs befand. Der Admiral hatte den Wunsch ausgesprochen, in San Domingo auf Haiti beigesetzt zu werden. Dorthin wurden die sterblichen Ueberreste in der Zeit zwischen 1540 und 1559 gebracht und in dem Dome bestattet, in welchem später auch sein Sohn Diego und wahrscheinlich auch sein Bruder der Adelantado Bartolomé und seine Enkel Don Luis und Christoval ihre Ruhestätte fanden.

Als 1795 Domingo an Frankreich abgetreten wurde, ließ der Admiral Don Gabriel d’Artizabel die Gewölbe der Kathedrale in der Hauptstadt öffnen, die wenigen Reste des Entdeckers der neuen Welt auf dem Schiffe San Lorenzo nach Habana hinüberführen und dort im Dome am 19. Januar 1796 feierlich wieder beisetzen; denn es vertrug sich nicht mit der spanischen Ehre, die Asche des Mannes, welcher für Spanien so große Verdienste hatte, den Fremden zu überlassen. Wie Columbus in seinem Leben ruhelos umhergetrieben war, so sollten auch seine Gebeine erst nach Jahrhunderten Ruhe finden.[285]

14. Zur Charakteristik des Columbus.

Vor der welthistorischen Größe des Columbus stehen wir mit getheilten Gefühlen. Wir bewundern die Kühnheit, die aus der felsenfesten Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Theorien und Combinationen entsprang, wir fühlen uns vielseitig angeregt durch seine treffenden Naturbeobachtungen, in denen wir die ersten Keime einer physischen Erdkunde erblicken dürfen;[286] aber auf der andern Seite fühlen wir uns abgestoßen durch seinen blinden Autoritätsglauben, durch die Zuversichtlichkeit, mit der er seine aus falsch oder ungenügend angestellten Beobachtungen in seinem eignen Fache, der Nautik, abgeleiteten abenteuerlichen Lehrsätze verkündet, durch die schwärmerische Anmaßung, mit der er sich so oft als Abgesandten Gottes einführt, durch die kleinliche Habsucht, mit welcher er die einem armen Matrosen gebührende Belohnung sich selbst aneignet, durch die in der Verschwörung Roldan zu Tage tretende Charakterschwäche. Wenn Humboldt gemeint hat (a. a. O. II, 5), die großartige Gestalt des Columbus beherrsche das Jahrhundert, so muß dagegen daran erinnert werden, daß man den Entdecker der neuen Welt schon bei seinen Lebzeiten fast vergessen hatte, und daß das Gesammtgebiet seiner Entdeckung kurz nach seinem Tode nach einem seiner Nachfolger, nach Amerigo Vespucci benannt wurde, und daß erst im 7. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts mit dem Erscheinen der ~vida del Almirante~ die Aufmerksamkeit der Welt wieder in erhöhtem Maße auf Columbus gelenkt wurde. Die weiteren Folgen seiner Entdeckungszüge, die Eroberung der neuen Welt, die Erdumsegelungen, die Enthüllung der allgemeinen Züge des ganzen Erdballs beherrschten allerdings das Interesse aller seefahrenden Nationen des Abendlandes, aber die Person des Entdeckers trat dabei ganz zurück. Seine Stärke lag in dem scharfen Blick, mit dem er die Erscheinungen in der Natur auffaßte, nicht blos in den Schilderungen, welche er mit poetischer Begeisterung von den entdeckten Tropenländern gab, sondern in der Aufstellung allgemeiner Gesetze, zu denen er, ohne wissenschaftliche Bildung, in einzelnen Fällen das Richtige treffend, die wahrgenommenen Erscheinungen combinirte. „Dieses Bestreben, die Resultate der Beobachtung zu verallgemeinern, verdient um so größere Aufmerksamkeit, als kein ähnlicher Versuch vor dem Schlusse des 15. Jahrhunderts, fast hätte ich gesagt, vor den Tagen des Pater Acosta hervorgetreten war. Bei den Urtheilen, welche Columbus über Gegenstände der physischen Geographie fällte, ließ er sich ganz gegen seine sonstige Gewohnheit +nicht+ von Erinnerungen aus der scholastischen Philosophie leiten.[287] Dahin gehören seine Beobachtungen über die Vertheilung der Wärme, die Variation des Erdmagnetismus, die äquatoriale Meeresströmung und die durch diese Strömung bedingte Gestaltung +Trinidads+ und der übrigen kleinen Antillen. „Columbus hat Fragen angeregt aus dem Gebiete der physischen Geographie und Anthropologie, die damals die aufgeklärten Geister Spaniens und Italiens beschäftigt: die Frage nach der Vertheilung der Menschenrassen, die Configuration der Ländermassen. Colon hat dem menschlichen Geschlechte wesentliche Dienste geleistet, indem er so viel neue Gegenstände auf einmal dem Nachdenken darbot; er hat die Masse der Ideen vergrößert; durch ihn hat ein wahrhafter Fortschritt des menschlichen Denkens stattgefunden. Das Zeitalter des Columbus war auch die Zeit des Copernicus, Ariosto, Dürer und Rafael.“[288]

Aber neben diesen persönlichen und sachlichen Verdiensten, neben den richtigen Beobachtungen und daraus abgeleiteten Lehrsätzen erscheint eine so breite Phalanx von veralteten Theorien und unverzeihlichen Verirrungen, wie sie nur in einem aller objectiven Beurtheilung unfähigen Kopfe entstehen und von einem dem blindesten Autoritätsglauben unterworfenen Geiste verkündigt werden konnten.

Wir brauchen hier nur auf die Abhängigkeit hinzuweisen, in welcher Columbus bei den Fragen über die Größe oder Kleinheit der Erde, über die Schmalheit des Oceans und den geringen Antheil, welcher der Wasserdecke gegenüber der Landhülle des Erdballs zugewiesen wird, ferner über die Theorien von der Lage des irdischen Paradieses und den Weltuntergang sich von den Schriften des Cardinal d’Ailly befand, auf seine Abhängigkeit von Toscanelli in Bezug auf Richtung und Ziel seiner Fahrten, um dieses Verzichtleisten auf eigne Kritik zu erkennen. Und wenn er in den erforschten Regionen Ophir und Cipangu, Katai und den goldenen Chersones wiedergefunden zu haben glaubte, so liegt eine Hauptursache in der Unfähigkeit des Admirals, annähernd richtige astronomische Bestimmungen zu machen, in Folge dessen nicht einmal sein Landungspunkt in der neuen Welt mit Sicherheit nachzuweisen ist. Weil er den Karten Toscanelli’s u. a. bezüglich der Größe Cipangus mehr traute, als seinen eignen Erfahrungen, hielt er die Insel Haiti für eben so groß als ganz Spanien und verlegte die Nordküste der großen Antillen bis unter den 40. Breitengrad.

Aber nicht blos, daß ihm thatsächlich in dieser Beziehung die wissenschaftliche Kenntniß in seinem eigentlichsten Fache abging,[289] er verschmähte sogar die Wissenschaft selbst, wenn er in seinem ~Libro de la profecias~[290] behauptet: „Zur Ausführung einer Fahrt nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet Jesaias vorhergesagt hat.“

Man erkennt darin den mächtigen Einfluß, den die Geistlichkeit auf das gläubige Gemüth des Genuesen ausübte. Wie er das Zustandekommen seiner Unternehmung nur der Unterstützung und Befürwortung durch die Geistlichkeit verdankte, und diese ihm auch behilflich war bei der Sammlung und Erklärung der Stellen der heiligen Schrift, welche er in zuversichtlichem Glauben auf sich bezog, wie er sich für den Abgesandten Gottes erklärte, um die heiligen Prophezeiungen zu erfüllen, so trug er auch äußerlich diese schwärmerisch-religiöse Richtung zur Schau. „Da der Admiral,“ erzählt Las Casas (~lib.~ I. ~Cap.~ 102), „den Lehren des heiligen Franziskus sehr ergeben war, so liebte er vorzugsweise die braungraue Farbe; wir haben ihn zu Sevilla in einer Kleidung gesehen, welche mit der der Franziskanermönche fast vollkommen übereinstimmte.“

Dahin rechnen wir auch die pedantische Gruppirung, in welcher Columbus bei dem mystischen Bau seiner Namensunterschrift die seinem Eigennamen vorangestellten sieben Buchstaben, unter denen wieder das A größer als die übrigen sein mußte, theilweise nur mit Punkten versah. Diese Unterschrift (d. h. die einzelnen Buchstaben)

S. S. A. S. Χ Μ Υ ΧΡΟ FERENS.

malte er mit peinlicher Genauigkeit unter alle seine Briefe, selbst an seine Söhne, und verlangte die sorgfältige Nachahmung ausdrücklich auch von den Erben seines Majorats. Diese Unterschrift ist verschieden gedeutet. Margry[292] erklärt sie: ~Supplex Servus Altissimi Servatoris. Christus Maria Joseph Christoferens~. Becher[293] liest: ~Servidor Sus Altezas Sacras Jesus Maria Ysabel Christoferens~. W. Irving macht zwar dabei darauf aufmerksam, daß es früher in Spanien Sitte gewesen, seinem Namen irgend eine abgekürzte Sentenz beizusetzen, welche, gegenüber den Juden und Mauren, den Schreiber als +Christen+ auswies;[294] aber Columbus hatte bei dieser langen Unterschrift, welche auch Humboldts gerechten Widerwillen erregte,[295] die Absicht, seinen Eigennamen Christoph, Christoferens in nicht mißzuverstehender Weise mit der heiligen Familie in Verbindung zu bringen und sich als den Christbringer zu erklären, welcher, dem ihm gewordenen göttlichen Auftrage gemäß, das Christenthum über den Ocean tragen sollte.

Diesem Gedanken, den Admiral als den Christusträger zu verherrlichen, hat auch Juan de la Cosa auf seiner Karte von Amerika vom Jahre 1500 bildlichen Ausdruck gegeben, indem er auf dem damals noch nicht enthüllten mittelamerikanischen Isthmus, wo Columbus 1503 eine Meerenge suchte, den heiligen Christopherus darstellt, welcher das Christkind durch den Ocean trägt. Einen erhöhten Reiz gewönne dies Bild, wenn die oben bereits (S. 233) mitgetheilte Vermuthung das Richtige träfe, daß der Kopf des Christopherus das Porträt des Entdeckers sei.

Dieselbe Karte enthält noch ein zweites bedeutsames Bild in der künstlerisch ausgeführten Strichrose, unter welcher der Wendekreis des Krebses hinläuft. Inmitten der nautischen Rose thront Maria mit dem Kinde, umgeben von anbetenden Engeln. Daß auch spätere Kartographen noch dem Glauben an die göttliche Sendung des Columbus huldigten, erkennt man aus der naiven Weise, in welcher Diego Ribero auf seiner 1529 entworfenen Weltkarte der zuerst von Columbus entdeckten Insel +San Salvador+ eine geradezu symbolische Gestalt gab. Er zeichnet sie nämlich in Gestalt eines Kreuzes und gruppirt die Korallenbänke ringsum als eilf rundliche Inseln. Wir sehen also den Erlöser (San Salvador) von seinen eilf Aposteln umgeben.

Endlich ist hieher noch das merkwürdige Titelbild zu rechnen, mit welchem die erste deutsche Ausgabe des Berichtes über die erste Entdeckungsfahrt des Columbus geziert ist, von welchem Anfang und Schluß bereits (S. 263) in Facsimiledruck mitgetheilt ist. Hier erscheint Christus vor dem Könige von Spanien und weist bedeutsam auf das Wundmal seiner Hand; ebendahin zeigte auch die rechte Hand des Königs. Ist es nicht eine deutliche Anspielung auf den Unglauben des Apostel Thomas, und ist der ungläubige spanische Monarch, welcher jahrelang der Versicherung des Columbus mistraute, nicht durch den Erfolg der ersten Reise bekehrt worden?

Den Glauben, daß der Genuese profane und heilige Prophezeihungen aus alter Zeit erfüllt habe, theilten die Zeitgenossen mehrfach. So schrieb der gelehrte Sohn des Columbus, Ferdinand in die Tragödien des Seneca zu der (S. 236) mitgetheilten Stelle aus der Medea: ~Venient etc.~ „Diese Prophezeihung hat mein Vater erfüllt.“ So machte Agostino Giustiniani (geb. 1470 in Genua, seit 1514 Bischof in Mebbio auf Corsica) in seinem polyglotten Psalter[296] zu der bekannten Stelle im 19. Psalm: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ die Bemerkung, Columbus habe oft gesagt, daß er von Gott berufen sei, den Gedanken des fünften Verses: „Durch alle Lande gehet ihr Klang, bis ans Ende der Welt ihr Ruf“ zu verwirklichen. Und dabei benutzt der Verfasser die Gelegenheit, an dieser Stelle seinem Commentare eine längere Lebensbeschreibung des Columbus einzuverleiben.[297]

Alle diese verschiedenen Aeußerungen des Glaubens und Vertrauens auf die Berufung des Columbus hatten ihren Ursprung in der felsenfesten Zuversicht des Genuesen zu seiner von Gott bestimmten Lebensaufgabe, welche von ihm selbst auf seine Umgebung überging. Im allgemeinen repräsentirt sich in ihm der unverwüstliche Drang der Zeit zu großen Entdeckungen, aber seine unerschütterliche Ausdauer entsprang nur seinem schwärmerischen Glauben. Dieser gab ihm den Muth, auf seinen ungemessenen Forderungen zu verharren, ehe noch die Unternehmung gesichert war, dieser verlieh ihm auch die unvergleichliche Energie, welche er sowohl auf der ersten, als auch auf der letzten Reise bewiesen. In dieser unerschütterlichen Ueberzeugung, in diesem Glauben an sich selbst lag eine Größe, welche seine Genossen zuweilen mit fortriß.

Den Eindruck, welchen die Kunde von den ersten Entdeckungen machte, fühlen wir am besten aus den Briefen Peter Martyrs.

Auf die erste Mittheilung vom 15. Mai 1493, worin er schreibt: „Von den westlichen Antipoden ist ein gewisser Christopherus Colon, ein Ligure, zurückgekehrt mit Proben von kostbaren Produkten, namentlich von Gold“[298] folgt im September desselben Jahres (13. Sept.) schon der Ausdruck wärmerer Theilnahme. „Merket auf und vernehmet die neue Entdeckung,“[299] worauf ein ausführlicher Bericht über die erste Fahrt des Columbus folgt. Ein anderer Brief[300] von demselben Tage bezeichnet die Entdeckung als ein wunderbares Ereigniß, als eine gesegnete That. Kurz darauf (1. Oct. 1493) spricht er seine Freude darüber aus, daß die bisher noch unbekannte Erdhälfte durch den Wetteifer der Spanier und Portugiesen, welche immer weiter südwärts vordringen, nun immer mehr enthüllt werde.[301] Er bezeichnet Columbus als den Entdecker der „neuen Welt“ (~novi orbis repertor~) und jubelt, daß Tag für Tag neue Wunder aus jenen Regionen gemeldet werden, und daß der Admiral fast schon den goldenen Chersones erreicht habe.[302] Er nimmt sich vor, diese ewig denkwürdigen Ereignisse mit gespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen, zu sammeln und den Gelehrten mitzutheilen. Sein Freund Pomponius Laetus, der ausgezeichnete Förderer der classischen römischen Literatur, war bei der Kunde von den wunderbaren Erfolgen der Westfahrten vor Entzücken aufgesprungen und hatte sich kaum der Freudenthränen erwehren können. „Ich ersehe,“ schreibt ihm Martyr, „aus deinem Briefe, was du empfunden hast und wie du die Bedeutung dieser Entdeckungen zu würdigen weißt. Welche Nahrung kann für erhabene Geister willkommener sein? Ich fühle es an mir selbst. Ich bin freudig erregt, wenn ich verständige Männer spreche, welche aus jenen Gegenden zurückkommen. Wer mag heute noch staunen über die Entdeckungen, welche Saturn, Ceres und Triptolemos gemacht haben sollen? Selbst die Phönizier müssen mit ihren Leistungen zurücktreten.“[303] Ganz ähnlich spricht er sich in den Decaden (I. ~lib. X. p.~ 119) aus: „Weder dem Saturn, noch dem Herkules, noch irgend einem der Alten, welche neue Küsten aufgesucht haben, stehen die Spanier unserer Zeit nach. Wie weit wird die Nachwelt das Christenthum ausgebreitet sehen, ein wie weiter Raum ist der Ausbreitung der Menschen angewiesen? Was ich darüber empfinde, vermag ich weder mit Worten noch mit der Feder wiederzugeben.“

Aber diese hohe Begeisterung schien nur kurze Zeit zu dauern. Als das Ansehen des Columbus nach seiner dritten Reise sank, als er selbst in Ketten nach Europa geschafft wurde, wurde die Aufmerksamkeit der Handelsvölker vielmehr nach dem von den Portugiesen +wirklich erreichten Indien+ gelenkt. Hier war das lang erstrebte Ziel thatsächlich gefunden, hier waren die Gewürzländer selbst erreicht, und gewinnbringende Frachten kehrten nach Lissabon zurück. An den Fahrten nach der neuen Welt betheiligten sich nur spanische Fahrzeuge, zum indischen Handel drängten sich deutsche und italienische Handelshäuser und unterstützten den wachsenden Verkehr mit Schiffen und Geld. Daher erklärt sich die merkwürdige Erscheinung, daß sich die Geschichtsschreiber in England, Frankreich und Portugal gar nicht um die Entdeckungen des Columbus bekümmerten, daß alle durch Flugblätter verbreiteten Berichte nur in lateinischen, deutschen oder italienischen Uebersetzungen vorhanden sind, und daß von den vier Reisen des Admirals nur eine einzige, und zwar die erste, in spanischer Sprache vorliegt. Daran ist aber der Entdecker selbst schuld, insofern er in ängstlicher Sorge um sein Monopol die große Angelegenheit als sorgfältig zu hütendes Geheimniß behandelte und von seinen Gefährten sogar die von ihnen entworfenen Karten abforderte, damit niemand ohne seine Erlaubniß sein privilegirtes Gebiete beträte. Selbst in seinen Mittheilungen an die Monarchen Spaniens war er in dieser Beziehung zurückhaltend.

Nur zwei Briefe des Columbus drangen in die Oeffentlichkeit -- und zwar über die erste und vierte Reise. Der Inhalt des ersten an den Schatzmeister Raphael Sanchez gerichteten Briefes wurde in der +ersten Flugschrift über Amerika+ 1493 in Rom veröffentlicht. Wir haben bereits oben (S. 262) das Facsimile des Anfangs dieses interessanten Blattes mitgetheilt. Von dieser lateinischen Ausgabe erschienen gleich im ersten Jahre sechs verschiedene Auflagen, dann folgten spanische und italienische Texte und endlich 1497 eine deutsche Bearbeitung unter dem Titel: Eyn schön hübsch lesen von etlichen inßlen u. s. w. Endlich folgte 1505 die ~lettera rarissima~, ein Brief über die vierte Reise, welcher gleichfalls in Italien bekannt gemacht wurde.[304] Damit erlosch die speciell columbische Literatur; aber bereits seit 1503 beherrschten Amerigo Vespucci’s ausführliche Reiseberichte den buchhändlerischen Markt, und so erntete dieser den Ruhm, welcher dem Entdecker gebührte, so daß endlich sogar die ganze neue Welt seinen Namen erhielt. Columbus selbst hatte leider bis an seinen Tod nicht die Ueberzeugung gewinnen können, daß er einen neuen Erdtheil entdeckt habe.

Wir fügen diesem Abschnitt eine kurze Uebersicht über die Familie des Columbus an.

+Bartolomeus Columbus+, spanisch Don Bartolomé Colon, war der erste Vertraute und auf seinen späteren Reisen eine wesentliche Stütze seines Bruders. In dessen Auftrage war er schon 1488, ehe der Vertrag mit Spanien zum Abschluß gekommen, nach England gegangen, um dem Könige Heinrich VII. den Plan seines Bruders vorzulegen. Möglicher Weise entstanden aus den dabei gegebenen Anregungen die Pläne zu den Fahrten der Cabots. Bartolomé machte dann die zweite Entdeckungsreise mit, gründete als Adelantado die erste Stadt der neuen Welt, San Domingo, 1496 und machte sich namentlich auf der letzten Reise 1502 sehr verdient. Nach dem Tode des Admirals ging er mit seinem Neffen Diego wieder nach Westindien und war 1511 in Besitz der kleinen Insel Mona zwischen Haiti und Puertorico. Er starb am 12. August 1514 auf Haiti. Las Casas rühmt seine Tüchtigkeit als Kosmograph und Kartograph. Unzweifelhaft besaß er in der ganzen Familie am meisten Thatkraft und Charakterstärke.

Weniger bedeutend ist der zweite Bruder +Diego+, der als Befehlshaber in Isabella und in der Stadt San Domingo auftritt, aber ohne diese schwierige Stelle befriedigend behaupten zu können. Auch er starb auf Haiti.

Der einzige rechtmäßige Sohn des Admirals und Vicekönigs war gleichfalls +Diego+ benannt. Er hatte von Kind auf den Vater während der langen peinlichen Zeit des Hoffens und Harrens in Spanien auf seinen Wanderungen begleitet, war ihm zur Seite, als in dem Kloster la Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes eintrat, wurde später, als der Vater seine Fahrten begann, unter die Pagen der Königin aufgenommen und kam erst 1509 nach Haiti. Er hatte dann den langwierigen fiscalischen Proceß wegen der Würden und Privilegien, die dem Vater zugesichert waren, zu führen, und erbte endlich den Titel eines Admirals von Indien. Er starb am 23. Februar 1526.

+Ferdinand+ Columbus, der natürliche Sohn des Entdeckers, erhielt eine wissenschaftliche Bildung und wurde später Geistlicher. Nachdem er Amerika besucht hatte, ließ er sich in Sevilla nieder, wo er eine für jene Zeit bedeutende Bibliothek von 20,000 Bänden sammelte, welche noch unter dem Namen ~Biblioteca Colombina~ vorhanden ist. Es zeugt von seiner wissenschaftlichen Bedeutung, daß Cabot ihn einst als Schiedsrichter anrief. Er galt bisher als Verfasser der Lebensgeschichte seines Vaters, der s. g. ~vida del almirante (Historie et vera relatione della vita é de’ fatti dell Ammiraglio D. Christofero Colombo)~, welche 1571 erschien; allein dieses Werk enthält so viel gradezu legendenhaften Stoff und dazu anekdotenhafte Züge, welche nicht blos thatsächlich Unmögliches berichten, sondern auch aus der Feder des in der Nautik wohlerfahrenen Sohnes unmöglich stammen können,[305] so daß die Authenticität der „~vida~“ mit vollem Rechte bestritten ist.[306]

+Don Luis+, der Sohn Diego’s, führte den fiscalischen Proceß zu Ende und gab seine Ansprüche auf das Vicekönigthum auf gegen den Titel Herzog von Veragua, Marquis von Jamaica, Admiral von Indien und für eine Pension von 1000 Dublonen Gold. Er starb 1572 und es folgte ihm der Sohn seines Bruders Christobal, +Don Diego+ II., als vierter Admiral von Indien. Mit ihm erlosch 1576 die directe männliche Linie des Columbus.

15. Die kleinen Entdecker.

Es war eine natürliche Folge des Misgeschicks, welches den Entdecker Amerikas auf seiner dritten Reise während seines Aufenthalts auf Haiti traf, daß, da sein Ansehen in dem unerquicklichen Streite mit der Partei Roldans im Sinken begriffen war, eine Anzahl von kühnen Unternehmern von der bereits 1495 gegebenen Erlaubniß, auf Entdeckungsfahrten ausziehen zu dürfen, Gebrauch machte und die Untersuchung des Festlandes von Paria, welches Columbus auf seiner dritten Reise aufgefunden hatte, weiter fortsetzte. „Do aber Admirans (Admiral) jnn das vngluck kam, das man in acht als wer er jn vngnaden der könig, do vndernamen sich vil der seinen, die vast wol kundten auff dem Meer faren, und vnderstunden vestigklich sich jn das gluck zu begeben, und vnerfaren ort der welt zu ersuchen“.[307]

Der erste, welcher diese günstigen Zeitumstände benutzte, war der jugendliche Ritter +Alonso de Hojeda+. Derselbe war ums Jahr 1470 in der Stadt Cuenca in Neu-Castilien aus einer angesehenen Familie geboren[308] und trat als Page in den Dienst eines der einflußreichsten, mächtigsten Granden Spaniens, des Don Luis de Cerda, Herzog von Medina Celi. Dieser ist uns bereits als einer der frühesten Gönner des Columbus bekannt, und in seinem Hause hatte Hojeda jedenfalls schon den Genuesen kennen gelernt und sich für dessen Pläne begeistert; denn wir haben schon oben (S. 280) mitgetheilt, daß Hojeda die zweite Reise des Columbus mitmachte und sich durch die Gefangennahme des Caziken Caonabo auszeichnete. Dann verweilte er einige Jahre in Spanien und wurde durch die Vermittlung seines Vetters, des Dominikanermönches Alonso de Hojeda, welcher als einer der ersten Inquisitoren Spaniens bei den Monarchen in Gunst stand, mit dem Bischof Fonseca, dem Leiter der indischen Angelegenheiten bekannt und erhielt durch diesen Einsicht in die Briefe und die Karte, welche Columbus über den Verlauf seiner dritten Reise und namentlich über die Entdeckung der Küsten von Südamerika eingesandt hatte. Diese Nachricht lief etwa um Weihnachten 1498 in Spanien ein. Wahrscheinlich ward bald nach dieser Zeit schon der Beschluß gefaßt, den Admiral von seiner Statthalterschaft in Haiti zu beseitigen; Fonseca förderte deshalb bereitwillig den Plan Hojeda’s, die perlenreiche Küste von Paria auszubeuten und stellte ihm einen Erlaubnißschein zur Ausrüstung von Schiffen aus; doch durfte Hojeda weder portugiesisches Gebiet berühren, noch jene Regionen besuchen, welche Columbus bis zum Jahre 1495 entdeckt hatte. Als Piloten für seine Expedition gewann der junge Ritter den Basken +Juan de la Cosa+, welcher nach Abschluß dieser Fahrt seine Karte, die erste von der neuen Welt, entwarf. Außerdem nahm an dem abenteuerlichen Zuge der Florentiner +Amerigo Vespucci+ theil, welcher es verstand, durch die lebendigen Schilderungen seiner Erlebnisse und Beobachtungen sich bald einen weltbekannten Namen zu machen.

In welcher Stellung Vespucci mitging, läßt sich nicht mehr ermitteln. Er war am 9. März 1451 in Florenz geboren, also nur wenige Jahre jünger als sein Landsmann Columbus. Er war der Sohn eines öffentlichen Notars und von seinem Oheim, einem gebildeten Geistlichen, unterrichtet worden und zwar in Gemeinschaft mit Pietro Soderini, dem späteren Gonfaloniere von Florenz. An diesen hat Vespucci im Jahre 1501 den Bericht seiner zweiten Reise gesandt. Seit dem Jahre 1493 finden wir Vespucci in Spanien, wohin sich damals viele unternehmende Italiener wandten. Dort trat er in den Dienst des seit 1486 in Spanien ansäßigen italienischen Handelshauses Berardi, welches für das indische Amt die Geschäfte besorgte und die Ausrüstung der nach Westindien gehenden Schiffe übernommen hatte. Hierbei war auch Vespucci thätig und wird 1495 und 1496 erwähnt.[309]

In der Zeit vom April 1497 bis zum Mai 1498 finden wir ihn fast immer unterwegs zwischen Sevilla, dem Sitze des indischen Amts, und dem Hafen von San Lucar, von wo Columbus aussegeln wollte.

Das kleine Geschwader Hojeda’s ging am 18. Mai 1499 von Cadix ab, steuerte zuerst nach den Canarischen Inseln hinüber und nahm von Gomera ab dieselbe Richtung, welche Columbus auf seiner dritten Reise eingeschlagen hatte. In 27 Tagen gelangten sie über den Ocean an die Gestade von Surinam etwa unter 6° n. Br. Sie folgten der flachen Küste nach Nordwesten, entdeckten die Mündung des Essequibo, den sie Rio dulce nannten, und das Delta des Orinoco und verfolgten von hier aus, nachdem sie 200 spanische Meilen Küstenlinien entdeckt hatten, den Spuren des Columbus. Auf Trinidad fanden sie Zeichen von der früheren Anwesenheit des Admirals und gingen durch den Golf von Paria und den Drachenschlund auf die Nordseite des Continents. Sie folgten der Küste, besuchten auch die Perleninsel (Margarita) und Curaçao, wo, wie aus dem Berichte Vespucci’s hervorgeht, die Seefahrer überrascht waren durch den großen indianischen Menschenschlag, den sie dort antrafen, infolge dessen man sie die Insel der Giganten nannte. Am 9. August erreichten sie das Cap S. Roman (nach dem Heiligen des Tages benannt) und entdeckten weiterhin den Golf von Venezuela, welcher seinen Namen daher erhält, weil man an der Ostküste des Golfes viel Volk antraf, welches an der Küste in auf Pfahlrosten errichteten Hütten über dem Wasser wohnte. Durch diese kunstreichen Pfahlbauten wurden die Entdecker an die Anlage Venedigs erinnert und nannten daher zunächst das Dorf, dessen einheimischer Name Coquibacoa war, Klein-Venedig, also Venezuela und demnach weiterhin auch den ganzen Golf. Bekanntlich hat späterhin die ganze Küste und neuerdings die spanisch-amerikanische Republik den Namen Venezuela erhalten.

Von dem Golf aus drangen die Schiffe am 24. August durch den engen Hals in die innere Bucht, in den See von Maracaibo ein, an dessen Eingange sie den Hafen San Bartolomé benannten. Langsam vorrückend, besuchten sie darauf die westlich vom Golf gelegene Halbinsel Guajira. Bis hieher ist auf der Karte Juans de la Cosa der Verlauf der Küste recht wohl zu erkennen; an dieser Halbinsel endete die Entdeckung am 16. September bei dem Cabo de la vela. In der Ferne sah man noch einen hohen Berg, welcher bei Cosa Monte de Santa Eufemia heißt, wahrscheinlich die Sierra nevada von Santa Marta. Dann brach man die Untersuchung des Continentes ab und steuerte in sieben Tagen nach Haiti hinüber und lief am 23. September in die Bucht von Yaquimo ein. Dem Vicekönig, welcher damals mitten in dem unerquicklichen Streit mit Roldan lag, war der Besuch Hojeda’s höchst unbequem, so daß er noch nach Jahren in dem Briefe an die Amme des Prinzen Juan darauf zurückkommt mit den Worten: „Dann kam Hojeda, in der Absicht, diese Unordnungen auf Haiti zu besiegeln.“

Nach dem Bericht Vespucci’s nahm das Geschwader von Haiti aus den Weg durch die Bahama-Inseln, wo man, um einen Theil der Ausrüstungskosten decken zu können, 232 Menschen raubte, um sie in Spanien als Sklaven zu verkaufen, und kehrte endlich, auf der Fahrt von den Açoren nach den Canarien verschlagen, in Mitte Juni 1500 nach Cadix zurück.

Wenn man auf Cosa’s Karte die Insel Cuba bereits als Insel dargestellt sieht, obwohl dieser Kartograph wenige Jahre früher eidlich seine Ueberzeugung hatte zu Protokoll geben müssen, daß er Cuba für das Festland von Asien halte (s. S. 278), so sollte man vermuthen, daß vielleicht auch auf dieser Expedition Hojeda’s schon das Westende Cubas aufgefunden sei. Darauf weist auch eine etwas unbestimmt gehaltene Bemerkung Peter Martyrs, daß von gewisser Seite behauptet sei, man habe Cuba umfahren.[310]

Der Gewinn der Unternehmung war gering. Nach Abzug der Kosten blieben nur 500 Ducaten, welche unter 55 Personen zu vertheilen waren.

Daher kam es auch, daß die geographischen Erfolge weniger Beachtung fanden, als sie verdienten, und daß die zwei Monate früher vollendete Expedition des +Per Alonso Niño+ mehr Eindruck machte, weil der materielle Gewinn ein größerer war.

Palos und das benachbarte Moguer[311] waren durch die Unternehmung des Columbus mächtig angeregt. Wie die dortigen Seeleute sich der ersten Fahrt angeschlossen, so versuchten sie späterhin mehrfach in selbständigen Expeditionen nach der neuen Welt ihr Glück.

Der erste war +Per+ (Pedro) +Alonso Niño+ aus Moguer, welcher unter Columbus die erste und dritte Reise mitgemacht hatte[312] und von dem Banquier Luis Guerra in Sevilla die Mittel zur Ausrüstung eines Schiffes unter der Bedingung erhielt, daß dessen Bruder Cristobal Guerra nominell die Leitung erhalte. Das kleine Fahrzeug von fünfzig Tons segelte mit 33 Mann im Juni 1499, einige Tage nach der Abfahrt Hojeda’s, von Palos ab. Fonseca hatte dazu die königliche Erlaubniß erwirkt, aber unter der Bedingung, daß sie sich wenigstens 50 Leguas von denjenigen Plätzen entfernt hielten, welche Columbus berührt hatte.[313]

Mit günstigem Fahrwinde erreichten Niño und Guerra die Küste von Paria etwas südlicher als Columbus und gingen, nachdem sie am Golfe Brasilholz geschlagen, durch den Drachenschlund nach der Perlenküste (~Costa de perlas~ auf Cosa’s Karte) mit der Absicht, dort Perlen einzutauschen. An der Küste von Cumana und la Guaira machten sie den reichsten Eintausch, denn sie langten 14 Tage eher dahin als Hojeda. Westwärts gingen sie nur bis zu der Landschaft Cauchieto, wo nach Angabe der Indianer viel Gold zu finden war. Allein darin fanden sie sich getäuscht. In Folge dessen gingen sie im Anfang November noch einmal nach Cumana und der Insel Margarita zurück, welche Columbus nicht betreten hatte, und traten dann die Heimreise an, nachdem sie die feste Ueberzeugung gewonnen hatten, daß das entdeckte Land ein Continent und keine Insel sei, da sie Hirsche, Eber und anderes Wild angetroffen, wie man es auf Inseln nicht findet, und da sie eine bedeutende Strecke an der Küste hingefahren waren.[314] Im Februar (nach Andern im April) erreichten sie die Nordwestküste von Spanien wieder und liefen in den galicischen Hafen von Bagona ein. Die gesammte Ausbeute belief sich auf 96 Mark (~libras octunciales~) Perlen, von denen ein Fünftel an den königlichen Fiscus abgegeben wurde. Der glückliche Verlauf und der reiche Gewinn reizte zu neuen Fahrten.

Am Schlusse desselben Jahres 1499 brach von Palos ein zweites Geschwader auf. Die reiche Familie der Pinzone hatte es auf ihre Kosten ausgerüstet. An der Spitze standen +Vicente Yañez Pinzon+ und seine Neffen Diego Fernandez und Perez Arias. Am 18. November gingen 4 Caravelen unter Segel und steuerten von der capverdischen Insel St. Jago am 13. Januar 1500 gegen Südwesten trotz Stürme und großer Gefahr über den Aequator. Jenseit des fünften Grades südl. Br. stießen sie am 26. Januar südlich von dem Cap S. Roque auf die brasilianische Küste und nannten den ersten Landvorsprung das schöne Vorgebirge, Rostro Hermoso. Die Portugiesen nannten dasselbe später Cap Sa. Cruz oder S. Agostinho. Juan de la Cosa bezeichnet diese Stelle mit der Inschrift: „Dieses Cap wurde im Jahre 1499 (irrthümlich statt 1500) für Castilien entdeckt, der Entdecker war Vicentians.“[315] Der Führer der Expedition stieg mit mehreren königlichen Notaren ans Land und nahm für den König von Spanien Besitz von demselben, indem er Zweige von den Bäumen abhieb, von dem Wasser des Landes trank und Kreuze errichtete. Ein Versuch, mit den Eingebornen in friedlichen Tauschverkehr zu treten, wurde durch das feindselige Benehmen derselben vereitelt. Man steuerte darauf an der Küste des Landes gegen WNW. So wurde also auch, wie Peter Martyr triumphirend schreibt, hier, jenseit des Oceans die alte Streitfrage, an welcher sich Philosophen, Dichter und Kosmographen lebhaft betheiligt hatten, ob nämlich der heiße Aequatorialgürtel für Menschen bewohnbar sei, endgiltig durch den Augenschein gelöst.[316] Auf der Weiterfahrt geriethen sie mit den Indianern in blutigen Streit, welcher mehreren Matrosen das Leben kostete. Sie hielten daher etwas von der Küste ab und gelangten vor die Mündung des mächtigen Amazonenstroms; sie waren nicht wenig erstaunt, als sie in einer Entfernung von 40 spanischen Meilen vom Lande trinkbares Wasser von der Meeresfläche schöpfen konnten. Daß solche gewaltige Massen von süßem Wasser, welche den Ocean bedeckten, nur von einem Riesenstrome herrühren konnten, wurde klar, jemehr sie sich nun dem Gestade näherten, an welchem sie mehrere Inseln entdeckten. Auf einer derselben nahmen sie 36 Eingeborene gefangen und führten sie als Sklaven mit sich fort. An der Mündung des Marañon, wo sie zuerst den Polarstern wieder zu Gesicht bekamen, beobachteten sie eine Springflut und glaubten aus den Angaben der Indianer zu verstehen, daß weiter aufwärts am Fluß viel Gold zu finden sei. Offenbar hatte man ein bedeutendes Festland vor sich, dem man unmöglich die kleine Bezeichnung „Insel“ ertheilen konnte, man müßte denn, wie Martyr bemerkt, die ganze bewohnte Erde (~universum terrae orbem~) als Insel ansehen. Wegen der ungeheuren Breite des Amazonenstroms, welche die Entdecker auf 30 spanische Meilen schätzten, hielt Martyr die Erzählung anfangs für eine Fabel. Als er sie dann aber weiter fragte, ob sie nicht etwa eine Meerenge für einen Fluß angesehen hätten, bemerkten ihm jene, daß, je weiter man in den Strom hinauf fahre, das Wasser um so süßer werde. Durch diese Erklärung beruhigt, ruft der Verfasser der Decaden aus: „Wer will es der Natur nehmen, daß sie nicht noch größeres selbst als diesen Fluß schaffen könne!“ Die Entdeckung des gewaltigsten Stroms der Erde erregte mit Recht die staunende Bewunderung der Zeitgenossen. So verschwommen aber waren damals noch die Vorstellungen, welche man über diese Gebiete in Spanien hatte, daß Peter Martyr glaubte, der Marañon sei derselbe Fluß, den Columbus auf seiner dritten Reise gefunden; der Amazonenstrom und Orinoco schienen ihm also identisch. Daß beide neben einander existiren könnten, schien unglaublich.

Aus den prachtvollen Urwäldern nördlich vom Strome, wo sie Riesenstämme antrafen, welche 16 Männer kaum zu umspannen vermochten, nahmen sie eine Ladung von Brasilholz[317] mit und gingen dann am Orinocodelta vorüber durch den Drachenschlund, entdeckten jenseit Trinidad die Insel Tabago, berührten mehrere der kleinen Antillen und trafen am 23. Juni 1500 in Haiti ein. Von hier aus wandte sich das Geschwader, welches weder Gold noch Perlen gewonnen hatte, zur Menschenjagd nach den Bahama-Inseln, verlor aber in einem furchtbaren Sturm zwei Schiffe. Die beiden andern Fahrzeuge erreichten am 30. September 1500 den heimatlichen Hafen. Der geographische Erfolg dieser Reise war ein bedeutender, aber der materielle Gewinn fehlte vollständig. Die Droguen und Hölzer, welche man für Ingwer und Zimmet gehalten, waren werthlos. Es blieb nur die Sklavenfracht und das Brasilholz; dazu stürzte der Verlust zweier Schiffe die Familie der Unternehmer in Schulden und ließ den Gedanken an eine Fortführung der Pläne nicht aufkommen, obwohl man dem Ziele weit näher gekommen zu sein meinte, als Columbus; denn man war überzeugt, über Catai hinaus das indische Gestade jenseit des Ganges erreicht zu haben.[318]

Kaum einen Monat später, als die Pinzone, brach ebenfalls von Palos, etwa in der Mitte des December 1499 +Diego de Lepe+ mit zwei Schiffen auf und segelte von der capverdischen Insel Fuego 500 Leguas gegen Südwesten, bis er in der Nähe von Cap Agostinho auf die Küste des Festlandes stieß. Der Verlauf der Expedition am Marañon vorüber nach dem Parialande ist ziemlich derselbe wie bei der Fahrt der Pinzone; doch würde Lepe’s Reise noch ein besonderes Interesse gewinnen, wenn, wie vermuthet ist, Amerigo Vespucci daran theilgenommen hätte und der Bericht von der zweiten Schifffahrt des Florentiners sich auf Diego de Lepe’s Unternehmung bezöge.[319] Vespucci, welcher zweimal am Cap Agostinho war, bestimmte die südliche Breite desselben zu 8 Grad, nach den Aussagen Sebastian Cabots, Juan Vespucio’s u. a. (Navarrete III, 319. 320). Andreas Morales entwarf nach den Angaben der Entdecker und der nachfolgenden Expeditionen eine Karte für den Bischof Fonseca, auf welcher auch die Lage des Cap Agostinho nach Rücksprache mit Lepe angegeben war. Diego de Lepe’s Karte wurde später auch von Juan Diaz de Solis geprüft. Das Cap Agostinho gewann aber deshalb eine so große Wichtigkeit, weil man durch seine Fixirung den ersten festeren Anhalt für die Bestimmung der Demarcationslinie zu finden glaubte. Lepe’s Karte wurde dabei zu Rathe gezogen und Vespucci hat, nach der Aussage namhafter Zeugen, seine Lage bestimmt (Navarrete III, 319). Die Beziehungen zwischen Diego de Lepe und Amerigo Vespucci treten dadurch so deutlich hervor, daß die Vermuthung, Vespucci habe mit Lepe seine zweite Reise gemacht, dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt. Ueber Haiti kehrten die Schiffe wieder heim und langten vor dem November 1500 in Spanien an, denn schon am 9. November desselben Jahres ist ein Erlaß der spanischen Majestäten, Diego Lepe betreffend, ergangen (Navarrete III, 80).

Um die Küsten des caribischen Meeres weiter zu erforschen, zog +Rodrigo de Bastidas+ im October 1500 mit zwei Schiffen von Cadiz aus, besuchte den Golf von Venezuela, sowie die Länder im Süden und Westen der Landschaft Coquibacoa. Von Cabo de la vela begann er seine Entdeckungen, berührte die Küste der Sierra nevada de Sa. Marta und drang über die Mündung des Magdalenenstroms in das Innere des Golfes von Darien (oder Urabá). Von hier wandte er sich nach Nordwesten und verfolgte den Saum der darischen Landenge bis zur Punta San Blas oder dem nahegelegenen Puerto de Escribanos.[320] Er erreichte also den Isthmus von Panama vor Columbus, welcher erst am 26. November 1502 hieher gelangte. Durch diese Reise des Bastidas wurde die Aufnahme der Nordküste Südamerikas vollendet.

Im Januar 1502 machte sich +Hojeda+ zum zweitenmale auf, nachdem er zur Beschaffung der Mittel sich mit Juan de Vergara und Garcia de Ocampo oder del Campo verbunden und mit der Krone durch Vermittlung Fonseca’s einen Vertrag geschlossen hatte, wonach ihm die Umgebung des Golfes von Maracaibo unter dem Namen einer Statthalterschaft von Coquibacoa oder Cichibacoa überlassen wurde. Er ging mit vier Schiffen über die Capverden nach der Küste von Venezuela, entdeckte den Golf von Coro, den östlichen Theil des Golfs von Venezuela und beschloß dort eine Niederlassung zu gründen; aber die Eingeborenen vertheidigten ihr Land mit den Waffen und tödteten in einem Gefechte zwanzig Spanier. Mangel an Lebensmitteln riefen unter der Mannschaft einen Aufruhr hervor, in welchem Hojeda gefangen genommen und in Ketten geworfen wurde. Dann gaben die Meuterer die Ansiedlung auf und gingen nach Haiti, wo Hojeda dem Gericht überliefert und nach Spanien gebracht, im Jahre 1503 aber völlig freigesprochen wurde.

Noch unglücklicher verliefen die beiden Expeditionen, welche 1504 nach jenen Gegenden auszogen. Das eine Geschwader unter +Cristobal Guerra+ und +Luis Guerra+ bestand aus vier Schiffen, das andere unter +Juan de la Cosa+ aus drei oder vier Schiffen. Nachdem sie die Gestade Venezuelas gebrandschatzt und Menschenraub getrieben hatten, scheiterten mehrere der Fahrzeuge am Golf von Darien. Man sah sich gezwungen, dreiviertel Jahr unter Hunger und Mühsal an der Küste auszuharren, wobei mehr als die Hälfte der Mannschaft dem Fieber erlag. Von den 200 Abenteurern beider Geschwader retteten sich schließlich nur etwa vierzig über Jamaica und Haiti nach Spanien. Trotz aller Mißerfolge fand +Alonso de Hojeda+ im nächsten Jahre wieder Gelegenheit, mit drei Schiffen den Versuch, seine Statthalterschaft in Coquibacoa zu begründen, zu wiederholen. Nähere Umstände über diese 1505 ausgeführte Unternehmung sind aber nicht bekannt geworden.

16. Die Portugiesen in Südamerika.

Es ist bereits oben (S. 129) berichtet, unter welchen Umständen bei der zweiten portugiesischen Expedition nach Indien unter Pedralvarez Cabral im April 1500 die Küste Brasiliens zufällig berührt wurde. Da die Portugiesen von der fast gleichzeitig erfolgten Auffindung der nördlicheren Gestade des südamerikanischen Continents durch die Spanier noch keine Nachricht erhalten hatten, so hielt Cabral das entdeckte Land für eine große Insel, welcher er den Namen Santa Cruz beilegte, und schickte den Capitän Gaspar de Lemos mit der Kunde von dieser Entdeckung nach Portugal zurück, während er selbst seinen Weg nach Indien fortsetzte.

In Lissabon erkannte man sofort den Vortheil, welchen die neue Insel den Indienfahrern gewähren könne, da sie sehr günstig gelegen sei, um Schiffe auszubessern und Wasser einzunehmen.[321] Es wurde daher beschlossen, durch ein zu diesem Zweck entsendetes Geschwader den von Cabral gemachten Fund weiter untersuchen zu lassen. Um diese Zeit war Amerigo Vespucci von seiner zweiten Fahrt, auf welcher er bis zum 8. Grad s. Br. gekommen war, zurückgekehrt und weilte in Sevilla. Da nun Amerigo auch eine von Fachleuten anerkannte Geschicklichkeit besaß, mittelst Quadranten die geographische Breite zu bestimmen, so suchte König Manuel ihn zu gewinnen, die beabsichtigte Fahrt nach dem Sa. Cruzlande mitzumachen und sandte daher einen Florentiner, Giuliano di Bartolomeo del Giocondo von Lissabon nach Sevilla. Erst auf wiederholte Bitte erklärte Vespucci sich bereit und reiste nach Portugal. Im Mai 1501 liefen drei Schiffe von Lissabon aus, an Bord des einen befand sich Vespucci, wahrscheinlich als Astronom. Der Name des Capitäns ist unbekannt, da Vespucci, dessen Briefe die einzige Quelle über die Fahrt sind, uns denselben verschweigt. Das Geschwader ging an der afrikanischen Küste bis über das grüne Vorgebirge hinaus, nahm dort bei den Bissagos Lebensmittel, Holz und Wasser ein und steuerte dann mehr westlich haltend über den Ocean. In der Region der Calmen, in der Nähe des Aequators, brachen furchtbare Unwetter los, welche sie lange dort festbannten.[322] Erst am 16. August kam die Küste von Südamerika in Sicht in der Nähe von Cap S. Roque, unter 5° s. Br. Man nahm für den König von Portugal in üblicher Weise Besitz vom Lande und versuchte mit den Eingeborenen einen kleinen Tauschhandel zu eröffnen. Es entstand aber auch hier bald Mißhelligkeit und Streit und die Europäer mußten es erleben, daß einer ihrer jungen Matrosen am Strande erschlagen und verzehrt wurde. Man folgte nun der Küste weiter nach Südwesten und ertheilte, wie es scheint, einzelnen Punkten den Namen der Kalenderheiligen des Tages. Der Atlas des Vaz Dourado[323] läßt in solcher Weise den Fortschritt der Entdeckung klar erkennen. Demgemäß war man am 16. August, am Tage des heil. Rochus zuerst auf den Continent am Cap San Roque, gestoßen, hatte das Cap des heil. Augustin (8° südl. Br.) am 28. August erreicht, den Rio de San Miquel (10° südl. Br.) am Michaelistage berührt, den Rio de San Franciso am 4. October gefunden. Weiterhin streifte man die von Cabral entdeckte Küste und erkannte daraus, daß die von demselben als Ilha de Sa. Cruz bezeichneten Gestade einem gewaltigen Continente angehörten, und lief nun weiter über den Rio de Sa. Luzia, wahrscheinlich den heutigen Rio Doce, zu welchem man nach der Bestimmung des Tages am 13. December gelangte, zum Cabo de San Thomé (21. December). Das Sternbild des kleinen Bären war ihnen bereits entschwunden[324] und auch der große Bär stand nur noch sehr niedrig.[325] Vermuthlich entdeckte man den Eingang der prachtvollen Bucht am Rio de Janeiro am 1. Januar 1502 und westlich davon die Angra dos Reis am heiligen Dreikönigstage, also am 6. Januar, Porto de San Vicente am 22. Januar und gleich darauf Cananea (25° s. Br.), fälschlich auf den damaligen Karten als Cananor bezeichnet. Mit diesem Punkte hören auf den Karten, welche bis 1510 erschienen, die Küstenbenennungen auf, obwohl Vespucci berichtet, das Geschwader habe bis zum 32° südl. Br. das Land in Sicht behalten.

Bis hieher läßt sich der Verlauf der Entdeckungen also bestimmt verfolgen. Vespucci erzählt aber, man habe von da an ihm persönlich die weitere Leitung übertragen und er sei nun vom Lande ab gegen Süden bis zum 50° oder 52° s. Br. in das südliche Meer vorgedrungen, wo man am 2. April eine von Klippen umsäumte, unbewohnte, öde Küste entdeckt, an der man 20 Seemeilen entlang gesegelt; und weil man in den südlichen Winter hineingerieth, habe man nun die weitere Fahrt aufgegeben und sei über den Ocean nach der Serra Leona zugesteuert. Welche Küste er gesehen haben will, läßt sich nicht bestimmen.[326] Man hat an die Falkland-Inseln und die patagonische Küste gedacht.

An der Küste der Serra Leona wurde eins von den drei Schiffen, welches untauglich geworden war, verbrannt, die beiden andern langten über die Açoren am 7. September 1502 in Lissabon an, so daß also die ganze Reise 16 Monate gewährt hatte.

Der Erfolg dieser auf Staatskosten unternommenen Erforschungsreise war in geographischer Beziehung ein sehr bedeutender, und Vespucci verstand es, durch seine Briefe und Berichte sich dabei als den Hauptträger und wissenschaftlichen Leiter hinzustellen. Die ausführlichen Schilderungen der entzückend schönen, tropischen Küstenlandschaften des südamerikanischen Continents, dessen gewaltige Ausdehnung nach Süden durch diese Fahrt zuerst erkannt wurde, die Schönheit des südlichen Himmels, von dessen Sternbildern Vespucci einige unförmliche Zeichnungen entwarf, und endlich die sichere Behauptung, daß er mit seinen Schiffen wenigstens bis zum 50° s. Br. gekommen sei, alles dies trug ohne Zweifel dazu bei, gerade diese dritte Reise Vespucci’s berühmter als alle anderen zu machen; denn es war eine Seefahrt gewesen, welche sich von Lissabon, also etwa von 40° n. Br. an, in der Richtung der Meridiane über den vierten Theil des Erdumfanges ausdehnte. In der deutschen Uebersetzung eines Briefes des Florentiner Kosmographen an seinen Freund Lorenzo di Pierfrancesco de Medici wird dieses Resultat mit den Worten zusammengefaßt. „So ist küntlich vnnd offenbar das wir den vierdenteyl der welt durchschyffet haben.“ In demselben Sinne gibt Ruchamer[327] diesem Abschnitt seines Werkes den Titel: „Wie Alberich den vierten Theil der Welt entdeckt hat.“ Der Brief Vespucci’s machte ungeheures Aufsehen, wurde 1503 zuerst durch Jean Lambert zu Paris in lateinischer Uebersetzung und weiter in Augsburg und Straßburg in deutscher Sprache gedruckt.

Und wenn schon auf dem Titel, auf dem der König von Portugal in herausfordernder Weise sich spreizt und mit den Errungenschaften zu brüsten scheint, die neu entdeckten Länder als eine +Welt+ bezeichnet werden, so spricht Vespucci selbst es in der Einleitung seines Briefes noch deutlicher aus, daß man die großen Länderräume, welche er im Auftrage des Königs von Portugal aufgefunden, die +neue Welt+ nennen könne, zumal da man früher gar keine Kunde davon gehabt, vielmehr der Ansicht gewesen sei, daß südlich vom Aequator sich nur Wasser über die ganze Hemisphäre erstrecke. Nun seien aber zahlreiche Völker und eine eben so reiche Thierwelt aufgefunden, wie sie in der alten Welt bekannt sei.

Durch die Erzählungen von einer neuen Welt, welche Vespucci mit bewußtem Stolze Asien, Afrika und Europa gegenüberstellte, verdunkelte er das niedergehende Gestirn seines Landsmannes Columbus vollständig und gab wenige Jahre später die Veranlassung, daß der neu entdeckte Erdtheil seinen Namen erhielt. Der Florentiner war aber mit seinen Erfolgen noch nicht zufrieden, er wollte, wie er an Lorenzo de Pierfrancesco schreibt, noch einen ausführlicheren Bericht über seine Beobachtungen und Entdeckungen liefern, „damit mein gedechtnuß bei vnßern nachfaren, löblich beleib, Vnd des almechtigen gots so groß köstlich, künstliche werk bekant werde.“ Zugleich kündigte er auch seine Absicht an, noch eine vierte Reise zu unternehmen, zu welcher bereits zwei Schiffe ausgerüstet seien. Er plante dabei nicht geringeres, als durch den Süden nach dem Orient zu segeln,[329] oder wie der Text der Dresdner Flugschrift noch bestimmter sagt „durch den wyndt, genant Affricus“, also gegen Südwesten.

Es ist also zuerst von Vespucci der Vorsatz klar ausgesprochen, auf südwestlichem Wege Indien zu erreichen und dabei vor allem den Gewürzmarkt von Malakka aufzusuchen -- ein Gedanke, welchen Magalhães 16 Jahre später verwirklichte. Die Expedition, an welcher Vespucci Theil nahm, stand unter dem Befehle des Gonzalo Coelho; sie zählte sechs Schiffe und ging am 10. Juni 1503 von Lissabon ab. Von der Serra Leona steuerte sie nach Südwesten, nach der Küste Brasiliens hinüber; unter 4° s. B. scheiterte das größte Schiff an einer Klippe vor der öden Felseninsel Fernando Noronha. Getrennt von einander gingen die Fahrzeuge weiter nach dem verabredeten Sammelplatze der Allerheiligenbai (Bahia). Als Vespucci mit seinem Begleitschiff hier über zwei Monate vergebens gewartet hatte, folgte er der schon bekannten Küste weiter nach Süden und legte unter 18° s. B. die erste Niederlassung in Brasilien an, in welcher 24 Mann von dem gestrandeten Schiffe als Colonisten blieben, nahm darauf eine Ladung Rothholz mit und kehrte am 2. April nach Europa zurück. Am 18. Juni 1504 erreichte er den Hafen von Lissabon. Nach und nach kamen auch die übrigen Schiffe zurück. Das Unternehmen war vollständig misglückt, die der Expedition vom König von Portugal gestellte Aufgabe, auf jeden Fall nach Indien zu segeln, blieb ungelöst. Vespucci gab der Unerfahrenheit und dem Hochmuth Coelho’s alle Schuld und meinte, da derselbe noch nicht zurückgekehrt war, als Vespucci seinen Bericht entwarf, Gott werde ihn wegen seines Stolzes auf dem Meere vernichtet haben.[330] Er schwebte in Ungewißheit, was der König weiter über ihn selbst beschließen werde. Er sehnte sich nach so vielen Anstrengungen nach Ruhe; aber auf Belohnung für seine Dienste konnte er nicht rechnen, da die letzte Unternehmung fehlgeschlagen war. Er nahm daher gern die Gelegenheit wahr, mit einem Schreiben des portugiesischen Königs sich nach Sevilla zu begeben. Hier traf er im Februar 1505 mit Columbus zusammen, der ihn wie einen Leidensgenossen behandelte, welcher gleichfalls von dem Undanke der Könige betroffen sei. „Vespucci,“ so schrieb der Admiral an seinen Sohn Diego, „hat sich mir gefälllg erwiesen. Dem ehrenwerthen Manne ist das Glück abhold gewesen, wie so vielen andern. Auch er hat den gebührenden Lohn für seine Leistungen nicht empfangen.“[331] Der König Ferdinand benutzte die dargebotene Gelegenheit, den tüchtigen und kenntnißreichen Florentiner wieder für sich zu gewinnen; am 11. April ehrte er ihn durch ein königliches Geschenk, und vierzehn Tage später verlieh ihm sein Schwiegersohn, König Philipp, das Bürgerrecht in Spanien.

Von da an blieb Vespucci in spanischen Diensten.

Neuerdings sind noch einige venetiansche Gesandtschaftsberichte bekannt geworden,[332] aus denen hervorgeht, daß Vespucci noch eine fünfte Reise unternommen und wiederum die Terra Firma berührt hat, aber ohne neue bedeutende Entdeckungen zu machen.

Amerigo hatte von 1505 sich wieder in den Dienst Spaniens begeben und blieb demselben bis zu seinem Tode treu. Im Jahre 1508 wurde er mit 200 Ducaten Gehalt als Reichspilot angestellt und hatte das Amt, die Befähigung der Piloten zu prüfen und als Kartograph thätig zu sein. Daß er Seekarten entworfen hat, finden wir mehrfach bestätigt; aber leider hat sich kein Originalblatt erhalten. Dagegen darf mit Sicherheit angenommen werden, daß die in der Straßburger Ausgabe des Ptolemäus von 1513 enthaltene Karte der neuen Welt (~tabula terre nove~) von Vespucci stammt. Er starb am 22. Februar 1512 zu Sevilla und erhielt den Juan Diaz de Solis zum Nachfolger.

Während Columbus schon bei Lebzeiten seinen Ruhm vollständig erbleichen sah, widerfuhr dem Vespucci die unverdiente Ehre, daß bereits im Jahre 1507 der Vorschlag gemacht wurde, die neuentdeckten großen Landmassen Amerika zu nennen.

Die +Entstehung des Namens Amerika+ ist beachtenswerth genug, um hier ausführlicher dargelegt zu werden. Es ist bereits mehrfach darauf hingewiesen, daß Amerigo ein fleißiger Briefsteller war, und indem er mit einer frischen Beobachtung auch die Gabe verband, namentlich das Völkerleben der neuen Welt in pikanter Weise zu schildern, so wurden seine Berichte außerordentlich gern gelesen und waren in vielfachen Ausgaben und Uebersetzungen verbreitet. Außer den einzelnen Briefen erschien seit 1507 eine zusammenfassende Darstellung seiner vier ersten Reisen nach der Fassung, welche der Reisende selbst in den Berichten an seinen florentinischen Freund Soderini gegeben hatte. Diese „~Quatuor navigationes~“ (Vier Schifffahrten) erlebten wiederum eine Reihe von lateinischen Auflagen, während weder von Magalhães’ noch von Vespucci’s Reisen gleichzeitige spanische oder portugiesische Ausgaben bekannt sind.

Unverkennbar macht sich in ihnen ein eitles Haschen nach Gelehrsamkeit bemerklich, denn Amerigo citirt den Plinius, Virgil und Aristoteles, auch ist der Verfasser, wie die meisten Reisenden seines Zeitalters zu Uebertreibungen geneigt und weiß sich auch als praktischer Astronom einen gewissen Nimbus zu verschaffen. Alexander von Humboldt hat es ganz treffend als ein Uebermaß astronomischer Ruhmredigkeit bezeichnet,[333] wenn Vespucci in Bezug auf die Längenbestimmungen zur See sich folgendermaßen äußert: Längenbestimmungen zu machen ist eine sehr schwierige Sache, und nur diejenigen Personen verstehen es, welche sich den Schlaf versagen können. Ich habe die nächtliche Ruhe so oft gemieden, daß ich mein Leben dadurch um zehn Jahre verkürzt habe, ein Opfer, welches ich keineswegs bedaure, weil ich hoffe dadurch in späteren Jahrhunderten mir noch Nachruhm zu erwerben. Und da er selbst nun von seiner dritten Fahrt berichtete, er habe seine Reise über den vierten Theil des Erdumfanges ausgedehnt und die von ihm berührten Länder könne man wohl füglich eine Welt für sich nennen und den Erdtheilen der alten Welt gegenüber stellen, so verbreitete sich nun sehr rasch die Meinung, +Amerigo sei der Entdecker+, und um so mehr wurde diese Ansicht widerspruchslos weitergetragen, weil über die Reisen des Columbus nach dem Lande Paria und dem Goldlande Veragua kaum ein Laut in die Oeffentlichkeit drang und weil man den Genuesen nur für den Entdecker von „etlichen Inseln“ hielt. Man staunt über die lange Reihe von Schriften und Verfassern, welche sämmtlich dem Amerigo das Verdienst der Entdeckung des Festlands von Amerika zuschreiben.[334] Daher erklärt sich auch, daß als einmal der Vorschlag aufgetaucht war, das neue Land „Amerika“ zu nennen, man ohne Zögern den Gedanken als einen glücklichen, treffenden bezeichnete und auch für die weitere Verbreitung des Ausdrucks sorgte.

Anfänglich waren die Bezeichnungen für die neuen Entdeckungen noch ziemlich unsicher und schüchtern aufgetreten, so lange man noch keine klare Vorstellung von der großen Ausdehnung zusammenhängender Landmassen besaß. Columbus hatte von einem neuen Himmel und einer neuen Erde gesprochen, in lateinischer Form lautete danach die Bezeichnung ~mundus novus~ oder ~novus orbis~, was dann wieder in „neue Welt“ verdeutscht wurde. Während man in den wenigen von Columbus bekannten Mittheilungen nur von Inseln erzählen hörte, erklärte Vespucci mit großer Sicherheit, er habe einen neuen Erdtheil entdeckt. Kein Wunder, daß dann die jungen Gelehrten, welche sich in der lothringischen Stadt St. Dié mit Geographie befaßten und die vier Schifffahrten des Vespucci in lateinischer Uebersetzung verbreiteten, auch die Ueberzeugung gewannen, man müsse dann auch dem Florentiner zu Ehren jene Länder nennen. Der Urheber des Namens Amerika ist +Martin Waltzemüller+.[335] In seiner 1507 zuerst veröffentlichten Einleitung zur Kosmographie (~Cosmographiae introductio~) gibt er im 9. Capitel eine ganz kurze Charakteristik der Erdtheile Europa, Afrika und Asia und bemerkt dazu, daß in der neusten Zeit diese Erdtheile nicht nur genauer bekannt geworden, sondern daß durch Amerigo Vespucci auch noch ein vierter Erdtheil entdeckt worden sei, welchem man mit gutem Fug und Recht den Namen Amerige, gleichsam Amerigo’s Land oder +Amerika+ geben könne, da sowohl Europa als auch Asia nach Frauen benannt worden seien. Ueber Land und Leute dieses neuen Erdtheils sollen dann die der Kosmographie angehängten vier Schifffahrten des Vespucci genaueres berichten. Da an dieser Stelle der Name „Amerika“ zuerst in der Literatur erscheint, so geben wir hier vorstehend eine getreue Copie dieser interessanten Stelle.

Der Vorschlag Waltzemüllers fand zunächst unter den deutschen Gelehrten Anklang. So erschien denn der Name Amerika zuerst in dem kleinen anonym veröffentlichten Werke ~Globus mundi~ (Straßburg 1509) und in demselben Jahre auf einer in Wien befindlichen Karte. Zwei Jahre später lesen wir die neue Benennung in einem englischen Schauspiel (~A new interlude~). Weiterhin begegnen wir derselben in einem 1512 von Joachim Vadianus an Rudolf Agricola gerichteten Briefe, welcher in der 1518 erschienenen Ausgabe des Pomponius Mela abgedruckt wurde. Im Jahre 1515 schrieb Johannes Schöner in Bamberg den Namen Amerika auf seinen Globus. Dann folgte die wahrscheinlich 1516 entworfene merkwürdige Weltkarte Leonardo da Vinci’s, 1520 Peter Apian, welcher für die von Camers (Giov. Rienzi Vellini aus Camerino in Umbrien) besorgte Ausgabe des Solinus eine Weltkarte zeichnete, und sodann das von dem französischen Kosmographen Oronce Fine (Orontius Finaeus) 1531 gefertigte Weltbild. Aber allgemein befestigt war die Benennung damit noch nicht, denn durch das ganze 16. Jahrhundert begegnen wir für Südamerika auch den Bezeichnungen Peruana (Peru) oder Brasilia. Erst im 17. Jahrhundert erlangte der Name allgemeine Gültigkeit.

17. Die spanischen Niederlassungen auf dem Festlande von Mittelamerika und die Entdeckung der Südsee.

Alonso Hojeda hatte bereits drei Fahrten nach der Nordküste Südamerikas gemacht (vgl. oben S. 325 und 329), aber seine Versuche, sich in der ihm zuertheilten Statthalterschaft von Coquibacoa am Maracaibosee mit Waffengewalt festzusetzen, waren an dem zähen Widerstande der kriegerischen Cariben gescheitert. Trotzdem gab der unbeugsame spanische Ritter seine Pläne nicht auf, er ließ sich 1508 mit der ganzen Küste, welche nun den Namen Nueva Andalusia erhielt, von neuem belehnen und verpflichtete sich, daselbst zwei feste Plätze anzulegen. Zu gleicher Zeit wurde einem anderen Bewerber, +Diego de Nicuesa+, der Küstenstrich des mittelamerikanischen Isthmus von Honduras bis Darien überwiesen; die Grenze sollte der Atrato bilden, welcher sich in den Golf von Darien ergießt. Gegen Osten, auf dem Gebiet Hojeda’s, trug die Landschaft den indianischen Namen Uraba, gegen Westen erstreckte sich weiterhin das goldreiche Veragua. Hojeda ging im Herbst 1509 mit vier Schiffen und 300 Mann nach seinem Gebiete unter Segel. In seiner Begleitung befanden sich der Pilot Juan de la Cosa, als sein Stellvertreter, und Francisco Pizarro. Kurz darauf folgte Nicuesa, welcher über bedeutendere Mittel verfügte, mit sieben Segeln und 700 Mann und steuerte nach Veragua.

Hojeda landete in der Gegend von Cartagena und beschloß die Dörfer der Cariben zu überfallen, um die Einwohner zu Sklaven zu machen. Mit dem Erlös der Beute hoffte er einen Theil der Ausrüstungskosten decken zu können. Vergebens warnte Juan de la Cosa vor den vergifteten Geschossen der kriegerischen Küstenstämme, deren Gefährlichkeit er auf früheren Fahrten hatte kennen lernen, und empfahl weiter westlich zu landen; allein Hojeda verschmähte den wohlgemeinten Rath. Mit einer Schar von 70 Mann rückte er in der Morgendämmerung aus, überwältigte das erste Dorf, machte alles nieder, was Widerstand leistete, und brachte die Ueberlebenden als Menschenbeute auf seine Schiffe. Nach diesem ersten Erfolge aber überließen sich die Spanier in der heißen Mittagszeit sorglos der Ruhe und wurden nun von den benachbarten Indianern, deren Ortschaft gleichfalls bedroht war, vollständig überrumpelt. Unter den Giftpfeilen der Cariben fielen alle Spanier, zuletzt auch Juan de la Cosa; nur Hojeda, der sich hinter seinem großen Schilde vollständig decken konnte, schlug sich durch und rannte der Küste zu, aber ohne die Schiffe erreichen zu können. Zum Glück kam zur selben Zeit Nicuesa mit seinem Geschwader in dieselbe Gegend, fand Hojeda’s Schiffe und beschloß, mit dem Reste der Mannschaft desselben die Gegend zu durchstreifen, um das Schicksal der Expedition gegen die Indianer aufzuklären. Zuerst fand man Hojeda, tief im Mangrovegebüsch versteckt, wohin er sich geflüchtet hatte, entkräftet durch Hunger, sprachlos vor Erschöpfung, aber den Degen in der Faust und am Arme den Schild, auf welchem gegen 300 Pfeilschüsse zu zählen waren. Dann kam man zur Stätte des unheilvollen Ueberfalls und stieß auf die Leiche Cosa’s; dieselbe war an einen Baum gebunden und von zahllosen Geschossen durchbohrt, „ein Igel von Pfeilen“. Von dem todbringenden Gift gräßlich aufgedunsen, bot die Leiche ein so grauenvolles Bild, daß keiner der Spanier, aus Furcht, von einem ähnlichen Schicksal betroffen zu werden, auch nur noch eine Nacht an dem Orte zu bleiben wagte. Alle kehrten zu den Schiffen zurück: Nicuesa steuerte nach Veragua, Hojeda lief an dem Gestade westwärts und gründete im Anfange des folgenden Jahres 1510 am Golf von Uraba, hart an der Grenze seines Gebiets eine Niederlassung, welche er San Sebastian nannte und durch ein festes Blockhaus sicherte. Aber da die Indianer der Nachbarschaft ebenso kriegerisch und feindselig waren als bei Cartagena, so sahen sich die Ansiedler fast ganz auf ihr Blockhaus beschränkt und durften es einzeln nicht verlassen, aus Furcht, von den lauernden Cariben aus dem Hinterhalte erlegt zu werden. So stellte sich bald Mangel an Lebensmitteln ein und in seinem Gefolge Unmuth und Mißstimmung, welche zu Meutereien ausartete; und wenn auch Hojeda strenge Mannszucht zu halten verstand, so war er doch nicht im Stande, der immer drohender nahenden Hungersnoth vorzubeugen. Um Verstärkungen an Abenteurern heran zu ziehen, sandte er ein Schiff mit Sklaven und Gold nach Haiti. Durch die vielverheißenden Berichte ließ sich ein spanischer Colonist von Haiti, namens Talavera, welcher, weil er in Schulden steckte, die Insel zu verlassen wünschte, mit einer Anzahl verwegner Leute gleicher Lage verleiten, ein mit Lebensmitteln beladenes Schiff, welches an der äußersten Südwestspitze von Haiti vor Anker lag, zu überfallen und in Besitz zu nehmen, um mit diesem Raube dem Goldlande zuzusteuern. Die Ankunft der Räuberbande mußte der bedrängten Colonie Hojeda’s willkommen sein; sie brachte eine namhafte Verstärkung an Mannschaft und -- Brot. Nach dem rechtlichen Erwerb des Schiffes und der Fracht durfte der Leiter der kleinen Ansiedlung nicht fragen. Mit neubelebtem Muthe trat man den Indianern entgegen; aber schon bei einem der nächsten Ausfälle aus dem Blockhause erhielt Hojeda einen vergifteten Pfeilschuß in den Schenkel. Um den bekannten, unausbleiblichen Wirkungen der gefährlichen Verletzung zuvorzukommen, ließ der kühne Hidalgo sich die Wunde mit einem glühenden Eisen ausbrennen und einen in Essig getauchten Verband darumlegen. Und nur durch solche unerhörte Energie rettete er sein Leben.

Kaum war er genesen, so ging er auf Talavera’s Schiffe selbst nach Haiti, um neue Zufuhr herbeizuschaffen, da sich ohne dieselbe seine Colonie nicht aufrecht erhalten ließ. Als seinen Stellvertreter ließ er den Francisco Pizarro[336] zurück und setzte fest, daß, wenn er binnen 50 Tagen nicht wieder erschienen sei, Pizarro die Niederlassung ausheben und mit dem Reste der Leute Veragua aufsuchen könne.

Hojeda landete mit dem Piratenschiff an der Südküste Cuba’s. Unter unsäglichen Beschwerden wanderte er dreißig Meilen weit durch die menschenleeren Strandsümpfe und Lagunen ostwärts. Tagtäglich betete er zu seiner Patronin, der Jungfrau Maria, deren Bildniß, in Flandern gemalt und ein Geschenk seines Gönners Fonseca, er am Halse trug. In dem ersten Indianerdorfe, welches er antreffen würde, gelobte er dem Madonnenbilde eine Capelle zu bauen. Und als er mit seinen Leidensgefährten, halb verhungert und verschmachtet, dasselbe erreichte, führte er sein Gelübde aus. Denn er fand freundliche Aufnahme und die Indianer gaben ihm sogar Führer und ein Boot, um ihn nach Haiti hinüberzubringen. Talavera mit seinen Raubgesellen fiel hier in den Arm der Gerechtigkeit und erlitt für seine Verbrechen den Tod am Galgen. Hojeda wurde freigesprochen; aber auch sein Muth war gebrochen, er starb, von allen Freunden verlassen, in tiefster Armuth, wahrscheinlich 1515. Ein tragisches Geschick hatte alle seine hochfliegenden Pläne vereitelt. Die anmuthige Rittergestalt war ein Schreckbild für alle Glücksjäger geworden. Er selbst fühlte dies in tiefster Seele und verfügte in seinem letzten Willen, man solle ihn an der Schwelle der Klosterkirche des heiligen Franciscus in San Domingo begraben, damit jeder, welcher das Gotteshaus besuche, den Fuß auf seinen Grabstein setzen müsse. So wollte er selbst noch im Grabe für seinen Stolz büßen und sich demüthigen.

Nachdem die verabredeten fünfzig Tage verflossen waren, ohne daß von Hojeda irgend welche Kunde einlief, entschloß sich Pizarro im Sommer 1510 mit den letzten sechzig Mann, die ihm noch geblieben waren, die unglückliche Niederlassung von San Sebastian in Uraba aufzulösen und mit seinen zwei Schiffen den Weg nach San Domingo (Haiti) einzuschlagen. Aber das Misgeschick verfolgte sie auch aufs Wasser. Das eine Fahrzeug ging im Sturme unter, das andere stieß unerwartet auf ein Schiff des Rechtsgelehrten (Baccalaureus) Martin Fernandez de Enciso, welcher auch an der Küste der Tierra firme als Entdecker und Colonisator sein Glück versuchen wollte. Aber auch Enciso verlor an der Ostspitze des Golfs von Darien, an der Punta Caribana, sein Schiff, und die Mannschaft sah sich genöthigt, am Strande hin nach der nahe gelegenen Niederlassung von San Sebastian zu gehen. Da man aber die kaum verlassenen Hütten bereits durch die Indianer zerstört und verbrannt antraf, entschloß sich der ganze Haufe der unglücklichen Abenteurer, auf die andere Seite des Golfs hinüber zu ziehen und sich dort festzusetzen, ohne sich viel darum zu kümmern, daß dieser Theil der Küste bereits zu Veragua, also unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s gehörte. Die Anregung zu diesem Schritte gab Vasco Nuñez +Balboa+, ein armer Edelmann aus Jerez de los Caballeros in Estremadura, südlich von Badajoz. Derselbe zählte damals etwa 38 Jahre, war aber schon vor fast zehn Jahren mit Bastidas in dieser Gegend gewesen und hoffte dort einen günstigern Boden für eine Ansiedlung zu finden, als in Uraba. Jahre lang hatte er dann auf Domingo, wo er Ländereien erhalten, Feldbau getrieben. Aber des einförmigen Landlebens überdrüssig und von Schulden gedrückt, suchte er eine Gelegenheit, sich seinen Verpflichtungen zu entziehen. Als Enciso im Hafen von Domingo seine Ausrüstung betrieb, nahm Balboa diese Gelegenheit wahr, ließ sich, da nach dem Gesetz kein Schuldner ohne Wissen seiner Gläubiger die Insel verlassen durfte, von seinem Landgute aus in einer Proviantkiste an Bord schaffen und kam erst auf offner See, als er sich sicher glaubte, aus seinem Versteck hervor. Enciso hatte zwar anfangs die Absicht, um nicht selbst durch Balboa’s Erscheinen in Ungelegenheit zu kommen, den Eindringling an der ersten wüsten Insel auszusetzen, ließ sich dann aber bewegen, den Flüchtling als guten Kriegsmann zu behalten.

In der neuen Niederlassung am Flusse Darien, welche den Namen Santa Maria del Antigua erhielt, wollte Enciso, der sich für den einzigen rechtmäßigen Leiter ansah, alles nach seinen gelehrten Rechtsbegriffen ordnen und leiten, fand aber dabei in der Schar der zügellosen Abenteurer den heftigsten Widerstand. Militärischem Commando entzogen sie sich nicht, aber die Fesseln einer papiernen Rechtspflege ertrugen sie nicht. Balboa trat an die Spitze der Widersacher und erklärte den Baccalaureus für abgesetzt und gefangen; doch ließ man ihn später wieder los. Enciso durfte nach Spanien zurückkehren. Die Erbitterung Balboa’s gegen diesen Rechtsgelehrten war so groß, daß er noch im Anfange des Jahres 1513 an den König von Spanien schrieb und bat, er möge allen Juristen und studirten Leuten, außer den Medicinern verbieten, die Tierra firme zu betreten, denn sie hätten alle den Teufel im Leibe und stifteten mit ihren tausenderlei Rechtshändeln und Niederträchtigkeiten nur Unheil an.[337]

Doch in Santa Maria del Antigua erschien bald wieder die Noth und der Mangel an Lebensmitteln, welcher namentlich in den ersten Stadien der Bildung einer neuen Colonie verhängnißvoll geworden ist. Glücklicherweise brachten im November 1510 zwei Schiffe unter Rodrigo Enriquez de Colmenares unerwartete Hilfe. Dieselben waren für Rechnung Nicuesa’s mit Lebensmitteln befrachtet und liefen an der Küste hin, um dessen Niederlassung aufzusuchen. Colmenares ließ sich bewegen, einen Theil seiner Vorräthe an Balboa und seine Leute abzugeben und setzte dann seine Reise fort, um +Nicuesa+ aufzufinden.

Dieser war im November 1509, also ein Jahr vorher, von Cartagena nach Darien gegangen und steuerte von da nach Veragua. Einer Karte des Bartolomé Colon folgend, war er irrthümlich über das Ziel hinausgerathen. Der Sturm trieb die Schiffe auseinander, einige gingen unter, mit dem letzten lief er nothgedrungen in die Mündung eines Flusses ein, wo dasselbe auf den Grund gerieth und durch den heftigen Wogenschwall zerschlagen wurde. Die Mannschaft rettete sich ans Land. In der Nähe des von Columbus entdeckten Vorrathshafens (~puerto de bastimentos~) legte er nothgedrungen seine Niederlassung an und gab ihr den Namen Nombre de Dios. Von Lebensmitteln entblößt, an einer fieberschwangern Küste zwischen Sümpfen und dichten Wäldern festgehalten erlag die Schar der Colonisten größtentheils den vereinten Angriffen von Krankheit und Hunger. Colmenares fand nur noch die bleichen Trümmer einer stattlichen Ausrüstung. Als Nicuesa durch ihn von der Unternehmung Balboa’s hörte, der sich auf seinem Gebiet an einem günstigen Platze festgesetzt hatte, beschloß er mit den Ueberlebenden, -- er zählte nicht mehr als sechzig Mann -- sich dorthin zu wenden und Nombre de Dios aufzugeben. Als einige Jahre später (1515) Gonzalo de Badajoz mit achtzig Mann hier ans Land ging, um in das Innere des Isthmus einzudringen, fand er in der Nähe von Nicuesa’s Blockhaus nur noch zahlreiche Steinhaufen, mit rohen Holzkreuzen versehen, unter denen die Leichen der Verhungerten bestattet waren.

Balboa’s Colonie hatte sich indessen, dank der ihr durch Colmenares gewordenen Unterstützung, fester organisirt und die erste schwerste Prüfungszeit glücklich überwunden; aber sie war nicht gewillt, sich unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s zu begeben. Man war gefaßt darauf, daß der nominelle Herr von Veragua seine Ansprüche werde geltend machen und hatte darum auf den Höhen an der See Wachtposten ausgestellt, um nicht durch einen unerwarteten Besuch Nicuesa’s überrascht zu werden. Als dieser nun mit seiner sehr gelichteten Schar auf dem Schiffe des Colmenares erschien, rotteten sich die Ansiedler von Santa Maria zusammen und der „~procurador de la ciudad~“ rief ihm vom Strande mit lauter Stimme entgegen, bei Todesstrafe keinen Fuß ans Land zu setzen. Zurück in seine unheilvolle Colonie konnte Nicuesa nicht; ließ man ihn nicht in Santa Maria ans Land, so war er unabwendbar dem Verhängniß verfallen. Trotz aller Verhandlungen und Vorstellungen beharrte das Volk auf seinem Willen, und drohte zu den Waffen zu greifen. Erst am nächsten Morgen ließ man den unglücklichen Mann ans Land kommen, aber nur, um ihm einen Theil seiner Gefährten zu entfremden und ihm selbst dann hinterlistiger Weise einen Eid abzunehmen, der ihn verpflichtete, unverzüglich wieder in See zu gehen und an keinem Punkte in der neuen Welt anzulaufen, sondern direct nach Spanien zu segeln. Vergebens wies Nicuesa auf die gefährlichen Folgen eines solchen verrätherischen Verfahrens hin (auf Balboa’s Haupt sollte das gleiche Geschick fallen), man ließ ihm nur die schlechteste und am wenigsten seetüchtige Brigantine und stieß ihn im März 1511 mit 17 Leidensgefährten aufs Meer hinaus. Es ist ungewiß, ob Balboa oder sein Genosse Zamudio der Hauptanstifter dieses Verraths gewesen. Nicuesa ist verschollen, nirgends ist eine Spur von ihm aufgefunden. Die Reste von drei verunglückten Colonisationsversuchen waren von da ab, in einer Stärke von 300 Mann, unter Balboa’s energischer Leitung in Santa Maria del Antigua vereinigt.

Aus der ganzen Reihe der Abenteurer traten nur zwei Männer von bekanntem Namen hervor, Balboa und Pizarro. Pizarro, damals noch in untergeordneter Stellung, wurde von Balboa herangezogen und erhielt zu kleinen Unternehmungen das Commando. So kam er empor und sollte später an Balboa die Hand legen, um dessen Laufbahn ein plötzliches Ende zu bereiten. Aehnlich war dieser mit Enciso und Nicuesa verfahren.

+Balboa+ drang auf glücklichen Streif- und Beutezügen ins freiere Binnenland von Darien und bis ins Quellgebiet des Chucunaque vor, der sich in den großen Ocean, in den Golf von San Miguel ergießt. Als ein eingeborner Fürst, Panciaco, die Goldgier der Spanier sah, wies er sie nach dem südlichen Meere, welches man in sechs Tagereisen übers Waldgebirge erreichen, aber auf dem näheren Gebirgskamme bereits sehen könne. Schon Columbus hatte dunkle Kunde von jenem anderen Meere erhalten, jetzt trat die Nachricht bestimmter auf. Um aber in jene völlig unbekannten Räume vordringen zu können und das Gestade des gegenüberliegenden Meeres zu erreichen, bedurfte man bedeutenderer Kräfte, als sie augenblicklich der in Noth befindlichen Colonie zur Verfügung standen. Dem Admiral Don Diego Colon sollte ein Schiff die wichtige Entdeckung nach Haiti melden und die Bitte um Zusendung von Waffen und Lebensmitteln vortragen; aber das Fahrzeug, welches zugleich den königlichen Fünften an Gold überbringen sollte, scheiterte an der Küste von Yukatan. Die Mannschaft rettete sich zwar anfänglich ans Land, fiel dort aber dem Stamm der Maya in die Hände, welche die Gefangenen zum Theil in ihren Tempeln opferten, zum Theil als Sklaven behielten. Einer dieser letzteren, der Pater Jeronimo de Aguilar wurde 1519 durch Cortes befreit. Als der Erfolg dieser Schiffssendung ausblieb, schickte Balboa das letzte verfügbare Schiff 1512 direct nach Spanien, zufällig kamen vom Admiral im folgenden Jahre zwei Fahrzeuge mit Lebensmitteln nach Darien und befreiten die hungerleidenden Ansiedler aus äußerster Noth. Noch günstiger war, daß eine Schar von 150 Mann die bereits zusammengeschmolzene Zahl der Colonisten verstärkte und daß der Statthalter von Haiti dem Balboa die Oberleitung übertrug. Aber trotz dieser Anerkennung fürchtete Balboa mit Recht, daß man ihn in Spanien als Empörer gegen Enciso und Nicuesa nicht so glimpflich behandeln und ihm einen Nachfolger senden werde, denn Enciso war nach Spanien gegangen und hatte beim indischen Rathe Klage gegen ihn erhoben und seinen Verrath gegen Nicuesa gebrandmarkt. Balboa war daher entschlossen, durch eine große That den übeln Eindruck seines Verrathes abzuschwächen. Er faßte den Plan, das südliche Meer auszusuchen und die daran grenzenden reichen Gebiete der spanischen Krone zu unterwerfen. So brach er am 1. September 1513 mit 190 Spaniern, 600 einheimischen Lastträgern und einer Meute von Bluthunden von seiner Niederlassung auf und ging mit einer Brigantine und neun großen Canoes an der Küste entlang nordwestlich nach Careta’s Dorf. Der Häuptling gab ihm von hier Wegweiser mit ins Innere. Diese Richtung des Marsches zeigt, daß Balboa über die Lage der Südsee wohl unterrichtet war, denn von dem Punkte aus, wo er landete, beträgt die Luftlinie zu dem gegenüberliegenden Gestade nur neun Meilen, und die Waldgebirge auf dieser Landenge erheben sich nur 700 Meter hoch. Aber dicht verschlungener Urwald umhüllt den mittelamerikanischen Isthmus dergestalt, daß kaum ein Sonnenstrahl das Blätterdach durchdringt und den Boden erreicht. Selbst noch in unserem Jahrhundert ist ein Marsch über die Landenge mit den größten Schwierigkeiten verbunden. So hat im Jahre 1853 der bekannte Reisende Carl v. Scherzer sich vergebens bemüht, weiter im Westen, im Staate Costarica, unter dem 10° n. Br. von Angostura aus, den Hafen von Limon zu erreichen. In Begleitung von 30 Trägern, unterstützt von Ingenieuren mußte man nach vergeblicher Arbeit von 16 Tagen davon abstehen, die Küste des nur 10 Meilen entfernten caribischen Meeres zu erreichen. Der Wald war überall so dicht, daß nur ein fahler Schein, der durch die Blätternacht brach, die Tageszeit verkündete.[338]

Auf versteckten Waldwegen, auf denen die Indianerstämme sich zu nächtlichem Ueberfall und Raub beschleichen, drang Balboa’s Schar ins Gebirge hinein, welches hier, der Ostküste näher, sich am Golfe von Darien hinzieht. Dahinter erstreckt sich, von zahlreichen Bächen durchschnitten, das Waldland bis ans südliche Meer. Der Uebergang über die Cordillere, ohnehin durch die natürlichen Verhältnisse erschwert, wurde überdies den Spaniern durch die Häuptlinge, in deren Gebiet Balboa eindrang, streitig gemacht. Erst am 25. September konnten die eingebornen Wegweiser dem spanischen Anführer die langersehnte Meldung machen, daß er auf dem nächsten, vor ihnen liegenden Bergrücken das neue Meer sehen werde. Balboa ließ den ganzen Zug halten, er wollte +zuerst+ sich an dem Anblick der Südsee erfreuen. Allein schritt er voran und erreichte den Gipfel. Er fällt auf die Kniee, hebt die Hände zum Himmel empor, grüßt den Süden und dankt Gott und allen Himmlischen auf das innigste, daß ihm als einem Manne von nicht hervorragenden Gaben, nicht vornehmer Geburt ein solcher Ruhm zu theil geworden. Dann winkt er den Gefährten mit der Hand und zeigt ihnen das ersehnte Meer. Alle sinken auf die Kniee, und Balboa fleht zum Himmel, namentlich zur Jungfrau Maria, daß das Unternehmen einen glücklichen Ausgang finden möge. Jubelnd stimmen alle den Lobgesang an und blicken auf das Land hinunter. Kühner als Hannibal, der seinen Soldaten von den Alpenhöhen herab das italische Land zeigte, verheißt er den Genossen unermeßliche Schätze. Zum Zeichen der Besitznahme wird von rohen Steinen ein Altar aufgethürmt. Dann werden beim Hinabsteigen rechts und links die Namen des Königs in die Bäume geschnitten, damit die Nachwelt die kühnen Entdecker nicht der Lüge zeihen könne, daß die große That nicht wirklich ausgeführt sei.[339] Der begleitende Notar Andres de Valderrabano nahm über das wichtige Ereigniß der Entdeckung und Besitzergreifung ein Protokoll auf, in welchem alle 67 anwesenden Spanier aufgezählt wurden, an zweiter Stelle nennt er den Geistlichen Andres de Vera, als dritten Francisco Pizarro. Noch ein siegreicher Kampf mußte ausgefochten werden, um die Häuptlinge zum Frieden und zum Bündniß zu bewegen, dann erreichte Balboa am 29. September mit 26 Begleitern die Mündung des Sabanas, der sich in den innern Golf von San Miguel ergießt, welcher nach dem Tage der wichtigen Entdeckung seinen noch jetzt gültigen Namen erhielt. Bei eintretender Flut schritt Balboa mit Schwert und Fahne bis an die Kniee ins Wasser der See und nahm von allen Ländern, Gestaden und Inseln dieses Meeres „vom Nordpol bis zum Südpol“ im Namen seines königlichen Herrn feierlich Besitz. Wochenlang blieb er dann an der Küste des Golfes, befuhr auf den Böten der Eingeborenen die Südsee und machte die anwohnenden Häuptlinge tributpflichtig. Vor den Augen der Spanier wurden im Golf von S. Miguel Perlen gefischt, doch wurde der weiter draußen gelegene Archipel der Perleninseln, wegen der stürmischen Jahreszeit, noch nicht aufgesucht. Der Anführer selbst zog auch hier wieder möglichst genaue Erkundigungen über die näheren und ferneren Landschaften ein und ließ sich von dem Caziken Tumaco über eine mächtige Nation im Süden berichten, welche unermeßlich reich sein, Schiffe und Lastthiere besitzen sollte, wie sie in der Nähe von Darien nicht bekannt waren. Eine Figur aus Thon, welche Tumaco von diesem Hausthiere fertigte, sah fast wie ein Kamel aus. Die Spanier erhielten so die erste Kunde von dem Goldlande Peru und von dem dort in Herden gezüchteten Lama. Auf keinen der Zuhörer machten diese Erzählungen einen tieferen Eindruck als auf Pizarro, der den lockenden Berichten mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte.

Am 3. November trat Balboa den Rückmarsch an, er schlug einen anderen Weg ein und zog das Thal des Chucunaque, welches damals noch gut bevölkert war, bis zu den Quellen des Flusses hinauf. Trotz der mühevollen Märsche fanden die Spanier Gelegenheit den einheimischen Fürsten ihre Schätze an Gold abzupressen und für jedes kleine Vergehen die grausamste Justiz an denselben auszuüben. So wurde der Cazike Poncoa, nachdem er sein Gold hingegeben, nebst drei anderen Häuptlingen, schmachvoll den Bluthunden geopfert und von diesen zerrissen. Unter der täglich schwerer werdenden Last von Gold sanken die erschöpften Träger nieder; aber erst als auch den Spaniern die Kräfte zum Weiterzuge versagten, machte Balboa eine längere Rast in dem Dorfe Pocorosa’s und kehrte von da nach Careta zurück. Am 19. Januar 1514 erreichte er endlich seine Niederlassung in Sa. Maria del Antigua wieder, ohne einen Spanier verloren zu haben. Im darauffolgenden März sandte der glückliche Entdecker ein Schiff nach Spanien mit dem Berichte über seinen kühnen Zug und wußte den Werth seiner Eroberung durch Beifügung eines ansehnlichen Schatzes von 20,000 Castellanos an Gold und 200 der besten Perlen als königlichen Antheil an der Beute in das beste Licht zu setzen. Die Kunde von der Entdeckung eines neuen Oceans machte natürlich das größte Aufsehen. Von nun an konnte erst mit Recht die Frage aufgeworfen werden, ob die neue Welt wirklich, wie man bisher angenommen, einen Theil von Ostasien bilde, oder ob, was immer wahrscheinlicher wurde, das von Columbus erreichte Indien, einen Welttheil für sich bilde. Die Folgen der Entdeckung waren unermeßlich, sie gaben den ersten Anstoß zu der Weltumsegelung Magalhães’ und zu der Eroberung Peru’s durch Pizarro.

Aber Balboa sollte die Früchte seiner glänzenden That nicht ernten. Sein Schicksal war bereits besiegelt, als seine Sendung in Spanien eintraf. Bereits am 11. April 1514 war sein Nachfolger, der 60jährige +Pedrarias de Avila+ mit einer ansehnlichen Flotte von ca. 20 Schiffen und 1500 Mann nach Darien unter Segel gegangen. Hätte Balboa sich mit der Absendung des Schiffes mehr beeilen können, und wäre seine Botschaft um vier Wochen früher nach Spanien gelangt, so hätte sein Geschick und das der ganzen Colonie von Darien gewiß eine andere Wendung genommen. Allein der Leiter der indischen Angelegenheiten, der Bischof Fonseca, war über den an seinem Günstlinge Nicuesa verübten Verrath empört und daher entschlossen, gegen Balboa auf das strengste zu verfahren. Die Nachricht von Balboa’s Entdeckung würde seine Maßnahmen unfehlbar gemildert oder ganz verändert haben, aber bis zur Absendung Pedrarias’ hatte Balboa keinen Fürsprecher in Spanien.

Der neue Statthalter des Landes Castilla aurifia, denn so hatte der König befohlen, solle das Gebiet der Eroberung Balboa’s in Zukunft heißen,[340] landete am 30. Juni 1514 in Sa. Maria del Antigua. Er brachte ein so glänzendes Gefolge von Rittern und gelehrten Männern mit, wie es die neue Welt noch nicht beisammen gesehen. Viele von ihnen haben sich in der Folgezeit hervorgethan und in der Geschichte der Eroberung einen dauernden Namen erworben. Vier unter diesen Männern haben uns werthvolle historische und geographische Arbeiten über die neue Welt hinterlassen: +Bernal Diaz del Castillo+, der Waffengefährte des Cortes, schrieb eine Geschichte der Eroberung Mexiko’s, Gonzalo Fernandez de +Oviedo+, welcher als Inspector (~veedor~) eingesetzt wurde, schrieb die ~historia general de las Indias~, der Baccalaureus +Enciso+, welcher das Amt eines Alguacil mayor (Gerichtsbeamter) bekleidete, verfaßte eine ~Summa de geografia~, und +Pascual de Andagoya+ aus Cuartango in der Provinz Alava, der Mitentdecker von Nicaragua, entwarf eine Schilderung der Thaten der Spanier unter der Herrschaft des Pedrarias de Avila.[341] Außerdem betraten den Boden Amerika’s Diego +Almagro+, der Eroberer von Chile, +Benalcazar+, der Eroberer von Quito und Bogota, Fernando de +Soto+, der Waffengefährte Pizarro’s und Entdecker des mittleren Mississippithals, und Francisco Vasquez +Coronado+, der Eroberer von Cibola und Quivira. Als erster Pilot der Flotte wird Juan +Serrano+ genannt, welcher mit Magalhães die erste Reise um die Erde unternahm und zugleich mit diesem auf den Philippinen getödtet wurde.

Die große Schar der neuen Ankömmlinge sah sich bei der Landung sehr enttäuscht, da für die Urbarmachung des Landes und für Gewinnung von Feldfrüchten fast noch nichts geschehen war. Die Umgebung von Sa. Maria war mit Wald und Sümpfen bedeckt, der Landbau war völlig vernachlässigt und wurde erst nach Balboa’s Rückkehr von der Südsee in Angriff genommen. Auch Pedrarias de Avila war nicht der Mann, um hier energisch einzugreifen und Hilfe zu schaffen. In kurzer Zeit erlagen gegen 500 der Neuangekommenen dem Fieber und Hungertode, andere wurden von Indianern getödtet. Der neue Statthalter war zu alt für einen solchen gefährlichen und verantwortlichen Posten; mißtrauisch und eifersüchtig auf Balboa’s Ruhm, überwachte er seinen Nebenbuhler mit argwöhnischem Auge. Hart gegen die Indianer und auf gewaltsame Eroberungen bedacht, ward er mehr zum Verwüster als zum Begründer eines Colonialgebiets. Las Casas verurtheilt ihn, ohne seinen Namen zu nennen, aufs schärfste, wenn er schreibt: „Im Jahre 1514 kam ein unseliger Statthalter nach der Terra firme, der grausamste Tyrann, ohne Erbarmen und ohne Klugheit, ein Werkzeug des göttlichen Zorns.“[342]

Zunächst wurde +Ayora+ mit 400 Mann ausgesandt, um eine Reihe von Stationen von einem Meere zum andern anzulegen. Es war ein Vernichtungszug gegen die eingeborenen Häuptlinge, die der grausame Spanier verbrennen, hängen oder von Hunden zerreißen ließ. Aber seine Gründungen wurden von den erbitterten Indianern wieder zerstört. Im November 1515 sollte Antonio Tello de +Guzman+ die Pläne Ayora’s wieder aufnehmen. Ebenso grausam wie dieser drang er gegen Westen über die Landenge und erreichte zuerst +Panama+. Von hier aus plünderte er die Landschaft Chagre, wurde auf dem Rückwege von Indianern angegriffen, kam indeß glücklich nach Maria del Antigua zurück.

Im Juni 1515 machten Balboa und der von Pedrarias ernannte Befehlshaber Luis +Cavillo+ einen Zug nach +Dabaiba+ am Atrato gegen Süden, um die dortigen, angeblich von Gold strotzenden Tempel aufzusuchen. Aber die Indianer griffen die spanischen Böte auf dem Flusse an und stürzten dieselben um, wobei Cavillo das Leben einbüßte. Der Rest kehrte unverrichteter Sache nach der Colonie zurück. Als in der Folgezeit noch drei andere Expeditionen nach dem goldenen Tempel fehl schlugen, gab man die Eroberung nach dieser Richtung auf.

Inzwischen kam im Juli 1515 aus Spanien eine Anerkennung für Balboa’s Leistungen; er wurde, allerdings unter dem Oberbefehl des Pedrarias, zum Adelantado der Südsee ernannt und bekam dadurch einen eignen Verwaltungs- oder Vergewaltigungsbezirk. Aber diese Gestade an der Südsee waren das einzige kostbare Land in der Terra firme, ohne welches die Ostseite, wo Pedrarias hauste, völlig werthlos war. Dazu war es gesünder und für Europäer zuträglicher. Sollte Pedrarias es seinem Rivalen überlassen? Er schickte seinen Neffen Gaspar de Morales und Pizarro mit 60 Mann an den Michaelsgolf, um die Perleninseln zu erobern. Mit 30 Mann gingen sie auf Böten nach der Isla rica, wie Balboa die größte Insel im Perlenarchipel genannt hatte, hinüber, vor dessen Häuptling selbst die Fürsten des Festlandes zu zittern schienen. Nach einem erbitterten Kampfe unterwarf sich der Inselfürst und bot den Fremden einen Korb voll kostbarer Perlen an. Dann führte er seine Gäste auf den Thurm seines Hauses, zeigte ihnen alle Inseln, die unter seiner Botmäßigkeit standen und sämmtlich ergiebige Perlenfischerei besaßen, und berichtete von der mächtigen Nation im fernen Süden, deren Schiffe er oft gesehen habe. Während Pizarro’s Phantasie aufs neue lebhaft dadurch angeregt wurde und mit kühnen Plänen ins Weite schweifte, hielt sich Morales an das vor Augen Liegende und dachte nur an die Ausbeutung der besetzten Inselgruppe. Zu dem Zweck legte er dem unterworfenen Fürsten einen jährlichen Tribut von 100 Mark Perlen auf. Dann kehrten die Spanier nach dem festen Lande und nach der Ostseite des Continents zurück, wobei wiederum unerhörte Schandthaten gegen die Eingebornen verübt wurden. Bei einer zu freundschaftlichem Gespräch berufenen Versammlung hetzte man die Bluthunde unter die Häuptlinge und ließ achtzehn Caziken zerreißen; zu Hunderten wurden die Indianer hingemordet und als die gefühllosen Räuber dann von dem ergrimmten Volke verfolgt wurden, schlugen sie hundert gefesselten Eingebornen, Weibern und Kindern, welche sie als Sklaven vor sich her getrieben hatten, die Köpfe ab oder skalpirten sie, nur um die Verfolger von weiterem Nachdringen abzuschrecken. Selbst Balboa berichtete mit höchstem Unwillen über solche Greuel; aber der Neffe des Gouverneurs ging ohne Strafe aus.

Um eine Versöhnung zwischen den beiden Rivalen Pedrarias und Balboa herbeizuführen, regte Quevedo, Bischof von Darien, eine Heirath zwischen der ältesten Tochter des Statthalters und dem Entdecker der Südsee an; beide Parteien schienen dazu geneigt, aber Pedrarias lauerte nur auf eine Gelegenheit, den ihm lästigen Eidam unschädlich zu machen. Diese Gelegenheit bot sich, sobald Balboa seine Machtstellung am großen Ocean erweitern wollte. Um den Befehl des Königs, eine sichere Verbindungslinie zwischen beiden Meeren herzustellen, in Ausführung zu bringen, wurde jenseit Careta der Hafenplatz Acla angelegt und auf trocknem Grund ein festes Blockhaus errichtet. Von diesem Punkte aus sollte dann Balboa das Material zum Bau mehrerer Schiffe über den Isthmus schaffen und am Strande der Südsee zu seetüchtigen Fahrzeugen zusammenzimmern lassen. Als Balboa aber nach Acla kam, fand er den Platz bereits durch die Indianer wieder zerstört, die spanische Besatzung todt. Es war also seine Aufgabe, zunächst das Blockhaus wieder herzustellen und die Indianer zu unterwerfen. Geraume Zeit verstrich, ehe das Baumaterial für die kleine Flotille mühsam auf dem Rücken indianischer Lastträger über die Landenge geschafft werden konnte, wo es am Rio Balsa, dem untern Laufe des Chucunaque, zusammengesetzt werden sollte. Aber hier zeigte sich, daß es zu lange am Strande von Acla der Witterung und zerstörendem Insektenfraß ausgesetzt gewesen war, so daß man aus den durchbohrten und morschen Planken kein seetüchtiges Fahrzeug bauen konnte. Und doch hatte der nutzlose Transport von Holz und Eisen über den Isthmus an 500 Indianern das Leben gekostet. Las Casas gibt den Verlust an Menschenleben sogar auf 2000 an. Man mußte also von neuem an die Arbeit gehen, um das Baumaterial herbeizuschaffen.

Inzwischen war König Ferdinand, 1516, gestorben und es hieß, Pedrarias werde in der Person des bisherigen Gouverneurs auf den Canarien, Lope de Sosa, einen Nachfolger erhalten. Um durch diesen nicht in seinen Unternehmungen an der Südsee gehemmt zu werden, beeilte sich Balboa, seine Schiffsausrüstung zu vollenden. Aber dieser Eifer wurde ihm falsch ausgelegt. Die Freunde des Pedrarias behaupteten, er wolle sich vom Statthalter von Darien unabhängig machen und direct mit der spanischen Krone in Verbindung treten. Das sah Pedrarias als Verrath an, denn Balboa hatte seinen Auftrag binnen 18 Monaten ausführen sollen und diese Zeit war unter den mühsamen Vorbereitungen verstrichen, ehe er hatte in See gehen können. Als nun Balboa zum letztenmal auf Einladung des Pedrarias nach Acla zurückkehrte, um durch persönliches Eingreifen die Ausrüstung zu beschleunigen, und mit dem Statthalter die Ziele seines Unternehmens zu besprechen, ließ dieser ihn durch Pizarro gefangen nehmen und nach kurzem Proceß, den Espinosa als Alcalde mayor zu führen hatte, nebst vier Anhängern enthaupten; wahrscheinlich im Jahre 1517. Balboa war etwa 42 Jahre alt geworden. Sein Tod war ein Unglück für die Entwicklung der spanischen Herrschaft. Rohe Abenteurer zertraten in kurzer Zeit Land und Volk und machten das Gebiet fast menschenleer. Sicher hatte Balboa sich gegen den unglücklichen Nicuesa schwer vergangen, aber das Urtheil des Pedrarias war ein ungerechtes. Nachdem die Krone seine Verdienste durch Ernennung zum Adelantado anerkannt hatte, war damit zugleich Verzeihung für sein früheres Benehmen ausgesprochen. Leider ist die ganze Geschichte der spanischen Eroberungen in der neuen Welt eine unausgesetzte Reihe von Treubruch und Verrath, und diesem Verhängniß erlag auch Balboa. Aber kühn in seinen Unternehmungen, fest im Entschluß, als Staatsmann und Krieger zum Befehlen geboren, gebildet und von reifem Urtheil, hätte unter seiner Leitung die Colonie einen ungeahnten Aufschwung nehmen können. Zwar hatte auch unter Balboa das Land gelitten, aber weit schlimmer wurden die Verhältnisse unter Pedrarias und die Verödung der einst volkreichen Landstriche nahm dermaßen zu, daß es im Anfange des 17. Jahrhunderts in der Provinz Panama mehr Neger als Indianer gab.

An der Südsee wurde Espinosa Balboa’s Nachfolger. Mit Hilfe der von Balboa erbauten Flotte von vier Brigantinen und der verfügbaren Mannschaft gründete er 1519 die Colonie von Panama, welcher Karl V. im Jahre 1521 Stadtrecht verlieh. Aber in dem ungesunden Klima gingen in den ersten 28 Jahren 40,000 Menschen dort zu Grunde. Daher befahl Philipp II. später den Ort zwei Meilen weiter westwärts an einer gesünderen Stelle anzulegen und bestimmte als Ausgangspunkt für die Isthmusstraße +Puerto Bello+, nordöstlich von Aspinwall oder Colon, von wo jetzt die Eisenbahn nach Panama hinüberführt.

Espinosa unterwarf die Stämme und Landschaften auf dem Isthmus und Bartolomé Hurtado befuhr die Küste der Südsee bis zum Golfe von Nicoya (unter 10° n. Br.), und in den folgenden Jahren gingen alle von Pedrarias angeordneten Entdeckungsfahrten nach Nordwesten, im ausgesprochenen Gegensatz zu den Plänen Balboa’s, der sein Augenmerk stets nach dem Süden gerichtet hatte. Möglicherweise ließ auch schon Pedrarias nach einer mittelamerikanischen Meerenge forschen, wie sie später so eifrig von Cortes gesucht wurde.

Noch weiter als Espinosa gelangte +Gil Gonzalez de Avila+. Derselbe hatte zwar im Jahre 1519 durch königlichen Befehl das Commando über die Flotte Balboa’s erhalten, mußte aber, da Pedrarias über dieselbe bereits verfügt hatte, auf den Perleninseln 4 andere kleine Fahrzeuge bauen und segelte damit im Jahre 1521 zunächst nach dem Dorfe Nicoya’s, wo der Häuptling sich willig mit sammt seinem Volke taufen ließ, und entdeckte dann weiter das fruchtbare, offene, volkreiche Land, das nach seinem damaligen Fürsten noch den Namen +Nicaragua+ trägt. Die Kultur zeigte sich bei den Indianern, je weiter man nach Norden kam, immer mehr entwickelt, denn die Landschaften von Nicaragua und Honduras standen bereits unter dem Einfluß der von Mexiko und Yukatan her verbreiteten höheren materiellen und geistigen Bildung. Gonzalez verließ seine Schiffe und zog friedlich zu dem Fürsten Nicaragua, der an dem See gleichen Namens hauste und von dessen Macht ihm bereits Nicoya erzählt hatte. Auch Nicaragua ließ sich mit 9000 Mann auf einmal taufen und ließ es ruhig geschehen, daß der Spanier mit seinem Pferde in den See hineinritt, von dem Wasser trank und durch diese Ceremonie von dem umgebenden Lande Besitz ergriff. Auch bei diesem Zuge sollen 100,000 Pesos in Gold erbeutet sein.[343]

Auf dem Rückwege an die Küste wurde Gonzalez zwar von den Eingebornen angegriffen, aber seine Schar behauptete den Sieg und erreichte glücklich den Strand der Südsee. Inzwischen hatte der Steuermann Andres +Niño+ die Entdeckungsfahrt weiter bis zur Fonsecabai und darüber hinaus bis auf „die Rückseite von Yukatan“ fortgesetzt.[344]

Am 25. Juni 1523 kam die ganze Expedition nach Panama zurück. Die alte Niederlassung Santa Maria del Darien (Antigua) begann schon 1521 zu veröden und wurde 1524 ganz aufgegeben. An ihre Stelle trat Panama.

Zur weiteren Ausbeutung seiner Entdeckungen, die ihm Pedrarias nur unter +seinem+ Namen gestatten wollte, begab sich Gil Gonzalez nach S. Domingo, warb Schiffe und Mannschaften und segelte damit im Frühling 1524 nach der Ostküste von Nicaragua und Honduras und wollte an der Mündung des Rio Ulea landen. Er benannte den Hafen Puerto de Caballos, weil er gezwungen wurde, im Sturme mehrere Pferde über Bord zu werfen, um das Schiff zu retten. Dann ging er weiter nach Osten zum Cap Honduras und drang von hier aus gegen Süden in der Richtung zum Nicaraguasee vor. Dort stieß er auf eine Abtheilung der spanischen Schar, welche um dieselbe Zeit von Süden her unter dem Commando des Hernandez de Cordova dasselbe Gebiet zu erobern suchte. Gewissenlos fiel er über seine Landsleute her und nahm ihnen ihre Beute an Gold und ihre Waffen ab. Als er aber nach Puerto Caballos zurückkam, wurde ihm wiederum von Cristoval d’Olid, welchen Cortes entsendet, das Land streitig gemacht. Ueber den Ausgang dieser Unternehmungen werden wir im Verlauf der Eroberung Mexiko’s (Cap. 2. 24) weiter zu berichten haben.

Auch Francisco Hernandez de Cordova war von Pedrarias zur Eroberung Nicaragua’s ausgesendet. Er legte den Grund zu den Städten Granada, am nordwestlichen Ende des Sees und Leon, in der Nähe des Golfes von Fonseca. Eine Brigantine, am Gestade der Südsee auseinander genommen und im Nicaraguasee wieder zusammengesetzt, diente zur Befahrung des Binnensees und entdeckte den Abfluß desselben, den Rio S. Juan, den man aber wegen der Klippen und Stromschnellen nicht bis zum caribischen Meere verfolgen konnte. Wie fast alle Conquistadoren, wenn sie einigen Erfolg gehabt, strebte auch Cordova nach Unabhängigkeit von dem Statthalter Pedrarias. Seine Hauptleute Hernando de Soto und Compañon, welche den Verrath misbilligten, sagten sich von ihm los und kehrten nach Panama zurück. Da raffte sich Pedrarias zum letztenmal auf, erschien mit seinen Truppen unerwartet in Nicaragua, nahm den rebellischen Hauptmann gefangen und ließ ihn in Leon 1526 enthaupten. Als er im Februar 1527 nach Panama zurückkam, war sein Nachfolger Pedro de los Rios bereits auf dem Isthmus gelandet. Pedrarias zog sich nach Leon zurück und starb 1530. Dreizehn Jahre hatte das Land unter seiner Verwaltung geseufzt, er war nicht mehr fähig gewesen, seine Unterbefehlshaber zu zügeln, welche unter einander und gegen den Statthalter selbst zu den Waffen griffen. Die dissoluten Verhältnisse, welche seine schlechte Leitung über die herrlichen Landschaften von Mittelamerika gebracht, machten sich auf immer fühlbar. Sein Name war mit Recht verrufen.

18. Die Entdeckungen im Golf von Mexiko.

Bisher hatten sich fast alle Unternehmungen im Umkreis des caribischen Meeres bewegt. Columbus selbst hatte dazu die Richtung angegeben. Seit dem ersten Zusammentreffen mit den Bewohnern der neuen Welt waren die Spanier bei ihren unermüdlichen Fragen nach den Goldländern auf den Südwesten gewiesen, und diese Richtung war selbst dann maßgebend geblieben, als Columbus an der Küste von Yukatan zuerst mit der Kultur der Mayastämme in Berührung kam. Daher blieb das Meer im Nordosten von Cuba zwanzig Jahre unbesucht. Der erste kühne Versuch in diesen unbekannten Norden einzudringen, ging merkwürdiger Weise von dem Statthalter von Puertorico, +Juan Ponçe de Leon+ aus. Die Bewohner der Bahamainseln hatten von einem Wunderlande im Nordwesten berichtet, in dessen Heilquellen das Alter sich verjüngen könne.[345] Ponçe de Leon betrat dieses Land am Ostertage, 27. März, 1513 und nannte es nach dem Tage der Entdeckung Pascua +Florida+. Er fuhr dann an der Ostküste von Florida bis zum 10° n. Br., ließ es aber noch unentschieden, ob es eine Insel oder ein Theil des Festlandes sei.[346] Von hier kehrte er zur Südspitze der Halbinsel zurück und ging eine Strecke weit an der Westküste nach Norden, wo zwischen 25° und 26° n. Br. die Bahia de Ponçe de Leon noch den Namen des Entdeckers trägt. Die erste Karte von Florida lieferte sein Pilot Antonio de Alaminos.[347] Die feindselige Haltung der kriegerischen Einwohner hatte jeden Versuch einer Besiedelung vereitelt. Mehr als Puertorico schien Cuba schon durch seine Lage berufen der Ausgangspunkt aller Unternehmungen zu werden, welche gegen die Länder im Westen gerichtet wurden. Die „Perle der Antillen“ war mit leichter Mühe von +Diego Velasquez+ unterjocht, welcher seit dem Jahre 1511 daselbst als Statthalter eingesetzt war. Die ganze Insel wurde sammt den Indianern unter die Eroberer vertheilt, und bei der großen Ausdehnung des Landes strömten immer mehr Abenteurer dahin. Aber zum friedlichen Landbau nicht geneigt, unternehmungslustig, unstät, durch jede neue Kunde von goldreichen Ländern aufgereizt, scharten sich die jüngeren Leute bald zusammen, um auf eigene Entdeckung und Eroberung auszuziehen. Sie rüsteten zwei Schiffe aus, wählten Hernandez de Cordova zu ihrem Hauptmann, gewannen Antonio de Alaminos aus Palos als Piloten und erhielten zur Ausrüstung eines dritten Schiffes von Velasquez das Geld vorgestreckt.[348] Am 8. Februar 1517 gingen die Schiffe unter Segel und steuerten von Cuba nach Westen. Beim Cap Catoche erreichten sie die Küste von Yukatan. Diese Entdeckung war von höchster Bedeutung, denn hier trafen die Spanier zuerst auf ein Kulturvolk, das prächtige Steinhäuser besaß, sich in baumwollene Gewänder kleidete und in Tempeln von behauenen Steinen, welche auf abgestumpften Pyramiden errichtet waren, ihren Götzen Menschenopfer darbrachten. Ueberrascht waren die Entdecker, hier mehrfach das Zeichen des Kreuzes in Stein gehauen zu finden, welches, wie sie später erfuhren, ein Symbol des regenbringenden Gottes war. Das Volk der Maya, welches das Land bewohnte, bediente sich sogar einer eigenartigen Bilderschrift, welche noch nicht entziffert ist. Abgesehen von der Verwendung derselben auf den monumentalen Bauwerken, welche sich, im Urwald begraben, zum Theil noch erhalten haben und das lebhafteste Interesse der europäischen Forscher auf sich gezogen haben,[349] sind nur drei oder vier Manuscripte der +Maya-Sprache+ mit farbigen Bildern erhalten. Die werthvollste und umfangreichste dieser Mayahandschriften bewahrt die königliche Bibliothek in Dresden. Das Material dieser Handschriften besteht aus einzelnen Blättern, die aus den Fasern der mexikanischen Agave gefertigt und mit einer feinen Gypsschicht überzogen sind.[350] Neben den merkwürdigen Ruinen, deren bedeutendste Ueberreste sich im Süden des Landes bei Uxmal und Palenque finden, sind noch hohe Steinbilder, aus Monolithen geschaffen, vor der Zerstörung durch die Spanier, welche bei der fanatischen Verbreitung des Christenthums alle Erinnerungen an das Heidenthum der Eingeborenen zu vernichten strebten, sowohl in Yukatan als in den Nachbargebieten von Mexiko, Guatemala und Honduras erhalten. Diese Steinbilder stellen vielfach vergötterte Könige und Fürsten dar, denen, nach Weise des Heroencultus, Opfer gebracht wurden,[351] oder erschienen als Frauengestalten in der eigenthümlichen Landestracht, erstere mit kurzem Baumwollpanzer, letztere in gesticktem Rock mit Perlen und Fransen.

Die Spanier unter Cordova versuchten an mehreren Punkten der Küste zu landen, wurden aber von den kriegerischen Bewohnern blutig zurückgewiesen. Alaminos segelte an der Nord- und Westseite der Halbinsel bis Champoton, südlich von Campeche; aber als hier in einem Gefechte der Anführer lebensgefährlich verwundet wurde, stand man von der Fortführung des Kampfes ab, da man sich zu einer Eroberung zu schwach fühlte, und ging wieder in See. In dem Irrthum befangen, daß der nächste Weg nach Cuba über die Halbinsel Florida führe, steuerte Alaminos zuerst nach diesem Lande, welches er von der ersten Fahrt Juan Ponçe’s kannte, sah sich aber auch hier von den Indianern feindlich empfangen und segelte nach Cuba, wo Cordova 10 Tage nach der Landung seinen Wunden erlag. Der Statthalter Velasquez berichtete über den Verlauf der Expedition nach Spanien und rühmte sich der Entdeckung, sowie der darauf verwendeten Kosten.[352] „Von uns aber,“ fügt Bernal Diaz bitter hinzu, „die wir das Land gefunden hatten, wurde keiner genannt.“[353] Im nächsten Jahre rüstete Velasquez eine neue Flotte aus und sandte im April oder Mai 1518 vier Schiffe unter seinem Neffen Juan +de Grijalva+ nach Yukatan ab. Als Pilot fungirte wiederum Antonio de Alaminos; außerdem begleitete ihn der tapfere Pedro de Alvarado, welcher sich später unter Cortes bei der Eroberung Mexiko’s hervorthat. Südlich vom Cap Catoche erreichten sie bei der Insel Cozumel, welche damals ein berühmtes Heiligthum besaß, gegenwärtig aber dicht bewaldet und unbewohnt ist, die Küste Yukatans und umfuhren die ganze Halbinsel bis zur Laguna de Terminos und bis Tabasco. Die zahlreichen gut gebauten Ortschaften, welche man mit ihren weißen Steinhäusern am Strande schimmern sah, erinnerten die Seefahrer an ihre Heimat, weshalb man das Land „Neuspanien“ zu nennen anfing. Auf der Halbinsel zeigten sich die Bewohner ebenso feindlich als bei der ersten Expedition und erst am Rio Tabasco, welchen man den Grijalvafluß nannte, gelang es einen friedlichen Verkehr mit dem Volke und seinen Häuptlingen zu eröffnen. Dann ging die Fahrt nach Westen an dem gefährlichen Gestade[354] weiter bis in die Nähe der heutigen Hafenstadt von Vera Cruz. Hier liegen mehrere kleine Inseln am Strande, wo man landete. Die erste erhielt den Namen Opferinsel (~Isla de Sacrificios~), weil im Tempel kurz zuvor fünf Indianer geopfert waren. Auch auf der näher an Vera Cruz gelegenen Insel S. Juan de Ulua waren zwei Knaben unter dem Opfermesser der schwarzgekleideten Priester verblutet. Mit den wachsenden Anzeichen einer höheren Kultur mehrten sich, zum Entsetzen der Spanier, auch die Spuren des gräßlichen Opfercultus der Mexikaner. Nichts desto weniger landete Grijalva hier mit seiner ganzen Macht und verstand es, mit den Caziken in freundlicher Weise Geschenke zu wechseln und die Schätze des Landes, Gold, Edelsteine und Gefäße von wunderbarer Form im Werthe von 15 bis 20,000 Goldpesos gegen Glasperlen, Nadeln und Scheeren auszutauschen. Hier war also ein wirkliches Goldland gefunden, welches eine unermeßliche Beute verhieß. Alvarado wurde mit dem ersten Gewinn und mit der Botschaft der wichtigen Entdeckung nach Cuba zurückgesandt, während Grijalva seine Küstenfahrt noch bis zur Landschaft Panuco, bis nach Tampico, unter 22° n. Br., weiter ausdehnte und erst an einem stürmischen Vorgebirge abbrach, um dann über Yukatan nach Cuba zurückzukehren, wo er am 15. November 1518 in St. Jago landete. Die bedeutsamen Nachrichten, welche Grijalva mitbrachte, regten die Unternehmungslust des Statthalters von Cuba mächtig an und drängten ihn zu raschen Entschließungen, um sich den Gewinn dieser Entdeckung zu sichern. Während er einerseits Boten mit reichen Geschenken nach Spanien sendete, um die Krone zu bewegen, die entdeckten Gebiete seiner Statthalterschaft unterzuordnen, rüstete er andererseits eine größere Flotte, um jene Länder zu erobern, und ernannte Ferdinand Cortes zum Befehlshaber der Expedition.

Sculpturen von Copán.

Am Fuße einer Pyramide an einem Altar stehende männliche Figur. Ueber derselben ein baldachinartiger Aufbau von Ornamenten mit mehreren sitzenden menschlichen Figürchen. Die Figur trägt auf dem Haupte einen Helm in der Form eines phantastischen Thierkopfes; von ihm hängen Zierrathen aus Goldblechstreifen, mit Perlen besetzt, zu beiden Seiten herab. Die übermäßig großen Ohren scheinen Symbole der Würde des Dargestellten zu sein. Die Brust bedeckt ein Panzer, der oben aus Kugeln, unten aus gewebten Stoffen in Form von Rollen zusammengesetzt ist. Letztere umschließt ein breiter Gürtel mit Masken und verzierten Goldblechtafeln zwischen ihnen. Vorn hängt der Gürtel bis auf den Boden herab. Um den Hals trägt die Figur an einem Bande eine Zierrath. Die Arme sind mit dreifachen Armbändern, die Beine mit Kniebändern, aus Masken und Perlen gebildet, und über den Knöcheln mit Ringen geschmückt. Die Sculptur ist in +einem+ Steine ausgehauen und mißt in der Höhe 364, in der Breite 133, in der Dicke 91 Centimeter.

Weibliche Figur, an einem Opfersteine stehend. Das kurze Gewand ist mit netzartigen Ornamenten und am Saume mit Perlen und Fransen geschmückt. Ein in derselben Weise verzierter Gürtel umschließt den Leib; derselbe hat einen Thierkopf als Mittelpunkt und ist an den Seiten, über den Hüften der Figur mit menschlichen Masken besetzt. Ein breiter mit Goldblech und Perlen besetzter Streifen fällt vom Gürtel auf den Boden herab. Die Figur trägt einen prächtigen Kopfschmuck, dessen Kern ein phantastisches Thierhaupt ist, in welchem die Zähne durch mit Perlen besetzte Fransen dargestellt werden. Von demselben gehen nach beiden Seiten und oben viele Federn aus, deren größere Ringe tragen und die auch sonst mit Rosetten, Perlen und Quasten reich geschmückt sind. Eine kleine menschliche Figur krönt den Federschmuck; unter ihm hängen vor den Ohren lange dünne Locken herab. Die nackten Arme sind von Armbändern aus kleinen Platten, Perlen und Fransen umschlossen. Die Brust wird von einem aus viereckigen, plattenartigen Stücken zusammengesetzten Gewand bekleidet. Auf demselben liegt ein Geschmeide, welches bis zu den Schultern reicht und daselbst in Masken und Arabesken endigt. Die Füße sind von Halbschuhen, welche die vordere Fußhälfte freilassen, bedeckt. Maaße: Höhe 345, Breite 98, Dicke 101 Centimeter.

19. Ferdinand Cortes geht nach Mexiko.

Für die erfolgreichste Ausdehnung der spanischen Macht in der neuen, indischen Welt war die auf Cortes gefallene Wahl eine überaus glückliche, wenn sie auch für Velasquez selbst eine Reihe bitterer Enttäuschungen brachte und ihm den gehofften Lohn gänzlich aus den Händen riß. Unter den wenigen wahren Heldengestalten der spanischen Conquistadoren, welche jenes Zeitalter gebar, ragt Cortes vor allen hervor. Sein edler, großer Charakter, seine kühnen Thaten erfüllen uns mit Bewunderung. Cortes war 1485 in Medellin in Estremadura geboren, hatte in Salamanca zwei Jahre studirt und sich dort, wenn er auch keine ausgesprochene Neigung zu den Wissenschaften zeigte, doch einen Grad allgemeiner Bildung erworben, wie er unter den Heerführern in den Colonialländern selten war. Der Reiz des Wunderbaren, welches die neue Welt belebte, die Lockung zu romantischen Abenteuern, welche jenseits des Oceans goldene Berge verhieß, erfüllte, wie die ganze spanische Jugend, so auch ihn. Und so ging er schon 1504 zum Statthalter Ovando nach San Domingo. Sieben Jahre später nahm er an der Eroberung Cuba’s theil und erwarb sich dadurch Landbesitz. Seine literarische Bildung beförderte ihn zum Secretair des Velasquez und später zum Alcalden von St. Jago, so daß er bereits eine der ersten Beamtenstellen auf der Insel einnahm. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen übermittelgroßen, schönen Mann mit breiter männlicher Brust und großen, dunkeln Augen in dem blassen Gesichte. In allen ritterlichen Uebungen gewandt, muthig und fest in seinen Entschlüssen, wie klar und überlegend in seinen Plänen; durch rasche Auffassung und klaren Geist, wie durch gewandte und feurige Rede seine Umgebung beherrschend, war er zum Anführer wie selten ein Mann in der neuen Welt geschaffen. Als Velasquez ihm das Commando übertrug, zählte er 33 Jahre. Es war dem Statthalter willkommen, daß Cortes aus eignen Mitteln einen Theil der Ausrüstung bestreiten konnte, welche mit 11 Schiffen den kühnen Angriff auf einen mächtigen Staat ausführen sollte.[355]

Aber noch ehe Cortes seine Vorbereitungen getroffen hatte, erwachte bereits die Eifersucht des Statthalters, welcher, durch seine Getreuen gewarnt, bereits fürchtete, dem gewählten Führer zu viele Machtmittel anvertraut zu haben, mit denen er sich womöglich eine unabhängige Stellung schaffen könnte. Er schien entschlossen zu sein, die Ernennung des Cortes zum General wieder zurückzunehmen; aber dieser brach, noch ehe der zögernde Velasquez sich entschied, mit seiner Flotte von St. Jago auf, bevor die Ausrüstung und Verproviantirung vollendet war, und ging zunächst nach der ebenfalls auf der Südseite von Cuba gelegenen Stadt Trinidad und, nachdem er hier noch 100 Mann von der zurückgekehrten Expedition Grijalva’s angeworben hatte, weiter nach Habana. Hieher sandte Velasquez an die Behörden des Orts den Befehl, Cortes zu verhaften, und gebot diesem in einem Briefe, er solle nicht eher absegeln, als bis er selbst nach Habana gekommen sei. Aber Cortes ließ sich an der Spitze seiner bedeutenden Macht weder als ein einzelner Edelmann gefangen setzen, noch befolgte er das unglaublich ungeschickt vorgebrachte Gebot des Velasquez, auf ihn zu warten; vielmehr begab er sich am 10. Febr. 1519 nach dem Sammelpunkt seiner Flotte am Cap S. Antonio, der Westspitze von Cuba, und ging von hier aus acht Tage später mit seinen eilf Schiffen unter Segel. Der erfahrene Steuermann Alaminos, der nun zum viertenmale nach Yukatan steuerte, denn er hatte bereits die letzte Fahrt des Columbus mitgemacht und dann die Expedition Cordova’s und Grijalva’s geleitet, war sein Hauptpilot. Seine bewaffnete Macht bestand aus 400 spanischen Soldaten, darunter 13 Büchsenschützen und 32 Armbrustschützen, und 200 Indianern, ferner aus 16 Reitern, 10 schweren Bronzegeschützen und 4 leichten Feldschlangen. Auch begleiteten zwei Geistliche den Zug, um den Götzendienst zu vernichten und die Indianer zu taufen. Das Geschwader steuerte nach der Insel Cozumel. Die Einwohner flohen bei der Landung zwar anfangs aus Furcht ins Innere, kamen dann, durch Dolmetscher beschwichtigt, zurück, ließen es geschehen, daß ihre blutigen Altäre gestürzt und daß in ihren Tempeln christlicher Gottesdienst gefeiert wurde, ja sie bequemten sich sogar zur äußerlichen Annahme des Christenthums.

Schon auf der Expedition Cordova’s hatte Alaminos mehrfach das Wort Castillan gehört, ohne sich dasselbe in dem Munde der Indianer erklären zu können. Cortes vermuthete sofort richtig, es müßten Spanier bereits früher hieher gelangt sein. Diese Vermuthung wurde durch die Angabe eines Häuptlings bestätigt, daß noch zwei Spanier als Gefangene im Lande lebten. Unter ihnen befand sich Fray Jeronimo de Aguilar (s. o. S. 346), den Cortes befreite und der ihm als Dolmetscher wichtige Dienste leistete. Dann ging die Fahrt in gewohnter Weise um Yukatan herum nach dem Rio de Tabasco oder Grijalva. Die Einfahrt in den Fluß war so seicht, daß keins der größeren Schiffe einlaufen konnte; Cortes befuhr ihn daher in den kleinen Brigantinen und mit bewaffneten Böten, um die Stadt Tabasco selbst zu besuchen. Seine Erklärung, er komme in friedlicher Absicht, wurde mit Drohungen und Kriegsgeschrei beantwortet. Aber die Spanier ließen sich dadurch nicht abschrecken. Der Kampf begann schon in den Böten, dann im Wasser am Strande, das den Angreifenden bis an den Gürtel ging, und setzte sich am Lande fort, wo am 25. März mit Geschütz und Reiterei eine förmliche Schlacht geliefert wurde, in welcher die tapferen Tabascaner, deren Heer nach der eigenen Angabe des Cortes[356] aus 40,000 Mann bestand, durch die ungewohnte Kriegsmacht einer Reiterei in die Flucht geschlagen wurden und 220 Todte auf dem Schlachtfelde zurückließen.

Am nächsten Tage unterwarfen sich die Caziken und brachten unter anderen Geschenken 20 Sklavinnen, deren eine, eine geborene Mexikanerin, von den Spaniern den Namen +Donna Marina+ erhielt und sich den Eroberern anschloß, denen sie als Dolmetscherin die wesentlichsten Dienste leistete. In Tabasco vernahm man auch die Worte Culhua, womit die gewerbreiche Stadt Cholula[357] westlich von Mexiko bezeichnet wurde, und den Namen Mexiko selbst. Nachdem am Palmsonntag noch in feierlicher Messe die Häuptlinge die Taufe empfangen hatten, segelte Cortes weiter und landete am Charfreitag, 21. April 1519, mit seiner ganzen Macht an der Stelle der heutigen Stadt Vera Cruz; zwei Tage später stattete ihm bereits der aztekische Statthalter einen Besuch ab und erhielt die Mittheilung, daß Cortes von einem mächtigen Herrscher jenseits des Meeres mit Geschenken und einer persönlichen Botschaft an den Fürsten des Landes abgesendet sei und freien Durchmarsch begehre. Die Mexikaner waren geschickte Maler; um seinen Bericht an den Kaiser möglichst anschaulich zu machen über die seltsamen, weißen, dem Meere entstiegenen Fremdlinge, ließ der Gouverneur des Küstenlandes die Spanier abzeichnen. Cortes ließ dies gern geschehen und, um den Eindruck, den sein Erscheinen offenbar hervorrief, noch zu verstärken, mußte die Reiterei und die Artillerie kriegerische Uebungen ausführen, damit auch diese mit abgebildet würden. Dann richtete er sich hinter den Dünen ein festes Lager ein und erwartete die Antwort auf seine Botschaft.

Ehe wir den Verlauf der Verhandlungen weiter verfolgen, werfen wir zunächst einen Blick auf die Natur des Landes und die Geschichte der Bevölkerung.

Hinter einem mehrere Meilen breiten, flachen Küstenstriche, der durch seine Fieber verrufen ist, und an dem es keinen einzigen guten, natürlichen Hafen gibt, erhebt sich das mittlere Land zu einem mächtigen Plateau von durchschnittlich 2000 Meter Höhe. Der östliche Steilrand des Hochlands wird von einzelnen Bergriesen, die über 5000 Meter emporsteigen, überragt. Hier besitzt Mexiko keinen schiffbaren Strom; von der Küste führen nur schwierige Landwege und Gebirgspässe auf das innere Hochland von Anahuac, das Centrum des alten Reichs, welches sich nordwärts etwa bis zum Wendekreise erstreckte. Das Hochthal von Mexiko, der Hauptstadt, erhebt sich bis über 2200 Meter und erscheint als ein Oval von 73 Kil. Länge und 35 Kil. Breite. Von einem thurmartigen Walle von Porphyrfelsen umschlossen, war dieses Thal früher grün und dicht mit Bäumen bewachsen, erscheint aber gegenwärtig an manchen Stellen weißlich von den Salzefflorescenzen und macht von den Höhen aus fast den Eindruck einer Steppe in folge der Abnahme des Sees, welcher ehedem, die Stadt umgebend, eine weit größere Ausdehnung hatte. Trotzdem ist die ganze Landschaft von großer, eigenartigen Schönheit, erhöht durch den Kranz von Bergen, über welche die beiden Schneegipfel, der Popocatepetl (5400 Meter) und der Ixtaccihuatl (5200 Meter) mit breitem Rücken mächtig emporragen.

Nördlich von dem Thale von Mexiko liegt +Tula+, die erste Ansiedlung der Tolteken, jenes räthselhaften Kulturvolkes, welches aus dem unbekannten Norden zu unbekannter Zeit (man nennt in der Regel das 7. Jahrh. n. Chr.) hier einzog. Sie führten den Anbau von Mais, Baumwolle und des sog. spanischen Pfeffers als unentbehrliches Gewürz ein. Sie bearbeiteten die edlen Metalle und entfalteten eine originelle Baukunst. Sie liebten es, ihre Steinhäuser und Tempel auf Anhöhen anzulegen, die verschiedenen Wohnräume lagen in verschiedener Höhe und waren durch kleine Treppen und enge Corridore verbunden.[358] Eigenartig waren auch die Stufenthürme oder Tempelpyramiden.

Nach einem Aufenthalte von mehreren Jahrhunderten verschwanden die Tolteken wieder, wahrscheinlich zogen sie weiter nach Süden und verbreiteten ihre Kultur über Yukatan und Honduras.

Nach ihnen rückten von Nordwesten die +Chichimeken+ ein und wählten die Ostseite des Sees von Mexiko zu ihrer Hauptansiedlung, wo sie die Stadt Tezcuco gründeten. Dort verschmolzen sie mit den Acolhuern oder Acolhuas. Ihre Herrschaft unterlag wieder unter den Angriffen eines verwandten kriegerischen Stammes, der +Tepaneken+, bis sie sich mit Hilfe der Azteken in Mexiko wieder befreiten und sich mit diesen verbanden. Als letzter Zug der Einwanderer treten die +Azteken+ auf, welche wahrscheinlich erst im Anfang des 14. Jahrhunderts die Stadt Tenochtitlan (Mexiko) auf einer Insel im See gründeten. Allmählich erst gelangten sie zu bedeutenderer Macht, hatten aber zur Zeit der Ankunft der Spanier durch ihre Kriegstüchtigkeit ihre Herrschaft von einem Meere zum andern ausgebreitet, und dabei zahlreiche fremde, nicht verwandte Stämme unterworfen, ohne aber in der verhältnißmäßig kurzen Zeit trotz ihres Gewaltregiments die verschiedenartigen Volkselemente mit einander verschmelzen zu können. Eine blutige Schreckensherrschaft lastete auf dem weiten Länderraume zwischen dem Golf von Mexiko und der Südsee, denn die Azteken verlangten für ihre Götzenaltäre zahllose Menschenleben von den unterworfenen Stämmen. Man gibt die Zahl der Menschenopfer auf jährlich 20,000 an. Die Schädel der Geschlachteten wurden zu Pyramiden aufgethürmt; Spanier aus dem Gefolge des Cortes wollten an +einem+ Orte 136,000 Schädel gezählt haben.

Nur Furcht und Schrecken hielt das große Reich zusammen; ein Angriff von außen mußte viele nach Befreiung seufzende Völkerstämme in das Lager der Feinde treiben. So fiel nach diesem Gesichtspunkte die Ankunft des Cortes in eine ihm günstige Zeit, und es stand zu erwarten, daß er nach den ersten bedeutenden Waffenerfolgen den aztekischen Staatsverband lockern und manche der unterworfenen Völker auf seine Seite ziehen werde.

Aus einer ursprünglich aristokratischen Regierung hatte sich bei den Azteken ein fast unumschränktes Königthum entwickelt. Wenn die Könige auch nur durch Wahl, welche von den vier vornehmsten Adligen vollzogen wurde, auf den Thron gelangten, so blieb doch die höchste Würde stets in derselben Familie. Bei Hofe war ein ängstliches Ceremoniell und morgenländisches Gepränge eingeführt, den unmittelbaren Dienst bei der Person des Monarchen versah der zahlreiche Lehnsadel.

Der Nationalgott der Azteken (man zählte an 2000 Localgötter), Huitzilopochtli[359], war der zur Gottheit erhobene erste Anführer gewesen, der das Volk nach Anahuac geführt. Er verlangte die meisten Menschenopfer. Dagegen war Quetzalcoatl, ursprünglich ein Priester und Reformator der Tolteken in Tula, aus dem Lande vertrieben, weil er die Menschenopfer abschaffen wollte, und sollte der Sage nach an der östlichen Meeresküste im niedrigen Waldlande am Goatzocoalco verschwunden sein. Später verehrte man ihn als einen Gott der Luft, als den Wohlthäter des Volkes, welches ihm die Kunst des Landbaues und der Metallbearbeitung verdankte. Man dachte ihn sich von hoher Gestalt, mit +weißer+ Hautfarbe und wallendem Barte. An das östliche Meer vertrieben, schiffte er sich dort auf einem aus Schlangenhaut gefertigten Zauberschiffe ein, nachdem er feierlich erklärt, er werde dereinst zurückkehren und sein Reich wieder in Besitz nehmen. An seine baldige Wiederkunft glaubte das ganze Volk. Die Unterdrückten und selbst der König sahen in Cortes die Prophezeihung verwirklicht.

Die von den Tolteken geschaffene materielle Kultur hatten die Azteken weiter entwickelt. Der Landbau stand in hoher Blüte; außer Mais, Baumwolle und Pfeffer baute man die Aloe (Magnay) an, deren Blattfasern Papier, deren Saft den berauschenden Pulquewein lieferte, erntete Cacao, deren Bohnen als kleinste Münze cursirten, oder zur Bereitung des Chocolatl (Chokolade) verwendet wurden, und Vanille. Bananen boten die beliebteste Frucht, den Tabak rauchte man aus Pfeifen oder in Form von Cigarren. Der Bergbau wurde eifrig betrieben, doch verstand man die Gewinnung des Eisens nicht und bediente sich zu Messern und Schwertern der scharfen Splitter des glasartigen Obsidians. Die Töpferei war allgemein verbreitet, Trinkschalen schnitzte man aus Holz, bemalte sie und überzog sie mit Firniß. Sehr geschickt waren die Handwerker in der Herstellung buntfarbig gestickter Baumwollgewänder, wie in den zum Schmuck dienenden prächtigen Federarbeiten. Ein lebhafter Marktverkehr fand zu bestimmten Zeiten in den Städten statt, und durch das ganze Land zog sich ein Netz von mit Posthäusern besetzten Straßen. Eilboten beförderten die Befehle der Regierung. Die militärische Einrichtung war durch Bildung von Kriegerorden und Abzeichen am Kleide darauf berechnet, den Ehrgeiz anzustacheln. Die Soldaten trugen ein dichtes Baumwollkleid, welches die leichten Wurfgeschosse nicht durchdringen ließ. Die Brust der Führer war außerdem durch goldene oder silberne Platten gedeckt. Man trug hölzerne, zuweilen mit Silber belegte und mit Federn geschmückte Helme, außerdem auch Arm- und Beinschienen. Das Heer war in Armeecorps von 8000 Mann und diese wieder in Compagnien zu 3-400 Mann abgetheilt. Die Waffen bestanden aus Schwertern, Lanzen, Keulen, Bogen und Pfeilen und Schleudern. Wenn es zur Schlacht ging, trug der Feldherr die Standarte. Im Kampfe war man vor allem darauf bedacht, Gefangene zu machen, um sie den Götzen zu opfern.

Unter den Wissenschaften, welche von den Priestern gepflegt wurden, hatte die Eintheilung des Sonnenjahres in 18 Monate zu 20 Tagen, wozu am Ende des Jahres noch fünf Ergänzungstage kamen, religiöse Bedeutung, weil danach die Opfer- und Feiertage geregelt wurden. Eine farbige Bilderschrift wurde auf die Faserstoffe der Agave, auf baumwollene Tücher oder sorgfältig bereitete Häute aufgetragen. Auch verstand man auf dem gleichen Material große Karten des Reichs, der Provinzen und der Küsten zu zeichnen. Cortes zog eine solche Karte auf seinem Feldzuge nach Honduras zu Rathe.

Seit 1502 regierte der König Montezuma (Cortes schrieb Muteczuma). Ehrgeizig, wie alle aztekischen Fürsten auf die Ausbreitung ihres Reiches und ihres Cultus bedacht, denn er hatte die Stelle eines Oberpriesters bekleidet, hatte er, allzueifrig und unbesonnen, den Krieg in zu entfernte Landstriche getragen, bevor er alle seine Feinde in der Nähe vollständig bezwungen hatte. So war er mit seinem Heere bis Guatemala und Honduras (Vera-Paz), vielleicht sogar bis Nicaragua vorgedrungen und hatte doch die Tlascalaner, in der östlichen Nachbarschaft seiner Hauptstadt, nicht unterworfen. Ernst, zurückhaltend, stolz, hatte er sich die Gemüther des Volkes entfremdet und schlich mistrauisch, wie man es ähnlich von Harun al Raschid erzählt, des Nachts vermummt durch die Gassen seiner Residenz, um die Stimmung zu belauschen, angeblich um den ihm etwa verheimlichten Misbräuchen in der Verwaltung auf die Spur zu kommen. Aus Mistrauen hatte er seine Verwandten beseitigt, um des Thrones sicherer zu sein und ließ sich den Spaniern gegenüber dann doch durch seinen Aberglauben entwaffnen.[360]

Dieser Aberglaube bezog sich auf die bereits berührte Sage von der Wiederkunft des Quetzalcoatl. Allerlei Zeichen deutete das Volk auf die baldige Erfüllung dieser Prophezeihung. Der Thurm des Haupttempels war abgebrannt, im Osten war ein seltsames Licht aufgegangen, drei Kometen waren am Himmel erschienen u. dgl. mehr.

Im Jahre 1516 starb der Fürst von Tezcuco; in dem nun ausbrechenden Thronstreite begünstigte Montezuma den +Cacama+ und wußte ihm das Haupterbtheil nebst der Hauptstadt zuzuwenden, während die nördliche Hälfte an den zweiten Sohn +Ixtlixochitl+ fiel, den sich der aztekische König dadurch zum Feinde machte.

Unter diesen Ereignissen kam die Kunde von der Landung der Spanier. Das Volk sah in ihnen die Erben des vertriebenen Gottes. Montezuma berief seine Räthe. Die muthigen verlangten energischen Kampf, die bedächtigen riethen zum Frieden. Montezuma wollte selbständig scheinen und schlug einen gefährlichen Mittelweg ein. Auf die Botschaft des Cortes antwortete er mit reichen Geschenken und mit der Bitte, den beabsichtigten Besuch in der Hauptstadt zu unterlassen. Aber diese wunderbaren Geschenke reizten die Spanier nur noch mehr.[361]

Den Wunsch Montezuma’s, die Spanier möchten mit diesen reichen Geschenken heimkehren, befolgte Cortes nicht, er erwiderte vielmehr: er habe den Auftrag erhalten, den König selbst zu sprechen. Eine zweite mexikanische Gesandtschaft erschien mit neuen Gaben und wiederholte das frühere Gesuch. Umsonst. Die Spanier blieben, aber sie mußten bald empfinden, daß die Beziehungen zu dem aztekischen Fürstenhofe kühler wurden. Die Indianer verließen die Nähe des spanischen Lagers, sie lieferten keine Lebensmittel mehr und brachten dadurch die Fremden in eine schwierige Lage. Da erschienen glücklicherweise mehrere Totomaken, ein von den Azteken physisch und sprachlich verschiedener Volksstamm, welcher nördlich von Vera Cruz an der Küste wohnte und erst kürzlich von Montezuma unterworfen war, und luden Cortes zu einem Besuch in ihrer Stadt Cempoalla ein. Der spanische Heerführer erkannte daraus, daß das Reich Montezuma’s manche widerstrebende Elemente umfaßte, welche er für sich gewinnen konnte. Ehe er aber diese Einladung annahm, wurde in Vera Cruz eine förmliche Stadt mit spanischen Einrichtungen gegründet. Dieselbe erhielt in glücklicher Verbindung der beiden Hauptziele der Spanier: Gold und Christenthum, den Namen „Die reiche Stadt des wahren Kreuzes“ (~Villa rica de la vera cruz~). Vor dem aus seinen Getreuen zusammengesetzten Rathe der neuen Stadt legte Cortes dann, indem er sich erlaubte, eine kleine Komödie aufzuführen, das ihm von Velasquez anvertraute Amt feierlich nieder. Der Rath ernannte ihn natürlich sofort „im Namen der spanischen Majestät“ zum obersten Feldherrn und Richter und damit war das Abhängigkeitsverhältniß von der Statthalterschaft Cuba als gelöst zu betrachten. Die neue Colonie stellte sich unmittelbar unter die spanische Krone. Die Anhänger des Velasquez, welche sich dadurch überrumpelt sahen, rotteten sich zusammen; aber Cortes ließ die Rädelsführer in Ketten werfen und beugte einem Aufstande vor. Dann marschirte er nach Cempoalla. Damals zählte der Ort wenigstens 20-30,000 Einwohner, jetzt ist er verfallen. Die Spanier wurden festlich empfangen und die Totomaken begaben sich unter die spanische Botmäßigkeit. An Stelle der Götzentempel wurden christliche Altäre errichtet und die Einwohner ließen sich taufen. Hier erfuhr Cortes auch genauere Nachrichten von der feindlichen Stellung des tlascalanischen Staats zu den Azteken.

Das Zerwürfniß, welches zwischen beiden Stämmen herrschte, bestärkte den kühnen Spanier in seinen Eroberungsplänen. Aber ehe er ins Innere des Landes hineindrang, mußten an der Küste die Verhältnisse geordnet und befestigt werden. Mit Zustimmung der Soldaten wurde der ganze bisher erworbene Schatz an Gold und Schmuck an den König von Spanien gesendet; auch mußte der Rath von Villa rica denselben ersuchen, Cortes als Oberfeldherrn zu bestätigen. Am 26. Juli 1519 ging Alaminos mit einem Schiffe nach Spanien; er hatte zwar die strengste Weisung erhalten, direct nach der Heimat zu steuern, trotzdem lief er in Cuba an, und so erhielt Velasquez die ersten zuverlässigen Nachrichten über den Abfall der Truppen und beschloß die Empörer zu züchtigen. Seine Partei im Heere des Cortes erhob sich von neuem, sie wollten sich von Cortes trennen und heimlich nach Cuba zurückkehren. Dadurch wäre dessen Macht zersplittert, sein großer Plan erschwert. Die Hauptanstifter wurden mit dem Tode bestraft, und um ähnlichen Verschwörungen für alle Zeiten ein Ende zu machen, griff der Feldherr zu dem verzweifelten Mittel und ließ die Flotte, mit Ausnahme eines einzigen kleinen Schiffes, auf den Strand laufen, nachdem ein ihm willkommenes Gutachten dieselbe für nicht mehr seetüchtig erklärt hatte. Alles brauchbare Geräth, alles Eisen wurde ans Land geschafft. Bernal Diaz (I, 52), indem er die Erzählung des Historikers Gomara corrigirt, welcher behauptete, Cortes habe die Fahrzeuge +heimlich+ versenken lassen, schreibt dagegen: „Es ist weltkundig, daß Cortes die Schiffe mit +Zustimmung der ganzen Mannschaft+ und vor aller Augen auf den Strand laufen ließ, damit auch die Seeleute an unserem Feldzuge theilnehmen könnten.“ So war also der Rückzug abgeschnitten; es gab fortan nur noch ein Ziel: die feindliche Hauptstadt zu erobern, zu siegen oder zu fallen.

Nachdem in Villa rica 150 Mann und 2 Reiter als Besatzung zurückgelassen waren, brach Cortes am 16. August mit 300 Spaniern, 1300 totomakischen Kriegern, 1000 Trägern, 15 Reitern und 7 Geschützen auf und marschirte ins Bergland nach Westen. Durch das tropische Küstenland kam der Zug in zwei Tagen nach Jalapa, wo in einer Höhe von 1300 Metern die Palmen verschwinden. Je höher man stieg, desto kühler wurde das Klima; die Pflanzenwelt änderte sich, und ehe man die Gebirgspässe erreichte, hatte man auch die Region der Eichenwälder bereits hinter sich gelassen. Drei Tage marschirten sie durch rauhes, unbewohntes Land, wo mehrere von den cubanischen Indianern der Kälte erlagen. Dann erreichten sie, an dem mehr als 4000 Meter hohen Cofre de Perote vorbei, der südlich von ihnen lag, das Plateau von Anahuac. Als Cortes hier einen Dorfhäuptling fragte, ob er auch ein Unterthan Montezuma’s sei, antwortete dieser: „Wer wäre es denn nicht? Er ist der Herr der Welt.“[362] Obwohl das Landvolk sich friedlich verhielt, zog Cortes doch stets in fester Schlachtordnung weiter auf Tlascala. Auf der Hochebene wurde bedeutender Maisbau getrieben, Tlascala bedeutet „Brotland“. Das Volk der Tlascalaner war im 12. Jahrhundert eingewandert und hatte sich nach mancherlei Kämpfen in dem Gebiete niedergelassen. Sie standen nicht unter einem Könige, sondern sie bildeten eine Art Bundesstaat, dessen vier Fürsten sämmtlich in der Hauptstadt wohnten. In heftigen Kämpfen mit den Azteken hatten sie sich auf ihrem Gebiet behauptet und ihre Freiheit bewahrt. Den eindringenden Spaniern setzten sie den heftigsten Widerstand entgegen. Die Anzahl ihrer Krieger schätzte Cortes auf 100,000. Nach mehrtägigem, verzweifeltem Ringen, in welchem auch zwei Pferde getödtet wurden, gewannen die Spanier, besonders durch ihre Kanonen, am 5. September einen entscheidenden Sieg. Als dann auch noch der Versuch eines nächtlichen Ueberfalls durch die Wachsamkeit des Cortes vereitelt worden, welcher das Geständniß von der beabsichtigten Ueberrumpelung von einem gefangenen Indianer herausgelockt hatte, nahmen die Tlascalaner das Freundschaftsanerbieten des Siegers an und schlossen Frieden. Der tapfere Fürst Xicotencatl erschien persönlich im Lager der Spanier. Zum Abschluß eines Bündnisses trug besonders die Erklärung der Leute von Cempoalla bei, daß die Fremden +Feinde+ des Montezuma seien. Ohne den Bund mit Tlascala wäre das Unternehmen des Cortes schwerlich gelungen. Sehr richtig befolgte dieser überall das Princip sich Freunde zu erwerben und Frieden zu schließen. Der römische Wahlspruch: ~Divide et impera~ verhalf auch ihm zum endlichen Siege.

Als die Nachricht von den wiederholten Siegen über die Tlascalaner zu Montezuma drang, welcher trotz seiner großen Machtmittel den kleinen Freistaat nicht hatte bezwingen können, befestigte sich in ihm der Glaube immer mehr, die Spanier seien jene längst erwarteten Erben Quetzalcoatls. Seine Boten suchten unter Ueberreichung wiederholter Geschenke dem Heerführer der Weißen den Marsch in die Hauptstadt des mexikanischen Reiches als ein höchst gefährliches Unterfangen hinzustellen. Montezuma erklärte sich sogar zu einem Tribut an den König Karl von Spanien bereit und ließ Cortes ersuchen, die Höhe und den Umfang an Gold, Silber, edlen Steinen, Sklaven und bunten Baumwolltüchern nach seinem Gutdünken zu bestimmen;[363] allein dieser beharrte um so mehr bei seiner einmal abgegebenen Erklärung: er habe von seinem königlichen Herrn den ganz bestimmten Befehl erhalten, Mexiko selbst zu besuchen.

Am 23. September 1519 zog Cortes in Tlascala ein, die Stadt schien ihm größer als Granada zu sein.[364] Vor einer großen Zahl von neugierigen Zuschauern wurde täglich Messe gelesen. Mehrere vornehme Indianerinnen, darunter die Tochter Xicotencatls ließen sich taufen und gingen mit spanischen Officieren ein Ehebündniß ein.

In Tlascala erfuhr Cortes Genaueres über die Streitkräfte des Beherrschers von Mexiko. Montezuma, so erzählten die Tlascalaner, habe eine so große Kriegsmacht, daß er, wenn er einen großen Ort erobern, oder in eine Provinz einfallen wolle, jedesmal 100,000 Mann ins Feld rücken lasse. Die Mexikaner seien aber in allen Provinzen und bei allen Völkerschaften, welche Montezuma ausgeplündert und unterjocht habe, äußerst verhaßt und die mit Gewalt ausgehobenen Truppen schlügen sich nur mit Widerwillen und ohne Tapferkeit. Dann berichteten sie weiter von der Bewaffnung und Kriegsführung der Mexikaner und brachten zur Erklärung alles dessen große Stücke Nequen herbei, worauf ihre Schlachten abgebildet waren.[365] Es war also eine Militärherrschaft, welche nur aus Furcht vor einem noch schlimmeren Regiment ertragen wurde.

Nach einer Rast von drei Wochen rückte Cortes weiter nach Cholula, einer der größten Städte, welche unter mexikanischer Botmäßigkeit stand, denn sie zählte 20,000 Häuser, war ein Haupthandelsplatz und besaß ein blühendes Gewerbe. Hier hatte Quetzalcoatl auf seinem Marsch an die Küste 20 Jahre geweilt. Ihm war ein gewaltiger Tempelbau geweiht, dessen Stufenabsätze im ganzen 177 Fuß hoch sich erhoben. Oben in dem Tempel befand sich das riesige Bild des Gottes. Außerdem gab es noch 400 andere Opferthürme in der Stadt. Die Scheußlichkeit der Menschenopfer trat immer greller hervor, jemehr man sich der Hauptstadt näherte. Aus mächtigen Balken waren große Käfige gezimmert, in welchen Männer und Knaben zum Opfer gemästet wurden. Diese Menschenställe wurden von den Spaniern zerstört und die Gefangenen in ihre Heimat entlassen. Schon in Tlascala hatte man Cortes vor dem hinterlistigen, heuchlerischen Charakter der Cholulaner gewarnt; aber 6000 tlascalanische Krieger, welche mit ihm zogen, um an dem Feldzuge gegen Montezuma theilzunehmen, meldeten ihm alles, was auf eine gegen ihn geplante Verrätherei hindeutete. So erfuhr er denn, daß ein Theil der Stadt verbarrikadirt sei, und daß viele Einwohner den Ort bereits verlassen hätten. Donna Marina erfuhr ferner, daß man die Spanier bei ihrem Abzuge aus der Stadt überfallen wolle. Deshalb kam Cortes ihnen zuvor und ließ einen Theil der versammelten Caziken und Soldaten niederhauen. Dann drangen auch die tlascalanischen Hilfstruppen aus ihrem Lager vor der Stadt ein und setzten, aus Haß gegen Cholula, das Plündern und Morden fort, bis Cortes ihnen Einhalt gebot. In diesem Straßenkampfe kamen gegen 3000 Menschen um. Der große Tempel wurde erstürmt und verbrannt. Diese rasche Züchtigung eines Verrathes, welcher, wie sich nachher herausstellte, auf Montezuma’s Befehl geplant war, übte einen gewaltigen Eindruck, so daß die Nachbarstädte sich, um einem ähnlichen Geschick zu entgehen, schleunig unterwarfen.

Dann ging der Marsch weiter nach Mexiko, dessen Thalbecken von Cholula durch eine kurze von Süden nach Norden streichende Gebirgskette, über welche einige Vulkankegel emporsteigen, getrennt wird. Der Gebirgspaß, welchen die Spanier überschritten, führt zwischen den beiden Hochgipfeln des Popocatépetl („rauchender Berg“) und dem nördlich davon gelegenen Iztaccihuatl („weiße Frau“) hindurch. Von der Höhe des Passes aus ließ Cortes durch den spanischen Hauptmann Diego Ordaz eine Besteigung des Popocatépetl versuchen; aber es war wegen der Menge Schnee, der großen Kälte und der Wirbelstürme in der Höhe nicht möglich, den höchsten Gipfel zu erreichen. Von der Höhe des Gebirgskammes genoß man eine herrliche Ansicht des schönen Thals von Mexiko mit der Hauptstadt, welche, gleich Venedig, in einem See erbaut war. Der See war damals größer als jetzt und verlängerte sich gegen Südosten in das schmale Wasserbecken von Xochimilco und weiter gegen Osten in den rundlichen See von Chalco, welcher von den ersteren durch einen künstlichen Damm getrennt war. Nach der Hauptstadt selbst führten von verschiedenen Seiten drei Dammstraßen, jede mit mehreren Durchschnitten, über welche Holzbrücken gelegt waren. Unter denselben konnten die Kähne von einem See-Abschnitt in den andern gelangen. Wurden aber die Brücken abgenommen, so bestand die Dammstraße aus mehreren inselartig von Wasser umgebenen Stücken, und es war nicht möglich in die Stadt einzudringen. Diese war auch im Innern von zahlreichen Canälen durchschnitten, über welche Zugbrücken führten. Die Häuser waren mit einer Art von Brustwehr versehen und dienten jedes als eine kleine Festung für sich.

Außer der Hauptstadt lagen noch zahlreiche Städte und Dörfer am See, welcher zum Theil auch noch schwimmende Gärten trug, die den Reiz der eigenthümlichen Scenerie erhöhten. Derartige Gärten haben sich noch bis in die Gegenwart erhalten. Die Stadt Mexiko selbst zählte damals wenigstens 60,000 Häuser, woraus man auf eine Bevölkerung von über 300,000 Einwohnern schließen kann, besaß aber auch große Marktplätze, von denen einer so groß wie die Stadt Salamanca gewesen sein soll; der große Opfertempel, von dessen hoher Plattform, zu welcher 114 Stufen hinanführten, man die ganze Stadt überschauen konnte, ragte mächtig über alle Gebäude empor. Der Haupttempel hatte 40 Thürme, alle sehr stark von behauenen Steinen gebaut, das Gebälk wohl zusammengefügt und bemalt. Die vornehmsten Herren in der Stadt hatten in diesen Thürmen ihre Götzen und Familiengrüfte. Auf der Höhe der Plattform befanden sich in einer Tempelhalle zwei Götzenbilder, welche von Gold und Edelgestein strotzten. Hier war die Hauptopferstätte, wo die Gefangenen auf einem Jaspisblocke geschlachtet wurden. Boden und Wände der Halle waren schwarz von Menschenblut. Die Köpfe der Schlachtopfer wurden auf Gerüsten aufbewahrt. An einem dieser Schädelberge wollte ein Spanier 136,000 Köpfe gezählt haben.

Trotzdem Montezuma immer wieder durch Botschafter seinen schon mehrfach ausgesprochenen Wunsch erneuern ließ, marschirte doch Cortes gerade auf die Stadt zu. Den Eindruck, welchen die Capitale der Azteken auf die Europäer machte, malt Bernal Diaz in einzelnen charakteristischen Zügen aus. „Wir gelangten,“ erzählt er, „auf die breite Heerstraße von Iztallapan, wo uns zu erstenmale die Menge von Städten und Dörfern, welche mitten in den See gebaut waren, die noch größere Zahl von bedeutenden Ortschaften am Ufer und die schöne schnurgrade Straße, welche nach Mexiko führte, ins Auge fiel. Unsere Verwunderung stieg in der That auf das höchste, und wir sprachen unter einander, daß hier alles den Zauberpalästen in Amadis’ Ritterbuche gleiche: so hoch und stolz stiegen Thürme, Tempel und Häuser mitten aus dem Wasser hervor. Ja manche unserer Leute behaupteten gradezu, daß alles, was sie sähen, nur ein Traumgesicht sei. In Iztallapan selbst stiegen unsere Vorstellungen von der Macht und dem Reichthum dieses Landes immer höher. Wir wurden in wahre Paläste einquartirt, die von ansehnlichem Umfange, mit großen Höfen umgeben, aus schön behauenen Quadersteinen, aus Cedern- und anderm wohlriechenden Holze aufgeführt waren. Sämmtliche Gemächer waren mit Tapeten von baumwollenen Zeugen behangen.“

„Am nächsten Morgen zogen wir nach Mexiko. Die Dammstraße war acht Schritt breit, aber gegenwärtig für die Menge von Menschen, welche in die Stadt hineinwollten und aus derselben herausströmten, um uns zu sehen, viel zu enge, so daß wir uns kaum bewegen konnten. Alle Thürme und Opfertempel waren mit Zuschauern bedeckt, der ganze See lag voll von Fahrzeugen, die mit Neugierigen angefüllt waren. Wer wollte sich auch darüber wundern, da man Leute unserer Art und Pferde noch nie hier gesehen hatte. Von Strecke zu Strecke hatten wir eine neue Brücke zu passiren und vor uns dehnte sich die große Stadt Mexiko in all ihrer Herrlichkeit aus. Und wir, die wir durch die zahllosen Menschenmassen hinzogen, waren ein Häufchen von 450 Mann und hatten den Kopf noch voll von den Warnungen der Bewohner von Tlascala und anderer Städte, und von den Vorsichtsmaßregeln, die sie uns empfohlen, um unser Leben gegen die Mexikaner sicher zu stellen. Wenn man unsere Lage erwägt, darf man wohl fragen, ob es je Männer gegeben, welche ein so kühnes Wagestück unternommen haben.“[366]

20. Cortes in Mexiko.

Dieser denkwürdige Einzug in Mexiko geschah am 8. Nov. 1519. In der Hauptstraße der Stadt kam der König dem einrückenden spanischen Feldherrn mit einem glänzenden Gefolge von 200 Personen entgegen, sämmtlich barfuß, mit Ausnahme des Herrschers, welcher von Edelleuten in einem goldverzierten Sessel getragen wurde, über dem sich eine Art Thronhimmel, mit grünen Federn, Gold, Silber und edeln Steinen geschmückt, erhob. Als die Spanier nahten, verließ Montezuma seinen Sitz und schritt über ausgebreitete Decken den Fremden entgegen, angethan mit einer reichen, malerischen Kleidung, auf dem Kopf den Federbusch von grüner Farbe. Grün galt als die königliche Farbe. Seine mit Juwelen besetzten Halbstiefel hatten goldene Sohlen. Wie er durch die Menge daher schritt, durfte keiner zu ihm aufschauen; alle senkten demüthig den Blick. Cortes stieg, als er des Königs ansichtig wurde, vom Pferde, ging dem aztekischen Herrscher entgegen und hing ihm als Geschenk eine Kette von funkelndem Kristallglas um den Hals, er wollte ihn sogar umarmen, wurde daran aber durch die beiden begleitenden Fürsten, welche dem Kaiser zunächst standen, verhindert, damit die Person des Landesherrn nicht entweiht würde. Nachdem dieser dann für Cortes noch ein reiches Geschenk zurückgelassen, zog er sich mit seinem Gefolge zurück.

Mit Musik und fliegenden Fahnen hielten die Spanier ihren Einzug. Sechstausend Tlascalaner folgten ihnen. Inmitten der Stadt lagen an einem geräumigen Marktplatze der hohe Tempel des Kriegsgottes, da wo jetzt die Stiftskirche in Mexiko steht, und die weitläufigen Gebäude des Palastes, welchen der Vater Montezuma’s gebaut. Diesen wies Montezuma seinen Gästen als Wohnung an. Die besten Zimmer waren auch hier mit bunten baumwollenen Vorhängen bedeckt und der Fußboden mit Matten belegt. Cortes ließ den ganzen Gebäudecomplex, der durch die umgebende dicke Mauer und die Mauerthürme an sich schon einer Festung glich, mit Wachen besetzen und vor die Eingänge Kanonen aufpflanzen. Am Abend erschien Montezuma zum Besuch, erzählte dem Cortes ausführlich die Sage von Quetzalcoatl und erklärte schließlich: nach allem, was er bisher von den Spaniern über ihr Land und über ihren König gehört, glaube er ganz fest, dieser sei der rechtmäßige Herr von Mexiko.[367] Cortes möge daher über ihn und über sein Land verfügen.

Am nächsten Morgen erwiderte Cortes in Begleitung von vier Hauptleuten, Pedro de Alvarado, Juan Velasquez de Leon, Diego de Ordaz und Gonzalo de Sandoval, den Besuch. Der königliche Palast umschloß mehrere Höfe, in einem derselben spielte ein Springbrunnen. Der ganze Bau war aus behauenen Steinen ausgeführt. Die Wände der Gemächer waren mit Marmor, Jaspis und Porphyr belegt, in dessen glattpolirten Flächen man sich spiegeln konnte, oder sie waren mit kostbaren Webstoffen oder Federteppichen behängt, auf denen Vögel und Blumen eingestickt waren. Im Laufe des Gesprächs ließ Cortes durch den Dolmetscher erklären, er habe von seinem Herrn den Auftrag erhalten, Montezuma zum Christenthum zu bekehren und begann daher ihm die Grundlehren des Glaubens auseinanderzusetzen. Allein der König, welcher früher selbst das Amt eines Oberpriesters bekleidet hatte, wich einer weiteren Erörterung über die Vorzüge der beiden Religionen aus; doch wiederholte er auch hier seine Bereitwilligkeit, dem spanischen Könige als seinem Oberherrn Tribut zu bezahlen. Bernal Diaz, welcher im Gefolge des Cortes dieser Audienz beiwohnte, gibt bei dieser Gelegenheit folgende Beschreibung von der Person Montezuma’s.[368]

„Der große Montezuma mochte um diese Zeit in seinem vierzigsten Jahre stehen. Er hatte eine ansehnliche Statur, war von schlankem Wuchs, etwas mager von Gliedern, aber in den besten Verhältnissen gebaut. Seine Farbe fiel nicht sehr ins Braune, sondern streifte blos an das Colorit der Indianer. Die Haare trug er nur über den Ohren stark, welche ganz von den Locken bedeckt wurden. Er hatte einen schwachen, aber wohlaussehenden, schwarzen Bart. Sein Gesicht war länglich und heiter, und seine wohlgeformten Augen drückten, je nachdem es paßte, Liebe und Ernst aus.“

Die Spanier richteten sich dann, mit Genehmigung des Königs, in ihrem Palaste eine christliche Kapelle ein, entdeckten dabei eine vermauerte Thür und dahinter den verborgenen Privatschatz des Königs. Nachdem eine Woche verstrichen war, entschloß sich Cortes, den aztekischen Herrscher gefangen zu nehmen. Den Vorwand dazu boten die Ereignisse in seiner Station an der Küste, wo Juan de Escalante mit 150 Mann als Besatzung zurückgeblieben war. Ein benachbarter Cazike hatte dieselbe verrätherisch überfallen, mehrere Spanier getödtet und den Befehlshaber tödtlich verwundet. Mit mehreren zuverlässigen Leuten ging Cortes zu Montezuma, sowie er von diesen Vorfällen benachrichtigt war, und beschuldigte denselben als geheimen Urheber des Verraths, auch verlangte er die Bestrafung des Caziken. Montezuma sagte dieses bereitwillig zu und ließ den Frevler sofort nach der Hauptstadt zur Verantwortung rufen. Damit noch nicht zufrieden, forderte Cortes, der König solle solange, bis die Sache entschieden sei, in dem Palaste der Spanier seine Wohnung nehmen. Montezuma bot seinen Sohn und seine Töchter als Geißeln an; aber Cortes ging nicht darauf ein, sondern bestand darauf, daß nur die eigne Person des Königs den Spaniern in der Hauptstadt die nöthige Sicherheit gewähren könne. Als dieser Wortwechsel schon eine gute halbe Stunde gedauert hatte, verloren die Officiere des Cortes die Geduld und Velasquez de Leon rief erregt: „Wozu noch viele Worte! Entweder geht er freiwillig mit uns, oder wir stoßen ihn nieder. Denn hier kömmt es darauf an, unser eignes Leben zu retten; und geschieht es nicht auf diese Weise, so sind wir unfehlbar verloren.“[369]

Durch diese Drohung erschreckt, gab Montezuma nach und ging mit. Dem Volke, das sich zusammenrottete, gab er die Erklärung, er gehe freiwillig. Man behandelte ihn ehrfurchtsvoll, wie den Herrn eines großen Reichs und ließ ihm seinen ganzen Hofstaat sammt dem ceremoniellen Gepränge. Er ertheilte in gewohnter Weise Audienzen und stand mit seinem Volke ununterbrochen in Verkehr.[370] Es +schien+ fast keine Veränderung eingetreten, aber Montezuma selbst empfand sie tief.

Als der aztekische Statthalter Quauhpopoca (Cortes schreibt Qualpopoca), welcher die Spanier an der Küste überfallen hatte, auf Befehl Montezuma’s mit seinem Sohne und 15 Hauptleuten in der Hauptstadt erschien, wurde er Cortes zur Verurtheilung übergeben. Sie gestanden alle, daß Montezuma sie zu dem Ueberfall veranlaßt habe, und wurden dann auf dem großen Platze vor dem Palaste verbrannt. Während der Hinrichtung ließ Cortes den König als Urheber des Verraths in Fesseln legen. Wenn es nun auch nach dieser Demüthigung Montezuma freigestellt wurde, in seinen eignen Palast zurückzukehren, so wagte er es doch nicht mehr aus Furcht, die Azteken möchten sich dann gegen die Fremden erheben und er könne dem Ingrimm seines Volks keinen Einhalt gebieten. Er zog es also vor, unter dem Schutze der Spanier zu bleiben. Da beschloß der Neffe des Königs, Cacama, Fürst von Tezcuco, einer großen Stadt am östlichen Seeufer, welche etwa 150,000 Einwohner zählte, der unwürdigen Behandlung des Landesherrn mit Gewalt ein Ende zu machen. Aber da der Adel ohne Zustimmung Montezuma’s nichts unternehmen wollte, so erfuhr auch Cortes von dem Plan, ließ Cacama mit Hilfe von tezcucanischen Edelleuten, die im Dienste Montezuma’s standen, gefangen nehmen und durch seinen Oberherrn für abgesetzt erklären. Auch die übrigen Verschworenen wurden auf Montezuma’s Befehl verhaftet. Dann leistete dieser in öffentlicher Versammlung der Caziken und Vornehmen den Huldigungseid dem Könige von Spanien, wobei er darauf hinwies, daß die Prophezeihung Quetzalcoatl’s nun in Erfüllung gegangen sei. Er schloß seine Ansprache an die Häuptlinge des Landes mit den Worten: „Gehorchet also von nun an dem großen König Karl als eurem natürlichen Oberherrn, und dem General, der ihn vertritt. Bezahlt ihm die Abgaben, die ihr mir entrichtet habt und dienet ihm, wie ihr mir gedient habt.“[371] Montezuma sprach unter Thränen und Seufzern, er fügte sich fatalistisch ergeben in sein Geschick. Cortes ließ die Akte der Unterwerfung von einem Notar aufsetzen und von beiden Parteien unterzeichnen.

Von eingebornen Beamten begleitet, zogen dann die Spanier weit und breit durchs Land, um Steuern zu erheben und den Tribut für den König von Spanien in Empfang zu nehmen. Sie drangen bis zu 100 Meilen Entfernung von der Hauptstadt ohne Schwierigkeit vor und kehrten mit Gold und Silber beladen zurück. Montezuma fügte dem aus seinem Privatschatze noch andere Kostbarkeiten hinzu. „Die Kleinodien,“ schrieb Cortes, „sind, abgesehen von ihrem Metallwerth, wegen ihrer Neuheit und eigenartigen Form unschätzbar. Kein Fürst der Welt kann dergleichen haben. Alles, was Montezuma auf der Erde gesehen, oder aus der Tiefe des Meeres gezogen, wurde auf seinen Befehl in Gold, Silber, Edelsteinen und bunten Federn aufs vollkommenste nachgebildet. Er hat auch nach meinen Zeichnungen Crucifixe, Medaillen, Kleinodien und Halsbänder nach europäischem Geschmack anfertigen lassen. Außerdem hat mir Montezuma eine große Menge baumwollner Stoffe von der größten Schönheit, sowohl wegen der Farbe als der Arbeit, ferner Tapeten für Kirchen und Wohnhäuser, baumwollne und aus Kaninchenwolle gefertigte Decken, sowie zwölf prächtig verzierte und gemalte Blasrohre geschenkt.“[372] Ungerechnet die feinern Kunstarbeiten, die nicht eingeschmolzen wurden, betrug von den übrigen Tributen und Geschenken der königliche Quint 32,400 ~pesos d’oro~.

Um eine genauere Vorstellung von der Größe des Landes und seiner Küsten zu bekommen, namentlich, um die Ankerplätze ausfindig zu machen, ließ sich Cortes vom Kaiser eine auf Nequenstoff gemalte Karte geben.[373] Durch die dadurch gewonnene Kenntniß wuchs der Einfluß der Spanier im Lande immer mehr, und es schien, als ob sich der Uebergang der Herrschaft allmählich und auf friedlichem Wege vollziehen sollte. Da trat aber ein Ereigniß ein, durch welches Cortes genöthigt wurde, die Hauptstadt zu verlassen und die bereits gewonnene Machtstellung gegen die eignen Landsleute zu vertheidigen.

21. Cortes siegt über Panfilo de Narvaez.

Der Statthalter von Cuba, Velasquez, hatte, nachdem sich Cortes mit seinem Heere von ihm losgesagt, die Hoffnung noch nicht aufgegeben, den abtrünnigen Befehlshaber zu bezwingen und das Goldland Mexiko für sich zu gewinnen. Seine in Spanien angebrachte Beschwerde hatte bei Fonseca Gehör gefunden, welcher in folge dessen die Abgesandten des Cortes nicht, wie sie erwartet hatten, empfing, sondern ihr Anliegen verschob. Velasquez rüstete inzwischen ein neues Heer in der Stärke von wenigstens 800 Mann, darunter 80 Musketiere und 120 Armbrustschützen, ferner 80 Reiter und 17 bis 18 Kanonen und übergab das Commando dem +Panfilo de Narvaez+, mit dem Befehl, Cortes abzusetzen und gefangen nach Cuba abzuführen. Sobald der Vicekönig von Haiti, Diego Colon, von diesen Rüstungen hörte, sandte er einen gewandten Mann, den Licentiaten Lucas Vasquez de Ayllon nach Cuba, um dem dortigen Statthalter zu bedeuten, daß er unter keinen Umständen gegen Cortes feindlich auftreten dürfe, um den Erfolg des so glänzend begonnenen Unternehmens nicht in Frage zu stellen. Als Velasquez auf diese Vorstellungen nicht eingehen wollte, hielt sich Ayllon für verpflichtet, die bereits segelfertige Flotte von 18 Schiffen nach Mexiko zu begleiten. Narvaez kam am 23. April 1520 an dieselbe Stelle der mexikanischen Küste, bei der heutigen Stadt Vera Cruz, wo auch Cortes gelandet war. Als auch hier Ayllon seinen Protest gegen ein feindliches Vorgehen wiederholte, ließ Narvaez ihn auf ein Schiff bringen und nach Haiti zurückschaffen, wo er dem Vicekönige über die Verhältnisse Bericht erstattete. Da dieser sich durch die seinem Gesandten angethane Beleidigung in seiner Autorität verletzt sah, führte er beim königlichen Gerichtshof in Spanien gegen Velasquez und Narvaez Beschwerde. Er nahm also für Cortes Partei, was für diesen in der Folgezeit von Wichtigkeit wurde und eine ihm selbst günstige Entscheidung herbeiführte.

Nachdem Narvaez mit seinem Heere gelandet war, forderte er den Befehlshaber von Villa Rica, Gonzalo de Sandoval, auf, sich ihm zu ergeben und den Platz zu überliefern. Dieser aber schickte die Gesandten, den Priester Guevara und fünf andere Spanier, gebunden auf dem Rücken indianischer Lastträger direct nach Mexiko, welches sie in vier Tagen erreichten, um ihren Auftrag persönlich an Cortes auszurichten. Dieser ließ die unfreiwilligen Gesandten vor der Stadt beritten machen, damit sie würdig einziehen könnten, und empfing sie sehr höflich. Nachdem er ihnen die Verhältnisse in der Hauptstadt auseinandergesetzt hatte, gewann er sie bald alle für sich und schöpfte auch aus den Mittheilungen der Gesandten die Hoffnung, das gegen ihn ausgeschickte Heer zu gewinnen. Man fürchte, sagte man ihm, nur den Feldherrn Narvaez; allein sein Einfluß sei nicht groß, da er sich durch seine Anmaßung und seinen Geiz viele entfremdet habe.

Cortes entsandte darauf den klugen Pater Olmedo mit einem versöhnlichen Briefe an Narvaez, in welchem er ihm Waffenbrüderschaft und Theilung der Macht anbot. Außerdem waren für die Officiere des gelandeten Heeres reichliche Goldgeschenke beigelegt. Die Erzählungen und Berichte Guevara’s und Olmedo’s gewannen die Soldaten bald für Cortes, aber Narvaez wollte von einem Vergleiche nichts wissen. Ohne die Antwort abzuwarten, deren Inhalt ihm nicht zweifelhaft sein konnte, beschloß Cortes, seinem Rivalen entgegenzurücken, ehe er Zeit gewinnen könne, ins Innere vorzudringen. Nachdem er den König Montezuma unter der Obhut des tapferen und zuverlässigen Pedro de Alvarado mit 140 Mann und allem Geschütz zurückgelassen hatte, brach er selbst mit nur 70 seiner tapfersten Leute und 2000 Indianern, welche gegen die Reiter des Narvaez mit langen Lanzen bewaffnet waren, im Mai 1520 von der Hauptstadt auf, traf in Cholula mit einer Abtheilung seines Heeres, welche, 120 Mann stark, unter Velasquez de Leon südlich von Vera Cruz einen Hafen hatte aufsuchen sollen, aber auf die Nachricht von der Landung des Narvaez zurückgerufen war, zusammen, begegnete in der Nähe von Tlascala seinem zurückkehrenden Gesandten Olmedo und verfügte nun, nachdem in der Nähe des Pico de Perote noch Sandoval von Villa rica mit 60 Mann zu ihm gestoßen war, über eine Streitmacht von etwa 260 Spaniern. Mit diesen rückte er dem Narvaez, welcher bei Cempoalla lagerte, kühn entgegen. In einer regnerischen, dunkeln Nacht, am Abend vor Pfingsten, überfiel er seinen Gegner, dessen Stellung er genau ausgekundschaftet hatte. Er benutzte die Nacht, damit seine Gegner nicht durch die geringe Zahl seiner Mannschaft zu stärkerem Widerstande gereizt würden. „Als wir eindrangen,“ erzählt Bernal Diaz, „war es stockfinster und es regnete stark, und erst später ging der Mond auf; aber auch die Finsterniß war uns von großem Nutzen, denn in der dunklen Nacht flogen eine Menge Leuchtkäfer umher, die von Narvaez’ Leuten für Lunten zum Losbrennen der Musketen gehalten wurden und ihnen daher einen ganz besonderen Begriff von der großen Zahl unserer Feuergewehre beibrachten.“[374] Cortes wußte genau das Quartier des feindlichen Heerführers und kam unbemerkt bis in den Hof des Hauses, wo erst die Gegner allarmirt wurden. Sandoval drang in das Thurmzimmer ein, wo Narvaez wohnte. Im nächtlichen Getümmel verlor dieser durch einen Lanzenstich ein Auge und wurde gefangen genommen. Der Kampf gegen seine Truppen dauerte nur kurze Zeit, ihr Widerstand hörte mit der Gefangennahme des Feldherrn auf. Nur zwei Spanier waren gefallen. Die Soldaten huldigten Cortes, welcher den verwundeten Gegner und seine entschiedensten Anhänger nach Villa rica bringen ließ. Erst am nächsten Morgen kamen die 2000 indianischen Hilfstruppen an, welche Cortes am Kampfe gegen seine Landsleute nicht hatte theilnehmen lassen, damit sie sich nicht eines Sieges über die Weißen rühmen könnten. Es war ein leicht errungener Erfolg gewesen. „Ich kann Euch versichern,“ hatte Cortes zu dem gefangenen Narvaez gesagt, „daß dieser Sieg eine der geringsten Waffenthaten ist, die wir in Neu-Spanien verrichtet.“ Aber der Sieg war trotzdem von höchster Bedeutung, weil ohne ihn die begonnene Unterwerfung des aztekischen Reichs unmöglich gewesen wäre.

Kurze Zeit darauf erhielt Cortes eine Nachricht, welche ihn veranlaßte, so rasch als möglich nach Mexiko zu eilen. Alvarado hatte bei einem großen Opferfeste in der Stadt, welches angeblich von den Mexikanern hatte benutzt werden sollen, um ihren König wieder zu befreien, allzurasch zu Gewaltmaßregeln sich hinreißen lassen, auf die versammelte Menge einzuhauen befohlen und ein Blutbad angerichtet, wobei viele vom aztekischen Adel niedergestoßen waren. In folge dessen erhob sich die ganze Stadt und griff die spanische Besatzung in ihrem Palaste so energisch an, daß Alvarado Boten entsenden und den Oberfeldherrn um schleunige Hilfe bitten mußte. Die Kranken und Verwundeten in Cempoalla zurücklassend, eilte Cortes mit seiner ganzen Macht auf das Tafelland zurück. In Tlascala hielt er kurze Rast und musterte sein Heer. Er verfügte wieder über eine Streitmacht von 1300 Mann, darunter 90 Reiter, 80 Armbrustschützen und ebensoviel Musketiere. Je näher er der Hauptstadt kam, um so kühler wurde der Empfang von seiten der Bewohner. Alvarado war seit vierzehn Tagen in seiner Festung belagert. Als Cortes am Johannistage 1520 wieder in die Hauptstadt einrückte, empfing ihn nicht mehr eine neugierige Volksmenge, wie das erste Mal. Alle Bewohner hielten sich scheu zurück. Die Stadt schien wie verödet.

22. Der Kampf um Mexiko.

Bald nachdem Cortes sich mit Alvarado vereinigt hatte, erfolgte ein wüthender Angriff auf die Festung, der bis zur Nacht andauerte, aber durch die Kanonen abgeschlagen wurde. Die Brustwehren und Hauswände waren mit Pfeilen dermaßen bedeckt, daß man kaum gehen konnte. Die Menge der Schleudersteine verdeckte fast den ganzen Boden der Palasthöfe. Am nächsten Morgen machten die Spanier einen Ausfall und begannen einen erbitterten Kampf gegen die dichten Massen der Indianer. Sie feuerten Schuß auf Schuß gegen sie, sie rückten dicht an sie heran und stießen in jedem Anlauf 30 bis 40 Indianer nieder; umsonst, die Feinde behaupteten ihre Stelle und ihre Kraft schien eher zu wachsen als abzunehmen. Von den Dächern der Häuser warf man große Steine auf die Weißen. Cortes ließ zwar, um seine Gegner zu vertreiben, die nächsten Häuser anzünden; allein da dieselben durch Wassergräben von einander getrennt waren, so verbreitete sich das Feuer nicht weiter.

Da ein fortgesetzter Kampf aus dem Innern der Stadt für die Spanier völlig nutzlos war, so forderte Cortes den König auf, sich seinem Volk zu zeigen und demselben zu erklären, daß die Fremden bereit seien, die Stadt zu verlassen, wenn man ihnen unbelästigten Abzug gestatte. Nach einigem Zögern erschien Montezuma in vollem königlichen Schmucke auf der Plattform des Thurmes. So wie das Volk seiner ansichtig wurde, trat eine ehrfurchtsvolle Stille ein. Er erklärte laut: er sei kein Gefangener und die Spanier wollten abziehen. Aber das erzürnte Volk nahm die Worte des Herrschers für ein Zeichen von Feigheit und rief ihm zu, sie hätten seinen Vetter, den Fürsten von Iztapalapan, auf den Thron gehoben und geschworen, die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis alle Spanier getödtet seien. Ein Hagel von Steinen und Geschossen begleitete diese Worte. Ehe die neben dem Könige stehenden Spanier ihn mit ihren Schilden decken konnten, erhielt er mehrere Wunden und wurde durch einen Steinwurf an den Kopf besinnungslos niedergeworfen.[375] Diese Demüthigung durch sein eignes Volk empfand Montezuma so tief, daß er, als er aus seiner Betäubung erwacht war, alle ärztliche Hilfeleistung von sich wies, den Verband abriß und am dritten Tage starb, am 30. Juni 1520. Mit seinem Tode hörte auch der letzte Rest von Rücksicht auf, welche die Azteken um ihres Königs willen noch an den Tag gelegt. Ihr Ziel war auf die vollständige Vernichtung ihrer gefährlichen Feinde gerichtet, und zu dem Zwecke hatte man auch die Dammbrücken beseitigt, um den Spaniern den Rückzug abzuschneiden. Dazu gingen die Lebensmittel aus. Cortes mußte den Abmarsch vorbereiten und ließ zu dem Vorhaben eine tragbare Brücke zimmern, um damit die Dammbrücken, eine nach der andern, überschreiten zu können. Bei dunkler Nacht, am 1. Juli 1520, brach Cortes mit seinem Heere auf und schlug den Weg über den westlichen Damm ein. Die Töchter des Montezuma und den Fürsten Cacama nahm er als Gefangene mit. Da die Goldschätze wegen ihres bedeutenden Gewichtes nicht auf einmal zu transportiren waren, so ließ er nur den königlichen Antheil aufpacken; von dem übrigen Vorrathe konnte sich jeder Soldat nehmen. Doch warnte der Feldherr, sich nicht zu sehr zu beladen. Mancher wurde durch seine Habgier ins Verderben gezogen, wenn er in dem Gedränge des nächtlichen Kampfes durch seine Goldlast in der Führung seiner Waffen gehemmt wurde. Ebenso kamen alle Tlascalaner ums Leben, denen der Kronschatz anvertraut war.

Die erste Dammlücke wurde mittelst der tragbaren Brücke glücklich überschritten, obwohl die Azteken zu Lande lebhaft nachdrängten und von zahlreichen Kähnen aus die Abziehenden mit Wurfgeschossen überschütteten. Schon bei der zweiten Lücke wurde die Lage der Spanier höchst bedenklich. Da es regnete, waren die Brückenbalken glatt geworden; zwei Pferde glitten aus, wurden scheu, überschlugen sich in den See und auch die Brücke schlug um. Nun entstand ein verzweifeltes Gedränge, die vorderen Reihen wurden ins Wasser gestoßen, wo sich Kampf und Gemetzel fortsetzte. Wer sich durch Schwimmen zu retten suchte, wurde von den Kähnen eingeholt und gefangen fortgeschleppt. Die Dammlücke füllte sich mit todten Rossen und Menschenleibern, mit Kanonen und Karren und darüber ging der Strom der dichten, wogenden, kämpfenden Menschenmenge. Jeder war nur noch auf die Rettung des eignen Lebens bedacht, es galt kein Commando, es gab keinen Zusammenhalt mehr. Alles drängte nach dem festen Lande hinüber. Von den 1300 Soldaten, welche mit Cortes in die Stadt gezogen waren, kamen nicht mehr als 440 mit dem Leben davon, und auch sie waren alle verwundet. Ueber 860 Mann wurden getödtet oder fielen den Azteken in die Hände, welche sie ihren Göttern opferten.[376] Verloren gingen ferner alle Kanonen, aller Schießbedarf, alle Büchsen und 46 Pferde, so daß die Reiterei nur noch aus 23 Mann bestand. Dieser Rückzug ist unter dem Namen der traurigen Nacht (~la noche triste~) bekannt. In Popotla zeigt man noch den Cederbaum, um welchen Cortes mit dem Reste seiner Truppen in jener Nacht lagerte.[377] Am nächsten Morgen zog der Feldherr der Spanier nordwärts und um den See herum gegen Osten, unter steter Verfolgung des Feindes die Schwerverwundeten in der Mitte führend und mit seiner Reiterschar die Flanken deckend. Am 7. Juli gelangte er zu den noch vorhandenen, vielleicht ältesten Baudenkmälern des Landes, den beiden Pyramiden von Teotihuacan (d. h. „Wohnung der Götter“), von denen die größere an der Basis 208 Meter lang ist und eine senkrechte Höhe von 55 Metern hat. Beide waren genau nach den Himmelsgegenden orientirt. Oestlich davon in der Ebene von Otumba suchte ihnen ein mexikanisches Heer den Rückzug zu verlegen. Die große Uebermacht -- ihre Zahl wird auf 200,000 angegeben -- schloß die kleine spanische Schar völlig ein. Sie stand da wie eine Insel in stürmisch brandender See[378], aber Cortes wußte seine Leute durch ermunternden Zuspruch zu beleben: „Heute ist noch nicht der Tag, an dem wir besiegt werden sollen.“ Trotzdem erkannte er den ganzen Umfang der Gefahr. Er schrieb später an den König: „Wir fochten, so zu sagen, unter einander gemischt, und wir hielten dies für unser letztes Gefecht in unserem Leben: so schwach waren wir, so mächtig und stark waren hingegen die Feinde.“[379] Cortes wurde durch zwei Steinwürfe empfindlich am Kopfe verwundet und mußte sich verbinden lassen. Da rettete der Ritter Juan Salamanca seine Genossen durch eine kühne That. Er sah mitten im Getümmel den feindlichen Anführer, der das Feldzeichen trug, drang mit wenig Reitern auf ihn ein, indem er alles vor sich niederritt, tödtete den Gegner und nahm die Standarte.[380] Der Fall des Führers gab das Signal zur Flucht. Nachdem die erschöpften Truppen drei Tage in der Stadt Huejotlipan gerastet, zogen sie nach Tlascala, wo sie freundlich empfangen wurden und in Ruhe die Heilung ihrer Wunden abwarten konnten. Cortes selbst bedurfte vor allem der Pflege. Seine Kopfwunden hatten sich verschlimmert, er hatte außerdem zwei Finger der linken Hand eingebüßt und war durch die gewaltige Aufregung und Ueberanstrengung nicht unbedenklich erkrankt. Kein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen auch den Soldaten der Muth sank, und daß ein großer Theil nach der Küste zurückzukehren wünschte. Dazu wurde ihre Lage höchst unsicher, weil eine Gesandtschaft der Mexikaner die Tlascalaner zum Bündniß gegen die Spanier aufforderte und der Häuptling Xicotencatl nicht abgeneigt schien, sich auf die Seite der Azteken zu stellen. Glücklicherweise hielt sein eigner Vater fest an dem Bunde mit Cortes.

Nachdem sich das Heer genügend erholt hatte, und Cortes wieder genesen war, kehrte auch der alte Unternehmungsgeist der Truppen wieder zurück. In glücklichen Kämpfen unterwarfen sie mit Hilfe der Tlascalaner das Land zwischen dem Popocatépetl und dem Citlaltépetl. Neue Scharen, welche Velasquez gesendet, in dem Glauben, Narvaez sei Herr des Landes, traten sofort zu Cortes über. Dann schrieb dieser von der Stadt Tepeaca aus, welche er Segura de la frontera nannte, seinen berühmten Brief, vom 30. October 1520 datirt, an den König von Spanien, in welchem er über die bisherigen Vorgänge genau Bericht erstattete, und schloß mit den Worten: „Wegen aller Aehnlichkeiten, welche ich zwischen diesen Ländern (Mexiko und Spanien) gefunden, in Bezug auf Fruchtbarkeit, Größe, Klima u. a. habe ich für passend gehalten, ihnen den Namen „+Neuspanien des Oceans+“ (~la nueva España del Mar Oceano~) zu geben und wage, Ew. Maj. zu ersuchen, diese Benennung zu bestätigen.[381] Aus diesem Berichte ersah man zuerst in Spanien, daß Cortes im Begriff stand, ein mächtiges Reich, das eine Fülle der geschätztesten Produkte besaß, der spanischen Krone zu unterwerfen, und Peter Martyr beeilte sich seinen Gönnern und Freunden die Pracht der Hauptstadt „Tenustitan ~alias~ Mexiko“ und die Reichthümer des Landes zu schildern.[382]

Cortes hatte beschlossen, die feindliche Hauptstadt von neuem anzugreifen. Aber um von dem See aus nicht wieder durch die Kriegsböte der Azteken belästigt zu werden, wollte er sich vor allem zum Herrn der die Stadt umgebenden Gewässer machen, um derselben die Verbindung mit dem Lande abzuschneiden. Zu dem Zwecke ließ er eine Anzahl von Brigantinen bauen, wozu er das Takelwerk und Eisen von Vera Cruz heraufschaffen ließ. Die Schiffstheile wurden in Tlascala angefertigt und von da an den See geschafft, wo sie zusammengesetzt wurden. Als er in der Mitte des December von Tepeaca aufbrach, bestand sein Heer aus 550 Mann zu Fuß, 40 Reitern und 8 oder 9 Kanonen. Das Heer der mit ihm verbündeten Indianer, welche mit der Eroberung der aztekischen Hauptstadt ihre Unabhängigkeit von dem drückenden Joche zu gewinnen hofften, zählte über 100,000 Mann.

Auf einem schwierigen Gebirgspasse nördlich vom Iztaccihuatl zog er nach Tezcuco, dessen Bewohner sich theils zu Boot über den See, theils zu Fuß über das Gebirge geflüchtet hatten.

In Mexiko war der Bruder und Nachfolger Montezuma’s nach viermonatiger Regierung gestorben und an seine Stelle der Neffe der beiden letzten Regenten, der 25jährige Quauhtemotzin[383] oder Guatemotzin gewählt worden. Dieser ließ die Stadt gegen den beabsichtigten Angriff der Spanier von allen Seiten befestigen. Nachdem Cortes sich in Tezcuco festgesetzt hatte, ließ er einen Graben, welcher zu dem eine halbe Legua entfernten See führte, so weit vertiefen, daß seine 13 neuerbauten Schiffe in den See einlaufen konnten. Dann unternahm er einen Recognoscirungszug rings um den See, um die Zugänge zur Hauptstadt kennen zu lernen, unterwarf die Städte, welche am Seeufer lagen und griff, nachdem er von Haiti noch eine erbetene Verstärkung an Truppen, 200 Mann zu Fuß und 70 bis 80 Pferde, erhalten hatte, die Stadt Xochimilco (d. h. Blumenfeld, nach den schwimmenden Gärten so genannt) an, welche theilweise im See lag. Bei der Erstürmung wäre Cortes fast in Gefangenschaft gerathen. Im Getümmel des Kampfes that sein Roß einen Fehltritt und stürzte nieder. Augenblicklich war er von Feinden umringt, gegen die er sich mit seiner Lanze vertheidigte. Er wäre fortgeschleppt worden, wenn nicht ein treuer Diener und ein Tlascalaner ihn aus der drohenden Gefahr befreit hätten. Kurz darauf hatte er einen Angriff Guatemotzins abzuschlagen, der mit 2000 Kähnen und 12,000 Mann der Stadt zu Hilfe eilte.

Die Anhänger des Velasquez, deren es noch manche in dem spanischen Heere gab, und denen die gewaltigen Anstrengungen, welche Cortes ihnen auferlegte, nur eine nutzlose Vergeudung von Menschenleben schienen, ohne Aussicht, endlich in den Besitz der gehofften Schätze zu gelangen, stifteten wieder eine Verschwörung an und beabsichtigten, den Feldherrn sammt seinen treusten Officieren zu ermorden und dann nach der Heimat zurückzukehren. Aber auch von diesem Verrath erhielt Cortes rechtzeitig Kunde, ließ den Anstifter hinrichten und zerriß die Liste aller Verschworenen, die er bereits in Händen hatte. Doch umgab er sich von da an mit einer zuverlässigen Leibwache.

Endlich war nach einer Arbeit von 50 Tagen der 12 Fuß tiefe Graben durch 8000 Arbeiter am 28. April 1521 vollendet und die Schiffe liefen vor den Augen des versammelten Heeres in den See. Nun erst konnte man den unaufhörlichen Belästigungen durch die feindlichen Böte, welche jeden Vormarsch auf die Seedämme erschwerten, ein Ende machen. Jedes Schiff erhielt eine Kanone und 25 Mann Besatzung. Dann wurde das Heer, welches wieder auf mehr als 800 Mann angewachsen war, in drei Haufen getheilt und diese unter den Befehl von Alvarado, Olid und Sandoval gestellt. Durch einen glänzenden Sieg über die feindliche Flotille machte sich Cortes zum Meister des Sees. Anfänglich war es seine Absicht gewesen, die aztekischen Böte, die in einer Anzahl von 500 gegen ihn auf Kundschaft ausgeschickt waren, unbehelligt herankommen zu lassen, um sie dann mit Kanonenschüssen zu empfangen und so bei dem ersten Zusammentreffen eine für den ganzen Krieg wichtige Entscheidung durch die Ueberlegenheit der europäischen Schifffahrtskunst herbeizuführen. Da erhob sich aber plötzlich ein günstiger Wind vom Lande her. Sofort ließ Cortes die Brigantinen mit vollen Segeln gegen die Böte steuern und gab Befehl, die feindlichen Fahrzeuge bis an die Stadt zu verfolgen. Zahllose Kähne wurden übersegelt und die Mannschaft in den See gestürzt und getödtet. Drei Meilen weit wurde die Verfolgung fortgesetzt und ein Sieg errungen, herrlicher als man gehofft hatte.[384] Dann wurde den Mexikanern das Trinkwasser der Röhrenleitung abgeschnitten und die südlichen Dämme besetzt, welche von den Vertheidigern der Stadt verschanzt waren, aber, sobald die Brigantinen vorgingen, verlassen worden waren. Die drei Heerführer der Truppentheile erhielten zu ihrer Unterstützung mehrere Brigantinen, Alvarado und Olid besetzten die südlichen Dammstraßen, Sandoval die nördlichen. So war die ganze Stadt cernirt. Die Dammlücken wurden unter heftigen Kämpfen zugeschüttet, aber näher der Stadt warfen die Belagerten immer neue Gräben aus und erwiesen sich trotz der Einschließung unerschüttert und todesmuthig. Ueberall zu Lande und zu Wasser ertönte ihr wildes Kriegsgeschrei, als ob das Weltall einstürzen sollte.[385] Endlich gelang es den Spaniern, bis an die Stadt vorzudringen. Die in den Straßen aufgeworfenen Bollwerke wurden von den Kanonen zusammengeschossen und über dieselben hinweg gelangten die Sieger bis zu dem großen Tempel, dessen erneuertes Götzenbild sie zertrümmerten. In einem wüthenden Angriff der Indianer wurde das spanische Fußvolk zurückgetrieben, aber durch einen kühnen Reiterangriff aus der Bedrängniß gerettet. Die Stadt schon jetzt zu behaupten war unmöglich, weil man bei Tag und Nacht von allen Seiten bedroht war. Aber unter dem Eindruck der spanischen Erfolge lockerte sich der Lehnsverband im aztekischen Reiche immer mehr; der Fürst von Tezcuco, der lange zweifelhaft gestanden, ging mit 50,000 Mann zu den Eroberern über; andere Städte folgten seinem Beispiel und begaben sich in die spanische Botmäßigkeit. Täglich wurden die Angriffe auf die Stadt wiederholt und einzelne Gebäude niedergebrannt, Hungersnoth stellte sich ein, aber die Mexikaner wiesen alle Friedensbedingungen zurück. „Wir waren,“ berichtet Cortes, „mehrere Tage nacheinander in der Stadt gewesen, viermal schon hatte sich das Gemetzel wiederholt. Ein Theil der Stadt war abgebrannt, die meisten Terrassen waren zerstört, die natürlichen und künstlichen Hindernisse wurden überwunden; immer siegreich hatten wir den Feind mit Kanonen und Musketen niedergeschmettert. Ich erwartete daher täglich, sie würden um Frieden bitten und mein Herz wünschte sehnlich, daß sie den nothwendigen Schritt thun würden. Erbittert über den zähen Widerstand glaubte ich sie zum äußersten zwingen zu müssen.“[386] So wurde, nachdem der Kampf bereits drei Wochen gedauert hatte, ein allgemeiner Angriff befohlen und zwar von Süden und Westen her. Beim Vorrücken war der Hauptmann Alderete zu eilig gewesen und drang, ohne eine Dammlücke gehörig ausfüllen zu lassen, unvorsichtig bis auf den großen Marktplatz vor. Von dort wurde er durch die Azteken zurückgetrieben und mit seiner Schar ins Wasser gedrängt. Cortes wollte ihnen mit einer Handvoll Soldaten zu Hilfe kommen, wurde im Gewühl am Bein verwundet und niedergeworfen. Schon legten mehrere Mexikaner Hand an ihn und hätten ihn unfehlbar gefangen genommen, wenn ihm Antonio de Quiñones nicht beigesprungen und ein anderer junger Spanier sich für ihn geopfert hätte. Trotzdem wollte Cortes noch nicht zurückweichen und mußte von mehreren Officieren mit Gewalt aus dem Getümmel fortgetragen werden. In diesem unglücklichen Gefechte kamen gegen 40 Spanier um und 62 wurden nebst vielen Verbündeten lebendig fortgeschleppt, um den Göttern geopfert zu werden. Am Abend hörte man die große Trommel in dem Tempel des Kriegsgottes, und ein langer Zug von Kriegern bewegte sich die hohe Treppenflucht hinauf zum Tempel. Da die Entfernung nicht sehr groß war und man die Plattform des Tempels ganz deutlich sehen konnte, so mußten die Spanier mit Entsetzen gewahren, wie die Mexikaner ihren unglücklichen Kameraden die Köpfe mit Federn schmückten und sie zwangen, vor dem Götzenbilde zu tanzen, und wie sie dieselben dann auf dem Opfersteine niederstreckten, ihnen mit Feuersteinmessern die Brust aufschlitzten, die zuckenden Herzen herausrissen und sie ihren Götzen darbrachten. Cortes spricht mit Entsetzen von dem Anblick dieser Gräuel, der das Herz seiner Soldaten erstarren machte.

Nach einer Ruhe von 8 Tagen wurde der Angriff erneuert und wurde beschlossen, weil kein anderes Mittel von Erfolg war, die Stadt, so weit man sie besetzt hatte, Haus für Haus niederzureißen; denn jedes diente den Vertheidigern als Festung. So dauerte nun Kampf und Zerstörung tagelang fort, auch Guatemotzins Palast ging in Flammen auf, die Hungersnoth wuchs, die Einwohner verzehrten Wurzeln, Kraut und selbst Holz; aber an Unterwerfung dachten die Azteken nicht. Sie wollten unter den Trümmern ihrer Hauptstadt begraben sein und den Fall des Reiches nicht überleben.

Die Belagerung währte vom 30. Mai bis zum 13. August, 75 Tage lang, und erreichte erst ihr Ende, als Guatemotzin bei seinem Versuch, in einem Boote über den See zu flüchten, von den Brigantinen eingeholt und gefangen genommen wurde. Die auswärtigen Krieger ließ Cortes auf Bitten des gefangenen Königs aus der Stadt abziehen. Drei Tage und Nächte waren die Dammstraßen mit großen Zügen von Männern, Weibern und Kindern bedeckt, die sich vor Entkräftung nur noch mühsam fortschleppten. Der Zustand der Stadt, welche nun allen Widerstand aufgab, war entsetzlich. Alle Häuser in dem Stadttheile, den Guatemotzin bis zuletzt behauptet hatte, waren mit Todten angefüllt, und was noch am Leben war, hatte kaum noch Kraft sich zu erheben. Der Verlust an Menschenleben wird auf 120,000 bis 240,000 angegeben. Dem Fall Mexiko’s folgte rasch die Unterwerfung aller Nachbarstaaten. Die Menge des erbeuteten Goldes belief sich auf 130,000 Goldcastellanos. Die goldenen Schilde und die kostbaren Federschmuckarbeiten als einzig in ihrer Art wurden mit allgemeiner Zustimmung an den König nach Spanien gesendet. Dann schritt Cortes zum Wiederaufbau der Stadt und zeigte darin sein organisatorisches Geschick. Viele Gräben wurden zugeschüttet, die Straßen breiter angelegt, aber die Hauptstraße der alten Stadt in ihrer Anlage erhalten. An Stelle des Tempels des Kriegsgottes erhob sich eine Kirche des heiligen Franciscus, welche seit 1573 durch eine prachtvolle Kirche, die Kathedrale der heiligen Maria de la Asuncion, ersetzt wurde. Eine starke Festung auf dem heutigen Matadoroplatze hatte auch den Zweck, die Brigantinen zu decken, welche im Falle eines Aufstandes wichtig waren für die Beherrschung des Sees. In wenigen Jahren waren bereits 2000 spanische Familien ansässig, denn der Zuzug von den Antillen und vom Mutterlande her wurde nach der Eroberung von Mexiko immer lebhafter. Im Jahre 1524 konnte Cortes die Größe der Einwohnerschaft schon zu 30,000 Seelen angeben. Die Zerstörung der alten Kultur, mit welcher zugleich das Gewerbe der Eingebornen zu Grunde ging, ist zwar zu beklagen, da mit dem Fall des Adels und der Priesterschaft alle höheren Bildungselemente verloren gingen; allein die Beseitigung der gräßlichen Menschenopfer und des Canibalismus ist höher anzuschlagen. Leider riß mit der Vernichtung der bisherigen staatlichen und socialen Ordnung eine beklagenswerthe Demoralisation des Volkes ein. Land und Leute wurden den Conquistadoren zugetheilt und die Eingeborenen geriethen in drückende Knechtschaft.[387] Doch nahm sich die spanische Geistlichkeit ihrer nach Kräften an und daher schlossen sich die Indianer leicht an die Priester an und ließen sich taufen.

23. Cortes als Statthalter von Neuspanien.

Unter den einheimischen Fürsten, welche sich dem siegreichen Spanier unterwarfen, befand sich auch der Beherrscher von Michoacan. Durch seine Abgesandten erhielt man zuerst zuverlässige Nachrichten über die Nähe der Südsee. Cortes sandte vier Spanier dahin, mit der bestimmten Weisung, nicht eher zurückzukehren, als bis sie für den König von Spanien von diesem Meere Besitz genommen. Zwei der Abgesandten führten den Befehl vollständig aus. Sandoval und Alvarado drangen mit Heeresabtheilungen in die südlichen Länder, namentlich nach dem reichen Thal von Oaxaca, welches später zur Hälfte dem Eroberer Mexiko’s als Privateigenthum zufiel und wovon er den Titel Marques de Valle erhielt. Dann wurden die Landschaften Colima im Westen und Tabasco im Südosten dem spanischen Gebiet einverleibt, selbst der Fürst von Guatemala zeigte seine Unterwerfung an. Cortes bezwang nach hartnäckigem Widerstand das Gebiet von Panuco und erweiterte damit den Küstenbesitz am Golf von Mexiko. Das westliche Weltmeer aber hatte für ihn eine besondere Anziehung, weil er hier, der Anschauung der Zeit huldigend, mit Gold und Spezereien gesegnete Inseln zu finden hoffte. Sowie die Landschaft Michoacan ihn als Oberherrn anerkannt hatte, befahl er in dem Hafen von Zacatula vier Schiffe zu bauen, um die Südsee zu erforschen. Leider brach noch während des Baues auf der Werfte Feuer aus und zerstörte die Fahrzeuge, sodaß der Plan einer Entdeckungsreise noch verschoben werden mußte.

Noch hatte Cortes von der spanischen Regierung kein Schreiben, keine Anerkennung seiner Verdienste erhalten. Fonseca war vielmehr immer noch der Ansicht, man müsse den Usurpator und Empörer absetzen. Ja, er unterzeichnete sogar am 11. April 1521 einen Verhaftsbefehl gegen Cortes und übertrug die Ausführung desselben dem Cristoval de Tapia. Als dieser in Vera Cruz ans Land stieg, ließ man nicht zu, daß er ins Innere zur Hauptstadt reise; er verstand sich dann auch dazu, seine Ausrüstung und Waffen gegen Bezahlung zurückzulassen und ging nach Cuba.

Erst im Jahre 1522, als Karl V. nach Spanien kam, und die Abgesandten des Cortes nebst den ausführlichen Berichten des glücklichen Eroberers auch die Kostbarkeiten und kunstreichen mexikanischen Arbeiten ihrem Könige vorlegen konnten, übertrug derselbe die Entscheidung der wichtigen Streitfrage einem besonderem Rathe, und dieser erklärte sich für Cortes. So wurde derselbe durch königliches Dekret vom 15. October 1522 als Statthalter und Oberbefehlshaber von Neuspanien bestätigt.

Von dem Augenblicke an fühlte sich Cortes erst sicher in dem errungenen Besitz und entwarf weitschauenden Blickes eine Reihe kühner Pläne zur festen Begründung der spanischen Macht in Mexiko und den Nachbargebieten und zur Erweiterung der Kenntniß von unbekannten Regionen, mit denen und durch welche eine Verbindung und ein Verkehr ihm für die Erweiterung seiner politischen Machtstellung in Neuspanien von großer Bedeutung schien. Aus den kleineren Streifzügen wurden unter diesen Gesichtspunkten bedeutende Entdeckungsfahrten und kühne Eroberungszüge, theils um die Ausdehnung der Südsee kennen zu lernen, theils um eine Verbindung des östlichen und westlichen Oceans, also eine +mittelamerikanische Meerenge+ ausfindig zu machen, theils um die Grenzen seiner Herrschaft nach Südosten bis zur Statthalterschaft des Pedrarias auszudehnen.

Die Idee einer Meerenge hat Cortes beschäftigt, seitdem ihm Montezuma eine Küstenkarte seines Reiches übergab. Alle Land- und Wasserexpeditionen, welche er in den ersten Jahren nach Bezwingung der Hauptstadt aussandte, hatten den Auftrag danach zu forschen. Von beiden Oceanen, von den gegenüberliegenden Küsten wurde zu gleicher Zeit nach dieser Meerenge gesucht.[388] Anfänglich glaubte er, sie in der Nähe des Goatzacoalcoflusses zu treffen, weil auf der mexikanischen Karte in dieser Gegend eine große Hafenbucht zwischen Gebirgen angegeben war. Der genannte Fluß ist an der Mündung ein Kilometer breit, weitet sich oft seenartig aus und hat selbst noch oberhalb der neuen Stadt Amatitlan einen Durchmesser, wie der Rhein bei Cöln.[389]

Als sich hier am Isthmus von Tehuantepec die gewünschte Durchfahrt nicht fand, richtete er seinen Blick auf die zweite Verengung des centroamerikanischen Landes, auf den Golf von Honduras, und sandte +Cristoval d’Olid+ (Dolid) dahin, um das Gebiet zu besetzen, weil, wie er an den König von Spanien schrieb, nach der Ansicht vieler Piloten dort eine Wasserstraße zum andern Meere führe, und es sein sehnlichster Wunsch sei, dieselbe zu entdecken, da eine solche Wasserverbindung für die Entwicklung der spanischen Macht von großer Bedeutung sei.[390] Mit der Expedition d’Olid’s sandte er zugleich seinen Vetter Hurtado de Mendoza mit drei kleinen Schiffen aus, welche, während Olid am Golf von Honduras eine Colonie gründete, die Küsten des caribischen Meeres bis nach Darien hin auf das Vorhandensein eines natürlichen Canals untersuchen sollten.

Später suchte Cortes die Straße weiter nordwärts. Nachdem Magalhães durch das Südmeer den Weg bis zu den Molukken gebahnt hatte, wuchs die Bedeutung einer solchen Straße in hohem Maße. Wie leicht konnte, wenn eine solche Meerenge in Mittelamerika vorhanden war, der Weg von Spanien nach den Gewürzinseln zurückgelegt werden. Es war nicht mehr ein auf haltlose Hypothesen gebautes nautisches Problem, wie zur Zeit des Columbus, welches den Eroberer Mexiko’s zu diesen Unternehmungen trieb, sondern ein weiter, staatsmännischer Blick; denn wenn sein neuspanisches Reich an die Hauptfahrbahn des Weltmeers gerückt wurde, mußte seinem Pflanzlande an einer solchen Weltstraße zwischen Europa und dem gewürzreichen Indien eine glänzende Entwicklung zu theil werden.

All sein Sinnen und Trachten ging nur darauf aus, diese höchstwichtige Straße zu finden.[391] Er suchte sie entweder zwischen Mexiko und Florida, oder zwischen Florida und Neufundland. Die Fahrt durch diese Straße würde den Weg zu den Gewürzländern bedeutend abkürzen und ganz sicher sein, weil er stets durch spanisches Gebiet führe.

An Stelle der beiden ersten auf der Werft von Zacatula verbrannten Caravelen wurden neue Schiffe gebaut und in den Jahren 1523 und 1524 von beiden Gestaden Mexiko’s aus die Untersuchungen nach einer Passage fortgesetzt, aber umsonst. Und der Plan, die Schiffe an der Westseite bis zur Magalhãesstraße auszusenden, unterblieb, seitdem er selbst sich durch seinen (im nächsten Capitel zu schildernden) Feldzug von Honduras überzeugt hatte, daß bis dorthin keine Verbindung zwischen den beiden Meeren vorhanden sei. Dazu waren die weiter südlich gelegenen Striche in der Statthalterschaft von Darien bereits genauer bekannt, und kurz darauf nahmen die von Pizarro begonnenen Unternehmungen gegen Peru ihm nach dieser Seite die Arbeit ab. Um so lebhafter wurden die Forschungen in den nordwestlichen Gewässern, aber erst zehn Jahre später aufgenommen. Ehe er dazu vorschreiten konnte, mußte das weite Gebiet Neuspaniens am großen Ocean erst völlig unter die Verwaltung der neuen Herren gebracht und die Communication nach den Küstenplätzen geregelt sein.

Zunächst war Cortes noch mit der Organisation des eigentlichen, engeren Gebiets von Mexiko beschäftigt. Ueber die Zahl der Städte, Dörfer und Bewohner wurden statistische Erhebungen veranstaltet. Der Landbau wurde durch Einfuhr von neuen Kulturgewächsen: Wein, Oliven, Orangen, Mandeln, Pfirsichen und Zuckerrohr bereichert, und für die Auffindung von Kupfer, welches zur Herstellung von Waffen von großer Wichtigkeit war, wurden Prämien ausgesetzt. So wurden im Lande selbst kupferne Feldschlangen gegossen, und da sich Salpeter und Schwefel in reichlicher Menge vorfand, auch das für den Kriegsbedarf erforderliche Pulver fabricirt.

Dann wurden nacheinander zwei größere Expeditionen gegen Südosten ausgeschickt. Die eine unter Alvarado wendete sich zu Lande nach der Küste der Südsee und drang durch den heutigen Staat Guatemala bis in das Gebiet von S. Salvador vor, die andere unter +Olid+ nahm den Weg zur See nach Honduras.

+Alvarado+ brach zuerst auf, angeregt durch das Gerücht von einem Kulturvolke, welches in den Landstrichen südlich von Tabasco wohnen sollte. Da der Fürst von Tehuantepec sich bereits den neuen Herrn von Mexiko unterworfen hatte, und dem Alvarado bei seinem Erscheinen auch Soconusco huldigte, so waren damit die Thore des Hochlandes von Guatemala, wo jenes gesuchte Kulturvolk seinen Sitz hatte, geöffnet. Ansteckende Krankheiten hatten dort kurz vorher die Hälfte der Bewohner hinweggerafft und ihre Widerstandsfähigkeit gebrochen; daher wurden die Abgesandten Alvarado’s freundlich aufgenommen und reich beschenkt entlassen. Diese Geschenke reizten aber den spanischen Heerführer nur noch mehr, das Land zu unterwerfen. Den Grundstock der Bevölkerung bildeten Mayastämme: die Quiché, die Kakchiquel, zur Zeit der Eroberung der mächtigste Stamm, und die Zutugil. Seit 1500 war Guatemala dem Aztekenreiche einverleibt gewesen; aber mit dem Fall von Mexiko hatte sich der Verband gelockert. Aztekische Ortsnamen reichten durch Guatemala bis nach Honduras; doch verdankte das alte Quichéreich den Tolteken seine Kultur. Unter der Anregung und Leitung dieser altamerikanischen Baumeister waren auch hier prächtige Steinbauten, Terrassentempel und mit reichen, buntbemalten Stuckaturen versehene Paläste entstanden, deren dicht überwachsene Ruinen nur theilweise erst wieder ans Licht gezogen und bekannt geworden sind.[392] Ihre Waffen bestanden in Schwertern mit Steinschneiden, Bogen, Pfeilen, zum Theil vergiftet, Lanzen und Schleudern; die Krieger trugen dicke, bis auf die Füße reichende und daher schwerfällige Baumwollpanzer. Der religiöse Cultus war ähnlich, wie in Mexiko.

Am Ende des Jahres 1523 hatte Alvarado ein Heer von 120 Reitern und 300 Mann spanischen Fußvolks, sowie 20,000 einheimische Krieger um sich versammelt und brach damit im Februar 1524 von der Südküste her, von Soconusco, in Guatemala ein. Unter großen Schwierigkeiten stieg er durch die Bergschluchten ins Hochland hinauf, wo sich ihm ein Heer von 60,000 Mann entgegenstellte. Aber diese Scharen wurden in mehreren Gefechten besiegt und die schwerfällig gepanzerten Krieger von den spanischen Reitern niedergeritten. Alvarado gründete die Stadt Quetzaltenango, welche nach dem prächtigen Vogel Quejal oder Quetzal (Trogon) benannt wurde, dessen lange, glänzend grüne Federn ein schmückendes Abzeichen des Adels waren. Oestlich von der Stadt wurde der Kampf erneuert. Der König Tecum Umam griff selbst die Spanier an, brachte das Pferd Alvarado’s zu Fall, wurde aber von der Lanze seines Gegners durchbohrt. Utatlan, die alte Hauptstadt der Quiché, stand in der Nähe des heutigen Sa. Cruz del Quiché. Der königliche Palast galt als eines der schönsten Gebäude in ganz Mittelamerika. Hieher lud der neue König, indem er sich scheinbar den Siegern unterwarf, die Spanier zu einem Besuche ein. Allein schon beim Einrücken in die Stadt wurde ihr Verdacht rege. Die Einwohner waren sämmtlich in Waffen, die Gassen der Stadt zeigten sich so schmal, daß die Rosse sich kaum bewegen konnten. In den Wohnungen waren Holz und Reißig in Menge aufgehäuft. Die indianischen Verbündeten Alvarado’s brachten bald bestimmtere Nachrichten von dem Plane des Feindes, die ganze Stadt sammt den Spaniern zu verbrennen, nachdem man die zu dem Orte führenden Brücken abgebrochen. Alvarado ritt scheinbar unbefangen in die Versammlung des Adels der Quiché und zog sich dann, unter dem Vorwande, erst für die Unterkunft der Pferde Sorge tragen zu wollen, zurück. Als dann der König mit seinen Edlen den Besuch im Lager der Spanier erwiderte, wurde er mit seinem Gefolge gefangen genommen. Man machte ihm zwar Hoffnung auf Befreiung, wenn er ein hohes Lösegeld an Gold zahle; aber ohne dieses abzuwarten, wurde sein Gefolge theils gehängt, theils lebendig verbrannt; dem Könige erwies man die Gnade der christlichen Taufe, ehe er ebenfalls mit dem Strange gerichtet wurde.[393] Die Burg der Quiché wurde zerstört und das Land unterworfen. Im April 1524 rückte Alvarado weiter nach Patinamit (Guatemala), der Hauptstadt der Kakchiquel. Der alte König kam den Spaniern in feierlichem Zuge friedlich entgegen und ersparte seinem Lande, indem er sich unterwarf, die Gräuel des Kriegs und der Verwüstung.

Dann wurde auch der Fürst von Amatitlan aufgefordert, sich unter die Botmäßigkeit der Spanier zu begeben, aber trotzig ließ dieser die Abgesandten der Eroberer tödten und zwang Alvarado ihn zu züchtigen. Die Hauptburg des Landes lag im See von +Atitlan+, einem gegen 1000 Meter hoch gelegenen Gebirgssee, der in malerischer Landschaft von drei Vulkanen überragt wird. Ein mehrfach durch Holzbrücken unterbrochener Damm führte zu dem Inselfelsen. Nach einem siegreichen Kampfe am Gestade des Sees drangen die Spanier zugleich mit den flüchtigen Indianern über die Brücken und bemeisterten die Burg. Mit ihrem Fall war der Widerstand des Volkes gebrochen.

Von hier marschirte Alvarado ins Küstenland hinab nach Escuintla (Itzcuintlan); durch dichte, unwegsame Urwaldterrassen stieg er in drei Tagen ins Land hinunter, wo angebaute Felder und Sümpfe abwechselten. Nachdem die Hauptstadt überrumpelt und gestürmt war, unterwarf sich das Volk. Bei seinem weiteren Vorrücken gegen Südosten fand aber Alvarado das ganze Land unter Waffen, dazu wurden in der beginnenden Regenzeit die Wege immer schwieriger. Trotzdem drang er durch eine Reihe von Küstenstädten bis in das Gebiet des heutigen Staates S. Salvador. Vor der Küstenstadt Acayutla widersetzte sich ihm in fester Stellung ein großes Heer. Durch einen scheinbaren Rückzug wurde dasselbe aus seiner gut gewählten Position herausgelockt, und dann machten die Spanier Kehrt, die Reiter holten die Indianer, welche in ihren Panzern nicht entfliehen konnten, ein und ritten sie nieder. Alvarado, der durch mehrere empfangene Wunden über den Widerstand erbittert war, ließ es geschehen, daß die meisten am Boden liegenden Feinde abgeschlachtet wurden. Verheerend rückte er weiter bis Cuscatlan (S. Salvador). Dort aber zwang ihn der Regen zur Umkehr nach Guatemala. Mit neuen, von Mexiko kommenden Truppen wurden weitere Aufstände der Indianer unterdrückt, 1525 die Stadt S. Salvador gegründet und damit die Unterwerfung des Gebiets vollendet, in welchem eine ähnliche Besitzergreifung des Landes und Vertheilung der Bewohner an die Conquistadoren durchgeführt wurde, wie in Mexiko. Zwar wurden auch hier 1529 Gesetze zum Schutz der Indianer erlassen und suchten seit 1538 die Dominikaner sich der Unterworfenen anzunehmen, aber mit geringem Erfolg. Die alte Kultur wurde zertreten, das Volk geknechtet und decimirt und so das herrliche Land in die traurigste Lage gebracht, aus welcher es sich, auch nach Befreiung von der spanischen Herrschaft, nicht hat erheben können.

Bald nachdem Alvarado seinen Eroberungszug begonnen, ging auch +Cristoval d’Olid+, ein Edelmann aus Baeza oder Linares, auf Cortes’ Befehl, am 11. Januar 1524 von Vera Cruz unter Segel. Er sollte jenseits der Halbinsel Yukatan, an der Küste von Honduras eine Niederlassung gründen, um das Reich von Neuspanien möglichst weit gegen Südosten zu erweitern. Ein Geschwader von vier großen Schiffen und einer Brigantine, mit 400 Soldaten bemannt, sollte zunächst in Cuba anlaufen und sich dort mit Vorräthen versehen. Zu gleicher Zeit bekam (wie bereits oben S. 388 erwähnt ist) der Vetter des Cortes, Hurtado de Mendoza, den Auftrag, nach einer mittelamerikanischen Meerenge zu forschen, allein derselbe konnte wegen der eigenthümlichen Stellung, welche Olid bald einnahm, nicht ausgeführt werden. Cortes wirft nämlich seinem Unterfeldherrn vor, er habe sich von seinem alten Widersacher, Velasquez, dem Statthalter von Cuba, bei seiner Anwesenheit auf der Insel zum Abfall von seinem Oberfeldherrn verleiten lassen und, durch Velasquez beredet, den Plan gefaßt, seine Colonie von Neuspanien unabhängig zu gestalten. Wenn dieses Gerücht sich bestätigen sollte, schrieb Cortes bald darauf an den König, werde er mit Truppen nach Cuba gehen, den Velasquez gefangen nehmen und gefesselt nach Spanien dem Gericht überliefern. Olid sollte von Velasquez sogar die Zusage kräftiger Unterstützung bei seinen verrätherischen Plänen erhalten haben. Er ging von Cuba zunächst nach dem Golf von Higueras, wie man damals den inneren Theil des Golfs von Honduras nannte.[394] Vierzehn Meilen östlich vom Hafen Caballos[395] ging er am 3. Mai 1524 ans Land und nahm dasselbe zunächst noch im Namen des Cortes in Besitz. Die Stadt, welche er anlegte, erhielt nach dem Tage der Landung den Namen Triumfo de la Cruz. Das Land war weit und breit friedlich, die Indianer widersetzten sich den Fremden nirgends. Einzelne Spanier konnten ohne Belästigung die Gegend nach Gefallen durchstreifen.[396]

Bald aber trat Olid mit seinen Plänen hervor und fand bei den meisten seiner Leute Zustimmung. Als die erste Kunde davon nach Mexiko gelangte, und zwar über Cuba, entsandte Cortes seinen Schwager +Francisco de las Casas+ mit vier Schiffen und 150 Mann nach Honduras,[397] wo Olid ihm die Landung verwehren wollte. Casas nahm die beiden Schiffe Olid’s mit Gewalt, während die Mannschaft ans Ufer entfloh. Unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur Uebergabe der Colonie zu treffen, bat Olid um Waffenstillstand, benutzte aber die Zeit, um seinen im Innern befindlichen Hauptmann Pedro de Briones mit seiner Schar herbeizurufen. Dieser erhielt aber zu gleicher Zeit eine Warnung durch Las Casas und zog es vor, dem Befehl seines Vorgesetzten nicht zu folgen und ihn im Stich zu lassen. So zog sich eine Kette des Verraths von S. Domingo, der Hauptstadt Indiens, über Mexiko bis zu den Wildnissen Centroamerika’s: Velasquez empört sich gegen Diego Colon, Cortes gegen Velasquez, Olid gegen Cortes, Briones gegen Olid.[398] In der nächsten Nacht warf ein Sturm die ganze Flotille des Las Casas an den Strand, 40 Mann ertranken dabei und der Capitän selbst gerieth in Olid’s Gefangenschaft. Dann nahm dieser auch den von Süden hergekommenen Gil Gonzalez, der mit seiner zusammengeschmolzenen Mannschaft ziellos umherschweifte, gefangen, behandelte aber beide Gegner mit äußerster Milde, zog sie ins Haus und an seinen Tisch, als ob er sie dadurch gewinnen wollte, gab ihnen aber dadurch die bequemste Gelegenheit, sich zu verständigen, wie man sich am sichersten des Usurpators entledigen könne. Sie fielen eines Mittags über Olid her, welcher, da er unbewaffnet war und sich nicht vertheidigen konnte, flüchten mußte, um das Leben zu retten, und sich im nahen Walde verbarg. Sein Versteck wurde durch einen Geistlichen verrathen. Seine Leute hatten ebenso leicht seine Partei verlassen, wie früher ergriffen; den Verschworenen der königlichen Partei wurde es dadurch leicht gemacht, sich seiner Person zu bemächtigen und ihm den Proceß zu machen. Er büßte seinen Verrath mit dem Leben. Dann gründete Las Casas die Stadt Trujillo[399] und entließ sämmtliche Spanier, welche sich der neuen Niederlassung nicht anschließen wollten, nach Mexiko oder Spanien.

24. Cortes’ Feldzug nach Honduras.

Dem Statthalter von Neuspanien lag seine Colonie in Honduras sehr am Herzen; mit großer Sorge hatte er die Nachricht von dem Verrathe seines Waffengefährten Olid erhalten, mit Spannung erwartete er günstigere Kunde über den Verlauf der Sendung seines Schwagers. Da aber jede Botschaft ausblieb, weil derselbe seine Schiffe verloren und selbst in Gefangenschaft gerathen war, so fürchtete er schon, sein Rivale Velasquez möchte in Gemeinschaft mit Olid in Honduras festen Fuß gefaßt haben und könnte ihn von dieser Seite her bedrohen oder seinem Pflanzlande Schwierigkeiten bereiten. Ehe er also von dem für ihn glücklichen Ausgang der Sendung des Las Casas vernommen, beschloß er selbst zu Lande nach Honduras zu ziehen und seinen ungehorsamen Vasallen zu bändigen.

Nachdem er den Schatzmeister Alonso de Estrada zu seinem Stellvertreter in der Statthalterei ernannt hatte, verließ er mit seinen Truppen im October 1524 die Hauptstadt Mexiko. Um etwaigen Aufständen und Unruhen während seiner Abwesenheit vorzubeugen, veranlaßte er den letzten aztekischen Kaiser Guatemotzin und andere mexikanische Fürsten, ihn zu begleiten. Als Dolmetscherin folgte ihm wieder die bewährte Donna Marina. Wenn er den schwierigsten Weg zu Lande wählte, so wurde er dazu zum Theil durch den Besitz einer aztekischen Karte veranlaßt, welche ihm in der ersten Hälfte seines Marsches durch Angabe der hauptsächlichsten Oertlichkeiten wesentliche Dienste leistete; dann trieb ihn aber auch der Drang zu neuen Entdeckungen. Sollte zwischen Mexiko und Honduras eine Meerenge existiren, so mußte sie auf diese Weise sicher gefunden werden. Cortes sagt selbst, er sei mehrere Jahre bereits unthätig gewesen; der Abfall Olid’s bot ihm also die beste Gelegenheit, nicht nur diesen wieder zu unterwerfen, sondern auch sich zu neuen Thaten auszumachen und neue Länder zu entdecken. Niemand hat diesen Feuergeist treffender gezeichnet als sein Waffengefährte Bernal Diaz, wenn er schreibt: „Wie denn Cortes’ Gedanken immer sehr hoch gingen, so gedachte er in allen Dingen den König Alexander von Macedonien nachzuahmen.“[400]

Seine Schar bestand aus 140 Arkebusieren und Armbrustschützen und aus 93 Reitern, dazu kamen noch 3000 Mann indianischer Hilfstruppen. So lang der Weg von dem Plateau von Anahuac nach der Landschaft Tabasco führte, fand er gebahnte Straßen und konnte sich auf der mitgenommenen Karte orientiren. Vom Isthmus von Tehuantepec bis an die Wurzel der Halbinsel Yukatan ist aber das Küstenland von einem Gewirre wasserreicher Flußadern durchzogen. Die Kulturen der Indianer bilden nur Oasen in dem Waldlande und zwischen den ausgedehnten Sümpfen. Der Verkehr der Eingeborenen ist fast ganz auf die zahlreichen Wasserwege angewiesen, und ein Marsch mit Truppen und Heerestroß wird ebenso häufig durch die von Wald umschlossenen Wasserläufe, welche meist erst überbrückt werden mußten, aufgehalten, als die Verpflegung einer größeren Menschenmenge in den Urwaldwildnissen immer mehr erschwert wird.

In Tabasco versanken die Pferde zwischen Chilapan und Tepetitan fast im Sumpfe[401]. Die indianischen Ortschaften waren beinahe alle niedergebrannt und verlassen, man fand nur noch wenig Getreide vor und mußte sich mit unreifen, von den Feldern gepflückten Maiskolben behelfen. Ehe man das ganze Heer der Gefahr aussetzte, in den Wüsteneien zu verhungern, mußte man einige Abtheilungen auf Kundschaft voraussenden. „In Tepetitan,“ berichtet Cortes, „fanden wir +einen+ Indianer. Der Mann kannte den Weg nach Iztapan, dem nächsten Ort auf meiner Karte, nicht. Es gäbe dahin keinen Landweg, doch unternahm er uns zu führen. Mit diesem Indianer sandte ich 30 Reiter und 30 Mann zu Fuß voraus mit dem Befehl Iztapan aufzusuchen und mir dann eine genaue Beschreibung ihres Weges zu machen, der ich folgen könnte. Ich beschloß so lange Rast zu machen, bis ich von ihnen eine Nachricht bekäme. Nach zwei Tagen, als weder ein Brief noch eine Meldung eintraf, beschloß ich, da die Truppen bereits Mangel litten, ihnen zu folgen, ohne Führer, ohne andere Anzeichen als die Spuren der Vorausgesandten in den Schlammsümpfen, welche das ganze Land bedeckten, und ich kann Ew. Majestät versichern, daß selbst auf den höheren Stellen unsere Pferde, die wir am Zügel führten, bis an den Gurt in den Morast sanken. So marschirten wir zwei Tage ohne irgend eine Nachricht zu erhalten, so daß ich fast rathlos wurde. Ich konnte nicht zurück, und vorwärts zu gehen ohne Gewißheit von der Richtung des einzuschlagenden Weges, war eben so gefährlich. In dieser Noth, als wir erschöpft und niedergeschlagen schon fürchteten verhungern zu müssen, kamen zwei Indianer mit Briefen von der vorausgeschickten Schar.“ Dieselbe hatte Iztapan erreicht. Der Ort lag, von Sümpfen umgeben, an einem großen Flusse und war voll Indianer, welche sich durch die Natur der Oertlichkeit sicher glaubten. Als sie aber sahen, daß die spanischen Reiter durch den Fluß schwammen, wollten sie das Dorf in Brand stecken. Hieran wurden sie zwar durch die Spanier gehindert; doch begann eine allgemeine Flucht auf Böten, oder schwimmend, wobei viele ertranken. In Iztapan fand man ausreichende Lebensmittel, und die Truppen konnten sich erholen, auch gelang es ihnen die Einwohner zu beruhigen und zur Rückkehr ins Dorf zu bewegen. Der Beschreibung nach lag dasselbe am Usumaçinta, dem größten Flusse Mittelamerika’s, dessen Gebiet den ganzen Norden der gegenwärtigen Republik Guatemala umfaßt, und der sich nach einem Lauf von über 100 Meilen in die Laguna de Terminos ergießt.

Beim Weitermarsch gegen Südosten gerieth das Heer in den dichtesten Urwald, wo die indianischen Führer den Weg verloren. Der Wald war undurchdringlich und hemmte jeden weitern Blick, selbst von dem Gipfel der mächtigen Bäume, zu welchen die Späher hinaufkletterten, konnte man höchstens einen Steinwurf weit sehen. Man mußte umkehren, um den Pferden, die seit 18 Stunden nichts zu fressen bekommen hatten, Futter zu verschaffen. Die Menschen waren vor Erschöpfung und Hunger halb todt. Da ließ sich Cortes seinen Schiffscompaß bringen, welcher ihm schon oft große Dienste geleistet hatte, aber nie mehr als in dieser gefährlichen Lage,[402] er erkundigte sich bei den begleitenden Eingebornen nach der Lage des Dorfes, wohin sie sie hatten führen wollen, und schloß daraus, daß ein Marsch in nordöstlicher Richtung sie dahin bringen werde. Der Weg wurde nach der angegebenen Himmelsgegend gebahnt und das Dorf glücklich gefunden. Die freudige Aufregung über die Entdeckung des Ortes war so groß, daß die meisten Leute, ohne auf die weiten Sümpfe vor ihnen zu achten, gerade auf die in der Ferne sichtbare Ansiedlung zueilten, wobei manche Pferde so tief in den Morast einsanken, daß man sie erst am nächsten Tage herausbringen konnte, denn in ihrem Hunger hatten die Reiter sie im Stich gelassen. Glücklicherweise ging kein Thier dabei verloren. Auch dieser, am Usumaçinta gelegene Ort war niedergebrannt und verlassen, bot aber für alle Mannschaften genug Vorräthe, so daß man sich eine Rast von acht Tagen gönnte. Der directe Weg nach Honduras hatte sich als unmöglich erwiesen, Cortes mußte in einem nördlichen Bogen ausweichend, durch Yukatan sein Ziel zu erreichen suchen. Er setzte über den Fluß und zog nach der Landschaft Acalan, welche an die Laguna de Terminos stößt. Nach einem dreitägigen Marsch durch die Bergwälder wurde der Zug durch einen weiten Sumpfsee aufgehalten. Die Führer meinten, man brauche 20 Tage, um ihn zu umgehen. Mittelst eines kleinen Kahns, den man fand, wurde das Wasser untersucht, es war vier Klafter tief und an den zusammengebundenen Speeren, die man hinabsenkte, zeigte es sich, daß eine zwei Klafter dicke Schlammschicht den Boden bedeckte. Der Sumpf war nicht zu durchwaten und wegen der vielen Bäume und verschlungenen Wurzeln in demselben konnten auch die Pferde nicht hindurchschwimmen. Da die Lagune nur etwa 500 Schritt breit schien, entschloß sich Cortes, eine Brücke zu bauen. Man fertigte mehrere Flöße an und trieb von ihnen aus eine Reihe von 9 bis 10 Klafter langen Pfosten senkrecht in den Boden. Die schwere Arbeit erschöpfte die Kräfte der Spanier, die zu ihrer Nahrung nur wildwachsende Kräuter und Wurzeln hatten, derart, daß sie sich weigerten, sie weiter zu führen. Da erklärte Cortes, dann werde er mit seinen Indianern, denen er bei seiner Rückkehr nach Mexiko reichliche Belohnung versprach, den Bau allein vollenden. Jenseit des Sumpfes läge das fruchtbare Acalan; man müsse über das Wasser, oder davor verhungern, denn hinter ihnen seien durch die vom Regen angeschwellten Bäche alle ihre Brücken weggerissen. Diese Erwägungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Spanier legten mit Hand an und in vier Tagen wurde die Brücke fertig, zu der man gegen 1000 Stämme gefällt und eingerammt hatte. Aber nachdem der See glücklich überwunden war, gerieth man wieder in Sümpfe, wo die Pferde tief einsanken; man mußte ihnen, da sie, unruhig geworden, immer tiefer zu versinken drohten, Reißigbündel und Buschwerk unter den Bauch schieben, um sie zu erhalten. Glücklicherweise kamen einige vorausgesandte Spanier mit 80 Indianern zurück, welche von Acalan Lebensmittel brachten. Die Hauptstadt Çancanar (Izancanas) lag am Ufer einer Seebucht, die sich bis zur Laguna de Terminos erstreckte. Der Fürst von Acalan unterstützte die Spanier nach Kräften und zeigte ihrem Heerführer auf einer Karte, welchen Weg er einzuschlagen habe.[403] Acalan ist fast ganz von Seen und Sümpfen umgeben, die mit der Bai von Terminos in Verbindung stehen, und da das Land gut bevölkert und reich an Produkten war, so trieben die Bewohner einen lebhaften Handel nach Tabasco. Ob, wie man damals im Lande behauptete, das nordöstlich gelegene Yukatan eine Insel sei, wollte Cortes auf seinem weiteren Zuge zunächst ermitteln. Am ersten Sonntag in den Fasten des Jahres 1525 zog er mit indianischen Führern weiter. Während dieses Marsches durch Acalan erfolgte die +Hinrichtung Guatemotzins+ und des Fürsten von Tacuba, weil sie die Absicht gehabt haben sollten, alle Spanier sammt Cortes niederzumachen, Mexiko zur Befreiung aufzurufen und das Joch der Fremden abzuschütteln. Ob eine solche Verschwörung wirklich stattgefunden, ist nicht erwiesen. Befremdlich bleibt die Eile, mit welcher Cortes, sobald ihm von dem Plan der aztekischen Fürsten eine Mittheilung geworden, Verhör, Verurtheilung und Vollstreckung des Urtheils aufeinander folgen ließ. Aber die rasche Entscheidung war wohl durch die schwierige Lage geboten, in welcher sich die ganze Unternehmung befand. Da Cortes niemals leichtfertige und unnütze Bluturtheile gefällt hat, so müssen auch bei dieser wichtigen Entscheidung die Verdachtsgründe schwerwiegend gewesen sein. „Als ich mich überzeugt hatte,“ schreibt er an Karl V., „daß diese beiden (Guatemotzin und Tacuba) die Hauptschuldigen seien, gab ich Befehl, sie zu hängen, und so wurden sie gehängt.“[404] Sich rasch zu entschließen und ungesäumt zu handeln, lag in seiner Art; aber in diesem Falle kam selbst den begleitenden Spaniern der Verlauf des Processes binnen 24 Stunden so unerwartet und plötzlich, daß sie an der Rechtmäßigkeit des Spruches zweifelten. Bernal Diaz erklärt unumwunden, daß der Tod der aztekischen Fürsten ihn aufs tiefste geschmerzt und daß derselbe in den Augen aller, die den Zug mitmachten, eine Ungerechtigkeit gewesen sei.[405] Jedenfalls verfehlte das summarische Verfahren auf die übrigen Mitwisser des Planes seine Wirkung nicht; sie schrieben dem spanischen Heerführer Zauberkräfte zu und meinten, er bringe alle Geheimnisse durch seine Seekarte und seinen Compaß (~carte de marear y un ahuja~) heraus. Cortes ließ sie bei dem Wahn, welcher ihn seinen Gegnern so furchtbar machte.

Von Acalan zog er gegen Südosten zum Peténsee in der Landschaft Taiza, welcher auf allen Seiten von 60 bis 150 Meter hohen, waldbedeckten Kalksteinketten umgeben ist und keinen oberirdischen Abfluß hat. Die Halbinsel, welche von Osten her in den See hineinragt und denselben in ein nördliches und südliches Becken theilt, ist noch mit künstlichen Hügeln bedeckt, auf denen die Spuren alter Gebäude zu sehen sind.[406] Zu Cortes’ Zeit lag die Hauptstadt des Gebiets auf einer Insel am Ende dieser Landzunge und umfaßte eine Menge Tempel und Steinbilder. Von menschenleeren Wildnissen umgeben, behauptete sich hier ein kleiner selbstständiger Staat, welcher erst 1697 von den Spaniern zertrümmert wurde.[407] Denn wenn sich auch bei Cortes’ Ankunft der Fürst des Landes der spanischen Oberhoheit unterwarf und Geschenke brachte, so hatte doch diese Herrschaft nur bis zum Abzuge der Spanier Bestand.

Weiter ging der Zug zuerst über ebenes, nur hier und da waldiges Land; dann gelangte man aber an mehrere Reihen niedriger, sehr steiler Bergzüge, welche dem Vorrücken die größten Schwierigkeiten bereiteten. Ueber die erste Kette konnte man die Pferde am Zügel noch sicher hinüberführen, auf der zweiten verloren die Reitthiere fast alle die Hufeisen, so daß man einen Rasttag machen mußte, um dieselben wieder zu beschlagen. Dann folgte aber der beschwerlichste von allen Paßübergängen. Das Gebirge war von unbeschreiblicher Wildheit[408]. Man brauchte 12 Tage zu einem Wege von 8 Meilen und verlor eine Anzahl von Rossen durch Sturz von jähen Felsen, oder durch Erschöpfung. Alle Thiere waren beschädigt und blieben drei Monate zum Reiten untauglich. Dabei regnete es Tag und Nacht unaufhörlich und trotzdem litten Roß und Mann Durst, weil zwischen den schneidigen Felskämmen sich nirgend Wasser ansammelte und das, was man in Gefäßen zur Nachtzeit auffing, für das Heer nur auf kurze Zeit ausreichte. Ein Neffe des Cortes erlitt durch den Sturz seines Pferdes mehrfachen Beinbruch in schwerer Rüstung und konnte nur mit Mühe fortgebracht werden. Am Fuß dieses Gebirges, dem die Spanier den Namen Feuersteingebirge beilegten, mußten wieder gegen 20 Bergschluchten, in denen das Regenwasser über Klippen brauste, überbrückt werden. Erst am 15. April, am Tage vor Ostern, waren die bedeutendsten Schwierigkeiten überwunden und erfuhr Cortes hoch erfreut, daß er nur noch einige Tagereisen von der durch Gil Gonzalez in Nito gegründeten Niederlassung entfernt sei. Man war also endlich bis in die Nähe des Golfs von Honduras vorgedrungen und hatte den Polochic erreicht, der sich in den Golfo dulce ergießt und aus diesem, nach einer zweiten seenartigen Erweiterung als Rio dulce in die Bucht von Amatique, den innern Theil des Golfes von Honduras, fällt. Die spanische Colonie konnte allerdings den heranziehenden Truppen keine Unterstützung gewähren, denn fast alle Ansiedler lagen fieberkrank darnieder und litten Mangel, so daß ohne Cortes’ Dazwischenkunft ihr Schicksal besiegelt schien. Statt also mit dem Reste seiner noch kriegstüchtigen Mannschaft sofort weiter auf Olid’s Niederlassung marschiren zu können, mußten zunächst für die Truppen und Colonisten neue Vorräthe vom Golfo dulce herbeigeschafft werden. Uebrigens hoffte Cortes bei dieser Gelegenheit mancherlei nützliche Entdeckungen im Binnenlande machen zu können. Er unternahm diese Fahrt mit einer Brigantine, zwei Böten und vier Canoes. In dem tiefen Fahrwasser des Rio dulce, der zwischen 100 Meter hohen malerischen Felswänden in den See mündet, gelangte die kleine Flotille, gegen den Strom rudernd, in einer anstrengenden Fahrt von zwei Nächten und einem Tage zu der ersten nur zwei Leguas vom Meere entfernten Flußerweiterung, einem von sumpfigen Ufern umgebenen Flußsee, und von hier nach 24 stündiger Arbeit durch die zweite Flußenge in den Golfo dulce oder den See von Izabal, wie er nach einem neuerdings an der Südseite angelegten Orte benannt wird. Dieser See, welcher etwa 30 engl. Meilen lang und 12 Meilen breit ist, wird von hohen Bergketten umrahmt. Am südlichen Ufer ging Cortes ans Land, fand aber das erste Dorf verlassen; denn offenbar hatten die Indianer die Fahrzeuge ankommen sehen und sich geflüchtet. Nur ein einziger rauher Bergpfad führte südlich vom See an den Micobergen entlang nach Westen. Unter Führung von zwei eingefangenen Indianern folgte man dem Pfade, mußte auf dem Steilgehänge theilweise auf Händen und Füßen weiter klettern, mehrere Bergströme durchwaten und endlich, von Moskitos gepeinigt, unter Sturm und Regen die Nacht zubringen. In der Morgendämmerung wurde das nächste Dorf überfallen; da es aber wenig Lebensmittel bot, erkundigte sich Cortes nach größeren Ortschaften und gelangte endlich nach Chacujal.[409] Eine Stadt von dieser Ausdehnung mit Tempeln, Steingebäuden und großem Platze hatte man seit Acalan nicht mehr angetroffen. Es schien daher zweifelhaft, ob man mit der geringen Mannschaft den volkreichen Ort werde bezwingen können. Einige riethen zur Umkehr, aber Cortes hoffte durch Verwegenheit die Einwohner zu entwaffnen. Er überfiel den Ort bei Nacht, vertrieb die Bewohner und bemächtigte sich der reichen Vorräthe an trocknem Mais, Cacao, Bohnen, Pfeffer, Salz, Hühnern und einer Art Fasanen, die man in Käfigen hielt; außerdem fand man hübsche Webstoffe und rohe Baumwolle. Hier blieb die kleine Schar 18 Tage, ging dann nordwärts ins Thal des Polochic hinab und holte, da sich der Fluß schiffbar erwies, ein Boot und ein Canoe vom Golfo dulce herauf, um bei dem Transporte von Lebensmitteln Hilfe zu leisten. Cortes ließ dann vier Flöße bauen, um die Lebensmittel, namentlich Mais, auf dem Fluß herunter zu schaffen. Da man während der Fahrt auf dem Wasser erwartete von den Indianern angegriffen zu werden, so wurde die Mannschaft getheilt und begleitete entweder die Schiffsfracht oder ging zu Lande an den See (Golfo dulce) hinunter, wo ein Sammelplatz bestimmt war. Cortes selbst überwachte die Beförderung der Vorräthe auf den Flößen. Das Canoe wurde vorausgesandt, um nach etwaigen Hinterhalten der Indianer auszuspähen, dann folgten die Flöße und zuletzt das Boot, in welchem Cortes mit zwei Armbrustschützen sich befand, um, wenn nöthig, den Flößen beispringen zu können. Die Flußfahrt war gefährlich, sowohl wegen der bedeutenden Strömung, als auch wegen der Angriffe der Indianer. Gegen Abend stieß ein Floß so heftig gegen einen im Flußbett festsitzenden Baumstamm, daß es ganz untertauchte und die Hälfte der Ladung verlor. Bei einer Wendung des Stroms, wo die Fahrzeuge durch den Strudel hart an den einen Uferrand getrieben wurden, erwarteten sie die Indianer und überschütteten sie mit einem Hagel von Geschossen, so daß fast alle Spanier verwundet wurden. Cortes selbst, der seinen Helm abgenommen, erhielt einen Steinwurf an den Kopf. Glücklicherweise war das Wasser an jener Stelle tief, die Ufer hoch, so daß die Fahrzeuge in wenigen Minuten an dem Hinterhalte vorbeigetrieben wurden. Auch war die Nacht zu dunkel, um den Angreifern deutliche Zielpunkte für ihre Geschosse zu zeigen. Am nächsten Tage erreichte man den Golfo dulce und fand die Brigantine zur Stelle. Die von den Flößen hinübergeschafften Vorräthe wurden aus den Maisfeldern am See, wo inzwischen das Getreide zur Reife gelangt war, noch vervollständigt, und als die von Chacujal zu Lande kommende Schar ebenfalls eingetroffen war, kehrte die Expedition, nach Verlauf von 25 Tagen, befriedigt zur Niederlassung an der Bai St. Andres zurück. Der Platz der bisherigen Ansiedlung wurde wegen seiner ungesunden Lage aufgegeben und weiter ostwärts eine neue Stadt gegründet, welche den Namen Natividad de nuestra señora erhielt. Dann erst brach Cortes nach dem letzten Ziel seines mühevollen Zuges, nach Triumfo de la Cruz, der Niederlassung Olid’s, auf. Hier erfuhr er den Tod seines ungetreuen Vasallen; das ganze Unternehmen erwies sich somit eigentlich als unnöthig. Aber unermüdlich, und trotz aller Strapazen immer noch mit weiter gehenden Plänen beschäftigt, hoffte er die Küste von Honduras zum Ausgangspunkt weiterer Eroberungen zu machen. Die Indianer der Umgebung von Trujillo, dessen Hafen sich besonders günstig erwies, wußte er zu beruhigen, so daß sie den Platz wieder mit Lebensmitteln versorgten, und befuhr die weiter nach Osten streichenden Küsten, um auch Nicaragua seinem Colonialreiche einzuverleiben. Allein diese Unternehmung fand einen vorzeitigen Abschluß, weil in Mexiko Unruhen ausgebrochen waren, da sich das Gerücht verbreitet hatte, Cortes sei in den Sümpfen von Chiapas, südlich von Tabasco, mit seinem ganzen Heere umgekommen. Er wollte rasch zu Schiffe die Rhede von Vera Cruz zu erreichen suchen, aber zweimal trieb der Sturm das Fahrzeug mit gebrochenem Maste an die Küste zurück. Cortes lag am Fieber schwer krank darnieder. Erst am 25. April 1526 konnte er Honduras verlassen, erreichte Ende Mai Vera Cruz und hielt im Juni seinen festlichen Einzug in Mexiko.

Vier Wochen später langte Luis Ponçe de Leon als Bevollmächtigter der spanischen Regierung dort an, um die von den Widersachern des Cortes vorgebrachten Klagen über Verschwendung der Staatsgelder zu unnützen Unternehmungen zu untersuchen und die Civilverwaltung von Neuspanien zu übernehmen. Man hatte in Europa sogar das verleumderische Gerücht verbreitet, Cortes wolle sich ganz unabhängig machen. Da aber Ponçe de Leon, dessen trefflicher, unparteiischer Charakter gerühmt wird, leider bald starb, so folgte ihm zuerst Marcos de Aguilar und nach dessen Tode der Schatzmeister Estrada, welcher, voll feindlicher Gesinnung, danach trachtete, den Eroberer von Mexiko zu demüthigen; er verbannte ihn aus der Hauptstadt, und wenn er auch bald darauf diesen Befehl zurücknahm und sich mit Cortes zu versöhnen suchte, so vermied dieser doch absichtlich, die Stadt Mexiko zu betreten.[410]

25. Cortes’ spätere Unternehmungen und sein Tod.

Um den unaufhörlichen Verleumdungen und Beschuldigungen, welche seine Feinde in Spanien gegen ihn erhoben und welche darin gipfelten, daß er den Tod der kaiserlichen Statthalter durch Gift veranlaßt habe, auf das kräftigste entgegentreten zu können, beschloß Cortes, sich persönlich nach Spanien zu begeben, um mündlich seine Sache zu führen und sich zu rechtfertigen. In seinem Gefolge befanden sich mehrere treuergebene Ritter, namentlich Sandoval, sodann die Söhne der Fürsten von Tlascala, eine Anzahl Gaukler, indianische Tänzer und Zwerge, von denen einige später dem Papste verehrt wurden, und endlich Proben von verschiedenen merkwürdigen Landesprodukten, dazu kam noch eine reiche Sammlung von Edelsteinen, 200,000 ~pesos d’oro~ und 1500 Mark Silber. Die Fahrt ging rasch von statten und in 41 Tagen segelte er, ohne irgendwo anzuhalten, über den Ocean und landete im December 1527 bei dem Kloster La Rabida vor Palos. Dort traf er mit Franz Pizarro zusammen, welcher ebenfalls in die Heimat geeilt war, um für seine kühnen Eroberungspläne sich die Unterstützung der Regierung zu sichern und die Geldmittel aufzutreiben. Cortes erlitt kurz nach seiner Landung einen schmerzlichen Verlust, denn es starb sein treuer Waffenbruder Gonzalo de Sandoval, welcher bereits krank ans Land gebracht war, kurze Zeit darauf in Palos, im kräftigsten Mannesalter, erst 31 Jahre alt. Er war der ausgezeichnetste unter den Gefährten des Cortes; in seinem 22. Jahre kam er nach Mexiko und erwies sich überaus tapfer und entschlossen. Sein grades, offnes Wesen, sein schlichtes Aeußere, seine ritterliche Freigebigkeit bei der Austheilung der Beute, seine Besonnenheit und Ruhe in der Gefahr, machten ihn zum Liebling aller Soldaten. Und wenn man auch hie und da seine Art zu sprechen -- er stieß nämlich mit der Zunge an -- im Lager nachahmte; seine Befehle wurden befolgt, sein Vorbild riß die Lässigen mit fort. Cortes verlor in ihm seine zuverlässigste Stütze.

In Toledo empfing ihn Karl V. in glänzender Audienz und ließ ihm auch die Urkunde[411] über seine bereits 1522 erfolgte Ernennung zum Marques de Valle (nämlich Oaxaca) aushändigen, wobei ihm in diesem schönsten Theile Neuspaniens große Ländereien als Eigenthum überwiesen wurden. Aber die Regierung von Mexiko erhielt er nicht zurück, sondern nur das Commando über die Militärmacht. Im Frühjahr 1530 kehrte er, vor seinen Feinden allerdings gerechtfertigt, aber doch unbefriedigt, weil ihm die Civilverwaltung entzogen war, nach Mexiko zurück und beschäftigte sich einige Jahre auf seinen Gütern, namentlich in Cuernavaca, südlich von der Hauptstadt, mit dem Landbau, bis er im Jahre 1532 seine Entdeckungen in dem westlichen Ocean wieder ausnahm.

Die erste von ihm ausgerüstete Expedition ging unter seinem Vetter +Diego Hurtado de Mendoza+ am 30. Juni 1532 mit zwei Schiffen von Acapulco aus, ging an der Westküste nach Norden, entdeckte die kleine Inselgruppe der „drei Marien“ (~las tres Marias~) zwischen 21 und 22° n. Br., erreichte weiterhin Culiacan in Sonora, welches in späteren Zeiten der Ausgangspunkt merkwürdiger Entdeckungszüge wurde und segelte von da nach der Küste der Halbinsel Californien hinüber. Dort brach unter dem Schiffsvolk eine Meuterei aus, der Capitän Mendoza wurde erschlagen, die beiden Schiffe trennten sich, das Hauptschiff mit den Meuterern blieb verschollen, das andere kehrte nach Jalisco zurück.

Auch die zweite Expedition, welche bereits im October 1533 segelfertig war, wurde von Misgeschick verfolgt. Die beiden Schiffe, welche am 30. October von St. Jago (19° n. Br.) ausgingen, wurden schon am nächsten Tage durch Sturm getrennt und vereinigten sich nicht wieder. Der Capitän des Hauptschiffes, +Diego Bezerra+, wurde von seinem Lotsen Fortun Ximenes im Schlaf überfallen und getödtet. Dann steuerte dieser nach Californien hinüber, wurde aber bei seiner Landung in der Bai von Sa. Cruz (jetzt Bahia de la Paz) mit etwa zwanzig seiner Leute von Indianern erschlagen. Die übrige Mannschaft kehrte darauf nach dem Hafen von Chamatla, südlich von Mazatlan, zurück. Das andere Schiff unter Hernando de Grijalva und dem Portugiesen Martin de Acosta als Pilot suchte zuerst nach dem Sturm das Hauptschiff in südlicher Richtung, angeblich bis 13½° n. Br.,[412] wandte sich am 9. November wieder nordwärts, kam aber, von Windstillen aufgehalten, nur langsam vorwärts, ging am 7. December über den Wendekreis und entdeckte, sich wiederum nach S.-W. wendend, am 28. December die Revilla-Gigedo-Gruppe, deren Hauptinsel San Tomas (jetzt Socorro) genannt wurde. Nachdem man durch Errichtung eines Kreuzes von der Entdeckung Besitz genommen, ging man an die Küste Neuspaniens zurück und lief im Januar 1534 in den Hafen von Zacatula (18° n. Br.) ein.

Da die bisherigen Resultate den Erwartungen, welche +Cortes+ von diesen Fahrten gehegt hatte, zu wenig entsprachen, so machte er sich im Jahre 1535 selbst auf mit drei Schiffen, welche er in Tehuantepec hatte bauen lassen und nach Chamatla (Chiametlan, 23° n. Br.) schickte, wo er sich an Bord begab und am 15. April 1535 unter Segel ging. Am 3. Mai erreichte er die Friedensbucht an der Halbinsel Californien und fand dort den Tod des Lotsen Ximenes bestätigt. Seine Versuche, sich dort festzusetzen, schlugen, bei der Unfruchtbarkeit des Landes, fehl. Von hier ging er noch 50 Meilen in den Golf von Californien nordwärts, lief auf der Rückkehr noch einmal in der Friedensbucht an, verlor aber, da die Lebensmittel ausgingen, viel Mannschaft; denn die wenigen Eingebornen, welche man antraf, nährten sich kärglich nur vom Fischfange. Man hatte ihn in Mexiko bereits aufgegeben, als er im Anfang des Jahres 1537 nach Acapulco zurückkam. Trotz aller Miserfolge schickte Cortes im nächsten Jahre noch einmal den +Francisco Ulloa+ von Acapulco ab. Eins von den drei Schiffen ging kurz nach der Abfahrt (8. Juli 1538) unter, die beiden andern steuerten nach der Halbinsel Californien und erreichten an der Westseite die Punta del Engaño[413] (Cabo bajo), unter 21½° n. B. Da das eine der beiden Schiffe stark beschädigt war, so ging es nach der Westküste von Mexiko zurück, wo es glücklich anlangte. Ulloa setzte in der „Trinidad“ allein seine Entdeckungsfahrt fort und kehrte nicht zurück.

Cortes blieb trotz aller Unglücksfälle unerschütterlich. Das Glück versagte ihm beharrlich auf dem Meere die Ruhmestitel, womit es seine Unternehmungen zu Lande ausgezeichnet hatte. Wenn daher der Vicekönig von Neuspanien, Mendoza, ihm nicht gestatten wollte, dem westlichen Ocean weitere Opfer zu bringen, so fühlte sich Cortes dadurch in seinem eigentlichen Amte als Oberfeldherr und Befehlshaber an der Küste der Südsee beeinträchtigt. Sein Geist war viel zu lebhaft, um sich in müßiger Ruhe dem Genusse des Errungenen hinzugeben. Um die Entscheidung über seine Differenz mit dem Vicekönig dem König vorzulegen, ging er 1540 zum zweitenmale nach Spanien. Aber Karl V. empfing ihn ziemlich kühl, und so blieb Cortes, nachdem er 1541 an Karls Feldzug gegen Algier theilgenommen hatte, jahrelang auf günstigen Bescheid hoffend in Spanien, bis er am 2. December 1547 in Castilleja de la Cuesta, einem Dorfe bei Sevilla, starb. Er war 63 Jahre alt geworden. Sein Schicksal erinnert an das des Columbus. In den späteren Jahren war sein Name schon halb vergessen und durch den Glanz des peruanischen Goldes auch sein Ruhm verdunkelt. Er starb wie Columbus, in beständiger Erwartung, wieder in seine Rechte eingesetzt zu werden. Die Sonne, die im Zenith gestrahlt und am Abend hinter Wolken untergeht, ist ein treffendes Bild, welches auf beide Entdecker paßt. Aber Cortes war ein reicher Mann geworden, Columbus starb in Dürftigkeit. Seine Gebeine wurden 1562 nach Neuspanien und zwar nach Tezcuco gebracht, dann 1629 in der Kirche des heiligen Francisco in Mexiko beigesetzt und 1794 in das von ihm gegründete Hospital Jesus von Nazareth übergeführt. Von hier wurden die irdischen Überreste 1823 während des Aufstandes entfernt, man weiß nicht, wohin? Seine männlichen Nachkommen starben im vierten Gliede aus.

Cortes war von hoher kräftiger Gestalt, der Ausdruck seines bleichen Gesichtes war gewöhnlich ernst; er trug einen dünnen, schwarzen Bart, den er in späteren Jahren, als er ergraute, zu färben liebte. Er war ein vorzüglicher Reiter und in jeder Kampfesart, zu Fuß oder zu Roß, sehr gewandt. Als junger Mann soll er auf Hispaniola manchen Liebeshandel mit Frauen und manchen Degenkampf mit Männern bestanden haben. Bei einer solchen Gelegenheit war er im Gesicht verwundet und trug davon am Kinn eine Narbe, welche der Bart nicht ganz verdeckte. Karten- und Würfelspiel liebte er auch noch im Lager, aber er blieb dabei stets, auch wenn er verlor, guter Laune. Seine äußere Erscheinung, seine Haltung, sein Gang, sein Benehmen verriethen den Mann von hohem Stande. Er kleidete sich einfach und trug als einzigen Schmuck immer dieselbe zierliche Goldkette mit dem Bilde der Mutter Gottes. Auf der Universität hatte er sich den Grad eines Baccalaureus der Rechte erworben, und durch diese seine wissenschaftliche Bildung überragte er alle seine Kriegsgenossen und sämmtliche Conquistadoren, welche sich in der neuen Welt als Heerführer einen Namen erwarben. Mit gelehrten Leuten verstand er Lateinisch zu reden. Er schrieb fließend und gewandt und pflegte seine Briefe mit lateinischen Citaten zu schmücken. Seine ausführlichen Berichte an den König Karl, in denen er eine klare Darstellung seiner Kriegsthaten gegeben, gehören zu den werthvollsten Urkunden der Geschichte der spanischen Eroberungen, sie fesseln durch die Schlichtheit und Natürlichkeit, welche den Stempel der Wahrheit an sich trägt. Sie zeigen uns den ganzen Mann, klar und entschieden in seinem Wollen, umsichtig in seinen Plänen, rastlos thätig, immer bemüht zu schaffen, zu ordnen. Denn er war Feldherr und Staatsmann zugleich und besaß einen weiten politischen Blick.

Als Heerführer im Kampfe war er kühn, fast tollkühn. In der Schlacht zeigte er sich stets allen voran und gerieth dabei mehrfach in höchste Lebensgefahr. Bei seinen kriegerischen Unternehmungen war er unbeugsam, es mochte kosten was es wollte, und er ließ trotz aller gutgemeinten, aber ängstlichen Rathschläge nicht ab, bis er sein Ziel erreicht. Manches Beispiel seiner treffenden Reden, mit denen er in gefährlicher Lage sein Kriegsvolk zu ermuntern pflegte, hat uns Bernal Diaz aufbewahrt. Wenn seine Soldaten unruhig und mismuthig wurden und ihn durch ihre Reden in Zorn brachten, dann schwoll ihm eine Ader am Hals und an der Stirn, er warf wohl auch in der Aufregung den Mantel von sich, aber nie ließ er ein Schimpfwort hören. Redete ihn jemand ungebührlich an, so rief er, ohne heftig zu werden. „Schweigt!“ oder „Geht in Gottes Namen und besinnt Euch eines Besseren, daß Eure Rede Euch nicht bösen Lohn bringt.“ Sein gewöhnlicher Schwur war: „Auf mein Gewissen!“ Schlagfertig in seinen Antworten, setzte er unter die Spottverse, welche man nach der Eroberung Mexiko’s, enttäuscht über die geringe Beute an Gold, in der Nähe von Cortes’ Wohnung an die Wand geschrieben hatte, sofort seine Erwiderung in Versen und brachte dadurch die Murrenden zum Schweigen. Im Dienste war er sehr pünktlich und inspicirte die Wachen selbst bei Nacht persönlich. Wo er Unordnung fand, nannte er die Leute räudige Schafe, denen die eigne Wolle zur Last sei.

Im Beginn seines Feldzuges gegen Mexiko war es ein staatskluger Schritt von der höchsten Wichtigkeit, daß er nach mehreren Siegen das tapfere Volk der Tlascalaner für seine Partei zu gewinnen wußte. Aber der romantische Zug, welcher der ganzen spanische Ritterschaft jener Zeit im hohen Grade eigen war, ließ ihn auch nach der Eroberung des aztekischen Reiches noch nicht zur Ruhe kommen. Der Gedanke einer mittelamerikanischen Meerenge, welche sein Neuspanien unmittelbar an die Hauptstraße des beginnenden Weltverkehrs verlegen sollte, trieb ihn nach Honduras und Californien. Und erst als ihm die Weiterführung dieser, wie wir jetzt erkennen, fruchtlosen Unternehmungen versagt wurde, zog er sich von dem Schauplatze seiner Thätigkeit zurück. Die Anerkennung aber seiner Verdienste um die spanische Krone findet ihren charakteristischen Ausdruck in dem Wappen, welches ihm Kaiser Karl am 7. März 1525 verlieh. Das Wappenschild (~escudo de armas~) des Marques de Valle umfaßt vier Mittelfelder, rechts oben den kaiserlichen, doppelköpfigen schwarzen Adler, darunter rechts unten einen goldenen Löwen in rothem Felde, um den Löwenmuth des Cortes anzudeuten. Links oben zeigten sich drei goldene Kronen auf schwarzem Grunde, sie stellten die drei mexikanischen Könige vor. Im letzten Felde, links unten, erschien die Stadt Mexiko. Rings um den vierfeldigen Mittelschild standen die Köpfe der sieben bezwungenen Fürsten im goldenen Felde, durch eine goldene Fessel an einander gekettet. So waren seine Thaten auf dem Wappenschild verherrlicht. Wenn ihm in späteren Jahren die Verwaltung von Neuspanien entzogen wurde und nur das Heer untergeben blieb, so liegt die Ursache dieser für Cortes demüthigenden Maßregel der Regierung wohl weniger in dem Einfluß der Verleumdungen und Intriguen seiner Feinde, als in der Erwägung, daß Cortes sich durch einen ungesetzmäßigen Schritt von dem Statthalter von Cuba losgerissen hatte, und daß man für die Folgezeit den Act der Felonie nicht sanctioniren wollte. Dessen ungeachtet bleibt Cortes eine der anziehendsten Gestalten in der Geschichte der spanischen Eroberungen.

26. Die Unternehmungen gegen Florida und die Küsten von Nordamerika.

Im weiten Umkreise des mexikanischen Golfes hatten die nördlichen Gestade längere Zeit weniger Beachtung gefunden und die Eroberungslust der Spanier nicht gereizt. Nach dem ersten Versuche Juan Ponçe’s (s. S. 355) im Jahre 1513 war die Aufmerksamkeit der Eroberer mehr nach den im Südwesten der Antillen gelegenen Regionen gerichtet, als nach Nordosten und Norden, bis in den Jahren 1519 und 1520 kurz nach einander mehrere Expeditionen ausliefen, um in jenen Gebieten festen Fuß zu fassen oder Menschenjagden anzustellen. +Juan Ponçe+ versuchte 1520 noch einmal mit 200 Mann sich auf Florida festzusetzen, wurde aber von den kriegerischen Einwohnern, welche ausgezeichnete Bogenschützen waren, so energisch abgewiesen, daß er, selbst schwer verwundet, seinen Plan aufgeben und nach Cuba zurückweichen mußte, wo er seinen Wunden erlag.

Fast um dieselbe Zeit schickte der Licentiat +Lucas Vasquez Ayllon+ von Haiti aus zwei Schiffe an die Ostküste von Florida, um Indianer einzufangen, welche auf den Antillen als Arbeiter verwendet werden sollten. Der Küstenstrich am atlantischen Ocean etwa zwischen 32 und 34° n. Br. hieß bei den Eingebornen Chicora und Gualdape. Man benannte dort die S. Helenabai[414] und den Jordanfluß, welcher, nach Vergleich der älteren Seekarten, mit dem Flusse von Charleston identisch zu sein scheint. Das Land machte einen so günstigen Eindruck, daß Ayllon, dem Bericht seines ausgesandten Piloten trauend, sich in dem Land festzusetzen beschloß und sich mit dem indischen Amte in Spanien in Verbindung setzte, worauf er von diesem unter dem Titel eines Adelantado die Ermächtigung erhielt, jene Länder zu erobern. Er verpflichtete sich zu gleicher Zeit, die Küsten weiterhin zu erforschen und namentlich nach einer Meeresstraße auszuspähen, welche den östlichen und westlichen Ocean verbinden sollte.

Im Jahre 1526 segelte er mit sechs Schiffen und 500 Mann nach dem Jordanflusse; bei der Einfahrt in denselben ging sein Hauptschiff sammt allen Vorräthen unter. Die indianischen Dolmetscher, welche man zur Verständigung mit den Eingeborenen mitgebracht hatte, entflohen und ließen die Spanier rathlos am Strande, dessen niedriger, unfruchtbarer Boden ihren Erwartungen keineswegs entsprach. Man versuchte etwa 40 Meilen weiter nordwärts bessere, günstigere Verhältnisse zu finden, ging dahin unter Segel und lief in einen seichten Fluß ein, dessen Barre nur mittelst der Flut zu passiren war. Das Land war fruchtbarer, aber auch ungesund. Viele der neuen Ankömmlinge starben noch in demselben Sommer; im Herbst (18. October) 1526 erlag auch Ayllon, und nun hielt sich die auf 150 Mann zusammengeschmolzene Schar nicht weiter verpflichtet, sondern verließ den ungastlichen Strand und kehrte nach Westindien zurück. Lange Zeit noch heißt diese Gegend auf den Karten Ayllon’s Land, aber weitere Colonisationsversuche wurden nicht gemacht.

Die Nordküste des mexikanischen Golfes enthüllt zu haben, ist das Verdienst des Statthalters von Jamaica, +Francisco de Garay+, welcher bereits die zweite Fahrt des Columbus mitgemacht hatte und nun von dessen Sohne mit der Verwaltung von Jamaica betraut war. Garay entsandte den tüchtigen Capitän +Alonso Alvarez de Pineda+ mit vier Schiffen, um einen größeren Golf oder eine Meeresstraße in dem Festlande zu entdecken.[415] Pineda begann seine Küstenaufnahme am Nordende der Halbinsel Florida bei der Apallacheebucht und verwendete, alle Krümmen der Küste genau vermessend, 8 bis 9 Monate darauf, ehe er an die Grenzdistrikte von Mexiko gelangte. Das Land war anmuthig, die Indianer, welche mit den Seefahrern friedlich verkehrten, nannten es Amichel. Man berührte eine größere Anzahl indianischer Ortschaften, glaubte auch in den Flüssen Spuren von Gold zu entdecken, war entzückt, dieses Metall bei den Eingeborenen vielfach als Schmuck verwendet zu finden und lief auch mehrere Meilen weit in einen mächtigen Strom hinein, dem der Name Rio del Espiritu santo ertheilt wurde. Ohne Zweifel haben wir in diesem „Heiligengeist-Flusse“ den Mississippi vor uns. Dort blieb die Flotille 40 Tage. Daß die Entdecker in der Freude über ihren Fund die Natur des Landes zu günstig beurtheilten, oder in Bezug auf das Vorkommen von Gold sich angenehmen Selbsttäuschungen hingaben, hat sich zu oft wiederholt, um besonders aufzufallen; allein wenn sogar auch die einheimischen Menschenstämme in Giganten und Zwerge zerfallen sollten, so wären solche Berichte wohl geeignet gewesen, besonneneres Urtheil und ruhige Erwägung zu veranlassen, sofern es sich um weitere Ausdehnung der Eroberungspläne handelte; allein grade das Wunderbare in diesen Berichten lockte an und reizte die Habgier der Spanier.

Pineda fuhr vom Mississippi bis in die Gegend von Vera Cruz, wo bei einer Landung ein Theil seiner Leute dem Cortes in die Hände fiel. Hier mußte bald eine bestimmte Grenze zwischen dem Garay-Lande und Cortes-Lande (Mexiko) gezogen werden. Die Krone Spaniens entschied, daß der Rio Panuco (Tampico) die Gebiete der beiden Eroberer scheiden solle. Im Jahre 1523 ging nun Garay selbst mit elf Schiffen und bedeutender Mannschaft nach dem Palmenflusse, nördlich von Panuco, um dort eine Niederlassung in der Nähe von Mexiko zu gründen. Aber kaum waren die Truppen gelandet, so lief bereits ein Theil zu Cortes über, unter dessen Fahnen mehr Beute in Aussicht stand. Garay selbst mußte sich seinem glücklichen Rivalen ebenfalls ergeben, blieb im Lande und starb in Mexiko. Nach seinem Tode verlieh der König von Spanien die nördliche Golfküste an Narvaez.

+Pamfilo de Narvaez+ faßte 1528 die Eroberung dieses Gebietes von neuem ins Auge. Cortes gegenüber hatte er zwar eine empfindliche Schlappe erlitten und in dem nächtlichen Kampf ein Auge verloren; allein sein Unternehmungsgeist erwachte wieder. Sein Name hatte immer noch Klang genug, um Mannschaften, welche das Abenteurerleben nach der neuen Welt hinübergeführt hatte, unter seiner Fahne zu sammeln. Er ging mit 400 Mann und 80 Pferden in vier Schiffen nach dem Hafen Sa. Cruz in Florida, wahrscheinlich an der Tampa-Bai, 28° n. Br., hinüber, landete mit 300 Mann und zog, während die Schiffe an der Küste folgen sollten, parallel dem Meeresstrande nordwärts und ins Innere. Am 26. Juni erreichte er die Indianerstadt Apalachee (der Name haftet vielleicht noch an der Apalacheebai im Norden von Florida), rastete dort fast vier Wochen und zog von da weiter nach +Aute+. Nachdem sie von hier aus mehrere Tagereisen weite Streifzüge nach Westen unternommen hatten, ohne dabei Gold oder Anzeichen dieses begierig gesuchten Metalles entdeckt zu haben, wandten sie sich der See zu, in der Hoffnung, ihre Schiffe zu finden; aber diese hatten fast ein ganzes Jahr lang an der Küste weiter westlich nach dem ins Binnenland eingedrungenen Heere gesucht und waren dann unverrichteter Sache zum Theil nach Cuba zurückgekehrt. Einige Schiffe gingen unter. Nach langem, vergeblichem Harren, von Krankheiten und Noth bedrängt, mußte man sich entschließen, fünf Böte zu bauen, auf denen man, gegen Westen am Land hinschiffend, endlich zu spanischen Niederlassungen zu kommen hoffte. Die Schar war bereits auf 250 Mann zusammengeschmolzen. Sieben Tage ging die Fahrt am Gestade hin, man kam an der Mündung eines bedeutenden Flusses vorbei. Dann wurden vier Böte bei heftig bewegter See ans Land geworfen, während das fünfte, in dem sich der Capitän Narvaez befand, aufs Meer hinausgetrieben wurde und dort für immer verschwand. Nur ein Theil der Gestrandeten entrann dem Tode im Meer, rettete zwar augenblicklich das Leben, gerieth aber, von einander getrennt und den feindlichen Indianern gegenüber hilflos geworden, in Gefangenschaft, aus welcher nach jahrelanger Drangsal nur vereinzelte befreit wurden. Das merkwürdigste Schicksal hatte Alvar Nuñez Cabeça de Vaca, dessen Boot zunächst an eine flache Küsteninsel trieb, welche den Namen Malhado (Unglücksinsel) erhielt. Von hier rettete er sich aufs Festland, verlor noch mehrere von seinen Begleitern, bis ihm nur noch drei Genossen: Andres Dorantes, Alonso del Castillo Maldonado und ein Mohr, Namens Estebanico erhalten blieben. Es gelang ihnen durch einige glückliche Krankenheilungen das Vertrauen der Indianer zu gewinnen, so daß sie von der Küste sich ins Binnenland retten konnten, wahrscheinlich nach dem Norden Alabama’s. Von da zogen sie gegen Westen, setzten über einen großen Fluß,[416] den Mississippi, gingen über den Arkansas, überschritten den Canadian oberhalb des großen Cañon (vielleicht in derselben Gegend, wo später die Expedition Coronado’s auf dem Marsche nach Quivira ihn berührte) und kam endlich nach langem Umherirren durch das heutige Neumexiko und Arizona nach Culiacan, in der Nähe des californischen Golfes, wo sie endlich im Jahre 1536 anlangten, von Melchior Diaz, welcher in dem seit 1532 von den Spaniern besetzten Gebiete als Befehlshaber stand, aufgenommen wurden und sich unter dem Schutz und der Pflege ihrer Landsleute von ihrer mühseligen Wanderung erholen konnten.

So unglücklich auch der ganze Zug des Narvaez verlaufen war, so fand er doch wenige Jahre, nachdem die geringen Trümmer seiner Schar den Boden Neuspaniens erreicht hatten, einen Nachfolger, der seinen Plan wieder aufnahm, und zwar in +Hernando de Soto+ aus Barcarroto in Estremadura, südlich von Badajoz. Dieser ausgezeichnete Ritter hatte sich in Goldcastilien und Nicaragua hervorgethan, war dann mit Pizarro (s. unten, Cap. 29) nach Peru gezogen, war von diesem zum Generallieutenant (~Teniente de Capitan general~) erhoben, hatte dann aber, in folge des unerquicklichen Streits zwischen Pizarro und Almagro, das südamerikanische Goldland verlassen und war nach Spanien zurückgekehrt.

Sobald er dort mit dem Plane hervortrat, eine Expedition nach Florida zu unternehmen, lockte der glänzende Ruf seines ritterlichen Charakters so viele tüchtige Kräfte, selbst zahlreiche Hijosdalgo und Priester herbei, daß er sich bald an der Spitze eines Heeres von tausend Mann sah. Mit ihnen ging er am 6. April 1538 auf zehn Schiffen von San Lucar nach Cuba ab, vervollständigte in Habana seine Ausrüstung und landete am 31. Mai 1539 mit 900 Soldaten und 350 Pferden in der Bai von Espiritu santo auf Florida. Zufällig trafen seine Begleiter einen Landsmann, Juan Ortiz, welcher, durch die Frau des Caziken gerettet, allein von dem Heere des Narvaez noch am Leben war. Aber über das Land vermochte er nur wenig Auskunft zu geben, er hatte nur gehört, daß das Binnenland wegen seiner Fruchtbarkeit sehr gerühmt werde. Indes konnte Ortiz doch als Dolmetscher sehr nützlich werden.

Nachdem Soto zur Bewachung der Schiffe 40 Mann zu Pferde und 80 Mann zu Fuß zurückgelassen hatte, zog er mit seinen Truppen gegen Nordnordwesten ins Innere des Landes. Man stieß auf Ortschaften mit mehr als 600 Hütten, mußte auf rasch geschlagenen Brücken sich den Weg über Flüsse und Sümpfe bahnen und hatte mehrfach feindselige Begegnungen mit den Indianern, welche verpallisadirte Hügel besetzt hielten. An die Flotte ging der Befehl zurück, zunächst nach Apalachee zu segeln und von da aus 100 Meilen gegen Westen alle Buchten und Häfen sorgfältig aufzunehmen. Soto bezog seine Winterquartiere in der Landschaft Apalachee, wo man Lebensmittel genug fand. Im Frühjahr 1540 rückte er gegen Norden; seinen Truppen schickte er stets gewandte Botschafter voraus, welche von den Eingebornen nur friedlichen Durchzug zu fordern hatten. Einer der Häuptlinge, durch dessen Gebiet man zog, der Cazike von Cofachi (Cofaqui), führte als Waffe ein mächtiges, zweihändiges Holzschwert. Wiederum ging es über große und kleine Flüsse nordwärts und nordostwärts. Als man an den Xuala gelangte, hielten die Seeleute, welche an dem Zuge theilnahmen, denselben für den nämlichen, dessen Mündung an der Ostküste Ayllon mit dem Namen Santa Elena belegt hatte,[417] weiter nordwärts kam man in die Nähe von Kupferminen.[418] Dann scheint der Marsch mitten durch Alabama nach Westen gegangen zu sein. In der dichtbewohnten, fruchtbaren Landschaft Coça (Cossa) machten sie eine zwölftägige Rast und rückten weiter nach dem befestigten Talisse im Gebiete des Tascaluço. Dieser Häuptling war ein Riese von Gestalt. Er erbot sich, das spanische Heer eine Zeitlang zu begleiten, und bat deshalb um ein Pferd. Soto gab ihm eines von seinen Lastpferden. Als er darauf saß, reichten seine Füße fast bis auf die Erde.[419] Tascaluço führte seine Gäste verrätherischer Weise zu einer starken indianischen Festung, Mavila (Mobile), um sie dort zu überfallen. In den 80 casernenartig großen Häusern der Festung sollen sich je 1000 Krieger befunden haben. Die Spanier waren arglos in den Ort eingerückt, zogen sich aber, als sie die drohende Gefahr bemerkten, zurück und griffen von außen die Pallisadenverschanzung an, schlugen die Holzpforten mit Beilen ein und legten Feuer an die Häuser. Soto wurde im Kampfe verwundet, blieb aber im Gefecht, um seine Leute nicht zu entmuthigen. Selbst die indianischen Weiber nahmen am Kampfe theil; als aber das Feuer mehr um sich griff, sprangen die Vertheidiger von den Wällen herab und suchten sich durch die Flucht zu retten. Der Kampf dauerte neun Stunden. Die Spanier verloren 83 Mann, theils im Gefecht, theils an den Wunden, da es an jeglicher Pflege fehlte. Dazu büßte man 45 Pferde ein. Der Verlust, den die Indianer erlitten, wird auf 11,000 Mann angegeben. Mehr als 3000 Todte zählte man in den Straßen der Festung, über 4000 sollen im Feuer umgekommen sein. Den Körper des Verräthers Tascaluço fand man nicht, man nahm für gewiß an, daß er den verdienten Tod in den Flammen gefunden habe und mit verbrannt sei.

Der bedeutende Verlust, den die Spanier erlitten hatten, machte sie muthlos. Da man kein Gold fand und überall von einer feindseligen Bevölkerung bedroht war, wollte man lieber heimkehren. Soto aber wollte seinen Feldzugsplan noch nicht aufgeben, er gönnte seinen Truppen eine vierzehntägige Rast und zog dann weiter ins Land der Chikasa. Am Grenzflusse wehrten ihm die Indianer den Uebergang, aber Soto ließ zwei große Böte bauen, bemannte sie mit je 40 Schützen und 10 Reitern, ging in der Morgendämmerung über das Wasser und vertrieb die Gegner, so daß der Haupttheil seines Heeres unbelästigt folgen konnte. In dem Hauptorte der Landschaft, welchen man in vier Tagen erreichte und welcher in günstiger Lage, reichlich mit Vorräthen versehen, sich für einen längern Aufenthalt eignete, schlugen die Spanier wieder ihre Winterquartiere auf; aber allzu sorglos hatten sie versäumt, Wachen auszustellen. So wurden sie im Spätherbste von den Indianern bei Nacht überrumpelt, welche ihnen die Strohdächer der Hütten über dem Kopfe anzündeten. Soto, welcher stets in Waffen schlief, war zuerst auf dem Platze; aber er verlor in dem nächtlichen Kampfe wiederum 40 Soldaten und büßte 50 Pferde ein, von denen 20 verbrannten. Man mußte die Quartiere eine Meile weiter nach dem auch für die Pferde sichereren Orte Chicacolla verlegen. Wenn auch hier unablässig von den Eingebornen beunruhigt, behauptete sich Soto doch bis Ende März. Unter steten Kämpfen zog er weiter, bald nach Südwesten, bald nach Westen. Sein Marsch ging, wie es scheint, über den oberen Alabama und am mittleren Tennessee hinab, welcher an Größe dem Guadalquibir bei Sevilla glich, und führte ihn endlich an den Mississippi. In Verbindung mit einem Caziken machte das Heer, welches bereits auf die Hälfte zusammengeschmolzen war, einen Kriegszug auf 80 Canoes den Strom hinab gegen einen feindlichen Nachbarn, dessen Hauptstadt erobert und vernichtet wurde. In diesen Kämpfen wird auch zuerst der blutigen Sitte der Indianer, Skalpe zu erbeuten, Erwähnung gethan. Dann ging Soto über den Strom, fand auch jenseits noch fruchtbares Land und zahlreiche Ortschaften. Aber in der Landschaft Quigualtangui wurde der Feldherr, welcher bisher unermüdlich ausgeharrt hatte, vom Fieber ergriffen und starb am 21. Mai 1541 in seinem 42. Jahre. Auf seinem Sterbelager hatte er in Gegenwart sämmtlicher Hauptleute den +Luis de Moscoso de Alvarado+ zu seinem Nachfolger ernannt.

Soto war sehr beliebt gewesen bei seinen Soldaten, mit denen er alle Mühseligkeiten ertragen hatte. Er wurde bei Nacht bestattet, damit die Kunde seines Todes sich unter den Indianern nicht verbreite. Der Sarg wurde in einen 19 Ellen tiefen Seitencanal des Stromes versenkt.

Am 5. Juli rückten die Truppen in großen Tagemärschen nach Westen, 100 Meilen weit durch unfruchtbares Steppenland, dann durch Wüsteneien, in denen sich selbst die indianischen Führer verirrten. Da die Lebensmittel ausgingen und der neue Heerführer die ermatteten Soldaten nicht der äußersten Gefahr in den menschenleeren Wildnissen aussetzen wollte, so ordnete er im Angesicht der hohen Gebirge (man hatte also den östlichen Fuß der Felsengebirge erreicht) den Rückzug an, um den großen Strom wieder zu erreichen. Viele Soldaten fielen auf dem Marsche, der Winter kam heran, die Lebensmittel mußten mit Blut erkämpft werden. In den Niederungen des Mississippi mußten sie mehreremale, weil sie nachts keine geeigneten Lagerplätze fanden, die Reiter zu Pferde bleibend, die übrigen Soldaten, bis an die Knie im Wasser stehend, den Morgen erwarten. Barfuß und in Thierfelle gehüllt, -- denn die europäische Kleidung war zerfetzt und zerfallen, -- erreichten die Trümmer des Heeres im Winter, Ende November, den großen Strom wieder, etwa 16 Meilen oberhalb der Stelle, wo sie ihn im Sommer überschritten hatten. Man setzte sich an einem von tiefen Wassergräben umzogenen Orte mit Gewalt fest und behauptete sich dort für den Winter. Eine Musterung ergab nur noch 320 Mann Infanterie und 70 Pferde; aber in folge der entsetzlichen Strapazen starben während des Winters noch manche, unter ihnen auch Juan Ortiz, dem es nicht vergönnt sein sollte, nachdem er so vielen Gefahren und jahrelangen Mühen entronnen war, die Heimat wieder zu sehen. Von einem benachbarten Häuptlinge mit Lebensmitteln und Decken versorgt, brachte man so den letzten traurigen Winter zu, nur noch belebt durch die Hoffnung, auf dem Wasserwege ans Meer und wieder zu spanischen Colonien zurückgelangen zu können. Im März und April bauten sie sieben feste Böte, welche vorn und hinten gedeckt waren. Aber die gewaltigen Frühjahrsfluten des Riesenstromes verzögerten noch wochenlang die Abfahrt. Das Wasser begann am 10. März zu steigen und überschwemmte vom 20. April an das ganze, weite Flußthal, so daß noch am 20. Mai die Straßen des Ortes nicht gangbar waren. Erst am Johannistage waren die Böte mit Vorräthen hinlänglich versorgt, und in den letzten Tagen des Juni konnte man sich einschiffen. In jedem Boote befanden sich etwa fünfzig Spanier und vier Indianer (Männer und Weiber), welche freiwillig die Fahrt mitmachten. Die Vorbereitungen waren den südlichen Anwohnern des Stromes nicht entgangen, sie beschlossen den Fremden den Durchzug zu wehren. Mit 1000 Kriegscanoes, darunter manche mit 25 Rudern an jeder Seite, versperrten sie den Spaniern die Wasserstraße. Die Krieger waren meist schwarz und blau bemalt, und die Canoes trugen die entsprechende Farbe. Die spanischen Böte mußten sich mitten durch die übermächtige feindliche Flotte den Weg bahnen, Verfolgung und Kampf dauerte zehn Tage lang, wobei mancher Spanier noch das Leben einbüßte. Dann erst konnten sie ungehemmt weiter segeln. Der Strom wurde so breit, daß man von der Mitte aus kaum die niedrigen Ufer sehen konnte. Am 19. Tage der Fahrt erreichten sie das Meer und beschlossen nun, ohne Compaß und ohne Karten, am Gestade nach Westen steuernd, zu versuchen, ob sie Neuspanien fänden. Einen Tag lang war das Meer von den Fluten des Mississippi noch mit süßem Wasser bedeckt. Dreiundfünfzig Tage segelten sie am Lande hin, ergänzten ihre Vorräthe durch ergiebigen Fischfang und nahmen von Zeit zu Zeit an der Küste frisches Wasser ein. Gegen das Ende der im allgemeinen äußerst günstigen Fahrt wurde die Flottille von Sturm und heftigen Regengüssen überfallen, welche die Böte zu füllen und zu versenken drohten. Ohne Schlaf und Speise mußten die Seefahrer 26 Stunden bei ununterbrochner Arbeit ausharren, ehe es ihnen gelang, einen Landungsplatz zu finden. Da sie hofften, nun endlich bald in das Gebiet von Neuspanien zu gelangen, so verließen sie ihre Schiffe und marschirten am Strande gegen Süden. Nach einer Wanderung von 13 oder 14 Meilen war die ganze Schar von Entbehrungen und Hunger so erschöpft, daß man sich lagern mußte. Fast am Ziel und doch, wie es schien, noch dem Untergange geweiht. Da erbot sich Gonzalo Quadrado Xaramillo mit noch einem Genossen, nur mit Schwert und Schild bewaffnet, barfuß, nachts die Gegend zu durchstreifen, während die übrigen sich der Ruhe hingaben. Bald traf er Indianer an, von denen er erfuhr, daß sie nicht fern von Panuco, also bereits auf neuspanischem Boden sich befänden. Der Gouverneur nahm die halbnackten, in Thierfelle gekleideten Landsleute, welche mit ihren verwilderten Bärten mehr den Wilden als civilisirten Menschen glichen, freundlich auf und schickte eine Botschaft an den Vicekönig Mendoza, welcher sie sofort mit allem Bedarf an Kleidung, Lebensmitteln und Arznei versehen ließ.

Manche von den Abenteurern kehrten nach Spanien zurück, für immer von ihrem Entdeckungsfieber geheilt, andere blieben in Mexiko, wieder andere ließen sich für Peru anwerben, einzelne traten in einen geistlichen Orden ein. So lösten sich die Trümmer des stattlichen Heeres, welches Soto einst hinausgeführt hatte, wieder auf und trugen durch ihre abschreckenden Berichte dazu bei, daß das Mississippigebiet nicht wieder zum Ziel spanischer Eroberungsgelüste ausersehen wurde.

27. Coronado’s Feldzug nach Cibola und Quivira.

Nach der Eroberung Mexiko’s blieben die Blicke noch jahrzehntelang auf das unbekannte Gebirgsland im Norden gerichtet. Die Fahrten, welche im westlichen Meere schon von Cortes selbst angeregt waren, hatten eine unendlich weite Erstreckung des Festlandes mit bedeutenden Gebirgszügen im Norden nachgewiesen. Im Binnenlande rückte man in die öderen Striche des neuspanischen Vicekönigreichs nur langsam nach Norden vor. Es bedurfte besonderer, lockender Aussichten, um die dort beginnenden Wüsteneien zu durchbrechen. Der Präsident des königlichen Gerichtshofes in Mexiko, welcher von 1528-31 die Civilverwaltung des reichen Pflanzlandes leitete, Nuño de Guzman, hatte schon im Jahre 1530 von einem Indianer Mittheilungen erhalten über ein im Norden liegendes Land Tejos (Texas?), wo er sieben Städte wollte besucht haben, jede so groß wie Mexiko, in denen ganze Straßen mit Juwelierläden besetzt seien. Der Weg dahin führe 40 Tage durch eine Wüste. Guzman beschloß mit 400 Spaniern und 2000 Indianern sich dahin einen Weg zu bahnen; aber er fand, indem er sich vornehmlich an den westlichen Terrassen des Hochlandes nordwärts bewegte, schon in Culiacan, südlich von 25° n. Br., so bedeutende Schwierigkeiten, daß er von seiner Unternehmung abstand und sich dabei begnügte, +Culiacan+ zu colonisiren. Dieser Ort bildete in der Folgezeit den Ausgangspunkt mehrerer Expeditionen in die nördlichen Regionen. Die Fabel von den goldreichen Städten tauchte 1536 von neuem auf, als die letzten Ueberbleibsel der Expedition des verunglückten Narvaez, Nuñez Cabeça, Dorantes, Maldonado und der Mohr Estebanico sich nach Neuspanien zurückgefunden hatten. Sie behaupteten, es gäbe im Norden Städte, deren Häuser sechs bis sieben Stockwerke hätten, und die Thürgewände seien mit kostbaren Steinen geschmückt.

Im Auftrage des Vicekönigs Antonio Mendoza (1535-57) schickte Coronado, welcher damals Commandant in Culiacan war, den Priester +Marcos de Niza+ nebst einem Franciskaner Fray Onorato und Estebanico im Frühling 1539 nach Norden.[420] Onorato blieb schon in Sonora wegen Krankheit zurück. Die andern zogen mit einigen Indianern weiter. Der Mohr wurde auf Kundschaft vorausgeschickt. Je weiter man nach Norden durch die sporadischen Ansiedlungen der Indianer vorwärts drang, um so bestimmter lauteten die Angaben über eine große Stadt Cibola. Bald aber erhielt Marcos de Niza die Trauerbotschaft, Estebanico sei bei seinem Eintritt in die Stadt getödtet worden; wie sich später herausstellte, war er als ein Opfer seiner Lüsternheit und Habgier gefallen. Marcos konnte seine indianische Begleitung nur durch Geschenke bewegen, ihm so weit zu folgen, bis er die Wunderstadt mit eignen Augen, wenn auch nur aus der Ferne, sähe.

Es gelang ihm in der That, so weit vorzudringen. Er sah die Stadt in einer Ebene, am Abhange eines runden Hügels. Ob er sich selbst täuschte oder ob der Eindruck aus der Ferne ein größerer wurde: Marcos hielt die Stadt für ansehnlicher und größer als Mexiko. Gern hätte er die Stadt selbst besucht, allein bedenkend, daß, wenn er getödtet werde, alle Kunde seiner Entdeckung verloren ginge, stand er davon ab. Auf der Höhe, wo er stand, thürmte er einen Steinhaufen auf, errichtete darüber ein kleines Kreuz und nahm im Namen des Vicekönigs von dem Lande Besitz. Dann kehrte er zurück und stattete noch im September desselben Jahres dem Vicekönig in Mexiko Bericht ab. Coronado, mit welchem Marcos in Guadalajara zusammengetroffen war, schickte noch im Herbst den Capitän Melchior Diaz ab, weil ihm die Erzählung des Priesters nicht hinreichend beglaubigt schien. Aber Diaz konnte wegen der eintretenden Winterkälte in den wenig bewohnten Regionen nicht ans Ziel gelangen, sondern mußte sich in seinem Bericht, den er am 20. März 1540 an Coronado abgehen ließ, auf die unterwegs gemachten Erkundigungen stützen. Wenn nun auch dadurch die überschwenglichen Schilderungen des Pater Marcos etwas gedämpft wurden, so mußte er doch die Existenz von sieben merkwürdigen Städten, deren vornehmste Cibola war, bestätigen.

Diese Thatsachen bestimmten sodann den Vicekönig, ein ansehnliches Heer unter +Coronado+[421] zur Erweiterung seiner Herrschaft nach Norden zu entsenden. Dieser brach im Frühjahr 1540 mit einem Heere, welches an Spaniern und Indianern über 1000 Mann zählte, von Mexiko auf und ging über Compostella nach Culiacan. Da von hier aus der Weg beschwerlicher wurde, so mußte eine kleine Schar immer vorausgesandt werden, um die Gegend zu erforschen. Auch begleiteten zwei Schiffe unter +Pedro de Alarcon+ die Expedition, indem sie möglichst nahe sich an der Küste hielten. Der Marsch ging von Culiacan im allgemeinen nach Nordwesten bis etwa zum 30° n. Br. und richtete sich dann nach Norden und später nach Nordosten. Man durchschnitt das Thal von Sonora und wandte sich vom Rio de S. Ignacio nordöstlich ins Gebirge, um den oberen Lauf des Rio Sa. Cruz (Nexpa) zu erreichen, an dessen Ufer man zwei Tage abwärts und später über die öden Flächen zum Rio Gila gelangte, welcher, weil man auf Flößen übersetzte, den Namen Rio de las balsas erhielt. Dem südwestlichen Steilabfall des Coloradoplateaus ausweichend, führte der Weg in östlicher Richtung über einen mit Fichten bestandenen Berg. Ueber grasige Ebenen, Schluchten und ödes Bergland ging es weiter nach Nordosten, bis man Cibola erreichte. Die Truppen hatten den Weg sämmtlich zu Fuß gemacht, jeder Mann trug seinen Bedarf an Lebensmitteln selbst, auch die Pferde waren beladen. Vierzehn Tage nach Ankunft der Vortruppen langte auch das Hauptcorps an; aber das erreichte Ziel, Cibola, brachte große Enttäuschungen, man verwünschte die übertriebenen, lockenden Schilderungen des Marcos de Niza und erklärte spöttisch, manche Farm in Neuspanien mache einen stattlicheren Eindruck als dieser Ort, der aus Stein und Lehm auf einen Felsen gebaut, höchstens 200 Krieger bergen könne. Mit leichter Mühe wurde der Ort gestürmt und die Indianer verjagt. Das Land war kalt und hoch gelegen, der Boden sandig und nur spärlich mit Grün bedeckt. Die Indianer waren in baumwollne Tücher oder in Thierfelle ärmlich gekleidet. Schätze durfte man hier nicht erwarten und die herrlichen sieben Städte, von denen gefabelt war, bestanden in kleinen Ortschaften (~pueblozuelos~), die in einem Umkreise von etwa sechs Meilen den Hauptplatz umgaben.

Wo lag Cibola, dessen Namen wir auf modernen Karten vergeblich suchen? Zahlreiche nordamerikanische Gelehrte und Reisende haben sich mit der Frage beschäftigt.[422] Cibola ist das heutige Zuñi am Zuñiriver, welcher sich durch den kleinen Colorado in den Colorado del Occidente ergießt. Es liegt im Territorium von Neu-Mexiko nahe der Grenze von Arizona unter 35° n. Br. Nach der Angabe von Simpson (~p.~ 324) erscheint Zuñi aus einer Entfernung von drei Meilen als ein niedriger brauner Felsrücken in baumloser Umgebung. Das Flußbette ist 150 Yards breit, aber das Wasser nur sechs Fuß breit und einige Zoll tief. Die Stadt ist terrassenartig gebaut, jedes Stockwerk der Häuser -- in der Regel sind es drei -- tritt nach oben weiter zurück und läßt für eine Plattform Raum. Die aufsteigenden Gassen sind sehr enge. In der Umgebung von Zuñi finden sich noch, am Rio Vermejo, die Ruinen von sechs Pueblos, alle dicht zusammen. Daß Zuñi und Cibola identisch sind, geht auch aus dem Ausspruche Antonio’s de Espejo hervor, welcher 1583 das Gebiet besuchte und erklärt, die Spanier unter Coronado hätten dem von den Indianern Zuñi benannten Orte den Namen Cibola gegeben.[423]

Während das Hauptheer nach Cibola marschirte, hatte Coronado schon vom Sonoraflusse aus den Capitän +Melchior Diaz+ mit 25 Mann ans Meer hinabgesandt, um die Schiffe Alarcon’s aufzusuchen und ihm, womöglich, Verhaltungsmaßregeln für seine weitere Fahrt zu geben. Diaz zog an dem östlichen Strande des californischen Meerbusens gegen Norden, bis er an das Ende des Golfes kam. Da er aber von den Schiffen nirgends eine Spur fand, ging er an dem dort mündenden Strom weiter, bis er einen mächtigen Baum fand, in dessen Rinde die Nachricht eingegraben war, daß Alarcon bis dahin mit seinen Schiffen gekommen sei und am Fuß des Baumes einen Brief niedergelegt habe. Der Inhalt des Schreibens ergab, daß Alarcon hier längere Zeit gewartet und dann, da er mit seinen Schiffen nicht weiter vordringen, also nicht mehr in der Nähe Coronado’s bleiben konnte, den Rückweg angetreten habe. +Alarcon+ war am 9. Mai 1540 vom Hafen Natividad ausgesegelt, hatte von Jalisco aus noch einen Transport mit Vorräthen für die Truppen mitgenommen und war im August an das Nordende des Meerbusens gelangt. Mit Böten war er noch 85 Meilen weit den Colorado, welchen er Rio de buena guia nannte, hinaufgegangen und hatte alles versucht, um sich mit Coronado in Verbindung zu setzen, aber vergeblich. Er sah sich zur Umkehr genöthigt. Sein Pilot Domingo del Castillo entwarf eine Karte[424] von den Küsten des Golfes und bewies damit, daß das westliche Land, Niedercalifornien, eine Halbinsel sei. Später hat allerdings lange und bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus die falsche Vorstellung geherrscht, als sei Californien eine Insel.

In der Nähe des Colorado kam Diaz durch einen unglücklichen Zufall ums Leben und seine Mannschaft kehrte nach Mexiko zurück.

Inzwischen hatte Coronado von Cibola aus, wo er vorläufig sein Standquartier nahm, zunächst die umliegenden Ortschaften unterwerfen lassen und dann nach verschiedenen Richtungen einzelne Truppentheile in entfernte Regionen zur Erforschung der Länder entsendet. In der Landschaft Tuzan oder Tuçaya hörten die Spanier von einem großen Flusse im Norden. Diesen Strom aufzusuchen zog +Garcia Lopez de Cardenas+ aus. Er ging mit seiner kleinen Schar über das Coloradoplateau und trat dann, bestürzt über den wilden Abgrund, an den Rand des großen Colorado-Cañons. Eine Welt in Trümmern, ein von klaffenden Spalten zerrissener Felsboden, auf dessen Grunde allein das spülende und grabende Wasser arbeitet, zeigte sich hier den erstaunten Blicken, wie sie in solcher Großartigkeit in keinem Erdtheil wieder auftritt.[425] Die Spanier unter Cardenas meinten, die Stromschluchten seien drei bis vier Meilen tief, neuere Messungen haben die Tiefe des großen Cañons auf etwa 100 Meter bestimmt. Drei Tage lang irrten sie am Plateaurande umher, nach einem Passe ausspähend, der sie zum Wasser hinunterführe, umsonst. Einige Wagehälse versuchten zwischen dem zerklüfteten Gestein hinabzuklettern, mußten aber unverrichteter Sache zurücksteigen. Sie versicherten, daß einige Felsen, die von oben gesehen etwa Mannesgröße gezeigt hätten, in der That höher als die Cathedrale von Sevilla gewesen seien. Cardenas trat vor dieser unbezwinglichen Naturschranke den Rückweg an. Er hatte zuerst den großartigsten Theil des mittleren Colorado gesehen.

Eine andere Schar ging unter +Hernando d’Alvarado+ von Cibola nach Osten; jenseits der Zuñigebirge trafen sie wieder auf mehrere indianische Ortschaften, welche in ähnlicher Weise, wie Cibola angelegt waren. Unter diesen war namentlich Acuco (jetzt Acoma)[426] durch seine Lage auf einem zerklüfteten Sandsteinfelsen merkwürdig. Auf der Nordseite hat der Wind den Sand so hoch angehäuft, daß man auf demselben fast bis zur Höhe hinaufsteigen kann. Dann bleibt aber noch der nackte Fels zu erklimmen; in einer engen Spalte windet sich der Pfad hinauf, den die Indianer durch eingezwängte Holzstufen bequemer gemacht haben. Alvarado mußte mit seinen Leuten auf Händen und Füßen den Felsen erklettern. Diese Felsendörfer lagen in der Nähe eines Flusses, der gegen Südosten floß und sich bald mit einem größeren nach Süden ziehenden Strome vereinigte. Bis nach Cibola hin hatten alle Stromrinnen vorwiegend eine westliche Richtung gezeigt. Die Bedeutung dieser hydrographischen Verhältnisse entging dem Scharfblick des Capitän Jaramillo nicht. Treffend bemerkt er in seinem Bericht: „Alle Gewässer, Flüsse und Bäche, welche wir bis Cibola oder noch ein paar Tagereisen weiter antrafen, laufen zum Südmeere (d. h. zum großen Ocean), von da ab aber zum Nordmeere (d. h. zum mexikanischen Golfe).“[427] Mit der größten Sicherheit erkennen wir daraus, daß die Expedition die Wasserscheide zwischen dem Colorado del Occidente und dem Rio grande del Norte überschritten hatte und sich nun im Gebiet des letzteren befand. Auch dieser Strom wurde überschritten und in der Landschaft Tiguex vereinigte sich Coronado wieder mit dem vorausgegangenen Alvarado. Weiterhin wurde der östliche Nebenfluß des Rio grande, der Rio Pecos, erreicht; denn der Häuptling, welcher hier in einer festen Stadt, Namens Cicuyé, hauste, sollte begehrenswerthe Schätze besitzen. Auf diesen waren die Spanier durch einen Indianer aufmerksam gemacht, welcher viel von gold- und silberreichen Städten zu erzählen wußte. Dort, berichtete er, halte ein Fürst seine Siesta unter einem mächtigen, großen Baume, dessen Zweige mit goldenen Glöckchen behängt seien, damit sie, wenn er entschlummere, im Luftzuge leise erklängen. Er selbst habe einige von diesen Schellen besessen, aber der Fürst von Cicuyé[428] habe sie ihm abgenommen. Alvarado rückte nach Cicuyé, um die Glocken zu holen, fand aber keine Spur von Gold, und die Einwohner erklärten jenen Indianer für einen unverschämten Lügner. Dann nahm er zwar den Häuptling gefangen und brachte ihn zu Coronado, der ihn sechs Monate in Haft hielt, aber damit nur erzielte, daß die Indianer allenthalben sich gegen die Spanier erhoben, welche sich unter steter Unruhe den Winter über in Tiguex behaupteten. Im Mai des Jahres 1541 sollte das vielversprechende Quivira aufgesucht werden; über den Pecosfluß nach Nordosten, und am Gebirge hin über die Steppen ziehend, traf man hier mit Jagdindianern zusammen, welche ohne feste Wohnsitze (~sin casas~) in Lederzelten lebten und alle wichtigen Lebensbedürfnisse von der Beute an erlegten Büffeln bestritten, Nahrung, Kleidung und Schuhwerk.[429] Weiterhin begegnete man einem Indianer, welcher durch Zeichen zu verstehen gab, daß er schon Spanier gesehen habe. Offenbar bezog sich diese Andeutung auf Cabeça de Vaca und seine Genossen.

Nachdem man, wenn auch in kurzen Tagemärschen, einen Monat lang nach Nordosten gezogen war, erreichte man einen großen Fluß, dem man nach dem Tage der Entdeckung den Namen Rio de San Pedro y San Pablo (Arkansas) beilegte. Jenseits desselben stieß man wieder auf jagende Indianer, deren Wohnungen drei oder vier Tagereisen weiter hinab ins Land gegen Osten lagen. Diese Ortschaften gehörten bereits zu Quivira. Ziemlich einstimmig erklären die ältern Geschichtsschreiber, Coronado sei etwa bis zum 40° n. Br. vorgedrungen. Wenn nun Theilnehmer des Zuges, wie Jaramillo, erfreut über das frischgrüne Ansehen der Landschaft, Quivira ein prachtvolles Land nennen, wie es nicht besser in Spanien, Frankreich oder Italien zu finden, und meinen, es sei für alle Arten von Kulturen geeignet, denn man finde an einigen Bächen sogar Trauben von ziemlich gutem Geschmack, und wenn ferner dieses Land nicht mehr als gebirgig, sondern nur als hügelig und eben, von Strömen getränkt, geschildert wird, und wenn der Zug über den Peter-Paulsfluß hinaus zu einem noch größeren Strome gelangte, an welchem die Ortschaften sich mehrten und die einheimische, in Strohhütten lebende Bevölkerung wuchs; so darf aus allen diesen Angaben mit ziemlicher Sicherheit geschlossen werden, daß Coronado im nordöstlichen Kansas bis an den Missouri gelangte. Den Marsch noch weiter auszudehnen, versprach wenig Erfolg, denn von den edlen Metallen hatten die Indianer gar keine Kenntniß; selbst die Häuptlinge trugen nur Kupfer als Schmuck. Man nannte zwar den nachforschenden Fremdlingen noch eine fernere Landschaft Harahey; aber auch diese bot nichts Verlockendes. Dazu war bereits der Augustmonat herangekommen, man sah sich also, um nicht etwa von dem einbrechenden Winter auf den öden Hochsteppen überrascht zu werden, genöthigt, den Rückmarsch anzutreten.[430] Zum Zeichen, wie weit man gekommen sei, errichteten die Soldaten ein Kreuz und schnitten den Namen ihres Feldherrn Francisco Vasquez de Coronado in das Holz des Stammes. Den Rückweg nahm man in mehr südlicher Richtung und gerieth in noch sterilere Regionen, in denen auf den Salzsümpfen 4-5 Zoll starke Salzplatten schwammen. Nachdem man den nördlichen Theil des Llano estacado passirt, erreichte man den Pecosfluß etwa 30 Meilen südlich von der Stelle, wo man ihn auf dem Hinwege überschritten hatte. Während Coronado in Quivira weilte, waren von der Landschaft Tiguex aus Streifzüge nach Norden und Süden, flußauf und flußab gemacht. Immer traf man wieder auf die nämliche Form der Oasendörfer. Am weitesten drang man am Rio grande abwärts und fand, nachdem man vier größere Ortschaften entdeckt, schließlich eine Stelle, wo der Strom im Boden zu verschwinden schien. Vermuthlich ist damit die Gegend bezeichnet, wo unter 31° 39′ n. Br. der „große Fluß“ in seinen tiefen und unpassirbaren Cañon eintritt. Hier entzog sich derselbe ihren Blicken; doch sollte er, nach Angabe der Indianer, weiter unten im Lande noch wasserreicher wieder hervorbrechen.

Coronado hatte die Absicht, nach der Ueberwinterung in Tiguex im nächsten Frühling zeitiger einen zweiten Zug nach Quivira zu unternehmen, um womöglich noch weiter in das fruchtbare Land vorzudringen. Allein ein Unfall, welcher ihn im Turnier mit Pedro Maldonado traf -- er wurde im Ringrennen aus dem Sattel geworfen und schwer verletzt -- nöthigte ihn, von weiteren Plänen abzustehen. So brach er im April 1542 auf und kehrte über Cibola nach Culiacan zurück. Die theure Expedition war ohne Gewinn verlaufen, ohne Schuld Coronado’s; aber der Vicekönig empfing den berichterstattenden Heerführer in der Hauptstadt sehr ungnädig und nahm ihm die Oberleitung in dem nördlichen Theil seines Vicekönigreichs, welches man mit dem Namen Neu-Galicien bezeichnete.

Die weite, scheinbar unbegrenzte Erstreckung der Landschaften, welche man betreten hatte, gegen Norden, der Abschluß des californischen Golfes, hinter welchem das Land ins Unendliche nach Nordwesten verlief, gab zu eigenthümlichen Vorstellungen von der Vertheilung und Gruppirung der Landmassen, sowie zu seltsamen Vermuthungen über die Bewohner Anlaß. So vermuthete der Capitän Castañeda, die Indianer von Quivira müßten aus Großindien stammen, weil ihre Sitten und Lebensformen so gänzlich von den bisher beobachteten Erscheinungen indianischen Lebens abwichen. Nach Uebersteigung der Gebirge, meinte er, seien sie dem Laufe der Flüsse, wie z. B. des Rio grande, nach Süden gefolgt. Es müsse in dem Lande, von wo die Indianer eingewandert seien, große Reichthümer geben; dieses Land müsse theils im äußersten Gebiete von Ostindien liegen, theils in jenem weiten Binnenlande zu suchen sein, welches sich fast von China bis Norwegen erstrecke.

Nach diesen Vorstellungen setzte sich also die Westküste Amerika’s mit Asien in Verbindung, während der Ostrand der neuen Welt über Florida und Grönland nach Norwegen liefe. Uebrigens waren derartige Anschauungen nicht etwa dem müssigen Kopfe eines ungebildeten Kriegsmannes entsprungen, sie wurden auch in Europa getheilt, und so findet sich ein klares Bild dieser tellurischen Träume auch in der 1562 zu Venedig erschienenen ~Geographia Claudii Ptolemaei~ auf der ~Carta marina nuova tavola~.

Wie lange solche trügerische Vorstellungen selbst unter den Gebildeten sich noch erhalten konnten, dafür gibt den sichersten Beleg ein Ausspruch Lorenzana’s, des Erzbischofs von Mexiko, welcher noch 1770 darüber im Dunkeln ist, ob nicht Mexiko einerseits mit China, andererseits mit Grönland zusammenhänge.[431]

* * * * *

Ueber die Beziehungen zur asiatischen Küste brachte auch die Expedition +Juan Rodriguez Cabrillo+’s keine weitere Aufklärung. Derselbe wurde bald nach der Rückkehr Coronado’s mit mehreren Schiffen auf die Westseite der Halbinsel Californien gesendet, und kam im Sommer 1542 an der Cedros-Insel (28° n. Br.) vorbei, wahrscheinlich bis zu den südlichen Ausläufern der Sierra nevada, denn er sah, angeblich unter 40° n. Br., hohe schneebedeckte Gebirge. Nachdem Cabrillo während der Ueberwinterung im Hafen bei der Insel Posesion an den Folgen eines unglücklichen Sturzes das Leben verloren hatte, versuchte sein Nachfolger, der Pilot mayor Bartolomé Ferrel, noch einige Breitengrade weiter vorzudringen und behauptete, bis zum 43° n. Br. gekommen zu sein. Doch sind diese Angaben sehr zweifelhaft und die Configuration der Festlandsküste blieb in jenen Breiten durchaus unklar.

Man suchte hier im Norden nach einer Straße, welche zum atlantischen Ocean hinüberführen und etwa bei Neufundland ausmünden sollte. Denn es war eine weitverbreitete Ansicht, daß, der eingebildeten Gleichförmigkeit wegen, im Norden eine ähnliche Wasserverbindung bestehen müsse, wie sie im Süden durch Magalhães aufgefunden sei. Dieser postulirten Straße, welche zwischen 1560 und 1570 den Namen +Anianstraße+ erhielt, schrieb man militärische Wichtigkeit für Spanien zu und noch im Jahre 1602 schickte Philipp III. von Spanien Schiffe aus, um dieselbe zu besetzen, damit nicht ungebetene Gäste, Engländer oder Franzosen, auf diesem Wege den Westküsten der neuen Welt unliebsame Besuche abstatten könnten; aber die Straße wurde nicht gefunden und der spanische Entdeckungseifer erlahmte an den Küsten Californiens etwa unter dem 43° n. Br. Den weitern Verlauf der Küsten aufzuhellen, blieb einer späteren Zeit und anderen Seemächten überlassen, denn die allgemeine Aufmerksamkeit hatte sich schon nach dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts fast ausschließlich den Entdeckungen und Vorgängen in Südamerika zugewandt.

28. Das Goldland Peru und seine alte Kultur.

Der Name Peru wurde zum erstenmale vernommen, als unter der Verwaltung des Pedrarias de Avila der Generalaufseher der Indier Andagoya im Jahre 1522 vom Michaelsgolfe aus an der Landenge von Panama einen Entdeckungszug an den Küsten nach Süden unternahm und dabei in eine kleine Landschaft Biru gelangte, von welcher das weiter südlich gelegene mächtige Inkareich seinen Namen Peru bei den Europäern erhielt.[432] Er traf in dem dicht bewohnten Lande eine kriegerische Bevölkerung, drang aber doch in das Land ein und konnte manche werthvolle Nachricht über den weitern Süden und den dortigen mächtigen Staat sammeln. Ein Fall aus dem Boot ins Meer, wobei er fast ertrunken wäre, machte ihn unfähig, seine Entdeckungen weiter südwärts auszudehnen. Er legte daher die Fortführung der Unternehmung in die Hände Pizarro’s; allein es verging noch ein Jahr, ehe dieser die Mittel fand, seine Pläne ins Werk zu setzen. Aber seit dieser Zeit bezeichnete man alle Fahrten nach Süden mit dem Ausdruck „Expeditionen nach Biru“, und je weiter sich vor den unermüdlichen Entdeckern die Küste nach Süden erstreckte, um so größere Ländermassen faßte man unter dem Namen „Peru“ zusammen.

Werfen wir zunächst einen Blick auf den mächtigen und ausgedehnten Staat, welchen der spanische Abenteurer, nur von wenigen Genossen unterstützt, zu zertrümmern und zu unterwerfen trachtete.

Auf dem Rücken der Cordilleren, des längsten Kettengebirges der Erde, im Westen von den Fluten der Südsee bespült und nach Osten sich in den Schatten unermeßlicher Urwälder verlierend, dehnte sich der Staat der Peruaner von Neu-Granada oder Columbia bis nach Chile aus. Die herrschenden Stämme waren die Quechuá und Aymará. Die Küste der Südsee zeigt wenig Gliederung, besonders in den südlicheren Theilen, aber während sie im Norden, von Panama bis über den Aequator hinaus, unter der Wirkung reichlicher Regengüsse mit feuchten Urwäldern bedeckt ist, über welchen in weiterer Ferne die majestätischen Ketten der Anden sichtbar werden, nimmt an der Nordgrenze des heutigen Staates Peru das Gestade einen andern Charakter an und verläuft mit zunehmender Dürre ungegliedert gegen Südosten. „Dürftig und düster ist die Natur, die den Reisenden bei dem Anblick des Landes der Sonne und dem Reiche der Inka’s empfängt, des Landes abschreckende Unfruchtbarkeit scheint sich schon aus dem einförmigen zwischen Braun und Grau liegenden Colorit zu ergeben. Ein flaches Land, das nur langsam nach dem Innern zu sich erhebt, wird durch einen weißlichen Sandstreifen des Gestades begrenzt. So weit das Auge trägt, ergrünt kein Baum auf den öden, steinigen Flächen. In größerer Entfernung erheben sich in dem Gewande einer Dürre, welche diejenige des Vordergrundes noch übertrifft, die niedrigen Felsberge, welche die ehemalige Grenze des Oceans bezeichnen.“[433] Eine trübe, schwere Wolkenbank hängt fast beständig über dem Lande, so daß man selten den Anblick der Cordilleren genießt. Zerreißt der Flor, dann haben diese Berge, in Stufen einer hinter dem andern aufsteigend, durch die Oeffnungen der Wolken gesehen, ein sehr großartiges Ansehen.[434]

Im Küstenlande, zwischen den Cordilleren und dem Ocean, wo der Regen fast völlig unbekannt ist, ziehen sich, durch sandige Einöden von einander geschieden, fruchtbare Thäler an den kurzen Gebirgsbächen von den Höhenkämmen bis an die See hernieder. Das Land zwischen den parallelen Hochgebirgsketten bezeichnet der Spanier mit dem Namen Sierra; dasselbe besteht aus weitgedehnten Hochebenen und Weideländern, welche von reichen, warmen Thälern und Schluchten durchzogen sind, deren wasserreiche Ströme sämmtlich zum Gebiet des Amazonas gehören. Inmitten dieses großartigen Gebirgslandes lag die alte nationale Hauptstadt Cuzco, für die Inkaperuaner der „Nabel“, d. h. der Mittelpunkt der Welt. Noch weiter im Süden lagert sich in malerischer Gliederung und im Osten von den Riesen des Hochgebirges überragt, in einer Höhe von mehr als 3800 Meter der sagenreiche Titicacasee, welcher an Ausdehnung fast die Größe des Königreichs Sachsen erreicht. Uebersteigt man von diesen Hochebenen aus die östlichen Ketten der Anden, dann gelangt man in die Region der tropischen Urwälder, die bis auf unsere Tage noch wenig erforscht und fast unbekannt geblieben sind.

Das peruanische Reich war durch stete Kriege vergrößert und umfaßte zahlreiche und verschiedene einheimische Stämme. Die +Aymará+, deren Sitze sich um den Titicacasee gruppirten, waren wohl das ältere Kulturvolk, wie die Tolteken in Mexiko. Daher lag auch das alte nationale Heiligthum auf einer Insel im See. Die merkwürdigsten Bauwerke der älteren Kulturepoche erhoben sich in der Nähe des Sees. Die Fürsten der Quechua führten den Titel Inka, als Begründer ihrer Dynastie gilt Manco Capac, um 1000 n. Chr. Cuzco machte er zu seiner Residenz, aber auch am heiligen Titicaca erhob sich ein fürstliches Schloß, Tiahuanaco.

Die frühere Geschichte des Inkareichs ist sagenhaft, ein helleres Licht fällt erst auf das letzte Jahrhundert vor der Eroberung. Der große Eroberer Huayna-Capac regirte von 1475 bis 1525, unter ihm erweiterte sich das Reich besonders nach Norden. Aber gerade von hier, wo die neu erworbenen Gebietstheile noch nicht fest mit dem Hauptlande verbunden waren, erfolgte der Angriff der Spanier. Die Zustände waren ähnlich wie in Mexiko bei dem Einmarsche des Cortes; aber Pizarro gewann um so leichter das Feld, weil er zu einer Zeit erschien, in welcher die Söhne Huayna-Capacs, von denen +Huascar+ in Cuzco und +Atahuallpa+ in Quito residirte, mit einander in einen Bruderkrieg verwickelt waren. Atahuallpa war der Sohn der früheren Fürstin von Quito, welches von Huayna-Capac unterworfen worden, und mußte daher dem legitimen Thronfolger Huascar nachstehen. Er hatte trotzdem eine Partei für sich gewonnen, war gegen seinen Bruder im Felde siegreich gewesen und befand sich auf der Heimkehr, als die Spanier ihn in Cajamarca erreichten. Seinen Bruder hatte er gefangen genommen und behauptete augenblicklich die unumschränkte Obergewalt.

Die Inkas wurden als die Söhne der Sonne bezeichnet, sie rühmten sich göttlicher Herkunft und genossen einer fast göttlichen Verehrung. Im ganzen Lande besaßen sie viele Paläste und Residenzen außer in den beiden Hauptstädten Cuzco und Quito, wie Huanuco, Jauja, Tacanga; ein Lieblingssitz war Yucay bei Cuzco. Der Palast in der Hauptstadt war 350 Schritt lang und ganz mit goldenen Ziegeln gedeckt, reich geschmückt und von großen Gärten umgeben. Die Inkas erschienen in einem prächtigen, farbenreichen Kostüm, dessen Stoff aus der feinsten Wolle gewebt und mit Gold und Edelsteinen verziert war. Ein Federstutz am buntfarbigen Kopftuche war das Abzeichen des höchsten Würdenträgers. Der religiöse Cultus, von den Aymará bereits ausgebildet, gipfelte in der Verehrung der Sonne. Daher gab es viele reich mit Gold verzierte Sonnentempel, in denen auch goldene Götzenbilder errichtet wurden. Daneben fanden auch die Gestirne und Naturerscheinungen, selbst Berge und Felsen, Quellen und Ströme eine religiöse Verehrung. Nach ihrem Tode wurden auch die Inkas unter die Götter versetzt. Die Priesterschaft nahm den höchsten Rang nächst dem Könige ein, die Oberpriester stammten aus fürstlichem Geblüt. Eine strenge Regel ordnete ihr Leben, welches in Zurückgezogenheit auch Fasten und Bußübungen auferlegte. Die Sonnenjungfrauen, welche gleich den Vestalinnen das heilige Feuer zu bewachen hatten, lebten klösterlich in strenger Zucht. Der Opferdienst unterschied sich vortheilhaft von dem mexikanischen, wenn auch hier in einzelnen Fällen Knaben getödtet wurden, denen man, wie bei den Azteken, die Brust mit einem Steinmesser öffnete, um das Herz herauszureißen.

Eine zweite bevorzugte Classe des Volks bildete der Adel, zu welchem einerseits alle Mitglieder der zahlreichen königlichen Familie und Verwandtschaft zählten, denen neben einer sie allein auszeichnenden Tracht auch besondere Vorrechte eingeräumt wurden und die allein auf die höchsten Staatsämter, als Oberpriester, königliche Räthe und Befehlshaber im Heere Anspruch hatten; andererseits rechnete man zu dem Adel die Curacas oder Häuptlinge der unterworfenen und dem Staate einverleibten Volksstämme, sowie die Nachkommen dieser Caziken.

Die große Menge des gemeinen Volkes entbehrte jeder freien Bewegung, jeder Selbstbestimmung. Die Berufsthätigkeit erbte in den Familien stets vom Vater auf den Sohn. Lebensweise und Tracht waren gesetzlich geregelt. Niemand konnte reich, aber auch niemand arm werden, denn das ganze Land, welches in Tempelgut, Königsgut und Staatsgut zerfiel, mußte vom Volke vorschriftmäßig bebaut werden. Die Staatsländereien wurden jährlich nach der Größe der Familien und Gemeinden neu ausgetheilt, und aus den Erträgnissen erhielt jede Familie ihren Lebensbedarf zugewiesen. Darin waren die Peruaner den Azteken in Bezug auf materielle Kultur voraus, daß sie ein werthvolles Haus- und Lastthier, das Lama, besaßen; allein die Lamaherden waren ausschließlich königliches Eigenthum, und von der Wollernte erhielt jede Familie für die Anfertigung der Kleider ihren Antheil zugemessen. In gleicher Weise war alles Gold und Silber als Staatsgut erklärt und fand seine Verwendung fast nur in der Ausschmückung der Tempel und Paläste. Außer Wolle dienten auch Baumwolle und andere Faserpflanzen zur Herstellung der Gewänder. Die Männer trugen kurze Röcke, in jeder Provinz nach vorgeschriebenen Farben; die Frauen lange, hemdenartige Gewänder, dazu Kopfbinden und Sandalen.

Der Landbau war hoch entwickelt. Man verwendete den Guano als Dünger, legte die Felder an den Berggehängen terrassenartig an und bewässerte sie künstlich durch Herbeileitung der Gebirgsbäche. Man baute Quinoahirse und Mais, Kartoffeln, Bananen und Agaven. Das Blatt des Cocastrauches wurde, zur Anregung der Nerventhätigkeit, gekaut, Tabak wurde nur geschnupft, nicht geraucht und diente als Heilmittel. Der Baumwollenbau wurde namentlich in den warmen Thälern betrieben.

Die Gewerbthätigkeit lieferte beachtenswerthe Erzeugnisse. Ohne das Eisen zu kennen -- denn die Werkzeuge waren aus Kupfer, Bronze oder Stein -- verstand man doch vorzügliche Metallarbeiten herzustellen, lieferte lebensgroße Figuren aus Gold, Spiegel von polirtem Metall, selbst Brennspiegel; die in den schönsten Mustern ausgeführten Gewebe bekunden den ausgebildeten Farbensinn. Daß man sich sogar auf eine Art Gobelinweberei verstand, haben die Ausgrabungen von Stübel und Reiß auf dem Todtenfelde von Ancon, an der Küste nördlich von Lima, bewiesen.[435]

Der Hausbau richtete sich nach der Verschiedenartigkeit des Klimas. Im regenlosen Littoral baute man mit Luftziegeln (Adoba) und setzte auf die Mauern ein flaches Dach. Im Gebirge bestand die Wohnung aus Steinwand mit Strohdach. Licht fiel nur durch die Thür in den innern Raum; die Gebäude waren in der Regel nur ein Stockwerk hoch. Größere Ortschaften und Städte waren von mehreren Mauern umgeben, deren Thore nachts geschlossen wurden. Die große Festung Sacsahuaman, welche älteren Bauwerken von Tiahuanaco nachgebildet zu sein scheint, war von drei, winkelartig vorspringenden, cyklopischen Mauern umschlossen. Die Prachtbauten zeigen einen ernsten, einförmigen Stil, dem der Schmuck der Säulen fehlt. Der Drang nach bildnerischem Schaffen fand nur in strengen Formen typischer Reliefs einen rohen Ausdruck.

Weit wichtiger müssen die gewaltigen Wasserleitungen und großartigen Kunststraßen gelten, die das ganze Reich der Länge nach durchzogen und nach der Hauptstadt zusammenliefen. Die längste dieser Straßen von Cuzco nach Quito und Pastos, in grader Linie eine Entfernung von 225 Meilen, war 15 bis 25 Fuß breit, war mit behauenen Quadern gepflastert und zum Theil von Baumreihen beschattet. Dabei waren Schluchten ausgefüllt, Felsen weggesprengt und lange Treppenfluchten angelegt. Denn da Wagen nicht im Gebrauch waren, und Lamas allein zum Lasttragen verwendet wurden, bildeten solche Treppen für den Verkehr keine Schwierigkeit, während die spanische Reiterei dieselben nur mit Mühe überwand. Die Bergströme und Schluchten wurden auf steinernen und hölzernen oder auf Seilbrücken überschritten. Meilensteine gaben oft die Entfernungen in gleichen Abständen an. Alle drei oder vier Meilen waren Herbergen (Tambos) für die Unterkunft der Inkas und ihres Gefolges errichtet. Sarmiento, der die Inkastraßen noch in ihrer ganzen Erhaltung sah, bemerkt, Kaiser Karl würde mit aller seiner Macht nicht einen Theil dessen schaffen, was das wohl eingerichtete Regiment der Inkas über die gehorchenden Stämme vermochte. Hernando Pizarro, der gebildetste der drei Brüder, ruft aus: „In der ganzen Christenheit sind so herrliche Wege nirgends zu sehen.“ Und Alexander von Humboldt setzt hinzu: „Was ich von römischen Kunststraßen in Italien, dem südlichen Frankreich und Spanien gesehen, war nicht imposanter als diese Werke der alten Peruaner; dazu finden sich letztere nach meinen Barometermessungen in der Höhe von 12440 Fuß.“[436] Auf diesen Straßen besorgten Schnellläufer (~Chasquis~), ähnlich wie in Mexiko, den Postdienst und setzten den Inka von allen Vorfällen in seinem weiten Reiche auf das schleunigste in Kenntniß.

Eine Schrift besaß das Volk nicht; aber einen Ersatz dafür hatte man in den „Quipos“ (d. h. Knoten) gefunden, welche aus künstlich verschlungenen und verknüpften Schnurenbündeln aus gedrehter Wolle von verschiedener Farbe bestanden, sich in Haupt- und Nebenstränge gliederten und in mannigfachster Weise verknotet waren, so daß diese Quipo-Bündel das Gewicht eines halben Centner erreichen konnten. Die Stärke und Länge der Schnüre, die Weise der Verknüpfung, die Zusammensetzung der Farben erhielten einen conventionellen Sinn und Bedeutung. Weiß bedeutete Frieden oder Silber, Roth den Krieg oder Soldaten, Gelb entsprach dem Gold, Grün dem Mais. So konnte man aus den Quipos Tributregister (ähnlich den noch in türkischen Ländern üblichen Kerbhölzern) oder Soldatenlisten u. s. w. ablesen.

Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde zu Ancon.

1. Umhängetasche aus Wollenstoff, deren Oeffnung durch ein eingezogenes Band zusammenzuschnüren ist; 18 ~cm~ breit.

2. Aus Riedgras geflochtenes Arbeitskörbchen, wie es zur Aufbewahrung der Spinngeräthe und anderer täglich gebrauchter Gegenstände diente. Oben auf liegen blau und roth bemalte Spindeln, darunter konische Bündel fein ausgekämmter Baumwolle, eine Spindel mit aufgesponnenem Garn und in der Ecke der Kopf einer Thonfigur. Das Körbchen ist ca. 38 ~cm~ lang.

3. Perlmutterhalsband. Die Verzierungen sind aus dünnen Perlmutterstückchen geschnitten und auf ein Stück Baumwollenzeug zu regelmäßigen Figuren aufgesetzt. 33 ~cm~ lang.

4. Ein großer aus rothen, blauen, grünen und gelben Federn gebildeter Kopfschmuck. Jede einzelne Feder ist mit Fäden an ein geflochtenes Band befestigt und alle Bänder vereinigen sich zu einem knollenartigen Stile des Federbusches.

5. Aus Stroh gefertigte, durch Wollfäden zusammengehaltene Kopfbedeckung (Tendema). In derselben wurden die Federbüsche getragen, oder auch in ihren Rand einzelne Federn eingesteckt; oberer Durchmesser 15 ~cm~.

6. Standartenartiges Ehrenzeichen mit schwarz-rothem Wollbüschel und dem Tuche, in welches das Ganze gegen den Staub des Grabes geschützt eingeschlagen war; 94 ~cm~ lang.

7. Kleine Kürbisschale; den Rand bildet eine Vogelborde und auch die sonstige Ornamentik der Schale besteht aus Vogelfiguren; oberer Durchmesser 9-10 ~cm~.

8. Kleiner Flaschenkürbis mit eingeritzten roth gefärbten Ornamenten; 7 ~cm~ hoch.

9. Birnförmiger Kürbis; der obere Theil dient als Deckel des unteren, von letzterem greifen zwei Vorsprünge in entsprechende Ausschnitte des Deckels ein, demselben Halt gewährend; 12½ ~cm~ hoch.

10. Eine Grabtafel. Es ist dies eine aus Rohrstäben gefertigte Tafel, überspannt mit weißem Baumwollenzeug, dessen Ränder auf der Rückseite zusammengenäht sind, und an einen oben weniger, unten mehr hervorragenden Stab gesteckt. Auf der Tafel befindet sich die in rothen und schwarzen Linien ausgeführte Andeutung einer menschlichen Gestalt. In den gleichen Farben sind die Ränder der Tafel mit einem höchst einfachen Ornament bemalt und zwischen diesem Rande und der Figur stehen, zumeist in symmetrischer Anordnung, einige Zeichen. Auf dem abgebildeten Exemplar ist die Gestalt verhältnißmäßig gut gezeichnet: An dem Kopfe ist ein großer Ohren- und Federschmuck erkennbar; Arme und Hände sind dreifingerig angedeutet; die rechte Hand hält irgend einen Gegenstand. Der Zweck der Tafeln ist vorläufig noch unverständlich: ob nur Grabesschmuck, ob Zauberformeln, ob Hindeutung auf die Lebensverhältnisse der Verstorbenen? 32 ~cm~ hoch.

11. Lanze aus festem Holze mit rautenförmiger, in der Mitte wulstig verdickter Spitze; der Schaft ist gewaltsam geknickt und umgebogen; 148 ~cm~ lang.

12. Morgensternartige Waffe: ein sechszackiger Stern von Stein mittelst Baumwollenzeug an einem langen Holzschaft befestigt; 115 ~cm~ lang.

13. Keulenartiger Stab; 105 ~cm~ lang.

14. Schleuder mit einem zur Unterlage des zu werfenden Steines dienenden Geflecht; am linken Ende die Fingerschleife. Die Schleudern wurden meist aus den Fasern der Agave, und aus Wolle und Baumwolle gemacht, doch auch aus Menschenhaaren; 192 ~cm~ lang.

15. Schleuder, zum Theil aus Menschenhaaren gefertigt, mit steifem Mittelstück, zur Aufnahme des Steines; 140 ~cm~ lang. (Die Schleudern wurden häufig auch als Kopfbinden benutzt.)

16. Bruchstück eines Trinkkruges, aus feinem Thone gefertigt (schwarz), eine wassertragende Indianerin darstellend. Dieselbe trägt als Schutz gegen die Sonne ein Tuch über dem Kopf; größte Höhe 21 ~cm~.

17. Krug aus Thon mit konischem Boden, tief angesetzten Henkeln und oben zum Durchziehen von Schnuren eingebohrten Löchern; 21 ~cm~ hoch.

18. Rothes kannenartiges Thongefäß mit weißer Bemalung; 145 ~mm~ Durchmesser.

19. Flasche aus rothem Thon. Am Halse nach beiden Seiten hin ein menschliches Gesicht; auf der Wandung ein katzenartiges Thier, über ihm ein ausgezacktes Bogenornament; 165 ~mm~ hoch.

20. Hellfarbiges Thongefäß den Körper eines sitzenden Indianers nachbildend; die Arme und die im Knie stark gebogenen Beine sind roh angedeutet. Der Kopf bildet den Hals des Gefäßes. Der Indianer trägt auf dem Rücken ein Lama, dessen Kopf in unserer Ansicht über der Schulter sichtbar ist; 225 ~mm~ hoch.

21. Gefäß aus röthlichem Thone. Die Oberfläche ist mit einer dünnen Lage gelblichen Thones überzogen und darauf die Verzierungen in violetter Farbe aufgetragen; 25½ ~cm~ hoch.

22. Gesichtsurne. Fast kugelrundes Gefäß, auf welches als Hals ein menschlicher Kopf aufgesetzt ist, dessen Gesicht einen lachenden Ausdruck hat und von roh gearbeiteten, als Henkel dienenden Armen gestützt wird; 18 ~cm~ Durchmesser.

23. Thongefäß mit Abbildungen altperuanischer Krieger (+nicht+ aus Ancon, sondern aus der Gegend von Trujillo); in Besitz des ~Dr.~ Macedo in Lima. Eine der vollkommensten Leistungen altperuanischer Keramik. Höhe vom Becken bis zum Helmschmuck der Deckelfigur 28 ~cm~.

[Illustration: Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde zu Ancon.

Das Kriegswesen war ebenso fest und streng geregelt, wie das bürgerliche Leben. Die Bewaffnung bestand aus Kupferkeulen und bronzenen Streitäxten, Spieße und Pfeile waren mit Kupferspitzen versehen. Auch Schleuder und Stein gehörten einer besondern Waffengattung an. Als Schutzwaffen bediente man sich baumwollner Panzer und mit Baumwolle gefütterter hölzerner Helme, welche mit Metall und Edelsteinen bei den Vornehmen geziert waren, während die gemeinen Soldaten eine Art Turban trugen. Trommeln und Hörner bildeten die Kriegsmusik. Im Felde lagerten die Truppen unter baumwollenen Zelten. Die Schleuderer bildeten das Vortreffen, die Keulenmänner und Axtträger standen im Mitteltreffen. Die Heere waren nach der Kopfzahl in bestimmte Abtheilungen gegliedert und zählten in großen Kriegen bis zu 200,000 Mann.

In keinem Lande der neuen Welt haben die spanischen Eroberer die alte Kultur in so rücksichtsloser Weise von dem Erdboden vertilgt, wie in Peru. Fast nur dasjenige, was die Altperuaner zu ihren Todten unter die Erde gebettet haben, ist uns erhalten, um uns von den gewerblichen Leistungen und dem Kulturgrade derselben Zeugniß zu geben. Aber das Kostbarste ist auch hier schon längst durch die habgierigen Hände der nach Schätzen suchenden und grabenden Conquistadoren vernichtet. Die Mumien der Könige, welche im Sonnentempel zu Cuzco auf goldenen Stühlen saßen, sind ihres Schmucks beraubt und zerstört, die steinernen Erbbegräbnisse der Vornehmen, deren Leichen ebenfalls balsamirt waren, sind erbrochen und ausgeplündert. Um so willkommner ist die in vierteljähriger Arbeit durchgeführte Aufdeckung des Todtenfeldes von Ancon durch Reiß und Stübel, welche uns am besten das bürgerliche Leben in alter Zeit vergegenwärtigt. Wenn der spanische Historiker Gomara uns berichtet, daß schon in dem ersten Decennium nach der Eroberung gegen anderthalb Millionen Indianer ums Leben gekommen seien, dann darf man wohl mit Recht auf eine früher viel dichtere Bevölkerung des Landes schließen. Darauf weist auch die ausgedehnte Nekropole von Ancon hin, welche ein Quadratkilometer Flächenraum an dem völlig öden Strande besetzt und trotz dieser Ausdehnung -- sie war mit einer Steinmauer abgeschlossen -- auch außerhalb dieser Umfriedigung stundenweit noch von Grabreihen umgeben war. In den bis zu sechs Meter tiefen Grabstätten waren bisweilen mehrere Todte in eine gemeinschaftliche Gruft gebettet. Der Leichnam wurde in hockender oder kauernder Lage eng zusammengeschnürt und in einen Sack von grobem Webstoff fest eingenäht, die Vornehmen waren in farbenprächtige Gewandstücke oder Tücher und Decken eingehüllt, welche von der Kunst und dem Geschmack der Bewohner zeugen und ihre Leistungen weit über den Begriff einfacher Naturvölker erheben. Allerlei Hausrath, wie er täglich in Gebrauch kam, wurde den Todten mitgegeben, seien es Waffen, Hals- und Arm-Schmuck, verzierte und bemalte Thongefäße, oder seien es die verschiedensten zum Spinnen und Weben erforderlichen Geräthschaften und Stoffe, wie buntfarbige Spindeln und gesponnene Wolle oder Baumwolle oder endlich allerlei Kinderspielzeuge; alles dieses läßt uns die Anschauung und Begabung des alten Inkavolkes erkennen; und um so tiefer ist es zu beklagen, daß diese vielversprechenden Keime einer höheren Gesittung in schonungsloser Weise zertreten wurden.

29. Pizarro versucht bis zum Lande der Inkas vorzudringen.

+Francisco Pizarro+, welcher wie (S. 424) erwähnt ist, die Pläne Andagoya’s aufnahm, suchte, da es ihm selbst an Mitteln fehlte, Genossen, welche ihn einerseits durch Geldmittel, andererseits durch ihren kräftigen Arm unterstützten. Erstere fand er durch Vermittlung eines klugen und gewandten Geistlichen, +Fernando de Luque+ in Panama, welcher ihm auch die Bewilligung des Statthalters für seine Pläne erwirkte, letzteren bot ihm +Diego de Almagro+, ein Mann von dunkler Herkunft, der als Kind an einer Kirchenthür ausgesetzt gefunden worden sein soll.[437] In der Heimat hatte er nichts zu erwarten, in der neuen Welt hoffte er sich eine Stellung zu erringen. Er war ein vortrefflicher Soldat und ein so ausgezeichneter Fußgänger, daß er im dichtesten Bergwalde die Spur eines Indianers verfolgen und denselben einholen konnte, wenn derselbe auch eine Meile Vorsprung hatte.[438] Tapfer und graden Herzens war er ein Feind aller Schleichwege und Intriguen, doch wußte er seine Leidenschaftlichkeit nicht immer zu beherrschen. Pizarro rüstete zwei Schiffe zu 40 und 70 Tonnen Gehalt nebst einer kleinen Brigantine aus, und Almagro warb als Mannschaft 112 Spanier. Es war die Verabredung getroffen, daß Pizarro vorausgehen und Almagro ihm folgen solle, während de Luque durch sein Amt an der Kirche (~clerigo presbitero, vicario de la santa iglesia~) in Panama zurückgehalten wurde und von hier aus die Unternehmung zu fördern hatte.

Altperuanische Mumien, aus dem Todtenfelde zu Ancon.

1. =Mit einem reichen Prachtgewande bekleidete Mumie.= Allem Anscheine nach ist dies die Mumie eines in hohem Range Verstorbenen, denn sie zeichnet sich durch die Bestattung selbst, wie auch durch die reiche Bekleidung des Mumienballens aus. Der letztere enthält nämlich nicht, wie sonst, den vollständigen Körper, sondern nur die zu einem Bündelchen zusammengeschnürten Knochen desselben. Der Mumienballen, dessen +Vorder+ansicht unsere Abbildung zeigt, ist mit grobem Baumwollenzeug überspannt und seine Form ist so, daß sie dem darüber gezogenen Prachtgewand völlig entspricht. Dasselbe ist von seinem Wollenstoff und in zwei Stücken gewebt; die Farbe der beiden breiten helleren Streifen ist goldgelb, das übrige purpurroth. Die Streifen sind mit vielen Figuren, die ein farbenprächtiges Muster bilden, reich verziert. Der Kopf ist imitirt und mit einem blau-, roth- und goldfarbigen Tuche umwunden. Unter letzterem befindet sich eine Tendema (s. Abbildung dieser Kopfbedeckung auf der Tafel „Altperuanische Geräthschaften“). Unter derselben dringen die langen, in viele Zöpfe geflochtenen Haare einer dem falschen Kopfe aufgesetzten Perrücke hervor. Diese Mumie befand sich in einem Grabe mit noch zwei anderen, aber ärmlich ausgestatteten und umgeben von mancherlei Geräthen, von denen ein Arbeitskörbchen auf unserer Abbildung sichtbar ist. Die größte Breite dieser Mumie ist 1 Meter; ihre größte Höhe 76 Centimeter.

2. =Seitenansicht einer Mumie in gewöhnlicher Ausstattung.= Die mehrfache Umhüllung birgt die Leiche eines Erwachsenen in hockender Stellung und auf deren Kopfe ein kleines mit Tüchern umwickeltes Kind. Der hier als Kopf sichtbare Aufsatz umschließt nicht den wirklichen Kopf, sondern ist ein Gebilde aus Kissen, einer Perrücke und einer rohen roth bemalten Gesichtsform. Der Mumienballen ist mit Stricken fest umwunden: die vier starken aus Riedgras geflochtenen Seile haben zum vorsichtigen Versenken der Mumie gedient. Größte Höhe 142 Centimeter; Schulterbreite 1 Meter, Umfang 280 Centimeter.

3. =Durchschnitt einer einfachen Mumie.= Diese Abbildung zeigt, wie der im Innersten des Mumienballens sitzende Todte mit den verschiedenen Hüllen umgeben worden ist.

In den meisten der Mumien finden sich Armspangen, Halsbänder, Fingerringe und schöner Kopfputz, mit welchen der Todte geschmückt worden ist.

Am 14. November 1524 segelte Pizarro mit zwei Schiffen ab und landete an der mit Sumpfwald bedeckten Küste am Flüßchen Biru. Von Sturm und Ungewitter wurden die Schiffe auf der See hart betroffen. Das eine Fahrzeug unter Montenegro ging nach Panama zurück, während Pizarro mit einem Theil der Mannschaft zurückblieb und allem Ungemach Trotz bot; denn er fühlte recht wohl, daß mit seiner erfolglosen Rückkehr das Unternehmen für immer begraben werde. Siebenundvierzig Tage harrte er in einem Hafen aus, welcher, da die Spanier in ihrer Noth sogar gegerbtes Leder kochen und verspeisen mußten, den Namen Hungerhafen erhielt. Mehrere Soldaten waren bereits gestorben, als man in der Nähe der Küste ein indianisches Dorf entdeckte, wo man etwas Mais und Cacao fand. Als dann das nach Panama entsendete Schiff neue Zufuhr brachte, ging Pizarro weiter nach Süden, überfiel dort eine auf einem Hügel gelegene und mit Pfahlwerk befestigte Stadt, fand dieselbe aber von ihren Einwohnern bereits verlassen. Bei einem weitern Streifzuge in der Umgebung wurde er von den Indianern überfallen, verlor fünf Leute im Gefecht und wurde selbst mehrfach verwundet. Da er sich zu schwach fühlte, den Kampf fortzusetzen, so kehrte er nun nach Panama zurück, um Almagro sich zur Hilfe zu holen. Dieser war indessen, ohne Pizarro anzutreffen oder Zeichen seiner Anwesenheit (Einschnitte an den Bäumen) zu finden, bis zum 4° n. Br. vorgedrungen, bis zum Rio de San Juan. Obwohl er in der Nähe des Orts, wo bereits Pizarro einen Kampf bestanden, gleichfalls von den Indianern angegriffen wurde und in folge einer im Gefecht erlittenen Kopfwunde ein Auge verloren hatte, ließ er sich doch nicht abhalten noch weiter zu steuern, bis er immer deutlichere Beweise von der Nähe eines großen und goldreichen Staates vor sich sah. Dann trat auch er den Rückweg an, weil er über das Schicksal seiner Genossen völlig in Ungewißheit war.

In Panama wurde nun am 10. März 1526 zwischen den drei Unternehmern Pizarro, Almagro und Luque ein förmlicher Vertrag über die Eroberung Peru’s aufgesetzt. De Luque schoß dazu wieder eine bedeutende Geldsumme (20,000 Pesos in Gold) vor, und erhielt dafür Anspruch auf ein Drittel des erbeuteten Goldes und eroberten Landes. Für Almagro und Pizarro, welche nicht einmal ihren Namen schreiben konnten, beglaubigten zwei spanische Ansiedler in Panama und ein Notar den Vertrag.

So konnte im Frühjahr 1526 auf zwei Schiffen unter der Führung des Piloten +Bartolomeo Ruiz+ aus Moguer bei Palos und mit 160 Mann ein zweiter Zug unternommen werden. In einem Indianerdorfe an der Mündung des San-Juanflusses wurde etwas Gold erbeutet. Um noch mehr Leute zu werben, mußte Almagro mit diesem Lockmittel noch einmal nach Panama zurückkehren, während Pizarro in der Nähe des Flusses blieb.

Ruiz kundschaftete indessen die weiter südlich gelegenen Küsten aus; berührte die Insel Gallo in der Bucht von Tumaco (2° n. Br.), die Bai von S. Mateo (1° 30′ n. Br.) und erreichte endlich den Aequator. Jenseit des Cap Passado (1° s. Br.) traf er mit einer peruanischen Balsa (einem Floß mit Segeln) aus der Stadt Tumbez (3½° s. Br.) zusammen. Sein Erstaunen wuchs, als er bei dieser Gelegenheit die schön gewebten Stoffe, die farbigen Muster prüfen konnte und genauere Nachrichten von dem Inkareiche erhielt. Mit dieser günstigen Kunde ging der Pilot zu Pizarro zurück, und als sich auch Almagro mit 80 neu angeworbenen Leuten einfand, rückte die ganze Schar bis zur Insel Gallo vor. Die Spuren zunehmender Kultur traten, je weiter gegen Süden, um so deutlicher hervor. An einer Stelle der Küste, wo man landen wollte, sammelte sich alsbald ein Heer von 10,000 Kriegern, mit denen man den Kampf nicht aufzunehmen wagte. Auf Gallo, wohin man zurückging, theilte sich die Expedition. Almagro segelte mit dem einen Schiffe nach Panama, das andere blieb vorläufig bei Pizarro zurück. Doch da dieser sah, daß sich unter seinen Gefährten noch mancher Zaghafte befand, welcher die Kühneren hätte entmuthigen und zum Abfall bestimmen können, so beschloß der verwegene Capitän, auch das letzte Schiff mit der unzuverlässigen Mannschaft nach der Landenge zurückzusenden, und blieb, auf bessere Tage hoffend und seinem Stern vertrauend, auf der kleinen Küsteninsel zurück.

Sobald der Statthalter von Panama von diesem verzweifelten Entschluß benachrichtigt worden war, sandte er zwei Schiffe ab unter Tafur, mit dem bestimmten Befehl an Pizarro, zurückzukehren, da das aussichtslose Unternehmen nur vergebliche Opfer an Menschenleben forderte. Pedrarias war zu diesem Befehl durch einen Brief bestimmt worden, welchen einer der bei Pizarro zurückgebliebenen Leute in einem auf das letzte Schiff verladenen Baumwollenballen versteckt hatte, und in welchem die traurige Lage der Abenteurer auf Gallo drastisch beleuchtet war.

Mit den Schiffen Tafur’s hatten aber Almagro und de Luque ermuthigende Briefe an Pizarro gesandt, welche diesen aufforderten, auszuharren, da sie ihm bald Hilfe senden würden. Pizarro und sein Pilot Ruiz weigerten sich daher, nach Panama zurückzukehren. Der Capitän rief, als Tafur den Befehl des Statthalters verkündigt hatte, seine Leute zusammen und zog mit dem Schwert eine Linie in den Sand von Osten nach Westen: „Hier,“ sprach er, nach Süden weisend, „liegt Peru mit seinen Schätzen, dort Panama mit seiner Armuth. Wählt! Ich gehe nach Süden.“ Und damit überschritt er die gezogene Linie. Außer dem treuen Piloten folgten ihm noch 12 andere entschlossene Männer. Ihre Namen haben die spanischen Geschichtsschreiber uns aufbewahrt; denn ihre Entscheidung bestimmte das Loos Pizarro’s und Peru’s. Nur bis zu der 15 Meilen nördlicheren und etwas größeren Insel Gorgona, welche in Wald und Wasser Nahrungsmittel bot, wich Pizarro vorläufig zurück und hielt sich dort sechs bis sieben Monate, bis Almagro ihm in einem kleinen Schiff wenig neue Mannschaft zuführen konnte. Somit fand Pizarro wieder Gelegenheit, noch einmal weiter nach Süden vorzugehen, bis sie am südlichen Gestade der Bai von Guayaquil die peruanische Stadt Tumbez erreichten. Die Natur der Küste änderte sich hier, statt der fieberschwangeren Sumpfwälder lag hier ein trockner, gesunder Sandstrand vor ihnen. Die Stadt, von drei Mauerringen umgeben, war der bedeutendste Ort im Norden des peruanischen Reiches. Der Tempel war mit goldenen und silbernen Platten belegt. Der Verkehr mit den Eingeborenen gestaltete sich friedlich. Der Spanier Molina und der griechische Ritter Pedro de Candia, in voller Rüstung, begaben sich ans Land auf Kundschaft, und letzterer zeigte den erschreckten Eingeborenen, indem er mit einer Hakenbüchse nach einem gesteckten Ziele schoß, die Wirkung europäischer Waffen. Dann wurde die Fahrt nach Süden weiter fortgesetzt, am Cap Blanco (4° 17′ s. Br.), welches nur wenige Meilen nördlich von dem äußersten, westlichen Vorsprunge von Südamerika, der 16 Meter hohen Punta Pariña, gelegen ist, begann die Küste höher zu werden; aber sie bot keinen Hafen bis Santa (9° s. Br.), wo der größte unter den Bergströmen Peru’s mündet. Bis hieher kam Pizarro. Er hatte genug von dem großen Reiche gesehen, um zu wissen, von welcher Bedeutung sein Besitz für Spanien werden könne, aber auch, um zu erkennen, daß die Eroberung nur ausführbar sei, wenn die Krone ihn zu derselben autorisire und ihn unterstütze.

Kaum war er darum nach Panama zurückgekehrt, als er sich schon auf den Weg machte nach Spanien, denn der Statthalter von Panama versagte ihm die erforderlichen Mittel. Er nahm die von Ruiz gezeichneten Karten, deren Inhalt sich auf der +Weltkarte Ribero’s+ vom Jahre 1529 zum erstenmale wiedergegeben findet, mit sich, um dem Könige die große Ausdehnung Peru’s zeigen zu können.

Bei seiner Landung in Sevilla wurde er zwar auf Antrag des Baccalaureus Enciso, welcher von der Ansiedlung an der Küste von Darien her noch Geldansprüche an ihn zu erheben hatte, gefangen gesetzt, allein auf Befehl der Regierung, welche bereits von dem Zweck seiner Botschaft wußte, in Freiheit gesetzt.

Pizarro traf den König Karl in Toledo, dort legte er ihm die Erzeugnisse des peruanischen Gewerbfleißes und goldenen Schmuck vor und erregte namentlich durch das mitgebrachte Lama Aufsehen.

Karl empfahl die Angelegenheit dem indischen Rathe, und so konnte Pizarro am 26. Juli 1529 mit der Krone (die Königin unterzeichnete im Namen des abwesenden Monarchen) zugleich im Namen Almagro’s und de Luque’s, einen Vertrag abschließen, wonach Pizarro selbst zum Adelantado von Peru, sein Waffengefährte zum Commandanten von Tumbez und der Pfarrer von Panama zum Bischof dieser nördlichsten Stadt Peru’s ernannt wurde. Ruiz wurde zum Oberpiloten der Südsee erhoben. Zugleich erhielten alle einen ihrem Range entsprechenden Gehalt aus den Einkünften von Peru angewiesen. Die zwölf treuen Genossen von der Insel Gorgona wurden zu Edelleuten (~hijosdalgo~) erklärt. Die materielle Unterstützung, welche die Regierung dem Unternehmen angedeihen ließ, bestand nur in Geschütz und anderem Kriegsbedarf, sowie in Pferden, welche von Jamaica entnommen werden sollten.

Im Januar 1530 ging Pizarro von San Lucar aus mit drei Schiffen und mit Truppen in See nach Nombre de Dios. Da seine Expedition nun unter die staatlich autorisirten zählte, fehlte es weder an Mitteln noch an Mannschaft. Seine drei Brüder, Hernando, Juan und Gonzalo begleiteten ihn.[439] Almagro fühlte sich zurückgesetzt, daß Pizarro in dem Vertrage mit der Regierung ihn nicht, wie verabredet worden, zu seinem Stellvertreter, sondern nur zum Befehlshaber in einer Stadt hatte ernennen lassen; aber Pizarro suchte ihn durch die Erklärung zu beruhigen, daß die Regierung so entschieden habe. Damit gab sich zwar Almagro zufrieden, allein es war doch in diesem bedeutenden Rangunterschiede der Keim der Eifersucht gepflanzt, welcher für beide Theile zu einem tragischen Ausgange führte.

30. Die Eroberung Peru’s.

Mit drei Schiffen, 180 Mann und 37 Pferden stach Pizarro im Januar 1531 von Panama aus in See. Widrige Winde ließen ihn das beabsichtigte Ziel, Tumbez, nicht sofort erreichen. Das Geschwader lief in die Bai von San Mateo (nahe der Nordgrenze des heutigen Staats Ecuador) ein, ein Theil der Mannschaft ging ans Land und machte in der Stadt Coaque eine ansehnliche Beute an Gold, Silber und Smaragden. Ein Fünftel des Raubes wurde als Kronantheil zurückgelegt, das übrige nach Verhältniß des Ranges unter die Leute vertheilt. Auch schickte Pizarro eine namhafte Summe nach Panama, um noch mehr Mannschaft anzulocken.[440] Während sie sich noch in der Nähe des Golfes von Guayaquil befanden, stieß auch bereits Sebastian de Benalcazar mit 30 angeworbenen Soldaten zu dem Hauptcorps. Dann gings weiter nach der Insel Puna (damals S. Jago), wo man freundliche Aufnahme fand, die Regenzeit vorübergehen ließ und weiteren Nachschub an Truppen erwartete. Die Inselbewohner lebten in Feindschaft mit den Peruanern von Tumbez. Die Städter verdächtigten ihre Feinde bei dem spanischen Heerführer und theilten ihm mit, die Punenser hätten den verrätherischen Plan gefaßt, alle Fremden zu vernichten. Pizarro glaubte an die Verschwörung, ließ die Häuptlinge der Insel gefangen nehmen und hinrichten. Dem Volk, welches in folge dieser Grausamkeit zu den Waffen griff, brachte er eine Niederlage bei. Sein Heer wurde nochmals durch 100 Mann verstärkt, welche ihm +Hernando de Soto+, bestochen durch die Smaragden- und Goldsendungen, welche nach Panama geschickt waren, auf zwei Schiffen zuführte. Dann ging Pizarro nach Tumbez und erfuhr hier die für ihn sehr wichtige Nachricht, daß zwischen den Söhnen des letzten Inka Huayna-Capac ein blutiger Bürgerkrieg ausgebrochen sei. Atahuallpa und Huascar hatten von 1525-1530 friedlich neben einander regiert, jener in Quito, dieser in Cuzco, bis der ehrgeizige und kriegerisch gesinnte Atahuallpa, welcher sein Reich zu vergrößern strebte, auf das an der Bai von Guayaquil gelegene Gebiet von Tumibamba (jetzt Cuenza, 3° s. Br.) Anspruch erhob und dasselbe besetzte. Dann war er siegreich nach Süden gedrungen, hatte seinen Bruder in dem entscheidenden Kampfe bei Chontacaxas, nahe vor der Hauptstadt Cuzco, besiegt und gefangen genommen, worauf seine beiden tüchtigsten Feldherren Quizquiz und Chalcuchima sich der alten Residenz bemächtigten. Das war im Frühling 1532, kurz vor Ankunft Pizarro’s, geschehen. Die Familie des gefangenen Inka war auf Befehl des Quizquiz fast gänzlich ausgerottet, nur wenige waren dem Blutbade entronnen. Der Inka Atahuallpa stand mit seinem Heere bei Cajamarca, etwa 50 Meilen südlich von Tumbez. Diese Stadt hatte in dem Bürgerkriege sehr gelitten. Pizarro fand die Einwohner ängstlich und mistrauisch. Er zog daher, nachdem er seine Truppen ausgeschifft hatte, weiter gegen Süden, überall die Oberherrschaft des spanischen Königs proklamirend, was die Bewohner des Landes ohne Anstand geschehen ließen, weil sie den Sinn solcher Formalitäten nicht verstanden.

Im Thale von Tangarara (5° s. Br.) wurde die Niederlassung San Miguel gegründet; da sich aber der Ort bald als ungesund erwies, wurde die junge Stadt später nach Piura verlegt. Von San Miguel rückte Pizarro am 24. September 1532 weiter in der Richtung nach dem Lager Atahuallpa’s. Seine Schar bestand aus 110 Mann zu Fuß, 67 Reitern und einigen wenigen Büchsenschützen. Weil aber unter dieser Anzahl sich noch einige Misvergnügte und Feiglinge befanden, so schickte er noch fünf Fußgänger und vier Reiter nach San Miguel zurück und besaß, als er sich anschickte, ein Reich von 400 Meilen Länge zu erobern, im ganzen 168 Mann. Ein Abgesandter des Inka lud ihn zum Besuch nach Cajamarca ein. Zwei Indianer, welche bereits mit Pizarro in Spanien gewesen waren, Philipp und Martin, dienten als Dolmetscher. Der spanische Heerführer stieg mit seiner kleinen Schar kühn über die Cordilleren ins Hochland hinauf, wo er die große Reichsstraße fand, welche er gegen Süden verfolgte. Mehrfach kamen ihm noch Boten des peruanischen Oberherrn mit Geschenken entgegen, welche den geheimen Auftrag hatten, sich genau über Zahl, Waffen u. s. w. der Fremdlinge zu unterrichten.

Nach einem Marsche von sieben Tagen langte Pizarro in dem wohlangebauten Thale von Cajamarca an, welches sich bei einer Höhenlage von 2860 Meter eines angenehmen, kühlen Klimas erfreut. Fruchtbare Ackerfelder und blühende Gärten zogen sich das Thal entlang. In der Ferne sah man die Dampfsäulen der warmen Bäder von Pultamarca, Schwefelquellen von 55° R., aufsteigen, welche noch heute den Namen der Inkabäder führen und wo Atahuallpa zu baden pflegte. Am Bergabhange davor breitete sich die Zeltstadt des peruanischen Lagers, welches 40,000 Mann zählte, aus. Pizarro zog in die kleine, menschenleere Stadt ein, welche mit einer festen und hohen Mauer umschlossen war, und besetzte am 15. November den Marktplatz. Dann untersuchte er die Verhältnisse der Stadt, um eine feste Stellung für sein Lager zu ermitteln, damit er nicht unerwartet überfallen werden könnte. Soto, welcher schon vorher einen kühnen Kundschafterritt ausgeführt hatte, ritt darauf mit 20 andern Reitern als Gesandtschaft in das Lager des Inka hinüber und jagte die letzte Strecke bis an den Bach, welcher sie noch vom Lagerplatze trennte, im Galopp vor, um seine Reiterkünste zu zeigen und die Indianer durch die Erscheinung der schnaubenden Rosse zu erschrecken. Der Inka befand sich im Hofe des Palastes, von seinem Gefolge umgeben. Von einem Thronsessel aus sah er hinter einem zarten durchsichtigen Schleier, den zwei Frauen vor ihm hielten, damit er nach Landessitte nicht von jedem unberufenen Auge beobachtet werde, die Spanier sich nähern. Als Soto heransprengte, befahl Atahuallpa den Schleier zu senken.[441] Dann trat Hernando Pizarro vor und hielt durch den Mund des Dolmetschers eine Ansprache an den König, worin er sich als Abgesandten eines mächtigen Monarchen bezeichnete und sich erbot, die Peruaner im wahren Glauben zu unterrichten.

Der Inka schwieg auf diese Worte, nur einer seiner ersten Beamten erwiderte: „Es ist gut.“ Pizarro begann von neuem und bat den Fürsten, die Spanier in ihrem Lager zu besuchen. Atahuallpa sagte für den nächsten Tag, nach Beendigung der Fastenzeit, den Besuch zu. Inzwischen möchten die Spanier sich in den Staatsgebäuden von Cajamarca einrichten. Dann verabschiedete er die fremden Gäste.

Spotted a typo or a problem in this chapter? Tell us