China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen (part 3 of 3)
Kein Wunder, daß die Japanerin auf ihre Toilette vielleicht noch mehr Wert legt als die Europäerin. Aber sie thut es naiver, unbewußter als besonders jene Erscheinungen des Fin de siècle, welche ein geistreicher Franzose mit dem Namen Demi-Vierges bezeichnet hat. Die Japanerin schmückt sich, um sich und den anderen zu gefallen, aber mit derselben Harmlosigkeit entkleidet sie sich auch dieses Schmuckes und zeigt sich, wie die Natur sie erschaffen hat. Badet sie, so thut sie es offen und findet jedes Kleidungsstück vollständig für überflüssig; ist sie zu Hause, so wird sie, der heißen Sommerzeit entsprechend, die langen Kimonos abwerfen und vielleicht nur einen Lendenschurz anbehalten; sie macht kein Geheimnis aus ihren Schönheitsmittelchen, aus Puder und Schminken, aus Pomaden und dergleichen; die Häuser, vornehmlich in den Landstädten und Dörfern, sind weit geöffnet, die Holz- und Papierwände sind zur Seite geschoben, um der Luft möglichst freien Durchzug zu gestatten, und das ganze Hauswesen, bis zu den hintersten Räumlichkeiten, liegt dem Auge des Spaziergängers offen da. Kein Wunder, daß der Reisende, vielleicht ohne es zu wollen, in die ganze weibliche Intimität der japanischen Haushaltung eindringen kann und alles dort tausendmal unbehindert sieht, was ihm im Abendlande immer streng verborgen bleibt. Er lernt die Japanerin nicht nur im Theater, im Theehause und auf Festlichkeiten kennen; er sieht sie bei ihren häuslichen Verrichtungen, bei der Toilette, ja selbst im Bade, und es kann ihm in den volkstümlichen Badeorten Japans, wie z. B. in Ikao, selbst begegnen, daß er bei seinem eigenen Bade von einigen reizenden Nymphen überrascht wird, die, ohne sich in ihrer Naivität das geringste dabei zu denken, das Bad mit ihm teilen. Mit Ausnahme der Hauptstadt baden beide Geschlechter in ganz Japan gemeinsam in öffentlichen Bädern, und eben der Umstand, daß sie von frühester Jugend daran ebenso gewöhnt sind, wie es vor ihnen ihre Väter und Großväter waren, läßt ihnen das Befremden der Europäer darüber ganz unverständlich erscheinen.
Der Schnitt der japanischen Damenkleider ist bei hoch und niedrig, bei arm und reich, bei jung und alt, im ganzen Lande der gleiche, und überall sind auch die Kleidungsstücke dieselben. Die kleinen drei- bis fünfjährigen Püppchen, die mit ihren rasierten Schädeln auf den Veranden, vor den Häusern oder auf der Straße ihren fröhlichen Schabernack treiben, sind gerade so gekleidet wie ihre Großmama. Der einzige Unterschied liegt in der Gattung und Farbe der Stoffe. Wie die Aristokratin der vornehmsten Fürstenfamilie zottelt auch das Mädchen aus dem Volke auf plumpen, schweren Holzsandalen einher, und ebensowenig wie die letztere trägt auch die erstere jemals eine Kopfbedeckung, es sei denn im Winter bei kaltem Wetter. Dann wird bei Ausgängen eine Art Kapuze über den Kopf gezogen.
Beginnt die Japanerin der mittleren und oberen Stände ihre Toilette, so wird sie zuerst den Yumodschi, ein weißes Tuch von der Form und Breite unserer Handtücher, aber von der doppelten Länge, um die Hüften winden und dann einen ziemlich knapp sitzenden Bademantel aus zartem, hellfarbigem Seidenkrepp mit weiten Aermeln, den sogenannten Dschiban, anziehen. Dieses reizende, den ganzen Körper bis zu den Füßen leicht verhüllende Kleidungsstück vertritt bei den Töchtern Nipons unsere Hemden. Im Winter wird darüber noch ein zweites wollenes Unterkleid, Schitagi genannt, getragen, im Sommer aber folgt auf den Dschiban gleich der Kimono, das äußere Kleid. Alle drei, Dschiban, Schitagi und Kimono, sind ganz von demselben Zuschnitt und passen so genau in- und aufeinander wie die bekannten japanischen Schachteln. Der Kimono ist aber stets aus viel kostbarerem Stoff als die Unterkleider, und auf ihn wird von der Japanerin viel mehr Sorgfalt verwendet; denn an der Farbe, an dem Stoff und an der Ausschmückung desselben erkennt man die gesellschaftliche Stellung, ja selbst das Alter der Trägerin. Zu Hause werden einfache Kimonos aus gewöhnlichen Stoffen getragen, für Ausgänge und Festlichkeiten solche aus Seide oder Seidenkrepp, und für besondere Feierlichkeiten dienen Kimonos aus den kostbarsten, schwersten Brokatstoffen, in so herrlichen Mustern, mit so zarten und dabei reichen Stickereien, wie sie in Europa höchstens für die Prunkgewänder von Kirchenfürsten Verwendung finden. Wer in den achtziger Jahren das Glück gehabt hat, einer Festlichkeit bei Hofe beizuwohnen, etwa wie den berühmten Chrysanthemumfesten in den kaiserlichen Gärten, dem wird dasselbe wie ein Feenmärchen in der Erinnerung schweben. Inmitten des entzückendsten Blumenflors, wo Zehntausende der herrlichsten Chrysanthemen in allen erdenklichen Farben im Sonnenlichte prangten, wogten Hunderte japanischer Damen, selbst blumengleich, auf und nieder, und ihre lang wallenden Kleider wetteiferten mit den Blumen an Farbenreichtum; nur verging jener der letzteren mit den kalten Wintertagen, während die Gewänder der japanischen Aristokratie für die Ewigkeit gewebt zu sein scheinen. Von Generation zu Generation wurden diese Gewänder fortererbt bis auf den heutigen Tag, wo eine kalte, herzlose Verordnung der japanischen Regierung sie fortdekretiert hat, um sie durch die reizlosen Trachten der Europäerin zu ersetzen. Die Prachtkimonos, in Farbe und Zeichnung wahre Gedichte, wanderten zu den Händlern und durch diese in die Museen und Privatsammlungen Europas, wo sie heute das Entzücken aller Kunstfreunde erregen. Jede vornehme Japanerin besaß eine ganze Auswahl solcher Prunkgewänder für jede Jahreszeit. Standen die Pfirsich- und Kirschbäume in Blüte, dann trug sie einen Kimono über und über mit den gleichen Blüten gestickt; kam die Zeit der Chrysanthemen, dann vertauschte sie dieses Gewand mit einem anderen, welches in zartester Seidenstickerei nur Chrysanthemen zeigte, und so wechselten die Gewänder der Frauen, dieser menschlichen Blüten, je nach den Blütezeiten in der japanischen Flora. Aber nur bei Gesellschaften und festlichen Anlässen wurden und werden vielfach heute noch diese Gewänder getragen. Im gewöhnlichen Leben und auf der Straße sind die Kimonos der Damen viel einfacher, leichter, ruhiger in der Farbe, ohne Blumen und Stickereien. Die einzige Ausschmückung, welche diese Straßenkimonos zeigen, sind die auf dem Nacken und den Aermeln in weißer Farbe aufgestickten Wappen der Trägerin.
Nur die Kinder werden auch im gewöhnlichen Leben in die buntesten Kleider gesteckt; in allen Farben des Regenbogens prangen ihre Kimonos, geschmückt mit großen, auffälligen Stickereien. Je älter das Kind, desto zarter werden die Farben, desto kleiner die Muster, und die jungen Damen tragen nur einfarbige helle Kimonos, zumeist zart rosenrot, lichtblau, lila oder taubengrau, das heute die fashionable Farbe zu sein scheint. Je älter die Dame, desto dunkler wird die Nuance des Kimono, ohne jemals ganz schwarz zu werden.
Aber es giebt doch eine Klasse von Frauen, welche sich darin gefallen, auch im gewöhnlichen Leben die geschilderten reichen Trachten zu tragen, ja jene der vornehmen Welt darin zu überbieten: die Sängerinnen und Tänzerinnen, jene leichtlebigen originellen Geschöpfe, welche bei den Japanern eine so große Rolle spielen.
Der Kimono wird um den Leib durch ein breites Band, den Obi, zusammengehalten, und auf dieses Band verwenden die Japanerinnen aller Stände die größte Sorgfalt. Der Obi ist ihr größter Stolz, ihr Reichtum. Der Reisende, welcher in den ersten Tagen seines Aufenthaltes in Japan auf der Straße oder im Eisenbahnwagen, in Theehäusern oder im Theater Japanerinnen sieht, wird von diesem Kleidungsstück nicht sonderlich erbaut sein, denn wie eine wattierte Leibbinde, stets von dunklerer Farbe als der Kimono, umgürtet der Obi den zarten Leib der Japanerin, um sich rückwärts zu einem Cul de Paris aufzubauschen, der mit einem großen Kopfkissen verzweifelte Aehnlichkeit hat. Wären die Obis weiche, schmale Schärpen, wie sie die Männer in Japan um ihren Kimono tragen, das Aussehen der Japanerin würde dadurch entschieden gewinnen. Der Obi ist ein drei bis vier Meter langes und etwa einen Meter breites, viereckiges Stück Stoff, aber stets von der schwersten Seide und so kostbar, wie ihn die Trägerin nur erschwingen kann. Es giebt Obis, welche Hunderte von Mark kosten, und gewöhnlich ist der Preis dieses Gürtelbandes höher als jener aller anderen Kleidungsstücke, welche die Japanerin trägt, zusammengenommen. Um den Obi anzulegen, ist immer die Hilfe einer zweiten Person erforderlich, und es scheint in der That eine wahre Kunst zu sein, den Obi zu knüpfen. Zunächst wird über die langen, faltenreichen Kleider eine Schärpe aus Krepp, der Hoso-Obi, gebunden, dann wird der Obi der Länge nach zu einer etwa fußbreiten Schärpe zusammengefaltet und mit der Faltung nach oben der Japanerin zwei- bis dreimal um den Leib gewunden. Die Enden werden rückwärts in kunstvoller Weise zu einer riesigen Masche gebunden, und diese zwölf bis fünfzehn Lagen des ungemein schweren, dicken Stoffes bilden eben das eigenartige Kissen, das die Japanerin unter ihrem Rücken trägt. Um seinerseits wieder den Obi zu halten, wird darüber ein elastisches dünnes Seidenband mit kleinen kunstvollen Goldschließen an den Enden, das Obi-dome, gebunden. In den Falten des Obi verbirgt die Japanerin eine ganze Menge kleiner Artikelchen, die sie stets bei sich zu tragen pflegt, und was im Obi nicht Platz findet, wird in die weiten, sackartig herabfallenden Aermel des Kimono gesteckt. Da sind zunächst die kleinen, weichen Papierchen, welche die Japanerin statt des Taschentuches zu benutzen pflegt; ferner Pfeife, Tabaksbeutel und Zündholzschachtel, denn die Töchter Japans sind eingefleischte Raucherinnen und ziehen alle Augenblicke die winzigen Pfeifchen mit den fingerhutgroßen Köpfen und bleistiftlangen Stielen hervor, um sich diesem Genuß hinzugeben. Dann kommen allerhand Toilettenartikel, Kamm, Nadeln, Puderbüchse, Schminkkästchen, Schwärzestifte für die Augenbrauen, ein kleines Spiegelchen und schließlich der unentbehrliche, allgegenwärtige kleine Papierfächer.
Noch häßlicher als der Obi erscheint dem Europäer die Fußbekleidung der Japanerin. Diese zarten, ätherischen, reizenden Geschöpfchen gehen ihr ganzes Leben lang auf schweren Holzschuhen einher. Schon in den ersten Jahren ihrer Kindheit werden ihre winzigen Füßchen in zolldicke Holzsandalen gesteckt, die durch Lederstreifen an den Füßen festgehalten werden, und ein anderes Schuhwerk bleibt ihnen bis zu ihrem Tode unbekannt. Die Japanerin trägt keine Strümpfe. Ihre Waden bleiben nackt, und gehen sie im warmen Sommer in den Straßen oder den schattenreichen städtischen Parks spazieren, dann legen sie wohl auch ihre Kimonos über den Arm und zeigen mit rührender Unverfrorenheit ihre Beine. Aber auch bei herabfallenden Kimonos öffnen sich diese Gewänder beim Gehen und enthüllen die Beine mehr oder weniger bei jedem Schritte. An Stelle der Strümpfe trägt die Japanerin ganz kurze, etwa bis über die Fußknöchel reichende Leinen- oder Seidensocken mit einer Abteilung für die große Zehe und fester Sohle aus dickem Baumwollstoff. In ihren Häusern, im Theater, in Tempeln und Theehäusern gehen die Japanerinnen nur in diesen Socken einher, und die Holzsandalen bleiben vor der Thüre stehen. Treten sie auf die Straße, so schlüpfen sie mit ihren Füßen wieder in die schweren Klötze und schleifen damit mühsam und mit gebeugten Knien, vornüber geneigt, einher. Stehend oder sitzend ist die junge Japanerin von unsagbarem Reiz, der aber sofort verschwindet, wenn sie auf der Straße einherschlürft.
Man geht in Europa fehl, wenn man glaubt, die Verordnung der japanischen Regierung hätte im Volke irgendwelche Wirkung gehabt und das alte Japan hätte seine bisherigen malerischen Trachten modernen Kleidern, Miedern, Federhüten und Stöckelschuhen geopfert. Ausschließlich bei Hofe werden diese Produkte der europäischen Modeknechtschaft getragen, und die in solcher Maskerade erscheinenden Damen mögen wohl als abschreckendes Beispiel für all ihre nicht hoffähigen Schwestern gedient haben, denn, der Vorsehung sei es gedankt, man begegnet in Japan, wohin man auch reisen mag, in Städten und Dörfern, bei hoch und niedrig, nur japanischen Toiletten. Statt dieselben durch europäische ersetzt zu sehen, müßte man eigentlich herzlich wünschen, daß der japanische Kimono, aber ohne Obi und Holzsandalen, im Abendlande Einführung fände.
Japanische Jugend.
Dem europäischen Besucher Japans muß das ganze, ferne, schöne Inselreich wie ein einziger großer Kindergarten vorkommen. Alles scheint sich dort um die liebe, kleine, herzige Welt zu drehen. Die Häuser sind so klein und nett und zierlich, die Gerätschaften darin erinnern an Spielzeuge, die Gärtchen rings herum mit ihren kurios beschnittenen und verkrümmten Bäumchen, ihren winzigen Rasenflächen, Wassertümpeln, Miniaturbrücken und Tempelchen sehen aus, als wären sie für Puppen und nicht für Menschen geschaffen worden. In Japan sind eben auch die Erwachsenen in vielen Beziehungen Kinder. Man kann dort wohl sagen, wo die Kindheit anfängt, aber nicht, wo sie aufhört. Es ist das reine Kinderparadies.
Kinder bilden die einzige Sehnsucht des neuvermählten Ehepaares und, sind sie einmal vorhanden, dessen größten Stolz, ja dessen wichtigsten Besitz. Der Vater arbeitet nicht bis zu seinem Greisenalter, um die Kinder zu ernähren. Die Kinder sind es, die den Vater ernähren. Ist sein Haar grau geworden, so pflegt er sich von seinen Geschäften zurückzuziehen und überläßt die weitere Sorge, ja überhaupt seine ganze Habe, seinem ältesten Sohne. Er selbst verbringt den Rest seines Lebens in Ruhe und Behaglichkeit. Japanische Eltern blicken nicht mit Sorge in die Zukunft, denn sie wissen und können in allen Fällen darauf zählen, daß das Uebermaß von Liebe und Zärtlichkeit, das sie ihren Kindern zu teil werden lassen, von diesen reichlich vergolten wird, daß sie bis zu ihrem Tode von ihren Nachkommen gepflegt, geliebt und geachtet werden. Der größte Segen der Japaner ist ihr Kindersegen.
Die Ankunft eines Kindchens wird mit Freude begrüßt, besonders wenn der neue Ankömmling auf Erden männlichen Geschlechts ist, denn nur ein Sohn kann Namen und Besitz der Familie erben. Sofort werden Verwandte und nähere Freunde durch eigene Boten von dem großen Ereignis in Kenntnis gesetzt, und bald darauf stellt sich ein Strom von Besuchern in dem glücklichen Hause ein, um die Eltern zu beglückwünschen und das junge Wesen in Augenschein zu nehmen. Freude auf allen Gesichtern, nur nicht bei dem kleinen Weltbürger, der von Hand zu Hand gereicht wird und dem die Welt in den ersten Wochen seines Daseins recht unbehaglich vorkommen mag. Die Geschenke, die er erhält, kann er ja nicht nach ihrem Werte schätzen, und Geschenke erhält er in Hülle und Fülle. Bald sind es Kleidungsstücke oder Stoffe verschiedener Art, bald Spielzeug oder Lebensmittel, hauptsächlich Eier. Alle Geschenke sind niedlich in Papier verpackt und mit rotem Bindfaden zusammengebunden. An diesem hängt, in einem winzigen Paketchen aus rotem Papier, ein Stückchen Fisch, Noski genannt, der bei den abergläubischen Japanern als glückbringend gilt.
Am siebenten Tage nach der Geburt des Kindes wird ihm von seinem Vater oder einem Freunde der Familie ein Name gegeben, gewöhnlich der Vatername, etwas verändert, oder der Name eines Vorfahren. Ist das Kind ein Mädchen, so wird es nach irgend einer hübschen Naturerscheinung benannt, wie Frühling, Sonnenschein oder Gold, Apfelblüte, Chrysanthemum, Lilie und so fort.
Der neue Ankömmling und sein Name wird in dem Verwaltungsamte des Distriktes registriert, darauf folgt ein Festmahl von Reis mit roten Bohnen, und die Taufe ist vollzogen. Ein wichtiger Akt an diesem Tage ist auch das Rasieren des Kindesschädels. Das zarte, flaumige Kopfhaar verfällt dem Rasiermesser mit Ausnahme eines kleinen Schöpfchens am Scheitel. Je nach der Laune der zärtlichen Mama bleiben auf dem Schädel ihres jüngsten Sprößlings auch mehrere derartige Schöpfchen oder ein schmaler Kranz oder sonstige willkürliche Haarfiguren stehen, die den japanischen Kindern ein ungemein possierliches Aussehen geben. Erst wenn sie alt genug sind, um die Schule zu besuchen, läßt man ihnen die Haare stehen.
Dreißig Tage nach der Geburt erhalten die Kleinen ihre religiöse Weihe dadurch, daß sie in großer Familienprozession in einen Shintotempel getragen und dort unter den besonderen Schutz eines der Götter gestellt werden. An diesem Tage pflegen die glücklichen Eltern auch die vielen Geschenke, die ihrem Jüngsten bei der Geburt dargebracht wurden, zu erwidern, indem sie jedem Geber etwas Reiskuchen oder Eier oder sonst dergleichen senden, begleitet von einem höflichen Dankschreiben. Wenn man bedenkt, daß besonders in den besseren Ständen mitunter hundert oder noch mehr Geschenke einlaufen, so kann man sich die Mühen der jungen Mutter wohl vorstellen. Die Kuchen werden gewöhnlich in lackierten Holzkästchen gesendet, die aber durch den Ueberbringer wieder zurückgestellt werden müssen, wobei sich die Empfänger hüten, die Kästchen zu reinigen. Das würde Unglück über das Kind bringen.
Damit ist das ganze Zeremoniell, das mit dem Inslebentreten des Kindes verbunden ist, beendet, und es kann sich nun unbehindert seines Daseins freuen. Bei kaltem Wetter bleibt es hübsch zu Hause auf den reinlichen, weichen Matten der Wohnzimmer; Möbel giebt es in den japanischen Häusern keine, an denen es sich Löcher in den Kopf stoßen könnte; es giebt keine Glasschränke und Etageren mit allerhand Porzellan und Nippsachen, die es zerbrechen könnte; selbst die Wände des Zimmers bestehen aus weichem, auf Holzrahmen gespanntem Papier, und das größte Unglück, das die Kinder anstiften könnten, wäre, ihre Finger durch das Papier zu stoßen. Auch die Kleider können sie sich kaum beschmutzen, im Sommer tragen sie überhaupt keine, nicht das geringste Feigenblättchen. Werden sie hungrig, so nähren sie sich an dem Born der Natur, und die Muttermilch bleibt ihre hauptsächlichste Nahrung bis zum Alter von zwei bis drei Jahren.
In den besseren Ständen und in den Familien der Kuges (Fürsten) und Daimios (Adeligen) werden die Kinder in Kleider gesteckt, die ganz denselben Schnitt zeigen wie jene der Erwachsenen. Es kann nichts Possierlicheres geben als die liliputanischen Herrchen und Dämchen mit ihren glattrasierten Schädeln und den langen faltenreichen Gewändern, wenn sie, gerade so wie die Alten, tiefe Verbeugungen vor einander machen oder, kaum zwei bis drei Jahre alt, schon am Familientische teilnehmen und statt des Kinderlöffels schon die Reisstäbchen (Chop sticks) handhaben. Ankleiden können sie sich freilich noch nicht selbst, das besorgt Mama oder die ältere Schwester. Der nationale Kimono wird auf dem Boden ausgebreitet und das Kleine daraufgelegt. Dann werden ihm die Aermel auf die Aermchen gezogen, der Kimono über den kleinen Körper gefaltet und mit einer Schärpe zusammengebunden. Gewöhnlich trägt das Kind um den Hals auch ein kleines Messingschildchen mit Namen und Adresse, damit es nicht verloren gehen kann; zum besonderen Schutz gegen Unglücksfälle trägt es am Gürtel ein Kintschaku, d. h. ein Beutelchen aus kostbarem Stoff, in dem sich irgend ein Zaubermittelchen befindet. Bei kaltem Wetter werden zwei oder drei Kimonos ineinandergesteckt, und ihre Länge schützt Füßchen und Händchen.
In den armen Familien (und bei weitem die Mehrzahl der Japaner ist arm) kann man den jungen Sprößlingen nicht diese Pflege angedeihen lassen. Sie bleiben nackt oder bekommen höchstens einen Kimono. Mama hat viel zu viel im Hause, im Garten oder auf den Feldern zu thun, als daß sie sich viel mit ihrem Kindchen beschäftigen könnte; allein lassen kann sie es auch nicht, und so bindet sie es mit langen Bändern auf ihren Rücken. Ist aber ein älteres Schwesterchen da, selbst wenn es nur sechs oder sieben Jahre alt sein sollte, so wird das Kleine dem Schwesterchen aufgesattelt, und Mama kann ungehindert ihren Arbeiten nachgehen. Wo immer ich in Japan hinkam, in Städten und Dörfern, auf den Feldern wie in den Straßen, selten sah ich ein junges Mägdlein zwischen sieben und fünfzehn Jahren, das nicht ein Kindchen auf seinem Rücken getragen hätte, und der Kopf des kleinen Wesens ragte darüber hervor wie das Tüpfelchen über dem i. Es findet sehr bald Gefallen an dieser reitenden Stellung, guckt fröhlich über die Schultern des Schwesterchens in die Welt und bleibt dort Tag für Tag, Woche für Woche, bis es endlich selbst zappeln und gehen gelernt hat. Und ist es erst fünf, sechs Jahr alt geworden, so ist vielleicht wieder ein junges Brüderchen oder Schwesterchen zur Welt gekommen, dem es nun seinerseits den Rücken leihen muß.
Wie das Kleine, so gewöhnt sich auch die jugendliche Trägerin ganz unbewußt an diese Last und tummelt sich vor den Häusern herum, spielt mit den Nachbarkindern oder arbeitet, als wäre ihr das Kindchen angewachsen wie ein Höcker. Stundenlang trägt sie dasselbe umher, und wird dieses schläfrig, so schläft es ein, ohne sich durch das Schütteln beim Laufen und Herumspringen hindern zu lassen; die Händchen fallen schlaff herunter, das Köpfchen baumelt hin und her, fällt zurück oder auf die Seite, daß ich oft fürchtete, jetzt müßte das Genick brechen; aber das Kind schlief ruhig weiter. Daß ein Kindchen der Trägerin entfallen würde, kommt äußerst selten vor; wie ein gewandter Naturreiter auf seinem Pferde, so klammert es sich mit den gespreizten Beinchen an die Seiten der Trägerin, die thun und lassen kann, was sie will, es bleibt fest im Sattel. Wird es hungrig, so setzt sich die Trägerin neben Mama oder vielleicht auf deren Schoß, das Kleine dreht sich herum und nährt sich an Mamas Brust, ohne daß die letztere es zu halten braucht. Und wie fröhlich, wie still und wohlerzogen sind diese Kinder! Selten habe ich ein japanisches Kind weinen gesehen, niemals schreien gehört; niemals nahm ich schlechtes, ausgelassenes Benehmen wahr; niemals Prügeleien unter Jungen, niemals eine Bestrafung durch die Eltern. Werden sie irgendwie ungebührlich, so droht Mama oder Papa mit dem Oni, dem roten Teufel, der die Kinder holen wird. Der rote Teufel ist ihr größter Schrecken, und man kann sich vorstellen, welches Entsetzen das Kommen eines rothaarigen, rotbärtigen Deutschen etwa unter den Kindern eines Dorfes hervorruft. Sie zerstieben, laufen und verstecken sich in alle Schlupfwinkel.
Himmelbetten und Wiegen nach europäischem Muster giebt es in Japan nicht. Das Kleine wird fleißig gebadet, noch dazu in fast brühend heißem Wasser, was ihm aber nicht zu schaden scheint. Arme Leute, die keine eigenen Bäder besitzen, nehmen das Kindchen in die öffentlichen Bäder, wo sie in Gemeinschaft mit anderen Eltern und Kindern ohne irgend welche Scheu in dasselbe Bassin steigen.
Diese Bäder, der beständige Aufenthalt in der freien Luft, die unfreiwillige Bewegung, welche die Kinder auf dem Rücken ihrer Geschwister machen, scheinen ihrer Gesundheit sehr zuträglich zu sein. Die Sterblichkeit unter den japanischen Kindern ist geringer als bei uns, und die einzige ziemlich allgemeine Krankheit ist ein Hautausschlag auf den Köpfen und Nacken, der aber bald schwindet. Ist er überstanden, dann sehen die Kinder so gesund, kräftig und pausbackig aus wie Posaunenengel, eine wahre Freude für Eltern und Freunde, die das Kind bewundern, die feisten, harten Glieder befühlen und ihm eine glänzende Zukunft prophezeihen. Welches Kind ist denn überhaupt in den Augen seiner Eltern nicht das schönste und klügste, das es jemals gegeben hat!
Allmählich lernt das Kleine auch ein wenig sprechen, lange bevor ihm das freie Gehen gelingt. Die japanische Sprache ist so klangvoll, einfach und leicht zu erlernen, wenigstens was die notwendigsten Ausdrücke betrifft. Auch bei dem japanischen Kindchen sind die ersten Ausdrücke mama, tata, bebe, nur bedeuten sie ganz andere Dinge als bei uns. Mama heißt Nahrung, Essen, Trinken; bebe heißt Kleid, tata Socken; mit dem Worte ija wird nein, ich mag es nicht, es ist mir unangenehm bezeichnet. Das Kind lernt nun auch das Gehen, zuerst im Hause, dann außerhalb, in dem Gärtchen, das die meisten japanischen Familien hinter ihren Holzhäusern besitzen, oder auf der Straße, die ja selten von Fuhrwerken befahren wird und so besonders in Dörfern den gewöhnlichen Tummelplatz der Kinder bildet. Ist das Gehen im Hause gelungen, so wird dem Kinde der Gebrauch der geta oder stelzenartigen Holzpantoffel gelehrt, und es ist staunenswert, mit welcher Leichtigkeit es sich an diese plumpe, schwere Fußbekleidung gewöhnt, damit läuft, springt und den tollsten Schabernack treibt.
Die Eltern verfolgen die Entwickelung ihrer Kinder mit der liebevollsten Zärtlichkeit, ja die Liebe zwischen Eltern und Kindern ist vielleicht die einzige, wahre Liebe, welche die Japaner kennen. Sie bewachen und lehren die Kleinen und strafen sie kaum jemals. Aberglaube hat damit sehr viel zu thun. Wenn Blattern oder epidemische Kinderkrankheiten im Orte wüten, dann schreibt der sorgsame Papa über seine Hausthüre, die Kinder wären nicht zu Hause, damit die bösen Geister sich gar nicht bemühen, die Schwelle zu überschreiten. Vor Lügen werden die Kinder dadurch gewarnt, daß man ihnen sagt, der böse Oni würde ihnen die Zunge ausreißen.
Den Knaben wird gewöhnlich viel größere Freiheit gestattet als den Mädchen. Der Knabe wird ja von selbst seinen Weg machen; er ist der Erbe und Nachfolger des Vaters, dessen Handwerk er erlernt und dem so viele andere Berufszweige offen stehen. Anders das Mädchen. Es muß lernen, einen Mann zu gewinnen und nach der Verheiratung ihn für immer zu fesseln. Es darf keinen eigenen Willen haben, darf weder Unzufriedenheit noch Zorn, Heftigkeit oder Schmerz äußern; alle diese Gefühle muß es lernen unter freundlichem Lächeln, unter höflichen unterwürfigen Manieren und mit einer gewissen Koketterie zu verbergen; es muß lernen, sich selbst anziehend und den anderen das Leben angenehm und behaglich zu machen.
Glücklicherweise wird dem Töchterchen dies alles in zartester Weise und vielleicht ganz unbewußt beigebracht. Sie ist ja der Liebling im Hause. Die Eltern und Brüder behandeln sie mit Liebe und Zärtlichkeit, die Diener mit Achtung.
Allmählich werden ihr auch die häuslichen Verrichtungen sozusagen spielend beigebracht. Sie sind in japanischen Haushaltungen nicht so bedeutend wie bei uns, denn die einfachen, einstöckigen Häuschen haben, wie gesagt, fast gar keine Möbel, Nippsachen, Bilder, Spiegel, Teppiche, Fenster und dergleichen. Die Zimmer sind kahle Räume mit mattenbedecktem Boden, die Wände Papierrahmen, und die Reinhaltung derselben sowie der Engawa, d. h. der rings um das Haus laufenden Galerie, ist ziemlich leicht. Die Schlafstätten beschränken sich auf einfache Matratzen, die abends auf den Fußboden gelegt und morgens, wieder zusammengerollt, in einem Schrank aufbewahrt werden, und was die Mahlzeiten anbelangt, so brauchen sich die japanischen Mädchen nicht mit der höheren Kochkunst abzumühen, verschiedene Suppen, Braten und Mehlspeisen zubereiten zu lernen, in die Geheimnisse der Tunken und Konserven einzudringen, denn alle diese kulinarischen Genüsse wird auch der verwöhnteste Gatte nicht von ihr verlangen. Morgens Reis, mittags Reis, abends Reis, dazu getrocknete Fische und einfach gekochte Gemüse, das sind die Gerichte des täglichen Speisezettels. Es giebt auch keine Spitzen und feine Wäsche zu reinigen, keine Balltoiletten nach neuester Mode anzufertigen, keine Hüte zu schmücken; die einzige Fertigkeit, welche die jungen Mädchen in Japan brauchen, ist das Nähen; ihr schlafrockartiger Kimono und das Unterröckchen, das sie tragen, bedürfen keiner Modistin und Damenschneiderin; sie nähen ihre Kleidungsstücke selbst, und sind diese schmutzig, dann werden sie zertrennt und in kaltem Wasser ohne Seife gewaschen. Das Plätteisen ist den Japanern unbekannt. Nach jeder Wäsche werden die Kleidungsstücke neu genäht. Strümpfe und Schuhe in unserem Sinne werden von den Japanerinnen ebensowenig getragen wie Hüte. Ihre einzige Kopfbedeckung ist die allerdings sehr sorgfältige, mit Nadeln und Blumen geschmückte Haarfrisur, und diese wird alle Wochen einmal von eigenen Haarkünstlerinnen gegen ganz geringes Entgelt sorgfältig aufgebaut.
Die geistige Erziehung hat bis auf das letzte Jahrzehnt viel weniger Zeit erfordert als das Anlernen verschiedener Nichtigkeiten, die aber im Lande des Mikado eine große Rolle spielen. Die jungen Mädchen werden sorgfältig in die Geheimnisse der zeremoniellen Theebereitung (Tscha no yu) eingeweiht, sie lernen das umfangreiche Zeremoniell der Begrüßung und Bewirtung der Gäste, das Zusammenstellen und Binden von Blumensträußen, Samisen (Guitarre) spielen und in besseren Familien wohl auch verschiedene alte Tänze und Pantomimen zur Unterhaltung ihrer Eltern und etwaiger Gäste. Im Alter von sechs bis zehn Jahren besuchen sie irgend eine Privatschule, wo ihnen das Lesen und Schreiben der chinesischen und japanischen Schriftzeichen, chinesische Litteratur, japanische Dichtkunst und Geschichte beigebracht werden. Arithmetik, Geographie, Weltgeschichte und all die anderen Wissenschaften unserer Schulen werden den japanischen Kindern erst seit etwa einem Jahrzehnt bis zu einem gewissen Grade gelehrt; zuerst aber müssen sie dem chinesisch-japanischen Schulgang folgen. Es ist keine geringe Aufgabe für die armen jungen Wesen, nachdem sie mühsam die ungemein schwierige Schriftsprache der Mongolen und das Malen der Tausende von Hieroglyphen mit Pinsel und Tusche erlernt haben, die letzteren mit Feder und Tinte zu vertauschen und Englisch, Deutsch oder Französisch zu lernen; statt mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden zu hocken, auf Schulbänken zu sitzen, an Schultischen zu schreiben; und diese Schulfrage gehört in Japan noch immer zu den ungelösten, ja vielleicht unlösbaren Fragen. In Tokio, Yokohama und anderen Städten, in denen die europäische Kultur einigermaßen Fortschritte gemacht hat, war es mir ein befremdender Anblick, an Stelle der reizenden, buntgekleideten und geschmückten Miniaturjapaner diese kleine Welt in europäischer Kleidung mit Schulbüchern unter dem Arm zu sehen, ganz so wie bei uns. Den Eltern bereitet diese von der Regierung dekretierte europäische Erziehung und Kleidung ihrer Kinder schwere Sorgen und Kosten. Für die Jungen sind die Vorteile der neuen Erziehung noch leichter zu erkennen, bei den Mädchen aber wird die letztere einen vollständigen Umschwung in ihrem ganzen Leben und damit auch einen Umschwung der Kultur und Lebensweise des ganzen Volkes mit sich bringen. Ob aber die sittliche Grundlage für die letztere wirklich vorhanden ist?
Augenblicklich muß man noch im verneinenden Sinne antworten, denn die japanischen Kinder genießen keinerlei Religionsunterricht, das Christentum macht nur ungemein langsame Fortschritte, und die Moral nach unseren Begriffen steht bei den Japanern auf einer verhältnismäßig sehr niedrigen Stufe. Unsere Ansichten über die Tugend und Keuschheit, über die Liebe, Liebeswerben und Sittsamkeit sind der großen Mehrzahl des Volkes überhaupt unverständlich, und es muß gerechtes Erstaunen erwecken, daß die japanische Jugend trotzdem einen so hohen Grad kindlicher Naivität besitzt.
Und dabei bleiben Knaben und Mädchen in Japan länger Kinder als bei uns; sie sind sich keines Unrechts bewußt und freuen sich ihrer Kindheit, freuen sich an niedlichen, unschuldigen Spielen, freuen sich an Puppen und Märchen und Festlichkeiten, an denen es gerade in Japan eine übergroße Zahl giebt. Schon in ihrer frühesten Jugend lernen sie die Arithmetik, indem sie an den Fingern abzählen, wieviel Tage es noch bis zu dem nächsten Matsuri (Volksfest) sind. Zu Neujahr, an den buddhistischen oder nationalen oder häuslichen Festtagen werden sie in die denkbar buntesten Kleider gesteckt und wie Püppchen geputzt; die Mädchen pudern und bemalen ihre Gesichter, schwärzen die Augenbrauen, schminken die Lippen, gerade so, ja eher noch mehr als die Alten, und es kann keinen lustigeren Anblick geben als an solchen Festtagen die zu den Tempeln führenden Straßen und die Tempelhöfe selbst, wo Hunderte von Buden mit allerhand bunten und sinnreichen Spielwaren errichtet sind, zwischen denen dieses kleine Puppenvolk, begleitet von den Eltern, sich drängt, alles betrachtet, alles kauft und sich freut, so daß auch der ärgste Kinderfeind sich mit freuen muß. Jede Stadt Japans ist eine Art Nürnberg oder Sonneberg; in jeder Straße findet man Spielzeuge aller Art, und die Spielwarenindustrie ist eine der bedeutendsten des ganzen Landes.
Das größte Fest der Mädchen ist das Puppenfest, das am dritten Tage des dritten Monats abgehalten wird, und es giebt an diesem Tage wohl wenige Häuser im Reiche des Mikado, wo nicht sämtliche Puppen aus den Truhen hervorgeholt, sorgfältig herausgeputzt, gekleidet und auf Gestelle gesetzt werden, zur Freude der jungen Welt. In den Häusern des Adels kommen dabei zuweilen Hunderte von Puppen zum Vorschein, die zum Teil alte Familienerbstücke sind und gewöhnlich den Kaiser, die Kaiserin, das Gefolge und den Adel in Prachtgewändern darstellen. Die kleinen Mädchen dürfen dann den Puppen in winzigen Geschirren die Speisen kochen und auf ebenso winzigen Tischchen vorsetzen, sie spazieren führen, an- und auskleiden. An den öffentlichen Feiertagen freuen sich die Kleinen mit den Großen; sie spielen auf der Straße fast dieselben Spiele wie unsere Kinder: Ball, Drachen und Federball; im Winter, wenn es kalt ist, hocken sie um den Hibatschi (offenes Holzkohlenbecken) in der Mitte des Wohnzimmers, spielen Karten oder lassen sich von Großmama oder der Tante (O Ba San) die reizenden japanischen Märchen erzählen.
Für die Jungen ist das größte Fest das Flaggenfest am fünften Tage des fünften Monats; in jeder Familie, welche Söhne besitzt, werden an diesem Tage papierne Fische von ungeheurer Größe auf Bambusstangen gebunden und diese am Hause aufgestellt. Der Wind bläst die Papierfische wie Luftballons auf, und dann sieht man über dem Häusermeer der Städte Zehntausende derartiger Fische schweben. Die Jungen aber ziehen, womöglich als Soldaten oder Samurai (Zweischwertermänner) gekleidet, bunte Flaggen in der Hand, umher und stopfen sich mit Süßigkeiten voll. Große Freudentage sind es jedesmal, wenn die Eltern ihre Kinder mit in das Theater nehmen, Freudentage im wahren Sinne des Wortes, denn die Familien pflegen morgens ins Theater zu gehen und es erst spät abends zu verlassen. Die Kinder hören andächtig den geschichtlichen Darstellungen zu, und was daran häßlich und gemein ist, thut ihrer Ehrfurcht vor den Eltern keinen Abbruch. Nichts dürfte dem europäischen Besucher japanischer Inselstädte mehr auffallen als dieser schönste Zug des japanischen Charakters. Er wird so weit getrieben, daß sich alle Kinder und Diener eines Hauses jedesmal auf die Knie werfen und mit der Stirne den Boden berühren, wenn ihre Eltern ausgehen oder nach Hause kommen; nirgends ist Gehorsam so sehr die erste Kindespflicht wie in Japan, und in dieser Hinsicht könnten sich die Kinder in andern Ländern die Japaner zum Beispiel nehmen.
Hymens Fesseln bei den Japanern.
Für die junge, unverheiratete Japanerin ist die Zeit, welche sie in ihrem Elternhause zubringt, wohl die glücklichste. Eltern und Geschwister hängen mit großer Zärtlichkeit und Liebe an ihr und erfüllen nach Thunlichkeit alle ihre Wünsche; sie freut sich ihrer Kindheit und genießt bis zu ihrer Vermählung zwischen dem vierzehnten und siebzehnten Jahre weit größere Freiheiten als die Töchter anderer Völker. Man kann es diesen kleinen, munteren, bemalten und bepuderten Püppchen in ihren bunten Kleidern auf den ersten Blick auch ansehen, daß sie glücklich sind. Ein ewiges Lächeln schwebt um ihre rotbemalten Lippen, freundlich blicken ihre schwarzen, großen Augen in die Welt, und mögen sie auch schon längst in die Geheimnisse des Ehelebens eingeweiht worden sein, sie sind doch Kinder geblieben, die sich mit ihren jüngeren Geschwistern an allerhand Spielen erfreuen.
All diese Freuden und diese kindliche Selbständigkeit müssen sie aufgeben, sobald sie heiraten. Wenn sie sich nur ihre zukünftigen Gatten selbst auswählen dürften! Wenn es ihnen nur gestattet würde, ihre Herzen zu Rate zu ziehen, umworben und in unserem Sinne geliebt zu werden! Aber das Liebesleben unserer Völker ist den Japanern unbekannt.
Hat das junge Mädchen das genannte heiratsfähige Alter erreicht, so trachten die Eltern, sie sobald als möglich unter die Haube zu bringen. Aber die einleitenden Schritte werden selten von der Familie des Mädchens unternommen. In der Regel wendet sich der heiratslustige junge Mann an einen schon verehelichten Freund, der unter den jungen Musmis seiner Bekanntschaft Umschau hält; hat er eine gefunden, die ihm für seinen Freund passend erscheint, so trägt er die Sache ihren Eltern vor. Diese erkundigen sich nun ihrerseits nach den Verhältnissen des jungen Mannes, und sind sie geneigt, ihm ihre Tochter zu geben, so wird gewöhnlich im Hause des Vermittlers oder bei einer Theegesellschaft oder bei einer Theatre party eine Begegnung der jungen Leute zu stande gebracht. Des jungen Mädchens Wille wird dabei nicht besonders berücksichtigt, und es scheint ihr auch gar nicht so sehr daran gelegen zu sein. Sie weiß, daß sie der Ehe ebensowenig entgehen kann wie dem Tode, und so kann es sich ihr dabei hauptsächlich nur darum handeln, von allen Uebeln das kleinste zu wählen, d. h. einen Mann zu finden, gegen den sie nicht gerade Abneigung empfindet. Wärmere Gefühle, Sympathie oder gar Liebe werden von ihr nicht erwartet. Hat auch der Freier nichts Besonderes an ihr auszusetzen, so wird die Sache gleich in Ordnung gebracht. Er hat ja nicht viel dabei zu verlieren, da er sie nach ein paar Monaten Probezeit ohne weiteres ihren Eltern wieder zurückschicken kann. Zum Zeichen seines Einverständnisses sendet er seiner Zukünftigen gewöhnlich ein Stück Seidenstoff, das die Stelle des Verlobungsringes vertritt. Die Familie des Mädchens dagegen sendet ihm ein ähnliches Stück Stoff für einen Kimono. Nun wird mit Brautstand und Hochzeitsvorbereitungen nicht mehr viel Zeit verloren. Die Freunde des Bräutigams lassen sich bei Wahrsagern einen glücklichen Tag für die Hochzeit nennen, und am Abend dieses Tages begiebt sich die Braut in das Haus ihres Bräutigams.
Religiöse oder gesetzliche Förmlichkeiten sind bei japanischen Heiraten nicht erforderlich. Der ganze Vorgang ist nicht viel mehr als die Uebersiedelung des Mädchens aus ihrem Elternhause in jenes des jungen Mannes. Ihre Kleider, ein Schreibtischchen, ihr Arbeitskorb, das Kästchen mit ihren Schminken und Pomaden, dann zwei Eßtischchen und ein paar Teller aus lackiertem Holz bilden die gewöhnliche Aussteuer. Je wohlhabender die Familie, desto größer ist die Last ihrer Kleider, und häufig kommt es vor, daß junge Mädchen davon mehr in die Ehe bringen, als sie für ihr ganzes Leben brauchen. Auch ihre persönliche Dienerin, wenn sie solche besitzen, pflegt ihnen in das neue Haus zu folgen.
Am Abend des Hochzeitstages kleidet sich die Braut ganz in Weiß, in Japan die Farbe der Trauer, zum Zeichen, daß sie für ihre eigene Familie gestorben ist. Sobald sie das Elternhaus verlassen hat, wird dieses sorgfältig gekehrt, und in früheren Zeiten wurde vor demselben auch ein Feuer entzündet, Gebräuche, welche anzeigen, daß ein Leichnam aus dem Hause entfernt wurde. Sobald die Braut, begleitet von dem Heiratsvermittler und seiner Frau, im Hause des Bräutigams eingetroffen ist, vertauscht sie die weißen Kleider mit anderen, prunkvolleren, und begiebt sich in das Gemach des Bräutigams. Eine junge Freundin reicht dann eine mit Sake (Reiswein) gefüllte Schale abwechselnd der Braut und dem Bräutigam zum Trinken. Nach dreimaligem Nippen wird eine zweite, dann eine dritte Schale in derselben Weise dargeboten, und dieses dreimalige Darreichen der Weinschalen besiegelt den Ehebund. Bei wenigen Völkern der Erde vollzieht sich die Heirat einfacher und poesieloser wie hier.
In einem Nebengemache haben sich mittlerweile die Familien und Freunde des jungen Paares zu einem Festmahle versammelt, bei dem es gewöhnlich recht lustig zugeht. Die Familien und der Hausstand des Bräutigams sind in fröhlicher Stimmung, denn alle, bis zum letzten Diener und Stallknecht, werden von der Familie der Braut mit Geschenken bedacht; auch ist es in Japan gerade so wie bei uns Sitte, daß die geladenen Freunde des jungen Ehepaares diesem Geschenke, gewöhnlich Hausgerätschaften oder Kleiderstoffe, darbringen. Edelsteine und Schmucksachen sind ausgeschlossen, da die Japanerinnen keine tragen. Gewöhnlich bleibt die lustige Hochzeitsgesellschaft bei allerhand Leckereien und Reiswein bis spät in die Nacht hinein versammelt; Tänzerinnen und Sängerinnen tragen unter Begleitung von Samisen und Kotospiel das Ihrige zur Unterhaltung der Gäste bei, und haben sich diese endlich entfernt, so wird das Brautpaar von einem jungen Mädchen in das Brautgemach geführt; dort müssen Braut und Bräutigam nochmals je dreimal an drei Sakeschalen nippen, aber diesmal werden die Schalen dem Bräutigam zuerst gereicht. Nun sind die jungen Leute Mann und Weib, und die einzige Förmlichkeit, die noch erfüllt werden muß, ist eine schriftliche Anzeige des Vaters der Braut an die Polizeibehörde seines Stadtteils, daß seine Tochter aufgehört hat, bei ihm zu wohnen und in das Haus ihres Gatten übergesiedelt ist. Das letztere ist nicht immer ein eigenes Haus, das die jungen Leute allein bewohnen. Die Ehen werden in Japan gewöhnlich so früh geschlossen, daß der Gatte häufig noch gar keinen eigenen Erwerb oder irgend eine Stellung hat und deshalb im Hause seines Vaters wohnt. Die Braut ist dann einfach ein neues Mitglied der Familie, und dieser allein ist sie Ehrfurcht und Gehorsam schuldig.
Am dritten Tage nach der Heirat findet ein festlicher Empfang im Hause der Eltern der Braut statt, zu welchem alle Freunde der letzteren geladen werden. Gewöhnlich werden bei dieser Gelegenheit die an die Familie des Bräutigams gesandten Geschenke von dieser erwidert. Auch die jungen Eheleute sind durch uralten Gebrauch gehalten, zwei oder drei Monate später ein größeres Fest zu geben, entweder ein Festmahl oder eine Garden party, zu welchem der ganze Bekanntenkreis eingeladen wird. Für viele ist dieses Fest die erste Kunde von der vollzogenen Vermählung, denn Verlobungs- oder Vermählungskarten werden in Japan nicht ausgegeben. Die ganze Angelegenheit besitzt ja bei weitem nicht die Wichtigkeit wie bei uns. Die Frau wird in Japan nur als die erste Dienerin des Mannes angesehen, und ob es diese oder jene ist, die er heiratet, bleibt sich ziemlich gleich. Standes- und Familienrücksichten giebt es nur in beschränktem Maße, und besondere Veränderungen treten ja durch die Heirat nicht ein. Der Mann bleibt derselbe, ob Junggeselle oder Ehegatte; er hat keinerlei neue Pflichten, keinerlei Beschränkungen und kann thun und lassen, was er will. Er kann seine Abende außer dem Hause zubringen, wo er will, er kann andere Mädchen als Konkubinen in sein Haus aufnehmen, Liebe und Treue wird von ihm nicht erwartet. Seine Frau hat ihm in jeder Hinsicht zu gehorchen, hat alles ruhig und freundlich hinzunehmen, ihn zu pflegen, seine Mahlzeiten zu bereiten, seine Kleider zu nähen, sein Haus in Ordnung zu halten: sie ist mit einem Worte nicht viel mehr als eine Dienerin im Hause eines unserer Junggesellen, nur mit dem Unterschiede, daß sie bei uns ihren Monatslohn erhält und freiwillig ihren Dienst kündigen kann, wann sie will, während die japanische Frau diesen Dienst bis zu ihrem Tode versehen muß, ja, als Zeichen, daß sie gewillt ist, dies zu thun und keine Absicht hat, ihren Herrn zu wechseln, verunstaltet sie freiwillig ihr Aeußeres dadurch, daß sie sich die Zähne schwarz färbt und ihre Augenbrauen abrasiert. In den Großstädten verliert sich dieser Gebrauch immer mehr, in den Provinzstädten und Dörfern aber fand ich noch viele junge Frauen mit kohlschwarzen Gebissen.
Die geschilderten Gebräuche werden bei der europäischen Leserin kein geringes Entsetzen erwecken, und gewiß wird sie ihre japanischen Schwestern herzlich bedauern, hauptsächlich darüber, daß sie sich ohne Liebeswerbung, ohne Brautjungfern und gar erst ohne Hochzeitsreise in das anscheinend denkbar unglücklichste Ehejoch begeben müssen. Doch bei den untersten Volksklassen der Japaner liegen die Verhältnisse noch schlimmer. Die Arbeiter, Rickshawkulis, Hausdiener ersparen sich sogar die Festmahlzeiten und das zeremoniöse Saketrinken. Sie vermählen sich mit einer Frau, wenn es ihnen eben paßt, und vertauschen sie wieder mit einer anderen, mit ebensowenig Umständen, wie wir etwa unsere Kleider wechseln. Gar mancher in Japan wohnende Europäer wird beim Nachhausekommen durch die Anzeige seines Boy oder Betto (Pferdeknecht) überrascht, daß er sich eben vermählt habe. Einige Monate später ist er vielleicht wieder Junggeselle, und kommt ihm wieder einmal die Lust zu heiraten an, flugs bringt er sich eine neue Frau ins Haus, die ihm seine Kleider flickt, seine Mahlzeiten bereitet und ihn meistens viel besser bedient als er seinen Herrn.
Je höher man auf der gesellschaftlichen Stufenleiter emporsteigt, desto seltener begegnet man dem Wechsel der Frauen, oder, um ein in Europa geläufigeres Wort zu gebrauchen, den Ehescheidungen. Immerhin entfällt sogar in den von europäischer Kultur angehauchten Hauptstädten des Landes auf je drei Vermählungen eine Scheidung, und dieses Verhältnis würde sich vielleicht noch weiter ausgleichen, wenn in den wohlhabenderen Ständen nicht Umstände obwalten würden, welche die Scheidung überflüssig machen. Es sind nicht etwa ethische Momente, nicht größere Achtung oder Liebe für die eigene Frau, sondern es wird dort eben wegen der zahlreichen Japaner, welche die europäischen Verhältnisse kennen, immer weniger gern gesehen, daß man die Frau ohne weiteres aus dem Hause jagt. Ueberdies stammen die Frauen der höheren Stände doch aus besseren Familien, und man will sich durch eine nicht wohlbegründete Scheidung diese letzteren nicht zu Feinden machen. Deshalb behält man sie wohl im Hause, aber verheiratet sich dennoch mit einer Konkubine, vielleicht auch mit zwei oder noch mehr, je nach der Neigung oder den Mitteln. Möglicherweise wohnen diese Dämchen auch noch mit der legitimen Gattin in demselben Hause zusammen, und ihre Kinder wachsen gemeinschaftlich auf.
Man kann sich unter solchen Umständen die Lage der armen Frau wohl vorstellen, die all dies geduldig und lächelnd ertragen muß. Jeder Widerstand ihrerseits wäre vergeblich. Die Scheidung würde dann doch erfolgen, und sie müsste unter Zurücklassung ihrer Kinder in ihr väterliches Haus zurückkehren. Dazu ist die Liebe der japanischen Frauen zu ihren Kindern doch zu groß. In neuerer Zeit hat die Konkubinenwirtschaft in den besseren Ständen allerdings erheblich abgenommen, aber Professor Chamberlain von der kaiserlichen Universität in Tokio, vielleicht der beste Kenner des modernen Japan, sagt in seinem 1891 in Yokohama erschienenen Buche über Japan doch noch folgendes: „Warum sollte sich ein Mann überhaupt die Mühe geben, sich von einer ihm unsympathischen Frau scheiden zu lassen, wenn irgend eine Frau, die immer eine viel zu untergeordnete Stellung einnimmt, als daß sie ihm ernstlich lästig wäre, und wenn die Gesellschaft nichts dagegen hat, daß er sich irgendwelche Anzahl von Konkubinen hält?”
Derselbe Verfasser sagt weiter: „Die Scheidungsgründe in Japan sind: Ungehorsam, Unfruchtbarkeit, Lasterhaftigkeit, Eifersucht, Aussatz oder andere unheilbare Krankheiten, Geschwätzigkeit und Hang zum Stehlen, mit einem Worte, ein Mann kann seine Frau los werden, wenn immer er ihrer müde wird.”
Eine geistreiche Französin hat einmal gesagt: „~Fille, on nous supprime; femme, on nous opprime~” (als Mädchen unterdrückt man uns, als Frauen bedrückt man uns), aber in Japan giebt man sich dazu nicht einmal die Mühe. Der Mann hat zu befehlen, die Frau hat zu gehorchen; der Mann hat alle Rechte und Freiheiten, die Frau hat gar keine; der Mann ist der Herr der Schöpfung, die Frau ist ein untergeordnetes Wesen; und wenn sie irgendwelchen Einfluß in ernsten Dingen auf den Mann ausübt, so hat sie diesen Einfluß nicht sich selbst, sondern den Männern ihrer eigenen Familie, also ihrem Vater, ihren Brüdern zu verdanken, auf welche ihr Gatte Rücksicht nehmen muß, bevor er zum äußersten schreitet.
Als Beispiel dafür kann ein Fall gelten, der vor nicht langer Zeit in Tokio vorkam: Ein junger verheirateter Adeliger verliebte sich, im japanischen Sinne, auf dem Lande in ein junges Mädchen. Er brachte sie nach Tokio, nahm ihr eine Wohnung und vernachlässigte seine Frau. Die Schwiegermama entdeckte bald die Liaison, schrie Zeter und Mordio, die Zeitungen nahmen Notiz davon, und seine Freunde fürchteten, er würde am Ende seine offizielle Stellung bei der Regierung verlieren. Sie legten sich ins Mittel, und zwischen Mann und Frau, Schwiegermama und Konkubine wurde ein allseitig befriedigender Pakt geschlossen. Der Mann kündigte seiner Liebe die Wohnung, Frau und Schwiegermutter versprachen, keinen weiteren Lärm zu schlagen, das Mädchen kehrte zu ihren Eltern zurück, aber unter der Bedingung, daß sie den jungen Mann allmonatlich während mehrerer Tage in seinem Hause besuchen dürfe. Derlei Rücksichten werden aber, wohlverstanden, nur in den höheren Gesellschaftskreisen genommen. Selbst die Japan Mail, das von der Regierung subventionierte Organ, enthält in einer seiner Nummern folgenden Passus: „Streng genommen, wird Polygamie in Japan heute nicht getrieben. Thatsächlich war sie niemals legal, denn das Gesetz erkennt nur eine Frau an. Aber in vielen ehrbaren Haushaltungen giebt es eine Konkubine, vielleicht zwei oder selbst drei, neben der Hausfrau, ein elender Zustand, erniedrigend, unglücklich und mittelalterlich. Zur Ehre des Beamtenstandes, des Adels und der hervorragendsten Handelsherren muß es gesagt werden, daß dort mit wenigen Ausnahmen die Konkubinenwirtschaft nicht länger getrieben wird; ob aber die öffentliche Meinung reif genug ist, dieselbe als verbrecherisch zu verdammen, können wir nicht sagen.”
Indessen kommen in Japan Fälle vor, wo auch das Mädchen sich einen Gatten wählen kann. Giebt es in einer Familie beispielsweise keine Söhne, sondern nur Töchter, so wird dies von dem Vater als ein großes Unglück angesehen. Es ist niemand da, der seinen Namen, sein Geschäft erben kann, niemand, der die Ahnenopfer bringen kann, denn nur Männer können zu ihren Vorfahren beten und ihnen Opfer darbringen. Deshalb wird der Vater bestrebt sein, unter den jungen Männern seiner Bekanntschaft einen passenden Gatten für seine Aelteste auszuwählen, und dann wird auch diese zu Rate gezogen, ob ihr Zukünftiger auch hübsch und liebenswürdig genug sei. Ist sie einverstanden, so wird geheiratet. Der Mann muß aber dann ganz dieselbe traurige Rolle spielen wie sonst die Frau. Er muß seinen Namen ablegen und jenen der Familie seiner Braut annehmen, er muß in das Haus der letzteren ziehen und hübsch stille halten, sonst wird er gerade so davongejagt wie eine Frau. Natürlich geben sich zu solchen Geschäften nur arme Junggesellen her, denn „~c’est alors Madame, qui porte les pantalons~”.
Eine Erdbebenkatastrophe.
Zwei Jahrzehnte lang waren Tokio, die Hauptstadt, und Yokohama, der Haupthafen des Mikadoreiches, von den furchtbarsten Schrecken der Elemente, von den Erdbeben, verschont geblieben. Der große Fudschiyama, dieser zum Teil mit ewigem Schnee bedeckte Riesenvulkan, schlummert seit Generationen, und die Reisenden, die von den beiden Städten aus mit stummer Bewunderung den herrlichsten aller Berge Japans betrachten, denken fast gar nicht mehr an die Möglichkeit eines Ausbruches. Für die letzte Juniwoche 1894 hatte ich eine Partie auf den Fudschi in Aussicht genommen, denn nachdem ich vor Jahren auf der Spitze des höchsten Vulkans Nordamerikas, des Popokatepetl, gestanden, war es ein begreiflicher Wunsch, auch den höchsten Vulkan Ostasiens zu besteigen. Da kam die Kunde, daß die schlummernden Geister des heiligen Fudschiyama sich wieder zu regen begonnen hätten; in seinem nördlichen Zwillingsberge, dem Asamayama, brodelte und grollte es fürchterlich, und aus seinem großen Krater stürzten gewaltige Lavamassen hervor. Desto interessanter dürfte die Besteigung werden, dachte ich mir, und fuhr von Tokio nach Yokohama, um die Vorbereitungen für meinen Ausflug zu treffen.
Der Tag war furchtbar heiß; drückende Schwüle lag über den weiten Reisfeldern der Tokiobucht; der Himmel zeigte bleierne Färbung, und mit Sehnsucht erwarteten wir Passagiere einen Regenguß. In Yokohama angekommen, fand ich unter den Gästen des Grand Hotel dasselbe Unbehagen, das ich selbst empfand; das Tiffin (Gabelfrühstück) wurde kaum genossen, und wir zogen uns gegen zwei Uhr nachmittags in unsere Zimmer zurück. Kaum hatte ich mich auf das Ruhebett geworfen, als plötzlich die Möbel rings um mich zu tanzen begannen; die Kommode fiel um, die Wände und der Fußboden krachten und schwankten wie auf bewegter See. Ein furchtbares Poltern und Dröhnen ließ mich vermuten, es wäre irgend ein Pulvermagazin in die Luft geflogen; als ich aber, zum Fenster hinausblickend, die Kamine von den Hausdächern fallen und diese selbst einstürzen sah, da wußte ich sofort den wahren Grund dieser Erscheinung. Hatte ich doch schon ein heftiges Erdbeben in Venezuela durchgemacht. Mit einem Satze war ich zur Thüre hinaus und eilte über die krachenden Treppen zwischen den heftig schwankenden Mauern hinab ins Freie an den Meeresstrand; Dachziegel, Mörtelstücke, Trümmer der Gesimse fielen rings um mich zu Boden. Das noch vor wenigen Minuten spiegelglatte Meer war wild aufgeregt und sandte hohe Brandungswellen den Strand empor; die schweren Dampfer und Kriegsschiffe draußen schaukelten heftig; eine ungeheure Rauch- und Staubwolke erhob sich über dem Weichbilde der Stadt, und man konnte sich bei dem schwankenden Boden kaum aufrecht erhalten. Während solcher Katastrophen ist es schwer, Beobachtungen zu machen; ich erinnere mich nur an das furchtbare unterirdische Dröhnen, an die einstürzenden Schornsteine und Dächer, das Rasseln der Fenster und das Abstürzen großer Felstrümmer von den Klippen des nahen Bluff; ich weiß nur, daß rings um mich Damen ohnmächtig auf dem Boden lagen, daß die Einwohnerschaft der Häuser längs der ganzen Straße des Bundes entsetzt aus ihren vier Mauern hinaus ins Freie stürzte, daß die Häuser ebenso schwankten wie die Schiffe draußen in der Bucht.
Wie lange die schreckliche Katastrophe währte, wußten wir nicht; erst nachträglich erfuhren wir, daß die Erschütterungen viereinhalb Minuten gedauert hatten. Endlich beruhigte sich der Boden, aber die wenigsten Menschen waren zu bewegen, in ihre Häuser zurückzukehren, da sie eine Wiederholung des Erdbebens befürchteten. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, denn mit Bangen dachte ich an meine in Tokio weilenden Lieben. Ueber die Schuttmassen zwischen den geborstenen Wänden hinweg eilte ich nach meinem Zimmer, um meine Effekten zusammenzupacken, und ließ mich in einer Jinrickshaw nach dem Bahnhof führen. Dort erfuhr ich, daß infolge des Erdbebens der nächste Zug erst in einer Stunde abgelassen würde, und so benutzte ich diese letztere zu einer Rundfahrt durch die Stadt. Schuttmassen lagen in den Straßen, größtenteils von der abgeworfenen Bedachung, dem Maueranwurf und den Schornsteinen der Häuser herrührend; manche Häuser waren ganz eingestürzt, andere drohten einzufallen, und eine große Zahl zeigte weitklaffende Risse und Sprünge in den Mauern; bei einer Theefabrik waren Polizisten und Feuerwehrleute beschäftigt, Trümmer fortzuräumen, unter denen gegen dreißig Menschen begraben waren; auf Strohmatten oder notdürftig zusammengebundenen Tragbahren wurden Verwundete fortgetragen. Viele Dächer waren von den einstürzenden gemauerten Schornsteinen durchschlagen worden und zeigten große Löcher; im Straßenboden waren hier und dort klaffende Risse bemerkbar; in den Bazars, hauptsächlich in den vielen Läden mit den schönen japanischen Porzellan- und Emailwaren hatte das Erdbeben furchtbaren Schaden angerichtet; die prächtigsten, kostbarsten Sachen lagen zertrümmert auf der Erde.
Die meisten Schäden zeigten die Häuser in den europäischen Quartieren, da sie größtenteils aus Mauerwerk bestehen und ein Stockwerk hoch sind; die japanischen Häuser sind zumeist ebenerdig und aus Holz gebaut, aber während sie auf diese Weise von dem Erdbeben mehr verschont blieben, hatte doch am Tage zuvor eine andere furchtbare Katastrophe unter ihnen gewütet; nicht weniger als tausend Häuser waren einer großen Feuersbrunst zum Opfer gefallen, und noch rauchten die schwarzen verkohlten Reste dieses zerstörten japanischen Stadtviertels.
Rechtzeitig kehrte ich nach der Eisenbahnstation zurück, um den Zug nach Tokio zu benutzen. Während der einstündigen Fahrt sah ich überall Spuren des Erdbebens, eingestürzte Mauern und Häuser, beschädigte Dächer, umgestürzte Toris (Tempelthore) und Statuen. Auf dem Wege von der Schimbaschistation in Tokio nach dem dortigen Imperial Hotel sah ich, daß das Erdbeben hier noch heftiger gewesen sein mußte als in Yokohama, denn noch viel mehr Häuser waren beschädigt, besonders in dem Stadtviertel der Europäer; fast jedes zweite Dach hatte gelitten; die Schornsteine waren überall eingestürzt, die Mauern waren geborsten, der Mörtelanwurf abgefallen, viele Häuser ganz zertrümmert; von den das kaiserliche Palais umgebenden Festungswällen war die aus großen Quadern bestehende Bekleidung auf Strecken von fünfzig Metern abgefallen. Endlich war ich am Imperial Hotel angelangt, und glücklicherweise war unter den Gästen kein Unglücksfall zu beklagen. Dagegen bot der prachtvolle Bau selbst einen schrecklichen Anblick dar. Das große Einfahrtsthor war eingestürzt und lag nebst dem Eisengitter in Trümmern auf dem Boden; die Kamine waren abgestürzt und hatten große Löcher in das Dach geschlagen; die Mauern zeigten durchgehends klaffende Sprünge; mehrere Angestellte waren durch herabfallende Mauerstücke verwundet worden; in den Salons und Wohnzimmern waren Möbel umgestürzt, Bilder, Spiegel, Vasen und Statuen herabgefallen und zertrümmert. Die benachbarten Häuser waren schwer beschädigt und mußten zum Teil ganz abgetragen werden.
Merkwürdigerweise war das kaiserliche Palais durch das Erdbeben nur wenig betroffen, und das Kaiserpaar war mit dem bloßen Schrecken davongekommen; die Paläste der kaiserlichen Prinzen waren teilweise arg beschädigt. In den Straßen waren die Japaner schon überall beschäftigt, die Schuttmassen fortzuräumen, die Verschütteten auszugraben und die Schäden auszubessern. Doch gewärtigte man eine Wiederholung des Erdbebens. Um neun Uhr abends wurde auch ein zweiter Stoß, jedoch von geringerer Heftigkeit, empfunden. Am folgenden Tage hatte sich die allgemeine Furcht etwas gelegt, aber wie wohlbegründet sie war, geht aus der Statistik der Unglücksfälle hervor, welche die japanischen Morgenzeitungen auf Grund der eingelaufenen Meldungen veröffentlichten. In Tokio allein wurden innerhalb der viereinhalb Minuten des Erdbebens 36 Menschen getötet, über 300 verwundet; die Zahl der beschädigten Häuser erreichte 3720, der umgestürzten Mauern 162, der Schornsteine 289, der Risse im Erdboden 96. Seltsamerweise beschränkte sich das Erdbeben auf den zentralen Teil Japans zwischen Yokohama und Tokio; in den entfernteren Städten wurden die Erdstöße nur ganz leicht verspürt und verursachten nur geringe Unglücksfälle. Die Vulkane zeigten während des Erdbebens keine erhöhte Thätigkeit.
Dafür sind sie in den letzten Jahren wieder desto thätiger gewesen, vor allen anderen hatte der schreckliche Bandaisan im Norden Japans im Juli 1900 einen heftigen Ausbruch, dem mehrere hundert Menschen zum Opfer fielen. Nur der höchste Vulkan Japans, der berühmte heilige Fujiyama, hat seit Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag seine erhabene Ruhe bewahrt.
Modernes Theaterwesen in Japan.
Frauen auf der japanischen Bühne! Das ist die wichtigste Neuigkeit, die eben aus dem fernen Lande des Sonnenaufganges zu uns herüberdringt. Frauen als Schauspielerinnen und Tänzerinnen auf den Brettern, welche in Japan, wie bei uns, die Welt bedeuten! Die Kaiserin von Japan hat selbst die Initiative dazu ergriffen, ihren weiblichen Unterthanen diesen neuesten Beruf zu eröffnen, und in Zukunft wird es im Reiche des Mikado auch weibliche Sterne am Theaterhimmel geben. Bisher haben wohl die reizenden Musmis von Japan die dramatische und lyrische Kunst eifrig gepflegt, allein es war ihnen nicht gestattet, im Verein mit ihren männlichen Kollegen öffentlich aufzutreten. Bei uns gefallen sich die Theaterdamen von stattlichem Wuchs darin, in Hosenrollen aufzutreten, in Japan aber, diesem Lande der verkehrten Welt, gefallen sich die schönsten Männer darin, in Unterröcken zu spielen. Alle Weiberrollen, nicht nur die alten, wurden von geschminkten Jünglingen gespielt, ja sogar das japanische Ballett zählte bisher nur männliche Ballerinen. Warum? Wieder die verkehrte Welt: weil es gegen den Anstand und die gute Sitte verstoßen hätte, Mädchen neben jungen Männern öffentlich auftreten zu sehen. Die Japaner haben eben eigentümliche Begriffe von Anstand. Während die kleinen hübschen Mädchen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren, die Frauen im Alter von achtzehn bis dreißig Jahren, die Großmamas im Alter von dreißig bis wer weiß wie viel Jahren ihre Bäder häufig öffentlich auf der Straße nehmen, während die Damen in den fashionabeln Badeorten Ikao oder Karuizawa mit der größten Ungeniertheit im Verein mit fremden Männern in demselben kleinen Baderaum stecken, ohne irgend etwas Schlimmes davon zu denken, dürfen sie in voller Bekleidung auf der japanischen Bühne nicht neben und mit Männern auftreten. Im vergangenen Jahre hat eine amerikanische Sängerin von Weltruf, welche Japan als die erste Primadonna überhaupt besuchte[3], die dortigen Hofkreise auf das Widersinnige dieser Anstandsregeln aufmerksam gemacht und die hohe Stellung erklärt, welche die Frauen der europäischen Bühne nicht nur auf dieser, sondern vielfach auch im gesellschaftlichen Leben einnehmen. In ihrem Streben, es den Europäern auf allen möglichen Gebieten gleichzuthun, haben sie sich nun, gestützt auf diese und andere Berichte, auch die Reform des Theaterwesens zur Aufgabe gestellt, und sie beginnen damit, daß sie den Japanerinnen die Thüre zum Hinterpförtchen der Theater, zum Bühneneingang, öffnen.
Glücklicherweise ist dies eine der wenigen Neuerungen in der japanischen Kultur, die mit dem ganzen Wesen derselben verträglich ist, ja ihrer malerischen Eigentümlichkeit ein neues, glänzendes und erhaltendes Element zuführt. Im übrigen haben die Japaner ja leider aus europäischen Fräcken und Schleppkleidern, Vatermördern und Beinkleidern ein großes Leichentuch für ihre eigene, so ungemein malerische Kultur zusammengenäht. Wer diese letztere in ihrer ganzen Eigenheit, und so wie sie vor Jahrhunderten war, sehen will, muß japanische Theater besuchen. Dort hat sie ihre letzte Zufluchtsstätte gefunden, dort wird sie auch noch von den hochkonservativen aristokratischen Elementen erhalten.
Das japanische Theater ist gar nicht so alt, als man bei einer für asiatische Verhältnisse gewiß hohen und viele Jahrhunderte alten Zivilisation anzunehmen geneigt wäre. Es entwickelte sich aus den religiösen Gesängen und Tänzen, mit denen die buddhistischen Priester in früheren Zeiten ihren Tempeldienst zu begleiten pflegten und wie ich sie noch gelegentlich meiner eigenen Reise in den berühmten Tempeln von Nikko und Nara vorfand. In ähnlicher Weise haben ja auch die alten Griechen und Römer ihre Götter gefeiert, und dieser Kultus hat sich sogar nach Spanien verpflanzt, wo der Ostertanz der Pagen in der Kathedrale von Sevilla ein Ueberbleibsel des heidnischen Götterdienstes sein dürfte. Die großen Feudalfürsten des alten Japan ließen derlei Tänze und Gesänge an ihren Höfen zur Aufführung bringen; allmählich legten sie den ersteren andere Handlungen unter, die sie fast ausschließlich der japanischen Geschichte oder der Märchenwelt entnahmen, und so entstand, dabei immer weltlicher werdend, das japanische Theater von heute. Doch war es nur das gewöhnliche Volk, das an diesen öffentlichen Darstellungen in öffentlichen, auch an die alten Tempel gemahnenden Theatern Gefallen fand. Die Daimios (Fürsten) hielten an den alten Traditionen fest und unterstützen sie auch noch heute. In Tokio hatte ich Gelegenheit, mancher der traditionellen Privatvorstellungen von alten No-Spielen beizuwohnen, die nur vor geladenen Gästen der Aristokratie stattfinden und in denen Schauspieler auftreten, die ihre Kunst gerade so wie ihre herrlichen, kostbaren Kostüme von ihren Vätern und Vorvätern geerbt haben. Manche dieser Schauspielerfamilien haben einen theatralischen Stammbaum von sechs bis zehn Generationen aufzuweisen. Sie allein werden gesellschaftlich geachtet und anerkannt. Die Schauspieler der gewöhnlichen öffentlichen Theater aber waren bisher ebenso geächtet wie bei uns noch zur Zeit der alten Neuberin. Sie wurden geradezu der Klasse der „Eta” (Gesetzlose, Vogelfreie) beigezählt, und noch heute würde es in Japan keinem Aristokraten, Offizier oder Beamten in den Sinn kommen, eines der öffentlichen Theater zu betreten. Nur bei außergewöhnlichen Gelegenheiten, etwa wenn der Lewinsky von Japan, Danjuro, auftritt, oder bei Wohlthätigkeitsvorstellungen erscheinen sie, aber auch nur in zwei oder drei der vornehmsten Theater der Hauptstadt. Der Mikado hat noch niemals ein Theater besucht, und die einzigen Vorstellungen, die er gesehen hat, sind alte klassische No-Stücke, die in seinem Palast aufgeführt werden.
Das gewöhnliche Volk in Japan liebt die Theater über alle Maßen, ja ich kenne unter den Völkern der Erde keines, das mit solcher Begeisterung dem Theater ergeben wäre. Jede größere Stadt hat ihre Theater; Tokio, Kioto und Osaka haben deren eine ganze Anzahl, und wer das japanische Volksleben kennen lernen will, darf den Besuch der Theater, sowie die gewöhnlich ungemein belebten Straßen, in denen sie gelegen sind, mit ihren Theehäusern und Tingeltangeln aller Art nicht versäumen. Man muß sich aber unter den japanischen Theatern nicht etwa solche nach europäischem Muster vorstellen. Für den Japaner, der Europa besucht, dürfte es kaum eine größere Ueberraschung geben, als wenn er die glänzenden Räume unserer hauptstädtischen Opernhäuser betritt. Unsere bescheidensten Provinztheater sind immer noch eleganter und vornehmer in Bezug auf die Ausstattung sowohl wie auf die Masse der Besucher als die schönsten japanischen Theater. Der Mehrzahl nach sind sie große, leichtgebaute Bretterbuden, deren Zuschauerraum für drei- bis fünfhundert Personen Platz bieten dürfte. Vor dem Eingange stehen gewöhnlich acht bis zehn Meter lange Bambusstangen, gegen die Straße zu geneigt, wie riesige Angelruten, und an diesen hängen blaue und rote, mit bunten Inschriften bedeckte Leinwandstreifen. Die amerikanische Reklame mit ihren großen, bunt bemalten Affichen hat auch schon in Japan ihren Einzug gefeiert, die Theaterfronten sind gewöhnlich mit derlei Papierbogen ganz verklebt. An das Theater schließen sich in der Regel zierliche Theehäuser mit halbverdeckten, lampiongeschmückten Balkonen und Galerien an. Die Theaterstraßen der japanischen Großstädte bestehen gewöhnlich nur aus derartigen Theehäusern, Theatern und Schaubuden, in denen allerhand Zauber, ähnlich dem Wiener Wurstlprater oder der Pariser Foire de Neuilly, gegen ein paar Pfennige Eintrittsgeld zu sehen ist. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein herrscht in diesen Straßen reges Leben, denn die Theater Japans sind nicht nur des Abends geöffnet, die Vorstellungen dauern den ganzen Tag über, und die Japaner, die sie besuchen wollen, nehmen Kind und Kegel, ihre ganze Familie mit und bleiben den ganzen Tag im Theater. Andere kommen nur für eine oder mehrere Stunden, um die wichtigsten Scenen oder die beliebtesten Schauspieler zu sehen. Wird ein neues Stück aufgeführt, so spricht es sich bald in der Stadt herum, welche Stunde die sehenswertesten Akte vorkommen, und dann sind die Theater gewöhnlich zum Erdrücken gefüllt. Die vielen Theehäuser mit ihren Kellnerinnen und Gaishamädchen (Sängerinnen) tragen dazu bei, einen dichten Menschenstrom durch die Theaterstraßen zu leiten, so daß dort der Wagen- und Rickshawverkehr verboten ist. Die Theaterbesucher müssen auch bei schlechtem Wetter ihre Rickshaws schon an der Straßenecke verlassen und den Weg zum Theater zu Fuß zurücklegen.
Wohl befinden sich neben den einzelnen Theatern oder am Haupteingange derselben auf der Straße Billetverkäufer, welche den Passanten gegen Erlag weniger Cash ein mit Schriftzeichen bedecktes Holzplättchen einhändigen; allein der Japaner, der für seine ganze Familie Platz haben will, muß sich denselben tags vorher, bei Zugstücken sogar schon mehrere Tage vorher sichern. Gewöhnlich vereinigt sich der Theaterbesitzer mit dem Besitzer des benachbarten Theehauses; dieser ist häufig sein Geldgeber und Kassierer, verkauft die Theaterplätze gegen einen gewissen Prozentsatz und liefert den Theaterbesuchern Speisen und Getränke. Wären die Theater nicht schon an den großen Angelruten kenntlich, die sozusagen die Besucher von der Straße fischen, so würden die Hunderte von Sandalen und Strohschuhen vor den Theatergebäuden dieselben schon als solche kennzeichnen. Keinem Japaner würde es einfallen, mit seinen Sandalen das Innere eines Theaters zu betreten, ebensowenig wie einen Tempel, einen Kaufladen oder sein eigenes Wohnhaus. Vor den Theatern stehen lange Gestelle, auf denen in mehreren Reihen die ganze Theaterfront entlang die plumpen, mit Stelzenstöckchen versehenen Holzsandalen oder Strohschuhe paarweise aufgehängt sind. Am Eingang zieht der Besucher die Füße aus seinen Sandalen und erhält für dieselben von dem Garderobier eine entsprechende Nummer, auf einem kleinen Holzklotz verzeichnet.
Das Innere der japanischen Theater ist von jenem der unserigen vollständig verschieden. Wohl giebt es eine Bühne mit Vorhang, allein Seitenkulissen, Rampenlichter, Souffleurkasten, Schnürboden und dergleichen fehlen. Dafür verlängert sich die Bühne auf beiden Seiten in den Zuschauerraum hinein, und diese etwa zwei Meter breiten, mannshohen Podien laufen, das Parkett zwischen sich einschließend, bis an die hintere Wand des Zuschauerraumes. Von dort gelangen die Schauspieler durch eigene, dem Publikum nicht zugängliche Korridore wieder auf die Bühne zurück. Die Mehrzahl der Theater besitzt über dem Parkett noch eine Galerie, und diese ist gerade so wie das erstere ganz in Logen eingeteilt. Nur der kleine Raum hinter den Logen bis zur Wand zeigt eine Reihe von Sitzbänken für die geringsten Klassen des Theaterpublikums, und in manchen Theatern ist wohl eine, von den übrigen Logen gesonderte Abteilung für europäische Besucher mit Stühlen zum Sitzen versehen. Sonst giebt es in den Theatern keine Sitze, denn das Publikum kauert auf dem Boden. Das ganze Parkett ist bis zu der Rampe durch zwei Fuß hohe Bretterwände in viereckige Räume von etwa vier Quadratmetern Fläche eingeteilt, und diese schachbrettartigen Felder sind die Logen. Wird jemandem eine Loge in der Mitte des Parketts zugewiesen, so muß er über die Abteilungsbretter und durch eine Reihe anderer Logen steigen, um zu der seinigen zu gelangen. Dort angekommen, ist er für den Tag ausschließlicher Besitzer des vollständig kahlen Kastens. Will er Sitzmatten, Ecktischchen, Kohlen- und Aschenkästchen, so muß er sie von den Angestellten eigens entlehnen und erhält für jeden gezahlten Betrag eine entsprechende Quittung, die auf Verlangen der Kontrolleure vorgewiesen werden muß, denn sonst wird der Betrag nochmals abverlangt. Gewöhnlich versammeln sich die Teilnehmer einer Theatre party oder einzelne Familien, welche Logen reserviert haben, in den Morgenstunden im Theater und je vier nehmen in einer Loge auf den Bambusmatten des Bodens Platz. In den Zwischenakten kommen die Kellner und Kellnerinnen des Theehauses, um nach ihren Wünschen zu fragen, Thee, Süßigkeiten, Früchte oder die bestellten Mahlzeiten zu bringen. Ueberdies befinden sich im Theater selbst, nahe dem Eingange, Stände mit Früchten, Tabak, Backwerk und Getränken aller Art, so daß die Besucher tagsüber das Theater gar nicht zu verlassen brauchen. Für die eigenen Familiendiener wird kein Eintrittsgeld berechnet; häufig legen diese oder das Theehaus alle Beträge aus, und am Schlusse der Vorstellung wird die Rechnung überreicht, die in den besseren Theatern für eine Familie von vier Personen etwa folgendermaßen lautet:
Eintrittsgeld 60 Sen Loge 80 „ Matten und Kohlenkästchen 25 „ Bedienung 10 „ Thee und Süßigkeiten 25 „ Früchte 25 „ Fische und Reis 25 „ Theehausrechnung 50 „ Trinkgeld für die Dienerschaft 20 „ ------------------ zusammen 3 Yen 20 Sen (etwa 6½ Mark).
So bleiben denn die Theaterbesucher den ganzen Tag über im Theater, und für den Fremden bilden die einzelnen Logen mit ihren Insassen ebensoviele Schaubühnen, durch die er das Leben und Treiben der Japaner viel besser kennen lernt als auf der wirklichen Bühne. Die Mehrzahl der Besucher sind gewöhnlich Frauen und Mädchen. Mit ihren Kindern, mit Kopfkissen, Päckchen, Papiertüten, Pfeifen, Tabaksbeuteln, Theekannen treffen sie im Theater ein und machen es sich in ihrer Loge bequem. Die Kinder werden vor ihnen auf den Boden gebettet, der Aschenbehälter mit den glimmenden Kohlen steht zwischen ihnen, sie stecken sich ihre winzigen Pfeifchen an und kauern auf den Boden nieder. In dieser für Europäer unbequemen und ermüdenden Stellung verharren sie stundenlang; es war mir in Japan immer ein Rätsel, wie die zarten Frauen und Mädchen ihre Kniebeuge so lange aushalten konnten. Zeitweilig strecken sie sich ganz auf die Matten nieder, legen den Arm unter den Kopf und schlafen. Oder sie geben den schreienden Kindern in recht ungenierter Weise die Brust, rauchen dabei ihr Pfeifchen, knabbern an Zuckersachen, schlürfen Thee und fächeln sich Kühlung zu. Jeder Japanerin ebenso wie jedem Japaner sind Fächer und Pfeifchen ganz unentbehrliche Dinge; einer oder der andere dieser Gegenstände ist stets in ihren Händen.
Während der Vorstellung lauschen die Theaterbesucher andächtig den Ausführungen der Schauspieler, wälzen sich vor Lachen über den geringsten Scherz, vergießen Thränen bei jeder ernsten Scene, schaudern und gruseln bei Hinrichtungen und Selbstmorden, die auf der japanischen Bühne eine große Rolle spielen und mit allen blutigen Einzelheiten ungemein realistisch dargestellt werden. Fällt der Vorhang, dann geht der Lärm los. Die Hälfte der Anwesenden erhebt sich und eilt, über die Logenwände kletternd, zwischen den Insassen der Logen hindurch dem Ausgange oder den Büffettbuden zu; anderseits erscheinen wieder ein paar Dutzend Aufwärter oder Theehausmädchen, welche dampfende Schüsseln und Theetöpfe durch die verschiedenen Logen tragen; die Kinder klettern aus einer Loge in die andere, oder wohl gar auf die Bühne hinauf und tummeln sich dort lachend und schäkernd herum; mitunter steigen ganze Familien auf die Bühne, um vor dem Vorhang ihre Mahlzeiten einzunehmen; die in den Logen Zurückgebliebenen müssen sich in acht nehmen, daß ihnen nicht ihre Zehen abgetreten werden; ich mußte häufig ebensosehr die Geduld wie die Höflichkeit bewundern, mit der die japanischen Damen alle diese fremden Menschen, Besucher, Aufwärter, Kinder in ihren Logen und mitten zwischen sich hindurch umhersteigen ließen. Nicht ein finsteres Gesicht, nicht eine Gebärde des Unwillens oder der Ungeduld; lächelnd verneigen sie sich vor den Kellnern, lächelnd spielen sie mit den fremden Kindern, lächeln müssen sie bei allen Gelegenheiten. Dort zieht eine hübsche Musme aus den Aermeln ihres vorne offenen, den Busen entblößenden Kimono ein kleines Spiegelchen hervor, kramt aus den Tiefen der sackartigen Aermel Kamm, Puderbüchse, Lippenschminke und sonstige Toiletteartikel hervor und hantiert angesichts der ganzen Versammlung mit diesen Dingerchen. Allmählich kehren die Theatergäste wieder auf ihre Plätze zurück, von der Bühne ertönen drei dumpfe Schläge, ähnlich jenen, mit welchen auf den französischen Theatern der Beginn angezeigt wird; der Vorhang wird in die Höhe oder nach den Seiten zurückgezogen, und der nächste Akt beginnt.
Von Akten kann eigentlich keine Rede sein, ebensowenig wie von Tragödien, Lustspielen und Dramen nach europäischem Muster. Die Darstellungen, welche, wie bemerkt, morgens beginnen und spät abends endigen, beziehen sich gewöhnlich auf geschichtliche Ereignisse oder sind Märchen, Sagen und Romanen der alten Japaner entnommen. Auch giebt es keine eigene Theaterlitteratur. Als ich in Tokio einmal durch meinen Dolmetsch den Theaterunternehmer nach dem Verfasser des eben zur Ausführung gelangenden Stückes fragte, that er sehr verwundert und wußte nicht, was er antworten sollte. Erst als ich ihm meine Frage näher erklärte, erfuhr ich von ihm, daß an den japanischen Theaterstücken Direktor, Schauspieler, Theatermaler, Maschinisten, ja selbst das Publikum mitarbeiten. Irgend ein Märchen, eine Erzählung oder eine in den Zeitungen berichtete Begebenheit wird zum Vorwurf genommen, die Schauspieler arbeiten ihre Rollen selbst aus, jeder gute Einfall, der von irgendwelcher Seite kommen mag, wird bereitwilligst verwendet, und so entsteht allmählich das Stück, das aber während der ersten sechs oder acht Aufführungen täglich verändert und verbessert wird. Selbst später noch extemporieren die Schauspieler ganz nach Belieben, Scenen werden versetzt oder ganz weggelassen, und nur bei historischen Begebenheiten befleißigt man sich möglichster Treue in den geringsten Einzelheiten.
Mit Ausnahme von einigen der vornehmsten Theater, vor allem des Shintomiza-Theaters in Tokio, sind die scenischen Einrichtungen noch ganz so primitiv wie zu Shakespeares Zeiten in Europa, ja, wie sie Shakespeare selbst in seinem Sommernachtstraum verspottet hat. Für Interieurs bleibt die Bühne vollständig kahl. Eine Mauer mit einem Thor wird dadurch angezeigt, daß man in der Mitte der Bühne ein Thor aufstellt, und es bleibt der Einbildung des Publikums überlassen, sich zu beiden Seiten die hohe Mauer dazu zu denken. Die Schauspieler dürfen nur das Thor benutzen und nicht wissen, was jenseits desselben vorgeht; Theehäuser werden dargestellt, indem man ein paar Lampions mit der Inschrift „Theehaus” auf den Boden steckt. Gärten werden durch natürliche Pflanzen dargestellt. In den ersten Theatern Tokios hat man neben einer Menge anderer europäischer Einrichtungen auch schon gemalte Dekorationen, elektrische Beleuchtung und dergleichen angenommen, und besonders in dem vorerwähnten Shintomiza-Theater werden ganz hübsche scenische Effekte erzielt. Sonst beschränkt sich der theatralische Pomp fast ausschließlich auf die Kostüme der Schauspieler, deren Garderobe viele historische Waffen, Rüstungen, Mäntel und dergleichen von bedeutendem Wert enthält. Häufig bekommen beliebte Schauspieler derlei Gegenstände von aristokratischen Familien zum Geschenk. Die Schauspieler haben aber auch bessere Gelegenheit als bei uns, diese Prachtgegenstände aus nächster Nähe bewundern zu lassen, denn sie treten nicht nur auf der Bühne selbst auf, sondern benutzen zu ihrem Kommen und Abgehen die vorgenannten Estraden, auf denen sie langsam und feierlich mitten durch das Publikum schreiten. Zudem ist es gang und gäbe, den Schauspielern in ihren Ankleidezimmern Besuche abzustatten, wobei man ihnen gewöhnlich allerhand kleine Geschenke überreicht. Auch noch auf andere Weise kommen sie in die Lage, kleine Privatmuseen anzulegen oder sich durch Geldgeschenke zu bereichern, denn beliebte Schauspieler werden in Japan vom Publikum noch viel mehr verhätschelt als bei uns. Die beiden durch das Auditorium führenden Estraden heißen Hans mischi, d. h. „blumige Wege”, weil man den Lieblingen des Publikums dort vor ihrem Auftreten Blumen streut. Haben sie das Publikum zu besonderer Begeisterung hingerissen, so wird diese häufig in ähnlicher Weise zum Ausdruck gebracht, wie ich es bei den Stiergefechten in Spanien gesehen habe. Hüte, Schirme, Fächer, Pfeifen, Toiletteartikel aller Art werden dem abgehenden Schauspieler von zarten Händen zugeworfen, gerade wie einem siegreichen Torero, und diese Gegenstände werden dann in seiner Garderobe von den Eigentümern durch Bargeld oder andere Gegenstände wieder eingelöst.
Ob die Schauspieler diese Huldigungen nach unseren europäischen Begriffen verdienen, ist eine andere Frage. Der Mehrzahl der europäischen Besucher kommen diese Vorstellungen ungemein gekünstelt, unnatürlich und langweilig vor. Der ersten Vorstellung in einem japanischen Theater wohnt man gewöhnlich mit Interesse bei, aber damit ist der Reiz des Neuen und Ungewöhnten erschöpft, und wenige lassen sich verleiten, eine zweite zu besuchen. Nach meinen eigenen Erfahrungen halte ich das für unrichtig, denn erst, wenn man sich durch mehrmaligen Besuch an die Eigentümlichkeiten der dramatischen Kunst in Japan gewöhnt hat, kann man die Vorzüge der Darstellung beurteilen. Die Tradition scheint von den darstellenden Künstlern in Japan zu verlangen, daß sie auf der Bühne das Gegenteil des Natürlichen thun; ihre Bewegungen, ihre Kleidung, ihre Sprache, ihr Thun und Lassen sind eher Zerrbilder der Wirklichkeit, aber auch darin liegt eine Kunst, die gelernt werden muß. In Bezug auf das Mienenspiel und den Gesichtsausdruck leisten die japanischen Schauspieler mitunter Großartiges, und da es bis vor wenigen Jahren in den hauptstädtischen Theatern an Rampenlichtern gefehlt hat, ließen sich die Schauspieler während der Handlung auf der Bühne durch schwarzgekleidete Diener begleiten, welche Lampions trugen, die an der Spitze von Bambusstäben hingen und den Schauspielern vor die Nase gehalten wurden, damit ihr Gebärdenspiel im wahren Sinne des Wortes in das richtige Licht gesetzt werde. Neben den Schauspielern befinden sich übrigens immer Diener auf der Bühne, um ihnen die Kostüme und die Frisur während der Handlung zurecht zu zupfen, Gerätschaften herbeizutragen, die Scenerie zu versetzen und dergleichen. Es wird dabei stillschweigend angenommen, daß diese Diener für das Publikum unsichtbar sind. Der Souffleur befindet sich ebenfalls auf der Bühne; zuweilen sitzt er an einem Tischchen an der Seite und erzählt mit unnatürlicher Stimme den Lauf der Handlung, oder preist die Kunst der Schauspieler oder singt, begleitet von einem Orchester, das in einem Bambuskäfig zu Rechten der Bühne auf dem Boden hockt und im Trommeln, Guitarrezupfen, Pauken- und Lärmschlagen Großartiges leistet. Am meisten pflegt sich dabei ein Musiker auszuzeichnen, der zwei kurze Holzstäbe in mehr oder minder rascher Folge aneinanderschlägt, je nachdem es die Handlung verlangt.
Während die Japaner sich mit diesen und anderen Einrichtungen an die Seltsamkeiten des Theaterwesens anlehnen, wie ich es in China, Siam und Java kennen gelernt habe, sind sie in einer Hinsicht sogar den Europäern vorangeeilt. Vor einigen Jahren besuchte ich in Neuyork das Madison Square-Theater und sah dort eine eben erfundene Einrichtung, welche es gestattete, auf offener Scene einen vollständigen Dekorationswechsel in weniger als einer Minute auszuführen. Unterhalb der eigentlichen Bühne befand sich eine zweite gleich große. Während auf der ersteren gespielt wurde, setzten die Bühnenarbeiter auf der zweiten unteren die nächstfolgende Scene. Auf ein gegebenes Zeichen wurde eine sinnreiche Maschinerie in Thätigkeit gesetzt. Die obere Bühne verschwand im Schnürboden, die untere trat an ihre Stelle, ein Zwischenakt war erspart. Diese amerikanische Erfindung war in Japan schon längst im allgemeinen Gebrauch, nur daß die beiden Bühnen nicht übereinander, sondern hintereinander liegen. Durch eine einfache Vorrichtung wird der ganze Bühnenapparat, ähnlich wie die Drehscheibe bei Eisenbahnen, um eine vertikale Achse gedreht, die vordere Bühne kommt nach hinten, die hintere mit ganz verschiedener Scene nach vorne, und das Spiel wird ohne Unterbrechung fortgesetzt.
Die Annahme europäischer Sitten und Gebräuche in so vielen Berufszweigen ist auch nicht ohne Einfluß auf das Theater geblieben. Man verlangt Darstellungen, die dem modernen Leben entnommen sind, man verkürzt ihre Dauer und verwendet immer mehr die freien Abendstunden für den Theaterbesuch. In Tokio hat man begonnen, unsere modernen Theatereinrichtungen anzunehmen, und nun sollen, wie eingangs erwähnt, auch die Frauen als Darsteller zugelassen werden. Um den Theaterbesuch so rege als möglich zu gestalten, werden an jedem Tage eine Anzahl kleinerer Stücke aufgeführt, und zwar pflegen die Direktoren zwischen historischen Darstellungen und Tragödien Possen und Balletvorstellungen einzuschieben. Die Billets können für jedes einzelne Stück gelöst werden, ähnlich wie es in den Zarzuela-Theatern in Spanien der Fall ist. Nur Oper und Operette fehlen in Japan noch gänzlich, und es wird kaum innerhalb eines Menschenalters dazu kommen, daß die Japaner an unserer Vokalmusik Geschmack finden. Die einzigen lyrischen Dramen, welche die Japaner kennen, sind die aus der klassischen Zeit stammenden No-Darstellungen, und diese sind noch viel einförmiger und langweiliger als die gewöhnlichen japanischen Theaterstücke. Immerhin sollten die Japaner ihrer Kaiserin dafür Dank wissen, daß sie dem Theater durch die Zulassung von Frauen neue Abwechselung und neue Anziehungskraft gegeben hat.
[3] Minnie Hauk.
Danjuro, der Salvini von Japan.
In rascher Folge kommen die Kurumas, gezogen von flinken, strammbeinigen Kulis, angefahren und entladen ihre Insassen, europäische Diplomaten und Offiziere, japanische Minister, Aristokraten und Beamte, reizende buntgekleidete Musmis, Frauen in jedem Alter, alle in das japanische Nationalgewand, den Kimono, gehüllt, alle mit Blumen und schönen Nadeln im Haar, den Fächer in der einen, den bunten Sonnenschirm in der andern Hand. Vor dem Eingang zu dem Shintomiza-Theater, dem vornehmsten von Tokio, ein Gedränge wie selten. Aber obschon Hunderte derselben Pforte zustreben, giebt es doch kein Drücken und Stoßen; mit der größten Höflichkeit machen die kleinen japanischen Menschlein einander Platz, verneigen sich tief voreinander, lächeln und entschuldigen sich mit vielen Worten. Man sieht, es ist die vornehme Welt der Hauptstadt, die sich heute hier Rendezvous gegeben hat. Unter Bücklingen überreichen die eleganten Damen dem Garderobier ihre Strohsandalen und Holzschuhe, nehmen unter Bücklingen dafür ihre hölzerne Garderobenummer in Empfang und betreten in ihren weißen Strümpfen das Innere des Theaters, um in den einzelnen Logen auf dem Boden Platz zu nehmen. Auch wir haben uns schon vor einigen Tagen eine Loge gesichert.
Die Vorstellung hat schon längst begonnen; wenn wir, und mit uns so zahlreiche Japaner der besten Stände, erst jetzt unsere Plätze einnehmen, so geschieht es deshalb, weil für diese Nachmittagsstunden das Auftreten des berühmtesten Schauspielers Japans, Danjuro, angekündigt war. Die ganzen, frühmorgens beginnenden, spät abends endigenden Vorstellungen mitzumachen, ist nur die Sache der mittleren und unteren Volksklassen Japans, für diese beginnen die tagelangen Aufführungen niemals früh genug und hören niemals spät genug auf. Glücklicherweise wird es nach den ersten Vorstellungen bald bekannt, um welche Stunde die besten Kräfte auftreten, die aufregendsten Scenen stattfinden, und dann pflegen die Theater zum Erdrücken gefüllt zu sein. Rechts und links von uns in den Balkonlogen, unter uns in den viereckigen Logenabteilungen des Parketts sitzen die Besucher, der größeren Zahl nach dem weiblichen Geschlecht angehörend, ausgestreckt auf dem Boden oder den Knien liegend, hocken in den verschiedensten Stellungen, essend, trinkend, rauchend; die verschiedenfarbigen, faltenreichen Gewänder, die Blumen in den Haaren, die Hunderte bunter, fortwährend bewegter Fächer vereinigen sich zu einem fremdartigen, malerischen Bilde. Aller Augen sind unverwandt auf die Bühne gerichtet, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit sehen sie den Scenen zu, die sie möglicherweise schon hundertmal gesehen haben und an denen dieses liebenswürdigste und genügsamste Theaterpublikum aller Länder immer wieder neuen Gefallen findet.
Dort oben auf der Bühne wird eben eines der Paradestücke Danjuros aufgeführt. Er selbst spielt gerade einen bejahrten Daimio aus der alten ritterlichen Zeit des japanischen Reiches; in die prachtvollsten goldgestickten Gewänder gehüllt, sitzt er starr und stumm auf dem Boden und kümmert sich nicht um die beiden Frauen, die, ebenfalls in herrlichen Kostümen, neben ihm kauern. Sie schluchzen und jammern und klagen, Thränen rollen über ihre Wangen und benetzen einen Gegenstand, den sie einander abwechselnd reichen und mit dem Ausdruck des höchsten Schmerzes an ihre Brust drücken. Bei genauerer Betrachtung sehe ich zu meinem Entsetzen, daß dies ein blutender Menschenkopf ist. „Mein Sohn, mein armer Sohn!” klagt fortwährend die ältere der beiden Frauen. „Mein Gatte!” ruft schluchzend die andere. Der Daimio zwischen beiden verzieht aber keine Muskel seines Gesichts. Kalt und teilnahmlos läßt er den Blick über das blutende Haupt seines einzigen Sohnes gleiten, des letzten Sprossen seiner Familie, der im Kampfe gegen die Armee des Mikado gefallen war. Auf ein stummes Zeichen von ihm entfernen sich die beiden Frauen.
Nun erhebt sich der Greis mühsam vom Boden und wendet sich langsam herum, um zu sehen, ob er wirklich allein sei. Niemand ist da, um Zeuge seines Schmerzes zu sein. Er atmet hoch auf und wirft sich plötzlich mit einer unnachahmlichen Gebärde der Verzweiflung über den am Boden liegenden Kopf. Sein ganzer Körper zittert, sein Greisengesicht ist in Thränen gebadet, während er das blutende Haupt mit dem wirren Haar und den verglasten Augen mit beiden Händen erfaßt und weit von sich haltend lange betrachtet; dann drückt er es an seine Brust und seine Wangen, verharrt eine Zeit lang in dieser Stellung und sinkt plötzlich wie leblos zu Boden, während das Haupt aus seinen Händen kollert.
Allmählich kehrt das Leben in den Körper des Greises zurück, er erhebt sich, seine Augen blicken teilnahmlos und verwundert umher, als suchte er sich die letzten Momente ins Gedächtnis zurückzurufen, dann zeigt eine schmerzliche Verzerrung seiner Gesichtsmuskeln, daß er das Bewußtsein seines entsetzlichen Unglücks wiedererlangt hat. Ein tiefer Seufzer entflieht seiner Brust, sein Gesichtsausdruck wird ruhiger, ja es hat den Anschein, als wäre es auch mit seiner Trauer vorbei. Nun zieht er langsam sein Schwert aus der Scheide und legt es neben sich auf den Boden; sorgfältig, bedächtig löst er Stück für Stück von seiner Kriegerrüstung; dann öffnet er die seidenen Untergewänder, läßt sich auf den Boden nieder, nimmt das Schwert und schlitzt sich damit den Leib auf. Das Blut entquillt der klaffenden Wunde, der entseelte Körper fällt zusammen, der alte Daimio hat Harakiri begangen.
Damit schließt das erste Stück, an welchem Danjuro teilnimmt, der Vorhang fällt, und erleichtert atmen alle auf. Nun begreife ich den Ruhm des japanischen Salvini, der seit nahezu fünfzig Jahren die Japaner entzückt und begeistert, gerade so wie vor ihm sein Vater, sein Großvater und so fort bis zurück in die neunte Generation vor ihm, eine ganze Dynastie von Danjuros, ein Schauspieleradel, der auf neun Ahnen zurückblicken kann. Mit dem Leben haben diese letzteren ihm auch ihre hohe Kunst eingeflößt, sie haben ihn in die Traditionen des alten klassischen Schauspiels eingeweiht; von Vater auf Sohn sind die Sitten und Gebräuche der ritterlichen Feudalzeit bis aus die Gegenwart herabgekommen und mit ihnen auch die alten Kostüme und Trachten, die Danjuro als die kostbarsten Erbstücke bewahrt und verehrt. In ihm ist das alte Japan verkörpert, und die Japaner, die ihn sehen, sehen in ihm ihre eigenen Vorfahren.
Nach kurzer Pause hebt sich der Vorhang wieder, und Danjuro, den wir eben als alten Ritter bewundert haben, erscheint jetzt als alte Frau. Mit staunenswerter Kunst hat er sein Gesicht in ein aristokratisches Frauengesicht verwandelt und trägt das Frauenkostüm mit so viel Anmut, daß man schwören könnte, eine Frau vor sich zu haben. Sie beweint und beklagt den Tod ihres Gatten; ihr Sohn steht vor ihr, schmerzerfüllt über den Verlust des Vaters und entschlossen, sich selbst den Tod zu geben. Doch seine Mutter ruft ihm mit bewundernswertem Pathos die Worte zu: „Hab ich dich dafür mit meiner Brust genährt? Ist das in der That mein Sohn, der sterben will, ohne den Tod seines Vaters gerächt zu haben?”
Der alte Liebling der Japaner interessierte mich in so hohem Grade, daß ich mit Freuden den Antrag meines Dolmetschers annahm, das nächste Stück auf der Bühne zuzubringen und den Künstler persönlich kennen zu lernen. Aber gerade so wie in manchen anderen Ländern ist auch in Japan der Künstler vor den Kulissen ein anderer als hinter den Kulissen, und Danjuro ist ein ebenso eitler Geck wie viele seiner Kollegen in den uns näher liegenden Ländern. Ja er treibt es mit seinem Ruhme noch viel ärger. Ihn auf der Bühne oder in seinem Zimmer zu besuchen, ist nämlich nicht etwa eine Auszeichnung, sondern ein einfaches Geldgeschäft. Wie man zahlt, um in das Theater zu gehen, so zahlt man in Japan noch einmal, um die Lieblingsschauspieler des Landes in ihrem Toilettenzimmer zu sehen und von ihnen empfangen zu werden. Eine ganze Menge von Bewunderern umstanden den Eingang zu Danjuros Garderobe, und sein japanischer Impresario war gerade damit beschäftigt, ihnen gegen Erlag eines mehr oder minder großen Lösegeldes ihre Hüte und sonstigen Toilettegegenstände, die sie dem Schauspieler in ihrem Enthusiasmus zugeschleudert hatten, wieder zurückzugeben. Andere hatten Einlaß in das Heiligtum gefunden, und es war ergötzlich, die tiefen Verbeugungen und Huldigungen zu sehen, mit denen sie Danjuro begrüßten. Er selbst nahm diese mit anscheinend gleichgültiger Miene als etwas Selbstverständliches entgegen. Allmählich wurde er freundlicher, und als ihm einer seiner Verehrer vermutlich eine besondere Schmeichelei gesagt hatte, ließ er sich so weit herab, ihn mit einer Nadel aus seinem Haare zu beschenken; einigen Damen schrieb er seinen Namen in schwungvollen Zügen auf den dargereichten Fächer, und schließlich bereitete er sogar eigenhändig Thee zu und reichte den Damen die kleinen gefüllten Schälchen dar.
Die Zeit verrann, die Besucher verließen die Bühne, und Danjuro mußte daran denken, seine Toilette für das nächste Stück zu machen. Von seinem Zimmerchen oberhalb der Bühne konnte er diese ganz übersehen, und wie eine eigensinnige Primadonna begann er nun seine Anordnungen herunterzuschreien; nichts schien ihm recht zu sein; nervös ließ er sich dabei von drei oder vier unterthänigen Dienern die Kleider ausziehen, schließlich nahm er vor einem großen Spiegel auf dem Boden Platz, um sein Gesicht zu bemalen. Er sollte zunächst als japanische Tänzerin auftreten, und mit erstaunlicher Geschicklichkeit schuf er sich mit einer wachsartigen Salbe eine andere Nase, malte sich neue Augenbrauen, ließ sich Haar und Chignon zurechtrichten und schließlich die wunderbarsten Kleider anlegen, die in großen Bambuskörben verwahrt waren. Danjuros Garderobe hat nicht wenig zu seinem Ruhme beigetragen. Er besitzt viele Dutzende der kostbarsten alten Kleider aus Brokaten und anderen Stoffen, die in Bezug auf Qualität, Form und Zeichnung geradezu einzig sind. Viele sind seit Generationen Erbstücke in seiner Familie, nicht nur Theaterkleider, sondern wirkliche Rüstungen und Hofkleider alter Fürsten, die seinen Vorfahren zum Geschenk gemacht wurden und deshalb neben dem reellen auch historischen Wert besitzen. Seine Waffen, Pfeifen, Fächer, Ornamente aller Art sind wahre Prachtstücke, und mit Stolz zeigt er sie zuweilen selbst seinen Günstlingen oder Schülern. Vor einigen Jahren wurde ein Teil dieser Garderobe gestohlen. Die ganze Polizei von Tokio wurde aufgeboten, und nach langen Nachforschungen gelangte man wieder in den Besitz der gestohlenen Stücke. Als sie aber Danjuro gebracht wurden, wies er sie stolz zurück; niemals, so äußerte er sich, würde er wieder Kleidungsstücke anlegen, die durch die Hand von Dieben entweiht worden wären.
Der alte Mime hatte die Vorstellung so lange aufgehalten, bis er mit seiner Toilette fertig war, dafür war auch die Verwandlung in eine jugendliche Tänzerin so vollkommen, daß ich Danjuro in dieser niemals wiedererkannt hätte. Wir eilten nach unserer Loge zurück. Eben geht der Vorhang, ein Geschenk des Königs Kalakaua von Hawai, in die Höhe; ein halbes Dutzend Trommler erscheinen, gekleidet in die herrlichsten, blumenbestickten Seidengewänder, Trommeln in der Form von riesigen Sandgläsern auf dem Rücken, und kauern im Hintergrunde der Bühne auf dem Boden nieder. Ihnen folgen ebensoviele Musiker mit dem nationalen Musikinstrument der Japaner, dem Samisen, einer Art Guitarre. Die Trommler schlagen auf ihre Felle, die Guitarrespieler zupfen an ihren Samisensaiten, und Danjuro erscheint in geradezu traumhaft schönen, überreichen Gewändern, feenhaft leicht und graziös, das Vorbild eines japanischen Gaishamädchens. In der Mitte der Bühne angekommen, führt der Greis, den wir schon als Daimio und als alte Frau bewundert hatten, die berühmtesten Tänze der losen Gaishamädchen auf, wobei es seinem hohen Alter allerdings sehr zu statten kam, daß die japanischen Ballerinen ihre Tänze mit allen Teilen des Körpers, nur nicht mit den Beinen ausführen, und daß diese letzteren den Blicken des Publikums verborgen bleiben. Während unsere Ballettdamen in Bezug auf die Dekolletierung die äußersten Grenzen des Möglichen zu erreichen trachten, suchen ihre japanischen Kolleginnen im Gegenteil so viel der kostbarsten Stoffe als nur möglich auf sich zu häufen und jeden Körperteil, mit Ausnahme des Gesichtes, der Hände und der Fußspitzen zu verbergen, die verkehrte Welt. Ein geistreicher Mann hat einmal ganz richtig gesagt: „~La décense commence, où finit la beauté!~” Das gilt aber nur für Europäerinnen; ihre japanischen Schwestern haben das Wort „décence” nicht in ihrem Dictionnaire, denn dieselben Gaishamädchen, die bei ihren Tänzen ein ganzes japanisches Modemagazin auf ihr winziges Körperchen laden, baden vielleicht in ihrem Heimatdorfe auf offener Straße ohne das geringste Feigenblatt.
Danjuro tanzt ein Viertelstündchen lang; dann springt ein schwarzgekleideter Theaterdiener vor und hält eine Decke mit ausgestreckten Armen derart vor den Tänzer, daß dieser den Blicken des Publikums verborgen bleibt. Andere Diener mit schweren Kleidern auf den Armen erscheinen, und auf der Bühne, während Trommelschlag, Samisengezupfe und der miauende Gesang eines verborgenen Chors ertönen, wechselt Danjuro seine Toilette. In dieser, womöglich noch schöneren, führt er einen zweiten Tanz auf, ebenso graziös, aber ebenso monoton wie der erste. Ein dritter und vierter folgt, und schließlich kommt der Knalleffekt, das Auftreten der Damen Fukiko und Dschisuko, der Töchter Danjuros, als Tänzerinnen in Gemeinschaft mit ihrem Vater. Für die anwesenden Japaner mögen sie bewundernswerten Reiz und jugendliche Anmut in noch höherem Grade besitzen als der Vater, uns Europäern sind diese feinen Unterschiede nicht ganz verständlich. Unseren Begriffen nach erreicht niemand den alten Danjuro in Gesichtsausdruck, in der Klarheit und Deutlichkeit der Sprache, bei der jede einzelne Silbe, jeder Laut seine Bedeutung hat und die so manchem unserer europäischen Mimen als Muster dienen könnte, schließlich auch in der Pracht der Kostüme, sowie in der Leichtigkeit und Natürlichkeit, mit welcher Danjuro sie trägt.
Der alte Knabe nimmt in dem Shintomiza-Theater natürlich die erste Stellung ein, und seine festen Bezüge sind die höchsten, die je einem japanischen Schauspieler gezahlt wurden, dreitausend Yen, etwa sechstausend Mark jährlich. Was mögen unsere Salvinis und Rossis, die solche Summen für einen einzigen Abend erhalten, dazu sagen? Freilich tritt Danjuro auch in anderen Theatern Tokios und der Provinzstädte auf und verdient sich mit derlei Gastvorstellungen, mit Geschenken und Unterricht vielleicht noch ebensoviel. Die jüngeren Schauspieler spielen jahrelang ohne irgendwelche Bezüge in seiner Gesellschaft, nur um von dem großen Meister zu lernen, ja sie zahlen für den Vorzug, mit ihm auftreten zu können. Durch sie erhält sich auch auf der japanischen Bühne die alte Ueberlieferung, auf die man im Reiche des Mikado noch immer große Stücke hält, trotz des modernen Realismus, dessen Hauch mit der europäischen Kultur auch zu diesen Antipoden gekommen ist und das japanische Theater zu beeinflussen beginnt.
In seinem Privatleben ist Danjuro ein japanischer Gentleman, dessen Hauptleidenschaft das Angeln ist. Danjuro ist übrigens nur ein Theatername, der sich aus dem sechzehnten Jahrhundert von Vater auf Sohn bis zum heutigen Träger vererbt hat. In Japan führen nämlich merkwürdigerweise Maler, Schriftsteller und Schauspieler ebenso angenommene Namen wie bei uns. Seinen Freunden ist Danjuro unter seinem wirklichen Namen Horikoschi Schu bekannt.
Danjuro ist indessen nicht der einzige Repräsentant aus alten japanischen Theaterfamilien; allerdings hat keiner eine so große Zahl von Theaterahnen aufzuweisen wie er, aber doch giebt es einige Schauspieler, in deren Adern Jahrhunderte altes blaues Komödiantenblut rollt. So ist der nächst Danjuro beliebteste Schauspieler Genoske der vierte seines Namens. Auch Sodansche, ein Vetter Danjuros, hat mehrere Ahnen, aber dennoch werden selbst diese Schauspieler von der guten Gesellschaft in Japan gemieden und stehen in einer Art sozialem Bann, gerade so wie unsere eigenen Thaliajünger noch im vorigen Jahrhundert. Mit den modernen Anschauungen, die heute in Japan herrschen und immer mehr um sich greifen, dürften auch die Vorurteile gegen die Schauspieler allmählich verschwinden; mit ihnen wird aber auch die altjapanische klassische Bühnenkunst verschwinden, deren hervorragendster Vertreter heute noch der alte Danjuro ist.
Litteratur und Zeitungswesen in Japan.
In früheren Zeiten brachte die japanische Litteratur manches Schöne zum Vorschein; aber man würde weit vom Ziele schießen, wollte man annehmen, sie hätte sich jemals auf der gleichen Stufe mit der japanischen Kunst und Kunstindustrie befunden. Wohl reicht sie zurück in jene Zeiten, als wir Germanen noch Barbaren waren, und hat Werke aufzuweisen, wie das Koschiki, das aus dem Jahre 712, und das Nihondschi (japanische Chronik), das aus dem Jahre 720 stammt, aber die Romandichtung hat sich niemals auf besondere Höhe emporgeschwungen, und man würde gar nicht fehlgehen, den Roman von Tamenaga Schunsui „Treu bis in den Tod” nach unseren Begriffen als den besten zu bezeichnen, welchen die japanische Litteratur besitzt. Er ist auch in Japan selbst der populärste. Die ersten Dichtungen stammen aus dem elften Jahrhundert, und merkwürdigerweise waren ihre Verfasser auch in den folgenden Jahrhunderten bis auf die neuere Zeit hauptsächlich Damen. Griffis sagt darüber: „Im Mittelalter war es ein Hauptzeitvertreib der Hofgesellschaft, Gedichte zu schreiben und vorzutragen. Der Kaiser selbst ehrte eine Dame oft dadurch, daß er ihr ein Thema für ein Gedicht angab, und ein glücklicher Gedanke, eine wohlklingende Stanze oder ein hübscher Vortrag genügten, die betreffende Dame zur Ehrendame des Hofes, zur kaiserlichen Konkubine, ja selbst zur Kaiserin zu machen. Ein anderes Vergnügen bestand darin, Geschichten zu schreiben und vorzulesen, und so entstanden die Monogataris, aus welchen wir das Hofleben Japans im zehnten und elften Jahrhundert kennen lernen; die Edelleute und Edelfrauen der damaligen Zeit treten vor uns in all ihrer Frivolität, aber auch mit all der Eleganz ihres damaligen, in so aristokratischen Kreisen sich bewegenden Daseins.” Wir lernen aus diesen Schriften ihr Denken, ihre Liebeständeleien, ihre ewigen Mondlichtschwärmereien kennen, ebensogut wie die Gesellschaften, die sie veranstalteten, und die Kleider, die sie bei solchen Gelegenheiten trugen. Das erste aus jener romantischen Zeit stammende Buch ist ein Märchen, Taketori monogatari, d. h. Die Erzählung vom Bambusflechter, in welcher die Abenteuer eines Mädchens geschildert werden, das aus dem Monde nach unserer Erde verbannt wurde. Das bedeutendste und berühmteste Buch jener Zeit ist das Gendschi monogatari, von Murasaki Schikibu, der Tochter des Daimio von Etschizen, im Jahre 1004 verfaßt. Die schönste und reinste Sprache soll in ihren Dichtungen eine Konkubine des Kaisers, Sei Schonagan, besessen haben, die ebenfalls im elften Jahrhundert lebte. Die Männer schrieben damals und auch noch in den späteren Jahrhunderten nicht das reine Japanisch, sondern gebrauchten zahlreiche chinesische Ausdrücke, wie wir in unserem Mittelalter Griechisch und Lateinisch gebrauchten. China war das Griechenland von Ostasien; von dort stammten Wissen, Religion, Künste und Litteratur; nur die Frauen pflegten die reine japanische Sprache; einer der besten Kenner der japanischen Litteratur, W. G. Aston, sagt darüber: „In der Geschichte der Litteratur steht die Thatsache einzig da, daß der größte Teil der besten litterarischen Leistungen einer Nation aus der besten Epoche das Werk von Frauen ist.”
Nach der Wiedereinsetzung des Mikado in die weltliche Gewalt war es das Bestreben der leitenden Staatsmänner, die alten Traditionen wieder aufzufrischen; einmal in jedem Jahre, gewöhnlich im Januar, wird ein Thema zur poetischen Bearbeitung ausgeschrieben, und die ganze Nation kann an diesem Preisdichten teilnehmen. Auch der Kaiser, die Kaiserin und die höchsten Würdenträger senden ihre Arbeiten ein, die durchweg aus einunddreißig Silben in fünf Zeilen zu bestehen haben. 1889 war das Thema: Gebet für die Dynastie in einem Shintotempel, 1890 war es: Patriotische Glückwünsche, 1891: Die Langlebigkeit des grünen Bambus und dergleichen. Der bekannteste und gelesenste Novellist Japans ist wohl Bakin (1767 bis 1848), dem die japanische Litteratur nicht weniger als zweihundertneunzig Werke verdankt, darunter solche mit Dutzenden von Bänden. Das bedeutendste Werk dieses fruchtbaren Dichters ist Hakkenden, d. h. Die Geschichte von acht Hunden, in hundertundsechs Bänden. Eines der hübschesten von Bakins Büchern heißt „Die Gefangenen der Liebe” und wurde ganz kürzlich von einem Amerikaner, Edward Grey, ins Englische übersetzt. Glücklicherweise hat der Uebersetzer die Eigentümlichkeiten der japanischen Ausdrucksweise so viel wie möglich beibehalten, vor allem die steifen Höflichkeitsformeln, die sich so anhören, als ginge die Sprache auf Stelzen. In den „Gefangenen der Liebe” handelt es sich um zwei Samurai, die gegen die Ehre gesündigt haben, und um einen Jägersmann, der sich gegen die Religion vergangen hat, und nicht nur diese drei Personen, auch ihre Kinder werden dafür vom Zorn des Himmels verfolgt. Der Jäger hatte dadurch, daß er wie ein Priester betete, den heiligen Hirsch von fünf Farben in den Bereich seines Bogens gelockt und durch einen gutgezielten Pfeil getötet. Die beiden Samurai aber hatten ihren Daimio, Nitta Yoschisada, als dieser mit einem schwachen Gefolge von einem dreitausend Streiter zählenden Feind angegriffen wurde, nicht verteidigt, sondern waren feige geflohen.
Der ältere Samurai, Ritter Itara Tarago Takeyasu, trat in den Dienst eines anderen Daimio und heiratete Haschibusa, die Maitresse eines heruntergekommenen Priesters Namens Saikei, welcher der Sohn des obenerwähnten Jägers ist. Haschibusa vergiftet ihren Gatten zufällig dadurch, daß sie eine Eidechse in den Brunnen fallen läßt, aus dem der Samurai seinen Theetopf füllt. Der jüngere Bruder des Samurai, Ritter Itara Schiro-Schiro-Takeakira, schwört Rache, und in der Meinung, in der Dunkelheit den Priester Saikei vor sich zu haben, schlägt er der Witwe seines Bruders, Haschibusa, den Kopf ab. Er wird wegen Mordes angeklagt und begeht Harakiri.
Die Frau des Jägers stirbt an demselben Tage, an welchem der Jäger mit dem toten Hirsch von fünf Farben heimkehrt, und neun Jahre später stirbt er selbst an Wasserscheu. Ebenso ereilte seinen Sohn ein unnatürlicher Tod, und jeder, in dessen Besitz das Hirschfell gelangt, geht elend zu Grunde. Nach vielen Abenteuern wird auch Saikei, der Sohn des Jägers, von Taye, der Tochter des jüngeren Samurai, ermordet, und die Geschichte hat damit ihr Ende.
Bakin hat in seine Erzählung auch übernatürliche Elemente eingeflochten. Saikei hat einmal den Donner aus den Aesten eines Baumes befreit, in welche sich dieser verfahren hatte. Dafür schützt ihn die Frau des Donners eine Zeitlang vor den Verfolgungen der Taye; ja sie läßt ihn sogar während einer zeitweiligen Erlahmung des Donners dessen Platz in den Wolken einnehmen.
Sehr naiv sind die vielen Randbemerkungen, welche Bakin seiner Erzählung beifügt. So sagt er vom Donner ganz ernstlich: „Die Erde ist voll von Schwefel und Salpeter, die in Form von Dunst emporsteigen und oben sich vereinigend zu Dampf werden, der die Eigenschaften von Schießpulver hat. Wenn dieser Dampf sich der Sonnenhitze zu sehr nähert, so entzündet er sich plötzlich, und die Explosion wird in der ganzen Welt gehört.”
An einer anderen Stelle, wo er von Mord und Totschlag seiner Romanhelden erzählt, sagt er in einer Randnote: „Es ist manchmal schwer, die Sucht, Böses zu stiften, zu beherrschen, aber wenn Du Dich (Leser) nur ernstlich bestrebst, gut zu sein, so wird es schon gelingen. Ich wünsche sehr, daß dies geschähe. Bakin.”
Nächst Bakin und Tamenaga Schunsui wird wohl Schippenscha Ikku der geistvollste moderne Romanschreiber sein; seine Dichtung Hiza Kurige zählt zu den ersten Meisterwerken der japanischen Litteratur. Ikku schildert darin mit sehr viel Humor die Abenteuer zweier armer Schlucker, welche zu Fuß den weiten Weg auf dem Tokaido von Kioto nach Tokio zurücklegen.
Im ganzen und großen ist die Romanlitteratur Japans lange nicht so reichhaltig, als man in Europa anzunehmen scheint, und nur die wenigsten Werke sind für Europäer wirklich ansprechende Lektüre. Unter ihnen nimmt gerade der eben in deutscher Uebersetzung erschienene Roman von Tamenaga Schunsui, wie gesagt, die erste Stelle ein, weil er auf den erhebendsten Ereignissen der japanischen Geschichte fußt, und die Japaner können von Glück sagen, daß sie gerade mit diesem Roman in der europäischen Leserwelt debütierten. Der weitaus größte Teil der japanischen Romane sind eher Ammenmärchen oder abenteuerliche Geschichten für Schuljungen. Basil Hall Chamberlain, Professor an der kaiserlichen Universität von Tokio und auch von den Japanern als der beste Kenner ihrer Litteratur angesehen, sagt darüber den Japanern ins Gesicht: „Es finden sich in ihren Erzählungen manche hübsche und geistreiche Stellen; sie sind auch von großem Werte für Philologen, Archäologen, Geschichtsforscher, aber vieles, was die Japaner in ihrer Litteratur am höchsten schätzen, ist nach europäischem Geschmacke unausstehlich fade und nichtssagend. Die Romane sind ebenso langweilig wie die Geschichtswerke, und viel zu langatmig.” An einer anderen Stelle sagt Chamberlain gerade von dem Meister des japanischen Romans, von Bakin: „‚Wie unnachahmlich!‘ rufen die Japaner entzückt von Hakkenden, einem Roman, den jeder gelesen und wiedergelesen hat, bis er ihn beinahe auswendig kennt. ‚Wie ausgezeichnet!‘ Ausgezeichnet, ja, antwortet der Europäer, ausgezeichnet zum Einschlafen, mit seinen langweiligen Schilderungen unmöglicher Abenteuer, die sich durch hundertundsechs Bände winden. Die japanische Litteratur ist ohne Genius, ohne Gedanken, ohne Logik, Tiefe und Breite, ohne Vielseitigkeit.”
Das ist das Urteil jenes Gelehrten, der in seiner Stellung am ersten berufen ist, ein solches zu fällen. Die Japan-Enthusiasten, die alles in den Himmel erheben, was aus Japan kommt, was Japan thut und Japan läßt, können aber auch andere anerkannte Autoritäten zu Rate ziehen, sie werden überall das gleiche Urteil finden, Satow, Griffis, Aston und so fort. Vielleicht werden diese Enthusiasten erwidern, daß die moderne japanische Litteratur seit der Restauration des Mikado zu größeren Hoffnungen berechtigte. Chamberlains Urteil ist in dieser Hinsicht geradezu vernichtend. In seinen Things japanese, ein Buch, das 1891 in Yokohama erschienen ist, heißt es darüber in sehr bemerkenswerter Weise:
„Die Eröffnung des Landes (der europäischen Kultur) hat der eigentlichen japanischen Litteratur den Todesstoß versetzt. Wohl verlassen die Presse jährlich Tausende von Büchern und Broschüren, also vielleicht mehr als jemals zuvor. Aber die Mehrzahl davon sind Uebersetzungen europäischer Werke oder Bücher, von europäischen Ideen beeinflußt. Das ist auch natürlich und ganz in Ordnung. In jedem Wissenszweig wird von der gegenwärtigen Schule europäisierter Autoren, wie Fukuzawa, Nischi Schu, Kato Hiroyuki, Toyama Masakazu und anderen ungemein viel den Japanern zugänglich gemacht. Aber natürlicherweise interessieren diese Uebersetzungen, Umschreibungen und Nachahmungen den europäischen Leser, dem die Originalwerke zur Verfügung stehen, viel weniger als die japanischen Bücher des alten Regime. Selbst die japanische Romanschreiberei geht nun nach europäischem Muster von statten. Nicht nur Methoden werden im Bausch und Bogen angenommen, sondern ganze Geschichten, und die europäischen Namen werden in japanische umgewandelt, z. B. Schmidt in Schimidu, Elisa in O Riza und andere. Europäische lokale Verhältnisse werden den japanischen Verhältnissen angepaßt.... Wir würden gerne zehntausend gegen eins wetten, daß nicht ein einziger Leser dieses Buches (Things japanese) jemals den Helden des volkstümlichsten Romans erraten würde, das unter dem gegenwärtigen Herrscher erschienen ist. Er ist Epaminondas. Das fragliche Werk nimmt sich unter dem Titel Keikoku Bidan das ganze Feld der thebanischen Politik zum Vorwurf. Ein Grund der ungeheuren Verbreitung des Werkes ist wohl der, daß nicht wenige Stellen des Inhalts ohne viel Schwierigkeit auf die moderne japanische Politik gedeutet werden können. Der Verfasser, Yano Fumio, hat sich aus dem Ertrag des Buches ein schönes Haus gebaut und eine Reise nach Europa unternommen.”
„Eine andere erfolgreiche Novelle, Kaschin no Kigu, beginnt im Kapitol zu Washington, wo ein Japaner seinem Begleiter die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vorliest. Die Karlisten, die schlimmen Engländer, welche die Aegypter ihres eingeborenen Helden Arabi Pascha beraubten, alles das erscheint in kaleidoskopartiger Mannigfaltigkeit in diesem Werke, das, merkwürdig genug, im klassischen chinesischen Stil geschrieben ist.”
So weit Professor Chamberlain. Freilich wäre es doch möglich, daß gerade wegen der so weitgehenden, um nicht zu sagen, ausartenden Europäisierung der japanischen Litteratur eine Gegenströmung zum Vorschein käme, wie ich sie in Japan in Bezug auf Kleidung, Manieren, Kunst, Theater vielfach bemerkt habe. Es bestehen jetzt schon eine Anzahl Vereine zur Pflege der alten Traditionen, zur Erhaltung des geschichtlichen vormärzlichen Japan, wenn man so sagen darf. Aber es ist doch eine eigene Sache, wenn eine Litteratur wie eine Treibhauspflanze künstlich gepflegt und erhalten werden muß. Der innere Wert, die auf dem Leben und Treiben des Volkes ruhende Grundlage, Kraft und Saft, fehlen gewöhnlich derartigen Erzeugnissen, und wird schwerlich mehr in Japan ein zweiter Sumschin, ein zweiter Bakin kommen. Kommt er aber, so wird auch sein Geist, gerade so wie er selbst, europäische Formen zeigen.
Zum Schlusse noch ein Wort über die japanischen Bücher. Bei Romanen und Novellen, Märchen und alten Geschichtswerken wird auch heute noch die alte Form angewendet; die Papierbogen, lange Streifen, werden nur auf einer Seite bedruckt und dann in dem Format unserer Bücher so zusammengefaltet, daß die bedruckten Seiten die Außen-, die leeren die Innenseiten bilden. Dann werden diese gefalteten Bogen mit Bindfaden zusammengeheftet, und ein dünner Umschlag wird darübergeklebt. Würde man die Blätter aufschneiden, so würden auf diese Weise immer zwei bedruckte und zwei leere Seiten einander folgen. Aber die Blätter der japanischen Bücher werden nicht aufgeschnitten. Umschläge und Text sind sehr häufig in künstlerischer Weise mit farbigen Bildern ausgestattet. Die Seiten sind nicht numeriert, und wie bei arabischen und chinesischen Werken befindet sich der Titel auf der letzten Seite. Das Papier ist viel leichter, fester und weicher als jenes der europäischen Druckwerke. In neuester Zeit ist weiches, geripptes Papier für Märchenbücher und ähnliche Druckwerke sehr beliebt geworden. Die eigentümlichen, crêpeartigen Rippen werden dadurch hergestellt, daß die bereits gedruckten Bogen über Bambusstäbe gepreßt werden, deren Faserzeichnung das Papier dadurch annimmt.
Die wissenschaftlichen Werke, Uebersetzungen europäischer Werke und auch manche einheimische werden in den letzten Jahren ganz so gedruckt und gebunden wie die europäischen Originale: steifer Deckel und Leinwandrücken mit Golddruck.
Ueberraschend schnell hat sich in Japan das +Zeitungswesen+ entwickelt. Im Jahre 1864 wurde das erste Blatt in japanischer Sprache gegründet und hatte in der ersten Zeit mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Dennoch entstanden bis zum Jahre 1874 weitere zehn Zeitungen, die indessen nicht regelmäßig erschienen und keine selbständigen Nachrichten, sondern nur Uebersetzungen aus den englischen Tagesblättern brachten. Redakteur und Herausgeber, Nachrichtensammler, Drucker und Austräger waren in einer Person vereinigt. Erst nach der Revolution, mit dem Beginn der neuen Aera, entwickelte sich das Zeitungswesen und umfaßt heute 600 regelmäßig erscheinende Blätter. Tokio allein hat über zwanzig Tagesblätter mit zusammen einer Viertelmillion Auflage, ferner 130 Wochen- und Monatsschriften mit zusammen einer halben Million Auflage.
Unter den bedeutenden einheimischen Tageszeitungen steht der offiziöse Nitschi Nitschi Schimbum (Die neuesten Nachrichten) an der Spitze. Er beschäftigt über hundertundfünfzig Personen, darunter einen Chef-, einen politischen, fünf Hilfsredakteure, zwölf Berichterstatter, zwei Stenographen, nur vier Setzer, deren jeder allerdings mehrere Gehilfen hat, dagegen zwölf Drucker. Wie bei fast allen japanischen Blättern bildet auch bei diesem das Reportertum den wundesten Punkt. Da die Reporter nach der Zeile bezahlt werden, und zwar sehr schlecht, so besteht der größte Teil der von ihnen berichteten Neuigkeiten aus Gebilden der eigenen Phantasie. Trotzdem verdienen sie durchschnittlich nur vierzig Mark monatlich. Sehr hervorragend sind unter den hauptstädtischen Zeitungen ferner der radikale Dschidschi Schimpo (Unsere Zeit) und der Hotschi Schimbun, das Organ des Grafen Okuma. Der Dschidschi Schimpo hat die Besonderheit, fortwährend große Reformpläne vorzubringen, die sich auf dem Papier sehr gut ausnehmen, denen es aber an Berührungspunkten mit dem praktischen Leben fehlt.
Großes Ansehen genießen auch der liberale Mainitschi Schimbun (Tägliche Neuigkeiten), der Herrn Nüma gehört, dem Vorsitzenden des Parlaments, dann der ebenfalls freisinnige Tschoja Schimbun (Amts- und Volksnachrichten), der konservative Tokio Dempo (Jedoer Telegraph), welcher als das Organ des früheren Handelsministers Generals Tami gilt, endlich der radikale, von einem japanischen Mitglied des britischen Barreaus redigierte Koran Schimpo (Oeffentliche Meinung), das Sprachrohr des Chauvinisten Grafen Itagaki und des Grafen Goto, eines strebsamen Politikers, der sich seit längerer Zeit vergeblich bemüht, die Führerschaft der radikalen Opposition zu erhalten. Uebrigens decken sich die Ausdrücke liberal, radikal, freisinnig in ihrer Anwendung auf japanische Zeitungen und Politiker vorläufig noch nicht mit dem, was man in Europa unter denselben versteht, denn einstweilen hat der blutjunge Parlamentarismus des Mikadolandes noch nicht zur endgültigen Bildung von bestimmten Parteien geführt.
Die Zensur ist zwar abgeschafft, aber die Presse hat, wie in Rußland, nicht wenig von den Behörden zu leiden. In einem Saale des Polizeigebäudes von Tokio sitzen zahlreiche Beamte, denen die Aufgabe obliegt, sämtliche einheimische Preßorgane nach Erscheinen auf Gesetzwidrigkeiten hin zu prüfen. Hat einer der mit Schere und Rotstift bewaffneten Herren etwas Verdächtiges erspäht, so legt er es seinem Chef vor, der seinerseits mit der Regierung sich ins Einvernehmen setzt. Wird es höhern Orts gewünscht, so ladet man den betreffenden Redakteur höflichst ein, bei der Polizei zu erscheinen, wo er dann ohne Umschweife die freundliche Mitteilung erhält, sein geschätztes Blatt sei auf so und so viele Tage und Wochen verboten. Nicht immer bleibt es bei dem Verbote, häufig kommt es auch zur gerichtlichen Verurteilung, zu Gefängnis. Um sich dieser Unannehmlichkeit zu entziehen, stellen viele Redakteure, was ja auch anderswo vorkommen soll, Strohmänner an, die gegen geringe Bezahlung und in Anbetracht eines beneidenswerten Müßigganges den Verantwortlichen spielen.
Das Heerwesen der Japaner.
Es mag sein, daß sich die Japaner, als sie den tollkühnen Entschluß faßten, den chinesischen Koloß zu bekriegen, nicht ihre eigenen Erfahrungen vor Augen hielten, sondern jene der Franzosen und Engländer, die dasselbe Wagnis noch unter viel ungünstigeren Umständen und mit noch viel geringeren Mitteln ausführten. Zehntausend Franzosen und Engländer waren vor etwa vier Jahrzehnten im stande, selbst Peking einzunehmen und den Chinesen in ihrer eigenen Hauptstadt den Frieden zu diktieren. In ihrem Dünkel hielten die Japaner ihre Truppen thatsächlich jenen der europäischen Mächte für gleichwertig, und möglicherweise sagten sie sich, wenn so geringe Truppenmengen aus so großen Entfernungen derartige Erfolge zu erzielen vermochten, so konnte der Sieg der so viel größeren Armee ihres, China so nahe gelegenen Heimatlandes nicht ausbleiben.
In der That haben die Japaner in der Organisierung und Ausbildung ihrer kleinen Armee Staunenswertes geleistet, ja, wer die japanischen Truppen auf dem Exerzierplatz oder auf dem Manöverfeld gesehen hat, dem muß es geradezu unglaublich erscheinen, daß dieselben Leute, die heute so stramm und nach allen Regeln europäischer Kriegskunst exerzieren, noch vor fünfunddreißig Jahren in mittelalterlichen Rüstungen steckten, daß sie an Stelle von modernen Hinterladergewehren und gezogenen Feldgeschützen mit Bogen und Pfeil bewaffnet waren.
Die Zustände in Japan waren damals jenen ähnlich, die in Deutschland vor der Erfindung des Schießpulvers herrschten. Das Land war in den Händen der feudalen Edelleute, die in ihren Ritterburgen saßen und ihre eigenen Fähnlein von Knappen und gerüsteten Kriegsleuten, die Samurai, unterhielten. Jeder dieser Daimios war ein kleiner, nahezu unabhängiger Fürst, der Kaiser aber war machtlos. Heute ist er der Herrscher, die Daimios sind mediatisiert, ihre Staaten sind in Dai Nipon, d. h. Großjapan, aufgegangen, ihre Armeen aufgelöst, und die alten Samurai stecken in Uniformen nach europäischem Muster.
Wenn man heute in Japan einer, wenn auch kleinen, so doch vollständig modernen Armee begegnet, die innerhalb der letzten zwanzig Jahre geschaffen wurde, wenn man erfährt, daß ihre Bewaffnung und Ausrüstung im Lande gefertigt und dort große Arsenale, Schiffbauwerkstätten, Militärschulen und Akademien sozusagen aus dem Boden gestampft wurden, so muß dies bei dem militärischen Fachmanne gerechtes Erstaunen, wenn nicht Bewunderung erwecken. Aber die Leistung ist in Wirklichkeit noch großartiger, als sie für den ersten Augenblick erscheint; denn die Soldaten hatten nicht etwa wie unsere Rekruten den Zivilrock aus- und den Militärrock anzuziehen. Sie mußten, figürlich gesprochen, die altjapanische Zivilisation ausziehen und in die moderne europäische Zivilisation hineinschlüpfen, denn das moderne Soldatentum ist mit den alten Sitten und Trachten der Japaner vollständig unverträglich. Bei den alten Samurai und Daimios war der asiatische, streng ausgesprochene Kastengeist seit vielen Generationen in Fleisch und Blut übergegangen. In die moderne Armee eintretend, fanden sich viele Samurai plötzlich ihren einstigen Untergebenen untergeordnet. Anscheinend war dies ein geradezu unübersteigbares Hindernis für die Disziplin des Heeres. Die übergroße, für europäische Augen geradezu lächerliche Höflichkeit der alten Zeit ist bis auf den heutigen Tag in Japan allgemein wahrnehmbar.
Unter Männern verschiedener, nie gleicher Stellung herrscht ein fortwährendes Verbeugen und Komplimentieren, der Untergebene wirft sich vor dem Höheren bei Besuchen in seinem Hause auf die Knie und berührt mit der Stirn den Boden. Gestern that er es noch und heute, nachdem er den Soldatenrock angezogen, soll er stramm und steif vor demselben Höheren dastehen und möglicherweise ihm scharf ins Auge blicken. Gestern bestand seine einzige Kleidung in einem losen, an den Hüften umgürteten Schlafrock, dem Kimono, und einem Paar Schlappschuhen oder Strohpantoffeln. Hals und Brust, Arme und Beine waren bloß. Heute hat er die stramme Militäruniform zu tragen mit dem beengenden Halskragen und den vielen, ihm vollständig ungewohnten, ja sogar unbekannten Knöpfen; statt des leichten Strohhutes muß er den schweren Tschako, statt des kleinen Fächers das Gewehr, statt der Strohpantoffel die schlimmsten Marterinstrumente der Japaner, Röhrenstiefel, anziehen, in denen er sich fühlen muß wie in den spanischen Stiefeln der Inquisition.
Gestern schlüpfte er beim Betreten eines Hauses aus seinen Strohpantoffeln und betrat die schönen reinen, teppichgleichen Matten mit bloßen Füßen oder in Strümpfen. Heute wird nun gerade das Gegenteil von dem Soldat gewordenen Japaner verlangt: er darf seine Stiefel nicht ausziehen, wenn er Wohnräume betritt. Gestern waren ihm Tische und Stühle unbekannte Dinge. Er saß und lag und aß auf dem Boden. Heute muß er auf Betten liegen, auf Stühlen sitzen, an Tischen seine Mahlzeiten einnehmen.
Diese wenigen Beispiele genügen, um zu zeigen, daß der Japaner beim Eintritt in die Armee seine ganze bisherige Lebensweise, ja sein Japanertum aufgeben muß, und es kann der japanischen Armee deshalb kein größeres Kompliment gemacht werden, als wenn gesagt wird, daß sie sich diesen ihr fremden, steifen, ja geradezu abstoßenden Vorschriften ohne Murren fügte und daß Insubordination nur selten vorkommt. Wie ich von europäischen Offizieren in Japan erfuhr, sind in den Kasernen gar keine Arrestlokale vorhanden; die wenigen, die hie und da zu finden sind, stehen meistens leer. Die Leute gewöhnen sich überraschend schnell an die europäisch-militärische Erziehung, sie lernen rasch und sehen in den reinlich gehaltenen, gut sitzenden Uniformen ganz martialisch aus.
Diese Thatsachen sind viel überraschender als das Vorhandensein der europäischen Militäreinrichtungen selbst. Die letzteren wurden einfach mit affenartiger Leichtigkeit und Genauigkeit Europa abgelernt. Die Japaner schickten zahlreiche Offiziere und Techniker nach Europa, wo ihnen mit etwas zu weit gehender Liebenswürdigkeit Thüren und Thore geöffnet wurden; sie beriefen Offiziere aus den europäischen Armeen, Ingenieure und Werkleute aus den europäischen Arsenalen, erwarben europäische Waffen, Gewehre, Geschütze, Ausrüstungsgegenstände, Maschinen und dergleichen, aber diese letzteren wurden nicht etwa in der erforderlichen Zahl bezogen, sondern nur als Modelle, um darnach andere in Japan selbst herzustellen. Die Europäer zeigten ihnen das Wie, und als die Japaner ihnen alles genau abgeguckt hatten, gab man den Europäern den Laufpaß. Selbst mit den Patenten wurde weitgehender Mißbrauch getrieben; man veränderte nur irgend einen Bestandteil und gab dann den betreffenden Gegenstand als eigene Erfindung aus. So z. B. ist die Infanterie mit Hinterladergewehren System Murata bewaffnet, die nichts anderes sind als französische Grasgewehre, von dem findigen japanischen Oberst Murata etwas verändert. Dank diesem recht fragwürdigen Vorgehen findet man heute in Tokio ein Arsenal, das vollständig den europäischen Waffenfabriken nachgemacht ist, und das von den Japanern mit so viel Stolz gezeigte Arsenal in Osaka ist im ganzen wie in allen Details eine verkleinerte Kopie des Arsenals von Woolwich; dieselbe Einteilung, dieselben Maschinen, dieselbe Arbeit, nur daß sich die guten Japaner aus anderen Arsenalen die modernsten Erfindungen und Verbesserungen absahen oder vielmehr abstahlen und in Osaka zur Anwendung brachten. Der Europäer aber, der diese Kriegswerkstätten, diese Militärschulen und Akademien, diese Kasernen und militärischen Einrichtungen besichtigt, wird von den stolzen Japanern mit dem Zaunpfahl eingeladen, alles rückhaltlos zu bewundern, und sie sind höchst ungehalten, wenn man ihnen vorwirft, daß das alles andere, nur nicht japanisch ist. Dank der Nachsicht und dem Entgegenkommen der europäischen Militärbehörden ist es den Japanern gelungen, diese letzteren und damit auch die europäischen Industrien über den Löffel zu barbieren. Mit diesen geborgten Einrichtungen haben die Japaner nun ein vortreffliches Heer geschaffen, das auf allgemeiner Wehrpflicht fußt. Vom siebzehnten bis zum vierzigsten Lebensjahre ist jeder Japaner auf Grund der 1889 etwas umgeänderten Militärgesetze des Jahres 1872 wehrpflichtig. Die Armee besteht aus dem stehenden Heere, der ersten Reserve, der zweiten Reserve und der Territorialarmee. In dem stehenden Heere beträgt die Dienstzeit drei Jahre, in der ersten und zweiten Reserve vier Jahre und in der Territorialarmee fünf Jahre. Die letztere wird nur im Kriegsfalle einberufen, die erste und zweite Reserve nur während sechzig Tagen im Jahre.
Nun beträgt die festgesetzte Friedensstärke der Armee auf dem Papier etwa 70000, in Wirklichkeit aber nur 40000 Mann. Bei einer Bevölkerung von 41 Millionen Seelen werden jedoch im Jahre über 200000 junge Leute dienstpflichtig. Was geschieht mit den Ueberzähligen?
Vor allem wurde das System der Einjährig-Freiwilligen ganz nach deutschem Muster eingeführt; ferner werden vom aktiven Militärdienst ausgenommen: Personen, die unter 4 Fuß 11½ Zoll groß sind, und das scheidet bei der kleinen Körperstatur der Japaner schon einen ganz beträchtlichen Prozentsatz der Rekruten aus.
Ebenso sind vom aktiven Dienste befreit: Familienhäupter, Priester, Lehrer und Schüler der von der Regierung anerkannten Bildungsanstalten, Aerzte und Regierungsbeamte, deren Dienst nicht von Stellvertretern besorgt werden kann; einer von zwei gleichzeitig einberufenen Brüdern oder ein Mann, dessen Bruder dient oder der einen Bruder im aktiven Dienste verloren hat.
Diese Ausnahmen erreichen im Jahre durchschnittlich vierzig Prozent der Stellungspflichtigen, da aber noch immer nahezu dreimal so viel Rekruten als erforderlich zur Verfügung bleiben, so wird eine durch das Los bestimmte Anzahl nur für ein Jahr dem aktiven Dienste einverleibt und dann in die erste Reserve versetzt.
Der Oberstkommandierende der Armee ist der Kaiser, dem als Generalstabschef der Marquis Oyama zur Seite steht und der gewissermaßen als Armeechef anzusehen ist. Die Organisation und Verwaltung der Armee untersteht dem Kriegsministerium. Die stehende Armee ist in 12 Divisionen eingeteilt, deren Hauptquartier in verschiedenen Hauptstädten des Inselreiches liegt. Jede Division besteht aus 2 Infanteriebrigaden, 1 Kavallerie- und einem Feldartillerie-Regiment, dann je 1 Genie- und Trainbataillon; jede Brigade aus 2 Infanterieregimentern zu 3 Bataillonen mit je 4 Kompagnien. Ein Infanterieregiment besteht aus 1 Oberst oder Oberstleutnant, 4 Majoren (von denen einer im Stabe), 1 Adjutanten, 12 Hauptleuten als Kompagniechefs, 27 Leutnants, von denen je 2 in einer Kompagnie und 3 im Stabe, 25 Fähnrichen, 15 Feldwebeln, 82 Gunso oder Obersergeanten, 48 Sergeanten, 192 Korporalen, 432 Soldaten erster und 816 Soldaten zweiter Klasse. Hierzu kommen 65 Nichtkombattanten, darunter Zahlmeister, Aerzte, Krankenpfleger, Rüstmeister, Handwerker und dergleichen und 14 Pferde, zusammen also 1720 Mann und 14 Pferde.
Im Kriege wird das Regiment auf 2880 Mann gebracht.
Ein Kavallerieregiment besteht aus 3 Schwadronen mit je 159 Offizieren und Soldaten und 135 Pferden, in Kriegsstärke mit 189 Mann und 145 Pferden. Die Artillerie ist in Brigaden zu je 2 Batterien mit 4 Geschützen eingeteilt, und jede Brigade besteht in Kriegsstärke aus 10 Offizieren und 326 Mann mit 12 Geschützen und 258 Pferden.
Im Kriege kommen zu den einzelnen Divisionen noch 1 Pionierkompagnie mit Brückenequipagen und dergleichen, ferner je 1 Sanitäts- und Feldtelegraphenabteilung; ein Pferdedepot, Munitions- und Verpflegungskolonnen, endlich eine Anzahl Ambulanzen. Die Truppenergänzung geschieht durch 24 über das ganze Land verteilte Depotsbataillone der aktiven und 12 der Territorialarmee. Die letztere stellt im Kriege 12 Infanterieregimenter, ebensoviele Kavalleriepeletons und Geniekompagnien mit der entsprechenden Menge der anderen Waffengattungen.
Die Kriegsstärke der japanischen Armee mit Ausschluß der Territorialarmee wird von den Japanern wie folgt angegeben:
Aktiv Beide Reserven Zusammen
Infanterie 38089 64293 102382 Kavallerie 671 788 1459 Artillerie 3817 4064 7881 Pioniere 1708 1814 3522 Train 548 54458 55006 Gendarmerie 1435 1 1436 ---------------------------------------- Zusammen: 46268 125418 171686,
davon Stabsoffiziere 450, Oberoffiziere 3360, Unteroffiziere 10391; die Zahl der Feldgeschütze ist 252.
In den vorstehenden Zahlen dürfte dem militärischen Fachmanne wohl die geradezu verschwindend kleine Kavallerie am auffälligsten sein. Allerdings ist dieselbe, wie ich höre, in den letzten Jahren auf über 3000 Mann gebracht worden, doch beträgt sie im Verhältnis auch dann nur ein Zehntel der Kavallerie in den europäischen Heeren. Erklärlich wäre dieses Mißverhältnis im Falle eines feindlichen Angriffes auf Japan, da das Land größtenteils aus Gebirgen und sumpfigen Reisfeldern besteht, Kavallerie also nicht entfernt in ähnlichem Maße verwendet werden kann wie in Europa. Für einen auswärtigen Krieg aber, wie der jüngste in China, ist die japanische Kavallerie absolut unzulänglich, einer der größten Nachteile, unter denen die Japaner zu leiden gehabt haben.
Soweit eine Reiterei in Japan vorhanden ist, wird sie von europäischen Fachleuten günstig beurteilt. Die Reiter sind nett uniformiert, sehen gut aus, sitzen stramm auf den kleinen, aber kräftigen Pferden und exerzieren gut. Auffällig ist hier, wie auch bei den anderen Waffengattungen, die geringe Verwendung von Trompetensignalen; die Kommandos werden hauptsächlich durch Säbelsignale gegeben; außer dem Säbel führen die Reiter der Gardekavallerie Lanzen, jene der Linie Muratakarabiner.
Die Pferde werden mit vier Jahren in den Dienst gestellt und durchschnittlich mit sechzehn Jahren ausgeschieden. Der Kaufpreis beträgt etwa 280 Mark. Seit neuester Zeit ist das deutsche Hufeisen als Beschlag eingeführt, auch erhalten die Pferde jetzt im Stalle Streu, während sie bisher auf dem nackten Holzboden standen, aber nicht mit dem Kopfe gegen die Stallwände, sondern, wie ich es auch in China und Korea wahrgenommen, mit dem Kopfe gegen den mittleren Durchgang, resp. nach außen gewendet, wodurch sie entschieden mehr Luft und Licht genießen als europäische Pferde. Die Stallungen sind auch viel höher und breiter, die Abteilungen viel geräumiger als in Europa.
Die Infanterie wird von Fachleuten ebenfalls sehr gelobt; obschon in Statur viel kleiner als europäische Soldaten, sehen die Leute doch stramm und kriegerisch aus, halten sich und marschieren gut, führen Bewegungen mit Sicherheit und Verständnis aus und handhaben ihre Waffen auf dem Exerzierplatz wie bei Schießübungen überraschend gut. Auffällig ist es, daß sie beim Bajonettfechten, ebenso wie die Reiter beim Säbelfechten, Ausfälle oder Paraden mit Schreien begleiten. Der Dienst wird sehr streng gehandhabt, entschieden strenger als in manchen europäischen Armeen, und die Leute dürfen nur zweimal in der Woche die Kaserne verlassen. Dafür ist in diesen Kasernen alles mögliche geschehen, um die Soldaten bequem unterzubringen. Die Schlafsäle, gewöhnlich für zwanzig bis dreißig Mann bestimmt, sind hoch, luftig, licht, geräumig, mit erträglichen Betten und Kopfbrettern und hinreichend Tischen und Bänken, alles von peinlichster Sauberkeit. Jede Kaserne ohne Ausnahme hat Krankenzimmer und eigene große Badehäuser mit heißem und kaltem Wasser, wo die Soldaten nach Belieben täglich zwei- oder dreimal baden können, ein Luxus, der bei uns nur den wenigsten vergönnt ist. Auch die Küche ist von besonderer Sauberkeit, allerdings keine außerordentliche Leistung, wenn man die überaus einfache Kost der japanischen Soldaten berücksichtigt. Fleischspeisen erhalten sie überhaupt nicht, ebensowenig Brot in unserm Sinne als tägliche Nahrung. An ihre Stelle treten dreimal am Tage gekochter Reis mit etwas Gemüse, die großen weißen Rettiche, Daikon genannt, und allenfalls zur Abwechslung Bohnen oder getrocknete Fische. Ihre Löhnung, nach allen Abzügen etwa zwei Yen (nach dem heutigen Kurse ungefähr vier Mark), wird ihnen monatlich ausbezahlt.
Von allen Waffengattungen wird die Artillerie am meisten gelobt. Ein englischer Artilleriemajor, namens Henry Knollys, erlaubt sich in seinem Buche „Life in Japan” folgendes, von englischem Dünkel diktiertes Urteil über dieselbe: „Sie ist in keiner Hinsicht auch nur annähernd so gut wie die englische Artillerie, aber soweit die Beurteilung in Friedenszeiten überhaupt möglich ist, werden die japanischen Feldbatterien im Vergleich mit jenen Frankreichs, Belgiens oder Deutschlands nicht zurückzustehen brauchen.” Ihre Geschütze sind 7½-Centimeter-Hinterlader aus der Uchatiusschen Stahlbronze im Arsenal von Osaka hergestellt und mit je sechs Pferden bespannt. Die Geschütze sind nicht aus blankem Metall, sondern mit japanischem Lack überzogen. Als Bedienungsmannschaft sind für jedes Geschütz fünf Kanoniere und ein berittener Unteroffizier vorhanden.
Das Offizierkorps der Japaner verdient alles Lob; viele Offiziere haben in europäischen Armeen gedient und sprechen eine der drei europäischen Hauptsprachen, wie ich es selbst unter den Offizieren der in Korea stehenden Division erfahren habe. Diese Division war die erste, welche seit der Neuorganisierung der japanischen Armee auf den Kriegsfuß gebracht wurde, und ich fand all das auf dem Papier verzeichnete Material thatsächlich vorhanden. Die Pioniere führten ihr ganzes Brückenmaterial mit sich, eine Telegraphenabteilung legte während meines Rittes von der Hauptstadt Söul nach Chemulpo den Feldtelegraphen, auf dem Wege fand ich Munitions- und Sanitätskolonnen, die Batterien hatten ihre sechs Geschütze und ihren ganzen vorgeschriebenen Bestand, das ganze Korps machte überhaupt einen vortrefflichen Eindruck.
Deshalb ist auch die Armee in Japan, im Gegensatz zu China, sehr beliebt und geachtet. Von seiten wohlhabender Bürger geschieht schon im Frieden vieles, um das Los der Vaterlandsverteidiger zu verbessern, aber während des Krieges mit Korea war es geradezu rührend, welche Massen von Tabak, Sake (Reiswein), Nahrungsmitteln aller Art sowie Geldbeiträge den Soldaten von Japan aus zugesandt wurden.
Eines wichtigen Zweiges des Militärwesens muß hier noch gedacht werden: der Krankenpflege. Bei dem chinesischen Heere besteht eine solche als selbständige Organisation überhaupt nicht. Die Chinesen haben weder Militärärzte noch irgend welche Einrichtungen, um die Verwundeten von den Schlachtfeldern zu holen und zu pflegen. Im jüngsten Kriege nahmen sich die gesunden Kameraden ihrer gefallenen Brüder nach Thunlichkeit an; allein das Los der großen Mehrzahl der verwundeten Chinesen war der elendeste Tod, sofern ihnen nicht von den Japanern oder von europäischen Missionsärzten Beistand geleistet wurde. Ebensowenig kennen die koreanischen Soldaten unser Sanitätswesen, wie es ja überhaupt in ganz Korea keine Aerzte giebt, die auf diesen Namen überhaupt Anspruch erheben könnten. Nur die zahlreichen katholischen Missionare in Korea sind immer bestrebt gewesen, neben dem Seelenheil auch für das leibliche Wohl der Koreaner nach Kräften zu sorgen, und ihren ärztlichen Kenntnissen sind zum großen Teil ihre bisherigen überraschenden Erfolge zuzuschreiben. Auch einige andere Missionen haben Hospitäler in einzelnen Städten errichtet, und in erster Linie ist hier jenes des anglikanischen Bischofs Corfe in Söul hervorzuheben. Bischof Corfe war früher Seelsorger bei der englischen Kriegsmarine und Kaplan des Admirals Herzog von Edinburg. Dank dieser Stellung gelang es ihm, unter den englischen Seeoffizieren hinreichend Kapital zu sammeln, um in Söul eine englische Mission mit einem größeren Hospital einzurichten. In dieser vortrefflichen, von zwei europäischen Aerzten geleiteten Anstalt sah ich 1894 gegen zwanzig koreanische Soldaten, die auf der Expedition gegen die Rebellen des Togakuto verwundet worden waren. Sie erzählten mir von dem entsetzlichen Elend auf den koreanischen Schlachtfeldern, wo die Verwundeten hilflos verschmachteten, falls sie nicht von den Siegern verstümmelt wurden.
Es ist eine der vornehmsten zivilisatorischen Errungenschaften der Japaner, daß sie ihr Augenmerk nicht nur auf die in der Schlachtlinie kämpfenden, sondern auch auf die verwundeten Soldaten richteten, und mehr als mit den Hinterladerkanonen und dem preußischen Drill haben sie durch die Organisierung der Krankenpflege ihren Platz unter den Kulturstaaten gesichert.
Die Japaner besitzen nicht nur ein vorzügliches militärärztliches Korps mit Aerzten, die sich auf europäischen Universitäten ihr Diplom geholt haben, sondern sie besitzen auch eine Gesellschaft vom Roten Kreuz. Erst im Jahre 1877 mit etwa 20 Mitgliedern gegründet, zählt sie deren heute über 28000 und besitzt ein Jahreseinkommen von etwa 70000 Yen, ungefähr 150000 Mark, mit einem Reservefond von nahe einer Million Mark.
Der große Aufstand von 1877 in der Provinz Satsuma bot die Veranlassung zur Gründung dieser Gesellschaft. Vicomte Sano, der jetzige Präsident der Gesellschaft, war auch ihr Gründer, und seinem unermüdlichen Wirken, verbunden mit dem Beistand, den ihm die beiden Barone Siebold, Söhne des berühmten Japanschilderers, liehen, ist das heutige Blühen der Gesellschaft zu danken. Der Mikado und seine Gattin nahmen sich des jungen Unternehmens eifrig an; ihre Beiträge allein erreichten bisher eine Million Mark, und sie stellten die Gesellschaft unter ihren kaiserlichen Schutz. Vicomte Sano konnte sich kein besseres Vorbild für die Organisation seines Werkes nehmen als die von Baron Mundy gegründete Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft. Wie dort, so beschränkt sich auch in Japan die Krankenpflege nicht auf den Krieg. Die häufigen Erdbeben geben genug Veranlassung für segensreiche Thätigkeit im Frieden. So wurden bei dem großen Erdbeben im Oktober 1891 in den Provinzen Owari und Mino allein über 7000 Personen getötet und 11600 Personen verwundet. Sofort wurden Aerzte und Pfleger nach den zerstörten Orten gesandt und über 2000 Personen in Pflege genommen.
In demselben Jahre wurde in Tokio ein großes, ganz von den Mitteln der Gesellschaft erbautes Hospital eröffnet, für welches das Universitätshospital von Heidelberg als Muster diente. Alle Einrichtungen des Hospitals wurden in Tokio kopiert und als Chefarzt ~Dr.~ Hashimoto, der Chefarzt der japanischen Reservetruppen, erwählt.
Kaum war die Kriegserklärung gegen China erlassen, so meldeten sich sofort freiwillige Krankenpfleger in großer Zahl, die, in Kolonnen organisiert und mit allem nötigen Material ausgerüstet, der Armee nach Korea folgten.
Die Krankenpflege bei den Japanern in Korea und China war großenteils in ihren Händen, und in rühmenswerter Weise beschränkten sie ihre Thätigkeit nicht auf ihre Landsleute, sondern nahmen auch verwundete Chinesen auf.
Im Jahre 1886 trat die Gesellschaft durch Vermittelung der japanischen Regierung der Genfer Konvention bei und nahm auch trotz der heidnischen Religion ihrer Mitglieder merkwürdigerweise das christliche Abzeichen derselben an, das rote Kreuz im weißen Felde, das nun sogar auf den Schlachtfeldern des fernen Ostens seine segensreiche Thätigkeit entfaltet hat.
Straßenleben in Tokio.
Von all den Sehenswürdigkeiten, welche die Hauptstadt des Mikadoreiches dem fremdländischen Touristen bietet, ist keine so interessant und reizvoll wie das Volksleben in den Straßen, Winter und Sommer, Tag für Tag, von Sonnenaufgang bis in die zehnte oder elfte Abendstunde, ein Museum eigener Art, das uns ganz Japan, arm und reich, hoch und niedrig, in allen Ständen und Berufsarten, auf die bequemste und anziehendste Weise vor Augen führt: am frühen Morgen bei der Toilette, vormittags im geschäftlichen Verkehr, nachmittags auf der Promenade, abends bei den Vergnügungen.
Schon um sechs Uhr morgens stehen vor dem Hotel die eigentümlichen, japanischen Droschken, die von flinken, strammbeinigen Burschen gezogenen Kurumas, und trat ich um diese frühe Stunde auf die Straße, so begrüßte mich gewiß mein gewöhnlicher Kurumaja, den Hut in der Hand, mit den Worten: „Sukoschi o aruki irraschai?” (Herablassen, eine kleine ehrenwerte Spazierfahrt machen?) Ihn abzulehnen hätte mir nicht viel genützt, denn ein paar andere wären mir mit ihren Handwägelchen gefolgt, straßenauf und -ab, bis ich mich doch entschlossen hätte, einen davon für meine Spazierfahrt zu mieten.
Die Japaner sind keine Frühaufsteher. Um sechs Uhr morgens sind die Straßen noch menschenleer, die Häuser größtenteils geschlossen, und nur hier und da sieht man Weiber, welche die Straßen vor ihren Häusern kehren. Die japanische Polizei ist sehr streng, und jede Vernachlässigung wird empfindlich gestraft. Die Straßen der Hauptstadt haben ja keine Trottoirs; sie sind auch nicht so notwendig wie in europäischen Städten, denn in Tokio giebt es fast gar keinen Wagenverkehr. Alle Welt geht zu Fuß oder fährt in den kleinen Kurumas, deren Zahl in der Hauptstadt allein vierzigtausend übersteigt. Deshalb sind die Straßen auch leicht reinzuhalten. Was die Hauseigentümer nicht zusammenkehren lassen, wird von den zahlreichen Hühnern vertilgt, die um diese Stunde für kurze Zeit aus ihren Käfigen gelassen werden. An den Straßenecken stehen schläfrige Polizisten in ihren europäischen Uniformen; Kulis mit langen, schmalen Bottichen auf dem Rücken eilen geschäftig von Haus zu Haus, um den Unrat des vorhergehenden Tages einzusammeln und auf die Felder vor der Stadt zu tragen, ein gar kostbarer Schatz, denn nur durch diesen ist der Ertrag der japanischen Kulturen so reichlich. In den ärmeren Quartieren bezahlen die Bewohner mancher Häuser mit dem Unrat allein ihren Mietzins. Diese sorgfältige Verwendung der städtischen Abfälle hat freilich auch ihren Nachteil. Tokio besitzt noch immer keine Wasserleitung, die Ziehbrunnen in den Straßen reichen für den Wasserbedarf nicht hin, und in den ärmeren Quartieren muß man zu den Flüssen und Bächen Zuflucht nehmen, welche durch die auf dem Lande allgemein übliche, künstliche Bewässerung einen Teil dieser Abfälle wieder in die Stadt führen, eine der Hauptursachen der Cholera- und Typhusepidemien.
Bald erscheinen in den Straßen auch Landbewohner und Fischer, die den Ertrag ihrer Felder resp. ihres nächtlichen Fanges auf den Markt bringen. Manche tragen ihre Lasten auf dem Rücken, andere haben sie auf Handwägelchen verladen, zuweilen sieht man auch einzelne von Pferden oder Ochsen gezogene Wagen, aber der hauptsächlichste Frachtenverkehr erfolgt doch auf Schultern und Rücken der fleißigen, arbeitsfreudigen Kulis.
Allmählich werden auch die Häuser geöffnet. Mit lautem Rasseln und Knarren werden die Amado (hölzerne Sturmwände), die zur Nachtzeit rings um die Veranden der Häuser aufgestellt werden, beiseite geschoben, und während meiner langsamen Fahrt erhalte ich gar manchen Einblick in die intimen Verrichtungen des japanischen Hauswesens. Hier lagert eine Familie auf den weichen, reinlichen Matten und nimmt das Frühstück ein. Eltern und Kinder hocken im Kreise um die mit blendend weißem dampfenden Reis gefüllten Schüsseln und schlürfen aus zarten winzigen Täßchen heißen Thee. Dort liegt ein Japaner noch auf der Matratze und schmaucht sein Morgenpfeifchen, während die weiblichen Wesen seines Hausstandes waschen und fegen und kochen. Im Nebenhause breitet ein Kuriositätenhändler seine Schätze zum Verkaufe aus, ohne sich um seine Nachbarinnen zu kümmern, die eben in einem großen hölzernen Bottich ohne irgendwelche Bekleidung ihr Morgenbad nehmen. In einem anderen Hause kauert ein junges Mädchen, bis zu den Hüften unbekleidet, vor einem Spiegel, pudert ihr hübsches Gesichtchen und schminkt ihre Lippen so ungeniert, als wäre sie zwischen vier Wänden eingeschlossen. In demselben Raume macht vielleicht ein Japaner seine einfache Toilette. Seit der Europäisierung des Landes tragen die Japaner ihre alten, sorgfältigen Haartrachten nicht mehr; ihre Zöpfchen fielen der Schere des Friseurs zum Opfer, und die bürstenartigen Haarstoppeln folgen dem Kamme doch nicht. Bärte werden in Japan vornehmlich nur von den Beamten, den Aristokraten und Gelehrten getragen; die Männer des Volkes aber rasieren ihre Gesichter vollständig glatt. Ist diese Arbeit besorgt, so wird der lange, schlafrockartige Kimono angezogen, die Füße werden mit weißen oder blauen Leinensocken bekleidet, und die Toilette ist gemacht.
Die Straßen füllen sich immer mehr, hauptsächlich mit Männern, die in ihre Geschäfte eilen oder auf den Märkten Einkäufe besorgen. Reis, Fische und Gemüse bilden die Hauptnahrung der Japaner. Fleisch wird nur wenig gegessen, an seine Stelle treten die Fische, die in unzähligen Arten auf den interessanten, belebten Fischmärkten zum Verkauf dargeboten werden, und merkwürdigerweise sind es auch hier nur Männer, die ihren täglichen Hausbedarf einkaufen. Alles spielt sich in größter Ruhe ab, Käufer und Verkäufer verneigen sich ehrfurchtsvoll voreinander, und Szenen, wie sie sich auf unseren europäischen Fischmärkten abspielen, sind in Japan ebenso undenkbar wie die unflätigen Flüche, die man bei uns zu hören bekommt. Die japanische Sprache kennt keine Flüche.
Noch größer sind die Höflichkeitsbezeugungen in den Häusern oder auf der Straße, wenn Bekannte einander begegnen. Die große Mehrzahl der Japaner geht noch immer barhäuptig umher; nur Soldaten, Beamte, Studenten oder elegante Dandys tragen Kopfbedeckungen, und bei diesen besteht der Gruß im Salutieren oder ehrerbietigen Abnehmen der Hüte unter mehrfachen tiefen Verbeugungen. Bei Altjapanern wirken die Begrüßungen, selbst in den unteren Ständen, auf den europäischen Beschauer geradezu komisch. Bei einem besseren Zustande der Straßen würden sie wohl voreinander niederknien. So beschränken sie sich bei der Begegnung darauf, stehen zu bleiben und halbwegs in die Knie zu sinken. In dieser Stellung machen sie mehrere tiefe Verbeugungen voreinander, während sie mit den Händen auf ihren Schenkeln mehrmals auf- und niederfahren und bei geöffneten Lippen, aber geschlossenen Zähnen die Luft mehreremale laut hörbar einziehen. So bleiben sie eine geraume Zeit einander gegenüber, bis sich endlich der eine entschließt, seinen Weg fortzusetzen. Er wird stets als der Unhöflichere von beiden betrachtet, außer wenn seine Rangstellung ein höhere sein sollte.
In der gegenwärtigen Uebergangsperiode von Alt- zu Neujapan bekommt man in den Straßen Tokios zuweilen eine ergötzliche Mischung von Volkstrachten zu sehen. Das konservative Element bilden in Japan ebenso wie anderwärts die Frauen. Während monatelanger Reisen im Mikadoreiche habe ich Japanerinnen in europäischer Kleidung niemals auf der Straße, niemals in Theehäusern und Theatern und nur vereinzelt in vornehmen Gesellschaften in der Hauptstadt gesehen. Selbst einzelne Kleidungsstücke, wie Hüte, Schuhe, Strümpfe und dergleichen, haben bei den Japanerinnen noch nicht Eingang gefunden; auf der Straße wie im Hause kleiden sie sich glücklicherweise noch durchwegs japanisch, tragen ihre Kimonos und Obis, fächeln sich mit Papierfächern, rauchen ihre winzigen Pfeifchen, schneuzen sich mit Papierläppchen. Nur ein europäischer Artikel hat Gnade vor ihren Augen gefunden: an Stelle der reizenden Sonnenschirme aus Bambus und buntgeblümtem Papier tragen sie heute schon vielfach unsere unschönen Regenschirme mit dunklem Stoffüberzug. Bei den Orientalinnen fing die europäische Kultur von unten an; in Algier, Tunis, Aegypten, Kleinasien haben die Schönen willig ihre Pantöffelchen mit europäischen Schuhen und Strümpfen vertauscht; bei den Japanerinnen kommt der europäische Segen in Gestalt des Regenschirmes von oben, während sie mit Eigensinn an ihren unschönen, etwas über die Knöchel reichenden Socken und an den schweren, plumpen Holzsandalen, den Getas, festhalten. Auf diesen ein bis zwei Zoll hohen Holzklötzen schlürfen sie mit geknickten Knien und vorwärts geneigtem Oberkörper einher, und wenn die Frauen im Straßenleben Tokios dennoch die reizvollsten Erscheinungen sind, so verdanken sie dies nur ihren lieblichen, freundlichen Gesichtchen und den bunten, langen, faltenreichen Gewändern. Madame de Staël hat in Bezug auf die Europäerinnen sehr richtig bemerkt: „Es ist ihnen schwer, schön zu tanzen, schwerer, schön zu gehen, am schwersten, schön zu stehen.” Den Japanerinnen ist es schwer, schön zu stehen, schwerer, schön zu gehen, und tanzen nach unseren Begriffen können sie gar nicht.
Auch unter den Männern, denen man in den Straßen Tokios begegnet, sieht man nur wenige in europäischer Tracht. Hier reitet wohl ein Offizier in europäischer Uniform einher, stets begleitet von einer Ordonnanz; die Polizisten und Postboten tragen Uniformen, die Beamten, Aerzte, Professoren, Edelleute, Angestellte des Hofes und einzelne Elegants, die Europa besucht oder dort studiert haben, tragen europäische Kleidung. Aber sonst sind die Japaner ihrer alten Tracht treu geblieben. Dem Fortschritt huldigen viele von ihnen höchstens insofern, als sie zu ihren langen Kimonoschlafröcken europäische runde Hüte oder Seidencylinder tragen, was ihr Aussehen keineswegs malerisch macht. Man denke sich nur in einer europäischen Stadt einen Spaziergänger mit Brille, Cylinderhut, Regenschirm und plumpen Holzpantoffeln, den Körper in einen langen, dunkeln Schlafrock gehüllt, der beim Gehen auseinanderschlagend die nackten Beine des Spaziergängers zeigt! Und solche Gestalten sieht man in den Straßen Tokios zu Tausenden. Noch grotesker ist ihr Anblick bei Regenwetter. Um ihren Kimono nicht zu beschmutzen, heben sie denselben zuweilen bis an die Hüften empor und schlürfen in nackten Beinen umher. Dasselbe thun aber auch die japanischen Frauen und Mädchen mit rührender Ungeniertheit.
Dem Reinen ist alles rein. Das dachten wohl auch die vierzigtausend strammen jungen Burschen, die behende die Kurumas durch die Straßen Tokios ziehen, als ihnen durch die Behörden eine Uniform dekretiert wurde. Bis dahin schienen sie schon reich gekleidet, wenn sie sich ein paar hübsche farbige Figuren auf ihre Bronzehaut auftättowieren ließen. Nun müssen sie aber Uniformen tragen. In Europa dürften sie auch in diesen wegen zu großer Nacktheit eingesteckt werden, aber für japanische Verhältnisse sind sie mehr als genügend bekleidet. Dunkelblaue, strammanliegende Kniehosen bedecken ihre Hüften und Schenkel, ein vorne offenes Jäckchen aus grobem, dunkelblauem Baumwollstoffe den Oberkörper. Auf ihrem Kopfe sitzt ein mächtiger, pilzförmiger Strohhut, auf der Außenseite mit weißem Stoff überzogen, und an ihren Füßen stecken Strohsandalen. Jeder Kurumaj hat überdies auf dem Rücken seines Jäckchens die Nummer seines Handwägelchens aufgenäht. Aehnlich sind auch die Post- und Telegraphenboten uniformiert, nur daß sie außerdem noch weiße gestrickte Handschuhe tragen. Die Kulis, die im Hafen oder an den Ufern des stets mit Booten und Frachtschiffen bedeckten Sumidaflusses arbeiten, ersparen sich auch die Kniehosen. Das vorne offene Jäckchen und ein weißes Lendenband, nicht viel breiter als unsere Kravattenschleifen, bilden ihre einzige Bekleidung.
Die Studierenden der Universität, ja selbst die Schuljungen von Tokio tragen heute der Mehrzahl nach europäische Kleidung, und es befremdet den Touristen nicht wenig, inmitten des fremdartigen, bunten Straßenverkehrs die schlitzäugigen kleinen Japaner statt im Kimono in Beinkleidern und Stiefeln einherwandern zu sehen, die große Schultasche oder ein Paket Schulbücher unter dem Arme. Die kleinen Mädchen dagegen halten gerade so wie ihre Mütter an der reizenden Nationaltracht fest, und unter all den weiblichen Gestalten, die mit dem Fortschreiten des Tages immer zahlreicher im Straßenleben auftreten, sind die Mädchen die lieblichsten. Gewöhnlich tragen sie schon im Alter von sechs oder acht Jahren ein jüngeres Schwesterchen oder Brüderchen, das die Kunst des Gehens noch nicht erlernt hat, auf ihre zarten Rücken gebunden, lassen sich aber dadurch in ihren munteren Spielen keineswegs hindern. Die Abwesenheit von Straßenschmutz und Wagenverkehr erlaubt es ihnen, sich vor ihrem väterlichen Hause umherzutreiben. Zuweilen rollen am späten Vormittage doch einzelne Equipagen von Prinzen oder Gesandten durch die Hauptstraßen, aber gewöhnlich läuft den Pferden ein flinkbeiniger Diener nach Art der ägyptischen Sais voraus und verhindert durch seine Warnungsrufe Unglücksfälle.
Immer lebhafter wird das Leben in den Straßen, und gegen Mittag scheint es, als ob sich die ganze Bevölkerung Tokios auf den Beinen befinde; Priester in ihren eigentümlichen Gewändern erscheinen, hier und dort zieht irgend eine Tempelprozession oder ein Leichenbegängnis mit bunten, glänzenden Schaustücken und Ornamenten einher, ohne daß diese von seiten der Passanten besondere Beachtung fänden. Die vielen Kaufläden, die in manchen Hauptstraßen in kilometerlangen Reihen dicht aufeinander folgen und ihren ganzen Kram, Toiletteartikel für Damen, Fächer, Spielzeuge für Kinder, Porzellane, Geschirre, Pantoffeln, Papierlaternen und dergleichen auf der Straßenseite ausgebreitet haben, sind mit Käufern und Käuferinnen gefüllt, und der ganze Verkehr zwischen diesen Tausenden, das ganze Geschäftsleben spielt sich in so leichter, ungezwungener, man möchte sagen spielender Weise ab, als gäbe es in dem fernen Mikadoreiche überhaupt gar keinen Kampf ums Dasein, als wären alle Einwohner Kapitalisten, die behaglich von ihren Renten leben und die Geschäfte nur so nebenbei, zum Zeitvertreib, führen, ohne Absicht auf Gewinn. Die leichte, fröhliche Lebensart der Japaner, der Hang zu Vergnügungen, Spielen, Leckereien zeigt sich auch durch die zahlreichen ambulanten Händler, mit denen die Straßen gefüllt sind, Tag für Tag, Woche für Woche, als wäre jeder Tag des Jahres ein Matsuri (Festtag). Um sie besser kennen zu lernen, verlasse ich meine Kuruma und wandere zu Fuß durch die sich dicht drängende Menschenmenge. Aber sofort werde ich von anderen Kurumaja erspäht, und mehrere umringen mich mit derselben Zudringlichkeit wie die Eseltreiber in der Muski von Kairo oder die Vetturini von Neapel. „Riksha? Danna? O ide nasai? Irraschaimas no desaka?” „Wollen Sie eine Rickshaw, Herr? Wollen Sie nicht fahren? Wollen Sie nicht ehrenwerten Platz nehmen?” Und wenn ich versuche, sie abzuschütteln, entschuldigen sie sich: „Sore kara O mi aschi de ikimas.” „Sie wollen also vorwärts schreiten mit den ehrenwerten Beinen?” Alles ist in Japan ehrenwert. Ueberall hört man die gebräuchlichsten Begrüßungen: „Ohaio”, oder „Yo o ide nafaimaschta”, oder „Sajonara” und „Irraschai”, von allen Seiten werden einem verschiedene Waren, Leckereien, geschabtes Eis oder Limonaden angeboten, stets in freundlichster Weise. Hier der Modschi-Yaki (Briefverbrenner), mit seinen süßen Kuchen, welche die Form von allerhand Schriftzeichen, Tieren, Ornamenten und dergleichen zeigen. Neben ihm der Ameya oder Gallertenmann, der den Kindern für einen Pfennig mittels eines Röhrchens aus Gerstenbrei allerhand Figuren bläst; an einer vom Verkehr verschonten Ecke kauert ein Wahrsager, ein Tuch vor sich gebreitet, auf dem er mittels fünfzig kleiner Stäbchen und sechs roten und schwarzen Holzwürfeln allen, die es wünschen, für ein paar Pfennige ihre Zukunft vorhersagt; dort lenkt ein ambulanter Verkäufer von klebrigen Bohnenkuchen mit Gong und Schellengeklirre die Aufmerksamkeit auf sich, während ein blinder Amma (Masseur) dies mittels eines Pfeifchens thut; für wenige Pfennige ist er bereit, irgend jemandem, ob Mann oder Frau oder Kind, die Glieder durchzukneten. Hier schreitet gravitätisch ein bebrillter Arzt einher, gefolgt von einem Jungen, der ihm den Arzneikasten und Mörser trägt; dazwischen schleicht scheu ein zerlumpter Eta (ein Paria) umher; oder ein Kami-Kudsuhiroi (Lumpensammler) sammelt mit seinem Bambushaken Papierstückchen oder Kleiderfetzen; oder ein Spatzenfänger stiehlt sich vorsichtig, mit einem klebrigen Bambusstocke bewaffnet, den Hausdächern entlang und fängt mit erstaunlicher Geschicklichkeit die ahnungslosen frechen Vöglein. Vor den Tempeleingängen drängen sich Schaubuden, Verkaufsstände mit Spielwaren für Kinder, buntgeschmückten Haarnadeln für Mädchen, Toiletteartikeln, Früchten und Leckereien; zwischen ihnen kauert, umringt von Bewunderern, ein Künstler, mit Säckchen verschieden gefärbten Sandes versehen, aus denen er abwechselnd eine Handvoll nimmt und damit allerhand Landschaften, Figuren, Ornamente und dergleichen auf den Boden streut. Die Tempel selbst werden eifrig besucht, vornehmlich von Frauen und Mädchen. Sie waschen zunächst an dem Tempelbrunnen ihre Hände, dann schreiten sie langsam an die Stufen, die zum Götzenschreine emporführen, und machen die Gottheit dadurch auf sich aufmerksam, daß sie den vom Dache hängenden Glockenzug stark anziehen; erschallt die Glocke oder der Gong, so klatschen sie laut ihre Hände zusammen und sagen mit gebeugtem Oberkörper ihr Gebet her. Darauf verkünden sie durch abermaliges Händeklatschen der Gottheit, daß sie fertig sind, werfen einige Kupfermünzen vor den Altar oder in eine danebenstehende Holzkiste für die Priester und gehen ihres Weges.
In der Mittagsstunde leeren sich die Straßen, und zur Sommerzeit erscheinen sie zwischen zwei und vier Uhr nachmittags wie ausgestorben, höchstens daß bei großer Hitze Frauen oder Kinder die Straße vor ihren Häusern mit Wasser besprengen, oder daß dies von seiten der Stadt mittels großer Wasserkarren geschieht. Drei oder vier Mann schöpfen das Wasser aus den offenen Bottichen mittels Kübeln, die an Stangen befestigt sind, und schleudern es kräftig über die Straße; vor vielen Kaufläden hängen große, blaue oder schwarze Tücher vom Dache bis zum Straßenboden, um die Sonnenstrahlen abzuhalten. Die Hausbewohner geben sich der Siesta hin, schlafen, schlürfen ihren Thee oder rauchen ein paar Pfeifchen. Später, gegen fünf Uhr, wird der Straßenverkehr wieder lebhafter, die Leute besuchen vielleicht Theehäuser oder die vielen Sakebuden, die an dem vorgehängten Fichtenzweige und den großen, grell bemalten Sakebottichen sofort kenntlich sind. Die beste Gattung Reiswein zeigt auf dem Bottich eine große gemalte Blume, Hanazakari, die zweite die Schriftzeichen Muso-itschi, d. h. von keinem übertroffen, eine dritte hat eine große Päonie aufgemalt. In den letzten Jahren hat die Einführung von Eismaschinen eine ganze Menge von Eisbuden entstehen lassen, in denen geschabtes Eis mit Fruchtwässern versetzt feilgeboten wird, eine rasch beliebt gewordene Leckerei bei den unteren Volksklassen. Tausende wandern auch zu dieser Stunde nach dem nächsten Badehause, um trotz der Hitze ein heißes Bad zu nehmen. Tokio besitzt über tausend öffentliche Badehäuser, in denen durchschnittlich täglich dreihunderttausend Bäder genommen werden, ganz abgesehen von den Furodo oder Hausbädern, von denen sich in jedem besseren Hause eins befindet und von den Bewohnern täglich mehrmals benutzt wird. Man braucht in diese Badehäuser gar nicht einzutreten, um das Treiben im Innern wahrzunehmen, denn die Wände der Badehäuser bestehen vielfach aus Latten, zwischen denen man durchblicken kann. Männer, Weiber, Kinder treten scharenweise ein, zahlen am Eingange einige Pfennige, bewahren ihre Kleider in Kästchen an den Wänden auf und steigen splitternackt in das mit heißem Wasser gefüllte Bassin, das nur durch ein Seil oder eine Bambusstange in zwei Hälften für die beiden Geschlechter geteilt ist. Manche Frauen hocken auf den ins Wasser führenden Stufen, manche Fräulein stehen, nur in ihre Haut gekleidet, lachend und plaudernd am Rande des Bassins, wieder andere trocknen sich in höchst naiver Weise ab. Die ganze Gesellschaft benimmt sich dabei so ungeniert, als ob sie im Theater oder Theehause wäre. Solche Theehäuser sind in der That mit manchen Bädern verbunden, und in den kleinen abgeschlossenen Räumen ruht sich vielleicht nach dem Bade ein junges Pärchen auf weichen Matten aus.
Ist der Abend angebrochen, so erscheint wieder alles in den Straßen; Tausende pilgern hinaus unter die gewaltigen, uralten Fichten des Shiba- oder Uyenoparkes und lagern sich auf den Rasen oder in die Theehäuser, die rings um die Lotosteiche oder an den Ufern des Sumidagawa massenhaft stehen, andere mieten Vergnügungsboote, gehen in Theater oder Klubs, um Tanz und Gesang der zahllosen Gaishamädchen zu bewundern; in den Straßen leuchten allmählich lange Reihen von buntfarbigen Lampions auf, aus vielen Häusern ertönt Gesang und Samisenspiel, überall ist Leben und Fröhlichkeit, als gäbe es bei diesem leichten Phäakenvölkchen gar keinen Ernst, keine Arbeit und als wäre die ganze Hauptstadt des Mikadoreiches nichts als ein ungeheurer Badeort in der Hochsaison. Den Ernst des Lebens unter den Japanern lernt der Fremde im Straßenverkehr nur kennen, wenn eines der häufigen Erdbeben den Boden der Stadt erschüttert, Schornsteine, Dächer, ganze Häuser einstürzen und die Bevölkerung erschreckt auf die Straße eilt. Oder wenn sich am dunkeln Nachthimmel glühendrot die Blumen von Yeddo, die Flammenzungen von Schadenfeuern zeigen. In jedem Stadtviertel wird der Besucher Tokios hohe Pfähle mit Glocken und Leitern finden, an deren Spitze Wachtleute beständig nach verdächtigem Rauch oder Flammen Umschau halten. Bemerken sie dergleichen, dann verkünden sie durch eine bestimmte Anzahl von Glockenschlägen das Quartier, in dem Feuer ausgebrochen ist, und sofort entsteht unter der heiteren, sorglosen Bevölkerung lebhafte Bewegung. Hastig eilt alles nach Hause, die Bewohner des bedrohten Stadtteiles laufen oder fahren in Kurumas so rasch als möglich in ihre Quartiere, um ihre Siebensachen in Sicherheit zu bringen. Die kleinen, aus dürrem Holz, Strohmatten und Papierwänden bestehenden Häuschen flammen ja bei dem geringsten Anlaß wie Zunder auf, und an eine Rettung des Hauses oder der nächsten Nachbarhäuser ist gar nicht zu denken. Tokio ist schon vielmals durch Feuer zerstört worden, und in jedem Jahre, ja in jedem Monate werden Hunderte oder Tausende von Häusern eingeäschert. Kein Wunder, daß bei solchen Anlässen die ganze Stadt in furchtbarer Aufregung ist, die freiwilligen Feuerwehrgesellschaften mit ihren phantastischen Bannern und glänzenden Helmen rasch nach der Brandstelle eilen und selbst in entfernteren Straßengevierten das entsetzte Volk mit fieberhafter Schnelligkeit den ganzen Hausrat zusammenrafft, um ihn nach einem sicheren Stadtteil zu tragen. Die ungemein einfache Einrichtung der Häuser erleichtert dies. Die Mädchen rollen eiligst die dünnen Matratzen, Strohmatten und Kleidungsstücke zusammen, die Frauen werfen ihre Koch- und Eßgeschirre in einen Korb, die Männer heben die verschiebbaren Holz- und Papierwände aus den Fugen, und ein kleiner Handkarren nimmt die ganze Einrichtung auf. Nur das Dach und die Pfähle, auf welchen es ruht, bleiben zurück und werden ein Raub der Flammen, wenn es der Feuerwehr nicht gelingt, rings um die Brandstätte einen Kranz von diesen leeren Häusern rasch niederzureißen.
Manchmal steht ein hohes, außerordentlich massiv aussehendes Gebäude beinahe unversehrt da, eine Kura, d. h. ein feuerfestes Haus aus etwa vierzig Centimeter dicken Lehmwänden, worin der wohlhabendere Japaner seine wertvollen Sachen aufzubewahren pflegt. Diese weiß polierten Häuser, die trotz dem Material, aus dem sie gebaut werden, äußerlich sehr geschmackvoll aussehen, werden äußerst sorgfältig aus Lehm und Bambusflechtwerk errichtet. Die Bauzeit dauert ein bis zwei Jahre, da von den vielen Lehmschichten die unteren immer vollständig trocken sein müssen, bevor eine weitere darüber aufgetragen werden kann. Das Dach besteht aus dicht gefügten, schweren Ziegeln. In Feuersgefahr werden die dicken Läden und Thüren, deren staffelförmige Ränder ineinander greifen, geschlossen und die Ritzen derselben von besonders dazu Angestellten mit immer bereitstehendem Lehm zugeschmiert. Die Kura wird dann gleichsam versiegelt, indem der Schließende die Schriftcharaktere seines Namens auf Thüre und Fenster in den Lehm gräbt, und sie darf erst nach Beendigung des Brandes im Beisein einer Urkundsperson geöffnet werden. So ist in Japan bei Feuersgefahr alles sorgsam organisiert, sowohl das Verhalten des Einzelnen, wie das der Gesamtheit, da dieses Volk seit alters mit elementaren Gewalten wie Feuer, Erdbeben und Wassersnot zu rechnen gewohnt ist. Unter der Shogunherrschaft mußten die Lehensfürsten und die höchsten Staatsbeamten in voller Rüstung zu Pferde auf dem Brandplatze erscheinen und den Kampf mit dem Elemente leiten. Jetzt ist die Feuerwehr vollständig nach europäischem Muster eingerichtet.
Sonderbar ist das Verhalten der Ueberlebenden, die Familie oder Eigentum, oder beides verloren haben. Kein herzzerreißendes Klagen, kein Zeichen überquellender Verzweiflung, sondern nur stumme Resignation in das Unabänderliche sieht man auf allen Gesichtern. Ein so großer Gemütsmensch der Japaner sonst ist, Aeußerungen seelischen Schmerzes weiß er zu unterdrücken.
Spazierfahrten im mittleren Japan.
Wer Japan jemals im Sommer besucht hat, wird es begreiflich finden, daß die Europäer die Hauptstadt ebenso wie die Hafenstädte des Inselreiches, wenn immer möglich, fliehen, um auf den hohen Bergketten der japanischen Hauptinsel Hondo Kühlung zu suchen. In dieser ostasiatischen Schweiz sind es vor allem zwei Distrikte, die von den Europäern nicht nur Japans, sondern von ganz Ostasien bevorzugt werden: Nikko, im Norden der Hauptstadt Tokio, und Hakone, im Süden derselben gelegen. Die Japaner sind sich der Schönheit ihres Heimatlandes wohl bewußt, und stolz, wie sie sind, bestrebt, sich und ihr Inselreich den Bleichgesichtern des Abendlandes in möglichst günstigem Lichte zu zeigen, haben sie alles Erdenkliche gethan, um die schönsten Gebirgspartien Japans leicht zugänglich zu machen. Der europäische Unternehmungsgeist, der sich sonst in Asien überall zeigt, auf Ceylon und Java, in Indien und China, hat damit in Japan nichts zu thun gehabt. Mit japanischem Gelde und durch japanische Ingenieure wurden Eisenbahnen, Brücken, Straßen, Pferdebahnen, Fußwege angelegt, Hotels und Badeanstalten nach europäischem Muster eingerichtet, so daß man heute die prächtigsten Gegenden der asiatischen Schweiz, vor allem den Distrikt von Hakone, mit ähnlicher Bequemlichkeit besuchen kann wie Grindelwald.
Von dem trotz der Nähe des Meeres heißen, sonnenverbrannten Yokohama brachte mich eine mehrstündige Eisenbahnfahrt nach Kozu. Dieses ist ein kleines, ärmliches Städtchen nahe der Mündung des steinigen Sakawagawa in das Meer gelegen und würde wohl kaum jemals einen europäischen Reisenden zum Aufenthalt verlocken, wenn es nicht die Pforte zu dem herrlichen Bergdistrikt von Hakone wäre.
Während die altberühmte Hauptstraße des Landes, der Tokaido, von Kozu aus quer in den Bergdistrikt von Hakone hineinlenkt, muß die Eisenbahn ihm ausweichen; sie führt in einem weiten, hufeisenförmigen Bogen um ihn herum und erreicht erst auf der anderen Seite bei Numazu wieder das Meer. Den Tokaido entlang, der noch vor drei Jahrzehnten den Feudalfürsten des Landes mit ihrem malerischen Gefolge als Reiseweg diente, führt heute eine Pferdebahn mit schlechten Wagen, von elenden Kleppern gezogen, und diese bestiegen wir nun, um uns bis Yumoto an den Fuß der bewaldeten Berge führen zu lassen. Japanische Landleute, Kulis, barfuß bis zu den Schultern, dazwischen reizende Musmis in bunten Kimonos und alte Weiber mit Bündeln und Körben bildeten unsere Reisegefährten. Untereinander befleißigen sie sich der größten Höflichkeit, aber uns Europäern gegenüber zeigten sie nur vornehme Verachtung, im besten Falle Gleichgültigkeit. Waren ihnen doch in den letzten Jahren so viele anglo-amerikanische Flegel in den Weg gekommen, die ihren Gruß mit Grobheiten erwiderten, ihre Höflichkeit laut belachten und sich als so ungezogene Bengel benahmen, daß man den Insulanern ihren Abscheu vor der ganzen abendländischen Touristenwelt gar nicht verübeln kann.
In Odawara, wo sich der Pferdebahnstation gegenüber die gewaltigen Ringmauern einer zerstörten Feudalburg erheben, wurde kurzer Halt gemacht, dann ging es zwischen den wohlgepflegten, sorgsam bewässerten Reisfeldern auf hohem Damme weiter über das steinige, breite Bett des Hayagawa nach Yumoto.
Hier wurden wir europäischen Passagiere von Dutzenden halbnackter Kulis umringt, die uns ihre Rickshaws zur Weiterfahrt in die Berge hinauf anboten. In langen Batterien waren die leichten zweiräderigen Wägelchen aufgefahren; ohne daß man es wehren konnte, wurde das Gepäck auf die Rickshaws verladen, und mit derselben Zudringlichkeit, wenn auch mit größerer Höflichkeit wie die Beduinen an den ägyptischen Pyramiden, ließen uns die Kulis nicht los, bis jeder von uns eine Rickshaw mit zwei oder drei strammbeinigen bronzenen Gesellen angeworben hatte. Der eine stellte sich zwischen die Gabeldeichsel und erfaßte diese, ein zweiter vor ihm schlang sich eine Zugleine über die Schulter, und während dieses menschliche Tandemgespann unter lautem Hallo anzog, schob ein dritter von rückwärts nach. So durcheilte die ganze Karawane von mehreren Dutzend Rickshaws das Dorf, reizend eingenistet an den steilen Ufern der Schlucht, aus welcher der wasserreiche Hayagawa, ein Abfluß des herrlichen Bergsees von Hakone, hervorbraust. Die heftigen Regengüsse des Sommers hatten kurz zuvor die Brücke weggerissen, und notdürftig waren einige Bretter und Balken zu einem halsbrecherischen Steg gezimmert worden, über den uns die Kulis geschickt hinüberhalfen. Jenseits der Schlucht bestiegen wir andere bereitstehende Rickshaws, und nun ging es auf breiter, aber von Regenbächen zerrissener, steiniger Straße steil aufwärts in die Berge. Zur Rechten tief unter uns schäumte der Strom, zur Linken erhoben sich steile, stellenweise überhängende Bergwände, mit der üppigsten Vegetation überwuchert. Die herrlichsten Blüten, große japanische Lilien, die bei uns als Topfpflanzen sorgsam gepflegt werden, bedeckten die Abhänge nach vielen Tausenden; überall rauschten Bäche, in Kaskaden über Stock und Stein hüpfend, herab, dem Hayagawa zu. An manchen Stellen hatte der Regen Bergstürze zur Folge gehabt, durch welche die Regierung mit Mühe einen Weg bahnen ließ; in vielfachen scharfen Windungen, tiefe, finstere Schluchten entlang führte die Straße aus der nicht viel über dem Meeresspiegel liegenden Ebene aufwärts nach der entzückenden Bergidylle Miyanoshita, die fünfhundert Meter hoch zwischen der grünen Felspyramide Myojogatake und dem bewaldeten Sengenyama eingeschachtelt ist. Ich mußte die Ausdauer meiner flinken Kulis bewundern, die auf dem ganzen einstündigen Wege nur einmal anhielten, um sich an einer Quelle Kopf und Schultern zu baden und mehrere Holzbecher voll Wasser zu trinken. Der Schweiß rann in Strömen über den bronzenen Rücken und an den muskulösen Beinen hinab; schon kurz oberhalb Yumoto hatten sie sich ihrer Leinenjacken entledigt, sie ausgewunden wie ein Stück ausgespülter Wäsche und zum Trocknen über die Deichselstangen gehängt. Mit Bewunderung, gemischt mit Neid, betrachteten wir zarter veranlagten Europäer den prächtigen Körperbau dieser Bergbewohner.
Miyanoshita besteht aus zwei kleinen, urjapanischen Dörfchen, zwischen denen sich auf einem mit europäischen Gartenanlagen geschmückten Plateau das stattliche Fuji-ya-Hotel erhebt; etwas weiter unterhalb, am oberen Rande der steilen Hayagawaschlucht, befindet sich ein zweites Hotel von europäischem Aussehen, Nara-ya genannt, das aber der Hauptsache nach vornehmen Japanern zum Aufenthalt dient. Gerade während meines ersten Besuches von Miyanoshita weilten hier zwei putzige kaiserliche Prinzchen, Söhne Seiner Majestät und irgendwelcher japanischen Komtesse oder Baronesse; sie besaßen einen aus zahlreichen Personen bestehenden Hofstaat, und unternahmen sie ihre täglichen Spaziergänge, so wurden sie von einem ganzen Schwarm von Höflingen und Polizisten begleitet.
Auch das Fuji-ya-Hotel, eines der besten von ganz Ostasien, ist zur Hälfte nach japanischer Art eingerichtet, das heißt an das im Schweizer Villenstil erbaute, ganz europäisch eingerichtete Haupthaus lehnen sich die Flügel, so leicht und zart wie schwedische Streichholzschachteln. Die einzelnen Schlafräume haben wohl Betten und sonstigen abendländischen Hausrat, die Wände aber sind nach japanischem Muster nur verschiebbare Holzrahmen, mit weißem Papier überzogen, ohne Fenster, ohne Thüren, nur von einer langen Holzveranda umgeben, von der man in die Schlafräume gelangt, indem man die Papierrahmen auseinanderschiebt. Ein weggeworfenes brennendes Zündhölzchen, unvorsichtiges Handhaben des Kerzenstockes würde das ganze Hotel wie einen Haufen trockener Holzspäne aufflammen lassen. Dafür spüren die europäischen und japanischen Gäste dieses Kartenhauses nur wenig von den häufigen Erdbeben, dieser schrecklichsten Landplage Japans. Während wir im Haupthause mehrmals durch die Erschütterungen, die das Gebäude in allen Fugen krachen und die Einrichtungsstücke herumtanzen ließen, aus unserer Ruhe geschreckt wurden, waren diese Erdbeben in den japanischen Anbauten kaum wahrnehmbar.
Wenn mich inmitten des vornehmen europäischen Lebens, das sich im Fuji-ya-Hotel abspielte, irgend etwas daran gemahnte, daß ich mich nicht in einer schweizerischen Gebirgskarawanserei, sondern viele Tausende Kilometer davon entfernt bei den Antipoden befand, so waren es die kleinen, freundlich lächelnden Nesans, die in den Wohnzimmern und im Speisesaale die Bedienung besorgten; hübsche Mädchen mit sorgfältig frisiertem Haar, in buntfarbige Kimonos gekleidet. Auf den reingescheuerten Matten der Korridore und Säle wackelten sie in Socken lautlos einher, die Zehen nach einwärts gerichtet wie Enten. Außer good morning, good night und thank you verstanden sie keine Silbe einer europäischen Sprache, und wer nicht japanisch sprach, mußte sich durch Zeichen mit ihnen verständigen. Die Speisekarten bei den Mahlzeiten trugen neben den englischen Namen arabische und japanische Nummern, ebenso die Weinkarten, und begehrte man gewisse Speisen und Getränke, so brauchte man nur auf die dabeistehenden japanischen Nummern zu zeigen, um das Gewünschte zu erhalten. Sonst waren Auseinandersetzungen mit ihnen nicht nötig; sie kannten ihre Pflicht, die Betten waren stets in Ordnung, und auf ihnen lagen allabendlich die Hotel-Ukatas sorgfältig ausgebreitet zum Gebrauch. Diese Ukatas sind eine Art Kimono, die Japaner wie Europäer als Schlafrock oder Bademantel benutzen und vom Hotel gerade so geliefert werden wie Handtücher und Bettwäsche. Morgens früh schlüpften die Hotelgäste aus ihren Betten in die Ukatas und eilten durch die langen Korridore hinab zu dem weitläufigen Badehaus, das aber, glücklicherweise für die Damen, keine gemeinschaftlichen Bassins besaß wie das benachbarte Nara-ya-Hotel und wie alle anderen japanischen Hotels und Badeorte des Landes. Dafür giebt es im Fuji-ya-Hotel lange Reihen geräumiger Badezimmer mit in den Fußboden versenkten großen Holzwannen, in denen bequem zwei oder drei Menschen zusammen baden könnten. Aus Bambusrohren kann man nach Belieben kaltes und warmes Wasser zuströmen lassen. Daran ist kein Mangel, denn hinter dem Badehause pritschelt und rieselt es in zahllosen Bächlein den Abhang herab. Diese Bäder gewähren so großen Genuß, daß die europäischen Gäste es den Japanern nachmachen und sich täglich durch zwei, drei Bäder erfrischen, nur werden sie von ihnen nicht so heiß genommen wie von den Japanern, die ein seltsames Wohlgefallen daran finden, sich mit heißem Wasser krebsrot brühen zu lassen.
Miyanoshita ist reich an den herrlichsten Spaziergängen, und ohne seine europäische Bequemlichkeit aufzugeben, hat man nirgends im Mikadoreiche so gute Gelegenheit, das japanische Dorf- und Landleben kennen zu lernen wie hier. Der ganze Distrikt ist eine entzückende Idylle, ein Olymp in Wirklichkeit, mit zufriedenen, höflichen, stillen, arbeitsamen Menschen, die aus der sie umgebenden herrlichen Natur einen Garten gemacht haben. Arm wie Kirchenmäuse, hegen sie doch anscheinend keinen Neid gegen die europäischen Protzen, die sie den Sommer über in ihrem Bergparadiese stören, vielleicht haben sie einsehen gelernt, daß ihr friedliches Landleben, ihre Beschäftigung, ihre bequeme Kleidung, ihre einfache Gemüse- und Fischnahrung immer noch vorzuziehen ist der tollen geschäftlichen Jagd, der Unruhe und Genußsucht dieser fleischfressenden Ungetüme John Bull, Onkel Sam und Bruder Sauerkraut. Das japanische Dorf Miyanoshita hat dem europäischen Badeort Miyanoshita nur insofern Rechnung getragen, als in dem reizenden Theehause thalaufwärts Tische und Bänke für die Badegäste angelegt wurden und zum Thee auch Löffel und europäisches Backwerk serviert werden. In der Mitte des reizenden kleinen Theehausgartens befindet sich ein Teich mit Tausenden von Goldfischen, so zahm, daß sie Biskuit aus der Hand schnappen.
Die Missionare, Diplomaten, Kaufleute, Touristen, die sich hier in den Bergen des Herzens von Japan allsommerlich aus allen Erdteilen und Ländern zusammenfinden, kann man nur des Morgens und Abends im Speisesaale vereint sehen. Tagsüber ist das große Hotel wie ausgestorben. Nach dem Frühstück werden verschiedene Wanderungen ins Gebirge angetreten. Die freundlichen japanischen Hauswirte in tadelloser europäischer Toilette lassen den Wanderern ihren Lunch auf japanische Weise in frisch gehobelte kleine Kästchen packen, vor der Thüre stehen Dutzende von sehnigen jungen Kulis mit ihren Rickshaws, Kagos oder europäischen Tragstühlen, dazu höfliche Führer, und man kann wochenlang täglich auf anderen Wegen die Umgebung durchstreifen, um mit jedem Tage entzückter von diesem herrlichsten aller außereuropäischen Länder nach Miyanoshita zurückzukehren. Der Reihe nach besuchte ich die reizenden Gebirgsdörfer Kiga, Dogashima, Miagino, badete in gemischter japanischer Herren- und Damengesellschaft in den Schwefelquellen des Badeortes Kodschigoku, bestieg den Sengenyama und den Myojogatake, um den wunderbaren Ausblick auf die japanischen Meeresküsten mit der vorgelagerten Vulkaninsel Oschima zu genießen und auf der entgegengesetzten Seite die stolzen Formen des Fudschiyama zu bewundern. Einige Tage später stand ich auch während eines wütenden Taifuns auf der etwa viertausendzweihundert Meter über dem Meere gelegenen Spitze dieses höchsten Bergriesen Ostasiens und blickte in den furchtbaren, mit Rauch und Schwefeldämpfen gefüllten Krater hinab.
Aber der reizendste Tagesausflug von Miyanoshita ist doch jener nach dem idyllischen Bergsee von Hakone. In bequemen Stühlen ruhend, die von je vier kräftigen Kulis mittels langer elastischer Bambusstangen auf den Schultern getragen wurden, brachen wir frühmorgens auf, um zunächst in dem etwa fünfhundert Meter weiter oben im Gebirge gelegenen Schwefelbad Ashinoyu Halt zu machen. Das Matsuzakahotel, halb in europäischem Stil geführt, war gerade so gefüllt wie alle anderen mit Hunderten von rheumatischen Japanern beiderlei Geschlechts, die in den heißen Quellen dieser vulkanischen Regionen Heilung suchten, aber für Europäer muß ein längerer Aufenthalt in diesem Ashinoyu entsetzlich sein. Der Ort liegt auf einem vollständig kahlen, trostlosen Plateau und ist den halben Sommer über in dichten Nebel gehüllt, während die Schwefelquellen die ganze Gegend durchstänkern und die umliegenden Sümpfe giftige Dämpfe aushauchen. So brachen wir denn nach kurzer Rast wieder auf, um auf öden Bergwegen zwischen den gewaltigen Kegeln des Kamiyama und des zweispitzigen Futagoyama (Zwillingsberg) hinabzuwandern zu dem Hakonesee.
Auf der ganzen Strecke begegneten wir keiner menschlichen Seele; ausgebrannte Kraterkegel ragen überall aus der baumlosen Hochebene hervor, hier und dort liegen kleine, bläulich-grüne Seen, nirgends ein Haus oder auch nur ein Flugdach; in dieser Einsamkeit haben buddhistische Heilige sich durch Bildwerke, in die Felswand gegraben, verewigt. Wie man in ganz Japan überall auf Weg und Steg kleinen Steindenkmälern und Götzenstatuen begegnet, so schlummern auch hier Dutzende in dem hohen, dürren Grase, darunter auch der riesige Dschizo, eines der Meisterwerke japanischer Bildnerkunst.
Endlich sahen wir einen Teil des blauen, stillen Hakonesees zu unseren Füßen liegen und hatten bald wieder die von ungeheuren Kryptomerien beschattete Tokaidostraße erreicht. Auf dieser hier noch vortrefflich erhaltenen, mit großen Steinen gepflasterten wichtigsten Heerstraße des alten Japan weiterwandernd, erreichten wir gegen Mittag das idyllische Dörfchen Moto-Hakone, am südlichen Ende des Sees gelegen, und einen halben Kilometer davon entfernt ein japanisches Theehaus, Tsudschi-ya. Mit seiner Vorderseite in den See hineingebaut, öffnen sich die durch Papierwände in einzelne Zimmerchen geteilten Veranden auf die weite, von Bergen umsäumte Wasserfläche, in deren Hintergrund der gewaltige Fujiyama emporragt. Zur Rechten erhebt sich auf einer schmalen, in den See vorspringenden Landzunge ein kaiserliches Schloß, das im Sommer zeitweilig Mitgliedern der Herrscherfamilie zum Aufenthalt dient. Auf der Theehausveranda nahmen wir unseren Imbiß ein, aufgetragen durch ein liebliches, junges Mädchen, das uns zum Andenken auch noch kleine Porzellannippsachen zusteckte, wohl als Erwiderung auf das reichliche Trinkgeld, das sie sich mehr durch ihr freundliches Wesen als durch besonders rasche Bedienung erworben hatte.
Als wir aufbrachen, um das bereitstehende Ruderboot zu besteigen, kam ein gewaltiger Platzregen niedergeprasselt, der unsere weißen Leinenanzüge und die Unterkleider bald bis auf die Haut durchnäßte. Das Boot war mit Wasser derart gefüllt, daß wir auf unseren Stühlen Platz nehmen und die Beine hochhalten mußten, während zwei von unseren Kulis fortwährend mit den Kübeln das Wasser ausschöpften. Das ähnlich wie unser Baedeker rot gebundene Murraysche Handbuch von Japan hatte ich zum Schutz gegen die Nässe unter meinen Sitz geschoben. Da der Führer ein baldiges Aufhören des Regengusses prophezeite und wir doch abends wieder nach Miyanoshita zurückkehren mußten, machten wir gute Miene zum bösen Spiel und ließen uns über den See nach dem Nordende desselben rudern.
Von den Ufern, die an malerischer Pracht mit den Gestaden der italienischen Riviera wetteifern, bekamen wir nur einzelne Stellen zu sehen. Nach zweistündigem, angestrengtem Rudern erreichten wir die Stelle, wo wir aussteigen mußten, um über die sogenannte Große Hölle den Rückweg anzutreten. Unsere Kulis hoben uns mit den Stühlen aus dem Boot und trugen uns, bis an die Hüften im Wasser watend, unter fortwährendem, strömendem Regen ans Ufer. Als ich dort meinen Tragstuhl verließ, um die steile Anhöhe des Kamuri zu Fuß emporzuklettern, brachen plötzlich meine Reisegefährten, Europäer wie Japaner, in schallendes Gelächter aus. Der rote Murray war in der Regenlache, die sich unter meinem Sitz gebildet hatte, vollständig durchnäßt worden und hatte meine weißleinenen Beinkleider gerade an ihrer bescheidensten Stelle knallrot gefärbt.
Auf halsbrecherischen Pfaden, an den Seiten schwindelnder Abgründe, führte unser Weg in das Thal von Miyanoshita zurück, und die Höllengegend, die wir zu durchwandern hatten, wird uns durch ihre großartige Wildheit und Einsamkeit wohl zeitlebens in Erinnerung bleiben. Heiße Schwefeldämpfe dringen überall aus dem weichen Kalk- und Schwefelboden, in dem unsere Füße stellenweise bis an die Knöchel versanken; das Wasser, das aus zahlreichen Quellen hervorsprudelt, ist ebenso heiß wie die nackten Felsen, die sie umgeben; dichte Nebelwolken raubten uns den Ausblick, warme Schwefelwasserstoffgase den Atem; an manchen Stellen brannte uns der Boden unter den Füßen, an anderen mußten wir über gewaltige Steintrümmer uns den Weg bahnen, und das bei unausgesetztem, strömendem Regen. Erst gegen Abend, als wir das lachende, grüne Thal der Hayagawa erreicht hatten, kam die Sonne wieder zum Vorschein.
Gerade diese Verschiedenheit der Landschafts- und Kulturbilder macht Miyanoshita zu dem entzückendsten Aufenthalt, den man sich denken kann, und wäre es in Europa gelegen, es würde gewiß zu unseren besuchtesten Wallfahrtsorten der Sommertouristen zählen.
Nach mehrwöchentlichem Verweilen in dieser Bergregion des mittleren Japan brachen wir endlich, nicht ohne Bedauern, auf, um nach der alten Hauptstadt des Reiches, nach Kioto, zu fahren. Auf dem Wege dahin blieben wir noch einige Tage in dem interessanten Nagoya, das, auf der großen Eisenbahnlinie Tokio-Kioto gelegen, doch noch von europäischen Einflüssen verschont geblieben ist und neben echt japanischem Leben auch noch großartige Tempel, reichgefüllte Antiquitätenläden und vor allem sein stolzes Daimioschloß besitzt. Dieses letztere, ein mehrstöckiger Bau in Pyramidenform, wird von den berühmten zwei goldenen Delphinen gekrönt, von denen einer auf der Weltausstellung in Wien allgemeine Bewunderung erregt hat. Das alte Schloß, einst die Residenz der mächtigen Fürsten von Owari, enthält in seinem Innern nicht viel Sehenswertes mehr, denn die Zerstörungswut der Staatsbehörden, der in den ersten Jahren der gegenwärtigen Regierung so viele Herrlichkeiten des alten Japan zum Opfer gefallen sind, hat auch dieses großartige Denkmal der Feudalzeit nicht verschont. Nur in seinem Aeußern ist es so geblieben, wie es in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war.
Von Nagoya führte uns der Weg, teilweise in Rickshaws, teilweise im Eisenbahnwagen, durch die gesegneten Gefilde des ehemaligen Fürstentums Owari über Gifu an die Gestade des großen Biwasees und schließlich nach Kioto.
Kioto, die alte Hauptstadt von Japan.
Der österreichische Thronerbe Erzherzog Franz Ferdinand sagt in seinem spannenden Werke über die von ihm unternommene Weltreise mit vollem Recht: „Was dem Katholiken Rom, dem Russen Moskau, dem Mohammedaner Mekka, dem Buddhisten Kandy, das ist Kioto dem Japaner.”
Damit soll freilich nicht auch gesagt sein, daß Kioto sich irgendwie mit Kandy, Mekka, Moskau oder gar mit Rom vergleichen lasse. Wer von der alten Hauptstadt des Mikadoreiches eine Art Rom erwartet, wird bei seinem Besuche dieser Hauptstadt gründlich enttäuscht. Kioto ist keine Stadt von Palästen, von Kunstwerken, Denkmälern, Museen, von großstädtischem Leben und Reichtum, wie Moskau oder Rom. Es besitzt davon im vollen Sinne des Wortes nichts, und würde irgend einer der zahllosen Adelspaläste der ewigen Stadt, irgend eine ihrer Kirchen nach Kioto verpflanzt werden, sie würden die größten und vornehmsten Bauten dieses japanischen Rom bilden; ja ich zweifle, ob die hundertfünfzigtausend Häuser von Kioto zusammengenommen hinreichend Mauerwerk enthalten, um damit nur einen einzigen römischen Palast bauen zu können.
Kioto ist eine hölzerne Hüttenstadt, gerade so wie der Hauptsache nach Tokio, wie Nagoya, Nagasaki und alle anderen Städte des japanischen Inselreiches, nicht schöner, nicht reicher, nicht großartiger; aber es ist dennoch die interessanteste Stadt. Warum, lernt der Reisende schon nach einem Aufenthalte von mehreren Tagen kennen, besonders wenn er zuvor die anderen Städte Japans besucht hat.
Die Landkarte zur Hand. Dort, wo die größte Insel des Mikadoreiches die schmalste Stelle zeigt, beiläufig im Mittelpunkt des ganzen japanischen Archipels, liegt der malerische Biwasee, an Größe etwa den Genfersee erreichend. Westlich von diesem See liegt in einem von hohen Bergen umschlossenen Thalkessel das alte Kioto. Für eine Kaiserresidenz war die Lage gut gewählt, und thatsächlich lebten und starben hier seit beinahe einem Jahrtausend eine lange Reihe von Kaisern, ungesehen von ihrem Volke, eingeschlossen in einen von hohen Mauern umgebenen Palast aus Holz und Papier. Erst die große Revolution sprengte vor etwa fünfunddreißig Jahren die Fesseln, mit denen die allmächtigen Vizekaiser, die Schogune, ihre kaiserlichen Puppen auf dem Throne umfangen hielten. Im Triumph wurde der Kaiser, dieser Nachkomme der Sonnengöttin, nach der neuen Residenzstadt Tokio, dem alten Yeddo, geführt, Japan warf sich der europäischen Kultur in die Arme und ließ Kioto zurück, wie ein ausgekrochener Schmetterling sein dünnes, vertrocknetes Puppengehäuse zurückläßt. Der ganze Schwarm der Kuge, dieses japanischen Hofadels, der Daimios, das schmetterlingsgleiche, glänzende Gefolge des Kaiserhofes zog mit dem Mikado nach seiner neuen Hauptstadt, und statt mit einem Rom ist Kioto eher mit einer unserer verlassenen Fürstenresidenzen zu vergleichen.
Schon während der seither verflossenen drei Jahrzehnte hat es von seiner früheren Bevölkerung etwa ein Drittel eingebüßt und besitzt heute nur noch gegen dreihunderttausend Einwohner. Aber das ist nur der Anfang von seinem Ende; die gegenwärtige Hauptstadt zieht viel von dem Glanz und Reichtum, das benachbarte Osaka viel von Industrie und Handel an sich; die verarmte Bevölkerung sucht anderswo besseren Erwerb, und es wird Kioto vielleicht ähnlich, wenn auch nicht ganz so gehen wie den japanischen Kaiserresidenzen vor Kioto und wie jenen in anderen Ländern; es wird eine Stadt bleiben von historischen Erinnerungen.
Schade darum, denn die Lage dieser urjapanischen Stadt ist entzückend. Ihre schnurgeraden, nach amerikanischer Schachbrettmanier angelegten Straßen liegen zu beiden Seiten des Kamoflusses (Kamogawa) ausgebreitet, in einer weiten, ovalen Mulde von der Form eines alten, ausgebrannten Kraters. Aber an die Stelle der starren Lava sind üppige Gärten getreten, das weite, graue, einförmige Häusermeer wird hier und dort doch von schattigen Tempelhainen, von Gartenanlagen und Squares unterbrochen und von den silbernen Bändern mehrerer Flußläufe durchzogen. Die sanften Abhänge der Kioto umgebenden Berge sind mit schönen Gärten bedeckt, zwischen denen zahlreiche Klöster, Tempel, Heiligenschreine und Pagoden hervorlugen, und die Länderstriche der ferneren Umgebung sind von den üppigsten Kulturen eingenommen, denn diese zentralen Provinzen von Japan, in deren Mitte Kioto liegt, sind die fruchtbarsten des ganzen Reiches.
Auch die neue Eisenbahn von Osaka nach Kioto hat kein neues Leben in die alte Stadt gebracht, und die moderne halbeuropäische Kultur, deren Einfluß man an vielen Dingen in Tokio und anderen Städten gewahrt, hat Kioto vollständig unberührt gelassen.
Als ich, von der ganz europäischen Hafenstadt Kobe kommend, in Kioto eintrat, brachte mich ein Kuli in einem der bequemen Rollstühle, diesen japanischen Droschken, durch gerade, einsame Straßen nach einem zweistöckigen Hotel, dem Kiotohotel. Es ist heute noch das einzige europäische Gebäude der Stadt, ganz modern gehalten, wie irgend ein Hotel in Europa. Trat ich aber aus dieser abendländischen Touristenoase auf die Straße, so befand ich mich mitten im urjapanischen Leben. Unabsehbare Reihen kleiner, höchstens ein Stockwerk hoher Holzhäuschen, nach der Straßenseite weit geöffnet; hier und da Kaufläden mit Büchern, japanischen Nippsachen oder Antiquitäten, oder ein Tempel mit mehreren Thorbogen und schöngeschwungenem Dach. Die Straßen ungepflastert, aber doch sehr reinlich gehalten; bei Tage nur wenig Verkehr, am Abend schlecht erleuchtet und noch einsamer. Meilenweit auf und ab, überall dasselbe. Die vollständig in europäische Tracht gekleideten Japaner, die Männer ebensogut wie die Frauen und kleinen possierlichen Mädchen, blieben stehen, um den Fremdling mit neugierigen Blicken zu betrachten; die Kinder liefen mir nach oder bildeten einen Kreis um mich, wenn ich bei irgend einem Kaufladen anhielt. Dem äußeren Rahmen nach präsentierten sich die einzelnen Stadtviertel Kiotos wie ebensoviele Dörfer des Berner Oberlandes, die ähnliche braune, mit Veranden geschmückte Holzhäuser zeigen. Denkt man sich irgend eines dieser Stadtviertel nach der Schweiz, etwa in das Emmenthal, versetzt, so könnte es ganz gut als ein Berner Dorf gelten, nur würde das dichte Beisammenstehen der Häuser und die Regelmäßigkeit und Reinlichkeit der Straßen Verwunderung erregen.
Der Zauber von Kioto, ebenso wie der anderen Städte Japans, liegt nicht in den Aeußerlichkeiten, die mehr als bescheiden sind, sondern in dem Leben und Treiben seiner Einwohner, in Sitten, Trachten und Festlichkeiten. Ueberdies birgt das äußerlich so einförmige Straßengewirre in seinen unscheinbaren Häuschen dasjenige, was wir an der japanischen Kultur am meisten bewundern und um was wir die Japaner geradezu beneiden könnten: ihre Kunst und Kunstindustrie. Am Hofe des Kaisers und seiner Großen ist sie in früheren Jahrhunderten großgezogen worden, die Künstler standen ihr ganzes Leben lang im Solde der Fürsten, und ihr Streben war es nicht, wie jener in anderen Ländern, möglichst rasch zu Ansehen und Reichtum zu kommen, sondern Kunstwerke zu schaffen, diesen ihre Individualität aufzuprägen. Arbeitsteilung war diesen Künstlern unbekannt. Jedes ihrer Werke wurde von ihnen entworfen und vom Anfang bis zur gänzlichen Vollendung allein ausgeführt. Die Zeit, die sie dazu bedurften, war nebensächlich, und häufig ist es vorgekommen, daß Künstler an einem einzigen Kunstwerk ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben. Da kam die Revolution. Der Kaiser und die Fürsten zogen von Kioto fort, aber viele Künstler blieben in der alten Hauptstadt zurück. In den kleinen Werkstätten, die sich durch keine Schilder oder äußere Zeichen dem Fremden offenbaren, wird fleißig nach den alten Grundsätzen weitergearbeitet, nur geschieht dies jetzt nicht mehr für die bisherigen Ernährer und Förderer dieser Künstler, die Fürsten, sondern für den allgemeinen Markt. Das konservative Element ist in diesen Künstlerfamilien zu stark, und die Zeit, die seit der Revolution verstrichen ist, war zu kurz, als daß sie sich den modernen Verhältnissen hätten anpassen können, wie es leider in Tokio, in Osaka und anderen japanischen Städten der Fall ist. Dazu ist in Kioto die künstlerische Atmosphäre noch dieselbe geblieben; zahlreiche Fürsten und Große entäußerten sich ihrer Kunstschätze, als die Regierung ihre Länder und Einkünfte konfiszierte, und obschon der größte Teil dieser Kunstschätze nach dem Abendlande gewandert ist und heute in Museen und Privatsammlungen die Bewunderung aller Kenner erweckt, ist doch noch vieles gerade in Kioto zurückgeblieben, das den dortigen Künstlern zum Vorbilde und zur Grundlage für andere Kunstwerke dient. So gewährt es dem Fremden das größte Interesse, diese bescheidenen Künstlerateliers zu besuchen und zu sehen, wie die entzückenden Bronze- und Emailsachen, Porzellane, Lackwaren, Malereien, Stickereien, Brokate und Seidenstoffe aus den fertigen Händen mit so ungemein einfachen Mitteln hervorgehen. Tagelang wanderte ich von einem zum anderen; überall wurde ich mit der altjapanischen, in den Hafenstädten leider auch allzurasch schwindenden Höflichkeit aufgenommen; überall wurde mir mit großem Zeremoniell von zarten Mädchenhänden Thee vorgesetzt, und nach langer Unterhaltung ließen sich die Künstler vielleicht herbei, ihre schönsten, in Kisten auf das sorgfältigste verpackten Kunstwerke zu zeigen. Ebensogroßes Interesse gewährte es mir, in den zahllosen Antiquitäten- und Kuriositätenläden der, Mandschudschidori genannten, Straße umherzustöbern, wo sich neben ganz modernen, auf den europäischen Touristenmarkt berechneten Waren doch noch eine ganze Menge altjapanischer Kunstwerke vorfindet. Uebrigens braucht man sich in Kioto gar nicht in die verschiedenen Läden zu bemühen. Die Bevölkerung ist einesteils durch die geschilderten Umstände verarmt, anderseits hat sie mit der den Japanern eigentümlichen Findigkeit und Schlauheit den Marktwert der alten Kunstprodukte rasch herausgefunden, und teils aus Not, teils aus hochentwickelter Gewinnsucht suchen die Händler oder auch Private die abendländischen Besucher der Stadt selbst auf.
Schon bei meiner Ankunft am Bahnhofe wurden mir von einer Schar von Agenten Visitenkarten, Zirkulare, Preiskurante, Einladungen und dergleichen überreicht oder in meine Rickshaw geworfen oder in meine Gepäckstücke gesteckt. Auf meinem Zimmer fand ich derlei Adressen zu Dutzenden hinter dem Spiegel steckend oder auf dem Tische ausgebreitet, und kaum hatte ich mit meiner Toilette begonnen, so klopften der Reihe nach ein halbes Dutzend von Kellnern, Stubenmädchen, Agenten, ja selbst kleine zierliche Nesans an meine Thüre, um mir Adressen zu überreichen oder gar eine Menge von Kunstgegenständen verschiedenen Werts, in Tücher gewickelt, vorzulegen. Wollte ich ausgehen, so erwarteten mich diese ambulanten Verkäufer an jedem Treppenabsatze, an jeder Korridorecke; kam ich nach Hause, so stand schon wieder eine ganze Anzahl von ihnen mit Paketen und Rollen und Bündeln da, und ich konnte mich ihrer nicht anders entledigen, als indem ich wirklich einige der reizenden, aber dabei recht teuren Sächelchen erstand. Damit hatte ich aber nur Oel ins Feuer gegossen. Mit staunenswerter Schnelligkeit mußte sich die Nachricht von meinen Einkäufen in Kioto verbreitet haben, denn am Tage darauf wurde ich in meinem Hotel von der doppelten Zahl dieser Verkäufer belagert. Bei aller Zudringlichkeit waren sie von einer Höflichkeit und Ehrerbietung, als wäre ich ein König gewesen. Um ihre Waren kennen zu lernen, ließ ich sie mir doch im Rauchzimmer des Hotels vorlegen. Einem nach dem andern wurde Audienz erteilt. Den ersten hoffte ich los zu werden, indem ich ihm die Hälfte seiner Forderung anbot. Flugs nahm er mich beim Worte, und ohne es zu wollen, war ich um ein japanisches Kunstwerk reicher, um vierzig Mark ärmer geworden. Dem zweiten bot ich ein Viertel seines Preises, und zu meinem Schrecken wurde auch das angenommen. Dem dritten war die Summe, die ich ihm anbot, doch zu gering. Damit hatte ich nun mein Mittelchen gefunden. Ich bot den anderen ein Zehntel ihres Preises, und das schreckte sie derart ab, daß sie mich schließlich nicht weiter belästigten.
In den Kaufläden selbst ließen sich die Händler selten etwas herunterhandeln, besonders in den großen Seiden-, Brokat-, Samt- und Bronzeläden, welche die wichtigsten und schönsten Produkte der Kunstindustrie von Kioto enthalten. Ueberall die größte Höflichkeit, überall Thee, überall warfen sich die Verkäuferinnen vor mir nieder, aber sie blieben fest bei ihren Preisen, die in der Regel das Doppelte von dem betrugen, was den eingeborenen Japanern abgefordert wird. Hier ein ergötzliches Beispiel dieser Beutelschneiderei, der man in Japan überall ausgesetzt ist: Auf meinem ersten Spaziergange nach meiner Landung in Yokohama fand ich in einem Curio Shop (Kuriositätenladen) ein reizendes Glockenspiel, das in ähnlichen Läden in Paris zu fünfzig Francs feilgeboten wird, mit zwanzig Mark bezeichnet. Natürlich erwarb ich es sofort, ohne zu handeln. In Tokio wurde mir dasselbe Kunstwerk um fünfzehn Mark angeboten, und da es wirklich hübsch war, kaufte ich auch dieses Exemplar. Zu meiner Ueberraschung wickelte einer der Händler, die mich in Kioto bestürmten, einmal noch ein solches Glockenspiel aus seinem Bündel. Ich bot ihm die Hälfte meines letzten Kaufpreises, also siebeneinhalb Mark, und ohne ein weiteres Wort war der Handel abgeschlossen. Als ich eine Woche später nach dem Birmingham von Japan, nach Osaka, kam, besuchte ich auch das dortige Gewerbemuseum, und eines der ersten Objekte, das mir auffiel, war mein Glockenspiel. Preis zwei Mark. Nun kaufte ich dieses erst recht und noch ein zweites dazu, denn mit solchen Geschenken, die in Paris einen Kaufpreis von fünfzig Francs besitzen, konnte ich doch nach meiner Rückkehr bei meinen Freunden Effekt machen. Hoffentlich liest keiner von ihnen dieses Bekenntnis.
Eine Kaiserstadt wie Kioto, welche in ihren (Holz- und Papier-) Mauern eine Reihe von fünfzig Kaisern beherbergt hat und beinahe ein Jahrtausend lang die Hauptstadt von Japan gewesen ist, mußte doch noch die Paläste dieser Kaiser und seines hohen Adels haben, wenn auch diese selbst vor einigen Jahrzehnten fortgezogen sind. In Nagoya, in Fukuyama, in Okayama hatte ich die großen, ungemein malerischen Burgen der alten Landesherren bewundert, welche die modernisierten Vandalen trotz ihrer blinden Zerstörungswut gegen alles Altjapanische noch haben stehen lassen: pyramidenförmige, mehrstöckige Pagoden, umgeben von gewaltigen Ringmauern und Gräben. Wie herrlich mußten also die Paläste der Kaiser selbst sein! In Tokio wird auch viel Wesens davon gemacht, und die Erlaubnis zum Besuche der Kaiserschlösser von Kioto mußte ich mir durch die Gesandtschaft bei der Regierung selbst erwirken. Mit diesen Besuchspässen in japanischer Schrift, reich mit viereckigen roten Stempeln versehen, fuhr ich eines Tages zunächst nach dem im Nordosten von Kioto gelegenen, Goscho genannten Kaiserpalast. Eine hohe Mauer mit sechs Thoren schließt denselben gegen die Außenwelt ab. Durch das Mi-Daidokoro Gamon, d. h. „das Thor der erhabenen Küche”, tretend, befand ich mich in einem öden, weiten Hofe, auf dem sich noch vor dreißig Jahren die Paläste der Kuge, d. h. der mit dem Kaiserhause verwandten Fürsten, befunden haben. Sie fielen der „Revolution von oben” zum Opfer. Ein Hofbediensteter empfing mich unter tiefen Bücklingen und führte mich in ein Bureau, wo mein Besuchspaß durchgesehen und mein Name in ein Buch eingetragen wurde. Hierauf begaben wir uns durch große, mit Bäumen bepflanzte Höfe zu einem kahlen, ebenerdigen, mit breiten Veranden umgebenen Gebäude, in dem ich die „erhabene Küche” oder die Wohnungen der Dienerschaft vermutete. Es war aber der Kaiserpalast selbst. Ich mußte meine Beschuhung mit weichen Hausschuhen vertauschen, deren Sohlen aus einem Stück Seidensamt bestanden, eine Vorsicht, die ich begreiflich fand, als ich die wie ein Pianodeckel polierten oder mit den zartesten Strohmatten bedeckten Fußböden der Korridore und Wohnräume betrat. Mit einer gewissen Ehrfurcht durchschritt ich die weiten Korridore, deren Wände aus gehobelten Holzrahmen, mit weißem Papier überzogen, bestanden, denn ich war ja im Begriff, die Empfangs- und Thronsäle der ältesten Kaiserdynastie der Welt zu betreten. Welche Schätze, welch erhabene Kunstwerke mochten hier in dem vornehmsten Palaste dieses Landes der Kunst aufgespeichert sein, wie freute ich mich auf die mir bevorstehende Augenweide! Mein Führer schob eine Papierwand zurück und hieß mich eintreten. Ein weiter, niedriger Raum mit einer etwa kniehohen Estrade an einem Ende. Auf der Estrade erhob sich ein niedriges Zelt aus vergilbter, weißer Seide, mit schwarzen Bändern behängt. Sonst war nicht das geringste Möbel zu sehen. Mit leisen Worten teilte mir der Führer mit, dies sei der Thronsaal und das Zelt der Thron des Kaisers. Wieder wurde eine Papierwand beiseitegeschoben, ein zweiter papierener Raum ohne irgend welche Einrichtung, der Empfangssaal; ein dritter Papierraum ohne Möbel, das Speisezimmer; ein vierter das Schlafzimmer; nichts als Papierwände, weiche, geflochtene Fußbodenmatten und sehr schön geschnitzte, reich bemalte Holzdecken. Voilà tout. So gab es etwa dreißig, vierzig derartige Räume, nur zeigten manche von ihnen künstlerische Wandmalereien, Bäume und allerhand Tiere mit viel Geschmack und Genauigkeit gemalt, sonst aber kein Bett, keinen Tisch, keine Vase oder Bronze, keine Blume. In einem Saale waren die Wände mit Malereien bedeckt, die Fächer darstellten, alle von solchem Geschmack, solcher Harmonie der Farben und Formen, daß ich mich kaum davon trennen konnte. Aehnliche Gefühle wie die, welche mich jetzt bewegten, hatte ich empfunden, als ich in Sakkara und Biban el Meluk in Aegypten die Königsgräber besuchte. Auch dort sind die leeren Räume mit ähnlich frischen Wandmalereien geschmückt. Aber wie dort, so schien es mir auch hier, als lägen Jahrtausende zwischen den Menschen, die zur Zeit ihrer Erbauung gelebt haben, und der Gegenwart. Und ist nicht auch dieser Papierpalast ein Königsgrab? Ist er nicht das Grab des alten Japan, das unvergleichlich viel anziehender, interessanter, malerischer war in seinen Menschen und ihrer Kultur als das nach europäischer Art gestiefelte und gespornte Japan von heute? Schöner, großartiger, individueller ist der nicht weit vom Kaiserpalast gelegene Palast der Schogune, Nidscho genannt. Die militärische Macht dieser einstigen Vicekönige äußert sich noch heute durch die festen Mauern mit pagodenartigen Ecktürmen, die ihn umgeben. Das Reisehandbuch nennt den Nidschopalast einen Traum von goldener Schönheit, womit wahrscheinlich die reichen Vergoldungen der Decken und Tragbalken der einzelnen Räume gemeint sind. Die Räume sind größer und höher, die Malereien kräftiger und kühner, einzelne in der That von besonderer Schönheit. Das Ganze zeigt größeren Reichtum, größere Vornehmheit. Geradezu blendend ist der goldstrotzende Audienzsaal der Schogune, und leicht konnte ich mir im Geiste das imposante Bild vergegenwärtigen, als diese nun in Staub liegenden großen Herren die in den prächtigsten Kostümen prangenden Feudalfürsten des Landes empfingen, ein Bild, das in solchem Glanz und solcher Fremdartigkeit wohl nirgends erreicht worden ist. Aber wo ist das alles heute? An einem Tage wurde es fortdekretiert, und nichts ist davon übrig geblieben als dieser Schogunpalast, die trotz ihrer Leere immer noch imponierende Hülle.
Viel interessanter als diese beiden Paläste sind die zahllosen Buddha- und Shintotempel, welche Kioto beherbergt, nicht weniger als dreitausend an der Zahl mit achttausend Priestern. In dieser Hinsicht ist Kioto wirklich ein Rom, ja es hat sogar seinen Papst in der Person des Großbonzen der Schinsekte, dessen Haupttempel der prächtige Higaschi-Hongwanschi ist. Tage verbrachte ich mit dem Besuche der verschiedenen Tempel, mit ihren Tausenden und Abertausenden von Buddhastatuen groß und klein, mit ihren bronzenen Göttern und Göttinnen, ihren Opferschreinen und habgierigen, recht unheiligen Priestern. Selten traf ich in diesen Tempeln andächtige Männer; die Hauptbesucher waren Frauen, und wie opferwillig diese den Göttern gegenüber noch heute sind, sah ich bei dem Bau des vorerwähnten Higaschi-Hongwanschi.
Zahlreiche Arbeiter waren noch mit der Fertigstellung dieses Riesengebäudes, eines der größten von Japan, beschäftigt, und in einer Ecke des Bauhofes lagen zwei mannshohe Rollen von armdicken schwarzen Tauen. Als ich näher trat, bemerkte ich, daß sie aus Haaren geflochten waren. Mein Führer erzählte mir nun, daß die gewöhnlichen Taue durchwegs zu schwach waren, um die ungeheuren Dachbalken dieses mächtigen Baues beim Emporziehen zu tragen, und ihr Reißen hatte mehrere Unglücksfälle zur Folge. Da weissagte ein Priester, daß nur Taue aus Frauenhaaren stark genug sein würden, die Arbeit zu ermöglichen. Und siehe, Tausende von Frauen opferten ihren Haarwuchs, mehr als erforderlich war. Wo gäbe es im Abendlande Frauen, die sich zu einem solchen Opfer entschließen würden? Hat es nicht seine Berechtigung, wenn alle Reisenden das Lob der Japanerinnen singen?
Mehr als irgendwo lernt man in den Tempeln von Kioto das innere Leben der Japaner kennen, ihre Geistesrichtung, ihren Aberglauben. Dabei enthalten sie aber auch ungezählte Merkwürdigkeiten, deren bloße Anführung allein schon ein Buch füllen würde. Und wie am Tage die Tempel, so gewähren zur Nachtzeit die zahllosen Theehäuser des Gion einen tiefen Einblick in die Sitten der Japaner. Gion ist das Quartier der Leichtlebigkeit, oder soll man sagen Leichtliebigkeit? Die Theehäuser sind ihrem Aeußeren nach bei weitem nicht so groß, reich und einladend wie die Yoshiwara von Tokio oder Yokohama, ärmliche, niedrige Häuschen, vor deren Thüren abends große weiße Papierlaternen mit recht verfänglichen Inschriften brennen. Aber im Innern geht es dafür desto toller zu. Aber auch im Freien kann man dieses eigentümlich muntere, lose Treiben kennen lernen, besonders im Sommer, wenn der Kamogawa ausgetrocknet ist und das Völkchen von Kioto es sich in dem weiten steinigen Flußbette bequem macht. Oder an den zahllosen Festtagen des Jahres, wenn die ganze Bevölkerung mit buntem Festschmuck in den Straßen ist. Dann erst sieht man, daß Kioto noch lebt und daß die Bevölkerung ebenso sorglos, ebenso urjapanisch ist wie zur Zeit der Schogune.
Daimondschi, das japanische Totenfest.
Japan ist das Land der Feste, wie kein zweites auf Erden. In jeder Woche finden in diesem gesegneten Inselreiche des fernen Ostens Festlichkeiten statt, nicht nur solche, wie wir sie haben: Neujahr, Kaisers Geburtstag und dergleichen, sondern Blumenfeste, Kinderfeste, Erntefeste, Fluß- und Waldfeste, vor allem aber religiöse Feste ohne Zahl. Die ganze Bevölkerung, hoch und niedrig, beteiligt sich daran. Die Häuser, Straßen, Gärten, Plätze und Tempel sind im Festschmuck, ebenso wie das Volk, das mit Kind und Kegel hinauszieht ins Freie. Landet ein Fremder an solchen Festtagen in Japan, er könnte sich auf irgend einem anderen Planeten denken, so fremd, so eigenartig sind die ungemein lebhaften, farbenreichen Bilder, die sich ihm überall darbieten, heute noch gerade so wie vor Jahrhunderten, denn was von der europäischen Kultur an Aeußerlichkeiten in Japan angenommen wurde, beschränkt sich auf die kleinsten Kreise und spielt in dem großen, alles beherrschenden Volksleben gar keine Rolle.
Am zahlreichsten sind im japanischen Kalender, wie schon gesagt, die religiösen Festlichkeiten, solche der Buddha- und Shintoreligion, ohne daß sich das niedere Volk in seiner Unwissenheit und dabei auch Gleichgültigkeit in religiösen Dingen eine Vorstellung von der eigentlichen Bedeutung dieser Feste macht. Genug, daß es ein Matsuri, ein Fest ist, und Gelegenheit bietet, sich zu unterhalten, den Tag über im Freien zuzubringen, die schönsten Kleider anzulegen, mit Verwandten und Bekannten zu zechen.
Nur eines dieser Feste wird vom Volke im ganzen Lande verstanden, das Fest der Toten, oder wie wir es nennen würden, Allerseelen.
Wohl ist von der modernen Staatsregierung in Japan offiziell wieder die altangestammte Religion der Japaner, der Shintoismus, im Lande eingeführt worden, aber das Volk steckt doch noch ganz im buddhistischen Glauben, der viele Jahrhunderte lang bis zur gegenwärtigen Restauration der herrschende war. Nach diesem Glauben kommen im August jeden Jahres die Seelen der Verstorbenen für drei Tage wieder auf die Erde, besuchen ihre Familien, Heimstätten und Lieblingsplätze, um am Abend des dritten Tages wieder ins Jenseits zurückzukehren.
Diese Geister müssen nach der Meinung des Volkes festlich bewirtet werden, und deshalb wird das Totenfest im ganzen Lande wie kein zweites gefeiert, besonders in der alten Hauptstadt Kioto.
Als ich Mitte August von einer längeren Reise wieder nach Kioto zurückkehrte, zeigte sich mir diese sonst verhältnismäßig einförmige Stadt in geradezu feenhafter Farbenpracht. Straßen auf, Straßen ab, nichts als bunte Fahnen, Flaggen, Festons; an den Häuserfronten in meilenlangen Reihen bunte Lampions in jeder Größe und Form, auf jeder Hausterrasse Blumen, Reisig, Papierguirlanden, besonders reich an solchen Häusern, in denen sich im abgelaufenen Jahre ein Todesfall ereignet hatte.
Blickte ich in diese dünnen Holzhäuschen mit zurückgeschobenen Papierwänden, dann sah ich vor den kleinen Familienaltären, welche dem Andenken der Toten geweiht sind, glimmende Weihrauchkerzen, deren leichter Rauch sich in dünnen Fäden emporschlängelte, und zwischen ihnen kleine Porzellanschälchen mit Reis und Reiswein, als Speise und Trank für die Toten. In den vornehmsten Yaschiki (Palästen) der Großen wie in den ärmsten Hütten, im Hintergrunde der Kaufläden, in Werkstätten, überall werden die Seelen der Verstorbenen auf diese seltsame Weise bewirtet, ohne daß dabei von Andacht oder Trauer etwas wahrzunehmen wäre. In den Straßen drängten sich die Menschen in ihren malerischen langen Festkleidern: Männer in dunklen, schlafrockartigen Kimonos, Frauen mit bunten Sonnenschirmen und Fächern, Mädchen mit hellfarbigen Kleidern und roten Unterröcken, alle gepudert und geschminkt, daß ihre Gesichter wie Puppenlarven aussahen; kleine putzige Kinderchen tummelten sich in großer Zahl zwischen den Erwachsenen herum, womöglich noch bunter gekleidet als die letzteren.
Wenn immer ich in meinem zweiräderigen Wägelchen, der Rickshaw, sitzend um irgend eine Ecke bog und in eine neue Straße einlenkte, dann bot dieselbe in ihrer Gesamtheit ein seltsam prächtiges Bild dar. Die Sonnenstrahlen leuchteten auf diesen Unmassen von roten, gelben, blauen, grünen Sonnenschirmen, auf diesen Tausenden von ebenso bunten Schlafröcken, die sich auf- und abbewegten, spielten auf den Blumensträußen und Fächern, die sich in unzähligen Händen befanden. Diese farbenreiche Menschenmenge wogte zwischen den bunten Häuserreihen einher, wie ein ungeheures Blumenbeet in Bewegung. Und fuhr ich dann mitten durch dieses Gewühl, dann bemerkte ich nur fröhliche Gesichter; die Alten blickten vergnügt umher, die Mädchen, diese lieben kleinen, reizenden Musmis, kicherten, die putzigen Kinder lachten, sprangen und tanzten, als gälte es irgend ein besonderes Freudenfest zu feiern, nicht ein Trauerfest für die Toten.
Das Ziel der meisten waren die Friedhöfe. Dort zwischen den langen Reihen von gleichförmigen niederen Grabsteinen standen bei jedem einzelnen Grabe Bambusstöcke, in deren Oeffnungen frische Blumen steckten. Die fröhliche Menge zeigte nicht die geringste Ehrfurcht oder Scheu vor den letzten Ruhestätten ihrer Toten. Lachend und scherzend stiegen sie über diese hinweg, erneuerten hier und dort die Blumen, banden bunte Lampions an die Stöcke oder stellten Oellämpchen auf die Grabsteine, denn heute Abend, dem dritten des Totenfestes, sollten die Seelen der Verstorbenen wieder zurückgeleuchtet werden in das dunkle Jenseits.
Kaum brach die Dämmerung an, so leuchtete es auf den Friedhöfen wie in den Straßen und Häusern überall auf, anfänglich nur schwach, später in grellen Farben. Hunderttausende von Papierlampions brannten längs der Häuser, die mit ihren Papierwänden im Grunde genommen selbst wie ungeheure Lampions erschienen. Dazu kamen die Lampions, welche die Menschen in den Straßen umhertrugen, auf langen Stöcken über ihren Köpfen, oder in den Händen, oder zu beiden Seiten der geräuschlos umherrollenden zahlreichen Handwägelchen. Das ganze Gewühl hatte etwas Seltsames, Phantastisches an sich: die Abwesenheit von Wagen und Pferden in den Straßen, das eigentümliche Geräusch der auf dem Straßenboden einherschlürfenden Holzpantoffeln, die von den roten oder blauen oder gelben Lampions in dieselben Farben getauchten Gestalten mit den fremdartigen Gesichtszügen, die weißen, bemalten Larvengesichter der Frauen: es schien mir, als wären all diese Wesen die Verkörperung jener Seelen, welche, aus dem Jenseits herabgekommen, heute noch in Kioto weilten, auf der Rückwanderung begriffen nach ihrem unbekannten Seelenheim, nach dem Nirwana, als wäre Kioto aus einer Stadt von Lebenden heute in eine Stadt der Geister ihrer Vorfahren verwandelt.
Ich fühlte mich beinahe unheimlich inmitten dieser Tausende und Abertausende, unter denen ich der einzige Europäer war, und ich ließ mich nach dem Kiotohotel zurückführen, um von den Fenstern meines im obersten Stockwerk gelegenen Zimmers den Gesamteindruck der Stadt zu genießen. Als ich dort eintrat, gewahrte ich auf dem schwarzen Felsen, der sich wie ein Turm im Osten der Stadt hinter Maruyama erhebt, einen Lichtschein. Wie die Flamme einer ungeheuren Fackel schwankte der ferne Lichtschein den steilen Abhang des Daimondschiyama entlang; dann erschien ein zweiter, ein dritter, dann Dutzende und Dutzende, bald hier, bald dort, Irrlichtern gleich, gespensterhaft, hoch empor, wie leuchtende Flammenwege, die ins Jenseits führen. All diese Flammen, flackernd, vom Winde bewegt, bald erlöschend, bald wieder aufleuchtend, verbanden sich allmählich zu Linien, die einander begegneten, einander kreuzten, und schließlich stand das chinesische Schriftzeichen Dai, einem verschlungenen ~A~ nicht unähnlich, in ungeheuren Flammenlinien auf dem hohen Berge.
Und während sich dort diese Flammenschrift formte, erstrahlten auf diesem und jenem Berge in der Dunkelheit andere Riesenflammen, nicht willkürlich und formlos, sondern bestimmte Umrisse annehmend, Linien, wie erstarrte Blitze, Dschunken, Pagoden, Schriftzeichen, Thorbogen und dergleichen. Ganz im Westen, wahrscheinlich auf den schwarzen Flanken des Araschiyama, erschien ein derartiger japanischer Thorbogen, ein Torii, wie ihn die Japaner nennen, von ganz ungeheuren Dimensionen, mit turmhohen brennenden Pfeilern und Querbalken, so lang wie Brücken. Wohin ich mich auch wenden mochte, gigantische, gespensterhafte Feuerzeichen überall, auf allen Höhen rings um die tief in einem weiten Thalkessel lagernde Stadt, und in den Straßen dieser letzteren selbst Myriaden bunter Lichter in langen Linien, mit anderen, die dazwischen einherjagten, als wären es wirklich die Seelen der Verstorbenen, die jenen flammenden Himmelszeichen, jenem feurigen Thorbogen zueilten. Darüber die finstere, kohlschwarze, sternenlose Nacht.
Als sich mein Auge an dieses seltsame Meer von Flammen und Lichtern gewöhnt hatte, bemerkte ich erst, daß ringsum auf den Hausdächern, auf Tempeln und Pagoden dunkle, schweigsame Gestalten standen, wie die sterblichen Hüllen jener irrlichtgleichen Seelen, die dort unten in den Straßen weilten. Als aber erst das große Flammenthor in seinen ganzen Umrissen brannte, als das Dai-Zeichen riesengroß durch die Nacht leuchtete, da erhob sich von diesen Gestalten auf den Dächern, den Bewunderern des feenhaften, höllischen Schauspiels, lautes Jubelgeschrei, das sich in den Straßen unten fortpflanzte, der Enthusiasmus der lebhaften, leicht beweglichen Volksmengen war entfacht und machte sich durch donnernde Rufe Luft.
Nach einer halben Stunde begannen die vielen Feuerscheine zu verblassen, allmählich zu erlöschen, die langen Reihen zerfielen wieder in einzelne Flammen, aus dem hellen Leuchten wurde dunkelrote Glut, wie die an Vulkanseiten hängende Lava, und dann erlosch auch diese, nur hier und da kleine Flämmchen, kleine flackernde, im dichten Rauch leuchtende Pünktchen zurücklassend, als wären die Heerscharen des Jenseits nunmehr zurückgekehrt und hätten nur noch einzelne Verspätete auf dem Wege zurückgelassen.
Dann ward es wieder dunkle Nacht, aber noch für lange nachher blieben diese glühenden Zeichen in meinen Augen, wie man das Bild der Sonnenscheibe, in die man geblickt, noch weiter sieht, selbst wenn man das Auge schließt.
Fürwahr, die feisten, faulen, spekulativen Buddhistenpriester kennen ihr Volk und verstehen es, das Interesse an ihrem Tempelzauber im Volke lebendig zu erhalten. Jahrhunderte hindurch haben die Mönche der Klöster auf den Kioto umgebenden Bergen die einfache, harmlose Bevölkerung ihrer Dörfer zu bewegen vermocht, das ganze Jahr über Holz zusammenzutragen und es auf den Berghängen in die bestimmten Linien jeder Flammenfigur niederzulegen. Welche Holzmassen herbeigeschleppt werden müssen, geht schon daraus hervor, daß jede der längeren Linien des Schriftzeichens Dai sich über eine Strecke von zweidrittel Kilometer hinzieht.
Ich stieg nun wieder in das Straßengewirr herab und folgte dem bewegten Menschenstrom, der sich dem breiten Bett des Kamogawa zuwälzte. Der Kamogawa, in der trockenen Jahreszeit nur ein wasserloses, steiniges Flußbett mitten im Herzen von Kioto, ist der eigentliche Hauptplatz der Stadt, der Mittelpunkt des geselligen Verkehrs und der Vergnügungen. Diesmal zog sich in seiner Mitte noch ein ziemlich beträchtlicher Wasserstreifen hin, so daß sich die fröhlichen Volksmassen den Vergnügungen zu Wasser und zu Lande hingeben konnten. Als ich aus der langen, menschenerfüllten Sandschoristraße heraus und auf die große Kamogawabrücke kam, blieb ich, geblendet von dem Anblick des Flußbettes, unwillkürlich stehen. Es erschien mir wie ein ungeheurer Ballsaal, in welchem eben ein tolles Maskenfest gefeiert wurde, lebhafter, farbenreicher, glänzender, großartiger als jene des Abendlandes zur Zeit des Karnevals. An den beiderseitigen Flußufern zogen sich fast ununterbrochene Reihen von Theehäusern, Restaurants, Schaubuden, Theatern hin, alle nach der Flußseite mehr oder weniger offen und von zahllosen farbigen Lampions erleuchtet. Derartige Buden waren auch im Flußbett selbst errichtet, fast bedeckt mit Lampions, und zwischen diesen Buden und jenen der Ufer spannten sich Bögen von Lampions; Lampionketten zogen sich auf dem Wasserlauf selbst entlang, umkränzten die offenen Bühnen der Tänzerinnen, Schauspieler und Zauberkünstler, baumelten auf den zahlreichen Vergnügungsbooten im Flusse, oder bewegten sich, getragen von den Spaziergängern, zwischen der Budenstadt auf und ab, Leben, Farbe, Licht, Bewegung, Gelächter, Gesang, Musik überall, und das einen Kilometer weit stromauf und -abwärts. Aber das war nicht alles. Langsam schritt ich über die Brücke und gelangte nun in die eigentliche Vergnügungsstraße der „heiligen” Stadt der Japaner, nach der Teramadschidori, in der jedes Haus nur dem Vergnügen gewidmet ist. Die Straße ist mit Bambusmatten, über Gerüste ausgebreitet, eingedeckt, und von dieser Decke, ebenso wie von den einzelnen Häusern hängen so zahlreiche Petroleumlampen, Glas- und Papierlampions, daß die Straße gewöhnlich taghell erleuchtet ist. Große Transparente preisen die Vorstellungen der Theater, der Geishamädchen, Sängerinnen, Tänzerinnen an und locken schon zu gewöhnlichen Zeiten das leichtlebige Volk von Kioto scharenweise herbei. Wie erst heute am Bon Matsuri, am Seelenfeste! Jeder Raum, jedes Theehaus, jedes Plätzchen im Flußbett selbst war mit fröhlichen Menschen gefüllt, die sich gütlich thaten und dabei den Darstellungen der Künstler lauschten. Keine Stadt Japans hat so schöne Geishamädchen, so ausgezeichnete Tänzerinnen, so fertige Akrobaten und Zauberkünstler; und sie alle, Tausende an der Zahl, gaben heute das Beste, das sie vermochten. Die Japaner sind Freunde von Picknicks; einzelne Familien hatten sich zusammengethan, um den Abend unter freiem Himmel im Flußbett drunten zu verleben, sie hatten Geishamädchen angeworben, um für sie zu musizieren und zu tanzen. Ueberall gab es heute derartige malerische Gruppen. Im Kreise kauerten die Familien mit ihren festlich geschmückten Kindern (selbst die kleinsten müssen bei solchen Gelegenheiten dabei sein) auf dem Boden, aßen mit ihren Eßstäbchen Süßigkeiten, Reiskuchen und eingemachte Früchte, tranken dazu Sake (Reiswein) oder rauchten ihre winzigen Pfeifchen; zwischen ihnen hockten blutjunge, phantastisch geputzte kleine Mädchen mit der japanischen Guitarre, Flöte und Trommel, und während sie musizierten, tanzten die berühmten Geishas von Kioto den Bonodori, einen religiösen, hauptsächlich in Posen und Körperschwenkungen bestehenden Tanz, der buddhistischen Ursprungs sein soll. Solche Bilder wiederholten sich im Flußbette unzähligemale, hier und dort tanzten auch die Zuseher, einen Kreis bildend, mit den Geishamädchen um die Wette. Ueberall Gesang, überall Guitarregeklimper, Trommelschlag, Gläserklang, Gelächter, Bewegung.
Die reizenden japanischen Mädchen in ihren malerischen Festgewändern, Schmetterlinge und Blumen im Haare, promenierten dazwischen Arm in Arm, auf und nieder, scherzten mit den Bekannten, bewarfen die auf dem Fluß einherziehenden Boote mit Blumen; Kinder umringten die ambulanten Verkäufer von Süßigkeiten, bewunderten die Fertigkeit der Taschenspieler und lachten über die mitunter recht obscönen Scherze der Märchenerzähler. Unter all diesen Zehntausenden befand sich nicht ein einziger Europäer, nicht einmal ein europäisch gekleideter Japaner, es war ein urjapanisches, urheidnisches Fest, und wer Gelegenheit gehabt hat, dieses oder irgend ein anderes Fest, selbst in den für Europäer offenen Städten Japans mit anzusehen, der wird von der vermeintlichen „europäischen” Kultur der Japaner einen sonderbaren Begriff bekommen. Steckt die europäische Kultur etwa allein in Eisenbahnen und Kanonen? Gehören nicht auch das Christentum und die Moral dazu?
Aber unter all den Japanern, die sich auf dem breiten Flußbette des Kamogawa gütlich thaten, befand sich wohl kein einziger Christ, von der Moral gar nicht zu sprechen. Wohl waren die losen, leichtfertigen Geishamädchen von ihren bemalten hübschen Köpfchen an bis zu den Fußspitzen bekleidet, aber in ihren Tänzen trieben sie mitunter die Unmoralität auf das äußerste, vor den Augen ganzer Familien, vor den Augen junger Mädchen, vor Kindern! Und diese blickten naiv, aufmerksam über jede Obscönität lächelnd auf solche Darstellungen! Es steckt in diesem merkwürdigen Volk doch noch ein gutes Stück Barbarentums, und so schön, so malerisch und glänzend ihre Festlichkeiten auch sein mögen, so sehr auch Europäer davon geblendet werden, es kommt doch dabei die ungeheure Kluft zum Vorschein, die uns christliche Bewohner des Abendlandes von diesen heidnischen Orientalen heute und noch auf lange Zeit hinaus trennt.
Japanische Musmis.
Lustige Weiber in der That! Lustig und dabei neckisch, kokett, hübsch und zärtlich, reizende Wesen, wie geschaffen, dem Manne das Leben zu versüßen. Fragt man einen Weltfahrer, welches Land ihm vor allen am besten gefallen hat, so wird er gewiß zur Antwort geben: Japan; und fragt man ihn, was ihm in Japan am besten gefallen hat, so ist die gewöhnliche Auskunft: die Japanerinnen.
Das beste dabei ist, daß er in neun Fällen unter zehn die wirklichen Japanerinnen gar nicht kennen gelernt, vielleicht gar nicht gesehen hat. Wie die Frauen der besseren Stände bei den meisten orientalischen Völkern, so bleiben diese auch in Japan dem öffentlichen Leben fern; selten erscheinen sie auf der Straße, selten bei gesellschaftlichen Anlässen, und jene, mit denen der Europäer in Japan in Berührung kommt, sind höchstens die Frauen der Minister, des Adels und der Hofwürdenträger; aber diese haben in den meisten Fällen dem alten Japan Adieu gesagt und sich dem neuen europäisierten Japan angeschlossen, prangen in Federhüten, Miedern und Stöckelschuhen, sprechen fremde Sprachen und tanzen Walzer und Quadrille. Der Europäer, der Japan bereist, und mag er sich auch Jahre in diesem herrlichen Lande aufhalten, lernt gewöhnlich nur die Frauen aus dem Volke kennen, die Verkäuferinnen und Ladenmädchen, die Wirtinnen und Kellnerinnen in den Theehäusern, die Sängerinnen, Tänzerinnen und andere. Wird er von irgend einem Japaner der besseren Stände zum Diner oder Thee geladen, so geschieht dies in der Regel nicht in dem Wohnhause des Japaners, sondern in irgend einem Theehause, und an die Stelle der Hausfrau mit ihren Töchtern treten Mädchen, die um so und soviel die Stunde gemietet werden, um den Gästen die Honneurs zu machen und durch Witz, Munterkeit, Gesang und Tanz die Zeit zu vertreiben. Die Japanerinnen sollten diesen kleinen, zierlichen Demoiselles zu Dank verpflichtet sein, denn wer weiß, ob sich die Frauenwelt von Dai-Nipon in Europa eines so liebenswürdigen Rufes erfreuen würde, wenn sie dem reisenden Europäer in allen ihren Ständen und Gesellschaftsklassen gerade so zugänglich wäre wie jene von, sagen wir, Amerika. Vielleicht wäre dieser Ruf auch nicht so, wie er ist, wenn die Japaner es den Europäern gleichthun und zu den Verrichtungen in Kaufläden, in Hotels und Theehäusern Damen von gesetztem Alter, ehrbare, gesittete Hausfrauen, ungeschlachte Dienstboten aus den Dörfern herbeiziehen würden. Was dem europäischen Reisenden in den ihm offenstehenden Lokalen entgegentritt, sind durchwegs niedliche, junge Mädchen im Alter von zehn bis siebzehn, höchstens zwanzig Jahren, so zart und hübsch und appetitlich wie Meißner Porzellanfigürchen, denen die gütige Vorsehung Seele und Leben eingeflößt hat. Ganz Japan sieht in seinen Provinzhotels und Theehäusern aus wie ein großes Mädchenpensionat, und es müßte schon ein ganz verzweifelt hoffnungsloses Exemplar von vertrocknetem Gelehrten sein, das in so reizend schäkernder, naiv spielender Umgebung nicht außer Rand und Band geriete. Kommt man da in irgend ein Provinzialhotel, so trippeln geschäftig drei, vier, fünf kleine possierliche Jüngferchen herbei und werfen sich vor dem Fremdling nieder. Mit unnachahmlicher Grazie sinken sie auf ihre Knie, legen ihre Körperchen zurück, so daß sie auf ihren Waden sitzen, und machen dann ihre Verbeugung so tief, daß sie mit ihrem Näschen beinahe den Boden berühren. Welch beneidenswerte Gelenkigkeit! Dann raffen sie sich wieder auf, nehmen dem Gaste mit reizendem Lächeln seine Gepäckstücke und Siebensachen ab und rücken ein weiches Kissen zurecht, auf dem er Platz nehmen muß. Flink wirft sich wieder ein Jüngferchen vor seine Füße auf den Boden und löst ihm die Schuhe von den Füßen. Man ist ganz beschämt. Solch zarte winzige Händchen und so schwere, plumpe, schmutzige Stiefeln! Aber da hilft kein Sträuben. Kichernd und schelmisch führen sie dann den Fremden auf die glänzenden, blank geputzten Matten oder auf einem Holzfußboden, so schön wie ein Klavierdeckel, weiter, schieben einige Holzrahmen mit weißem Papier überspannt zu einem Viereck zusammen, so daß ein Kämmerchen daraus entsteht, und man ist auf seinem Zimmer. Natürlich keine Thüre, keine Nummer, kein Schloß und Riegel, keine Fenster. Die spanischen Wände werden alle Augenblicke von den kleinen, stets lächelnden Mädchen auseinandergeschoben. Fräulein Sonnenschein trägt einen Kimono, dieses bequeme Universalkleidungsstück Japans, Fräulein Mohnblüte bereitet das Nachtlager, Fräulein Frühling richtet das Bad zurecht und hilft einem beim Auskleiden. Nein, so eine Naivität! Odysseus ist auf seiner Insel nicht so herrlich aufgehoben gewesen wie der Reisende in Japan. Man dünkt sich wie der einzige Mann in einem Reiche voll hübscher, junger Frauen. Ist man nach dem Bade in seinen Kimono geschlüpft, so wird die ehrenwerte Mahlzeit aufgetragen. Ein Fräulein trägt den ehrenwerten Tobakomon mit dem Hibatschi herbei, d. h. ein Kästchen mit glimmender Kohle und einem Aschenbecher, denn es wird vorausgesetzt, daß jedermann Raucher ist. Dann wird ein winziges, niedriges Tischchen herbeigetragen mit allerhand japanischen Leckerbissen und dem unfehlbaren Tscha, d. h. Thee. Tische, Stühle, Fauteuils nach unserer Art sind natürlich nicht vorhanden; dafür giebt es schwellende Kissen auf dem Boden, und man muß lernen auf seinen Waden zu hocken. Geräuschlos schlüpfen die kleinen Musmis aus und ein, richten die blendend weißen Eßstäbchen zurecht, gießen aus Porzellanflaschen warmen Reiswein in die Schalen und machen sich in jeder erdenklichen Art nützlich. Man kann nichts thun, ohne eine Musmi an seiner Seite zu haben, selbst in dringenden Fällen, wo man allein sein will. Sie sind wie Peter Schlemihls Schatten fortwährend auf unseren Fersen. Ob man ehrenwerte Musik hören will? Natürlich. Arigato, danke. Sofort treten ein paar kleine liebliche Mädchen vor, eine hübscher, putziger als die andere. Sie kauern sich an der Papierwand gegenüber auf die Fersen, nehmen den Samisen, d. h. die japanische Guitarre, oder den Koto (eine Art Zither) zur Hand und zupfen ohne Unterlaß an den Saiten herum. Ob man einen ehrenwerten Tanz sehen will? Gewiß. Eine oder zwei Tänzerinnen huschen herein, phantastisch aufgeputzt in reichen, goldstrotzenden Gewändern und tanzen.
Nacht. Man hat sich endlich, ganz verwirrt von dem liebreizenden Empfang, auf die harte Matratze zwischen den vier Papierwänden hingestreckt und muß sich wahrhaftig in die Beine zwicken, um zu sehen, ob man nicht träumt, ob dieses Schlaraffenleben Wirklichkeit ist. Draußen auf der Veranda brennt ein Licht in einem farbigen Lampion; aus der Ferne hört man Gesang und frohes Gelächter, dazu überall das Gezupfe auf den Samisen; zuweilen huscht ein Schatten an den durchscheinenden Papierwänden vorbei. Wer nur in den Nebenräumen schlafen mag? Man braucht ja bloß die Wände auseinanderzuschieben, nur ein klein wenig, ja nicht einmal das. Das Papier ist ja leicht mit dem Finger zu durchstechen. Richtig, da ist es schon. Andere haben denselben Gedanken gehabt. Ein leichtes Geräusch am zerreißenden Papier, ein einziges Fingerchen hat sich den Weg in unser Schlafgemach gebrochen, verschwindet, und in der Oeffnung erscheint ein schwarzes, glänzendes, neugieriges Auge. Kracks. Noch ein zweites Loch, ein zweites Auge. Was doch die Japanerinnen neugierig sind! Auf einer Seite im Nebenraume ein leichtes Seufzen, ein Klopfen, wie wenn ein Kapellmeister seinem Orchester abklopft. Leichter Tabakgeruch dringt zwischen den Spalten in unser Gemach. Wir sind aber auch neugierig. Wer da wohl drinnen sein mag? Mit dem Taschenmesser wird mäuschenstill ganz unten am Boden ein Loch durchs Papier geschnitten, da hockt ein Musmi in recht, recht leichter Kleidung vor ihrer Matratze und schmaucht noch vor dem Schlafengehen ein winziges Pfeifchen, nicht größer als ein Bleistift mit einem aufgesetztem Fingerhütchen. Ein, zwei tiefe Züge, dann klopft sie das Pfeifchen an dem Hibatschi wieder aus und steckt eine Kleinigkeit Tabak, den sie zwischen den Fingern zu einer Erbse gedreht hat, in den Fingerhut. So raucht sie fünf, sechs Pfeifchen, legt sich dann auf die Matratze, schiebt sich den kleinen, ziegelgroßen Holzklotz, der ihr als Kopfkissen dient, vorsichtig unter den Nacken, damit ja ihre sorgfältige Haarfrisur nicht in Unordnung gerät, und zieht eine dicke, geblümte Decke über das winzige Körperchen. Gute Nacht! Ob sie wohl ahnt, daß neben ihr ein Europäer weilt? Ob sie seinen Seufzer gehört hat? Alle Japanerinnen sind doch nicht neugierig. Sie schläft.
Am Morgen wieder dieselbe Geschichte. In Japan kennt man kein Anklopfen an die Thüre, kein Hereinrufen. Man mag gerade bei den privatesten Toilette-Angelegenheiten sein, die Papierwände werden auseinandergeschoben, frei und mit dem freundlich warmen Sonnenlichte dringt auch Fräulein Frühling wieder lächelnd ein. Das Bad ist bereit, der Frühstücksthee u. s. w. Während dieser Zeit werden die Matratzen wieder zusammengerollt und fortgetragen, die Effekten und Toilettesachen eingepackt, die Papierwände auseinandergeschoben, der Boden geputzt und geglättet wie ein Spiegel, nicht ein Stäubchen ist zu sehen. Mittags gemeinschaftliche Mahlzeit mit Japanern und Japanerinnen; der Tschau (d. h. die Speisen) werden in der Mitte des Raumes auf kleinen Tischchen aufgetragen, alles unter fortwährenden, tiefen, zeremoniösen Verbeugungen, als wären die Gäste lauter Könige.
Der große, niedrige Raum ist nach allen Seiten offen; vorne blickt man auf die Straße, hinten auf ein Gärtchen mit sorgfältig besandeten Wegen, grünem Rasen und kurios geschnittenen Bäumchen. In der Mitte, gerade vor der japanischen Table-d’hôte-Gesellschaft, ist ein kleiner Wassertümpel mit klarem Wasser, von künstlichen Felsen umgeben. Während wir essen, kommt da ein Japaner durch den Garten geschritten, wirft seinen Kimono ab und steigt splitternackt, gerade wie er erschaffen, in die kühle Flut. Nachdem er einigemale untergetaucht, kommt er wieder ans Land, stellt sich angesichts der Frauen und Mädchen und der kleinen, vierzehn- bis sechzehnjährigen Musmis hin und reibt sich mit Tüchern die Nässe vom Leibe. Welches Ach und Shoking, welcher Anlaß zu Ohnmachtsanfällen und welcher Aufwand an Riechfläschchen, Taschentüchern und dergleichen gäbe es doch in Europa! Hier kümmert sich kein Mensch um ihn; man sieht ihn gerade so, wie man die Bäume und den Himmel sieht, aber niemandes Blicke bleiben länger auf ihm haften; kein Augenpaar wird züchtig errötend niedergeschlagen. Und als er sich endlich zu uns setzt, um seinerseits das Tiffin (Vormittagsmahl) einzunehmen, geschieht dies unter gegenseitigen zeremoniösen Verbeugungen.
Wir wollen das Hotel verlassen. Vor dem erhöhten Fußboden der weiten Halle, die das Hotel eigentlich bildet, stehen zwischen Dutzenden von Getas, d. h. japanischen Holzpantoffeln, auch unsere Schuhe. Diensteifrig eilen die kleinen Mägdlein wieder herbei, um uns beim Anziehen derselben behilflich zu sein, und als wir uns zum Fortgehen wenden, fallen sie wieder auf die Erde. Sayonara, Sayonara tönt es von ihren ewig lächelnden Lippen.
Diese Musmis sind nur die bescheidensten weiblichen Wesen, mit denen der Europäer in Japan in Berührung kommt. Die nächst höhere Klasse sind die Maikos und Geishas. Während bei uns bekanntlich alle Frauen uns das Leben versüßen und angenehm machen, giebt es in Japan dafür professionelle Versüßerinnen in der Gestalt zahlloser Tänzerinnen und Sängerinnen, die jede Stadt ohne Ausnahme aufzuweisen hat. Tokio und Kioto, die neue und alte Hauptstadt von Dai-Nipon, allen voran, was ihre Zahl anbetrifft, aber jene, welche die größte Künstlerschaft besitzen und im Lande am berühmtesten sind, wird man in Osaka und Nagoya finden. Sie sind nicht etwa bestimmten Theehäusern, Theatern, Klubs oder Vergnügungslokalen zugeteilt wie unsere Volkssängerinnen, Dämchen des Corps de Ballet, Soubretten und dergleichen, sie bilden auch keine Gesellschaften oder Wandertruppen, die in Variététheatern, Cafés chantants oder Tingeltangeln ihre Kunst zum besten geben, sondern wohnen in der ganzen Stadt verteilt bei ihren Lehrmeistern oder Eltern und lassen sich für ein, zwei Stunden zu bestimmten Festlichkeiten oder Anlässen anwerben. Die jüngsten unter ihnen sind gewöhnlich die Maikos (Tänzerinnen), und erst, nachdem diese einige Jahre durch ihren Tanz die vergnügungslustige Männerwelt entzückt haben, werden sie Gaishas (Sängerinnen). Als solche bleiben sie bis zu ihrem zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Lebensjahre ~en vogue~, um dann allmählich anderen, jüngeren Platz zu machen und zu verschwinden. Sie sind eine Eigenart von Japan. Ich habe ähnliche, wenn auch nicht so reizvolle, professionelle Gesellschaftsdamen nur noch in Korea und China getroffen, sonst nirgends auf dem Erdkreis. Ohne sie kann man sich Japan nicht gut denken. Während die Musmis in den Hotels und Theehäusern nur für die persönliche Bequemlichkeit der Besucher Sorge tragen, erheitern die Maikos sie durch ihren Tanz und ihre dramatischen Darstellungen, die Geishas aber vertreiben ihnen durch ihren Witz, ihren Gesang und ihre klassische Bildung in der angenehmsten Weise die Zeit. Als reizende Zugabe besitzen alle drei Klassen, Musmis, Maikos und Geishas, stets Jugend und Schönheit.
Die Geishamädchen.
Eine Geisha nach europäischen Begriffen, wie sie etwa in der Operette dieses Namens während der letzten Jahre dem Theaterpublikum vorgeführt wurde, ist nicht dasselbe, was eine Geisha in ihrem schönen Heimatlande Japan ist. Ja, ich möchte sagen, sie haben miteinander nichts gemein als den Namen. Wie wäre es auch möglich, auf einer europäischen Bühne diese reizenden, kleinen Zierpüppchen darzustellen, die in Japan das Leben der Männer versüßen, ihnen die Abende in der angenehmsten Weise vertreiben, bei ihren Mahlzeiten die Gattinnen ersetzen, überhaupt als der Inbegriff von Schönheit, Anmut, Jugend, Geist und Witz gelten! Sollten unsere Geishas auf der Bühne wirklich ihren lieblichen japanischen Vorbildern entsprechen, dann dürfte zunächst keine von ihnen größer sein als die kleinste unserer Soubretten, keine älter als zwanzig Jahre, keine schwerer wiegen als das leichteste Schneiderlein. Die winzigen Dämchen unserer Bühnenwelt, die in Jugend und Gestalt an die Geishas von Japan erinnern könnten, sind unsere kleinen Ballettratten, ehe sie noch aus dem Uebungssaal heraus auf die Bühne getreten sind. Aber auch nur in Aussehen und Gestalt; alles andere, was die kleinen Dämchen unserer Ballettschulen erst lernen müssen, um ihren heiteren Beruf vor und hinter den Kulissen mit Grazie zu erfüllen, haben ihre Schwestern in Japan längst hinter sich. Wo denkt eine Sängerin des Abendlandes daran, vor dem achtzehnten oder zwanzigsten Jahre in die Oeffentlichkeit zu treten? In Japan denkt sie in einem solchen Alter bereits daran, sich zurückzuziehen. Und während unsere Geishas nur die vorgeschriebene Musik zu singen, die vorgeschriebenen Dialoge zu deklamieren haben, muß die japanische Geisha durch schlagfertigen Witz glänzen, tändeln, spielen, kokettieren, wie es in keinem Codex vorgeschrieben ist und wie es nur ihr süßes, leichtfertiges Naturell eingiebt. Ja nicht einmal in Bezug auf die Liebe, und was drum und dran hängt, gleichen einander die beiden Geishas. Die Sprache der Liebe ist universell und überall verständlich, heißt es. In Europa, ja, aber nicht in Ostasien. Die europäische Geisha ist der wirklichen wahren Liebe fähig, mit der größten Hingebung, die japanische wohl der größten Hingebung, aber nicht der wahren Liebe. Sie haben seltsame Herzchen, diese kleinen Geishapuppen von Japan, nicht größer und nicht kleiner als die unserer Theaterdamen, aber es ist nichts drin, es ist wie eine leere Börse. Werden Münzen hineingethan, dann klingt es. Und bekommt das kleine Geishamädchen Geld, dann singt es. So ein Geldbeutelherz kennt deshalb auch keine Leidenschaft, außer die bezahlte, und auch diese ist anders als im Abendlande. Was liegt bei uns nicht alles in einem verstohlenen Händedruck, in einem einzigen Blick! Die kleine Geisha von Tokio und Kioto kann man anblicken und anzwinkern und drücken, so kräftig man will, sie versteht kein Deutsch. Sie versteht auch keinen Kuß, und will irgend ein europäischer Schnurrbart mit ihren Lippen in Berührung kommen, dann glaubt sie, es soll ihr das Rot ihrer Lippenschminke abgebürstet werden. Da giebt es kein Geplänkel, kein Liebesgirren, sie kennt keine Halbheiten. Nichts oder alles, gewöhnlich alles.
In der Operette wird auf diese Unkenntnis des Kusses bei den Japanern auch in dem bekannten reizenden Duett Rücksicht genommen, aber dabei umarmen einander doch die Geisha und ihr europäischer Liebhaber, als wäre dies in Japan gerade so selbstverständlich wie anderswo. Die Japaner umarmen einander aber ebensowenig, wie sie einander küssen oder die Hände schütteln. In der ganzen japanischen Litteratur, weder in Prosa noch in Gedichten, findet sich irgend eine Anspielung auf dergleichen, selbst wo die heißeste Liebe der Gegenstand ist. Wenn Mann und Frau, Eltern und Kinder, Braut und Bräutigam, nach jahrelanger Trennung einander wiedersehen, kommt es zu keinem derartigen Erguß ihrer Liebe und Freude.
Die Liebe kommt auch nicht durch Worte zum Ausdruck, wie es in der Operette fortwährend geschieht. In der japanischen Sprache giebt es keine Wörter wie Liebchen, Schätzchen, Täubchen und dergleichen, an denen die europäischen Sprachen so reich sind. Nicht einmal der Ton der Stimme wird weicher und zärtlicher, wenn zwei Liebende, Liebende nach japanischer Art, beisammen sind.
Ich habe in einer berühmten japanischen Ballade, Schuntokumaru mit Namen, die ebenso bekannt und beliebt in jeder Haushaltung ist wie bei uns etwa die Liebesgedichte unserer größten Poeten, einen höchst seltsamen Zärtlichkeitserguß gefunden. Es handelt sich um zwei Liebende, die, durch ein grausames Geschick getrennt, das ganze Reich auf der Suche nacheinander durchwandern und sich endlich im Kiomidzutempel unerwartet wiederfinden. Welcher Dichter würde die zwei Liebenden nicht in der Ekstase des höchsten Glückes mit thränenüberströmtem Antlitz aufeinanderstürzen und ein paar Minuten lang sich umarmen und küssen lassen, wenn nicht die Geliebte selbst vor lauter Erregung ohnmächtig wird oder gar tot zu Boden stürzt? In der japanischen Ballade gucken die Liebenden einander stumm an, dann hocken sie sich auf ihre Waden und streicheln einander ein wenig.
Wenn aber die Liebe in Japan mit dem ganzen Zärtlichkeitskalender so unbekannt ist, wie kommt es dann, daß alle Europäer, die nach Japan kommen, von den kleinen Geishamädchen so entzückt sind? In der Operette hat man diesen Mangel an Liebesergüssen durch solche nach europäischer Art ersetzt, und sie präsentieren sich auch auf der Bühne im japanischen Gewande recht niedlich, aber japanisch sind sie nicht. Durch was wirkt dann die japanische Geisha?
Auf den Japaner wirkt sie durch ihren Geist, ihren Witz, ihre litterarischen Kenntnisse, durch Musik und Gesang. Dem Europäer sind Geist und Witz unverständlich, weil er nur in seltenen Fällen die Sprache hinreichend beherrscht; die Musik, welche die Geisha auf der japanischen Guitarre abzupft, ist für ihn entsetzlich langweilig und unschön, und was ihren Gesang betrifft, so könnte man dabei weinen. Ein solches Genäsel und Gemiaue, auch von der schönsten Geisha auf einer europäischen Bühne zum Vortrag gebracht, würde wie die erbärmlichste Katzenmusik wirken. Was den Europäer besticht, das sind also gewiß nicht ihre angelernten Kenntnisse, sondern nur ihre natürlichen Gaben, nämlich Jugend, Zartheit, Anmut. Wenn sie auch nicht hübsch sein sollte, besitzt sie doch eine gewisse Anziehungskraft. Sie macht einen um so tieferen Eindruck auf ihn, als er in Japan mit anderen Frauen selbst bei längerem Aufenthalt nur sehr selten zusammenkommt. Der Japaner hält seine Frauen, seine Töchter im Hintergrund; besucht man ein japanisches Haus, so wird man nur von Männern empfangen, und wird man mit diesen nach häufigerem Verkehr intimer, so kommt es wohl vor, daß auch die Frau, vielleicht sogar die Tochter bei der Begrüßung einmal vorgestellt wird. Aber die Frauen ziehen sich nach einigen Worten wieder zurück und erscheinen nur bei der Verabschiedung, um sich vor dem Besucher auf alle Viere zu werfen. Eine längere Unterhaltung ist ganz ausgeschlossen, und wollte man einer Frau irgendwelche Komplimente über ihre Schönheit oder über die Pracht ihrer Kleider machen, so würde dies sehr übel aufgenommen werden.
Uebrigens würden Unterhaltungen sehr ernüchternd und enttäuschend sein, denn die japanischen Frauen der besseren Stände waren bis vor kurzem und sind in den Provinzen, fern von den der europäischen Kultur eroberten Hauptstädten, auch heute noch von der Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Sie werden geboren, lernen in ihrer Kindheit neben den Pflichten ihres Hauswesens höchstens noch Blumen binden, sticken, den Zeremonienthee bereiten; sie heiraten, verblühen mit fünfundzwanzig Jahren und sterben als treue, hingebungsvolle Hausfrauen und gute Mütter, aber ihre Geistesgaben wurden nicht entwickelt, sie besitzen keinerlei Kenntnisse und können deshalb weder in der Gesellschaft durch Konversation glänzen, noch zu Hause in dieser Hinsicht die Männer befriedigen.
Diesen Mangel ersetzen in Japan die Geishas. Sie sind Unterhalter, Zeitvertreiber von Beruf, gegen Bezahlung von so und so viel für die Stunde, den Tag oder Abend. Will sich ein Japaner nach vollbrachter Tagesarbeit durch Kurzweil den Abend vertreiben, so läßt er eine Geisha kommen; will er Freunden ein Souper geben, so nehmen daran nicht die Frauen und Töchter seines Hauses, oder jene seiner Gäste teil, sondern er mietet eine Anzahl Geishas mit ihren Dienerinnen und bringt den Abend mit der ganzen Gesellschaft in einem Theehause zu. Die kleinen, zierlichen Musmis (Kellnerinnen) des Theehauses empfangen an der Pforte, auf alle Viere ausgestreckt, die Gäste und führen sie in den Speisesaal; sind Europäer dabei, so lösen sie mit ihren zarten Fingerchen die Schuhe von deren Füßen; hockt die ganze Gesellschaft endlich in dem stuhl- und tischlosen Raume längs der kahlen Wände auf ihren Waden, so bringen die Musmis die Speisen und Getränke herein, setzen sie den Gästen auf winzigen Tischchen vor, tragen die gebrauchten Tellerchen und Schüsselchen wieder fort und besorgen mit einem Worte die gewöhnliche Bedienung. Dann aber treten die kleinen jungen Maikos (Tänzerinnen) und endlich die Geishas auf. Sie zupfen an ihren Guitarren und singen, sie führen fremdartige dramatische Tänze oder Szenen aus historischen Dramen auf, für europäischen Geschmack ebenso steif und unnatürlich, wie es ihr Gesang und ihr Guitarrengezupfe sind. In den langen Zwischenakten aber mischen sich diese bezahlten Vergnügungsdemoiselles unter die Gäste, setzen sich zu ihnen, kredenzen ihnen die gefüllten Reisweinschalen und schäkern und scherzen mit ihnen, indem sie ihren Geist, ihre übersprudelnde Fröhlichkeit, ihren Witz und ihre Schönheit glänzen lassen. Nicht etwa die Schönheit, wie sie bei unseren kurzgeschürzten Ballerinen und ~Café-chantant~-Sängerinnen gewöhnlich in solcher Fülle zur Parade kommt. Keine entblößten Arme und Nacken, keine in Seidenschuhen steckenden Füßchen oder von Seide umspannte Gliedmaßen, nur die bemalten, gepuderten Gesichtchen sind bei den japanischen Geishas sichtbar. Ihre Körperchen sind ganz in die langen, goldgestickten, schlafrockartigen Kimonos gehüllt, und kommen bei rascheren Bewegungen auch die Glieder zum Vorschein, so üben diese dünnen Aermchen, diese krummen nackten Beinchen, diese in plumpen, kurzen Wollsocken steckenden Füße, die noch dazu mit den Zehen nach einwärts gedreht sind, eher das Gegenteil von Reiz aus.
Die weiten, faltenreichen Kleider gehören zum Tanz, ja wie mit ihren Körpern tanzen die Geishas auch mit ihren Kleidern und wissen diese mit unglaublicher Geschicklichkeit in die schönsten Falten zu werfen, ihnen sozusagen Leben und jenen Ausdruck einzuflößen, wie er zu der darstellenden Situation am besten paßt.
So vergeht der Abend, ein Teil der Nacht, und bricht die reisweinfröhliche Gesellschaft endlich auf, so wird dem Gastgeber die Rechnung überreicht, ein Stück Papier, einen halben Fuß breit und vielleicht zwei bis drei Fuß lang, mit allen gelieferten Genüssen haarklein spezifiziert. Nichts wird dabei vergessen, und solche Rechnungen sind zuweilen recht pikant, erreichen auch bei größeren Festlichkeiten Summen bis 300 und 400 Mark. Dazu werden auch den Geishas selbst noch beträchtliche Geschenke gemacht. Die Dämchen werfen sich dann vor den Anwesenden ehrfurchtsvoll nieder, senken ihre Näschen bis auf den Boden und entfernen sich, um in ihren Rickshaws nach Hause zu fahren.
Am nächsten Abend sind sie in irgend einem anderen Theehause für ähnliche Unterhaltungen engagiert, und so geht es bei den professionellen Schönheiten von Japan Tag für Tag, auch Wochen und Monde, einige Jahre lang. Dann ist wohl ihre Kunst sehr groß, aber ihre Jugend, ihre Schönheit ist vorüber, und haben sie nicht in ihrer kurzen Laufbahn einen Ehemann ergattert, so ziehen sie sich ins Privatleben zurück und bilden andere kleine Mädchen in den Geishakünsten aus. Ehemänner ergattern? Gewiß, noch dazu gar nicht selten. Die Japaner üben in Betreff des moralischen Vorlebens dieser kleinen Dämchen viel größere Nachsicht als die Abendländer. Orangenblüten und Myrtenkränze werden bei japanischen Hochzeiten überhaupt nicht getragen. Die Japaner suchen sich ihre Weiber aus, wie sie ihnen passen. Es ist nicht viel dabei riskiert, und das bekannte orientalische Sprichwort, von dem dreimal überlegen, ehe man sich ein Weib nimmt, ist in Japan unverständlich. Der Gatte kann sie ja nach ein paar Monaten Probezeit wieder zurücksenden. Eine Geisha ist unter solchen Verhältnissen eine recht begehrenswerte Braut. Statt daß sie jeden Tag für so und so viel die Stunde für jemand anderen singt und die Guitarre zupft, singt und zupft sie dann nur für ihren Gatten. Sie unterhält ihn mit den angelernten Künsten, in denen sie durch jahrelange Uebung in den verschiedensten Theehäusern zur Meisterschaft gelangt ist, und er ist zufrieden. Zudem ist nicht etwa jede Geisha notwendigerweise eine Sünderin. Wohl singen die Geishamädchen in einem bekannten Liede von sich selbst:
„Schaukle, Weide, auf und nieder, Vorwärts, rückwärts, hin und wieder! So sind Geishaherzen auch, Folgen jedem Liebeshauch.”
Aber trotz dieser vielsagenden Generalbeichte giebt es doch eine ganze Menge unter ihnen, die nicht jedem Liebeshauch folgen, und so ist es begreiflich, daß manche, die heute noch bei einem Herrenabend im Klub getanzt und gesungen hat, morgen Frau General oder Frau Minister ist. Dann kommt ihre Schauspielerkunst ihr erst recht zu statten.
Ist eine Geisha nach mehrjähriger Dienstleistung so verblüht, daß niemand mehr anbeißen will, dann zieht sie sich aus der Oeffentlichkeit zurück und wird, wie gesagt, Lehrerin anderer kleiner Mädchen. An solchen herrscht in dem mit Kindern reich gesegneten Japan kein Mangel. Wo viele Töchter im Hause sind, da ist es schwer, sie alle an den Mann zu bringen, andere Berufsarten in Aemtern oder im Geschäftsleben stehen der jungen Japanerin nicht offen, und so bleibt den Eltern nichts übrig, als ihre hübschesten und talentvollsten Mädchen Geishas werden zu lassen, wenn sie dieselben nicht gar für ebenso tief stehende Zwecke verkaufen. Gefällt die kleine, sieben- bis achtjährige Musmi einem Unternehmer, so zahlt er ihren Eltern eine gewisse Summe Geldes und läßt sie auf seine Kosten zur Geisha ausbilden. Damit beginnt für die kleinen Mädchen eine recht harte Zeit, denn es dauert Jahre eifriger Arbeit, um die traditionellen Tänze, Gesänge, Dichtungen, Mimik und dann die beliebtesten Instrumente, Samisen und Koto, zu erlernen. Dazu kommen noch viele andere Künste, von denen man im Abendlande gar keine Ahnung hat. So z. B. das ungemein schwierige und umständliche Zeremoniell des Tschano-yu, das heißt, der klassischen Theebereitung, die Kunst des Blumenbindens, Taschenspieler- und Kartenkünste, vor allem andern die Kunst, den Mann zu bezaubern und zu fesseln. In Kioto, der alten Hauptstadt von Japan, die neben der jetzigen Hauptstadt Tokio die schönsten und berühmtesten Geishas besitzt, giebt es eine eigene große Tanzschule, aber der Besuch derselben war für mich nicht von solchem Interesse, wie jener der kleinen Geishaschulen, an welchen Kioto reich ist.
Es ist nicht leicht, Zutritt zu diesen Kunstetablissements zu erhalten, und es bedurfte dazu langen Parlamentierens und beträchtlicher Geldgeschenke für die Direktricen. Eines Morgens meldete mein Dragoman, der die Verhandlungen geleitet hatte, daß ich nunmehr die Schule von Madame Silbermond besuchen könne. Auf dem Wege dahin riet er mir, auch verschiedene Leckereien und Bonbons für die kleinen Mädchen mitzubringen, um sie freundlicher zu stimmen. So kaufte ich denn ein paar Papiersäcke voll Süßigkeiten, die in Japan für ein Spottgeld zu haben sind. Schwer beladen kamen wir vor das ebenerdige Lattenhäuschen, in welchem Madame Silbermond wohnte. Monotones Samisengezupfe drang durch die papierüberklebten Fenster. Mein Dragoman hielt es für angemessen, meinen Besuch vorher anzukündigen. Gleich darauf kam er wieder heraus und lud mich ein, näher zu treten. Kaum war die Thüre hinter mir wieder geschlossen worden, so erschienen drei blutjunge hübsche Mädchen in bunten Kimonos (sie waren wegen der großen Sommerhitze nur lose über die sonst nackten Körperchen geworfen), warfen sich vor mir auf den Boden, indem sie mit der Stirne fast den Boden berührten, und machten sich dann kichernd daran, mir die Schuhe von den Füßen zu ziehen. Dann nahmen sie mich bei den Händen und führten mich wie einen Blinden zu dem Tanzsaal, dessen eine Papierwand eben zurückgeschoben wurde. Der mit zarten geflochtenen Reisstrohmatten bedeckte Fußboden befand sich etwa kniehoch über dem Thorweg. Die kleinen Mädchen kletterten flink hinauf und versuchten, mir unter fortwährendem Gekicher emporzuhelfen, als hätte ich, der ich mir unter diesen winzigen Dingerchen wie Gulliver vorkam, das allein nicht thun können. Im Hintergrunde des niedrigen, vollständig kahlen Raums erhob sich eine fusshohe Bühne, auf welcher etwa ein Dutzend junger Mädchen standen, vor ihnen auf den Matten des Saales Madame Silbermond. Kaum erblickten sie mich, so warfen sich alle vor mir mit feierlich ernsten Mienen zu Boden und verharrten, den Kopf beinahe zwischen den Beinen, minutenlang in dieser Stellung, wie wir es etwa in der Kirche bei irgend einer besonders heiligen Handlung thun. Natürlich mußte ich ebenfalls auf alle Viere sinken, was bei den engen europäischen Kleidungsstücken nicht ganz gefahrlos für dieselben ist. Endlich zog mich mein Dragoman am Rockschoße, als Zeichen, mich zu erheben. Schon mehrmals hatte die Direktrice, den Kopf ein wenig nach mir wendend, herübergeschielt, um zu sehen, ob ich noch auf allen Vieren lag, und sich dann sofort wieder zusammengeduckt. Als sie nun gewahrten, daß ich mich auf meine Knie erhob, thaten alle das Gleiche. Ich mußte nun auf das Geheiß des Dragomans mich nach dem Befinden der Hausfrau erkundigen; daraufhin wieder allgemeines Aufdenbodensinken, dann nach dem Befinden ihrer Eltern, wieder auf alle Viere, dann stellte die Dame selbst die gewöhnlichen Höflichkeitsfragen, und jedesmal galt es für alle Anwesenden, zusammenzuklappen wie Taschenmesserklingen. Endlich war die Begrüßung vorüber, die Theatermama und ihre possierlichen Jüngferchen blieben nun aufrecht auf ihren Waden hocken, und ich mußte dasselbe thun, denn die japanische Hauseinrichtung kennt keinen Stuhl, kein Fauteuil oder Sofa, nur brachten zwei Mädchen ein paar dünne Kissen herbei und schoben sie unter mich. Mein Dragoman hatte inzwischen die Papiertüten mit den Süßigkeiten den kleinen Mädchen überreicht, und obschon sie danach schielten und wohl für ihr Leben gerne davon genascht hätten, verbot es doch die gute Sitte, ihr Vorhaben auszuführen.
Das älteste der Mädchen mochte sechzehn Jahre zählen; ein liebes Kind, mit süßem Gesichtchen, kauerte sie in europäischer Weise, also auf dem richtigen Fleck ihres Körperchens sitzend, mit aufgezogenen Beinchen an der Wand. Die anderen standen im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren, ihre Gesichtchen waren mit Puder bedeckt, Wangen und Lippen rot geschminkt, und auf der Unterlippe auch noch drei goldene Punkte aufgemalt. Sie trugen bunte, zum Teil sehr reich gestickte, aus kostbaren Stoffen bestehende Kimonos, und da ich mich wunderte, wie so winzige Mädchen aus armen Familien schon zu so kostbaren Kleidern kämen (diese pflegen sich doch erst die vollendeten Geishas schenken zu lassen), erzählte die Theatermama, unter den Mädchen befänden sich auch solche wohlhabender Eltern, die ihre Kinder nur für den Tanz- und Gesangsunterricht zur Schule sendeten, damit sie zu Hause sich produzierten. Sie hätten zu Ehren des fremden Besuchers ihre Zeremonienkleider angethan. Die wirklichen Geishaschülerinnen seien ihr von Unternehmern in Pension gegeben worden und zahlten ihr wöchentlich zwei Dollars (vier Mark) dafür. Aber sie hätten außerdem der Regierung eine Taxe von einem halben Dollar monatlich für jede Schülerin zu entrichten. Sobald diese in die Oeffentlichkeit tritt, steigt diese Monatstaxe auf einen Dollar.
Nun begannen die Tänze. Der Reihe nach führten die herzigen Kinder in aller Unschuld die gewagtesten und schwierigsten Tänze auf, immer zwei bis vier Kinder zusammen. Die japanischen Tänze sind nicht solche wie unsere Ballett- oder Ballsaaltänze; die letzteren kennt der Japaner überhaupt nicht, und wenige Errungenschaften der europäischen Kultur kommen ihm lächerlicher, sinnloser und den Anstand verletzender vor wie Walzer oder Polka. Noch toller findet er das Umherhüpfen der Ballettmädchen in kurzen, tief ausgeschnittenen Kleidern, die Schaustellung der Glieder, den Zehentanz. Die Maikomädchen sind bei ihren Tänzen stets bis zu den Zehenspitzen bekleidet, und die Tänze selbst stellen gewöhnlich irgend ein Ereignis in der Geschichte oder eine Handlung im Leben dar, wenn von Tänzen im rechten Sinne des Wortes überhaupt gesprochen werden kann. Es sind vielmehr Posen, Bewegungen mit dem Oberkörper und den Händen, unterstützt und verständlich gemacht durch die ungemein ausdrucksvolle Kunst der Fächersprache.
Ich war deshalb sehr verwundert, als zum Schluß die beiden ältesten Mädchen, trotz ihrer Jugend schon vollständig erblüht, eine veritable Tarantella zum besten gaben. Mit erstaunlicher Leichtigkeit trippelten die Füßchen über den Boden, drehten sich die frischen zarten Körper im Kreise, daß die Kimonos fast wagerecht von ihnen abstanden; dazu schüttelten die Mädchen wie toll die Köpfe und klatschten in die Händchen. Dann warfen sie sich plötzlich auf die Hände nieder, stellten sich auf den Kopf und streckten die Beine in die Höhe.
„Das ist der Manzai,” sagte stolz Madame Silbermond, als die Tänzerinnen wieder auf ihren Füßen standen. „Gefällt er Ihnen?” Als ich meiner Bewunderung Ausdruck gab, fügte sie bei: „Das ist der einzige europäische Tanz, den ich meine ehrenwerten Schülerinnen lehre.”
Irgend ein europäischer Spaßvogel wird sich wohl in Kioto den Jux erlaubt haben, diese Schlußpose, als zum abendländischen Tanze gehörig, gezeigt zu haben, und nun wird sie in den Geishaschulen von Kioto eingeübt.
Aber nicht nur darin zeigt sich der Einfluß der Europäer. Er ist schon so groß geworden, daß er sogar die ganze Existenz der Geishamädchen bedroht. Durch die Einführung von Mädchenschulen, durch die Erschließung anderer Berufsarten für das zarte Geschlecht und endlich durch den Wandel in Bezug auf die moralischen Anschauungen der Japaner dürften die Geishas, wie sie heute bestehen, immer seltener werden. Wer weiß, ob dann nicht auch noch unsere ~Cafés chantants~ und unser Ballett im Lande der aufgehenden Sonne zur Einführung gelangen.
Miß Alice Bacon, die jahrelang als Erzieherin in vornehmen Häusern Japans geweilt und einen tiefen Einblick in das japanische Frauenleben gewonnen hat, sagt von den Gaishas: „Die Gaisha ist nicht notwendigerweise schlecht, aber in ihrem Leben ist sie so großen Versuchungen ausgesetzt, daß auf eine ehrbare Gaisha viele kommen, die auf Abwege geraten und schließlich tief unter das Niveau der Ehrbarkeit sinken. Aber sie sind so verführerisch, glänzend und geistreich, daß viele von ihnen von Männern in angesehenen Stellungen zu Frauen genommen wurden und heute an der Spitze der vornehmsten Haushaltungen stehen...” Einer der größten Bewunderer Japans, Sir Edwin Arnold, zollt den lustigen Weibern von Dai Nipon alle Anerkennung, sagt aber in Bezug auf ihre Moral in seinem Buche „~Japanese ways and thoughts~” folgendes: „In Japan hat der Buddhismus die irdische Liebe in Mißachtung gebracht, die Lehren des Confucius haben sie noch weiter herabgesetzt, und der ideallosen Natur der Männer dient sie nur als Zeitvertreib und Vergnügen. Die japanischen Frauen haben der Theorie nach diese beschränkte Ansicht über die geschlechtlichen Beziehungen angenommen und für viele Zeitalter die Treue des Gemüts höher gestellt als die Reinheit ihres Körpers...”
„Ohne Zweifel ist es in den besseren Ständen die Regel, daß die Töchter bis zu ihrer Verheiratung sorgfältig erzogen und bewacht werden sollen, aber diese jungen Mädchen sprechen von den Musmis und Gaishas und Freudenmädchen in so freier Weise, daß man sofort den Unterschied zwischen den Anschauungen der Japaner und Europäer über die Beziehungen der beiden Geschlechter erkennt. Japan ist ein Land, wo es nicht nur ganz gewöhnlich ist, daß ein Mädchen sich für ihre Eltern zu öffentlichem Gebrauch verkauft, sondern wo sie für diese That eher bewundert und gelobt als geschmäht wird.”
Wo sie selbst eine so vielsagende Generalbeichte ablegen, braucht man sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Douglas Sladen sagt in seinem Buche „~The Japs at home~” folgendes über sie: „Ist eine Geisha geschickt, scherzhaft, gutmütig, vor allem aber schön, so erwirbt sie sich bald einen Ruf in der Stadt. Die jungen japanischen Stutzer hören es gerne, wenn man sie mit ihr neckt; ihre Engagementsliste ist auf Tage hinaus besetzt, man kann sie nur auf ein Stündchen zu Gesicht bekommen. Juwelen erscheinen auf ihren Fingern, Perlen in ihrem Haar, sie wird stolz, merkwürdige, vielsagende Blitze schießen zuweilen aus ihren Augen, eines Tages ist sie verschwunden. Wir werden zu einem großen Festgelage geladen, sie ist nicht da. Wir fragen bei ihren Freunden nach, niemand hat sie gesehen. Nun wissen wir, daß sie am Ziele ihres Strebens angelangt ist. Irgend ein reicher Herr hat sich so sehr in sie verliebt, daß er sie für sich allein haben will, und deshalb hat er sie aus den Händen ihres Herrn losgekauft. Sie folgt ihrem neuen Herrn in sein Haus, auf Zeit oder für immer, und sie, die in ihrer Jugend so zahlreichen Männern den Kopf verdreht hat, wird eine ehrenwerte Frau Oberst so und so, oder Frau Minister X.”
Wie häufig kommt es vor, daß Eltern ihre Töchter für eine kurze Zeit an Europäer verheiraten und den klingenden Lohn dafür einstreichen! Wer hat nicht Pierre Lotis reizendes Buch „Madame Chrysanthème” gelesen? Und wie Pierre Loti mit seinem kleinen Frauchen, so ist es vielen anderen Lotis in Japan ergangen, die Scheidungen sind dort so leicht gemacht! Aber sind die Europäer, die sich auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu einer zeitweiligen Lebensgefährtin verhelfen, nicht ebenso sittenlos wie die lustigen Weiber von Dai Nipon? Wie, wenn eines Tages als Gegenstück zu dem Buche „Madame Chrysanthème par Pierre Loti” ein Buch erschiene: „Pierre Loti par Madame Chrysanthème”? Ob die kleine, liebliche Japanerin nicht auch allerhand recht ergötzliche Einzelheiten über ihren Ehemann auf Zeit erzählen könnte?
Ja, noch mehr. Wie, wenn es einem Japaner einfallen würde, ein Buch zu schreiben über die europäischen Dames Chrysanthèmes, wie sie sich bei den Rennen in Longchamps, im Bois de Boulogne, auf dem Seebadstrande von Ostende und Trouville, in den Kasinos von Aix les Bains und Monte Carlo zeigen? Derartige Parallelen kann man in Japan nicht überall in öffentlichen Gesellschaften oder auf der Straße finden. Dort sind sie fein sorgsam in eigenen Quartieren untergebracht. Das größte und glänzendste ist in Tokio die vielberühmte Yoshiwara. Auf meinen Spaziergängen durch die japanische Kaiserstadt kam ich einmal zu einer weiten Pforte, von Polizisten bewacht. Jenseits gewahrte ich einen breiten, mit prächtigen Blumenbeeten und Springbrunnen geschmückten Boulevard, zu beiden Seiten mit großartigen, mehrstöckigen Palästen besetzt, den schönsten, die ich in ganz Japan gesehen. Etwa die Paläste des Hofes, der Regierung und des Adels, des Faubourg St. Germain von Tokio? Ich trat ein. Ueberall vornehme Stille. Die Häuser zeigten in den verschiedenen Stockwerken breite Veranden, mit Guirlanden und farbigen Lampions geschmückt; die Jalousien waren zugezogen, dafür standen die Hausthüren weit geöffnet, und im Innern gewahrte ich schöne Höfe und zierliche Gärtchen; Diener fegten die Straßen, Gärtner besorgten die Blumen und kurios geschnittene Bäume in den Anlagen. Und als ich einen des Weges kommenden, europäisch gekleideten Japaner darüber befragte, sagte er mir, ich befände mich in der Yoshiwara. Ich müßte aber abends kommen, um das Leben hier zu sehen. Der Abend fand mich wieder hier, aber wie verändert war das Aussehen dieser Straßen mit ihren Dutzenden von Palästen! Tausende von Lichtern brannten in vielfarbigen Lampions, in den Straßen wogten Menschenmengen lachend, scherzend auf und nieder; die Paläste waren weit geöffnet, hell erleuchtet; Samisen und Koto, Gesang und Gelächter drang aus ihnen, und unten in den Parterreräumen der Häuser prangte die weibliche Einwohnerschaft in ihren glänzendsten Gewändern. Statt durch Wände und Fenster waren diese Räume nach der Straße zu durch starke Gitter abgeschlossen, gerade wie wir sie in unseren Menagerien vor den Käfigen der Tiger und Löwen sehen; der mit Matten und Teppichen bedeckte Fußboden lag etwa zwei Fuß höher als die Straße, und auf ihm kauerten die Schogi, d. h. die Mädchen, die von ihren Eltern an die Besitzer dieser Kaschi-Saschiki genannten Häuser verkauft worden waren. In jedem Hause etwa dreißig bis vierzig, im ganzen vielleicht zweitausend. Manche von ihnen waren recht hübsch, nur zeigten ihre Gesichter dicke Schichten von Puder und Schminke, und in ihren sorgfältigen Haarfrisuren steckten Dutzende kostbarer, langer Nadeln. Der Obi, diese breite, aus schweren Brokaten bestehende Leibbinde, die in der japanischen Damentoilette das Mieder ersetzt, war mit der Schleife nicht rückwärts gebunden, sondern vorn, und das allein sagte, daß diese Dämchen Schogi waren, d. h. dem niedrigsten Stande der lustigen Weiber von Dai Nipon angehörten. Einer Regierungsvorschrift zufolge dürfen die Schogi nämlich ihren Obi nicht hinten binden. Es wäre ein langes Kapitel zu schreiben über die nach unseren Begriffen unendlich traurigen Verhältnisse, wie sie in den Yoshiwaras von Tokio, Kioto und den anderen Städten herrschen, aber -- jeder Leser wird dieses „aber” verstehen.
Japanische Ringkämpfer.
Im Straßenleben der japanischen Großstädte waren mir besonders zur Zeit der Volksfeste vereinzelte Riesengestalten aufgefallen, die sich gegenüber den sonst so kleinen, unscheinbaren, schmächtigen Japanern nicht nur durch ihren hohen Körperwuchs, sondern auch durch ihre Fettleibigkeit, verbunden mit staunenswerter Muskelentwickelung, auszeichneten. Sie wurden mir als jene berühmten professionellen Ringer bezeichnet, die im Volksleben Japans eine ähnlich hervorragende Rolle spielen, wie etwa die Gladiatoren im alten Rom, oder die Stierkämpfer in Spanien, oder die Faustkämpfer in England und Amerika.
In der großen Feudalzeit Japans im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert war jedes Mitglied der damaligen vornehmen Kriegerkaste, der Samurai, ein Meister in allerlei athletischem Sport, vornehmlich im Fechten und Ringen. Aber ähnlich wie im Abendlande sind diese die Muskelkraft hebenden, den Körper stählenden Uebungen der modernen Zeit zum Opfer gefallen, und selbst das Ringen wird nur mehr von den genannten professionellen Ringkämpfern oder Sumotori ausgeübt, die eine eigene Gilde mit strengen Gesetzen und Vorschriften ihrer Kunst bilden.
Würde sie nicht ihre äußere Erscheinung sofort kenntlich machen, so würde ein Blick auf ihre Haartracht genügen, um sie als Mitglieder der Ringkämpfergilde zu stempeln. Aehnlich wie die Stierkämpfer in Spanien ihr Haar zu einem über den Nacken fallenden kurzen Zopf flechten, so fassen die Sumotori ihr langes Scheitelhaar zu einer dicken Strähne zusammen, die sie mittels papierenen Schnüren nach vorn auf den Scheitel leiten. Diese Haartracht war früher auch im japanischen Volke allgemein, und noch während meiner Reise im Inneren Japans fand ich viele ältere Männer mit solchen Zöpfen, jedoch mit dem Unterschiede, daß sie ihr Haupthaar bis zum Scheitel abrasiert hatten.
Wird in Japan irgendwo ein größeres Volksfest gefeiert, so müssen auch Ringkämpfer dabei sein, und weder die Theater noch die Akrobaten, Zauberkünstler u. dergl. ziehen durch ihre Vorführungen eine so große Menge von Zusehern an wie die Sumotori. Je größer das Fest, desto zahlreicher sind die Ringkämpfer, und in Tokio, Kioto oder Osaka kommt es zuweilen vor, daß zwanzig bis dreißig Paare von Sumotori miteinander kämpfen, so daß die Vorstellungen einen ganzen Tag über währen. Aber es giebt kein geduldigeres Theaterpublikum als die Japaner. Je länger eine Vorstellung dauert, desto lieber ist es ihnen. Mit Kind und Kegel ziehen sie des Morgens ins Theater, nehmen ihre Lebensmittel für den Tag mit, machen es sich auf den Strohmatten des Zuschauerraumes bequem, trinken, essen, schlafen mitunter, die Mütter stillen ihre Kinder und rauchen gerade so wie die Männer oder jungen Mädchen ihr Tabakspfeifchen.
Die Ringkämpfer veranstalten nur selten ihre Vorstellungen selbst. Gewöhnlich sind es eigene Unternehmer, welche sie für bestimmte Summen anwerben, das Theater bauen und dafür die Eintrittsgelder der stets massenhaft zuströmenden Besucher einstecken. Je größer die Erfolge eines Sumotori sind, desto mehr wird er begehrt, desto besser bezahlt. Sie leben deshalb von ihrer ersten Jugend an ausschließlich für ihren Beruf. Zeichnet sich in irgend einer Familie ein Knabe durch außergewöhnliche Kraft und hohen Körperwuchs aus, so bestimmt ihn sein Vater vielleicht zum Sumotori und giebt ihn bei einem solchen in die Lehre. Hat er sich in allen Fertigkeiten seines Berufes ausgebildet, so tritt er in die Gilde ein, indem er sich verpflichtet, genau nach deren Vorschriften zu leben. Dazu gehören neben dem Gelübde der Keuschheit zunächst solche bezüglich seiner Kunst, dann aber auch unzählige andere, die sogar seine Nahrung betreffen. Wie mir einer der Sumotori, dessen Bekanntschaft ich in Kioto machte, erzählte, besteht seine tägliche Hauptnahrung aus sehr weichgekochtem Reis, und nur ausnahmsweise aus Fleischspeisen, ein Beweis, daß die Fleischnahrung für Muskelkraft keineswegs erforderlich ist. Mit vierzig Jahren ist die Laufbahn der Ringer zu Ende; sie erhalten dann aus der Kasse der Gilde eine Pension, müssen aber dafür ihre Nachfolger in den Fertigkeiten ihres Berufes ausbilden.
Eigene Theater oder Arenen für die Ringkämpfer giebt es in Japan nicht. Soll ein Ringkampf stattfinden, so werden an geeigneten Orten, in Kioto z. B. in dem weiten trockenen Flußbett des Kamogawaflusses, oder in Tokio nahe dem berüchtigten Ekointempel in der Vorstadt jenseits des Sumidaflusses eigene Schaubuden nach Art unserer Cirkuszelte errichtet, nur daß an Stelle der Leinwand geflochtene Strohmatten verwendet werden. Ein derartiges Zelt, Sumo genannt, ist schon aus der Ferne durch seine eigentümliche Zufahrt zu erkennen. Zu beiden Seiten derselben stehen Reihen gegeneinander geneigter haushoher Bambusstangen, und von diesen hängen sechs bis acht Meter lange, meterbreite Streifen roten, blauen oder gelben Zeuges, die mit großen Schriftzeichen bedeckt sind, herab. Vor dem Eingange selbst erhebt sich ein hohes Bambusgerüst, auf welchem ein Paukenschläger möglichst großen Lärm macht. In der Nähe sind die Ehrengaben des Publikums für die Sieger zur Schau gestellt. Der wohlhabende Japaner spielt sich gern auf den Kunstmäcen heraus, und wie im Abendlande den Künstlern Blumen und Kränze gespendet werden, so giebt es hier Ehrenflaggen, Kleiderstoffe, vor allem aber Fäßchen Reiswein. Gewöhnlich werden auch die Namen der Ringkämpfer durch große Anschläge bekannt gemacht. Je berühmter der Sumotori, in desto größeren Schriftzeichen prangt sein Name, ganz wie bei uns.
Am Eingang erhält man gegen Erlag eines viertel oder halben Dollars die Eintrittskarte in Gestalt eines mit Schriftzeichen bedeckten Holztäfelchens, das von den Aufwärtern im Innern wieder abgenommen wird. Japaner müssen am Eingang auch ihre Holzschuhe ablegen, ähnlich wie wir die Hüte und Schirme ablegen, denn im Innern ist der Boden mit feinen Filzmatten bedeckt, und diese Matten mit den schweren Holzschuhen zu betreten, wie sie selbst die vornehmsten Damen in Japan tragen, wäre ebenso undenkbar, als wenn wir beim Besuch eines Privathauses auf den Möbeln des Empfangszimmers umhertrampeln würden. Auf eigenen Gestellen stehen hier Hunderte und Aberhunderte von Holzschuhen in langen Reihen, und man kann sich das Gedränge wohl vorstellen, wenn nach beendeter Vorstellung die ganze bestrumpfte Gesellschaft ihre Schuhe sucht.
Im Innern des Zeltes befindet sich zur Rechten des kleinen Vorraumes die Künstlergarderobe. Hier kauern oder liegen auf Matten ausgestreckt die Sumotori, feste, fleischige Gestalten mit riesenhaften Gliedmassen, gewöhnlich vollständig unbekleidet; flinke Aufwärter kämmen ihre Haare, binden die Zöpfe fest, reiben ihre Glieder oder legen das einzige Gewand der Sumotori beim Kampfe, eine seidene Schärpe um deren Leib. Diese breite, ausnehmend feste Schärpe ist gewöhnlich von blauer Farbe und mit langen Fransen besetzt. Sie wird mehreremale um die Hüften gewunden und dann zwischen den nackten Beinen durchgezogen.
Um den inneren, gewöhnlich viereckigen Zuschauerraum zieht sich eine etwa brusthohe Galerie, welche die teuersten Sitzplätze enthält. Als ich mich in Osaka gelegentlich eines derartigen Ringkampfes auf diese Galerie begeben wollte, fand ich nirgends einen Aufgang, und ich war schon im Begriffe, mit Zuhilfenahme von Händen und Füßen hinaufzuturnen, als ein Aufwärter mit einer kurzen Leiter herbeieilte. Nachdem er mir meine hölzerne Eintrittskarte abgenommen, lehnte er die Leiter an die Galerie, und als ich oben war, nahm er sie wieder mit sich fort. Ich konnte mich des Gedankens an die furchtbaren Schrecken nicht enthalten, wenn hier bei dem fortwährenden Tabakrauchen und Ausklopfen der noch glühenden Asche aus den Pfeifen Feuerlärm entstehen sollte, aber daran wird wohl von den Japanern nicht gedacht. Die Hauptsache ist, daß durch das Fortnehmen der Leiter die Einschmuggelei billetloser Leute verhindert wird. Will jemand während der Vorstellung herunter, so ruft er durch Händeklatschen den Aufwärter herbei.
Wie auf der Galerie, so ist auch in dem Zuschauerraum unten gewöhnlich jedes Plätzchen von Neugierigen besetzt. In der Mitte dieses Raumes, rings umgeben vom Publikum, erhebt sich eine Bühne von vielleicht drei Meter Durchmesser, und diese bildet die eigentliche Kampfarena. An den Ecken erheben sich hohe Bambuspfosten, ein Leinwanddach tragend. Der Boden der Arena ist mit Erde bedeckt und ringsum mit Reisstrohbündeln eingefaßt.
Die Leitung des Kampfes obliegt einem Giozi, d. h. einem mit allen Regeln des Ringkampfes vertrauten Richter, der in seinen jungen Jahren selbst ein Sumotori war. In altjapanische bunte Gewänder gehüllt, das Abzeichen seiner Würde, ein fächerartiges mit Schnüren und Quasten behängtes Tutschiwa in der Hand, betritt er feierlichen Schrittes die Bühne, klappert mit zwei Holzstücken, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erwecken, und verkündet nun mit schreiender Fistelstimme die Namen der zunächst auftretenden Kämpfer. Gewöhnlich sind es die jüngeren, minder erfahrenen Ringer, welche den Anfang machen. Der Anblick der beiden fetten, mit Ausnahme der Hüften vollständig nackten Gestalten gewährt keinen besonderen Liebreiz. Sie schlürfen zunächst aus den bereitstehenden Gefäßen etwas Wasser und gießen es über ihren Körper; dann nehmen sie eine Prise Salz in den Mund, reißen von den aufgehängten Papierpäckchen einige Blatt herunter, um sich die Hände abzuwischen, und stellen sich dann einander gegenüber, den Kampfrichter zur Seite, in Positur. Dazu müssen die Beine so weit wie möglich gespreizt werden, dann hocken sie auf ihre Waden nieder, indem sie mit den flachen Händen ein paarmal auf ihre Schenkel klatschen, und stemmen schließlich die ausgestreckten Arme mit dem Handrücken nach unten auf den Boden. Kaum sind sie in dieser keineswegs malerischen Stellung, so stoßen sie fast gleichzeitig einen Schrei aus, springen, wie von einer unsichtbaren Feder emporgeschnellt, empor und werfen sich mit vollster Wucht gegeneinander.
Bei diesen Kämpfen handelt es sich darum, den Gegner nach den genau vorgeschriebenen Regeln des Ringens zum Fall zu bringen. Stoßen, Schlagen, Boxen, dann gewisse Finten, wie das Unterstellen eines Beines u. dergl., sind auf das strengste verboten und kommen auch niemals oder doch nur höchst selten, vielleicht seitens eines aufgeregten jungen Kämpfers vor, mit dem Ergebnis, daß der Kampf sofort unterbrochen und er von der Arena ausgeschlossen wird. Die Mitglieder der Sumotorigilde aber sind in der traditionellen Kampfweise so eingeübt, daß sie nur diese zur Anwendung bringen. Als ich dieselbe bei verschiedenen Ringkämpfen kennen lernte, fiel mir ihre große Aehnlichkeit mit den bekannten Schwingfesten auf, welche jeden Sommer in den Hochthälern der Schweiz dutzendweise abgehalten werden. Hier sind es nicht professionelle Ringer oder, wie sie von den Schweizern genannt werden, Schwinger, sondern zumeist die Hirten von den Almen, dann Turner und Schwingamateure aus den Städten. Auch hier gilt es als vornehmste Aufgabe, den Gegner hoch zu heben und über den eigenen Kopf nach rückwärts zu werfen, daß er auf den Rücken zu liegen kommt. Die Schweizer Schwinger tragen an Stelle der Gürtelbänder aus festen Stoffen angefertigte Schwinghosen, bei welchen sie sich gegenseitig fassen. Die japanischen Ringer dagegen suchen das Erfassen ihres Gürtels seitens des Gegners nach Thunlichkeit zu verhindern. Ihre Gesetze sind bei der Gleichheit der Aufgaben viel strenger als bei den Schweizer Schwingern. Der Boden darf nur mit den Fußsohlen berührt werden. Niederknieen, Aufstützen mit Händen oder Ellbogen gelten als Niederlage, ebenso das Austreten aus dem nur acht oder zehn Quadratmeter großen Kampfplatze. Die Kampfrichter verfolgen den Verlauf des Kampfes auf das genaueste, ermuntern die Ringer durch Zurufe, warnen sie, wenn sie gegen die Regeln verstoßen oder sich den Strohbündeln nähern, welche den Kampfplatz umgeben. Wenn auch nur die Zehenspitzen eines Ringers die Grenze überschreiten, gilt er als besiegt.
Bei der Vorstellung, die ich in Osaka, dem japanischen Birmingham, anzusehen Gelegenheit hatte, traf ich gerade ein, als die besten und berühmtesten Ringer die Arena betraten, und die Aufmerksamkeit der Kopf an Kopf gedrängten Zuseher war derart, daß man den Eintritt eines Europäers gar nicht beachtete. Tausende von Augen waren ausschließlich auf die beiden feisten Riesengestalten gerichtet; die Frauen vergaßen das Essen, die Männer das Rauchen, selbst die Kinder blieben stumm und blickten neugierig nach der Arena. In dem ganzen weiten Raume nicht der geringste Laut, nicht die geringste Bewegung, als wäre die ganze fremdartige Versammlung erstarrt. Aber ein kurzer, mir ganz unverständlich gebliebener Handgriff einer der Ringer war das Signal zu donnerndem Applaus, in welchen alle wie auf Kommando gleichzeitig einstimmten. Von da an nahm die Erregung der Massen sichtlich zu; die Ringer hielten einander fest umschlungen, der Schweiß lief von ihren feisten Gliedern, die Adern waren zum Bersten geschwollen, ihr kurzer stoßweißer Atem war bis zu mir herüber hörbar, und doch rührten sie sich minutenlang nicht; eine kurze, kaum sichtbare Bewegung von vielleicht Handbreite hatte abermals enthusiastische Beifallssalven zur Folge, die eben so plötzlich, wie sie losbrachen, wieder verstummten. Jeder Versuch des einen Ringers, über den andern den geringsten Vorteil zu erringen, wurde von diesem sofort pariert; schließlich schien der eine plötzlich nachzugeben, der andere fiel durch das plötzliche Aufhören des Widerstandes nach vorne, und sein Gegner benützte diese Blöße blitzschnell, um mit Kopf und Schultern unter den Leib seines Widersachers zu fahren und diesen mit einem stierartigen Aufschnellen über sich hinüberzuschleudern, daß er auf allen Vieren auf der Arena landete.
Das Tosen und Schreien und Johlen der nun ganz außer Rand und Band geratenen Volksmenge war unbeschreiblich. Die sonst so ruhigen, höflichen Japaner sind bei solchen Veranlassungen ungemein leicht erregbar; Hüte, Tücher, Fächer, Pfeifen, Tabaksbeutel flogen in einem wahren Regen auf die Arena dem sich nach allen Seiten tief verbeugenden Sieger zu. Sie wurden von den Aufwärtern sorgfältig eingesammelt; denn diese handgreiflichen Beweise der Anerkennung werden nach beendeter Vorstellung von ihren Eigentümern wieder gegen eine mehr oder minder hohe Geldsumme oder andere Geschenke eingelöst. Alles das kommt dem siegreichen Ringkämpfer zu gute.
In neuester Zeit ist die körperliche Ausbildung der japanischen Jugend wieder aufgenommen worden, und in den Schulen wird überall fleißig nach abendländischem Muster geturnt.
Wie die Japaner in ihrem Lande reisen.
Eine der ersten abendländischen Einrichtungen, die das moderne Japan unmittelbar nach der großen Revolution zur Einführung brachte, waren die Eisenbahnen. Heute ist die Mehrzahl der japanischen Städte durch Schienenwege miteinander verbunden, und die Hauptmasse des Verkehrs in diesem dichtbevölkerten Lande hat sich ihnen zugewendet. Der Reisende in Japan ist überrascht, mit welcher Schnelligkeit die Japaner sich mit diesem abendländischen Verkehrsmittel vertraut gemacht haben. Der ganze Eisenbahnbau, die Verwaltung und Verkehrsleitung ruhen ausschließlich in japanischen Händen, Japaner verfertigen die Waggons, zum Teil auch die Schienen und das andere Material, Japaner entwerfen und bauen neue Linien, dienen als Schaffner und Lokomotivführer, und unter den ganzen, viele Tausende umspannenden Personal wird man nicht einen einzigen Europäer finden.
Wie in allen anderen abendländischen Dingen, so gingen die schlauen Bewohner des Mikadoreiches auch hier zu Werke: sie ließen sich von europäischen Ingenieuren zunächst eine die Hauptstadt des Landes, Tokio, mit dem Haupthafen, Yokohama, verbindende Eisenbahn bauen. Im Jahre 1870 begonnen, wurde diese 27 Kilometer lange Bahn 1872 dem Verkehr übergeben, und sie diente seither als Muster für die Herstellung jenes ziemlich ausgedehnten Eisenbahnnetzes, das sich über die Hauptinsel Nipon ausbreitet. Die europäischen Ingenieure hatten ihre Schuldigkeit gethan, indem sie den Japanern zeigten, wie man es macht, und wurden entlassen. Alle anderen Bahnen wurden von den japanischen Ingenieuren der ersten Musterbahn nachgebaut, und sie unterscheiden sich deshalb nur wenig von den europäischen Bahnen. Stationshäuser, Oberbau, Rollmaterial, Signaleinrichtungen sind im wesentlichen dieselben wie bei uns.
Immerhin ist man auf Reisen in Japan überrascht, die Eisenbahnen so vorzüglich funktionieren zu sehen, als wären sie schon seit vielen Jahrzehnten im Betriebe, nur nehmen sie es mit den Fahrzeiten nicht sehr genau. Rufen sie „tadeima” oder „suguni”, etwa „höchste Zeit”, so dauert es gewöhnlich noch eine geraume Weile, bis abgefahren wird, Zugverspätungen sind also natürlich. Dabei haben sich die Japaner keineswegs in ihrem Thun und Lassen den Bahnen angepaßt, sondern umgekehrt, sie haben sich dieselben dienstbar gemacht, ohne auch nur das Geringste von ihrer nationalen Eigenart, von ihrem Leben und ihren Sitten aufzugeben. Auf meiner ersten Bahnfahrt im Reiche des Mikado, von Yokohama nach Tokio, brachte mich ein japanischer Kuli in einer Kuruma, diesem bequemen Fauteuil auf Rädern, nach einer Eisenbahnstation, die ebensogut in Halle oder Weimar hätte stehen können, nur daß hier, wie überhaupt auf den japanischen Stationen, die Restaurationslokale fehlen. An den Schaltern der drei Klassen standen Japaner, um ihre Fahrkarten zu lösen, und die Beamten sprechen auch hinreichend englisch, um sich mit europäischen Reisenden zu verständigen. Nur mußte ich, bevor ich meine Karte erhielt, einem Polizeiagenten in Uniform meinen japanischen Reisepaß vorweisen. Wäre in meinem Paß die Stadt Tokio nicht angeführt gewesen, so wäre mir auch keine Fahrkarte verkauft worden.
Bis zur Abfahrt des Zuges verteilten sich die Passagiere in den Wartesälen der drei Klassen, die ähnlich eingerichtet sind wie bei uns, mit Tischen, Stühlen und Bänken längs den Wänden. Im Wartesaale zweiter Klasse lagen sogar die wichtigsten Tagesblätter der Hauptstadt zur Lektüre auf. Männer, Frauen und Kinder, alle in ihren ursprünglichen Nationaltrachten, machten es sich auf den ihnen ungewohnten Sitzen so bequem, wie sie nur konnten; statt mit herabhängenden Beinen dazusitzen wie Europäer, streiften viele ihre plumpen Holzsandalen von den Füßen, zogen die Beine herauf und setzten sich in gewohnter Weise auf ihre Fersen. Die mehr als große Ungezwungenheit der Japaner in Bezug auf ihre Sitten konnte ich selbst hier, in dieser von zahlreichen Europäern bewohnten und von ihnen am meisten beeinflußten Stadt an einem ergötzlichen Beispiele wahrnehmen. Mitten zwischen den Frauen und Mädchen im Wartesaal zweiter Klasse saß ein älterer Japaner, der von der unangenehmen Landplage Japans, den kleinen hüpfenden Menschenjägern, ein wenig gepeinigt zu werden schien. Ohne sich um die Anwesenden im geringsten zu kümmern, entledigte er sich seines Kimono, dann seines Unterkleides und stand nun in nicht viel umfassenderer Bekleidung da als der, in der er erschaffen wurde. Nach aufmerksamer Betrachtung seiner Gliedmaßen schüttelte er seine Kleidungsstücke (Heiliger Florian, schütz’ mein Haus und zünd’ die anderen an!) sorgfältig aus, zog sie wieder an und nahm ruhig Platz.
Auf dem Gepäckbureau werden Gepäckstücke in ähnlicher Weise angenommen und eingeschrieben wie bei uns, nur daß die Empfangsscheine den Bestimmungsort und die Nummer in japanischer Schrift tragen. Als die Abfahrtszeit des Zuges gekommen war, wurden die Fahrsteige geöffnet, und die ganze Menge von Passagieren, mehrere Hunderte an der Zahl, begab sich in den bereitstehenden Zug. Nur wenige Passagiere trugen europäische Kleidung und ebensolche Schuhe; von ihnen wurde die erste Wagenklasse bevorzugt; zahlreicher waren jene, die zu ihrem dunklen, schlafrockartigen Kimono einen europäischen Hut oder weißen Sonnenhelm, dann Schuhe und Regenschirme europäischer Mache trugen; die Halbjapaner benutzten größtenteils die zweite Wagenklasse, während die große Masse der durchwegs japanisch gekleideten Passagiere in der dritten Klasse Platz nahmen. Diese Unterscheidung habe ich später auf meinen Reisen durch das ganze Land gefunden. Nur in den seltensten Fällen traf ich in der ersten Klasse einen Japaner in Nationaltracht; auch dann war er in europäischer Kleidung in den Wagen gestiegen und hatte erst hier den abendländischen Rock mit dem bequemen Kimono vertauscht, ohne Rücksicht auf die anderen Passagiere.
Auf derlei, gelinde gesagt, Ungeniertheiten muß man sich bei Eisenbahnreisen in Japan ebenso gefaßt machen wie in den Städten und Dörfern, nur sind sie reisenden Europäerinnen auf den Eisenbahnen peinlicher, weil sie sich, in Waggons eingeschlossen, dem nicht durch schleunige Flucht entziehen können. Von den Waggons erster Klasse sind wohl manche in verschiedene Abteilungen geteilt, viele andere aber, ebenso wie die Waggons zweiter Klasse, bilden nur einen einzigen Raum mit an den Wänden entlanglaufenden Sitzbänken und einem freien Platz in der Mitte, wo sich gewöhnlich ein Tischchen mit Eiswasser befindet. Die Waggons dritter Klasse haben wohl Abteilungen, aber die Teilwände reichen nur etwa zum halben Rücken der sitzenden Passagiere. Manche Abteilungen in den besseren Wagenklassen zeigen in japanischer und englischer Sprache die Bezeichnung „Nichtraucher”, doch bleibt sie in diesem Lande, wo Männer und Frauen ohne Ausnahme Raucher sind und stets ihre kleinen Pfeifchen bei sich führen, unbeachtet. An Reinlichkeit und Bequemlichkeit läßt nur die erste Wagenklasse nichts zu wünschen übrig, aber in dieser bekommt der Reisende wieder nichts von dem eigentümlichen und hochinteressanten Volksleben zu sehen, das sich in der zweiten und dritten Klasse abspielt. Auf meinen Reisen wählte ich deshalb gewöhnlich die zweite Klasse, und bei Tag und Nacht blieb meine Aufmerksamkeit zwischen den herrlichen Landschaftsbildern, an denen wir vorbeiflogen, und dem Leben und Treiben meiner japanischen Mitreisenden geteilt. Schlafwagen und Restaurations- oder Büffettwagen sind, nebenbei bemerkt, in Japan noch unbekannt.
Die Japaner pflegen für größere Reisen ihre Hauskleider, Reisedecken, Lebensmittel und dergleichen mitzubringen, und sobald sie den Waggon mit höflichen Verneigungen gegen die Mitreisenden betreten haben, machen sie es sich auf den langen schmalen Sitzen so bequem als möglich. Die Straßenkimonos werden mit dem leichten, aus hellem Stoff angefertigten Hauskleide vertauscht, was bei dem Umstande, daß die Japaner keine Unterwäsche tragen, zu ähnlichen Schaustellungen führt, als wollten wir in unseren gefüllten Waggons das Unterhemd wechseln; fortschrittliche Japaner, bei denen die europäische Kultur, von unten beginnend, sich bereits durch moderne Schuhe oder Stiefel äußert, streifen diese gewöhnlich ab und bleiben während der ganzen Fahrt in Socken; bei besonders heißem Wetter schlagen die Reisenden beiderlei Geschlechts ihre Kimonos zurück und fächeln mit den stets in ihren Händen befindlichen Papierfächern ihren nackten Beinen Kühlung zu. Ueberfällt die reisenden Kinderchen etwa ein natürliches Bedürfnis, so befriedigen sie dasselbe mitunter, besonders in der dritten Wagenklasse, auf dem Fußboden des Waggons. Reisetaschen und Koffer nach unserer Art haben im Reiche des Mikado erst spärlich Eingang gefunden; der Japaner der unteren Stände packt seine Siebensachen gewöhnlich in ein buntes Taschentuch, das er vorläufig nur zu diesem Zwecke gebraucht; für jenen, zu dem wir es verwenden, bedient er sich kleiner Papierchen. Hat eine Japanerin in irgend einem der europäischen Kaufläden von Tokio oder Yokohama wirklich eine lederne Reisetasche erstanden, so wickelt sie auch diese sorgfältig in ein buntes Taschentuch und trägt sie wie ein Bündel. Ohne Bündel keine Reisende. Kleidungsstücke und dergleichen bringen die Japaner gewöhnlich in Yanagigori, kurzweg Kori genannt, unter. Diese Kori bestehen aus zwei länglichen Körben, die mit der Oeffnung gegeneinander zusammengeschoben und mit Stricken gebunden werden. Sie haben gegenüber unseren Reisekoffern den Vorteil, daß sie sich dem Inhalt anschmiegen und desto weiter auseinandergezogen werden können, je umfangreicher ihr Inhalt ist. Auch die in Japan wohnenden Europäer benutzen auf ihren Reisen gewöhnlich diese praktischen Kori, und aus Leder hergestellt, sowie mit Schlössern versehen, würde sich ihre Einführung in Europa sehr empfehlen.
Für diejenigen Reisenden, die sich ihren Mundbedarf nicht von Hause mitgebracht haben, werden auf den einzelnen größeren Stationen überall Lebensmittel, Kuchen, Eier, Früchte, ja ganze Mahlzeiten feilgeboten. Dazu dienen Schachteln in der Größe und Form unserer Cigarrenschachteln aus neuem weißen Holz, sogenannte Bento, die wenige Sen kosten. Beim Oeffnen der Umhüllung findet man zunächst eine kleine Papierserviette, dann einen Holzspan, der als Löffel dient, und zwei Eßstäbchen, zusammen von der Stärke und Länge eines Bleistiftes, die zum Zeichen ihrer Jungfräulichkeit nur zu zwei Dritteilen ihrer Länge auseinandergespalten sind. Unter ihnen zeigen sich die Leckerbissen der japanischen Mahlzeit: auf der einen Seite der Schachtel allerhand gekochte Wurzeln, eingemachte Früchte, rohe oder gesalzene Fischchen, aber niemals Fleisch, auf der anderen Seite köstlicher, blendend weißer Reis. Die Eßstäbchen dienen als Messer und Gabel, die Schachtel als Teller; dazu werden auf den Stationen Flaschen mit gutem japanischen Bier, Limonade und zur Kühlung dieser Getränke Eisstücke feilgeboten. Das gebräuchlichste Getränk ist aber doch Thee geblieben. Kleine Jungen verkaufen ganz reizende Theetöpfe mit heißem Theeaufguß und kleinen Schälchen dazu für drei bis vier Sen, alles inbegriffen, und kommt der Eisenbahnzug nach mehrstündiger Fahrt an eine größere Station, so ist es gewöhnlich die erste Aufgabe der mit der Reinigung der Waggons beauftragten Stationsdiener, die Dutzende von Theetöpfen und Schälchen zu entfernen, die sich während der Reise angesammelt haben. Die Töpfe finden aber zuweilen auch eine andere Verwendung, wie ich auf einer Reise von Tokio nach Osaka in Gesellschaft mehrerer europäischer Damen und einer Anzahl Japaner wahrzunehmen Gelegenheit hatte. Einer der letzteren hatte eben zwei Täßchen Thee geschlürft und den Theetopf unter den Sitz gestellt, als er Gelegenheit bekam, ein im Waggon vorhandenes Seitenlokal zu benutzen. Statt sich dorthin zu bemühen, holte er gemächlich den Theetopf wieder hervor und warf ihn nach vollbrachter That im kühnen Schwunge zum Waggonfenster hinaus. Derselbe Mann aber entfernte sich, an seinem Ziele angelangt, unter den ehrerbietigsten Verbeugungen vor uns aus dem Waggon, ein Beweis, daß er von der Unziemlichkeit seines früheren Betragens keine Ahnung hatte.
Europäer durften sich in Japan bis 1898 auch auf den Eisenbahnen keineswegs frei bewegen, für jede Reise bedurften sie eines von der Regierung ausgestellten Reisepasses in japanischer Sprache, in dem die einzelnen Orte, wo die Reisenden Aufenthalt nehmen wollten, genau angegeben waren. An jeder Eisenbahnstation, ja in jedem noch so kleinen Orte wachte die luchsäugige japanische Polizei mit der größten Strenge über die Reisenden, und wie eingangs erwähnt, kein Europäer durfte sich ein Eisenbahnbillet lösen, ohne daß sein Reisepaß vorher von einem Polizisten geprüft worden wäre. Wurde er in einem Orte angetroffen, der in seinem Passe nicht erwähnt war, so konnte er sich empfindlichen Unannehmlichkeiten aussetzen. Wie in dem gestrengen Rußland konnte er ohne Paß in keinem Hotel Aufnahme finden. Durch diese Paßschwierigkeiten wäre im Sommer 1894 meine Reise von Japan nach Korea bald zu Wasser geworden. Der letzte Passagierdampfer, der vor dem chinesisch-japanischen Kriege überhaupt nach dem „Lande der Morgenruhe” abgelassen wurde, sollte an einem bestimmten Tage den Hafen von Kobe verlassen, und mein Reisepaß war in Myanoshita, wo ich mich gerade befand, noch nicht eingetroffen. Um den Dampfer nicht zu versäumen, nahm ich zu einer List meine Zuflucht. Eine Kuruma, gezogen von zwei flinken Burschen, brachte mich und mein Reisegepäck, in dem sich unter anderem ein vollständiger japanischer Anzug befand, am Abend des letzten Tages aus dem Gebirge nach der Eisenbahnstation Kodzu. In dem Theehause der Station gegenüber nahm ich einen Imbiß ein, den ich mit einem reichlichen Dschadai (Trinkgeld) bezahlte, und ersuchte dabei eins der kleinen, mich bedienenden Nesanmädchen, mir eine Fahrkarte nach Kobe zu lösen. Durch einen glücklichen Zufall war der Polizist am Schalter gerade nicht anwesend, und sie brachte mir das ersehnte Stückchen Pappendeckel. In der Dunkelheit stahl ich mich nun in ein Bambusgestrüpp nahebei, streifte rasch meine Oberkleider ab, warf mich in einen Kimono, band ein rotes Kopftuch um, setzte eine große dunkle Brille auf und verbarg meine europäischen Kleider in dem Reisesack. So wartete ich das Herannahen des Zuges ab, und als er in die Station eingefahren war, sprang ich, so schnell es die schweren Holzpantoffeln erlaubten, mit einem Tuche vor dem Munde, als hätte ich Zahnschmerzen, zwischen Polizisten und Bahnbeamten hindurch in den Zug. Während der nächtlichen Fahrt erschien glücklicherweise nur ein Jünger der heiligen Hermandad in meinem Waggon, wo ich mich auf eine Bank ausgestreckt schlafend stellte. Meine Vermummung und die Dunkelheit halfen mir über diese Gefahr hinweg, und glücklich kam ich in Kobe, einem den Europäern geöffneten Hafen an, wo man sich über meine japanische Tracht nicht wenig ergötzte. Das Schiff war erreicht, der Reisepaß aber kam, wie ich nachträglich erfuhr, erst zwei Tage nach meiner Abreise in Myanoshita an.
Mit ihren Eisenbahnen machen die Japaner vortreffliche Geschäfte. Nach den offiziellen Mitteilungen vom Jahre 1896 hat das Eisenbahnnetz eine Länge von etwa 3000 Kilometern erreicht. Das ist vorderhand nicht viel, denn Japan hat dieselbe Größe wie ganz Norddeutschland mit Ausschluß der thüringischen Staaten und dabei eine Einwohnerzahl von 42 Millionen, also um 9 Millionen mehr als Norddeutschland. Während dieses nun ein Bahnnetz von über 30000 Kilometern Länge besitzt, hat dasselbe in Japan nicht viel mehr als ein Zehntel dieser Länge im Betrieb. Dafür sind augenblicklich noch weitere 1500 Kilometer im Bau begriffen. Während des Jahres 1895 hat die Regierung 26 temporäre Baubewilligungen im Gesamtumfange von 1350 Kilometern mit einem Kapital von 40 Millionen Yen erteilt, dazu 5 permanente mit 390 Kilometern und 10½ Millionen Kapital. Die Spurweite der japanischen Bahnen ist geringer als jene der europäischen und beträgt nur, die Schienen einbegriffen, 1 Meter 15 Centimeter, weshalb die Geschwindigkeit der Schnellzüge zu wünschen übrig läßt. Dafür sind auch die Fahrpreise geringer, denn sie betragen für den Kilometer nur etwa 6 Pfennig in der ersten, 4 Pfennig in der zweiten und 2 Pfennig in der dritten Klasse. Mit Ausnahme der kurzen Strecken zwischen Kobe und Osaka, sowie zwischen Tokio und Yokohama sind alle japanischen Bahnen eingleisig.
Unter staatlicher Verwaltung standen 1895 880 Kilometer mit 127 Stationen und 3000 Waggons, die Einnahmen beliefen sich auf 7¼ Millionen Yen, die Ausgaben auf 4 Millionen, so daß bei einem Anlagekapital von 40 Millionen Yen die Verzinsung etwa 8 Prozent beträgt; im Jahre 1891 belief sie sich nur auf 6 Prozent.
80 Millionen Yen sind in den Eisenbahnlinien der Privatgesellschaften angelegt, die Ende 1895 eine Gesamtlänge von 2300 Kilometern mit 273 Lokomotiven und 5000 Waggons besaßen. Ihre Einnahmen beliefen sich auf 8¾ Millionen, die Ausgaben auf 4 Millionen, und da von dem Kapital nur 60 Millionen eingezahlt sind, so ergiebt sich bei einem Reingewinn von 5¾ Millionen eine recht ansehnliche Dividende.
Die Zahl der Passagiere belief sich 1895 auf nahezu 22 Millionen, von denen 20½ Millionen die dritte Fahrklasse benutzten und 750000 die zweite; nur 50000 fuhren in der ersten Klasse, der Rest entfällt auf Dienstreisende.
Durch Unfälle wurden 135 Passagiere getötet und 38 verwundet.
Im Jahre 1898 war die Länge der Staatsbahnlinien 1065 Kilometer, der Privatbahnen 3682 Kilometer, zusammen also 4747 Kilometer.
Ebenso wie Dampfeisenbahnen sind in den letzten Jahren auch zahlreiche Pferdebahnen in Japan gebaut worden, in Städten sowohl wie auf dem Lande, ja die Japaner sind sogar noch einen Schritt weiter gegangen und können sich einer Eisenbahn rühmen, wie sie auf dem weiten Erdenkreis wohl kaum ihresgleichen hat. Als ich im Sommer 1894 auf meinen Fahrten längs der herrlichen Bucht von Odawara, südlich von Yokohama, das Bad von Atami mit seinem berühmten intermittierenden Geiser besuchte, legte ich den Weg dahin noch in der Rickshaw zurück. Seither sind spekulative Köpfe auf den Gedanken gekommen, eine Rickshaw-Eisenbahn anzulegen mit menschlichen Lokomotoren. Statt der von einem Kuli gezogenen Handwägelchen laufen auf dieser Bahn viersitzige Wagen, von zwei Kulis gezogen. Ich glaube, es besteht in Japan bereits ein Tierschutzverein. Ob es nicht zweckmäßig wäre, auch einen Menschenschutzverein zu gründen? Die Steigungen auf dieser Kulibahn sind derart bedeutend, daß sie von den armen Zugmenschen kaum bewältigt werden können, besonders wenn statt vier sogar sechs Passagiere in dem Wägelchen Platz nehmen; ebensowenig können die Kulis beim Herabfahren den ins rasche Rollen gekommenen Wagen zurückhalten, und es ist in der kurzen Zeit des Bestehens dieser Kulibahn schon häufig zu Unglücksfällen gekommen.
Die Aufhäufung des Verkehrs durch die Eisenbahnen hat natürlicherweise die alten Verkehrsstraßen Japans vereinsamt, aber wer Land und Leute kennen lernen will, muß dieselben doch noch benutzen. Die älteste dieser Straßen, die berühmte Nakasendostraße, läuft von Kioto mitten durch die Insel Nipon in östlicher Richtung; eine zweite führt von der alten Reichshauptstadt nach Norden, eine dritte in nordöstlicher Richtung nach der heiligen Tempelstadt Nikko, aber während der letzten Jahrzehnte vor der Einführung der Eisenbahnen war die belebteste Verkehrsstraße der Tokaido, zwischen Kioto und Yeddo, die Hauptroute der alten Feudalfürsten mit ihrem zahlreichen, oft nach Tausenden zählenden Gefolge auf ihrem jährlichen Huldigungszuge an den Hof des Schoguns. Der Verkehr auf dieser wichtigsten Route Japans wurde an Lebhaftigkeit von keiner Straße in den Großstädten übertroffen, und selbst heute noch wird der Tokaido täglich von Tausenden benutzt, die zu Fuß, zu Wagen, in der Rickshaw oder in der japanischen Sänfte, dem Kago, längere Reisen unternehmen. Leider verwendet die unter dem Zeichen des Dampfverkehrs stehende japanische Regierung auf die Straßen nur wenig Sorgfalt. Häufige Ueberschwemmungen und Erdbeben richten in jedem Jahre immer größere Verheerungen an, und stellenweise sind diese Verkehrswege kaum passierbar. Noch vor zwei Jahrzehnten waren sie durch die herrlichsten uralten Kryptomerien beschattet, und auf manchen Strecken, wie bei Nikko und an dem See von Hakone, hatte ich noch Gelegenheit, in meiner Rickshaw zwischen langen Reihen dieser wunderbaren Bäume einherzufahren, die mich in ihrer stolzen Höhe und Eigenart lebhaft an die berühmten Sequojas im Distrikt von Yosemite in Kalifornien erinnerten. In ihrem Streben nach vermeintlich europäischer Kultur begannen die Japaner auch hier mit rücksichtsloser Hand diese majestätischen Ueberreste des alten Japan zu vernichten; auf Meilen wurden die Bäume niedergeschlagen, um Platz zu machen für die Telegraphenstangen, und erst der Einspruch der Diplomaten und das Geschrei der ausländischen Zeitungen brachte die offiziellen Vandalen zur Besinnung. Die meisten Straßen Japans sind so schlecht unterhalten, vom Wasser so zerrissen und bei Regenwetter so bodenlos wie die chinesischen; nur stellenweise ist der Verkehr mittels Rickshaws möglich, und deshalb hat sich auch noch so lange der entsetzliche Marterkasten der Japanreisenden früherer Zeit, der Kago, erhalten. Der Kago wird hauptsächlich noch von Frauen benutzt, und es nahm mich beim Anblick derselben stets wunder, wie so zarte Wesen tagelang in diesem elendesten aller Tragstühle verweilen konnten: ein Sitzbrett, nicht viel größer als das unserer Armstühle, vorn und hinten mit Stricken an einer von Kulis getragenen Bambusstange aufgehängt, bildet den Kago. Auf diesem Sitze hockt der Reisende auf seinen Waden, denn der Kago ist zu niedrig, um auf der zum Sitzen bestimmten Partie des menschlichen Körpers zu ruhen und die Beine herabfallen zu lassen, auch zu kurz, um die Beine ausstrecken zu können.
Dabei ist infolge der kleinen Statur der Japaner der Raum zwischen Sitzbrett und Tragstange so niedrig, daß nur kleine Frauchen ihren Kopf hochtragen können; ich selbst konnte ihn nicht heben, ohne an die Tragstange anzustoßen. Zur Linderung der Marter wird freilich ein Kissen auf den Sitz gebreitet und an der Bambusstange ein horizontales Schutzdach aus Stoff gegen Sonne und Regen befestigt, aber eine Marter bleibt es dennoch, im Kago zu reisen. Deshalb wurden in den letzten Jahren hauptsächlich für die europäischen Reisenden die Tragstühle eingeführt, wie sie in China, meistens in Hongkong, gebräuchlich sind. Sie bestehen aus einem bequemen Armstuhl aus Strohgeflecht mit einer an Seilen hängenden Fußbank; statt von einer Bambusstange herabzuhängen wie der Kago, ist an jeder Seite des Tragstuhls etwa in der Höhe des Sitzes eine mehrere Meter lange elastische Bambusstange angebracht, deren Enden auf den Schultern von zwei bis vier Kulis ruhen.
Bei Rickshaw, Kago und Tragstuhl ist es erstaunlich, welche Kraft und Ausdauer die sehnigen Kulis entwickeln; noch erstaunlicher die Geringfügigkeit des Lohnes, mit dem sie sich zufrieden geben. Allerdings sind ihre Bedürfnisse mehr als bescheiden; sie schlafen in den ärmlichsten Hütten oder unter den längs des Tokaido und Nakasendo stellenweise errichteten Flugdächern; sie nähren sich von Reis und Gemüsen, und was ihre Kleidung betrifft, so besteht sie im Inlande, entfernt von der polizeilichen Ueberwachung der Städte, im Sommer immer noch aus der weißen Kravatte, die sie sich um die Lenden binden. Nur auf den belebtesten Verkehrswegen tragen sie dazu noch eine blaue, vorn offene Jacke und gestatten sich zuweilen auch den Luxus von enganliegenden Kniehosen. Derartiger Kulis dürfte es im Reiche des Sonnenaufgangs gegen zwei Millionen geben.
Ein Birmingham des fernen Ostens.
Der große Krieg zwischen China und Japan hat die Aufmerksamkeit Europas in höherem Maße als bisher auf Ostasien gelenkt, und vielfach sind die großen Gefahren besprochen, die der europäischen Industrie durch den Wettbewerb der Länder Ostasiens, vor allem Japans, drohen. Japan ist in den letzten Jahrzehnten in vielen Industriezweigen selbständig geworden, ja es tritt auf den ostasiatischen Märkten, sogar auch in Europa, mit seinen Industrieerzeugnissen erfolgreich auf.
Wo ist nun in dem fernen Inselreiche der Sitz der so jungen und doch so gewaltigen Industrie? Sind es einzelne Gebiete oder Städte, oder entwickelt sich das ganze Japan allmählich zu einem kleinen ostasiatischen Westfalen? Der Reisende in Japan erlangt darüber bald Klarheit. Während sich auf Reisen in Europa die Nähe größerer Städte gewöhnlich durch die mit Rauch geschwängerte Atmosphäre, durch Kirchtürme, hohe Schornsteine und große Fabrikgebäude kundgiebt, sieht man in Japan die Städte erst, wenn man sich beinahe in ihnen befindet. Ein Kranz von Gärten und hohen Bäumen entzieht die niedrigen, einstöckigen Gebäude dem Anblick, und die Atmosphäre der Städte ist ebenso klar und durchsichtig, der Himmel ebenso blau wie auf dem Lande. Die Japaner verwenden eben zur Feuerung hauptsächlich nur Holzkohlen. Schornsteine sind dazu nicht nötig, ja den Städten des südlichen Japan sind solche bisher glücklicherweise noch unbekannte Dinge geblieben.
Das Erstaunen des Japanreisenden ist deshalb groß, wenn er auf seiner Fahrt längs der Ostküste von Yokohama nach Kobe, etwa eine Stunde vor dieser Hafenstadt, im Osten die Atmosphäre mit dichtem Rauch geschwängert sieht, als ob dort gerade irgend eine Ortschaft vom Feuer verzehrt würde. Beim Näherkommen gewahrt er in der weiten Ebene eine große Zahl von umfangreichen Fabrikanlagen mit roten, mehrstöckigen, vielfensterigen Gebäuden und Dutzenden hoch über sie emporragenden Schornsteinen, ein Anblick, an den er wohl in den Industriebezirken von Sachsen oder Westfalen gewöhnt ist, der hier aber sein Befremden erweckt. Bald darauf fährt er in eine rauchige, finstere, belebte Eisenbahnstation ein, und der japanische Schaffner ruft Osaka.
Osaka, das japanische Birmingham, das neugeschaffene Emporium der ebenso neuen japanischen Industrie, die größte Fabrikstadt von Ostasien. Gleichzeitig ist dieses Osaka (sprich Ohsakka) die zweitgrößte Stadt des Landes, an Einwohnerzahl, Bedeutung und Reichtum nur von Tokio übertroffen. Vor dem Stationsgebäude drängen sich zwischen Tausenden von geschäftigen Menschen Hunderte von Kurumas, diese kleinen, zweiräderigen, von flinken, strammen Burschen gezogenen Handwagen. Ich springe in eine dieser Kurumas, rufe dem Kuli die Worte „Yadya Dschiyutai” zu und befinde mich nach einer raschen Fahrt von zehn Minuten durch die ungemein belebten Straßen Osakas in dem einzigen, halbwegs europäisch eingerichteten Hotel dieser japanischen Großstadt.
Das Dschiyutaihotel steht im Verein mit einigen anderen Gebäuden auf einer langen, schmalen, mit hübschen Parkanlagen bedeckten Insel inmitten des Yodogawaflusses, der hier etwa die Breite des Rheins bei Köln besitzt. Diese, Nakanoshima genannte Insel ist mit den Stadtteilen an beiden Ufern durch eine breite, stets dicht mit Menschen besetzte Brücke verbunden; auf dem Strom fahren zahllose Dampfer, Frachtboote und Sampans auf und nieder; die Ufer sind dicht mit malerischen, mehrstöckigen Holzhäusern eingefaßt, die mit ihren Fronten auf Piloten im Wasser stehen und in jedem Stockwerk eine mit Blumen, Lampions und Flaggen geschmückte, weit in den Fluß ragende, offene Veranda zeigen. Ueberall, in den Häusern, auf den Veranden, auf der Brücke und im Flusse herrscht das regste Leben. Menschen, wohin das Auge blickt, durchweg Japaner, anscheinend ganz unbeeinflußt durch die europäische Kultur. Während meines mehrtägigen Aufenthaltes in Osaka begegnete ich keinem einzigen Europäer. Es gab wohl in früheren Jahren viele hier, als die Japaner zur Anlage und Einrichtung ihrer Fabriken europäischer Fachleute bedurften. Sobald diese jedoch ihre Schuldigkeit gethan und die Japaner in die Geheimnisse ihrer Kunst eingeweiht hatten, wurden sie von den letzteren wieder entlassen. Heute werden all die großen Fabriken, die im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte auf diesem urjapanischen Boden entstanden sind, fast ausschließlich von Japanern geleitet; sie sind mit japanischem Gelde errichtet worden, die europäischen oder asiatischen Rohprodukte, die sie benötigen, werden mit europäischen Maschinen ausschließlich von Japanern verarbeitet, kommen durch japanische Handelshäuser auf den Markt, werden bei japanischen Gesellschaften gegen Schäden versichert und endlich auf japanischen Dampfern nach den verschiedenen Häfen, aber auch nach China, Indien, Australien, ja selbst nach Europa verschifft. Kürzlich hat eine große japanische Dampfergesellschaft, die Nipon Yusen Kaisha, eine regelmäßige Dampferlinie über den Stillen Ozean nach Amerika und eine zweite durch den Suezkanal nach Europa eingerichtet, und die massenhaften Fabrikprodukte von Osaka gelangen in Europa auf den Markt, ohne daß der Europäer irgend etwas daran verdient.
Doch, wo sind die Fabriken des so rasch berühmt gewordenen Birmingham von Ostasien? Rings um den breiten Fluß und selbst im Innern der Stadt giebt es keine, und wer ähnliche Frachtwagen und andere Fuhrwerke, Maschinen, Schienengeleise, Quais mit schwarzen Drehkränen, gehandhabt von rußigen Arbeitern, erwartet, wie sie sich in den Fabrikstädten Europas zeigen, der wird hier angenehm enttäuscht. Auf dem Flusse, in den zahlreichen Kanälen, in den Straßen der inneren Stadt bis hinauf zur altjapanischen Frohnfeste ist das Bild von Osaka urjapanisch, und weder Tokio noch Kioto, noch irgend eine andere von Fremden besuchte Großstadt ist von der europäischen Kultur so unbeeinflußt geblieben wie Osaka. Tokio läßt sich von der Regierung, figürlich gesprochen, allmählich ins Europäische übersetzen, ebenso Yokohama, Kobe, Hiogo, teilweise sogar Kioto und Nagasaki. Osaka dagegen hat die europäische Kultur ins Japanische übersetzt; es hat sich von derselben alles angeeignet, dessen es bedarf, hat es aber dem japanischen Wesen angepaßt und ist in dem Aussehen seiner Straßen und Häuser und der Menschen, die in ihnen wohnen und verkehren, anscheinend mit zäher Absichtlichkeit urjapanisch geblieben. Ich habe auf meinen Reisen durch Japan keine Stadt gesehen, in der sich das japanische Leben und Treiben unverfälschter und dabei lebhafter zeigte, auch in dieser Hinsicht keine interessantere und sehenswertere Stadt gefunden als eben Osaka. Man sollte glauben, daß die großartigen europäischen Industrien, die sich hier in so kurzer Zeit entwickelt haben, auch auf das Leben, die Kleidung und das ganze Wesen der Einwohner nicht ohne Einfluß geblieben sein könnten. Keine Spur davon. Im Gegenteil. Nirgends ist von altjapanischer Eigenart mehr wahrzunehmen als gerade hier. Nirgends ist der alte Aberglaube, der Götzendienst, das Prozessionswesen ausgeprägter; nirgends werden die vielen Matsuri (Volksfeste) ursprünglicher gefeiert; nirgends giebt es bewegteres Leben in den Theehäusern und Theatern; die Geishamädchen von Osaka sind in ganz Japan als die hübschesten und fähigsten anerkannt, und in Osaka wird am besten nach altjapanischer Weise getanzt, gesungen und musiziert.
Die Stadt liegt auf beiden Ufern des breiten, vom Biwasee kommenden Yodogawaflusses und ist von alters her der Hafen der früheren Landeshauptstadt Kioto, mit der sie durch eine Eisenbahn und mehrere Dampferlinien auf dem Yodogawa verbunden ist. Aber Osaka kann heute nicht mehr als Hafen gelten, denn es ist etwa zwei bis drei Kilometer von der schlammigen Mündung dieses Flusses in die seichte Osakabucht entfernt, und Seedampfer können hier gar nicht herankommen. Osaka gegenüber, auf der Westseite der etwa fünfzehn Kilometer breiten Bucht, liegen die Zwillingsstädte Hiogo und Kobe, und diese bilden ihrerseits den Hafen von Osaka; von dort gelangen all die Erzeugnisse der letzteren Stadt zur Verschiffung, und wie in der Zeit vor der Revolution die Stadt Kioto den Hafen Osaka geschaffen hat, so hat nach der Revolution die Stadt Osaka den Hafen Kobe geschaffen und zu großer Blüte gebracht. Dieses Kobe ist eine europäische Stadt mit abendländischen Straßen und Häusern, mit Konsulaten, Theatern, Konzerthallen, Klubs nach europäischer Art, noch mehr als Yokohama, und vielleicht auch bestimmt, in nicht zu ferner Zeit dieses zu überflügeln; Osaka aber ist, wie gesagt, japanisch geblieben.
Das merkt man sofort, wenn man in einer Kuruma durch die Straßen dieser reizenden Stadt fährt. Sie ist ganz nach amerikanischer Schachbrettart angelegt; die breiten, geradlinigen Straßen schneiden sich in rechten Winkeln und werden von einer großen Zahl von ebenso geradlinigen Kanälen gekreuzt, über die gewölbte, hölzerne Brücken führen. Es sind also sozusagen zwei Städte übereinander; eine Stadt von Kanälen, zwischen denen sich nicht weniger als dreieinhalbtausend Brücken befinden.
Welche von diesen beiden Städten interessanter ist?
Bei Tag wohl die Stadt auf dem Lande mit ihrem ungemein regen Leben und Treiben und ihren unzähligen Kaufläden, die sich in den meisten Straßen auf Kilometer dicht aneinanderreihen, als ob jede einzelne der 162000 Familien der Stadt einen Kaufladen besäße. Durch die im Juli 1896 erfolgte Einverleibung von 28 umliegenden Städten und Dörfern in Osaka hat sie an Bevölkerungszahl um 125000 zugenommen und ist heute eine Stadt von 752000 Einwohnern, übertrifft also Birmingham um 300000 Seelen, und überall, Straßen auf, Straßen ab sind weitgeöffnete Läden, so daß man beim Spazierengehen nicht nur die vor den Läden an der Straße aufgestapelten Waren, sondern auch die in denselben herrschende Thätigkeit wahrnehmen kann. Osaka ist ja nicht nur Markt-, sondern auch Fabrikstadt; dabei nicht nur von europäischen Waren, sondern auch die größte Fabrikstadt nach japanischer Art. Draußen an der Straße der Handel, drinnen in den Läden die Industrie. Diese ist, was die spezifisch japanischen Produkte anbelangt, Kleinindustrie geblieben. Jede Familie arbeitet in den kleinen, niedrigen, aber nach vorne und hinten offenen und deshalb luftigen Läden für sich oder höchstens mit Zuhilfenahme von einem oder mehreren Arbeitern. Hier sieht man die fleißigen, kleinen Japaner, im warmen Sommer mit entblößtem Oberkörper, mit ihren Händen und häufig auch mit den Füßen arbeiten. Hier sieht man, wie die kleinen, zierlichen Fächer gemalt, wie ihre Bambusrippen gespalten und zusammengefügt werden, ein kleiner Artikel, der aber nach Hunderten von Millionen in alle Welt gerade von Osaka ausgeführt wird und Millionen in die Taschen der Einwohner bringt. Hier sieht man das Flechten der zarten, hübschen Strohmatten, die Herstellung des Indigo zum Färben der in den Fabriken angefertigten Stoffe, das Weben der herrlichen Seidenstoffe und golddurchwirkten Brokate, das Zusammensetzen der bekannten Sonnenschirme aus Bambus und Papier, das Verfertigen der kleinen, hölzernen Nippsachen, Kästchen und Schachteln, die von verschiedenen Größen, aber derselben Form, so genau ineinander passen; die Fabrikation der Millionen von Puppen, Kinderspielzeugen aller Art, der Bronzefigürchen, Schälchen und hunderterlei anderer wohlfeiler Artikel, die in den europäischen Bazars sich so wunderhübsch ausnehmen, unsere Bewunderung erregen, unsere Kauflust reizen. Stundenlang mußte ich in diesen interessanten Quartieren der japanischen Kleinindustrie verweilen, bald hier, bald dort, und staunen über die unglaubliche Geschicklichkeit, ebenso wie über die einfachen Mittel der japanischen Handwerker. In der Zartheit und Genauigkeit ihrer Arbeit stehen sie unter allen Nationen unübertroffen da oder können es wenigstens, wenn sie wollen. Infolge des ungeheuren Absatzes, den diese japanischen Nippes in Europa und Amerika gefunden haben, ist die Nachfrage nach diesen, größtenteils aus Osaka stammenden Artikeln so lebhaft geworden, daß die Kleinindustrie mit Arbeit überhäuft ist, und da der Nachwuchs an Arbeitern nicht genügt, ihre Arbeitskraft aber bei vierzehn- bis sechzehnstündiger Arbeitszeit nicht höher angespannt werden kann, so ist in den letzten Jahren ein bedauerlicher Schlendrian in der Herstellung eingetreten. Osaka ist eine Art japanisches Chicago, mit seiner Jagd nach dem Gelde. Verdiene Geld, verdiene es ehrlich, und kannst du es nicht, so verdiene es doch.
Nur eine beschränkte Zahl von Kunstgewerben hat sich noch zum Teil von dieser Leichtfertigkeit freigehalten, darunter die Herstellung feiner Bronzewaren und feiner Porzellansachen. In den Kuriositätenläden von Yokohama und Kobe wurden mir häufig reizende Artikel dieser Art vorgelegt. Bronzen mit eingesetzten oder aufgehämmerten Figuren, Ornamenten, eingelegtem, ungemein zartem Email, in den herrlichsten Formen, in der zartesten Ausführung. Oder entzückende kleine Vasen, Schalen, Tassen, Aschebehälter aus feinstem Porzellan, bedeckt mit Malereien von einer Feinheit, Kleinheit und Farbenpracht, die in Europa unerreicht ist. Man nannte mir als Erzeuger dieser Waren Firmen aus Osaka mit weitberühmten Namen. Als ich diese Firmen aufsuchte, um die Erzeugungsart dieser kleinen Kunstwerke kennen zu lernen, fand ich sie auch nur in bescheidenen kleinen Holzhäuschen, aber sie hatten keine offenen Kaufläden wie ihre minderwertigen Kollegen. An den verschlossenen Häusern, die man ebensogut für Privathäuser hätte halten können, waren keine Schilder oder Firmentafeln, ja selbst als ich Einlaß gefunden hatte, sah ich auch im Innern keine Schaustücke ausgestellt. Erst nach längerer Unterhaltung und nachdem ich den von zarten Mädchenhänden dargereichten Thee geschlürft, wurden die Kästen geöffnet, aus Baumwolle und Papier die kleinen Kunstgegenstände ausgewickelt und mir mit großem Zeremoniell, etwa wie der kostbarste Brillantschmuck, dargereicht. Und als ich die Frage stellte, wo das Atelier sich befände, wies man mich eine steile, enge Holztreppe hinauf in das erste Stockwerk, wo ein paar junge Arbeiter auf dem Fußboden saßen und an den kleinen Porzellanvasen und -schalen herumpinselten. Das war die ganze weitberühmte Fabrik. In Europa wäre ein Porzellanmaler von solcher Kunst und Fähigkeit mindestens ein Professor, in einem schönen Atelier sitzend und mit ansehnlichem Gehalt. Hier sind die Künstler junge bescheidene Burschen, die sechzehn Stunden den Tag arbeiten, halbnackt auf ihren Fersen hocken und als Tagelohn einen Yen, etwa zwei Mark, erhalten. Wenige werden besser bezahlt, während die weitaus größte Mehrzahl von Arbeitern, die in dem Kleingewerbe von Osaka Verwendung finden, nicht mehr als vierzig bis fünfzig Pfennig den Tag verdienen. Und derartiger Arbeiter giebt es in Osaka über sechzigtausend. Die besten Mechaniker erhalten einen Tagelohn von etwa zwei Mark, Sticker, Aufseher, Maler, Holzschnitzer eine Mark, Fabrikarbeiter durchschnittlich vierzig bis fünfzig Pfennig, Tagelöhner siebzig Pfennig. Noch viel geringere Arbeitslöhne erhalten die Arbeiterinnen. Am höchsten werden die Stickerinnen und Malerinnen bezahlt. Sie erhalten etwa vierzig Pfennig täglich; ihnen zunächst kommen Aufseherinnen und die ausgezeichnetsten Arbeiterinnen in den verschiedenen Industriezweigen mit etwa dreißig Pfennig, gewöhnliche Arbeiterinnen in den Fabriken mit zwanzig Pfennig und schließlich die Lehrmädchen mit zehn bis dreizehn Pfennig täglichem Arbeitslohn. Wie man sieht, betragen also die Arbeitslöhne in Japan im großen und ganzen nur ein Viertel bis ein Fünftel der europäischen Löhne, und wenn man berücksichtigt, daß Japan in Bezug auf Asien etwa ähnlich gelegen ist wie England in Bezug auf Europa, daß es mit den verschiedenen Ländern und Häfen der asiatischen Welt durch eigene japanische Dampferlinien in Verbindung steht und daß die Entfernung dieser Länder von Japan nur ein Drittel bis ein Fünftel ihrer Entfernung von Europa beträgt, an Fracht und Versicherungskosten demnach ungemein viel erspart wird, so hat man die Erklärung für den Aufschwung von Japan als Industriestaat und die Bedrohung der asiatischen Märkte durch die japanische Industrie.
Am auffälligsten wird sich das dem Japanreisenden in Osaka zeigen. Die einheimische Bevölkerung hat für die Bewältigung der industriellen Aufgaben hier längst nicht mehr hingereicht, und aus allen Provinzen strömt die Landbevölkerung hier zusammen, um Arbeit zu finden, die in der Stadt immer noch besser bezahlt wird wie auf dem Lande, gerade so wie es in den europäischen Industrieländern der Fall ist. In den letzten Jahren sind ganz neue Stadtteile entstanden, und die leichten, ärmlichen Häuschen sind schon vermietet, ehe sie fertig dastehen. Die Baugründe sind in diesem industriellen Emporium im Preise auf nahezu das Dreifache jener der Landeshauptstadt Tokio gestiegen, dementsprechend sind auch die Mieten und der Schischikin höher. Jeder, der ein Haus mieten will, muß dem Besitzer, bevor er das Haus bezieht, eine bestimmte Summe als eine Art Garantie zahlen, und diese wird Schischikin genannt. Brennt das Haus nieder, so fällt der Schischikin dem Hausbesitzer ganz zu, jedenfalls erhält er aber beim Ablauf der Miete zwanzig Prozent dieses Garantiebetrages, und bei den ärmlichen Verhältnissen der Japaner muß es Verwunderung erwecken, daß sie überhaupt im stande sind, den Schischikin zu erlegen. Der größte Zuzug nach Osaka kommt aus der westlich davon gelegenen Provinz Hiroschima, hauptsächlich Nachkommen der von den japanischen Eroberern unterworfenen Ureinwohner des Landes, der Ainos, ein friedfertiges, fleißiges, anspruchsloses Völkchen, das auch das Hauptkontingent für die japanischen Arbeiterkolonien in Australien, Neukaledonien, Hawai u. s. w. geliefert hat. Tausende von armen jungen Mädchen im zarten Alter von acht bis zwölf Jahren finden in den Fabriken von Osaka Beschäftigung, und viele Fabrikbesitzer haben für diese jungen, unselbständigen Arbeiterinnen eigene Kasernen angelegt, in welchen sie essen, schlafen, ja mitunter sogar im Lesen und Schreiben unterrichtet werden. Von ihrem kärglichen Tagelohn von durchschnittlich zwölf Pfennig müssen sie etwa neun Pfennig für Kost und Wohnung abgeben. Bei ihrem Anwerben erhalten sie einige Mark für Kleidung und überdies die Reisekosten nach Osaka, dafür müssen sie sich auf die Dauer von drei Jahren an die Fabrik verpflichten; der Ueberschuß von ihren Löhnen wird in eigenen Sparkassen angelegt und ihnen nach Ablauf ihrer Arbeitszeit bar ausbezahlt. Die erste Fabrik, die diese Einrichtung traf, war die große Kanegafudschi-Spinnerei in Tokio, welche über zweitausend solcher kleiner Mädchen beschäftigt.
Aber wo sind diese großen Fabriken von Osaka? In dem Straßengewirre dieser großen Stadt sind sie nicht zu sehen. Sie liegen größtenteils außerhalb, an den schmutzigen, übelriechenden Kanälen, gewaltige, ganz europäische Bauten, nach den modernsten Mustern angelegt und mit den besten europäischen Maschinen eingerichtet, von denen viele auch von Deutschland bezogen worden sind. Die beiden größten Etablissements stehen unter dem Betriebe der Regierung: das Arsenal und die Münze. Nach dem Urteil hervorragender Fachleute können sich beide mit den besten Etablissements dieser Art in Europa messen. Der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, sagt in seinem ausgezeichneten Weltreise-Tagebuche folgendes über das Arsenal: „Die Kürze der Zeit, in welcher Japan vermocht hat, sich mit allen einschlägigen europäischen Einrichtungen vertraut zu machen, nimmt geradezu wunder. Das Arsenal ist mit Maschinen modernster Konstruktion ausgerüstet, so daß die Geschützrohre, welche in rohem Zustande aus der Gießerei kommen, binnen kürzester Zeit fertiggestellt werden. In mehreren umfangreichen Hallen wird die Geschoßerzeugung in großem Stile betrieben; selbstverständlich fehlt es auch nicht an den erforderlichen Nebeneinrichtungen, Reparaturwerkstätten, Tischlereien, Wagenbauereien und Sattlereien. Das Arsenal übernimmt gegenwärtig auch schon Lieferungen für das Ausland; so wurden gerade jetzt einige Gebirgsgeschütze für die portugiesische Regierung hergestellt.”
Ebenso wie das Arsenal wird auch die kaiserliche Münze, eine der größten und vollkommensten der Erde, durchaus von Japanern geleitet. Mit erstaunlichem Nachahmungstalent haben die kleinen, freundlichen, zuvorkommenden Japaner auf ihren europäischen Studienreisen die Geheimnisse unserer Erzeugungsmethoden auf geraden oder krummen Wegen kennen und nachahmen gelernt, und nach Hause zurückgekehrt war es ihr erstes, dieselben Anlagen herzustellen und einzurichten, um sich von den europäischen Märkten zu befreien. Dasselbe gilt von den großen Baumwollspinnereien, in denen Hunderttausende von Spindeln schwirren und aus australischer, indischer, ja selbst ägyptischer Baumwolle Garne herstellen, die in ganz Ostasien, sogar in Indien, allmählich die europäischen Produkte verdrängen. Aehnliches gilt von Webereien, Bierbrauereien, Lederfabriken, Glasbrennereien. Auf meinen Spaziergängen durch Osaka stieß ich sogar auf Fabriken von europäischen Regenschirmen, für welche die Stahlrippen aus Deutschland kommen, von Seifen, Zahnbürsten, Schuhen, ja sogar von Taschenuhren. Allerdings arbeitet die Uhrenfabrik heute noch, nach mehrjährigem Bestande, mit Verlust, aber es wird nicht lange dauern, bis sie ebensolche Erfolge aufzuweisen haben wird wie die Fabriken schwedischer Streichhölzchen, die heute schon die ganze, früher sehr bedeutende Einfuhr dieser Artikel aus Europa in Ostasien verdrängt haben.
Die Regierung unterstützt diese Entwickelung der einheimischen Industrie mit allen Kräften und lehnt sich dabei vollständig an die den Europäern haarklein abgelauschten Methoden an. So fand ich mitten in der Stadt ein großartiges Handelsmuseum, wie es leider selbst in vielen europäischen Großstädten noch fehlt. Jede japanische Stadt hat ein derartiges, Hakurankwei genanntes Museum, aber von allen, die ich gesehen habe, ist jenes von Osaka das vollständigste. Gegen Erlag eines Eintrittsgeldes von wenigen Pfennigen trat ich in einen großen, mit Baumanlagen und Blumenbeeten geschmückten Ausstellungspark mit einer Anzahl von Gebäuden, ganz wie irgend eine europäische Industrieausstellung, nur daß jene von Osaka permanent ist. In den Gebäuden sind all die hunderterlei Industrien der Stadt systematisch geordnet; die Produkte sind mit vielem Geschick übersichtlich aufgestellt; jeder einzelne Artikel, selbst der kleinste, zeigt auf einem kleinen Zettelchen den Preis und kann gleich an Ort und Stelle erworben und mitgenommen werden. Am Abend ist der Park mit elektrischem Licht hell erleuchtet, eine Militärmusik konzertiert, und Tausende von Japanern besuchen diese Ausstellung, als ob Ausstellung, elektrisches Licht, Wiener Walzer und dergleichen hier etwas ganz Selbstverständliches, Altbekanntes und nicht durchaus fremde, erst vor wenigen Jahren hier aufgepfropfte Kulturblüten wären.
Ebenso wie der Industrie haben sich die Japaner auch der europäischen Militärkunst bemächtigt und sie in Osaka nach dem alten dräuenden Fort verlegt, das auf einer Anhöhe im Osten der Stadt, hoch über dem wasserreichen, reißenden Yodogawastrom, thront. Der große japanische Feldherr Hideyoschi ließ es im Jahre 1583 erbauen, und sein Palast im Innern dieser starken Feste war der großartigste und kostbarste, den Japan je besessen hat. Der erste Schogun aus der Familie Tokugawa, der berühmte Iyeyasu, nahm es 1615, und seither blieb es im Besitz der mächtigen Schogune bis zum Jahre 1858. Hier wurde der letzte Schogun mit dem Reste seines Heeres von den Truppen des Mikado bedrängt, und am 22. Februar des genannten Jahres fiel auch dieses japanische Gaeta. Der Schogun flüchtete sich auf ein amerikanisches Kriegsschiff, seine Anhänger steckten den kostbaren Palast, den größten Stolz der japanischen Kunst, in Brand, und die Flammen, die ihn verzehrten, wurden zum Grabe des altjapanischen Feudalsystems, gleichzeitig aber zur Wiege der neuen Kaiserherrschaft und der modernen Aera.
Heute enthält die Festung die Kasernen und Offiziersquartiere einer japanischen Division. Zwischen den Wachen durch die Eingangsthore schreitend betrachtete ich mit Staunen die gewaltigen Mauern, welche Hideyoschi vor dreihundert Jahren hier hat aufführen lassen. Steinblöcke von sechs bis sieben Metern Länge, in einem Gewichte von weit über hundert Tonnen, an Massenhaftigkeit mit den Steinkolossen von Baalbeck und Karnack wetteifernd, liegen hier zu ungeheuren Mauern aufgetürmt, und wie dort, so mußte ich mich auch hier wundern, wie es den alten Japanern mit ihren ursprünglichen Mitteln, ohne Kenntnis unserer Mechanik, möglich war, diese Blöcke hierherzubringen und aufeinanderzulegen. Dieselben sind übrigens auch bei den Japanern Gegenstände der Bewunderung, und jeder einzelne hat seinen eigenen Namen. An den Ecken erheben sich heute noch auf diesen Mauern die eigentümlichen altjapanischen Wachthäuser mit mehreren Dächern übereinander, sonst aber ist alles dem modernen Militärwesen entsprechend eingerichtet worden. Wo immer möglich, scheint es das Streben der japanischen Regierung zu sein, Altjapan zu zerstören und die Kultur gewaltsam der abendländischen anzupassen. Aber im Volke mit seinen Sitten, seiner Religion und seinen Trachten ist alles beim alten geblieben.
Auf dem Gipfel des Fudschiyama.
Als wir zwei, Herr Josef Schittenhelm aus Wien und ich, die Höhen des steilen Otometogepasses erklommen hatten, zeigte sich unser Reiseziel, der gewaltige Fujiyama (sprich Fudschiyama) in seiner ganzen Majestät. Scharf heben sich seine chokoladebraunen Flanken und seine schneebedeckte Spitze von dem klaren, blauen japanischen Himmel ab, ganz so wie er auf Millionen von Abbildungen zu sehen ist, aber wie er sich den Sommer über in Wirklichkeit nur selten zeigt. Gewöhnlich ist sein Haupt in dichte Wolken gehüllt, und viele Reisende haben während ihres wochenlangen Aufenthaltes im Mikadoreiche den heiligen Berg der Japaner überhaupt nicht zu Gesicht bekommen. Als kleiner Junge hatte ich den spitzen Vulkankegel auf einem japanischen Papierfächer abgebildet gesehen; später auf Porzellanvasen, auf Tellern, in drolligen japanischen Bilderbüchern, in Gold auf Bronze- und Silbergefäßen getrieben, kurz auf all den unzähligen Sächelchen, mit welchen die Japaner unseren Markt überschwemmen. Ist doch der Fudschi das Wahrzeichen der Japaner, eine Art Gottheit, die Verkörperung der Konohamasaku ya hime, d. h. der Prinzessin, welche die Knospen der Bäume zu Blüten entwickelt. Wo hätte ich jemals gedacht, daß ich diesen herrlichsten aller Berge in Wirklichkeit sehen würde! Und nun sollte ich morgen auf seiner Spitze stehen!
Eigentlich ein unsinniges Unternehmen, eine zwecklose, mühsame, aufreibende Spielerei. Die Besteigung des Fudschi gilt den Japanern als Sühne für ihre Sünden, viele Tausende von Pilgern strömen im Sommer aus allen Teilen des Reiches herbei, und es bestehen, besonders unter der Landbevölkerung, zahlreiche Pilgervereine, deren Mitglieder einen kleinen Jahresbeitrag leisten, um in jedem Jahre abwechselnd einer Anzahl von Pilgern die Wallfahrt zum Fudschisan zu ermöglichen. Aber unsere christliche Religion kennt keine Bergbesteigungen als Buße für unsere Sünden. Indessen, zehn Jahre vorher hatte ich auf der Spitze des Popocatepetl, des höchsten Berges von Nordamerika gestanden, und es reizte mich, nun auch auf dem höchsten Berge von Ostasien zu stehen.
Unsere Kulis trugen uns im raschen Lauf durch eine wahrhaft paradiesische Landschaft herab nach Gotemba, an den Fuß des Fudschi. Wir saßen in Tragstühlen, die ganz bequem sind, solange man sich in Ruhe befindet. Werden aber die langen Tragstangen aus elastischem Bambusrohr auf die Schultern der Kulis gehoben und schlagen dieselben eine raschere Gangart an, dann wird man in grausamer Weise durchgeschüttelt. Bei jedem Schritte wird man aus dem Stuhl emporgeschnellt und fällt so unsanft auf den harten Rohrsitz zurück, daß wir ganz zerschlagen in Gotemba, einem an der großen Tokaidobahn gelegenen Dörfchen, eintrafen. In einem Theehause, bedient von zierlichen Nesanmädchen, nahmen wir unseren Mittagsimbiß, verabschiedeten unsere Kulis und machten uns nach kurzer Rast wieder auf den Weg nach Subashiri. Mein Reisegefährte wollte um keinen Preis mehr einen Tragstuhl besteigen. Den ungefähr sechs Kilometer auf harter Lava aufwärts führenden Weg zu Fuß zurückzulegen wollte uns in Anbetracht der uns bevorstehenden ermüdenden Bergbesteigung auch nicht zusagen, und so mieteten wir den einzigen Wagen, der in Gotemba zu haben war, ein elender Kasten, bespannt mit einem müden Klepper. Wir waren damit aus dem Regen in die Traufe gekommen, denn die Fahrstraße zwischen Gotemba und Subashiri erwies sich als eine der elendesten, die ich jemals befahren habe, voll tiefer Schlammlöcher, Steintrümmer und Lavablöcke, so daß wir während dieser denkwürdigen Fahrt noch schlimmer durchgeschüttelt wurden als vorher in den Tragstühlen. Subashiri ist eines der interessantesten Dörfchen von Japan. Die große Pilgerzeit hatte begonnen, und gewiß mochten an zweitausend Pilger in den zahlreichen Hotels und Theehäusern weilen, aus denen der Ort besteht. Während wir auf der Terrasse des Yone-yama-Theehauses ruhten, kamen und gingen ununterbrochen Pilgerzüge von sechs, acht, zwanzig, dreißig Personen, alt und jung, reich und arm, aber ausschließlich nur Männer, keine Frauen, denn das Betreten des heiligen Berges ist den Frauen verboten. Alle die Pilger, die an uns vorbeizogen, waren gleich gekleidet: weiße Jacken, weiße, enganliegende Beinkleider, weiße Socken, Strohsandalen an den Füßen, ungeheure Strohhüte auf den Köpfen; um die Schultern hatte jeder eine etwa quadratmetergroße Strohmatte geschlungen, die als Schutz gegen Regen, Sonne und Kälte, zur Nachtzeit auch noch als Lagerstätte dient. In seiner Rechten trug jeder Pilger einen langen Stab wie unsere Bergstöcke, in der Linken aber eine Glocke, mit welcher fortwährend gebimmelt wurde. Auf den Veranden, in den nach allen Seiten offenen Häusern waren Pilger, die einen ruhten, die anderen spielten oder rauchten oder machten in höchst rücksichtsloser Weise ihre Toilette. Auf dem mattenbedeckten Fußboden unseres Theehauses wurde eben von der Hotelgesellschaft die Abendmahlzeit eingenommen. Japanische Herren und Damen, darunter ganz junge Mädchen, hockten im Kreise auf ihren Waden und handhabten geschickt ihre Eßstäbchen, indem sie Reis in ihren Mund schaufelten und ab und zu aus einer in der Mitte stehenden großen Schüssel ein Stückchen Fisch oder Wurzel abgabelten.
Der schlaue Hotelwirt wollte wahrscheinlich von uns das Geld für ein Nachtquartier verdienen, denn er riet uns sehr ab, noch heute abend den Aufstieg auf den Fudschi zu wagen. Das Wetter würde schlecht werden, es wären auch keine Pferde mehr da, um uns durch die Lava- und Schuttfelder nach Umagaishi, der letzten für Reiter zugänglichen Station des heiligen Berges zu bringen und dergleichen mehr. Als wir aber dennoch darauf bestanden und es mir gelungen war, ein paar Reitpferde aufzutreiben, hetzte er uns die Polizei auf den Hals. Mit wichtiger Miene wurden uns die Pässe abverlangt, da sie aber von der Regierung in Tokio ausgestellt und vollständig in Ordnung waren, belästigten uns die uniformierten Gesetzeshüter nicht weiter, vertrieben sogar noch die zahllosen Kinder, die uns in einem großen Kreise stehend begafften.
Gegen sieben Uhr abends saßen wir auf unseren schlecht gesattelten Kleppern und galoppierten durch die malerische Hauptstraße des Dorfes der gewaltigen, dunkeln Masse des Vulkans zu, der sich gerade vor uns in unsagbarer Majestät erhob. Das ganze Dorf zeigte das lebhafteste Jahrmarktsleben; in langen Reihen waren vor den Häusern Verkaufsstände von Süßigkeiten, Erfrischungen, kleinen Andenken an den Fudschi und dergleichen aufgeschlagen, von jedem einzelnen Hause wehten bunte Flaggen und Handtücher, welche die Pilger mitführen und an verschiedenen Orten zur Erinnerung an ihre Wallfahrt abstempeln lassen. In der Mitte der breiten Hauptstraße floß rauschend ein wasserreicher Bach dem Sakagagawa zu, und an seinen Ufern waren unzählige winzige Wasserräder und mechanische Spielzeuge aufgestellt, teils zum Ergötzen der Kinder, teils um die kleinen Apparate anzutreiben, die zur Verscheuchung der Fliegen über den Verkaufsständen von Obst und Süßigkeiten angebracht waren.
Blutrot war die Sonne untergegangen, und das bleiche Mondlicht leuchtete uns nun auf dem Wege, der durch öde Schutthaufen und dunkelbraune Lavafelder emporführt. Nach etwa zweistündigem Ritt betraten wir einen finsteren, hochstämmigen Wald und mußten unsere Pferde stramm am Zügel halten und uns von den Kulis den Weg mit Fackeln erleuchten lassen, um nicht durch die aus dem Boden ragenden Baumstümpfe und Wurzeln selbst zum Fall zu kommen. Mein Reisegefährte ärgerte sich weidlich über mein verrücktes Beginnen, den Fudschi, statt wie die anderen Menschen am helllichten Tage, zur Nachtzeit zu besteigen, wo man sich in der Finsternis Hals und Beine brechen kann. Aber ich wußte, wir würden bald wieder aus dem dunkeln Walde in den hellen Mondschein kommen, und dann war die Kraxelei doch entschieden angenehmer als bei der im Sommer furchtbar drückenden Sonnenhitze. Ich beabsichtigte so hoch als möglich emporzuklettern, den Rest der Nacht in einer der Schutzhütten zuzubringen und am nächsten Morgen die Besteigung zu vollenden. Bei dem ewig wechselnden Wetter konnte man ja nicht wissen, ob der ganze Berg nicht schon in einigen Stunden in dichten Nebel gehüllt sein würde, und dann wäre unsere ganze Reise vergeblich gewesen.
Mitten im finsteren Walde erblickten wir bald Lichter und hörten das Geklingel von Pilgerglocken. Wir hatten Umagaishi erreicht, ein ärmliches Theehaus mit anstoßendem Flugdach, unter dem auf langen Holzpritschen wohl ein halbes Hundert Pilger, die eben vom Fudschi herabgekommen waren, ausruhten. Die zahlreichen, weißgekleideten Gestalten, die hier in allen möglichen Stellungen umherlagen, nahmen sich in dieser Waldeinsamkeit beim flackernden Scheine brennender Kieferspäne gespensterhaft genug aus. Sie beachteten uns kaum, als wir angeritten kamen und nach einem Schluck Thee den Weg wieder fortsetzten.
Dagegen protestierten aber unsere Kulis. „Umagaishi” heißt wörtlich „Pferd zurücksenden”, d. h. es war der Ort, wo die Pilger gewöhnlich vom Pferde steigen, um die Bergtour zu Fuß fortzusetzen. Ich hatte aber gehört, daß der Weg noch zwei Kilometer weiter für Pferde gut passierbar wäre, und um unsere Kräfte zu schonen, nahm ich meinem Kuli die Fackel aus der Hand und drückte mein Pferd vorwärts. Mein Begleiter folgte, und obschon wir manche halsbrecherischen Stellen zu passieren hatten, kamen wir doch, vielleicht als die ersten, die es je unternommen, zu Pferd in der Station Tschudschikiba an. Hier ließen wir die Pferde mit der Weisung zurück, am nächsten Abend nach Sonnenuntergang wieder zur Stelle zu sein. Nachdem wir das Gitter eines Tempelhofes passiert hatten, erwarben wir hier von einem alten Priester Alpenstöcke, und unsere Kulis legten einen ganzen Vorrat von Strohsandalen an, es dürften wohl zwanzig Paare gewesen sein. Ich glaubte, sie kauften dieselben auf die Bestellung irgend eines Wächters der Schutzhütten weiter oben, und ließ sie gewähren.
Anfänglich ging es ganz bequem vorwärts; der Wald wechselte mit Moorland und Grasflächen ab, und erst als wir auf etwa zweitausend Meter Höhe angekommen waren, wurde der Baumwuchs dünner, die Fichten wurden kleiner, verkrüppelter, und schließlich sahen wir nur noch stellenweise knorrige Zwerglärchen und stacheliges Gestrüpp, an dem wir unsere Kleider zerrissen. Der Mond leuchtete uns aber getreulich aufwärts. Trotz der vielen Tausende von Pilgern, die seit Jahrhunderten alljährlich die Bußpromenade auf den Fudschi unternehmen, hört der Weg oberhalb des zweiten Tausend Meter gänzlich auf, und wir kletterten teils auf harten Lava- und Basaltfelsen aufwärts, teils wateten wir durch vulkanische Asche und Sand, die bei jedem Schritte nachgaben. Wie die Japaner glauben, wird der von den Pilgern auf diese Art thalabwärts geschobene Sand zur Nachtzeit von überirdischen Mächten wieder auf den Berg hinaufgetragen. Wir bekamen aber nichts davon zu sehen.
Zur Erleichterung des Aufstiegs sind auf verschiedenen Seiten des ungeheuren Berges Reihen von Schutzhütten angelegt worden. Auf der Seite von Subashiri befinden sich deren zehn, in Entfernungen von etwa je einem Kilometer und Höhenunterschieden von je dreihundert Meter. Bald nachdem wir auf unserem schweigsamen nächtlichen Marsche die erste Hütte passiert hatten, wurde es empfindlich kälter, Wolken zogen gespensterhaft die Bergflanken über uns entlang und verhüllten den Mond, der Wind wurde heftiger und artete schließlich in einen so furchtbaren Orkan aus, daß wir mit Mühe und Not die zweite Schutzhütte erreichten. Wir wären ohne unsere Kulis wohl an ihr vorbeigeschritten, denn sie besteht nur aus einem in die Lavamassen gegrabenen kleinen Absatz, der durch niedrige Mauern, aus Lavablöcken aufgeführt, geschützt ist. Rohe Baumstämme, mit Felstrümmern beschwert, bildeten das Dach, und die einzige, gleichzeitig als Thür und Fenster dienende Oeffnung war durch Balken und Pfosten verrammelt. Auf unser Klopfen wurde geöffnet, und wir befanden uns in einem niedrigen, mit Dielen belegten Raum, in dessen Mitte auf dem nackten Felsboden ein Holzfeuer eben verglühte. Bei dem Schein einer rauchenden Petroleumlampe sahen wir, daß über dem Herde ein großer Kessel hing; Dutzende von Pilgern lagen auf ihren Strohmatten schlafend umher, während andere bei der heißen Asche des Herdes kauerten, um sich zu wärmen. Als wir eintraten, erhob sich der Wirt dieses „Hotels zu den vier Winden”, um uns stillschweigend in einem Winkel ein Nachtlager zu bereiten, denn bei dem furchtbaren Sturm, der selbst durch die Ritzen und Löcher unseres Schutzhauses pfiff, war ein Weiterklettern lebensgefährlich.
Er holte einige dünne, gefütterte Wolldecken hervor, breitete sie auf dem Boden aus und reichte uns noch vor dem Schlafengehen einen Kessel mit heißem Thee. Wir wickelten uns in unsere Mäntel, und todmüde, wie wir waren, hätten wir sofort in tiefen Schlaf versinken sollen, wenn -- ja wenn!
Japan ist das Paradies der Flöhe, und selbst in vornehmen Hotels, wie in jenen am Miyanoshita, quälen sie den müden Wanderer in grausamer Weise. In den japanischen Hotels und Theehäusern aber sind sie eine entsetzliche Plage. Deshalb wollte ich auch das Nachtlager in Subashiri vermeiden, fiel aber desto trauriger hier herein. Kein Klima scheint ihnen zu kalt, kein Berg zu hoch, keine Entfernung zu groß, keine Person zu heilig. Mit wahrhaft republikanischer Gleichheit und Brüderlichkeit machen sie sich an alles, was lebt und eine Haut zu durchbeißen, rotes Blut zum Anzapfen hat. Ob diese verteufelten Miniaturgemsen durch Extrakuriere von unserem Kommen unterrichtet wurden, ob sie unsere Ankunft gerochen hatten, ich weiß es nicht; fünf Minuten, nachdem wir unsere müden Glieder ausgestreckt hatten, ging der Teufel los: ein Beißen und Jucken und Krabbeln, daß es nicht mehr auszuhalten war. Auf diese Legion von Quälgeistern Jagd zu machen, wäre wohl vergebliche Mühe gewesen; wenn sie nur immer ruhig sitzen geblieben wären! Aber nachdem wir zwanzig Stunden lang in der Eisenbahn und in Karren gefahren, geritten und gegangen und in Tragstühlen und Rickshaws durchgerüttelt worden waren, außerdem von der scheußlichen Kälte durchfrorene Finger hatten, war unsere Treffsicherheit auch dahin. Indessen, wir wollten unser Blut so teuer wie möglich verkaufen. Daß der ungleiche Kampf gegen diese blutdürstige Brut uns bevorstand, wußte ich und hatte mich mit Penny Royal-Oel versehen. Das bißchen Einreiben des Körpers, das wir vorher schon unternommen hatten, war nutzlos gewesen; so wurden denn die ganzen Flaschen in die Unterwäsche ausgegossen. Nun gab es eine Stunde Ruhe, und müde, wie wir waren, schliefen wir doch ein. Als wir aber um vier Uhr aufwachten, um unseren Weg fortzusetzen, waren unsere Körper doch mit roten Punkten wie besäet. Die Biester hatten während unserer Nachtruhe diese Tättowierung vorgenommen.
Es regnete und stürmte draußen noch immer so fürchterlich, daß wir beschlossen, noch zwei Stunden länger im Schutze dieses Flohstalles zu bleiben. Aber um sechs Uhr war das Wetter gerade so, auch um acht Uhr, zehn Uhr. Es wurde Mittag, und schon fürchteten wir, es würde uns ebenso ergehen wie vielen anderen, die zwei bis drei Tage bei schlechtem Thee und gekochtem Reis da oben in der Lavawüste zubringen mußten, da hellte sich das Wetter auf. Der Wind blies noch so kräftig, daß wir uns draußen kaum aufrecht halten konnten und mein Gefährte schon die Absicht aussprach, unverrichteter Dinge kehrt zu machen. Aber nein. Wir waren so weit gekommen, nun mußten wir hinauf. Also vorwärts! Es ging langsam, beschwerlich, aber es ging. Wir erreichten die dritte, vierte, fünfte Schutzhütte, dann die sechste, siebente und achte. Mein Reisegefährte war aber am Ende seiner Kräfte. Ich trat ihm meine Kulis ab, sie schlangen einen Gurt um seinen Leib und zogen, drei andere schoben von rückwärts, und so kam er mir allmählich nach, nicht ohne sich in jeder der Schutzhütten durch den mitgebrachten Cognac zu erfrischen.
In diesen Höhlen fanden wir überall müde Pilger, viele Flöhe, teure Rechnungen, aber nur wenig Trank und Speise, höchstens Reis, getrocknete Fische und Maccaroni, die in langen Schnüren an den Wänden mitten zwischen den blauen und roten Handtüchern hingen, die fromme Pilger zur Erinnerung zurückgelassen hatten. Jedes Tuch trug den Namen eines Pilgers. Die Wände, Stützbalken, selbst die Decken waren mit diesen seltsamen Visitenkarten austapeziert, viele hatten nur Papierstreifen mit ihren Namen zurückgelassen, und unter den letzteren las ich auch manchen englischen und amerikanischen Namen.
Je höher wir emporkamen, desto häufiger und größer wurden die Schneefelder in den Furchen, die in den obersten Kegel des Berges eingerissen sind, und dieser Schnee verschwindet das ganze Jahr über nicht. Zwischen den Furchen ziehen sich steile Grate aus harter, nackter Lava herab, und einen solchen benutzten wir zu unserem Aufstieg. Der scharfe Wechsel der Temperaturen hat diese Lavamassen vielfach gespalten, und dadurch fanden unsere Füße beim Aufwärtsklettern einigen Halt.
Bei der sechsten Schutzhütte schon hatten wir die kalte, dichte Wolkenschicht durchschritten, die den Berg wie mit Baumwolle umwickelt hielt, und der mächtige Gipfel lag klar vor uns, so nahe, daß wir hofften, ihn binnen einer halben Stunde zu erreichen. Aber wir waren nun schon drei Stunden geklettert, und je höher wir stiegen, desto höher schien auch der Berg zu werden. Zu unserer Linken, also mehr gegen die Südseite des Berges, befand sich zwischen zwei Lavagraten eine ungeheure Halde von Schutt und loser Asche, wie ich sie in solcher Ausdehnung nirgends gesehen habe. Vom Gipfel des Berges zieht sie sich viele Kilometer weit abwärts bis zu dem Waldkranz, der den Fudschi dort auf etwa anderthalbtausend Meter Höhe besäumt, und über diese Halde sahen wir Dutzende von Pilgern, auf ihre Bergstöcke gestützt, den Abstieg unternehmen, in raschem Laufe, bei jedem Schritt um vielleicht ebensoviel durch den hohen Schutt abwärts sinkend.
Endlich, gegen fünf Uhr abends, standen wir am Fuße einer ungeheuren Treppe, deren Stufen in die ungemein steile, glatte Lavawand gehauen sind, um den Aufstieg zum Gipfel überhaupt möglich zu machen. Mühsam, als wären unsere Beine von Blei, zogen wir dieselben von Stufe zu Stufe aufwärts, und recht erschöpft betraten wir gegen sechs Uhr abends den Rand des Kraters.
Auf dem schmalen Plateau zwischen dem äußeren Bergumfange und dem Krater selbst, der etwa einen größten Durchmesser von einem Kilometer haben mag, stehen einige aus Lavablöcken erbaute Häuschen, bewohnt von Priestern und Schenkwirten, die allerhand Erfrischungen und Erinnerungen an den heiligen Berg feilbieten. Eines der Häuschen ist zu einem kleinen Tempel eingerichtet, und an seinem Eingang setzten wir uns nieder, um ein halbes Stündchen zu ruhen und den Rest unserer Flasche Kokawein zu trinken. In den Cordilleren Südamerikas hatte ich zuerst die erfrischende Wirkung der Kokablätter kennen gelernt, und seither begleitet mich der Kokawein bei allen Bergbesteigungen.
Meinen Begleiter konnte ich zu einer Promenade um den Krater herum oder gar auf die etwa hundert Meter tiefe Sohle desselben nicht bewegen. Wollten wir die Nacht nicht oben zubringen, so mußten wir den Rückmarsch sofort wieder antreten. Ich eilte deshalb allein auf der schmäler werdenden Kante aufwärts zu dem kleinen Pavillon, der an der höchsten Spitze des Kraterrandes steht, und blickte von dort in den dampfenden, nebelerfüllten Kessel, dessen Wände aus zerklüfteten, phantastisch aufeinandergetürmten Lavablöcken bestehen. Aus manchen Ritzen und Oeffnungen schießt pfeifend heißer Dampf hervor, ein Zeichen, daß der höchste Vulkan Ostasiens nur schlummert. Wie, wenn er gerade jetzt aus seinem zweihundertjährigen Schlafe erwachen würde? Der Anblick wäre gewiß großartig, aber ich hätte mich dafür doch sehr bedankt. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte mich grausen.
Mein Führer hielt mich davon ab, in den Krater hinabzusteigen, denn es wäre die höchste Zeit, den Rückmarsch anzutreten. Von den Priestern des Tempelchens ließen wir uns noch den Stempel des Fudschigipfels auf unsere Bergstöcke einbrennen, warfen noch einen Blick um uns und den Berg hinab zu der Wolkenschicht, die uns die Aussicht auf das Land und Meer zu unseren Füßen entzog, und machten uns wieder auf den Weg. Als wir den Fuß der steilen Felsentreppe erreicht hatten, bestanden die Führer darauf, uns Strohsandalen über die Schuhe zu binden und mir noch drei andere Paare mitzugeben, da ich gewöhnlich unserer Karawane voraneilte. Statt dann den glatten Lavagrat abwärts zu gleiten, auf dem wir emporgestiegen waren, schwenkten wir rechts ab auf die unabsehbare Schutthalde, unsere Füße versanken bis über die Knöchel in den losen, scharfen Sand, den der Krater in früheren Zeiten in so unglaublichen Mengen ausgeworfen hatte, und unsere Schuhe wären gewiß schon in der ersten halben Stunde zerschnitten gewesen, würden wir sie nicht durch die Strohsandalen geschützt haben. Das also war der Grund, warum die Führer sich gleich mit zwei Dutzend Exemplaren davon versehen hatten. Während des Abstiegs mußten wir sie wiederholt wechseln, denn nach je einer halben Stunde hingen sie wie Fetzen um unsere Füße. Die ganze Halde war besäet mit diesen Sandalenresten, und man hätte aus ihnen allein einen kleinen Fudschiyama aufbauen können. Man denke nur: in jedem Jahre wird der heilige Berg von vielleicht dreißigtausend Pilgern bestiegen, die mindestens an hundertfünfzigtausend Sandalenpaare verbrauchen, und das geht nun schon seit Jahrhunderten vor sich!
Wir flogen nur so die Halde hinab. Zehn Stunden hatten wir gebraucht, um auf den Gipfel zu kommen, und in weniger als drei Stunden waren wir, halb springend, halb in dem losen Sand abwärts gleitend, wieder unten am Waldessaume. Mittlerweile war es stockfinster geworden, und beim Scheine von Fackeln mußten wir uns den Weg durch den Wald abwärts bahnen nach unserem Ausgangspunkte Umagaishi, das wir etwa um zehn Uhr nachts erreichten. Die Pferde standen bereit, aber wir blieben doch ein Stündchen zwischen todmüden japanischen Pilgern auf den Bänken ausgestreckt, um ein wenig neue Kräfte zu sammeln. Waren wir doch seit vierzig Stunden unterwegs! Wir wären gerne die ganze Nacht hier geblieben, aber die Furcht vor der entsetzlichen Flohplage trieb uns bald weiter. Lieber die Nacht zu Pferde zubringen, als sich noch einmal diesen blutdürstigen kleinen Raubtieren aussetzen. Mein Begleiter wurde halbtot in den Sattel gehoben, als er aber zu Pferde saß, kam er wieder zu sich, und wir trabten lustig Subashiri zu. Dort wagte ich nicht, abzusteigen und Rast zu halten, denn mein armer Reisegefährte wäre diesmal kaum wieder in den Sattel gekommen. So ritten wir denn durch die stillen, toten Straßen des Dorfes und kamen glücklich um vier Uhr morgens in Gotemba wieder an, rechtzeitig, um den Frühzug nach Kozu zu besteigen. Von dort waren wir um neun Uhr morgens wieder in dem entzückenden Badeorte Miyanoshita bei unseren Lieben. Sie waren hocherfreut, uns wiederzusehen, denn während wir auf dem Fudschiyama waren, hatte unten ein furchtbarer Taifun gewütet, der eine Menge Schiffe vernichtet, eine Anzahl Dörfer arg mitgenommen und auch sonst im Lande großen Schaden angerichtet hatte. Diesem Taifun waren wir oben auf der Spitze des höchsten Berges Ostasiens wohl entgangen, aber doch würde ich lieber einen Taifun durchmachen, als nochmals den Fudschiyama besteigen.
Ikao, ein japanisches Karlsbad.
Kein Land des Erdballes ist so vulkanisch wie das aus dreitausendachthundertundfünfzig Inseln und Inselchen bestehende japanische Kaiserreich. Eine ganze Reihe von Vulkanen sind dort noch heute thätig, und alle paar Jahre dringen Berichte von den schrecklichen Verheerungen zu uns, welche die Ausbrüche dieser Vulkane oder die Erdbeben dort anzurichten pflegen. Aber, bringen die Vulkane Zerstörung mit sich, so gewähren die Mineralquellen, die brühend heiß ihren Hexenkesseln entspringen, dafür wieder Heilung für viele körperliche Leiden. Japan ist ungemein reich an derartigen Quellen, die Eisen, Schwefel, Arsenik, Salz und Soda enthalten, und rings um diese Quellen sind zahlreiche Badeorte entstanden, die seit vielen Jahrhunderten von den Japanern aufgesucht werden: Unzen in der Nähe von Nagasaki, Kusatsu und Yumoto bei der altberühmten japanischen Tempelstadt Nikko, Miyanoshita, das fashionabelste und den Europäern bekannteste Bad in dem Distrikt des heiligen Berges Fudschiyama, und endlich Ikao mitten in den Gebirgen der Insel Nipon.
Ikao liegt nicht auf der großen Heerstraße der Globetrotter und ist noch nicht so besucht und verdorben von vergnügungssüchtigen Engländern und Amerikanern; noch keine Fahrstraße oder Eisenbahn führt hinauf zu den segenspendenden, heißen Quellen, und wer einen unverfälschten, stark besuchten, dabei interessanten und an Vergnügungen reichen Badeort der Japaner kennen lernen will, der reise nach Ikao, dem Karlsbad von Japan.
Nach meinen Erlebnissen in dem Lande der Morgenruhe, Korea, aus dem ich eben kam, durfte ich mir eine kleine Erholungsreise wohl gestatten. Schon die Fahrt nach der Ikao nächstgelegenen Eisenbahnstation, der Stadt Takasaki, gehört zu den schönsten, die man unternehmen kann. Das nördlich der Reichshauptstadt gelegene Land, das man im bequemen Eisenbahnwaggon während dreier Stunden durcheilt, gleicht einem herrlichen Garten. Jede Erdscholle ist von den fleißigen Japanern der Kultur unterworfen worden; die kleinen Felder und Obstgärten, die schattigen Haine, hohen Bambushecken, die Wege und Stege sind mit solcher Sorgfalt gepflegt, als ob ihre Besitzer lauter reiche Herren wären, die sich dem Ackerbau und der Gärtnerei nur aus nobler Passion hingeben. Dabei paßt in dieser geradezu idealen Landschaft alles zusammen, wie wenn ein geschickter Landschaftsgärtner, irgend ein japanischer Pückler-Muskau, die Hügel hätte künstlich aufführen und mit mächtigen Bäumen bepflanzen lassen; als ob er auf die verschiedenen Nuancen des Grün Rücksicht genommen und hier die hellen Bambusstauden, dort die dunkleren Kampferbäume, noch weiter die hohen dunklen Kryptomerien und kurios geformten Fichten nur wegen der Farbenzusammenstellung und des malerischen landschaftlichen Aufbaues, nicht aus Nützlichkeitsgründen gepflanzt hätte. Die höchsten Bäume sieht man auf den kleinen Hügeln, die sich hier und dort aus der weiten, mit rauschenden Bächen und Flüssen reich bewässerten Ebene erheben, und aus ihrem dunklen Grün leuchtet irgend ein Tempelchen oder eine Pagode hervor, zu denen lange Avenuen emporführen, gebildet von lauter Torii. Zwei, drei Dutzend dieser eigentümlich geschwungenen, hellrot angestrichenen Thorbogen stehen hier bei manchem Tempelchen hintereinander. Dieser weiten, schönen Landschaft dienen bewaldete Bergketten als Hintergrund, drei, vier, fünf hinter- und übereinander, wie Theaterkulissen, hier und da noch überhöht von steilen Vulkankegeln, die zwei- bis dreitausend Meter hoch in den blauen japanischen Himmel ragen.
Takasaki, ein liebliches, belebtes Städtchen, harmoniert heute vortrefflich mit seiner Umgebung und bildete bei der Annäherung meines Zuges den farbenreichen Mittelpunkt dieser olympischen Landschaft. Es war gerade Festtag, und Straßen auf, Straßen ab sah ich nichts als Triumphbögen aus Reisig und Blumen gebaut, Blumenguirlanden von Haus zu Haus, dazu unzählige, vielfarbige Lampions, und auf den Dächern wehte ein Wald von rot-weißen japanischen Flaggen. Jeder Lastwagen, jede Rickshaw, sogar die Waggons der Pferdebahn, die Takasaki durchzieht, waren mit Lampions behangen. In den Straßen aber wogte das buntgeputzte Volk wie Schmetterlinge in einem ungeheuren Blumenbeet. So fröhlich und zerstreut sie auch waren, die Anwesenheit eines Europäers mitten unter ihnen fesselte doch ihre Aufmerksamkeit, und bald war ich von neugierigen Knaben und Mädchen umringt. Sie sahen mich verwundert, aber dabei ganz zutraulich an, betupften meine Kleider und Handschuhe und brachen in schallendes Gelächter aus, als ich in japanischer Sprache versuchte, meine Weiterfahrt auf der Pferdebahn zu arrangieren. Eine solche führt nämlich von Takasaki noch nun etwa fünfundzwanzig Kilometer weiter in die Berge hinein, bis nach Shibukawa, ganz so eingerichtet wie unsere europäischen Pferdebahnen. Dieselben Wagen, dieselben europäisch uniformierten Kutscher und Schaffner; nur gehen sie mit ihren Pferden menschlicher um als ihre abendländischen Kollegen, lassen keine Ueberfüllung der Wagen zu und jede halbe Stunde wird angehalten, um den Pferden mit kaltem Wasser Maul und Bauch zu begießen.
Ich weiß nicht, ob während der Fahrt die Verwunderung der Japaner über mich oder meine Verwunderung über die Japaner größer war. Die Pferdchen krochen mit einer Langsamkeit einher, die uns gegenseitig hinreichend Muße zu Beobachtungen gab. Die meinigen waren gewiß interessanter. Es war Abend, und die große Sommerhitze ließ die keineswegs schüchternen japanischen Männlein und Weiblein in ihren nach allen Seiten offenen Häuschen in buchstäblich adamitischem Kostüm verweilen. In manchen Höfen nahmen die Familien gerade in engen Holzbottichen ihre Bäder oder promenierten nach dem Bade ohne irgendwelche Bekleidung auf und nieder, um sich an der Luft abzutrocknen. Je weiter auf unserer Fahrt der Abend fortschritt, um so deutlicher konnte ich die einzelnen häuslichen Verrichtungen in den Häusern, an denen wir vorbeifuhren, wahrnehmen. Auf die badenden Familien folgten solche, die gerade ihr Abendbrot, den unfehlbaren Reis, mit hölzernen Stäbchen in den Mund schaufelten, dann andere, die auf dem erhöhten Fußboden ihrer Häuser Strohmatten oder dünne Matratzen für ihr Nachtlager zurechtmachten, und schließlich schlafende Familien, Männer, Weiber, Kinder, alle beisammen, splitternackt, nur durch ein weites, an der Decke hängendes Mückennetz von der bösen Außenwelt geschieden.
Gegen zehn Uhr abends kam der Pferdebahnwagen, den ich für mich und meine europäischen Begleiter gemietet hatte, in Shibukawa, einem kleinen ärmlichen Dorfe, an. Große Aufregung unter den Einwohnern. Sie sprangen in ihrer mehr als leichten Nachttoilette von ihren Lagern, um zu sehen, was es gäbe, denn der Besitzer des der Station gegenüberliegenden Theehauses wollte durchaus, wir sollten bei ihm übernachten. Der Weg nach Ikao wäre zu schlecht für eine Weiterfahrt in der Dunkelheit, und er besäße vortreffliche Nachtlager und dazu hübsche junge Nesan, um uns den Schlaf zu versüßen. Aber ich bestand darauf, weiter zu fahren, es schien ja der Mond, und die Nesanmädchen übten keine Anziehungskraft auf uns aus. Nach langem Hin- und Herreden war der ziemlich hohe Preis für die Rickshaws vereinbart. Wir setzten uns in die kleinen leichten Wägelchen, vor jedes traten vier japanische Kulis mit muskulösen Beinen, und fort ging’s in die Berge hinauf nach Ikao. Ein paar Papierlaternen, von den Kulis getragen, erleuchteten spärlich den wirklich erbärmlichen, holperigen Weg.
Nach zweistündiger Fahrt krochen unsere Kulis unter Aechzen und Stöhnen den letzten Abhang empor nach unserem Ziele, von dem ich vorläufig nichts gewahrte als eine Menge von mattscheinenden Lampions gerade vor uns, mitten auf dem Wege. Als wir dieselben erreicht hatten, sah ich, daß sie von etwa zwei Dutzend Menschen getragen wurden, die sich vor uns ehrfurchtsvollst, wie es wohlerzogenen Japanern geziemt, auf alle Vier warfen: der Hotelbesitzer, die Kulis, die kleinen lieblichen Stubenmädchen, mit einem Worte, das ganze Personal des Murumatsuhotels. In diesem hatten wir Zimmer bestellt, da es in dem vortrefflichen Murrayschen Handbuch für Japanreisende (einen Baedeker giebt es wunderbarerweise noch nicht) als „europäisches Hotel” bezeichnet steht.
Dieses europäische Hotel befand sich ganz in der Nähe, das erste Haus des berühmten Badeortes. In der Dunkelheit konnten wir nur sehen, daß es ein Stockwerk hoch war und im Erdgeschoß etwas wie einen Speisesaal und ein Billardzimmer besaß. Als wir aber von den hübschen Nesan die steile Treppe in das obere Geschoß emporgeführt wurden, entpuppte sich das europäische Hotel als ein echt japanisches, denn an Stelle von Schlafzimmern bestand das Geschoß aus einem großen, mit feinen Matten bedeckten Raume, der durch verschiebbare Papierwände in kleine Schlafabteilungen eingeteilt war. Zwei von diesen, mit dünnem, durchsichtigem Papier überzogenen Holzrahmen wurden auseinandergeschoben, und ich befand mich in meinem Schlafzimmer. Europäisch war nur die Bettstelle, der Waschtisch und ein Stuhl, die einzigen Einrichtungsstücke, die sich innerhalb der vier Papierwände befanden. Die kleine Nesan, ein allerliebstes Mädchen, machte sich um meine Person zu schaffen und schien nur unwillig den Versuch, mich in mehr oder minder angenehmer Weise in den Schlummer zu wiegen, aufzugeben. Ich schob meine Wände hinter ihr zusammen und war allein. Auf einer Seite trennte mich ein derartiger weißer Papierbogen von einer Schläferin, wie ich aus dem leichten Atemholen vermutete, auf der anderen ein zweiter Papierbogen unzweifelhaft von einem Manne. Sein sägeartiges Schnarchen verriet es. Das in Europa allerprobte Mittel, die Stiefel an die Wand zu werfen, ging nicht gut an, denn sie wären möglicherweise durch das Papier dem Schnarcher an den Kopf geflogen. Ich versuchte es also mit dem jedenfalls zarteren Mittel, dem Pfeifen, und das hatte den gewünschten Erfolg. Aber noch eine Stunde lang war es unmöglich, zur Ruhe zu kommen, denn die kleinsten Toilettengeräusche meiner Reisegefährten waren selbst aus den entfernteren Schlafabteilungen vernehmbar. Am nächsten Morgen wurde ich durch die kleinen Stubenmädchen geweckt, die einfach die Papierwände auseinanderschoben und sich in meinem Zimmer unter fortwährendem Lächeln und steten Verbeugungen allerhand zu thun machten, mich sogar hinabbegleiteten in den Badepavillon, der ziemlich offen dicht an der Straße lag. Schlösser, Riegel, Vorhänge, Badeanzüge und Schwimmhosen sind in den japanischen Badelokalen unbekannt, und wer baden will, muß eben fremde Gesellschaft mit in den Kauf nehmen.
Im Speisesaal gab es wenigstens Teller und Gläser, Messer und Gabeln, Tische für die Speisen, Stühle zum Sitzen und deshalb wohl der Name „europäisches Hotel”. Sogar ein Fremdenbuch war vorhanden, dem ich entnahm, daß das Hotel in den letzten drei Jahren auch von drei Deutschen besucht worden war.
Die Aussicht von der Veranda unserer etwa neunhundert Meter über dem Meere auf einem Bergvorsprung gelegenen Wohnung war entzückend; wahre Schweizerlandschaften entrollten sich vor meinen Augen, und nur die Schneeberge fehlten, um die Erinnerung an die Alpenländer vollständig zu machen. Zur Linken zieht eine dicht bewaldete Schlucht die Berge hinab bis in die Ebene, und auf dem jenseitigen Plateau gewahrte ich ein prachtvolles japanisches Schloß, ähnlich den Schlössern des Kaiserhauses oder der Schogune in Nikko oder Kioto, umgeben von wunderbaren Gartenanlagen. Das moderne Japan hat eben in den letzten zwei Jahrzehnten Leute mit noch größeren Mitteln geschaffen, und das Feenschloß von Ikao gehört dem Präsidenten der größten japanischen Dampfergesellschaft, der Nipon Yusen Keisha. Ikao selbst zieht sich von dem Murumatsuhotel, dem sich noch einige Dutzende japanischer Hotels auf dem Plateau anschließen, an der diesseitigen Schluchtwand steil den Berg hinab, und die Hauptstraße des Ortes besteht dementsprechend aus einer breiten, steilen, etwa einen Kilometer langen Treppe, zu deren Seiten sich die mehrstöckigen Holzhäuser erheben. Jedes Haus ein Hotel, jedes Hotel mit einem Bad oder Theehaus. Um das zu sehen, brauchte ich meine Veranda gar nicht zu verlassen, denn um mich herum in allen Gebäuden, allen Stockwerken waren die Papierwände, Thüren, Veranden weit geöffnet, so daß ich mitten durch bis in die jenseitigen Gebäude blicken konnte. Die Insassen betrachteten wohl mit neugierigen Augen den fremden Europäer, ließen sich aber nicht im mindesten in ihren Verrichtungen stören. Angekleidet oder ausgekleidet, beim Samisenspielen, Essen, Trinken, Arbeiten, Lesen, bei der Haartoilette oder bei noch viel intimeren Angelegenheiten zeigten sie auch nicht eine Spur von Scheu, als ob ich etwa ein Schoßhündchen oder ein Kanarienvogel gewesen wäre. Ich hätte gern irgend eine zimperliche alte Jungfer aus Deutschland unversehens im Fluge hierher zaubern mögen, um in einem dieser japanischen Hotels zu wohnen und mit den Japanern eine Badekur durchzumachen. Sie wäre wohl aus ihrer ersten Ohnmacht kaum wieder erwacht. Das wäre indessen auch unseren Badekommissären und der löblichen Sittenpolizei passiert, wenn sie mich auf meinem ersten Spaziergang durch Ikao hinab und wieder hinauf begleitet hätten. Die uralten, mehrstöckigen Häuser mit ihren vielen Veranden, Erkern, Treppen, Vorsprüngen, ihren hübschen Blumen, Lampions und Fähnchen an den Fronten und den bunten Bazars mit allerlei nichtigen Kleinigkeiten unten an der Straße nehmen sich ungemein malerisch aus, erinnern sogar entfernt an die vom Wetter schwarzbraun gefärbten Schweizer Chalets im Berner Oberland. Aber welch seltsames Leben und Treiben auf der Straße und in den Gärtchen und Bädern hinter ihnen! Unsere bildlichen Darstellungen des ersten Menschenpaares zeigen bei diesem entschieden umfassendere Bekleidung, als die verschiedenen Männlein und Weiblein hier in und außer dem Bade trugen. Nicht ein Läppchen in der Größe einer Briefmarke war an ihnen zu sehen.
Das stark schwefel- und eisenhaltige Wasser sprudelt in einer Wärme von 45 Grad Celsius aus einer Quelle hervor und wird dampfend und rauchend durch ein Netz von Bambusrohren den Abhang hinab in die einzelnen Bassins geleitet, die hinter und unter den Häusern liegen. Von der großen, die Straße bildenden Steintreppe führt bei jedem Hause ein Gang nach dem zugehörigen Bad, und in diesen nach allen Seiten offenen Bassins ergötzt sich die Badegesellschaft, Greise und junge Männer, alte Mütterchen und ehrbare Jüngferchen, alle durcheinander, den ganzen Tag über. Nach japanischen Baderegeln werden von den Kurgästen gewöhnlich mehrere dieser heißen Bäder täglich genommen, und viele geben sich gar nicht die Mühe, zwischen den einzelnen Bädern Toilette zu machen. Haben sie ein Bad genommen, so setzen sie sich auf die vor den Häusern an der Straßenseite befindlichen Bänke oder kauern splitternackt, wie sie sind, in der Sonne auf dem Boden, rauchen ihr Pfeifchen, mustern die Passanten, spielen Karten oder Domino. Dann geht es schwupps! wieder ins Bad, und nach ein paar Wochen ist die Kur vorüber. Im Bade selbst empfangen die Damen Besucher, begrüßen einander in ehrfurchtsvollster Weise mit tiefen Verbeugungen, schäkern und lachen in der ungezwungensten Weise der Welt, wie etwa beim Karlsbader Schloßbrunnen. Trat ich in irgend einen dieser Baderäume, so warf mir die ganze fröhliche Gesellschaft wohl neugierige Blicke zu, ließ sich aber sonst gar nicht stören; die jungen Damen blieben in recht verfänglichen Stellungen auf den Holzstufen hocken, rieben sich ihre Glieder, schwammen munter in den Bassins herum, oder lagen im Wasser auf dem Rücken; einzelne, die wohl aus den geöffneten Häfen stammen und die Abneigung der Europäer gegen derartige Schaustellungen kennen mochten, hielten allerdings ihre Hände ähnlich wie die reizvolle Venus im Kapitol, das war aber auch alles.
Die Japaner besuchen Ikao gewöhnlich in der Sommersaison, ganz wie wir unsere Bäder, und bringen nicht nur ihre Familien mit Kind und Kegel, sondern auch ihr Bettzeug, Wäsche, Geschirre und dergleichen, dazu auch zu ihrer Erheiterung Gaishamädchen mit, je nach ihren Mitteln und Neigungen. Die Hotels sind in drei Klassen eingeteilt; die Preise in den Hotels erster Klasse für Zimmer und Nahrung betragen pro Person und Tag etwas über eine Mark. Freilich kennt die japanische Küche keine Fleischspeisen, und die Hotelgäste erhalten morgens nur Reis und etwa Bohnensuppe, mittags wieder Reis mit frischem oder gesalzenem Fisch, dazu Gemüse, Wurzeln, Mehlspeise und Früchte, abends natürlich wieder Reis, Fischsuppe und dergleichen. Dazwischen Thee à discrétion. Die Preise in den Hotels zweiter Klasse belaufen sich auf etwa achtzig Pfennige, in jenen dritter Klasse auf etwa fünfzig bis sechzig Pfennige, alles inbegriffen. Die Bäder sind dazu in allen Hotels frei, und nur wer in den Hotels erster Klasse ein Einzelbad nehmen will, muß dafür eine kleine Vergütung entrichten.
Die Umgebung von Ikao ist reich an herrlichen Spaziergängen; vor allen zu erwähnen ist jener den rauschenden, mit heißem ockergelben Wasser gefüllten Yusawabach entlang, stromaufwärts nach dem Badeorte Yumoto, oder der nach dem idyllischen Harunasee oder auf den steilen, aber aussichtsreichen Vulkankegel des Somayama. Noch besuchter sind die für skrophulöse Personen besonders heilkräftigen Bäder von Kusatsu, eine Tagereise von Ikao mitten in der herrlichen Gebirgsregion des zentralen Japan gelegen, mit nahezu siedeheißen Eisen-, Arsenik- und Schwefelquellen. Selbst die Japaner, die sich so gern im Wasser krebsrot brühen lassen, verläßt der Mut, wenn sie vor den dampfenden Bassins des Hauptbades von Kusatsu, Netsu-no-yu, stehen, und es bedarf einer von der Regierung angeordneten, halb militärischen Disziplin, um sie zum Bade zu bewegen. Der Murray von Japan sagt darüber: „Ein Hornsignal ruft bald nach Tagesanbruch so viele Kurgäste, als das Bad fassen kann, zusammen. Jeder Kurgast ist mit einem hölzernen Schöpflöffel bewaffnet, und auf Befehl des Bademeisters begießt sich zunächst jeder mit hundert Schöpflöffeln voll Wasser, um Kongestionen zu verhindern. Wärter passen dabei wachsam auf, denn zuweilen kommen Ohnmachtsanfälle vor. Während des folgenden, dreieinhalb bis vier Minuten dauernden Bades singen Bademeister und Kurgäste einen höchst merkwürdigen Chorgesang, um sich gegenseitig Mut einzuflößen. Nach Ablauf von etwa einer Minute schreit der Bademeister laut: ‚Noch zwei Minuten‘, und die Badenden, denen die kurze Zeit bei der brennenden Hitze des Wassers wie eine Ewigkeit vorkommt, antworten im Chor: ‚Noch zwei Minuten‘. Ebenso wird nach Ablauf der zweiten Minute ‚noch eine Minute‘, dann ‚noch eine halbe Minute‘ gerufen und jedesmal und immer freudiger von den Badenden beantwortet. Endlich ruft der Bademeister ‚fertig‘, worauf die ganze Menge nackter, brennrot gebrühter Körper über dem Wasser erscheinen und das Bad mit einer Schnelligkeit verlassen, die jeden, der ihrem langsamen, zögernden Eintritt beigewohnt hat, in Erstaunen versetzt. Bald darauf wird das Hornsignal neuerdings geblasen, und eine andere Reihe von Badenden unterzieht sich derselben Prozedur.” Die gewöhnliche Badekur in Kusatsu erfordert hundertzwanzig Bäder, die auf den kurzen Zeitraum von vier Wochen verteilt sind, und man kann sich also vorstellen, daß dieselbe nicht dasselbe Vergnügen gewährt wie jene in Ikao.
Ueber das exponierte, gemeinschaftliche Baden der beiden Geschlechter braucht man in Europa nicht erschreckt die Hände zu falten. War es doch in den europäischen Bädern vor gar nicht vielen Generationen allgemein gebräuchlich. Als ich in den öffentlichen Bädern der japanischen Hauptstädte und Badeorte das seltsame, ungenierte Treiben beobachtete, kam mir zuweilen ein großes Oelgemälde in den Sinn, das im historischen Museum zu Basel hängt und ein Bad in dem altberühmten Baden in der Schweiz darstellt. Gerade so splitternackt wie die Japaner von heute tummeln sich auch hier Männer, Frauen und Mädchen ganz toll in dem gemeinschaftlichen Bassin umher, lachen, schäkern recht verfänglich mit den Männern, ja noch mehr: mitten im Bassin stehen auf einem großen Tische gefüllte Weingläser, und eine fröhliche Gesellschaft giebt sich während des Badens einem Trinkgelage hin. Freilich stammt das Bild aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts.
Nikko, eine japanische Tempelstadt.
~Nikko wo minai utschi wa, Kekko to yu na!~ „Hast du Nikko nicht gesehen, so darfst du nicht von „prächtig” sprechen!” Mit diesem Sprichwort, das im fernen Reiche des Mikado in aller Mund ist, bezeichnen die Japaner die Herrlichkeiten ihres berühmtesten und besuchtesten Wallfahrtsortes. Was die Beurteilung der Natur anbelangt, muß man den Japanern aufs Wort glauben, denn es dürfte auch in der abendländischen Welt kaum ein Volk geben, das eine so große Empfänglichkeit, ein so tiefes Verständnis für die Natur, in der sie leben, besitzen dürfte. Ich möchte diesen Charakterzug der Japaner als ihren schönsten bezeichnen. Man wird ihn im ganzen Lande wahrnehmen. Bei der Mehrzahl der kleineren Städte und Dörfer, die so entzückend am Fuße bewaldeter Anhöhen, an rauschenden Bächen und Flüssen, oder inmitten der reizvollsten Gegenden liegen, hat es den Anschein, als wären sie nicht mit Rücksicht auf praktische Zwecke gerade wo sie sind angelegt worden, sondern nur wegen der Schönheit der Lage, ähnlich wie wir unsere Sommersitze wählen. Ihre Gärten, ihre Plantagen und Felder zeigen die liebevolle, ja peinliche Sorgfalt, welche die Japaner ihnen zuwenden, und die man in solchem Maße vielleicht nur in Holland wiederfindet. Der ferne japanische Archipel wird so von Gebirgen durchzogen, daß nur etwa ein Zwölftel des ganzen Reiches kulturfähig ist, aber dieses Zwölftel gleicht einem Garten. Selbst in den reichbewaldeten Gebirgen der Hauptinsel von Japan ist überall diese Liebe zur Natur wahrnehmbar, vor allem in jenem romantischen Bergdistrikte, der sich etwa hundert Kilometer nördlich von der Hauptstadt Tokio gleichweit von den beiden Meeresküsten entfernt ausdehnt und den Namen Nikko führt. Schon seit undenklichen Zeiten befanden sich dort in den ungeheuren Wäldern, zwischen rauschenden Strömen und plätschernden Wasserfällen, zwischen einsamen, tiefblauen Seen und hoch emporragenden Vulkanen Götzentempel, zu denen die Japaner wallfahrten. Die wildromantische Gegend übte auf dieses empfindsame Volk einen eigentümlichen Zauber aus. Die größte Zahl der japanischen Volksmärchen und Sagen beginnt mit den Worten: „Es war einmal in den Nikkobergen ...” und als ich selbst diese einzig schönen, einsamen Gebirgslandschaften durchwanderte, schien es mir, als wären sie von allerhand zauberhaften Wesen bevölkert. Mit diesen Märchen im Kopfe erschienen mir die spärlichen fremdartigen Wanderer wie Gnomen, die zierlichen kleinen Mädchen, die in den Wäldern Beeren pflückten oder Holz sammelten, wie Feen aus einer anderen Welt, ganz die Gestalten, wie sie Hänsel und Gretel auf ihrer abenteuerlichen Wanderung begegneten. Dazu trug wohl auch die Fremdartigkeit der ganzen Natur bei. Vergeblich forschte ich in meinen Erinnerungen nach Gegenden, welche sich mit diesen vergleichen ließen. Ich dachte an den Schwarzwald, an das seenreiche Salzkammergut, aber Nikko und damit auch das ganze Japan ist doch anders, und ich kam mir vor, als wanderte ich auf einem fremden Planeten. Nirgends fühlte ich mich entfernter von unserer abendländischen Kultur und bei aller Zufriedenheit einsamer als in den lauschigen, stillen Wäldern mit ihren ungeheuren phantastischen Fichten, ihren himmelanstrebenden Kryptomerien und seltsamen Laubbäumen, und doch befand ich mich nur einige Minuten weit von europäischen Hotels. Ein eigentümlicher, nicht zu beschreibender Zauber ist über dieses herrliche Stück Erde ausgebreitet, den wohl jeder empfunden hat, der mit einem bißchen Herz und Gemüt in seinem Reisesack nach Nikko gekommen ist.
Dieser Zauber mußte wohl auch den großen Schogun aus der Familie Tokugawa, den Taiko Iyeyasu, umfangen haben, denn als dieser größte Mann der japanischen Geschichte, der Cäsar des Mikadoreiches, anfangs des siebzehnten Jahrhunderts starb, nannte er den Bergdistrikt von Nikko als den Ort, wo er begraben sein wollte.
Seine Nachfolger ließen ihm dort eine der herrlichsten Grabstätten bauen, und das kaiserliche Haus, dem Iyeyasu so unvergängliche Dienste geleistet hat, konnte ihn nicht besser ehren, als indem es den verstorbenen Staatsmann und Helden, den Einiger des Reiches, unter die Zahl der Götter versetzte und ihm den Titel „Hoheit des ersten Ranges, Licht des Ostens, erhabene Verkörperung Buddhas” verlieh. Dies geschah im Jahre 1617, und seither ist Nikko der berühmteste und heiligste Wallfahrtsort der Japaner geworden. Die Tempel aber, die dort zu Ehren Iyeyasus gebaut worden sind und zu denen Kaiser, Fürsten und das Volk selbst während Generationen beigetragen haben, sind die herrlichsten Werke der japanischen Kunst, die ja gerade zur Zeit Iyeyasus ihre höchste Blüte erreicht hat. So hat der Cäsar Japans in der That auch noch nach seinem Tode Wunder gewirkt; er hat den Künstlern des alten Japan zu ihren erhabensten Leistungen Anlaß gegeben, und ihm ist es zu danken, daß wir heute noch so viel von dieser größten Glanzperiode der japanischen Kultur bewundern können. Die Künstler haben diese Tempel nicht nur Iyeyasu, sie haben dieselben auch sich selbst errichtet.
Mit Bedauern bestieg ich in Utsunomiya, am Fuße des Nikkodistriktes gelegen, den prosaischen Eisenbahnzug, der mich und eine ganze Menge von europäischen Touristen an einem heißen Augusttage hinaufführen sollte in die Berge; mit Bedauern deshalb, weil der bisherige Weg unendlich viel reizvoller und großartiger war als diese in der Sonne glänzenden und blitzenden Schienenstränge, die, wo immer sie auch liegen mögen, dem europäischen Reisenden den Gedanken einflößen, sie führten nach Europa. Sie sind die gewaltigsten Zerstörer alles Ursprünglichen, Eigenartigen; wie ungeheure Lanzetten stechen sie in die fremden Kulturen, und in die so entstandenen Wunden dringt die abendländische Alltagswelt. Neben unserer Bahn, bald näher, bald ferner, führte der altjapanische Weg hinauf zum Grabe Iyeyasus, seiner ganzen, über fünfundzwanzig Kilometer betragenden Länge nach von den großartigsten Kryptomerien beschattet. Wie gewaltige Türme ragen diese stolzen Nadelbäume aus der Ebene; ein einziger allein würde Aufsehen erregen, und es sind deren viele Tausende, vor Jahrhunderten gepflanzt von einem Pilger, der zu arm war, um für das Grabmal des Nationalheiligen eine steinerne Opferlaterne zu kaufen. Seine Gabe ist schöner als alle Opferlaternen zusammengenommen. Zum Glück fährt die Eisenbahn nicht ganz hinauf nach dem etwa 700 Meter über dem Meere gelegenen Nikko, sondern der Rest des Weges muß in den bequemen Fauteuils auf Rädern, den Rickshaws, zurückgelegt werden. Auf dieser Rickshawfahrt rollt man zwischen den Riesenbäumen einher, die den Weg nach Nikko zu beiden Seiten einfassen und mit ihren ineinander verschlungenen Aesten wie mit dem Dach eines gotischen Domes überwölben.
Von Nikko als einem Ort zu sprechen, ist unrichtig. Nikko wird der ganze Bergdistrikt bis zu dem gewaltigen ausgestorbenen Vulkan Nantai-San genannt, dem höchsten Berge dieses Teiles von Japan. An seinem Fuße liegt der romantische, waldbekränzte See von Tschuzendschi, und diesem entströmt, auf seinem Laufe zahlreiche Kaskaden bildend, der rauschende Dayagawa. Dort, wo sich sein wildromantisches Thal erweitert, liegen zwei Dörfer, Hadschi-idschi und Irimadschi, und zwischen beiden, verborgen zwischen ungeheuren Kryptomerien, liegen die Prachtgräber der Schogune. Hadschi-idschi besteht nur aus einer einzigen, etwa zwei Kilometer langen Straße, und auf meiner raschen Fahrt schien es mir, als wäre jedes Haus ein Hotel, ein Kuriositätenladen oder ein Theehaus. Kommen doch in jedem Jahre Zehntausende von Pilgern hierher, um den Manen Iyeyasus ihre Verehrung zu bezeugen und dann weiterzuwandern nach Tschuzendschi, um dort den Nantai-San zu besteigen.
Am oberen Ende des langgestreckten, durch seine vielen Kaufläden und sein bewegtes Leben recht malerischen Dorfes liegt das große Kanayahotel, in dessen ganz europäisch eingerichteten Räumen ich gegen hundert Europäer fand. Am Abend zeigte der Speisesaal mit seinen elegant gekleideten Damen und Herren in steifer Abendtoilette ein Bild, wie man es in einem europäischen Badeorte erwarten könnte, aber nicht hier, im Herzen des alten Japan. Die hohe Lage in den Bergen, die prachtvollen Wälder, die Kühle und die Frische, die hier auch im Sommer herrscht (oder herrschen soll, denn ich vermißte sie während eines fünftägigen Aufenthalts schwer), haben Nikko zu einer Art ostasiatischer Schweiz gemacht. Wie die Japaner zu ihrem Iyeyasu pilgern, so pilgern die in Ostasien ansässigen Europäer hierher, um der unerträglichen Hitze von Tokio, Kobe, Shanghai, Hongkong, ja selbst von Singapore und Bangkok zu entgehen. Auch die fremdländischen Diplomaten von Tokio flüchten hierher, und auf den freien Plätzen zwischen den größten Heiligtümern des alten Japan wird die Andacht der eingebornen Pilger durch lärmende, rücksichtslose Cricket- und Lawntennis-Spieler gestört. Diesem ewigen Lawntennis kann man sogar hier nicht mehr entgehen.
Eine Plage in Nikko sind die unzähligen Mücken und großen schwarzen Käfer, die durch das elektrische Licht (oh heiliger Iyeyasu!) angezogen, die Zimmer und Säle des Hotels erfüllen. Um sie zu verscheuchen, zündet man auf der Windseite des Hotels am Abend große Holzfeuer an und wirft feuchtes Laub darüber, so daß die Atmosphäre zuweilen mit erstickendem Rauch geschwängert ist. Mücken und Käfer kommen deshalb durch die Hinterthüren ins Hotel.
Am nächsten Morgen war mein erster Gang hinüber zu dem von ungeheuren Kryptomerien gebildeten Hain, in welchem sich die Grabtempel Iyeyasus befinden. Zwei Brücken überspannen den wasserreichen, rauschenden Dayagawa. Die eine aus rotlackierten Balken ist gesperrt und wird nur geöffnet, wenn der Mikado in eigener Person zu den Grabtempeln pilgert, die andere ist für gewöhnliche Sterbliche bestimmt. Eine Kryptomerienallee führt jenseits des Dayagawa zu dem Tempelplateau empor. Einen schöneren Ort hätte sich Iyeyasu für seine ewige Ruhe nicht aussuchen können; eine wahre Schweizerlandschaft breitet sich hier auf beiden Ufern des Dayagawa aus, mit mächtigen, kühn emporstrebenden Bergen, ausgedehnten buschigen Wäldern, grünen Matten und rieselnden Bächen; zwischen den ungeheuren Baumstämmen der Kryptomerien hindurch gewahrte ich den oberen Teil des Thales mit dem idyllischen Dörfchen Irimatschi und ein paar europäischen Neubauten, unter denen das Nikkohotel der größte ist; näher der Tempelstraße erhebt sich inmitten eines großen Gartens ein kaiserliches Schloß, das im Sommer vom japanischen Kronprinzen bewohnt zu sein pflegt, und nicht weit davon prangt eine fünfstöckige Pagode aus rotlackiertem Holz zwischen dem Grün der Bäume. Weiter aufwärts liegen ein paar anspruchslose Gebäude für die Priester, und jenseits derselben breitet sich die mit Mauern umgebene Tempelanlage aus.
Die Gebäude, Thore, Tempelhallen, Opferpagoden und Heiligenschreine, die hier in mehreren Höfen vor dem eigentlichen Grabtempel liegen, sind keineswegs durch besondere Größe oder Höhe ausgezeichnet, und man würde fehlgehen, in Nikko, wie in Japan überhaupt, irgend etwas zu erwarten, das sich mit unseren Kirchen oder mit den Tempeln der Araber, Perser, Indier vergleichen ließe. Weder in Bezug auf Architektur, noch nach Masse, Schönheit der Formen, Größe oder Baumaterial haben sie auch nur die entfernteste Aehnlichkeit mit diesen, ja sie sind eher das gerade Gegenteil. Klein, gedrückt, niedrig, durchweg aus Holz gebaut, sind sie im Verhältnis ebenso unschön wie die japanischen Wohnhäuser, so daß sie, von außen besehen, jeden fremdländischen Besucher enttäuschen. In Nikko ist diese Enttäuschung um so größer, als die Japaner hier recht eigentümliche Mittel anwenden, um die Tempel gegen Feuersgefahr und den Einfluß der Witterung zu schützen. Rings um die einzelnen Bauten sind ungeheure Drahtnetze gezogen, ähnlich wie unsere Hausfrauen Drahtglocken über die Butter stülpen, um sie vor den Fliegen zu bewahren. Manche Tempel sind mit einer verwitterten Bretterhülle umgeben, so daß sie, von außen betrachtet, sich ganz wie unsere Dorfscheunen zeigen. Man hat also gar keine Gelegenheit, den Bau und seine Architektur als Ganzes zu sehen; erst wenn man die wenigen Treppen zu den die Tempel rings umgebenden Veranden emporgestiegen ist und zwischen der Bretterhülle und den Außenwänden der Tempelbauten selbst näher schreitet, gewahrt man etwas davon, und dann wirkt nur die sorgfältige Zusammenfügung des Holzrahmens, der schöne rote, weiße oder Goldlack, mit dem er überzogen ist, nicht aber der Tempel als solcher.
Die hauptsächlichste Sorgfalt, die größte Kunst und den verschwenderischsten Reichtum der Ausschmückung verwenden die Japaner auf die gedrückten, inneren Räumlichkeiten, und wären sie nicht so finster, so hätte man Gelegenheit, seine Herrlichkeiten zu bewundern, die mit den größten Kunstschätzen des Abendlandes den Vergleich aushalten. Sie mit Worten zu schildern, vermag wohl kaum eine Feder, und ebensowenig kann es dem Pinsel des Malers gelingen. Wenn an irgend etwas, so erinnern die inneren Tempelräume mit ihren entzückenden Vergoldungen, Schnitzereien und Malereien an unsere byzantinischen Bauten, an die Kapellen im Markusdom von Venedig, oder die königliche Kapelle in Palermo, und fast möchte man der japanischen Ausschmückung den Vorzug geben. Vor der großen Revolution war diese in den Grabtempeln des Iyeyasu noch reicher; als aber der einfache Shintokultus an Stelle des prunkvollen Buddhismus wieder zur Staatsreligion erhoben wurde, entfernte man all die kostbaren Kleinigkeiten, Weihegeschenke, Götzenbilder und den malerischen Ausstellungsapparat der Buddhisten, so daß in diesen Tempeln nur mehr die Ausschmückung der Wände und Decken, sowie die entzückenden Thore bewundert werden können, welche die Tempelhöfe miteinander verbinden. Das köstlichste dieser Thore ist wohl das in weißem Lack und Goldzieraten prangende Jo-mei-mon mit seinen wunderbaren Deckenschnitzereien. Hier, wie auch in zahlreichen anderen Figuren zeigen die Japaner, welch hohe Kunst sie auch als Bildhauer erreicht haben. Hinter dem Tempel, welcher den stets verschlossenen Heiligenschrein Iyeyasus birgt, erhebt sich im Freien, mitten im Grün, das Grabdenkmal des Helden, eine auf einem festen Steinsockel ruhende Bronzeurne, die seine sterblichen Ueberreste enthält. Dem europäischen Besucher gewährt das in einem Nebengebäude befindliche Museum mit den Tempelschätzen größeres Interesse, denn hier sind die kostbarsten Meisterwerke der japanischen Kunst zur Besichtigung aufgelegt, dazu auch die Kleider, Waffen, Rüstungen des Iyeyasu und allerhand Gegenstände, deren er sich bedient hat, alle mit dem aus drei gegeneinander gerichteten Blättern bestehenden Tokugawawappen geschmückt. Einige Wochen vorher war ich über den einsamen Bergpaß auf dem Wege nach Hakone an der Stelle vorbeigekommen, wo Iyeyasu von Feinden angefallen worden und ihnen nur wie durch ein Wunder entgangen war. Jetzt sah ich hier die Sänfte, in der er sich bei dieser Gelegenheit befunden hatte, mit dem Loch, das der Pfeil in die Wand gebohrt; wäre er einen Zoll tiefer geflogen, diese Nikkotempel wären niemals erbaut worden. Die Oeffnung des Museums für das allgemeine Publikum ist übrigens dem Besuch des Erzherzogs Franz Ferdinand von Oesterreich-Este zu danken. Bis dahin waren die Tempelschätze unzugänglich; sie wurden nur ihm zu Ehren ausgestellt, und seither bilden sie das Hauptziel der europäischen Touristen.
Wie in allen größeren Shintotempeln, so befindet sich auch hier in einem Hofe eine offene Tanzbühne, auf welcher eine Priesterin die heiligen Tänze ausführt. In einen weißen Talar und roten Unterrock (das Zeichen der Jungfräulichkeit) gekleidet, in der einen Hand einen Fächer, in der anderen einen Schellenstab haltend, macht sie mit ihren nackten Füßen einige Schritte nach der einen, einige Schritte nach der anderen Seite, bewegt die Arme und Hände, fächelt sich, macht einige Verbeugungen und kauert sich dann wieder auf ihre Fersen nieder. Das ist der ganze Tanz, aber trotz seiner Einfachheit ist er nicht ohne Wirkung, wozu die Erscheinung der Tänzerin, ihre Kleidung und ihr schneeweiß gepudertes Gesicht mit abrasierten Augenbrauen das Ihrige beitragen.
In der Nähe der Iyeyasutempel befinden sich auch die sehr sehenswerten Grabtempel des Enkels und zweiten Nachfolgers Iyeyasus im Schogunat, des Schoguns Iyemitsu, der noch die ganze Pracht der buddhistischen Tempeleinrichtungen zeigt. Auch hierher wallfahrten die Japaner und bringen den Priestern ihre Gaben dar, indem sie vor jedem Gebet einige kleine Münzen auf den Boden des Tempels werfen. In ganz Japan bekommt man die kleinste Münze, den Rin, von dem etwa fünf auf einen deutschen Pfennig gehen, im Handel und Verkehr fast nirgends zu sehen; dafür bestehen die Tempelgaben der Mehrzahl nach aus solchen Rin, die augenscheinlich für diese Zwecke eigens aufbewahrt werden.
Weiter aufwärts im Flußthale des Dayagawa giebt es keine Tempel und keine Ortschaften mehr bis zu dem etwa sechs Wegstunden inmitten der zentralen Bergketten gelegenen See von Tschuzendschi. Ein an wildromantischen Reizen reicher Weg führt den rauschenden Dayagawa entlang zu diesem etwa vierzehnhundert Meter über dem Meere gelegenen Bergsee, über den sich der kahle, mächtige Scheitel des Nantai-San erhebt. Auf dem schmalen Landstreifen zwischen Berg und Seeufer liegt das urjapanische Dörfchen Tschuzendschi, fast ausnahmslos aus Hotels und Theehäusern bestehend, die halb in den See hineingebaut sind und auf Pfählen offene Veranden tragen. Kleine, ewig lächelnde Nesans sorgen hier für die Wünsche der Reisenden; der prächtige Lachs wird für die Mahlzeiten frisch aus dem See gefangen, der Reis ist von blendender Weiße, und wer sich an die leichten japanischen Papierhotels gewöhnt hat, kann hier ein paar reizvolle Wochen verleben; nur darf er nicht in den ersten Augusttagen kommen wie wir, denn dann drängen sich in das kleine Oertchen Zehntausende von Pilgern; dem Seeufer entlang, auf heiligem Boden, der durch ein mächtiges Steintorii bezeichnet wird, liegen langgestreckte, einstöckige Pilgerkasernen, und in diesen war jedes Plätzchen von den weißgekleideten Pilgern belegt, die am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang die Besteigung des heiligen Berges Nantai-San unternehmen wollten. Ein Gitterthor versperrt den breiten Treppenweg, der zu dem nahezu dreitausend Meter hohen Gipfel führt, und wer die Besteigung ausführen will, muß den Priestern, die um den nahe dem Thore gelegenen Shintotempel hausen, einen Viertel Yen bezahlen. Aber ich hatte kurz zuvor die Besteigung des höchsten Berges von Ostasien, des Fudschiyama, ausgeführt, und der Nantai-San, ein Zwerg gegenüber diesem Bergriesen, reizte mich nicht weiter. Dafür wanderte ich den stillen, romantischen See entlang, an den einsamen Sommerhäusern des deutschen und des englischen Gesandten vorüber, nach dem kleinen Badeorte Yumoto, wo unter Flugdächern an der Straße Scharen von Männern und Frauen jeden Alters zusammen badeten. Woran man sich in dem Bergdistrikt von Nikko nicht sattsehen kann, ist die wunderbare Natur, die in solcher Großartigkeit in ganz Ostasien nicht wiederzufinden ist. Nur gehört gutes Wetter dazu, und das ist leider den Sommer über in Nikko selten. Es regnet hier gerade so häufig und so viel wie in Salzburg.
Japanische Blumenfeste.
Im Reiche der aufgehenden Sonne hat sich in den letzten Jahren sehr viel geändert, manche Sitten und Gebräuche sind der modernen Kultur, der sich die Japaner ergeben haben, leider zum Opfer gefallen, aber viele nationale Züge und Eigenarten haben sich dennoch bis auf den heutigen Tag erhalten und werden auch noch für lange Jahre hinaus erhalten bleiben.
Dem Reisenden in dem herrlichen Inselreiche des Stillen Ozeans wird es nicht schwer, diese Züge herauszufinden, denn sie bieten sich ihm sozusagen auf Schritt und Tritt dar. In erster Linie möchte ich die Liebe der Japaner zur Natur und zu deren schönstem Schmuck, den Blumen, nennen. Nirgends wird dem Blumenkultus größere Liebe, größeres Verständnis, größere Kunst entgegengebracht. Vom Kaiserpaare herab bis zum letzten Bettler huldigt alles den Blumen, Männer wie Frauen, Greise wie Kinder hegen und pflegen sie mit der größten Zärtlichkeit. Wohin ich auf meinen Reisen auch gelangte, überall fand ich die Wohnungen mit Blumen geschmückt. Im kaiserlichen Palast von Tokio fand ich sie in kostbaren Vasen prangen, in den Holz- und Papierhütten der Feldarbeiter in Bambusgefäßen als einzigen Schmuck der ärmlichen Räume; blieb ich in einem japanischen Hotel länger als einen Tag, dann wurden jeden Morgen von zarten Mädchenhänden die Blumen in meinem papierenen Zimmer gewechselt; die halbnackten Kuli, welche mich in ihren leichten Handwägelchen, den Rickshaws, durch das Land zogen, steckten sich eine Blume hinters Ohr; in den Straßen der Städte wandern Blumenverkäufer, die schöne Last in Körben auf eine Bambusstange gehängt, umher, und kein Bettler ist zu arm, um nicht für einige Rin (Zehntelpfennigstücke) eine Blume zu erwerben.
Aber noch mehr: der Kalender der Japaner setzt sich auch heute noch aus Blumenfesten zusammen; statt die Monate und Jahreszeiten mit unseren Namen zu bezeichnen, geben die Japaner ihnen den Namen ihrer Blumen. Mit Blumennamen nennen sie auch ihre Töchter, und diese, wie alle Damen Japans überhaupt, kleiden sich je nach der Blume, welche zu gewissen Jahreszeiten in ihren Gärten vorherrscht. Zur Zeit der Kirschblüte tragen sie Kimonos (schlafrockartige Oberkleider), auf welche Kirschblüten eingestickt sind; sind diese verblüht, dann kommen in der Natur, wie auf den Toiletten Azaleen an die Reihe, und so fort, bis der November die herrlichste Blume Japans, die Chrysanthemum, bringt. Ja sogar der Wandschmuck der Wohnräume richtet sich nach den Blumen. Die Japaner pflegen auf die kahlen nackten Papierwände ihrer Wohnungen Kakemonos zu hängen, lange mit Blumen und anderen Sujets bemalte Papierstreifen; blühen die Glycinen oder Päonien oder der Lotos, dann werden auch in den Häusern Kakemonos mit solchen Blumen aufgehängt und vor diese Vasen mit frischen Blüten gestellt.
Wir Europäer sind gewiß ebenfalls den Blumen hold, und viele von uns pflanzen und pflegen sie mit derselben Liebe wie die Japaner; aber in Bezug auf ihre Zusammenstellung sind wir im Vergleich zu ihnen noch weit zurück, und nur die deutschen Blumenzüchter befleißigen sich ähnlicher Sorgfalt. Wie plump und sinnlos sind die Sträuße, welche auf dem allwöchentlichen Blumenmarkte rings um die Madeleinekirche in Paris feilgeboten werden! Dutzende von Rosen derselben Farbe werden dort eng aneinander gequetscht, und das Ganze wird in einer großen weißen Papiertüte steckend feilgeboten. Ein derartiges Unding würde in Japan Entsetzen erregen. Dort wird auch die geschnittene Blume einzeln und für sich behandelt, als säße sie noch auf der Pflanze im Garten. Der Japaner legt nicht so viel Wert auf den Geruch und die Farbe der Blume selbst, wie auf die Form, das künstlerische Zusammenwirken von Blume, Stengel und Blättern. Sind die letzteren auch wenig schön, so heben sie doch durch ihre Zusammenstellung die Schönheit der ersteren. Die zarte Kunst der Behandlung von Blumen, ob lebender oder geschnittener, gehört in Japan mit zu den schönsten Künsten, und die Erziehung einer Japanerin wird als unvollständig betrachtet, wenn sie nicht einen Kurs in der Blumenkunst durchgemacht hat.
Bei dieser Vorliebe, ja ich möchte sagen Leidenschaft der Japaner für ihre herrliche Flora ist es nicht zu verwundern, daß die Blumen die wichtigsten Sujets sind, welche in den japanischen Malereien und Skulpturen, bei der Ausschmückung von Bronzen und Porzellanen zur Verwendung kommen, ja daß sie vom japanischen Adel als Wappenbilder gewählt werden.
Und wie bei jedem einzelnen Japaner, so äußert sich die Liebe zu den Blumen im ganzen Lande durch zahlreiche, allgemein gefeierte Blumenfeste. Wie es bei uns ein Weihnachts-, Oster- und Pfingstfest giebt, so giebt es in Japan ein Kirschblüten-, Azaleen- und Chrysanthemumfest. Selbst zur Neujahrszeit werden die Häuser in Ermangelung von Blumen mit Immergrün, Tannen und Bambus geschmückt. Kommt aber der Frühling, dann bringen die wärmeren Sonnenstrahlen die zarten Knöspchen der Kirschbäume zur Blüte, und das ganze Inselreich ist bald in das herrlichste Rosenrot gehüllt, als wären Massen kleiner, von der Sonne durchleuchteter Wölkchen vom Himmel herabgeflogen, um für einige Wochen zwischen den Baumkronen der Gärten zu verweilen. Wer jemals das Glück gehabt hat, den unbeschreiblich üppigen Blütenschmuck der Kirschbäume in Japan zu sehen, der wird die Begeisterung der Japaner gerade für diese Blüte wohl begreifen und es natürlich finden, daß sie die Kirschbäume nur ihrer Blüten wegen pflanzen, denn die japanische Kirsche ist ungenießbar. Nach der unwirtlichen kalten Jahreszeit wirkt der rosenrote Schnee, in den sich die Bäume hüllen, um so stärker. Die Kirschblüte, und nicht, wie es im Abendlande allgemein geglaubt wird, die Chrysanthemumblüte ist die Lieblingsblume der Japaner.
Schon vor der vollen Entfaltung der Blüten wird in den Tagesblättern Japans über das Fortschreiten derselben berichtet. Depeschen aus allen Teilen des Landes verkünden die Freudenbotschaften, daß hier oder dort die Bäume bereits in Blüte stehen, und unter den Stadtneuigkeiten kann man lesen, daß Prinz Sandscho oder der Premierminister Graf Ito sich für drei Tage nach Nara oder Kioto begeben haben, um die blühenden Kirschbäume zu bewundern.
Endlich prangen auch die Kirschbäume in der Hauptstadt selbst in ihrem unglaublich reichen Blütenschmuck. Wer in der ersten Aprilhälfte die Kirschhaine des Uyénoparks oder von Mukodschima an den Ufern des Sumidagawa durchwandert, der sieht dort die riesigen Bäume, hoch wie alte Eichen, mit Blüten vollständig bedeckt, ohne daß noch ein einziges grünes Blatt erschienen wäre; nicht kleine leichte Blütchen, sondern rosenrote, blattreiche, doppelte Blumen, so groß wie Centifolien. Auf jedem Ast, jedem Zweiglein sitzen sie dicht aneinander gedrängt, kaum daß die größeren Aeste sichtbar sind; und dahinter erheben sich die dunkelgrünen mächtigen Kryptomerien, diese schönsten Nadelholzbäume des Orients. Die Blüten hauchen einen zarten Duft aus, fremdartige Vögel singen und trillern in den dichten rosenroten Kronen, die sich in den stillen Lotosteichen wiederspiegeln.
Dann kommt der Kirschblütensonntag, ein Nationalfest der Japaner, dieses Phäakenvölkchens. Ueber Nacht sind in den weiten Avenuen, ebenso wie in den Seitenwegen und entlang den schmalen lauschigen Waldpfaden Hunderte und Aberhunderte von leichten Buden entstanden, in denen kleine putzige Japaner und Japanerinnen allen möglichen Flittertand verkaufen. Jede dritte Bude ist ein Theehaus, in welchem Reiswein feilgeboten wird, und Tausende von Familien mit Kind und Kegel, alle in seidene Festgewänder gehüllt, lustwandeln in dem rosenroten Wald, bleiben hier und dort vor irgend einem besonders prächtigen Baume stehen, um ihn mit Kennerblick zu bewundern oder möglicherweise Gedichte, seine Pracht verherrlichend, an den Stamm zu heften. Jeder Besitzer eines Gartens hat um diese Zeit sein Kirschblütenfest und versendet große mit Kirschblüten gezierte Einladungskarten an seine Freunde; sogar der Hof ladet die Gesellschaft und das diplomatische Korps zu einer Gardenparty ein, welche in den weiten in üppiger Pracht stehenden Palastgründen des Hama Rikiu abgehalten wird.
Wer aber das japanische Volksleben in seiner ganzen Eigenart kennen lernen will, der muß nach Mukodschima im Südosten von Tokio gehen. Dort wurden, als noch das Schogunat (Vizekaisertum) der mächtigen Tokugawafamilie in voller Blüte war, Kirschbäume gepflanzt, die heute ungeheure Dimensionen erreicht haben, so daß in den weiten Alleen ihre Zweige sich verschlingen und einen rosenroten Dom bilden. Dort vor allem ist der Schauplatz der Hanami, d. h. Familienpicknicks, auf welche sich die Kinder das ganze Jahr über freuen. Schon lange vorher werden von verschiedenen Familien gemeinschaftliche Ausflüge vereinbart. Zu Fuß, in Booten oder in langen Reihen von Rickshaws treffen sie ein, jede Gruppe durch ein gemeinschaftliches Zeichen erkenntlich; die einen tragen buntfarbige Tücher um den Kopf gewunden, die anderen gleiche Halstücher, die dritten irgend einen bunten Fleck auf ihren Kimonos. Männer, Frauen, Mädchen, Kinder, alle in ihren buntesten Schlafröcken, durch ebenso bunte Papierschirme gegen die Sonne geschützt, ebenso bunte Fächer schwenkend; auf jedem Boote ausgelassene Fröhlichkeit, Gesang, Gelächter, Trommelschlag und Samisengezupfe; ein Karneval im blühenden Frühling!
Die Mädchen spielen heitere Gesellschaftsspiele, Männer tanzen wie Satyre, Poeten sagen ihre den Bäumen gewidmeten Oden her, Seiltänzer, Akrobaten, Märchenerzähler, Wettringer unterhalten das Volk. Dazu die eigentümlichen langen Gewänder, die fremdartige Landschaft, so daß man sich ein paar tausend Jahre zurück versetzt denken könnte, mitten in irgend eine Saturnalie des Petronius. Mit dem Einbruch der Dämmerung erscheinen Tausende und Abertausende von buntfarbigen Papierlampions in den Bäumen, auf den Booten im Flusse, rings um die zahlreichen Sakeläden und Theehäuser. Damit ist die Zeit für das Abendbrot gekommen. Im Kreise sitzen die Familien und Gesellschaften beisammen, handhaben lachend, scherzend ihre Eßstäbchen, trinken dazu aus winzig kleinen Porzellanschalen Sake und lassen sich mit Samisen und Gesang unterhalten. Schöne Maiko- und Gaishamädchen in den herrlichsten Gewändern, die Gesichtchen bemalt, das rabenschwarze Haar unter einem Wald von Schmetterlingsnadeln verborgen, tanzen und führen kleine Szenen auf. Am fröhlichsten wird das Treiben, wenn irgend ein plötzlicher Windstoß durch die Bäume fährt, die Blüten entblättert und sie wie rosenroten Schnee auf die ganze Gesellschaft herabfallen läßt.
Nur zu bald geht es mit der Kirschblütenherrlichkeit zu Ende, aber an ihre Stelle treten, noch während sie auf den Bäumen prangt, die Azaleen und nur wenige Tage später die Päonien, nicht wie wir sie kennen, sondern wie sie in solcher Größe, Menge und Pracht nur Ostasien besitzt. Ich habe in Japan mannshohe Azaleen- und Päonienbäume gesehen mit Tausenden von Blüten, ja in dem Klostergarten von Hia Hungtien an der Ostgrenze von Deutsch-China bewunderte ich einen Azaleenbaum, dessen Stamm einen halben Meter Durchmesser besaß und dessen haushohe Krone an zwanzigtausend Blüten beherbergen mochte. Die Päonien, in Japan Botan genannt, zeigen sich Anfang Mai in wunderbarer Farbenpracht. Auf sie folgen im Juni die herrlichen, die Teiche und Wassergräben mit einem lila Teppich bedeckenden Iris; wie die Tulpen in Holland, so prangen die Iris hier auf weiten Feldern, mehrere Morgen einnehmend; kommen einige Tage später die Glycinen, auf Japanisch Fudschi genannt, zur Blüte, dann ist in manchen Gebieten lila die hervorragende Farbe in der Landschaft. Den Wänden der Landhäuser entlang, an Palästen und Hütten, auf Theehäusern und künstlich errichteten Lauben und Gängen winden sie sich in unglaublicher Ueppigkeit empor und über die Dächer hinweg; dazu wird bei vielen Häusern des ärmeren Volkes der Dachfirst mit Iris bepflanzt, so daß sie im Juni vollständig mit lila Blüten bedeckt sind. Am berühmtesten ist die dreihundertjährige Glycine (~Wistaria chinensis~) im Garten des Kameidoklosters, das Ziel unzähliger Wanderer, welche im Frühsommer hierher pilgern, um diese mehrere hundert Meter langen blütengespickten Ranken zu bewundern. Schattige Laubgänge bildend, Theehäuser mit einem Blütendach bedeckend, reichen sie bis weit in den kleinen See hinaus, in dessen stillem Wasser sich diese lila Blütenpracht wiederspiegelt. Ebenso besucht wie der Glycinengarten von Kameido ist die fünfhundert Jahre alte Glycine in Kasukabe, nordöstlich von Tokio, eine wunderbare Pflanze, deren Ranken rebenartig eine Laube von vierhundert Quadratmetern bedecken.
Für das nächste Blumenfest des Jahres bieten die schönen weißen Lotos den Anlaß, die neben den Kirschblüten und Chrysanthemen die beliebtesten Blumen Japans sind und als Symbole der Reinheit, Tugend und Nützlichkeit bewundert werden: der Reinheit, weil ihre zarten weißen Blüten sich aus dem Schlamm der Pfützen und Moräste erheben, der Tugend wegen ihres leichten balsamischen Geruches, der Nützlichkeit, weil die Samenkörner, die sie enthalten, genießbar sind. Ueberall in Japan, in den Wassergräben der alten Daimioschlösser, in Teichen und Seen, an Kanälen und Flüssen entlang sind während des Monats August diese schönen großen Blumen zu sehen. In Tokio ist der Schinobadzusee des Uyenoparkes mit ihnen buchstäblich gefüllt, und dann pilgert die ganze Stadt hinaus, um an den kleinen Inselchen und Brücken und Theehäusern diese Blütenpracht zu bewundern. Noch schöner als der Lotossee des Uyenoparkes erschien mir der kleine Teich hinter der Pagode des Schibaparkes; umgeben von mächtigen Kryptomerien schlummert er in deren tiefem Schatten; ein Inselchen mit einem winzigen Tempel erhebt sich aus seiner Mitte, und die Wasserfläche ist so dicht mit Lotosblüten bedeckt, daß man sie für einen großen Teppich halten könnte.
Aber der größte Kultus wird in Japan getrieben mit der letzten Blume des Jahres, der Wappenblume des Kaiserhauses, dem Chrysanthemum. Seit Jahrhunderten ist die Gilde der japanischen Gärtner, von Vater auf Sohn, damit beschäftigt, diese Blume zu veredeln und durch allerhand nur ihnen bekannte Mittel so vielfarbig und vielgestaltig wie nur möglich zu ziehen. Große Vermögen werden in Chrysanthemum angelegt, große Vermögen damit gewonnen. Die Gärtnergilde in Yokohama besitzt an fünfhundert Gärten, zweihundert Morgen Landes umfassend, in denen sechs- bis achthundert verschiedene Arten von Chrysanthemen gezogen werden. Die Gilde in Tokio besitzt wohl eine noch größere Zahl von Gärten in der Vorstadt Dangozaka, und die schönsten Blumen, die sie das Jahr über zieht, werden gelegentlich des Chrysanthemumfestes in den kaiserlichen Gärten vom Akasaka zur Schau gestellt. Schon diese Gärten allein mit ihren ungeheuren Cedern und Kryptomerien, ihren lauschigen Alleen, grünen Rasen, mit von Tempeln und Kiosken gekrönten Hügeln, ihren Wasserflächen mit Inselchen und kurios geschwungenen Brücken sind Wunderwerke der Japaner, die leider nur wenigen Auserlesenen zu schauen beschieden sind. Staunend durchwanderte ich dieses Buen Retiro der Kaiserin, das als passendsten und bezeichnendsten Namen den Namen „Kaiserin Frühling” führt. Dem großen Park wird im November durch die Kunst der japanischen Gärtner wahre Frühlingspracht gegeben, und wem die Auszeichnung zu teil geworden, von der Kaiserin zu dieser Gardenparty befohlen zu werden, der wird die schwärmerische Leidenschaft der Japaner für die Kaiserblume, Kiku, begreiflich finden.
Nach Zehntausenden müssen die Chrysanthemen zählen, welche hier in der wunderbarsten Farbenpracht erblühen; den besandeten Wegen entlang sind leichte Flugdächer aus Bambusstangen errichtet, verhüllt durch violette Gazevorhänge, auf welchen die weiße kaiserliche Chrysanthemumblüte eingestickt ist. Unter jedem Flugdach sind verschiedene Arten von Chrysanthemen ausgestellt, verschieden in Farbe, Größe, Form und Gestaltung der Pflanze selbst. Manche Blüten sind größer als unsere Teller, je eine auf einer Pflanze mit einem einzigen Stiel, andere mit den zartesten ineinander gerollten Blättern haben das Aussehen großer Schneeballen; wieder andere mit Hunderten von Blättern, die wie lange Haare von den Blüten herabhängen, oder solche, die steif wie bei einer Sonnenrose ringsum stehen. Besonders merkwürdig sind Pflanzen mit einem ganzen Strauß von Blüten bedeckt, jede von einer anderen Farbe; das größte Wunder der Gärtnerkunst aber sind einzelne Pflanzen, welche auf demselben Stiel ein Dutzend Blüten jede von verschiedener Größe und dabei verschiedener Farbe zeigen. Weiter im Innern des Gartens sind große Flächen buchstäblich mit einem Teppich von Chrysanthemen bedeckt, hier ein weißer, dort ein roter oder violetter Teppich, in welchem jede einzelne Blume genau dieselbe Farbe zeigt, jede genau so geöffnet ist wie die andere, so daß sie gleichzeitig welken und vielleicht an demselben Tage verblühen. Mitten in diesen Beeten erheben sich Riesenpflanzen, die auf ihren zwei Meter und noch längeren Stielen bis zu sechshundert Blüten zeigen. An jeder Pflanze hängen kleine Papierzettelchen mit dem Namen der betreffenden Art in japanischen Lettern, Namen wie „der weiße Drache”, „goldener Tau”, „Fischers Laterne”, „das Federnkleid”, oder auch „zehntausendmal mit Gold bestreut” und dergleichen.
Um dieselbe Zeit, wie die kaiserliche Chrysanthemumparty finden auch im ganzen weiten Reiche, hauptsächlich aber in Tokio selbst, Festlichkeiten statt, für welche die Chrysanthemen die Veranlassung sind. Die ganze Bevölkerung, hoch und niedrig, wandert dann hinaus nach Dango Zaka, dem Quartier der Gärtner, dem Schauplatz der fröhlichsten Hanami. Jeder einzelne Gärtner hat dort seine eigene aus Bambusstäben errichtete Schaubude, in welcher er die schönsten Produkte seiner Kunst gegen ein Eintrittsgeld von wenigen Pfennigen zur Schau stellt. Aber hier sind es nicht so sehr die Blüten selbst, als ihre eigentümliche Zusammenstellung zu Figuren und Landschaften, welche die festlich gestimmten Japaner in hellen Scharen herbeilocken. Die Buden sind dementsprechend in einen Zuschauerraum und eine Bühne mit Kulissen eingeteilt, und auf den Bühnen stehen die seltsamsten Chrysanthemumfiguren. Alle möglichen Sujets, aus der Geschichte des Landes, der Mythologie und der Gegenwart, Landschaften, volkstümliche Helden, berühmte Schauspieler in ihren Lieblingsrollen, Scenen aus populären Theaterstücken, alles das wird für die Darstellung gewählt, ein ungeheures Panoptikum, wie jenes von Madame Tussaud in London oder Castan in Berlin, nur mit dem Unterschiede, daß die Kleidungsstücke und Trachten ganz aus Chrysanthemumblüten bestehen. Die Gesichter, Hände und Füße werden mit großer Treue und Lebenswahrheit aus Wachs geformt, die Kleider aber, ebenso wie die einzelnen Landschaftsbilder, ob sie nun Felsen, Berge, Wasserfälle, Tempel darstellen, bestehen ausschließlich aus Chrysanthemumblüten und -blättern, so kunstvoll aneinander gebunden, daß sie sogar die glatte Oberfläche der Stoffe nachbilden, und dabei sind diese Blüten nicht etwa von ihren Stielen abgeschnitten, sondern lebende Blumen, mit ihren Stielen und Wurzeln. Wer beispielsweise die mit Stickereien bedeckten Kimonos oder die Rüstung eines altjapanischen Kriegers betrachtet, hält das für unmöglich. Besucht man aber Dango Zaka am Morgen, so hat man zuweilen in dieser oder jener Bude Gelegenheit, das Erneuern welker Blumen zu beobachten. Dazu müssen kleine Partien von Blumen losgebunden werden, und dann sieht man, daß diese Figuren aus einem Bambusgestell bestehen, hinter welchem die Pflanzen selbst verborgen sind, die Wurzel sorgfältig in feuchte Erde verpackt, mit den für die Darstellung erforderlichen Blüten oder Blättern zwischen den Bambusplatten hervorgezogen und kunstvoll mit- und ineinander verflochten. Des Morgens und Abends werden die Pflanzen mit Wasser besprengt und erhalten sich, durch das Mattendach der Schaubude gegen die Sonnenstrahlen geschützt, einen ganzen Monat lang, als ständen sie in einem Garten.
Dem leichtlebigen japanischen Völkchen gilt das Chrysanthemumfest wie ein Abschied von der schönen warmen Jahreszeit, es ist das letzte der Blumenfeste, und schon deshalb nimmt jede Familie, jeder Einzelne bis zum geringsten Bettler daran teil. Sind die Chrysanthemen verblüht, dann erhält die Landschaft nur noch durch die vom Spätherbst rot und gelb gefärbten Ahornblätter Abwechselung, und während die Japaner diese bewundern, zählen sie auch schon die Wochen, die sie von dem nächsten Kirschblütenfest trennen.
Formosa.
Mit der Insel Formosa haben die Japaner eine selbständige chinesische Provinz von über vierunddreißigtausend Quatratkilometern Größe und etwa dreieinhalb Millionen Einwohnern gewonnen, ein Gebiet, auf das sie zur Erfüllung ihrer handelspolitischen Pläne längst ein Auge geworfen hatten und dessen Besitz sie in Zukunft noch unabhängiger von dem europäischen Handel und noch gefährlicher für den letzteren machen wird als bisher. Den Chinesen dagegen war das Opfer, das sie brachten, kein besonders großes, denn der Wert Formosas war für sie bisher recht problematisch, und früher oder später hätten sie diese kleinste ihrer Provinzen doch an die eine oder die andere Macht verloren. Bei einem Länderbesitz von mehr als elf Millionen Quadratkilometern bildete Formosa nur den dreihundertsten Teil des chinesischen Reiches, und selbst davon war nur eine Hälfte im Laufe der letzten Jahrhunderte unterworfen worden. Die östliche Hälfte Formosas wird heute noch von den der Hauptsache nach malayischen Urbewohnern eingenommen, welche die Chinesen trotz fortwährender Kämpfe doch noch nicht zu bezwingen im stande waren und wohl nie mit Waffen hätten bezwingen können. Dies wird den Japanern überlassen bleiben. Auch diese werden sich die Zähne an den wilden, tapferen Stämmen ausbeißen, die in den Gebirgen und Urwäldern des östlichen Formosa hausen. Die Insel kam überhaupt erst vor etwa zweieinhalb Jahrhunderten in den Besitz der Chinesen. Die ersten Besitzer waren die Portugiesen, die hier eine Handelsniederlassung gründeten und der Insel ihren wohlverdienten Namen, Formosa, die Schöne, gaben. Wie die meisten Besitzungen der Portugiesen, fiel auch diese bald in andere Hände. 1643 setzten sich die Holländer hier fest und erbauten, nahe der Nordspitze, bei Tamsui, ein Fort, das zum Teil noch heute steht und eine Zeitlang in seinen Mauern die Residenz des englischen Konsuls beherbergte. 1661 ließen die Chinesen die Fremdlinge durch ihren berüchtigten Piratenchef Koksuiga vertreiben, gewiß zum Nachteil dieses herrlichen Eilandes, das im Besitz einer europäischen Macht sich längst zu einer blühenden Kolonie entwickelt haben würde. Bis zum französisch-chinesischen Kriege von 1884 bildete Formosa einen Teil der benachbarten Provinz Fokien; damals wurde der Chinesengeneral Liu-Ming-Chuan mit einer Armee von vierzigtausend Mann nach Formosa gesandt, um die Franzosen daraus zu vertreiben, und wahrscheinlich zur Belohnung für die vielen Niederlagen, die er bis zum Friedensschlusse dort erlitt, wurde er zum ersten Generalgouverneur der neugeschaffenen Inselprovinz ernannt und konnte die Summen, die bis dahin von dem Gouverneur von Fokien vom Volke erpreßt wurden, nunmehr selbst einstreichen. Vor 1885 war nämlich der Gouverneur von Fokien gleichzeitig Fu, d. h. Präfekt, von Formosa, mit der Verpflichtung, die Insel alle drei Jahre zu besuchen. Dem Laufe der Dinge gemäß mußten bei diesen Besuchen die Unterbeamten der Insel dem Präfekten Geschenke in Geld und Waren machen, und die Mandarine kehrten von ihren Ausflügen nach Formosa gewöhnlich mit wohlgefüllten Geldsäcken zurück.
Liu-Ming-Chuan war übrigens ein vortrefflicher Gouverneur, ein kleiner Li-Hung-Tschang des Südens, und die Japaner, welche die Insel nun übernahmen, haben ihm sehr viel zu danken, sogar eine Eisenbahn, die zweite, die innerhalb des Bereiches des Drachenbanners überhaupt gebaut wurde. Unter seiner Regierung machten auch die wilden Stämme lange nicht so viel zu schaffen wie früher. Liu wußte sehr wohl, daß es den Chinesen nicht gegeben sei, Völkerschaften mit den Waffen in der Hand zu unterdrücken; deshalb setzte er sich mit den feindlichen Häuptlingen ins Einvernehmen, und nach dem alten Lehrsatz, daß kleine Geschenke die Freundschaft erhalten, ließ er den Häuptlingen Tücher, Decken, Pfeifen, Messer, Waffen u. dergl. verabfolgen, Dinge, welche die Häuptlinge gewissermaßen als Tribut betrachteten. Jedenfalls verhinderten sie aus Dankbarkeit dafür die bisherigen Raubzüge ihrer Stämme nach der von den Chinesen besiedelten Westhälfte der Insel, bei denen sie stets ganze Dörfer und Städte zu plündern pflegten. Aber das altherkömmliche Vergnügen, das die Formosaner darin finden, den Chinesen die Köpfe abzuschlagen, konnten die Häuptlinge nicht unterdrücken. Wie die berüchtigten Dajaken von Borneo, so sind auch die Formosaner auf Menschenköpfe passioniert. Bei manchen Stämmen darf kein junger Mann heiraten, ohne vorher mindestens den Kopf eines Chinesen dem Häuptling überbracht zu haben. Das Köpfen erfolgt aber nicht etwa in offenem Kampfe. Die jungen Leute lauern reisenden Chinesen auf, überfallen sie von rückwärts, und sobald sie die Köpfe vom Rumpfe getrennt haben, laufen sie mit diesen blutigen Trophäen ihren Lagern zu. Dort wird zunächst ein Kriegstanz ausgeführt, währenddessen der glückliche Bräutigam seine Braut in Empfang nimmt, um sie nach seiner aus Baumrinde gebauten Hütte zu führen. Dort wird die Braut von allen Squaws des Stammes besucht. Ob die Formosaner auf die Köpfe der Japaner ebensolchen Appetit haben werden wie auf jene der Chinesen, wird die Folge zeigen. Jedenfalls werden sie auf ihre eigenen Köpfe etwas mehr achten müssen als bisher. Zwischen Japanern und Formosanern herrscht entschieden größere Rassenverwandtschaft als zwischen den letzteren und den Chinesen. Wie die Japaner, so bedecken auch die wilden Formosaner ihre Körper mit Tättowierungen, eine Verrichtung, die den Weibern obliegt. Manche Krieger zeigen auf ihrer Haut ihre ganze Lebensgeschichte. Auch die Weiber werden vor ihrer Vermählung tättowiert, und am Vermählungstage müssen sie sich außerdem ihre Augenzähne ausziehen lassen. Ein eigentümlicher Gebrauch der Formosaner ist der, ihre Toten an derselben Stelle zu beerdigen, auf der sie gestorben sind, und ist dies in ihrem eigenen Hause geschehen, so werden sie unter dem Fußboden desselben eingescharrt. Kriegern werden außer Lebensmitteln auch ihre Waffen mit ins Grab gelegt.
Die Bedürfnisse der wilden, der Mehrzahl nach großen und kräftigen Formosaner sind sehr gering; ihre Bekleidung ist ebenso spärlich wie die der Malayen, und ihre Nahrung gewinnen sie durch Jagd und Fischfang. Sie sind also keine nennenswerten Abnehmer für europäische oder japanische Waren, aber dafür birgt ihre Heimat so große Naturschätze, daß die Japaner dennoch sehr bald in Beziehungen zu ihnen werden treten müssen. Ohne blutige Kämpfe wird dies nicht abgehen, denn die leichtfüßigen Formosaner leben nur in den schwer durchdringlichen Urwäldern und dem zerklüfteten Hochgebirge, dessen Gipfel die Höhe von dreitausend Metern erreichen. Dort liegen große Kohlen-, Eisen-, Kupfer- und Goldlager, die bei regelrechter Ausbeutung reichen Ertrag liefern würden, und die Urwälder bestehen hauptsächlich aus großen Kampferbäumen, auf die es die Japaner hauptsächlich abgesehen haben.
Von Wichtigkeit für den russischen und amerikanischen Markt ist auch das Vorhandensein von Petroleum in Formosa. Rußland besaß bisher eine Petroleumeinfuhr in China im Umfange von jährlich zehn Millionen Gallonen, Amerika eine solche von vierzig Millionen Gallonen; Japan dagegen bezahlte bisher jährlich zwischen drei und vier Millionen Yen für Petroleum an die genannten beiden Länder. Sollten sich die Petroleumlager auf Formosa in der That als so ergiebig erweisen, wie man glaubt, so dürfte dies der Einfuhr vom Auslande her einen empfindlichen Schlag versetzen.
Während die mineralischen Schätze Formosas noch größtenteils brach liegen, haben die von den benachbarten Provinzen des chinesischen Festlandes eingewanderten Chinesen mit gewohntem Fleiß die ungemein fruchtbaren Ebenen des westlichen Formosa in ausgedehnte Thee-, Reis- und Zuckerpflanzungen verwandelt. 1887 gelang es dem Vizekönig Liu, einige Stämme der wilden Formosaner zur Unterwerfung zu bringen. Wenigstens fand ich in der Pekinger Zeitung vom 26. Juni 1887 einen langen Bericht, in dem Liu die Vollendung einer Straße in westöstlicher Richtung quer durch Formosa von Chang-hua nach Shui-wei meldete. Dadurch konnten chinesische Truppen bis an die Ostküste vordringen und neunundachtzig Ortschaften mit einundzwanzigtausend Einwohnern der chinesischen Verwaltung einverleiben. In einem späteren Bericht meldet Liu die Unterwerfung von weiteren Distrikten an der Ostküste mit gegen sechzigtausend Einwohnern. Dieselben nahmen chinesische Ortsvorsteher und Präfekten sowie den chinesischen Kalender an, ja heute tragen sie chinesische Kleidung und Haartracht mit langen Zöpfen; sie haben Jagd und Fischfang aufgegeben und sind friedliche Ackerbauer geworden. Dadurch wurden Hunderttausende von Morgen des fruchtbarsten Landes der Kultur gewonnen. Die zahlreichen Mischlinge zwischen den Eingeborenen und Chinesen, Pepos genannt, nähern sich im Charakter mehr den Chinesen und sind ebenfalls fleißige, intelligente Pflanzer. In ihrer langsamen Weise und trotz aller Unehrlichkeit der Beamten haben die Chinesen im ganzen genommen während der zweihundert Jahre, die sie wirklich auf Formosa waren, jedenfalls mehr zuwege gebracht als die Spanier auf den Philippinen in dreihundert Jahren.
Früher bildete Reis den wichtigsten Exportartikel von Formosa; allein durch die Unterwerfung so großer Massen von Eingeborenen, die früher von Jagd und Fischfang lebten, durch die große Zuwanderung und die starken aus China nach Formosa gesandten Truppenkörper stieg der Reisbedarf der Insel derart, daß der Export vollständig aufgehört hat. An seine Stelle tritt als wichtiger Ausfuhrartikel im Norden Thee, im Süden Zucker. Der Formosathee (Oolang) wird hauptsächlich nach Amerika ausgeführt und kommt nach Europa nur in ganz geringen Mengen, vermischt mit chinesischem Thee. Zucker wurde früher nach Europa und Australien ausgeführt. Durch das Fallen der Zuckerpreise hier lohnte sich der Export nicht mehr, und der größte Teil des Formosazuckers geht jetzt nach Japan und dem chinesischen Festlande. Man sieht also, welche Wichtigkeit die Landesprodukte Formosas für Japan besitzen, das dafür wieder mit den europäischen Staaten in Bezug auf die Einfuhr wetteifert. Dieselben Artikel, die es mit so vielem Erfolg auf den chinesischen Markt wirft, führt es auch in Formosa ein, und da die Insel nunmehr ganz in den Besitz Japans übergegangen ist, wird es mit der Einfuhr europäischer Waren in Formosa, die in den letzten Jahren durchschnittlich einen Wert von fünfzehn bis zwanzig Millionen Mark erreichte, nun ganz zu Ende sein. Ein großer Teil des Warenverkehrs zwischen Formosa, China und Japan erfolgte bisher auf deutschen Schiffen; auch diese dürften in Zukunft durch japanische ersetzt werden. Bisher hatte die japanische Nipon Yusen Kaisha, eine der größten Dampfergesellschaften der Welt, wohl regelmäßige Linien nach den benachbarten Lutschuinseln und den chinesischen Häfen Amoy und Futschau, die Formosa gegenüberliegen, aber nicht nach dieser Insel selbst. Einen Monat nach dem Friedensschluß schon wurde von der Yusen Kaisha beschlossen, nunmehr auch regelmäßig Dampfer nach Formosa laufen zu lassen. Geht diese Ausbreitung des japanischen Dampferverkehrs so weiter fort, so werden noch eine Anzahl anderer deutscher Dampfer, hauptsächlich die sogenannten Tramp Steamers, in Ostasien ihren Verkehr einstellen müssen. Die Japaner unterhalten heute schon regelmäßige Dampferverbindung unter japanischer Flagge mit Korea, China, den Philippinen, Indien, Java, Australien und sogar der Südsee. Eine der ersten Thaten der Japaner auf Formosa wird es auch sein, die Seidenzucht einzuführen, was den Chinesen bisher trotz mehrfacher Versuche nicht glückte. Heute schon ist Japan neben China das wichtigste Seidenland und erreicht bei einer Seidenausfuhr im Werte von jährlich sechzig Millionen Yen beinahe die Ausfuhr von Frankreich und Italien. Formosa wird die Produktion der Rohseide noch weiter vermehren, japanische Fabriken werden sie verarbeiten; und bei den alle Konkurrenz unmöglich machenden billigen Löhnen wird die Ausfuhr der Seidenstoffe aus Japan, die heute etwa siebzehn Millionen Yen erreicht, sehr bald zu ungeahnter Höhe steigen. Deutschland ist daran mit Frankreich und Italien lebhaft interessiert, denn wir besitzen eine jährliche Ausfuhr von Seidenwaren im Werte von hundertundsechzig Millionen Mark. Diese ostasiatische Konkurrenz wird in den kommenden Jahrzehnten eine Existenzfrage für Millionen werden.
Durch die Abtretung der Insel Formosa an Japan ist auch die Kampfererzeugung sozusagen ein Monopol der Japaner geworden, denn dieser in der Arzneikunde sowohl wie in manchen Industrien so ungemein wichtige Artikel wird nur auf den südlichen Inseln des Mikadoreiches und auf der Insel Formosa gewonnen. Wohl habe ich auch auf den Sundainseln, in Siam, Malakka, Andalusien und Westindien Kampferbäume angetroffen, aber Wälder und Pflanzungen dieser höchst wertvollen Bäume haben nur die japanischen Inselgruppen bis zum fünfunddreißigsten Breitengrad aufzuweisen, und die zivilisierte Welt wurde von diesen mit dem Bedarf an Kampfer versorgt. Bisher wurde die größte Menge des rohen Kampfers nach Europa (hauptsächlich nach London und Hamburg) sowie Nordamerika verschifft und dort in eigenen Raffinerien für den Gebrauch zubereitet. Von Formosa kamen sehr bedeutende Mengen zunächst in Hongkong auf den Markt, und durch diese wurde der Preis des japanischen rohen Kampfers innerhalb gewisser niedriger Grenzen gehalten. Dadurch aber, daß Formosa nunmehr an Japan gefallen ist, beherrschen die Japaner nicht nur den ganzen Markt, sondern sie dürften auch die Ausfuhr des Rohkampfers mit hohen Zöllen belegen, um dadurch die einheimischen Kampferraffinerien zu heben.
Die Japaner werden auch gewiß die beiden bisherigen Haupthäfen Formosas, Tamsui und Tainan, aufgeben und einen dritten Hafen, Kelung, an ihrer Stelle wählen. Tamsui und Tainan sind dem europäischen Handel seit 1858 geöffnet gewesen, es sind dort eine Anzahl europäischer, darunter auch deutsche, Firmen etabliert; dieselben haben Godowns und Hongs (Geschäfts- und Warenhäuser) mit großen Kosten aufgeführt und mit vieljähriger Mühe endlich den Handel auf eine gewinnbringende Grundlage gebracht. Damit dürfte es bald ein Ende haben; die Europäer werden ausziehen und den Japanern Platz machen müssen. Nicht etwa, daß sie durch Gewalt vertrieben würden, die Japaner werden sie einfach, figürlich gesprochen, aushungern. Die beiden Häfen Tamsui und Tainan sind nämlich den Dampfern nicht zugänglich; diese müssen weit außerhalb auf offener Reede liegen bleiben, und während des Südwestmonsuns, der hier sehr stark bläst, von den hier sehr häufigen Taifuns gar nicht zu sprechen, kommt es oft genug vor, daß die Schiffe, ohne Ladung zu löschen, nach den Pescadores oder gar nach Amoy oder Futschau weiterdampfen müssen. In Kelung, das nur etwa dreißig Kilometer östlich von Tamsui an der Nordostspitze von Formosa liegt, ist die Wassertiefe bis dicht an die Werften selbst für große Kriegsdampfer hinreichend, und überdies ist der Hafen durch eine vorliegende Insel gegen Stürme geschützt. Außerdem liegen dicht bei Kelung die großen Kohlenlager, die bisher Südchina, vor allem Futschau, mit Kohlen versahen. Kelung ist also unzweifelhaft der zukünftige Haupthafen Formosas, während Tamsui und Tainan nur den chinesischen Dschunkenverkehr, wenigstens zum Teil, behalten dürften.
Tamsui sowohl wie Tainan sind nicht etwa kompakte Ortschaften wie andere chinesische Hafenstädte. Beide sind nur Sammelnamen für mehrere Ortschaften. Etwa fünfzehn Kilometer südlich des mit Tamsui bezeichneten Küstenplatzes an der Nordspitze Formosas liegt nämlich an dem Taipeifluß die gleichnamige Hauptstadt der Insel. Tamsui besitzt nur das Zollamt, einige Warenhäuser und ein altes holländisches Fort mit einigen offiziellen Gebäuden. Die europäischen Kaufleute wohnen größtenteils in Tuatutiah, einige Kilometer stromaufwärts in der Nähe von Taipei gelegen; und noch weiter stromaufwärts liegt die Chinesenstadt Banka, an der Grenze des großen Reisdistrikts von Formosa. Taipei ist eine Schöpfung des Generalgouverneurs Liu; er ließ die Stadt ganz nach amerikanischem Muster, schachbrettförmig, mit breiten Straßen anlegen, eine Straße nach Tuatutiah bauen, die Stadt elektrisch beleuchten und baute sich aus dem Erlös der Bauplätze seiner Städtegründung einen herrlichen Yamen (offiziellen Palast); selbst japanische Jinrikshaws führte er in Taipei ein.
Ebenso wie Tamsui besteht Tainan, der südliche Hafen, aus drei Ortschaften. Tainan oder Taiwan-fu ist eine von Cantonesen gegründete Chinesenstadt, etwa sechs Kilometer von der Küste entfernt gelegen und durch einen für Dschunken passierbaren Kanal mit dem eigentlichen Hafen von Tainan, Anping, verbunden. Wenn auf den Landkarten Takao, etwa fünfundvierzig Kilometer weiter südlich gelegen, als europäischer Haupthafen angegeben steht, so ist dies unrichtig. In früheren Jahren war allerdings Takao der Hauptlandungsplatz der Schiffe, allein er ist, wie gesagt, fünfundvierzig Kilometer von der Stadt Taiwan-fu entfernt und nur durch einen elenden Karrenweg mit ihr verbunden. Außerdem war das Klima den europäischen Kaufleuten nicht zuträglich, trotz der herrlichen Vegetation Takaos und des hinter ihr gelegenen Ape-hill (Affenberg). Die Kaufleute und mit ihnen der Handels- und Schiffahrtsverkehr haben sich deshalb nach Anping gezogen, das auch der Sitz der Konsulate, darunter des kaiserlich deutschen Vizekonsulats, geworden ist. Statt Takao sollte deshalb auf den Landkarten Anping als Haupthafen verzeichnet werden. Ebenso müßte statt Taiwan auf den Landkarten Tainan oder Taiwan-fu stehen, denn Taiwan ist eine ganz andere Ortschaft, im Herzen der Insel gelegen und von Liu zur Hauptstadt derselben bestimmt. Daß die Schiffe in den Häfen nicht anlaufen können, sondern kilometerweit außerhalb der Schlamm- und Sandbänke im Meere ankern müssen, kommt ja nicht nur in Formosa, sondern in anderen Häfen Ostasiens vor. Aber nirgends ist die Brandung, besonders bei Südmonsun, so heftig wie hier, wo die Wellen der chinesischen Südsee mit voller Gewalt anprallen. Deshalb ist bei Monsun die Ladung nicht einmal in kleinen Booten möglich und kann nur mittels Catamarans erfolgen. Diese sind Flöße, bestehend aus zwölf etwa sieben Meter langen Bambusrohren, in deren Mitte eine Art Badewanne festgebunden ist. In diese müssen sich die Passagiere setzen, und so werden sie von den Wellen ans Land getragen, nicht ohne jedesmal gehörig durchnäßt zu werden. Aehnlich geht die Landung der Waren vor sich, und es ist deshalb begreiflich, daß die Japaner Kelung als Haupthafen vorziehen werden.
Die Japaner werden auch binnen kurzer Zeit die von den Chinesen längst projektierte Eisenbahn vollenden, welche die Insel von Nord nach Süd durchziehend, Kelung und Tamsui mit Anping verbinden soll und von der bisher nur etwa dreißig englische Meilen in Betrieb standen.
Der unternehmende Liu betraute 1887 europäische Ingenieure mit der Ausarbeitung der Linie, übertrug aber die Ausführung chinesischen Truppen. Der zwischen Tamsui und Kelung gelegene Höhenzug sollte mittels eines Tunnels durchbrochen werden, dem chinesischen General wollte indessen das schwarze Loch nicht recht einleuchten, und so gab er den Befehl, die Bergkette mitten durchzuschneiden. Nach jahrelanger, unsinniger Arbeit wurde dieses Projekt als unausführbar aufgegeben und der Tunnel doch ausgeführt. Aber die Chinesen scheuten sich, durch diese dunkle Höhle zu fahren, und monatelang nach der Eröffnung der Eisenbahn zwischen Tamsui und Kelung blieben die Züge diesseits des Tunnels stehen, und die Passagiere überkletterten mühsam den Höhenzug, während die Züge leer durch den Tunnel rasselten. Erst allmählich gewöhnten sich die Chinesen an die Durchfahrt.
Die Briefpost wird durchweg von Läufern besorgt, und die Gebühren für einen fünfzehn Gramm schweren Brief betragen beispielsweise zwischen Anping und Tamsui zweihundertfünfzig Cash, etwa fünfzig Pfennige. Diese in Formosa zur Verwendung gelangenden Cash sind die schlechtesten von ganz China, vielfach durchlöchert und großenteils aus Eisen hergestellt. Banken giebt es auf Formosa nicht, und da es sich bei der großen Ein- und Ausfuhr doch häufig um beträchtliche Summen handelt, werden von den chinesischen Hongs (Geschäftshäusern) gewöhnlich fünfzig mexikanische Silberdollars oder japanische Yen in eine Rolle gethan, und die Papierhülle wird mit dem Hongstempel versehen. Sind diese Hongs achtbar und angesehen, so wandern die Silberrollen ungeöffnet von Hand zu Hand, bis sie auseinanderfallen. Dann kommt gewöhnlich die sonderbarste Münzensammlung zum Vorschein. Falsche Münzen werden von den Hongs, welche die Rollen ausgegeben haben, sofort gegen echte umgewechselt.
Die japanische Verwaltung hat natürlich versucht, Ordnung in diese Verhältnisse zu bringen, zum Segen des Landes und seiner Einwohner; allein bisher ist dies den Japanern nicht gelungen. Die Eingeborenen setzen den neuen Herren den heftigsten Widerstand entgegen, und es ist gar keine Aussicht vorhanden, die Insel in absehbarer Zeit dem Frieden zuzuführen.
Japan als Industriestaat.
Von beachtenswerter Seite ist vor kurzem die Ansicht ausgesprochen worden, Japan werde sich kaum jemals zu einem Industriestaate entwickeln, sondern für immer vorzugsweise ein Ackerbaustaat und deshalb auch ein bedeutender Abnehmer fremder Industrieerzeugnisse bleiben. Auf welcher Grundlage diese Bemerkungen fußen, ist schwer zu erkennen, es sei denn, daß man die Verhältnisse in dem alten Japan, wie es vor 1870 war, als Maßstab angenommen hat. Damals war Japan allerdings ein Ackerbaustaat; aber man braucht nur die verschiedenen Zweige der nationalen Thätigkeit durchzusehen, um zu erkennen, daß sich in den letzten drei Jahrzehnten eine ganz entschiedene Umwandelung des ostasiatischen Inselreiches aus einem Ackerbaustaat in einen Industriestaat vollzogen hat. Mit jedem Jahre tritt diese Umwandelung kräftiger hervor, und setzt man einige Haupterzeugnisse Japans, wie Thee, Seide und Reis, beiseite, so wird man in Zukunft mit Japan als mit einem geradezu ausschließlichen Industriestaate zu rechnen haben, dessen mächtiger Einfluß auf die Ausfuhr Europas nach Ostasien und die Küstenländer des Stillen Ozeans sich von Jahr zu Jahr mehr fühlbar machen wird.
Dank der Anregung und Unterstützung durch die japanische Regierung, dank der Vermehrung der Bevölkerung in Japan um 25 Prozent innerhalb zweier Jahrzehnte, dank dem allgemeinen Erwachen und Anspannen der nationalen Thätigkeit, hat natürlicherweise auch der Ackerbau sehr bedeutende Fortschritte aufzuweisen, die hauptsächlich der Verbesserung der Bodenbewirtschaftung und der größeren Sorgfalt zuzuschreiben sind; denn die bebaute Bodenfläche hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht in dem gleichen Verhältnis vergrößert. Während beispielsweise die Reisländereien seit fünfzehn Jahren nur um 8½ Prozent zugenommen haben, beträgt die Zunahme der Reiserzeugung das Dreifache, nämlich 25½ Prozent. Die Getreideländereien haben um 20 Prozent, die Getreideerzeugung aber um 58 Prozent zugenommen. Die Zunahme von Thee und Seide ist noch beträchtlicher, denn sie betrug innerhalb der letzten fünfzehn Jahre bei Thee etwa 240 Prozent, bei der Seide sogar 300 Prozent. Zu diesen Stapelartikeln des japanischen Ackerbaues ist durch die Einverleibung Formosas in das japanische Reich auch noch Kampfer und vor allem Zucker gekommen. Bisher war Japan in Bezug auf Zucker hauptsächlich auf die Einfuhr vom Auslande angewiesen, und sein Bedarf an diesem für die deutsche Ausfuhr bekanntlich äußerst wichtigen Artikel steigerte sich von 28 Millionen Kilogramm im Jahre 1872 auf das Fünffache, nämlich gegen 150 Millionen Kilogramm im Jahre 1898, für die es an das Ausland etwa 58 Millionen Mark bezahlte. Die eigene Erzeugung war 1894 schon auf nahezu 50 Millionen Kilogramm gestiegen, und die Verhältnisse für die weitere Vermehrung der Zuckerplantagen im japanischen Reiche liegen so günstig, daß es mit der Einfuhr von Zucker vom Auslande her voraussichtlich bald ein Ende haben wird.
Die genannten Agrikulturzweige waren in Japan schon bei der Eröffnung des Landes für den ausländischen Handel vorhanden und haben nur eine Steigerung erfahren. Die heutige Industrie von Japan ist aber seither in weitaus den meisten Zweigen vollständig neu geschaffen worden, und der Wohlstand, die Zukunft und Stellung Japans in Bezug auf Ostasien liegt nunmehr hauptsächlich in seiner industriellen Weiterentwickelung. Alle Bedingungen sind dafür vorhanden: Kohle, Eisen, Kupfer, Gold, Silber, Wasserkraft, Transportmittel zu Lande und zu Wasser und endlich große Absatzgebiete in unmittelbarer Nähe. Dazu kommen die Förderung und Unterstützung der Regierung, die äußerst wohlfeilen Arbeitskräfte, die ein Drittel bis ein Fünftel der europäischen Löhne beziehen, und endlich die Gewißheit, daß seit der Einführung der neuen Verträge mit den europäischen Mächten die heimischen Industrien durch Erhöhung der Einfuhrzölle noch weiter beschützt und entwickelt werden können.
Die industrielle Entwickelung Japans steht in der Geschichte geradezu beispiellos da und wird in ihrem Umfange und in ihren Gefahren für den europäischen Markt in Ostasien immer noch nicht hinreichend gewürdigt. In den ersten Industriestaaten der Welt stellt sich das Verhältnis der Ausfuhr an Industrieerzeugnissen in Bezug auf die Gesamtausfuhr wie folgt:
Von der gesamten Ausfuhr sind Fabrikate in England 82 Prozent, in der Schweiz 75 Prozent, in Deutschland 65,9 Prozent, in Frankreich 55,6 Prozent, in Belgien 37,4 Prozent, in Oesterreich-Ungarn 27,2 Prozent, in Schweden 16,4 Prozent, in Amerika 9 Prozent.
In Japan, wo es vor dreißig Jahren überhaupt keine nennenswerte Ausfuhr an Fabrikaten gab, beträgt diese heute schon 38 Prozent, und Japan steht somit in der obigen Liste an der fünften Stelle und übertrifft sogar bereits Belgien. In den letzten fünf Jahren ist die Ausfuhr von Fabrikaten aus Japan um nahezu das Dreifache gestiegen, während die Ausfuhr von Rohmaterial ziemlich stationär geblieben ist. 1872 belief sich der Wert der japanischen Warenausfuhr auf kaum einige Millionen Mark, 1899 auf etwa 180 Millionen Mark. Die hauptsächlichsten Abnehmer der japanischen Fabrikate sind naturgemäß die asiatischen Länder, wohin die Ausfuhr innerhalb zweier Jahrzehnte um 650 Prozent gestiegen ist und heute einen Wert von 150 Millionen Mark besitzt. Australien hat bis 1880 von Japan beinahe gar keine Fabrikate bezogen, heute besitzen diese einen Wert von über 5 Millionen Mark jährlich.
Es ist von großem Interesse, die Entwickelung der einzelnen Industriezweige in Japan näher zu betrachten. Diese Entwickelung steht naturgemäß mit der Beschaffung billigen Brennmaterials, d. h. mit der Ausbeutung der reichen Steinkohlengruben in innigem Zusammenhang, die Japan zunächst auf der Insel Kiushiu besitzt. Im Jahre 1886 wurden schon 2 Millionen Tonnen Steinkohlen gewonnen, 1897 6 Millionen, die Produktion hat sich somit in einem Jahrzehnt verdreifacht. Der Preis der Kohle hat sich inzwischen mehr als verdoppelt. Jetzt macht japanische Kohle der englischen bereits in Vorderindien, in Bombay, Konkurrenz. 1898 hat der Wert der Steinkohlenausfuhr 39 Millionen Mark betragen. Im Inlande selbst hat sich der Bedarf der Fabriken an Kohle in demselben Zeitraum verzehnfacht.
Der zweitwichtigste Rohstoff, nämlich Roheisen, wurde 1862 noch in ganz unbedeutenden Mengen eingeführt, nämlich 33000 Kilogramm; im Jahre 1880 betrug diese Einfuhr 6 Millionen Kilogramm, 1891 14 Millionen, 1894 sogar 40 Millionen Kilogramm, die Zunahme seit 1872 ist demnach 12000 Prozent. Der Bedarf Japans an europäischem Roheisen im Werte von 16 Millionen Mark (1894) war natürlich für die europäischen Ausfuhrländer nutzbringend. Nun giebt es aber in Japan große Eisenlager, und binnen kurzem wird dieses Rohmaterial an Ort und Stelle gewonnen werden. Der Preis des in Japan eingeführten Roheisens stellt sich auf etwa 62 Yen pro Tonne, im Lande selbst kann es aber nach einer genauen Schätzung für 15 bis 20 Yen pro Tonne erzeugt werden. Im Marinearsenal von Yokosuka bei Yokohama wird schon seit mehreren Jahren mittels ganz neuer Methoden vorzüglicher Stahl gewonnen, und das Aufhören der Einfuhr von Roheisen in Japan ist fortan nur eine Frage der Zeit. 1898 wurde Roheisen nur mehr im Wert von 10 Millionen Mark eingeführt, darunter zum Nachteile der europäischen Produzenten auch schon chinesisches Roheisen.
Die japanischen Erzlager werden auf 70 Millionen Tonnen geschätzt. In neuester Zeit baute die Regierung in Bamstamura mit einem Kostenaufwand von 18 Millionen Mark ein großartiges Eisen- und Stahlwerk mit 2 Hochöfen und 200 Koksöfen und einer jährlichen Leistungsfähigkeit von 90000 Tonnen fertiger Ware.
In Bezug auf die Fabriken veröffentlicht der Ostasiatische Lloyd folgende bemerkenswerte Statistik:
Im Jahre 1883 gab es in Japan deren überhaupt nur 84 mit im ganzen etwa 1700 Pferdestärken. Im Jahre 1893 gab es bereits 1163 Fabriken mit etwa 35000 Pferdestärken, wovon 31165 durch Dampf- und 4142 durch Wasserkraft erzeugt werden. In einem Jahrzehnt hat demnach die Dampfkraft um 2226 Prozent, die Wasserkraft 2134 Prozent zugenommen. Dabei ist die letztere noch in ihrer Kindheit. Hunderte von Wasserläufen können in Japan der Industrie nutzbar gemacht werden, so daß die Erzeugungskosten noch weitere Verminderungen erfahren werden, gewiß in größerem Verhältnis, als die Arbeitslöhne steigen. In den Baumwollspinnereien haben die Löhne seit 1899 eine Steigerung von 37 Prozent erfahren und betrugen 1898 für männliche Arbeiter 47 Pfennig, für die weiblichen 28 Pfennig den Tag. In anderen Gewerben betragen die Löhne heute wie folgt:
Tagelöhner erhalten für den Tag 75 Pfennig, Träger 1 Mark 40 Pfennig bis 1 Mark 50 Pfennig, Tischler 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20 Pfennig, Dachdecker 1 Mark 20 Pfennig, Tapezierer 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20 Pfennig, Mattenweber 1 Mark 10 Pfennig bis 1 Mark 20 Pfennig.
Auch Elektrizität wird seit etwa fünf Jahren immer mehr als Triebkraft angewendet, und seit 1890 wurden in Japan Elektromotoren im Werte von 5 Millionen Mark eingeführt. Mit der Zeit werden jedoch auch diese im Lande selbst fertiggestellt werden, ebenso wie heute schon die Telegraphen- und Telephonapparate. In Osaka wird eben an einer elektrischen Anlage gearbeitet, für die Wasserkräfte von 15000 Pferdestärken zur Verfügung stehen. Die ganze Triebkraft in den Fabriken Osakas beläuft sich nach dem letzten Konsularbericht über die dortigen Industrien auf 25000 Pferdestärken, und die Eigentümer der elektrischen Anlagen berechnen die Ersparnis, die durch die Anwendung von Elektrizität an Stelle der Dampfkraft erzielt würde, auf eine Million Yen jährlich.
Osaka ist auch der hauptsächlichste Sitz der japanischen Baumwollspinnerei, also jener Industrie, die von allen wohl die größten Fortschritte gemacht hat. Die ersten Anfänge datieren aus dem Jahre 1871, als der Fürst von Satsuma, Schimadzu, einige Spinnmaschinen einführte. Die Revolution unterbrach die Entwickelung, und erst 1880 griff die Regierung die Sache wieder auf, indem sie fünf Spinnereien errichtete. Das Beispiel fand im Volke bald Nachahmung, denn schon im Jahre 1886 gab es in Japan 65000 Spindeln, 1891 war deren Zahl auf 354000, 1894 auf 664000 angewachsen, 1896 betrug sie über 800000 und 1899 eine und eine viertel Million. Die Produktion von Geweben verschiedener Art betrug 1883 etwa 2⅓ Millionen Meter, 1891 schon etwa 45 Millionen Meter und 1895 etwa 65 Millionen Meter. Der Bedarf an roher Baumwolle hat sich innerhalb eines Jahrzehntes verfünfundzwanzigfacht. 1885 wurde in Japan Rohbaumwolle im Werte von über 3 Millionen Mark eingeführt, im Jahre 1898 war diese Einfuhr auf 93 Millionen Mark gestiegen. Die Einfuhr von Baumwollgarnen von Europa erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1888, nämlich mit 31 Millionen Kilogramm, fast ausschließlich aus England. 1894, also sechs Jahre später, war diese Einfuhr auf 10 Millionen Kilogramm gesunken, und seinerseits exportierte Japan schon im vergangenen Jahre etwa 2½ Millionen Kilogramm nach China. Japan hat sich also in Bezug auf Baumwollgarne und Stoffe von Europa bereits unabhängig gemacht. Die Folgen davon sind deutlich zu spüren; in Lancashire arbeiteten 1895 gegen 100 Spinnereien mit Verlust, während jene von Japan 16 bis 25 Prozent Dividende abwarfen. Am empfindlichsten war die Entwickelung der japanischen Spinnereien für Indien. Im Jahre 1880 wurden von dort 4500 Ballen Baumwollgarne nach Japan eingeführt, 1897 nur mehr 750, und seither ist die Ausfuhr noch weiter gefallen.
Einen ähnlichen Aufschwung hat die Seidenfabrikation und die Seidenindustrie genommen, obschon die japanische Rohseide an Güte sich nicht entfernt mit der chinesischen Seide messen kann. Im Jahre 1889 betrug die Produktion 3½ Millionen Kilogramm, wovon 2¾ Millionen Kilogramm im Werte von über 100 Millionen Mark ausgeführt wurden; 1894 betrug die Erzeugung über 10 Millionen Kilogramm, die Ausfuhr aber 6¼ Millionen Kilogramm im Werte von 170 Millionen Mark. Das betrifft nur die Rohseide. Aber auch Seidenstoffe werden in ungeheuren Mengen ausgeführt, namentlich aus der Provinz Fukui, wo es im Jahre 1890 nur 2200 Webstühle mit 3000 Arbeitern gab. Im Jahre 1894 gab es schon 12500 Webstühle mit 12000 Arbeitern, hauptsächlich Mädchen, die als Arbeitslohn für das Stück Seide 50 Yen erhalten und den Monat 5 bis 10 Stück weben können. Die Ausfuhr von Seidenstoffen besaß 1885 einen Wert von 216000 Mark, im Jahre 1898 jedoch 35 Millionen Mark.
Die Teppichindustrie in Sakai, einer kleinen Stadt in der Nähe von Osaka, beschäftigt über 16000 Arbeiter. Im Jahre 1890 wurden aus Japan 27000 Teppiche ausgeführt, 1898 bereits 800000, und heute haben die japanischen Teppiche sogar in England einen ganz bedeutenden Markt, weniger wegen ihrer Qualität, als wegen ihrer hübschen, den orientalischen Teppichen nachgemachten Muster und ihrer großen Wohlfeilheit, ein Drittel bis ein Viertel des Preises der orientalischen Teppiche.
Eine interessante Statistik betrifft den Aufschwung einer ganzen Anzahl anderer Industrien, von denen die meisten vor einem Jahrzehnt überhaupt gar nicht bestanden haben. So z. B. betrug der Wert der Gesamtausfuhr in Mark im Jahre 1889 140 Millionen, im Jahre 1899 428 Millionen. In Bezug auf die Waren gestaltete sich die Ausfuhr folgendermaßen:
1897 1898 1899 in Millionen Yen Seide 55,6 42,0 62,6 Rohseide in Stücken 9,5 12,0 15,8 Seidengewebe 9,4 3,5 3,5 Baumwollengespinst 13,5 20,1 28,5 Baumwollenerzeugnisse -- 2,6 3,9 Reis 6,1 6,0 10,3 Thee 7,9 8,6 8,5 Kohle 11,6 15,2 15,1 Kupfer 5,6 7,3 11,4 Kamfer -- 1,2 1,8 Streichhölzchen 5,6 6,3 5,9 Matten 3,3 3,9 3,7 Porzellan -- 2,0 2,2
Zu den großgewerblichen Erzeugnissen, durch deren Herstellung die emsigen Japaner den Absatz der europäischen gleichartigen Erzeugnisse immer mehr beeinträchtigen, ist nunmehr auch noch das Bier getreten. Die bedeutendste Bierbrauerei in Tokio, die der Nihon-Bakuscha-Kaischa (zu deutsch: Japanische Biergesellschaft) stand vor etwa sechs Jahren am Rande des Zusammenbruchs; im Jahre 1895 aber verkaufte sie bereits 7515 Koku (etwa 13500 Hektoliter) Bier, und ihre Aktien stiegen daraufhin von 40 auf 80 Yen, beziehungsweise von 12½ auf 34 Yen. Nicht viel schlechter entwickeln sich die andern Bierbrauereien Japans, woraus der Rückgang der Ausfuhr deutscher Biere nach Englisch- und Holländisch-Indien, nach Japan, China, den Philippinen, kurz nach Ostasien, in der Zeit von 1891 bis 1895 von 96000 Hektoliter auf 81000 Hektoliter sich leicht erklärt.
Das Merkwürdigste in dem Aufschwung der japanischen Industrie ist die Mannigfaltigkeit der Produkte. Mit Ausnahme einer beschränkten Anzahl ganz spezieller Artikel, vornehmlich was die Chemie betrifft, wird heute in Japan alles erdenkliche hergestellt, und wenn auch die Qualität sehr viel zu wünschen übrig läßt, so werfen doch alle Industriezweige ansehnlichen Verdienst ab. Bedeutende Ausfuhrartikel sind z. B. Streichhölzer, Papiertapeten (Imitation von gepreßtem Leder), künstliche Blumen, Laternen, Vorhänge aus Glasperlen, Schildkrotartikel geworden. Japan hat heute drei große Flanellfabriken, für welche die Wolle aus Australien importiert wird. Die Fabrik in Osaka besitzt 250 Webemaschinen und 2000 Spindeln, aus Deutschland und England bezogen; in Osaka befinden sich ferner Fabriken von Wand- und Taschenuhren, Zahnbürsten, Unterwäsche aus Papier, Zuckerraffinerien, Papiermühlen, Druckereien und Schriftgießereien, im ganzen 2600 industrielle Etablissements mit 16000 männlichen und 20000 weiblichen Arbeitern. Im Maschinenbau sind ebenfalls großartige Fortschritte zu verzeichnen: die Japaner bauen bereits Lokomotiven, Eisenbahnwaggons, ja sogar ihre großen Panzerschiffe. Von 19 in den letzten 5 Jahren angeschafften Kriegsschiffen wurden nicht weniger als 12 auf japanischen Werften erbaut.
Mit dieser großartigen Entwickelung der Industrie hält auch jene des Transportwesens gleichen Schritt; die eine läßt sich ohne die andere nicht denken. Die Eisenbahnen haben innerhalb 27 Jahren um 12250 Prozent zugenommen, der Tonnengehalt der japanischen Dampfer hat in 24 Jahren um 1380 Prozent zugenommen. 1898 besaß Japan bereits 970 Dampfer mit 273000 Tonnengehalt, dazu 714 Segelschiffe mit 45000 Tonnengehalt. Schiffe japanischer Bauart besaß es 17000.
Diese ungeahnte und beispiellose industrielle Entwickelung Japans ist naturgemäß auch auf die Inlandsverhältnisse nicht ohne Einfluß geblieben. In jeder Hinsicht ist eine Steigerung der Preise eingetreten; Luxusartikel, wie z. B. Seide, sind im Preise um 30 bis 40 Prozent gestiegen, und ein japanisches Blatt veröffentlichte kürzlich eine Liste von 22 Artikeln, deren Kaufpreis in den zwei letzten Jahren um 24 Prozent gestiegen ist. Darunter befinden sich gerade die zum Lebensunterhalt wichtigsten Artikel, wie z. B. Reis, Gerste, Salz, Zucker, Brennmaterial, Metallartikel, Baumwollwaren.
Für eine weitere Reihe von Jahren wird sich die japanische Industrie in demselben Maße wie bisher wohl noch weiter entwickeln, aber mit der Zeit wird auf dem ostasiatischen Markte selbst Japan ein wichtiger und gefährlicher Konkurrent entstehen, nämlich China.
Freilich dürften darüber noch viele Jahrzehnte vergehen, und in diesen wird Japan aus dem chinesischen Handel von allen beteiligten Staaten den allergrößten Nutzen ziehen, denn es liegt an der Pforte zu dem chinesischen Reiche und kennt die Verhältnisse, Eigenheiten und Bedürfnisse des chinesischen Volkes wie kein anderes Industrieland. Die europäischen Mächte holen den Japanern während jeder Expedition, an denen sie beteiligt sind, einfach die Kastanien aus dem Feuer. Aber daran ist nichts zu ändern.
Dschiudschutsu.
Dschiudschutsu ist ein japanisches Wort, das gewiß nur den allerwenigsten bekannt sein dürfte. Selbst Leuten, die jahrelang in Japan gelebt haben, wird es kaum jemals zu Ohren gekommen sein. Es steht in keinem mir bekannten Buche über Japan, und die einzige Abhandlung, die ich darüber gesehen habe, befindet sich in den Transactions of the Asiatic Society. Sie hat Kano Dschigoro, einen der größten Lehrer des Dschiudschutsu, zum Verfasser.
Aber das fremdartige unbekannte Wort wird gewiß mit der Zeit auch in Europa immer geläufiger werden, denn Dschiudschutsu ist der Schlüssel zum japanischen Volkscharakter in seinen Beziehungen zum Ausland, es ist das Geheimnis der Erfolge des fernen Inselreiches.
Dschiudschutsu heißt etwa: +durch Nachgeben siegen+.
Während die vielen Gebäude der kaiserlichen Hochschule in Tokio den modernen europäischen Baustil zeigen, steht mitten unter ihnen auch ein Haus in rein japanischem Stil mit dem Unterschied, daß es an Stelle der horizontal verschiebbaren Papierfenster Glasscheiben besitzt. Ueber der Thür dieses langen, niedrigen Gebäudes stehen in chinesischen Schriftzeichen die Worte Zui-ho-kwan, d. h. „Die Halle unseres heiligen Landes”. Tritt man in das Innere, so befindet man sich in einer geräumigen Halle ohne irgendwelche Einrichtungsstücke, nur daß der erhöhte Fußboden mit dicken, weichen Matten bedeckt ist. Zeitweilig ist diese Halle mit Studenten gefüllt. In der Mitte des Raumes, auf den weichen Matten, befinden sich dann vielleicht zehn bis zwölf junge Leute, nur mit einem dünnen Leibchen bekleidet, die anscheinend, immer zwei und zwei, im Ringkampf miteinander begriffen sind. Rings um sie stehen Gruppen von Studenten, welche mit der größten Aufmerksamkeit den verschiedenen Bewegungen der Ringer folgen. Aber ihr Gesichtsausdruck ist wie in Stein gegraben. Niemals zeigt sich irgend eine Freude, eine Teilnahme, niemals wird ein Wort des Beifalls hörbar. Ist ein Zweikampf zu Ende, dann treten zwei andere junge Leute vor, und so geht es oft stundenlang bei Grabesstille weiter.
In dieser Halle wird Dschiudschutsu gelehrt. Die vermeintlichen Ringkämpfe sind nicht solche, wie wir sie üben, und wie sie in England, Amerika, in der Schweiz und von den professionellen Ringkämpfern auch in Japan zur Vorführung kommen, sondern die uralte Kunst der Samurai, der japanischen Kriegerkaste, ohne Waffen zu kämpfen. Häufig wurden sie auf ihren Reisen, vielleicht im Lager oder zur Nachtzeit, überrascht und hatten keine Waffen bei der Hand, um ihre Angreifer mit solchen zu besiegen. Dann brachten sie Dschiudschutsu zur Anwendung, und gewöhnlich gelang es ihnen, selbst die stärksten Gegner kampfunfähig zu machen, ja lebensgefährlich zu verwunden, wenn nicht gar zu töten.
Für Dschiudschutsu ist keine besondere Körperkraft erforderlich, sondern langjährige Uebung, Kaltblütigkeit, Ruhe und die Kenntnis der menschlichen Anatomie. Schon als Knaben begannen die Samurai sich in dieser Kunst zu üben, und selbst für den Stärksten, Kräftigsten unter ihnen war eine siebenjährige fortdauernde Uebung erforderlich, um in Dschiudschutsu Meister zu werden. Die Geheimnisse dieser Kunst müssen bei den Samurai auf das strengste gewahrt werden, und auch heute scheinen ihre Nachfolger unter Eid verpflichtet zu sein, alle Finten als Geheimnis zu bewahren, weshalb darüber auch nichts oder doch nur sehr wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen ist.
Der Meister des Dschiudschutsu bringt nicht seine eigene Körperstärke bis zur Ermüdung in den Kampf, sondern er verwendet die Stärke seines Gegners, um ihn zu besiegen. Er veranlaßt den Gegner zu einem heftigen Angriffe und weicht diesem geschickt aus, er verleitet den Gegner vielleicht zu dem Versuche, mit aller Kraft seinen Arm auszurenken, aber während wir gewöhnlich mit Aufwendung unserer Kraft einem solchen Versuche entgegenarbeiten, giebt der Meister des Dschiudschutsu plötzlich geschickt nach, der Widerstand hört auf, und durch die unwillkürliche Weiterbewegung renkt sich der Gegner seinen eigenen Arm aus. Für jede Stellung, jeden Angriff giebt es eine derartige Finte, die nicht auf Stärke, sondern auf Geschicklichkeit und genauester Kenntnis des menschlichen Körperbaues beruht und die, wenn erfolgreich, ein ausgerenktes Gelenk oder ein gebrochenes Bein oder ein gebrochenes Genick zur Folge hat. Der Kenner des Dschiudschutsu siegt nicht durch den Angriff, sondern, wie das Wort selbst besagt, durch Nachgeben, ja er thut mehr als das, er unterstützt das Nachgeben durch einen schlau berechneten Kunstgriff, gegen welchen Stärke allein nicht gewachsen ist.
Es ist schwer, ein für unsere Verhältnisse verständliches Beispiel davon zu geben. Auch der spanische Stierkämpfer verwendet Dschiudschutsu und besiegt dadurch den Stier desto leichter, je stärker und massiger dieser ist. Soll er den Todesstoß ausführen, so verleitet er das wütende Tier, auf das entfaltete rote Tuch in seiner ausgestreckten Linken loszustürzen; dann springt er geschickt zur Seite, ohne daß der massige Stier dieser raschen Bewegung folgen kann, und stößt ihm den Degen in den Nacken. Das ist auch Dschiudschutsu, aber lange nicht so fein, so geschickt und kunstvoll wie das Dschiudschutsu der Japaner, von welchem das, wie es im Zweikampf zum Ausdruck kommt, nur eine der vielen Verwendungen ist. Dschiudschutsu ist nämlich nicht allein auf die Abwehr eines persönlichen Angriffes berechnet, es ist eine ganze Wissenschaft für den Schwachen gegenüber dem Starken, ein, wie Lafcadio Hearn in einem seiner Bücher sagt, philosophisches, ein ökonomisches und ethisches System. Es lehrt, wie man der Kraft nicht Kraft gegenüberzustellen braucht, sondern, wie man den Angriff leitet und zu eigenen Gunsten verwendet, es lehrt im Gegensatz zu den geraden Wegen des Abendländers die krummen Wege des Orientalen, und es ist demnach beinahe der Ausdruck eines Rassengeistes, der von den in Ostasien interessierten Mächten verstanden werden muß, wenn sie dem Japaner erfolgreich gegenübertreten wollen.
Wie der einzelne Samurai Dschiudschutsu benutzt, so war das ganze Auftreten der Japaner gegenüber dem Auslande bisher nichts weiter als Dschiudschutsu. Man wird es in der ganzen Geschichte des letzten Jahrzehntes als den Grundton der japanischen Politik vorfinden, und ist Japan aus seinen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Krisen bisher erfolgreich hervorgegangen, so hat es dies hauptsächlich gerade diesem, den japanischen Staatsmännern so geläufigen Dschiudschutsu zu danken.
Welcher Japanschwärmer (und Europa hat deren so viele!) hätte nicht vor zwei Jahrzehnten mit Bestimmtheit darauf gerechnet, Japan würde die abendländische Kultur in Bausch und Bogen annehmen, nicht nur die Industrie, Verkehrsmittel und Wissenschaften, sondern auch die Moral, und vor allem das Christentum? Wer hätte nicht darauf gerechnet, die Japaner würden mit der europäischen Kleidung auch europäische Sitten annehmen, ihr Land den Europäern öffnen, europäisches Kapital durch Gewährung günstiger Bedingungen heranziehen, um seine natürlichen Hilfsquellen zu entwickeln? Man hielt die Japaner für so aufgeweckt, so intelligent, so ehrlich und gerade, daß man auf das Entstehen eines europäischen Kulturstaates in Ostasien hoffte, man half ihnen ~bona fide~ in jeder Hinsicht, man hielt ihnen sozusagen die Leiter, damit sie leicht und bequem emporklettern konnten. Es war aber alles im Grunde genommen nur Dschiudschutsu, ein Spielen der Schwachen mit den Kräften der Stärkeren, ein rücksichtsloses Ausbeuten dieser Stärkeren zur Förderung ihrer eigenen nationalen Bestrebungen, ein Kampf zwischen den Orientalen und den Europäern, bei welchem die letzteren einfach an der Nase herumgeführt wurden. Es wäre gut, das in allen Einzelheiten aufzudecken, als Warnung für die Zukunft. Besonders für das Deutsche Reich ist es von Wichtigkeit, jetzt, nachdem dasselbe in Ostasien festen Fuß gefaßt hat und nicht nur in China, sondern auch im Stillen Ozean der Nachbar von Japan geworden ist.
Man halte sich doch ein wenig das Werden des modernen Japan vor Augen: überallhin hat es seine äußerlich so bescheidenen, liebenswürdigen und zutraulichen Sendboten ausgesandt, um Industrieen, Wissenschaften, Armeen zu studieren, ohne daß man dabei etwas anderes vermutete als den guten Willen, sich ganz auf die europäische Kulturstufe emporzuheben. Ja, einer der besten Kenner des fernen Ostens, der frühere englische Gesandte Sir Harry Parkes, berichtete an seine Regierung, Japan thäte dies alles nur aus Nachahmungsgeist, ohne ernste Ziele, und es würde sich aus Japan eine Art südamerikanische Republik entwickeln!
Was geschah in Wirklichkeit? Japan holte sich alle unsere modernen Erfindungen und Entdeckungen, es prüfte alle Systeme, die es vorfand, und nahm sie im eigenen Lande nicht etwa gerade so auf, nein, es verwendete sie nur so weit, als sie zur Förderung seiner Starke nötig waren. Es benutzte Europa, wie gesagt, als eine Stufenleiter, über welche es hinwegschritt, um an die Spitze des fernen Orients emporzugelangen. So ist das heutige Japan als Nachbar der deutschen Kolonien in Ostasien nicht etwa, wie man gehofft hatte, ein europäisches Kulturreich, sondern trotz seiner modernen Armee, trotz seinen Eisenbahnen, Telegraphen und Maschinen ebenso orientalisch, ebenso japanisch, wie vor Jahrhunderten. In dem Kampfe, der sich zwischen den europäischen Großmächten und außereuropäischen selbständigen Reichen seit geraumer Zeit abspielt, sind die meisten der letzteren unterlegen, Japan allein ist es geglückt, die Kräfte des Stärkeren auszunützen, um selbst stark aus dem Kampfe hervorzugehen. Es hat einfach das wunderbare, ihm eigene System der Selbstverteidigung angewendet, das nationale Dschiudschutsu.
Ich habe im Laufe der letzten Jahre unzählige Male Gelegenheit genommen, in Zeitungen und Vorträgen auf diese eigentümliche Wandlung Japans, also stets innerhalb des Rahmens seiner nationalen Eigenart, hinzuweisen. Japan ist ganz Japan geblieben und wird auch Japan bleiben. Man entgegnete mir, beispielsweise in Bezug auf die Kleidung, die Regierung hätte doch die europäischen Trachten eingeführt, der Kaiser sei mit gutem Beispiel vorangegangen, und er besitze eine solche Machtfülle und Autorität, daß die Japaner gewiß binnen kurzem seinem Beispiel folgen würden. Man rechnete auf einen ungeheuren Markt von Kleidern, Stiefeln, Hüten, Wäsche und dergleichen in Japan, und ich erhielt selbst zahlreiche Anfragen von Kaufleuten und Industriellen in Bezug auf diese kommenden „großen Geschäfte”. Es war alles nur Dschiudschutsu, alles Schein. Die abendländischen Trachten sind für Japan geradezu unmöglich und undenkbar. Der Japaner hätte nicht nur seine eigenen Füße in die engen Lederstiefel zu zwängen, sondern ich möchte sagen auch seine ganze Lebensweise, er müßte sein Hauswesen, die Einrichtung seiner Wohnung von unterst zu oberst stürzen. Seine schlafrockartige Nationalkleidung, der Kimono, gestattet ihm, direkt auf dem Boden niederzuhocken; er bedarf deshalb auch keiner Stühle, keiner Tische; seine nationale Kleidung ist auch im Winter warm genug, um ihm den Ofen entbehrlich zu machen. Die so leicht abzustreifenden Holzsandalen gestatten ihm, in seinem Hause in Socken einherzugehen und demnach den Fußboden mit feinen weißen Matten zu bekleiden. Die Einführung der Stiefel würde Dielen oder Parkettböden zur Folge haben, die Einführung von europäischen Kleidern Oefen zum heizen der Wohnungen, die Oefen würden wieder die feuergefährlichen Holz- und Papierwände unmöglich machen.
Die europäischen Hosen gestatten kein Niederkauern auf die Waden; es müßten nun in allen Haushaltungen Stühle und damit auch Tische eingeführt werden. All das wäre gleichbedeutend mit dem Umbau oder vielmehr Niederreißen der bisherigen Wohnhäuser und dem Aufbau, der Einrichtung neuer Häuser. Wo aber sollten die fünfundvierzig Millionen Japaner, im ganzen großen ein armes Volk, das Geld hernehmen, um nicht nur neue Kleider zu kaufen, sondern auch neue Wohnhäuser zu bauen? Wer sich das vor Augen hält, der sieht, wie unsinnig die Hoffnung der Japanenthusiasten in dieser Hinsicht war.
Aber selbst in den Hofkreisen und in den Regierungsämtern ist die europäische Tracht nur im öffentlichen Dienste eingeführt. Als ich die Ehre hatte, vom Kaiser in Privataudienz empfangen zu werden, hörte ich, daß er zu diesem Zwecke die europäische Militäruniform erst anlegte, vor und nach der Audienz trug er, wie in seinen Privaträumen überhaupt, den Kimono. Der Minister des Aeußern empfing mich in seinem Bureau im Ueberrock nach abendländischen Schnitt; als ich ihn einige Stunden später im Klub traf, trug er den Kimono. Als ich nach Korea reiste, stiegen mit mir eine Anzahl gestiefelter und gespornter Kavallerieoffiziere, den Säbel zur Seite, den Revolver im Gürtel, auf das Schiff, um sich zu ihren Truppenkörpern an die Front zu begeben. Eine halbe Stunde später kamen sie, ihre sonst nackten Körper nur mit einem Kimono bekleidet, die nackten Füße in Sandalen steckend, aufs Verdeck. In der Reichshauptstadt tragen die Beamten nur in ihren modern europäisch eingerichteten Aemtern europäische Kleidung; zu Hause und im Privatleben kleiden sich nicht nur sie, sondern auch alle Generale und Admirale und Polizeikommissare gut japanisch. Sonst haben nur noch die Aerzte, Studenten und eine kleine Klasse von eingefleischten Reformfreunden unsere Kleidung. Die großen Massen der Japaner aber, von tausend neunhundertneunundneunzig, sind urjapanisch geblieben. Als ich mich erkundigte, warum in den Aemtern überhaupt unsere Kleidung getragen würde, antwortete man mir: des guten Eindruckes wegen, im Verkehr mit Diplomaten, Ausländern und dergleichen. Also wieder Dschiudschutsu.
Es geschieht aber nicht nur aus ökonomischen und Bequemlichkeitsgründen, wenn die Japaner an ihrer altjapanischen Kleidung festhalten, es geschieht aus Nationalstolz und gleichzeitig aus Mißachtung der Ausländer, um nicht zu sagen Haß gegen dieselben. Sonst würde man doch in den geöffneten Häfen, in Yokohama, Nagasaki, Kobe, wenigstens vereinzelt europäisch gekleidete Japaner und japanische Häuser im europäischen Baustil antreffen. Aber auch dort sind ausschließlich die Fabriken, Arsenale, Brauereien, Post- und Zollämter notwendigerweise im europäischen Baustil, alles andere ist trotz dem innigen Verkehr und Beisammenleben mit den Europäern urjapanisch: Baustil, Kleidung, Religion, Festlichkeiten, Sitten und Gebräuche.
Aehnlich ist es mit der Moral gegangen. Wir betrachten die Monogamie als unzertrennlich von der europäischen Kultur. Die Japaner nahmen sich aber von dieser nur, was sie davon brauchen konnten. Die Monogamie paßte nicht zu ihren Sitten, und so sind sie Polygamisten geblieben, vom Kaiser abwärts. Die Geishamädchen, die leichtfertigen Yoshiwaras, der Verkauf der Töchter durch die Eltern, alles ist noch beim alten. Was den Japanern paßte, war die Unterstellung der Yoshiwaras unter die Sitten- und Sanitätspolizei, und deshalb wurde sie eingeführt. Wie elastisch die berühmte „europäische Kultur” der Japaner in Bezug auf die Moral ist, dafür genügt die folgende Notiz, welche noch 1897 die Runde durch die europäischen Blätter machte: „Die japanische Regierung erteilt jetzt in Menge armen Eltern die Erlaubnis, ihre Töchter zu verkaufen, damit die Familien Brot in das Haus bekommen. Die zur Zeit in Japan herrschende Hungersnot ist so furchtbar, daß die Regierung diesen schmachvollen Handel sogar ermutigt. Für die Eltern jedes Opfer zu bringen, um sie vor Entbehrungen zu bewahren, ist in Japan etwas Selbstverständliches. Das Mädchen verkauft sich als zweite Frau an einen reichen Japaner. Ihr Alter muß mindestens zwölf Jahre betragen. Der Kaufpreis beträgt jetzt nur fünfundzwanzig Frank, unter gewöhnlichen Verhältnissen aber tausend Frank. Der Kaufkontrakt wird gerichtlich abgeschlossen. Nach drei Jahren muß der Käufer das Mädchen freilassen, sobald das Geld, welches er für dasselbe verwendet hat, ihm zurückgezahlt ist, und nach sechs Jahren ist das Mädchen überhaupt wieder frei ohne irgend welche Zurückzahlung.”
Ebensowenig, wie ohne Moral, können wir uns die europäische Kultur ohne Christentum denken. Aber die Japaner stehen diesem nicht nur feindlich oder doch vollkommen gleichgültig gegenüber, sie sind überhaupt trotz Buddhismus und Shintoismus kein religiös angelegtes Volk. Als im Jahre 1549 einer der größten Apostel der katholischen Religion, der heilige Franziskus Xaverius in Kagoschima auf der Insel Kiushiu landete, war allerdings Aussicht vorhanden, die Japaner zum Christentum zu bekehren, denn vor allem war der heilige Eifer und die Ueberzeugungskraft dieses erfolgreichsten aller Missionare des Christentums unwiderstehlich; überdies benutzten die Heerführer der zwei großen damaligen Daimioparteien, der Minamoto und Taira, das Christentum für ihre politischen Zwecke, und der gelehrte Japanforscher Ernest Satow führt als weiteren Grund ein historisches Dokument des Daimio von Yamagutschi an, in welchem dieser den katholischen Missionaren Konzessionen erteilt, damit „sie die Religion des Buddha predigten”, denn in ihrer Unwissenheit betrachteten die Japaner damals die christliche Lehre als eine höhere Form des Buddhismus.
Die schreckliche Niedermetzelung der Christen im siebzehnten Jahrhundert ist bekannt, und seither ist das Christentum in Japan nicht mehr wiedererstanden. Wohl gestattete Japan später wieder die Religionsfreiheit, aber doch nur aus Gründen des Dschiudschutsu. Die Regierung konnte den europäischen Mächten gegenüber in dieser Hinsicht keinen Widerstand entgegensetzen, wollte sie als Regierung eines Kulturstaates gelten, und sie konnte um so leichter die Missionare ins Land lassen, als sie wußte, daß, um nur ein Beispiel hervorzuheben, die christliche Lehre, welche es dem Gatten gebietet, Vater und Mutter zu verlassen, um dem Weibe zu folgen, mit den Grundgesetzen der japanischen Kultur in allerdirektestem Widerspruch steht und auf großen Erfolg der Missionare also nicht zu rechnen war. Wieder Dschiudschutsu, durch Nachgeben siegen. Die Regierung hatte richtig gerechnet. Nur die katholische Religion mit ihren 92 Missionaren hat verhältnismäßig Erfolg, denn trotz der geringen Mittel, die den letzteren zu Gebote stehen, haben sie doch eine Gesamtzahl von etwa 50000 Katholiken im Lande. Hätte die Regierung wirklich die Absicht gehabt, aus Japan einen europäischen Kulturstaat zu machen, sie hätte das Christentum als Staatsreligion einführen können, aber statt den europäischen Glauben führte sie im Gegenteil den altjapanischen heidnischen Glauben, Shinto, als Staatsreligion ein und läßt nicht nur dem Kaiser, sondern auch den Bildnissen des Kaisers dieselbe Verehrung vom Volke zu teil werden, wie einem Gott. Wie die Japaner in dieser Hinsicht den europäischen Mächten und deren Gesandten in Tokio scheinbar nachgaben und dabei doch ihre eigene Stellung stärkten, so geschah es auch mit der Eröffnung ihres Landes für europäischen Handel und Industrie. Alles nur Dschiudschutsu, bei welchem nicht nur politische Schachzüge, sondern auch vornehmlich Rasseninstinkt mitwirkten.
Japanenthusiasten frohlocken über den vermeintlichen Einzug der europäischen Kultur in Japan. Herrscht diese irgendwo in einem Staate, so gilt es wohl als selbstverständlich, daß dieser Staat den fremden Touristen, Kaufleuten und Industriellen und dazu auch ihren Unternehmungen geöffnet ist. Könnte man sich etwa England oder Frankreich denken, mit verschlossenem Inland und nur fünf oder sechs Häfen, in welchem Ausländer wohnen und Handel treiben dürfen? Genau dasselbe that aber Japan, und doch verstand es, überall den Glauben an seine europäische Kultur zu erwecken. Seine Emissäre, Studenten, Beamten durchzogen frei und ungehindert die ganze Welt, das eigene Inland aber blieb dieser Außenwelt verschlossen. Der Grund war, wie gesagt, Rasseninstinkt, der sich zuweilen auch bei uns, aber nur untergeordneten Rassen gegenüber, geltend macht. So verschlossen sich Amerika und Australien der chinesischen Einwanderung, weil die Chinesen den Kaukasier in den Lebensbedingungen unterbieten und bei ungehinderter Einwanderung den Kaukasiern von unten herauf Konkurrenz machen könnten. Die Japaner haben den Spieß umgedreht. Der Kaukasier überbietet in seinen Lebensbedingungen den Orientalen, er bringt ihm von oben herab Konkurrenz, gelangt durch seinen Reichtum, sein Wissen, seine Energie, seine positiven Eigenschaften zur Herrschaft, wie der Chinese etwa gewissermaßen durch seine negativen Eigenschaften. Das erkannten die Japaner, oder fürchteten es wenigstens, und bei ihrem ausgesprochenen Nationalstolz traten demgegenüber alle anderen Rücksichten, die Erschließung der natürlichen Hilfsquellen Japans durch Europäer, die Hebung des nationalen Reichtums, die Erhöhung der Einnahmen und dergleichen, in den Hintergrund. Die Japaner haben gesehen, daß, wo immer Europäer in einem außereuropäischen Lande freie Hand bekamen, dieses Land früher oder später seine Selbständigkeit verlor, und deshalb hielten sie ihr Land verschlossen, bis ihre eigenen Einwohner in politischer, kommerzieller und industrieller Hinsicht selbständig geworden waren und das Heft demnach in Händen hielten. Europäische Lehrmeister halfen ihnen dazu auf jedem einzelnen Gebiete, und wußten die Japaner, was sie wissen wollten, dann wurden die europäischen Lehrer entlassen und aus dem Lande geschickt.
Nun konnte dem Druck der Mächte in Bezug auf die Aufschließung des Landes nachgegeben werden, aber auch nur mit Dschiudschutsu, welches dieses Nachgeben in einen glänzenden Sieg für Japan verwandelte. Das Land wurde geöffnet, Ausländer dürfen im Inlande wohnen und Handel treiben, sie mußten aber dazu ihre eigene Gerichtsbarkeit aufgeben und sich der japanischen Gerichtsbarkeit unterwerfen. Ihre bisher ihnen gehörigen Landkonzessionen in den offenen Häfen fallen an Japan zurück; sie dürfen in Japan keinen Grundbesitz käuflich erwerben, sondern nur auf eine gewisse Zeit mieten, und nach dem Tode des Mieters fallen die Grundstücke auch vor Ablauf der Mietzeit an Japan zurück. Der Küstenhandel ist ihnen nicht gestattet, selbst nicht mit einigen der bisher offenen Häfen, und aller Handel der Ausländer wird empfindlich besteuert.
Auf diese Art wird den Europäern in Japan kein besonders verlockender Aufenthalt geboten, ja der Vertrag ist eher geeignet, die dort seit Jahren und Jahrzehnten ansässigen Europäer aus Japan zu vertreiben. Ihr Handel mit den Japanern war nur durch ihre gesicherte Stellung und im Schutze ihrer eigenen europäischen Gerichte halbwegs einträglich. Nun sollen sie sich den japanischen Richtern unterwerfen? Wohl nur ein Bruchteil dürfte sich dazu entschließen. Japan hat sein Land den Europäern erschlossen, aber so, daß es von diesen in Zukunft voraussichtlich mehr verschont bleiben wird als bisher. Wieder Dschiudschutsu, durch Nachgeben siegen.
England war es diesmal, das sich zuerst übertölpeln ließ; die anderen Mächte folgten, obschon die Notwendigkeit dafür keineswegs selbstverständlich erscheint.
Sechzehn Mächte mit sechzehn Gesandten standen den Japanern gegenüber, aber das japanische Dschiudschutsu half diesen über alle Argumente hinweg und gab ihnen die vollständige Unabhängigkeit und Gleichstellung mit den ersten Mächten der Erde, ohne daß sie dafür irgend etwas geopfert hätten, ja im Gegenteil, sie eroberten sogar alle Verluste und Nachteile ihrer früheren Verträge zurück.
Diese politischen Siege wurden durch den erfolgreichen Krieg mit China erheblich gestärkt, er hat den Japanern Zuversicht in ihre militärische, den Europäern abgelauschte Organisation gegeben, er hat das Nationalgefühl gehoben, die Parteien dem Auslande gegenüber geeinigt, so daß Japan schon heute auf weitere Erwerbungen in Asien, auf festeres Auftreten gegenüber den europäischen Mächten spekuliert. Nichts bringt dies klarer zum Ausdruck als eine damalige Rede des früheren Ministers des Auswärtigen, Graf Okuma, in der es heißt:
„Die europäischen Mächte zeigen bereits Anzeichen des Verfalles, und das kommende Jahrhundert wird Zeuge sein von der Zertrümmerung ihrer Verfassung und dem Auflösen ihrer Reiche. Selbst wenn das nicht eintreten sollte, werden ihre Hilfsquellen durch die erfolglosen Versuche zur Kolonisation aufgebraucht sein. Wer soll dann ihr Nachfolger werden, wenn nicht wir? Welcher Staat, ausgenommen Deutschland, Rußland, Frankreich, Oesterreich und Italien, kann binnen einem Monat 200000 Mann ins Feld stellen? In Bezug auf intellektuelle Kraft ist der Japaner den Europäern in jeder Hinsicht gewachsen, ja, noch mehr. Haben die Japaner nicht die Vervollkommnung einer Erfindung zuwege gebracht, welche den Europäern trotz jahrelanger Arbeit nicht gelang? Unser Volk setzt durch die Vorzüge seiner Arbeit sogar das erste Arbeitsvolk, die Franzosen, in Erstaunen. Wahr ist es, unser Volk ist klein von Statur, aber die Ueberlegenheit des Körpers beruht nicht auf der Größe, sondern auf der Konstitution. Ist die Revision der Verträge vollzogen, und hat Japan China besiegt, dann sollten wir eine der ersten Großmächte der Welt werden, und keine andere Macht könnte sich in irgend eine Unternehmung einlassen, ohne zuerst uns zu befragen. Japan könnte dann mit Europa in Wettbewerb treten als der Vertreter der orientalischen Rassen.”
Diese Sätze geben viel zu denken, zumal die für Europa so ungünstigen Vertragsbestimmungen zur Einführung gekommen sind, und der Krieg mit China in der That den Japanern die leitende Stellung in Ostasien gegeben hat. Schon denkt es an das von Okuma angedeutete, wenn nicht klar ausgesprochene Zusammengehen der orientalischen Rassen, denn erst kürzlich drang die Nachricht zu uns nach Europa, daß Japan sich um den Abschluß eines Bündnisses mit China bemüht. Dieses ist durch das Einschreiten Rußlands vorläufig verhindert worden, aber schon der Versuch allein sollte dem Europäer zu denken geben. Schon haben beachtenswerte Gelehrte wiederholt die Ansicht ausgesprochen, daß unser Erdball niemals ganz durch das Abendland beherrscht werden wird und daß die Zukunft den orientalischen Rassen gehört, und wer diese letzteren, vor allem die Japaner und die Chinesen, kennen gelernt hat, der wird solche Ansichten leider nicht ohne weiteres von der Hand weisen können. Darüber, daß die europäischen Völker den orientalischen weitaus überlegen sind, herrscht wohl nirgends ein Zweifel, ebenso wahr ist es aber auch, daß die orientalischen Völker die fähigsten zum Ueberleben sind. Schon in der gewöhnlichen Lebenskraft stehen die abendländischen Völker weit hinter den Orientalen zurück. Die letzteren haben sich unsere so teuer erkauften Erfindungen und Errungenschaften ohne irgend welche Gegenleistung angeeignet und verwenden sie, ohne auch nur entfernt unsere Bedürfnisse zu haben. Der Lebensunterhalt eines Abendländers genügt für mindestens ein Dutzend Orientalen. Unser Lebens- und Ernährungsprozeß ist viel zu kostspielig, als daß wir in einem künftigen Wettlaufe mit den jetzt schon viel zahlreicheren Orientalen dort ganz sicher als Sieger hervorgehen sollen. Gerade in den künstlichen und kostspieligen Verhältnissen, welche mit unserer Ueberlegenheit verbunden sind, liegt unsere Schwäche. Wohl wird demgegenüber entgegnet, daß, je mehr die Orientalen sich unserer Kultur ergeben, auch ihre Bedürfnisse sich in demselben Maße steigern werden, wie es thatsächlich schon in Japan der Fall ist. Aber bleiben wir denn in dieser Hinsicht stehen? Steigern sich nicht auch vielleicht in noch größerem Verhältnis unsere Bedürfnisse? Man braucht nur an die Zeit unserer eigenen Väter zu denken, um zu sehen, wie sich unsere ganzen Lebensbedingungen verbessert, aber auch entsprechend verteuert haben, und wird das, wie bisher, nicht auch in Zukunft der Fall sein?
Die durch die Verträge mit Japan anerkannte Gleichstellung der Europäer mit den Japanern, die Unterstellung der ersteren unter die Gesetze der letzteren, die vermehrten Handelsbeziehungen mit Ostasien, die immer steigende industrielle Thätigkeit des Abendlandes und dementsprechend auch das Bedürfnis immer größerer Absatzgebiete, die Erwerbung von Kolonien in China und im Stillen Ozean und damit auch die gefährliche Nachbarschaft eines Reiches wie Japan bringt die vorhin ausgesprochenen Fragen der Gegenwart immer nachdrücklicher vor Augen. Nicht nur Ostasien ist in den Vordergrund gerückt, auch die Ostasiaten sind es, und es ist deshalb keineswegs zwecklos, noch einmal in die Warnungstrompete zu stoßen. Ein bißchen weniger Vertrauensseligkeit in Bezug auf die Orientalen wäre gewiß von größtem Nutzen. Man hat bisher wohl sehr viel mit den ostasiatischen Reichen sich beschäftigt, aber wenig mit dem eigenartigen, verschlossenen, schwer zu erfassenden Charakter ihrer Völker.
Verzeichnis der vom Verfasser benutzten Werke.
~S. Wells Williams „The Middle Kingdom”. C. F. Gordon Cumming „Wanderings in China”. Archdeacon Moule „New China and old”. Chester Holcombe „The real Chinaman”. Dyer Ball „Things chinese”. W. Spencer Percival „The Land of the Dragon”. Knollys „English Life in China”. Leon Rousset „A travers la Chine”. Eugen Simon „La Cité chinoise”. Griffis „The Mikado’s Empire”. Douglas Sladen „The Japs at home”. W. T. Finck „Lotostime in Japan”. Henry Normann „The Real Japan”. Chamberlain „Things Japanese”. Alice Bacon „Japanese girls and woman”. Alice Bacon „A Japanese Interior”. de Riseis „Giappone moderno”. Morse „Japanese Homes”. Knollys „Sketches of Life in Japan”. Scydmore „Jinrikishaw days in Japan”. Ch. Loonen „Le Japon moderne”. Comte Dalmas „Les Japonais”. „Ostasiatischer Lloyd”. „Pekinger Staatszeitung”. „North China Daily News”. „North China Herald”. „Eastern World” „Japan Daily Mail”. Ernst v. Hesse-Wartegg „Schantung und Deutsch-China” (Leipzig, J. J. Weber). „Journal of the China Branch of the Royal Asiatic Society”.~
Die chinesischen Illustrationen wurden großenteils nach photographischen Aufnahmen des Verfassers, ferner nach Photographien von D. K. Griffith in Hongkong, Kae Hing in Hongkong und Sze Yuen Ming & Co., 42 Nanking Road, Shanghai hergestellt. Besonders das letztgenannte Haus besitzt eine sehr große Auswahl chinesischer Photographien zu billigen Preisen und kann besonders empfohlen werden. -- Die Photographien für die japanischen Illustrationen wurden teilweise von Kelly & Walsh, Buchhändler, Yokohama bezogen.
Verzeichnis geographischer Werke des Verfassers.
+Siam+, das Reich des weißen Elefanten. Leipzig, J. J. Weber, 1899. Preis 15 Mark.
+Schantung und Deutsch-China.+ Leipzig, J. J. Weber, 1899. Preis 14 Mark.
+Korea+, eine Sommerreise in das Land der Morgenruhe. Leipzig, Carl Reißner. Preis 7 Mark.
+Tausend und ein Tag im Occident.+ Leipzig, Carl Reißner. 2 Bände. 2. Auflage. Preis 6 Mark.
+Kuriosa aus der Neuen Welt.+ Leipzig, Carl Reißner. Preis 5 Mark.
+Andalusien+ und ein Ausflug nach Marokko. Leipzig, Carl Reißner. Preis 8 Mark.
+Mississippifahrten.+ Reisebilder aus dem amerikanischen Süden. Leipzig, Carl Reißner. Preis 8 Mark.
+Prairiefahrten.+ Leipzig, Gustav Weigel. Preis 3 Mark.
+Nordamerika+, seine Städte und Naturwunder, Land und Leute. 2. Auflage. 4 Bände. Leipzig, Gustav Weigel. Preis 20 Mark.
+Canada und Neufundland.+ Freiburg i. B., Herders Verlag. Preis 8 Mark.
+Mexiko+, Land und Leute. Wien, C. Hölzels Verlag. Preis 10 Mark.
+Tunis.+ Wien, Hartlebens Verlag. Preis 8 Mark.
+Chicago+, eine Weltstadt im amerikanischen Westen. Stuttgart, Union, Deutsche Verlagsanstalt. Preis 4 Mark.
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.
Druck von J. J. Weber in Leipzig.
Verlag von J. J. Weber in Leipzig
Schantung und Deutsch-China
Von Kiautschou ins heilige Land von China und vom Jangtsekiang nach Peking. Von =E. v. Hesse-Wartegg=.
Mit 145 in den Text gedruckten und 17 Tafeln Abbildungen, 6 Beilagen und 3 Karten. Preis kartoniert 14 Mark. In Originaleinband (mandarinblaues Leder mit aufgepresstem Mandarinbrustschild in Gold, Silber und vier Farben) 18 Mark.
Ernst v. Hesse-Wartegg konnte dem deutschen Leser keine willkommenere Gabe bringen als das Ergebnis seiner neuesten Reise nach China. Kein Land des Erdballes steht heute so sehr im Vordergrunde der allgemeinen Aufmerksamkeit wie das Reich der Mitte. Kein Land ist für den deutschen Leser, aber ebenso auch für den deutschen Kaufmann, den Industriellen, den Soldaten und Seemann von so grosser Wichtigkeit. Die Erschliessung Chinas, die Ernst v. Hesse-Wartegg seit Jahren in Zeitungsartikeln und zahlreichen Vorträgen befürwortet hat, ist erfolgt. Das Deutsche Reich hat sich in thatkräftiger Weise seinen Anteil daran gesichert und mit Kiautschou eine Eingangspforte, einen Stützpunkt gewonnen, der für die Entwickelung der deutschen Beziehungen in Ostasien von grösster Wichtigkeit ist.
Norddeutscher Lloyd, Bremen
Dampfschiffahrts-Gesellschaft.
Der Norddeutsche Lloyd unterhält ausser regelmässigen Schnell- und Postdampferverbindungen nach Nord- und Südamerika folgende
Reichspostdampferlinien:
a) ~Bremen -- Ostasien.~ Reiseweg: Bremen bezw. Hamburg, Rotterdam, Antwerpen, Southampton, Genua, Neapel, Port-Said, Suez, Aden, Colombo, Penang, Singapore, Hongkong, Shanghai, Nagasaki, Hiogo, Yokohama (direkt). Abfahrten alle 14 Tage Dienstags oder Mittwochs.
b) ~Bremen -- Australien.~ Reiseweg: Bremen, Antwerpen, Southampton, Genua, Neapel, Port-Said, Suez, Aden, Colombo, Freemantle, Adelaide, Melbourne, Sydney. Abfahrten alle 4 Wochen, abwechselnd mit der ostasiatischen Linie.
Zweiglinien:
a) ~Singapore, Batavia, Macassar, Neu-Guinea, Sydney.~ Alle 12 Wochen anschliessend an die entsprechenden Dampfer der ostasiatischen Hauptlinie.
b) ~Hongkong -- Sydney.~ Reiseweg: Hongkong, Saipan (Marianneninseln), Ponape (Karolineninseln), Neu-Guinea, Rockhampton, Brisbane, Sydney. Alle 12 Wochen anschliessend an die entsprechenden Dampfer der Hauptlinien.
Anschlussverbindungen:
Penang -- Deli Penang -- Rangoon Singapore -- Deli Singapore -- Bangkok Singapore -- Borneo Singapore -- Batavia Hongkong -- Swatow Hongkong -- Bangkok Shanghai -- Hankow Shanghai -- Kiautschou Shanghai -- Tschifu Shanghai -- Tsientsin.
~Bremen -- Ostasien~, Frachtdampferlinie. Abfahrten laut besonderem Fahrplan.
Nähere Auskunft erteilt der =Norddeutsche Lloyd, Bremen=.
Verlag von J. J. Weber in Leipzig
Siam
das Reich des weissen Elefanten von =E. v. Hesse-Wartegg=.
Mit 120 in den Text gedruckten und 18 Tafeln Abbildungen, sowie einer Karte von Siam. Preis geheftet 12 Mk., in Originaleinband 15 Mk.
Das ganze Wunderland des weissen Elefanten, die feenhafte Pracht seines Königshofes, die fremdartigen an die Märchen aus „Tausend und eine Nacht” erinnernden Festlichkeiten, das Leben und Treiben der Siamesen, der seltsame Buddhistenkultus mit seinen Hunderttausenden von Priestern, die grauenhaften Totengebräuche, Aberglaube, Geisterfurcht und Gottesgerichte, daneben Jagden, Theater und Vergnügungen, alles das wird von Hesse-Wartegg mit Meisterhand in fesselndster Weise dargestellt; dann folgen Schilderungen der Landesprodukte, des Handels und Verkehrs und hochwichtige Bemerkungen für die Sicherung und Ausbreitung des deutschen Handels.
HAMBURG-AMERIKA-LINIE
Direkter deutscher Post- und Schnelldampferdienst.
Hamburg-Neuyork Hamburg-Mexiko Hamburg-Frankreich Hamburg-Canada Hamburg-Belgien Hamburg-Ostasien Hamburg-England Hamburg-Nordbrasilien Hamburg-Portland Genua-La Plata Hamburg-Baltimore Stettin-Neuyork Hamburg-Boston Neuyork-Mittelmeer Hamburg-Philadelphia Neuyork-Ostasien Hamburg-Galveston Neuyork-Westindien Hamburg-New-Orleans Orientfahrten Hamburg-Venezuela Nordlandfahrten Hamburg-Westindien
ferner mit den Dampfern der Deutschen Ostafrika-Linie: =Hamburg-Ostafrika=
und mit den Dampfern der Hamburg-Südamerikanischen D.-G.: =Hamburg-Brasilien, Hamburg-Argentinien, Hamburg-Uruguay.=
Hamburg-Neuyork via Southampton und Cherbourg Schnelldampferdienst.
Nähere Auskunft erteilt die
HAMBURG-AMERIKA-LINIE, Abteilung Personenverkehr Hamburg, Dovenfleth 18-21
sowie deren Vertreter.