Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1881 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.
Namen werden im Originaltext meist gesperrt dargestellt, allerdings nicht durchgehend; Adelstitel werden nur teilweise in die Sperrung mit einbezogen. Es wurde diesbezüglich keinerlei Harmonisierung vorgenommen. Die Fußnotenanker [166] sowie [178] fehlen im Original; diese wurden vom Bearbeiter an der augenscheinlich am besten geeigneten Stelle eingefügt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang des Buches verschoben.
Abbildungen wurden zwischen die einzelnen Absätze verschoben. Die Seitenzahlen im Abbildungsverzeichnis wurden gegebenenfalls angepasst.
Die Weltkarte (‚Mapamondi‘) zwischen den Seiten 78 und 79 besteht in der Buchfassung aus einer großen Ausklapptafel, zusammen mit einem ebenso großen ‚Schutzblatt‘, von denen die erstere die katalanische Originalkarte, das letztere die deutsche Übersetzung der Legenden darstellt. Die deutschen Texte konnten derart über die Weltkarte gelegt werden, dass diese über den entsprechenden katalanischen Passagen zu liegen kommen. In der vorliegenden elektronischen Fassung wurden die entsprechenden deutschsprachigen Legenden am Ende der Weltkarte angefügt.
Caretsymbole (^) stehen normalerweise für nachfolgende hochgestellte Zeichen; mehrere Zeichen werden dabei durch geschweifte Klammern gruppiert. Es werden astrologische Symbole verwendet; daher sollte zur Betrachtung des Textes ein Zeichensatz installiert sein, der den Unicode-Block ‚Miscellaneous Symbols‘ unterstützt.
Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: Unterstriche fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
Kapitälchen werden in GROSSBUCHSTABEN wiedergegeben.
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Allgemeine Geschichte
in
Einzeldarstellungen.
Unter Mitwirkung von
Felix Bamberg, Alex. Brückner, Felix Dahn, Joh. Dümichen, Bernh. Erdmannsdörffer, Theod. Flathe, Ludw. Geiger, Richard Gosche, Gust. Hertzberg, Ferd. Justi, Friedrich Kapp, B. Kugler, S. Lefmann, Wilhelm Oncken, M. Philippson, S. Ruge, Eberh. Schrader, Bernh. Stade, Alfr. Stern, Otto Waltz, Ed. Winkelmann, Adam Wolf
herausgegeben
von
+Wilhelm Oncken+.
Zweite Hauptabteilung.
Neunter Theil.
Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen.
Von +Sophus Ruge+.
Berlin, G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung. 1881.
Geschichte
des
Zeitalters der Entdeckungen.
Von
~Dr.~ Sophus Ruge,
Professor am Königl. Polytechnicum zu Dresden.
Mit Illustrationen und Karten.
Berlin, G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung. 1881.
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Druck von +B. G. Teubner+ in Leipzig.
Beginn des Satzes am 10. Juni 1881.
Inhalts-Verzeichniß.
Erstes Buch.
Die Anfänge der Forschung.
Seite
+Erstes Capitel.+ Die Morgenseite der alten Welt 3
+Zweites Capitel.+ Die Abendseite der alten Welt 12
Zweites Buch.
Die Vorhalle der großen Zeit.
+Erstes Capitel.+ Die Morgenseite der alten Welt 35
1. Der Orient seit Beginn der Mongolenherrschaft 35
2. Der Presbyter Johannes 37
3. Die ersten christlichen Glaubensboten im Orient 40
4. Die Handelsreisen der Poli 51
5. Die späteren Missionsreisen und Handelszüge 71
+Zweites Capitel.+ Die Abendseite der alten Welt 81
Prinz Heinrich der Seefahrer 81
Drittes Buch.
Die Seewege nach Indien.
+Erstes Capitel.+ Die Bahn der Portugiesen nach Südosten 103
1. Diogo Cão und seine Vorläufer 103
2. Bartolomeu Dias 107
3. Vasco da Gama’s erste Fahrt 109
4. Cabral und João da Nova 128
5. Vasco da Gama’s zweite Fahrt 135
6. Francisco d’Almeida, Vicekönig von Indien 147
7. Affonso d’Albuquerque, Generalcapitän und Governador von Indien 160
8. Die Nachfolger Albuquerque’s 185
9. Die Portugiesen auf den Molukken 199
10. Das Phantom der Gold- und Silberinseln 207
11. Der erste Besuch der Portugiesen in China und Japan 213
+Zweites Capitel.+ Die Bahn der Spanier nach Westen und die Entdeckung der neuen Welt 217
1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen Nautik, und das frühere Leben des Christoph Columbus 217
2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt 221
3. Das Project Toscanelli’s 225
4. Columbus in Spanien 232
5. Die erste Fahrt des Columbus über den Ocean 241
6. Wo liegt Guanahani? 248
7. Die Fahrt durch das westindische Meer 253
8. Die Demarcationslinie 267
9. Die zweite Reise des Columbus 271
10. Die dritte Reise des Columbus und die Entdeckung Südamerika’s 281
11. Die Zustände auf Haiti und die Gefangennahme des Columbus 292
12. Die letzte Reise des Columbus 297
13. Die letzten Lebensjahre des Columbus 311
14. Zur Charakteristik des Columbus 314
15. Die kleinen Entdecker 322
16. Die Portugiesen in Südamerika 330
17. Die spanischen Niederlassungen auf dem Festlande von Mittelamerika und die Entdeckung der Südsee 340
18. Die Entdeckungen im Golf von Mexiko 355
19. Ferdinand Cortes geht nach Mexiko 359
20. Cortes in Mexiko 373
21. Cortes siegt über Panfilo de Narvaez 377
22. Der Kampf um Mexiko 379
23. Cortes als Statthalter von Neuspanien 387
24. Cortes’ Feldzug nach Honduras 394
25. Cortes’ spätere Unternehmungen und sein Tod 402
26. Die Unternehmungen gegen Florida und die Küste von Nordamerika 407
27. Coronado’s Feldzug nach Cibola und Quivira 415
28. Das Goldland Peru und seine alte Kultur 424
29. Pizarro versucht bis zum Lande der Inkas vorzudringen 434
30. Die Eroberung Peru’s 439
31. Almagro’s Zug nach Chile und sein Tod 447
32. Die Ermordung Pizarro’s und das Ende der peruanischen Parteikämpfe 451
33. Orellana entdeckt den Amazonenstrom 1541 455
+Drittes Capitel.+ Die südwestliche Bahn nach Indien. Magalhães und die erste Erdumsegelung 458
1. Die Vorläufer Magalhães’ 458
2. Fernão Magalhães 462
3. Die Vollendung der ersten Erdumsegelung 478
4. Der Streit um die Molukken 483
5. Die spanischen Entdeckungsfahrten im großen Ocean 489
+Viertes Capitel.+ Die Versuche, einen nordwestlichen Weg nach Indien zu finden 499
1. Giovanni und Sebastiano Cabotto 499
2. Portugiesen, Italiener und Franzosen auf dem Nordwestwege 504
3. Die Versuche der Engländer, eine Nordwestpassage zu finden 510
+Fünftes Capitel.+ Die Nordostpassage 520
1. Die Engländer auf dem Nordostwege und die moskowitische Compagnie 520
2. Die Holländer auf dem Nordostwege und der Kampf um Spitzbergen 525
Verzeichniß der Illustrationen und Karten.
Abbildungen im Text.
Seite 15: Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König Alfreds d. Gr. von Ohthere’s Reise; 9. Jahrh. In der Cottonian Bibliothek des British Museum zu London. (Bosworth, Joseph, ~A Description of Europe, and the Voyages of Ohthere and Wulfstan, written in Anglo-Saxon by King Alfred the Great~.)
„ 49: Facsimile der drei ersten Zeilen des uigurisch geschriebenen Briefes von Argunchan an Philipp d. Schönen; 1289. Im Archive von Paris. (~The Book of Marco Polo the Venetian, concerning the Kingdoms and Marvels of the East. Newly translated and edited by Henry Yule.~)
„ 53: Marco Polo. Nach einem Gemälde in der Gallerie Badia in Rom. (Ebd.)
„ 65: Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.
„ 74: Hand eines reichen Annamiten. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
„ 83: Prinz Heinrich der Seefahrer. Miniature in der 1448-1453 entstandenen Handschrift „~Chronica do descobrimento e conquista de Guiné etc.~“ In der Nationalbibliothek zu Paris. (Major, H., ~The Life of Prince Henry of Portugal~.)
„ 97: Die Land- und Wasserkugel der Erde.
„ 99: Facsimile einer alten Abbildung des Jakobstabes und seiner Anwendung. (~Cosmographia, siue Descriptio vniuersi Orbis, Petri Apiani et Gemmae Frisii, Mathematicorum insignium, iam demùm integritati suae restituta. Antuerpiae~, 1584.)
„ 105: Martin Behaim. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers Ritter Martin Behaim.)
„ 106: Astrolabium des Joh. Regiomontanus vom Jahre 1468. (Ebd.)
„ 111: Vasco da Gama. Nach einem Gemälde im Besitze des Grafen von Lavradio. (Stanley, Henry, ~The three voyages of Vasco da Gama and his Viceroyalty. From the Lendas da India of Gaspar Correa.~ ~Hakluyt. Soc.~)
„ 135: Vasco da Gama. Aus dem Manuscript von Pedro Baretto de Resenda. In der Sloane Bibliothek des British Museum, London. (~The Commentaries of the great Afonso Dalboquerque, second Viceroy of India. Translated from the Portuguese edition of 1774, with notes and an introduction, by Walter de Gray Birch.~ ~Hakluyt. Soc.~)
„ 142: Alfons von Albuquerque. Nach dem Manuscript des Pedro Baretto de Resenda. In der Sloane Bibliothek des British Museum, London. (Ebd.)
„ 154: Ostindisches Fahrzeug des 16. Jahrhunderts mit Rohrsegeln und am Stern aufgehängtem hölzernem Anker. (Linschoten, ~Itinerarium ofte Schipvaert naer Oost ofte Portugaels Indiën~. Amsterdam 1614.)
„ 155: Ostindischer Schnellsegler des 16. Jahrhunderts, Fusta. (Ebd.)
„ 188: Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III. huldigte, als derselbe ihn zum Vicekönig von Indien ernannt hatte. -- Im Archiv von Lissabon. (Stanley, Henry, ~The three voyages of Vasco da Gama and his Viceroyalty. From the Lendas da India of Gaspar Correa.~)
„ 189: Wappen von Vasco da Gama. (Ebd.)
„ 191: Pero Mascarenhas in Ketten. (~Lendas da India por Gaspar Correa publicadas de ordem da classe de sciencias moraes, politicas e bellas lettras da academia real das sciencias de Lisboa. Livro terceiro que conta dos feitos de Pero Mascarenhas, e Lopo Vaz de Sampayo, e Nuna da Cunha.~)
„ 197: Portrait von Nuno da Cunha. (Ebd.)
„ 234: Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid, Marine-Ministerium. (Photographische Originalaufnahme.)
„ 235: Angebliches Portrait von Christoph Columbus; Madrid, National-Bibliothek. (~Boletín de la Sociedad geográfica de Madrid. T. VI.~)
„ 240: Der im Bau begriffene Rumpf eines großen Seeschiffes vom Ende des 15. Jahrh. (~Bernhardus de Breydenbach~, ~Peregrinationes in montem Syon ad venerandum Christi sepulcrum in Jerusalem~. Mainz, 1486.)
„ 241: Seeschiff vom Ende des 15. Jahrh., halb vor dem Winde segelnd. (Ebd.)
„ 245: Christoph Columbus’ Rüstung; Madrid, Waffen-Museum im königl. Palais. (Photographische Originalaufnahme.)
„ 247: Titelholzschnitt einer zu Florenz im Jahre 1493 gedruckten italienischen Flugschrift, darstellend die Landung des Columbus. (Getreue Nachbildung des Originals im British Museum zu London.)
„ 262: Facsimile der ersten Flugschrift, welche die Kunde von der Entdeckung Amerika’s brachte. (Getreue Nachbildung des Originals im British Museum zu London.)
„ 263/4: Titel, Anfangsseite und Schluß des ersten +deutschen+ Flugblattes, welches die Entdeckung Amerika’s meldete. (Getreue Nachbildung des Originals in der Staatsbibliothek zu München.)
„ 312: Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
„ 317: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502. (~Tre Lettere di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci, riprodotte in Fotolitografia.~)
„ 333: Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes, welchen Amerigo Vespucci über seine dritte Reise an Pier Francesco de Medici schrieb. (Getreue Nachbildung des Originals in der königl. Bibliothek zu Dresden.)
„ 334: Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes. (Ebd.)
„ 337: Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo Vespucci an den Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez de Cisneros); datirt Sevilla, 9. December 1508. (~Tre Lettere di Cristoforo Colombo ed Amerigo Vespucci riprodotte in Fotolitografia.~)
„ 339: Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der Name „Amerika“ vorgeschlagen wird. (~Cosmographiae Introductio~ des ~Hylacomylus~ von 1507.)
„ 357: Tempelruine zu Uxmal. (Gailhabaud, Jules, ~Monuments anciens et modernes. IV.~)
„ 360: Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße. (Nach dem Original im königl. Münz-Cabinet zu Berlin.)
„ 405: Rüstung von Ferdinand Cortes; im Waffenmuseum zu Madrid. (Photographische Originalaufnahme.)
„ 427: Conti am Titicacasee: als Specimen der merkwürdigen Thorbauten. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
„ 429: Altperuanisches Gobelingewebe aus dem Todtenfelde von Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
„ 430: Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische Originalaufnahme.)
„ 431: Sculptur am Inkathor bei Cuzco. (Photographische Originalaufnahme.)
„ 433: Durchschnitt eines altperuanischen Grabes mit Mumien. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
„ 443: Das Haus Atahuallpa’s bei Cajamarca, in welchem der Inka von Pizarro gefangen gehalten wurde. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
„ 462: Facsimile des Namenszuges von Magalhães. Von einem Briefe, datirt 24. October 1518, im indischen Archiv zu Sevilla. (~The first voyage round the world by Magellan. Translated from the accounts of Pigafetta and other contemporary writers by Lord Stanley of Alderley.~)
„ 463: Fernão de Magalhães. Verkleinertes Facsimile des Kupferstiches, 1788, von Ferd. Selma. (~Coleccion de los viages y descubrimientos que hicieron por mar los Españoles desde fines del Siglo XV., coordinada é illustrada por Martin Fernandez de Navarrete. Tomo IV.~)
„ 467: Rumpf eines großen Seeschiffes um 1500; im Wappen des Johann Segker. Verkleinertes Facsimile eines Holzschnittes aus Albrecht Dürers Schule. (Kunsthalle zu Hamburg.)
Vollbilder.
Seite 70: Chinesisches Papiergeld aus der Ming-Dynastie (1368-1645). Original in Paris. Getreue Nachbildung in ¼ der natürlichen Größe. (~The Book of Marco Polo the Venetian, concerning the kingdoms and Marvels of the East. Newly translated and edited by Henry Yule.~)
„ 356: Eine Seite aus der Mayahandschrift der königl. Bibliothek zu Dresden. Originalgröße. (Die Mayahandschrift der kgl. öffentlichen Bibliothek zu Dresden. 74 Tafeln in Chromolichtdruck.)
„ 420: Ansicht des großen Colorado-Cañons. (Powell, J. W., ~Exploration of the Colorado River of the West 1869-1872~.)
„ 425: Das Inkathor bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
„ 426: Die Ruinen des Inkaschlosses am Titicacasee. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
„ 434: Altperuanische Mumien aus dem Todtenfelde von Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
„ 440: Krieger aus der Inkazeit: altperuanische Malerei auf dem unter Nr. 23 auf dem Doppelvollbilde „altperuanische Geräthschaften“ abgebildeten Kruge. (Ebd.)
„ 446: Sacsahuaman: ein Theil der Ruinen der alten Inkafestung bei Cuzco. (Photographische Aufnahme nach der Natur.)
Doppelvollbilder.
Seite 359: Sculpturen von Copán, Trachten der alten Mittel-Amerikaner darstellend. (Meye und Schmidt, die Steinbildwerke von Copán und Quirigua.)
„ 432: Altperuanische Geräthschaften aus dem Todtenfelde von Ancon. (Stübel und Reis, das Todtenfeld von Ancon in Peru.)
Karten im Text.
Seite 25: Karte von Afrika in einem Portulano von 1351. In der Laurentinischen Bibliothek zu Florenz. (Major, H., ~The Life of Prince Henry of Portugal~.)
„ 27: Karte zu den Reisen von Nicolo und Antonio Zeno, 1558. (Nach H. Kiepert.)
„ 249: Die Entdeckungen des Columbus auf seiner ersten Reise. Ein Theil von Westindien; nach der englischen Admiralitätskarte Nr. 761 gezeichnet von C. Riemer.
„ 318: Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von 1529.
„ 347: Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee. (Nach dem Entwurfe von Professor ~Dr.~ Sophus Ruge.)
„ 363: Karte zu Cortes’ Eroberung von Mexiko. (Ebs.)
„ 390: Karte zu den Feldzügen Alvarado’s nach Guatemala und des Cortes nach Honduras. (Ebs.)
„ 417: Karte zu Coronado’s Expedition nach Cibola und Quivira. (Ebs.)
„ 437: Karte zur Entdeckung von Peru durch Pizarro. (Ebs.)
„ 461: Südamerika mit einer südlichen Meerenge auf dem von Joh. Schöner 1515 entworfenen Globus. (Ebs.)
Karten-Beilagen.
Seite 12: Weltkarte in der 1513 zu Straßburg gedruckten Ausgabe des Ptolemäus. Verkleinertes Facsimile.
„ 37: Kartenskizze der Mongolenstaaten im XIII. Jahrhundert. Gezeichnet von ~Dr.~ Henry Lange.
„ 78: Catalanische Erdkarte; für König Karl V. von Frankreich 1375 in Mallorca gezeichnet. Paris, Nationalbibliothek. Facsimile in ⅓ der Originalgröße. (Jomard, ~Monumens de la Géographie~.)
„ 80: Fra Mauro’s Weltkarte von 1459; Venedig. 1/10 der Originalgröße. (Nach H. Kiepert.)
„ 118: Die Westküste von Vorder-Indien und die von den Portugiesen berührten Handelsstädte. (Nach dem Entwurfe von Professor ~Dr.~ Sophus Ruge.)
„ 230: Die Oceanische Seite des Behaim’schen Globus vom Jahre 1492. (Ghillany, Geschichte des Seefahrers Ritter Martin Behaim.)
„ 324: Aelteste Karte von Amerika; westlichster Theil der im Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten Erdkarte. Facsimile in ⅓ der Höhe des Originals im Marine-Museum zu Madrid. (Jomard, ~Monumens de la Géographie~.)
„ 438: Seekarte von Diego Ribero, 1529. (Nach dem Original in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar.)
„ 534: Facsimile der Molukken-Karte im Atlas des Diego Homen vom Jahre 1568. Originalgröße. (Dresden, königliche Bibliothek.)
Erstes Buch.
Die Anfänge der Forschung.
Erstes Capitel.
Die Morgenseite der alten Welt.
In der Geschichte der geographischen Entdeckungen zeichnen sich gewisse Epochen ab, in denen die Betheiligung an den Arbeiten, die Erdenräume dem Blicke der Forschung zu enthüllen oder wenigstens mit fernen weniger bekannten Ländern in lebhafteren Verkehr zu treten, eine außergewöhnlich starke ist, in denen, durch energischen Vorgang einzelner ausgezeichneter Persönlichkeiten, nicht blos einzelne Stände und Berufsklassen mit hineingezogen werden in das Interesse für Reisen und Entdeckungsfahrten, sondern wo die Antheilnahme bis in die Masse des Volkes hinabdringt und ein Volk das andere benachbarte allmählich mit hineinzieht in eine allgemeine großartige Bewegung. Die Erweiterung des räumlichen Horizonts zieht unabweisbar auch die Erweiterung des geistigen Gesichtsfeldes nach sich und drückt dem Volk, welches ihn errungen hat, den Stempel geistiger Reife auf. Die Machtsphäre gewinnt ein größeres Gebiet und damit wächst auch die politische Bedeutung. Kein Wunder, daß darum zu Zeiten mehrere Völker neben einander auf dem Ringplatze erscheinen und in regem Wettbewerb nach gleichen Zielen einander die Palme streitig machen.
Aber auf die hochgehenden Fluten folgen Zeiten der Ebbe, der Erschlaffung, Zeiten des Stillstandes, in denen, oft Jahrhunderte andauernd, die Erregung der Gemüther nachläßt, das Feuer der Begeisterung erlischt und die nach außen treibende Kraft sich von den Grenzen zurückzieht. Der Horizont verdunkelt sich wieder, die Schleier rücken eng und enger um die Mitte zusammen. Solche Zeiten der Stagnationen machen sich auch in der allgemeinen Geschichte fühlbar. Es sei dabei an die den Kreuzzügen vorangehenden Jahrhunderte erinnert. Auf die sich über beinahe 1000 Jahre ausdehnende Erschlaffung und Apathie folgt aber etwa vom 13. bis 17. Jahrhundert die Epoche der höchsten Anstrengung auf diesem Felde, folgt eine durch alle Völker Europas gehende tiefe Bewegung, welche nur der noch weiter, tiefer gehenden religiösen Erregung und Erhebung allmählich wich. Diese Zeit ist es aber, welche, als das +Zeitalter der großen Entdeckungen+ bezeichnet, auch in der Darstellung allgemeiner Geschichte Beachtung fordert.
Um die Ziele der Unternehmungen jenes großen Zeitraums verstehen zu lernen, müssen wir, zur Einleitung, weiter in die Vergangenheit zurückgreifen.
Man sollte meinen, daß, wenn es sich um die Erweiterung der Kenntnisse von der Erdoberfläche handelt, man von dem Mittelpunkte, dem Schauplatz der Kulturvölker Europas, nach allen Richtungen der Windrose radial über die bisherige Grenze der bekannten Welt hinaus ins Unbekannte, Unerforschte schreiten werde oder schreiten könne. Doch dem ist nicht so.
Die Gliederung und Gestaltung der wichtigsten Ländergebiete der alten Welt haben dabei einen bestimmenden Einfluß geübt, namentlich die Erstreckung des Mittelmeeres und des zusammenhängenden Hochlandes von Asien, deren Längsaxen sich beide in ost-westlicher Richtung hinziehen. An den Rändern und in den Ländern am Mittelmeer, wie auf dem westlichen Hochlande und an den südlichen Abhängen des östlichen Hochlandes von Asien in der weitgedehnten Zone von den Säulen des Herkules bis zu den Gestaden Chinas hatten sich einzelne Völker zu frühzeitiger Kultur erhoben. Die westliche Hälfte, nennen wir sie die europäische, hatte auf dem geräumigen Marktplatze des Mittelmeeres einen gemeinsamen Sammelpunkt gefunden, während die östliche, die asiatische Hälfte, vorwiegend auf den offenen indischen Ocean hingewiesen, eines solchen günstigen Vereinigungsplatzes entbehrte und im Streben nach gegenseitigem Verkehr größere Schwierigkeiten zu überwinden hatte. Eine Annäherung beider Gebiete boten der persische, und noch mehr der arabische Golf oder das rothe Meer. Südlich des ganzen Gürtels lagen im Westen die starken Schranken der großen afrikanischen Wüste, deren menschenfeindliche Oede den Satz verkündigte, daß die heiße Zone überhaupt unbewohnbar sei, während im Osten das unbezwungene indische Weltmeer, dem das Gegengestade fehlte, von wagehalsigem Vordringen abhielt.
In gleicher Weise lagerte sich über dem Nordsaum des Gürtels ein kalter, unwirthlich rauher Erdstrich, der sich gegen Norden in dem geheimnißvollen „Lande der Dunkelheit“ verlor.
Daher richteten sich von jeher die Blicke mehr nach Osten und Westen, als nach Norden und Süden. Die Gegensätze zwischen Osten und Westen sind zuerst am Mittelmeer schon in ältester Zeit schärfer ins Auge gefaßt und lassen sich auf die Fahrten seetüchtiger Phönizier zurückführen. Die Unterscheidung der Erdtheile Asien und Europa, wie sie zuerst an den gegenüberliegenden Küsten des schön gegliederten ägäischen Meeres haftete, besagt ursprünglich im Kern des Wortes ~açu~ (Asien) ~ereb~ (Europa) wohl nichts anderes als Morgen und Abend, das Land im Morgen und das Land im Abend. Und diese Bezeichnungen wiederholen sich in verschiedenen Sprachen, so lautet bei den Griechen der Gegensatz: Anatolien (noch jetzt ist Kleinasien als Anadoli bekannt) und Hesperien, im Lateinischen mit erweitertem Begriff Orient und Occident, im Italienischen Levante (worunter man vorzugsweise die asiatischen Küsten des Mittelmeeres verstand und versteht) und Ponente (eine Gegenüberstellung, wie sie in kleinem Maßstabe an der Riviera von Genua noch gültig ist), und endlich im Deutschen: Morgenland und Abendland, Bezeichnungen, welche die beiden fraglichen Erdtheile so ziemlich decken. Ein solcher Reichthum der Benennungen hat sich naturgemäß für Norden und Süden, für die mitternächtliche und mittägige Seite nicht gebildet. Die Reisen und Entdeckungszüge nehmen thatsächlich vorwiegend auch die Richtung gegen Morgen und gegen Abend und wir sind daher wohlberechtigt, auch unsere Darstellung der Geschichte der Entdeckung in diesem Sinne zu gruppiren.
Wir stellen die +Morgenseite+ voran. Daß diese Seite gegen Sonnenaufgang noch mehr Bedeutung hatte als die Abendseite, daß der Blick voll Verlangen, hier den Schleier zu lüften, sich mehr der Sonne zuwandte, lag in den natürlichen Verhältnissen, in der unermeßlichen Ausdehnung der Länder und in dem Reichthum an kostbaren Produkten begründet, die aus unbekannter Ferne selbst bis zu den Häfen des Mittelmeeres gelangten. Die alten Staaten und Länder Vorderasiens bis nach Persien hin, standen mit den classischen Völkern des Alterthums in directer Verbindung; aber noch weiter hinaus lagen weite herrliche Länder, die in den Schleier des Geheimnißvollen gehüllt, von der erregten Phantasie zu wahren Wunderländern umgewandelt wurden, und unter denen immer der Name +Indien+ vorklang. Wir dürfen nicht vergessen, daß im Alterthum Indien eigentlich das einzige bekannte Tropenland war, das unter dem Hauche des feuchten Monsun von wunderbarem Segen triefte. Indien war von jeher ein sehr weiter Begriff. Indien war das äußerste Land. So weit wir sichere Kunde haben, sagt Herodot (III. 98), sind die Menschen, die zunächst gegen Morgen und Sonnenaufgang in Asien wohnen, die Indier.
Diesen äußersten Enden der Welt sind die kostbarsten Produkte eigen. (III. 106). Dieselbe Ansicht wiederholt Strabo (~p.~ 685): Indien ist das erste und größte Land im Osten. Ktesias hielt Indien für ebenso groß als das ganze übrige Asien, Onesikritos für den dritten Theil der bewohnten Erde. (Strabo, ~p.~ 689).
Indien war und blieb ein sehr weiter Begriff, ohne bestimmte Grenzen, so daß Strabo auch die langlebenden Serer mit einrechnen konnte. Zwar scheidet Ptolemäus dieselben wieder aus und weist ihnen jenseit des Himalaya einen nach Norden und Osten ins dunkle Land sich verlierenden Wohnsitz an; doch beginnt bei diesem großen Geographen schon eine Gliederung Indiens in die beiden Theile: Indien diesseit und Indien jenseit des Ganges, welche etwa unserm Vorder- und Hinter-Indien entsprechen mögen. Doch dabei blieb es nicht. Der Begriff Indien dehnte sich im Mittelalter immer mehr und umfaßte schließlich fast alle Gestade am südlichen Meere von Habesch bis nach China. Ja es wurde sogar an die Stelle von Asien geschoben, wenn z. B. +Alcuin+ die ganze Welt in Europa, Afrika und Indien theilt. Für die beiden asiatischen Halbinseln wählte man die Bezeichnung: Groß- und Klein-Indien. Da man sich aber schon frühzeitig der Ansicht zuneigte, Abessinien zu Indien zu rechnen, wie auch bereits Procop von Cäsarea den Nil in Indien entspringen läßt, so entstand denn für jenes afrikanische Alpenland die verwirrende Benennung „das dritte Indien“ oder gar „Mittel-Indien“.
Jordanus identificirte das dritte mit der Sansibar-Küste, Benjamin von Tudela nennt Aden am Ausgange des rothen Meeres als eine Stadt in Mittel-Indien und Marco Polo erklärt Habesch für das Hauptland davon, so daß also dieses dritte Indien asiatische und afrikanische Landschaften umfassen sollte, während endlich der 1562 in Venedig gedruckte Ptolemäus die indische Inselwelt als ~India tercera~ vorführt. Nach Odorich von Pordenone liegt die persische Küste bei Ormuz in ~India, quae est infra terram~, und wird Südchina (Manzi) Ober-Indien genannt. Auf der andern Seite bezeichnete Nicolo Conti die Chinesen als „innere Indier“.
Drei Indien erscheinen schon auf einer Karte vom Jahre 1118. Und so ging es fort bis ins 16. Jahrhundert (vgl. das beigegebene Weltbild aus dem Straßburger Ptolemäus, 1513). Kein Wunder, daß auch der beste Kartograph in solcher Verwirrung noch strauchelte, daß Mercator auf seinem ersten Globus von 1543 neben den beiden von Ptolemäus bereits angedeuteten Halbinseln Indiens noch eine weitere Halbinsel nach den Aufnahmen der portugiesischen Entdecker eintrug, so daß wir also auch hier noch mit der Monströsität von +drei+ indischen Halbinseln beschenkt werden.
Aus diesem weiten Indien kamen seit den gemeinschaftlichen Handelsfahrten Salomos und Hirams nach +Ophir+, welches wir jedenfalls auf der Westküste Vorder-Indiens zu suchen haben, die kostbaren Produkte über das rothe Meer zu den Ländern am mittelländischen Meere. Griechen und Römer bezogen von dort Wohlgerüche und Gewürze, namentlich Pfeffer; ferner Perlen und Edelsteine, Elfenbein und Ebenholz. Der prächtige Pfau, den die Griechen zum Liebling der stolzen Hera erhoben, den die Soldaten Alexanders wild antrafen in indischem Waldgebiete, war nebst den buntfarbigen Papageien schon zu Salomos Zeit im Westen bekannt geworden. Feine baumwollene Gewänder und Zucker kamen aus demselben Gebiete. Den Umsatz in diesen Luxusartikeln gibt bereits Plinius auf etwa 16 Millionen Mark jährlich an.
Aber aus noch weiter entlegenen Ländern kamen kostbare Stoffe unter dem Namen serischer Gewänder nach dem Westen, ohne daß man anfangs das Heimatland gekannt hätte. Daß, wenn auch durch Zwischenhandel, die Seidenstoffe (denn nur diese werden unter serischen Kleidern verstanden) aus China kamen, beweist der Name. Das chinesische Wort für Seide ist ~sz’~ oder ~sse~ mit dem in ~r~ verkürzten Suffix ~örr~, also ~sser~ der Seidenstoff.[1] Nun ist merkwürdig, daß wenn auch am Ende des Alterthums die Kenntniß der griechisch-ägyptischen Kaufleute sich bis zu den chinesischen Strömen erstreckte, und auf dem Wasserwege der Name Thinai oder Sinai bekannt wurde, man dieses Land doch von dem der +Serer+ unterschied; denn die Kunde von diesem letzteren Volke war +zu Lande+ durch Mittelasien nach Westen gedrungen. Geographisch setzte man die große Stadt Sera und das Land der Serer, Serica, stets nördlicher an, als das Land Thinai oder Sinai. Diese Doppelgängernatur wiederholt sich noch einmal im 16. Jahrhundert, als die Portugiesen von ihren Seefahrten den Namen Tschina (China) mit heimbrachten, während schon durch venetianische Kaufleute im 13. Jahrhundert das Reich Kathay (China) bekannt geworden war. Daß beide Benennungen auf das nämliche Land wiesen, erkannten zwar schon im Beginn des 17. Jahrhunderts katholische Glaubensboten, allein man nahm die Thatsache nur zögernd an.[2]
Doch wenden wir uns noch einmal zurück, um die allmähliche Erweiterung der Kenntnisse von Süd- und Ostasien kurz zu skizziren.
Vor Alexander dem Großen war kein Grieche nach Indien gelangt. Herodot, welcher +zuerst+ die Baumwolle nennt, berichtete nur nach Hörensagen. Erst die Zeitgenossen des makedonischen Königs schildern uns als Augenzeugen das Land. Megasthenes gab die erste klare Vorstellung von der Gestalt und Begrenzung Indiens. Die Halbinselform tritt klar hervor. Onesikritos kennt schon die wichtige Insel Taprobane (Ceylon). Beide berichten, daß im südlichen Indien das Gestirn des großen Bären allmählich unter dem Horizonte verschwinde, und daß der Schatten nach Süden falle. Verhängnißvoll war es für die kartographische Darstellung, daß der berühmte Eratosthenes, durch falsche Anwendung von Distanzentfernungen veranlaßt, die Gestalt Vorder-Indiens derart verzerrte, daß die Halbinselfigur fast gänzlich verwischt wurde. Und als seiner Autorität mehrere Jahrhunderte danach auch Ptolemäus folgte, blieb diese irrige Auffassung maßgebend bis ins 16. Jahrhundert. Außerdem verschuldete Eratosthenes auch, daß der Abstand von Alexandrien bis zur Indus-Mündung um mehr als 200 deutsche Meilen zu groß angenommen wurde und daß im weiteren Verlaufe später die äußersten bekannten Küsten Asiens viel zu weit nach Osten verlegt wurden: eine Verzerrung, die im späteren Mittelalter, als man die Reiserouten Marco Polos bis nach China kartographisch niederzulegen suchte, sich dermaßen ins Ungeheure steigerte, daß der Ostrand Asiens bis nahe vor die Küste von Californien und Cipango (Japan) in Mexiko hineinreichte. So nach der Darstellung auf dem Globus Martin Behaim’s 1492.
Den Haupthandel nach dem Osten trieben die griechischen Kaufleute Aegytens schon seit der Ptolomäerzeit. Ihnen verdanken wir im 1. und 2. Jahrhundert die Kenntniß der Insel Java und die erste directe Berührung mit China. Der äußerste Punkt, den der griechische Kauffahrer Alexandros im 1. Jahrhundert n. Chr. erreichte, war das vielbesprochene Cattigara, ein Handelshafen, der wahrscheinlich nicht fern von der Mündung des Jangtsekjang lag[3]. Das war die äußerste Grenze des Wissens im Alterthum und blieb’s, wenigstens bei den Europäern, auch bis zum Ende des Mittelalters, bis zum Ausgange des 13. Jahrhunderts.
Der Name China oder Tschina, mit dem besonders der südliche Theil des Landes belegt wurde, ist uralt und höchst wahrscheinlich durch malaische Seefahrer den westlichen Schiffern mitgetheilt. Wir werden in dieser Annahme noch bestärkt durch die Wahrnehmung, daß uns auch jetzt noch die meisten Küstenlandschaften des südöstlichen Asien in malaischer Form geläufig sind, wie Birma, Pegu, Siam, Cambodja, Kotschi (Cochinchina), Maluka, Burnei (Borneo) u. a.
+Ceylon+ bildete den Sammelplatz der Handelsschiffe, dort trafen chinesische Händler mit Persern, Arabern und selbst Byzantinern zusammen, welche letztere auf äthiopischen Schiffen Indien erreichten. Zur Zeit der Herrschaft der Ptolomäer in Aegypten war der Canal vollendet worden, welcher den Nil mit dem rothen Meere verband. Auch der Kaiser Hadrian hat im 15. Jahre seiner Regierung für die Wiederherstellung dieses wichtigen Wasserweges gesorgt, und der Hafen Klysma am rothen Meere trat an die Stelle der alten Emporien von Myos-Hormos und Berenike. Mindestens bis ins 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung war der Canal in brauchbarem Zustande, denn noch um 590 n. Chr. berichtet Gregor von Tours davon, und erst nach der Mitte des 8. Jahrhunderts wurde er, bereits versandet, zugeschüttet. Von Klysma gingen griechische Schiffe direct nach Indien, und auf ihnen besuchte der griechische Hafenbeamte jährlich das Heimatland der Gewürze. Justinian versuchte sogar, wenn auch vergebens, den Seidenhandel statt über Persien durchs rothe Meer nach Klysma zu ziehen. So erhielt sich die Beziehung zum fernen Morgenland bis zum 7. Jahrhundert, wenn auch die geographischen Kenntnisse keine Bereicherung erfuhren. Die Gründung des Islam und die Herrschaft der Araber in Aegypten änderte die Sachlage wesentlich, denn der unmittelbare Verkehr der Byzantiner und damit des Abendlandes mit Indien mußte seit jener Zeit eingestellt werden.
Es blieb sonach nur der schwierige +Landweg+ übrig. Die Handelsrouten vom Mittelmeer nach Indien und China haben naturgemäß mit viel größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als der Seeverkehr. Nicht allein die bedeutende räumliche Entfernung der Länder und die durch den langwierigen Transport der Waaren gesteigerten Kosten schränkten die Handelsbewegung ein. Es wurden zwar bei der Unwegsamkeit der Hochgebirge, die zu übersteigen waren, bei der Wüstennatur weitgedehnter Landstriche, die zu überwinden war, verschiedene Wege eingeschlagen, bequemere Paßübergänge gesucht. Allein es spielten hier auch die politischen Ereignisse in Innerasien eine hervorragende Rolle, indem sie die Wegelinien entweder verschoben oder den Durchgang zu Kriegszeiten gänzlich sperrten. Trotzdem hat das kostbarste Produkt Chinas, die +Seide+, immer wieder ihren Weg nach dem Abendlande gefunden, seitdem ihre Vorzüge dort erkannt und geschätzt worden waren. Der Seide verdanken wir die frühesten Aufhellungen des asiatischen Hochlandskernes.
Nachdem schon mehrere Jahrhunderte vor Christo die Seide in Syrien bekannt gewesen war, ohne daß wir den Weg nachzuweisen vermöchten, wie sie dahin gelangte, drangen chinesische Heere siegreich ins Tarimbecken ein. Ihnen folgte im Jahre 114 v. Chr. die erste chinesische Handelskarawane, überstieg die Pässe des Pamirplateaus und gelangte bis zu den turanischen Handelsstädten. Nachfolgende große Handelszüge überschwemmten die Märkte am Amu und Syr Darja derart mit Seidenzeugen, daß diese in ihrer Werthschätzung bedeutend sanken. Aber sie gelangten in Folge dessen weiter und weiter nach Westen, wo die Nachfrage nach den kostbaren Gewändern immer lebhafter wurde. Auf zwei Straßen zog man durch die Steppen und Sandwüsten des Tarimbecken, entweder nördlich vom Steppenflusse Tarim an dem Fuße des Himmelsgebirges, des Tienschan, entlang, eine Straße, die in unseren Tagen die belebtere und fast allein betretene ist, oder südlich vom Lopnor und dem Tarim hin, zur linken die Gehänge des sagenreichen Kwenlun, auf einem Wege, den noch Marco Polo im 13. Jahrhunderte verfolgte, und den der kühnste russische Reisende Prschewalsky erst vor wenig Jahren wieder erreicht hat. Der Terekdawanpaß, nordwestlich von Kaschgar, galt als der bequemste Uebergang über die westliche Umwallung des Tarimbeckens.
Zur selben Zeit, als am Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung das römische Reich seine weiteste Ausdehnung nach Osten gewann, drang ein chinesischer Feldherr im Jahre 95 bis ans kaspische Meer vor. Beide Staaten rückten fast bis zur Grenzberührung gegen einander; aber zu weiterer politischer Beziehung gedieh diese Annäherung nicht, weil kaum ein Menschenalter später die Chinesen aus ganz Turan zurückweichen mußten.[4] Der Name der seideproducirenden Serer wurde zwar bei Griechen und Römern immer geläufiger, aber die Heimat des Volkes selbst lernte man nicht kennen, und dachte sie sich anfänglich viel weiter im Westen, etwa in Turan oder im Tarimbecken. Schon damals waren die persisch redenden Tädjik die Zwischenträger des Seidenhandels bis ins römische Reich. Ueber den Verlauf der Seidenstraße besitzen wir nur einen einzigen, aus einem ausführlichen Bericht gemachten dürftigen Auszug, und wenn wir hinzufügen, daß jener Bericht von den Handelsagenten eines makedonischen Großhändlers Maës Titianus herrührt, und von dem berühmten Geographen Marinus von Tyros aus zweiter Hand empfangen und aufgezeichnet ist und daß Ptolemäus in seinen kurzen Excerpten wieder auf Marinus fußt, welcher ohnehin den von jenem Agenten gemachten Angaben über ihre weiten Reisen keinen rechten Glauben schenkte, weil er meinte, alle Kaufleute renommirten mit der Größe ihre Expeditionen und setzten für die Entfernung der einzelnen Stationen zu große Ziffern an -- so kann man aus alledem wohl erkennen, wie schwierig es jetzt ist, den Reiseweg ins Land der Seide zu fixiren.
Glücklicherweise können wir Ausgang und Endziel dieses Itinerars mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Die Agenten des Maës brachen von Baktra auf und nennen als Endpunkt ~Sera metropolis~, die Hauptstadt des Serervolkes, worunter höchst wahrscheinlich nur die damalige Hauptstadt Chinas, Tschan-ngan-fu, jetzt Si-ngan-su, gemeint sein kann. Unerwiesen bleibt indeß, ob sie diese Stadt wirklich erreichten. Sie zogen durch das Reich der Issedonen, östlich vom Pamirplateau in Ost-Turkestan gelegen, auf der Südseite des Tarim gegen Osten nach der chinesischen Sandstadt Scha-tschou, wo die fremden Kaufleute vermuthlich ihren Bedarf an Seidenwaaren einhandelten.
In der Mitte des 2. Jahrhunderts verloren die Chinesen ihre Machtstellung im Gebiet des Tarim und damit die Handelskarawanen ihren Schutz; nur die persischen Kaufleute verstanden es, den Seidenhandel in der Hand zu behalten. Die chinesischen Annalen haben uns zwar die Nachricht erhalten, daß der römische Kaiser Markus Aurelius Antoninus (~An-tun~ bei den Chinesen genannt) eine Gesandtschaft nach China geschickt habe, aus deren Mittheilung wohl auch Pausanias die bisherige irrige Vorstellung über die Gewinnung der Seide berichtigen konnte; allein eine klarere Auffassung der ostasiatischen Länder erfolgte dadurch nicht, denn Pausanias selbst nennt Seria eine Insel im erythräischen Meere. In den Zeiten der Völkerwanderung galt dem Historiker Ammianus Marcellinus Serica als eine persische Provinz, denn die Seide kam ja durch Vermittlung der Perser. Und als unter Justinian die Seidenzucht selbst in Europa eingebürgert wurde, verlor die continentale Seidenstraße allmählich vollends ihre Bedeutung und hüllten sich die centralen Landschaften Asiens mehr und mehr in Dunkel. Auch die nur kurze Zeit dauernden freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Türkenfürsten am Balchaschsee und dem Kaiser Justinian waren in geographischer Hinsicht von geringem Belang, denn schon im 7. Jahrhundert wurden die Türken von den wieder vordringenden Chinesen unterworfen. China erscheint in dieser Zeit bei den Byzantinern unter dem Namen Taugas.
Eine völlige Umgestaltung der Verhältnisse führten nach der Gründung des Islam die Araber herbei. Wie sie sich bisher an dem asiatischen Landhandel nur im beschränkten Maße betheiligt hatten, so waren sie im 7. Jahrhundert auch zur See über Indien noch nicht hinausgekommen und lernten die Sundainseln mit ihren Produkten erst später kennen. In raschem Siegeszuge fiel ihnen ganz Westasien zu, und so schob sich ihr Weltreich seit dem Beginn des 8. Jahrhunderts zwischen China und das Abendland ein. Seitdem der Herrschersitz der Chalifen an den Tigris verlegt war, wurden die Pilgerkarawanen auch die Träger des Landhandels. Basra erhob sich als neuer Stapelplatz, in den die Waaren des Ostens einströmten. Mokadassi bezeichnet sehr charakteristisch den persischen Meerbusen als das chinesische Meer. Ueber die Handelsplätze auf der Halbinsel Malaka gelangten arabische Seefahrer schon im 8. Jahrhundert nach China. Während sie sonst mit ihren aus Kokosplanken ohne Eisennägel zusammengefügten Schiffen sich nicht von den Küsten zu entfernen gewagt hatten, entlehnten sie von den Chinesen manche nautische Verbesserung, bauten festere Schiffe und steuerten, auf den Compaß vertrauend, über das hohe Meer in geradem Cours auf ihr Ziel hin. Von den Vorhäfen Bagdads aus, zuerst von Siraf, sodann von der Insel Kisch und in den letzten Jahrhunderten von Ormuz aus, machten sie den Chinesen im Handel so bedeutende Concurrenz, daß diese immer mehr zurückwichen. Aus dem Berichte des Kaufmanns Soleiman in der Mitte des 9. Jahrhunderts lernen wir den Seeweg bis Chanfu (Hang-tschou-fu) in China kennen. Die gewöhnliche Route nahm von dem Hafen Siraf in Farsistan (etwa unter 70° ö. v. Ferro) ihren Anfang, berührte jenseits der Ormuzstraße Maskat, erreichte in grader Fahrt nach der Malabarküste den Hafenplatz Kollam (Quilon), etwa 9° N., und steuerte von hier um Ceylon herum direct nach Malaka und weiter nach China. Wenig Jahre später gab Abul Kasim Ibn Kordadbeh, der Postmeister des Chalifen Motamid, dieselbe Handelslinie bereits nach Stationen und Entfernungen an, ein Zeichen, daß dieser Weg stark frequentirt wurde. Jenseit Chinas hört die Kenntniß auf, nur die Berge von Korea (Sila) steigen noch in unsicheren Umrissen empor.
Aber wie die Chinesen aus dem Westen, wurden die Araber noch im 9. Jahrhundert aus dem Osten, aus China wieder verdrängt und zogen sich nach der Halbinsel Malaka zurück, wo sich als Hauptstapelplatz für die Gewürze, Kampfer, feine Hölzer und Zinn von den Sundainseln der Ort Kalah erhob. Von hier aus drangen die arabischen Schiffe bis Java und weiter sogar bis zur Heimat der Gewürze, bis zu den Molukken vor. Die Beziehungen zu China blieben aber nicht für die Dauer unterbrochen; im 10. Jahrhundert besuchte einer der bedeutendsten arabischen Reisenden, Masudi von Ceylon aus wieder die chinesischen Häfen. China schildert er als ein entzückendes Land mit üppiger Vegetation und von unzähligen Canälen durchschnitten. Aber Palmen trifft man dort nicht. Die Einwohner dieses Reiches übertreffen alle andern Geschöpfe Gottes an Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit. -- Daß der Seeverkehr fortdauerte, läßt sich auch daraus schließen, daß um 1137 ein reicher Kaufmann aus dem persischen Hafen Siraf das Heiligthum in Mekka mit prächtigen Seidenstoffen schmücken ließ,[5] und daß noch im 13. Jahrhundert Ibn Batuta, der größte arabische Reisende, nach China gelangte.
Der innerasiatische Handel wurde nicht gestört, weil die Araber bei ihren Siegeszügen mit den Chinesen nicht in Kriege verwickelt wurden. Als etwa ums Jahr Tausend n. Chr. die ersten Türkenstämme sich zum Islam bekehrten und selbständige Sultanate gründeten, welche erobernd auch in Indien eindrangen, schoben sie sich zwischen die arabische und chinesische Macht als Mittelglied ein.
Alle diese Verhältnisse wickelten sich aber im Oriente ab, ohne directen Einfluß fürs Abendland zu gewinnen, ohne dem Westen unmittelbaren Vortheil zu gewähren. Die lange Zeit erlahmt gewesenen Beziehungen nahmen aber durch die Kreuzzüge einen unerwarteten Aufschwung. Indem die Christen die syrischen Küsten besetzten und die italienischen Handelsstädte aus den Erfolgen der Kreuzheere möglichsten Gewinn zogen, wurde der Waarenzug nach den Ostländern ungemein belebt, wenn auch ein persönliches Eindringen der Kaufleute in das Innere der islamitischen Länder nicht statt hatte. Um dies zu ermöglichen, bedurfte es eines ganz neuen, nicht durch religiösen Fanatismus aufgeregten Factors, der vom Hochlandskerne Asiens her dem Westen zu friedlichem Verkehre willig die Hand reichte. Das waren die Mongolen, deren Einfluß aber am Anfange einer neuen Epoche steht und zu eng mit der folgenden Zeit verbunden ist, so daß wir sie erst im zweiten Buche eingehender behandeln können.
Von dem arabischen Wissen bezüglich der Erdkunde kam dem Abendlande wenig oder gar nichts zu gute; die Kenntnisse von der östlichen Welt blieben unsicher, bis neue christliche Berichterstatter als Augenzeugen wieder von jenen Gebieten erzählen konnten.
Ebenso wenig erfuhr man in Europa von den Fortschritten, welche die Araber an der Ostküste Afrikas, südlich vom „dritten Indien“ machten. Während Ptolemäus in alter Zeit, sicher durch arabische Vermittelung, seine Kunde von den Nilseen und den sogenannten Mondbergen erhalten hatte, verlor man, seit Alexandrien in die Hand des Islam gefallen war, die Beziehungen zum Ostrande des Afrika-Continents, wo arabische Händler bis zum Goldlande Sofala gelangten, aber die Südspitze Afrikas nicht erreichten, weil das produktenarme Land die Gewinnlust nicht reizen konnte. Kostbare Erzeugnisse lockten allein in so entlegene Regionen und trugen allein zu ihrem Bekanntwerden bei.
Zweites Capitel.
Die Abendseite der alten Welt.
Wir haben gesehen, wie weit hinaus die Morgenseite der Erde aufgesucht wurde. Man gelangte zur See und zu Lande durch unermeßliche Räume bis zum Ostrande der Landveste; aber in der weiten Entfernung vom Kulturgestade des Mittelmeerbeckens verschwammen die scharfen Contouren immer mehr. Seide und Gewürze waren die Lockmittel langwieriger, beschwerlicher Reisen.
Die Abendseite bot ein beschränkteres Feld, da vom Ausgange des Mittelmeeres die Ufersäume sich bald sowohl rechts als links bei der Ausfahrt in den Ocean in nördlicher und südlicher Richtung weiter erstreckten. Die afrikanische Westseite bot mit ihrer zunehmenden Oede nur sehr geringen Anlaß, an dem schmachtenden, menschenleeren Strande weiter vorzudringen. Wichtiger wurde frühzeitig die oceanische Seite Europas durch das geschätzte Zinn und den räthselhaften Bernstein. Die Aufhellung der Küsten unseres Continents ist diesen Handelswaaren zu danken.
Die kühnen phönizischen Seefahrer monopolisirten anfänglich die Weststraße. Von den spanischen Silbergruben drangen sie durch die Säulen des Herkules ins Weltmeer. Nur beiläufig gedenken wir der von Herodot, aber nicht ohne eignen Vorbehalt, mitgetheilten Entdeckungsreise, welche im Auftrage Nechos um 600 vor Chr. von phönizischen Schiffern rings um Afrika ausgeführt wurde. Wenn diese große nautische That wirklich geschehen ist, hat sie doch keinerlei nachhaltige Resultate erzielt oder in irgend einer Weise das erdkundliche Wissen befördert; denn sie ist spurlos vorübergegangen. Wichtiger jedoch war die Fahrt des Flottenführers Hanno, der von Carthago, in einer nicht sicher zu bestimmenden Zeit, mit einem Geschwader von 60 Schiffen und angeblich 30,000 Colonisten durch die Meerenge segelte, um an der atlantischen Seite Afrikas Colonien anzulegen und nach Vollendung dieser Aufgabe einen Entdeckungszug gegen +Süden+ zu unternehmen. Unzweifelhaft gelangte Hanno an der Mündung großer Ströme (Senegal und Gambia) vorüber bis dahin, wo sich über dem tropischen, von echten Negern bewohnten Flachlande bedeutende Berggipfel erhoben, deren einen er als den Götterwagen bezeichnete. Der Bericht über diese sehr merkwürdige Reise hat sich in griechischer Uebersetzung erhalten, leider die einzige größere nach Süden gerichtete Unternehmung der Carthager, von welcher wir Kunde erhalten. Das punische Monopol in diesen oceanischen Räumen wurde erst mit dem Fall Carthagos gebrochen; zwar drang auch Euthymenes, ein Landsmann des Pytheas, bis zum Senegal (Chremetes) vor, aber die Römer haben, wenn auch Polybios in Begleitung Scipios die mauretanischen Küsten besuchte, doch den Wüstensaum der Sahara nicht überschritten und blieben weit hinter den Erfolgen Hannos zurück. Daß auch die Canarischen Inseln von den Phöniziern aufgefunden sind, läßt sich aus ihrem ursprünglichen Namen, die Inseln des Malkart oder Makar beweisen, ein Name, der bei den Griechen ursprünglich in der Form Μακάρων νῆσοι auftritt, woraus zunächst μακάριαι νῆσοι und lat. ~Insulae fortunatae~ wurde, so daß dieselben dann als die glückseligen Inseln gepriesen wurden. Die Gewinnung des Seepurpur (Purpurschnecke) machte diese Inseln den tyrischen Färbern besonders werth.[6]
Wichtiger und häufiger besucht wurde die +Nordseite+ des oceanischen Weges jenseit der gaditanischen Meerenge. Auch nach dieser Richtung waren die Phönizier zuerst vorgedrungen, auch hier ist uns die Ueberlieferung einer großen Fahrt, vielleicht mit der von Plinius erwähnten Expedition des +Himilco+ identisch, überliefert, die in mehrfachen Ueberarbeitungen und Uebersetzungen uns in der Küstenbeschreibung des spätlateinischen Avienus aus dem 4. Jahrh. n. Chr. erhalten ist. Wir lernen daraus die iberischen und gallischen Küsten bis zu den Zinninseln kennen.[7] Da bereits, und sicher nur aus punischen Quellen, Herodot die Fundstätte des Zinn erwähnt, ohne ihre Lage zu kennen, denn er zweifelt an der Existenz von Zinninseln (III. 115), so muß jene Fahrt schon längere Zeit vor Herodot gemacht sein. Der Vater der Geschichte nennt aber zu gleicher Zeit auch den Bernstein, was uns als Beweis gelten kann, daß zu seiner Zeit die Phönizier auch in die Nordsee eingedrungen waren. Britannien und Germanien, die Heimatsstätten von Zinn und Bernstein, waren für ihn die äußersten Länder. Darüber hinaus ist auch die Schifffahrt weder der Phönizier noch der Griechen gedrungen, und wie das äußerste Land im Osten nach seinem wichtigsten Erzeugniß das Seidenland hieß, so gab’s im äußersten Nordwesten Zinninseln und Bernsteinküsten. Der Zinnhandel scheint sich in älterer Zeit auf der Insel Wight concentrirt zu haben. Die granitenen Scilly-Inseln sind nur aus Unkenntniß der Berichterstatter zu der Ehre gekommen, als die Cassiteriden, d. h. Zinninseln angesehen zu werden. Einen sehr bedeutenden Fortschritt in der Erkenntniß führt die Reise des +Pytheas+[8] von Massilia herbei, welche in das letzte Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. zu setzen ist.
Pytheas reiste als Kaufmann und Gelehrter; es war eine Entdeckungsreise von hervorragender Bedeutung, welche zu derselben Zeit, als Alexander der Große bis Indien vordrang, den Griechen die ersten zuverlässigen Nachrichten über den äußersten Nordwesten der Erde brachten. Pytheas hat Großbritannien und Irland umsegelt und gelangte nordwärts bis zu den Hebriden, der später so oft genannten und in der Sage vielfach vorkommenden ~+ultima Thule+~. Die Ursachen der Ebbe und Flut und den Zusammenhang der Gezeiten mit der Stellung des Mondes hat er zuerst erkannt. Er allein hat im hohen Norden astronomische Breitenbestimmungen ausgeführt. Das Ziel, das er sich im Norden setzte, den Polarkreis, hat er zwar nicht erreicht; aber trotzdem hat er zu der Lösung des Problems, die Größe der Erde zu bestimmen, beigetragen. Seine astronomischen Leistungen wurden von den Fachgenossen Eratosthenes und Hipparch in vollem Maße gewürdigt, aber von Strabo und Plinius, welche die meisten, aber leider entstellte Nachrichten von ihm übermittelt haben, nicht verstanden. Pytheas berührt auch die Bernsteinküste an dem deutschen Nordseestrande, aber die Ostsee war zu seiner Zeit noch völlig unbekannt. Kein Grieche hatte eine Ahnung von der Existenz des baltischen Meeres. Erst mit dem Vordringen der Römer nach Deutschland erhalten wir Kunde von jenem größeren Binnenmeere, und durch Plinius, der zuerst die Fundstätte des samländischen Bernsteins nennt, wird auch ein Theil des Gegengestades, der großen scandinavischen Halbinsel, als Insel unter dem Namen Scandinavia (= Insel ~Skåne~) bekannt. Ihren continentalen Zusammenhang im Norden lernte das Alterthum nicht kennen; weder Ptolemäus, noch Procopius von Cäsarea wissen es, selbst noch der im 6. Jahrh. n. Chr. lebende gothische Historiker Jordanus spricht von der Insel Scandza. Und doch hatte Procopius durch sorgfältige Erkundigungen bei den aus dem Norden stammenden Herulern erfahren, daß in jener großen Insel Scandinavia, die er für Thule hielt, im höchsten Norden 40 Tage lang die Sonne im Sommer nicht untergehe und ebenso lange im Winter nicht zum Vorschein komme; auch kannte er die auf Schneeschuhen fahrenden Schrittfinnen. Seine Ermittlungen reichten also weit über das Nordende des bottnischen Meeres und über den Polarkreis hinaus; aber der Landzusammenhang mit dem nördlichen Europa blieb im Dunkeln und wurde erst durch die Fahrten der Normannen aufgeklärt.
Das Nordende Europas umsegelte im 9. Jahrhundert zuerst ein normannischer Edelmann +Ohthere+[10], der an der norwegischen Küste, vielleicht noch jenseit des Polarkreises ansässig war. Alfred der Große von England hat die Geschichte dieser merkwürdigen Entdeckungsreise in seine angelsächsische Uebersetzung von Orosius aufgenommen und überliefert. Ohthere erzählte danach seinem Herrn, dem Könige Alfred, daß er in Halgoland nördlich von allen Normannen an der Westsee ansässig sei. Dieser atlantischen Seite der Halbinsel gegenüber war damals das baltische Meer auch schon unter dem Namen Ostsee bekannt. Der Hauptreichthum der normannischen Edeln bestand in Rennthierherden, woraus auf die hohe nördliche Lage des Besitzes geschlossen werden kann. Das felsige Land erstreckte sich weit nach Norden, war aber mit Ausnahme der wenigen Plätze, wo Finnen wohnten, ganz öde. Diese Finnas (Lappen) beschäftigten sich im Winter mit Jagd, im Sommer mit Fischfang. Ohthere wünschte nun, wie er dem König Alfred berichtet, einstmals zu wissen, wie weit sich das Land noch gegen Norden ausdehne, oder ob jemand noch nördlich von den Einöden wohne. Er begab sich also zu Schiff und steuerte nach Norden, behielt das Meer zur rechten und die See zur linken und segelte drei Tage lang, bis er an die Nordgrenze der Fischereireviere kam. Nach anderen drei Tagen bog das Land nach Osten um, mit günstigem Nordwestwinde schiffte er noch vier Tage bis da, wo die Küste nach Süden vorlief. Südwärts steuerte er fünf Tage, also um die Halbinsel Lappland herum in das weiße Meer und kam zur Mündung eines Flusses, wo die Küsten wieder bewohnt waren, während die nördlichsten Striche, an denen er vorüber gefahren, sich menschenarm zeigten, außer wo ärmliche finnische Fischer, Vogelsteller und Jäger ihr Leben fristeten. Hier an der Mündung eines Flusses, vielleicht des Mesen oder gar der Dwina, wohnten zahlreiche Beorma (Biarmier), dieselben schienen sprachlich mit den Finnen verwandt, ließen aber die Normannen nicht weiter ins Land eindringen, erzählten dagegen mancherlei über ihr eignes Gebiet und die Nachbarländer. Hier erfahren wir auch, daß den kühnen Seefahrer nicht blos Wißbegierde hinausgeführt, sondern daß er sein Absehen auf einen gesuchten Artikel, auf Walroßzähne, gerichtet hatte, die er auch reichlich vorfand. Das bewohnbare Land wird an der norwegischen Küste gegen Norden immer schmäler, dahinter erheben sich die wüsten Gebirge, durch welche man nach einer Wanderung von ein bis zwei Wochen bis nach Schweden gelangt, das im Norden wieder vom Kwenaland (Finnland) begrenzt wird, ein Land, das zwischen den Felswüsten von großen Süßwasserseen durchsetzt ist, welche von Einwohnern mit kleinen leichten Kähnen befahren werden.
Aus dieser allgemeinen Schilderung des Nordens scheint nicht hervorzugehen, daß Ohthere den Land-Zusammenhang Scandinaviens mit dem Continente von Europa erkannte. Die Ostsee war in ihrem nördlichen Theile noch unerforscht. Der Normanne Wulfstan, dessen Erzählung sich gleichfalls in dem genannten Werke des Königs Alfred findet, kam auf seiner Reise nicht weiter als Elbing. Auch der deutsche Historiker Einhard sagt noch, daß die Länge der Ostsee unbekannt sei. Erst durch Adam von Bremen erfahren wir im 11. Jahrhundert, daß das baltische Meer im Norden geschlossen sei, und daß man zu Fuß von Schweden nach Rußland gelangen könnte, wenn der Verkehr nicht durch die Feindseligkeit der Bewohner gehemmt würde.
Aber noch zu dieser Zeit gelten Fahrten nach dem bottnischen und finnischen Theil der Ostsee als gefährliche Wagnisse und wurden die Namen kühner Seefahrer, wie jener des Normannen Ganund Wolf, für würdig erachtet, der Nachwelt überliefert zu werden.
Weitaus wichtiger indeß waren für die Erweiterung der Kenntnisse die wiederholten Streifzüge der Wickinger durch den nördlichen Ocean, über Schottland und Norwegen hinaus ins Dunkelmeer. Auf den Faröer und auf Island trafen sie irische Mönche und Einsiedler an, so daß es scheinen könnte, als ob britannische Anachoreten die Entdecker gewesen. Und doch muß es als wahrscheinlicher bezeichnet werden, daß die Geistlichen erst, nachdem die Kunde von der zufälligen Entdeckung durch normannische Seefahrer zu ihnen gelangte, sich in die Einsamkeit dahin begeben und später von den Seeräubern wieder verdrängt worden seien. So berichtet Dicuil, der um 825 schrieb,[11] daß vor hundert Jahren Eremiten von Irland aus die Felsklippen der Faröer aufgesucht, aber sich vor den Seeräubern wieder zurückgezogen hätten, so daß diese Inseln, die kein früherer Schriftsteller erwähne, nun menschenleer, aber von unzähligen Schafen und von schwärmenden Seevögeln allein belebt seien. Noch später, etwa in den letzten Jahren des 8. Jahrhunderts hatten Geistliche auch einen Sommer auf Island, (dem Thule Dicuils) zugebracht. Der erste skandinavische Pirat, der ihnen folgte, war Nadodd, der auf der Fahrt von den Faröer nach Norwegen durch Sturm nach Island verschlagen wurde. Da er in dem öden Lande keine Spur von Menschen fand, kehrte er nach den Faröer zurück. Und doch waren einige wenige Mönche dort ansässig gewesen. Nadodds Fahrt fällt wohl ins Jahr 867. Island wurde aber in der nächsten Zeit mehrfach aufgesucht, ja man darf wohl sagen, ein beliebtes Ziel für Auswanderer, so daß bald alles urbare Land seinen Herrn gefunden hatte. Aber die unsteten Gesellen fanden auch hier selten Ruhe. Wie sie vielfach nur aus Noth oder Zwang die Heimat aufgegeben hatten, trieb die innere Unruhe oder der Hang zu abenteuerlichen Fahrten weiter und machte sie zu Entdeckern Grönlands und damit zu den ersten Europäern, die amerikanischen Boden betraten. Der erste, welcher das Land sah und zwar wahrscheinlich im ersten Drittel des 10. Jahrhunderts, war Gunnbjörn; derselbe wurde auf der Fahrt nach Island zu weit westwärts getrieben und entdeckte die nach ihm benannten Gunnbjörn-Scheeren, hinter deren Klippen sich ein großes Land zeigte, Grönland. Etwa 50 Jahre später suchte Snaebjörn die Inselgruppe von neuem auf, und um 985 oder 986 ließ sich Eirik der Rothe zuerst dort nieder. Er hatte wegen Todtschlags aus Norwegen weichen müssen, ging nach Island, wurde auch dort ausgewiesen, wandte sich 982 nach Gunnbjörns Land und belegte es in den folgenden Jahren, um Ansiedler herüberzulocken, mit dem Namen „Grünes Land“, Grönland. Die Niederlassung erfolgte unter nicht unbedeutendem Zuzug von Island. Die neue Küste war bereits von Eskimos bewohnt gewesen, wie man aus den vorhandenen Erdwohnungen ersah. Infolge des lebhaften Verkehrs, der sich von Grönland aus bis nach Norwegen entwickelte, drang die Kunde der Entdeckungen auch bis zu den norddeutschen Seestädten. Adam von Bremen berichtet,[12] daß von der Weser aus friesische Männer eine Fahrt nach dem Norden, die erste deutsche Polarfahrt, unternahmen und daß sie über Island hinaus durch ein von den dichtesten Nebeln bedecktes Meer nach langer beängstigender Fahrt gegen eine Felsenküste geführt wurden, deren im Kreise sich erhebenden Felszinnen den Anblick einer wohlbefestigten Stadt zu bieten schienen. Dort trafen sie Menschen an, welche in Erdhöhlen wohnten. Als aber einer von der Mannschaft von einem riesigen Hunde vor den Augen der erschreckten Genossen überfallen und zerrissen wurde, flohen sie auf die Schiffe und wandten sich zur Heimkehr. Diese merkwürdige Expedition fällt in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts.
Die Normannen hatten inzwischen noch weitere Entdeckungen gemacht. Ari Marsson wurde von Island nach Hvitramannaland (Weißmännerland) oder, wie man es später auch nannte, nach Groß-Irland verschlagen; ebendahin geriethen in gleicher Weise bald darauf Björn Breidvikingakappi und Guðleifr Guðlaugsson. Wir haben unter diesem Weißmännerlande irgend einen nicht näher zu bestimmenden Theil der nördlichsten Küsten Amerikas zu verstehen. Auch Bjarni entdeckte um 986 auf seiner Fahrt von Island nach Grönland neue Länder, welche bald darauf von Leif, dem Sohne Eiriks, weiter erforscht wurden. Zuerst gerieth er, etwa um 1001 oder 1002, an ein klippenreiches Gestade, dem er den Namen Helluland beilegte (von Häll, die Felsenplatte), dann fand er weiterhin bewaldetes Gebiet, welches er daher Markland nannte, zuletzt traf ein Deutscher, der die Fahrt mitmachte, Namens Tyrkir (Dietrich) sogar wilden Wein. Diesen Landstrich taufte man Weinland (Vinland); demnach muß Leif fast bis zu 41° n. Br., also bis an die vorspringende Küste des heutigen Massachusetts vorgedrungen sein. Diese wichtige Entdeckung rief sofort eine Reihe von Versuchen hervor, an jener günstigen Küste Niederlassungen zu gründen. Aber die Angriffe der Eingebornen und die Greuelthaten der wilden Normannen gegen einander vernichteten sehr bald den Keim der Colonisation, doch verbreitete sich die Kunde von jenem Lande bis nach Deutschland, wo auch Adam von Bremen die Insel Winland nennt. Gänzlich hörte indeß der Verkehr dahin auch in der Folgezeit nicht auf, wiewohl die Entdeckungen nun eine andere Richtung einschlugen und im 13. Jahrhundert die Westküste Grönlands enthüllten. Grönländische Geistliche segelten im Jahre 1266 die Baffinsbai hinauf und gelangten, wie man aus den Angaben, welche über den Sonnenstand am 25. Juli jenes Jahres gemacht wurden, schließen kann, vielleicht bis über den 75° n. Br. hinaus. Bald nach der Entdeckung der Polarländer gewann das Christenthum festen Boden. Seit dem Anfang des 12. Jahrhunderts erhielt Grönland seinen eignen Bischof; der letzte derselben, welcher sein Bisthum selbst verwaltete, war Alfr, von 1368 bis 1378.[13] Seit der Zeit gab’s nur noch Titularbischöfe, deren Reihe erst 1537 schließt, so daß also noch nach der Reformation der Name Grönland fortlebt, wenn auch das Land thatsächlich wieder verschollen war. Wie unklar und verschwommen die Vorstellung von jenem Lande geworden war, lehrt ein Blick auf die Weltkarte, welche in der berühmten Ausgabe des Ptolemäus, Straßburg 1513 erschien, und in welcher Grönland als eine langgestreckte Halbinsel dargestellt ist, die an Nordeuropa, etwa an die Halbinsel Lappland angesetzt ist und gegen S.-W. sich erstreckend über Scandinavien und Großbritannien hinaus in den Ocean hineinreicht.[14] Noch phantastischer ist im venetianischen Ptolemäus von 1562 auf der ~Carta marina nuova tabula~ das nordische Ländergemälde ausgefallen. Auch hier ist Grönland in gleicher Weise mit Scandinavien verbunden, hängt aber auf der andern Seite des westlichen Oceans mit Montagna verde (Vermont) in Nordamerika zusammen, welches wiederum auf breitestem Raume in Ostasien übergeht, so daß man trocknen Fußes von China über Nordamerika nach Scandinavien wandern kann. Möglicherweise ist diese Verzerrung der Küstenumrisse daraus entstanden, daß man im Mittelalter schon von einem Manne zu erzählen wußte, der diesen Weg von Grönland nach Scandinavien wirklich zurückgelegt habe, indem er sich unterwegs von der Milch einer mitgenommenen Ziege nährte.
Jedenfalls leuchtet aus diesen irrigen Auffassungen der Lage Grönlands hervor, daß man die normannischen Colonisationsgebiete im hohen Norden nicht als Theile eines transatlantischen Gegengestades ansah. Daher knüpften auch in späterer Zeit die Entdeckungsfahrten hier nicht an, um an den Küsten weiter tastend, etwa Länderstriche in heißer Zone zu gewinnen.
Indessen belebte sich der atlantische Ocean immer mehr mit allerlei phantastischen Inselgebilden, die man zum Theil geneigt war als Stationen, je mehr gegen Westen desto mehr, zunehmender Glückseligkeit aufzufassen. Das Alterthum kannte nur die Canarischen Inseln als ~insulae fortunatae~. Im Mittelalter bildeten sich aber immer lebhafter die Vorstellungen aus von friedlichen, paradiesischen Eilanden im fernen Westmeere, welche weltflüchtigen Anachoreten zum beneidenswerthen Asyle dienen sollten. Wir wissen bereits, daß irische Christen von der Welt abgeschieden auf den Faröer und auf Island lebten; und ist es kein zufälliges Zusammentreffen, daß die Inselparadiese im Westmeere der Sage nach sollen von Irland aus gefunden sein. Die geographischen Träumereien, welche sich an den erst durch Mißverständniß gebildeten Namen der ~insulae fortunatae~ (s. S. 13) anlehnten, die man im Mittelalter als die Inseln der Seligen pries, belebten sich namentlich auf den britischen Inseln, von wo ja manche die Einsamkeit aufsuchende Geistliche sich nach entlegenen Inseln flüchteten und wo, wie das Beispiel des irischen Mönches Dicuil im 9. Jahrhundert zeigt, aus den Schriften eines Plinius und Solinus alle Andeutungen zusammengelesen wurden, welche auf die Existenz ferner atlantischer Inseln hinwiesen. Die thatsächlichen Irrfahrten jener frommen Asketen, von denen manche, wie wir gesehen haben, sich über die Faröer hinaus wagten, veranlaßten auch mancherlei mythische Berichte von Wunderreisen. Den Mittelpunkt dieser Sage bildet die Legende von den Schifffahrten des +heiligen Brandan+ oder Brandon, der gegen Ende des 6. Jahrhunderts mit vielen Genossen von Irland aus nach einem solchen wunderbaren Eilande ausfuhr. Der Glaube an seltsame Inseln taucht schon in Plutarch (Ueber den Verfall der Orakel) auf, welcher berichtet, daß um Britannien herum viel öde Inseln lägen, während die wenigen Bewohner auf andern Eilanden für heilig und unverletzbar gelten. An einer andern Stelle (Vom Gesicht im Monde) schildert er, daß fünf Tagereisen westwärts von Britannien einige Inseln und dahinter ein großes Festland liegen. Die Natur der Inseln und die Milde der sie umgebenden Luft sei wunderbar. -- Der heilige Brandan kam nun, wie die Sage berichtet, wirklich zu einer paradiesischen Insel und kehrte erst nach jahrelangen Irrfahrten wieder heim. Die weite Verbreitung dieser Geschichte läßt sich daraus erkennen, daß sie fast in allen Sprachen des Abendlandes auftaucht und daß die Kartenzeichner des Mittelalters sie mehrfach, man möchte sagen zur Ausschmückung des nur spärlich von Inseln belebten westlichen Oceans verwendeten; aber besonders beachtenswerth bleibt dabei, daß die heilige Brandans-Insel im Lauf der Jahrhunderte immer weiter nach Süden rückt. Während wir nach der Sage dieses Elysium der Westsee unter der Breite Irlands suchen müssen, verlegt die Karte des Venezianers Pizigano, von 1367, dieselbe nach Madeira, der Ritter Martin Behaim auf seinem Erdapfel von 1492 südwestlich von den Capverden in die Nähe des Aequators. Die Veranlassung dazu gab die seit dem Wiederauffinden der Canarien immer wieder auftretende Behauptung, daß man am westlichen Horizont von Zeit zu Zeit eine Gebirgsinsel stets in gleicher Gestalt und Lage in weiter Ferne auftauchen sehe. Das Trugbild mag durch eine Nebelbank entstanden sein, allein der Glaube an die Existenz der Insel war so fest, daß sich ein portugiesischer Ritter sogar mit diesem noch erst zu entdeckenden Besitze belehnen ließ und daß selbst bis 1750 immer noch Versuche gemacht worden sind, um sie aufzufinden.
Die Geschichte der Brandans-Insel steht übrigens keineswegs vereinzelt da, wenn es sich um alte Sagen von einsamen, fruchtbaren atlantischen Inseln handelt. Schon Aristoteles und nach ihm Diodor von Sicilien noch ausführlicher wissen von Inseln jenseits der gaditanischen Meerenge, welche von Phöniziern entdeckt und später von den Carthagern ausersehen sein sollten, ihnen für Unglücksfälle, wenn etwa ein vernichtender Schlag ihre Vaterstadt träfe, eine Zufluchtsstätte zu gewähren. Diese Ueberlieferung aus dem Alterthum lebt in einer spanischen Sage wieder auf, wonach zur Zeit, als die Mauren durch den entscheidenden Sieg über die Gothen bei Jerez de la Frontera die Herrschaft über Spanien gewannen, ein Erzbischof nebst 6 Bischöfen sollten, um ihren Glauben zu retten, auf eine entlegene atlantische Insel geflohen sein. Dort gründeten sie sieben Städte, wonach die Zufluchtsstätte die Insel der sieben Städte (~sette cidades~) genannt wurde. Aber auf den Karten erscheint dieses Phantasiebild nicht vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Man warf es bald mit einem andern Eilande von noch räthselhafterer Benennung, mit der Insel Antillia zusammen, welche erst im Zeitalter des Columbus ihre Bedeutung gewann; daher hier vorläufig nur ihre Erwähnung genügt. Auch die Insel Brasil (Brazie) westlich von Irland kann unter diese wesenlosen Gebilde der Phantasie gerechnet werden, von andern unwichtigeren zu schweigen.
Mochten auch mancherlei Fahrten ins Blaue auf der Jagd nach solchen oceanischen Paradiesen angestellt sein, greifbare Resultate mußten noch ausbleiben, so lange man eines sichern Führers im freien Meere entbehrte. Dieser bot sich aber erst im 13. Jahrhundert dar, seitdem man die +polare Richtkraft des Magneten+ entdeckt hatte. Ohne alle Frage haben die Chinesen diese Kraft viel früher erkannt als das Abendland; aber wir haben keinen Anhalt dafür, es fehlt uns jeder Nachweis, daß die Magnetnadel aus dem Osten Asiens zu uns gewandert wäre. Zwar liegt es nahe, an die vermittelnde Hand arabischer Seeleute zu denken, welche mit der chinesischen Handelsmarine auf dem indischen Ocean in häufige Berührung traten, manche Verbesserungen im Seewesen von jenen Ostasiaten entlehnten und selbst bis nach China ihren Verkehr ausdehnten. Allein dann dürften wir auch erwarten, daß in jenen europäischen Gewässern, wo die Araber wiederum mit den seetüchtigen Völkern des Abendlandes zusammentrafen, auf dem Becken des Mittelmeeres und in den an seinen Ufern gelegenen Seestädten ein für die Schifffahrt so wichtiges Instrument wie der Compaß zuerst erwähnt und gewürdigt worden wäre. Doch dem ist nicht so. Man dürfte auch wohl erwarten, daß der berühmte Marco Polo, der für alles, was den Handel betrifft, ein besonders scharfes Auge besaß, und der seine weiten Seereisen im chinesischen Meere und durch den indischen Ocean auf chinesischen Schiffen ausführte, die Magnetnadel erwähnt und beschrieben haben würde, wenn in den östlichen Gebieten der alten Welt die praktische Verwendung des Instruments bereits eine allgemeine gewesen wäre. Aber Polo gedenkt desselben mit keiner Silbe. Und in Europa treffen wir auf die früheste Erwähnung der magnetischen Kraft gerade in Gegenden, welche von arabischem Einfluß nie berührt sind, nämlich in England und Nordfrankreich. Sonach darf man die Vermuthung aussprechen, daß die Nordweisung der magnetischen Nadel wie am Ostrande der alten Welt, so auch am Westrande derselben selbständig entdeckt ist, gerade so gut, wie das Abendland den Bücherdruck und das Porzellan, auch zwei chinesische Erfindungen, für sich wieder erfunden hat. Die beiden ältesten Gewährsmänner, welche den Magnet erwähnen, sind der Engländer Alexander Neckam, welcher seit 1180 Professor in Paris war, und der nordfranzösische Dichter Guiot aus Provins. Es darf dabei nicht unerwähnt bleiben, daß gegen das Ende des 12. Jahrhunderts mit der Wiederaufnahme des Studiums der physischen Schriften des Aristoteles an der Universität zu Paris das Studium der Naturwissenschaften neu belebt wurde. Wie nahe liegt da der Gedanke, jene neue, wichtige Erfindung, welche wir gleichsam in der Nachbarschaft von Paris zuerst erwähnt finden, sei auch dort wirklich gemacht. Alexander Neckam schrieb seine Abhandlung: ~de Utensilibus~ und sein Werk: ~de Naturis rerum~ im letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts, das satirische Gedicht Guiots, ~la Bible~, wurde im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts verfaßt. Die ursprünglichste, roheste Art der Anwendung des Magneten, denselben in einem Strohhalm auf dem Wasser schwimmen zu lassen, wich allmählich der verbesserten Methode, den Nordweiser auf eine Nadelspitze zu legen. Dabei muß es befremden, diese ursprüngliche Form noch 1258 erwähnt zu sehen. In diesem Jahre besuchte Brunetto Latini, aus Florenz vertrieben, den berühmten Roger Bacon und schreibt, dieser habe ihm unter andern einen Magneten gezeigt, der die überraschende Eigenschaft besitze, das Eisen anzuziehen. Wenn man eine Nadel darauf reibt und diese nachher an einem Strohhalm befestigt und auf dem Wasser schwimmen läßt, dann dreht sich die Nadel mit der Spitze gegen den Polarstern. Aber wiewohl diese Entdeckung für alle Seereisende von so hohem Werthe zu sein scheint, so muß sie zur Zeit doch noch geheim gehalten werden, weil es kein Schiffscapitän wagen darf, sie anzuwenden, da er sonst sofort in den Verdacht der Zauberei verfiele; auch würde kein Matrose mit ihm gehen, wenn er ein solches Instrument mitnähme, das offenbar unter der Beihilfe höllischer Mächte entstanden.[15] Am Mittelmeere muß also zur Zeit Latinis die Erfindung noch unbekannt gewesen sein, und ans Mittelmeer müßte die Magnetnadel doch zuerst gekommen sein, falls sie uns durch die Vermittelung der Araber sollte aus China überbracht sein.
Nach 1270 wird auch die Strich- oder Windrose mit der Nadel in Verbindung gebracht, und so sehen wir die Bussole (ein Wort holländischen Ursprungs) fertig vor uns. Was für Verbesserungen der so oft als Erfinder des Compasses genannte Flavio Gioja aus dem Herzogthum Amalfi, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelebt haben soll, angebracht haben kann, ist nirgends ersichtlich. Der Compaß war nachweisbar vor seiner Zeit auf den Schiffen allgemein in Gebrauch, was sich vor allem aus dem glänzenden Aufschwung der nautischen Kartographie ergibt, welche uns ganz bestimmt ins 13. Jahrhundert zurückführt. Denn die erste nur mit Hilfe der Bussole in solcher Treue mögliche Darstellung der Küstenumrisse des ganzen Mittelmeeres, welche uns Marino Sanudo um 1320 überliefert hat, setzt jahrzehntelange Specialaufnahmen voraus, aus denen Sanudos Bild zusammengesetzt ist. Und hier ist nicht zu leugnen, daß die Seeleute des Mittelmeeres sich die neue Erfindung am trefflichsten zu Nutze machten und ihren Werth allseitig erkannten. Die Umgestaltung, welche die Kartographie erfuhr, war eine fundamentale. Statt wie im früheren Mittelalter nach dem Paradiese im äußersten Osten, orientirte man sich nach dem Polarstern, auf den die Magnetnadel wies und entwarf danach die Karten. Der Schiffer gewann mit Compaß und Seekarten auf freiem Meere ein bisher nicht gekanntes Gefühl der Sicherheit und steuerte verwegener in die dunkle Salzflut hinaus. Dauernde, auch der Nachwelt in sicherer Begrenzung überlieferte Entdeckungen wurden erst seit dem 13. Jahrhundert möglich; und schon der Ausgang dieses Jahrhunderts zeigt uns zwei Beispiele eines kühnen Seezuges. Denn im Jahre 1281 machten die Gebrüder Vadino und Guido de Vivaldi von Genua aus den Versuch, um Afrika herum nach Indien zu segeln, ein Unternehmen, das 1291 von Ugolini Vivaldi und Teodosio Doria wiederholt wurde. Allein resultatlos, denn diese Expeditionen sind verschollen.
Wichtiger und folgenreicher, weil „das nächste mit dem nächsten klug verknüpfend“, waren die Fahrten der genuesischen und venetianischen Kauffahrer nach der atlantischen Seite Europas, nach den Niederlanden und Britannien. Erst unter der zuverlässigen Führung der Bussole erwachte der Seeverkehr auf dem Ocean. Dem Alterthume war die Westküste unseres Erdtheils im höchsten Grade unwirthlich erschienen. Zu Strabo’s Zeiten war die Nordseite Spaniens besonders verrufen. „Dieser Strich,“ sagt er, „hat als Oceansküste die Zugabe empfangen ohne Verbindung und Verkehr mit andern zu sein, so daß er sich durch Mißlichkeit der Bewohnung auszeichnet.“ Und auch im Mittelalter tasteten zwar einzelne Pilgerschiffe, die das heilige Land aufsuchten, sich in langsamer Fahrt an den Küsten hin, bis sie in die Säulen des Herkules einliefen; aber von einem regen Verkehr war nicht die Rede.
Da eröffneten, etwa gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts, die Italiener den directen Seeweg zu den niederländischen Städten. Sie liefen wohl auf halbem Wege in den günstig gelegenen Hafen von Lissabon ein und erregten dadurch den Eifer der Portugiesen, welche bald den Seeruhm ihrer Lehrmeister überstrahlen sollten. Der König Diniz war der erste, der sein Volk auf diesen neuen Pfad des Gewinnes und des Ruhmes mit Erfolg hinwies. Wenn uns berichtet wird, daß noch im Laufe des 14. Jahrhunderts im Hafen von Lissabon zu Zeiten 400 bis 500 Seeschiffe lagen, so kann man aus dieser Zahl allein schon auf den wachsenden Verkehr im Ocean schließen.
Sicher wurden durch einzelne vom Wetter aus ihrem Cours gedrängte Schiffe die Canarischen Inseln wieder aufgefunden. Wiederholt tauchen in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Nachrichten von jenen Eilanden auf, ohne daß man den oder die Entdecker mit Gewißheit nennen könnte. Am wahrscheinlichsten waren es Genuesen, aber auch Portugiesen und Franzosen drangen fast gleichzeitig zu den glückseligen Inseln vor, deren Anblick ihren Erwartungen von paradiesischen Fluren nicht entsprach. Im Jahre 1341 schickte Alfons IV. mehrere Schiffe dahin ab unter dem Commando eines Genuesen und Florentiners. Nach einer günstigen Fahrt von 5 Tagen kam das Geschwader im Anfang Juli zu den Canarien, besuchte im Laufe des Sommers mehrere von den 14 größeren und kleineren aufgeführten Inseln, darunter namentlich Canaria und wahrscheinlich auch Ferro und Forteventura, beschrieben auch den Pik von Teneriffa und kehrten im November zurück. In einer päbstlichen Verleihungsurkunde von 1344 wurden Canaria, Vingaria, Pluviaria, Capraria, Junonia, Embronea, Atlantica, Hesperidum, Cernent, Gorgones und Galeta namhaft gemacht, doch gehören einige darunter nicht zu den Canarien, Galeta liegt gar an der Küste von Tunis. Zuerst setzten sich Genuesen auf den Canarien fest, der Ritter Lancelot aus dem adligen Geschlechte der Malocelli in Genua legte auf der einen Insel eine Burg an, dieselbe erscheint auf der catalanischen Karte von 1375 als Lanzeroto Maloxelo. Und wenn bereits auf dem mediceischen Portulan von 1351 neun Inseln mit neuen Namen uns begegnen, deren Form auf genuesischen Dialect hindeutet, so erkennen wir daraus, daß der ersten von Portugal ausgesandten Expedition bald genuesische Unternehmungen gefolgt waren.
Dahin gehören Parme (~J. de li Parme~), Palma, die Insel der Palmen, Linferno, die Insel der Unterwelt, womit Teneriffa bezeichnet wird, wegen seines hohen Vulkans.
Um dieselbe Zeit, vielleicht um das Jahr 1346, fällt auch die Fahrt des englischen Ritters Machim, der auf seiner Flucht von England nach Madeira verschlagen wurde.
Auch diese letztere Inselgruppe treffen wir bereits auf dem Portulan von 1351.[16] Neben der kleinern Insel, die noch jetzt den Namen Porto santo trägt, erscheint die größere I. de lo legname, d. h. Holzinsel; offenbar ein italienischer Name, den die späteren Besitzer, die Portugiesen, in den bekannten Madeira, übersetzt haben. Sogar die ferner liegenden Açoren sind schon aufgefunden; die südöstliche Gruppe derselben trägt die Bezeichnung ~insula de Cabrera~ (Ziegeninsel).
So hatte man also um die Mitte des 14. Jahrhunderts den Stand der Kenntniß des Alterthums mindestens wieder erreicht. Den Portugiesen war es im nächstfolgenden Zeitraume vorbehalten, die Grenzen der bekannten Welt weiter hinauszurücken und, nachdem die westlichen Gestadelinien der alten Welt vom südlichen Cap Afrikas bis zum Nordcap Europa im allgemeinen ans Licht getreten war, den Anstoß zu geben für die erste planmäßige Durchschiffung des westlichen Oceans.
Am Schlusse dieses Abschnittes haben wir noch die Reisen der venetianischen Gebrüder +Nicolo+ und +Antonio Zeno+ zu untersuchen, welche in den Ausgang des 14. Jahrhunderts fallen, und sich auf dem Gebiete der normannischen Seezüge im nördlichen atlantischen Ocean zwischen Scandinavien und Grönland bewegten, aber der Deutung und Erklärung im einzelnen große Schwierigkeiten entgegensetzten, so daß die Untersuchungen zu ganz abweichenden Ergebnissen geführt haben. Die Schwierigkeiten entstanden vor allem bei dem Versuch, die Namen der Localitäten zu enträthseln, welche den Schauplatz der Erlebnisse bilden, und die den alten Bericht begleitende Karte einerseits mit dem Texte, andrerseits mit den gegenwärtig vollständig bekannten thatsächlichen Verhältnissen jenes Theiles der Erdoberfläche in Einklang zu bringen. Am meisten hat sich R. H. Major in London um das Verständniß verdient gemacht.[17] Daß dabei nicht von einer fingirten Reise und einer Fälschung die Rede sein kann -- denn auch diese Ansicht ist laut geworden -- beweist die thatsächliche Kenntniß nordischer Verhältnisse, welche nicht blos alles übertrifft, was das Mittelalter in Europa über jene Gegenden wußte, sondern auch die Kenntniß in der Mitte des 16. Jahrhunderts übertrifft, wo der merkwürdige Bericht zuerst veröffentlicht wurde.
Der Thatbestand ist nun folgender: Am Ende des 14. Jahrhunderts, wahrscheinlich 1390, und nicht 1380, wie Text und Karte angibt, rüstete Nicolo Zeno, einer alten venetianischen Adelsfamilie entstammend, aus eigenen Mitteln ein Schiff aus, um, mehr aus Neugier als aus Drang zu neuen Entdeckungen, den Norden Europas zu besuchen. Seit einem Jahrhunderte bereits befuhren venetianische Handelsschiffe den atlantischen Ocean von den Säulen des Herkules bis Flandern und Süd-England. Zeno strebte noch weiter nach Norden. Ein Sturm trieb sein Schiff über Britannien hinaus und warf es an den Strand der Insel Friesland (Faröer). Aus den Händen der Strandräuber, welche sich des Strandguts bemächtigten, befreite die Schiffbrüchigen der Beherrscher eines Nachbargebietes, welchen Zeno Zichmni nannte. Aus Dankbarkeit trat der Venetianer in die Dienste seines Befreiers und lud nun seinen in Venedig weilenden Bruder Antonio brieflich ein, zu ihm zu kommen. Antonio folgte dieser Einladung. Vier Jahre nach seiner Ankunft auf den nordschottischen Inseln starb Nicolo in Friesland. Antonio blieb aber noch 10 Jahre und schrieb während dieser Zeit mehrere Briefe an seinen Bruder Carlo, der in Venedig eine hervorragende Rolle spielte. Die Briefe der venetianischen Nordlandsfahrer blieben im Familienarchive zu Venedig, bis ein späterer Nachkomme des Geschlechts, Nicolo Zeno der Jüngere, geb. 1515, als unverständiger Knabe diese Dokumente durch Zufall in die Hände bekam, und da er ihren Werth nicht kannte, zum Theil zerriß. Erst später, in reiferen Jahren, suchte er die Bruchstücke zusammen und entwarf danach die Geschichte jener abenteuerlichen Fahrten seiner Vorfahren. Auch copirte er eine alte, halb vermoderte Originalkarte und ergänzte sie nach seinem Verständniß und seiner Auffassung. Das Ganze veröffentlichte er dann 1558 unter dem Titel: ~Dello scoprimento dell’ Isole Frislanda, Eslanda, Engronelanda, Estotilanda, Icaria, fatto per due fratelli Zeni, M. Nicolo il Cavaliere et M. Antonio.~
Joh. Reinhold Forster wies 1784 in seiner Geschichte der Entdeckungen und Seefahrten im Norden (S. 217-250) zuerst auf die Glaubwürdigkeit und den Werth des Berichtes hin. Auch Al. v. Humboldt sprach sich in seinen kritischen Untersuchungen etc. (deutsch v. Ideler, Bd. I, 337) dahin aus, daß, wenn man den Bericht ohne vorgefaßte Meinung untersuche, man in demselben Wahrheitsliebe und eine ins Einzelne gehende Beschreibung von Gegenständen finde, zu welcher nichts in Europa den ersten Gedanken an die Hand gegeben haben könnte. Dagegen erklärte der dänische Admiral Zahrtmann (~Journal Royal geogr. Soc. London. Vol. 5~) das Ganze für eine Erfindung des jüngeren Zeno.
H. Major hat nun die Echtheit des Berichts zuerst an den Oertlichkeiten der Faröer nachgewiesen. Es handelt sich um einen Wikingerzug des Zichmni, des Herrn von Porlanda und Sorona.
Die Namen sind sämmtlich nur nach dem Gehör, nach dem Klange der Aussprache aufgefaßt und dann dem Italienischen angepaßt und umgeformt. So hat bereits Forster gefunden, daß in dem räthselhaften Zichmni der schottische Häuptling Henry +Sinclair+ of Roslyn steckt, welcher von Hakon VI. von Norwegen die Herrschaft über die Orkneys und Caithneß erhielt. Der Pentland-Firth scheidet die beiden Besitzungen. Aus Pentland macht der Italiener Porlanda und die begleitende Karte entstellt diesen Namen, durch falsche Lesung, in Podanda (für ~rl~ ist ~d~ gesetzt).
Aus Caithneß wird Contanes und unter Sorona ist die kleine Insel Swona in dem Pentland-Firth zu verstehen. Zichmnis Geschwader wollte Friesland erobern. Im Altdänischen aber heißt die Faröergruppe Faeröisland, und in der Biographie des Columbus erzählt sein Sohn Ferdinand, daß sein Vater im Jahre 1477 von Bristol nach Frislanda gesegelt sei. Daraus wird die Identität von Faröer und Friesland ersichtlich. Daß aber der jüngere Zeno diesen Namen nicht aus der Biographie des Columbus entlehnen konnte, erhellt daraus, daß diese Lebensbeschreibung später, nämlich erst im Jahre 1571, also +nach+ dem Reisebericht Zenos veröffentlicht wurde. Wenn die alte Karte Friesland als eine compakte große Insel darstellt, so fällt dieser Irrthum vorwiegend dem jungen Zeno zur Last. Zichmnis Flotte nahm ohne große Schwierigkeit die Inseln Ledovo und Ilofe (verschrieben für Slofe) und andere kleine Inseln im Golfe Sudero in Besitz. In diesem Golf erkennen wir den Suderoefjörd zwischen den beiden Inseln Suderoe und Sandoe. Dann ergibt sich für Ledovo die kleine fast unzugängliche Felseninsel Little Dimon und für Slofe das Nachbareiland Skuoe. Weiter ging das Geschwader nach dem Hafen Sanestol (d. h. Sandoe) und landete bei dem Orte Bondendon (wahrscheinlich Norderdahl auf Stromoe). Von hier zogen die Eroberer quer durch die Insel zur Hauptstadt Frislanda, welche an einer sehr fischreichen Bai lag, von wo sich Schiffe von Flandern, Britannien, Norwegen und Dänemark mit Fischen versorgten.
Die Hauptstadt Thorshaven, welche hier gemeint ist, belegt der Venetianer mit dem Namen der Inselgruppe. Der Reichthum an Fischen ist hier seit alters berühmt. Später leitete Nicolo Zeno ein ähnliches Unternehmen gegen Estland (d. h. Shetland-Inseln), wobei mehrere Schiffe nach der Insel Grislanda südwärts verschlagen wurden. Das Hauptland der Orkneys heißt Hroß-ey, oder Groß-ey oder ~gross-island~, woraus sich die Form Grisland bildete.
Der jüngere Zeno, welcher aus Unverstand Estland für Island nahm, verlegte auch Grislanda an die Küsten jener großen Insel, obwohl der Originaltext von „~le Islande~“, also von mehreren Inseln spricht; in Folge dieses Grundirrthums werden aber auch alle nach Shetland gehörigen Namen an das Gestade von Island verschoben, nämlich Talas (= Yelli), Broas (= Barras), Iscant (= Unst), Trans (= St. Ronans Isle), Mimant (= Mainland), Dambere (= Hamna) und Bras (= Bressay).
Es lassen sich also alle Localitäten wieder erkennen und gehörigen Orts befestigen. Die durch Zeno den jüngeren in die Karte gebrachten groben Fehler sind von dem Originalberichte nicht verschuldet, bestärken aber die Glaubwürdigkeit der Erzählung; denn wenn das Ganze eine müßige Erfindung des 16. Jahrhunderts wäre, würde sie an solchen geographischen Verstößen gar bald entlarvt werden können. Jener erste Zug nach den Faröer geschah wahrscheinlich im Jahre 1390, der gegen Shetland 1391.[18]
Im Juli des folgenden Jahres ging Nicolo mit 3 kleinen Schiffen auf Entdeckung aus nach Engroneland oder Grenland. Bei dieser Fahrt, welche uns über die Grenzen der den Süd-Europäern bekannten Nordwelt hinausführt, wurde Island und wohl auch Grönland berührt. Aber der Bericht wirft offenbar isländische Verhältnisse nach Grönland. Ob diese Versehen dem Originalberichte zur Last fallen, oder ob die Bruchstücke desselben durch den jüngeren Zeno falsch zusammengefügt sind, läßt sich nicht mehr erkennen; doch liegt die Verwechslung klar vor Augen, wenn wir dem Berichte folgen. Danach fand nämlich der ältere Nicolo in Grönland ein Kloster mit Predigermönchen und eine Kirche des heiligen Thomas am Fuße eines thätigen Vulkans. Die in der Nähe befindliche heiße Quelle hatten die Geistlichen zu ihrer Ansiedlung geleitet, um Kirche und Kloster damit zu heizen und das kochende Wasser selbst zur Bereitung der Speisen zu verwenden oder in erwärmten Beeten Früchte und Blumen zu erzielen, die nur in gemäßigteren Himmelsstrichen gedeihen. Neben dem Kloster leben Wilde (also Eskimos), welche Fischfang treiben und Böte in Gestalt eines Weberschiffchens besitzen. Sie befestigen über das Gerippe von Fischknochen Häute und nähen dieselben fest zusammen, so daß diese leichten Fahrzeuge allen Stürmen trotzen. Während die Art der Ansiedlung und die Benutzung der Thermen nur nach Island paßt,[19] denn in Grönland gibt und gab es auch damals keine thätigen Vulkane, ist das Seegewerbe der Eingeborenen charakteristisch für die grönländischen Eskimos. Eine genaue Kenntniß des südlichen Grönland verräth aber auch der Name der Südspitze Avorf, welche in der dem 14. Jahrhundert angehörigen Beschreibung Grönlands von Ivar Bardsen „Hvarf“ und in der Chorographie Björn Jansens Haf-hvarf heißt, wofür die Karte Zenos ~Af promontorium~ setzt.
Nicolo Zeno erlag den für einen Südländer unerträglichen Wirkungen des polaren Klimas und starb bald nach seiner Rückkehr auf Frisland. In seine Stellung und seine Würden rückte sein Bruder Antonio, den Sinclair noch jahrelang bei sich festzuhalten wußte und sogar auf einer großartig geplanten Entdeckungsfahrt nach westlichen Ländern mitnahm. Sinclair hatte nämlich durch Fischer, die vor 25 Jahren über den atlantischen Ocean nach Westen verschlagen waren, von großen Inseln und weiten Festlandsstrichen Kunde erhalten und beschloß jene Länder aufzusuchen. Der Bericht der Verschlagenen, den ein Brief des Antonio an seinen Bruder Carlo in Venedig ausführlich wiedergibt, klingt zwar in manchen Einzelheiten befremdend, verräth aber in großen allgemeinen Zügen eine Kunde der nordamerikanischen Küsten bis nach Mexiko. Da nun erwiesenermaßen die Normannen bereits im 11. Jahrhundert Ansiedelungsversuche am Strande der Neuengland-Staaten gemacht hatten, so bleibt die Möglichkeit weiterer abenteuerlicher, durch Zufall veranlaßter Fahrten nach jenen Gegenden keineswegs ausgeschlossen.
Jene Fischer nun hatten erzählt, daß sie 1000 Meilen westlich von Friesland durch den Sturm an die Insel Estotiland getrieben seien, welche kleiner als Island, aber viel fruchtbarer war und in der Mitte einen hohen Berg hatte. Die Einwohner zeigten sich intelligent, freundlich, besaßen eine eigne Sprache und Schrift, in des Königs Bibliothek fanden sich sogar lateinische Bücher. Sie verkehrten auf ihren Segelbooten sogar mit Grönland, kannten aber den Compaß nicht. Nachdem sie fünf Jahre im Lande geblieben waren, machten unsere Fischer eine Fahrt gegen Süden zum Lande Drogio. Dort wohnten rohe Canibalen, welche einen Theil der Mannschaft erschlugen und verzehrten. Sie besaßen kein Metall, ihre Lanzen bestanden nur aus Holz. Aber weiter südwärts wurden sie civilisirter, wohnten in Städten und opferten in ihren Götzentempeln Menschen, deren Fleisch dann verspeist wurde. Das Land war reich an Gold und Silber.
Während wir in Estotiland Spuren normannischer Ansiedlung erkennen, wenn auch die Kulturverhältnisse in allzustarken Farben ausgemalt sind, lassen sich die Angaben über die südlichen Kulturländer mit ihrem Goldreichthum, ihren Götzentempeln und Menschenopfern ungezwungen auf Mexiko deuten. Doch sind Estotiland und Drogio nicht zu identificiren.
Nur ein Fischer kehrte nach Jahren zurück und sollte auf Sinclairs Zuge als Führer dienen, aber leider starb derselbe kurz vor Aufbruch der Flotte. So verfehlte Sinclair auch bald den Weg und wurde durch Sturm gegen Südwesten nach der Insel Icaria verschlagen. Es ist wohl nur italienische Phantasterei, wenn der jüngere Zeno dazu bemerkt: Alle Könige hießen dort Icari, nach dem ersten Könige, der ein Sohn des Königs Dedalus von Schottland gewesen sei. Schon Forster hat in dem Icaria richtig die Landschaft Kerry in Irland erkannt, wozu alle geschilderten Verhältnisse, das feindselig abwehrende Verhalten der Bevölkerung u. a. paßt. Von hier gelangte die Flotte nach Grönland, kehrte aber nach kurzem Besuch wieder nach den Orkneys zurück.
Wenn auch in dem ganzen Bericht noch manche Dunkelheiten ungelöst bleiben, so wird doch eine unbefangene Kritik den echten Kern anerkennen müssen und darf das Ganze nicht als leere Erfindung verwerfen. Von besonderem Interesse ist, daß Zeno uns als der letzte von den normannischen Ansiedlungen in Amerika berichtet. Die vom jüngeren Zeno entworfene Karte enthält trotz gewaltiger Irrthümer und Ungeheuerlichkeiten, welche indeß von den Kartographen des 16. Jahrhunderts vielfach getreu copirt wurden, manche zutreffende Züge und geographische Wahrheiten.
Zweites Buch.
Die Vorhalle der großen Zeit.
Erstes Capitel.
Die Morgenseite der alten Welt.
1. Der Orient seit Beginn der Mongolenherrschaft.
Beim Anbruch einer neuen Zeit richten wir unsern Blick wieder nach Osten, um eine längst verschollene Kunde, wie sie von fernen reichen Ländern in alter Zeit erklungen, aufs neue zu vernehmen. Die Herrschaft der Araber hatte anfangs den Kenntnissen im Abendlande von den Verhältnissen im Innern Asiens keine Förderung gewährt. Ums Jahr 1000 n. Chr. kannte man thatsächlich von ganz Asien kaum mehr als die heiligen Walfahrtstätten in Palästina, und begnügte sich auch damit. Die Araber ließen die frommen Pilger aus dem Westen gewähren, deren Wißbegierde in dem Rahmen religiöser Traditionen beschränkt blieb. Anders gestalteten sich die Verhältnisse, als Türken und Seldschucken Herren jener heiligen Stätten wurden und in Folge der Bedrückung der christlichen Waller eine gewaltige Bewegung durch Europa ging, welche die Kreuzzüge veranlaßte. Zwar haben dieselben unsere Kenntniß von Westasien nicht über Mesopotamien hinaus bereichert, aber die Berührung mit der arabischen Bildung weckte den Geist der Forschung wieder im Abendlande und trug so wenigstens mittelbar dazu bei, das entschwundene geographische Interesse neu zu beleben. Durch die Araber lernte man wieder die griechischen Schriftsteller, namentlich Aristoteles, kennen und die größten Geister des Abendlandes, Albertus Magnus († 1280) und Roger Bacon († 1292 oder 1294) wandten sich wieder dem Studium der Naturwissenschaften zu.
Den ersten directen Anstoß aber zu bedeutenden Reisen in bisher unbekannten Regionen gab die Bildung des mongolischen Weltreichs. Es war im Beginn des 13. Jahrhunderts, daß der kühne Häuptling +Temudschin+ zahlreiche mongolische und tatarische Stämme der asiatischen Steppe unter seinem Scepter vereinigte und den Namen eines Großfürsten, „+Tschingischan+“, annahm. Der Name Khan bedeutet einfach „der Herr“ und wird allen tatarischen Häuptlingen beigelegt, mögen sie souverän sein oder nicht. In Indien bildet er noch jetzt den gewöhnlichen Zusatz zu den Namen der Mohammedaner aller Klassen. ~Ḳaán~ oder ~Châḳán~ (bei den byzantinischen Schriftstellern Χαγάνος) war dagegen der specielle Titel des höchsten mongolischen Fürsten; danach würde der Titel Temudschins richtiger als Tschingischagan bezeichnet werden müssen. In einem verheerenden Völkersturm, wie jener Erdtheil keinen zweiten gesehen und erlitten hat, lag binnen 20 Jahren fast ganz Asien zu seinen Füßen. Die Völkerflut nach Osten überschwemmte Tangut und Nordchina, die Kriegswoge nach Westen und Süden brach über Turan und Iran herein. Throne stürzten zusammen unter seiner unerhörten Wucht, volkreiche Städte verschwanden vom Erdboden, Millionen von Menschen verloren ihr Leben. Auch mit dem Tode Temudschins († 1227) kamen die aufgeregten Massen nicht zur Ruhe. Von den vier Söhnen des Großfürsten gelangte +Okkodai+ zur obersten Nachfolge. Nach Westen drangen seine Heere durch die Ebenen Rußlands bis nach Schlesien vor, Moskau wurde erobert, Kiew ging in Flammen auf. Erst an den Sudeten brach sich die Sturmflut; aber in Westasien wurden Armenien, Kleinasien und Syrien überrannt, in Ostasien wurde Südchina unter der Regierung des Chagan +Kublai+ eine Beute der Mongolen.
+Genealogie des Hauses Temudschin.+
I. +Temudschin+, Tschingis Kaan. | +-------------+--------------+--------------------------------+ | | | | Tuli. II. +Okkodai Kaan.+ Tschagatai. Juji. | | | | | III. +Kuyuk+ | | | +Kaan.+ | | | +-------+--------+-------+------+ | | | | | | | | | Kadami. Sarban. 2. Yessu Muwa Juji. | | Mangku. Tukan. | | | | Chane von Tschagatai. | | | +--+--------------+--------------+ +----------+---+ | | | | | 1. Hulaku. V. +Kublai+ IV. +Mangku+ 4. Barka. 1. Batu. | +Kaan.+ +Kaan.+ | | | +----------+ | Tschingkim. | | | | 3. Ulagji. 2. Sartak. | | | VI. +Timur Kaan.+ Chane von Kiptschak. | +----------------+--------------+ | | | 3. Tigubar-Ahmed. Tarakai 2. Abaka. | | | +------------+ | | | 6. Baidu. 5. Kaichatu. 4. Argun. | +-----------+ | | 8. Oljaitu. 7. Gasan.
Chane von Persien.
Die christlichen Kreuzfahrer, die mit immer weniger Aussicht auf Erfolg gegen die mohammedanischen Staaten in Kleinasien, Syrien und Aegypten um den Besitz des heiligen Landes gerungen hatten, sahen in den Mongolen einen willkommenen Helfer gegen den zähen Erzfeind ihres Glaubens. Sie nahmen aber auch mit besonderer Freude wahr, daß die neuen Weltstürmer aus Innerasien keineswegs den religiösen Fanatismus der Araber und Türken besaßen, sich vielmehr dem christlichen Glauben ebenso geneigt zeigten als der Lehre Mohammeds. Es liegt das schon in der wesentlich verschiedenen Rassenanlage der Mongolen und Semiten begründet.
Man kann sich in religiösen Dingen kein nüchterneres Volk denken als die Chinesen, während dagegen der Semite Westasiens, der Begründer des Monotheismus und leider auch des religiösen Fanatismus, auf religiösen Fundamenten sein geistiges Leben aufbaut. Die Glaubensglut des Islam übertrug sich auch auf türkische Stämme; aber nicht auf die Mongolen. Diese sahen nicht jeden Christen als solchen für einen Feind an. Sie ließen jeden in seinem Glauben gewähren.
Es gab wirklich Christen unter ihnen in nicht geringer Anzahl. Nicht blos, daß einzelne Gläubige mit den großen Völkerwellen vom heimischen Boden weit hinweg gespült worden waren; -- trafen doch die Sendboten des Pabstes am Hofe der Chagane in Karakorum, südlich vom Baikal, Franzosen und Ungarn und begegnete dem Marco Polo sogar noch in China ein Deutscher; -- nein, ganze Stämme des großen vielsprachigen Reiches neigten zum Christenthum und es wird von manchen Städten im fernen Osten berichtet, daß nestorianische Christen bis dahin ihren Glauben verbreitet. Als Christen galten die Kerai in N.-W. von China; als Nestorianer bezeichnet Rubruck den Stamm der Naiman am obern Irtysch. Viele Christen hatten sich sogar in dem Dienst und Gefolge der mongolischen Fürsten eine geachtete und einflußreiche Stellung errungen und, was besonders betont werden muß, die Großfürsten des Weltreichs selbst waren in die directe Berührung mit dem Christenthum durch eingegangene Ehen gebracht. Die Mongolenkaiser +Kublai+ und sein Bruder +Hulaku+ stammen von christlichen Müttern ab, deren Einfluß nicht zu unterschätzen ist. Gesandtschaften und Briefe gingen hin und her, es entspann sich ein freundschaftlicher Verkehr zwischen den Häuptern der Christenheit und den Chaganen, und mehr als einmal wurde das Interesse des Pabstes lebhaft durch die Aussicht auf ein segensreiches Arbeitsfeld von unermeßlicher Weite im fernen Morgenlande angeregt. Darf man unter solchen Umständen den Plan einer systematischen Missionsarbeit unter den Mongolen absolut verwerfen oder auch nur als gar zu sanguinisch bezeichnen?
2. Der Presbyter Johannes.
Vor allem zog aber mächtig die geheimnißvolle, halb in sagenhafte Züge gehüllte Gestalt eines großen Königs an, der im Abendlande allgemein unter dem Namen des Priesterkönigs oder +Presbyter Johannes+ bekannt war, und der über ein durchaus christliches Volk herrschen sollte. Das eigenthümliche Dunkel, das über dieser Gestalt liegt, ist noch nicht völlig gelichtet; es scheint aber, als ob nach einander mehrere bedeutende historische Persönlichkeiten des Morgenlandes mit einander verschmolzen wären und nach einander für den Priesterkönig gegolten hätten.
Die erste Nachricht über ihn bringt der deutsche Geschichtsschreiber Otto von Freising, der Stiefbruder Kaiser Konrads III. Derselbe erzählt, er habe im Jahre 1145 in Viterbo den Bischof von Gabula (Jibal im nördlichen Syrien) getroffen, der unter Thränen von den Gefahren erzählt, welche seit dem Falle von Edessa die christliche Kirche bedrohe. Vor wenigen Jahren, erzählte der Bischof, sei im fernen Osten jenseit Armenien und Persien ein gewisser Johannes, Priester und König zugleich über ein nestorianisches Volk, aufgetreten, habe erst die medische Hauptstadt Egbatana erobert und dann die Samiardischen Bruderkönige, die in Persien und Medien herrschten, in dreitägiger Schlacht besiegt und sei weiter nach Westen gerückt, um der bedrängten Kirche in Jerusalem beizustehen. Aber der Tigris habe seinem Zuge Halt geboten und ihn zur Umkehr genöthigt.
Die hier erwähnten Ereignisse sind von Professor Bruun[20] auf Johann Orbelian (Ivané Orpel), den Großwürdenträger und siegreichen Feldherrn des georgischen Königs David gedeutet, der den Türken um 1123 oder 1124 die Stadt Ani in Armenien abgewann. -- Das Geschlecht der Orbeliane besaß zwar in seinen außerordentlichen Privilegien fast königliche Macht und namentlich Johannes Orbelian war der Stolz der Georgier; allein seine Thaten sind doch nicht gewaltig und seine Stellung nicht unabhängig genug, um ihn kurzweg als Priesterkönig bezeichnen zu können, und der große blutige Sieg über die Samiardischen Brüder bleibt auch ohne entsprechenden Beleg. Die Identität des Priesters Johannes mit Johann Orbelian bleibt daher unerwiesen, wenn auch, abgesehen von dem zutreffenden Namen Johann und der Existenz eines christlichen Volkes und Fürsten, für diese Hypothese noch die Thatsachen sprechen, daß Groß-Armenien als der ferne Orient angesehen wurde und daß georgische Könige den Christen in Palästina mehrfach Hilfe zu bringen suchten.
Auf der andern Seite muß aber darauf hingewiesen werden, daß die christlichen Sendboten und Kaufleute, welche in Asien eindrangen, seit dem 13. Jahrhundert den Priesterkönig viel weiter im Osten suchten und an Armenien nicht dachten. Und in der That leiten auch die Nachrichten Ottos von Freising über die Nachbarländer Syriens hinaus. Den Kern der Untersuchung muß die verhängnißvolle Schlacht bilden, in welcher der Beherrscher Persiens unterlag. Es wird sich dabei zwar ergeben, daß in Ottos Berichte Irrthümer mit unterlaufen und andere dunkle Punkte, namentlich die angebliche Eroberung von Ekbatana und der Zug an den Tigris, unerledigt bleiben; allein das Endresultat fällt doch befriedigender aus als bei der ersten Hypothese.
Jene Niederlage nun der Perser, welche nach der Angabe des Bischofs von Gabula nur wenige Jahre vor 1145 erfolgte, fällt ins Jahr 1141. Etwa hundert Jahre früher hatten seldschuckische Sultane die Herrschaft in Persien gewonnen und ihre Macht bis Kleinasien und Aegypten ausgedehnt. Um 1105 theilte sich das große Reich in zwei Staaten unter den Brüdern +Mohammed+ und +Sandschar+. Das sind die Samiardischen (richtiger Saniardischen) Brüder, nach dem mächtigeren und weit länger regierenden Sandschar (Saniard) benannt; denn Mohammed starb bereits 1118, Sandschar aber erst 1157. Sandschar behauptete als Sultan das Uebergewicht im Osten, während seine Neffen, die Söhne Mohammeds, von ihm abhängig wurden. Es ist demnach ungenau, wenn noch um 1145 Otto von Freising von Saniardischen +Brüdern+ spricht.
Zu den von Persien abhängigen Staaten gehörte damals auch Chowaresmien am untern Amu-Darja; dieser Staat strebte nach Selbständigkeit. Der Sohn des dortigen Schahs Atsis war von Sandschar getödtet worden; aus Rache rief Atsis die sogenannten Karachitanen oder Khata zur Hilfe herbei.
Der älteste arabische Schriftsteller, welcher über diese Ereignisse berichtet, ist Ibn-el-Athir (1160-1233). Derselbe erzählt, Atsis habe, aufgebracht über die Ermordung seines Sohnes, zu den Khata gesandt, welche in Ma-vera-el-nahr (Transoxanien) wohnten, und in ihnen die Hoffnung auf Landgewinn erregt. Indem er ihnen die Sache sehr leicht vorstellte, reizte er sie, in Sandschars Reich einzufallen. Demzufolge brachen sie mit 300,000 Reitern auf, Sandschar ging ihnen mit seiner Armee entgegen und erlitt in der Nähe von Samarkand eine blutige Niederlage, in welcher 100,000 fielen, darunter 12,000 Vornehme und 4000 Weiber. Sandschar floh nach Balch.[21]
Diese Khata werden auch als ungläubige Türken bezeichnet. Ihren Anführer nennt der arabische Historiker einen Chinesen, dessen Titel Ku-chan, richtiger Kur-chan, war.
Mit zusammengerafften tatarischen und chinesischen Völkern war also dieser Heeresfürst im Westen erschienen und in die islamitischen Länder eingebrochen, wo er dem bisher stets siegreichen Sandschar den ersten empfindlichen Schlag versetzte.
Welche Bewandtniß es mit dieser Völkerbewegung hatte, erfahren wir aus chinesischen Quellen.
Ein wahrscheinlich zur Gruppe der Tungusen gehöriger Volksstamm in der Mandschurei, den die Chinesen +Chitanen+ benannten, hatte sich im Laufe der Jahrhunderte aus rohen Zuständen allmählich zu einer gewissen Kultur emporgearbeitet und so gekräftigt einen Staat gebildet, der, die Nachbargebiete beherrschend, im Jahre 907 bereits über Nordchina hin bis zum Lop-nor reichte und bald darauf Nordchina selbst unterwarf. Dieses Reich der Chitanen wurde weiter im Westen unter dem Namen +Khitai, Khathay+ bekannt und bestand bis zum Jahre 1123. Dann wurde es aus dem chinesischen Besitze wieder verdrängt. Der Vetter und Oberfeldherr des letzten Kaisers der Chitanen, Yeliutasche, gründete im Westen vom Lop-nor ein neues Reich, das sich durch glückliche Eroberungen über das Pamirhochland hinaus bis an den Oxus in West-Turkistan erstreckte, wo der Sohn des ersten Fürsten, +Yeliuyliui+ († 1153) bei Samarkand den Sultan Sandschar im September 1141 besiegte. So rückte dieses Reich fast bis ans kaspische Meer vor und erscholl sein Name auch in Europa. Die Fürsten trugen den Titel Korchan oder Gurchan (woraus allmählich durch Umgestaltung Johannes wurde) und ihr neugegründetes Reich hieß das Reich der Karachitanen oder schwarzen Chitanen. Dort im Osten des kaspischen Meeres suchten die abendländischen Reisenden zuerst den Priesterkönig, und als man ihn nicht mehr vorfand, denn das Reich war schon 1215 von Temudschin zerstört, floh es vor dem suchenden Blick immer weiter nach Osten, +bis man China selbst mit dem Namen Kithai oder Cathay, Cathaya belegte+, und an dieser Benennung Jahrhunderte lang festhielt.
Rubruck und Marco Polo hielten den Fürsten „Ungchan“ der Keraiten in der östlichen Mongolei für den Johannes und verwechselten denselben mit Yeliutasche. Die Verwechselungen und Verschiebungen dieser mythischen Gestalt eines Priesterkönigs dauerten auch im 14. Jahrhundert weiter, wo man ihn in dem christlichen König von Habesch glaubte richtig entdeckt zu haben; im 15. Jahrhundert wurde er dort von Heinrich dem Seefahrer gesucht. Es gingen noch am Ende dieses und selbst im nächsten, im 16. Jahrhunderte, portugiesische Gesandte an den Priester Johannes ab. Im Abendlande hat man sich lange an dieser Erscheinung erbaut und fand etwas tröstliches darin, fern im Osten einen unbekannten, aber mächtigen Bundesgenossen sich vorzustellen, der den bedrängten Christen Hilfe bringen könne.
3. Die ersten christlichen Glaubensboten im Orient.
Der Plan, mit der mongolischen Welt direct in Verkehr zu treten, wurde zuerst vom Pabste Innocenz IV. auf dem Concil zu Lyon 1245 gefaßt. Er entschloß sich, zwei verschiedene geistliche Gesandtschaften nach dem Morgenlande abzuordnen. -- Werfen wir zur Orientirung zunächst einen Blick auf die politische Gestaltung der mongolischen Staaten.
Nach Tschingischagans Tode verblieb die oberste Gewalt seinen Söhnen, einer unter ihnen empfing den Titel Kaan (Chagan), die andern hießen Chan. Das Weltreich zerfiel in vier Staaten.[22] +Ostasien+ umfaßte das Gebiet des Kaan. Dazu gehörte China, Tibet, die östliche Mongolei und die Mandschurei. Die Residenz war Kaanbaligh, d. h. die Stadt des Kaan, jetzt Peking. Der Name wurde im Abendlande bald in Cambalich, bald in Kambalu verändert.
Westlich von diesem Staate lag auf beiden Seiten der Hochebene Pamir, also Theile von Ost- und West-Turkestan umfassend, das Reich +Dschagataï+ oder das Reich der Mitte. Dasselbe erstreckte sich vom Altai bis zum westlichen Himalaja und obern Indus, schloß Afghanistan ein und reichte bis zum Amu-Darja im Südwesten. Die Hauptstadt Almalik lag am obern Iliflusse, der sich in den Balchasch ergießt, in der Nähe der heutigen Stadt Kuldscha. Noch weiter gegen Südwesten lag das persisch-medische +Reich der Ilchane+. Dasselbe umfaßte Persien, Armenien, Mesopotamien und Theile von Kleinasien; seine Hauptstadt war Tebris. Dieser Staatencomplex zerfiel am schnellsten. Den äußersten Westen nahm das +Reich der goldnen Horde+ (Kiptschak) ein, welches sich über die Flachlandschaften Asiens und Europas ausbreitete und sich vom Westfluß des Altai durch die Kirgisensteppe über Südrußland bis an den Waldgürtel der Karpaten ausdehnte. Der Fürst residirte in Serai an der untern Wolga. Durch dieses Reich zogen die meisten abendländischen Gesandtschaften an den Hof der Mongolenkaane und gingen belebte Handelswege durch das Herz Asiens bis zum Ostrande der alten Welt. So bildete Kiptschak den willkommenen Vermittler zwischen Abend- und Morgenland.
Es war um die Mitte des 13. Jahrhunderts, als verschiedene Umstände den wohl schon früher gehegten Gedanken verwirklichen halfen, von Seiten des Abendlandes direct mit dem Weltreich der Mongolen in Verbindung zu treten. Zunächst war die asiatische Steppenmacht 1241 am weitesten nach Westen, bis nach Schlesien, also ins Herz Europas vorgedrungen. Dann traten in den nächsten Jahren wiederum die schwersten Bedrängnisse für den christlichen Besitz im heiligen Lande ein, indem von Osten her aus Turan türkische Söldnerschaaren vor den Mongolen zurückweichen mußten, über Syrien hereinbrachen und Jerusalem im Jahre 1244 eroberten.
In Folge dieser Ereignisse beschloß Pabst Innocenz IV. auf dem denkwürdigen Concil zu Lyon 1245 zwei Gesandtschaften auf verschiedenen Wegen ins Morgenland zu entsenden.
Man bezeichnete damals die Mongolen allgemein mit dem Namen Tartaren (richtiger Tataren) nach einem ihrer tapfersten Stämme, den Tata; ursprünglich verstand man darunter eine kleine Horde, welche zwischen dem Kuku-nor und den Quellen des Hwangho ihren Sitz hatte, und in Europa als die Avantgarde des Mongolenschwarms sich durch Verwüstung und Brand einen gefürchteten Namen gemacht hatte. Sie galten als eine Ausgeburt der Hölle, als dem Tartarus entlaufene Teufel und wurden demnach in doppelter Beziehung Tartaren genannt. Aber indem man dann alle ins christliche Abendland eingebrochenen turanischen und mongolischen Stämme unter dem einen Namen zusammenfaßte, hat man auf lange Zeit die ethnologischen Verhältnisse Asiens verwischt und durch diese falsche Auffassung eine wahre Völkerverwirrung herbeigeführt.
Zu diesen Tataren entsendete nun der Pabst zwei Botschaften, eine aus Dominikanern, die andere aus Franziskanern bestehend.
Beide brachen in demselben Jahre auf, die Dominikaner zogen der Richtung entgegen, aus welcher die türkischen Söldner über Syrien hergefallen und Jerusalem geplündert hatten; die andern durch die Steppen Rußlands und durch jenes große Völkerthor, aus welchem seit alter Zeit die beweglichen innerasiatischen Steppenhorden über die Kulturlandschaften des Westens ausgebrochen waren.
Beide Missionen zielten nach der Hauptstadt der Großchane, nach Karakorum, in der Nähe des Baikal. Die Dominikaner-Gesandtschaft bestand aus +Ascelin, Simon von St. Quentin+, +Alexander+ und +Albert+, mit denen sich auf der Reise noch +Andreas von Lonjumel+ und +Guichard von Cremona+ verbanden. Ascelin ging mit seinen Gefährten über See nach Syrien und drang durch Mesopotamien und Persien bis an die Grenze von Chowaresmien vor. Dort traf er mit dem Mongolengeneral +Batschu+ zusammen und wandte sich dann zur Rückkehr, so daß die ganze Reise nur 59 Tage währte. Alles was wir über diesen Zug wissen, beschränkt sich auf die Mittheilungen, welche der berühmte Vincentius von Beauvais, nach den Aussagen des Simon von St. Quentin, in sein ~Speculum historiale~ aufgenommen hat. Für die Erdkunde ist wenig Gewinn daraus geflossen.
Nur das Eine wissen wir, daß Andreas von Lonjumel seine Wanderung weiter fortsetzte und um 1248 oder 1249 wirklich nach Karakorum gelangt ist.
Die Franziskaner-Gesandtschaft bestand aus +Laurentius von Portugal, Benedict von Polen+ und +Giovanni Piano di Carpine+ (in französischer Form: Plan Carpin). Von letzterem rührt der ausführliche Reisebericht. Sie erhielten den Auftrag, durch Mitteleuropa zum +Batuchan+, dem Fürsten von Kiptschak zu gehen und auf ihrem Weiterzuge möglichst viel Erkundigung über die asiatischen Völker, namentlich über die Tataren einzuziehen. Ihr Creditiv war am 5. März 1245 in Lyon ausgestellt. Am Ostersonntage verließen sie diese Stadt und reisten in einem weiten nördlichen Bogen über Troyes, Lüttich, Cöln, Dresden nach Prag, besuchten den König Wenzel von Böhmen, der sich bei dem Herrannahen der Mongolen 1241 so außerordentlich thätig und umsichtig bewiesen und alle Nachbarfürsten rechtzeitig auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht hatte. Er konnte gewiß schon mancherlei Auskunft ertheilen. Von Prag wandten sie sich nach Breslau, wo Benedict sich mit ihnen vereinigte und gingen über Krakau nach Kijew.
Von hier zogen sie sich den Dnjepr hinab nach Canove (Kaniew) und erreichten daselbst die Grenze des Tatarenreiches, durch welches sie zum Hauptquartier Batuchans nach der Wolga weiter zogen. Hierbei lernen wir von ihnen die modernen Namen jener großen Ströme Nepere (Dnjepr), Don, Wolga und Jaik (Ural) kennen.
Batu versah sie mit sicherem Geleite nach der Hauptstadt Karakorum. Diese Reise nahm 3½ Monate in Anspruch und dauerte bis zum 22. Juli. Dabei machten sie die Bekanntschaft der Kangiten oder Kanglen (Petschenegen) östlich vom Uralflusse, ritten durch die Kirgisensteppen, berührten Omyl, eine von den Karachitanen gegründete Stadt, welche östlich vom Balchaschsee am Steppenflusse Emyl oder Jemil lag, der sich in den Alakul ergießt. Von hier wandten sie sich zum Kysylbasch oder Ulungursee, an dem zu jener Zeit die Naimanhorde ihre Weideplätze besaß, und erreichten Ende Juli die Residenz des Chagan, welcher damals ½ Tagereise von Karakorum weilte. Sie trafen zu einer sehr bewegten Zeit dort ein, +Kuyuk+, der Sohn Okkodais, war zum Großfürsten ausgerufen und aus ganz Asien trafen die Abgeordneten der dem Weltreich einverleibten Völker und Stämme, sowie der benachbarten Fürsten ein. Es waren an 4000 Gesandte zugegen, welche dem neuen Herrn ihre Huldigungen darbrachten und Tribut zahlten. Es war also für Piano di Carpine und seine Gefährten eine sehr günstige Gelegenheit, von allen Seiten Erkundigungen einzuziehen, aber Irrthum und Wahrheit mischen sich in seiner Darstellung ineinander; verwechselte er doch selbst das schwarze und kaspische Meer. Hier lernten die Missionare auch zuerst Chinesen kennen, welche ihnen ein mongolenähnliches Gesicht zeigten, wenn dasselbe auch nicht so breit war wie bei den Mongolen. Piano gedenkt in rühmlicher Erwähnung der guten Sitten der Chinesen und der Geschicklichkeit ihrer Handwerker.
Im Frühling des nächsten Jahres kehrten sie ziemlich auf demselben Wege zurück, trafen im Mai wieder bei Batuchan ein und vollendeten über Kijew ihre Reise nach Lyon. Piano di Carpine erstattete ausführlichen Bericht über die Sitten und Lebensweise der Tataren, über ihren Cultus und Staatsorganismus. Seine Mittheilungen werden ergänzt und vervollständigt durch die Angaben, welche nach den Erzählungen seines Genossen Benedict von Polen niedergeschrieben wurden. Die ganze Reise hatte etwa zwei Jahre gedauert.
Um dieselbe Zeit machten auch mehrere Mitglieder des königlichen Hauses von Armenien bedeutende Reisen nach dem innern Hochlande von Asien. Das damals noch selbständige Königreich von Klein-Armenien war, von den Seldschucken in Kleinasien und den ägyptischen Ehubiden eingeengt, auf den östlichen Theil der Südküste Kleinasiens beschränkt. Der König +Hayton+ oder +Hethum I.+ beschloß, um sich mit der immer näher drohenden mongolischen Macht friedlich abzufinden, seinen Bruder +Sempad+ oder Sinibald abzusenden, um den Großchan Kuyuk bei seiner Thronbesteigung ebenfalls zu begrüßen. Prinz Sempad war vier Jahre unterwegs. Ein Brief von ihm, wahrscheinlich von Samarkand aus an den König von Cypern gerichtet, ist uns erhalten. Darin wird erzählt, daß die mongolische Macht sich schon über fast ganz Asien ausgedehnt habe, und daß verschiedene Chane in Indien und China (Chata), in Kaschgar und Tauchat (Tangut) herrschen. Dieses letztere Land hielt Sempad für dasjenige, aus dem die drei Könige des Morgenlandes nach Bethlehem gekommen seien, um das Christkind anzubeten.
Acht Jahre später, 1254, machte sich +König Hayton+ selbst auf den Weg, und brachte dem Nachfolger Kuyuks, +Mangkukaan+ zu seiner Thronbesteigung seine Glückwünsche dar, um sich auch ferner ein gutes Einvernehmen mit den Mongolen zu sichern. Hayton schlug den Weg durch Kleinasien und Armenien ein, besuchte erst den mongolischen Heerführer Batschu (Batschu Noian) in +Kars+, wandte sich dann zum kaspischen Meere, umging den Kaukasus durch den Paß von Derbend und traf mit Batu und seinem Sohne +Sartasch+ an der Wolga zusammen. Von hier nahm der König einen etwas nördlicheren Weg als Piano di Carpine und der Sendling Ludwig des Heiligen, Rubruck, der mit ihm in demselben Jahre die weite Steppenreise nach Karakorum vollendete. In der mongolischen Residenz, wohin er am 13. September gelangte, ward ihm eine ehrenvolle Aufnahme zu Theil; nach einem Aufenthalte von 6 Wochen nahm er am 1. Nov. Abschied und kehrte auf dem südlichen Wege durch die Dsungarei, über Otrar, Samarkand und Bochara und weiter durch Nordpersien und Armenien in seine Heimat zurück. Hayton weiß manches Interessante über die Völker Ostasiens zu berichten, natürlich stehen die Chinesen (Chataier) in erster Reihe. Von ihrem Cultus weiß er, daß sie ein Götzenbild, namens Schakemonia (Sakya-Muni), d. h. also Buddha anbeten.
Endlich haben wir hier noch eines dritten Mitgliedes der königlichen Familie zu gedenken, des Prinzen +Hayton von Gorigos+, der auch durch politische und kriegerische Verhältnisse weit nach Osten geführt wurde, später nach einem bewegten Leben sich in ein Kloster auf Cypern zurückzog und von hier aus als Mönch dem Pabste Clemens V. in Avignon einen Besuch abstattete. Der Pabst verlieh ihm die Prämonstratenser Abtei in Poitiers. Dort dictirte er dem Nicolaus Salconi eine Geographie von Asien und eine Geschichte der Mongolenfürsten in französischer Sprache, worauf Salconi dieselbe 1307 ins Lateinische übersetzte. Es ist die erste systematische Geographie von Asien, die wir aus dem Mittelalter besitzen; und da dieselbe im Abendlande niedergeschrieben war, fand sie bald weitere Verbreitung, namentlich in den Klöstern, wo man sich für die Thaten der Ordensbrüder lebhaft interessirte. Der prinzliche Mönch beginnt mit China. Dieses erste Capitel darf als das wichtigste bezeichnet werden, wenn auch die Züge der Darstellung allgemein gehalten sind. Cathai ist danach das größte Reich der Welt, voll Volks und voll Reichthums und liegt am Gestade des Oceans, welcher mit unzähligen Inseln besäet ist. Die Chinesen sind überaus geschickt und verachten alle andern Nationen, welche an Kunstfertigkeit ihnen nachstehen. Darum behaupten sie auch, sie allein hätten zwei Augen, die Lateiner, das heißt die Völker des Abendlandes, besäßen nur +ein+ Auge und alle andern Nationen seien blind. Ihre Geschicklichkeit ist ganz erstaunlich und die Erzeugnisse ihres Gewerbfleißes sind bewunderungswürdig. Die Cathaier haben kleine Augen und von Natur keinen Bart. Ihre Schrift hat Hayton nicht verstanden, denn er meint, die chinesischen Buchstaben kämen an Schönheit der lateinischen Schrift gleich. Besser ist sein Urtheil über das religiöse Leben; treffend bemerkt er, die Chinesen hätten kein Verständniß für geistliche Dinge. Auch ihre Tapferkeit kann er nicht rühmen. Merkwürdig ist das Papiergeld, das mit dem rothen kaiserlichen Stempel versehen, überall im Lande cursirt und wenn es abgenutzt ist, in der Staatsbank gegen neues Papier eingewechselt wird.
Westlich von China liegt das Reich Tarse. Da dasselbe als von Uiguren bewohnt bezeichnet wird, so läßt sich die Localität mit ziemlicher Gewißheit angeben, wenn der Name auch noch nicht befriedigend erklärt ist. Tarse liegt zwischen China und Turkestan, demnach im Gebiet des Tarim. Hayton kennt die eigenthümliche uigurische Schrift, welche bei den Chinesen bereits seit dem 6. Jahrhundert Erwähnung gefunden, bewundert die großen Tempel im Lande und rühmt die Städte und die Fülle des Getreides. Weiter westwärts folgt das Hirtenland Turkestan und die von Wüsten umgebene Oase Chorasmien (Chiwa); sodann wird das kaspische Meer für den größten Landsee der Welt erklärt und ausdrücklich hervorgehoben, daß dasselbe keine Verbindung mit dem Ocean habe. Das Hauptland im südlichen Asien ist Indien; die dazu gehörigen Inseln sind reich an Edelgestein, Gold, Perlen und Specereien, besonders reich ist die Insel Selan (Ceylon).
Die Halbinselgestalt des Landes wird richtig angedeutet, auch ist dem Armenier bekannt, daß im südlichen Indien schwarze Menschen (Dravida) leben. Combaech (Cambaya) gilt als bedeutender Handelsplatz.
Auf die westlichen Länder Asiens richten wir den Blick nicht weiter; es genügt, zu zeigen, daß sich der Osten der alten Welt wenigstens in allgemeinen Zügen wieder zu entschleiern begann.
Bedeutender als alle bisher geschilderten Missionen war die Entsendung des Franziskaners +Wilhelm Rubruck+ nach Karakorum. Zwar wurden die bereits betretenen Gebiete wiederum durchstreift und somit räumlich keine namhafte Erweiterung der Erdkunde erzielt; allein der Werth liegt hier in dem vortrefflichen Reiseberichte, der an Schärfe der Beobachtung, Sicherheit des Urtheils und Treue der Darstellung, unbeirrt durch falsche Vorstellungen oder Vorurtheile, als die vollendetste Leistung mittelalterlicher Reiseberichte zu bezeichnen ist.
Die Veranlassung zu dieser erneuten Botschaft an den Hof der Mongolenfürsten gab der Kreuzzug Ludwig des Heiligen 1248-1254. Nach dem verhängnißvollen Feldzuge gegen Aegypten hatte sich der französische König nach Palästina gewendet. Hier beschloß er zwei Gesandtschaften zum Großchan abzuordnen, die auf verschiedenen Wegen durch Armenien, Persien und Turan einerseits und durch Südrußland und die Kirgisensteppe andererseits demselben Ziele zusteuerten. Die erste Sendung führte der Ordensbruder Andreas, von dessen Reise sich leider kein Bericht erhalten hat, die zweite ging unter Rubruck und Bartholomäus von Cremona ab.
Wilhelm von Rubruck (Ruysbruck, Rubruquis), gebürtig aus dem Dorfe Rubruck im Departement du Nord in Nordfrankreich, erhielt die Leitung und empfing die königlichen Briefe zu St. Jean d’Acre. Zunächst sollte er den tatarischen Fürsten +Sartasch+, der mit seiner Horde diesseits der Wolga lagerte, aufsuchen. In Palästina ging damals die Rede, Sartasch sei Christ. Ludwig der Heilige sprach in seinem Briefe den Wunsch aus, die Lehre Christi weiter in Asien verbreitet zu sehen. Rubruck schiffte sich im Frühling 1253 in St. Jean d’Acre ein nach Konstantinopel, segelte über das schwarze Meer und landete im Hafen Soldaia (jetzt Sudak) an der Südküste der Krim, südwestlich von Kaffa. Das war der gewöhnliche Ausgangspunkt abendländischer Kaufleute, welche mit den unter mongolischer Herrschaft stehenden Ländern verkehrten. Hier bot sich darum die beste Gelegenheit, die geeigneten Vorbereitungen zu einer längeren Steppenreise zu treffen. Auf Anrathen der Kaufleute kaufte sich Rubruck hier vier von Ochsen gezogene, gedeckte Reisewagen für sein Gepäck, für Vorräthe und Geschenke. Auf diese Weise, hieß es, sei er der Mühe überhoben, die Lastthiere alle Morgen beladen und alle Abend entlasten zu müssen. Allerdings erforderte auf diese Art die Reise die doppelte Zeit, um nach Sartasch zu kommen, nämlich zwei Monate statt eines.
Am 1. Juni brach die Karawane auf, die Reisenden selbst mit ihren Dienern zu Pferde, unter den letzteren ein Turkomane als Dolmetscher.
Eine Wahrnehmung, welche Rubruck noch an der Südküste der Krim machte, hat ethnologisches Interesse. Damals lebten an jenem malerischen Strande noch Gothen, welche auch ihre Sprache noch beibehalten hatten. Rubruck selbst, von der Grenze germanischer Zunge stammend, hat sicher ganz recht gehört, wenn er die Sprache jener Gothen teutonisch nennt. Der germanische Laut scheint erst im 18. Jahrhundert dort gänzlich verstummt zu sein. Ueber das wald- und wasserreiche Gebirge und eine weite Steppe kamen die Sendboten des heiligen Ludwig in 5 Tagen zur Landenge von Perekop. In der Steppe erschienen die ersten Tataren. Ihre Lebensweise, die Einrichtung der Zelte, die Theilung der Arbeit zwischen Männern und Frauen werden genau beschrieben. Wir lernen als Lieblingsgetränk der Nomaden den Reisbranntwein und Cosmos (Kumis) kennen. Trachten, Sitten und Gebräuche werden eingehend geschildert und geben ein gelungenes ethnologisches Gemälde. Die Fahrt ging weiter ums asowsche Meer herum über ein tafelgleiches Land, ohne Wald, ohne Berg, aber dicht begrünt. Der Don gilt unserm Gewährsmann noch als die Grenze zwischen Asien und Europa. Der Strom war an der Fähre etwa so breit, wie die Seine bei Paris. Von hier bis zur Wolga rechnete man 10 starke Tagereisen. Am letzten Juli langten sie in der Residenz des Sartasch an. Weiter nach Norden war das Land waldreich und von Flüssen durchzogen. Dort wohnte in Holzhäusern das Volk der Moxel oder Maxel und noch weiter nordwärts die Merdas (Mordwinen).
Das Lager des Sartasch lag damals nach drei Tagereisen diesseit der Wolga. Hier hörte Rubruck schon die Sage vom Priesterkönig Johannes, den er in der Gestalt des Bruders des Unkchan der Naimanhorde zu erkennen glaubt. Von Sartasch zogen sie weiter zur Wolga; dieselbe erschien 4mal so breit als die Seine bei Paris. Rubruck erfuhr, daß der Strom sich nicht in den Ocean, sondern in das Meer von Sirsan (Dschorschan) d. i. das kaspische Meer ergieße. Unter letzterem Namen, fügt Rubruck hinzu, kennt es Isidor von Sevilla. Isidor galt also im 13. Jahrhundert noch als geographische Autorität.
Es ist für die Geschichte der Erdkunde von Bedeutung, daß Rubruck mit großer Sicherheit einen Irrthum Isidors berichtet, wonach das kaspische Meer ein Meerbusen des nördlichen Eismeers sein solle, ein Irrthum, dem bekanntlich im Alterthum alle Geographen zwischen Aristoteles und Ptolemäus, also auch Strabo, verfallen waren. „Bruder Andreas hat zwei Seiten dieses Meeres umzogen, im Osten und Süden, und ich habe die beiden andern Ufer umwandert,“ setzt Rubruck hinzu, um seine Ansicht zu erhärten. Auch gibt er getreu die umwohnenden Völker an, erwähnt, daß man im O., S. und W. Gebirge finde, nur im Norden nicht; und trotzdem konnte der alte Wahn von der Meerbusengestalt dieses Sees sich noch bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts wieder beleben.
Der Hof und das Lager Batuchans machte auf die Reisenden den Eindruck einer großen Stadt, da sich die Zelte der Tataren einige Meilen weit hinzogen. Bei der Audienz, die ihnen Batu gewährte, verlangten die Hofleute, die Mönche sollten, wie es alle Gesandten zu thun pflegten, die Knie beugen. Trotzdem traten sie aufrechten Ganges ein und sangen das Miserere. Als man ihnen aber alles Ernstes bedeutete, sie hätten niederzuknien, folgten sie zwar dem Gebote, um weiter keine Schwierigkeiten zu bereiten, brauchten aber die List, statt mit einer Anrede an Batu mit einem Gebete zu beginnen, so daß sie sich einreden durften, sie hätten sich vor Gott, aber nicht vor Menschen gebeugt. Danach hieß der Mongole sie aufstehen, fragte nach dem Zwecke ihrer Reise und ließ ihnen zum Zeichen seiner besonderen Gunst Milch zu trinken reichen. Dann erhielten sie die Erlaubniß mitzuziehen, denn Batu brach sein Lager bald ab und zog nomadisirend 5 Wochen an der Wolga hin. Erst am 16. September erfolgte ihr neuer Aufbruch nach Osten. Ihre Priesterornate ließen sie zurück und kleideten sich für die winterliche Reise in die landesübliche Pelztracht. Auch die Wagen blieben zurück und die Weiterreise wurde zu Pferde gemacht. Nach zwölf Tagen kamen sie von der Wolga an den Fluß Jagat (Jaik, i. e. Ural), welcher im Norden, im Lande der Pascatir (Baschkiren) entspringt. Dieses Volk redete die nämliche Sprache wie die Ungarn. Diese und andere Mittheilungen erhielt Rubruck von Predigermönchen, die bis zu diesem Hirtenvolke vorgedrungen waren. Täglich wurde nun eine Strecke zurückgelegt, wie zwischen Paris und Orleans, zuweilen auch noch mehr; denn sie erhielten gute Pferde und wechselten dieselben wohl auch, wenn sie ein Lager trafen, zwei bis drei Mal. Dafür mußte der officielle Begleiter sorgen, den ihnen Batu mitgegeben hatte; für Rubruck suchte man stets das stärkste Reitthier aus, weil er sehr schwer und wohlbeleibt war. „Was wir da an Hunger und Durst, Kälte und Erschöpfung gelitten haben,“ ruft er aus, „läßt sich nicht beschreiben. Nur des Abends gab es eine ordentliche Mahlzeit, am Morgen dagegen nur Hirse und Milch.“ Und trotz alledem fasteten die beiden Geistlichen noch alle Freitage bis zur Nacht.
Die Natur des Landes blieb sich lange Zeit gleich, immer derselbe Steppenboden, nur hie und da an den Flußrändern von kleinen Gehölzen unterbrochen.
Am Tage vor Allerheiligen schlug man eine südliche Richtung und ritt 8 Tage durch hohe Gebirge. Der Winter hatte schon seit Michaelis seinen Einzug gehalten, und sie reisten immer nur über Eis.
Aus den allgemein gehaltenen Angaben der Reiseroute dürfen wir schließen, daß der Weg durch die Kirghisensteppe nach Südosten führte und daß man vom östlichen Ufer des Sir Darja, den man nicht zu Gesicht bekam, den Karatau überstieg und in das Thal des Talas gelangte. Hier lag in der gut bewässerten und gartenähnlich angebauten Ebene damals der mohammedanische Ort Kenschak, wo sie nach Landessitte von dem Haupte der Stadt als Abgesandte Batus empfangen wurden. Nach der Stadt Talas selbst kamen sie nicht, dieselbe lag weiter südlich und sollte, nach eingezogenen Erkundigungen, noch aus Deutschland fortgeschleppte Gefangene bergen.
Jenseits Talas begann das Reich Mangkukaans. Nachdem noch ein Gebirge überstiegen war, kamen sie wieder in eine große Thalebene; über den Tschu mußten sie in Böten übersetzen und betraten darauf die von persisch redenden Mohammedanern (also von Tädschick) bewohnte Stadt Equius, welche dem heutigen Tokmak gegenüber gelegen haben wird. Dann wurden die Ausläufer der südlichen Hochgebirge, die Mainakkette, traversirt und es folgte das dritte Thalbecken, das des Ili-Flusses. Die von vielen Bächen durchzogene Ebene war im Norden von einem großen See (dem Balchaschsee) begrenzt. Hier in dieser fruchtbaren Ebene erhoben sich einst zahlreiche Ortschaften, aber sie waren durch die Mongolen größtentheils zerstört, welche die Triften nur als Weidegrund benutzten. In Cailac (Kayalik der mongolischen Schriftsteller, wahrscheinlich nahe bei Kopal, am Fuße des Dsungarischen Alatau) war den Reisenden endlich eine Rast von 12 Tagen gegönnt. Am St. Andreastage, 30. Nov., brachen sie wieder auf, wurden am Alakul von einem jener furchtbaren Winterstürme, welche über die Steppen fegen, überfallen, zogen wahrscheinlich über das Tarbagataigebirge weiter ins Thal des obern Irtysch und von da am Dsabgan aufwärts. Der Weg wurde öder, mühsamer, die Gegend steril, das Futter für die Thiere seltener. Die einzige Bevölkerung der mongolischen Hochebene bestand hier aus den an der großen Weglinie stationirten Leuten, welche für die Weiterbeförderung der Gesandten und fürstlichen Boten zu sorgen hatten. Am 26. December trafen sie in einer meergleichen Ebene auf das Lager Mangkukaans, am 4. Januar 1255 hatten sie die erste Audienz beim Großfürsten. Auch hier wieder begegneten sie noch einzelnen Europäern, die von der großen mongolischen Flut bis in diese entfernten Lande verschlagen waren: so einer aus Metz gebürtigen Frau, die aus Ungarn geraubt, sich hier mit einem russischen Handwerker verheiratet hatte, und einen geschickten Goldschmied, Wilhelm Buchier aus Paris.
Am Sonntag vor Himmelfahrt kamen sie mit der Wanderhorde zur Residenz Karakorum. Dieselbe machte, mit Ausnahme des Palastes, nur einen unbedeutenden Eindruck; Ort und Kloster St. Denis bei Paris erschien im Vergleich mit Karakorum, weitaus bedeutender. Doch gab es 12 Götzentempel, 2 Moscheen und eine Kirche, ein Zeichen der religiösen Indifferenz der Mongolen. Tataren, Sarazenen und Chinesen waren in der von einem Erdwall umgebenen Stadt ansässig.
Mangku übergab den Priestern ein Antwortschreiben an den König von Frankreich. Er bezeichnete sich darin als den Herrn der Erde an Gottes Statt und forderte die Franzosen auf, ihm zu huldigen, wenn sie vor ihm in Frieden leben wollten.
Bartholomäus von Cremona mußte dort bleiben, es gab ja auch in Karakorum eine kleine christliche Gemeinde und die Franziskaner hatten Gelegenheit gehabt, sechs Seelen zu taufen, darunter befanden sich drei Kinder eines armen Deutschen.
Im Sommer 1255 kehrte Rubruck mit dem Dolmetscher allein zurück. Sie schlugen diesmal einen etwas nördlicheren Weg ein, so daß der Balchaschsee ihnen zur rechten Hand blieb, berührten nicht eine einzige Stadt und vollendeten die Reise bis zu Batuchan in zwei Monaten und sechs Tagen. Einen ganzen Monat zogen sie dann mit der Wanderhorde Batus umher, ehe sie einen Führer erhielten, und konnten erst 14 Tage vor Allerheiligen, also in der Mitte des October nach Sarai aufbrechen. Zu Schiffe setzten sie dort über die Wolga und wandten sich dann nach Süden um das westliche Ufer des kaspischen Sees herum nach dem Gebirge der Alanen, d. h. nach dem Kaukasus. Durch das eiserne Thor von Derbend, das Hochgebirge zur Rechten lassend, kam Rubruck über Schemacha in die Mogansteppe, überschritt den Kur am Einflusse des Aras und zog an diesem Strome aufwärts nach Naxua (Nachitschewan) und am Ararat vorbei nach Etschmiadzin. Der durch die Sündflutsage ehrwürdige Berg mit seinem Doppelgipfel hat von jeher auf die christlichen Reisenden einen gewaltigen Eindruck gemacht. Auch Rubruck weiß den Legendenkranz um ein Blatt zu vermehren. Viele Reisende haben den Berg zu ersteigen gesucht, aber stets vergebens. Nun hatte auch ein Mönch in dem nahen Kloster ein heftiges Verlangen, den Gipfel zu erreichen, um womöglich die Arche Noah zu entdecken, welche nach dem allgemeinen Glauben noch auf der Höhe des Gebirges liegen sollte. Da aber ein menschlicher Fuß diese weihevolle Stätte nicht betreten durfte, so habe ein Engel dem frommen Mönche ein Stück von dem Holze der Arche herabgebracht. Dieses Holz sah Rubruck als besonders werthvolle Reliquie im Kloster aufbewahrt. Bekanntlich wird dasselbe gegenwärtig noch gezeigt.
Von Etschmiadzin ging die Wanderung weiter über Ani, die alte, 1319 durch ein Erdbeben zerstörte armenische Königsstadt am Arpatschai, einem Nebenflusse des Aras, und über Ersirum am Euphratthale hinab nach Ersingan und Kamach, einer von der Natur gebildeten Felsenburg, nach Sebaste (Siwas), Cäsarea (Kaisarie) und Iconium. Hier traf Rubruck einen genuesischen Kaufmann, in dessen Begleitung er nach Süden zur Küste wanderte und im kleinen Hafenorte Kurch, dem westlichsten Orte des Königreichs Armenien, das mittelländische Meer erreichte. Ueber Cypern, Antiochia und Tripolis vollendete Rubruck seine mühevolle mehrjährige Reise nach dem Kloster in Akkon, wo er um Pfingsten 1256 anlangte.
Vergleicht man die Reiselinie Rubrucks mit derjenigen Piano’s, so scheint der Gewinn für die Erdkunde nicht sehr wesentlich; allein wir müssen die Erkundigungen und Beobachtungen mit berücksichtigen, wenn wir dem Verdienst Rubrucks vollständig gerecht werden wollen. Zunächst die Erscheinungen der physischen Geographie. Von dem Augenblicke an, wo er den Uralfluß überschritten hatte, traf er auf keinen Fluß mehr, welcher, wie Don, Wolga, Ural die südliche Richtung einschlug. Seitdem der Karatau überstiegen war, folgten die Flußläufe in ununterbrochener Folge der Richtung nach Nordwest: Talas, Tschu, Ili, Irtysch u. s. w. bis nach Karakorum. Der Weg führte über eine Reihe von Gebirgsketten und dann wieder eine Zeitlang an den Flüssen aufwärts: aus alledem schloß Rubruck mit Recht, daß Asien nach Osten, oder genauer nach Südosten, sich zu einem mächtigen Hochlande erhebe. Es ist dies im Mittelalter die erste Andeutung der Erkenntniß des innerasiatischen Plateaus. Im Gegensatz zu den furchtbaren Schneestürmen in der niedrigen turanischen Steppe, verlief auf dem Hochlande von Karakorum der Winter ohne Stürme, aber der Frost, mit wenig Schnee, dauerte bis in den Mai.
Durch sorgfältige Erkundigungen war Rubruck ferner in den Stand gesetzt, die Länder- und Völkergruppirungen in einem großen Theile Asiens in allgemeinen Zügen anzugeben. Nordwärts drang sein forschender Blick im europäischen Tieflande bis zu den Wohnsitzen der Russen, Wolgabulgaren und Baschkiren und weiter östlich in Sibirien bis zu den Kirghisen, die damals zwischen der oberen Tunguska und dem Jenisseï saßen. Er weiß von den polaren Völkern, daß sie mit Hundeschlitten und Schneeschuhen fahren, daß wegen der Kälte die mächtigen Schneemassen nicht mehr schmelzen; aber das Ende des Polarlandes im Norden, die Begrenzung Nordasiens durch ein Eismeer kennt er nicht. Dagegen gibt er mit Bestimmtheit an, daß Cathai gegen Osten an das Weltmeer reicht. Die Wohnsitze der Caule (Kaoli, Korea) und Manse (Mantschu) hält er aber noch für Inseln. Er spricht die Vermuthung aus, daß die Serer des Alterthums identisch seien mit den Cathaiern und charakterisirt ihre mit einem Pinsel gemalte Schrift unter allen Reisenden jener Zeit am treffendsten, wenn er sagt, ein einziges Schriftzeichen begreife mehrere Buchstaben in sich und drücke ein ganzes Wort aus, bei der Aussprache habe das Chinesische einen näselnden Ton. Auch die Schreibweise der Tibetaner, Tanguten, Uiguren faßt er in ihrem Unterschiede von der abendländischen Schrift richtig auf. Ueber den Glauben, die Sitten und Gebräuche dieser Völker fließen seine Beobachtungen mit ein, wie er auch der Zucht der Yakochsen ausführlich gedenkt; unverkennbar tritt das Bestreben hervor, die Fülle neuer Eindrücke ruhig zu prüfen und mit den Nachrichten der alten Schriftsteller zu vergleichen, beziehentlich dieselben zu verbessern.
4. Die Handelsreisen der Poli.
Einen noch größeren Erfolg als die Glaubensboten erzielten die Kaufleute in der Aufschließung des fernsten Orients. Daß hierbei vorherrschend Italiener thätig waren, erklärt sich aus der Entwickelung des Handels am Mittelmeer. Als nach dem Falle des weströmischen Reiches der Seeverkehr eine Zeit lang ganz darniedergelegen, traten die ersten Regungen in Beziehungen mit Byzanz unter dem Gothen Theodorich wieder hervor, der in der Hauptstadt des oströmischen Reiches erzogen war und die byzantinische Pracht und Kunst liebte. So entstanden von seiner Hauptstadt Ravenna aus die ersten Handelsverbindungen mit dem Osten, die aber in den Gothenkriegen unter den Nachfolgern Theodorichs wieder erstarben. Neue Keime bildeten sich bei dem völligen Zerfall einer einheitlichen Macht in Italien erst seit dem neunten Jahrhundert in einigen freien Städten und zwar zunächst in Amalfi am Golf von Salerno. Die Amalfitaner verfügten über eine ziemlich beträchtliche Flotte, besuchten Aegypten und Palästina, ja sie besaßen sogar ihre eignen Quartiere in Konstantinopel. Ihre Seegesetze (~Tabula Amalphitana~) erwarben sich allgemeine Geltung bei allen Schiffahrt treibenden Städten am Mittelmeer. Aber die Blüte Amalfis währte nur kurze Zeit; unfähig, auf den steilen Felsstufen sich auszudehnen und zu erstarken in Volkszahl, erlag die Stadt der mächtigen Rivalin Pisa. Pisa, Genua, Venedig rangen um die Wette, gewannen durch die Kreuzzüge einen ungeahnten Aufschwung und konnten sich so zuerst in den Ländern der Levante festsetzen. Im 12. Jahrhundert legten die Venetianer in den Häfen Syriens Factoreien an. Aber die Verbindung mit Indien, die bisher ihren natürlichen Weg übers rothe Meer und Aegypten gefunden hatte, erlitt seit der Eroberung des Nillandes durch Saladin um 1171 einen plötzlichen Abbruch. Die abendländischen Kaufleute suchten in Folge dessen einen andern Weg ins Morgenland, sie steuerten über das schwarze Meer zum Don, wo der Hafenplatz Tana aufblühte und reisten von hier zu Land nach Astrachan und durch die Steppen nach Inner-Asien. Auch der Hafenplatz +Sudak+ in der Krim (Soldaja, Saldachia, Sugdaia, Sodaja) blühte auf mit seiner fast ausschließlich christlichen Bevölkerung. Ibn Baluta bezeichnete diesen Hafen als einen der schönsten der Welt. Griechische und italienische Handelsfamilien waren hier ansässig.
Ein anderer Weg nach dem Orient nahm seinen Anfang an der nordsyrischen Küste, in der Nachbarschaft des christlichen Königreiches von Kleinarmenien, welches den Abendländern sich stets gastfreundlich erwies. Vom Mittelmeer her landeten die Reisenden in Lajazzo (Layas), einem vortrefflichen Hafen, der neben den Trümmern des alten Aegae sich erhob und auf der Seeseite durch zwei Citadellen gedeckt war.
Als durch den lateinischen Kreuzzug 1204 Byzanz in die Gewalt der Venetianer fiel, wußten diese den Handelsweg über das schwarze Meer zu monopolisiren und schlossen die Nebenbuhlerin Genua vom Markte aus. Aber diese Handelspolitik rächte sich, als 1261 die Genuesen dem Paläologen Michael III. wieder den Thron in Byzanz verschafften und zum Dank dafür die Vorstädte Pera und Galata erhielten, welche sich zu genuesischen Städten umgestalteten. Nun besaßen sie den Schlüssel zum schwarzen Meere und verdrängten die Venetianer, welche wieder auf den südlichen Weg über Lajazzo angewiesen waren.
Dieser Herrschaftswechsel spricht sich auch in den verschiedenen Handelswegen aus, welche die venetianischen Kaufleute, die Gebrüder Poli einschlugen, um nach dem Innern Asiens zu gelangen. Die +Poli+ gehörten zu den Patriziern, denn in Venedig nahm auch die Aristokratie an den Handelsunternehmungen Theil.
+Stammbaum der Familie+:
Andrea Polo von San Felice | +--------------------------+-------------------+ | | | Marco der ältere Nicolo Maffeo (Matthäus) | | +---+---+ +-------+-------+ | | | | Nicolo, Maroca +Marco+, der Reisende, Maffeo.
Marco der ältere scheint eine Zeit lang in Konstantinopel etablirt gewesen zu sein und ein Haus in Soldaia besessen zu haben. Seine Brüder Nicolo und Maffeo unternahmen ihre erste Reise nach Konstantinopel im Jahre 1260, kauften hier byzantinisches Geschmeide ein, welches unter den Mongolen sehr geschätzt war und tauschten außerdem ihre venetianischen Waaren gegen Edelsteine um. Ihre Absicht war, zunächst den Fürsten von Kiptschack zu besuchen.
Damals regierte von 1257-1265 +Barka+ (Berke, Berekeh), ein Enkel des Tschingiskaan, welcher theils in Sarai, theils in Bolgar residirte. Die nördliche Residenz lag bei dem jetzigen Dorfe Bolgari, südlich von Kasan an der Wolga; die südliche, Sarai, war von Batu, dem Bruder Barkas, an einem Arme der unteren Wolga, östlich von Zaritzyn gegründet, und wurde schon 1395 von Timur wieder zerstört.
Als sie Bolgar verlassen wollten, brach ein Krieg zwischen Barka und seinem Vetter +Hulagu+ (+Hulaku, Alau+) von Persien aus. Dadurch wurde ihnen der Rückweg abgeschnitten, sie kamen an der Wolga abwärts nur bis Ucaca, südlich von Saratov, gingen hier über den Strom und nach Südosten durch die Steppen, setzten über den Uralfluß (bei Polo Tigris genannt) und gelangten wahrscheinlich über Urgendsch (Chiva) nach Bochara. Hier hielten sie sich des Handels wegen drei Jahre auf, machten sich mit den Sitten der Tataren bekannt, erlernten deren Sprache und beschlossen dann, mit einer tatarischen Gesandtschaft, welche von Persien nach China ging und sie zur Begleitung einlud, zum Mongolen-Kaan Kublai zu reisen. Der Großfürst nahm sie freundlich auf und gab ihnen dann bei der Heimkehr einen Gesandten an den Pabst mit, um sich für den Orient wissenschaftliche Lehrer der sieben freien Künste zu erbitten. Aber der kaiserliche Gesandte blieb auf der Reise krank zurück und die Gebrüder Poli kehrten 1269 allein in die Heimat und das Gestade des Mittelmeeres zurück, das sie bei Lajazzo erreichten. In Ptolemais (Acre) erfuhren sie, daß der Pabst Clemens IV. gestorben sei. Sie richteten ihren Auftrag daher zunächst an den päbstlichen Legaten Theobald (Tebaldo) von Piacenza aus.
Die Vacanz in Rom dauerte über zwei Jahre; inzwischen gingen die Poli nach Venedig und rüsteten sich dann zur zweiten Reise nach Asien, auf welcher sie der Sohn Nicolos, +Marco Polo+, welcher 1254 geboren war, begleiten sollte. Da die Pabstwahl sich immer noch verzögerte, so schien es, als sollten sie ohne päbstliches Antwortschreiben ihre Wanderung antreten. Weil seit 1261 die Handelslinie über das schwarze Meer, welche sie auf der ersten Reise eingeschlagen, gesperrt war, kehrten sie zunächst nach Palästina zurück, und nahmen für den Kaan Oel aus der heiligen Lampe am heiligen Grabe in Jerusalem mit und fuhren von da nach Lajazzo. Hier erfuhren sie, daß der Legat Theobald am 1. September 1271 als +Gregor+ X. zum Pabste erwählt worden sei. Derselbe rief sie nach Acre zurück, übergab ihnen Briefe an den mongolischen Großfürsten und entsendete zwei Dominikaner, Nicolaus von Vicenza und Wilhelm von Tripolis (in Syrien) nach dem Wunsche Kublais. Da aber in Folge eines Krieges, welcher zwischen dem Könige von Armenien und dem Sultan von Babylon ausbrach, der Weg unsicher gemacht war, so blieben die beiden Predigermönche bereits in Armenien zurück. So zogen die Poli wiederum allein. Ihren Ausgang nahmen sie von Lajazzo, von wo sie im November 1271 ins Innere aufbrachen. Den Bericht über diese zweite große Reise, welche 24 Jahre währte, verdanken wir dem jüngeren, +Marco Polo+, welcher sich dadurch um die Erweiterung der geographischen Erkenntnisse des Orients unsterbliches Verdienst erworben und den Ruf des berühmtesten abendländischen Landreisenden im Mittelalter gewann.
Die Feststellung des Reiseweges, den er mit Vater und Oheim und in China zu Zeiten allein eingeschlagen, wird in mancher Beziehung erschwert, theils in Folge zu allgemein gehaltener Angaben, theils weil sich die vielfach verstümmelten Ortsnamen nur schwer identificiren lassen. Doch ist gegenwärtig durch die vorzüglichen Arbeiten Pauthier’s[23] und Yule’s[24] über Marco Polo und die durch von Richthofen in Bezug auf China gegebene Ergänzung die Möglichkeit geboten, in den wesentlichen Momenten dem großen Reisenden folgen zu können.
Von Lajazzo am issischen Golf ging die Route zunächst durch Klein-Armenien und Kleinasien wahrscheinlich über Kaisarie, Siwas, Arzingan und Musch, also denselben Weg, den Rubruck auf seiner Rückreise von Karakorum aus eingeschlagen hatte. Weiterhin erwähnt Polo den hohen mit ewigem Schnee bedeckten Berg, auf dem die unnahbare Arche Noahs ruhte; dann wandten sich die Reisenden südwärts nach Mardin und durch das Gebirge der räuberischen Kurden nach Mossul und Baudas (Bagdad). Den Fluß hinunter erreichte man in 18 Tagen Basra, von wo die Seefahrt begann, welche sie an Kisch (Kisi) vorüber nach Ormuz brachte. Die Insel und Hafenstadt Kisch (jetzt Ghes genannt) war lange Zeit ein Haupthandelsemporium, sie war gut bewaldet und mit frischem Wasser versehen. Polo scheint die Stadt nicht besucht zu haben, denn seine Angaben darüber klingen sehr dunkel. Die Ruinen der längst untergegangenen Stadt liegen an der Nordseite der Insel.
Hier beginnen die Schwierigkeiten, den Weg Polos zu fixiren, sich zu mehren. Marco Polo beschreibt uns nämlich den +Ab+stieg vom Hochlande des inneren Iran zur Küste von Ormuz, während wir einen +Auf+stieg erwarten. Wir können nur annehmen, daß Polo uns einen zweiten Besuch des Hafens während der Heimkehr erzählt. Die Stadt lag damals noch auf dem festen Lande, wurde aber um 1300 durch feindliche Ueberfälle gezwungen, sich auf die Insel zurückzuziehen, wo dieses Emporium eine zweite Blüte erlebte. Die Ruinen von Alt-Ormuz liegen im District von Minao, wo auch Spuren eines langen Hafendammes gefunden sind. Die Landschaft selbst hieß Hormuzdia, woraus unser Reisender Formosa machte. Um eine Probe der Erzählungsweise Polos zu geben, schalte ich hier seine Wanderung nach Ormuz ein, welche ich, um ihr die alterthümliche Färbung zu bewahren, aus einer der ersten deutschen Uebersetzungen entlehne.[25]
„+Von dem lustigen veld vnd von der statt Cormos.+“
„Die eben do von yetzt gesagt ist, herstreckt sich jnn die funff tagreisen, vnd do sie ein end hat, do hebt der weg an vnder sich zu gohn, vnnd mus man bis jnn die zwentzig meilen stetzs vndersich gohn. Das ist ein vast böser weg, vnd vmb der rauber willen vnsicher. Zu letst kompt man zu eim vberaus hupschen veldt, das ist zwo tagreisen lang, vnd heisset das orth die schöne.“[26] „Jnn disem land seind vil wasser bäch, vnd palmen beum. Es seind auch mangerley vögel mit hauffen do, zuvor papageyen, die disseit des Meeres nicht funden werden. Von dannen kompt man zu dem meer Crean (verdruckt statt Ocean), do ligt am gestaden die statt Cormos, die hat ein guten port, do viel Kaufleut zusammen kommen, die bringen aus India specerey, berlin, edelgestein, gewant von seiden vnd gulden stucken, zeen von helffanten, sambt andern köstlichem ding. Dis ist ein königliche stadt, vnd hatt viel stett vnd schlösser vnder jr. Die landtschafft aber an jr selbs ist heis vnnd schwach. So ein frembder kauffman do stirbt, so nimbt der König als sein gut. Jnn disem landt macht man wein aus dateln vn̄ vō andern köstlichen specereiē, die sein aber nit gwont sind vn̄ erst anhebē zu trincken, den bewegt er dē bauchflus, aber die sein gewont sind, die werden seer feyst douō. Die jnwoner dises lands essen kein weitzen brot, auch kein fleisch, sunder datteln, ziblen vn̄ gesaltzen fisch. Sie haben schiff die sind nit vast sicher, dan̄ sie hefftens nit mit eisen neglen, sunder mit hültzen neglen vnd fedemen, die sind aus rinden gemacht der yndischen nus, die rinde bereit man wie leder, daraus schnidt man darnach fedem, vn̄ aus den fedemen macht man starke seyl, die den gewalt des wassers dulden mögen. Jedes schiff hat nit mehr dann einen mast, ein segel, ein leytruder, vnd ein Decke.“
„Man schmiert sie auch nit mit Bech, sunder mit vischschmalz. So sie dan̄ jnn Jndiam farend vnnd pferd oder andere war mit jnen füren, so verlieren sie vil schiff, dan̄ das selb meer ist vast vngestüm, vnd sind die schiff nit mit eisen verwart. Die jnwoner dieses lands sind schwartz, vn̄ Machumets gsatz vnderworffen. Jm sommer so es vast heis wurt, so wonē sie nit in den stetten, sunder jn wol gewesserten gärten auswendig der stett, do leyten sie das wasser mit düncheln hin und her, doselbst wonen sie, vnd empfliehē der hitz ein wenig. Es geschieht auch etwan, das ein heisser brenner windt von einer wüsteney kompt, do nichts dann sandt ist, der wehet so stark, das so die leut nicht balde flühen, so hersteckte er sie alle mit der hitz.“
„So bald sie prüfen, dz sich derselb wind erhebt so fliehen sie eilend zum wasser, darin erhalten sie sich, bis der windt vberget, also entwichen sie dem brunst den der sand bringt. Sie seehen jnn disem land jm Wintermonat, vn̄ jm Mertzen ernden sie, dan̄ sind auch andere frücht zeittig abzulesen, dan̄ nach dem Mertzen verdorren alle beum am laub vnd gras, vnd findt man den gantzen summer kein grien blat, es sey dan̄ an den wassern. Es ist ein gewonheit jnn disem land, wan̄ ein hausvater stirbt, so beweint jn sein weib vier jar lang allen tag zu eyner bestimbten zeit. Es samlen sich auch des abgestorbenen, gesipte frund jnn sein haus, sambt allen seinen nachbauren, die heulen vnd weynen, vnd machen bittere klagen do.“
* * * * *
Das innere Persien war den Abendländern erst seit der Mongoleninvasion geöffnet. Polo hat es auf dem Hin- und Herwege durchkreuzt. Von Ormuz reitet man 17 Tage über das Gebirge nach Kerman. Der Weg, den die Reisenden machten, entspricht so ziemlich der Route des englischen Major Smith 1866. Von Kerman aus mußte man in nördlicher Richtung die Wüste Lut durchschneiden, in welcher man nur bitteres und salziges Wasser findet. Die von Polo weiterhin genannte Stadt Cobinan dürfte wohl mit der Landschaft Kuh-banan identisch sein. An den nordpersischen Gebirgen wandte er sich ostwärts nach Balch. Hier war damals die Ostgrenze des persischen Reichs.
Diese Stadt war von den Mongolen zerstört, welche auch noch andere volkreiche Plätze im Gebiet des obern Oxus von der Erde vertilgt hatten. In Kunduz, der weiter östlich gelegenen Landschaft, betreten wir die Stufenländer des gewaltigsten aller Hochländer auf der Erde. Es werden noch die Orte Taican (d. h. Talikhan) und Casem (d. i. Kischm, jetzt südlich von der gewöhnlichen Karawanenroute) genannt, und wir gelangen weiter in das Hochgebirgsgebiet von Badachschan. Diese Landschaft lehnt sich im Süden an die Schneekette des Hindukusch, im Osten an den Steilrand der Pamir, der grasigen Hochthäler an den Quellenbächen des Oxus. Die Straße, welche Polo zog, um nach den tiefgelegenen Städten Yarkend und Kaschgar zu gelangen, ist in neuerer Zeit, was den westlichen Theil betrifft, zuerst von dem englischen Reisenden Wood 1838 wieder betreten, während die östlichen Hochpässe über die Pamirsteppen von einem Theil der von Indien nach Kaschgar beorderten englischen Mission unter Douglas Forsyth 1873 zum ersten Male in neuerer Zeit überschritten sind. Die Landschaft Badachschan war ehedem berühmt durch ihren Reichthum an Edelsteinen, namentlich Rubinen. Die Hauptfundgruben liegen am Panjah- oder Hamunflusse (d. i. Amu) in dem früher blühenden und volkreichen Districte von Gharan. Jetzt ist das Thal mit Dorfruinen besäet. Die 16 englische Meilen nördlich von dem kleinen Dorfe Barschar gelegenen Rubingruben, welche eine Quelle des Reichthums für die Herrscher von Badachschan abgaben, sind nahezu erschöpft. Im Jahre 1873 waren nur noch 30 Arbeiter dort beschäftigt. Im Süden Badachschans, am Fuß des Hindukusch, war die Fundstätte eines andern hochgeschätzten Steines, des Lasursteines oder Lapis Lazuli, welcher im Abendlande nach der Landschaft Badachschan oder Balakschan benannt wurde; Marco Polo schreibt Balaciam. Albertus Magnus kennt den Stein unter dem Namen Balagius, Dante als Balascio. Wood hat diese Fundstätten besucht. Polo rühmt hier zu Lande auch die berühmte Pferdezucht, welche noch gegenwärtig in Blüte steht. In der reinen Luft der Hochgebirgsthäler genas unser Reisender auch von dem Fieber, das er sich in Persien zugezogen und das ihn Jahre lang gepeinigt hatte. Die Schönheit der landschaftlichen Scenerien wird von ihm gepriesen. Von Faizabad zog Polo wahrscheinlich über den Aghirdapaß und durch die Schlucht, welche sich bei Barschar in der Nähe der Rubingruben öffnet, hinab ins Panjahthal und gelangte so ins Gebiet von Wakhan (Vocan), von wo der mühsame Uebergang über die Weidethäler der großen oder der kleinen Pamir erfolgte. Der District von Wakhan erstreckt sich von Westen nach Osten und besteht aus rauhen Hochthälern, welche beständig von heftigen und kalten Winden heimgesucht sind. Capitän Trotter, ein Mitglied der Gesandtschaft des erwähnten Sir Douglas Forsyth, hat denselben Weg, wie Polo, gemacht und ausführlich geschildert (~Journal R. Ggr. Soc. Vol.~ XLVIII, 1878). Das am höchsten gelegene Dorf im Wakhan, Sarhadd, hat eine Seehöhe von 3350 Meter. Weiter aufwärts macht man im Winter die Reise auf dem gefrorenen Spiegel des Bergstroms und führt sie mit geringeren Schwierigkeiten aus, als im Hochsommer, weil dann bei der Schneeschmelze und der Hochfluth der Pfad im Thale vielfach versperrt ist. Dann geht es in beständiger Folge von steilen Auf- und Abstiegen am Gehänge hin; an einer Stelle muß man, wo der Weg abbricht, an einer Steilwand in kürzester Frist 1000 Fuß hinanklimmen. Das von den kirghisischen Hirten jetzt fast ganz verlassene Thal der kleinen Pamir liegt 4000 Meter hoch. Ein kalter Wind bläst so heftig durch das Thal, daß man kaum die Augen öffnen kann. Die verschneiten Paßhöhen, welche die Grenze zwischen Ost- und West-Turkestan bilden und zugleich die Wasserscheide zwischen den westlichen Abflüssen des Oxus und den östlichen des Tarim bezeichnen, liegen über 4500 Meter hoch. Dann beginnt die Wanderung über das eigentliche Plateau der Pamir, „des Daches der Welt“. Die kühnen, schroffen, himmelanstrebenden Bergformen verschwinden und flachwellige Thäler in einer Höhenlage von über 3000 Meter treten an die Stelle, bewohnt von Kirghisen und belebt von ihren Herden. Ueber dem breiten Thale ragt das altberühmte Taschkurghan („Steinschloß“) empor, der Sitz des Districtgouverneurs. Das Schloß ist uralt, und soll von Afrasiab, einem Könige von Turan, gebaut sein. Eine Zeit lang bestand hier eine blühende Tädschik-Colonie unter einem erblichen Herrscher, der an China Tribut zahlte. Von hier geht der Weg wieder zehn Tage lang durch wilde spärlich bevölkerte Gebirge und gefährliche Pässe. „Die Berge,“ schreibt Trotter, welcher von Kaschgar herüberkam, „sind kahl und unfruchtbar, der Weg ist schlecht und nach Uebersteigung des Toratpasses („Pferdeschweif“), 3400 Meter hoch, gradezu abscheulich. An einer Stelle führt er im Flußbette hin, der, voll großer Blöcke und tiefer Wasserlöcher, zwischen senkrechten Felswänden sich Bahn bricht. Ein paar entschlossene Leute können den Weg gegen eine ganze Armee vertheidigen. Fast ebenso schwierig ist der Abstieg ins Tiefland von Ost-Turkestan nach Yarkend.“
Die Schilderung dieses überaus mühsamen Uebergangs über die Pamir bildet eins der interessantesten Capitel in dem Berichte unseres Venetianers. Möge darum seine Darstellung hier in der alten deutschen Uebertragung eingereiht werden.
„So man von dannen (nämlich von Wakhan) gegen auffgang zeucht, so mus man drey gantz tag vbersich ziehen, bis man auff ein hohen berg kumbt, der kein höhern jn der welt hat. Daselbst findt man ein ebne zwischen zweyen bergen, darin fleußt ein schön lustig wasser, das gibt gute weyden darumb, also das ein mager pferdt oder rindt jn zehen tagen feyßt dauon wirt.“
„Man findt auch vil wildbrets da, zuuor etlich wilde wider (~Ovis Poli~) oder castrone, die haben lange hörner, daraus macht man mangerley geschiir, dise ebne ist so lang, das man jr in zwelff tagen kein end finden kan und heyßt Pamer (andere Lesart Pamier). So man aber weyter zeucht, so wirt es wie eine wüsteney, vnd hat keins menschen wonung mer, auch kein grün gras mehr. Darumb müssen die leut mit jnen führen, was jnen von nötten ist zur erhaltung. Es ist auch kein vogel da, vmb der kelten willen, vnd grosser Höhe des erdtrichs, das dem vich kein futter tragen kan.“[27]
„So man ein feur da anzündt, so ist es nicht so hell, vnnd so krefftig, als an anderen orten von wegen der vberschwencklichen kelten des lands.[28] Von dannen geth der weg durch die berg gen auffgang vnd mitnacht, da findt man berg vnd thal, vnd vil wasser da zwischen, aber keins menschen wonung, vnd kein kraut. Das landt heyßt Belor, das zeigt ein ewigen winter an. Derselb anblick weret viertzig tagreysen lang.[29] Fur so viel tag mus man auch prouiand bey sich haben, doch sicht man auff den allerhöchstn bergen, hin vnd her etlicher leut wonungen, die seind aber vberaus bös vnd grewlich, so seind sie auch abgöttisch, die geleben des weidwercks vnd bekleyden sich mit den heutten von den thieren.“
Außer Wood haben das Hochland auf zum Theil verschiedenen Wegen durchkreuzt 1861 der britische Agent Abdul Medschid auf dem Wege nach Kokan, und Mirza 1868/9 über den Tschitschiklikpaß nordöstlich von Taschkurgan, welchen Trotter und wahrscheinlich auch schon Polo überstiegen. Den gewaltigen Unterschied zwischen den unwirthlichen, menschenleeren Höhen und den blühenden Oasen in Ost-Turkestan empfanden die venetianischen Kaufleute sofort und Marco Polo verleiht der Wahrnehmung Worte, wenn er mit Befriedigung von den herrlichen Weinbergen, Fruchtgärten und „anderen Ackergütern“ erzählt. Während auf der Pamir sich einzelne Gipfel bis zu 8000 Meter erheben, ist der tiefste Thalboden im Tarimbecken kaum 700 Meter über See gelegen. Nur an den von der Umwallung der alpinen Hochketten aus Norden, Westen und Süden ablaufenden Gewässern ist durch künstliche Befeuchtung des Bodens um feste Städte eine oasenartige Kultur entstanden, die sich an die Gebirge anlehnt. Das Tarimsystem wird im Norden und Süden von den Schneegebirgen des Tienschan und Kwenlun begleitet, welche, fast parallel, weit gegen Osten streichen. Daher haben sich, weil an der Rinne des Tarim selbst wenig anbaufähiges Land sich findet, zwei Städtereihen im Norden und Süden entwickelt, durch welche der Weg nach China führt. Während in unsern Tagen die belebteste Karawanenstraße durch die nördliche Städtereihe Kaschgar, Aksu, Turfan und Komul geht, lief zu Polo’s Zeit die Route durch die südlichen Plätze Yarkend, Iltschi (Choten), Tschertschen und an den Lopnor, das Sammelbecken aller Gewässer Ost-Turkestans. Den Weg der Venetianer hat kein europäischer Reisender wieder verfolgt, nur durchkreuzt hat ihn in jüngster Zeit der kühne russische Oberst Prschewalsky, welcher nach Polo auch zuerst den Lopsee erreichte. Im Gebiet von Choten oder Iltschi erwähnt unser Reisender den grünlichen Chalcedon, der dort unter dem Namen Jade bekannt ist. Die Chinesen schätzen ihn als Yu-stein, die Perser nennen ihn Yaschin, woraus unser „Jaspis“ geworden ist. Ueber die Stadt Tschertschen (bei Polo Ciarcian, ein lange vergeblich gesuchter Ort), welche nach den Erkundigungen von Prschewalsky am Tschertschen-Darja liegt, wurde die Oase Lop erreicht, wo man sich von der beschwerlichen Wüstenreise eine Zeit lang erholen konnte und den Thieren Rast gönnte, ehe man die große Wüstenreise zu der ersten chinesischen Stadt antrat. Der Wüstensand liegt hier in beweglichen Massen, die vom Winde aufgewirbelt werden. Bei den Chinesen war dieser Wüstenstrich in früherer Zeit unter dem bezeichnenden Namen Lu-scha, d. h. fließender Sand, bekannt. Er bildet die westliche Fortsetzung der bekannten Scha-mo, d. h. Sandmeer.
Die Bevölkerung der Oase[30] Lop (Polo bezeichnet diese als eine große Stadt) hat stets isolirt, wenn auch nicht völlig abgesondert von der übrigen Welt gelebt. Prschewalsky hält den Grundstamm für arisch, mit mongolischem und tatarischem Blute gemischt. Sie war schon zu Polo’s Zeit mohammedanisch. Auffällig ist, daß jetzt Kamele nicht mehr vorkommen, während unser Reisender ausdrücklich betont, daß man sich hier zur Weiterreise mit starken Kamelen versorge, denn die Wüstenwanderung währt einen ganzen Monat, und für diese Zeit muß man sich mit Lebensmitteln und Futter versehen. Trinkwasser findet sich an einigen Stellen, wenn auch nicht immer reichlich. Die größten Gefahren der Reise liegen aber nach der Ansicht unseres Berichterstatters in den Tücken böser Geister, die durch Namensruf und allerlei Geräusch die Reisenden in die Irre führen und ins Verderben locken. Bei Tage klingen diese Geisterstimmen wie „süß tönendes Saitenspiel, Pauken und Trommeln“. Chinesische und arabische Schriftsteller wissen gleicherweise von solchen geheimnißvollen Tönen in der Wüste zu erzählen; auch Capitän Wood vergleicht den Ton der Schritte im beweglichen Sande mit fernem Trommelwirbel und zarter Musik. Daß aber, abgesehen von den ungleich erwärmten in Bewegung gerathenen sogenannten klingenden Sandmassen andere eigenthümliche Sinnestäuschungen in den asiatischen Wüsten zu solchem Gespensterglauben veranlassen können, wie ihn der naive Bericht Polo’s kundgibt, dafür mögen hier die Beobachtungen des Botanikers A. v. Bunge eingeschaltet werden, welcher bei der Expedition Chanikoffs die auch von Polo durchschnittene Wüste Lut in Iran durchzog. „Der Tag war glühend heiß gewesen,“ schreibt Bunge, „die finstere Nacht -- die Gewitterwolken waren herangezogen, aber sie schwanden über der dürren Wüste, fast ohne daß ein Tropfen herabfiel -- war warm; beim gleichmäßigen Schaukeln auf dem Kamel ängstigte -- nicht mich allein -- eine eigenthümliche Sinnestäuschung, als ritte man in dichtem Walde zwischen hohen Bäumen und müsse sich fortwährend beugen, um den Zweigen auszuweichen. Schon ehe die Sonne aufging, traten die Erscheinungen der Luftspiegelung ein.“ (Petermann, Mitthl. 1860. 223.) Auch ~Dr.~ O. Lenz hat bei seiner ruhmvollen Wanderung durch die westliche Sahara von Marokko nach Timbuktu 1880, die Erscheinungen des tönenden Sandes beobachtet als langgezogene dumpfe Trompetentöne, welche, um das Unheimliche dieser Wüstenlaute zu steigern, bald hier, bald dort, immer aus einer andern Gegend herüberklingen. Lenz sucht die Ursache an der Friction der erhitzten Quarzkörner.
Erst nach 30 Tagen gelangten die venetianischen Kaufleute zur ersten chinesischen Stadt Scha-tscheu (Saciu) d. h. Sand-ort, einem wichtigen Platze, weil alle Wege, welche von China aus nach Westen gerichtet sind, durch diese Stadt führen. Im Jahre 1292 ließ Kublaikaan, zur Zeit, als Polo sich zur Heimkehr nach Europa anschickte, die Einwohner ins Innere von China schaffen, und 1303 legte sein Nachfolger eine Besatzung von 10000 Mann dahin, um den Platz zu sichern. In weitern 10 Tagen erreichte man Su-tscheu (Succiur, Sukchu), welches 1226 von Tschingiskaan zerstört worden war, und weiterhin in südlicher Richtung Kan-tscheu (Campichu), damals die Hauptstadt von Tangut, jetzt Provinz Kan-su, nördlich vom Kuku-nor. Dann folgten die Städte Liang-tscheu-fu (Eritschu), Sining-fu (Sinju), und Ninghia (Egrigaia)[31]. Nicht weit davon lag die Sommerresidenz der ehemaligen Tangutkönige am Fuß des Alaschan (Calaschan). Von Liang-tscheu folgte Polo einer Reiseroute, die den modernen Postweg zur rechten ließ. Die Straße, welche er zog, heißt seit der Zeit des Kaisers Kang-hi die Courierstraße. Nach Tenduc (jetzt Kuku-choto) verlegte Polo den Sitz des Priesters Johann, den er in dem Ung-chan zu erkennen glaubte. Ihm fielen dort die Mischlinge auf, deren Nachkommen wahrscheinlich in den heutigen Dunganen zu suchen sind. Auf diesem Theil der Reise mußte Polo die berühmte chinesische Mauer berühren, aber er erwähnt sie nicht. Man mußte denn, wie H. Yule (Marco Polo I, 283) meint, eine versteckte Anspielung darauf in den folgenden Worten des Reisenden finden: „Hier ist auch der Ort, den wir das Land Gog und Magog nennen, dort heißt es Unc und Mugul.“ Yule deutet diese Stelle dahin: hier sind wir an der großen Mauer, die als Wall von Gog und Magog bekannt sind. Dort zu Lande nennt man sie nach zwei Volkstämmen Ung[32] und Mongolen, welche mit der Vertheidigung der großen Mauer betraut waren.
Sieben Tage weiter kommt man endlich in das große Land Cathay, welches überall von volkreichen Städten und Dörfern dicht besät ist. Ueber die kunstgewerbreiche Stadt Sindatschu[33], welche unter der Kin-Dynastie als Siwant-tschu bekannt war, und jetzt Siwan-hwa-fu heißt, fünf Meilen südlich von Kalgan, gelangten die Reisenden nach Tschagannor (Ciagannor), einem ums Jahr 1280 erbauten Palaste des Großfürsten, wo der Kaan sich gern aufhielt, um der Jagd auf Wasservögel am See obzuliegen. Tschagannor bedeutet „weißer See“, die Ruinen liegen etwa 6 Meilen nördlich von Kalgan. Noch drei Tagereisen weiter gegen Norden lag die Stadt Tschan-du (Ciandu) oder Schang-tu, d. h. oberer Hof, obere Residenz, wo der Kaan gleichfalls einen prächtigen Marmorpalast hatte errichten lassen, dessen vergoldete Zimmer mit kunstvollen Gemälden geziert waren. ~Dr.~ S. W. Bushell hat den Platz 1872 besucht. Die Ruinen liegen etwa unter 40° 22′ n. Br., westlich vom Meridian von Peking. Der jetzt verödete, übergrünte Herrschersitz, den Polo mit besonderer Ausführlichkeit beschreibt, erhob sich am sumpfigen Ufer eines Flusses, der noch jetzt den Namen Schan-tu trägt. Bei den Mongolen heißen die Ruinen Djao-Naiman Sume Khotan, d. h. Stadt mit 108 Tempeln. Marmorfragmente von Löwen, Drachen und anderen Bildwerken zeigen die Stätten der ehemaligen Tempel und des Palastes.
Die bisher genannten Fürstensitze lagen jenseit der großen Mauer auf dem Gebiete der eigentlichen Mongolei. Seitdem China dem mongolischen Weltreiche einverleibt worden, war die erste und größte Residenz, in welcher der Kaiser die Wintermonate, December, Januar und Februar verlebt, hierher verlegt worden. Dieser „große Hof“, als Stadt Tatu oder Taidu genannt, bestand seit 1264. Sein Name Kaan-baligh, „Stadt des Kaan“, war in der abendländischen Form Cambaluc, Canbalu Jahrhunderte lang mit den Vorstellungen größter Fürstenpracht und größten Glanzes verbunden, ehe er dem modernen „Pe-king“ (Nord-Residenz) weichen mußte.
Der großartigen Hofhaltung des mongolischen Kaisers widmete Polo die eingehendste Beschreibung. Da die Venetianer von Kublai auch bei diesem ihren zweiten Besuche auf das Huldreichste aufgenommen wurden und sich seiner dauernden Gunst erfreuten, so war der jüngere Marco auch mehr als andere in der Lage, bei der Beschreibung des Hofstaates und tatarischen Regiments in China zahlreiche Einzelbeobachtungen und Wahrnehmungen mitzutheilen. Marco Polo gewann in dem Grade das Vertrauen des Großfürsten, daß dieser ihn in besonderer Sendung nach den südlichen Provinzen Chinas und bis an die Grenzen seines Reiches abordnete. Dadurch wurde dem Abendland zuerst der Blick in die Großartigkeit der chinesischen Welt eröffnet. Die Reise ging von Peking in südwestlicher Richtung durch die Provinzen Schansi, Schensi und Szytschuán bis nach Yün-nan und bog dann nach Osten gegen das Meer ab. Den ersten Theil des Weges hat v. Richthofen 1871 verfolgt und seinen Untersuchungen verdanken wir besonders das neue Licht, das auf die Weglinie des Venetianers gefallen ist. Wir begleiten den kaiserlichen Agenten über Tschou-tschou (Juju) zunächst nach T’aiyüan-fu (Taianfu) der Hauptstadt von Schansi, wo im 8. Jahrhundert die Tang- und später die Ming-Dynastie residirte und wo, bei dem sehr bedeutenden Reichthum an Kohlen und Eisen, seit alter Zeit die Eisenindustrie blühte, welche im 13. Jahrhundert namentlich Waffen fertigte. Sieben Tagereisen weiter folgte die in einem breiten Thal des nordchinesischen Lös gelegene Stadt Pingyang-fu (Pian-fu). Nach Ueberschreitung des Hwang-ho, den Polo unter dem mongolischen Namen Caramoran, d. h. schwarzer Fluß, kennt, gelangt man in 10 Tagen zu einer der merkwürdigsten Städte des Landes, nach Si-ngan-fu (Kenjanfu bei Polo, Kansan bei Odorich von Pordenone). Als die Hauptstadt vieler mächtiger Herrschergeschlechter, von deren Bedeutung auch unser Gewährsmann Kunde erhalten hat, vielleicht schon das Θιναι des Ptolemäus, und im 7. Jahrhundert der Sitz blühender Kirchen, kann man diese Stadt wohl als die berühmteste in der chinesischen Geschichte bezeichnen. Dann führt der Weg durch den von wilden Gebirgen erfüllten südlichen District der Provinz Schensi und jenseits Han-tschung durch das Tsinglinggebirge, wo seit alter Zeit die Straßen in Zickzack in den Felsen gehauen sind. Polo brauchte 20 Tage, um über diese Gebirge nach Tsching-tu-fu (Sindafu), der gegenwärtigen Hauptstadt von Szy-tschuan zu gelangen. Die herrliche Ebene, in welcher die Stadt liegt, die, von 800,000 Menschen bewohnt, jetzt zu den schönsten Städten Chinas zählt, breitet sich am Fuße des plötzlich abfallenden tibetanischen Plateaus aus und hatte damals „vil stett vnd schlösser vnd dörffer“. Die Ostgrenze Tibets war zu jener Zeit viel weiter nach Osten vorgeschoben als jetzt; die Stadt Ya-tschou-fu, welche man in weitern fünf Tagen erreicht, gehörte damals bereits zu Tibet und auch heutzutage liegt sie an der Westgrenze des nur von Chinesen bewohnten Gebietes. Sie bildet den Schlüssel zu dem westlichen Hochlande. Ueber 3000 Meter hohe Pässe ging’s weiter nach Süden, 20 Tage ritt Polo durch menschenleere Gebirge, so daß die Reisegesellschaft genöthigt war, alle Lebensmittel mitzuführen. Jetzt gibt es auch an dieser Straße einige Ansiedlungen und feste Plätze mit chinesischen Garnisonen, welche dem Wanderer gegen die unabhängigen Lolo Schutz gewähren. Kurz vor der Stadt Ning-juan-fu erreichte man wieder eine schöne, von einem Zufluß des Yang-tse-kjang bewässerte Thalebene, welche die Chinesen als eine Art irdisches Paradies preisen. Polo nennt die Stadt und Landschaft Caindu, ein Name, welcher der noch jetzt im Volke üblichen Bezeichnung Kian-tschang entspricht. Polo rühmt hier ein gewürztes Getränk, das aus Weizen, Reis und andern Spezereien bereitet werde. Dieser gewürzte Wein steht noch in gutem Ruf. Auch die Cassiablütenknospen, ein noch jetzt geschätztes Produkt des Thales, werden unter den Landesprodukten als „Gewürznelken“ aufgeführt.
Nahe der südlichsten Biegung des Stromes wurde der obere Yang-tse-kjang (bei Polo Brius) überschritten und dann die Landschaft Carajang (d. h. schwarzes Jang, nach den schwarzen Bewohnern) erreicht. Es bildet den nördlichen Theil von Yün-nan, dessen Hauptstadt damals Ya-schi, jetzt Yün-nanfu heißt. Der weiter westlich gelegene Hauptort von Carajang trägt auch bei Polo diesen Namen, jetzt Talifu.[34] Auf den südwestlichen Gebirgen, welche die Grenze gegen den modernen Staat Birma bilden, erkennen wir in den Bewohnern, welche ihre Zähne zu vergolden pflegen, die Kakhyens oder Singpho, deren waldiges Bergland Polo unter der persischen Bezeichnung Zardandan, d. h. „Goldzahn“ beschreibt. Jenseit dieser Gebirge, über die man mehrere Tage beständig abwärts reitet, öffnet sich das obere Thal des Irawadi. Polo nennt es Amien, bei den Chinesen heißt Birma oder Ava noch jetzt Mien. Durch das Thal des Schweli stieg der Reisende zum Iravadi hinab nach Alt-Pagan oder Tagoung (Tagong), wo über den Königsgräbern zwei fingerdick mit Gold und Silber belegte Thürme sich erhoben. Weiter scheint unser Reisender nicht vorgedrungen zu sein als bis nach Ta-gang, welches 1283 auch der mongolischen Weltmacht unterthan gemacht war. Nur von Hörensagen berichtet er weiter von den Landschaften Bangala (d. i. Bengalen), Cangigu (d. i. Tung-king, chines. Kiaotschi-kwe), Anin im südlichen Yün-nan,[35] Coloman, d. h. Kolo-barbaren, an der Grenze von Kwei-tschou (Cuiju bei Polo). Von hier aus macht die Vortragsweise Polo wieder den Eindruck, als ob er auf seiner Rückreise aus Südwesten die Schilderung seiner eignen Route wieder aufnehme. Er zog wahrscheinlich von Yünnan-fu auf einem mehr östlich gelegnen Wege gegen Norden, setzte bei Siü-tschou über den blauen Strom und erreichte in Tsching-tu-fu seine frühere Straße wieder, um nun nach Cambalu seine Rückkehr zu vollenden.
Drei Jahre stand Marco Polo dann als Gouverneur in der großen Stadt Yang-tschou nordöstlich von Nan-king, machte darauf mit seinem Onkel Maffeo längeren Aufenthalt in Kantschou in Tangut und hat wahrscheinlich auch Karakorum besucht. In diese Zeit fällt auch des Großfürsten vergeblicher Eroberungszug gegen das blühende Inselreich Zipangu (Japan), dessen Name Dschi-pen-kwe „Land des Sonnenaufgangs“ zur Zeit des Columbus neben Indien und Cathay einen besonderen Lockreiz auf alle abenteuernden Entdecker ausübte.
Die venetianischen Kaufleute weilten bereits über 20 Jahre in China, ehe sie eine günstige Gelegenheit fanden, ihre Heimat wieder zu sehen; denn der Kaan wollte sie ungern entlassen. Diesen günstigen Anlaß zur Abreise bot nun die Entsendung der Prinzessin Kokatschin nach Persien, wo sie mit Argunchan, dem Großneffen Kublais, vermählt werden sollte. Der Kaan gab ihnen 2 goldene Täfelchen als Geleitsbriefe und Empfehlung in allen seinen Landen und beauftragte sie auch noch mit einer Botschaft an die Könige von Frankreich, England und Spanien, sowie an andere Könige der Christenheit. Das Gefolge der Prinzessin bestand aus 600 Personen. Von Cambalu ging die Reise bis zum Seehafen von Zayton zu Land und dann zur See. Auf dieser Landreise, welche Polo gleichfalls beschreibt, sah er die der Ostküste näher gelegenen Provinzen mit ihrem wimmelnden Völkerleben in den Riesenstädten, die alles übertrafen, was das Abendland bieten konnte, die mit ihrem Reichthum, Gewerbfleiß und überaus belebten Handel einen unverlöschlichen Eindruck zunächst auf den Reisenden und nach dessen Erzählungen bei allen Völkern Europas, namentlich den seefahrenden Nationen hervorbrachte, so daß an diesen glühenden Schilderungen sich die Reise- und Entdeckungslust entzündete.
Von Peking ging die Landreise zuerst gerade nach Süden über Hokian-fu (Cacanfu), bei Tsinanfu (Chinangli) erreichte man damals, wie auch heute wieder, den großen Strom, den Hwangho, welcher später und bis vor 30 Jahren südlich um das Bergland von Schantung sich ins gelbe Meer ergoß. Größtentheils auf dem Kaisercanal führt der Weg gegen Südsüdosten durch Kiangsu bis zum Yang-tse-kjang und zur altberühmten Stadt Jangtschen (Yanju, auf der catalanischen Karte von 1375 als Jangio) wo M. Polo auf Befehl des Kaan drei volle Jahre, zwischen 1282 und 1287 die Verwaltung geleitet hatte. In der Nähe dieser Stadt floß bei Tschin-tschou oder I-tschin-tschou (Sinju) der blaue Strom vorüber, auf dem Polo einmal 15,000 Schiffe vor der Stadt liegen sah. Nach den Angaben der dortigen Kaufherren liefen jährlich gegen 200,000 Schiffe den Fluß hinauf. Ueber die großen Plätze Tschang-tschen (Chinginju) und Su-tschen (Suju) zogen sie dann in Hang-tschen ein. Polo nennt diese größte aller Städte Kinsay oder Quinsai, nach dem chinesischen Namen King-sze, d. h. Hauptstadt; denn sie war seit 1127 die Residenz der Song-Dynastie gewesen. Keine Stadt der Welt hat unsern Reisenden mehr in Erstaunen gesetzt als diese, keine hat er so eingehend beschrieben; aber leider hat Polo, indem er das chinesische Wegmaß „Li“ einer Meile gleichsetzt, die Verhältnisse gewaltig übertrieben. Diese schönste Stadt der Welt mit ihren meilenlangen, gepflasterten Straßen sollte 100 Meilen[36] im Umfange haben. Die ganze Stadt lag, von Wasser umgeben, von Canälen durchzogen, in der Niederung, nahe dem Meere; 12,000 Steinbrücken führten über die Canäle. Es gab 1,600,000 Häuser und darunter viele stattliche Paläste. An jedem Hause war auf einer Tafel die Anzahl der Bewohner zu lesen. Die zwölf gewerbtreibenden Zünfte verfügten über 12,000 Häuser mit Arbeitern. In den Hauptstraßen wogte ein unaufhörlicher Verkehr, Wagen folgten auf Wagen. Die Einkünfte, welche der Kaan von hier bezog, sollten sich jährlich auf fast 200 Mill. Mark (!) belaufen. Und um die Größe der Bevölkerung zu veranschaulichen, hatte ein kaiserlicher Beamter erzählt, daß täglich fast 10,000 Pfd. Pfeffer consumirt würden. Der neben der Stadt gelegene Palast hatte 10 Meilen (Li) Umfang, umfaßte 20 in Gold gemalte, große Hallen, gegen 1000 auf das herrlichste geschmückte Zimmer und war von schönen Gärten mit Springbrunnen und Teichen umgeben. Die Stadt lag unfern des Meeres, an welchem +Ganfu+[37] einen ausgezeichneten Hafen der Stadt bildete. Das ganze Küstengebiet hat seit jener Zeit wesentliche Veränderungen erlitten. Die See ist näher an die Stadt gerückt, die Stätte des Hafens ist unter den Spiegel des Wassers gesunken, und die Metropole selbst hat gegenwärtig nur 35 Li Umfang. Auch nach Polo’s Zeit ist diese Weltstadt von abendländischen und arabischen Reisenden beschrieben, so von Odorich, welcher 1324-27 in China weilte, von Marignolli (1342-47), welcher sie Campsay nennt, von Wassaf, Ibn Batuta u. a.
Von King-sze ging dann die Reise weiter durch die jetzigen Provinzen Tsche-kjang und Fu-kian nach dem Seehafen Fu-tschen (Fuju, aus der catal. Karte Fugio). Die leicht erregbare Bevölkerung dieser Capitale Südchinas mußte stets durch starke mongolische Besatzung niedergehalten werden, da sie zu Revolten geneigt war. Der weiter südlich gelegene berühmte Hafen Zayton (Caiton, Çaiton, auf der catalon. Karte Caxum) war der Sammelplatz der Indienfahrer und einer der größten Handelshäfen der Welt. Wir haben diesen später sprichwörtlich berühmten Hafen südlich von Fu-tschen in der Stadt Tsiuan-tschen zu suchen, doch mögen die Vorhäfen dieses Platzes sich noch bis an das wundervolle, geräumige Hafenbecken von Amoy erstreckt haben. Das östlich gelegene Meer ist das Meer von „Tschin“. Nur an dieser einzigen Stelle (~lib. III, cap.~ 4) nennt Polo den jetzt üblichen Landesnamen China, aber in persischer Form. Ein anderer Name dafür war das Meer von Manzi, d. h. Südchina. Nach Angabe der Seeleute, welche in diesen Gewässern verkehrten, gab es in jenem Meere 7459 Inseln.[38] Von dort kamen weißer und schwarzer Pfeffer und alle anderen geschätzten Spezereien. Jahreszeitliche, regelmäßig wechselnde Winde beförderten den Verkehr mit den Gewürz-Inseln.
Von Zayton aus verließ Polo das Reich der Mitte. Die Namen King-sze und Zayton, Zipangu und Manzi behielten Jahrhunderte lang ihren zauberisch lockenden Klang für die handeltreibenden Völker des Abendlandes. Nachdem man für das Gefolge der Prinzessin, welche nach Persien geleitet werden sollte, im Hafen von Zayton 13 Schiffe, jedes mit vier Masten, ausgerüstet und auf zwei Jahre mit Lebensmitteln versehen hatte, stach man im Anfang des Jahres 1292 in See. Nach einer Fahrt von angeblich 1500 Meilen kam die Ostküste von Hinterindien in Sicht, dort lag das seit 1278 dem Großkaan tributäre Königreich Tschampa (Cyamba) zwischen Tongking und Cambodja. Bei den Arabern hieß es Sanf, und durch das Meer von Sanf führt nordwärts der Seeweg nach China. Um die altberühmte, den Seefahrern bekannte Landmarke der jetzt französischen Inselgruppe Pulo Condor bog der Weg westwärts nach dem an Elephanten, Gold und Farbholz reichen Locac (Siam) ab. Eigentlich bestanden zwei Königreiche dort, von denen das nördliche eigentliche Siam bei den Chinesen Sien-lo, das andere, näher der See gelegene Lo-hoh hieß. Nach der bei Polo mehrfach vorkommenden Vertauschung von h mit c oder k, wurde aus Lo-hoh Lokok und Lococ (d. h. das Königreich Lo). Bei der weiteren Küstenfahrt gewann die Gesandtschaftsflotte bei der Insel Pentam (Bintang, östl. v. Singapur) das Südende Asiens, „wo alle Wälder aus wohlriechendem Holze“ bestehen, und steuerte nun nach Sumatra. Polo nennt hier einen Staat Malaiur; nach der Deutung H. Yules haben wir darin Palembang auf Sumatra zu erkennen, welches auch im 16. Jahrhundert noch bei den Malaien unter dem Namen Malayo bekannt war. Die ganze Insel nennt unser Gewährsmann Klein-Java. An den gewürzreichen Gestaden dieser großen Insel wurde die Expedition längere Zeit aufgehalten, so daß sich Gelegenheit bot, die sechs Königreiche in dem nördlichen Theil der Insel zu besuchen. Eines darunter trägt den Namen Samara, vermuthlich Samatra (Sumatra). Um zu zeigen, wie weit die Gebiete nach Süden gelegen sind, fügt Polo hinzu, daß man hier den Polarstern oder die Sterne des Maestro (großer Bär?) kaum noch zu sehen vermöge. In einem andern Königreiche Fanfur, woher der beste Kampfer stammte, lernte er auch das wohlschmeckende Mehl der Sagopalme kennen. Durch die Malakastraße steuerte das Geschwader nordwestlich zu den von wilden schwarzen Menschen bewohnten Inseln Necuveran (Nikobaren) und Angamanain (Andamanen), deren Bewohner Hundsköpfe haben. Das stupide, prognathe Gesicht jener Negrito ist schon frühzeitig den Abendländern aufgefallen, bereits der Grieche Ktesias spricht davon.
Von da segelte man mit südwestlichem Cours nach der durch ihre Edelsteine und Perlen berühmten Insel Seilan (Ceylon), aus deren Mitte sich über dem Waldlande die Felsenspitze des Adamspik als ein vielbesuchter Walfahrtsort erhob. Von da setzte man nach der Ostküste Vorderindiens über, wahrscheinlich nach Tandschur. Der ganze Landstrich hieß damals bei den Arabern Maabar oder Mabar, d. h. Ueberfahrt, (nämlich nach Ceylon); jetzt trägt die Küste den Namen Koromandel. Hier begegnen wir in der Gegend von Madras auch der sehr alten Ueberlieferung, daß der Apostel Thomas in Indien gepredigt habe und daß durch ihn die Gemeinde der Thomaschristen begründet sei. Dann wurde die zu jener Zeit blühende, jetzt verödete und zu einem Dorf herabgesunkene Handelsstadt Kail (bei Nicolo Conti im 15. Jahrhundert Kahila) besucht. Dieser Hafenplatz lag nahe der Mündung des Tamraparniflusses im District Tinnevelly. Die Südspitze Indiens bildete das Land Comari.[39] Im Reiche Melibar (Malabar) auf der Westküste, die besonders durch den Reichthum von Pfeffer und Ingwer gesegnet ist, war man schon bedeutend wieder nordwärts gerückt, „denn der Polarstern erhebt sich schon zwei Ellen über dem Wasser“. In Gozurat (Guzerat) steht er bereits sechs Ellen hoch. So wurde also eine Umfahrt fast um die ganze indische Halbinsel ausgeführt, ehe man an der öden Küste von Mekran entlang nach Ormuz steuerte. Bevor Polo das Schiff verläßt, wirft er noch einen Blick über die westlichen Regionen und Gestade des indischen Oceans. Hier beruhen seine Mittheilungen nur auf Erkundigungen und enthalten daher manches Irrige oder Falschverstandene. Bemerkenswerth sind seine Angaben über die Christen aus Socotra, welche bereits im 6. Jahrhundert dem Indienfahrer Kosmos bekannt waren, und sogar nach den Angaben des Carmelitermönches Vincenzo noch im 17. Jahrhundert existirt haben sollen. Auch die Insel Sansibar (Zanzhibar) tritt in den Gesichtskreis. Von allen Reisenden zuerst nannte Polo auch die große Insel Madagascar; da er sie aber irrthümlich von Elephanten und Kamelen belebt sein läßt, so liegt die Vermuthung nahe, daß er Nachrichten aus Magadascho auf der Ostküste Afrikas mit Berichten aus Madagascar zusammengeworfen habe.
Weiter südlich über jene Insel hinaus aber kann man nicht ohne Gefahr in den Ocean vordringen, weil eine gewaltige Strömung die Fahrzeuge unwiderbringlich nach Süden reißt. Und wenn uns von 12,700 Inseln erzählt wird, welche im indischen Meere liegen sollen, so werden wohl die Korallen-Ringe der Lakkediven, d. h. 100,000 Inseln und der Titel des Sultans der Malediven, der sich Herr der 12,000 Inseln nannte, dabei besondere Berücksichtigung gefunden haben.
Erst im Jahre 1294 kam die bedeutend an Mitgliederzahl zusammengeschmolzene Gesandschaft nach Persien, denn ein großer Theil des ursprünglich aus 600 Personen bestehenden Gefolges war während der Reise gestorben. Auch Argunchan, dem die Braut bestimmt war, war inzwischen (am 10. März 1291) aus dem Leben geschieden. Ihm war sein Bruder Kaichatu (Kiacatu) in der Herrschaft gefolgt; dessen Sohn, Gasan (Casan), trat an die Stelle seines verstorbenen Ohms und heiratete die Braut. Kaichatu selbst aber empfing die Poli in fürstlicher Weise und gab ihnen auf ihrer Weiterreise die umfassendsten Geleitsbriefe mit, so daß sie in unsicheren Gegenden zuweilen unter dem Schutze von 200 bewaffneten Reitern dem Abendlande zueilten. Von Persien aus schlugen sie über Bagdad den nördlichen Weg ein über das armenische Hochland nach Trapezunt und gelangten von da zu Schiff über Konstantinopel und Negroponte im Jahre 1295, nach 25jähriger Abwesenheit wieder in ihre Vaterstadt Venedig.
Fassen wir noch einmal die Resultate dieser epochemachenden Reise zusammen,[40] so war Marco Polo der erste Reisende, welcher ganz Asien der Länge nach durchzog und die einzelnen Länder beschrieb. Er sah die Wüsten Persiens und die grünen Hochflächen und wilden Schluchten Badachschans, die Jade-führenden Flüsse Ost-Turkistans und die Steppen der Mongolei, die glänzende Hofhaltung in Cambalu und das Volksgewimmel in China. Er erzählte von Japan mit seinen goldbedeckten Palästen, von Birma mit seinen goldenen Pagoden, schildert zuerst die paradiesischen Eilandfluren der Sundawelt mit ihren aromatischen Gewürzen, das ferne Java und Sumatra mit seinen vielen Königreichen, mit seinen geschätzten Erzeugnissen und seinen Menschenfressern; er sah Ceylon mit seinen heiligen Bergen, besuchte viele Häfen Indiens und lernte dieses im Abendlande noch immer von Sagen verhüllte Land in seiner Größe und seinem Reichthum kennen. Er gab zuerst im Mittelalter einen klaren Bericht von dem christlichen Reiche in Abessinien und drang mit seinem Blick einerseits bis nach Madagascar vor, andererseits zog er im Innern Asiens Erkundigungen über den höchsten Norden, über Sibirien ein, über das Land der Finsterniß, wo weder Sonne noch Mond noch Sterne scheinen und ein ewiges Zwielicht herrscht, wo man auf Hundeschlitten fährt oder auf Renthieren reitet, ein Land, hinter welchem endlich ein eisiger Ocean sich ausdehnt.
Wissenschaftliche Bildung besaß Polo nicht. Er wundert sich darüber, daß Sumatra so weit im Süden liegt, daß der Polarstern aus dem Gesicht verschwindet und die Inseln im Eismeer auf der andern Seite so weit im hohen Norden sich befinden, daß man den Polarstern hinter sich läßt. Die Himmelsgegenden, nach denen der Weg führte, oder wohin Länder ihrer Lage nach angegeben werden, sind oft falsch bestimmt, seine Wegelängen erscheinen vielfach übertrieben.
Vor allem aber ist zu beklagen, daß er nicht Chinesisch verstand, obwohl er so lange im Lande weilte und sogar officiell mit dem Volke verkehren mußte. Daher die falschen Uebersetzungen und Erklärungen chinesischer Namen, wie wenn er King-sze als Stadt des Himmels deutet; daher auch die Verstümmelung der Ortsnamen und seltsame Schreibweise derselben. Zwar berichtet er über mancherlei interessante Einrichtungen im Lande, von den wohlgepflegten, mit Bäumen bepflanzten Heerstraßen, den Posten und Läufern, den zur Bequemlichkeit der Reisenden an der Straße errichteten Gasthäusern und der polizeilichen Beaufsichtigung des Fremdenverkehrs in den großen Städten. Er erwähnt zwar die Einrichtung von Kornmagazinen, den Gebrauch der Steinkohlen, die weitverbreitete Anwendung des Papiergeldes; aber andere wesentliche Eigenthümlichkeiten und Erfindungen bleiben unbeachtet und nach dieser Richtung erscheint das Werk lückenhaft. Wir vermissen Mittheilungen über die Magnetnadel, über Pulver, über Bücherdruck, künstliches Eierausbrüten und Fischerei mit Kormoranen; auch des Thees geschieht keine Erwähnung. In der neuen Geschichte Asiens erscheint Polo ungenau. Allein man muß auch erwägen, unter welchen Verhältnissen sein Buch entstand. Kaum von seiner weiten Reise zurückgekehrt, nahm er an dem Kriege theil, in welchen Venedig mit seiner Rivalin verwickelt war, wurde noch im Jahre 1295 in der Seeschlacht bei Corzola, einer der dalmatischen Inseln, gefangen genommen und nach Genua gebracht, wo er in der Gefangenschaft einem Genossen, dem Pisaner Rusticiano oder Rustichello seinen Bericht dictirte. -- Trotzdem gehört Marco Polo zu den geographischen Classikern des Mittelalters.
Ursprünglich war der Bericht, noch nicht in Bücher und Capitel abgetheilt, in altfranzösischer Sprache niedergeschrieben, wie man dies aus der grade hier am meisten bewahrten Naivität der Erzählung mit ihrer stereotypen Redeweise und ihrer Unbehilflichkeit im Ausdruck, aber auch aus der hier annähernd correctesten Schreibweise der Eigennamen erkannt hat. Dann wurde das Werk ins Lateinische, Italienische übersetzt und überarbeitet.
Trotzdem hat sein Bericht nicht plötzlich gewirkt. Seine Zeitgenossen Dante und Sanudo erwähnen ihn noch nicht; wohl aber citirt ihn sein persönlicher Freund Pietro di Abano (geb. 1250 in Abano bei Padua, gest. 1316). Den ersten Einfluß auf die Ländergemälde verspürt man in der catalanischen Karte von 1375, wo Vorder-Indien als Halbinsel sich aus den von Ptolemäus gezogenen engen Schranken loslöst und manche Landschaften Indiens und Südchinas ganz richtig gezeichnet sind.
Die erste deutsche Uebersetzung erschien 1477 unter dem Titel: „Das ist der edel Ritter Marcho Polo von Venedig der große Landfahrer, der uns beschreibt die großen Wunder der Welt, die er selbr gesehenn hat. Von dem auffgang pis zu dem undergang der sunnen, dergleychen vor nicht meer gehort seyn. Diß hat gedruckt Friczs Creüßner zu Nurmberg nach cristi gepurdt 1477.“ Im 15. und 16. Jahrhundert wurde Polo’s Bericht von den Kartographen in ausgiebiger Weise gebraucht und auch misbraucht, indem man oft in unkritischer Methode seine Länder und Städte über die Erdräume vertheilte. Trotzdem bildete es das wichtigste Fundament für die Kenntniß des östlichen und südlichen Asien, bis seine unbestimmten Angaben durch bessere, auf mühsamen Landreisen gewonnene Resultate ersetzt werden konnten. Das schönste von allen Resultaten, meint Libri,[41] welches dem Einfluß Polo’s zu danken, sei dieses, daß Columbus durch seine Schilderungen zur Entdeckung der neuen Welt angeregt worden, und daß er, eifersüchtig auf Polo’s Ruhm, es für seine Lebensaufgabe gehalten, Zipangu zu erreichen, von dem der Italiener solche Wunderdinge berichtet habe.
Allein H. Yule (a. a. O. I, 103) bemerkt mit Recht dagegen, daß Columbus die Berichte Polo’s nur aus zweiter Hand kenne und zwar aus einem Briefe Toscanelli’s. Polo’s Namen nennt der Entdecker der neuen Welt nicht. Seine feste Ueberzeugung von der Schmalheit des westlichen Oceans leitet sich nicht aus der Berechnung der Entfernungen asiatischer Länderräume nach Polo’s Angaben her, wonach Ostasien bis weit in den großen Ocean hinein sich erstrecken müßte, sondern stammt von seinem beliebten Gewährsmann, dem Cardinal d’Ailly, welcher seinerseits sich wieder auf Roger Bacon berief.
Ob sich Karten, von Polo’s Hand entworfen, noch länger erhalten, bleibt zweifelhaft. Doch wird erzählt, daß der Prinz Pedro von Portugal 1426 von der venetianischen Signoria eine Karte erhielt, welche entweder ein Original oder eine Copie von einer durch Polo selbst gefertigten Karte gewesen sein soll.
5. Die späteren Missionsreisen und Handelszüge.
Polo hatte in Asien eine Reihe von Nachfolgern, namentlich glaubenseifrige Mönche, welche zwar nicht so umfassende Reisen wie der venetianische Kaufmann machten, aber doch manche Ergänzungen seines Berichtes brachten und namentlich dazu beitrugen, daß noch längere Zeit das Interesse für die östliche Welt lebhaft erregt blieb.
Der erste unter diesen Missionaren war der Franziskaner +Johann von Montecorvino+ in Süditalien, geb. 1247, gest. um 1328. Derselbe befand sich zu gleicher Zeit mit den Poli in Asien. Im Jahre 1289 vom Pabste entsendet, ging er in Begleitung des Kaufmanns Petrus de Lucalongo nach Persien und weiter nach Indien, hielt sich dort bei den Thomaschristen längere Zeit auf und konnte über Land und Leute manches neue erzählen. Seine Erlebnisse und Beobachtungen sind in einem Briefe niedergelegt, welchen er von Maabar in Ober-Indien 1292 oder 1293 nach dem Abendlande sendete. Indien heißt bei ihm Maebar. Die Bewohner der dekhanischen Halbinsel sind eigentlich nicht schwarz, sondern olivenfarben und von schöner Gestalt. Ihre tägliche Nahrung besteht in Reis und Milch; Brot und Wein kennen sie nicht. Unter den Produkten werden Pfeffer, Ingwer und Bersi (Brasilholz) besonders erwähnt. Montecorvino ist der erste abendländische Reisende, welcher Zimmt als ein wichtiges Erzeugniß Ceylons nennt. Auch kennt er die eigenthümliche Schrift auf Palmblätter. Die jahreszeitlichen Winde (die Monsune) regeln die Schifffahrt, auch die Regen sind an bestimmte Zeiten gebunden. Südlich vom indischen Meere gibt es kein Festland mehr, sondern nur Inseln, und zwar mehr als 12000,[42] von denen aber ein Theil unbewohnt ist.
Von Indien wandte sich Montecorvino nach China an den Hof Kublais; diesen Fürsten, den Gönner Polo’s, fand er aber nicht mehr unter den Lebenden. Kublai starb 1294.
Von Cambalu aus, wo 1305 eine Kirche gebaut und ein Kloster gegründet wurde und wo der Franziskaner das Oberhaupt der christlichen Gemeinde, im Range eines Erzbischofs[43] wurde, schrieb er noch zwei Briefe in die Heimat, im Januar 1305 und im Februar 1306. Ein dritter Brief, oder eigentlich der Schluß des zweiten Briefes, ist später von Menentillus von Spoleto mitgetheilt, woraus man früher die irrthümliche Folgerung zog, daß Menentillus selbst in China geweilt habe. Montecorvino scheint der erste und auch der letzte Erzbischof von Cambalu gewesen zu sein.[44]
Zwischen 1316 und 1318 folgte seinen Spuren ein anderer Ordensbruder +Odorich von Pordenone+ in Friaul. Er nahm seinen Weg über Konstantinopel, Trapezunt und Armenien nach Tebris, wo zwischen 1284 und 1291 bereits ein Pisaner Kaufmann, Jolus oder Ozolus ansässig gewesen war. Ueber Sultanieh und Kaschan ging er nach Jesd. Auf Kreuz- und Querzügen, abseits von dem gewöhnlichen Karawanenwege, scheint er an den persischen Golf gekommen zu sein. Er schildert die beweglichen Sandmassen der Wüsten im Innern Persiens, rühmt die ausgezeichneten Feigen und grünen Trauben von Jesd, besuchte die öden Palasttrümmer von Comerum (wahrscheinlich Persepolis) und ging über Schiras ins Tigristhal hinab nach Bagdad. Am babylonischen Thurme vorbei gelangte er ans persische Meer und nach Ormuz, stieg hier zu Schiff und fuhr auf einem gebrechlichen Fahrzeuge, dessen Planken ohne Eisennägel nur durch Kokosfäden zusammengenäht waren, ähnlich wie es Polo und Montecorvino bereits beschrieben hatten, in 28 Tagen nach Tana auf Salsette nördlich von Bombay und von da nach Malabar (Minibar), wo der beste Pfeffer gedeiht. Dort blühten damals die Plätze Flandrina (Pandarani), eine jetzt verschwundene Stadt, nördlich von Kalikut, und Cyngilin, d. i. Kranganor, südlich von Kalikut, damals der Sitz einer der ältesten Dynastien in Malabar.[45] Um die Südspitze Vorder-Indiens herum ging die Fahrt weiter nach Mobar (Koromandel), wo nach der Ansicht Odorichs der Leib des heiligen Thomas begraben liegt. Auch Ceylon wurde besucht, wo es Vögel mit 2 Köpfen (Tukan) gibt, und von hier auch Mailapur (Madras) erreicht. Eine Seereise von 50 Tagen brachte unsern Glaubensboten an den Nicobaren (Nicoveran) vorbei nach Lamori, einem Reiche von Sumatra.[46] Wegen der Hitze gehen die Einwohner nackt, es herrscht bei ihnen Weibergemeinschaft, wie auch auf der Insel Pagi oder Pagai westlich von Sumatra, und Landcommunismus, auch sind sie dem Canibalismus ergeben. Das Gebiet bringt Gold, Kampfer, Aloeholz, Reis und Weizen hervor. Weiter gegen Süden liegt das Reich Sumoltra. Hier begegnen wir zum ersten Male unverkennbar dem heutigen Namen der Insel, welcher von dem Königreiche auf das ganze Eiland übertragen ist. Nachdem Odorich noch verschiedene Häfen besucht hatte, wandte er sich nach der reichen Insel Java, welche nach seiner Vorstellung, eine arge Uebertreibung -- gut 3000 Meilen Umfang hat. An Produkten lieferte diese zweitschönste von allen Inseln Kampfer, Kubeben, Kardamom- und sogar Muskatnüsse. Mit Gold und Silber geschmückte Tempel verkündeten die Macht und den Reichthum der Fürsten. Von hier kehrte Odorich nach dem Norden zurück, berührte die Südküste Borneos, wie sich aus den von ihm erwähnten Produkten Sagomehl, Palmwein, Bambus u. s. w. ergibt, besuchte das Königreich Zampa (Tschampa), wo der König viele gezähmte Elephanten besitzt, und endete in Kanton, im Lande Manzi (Südchina), welches auch Ober-Indien genannt wurde, seine Seereise. Er bezeichnet diesen berühmten Seehafen mit dem Namen Censcalan.[47] Die Stadt liegt eine Tagereise vom Meere entfernt an einem großen Flusse und treibt den ausgedehntesten Seehandel. „Ganz Italien besitzt nicht so viele Schiffe als diese eine Stadt.“ Die betriebsame, dichte Bevölkerung Chinas und seine zahlreichen Städte machten einen gewaltigen Eindruck. Odorich greift wohl etwas zu hoch, wenn er meint, es gäbe in Manzi 2000 Städte, welche größer als Vicenza oder Traviso seien. Allein eine annähernde Zahl von Städten besteht nach der Zusammenstellung Yules (Cathay I, 104) noch jetzt. Von Kanton wandte sich Odorich nach Zayton und von da nach dem Hafen Fuzo (Futscheu). Die weitere Landreise führte sodann durch manche Städte und über ein hohes Gebirge, in welchem zwei verschiedene Menschenrassen hausen, nordwärts zu einem großen Fluß, in welchem er zuerst die Kormoranfischerei kennen lernte, und dann nach Cansay, dem Quinsay Polo’s. In Bezug auf die Größe dieser Weltstadt übertreibt er noch mehr als sein Vorgänger. Die Stadt liegt in den Lagunen wie Venedig, hat 100 Meilen im Umfange und von den 12 Hauptthoren aus erstrecken sich die Vorstädte noch meilenweit ins Land hinein.
Von hier gelangte der Franziskaner nach Chilenfu (Nanking), wo zuerst die Könige von Manzi residirten. Damals hatten die Umfassungsmauern eine Länge von 40 Meilen,[48] jetzt nur die Hälfte. Auf dem großen Strome Talay (Ta kjang oder Yang tse kjang) ging die Fahrt an manchen Städten vorbei zum Schifffahrtscanal, und über den Hwangho endlich nach Cambalech (Peking), wo Odorich 3 Jahre verweilte und einer der von Montecorvino gegründeten Kirchen vorstand.
Als neue Beobachtungen des chinesischen Lebens, welche Polo unerwähnt gelassen, erzählt Odorich, es sei ein Zeichen der Vornehmen, sich lange Nägel wachsen zu lassen, bei einigen werde der Daumennagel so lang, daß er rund um die Hand gehe. Bei Frauen gelte es als Schönheit, sehr kleine Füße zu haben. Daher pflegten die Mütter den neugeborenen Mädchen die Füße fest zu umwickeln, daß dieselben nicht wachsen könnten. Auch beschreibt er zuerst die weißen Hühner mit wollhaarigem Gefieder, welche nur in China heimisch sind.[49]
Ueber den Weg, welchen Odorich auf seiner Heimreise einschlug, wissen wir nur soviel, daß er sich von Peking westwärts ins Binnenland, in das Land Tenduc, welches er für das Reich des Priesters Johann hielt, begab, vielleicht auch Singanfu besuchte und über die Hochgebirge nach Tibet und seiner Hauptstadt Lhasa vordrang. Hier verlieren sich alle Spuren; möglicherweise führte die Route durch Persien über Tebris wieder zurück. Um 1330 gelangte er wieder nach Venedig und starb im Januar 1331 in Udine. Auf einem Theile seiner Wanderung hatte er einen irischen Mönch Jakob zum Begleiter. Er war der erste Europäer, welcher Tibet sah.
Auch auf dem nördlichen Handelswege nach Centralasien fanden sich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eifrige Glaubensprediger ein, denn der Pabst hatte allen, welche im Dienste der Kirche sich den Mühen und Gefahren unterzogen, unter den Tataren das Christenthum zu verbreiten, denselben Ablaß „~a poena et a culpa~“ verheißen, wie denen, welche nach Jerusalem pilgerten. So zog 1338 auch der spanische Franziskaner +Pascal von Vittoria+ von Venedig aus, fuhr übers schwarze Meer nach der Krim (Gazaria) und Asow (Tana) und begab sich dann in Gesellschaft einiger griechischer Händler zu Wagen nach Sarai (Sarray), wo er, wahrscheinlich im Ordenskloster der Stadt, über ein Jahr lang verweilte, dann die Wolga (Tygris) hinab ins Meer von Baku (Vatuk), d. i. das kaspische Meer gelangte und nach 12 Tagen Saraitschik (d. h. kleiner Palast) am Uralflusse erreichte. Der Ort liegt gegenwärtig in Ruinen. Pascal war im Stande, mit den Tataren in ihrer Sprache zu verkehren, denn er hatte in Sarai die kumanische (chamanische) Sprache und die uigurische Schrift, welche bis nach China verstanden wurde, sich angeeignet. Vom Uralflusse verfolgte er, nachdem sein bisheriger Begleiter Fra Gonsalvo Transtorna umgekehrt war, seinen Weg allein, ritt zu Kamel durch die turanische Steppe nach Chiwa (Urganth) und predigte dort in der Landessprache. Von da aus drang er ins Reich Tschagatai (~Imperium Medium~ der Abendländer), wurde durch Kriegsunruhen zwar mehrfach aufgehalten, kam aber doch endlich nach Almalik (Armalec) der Hauptstadt von Tschagatai, in der Nähe des heutigen Kuldscha, und verkündigte trotz aller Verfolgung glaubensmuthig die christliche Lehre. Von hier aus sandte er einen Brief, den einzigen, nach Europa, in welchem er über seine Reisen berichtete. Leider ist er, wahrscheinlich schon im nächsten Jahre, 1339 als Märtyrer gefallen.[50] In demselben Jahre erreichte auch ein Kaufmann, Wilhelm von Modena, die Stadt Almalik.
Die letzte große Wanderung quer durch Asien führte der Franziskaner +Johann von Marignolli+, ein geborener Florentiner (geb. 1290) aus. Auf einen Brief des Großchans, vom Juli 1336, welcher 1338 nach Avignon gelangte, schickte der Pabst Benedikt XIII. eine Gesandtschaft, aus 32 Personen bestehend, im December desselben Jahres von Avignon ab. Unter den Sendlingen befand sich auch Marignolli. Man kam auf dem bekannten Wege über Konstantinopel und Kaffa im Herbst 1339 nach Sarai, wo man überwinterte, und schlug dann die Handelsroute über Urgendsch nach Almalik (Armalec) ein. Hier blieb Marignolli bis 1341 und zog dann über Komul (Kamil) nach Peking, wo die Gesandtschaft bei dem Kaan eine Audienz hatte unter Vortragen des Kreuzes und unter dem Gesange: „~Credo in unum deum~.“ In Cambalu verweilten sie 3 bis 4 Jahre als Gesandte des Pabstes am kaiserlichen Hofe, dann ging die Wanderung weiter nach dem Hafen Zayton. Die Schilderung, welche Marignolli von China entwirft, ist etwas verworren. So hält er den Hwang ho und den Yang tse kjang für ein und denselben Strom. Von dem Lande Manzi, d. i. Südchina, welches früher unter dem Namen ~India maxima~ bekannt war, sagt er, es habe 30,000 große Städte, unter denen Campsay (Quinsay) die schönste, größte, reichste und wunderbarste sei mit zahlreichen Prachtgebäuden und Götzentempeln, in denen bisweilen 1000 bis 2000 Mönche wohnten. Zu Ende des Jahres 1347 segelte Marignolli nach Indien. Unterwegs stattete er auch der Königin von Saba[51] einen Besuch ab und landete dann an der Küste Malabar in Indien in der Stadt Columbum (Quilon oder Kollam). Denn hier verkehrten auch chinesische Handelsschiffe. In Kollam existirte eine Gemeinde von Thomaschristen. Die Vorsteher derselben bewahrten in Folge eines alten Privilegiums das Normalgewicht (~statera~), mit welchem Pfeffer und andere Spezereien gewogen wurden. Daher nennt Marignolli sie auch „die Herren des Pfeffers“.[52] Bei dieser Stadt errichtete er auch eine Marmorsäule mit Kreuz und salbte es mit Oel. An der Säule befanden sich die Wappen des Pabstes und Marignolli’s mit indischer und lateinischer Schrift. „Ich weihete es,“ erzählt der Bote des Pabstes, „und segnete das Denkmal in Gegenwart einer unendlichen Menschenmenge und wurde auf den Schultern von Häuptlingen in einem Palankin getragen.“ Von da begab sich Marignolli nach Ceylon; aber das Paradies, welches nach Mittheilungen der Eingebornen im Innern liegen sollte, hat er selbst nicht gesehen. Nach der Ansicht des Johannes Scotus ist das Paradies auf dem höchsten Punkte der Erde gelegen und reicht bis in die Mondsphäre hinein. Daher muß das Wasser, welches aus dem Garten Eden entspringt und die Bäume tränkt, mit starkem Falle herabstürzen. Die Singhalesen fanden daher auch bei Marignolli Glauben, wenn sie ihm erzählten, man könne das Rauschen der Paradiesquelle 40 Meilen weit hören. Auf der höchsten Spitze des Berges ist noch der Fußstapfen Adams und das Haus zu sehen, das er selbst gebaut hat.
Auf der Rückkehr von Ceylon nach der Koromandelküste fiel Marignolli mohammedanischen Seepiraten in die Hände und wurde aller Werthgegenstände, die er aus dem Osten mitgebracht, beraubt; aber man schonte seines Lebens und so konnte er über Ormuz, Bagdad, in dessen Nähe er die Ruinen des Thurmes zu Babel (d. h. den Mudschelibe) besuchte, über Mossul, wo er die Ruinen von Ninive gesehen, Haleb und Damaskus nach dem Abendlande heimkehren und 1353 dem Pabste in Avignon das Antwortschreiben des Großkaan überreichen.[53]
Die oft wiederholten Handels- und Missionsreisen zu den Residenzen der tatarischen Großfürsten machen es erklärlich, daß, lediglich um den praktischen Bedürfnissen der Kaufleute zu genügen, Beschreibungen des Weges mit Angabe der Entfernung und Kosten entworfen wurden. Ein solcher +Reiseführer+ ist unter dem Titel „~Libro di divisamenti di Paesi~“ von dem Italiener +Pegolotti+ zusammengestellt, welcher im Dienste der Handelsgesellschaft Bardi in Florenz zwischen 1315 und 1317 als Factor in Antwerpen und von 1324-27 in Cypern lebte. Daß Pegolotti die Reise nach China selbst gemacht habe, ist nicht erwiesen und auch nicht wahrscheinlich. Der damals übliche Weg ging über das schwarze Meer und durch Südrußland. Unter den allgemeinen Verhaltungsregeln ward als rathsam empfohlen, daß man sich zunächst einen langen Bart stehen lasse. Dann nehme man sich in Tana einen Dragoman und ein paar tüchtige Diener, welche kumanisch verstehen; auch empfiehlt es sich eine Frau mitzunehmen, welche womöglich gleichfalls kumanisch spricht. Dann versorge man sich mit Mehl und Salzfisch, denn Fleisch findet man allenthalben genug. Bewaffneten Schutz braucht man nicht, da die ganze Straße bis China, Dank der Fürsorge der tatarischen Herren, sicher ist. Hat man etwa (nach unserem Geld berechnet) für 240,000 Mark an Waaren, so wird die ganze Reise etwa 3000 bis 4000 Mark kosten. Ein vierräderiger Ochsenkarren mit Filzdach trägt eine Last von 10 Centnern, ein Kamelwagen, zu dem drei Zugthiere gehören, gegen 30 Centner, ein Pferd zieht etwa 6½ Centner.
Was nun die Entfernung und Stationen betrifft, so rechnet man auf den Weg von Tana bis Astrachan (Gintarchan) mit Ochsenkarren 25 Tage, von da bis Sarai 1 Tag, von da bis Saraitschik (Saracanco) am Ural 8 Tage. Von hier kann man zu Land oder zu Wasser weiter reisen. Auf dem Landwege braucht man bis Organci (Chiva) mit Kamelkarren 20 Tage, weiter bis Otrar (Oltrare) an einem Nebenflusse des Syr-Darja südlich der Stadt Turkestan, unter 43° n. B., wieder 35-40 Tage. Von Saracanco direct nach Otrar kürzt sich der Weg auf 50 Tage ab. In Otrar nimmt man Packesel und reiset 45 Tage bis Armalec (bei Kuldscha) und 70 Tage bis Kan-tschou (Camexu). Dann reitet man zu Pferde 45 Tage, bis man an einen chinesischen Fluß[54] gelangt, auf welchem man nach Cassai (Quinsay) kommt und von hier in 30 Tagen die ganze Reise bis Gamalec (Cambalec, Peking) vollendet.
Leider war dieser aufblühende Verkehr mit dem Oriente nicht mehr von langer Dauer; denn als 1368 in China die mongolische Dynastie gestürzt worden war und eine einheimische Fürstenfamilie an die Spitze trat, wurde das Land gesperrt und der Handel völlig abgebrochen. Nur Indien blieb offen. Und hierher kam im 15. Jahrhundert noch ein venetianischer Kaufmann +Nicolo de’ Conti+, dessen Erzählung nur durch den seltenen Zufall sich erhalten hat, daß Conti auf der Heimreise nach Europa auf dem rothen Meere in die Hände von Piraten gefallen und aus Todesfurcht den Islam annahm, dann freigelassen, sich in seiner Gewissensangst um Ablaß an den Pabst Eugen IV. wandte, welcher von 1439-42 sich in Florenz aufhielt, und dessen Secretär Poggio (Poggius) die Erlebnisse des Reisenden niederschrieb.[55] Der ganze Bericht macht den Eindruck der Treue und Zuverlässigkeit, doch mag wohl Poggio manches auf eigne Hand hinzugefügt haben, so über die Insel Taprobane. Conti hatte sich in seiner Jugend in Aegypten aufgehalten, um Handel zu treiben, war dann flüchtig geworden, weil er das ihm von seinem Vater anvertraute Capital vergeudet hatte, und war mit einer großen Karawane von 600 Köpfen durch das steinige Arabien und über Chaldäa an den Euphrat gereist. Während des Zuges durch die syrische Wüste hatten sie, ähnlich wie Polo, seltsame Erscheinungen, welche nach Angabe von erfahrenen Männern, die dergleichen schon früher erlebt hatten, für Dämonenspuk ausgegeben wurden. Es war, als ob Reiterschwärme vorübersausten. Man wird bei der Schilderung unwillkürlich an das bekannte Gedicht von Freiligrath: Das Gesicht des Reisenden erinnert. Dann kam er nach der Stadt Babilonia am Euphrat, „welche die heutigen Bewohner Baldachia (Bagdad) nennen“.[56] Dann ging es den Fluß hinunter nach Basra (Balsera) und übers Meer nach Ormuz (Ormesia), damals bereits auf der Insel gelegen. Unterwegs berührte er den Hafen Colchum (bei Diego Ribero 1529 Conga, jetzt Kongun, südlich von Schiras).
In einem persischen Hafen, den er Calacatia[57] nennt, hielt er sich längere Zeit auf, um persisch zu lernen. Seine weitere Reise unternahm er dann in der Tracht eines Persers und fuhr in Gesellschaft seiner adoptirten Landsleute zu Schiff nach Cambaya (Cambahita), welches sie nach einer Fahrt von einem Monat erreichten. Cambaya war damals einer der bedeutendsten Hafenplätze Indiens. „Wenn die abendländische Welt zum Genuß hinterindischer und chinesischer Produkte gelangte, so verdankte sie dies zumeist den unternehmenden Kaufleuten und tüchtigen Seecapitänen von Cambaya und Kalikut.“[58] Eine Küstenfahrt führte Conti nach Süden in die Region, welche ausgezeichneten Ingwer liefert.
[Illustration: ~=Mapamondi=, das heisst das Bild der Welt und der verschiedenen Staaten der Welt und der Gegenden, welche auf der Erde sind, der verschiedenen Arten von Völkern, welche auf derselben wohnen. (Und besagtes Bild oder Figur ist rund wie ein Spielball und ähnlich einem Ei, getheilt in vier Elemente. Denn wie das ganze Ei von aussen von seiner Schale umgeben ist, wie die Schale das Eiweiss, und dieses den Dotter umgibt, und darauf der Tropfen des Embryo gebildet ist: so ist diese Welt auf allen Seiten vom Himmel umgeben, wie von der Eierschale, der Himmel umgibt die reine Luft, wie die Schale das Eiweiss; die trübe Luft ist umgeben von der reinen Luft, wie der Dotter vom Eiweiss u. s. w.)~
Die Bewohner von Norwegen leben mehr von Fischen und von der Jagd als von Brot. Diese Gegend ist sehr rauh und kalt und gebirgig, wild und voll von Gebüschen. Viel Wild gibt’s hier: als Hirsche, weisse Bären und Gerfalken. Es gibt Hafer, aber nur sehr wenig, wegen der grossen Kälte.
In Irland gibt es viele merkwürdige Inseln, darunter ist eine kleine, wo die Menschen nicht sterben; aber wenn sie sehr alt sind, um zu sterben, trägt man sie von der Insel. Da gibt’s keine Schlange und keine Kröte und keine giftige Spinne; denn das ganze Land duldet kein giftiges Thier. (Da ist auch ein See und eine Insel. Noch mehr, es gibt dort Bäume, die tragen Vögel, wie andere Bäume reife Feigen tragen.) Desgleichen gibt es eine andere Insel in welcher die Frauen nicht niederkommen; wenn aber die Zeit der Entbindung kommt, schafft man sie, der Sitte gemäss, von der Insel fort.
Die glückseligen Inseln liegen in dem grossen Meere linker Hand, an der Grenze des Occidents, aber nicht fern im Meere. (Isidor spricht also in seinem 15. Buche: Diese Inseln heissen Fortunatae.) Denn sie sind reich an allen Gütern, Korn, Früchten, Kräutern, Bäumen und die Einwohner glauben, es sei hier das Paradies, wegen der milden Sonnenwärme und der Fruchtbarkeit des Bodens. (Isidor sagt auch) Die Bäume wachsen hier wenigstens 140 Fuss hoch und tragen viele Früchte und Vögel. Man findet hier Honig und Milch, vorzüglich in der Insel Capria, die nach der Menge der Ziegen, die es hier gibt, benannt ist. Dann ist hier die Insel Canaria, benannt nach den grossen und starken Hunden, welche dort sind. (Plinius, dieser Meister der Geographie, sagt, dass es unter den Fortunaten eine gibt, wo alle Güter der Welt wachsen, ebenso alle Früchte, ohne dass man sie zu säen und zu pflanzen braucht. Auf der Höhe der Gebirge sind sehr wohlriechende Bäume, zu jeder Zeit mit Blättern und Früchten bedeckt. Die Einwohner essen davon einen Theil des Jahres. Die Bewohner Indiens glauben, dass ihre Seelen nach dem Tode diese Inseln bewohnen werden und dass sie dort ewig leben werden von dem Wohlgeruch dieser Früchte. Sie glauben, dass dies ihr Paradies sei, aber, offen gestanden, es ist dies eine Fabel.)
Das Schiff des Jacob Ferrer ging in See nach dem Goldflusse am Tage des heil. Laurentius, am 10. August 1346.
Die Orkney-Inseln, in denselben ist 6 Monate Tag, während die Nacht hell ist, und 6 Monate Nacht, während der Tag trübe ist.
Cap Finisterre, das Westcap Afrikas, hier beginnt (Afrika) und endigt in Alexandrien und Babilonia (Stadt in Aegypten) und umfasst die ganze Küste der Berberei und reicht (bis Alexandrien) gegen Mittag u. Aethiopien (und Aegypten. Man findet in diesem Lande viel Elfenbein wegen der Menge von Elephanten, die hier geboren werden und welche hier an den Strand kommen.)
Thal von Darha (Wadi Draa). Durch diesen Ort ziehen die Kaufleute, welche nach dem Lande der Neger von Guinea reisen.
Dieses ganze Gebiet haben Leute inne, welche sich so einhüllen, dass man nichts als die Augen sieht (Tuarez mit dem Lithmen oder Gesichtsschleier), sie leben in Zelten und reiten auf Kamelen. (Es gibt hier auch Thiere, welche Lemp(?) heissen, aus deren Haut man gute Schilde macht.)
Dieses ganze Gebirge wird in seiner Länge Carena von den Sarazenen genannt und von den Christen die Hellen Berge (vom Schnee) genannt, hat viele schöne Städte und Schlösser, die mit einander Krieg führen und hat Ueberfluss an Brot und an Wein und an Oel und an allen guten Früchten.
Dieser Negerfürst heisst Mussemelly, Herr der Neger von Guinea. Dieser König ist der reichste u. vornehmste Herr dieses ganzen Landes, wegen der Menge Gold, die man in seinem Lande sammelt.
Dieses Meer heisst das deutsche Meer und das Meer von Gotland und Schweden. Wisst, dass dieses Meer 6 Monate im Jahre gefroren ist, nämlich von Mitte October bis Mitte März, so dass man in dieser Zeit mit Ochsenwagen darüber fahren kann, wegen der Kälte des Nordens.
Hier ist der mittlere Theil des Gebirges, über welches sarazenische Pilger ziehen, welche vom Abendlande aus nach Mekka walfahren.
Hier herrscht der König Organa, ein Sarazene, welcher fortwährend mit den Sarazenen an der Küste und mit den andern Arabern Krieg führt.
In diesem Sumpf leben Orions und andere seltsame Fische.
Stadt Lemberg (Löwenberg); in diese Stadt kommen Kaufleute, welche aus dem Orient anlangen und sich durch das deutsche Meer nach Flandern begeben.
Dieser König führt beständig Krieg mit den Christen in Nubien, welche dem Kaiser von Aethiopien im Lande des Priesters Johannes unterthänig sind.
Dieser Sultan von Babilonia ist gross und mächtig unter den andern dieser Gegend.
Durch diese Meerenge gingen die Kinder Israels, als sie aus Aegypten auszogen.
In diese Stadt Chos (Kosser) bringt man die Spezereien, die von Indien kommen. (Man bringt sie dann nach Babylonia (Kairo) und Alexandrien.)
Dieses Meer heisst das rothe Meer (hier zogen die zwölf Stämme Israels hindurch) und wisst, dass das Wasser nicht roth ist, sondern der Boden hat diese Farbe. Durch dieses Meer geht der grössere Theil der Spezereien, die von Indien (nach Alexandrien) kommen.
Hier ist der Leib d. Jungfrau Katharina (Katharinenkloster). Der Berg Sinai, auf welchem Gott Moses das Gesetz gab.
Hier regiert der Kaiser dieser nördlichen Gegend, dessen Bereich in der Provinz Bolgar (an der Wolgar) beginnt u. in der Stadt Urgendsch endigt. Dieser Fürst heisst Jambech (1342-1356) Herr von Sarai.
Diese Stadt heisst das grosse Ninive, dieselbe wurde wegen ihrer Sünden zerstört.
Hier lag das grosse Babylon, wo Nebukadnezar war.
In dieser Stadt ist das Grab Mohammeds, des Propheten der Sarazenen, welche aus allen Ländern dahin pilgern u. sie sagen, dass nachdem sie etwas so kostbares gesehen, es nichts mehr gebe, was des Ansehens werth wäre. Dann lassen sie sich zur Ehre Mohammeds blenden.
Es heisst jetzt Bagdad. Wisst, dass man in diese Stadt viele Spezereien und schöne Sachen bringt, die von Indien kommen u. die man dann ins Land Syrien und besonders nach Damaskus schafft.
Vor der Mündung des Flusses von Bagdad das Meer von Indien und Persien. Hier sind Fischereien von Perlen, welche man dann in die Stadt Bagdad bringt. (Und die Fischer sprechen, ehe sie auf den Grund tauchen, ihre Zaubersprüche, um die Fische zu verjagen.)
Wisst, dass diejenigen, welche die Wüste durchreisen wollen, hier anhalten und eine ganze Woche ausruhen in einer Stadt Namens Lop (wo sie und ihre Thiere sich erholen), und wo sie sich mit allem Nöthigen für 7 Monate versehen; denn in der Wüste kann ein Mensch einen Tag und eine Nacht wandern, ehe er gutes Trinkwasser findet; (aber nach dieser Zeit von einem Tag und einer Nacht findet man) so viel, dass es für 50, für 100 Personen und noch mehr ausreicht. Und wenn es geschieht, dass ein Reisender bei Nacht auf dem Pferde einschläft, (oder aus einem andern Grunde seine Kameraden verlässt, so kommt es oft vor) dass er in der Luft zahlreiche Stimmen von Teufeln hört (die der Stimme seiner Gefährten gleichen); dann rufen sie ihn bei seinem Namen und endlich führen die Teufel ihn kreuz und quer durch die Wüste, dass er seine Gefährten nie wieder findet. -- Diese Karawane reist vom Kaiserthum Sarai nach China.
Die Stadt Schiras, sonst Gracia genannt; hier wurde die Astronomie zuerst durch den sehr gelehrten Ptolemäus erfunden (?!)
Arabia Saba ist die Provinz, welche die Königin von Saba besitzt. Jetzt gehört sie arabischen Sarazenen. Es gibt dort viele Wohlgerüche als Myrrhe und Weihrauch, sie hat Ueberfluss an Gold, an Silber und kostbaren Steinen, auch findet man hier, wie man sagt, den Vogel Phönix.
(Diese Provinz heisst) Tarsia. Von hier zogen die drei weisen Könige aus, welche mit ihren Geschenken nach Bethlehem in Judäa kamen und Jesum Christum anbeteten; sie sind begraben in der Stadt Köln, zwei Tagereisen von Brügge.
Diese Stadt heisst Ormus. Hier beginnt Indien. Wisst, dass in diese Stadt Fahrzeuge kommen, welche 8-10 Masten haben mit Segeln von Rohr.
Diese Schiffe heissen Dschonken (und haben 60 Ellen Kiel und wenigstens 34 Ellen Oberwerk.) Sie haben 4-10 Masten und ihre Segel sind aus Rohr und Palmblättern.
In dem indischen Meere, wo die Fischereien sind, gibt es mehr reiche Inseln, aber die Fischer machen, ehe sie auf den Grund tauchen, ihren Zauber, wodurch sie die Fische vertreiben; und wenn die Fischer zufällig untertauchen, bevor sie ihren Zauber gemacht haben, werden sie von den Fischen gefressen. Das ist eine ausgemachte Sache.
Der König von Dehli. Hier ist ein grosser, mächtiger u. sehr reicher Sultan; dieser Sultan hat 700 Elephanten und 100,000 Reiter unter seinem Befehl. Er hat auch zahllose Truppen zu Fuss. In dieser Gegend der Erde gibt es viel Gold u. kostbare Steine.
Auf diesen Inseln gibt es viele gute Gerfalken und Falken, welche die Einwohner nur für den Bedarf des Gross-Chans zu fangen wagen, des Herrn und Kaisers von China.
Wisst, die Männer und Weiber dieses Landes, wenn sie gestorben sind, mit Musik und Freudenbezeugung zum Scheiterhaufen getragen werden. (Während die Verwandten des Todten wehklagen) geschieht es bisweilen, dass die Witwen sich ins Feuer stürzen zugleich mit ihren Männern; dagegen die Männer nie mit ihren (gestorbenen) Frauen.
Diese (Trompeten) sind von Metall. Alexander, der grosse mächtige König, liess sie machen. Die Gebirge von Badachschan. Diese Menschen sammeln Diamanten; aber da sie nicht in die Gebirge gelangen können, wo sich die Diamanten finden, so werfen sie sehr geschickt Fleischstücke dahin, wo die Edelsteine liegen und die Steine heften sich an das Fleisch und Vögel nehmen sie da weg. Dann fallen die (am Fleisch klebenden Steine) den Vögeln weg u. so werden sie gefunden, und so fand es Alexander.
Der See Issyk-Kul. In diesem See ist ein Kloster von armenischen Mönchen, in welchen, wie man sagt, der Leib des Heil. Matthäus, des Apostels und Evangelisten ist.
Viele Städte, welche Alexander der Grosse, König v. Macedonien, baute.
Hier herrscht der König von Kollam, ein Christ. Provinz Kollam.
Hier herrscht der König Chabech (Gabak oder Kapak, zwischen 1310 u. 1320), welchen man den Herrn des medischen Reiches nennt. Er war in Emaleck (?)
Hier herrschte der König Stephan. Hier ist der Leib des Heil. Thomas, des Apostels. (Blicke nach der Stadt Butifilis (Motupalla)).
In der Insel Jana (?) findet man viele Bäume, Aloëholz, Kampfer, Sandel, feine Spezereien, Galanga (eine Wurzel), Muskatnüsse, Zimmtbäume, wovon das kostbarste Gewürz von ganz Indien kommt; auch findet man dort Macis und Blätter.
Das kaspische Gebirge, in welchem Alexander so hohe Bäume sah, dass ihr Wipfel in die Wolken reichte. Und mit Hilfe seiner Kunst schloss er dort die Tartaren Gog und Magog ein (und für sie liess Alexander die eben beschriebenen Metallbilder machen.) Ebenso schloss er an diesem Orte auch verschiedene Arten von Menschen ein, die nicht rohes Fleisch essen sollten. Das ist das Menschengeschlecht, mit welchem der Antichrist kommen wird. (Sie werden endlich durch Feuer vernichtet, welches vom Himmel herabkommt, um sie zu vertilgen.)
Hier werden kleine Menschen geboren, welche nur 5 Palmen hoch sind (und obwohl sie klein und unfähig sind, schwere Arbeit zu thun, so sind sie doch im Stande und fähig zu weben und Vieh zu hüten.) Und wisst, dass diese Menschen, wenn sie das 12. Jahr erreicht haben, heirathen und gewöhnlich bis zum 40. Jahr leben.... Und sie vertheidigen sich kräftig gegen die Kraniche und nehmen sie und essen sie. (Hier endigt das Land der Herren von China.)
Die Insel der nackten Menschen, in welcher Männer u. Frauen vorn und hinten ein Blatt tragen.
Der grosse Fürst von Gog oder Magog. Dieser wird zur Zeit des Antichrists mit grossem Volke kommen.
Der grosse und mächtige König Alexander hätte hier sterben müssen, wenn ihn Satanas nicht durch seine Kunst gerettet hätte.
Der grösste Fürst aller Tartaren heisst Ulu-beg, das bedeutet Gross-Chan. Dieser Kaiser ist viel reicher als alle anderen Kaiser der ganzen Welt. (Diesen Kaiser bewachen 12,000 Reiter.) Er hat 4 Hauptleute, welche jeder 12,000 Pferde unter ihrem Befehl haben. Jeder Hauptmann begiebt sich an den Hof des Herrschers mit seiner Compagnie auf 3 Monate im Jahr und dann die andern der Reihe nach.
In dem Meere von Indien sind 7548 Inseln, von denen wir hier nicht alle wunderbaren Reichthümer, die darin enthalten sind, von Gold, Silber und (kostbaren Steinen) aufzählen können.
Meer der Inseln von Indien, wo die Spezereien sind. In diesem Meere fahren zahlreiche Schiffe verschiedener Völker.
Man findet dort 2 Arten von Fischen, welche man Syrenen nennt, die eine ist halb Frau und halb Fisch, die andere halb Frau und halb Vogel.
Wisst, dass neben der grossen Stadt Cambalech ehemals die grosse Stadt Garibalu lag. Und der grosse Chan fand durch Astronomie, dass diese Stadt sich gegen ihn empören würde. Er liess sie daher zerstören und die Stadt Cambalech bauen. Diese Stadt hat 24 Meilen Umfang und ist mit sehr starken Mauern umgeben. Sie bildet ein Viereck, jede Seite hat 6 Meilen und die Mauern sind 20 Schritt hoch und 10 Schritt dick. Es gibt 12 Thore und einen grossen Thurm, auf dem eine grosse Glocke angebracht ist, welche nach und vor dem Schlaf ertönt. Wenn sie ertönt, darf niemand mehr durch die Stadt gehen. An jedem Thor halten 1000 Mann Wache; nicht aus Furcht, sondern zur Ehre des Herrschers.
Der Antichrist. Dieser wird in Corozaim in Galliläa aufwachsen. Und wenn er 30 Jahre alt ist, wird er in Jerusalem anfangen zu predigen, und gegen alle Wahrheit wird er sagen, er sei Christus, der Sohn Gottes, und man sagt, dass er den Tempel wieder aufbauen werde.
Diese Menschen sind wild und leben von rohen Fischen und trinken Seewasser und gehen nackt.
Die Insel Taprobana, diese wird von den Tataren Magno-Caulij genannt; es ist die letzte im Osten. (Auf dieser Insel gibts Menschen, welche von den andern ganz verschieden sind.) In einigen Gebirgen dieser Insel gibt es Menschen von grosser Gestalt, d. h. von 12 Ellen, wie Riesen, sehr schwarz und ohne Vernunft, sie fressen die fremden weissen Menschen, wenn sie dieselben fangen können. (Anklänge an Völker auf Sumatra und Neuguinea.)
Schutzblatt zur catalanischen Erdkarte mit der Uebersetzung der Legende des Originals. Die eingeklammerten Stellen des Textes sind des beschränkten Raumes wegen aus den Legenden der Karte weggelassen, werden aber hier der Vollständigkeit wegen in der Uebersetzung mitgetheilt. Eingeklammerte einzelne Worte dienen zur Erläuterung.
(~Diese Reproduction ist mit Ausnahme der Schriftcharaktere dem Originale, welches auf vier Pergamenttafeln gezeichnet ist, in ⅓ der Länge demselben facsimile nachgebildet.)~
Auf dieser Insel gibt es jedes Jahr 2 Sommer und 2 Winter. Die Bäume und Kräuter blühen hier jährlich zweimal (und es ist die letzte indische Insel und hat eine Fülle von Gold, Silber und kostbaren Steinen).]
Von der Küste wandte sich der Venetianer ins Binnenland, er war der erste Europäer, welcher quer durch die Halbinsel Vorder-Indien zog, und der erste, der später den Ganges hinabfuhr,[59] und besuchte die Stadt Bizenegalia (Bisnagar oder jetzt Widjajanagara, 15° 19′ n. B.) eine damals berühmte, jetzt in Trümmern liegende Residenz, welche später, im 16. Jahrhundert auch von dem Venetianer Cesare Federici erreicht und beschrieben ist. Nach dem Jahre 1567 verfiel die Stadt. Ueber Pelagonda (jetzt Pinakonda) und Cenderghiria (Tschandragiri) drang Conti dann quer durch das Plateau von Dekan vor und erreichte die Ostküste bei Pudifatania (Madras) und Malipuria (Milapur, unmittelbar südlich von Madras, auch St. Thoma genannt), wo der Leib des Apostels Thomas in einer prächtigen Basilica begraben lag. Die ganze Landschaft nennt er Malabar statt Maabar. Die letzte Stadt, welche er hier besuchte, war Cahila. M. Polo nennt sie Cael. Es ist das altindische Kayal und lag etwa zwei Kilometer oberhalb einer der Mündungen des Tamraparniflusses. Kayal war eine Tochterstadt des ptolomäischen Kolchoi, jetzt Kolka, ein Dorf, zwei bis drei engl. Meilen weiter landeinwärts auf der Höhe gelegen.[60] Die Stadt war berühmt durch ihre Perlenfischereien. Von da setzt der Reisende nach der Insel Seilana (Ceylon) über, welche durch ihre Edelsteine: Rubinen, Saphiren und Katzenaugen und durch den Zimmtbaum berühmt war. Mit günstigem Fahrwinde segelte er von da in 20 Tagen, wobei man die Andamanen (Andamaria) zur rechten Hand ließ, nach Sumatra (Sciamuthera bei Conti). Die wilden Bewohner tragen in ihren großen Ohren mit Edelsteinen besetzte Goldringe und kleiden sich in Seide und Leinen. Sie haben Pfeffer, Kampfer und Gold in Fülle. Conti erwähnt hier zuerst die merkwürdige Frucht des Durianbaumes (~fructum durianum~), welche grün von Farbe und so groß wie eine Gurke von verschiedenem Geschmack gleich geronnener Butter ist. Eine genaue Beschreibung dieser sehr geschätzten Frucht hat A. R. Wallace[61] gegeben. Die Verschiedenartigkeit des Geschmacks, welche Conti hervorhebt, definirt Wallace in folgender Weise: „Ein würziger, butteriger, stark nach Mandeln schmeckender Eierrahm gibt die beste allgemeine Idee davon, aber dazwischen kommen Duftwolken, die an Rahmkäse, Zwiebelsauce, braunen Jerezwein und anderes Unvergleichbare erinnern. Dann ist der Brei von einer würzigen, klebrigen Weichheit, die sonst keinem Dinge zukommt, die ihn aber noch delicater macht. Die Frucht ist weder sauer, noch süß, noch saftig und doch empfindet man nicht den Mangel einer dieser Eigenschaften.“ Auf Sumatra leben in der Landschaft Bathech Menschenfresser, welche die Köpfe der erschlagenen Feinde als Geld gebrauchen. Das Volk der Batta, welches gemeint ist, steht noch in dem übeln Rufe des Canibalismus.
Auf der Rückkehr von dort wurde Conti durch Sturm an die Küste von Tenasserim verschlagen, wo es viele Elephanten und Färbeholz gibt. Von da gelangte er zum Ganges und fuhr den Strom 15 Tage weit hinauf. Der Reisebericht wird von hier ab dunkeler, namentlich auch, weil sich manche der angeführten Ortsnamen nicht deuten lassen. Wahrscheinlich besuchte er noch Arracan (Rachani), stieg über das Gebirge gegen Osten ins Thal des Irawadi hinab und fuhr stromauf nach der alten Hauptstadt Ava des Königreichs Birma. Man scheint dieses Land damals zu Süd- oder Großchina gerechnet zu haben, dessen Namen Conti in der Form Macinum (Ma-tschin) kennt. Von Ava kehrte Conti nach Sittang zurück (Xeython), wandte sich nach Bangkok (Pancovia), wo er vier Monate blieb und fuhr von da nach den Sundainseln. Den ganzen Archipel bezeichnet er mit dem Namen Inner-Indien. Längeren Aufenthalt nahm er in Borneo und Java (Groß- und Klein-Java), deren Bewohner ihm die unmenschlichsten und grausamsten von allen zu sein schienen. Als Beispiel dafür erwähnt er das auf Java übliche Amoklaufen. Conti erzählt auch zuerst von den wundervollen Paradiesvögeln, deren Bälge als Kopfschmuck dienen. Das noch in späteren Jahrhunderten von den Portugiesen vorgetragene Märchen, wonach dieser Schmuckvogel keine Füße haben sollte, hat auch Conti bereits vernommen; doch irrt er darin, daß er den Vogel auf Borneo leben läßt, während derselbe auf den Molukken die Westgrenze seiner Verbreitung findet. Bis zum Jahre 1760 war noch kein vollständiges Exemplar nach Europa gelangt.[62]
Nach einer Fahrt von 14 Tagen erreichte unser Reisender mit seiner Familie, die ihn begleitete, die Gewürzinseln, wo die Muskatnüsse und Gewürznelken gedeihen. Conti nennt die beiden von ihm besuchten Inseln Sandai und Banda. Welche Eilande darunter zu verstehen sind, läßt sich nicht bestimmen; denn der Name Sandai ist jetzt völlig unbekannt und auf der heute Banda genannten Insel wuchsen die Gewürznelken damals nicht. Höchst wahrscheinlich verwechselte er den Gewürzmarkt mit dem Produktionsgebiet. Von da ging Conti nach dem oftbesuchten Tschampa (Ciampa), welches er als Seestadt bezeichnet, und kehrte nun nach Vorder-Indien, nach Kollam, zurück. Ueber Kotschin, Kalikut (Collicuthia) und Cambaya wandte er sich zur Heimkehr, landete unterwegs an der aloëreichen Insel Sokotra (Sochutera), berührte Aden und das an der afrikanischen Küste gegenüberliegende Berbera (Barbora), verweilte längere Zeit in Abessinien, schiffte darauf durchs rothe Meer nach Djidda und kam endlich nach Kairo (Carras), wo er außer sämmtlichen Dienern seine Frau und zwei Söhne an der Pest verlor.[63] Obwohl seiner Zeit die Erzählung Conti’s mehrfach auf Mißtrauen gestoßen ist, so wird doch eine gründliche Prüfung bestätigen müssen, daß ein großer Theil seiner Mittheilungen auf Autopsie beruht und daß sich manche Dunkelheiten aus der mangelhaften Beschaffenheit der erhaltenen Texte erklären lassen.
Die Beziehungen der römischen Kirche zum Orient dauerten auch noch unter Calixt III. (1447-1458) und Pius II. (1458-1464) fort, äthiopische Gesandte kamen nach Rom, von denen schon Poggio Erkundigungen über Aethiopien und die Region der Nilquellen einzog und aufzeichnete, andere Boten gingen nach Persien und Indien, so daß die Kenntniß von diesen Ländern sich immer klarer gestaltete. Auch Kaufleute wagten sich immer häufiger in das Reich der Gewürze, und so konnte Toscanelli in seinem Briefe an den Canonicus Martinez in Lissabon 1474 genaue Schilderungen selbst Chinas nach dem Berichte von Augenzeugen geben, mit denen er selbst verkehrt hatte.
Was die Mitte des 15. Jahrhunderts vom Osten Afrikas wußte, läßt sich, wenn auch in unbeholfener Gruppirung dargestellt, auf der in Venedig 1459 entworfenen +Weltkarte Fra Mauro’s+ erkennen. In Abessinien sind der Abai und Takazze als Tributäre des Nil verzeichnet, selbst der Djub (Hebe) findet sich in annähernd richtiger Lage. Vor allem wichtig muß es aber erscheinen, daß an der Ostküste, wo zwar die Insel Madagascar noch fehlt, doch die Erkundigungen über Makdischu (Mogodisco) und Sansibar (zweimal als Xengibar und Chancibar), vielleicht bis zu der Comoren-Insel Mohilla (Mahal) und nach Sofala (Soffala) reichen. Durch die sich weit nach Süden ziehenden afrikanischen Uferlinien wurden später die Hoffnungen, eine Umfahrt um Afrika zu ermöglichen, wesentlich bestärkt.
Zweites Capitel.
Die Abendseite der alten Welt.
Prinz Heinrich der Seefahrer.
Wenden wir uns wieder der Westseite Afrikas zu, so ist unsere nächste Aufgabe, nachzuweisen, wie die Kenntniß hier, nachdem um die Mitte des 14. Jahrhunderts die Grenze des Wissens alter Zeit wieder erreicht worden war, unter besonders günstigen Umständen rasch und planmäßig vorwärts rückte.
Unter den damals bekannt gewordenen westafrikanischen Inselgruppen waren nur die Canarien bewohnt gefunden. Hier saß das Volk der Guanchen, wie die Spanier den Namen schreiben, ein starker kräftiger Menschenschlag von blondem Haar und heller Gesichtsfarbe, deren Nachkommen noch in jüngster Zeit einen deutschen Reisenden an den ächt sächsischen, westfälischen Typus erinnern konnten.[64] Und in der That hat Löher auch den Beweis angetreten, daß die Wandschen (Guanchen) germanischer Abkunft seien, und sich höchst wahrscheinlich ans den Trümmern der von Belisar niedergeworfenen Vandalen und durch Tarik bei Jerex besiegten Westgothen gebildet hätten. Unter den beigebrachten historischen Zeugnissen ist hier namentlich die Deutung hervorzuheben, welche die Sage von der Flucht eines Erzbischofs und mehrerer Bischöfe auf die Inseln des Westmeeres erhielt, von welcher oben (S. 21) berichtet ist. Danach ist dann der Name Wandschen identisch mit Vandalen. Aber auch in Bezug auf den Nationalcharakter, die Sitten und Anschauungen, die Art der Ansiedlungen und der staatlichen Verfassungen bieten sich so manche Analogien mit altgermanischem Wesen, daß wir uns der überraschenden Beweisführung Löhers nicht verschließen können. Unverkennbar, aber auch ganz erklärlich, war die Sprache der Wandschen mit berberischen Elementen durchsetzt. Im Jahre 1384 machten zuerst spanische Mönche den Versuch, die Bewohner auf Groß-Canaria zum Christenthum zu bekehren, fanden aber thätigen Widerstand und büßten endlich 1391 alle ihren Glaubenseifer mit dem Tode. Planmäßiger begann 1402 +Jean de Bethencourt+ aus Rochelle das Werk; er segelte von La Rochelle aus, landete auf Lanzarote mit einigen 50 Mann und baute eine kleine Citadelle. Aber sie vermochten sich bei ihrer geringen Anzahl doch nur mit Mühe zu halten. Daher suchte Bethencourt in Spanien Hilfe, welche ihm auch um den Preis der Lehnsabhängigkeit von Castilien gewährt ward. Nun begann ein mehrfach unterbrochener Kampf gegen die Selbständigkeit der einheimischen Dynasten, in welchem zunächst die Stämme auf Lanzarote, Fuertaventura und Ferro erlagen und das Christenthum annahmen. Die andern Inseln wurden erst gegen Ausgang des Jahrhunderts bezwungen. Gran-Canaria erlag nach 13jährigem Kampfe 1483, Palma beugte sich 1491 und erst 1496 wurde auch Teneriffa erobert. So kamen die Canarien unter spanische Botmäßigkeit und damit ging ein nicht unwichtiger Stützpunkt für die maritimen Unternehmungen den Portugiesen verloren, welche kurz nach dem Erscheinen Bethencourts ihre glänzende Entdeckerlaufbahn eröffneten, und zwar unter der Führung des +Prinzen Heinrich+, welcher am Cabo Vicente im südwestlichen Portugal seinen Sitz aufschlug und von hier aus die Seefahrten leitete, die den westlichen Saum Afrikas entschleiern sollten.
Dort am Cabo de São Vicente, zugleich dem südwestlichsten Vorsprunge Europas, ist ihm auch in unserem Jahrhundert zum Ehrengedächtnisse ein Marmordenkmal über dem Hauptthore der kleinen Festung Sagres errichtet, welches in der Mitte das portugiesische Wappen, links ein Seeschiff mit vollen Segeln, rechts eine Armillarsphäre zeigt. Darunter ist folgende Inschrift in lateinischer und portugiesischer Sprache angebracht: „~Aeternum sacrum!~ An dieser Stelle hat der große Prinz Heinrich, Sohn Johanns I., Königs von Portugal unternommen, die vorher unbekannten Regionen von Westafrika zu erforschen und so durch Umschiffung Afrikas einen Weg bis zu den entlegenen Theilen des Ostens zu bahnen und hat auf eigne Kosten sein königliches Schloß, die berühmte Schule der Kosmographie, das astronomische Observatorium und das See-Arsenal errichtet und hat dasselbe bis an sein Lebensende mit bewunderungswürdiger Thatkraft und Ausdauer erhalten, gefördert und erweitert zum größten Segen für das Reich, für die Wissenschaft, für die Religion und für das ganze Menschengeschlecht. Als seine Expeditionen den 8. Grad nördlicher Breite erreicht hatten, als manche Insel im Ocean entdeckt und mit portugiesischen Colonien besetzt war, starb dieser große Prinz am 13. November 1460.“[65]
Der Infant Dom Enrique, der später den Beinamen des Seefahrers erhielt, war das fünfte Kind des Königs Johann und am Aschermittwoch, am 4. März 1394 in Oporto geboren. Im Kampfe gegen die Mauren vor Ceuta gewann er 1415 die Rittersporen. Er hatte sich dabei in persönlicher Tapferkeit so hervorgethan, daß der Pabst, der deutsche Kaiser Sigismund, die Könige von Castilien und von England ihn zu gewinnen suchten und seinem Arm die Führung ihrer Truppen anvertrauen wollten. Der Pabst Martin V. wünschte das Schwert des Infanten gegen die Türken zu richten, der Kaiser ließ auf dem Concil zu Constanz durch den portugiesischen Gesandten dem tapferen Prinzen ähnliche Anträge stellen.
Aber Heinrich hatte nach der Eroberung Ceutas seine Aufmerksamkeit auf das weiter südlich gelegene Afrika gerichtet, er wollte Guinea zu erreichen suchen. Allein Guanaja oder Ganaja war ein nur durch dunkle Gerüchte erkundetes Land; keines Europäers Auge hatte es bis dahin gesehen. Aber von dem Reichthum dieses Gebietes berichtet schon die catalanische Karte von 1375. Wir sehen hier im Lande ~GINVIA~ bei Tenbuch (Timbuktu) einen Negerfürsten mit Scepter und Reichsapfel thronen, neben welchem sich die Inschrift befindet: ~Aquest Senyor Negre es appellat Mussemelly, senyor de les Negres de Gineua, aquest rey es lo pus rich e pus noble senyor de tota esta partida per l’abundancia de l’or qual se recull en sua terra.~ (Dieser Negerherr ist Mussemelly [König von Melli] genannt, Herr der Neger von Guinea, dieser König ist der reichste und vornehmste Herr dieser ganzen Gegend durch die Fülle von Gold, welche man in seinem Lande sammelt.) Die Landstriche jenseits Cap Bojador hatte noch niemand besucht.[66] Es mußte für Portugal vortheilhaft erscheinen, +allein+ unter allen Europäern Handelsbeziehungen mit den Völkern Guineas anzuknüpfen, bei denen kein Mitbewerb drohte.
Prinz Heinrich hatte dabei noch einen andern Zweck im Auge. Er wollte die Ausdehnung der Macht seiner Landesfeinde, der Mauren kennen lernen. Man hatte nämlich in allen Berührungen und Conflicten mit diesem Gegner nie gesehen, daß ihnen aus weiter südlich gelegenen Gebieten ein Fürst zu Hilfe gekommen war. Er wollte darum erforschen, ob in diesen Ländern nicht christliche Mächte, vielleicht Nachbarn des bekannten Priesterkönigs Johann, säßen, welcher bereits nach der Vorstellung der catalanischen Karte ~Emperador de Etiopia~ war. Er wollte versuchen, ob man nicht von Süden her den Krieg gegen die Mauren erregen könne, um sie von zwei Seiten zu fassen; denn es schien ihm nicht unwahrscheinlich, den Beistand jener Fürsten um des Glaubens willen und aus Liebe zu Christo gewinnen zu können. Auch stand das Verlangen des Prinzen dahin, das Licht des Christenthums selbst in die dunkeln Erdstriche zu tragen. Und endlich trat noch ein wichtiges, in jenen Zeiten nicht angezweifeltes astrologisches Moment hinzu. Sein Horoskop wies den Infanten bestimmt auf die Entdeckungen hin. Azurara hat dasselbe mitgetheilt, es lautet danach: „Da sein Ascendent (d. h. das bei seiner Geburt aufsteigende Haus) der Widder war, welcher das Haus des Mars ist, wo die Sonne sich in Exaltation befindet (d. h. den größten Einfluß übt), und da sein Herr (Mars) im eilften Hause (d. h. nahe bei der Sonne) und im Wassermann steht, welcher das Haus des Saturns ist, so bedeutet es, daß er zu großen Eroberungen berufen war und ganz besonders zur Aufsuchung von Dingen, die andern Menschen verborgen waren, denn Saturn ist der Hüter der Geheimnisse. Und da sein Stern von der Sonne begleitet ist, die Sonne aber im Hause des Jupiter steht, so wird damit angedeutet, daß alle seine Thaten und Eroberungen durchaus loyal und zur Zufriedenheit seines königlichen Herrn geschehen sollten.“[67] (~Azurara, Chron. cap. VIII p. 48. 49.~)
Und so legte er mit Genehmigung des Königs am Vorgebirge von Sagres in Algarve, dessen lebenslänglicher Gouverneur er war, das erste astronomische Observatorium in Portugal, das See-Arsenal, die Kosmographenschule und seine Residenz an, in welcher er alle wissenschaftlichen Kräfte seines Landes zu vereinigen strebte, während der nahgelegene Hafen von Lagos seine Flotten barg. Die Klippe von Sagres bildet eine etwa 200 Fuß hohe, kolbig in den Ocean vorspringende Felsenplatte, von der Länge einer Viertelmeile. Diese Felsenbank, von dem Salzschaum des Oceans übersprüht, bietet nur die spärlichste Vegetation, aber sie war wohl geeignet, den Blick von dem Festlande ab ganz allein aufs Meer hinauszulenken und von hier die Befehle zu ertheilen, wie der Schleier, der die Geheimnisse des Saturn bedeckte, sollte gelüftet werden. Zwar hat das furchtbare Erdbeben, welches im Jahre 1755 Lissabon zerstörte, auch die meisten damals noch existirenden Gebäude aus alter Zeit über den Haufen geworfen; allein es lassen sich doch die Umrisse und die wahrscheinliche Lage der wichtigsten Baulichkeiten aus den Zeiten des Seefahrers angeben. An der nördlichen schmalen Einschnürung der kleinen Halbinsel, gegenwärtig durch Befestigungen gedeckt, lag die Kirche, weiter südwärts erhebt sich über dem fundamentalen Rundbau des ehemaligen Observatoriums das Pulvermagazin der Citadelle. Auf der Nordostseite lag der Hafen.
So erscheint uns noch in allgemeinen Zügen der ehemalige Sitz des Prinzen, die Villa do Iffante, wie sie genannt wurde. Hier herrschte der Mann, der eine neue Zeit für die wissenschaftliche Beherrschung der Erde heraufführen sollte, der ein Bahnbrecher wurde durch das pfadlose Weltmeer.
Zeitgenossen haben uns sein Bild getreulich bewahrt. Man beschreibt ihn als einen Mann von hoher Gestalt, kräftigem und starkem Körperbau. Seine Miene war ruhig, seine Rede fest. Sein erster Blick hatte etwas Zurückschreckendes für diejenigen, welche ihn nicht kannten, und etwas Wildes, wenn er in Zorn gerieth, was ihm aber höchst selten widerfuhr. Ehrbarkeit herrschte in seinen Reden und Handlungen, Einfachheit in seiner Kleidung und Hofhaltung. Der Grund davon lag in der Reinheit seines Herzens und seiner Sitten. Asketisch streng enthielt er sich des Weines und des Umgangs mit Frauen. Er besaß viel Beharrlichkeit und Gewalt über seine Leidenschaften; im Glück wie im Unglück war er bescheiden und so geneigt, Fehler zu verzeihen, daß man ihn darüber nicht selten getadelt hat. Aber in wichtigen Unternehmungen zeigte er die größte Entschlossenheit und ein zähes Ausharren.
Er fand großes Vergnügen daran, junge Leute für seine Zwecke heranzubilden und so wurde sein Hof eine Pflanzschule des jungen Adels. Gastfrei gegen Einheimische und Fremde, zog er tüchtige Männer aller Nationen heran und keiner nahm Abschied, ohne Beweise von dem Edelsinn des Prinzen empfangen zu haben. In strengen Anforderungen an sich selbst gab er allen ein leuchtendes Vorbild. Jeder Tag gehörte angestrengter Arbeit, unzählige Male hat er sich sogar den Schlaf geraubt. Die Mittel zu den jahrelang wiederholten Fahrten flossen ihm aus den Einkünften des Christusordens, dessen Großmeister er war. Der Zweck dieses reichen Ordens war die Bekehrung der Heiden, und so ließ er zunächst die Länder der Ungläubigen aufsuchen und zog Erkundigungen ein über das Sudan, erhielt Nachricht von den Karawanen, welche bis zum Senegal oder nach Timbuktu zogen und sendete so seine Schiffe hin, den großen Strom zu finden, den die Eingeborenen Owedesch, die Portugiesen nach dem Volksstamm der Sanaga, oder Azanaghen Sanaga, d. i. Senegal nannten.
Aber die Schifffahrt lag damals bei den Portugiesen noch in der Wiege. Es waren kaum hundert Jahre verflossen, seit durch die ersten Fahrten der Venetianer nach England und Niederland Lissabon zu einer Haltestation auf halbem Wege von Italien nach den Häfen der Nordsee geworden und die Portugiesen durch den fremden Verkehr angeregt, die ersten Versuche auf dem flüssigen Elemente wagten. Aber noch zu den Tagen des Infanten, dem die Nachwelt den Namen des Seefahrers gegeben, hielt man sich bei allen Fahrten ängstlich an der Küste und fürchtete sich, das Land aus dem Gesichte zu verlieren. Zwar war bereits die Kraft und Tugend der Magnetnadel bekannt, ja man besaß sogar Boussolen; aber die Anwendung war noch gering, so lange das Instrument selbst noch unvollkommen und schwankend dem ängstlichen Schiffer kein Zutrauen erweckte.
Der große Geschichtsschreiber der Portugiesen João de Barras schildert uns die Fahrweise seiner Landsleute in folgenden Worten: „Der Infant hatte schon mehremale Schiffe auf Entdeckungen ausgesendet, aber sie kamen nicht weiter als bis an das Cap Bojador (das „vorspringende“), welches ungefähr 60 Seemeilen jenseits des Cabo de Não liegt. Sie getrauten sich nicht, dieses Vorgebirge zu umsegeln, theils weil es sich gegen 40 Seemeilen westlicher hinaus erstreckte als die Küsten, die sie bisher befahren hatten, theils weil von dem Vorgebirge über 6 Leguas in das Meer ein Riff hinauslaufen sollte, auf welchem die Brandung so gewaltig schäumte, daß es ihnen Schrecken verursachte,[68] denn da ihnen sonst auf ihren Reisen nach der Levante und zurück die Küste immer statt des Compasses gedient hatte, so verstanden sie noch nicht, so weit in die See hinauszustechen, daß sie das Riff vermieden hätten. Die Capitäne begnügten sich also damit, auf ihren Rückreisen hier und da an den Küsten zu landen, und mit den Mauren zu scharmützen, um mit ihren Siegen dem Infanten Vergnügen zu machen. Allein damit war sein Endzweck nicht erreicht.“
Die physischen Schwierigkeiten, oder richtiger gesagt die technischen Schwierigkeiten waren es keineswegs allein, welche die Expeditionen zur Umkehr trieben. Wir werden noch andere kennen lernen; zunächst aber scheint es angemessen, die Westküste Afrikas, an der die Schiffer ängstlich südwärts schlichen, in ihren allgemeinen Zügen zu charakterisiren.
Wie der ganze Gestadesaum des plumpen Erdtheils auffällig arm an markirten Contouren vorspringender Glieder oder ins Land eindringender Buchten ist, so vor allem und im höchsten Maße die Nordwestküste von den Säulen des Herkules bis zum grünen Vorgebirge. Auf dieser ganzen Strecke von 400 Meilen, mit geringer westlicher Ausweichung in der Richtung von N.-O. nach S.-W. verlaufend, mündet kein Fluß, in welchem ein Schiff ankern könnte, mit Ausnahme des Senegal, 20 Meilen nördlich vom grünen Vorgebirge. Das Aussehen des Landes bleibt sich fast überall gleich: ein flacher Küstensaum, meistens mit Dünen besetzt, zur Hälfte der großen Wüste, der Sahara angehörig, wird gegen Süden immer öder und grauenvoller. Vierzig bis fünfzig Seemeilen in das Meer hinaus lagerte über den allenthalben seichten Fluten eine trübe Atmosphäre. Die Ursache dieser Erscheinung, welche natürlich eine zaghafte Marine, die das dunstverhüllte Land aus den Augen zu verlieren fürchtet, mit steter Besorgniß erfüllte -- die Ursache hat man bisher nur den feinen Staub- und Sandtheilchen zugeschrieben, welche aus den Wüsteneien des Innern aufgewirbelt, und dann allmählich übers Wasser hinausgetrieben, hier die schweren Theilchen sinken lassen und das Meer mit Untiefen füllen, die leichteren in dem Luftraum schwebend erhalten, bis sie erst nach Hunderten von Meilen draußen im freien Ocean langsam sich zum Wasserspiegel senken. Indes darf eine zweite Ursache nicht unbeachtet bleiben, daß nämlich durch das Zusammentreffen ungleich erwärmter Luftschichten nebelartige Dunstbläschen sich bilden, die durch die daran haftenden feinsten Staubtheilchen den Horizont noch mehr umschleiern, trotz der Abwesenheit von schweren Wolkenschichten das Himmelsgewölbe niederzudrücken scheinen und mit eigenthümlich mattem Licht den Schiffer umgeben.
Theobald Fischer[69] macht noch auf einen bisher übersehenen Factor aufmerksam, daß nämlich höchst wahrscheinlich ein kalter, unterseeischer Strom an der Westküste der hesperischen Halbinsel und Afrikas emporsteige, dem die häufigen Nebel von Galicien bis Marokko zu danken seien. Gerhardt Rohlfs fand in Agadir, daß die Sonne den Nebel selten vor Mittag besiegte und erfuhr von den Leuten, daß diese starken Nebel selbst im hohen Sommer bis zur Mittagszeit andauerten.
Die Schrecken eines „Dunkelmeeres“, von dem die Geographie des Mittelalters manches Unheimliche zu erzählen weiß, finden in diesen Erscheinungen ihre Erklärung. Diese dichten Nebel treten namentlich im Winter auf und sind von einem kalten und trocknen Nordost begleitet, der wohl auch die Ursache ist, daß das Tageslicht einer Dämmerung weicht, in welcher noch jetzt Schiffe in der Nähe der Küsten gezwungen sind, vor Anker zu gehen, bis das Wetter sich wieder aufhellt.
In der That, der Ocean schien der jugendlich aufstrebenden, portugiesischen Flotte einen zäheren Widerstand entgegenzusetzen als die Heere der Moriscos, und wohl gar vielen ein unüberwindlicher Gegner zu sein, nur nicht dem Infanten, der ihm mit einer Zähigkeit und Ausdauer entgegentrat, welche allen seinen Seeleuten bedenklich, wenn nicht geradezu tollkühn und wahnwitzig vorkam. Zwanzig Jahre hatte der Prinz, unbekümmert um das Murren seines Volkes, ohne Resultat des Vorwärtsdringens gerungen. Er mag wohl oft unter seinen Leuten die sprichwörtliche Warnung vernommen haben: Wer das Cabo de Nao umfährt, weiß nicht, ob er je wiederkehrt. „Die Furcht,“ sagt de Barros, „vor dieser Fahrt war so groß, daß es dem Infanten schwer ward, Leute in seinen Dienst zu bekommen; zumal da das Volk laut murrte, daß er dem vaterländischen Boden seine Bewohner entzöge, um sie auf den Meeren oder in entfernten wüsten Ländern umkommen zu lassen.“
Unter diesen entfernten wüsten Ländern faßte man aber nichts geringeres zusammen als die ganze heiße Zone. Man weiß, daß das gesammte Mittelalter in seiner wissenschaftlichen Erkenntniß der Erdoberfläche lediglich sich noch von den Brosamen nährte, die von dem Tische der Reichen -- der Griechen und Römer des Alterthums -- gefallen waren. Seit den Zeiten des letzten großen Geographen von Alexandria bis zum Prinzen Heinrich waren mehr als tausend Jahre verflossen, ohne daß die Entwicklung der physischen Geographie einen Schritt vorwärts gethan hätte. Der Autoritätsglaube, so charakteristisch für das gesammte Mittelalter, hielt auch noch die Zeitgenossen des Infanten in beklemmende Schranken gebannt.
Die Alten kannten die südlichen Grenzen der großen afrikanischen Wüste nicht, ihre Kunde reichte kaum über die nördliche Oasenreihe hinaus. Aber die zunehmende Verödung gegen Süden, das völlige Absterben aller Vegetation konnte die theoretisch allzeit schlagfertigen griechischen Philosophen leicht zu der Behauptung hinreißen, die ganze heiße Zone sei unbewohnbar. Schon Aristoteles hatte diesen Satz aufgestellt und wenn man weiß, daß Aristoteles sich im späten Mittelalter fast gleichen Ansehens mit der Bibel erfreute, dann darf man nicht erstaunen, daß auch das 14. Jahrhundert noch glaubte, was der große Weltweise von Stagira gesagt, was der letzte Meister der Erdkunde, Ptolemäus bestätigt, was die Wiedererwecker des Aristoteles, die arabischen Gelehrten anerkannt und selbst ein so vielseitig gebildeter Mann wie Albertus Magnus noch im 13. Jahrhundert nur dahin zu modificiren wagte, daß möglicherweise an den Küsten und Inseln der heißen Zone organisches Leben eine kümmerliche Existenz erzielen könne.
Wenn nun der Infant seine Schiffe in diese unwirthlichen Regionen hinausschickte, wo sie allein auf sich angewiesen im Kampfe gegen die allmächtigen Naturgewalten, wo Land und Luft und Wasser in der feindlichsten Gestalt erschien, als todtenstarre Wüste, als trübverhüllter Luftraum, als zähe unter dem senkrechten Sonnenstande fast zu Leim verdickte See -- war es unter der Herrschaft solcher Vorstellungen nicht Menschenpflicht und Nächstenliebe, gegen die nutzlosen Menschenopfer einer unbegreiflichen Fürstenlaune sich zu erheben?
Und doch blieb der Infant fest, doch blieb er seinem schönen Wahlspruche: ~talent de bien faire~ getreu. Die wichtigsten Expeditionen der ersten Decennien waren folgende: 1416 wurde +Gonzalo Velho+ über die Canarien hinausgesandt, 1419 geriethen +João Gonçalves Zarca+ und +Tristão Vaz Teyxeyra+ vom Sturm verschlagen nach Porto Santo und kehrten im nächsten Jahre mit dem Piloten Juan de Morales nach Madeira zurück, und 1431 wurden durch +Goncalo Velho Cabral+ die ersten Inseln der Açorengruppe gefunden.
Dabei stand der Infant mit seinen Plänen und Zielen weit über seinen Gehilfen. Wir finden unter den Leitern der Expeditionen Leibpagen und Mundschenken des Prinzen, welche also wohl die Intentionen des Prinzen kennen mußten; aber sie kannten kein höheres Ziel als sich mit Mauren und Negern herumzubalgen und Menschen zu stehlen. Man kann von jeder Fahrt fast die Kopfzahl der Menschenbeute nachweisen, allein die wissenschaftlichen Erfolge ihrer Sendung, die nautischen Resultate bleiben vielfach unerwähnt. Die Portugiesen waren zu sehr ritterliche Raufbolde, als daß sich im Fluge Seeleute, geschweige denn gleich Seehelden aus ihnen gestaltet hätten.
Als Beispiel ihres Verfahrens und Gebahrens sei hier die mit 14 Schiffen ausgerüstete Expedition des Lanzarote erwähnt, der, als die durch Sturm verstreuten Fahrzeuge bei einer Insel an der Küste sich wieder zusammengefunden hatten, vor allem darauf bedacht war, die auf der Insel lebenden Mauren zu fangen. Allein diese waren bei Nachtzeit aufs Festland entwichen und höhnten von hier aus die hintergangenen Portugiesen. Zwei junge Edelleute an Bord des einen Schiffes sprangen, empört über das Hohngeschrei, mit ihren Waffen über Bord und schwammen ans Land, um die Mauren zu züchtigen. Wie diese sie kommen sahen, liefen sie ihnen mit Geschrei entgegen, wodurch auch das übrige Schiffsvolk in Bewegung kam. Alles, was schwimmen konnte, sprang ins Wasser, um die beiden Jünglinge zu unterstützen, und es kam am Ufer zu einem Gefechte, in welchem viele Mauren getödtet und 57 gefangen wurden. In der Nacht griffen die Portugiesen noch ein Dorf an, welches 7 Meilen davon am Ufer lag und wohin, nach der Aussage der Gefangenen, die Mauren geflohen waren. Sie fanden aber ein leeres Nest, weil die Bewohner, gewarnt durch die Flüchtlinge, sich mit ihren Herden vom Ufer entfernt hatten. Wie sie des Morgens zurückkehrten, wurden jedoch noch ihrer fünf aufgegriffen.
Und bei solchem Raubsystem waren die Portugiesen noch naiv genug, zum Zeichen ihrer Heldenthaten, den Wahlspruch ihres Herrn: ~talent de bien faire~ in die Bäume einzuschneiden.
Zwar kommen nicht alle diese Heldenthaten auf Rechnung jener Geschwader, die der Prinz selbst aussendet, denn er gestattete gegen eine Abgabe vom Gewinn auch anderen, auf Entdeckungen und Abenteuer auszuziehen; ja er ermuthigte dazu. Allein er blieb doch der Mittelpunkt und oberste Leiter. Daß er aber, wie wohl behauptet ist, gleich anfangs einen Seeweg nach Indien habe suchen wollen, ist nirgends gesagt; ein solcher Plan, gleichsam die schönste Frucht aller Arbeiten Dom Enrique’s, entwickelte sich erst allmählich und reifte erst nach des Seefahrers Tode.
Den ersten namhaften Fortschritt in den afrikanischen Fahrten verzeichnet das Jahr 1434. +Gil Eannes+, ein Page des Infanten, hatte gegen den Befehl seines Herrn Menschen geraubt. Um die Gunst des Fürsten wieder zu gewinnen, setzte er sein Leben daran, das berüchtigte Cap Bojador, das selbst nach 12jähriger Anstrengung nicht zu überwinden gewesen war, zu bezwingen. Das, wie man meinte, unmögliche Wagniß gelang ohne Unfall, und kühner und sicherer gemacht, erreichte sein Nachfolger +Affonso Gonçalez Baldaya+ den Goldfluß, Rio d’Ouro und damit den nördlichen Wendekreis, also die Grenze der heißen Zone. Am Strande gefundene Fischernetze wiesen darauf hin, daß auch hier das Land noch Menschen beherberge. Die alte Theorie von der Unbewohnbarkeit der heißen Zone begann zu wanken, ohne jedoch zusammenzubrechen, denn man befand sich ja erst am Saume des gefürchteten Erdstriches.
Aber am Cap Bojador war das Thor der heißen Zone geöffnet und Schiff folgte nun auf Schiff; man erreichte unter +Nuño Tristão+ 1441 das Cap Branco und zwei Jahre später unter Leitung desselben Capitäns die Bucht von Arguim. Es ist zu beklagen, daß der Prinz anfänglich den Befehl ertheilt hatte, die Bevölkerung an der Bucht und auf den kleinen Inseln erst zu tödten oder gefangen zu nehmen, ehe man die Entdeckungen fortsetze. Er sah auch bald den großen Fehler, den er damit begangen ein, und verbesserte ihn, ehe es zu spät war. Die Bewohner des Wüstenrandes konnten, wenn man sie in ihren gewohnten Verhältnissen ungestört ließ, und sich mit ihnen in ein freundschaftliches Einvernehmen setzte, den Portugiesen bei ihren Erkundigungen über das Binnenland wesentliche Dienste leisten. Die Insel Arguim wurde für den Mittelpunkt dieses neuen Verkehrs erklärt und erhielt die erste bleibende Niederlassung der Portugiesen nebst einem Castell zum Schutze der Handeltreibenden. Der Tauschverkehr entwickelte sich mit den Azanaghen sehr bald, und wenig Jahre nach der Entdeckung schon sandte eine Handelsgesellschaft in Lagos, dem Hafen östlich von des Prinzen Villa, eine Flotte von sechs Schiffen aus.
Später brachten die portugiesischen Schiffe nach Arguim farbige Tücher, allerart Leinwand, wollene Mäntel, Sättel, Steigbügel, Schüsseln, Honig, Silber, Gewürze, rothe Korallen und Getreide und tauschten dafür Negersklaven aus Guinea, Gold von Timbuktu, Büffelfelle, Gummi, Zibethkatzen, Straußeneier, Kameele, Kühe und Ziegen ein.[70] Die ersten Erfolge waren so verlockend, daß der Prinz Heinrich den Handel nach Arguim an eine Handelsgesellschaft verpachten konnte.
Nun endlich schwiegen auch die Gegner der Seefahrten und das Interesse für die Unternehmungen, welche von Sagres aus geplant wurden, wuchs bald so mächtig, daß man die leicht erregten Portugiesen zügeln mußte. Man schränkte, indem man die Entwicklung einer tüchtigen Handelsflotte im Auge behielt, die Raub- und Abenteurerzüge durch Gesetze ein und monopolisirte sogar den afrikanischen Handel.
Der zweite große Fortschritt in der weiteren Entdeckung geschah im Jahre 1445. Er knüpft sich an den Namen des kühnen +Diniz+ (Dionysius) +Dias+, eines Vorfahren des bekannteren Bartolomeu Dias, welcher 26 Jahre nach dem Tode des Prinzen Heinrich das Cap der guten Hoffnung umsegelte. Diniz Dias hatte sich bereits im Dienste des Königs Johann I. (bis 1433) ausgezeichnet. Der Prinz rüstete ihm eine kleine Caravele aus und Diniz nahm sich vor, ganz den Plänen seines Herrn folgend, ohne sich auf Handelsverkehr mit den Küstenbewohnern einzulassen, weiter südwärts vorzudringen als alle seine Vorgänger und das Land der +schwarzen+ Mohren, wie man die Neger im Gegensatz zu den weißen Mohren, den Berbern und Mauren, zu nennen pflegte, zu erreichen. So fuhr er kühn an der Mündung des Senegal, welcher beide Menschenrassen trennt, vorüber bis zum grünen Vorgebirge. Seine Caravele erregte unter den schwarzen Bewohnern des Landes gewaltiges Erstaunen. Vier von den muthigsten, welche das große auf dem Wasser treibende Ding untersuchen wollten -- denn sie waren unter sich nicht einig, ob es ein Fisch, ein Vogel, oder ein Phantom sei -- näherten sich dem Schiffe in einem Canoe; als sie aber Menschen auf dem Ungeheuer gewahr wurden, flohen sie mit solcher Hast zurück, daß die Portugiesen sie nicht wieder einholen konnten.
So war also das Negerland endlich wirklich erreicht; aber nicht allein darin liegt die Bedeutung dieser Fahrt, sondern vor allem in der am grünen Vorgebirge unerwartet auftretenden Ueppigkeit der tropischen Vegetation. Hier unter dem 15° N. befand man sich in der That in der heißen Zone, wo unter dem Einfluß tropischer Regen, welche mit gewaltigen Güssen das Land tränken, ein Reichthum der Flora sich entfaltete, welche zahlreichen und großen Thieren, sowie kräftigen, sogar schönen Menschenstämmen Nahrung in Fülle bot.
Wie paßten zu solchen Beobachtungen und Thatsachen die Lehrsätze des Aristoteles und Ptolemäus von der Unbewohnbarkeit des heißen Erdgürtels? +Am grünen Vorgebirge ist diese alte mächtige Theorie zerschellt.+ Und wiederum sehen wir die Bestrebungen des Prinzen und seinen Wahlspruch auf das Herrlichste belohnt. Denn von hier aus, vom Cabo verde, eröffnet sich uns eine ganz neue Perspektive für die Entwicklung der Erdkunde. Man lernte seinen eignen Augen doch mehr trauen, als den Schriften griechischer Autoritäten.
Es gibt wenig geographische Namen, die so trefflich gewählt sind und den Nagel so auf den Kopf treffen wie dieser des „grünen“ Vorgebirges, und auch wohl keinen, der so einfach sich von selbst bot und so auf der Hand lag wie dieser. Im Gegensatz zu den weißen Dünen des Cabo branco, des weißen Vorgebirges, nördlich von Arguim, am Ufer der Sahara, erhebt sich hier ein in den Ocean auffällig schlank hinausspringender Höhenrücken, über dem sich die gefiederten Wipfel tropischer Palmen wiegen. Unter ihrem Schatten liegt die Geographie des Mittelalters begraben.
Wenige Jahre nach der Entdeckung kam ein intelligenter venetianischer Edelmann, +Ludwig da Mosto+, hieher. Auf ihrer Fahrt nach Flandern war die venetianische Flotte, die er begleitete, durch widrige Winde am Cap Vicente in Portugal aufgehalten. Als der Infant Heinrich dies erfuhr, schickte er seinen Secretär Antonio Gonsalvez und den venetianischen Consul Patricio de Conti mit Proben des neugepflanzten Zuckerrohrs von Madeira, mit Drachenblut und andern neuen Produkten Afrikas zu ihnen und ließ sie auffordern zu einem Zuge nach dem Senegal. Da Mosto wurde lebhaft von den Berichten angezogen, und erkundigte sich nach den üblichen Bedingungen. Da erfuhr er, daß jeder Schiffsrheder, der selbst sein Schiff ausrüste, nach vollendeter Fahrt dem Prinzen ¼ des Gewinnes zu geben habe, daß aber, wenn der Prinz selbst die Ausrüstung auf seine Kosten mache, er die Hälfte des Ertrags der Fahrt beanspruche. Da Mosto hatte darauf hin eine Unterredung mit dem Infanten und wurde für den Plan gewonnen. Die Venetianer fuhren nach Flandern weiter, für da Mosto aber stellte Prinz Heinrich unter Leitung des bewährten +Vicente Dias+ eine Caravele von 90 Tonnen zur Verfügung, welche die ganze Küste Afrikas entlang bis zum Gambia segelte. Da Mosto selbst hat über diese Reise einen ausführlichen Bericht gegeben, aus welchem hier die Schilderung des grünen Vorgebirges hervorgehoben sein mag und zwar nach der deutschen Uebersetzung von 1534. Da Mosto erzählt: „Das grien Haupt (d. i. Vorgebirge) hatt den Namen von den grienen Bäumen, die da sind vnd schier das gantz jar grünen. Das haben die Portugaleser am jar ehe ich dahin kam, funden, vnd habens von den grienen Bäumen genannt, wie das Weis Haupt (Cabo branco) von dem weißen sand. Aber das grien Haupt ist hoch vnd lustig zu sehen, das steht zwischen zweyen Bergen in der mitten vnd breitet sich in das Meer mit vil Hütten und wohnungen der Schwarzen Mooren umbgeben, zu vor gegen dem Meer.... Es ist auch zu wissen, das nach dem Grienen Haupt sammeln sich die gestaden und machen einen Busen, der rast lustig ist, und ist ein eben erdtrich mit vil hüpschen Bäumen;[71] denn die bletter bleiben bis andre wachsen; die grünen allweg. Und wie wohl sie vom Meer mehr denn mein armbrustschuß stehen, so scheinen sie von weitem an dem Meer zu stehen. Das ist überaus schön anzusehen (~chè una bellissima costa de vedere~). Ich bin weit gegen Aufgang und Niedergang der Sonnen gereiset zu manich land, aber ich hab kein schöneres gesehen. Es hat viel wasser.“[72]
Das Entzücken über die Schönheit der Tropenlandschaft kommt allerdings in der Uebersetzung eines mäßigen, besonnenen Straßburger Bürgers aus dem 16. Jahrhundert nicht zur Geltung, aber das Original läßt es warm empfinden.
Alexander von Humboldt hat in seinen kritischen Untersuchungen über die historische Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der neuen Welt (deutsch von J. L. Ideler, II. S. 11) auf mehre Stellen im Tagebuche der ersten Reise des Columbus hingewiesen, worin der Entdecker Amerikas dem Zauber der Natur an den Gestaden von Cuba beredte Worte leiht. Ludwig da Mosto hat die Schönheit einer Tropenlandschaft ebenso empfunden und ein Menschenalter früher geschildert. Daß seine Worte der Umgebung des grünen Vorgebirges gelten, erhöht in unsern Augen wesentlich die Bedeutung der Entdeckung des Cabo verde.
Die Schilderungen dieser vollkommen anders gearteten Natur mußten dem Infanten nach der Fahrt der Dias bereits eine hohe Genugthuung gewähren. Die Nachrichten kamen ihm keineswegs unerwartet. Da in Sagres alles gesammelt wurde, was an Erkundigungen über die südlichen Länder sich gewinnen ließ -- hatte doch der Prinz inzwischen auch aus Italien ein Manuscript Marco Polos und eine Karte von Afrika erhalten, welche einen Abschluß der Landmassen, ähnlich wie wir ihn am südlichen Cap der guten Hoffnung kennen, zeigte -- und war er auch durch seine Agenten in Tunis schon davon unterrichtet, daß die großen Karawanen in 5 bis 6 Wochen die Wüste Sahara durchmessen könnten[73] und Gold und Negersklaven mitbrächten -- so lag auch der Schluß nahe, daß man bei fortgesetzten Fahrten gegen Süden endlich zu diesen Ländern kommen müsse.
Umsichtig und thätig eingreifend nach allen Seiten, um seine Leute nicht einem blinden Ungefähr zu opfern, hatte er von Arguim aus nicht blos ein ordentliches System der Exploration während des Tauschhandels mit den maurischen Wüstenstämmen eröffnet und sich von ihren Karawanenstraßen und den auf der Straße nach Timbuktu zu berührenden Oasen berichten lassen, sondern er gewann mit Unterstützung kühner Männer ein immer klareres Bild vom Sudan. Bezeichnend für die Energie, mit welcher die Pläne, Guinea zu erreichen verfolgt wurden, ist die Sendung des +João Fernandez+, der sich am Strande der Sahara aussetzen ließ, um unter den Mauren lebend und ihre Sprache lernend, zuverlässige Nachrichten über die Negerstaaten, speziell über das Königreich Melli sammeln zu können. Fernandez blieb sieben Monate allein unter den wilden Stämmen im Innern und wurde dann von dem Schiffe des Antonio Gonsalvez wieder aufgenommen und zum Prinzen geführt. Dieser freute sich sehr, ihn wohlauf wieder zu sehen und ließ sich seine Schicksale erzählen. Fernandez berichtete nun, daß ihm die Eingeborenen zunächst, als er sich ohne Waffen und Hilfsmittel unter sie begeben, die Kleider genommen und ihm dafür einen Mantel gegeben, wie sie selbst trugen. Die Leute besaßen Schafe und lebten nomadisch. Aber die Weide war spärlich, das Land öde und sandig. Dornige Mimosen und Palmen waren selten. Diese berberischen Azanaghen waren Mohammedaner, die mit den Negern im Kampfe lebten, dabei Gefangene machten und diese als Sklaven nach Tunis und Marokko verkauften. Auch erhielten sie Gold vom Negerlande.
Dann machte Fernandez mit den Beduinen einen mehrtägigen Kamelritt zu ihrem Häuptlinge. Der Weg ging durch die Wüste, drei Tage fehlte ihnen Wasser; in dem pfadlosen Sande richtete man sich nach den Sternen und dem Fluge der Vögel. Endlich kamen sie zu dem Häuptling und seinem Völkchen von 150 Köpfen. Fernandez wurde hier sehr gut aufgenommen und mit Milch verpflegt, so daß er, obwohl er von der Hitze und dem Wüstensande viel zu leiden hatte, doch ganz wohl aussah, als er nach sieben Monaten von seinen Landsleuten wieder aufgefunden wurde.
Auch durch diesen abenteuerlichen Sendling erhielt der Infant wiederum Nachrichten von den reichen Negerländern. Die klareren Vorstellungen, welche der Leiter der Entdeckungen von der Natur der Tropenländer gewann, räumte auch bei seinen Seeleuten den Wust veralteter Theorien auf. Höchst beachtenswerth ist in dieser Beziehung eine Bemerkung des +Diogo Gomez+ über das Land der Dscholoffen am Cabo verde. Er sagt: „Das alles schreibe ich nur mit Verlaub Seiner Gnaden des Ptolemäus, welcher recht gute Sachen über die Eintheilung der Welt hat verlauten lassen, aber in einem Stücke sehr fehlerhaft dachte. Er zerlegt die ihm bekannte Welt in drei Theile, nämlich in den bewohnten mittleren, in den arktischen, welcher wegen seiner Kälte und in den tropischen, welcher wegen seiner Gluthhitze unbewohnbar ist. +Nun hat sich aber das Gegentheil bestätigt.+ Zahllos wohnen am Aequator schwarze Völkerschaften, und zu unglaublichem Wuchse erheben sich die Bäume, denn gerade im Süden steigert sich die Kraft und Fülle des Pflanzenwuchses, wenn auch die Formen fremdartig gestaltet sind.“[74]
Die Entdeckungen wurden nach solchen glänzenden Resultaten nun eifrig weiter gefördert. Schon im nächsten Jahre nach der Fahrt des Diniz Dias erreichte +Nuño Tristão+ den Gambia und gelangte +Alvaro Fernandez+ fast bis zur Sierra Leona. Aber der Verkehr mit den Völkern war schwierig. Zahlreicher, kühner, tapferer als die armen Wüstenstämme setzten sie, mit vergifteten Pfeilen bewaffnet, sich gegen die Landungen der Portugiesen häufig zur Wehr und tödteten ihnen manchen Mann. Wie schnell aber die Geschicklichkeit und das Vertrauen der Seeleute gewachsen war, lernen wir vor allem bei der Fahrt des +Nuño Tristão+ kennen. Dieser sah sich, als er in den kleinen Fluß Rio Nuñez, südlich vom Rio grande mit einem Boote eingedrungen war, plötzlich von bewaffneten Negerkähnen umringt. Fast die ganze Mannschaft erlag sammt dem tapferen Anführer den vergifteten Pfeilen, so daß nur der Notar und vier Schiffsjungen am Bord der Caravele übrig blieben. Aber sie steuerten getrost nach Norden durchs freie Meer und erreichten ihre Heimat glücklich nach zwei Monaten, ohne unterwegs Land gesehen zu haben. So machte man sich also bereits los von dem ängstlichen Anklammern an das Land und von den langsameren Küstenfahrten und vertraute sich dem unbegrenzten Ocean an. Von großer Bedeutung war auch die Wahrnehmung, daß die afrikanische Küste, die bis zum Cabo verde gegen Südwesten verlaufen war, von diesem Vorgebirge ab nach Südosten umlenkte.
Daß der Prinz nun wirklich daran dachte, den Seeweg nach Indien zu öffnen, wird von dem Geschichtsschreiber Azurara bezeugt. Aber Indien umfaßte bekanntlich in jenen Tagen alle Länder am indischen Ocean, also auch die Ostküste Afrikas und das äthiopische Hochland, wohin man damals den Sitz des +Priesterkönigs Johann+ verlegte. Das war bestimmt ein christliches Land, dessen Volk mit den Arabern in Aegypten in beständiger Fehde lag, und dessen Bundesgenossenschaft gegen den gemeinsamen Glaubensfeind gewonnen werden konnte. Vielleicht konnte man sogar auf dem weitverzweigten Flußnetz, welches nach den damaligen hydrographischen Hypothesen alle bekannten großen afrikanischen Ströme verbinden sollte, dahin gelangen. Auch Fra Mauro huldigte in seinem Erdgemälde diesen Vorstellungen und noch de Barros bezeichnet den Issa (Niger) bei Timbuktu als den oberen Lauf des Senegal. Und doch hatte Diogo Gomez im Jahre 1457 auch in Erfahrung gebracht, daß im Innern Senegambiens große Ströme ihren Lauf nach Osten nähmen. Der Prinz hatte nämlich drei Caravelen ausgesandt unter +Gomez, João Gonsalvez Ribeiro+ und +Nuño Fernandez de Baya+ mit dem Auftrage, soweit als möglich vorzudringen. Am Rio grande vorbei kamen sie in eine starke Küstenströmung, in welcher kein Anker hielt, so daß die begleitenden Capitäne umzukehren wünschten. Die Expedition lief in den Gambia ein und fuhr den Strom bis zur großen Stadt Cantor hinauf. Hier erfuhr man, daß Karawanen aus Tunis und Cairo aus diesen Gegenden Gold holten, und daß jenseits der Gebirge der Sierra Leona große Ströme nach Osten liefen. Es befand sich auf dem einen Schiffe sogar ein Indier, d. h. ein Abessinier, welcher, wenn man nach Indien gelangte, als Dolmetscher dienen sollte.
Es war die letzte bedeutende Fahrt, welche auf Befehl des Infanten unternommen war. Prinz Heinrich der Seefahrer starb am 13. November 1460 in Sagres in seinem 67. Lebensjahre. In der eifrigen Verfolgung seines hohen Zieles hatte er seine Mittel vollständig erschöpft, ja er schuldete bereits 1449 seinem Verwandten Don Fernando von Braganza die enorme Summe von 19,394 Goldkronen. Aber diese Gelder waren nicht in der Jagd nach einem Phantom vergeudet. Portugal war dadurch zu einer Seemacht geworden, welche die Leitung der nautischen Entdeckungen in die Hand genommen hatte und welche zu glänzenden Erfolgen berechtigen mußte.
Noch im Todesjahre Heinrichs entdeckte +Diogo Gomez+ die Capverden in Gemeinschaft mit +Antonio de Noli+ oder Nolle, einem Genuesen. Gomez landete zuerst und zwar auf Santiago, aber Noli kam ihm auf der Rückfahrt zuvor und meldete zuerst die Entdeckung in Portugal. Irrthümlich hat man das Verdienst der Auffindung der Inseln des grünen Vorgebirges da Mosto zugeschrieben; allein sein Reisebericht, der angeblich in das Jahr 1457 fällt, wird durch die innern Widersprüche unglaubhaft, so daß man daraus schließen muß, da Mosto habe sich fremden Ruhm angeeignet. Nach seiner Angabe will er vom Cap Branco in westnordwestlicher Richtung auf die Capverden gerathen sein und zwar schon am Sanct Jakobstage (1. Mai), während er erst im Anfang Mai aussegelte. Dann will er auf der Insel Flüsse gefunden haben, in welche er mit dem Schiffe einlaufen konnte, während ein solcher Wasserreichthum dort nicht existirt.[75]
Ehe wir dem weiteren Gange der Entdeckungsfahrten folgen, müssen wir einen Blick auf die geographischen Auffassungen und die Karten aus jener Zeit werfen. Nach den Schwankungen des früheren Mittelalters war man seit dem 13. Jahrhundert allgemein zur Annahme der Kugelgestalt der Erde zurückgekehrt. Wenn trotzdem die Erdgemälde sich noch in Scheibenform präsentirten, als ob man noch an der Scheibengestalt der Erde festhielte, so hatte das seinen Grund in einer eigenthümlichen Theorie, welche von Dante’s Zeit bis in den Ausgang des 15. Jahrhunderts hinüberspielt. Man nahm nämlich an, daß die Centren der festen und flüssigen Erdsphäre verschieden seien und daß es außerdem noch ein Gravitationscentrum gebe.
Die ~Margarita philosophica~ des Karthäuserpriors Gregorius Reisch, welche zuerst 1496 erschien und durch das 16. Jahrhundert hindurch in vielen Auflagen verbreitet war, trägt diese Lehre etwa in folgender Weise vor.[76] „Das Wasser umgab ursprünglich die ganze Erdoberfläche wie ein sehr feiner Nebel bis zu den höheren Regionen. Aber auf Geheiß des Schöpfers theilte das Firmament die oberen und unteren Wasser, welche letztere nun in den Vertiefungen der Erde sich an +einem+ Orte sammelten, wodurch Landraum geschaffen wurde für die lebenden Wesen. Aus der ganzen Substanz der Erde und des Wassers wurde +ein+ sphärischer Körper gebildet. Ihm schrieben die Gelehrten ein doppeltes Centrum der Schwere und der Größe zu. Es theilt nämlich das Centrum der Größe die Axe der ganzen Sphäre aus Erde und Wasser und das ist der Mittelpunkt der Welt. Aber das Centrum der Schwere liegt außerhalb, nämlich im Durchmesser der Erde, welcher nothwendigerweise größer ist als der halbe Durchmesser der aus Erde und Wasser gebildeten Sphäre, weil, wenn dies nicht der Fall wäre, der Mittelpunkt der Welt außerhalb der Erde fiele. Etwas abgeschmackteres als dieses könnte aber in Naturwissenschaft und Astronomie nicht behauptet werden.
Zur Annahme verschiedener Centren wird man aber genöthigt, weil die von Wasser entblößte Erdoberfläche leichter ist, als die mit Wasser umhüllte. Die trockene Erde ist leichter als die mit Wasser durchtränkte, darum kann das Centrum der Schwere nicht dasselbe sein mit dem Centrum der Größe, sondern strebt im Durchmesser der Erde mehr nach der Peripherie und dem mit Wasser bedeckten Theil. Hierher werden sich die Wasser der Erde mehr sammeln, weil sie dem Centrum der Welt näher rücken.“
Nach dieser Theorie sind also die Landmassen bei ~A~, die Wassermassen, das Weltmeer bei ~B~ vereinigt. Der Kugelabschnitt, welcher die Landmassen umfaßt, wird sich natürlich in Kreisform darstellen. Dieser Theil der Erdoberfläche verdiente allein, als Wohnstätte der Menschen, kartographisch gezeichnet zu werden. Daher bieten uns alle Weltkarten von Marino Sanudo (1320) bis auf Fra Mauro (1459) im Grunde dasselbe Weltbild: die von einem schmalen Ocean umfluteten Continente der alten Welt.
Eine Darstellung der Wasserseite der Erde, der Weltmeere hatte noch niemand versucht und schien alles Reizes zu entbehren, bis etwa ums Jahr 1474 Toscanelli von Florenz den ersten Versuch wagte. Das war aber zu einer Zeit, als ein anderer wichtiger Factor die bisherigen Methoden und Theorien zu reformiren begann: das Studium des Ptolemäus. Wir finden den Geographen von Alexandrien zuerst um 1410 in dem Werk des Cardinal Pierre d’Ailly (geb. 1350) Bischof von Cambray erwähnt. Es ist in dem vielgenannten Werke ~de Imagine Mundi~, welches auch Columbus mit besonderer Vorliebe als seine Rüstkammer benutzte, um seinen Plan einer Westfahrt nach Indien mit Aussagen classischer Autoren belegen zu können. Seit 1470 wurden die Werke des Ptolemäus durch +Nicolaus Donis+ in lateinischer Uebersetzung und mit Karten veröffentlicht, nachdem durch den Cardinal Bessarion das griechische Original in die Hände unseres größten Astronomen jener Zeit, des berühmten Regiomontan (1436-76), gelangt war.
Durch die Anwendung der Astronomie auf die Bestimmung geographischer Ortslagen, in den ersten Jahrhunderten allerdings nur der geographischen Breitenbestimmung, wurden für ein correctes Kartenbild die einzig sicheren Stützpunkte gewonnen. Regiomontan berechnete behufs dieser Fixirungen im Jahre 1473 die Ephemeriden auf 32 Jahre, so daß dieselben zunächst in der wichtigsten Zeit der Entdeckungen fast bis zum Todesjahr des Columbus genügten. Er erfand aber noch ein, auch auf Schiffen anwendbares, handliches Instrument, um die Polhöhe eines Sternes zu messen, den s. g. +Jakobstab+, welcher aus einem Stabe mit rechtwinklich daran befestigten, aber schiebbaren Querstabe bestand. Dieses Instrument wurde in der Folge durch seinen Schüler Martin Behaim in Portugal eingebürgert. Aber die Breitenmessungen der portugiesischen Seeleute ließen, gegenüber den Resultaten der Astronomen in Europa, noch viel zu wünschen, denn es steigerten sich die Beobachtungsfehler auf drei Grad. So lange man den nördlichen gestirnten Himmel über sich hatte, waren die Ephemeriden des Regiomontan stets anwendbar; aber als die portugiesischen Entdecker die äquatoriale Linie überschritten hatten und eine unerwartet andere Gruppirung der Sternbilder als auf der nördlichen Hemisphäre erblickten, war es nothwendig, andere astronomische Tafeln zu entwerfen. Zu dem Zwecke setzte König Johann IX. von Portugal (1481-95) eine +astronomische Commission+ (Junta) nieder, welche unter Leitung des Bischofs Diogo Ortiz und mit Hinzuziehung Behaims diese Lücke ausfüllen sollte und die Sonnenhöhe für südliche Breiten zu berechnen und in Tafeln zusammenzustellen hatte.
Von solchen Hilfsmitteln unterstützt, konnte man die von den Schiffern befahrenen Küstensäume immer bestimmter zeichnen, daß sie ein der Wahrheit sich annäherndes Bild boten, während man für die noch nicht wieder erreichten Küsten Asiens vorläufig das von Ptolemäus überlieferte Gemälde Südasiens beibehielt und erst bei fortschreitender Erforschung behutsam abänderte. Die Karten jener Epoche bieten darum die interessante Verschmelzung neuer wissenschaftlicher Bestimmungen mit der Erbschaft aus classischer Zeit.
Indien trat immer entschiedener als Ziel aller nautischen Unternehmungen hervor und was in den letzten Jahren des Prinzen noch ziemlich unklar den Wünschen vorgeschwebt hatte, ward immer bestimmter ins Auge gefaßt.
Da die Erde als eine Kugel angesehen wurde, auf deren Oberfläche allerdings das Verhältniß zwischen der Größe der Wasserbedeckung und der der auftauchenden Landmassen noch verschieden beurtheilt wurde, und da jedenfalls das Weltmeer sich nach verschiedenen Richtungen ausdehnte und im Zusammenhange stand, so mußten auch allmählich Projecte auftauchen, über diesen einen Ocean nach verschiedenen Richtungen den Weg einzuschlagen, um Indien zu erreichen.
Am einfachsten erschien das portugiesische Project, den altherkömmlichen Randocean, der die Feste der alten Welt umflutete, als Fahrbahn zu wählen und so gleichsam, wie es die Sicherheit mittelalterlicher Schifffahrt vorschrieb, in einer großen Küstenfahrt um Afrika herum zu dem gesegneten Osten zu gelangen. Eine Seefahrt quer über ein weites unbegrenztes Weltmeer blieb hierbei außerhalb des Planes.
* * * * *
Da der wichtigste Abschnitt der Geschichte der großen Entdeckungen die Versuche umfaßt, welche die europäischen See-Nationen in directe Verbindung mit den Gewürzländern und China setzen sollten, so werden wir zur Erleichterung der Uebersicht die einzelnen Richtungen der Fahrten im Zusammenhange darstellen und beginnen mit den Unternehmungen der Portugiesen, welche zuerst auf dem Schauplatze erschienen waren, und zuerst nach Indien gelangten.
Drittes Buch.
Die Seewege nach Indien.
Erstes Capitel.
Die Bahn der Portugiesen nach Südosten.
1. Diogo Cão und seine Vorläufer.
Nach dem Hinscheiden des großen Prinzen, seines Oheims, nahm König Affonso V. in den ersten Jahren noch ein lebhaftes Interesse an den weitern Fahrten. Pedro de Cintra befuhr von Rio Grande aus die Küste im Jahre 1461 oder 1462, erreichte zuerst das Cap Verga (10° 12′ n. Br.) und benannte weiterhin ein kühn vorspringendes Vorgebirge, wie man es von solcher Höhe an der Küste bisher noch nicht angetroffen hatte, zu Ehren des Infanten und der Stätte seines Wirkens das Cap Sagres. Die schwarzen Strandbewohner zeigten in ihrem Ohren- und Nasenschmuck einen Reichthum an Goldringen, schienen aber kein Eisen zu besitzen.
Die Küste wurde felsig, hoch, bot aber geeignete Ankerplätze. Hier erhob sich ein Berg, in dessen Wolkengipfel beständige Gewitter zu zürnen schienen. Nach dem grollenden Donner erhielt derselbe den Namen Sierra Leona. Dahinter öffnete sich ein von Sandbänken erfüllter Golf, in welchem das Meer gewaltig brandete. Den jenseitigen Abschluß der Bucht bildete das Vorgebirge der heiligen Anna (Cabo de Sa. Anna), (7° 34′ n. Br.), am 26. Juli, als am Tage der Heiligen benannt. Dann folgte das Cap Mesurado[78] (6° 19′ n. Br.), wo die Bewohner das Nahen des Schiffes durch eine große Anzahl Feuer signalisirten, in ähnlicher Weise, wie es in dieser Gegend fast 2000 Jahre früher der carthaginiensische Admiral Hanno mochte gesehen haben.
Wenige Meilen jenseit dieses Küstenvorsprungs, in der Nähe des heutigen Monrovia endigte die Fahrt. In der Folgezeit wurde der König von den Seeunternehmungen abgezogen durch die politischen Angelegenheiten des Heimatlandes und dadurch, daß er sich in den castilischen Erbschaftsstreit mischte. Indessen wurde, um den immer schwunghafter betriebenen Handel mit Sklaven und Gold zu decken, in Arguim ein Castell gebaut und das Handelsmonopol einem Portugiesen für den jährlichen Preis von 250 Ducaten (100,000 Realen) verliehen. Im Jahre 1469 wurde auch das Monopol des Handels an der Guineaküste für die doppelte Summe jährlich an +Fernão Gomez+ vergeben, und zwar auf fünf Jahre; doch mußte derselbe sich auch noch verpflichten, auf seine Kosten die Fahrten fortzusetzen zu weiteren Entdeckungen, und von der Sierra Leona an gerechnet, jährlich 100 Leguas weiter vordringen, sowie dem Könige alles Elfenbein für eine festgesetzte Summe, 1500 Realen für den Centner, überlassen.
So konnte das Jahr 1471 einen bedeutenden Fortschritt verzeichnen, indem +João de Santarem+ und +Pedro de Escovar+ unter Beihilfe des damals ausgezeichnetsten aller portugiesischen Piloten +Alvaro Esteves+ nicht nur die Goldküste entdeckten, an welcher später zur Ausbeutung des Edelmetalls König Johann im Jahre 1482 bei dem Dorfe Aldea das duas Partes eine Festung unter dem Namen S. Jorge da Mina anlegen ließ, sondern sie drangen über die Nigermündungen und den Aequator hinaus nach Süden bis zum Cap Sa. Catarina (1° 51′ s. Br.) vor.
In dem nämlichen oder dem folgenden Jahre entdeckt Fernão do Po die Insel, welche jetzt seinen Namen trägt, von ihm aber Formosa getauft war. Auch die südlichen Guinea-Inseln wurden bald darauf gefunden. Martin Behaim verlegt dies Ereigniß ins Jahr 1484 und bemerkt auf seinem Globus, daß „eitel wildnus und keine Menschen“ dort gefunden seien und daß der König von Portugal jährlich Volk dahin sende, das sonst den Tod verschuldet habe, Männer und Frauen, und daß er ihnen gebe, damit sie das Feld bauen und sich nähren und damit dies Land von den Portugalesern bewohnt werde.
Auf Alfons V. folgte 1481 sein Sohn Johann II. Auf ihn schien der Geist des Prinzen Heinrich übergegangen zu sein, er nahm regern Antheil an der weiteren Ausdehnung der afrikanischen Fahrten; aber er hatte auch ein unmittelbares Interesse daran. Denn seit 1473 war ihm bereits als Einkommen ein Theil der Erträgnisse des Guineahandels zugewiesen. Er wußte, welche Reichthümer Fernão Gomez sich durch das fünfjährige Monopol erworben hatte. Dazu kam noch ein neuer Impuls, als Pabst Sixtus IV. durch die Bulle vom 21. Juli 1481 Portugal den Besitz aller afrikanischen Entdeckungen bestätigte. Nachdem er im Mittelpunkte der Goldwäschereien von Mina seine Macht befestigt hatte, nahm er den Titel +Herr von Guinea+ an und führte auch die Sitte ein, statt der bis dahin üblichen vergänglichen Holzkreuze, welche die Entdecker an den hervorragendsten Küstenpunkten errichteten, um ihr Vorrecht zu dokumentiren, steinerne Wappenpfeiler, s. g. ~padrãos~, mit lateinischer und portugiesischer Inschrift zu setzen. Der erste, welcher solche Steinpfeiler mit an Bord nahm, war +Diogo Cão+ oder Cam, welcher 1484 mit seinen zwei Schiffen auslief. An Bord befand sich in der Function eines Kosmographen +Martin Behaim+, welcher um 1459 geboren war und sich rühmen durfte, in der Zeit zwischen 1471 und 1475, in welchen Jahren Regiomontan in Nürnberg weilte, dessen Schüler gewesen zu sein. Bald darauf hatte er sich als Kaufmann zuerst nach den Niederlanden und von da nach Portugal gewendet. Zwischen beiden Ländern bestand ein lebhafter Verkehr. Flandrische Colonisten gingen nach den Açoren. Unter ihnen hatte sich auch ein Edelmann aus Brügge, Jobst von Hurter befunden, welcher durch seine Verbindung mit einer vornehmen Portugiesin, einer Palastdame der Königin, als Statthalter in den erblichen Besitz der Inseln Fayal und Pico gelangte, von denen die erste vlaamische, die andere portugiesische Ansiedler erhalten hatte. Mit der Tochter dieses Hurter verheiratete sich Behaim nach seiner Heimkehr im Jahre 1486.
Die Expedition des Diogo Cão war für 3 Jahre verproviantirt, hatte allerlei Handelswaaren mitgenommen und außerdem als Geschenke an die Mohrenkönige 18 köstlich aufgezäumte Rosse an Bord. Südlich vom Cap der heiligen Catharina begannen die neuen Entdeckungen. Zuerst wurde der gewaltigste aller afrikanischen Ströme, der Congo, erreicht, an dessen Mündung der erste Wappenpfeiler,[79] und zwar auf der Südküste errichtet wurde. Danach hieß man anfänglich den Fluß Rio de padrão (bei Behaim Rio de patron). Die Pfeilerspitze liegt unter 6° 8′ s. Br., auf dem Globus Behaims ward aber die Mündung des Flusses bereits vom südlichen Wendekreise durchschnitten. Später nannte man den Strom nach dem gleichnamigen Königreiche Congo, obwohl man von den Eingebornen den Namen Zaire gehört hatte. Den Entdeckern fiel bereits die Mächtigkeit des Stromes auf, der vor seiner Mündung meilenweit das Meer mit süßem Wasser bedeckte. Diogo Cão fuhr eine Strecke in den Unterlauf hinein und fand allenthalben viel schwarzes Volk. Von der ganzen Küste wurde im Namen des Königs von Portugal Besitz ergriffen. Hie und da wurden auch Eingeborene mitgenommen, um, nachdem sie etwas Portugiesisch gelernt hätten, als Dolmetscher zu dienen. Der König von Congo, mit dem Cão Verkehr anknüpfte, bat sogar um christliche Lehren, und sein Abgesandter, Kassuta, ließ sich in Portugal taufen. Man war erfreut über die Menge neuer Gewürze. Behaim wähnte sogar die echte Zimmtrinde gefunden zu haben. Vom Congo drang Cão noch über 200 Leguas nach Süden, errichtete den zweiten Wappenstein am Cap Agostinho nördlich von Cap Negro unter 13° 27′ s. Br. und den dritten am Cap Negro selbst unter 15° 40′ s. Br.[80] Dieser Berg ist auf Behaims Globus besonders ausgezeichnet als ein eigenthümlich schroffer Fels, der in seiner Form von der conventionellen Bergzeichnung abweicht und in rother Schrift den Namen Monte nigro trägt. Daneben lesen wir die Inschrift: „Hie wurden gesetzt die säulen des konigs von portugal anno domini 1485 d. 18. jan.“ Irrthümlich hielt Behaim diese Spitze aber später für das Cap der guten Hoffnung, welches Dias im nächstfolgenden Jahre entdeckte. Das Datum des 18. Januar scheint zu gleicher Zeit den Zeitpunkt anzugeben, wo man auf dieser Reise den südlichsten Punkt erreichte. Die Dauer der ganzen Fahrt betrug 19 Monate.
Man muß die Verdienste Behaims bei dieser Entdeckungsfahrt sehr hoch angerechnet haben, da er nach seiner Rückkehr vom Könige selbst zum Ritter des Christusordens, welcher aus dem Tempelherrnorden hervorgegangen war, geschlagen wurde, und zwar in Gegenwart des ganzen Hofes.
Schon im nächsten Jahre ging ein neues Geschwader aus, aber nach den Maximen der Regierung unter einem andern Commando: man wollte nicht +einem+ Manne zu sehr verpflichtet sein. Es war ein staatskluger Grundsatz, dessen Vortheile erst recht ins Licht traten, als die spanische Regierung in Folge zu weitgehender Zugeständnisse gegen Columbus in mancherlei Verlegenheiten gerieth.
2. Bartolomeu Dias.
Im August 1486 segelte Bartolomeu Dias mit zwei kleinen Fahrzeugen von 50 Tons Gehalt, von denen das eine unter dem Befehl des João Infante stand, und einem Proviantschiff unter dem Befehl seines Bruders Pero Dias aus, um die Küstenforschung Diogo +Cão’s+ fortzusetzen. Die Familie der Dias hatte sich seit dem Anfange der Unternehmungen des Infanten Don Enrique im Seedienst ausgezeichnet. João Dias, der Ahne des Geschlechts, war zuerst mit ums gefürchtete Cap Bojador gesegelt; Diniz Dias erreichte zuerst das grüne Vorgebirge.
Bartolomeu sollte die rühmlichen Thaten der Vorfahren noch verdunkeln; und seinen Namen volksthümlich machen.
An der Congoküste und bis über das südliche Cap der guten Hoffnung hinaus wurden während der Fahrt Negerinnen mit Geschenken ans Land gesetzt, um dasselbe zu erkunden und den Eingeborenen von der Macht und Pracht der Portugiesen zu erzählen, welche gekommen seien, das Land des Priesters Johannes aufzusuchen. Durch das sich weiter verbreitende Gerücht sollte der Priesterkönig veranlaßt werden, seinerseits Boten auszusenden, welche mit den Portugiesen eine Annäherung suchten. Den ersten Wappenstein setzte Dias bei der Serra parda nördlich von der Walfischbucht. Dann wurde er durch widrige Winde mehrere Tage aufgehalten und mußte mühsam laviren. Er nannte diese Bucht Angra das voltas. Der Name eines Cap Voltas haftet noch an der Küste, nahe der Mündung des Oranjestroms. Vom St. Helenagolf mußte er 13 Tage lang mit eingerafften Segeln sich von dem Sturm nach Südost treiben lassen. Dabei gerieth er in kältere Meeresströmungen und war von der schnellen Abnahme der Temperatur überrascht. Als der Sturm nachließ, steuerte er wieder gegen Osten, um die Küste zu gewinnen, welche nach seiner Vorstellung von Norden nach Süden vorlaufen mußte wie bisher. Als er aber nach mehreren Tagen noch kein Land in Sicht bekam, richtete er den Lauf der Schiffe nach Norden und erreichte so das Südende des Continents an einer Bucht, wo Hottentotten mit ihren Herden weideten und über den Anblick den Schiffe erschreckt ins Binnenland flohen. Die Bai erhielt den Namen der Kuhhirtenbai (~Angra dos Vaqueiros~); jetzt heißt sie Flesh-Bai.
Weiter gegen Osten in der San Bras-Bai (Mosselbai) nahm er Wasser ein, wobei es zum Conflict mit den Eingeborenen kam; auf einer kleinen Insel Santa Cruz in der Algoabucht wurde der äußerste Wappenpfeiler gesetzt. Erschöpft durch die unerhörten Strapazen, welche sie erlitten, forderten die Schiffsleute den Capitän auf, umzukehren. Man wies auch darauf hin, daß der Proviant zu Ende gehe. Dias bedang sich noch eine Fahrt von zwei bis drei Tagen aus; wenn sich dann nicht ein Erfolg zeige (er erwartete wohl, daß die Küste wieder gegen Norden streiche) wolle er umkehren. Daß das Südende Afrikas umsegelt sei, sah er gewiß; daß das lang erstrebte Ziel sich nunmehr ohne große Schwierigkeiten werde gewinnen lassen, war seine feste Ueberzeugung. Nach einer Fahrt von zwei Tagen, in welchen die Schiffe noch 25 Meilen über den Wappenpfeiler hinaus bis zum großen Fischfluß vordrangen, welcher damals den Namen Rio do Infante erhielt, weil der zweite Capitän João Infante das Land zuerst betrat, sah sich Dias genöthigt, schmerzerfüllt den Heimweg anzutreten. Es wird uns erzählt, daß, als er zum zweiten Male die Insel Sa Cruz betrat, er den Wappenstein umklammert und nur mit schwerem Herzen Abschied von ihm genommen habe, wie wenn er einen geliebten Sohn scheiden sehe.
Beim weiteren Verfolg erkannte er auch das imposante Felsencap am südwestlichen Ende des Festlandes, um welches ihn bei der Hinfahrt der Sturm herumgeführt. Er gab ihm den Namen des Sturmcaps (~Cabo tormentoso~). Aber der König änderte diesen ominösen Namen in den Glück verheißenden „Cap der guten Hoffnung“ (~Cabo da boa esperanza~), weil er der festen Zuversicht war, die Pforte zum indischen Ocean stehe offen und der Wasserweg zu den Gewürzländern werde endlich gefunden. Das Transportschiff, welches auf der Westküste Afrikas zurückgeblieben, zeigte sich in bedauerlichem Zustande, als die beiden Schiffe des Dias auf ihrer Heimkehr dasselbe trafen. Sechs Mann an Bord waren von den Negern erschlagen, drei nur noch am Leben, dazu das Schiff selbst, in Folge von Wurmfraß, nicht mehr seetüchtig. Es mußte daher in Brand gesteckt werden, ehe man sich zum letzten Theil der Rückreise anschickte. Im December 1487 langte Dias, nach einer Fahrt von 16 Monaten und 17 Tagen, in Lissabon wieder an. Er hatte auf dieser Reise weitere 350 Leguas Küstenlinie entdeckt.
Inzwischen hatte aber der König auch Leute ausgesendet, welche das Reich Habesch und die Verkehrsverhältnisse am indischen Meere ermitteln sollten. Der erste Versuch einer Sendung schlug allerdings fehl, denn der Pater Antonio de Lisboa und Pedro de Montorryo, welche nach Jerusalem geschickt wurden, um dort abessinische Mönche auszuforschen, die damals häufig zu der heiligen Stadt walfahrteten, kehrten unverrichteter Sache wieder zurück, weil sie ohne Kenntniß der arabischen Sprache sich nicht getrauten, mit den Abessiniern ins Land des Priesters Johannes zu reisen.
So wurden denn, noch ehe Dias heimgekehrt war, zwei andere, bewährte Männer abgesandt. +Pero de Covilham+ und +Affonso de Paiva+[82] machten sich am 7. Mai 1487 nach dem Orient auf, erreichten über Rhodos und Alexandrien die Hauptstadt Aegyptens, Cairo, und fuhren auf dem rothen Meere nach Aden. Hier trennten sie sich, nachdem als Ort späterer Vereinigung Cairo bestimmt war. Covilham ging zu Schiff nach der indischen Malabarküste, besuchte Kananor, Kalikut, Goa und kehrte von da nach der Ostküste Afrikas zurück, besuchte die Häfen, erreichte als südlichsten Punkt das durch seinen Goldreichthum berühmte Sofala und zog über die Insel Madagascar Erkundigungen ein.
Als er auf der Rückreise Cairo wieder erreicht, erfuhr er, daß sein Gefährte Paiva inzwischen gestorben sei. Doch traf er dort zwei andere Sendlinge des Königs Johann von Portugal, den Rabbi +Abraham+ aus +Beja+ und den Juden +Joseph+, einen Schuster aus Lamego. Der letztere ging mit den wichtigen Nachrichten, welche Covilham eingezogen, sofort nach Portugal zurück. Covilham schrieb in seinem Briefe, daß die portugiesischen Schiffe an der Küste Guineas nach Süden zu steuern hätten, bis sie das Ende Afrikas erreicht, und daß sie im indischen Meere ihren Cours nach Sofala und der Mondinsel oder Madagascar richten müßten. Covilham besuchte mit Rabbi Abraham sodann noch Ormuz und sandte seinen Gefährten mit einer Karawane auf dem üblichen Wege über Bagdad und Haleb nach Syrien und in die Heimat zurück, während er selbst Habesch aufzusuchen beschloß. Der König nahm ihn in seiner Hauptstadt Schoa sehr freundlich auf, wußte aber den ersten europäischen Besucher an sich zu fesseln, so daß Covilham im Lande blieb, sich dort verheiratete und noch ein Menschenalter später, als ein portugiesischer Gesandter 1525 unter Rodriguez de Lima in Habesch eintraf, lebte. Er wurde über den Besuch seiner Landsleute zu Thränen gerührt, blieb aber in Habesch und starb dort.
3. Vasco da Gama’s erste Fahrt.
Das waren die letzten wichtigen Unternehmungen, welche der Regierungszeit des Königs Johann noch angehören. Zwar noch bei Lebzeiten dieses Fürsten sollte von unerwarteter Seite der Impuls kommen, welcher die Portugiesen antreiben mußte, durch eine letzte kühne Seefahrt ihre fast ein Jahrhundert bereits andauernden Arbeiten zu krönen; aber Johann II. starb, ehe er an die Ausführung gehen konnte. Den angedeuteten Impuls gab aber Columbus dadurch, daß er, von seiner ersten Fahrt nach Westindien heimkehrend, durch Sturm genöthigt worden war, in den Hafen von Lissabon einzulaufen und dem portugiesischen Könige auf dessen Einladung von seinem vermeintlichen Besuch in Zipangu (Japan) Bericht erstatten konnte. Die mitgebrachten braunen Indianer ließen nun mit Recht vermuthen, daß der kühne Genuese, dessen Pläne in Portugal keinen Beifall gefunden hatten, wenigstens bis in die Nähe Asiens gelangt sei, da die vorgeführten fremden Menschen den wirklichen Indern ähnlich zu sein schienen. Auch war zu befürchten, daß Columbus auf einer zweiten Fahrt noch vor den Portugiesen die Gewürzländer erreichen und damit den Preis und Lohn so vieler Mühen vorweg nehmen könnte. Glücklicherweise konnten sich die Portugiesen darauf berufen, daß Pabst Nicolaus V. schon im Jahre 1454 durch eine Bulle ihnen das Privilegium über den Handel mit Indien verliehen hatte. Trotzdem beeilten sich nun doch die spanischen Monarchen Ferdinand und Isabella, sich die neuen Entdeckungen durch päbstliche Sanction zu sichern. Die Bulle des Pabstes Alexanders VI. vom 3. Mai 1493 spricht der spanischen Krone alle Inseln und Festländer, welche in der von Columbus eingeschlagenen Richtung gefunden sind und noch gefunden werden sollen, zu in Anerkennung der Verdienste um den christlichen Glauben, um die Vertreibung der Mauren aus Spanien, und hofft, daß auch in den neu entdeckten Gebieten die friedlichen nackten Bewohner, welche keine Canibalen sind und sogar an einen Schöpfer im Himmel glauben, durch spanische Missionäre bald bekehrt werden möchten. Auf die weiteren Eigenthümlichkeiten und Schwächen der päbstlichen Erlasse vom 3. und 4. Mai genauer einzugehen, ist hier nicht der Ort, wo wir die portugiesischen Entdeckungen allein im Auge haben. Allein es mag hier noch erwähnt werden, daß in Folge dieser päbstlichen Verleihungen am 7. Juni 1494 zwischen Spanien und Portugal ein Vertrag abgeschlossen wurde, welcher die Grenzlinie der maritimen Entdeckungen beider Mächte in Gestalt einer von Pol zu Pol gezogenen Meridianlinie festsetzte.
Spanien erhielt den Westen der Erde, Portugal den Osten. Aber Spanien schien dem Ziel näher zu sein als sein älterer Nebenbuhler. Darum rüstete bereits Johann zu neuen Seefahrten; aber der Tod hemmte 1495 den Fortgang. Ihm folgte der jugendlich kühne +Manuel+, dem die Nachwelt den Namen des Großen zuerkannt hat, weil unter ihm die portugiesische Macht zu größter Entfaltung gelangte. Manuel, Herzog von Beja, war 26 Jahr alt, als er den Thron bestieg. Er wollte sofort die Entdeckungsarbeiten wieder beginnen lassen, aber seine Räthe machten anfangs Schwierigkeiten. So verzögerte sich die Fertigstellung des Geschwaders bis zum Jahre 1497. Der erfahrene Bartolomeu Dias wurde damit betraut, diese kleine aus 3 Schiffen bestehende, zur Fahrt nach Indien bestimmte Flotte sorgfältig auszurüsten, aber selbst sollte er sie nur bis zur Factorei La Mina an der Goldküste begleiten. Den Oberbefehl erhielt +Vasca da Gama+[83], im zweiten Schiffe sein Bruder +Paulo da Gama+, im dritten +Nicolao Coelho+. Der Raumgehalt der Schiffe betrug 100 bis 120 Tons. Die Schiffe trugen die Namen S. Rafael, S. Gabriel und S. Michael.
Die portugiesischen Historiker weichen in ihren Berichten über Gama’s Fahrt in vielen wesentlichen Punkten von einander ab. Gaspar Correa, dessen ~Lendas da India~ erst 1858-1861 von der Academie in Lissabon veröffentlicht worden sind, kam von allen Chronisten am frühesten, vielleicht schon 1512, nach Indien und konnte als Secretär des berühmten Affonso d’Albuquerque zum Theil das Tagebuch des Geistlichen João Figueira, welcher die erste Fahrt Vasco da Gama’s mitmachte, benutzen und zu Rathe ziehen. Castanheda (~Historia da India~) kam um 1528 nach Indien, Damian de Goes (~Rey Emanuel~) gelangte nicht nach dem Orient, und Osorio (~de rebus Emanueli~) fußt vielfach auf Goes. João de Barros, dessen Decaden lange Zeit fast allein die Grundlage der Darstellung gebildet, schrieb viel später.[84] Correa’s Werk sollte bei seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht werden, vielleicht um manchen Lebenden nicht zu verletzen. So kam sein Manuscript erst nach seinem Tode nach Europa, erlebte dort zwar, wenigstens in dem ersten Theile, mehrere Abschriften, aber erst vor 20 Jahren eine sorgfältige Drucklegung. In manchen Punkten, wo Correa von den übrigen Historikern abweicht, spricht aber die innere Wahrheit und Wahrscheinlichkeit für ihn.
Wie weit die Differenzen unter den einzelnen Berichten über Gama’s erste Fahrt gehen, erhellt schon daraus, daß sie nur in +einem+ Tages-Datum, nämlich in der Ankunft am Flusse Dos Reis, am heiligen Dreikönigstage 1498 zusammen stimmen. Correa setzt die Abfahrt der Flotte von Lissabon auf den 25. März 1497, Barros auf den 8. Juli, Osorio auf den 9. Juli. Correa nennt die Schiffe S. Rafael (Capitän Vasco da Gama), S. Gabriel, (Paulo da Gama), S. Michael, (Nicol. Coelho). Barros versetzt den ersten Capitän auf den Gabriel, seinen Bruder Paulo auf den Rafael, und nennt das Schiff Coelho’s Berrio.
Bei der Benennung neuentdeckter Küstenpunkte mußte dem Hauptschiffe, auf welchem Vasco da Gama befehligte, naturgemäß der Vorrang eingeräumt werden. Mustern wir nun einige der bedeutendsten Weltkarten des 16. Jahrhunderts, die Karten Cabots und des Königs Heinrich II. von Frankreich (+Jomard+, ~Monuments de la géographie~), so treffen wir die Namen Gabriel und Berrio gar nicht; Rafael erscheint auf Heinrichs II. Karte zweimal, ein Rio de S. Miguel bei Cabot. Ferner zeigt die Baseler Ausgabe des Ptolemäus, 1513, einen padrão de S. Rafael, und auch Ortelius (~Theatrum mundi~) bietet uns die Namen Rafaels und Michaels. Dadurch wird die Existenz dieser Schiffsnamen bestätigt, und wenn alle Autoren in der Angabe des Namens Gabriel übereinstimmen, muß wohl der Name „Berrio“, den Barros angibt, falsch sein. Stanley (~l. c. p. V.~) führt nach einem weiteren Beweis an, daß das Hauptschiff den Namen Rafael führte. Nach dem glänzenden Verlauf der ersten Reise wurde Vasco da Gama zum Grafen von Vidigueira in Alemtejo erhoben. Vor dieser kleinen Stadt befindet sich eine Capelle des heil. Rafael mit dem Bilde des Erzengels, dem das Schiff geweiht war.
Der Oberbefehlshaber erhielt Empfehlungsschreiben an den Priester Johannes, an den Beherrscher von Kalikut und an andere Fürsten Indiens. Die ganze Bemannung zählte nach Barros 170 Köpfe, während Correa sagt, in jedem Schiffe seien 80 Personen gewesen. Nach Osorio und Goes zogen 148 Mann aus und kehrten nur 55 wieder zurück. Ueber die Canarien gelangte das kleine Geschwader, nachdem es schon am Rio d’Ouro durch Sturm getrennt war, zu den Capverden und blieb einige Tage in St. Jago. Hier trennte sich Bartolomeu Dias, welcher sie bis dahin begleitet hatte, von ihnen und steuerte nach seinem Bestimmungsorte, nach La Mina an der Guineaküste. Gama richtete, das afrikanische Gestade verlassend, seinen Cours direct nach dem Caplande.
Der Wind war sehr heftig, erzählt Correa, so daß die See einen furchtbaren Anblick gewährte; unter den rastlosen Arbeiten während dieser Stürme litt das Volk sehr. Nachdem sie so einen Monat gesegelt waren, wandten sie sich wieder der Küste zu, in der Hoffnung, das Cap zu erreichen. Aber viel zu zeitig. Es sollten noch Monate vergehen, ehe sie das Südende des Continents umfahren konnten. Alle Historiker stimmen darin überein, daß die Fahrt mindestens 4 Monate währte, Correa setzt sogar volle 6 Monate an. So ging’s also wieder in die offene See hinaus, obwohl schon damals die Mannschaft lieber wieder umgekehrt wäre. Gama selbst theilte mit ihnen alle Arbeiten und Mühen und gönnte sich keinen Schlaf. Die Tage wurden immer kürzer, denn man fuhr in den südlichen Winter hinein. Es schien fast immer Nacht zu sein. Die Leute wurden krank vor Furcht und Mühsal, sie konnten nicht einmal ihr Essen bereiten. Sie begannen zu murren und wollten umkehren; aber Gama wies sie, als ein leidenschaftlicher Mann, mit scharfen Worten zur Ruhe, obwohl er sah, daß man in beständiger Lebensgefahr schwebte. Und wenn auch die Mannschaft unter den kalten Regenschauern fast erstarrte, so schwur doch der Capitän, es möge kommen, was Gott wolle, umkehren werde er nicht.
Erst in der Nähe des Landes wurde die See ruhiger. Um die Polhöhe am festen Lande zu bestimmen, ging das Geschwader in der St. Helenabai vor Anker. Da die Seeleute mit dem Gebrauche des Astrolabiums noch nicht lange vertraut waren, vermochten sie an Bord der kleinen Schiffe wegen der Schwankungen der Fahrzeuge noch keine sichern Bestimmungen zu machen. Das Beobachtungsinstrument hatte 3 Palmen im Durchmesser und ruhte auf einem dreifüßigen hölzernen Gestell. Wahrscheinlich war es hier, wo das begleitende (vierte) Proviantschiff entleert und in Brand gesteckt wurde, nachdem die Mannschaft auf die andern Schiffe vertheilt war.[85]
In einem mehrtägigen Sturme dublirten sie endlich das gefürchtete Cap, Stürme verfolgten sie auch auf der weiteren Fahrt. Sturzseen brachen von oben herein, das Wasser im Schiffsraume stieg immer höher. Sie hatten keine Ruhe, weder bei Tage noch bei Nacht, weder für die Seele noch für den Leib. Aber Gama schwur hoch und theuer, er werde keinen Fuß breit zurückgehen, bis er Indien erreicht. Bei dieser verzweifelten Lage wuchs die Mißstimmung unter der Bemannung immer mehr und gestaltete sich zu einer Verschwörung: man wolle sich nicht blindlings ins Verderben jagen lassen, Er sei nur Einer, sie aber seien Viele. Durch einen Schiffsjungen verrathen, wurde der Plan, den Capitän zu beseitigen, vereitelt. Gama brachte die Verschworenen mit List in seine Gewalt und ließ sie in Ketten werfen. Vor Wuth soll er sogar alle nautischen Bücher über Bord geworfen und erklärt haben: nun möchten sie versuchen, ohne Steuermann und Pilot den Rückweg zu finden. Denn die Capitäne und Steuerleute hielten alle treu zum Führer.
Erst im Anfang Januar 1498 näherten sie sich wieder dem Lande. Die Schiffe bedurften einer Reparatur, an Trinkwasser trat ein fühlbarer Mangel ein, manche Fässer waren in den unaufhörlichen Stürmen geborsten und ausgelaufen. Aber sie segelten noch mehrere Tage, ehe sie einen günstigen Ankerplatz fanden. Am 6. Januar liefen sie in die bequeme Mündung eines Flusses ein, der nach dem Tage Rio des Reyes, Drei-Königsfluß, genannt wurde. Der Wasserplatz, an welchem Gama fünf Tage verweilte, wurde wegen des friedlichen Benehmens der Bewohner Agua da boa Paz genannt. Beim Weitersegeln hatten sie vom Cap Corrientes (~Cabo das Corrientes~) tagelang mit der heftigen Mosambikströmung zu kämpfen und mußten darum weiter von der Küste abhalten, um nicht gegen gefährliche Klippen getrieben zu werden. In Folge dessen segelten sie an dem in der innern Bucht des Landes gelegenen Sofala vorüber und erreichten nur mühsam die Mündung des Sambesi. Dieser mächtigste Strom erhielt den Namen ~Rio dos bons Sinaes~ (Strom der guten Anzeichen), denn hier trafen sie zuerst mit hellfarbigen Mischlingen zusammen, die des Arabischen mächtig waren, und ihnen mittheilten, daß weiter nordwärts eine belebte Schifffahrt getrieben werde. Man hatte hier also die Sphäre des arabischen Handelsverkehrs erreicht und konnte hoffnungsvoll dem glücklichen Erfolg des kühnen Seezuges entgegensehen. Theils um die Schiffe auszubessern, theils um der erschöpften und am Scharbock leidenden Mannschaft Erholung und Erfrischung zu bieten, blieb Gama einen vollen Monat hier. Dort wurde ein Wappenstein errichtet mit der Inschrift: ~Do Senhorio de Portugal Reino de Christaõs~. Dann stach Gama wieder in See und erreichte bald die Insel und den Hafenplatz Mosambik. Mehrere Sambuken, mit arabisch gekleideten Leuten bemannt, kamen heran und erkundigten sich nach Herkunft und Ziel der fremdartigen Flotille. Gama ließ ihnen antworten, sie seien Portugiesen, welche im Auftrage ihres Königs nach Indien führen und, da sie den Weg noch nicht gemacht hätten, um einige Lotsen bäten.
Anfänglich schien es, als ob der Verkehr sich ganz friedlich gestalten wolle. Der Scheich des Hafens stand unter der Botmäßigkeit des arabischen Fürsten von Kiloa. Die Araber hatten den sicheren Stapelplatz auf der Mosambik-Insel gewählt, um von hier aus lebhaften Handel mit den Negern zu treiben und Gold, Elfenbein, Wachs u. a. einzutauschen. Nachdem Gama dem Scheich mehre Geschenke gesendet, kam dieser selbst an Bord, in faltenreicher, farbiger Tracht, das dunkle Gesicht von einem mächtigen, buntseidenen Turban beschattet. Unter seinem Gefolge befanden sich viele Mischlinge. Nach einem ehrenvollen Empfange von Seiten der Capitäne nahm der Scheich alles neue auf den Schiffen in Augenschein und ließ sich vermittelst eines Dolmetschers von dem Flottenführer noch einmal erzählen, daß sie von dem mächtigsten Könige der Christenheit abgesandt, bereits zwei Jahre auf der stürmischen See umhergeworfen und von ihren Gefährten getrennt nunmehr dem Lande der Gewürze zusteuerten und, des Weges unkundig, um zuverlässige Piloten bäten. Bald nachdem der Scheich zurückgekehrt war und frische Lebensmittel für die Portugiesen gesandt hatte, erschienen auch drei Habessinier, mit denen aber die Verständigung nur unvollkommen gelang. Werthvoller war der Verkehr mit einem Mauren, Namens Davané, welcher sich bereit finden ließ, die Schiffe nach Indien zu begleiten. Inzwischen änderte sich aber die günstige Stimmung am Lande. Die Araber schöpften wegen der Herkunft und Zwecke der Fremdlinge Verdacht oder wurden wegen ihres Handels besorgt, für den ihnen so unerwartet eine Concurrenz zu drohen schien. Zwar erhielt Gama die gewünschten Lotsen, aber sie waren nicht zuverlässig; denn nachdem die Portugiesen als Christen erkannt und somit als die natürlichen Feinde des Islam erklärt worden, wurde auch der Scheich von den einheimischen Händlern gewonnen, die Hand zu einem geplanten Verrath und Ueberfall zu bieten. Und hierzu sollten die Lotsen behilflich sein. Eine Einladung des Scheich zu einem Besuche in der Stadt hatte Gama, durch Davané gewarnt, vorsichtig abgelehnt. Dagegen bat er, man möge ihm am festen Lande einen Platz anweisen, wo seine Böte Wasser holen könnten. Diese Gelegenheit sollte von Seiten der Moslemin zu einem Ueberfall benutzt werden; zu gleicher Zeit sollten andere mit Bewaffneten besetzte Fahrzeuge, wenn ein Theil der portugiesischen Matrosen beim Wassereinnehmen von den Schiffen fern sei, diese überrumpeln und das Geschwader zu erobern suchen. Allein dieser Plan wurde durch die Wachsamkeit und die Ueberlegenheit der portugiesischen Waffen vereitelt. Gama ließ das Wasserboot mit zwei Kanonen armiren und schickte zur Bedeckung der Matrosen bewaffnete Mannschaft mit unter Führung des Capitäns Coelho. Zur Nachtzeit sollte bei Hochflut Wasser eingenommen werden. Aber der begleitende Pilote führte sie bis zum anbrechenden Morgen, wo Ebbe eintrat, in der Irre herum und hoffte das Fahrzeug dann unversehens aufs Trockne zu setzen und dem geplanten Ueberfall leichter preiszugeben. Indeß kam ihm Coelho zuvor, indem er das Boot rechtzeitig wenden ließ und den Verräther, zum abschreckenden Beispiel, an den Mast aufknüpfen wollte. Der Lotse aber sprang über Bord, tauchte unter und kam erst in weiterer Entfernung wieder zum Vorschein. Bei seiner Verfolgung wurde nun das Boot vom Lande aus mit Pfeilen und Schleudersteinen angegriffen. Da man von den Schiffen aus diesen feindlichen Zusammenstoß sehen konnte, so ertheilte Gama dem Boote durch Flaggensignale den Befehl zur Umkehr. Auch ließ er, wie Correa betont, nicht gleich mit Kanonen unter die Verräther schießen, weil er sich in dem ersten arabischen Hafen nicht in schlechten Ruf bringen wollte und vielleicht noch auf ein friedliches Abkommen rechnete. Der Scheich, der wohl auch für seine wehrlose Stadt fürchten mochte, ließ über den unangenehmen Zwischenfall sein Bedauern ausdrücken und erbot sich andere Lotsen zu senden, die indeß wieder den Auftrag zu haben schienen, die portugiesischen Schiffe auf Korallenriffe zu führen.
Vasco da Gama hatte mehrere Verbrecher an Bord, die ihm mitgegeben waren, um an gefährlichen Stellen ans Land geschickt zu werden. In der Ausführung eines lebensgefährlichen Auftrages bestand die eigenthümliche Art der Begnadigung. João Machado, so hieß der zu dieser Mission ausersehene Sträfling, wurde ans Land gesetzt, um dem Scheich die Botschaft zu übermitteln, daß, da man an seiner Ehrlichkeit zweifele, der weitere Verkehr mit ihm abgebrochen werde. Machado richtete seinen Auftrag aus und gelangte später unter allerlei Abenteuern über Kiloa und Mombas nach Indien. Gama aber hielt noch an einer unbewohnten Insel vor Mosambik an und ließ zu Ehren des heil. Georg den Wappenstein San Jorge setzen. Dann stach er wieder in See. Davané war an Bord geblieben und begann bereits etwas Portugiesisch zu lernen, so daß man sich mehr und mehr verständigen und manche werthvolle Mittheilungen über den Seehandel durch ihn gewinnen konnte.
Der streng bewachte, aber treulose Lotse brachte bald darauf die Schiffe zwischen die Untiefen einer Inselgruppe und wurde, als man seine Verrätherei erkannte, dafür durchgepeitscht. Die Inseln erhielten aber zum Andenken daran den Namen ~Ilhas do Azoutado~, d. h. die Inseln des Durchgepeitschten. An der Küste entlang ging die Fahrt nun weiter auf Kiloa, welches als ein vielbesuchter Handelshafen galt, wohin sogar christliche Armenier gelangen sollten. Aber widrige Winde trieben die Schiffe ab. Das Schiff S. Rafael unter dem Commando des Vasco da Gama gerieth sogar auf eine Sandbank, wurde aber glücklich wieder losgebracht. So kamen sie in der letzten Woche des April[86] nach Mombas. Wieder erschien ein Fahrzeug der Einwohner, um sich nach den Zielen der Fremdlinge zu erkundigen. Gama erklärte, er komme, auf dem Wege nach Indien, sich in dem Hafen mit einigen Bedürfnissen zu versehen. Der Scheich, auch hier anfangs freundlich, mußte bald den falschen Einflüsterungen nachgegeben und schon von Mosambik Nachrichten erhalten haben, daß die Fremden Seeräuber seien und den Handel nur zum Vorwand nähmen. Als Gama in den Hafen einlaufen wollte, kamen viele kleine Schiffe heran, wie um die portugiesischen Fahrzeuge mit festlicher Musik an die Stadt zu geleiten. Aber man ließ höchstens 10 bis 12 Personen an Bord eines jeden Schiffes kommen. Vielleicht war es dabei auf eine Ueberrumpelung oder eine Verrätherei abgesehen, denn als das eine Schiff, rückwärts treibend, auf den Grund gerieth, da es dem Steuer nicht folgte, so gab der Capitän rasch Befehle, Anker auszuwerfen. Die dadurch hervorgerufene Unruhe machte die Araber auf den andern beiden Schiffen besorgt; sie fürchteten vielleicht, ihr Anschlag sei verrathen und sprangen eiligst wieder in ihre Schiffe. In einer hellen Mondnacht wurde der Hafen von Mombas verlassen und die Fahrt mit großer Vorsicht, weil man dem Lotsen nicht traute, fortgesetzt. Bald stießen sie auf zwei Sambuken, welche nach Mombas steuerten. Eine derselben wurde genöthigt, ihnen den Weg nach Melinde zu zeigen, wobei man die arabische Mannschaft auf die Schiffe vertheilte. Nach einer günstigen Fahrt von drei Nächten und zwei Tagen langten sie in den letzten Tagen des Monats April dort an und fanden hier endlich eine wohlgemeinte freundliche Aufnahme. Aber der Einladung des Fürsten, in dem Hafen anzulegen, folgte Gama, durch die Vorkommnisse in Mosambik und Mombas mißtrauisch gemacht, nicht sogleich, sondern schickte zunächst den Capitän Coelho und in seiner Begleitung den Davané ans Land. Am Ufer hatten sich so viele Menschen versammelt, daß die Beamten nur vermittelst ihrer Stöcke für die fremden Sendlinge Bahn schaffen konnten. Der Fürst ließ Coelho neben sich auf einem Stuhle niedersitzen, erkundigte sich vor allem nach europäischen Verhältnissen und ließ sich vom großen König Emanuel erzählen. Gegen Sonnenuntergang nahm der portugiesische Capitän Abschied und wurde, vom Herrscher von Melinde mit weißen und bunten Seidenkleidern und einem kostbaren Ringe beschenkt, an den Strand zurückgeleitet. Die von Gama auf einem Sambuk gewünschte Zusammenkunft fand in den nächsten Tagen statt. Der ganze Strand, die weißen Häuser und die Mauern der Stadt waren mit Schaulustigen dicht besetzt, als die beiden Flottenführer, Vasco und sein Bruder Paulo da Gama, im vollsten Schmucke, unter dem Donner der Salutschüsse in ihren beflaggten Böten von den Schiffen abstießen und sich dem Audienzschiffe näherten. Bei der herrschenden Rivalität zwischen Melinde und den anderen bereits besuchten Häfen war die Aufnahme eine sehr günstige. Dem arabischen Herrscher wurden ein kostbares Schwert, eine Lanze und ein Schild verehrt und beide Theile schieden in Freundschaft. Gama bat, die Piloten und übrigen Insassen des zur Mitfahrt gezwungenen Bootes sicher wieder in ihre Heimat befördern zu wollen, was auch zugesagt wurde. Die Portugiesen erhielten Lebensmittel und Wasser und konnten sich am Lande erholen, denn sie hatten an der ungesunden Ostküste Afrikas viel durch Krankheiten zu leiden gehabt und manchen Mann am Scharbock verloren.
Später besuchte Gama den Scheich in seinem Schlosse und wurde von diesem am Thor empfangen. Im Verlaufe des Gespräches erklärte der Araber, daß der Gewürzhandel in Kalikut seinen Hauptstapel habe und daß er dem Geschwader einen zuverlässigen Piloten dahin mitgeben werde. Auch rieth er den Portugiesen, die gewünschten Waaren nicht zu hoch zu bezahlen, um dadurch nicht den Markt zu verderben.
Davané erbot sich bis Indien mitzugehen. Vor dem Abschiede stattete der Fürst den Schiffen noch einen Besuch ab. Auf einer besonders angelegten Treppe leitete man ihn an Bord, wo eine festliche Tafel hergerichtet war. Dann ließ Gama mit Bewilligung des Herrschers einen marmornen Wappenpfeiler in Melinde setzen, segelte, von tüchtigen Lotsen geführt, am 24. April von der afrikanischen Küste ab und erreichte unter günstigem SW. Monsun in 22 Tagen die Gestade Indiens. Die Berge von Kananor traten hervor, die Häuser der Stadt zeigten sich bei dem Vorübersegeln. Fischerböte nahten sich und waren über die seltsam gebauten Schiffe und die weißen Menschen darin sehr verwundert. Am 20. Mai langte das Geschwader endlich im Hafen von Kalikut an.
Indien zerfiel damals in eine große Anzahl selbständiger Reiche, Barros nennt darunter die Königreiche von Multan, Delhi, Cospetir, Bengalen, Orissa, Mando, Tschitor, Guzarat oder Cambaya, Dekhan, Bisnaga und viele andere kleinere. Am Westfuße der Ghats erstreckte sich vom Flusse Karnat, nahe beim Vorgebirge Komorin bis zu der weit übers Meer sichtbaren Landmarke des Berges d’Ely (~de Ly~) oder Delly unter 12° n. Br., das Reich und die Landschaft Malabar mit der Hauptstadt Kalikut. Sechs bis zehn Leguas breit und 80 Leguas lang breitete sich dieser Landstrich aus, über welchen ein Kaiser die Oberherrschaft besaß. Der Titel dieses Oberherrn war eigentlich Samudrin, d. h. Herr der See, die Portugiesen nannten ihn Samorin. Zahlreiche Lehnsfürsten standen nominell unter ihm, wußten sich aber mehrfach seinem maßgebenden Einflusse zu entziehen oder fügten sich, wie die Fürsten von Kotschin und Kollam, nur widerstrebend. Das Uebergewicht Kalikuts beruhte in seinem Welthandel, in seinem Gewürzmarkte, welcher seit dem 14. Jahrhundert an Großartigkeit alle Hafenplätze der Westküste übertraf. Seine Blüte verdankte der Ort namentlich der Thätigkeit der mohammedanischen Kaufleute und Schiffer, welche bei den Portugiesen mit dem allgemeinen Namen der Mauren belegt wurden. Die Stadt zerfiel in zwei Abtheilungen; am Hafen gruppirten sich um die steinernen Wohnhäuser und Waarenlager der Mauren die mit Palmblättern gedeckten Holzhütten der eingeborenen Gewerbsleute, der Handwerker und des andern gemeinen Volks niedriger Kasten. Etwas entfernt lag in einem Palmenhain die Residenz des Samorin, umgeben von den Villen der vornehmsten Stände, der Brahmanen und der Kriegerkaste, der sog. Nair, die ihrem Oberherrn mit Leib und Seele ergeben, sich dem Handelsgewoge des Hafens entzogen, um ihren Standesvorurtheilen nichts zu vergeben durch zu enge Berührung mit den niederen Kasten. Diese hatten ihren Erwerb hauptsächlich durch die Mauren und waren, an deren Interesse gebunden, von denselben abhängig, oder wenigstens geneigt, auf ihre Seite zu treten. Denn den Vertrieb der geschätzten Waaren nach dem Abendlande hatten die mohammedanischen Kaufherren allein in der Hand; ihre Flotten kamen aus dem arabischen und persischen Golfe über Aden und Ormuz nach Indien und brachten namentlich über Aegypten die indischen Artikel ans Mittelmeer zu den christlichen Völkern. Aber nicht Araber und Aegypter im engern Sinne betheiligten sich allein an diesem indischen Handel. Mauren aus Tunis und Algerien, selbst Juden unternahmen die weite Reise ins Morgenland und wieder zurück in die Markthäfen Italiens und Spaniens. Die christlichen und mohammedanischen Staaten am Mittelmeer standen sich feindlich gegenüber; die Niederlagen des Islam und seine Verdrängung aus Spanien wurden bis Indien vernommen. Die Portugiesen waren politisch die Feinde der Araber und Mauren und sollten nun auch im indischen Handel als ihre Rivalen auf einem Gebiete erscheinen, wo die Moslemin Jahrhunderte lang allein sich des ungestörten Genusses und Gewinnes zu erfreuen gehabt hatten. Kein Wunder, daß das Erscheinen einer portugiesischen Flotte auf der Küste Malabar, vor dem Centralpunkte des Verkehrs, alle mohammedanischen Kaufleute in die größte Aufregung brachte. Daher der eigenthümliche Willkomm, den Gama vor Kalikut empfing. Schiffer im Hafen brachten nämlich zwei Mauren aus Tunis zu ihm, welche spanisch und italienisch sprachen und die Portugiesen mit den Worten begrüßten. „Schert Euch wieder zum Teufel, der Euch hergebracht hat.“
Auch dem Samudrin war der Besuch sicher ungelegen. Der friedliche Verkehr und die Sicherheit der Einkünfte, auf denen seine Macht basirte, schienen in Frage gestellt durch das plötzliche Erscheinen der abendländischen Fremdlinge. Ließ sich der Friede und die Ordnung, welche eine ausgezeichnete Marktpolizei bisher aufrecht erhalten hatte, bei der Erregtheit der Concurrenten aufrecht erhalten?
Und konnte nicht durch einbrechende Unsicherheit gedrängt, der ganze Waarenverkehr sich aus seinem Gebiet und aus seinem Hafen wegwenden? Daß unter solchen Umständen die Bekenner des Islam leichtes Spiel hatten, durch Einflüsterungen und Verläumdungen den Kaiser gegen die neuen Ankömmlinge einzunehmen, liegt auf der Hand. Vasco da Gama hatte von Anbeginn einen schweren Stand, und es ist ein nicht geringes Verdienst, daß er vorsichtig und seine leidenschaftlichen Aufwallungen beherrschend die Verhandlungen leitete, gewandt allen Gefahren auswich und seinen Auftrag glänzend löste.
Die Handelssaison war bereits vorüber, die fremdasiatischen Handelsbarken hatten den Hafen schon seit Monatsfrist oder länger verlassen. Man war also am Lande nicht wenig erstaunt, zu so ungewohnter Zeit Schiffe ankommen zu sehen, die offenbar mit diesen Gewässern nicht vertraut waren. Aus Furcht vor einer sichtbaren starken Brandung war Gama in einiger Entfernung vom Hafen bei dem Ort Kapokate vor Anker gegangen. Hier näherten sich ihm zunächst Fischerböte, von denen man Fische gegen portugiesische kleine Silbermünzen einhandelte. Die Bootführer prüften die ihnen unbekannten Werthzeichen mit ihren Zähnen auf den muthmaßlichen Silbergehalt. Dann brachten sie Hühner, Kokosnüsse u. a. zum Verkauf. Durch diesen Verkehr erfuhr der Samorin, daß Gama von Melinde komme und nicht ohne Erlaubniß des Landesherrn das Ufer betreten wolle. Darauf erschien nach einigen Tagen ein Nair, nur mit weißem Lendentuch bekleidet, mit rundem Schild und nacktem, kurzem Schwert. Mit ihm ging dann einer der von der afrikanischen Küste mitgenommenen Lotsen ans Land, um ähnliches über die Herkunft und Schicksale des Geschwaders zu berichten, wie Gama selbst in Melinde erzählt hatte: nämlich, daß sie zu einer großen Flotte von 50 Schiffen gehörten, die der mächtigste christliche König des Abendlandes abgesendet, um Pfeffer und Droguen einzuhandeln, daß sie aber durch Sturm zerstreut seien. Mit dem Lotsen ging auch wieder ein Sträfling ans Land, Namens João Nuñez (oder Martins). Als diese ihre Botschaft ausgerichtet hatten und wie es schien, nach günstiger Aufnahme wieder zum Hafen zurückkehrten, wurden sie von einem Manne in morgenländischer Tracht auf castilisch angeredet und eingeladen, bei ihm zu bleiben, da sie sich bei ihrer Sendung verspätet hatten und kein Boot mehr fanden, das sie zu den Schiffen zurückgebracht hätte. Dieser neue Gastfreund stammte aus Sevilla, war als Gefangener und Sklave durch viele Hände gekommen, hatte äußerlich den mohammedanischen Glauben angenommen und ging am nächsten Morgen mit den beiden Sendlingen an Bord, um den Flottencapitän über die Verhältnisse in der Stadt aufzuklären und namentlich vor den Ränken der arabischen Kaufherrn zu warnen.[87]
Gama ging darum nicht zuerst selbst ans Land, sondern schickte Coelho mit mehreren Begleitern zum König, damit er ihm die Bitte um freien Handel und friedlichen Verkehr vortrage. Wenn das zugesichert werde, wolle der Admiral persönlich die Geschenke und Briefe des königlichen Herrn überreichen.
Bei der Landung der Portugiesen lief das Volk zusammen, verhielt sich aber ruhig, als diese zum Palaste geleitet wurden. Da sich aber der Samorin inzwischen durch seine Beamten über das Erscheinen und Benehmen der Fremden genau berichten ließ, so verging darüber der Tag, ohne daß eine Audienz anberaumt wurde. Coelho blieb daher über Nacht im Hause eines Edelmanns.
Am nächsten Morgen kam der Schatzmeister und erklärte, sein Herr sei unwohl und könne die Gesandtschaft nicht empfangen, Coelho möge ihm daher den Inhalt seiner Botschaft anvertrauen, er werde ihn dem Könige übermitteln. Coelho aber erwiderte, er habe directen Auftrag, und wenn der König krank sei, werde er bis zu günstiger Zeit wieder aufs Schiff zurückkehren. So bequemte man sich denn zur Audienz. Coelho begrüßte den Samorin ehrfurchtsvoll, blieb aber schweigend stehen, bis ihn der König aufforderte, seinen Auftrag auszurichten. Als dies geschehen, wollte der König die Audienz schließen mit dem Bemerken, die Antwort werde ihm später durch den Schatzmeister zugehen. Allein auch darauf ging Coelho nicht ein, sondern erbat sich directen Bescheid, den ihm der Samorin dann in wohlwollender Weise gewährte. Zum Zeichen des Friedens erhielt Coelho den königlichen Namenszug auf einem Palmenblatte und begab sich damit wieder an Bord. Sobald dort der Erfolg bekannt geworden war, wurden die Schiffe beflaggt, Trompeten erklangen und die Kanonen donnerten Salutschüsse über den Hafen hin.
So war durch das feste Auftreten Coelho’s die schwankende Politik der königlichen Rathgeber bei Seite gedrängt. Das königliche Wort war eine Bürgschaft des Friedens.
Dann rüstete sich Gama selbst, zu einer Audienz ans Land zu gehen; aber, gewarnt durch den indischen Castilier, that er es nicht eher, als bis er durch eine Anzahl vornehmer Geißeln aus dem Stande der Nair genügend gedeckt war. Dann erst betrat er in festlichem Aufzuge, in Weiß und Roth gekleidete Trompeter voraus, die Stadt und wurde in einem Palankin zum Palaste getragen. Hier wurde er vom Samorin in feierlicher Audienz empfangen. Correa gibt uns von dieser Scene ein genaues Bild. Der König saß auf einem Divan. Er war von sehr dunkler Hautfarbe, der Oberkörper nackt, von der Mitte des Leibes an bis zu den Knien in Weiß gekleidet. Eines seiner Kleidungsstücke endigte in einer langen Spitze, an welcher mehrere goldene Ringe mit großen, glänzenden Rubinen angereiht waren. Am linken Arme über dem Ellbogen trug er eine Spange, die aus drei Ringen zusammengesetzt schien und von Juwelen strotzte; namentlich trug der mittlere höchst werthvolle Steine, und von ihm hing noch ein Diamant von der Dicke eines Fingers herab. Um den dunkeln Hals trug er eine helle Perlenschnur, deren Glieder die Größe einer Haselnuß hatten. Zweimal umgeschlungen reichte diese Schnur vorn bis auf die Mitte der Brust herab, und darüber trug er eine feine Goldkette mit einem Schmuck in Gestalt eines Herzens, welches aus einem Geschmeide von Perlen und Rubinen bestand, dessen Mittelpunkt ein großer Smaragd bildete. Das lange schwarze Haar trug der Samorin auf dem Wirbel in einen Knoten geschürzt und mit Perlenschnüren umwunden; an den Ohren prangten zahlreiche Goldringe.
Rechts und links vom Throne standen Leibpagen mit reichverzierten Waffen und mit einem goldenen Spucknapf. Der erste Brahmane reichte dem Fürsten von Zeit zu Zeit ein Blatt Betel, welches derselbe kaute und dann in den goldenen Napf ausspie.
Nachdem sich Gama tief vor der indischen Majestät verbeugt hatte, reichte ihm dieselbe die rechte Hand entgegen und berührte mit den Fingerspitzen die rechte Hand des Admirals, und dieser entledigte sich dann zuerst mündlich seines Auftrags in portugiesischer Sprache. Sein Dolmetscher João Nuñez übertrug den Inhalt zunächst ins Arabische und wendete sich an den Sensal, dieser gab in der Landessprache das Wort weiter an den Brahmanen, durch welchen dann endlich die Botschaft an den König selbst gelangte. Darauf überreichte Gama knieend den Brief des Königs Manuel, nachdem er ihn geküßt, auf seine Augen und aufs Haupt gelegt hatte. Der Samorin nahm den Brief in die Hand, drückte ihn an die Brust mit beiden Händen, öffnete ihn und übergab ihn seinem Schatzmeister, um ihn sich übersetzen zu lassen; denn er war portugiesisch und arabisch abgefaßt. Es war darin, was Gama bereits mündlich ausgesprochen, der Wunsch ausgedrückt nach einem Freundschaftsbündnisse und friedlichen Handelsverkehr. Damit war die Audienz beendet, der Admiral kehrte unter Trompetenschall zur Factorei zurück, wo er zu Nacht blieb. Die bald darauf folgende briefliche Antwort des indischen Fürsten enthielt die Stelle: Vasco da Gama, ein Edelmann aus Eurem Hause, hat mein Reich besucht, worüber ich mich sehr gefreut habe. In meinem Lande gibt es Zimmt, Gewürznelken, Ingwer und Pfeffer in Fülle, ich habe Perlen und Edelgestein. Was ich von Euch wünsche, ist Gold, Silber, Korallen und Scharlach.
Damit war die Genehmigung zur Eröffnung des Handels ertheilt.
Am Lande wurden den Portugiesen Lagerhäuser eingeräumt und Diogo Dias zum Factor bestellt. Um nun den Handel einzuleiten, wurde zunächst das Marktgewicht festgestellt, dann der Preis der Waaren bestimmt. Gold und Silber galt nicht nach Gepräge, sondern nach Gewicht und Feingehalt; es stellte sich dabei der Silberpreis höher als in Portugal. Außer Edelmetallen gab der Factor auch Korallen, Quecksilber und Kupfer zum Tausch. Die eingehandelten Droguen wurden dann durch indische Böte zu den Schiffen gebracht. Die Portugiesen waren über den billigen Einkauf erfreut und der Schatzmeister konnte hinwieder seinem Herrn melden, die Christen zahlten doppelte Preise und nähmen auch die weniger guten Produkte, deren Annahme die Araber verweigerten. Durch die blinde Kauflust der Fremden verlockt, begannen die einheimischen Händler die Gewürze zu fälschen, mit fremden Körpern zu vermischen oder gar unbrauchbare Waaren, wie ungenießbaren Zimmt zu liefern. Der Factor gewahrte wohl den Betrug, nahm aber auch die schlechte Waare an, um vorläufig jeden Grund zu Mißhelligkeiten fernzuhalten.
Inzwischen blieben die portugiesischen Boote stets in der Nähe auf der Hut, mit versteckten Waffen, scheinbar müßig, aber stets schlagfertig.
Da die Mauren sahen, daß sich der Handel mit den Portugiesen, zu ihrem Nachtheile, so rasch entwickelte, verdächtigten sie die Fremdlinge als Spione, welche nur gekommen seien, den Reichthum des Landes zu erkunden, um demnächst mit bewaffneter Macht als Eroberer wieder zu erscheinen. Als rechte Kaufleute würden sie doch die schlechte Waare nicht um doppelten Preis kaufen. Der Handel diene nur als Folie, um böse Absichten zu verdecken.
Die reichen Handelsherren in der Stadt gewannen nun zunächst den Katual, den mohammedanischen Gouverneur, oder, wie Correa ihn bezeichnet, den ersten Officier der königlichen Leibwache, für sich, daß er die Portugiesen am freien Verkehr hindern möge. Dies geschah auch. Man gestattete ihnen nicht, die Stadt zu besuchen, unter dem Vorgeben, als wolle man dadurch unliebsamen Begegnungen mit den Mauren vorbeugen, auch hoffte man, sich gelegentlich der Person des Admirals bemächtigen zu können. Vielleicht rechnete man auch bereits darauf, den unbequemen Besuch so lange hinzuhalten, bis die mohammedanischen Flotten mit dem neuen Monsun anlangten, um dann mit deren Hilfe die Portugiesen vollständig zu vernichten.
Als Gama die Handelsverschleppung bemerkte, ließ er die Absicht durchblicken, lieber den Heimweg anzutreten, ohne seine Gewürzfracht zu vervollständigen, um wenigstens seinem Könige die Kunde von dem erfolgreichen Zuge nach Indien bringen zu können. Kam dieser Plan zur Ausführung, dann hatten zwar die Mauren für den Augenblick das Feld behauptet, mußten aber einer verstärkten Wiederkehr des Erbfeindes gewärtig sein und waren keineswegs von einer drohend aufsteigenden Gefahr für ihr Handelsmonopol befreit. Der Samorin ließ den Admiral noch einmal zu sich rufen, der Katual erschien mit zwei Palankinen und bat ihn, ihm zur Audienz zu folgen. Wie in Folge derselben der Conflict endlich zum Ausbruch kam, wird verschieden berichtet, es scheint indeß am wahrscheinlichsten, daß er durch Gama’s Erklärung vor dem Könige beschleunigt wurde.[88] Denn als dieser ihn aufforderte, sich von dem überall in der Stadt ausgesprochenen Verdachte zu reinigen, als seien die Portugiesen gemeine Seeräuber, und ihm, dem Samorin offen die Wahrheit zu sagen, entgegnete Gama: Es wundere ihn gar nicht, daß die Vasallen des Samorin solche Verleumdungen ausstreuten, da er so weiten, bisher noch nicht betretenen Weges daherkomme; aber sein Herr und Gebieter sei durch den Ruf von der Größe und Macht des Samorin bewogen, seine Schiffe so weithin zu senden, um freundschaftliche Beziehungen und Handelsverkehr in Spezereien anzuknüpfen, daneben aber auch sich die Verbreitung des Christenthums angelegen sein zu lassen. Die Mauren seien in Europa die natürlichen Feinde der Portugiesen und suchten ihnen auch hier zu schaden. Dann bat Gama den König, ihn gegen dergleichen Ränke und Verdächtigungen zu schützen, damit nicht Krieg dadurch angefacht würde. Zum Zeichen der Wahrheit wies er auf die ihm zugestoßenen Verräthereien in Mosambik und Mombas hin. Und wenn auch ihn und sein Geschwader das Verhängniß träfe, nicht wieder nach Portugal heimzukehren, so werde König Manuel doch fortfahren, neue Flotten auszusenden, bis er gewisse Nachricht aus Indien erhalten habe. Der Samorin möge darum dafür Sorge tragen, daß nicht durch die Mauren der Zwist eingeleitet würde, denn die Portugiesen seien nicht gewillt, sich ungestraft beleidigen zu lassen, am wenigsten von den Mauren, über welche sie schon manchen Sieg davon getragen. Der Samorin hatte den Worten Gama’s mit Spannung gelauscht und erkannte aus dem Feuer und der Festigkeit der Rede, daß der Admiral die Wahrheit gesagt. Dann wünschte er, Gama möge aufs Schiff zurückkehren, wohin ihm die Antwort nachgesendet werden sollte. Der Katual, welcher die Portugiesen zum Landungsplatze zurückzuleiten hatte, bemächtigte sich aber unterwegs ihrer Personen, trennte den Admiral von seinen Begleitern und hielt sie unter verschiedenen Vorwänden tagelang wie in Gefangenschaft, angeblich weil er für ihre Sicherheit verantwortlich sei. Er hoffte, die Portugiesen würden, erbittert über diese Beleidigung, losschlagen und so einen Streit beginnen, in welchem man die Fremden sämmtlich beseitigen könne. Aber Gama behielt trotzdem seine Fassung und blieb ruhig. Die Mauren forderten den Tod Gama’s, aber ohne Anlaß wagte der Katual diese That nicht. Indeß mußte sich der Admiral dazu bequemen, den Factor als Geißel zurückzulassen, wenn er selbst wieder an Bord gehen wollte. Er ließ nun zwar die für ihn gestellten Geißeln frei, weil er erwartete dadurch auch den Diogo Dias aus seiner Gefangenschaft lösen zu können. Allein er sah sich darin getäuscht. Als er dann seinen Handelsfactor nach Verabredung heimlich vom Strande durch seine Boote wollte abholen lassen, kamen ihm seine wachsamen Gegner zuvor und vereitelten die Flucht. Bei dem darüber entstandenen Tumult wurden auch die portugiesischen Lagerhäuser geplündert. Ergrimmt ließ Gama eine Anzahl Fischer auf der See aufgreifen und lichtete die Anker. Das Jammern und Wehklagen der zurückgelassenen Weiber bewog nun den Samorin, den Factor Dias zu entlassen und zugleich die Erklärung mitzusenden, daß er aufrichtig den Frieden wünsche, aber auch den Handel der Mohammedaner, die seit Alters in seinem Lande ansässig seien, schützen müsse. Gama gab darauf hin die meisten Indier wieder frei, drohte aber, er werde, wenn er in kurzer Zeit wiederkomme, die ihm angethane Schmach rächen. Die von ihm mitgenommenen Fischer, ließ er dem Könige melden, werde er zunächst nach Portugal führen, damit sein Herr sich von ihnen über Kalikut könne berichten lassen; dieselben würden aber auf der nächsten Flotte wieder zurückkehren, damit sie auch dem Samorin über Portugal Kunde bringen könnten. Dann brach er von Kalikut auf und segelte nach Norden. Als aber am nächsten Tage das Geschwader durch Windstille auf dem Wasser, kaum zwei Meilen von Kalikut gebannt war, machte sich eine bedeutende Anzahl kleiner Fahrzeuge, nach Barros etwa 60 Schiffe, auf, um die Portugiesen zu überfallen, aber sie wurden durch grobes Geschütz sehr rasch vertrieben.
Daß Gama sodann noch den nördlich von Kalikut gelegenen Hafen von Kananor besucht, wird unter allen Schriftstellern nur von Correa erwähnt. Der Beherrscher von Kananor, welcher über die Vorgänge in Kalikut wohl unterrichtet war, ließ Gama einladen, in seinem Hafen anzulegen, dann erschienen mehrere Boote mit Wasser und Holz, Feigen, Hühnern, Kokosnüssen, gedörrten Fischen und andern Lebensmitteln und meldeten, wenn die Portugiesen nicht anlegen wollten, möchten sie diese Artikel als Geschenke annehmen. Aber sie könnten im Hafen auch Gewürze bekommen, um ihre Ladung zu vervollständigen, und zwar bessere Waare, als man ihnen in Kalikut geboten.
Die Portugiesen schickten nun eine Liste aller Artikel, welche sie noch wünschten, ans Land und erhielten alles in Ueberfluß, was Gama ebenso reichlich in Korallen, Zinnober, Quecksilber, Kupfer und Messingschalen bezahlte. Es fand sodann auch eine Zusammenkunft mit dem Fürsten statt, indem am Ende einer vom Strande aus geschlagenen Brücke eine Art Pavillon über dem Wasser errichtet war, wo der Fürst die Befehlshaber der drei Schiffe empfing, mit ihnen Geschenke wechselte und ihnen im Auftrag des Samorin noch einmal dessen Bedauern über den feindlichen Abschied von Kalikut ausdrücken ließ.
Nachdem noch auf einer kleinen Gestade-Insel (13° 20′ n. Br.) ein Wappenpfeiler Santa Maria errichtet worden, nach welchem dann später die Insel ihren Namen erhielt, ging Gama an der Küste weiter nordwärts bis zu der kleinen Gruppe der Andjediven (d. h. fünf Inseln), welche etwa 12 Leguas südlich von Goa (14° 45′ n. Br.) liegen, um dort Wasser einzunehmen und die Schiffe ausbessern zu lassen, ehe sie den Weg über den Ocean bis zur afrikanischen Küste anträten.
Die Nachricht von dem Aufenthalt der Portugiesen auf Andjediva gelangte durch Fischerboote bis nach Goa. Diese Stadt gehörte zum Reiche Bidjapur und war Jussuf Adil Chan untergeben, der, weil er aus Sava im westlichen Persien, bei Hamadan, stammte, den Beinamen Sabai führte, woraus die portugiesischen Historiker den Namen Sabayo bildeten. Dessen Statthalter in Goa hoffte nun, da er gehört hatte, daß zwei der portugiesischen Schiffe behufs der Reparatur an den Strand gezogen seien, sich dieser Fahrzeuge bemächtigen zu können und übertrug dies Unternehmen seinem Hafencapitän, d. i. dem Schah-bender, einem spanischen Juden, der bei der Einnahme Granadas jung vertrieben, durch die Türkei über Mekka nach Indien verschlagen war. Dieser recognoscirte bei Nacht die portugiesischen Schiffe, um zu sehen, ob er sie nehmen oder verbrennen könne. Indische Fischer, die mit den Portugiesen verkehrten, hatten aber bemerkt, daß in der Nähe mehrere bewaffnete Fahrzeuge, s. g. Fusten versteckt und zum Ueberfall bereit lagen. Gama ließ, von ihnen unterrichtet, den Juden, der anderen Tages wie von ungefähr vorübersegelnd die Schiffe auf spanisch begrüßte, ungehindert herankommen und an Bord steigen, dann aber sofort binden und mit der Tortur bedrohen, wenn er seine Absichten nicht bekenne. So gezwungen, den Schlupfwinkel seiner Boote zu verrathen, mußte er die Portugiesen selbst dahin begleiten und zusehen, wie diese über seine Leute herfielen und sie tödteten oder gefangen nahmen, um sie an den Schiffspumpen arbeiten zu lassen. Barros fügt hinzu, der Jude habe sich dazu bequemt, Christ zu werden und habe den Namen Gaspar Gama erhalten. Da der Mißerfolg seines Planes ihm die Rückkehr nach Goa abschnitt, zog er es vor mit nach Europa zu gehen. Später zeigte er sich außerordentlich geschickt und nützlich bei den weiteren Fahrten und Unternehmungen in Indien. Er war es auch, der die Portugiesen auf die günstige Lage des Hafens von Goa hinwies, welcher bald der Stützpunkt der portugiesischen Macht werden sollte.
Die endliche Abfahrt von den Gestaden des Gewürzlandes setzen Goes und Castanheda auf den 5. October, Correa dagegen auf den 10. December. Letzterer bemerkt ausdrücklich, die Piloten hätten dem Admiral gerathen, das Eintreten des Nordost-Monsun abzuwarten. Daher ging die Ueberfahrt dann bequem von statten und wurde der Hafen von Melinde am 8. Januar 1499 erreicht,[89] nachdem man schon am 2. Januar die afrikanische Küste bei Magadoschu gesehen hatte. Der Fürst von Melinde nahm sie wieder sehr freundlich auf und versorgte sie mit Lebensmitteln. Während des dortigen Aufenthalts, der von Einigen auf fünf Tage, von Andern auf elf Tage angegeben wird, starben noch mehrere Matrosen, so daß die Bemannung kaum noch zur Führung der Schiffe ausreichte. Beim Abschied erhielt Gama noch einen Brief an den König Manuel von dem Beherrscher Melindes, welcher dem Admiral zugleich versicherte, die Portugiesen würden ihm jederzeit willkommen sein, wenn sie auf der Fahrt nach Indien in seinen Hafen einliefen.
Bald darauf ging eins der drei Schiffe verloren. Ueber die Veranlassung gehen die Berichte wieder bedeutend auseinander. Barros sagt, der San Rafael sei wieder auf dieselben Klippen aufgefahren, auf die er schon bei der Hinfahrt gestoßen; Osorio berichtet, Gama habe das Schiff seines Bruders vor Melinde verbrannt, weil es untauglich war; Goes verlegt diese Thatsache vor eine Stadt Tagata; Correa kennt dieses Ereigniß gar nicht, denn noch nach der Umsegelung des Caps der guten Hoffnung auf der Rückreise spricht er von dem Schiffe Paulo da Gama’s als noch unter dem Geschwader vorhanden.[90]
Bei der weitern Fahrt wurden alle Details der Landmarken an der Küste sorgfältig aufgenommen, um den späteren Flotten mehr Sicherheit in der Fahrt zu geben. Am 2. Februar wurde auf einer Insel bei Mosambik noch der letzte, S. Georg getaufte, Wappenstein gesetzt und dann später ohne Schwierigkeit das gefürchtete Sturmcap dublirt. Hier in den kühleren Meeresregionen genasen die meisten Kranken. Aber als man sich wieder dem Aequator näherte und die fieberschwangeren Gewässer von Guinea erreichte, brachen die Seuchen von neuem aus. Weniger widerstandsfähig als früher, erlagen viele von der Mannschaft. Auch Paulo da Gama trug seit dem Aufenthalte im Golf von Guinea den Todeskeim in sich. Die Schiffe waren wieder sehr leck und hielten sich kaum noch über Wasser. So sah sich Gama genöthigt, auf der Açoren-Insel Terceira anzulaufen. Hier starb der edle Paulo da Gama in den Armen seines Bruders und wurde im Kloster des heiligen Franciscus zu Angra bestattet. Dadurch trat eine neue Verzögerung in dem Abschluß der Reise ein, so daß die Nachricht von der Rückkehr der indischen Flotte eher nach Lissabon gelangte, als Vasco da Gama selber dort einlaufen konnte.[91] Die erste Kunde von der Ankunft der indischen Schiffe brachte Arthur Rodriguez aus Terceira. Derselbe wollte grade mit seinem Schiffchen von den Açoren nach Algarbe segeln, als Gama mit seinem Schiffe anlangte, aber noch nicht bei Angra vor Anker gegangen war. Im Vorbeifahren fragte Rodriguez, woher das Schiff komme und als er hörte, aus Indien, steuerte er direct nach Lissabon und brachte schon nach vier Tagen dem Könige, welcher sich grade in Cintra befand, die erste Meldung von der Heimkehr Gama’s und wurde für diese erfreuliche Botschaft auf das freigebigste beschenkt.
Als nun Vasco da Gama endlich selbst den Hafen der portugiesischen Hauptstadt erreichte -- Coelho soll durch Sturm von ihm getrennt, eher angelangt sein -- sandte ihm der König mehrere Würdenträger zur Begrüßung entgegen und verlieh dem glücklichen Seemanne den Adelsrang und Titel eines Admirals der indischen Meere. Ferner erhielt er das Recht, sich am indischen Gewürzhandel jährlich mit 200 Cruzados[92] zu betheiligen, ohne Fracht und Zoll zu zahlen. Endlich wurde ihm ein einmaliges Geschenk von 20,000 Cruzados und 10 Quintal Pfeffer zu theil.
Nicolaus Coelho erhielt 3000 Cruzados monatlich für die Dauer der Reise und ein Quintal von allen Droguen, sowie die Capitänschaft auf einem Indienfahrer in allen Flotten, an denen er theil zu nehmen wünschte, oder das Recht, dieselbe zu vergeben oder zu verkaufen.
Den Erben Paulo da Gama’s gab man die Hälfte von allem, was Vasco bekommen hatte.
Jeder Steuermann und Bootsmann erhielt einen halben Quintal Gewürze, ausgenommen Zimmt und Mazis, weil von diesem Artikel wenig mitgebracht war[93].
Auch Klöster und Kirchen wurden reichlich beschenkt, und die königlichen Majestäten wohnten allen feierlichen Processionen und Messen bei, die bei diesen Gelegenheiten in Lissabon celebrirt wurden.
Man sprach durch alle diese Schenkungen und Stiftungen deutlich aus, welchen Werth man auf die glückliche Vollendung der indischen Seefahrt legte, welche unter dem Prinzen Heinrich begonnen, unter mehreren Königen fortgesetzt, doch noch am Ausgange desselben Jahrhunderts, welches den Keim gepflanzt, gelungen war. Es war für die Entwickelung der Seemacht Portugals und seines Handels ein großartiger Impuls gegeben. Der glänzende Erfolg rechtfertigte die zähe Ausdauer. Aber in der Kühnheit des Planes steht doch die Fahrt Gama’s hinter derjenigen eines Columbus und Magalhaens zurück, denn sie bildete nur den Abschluß einer ganzen Reihe von Unternehmungen, deren Leiter dem glücklichen Vollender tüchtig vorgearbeitet hatten, so daß nur ein Theil der Reise durch gänzlich unbekanntes Gebiet führte, während Columbus und Magalhaens vollständig neue Bahnen einschlugen. Beide durchschnitten, auf sich selbst angewiesen, breite, unbekannte Weltmeere, Gama’s Zug erscheint mehr als eine Küstenfahrt im großen Stil, und wo es galt, den indischen Ocean zu kreuzen, vertraute er die Führung seines Geschwaders zuverlässigen Lotsen an, die mit jenen Gewässern vollkommen vertraut waren.
Dazu war Gama’s Stellung viel gesicherter, sowohl nach oben, gegen die Behörden, die ihn aussendeten, als auch nach unten, gegen seine Untergebenen. Gama erhielt den Auftrag von seinem Landesherrn, Columbus und Magalhaens waren Fremdlinge, welche ihre Dienste einem auswärtigen Fürsten anboten. Gama konnte sich seine Mannschaft aus den bewährten, eigenen Landsleuten auslesen, Columbus und Magalhaens dagegen geboten über Angehörige einer anderen Nation, die nur widerstrebend dem vorgesetzten Ausländer gehorchten.
4. Cabral und João da Nova.
Aus den Berichten Gama’s über seine Begegnisse in Indien war es ersichtlich geworden, daß man, falls man den indischen Handelsbetrieb fortsetzen wollte, sich auf ernste Kämpfe mit den Mauren gefaßt machen müsse, welche das Gewürzmonopol seit langer Zeit in Händen gehabt hatten, und daß die Glaubensfeindschaft den Streit um so erbitterter machen werde. Eine friedliche Lösung schien ausgeschlossen; man mußte einen bewaffneten und auch für Kriegsfälle gerüsteten Handel in Aussicht nehmen. Dazu bedurfte es vor allem einer imponirenden Flotte. Zum Befehlshaber wurde +Pedralvarez Cabral+, ein intimer Freund Gama’s, ausersehen. Während man in Spanien das Monopol des westindischen Verkehrs nebst einer lästigen Reihe der höchsten Auszeichnungen und Privilegien einem Einzigen, dem Columbus, übertragen hatte, behielten sich die portugiesischen Fürsten, da sie von Anfang an die Initiative dazu ergriffen hatten, alle Rechte freier Wahl vor, belohnten die Erfolge nach Gebühr, aber wechselten in der Wahl der Oberleitung der Expeditionen nach reiflichem Ermessen. Gama wurde nicht ganz bei Seite geschoben, aber er wurde nur als Rathgeber herangezogen. Er entwarf die Verhaltungsmaßregeln für den zweiten Zug nach Indien. Er überwachte die Ausrüstung und schrieb den einzuschlagenden Schiffscours vor. Er gab an, wie man sich in Kalikut gegenüber dem Samudrin zu verhalten habe und empfahl, um den von den Mauren ausgestreuten Verdacht, als ob die Portugiesen lediglich Seeräuber wären, zu beseitigen, man solle die Beamten des Samudrin einladen, an Bord zu kommen, um die mitgebrachten Tauschwaaren zu besichtigen. Vor allem wurde aber Cabral eindringlich gewarnt, nicht ohne Geißel sich an Land zu begeben. Als beste Zeit für die Abfahrt wurde der März bestimmt, weil man dann zu günstiger Zeit die Region der Monsune im indischen Meere erreiche. Die Flotte bestand aus zehn großen und drei kleinen Schiffen und hatte 1200 Mann an Bord. Unter den Schiffscapitänen befanden sich +Bartolomeu Dias+, der Entdecker des Sturmcaps und Nicolao Coelho, der Begleiter Gama’s. Auch Franziskanermönche und Weltpriester gingen mit, um den christlichen Glauben zu verbreiten. An der Ausrüstung der Flotte betheiligten sich auch reiche Florentiner Kaufleute. Es war die Absicht, in Malabar festen Fuß zu fassen.
Am 9. März 1500 ging das Geschwader von Lissabon aus unter Segel. In der Nähe der Capverden wurde Luis Varez durch Sturm von den übrigen getrennt und kehrte nach Portugal zurück. Von der Guineaküste ab wurde gegen S.-W. gesteuert, um den Windstillen und widrigen Meeresströmungen auszuweichen. Vasco da Gama’s Segelvorschrift lautete, man solle in grade südlichem Cours bis zur Höhe des Caplandes segeln und dann mit günstigen Westwinden das gefürchtete Südende Afrikas zu umschiffen suchen. So kam es, daß die Schiffe durch den Aequatorialstrom weiter als beabsichtigt war, gegen Südwesten geführt wurden, wo sie am 21. oder 24. April etwa unter dem 18° s. Br. unvermuthet auf eine gebirgige Küste stießen, welche nach der Schätzung der Steuerleute etwa 450 Leguas von der afrikanischen Küste entfernt lag. Es war das Gestade Brasiliens, wohin eine günstige Meeresströmung sie durch Zufall getragen hatte. Daß bereits drei Monate früher Vicente Yañez Pinzon, einer der Begleiter des Columbus auf seiner ersten Fahrt, etwa 10 Grad weiter nördlich dieselbe Küste berührt hatte, war auf der portugiesischen Flotte noch nicht bekannt. Es wird aber aus den durch die Meeresverhältnisse geleiteten Fahrlinien der Portugiesen klar, daß die neue Welt von ihrem südlichen Halbcontinente aus über kurz oder lang von den Indienfahrern gefunden werden mußte, auch wenn der kühne Plan eines Columbus keine Unterstützung gefunden hätte und nicht zur Ausführung gelangt wäre. Der Gang der Ereignisse brachte diese Entdeckung von selbst mit sich.
Cabral segelte mehrere Tage an dem Ufer des waldigen Landes hin, besuchte die Bucht des Porto-Seguro und verkehrte wiederholt mit den braunen Eingebornen, die fast unbekleidet, ohne Metallwaffen, unter leichten Strohdächern in Netzen aus Baumwollschnüren schliefen. Am 3. Mai, dem Tage der Kreuzes-Erfindung nahm Cabral von dem Lande Abschied, dem er den Namen Terra de Sa. Cruz beilegte, eine Benennung, die sich aber bald änderte, nachdem man den Reichthum an Farbeholz (Rothholz) entdeckt hatte. Dieses Holz nannten die Portugiesen Brazil (nach der Farbe glühender Kohlen) und daher bekam jene Küste bald den Namen Terra de Brazil, Brasilland, +Brasilien+.[94] Der Capitän Gaspar de Lemos erhielt den Auftrag, mit der Meldung der neuen Entdeckung nach Portugal zurückzukehren und unterwegs so viel als möglich von der weiter nördlich verlaufenden Küste aufzunehmen.[95] Cabral segelte quer über den südatlantischen Ocean nach dem Caplande zu. In einem schweren Unwetter, welches zwanzig Tage dauerte, wurden am 23. Mai in der Nähe des Cap der guten Hoffnung vier Schiffe gekentert und gingen zu Grunde, darunter auch das Schiff des Bartolomeu Dias. Als ein eigenthümliches Verhängniß, daß der Entdecker des Cap hier sein Grab in den stürmischen Wogen finden sollte, sieht es auch Camoēns an, der den Genius des Sturmcaps also reden läßt:
Vernimm, daß so viel Schiff’ auf dieser Reise Dir kühnlich folgen hin zu deinem Ziel, -- Die soll als Feinde hier in meinem Kreise Bedrohen jeder Sturm, der sie befiel; Die Flotte, welche unerlaubter Weise Zuerst hieher zu lenken wagt den Kiel, Die will ich gleich mit solcher Straf beladen, Daß größer als die Fährniß sei der Schaden.
Hier will ich nehmen (wird kein Wahn mich trügen) Die schwerste Rach’ an dem, der mich entdeckt.
(Lusiaden V. 43. 44, übersetzt von Wollheim.)
Außerdem wurde auch das Schiff des Diogo Dias vollständig von den übrigen verschlagen und gelangte auf die Ostseite von Madagascar. Erst am Nordende bemerkte Dias, daß er eine Insel entdeckt habe. Von der stattlichen Flotte Cabrals waren somit nur noch sechs Fahrzeuge vorhanden, die sich auf der Rhede von Sofala am 16. Juli wieder zusammenfanden.
Die Schiffe hatten furchtbar gelitten, mußten aber doch noch den Weg bis Mosambik zurücklegen, ehe man Gelegenheit fand, sie für die Fortsetzung der Reise wieder seetüchtig zu machen. Der ganze Küstenstrich von Sofala bis Sansibar stand unter der Botmäßigkeit des Scheich von Kiloa. Nach diesem Mittelpunkte der arabischen Niederlassungen gelangte Cabral von Mosambik mittelst einheimischer Lotsen, hatte aber dort wenig Erfolg, als er Handelsbeziehungen anknüpfen wollte; denn der Scheich erklärte ihm ziemlich unumwunden, er könne die ihm vorgelegten portugiesischen Waaren nicht gebrauchen. Auch die Bekehrungsversuche der Geistlichen an Bord trugen keine Früchte. Am 2. August erschien die Flotte vor Melinde. Mit dem dortigen Oberherrn wurden die Freundschaftsbezeugungen erneuert. Hier ließ man auch zwei portugiesische Sträflinge zurück, João Machado und Luis de Moira, mit dem Auftrage, bis ins Land des Priesterkönigs nach Abessinien vorzudringen; ein Unternehmen, das damals ebenso fehl schlug als im 17. Jahrhundert, wo mehremal portugiesische Missionare, unter ihnen Lobo, um 1626, sich abmühten, das Gebiet der Galla zu durchbrechen. Der Scheich von Melinde gab den Portugiesen wiederum zwei Steuerleute mit, welche die Schiffe glücklich in sechzehn Tagen nach Indien hinübergeleiteten. Schon am 23. August wurden die Andjediven wieder erreicht. Dort gönnte man sich vierzehn Tage Rast, die Schiffe wurden wieder kalfatert und mit Wasser versorgt, denn man mußte mit einer wohl in Stand gesetzten Flotte vor Kalikut auftreten. Wenn auch die Seemacht auf die Hälfte reducirt war, war sie immerhin doppelt so stark an Zahl der Schiffe, als das kleine Geschwader Gama’s und mußte wohl den Verdacht eines Korsarenwesens zurückdrängen. Der Samudrin bekundete seine friedliche Gesinnung dadurch, daß er die Fremden sofort nach ihrem Eintreffen durch zwei Nair und einen angesehenen Kaufmann aus Gudjerat begrüßen ließ. Cabral schickte die vier Indier, welche Gama mitgenommen, wieder ans Land und ließ den Fürsten ersuchen, ihm Geißeln als Bürgen eines friedlichen Geschäftsverkehrs zu senden. Der Brief des Königs Manuel enthielt denselben Wunsch, sprach aber daneben, unüberlegter Weise, viel von Bekehrungsplänen, wodurch die religiösen Gegensätze und Antipathien in Indien von neuem aufgeregt werden mußten.
Sechs Geißeln wurden zwar gestellt, allein portugiesischerseits hatte man dabei nicht an die Schwierigkeiten gedacht, welche die brahminischen Religionssatzungen einem längeren Aufenthalte auf den Schiffen entgegenstellte, wo die Indier keine von fremder Hand zubereiteten Speisen zu sich nehmen durften. Man mußte wenigstens gestatten, daß sie von Zeit zu Zeit durch ein Sambuk nach der Stadt geholt wurden, um dort zu essen. Cabral begab sich indessen, durch die Bürgen gedeckt, in prächtigem Aufzug ans Ufer und hatte am Strande mit dem Samudrin die erste Zusammenkunft. Noch war er aber nicht zurückgekehrt, als ein Fahrzeug bei der portugiesischen Flotte erschien, um die Geißeln abzuholen. Da man an Bord die Auslieferung verweigerte, sprangen die Geißeln ins Meer und retteten sich zum Theil auf das befreundete Boot. Geißeln aus vornehmer indischer Kaste erwiesen sich danach als untauglich. Cabral begnügte sich darum fernerhin mit der Stellung von angesehenen mohammedanischen Kaufherrn. So kam denn auch eine zweite Audienz beim Samudrin zu Stande, in welchem ein friedliches Abkommen getroffen und die Preise der Gewürze festgestellt wurden. Dem Factor Aires Correa wurden mehrere Häuser am Hafen für den Handel eingeräumt und diese Waarenlager mit sechzig Mann Besatzung zur Deckung belegt. Auch die Geistlichen versuchten von ihr aus ihr Bekehrungswerk zu beginnen, aber ohne Erfolg, da sie die Sprache des Volks, das Malabarische, nicht verstanden. Cabral scheint auch, klugerweise, diesem Zweige seiner Sendung wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Mit Betrübniß mußte er aber bemerken, daß auch der Handel sich gar nicht beleben wollte. Die Verschleppungspolitik der Mauren steckte offenbar dahinter. Im Laufe von drei Monaten hatten erst zwei seiner Schiffe eine hinlängliche Fracht an Pfeffer eingenommen. Aergerlich darüber ließ Cabral auf Antrieb des Factors ein im Hafen liegendes Schiff, das einem mohammedanischen Händler gehörte und angeblich mit Gewürzen beladen war, gewaltsam untersuchen, fand aber nur Lebensmittel an Bord. Das Gerücht dieses Gewaltstreichs brachte die Stadt in Aufregung. Von den Mauren aufgestachelt, rottete sich das Hafenvolk zusammen und stürmte die fremden Magazine. Aires Correa und ein Theil seiner Leute wurde erschlagen; doch wurde der zwölfjährige Sohn des Factor, Antonio Correa, auf wunderbare Weise gerettet und hat sich später im indischen Dienst besonders hervorgethan. Cabral schritt sofort zu einer energischen Züchtigung: er ließ fünfzehn im Hafen liegende Schiffe in Brand stecken und beschoß einen Tag lang die Stadt. Damit war jeder weitere Verkehr abgeschnitten, man befand sich dem Samudrin gegenüber auf feindlichem Fuß. Cabral begab sich dann nach dem südlicher gelegenen Kotschin, dessen Radscha ihm bereits aus Eifersucht gegen Kalikut eine freundliche Einladung gesandt hatte. Binnen drei Wochen wurden hier und in Kranganor (Cotunglur, Kadungulur nahe bei Kotschin) alle Schiffe mit Gewürz befrachtet. Auch der Fürst von Kollam, südlich von Kotschin, erbot sich, zu mäßigen Preisen die gewünschten Waaren zu liefern. Endlich lief die Flotte noch in Kananor an, welches bereits von Gama besucht war. Hier vervollständigten sie die Ladung noch durch Ingwer und Zimmt; von diesen Artikeln wurden aber solche Mengen angeboten, daß man nicht alles mitnehmen konnte. Der Radscha, im Glauben, den Portugiesen seien die Mittel zum Einkauf ausgegangen, bot ihnen daher an, sie möchten die Waaren nur nehmen und das nächste Mal bezahlen. Ein solches Zutrauen bewies er den handelsbegierigen Fremden. Nachdem er dann noch Gesandte mit nach Europa abgeordnet hatte, ging die Flotte am 16. Januar 1501 wieder unter Segel, verlor aber kurz vor Melinde im Sturm das Schiff des Sancho de Toar; doch wurde die Mannschaft gerettet. Dann ging’s weiter nach Mosambik, wo die Schiffe noch einmal wieder kalfatert wurden, ehe sie in die Sturmregion am Caplande einträten. Toar bekam hier in Mosambik noch den Auftrag, in einem kleinen Schiffe Sofala zu besuchen, eine Aufgabe, welche eigentlich die Gebrüder Dias hatten lösen sollen. Toar ging mit dem indischen Juden Gaspar da India oder da Gama als Dolmetsch und einem Piloten von Melinde nach Sofala, fand dort eine günstige Aufnahme und kehrte von allen Capitänen, die an dieser zweiten indischen Expedition theilgenommen hatten, am spätesten zurück, denn er erreichte Lissabon erst im September 1501. Toar berichtete später von dem Goldreichthum Sofalas, und daß die Eingebornen, von denen die Araber das Gold eintauschten, vier Augen hätten, zwei vorn und zwei hinten am Kopfe. Jedenfalls ein arabisches Handelsmärchen, das der Portugiese ebenso treuherzig glaubte, als Herodot in alter Zeit die phönizischen Schifferlügen erzählte.
Die Rückfahrt Cabrals ging weiterhin ohne bedeutenden Unfall von statten. Doch wurde noch das Schiff des Pero de Taide von den übrigen getrennt, gelangte aber auch glücklich nach Portugal. Bei den Capverden stellte sich auch Diogo Dias wieder ein, der auf seiner einsamen Fahrt von Madagascar nach Magadoschu gerathen war und dort am afrikanischen Strande in einem Ueberfall, wahrscheinlich bei Barawa, seine ganze Mannschaft bis auf sieben Köpfe eingebüßt hatte und sich dadurch genöthigt sah, den Heimweg anzutreten, ohne Indien gesehen zu haben. Bei den Capverden fand noch eine zweite Begegnung statt, man fand nämlich die drei Schiffe, welche am 13. Mai von Lissabon abgegangen waren, um die Entdeckung Brasiliens weiter zu vervollständigen. An diesem Unternehmen betheiligte sich auch Amerigo Vespucci, welcher seine zweite Reise nach der neuen Welt antrat.
Cabral hatte zwar fünf Schiffe vollständig verloren, und eins von Brasilien zurückgeschickt, während ein siebentes, dasjenige des Pero de Taide, Indien gar nicht erreicht hatte, trotzdem wog die kostbare Fracht an Gewürzen, Perlen und Edelsteinen die Verluste vollständig auf. Darum entschloß man sich auch in Portugal, da die Handelsvortheile bedeutend überwogen, die Indienfahrten fortzusetzen und mit verstärkter Waffenmacht die mohammedanischen Händler aus den indischen Gewässern zu vertreiben.
Ehe Cabral zurückkam, schickte der König bereits am 5. März 1501 wieder ein kleines Geschwader von vier Schiffen unter Führung des Galiciers +João da Nova+ ab. Eins dieser Fahrzeuge, unter Diogo Barbosa, hatten portugiesische Kaufleute ausgerüstet, ein anderes hatte der Florentiner Bartolomeo Marchioni unter die Leitung des Francesco Vinetti gestellt; denn der portugiesische König gestattete den Kaufherren, welche auf ihre Kosten Schiffe ausrüsteten, auch den Capitän zu ernennen. Das vierte Schiff befehligte Francisco de Novaes.
Auf der Fahrt durch den atlantischen Ocean entdeckte João da Nova, unter 8° s. Br., eine Insel, der er den Namen Ilha da Conceizão (Concepçao, Insel der Empfängniß) beilegte. Wir sehen daraus, welchen Cours die Schiffe einschlugen. Albuquerque taufte zwei Jahre später, wahrscheinlich weil ihm die frühere Entdeckung unbekannt geblieben war, die Insel um und nannte sie Ilha da Ascensão (Himmelfahrtsinsel), wie sie auch heute noch heißt. Am 7. Juli erreichte das Geschwader den Wasserplatz von San Braz an der Mosselbai, östlich vom Vorgebirge der guten Hoffnung. Hier fanden sie einen Brief, den Pero de Taide auf seiner Heimfahrt zurückgelassen hatte; João da Nova ersah daraus, wie die indischen Angelegenheiten standen und was unter Cabral vorgefallen war. Im August erreichte man Mosambik und weiter Kiloa, wo sich ein von der früheren Expedition zurückgelassener Verbrecher, Antonio Fernandez, bei ihnen einfand und den Inhalt des in der Mosselbai gefundenen Briefes bestätigte. Auf dem gewöhnlichen Wege über Melinde gelangte da Nova ohne Fährlichkeit nach Kananor. Hier bot ihm der Fürst die gewünschte Gewürzfracht an, aber da der Flottenführer die Weisung erhalten hatte, sich zuerst in Kotschin mit Hilfe des dortigen portugiesischen Factors zu versorgen, so lehnte er vorläufig das freundliche Anerbieten ab und stach wieder in See, obwohl ihm bereits Warnungen zugegangen waren, daß eine größere Flotte des feindlichen Samudrin ihm den Weg verlegen sollte. João da Nova baute aber auf die größere Gewandtheit seiner Schiffe und die Ueberlegenheit seiner Waffen, und bahnte, während der Fahrt beständig wachsam, mit Gewalt seinen Weg durch mehr als hundert feindliche Schiffe. Mit seinen Geschützen bohrte er neun kleinere und fünf größere Schiffe seiner Gegner in den Grund, wobei 417 Indier sollen ums Leben gekommen sein. Nach dieser Niederlage bemühte sich zwar der Samudrin wiederum, die Schuld auf die Hetzereien der Mauren zu schieben und die Portugiesen mit Freundschaftsversprechen anzulocken; aber diese würdigten ihn keiner Antwort.
In Kotschin sah sich da Nova insofern getäuscht, als in der Factorei wenig Vorräthe hatten aufgespeichert werden können, da die Indier die gewünschten Waaren nur gegen Metall hatten liefern wollen. Der portugiesische Capitän hatte zwar unterwegs in Sofala Gold eintauschen wollen, hatte aber nicht landen können, und befand sich, gleichfalls ohne bedeutende Geldmittel, in einiger Verlegenheit. Indeß gelang es doch, theils hier, theils noch in Kananor, wohin er zurückging, seine Schiffsräume zu füllen. Auch wurden noch zwei maurische Gewürzschiffe unterwegs mit Gewalt ihrer Fracht beraubt. So mit Erfolg und Sieg gekrönt, sagt da Barros, hatte João da Nova auf der Heimfahrt noch das Glück eine Insel zu entdecken, der er den Namen St. Helena gab. Diese kleine Insel scheint Gott an dieser Stelle geschaffen zu haben, um allen, die von Indien kommen, neues Leben zu geben, denn man findet hier das vorzüglichste Trinkwasser und andere Erfrischungen in Fülle. Darum bestreben sich alle dieses Eiland zu erreichen und halten sich, hier angelangt, für gerettet und geborgen.
Am 11. November 1502 warf João da Nova in dem Hafen von Lissabon die Anker aus und wurde vom König huldvoll empfangen, weil er durch sein gewandtes und kühnes Benehmen, ohne Verlust an Schiffen, den ihm gewordenen Auftrag glänzend durchgeführt hatte.
Indeß war doch der materielle Gewinn, gegenüber den großen Gefahren, welchen die Indienfahrer unter einer feindlichen, zahlreichen Bevölkerung beständig ausgesetzt waren, nicht erheblich genug, um ohne sorgfältige Ueberlegung in gleicher Weise fortgeführt zu werden. Der afrikanische Handel mit den Negerstämmen an der Küste erschien dagegen weit bequemer, und wenn man auch sehnlichst wünschte, die bisherigen Erfolge möglichst auszubeuten, so machten sich doch gerechte Bedenken laut, woher die bedeutenden Mittel zu beschaffen sein würden. Denn ohne das Aufgebot einer großen imponirenden Seemacht, welche den indischen Handel erzwingen konnte, war an eine Fortführung der orientalischen Unternehmungen nicht zu denken. Der König berief daher mehrmals seine Räthe, um ihre Meinung zu hören. Trotz aller gegentheiligen Ansichten drang aber doch die Ueberzeugung durch, daß man mit Hilfe der in Indien schon gewonnenen Bundesgenossen und durch die überlegenen europäischen Schiffe und Waffen die Mohammedaner bezwingen werde und daß man im Gewürzlande festen Fuß fassen könne, um dann -- was als eine nicht geringe Pflicht angesehen wurde -- den Heiden das Christenthum zu bringen. So entschied sich der König zur Fortsetzung der Unternehmungen unter dem Aufgebot aller verfügbaren Mittel.
5. Vasco da Gama’s zweite Fahrt.
Ursprünglich war Cabral dazu ausersehen, diese große Expedition zu leiten, doch trat er noch vor ihrem Beginn zurück; sei es nun, daß, wie Correa erzählt, Gama beim König selbst Einwände dagegen erhoben und sich auf sein verbrieftes Recht berufen hatte, wonach ihm der König die Flottenführung zugesagt, um ihm Gelegenheit zu bieten, sich an dem Samudrin wegen seiner Gefangennahme zu rächen; sei es, daß Cabral, nach Barros’ Bericht, sich dadurch verletzt gefühlt, daß man dem Vicente Sodre eine fast selbständige Leitung der kleinen Schiffe zugesagt, welche zum Schutze der Factorei in Indien bleiben sollten, und daß er in Folge dessen das Obercommando abgelehnt habe.
Gama trat an die Spitze einer stattlichen Flotte von zwanzig Segeln, und unter ihm behielt Sodre den Befehl über die Kriegsabtheilung mit 800 Soldaten. Doch lief das ganze Geschwader nicht auf einmal aus, Gama brach mit fünfzehn Schiffen am 10. Februar 1502 auf, worauf sein Neffe, Estevão da Gama mit fünf Schiffen erst am 1. April nachfolgte. Beide Abtheilungen erreichten indeß ziemlich zu gleicher Zeit das Ziel. Vasco da Gama landete zuerst in Porto Dale bei C. Verde und verweilte dort sechs Tage, um Wasser einzunehmen. An der Guineaküste hatten sie unter Windstillen zu leiden und verloren in der ungesunden Gegend manchen Mann.
Nur Correa erwähnt, daß diese Flottenabtheilung die Küste von Brasilien berührt habe und bis zum C. Agostinho daran hingesegelt sei, ehe sie nach der Südspitze Afrikas hinübersteuerten. In jener Meeresgegend, wo Cabral durch Unwetter mehrere Schiffe verloren hatte, wurde auch Gama von einem Sturm überfallen, welcher sechs Tage währte und das Geschwader dermaßen zerstreute, daß nur zwei größere Schiffe und zwei Caravelen bei dem Admiral blieben. Am Cap Corrientes brach ein neuer Sturm los, welcher eins der Schiffe, die Sa. Elena auf die Sofalabank trieb, doch konnte die Mannschaft gerettet werden. Die meisten Schiffe fanden sich auf dem verabredeten Sammelplatz bei Mosambik wieder zusammen, wo aus dem baufertig mitgenommenen Material in zwölf Tagen eine Caravele zusammengesetzt wurde, welche den Namen Pomposa erhielt und in Mosambik zur Deckung der dort errichteten Factorei und zur Einleitung von Handelsverbindungen mit Sofala stationirt blieb.
Gama blieb vier Tage dort und schloß mit dem Scheich von Mosambik einen Freundschaftsvertrag. Auch erhielt er von demselben -- es war nicht mehr der nämliche Herrscher, wie bei der ersten Reise -- Briefe von J. da Nova, welche ihm über die Zustände in Indien Mittheilungen machten, und ließ wiederum für seinen nachfolgenden Neffen und die beiden im Sturm am Cap Corrientes abgetriebenen Schiffe Instructionen zurück.
Ueber den von Mosambik aus unternommenen Zug des Pero Affonso d’Aguiar nach Sofala unter Führung zweier einheimischer Lotsen gibt Correa interessante Einzelheiten, welche wegen ihrer originellen Färbung hier eingefügt werden mögen. Affonso hatte bei dem Scheich von Sofala, der über Mosambik bereits von den Portugiesen gehört hatte, eine Audienz und sagte ihm, er komme, um im Auftrage des portugiesischen Königs auf ewige Zeiten Friede und Freundschaft mit ihm zu schließen. Der schwarze Fürst erklärte darauf, er habe bereits früher den Portugiesen versichert, alle in friedlicher Absicht kommenden Kaufleute seien ihm willkommen. Als dann Pero Affonso noch einmal die Friedensliebe des portugiesischen Königs betont hatte, war der Negerkönig sichtlich davon befriedigt und schwur bei der Sonne und dem Himmel, bei seinem Haupte und seinem Bauche, daß er ihnen ihre Waare abkaufen wolle. Als ein Unterpfand seiner Treue zog er dann von seinem Daumen einen goldenen Ring, reichte ihn dem portugiesischen Capitän und verehrte ihm zugleich und dem Könige von Portugal mehre Schnüre von aufgereihten kleinen Goldperlen als Zeichen immerwährender Brüderschaft. Und zum Beweise seiner Aufrichtigkeit und Treue faßte er die Hände der Umstehenden, denn sie pflegten nicht zu schreiben. Pero Affonso aber ließ alles niederschreiben und unterzeichnete es mit sechs Leuten. Dann wurde das Schriftstück verlesen und von dem Dolmetscher erklärt, worüber der Scheich sammt seinem Volke höchlichst erstaunte, denn sie hatten noch nie schreiben sehen (!) und meinten, das Papier spräche durch Zauberkünste. Als dann der Portugiese zu seinem Schiffe zurückgekehrt war, sandte ihm der Herr des Landes Hühner, Eier, Yams und was es sonst an Nahrungsmitteln zu Lande gab.
Pero Affonso wandte sich dann nach Mosambik zurück, traf aber den Admiral nicht mehr an, da derselbe bereits nach Melinde weiter gesteuert war. Gama wandte sich zunächst nach Kiloa. Diese Stadt lag auf einer Insel an der Küste, doch war das Wasser auf der Landseite nur knietief. Mit Mauern und Thürmen umgeben, zählte der Ort 12,000 Einwohner und besaß gute Steinhäuser mit Terrassen und aufgesetztem Holzbau. Sie lag in einem Hain von Citronen-, Limonen- und Orangenbäumen. Zuckerrohr, Feigen und Granatäpfel gediehen in den Gärten. Hier herrschte ein Araber, dem aber nur das Weichbild der Stadt unterthänig war.
Da der Scheich sich bei der ersten Ankunft der Portugiesen verrätherisch benommen hatte, so rückte der Admiral mit seiner ganzen Flotte vor die Stadt, setzte dieselbe durch blinde Kanonensalven in Schrecken, umzingelte sie und erzwang so die Unterwerfung des Scheichs, der nach vielem Sträuben sich endlich darein ergeben mußte, einen jährlichen Tribut von 500 Mithikals in Gold (= 584 Cruzados) zu zahlen, wofür er dann ein Patent als Schutzbefohlener des Königs von Portugal zur Sicherheit für sich und die Kaufleute seiner Stadt erhielt. Auch mußte er zulassen, daß auf dem Thurme seines Palastes die portugiesische Flagge aufgehißt wurde. Später wurde zur Befestigung der portugiesischen Macht sogar eine Citadelle gebaut.
Dann brach das Geschwader nach Melinde auf. Es mußte dem Admiral daran gelegen sein, dem Fürsten dieser Stadt, der sich ihm auf der ersten Fahrt nach Kalikut allein freundlich und fördernd erwiesen hatte, seine stattliche Flotte zu zeigen und durch die Entfaltung seiner Macht in der Freundschaft zu befestigen. Es erscheint danach nicht recht glaubhaft, daß Gama sich, wie Osorio und Barros erzählen, von dem Besuch durch widrige Winde habe abhalten lassen und mehre Meilen von der Stadt vor Anker gegangen sei, um Lebensmittel einzunehmen. Correa dagegen schildert eingehend den Aufenthalt in Melinde und beschreibt mit allen Einzelheiten das große Fest, welches die Portugiesen dem Scheich auf ihren Schiffen gaben. Auch Castanheda bestätigt diesen Besuch.
Auf der Weiterfahrt trafen sie, im August, mit drei Schiffen Estevão da Gama’s zusammen, während die beiden übrigen sich erst an der Westküste Indiens bei den Andjediven wieder einfanden.
Bei Dabul (17° 43′ n. Br.) erreichten sie das Gestade des Gewürzlandes und gingen in eine Bai nahe bei Goa vor Anker. Die Küstenstädte sollten dort bald erfahren, daß Gama nicht in friedlicher Absicht erschien, daß ihm vielmehr daran lag, die auf der ersten Reise erlittenen Demüthigungen zu rächen. Zur Gewaltthat geneigt, unverrückt sein Ziel im Auge behaltend, den Gewürzhandel für die Portugiesen zu monopolisiren, sah er alle Schiffe, auf die er stieß, als gute Beute an.
Bei den Andjediven traf er dicht am Ufer drei Fusten. Diese flüchteten in den Fluß Onor (14° 13′ n. Br.). Estevão da Gama verfolgte sie bis ins Flußwasser hinein, stieß dort auf Verschanzungen, von denen aus er mit Kanonenkugeln und Pfeilen empfangen wurde, und steckte nun alle erreichbaren indischen Schiffe in Brand.
Dann rückte die ganze Flotte weiter nach Baticala (13° 59′ n. Br.), welches zum Königreiche von Bisnaga gehörte. Gama verlangte Unterwerfung, begnügte sich dann aber auch mit einer Abgabe von Reis für seine Mannschaften.
Auf dem weitern Wege nach Kananor fiel ihm ein großes Schiff in die Hände, das mit Waaren und Pilgern aus Mekka nach Indien zurückkehrte. Das Schiff wurde ohne Gegenwehr genommen, geplündert und in Brand gesteckt. Zu spät setzten sich die Asiaten zur Wehr, wurden dann aber bis auf wenige gerettete Frauen und Kinder niedergemetzelt. Noch im Wasser wurde an denen, die über Bord gesprungen waren, das Morden fortgesetzt. Wahrscheinlich gehörte das Schiff dem Sultan von Aegypten oder einem seiner Unterthanen, denn bald danach beschwerte sich jener beim Papst darüber, daß die Portugiesen in den indischen Meeren Seeraub trieben.
Dann ging die Flotte im befreundeten Hafen Kananor vor Anker. Gama hatte bei dem Fürsten mit großem Gefolge eine feierliche Audienz und erklärte ihm, er werde in Zukunft keinen Handelsverkehr nach dem rothen Meere dulden. Auch verlangte er, die Stadt solle ihre Handelsbeziehungen mit Kalikut abbrechen. Nur die Schiffe von Kananor, Kotschin und Kollam wollte er schonen und durchlassen. Auch der Preis der Waaren wurde festgestellt, desgleichen, wie hoch die mitgebrachten portugiesischen Artikel berechnet werden sollten. Auch dies setzte der Admiral durch, obwohl man die fremden abendländischen Erzeugnisse in Kananor eigentlich nicht verwerthen konnte.
Als sich darauf Gama gegen Kalikut bewegte, schickte ihm der Samudrin zu wiederholten Malen Botschafter entgegen, um ihm einen friedlichen Ausgleich anzutragen. Aber der portugiesische Befehlshaber stellte seine Forderungen derart, daß der indische Fürst nicht darauf eingehen konnte. Gama forderte nämlich erstens das Eigenthum zurück, das vom Stadtvolk bei dem Morde des portugiesischen Handelsfactoren geraubt worden war, und zweitens, daß allen Mauren, die vom rothen Meere kämen, der Hafen verboten würde. Gegen die erste Forderung bemerkt der Samudrin, daß durch die Plünderung des Mekkaschiffes der Schaden in der Factorei mehr als gedeckt sei. Zum andern aber könne er unmöglich mehr als viertausend Familien von Arabern aus Kairo und Mekka (man ersieht daraus, wie stark die arabische Colonie und wie groß ihr Einfluß in Kalikut war), die in der Stadt ansässig seien, vertreiben, zumal da Stadt und Land aus diesem Handel bedeutenden Vortheil zögen.
Gama hielt diese Gründe keiner Widerlegung werth. Er wollte die Antwort persönlich überbringen und rückte vor die Stadt. Den Versuch des Samudrin, sich wegen der Plünderung der Factorei durch eine bedeutende Geldsumme abzufinden, lehnte der Portugiese mit dem Bemerken ab: angethane Schmach lasse sich nicht mit Gold decken. In seiner Erbitterung scheute Gama keine Mittel, um seine Feinde einzuschüchtern. Wenn auch die Berichte über die einzelnen Acte einer barbarischen Kriegsführung von einander abweichen, so kehren doch die Angaben über die raffinirtesten Schlächtereien aufgegriffener malabarischer Schiffer, oder über scheußliche Verstümmlungen, die an den armen Opfern verübt wurden, immer wieder und müssen historisch begründet sein. Einen eigenthümlich sagenhaften Zug erwähnt Correa, und man erkennt daraus mit Befriedigung, daß diese ausgesuchten Grausamkeiten selbst unter den Portugiesen Bedenken erregten. Unter den unglücklichen Seeleuten, welche der Rache des Admirals zum Opfer fielen, befand sich eine Anzahl von der Coromandelküste, welche baten, man möge sie zu Thomaschristen machen, wie es solche in ihrem Lande gäbe. Gama erwiderte hart, taufen könnten sie sich lassen, aber gehängt würden sie doch. Sie fanden nur in sofern Gnade, als sie -- es waren ihrer drei -- nicht an den Beinen aufgehängt wurden, um dann den Bogenschützen zur Zielscheibe zu dienen, sondern am Halse gehängt wurden, so daß sie also die auf sie gerichteten Pfeilschüsse nicht mehr fühlten. Aber dabei geschah ein Wunder. Kein Schuß verletzte auch nur die Haut dieser Martyrer, welche durch die Taufe gefeiet waren. Gama ließ ihnen dann wenigstens noch ein christliches Begräbniß zu Theil werden und die eingesargten Leichen unter christlichen Gebeten ins Meer senken.
Zweimal ließ der Admiral die Stadt Kalikut beschießen und einen Theil der Häuser vernichten. Er wollte keinen Frieden, sondern verlangte Unterwerfung. Nun aber rüstete man sich auch im ganzen Reiche Kalikut zu einem allgemeinen Rachekriege; an allen Flüssen wurden große und kleine Kriegsschiffe gebaut, um dem grausamen Feinde die Stirne zu bieten. Während Vicente Sodre an der Küste kreuzte, um alle indischen Fahrzeuge abzufangen, wandte sich Gama selbst mit einer Flotte von fünf großen und sechs kleinen Schiffen nach Kotschin, um mit dem Fürsten dieser wichtigen Handelsstadt einen Vertrag zu schließen. Man kam dahin überein, daß die Portugiesen Pfeffer, Gewürznelken und Benzoin mit Geld bezahlen sollten, während sie andere Artikel wie Zimmt, Weihrauch und dergl. gegen ihre europäischen Waaren eintauschen konnten.
Kaum war dieses friedliche Abkommen getroffen, so erschien eine Gesandtschaft vor der Mutter des Radscha von Kollam, dessen Gebiet die Südspitze der indischen Halbinsel umfaßte und zu dessen Einkünften der reiche Pacht von den Perlenfischereien gehörte. Die Verhandlungen hier boten um deswillen Schwierigkeiten, weil Gama nur im Einverständnisse mit seinem ersten Bundesgenossen in Kotschin handeln wollte und diesem natürlich wenig daran liegen konnte, in Kollam einen neuen Concurrenten zu erhalten. Aber Gama löste diese Differenz mit großem Geschick und gutem Erfolge. Zwei seiner Schiffe nahmen in Kollam eine Fracht von Pfeffer ein und stellten dann den dortigen Handelsfahrzeugen Geleitsbriefe aus, wie denen von Kotschin und Kananor.
Unterdessen waren die Rüstungen des Samudrin soweit gediehen, daß er unter Anwendung indischer List sich seines wüthenden Gegners mit einem Schlage zu entledigen hoffte. Ein Brahmine erschien als Abgesandter auf der Flotte und gab vor, er wolle nach Europa gehen, um das Christenthum kennen zu lernen und mit dem portugiesischen Könige selbst zu verhandeln, da man den jährlich wechselnden Schiffscapitänen nicht traue. Als nun Gama erwiderte, er habe Vollmacht, erklärte ihm der Brahmine, sein Fürst wünsche Frieden, und überredete nun den Admiral, mit ihm nach Kalikut zu gehen. Er segelte mit seinem Schiffe allein ab in der Erwartung, das Geschwader Sodre’s vor der Stadt zu finden. Aber dieser war durch Ausstreuung von allerlei Gerüchten nach Norden gelockt, sodaß Gama sich isolirt sah. In der Nacht wurde sein Schiff umzingelt und von allen Seiten angegriffen; aber die überlegene Seetüchtigkeit rettete ihn aus dieser drohenden Gefahr. Der Brahmine wurde zur Strafe für seinen Verrath mit dem Tode bestraft und an der Raae aufgeknüpft, oder es wurden ihm, wie Correa berichtet, die Lügenlippen abgeschnitten und statt der abgehaunen Ohren Hundsohren angenäht und er so verstümmelt ans Land geschickt.
Nachdem dann ein großer Theil der Schiffe ihre Fracht in Kotschin eingenommen, segelte die ganze Flotte im Anfang Februar 1503 nach Kananor. Noch einmal wagten die Schiffe von Kalikut einen Angriff, wurden aber durch Kanonen zurückgetrieben. Doch fiel der Capitän Vasco Tinoco im Kampfe. In Kananor ließ Gama die Factorei mit Kanonen besetzen. Sodre blieb mit fünf größeren Schiffen und zwei Caravelen in den indischen Gewässern zurück, um den Samudrin in Schach zu halten und die Bundesgenossen zu schützen. Dann wandte sich Gama zur Heimkehr und ließ im September 1503 vor Lissabon den Anker fallen.
Vicomte Sodre blieb als erster Capitão do mar in den indischen Gewässern mit einer kleinen Flotte von sieben oder acht Schiffen zurück. Der Samudrin beschloß diese Zeit, während die Hauptmacht der Portugiesen abwesend war, zu einem Kriegszuge gegen den Fürsten von Kotschin zu benutzen. Aber dieser glaubte nicht, daß die Rüstungen, die gegen ihn im Werke waren, in der stillen Zeit des Verkehrs beendigt werden könnten, und hatte dem portugiesischen Capitän, in zu großer Sorglosigkeit, freigestellt, inzwischen noch einen Auftrag auszuführen, welcher ihn an den Eingang des rothen Meeres führte, um den arabischen Handel zu sperren. So sah sich denn der Radscha von Kotschin plötzlich zu Lande von einem überlegenen Feinde angegriffen, dem er sogar seine Hauptstadt überlassen mußte. Er flüchtete sich nach einer kleinen Insel und brachte dort die Wintermonate in hartbedrängter Lage zu.
Sodre war nordwärts nach Gudjerat gesegelt und von da nach der Küste Südarabiens hinübergegangen. Hier wurde er von einem furchtbaren Sturme überfallen und ging mit mehreren Schiffen bei den Kuria-Muria-Inseln sammt der Mannschaft zu Grunde, wahrscheinlich im Juli oder August des Jahres 1503.
Der Rest des Geschwaders wandte sich nach Indien zurück und wartete bei den Andjediven auf neuen Zuzug aus der Heimat, da sie ohne denselben sich nicht stark genug fühlten, irgend etwas zum Schutz ihrer Bundesgenossen zu unternehmen. Die erwartete Hilfe ließ auch nicht lange auf sich warten, denn schon im April 1503 waren wieder sechs Schiffe segelfertig, um von Tejo auszulaufen und im Mai sollten noch andere folgen. Am 6. April brachen Alfons und sein Vetter Francisco d’Albuquerque mit je drei Schiffen auf. +Affonso d’Albuquerque+, den portugiesische Geschichtschreiber den „Großen“ nennen, unzweifelhaft der bedeutendere der beiden Verwandten, betrat hier zuerst den Schauplatz, auf dem er sich unsterblich machen sollte, denn in ihm haben wir den eigentlichen Begründer der portugiesischen Macht in Indien vor uns. Er war im Jahre 1453 in der kleinen Stadt Alhandra am Tejo sechs Leguas oberhalb Lissabon, als zweiter Sohn des Gonçalo d’Albuquerque, des Herrn von Villaverde und der Donna Leonor da Menezes geboren. Im königlichen Palaste erzogen, hatte er sich zuerst 1480 bei Otranto im Kampfe gegen die Türken ausgezeichnet.
Affonso stand im fünfzigsten Lebensjahre, als er die erste kleine Flotille von drei Segeln nach Indien führte.
Einer seiner Landsleute hat ihn folgendermaßen geschildert: „Affonso d’Albuquerque war von mittlerer Größe und von angenehmem Aeußern. Das längliche Gesicht von frischer Farbe und mit einer Adlernase zierte später ein mächtiger bis über den Gürtel reichender weißer Bart, der ihm ein sehr würdiges Ansehn gab. Er war mit dem Lateinischen vollkommen vertraut und ebenso vorsichtig in seinen Worten wie in seinen Schriften. Er war geliebt und gefürchtet, ohne daß sein Wohlwollen in Parteilichkeit, oder sein Tadel in Härte überging. Er war ein Mann von Wort, ein Feind der Lüge, ein gewissenhafter Richter. Zu Lande und zu Wasser hat er viele Wunden davon getragen und mit seinem Blute bezeugt, daß er keiner Gefahr aus dem Wege gehe. Er war verschwenderisch freigebig und überließ seinen Capitänen die ganze Siegesbeute, da er stets mehr auf Ruhm als auf Reichthum bedacht war.“
Diesen Helden begleitete ein anderer kühner Capitän, +Duarte Pacheco Pereira+, dem später eine Aufgabe, ähnlich der des Spartanerköniges Leonidas, zufallen sollte. In dem Gefolge des Francisco d’Albuquerque befand sich Nicolao Coelho, welcher sich schon auf der ersten Fahrt Gama’s hervorgethan hatte. Am 6. April 1503 waren beide Abtheilungen von Lissabon abgesegelt. Im August erreichten sie die Küste von Malabar. Francisco langte zuerst an, hatte aber unterwegs ein Schiff eingebüßt. Dafür fand er die Schiffe von Sodre’s Geschwader vor und segelte damit südwärts nach Kananor und Kotschin. Als auch Affonso bald danach eintraf, hatten die Portugiesen wieder die Uebermacht, verdrängten ihre Gegner aus dem befreundeten Hafen und führten den Radscha von Kotschin in sein Gebiet zurück. Im Gefühl der Nothwendigkeit und Erkenntlichkeit willigte dieser sodann in die Anlage einer festen Citadelle. Die Capitäne stellten dem Fürsten vor, daß alle Drangsale seines Reiches nur daher rührten, daß sie aus Mangel an eigner Sicherheit ihren Bundesgenossen weniger helfen könnten. So entstand also in Kotschin die erste portugiesische Festung, welche bereits in Portugal geplant war und durch die Sendung der beiden Albuquerque ins Werk gesetzt werden sollte. Um die Citadelle rasch zu vollenden, theilten sich beide Capitäne in die Arbeit, und so entstand ein Holzbau mit Pallisaden. Bei der Besetzung der Commandantenstelle traten zwischen den portugiesischen Führern bereits Eifersüchteleien zu Tage. Jeder gab dem Bollwerk einen besonderen Namen; aber da Affonso nach dem Befehl seines Königs zuerst in Kollam Gewürzfracht einnehmen sollte, mußte er vorläufig seinem Vetter das Feld überlassen. In Kollam wurde Antonio de Sa als Factor eingesetzt. In den ersten Tagen des Jahres 1504 hatte Affonso seine Aufgabe gelöst und wollte, wie die Vorschrift lautete, gemeinschaftlich mit Francisco den Rückweg antreten. Aber dieser zögerte mit dem Einkauf der Frachten, sodaß Affonso Ende Januar sich veranlaßt sah, um die günstige Fahrzeit nicht zu versäumen, allein aufzubrechen. Mit einem geschickten Piloten steuerte er zum erstenmal, statt den Umweg über Melinde zu machen, direct auf Mosambik, umschiffte am 1. Mai bei schönem Wetter das Cap der guten Hoffnung, wurde zwar an der Guineaküste eine Zeitlang von verderblichen Windstillen aufgehalten, erreichte aber glücklich die Capverden, wo er in dem Hafen von Sa. Maria die Fahrzeuge ausbessern ließ, und langte am 3. September wohlbehalten vor Lissabon an. In seiner Begleitung befand sich ein Venetianer Bonavito d’Alban, der vor zweiundzwanzig Jahren über Aegypten nach Indien gegangen und sich lange Zeit in Malaka aufgehalten hatte. Von ihm erhielt Albuquerque manche wichtige Nachrichten über die entfernten Gewürzländer und über Malaka besonders, was für die späteren Unternehmungen von großem Einfluß war.
Francisco d’Albuquerque war erst am 5. Februar von Indien aufgebrochen, wurde aber an der Ostküste Afrikas von Stürmen überfallen und ging sammt Nicolao Coelho unter. Von einem anderen Schiffe, welches früher zum Geschwader Sodre’s gehört hatte, rettete sich nur die Mannschaft. In Indien blieb vorläufig Duarte Pacheco mit einigen Schiffen zurück.
Bald nach der Abfahrt der beiden Albuquerque von Lissabon war ihnen im Mai 1503 der Castilier Antonio de Saldanha mit drei Schiffen gefolgt, um an Stelle Sodre’s vor dem rothen Meere zu kreuzen. Schon im Golfe von Guinea wurden die drei Fahrzeuge von einander getrennt, das erste Schiff, welches sich verlor, segelte allein um Afrika und hielt sich länger bei der Insel Sokotra auf, welche die Portugiesen bei dieser Gelegenheit zuerst betraten. Ein zweites Schiff unter Ruy Lourenço Ravasco kam vor dem Sturmcap abhanden, ging ebenfalls auf die Ostküste Afrikas und trieb schamlose Piraterie; alle Kauffahrer, die man antraf, wurden geplündert. Bei Sansibar, dessen Herrscher im Namen des Königs Manuel auch besteuert wurde, ließ er in zwei Monaten mehr als 20 Sambuken anhalten. Nur das einzige Verdienstliche that Ravasco, daß er dem befreundeten Scheich von Melinde gegen seine eifersüchtigen Nachbarn in Mombas erfolgreichen Beistand leistete. Darüber verging der Sommer, ehe Saldanha sich einfand. Dieser war noch nördlich vom Sturmcap ans Land gegangen, in dem Glauben das gefährliche Cap bereits hinter sich zu haben und hatte dort eine Bucht und einen Wasserplatz, Aguada da Saldanha, entdeckt. Dann hatte er, nach Besteigung des Tafelberges (Meza da Cabo), sich wieder auf den Weg gemacht, hatte die Südspitze Afrikas glücklich überwunden, an der Ostküste ebenfalls dem Seeraub obgelegen und endlich vor Melinde seine Genossen gefunden. In der Nähe des rothen Meeres hatten sich alle drei Schiffe wieder vereinigt und waren nach der arabischen Küste herübergesteuert, um dort zu überwintern, hatten aber, bei der Feindseligkeit der Bewohner, Wassermangel gelitten und waren dann nach den Andjediven gesegelt, wo sie von der großen Flotte des Lopo Soarez eingeholt wurden, welcher fast ein Jahr später von Portugal aufgebrochen war, um mit dreizehn Segeln direct nach Indien zu fahren, wo er Ende August 1504 anlangte. Auf Vasco da Gama’s Rath hatte man die Kräfte nicht zersplittert, sondern eine imposante Armada mit vielem Kriegsgeräth und 1200 Mann Besatzung entsendet. Der Krieg mit den Moslemin sollte mit Nachdruck geführt werden. In Kananor erfuhr Soarez, wie in der Zwischenzeit, seit die Albuquerques zurückgekehrt, die Angelegenheiten verlaufen waren.
Pacheco hatte alle Angriffe des Samudrin glänzend zurückgeschlagen. Der ganze Kampf, bei welchem der Beherrscher von Kalikut 60,000 Mann sollte aufgeboten haben, drehte sich hauptsächlich um die Vertheidigung einer Furt, über welche der Weg von Norden her nach Kotschin führte. Diese Furt hatte Pacheco mit Pallisaden verschanzen und mit Kanonen besetzen lassen. Nichts zeigte deutlicher die unentwickelte Kriegskunst der Eingebornen, als ihre vergeblichen Anstrengungen, diese Verschanzungen zu nehmen. Duarte Pacheco hatte seine kleine Schaar von hundertundsechzig Portugiesen auf seine Schiffe, auf die Citadelle in Kotschin und an der Furt vertheilt; es standen ihm also an jedem Orte nur etwa fünfzig Mann zur Verfügung, und doch schlug er, obwohl er sich auf seine indischen Bundesgenossen wenig verlassen konnte, mit geringen Verlusten alle Angriffe ab und machte selbst den abenteuerlichen Plan der Inder, seine Schiffe mit großen hölzernen, auf je zwei Prauen errichteten Holzthürmen zu erobern, gründlich zu schanden. Der Samudrin sah sich endlich genöthigt, nachdem auch seine Vasallen fahnenflüchtig geworden waren und da Krankheiten seine Mannschaft decimirten, seinen Feldzug aufzugeben und nach Kalikut zurückzugehen; denn die stille Jahreszeit ging vorüber und ein neues Geschwader feindlicher Schiffe war mit dem Eintreten des günstigen Fahrwindes von der afrikanischen Küste her zu erwarten.
Soarez hatte den gewöhnlichen Weg an der Ostseite Afrikas eingeschlagen, in Melinde die wenigen aus dem Schiffbruche des Francisco d’Albuquerque geretteten Mannschaften an Bord genommen und war dann von den Andjediven aus gegen Kalikut vorgerückt, wo er Anfang September erschien. Hier forderte er die Auslieferung von zwei zu den Feinden übergelaufenen Geschützgießern (aus Mailand oder Slavonien) und beschoß, als dieselbe verweigert wurde, zwei Tage lang die Stadt, wobei ein Theil des königlichen Palastes zerstört wurde. Zur Vergeltung dafür wurden in der Stadt die portugiesischen Gefangenen getödtet.
Soarez wandte sich dann nach Kotschin, wo er durch die Fürsorge Duarte Pacheco’s eine bedeutende Pfefferfracht aufgespeichert fand und einnehmen konnte. Nachdem er dann die wahrscheinlich unter dem Schutze der Citadelle von Trampatão (Dharmapatam) im Gebiete von Kananor versammelte mohammedanische Handelsflotte zum Theil erobert und verbrannt hatte, trat er zu Anfang des Jahres 1505 mit reicher Ladung den Rückweg an. Daß die Macht des Samudrin durch dieses rücksichtslose und immer siegreiche Auftreten der Portugiesen mehr und mehr erschüttert wurde, beweist auch der Abfall eines seiner Vasallen, des Radscha von Tanor, welcher zu seinen abendländischen Feinden überging. Im indischen Meere blieb der Capitän Manuel Tellez Barreto mit fünf Schiffen und 300 Mann zurück, um an der Küste zu kreuzen, während 280 andere Soldaten als Besatzung in Kotschin, Kananor und Kollam stationirt wurden.
Im Juli 1505 erreichte Soarez den Hafen von Lissabon, wo man vor allem die Verdienste Duarte Pacheco’s, welcher mit der Flotte zurückgekehrt war, würdigte. Als Belohnung erhielt dieser ausgezeichnete Mann die Verwaltung der Niederlassungen an der Guineaküste, er wurde aber bald in Folge von Verleumdungen angeklagt und in Ketten nach Portugal transportirt, wo er später, ohne wieder Anerkennung zu finden, in der bittersten Armuth starb. Camoens geißelt in seinen Lusiaden (X, 22-25) den Undank des Königs mit harten Worten. Indem er Duarte Pacheco mit Belisar vergleicht, wirft er dem Könige Ungerechtigkeit und Geiz vor.
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Werfen wir, ehe wir die weiteren Unternehmungen der Portugiesen verfolgen, einen Blick auf die +Handelslinien+ und +großen Lagerplätze des indischen Gewürzhandels+. Im fernen Osten lag Malaka inmitten der reichsten Pfefferländer, zugleich ein Hauptstapel für die Gewürze der Molukken und der Droguen der Sundawelt. Mit diesem Handelsplatze stand Kalikut in unmittelbarer Verbindung. Von hier aus boten sich aber zwei Straßen nach dem persischen und nach dem rothen Meere. Dort galt als Mittelpunkt des Seeverkehrs die Inselstadt Ormuz, welche Albuquerque bald bezwingen sollte, und hier vor der Enge des rothen Meeres Aden. Von Ormuz führte der Weg über Basra durch Mesopotamien nordwärts. Die Karawanen gingen entweder über Armenien nach dem nördlichen Asien und Europa, oder wandten sich am Fuß des Hochlandes, auf welchem Euphrat und Tigris entspringen, gegen Westen nach Syrien und erreichten in Beirut das Gestade des mittelländischen Meeres. Die Schiffe, die nach Aden gegangen, steuerten dann durch das rothe Meer weiter nach Tor an der Südspitze der Halbinsel des Sinai und von da nach Sues. Von hier wurden die Waaren zu Lande über Kairo nach Alexandrien befördert.
Damals beherrschte der Sultan von Aegypten auch die syrischen Häfen; es ging demnach fast der ganze indische Handel durch sein Gebiet und sicherte ihm namhafte Einkünfte. Jede Veränderung oder Störung dieser Handelslinien und Handelsbewegungen berührte die Macht des ägyptischen Sultans auf das empfindlichste; aber auch das Interesse für den Glauben spielte hinein.
Mohammedanische Dynastien saßen auch auf der Westküste Vorder-Indiens. Sie alle hatten gleiches Interesse an dem Fortbestehen des Gewürzhandels auf den bisherigen Seewegen. Der Sultan von Aegypten empfand gar bald die Verluste in seinen Einnahmen, nachdem die portugiesischen Schiffe die Straße nach dem rothen Meere gesperrt hatten. Als aber die Kaufleute von Kalikut als seine Glaubensgenossen in ihrer Bedrängniß sich an ihn gleichsam als an ihren Schirmherrn wendeten, beschloß er sich vorerst bei dem Papst zu beschweren und von dem geistlichen Oberhaupte der Christenheit Abhilfe zu fordern, inzwischen aber sich auf einen entscheidenden Kampf vorzubereiten und eine Flotte auszurüsten, welche im Verein mit dem Geschwader der indischen Bundesgenossen den Portugiesen die Spitze bieten könne. Mit seiner Sendung an den Papst Julius II. betraute er den Pater Mauro, Prior des Klosters am Sinai. In seinem Briefe beschwerte sich der ägyptische Sultan über die Grausamkeiten, welche König Ferdinand von Aragonien gegen die Mauren in Spanien verübt hatte, sowie über die Schädigungen, welche König Manuel von Portugal seinen Glaubensgenossen und Unterthanen in Indien zufüge. Der Islam war seit zwanzig Jahren hart ins Gedränge gekommen und erlag im äußersten Westen und Osten den Schlägen der christlichen Fürsten. In Spanien waren die Mauren aus mehr als siebenhundertjährigem Besitze vollständig verdrängt; nun erschienen die Glaubensfeinde sogar in den indischen Meeren. Wenn die Fürsten der spanischen Halbinsel, erklärte der Sultan, von ihrem Wüthen gegen den Islam nicht abließen, werde er selbst zu ähnlichen Maßregeln gegen die Christen in seinen Landen sich genöthigt sehen. Er werde das heilige Grab vernichten und den christlichen Namen im Orient austilgen. Er werde aber auch mit seinen Flotten die Gestade des Mittelmeeres heimsuchen und den Christen gleiches mit gleichem vergelten, wenn der Papst nicht dem König Manuel verbiete, fernerhin seine Schiffe nach Indien zu senden.
Mit Abschriften dieses Drohbriefes entsandte der heilige Vater den Prior Mauro an die Höfe nach Spanien und Portugal und erbat sich eine Antwort darauf für den Beherrscher Aegyptens. König Manuel erwiderte: Der Sultan drohe nur mit Worten, weil ihm die Mittel zu Thaten fehlten. „Als wir beschlossen,“ schreibt er, „mit unseren Flotten einen Weg nach Indien zu bahnen und die unseren Vorfahren unbekannten Länder zu erforschen, war unser Vorsatz, der mohammedanischen Sekte, von welcher mit Satans Hilfe so viele Leiden über den Erdkreis gebracht sind, das Haupt zu zertreten, und wo möglich das Grab Mohammeds vom Erdboden zu vertilgen. Wir bedauern, daß wir dies Ziel noch nicht erreicht haben. Der Sultan wird sich wohl hüten, die Christen in seinem Lande zu vertreiben, da er aus den Abgaben der Pilger, welche das heilige Grab besuchen, so bedeutende Einnahmen erzielt. Und sollte er je wagen, die Küsten des Mittelmeeres zu plündern, so würde die jetzt uneinige Christenheit sich alsobald zur Abwehr und zu gemeinsamem Angriff zusammenschaaren. Eine solche Gefahr für sich und sein Land wird aber der Sultan schwerlich heraufbeschwören.“ Der König Manuel meinte ferner, die beste Antwort auf die Drohungen des Aegypters bestehe darin, daß der Papst die gesammte Christenheit zu einem neuen Kreuzzuge aufrufe. Er wolle sich zwar nicht erkühnen, Sr. Heiligkeit und dem ehrwürdigen Cardinalscollegium die Antwort vorzuschreiben, welche dem Sultan zu ertheilen sei; aber seinen Willen und seine Meinung wolle er doch dahin aussprechen, daß er sich durch keine Drohung, keine Schwierigkeit von seinem Ziele abhalten lassen werde, den Uebermuth des Glaubensfeindes zu demüthigen und zu brechen.
Damit ging Mauro zunächst nach Rom und dann nach Aegypten zurück. Ein friedlicher Ausgleich war unmöglich; die Waffen mußten entscheiden. In den indischen Gewässern hatte der Sultan Bundesgenossen und nur +einen+ Feind; am Mittelmeer stand er fast allein und hatte die gesammte Christenheit gegen sich. Darum wählte er zum Kampfplatz den Orient und beschloß eine bedeutende Flotte nach Indien zu senden. Aber auch dieser Plan wurde schon im Entstehen theilweise vereitelt. Es war nämlich eine Flotte von fünfundzwanzig Schiffen nach der kleinasiatischen Küste geschickt, um von dort das Bauholz nach Aegypten und weiter ans rothe Meer zu schaffen. Dieses Transportgeschwader wurde aber von den Johannitern auf Rhodos angegriffen, welche elf Schiffe vernichteten, so daß, als noch vier andere im Sturme untergegangen waren, nur zehn Fahrzeuge mit Bauholz glücklich ihr Ziel erreichten. Somit konnten nur sechs größere und vier kleinere Schiffe erbaut werden, über welche dann der Kurde Hussein Almuschrif 1506 den Oberbefehl erhielt.
Die Portugiesen hatten von diesen Vorfällen und Plänen aber bereits 1505 Kunde erhalten und konnten danach ihre Maßregeln treffen. Die bisherige Kriegsführung, welcher eine einheitliche Leitung fehlte, mußte abgeändert werden. Es war vor allem nöthig, dem Oberbefehl eine größere Continuität zu geben und ihn auf mehrere Jahre auszudehnen. So entstand das Institut des Vicekönigthums, dem Portugal thatsächlich den indischen Besitz verdankt. Die Unternehmungen des Sultans von Aegypten trugen also wesentlich dazu bei, die portugiesische Macht im Orient zu befestigen.
6. Francisco d’Almeida, Vicekönig von Indien.
Zum ersten Vicekönig wurde +Francisco d’Almeida+ bestellt, ein Mann von ausgezeichneter Tapferkeit, welcher sich schon im Kampfe der Spanier gegen Granada ausgezeichnet hatte. Es wurde die Bestimmung getroffen, daß in Zukunft nur die Lastschiffe aus Indien zurückkehren sollten, während die Kriegsschiffe daselbst stationirt blieben. Eine stattliche Flotte sollte die neue Aera einleiten. Die Zahl der Schiffe steht nicht ganz fest, nach der geringsten Angabe waren es zwanzig. Auf den Kriegsschiffen wurden 1500 Mann Soldaten befördert, welche sich verpflichtet hatten, wenigstens drei Jahre im Orient zu dienen. Unter den Capitänen treffen wir João da Nova und João Serãro; auch Ferdinand Magalhães nahm an dem Zuge theil. Ein besonderes Interesse gewinnt aber gerade diese Expedition dadurch für uns, daß sich an dem indischen Handel zum ersten Male auch deutsche Kaufleute von Augsburg, namentlich die Welser, Vöhlin u. a. betheiligten; daneben aber auch Genuesen und Florentiner. Nur die Venetianer hielten sich grollend fern; denn es war ihnen, wie der Chronist E. Sender schreibt, „fast wider“, daß die Portugiesen den Seeweg zu den Gewürzländern mit wachsendem Erfolg betraten und ihnen so gefährliche Concurrenz machten.
Die Welser hatten schon 1503 einen thätigen Agenten Namens Simon Seitz nach Lissabon entsendet, welcher mit König Manuel über die Gründung einer deutschen Handelsgesellschaft einen Vertrag abschloß, wonach die Augsburger Kaufherren in Portugal gebaute und mit Portugiesen bemannte Schiffe entsenden konnten, um Spezereien und Brasilholz einzuhandeln. Zu gleicher Zeit diente der deutsche Buchdrucker Valentin Ferdinand, welcher sich wahrscheinlich schon seit 1494 in Lissabon aufhielt, als Mäkler (~corretor~) und war seinen neuangekommenen unternehmenden Landsleuten durch seine Kenntniß der portugiesischen Sprache sehr nützlich.[96]
Auf Simon Seitz folgte alsbald ein zweiter Vertreter der Welser +Lucas Rem+, welcher von 1503 bis 1508 in Portugal weilte.[97] Ihm lag die schwere Arbeit ob, drei Schiffe auszurüsten und ihre Ladung zu besorgen; denn die deutsche Handelscompagnie betheiligte sich mit 21,000 Cruzados (à 2,75 Mark). „Die on mas enxtig mie, überflisig arbait, gros widerwertigkait mir damit gegnet, ist unerschreibenlich.“ So lauten die Worte seines Tagebuches.
Aber nicht blos deutsches Capital war bei dieser Fahrt eingesetzt; es machten auch zwei Deutsche im Auftrage der Compagnie die Reise nach Indien mit, und C. Peutinger schrieb voll Stolz und Freude darüber: „es ist uns Augsburgern ein großes Lob als für die +ersten+ Deutschen, die India suchen“. (B. Greif a. a. O. 85). Der eine von ihnen, +Balthasar Sprenger+, hat seine Reise beschrieben unter dem Titel: „Die Merfart von erfarung nüver Schiffung und Wege zu vile onerkanten Inseln vnd Kunigreichen, von dem großmechtigen Portugalischen Kunig Emanuel Erforscht, funden, bestritten vnnd Ingenomen, auch wunderbarliche Streyt, ordnung, leben wesen handlung und wunderwerke des volcks und Thyrer dar inne wonende, findestu in diessem buchlyn warhaftiglich beschryben vnn abkunterfeyt, wie ich Balthasar Sprenger sollichs selbs: in kurtz verschynn zeiten gesehen vnn erfaren habe etc. Gedruckt Anno MDIX.“ Der Berichterstatter nennt sich darin einen „der Geschickten des Großmechtigen Kunigs zu Portugal: Emanuel genannt: und der Furtreffen kaufherren der Fucker, Welszer, Hochstetter, Hyrßfogel, deren im Hofe (Imhof) und anderer yrer Gesellschaften.“[98] Der zweite, +Hans Mayr+, welcher sich Factoreischreiber auf dem Schiffe Raphael nennt, hat ebenfalls einen, noch handschriftlich erhaltenen Bericht überliefert.[99]
Die drei auf Kosten der Deutschen ausgerüsteten Schiffe hießen: San Raffael, San Jeronimo und Lionarda.
Das ganze Geschwader ging am 25. März 1505 von Lissabon ab. Eins der Schiffe sank unterwegs in Folge eines Leckes; die übrigen steuerten glücklich um das Cap der guten Hoffnung und langten größtentheils am 18. Juli vor Mosambik an. Von hier wandte sich die Armada zunächst nach Kiloa und eroberte die Stadt. An Stelle des vertriebenen Scheich wurde ein den Portugiesen willfähriges Oberhaupt eingesetzt und zum Schutze der Handelsinteressen eine Citadelle St. Jago erbaut, in welcher man eine stärkere Besatzung nebst „Artegleria“ zurückließ. Vor Mombas wurde die Expedition am 13. August ebenfalls feindlich empfangen und aus den Kanonen beschossen, welche der Fürst der Stadt einem gescheiterten portugiesischen Schiffe entnommen hatte.[100] Darum mußte auch diese Hafenstadt mit Verlust von vier Todten und siebenzig Verwundeten am 15. August erstürmt werden. Dann wurde die Stadt geplündert und niedergebrannt. Von dem befreundeten Melinde, in dessen Hafen sich vierzehn der schnellsegelnden Fahrzeuge eingefunden hatten, steuerte man dann in sechzehn Tagen, resp. neunzehn Tagen nach den Andjediven hinüber. Diese Inseln, welche als günstiger Sammelplatz der Indienfahrer erkannt worden waren und daher von den Portugiesen besetzt wurden, erhielten, auf der größten der fünf Eilande, nach dem Befehle des Königs gleichfalls eine Citadelle nebst Besatzung. Panischer Schrecken ergriff das Handelsvolk von Kalikut, als sie die Ankunft Almeida’s vernahmen; denn die Portugiesen machten unverweilt auf alle Handelsschiffe Jagd. Im Hafen von Onor wurden alle Fahrzeuge, die vor Anker lagen, verbrannt und dabei ging ein Theil der leichtgebauten Stadt in Flammen auf. Bei seiner Ankunft in Kananor nahm gegen Ende October Almeida den Titel Vicekönig an, den ihm der König Manuel beigelegt hatte. In dieser Stadt wurde die dritte Citadelle, S. Angelo, angelegt und mit hundertundfünfzig Mann besetzt. Der Hafen hatte gleichfalls für die Portugiesen eine besondere Wichtigkeit, denn „do pflegen,“ wie Sprenger berichtet, „die Schiff allweg vor irem Abschied Speis und Wasser zu nehmen“. Inzwischen lief die traurige Nachricht ein, in Kollam sei der Factor Antonio de Sa sammt seinen Leuten ermordet und die Factorei geplündert. Es waren nämlich zwanzig maurische Schiffe dort eingelaufen und hatten den Kampf begonnen. Der Factor war mit sechzehn Portugiesen in eine Kirche geflüchtet; aber der Fürst von Kollam ließ dieselbe anzünden und die Fremden darin verbrennen. Der Sohn des Vicekönigs, Lourenço d’Almeida, erhielt den Auftrag, diese Unthat zu rächen, er rückte mit acht Schiffen vor den Hafen und zerstörte die ganze maurische Flotte.
Francisco d’Almeida selbst begab sich nach Kotschin und krönte den dortigen Fürsten und Bundesgenossen im Namen des Königs Manuel mit einer goldenen Krone, welche als Geschenk mitgebracht war, und verehrte dem Königsvasallen zugleich einen goldenen Becher mit sechshundert Cruzados, eine gleiche Summe wurde für alle Jahre zugesagt. Dafür erzielte Almeida die Erlaubniß zum Bau einer Steinburg.
Dann erhielten sechs Frachtschiffe ihre Ladung in Gewürz und gingen Ende December und Anfang Januar 1506 von Kananor zurück nach Portugal. Zwei andere Handelsschiffe folgten im Frühjahr nach. Einige von der ersten Abtheilung wurden auf der Rückfahrt über den indischen Ocean durch Sturm aus der gewohnten Bahn getrieben und segelten an der Ostseite Madagascars hin, darunter auch zwei von den deutschen Schiffen, und fanden so einen kürzeren Seeweg. Sie waren die ersten, welche den südlichen Theil jener größten afrikanischen Insel entdeckten, die damals S. Lourenço genannt wurde.
Vier Schiffe, darunter auch San Raffael und San Jeronimo, ließen bereits am 22. Mai 1506 im Hafen von Lissabon die Anker fallen. Sprenger langte mit seinem Fahrzeuge erst im November daselbst an. Dies glückliche Ereigniß für die deutsche Unternehmung erwähnt auch Lucas Rem:[101] „~Adj.~ 22. May^o 1506 (Rem schreibt irrthümlich 1505) kamen Sct. Jeronimo, Sct. Raffael und ~adj.~ 24. Nof. die Lionarda. Da meret sich erst mie, anxt undt arbait. Sonder erhuben sich on mas fil große und schwere Recht, den Ich aus wartet ob 3 Jar“. Die berührten Rechtshändel beziehen sich wahrscheinlich darauf, daß die Deutschen einen Antheil an der bei der Erstürmung von Kiloa und Mombas gemachten Beute forderten, deren Werth auf 22,000 Cruzados geschätzt wurde. Aber auch ohne dies war der Reingewinn bedeutend. Zwar erhielt dem Vertrage gemäß die portugiesische Krone 40% vom Gewinn und hatten die fremden Kaufherren nicht direct, sondern durch Vermittelung der portugiesischen Factoren die Gewürze in Indien einkaufen müssen, theils um nicht etwa die Preise zu steigern, theils aber und vor allem, um das Monopol der Entdecker des Seewegs nicht in Frage zu stellen; trotz alledem betrug nach Rems Angabe die „nutzung dieser armazion bey 150 ~pro Cento~“.
Darum betheiligten sich die Deutschen auch sofort bei der Ausrüstung der nächsten Handelsflotte, die unter Tristão da Cunha 1506 nach Indien segelte. Leider gingen zwei Schiffe dabei zu Grunde; da aber Geld und Gut gerettet wurden, war der Verlust gering. Doch wurde das Interesse geschwächt, weil man in Folge des Schiffbruches einen längeren Rechtsstreit mit dem König führen mußte. Als aber die Pfefferpreise von Jahr zu Jahr aufschlugen -- im Jahre 1505 kostete der Centner Pfeffer in Lissabon 20 Cruzados, 1520 dagegen schon 34¼ C., -- da verloren die Deutschen allmählich die Lust, sich an dem Handel direct zu betheiligen.
* * * * *
Nach der Abfahrt Almeida’s von Portugal waren wiederum acht Schiffe entsendet worden, welche unter Leitung Pero’s d’Anhaya die Ostküste Afrikas ansegeln und in Sofala eine Befestigung anlegen sollten. Aus Mangel an Steinmaterial wurde dieselbe aus Holz aufgeführt. Aber das höchst ungesunde Klima der Niederung raffte viel Mannschaft hin; auch der Capitän Pero d’Anhaya erlag demselben. Zu seinem Nachfolger wurde später Nuno Vaz Pereira bestimmt; bemerkenswerth ist, daß unter ihm der berühmte Fernão de Magalhães diente.
In Indien war inzwischen, nach Abfertigung der ersten Lastschiffe, der Vicekönig seinem Auftrag gemäß zum Angriff auf die maurischen Flotten übergegangen. Sein Sohn Lourenço d’Almeida erfocht am 17. und 18. März 1506 einen glänzenden Sieg vor dem Hafen von Kananor über zweihundert Segel (Prauen), welche der Beherrscher von Kalikut ausgerüstet hatte. In Kananor, wo der Sieger einlief, kam der Venetianer Ludovico di Varthema zu ihm aufs Schiff. Derselbe war 1502 von seiner Vaterstadt in den Orient gewandert, hatte Aegypten, Syrien, Arabien und Persien besucht, dann in den wichtigsten Hafenplätzen der westlichen Küste Vorder-Indiens geweilt, am bengalischen Meerbusen die Landschaften Bengalen und Pegu gesehen und endlich sogar Malaka und die Gewürzinseln erreicht. Von Java war er dann nach Kalikut und Kananor zurückgekehrt und hatte so, unter der Maske eines Mohammedaners, den ganzen Sunda-Archipel durchstreift.[102] Was er nun über die indischen Zustände und über den fernen Osten berichten konnte, war den Portugiesen von hohem Werthe und gab wahrscheinlich auch die Veranlassung, daß die Regierung in Portugal ihrem indischen Vicekönig den Auftrag ertheilte, einige Schiffe zur Erforschung des Gewürzmarktes von Malaka auszusenden. Allein Almeida konnte und wollte, da er in Vorder-Indien selbst vollauf beschäftigt war und seine Macht nicht zersplittern mochte, vor der Hand noch nicht darauf eingehen. Es war offenbar, daß die mohammedanischen Schiffe, um zu den Gewürzhäfen zu gelangen, andere Wege als bisher einschlugen. Statt die durch die Portugiesen unsicher gemachten malabarischen Plätze anzulaufen, gingen die Kauffahrer über die Malediven nach Ceylon, um dort die aus den östlichen Productionsländern herbeigeführten Waaren in Empfang zu nehmen.
Als der Vicekönig dies in Erfahrung gebracht, schickte er seinen tapfern Sohn zum zweiten Male mit Schiffen aus, um bei den Malediven den Feinden auch diese Straße zu verlegen. Aber Lourenço verfehlte sein Ziel vollständig und gelangte schließlich, statt nach den Malediven, nach Ceylon. Es scheint, daß er sich hier durch eine List der Mauren täuschen ließ und unverrichteter Sache wieder zurückkehren mußte. Dem Oberbefehlshaber war es jedenfalls lieb, daß sein Sohn sich in Ceylon nicht auch in blutige Conflicte eingelassen hatte; denn die mohammedanische Stellung auf der großen Insel galt als bedeutend, und ein blutiger Zusammenstoß hätte die Schaar seiner Gegner unnöthigerweise vermehrt. Darum waren ihm auch die Unternehmungen Affonso’s d’Albuquerque in Arabien durchaus zuwider; selbst die kriegerischen Streifzüge an der Ostküste Afrikas hielt er für nutzlos, weil sie die für Indien nothwendigen Streitkräfte zersplitterten. Er wollte alle Macht und alle kriegerische Tapferkeit nur daran gesetzt sehen, den werthvollsten Theil der indischen Küste dem portugiesischen Handel und Staate tributpflichtig zu machen.
Aber in Portugal dachte man anders und meinte, alle Küsten des indischen Oceans, soweit die Glaubensfeinde auftauchten, angreifen und auch bezwingen zu können.
So gingen also im Frühjahr 1506 wieder fünfzehn Schiffe von Lissabon ab: die zehn Lastschiffe, von denen wieder einige durch Deutsche und Italiener ausgerüstet waren, sollten unter +Tristão da Cunha+ direct nach Indien segeln, während Alfons d’Albuquerque mit fünf Kriegsschiffen und 1300 Mann Soldaten nach der arabischen Küste beordert wurde, um die Eingänge in das rothe Meer und den persischen Golf zu bewachen. In Sokotra sollte er überdies eine Festung anlegen, weil hier an dieser Insel die mohammedanischen Schiffe Wasser einzunehmen pflegten.
Unterwegs entdeckte Tristão da Cunha, als er vom Cap Agostinho in Brasilien nach dem Caplande hinübersteuerte und seine Flotte durch Sturm zerstreut sah, die nach ihm genannte einsame Felseninsel im südlichen atlantischen Ocean unter 39° s. Br.; indeß fanden sich die meisten Fahrzeuge bei Mosambik wieder zusammen. Nur Ruy Pereira wurde auch noch im indischen Meere verschlagen und gerieth in den Hafen Matatane auf Madagascar. Dort, glaubte er aus den Mittheilungen der Eingebornen schließen zu dürfen, sei ein Reichthum an Silber, Pfeffer, Ingwer u. a. einzuernten, ohne auf solche Handelsschwierigkeiten zu stoßen wie in Indien.
Auf diese Kunde hin machte sich Tristão da Cunha selbst nach dem vielversprechenden Lande auf und erreichte im December 1506 die Bai Angra da Concepção am nördlichen Ende der Insel. Aber hier traf er noch Mauren. Wenn auch nicht eben wohlwollend empfangen, hütete sich Tristão doch, sich in blutige Händel zu verwickeln, sondern er zog nur sorgfältige Erkundigungen ein, aus denen leider hervorging, daß die verlockenden Angaben Pereira’s auf Mißverständniß beruhten. Den Plan, die ganze Insel zu umschiffen, gab er auf, nachdem er bei diesem Versuch ein Schiff eingebüßt hatte, und kehrte an die afrikanische Küste zurück. Südlich von Magadoscho (Makdischu) lag die feindliche Stadt Brava (Barawa); dieselbe wurde nach heftiger Gegenwehr erstürmt und geplündert. Die Portugiesen sollen dabei in der Schatzkammer des Fürsten die reiche Beute von 2000 Centner (!) Silber gemacht haben.
Dann steuerte die vereinigte Flotte nach Sokotra, wo Christen abessinischer Abkunft, von den Portugiesen Jakobiten genannt, ansäßig waren, aber seit 1480 in die Abhängigkeit von dem südarabischen Fürsten von Fartach gerathen waren, welcher bei dem Hafen Soko (Tamarida) eine Citadelle erbaute und mit hundert Mann besetzte. Diese Festung wurde natürlich alsbald mit Sturm genommen, wieder ausgebaut, St. Miguel getauft und mit portugiesischer Mannschaft belegt.
Durch solche Nebenoperationen wurde viel Zeit vergeudet, ohne dem eigentlichen Zwecke wesentliche Förderung zu bieten; denn man verfeindete sich dadurch nur noch mehr mit dem Beherrscher Aegyptens und war gleichwohl nicht im Stande, von Sokotra aus den Handelsverkehr nach dem rothen Meere überwachen oder abschneiden zu können.
Da Tristão da Cunha so lange ausblieb, gerieth Almeida in große Verlegenheit, weil er sich bei unzulänglichen Mitteln in seinen Unternehmungen gehemmt sah. Sein Sohn Lourenço verfolgte indessen im kleinen Kriege alle fremden Handelsschiffe, welche sich der indischen Küste näherten.
Inzwischen starb aber auch der den Portugiesen befreundete Fürst in Kananor, und sein Nachfolger verbündete sich wieder mit dem Samudrin, weil der portugiesische Capitän Gonçalo Vaz da Goar ein kananorisches Schiff, trotz seines portugiesischen Geleitsbriefes, hatte versenken und die Mannschaft hatte ertränken lassen, angeblich, weil man es für ein kalikutisches Schiff gehalten habe.
Die neuangelegte Festung in Kananor wurde vier Monate belagert und mehrere Male bestürmt; aber der tapfere Commandant Lourenço de Brito hielt sich, bis Tristão da Cunha endlich gegen Ende August erschien und ihn befreite. Die Festung wurde nun dauernder aus Stein erbaut. Da der Vicekönig bereits genug Waaren hatte aufspeichern lassen, so konnten Tristão’s Handelsschiffe rasch beladen und schon im December nach Europa zurückgeschickt werden.
Dann begab sich Lourenço d’Almeida mit einer Anzahl von Schiffen nordwärts, um im Hafen von +Tschaul+, südlich von Bombay, Gewürze einzunehmen. Nisam Schah, der Fürst von Tschaul, hatte sein kleines Gebiet, welches gegen Norden an Gudjerat grenzte, von Dekhan unabhängig gemacht und sich den Portugiesen angeschlossen. Inzwischen rückte die ägyptische Macht unter Hussein heran. Der Admiral des Schahs von Gudjerat, Melek Aias oder Aß, (angeblich ein Russe von Geburt, dessen ursprünglicher Name Jakob, in der russischen Koseform Jascha, von den Orientalen in Eias oder Aß verwandelt wurde,) kam den Aegyptern mit vierzig +Fusten+ (s. Abbildung auf Seite 155) zu Hilfe. Als Statthalter von Diu hatte er diesen Hafen zu einer blühenden Handelsstadt erhoben und trat zunächst scheinbar für die Sache des Islam ein, wußte sich aber bald auf schlaue Weise seines Bundesgenossen wieder zu entledigen. Lourenço lag noch mit seinen Schiffen im Flusse vor Tschaul, als die vereinigte feindliche Flotte herannahte. Da er die ägyptischen Schiffe aber für das Geschwader des von Ormuz her erwarteten Albuquerque hielt, blieb er ruhig liegen. So sah er sich genöthigt, im Flusse den Kampf aufzunehmen.
Am ersten Kampfestage erfolgte noch keine Entscheidung. Trotz der feindlichen Uebermacht wollte aber Lourenço nicht bei Nacht auf die See zurückweichen, weil er den Vorwurf seines spartanisch gesinnten Vaters fürchtete, der bei einer früheren Gelegenheit seine zu große Vorsicht getadelt hatte. So entspann sich am folgenden Morgen das Seegefecht von neuem. Das Schiff des portugiesischen Capitäns erhielt durch einen Kugelschuß einen bedenklichen Leck und mußte versuchen, sich durch ein anderes Schiff aus dem Flusse herausschleppen zu lassen. Dabei gerieth es in das von den Fischern behufs des Fischfanges angebrachte Pfahlwerk und blieb, indem ein Pfahl in den Leck eindrang, wie angespießt, darauf hängen. Das Bugsirtau riß und Lourenço war den feindlichen Angriffen wehrlos preisgegeben. Trotz der verzweifelten Lage blieb er standhaft. Seine Tapferkeit war für alle ein leuchtendes Vorbild. Hatte er doch noch bei dem Kampfe von Panane im Handgemenge einem maurischen Hauptmanne mit seinem Schlachtschwerte den Kopf bis auf die Brust von einander gespalten. Da verwundete ihn eine Stückkugel am Schenkel; er ließ sich verbinden, auf einen Stuhl neben den großen Mast setzen und commandirte weiter, bis ihn eine zweite Kugel tödtete. Erst nachdem fast die ganze Mannschaft gefallen oder verwundet auf Deck lag, wurde das Schiff genommen, sank aber auch alsbald unter und blieb nicht als Trophäe in den Händen der Sieger. Die übrigen Fahrzeuge kamen glücklich nach Kotschin zurück, wo damals der Vicekönig lag. Dieser empfing die Todesnachricht seines tapferen Sohnes ernst und gefaßt, aber er schwur an den Mohammedanern Rache zu nehmen, zumal da diese an den ersten Sieg große Hoffnungen knüpften.
Alle Kriegsschiffe wurden zu diesem Rachezuge aufgeboten und in Stand gesetzt, besonders das größte, Flor de la mar, ein Schiff von vierhundert Tonnen; aber der Angriff verzögerte sich noch. Die ägyptische Flotte überwinterte indessen in Diu.
Mittlerweile wurden auch von Portugal wiederum zwei Geschwader ausgerüstet. Das eine bestand aus dreizehn Schiffen und sollte unter dem Befehle des Jorge d’Aguiar zuerst an den ostafrikanischen und arabischen Küsten kreuzen und dann nach Indien gehen, um für acht bei dieser Abtheilung befindliche Frachtschiffe Ladung einzunehmen. Auf dem Hauptschiffe San João sollte der Vicekönig nach Ablauf seines Amtes am Schluß des Jahres 1508 in die Heimat zurückkehren. Die andere Abtheilung unter Lopez de Sequeira ging mit vier Schiffen im April 1508 direct nach Indien. Aber die erste Flotte unter d’Aguiar wurde durch Sturm gänzlich zerstreut, die Schiffe fanden sich einzeln bei Mosambik wieder zusammen; nur das Hauptschiff blieb aus, es war mit Mann und Maus untergegangen, so daß außer dem Befehlshaber auch Tristão da Cunha sein Grab in den Wellen fand. Der Untergang dieses Schiffes sollte später die Rückkehr Francisco’s d’Almeida verzögern und ihm selbst verhängnißvoll werden.
Ehe wir aber den Vicekönig auf seinem letzten siegreichen Kriegszuge in Indien begleiten, müssen wir unsern Blick auf die kühnen Unternehmungen +Albuquerque+’s richten. Am 20. August 1507 war derselbe mit sieben Segeln und vierhundert Mann von Sokotra aufgebrochen, um die Handelsplätze am Golf von Oman zu brandschatzen, und sich wenn möglich des wichtigsten Marktplatzes in jenem Gebiet, der Stadt Ormuz, zu bemächtigen. Auf der Ostküste Arabiens zwischen Ràs el Hadd und dem Ràs Mesandum erstreckt sich am Fuß des grünen Gebirges die Landschaft Oman. Gegen das Wüstengebiet des Binnenlandes durch das Gebirge gedeckt, mit vielen trefflichen Häfen und Ankerplätzen an der wichtigen Handelsstraße zwischen Indien und Mesopotamien gelegen, hatte dieses Gebiet seit Jahrhunderten sich an dem indischen Handel lebhaft betheiligt. Weniger eng an die Satzungen des Islam gebunden und im Verkehr mit Indien freiern Lebensanschauungen huldigend, hatten manche dieser Städte sich zu bedeutendem Handelsrufe und Wohlstand erhoben. Von Südosten gegen Nordosten waren die bemerkenswerthesten Hafenplätze Kuriat, Maskat, Burka, Sohar und Khorfakkan, an welche sich dann an der Meerenge des persischen Golfes die damals auf der kleinen, öden Felsinsel gelegene, aber durch den Reichthum der Bewohner in aller Welt bekannte Handelsstadt Ormuz anschloß.
Albuquerque hatte die Absicht, diese Städte der Reihe nach rücksichtslos die Ueberlegenheit der europäischen Waffen fühlen zu lassen. Kuriat wurde erstürmt und verbrannt, Maskat ebenfalls erobert. Sohar unterwarf sich ohne Widerstand, wurde daher auch nicht der Plünderung preisgegeben, sondern nur zur Zahlung eines Tributs angehalten. Khorfakkan (Orfacao), ein Hauptplatz für die Ausfuhr arabischer Pferde nach Indien, war von den Einwohnern aus Furcht vor den schrecklichen Feinden verlassen und wurde daher ausgeplündert. So rückte der Verwüstungszug näher an Ormuz heran. Die Zeitgenossen haben über Albuquerque’s barbarische Kriegführung kein abfälliges Urtheil ausgesprochen. Daß er hart und herzlos Gefangene verstümmeln ließ und Städte vom Erdboden vertilgte, fand das Zeitalter ganz natürlich; es galt ja dem Feinde der Christenheit. Man kämpfte für den heiligen Glauben und hatte Gott auf seiner Seite.
Ende September 1507 erschien die portugiesische Flotte vor Ormuz. Den Thron hatte damals ein zwölfjähriger Knabe, Seif-eddin (Seifadin) inne, der eigentliche Regent war Chodscheh Atar, von Geburt ein Bengale. Die Stadt lag, im Süden durch Felsen gedeckt, auf der flacheren Nordseite der Insel; zwischen ihr und der Felsenküste von Mogistan befand sich der Hafen. Die Besatzung bestand aus 30,000 Mann, darunter 4000 persische Bogenschützen als Bundesgenossen. Albuquerque begrüßte bei seiner Ankunft die Stadt durch Kanonensalven und segelte dann kühn in den Hafen hinein. Kurzer Hand forderte er Unterwerfung und Anerkennung der portugiesischen Oberhoheit, andernfalls drohte er mit Vernichtung. Aber der Regent war nicht gewillt, sich bei seiner bedeutenden Macht ohne weiteres in fremde Botmäßigkeit zu begeben, er lehnte die Forderung des Portugiesen ab. Als Antwort darauf ließ Albuquerque die Handelsschiffe im Hafen in den Grund bohren. Dabei wurden seine Schiffe von zweihundert mit Bogenschützen bemannten Böten angegriffen; aber die höher gebauten europäischen Fahrzeuge und namentlich das europäische Geschütz behielt den Sieg. Dann erst bequemte sich Chodscheh Atar, die Oberhoheit des Königs Manuel anzuerkennen und einen jährlichen Tribut von 15,000 Scherafinen (etwa ~à~ 6 Mark) zu zahlen. Auch mußte er gestatten, daß die Portugiesen eine Festung anlegten. Schon im October begann der Bau, aber die portugiesischen Capitäne, welche unter Albuquerque dienten, halfen nur ungern; sie hätten lieber gewinnreiche Jagd auf Handelsschiffe gemacht oder wären nach Indien gesegelt, um Gewürze einzuhandeln. Sie vereinigten sich zu einem schriftlichen Protest, aber der Oberbefehlshaber zerriß denselben, ungelesen, unter dem Thor der neuen Citadelle. Dadurch gekränkt und beleidigt suchten die Capitäne nach einer Gelegenheit, sich von ihrem Führer zu trennen. Die Uneinigkeit unter seinen Feinden ermuthigte den Regenten der Stadt zu erneutem Widerstande. Die Gelegenheit dazu bot sich bald. Da fünf von der Flotte entlaufene und in die Stadt gelockte Portugiesen nicht sofort, wie Albuquerque verlangte, ausgeliefert wurden, so brach der Krieg von neuem aus. Derselbe mußte aber rasch abgebrochen werden, weil drei Capitäne mit ihren Schiffen auf eigene Verantwortung den Hafen verließen und nach Indien segelten, so daß Albuquerque, dadurch in seiner Macht geschwächt, allein den Kampf nicht fortführen konnte, sondern sich genöthigt sah, zur Ueberwinterung nach Sokotra zurückzuweichen. Doch schickte er den João da Nova den Flüchtigen nach, um sich beim Vicekönig über solche unerhörte Felonie zu beschweren.
In Sokotra fand er die Besatzung der kleinen Citadelle durch Krankheit und Hunger erschöpft. Von Melinde mußten Lebensmittel herbeigeschafft werden; statt Unterstützung zu finden, mußte Albuquerque Hilfe schaffen. Sein Aufenthalt an der afrikanischen Insel verzögerte sich bis in den Hochsommer, dann kam unter Vasco Gomez d’Abreu Verstärkung von Lissabon. Mit dieser vereinigte er den Rest seiner Macht, sah sich also wieder an der Spitze von 300 Mann und war kühn genug, mit dieser kleinen Schaar zum zweiten Male vor Ormuz zu rücken. Chodscheh Atar hatte nach dem Abzuge der Portugiesen, deren Mißerfolge er sich als Sieg anrechnete, im Vertrauen auf seine neubefestigte Stellung und die eigne Truppenmacht, (die persischen Bundesgenossen waren durch seinen Uebermuth verscheucht,) klugerweise die von den Portugiesen begonnene Festung ausgebaut[104] und mit Geschützen armirt, welche er durch europäische Ueberläufer hatte gießen lassen. Er war, wenn auch auf sich allein angewiesen, doch nicht so wehrlos dem Gegner preisgegeben als das erste Mal. Daher mußte sich Albuquerque vorläufig, als er im September 1508 wieder vor der Stadt erschien, auf die Blokade beschränken. Inzwischen erhielt aber Atar eine wesentliche Hilfe und Ermuthigung zum Widerstande von einer Seite, woher er sie wohl am wenigsten erwartete, vom Vicekönig Almeida selbst. Dieser hatte nämlich auf die Klage der drei Capitäne, welche sich vor Ormuz von Albuquerque getrennt hatten, im Mai 1508 eine Untersuchung der Angelegenheit befohlen und Gonçalo Fernandez damit beauftragt. Im Verlauf derselben war Almeida immer mehr zur Ueberzeugung gekommen, daß Albuquerque durch seine Gewaltthaten die Interessen der portugiesischen Krone mehr schädige als fördere. Ein von den Portugiesen aufgebrachtes Schiff von Ormuz hatte Almeida wieder freigegeben und mit Briefen an den Regenten von Ormuz gesandt. Almeida’s Schreiben[105] athmete Freundschaft für die reiche Handelsstadt, wenn er auch wünschte, der Fürst möge seinem König jährlich ein Geschenk senden. Er sprach seinen Unwillen über die verderbliche Kriegführung Albuquerque’s aus und sicherte, indem er sieben Geleitsbriefe mitsandte, jedem Handelsschiffe von Ormuz seinen Schutz zu. „Ich will,“ schrieb er, „an dem König von Portugal zum Verräther werden, wenn ich dulde, daß ihnen auch nur ein Haar gekrümmt werde.“
Eine Abschrift dieses Briefes ließ Chodscheh Atar an Albuquerque übermitteln. Albuquerque bestand aber auf der Zahlung des Tributs und erklärte die Briefe des Vicekönigs für untergeschoben, weil sie dessen Unterschrift nicht trügen. Atar erklärte dagegen, die Stadt werde bereit sein, in Friedenszeiten den auferlegten Tribut von 15,000 Scherafinen zu zahlen; wenn aber ihr Handel gelähmt werde, könne sie die Summe unmöglich aufbringen. Die Briefe seien echt, des Königs Siegel und des Vicekönigs Unterschrift bürgten dafür. -- Man weiß, welche Achtung man im ganzen Orient dem Siegel und Namenszuge eines Mannes zollt. Albuquerque setzte darauf die Blokade noch eine zeitlang fort und beunruhigte die Stadt in kleinen Gefechten; da er aber die Gewißheit hatte, daß ihm von Indien her keine Unterstützung kommen werde, und da er sah, daß es seinen Schiffen immer schwieriger wurde, sich zu halten, weil sie leck geworden waren, so entschloß er sich endlich den Kampf abzubrechen und nach Indien zu gehen. Ohne Zwischenfälle erreichte er die Andjediven, machte dort drei Tage halt und segelte dann nach Kananor, wo er den Vicekönig fand (im Dec. 1508). Leider mußte er hier erfahren, daß Almeida zwei von seinen rebellischen Capitänen in Freiheit gesetzt, und den dritten, um sich zu rechtfertigen, nach Portugal entsendet hatte. Da er zum Nachfolger im Commando ernannt worden war, so verlangte er die Uebergabe des Oberbefehls; aber Almeida, augenblicklich in der Ausrüstung seines Zuges gegen Goa begriffen und begierig, noch vor Ablauf seines Regiments die vor Tschaul den portugiesischen Waffen zugefügte Niederlage und den Tod seines Sohnes zu rächen, erklärte, er werde sein Amt nicht vor dem Schluß des laufenden Jahres niederlegen, auch sei das Schiff, auf dem er, der von Portugal ergangenen Weisung gemäß, zurückkehren solle, noch nicht angelangt. Dieses Schiff aber war, wie bereits berichtet ist, an der ostafrikanischen Küste gescheitert und untergegangen. Mißmuthig wartend zog sich Albuquerque nach Kotschin zurück.
Kurz darauf, am 12. December 1508 brach Almeida mit neunzehn Segeln gegen Norden auf; später stießen noch vier Schiffe zu ihm, so daß seine Flotte nun dreiundzwanzig Schiffe mit 1600 Mann Truppen zählte. Noch vor Ablauf des Jahres wurde die Stadt Dabul erstürmt und entsetzlich verwüstet, so daß die Zerstörung dieser Stadt im Orient noch lange mit Schaudern erzählt und sprichwörtlich wurde als ein Beispiel unerhörter Vernichtung.
Erst am 2. Februar 1509 kam das Geschwader vor Diu an. Im Hafen lagen die Flotten der Aegypter und des Statthalters von Diu, Melek Eias, vereinigt; auch der Samudrin hatte eine Anzahl bewaffneter Fusten zu Hilfe gesendet. Aber die drei Parteien trauten einander nicht, besonders Melek Eias spielte eine zweifelhafte Rolle. Am folgenden Tage drang Almeida in den Hafen ein und richtete seinen Angriff lediglich auf die ägyptischen Schiffe. Eins nach dem andern wurde geentert und versenkt, so daß der Flottenführer Hussein nur mit Noth dem allgemeinen Verderben entrinnen konnte. Er verließ heimlich sein Schiff, bestieg am Lande ein Pferd und jagte flüchtig nordwärts nach Kambaya. Als die Schiffe von Diu und Kalikut sahen, daß der Ausgang des Kampfes nicht mehr zweifelhaft blieb, und daß man sie vorläufig schonen wollte, zogen sie sich bei Zeiten zurück. Auch hatte sich Almeida dafür entschieden, Melek Eias vor Diu nicht anzugreifen, obwohl derselbe die Hauptursache gewesen, daß sein Sohn Lourenço gefallen war. Der Vicekönig mochte auch befürchten, durch einen Angriff auf Diu den Oberherrn des Landes, den König von Gudjerat, mit in den Krieg zu verwickeln. Ihm war vor allem darum zu thun, die mohammedanischen Aegypter aus den indischen Gewässern zu vertreiben; mit den einheimischen Fürsten hoffte er dann schon wieder in ein freundlicheres Verhältniß treten zu können. In diesem Bestreben kam ihm sogar das schlaue Verhalten Melek Eias entgegen, welcher sich nicht entblödete, den portugiesischen Sieger wegen seines Erfolges zu beglückwünschen und ihm seine Dienste anzubieten. Almeida begnügte sich daher auch, nur die Auslieferung der Portugiesen zu verlangen, die auf dem Schiffe seines Sohnes zu Gefangenen gemacht waren. Dieselben wurden auch alsbald durch Melek Eias zurückgesandt. Dann kehrte der Vicekönig nach Kotschin zurück. Hier erneuerte Albuquerque wiederum seine gerechte Forderung, ihm den Oberbefehl zu übergeben; aber Almeida zögerte immer wieder, weil das erwartete Schiff noch nicht angelangt sei. Erst als Fernão Coutinho im Oktober 1509 von Portugal mit vierzehn Schiffen in Kotschin einlief und bestimmten Befehl für den Wechsel des Obercommandos mitbrachte, trat Almeida von seinem Amte zurück und schiffte sich am 19. December ein. Aber er sollte die Heimat nicht wieder sehen. Das Schiff ging an der Westküste von Südafrika, in der Saldanhabai, vor Anker um Wasser einzunehmen. Dabei verwickelte sich die Mannschaft in einen Kampf mit den Hottentotten und 150 tapfere Streiter, darunter elf Hauptleute, welche in Indien Wunder der Tapferkeit gethan, wurden sammt dem Vicekönig von den nackten Wilden überwältigt und erschlagen. „Nie,“ so klagt de Barros, „erlitten die portugiesischen Waffen ein größeres Unglück!“[106]
Almeida war ein tüchtiger Soldat, ein uneigennütziger, sittlich reiner Charakter und daher auch bei jedermann beliebt und hochgeachtet. Er sorgte väterlich für die Soldaten, aber er stellte auch an ihre Leistungen hohe Ansprüche. Ihre materielle Lage suchte er zu heben, denn ihr Sold war gering, und daher kamen häufig Desertionen vor. Der König war nur darüber unzufrieden, daß Almeida mit seinen Belohnungen nicht geizte. Dieser aber sah sich vielfach durch die von Portugal ergangenen Befehle in seinen Unternehmungen gekreuzt. Namentlich tadelte er das Verfahren der portugiesischen Verwaltung, ihm Höflinge zu senden, die nichts leisteten, aber in Indien alsbald höhere Stellen beanspruchten, ohne sie verdient zu haben. Dem König schrieb er: „Ich rathe Euch, dem Vicekönig, den Ihr sendet, mehr Vertrauen zu schenken, als mir zu Theil geworden ist, und keine Befehle zu erlassen, ehe Ihr Eure Rathgeber in Indien gehört habt.“
Er wollte alle Macht auf die Beherrschung des Meeres an der Westküste Indiens werfen und die Flotte nicht durch Operationen an der afrikanischen oder arabischen Küste zersplittert sehen. Daher seine Abneigung gegen Albuquerque, in welcher er durch die abtrünnigen Capitäne desselben bestärkt wurde. Als ihm der König befahl, Schiffe nach Malaka zu senden, erwiderte er, dazu habe er noch keine Zeit, in Indien gebe es noch genug zu thun.
So handelte er stets nach einem festen Plane und ließ sich selbst durch directe Befehle, die von Portugal an ihn ergingen, nicht davon abbringen. Daß sein System mit ihm fallen würde, sah er voraus; denn sein Nachfolger schlug ganz andere Bahnen ein und erweiterte den Kampfplatz über die ganze Breite des indischen Oceans. In trüber Stimmung, erhöht durch die Erinnerung an den herben Verlust seines tapferen Sohnes, verließ der erste Vicekönig Indien und fand auf afrikanischem Boden ein tragisches Ende.
7. Affonso d’Albuquerque, Generalcapitän und Governador von Indien.
Nachdem Almeida Indien verlassen hatte, traf Albuquerque in Gemeinschaft mit dem Marschall Coutinho seine Vorbereitungen, Kalikut anzugreifen und den Samudrin zu züchtigen; denn König Manuel hatte diesen Angriff dringlich befohlen. Fernão Coutinho ergriff diese Gelegenheit, sich in Indien mit Kriegslorbeeren zu schmücken, mit unverhohlener Freude. So wurde er des lästigen Commandos über die Handelsflotte ledig. „Seine Vorfahren hätten sich nicht mit Handel abgegeben, und er selbst habe auch keine Neigung für solches Gewerbe.“ Er war durch und durch Soldat und blickte mit Verachtung auf die Kriegsleistungen der Indier. Am Abend des 2. Januar 1510 erschien die vereinigte Flotte vor Kalikut, sie hatte, ungerechnet die indischen Hilfstruppen, gegen 2000 portugiesische Soldaten am Bord. Der Samudrin selbst war wahrscheinlich auf einem Feldzuge gegen einen benachbarten Fürsten von seiner Hauptstadt fern, als die drohende Macht vor seiner Residenz erschien. In der Nähe der Stadt, nicht fern vom Meere, lag auf einer Anhöhe das Schloß des Fürsten, welches in der Zwischenzeit durch Erdwälle verschanzt und in eine Festung umgewandelt war. Hieher mußte sich der erste Angriff richten, wenn die unbefestigte Stadt selbst dauernd gewonnen werden sollte.
Coutinho forderte die Führung des ersten Treffens, er hoffte wohl allein mit der feindlichen Streitmacht fertig werden zu können. Albuquerque willigte nur ungern ein, weil er den Marschall als einen Hitzkopf kannte, der mit den indischen Kriegslisten noch zu wenig vertraut war und ohne viel Ueberlegung drauf los ging in der Erwartung, schon beim ersten Waffengange seine Gegner in alle Winde zu verjagen.
Als aber am Morgen des 3. Januar die Ausschiffung der Truppen begann, zeigten sich die Nair doch so zäh im Widerstande und überschütteten ihre Feinde mit einem solchen Hagel von Geschossen, daß die Portugiesen bei ihrem Angriff sich zu theilen beschlossen. So kam es, daß indem beide Feldherren verschiedene Landungsplätze wählten, Albuquerque seine Leute eher ans Land geworfen hatte und zum Sturm überging als sein Waffengefährte. Nach einem erbitterten Kampf um den Wall, bei welchem schon viele Streiter fielen, drang der Generalcapitän zuerst in die Schanzen ein, ließ Feuer in die königlichen Häuser werfen und vertrieb die Indier aus der festen Stellung. Coutinho sah sich dadurch um den ersehnten Ruhm betrogen und nannte, vor Zorn und Schmerz glühend, jenen ein um das andere Mal einen wortbrüchigen Menschen, der anderen keine Ehre und Auszeichnung gönne. Albuquerque blieb bei diesen Schmähungen kaltblütig und wies darauf hin, daß man oft im Kriege gegen den vorgefaßten Plan handeln müsse, wenn der günstige Augenblick es fordere. Auch sei mit diesem ersten Erfolg der Sieg noch keineswegs entschieden. Der Gegner sei zwar zurückgewiesen, aber seine Macht noch nicht gebrochen. Allein Coutinho achtete nicht darauf, in blinder Aufregung gebot er sofort den Angriff auf die Stadt. Hier wollte er der erste sein und die Brandfackel in den großen königlichen Palast schleudern. In einem entfernten Stadttheile lagen auf einem freien Platze, von Mauern umgeben, die weitläufigen Gebäude des Fürstensitzes. Trotz des Widerstandes drangen Coutinho und seine Schaar durch Thor und Mauerlücken ein und legten Feuer an, worauf die Indier zurückwichen. Albuquerque folgte, nachdem er vorsorglich einen Theil seiner Mannschaft am Ufer zur Bewachung der Böte zurückgelassen hatte, durch Kampf in den Straßen der Stadt aufgehalten, langsam nach. Coutinho glaubte schon, im Besitze des Palastes, sich des vollständigen Sieges erfreuen zu können, und gestattete sorglos seinen Soldaten sich zu zerstreuen und die königlichen Schätze zu plündern. Darauf hatten aber die Indier gewartet; sie sammelten sich von neuem und gingen wieder zum Angriff über. Sie umzingelten in hellen Haufen den Palast und drangen endlich trotz der hartnäckigen Gegenwehr des portugiesischen Hauptmanns, dem die Bewachung des einen Thores übergeben war, wieder in den Hof ein und fielen über die zerstreuten Portugiesen her. Albuquerque konnte nur mit Mühe bis in die Nähe des Kampfplatzes vordringen und sandte Boten über Boten an den Marschall, um ihn zu eiligem Rückzuge aufzufordern. Dieser aber verachtete immer noch die drohende Gefahr und erwiderte, der Generalcapitän möge nur ruhig den Abmarsch antreten, er selbst werde folgen, wenn seine Mannschaft sich wieder gesammelt hätte.
Selbst von allen Seiten umdrängt, wich Albuquerque langsam zurück. Der Rückzug ging durch einen Hohlweg, von dessen hohen Rändern aus die Indier mit Wurfspießen, Pfeilen und Steinen die Portugiesen überschütteten. Von Coutinho war er vollständig abgeschnitten und konnte nur auf sich selbst Bedacht nehmen, da seine Truppen sich weigerten, noch einmal den Versuch zu wagen, sich bis zu dem Marschall durchzuschlagen. Albuquerque wurde im Gewühl zuerst schwer am linken Arme verwundet, erhielt dann einen Pfeilschuß in den Nacken und mußte endlich, als ihn ein mächtiger Stein vor die Brust traf, besinnungslos fortgetragen werden. Der Marschall aber fiel mit 80 Kampfgefährten. So endigte, durch die Tollkühnheit Coutinho’s herbeiführt, dieser Angriff auf Kalikut als vollständige Niederlage; und hätte nicht Albuquerque am Ufer die Schiffe mit starker Mannschaft bewachen lassen und wäre die See nicht ruhig gewesen, so hätte der Ausgang des Tages für die Portugiesen dermaßen verhängnißvoll werden können, daß ihre ganze Machtstellung in Indien zweifelhaft geworden wäre.
Nach dem Fall Coutinho’s erhielt Albuquerque auch das Commando über dessen Schiffe und begab sich nach Kotschin. Kaum war er von seinen Wunden genesen, so sann er auf neue Kriegspläne. Ende Januar 1510 waren 21 Schiffe ausgerüstet und bemannt. Es schien, als wollte er, dem Befehl seines Königs gemäß, nach dem rothen Meere segeln, um dort einer neuen ägyptischen Flotte entgegenzutreten. Aber der Generalcapitän hatte seine wahren Absichten nur geheim gehalten, um desto erfolgreicher einen unerwarteten Schlag zu thun. Er hatte sein Absehen auf +Goa+ gerichtet, welches so ziemlich auf der Mitte der Westküste Vorder-Indiens und dazu in der Nähe der Andjediven gelegen, wohin die von Afrika herübersteuernden Schiffe meistens ihren Lauf richteten, besonders günstig erschien, um von hier aus das westliche Meer und die Straßen nach Ormuz und Aden zu beherrschen. Goa lag auf einer flachen, aber nicht feuchten Insel, welche durch die gemeinsame Arbeit mehrerer von den Westghats herabkommender Flüsse aus dem continentalen Ufersaume gleichsam herausgeschnitten war. Die Insel ist von Osten nach Westen ungefähr drei Meilen lang und von Norden nach Süden zwei Meilen breit. Das höhere, hügelige Land läuft gegen die See in eine Spitze aus. Die gegen das Meer bedeutend erweiterten Mündungen gestatteten den Zutritt der Flut um die ganze Insel. Die alte Stadt lag auf der Südseite, die neue Stadt war ungefähr vierzig Jahre vor der Ankunft der Portugiesen in Indien von Mohammedanern gegründet, die von der etwa 18 Meilen weiter südlich gelegenen Stadt Onor hieher geflüchtet und sich unter der Führung Melek Husseins hier angesiedelt hatten. Die Canäle, welche die Insel und Stadt umziehen, sind voll von Krokodilen und durften daher, wenn sie zur Ebbezeit durchwatbar werden, nur mit Vorsicht durchschritten werden. Alt-Goa ist jetzt fast ganz verlassen, nur Geistliche und Mönche wohnen noch dort zwischen den großartigen Ruinen zahlreicher Kirchen und Klöster. Der Hafen der neuen Stadt ist wegen seiner wunderbaren landschaftlichen Schönheit hoch gepriesen.
Die Zeit zum Angriffe war von Albuquerque insofern sehr günstig gewählt, als der damalige Beherrscher Adil-Schah, der König von Bidjapur, nur wenig Truppen in der Stadt unterhielt. Die Bevölkerung des Hafenplatzes und die militärische Besatzung standen in ihren Interessen einander gegenüber. Als Albuquerque mit seiner Flotte vor der Einfahrt zum Hafen angelangt war, schickte er seinen Neffen Antonio de Noronha mit bewaffneten Böten voraus, um das Fahrwasser in den Canälen zu untersuchen. Bei einer Biegung des Flusses sahen sich die Portugiesen plötzlich der Citadelle von Pandjin gegenüber, welche nach der Seeseite die Stadt deckte. Unverweilt, ehe die Besatzung sich sammelte und die Kanonen bedienen konnte, gingen die Portugiesen zum Sturm über und drangen durch die Schießscharten und über den Wall in die Citadelle, welche, nachdem ihr Befehlshaber verwundet worden, von der Besatzung aufgegeben wurde. Der Generalcapitän hörte in der Ferne das Kampfgetöse und gab sofort Befehl, mit allen Truppen vorzugehen, fand aber bei seiner Ankunft den befestigten Platz bereits in den Händen der Seinigen. Die Truppen des Adil-Schah zogen sich auch aus der Stadt zurück, und ihr Anführer empfahl den Bürgern, sich ohne Gegenwehr zu ergeben, denn die abendländischen Feinde seien unwiderstehlich. So erschien schon am nächsten Tage eine Gesandtschaft von Bürgern vor Albuquerque und bot gegen Sicherheit des Lebens und Eigenthums die Unterwerfung an. Dieselbe wurde angenommen, doch wurde das vorhandene Kriegsmaterial als Beute erklärt, Albuquerque zog mit seinen Truppen in die Stadt und nahm den Palast des Statthalters in Besitz. Die eroberte Citadelle wurde verstärkt, und die Flotte ging im Hafen vor Anker. Die Schiffe wurden zum Theil sogar abgetakelt, damit während der Regenzeit das Tauwerk nicht zu sehr litte; denn Albuquerque gedachte längere Zeit in Goa zuzubringen.
Inzwischen aber sammelte der Fürst des Landes ein größeres Heer und rückte zum Entsatz heran. Die Portugiesen konnten die unbefestigte Stadt nicht behaupten, und zogen sich auf die Schiffe zurück; aber gedeckt durch die Kanonen der Citadelle blieb die Flotte noch im Hafen liegen.
Gegen Ende Mai trafen die Indier Vorkehrungen, dem Feinde den Rückzug abzuschneiden, sie versenkten Schiffe in dem unteren Theile des Canals, der zur See führte, und ließen brennende Flöße den Fluß hinabtreiben, um die portugiesischen Fahrzeuge in Brand zu setzen. Bei dieser drohender werdenden Gefahr mußte sich Albuquerque entschließen, vorläufig das Errungene wieder aufzugeben. Aber auch der Rückzug war mit bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft. Einzeln mußten seine Schiffe zwischen den versenkten Fahrzeugen hindurch geführt werden und waren dabei unausgesetzt dem Feuer der Feinde preisgegeben, welche an beiden Seiten Schanzen aufgeworfen hatten. Diese mußten also erst erstürmt werden, um das Feuer der Gegner zum Schweigen zu bringen. Und selbst als dieses gelungen war, hemmte noch das seichte Wasser über der Barre das Auslaufen der Flotte in die See eine längere Zeit. Von allen Hilfsmitteln des Landes abgeschnitten, trat Mangel an Lebensmitteln und Wasser ein, der Mann bekam täglich nur noch vier Unzen Zwieback, und auf einigen Schiffen sah man sich sogar gezwungen, Jagd auf Ratten zu machen. Jeder Tropfen Wasser mußte mit Blut erkauft werden. Antonio de Noronha wurde durch einen Pfeilschuß verwundet und starb am dritten Tage, ein herber Verlust für Albuquerque, welcher seinen heldenmüthigen Verwandten sehr hoch schätzte. Zwar verrichteten noch manche Wunder der Tapferkeit und gewannen dadurch die Bewunderung ihrer Feinde; aber bei vielen griff Mißmuth und Verzagtheit dergestalt um sich, daß sie in ihrer Verzweiflung und von Durst und Hunger gequält, desertirten. Albuquerque bewies auch in dieser Noth seine Seelenstärke, feuerte seine Schaar durch Trostesworte immer von neuem an und theilte mit ihnen alle Entbehrungen und Gefahren. Erst im August gelang es ihm, über die Barre hinwegzukommen und die See zu gewinnen. Es war die zweite Niederlage, die er erlitten; aber sein Muth war nicht gebrochen und seine Absichten auf Goa behielt er im Auge. Vorläufig allerdings mußte er seinen Truppen Ruhe gönnen und wandte sich daher mit seiner Flotte südwärts zu dem befreundeten Hafen nach Kananor. Auf dem Wege dahin stießen vier Schiffe des Diogo Mendes de Vascogoncellos zu ihm, die von Portugal aus den Auftrag erhalten hatten, einen Streifzug nach dem berühmten Markte von Malaka zu unternehmen, weil man damals im Mutterlande noch nicht erfahren hatte, daß, wie wir später sehen werden, Lopez de Sequeira bereits jener Handelsstadt einen Besuch abgestattet hatte. In Kananor stieß dann noch ein zweites Geschwader zu ihm, welches unter der Führung des Capitän Gonçalo de Sequeira mit sieben Handelsschiffen und frischen Truppen im März von Lissabon ausgelaufen, aber ein Schiff an der afrikanischen Küste verloren hatte.
Dieser Zuwachs an Macht bestärkte den Generalcapitän, einen neuen Angriff auf Goa zu machen. Vascogoncellos erklärte sich bereit, an diesem Zuge theilzunehmen, da der ihm gewordene Auftrag bereits erledigt sei. Gonçalo de Sequeira dagegen glaubte die Theilnahme ablehnen zu müssen, weil einerseits die meisten Schiffe Privatrhedern gehörten, welche nur, um Handel zu treiben, gekommen wären, und anderseits ihre nächste Hilfe dem Fürsten von Kotschin gehöre, welcher von einem Nebenbuhler, den der Samudrin mit Truppen unterstützte, hart bedrängt werde. Um diesen zweiten Grund sofort zu erledigen, ging Albuquerque mit einigen Schiffen und Mannschaften nach Kotschin und stellte die Ruhe und gesetzmäßige Regierung in kurzer Frist wieder her. Dann berief er in dieselbe Stadt einen Kriegsrath sämmtlicher Hauptleute, um sie für seinen Plan zu gewinnen.
Dieser Rath trat am 12. October 1510 zusammen. Der Generalcapitän legte der Versammlung die Frage vor, ob sie nicht seinem Plane zustimmen wolle, während die Handelsschiffe in Kotschin ihre Gewürzfrucht einnähmen, alle verfügbare Mannschaft mit seinen Truppen zu vereinigen, um Goa von neuem zu erobern.
Diese Berathung ist in der späteren Zeit von außerordentlichen Folgen gewesen. Hier war es, wo +Fernão de Magalhães+ sich entschieden für die Ansicht Sequeira’s aussprach und Albuquerque dadurch auf das empfindlichste verletzte: +Vor+ dem 8. November werde man bei den augenblicklich herrschenden Gegenwinden schwerlich mit der Flotte vor Goa erscheinen können (-- Albuquerque kam in der That erst am 24. November dahin --); dann werde aber die Rückfahrt der Handelsschiffe dermaßen verzögert, daß man entweder der am Kriegszuge betheiligten Mannschaft später keine Zeit lassen könne, ihre eigenen Angelegenheiten zu betreiben, um sich zur beschleunigten Abreise einzurichten, oder es werde der günstige Monsun verpaßt.
Albuquerque erklärte dagegen aufs bestimmteste, er werde den nächsten Tag aufbrechen, er werde auch niemanden gegen seinen Wunsch zwingen mitzugehen, aber er wünsche deshalb diesen Zug so bald als möglich zu unternehmen, um mit der demnächst abzufertigenden Handelsflotte seinem Könige eine erfreuliche Botschaft aus Indien übersenden zu können.
So blieben die +Ansichten+ getheilt und der Generalcapitän gewann nur einen Theil der Stimmen für sich. Der Widerspruch Magalhães legte den Grund zu dem ungünstigen Urtheile, welches Albuquerque in einem Berichte an den König über jenen fällte, und welches wohl die Ursache war -- denn wir kennen keine andere -- daß Manuel späterhin, als Magalhães um eine bescheidene Erhöhung seiner wohlverdienten Pension nachsuchte, die Gewährung dieser Bitte verweigerte, wodurch der Bittsteller sich so sehr verletzt und zurückgesetzt fühlte, daß er seinem Vaterlande den Rücken kehrte und auf spanischen Schiffen seine berühmte, ja die berühmteste aller Weltreisen unternahm. Magalhães scheint bald nach dem Conflicte mit Albuquerque Indien verlassen zu haben, denn hier sah er von da an sich aller Gelegenheit beraubt, Aufzeichnung und Ruhm zu gewinnen.
Die portugiesische Flotte, 23 Segel stark, erschien mit 1600 Mann Soldaten am 20. November vor Goa. Gaspar de Paiva hatte, mit drei Schiffen vorausgesandt, schon einige Zeit vor dem Hafen gekreuzt und kein Schiff weder hinein, noch heraus gelassen. In der Stadt war man auf einen heißen Kampf gefaßt. Ohne Zeitverlust ging Albuquerque zum Angriff über, schon am 25. November wurde die Citadelle erstürmt und die Insel besetzt; aber gewarnt durch die schlimme Erfahrung von Kalikut duldete er nicht, daß die Soldaten sich zerstreuten. Dann wurde auch die Stadt selbst von zwei Seiten angegriffen und erobert. Viele Einwohner verließen die Stadt, aber bei ihrer hastigen Flucht sollen in den seichten Durchgängen der Canäle mehrere Tausende umgekommen sein. Alles was mohammedanisch war, wurde in dem eroberten Platze ohne Gnade niedergemacht: Männer, Weiber und Kinder. Eine Moschee, mit Gefangenen angefüllt, wurde den Flammen übergeben, so daß alle in dem Gotteshause Befindlichen ihren Tod fanden.
Dann ließ Albuquerque ein starkes steinernes Kastell erbauen und gab ihm, dem König zu Ehren, den Namen Manuel. Im Vertrauen auf die dadurch gebotene Sicherheit ließen sich bald, neben den befreundeten Indiern, welche nach dem Sturm zurückkehrten, auch Portugiesen dauernd an diesem Platze nieder, welcher von den Siegern zum Mittelpunkte der portugiesischen Macht in Indien erhoben wurde.
Der Fall Goa’s machte auf die Fürsten der Nachbarschaft einen bedeutenden Eindruck, weshalb sie sich beeilten, die Freundschaft der neuen Herren zu gewinnen. Der König von Kambaya gab den Neffen des Generalcapitäns Affonso de Noronha, der sich in seiner Gefangenschaft befand, nicht nur ohne Bedingung los, sondern erklärte sich auch bereit, den Bau einer Festung in Diu zu gestatten. Es erschienen Gesandtschaften von Gudjerat, von Kalikut, selbst aus dem Binnenlande von Bisnaga, alle bezeugten ihre Friedensliebe und wünschten bezüglich eines friedlichen Handelsverkehrs in Unterhandlung zu treten. Da indeß der Samudrin den geforderten Bau einer portugiesischen Citadelle nicht zugeben wollte, so zerschlug sich mit diesem Fürsten die Verhandlung. Emir Hussein, welcher damals in Kambaya sich befand, kehrte nach Kairo zurück, da er alle Hoffnung aufgegeben hatte, in Indien noch wieder zum Siege zu gelangen, und der Sultan von Aegypten ließ gleichfalls mit dem weiteren Bau einer Flotte innehalten.
So war die Wirkung der Eroberung Goa’s nach allen Seiten eine tiefgehende. Goa hatte nicht blos eine dauernde Besatzung von 400 Mann in der Burg, sondern wurde eine portugiesische Stadt, sie war Eigenthum ihres Königs, und die Fürsten Indiens mußten diesen staatlichen Besitz anerkennen. Und daß die Portugiesen die neuen Verhältnisse in Goa in ähnlicher Weise auffaßten, beweist die Thatsache, daß bald darauf eine Münzstätte in der Stadt errichtet wurde, wo nicht blos neues Geld geprägt, sondern auch alles indische Geld, wenn es allgemein gültig sein sollte im Verkehr, mit einem portugiesischen Stempel versehen wurde. Aber der portugiesische Feldherr war nicht gewillt, von Goa aus die friedliche Entwicklung seiner Macht zu leiten. Seine Blicke schweiften bereits über Vorder-Indien hinaus nach Malaka, welches als bedeutendster Gewürzmarkt Hinter-Indiens galt, und ohne dessen Besitz die Portugiesen nie das Monopol erwarben; denn von Malaka aus gingen die Handelsschiffe direct, mit Umgehung Vorder-Indiens, nach dem rothen Meere. Sollte also Goa gehoben und zum Mittelpunkte des Verkehrs in Vorder-Indien gemacht werden, dann konnte dies nur erreicht werden, wenn Malaka gleichfalls in portugiesischen Besitz übergegangen war.
Diogo Lopez de Sequeira war der erste gewesen, der jenen fernen Handelsplatz erreicht hatte. Er war 1508 von Portugal mit vier Schiffen abgegangen, hatte unterwegs Madagascar besucht und langte im Frühjahr 1509 in Kotschin an. Der Vicekönig Almeida gab ihm noch ein fünftes Schiff, auf welchem Francisco Serrão, dessen abenteuerliche Reise nach den Molukken uns später beschäftigen wird, und Fernão de Magelhães dienten. Am 8. September desselben Jahres war Sequeira wieder von Kotschin aufgebrochen, war an Ceylon und den Nikobaren vorüber nach Nordsumatra gesteuert, wo er die Landschaft Pedir besuchte, denn Sumatra lieferte schon damals am meisten Pfeffer, und war endlich glücklich in Malaka angelaufen. Die Mauren gaben sich auch hier sofort alle erdenkliche Mühe, die Ankömmlinge zu verdächtigen, trotzdem wurden die Portugiesen wohlwollend aufgenommen, wenn auch der Sultan Mahmud durch seine Grausamkeit berüchtigt war und nicht blos seinen Bruder, sondern sogar seine Gemahlin hatte hinrichten lassen.
Die Chinesen kamen den Portugiesen zuerst in freundlicher Weise entgegen. Es war das erstemal, daß man mit den Söhnen aus dem Reiche der Mitte zusammentraf. Die weiße Hautfarbe dieser Leute aus dem Osten, ihre unbefangene Art, sorglos zu den fremden Schiffen wie zu den asiatischen heranzurudern und den Kleinhandel zu eröffnen, selbst manche ihrer Sitten und ihre Tracht wollte mehr ans Abendland, als an den fernsten Osten gemahnen. Man darf nicht vergessen, daß die Chinesen damals noch keinen Zopf trugen. Damian de Goes (a. a. O. S. 300) fand eine Aehnlichkeit mit vlaamischen oder niederdeutschen Gewohnheiten, und ähnlich äußert sich auch Barros.[107] Man fand bei ihnen nicht den hemmenden Kastengeist, denn sie scheuten sich ja auch nicht, mit den Portugiesen aus +einer+ Schüssel zu essen. So war es natürlich, daß Europäer und Chinesen, beide in der Stadt Fremdlinge, sich einander freundschaftlich näherten, und daß diese ihren neuen Geschäftsfreunden die Warnung zukommen ließen, den Malayen nicht zu sehr zu trauen. Darum ging auch der portugiesische Capitän nicht selbst zur Audienz, sondern entsendete den Jeronimo Texeira, welcher indeß eine gute Aufnahme fand und vom Sultan ein Lagerhaus angewiesen erhielt, um von da aus den Handel mit den einheimischen Kaufleuten zu eröffnen. Die Portugiesen gingen dann ungehindert in der Stadt umher, waren aber leider unbedachtsam genug, sich auch nach der Kriegsflotte des Sultans umzusehen, was die Mohammedaner, und unter ihnen namentlich der abgefeimte Schatzmeister, sofort zu ihrem Vortheile ausbeuteten, um die Fremden als Spione zu verdächtigen. Mit Einverständniß des Sultans wurde ein Plan entworfen, die Portugiesen zu vernichten. Zuerst hoffte man den Anführer und einige der vornehmeren Offiziere bei einem Gastmahl überfallen und ermorden zu können, aber Sequeira lehnte die Einladung ab und entschuldigte sich mit Krankheit. Dann wollte man die portugiesische Mannschaft in der Stadt, an verschiedenen Orten, wohin man sie gelockt, um ihnen Lebensmittel zu verkaufen, einzeln überfallen, inzwischen aber auch eine Anzahl von kleineren Schiffen bereithalten, um das Geschwader der Fremden anzugreifen, wenn es von Mannschaft halb entblößt sei. Glücklicherweise gelang der Verrath nur zum Theil. Die Wache auf den Schiffen machte, als sie die Unruhe in der Stadt gewahrte, rechtzeitig Lärm, sodaß die Mannschaft an Bord augenblicklich zur Vertheidigung bereit war. Aber etwa 30 Portugiesen, die sich am Hafen und in der Stadt befanden, wurden theils getödtet, theils gefangen. Francisco Serrão, welcher sich in der Nähe des Landungsplatzes aufhielt, konnte sich nur mit einigen Matrosen retten, die übrigen mußte man vorläufig ihrem Schicksale überlassen, denn Sequeira fühlte sich keineswegs stark genug, die volkreiche Stadt anzugreifen; er begnügte sich damit, einige feindliche Schiffe in den Grund zu bohren und kehrte dann nach Vorder-Indien zurück. Als das Gerücht von der zweiten Eroberung Goa’s auch bis nach Malaka gedrungen war, ließ der Hafenmeister (Schahbender) den neunzehn noch am Leben befindlichen gefangenen Portugiesen eine bessere Behandlung zutheilwerden; ihre Freiheit erhielten sie aber erst wieder, nachdem Albuquerque die Stadt erobert hatte.
An seinen Plan, gegen Malaka zu ziehen, wurde der Generalcapitän bald nach der Besitzergreifung von Goa in unangenehmer Weise erinnert, als der Capitän Mendes de Vascogoncellos, dessen kleines Geschwader ursprünglich nach Malaka bestimmt war, von dem Oberfeldherrn sich Urlaub erbat, um seinen Auftrag auszurichten. Albuquerque zögerte mit der Abfertigung, weil er entweder der Ueberzeugung war, daß ein so kleines Geschwader nicht die genügende Sicherheit auf Erfolg biete, oder weil er selbst erst noch mehr Mittel aufbieten wollte. Vascogoncellos wollte daher heimlich entweichen, ging bei Nacht mit seinen Schiffen über die Barre von Goa in See, wurde aber von einigen nachgesandten Böten eingeholt und sah sich genöthigt, dem strengen Befehl Albuquerque’s, zurückzukehren, Folge zu leisten. Er selbst blieb längere Zeit in Goa in Gefangenschaft, ein Steuermann aber und der Lotse wurden zur Strafe für diese Flucht an der Rae aufgeknüpft.
Der Generalcapitän wäre am liebsten selbst nach Malaka sofort aufgebrochen; allein dem stand ein Befehl Don Manuels entgegen, einen Zug nach dem rothen Meere zu unternehmen, um diesen Handelsweg endlich für die Mohammedaner zu schließen. Er lief auch wirklich mit 23 Schiffen aus, sah sich aber durch widrigen Monsun zuerst aufgehalten und dann ganz an die Küste zurückgetrieben, so daß er wieder in Goa einlaufen mußte. Derselbe Monsun aber, welcher die Fahrt nach NW. nicht gestattete, begünstigte eine Expedition nach SO. und so entschloß sich Albuquerque kurzer Hand mit der schlagfertigen Flotte vor Malaka zu ziehen und sie für ihren Verrath an Sequeira zu strafen. Es war noch im Frühjahr 1511, als die Flotte von neunzehn Segeln, mit 800 Portugiesen und 600 indischen Hilfstruppen von Kotschin nach Malaka abging. Den Feldherrn begleiteten Antonio d’Abreu und Francisco Serrão, die späteren Entdecker der Molukken und Fernão Peres d’Andrade, einer der ersten Chinafahrer.
Das Gebiet von Malaka war ursprünglich von Siam abhängig gewesen; die in früherer Zeit berühmte Hafenstadt Singapur war aber hinter Malaka zurückgetreten, seitdem sich im 15. Jahrhundert der Islam in diesem Gebiete verbreitet hatte, denn in Malaka herrschte der Glaube Mohammeds vor. Aber die ehemaligen Statthalter hatten sich seit fast 100 Jahren zu selbstständigen Herren aufgeworfen. Durch geschickte Begünstigung und Ausbeutung des Handels zu großem Reichthum gelangt, verwandte Mahmud seine bedeutenden Mittel auf die Gründung einer Kriegsflotte, welche ihm den Besitz des Hafens und die Herrschaft über die See sichern mußte. Nun dehnten sich die Handelsbeziehungen noch weiter aus, denn die Hauptnationen waren in freier Weise durch Berufsbeamte im Handel gedeckt. Diese Schahbender (Hafenmeister) vertraten China, Java, Kambaya und Bengalen. Die Handelsverbindungen reichten bis nach Japan, und der Platz wurde von allen umwohnenden Völkern besucht, nur nicht von den Siamesen, die sich immer noch mit dem Sultan auf Kriegsfuß befanden und ihren frühern Verlust nicht verschmerzen konnten. Das Königreich Malaka erstreckte sich etwa 100 Meilen an der Küste hin, reichte aber nirgends über 10 Meilen weit ins Binnenland.
Die Stadt liegt sehr günstig an der Grenze verschiedener Monsune, denn in den chinesischen Gewässern herrschen andere Winde als im bengalischen Meere, daher sich hier ein natürlicher Sammelplatz für Araber, Inder und Chinesen bot. Die Häuser des Handelsplatzes dehnten sich eine Meile am Wasser hin, -- es ist der Canal, welcher die hinter-indische Halbinsel von Sumatra scheidet. Ein Fluß trennte die Häusermenge in zwei Theile, aber eine Brücke verband wiederum beide Hälften. Albuquerque, welcher denselben Weg eingeschlagen hatte wie Sequeira, langte am 1. Juli vor Malaka an, bereits in Pedir auf Sumatra waren acht Portugiesen, die noch in Malaka gefangen gewesen waren und die Flucht ergriffen hatten, zu ihm aufs Schiff gekommen. Von ihnen erfuhr er auch, daß der Hauptanstifter des Verrathes, der javanische Hafenmeister, eine Intrigue gegen den Fürsten angesponnen und seine Verschwörung mit dem Leben bezahlt hatte; er erfuhr ferner, daß Sultan Mahmud 8000 Geschütze besitze, um die lange, dem Meere zugekehrte Seite kräftig vertheidigen zu können, daß er 30,000 Mann Soldaten und selbst Kriegselephanten zu seiner Verfügung habe. Albuquerque ließ sich durch die großen Zahlen nicht schrecken, sondern forderte ohne Umschweife die Auslieferung der noch zurückbehaltenen Gefangenen. Eine sofortige Erledigung würde im Orient als Feigheit angesehen sein; der Sultan weigerte sich also, ohne weiteres darauf einzugehen. Als Antwort darauf ließ der portugiesische Admiral die Häuser am Strande und die Schiffe im Hafen in Brand stecken. Dann gab man die Gefangenen frei und unter ihnen auch den Handelsfactor Ruy d’Araujo, einen Freund Albuquerque’s.
Man war in der Stadt zu einem friedlichen Abkommen geneigt, aber die allzuhohen Forderungen der Portugiesen trieben zum Widerstande. Albuquerque verlangte nicht blos Schadenersatz für Sequeira, sondern auch noch 300,000 Cruzados Kriegskosten und überdies die Einwilligung in den Bau eines Kastelles.
Im Rathe des Fürsten von Malaka, des alten Mohammed, waren, als diese Forderungen bekannt wurden, die Meinungen getheilt. Diejenigen, welche besonders den Handel nicht geschädigt sehen wollten, empfahlen Frieden und Geldzahlung, die andern, welche fürchteten, durch Zugeständnisse das Ansehen des Fürsten zu erniedrigen, forderten bewaffneten Widerstand. Mahmud überließ die Leitung seinem Sohne, und dieser hoffte, gestützt auf eine Heeresmacht von 30,000 Mann, auf das zahlreiche Geschütz und seine Kriegselephanten, den Angriff abschlagen zu können. Aber auf die fremden Kaufleute in der Stadt war kein Verlaß, selbst der javanischen Truppen war man nicht ganz sicher. Es war vorauszusehen, daß der feindliche Admiral, sobald er die Lage der Stadt und ihre Gruppirung richtig erkannt habe, seine Angriffe auf den gefährlichsten Punkt, auf die Brücke richten werde, welche die beiden Stadttheile mit einander verbindet. Denn wer sich der Brücke bemeisterte, war leicht auch Herr in der Stadt. Diese Verbindungsbrücke wurde darum verschanzt und stark mit Kanonen besetzt; aber trotzdem richtete, nach dem Rathe des Ruy d’Araujo, welcher bei seinem längeren unfreiwilligen Aufenthalt die Wichtigkeit dieses Punktes erkannt hatte, Albuquerque grade hieher seine ersten Angriffe. In der Morgendämmerung des St. Jacobstages, 25. Juli, gingen die Portugiesen in zwei Abtheilungen gegen die Stadt vor. Albuquerque mit seiner Schaar stieg in der Nähe der Brücke ans Land, João de Lima mit der zweiten Truppe weiter östlich bei einer steinernen Moschee, welche nicht fern vom fürstlichen Palaste lag. Wenn ihm der Angriff gelänge, sollte er sich auch gegen die Brücke wenden. An beiden Orten ward mit großer Hartnäckigkeit gekämpft. Die Malayen bewiesen sich tapfer, schossen vergiftete Pfeile und brauchten im Nahkampf den Kries. Sie fochten in einzelnen Haufen unter Anführung eines Hauptmannes. Albuquerque stürmte die Brücke und trieb die Malayen mit gefällten Lanzen nach der Vorstadt zu. João de Lima hatte einen schweren Stand und konnte nicht so rasch vordringen, er sah sich sogar genöthigt, persönlich am Kampfe gegen die Kriegselephanten theilzunehmen, welche dann auch, durch Lanzenstiche verwundet, auf die eigenen Truppen zurückgetrieben wurden. Dann erst erreichte er die Brücke und vereinigte sich mit dem Oberfeldherrn. Von den Dächern der nächsten Häuser wurde aber der Kampf noch fortgesetzt, bis man die umliegenden Gebäude in Brand gesteckt hatte und so die Feinde vertrieb. Allein von der Waffenarbeit erschöpft und fortwährend, bei dem Versuch, die Brücke durch Vertheidigungswerke zu sichern, durch erneute Angriffe der Malayen beunruhigt, sah Albuquerque bald die Unmöglichkeit, diesen wichtigen Platz auf die Dauer zu behaupten. Er gab also den Befehl zum Rückzug und zog sich auf die Flotte zurück. Einige seiner Hauptleute meinten nun zwar, nachdem der Sultan für die erste Verrätherei genügend gestraft sei, solle man mit günstigen Fahrwinden nach Vorder-Indien zurückkehren, denn an eine dauernde Besetzung dieses entfernten Platzes sei doch wohl nicht zu denken; allein sie wurden von der Mehrzahl überstimmt, welche sich für eine Fortsetzung des Kampfes entschied.
Während der Vorbereitungen zum zweiten Angriffe hatte Mahmud allerorten neue Verschanzungen aufwerfen und mit Kanonen besetzen lassen, in den Straßen waren Minen und Fußangeln gelegt, um die Feinde bei ihrem Einbruche in die Stadt aufzuhalten oder zu vernichten. Am 10. August griff Albuquerque die Brücke zum zweitenmale an und obwohl man dieselbe hartnäckig vertheidigte, wurde sie doch endlich erobert und die malayischen Truppen gegen die steinerne Moschee hin vertrieben, wo sich in Gegenwart des Sultans das letzte verzweifelte Handgemenge entspann. Das Quartier der Kaufleute, darunter zuerst die Peguaner, begab sich alsbald unter den Schutz des Eroberers, aber die östliche, höher gelegene Stadt wurde nur langsam von den Malayen geräumt. Neun Tage dauerte der kleine Kampf in den Straßen noch fort, bis diese endlich von den eingeborenen Truppen aufgegeben wurden. Den Mauren wurde kein Pardon gegeben, denn die Mohammedaner waren auch hier die erbittertsten Gegner gewesen. Als Lohn für ihre Arbeit gestattete Albuquerque seinen Leuten, die Stadt drei Tage lang zu plündern. Dreitausend Kanonen fielen dem Sieger in die Hände. Zum Bau einer steinernen Burg wurden die Steine der im Kampf theilweise zerstörten Moschee verwendet, und weiteres Baumaterial aus den in der Nähe gelegenen alten Fürstengräbern genommen. In der Burg erhob sich ein fünf Stockwerke hoher, mit Blei gedeckter Thurm. Albuquerque gab ihr den Namen Famosa. Auch eine Kirche wurde errichtet und das Dach dazu von einem königlichen Grabmal genommen.
Um den Handel wieder zu beleben und das Vertrauen in die neuen Verhältnisse zu wecken, wurden eingeborene Schahbender (Hafenmeister) ernannt, welche die handeltreibenden Nationen zu vertreten hatten. Um den Marktverkehr zu ordnen, ließ Albuquerque goldene und silberne Münzen prägen, denn unter den früheren Herrschern hatte es nur zinnerne Münzen gegeben. Die großen Silbermünzen hießen Malaquezes, die Goldmünzen, zu 1000 Realen, Catholicos. Durch diese zweckmäßigen Einrichtungen wurde der Handel bald wieder gehoben, und fremde Handelsschiffe liefen wieder in den Hafen ein.
Mit den großen Staaten Ostasiens suchte Albuquerque in friedliche, freundschaftliche Beziehungen zu treten. Durch die Vertreibung des mohammedanischen Herrschers war er nur an die Stelle eines fremden Eindringlings getreten, welcher sich die Freundschaft der fürstlichen Nachbaren nicht erworben hatte; er hoffte also mit Recht, nicht als Feind der eingeborenen Dynastien betrachtet zu werden. Nach allen Seiten wurden Botschafter abgeordnet. Auf einer chinesischen Dschunke, welche nach Siam ging, segelte Duarte Fernandez, welcher mit Ruy Araujo gefangen gewesen war und in Malaka malayisch gelernt hatte, mit nach Siam. Er war der erste Portugiese, welcher diesen mächtigen hinter-indischen Staat betrat. Er sollte dem Könige von Siam die Eroberung von Malaka melden und zugleich die officielle Erklärung abgeben, daß die Kaufleute des Landes sich des besonderen Schutzes der Portugiesen erfreuen sollten und in Malaka’s Hafen willkommen sein würden. Fernandez wurde am siamesischen Fürstenhofe zu Ajuthia[108] wohlwollend aufgenommen, man zeigte ihm unter anderen Merkwürdigkeiten auch einen weißen Elephanten. Dann wurde er mit einem siamesischen Gesandten wieder zurückgeschickt, welcher außer Briefen an den König Manuel als Geschenke eine Krone, ein Schwert von Gold und einen kostbaren Rubinring überreichen sollte.
Zur Erwiderung gingen mit demselben Gesandten reiche Geschenke wieder an den König von Siam zurück. Die Ueberbringer derselben, Antonio de Miranda d’Azevedo und Duarte Coelho, reisten zu Lande über Tenasserim nach Siam. Eine andere Gesandtschaft ging unter Ruy da Cunha nach Pegu, um auch mit diesem Reiche einen Vertrag zu schließen. Malayische Fürsten von Sumatra und Java beeilten sich ihre freundschaftliche Gesinnung für die Portugiesen ebenfalls durch Geschenke zu bethätigen. Nur mit Arakan, dessen Hafenstadt von João da Silveira angegriffen war, und mit dem Königreiche Atschin in Nord-Sumatra blieb man auf feindlichem Fuße. Das letztere Reich, in nächster Nachbarschaft von Malaka gelegen, unterstützte in der Folgezeit mehrfach die immer wiederholten Angriffe der vertriebenen Mauren auf die Stadt und suchte Jahrzehnte lang den Handel zu beeinträchtigen.
Da die Chinesen schon bei dem ersten Besuche Sequeira’s in Malaka sich durchaus freundlichgesinnt bewiesen, so suchte Albuquerque auch mit China freundschaftliche Beziehungen anzuknüpfen. Doch unterblieb die Absendung einer Gesandtschaft noch in den nächsten Jahren. Dagegen ist gewiß, daß bereits 1515 das Reich der Mitte von portugiesischen Handelsschiffen aufgesucht wurde, welche zwar ihre Waaren absetzen durften, aber für ihre Mannschaft nicht die Erlaubniß erhielten, das Land zu betreten.
Der Eindruck, den die Kunde von der Eroberung Malaka’s in Europa machte, war ein außerordentlicher. Derselbe wurde noch gesteigert durch eine pomphafte Gesandtschaft, welche König Manuel 1513 unter Tristão da Cunha mit großem Gefolge an den Papst Leo X. entsendete. Außer reichen mit Gold und Edelsteinen geschmückten kirchlichen Ornaten und schweren goldenen Gefäßen wurde bei dem prächtigen Einzuge der Gesandtschaft in Rom, am 12. März 1514, dem erstaunten Volke auch die gewaltige Thierwelt Indiens in Gestalt eines riesigen Elephanten, den man seit dem Alterthum in Italien nicht mehr gesehen hatte, eines Jagdleoparden, der auf einem reich aufgezäumten persischen Rosse saß -- es war ein Geschenk des Königs von Ormuz -- vorgeführt. Ein Herold mit den portugiesischen Abzeichen schritt in dem festlichen Zuge, der eine Huldigung des Orients vor dem Haupte der Christenheit vorstellen sollte, dem Gesandten voraus. Die Menschenmenge, welche um dieses Schauspiel zu sehen, herbeigeströmt war, hatte Kopf an Kopf alle Straßen dermaßen besetzt, daß der Zug kaum hindurchdringen konnte.
Als derselbe endlich die Engelsburg erreicht, wurde mit allen Kanonen geschossen, daß der Donner der Geschütze und dichter Pulverdampf weithin über die Stadt rollten. Dann erschien der Papst an einem Fenster und nahm den Zug in Augenschein. Der riesige Elephant mußte vor Seiner Heiligkeit dreimal die Knie beugen, zu nicht geringer Verwunderung der Zuschauer.[109] Am folgenden Tage wurden die Geschenke in feierlicher Audienz überreicht durch den portugiesischen Abgesandten Diogo Pacheco, welcher bei dieser Gelegenheit eine glänzende Rede über die Waffenthaten seiner Landsleute in Indien hielt und dabei einen Brief seines Königs überreichte, in welchem gleichfalls die Siege Albuquerque’s verherrlicht waren. Nach der deutschen Uebersetzung (Die New Welt der Landschafften u. s. w. Straßburg 1534. Fol. 57) lautet der Anfang dieses Briefes folgendermaßen:
Ein sendbrieff des mechtigsten vnd vnuberwintlichsten Emanuels des Königs jnn Portugal, vnd Algarbien von den sygen, die er gehabt hat jnn India vnd Malacha, zu dem Heyligsten jnn Gott vatter, vnd vnserm Herrn, Herrn Leoni dem zehenden des namens Babst zu Rom.
„Wie vast wir vns mit Gott dem Herrn vnd dir frewen sollen, Allerheyligster vatter das erscheynet aus der bottschaft, die vnser Indische schiffrüstung bracht hat. Dweyl vnder dir Römischem Bischoff, und presidenten der Römischen vnd Christlichen Kirchen so wunderbarliche Ding, zu lob vnd eher dem Allmechtigen nach wunsch ergangen seind, das man dir billich zum lob und eher rechnet. Darumb hat vns fur billich angesehen, was in India sich verloffen hat, mit der Hilff Gots, vnd vnsern waffen zu deiner Heyligkeyt als zu eym Haupt der gmeynen Christenheyt vnd richtschyt aller Christlichen Religion kurtz vnd summarien weys zubeschreyben, das alle Ding nach jhrem werd geschetzt werden, vnd Gott dem Herren darumb gedanckt. Auch dz wir hoffen mögen tägliche merung deines lobs sambt zunemung des Christlichen glaubens vnd leren.“
Es wurden also auch die indischen Siege als Glaubenssiege aufgefaßt; aber der Schauplatz dieser Kreuzzüge lag viel weiter im Osten, „am güldenen Chersoneso, in den auswendigsten Morgenländern“, wo durch die portugiesischen Waffen auch das Christenthum verbreitet werden sollte. Albuquerque’s Verdienst wurde mit höchster Anerkennung gepriesen. Der Generalcapitän Indiens stand damals auf der Höhe seines Ruhmes. In Asien und Afrika erscholl sein Name mit Schrecken, in Europa mit Bewunderung.
Noch von Malaka aus wurden drei Schiffe am Schluß des Jahres 1511 abgesendet, um das letzte Ziel der Portugiesen, die +Gewürzinseln oder Molukken aufzusuchen+. Das kleine Geschwader stand unter der Führung des +Antonio d’Abreu+. Derselbe hatte sich beim zweiten Sturm auf Malaka ausgezeichnet, war dabei durch einen Schuß in die Backe, welcher ihm mehrere Zähne und einen Theil der Zunge nahm, verwundet, hatte aber trotzdem nach Anlegung eines Verbandes sich am Kampfe wieder betheiligt. Wie diese erste Kundschaft nach den Molukken verlief, werden wir später im Zusammenhange mit den folgenden Vorfällen auf den Gewürzinseln zu schildern haben.
Die Angelegenheiten zu Malaka ordnete Albuquerque der Art, daß er Ruy d’Araujo zum Richter und Factor (~alcaide mór e feitor~), Ruy de Brito Patalim zum Commandanten der Festung einsetzte. Die Besatzung belief sich auf 300 Mann, ebenso stark war die Mannschaft auf der dort stationirten Flotte von zehn Segeln, welche unter dem Befehle des Fernão Peres d’Andrade zurückblieb. Diese beträchtliche Macht war erforderlich, um Malaka gegen Angriffe von der Land- und Seeseite vertheidigen zu können. Und solche Angriffe waren um so mehr zu erwarten, als die Macht des früheren Herrschers keineswegs gebrochen war; denn Mahmud hatte sich auf Bintang, südöstlich von der alten Residenz Singapur, und sein Sohn Alaeddin in Dschohor festgesetzt, so daß sie von da aus die Straße nach den Gewürzinseln und nach China nicht nur beherrschten, sondern die Portugiesen in Malaka beständig beunruhigen konnten.
Im Januar 1512 ging Albuquerque mit drei Schiffen nach Indien zurück. Auch nahm er eine Anzahl (gegen 60) javanischer Zimmerleute sammt ihren Familien mit, welche ihm beim Schiffbau dienlich sein sollten. An der gefährlichen Küste von Sumatra ging Albuquerque’s Schiff, Flor de la mar, auf einer Sandbank zu Grunde. Er selbst verlor alle Beute und Siegeszeichen in diesem Schiffbruche sammt den Manuscripten, in denen er seine Thaten aufgezeichnet hatte. Die Mannschaft rettete sich zwar auf das folgende portugiesische Schiff, aber die malayischen Zimmerleute benutzten die Gelegenheit zu einer Meuterei, bemächtigten sich des Fahrzeuges, auf dem sie segelten, mit Gewalt und gingen an der Küste von Sumatra ans Land. Albuquerque selbst erreichte in den ersten Tagen des Februar den Hafen von Kotschin.
In Goa waren unterdessen, während der Abwesenheit des Oberbefehlshabers, die Portugiesen belagert worden und arg bedrängt. Die verhältnißmäßig kleine Besatzung von 450 Portugiesen und 1250 indischen Hilfstruppen wurde fortwährend beunruhigt und durch kleine Gefechte ermüdet. Sie verlor sogar zwei ihrer besten Hauptleute und sah sich genöthigt, den noch gefangen gehaltenen Diogo Mendes de Vascogoncellos seiner Bande zu entledigen und an die Spitze zu stellen. Die Feinde hatten der Stadt gegenüber eine starke Burg in Benestarim errichtet und drohten von da aus, die Fremdlinge zu vertreiben. Zum Glück kamen im Sommer 1512 nacheinander mehrere Schiffe mit Mannschaft und Lebensmitteln zu Hilfe, und als im August sogar eine größere Flotte von dreizehn Schiffen mit 1800 Soldaten einlief, gewann man allen Muth wieder und ging selbst zum Angriff über. Albuquerque durfte es daher wagen, seine Ankunft zu verzögern, um vorher die Handelsflotte nach Europa abzufertigen, und ging erst am 16. September mit sechzehn Segeln nach Goa.
Sein Erscheinen änderte die Lage vollständig. Aus den bisher Bedrängten wurden wieder Bedränger und siegesgewisse Angreifer. Benestarim wurde erobert. Den portugiesischen Ueberläufern in der Festung hatte Albuquerque das Leben gesichert, aber er ließ ihnen zur Strafe, anderen zur Warnung, Ohren und Nase abschneiden, die rechte Hand, sowie den linken Daumen abhauen und schickte die Verstümmelten nach Portugal zurück. Benestarim wurde noch stärker befestigt und Goa bei dem folgenden Friedensschlusse an Portugal abgetreten. Der verhältnißmäßig leichte Sieg ist zum Theil auch der steten Eifersucht der dekhanischen Fürsten untereinander zuzuschreiben, die einerseits nie gemeinschaftliche Sache gegen die Abendländer machten, andererseits sich im Geheimen um die Freundschaft der Portugiesen bewarben. Dann wurde durch eine an der Küste kreuzende Flotte der Hafen von Kalikut gesperrt und dadurch der Fürst auch zur Nachgiebigkeit gezwungen. Dagegen begann Goa als Handelsplatz aufzublühen. Albuquerque hatte dafür gesorgt, daß nur nach Goa die Pferde aus Persien eingeführt werden durften. Die einheimischen Kriege wurden damals in Indien aber hauptsächlich durch Reiterei entschieden. Die indischen Fürsten waren also dadurch, daß Goa allein der Einfuhrhafen für Pferde wurde, auf den guten Willen und die Freundschaft der Portugiesen angewiesen, wenn sie ihre Reiterei verstärken wollten.
In Portugal selbst erkannte man die Bedeutung Goa’s noch nicht, oder wurde durch falsche Berichte, die möglicherweise absichtlich von den Gegnern Albuquerque’s verbreitet wurden, über die wahre Sachlage getäuscht. Nur so erklärt es sich, daß Manuel in einem Schreiben an den Oberbefehlshaber anordnen konnte, Albuquerque möge mit seinen Hauptleuten wohl überlegen, ob Goa behauptet werden solle oder nicht. Goa sei ein ungesunder Ort und seine Behauptung koste unnützes Geld.[110] Man werde dadurch in immer erneute Kriege mit den nächsten Landesherren verwickelt und es werde sehr fraglich sein, ob jemals die Abgaben vom festen Lande eingezogen werden könnten, welche der Generalcapitän als nicht unbeträchtlich bezeichnet hatte. Albuquerque aber legte auf die Wiedereroberung Goa’s das größte Gewicht. Er schrieb dem Könige, daß dieser Sieg in Indien mehr gewirkt habe für die Macht des Königs, als alle Flotten, die seit fünfzehn Jahren dahin abgeschickt worden seien. Der Bund der feindlichen Fürsten sei dadurch gesprengt. Die Räthe des Königs wüßten die indischen Angelegenheiten nicht richtig zu beurtheilen. Ohne feste Stütze auf dem Lande sei in Indien die portugiesische Macht ohne Dauer. Alle Citadellen in Kotschin, Kananor und anderen Orten hielten in Werth und Bedeutung keinen Vergleich mit Goa aus. Er wisse wohl, daß er in Portugal Feinde habe; aber der König möge nicht auf sie hören; denn wenn Goa wieder aufgegeben würde, dürfte auch die portugiesische Herrschaft in Indien ihrem Ende nahe sein. Er verdiene mehr Dank vom Könige dafür, daß er Goa gegen Portugiesen vertheidige, als dafür, daß er es zweimal den Feinden abgenommen.[111]
Osorio stellt bei dieser Gelegenheit folgenden interessanten Vergleich zwischen der Politik Almeida’s und Albuquerque’s an:[112] das Ziel beider Feldherrn ging auf die Verherrlichung und den Ruhm ihres Königs und der portugiesischen Waffen, sowie auf die Verbreitung des Christenthums in Indien; aber sie schlugen verschiedene Wege ein. Almeida wollte sich mit einem Stützpunkt am Lande begnügen und dagegen mit stets vereinigten Flotten die See beherrschen. Seine Truppen wollte er nicht in einzelnen Besatzungen zersplittern, welche von großen feindlichen Mächten leicht überwältigt werden könnten. Albuquerque aber strebte vor allem danach, Herr des Landes zu werden, in der festen Ueberzeugung, daß er dann auch über die See gebiete. Sein Blick ging dabei über das Nächstliegende hinaus. Er wollte nicht blos dafür sorgen, für die Gegenwart alljährlich kostbare Gewürzfrachten heimzusenden, er wollte diesen Handel auch für die Zukunft sichern. Dazu brauchte er eine imponirende Stellung auf dem Lande und damit verbunden eine vollkommene Beherrschung der wichtigsten Handelsplätze. Eine große Flotte, meinte er, könne in einem Sturme untergehen, eine feste Stellung auf indischem Boden sei sicherer. Ein solcher Platz sei aber nicht sicher, wenn er blos an sich fest sei, sondern erst dann, wenn man demselben auf verschiedenen Wegen Hilfe bringen könne. Solche Stützpunkte aber verminderten nicht, sondern stärkten auch die Machtstellung auf der See.
Wie richtig Albuquerque’s Urtheil in Bezug auf Goa war, erwies sich in der Folgezeit, als Soliman von Aegypten Diu angriff und durch eine von Goa kommende Flotte zum Rückzug genöthigt wurde; ebenso als der Beherrscher von Kambaya mit türkischer Hilfe noch einmal Diu bedrohte. Der damalige Befehlshaber in Goa, João Castre, konnte seine Gegner um so leichter bezwingen, als er in Goa sofort neue Truppen ausheben und auf den Werften konnte Schiffe bauen lassen, und als er mit allem Kriegsmaterial wohl versehen war. Der Ausgang des Kampfes wäre zweifelhaft gewesen oder wenigstens verzögert worden, wenn man auf die entfernte Hilfe vom Mutterlande her hätte warten müssen. Dazu hatte Albuquerque aus Goa eine portugiesische Stadt zu machen verstanden, in welcher die Soldaten Heiraten mit Hindumädchen eingingen.
Die große Bedeutung der Besetzung Goa’s hebt auch Barros[113] hervor. Dieses Jahr, sagt er, war eines der glücklichsten für die portugiesischen Angelegenheiten. Es kamen nicht blos reiche Flotten mit Spezereien nach Portugal, sondern auch die Nachrichten von der Eroberung Malaka’s und Goa’s, es kamen Gesandte vom Priester Johannes (dem Könige von Habesch), von Siam und Pegu, sogar der Samudrin bequemte sich in der Folgezeit endlich dazu, den Bau einer Citadelle in Kalikut zu gestatten. Viele andere malabarische Fürsten von Kambaya, von Narsinga u. a. wünschten Frieden und Freundschaft mit den Portugiesen zu schließen.
In Indien war Portugals Macht thatsächlich befestigt, die einheimischen Fürsten erkannten, wenn auch widerstrebend, die Herrschaft der neuen Seemacht an; aber sie wurden von Aegypten aus immer wieder von neuem aufgeregt und mit Schiffen und Mannschaft zu neuen Erhebungen aufgemuntert. Aegypten verlor durch die völlige Verdrängung vom indischen Markte zu viel an Einkünften, als daß es sich nicht immer wieder veranlaßt fühlen sollte, mit Hilfe indischer Bundesgenossen die verhaßten Christen zu befehden. König Manuel drängte darum mit Recht wiederholt auf einen Zug nach dem rothen Meere, um womöglich diese wichtigste Straße des mohammedanisch-indischen Handels zu schließen. So rüstete sich Albuquerque denn im Beginn des Jahres 1513 zu einem Feldzuge nach jenen arabischen Gewässern. Es klingt fast wie eine Entschuldigung oder Ablehnung der Verantwortlichkeit für die Folgen dieses Unternehmens, wenn Albuquerque seinen Capitänen erklärte, der König habe schon zu wiederholten Malen ihm diesen Zug geboten und habe nun in seinem letzten Briefe ausdrücklich befohlen, unverzüglich aufzubrechen.[114]
Am 18. Februar 1513 ging er mit 20 Schiffen, 1700 Portugiesen und 800 indischen Soldaten nach dem rothen Meere ab. Im Hafen von Soko auf Sokotra wurde Wasser eingenommen; die Festung daselbst war im vorhergehenden Jahre bereits aufgehoben. Von hier aus mußte die Fahrt mit äußerster Vorsicht geschehen, da man das Fahrwasser nicht kannte. Seit dem Alterthum war kein den Europäern gehöriges Schiff auf diesen Gewässern erschienen. Albuquerque war wieder der erste, welcher in dieses zwei Erdtheile scheidende Binnenmeer eindrang. Glücklicherweise wurde ein Schiff, das von Tschaul kam, aufgebracht, der Lotse desselben wurde gezwungen, den Führer zu machen. Die nächste Aufgabe war, sich Adens zu bemächtigen. Es war schon damals wie noch heute der Schlüssel des rothen Meeres. Die Stadt blühte rasch auf, weil es in Folge der neuen Verhältnisse zum Stapel für die Gewürze geworden war; denn die arabischen Händler wagten sich aus Furcht vor den Portugiesen nicht mehr ins indische Meer, sondern nahmen in Aden die Waaren in Empfang, welche auf malabarischen Schiffen ihnen zugeführt werden durften. Aden liegt auf einer landfest gewordenen Insel, also auf einer Halbinsel, auf durchaus vulkanischem Boden, eigentlich im Innern eines erloschenen Kraters, dessen nackte Wände die Stadt in einem Halbkreise umgeben. Wasser fehlte damals und mußte von weit hergeleitet werden. Jetzt versorgen gewaltige Cisternen die Bewohner mit dem nöthigen Wasser. Die an sich schon feste Lage war durch starke Mauern und Thürme noch mehr gesichert. Albuquerque forderte die Uebergabe der Stadt, welche im Besitz des Amir Ibn-abd-el-wahhab war; aber dieselbe wurde abgelehnt. So entschloß sich der portugiesische Befehlshaber rasch zum Sturm, setzte 1400 Portugiesen und 400 Indier ans Land, um auf Sturmleitern die Mauern zu erklimmen. Voll Ehrgeiz und Kampfbegier drängten sich die Angreifer auf die allzubreiten Leitern, so daß die Stufen unter dem Gewicht von mehr als zwanzig Menschen, die zu gleicher Zeit hinaufstrebten, zusammenbrachen. Vierzig Portugiesen befanden sich schon auf der Mauer. Garcia de Sousa bemächtigte sich sogar eines Thores. Da er aber von den Arabern gedrängt, sich nicht an einem Stricke von der Mauer herablassen wollte, so stürzte er lieber mitten unter die Feinde und opferte sich, tapfer kämpfend, auf, um seinen Gefährten Zeit zu verschaffen, sich zu retten.
Albuquerque mußte erkennen, daß seine Macht zu schwach sei und brach daher nach vier Stunden den Kampf ab. Einen späteren Angriff behielt er zwar im Auge, wollte aber vorher einige wichtige Inseln im rothen Meere besetzen. Mit äußerster Vorsicht mußte vorgegangen werden, weil überall Klippen und Korallenbänke ungeahnte Gefahr drohten. Dazu traute Albuquerque dem gezwungenen Lotsen nicht, suchte mit dem Senkblei in der Hand das Fahrwasser auf und ließ alle Abende beilegen. So gelangte er bis zur flachen, felsigen Insel +Kamaran+ (15° 51′ n. Br. 42° 32′ ö. L. v. Greenwich). Dieselbe liegt hart an der arabischen Küste, in der Nähe der Stadt Lohaja. Obwohl sich die Höhen nur 16 Meter über den Meeresspiegel erheben, ist die Insel doch reich an Brunnen und besitzt einen sehr guten Hafen auf der Ostseite. Sie war den Küstenfahrern längst als guter Ankerplatz bekannt, wo man sich auch mit Wasser und Früchten, namentlich Datteln versorgen könnte. So erhielten denn auch die Europäer frühzeitig davon Kunde und lernten den Platz schätzen. Carsten Niebuhr hebt hervor: Fast alle Nachrichten der Europäer von dem arabischen Meerbusen erwähnen dieser Insel.[115] Ihrer wichtigen Lage wegen ist sie gegenwärtig im Besitze der britischen Macht, welche von der Insel Perim aus auch den Ausgang des rothen Meeres beherrscht. Es zeugt aber sicher von dem Scharfblicke Albuquerque’s, daß er sofort beim ersten Betreten dieses Meeres die Bedeutung jener wasserreichen Insel erkannte. Aber viel weiter sollte er nicht gelangen. Mehrere Versuche nordwärts zu dringen, wurden durch Unwetter abgeschlagen. Er sah sich längere Zeit an die Insel gefesselt, da die günstigen Monsune zur Rückfahrt nach Indien noch nicht eingesetzt hatten, er verlor in dem verrufenen heißen Klima viele Leute und konnte erst am 15. Juli nach Aden zurückkehren. Ohne diese Stadt noch einmal zu bedrohen, segelte er weiter und langte schon am 4. August wieder in Diu an. Hier zeigte sich nun Melek Eias so weit nachgiebig, daß er die Errichtung einer Factorei den Portugiesen gestattete, und als auch Kalikut sich endlich zu einem ähnlichen Zugeständniß bereit erklärte, wurden den mohammedanischen Schiffen Pässe ertheilt, und das Aufbringen der im Gewürzhandel beschäftigten Kauffahrteischiffe hörte an den Küsten Indiens auf. Der Handel begann sich wieder zu beleben und zu befestigen.
Im nächsten Jahre wurde Pero d’Albuquerque, der Neffe des Generalcapitäns, mit einem Geschwader nach Ormuz entsandt, um den fälligen Tribut einzuziehen, während Jorge d’Albuquerque mit frischen Truppen nach Malaka steuerte, um hier die Vertheidigung der viel umstrittenen Stellung zu übernehmen.
Die nächste Zeit war Albuquerque selbst mit den indischen Angelegenheiten: mit der Befestigung der Citadellen in den Handelsstädten und Abfertigung der Transportflotten beschäftigt, außerdem plante er einen neuen Zug gegen Aden. Während der Vorbereitung dazu erhielt er aber die königliche Weisung, zunächst womöglich nach Ormuz zu gehen. Albuquerque konnte um so mehr diesem Befehle zustimmen, als er inzwischen in Erfahrung gebracht, daß der Sultan von Aegypten nicht weiter rüste, daß also von Seiten dieses Gegners keine Gefahr drohe und das rothe Meer ruhig bleiben werde. Am 21. Februar 1515 ging der Generalcapitän von Goa aus mit 27 Schiffen (14 großen Schiffen, 7 Karavelen und 6 Ruderschiffen) in See. Es sollte sein letzter Zug sein. Die Besatzung bestand aus 1500 Portugiesen und 700 Indiern (Kanaresen und Malabaren). In Ormuz führte damals Rais Ahmed, ein ehrgeiziger Perser, im Namen seines alten und schwachen Oheims das Regiment. Die Portugiesen hatten über ihn gehört, daß er mit dem Plane umgehe, sich unter die Oberhoheit des persischen Schah zu stellen, um sich der Verpflichtungen des lästigen Tributs an Portugal zu entledigen.
Diese Absichten wurden durch die Ankunft Albuquerque’s vor Ormuz, am 26. März, vereitelt. Der alte Fürst sah sich noch nicht in der Lage, der Forderung des Generalcapitäns, ihm die Citadelle zu übergeben, lange zu widerstehen. Das Wasserthor der Festung wurde schon am dritten Tage den Portugiesen geöffnet, und ohne Blutvergießen zogen dieselben ein. Das Thor gegen die Stadt wurde geschlossen und die Mauern mit Kanonen bepflanzt, um die Burg vor einem Ueberfalle zu sichern. Dann wurden die Festungswerke weiter ausgebaut und Pero d’Albuquerque als Commandant eingesetzt. Nun galt es, um den Frieden vollständig zu befestigen, den ehrgeizigen Rais Ahmed mit seinem Anhange zu beseitigen. Bei einer Zusammenkunft Albuquerque’s mit dem bejahrten Fürsten wagte Ahmed es, seinen Oheim von einer persönlichen Begrüßung zurückzuhalten und sich sogar an der Person des portugiesischen Befehlshabers zu vergreifen. Er rechnete nämlich auf fünfzig Leute seines Gefolges, die mit verborgenen Waffen vor dem Hause standen. Albuquerque war darauf vorbereitet und befahl seinen Hauptleuten, den Anführer der Verrätherei niederzumachen. Den alten Fürsten führte man aus dem Getümmel fort und das Gefolge des gefallenen Ahmed wurde von portugiesischen Soldaten zurückgetrieben. Vom Dache des Hauses mußte sich der alte Rais Nordin seinem Volke zeigen und dasselbe über seine Person beruhigen. Dem aufgeregten Anhange und den Verwandten Ahmeds, welche den Palast des Fürsten plündern wollten, ließ Albuquerque erklären, wenn sie sich nicht sofort beeilten, bis Sonnenuntergang die Stadt zu verlassen und auf persischen Boden zurückzukehren, so solle keiner von ihnen mit dem Leben davon kommen; denn die Portugiesen beherrschten mit der Flotte die See und von der Citadelle aus die Stadt und die Insel. So wanderten denn die 25 Familien der persischen Partei aus und Rais Nordin konnte unter dem Schutze und Geleite Albuquerque’s wieder als Herrscher in seinen Palast zurückkehren. Die Stadt war über den Zwischenfall bald beruhigt, und durch eine Gesandtschaft nach Persien, unter der Führung Fernão’s Gomez de Lemos, wurde auch das gute Einvernehmen mit Schah Ismail wieder hergestellt. Dieser leicht gewonnene Friede erklärte sich besonders aus dem religiösen Zwiespalt zwischen den schiitischen Persern und den sunnitischen Arabern.
Albuquerque schickte einen Theil der Flotte unter seinem Neffen Garcia de Noronha nach Kotschin und blieb selbst noch einige Monate in Ormuz, um die Angelegenheiten vollständig zu ordnen, ehe er die Weiterführung der Geschäfte dem Commandanten der Citadelle überlassen konnte. Vielleicht wollte er auch noch Vorbereitungen zu einem zweiten Angriff auf Aden treffen. Doch dieser Wunsch sollte unerfüllt bleiben. Schon seit Anfang August litt er an der Ruhr, und da das Uebel sich verschlimmerte, mußte er endlich dem Anrathen seiner Aerzte nachgeben, vorläufig nach Indien zurückzukehren. Er begab sich an Bord des Schiffes, welches Diogo Fernandez da Beja befehligte und übergab sein eigenes Schiff seinem Neffen Vicente d’Albuquerque. Im Anfang November segelte er von Ormuz ab; bei Kalhât an der Küste von Oman traf man mit einem arabischen Schiffe zusammen, welches von Diu kam und die Nachricht mitbrachte, Lopo Soarez sei zum Nachfolger im Generalcapitanate ernannt worden.
König Manuel hatte also endlich doch den feindlichen Einflüsterungen nachgegeben. Nach diesen Verläumdungen sollte Albuquerque bald wahnsinnig verwegen, bald von maßlosem Ehrgeize erfüllt sein. Man ersann sogar das Märchen: er strebe danach, sich zum unabhängigen Herrscher von ganz Indien zu machen. Dazu stütze er sich nur auf seine Verwandten und begünstige sie bei allen wichtigen Stellungen. -- Wenn dies als Vorwurf gelten kann (denn die Thatsache ist richtig, daß er die Vertheidigung von Ormuz und Malaka, unzweifelhaft die wichtigsten Positionen außerhalb Indiens, seinen Neffen übertrug), so darf doch nicht unberücksichtigt bleiben, daß er dadurch diese beiden Plätze am sichersten bewahrt glaubte, da er sich auf die Befehlshaber verlassen konnte. -- Selbst daß er mit den Fürsten in Indien Frieden schloß, galt als Zeichen des Verraths, denn diese neue Freundschaft, hieß es, sei nur ein weiterer Schritt zur Unabhängigkeit, nach der er strebe.[116]
Albuquerque war gewarnt, er kannte solche Verdächtigungen, aber er hatte, gestützt auf seine Verdienste und die Makellosigkeit seines politischen Charakters, es für unnöthig gehalten, ihnen entgegen zu treten. Er antwortete nur durch seine Thaten. Aber er hatte in Portugal wenig Fürsprecher mehr; alle Edelleute, welche er wegen Vergehen und Ungehorsamkeit zurückschickte und dem König zur Bestrafung überwies, vermehrten die Zahl seiner Widersacher, und so glaubte Manuel endlich, indem er, statt eine Untersuchung über die wiederholt vorgebrachten Beschwerden anzuordnen und nach deren Ausfall zu entscheiden, sich mit einer halben Maßregel begnügte, den Generalcapitän wenigstens zurückrufen zu müssen. Und das war es eben, was diesen so tief kränkte. Als er vernahm, daß Lopo Soarez ihn ersetzen solle und daß andere Befehlshaber für die wichtigsten Positionen ernannt seien, rief er wehmüthig aus: „Lopo Soarez Generalcapitän?! Konnte es nicht ein anderer sein! Und solche Männer, wie Diogo Mendez und Diogo Pereira,[117] die ich wegen ihrer Vergehen als Gefangene nach Portugal heimgesandt, schickt mir der König als Capitäne und Secretäre wieder zu?! Um des Königs willen habe ich es mit diesen Leuten verdorben, und falle um der Leute willen bei dem Könige in Ungnade.“[118]
Sein Lebensmuth und seine Lebenskraft waren gebrochen. Er wünschte nur noch Goa zu erreichen, denn hier hoffte er Briefe zu finden, welche ihm den plötzlichen Umschlag erklärten und ihn wenigstens durch Anerkennung seiner Verdienste trösten könnten.
Auf Zureden seiner Freunde schrieb er mit zitternder Hand einen letzten Brief an den König: „Sire, dies sind die letzten Worte, welche ich an Ew. Majestät richte, schwergebeugt, nachdem ich so viele Berichte mit heiterem Lebensmuthe geschrieben. Ich hinterlasse hier einen Sohn,[119] Bras Albuquerque; ihm bitte meine Verdienste anrechnen zu wollen. Die Angelegenheiten in Indien werden für sich selbst und für mich sprechen.“ Im Angesicht des Hafens von Goa starb er am Bord des Schiffes, am 16. December 1515, 63 Jahre alt. Angethan mit dem weißen Gewande des St. Jago-Ordens, dessen Commandeur er war, und geschmückt mit den Ordenszeichen, um die Schultern den Sammetmantel gelegt und über dem Goldnetz, welches das Haar umschloß, mit einem Sammtbarett: so wurde seine Leiche auf einem mit Goldbrokat bedeckten Sessel ans Land getragen. Die Augen waren halb geöffnet, aber ohne die Häßlichkeit des Todes. Der lange, weiße Bart wallte bis auf die Brust herab, so daß er auch im Tode noch dieselbe Achtung und Ehrfurcht gebot, die man ihm im Leben zollte. Am Ufer wurde er von dem Commandanten und allen Edelleuten empfangen und in der Capelle beigesetzt, welche er selbst vor den Thoren der Stadt hatte erbauen lassen.
Er hatte die Tugenden und Fehler eines Imperators. Er übte strenges Recht, aber den Treubruch bestrafte er hart. Er war zäh im Ausharren und Ertragen von Mühen. Er ging bei allen Kämpfen nicht mit Worten, sondern mit dem besten, eigenen Beispiel voran. Schmeichler und Ohrenbläser ließ er hart an und hielt sie von sich fern. Den gefaßten Plänen folgte schnellste Ausführung. Persönliche Beleidigungen ertrug er großmüthig, aber er litt es nicht, daß man seine Befehle überschritt oder seine Pläne durchkreuzte; dann schreckte er auch vor Gewaltmaßregeln nicht zurück. In seinen Todesurtheilen ist er mehrmals zu rasch gewesen, denn er war eine leicht erregbare Natur, die schwer zu befriedigen war; aber eine übereilte Handlung hat er alsbald bereut.
Er forderte volle Hingebung an den Beruf und das Amt und verlangte die Anspannung aller Kräfte. Darin that er selbst es allen zuvor. Im Frieden war er Tag und Nacht thätig. G. Correa erzählt,[120] daß er gewöhnlich des Morgens in aller Frühe die Messe hörte und dann zu Pferde stieg, um, von seiner Leibwache umgeben, die Bauten, Werften, Magazine zu besichtigen. Im Staatsdienst duldete er keine Verschwendung und konnte über unnütze Verschleuderung des königlichen Gutes leidenschaftlich aufbrausen. Seine Entscheidungen traf er rasch; man hat mehrfach gesehen, daß er unterwegs, auf der Straße, Befehle und Dokumente auf den Knien unterzeichnete. Er war leutselig gegen jedermann und verstand die Hindus und Mohammedaner nach ihrer Art zu behandeln. Für alle war er bedacht, die friedliche Entwicklung des Handels zur Verbesserung der Lage und Vermehrung des Wohlstandes zu fördern. Jedermann hatte Zutritt zu ihm. Seine Thür war nie verschlossen, nur nach dem Mittagsessen gönnte er sich eine kurze Ruhe und diese wurde an den Wochentagen noch auf das geringste Maß beschränkt. Am Tage fast immer draußen beschäftigt, verwendete er die Stunden der Nacht dazu mit seinen Secretären zu arbeiten, um dem Könige von allem Rechenschaft zu geben bis ins Kleinste. An den König, die Königin, die königlichen Räthe entwarf er die Briefe selbst.
Da er immer nur darauf bedacht war, die königliche Macht in Indien zu stärken, so lag es ihm ganz fern, für sich selbst Reichthümer zu erwerben. Alle Geschenke, welche ihm von den Fürsten und Herren in Indien verehrt wurden, übergab er dem König oder der Königin, oder vertheilte sie unter die Hauptleute und Ritter. Auch gegen die Armen erwies er sich hilfreich.
Im Kriege und in der Schlacht stellte er sich den Soldaten gleich und achtete auf sein Leben ebensowenig als auf das Leben der andern, wenn es ein großes Ziel galt. Bei dem ersten unglücklichen Kampfe um den Palast in Kalikut gerieth er selbst mehrfach in Lebensgefahr. Sein Fahnenträger und einer seiner Pagen fielen an seiner Seite und er hielt aus, bis ihn ein Steinwurf besinnungslos niederwarf. Ebenso begab er sich beim ersten Sturm auf Malaka in Lebensgefahr, wurde dabei von den Feinden umstürmt und mußte von João Lemos herausgehauen werden. Dann ging er aber sofort wieder zum Angriff über. Er war ein vorsichtiger Feldherr und nie tollkühn; aber wenn er Großes erreichen wollte, setzte er alles daran. Vor dem zweiten Sturm auf Malaka erklärte er seinen schwankenden Capitänen, daß er seine Mannschaft nur darum aufs Spiel setzte, weil er die Position von Malaka für außerordentlich wichtig halte. So griff er auch zweimal Goa an und ließ sich durch einen ersten Mißerfolg nicht abschrecken, die blutige Entscheidung noch einmal zu wagen. Darum hielt er bei der ersten Belagerung in Goa auch so zäh bis zum äußersten aus. Als hier dem feindlichen Feldherrn durch portugiesische Ueberläufer mitgetheilt war, daß auf seiner im Flusse abgesperrten Flotte Mangel und Hungersnoth herrsche, und jener Heerführer des Adil Schah den Portugiesen großmüthig mehrere Böte mit Erfrischungen anbot, ließ Albuquerque seine letzten Vorräthe, einige Faß Wein und Schiffszwieback auf Deck bringen, zeigte dieselben den Abgesandten und erklärte: andere Leckerbissen als diese Speisen kennten die Portugiesen nicht und bedürften sie nicht. Sollten ihnen diese ausgehen, dann würden seine Soldaten sich schon ungebeten an der Tafel des Adil Schah melden. Jetzt leide er noch keine Noth.
So bewahrte er auch in schwerer Bedrängniß seinen Gleichmuth. Trotz seiner großen Erfolge sah man ihn nie übermüthig werden, auch warnte er seine Capitäne vor jeder Ueberhebung. Als einige von seinen Hauptleuten meinten, die Mauern der neuen Festung in Ormuz seien nicht stark genug, erwiderte er: „Wenn diejenigen, denen die Burg anvertraut ist, sich nicht als Tyrannen geberden, werden sie stark genug sein. Lassen sie sich aber zum Uebermuth hinreißen, so ist auch die stärkste Mauer zu schwach.“
Er suchte zwar die Rechte des Siegers voll und ganz zu vertreten, wünschte aber doch, aus politischen Rücksichten, eine Annäherung zwischen Portugiesen und Eingebornen. Darum begünstigte er die Heiraten der Portugiesen mit Hindumädchen. In Goa waren diese letzteren weniger schwierig als die Töchter der Brahminen und Nair weiter im Süden. Jedem neuvermählten Paare verehrte er 18 Milreis aus der königlichen Kasse und vertheilte unter die Ansiedler die Häuser und Aecker der vertriebenen Mohammedaner. Dadurch wollte er Goa zum Mittelpunkt der portugiesischen Herrschaft machen und seinen Besitz dauernd befestigen.
Die indischen Gegner fürchtete er dabei weniger als den Sultan Aegyptens. Von dort schien ihm auch in Zukunft allein ernste Gefahr zu drohen. -- Das ganze Zeitalter war so reich an überkühnen, himmelstürmenden Gedanken und Plänen, daß wir uns nicht wundern dürfen, auch Albuquerque in eine solche Schwäche verfallen zu sehen. Wie man von Michel Angelo erzählt, daß er den Marmorgipfel des Monte Altissimo in den Bergen von Carrara zu einer einzigen Statue habe umgestalten wollen, und damit ein ganzes Gebirgsprofil verändert hätte, so hatte auch Albuquerque, indem er der Oberfläche der Erde durch Verlegung eines Stroms ein anderes Ansehen geben wollte, nichts geringeres im Sinne, als den Nil in seinem Oberlaufe nach Habesch abzuleiten, um den alten Kulturboden von Aegypten des segenspendenden Wassers zu berauben; denn nur so hoffte er die mohammedanischen Herren für immer aus dem Lande der Pyramiden vertreiben zu können.
Verständiger klingt schon sein Vorschlag, einen großen Feldzug ins rothe Meer hinauf zu machen und nach Eroberung Medina’s die Gebeine Mohammeds zu entführen, um dafür das heilige Grab in Jerusalem von den Ungläubigen auszutauschen.
So genial wie in seinen Plänen, so reich war er an treffenden Aussprüchen. Die zeitgenössischen Geschichtsschreiber haben uns manche davon überliefert, die offenbar von Mund zu Mund gegangen waren. Dadurch wußte er auch die Gemüther wieder zu besänftigen, die er durch sein leidenschaftliches Temperament verletzt hatte. Ein witziger Einfall machte eine scheinbare Ungerechtigkeit, die er begangen, bald vergessen. Man sah, er wollte nur die Pflichtvergessenen treffen.
Als nach der Eroberung Malaka’s Albuquerque beim Bau der Citadelle auf einem Gedenkstein, der in der Mauer angebracht werden sollte, die Namen der Tapfersten hatte einmeißeln lassen, beschwerten seine Leute sich darüber, daß nur einige genannt seien, während sie doch alle ihre Schuldigkeit gethan hatten. Da befahl der Generalcapitän den Stein umzukehren, daß die +Schrift+ nach innen kam, und ließ ihn als Schlußstein über das Thor der Festung setzen mit der neuen Inschrift: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben. (Psalm 118. 22).[121]
Sicher war Albuquerque der bedeutendste unter den portugiesischen Heerführern in Indien. Er verdunkelte auch die Thaten seiner Nachfolger. Zu spät sah Manuel seinen Fehler ein, daß er durch seinen Undank dem Begründer seiner indischen Macht das Herz gebrochen. Dann wollte er ihn wieder an Stelle des Soarez einsetzen und ihm sogar den Rang eines Vicekönigs verleihen. Aber dieser reuige Beschluß kam zu spät, und der König selbst mußte es noch erleben, wie mühsam sich nach Albuquerque’s Tode die indischen Angelegenheiten in befriedigender Weise entwickelten.
8. Die Nachfolger Albuquerque’s.
+Lopo Soarez d’Albergaria+, welcher als nächster Nachfolger Albuquerque’s von 1515-1518 den Oberbefehl in Indien führte, war kein Neuling mehr im Orient; er hatte schon 1504 ein Commando gehabt. Nun war er am 7. April von Lissabon mit 13 Segeln abgegangen und erreichte am 8. September 1515 Goa. Als Capitäne der einzelnen Schiffe begleiteten ihn alle die Widersacher Albuquerque’s, wie Diogo Mendes de Vascogoncellos, Jorge de Brito u. a.
Bei seiner Ankunft in Goa fand er allgemeine Niedergeschlagenheit über seine Ernennung und Betrübniß über die rücksichtslose Beseitigung seines verdienstvollen Vorgängers, der sich in der von ihm geschaffenen Stadt der ungetheiltesten Verehrung erfreute. Im October ging Soarez nach Kotschin und fand dort, wie überall, nur kühlen Empfang; selbst die indischen Fürsten außer dem von Kalikut theilten die allgemeine Stimmung. Um diese Zeit kehrte Albuquerque von Ormuz zurück und in Kotschin erfuhr Soarez durch Simão d’Andrade zuerst von dem Hinscheiden des bisherigen Generalgouverneurs. Nun hatte Soarez freie Hand, aber auch im folgenden Jahre geschah noch nichts Erhebliches, er rüstete zu einem großen Zuge nach dem rothen Meere und brachte eine stattliche Flotte von 37 Schiffen zusammen, mit welcher er im Februar aufbrach, um einem ägyptischen Geschwader entgegenzutreten, welches angeblich 27 Segel stark, wiederum nach den indischen Gewässern bestimmt sein sollte. Die feindliche Macht hatte in der That noch vor Aufbruch des Soarez sich auf den Weg gemacht, die wichtige Insel Kamaran befestigt, damit dieselbe nicht wieder, wie unter Albuquerque, zum Stützpunkt der portugiesischen Unternehmungen dienen könnte, war dann vor Aden erschienen und hatte diese Festung vergeblich berannt. Dann war sie nach Dschidda, dem Hafen von Mekka zurückgekehrt, wo man in gesicherter Lage die Schiffe an den Strand gezogen hatte.
Soarez erlitt zwar durch einen Sturm in der Babelmandeb-Enge einige Verluste, drang aber trotzdem bis nach Dschidda vor. Er kam also weiter als Albuquerque, allein damit hatten seine Erfolge ein Ende. Denn der Hafen von Dschidda ist, wie fast alle Häfen am rothen Meere, durch Korallenbänke gebildet und geschützt. Zwischen den Riffen wand sich das schmale Fahrwasser wohl eine Meile weit, ehe man den Landungsplatz erreichte, und diese gefährliche Straße war durch Batterien vertheidigt. Eine Ueberrumpelung des Platzes mit bewaffneten Böten mißlang, es konnten nur einige Schiffe in Brand gesteckt werden. Während Soarez den Hafen noch blokirte, erhielt er bestimmte Nachrichten über den Einbruch der Türken in Aegypten und die Niederlage des ägyptischen Sultans. Dadurch war vorläufig die Kriegslust desselben vernichtet, und da man vor der Hand von den Türken nichts für Indien zu befürchten hatte, so wollte auch Soarez seine Leute nicht unnützerweise in den ungesunden Gewässern opfern, sondern zog sich zurück. Die Insel Kamaran war bei ihrer Ankunft von der mohammedanischen Besatzung zwar verlassen; aber außer Trinkwasser bot die Insel nichts. Für Lebensmittel war auf der Flotte nicht hinreichend gesorgt; nur um solche zu gewinnen, wurde die Stadt Zeila, auf der afrikanischen Küste, erstürmt und geplündert. Viele Leute verschmachteten oder verhungerten, andere kamen in Krankheiten um, andere bei Schiffbrüchen. Barros schätzt die Zahl der also Hinweggerafften auf achthundert. Osorio[122] äußert sich in heftigem Unwillen über diese Mißerfolge: „Mit Verlust von Menschen und Schiffen, mit Schimpf und Schande ging Soarez nach Ormuz zurück. Weder besetzte er Aden, noch zerstörte er die Flotte des Sultans in Dschidda, ja er setzte nicht einmal den Gesandten des Königs Matthäus von Habesch, der sich an Bord befand, in seiner Heimat ans Land.“ Auf dem Rückwege wurde die Flotte durch Unwetter dermaßen auseinander gejagt, daß einige Schiffe sich bis nach Melinde und gar nach Mosambik verschlagen fanden. So kläglich endete dieses Unternehmen. Mehr Erfolg hatte Soarez 1513 mit seinem Zuge gegen +Ceylon+. Diese Insel war seit 1506 von Portugiesen besucht. Nach der Eroberung von Ormuz, Goa und Malaka, und nach der Besetzung der Haupthäfen auf der Westküste Vorder-Indiens durch Albuquerque, nahmen die arabischen Kauffahrer einen anderen Weg, um von den Gewürzinseln in ihre Heimat zurückzukehren. Sie vermieden das früher besuchte malabarische Küstenland, legten dafür in Ceylon, namentlich in Kolombo, an und steuerten dann über die Malediven nach Aden. Um ihnen nun diesen Weg gleichfalls zu verlegen, hatte Manuel den Befehl gesandt, in Kolombo sich festzusetzen. Der dortige Fürst bequemte sich erst nach einer Niederlage dazu, den Bau einer portugiesischen Citadelle zu gestatten, und mußte, indem er vollständig zinsbar wurde, jährlich 300 Bahar Zimmt (~à~ 4 Centner), 12 Ringe mit Rubinen und Saphiren, und 6 Elephanten als Tribut in die Factorei von Kotschin liefern.
Nachdem dieser Zug geglückt war, übergab Soarez den Oberbefehl seinem Nachfolger und ging am 20. Januar 1519 mit neun beladenen Schiffen nach Portugal ab. „Sein ganzes Glück scheint darin bestanden zu haben, daß er seine Flotten und seine Ladungen wohlbehalten nach Hause brachte.“[123]
Indem wir vorläufig die weiter östlich ausgeführten Entdeckungsfahrten übergehen, um sie später im Zusammenhange übersichtlich darzustellen, verweilen wir noch bei den Angelegenheiten, welche sich in Vorder-Indien und im westlichen Theile des indischen Oceans abspielen. Aber auch diese Ereignisse sollen nur summarisch geschildert werden, da wenige bedeutende Erfolge im nächsten Jahrzehnt zu verzeichnen sind. Auf Soarez folgte als Generalgouverneur +Diogo Lopez de Sequeira+ von 1519-1521. Derselbe ist uns bereits bekannt durch seinen ersten Besuch in Malaka 1509. Er kam als oberster Befehlshaber wieder mit einer ansehnlichen Flotte und 1500 Mann im September 1518 nach Indien, und unternahm auch, auf königlichen Befehl, 1520 einen erfolglosen Zug nach dem rothen Meere, weil man in Portugal in Erfahrung gebracht, daß die Türken in Aegypten einen Zug nach Indien vorbereiteten. In der Nähe der Meerenge von Babelmandeb litt Sequeira selbst Schiffbruch; er rettete sich mit seinen Leuten auf ein anderes Fahrzeug, gelangte aber nicht einmal bis Dschidda, suchte dann den Hafen Massaua an der Küste von Habesch auf -- er war der erste Portugiese, der hier anlief -- und brachte endlich den habessinischen Gesandten, den schon Soarez bei seinem Zuge an Bord gehabt, wieder in sein Vaterland. Dann begab er sich von da nach Ormuz und wurde mit neuen Befehlen von Portugal aus förmlich überschüttet, so daß er nicht wußte, was er zuerst vornehmen sollte. Danach sollte er auf den Molukken, auf Sumatra, auf den Malediven, in Tschaul (Vorder-Indien) Festungen anlegen, dann wieder nach dem rothen Meere gehen, Diu erobern, Schiffe nach China senden u. s. w. Aber von alledem hat er nur eins, die Anlegung eines Forts in Tschaul, ausgeführt. Denn sein großer Zug gegen Diu mit mehr als vierzig Schiffen mißlang und zu einem zweiten Zuge gegen Aegypten fehlte ihm die Zeit. Seine Amtszeit war abgelaufen. Bis an das nördliche Ende des rothen Meeres, bis nach Sues vorzudringen, war erst 1541 dem Sohne Vasco’s, Estevan da Gama vergönnt.
Schon ehe Sequeira vom Oberbefehl zurücktrat, starb König Manuel am 13. Januar 1521. Sein Sohn und Nachfolger Johann III. schickte 1522 den +Duarte de Menezes+ als Obergeneral nach Indien. Derselbe hatte sich im afrikanischen Kriege vor Tanger ausgezeichnet und galt als einer der vorzüglichsten Männer Portugals; aber auf indischem Boden grünte ihm kein Lorbeer, denn um diese Zeit wäre beinahe die wichtige Position von Ormuz verloren gegangen. Dort war nämlich gegen Ende des Jahres 1521 ein Aufstand ausgebrochen, weil Portugiesen als Hafenmeister angestellt waren, welche die Hafeneinkünfte controlliren sollten. Darüber bildete sich eine Verschwörung, welche die Fremden vernichten sollte. In einer Nacht wurden 125 Portugiesen, welche sorglos in der Stadt wohnten, überfallen und niedergemacht. Glücklicherweise aber hielt sich die Festung. Der König von Ormuz begab sich daher, da der verrätherische Plan nicht vollständig geglückt war, mit allem Volk nach der weiter nördlich gelegenen Insel Kishm, nachdem er die Stadt den Flammen preisgegeben hatte. Der Bruder des Generalcapitäns, Luis de Menezes, welcher auf die Kunde von diesem Vorfall sofort dorthin gesendet wurde, stellte indeß den Frieden wieder her. Das Handelsvolk kehrte in die Stadt zurück und der König mußte sich zu einem jährlichen Tribut von 20,000 Scherafinen verpflichten. Dann erschien auch Duarte de Menezes in Ormuz, ordnete die Verhältnisse wieder und befestigte die portugiesische Stellung.
Wenn als sein Nachfolger +Vasco da Gama+ noch einmal in Indien erscheint, so durfte man wohl erwarten, daß er mit fester, rücksichtsloser Hand die indischen Angelegenheiten leiten und das eintretende Gefühl einer Ermattung durch glänzende Thaten bannen würde. Leider sollte diese Erwartung nicht in Erfüllung gehen, da er nur ein Vierteljahr die Oberleitung besaß.
Es ist mit Recht aufgefallen, daß der Entdecker des Seeweges seit 1502 keine Verwendung in indischen Diensten gefunden hatte. War Don Manuel nicht einverstanden gewesen mit dem schroffen Auftreten Gama’s? Erst unter König Johann III. begegnen wir ihm wieder und dann mit dem Range eines Vicekönigs, den seit Almeida kein Heerführer in Indien mehr erhalten hatte. Im Gefolge Gama’s befanden sich außer seinen Söhnen Estevan und Paulo die Capitäne Henrique de Menezes und Lopo Vaz de Sampayo, welche beide später als Generalcapitäne fungirten. Am 23. September langte der neue Vicekönig in Goa an, und wandte seine Aufmerksamkeit und Thätigkeit zunächst einer sorgfältigen Prüfung der Verwaltung zu. Hier waren allerlei Mißbräuche eingerissen und Unterschleife vorgekommen, welche die Einkünfte des Königs schmälerten. Dabei handelte Gama im Interesse des Staates, denn, sagte er, er wolle lieber den König reich machen, da es das größte Glück für ein Volk sei, einen reichen König zu haben, als die Leute sich bereichern lassen, die arm von Portugal kämen, um, ohne für den Dienst besonders befähigt zu sein, in Indien Schätze zu sammeln. Darum verfuhr er gegen die reichen Beamten des Königs sehr streng und stellte niemanden an, ehe er seine Fähigkeiten geprüft hatte. Ohne Erlaubnißschein sollte kein portugiesischer Privatmann Handel treiben, bei Todesstrafe, und wenn gar ein Beamter sich an den Geschäften betheiligte, sollten Schiff und Ladung confiscirt werden.
Da auch die portugiesischen Kauffahrteischiffe wegen der kriegerischen Verhältnisse in den indischen Gewässern mit Geschützen versehen waren und sich dieselben auf unerlaubte Weise vielfach aus den königlichen Arsenalen zu verschaffen gewußt hatten, so forderte Gama diese Waffen wieder zurück. Binnen einem Monate mußten sie an die Zeughäuser wieder abgeliefert werden. Waren die Händler auf diese Weise wieder wehrlos gemacht, dann war auch ihre Unternehmungslust dadurch gedämpft. Aber nicht blos Waffen waren, mit Genehmigung der königlichen Verwalter, aus den königlichen Magazinen abgegeben; manche höhere Beamte hatten sogar königliche Gelder zurückbehalten. Diese trieb, so weit sie ermittelt werden konnten, der Vicekönig ohne Ansehen der Person ein. So forderte er selbst von seinem Vorgänger im Amte, Duarte de Menezes Summen zurück, welche dieser sich aus den Einnahmen der Factoreien angeeignet hatte. Eine längere Dauer seines Regiments würde für die Verwaltung von heilsamer Wirkung gewesen sein. Aber diese letztere wurde bald verwischt, da Vasco da Gama schon am 24. December 1524 in Kotschin starb. Die Leiche wurde, in seidenen Kleidern mit dem Mantel des Christusordens bedeckt, mit Schwert und goldenen Sporen, zuerst in einer Halle ausgestellt und dann in der Kapelle des Franziskanerklosters in Kotschin beigesetzt. Im Jahre 1538 wurden die Gebeine nach Portugal gebracht und in Vidigueira bestattet, wo das Grabmal 1840 vom Pöbel zerstört wurde.
Barros schildert ihn als einen Mann von mittler Größe, kühn und tapfer in seinen kriegerischen Unternehmungen, strenge in seinen Befehlen, furchtbar in seinem Zorn, unverdrossen in der Arbeit, beharrlich selbst in Gefahren, unbestechlich in der Handhabung der Gerechtigkeit. Und wenn Correa hinzufügt, daß er sich nur aus religiösem Eifer und zur Ehre Portugals so oft in Lebensgefahr begeben habe, so liegen auch bei Vasco da Gama als die treibenden Kräfte: ritterlicher Waffenruhm und die Verbreitung des heiligen Glaubens offen vor Augen; denn vielen, und darunter den Edleren, erschienen die indischen Kämpfe als heilige Kriege, als Kreuzzüge gegen den Erbfeind des Christenthums.
Nach dem Tode des Vaters kehrten die Söhne Gama’s zunächst nach Portugal zurück.
Gama’s Nachfolger wurde +Henrique de Menezes+, ein junger, tapferer Mann, welcher sich zuvor im marokkanischen Kriege ausgezeichnet hatte und zu jener Zeit Gouverneur von Goa war. Derselbe starb aber schon am 23. Februar 1526 in Folge eines Beinschadens. Zu seinem Nachfolger bestimmte eine königliche Verordnung den +Pero Mascarenhas+. Derselbe war aber damals Statthalter in Malaka, und weil man voraussah, daß eine geraume Zeit darüber vergehen werde, ehe er mit günstigem Monsun nach Vorder-Indien kommen könne, und weil man augenblicklich bei den fortwährenden Kämpfen an der Küste von Malabar schleunigst einer Oberleitung bedurfte, so entschieden sich die Hauptleute dahin, nach einer weitern königlichen Verfügung, welche bereits in Indien schriftlich vorlag, den +Lopo Vaz de Sampayo+ provisorisch als Generalgouverneur anzuerkennen, jedoch mit dem Vorbehalte, daß er bei Ankunft des Mascarenhas zurückzutreten habe. Lopo Vaz war damals Commandant in Kotschin und trat sofort sein Amt an. Noch in demselben Jahre traf von Europa eine neue Verfügung des Königs ein, welcher von den oben erwähnten Vorfällen und von dem Tode des Menezes noch keine Kunde hatte und nun neuerdings bestimmte, daß, falls Menezes stürbe, Lopo Vaz in seine Stelle treten solle. Daraus entstanden unliebsame Verwicklungen. Als Mascarenhas am 26. Februar 1527 vor Kotschin ankam, wurde ihm bedeutet, er dürfe sich nicht als Generalgouverneur betrachten und mit seinen bewaffneten Leuten landen. Wolle er ohne Waffen als Privatmann ans Land kommen, so solle das gestattet sein. Pero Mascarenhas hoffte durch sein persönliches Erscheinen seinen Anhang zu vermehren und dann doch anerkannt zu werden. Aber er fand am Ufer bewaffneten Widerstand und mußte, nachdem er zweimal am Arme verwundet war, sich auf sein Schiff zurückziehen. Er lieferte die von Malaka mitgebrachten Frachtschiffe und die Beute aus einem glücklichen Kriege mit dem Fürsten von Bintang ohne Weigerung ab und begab sich ohne Gefolge nach Goa, wo er durch friedliche Entscheidung zu seinem Rechte zu kommen gedachte. Vor der Barre von Goa wurde aber sein Fahrzeug auf Befehl des Lopo Vaz angehalten und er selbst in Ketten gelegt und nach Kananor gebracht. Die starke Partei des Mascarenhas ruhte aber nicht eher, als bis Lopo Vaz zu einem Vergleich sich herbeiließ und das Urtheil einem Schiedsgerichte anheimstellte. Als dieses sich für ihn entschieden hatte, kehrte Pero Mascarenhas nach Portugal zurück (December 1527). Vor seiner Ankunft hatte der König schon beschlossen, um die in Indien ausgebrochenen Parteistreitigkeiten zu beseitigen, einen neuen Generalgouverneur zu entsenden, dem beide Parteien gehorchen könnten. Es wurde +Nuno da Cunha+ ernannt, der schon mit seinem Vater Tristão in Indien gewesen war. Diese Wahl war sehr glücklich, denn seit Albuquerque’s Tode war nichts Bedeutendes mehr geleistet und die verfügbare Macht in fruchtlosen Unternehmungen zersplittert. Im April 1528 verließ da Cunha Lissabon mit 11 Schiffen und 2500 Mann. An der Küste von Madagascar verlor er sein Schiff, wandte sich an den Komoren vorbei nach Sansibar, eroberte im November Mombas fast ohne Blutvergießen und legte es in Asche, da der Scheich nur in der Erwartung, daß das höchst ungesunde Klima die Portugiesen bald vertreiben werde, den verlangten Tribut zu zahlen sich weigerte. Dann ging da Cunha, obwohl er von dem Streite über den Oberbefehl in Indien genauere briefliche Nachrichten erhalten hatte, zuerst nach Ormuz, um dort zu überwintern und zugleich die Angelegenheiten in der Stadt zu ordnen. Er traf zu Gunsten des Königs von Ormuz uneigennützige Verfügungen und übte strenges Gericht über hochgestellte einheimische Beamte, welche sich große Unterschlagungen königlichen Gutes hatten zu Schulden kommen lassen. Dadurch gewann er das Vertrauen des Herren der Stadt. Während seiner Anwesenheit daselbst kam Belchior de Sousa Tavaros von einem Kriegs- und Entdeckungszuge nach Basra in den Hafen zurück. Er war der erste Portugiese, welcher in den vereinigten Mündungsstrom des Euphrat und Tigris eindrang.
Am 15. September 1529 begab sich da Cunha nach Indien und erreichte Goa am 22. October. Sofort begann er seine Vorbereitungen zu einem energischen Angriff auf Diu, dem wichtigen und sehr festen Hafenplatz im Reiche Gudjerat. Schon Albuquerque hatte, in richtiger Würdigung der Wichtigkeit dieses Platzes, den Hafen von Diu ins Auge gefaßt, war aber durch andere Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen gewesen, um einen Anschlag darauf ausführen zu können. Unter seinen Nachfolgern war die Stadt, welche lange unter der Verwaltung des Melek Aias gestanden, mehrfach vergeblich bestürmt. Auch unter den Nachfolgern des genannten Statthalters, seinen Söhnen Melek Saka und Melek Toghan war sie eine gefährliche Nachbarin der Portugiesen geblieben, denn der Sultan Bahadur (Badur) von Gudjerat, zu dessen Gebiet sie gehörte, war einer der mächtigsten Fürsten Indiens.
Inzwischen traf da Cunha mit seinem Vorgänger Lopo Vaz vor Kananor zusammen und übernahm aus dessen Hand die Oberleitung der indischen Angelegenheiten. Auf Befehl des Königs Johann III. mußte er sogar den bisherigen Generalcapitän verhaften lassen, weil von Ormuz und Kotschin aus Klagen gegen denselben eingelaufen waren. In Portugal aber wurde Lopo Vaz bald wieder in Freiheit gesetzt.
Dem wankelmüthigen Samudrin, welcher den Frieden immer wieder brach, sowie sich die portugiesische Macht aus seiner Nähe entfernte, wurden die Häfen gesperrt und der einträgliche Handel gelähmt. Er wurde nämlich von den Mohammedanern, in deren Interesse er handelte, immer wieder heimlich unterstützt und aufgestachelt. Auch jetzt erbot er sich wieder zum Frieden, allein da er die ihm auferlegten Bedingungen nicht erfüllen wollte, zerschlugen sich die Verhandlungen, und der friedelose Zustand dauerte fort. Im Jahre 1531 gelang es aber doch durch geschickte Unterhandlungen dem Samudrin das Zugeständniß abzugewinnen, die Erlaubniß zu ertheilen für die Anlegung einer Festung in Chali, drei Meilen südlich von Kalikut, im Gebiet des untergebenen Radscha von Tanur. Da Cunha ließ den Bau sofort beginnen und belegte den festen Platz bereits im Februar 1532 mit 250 Mann. Trotzdem blieb der Samudrin offen oder versteckt ein Gegner der Portugiesen.
Das Reich Gudjerat, gegen welches Nuno da Cunha seinen großen Zug richten wollte, erstreckte sich auf beiden Seiten des Golfs von Kambaya vom Golf von Katsch bis südlich von Bombay. Hier lagen an der Küste die reichen Handels- und Gewerbstädte Pattana, Diu, Kambaya, Barotsch, Sorâth, Damân und Bassein, alte, wohlhabende und berühmte Orte, theils von indischen, theils von mohammedanischen Kaufleuten bewohnt. Schon ehe der Generalcapitän mit seiner großen Flotte aufbrach, schickte er im Anfange des Jahres 1530 den Antonio da Silveira mit einer Anzahl von Schiffen ab und ließ mehrere dieser Städte angreifen und plündern.
Dann folgte im nächsten Jahre da Cunha selbst von Bombay aus mit einem so gewaltigen Geschwader, wie es vorher von den Portugiesen noch nicht aufgebracht war. Es sollen gegen 400 große und kleine Schiffe gewesen sein mit 3600 Portugiesen und dazu eine bedeutende Schaar indischer Hilfstruppen. Statt aber geradenwegs auf Diu zu steuern, wandte sich der portugiesische Befehlshaber weiter ostwärts, wo in einer Entfernung von 8 Meilen nordöstlich von Diu eine kleine felsenumsäumte Insel, jetzt Searbett, damals Bete genannt, liegt. Dieselbe war in letzter Zeit mit Festungswerken versehen und hatte eine Besatzung von 800 Mann. Nuno da Cunha glaubte diese feste Position, welche den genannten großen Handelsemporien näher lag, nicht im Rücken lassen zu dürfen und hoffte sie ohne großen Verlust wegnehmen zu können. Allein die mohammedanische Besatzung wehrte sich mit dem Muthe der Verzweiflung, bis sie vernichtet war. Dadurch büßte da Cunha nicht blos viele Leute und darunter hervorragende Führer ein, sondern er verlor auch viel Zeit, welche von seinen Gegnern in Diu trefflich benutzt wurde, um den ohnehin festen Platz noch mehr mit Vertheidigungswerken zu versehen. Diu liegt vor dem Südende der Halbinsel Gudjerat auf einer Insel hart an der Küste. Dieses Eiland erstreckt sich 1½ Meilen von Osten nach Westen und ist etwa ½ Meile breit. Am schmäleren Ostende liegt die Stadt, zwischen der Insel und dem nördlichen Festlande der gegen Osten geöffnete Hafen. Klippenreihen umsäumen die Insel gegen Süden und decken die Stadt. Auf und zwischen den Felsen waren Batterien errichtet, um einen Angriff von der Seeseite abzuwehren. Weiter ostwärts erstrecken sich Sandbänke vor der Einfahrt in die Bucht, und der Hafen selbst war mit eisernen Ketten versperrt.
Hätten die Portugiesen es nur mit den einheimischen Truppen zu thun gehabt, so wäre der Angriff auf diese starke Position vielleicht von Erfolg gekrönt gewesen; allein der Sultan Bahadur hatte kurz vorher einen unschätzbaren Bundesgenossen bekommen in der Person des türkischen Generals Mustafa, der auf die Kunde von den drohenden Ereignissen vom rothen Meere her mit zwei Schiffen und 800 tüchtigen türkischen Soldaten der Stadt zu Hilfe geeilt war. Mustafa verstand die europäische Kriegführung und war namentlich als Artillerieoffizier berühmt. Er wurde der Leiter der ganzen Vertheidigung und die gutgezielten Schüsse seiner Batterien richteten unter den Portugiesen unerwartet großen Schaden an. Nuno da Cunha übersah bald die veränderte Lage und das Bedenkliche eines Sturmes auf die Festung; da aber sein König den Angriff befohlen, so wagte er ihn, um nicht als zaghaft gescholten zu werden. Sein Hauptsturm, am 16. August, wurde indeß durch die Vertheidiger der Stadt abgeschlagen, und die Portugiesen mußten sich zurückziehen. Mustafa erhielt in Anerkennung seiner rühmlichen Leistung den Titel eines Chan und wurde mit der Verwaltung des Districts von Barotsch belohnt. Nuno beschränkte sich auf eine Blokade und ging dann nach Tschaul, südlich von Bombay, zurück. Der kleine Krieg zur See, die Wegnahme von Handelsschiffen, die Verwüstung von Küstenhäfen wurde auch im folgenden Jahre noch fortgesetzt.
Bahadur, welcher bald darauf mit dem Sultan Humajun von Dehli in einen Krieg verwickelt wurde und daher in den Küstenstädten nur wenige Truppen zurücklassen konnte, wünschte indeß mit den Portugiesen Frieden zu schließen und bot ihnen statt Diu die Stadt Bassein sammt der Insel Salsette und Bombay (Mombain) an; der portugiesische Gouverneur ging darauf bereitwillig ein und ließ schon im Januar 1535 ein Fort in Bassein anlegen. Im Verlauf desselben Jahres lief aber Bahadurs Feldzug gegen Dehli unglücklich ab, er wurde geschlagen und flüchtete, verfolgt von dem Sieger Humajun, welcher Kambaya besetzte, nach Diu. Dem Sultan war darum zu thun, in seiner Noth die Portugiesen als Freunde zu gewinnen. Er erbot sich daher noch im Herbst 1535, ihnen einen Platz bei Diu einzuräumen, um eine Festung anzulegen, die den Hafen beherrschen könne. Dagegen sicherte Nuno da Cunha freien Handel der Städte in der Richtung nach dem rothen Meere zu; alle Schiffe konnten frei passiren, nur die türkischen nicht. Auf diesen Grundlagen wurde ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen. Der Bau einer starken Burg wurde alsbald begonnen.
Als aber Humajun nach anderen Theilen seines Reiches abgerufen wurde und Bahadur sich von diesem gefährlichen Feinde erlöst sah, wurde ihm die Burg der Portugiesen lästig. Er knüpfte daher mit anderen Fürsten in Dekhan Verbindungen an, bewahrte aber äußerlich noch ein gutes Einvernehmen. Nuno da Cunha erfuhr von dieser Sinnesänderung und ging im Januar 1537 nach Diu. Als der Sultan den Gouverneur auf seinem Schiffe besucht hatte und nach der Stadt zurückfuhr, kam es in Folge eines unglücklichen Mißverständnisses zu einem feindseligen Zusammenstoß mit einigen nachfolgenden portugiesischen Fahrzeugen. Daraus entwickelte sich ein blutiges Gefecht, in welchem Bahadur selbst getödtet wurde. Bei der allgemeinen Bestürzung, die darüber entstand, ward es den Portugiesen leicht, die Stadt zu besetzen. Als die Gudjeraten aber mit einem größeren Heere heranrückten, mußten die Portugiesen sich wieder in die Festung zurückziehen. Hier hatten sie bald eine sehr ernste Belagerung zu bestehen, denn im Jahre 1538 rückte eine gewaltige türkische Flotte mit 7000 Soldaten vor Diu. Fünfundzwanzig Tage lang wurde die Festung aus schwerem Geschütz beschossen, aber der tapfere Commandant Antonio da Silveira hielt Stand, und das Beispiel edler Frauen, welche nach dem Bericht Barros’ mit Hand anlegten, um die durch die türkischen Geschosse zertrümmerten Mauern wieder herzustellen, feuerte den Muth der kleinen Besatzung an. Ein Hauptangriff gegen die geschossene Bresche wurde glücklich abgeschlagen, die Türken mußten sich zurückziehen und die Belagerung aufheben, weil Nuno da Cunha einige Schiffe zum Entsatz gesandt hatte, welche von den Belagerern für einen Theil der großen erwarteten Flotten gehalten wurden.[124] Es war für die hartbedrängte Schaar auch die höchste Zeit für eine Erlösung, denn aller Kriegsvorrath war verbraucht, und nur noch 40 Mann waren gefechtstüchtig geblieben. Alle übrigen waren gefallen oder verwundet, oder lagen am Scorbut krank, welcher in Folge des schlechten Trinkwassers in der Festung ausgebrochen war.
So war Diu gerettet, und die türkische Macht kehrte am 5. November nach dem rothen Meere zurück.
Es war dies das letzte bedeutende Ereigniß unter der Regierungszeit Nunos. Sein Nachfolger war bereits angekommen. Garcia de Noronha, ein Neffe Albuquerque’s, kam am 11. September 1538 mit einer Flotte nach Goa und übernahm als Vicekönig die Leitung. Nuno da Cunha’s Stellung war in Portugal erschüttert, das konnte er aus dieser Ernennung zu deutlich erkennen. Statt einen kräftigen, energischen Mann, wie er gewünscht hatte, und wie er es selbst gewesen war, ehe das indische Klima seine Gesundheit untergraben hatte, schickte man einen Greis von 70 Jahren, der auch dann als Diu in höchster Gefahr schwebte, mit äußerster Bedächtigkeit seine Rüstungen vornahm. Statt geschulter Soldaten brachte er entlassene Sträflinge mit, die erst eingeübt werden mußten und so wenig Vertrauen erweckten, daß die portugiesischen Hauptleute in Indien lieber eingeborene Truppen nahmen.[125] In Portugal machte sich der Mangel an junger Mannschaft bereits so fühlbar, daß man zu einem so bedenklichen Ersatz gegriffen hatte. Aus Mißmuth darüber nahmen mehrere Hauptleute den Abschied und kehrten mit da Cunha nach Portugal zurück.
Die letzten Tage seines Aufenthalts in Indien wurden dem bisherigen Gouverneur noch dadurch verbittert, daß der Vicekönig ihm ein Schiff zur Heimreise verweigerte, unter dem Vorwande, er könne keins entbehren. Dadurch wurde da Cunha noch bis zum Januar 1539 in Kananor zurückgehalten und mußte sich, nachdem er zehn Jahre die portugiesische Macht in rühmlicher Weise erweitert und seinem Könige die Festungen in Diu, Bassein und Chali gegründet hatte, welche, wie Barros meint, nicht weniger wichtig waren als Ormuz, Malaka und Goa, die Eroberungen Albuquerque’s, auf eigene Kosten ein Schiff miethen, um in die Heimat zurückkehren zu können. Den Keim einer tödtlichen Krankheit in sich tragend und niedergebeugt durch den Undank des Herrschers, dem er ebenso uneigennützig als erfolgreich sein Leben lang gedient, denn er war schon sehr früh nach Indien gekommen, stieg da Cunha zu Schiff. Als er den Tod nahen sah, erklärte er in seinem Testamente an Eides statt, daß er niemals königliches Eigenthum sich angeeignet habe, außer fünf goldenen Münzen aus dem Schatze des Sultans Bahadur, die er dem König habe zeigen wollen. Als man ihn fragte, ob er wünsche, daß, falls er sterbe, seine Leiche mit nach Portugal genommen würde, antwortete er: „Soll ich nach Gottes Rathschluß auf der See sterben, so mag auch die See mein Grab sein. Das Vaterland, das mich voll Undank von sich gestoßen, soll auch mein Gebein nicht decken.“
Sieben Wochen nach der Abfahrt von Kananor starb er und wurde, nach seinem Willen mit dem Gewande des Christusordens bekleidet und mit dem Schwert umgürtet, ins Meer gesenkt. So ward er wenigstens vor noch tieferer Kränkung bewahrt; denn allzu leicht geneigt, den geheimen Anklagen und Verleumdungen ein williges Ohr zu leihen, hatte die portugiesische Regierung ihm bereits ein Schiff entgegengesandt mit dem ausdrücklichen Befehl, den heimkehrenden Generalgouverneur in Ketten zu legen.
Vielleicht war Johann III. dem Nuno deshalb nicht wohl gesinnt, weil dieser sich zu wenig die Ausbreitung des Christenthums hatte angelegen sein lassen und aus politischem Interesse dem Sultan Bahadur zu große Zugeständnisse gemacht hatte. Denn gerade zu jener Zeit war die Geistlichkeit von maßgebendem Einfluß im Rathe Johanns III., welcher die Inquisition in Portugal eingeführt hatte.
Mit Nuno da Cunha ging die ruhmreiche Zeit in Indien zu Ende. Noch lange nach seinem Tode, sagt Barros, erinnerte man sich der zehn Jahre seiner Regierung, so daß selbst diejenigen, die ihn ehedem befeindet hatten, seine Lobredner wurden.
Man muß sich erstaunt fragen, wie es gekommen, daß gerade die verdienstvollsten Männer für ihre Thaten in Indien mit Undank belohnt wurden. Nicht sie selbst allein beklagen sich darüber, die Geschichtsschreiber fällen dasselbe Urtheil und stimmen ihnen bei. Ohne Zweifel lag der Grund zum Theil darin, daß man von Portugal aus, ohne die Sachlage aus so weiter Ferne genau beurtheilen zu können, zu viele Wünsche, Verhaltungsmaßregeln und Befehle sandte, welche unmöglich sofort ausgeführt werden konnten; daß man ein selbständiges Handeln, selbst gegen die ertheilten Vorschriften, als ein Auflehnen gegen die königliche Macht, als ein bedenkliches Trachten nach Unabhängigkeit ansah. Dazu kam noch, daß viele portugiesische Edelleute den Dienst in Indien als ein willkommenes Mittel ansahen, sich möglichst rasch zu bereichern, und sei es auch auf ungerechte Weise. Wie oft ist nicht über Unterschleife geklagt und Untersuchung angestellt worden! Oder es wollten sich die vornehmen Herren den Befehlen des Generalgouverneurs nicht fügen und lehnten sich dagegen auf. Wurden sie dann ihrer Stellen entsetzt und nach Portugal zurückgeschickt, dann traten sie natürlich mit bitteren Klagen über die Oberleitung in Indien auf, und von ihren Gönnern bei Hofe unterstützt, fanden sie auch den Weg bis zu dem Ohr des Herrschers, der fast nur die entstellten Berichte zu hören bekam und so gerade die energischesten Statthalter mit Mißtrauen beobachten lernte oder sich gegen dieselben gewinnen ließ.
Ueberblicken wir noch einmal die politische Machtstellung der Portugiesen in Indien zur Zeit, als Nuno da Cunha starb, so lag der Mittelpunkt ihres Besitzes auf der Westküste jener asiatischen Halbinsel. Es wäre aber eine durchaus falsche Vorstellung, ihre Herrschaft sich über weite Ländereien auf dem Boden Indiens ausgedehnt zu denken. Der ursprüngliche Plan, den Weg zu den Gewürzländern zu finden und den Gewürzhandel ganz und allein in die Hand zu bekommen, blieb stets maßgebend und die einzige Richtschnur. Mit den einheimischen Fürsten wünschte man stets in Frieden zu leben; aber die Anhänger Mohammeds, diese Erzfeinde des christlichen Glaubens, und in den indischen Gewässern fast die alleinigen Zwischenhändler des Handels mit Europa, sei es über den persischen Golf oder durch den arabischen Meerbusen, mußten mit Waffengewalt verdrängt werden; ihre Kauffahrer sollten aus dem indischen Ocean verschwinden. Zu dem Zwecke mußten wachehaltende Kriegsschiffe auf dem Meere kreuzen, um die unter mohammedanischer Führung gehenden Gewürzfrachten abzufangen und ihnen alle Wege zu sperren, dazu dienten aber auch in den wichtigsten Handelsplätzen Indiens feste Citadellen zur Ueberwachung des Verkehrs.
Verstanden sich die indischen Fürsten dazu, daß in ihrem Gebiet eine von Portugiesen besetzte steinerne Festung errichtet wurde, dann traten sie in das Verhältniß der Bundesgenossenschaft, andernfalls waren sie beständigen Belästigungen und Angriffen von der Seeseite ausgesetzt.
Sonach besaßen zwar die Portugiesen eine größere Anzahl von Steinburgen in oder neben den Städten, aber die einheimischen Fürsten regierten im Lande. Nur an drei Punkten wurden den Portugiesen durch Verträge oder Eroberung Küstenstädte nebst dem umgebenden Lande abgetreten: Diu, Bassein mit Salsette und Goa. Und diese lagen sämmtlich an der Küste auf kleinen Inseln, welche von den Eroberern besser vertheidigt werden konnten. Hier waren die Portugiesen die alleinigen Herren und wußten im Laufe der Zeit sich, nach dem Vorgange Albuquerque’s in Goa, diese Positionen um so mehr zu sichern, als Europäer sich dort niederließen und die Städte ihren rein indischen Charakter verloren. Daher kommt es auch, daß noch jetzt die allerdings längst bedeutungslos gewordenen Städte Goa und Diu in portugiesischen Händen geblieben sind.
Außerhalb Indiens gehörte ihnen noch das mit bewaffneter Hand genommene Malaka, das aber nur mühsam bis ins nächste Jahrhundert behauptet wurde. Auch in Ormuz waren sie, obwohl die einheimische Herrschaft in der Stadt belassen wurde, doch die gebietende Macht, während eine Reihe von arabischen Küstenplätzen und ost-afrikanischen Häfen tributpflichtig gemacht wurde.
Die Verhältnisse auf den Molukken sollen im Folgenden noch eingehend betrachtet werden.
Die historischen Ereignisse in Vorder-Indien werden wir nicht weiter verfolgen, sondern richten unsere Blicke auf die östlichen Länder und Inseln Asiens, um zu sehen, wie sie allmählich entschleiert wurden, bis die neugewonnene Kenntniß einerseits bis nach Japan, andererseits bis hart an den Continent Australien reichte.
9. Die Portugiesen auf den Molukken.
Im Südosten von Hinter-Indien breitet sich die große malayische Inselflur aus, welche aus der Sundawelt nebst Molukken und Philippinen besteht. Der Flächenraum, welchen die an tropischen Erzeugnissen überaus reich gesegneten und in malerischer Schönheit prangenden Inseln bedecken, ist so groß wie ganz Europa. Die Summe der Landmassen dieses Gebietes, welches in seiner ganzen Breite auf einer Strecke von 35 Meridianen oder 525 Meilen vom Aequator durchschnitten wird, beträgt etwa 36,000 Quadratmeilen; die Bevölkerung wird jetzt auf 35 Millionen Menschen geschätzt, ist also größer als die Einwohnerschaft von ganz Südamerika. Die Sundainseln gehören zu den größten Inseln der Erde: Bórneo nimmt einen größern Flächenraum ein als das deutsche Reich sammt den angrenzenden Staaten Schweiz, Belgien, Niederlande und Dänemark; Sumátra ist so groß wie Preußen und Bayern zusammen, Celebes läßt sich mit Großbritannien vergleichen, und Java steht dem Staatencomplex von Süddeutschland nicht nach. Man macht sich von der Größe des ganzen Gebiets und der Ausdehnung dieser Inseln gewöhnlich eine zu geringe Vorstellung. „Der Reisende,“ sagt Wallace,[126] „segelt Tage, selbst Wochen längs den Ufern +einer+ dieser Inseln, die oft so groß sind, daß deren Bewohner sie für ein ausgedehntes Festland halten. Er erfährt, daß man Touren zwischen diesen Inseln meist nur nach Wochen und Monaten berechnet und daß ihre verschiedenen Einwohner oft so wenig unter einander bekannt sind, wie die Eingebornen des nördlichen Festlandes von Amerika denen des südlichen. Bald gelangt er dahin, diese Region als eine von der ganzen übrigen Welt gesonderte anzusehen, mit ihren eignen Menschenrassen und ihren eignen Ansichten der Natur, mit ihren eignen Ideen, Empfindungen, Sitten und Sprachweisen, mit einem Klima, einer Vegetation, einer Thierwelt, alles von durchaus ihr eigenthümlichem Charakter.“
Nahe dem Ostrande dieses großen Gebietes, genau in einem Abstande von 25 Meridianen, von der Stadt Malaka aus gerechnet, liegen die eigentlichen Molukken oder Gewürzinseln an der Westküste der vielgegliederten Insel Halmahera oder Dschilolo zwischen dem ersten und zweiten Grade nördl. Br. Die wichtigsten darunter sind Ternate und Tidor. Zwei andere Gruppen von Eilanden, welche ebenfalls an Gewürz reich sind, liegen 60 bezüglich 80 Meilen südlich und südöstlich von der zuerst genannten Gruppe. Beide liegen im Süden der langgestreckten Insel Ceram, und zwar die Amboinen und Banda.
Hier ist die Heimat der Gewürznelken und der Muskatnuß. Im Gegensatz zu der namhaften Ausdehnung der Sundainseln gehören die Molukken zu den kleinsten Eilanden, so daß die kostbarsten Güter der Pflanzenwelt nur auf einem sehr beschränkten Raum gedeihen. Tidor umfaßt kaum 1½, Ternate etwas mehr als 1 Quadratmeile, und die Bandagruppe ist auch nicht größer. Dagegen nehmen die Amboinen einen Flächenraum von 17 Quadratmeilen ein. Gegenwärtig beträgt die Bevölkerung nicht ganz 100,000 Seelen, sie entspricht also annähernd der mittleren Dichtigkeit der Bevölkerung im deutschen Reiche.
Diese Inseln sind Glieder des großen vulkanischen Ringes, welcher von den Philippinen her gegen Süden über Banda hinaus und weiter gegen Westen und Nordwesten über Sumatra hin die größte aller in diesem Gebiete liegende Insel Borneo umfaßt. Sie sind sämmtlich vulkanisch und bestehen eigentlich nur aus 4- bis 5000 Fuß hohen Bergkegeln, in denen die eruptischen Gewalten des Erdinnern noch wach sind, und die theils durch verheerende Ausbrüche, theils durch heftige Erderschütterungen die Bewohner erschrecken. Aber die vulkanischen Aschen und die verwitterten Laven haben, von tropischem Regen getränkt, eine erstaunliche Fruchtbarkeit und eine üppige Baumvegetation erzeugt, welche die Gehänge der Vulkane vollständig umhüllt. Auf den eigentlichen Molukken hat Tidor den größten und vollkommen konisch gestalteten Berg, der Berg auf Ternate ist fast ebenso hoch aber mit einer gerundeten und unregelmäßigen Spitze. Hier erhebt sich unmittelbar hinter der Stadt der riesige Berg, anfangs langsam ansteigend und mit dichten Hainen von Fruchtbäumen bedeckt, bald aber steiler werdend und von tiefen Furchen durchzogen. Fast bis zum Gipfel, dessen Oeffnung stets schwache Rauchwolken entsteigen, ist er mit Pflanzenwuchs bekleidet und sieht so ruhig und schön aus, obgleich er ein Feuer birgt, das gelegentlich in Lavaströmen ausbricht, aber sich häufiger durch Erdbeben bemerkbar macht, welche oftmals die Stadt verwüstet haben.[127]
Ueber den Fruchtbäumen erstreckt sich ein Gürtel von Lichtungen und bebautem Boden, welcher sich den Berg hinauf bis zu einer Höhe von zwei- bis dreitausend Fuß zieht, worauf Urwald folgt, der fast bis zum Gipfel reicht.
Die Küsten dieser kleinen Inseln haben steile, schwarze Gestade aus vulkanischem Sande oder sind mit zerrissenen Massen von Lava und Basalt belegt.[128] Nur hier auf den beiden genannten Inselbergen und den südlich darauf folgenden Inseln, welche ähnlich gestaltet sind, auf Motir und Makkian, sowie auf der südlichsten und größten, Batjan, gedieh die geschätzte Gewürznelke. Der spanische Seefahrer Urdaneta, welcher von 1526 bis 1535 dort weilte, schätzte zu seiner Zeit den jährlichen Ertrag in guten Jahren auf 11,600 Centner (Quintal), in schlechten Jahren auf 5- bis 6000 Centner. Als Urdaneta auf die Inseln kam, kostete ein Bahar (d. h. mehr als 4 Centner) 2 Dukaten, und zur Zeit, als er das Gebiet verließ, bezahlte man in Indien für dasselbe Maß bereits 10 bis 14 Dukaten.[129]
Die zweitwichtigste Gruppe bilden die drei kleinen Bandainseln. Barros[130] nennt sie einen Garten von Muskatbäumen, welche mit zahlreichen Pflanzen und Kräutern zu gleicher Zeit blühen und so die Luft mit einem unvergleichlichen Gemisch von Wohlgerüchen erfüllen. Wallace schildert sie mit gleichem Entzücken, als bedeckt mit einer ungewöhnlich dichten und brillianten grünen Vegetation. Banda ist ein lieblicher kleiner Fleck Erde; die drei Inseln schließen einen sichern Hafen ein, von dem kein Ausgang sichtbar ist, und der so durchsichtiges Wasser besitzt, daß lebende Korallen und selbst die kleinsten Gegenstände deutlich auf dem vulkanischen Sand und in einer Tiefe von 7 bis 8 Faden zu sehen sind. Der immer rauchende Vulkan thürmt seine nackte Spitze an einer Seite auf, während die zwei größeren Inseln mit Pflanzenwuchs bis an den Gipfel der Hügel bedeckt sind. Ungeachtet der Verluste, welche durch Erderschütterungen entstehen, und ungeachtet des geringen Umfanges und der isolirten Lage dieser kleinen Inseln sind sie noch der Haupt-Muskatnußgarten der Erde. Fast die ganze Oberfläche ist mit Muskatnüssen bepflanzt, welche unter dem Schatten der hohen Kanarienbäume (~Kanarium commune~) wachsen. Der vulkanische Boden, der Schatten und die außerordentliche Feuchtigkeit dieser Inseln, wo es mehr oder weniger jeden Monat im Jahre regnet, scheinen dem Muskatnußbaume gerade zuzusagen, welcher keinen Dünger und kaum der Pflege bedarf. Das ganze Jahr hindurch findet man Blumen und reife Früchte, und dazu sind wenige cultivirte Pflanzen schöner als Muskatnußbäume. Sie sind hübsch geformt und glattblättrig, 20 bis 30 Fuß hoch und tragen kleine gelbliche Blumen. Die reife dunkelbraune Nuß ist von der carmoisinrothen Muskatblüthe oder Macis als Samenhülle umgeben und bietet so einen reizvollen Anblick dar.[131]
Urdaneta schätzte zu seiner Zeit den Ertrag auf durchschnittlich 7000 Centner Nüsse und 1000 Centner Macis (~macía~). Ein Bahar (hier gleich 5 Centner) Nüsse kostete 5 Dukaten, Macis immer siebenmal soviel. Von beiden Gewürzen gelangten damals nur etwa 500 Centner Gewürznelken, 100 Centner Macis und 200 Centner Muskatnüsse nach Portugal.[132]
Die dritte und größte Gruppe endlich bilden die Amboinen südlich von Ceram, gegenwärtig dem Hauptpunkte der Molukken. Die Hauptinsel Amboina besteht aus zwei Halbinseln, die durch Seebuchten fast gänzlich von einander getrennt sind. Thätige Vulkane gibt es nicht mehr auf der Insel; früher kamen häufiger heftige Erdbeben vor. Seit 1824 ist der Vulkan auf der westlichen Seite der Insel still geworden. Der Seegrund, welcher die Insel umgibt, ist von einer wunderbaren Klarheit und von bezaubernder Schönheit der farbenprächtigen Korallenwelt, welche von zahlreichen blau, roth und gelb gefärbten Fischen und der Oberfläche näher von orangenen und rosigen, durchsichtigen Medusen belebt ist. Ueppiger Wald, von Kletterpflanzen durchwuchert, bedeckt das ganze Land, so weit es nicht für den Anbau gelichtet ist.[133]
Schon im sechzehnten Jahrhundert gediehen hier die Gewürznelken, wenn auch nicht in demselben Maße wie auf den Molukken, aber die Insel war damals bekannt wegen der Seetüchtigkeit der Bewohner. Die Malayen, welche diese Inselwelt größtentheils bewohnen, sind recht eigentlich ein Seevolk, und durch die Zersplitterung des heimischen Grundes in zahllose Berginseln, deren Gipfel weit über See aus blauer Ferne einladend winken, zum Seeleben erzogen. Die nur in ihrem Gebiete vorkommenden Gewürze steigerten den Verkehr und die Neigung zu weiten Wasserfahrten. Vom Süd- und Ostgestade des benachbarten asiatischen Festlandes kamen die arabischen, indischen, chinesischen Fahrzeuge zu ihnen, um die Gewürze zu holen. Da diese nun allein am äußersten Ende des Gebiets gediehen, mußten alle Meere innerhalb der Inselzone durchstreift werden und kundige Piloten sich an allen wichtigeren Sammelplätzen bilden. Aber über den scharfbegrenzten Südrand, über die von Java und den kleinen Sundainseln gezogenen Barrieren ging die Schifffahrt ins offene indische Weltmeer nicht hinaus, ebensowenig aber auch weiter gegen Osten und Südosten, sodaß die Bewohner keine Kunde hatten von dem nahegelegenen australischen Festlande. Der Gewürzhandel führte nicht in jene ungastlichen Gewässer, und so sind auch die Portugiesen nach dieser Richtung nicht weiter vorgedrungen, als ihr einziges Ziel, die Gewürzinseln zu erreichen, sie führen konnte.
Es ist bereits oben (S. 174) kurz angedeutet, daß der große Albuquerque, nachdem er sich des Hafens von Malaka bemächtigt hatte, drei Schiffe unter dem Oberbefehl +Antonio’s d’Abreu+ absandte, um die Molukken aufzusuchen. Es war das äußerste und letzte Ziel der portugiesischen Handelspolitik. Mit d’Abreu gingen als Capitäne der beiden anderen Schiffe Francisco Serrão und Simão Affonso Bisigudo. Im December 1511 stachen sie von Malaka aus in See, richteten ihren Cours zunächst nach der Nordküste von Java und gelangten von da nach Amboina. Serrão’s Schiff ging in einem Sturm unter, aber die Mannschaft konnte sich auf eines der anderen beiden Fahrzeuge retten. Auf Banda bot sich Gelegenheit, eine Dschunke zu erwerben als Ersatz für das verlorene Schiff; auch konnte man hier bereits eine Gewürzfracht eintauschen. Nach den eigentlichen Molukken kam d’Abreu nicht. Die Gewürzinseln im weiteren Sinne hatte er gefunden. Er begnügte sich mit dem ersten Erfolg, zumal da seine Schiffe sich in schlechtem Zustande befanden, und kehrte bald darauf zunächst nach Malaka und später mit Fernão Peres d’Andrade nach Portugal zurück. Aber bereits bald nach seiner Abreise von Banda verlor er die eben erst gekaufte Dschunke, denn Serrão hatte zum zweitenmale Unglück, indem sein Fahrzeug an den Korallenriffen von Nusa-Pinja (Luci-para), südlich von Amboina, strandete. Der portugiesische Capitän rettete sich nicht allein glücklich mit den Seinen ans Land, sondern wußte sogar mit List sich eines malayischen Raubschiffes zu bemächtigen, dessen Mannschaft ahnungsvoll ans Ufer gegangen war. Serrão hatte das Schiff ankommen sehen, lag mit seinen Leuten auf der Lauer im Versteck und bemeisterte sich ohne Mühe des fast unbewachten Fahrzeuges, einer sogen. Korra-korra. Wollten die Seeräuber nicht selbst gleichsam als Schiffbrüchige zurückbleiben, dann mußten sie sich bequemen, die Portugiesen wieder nach Amboina zu bringen. So gelangte Serrão zum zweiten Male dahin, und erfuhr hier, wo er freundliche Aufnahme fand, daß der Radscha oder Sultan von Ternate (denn die Gewürzinseln standen unter einzelnen Häuptlingen, unter denen der Herr auf Ternate der mächtigste war) bereits von dem unter d’Abreu nach seiner Insel beabsichtigten Zuge Kunde erhalten hatte und ihn zu sich einlud, um ihn mit seinen Leuten womöglich in seinen Dienst zu nehmen. Da sich auf diese Weise die sicherste Gelegenheit bot, die eigentlichen Gewürzinseln zu erreichen, so ging Serrão darauf ein, kam nach Ternate und wurde mit dem Sultan befreundet. Durch ein mit Gewürzfracht von dort abgehendes malayisches Schiff, welches nach Malaka bestimmt war, aber auf Java strandete, gelangte im Frühjahr 1513 die Nachricht von dem Schicksal Serrão’s nach jener hinter-indischen Hafenstadt. Um die so fern verschlagenen Landsleute abzuholen, wurde nun Antonio de Miranda d’Azevedo mit einem Geschwader nach den Molukken gesandt. Die Sultane von Ternate und dem benachbarten Tidor, eifersüchtig aufeinander, bewarben sich beide um die Freundschaft der zur See so mächtigen Fremdlinge, von deren Thaten in Indien man auch auf den Molukken natürlich längst gehört hatte, und erboten sich beide, den Portugiesen einen Platz zu ihrer Niederlassung anzuweisen, denn sie hofften beide, mit Hilfe dieser neuen Freunde den Rivalen überwältigen zu können. Vorläufig aber nahm Miranda seinem Auftrage gemäß nur die Mannschaft Serrão’s mit sich zurück, während dieser selbst auf Ternate blieb. Indeß gab Serrão dem abfahrenden Schiffe einige Briefe an seine Freunde in Indien mit, darunter einen an Fernão Magalhães, worin er ruhmredig die Entfernung der Gewürzinseln von Malaka noch übertrieb und von seinen Thaten in einer Weise berichtete, als ob er die Leistungen eines Vasco da Gama damit verdunkelt hätte. Dieser Brief ist deshalb von weittragender Bedeutung geworden, weil Magalhães, seinem Freunde trauend, aus den angegebenen Entfernungen den Schluß zog, die Molukken lägen nicht mehr auf der den Portugiesen zugewiesenen Erdhälfte, und weil er dann weiterhin daraus den Plan baute, auf westlichem Wege von Spanien aus die Gewürzinseln aufzusuchen, um sie für Kaiser Karl V. in Besitz zu nehmen.
Einen weiteren Besuch stattete 1518 +Dom Tristão de Menezes+ den Molukken ab. Er kam nach Ternate, wo er Serrão fand und wo der Radschah sich sofort anheischig machte, den Portugiesen eine feste Factorei zu bauen. Darüber entstanden, durch Eifersucht erregt, Streitigkeiten mit den benachbarten Herren von Tidor und Batjan. Da nun Menezes fürchtete, in diesem Zwiste möchte ihm die Gelegenheit verloren gehen, eine volle Gewürzladung zu bekommen, so lehnte er die Einladung des Gebieters von Ternate zunächst ab und erklärte, der König habe ihn nur gesandt, um sich in den Productionsländern der Gewürze umsehen und eine Fracht einzukaufen. So gelang es ihm, außer seinem eigenen Schiffe auch noch vier Dschunken beladen zu können. Serrão und ein Abgesandter des Radschah begleiteten ihn, die Dschunken wurden von Serrão, Simão Correa und Duarte da Costa geführt, gingen aber, als sie bald nach der Abfahrt von Ternate in einem Sturme von dem Hauptschiffe getrennt wurden, nach den Molukken zurück, während Menezes sich nach Banda flüchtete. Von da kehrte dieser, weil er den Aufenthalt der verlorenen Schiffe richtig vermuthete, nach Batjan zurück, fand dort aber seine Landsleute in einen Streit mit den Eingeborenen verwickelt, in welchem alle Mannschaft von der Dschunke Correa’s bis auf einen Einzigen erschlagen wurde. Serrão war wieder nach Ternate gelangt. Menezes wandte sich, da er dem Correa nicht mehr helfen konnte, nach Amboina, vervollständigte dort seine Ladung und gelangte glücklich nach Malaka, starb aber bald darauf.
Als diese Ereignisse in Portugal bekannt wurden, beschloß man ein größeres Geschwader nach den Gewürzinseln zu entsenden und übergab dem +Antonio de Brito+ die Leitung. Derselbe ging 1521 mit mehreren Schiffen ab, wandte sich zunächst, als er Indien erreicht hatte, nach Malaka, denn das war der natürliche Ausgangspunkt für alle weiteren Unternehmungen im fernen Osten, wo auch alle Nachrichten zusammenliefen, und steuerte dann nach Java. Hier gesellte sich noch Garcia Henriquez mit einem Schiffe und drei Dschunken zu ihm. Auf der weiteren Fahrt traf er ein von den Molukken kommendes javanisches Schiff, welches einen in +spanischer Sprache+ ihm ausgestellten Paß von dort mitbrachte.
Da nun Brito wußte, daß Fernão de Magalhães in spanische Dienste gegangen war und von Kaiser Karl V. Schiffe bekommen hatte, um auf dem westlichen Wege um Südamerika herum die Molukken zu erreichen (vgl. weiter unten 3. Buch, 3. Capitel), so schloß Brito mit Recht, daß spanische Schiffe wirklich den Weg bis zu den Gewürzinseln gefunden hätten. Seine Flotte wurde zwar durch einen Sturm auseinander gejagt, fand sich aber auf Banda wieder zusammen (Februar 1522). Hier schloß er mit dem Fürsten einen Handelsvertrag ab, indeß erlaubte derselbe nicht, daß die Portugiesen auf seinem Gebiete einen Wappenstein errichteten. Im Mai setzte er die Fahrt nach den Molukken weiter fort, züchtigte die Bewohner von Batjan für die Ermordung der Portugiesen und traf, als er bei Tidor vorüberfuhr, einen spanischen Factor Juan de Campos, welcher in der Meinung, die Ankömmlinge seien Spanier, arglos zu ihm herangekommen war. Vom Geschwader Magalhães’ hatten zwei Schiffe die Molukken in der That erreicht und waren von dem Radscha auf Tidor freundlich aufgenommen, während der Fürst von Ternate zu den Portugiesen hielt.
Nachdem die beiden spanischen Schiffe nach verschiedenen Richtungen hin die Gewürzinseln verlassen hatten, war Campos als Factor zurückgeblieben und nun aus Versehen in die Hände Brito’s gefallen, der ihn mit nach Ternate nahm. Serrão scheint damals nicht mehr am Leben gewesen zu sein. Auch der frühere Radscha war gestorben, und die Wittwe hatte für ihren minderjährigen Sohn, den Prinzen (Kaitjil) Taruwés (portugiesisch ~Cachil Daroës~), einen Verwandten, als Mitregenten angenommen.
Der früher erhaltenen Zusage gemäß baute Brito eine Festung nahe der Stadt und nannte sie nach dem Tage der Grundsteinlegung am Johannistage S. João Bautista. Dann wurde ein weiterer Vertrag abgeschlossen über die Preise der Gewürze, wonach die Portugiesen für ein Bahar Gewürznelken 800 Reis in Geld, oder 1000 Reis (ein Milreis) in Waaren zu zahlen hatten. Indes gab dieser Vertrag bald zu allerlei Mißbrauch und Mißhelligkeiten Veranlassung. Andere Unruhen entstanden dadurch, daß Prinz Taruwés nach der Krone strebte und die Fürstin-Mutter verdächtigte, so daß diese sich genöthigt sah, nach Tidor zu entfliehen, während man ihren Sohn gefangen zurückbehielt. Daraus entstanden kriegerische Verwickelungen mit Tidor.
Im nächsten Jahre 1523 sandte Brito seinen Neffen Simão d’Abreu nach Malaka zurück. Derselbe mußte einen neuen, bisher von den Europäern noch nicht betretenen Weg einschlagen und +nördlich+ um Borneo herumfahren, während die gewöhnliche Fahrbahn südlich an dieser Insel hinlief. Es sollte dadurch die Kenntniß in dem weiten Inselgebiet erweitert werden. d’Abreu stach im Juni in See und kam nach einer langen Fahrt von sechs Monaten glücklich nach Malaka.
In umgekehrter Richtung machte denselben Weg drei Jahre später Dom Jorge de Menezes auf Befehl des damaligen Gouverneurs von Malaka, Pero de Mascarenhas, weil, wie Barros ausdrücklich betonte, diese Route noch zu wenig bekannt war. Menezes ging am 22. August 1526 von Malaka ab, landete auf Borneo in einem Hafen etwa unter 5° nördl. Br., segelte dann zwischen Sulu und Mindanao hindurch und wurde hier vom Westmonsun weit über sein Ziel hinaus ostwärts bis an die Nordküste von Guinea verschlagen. So wurde er der Entdecker der Insel der Papuas, jener dunkelfarbigen Bewohner, welche wegen ihres dichten Wollhaares von ihren westlichen Nachbarn, den Malayen, den Spottnamen Papuas, d. h. Krausköpfe erhalten haben. Mehr als zwei Jahrhunderte galt Neu-Guinea als ein vorspringender Theil des großen unbekannten Südlandes. Von dort kam Menezes erst gegen Ende Mai 1527 an das Ziel seiner Bestimmung, nach Ternate; er hatte also zu seiner Fahrt volle acht Monate gebraucht. Man erkennt aber aus diesen Beispielen, wie zeitraubend die Verbindung zwischen Malaka und den Molukken war.
Im Jahre 1524 erhielt de Brito Verstärkungen, indem aus Indien die Schiffe des Martim Affonso de Mello Jusarte und des Martim Correa anlangten.
Nicht weit westlich von den Molukken springt die schlanke Halbinsel von Celebes vor. Diese eigenthümlich gegliederte Insel wurde damals, weil man die seichten und tiefgehenden Buchten noch nicht untersucht hatte, noch für eine Insel+gruppe+ gehalten und Ilhos des Celebes genannt. Zu ihrer Erforschung, denn es wurde viel von ihrem Goldreichthume berichtet, ging von Ternate eine Fuste ab; aber dieselbe wurde an mehreren Stellen bei Versuchen zu landen von den Einwohnern feindlich empfangen und wollte darum nach Ternate zurückkehren. Auf dem Heimwege trieb der Monsun das Fahrzeug weit nach Nordosten ins offene Meer und führte es nach einer Fahrt von 200 Meilen an das Gestade einer der Marianen oder Ladronen, welche Magalhães schon entdeckt hatte. Vier Monate wurde die Fuste hier durch widrigen Wind festgehalten und kam erst im Januar 1526 nach den Molukken zurück.
Um diese Zeit war Brito von seinem Posten abgerufen und wurde durch einen neuen Commandanten in der Person des Dom Garcia Henriquez ersetzt; dieser aber brachte durch seine falschen Maßnahmen die Portugiesen in mancherlei Ungelegenheit, weshalb an seine Stelle Menezes trat.
Es wirft ein eigenthümliches Licht auf die Handlungsweise des Henriquez, wenn wir lesen, daß derselbe zuerst seinen Nachfolger Menezes dadurch zu beseitigen hoffte, daß er ihn auf falsche Aussagen hin gefangen nehmen ließ und dann, als er genöthigt wurde, ihn wieder frei zu geben und als Statthalter anzuerkennen, doch ehe er das Fort verließ, die Kanonen desselben zu vernageln befahl, weil er fürchtete, Menezes würde, wenn er in See gehe, die Kanonen auf ihn richten und sein Schiff in den Grund schießen!
Ueber die weiteren Ereignisse auf den Molukken werden wir später zurückkommen, da sie ihr volles Verständniß erst im Zusammenhange mit von den Spaniern unternommenen Fahrten nach den Gewürzinseln erhalten (vgl. 3. Buch. 3. Capitel).
10. Das Phantom der Gold- und Silberinseln.
Zu allen Zeiten, wo durch weit ausgedehnte Eroberungszüge oder durch kühne Seefahrten große Strecken und Gebiete früher unbekannter Länder entdeckt worden sind, und dadurch der Gesichtskreis in kurzer Zeit bedeutend erweitert wurde, ist die Phantasie mächtig aufgeregt worden und hat neben den wahrheitsgetreuen Berichten von den fernen Ländern und Inseln auch den haltlosesten Gerüchten Glauben geschenkt, welche von unglaublichen Wunderwesen und Wunderlanden zu erzählen wußten. So ist es den Griechen nach dem Zuge Alexanders des Großen nach Indien gegangen, so erging es nun auch den Portugiesen in Indien und sollte es, wie wir später sehen werden, auch den Spaniern in Amerika ergehen.
Ein besonders interessantes Beispiel dafür ist das lockende Gespenst der Gold- und Silberinseln, um so mehr als darin ein Wahn aus dem Alterthum neu belebt wurde, welcher das ganze Mittelalter hindurch ein bescheidenes Dasein gefristet hatte.
Als unter den Nachfolgern Alexanders des Großen das vorderindische Land genauer bekannt wurde und einzelne Seefahrer auch den bengalischen Golf durchkreuzten bis zu den Gestaden Hinter-Indiens, wurde im Abendlande die Kunde von einer fern im Osten gelegenen Goldinsel (χρυσῆ νῆσος) verbreitet. Weiterhin belegte man die östlichsten asiatischen Länder nach ihren werthvollsten Erzeugnissen mit dem Namen des Goldlandes, des Silberlandes, des Kupferlandes.[134] Man hat darunter wohl die hinterindischen Staaten Birma und Siam zu verstehen. Ueber den Reichthum an edlen Metallen, wie er noch zu M. Polo’s Zeit von den Fürsten zur Schau getragen wurde, ist bereits (S. 64) berichtet. Auch die Halbinsel Malaka kannte das griechische Alterthum unter dem Namen des goldenen Chersoneses (χρυσῆ χερσόνησος); überdies nennt Ptolemäus auch noch eine goldene Insel. An der Fülle von Edelmetallen war also nicht zu zweifeln.
Bei den römischen Schriftstellern ging die Vorstellung bereits ins Phantastische und Unbestimmte über; man hielt sich namentlich an den Begriff der Gold- und Silberinseln, wollte aber nicht entscheiden, ob die Inseln nur Fundstätten des Metalles besäßen oder ganz und gar daraus beständen. Auch begnügte man sich nur mit der ungefähren Angabe der Lage. Aus den Lateinern schöpfte dann weiter das ganze Mittelalter.
Maßgebend war Plinius, denn die Griechen verstand man im Mittelalter bald nicht mehr. -- Die Angaben des römischen Compilatoren und seines späteren Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein Jahrtausend. Plinius schreibt: Jenseit der Mündung des Indus liegen, glaube ich, die Inseln Chryse und Argyre (die Namen wurden also aus dem Griechischen beibehalten), welche reich an Metallen sind. Denn wenn einige berichtet haben, sie beständen ganz aus Gold und Silber, so dürfte das schwerlich zu glauben sein.
Solinus, welcher stets geneigt ist, das Wunderbare noch zu übertreiben, änderte den Bericht dahin, daß er schrieb, die Inseln seien so reich, daß wie die meisten (?) berichteten, der Boden ganz aus Gold und Silber bestehe. Viel vorsichtiger hatte sich Pomponius Mela ausgedrückt. Aber Plinius und Solinus blieben die maßgebenden Quellen für die Gelehrten des Mittelalters. Im 6. Jahrhundert schrieb Isidor von Sevilla: Chryse und Argyre sind reich an Gold und Silber. Dort (nämlich in Indien überhaupt) gibt es goldene Berge, die aber von Drachen und Greifen und menschlichen Ungeheuern bewacht werden, so daß man nicht zu ihnen gelangen kann.
Kurz erwähnt die Inseln weiterhin der Geograph von Ravenna im 7. Jahrhundert, ebenso Hrabanus Maurus im 8., sodann Hugo von St. Victor im 13. Jahrhundert und Petrus de Alliaco (Pierre d’Ailly), Cardinal von Cambray im Anfang des 15. Jahrhunderts.[135]
Der Glaube an diese Inseln war also allgemein verbreitet; sogar eine gereimte Geographie aus dem dreizehnten Jahrhundert verherrlicht dieselben.[136] Die Weltbilder jener Zeit durften diese allgemein angenommenen Thatsachen nicht verschweigen. Bereits die Catalanische Weltkarte zeigt östlich von Indien die Inschrift: „In dem Meere von Indien sind 7548 Inseln, von denen wir hier nicht alle wunderbaren Reichthümer, die darin enthalten sind, von +Gold, Silber+ und kostbaren Steinen aufzählen können.“ Der Globus von Laon, welcher im Jahre 1493 entstanden ist, (vgl. ~Bulletin soc. geogr. Paris.~ 1860, 2) gibt östlich vom Ganges wenigstens eine ~Argentea R(egio)~ und ~Aurea R(egio)~ an.
Es ist daher durchaus erklärlich, wenn auch die Portugiesen, sobald sie in jene Regionen kamen, nach den kostbaren Inseln suchten.
Der erste, welcher danach ausging, war Diogo Pacheco. Kaum war er 1519 mit seinem Bruder nach Malaka gekommen, als er, durch lockende Erzählungen von der Goldinsel, welche südlich von Sumatra liegen sollte, angespornt, sich erbot, eine Fahrt dahin zu wagen. Der Gouverneur von Malaka, Diogo Lopez de Sequeira, gab ihm zwei Schiffe, aber das eine ging schon an der Nordwestküste von Sumatra unter. Mit dem andern gelangte Pacheco bis zum Hafen von Baros, welches auf der Westseite jener Insel ungefähr unter gleicher Breite mit Malaka liegt. Dort erfuhr er, die Goldinseln lägen wenigstens noch hundert Meilen weiter[137] gegen Süden in der See; es seien niedrige von Korallenriffen umsäumte Eilande mit Palmenhainen und schwarzer Bevölkerung.
Pacheco kehrte für diesmal wieder um, um noch Beistand zu holen, stach aber im nächsten Jahre wieder in See in Begleitung einer Brigantine. Das Einlaufen in Baros wurde ihm durch mehrere feindliche Schiffe von Kambaja und von Sumatra verwehrt, und ein Sturm trennte seine beiden Schiffe von einander. Pacheco selbst ging wahrscheinlich unter. So kostete also der Versuch dem ersten Abenteurer, der das Geheimniß lüften wollte, das Leben. Aber damit waren die Unternehmungen keineswegs abgeschlossen. Als König Manuel davon hörte, gab er dem Gouverneur von Indien, Diogo Lopez, welcher die königlichen Briefe in Kalahat (Kalhat), an den Küsten Arabiens erhielt, den Auftrag, ein Geschwader von drei Schiffen zur Aufsuchung auszuschicken. Zuerst sollte Christovão de Menezes die Führung übernehmen, dann wurde Pedro Eanes damit betraut. Die drei Schiffe bildeten aber einen Theil der Flotte, welche unter Jorge Albuquerque nach Malaka bestimmt waren. Als man jedoch zu diesem vielumstrittenen Hafen kam, konnte man dort die Schiffe nicht entbehren, weil der kleine Seekrieg mit den Nachbaren fast ununterbrochen fortging, und so unterblieb noch bei Lebzeiten Manuels eine weitere Expedition.