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China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen (part 1 of 3)

Part 1 of 3 · Ernst von Hesse-Wartegg · Public domain text

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Source: Project Gutenberg e-text #58686, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (3)

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China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1900 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. Umlaute in Großbuchstaben wurden in ihrer Umschreibung dargestellt (Ae, Oe und Ue). Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels verschoben.

Ausdrücke in chinesischer und japanischer Sprache wurden in einer Transliteration in lateinischer Schrift wiedergegeben. Diese Übertraung wurde vom Verfasser nicht immer konsistent durchgeführt, dennoch wurden abweichende Schreibweisen wie im Original beibehalten.

In der Buchversion wurde für den Begriff ‚et cetera‘ die tironische Note für ‚et‘ verwendet, welche allerdings mit vielen Schriftarten nicht dargestellt werden kann. Aus diesem Grund wurde in der elektronischen Version von der Abkürzung ‚etc.‘ Gebrauch gemacht.

Einige Seitenzahlen des Inhaltsverzeichnisses wurden vom Bearbeiter richtiggestellt. In mehreren Bildunterschriften finden sich Angaben zur natürlichen Größe der abgebildeten Gegenstände. Diese beziehen sich ausschließlich auf die gedruckte Originalversion, da Bildgrößen auf unterschiedlichen Wiedergabegeräten zum Teil stark variieren können. Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels verschoben.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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China und Japan.

China und Japan

Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

von

Ernst v. Hesse-Wartegg.

Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage.

Mit 61 Vollbildern, 212 in den Text gedruckten Abbildungen und einer Generalkarte von Ostasien.

Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber in Leipzig. 1900.

Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort zur ersten Auflage.

Ein Buch, das „China und Japan” betitelt ist, bedarf eigentlich keines Vorwortes. Der Titel allein besagt, daß es sich um eine wenig bekannte, in jeder Hinsicht eigenartige Welt handelt, die erst in neuester Zeit der Allgemeinheit erschlossen werden soll. Je mehr man von ihr erfährt, in desto höherem Maße interessiert man sich für sie, mit desto größerer Aufmerksamkeit wird jedes neue Buch darüber gelesen.

Leider ist die deutsche Litteratur in Bezug auf die beiden großen Reiche Ostasiens keineswegs reich zu nennen. Sie besitzt darüber bedeutende umfangreiche Quellenwerke, aber der Preis derselben oder die Art der Darstellung ist nicht für die Allgemeinheit geschaffen. Auch sind in den letzten Jahrzehnten eine Anzahl Reisewerke erschienen, mit der Schilderung persönlicher Erlebnisse und Einzelheiten, die nur beschränkte Kreise zu befriedigen vermögen; an leicht faßlichen, charakteristischen Darstellungen der ostasiatischen Monarchien mit ihren Städten und Naturwundern, ihren Bewohnern und deren Kultur fehlt es aber, und doch werden solche Bücher von den Gebildeten aller Stände gerade +jetzt+ gesucht, wo sich die Beziehungen mit Ostasien in jeder Hinsicht immer inniger gestalten. Mehr als je zuvor hegt man den Wunsch, die Wahrheit zu erfahren über das Wesen der ostasiatischen Kultur und über die Gefahren, mit welcher das ostasiatische Gespenst nach der Meinung vieler unsere christliche Welt bedrohen soll.

„Völker Europas, hütet eure heiligsten Güter!” So lautet der Mahnruf, der vor kurzer Zeit von höchster Seite erlassen wurde, und die Völker Europas suchen die Begründung dieses Mahnrufs in dem Erwachen und Erstarken der Völker Ostasiens.

Wird die Erschließung von China und Japan dem europäischen Handel, der Industrie, dem allgemeinen Wohlstand Vorteile bringen, oder wird sie einen schrecklichen Wettbewerb zur Folge haben, verderbenbringend für unsere christliche Welt?

Mit diesen Fragen vor Augen habe ich auf meiner jüngsten Reise um die Welt in den Monarchien Ostasiens länger als beabsichtigt verweilt und zu ihrer Beantwortung nach Material gesucht. Ich gebe in dem vorliegenden Werke nicht nur meine eigenen Erfahrungen und Anschauungen, sondern faßte auch jene zahlreicher anderer Persönlichkeiten zusammen, die seit vielen Jahren in den verschiedensten Berufszweigen in Ostasien thätig sind, aber nicht die Zeit, den Wunsch oder das Vermögen haben, ihre reichen Erfahrungen in einheitlichen, abgerundeten Darstellungen zu Papier zu bringen. Frühere große Weltreisen und ihre Schilderung haben mir vielleicht zu größerer Fertigkeit, geübterem, schärferem Blick für das verholfen, was dem europäischen Leser von besonderem Interesse ist. Nur wer die Kultur anderer Länder und Weltteile kennen und aus sich selbst herauszugehen gelernt hat, kann überall den richtigen Maßstab anlegen. Andere werden gewöhnlich einseitig nach der von ihrer Jugend an gewöhnten Elle messen, vieles minderwertig, verzwickt und verrückt halten, was nicht nach dieser heimatlichen Elle paßt. Und weil die Kultur der Ostasiaten von der unsrigen so sehr abweicht und so selten einsichtige, unabhängige Schilderer fand, ist der Begriff „Chinesisch” bei uns zur landläufigen Bezeichnung für alles Groteske geworden. Daher kommt auch das allgemeine Aufsehen, um nicht zu sagen Erschrecken, als in neuester Zeit solch unabhängige Schilderungen über die wahre Kultur, den wahren Charakter, das wahre Können der Ostasiaten erschienen sind.

Gestützt auf das in Ostasien gesammelte Material habe ich in den letzten zwei Jahren manche der nachstehenden Kapitel in verschiedenen großen Zeitschriften veröffentlicht, und die Thatsache, daß diese Arbeiten von zahlreichen, mitunter von Hunderten anderer Blätter Deutschlands nachgedruckt und in fremde Sprachen übersetzt worden sind, liefert den Beweis, daß sie gerade das enthalten, was man in Europa zu erfahren wünscht. Dieser Erfolg hat mich ermutigt, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen und China und Japan in allgemein faßlichen charakteristischen Darstellungen zu schildern, soweit es dem Einzelnen überhaupt möglich ist. Das Ergebnis ist das vorliegende Buch.

1897.

Ernst v. Hesse-Wartegg.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Mehr noch als im Jahre des Erscheinens der ersten Auflage hat das in den vorstehenden Zeilen Gesagte seine Richtigkeit. Ostasien tritt immer mehr in den Vordergrund der allgemeinen Aufmerksamkeit, immer mehr kommt man in Europa zur Erkenntnis der gegenwärtigen Bedeutung der ostasiatischen Reiche, die sich noch mit jedem Jahre steigern wird. Das große China wird endlich aus seiner mehrtausendjährigen Erstarrung aufgerüttelt und der Erschließung durch Europa entgegengeführt; Japan hat einen weiteren Schritt vorwärts gethan in seiner hochinteressanten Umwandlung zu einem modernen Reich mit abendländischer Kultur und droht ein gefahrvoller Rivale auf den ostasiatischen Märkten zu werden; Rußland tritt durch die Besiedelung Ostsibiriens und den Bau der transsibirischen Eisenbahn als neue gebietende Macht in Ostasien auf; das alte ohnmächtige Korea wird wie ein Spielball zwischen den drei Großmächten umhergeworfen. Durch diese Umwälzungen im fernen Osten werden auch die Beziehungen Europas mit jenen Ländern in andere Bahnen gelenkt, der europäischen Industrie werden neue, trotz des japanischen Wettbewerbs sich immer mehr erweiternde Absatzgebiete erschlossen, dem europäischen Handel wie dem Touristenverkehr winkt ein gewaltiger Aufschwung in naher Zeit.

Ueberzeugt von der Wichtigkeit des chinesischen Marktes und von dem Ringen unter den Industriestaaten des Erdballs, das in Bälde um diesen Markt platzgreifen wird, habe ich seit Jahren getrachtet, die Aufmerksamkeit aller Kreise im Deutschen Reich durch zahlreiche Aufsätze und öffentliche Vorträge auf Ostasien zu lenken und ein kräftiges Eintreten zur Wahrung der großen und berechtigten deutschen Interessen dort herbeizuführen. Dieses Streben ist auch an vielen Stellen der ersten Auflage des vorliegenden Werkes zum Ausdruck gebracht worden, mit gleichzeitiger Betonung der Wichtigkeit eines eigenen deutschen Hafens in China und der Absendung eigener Handelsexpeditionen zum Studium der Märkte.

Früher als allgemein erwartet wurde, sind diese Wünsche zur Erfüllung gekommen. Deutschland hat sich eine Eingangspforte in das chinesische Reich, einen Stützpunkt für die Entwickelung seiner kommerziellen und politischen Interessen in Ostasien geschaffen, mit einem Hafen, auf welchen ich bereits in der ersten Auflage dieses Werkes, lange vor der Besitzergreifung, hingewiesen habe.

Um diesen Hafen und sein Hinterland näher kennen zu lernen und zu schildern, unternahm ich unmittelbar nach der Besetzung Kiautschous eine neue Reise in das deutsche Gebiet und von dort kreuz und quer durch Schantung und die angrenzenden Provinzen nach Peking. Die Ergebnisse dieser Reise, welche ursprünglich in dem 1900 erschienenen Werke „Schantung und Deutsch-China” (Leipzig, J. J. Webers Verlag, Preis 14 Mark) niedergelegt wurden, sind kurz zusammengefaßt mit in die vorliegende Auflage aufgenommen und bis auf die Gegenwart ergänzt worden. Aber auch sonst hat das vorliegende Werk vielfache Aenderungen und Ergänzungen erfahren, wie schon aus der +Vermehrung des Inhalts um hundert Textseiten, 17 Vollbilder und 90 in den Text gedruckten Abbildungen+ hervorgeht.

Während der genannten Reise von 1898, sowie auf einer darauffolgenden, im Jahre 1900 unternommenen Reise war ich überall bedacht, alles Wissenswerte über das hochinteressante Leben, Thun und Treiben der Bevölkerung, über die Regierung, Kaufleute und Industrielle zu erfahren, Handel und Gewerbe, Landwirtschaft, Bergbau, Landesprodukte, sowie auch die landschaftlichen Schönheiten und kulturellen Merkwürdigkeiten der geschilderten Länder im touristischen Sinne kennen zu lernen, so daß ich hoffe, daß „China und Japan” auch in der vorliegenden Auflage zur allgemeinen Belehrung und Unterhaltung, dem Geschäftsmann zum Nutzen, dem Touristen zur Führung dienen wird.

1900.

Ernst v. Hesse-Wartegg.

Inhaltsverzeichnis.

Erster Teil: China.

Seite

Hongkong 3

Macao 14

Auf dem Perlfluß 21

Canton 30

Die sibirische Beulenpest 41

Gerichtspflege 47

Spaziergänge in chinesischen Arbeitervierteln 58

Wie die chinesischen Jungen das ABC lernen 69

Meine erste chinesische Mahlzeit 78

Speisen und Getränke der Chinesen 87

Shanghai 94

Europäische Republiken in China 102

Chinesische Seide und ihre Metropole 106

Leben, Trachten und Sitten der chinesischen Frauen 115

Der Haarzopf der Chinesen 134

Tschinkiang 138

Nanking 143

Wie die Chinesen Theater spielen 153

Chinesischer Thee und seine Metropole 159

Hankau als Handelsstadt 170

Eigentümlichkeiten der chinesischen Inlandstädte 176

Tsingtau und Deutsch-China 188

Quer durch Schantung 203

Der Kaiserkanal 219

Tientsin 231

Die Hauptstadt des chinesischen Reiches 241

Kwang-Su, der Kaiser von China 255

Hofhaltung beim Kaiser von China 263

Geistermahlzeiten und Ahnenkultus am Kaiserhofe 271

Die Umgebung von Peking 278

Die Große chinesische Mauer 285

Hofetikette und Umgangsformen bei den Chinesen 292

Wie die Chinesen Verdienste ehren 302

Die Mandarine 306

Litterarische Wettprüfungen 315

Die geheimen Gesellschaften Chinas 322

Chinesisches Zeitungswesen 332

Geld- und Bankwesen 341

Wie die Chinesen ihre Briefe befördern 355

Chinesisches Militär 364

Die christlichen Missionsanstalten in China 377

Verkehrswege im Innern von China 388

Die künftige Bedeutung Chinas für den europäischen Handel 396

Zweiter Teil: Japan.

Nagasaki 409

Durch das japanische Mittelmeer nach Kobe 418

Yokohama 423

Die Hauptstadt des Mikadoreiches 430

Der Kaiser von Japan und sein Hof 440

Die vornehme Gesellschaft 457

Die Japanerin 466

Japanische Frauentoilette 474

Japanische Jugend 481

Hymens Fesseln bei den Japanern 491

Eine Erdbebenkatastrophe 497

Modernes Theaterwesen in Japan 500

Danjuro, der Salvini von Japan 509

Litteratur und Zeitungswesen in Japan 515

Das Heerwesen der Japaner 522

Straßenleben in Tokio 531

Spazierfahrten im mittleren Japan 541

Kioto, die alte Hauptstadt von Japan 549

Daimondschi, das japanische Totenfest 557

Japanische Musmis 563

Die Geishamädchen 568

Japanische Ringkämpfer 579

Wie die Japaner in ihrem Lande reisen 584

Ein Birmingham des fernen Ostens 592

Auf dem Gipfel des Fudschiyama 601

Ikao, ein japanisches Karlsbad 609

Nikko, eine japanische Tempelstadt 617

Japanische Blumenfeste 625

Formosa 632

Japan als Industriestaat 640

Dschiudschutsu 647

Erster Teil:

China.

Hongkong.

Als wir, von dem sonnigen heißen Hinterindien kommend, nach mehrtägiger Seefahrt in den Hafen von Hongkong dampften, war der erste Eindruck dieses vielgerühmten englischen Emporiums von Ostasien keineswegs ein angenehmer. Der Morgen war feucht und kalt, die See unruhig, ein dichter Wolkenschleier verhüllte die Spitzen der zweitausend bis viertausend Fuß hohen Berge, welche die Bucht von Hongkong einschließen, und wir sahen davon nichts weiter als die massigen, mehrere Stockwerke hohen Granitpaläste, die sich amphitheatralisch die steilen Anhöhen emporziehen, und die weite windgepeitschte Wasserfläche, auf welcher sich unzählige Ozeandampfer, Dschunken und Sampans schaukelten. Etwa einen halben Kilometer von den Ufern gingen wir vor Anker, und sofort war unser Schiff von einer Menge von kleinen chinesischen Booten umschwärmt, deren halbnackte Insassen uns laut schreiend und lärmend ihre Dienste anboten. Wären sie nicht gewesen, wir hätten uns ebensogut in Portsmouth oder Plymouth glauben können, so durchaus englisch erschien uns Hongkong an diesem nebeligen Morgen. Während wir noch unschlüssig waren, uns bei so bewegter See den kleinen Chinesenbooten anzuvertrauen, und uns über den recht fühlbaren Mangel von Anlegebrücken in einem so großen Welthafen wunderten, kam glücklicherweise für uns wenige Passagiere eine kleine Dampfbarkasse angefahren, die uns nach viertelstündiger Fahrt ans Land brachte.

Hier, rings um Peddar Street Wharf, erschien uns Hongkong noch viel englischer, als vom Wasser gesehen. Vor uns eine gerade Straße, zu beiden Seiten von hohen englischen Geschäftshäusern eingefaßt, links an der Ecke ein riesiges englisches Hotel, das uns aufnehmen sollte, rechts eine englische Postoffice, in der Mitte, am Kreuzungspunkt einer zweiten, natürlich Queens Street genannten Straße, ein plumper, englischer Glockenturm; über den Kaufläden nur englische Aufschriften: English Pharmacy, English Book Store, Public House, Drinking Bar, Gin, Brandy, England for ever!

Brr! Welche Enttäuschung! Wir hatten auf den Sundainseln, in Malakka, Siam, Kambodscha, in der malerischen fremdartigen Pracht der Malayenwelt geschwelgt, wir hatten uns schon so sehr auf China gefreut und von Pagoden und Buddhatempeln geträumt. Statt dessen wurden wir durch diese englische Provinzstadt in die nüchterne, schmutzige Alltagswelt zurückversetzt. Im Hongkonghotel gab es schlechte englische Küche, in den weiten Korridoren liefen die Ratten umher, und die Mehrzahl der Zimmer war unbewohnt. Nicht viel besser war der Eindruck, den wir auf unsern ersten Gängen zu jenen Geschäftshäusern erhielten, an welche wir Empfehlungsbriefe abzugeben hatten, englische und deutsche. Im Gegensatz zu dem herzlichen, gastfreien Empfang in Singapore, Colombo, Bangkok, Batavia etc. war die Aufnahme durch die deutschen Kaufherren von Hongkong frostig, von Einladungen, Einführung im Klub u. dergl. gar nicht zu sprechen. Aber die Briefe mußten doch abgegeben werden. Wir waren nun frei und konnten uns nach Herzenslust das, was Hongkong an Interessantem bietet, ansehen.

Da fanden wir denn doch, daß in Hongkong geradezu alles interessant ist. Hongkong ist die Eingangspforte in das gewaltige chinesische Reich, die englisch geschriebene Vorrede zu jenem mit sieben Siegeln verschlossenen Buche, China geheißen, und die beste Einführung in dasselbe. Gleichzeitig ist es aber eine der großartigsten Schöpfungen englischen Unternehmungsgeistes, der hier auf dieser kahlen Granitinsel binnen fünf Jahrzehnten einen der wichtigsten Handelshäfen der Welt geschaffen hat. Noch leben hier chinesische Fischer, welche sich des Tages erinnern, als das erste englische Schiff an ihrer einsamen, gottvergessenen Felseninsel anlegte. Das war im Jahre 1845. Heute ist diese Insel ein wahres Paradies, und an ihrer Nordseite zieht sich in einer Länge von etwa sechs Kilometern eine Großstadt von 300000 Einwohnern hin, während das zwanzig Quadratkilometer große Wasserbecken vor ihr in jedem Jahre 20000 Schiffe mit acht bis neun Millionen Tonnen Gehalt beherbergt. Täglich kommen fünfzig Schiffe, täglich verlassen ebensoviele den Hafen, nach allen Ländern der Alten und Neuen Welt bestimmt, und der Handel, der in dieser kleinsten aller englischen Kolonien getrieben wird, erreicht in jedem Jahre beinahe tausend Millionen Mark!

Man kommt in Hongkong aus der Verwunderung nicht heraus, teils über die unglaublichen Leistungen der Handvoll Engländer, welche hier ansässig sind, teils über die fremdartige chinesische Kulturwelt, die sie rings umgiebt und durch ihre Masse anscheinend zu erdrücken droht, während sie thatsächlich mit Leichtigkeit durch diese Handvoll Engländer gelenkt und beherrscht wird. Nur auf dem kleinen, eingangs erwähnten Teil von Hongkong, rings um Peddar Street, tritt der englische Provinzialstadtcharakter so unangenehm auf. Die schwere, massige Bauart der Häuser, der Gegensatz zu den luftigen, verandenumgebenen Bungalows von Singapore oder Colombo, hat seine Begründung. Hongkong liegt leider mitten im schlimmsten Taifungebiet, und diese furchtbaren Stürme würden leichtere Häuser, Veranden, Dächer und dergleichen spielend fortreißen. Die Stadt hat das schon mehrfach erfahren. Im Jahre 1874 wurden durch einen Taifun während einer halben Stunde über tausend Häuser vollständig zerstört, und Tausende von Menschen verloren dabei ihr Leben. Deshalb diese steinernen Arkaden an Stelle der luftigen Veranden, deshalb die schweren eisernen oder hölzernen Läden an den Fenstern, die sofort geschlossen werden, wenn von dem Taifunobservatorium auf der gegenüberliegenden Halbinsel Kowloon als Warnungssignal die drei gefürchteten Kanonenschüsse ertönen.

Von meinen Fenstern im fünften Stock des Hongkonghotels zeigte sich am Morgen nach meiner Ankunft Hongkong, seinem Rufe entsprechend, in viel freundlicherer, großartigerer Weise. Die helle, warme Sonne überstrahlte die weite Bucht, die mit Tausenden von Schiffen aller Art, von den winzigen Pantoffelbooten bis zu den größten Ozeandampfern besäet war und sich belebter zeigte als irgend einer der Welthäfen, die ich auf meinen fünfundzwanzigjährigen Reisen durch alle Kontinente gesehen habe. Gegen Norden, jenseit der etwa zwei Seemeilen breiten Bucht, auf dem chinesischen Festlande, leuchteten in einer langen Linie die weißen Warenhäuser, Kasernen und Hongs von Kowloon, umgeben von einem Kranz üppiger Gärten, und über diese erheben sich kahle, steile, zerklüftete Höhen von eigentümlicher roter Färbung, schon zu China gehörig. Zu meinen Füßen lag die Stadt Hongkong oder, wie sie eigentlich heißt, Viktoria. Der 600 Meter hohe, steile Berg, an dessen Fuß sie liegt, hat ihr nicht viel Platz zur Ausbreitung gelassen, und so ziehen sich nur zwei oder drei lange Straßen dem Meeresufer, hier Praya genannt, entlang, zu beiden Seiten mit mehrstöckigen Granithäusern besetzt, die im untersten Stockwerk Arkaden für die Fußgänger besitzen. Zahlreiche Querstraßen führen von der Praya den Berg hinan und verlieren sich dort in dem Grün prachtvoller Gärten mit subtropischer Vegetation. Palmen mit schön geschwungenen Wedeln, Bananen mit ihren mächtigen Blättern, hohe Araukarien, Kakteen und Agaven der verschiedensten Art zeigen sich dort, und inmitten dieser zaubervollen Flora erheben sich stattliche Villen und Paläste, Kirchen mit hohen Türmen. Ganz oben an der Spitze des Peak grüßt von einem hohen Mastbaum die stolze britische Flagge herab. Fürwahr, wenige Häfen der Erde können sich an Schönheit und Großartigkeit mit Hongkong messen, vielleicht Rio de Janeiro, San Francisco, Neapel allein. In seiner Anlage erinnerte mich Hongkong ein wenig an Genua, der Hafen mit seinem stolzen Peak dagegen an Gibraltar; Kowloon ist sein Algeciras. Und ist nicht Hongkong in der That das Gibraltar von China? Wie der Dschebel al Tarik, so ist auch der Peak, der mit seinen Vorbergen und kleinen vorgelagerten Inselchen die Einfahrt nach dem Süden des chinesischen Reiches beherrscht, mit kanonengespickten Festungswerken versehen, und überdies steht eine eigene Flotte im Dienste von Hongkong, während in den drei großen Kasernen einige tausend Mann englischer Linientruppen untergebracht sind. Welch hohen Wert England auf diesen äußersten gegen Osten vorgeschobenen Posten seines Weltreiches legt, geht aus der Thatsache hervor, daß es gegen zwanzig Millionen Mark zu seiner Befestigung verwendet hat; überdies trägt die aus wenigen tausend Europäern bestehende Kolonie jährlich über drei Millionen Mark zu Verteidigungszwecken bei. Unter dem Schutze der Kanonen und Bajonette von Hongkong hat sich nicht nur der englische Handel, sondern auch jener der andern europäischen Staaten, vor allem der deutsche, so mächtig entwickelt, und wir müssen England dafür dankbar sein; denn ohne Hongkong hätte sich dieser deutsche Handel, der hier jenem Englands an Umfang zunächst steht, niemals so ausbreiten können. Die englische Flagge hat auch den deutschen Kaufmann beschützt. Die Engländer haben nicht nur für sich, sondern auch für die andern Nationen die Kastanien aus dem chinesischen Feuer geholt. Ja mehr noch, die Chinesen selbst sind ihnen dankbar; denn nahe an 300000 bezopfte Söhne des Reiches der Mitte haben hier auf dem winzigen Stück englischen Bodens Zuflucht, Sicherheit, Rechtsschutz, Lebensunterhalt, ja Reichtum gefunden. Der großen Mehrzahl nach sind sie loyale Unterthanen der Königin Viktoria geworden, und der Geburtstag dieser Herrscherin wird von den Chinesen in Hongkong ebenso festlich gefeiert wie von den Engländern.

Die Chinesen bilden auch den weitaus größten und merkwürdigsten Teil der Bevölkerung der Kolonie, die sonst auch zahlreiche Angehörige aller Nationen Europas, dann Amerikaner, Malayen, Japaner, Indier, Araber etc. aufweist. Alle die asiatischen Bürger von Hongkong haben dabei ihre eigentümlichen malerischen Trachten beibehalten, so daß man bei einem Spaziergang durch die Hauptstraße, die Queen Street, sozusagen eine lebende Völkerkarte studieren kann. Nur die Peddar Street ist spezifisch englisch; verläßt man aber das Hongkonghotel durch den nach der Queen Street führenden Ausgang, so ist man sofort in dem denkbar internationalsten Verkehr: Parsis mit ihren schwarzen gestickten Cereviskäppchen, Malayen mit ihren schürzenartigen Sarongs, Araber im weißen Burnus, Japaner in ihren Kimonoschlafröcken, Indier mit mächtigen Turbanen. Ein Teil der Polizisten von Hongkong besteht aus baumlangen Indiern, und die europäischen Kolonisten der Stadt unterhalten zu ihrem persönlichen Schutz ein Regiment von Sikhs, die wohl englische Uniform tragen, aber die hohe, brennrote Zuckerhutmütze beibehalten haben; dazwischen englische Soldaten und schottische Hochländer mit nackten Knieen und karrierten Jacken, Matrosen von den Kriegsschiffen aller möglichen Nationen. Man hört die verschiedensten Sprachen sprechen, sieht die verschiedensten Begrüßungsarten, aber der äußere Rahmen, die Straßen, Häuser, städtischen Einrichtungen sind durchaus englisch, was die Seltsamkeit des Eindrucks noch erhöht.

Selbst die Chinesen wohnen in mehrstöckigen Häusern. Man braucht in der Queen Street von dem Glockenturm nur wenige hundert Schritt nach Osten oder nach Westen zu gehen, um mitten in die Chinesenviertel zu kommen. In dem englischen Teil dieser interessanten Völkerstraße sieht man die Chinesen nur als Compradores (Angestellte) in den verschiedenen Geschäftshäusern, hie und da auch einen vornehmen Laden, von Chinesen gehalten, und seine Insassen zeigen durch ihre seidene Kleidung, gute Beschuhung und die unfehlbare Brille auf der Nase, daß sie den wohlhabendern Ständen angehören. Sonst sieht man hier nur Kulis im Dienste der Weißen, Lastträger, Straßenkehrer, Rickshaw Boys und Sänftenträger. Wagenverkehr ist in den steil ansteigenden Straßen Hongkongs unmöglich; ebenso unmöglich wäre er in den wenigen ebenen Straßen wegen des unglaublichen Völkergetümmels, das dort tagsüber herrscht. Er wird durch die japanische Rickshaw, den zweiräderigen, von einem Kuli gezogenen Handwagen ersetzt; an den Straßenecken stehen deren immer eine Anzahl in langen Reihen. Kaum zeigt sich ein Europäer vor seiner Hausthür, so wird er sofort von den wild aussehenden, im Sommer halbnackten Rickshaw-Kulis umringt, die ihre Dienste anbieten, fünf Cents, etwa zwölf Pfennig, für die halbe Stunde. Vertraut man sich wirklich einem dieser menschlichen Zugtiere an und hat ihm die Bestimmung zugerufen, so saust es auch schon pfeilschnell mit dem kleinen Handwagen von dannen. Es fährt seinen Passagier straßenauf straßenab und bleibt endlich vor irgend einem beliebigen Hause stehen, das möglicherweise von dem gewünschten Ziel eine Stunde weit entfernt ist. Die Hongkong besuchenden Fremden wissen eben nicht, daß die meisten dieser Kulis nicht ein Wörtchen Englisch verstehen und daran gewöhnt sind, daß man sie mit dem Spazierstöckchen rechts oder links berührend, in stummer Weise etwa ähnlich zu lenken pflegt wie Pferde durch die Zügel. Man kann sich auch dadurch helfen, daß man in irgend einen Kaufladen tritt und den Inhaber bittet, dem Rickshaw-Kuli auf Chinesisch das Ziel zu nennen. Wird dies unterlassen, so fährt der Kuli seinen Passagier planlos oft stundenlang spazieren.

Besser sind die Tragstühle, welche von den Europäern Hongkongs mit Vorliebe benutzt werden; jede Familie, jedes Handlungshaus oder Hotel besitzt einen eigenen „Marstall” von Kulis und mehrere Tragstühle, die mitunter sehr kostbar ausgestattet sind. Die Kulis tragen eigene Uniformen; bald sind es blaue Hemden und Beinkleider mit weißen Rändern, bald weiße mit roten Rändern, bald verschiedene Ornamente, Kreise, Quadrate, Monogramme, welche die Tragstuhleigentümer auf Brust und Rücken der Kuli-Uniformen aufnähen lassen. Je wohlhabender oder angesehener die Bürger, desto größer ist die Zahl ihrer Chairkulis; gewöhnlich aber werden die Stühle von zwei bis vier Kulis getragen. Die an den Straßenecken zum beliebigen Vermieten stehenden Stühle werden von zwei Kulis bedient. Die Europäer von Hongkong haben diese Art der Fortbewegung wohl den Chinesen abgesehen. In Canton und allen anderen Städten bedienen sich die Civilmandarine und wohlhabenderen Chinesen, besonders die Frauen, stets eigentümlicher verschlossener Sänften, die auf drei bis vier Meter langen Bambusstangen ruhen. An Stelle der geschlossenen Sänften treten in Hongkong offene Armstühle aus Rattangeflecht, mit einer kleinen an Seilen hängenden Fußbank darunter. Man setzt sich in den Stuhl, die Kulis heben die Tragstangen auf ihre Schultern, und fort geht es in leichtem, raschem Schritt, für 20 Cents (etwa 45 Pfennig) die Stunde. Die Menschen sind hier billiger als die Tiere. Sie erleichtern den Verkehr ungemein, denn in den heißen Sommermonaten ist das Gehen, überhaupt jede Körperbewegung mit großer Anstrengung und Schweißerguß verbunden. Dieser Hitze entsprechend ist auch die Kleidung der Europäer, Herren wie Damen, von Ende Mai bis Mitte September durchweg schneeweiß, und nur im Winter, der zuweilen recht empfindlich kalt sein kann, werden dunkele Kleider getragen. Im Jahre 1892 beispielsweise waren die Abhänge des, wie bemerkt, etwa 600 Meter hohen Peak bis auf die Hälfte herab mit Schnee und Eis bedeckt, dagegen gewährt das breite Plateau auf seinem Gipfel im Sommer stets kühlen, frischen Aufenthalt, und es ist auch dort oben und an den Abhängen eine ganze Stadt prächtiger Villen und Hotels mit Gärten entstanden, welche von dem hier herrschenden Wohlstand und der Leichtigkeit des Erwerbs Zeugnis ablegen. Eine Drahtseilbahn nach schweizerischem Muster verbindet die Geschäftsstadt unten mit diesen Residential Suburbs, in welchen die Familien der Geschäftsleute, hohen Beamten und Offiziere wohnen. Täglich fuhr ich mit dieser durch die schönsten Parkanlagen führenden Bahn hinauf, um der Einladung eines englischen Kaufherrn oder des kommandierenden Generals Folge zu leisten, bis wir schließlich in das reizende Haus des Chefs der größten Handelsfirma von China, Messrs. Butterfield & Swire, übersiedelten. Von dort oben genießt man einen Rundblick über Land und Meer, einzig in seiner Art, und das Bild, welches der mit Tausenden von hellerleuchteten Schiffen und Booten bedeckte Hafen tief unter mir, sowie die Straßen der Stadt mit ihren langen Reihen vielfarbiger riesiger Lampions darboten, wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben. Welche Großstadt von 300000 Einwohnern besäße auch auf der einen Seite einen solchen Hafen, auf der andern einen so gewaltigen Berg?

Interessant ist es auch zuweilen, auf den gut gepflegten Wegen zu Fuß nach Hongkong herabzusteigen, an Palästen vorüber, welche die Europäer mit chinesischem Gelde sich hier errichtet haben, und durch üppige Gärten, von denen jene des Gouverneurs und des Militärbefehlshabers wohl die schönsten sind. In ihrer Mitte erheben sich die durch Pracht und Eleganz gleich ausgezeichneten Residenzen dieser beiden Beamten, das Government House und das Headquarter House. Anschließend an sie breitet sich auf einer Terrasse der entzückende Botanical Garden aus, eine öffentliche Parkanlage, wie geschaffen für den Sammelplatz der vornehmen Welt. An ihrer Statt begegnete ich auf meinen Spaziergängen gewöhnlich nur Fremden, welche sich diesen aus dem nackten Granitboden gezauberten Feengarten ansehen wollten. Sonst bleiben diese von chinesischen Gärtnern mit Liebe und peinlichster Sorgfalt gepflegten Anlagen nur blassen, schwachen Kindern von Weißen oder Mischlingen überlassen, die unter der Obhut chinesischer oder indischer Wärterinnen hier mit Steinchen oder Federball spielten. Höchstens daß zuweilen chinesische Damen der bessern Stände mit ihren verkrüppelten, Ziegenhufen nicht unähnlichen Füßchen hier im Schatten herrlicher Koniferen mühsam einherhumpeln. Die „Fashionables” der Kolonie aber meiden den Botanischen Garten und versammeln sich dafür an bestimmten Tagen auf den neben der City Hall, dem anspruchsvollen Rathause, gelegenen Cricket Grounds, um unter den Klängen einer Militärmusik den Cricketmatch anzusehen. Von den Deutschen behauptet man, daß, wenn ihrer zwei irgendwo in Afrika oder Asien zusammenkommen, sie sofort einen Gesangverein gründen. Dasselbe kann man von den Engländern in Bezug auf Cricket sagen. Auf dem Hongkonger Cricket Ground, dem einzigen ebenen Platz der Stadt, wird von den merkantilen Gentlemen der Kolonie im Verein mit den Offizieren Cricket mit einem Eifer gespielt, als wären sie auf den Grounds von St. John’s Wood oder im Hurlingham Club. Unter großen Feldschirmen sitzen die Damen in den elegantesten Toiletten und sehen stundenlang dem Spiele zu oder nehmen in dem reizenden Pavillon der Grounds Erfrischungen, ein Bild, das man wohl in London zu sehen gewohnt ist, das aber hier in China geradezu befremdet. Beliebte Ausflüge der fashionablen Welt sind auch die mit ungeheuren Kosten aus den Granitfelsen gesprengten und mit Koniferen beschatteten Wege, die nach dem Happy Valley mit seinen Friedhöfen und dem Pferderennplatz führen. Dort hinauf, auf den Kennedy Road oder Bowen Road, lassen sich die Damen nachmittags in ihren eleganten, in der kühleren Jahreszeit mit Pelzen und Teppichen bedeckten Chairs tragen; dort, in den reizenden Parkanlagen, bringen sie Stunden mit Lektüre oder Geplauder zu, während ihre uniformierten Kulis in der Nähe auf dem Rasen lagern. Am Ende dieser beiden Roads liegt das breiteste Thal der Insel, das Happy Valley, wohl in Erinnerung an die geflügelten Worte so benannt, welche Solon an den Krösus richtete: ~Nemo ante mortem beatus~. Fürwahr, die Friedhöfe von Hongkong sind die schönsten Plätzchen der ganzen Insel, die schönsten auch, die ich in China gesehen habe. Bambushecken, mit Stämmen, die bis über fünfundzwanzig Meter emporschießen, umgeben diese Ruhestätten der Toten. Jede Religion besitzt hier ihren eigenen Friedhof. Der erste ist jener der Mohammedaner, dann folgt der mit besonderer Sorgfalt gepflegte der Katholiken, prachtvolle Monumente enthaltend, dann jener der Protestanten, der größte von allen; in einiger Entfernung schließt sich daran der Friedhof der Parsen, dann jener der Hindu, und schließlich der jüdische, während der Friedhof der Chinesen auf der entgegengesetzten Seite sich die Anhöhe hinaufzieht. Mit Ausnahme des letztgenannten zeigen sich diese Ruhestätten eher wie wohlgepflegte, schattige Parks, eine Fortsetzung der Palmenhaine des vor ihnen gelegenen Rennplatzes, auf dem zur Zeit der Wettrennen (mit chinesischen Ponies) ein ähnliches großstädtisches Leben herrscht wie in unseren europäischen Hauptstädten.

Eine breite Fahrstraße führt von dort längs des Hafens nach Hongkong zurück, auf der Landseite mit Fabriken, Maschinenwerkstätten und Kasernen besetzt. Hier liegt das Militärspital, umgeben von einem Garten, anschließend daran das Marinearsenal, weiter der große, palastartige Bau, welcher die Offizierswohnungen enthält. Jedes irgendwie verfügbare Plätzchen ist von stattlichen Bauten eingenommen, die auch einer europäischen Großstadt Ehre machen würden. Da sich aber Hongkong von Jahr zu Jahr mit Riesenschritten weiter entwickelt, so ist man eben daran, dem Hafen längs des ganzen Ufers von Hongkong einen breiten Landstreifen abzugewinnen. Vor dem Hongkonghotel ist dies bereits geschehen, und dort erhebt sich eine große Statue zu Ehren der Königin Viktoria, für die man sonst gar kein Plätzchen mehr gefunden hätte.

Ja, die guten Europäer, die auf diesem Stück chinesischen Bodens eine neue Heimat gefunden haben, verstehen es zu leben und das, was ihnen durch die große Entfernung von ihrem europäischen Mutterlande abgeht, durch eigene Schöpfungen reichlich zu ersetzen. Ihre Einkünfte sind groß und werden leicht verdient. Die Geschäftsstunden beginnen spät am Tage und sind um fünf Uhr abends wieder vorüber; nur an „Steamer Days”, d. h. an den Tagen der ein- und auslaufenden Postdampfer ist die Arbeit anhaltender. Die Europäer sind die Herren der Insel. Alle körperlichen Verrichtungen werden ihnen durch Kulis, Diener, Aufwärter chinesischer Rasse abgenommen, und selbst dem ärmsten Irländer würde es hier nicht im Traum einfallen, irgend eine Dienerstelle zu bekleiden, wäre es auch beim Gouverneur. Die Europäer haben ihre Klubs, ihre Vereine, Gesellschaften, Konzerthallen und Theater, in welchem zuweilen Wandertruppen ihre Vorstellungen geben, und in den unteren Räumen des Rathauses haben sie sogar ein reichhaltiges Museum von chinesischen Merkwürdigkeiten gegründet.

Auf den Weltreisenden wird das europäische Hongkong weniger Anziehungskraft ausüben als das chinesische. Die ganze chinesische Kultur in allen ihren höchst merkwürdigen Phasen und Einzelheiten zeigt sich ihm hier, ohne daß er zu reisen oder auf seine europäische Bequemlichkeit zu verzichten braucht. In den Kaufläden der Queen Street findet er alle Produkte Chinas in Hülle und Fülle; er kann die schönsten Porzellane, die kostbarsten Silberarbeiten, Holzschnitzereien, Stoffe und Stickereien erwerben, er kann das chinesische Post- und Bankwesen, die Opium- und Spielhöllen, Theater, Vergnügungen kennen lernen; er wird chinesische Hochzeitszüge, Prozessionen, Leichenbegängnisse, Festlichkeiten sehen, ohne daß er sein Hotelfenster zu verlassen braucht. Und wandert er wirklich durch das Gewirr der engsten, schmutzigsten Gäßchen, die Zufluchtsstätten des schlimmsten Gesindels, so kann er es in vollkommener Sicherheit thun; denn überall befinden sich europäische, indische und chinesische Polizisten, die, bei Tag mit Stöcken, zur Nachtzeit mit Gewehren bewaffnet, für seine Sicherheit sorgen. Die Chinesen wissen dies wohl und fügen sich, ja sie werden von den jungen Hongkonger Herrchen in ihrem Uebermut häufig mit Roheit behandelt, ohne sich darüber aufzuhalten. Ich habe mehrfach gesehen, wie diese Europäer, darunter leider auch Deutsche, Chinesen ohne alle Ursache, vielleicht nur weil sie nicht schnell genug aus dem Wege gingen, mit Püffen, Stockschlägen und Fußtritten bearbeiteten. Freilich ist Hongkong auch der Sammelplatz sehr böser Elemente, die Zufluchtsstätte des Gesindels von Canton, Swatau, Futschau und anderer Häfen. Die chinesischen Wohnungen in den hohen europäischen Häusern, welche die mitunter kaum zwei Meter breiten Gäßchen einfassen, starren vor Schmutz; in den Gäßchen selbst ist übelriechender Unrat aufgehäuft, und die gräßlichste Verkommenheit, das größte Elend, treten einem entgegen. Die Kolonialregierung hat dort vieles versäumt und ist viel zu nachsichtig vorgegangen; gerade während meiner Anwesenheit in Hongkong bildete dieses Chinesenviertel einen dankbaren Herd für die furchtbare Beulenpest, die, von Canton ausgehend, sich über das südliche China verbreitete. Aehnlich wie es in der vornehmen, glänzenden Hauptstadt des englischen Weltreiches, in London, Stadtteile giebt, die als eine Schmach europäischer Kultur bezeichnet werden können, ebenso zeigt sich neben dem stolzen, glänzenden europäischen Hongkong das chinesische als eine wahre Brutstätte des Lasters, mit Spelunken, Spielhöllen und Orten der größten Verworfenheit, die leider von den Matrosen der europäischen Schiffe nur zu häufig aufgesucht werden. Im Jahre 1894 konnte die Verwaltung der Kolonie der Beulenpest, die in diesem Stadtviertel wütet, nicht anders Herr werden, als indem sie einen Teil einäschern, einen anderen vollständig neu umbauen ließ. Aber diese Maßregeln hätten vorher, nicht nachher ergriffen werden müssen. Durch die Sorglosigkeit und den Leichtsinn der europäischen Stadtverwaltung hat der Handel Hongkongs zeitweilig sehr gelitten. Ueber 80000 Chinesen flüchteten sich während der Epidemie aus der verpesteten Stadt; viele Tausende wurden dahingerafft. In diesem Chinesenviertel umherwandernd, wunderte ich mich, wie die Söhne des Reiches der Mitte gerade einem solchen Orte den Namen „wohlriechendes Wasser” gegeben haben konnten; denn das ist die Bedeutung des Wortes Hiang Kiang. Der Name Hongkong ist nur der Cantoner Dialekt dafür, und diesen haben die Europäer angenommen.

Macao.

In Hongkong wurde mir der Besuch von Macao von jedem Menschen, mit dem ich darüber sprach, abgeraten. Macao sei heute ein altes, dem vollständigen Verfalle rasch entgegeneilendes Nest ohne irgendwelches Interesse. Was in Macao zu sehen wäre, würde man viel besser in Hongkong selbst, oder in der berühmten Zweimillionenstadt Canton sehen, und jeder Tag, den man Macao widme, sei ein verlorener Tag. Hongkong hatte eine Zeit lang gute Ursache, auf die alte Portugiesenstadt an der Mündung des Perlflusses eifersüchtig zu sein, damals, als es selbst noch in den Kinderschuhen steckte, während Macao der größte und herrschende fremde Hafen von China war. Aber diese Zeiten sind vorüber, und die guten Hongkonger sollten den von ihrer Größe gefallenen Rivalen ein freundlicheres Andenken bewahren. Es thut besonders den Chinesen gegenüber nicht gut, wenn Europäer verschiedener Nationen so schlimm voneinander sprechen, wie es die Bewohner Hongkongs von jenen Macaos thun. Dieser Zwiespalt und diese kleinlichen Eifersüchteleien waren schon vor dreihundert Jahren die Ursache, daß sich die Chinesen die unangenehme streitsüchtige Gesellschaft verbaten und sich gegen alle Europäer ohne Unterschied der Nation absperrten. Ohne sie wäre China vielleicht schon seit Jahrhunderten geöffnet und dem europäischen Verkehr ergeben.

Ich ließ mich von den Hongkongern nicht abhalten, Macao doch einen Besuch zu machen, denn Macao ist nicht allein eine Stadt von größtem historischen Interesse, sondern hat auch heute noch unableugbare Bedeutung. Wohin mich meine Reisen in Ostasien auch führen mochten, von Singapore und Batavia bis nach dem nördlichen Japan und Korea, überall traf ich Portugiesen aus Macao als Geschäftsleute an. Sie waren nicht immer reine Portugiesen, sondern vielfach vermischt mit chinesischem, arabischem, malayischem, japanischem Blut, eine merkwürdig abenteuerliche, unstäte, leidenschaftliche Mischlingsgesellschaft, aber man nennt sie in Ostasien doch allgemein, wenn auch mit Unrecht, Portugiesen und giebt Macao als ihre Heimat an.

Macao wurde schon im Jahre 1557 von den Portugiesen gegründet, die, damals auf ihrer kommerziellen Höhe stehend, den Handel nicht nur mit China, sondern mit der ganzen ostasiatischen Welt beherrschten. Durch die Schaffung eines festen Stützpunktes in China waren ihnen die Mittel in die Hand gegeben, diese Herrschaft auch in späteren Zeiten aufrecht zu erhalten. Aber sie haben es nicht verstanden. In ihrem Uebermut, in der Leichtigkeit, mit welcher sie damals große Vermögen erwerben konnten, in dem Bewußtsein ihrer militärischen Kraft gegenüber den ostasiatischen Völkern ließen sie sich zu unvernünftigen Bedrückungen, Roheiten und willkürlichen, ungerechten Schritten verleiten. Als die Holländer und Engländer in Ostasien erschienen, wurden mit diesen Händel angefangen, statt einig mit ihnen vorzugehen, wie es heute geschieht, und diese unkluge, abenteuerliche Politik hat dem europäischen Handel einen Schaden zugefügt, der in seinem Umfang ganz unberechenbar ist. Ist Macao die Wiege dieses Handels zwischen Europa und Ostasien, so ist es auch gleichzeitig sein Grab, und die heutige verfallene Portugiesenstadt im Süden Chinas zeigt in ihren verlassenen Warenhäusern und vereinsamten Palästen die Grabsteine ihrer einstigen Größe. Hongkong und Canton haben die Erbschaft angetreten. Die Tausende von Schiffen, welche jährlich in die weite Bucht des Perlflusses einlaufen, dampfen an Macao vorüber, um ihre Schätze in dem englischen Emporium abzuladen, das auf der östlichen Seite dieser Bucht, Macao gegenüber, liegt. Mit Macao wird nur noch spärlicher Verkehr unterhalten. Täglich läuft ein kleiner Dampfer von Hongkong in mehreren Stunden nach der Portugiesenstadt, um am nächsten Tage nach Hongkong zurückzukehren. Leicht könnte der Ausflug in einem Tage gemacht werden, wenn nicht zwischen den Schiffskapitänen und den Hotels von Macao ein zärtliches Einvernehmen bestände, durch welches die Besucher dieser portugiesischen Kolonie veranlaßt werden, dort eine Nacht zuzubringen. Aber diese gewährt ihnen dafür Gelegenheit, eine der interessantesten Eigenheiten Macaos kennen zu lernen, nämlich die zahlreichen Spielhöllen. Sie haben Macao zu dem Namen „das Monte Carlo von Ostasien”, dem berüchtigten Baccaratspiel zu dem Namen „Macao”, den Dampfern zu dem Spitznamen „Gambling Steamers” und, ~last not least~, der Verwaltung von Macao zu der reichsten Einnahme verholfen.

Wenn man sich nach zuweilen recht stürmischer Fahrt zwischen zahlreichen Dampfern, chinesischen Dschunken und Fischerbooten hindurch Macao nähert, so gewährt diese Stadt einen ungemein malerischen, um nicht zu sagen großartigen Anblick. Amphitheatralisch ziehen sich die Häuser, überhöht von zahlreichen Kirchen und Türmen, eine sanfte Anhöhe empor, gegen die Küste zu von einer Palastreihe begrenzt, wie sie wohl keine andere Stadt Chinas aufzuweisen hat. An beiden Enden von alten Festungswerken beschützt, zieht sich diese Praya grande anderthalb Kilometer dem Meeresstrand entlang, das Regierungsgebäude, das Rathaus und andere öffentliche Gebäude enthaltend. Leider können die Passagiere größerer Dampfer das herrliche Panorama der Stadt mit ihrem Kranz grüner Berge dahinter nur aus der Ferne bewundern, denn der Hafen versandet immer mehr und ist nur kleinen Dampfern, sowie Dschunken zugänglich. Die großen Ostasiendampfer müssen sechs bis acht Kilometer weit draußen in der Bucht vor Anker gehen, und mit der schlechten Verwaltung und der Konkurrenz von Hongkong hat wohl auch dieser Umstand am meisten zu dem Verfall von Macao beigetragen.

Dieser Verfall zeigt sich dem Besucher der Stadt nicht so sehr in den Gebäuden, als in der Stille und Geschäftslosigkeit, die in den engen, durchaus südeuropäischen Gäßchen herrscht. „~La Cidade do Santo Nome de Deos en China~” heißt die Stadt im Portugiesischen, und sie trägt auch ganz den portugiesischen Charakter mit ihren vielen Klöstern und Kirchen, von denen die schönste, im Jahre 1835 durch eine Feuersbrunst eingeäschert, leider heute nur noch eine traurige Ruine ist. Der Name „die Stadt des heiligen Namens Gottes in China” hat leider auf die Bevölkerung keinen besonders günstigen Einfluß gehabt. Ihrem Leben und Treiben nach zu urteilen, scheint sie vielmehr dem Chinesengötzen Ama zu huldigen, dessen Standbild früher auf dem Platze stand; aus diesem Namen Ama, im Verein mit dem chinesischen Kao (Hafen) entstand Ama-Kao, später verkürzt zu „Macao”. Und doch kann sich dieses verkommene Nest, der letzte Rest der früheren portugiesischen Weltherrschaft, rühmen, einen der größten Gotteskämpfer, den kühnsten und eifrigsten Missionar Asiens, den heiligen Franz Xaver, in seinen Mauern beherbergt zu haben. Er starb auch hier, auf einer kleinen Insel nahebei, im Jahre 1552, ein Zeitgenosse des berühmten Dichters der Lusiade, Camoens, der hier in den Jahren 1550 und 1560 zusammen achtzehn Monate zugebracht hat. Mit Andacht stand ich vor dem bescheidenen Denkmal, das die Portugiesen ihrem größten Dichter hier errichtet haben, bei der Grotte, in die er sich zurückzuziehen pflegte, um seinen Träumen, seinen Dichtungen nachzuhängen. Was würde er, der in der Machtperiode seines Vaterlandes gelebt, heute zu Macao sagen, in welchem zu seiner Zeit der Keim zur Beherrschung von China geschlummert hat! Und wie Portugal China verloren hat, so hat es auch mit diesem größten Reiche der Erde das zweitgrößte der Erde, nämlich Indien, verloren. Was Macao in China, das ist Goa in Indien, auch nur ein Denkmal der Unfähigkeit und Habsucht der früheren portugiesischen Machthaber.

Die malerischen Anhöhen hinter der Stadt emporsteigend, konnte ich die eigentümliche Lage dieser winzigen Kolonie wahrnehmen. Sie erinnerte mich lebhaft an Gibraltar, das den Spaniern gerade so auf der Nase sitzt wie Macao den Chinesen, nur daß die Anhöhen des letzteren sich nicht entfernt mit dem Felsen des Dschebel al Tarik vergleichen lassen. Auch Macao liegt auf einer langen, nach Süden laufenden Halbinsel, die nur durch einen flachen, sandigen Landstreifen von fünfundsiebzig Meter Breite mit dem chinesischen Hinterlande zusammenhängt. Jenseits davon gewahrte ich die Mauern der chinesischen Stadt Tschingan, das die Portugiesen in Casabranca umgetauft haben. Wie groß aber der portugiesische Landbesitz in Wirklichkeit ist, können sie selbst nicht sagen. Sie haben wohl vor lauter Sklavenverkäufen und Spielen in den chinesischen Spielhöllen während der dreiundeinhalb Jahrhunderte ihres Hierseins noch keine Zeit dazu gefunden. Sie behaupten, ihre Kolonie sei einunddreißig Quadratkilometer groß, ein Zehntel von Schaumburg-Lippe, aber die Chinesen geben ihnen nicht einmal das, ja bis zum Jahre 1887 ließen die bezopften Söhne des Himmels überhaupt keine Ansprüche der Portugiesen zu. Ich erkundigte mich über die eigentlichen Besitzverhältnisse in dem monumentalen Regierungsgebäude auf der Praya. Der überaus höfliche Secretario geral do Governo e Secretario de Legaçao (die Portugiesen lieben lange Titel) widersprach den Angaben der meisten Reisewerke, daß Macao gar keine portugiesische Kolonie sei. Bis 1887 hätten die Portugiesen allerdings dem Kaiser von China eine jährliche Miete von 500 Taëls für die Halbinsel gezahlt. In dem Vertrage des genannten Jahres aber wurde der wirkliche Besitz den Portugiesen zuerkannt. Sie haben, um das zu erreichen, dreihundertfünfzig Jahre gebraucht. Kann man sich da über den Rückgang ihres einstigen Weltreiches wundern?

Die heute noch in Macao lebenden Portugiesen, etwa 5000, sind, wie bemerkt, mit wenigen Ausnahmen Mischlinge, denen man die chinesische oder malayische Mutter an den Schlitzaugen und der dunkeln Hautfarbe sofort ansieht. Keine andere Nation Europas hat ein so erstaunliches Anpassungsvermögen, was mit anderen Worten heißt, keine hat sich für die weibliche Hälfte der dunkelhäutigen Menschenrassen so empfänglich gezeigt, so wenig kaukasischen Rassenstolz entwickelt. Ich habe diese Wahrnehmung in Afrika, in Indien, auf den Sundainseln, in Malakka etc. gemacht und sah sie nun auch in China bestätigt.

Wovon die Portugiesen in Macao leben, ist schwer zu sagen. Während in Hongkong und Canton der denkbar regste Handel und Verkehr herrscht, ist es in Macao still, und das ganze noch vorhandene Geschäftsleben liegt in den Händen der 60000 Chinesen, welche das weitaus bedeutendste, lebenskräftigste und wohlhabendste Element in dieser europäischen Kolonie bilden. Das Streben jedes Portugiesen in Macao scheint es zu sein, in irgend einem andern Hafen Ostasiens Unterkunft und Beschäftigung zu finden, oder in Macao selbst irgend eine Regierungsstelle zu ergattern. Es ist gar nicht zu glauben, welches Beamtenheer hier erforderlich ist, um die einunddreißig Quadratkilometer Landes zu verwalten. Das Sprichwort „Viele Köche versalzen die Suppe” hat sich hier glänzend bewährt.

An die europäische Stadt schließt sich jene der Chinesen an, eben so schmutzig, lärmend, belebt wie das Chinesenviertel in Hongkong, aber die Elemente, die sich hier zusammengefunden haben, sind zum Teil noch verlotterter als dort. In früheren Jahrzehnten steckten die chinesischen Kaufleute hier unter einer Decke mit den portugiesischen in Bezug auf den schmachvollen Menschenhandel, der hier getrieben wurde. Harmlose Chinesen wurden unter allerhand falschen Vorspiegelungen angeworben, auch durch Piraten gewaltsam abgefaßt und als Sklaven nach Peru, Kalifornien oder Mexiko verkauft. Eine halbe Million Seelen fielen den Portugiesen so zum Opfer, bevor die chinesische Regierung die Einstellung dieses Kulihandels erwirken konnte. Damit ging die leichteste und ergiebigste Einnahmequelle den Portugiesen verloren, und so warfen sie sich denn im Verein mit ihren chinesischen Freunden auf das Lotteriewesen, das bei einem so spiellustigen Volke, wie die Chinesen, günstigen Boden finden mußte. Wie früher durch den Kulihandel, so wurden nun durch die Lotterie im wahren Sinne des Wortes spielend ungeheure Vermögen erworben, und auch die portugiesische Regierung gewann durch die Abgaben jährlich Millionen. Um das Geld im Lande zu erhalten, hob die chinesische Regierung das Lotterieverbot in China auf, die in Macao befindlichen Lotteriegesellschaften fanden in neugegründeten Anstalten dieser Art in Canton gewaltige Konkurrenten, und damit versiegte auch diese unlautere Einnahmequelle. Statt der früheren Millionen giebt sie heute der Regierung nur etwa 200000 Mark jährlich. Nun warfen sich die guten Bewohner von Macao, dieser Freistätte des Lasters, auf den Opiumschmuggel. Die Chinesen konnten demselben nicht anders beikommen als durch die Gründung einer neuen Zollstation auf der benachbarten Insel Lappa, und so blieben den Portugiesen nur jene Geschäftchen, welche in Macao selbst betrieben werden können, wo sie die Hand der chinesischen Regierung nicht erreichen kann: die Spielhöllen mit Baccarat und dem chinesischen Fan-Tanspiel, das der portugiesischen Regierung immer noch eine jährliche Einnahme von etwa 600000 Mark abwirft. Während die Kaufleute anderer europäischer Nationen in China ihr Augenmerk auf die kommerziellen Bedürfnisse der Chinesen richten, spekulieren die Portugiesen, wie man sieht, hauptsächlich auf deren Laster und Leidenschaften; kein Wunder, daß sie sich unter Chinesen wie Europäern in Asien keiner besonderen Achtung erfreuen.

In den beiden vorzüglichen Hotels von Macao, dem „Boa vista” und dem auf der Praya Grande (der Strandpromenade) gelegenen Hingkeehotel findet der Besucher immer Führer, welche ihn auf seinen Spaziergängen durch die Chinesenstadt begleiten und die hauptsächlichsten Spielhöllen zeigen. So elegant und einladend, wie jene des europäischen Macao, Monte Carlo, sind sie keineswegs, aber dennoch trifft man in ihnen neben Chinesen auch viele Europäer, Portugiesen wie junge englische Clerks, welche auf den „Gambling Steamers” von Hongkong herüberkommen, um ihr Glück zu versuchen. Aus Neugierde setzte ich selbst auch einigemale auf Fan-Tan und -- gewann. Die Einrichtung des Fan-Tantisches ist sehr einfach. Die Spieler setzen sich an die mit 1, 2, 3, 4 bezeichneten Seiten des Tisches und legen ihren Einsatz auf eine derselben. In der Mitte wird ein Haufe von kleinen Münzen oder auch Bohnen, Steinchen etc. zusammengeworfen und mit einer Metallschüssel bedeckt. Sind die Einsätze gemacht, so hebt der Bankhalter die Schüssel ab und zählt den Münzen- (oder Bohnen-)haufen, indem er immer vier und vier davon abstreift. Bleiben eine, zwei oder drei Münzen übrig, so haben jene Einsätze gewonnen, welche auf die mit 1, 2 oder 3 bezeichnete Tischseite gelegt wurden. Bleibt kein Stück übrig, war also die Münzenmenge durch vier teilbar, so streicht der Bankhalter alle Einsätze ein. Es kann aber auch auf alle vier Seiten gesetzt werden, und der Bankhalter zieht einen Teil des Gewinstes für sich ein.

Ein anderes Spiel, das die portugiesische Regierung als Monopol einer Gesellschaft abgetreten hat und aus dem sie eine Einnahme von etwa zweihunderttausend Mark jährlich bezieht, ist das Pak-kap-piu. Die ersten achtzig Schriftzeichen, welche in dem Schulbuche der Chinesen „Die tausend Schriftzeichen Klassiker” enthalten sind, befinden sich auf Papierstreifen aufgedruckt, welche unter die Spieler verteilt werden. Der Bankhalter verkauft nun Karten, welche, auf die Papierstreifen aufgelegt, gerade zehn der achtzig verschiedenen Schriftzeichen bedecken. Bei dem Spiele, an welchem ich in einer der Spielhöllen teilnahm, kostete jede Karte hundert Reis (Macao besitzt die portugiesische Goldwährung). Ich legte meine Karte auf die ersten zehn Schriftzeichen. Der Bankhalter zog nun aus einer verdeckten Schüssel zwanzig Täfelchen und legte sie vor sich auf den Tisch, so daß alle Mitspielenden sie sehen konnten. Jedes Täfelchen enthielt ein Zeichen. Mein Führer hob nun meine Karte auf und sah nach, welche dieser zwanzig gewinnenden Zeichen unter meiner Karte waren. Er zählte deren drei. Ich hatte meinen Einsatz verloren. Hätte meine Karte deren sechs bedeckt, so wäre mir ein Gewinst von hundert Reis zugefallen; bei sieben Schriftzeichen zweihundert, bei allen zehn etwa zehntausend.

Diese beiden Spiele waren in den Spielhöllen, die ich besuchte, die beliebtesten. Aber es wurden deren noch Dutzende andere gespielt, mit Würfeln, Dominos, Bambusstäbchen und den fingerlangen kleinen chinesischen Spielkarten, deren es zwei verschiedene Arten giebt. Ein Spiel mit Dominopunkten auf den Karten zählt deren 32, ein anderes, Ngau-pai genannt und schon seit Jahrtausenden bekannt, besitzt in jedem Päckchen 36 Karten und dürfte wohl das älteste Kartenspiel der Welt sein.

Indessen, weder in Macao noch sonst irgendwo in dem großen Reiche der Mitte beschränken die Chinesen ihre außerordentliche Spielwut auf die Spielhöllen allein. Alt und jung, Männer wie Frauen, reich und arm bis zu dem elendesten Kuli, alles ist von frühester Jugend an dem Spiel ergeben. Man sieht die Chinesen in den Häusern, in den Kaufläden, in Theehäusern, ja selbst in den Vorhöfen ihrer Götzentempel, auf Schiffen und in den Straßen spielen. Jede Gelegenheit wird dazu benützt. Bei meiner Wanderung durch den ungemein reichhaltigen Fruchtmarkt von Macao bemerkte ich ein halbes Dutzend langbezopfter Söhne des Himmels um einen Fruchthändler versammelt, der unter spannender Aufmerksamkeit seiner Zuseher eine Apfelsine schälte. Sorgfältig zerteilte er sie und zählte dann die in ihr befindlichen Samenkörner. Als er das Resultat laut ausrief, wechselten die sechs zusehenden Chinesen Geldmünzen untereinander. Ich konnte mir den Grund nicht erklären. Mein Führer erzählte nun, die sechs Chinesen hätten untereinander auf die Zahl der Samenkörner in der ersten besten Orange gewettet.

Auf dem Perlfluß.

Giebt es auf dem Erdball einen Fluß, auf welchem sich ebenso interessantes, reges, malerisches Leben zeigt wie auf dem Perlfluß? Ich kenne ihn nicht. Man könnte die Themse erwähnen und den Hudson bei Neuyork, aber die breiten Rücken dieser Ströme tragen hauptsächlich gewaltige Ozean- und Flußdampfer, Dampffähren, Schleppschiffe und moderne Segler. Sie sind nur Wasserstraßen, dem Verkehr gewidmet, nicht dem Leben. Leben zeigen wohl der Ganges, Nil, Irawaddi und der Menam, allein lange nicht in dem gleichen Maße wie der Perlfluß, besonders auf der achtzig Seemeilen langen Strecke zwischen dem größten Handelsemporium und der größten Stadt des himmlischen Reiches, zwischen Hongkong und Canton. Dort +lebt+ ein großer Teil der Bevölkerung geradezu auf dem Wasser, und während die modernen Dampfer, welche die Europäer auch auf diesem urchinesischen Fluß verkehren lassen, nur dem Transport von Waren und Passagieren dienen, +wohnen+ auf dem Perlfluß Hunderttausende von Menschen. Auf der breiten Wasserfläche dieses trüben, schlammigen, reißenden Flusses werden sie geboren, verbringen sie ihr Leben und sterben; aus seinen Fluten ziehen sie ihre Nahrung, ihren Lebensunterhalt. Sie sind menschliche Amphibien, denen das Leben auf dem trockenen Festlande kaum erträglich scheint, und die sich nur auf ihren Sampans, Fischerbooten und schwimmenden Häusern wohlbefinden.

Man mag in dem ungeheuren chinesischen Reiche reisen, wohin man will, nirgends wird sich die chinesische Eigenart malerischer zeigen als auf dem Cantonflusse und auf dem Wege dahin. In letzter Zeit wird viel von einer Eisenbahn zwischen Hongkong und Canton gesprochen, vielleicht wird man schon in wenigen Jahren das Dampfroß durch die gesegneten Reisgefilde am Kwantung eilen sehen. Aber wer immer in Zukunft Canton besucht, möge die Flußfahrt dahin unternehmen, wenn er das alte China kennen lernen will. Prächtige große Dampfer von mehreren tausend Tonnen Gehalt vermitteln den Verkehr zwischen den beiden so wichtigen Städten. Als ich eines Morgens nach einer raschen Fahrt in der Jinrickishaw durch das schmutzige Chinesenviertel in Hongkong den Dampfer Hankau bestieg, der mich nach Canton bringen sollte, glaubte ich mich auf einem der schwimmenden Passagierpaläste des Hudson zu befinden, so groß und prächtig sind die Dampfer der Hongkong-Canton- und Macao-Dampfergesellschaft. Auch die Einrichtung dieser blendend weißen Schiffe mit ihren geräumigen, eleganten Salons, ihrem Hurricandeck und ihren schönen Kabinen erinnerte mich an die Hudsondampfer. Nur besitzen sie eine bedenkliche Zuthat, die den amerikanischen Flußdampfern fehlt. In einem an den Salon grenzenden Raume prangte ein kleines Arsenal von Schieß-, Stich- und Hiebwaffen, zum Zugreifen bereit, und als mich ein chinesischer Steward mit lang herabhängendem Zopfe in meine Kabine führte, bemerkte ich in dieser, unmittelbar über meinem Bett, einen haarscharf geschliffenen Säbel und einen geladenen Revolver. Vor den zum Zwischendeck führenden Thüren hielten bewaffnete Matrosen Wache und ließen keinen der tausend oder noch mehr chinesischen Passagiere, welche dort unten zusammengepfercht waren, auf das Oberdeck.

Warum diese Sicherheitsmaßregeln? Sie scheinen heute vielleicht überflüssig, aber in früheren Jahren kam es häufig vor, daß sich chinesische Seeräuber als Passagiere auf die Dampfer einschmuggelten und, sobald diese das Insellabyrinth vor der Mündung des Perlflusses erreicht hatten, den Kapitän, die europäischen Offiziere und Passagiere überfielen, um sie auszurauben. Noch vor einigen Jahren ereignete sich dies auf einem solchen Dampfer, und bald nachdem ich Canton wieder verlassen hatte, berichteten die Tagesblätter aus Hongkong von dem Ueberfall eines chinesischen Schiffes durch Piraten in jenen Gewässern. Sie ermordeten die ganze Schiffsmannschaft und führten das Schiff nach einer unbewohnten Insel, wo sie den Anstrich desselben änderten und es für weitere Piratenzüge benützten. In völliger Sicherheit ist man auch heute noch nicht, trotz der englischen Kriegsfahrzeuge und der kuriosen chinesischen Kanonenboote, welche den Patrouillendienst auf dem Perlfluß versehen. Deshalb wird der Wachtdienst auf den Passagierschiffen sehr streng gehandhabt; eine Anzahl Matrosen mit Revolvern und Säbeln sind stets in Bereitschaft, und neben diesen Waffen giebt es noch andere, nicht minder gefährliche. Der Ingenieur unseres Dampfers zeigte mir gerade gegenüber der Eisenthüre, welche zum Zwischendeck führt, die Mündung eines Schlauches, der mit dem Dampfkessel in Verbindung steht. Im Falle von Meuterei braucht der wachthabende Matrose nur einen Hahn zu öffnen, um die ganze bezopfte Gesellschaft mit heißem Dampf abzubrühen.

Während wir, den herrlichen Hafen von Hongkong verlassend, in das Labyrinth kahler, brauner Felseninseln steuerten, welche der eigentlichen Mündung des Perlflusses, der Boca Tigris, vorgelagert sind, besah ich mir die Einrichtung des Dampfers. In den Räumen der ersten Kajüte gleicht alles, wie gesagt, den Hudsondampfern. Eine Eisenthür führt nach der auf demselben Verdeck befindlichen zweiten Kajüte, welche für die Chinesen der besseren Stände bestimmt ist, und an diese schließt sich eine Kajüte für die chinesischen Damen. In der vornehmen Welt Chinas herrscht in Bezug auf das weibliche Geschlecht eine ähnliche Abschließung wie bei den Mohammedanern, nur daß sich die Chinesinnen niemals verschleiern.

Das Zwischendeck ist für die Chinesen der untern Stände bestimmt. Der ganze verfügbare Raum war mit Zopfträgern angefüllt, die auf mitgebrachten Decken oder Strohmatten lagen oder auf ihren Kisten und Kasten und Kleiderbündeln hockten, denn das Zwischendeck der chinesischen Dampfer besitzt keine Einrichtungsstücke, und jeder Passagier muß für seine Bequemlichkeit so gut als möglich selbst Sorge tragen. Die meisten hatten ihre Tabaks- oder Opiumpfeife im Munde und gaben sich Karten- oder Dominospiel hin; selbst die bettelarmen, halbnackten Kulis, die vielleicht nichts ihr Eigen nannten als das zerlumpte, bis zu den Knieen reichende Beinkleid, ihr einziges Kleidungsstück, und ein paar Sapeken (Kupfermünzen im Wert von einem viertel Pfennig), kauerten gruppenweise auf den kahlen Dielen und frönten dem Spiel. Verkäufer von allerhand Eßwaren, gekochtem Reis, kleinen getrockneten Fischen, Seegras, übelriechenden Eiern und sonstigen abschreckend aussehenden Dingen zogen von Gruppe zu Gruppe, andere verkauften kochendes Wasser für die Theebereitung; hier ließen sich blinde Musiker mit ihren Gesängen, Pfeifen und Gongschlägen hören, dort lauschten Gruppen von Kulis den Märchen und Räubergeschichten von gewerbsmäßigen Erzählern. Auch zahlreiche Frauen befanden sich unter den Passagieren. Die Chinesen sind ein sehr reiselustiges Volk, und der Prozentsatz jener, welche sich auf der Wanderschaft befinden, ist vielleicht größer als bei manchem europäischen Volke. Mütter mit ihren Kindern, junge Mädchen, arme Bootsfrauen und Kuliweiber lagen rauchend, spielend oder mit allerhand Arbeiten beschäftigt auf ihren Binsenmatten. Viele schliefen. Als Kopfkissen dienten ihnen eigentümliche hohle Porzellankästchen in der Form und Größe unserer Bauziegel. Die Atmosphäre in diesen Räumen war trotz der weitgeöffneten Luken geradezu unerträglich. Die kleinen Papierfächer, welche jeder Chinese mit sich führt, waren unausgesetzt in Bewegung; aber der Gestank der Lebensmittel, alten Kleider und Matten, die Ausdünstung von mehr als tausend Menschen, der eigentümliche ~odeur de Chine~, der jedem Gegenstand in diesem Lande anhaftet, konnten weder von den Fächern noch von der stark durchziehenden Seeluft verscheucht werden.

Trotz des ungemein interessanten Anblicks, den die bunt zusammengewürfelte Menge gewährte, eilte ich deshalb bald auf das Verdeck zurück. Wir waren bei den hohen steilen Felsen der Boca Tigris angekommen und fuhren zwischen den starken Batterien hindurch, welche die Chinesen hier zur Verteidigung von Canton durch deutsche Ingenieure haben anlegen lassen. Auch weiterhin zeigen alle Berge, alle Inseln, alle den Fluß eindämmenden Felsen Befestigungen, aber nur solche nach chinesischem Muster. Hohe, blendend weiße Mauern ziehen sich vom Flusse die Anhöhe hinauf und auf der andern Seite wieder herunter. Im Innern dieser so umschlossenen weiten kahlen Räume ist nichts zu sehen als ein oder zwei gemauerte Häuser, welche die Anhöhen krönen, und Steintreppen, welche vom Flusse zu ihnen emporführen. Kanonen, Erdwerke, Waffen, Mannschaften schienen diesen chinesischen Festungen zu fehlen. Die einzigen Anzeichen, daß sich dort Mannschaften befinden mußten, waren zahllose dreieckige Flaggen, weiß mit roten chinesischen Schriftzeichen in der Mitte, oder rot mit weißen Schriftzeichen; zu Hunderten wehten sie auf den Mauern und Gebäuden. Man sagte mir, es würde heute ein hoher Mandarin zur Untersuchung der Festungswerke erwartet, und deshalb der Fahnenschmuck. Ja, wenn die Chinesen mit Flaggen allein Krieg führen könnten!

Weiter stromaufwärts verflachen sich die Ufer, und jedes irgendwie verwendbare Stückchen Land wurde durch die fleißige Hand der Zopfträger in Reisfelder verwandelt. Splitternackt, nur mit großen Strohhüten auf den Köpfen, stehen sie in dem Schlamm und versetzen jedes einzelne der Hunderttausende von zarten Reispflänzlein in schnurgerade Reihen. Selbst die Schlammbänke, welche der reißende Strom hie und da mitten in seinem Bett aufgeworfen hat, zeigen solche Paddy-(Reis-)felder. Wohl äußert sich die Meeresflut bis hinauf nach Canton und hat dort noch ein Spiel von über einen Meter, aber das Salzwasser selbst dringt nicht viel weiter als bis zu der Boca Tigris, und es ist nur die Anstauung des schlammigen Süßwassers, welche weiter oben das Flutenspiel mitmacht. Die weiten, sumpfigen Ebenen werden durch Erddämme eingefaßt, welche mit Lichee und Bananen bepflanzt sind. Nur vereinzelt gewahrt man in diesen Gegenden Palmen. Wären diese zahlreicher vorhanden, die Dörfer zu beiden Seiten des Flusses würden mit ihren düstern, dunklen Schlammmauern an die Fellachendörfer des Nilthales erinnern. An Stelle der Minarets treten hier die eigentümlichen vielstöckigen Pagoden, an Stelle der Moscheen nicht etwa Buddhatempel, sondern die festen viereckigen Steintürme der Pfandhäuser, deren es wohl in jedem Dorfe eins oder mehrere giebt. Sie sind nächst den Pagoden die höchsten und solidesten Bauten in China. Auffällig ist es, daß auch in den Dörfern alle Häuser mit gebrannten Hohlziegeln eingedeckt sind, und daß die Dörfer durchweg parallel zu der Flußrichtung stehen; die abergläubischen Chinesen thun dies aus Furcht vor den bösen Geistern, welche, unsichtbar für sie, in der Richtung des Flusses durch die Lüfte jagen und ihrer Meinung nach durch quergestellte Dächer aufgehalten würden. Im Gegensatz zu der Armseligkeit der Dörfer steht die ungemein sorgfältige Bebauung der sie umgebenden Ländereien. Sie verraten die Jahrtausende alte Kultur, der sie durch die arbeitsamen Chinesen unterworfen wurden. Jede irgendwie verwendbare Erdscholle ist bebaut; neben den Reisfeldern gewahrt man Gemüsegärten, Orangen- und Obstpflanzungen, hie und da erheben sich gewaltige Schattenbäume, und zwischen ihnen hindurch sieht man noch in weiter Ferne Segelboote dahinziehen, wie in Holland. Der Fluß ist in viele Seitenarme gespalten, und je nach ihrer Bestimmung stromauf- oder -abwärts benutzen die chinesischen Fahrzeuge die Flutströmungen im Hauptfluß oder in kleinen Nebenarmen. Ja, diese chinesischen Schiffe! Jedes einzelne verdient in Europa in irgend einem Museum aufgestellt zu werden. Gewiß waren es nicht die Phönizier, sondern die Chinesen, welche die Segelschiffahrt erfunden haben, denn schon vor Jahrtausenden war dieselbe sehr entwickelt. Chinesische Fahrzeuge besuchten die verschiedenen Länder der ostasiatischen und australischen Welt, und wenn sie auch im Laufe der Zeit erheblich verbessert worden sind, so heimeln sie den Reisenden, der ihnen hier auf dem Perlfluß begegnet, doch an, wie die kuriosen Fahrzeuge der alten Portugiesen und Holländer aus der Zeit der großen Entdeckungsreisen. Gegen sie erscheinen die Karavellen des Kolumbus noch modern. Und dabei haben sie sich in China vielleicht in demselben Verhältnis vermehrt wie die riesige Bevölkerung, denn die zahlreichen Flüsse, Seen und Kanäle des großen Landes, wo immer man auch hinkommen mag, sind mit ihnen bedeckt, zu Tausenden und Abertausenden drängen sie sich in den Häfen, an den Kanalschleusen, in den Marktstädten zusammen, zu Tausenden schwimmen sie auch hier auf dem Perlfluß.

Am zahlreichsten sind wohl die Fischerboote, dem ungeheuren Fischreichtum dieses merkwürdigen Flusses entsprechend. Fischerboote überall, in der Mitte des Stromes verankert, in den zahlreichen Buchten oder längs der schlammigen, schilfbedeckten Ufer, mit Netzen, Angeln und Kormoranen, diesen eigentümlichen Vögeln, welche sich die Chinesen ganz unterthan gemacht haben und die mit unendlicher Geduld den lieben Tag lang die Fische aus den Fluten für ihre Herren hervorholen.

An verschiedenen Stellen ist der Fluß von den Chinesen zur Verteidigung gegen die Franzosen und Engländer gesperrt worden. Sie trieben in kleinen Abständen starke Pfähle in den Grund quer über den Fluß und ließen nur schmale, leicht zu verteidigende Durchfahrten für die Schiffe frei. Diese schwarzen, über die Wasserfläche hervorlugenden Pfähle sind für den Fischfang wie geschaffen; die Angriffe der weißen Barbaren waren doch für etwas gut. Ungeheure kohlschwarze Netze hängen an diesen Pfählen, und während die letzteren den Schiffen den Durchzug versperren, thun die ersteren dies in Bezug auf die Fische. Stromabwärts schaukeln sich, durch Seite an die Pfähle befestigt, zahllose aneinandergekettete Sampans, plumpe offene Boote, mit den Fischern darin. Diese haben ihren Opfern, den Fischen, die Art der Fortbewegung im Wasser abgelauscht, denn statt Ruder nach unserer Art zu benützen, hängt ein einziges großes Ruder über den Hinterteil des Bootes ins Wasser und wird durch die Bootsleute hin und her bewegt, ähnlich wie der Fisch seine Schwanzflossen braucht. Hunderte anderer Boote liegen in den Buchten verankert, die schwarzen Netze zum Trocknen auf den Masten aufgehängt.

Nächst zahlreich sind auf dem Perlfluß die kuriosen chinesischen schwimmenden Wohnhäuser, die, aus der Ferne gesehen, das Aussehen schwimmender Pantoffel haben und auch Pantoffelboote genannt werden. Zehntausende dieser Boote bedecken den Fluß, andere Zehntausende liegen in Canton an den Ufern verankert, mit einer Bevölkerung, die nach Hunderttausenden zählt. Jedes dieser Boote beherbergt eine, mitunter auch mehrere Familien. Der hintere Teil des Pantoffelbootes ist offen und dient für die Ruderer. Unter ihnen sind die Vorratsräume für Lebensmittel, Getränke, allerhand Hausrat, lebende Schweine, Enten, Gänse und gar häufig auch Kinder. Sind die Eltern an der Arbeit, oder werden Passagiere mit dem Boote befördert, so wird die kleine unangenehme, störende Gesellschaft einfach in diese dunkeln Vorratsräume gesteckt. Das Vorderteil des Bootes ist durch ein tonnenartiges, nach hinten offenes Gewölbe eingedeckt, aus Reifen bestehend, die mit Brettern oder Leinwand überzogen sind. Unter dem Gewölbe befinden sich lange Bänke, welche der Bootsfamilie tagsüber als Sitze, zur Nachtzeit als Betten dienen. Der Fluß ist die Welt, in welcher diese Leute leben. Unaufhörlich kreuzen sie mit ihren Fahrzeugen hin und her, vollständig unbekümmert um die großen Dschunken und europäischen Dampfer, welchen sie häufig den Weg versperren. Die Steuerleute müssen die Dampfpfeife unaufhörlich ertönen lassen, um diese Boote zu warnen, und an den Flußsperren, wo sich Hunderte von Booten an den kaum vierzig Meter breiten Durchlässen zusammendrängen, werden gar häufig einzelne umgerannt. Sie scheinen aber geradezu mit Absicht das Fahrwasser der Dampfer aufzusuchen und fahren auf zwei, drei Schritte Entfernung vor dem scharfen Bug vorbei, in beständiger Lebensgefahr. Wie mir der Kapitän des „Hankau” erzählte, betrachten sie dieses Passieren des Dampferbuges in ihrem Aberglauben als glückbringend. Was mir gelegentlich meiner ersten Fahrt auf dem Perlflusse auffiel, waren die roten Leinwandlappen und roten Papierstreifen, welche jedes einzelne Boot, jede Dschunke auf den Masten, am Bug und an den Seiten zeigte. Vorn auf der Spitze jedes Schiffes brannten außerdem Joß-sticks (Räucherkerzen) in großen Mengen, und wer immer ein Gong besaß, schlug wie besessen unaufhörlich darauf los. Durch diese abergläubischen Mittel wollten die Bootsinsassen die bösen Geister bannen. In Canton und den umliegenden Ortschaften wütete gerade die sibirische Beulenpest. Tausende fielen dieser schrecklichen Plage täglich zum Opfer, und die Chinesen kennen kein anderes Mittel, ihr entgegenzutreten, als daß sie die bösen Pestgeister auf die genannte Art verscheuchen.

Zwischen den Sampans und Fischerbooten schwimmen Hunderte von Dschunken den Fluß auf und ab, große plumpe Kästen mit hohem Bug und noch viel höherem Stern, mit bunten Farben überschmiert und an den Seiten mit grotesken Fratzen bemalt. Die Seitenwände dieser Fahrzeuge laufen gegen das Steuer zu nicht zusammen wie bei unseren Schiffen, sondern verlängern sich geradlinig um etwa einen Meter oder noch mehr über das Steuer hinaus. In diesem so gebildeten Schlitz steckt das Steuerruder mit einer Reihe vertikaler Einschnitte, durch welche beim Steuern das Wasser durchschießt. Auf dem plumpen, bunt bewimpelten Mast sitzt gewöhnlich nur ein großes Segel, nicht aus Stoff, sondern aus einer Binsenmatte bestehend, die mit fächerartigen Rippen versehen ist. Wird das Segel entfaltet, so öffnet es sich mit divergierenden Rippen ähnlich wie ein Fächer, dem der Knopf abgeschnitten wurde. Die zahlreichen Löcher und aufgesetzten Flecke zeugen nicht nur von dem Alter dieser Mattensegel, sondern auch von den Stürmen, welche die Boote in den chinesischen Gewässern, besonders zur Teifunzeit, zu überstehen haben. Der Bug mancher Dschunke zeigt eine grotesk geschnitzte scheußliche Fratze, bei allen Dschunken aber sitzen nahe dem Bug zwei ungeheure runde Fischaugen, welche den Schiffskörpern das Aussehen scheußlicher Seeungetüme verleihen. Als ich einen Chinesen in Canton über den Zweck dieser aufgemalten Augen befragte, meinte er in der merkwürdigen Verkehrssprache zwischen Europäern und Chinesen im fernen Osten, dem Pidgen-English: „~No got eye, no can see; no can see, no can go~” (hat kein Auge, kann nicht sehen; kann nicht sehen, kann nicht gehen).

Viele von den Dschunken, in chinesischer Sprache Tschuank genannt, sind für den Passagierverkehr zwischen Canton und den Küstenstädten, sowie Formosa, Hainan, ja Singapore und den Sundainseln bestimmt; andere liegen nur dem Frachtenverkehr oder dem hier in großartigem Maßstabe betriebenen Schmuggel ob. Zu seiner Verhinderung besitzt die Zollbehörde eine Anzahl von Kanonenbooten, welche sich durch besondere Schnelligkeit auszeichnen und deren Befehlshaber Europäer sind. Aber auch die Chinesen haben auf dem Perlflusse eine Menge von Kanonenbooten, hauptsächlich gegen die Seeräuber bestimmt, auf die sie nach Thunlichkeit Jagd machen. Diese Kanonenboote sind nichts weiter als gewöhnliche Dschunken mit einer Kanone auf dem Stern und einer Bemannung von etwa einem Dutzend Soldaten. Die großen rotweißen Flaggen auf der Mastspitze künden den Schmugglern schon von weitem die chinesische Hermandad an, so daß sie beizeiten Reißaus nehmen können.

Aus dem Perlfluß verkehren gegen sechzig verschiedene Arten von Dschunken. Viele von ihnen, besonders die Privatfahrzeuge reicher Chinesen, sind mit prachtvollen Schnitzereien und Vergoldungen geschnitzt und sehr rein gehalten. Nichts kann malerischer sein als diese kurios geschwungenen, stets wie zu einer Hochzeit mit Wimpeln und bunten Flaggen geschmückten großen Schiffe, die nirgends als nur in China zu sehen sind und eine der größten Merkwürdigkeiten dieses Landes bilden. Für den Passagierverkehr zwischen Hongkong und Canton, auch weiter stromaufwärts bis Shaoking, dienen unter anderen eigentümliche Fahrzeuge, welche die Europäer spottweise „chinesische Dampfer” nennen. Eben kam uns eines derselben entgegengefahren, und es hätte nicht viel gefehlt, so wären wir mit ihm zusammengestoßen. Der Form nach war dieses Schiff den europäischen Dampfern ähnlich, nur besaß es statt der Schaufelräder an den Seiten ein einziges Schaufelrad auf dem Stern, ähnlich den berüchtigten Stern-wheelers auf dem Ohio und Mississippi, die ich auf meinen amerikanischen Reisen so häufig zu benutzen gezwungen war. Aber statt durch eine Dampfmaschine, wurde dieses Schaufelrad durch Menschenarbeit in Drehung versetzt. Vor dem Schaufelrad befand sich nämlich unter dem Verdeck ein großes Tretrad, und auf diesem steigen unaufhörlich, in Schweiß gebadet, etwa zwei Dutzend halbnackter Kulis einher. In früheren Jahren führten manche dieser „Dampfer”, um die Täuschung für die chinesischen Passagiere noch vollständiger zu machen, mittdecks einen hohen schwarzen Schornstein, unter dem ein Feuer aus feuchtem Holz unterhalten wurde, damit der aus dem Schornstein qualmende Rauch recht weit sichtbar war. In neuerer Zeit sind die Schornsteine verschwunden, aber die Treträder sind geblieben, fürwahr eine billige Triebkraft, denn jeder Passagier, der sich dazu hergiebt, das Rad zu treten, hat freie Fahrt. Dabei melden sich stets doppelt und dreifach so viele Passagiere, als der Schiffseigentümer zur Fortbewegung des Schiffes braucht.

Die einzige Station, bei der wir auf dem Wege nach Canton anhielten, war das alte Whampoa, früher der Handelshafen der Riesenstadt Canton, denn bis hierher konnten die großen Seeschiffe vordringen. Auf den benachbarten Anhöhen erheben sich zwei alte, vierstöckige Pagoden, die sich in der herrlichen Umgebung dieses einstigen Welthafens sehr malerisch ausnehmen und die Wahrzeichen Whampoas bilden. Aber Glanz und Reichtum sind längst dahin, und an Stelle der einstigen reichen Hafenstadt befindet sich ein elendes chinesisches Fischerdorf, von den Zollbeamten spottweise die „Bambusstadt” genannt. Die einstigen Docks und Reparaturwerkstätten der Europäern wurden an die chinesische Regierung verkauft, welche sie zur Ausbesserung und Ausrüstung ihrer Kanonen- und Torpedoboote eingerichtet hat. Auch eine Marineschule befindet sich hier.

Während unser Dampfer in der Mitte des Stromes anhielt und einige Boote den Passagierwechsel bewerkstelligten, wurde mein Augenmerk durch ein höchst malerisches Schauspiel gefesselt. Von Canton her kam auf dem Flusse eine Flottille von etwa einem Dutzend Booten herabgeschwommen; war es denn chinesische Fastnacht? Aus der Ferne betrachtet, erschienen mir diese Boote wie aus einem kölnischen Karnevalsumzug herausgerissen. In phantastischen Farben prangend, über und über mit Fahnen, dreieckigen und viereckigen Bannern, bunten Wimpeln und roten Papierstreifen geschmückt, zeigte jedes Boot eine andere mehr oder minder verzwickte Form. Am glänzendsten und reichsten erschien das erste Boot, auf dessen Mast die gelbe kaiserliche Fahne mit dem blauen Drachen wehte. Unter seltsamen Musikklängen und lärmenden Gongschlägen zog es an uns vorüber. Soldaten mit blauen Kitteln und roten Kreisen auf Brust und Rücken standen auf dem Verdeck, und unter einem bunten Baldachin saß rauchend ein hoher Mandarin. Dieses offizielle Mandarinboot wurde von einer Anzahl Kanonenboote und Dschunken begleitet, die alle ähnlichen Flaggenschmuck zeigten. Wie mir der chinesische Comprador unseres Dampfers mitteilte, war der Mandarin der auf einer Inspektionsreise begriffene Provinzbefehlshaber. Aber selbst diese phantastischen Züge werden zu gewissen Zeiten weitaus übertroffen, wenn in den größern Städten und vor allem in Canton das Fest der Drachenboote abgehalten wird, eine Art Wasserkarneval, der aus dem dritten Jahrhundert vor Christo stammt und sich seit zwei Jahrtausenden alljährlich wiederholt. Gerade während meines Aufenthaltes in Canton wurde zur Verscheuchung der sibirischen Pest von dem Provinzstatthalter ein solches Fest anbefohlen. Die phantastische Ausschmückung dieser zwanzig bis dreißig Meter langen, in Drachenform gebauten Boote spottet jeder Beschreibung. Unter dem furchtbarsten Lärmen, Gongschlagen, Schreien und Singen, mit Feuerwerk und bengalischen Lichtern schießen diese von fünfzig bis sechzig Rudern fortbewegten Boote zwischen den Tausenden von Sampans und Pantoffelbooten, die ebenfalls mit Laternen bedeckt sind, auf und nieder, und häufig kommt es bei den Wettfahrten zu ernsten Unglücksfällen.

Bald nachdem wir Whampoa verlassen hatten, passierten wir die letzte Strombarriere, unter fortwährender Gefahr, einige der immer zahlreicher werdenden Boote umzurennen, und endlich gewahrte ich in der Ferne zwischen den zahllosen Masten dieses belebtesten Flusses der Erde das Häusermeer der Zweimillionenstadt Canton, überragt von dem höchsten Gebäude derselben, von der katholischen Kathedrale mit ihren zwei Türmen. Unwillkürlich wurden meine Blicke von dem aufregenden, malerischen Flußschauspiele abgezogen, und staunend mußte ich immer wieder diese Wahrzeichen des Christentums betrachten, welche inmitten dieser fremden, heidnischen Welt uns so packend an die ferne christliche Kultur gemahnten.

Canton.

Zu den beiden Seiten des ungemein belebten Flusses erhebt sich die Riesenstadt; ihr Häusermeer dehnt sich von den Ufern viele Kilometer in die Ebene aus, zieht sich an den Bergwänden im Westen empor und schwindet endlich zwischen den Bäumen des ungemein fruchtbaren, reich bebauten Landes. Aber vergeblich sucht unser Auge nach hervorragenden architektonischen Werken, nach Tempeln und Palästen und Türmen; chinesische Städte kennen diesen Schmuck nicht. Vereinzelt hebt sich eine mehrstöckige alte Pagode über das Meer der einförmigen, grauen, gleichhohen Hausdächer; hie und da ragen feste viereckige Türme, aus Grauziegeln gebaut, empor, wie die Türme von Ritterburgen, aber sie sind nichts weiter als Pfandhäuser, die in China eine gar wichtige Rolle spielen; das einzige wirklich bemerkenswerte Gebäude dieser urchinesischen Millionenstadt, das wir schon auf viele Meilen Entfernung wahrgenommen hatten, geradezu das Wahrzeichen Cantons bildend, ist die schon erwähnte gotische Kirche mit zwei hohen Türmen, die Kirche des katholischen Bischofs von Canton.

Der Ruf unserer Dampfpfeife hatte Hunderte von Sampans in unsere Fahrbahn gelockt, nur mit schwerer Mühe war es möglich, den Dampfer zwischen ihnen hindurch an die Werft zu führen. Wir hatten mehrere hundert chinesische Reisende an Bord, und die Lenker der Sampans umdrängten in mehrfachen Reihen das Schiff, um Passagiere zu ergattern. Unter diesem Getümmel und Geschrei ans Land gehen zu wollen, wäre eitles Bemühen für uns Europäer gewesen; so sahen wir denn eine Stunde lang dem tollen Treiben zu unseren Füßen zu. Die Mehrzahl der Sampans waren von Frauen und Mädchen gelenkt. In blauen, weiten, bis an die halben Waden reichenden Beinkleidern, ein dunkelblaues Hemd mit weiten Aermeln darübergeworfen, ohne Kopfbedeckung und ohne Schuhe, führten sie mit kräftigem Arm das Ruder der schweren Boote. Diese sind ihre Wohnung und gleichzeitig ihr einziges Erwerbsmittel. Die Boote selbst sind vorne und hinten mit einem Deck versehen, auf welchem die Ruderer stehen und sich zwischen den anderen Booten geschickt hindurchzwängen, indem sie Ruder, Kenterstangen und ihre Hände benutzen. In der Mitte jedes Bootes befinden sich ein Paar Bänke, durch ein rundes Holzdach gegen Sonne und Regen geschützt. Dies ist der Sitz für die Passagiere und zur Nachtzeit die Schlafstätte der Bootsleute. Vorne auf dem Bug wird gewaschen und gearbeitet, hinten gekocht und gegessen. Tagsüber rudern sie auf dem breiten, gelben Perlstrom umher auf der Suche nach Arbeit, am Abend ankern sie irgendwo an den Ufern zwischen Tausenden anderen ähnlichen Booten und pflegen der Ruhe. So geht es Tag für Tag, Jahr für Jahr von ihrer Kindheit bis zu ihrem Tode. Selten, wenn überhaupt, kommen sie über die Stadtmauern von Canton hinaus.

Die Ankunft der großen Hongkongdampfer giebt ihnen mehr Arbeit, als sie sonst finden würden; deshalb der Zudrang dieser Hunderte von Booten, deshalb dieses Schreien und Stoßen und Drängen und Hasten, daß uns angst und bange wurde. Endlich, nach langem Warten, war der letzte Chinese, das letzte seiner Gepäckstücke, Kopfkissen und Strohmatten (denn auch solche nimmt der Chinese stets mit auf die Reise) in den Sampans untergebracht, und es kam nun die Reihe an uns. Schon längst hatte sich eines der Bootsweiber uns angeschlossen, ein strammes, einäugiges Weib, das gar nicht übel englisch sprach und uns die Karte des Shameenhotels überbrachte. Der Kapitän des Schiffes, ein Mann, der seit dreißig Jahren in China weilt, hatte sie als durchaus zuverlässig empfohlen; Susan, so lautet ihr Spitzname, hat wohl den größten Teil der europäischen Touristen seit vielen Jahren in ihrem Sampan nach dem Hotel gebracht. In ihrem Buche hatten die meisten ihren Namen eingetragen, darunter berühmte Persönlichkeiten; sie kannte jedermann in Canton, und jeder kannte sie. Ihr Mann faulenzte in der Stadt und schmauchte Opium, sie arbeitete Tag und Nacht und hatte sich trotz der Lumperei ihres Gatten ein Vermögen von mehreren tausend Dollars zusammengescharrt. Mit kräftigen Armen hob sie unsere schweren Koffer auf die Schulter und beförderte sie behutsam auf ihren Sampan. Dann führte sie uns über die schmalen schwankenden Bretter in das Boot und ruderte uns zwischen Tausenden von Booten in den Kanal zur Landungstreppe des Shameenhotels. Ueberall sahen wir, daß diese Sampans nur von Weibern gelenkt und bedient wurden; selbst kleine Mädchen, kaum mehr als sechs bis acht Jahre alt, ruderten schon fleißig und machten sich auf den kleinen schwankenden Booten nützlich.

Das Shameenhotel liegt auf der kleinen flachen Insel im Cantonfluß, welche die Chinesen den Engländern und Franzosen als Niederlassung für ihre Kaufleute und Konsulate vor etwa zwei Jahrzehnten abgetreten haben. Tausende von Jahren bis zu dieser Abtretung war die Insel nichts weiter als eine wüste Sandbank im Herzen der chinesischen Millionenstadt. Zwei Jahrzehnte hatten genügt, um darauf eine der schönsten und reinlichsten Europäerstädte Asiens hervorzuzaubern. In ihrer Art ist sie vielleicht ebenso merkwürdig wie Canton selbst. In dem elenden, schmutzigen, aller Beschreibung spottenden Straßengewirr der Chinesenstadt ist es natürlicherweise Europäern geradezu unmöglich, zu wohnen; dafür bauten sie sich auf Shameen schöne einstöckige Häuser, die sich mit jenen unserer modernen europäischen Villenviertel vergleichen lassen. In langen Reihen stehen sie da, umgeben von kleinen wohlgepflegten Gärten, manche von ihnen überhöht von Masten, auf welchen die Flaggen der verschiedenen Konsulate flattern. Unter den mehreren hundert Einwohnern sind die meisten europäischen Nationen vertreten. Am zahlreichsten findet man Engländer und Deutsche, die hier große Ausfuhrgeschäfte besitzen. Die Stadt untersteht weder den Chinesen noch irgend einer europäischen Nation, sie ist eine Republik für sich, und zwar eine der internationalsten Art und im vollsten Sinne des Wortes unabhängig. Sie hat ihr Theater, ihren Klub, ihren philharmonischen Verein, ihre Parks, ihre Gärten, ihren Lawn-Tennis-Ground, aber keinen einzigen Kaufladen nach europäischer Art, sie hat auch keine Straße. Ein Stadtrat, aus Mitgliedern der verschiedenen Nationen gewählt, besorgt die Verwaltung. Shameen hat seine eigene Polizei, Wasserleitung, Feuerwehr, alles in vortrefflicher Verfassung, ein Muster für das benachbarte Canton, das heute noch regiert wird und so aussieht wie vor tausend Jahren. Die Bewohner Shameens, mitten in dem Mongolenreiche lebend, abgeschnitten von der Außenwelt, sind dabei doch ganz vergnügt; ihren Bedarf an Lebensmitteln etc. beziehen sie teils aus Canton, teils aus einem Warenlager, das nach Art der Konsumvereine eingerichtet ist, und Straßen brauchen sie nicht, weil man im ganzen südlichen China keine Wagen kennt. Das einzige Verkehrsmittel in Shameen, ebenso wie in Canton sind Tragstühle.

Die Insel ist wie eine Festung gegen die Chinesenstadt abgesperrt. Auf der einen Seite bespült sie der breite Cantonstrom, wo gewöhnlich ein paar europäische Dampfer, darunter häufig solche mit deutscher Flagge, vor Anker liegen, auf der anderen Seite trennt sie ein Kanal mit senkrechten Steinufern von Canton. Die beiden darüber führenden Brücken sind durch starke Eisengitter abgesperrt und von dem Shameener Polizeikorps, wie von chinesischen Soldaten bewacht, als würde man jeden Augenblick einen Ueberfall von seiten der Mongolen befürchten.

Diese Ueberfälle waren in früheren Jahren thatsächlich gar nicht selten. Noch in den achtziger Jahren drang der tolle Pöbel Cantons nach Shameen und brannte einen Teil der europäischen Stadt nieder. Die Konsuln schilderten mir die Bevölkerung Cantons als die gefährlichste von China: leicht aufbrausend, fanatisch und von Fremdenhaß erfüllt. Ueberall wurde ich zur Vorsicht gemahnt, selbst in Shameen, obwohl man dort weniger Furcht vor den Cantonesen hat als anderswo. Thatsächlich brachte ich Tage auf der Wanderung durch die entlegensten Viertel Cantons zu, nur begleitet von einem englisch sprechenden Chinesen, Namens Ah-Kham, aber nirgends begegnete ich der geringsten Feindseligkeit. Die Leute, von denen manche vielleicht noch niemals einen Europäer gesehen hatten, betrachteten mich neugierig, aber sie erwiderten freundlich meinen Gruß. Ich trat, ohne irgendwie gehindert zu werden, in Buddhatempel und Gefängnisse, in Kaufläden und Privathäuser, und das Bangen, das ich während der ersten halben Stunde in dem engen Gäßchenlabyrinth der so übel beleumundeten Stadt unwillkürlich empfand, wich allmählich dem Gefühl vollständiger Sicherheit.

Die Chinesen behaupten, die größte Stadt ihres Reiches sei Canton. Es wird wohl auch so sein, obwohl diese abergläubischen Leute nie eine Volkszählung gemacht haben. Sie meinen, das wäre schlechtes Joß, das heißt, es brächte Unglück. Die Angaben, nach einer allgemeinen Schätzung, schwanken zwischen einer Million und zweieinhalb Millionen. Es kommt ja auch gar nicht darauf an. Haben sie doch in ihrem Reiche mehr Einwohner als das ganze große englische Kolonialreich, Rußland, die Vereinigten Staaten und ein paar europäische Königreiche zusammengenommen. Manche ihrer Provinzen zählen zwanzig bis dreißig Millionen, eine ganze Menge von Städten, die man in Europa nicht einmal dem Namen nach kennt, haben eine bis anderthalb Millionen Einwohner, Canton aber ist die größte darunter.

Es ist wohl auch die sehenswerteste, nicht etwa wegen architektonischer Bauten, großstädtischer Anlagen, Schulen, Museen, Fabriken etc. Derlei Dinge besitzen chinesische Städte überhaupt nicht. Im chinesischen Reiche giebt es, nicht einmal den Kaiserpalast in Peking ausgenommen, kein einziges Gebäude, das sich an Größe und Pracht mit irgend einem unserer modernen Miethäuser messen könnte; die Tempel sind größtenteils armselige, schmucklose Bauten, in deren Höfen Unkraut wächst. Die Privathäuser der Reichen sind unscheinbar. Die große Prüfungshalle für staatliche Beamte in Canton gleicht einer Ruine, Museen existieren nicht, außer man betrachtet die Städte selbst als solche, Fabriken kennt man nicht, und in ganz Canton giebt es noch keine Dampfmaschine, keinen Betrieb durch Wasserkraft, kein Gas, keine Elektrizität. Canton ist ebenso wie alle anderen Städte Chinas heute noch so, wie es vor fünfhundert, vor tausend, vor zweitausend und mehr Jahren war, mit derselben Kultur, denselben Gebräuchen und Sitten und Manufakturen, nur ist es größer geworden. Es ist gewachsen, nicht fortgeschritten. Vor viertausend Jahren hatte es schon ähnliche Münzen wie heute, und was es zur Zeit Christi geschaffen und gethan, schafft und thut es heute noch, das ewige Einerlei, kein Fortschritt, kein Rückschritt; China blickt nicht in die Zukunft, es kennt nur seine Gegenwart und besser noch als diese seine Vergangenheit.

Und weil von all den sogenannten Sehenswürdigkeiten in Canton nichts vorhanden ist, wird es von unseren modernen Globe-trotters gemieden, und die Mutigsten unter ihnen widmen ihm höchstens einen Tag. Von den Hunderten Touristen, die es jährlich besuchen, bleiben nicht zehn Prozent länger als einen, nicht zwei Prozent länger als zwei Tage. Und doch ist Canton eine Stadt, die selbst bei monatelangem Aufenthalte immer etwas Neues bietet, denn nirgends ist das Volksleben anregender, interessanter, merkwürdiger, seltsamer. Nirgends kann man einen tieferen Einblick bekommen in das fremdartige Wesen der mongolischen Welt, die heute noch größer als die kaukasische und dabei so total verschieden von dieser ist, daß die beiden nichts miteinander gemein haben als die Geburt, das Leben, das Sterben. China liegt nur in einem anderen Kontinent, es scheint, als läge es auf einem anderen Planeten.

Schon an der Brücke, die von Shameen nach Canton führt, zeigt sich diese fremde Welt. Chinesische Soldaten kauern hier rauchend oder Opium schmauchend auf den Strohmatten in ihrer Wachtstube. Vor dieser sind große, mit bunten Fratzen bemalte Schilder aufgestellt, im Innern stehen dreispitzige Lanzen, lange, nur mit zwei Händen zu gebrauchende Schwerter, Büchsen mit trichterförmiger Mündung, Gewehre mit Feuersteinschlössern, kurze doppelte Säbel in einer Scheide, rote und weiße Fahnen mit fremdartigen chinesischen Schriftzeichen. Die Soldaten tragen keine besondere Uniform, nur ist ihr blaues Hemd mit roten Borten besetzt, und auf einem weißen runden Schilde auf der Brust zeigen sich in schwarzer Schrift Nummer und Gattung ihres Regiments. Auf ihren langbezopften Schädeln tragen sie einen tellerförmigen, spitz auslaufenden Hut, an den Füßen Sandalen. Bei jeder Wachtablösung wird an einer großen alten Kesseltrommel ein Heidenlärm gemacht, und vier Chinesen bringen aus den etwa zwei Meter langen Tuben langgezogene einförmige Klagetöne hervor. Europäer werden durch das Brückengitter eingelassen, Chinesen nicht.

Die schönen, wohlgepflegten Wege Shameens hören mit einem Male auf, sobald man das jenseitige Kanalufer erreicht, und binnen wenigen Minuten ist man mitten in dem seltsamen Gewirr schmaler Gäßchen, welche Canton bilden. Unter den tausenden Gäßchen giebt es nur wenige, in welchen man mit ausgestreckten Armen nicht beide Seiten berühren könnte. Stundenlang durchirrte ich dieses Labyrinth, ohne irgend ein System in dasselbe bringen zu können, ohne zu wissen, wo ich mich befand, wohin mich wenden. Die Gassen sind alle geradlinig, manche über ein Kilometer lang, mit unzähligen Seitengassen, gerade so weit, gerade so aussehend wie die andern, ohne irgend welchen Anhaltspunkt, um sich zurechtzufinden. Offene Plätze, Boulevards, Kanäle, Gärten giebt es keine. Ebenso fehlt es an irgendwelchen auffälligen Gebäuden. Die Hunderttausende von Häusern, die hier dicht aneinander gedrängt stehen, sind alle gleich gebaut und annähernd von gleicher Größe. Graue, harte Ziegel sind bei allen das Material; die Ecksteine an den Eingängen sind Granit, die Dächer überall mit gebrannten Hohlziegeln bedeckt, die durch Mörtel fest miteinander verbunden sind. Schornsteine und Kamine sind nirgends zu sehen. Die Mehrzahl der Häuser besitzt nur ein Stockwerk, und dieses ist ganz von einem einzigen Raume erfüllt, der sich nach der Straße hin öffnet und von dieser Luft und Licht empfängt. Fenster giebt es keine. Die Häuser im Innern der Stadt tragen noch ein zweites, viel niedrigeres Stockwerk, durch eine steile Leiter oder ebensolche Holztreppe mit dem unteren verbunden. Nur einige chinesische Speisehäuser, Theater und Gasthöfe sind größer, höher, geräumiger, aber auch sie haben keine Fenster und Thüren. Die Thüröffnung nach der Straße hin hat die ganze Breite des Hauses, und soll sie zur Nachtzeit geschlossen werden, so werden vertikale starke Pfosten, eine Art Gitter bildend, in die Thüröffnung eingesetzt und durch Querbalken festgehalten. Nur Privathäuser besitzen Thüren nach unserer Art. In den Geschäftsstraßen der inneren Stadt giebt es nur wenige solche; je weiter man aber hinauskommt, desto häufiger werden die Privathäuser, desto stiller demgemäß auch die Straßen. Die Thüren, zu denen gewöhnlich einige Stufen emporführen, stehen offen, doch erhebt sich auf etwa ein Meter Entfernung hinter ihnen eine Holzwand, welche das Innere des Hauses den Blicken der Vorübergehenden entzieht. Auf diesen Holzwänden prangen gewöhnlich in bunten Farben die grotesken Bilder zweier Götzen, der Schutzpatrone des Hauses, auf den Steinstufen der Thüre kauern ein paar Weiber, auf der Bank vor der Bretterwand ruhen ein paar chinesische Diener. Trat ich, ungehindert durch diese Pförtner, in den Hofraum, so fand ich in den meisten Häusern neben der Thür eine Anzahl alter dreispitziger Lanzen, Schwerter und alter Feuerstein- oder Luntengewehre aufgestellt. Von dem Hofraum aus öffnen sich die Thüren nach dem Labyrinth der Wohnungen, Pavillons, Ahnenhallen, Tempel, Gärtchen und Bassins, welche die Wohnung der reichen Chinesen und ihrer Familien bilden. Nach außen sind diese großen Räume von einer hohen grauen, fensterlosen Mauer umschlossen, eine Art Stadt und Festung für sich. Unmittelbar daranstoßend sind wieder die labyrinthartigen Gäßchen, in denen jedes Haus ein Kaufladen ist, dessen entlegenste Winkel man von außen sehen könnte, wäre hinreichend Licht vorhanden. Aber hier herrscht ewige Dämmerung. Ueber die Hausdächer sind quer über die Straße Matten und Bretter gelegt, und von diesen hängen Tausende der eigentümlichen chinesischen Firmentafeln und Schilder herab, so tief, daß man sie mit erhobener Hand anfassen könnte. Drei bis fünf Meter lang, prangen sie in den buntesten Farben und sind mit den eigentümlichen malerischen Schriftzeichen in Gold oder Schwarz oder anderen Farben bedeckt. Horizontale Firmenschilder kennt man in China einfach deshalb wenig, weil nicht in horizontaler, sondern in vertikaler Richtung geschrieben wird. Jeder der lose herabbaumelnden Tafeln entspricht nur der +eine+ Kaufladen, der sich in je einem Hause befindet und immer das ganze untere Stockwerk desselben einnimmt. In Canton giebt es Hunderte von Straßen, in welchen jedes Haus einen Kaufladen besitzt, und zwar einer dem andern so dicht sich anschließend, daß nur das Mauerwerk sie voneinander trennt. Gewöhnlich haben sich bestimmte Industrien in bestimmten Gassen angesiedelt, die dann auch entsprechend benannt sind. Die Geldwechsler, Goldarbeiter, Kuriositätenhändler, Schuh-, Kleider-, Schnittwaren- und Papierhändler, die Fächerarbeiter, Holzschnitzer, Möbeltischler, Messingarbeiter etc. haben alle ihre eigenen Gäßchen, in denen sie nicht nur ihre fertigen Waren zur Schau gestellt haben, sondern auch vor den Augen der Passanten an neuen Waren arbeiten. Die elegantesten Kaufläden, in verhältnismäßig etwas weiteren Gassen gelegen, zeigen den einzigen in ganz Canton wahrnehmbaren Luxus, ja diese Kaufläden mit ihrer Ausstattung würden auch in europäischen Städten Aufsehen erregen. Herrliche Holzschnitzereien, geschichtliche Ereignisse darstellend, oder vorzügliche Nachahmungen verschiedener Blumen, Bäume und Schlingpflanzen, reich vergoldet, schmücken den Eingang; sie hängen an den Seiten des inneren Raumes und bilden im Hintergrunde desselben einen altarartigen Aufbau, dessen Mittelstück gewöhnlich ein bunt gemaltes, groteskes Bild des Kriegsgottes in goldenem Rahmen bildet. Vor diesem Götzen brennen Oellampen und sind einige Sträuße von Papierblumen aufgehängt. Unter dem Altar oder an den Seiten des Kaufladens im Hintergrunde sitzt der Eigentümer an einem kleinen, mit Holzschnitzereien gezierten Tischchen, auf dem sich gewöhnlich die Geschäftsbücher, dann eine Wage zum Abwägen des Geldes und ein Rechenbrett befinden. Ohne Wage würde der Händler betrogen werden, denn in Canton herrscht in Bezug auf das Bargeld eine ähnliche Sitte wie in England mit den Banknoten. Dort werden die letzteren von den jeweiligen Eigentümern unterschrieben, in Canton erhält jeder Silberdollar von dem jeweiligen Besitzer seinen Stempel aufgeprägt. Deshalb bekommen die meisten Dollars, die man in Canton erhält, durch das Abstempeln die Form kleiner, halbrunder Schalen, ja vielen fehlt sogar der Boden; ich habe zahlreiche Dollars gesehen, die nur aus dem äußeren Kranz bestanden. Der ganze mittlere Teil war herausgeschlagen und lag in kleinen und größeren Stücken in den Geldschüsseln der Kaufleute. Wird einem Kaufmanne als Bezahlung für die gekaufte Ware ein Dollar dargereicht, so prüft er ihn gewöhnlich zuerst nach dem Metallklange, dann nach seinem Gewicht, und das Fehlende muß von dem Käufer ersetzt werden.

Das Rechenbrett ist jedem chinesischen Kaufmann oder Händler geradezu unentbehrlich, die allereinfachsten Zählungen werden an den schwarzen Kugeln des Rechenbrettes ausgeführt, und beim Durchschreiten der Gäßchen hört man fortwährend ihr Geklapper. Europäische Kaufleute in China gewöhnen sich auch bald an ihren Gebrauch, bis sie ihnen schließlich unentbehrlich werden. Wo immer der Chinese sich ansiedelt, verwendet er auch sein Rechenbrett. Ich fand es in den Chinesenvierteln in San Francisco, Lima, Batavia, Portland, Singapore bei jedem einzelnen chinesischen Kaufmann. Alle Kaufläden stehen nach der Straße zu weit offen; jedermann kann nach Belieben eintreten, kaufen oder nicht kaufen. Der Chinese wird jedem Besucher seine Waren mit großer Geduld vorlegen und ebenso geduldig an dem Preise festhalten, obschon er schließlich doch gerade so nachgiebig wird, wie die Korallenhändler von Neapel. Die Kaufläden scheinen gewissermaßen Teile der Gäßchen selbst zu bilden. Bei dem ungemein regen Verkehr, der sich tagsüber in diesen bewegt, würden sich Menschen, Tragstühle, Lasten aller Art binnen wenigen Minuten ineinander festkeilen, wenn nicht die Kaufläden den Menschen Gelegenheit gäben, einzutreten und auszuweichen; freilich wird dadurch so mancher Laden besudelt; der Inhalt manches Unratgefäßes, manches Tragkorbes, deren zwei gewöhnlich mittels langer Stangen auf den Schultern der Träger befördert werden, ergießt sich in den schönen Juwelier- oder Modeladen, aber die Menschen sind daran gewöhnt. Die Ladenbesitzer haben von den Bettlern viel zu leiden; diese ziehen nicht mit offener Hand bittend von Laden zu Laden, sondern führen allerhand Ohrenmartern mit sich, um dadurch eine Gabe zu erzwingen. Hier läutet eine Frau, ein Kind auf dem Rücken, eine große Glocke mit schrillem, durchdringendem Klange, sie tritt in einen Laden und läutet dem Besitzer so lange die Ohren voll, bis er sich zu einer Gabe entschließt, dann zieht sie zu seinem Nachbar. Ein strammer junger Bursche, der aus weiß Gott welchem Grunde Bettler geworden, geht von Laden zu Laden und schlägt in jedem zwei harte, glatte Hölzer aneinander, wie riesige Castagnetten, ein Dritter klappert mit Eisenstücken, ein Vierter schlägt zwei Porzellanscherben aneinander; denn +ohne+ Lärm scheint es kein Betteln zu geben.

Ohne Lärm giebt es auch keine Straße in Canton. In den dämmerigen engen Gäßchen, so eng, wie man bei uns nicht einmal Hauseingänge macht, herrscht tagsüber ein furchtbares Lärmen, Schreien, Klopfen, Trommeln, kurz alle erdenklichen Geräusche. Nur die vielen Hunde, diese Abfallräumer von Canton, sind stumm. Die Gäßchen sind alle wohlgepflastert, aber mit schrecklichem Schmutz und fürchterlichen Gerüchen erfüllt, zumal man in Canton keine Kloaken und keine Wasserleitung kennt; schmutziges Gesindel, Bettler, Aussätzige durchwandern die Gäßchen; Lasten aller Art, Flüssigkeiten, Warenballen, Düngerkörbe, Möbel, alles Erdenkliche wird auf den Schultern der Kulis durch dieses dämmerige Labyrinth hindurchgezwängt, so daß der Fußgänger kaum jemals ohne Beschmutzung und Besudelung seiner Kleider nach Hause zurückkehrt. Ich trug in Canton stets Leinenanzüge, die ich nach jedesmaligem Gebrauch zweimal waschen ließ. Die Chinesen der besseren Stände, Mandarinen, Offiziere, Frauen, zeigen sich niemals in diesen, dreiviertel von Canton bildenden Stadtteilen. Haben sie dort zu thun, so lassen sie sich in geschlossenen, mit schwarzer Wachsleinwand überzogenen Tragstühlen auf dem Rücken von zwei, drei oder vier Kulis tragen. Nun können sich diese nur durch Geschrei den Weg bahnen; ebenso schreien die ambulanten Gemüse-, Fisch-, Fleisch- und Fruchthändler, die Lastenträger; die Bettler machen mit ihren Bettelwerkzeugen einen furchtbaren Lärm; in den Läden wird geklopft, gesägt, gehämmert, oder als merkwürdiger Zeitvertreib das Gong geschlagen, die Kesseltrommel gerührt, kurz es herrscht der furchtbarste Lärm, das regste Menschengewühl. Alles Erdenkliche geschieht auf offener Straße oder in den Kaufläden vor den Augen der Vorübergehenden. Geheimnisse können in den Geschäftsvierteln Cantons nicht gehütet werden. Jeder Einzelne kann sehen, wie und was der andere ißt, wie er sich an- und auskleidet, wie er schläft und wie er sich wäscht, wenn er dies bei dem häufig höchst empfindlichen Wassermangel überhaupt thut. In den Kaufläden sitzen oder liegen die Menschen gewöhnlich nur mit kurzen dunkelblauen Hosen bekleidet; viele tragen allerdings eine Art dunkelblaues Hemd, bei ebensovielen aber ist der Oberkörper bis zu den Lenden nackt; es war mir überraschend, bei den meisten eine ähnlich weiße Hautfarbe zu finden, wie bei den anglo-sächsischen Rassen in Europa. Die gelbe Hautfarbe der Mongolen scheint hier bloße Mythe zu sein; war sie bei den Kulis überhaupt vorhanden, so war sie nur eine Wirkung der Sonne, denn die Schenkel und andere, gewöhnlich durch Kleidungsstücke bedeckte Körperteile waren weiß. Ihre ganze Sorgfalt verwenden sie nicht auf die Kleidung, sondern auf ihren Haarschmuck. In jedem Gäßchen sah ich gewiß stets zwei oder drei ambulante Barbiere, welche die Schädel bis zu dem Scheitelzopfe kahl rasierten, Nasen und Ohren ausputzten und mit kleinen Zangen die Härchen abklippten. Am Morgen besteht der gewöhnliche Zeitvertreib der Chinesen darin, daß sie sich gegenseitig ihre mitunter bis an die Hüften reichenden langen rabenschwarzen Scheitelhaare kämmen und zu Zöpfen flechten, deren Ende durch bis zum Boden reichende Seidenschnüre verlängert wird. Das in den Bazars verkehrende Volk trägt keine Hüte, nur die Wohlhabenden tragen Schuhe oder Sandalen, alle aber haben ihren Fächer, den sie, wenn sie ihn nicht gerade zum Fächeln oder als Sonnenschirm benutzen, in den Nacken gesteckt tragen.

Vom Frauenleben bekommt man in dem Gassenlabyrinth der inneren Stadt nichts zu sehen. Alle Industrien, der ganze Handel, der ganze Verkehr liegt in den Händen der Männer, nur in den Korbflechtereien fand ich Weiber beschäftigt. Selbst die Fächer und die herrlichen Cantoner Seidenstickereien, vielleicht die schönsten der Erde, werden von Männern hergestellt. Dafür haben die Frauen, wie erwähnt, den ganzen großartigen Bootverkehr in den Händen. Maschinen, mechanische Betriebe etc. sind in Canton gänzlich unbekannt. Die Industrien sind ausschließlich Hausindustrien. Es gewährte mir das größte Interesse, die Chinesen an der Arbeit zu sehen. Mit ungeheurer Geduld, mit staunenswertem Geschick und mit großer Kraft arbeiteten sie unter meinen Augen all die schönen Erzeugnisse, für welche Canton in ganz China und auch im Auslande berühmt ist. Nicht nur Seidenstickereien und Fächer, Juwelen und getriebene Silberarbeiten, auch Bronzen, Porzellan, Kleider, Schuhe, Ziselier- und Emailarbeiten gehen unter ihren Händen ohne Zuhilfenahme unserer Instrumente mit erstaunlicher Präzision hervor.

Oeffentliche Fisch-, Gemüse- und Fleischmärkte, wie sie unsere Markthallen bergen, hat Canton nicht; jede Straße besitzt an ihrer Stelle Kaufläden, und sie sind die Hauptursache der fürchterlichen Gerüche, welche die Stadt verpesten; die Cantonesen nehmen es mit ihrer Küche bekanntlich nicht sehr genau.

Die elenden Gerüche verleiden dem Besucher den Aufenthalt in Canton gar sehr, zumal, wie gesagt, auch nicht ein einziges freies Plätzchen Erholung gewährt. Ganz Canton besteht aus einem einzigen Labyrinth winziger Gäßchen, denen man wie mit Absicht Luft und Licht und Wasser zu entziehen scheint. Selbstverständlich mangelt es abends an Beleuchtung. Deshalb ist jeder Cantonese gehalten, eine brennende Laterne mit sich zu führen, wenn er des Abends ausgeht. Uebrigens verläßt er sein Haus oder seine Straße nur in den dringendsten Fällen, denn nach Sonnenuntergang wird jede einzelne Straße an beiden Enden durch eiserne Gitter oder feste Thore abgesperrt, und Nachtwächter, mit Lanzen versehen, übernehmen den Wachtdienst. Sie tragen Trommeln und Triangel und machen damit zeitweilig Lärm, um zu erkennen zu geben, daß sie nicht schlafen. Die Tatarenstadt, in welcher sich die Residenz des Vizekönigs, des Generals und der Gerichtsbehörden befindet, ist überdies noch mit einer eigenen Mauer umgeben, und um die ganze Stadt ziehen sich feste Ringmauern und Wälle, auf denen Hunderte alter, unbrauchbarer Geschütze stehen. Diese Mauern sind die bedeutendsten Bauten Cantons, denn was die Stadt an Tempeln, Palästen und Pagoden aufzuweisen hat, ist im Verhältnis zu ihrer Größe kaum der Rede wert. Canton ist die größte Stadt Chinas; viel eher könnte sie das größte Dorf des himmlischen Reiches genannt werden.

Die sibirische Beulenpest.

Während meines ersten Aufenthaltes in Hongkong waren Gerüchte von dem Ausbruch einer pestartigen Krankheit in der größten Stadt des himmlischen Reiches aufgetaucht, und bei meiner Ankunft in Canton fand ich diese Gerüchte leider nur zu sehr bestätigt. Seit einem halben Jahre hatte es dort fast gar nicht geregnet; Schmutz und Unrat, diese sprichwörtlichen Merkmale chinesischer Städte, hatten sich in dem engen scheußlichen Straßengewirre während dieser Zeit angesammelt und verpesteten die Luft derart, daß man sich über die vielen Menschenopfer kaum zu wundern brauchte.

Schon die plumpen, schweren chinesischen Dschunken und die kleineren Sampans, die den Strom bevölkern, zeigten, daß sich in Canton etwas Außergewöhnliches abspielen müsse; statt der zwei kleinen roten Joßpapierchen, welche die Chinesen zur Beschwörung der bösen Geister gewöhnlich an den Stern ihrer Schiffe kleben, prangten dort ein halbes Dutzend oder noch mehr; rote Papierstreifen mit allerhand Inschriften in Gold und Schwarz klebten auch auf den aus zusammengenähten Matten bestehenden Segeln, am Bug und an den Seiten. Joßstäbchen brannten dutzendweise auf den Schiffen und sandten kleine leichte Rauchwölkchen empor; wie Kleingewehrfeuer knatterten die vielen Fire-Cracker, die auf dem Flusse und an den Ufern verpufft wurden, und mehr als sonst fuhren Sampans und Ruderboote, von Chinesenfrauen gelenkt, dicht vor dem Bug unseres Dampfers vorbei.

Mehr als die zahlreichen burgartigen Pfandhäuser und Tempeldächer der Riesenstadt verriet die drückende stinkende Atmosphäre, daß wir uns Canton näherten. Stoßweise führte sie uns der Wind als Grüße aus der Peststadt entgegen. Die ersten dieser Nasenstüber jagten uns Schrecken ein, allein nun war nicht mehr zu helfen.

In dem recht gut gehaltenen Shameenhotel wurde mir die tröstliche Auskunft zu teil, daß in der europäischen „Konzession” noch kein Pestfall vorgekommen sei und daß Europäer von der tückischen Krankheit überhaupt nicht viel zu befürchten hätten, indessen man riet mir doch zur größten Vorsicht. Mit Mühe überredete ich einen die englische Sprache radebrechenden Chinesen, Ah-Kam, mich in das enge, schwüle, düstere Straßengewirr zu begleiten, das sich jenseits des Kanals auf der weiten Ebene des Perlflusses ausbreitet. Schon nachdem wir ein Viertelstündchen durch das Labyrinth Cantons gewandert waren, konnte ich das Wüten der Epidemie wohl verstehen.

Nicht nur die verpestete Luft, die Anhäufung faulender organischer Stoffe und der Genuß schlechten Wassers waren die Ursachen der Pest. Eine Publikation des Gouverneurs von Canton ließ noch auf eine andere Ursache schließen: den Genuß verseuchter Tiere. Ich ließ mir aus den chinesischen Tagesblättern Cantons folgende Notiz übersetzen: „Da die Ratten die ersten Opfer der Seuche waren, so ließ der Mandarin des Distrikts des westlichen Thors, Lo Ching, zehn Cash (etwa zwei Pfennig) als Prämie für jede ihm vorgelegte tote Ratte ausschreiben. In den ersten vier Tagen wurden ihm 2600 tote Ratten gebracht, von denen 1400 in der To-postraße allein aufgelesen wurden. Der Mandarin ließ sie zusammen vergraben”.

Ebenso ließ der Stadtpräfekt in einer Proklamation Ende April das Schlachten von Schweinen verbieten, und am Tage meiner ersten Wanderung durch Canton wurde eine zweite Proklamation an die Straßenecken geklebt, derzufolge der Fischfang in Zukunft verboten wurde. Es geschah dies hauptsächlich, um das Verkaufen verseuchter oder toter Schweine und Fische zu verhindern.

Wer mit chinesischen Sitten und Gebräuchen nicht vertraut ist, konnte indessen beim Durchwandern der Stadt nicht viel von der herrschenden Epidemie wahrnehmen; zunächst ist das Bild der Gäßchen mit ihren zahllosen Kaufläden, mit ihrer eigentümlichen Bevölkerung, mit den fremdartigen Sitten und Gebräuchen etc. so ungemein fesselnd und interessant, wenn auch abstoßend, daß ihr Besucher geradezu überwältigt wird. Freilich sah er möglicherweise manchen Leichenzug an sich vorbeikommen, oder er erblickte in diesem oder jenem Hause durch die weitoffenen Thüren einen Leichnam mit weißem Laken bedeckt, heulende Trauerweiber auf den Matten zu seinen Füßen kauernd. Aber der Straßenverkehr zeigte sich im großen ganzen ebenso wie zu normalen Zeiten. Indessen die Pest nahm immer mehr überhand, die Bevölkerung wurde immer ängstlicher, denn es starben an manchem Tage an tausend Menschen, es fehlte an Särgen, und ich sah selbst viele Leichen, die, nur mit einem Tuche bedeckt, auf Matten nach den Friedhöfen außerhalb der Stadt getragen wurden. Die meisten waren innerhalb weniger Stunden oder doch innerhalb eines Tages gestorben. Zuerst fühlten sie heftiges Fieber mit hoher Körpertemperatur, Kopfschmerz und Durst; dann stellte sich Bewußtlosigkeit ein, und gleichzeitig mit dieser entstanden am Halse, in den Achselhöhlen und an den Lenden große, harte, schmerzhafte Beulen von schwarzer Färbung, schließlich färbte sich der ganze Körper schwarz. Der Tod trat dann längstens binnen einem Tage ein. In einer verhältnismäßig geringen Zahl von Fällen zieht sich die Krankheit mehrere Tage hin, und dann ist Hoffnung auf Genesung vorhanden. Doch erfuhr ich im Hospitale der achtzehnten Straße in Canton von den chinesischen Aerzten, daß durchschnittlich von je drei Fällen zwei tödlich verlaufen. Sie versicherten, die Beulenpest sei nicht ansteckend und trete nur bei Menschen auf, die unter ähnlich elenden sanitären Umständen lebten. Das beruhigte mich so weit, daß ich meine Wanderungen durch Canton mehrere Tage lang fortsetzte. Indessen fand ich nach meiner Rückkehr nach Hongkong in der dortigen „Preß” eine Korrespondenz aus Canton, worin es heißt: „Die Pest ist nicht nur jenen gefährlich, welche in der Stadt wohnen, sondern auch fremden Besuchern. Wir vernehmen von Chinesen, daß mehrere Fremde starben, während sie im Tragsessel durch die Stadt getragen wurden”. Gut, daß ich dies in Canton selbst nicht erfahren hatte.

Und doch war es auch ohne diese Kenntnis unheimlich genug in Canton. Wohl der Bravste mag erschrecken, wenn er einen so mörderischen Gast in seiner Nähe weiß, unsichtbar und deshalb nicht anders zu bekämpfen als durch die Flucht. Durch diese wäre mir aber ein hochinteressanter Einblick in das innerste Denken und Fühlen der Chinesen entzogen worden, und so wiederholte ich meine Besuche, jedesmal mehrere Stunden mitten unter diesem seltsamen Volk im Innersten ihrer Hauptstadt verweilend. Ich hatte viel von ihrem Haß gegen Europäer, von ihren thätlichen Angriffen auf diese, von der Zahl der Diebesbanden und Einbrecher in Canton gehört. Wie lange ist es denn her, daß der Pöbel selbst Shameen erstürmte und eine Anzahl der europäischen Häuser niederbrannte? Ich selbst habe von diesem Haß nicht das geringste wahrgenommen. War es nur der furchtbare, alle Vorstellungen übersteigende Aberglaube der Chinesen, der mich vor Haß schützte? Standen sie unter dem alles andere übertäubenden Einfluß der Seuche in ihrer Stadt, der sibirischen Pest? Wie viele Opfer diese gefordert hat, konnte ich aus vielen kleinen Anzeichen erkennen, die sonst von Besuchern unbeachtet bleiben, weil sie ihnen unbekannt sind. Die Chinesen trauern dadurch, daß sie während sieben Wochen nach dem Tode ihres Verwandten ihr Kopf- und Barthaar wachsen lassen, daß sie statt des schwarzen Schwänzchens in ihren Zopf ein weißes oder blaues flechten; daß sie statt schwarzer Schuhe weiße oder blaue tragen; daß Frauen und Mädchen während der Trauerzeit kein Messer, keinen Löffel, keines der kleinen Eßstäbchen beim Essen benutzen, sondern mit den Fingern essen; an den Häusern der Verstorbenen werden die beiden großen roten Papierlaternen, die an jedem Chinesenhause vor dem Eingange baumeln, durch weiße ersetzt; die Thüren der Häuser, in denen sich eben Verstorbene befinden, werden geschlossen und brennende Kerzen auf die Schwelle gesteckt. Wie viele dieser und anderer kleinen Merkmale sah ich doch, die mir mehr sagten, als es die Aerzte oder städtischen Mandarine konnten!

Die berühmten Cantoner ~flower boats~, die Blumenboote mit den Restaurants und den gepuderten und geschmückten Mädchen, standen am Abend leer, denn niemand wollte, niemand konnte in so drückenden Zeiten sich vergnügen; das glänzende, reiche, lärmende Flußleben Cantons zur Nachtzeit hatte sich in Totenstille verwandelt, als hätten die Tausende von Sampans und Dschunken gar keine Bevölkerung. Hörte ich auf meinen nächtlichen Flußfahrten auf dem Hausboot des Shameenhotels irgendwo lärmende Trommeln und Trompeten und ~fire crackers~, so rührten sie vom Drachen- oder vom Löwentanz her, womit die Chinesen die bösen Geister aus ihren Häusern treiben wollen; kehrte ich spät nachts in mein Hotel zurück, so sah ich von meinen Fenstern aus jenseits des Kanals phantastische Prozessionen, bei dem flackernden Schein der Fackeln gewahrte ich scheußliche große Fratzen, buntbemalte Drachenköpfe mit mehrere Meter langen Schwänzen, die von darunter steckenden fanatischen Chinesen fortbewegt wurden; andere, mit dreispitzigen Gabeln und Zangen versehen, tanzten um sie herum; riesige Kupferpauken wurden hinter ihnen einhergetragen und heftig darauf losgeschlagen; fast die ganze Nacht hindurch währte das Kleingewehrfeuer der ~fire crackers~ und das Abschießen von allerhand Feuerwaffen, alles nur zur Vertreibung der bösen Geister; vom Schlafen war unter solchen Umständen keine Rede, zumal Shameen eines der verrufensten Mückennester Chinas ist. Hie und da erhellte ein greller Feuerschein meine Stube, und blickte ich durch die Fenster, so sah ich, wie die langbezopften Chinesen in den Kanalbooten unter mir Joßpapiere, d. h. große, mit allerhand Beschwörungsformeln bemalte Papierbogen verbrannten. Waren sie verglüht, war wieder nächtliches Dunkel an Stelle des roten Scheines getreten, dann sah ich auf den Booten Tausende winziger rotglühender Punkte, von den glimmenden Joßstäbchen herrührend, die massenweise auf den Booten angebracht waren. Wie gern hätte ich eine nächtliche Wanderung durch die Straßen der Stadt angetreten, die vor mir lag wie ein Vulkankrater, in dem es bald hier bald dort aufflammte und krachte und polterte. Allein jede Straße Cantons ist zur Nachtzeit verbarrikadiert; an beiden Enden werden die Thorgitter versperrt, und die nächtlichen Straßenwächter mit dem Schlüssel am Gürtel lassen niemanden durch; wanderte ich dann am frühen Morgen durch die feuchten, übelriechenden, unheimlichen Gäßchen, dann sah ich den Boden mit roten Papierfetzen bedeckt, die Ueberreste der während der Nacht verbrannten Joßpapiere und Feuerwerkskörper. In jedem Gäßchen befindet sich ein kleiner Altar, an welchem Joßstäbchen glimmten; außer diesem gemeinschaftlichen Altar besitzt jedes Haus der inneren Stadt Cantons seinen eigenen Altar auf der Gassenseite neben dem Haupteingange. Auf jedem einzelnen glimmten einige Joßstäbchen, auf jedem Arbeitstische der Handwerker, auf jedem Verkaufstische der Kaufläden standen Sandbüchsen mit diesen wohlriechenden, leichten Rauch entwickelnden Glimmstengeln. Die Menschen eilten rasch und scheu dahin, wenige Weiber, fast durchwegs Männer; jeder einzelne hatte an seiner dunkelblauen Bluse vorn ein kleines Säckchen mit Amuletten hängen; jeder trug ein ähnliches Säckchen, mit riechender Substanz gefüllt, in der Hand und hielt es an die Nase; oder er trug statt des Säckchens einen Rosenkranz oder ein Stück Sandelholz. In jedem Gäßchen hockten Chinesenjungen an den Häusern, dabei Beschwörungsmittel feilbietend, und die Verkäufer von Joßpapieren machten ausgezeichnete Geschäfte. Alles eilte so schnell wie möglich durch die verpesteten Gäßchen, nur die Kolonien aussätziger Weiber behielten ihre angestammten Plätze bei, zeigten ihre wunden, aussätzigen oder gänzlich abgestorbenen Gliedmaßen und bettelten um Almosen. Zuweilen stieß ich auf die lärmenden Drachenprozessionen, gefolgt von Banden verlotterter Chinesen, Tamtam und Pauken schlagend oder kleine Holzstäbchen aneinander klappernd; oder es huschte ein Leichenzug rasch vorbei, Musikanten voraus, dann der Tote, dann der prächtige Tragstuhl mit der Ahnentafel des Verstorbenen, einige Anverwandte dahinter. In den Buddhatempeln wurde überall von den zahlreichen Priestern gebetet; gefühl- und gedankenlos murmelten sie stehend ihre Gebete zu den großen vergoldeten Götzen empor, die grotesk mit verschränkten Beinen auf den Altären sitzen. Der Stadtpräfekt hatte diese allgemeinen Gebete angeordnet, um den Dämon aus der Stadt zu treiben, und den Göttern wurden außerdem reiche Sühnopfer dargebracht. Eine andere Verordnung der Regierung befahl, daß die langen grotesken Ruderboote der alljährlichen Drachenfeste, die gewöhnlich nach der Festzeit in den Schlamm des Perlflusses versenkt werden, wieder auszugraben seien, um damit Rundfahrten auf dem Flusse zu unternehmen, denn ihnen wird besondere Kraft zur Teufelsvertreibung zugeschrieben. So begannen denn gerade während meines Besuches der Stadt die Fahrten dieser Drachenboote im Distrikt des Ostthores, ohne selbstverständlich irgendwie zu helfen. Aber das merkwürdigste Mittel zur Vertreibung der Pest erfand doch die Regierung, ein Mittel, das selbst in den Annalen des himmlischen Reiches nur selten vorkommt und ein grelles Streiflicht auf den Aberglauben und die Geisterfurcht der Chinesen wirft. Das chinesische Jahr ist nicht wie das christliche ein festes Jahr. Die Monate werden nach dem Monde gemessen, und in jedem dritten Jahre wird willkürlich nach irgend einem der zwölf Monde ein dreizehnter Monat eingeschoben. Der Jahreswechsel jedoch richtet sich nach der Sonne. Neujahr fällt jedesmal auf den ersten Neumond, nachdem die Sonne in das Sternbild des Aquarius eingetreten ist, also nach unserer Zeit auf bestimmte Tage zwischen dem 21. Januar und 19. Februar. Im Jahre 1893 fiel das chinesische Neujahr beispielsweise auf den 17. Februar; nun ist der Neujahrstag in China das größte Fest des ganzen Jahres und wird überall in der lärmendsten Weise gefeiert, alle Schulden müssen vor dem Neujahrstage getilgt werden, es wird den Göttern geopfert und von den Wahrsagern das Glück des neuen Jahres erforscht. Da nun das Jahr 1894 bisher einen so unglücklichen Verlauf hatte, so erließ die Regierung eine Proklamation, derzufolge der erste Tag des bevorstehenden vierten Monats als neuer Neujahrstag allgemein gefeiert werden müsse, um die übrigen Monate des Jahres in ein glückliches Jahr zu verwandeln. Der Erlaß ist vom 2. Mai christlicher Zeitrechnung datiert und in den englischen Blättern Hongkongs vom 4. Mai 1894 zu lesen. Aber die Leute starben trotz des dekretierten neuen Jahreswechsels, ja die sibirische Pest griff immer mehr um sich, das benachbarte Hongkong wurde zu einem ihrer Hauptherde, und von dort wurde sie durch die Schiffe im Laufe der Jahre nach Afrika, Australien, Indien und sogar bis ans Mittelmeer verschleppt. Nur den strengen sanitären Maßnahmen ist es zu danken, daß man nicht auch in Europa die Bekanntschaft dieser schrecklichen Epidemie gemacht hat.

Gerichtspflege.

Wer jemals irgendwelche Gefängnisse in China gesehen oder dort Gerichtssitzungen beigewohnt hat, der wird es gewiß begreiflich finden, daß die Zopfträger des Reiches der Mitte nur in seltenen Fällen Schutz und Recht bei ihren Mandarinen suchen. Nicht daß die mit geringen Veränderungen seit Jahrtausenden bestehenden Gesetze etwa ungerecht oder unklar wären. Im Gegenteil. Kenner, wie beispielsweise die europäischen Beisitzer bei den gemischten Gerichten in Shanghai oder Tientsin, versicherten mir, sie wären vortrefflich, und die Gesetzbücher seien zutreffender, klarer und kürzer abgefaßt als jene so mancher europäischen Staaten. Es ist nur ihre Handhabung von seiten der Mandarine, die Bestechlichkeit und Nachlässigkeit der Beamten, die Grausamkeit der Foltern und Strafen, welche den Chinesen einen heillosen Respekt vor den Gerichten einflößen und sie nur in Fällen der äußersten Notwendigkeit bei diesen Schutz suchen lassen. Auch dann bedarf es immer noch eines gut gespickten Geldbeutels und großen Einflusses, um das gewünschte Ziel zu erreichen. Fast hat es den Anschein, als sei die ganze Rechtspflege mit Absicht darauf zugespitzt, die Chinesen auf den gütlichen Ausgleich ihrer Streitigkeiten hinzuweisen. Der Kaiser Kang-Hi äußerte sich darüber folgendermaßen: „Es ist gut, daß die Menschen sich vor den Gerichten fürchten. Ich wünsche, daß jene, welche sich an die Richter wenden, ohne Mitleid behandelt werden. Mögen sich doch alle guten Bürger untereinander wie Brüder vertragen und Streitfälle dem Urteil der Greise und Ortsvorsteher vorlegen. Was die Streitsüchtigen, die Eigensinnigen und die Unverbesserlichen betrifft, so sollen sie nur von den Beamten zerschmettert werden. Das ist das einzige ihnen zukommende Recht”.

In diesen Kaiserworten werden die Rechtsbegriffe Chinas, wie sie noch heute obwalten, in kürzester und treffendster Weise gekennzeichnet. Thatsächlich werden in dem ganzen großen Reiche kleinere Streitfälle immer zuerst den Häuptern der Familie vorgelegt, welche ihr Urteil nach uralten Traditionen und Gebräuchen fällen. Ist doch das Familienleben wie das ganze Staatswesen Chinas nach patriarchalischen Grundsätzen geregelt, der Ortsvorsteher ist der Vater aller Einwohner, der Provinzgouverneur der Vater aller seiner Untergebenen, der Kaiser aber der Vater aller Chinesen. Derselbe Geist erfüllt auch die Rechtspflege. Das chinesische Gericht kennt keine Rechtsgelehrten, keine Advokaten und Staatsanwälte. Der Mandarin des Ortes, des Distriktes oder der Provinz ist der alleinige Richter, nur das Recht über Leben und Tod liegt in den Händen des Kaisers.

Bei den vielen Obliegenheiten des Mandarins gebricht es ihm selbstverständlich an Zeit, den verschiedenen Streitfällen, die ihm vorgelegt werden, besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Das summarische Verfahren, mit welchem die Mandarine selbst bei wichtigen Fällen vorgehen, erinnerte mich lebhaft an ähnliches, das ich in verschiedenen anderen Ländern, hauptsächlich in Marokko, Tunis und in dem fernen Korea gesehen habe. Geradeso wie dort, giebt es auch hier kein langes Prozessieren, Vertagen der Verhandlungen, Hinausschleppen durch allerhand Kniffe der Anwälte, keine Geschworenen, Beisitzer u. dergl. Der Fall wird vorgetragen, und ist die Zeugenvernehmung vorüber, so erfolgen Urteilsspruch und Strafe auf der Stelle. Dann kommt der nächste Fall an die Reihe, und so geht es fort, bis der Mandarin die Sitzung abbricht.

Dabei ist das ganze Rechtsverfahren öffentlich. Es spielt sich sozusagen auf der Straße ab, und der Besucher chinesischer Städte hat auf seinen Wanderungen fast täglich Gelegenheit, etwas davon zu sehen, seien es Gefängnisse oder Bestrafungen, Gerichtssitzungen oder Foltern. Je größer die Stadt, desto häufiger sind diese keineswegs immer willkommenen Gelegenheiten. Schon am ersten Tage meines Aufenthaltes in Canton sah ich eine öffentliche Bestrafung. In der Nähe des Yamens (Residenz) des Tatarengenerals wurde meine Aufmerksamkeit durch laute Gongschläge auf einen seltsamen Aufzug gelenkt, wie er wohl in keinem anderen Lande der Welt vorkommen dürfte. Hinter dem Gongschläger, einem Polizisten, schritt ein Mensch einher, dessen Hände hinter seinem Rücken zusammengebunden waren. In seinen heftig blutenden Ohrläppchen steckten etwa dreißig Centimeter lange Stäbchen, und an diesen waren Papierstreifen, mit Schriftzeichen bedeckt, aufgeklebt. Hinter ihm marschierten zwei Soldaten der Wache. Auf meine Frage antwortete mir der mich begleitende Dolmetscher, dies wäre ein Dieb. „Auf den Papierchen”, so fuhr er fort, „stehen sein Name, seine Verbrechen und die Bestrafung. Ich lese eben, daß er zu fünfzig Stockstreichen verurteilt wurde. Wahrscheinlich führen sie ihn jetzt vor den Mandarin. Wollen Sie zusehen?” Wir schlossen uns dem Menschenhaufen an, der dem Zuge folgte. Bald waren wir vor dem Gerichtshofe angelangt. Soldaten hielten das bezopfte Gesindel an dem Eingange zurück, während wir uns durch ein „Kumscha” von einigen Sapeken den Einlaß erkauften. Der Kumscha ist in China dasselbe, was in Europa die Eintrittskarte, im ganzen Orient aber der Bakschisch ist. Kaum hatten die Gerichtswachen ihren Kumscha in der Hand, so stand uns alles offen. Wir befanden uns in einem Hofraum, auf drei Seiten mit Gefängnissen besetzt; durch einen Thorbogen gelangten wir in einen zweiten Gefängnishof, in dessen Hintergrund sich der nach dem Hofe offene Gerichtssaal befand.

Dorthin wurde auch der Dieb geführt. Im Hintergrunde saß hinter einem langen Tische der Mandarin, große runde Augengläser auf der Nase, den chinesischen Beamtenhut mit Knopf und Roßschweif auf dem bezopften Haupte. An kleinen Tischchen zu beiden Seiten saßen Beamte, die mit Pinseln allerhand Schriftzeichen auf Papierstreifen malten. Gerichtsschergen mit ruderartigen Stäben in der Hand standen im Hintergrunde. Die Wände waren mit Papierbogen, ähnlich den japanischen Kakemonos, behangen, und mein Dolmetscher erklärte mir, die großen Schriftzeichen auf denselben bedeuteten die Ehrentitel, Würden und Aemter des Mandarins, sowie allerhand auf die Gerichtspflege bezugnehmende Sprüche.

Beim Eintritt wurden dem Diebe die Handfesseln abgenommen, und er warf sich vor dem Mandarin auf die Knie, mit der Stirn auf den Boden schlagend. Nach einigen Worten des Mandarins wurde er von den Schergen auf eine lange, niedere Bank gelegt, seine Beinkleider wurden bis zu den Knien heruntergeschoben, so daß seine Schenkel entblößt waren, dann faßte ihn ein Scherge beim Haarzopfe, ein anderer bei den Füßen. Auf ein Zeichen des Mandarins trat der Strafvollstrecker auf ihn zu und begann mit einem dünnen Streifen Bambusholz auf den oberen Teil der Schenkel loszuschlagen. Wie der Dolmetscher mir sagte, giebt es zwei verschiedene Arten von Schlägern, nicht etwa Ruten oder Stöcke, wie bei den Bastonnaden, die ich im Orient gesehen habe, sondern dünne, ungemein zähe und elastische Streifen, aus armdicken Bambusrohren herausgespalten, die einen handbreit und etwa meterlang, die anderen schmäler und kürzer.

Die Streiche fielen in außerordentlich rascher Folge, und das Geräusch der kurzen, trockenen Schläge, das in eigentümlichem Tonfall stattfindende Zählen derselben, das Stöhnen des unter jedem Schlage zuckenden Verurteilten vertrieben uns bald aus dem schwülen Raume. Wie ich nachher erfuhr, werden für größere Vergehen bis zu dreihundert Streiche verabfolgt. Gewöhnlich haben aber schon hundert Streiche ernste Verletzungen zur Folge, und wenn es immer möglich, wird der Verurteilte selbst oder durch seine Freunde die Hand des Schergen „schmieren”, um eine zartere Behandlung oder ein „Verzählen” während der Bestrafung zu erwirken. Thatsächlich sah ich später in Tschingkiang eine ähnliche Exekution. Der Schuldige schrie, als stecke er auf dem Spieß, aber dennoch bemerkte ich, daß ein großer Teil der Streiche auf die Bank, statt auf die Schenkel auffiel. Gerade dann war das Geschrei des Delinquenten am stärksten.

Ist die Bestechung der Richter und Schergen aus verschiedenen Ursachen nicht durchzuführen, oder will der Schuldige der entehrenden Strafe überhaupt entgehen, so wird er an seiner Statt einen Prügelknaben anwerben, der für ihn die Strafe empfängt. Aber nicht nur diesen Bastonnaden, auch Gefängnisstrafen, ja sogar der Erdrosselung oder Enthauptung kann der Verurteilte sich dadurch entziehen, daß er Stellvertreter anwirbt. Es giebt in China viele Tausende armer Teufel, deren trauriger Lebensberuf und Erwerb es ist, sich für andere prügeln und einsperren zu lassen, was ja mitunter im europäischen Zeitungswesen auch vorkommen soll. Mit der Zeit werden die in Mitleidenschaft gezogenen Körperteile derart hart und unempfindlich, daß die Sache für die berufsmäßigen Prügelknaben gar nicht so schlimm ist. Häufig kommt es aber, wie gesagt, auch vor, daß sich sogar Menschen finden, die sich aus Not und Verzweiflung köpfen lassen, um mit dem Lösegelde, das sie mit ihrem Leben bezahlen, ihre Familien, ihre Kinder vor Elend und Verhungern zu erretten. Diese Stellvertretung ist in China allgemein gebräuchlich und gesetzlich erlaubt. So werden beispielsweise Frauen selten wirklich bestraft, denn ihre Männer und Kinder geben sich zur Erduldung der Strafe her. Körperliche Züchtigung von Frauen findet gewöhnlich dadurch statt, daß die Streiche mit einem Stück zähem elastischen Leder auf Lippen und Backen der Betreffenden verabfolgt werden. Den meisten von ihnen wäre wohl die früher geschilderte Bastonnade lieber.

Die chinesischen Gefängnisse sind nicht etwa hohe, feste Gebäude mit vergitterten Fenstern und starken Umfassungsmauern, wie bei uns, sondern ebenerdige Räumlichkeiten, die sich auf viereckige Höfe öffnen. Das Entspringen der Sträflinge wird dadurch verhindert, daß gewöhnlich eine Hand und ein Fuß derselben aneinander gekettet werden. Außerdem sind alle Straßen in der Umgebung der Gefängnisse scharf bewacht. Beim Verlassen des Cantoner Gerichtshofes wurden wir von den freundlich grinsenden Gefangenwärtern, die sich natürlich ihren Kumscha erobern wollten, eingeladen, die anstoßenden Gefängnisse in Augenschein zu nehmen. Sie sind gar nicht so schlimm, als man erwarten sollte. Freilich fehlt es in den einzelnen, für etwa acht bis zwölf Gefangene bestimmten Räumen an jeglicher Einrichtung; sie schlafen auf Matten auf dem Boden und kochen sich ihren Reis auf offenen Herden im Hofe. Schmutz und Gestank sind auch nicht schlimmer als in den elenden Kuliwohnungen in Hongkong, dieser vielgepriesenen Kolonie der Engländer. Dafür sind aber die Sträflinge selbst, wenigstens ihrem Aussehen nach, das schlimmste, zerlumpteste Gesindel, das mir jemals vorgekommen ist. Schmutzstarrend, mit zerzaustem, wirr herabfallendem Haar, ausgehungert, mit Ungeziefer bedeckt, drängten sich die Gefangenen um uns, ungestüm ihren Kumscha fordernd, und angewidert beeilten wir uns davonzukommen. Die Gefängniswärter ließen uns indessen nicht so leicht aus den Händen. Wir mußten noch das Gefängnis der zum Tode Verurteilten in Augenschein nehmen, und niemals werde ich den entsetzlichen Anblick dieser Dutzende von Leuten vergessen, die in dem dunkeln, modrigen, von scheußlichen Gerüchen erfüllten Raume ihrem Tode entgegensahen: Piraten, Vatermörder, Straßenräuber, wahre Bestien, nicht nur ihren Verbrechen, sondern auch ihrem Aussehen und Benehmen nach. Hyänen in Menschengestalt, ihre schmutzstarrenden, mit Aussatz bedeckten Körper notdürftig in faulende Kleiderfetzen gehüllt; mit entsetzlichem Geheul erhoben sich diese Elenden bei unserem Eintritt von dem feuchten, unflätigen Boden und stürzten mit wirrem Haar und stierem Blick auf uns zu, um ein paar Kupfermünzen zu erhaschen. Erleichtert atmeten wir auf, als die geschlossene Thüre uns wieder von ihnen trennte. Welches Elend! welches Schicksal! Monatelang müssen sie hier warten, bis die Bestätigung ihres Todesurteils von Peking herabkommt, denn nur bei Aufständen, im Kriegsfalle oder bei außergewöhnlichen Verbrechen hat der Provinzgouverneur das Recht über Leben und Tod. Sonst gelangen alle Todesurteile, und es sind deren Tausende in jedem Jahre, vor den Kaiser, der sie gewöhnlich im Herbst zu prüfen pflegt. Um die Namen derjenigen, denen er das Leben schenkt, zieht er mit seinem roten Pinsel (der Kaiser schreibt nur mit solchen) einen Kreis. Die anderen verfallen dem Henker. Sind die Dokumente von Peking eingetroffen, so wird mit der Vollstreckung des Urteils nicht länger gezögert. Der Weg der Unglücklichen zum Richtplatz ist nicht lang. Sie werden in neue Kleider gesteckt und ohne weiteres geköpft oder erdrosselt.

Als wir das Gefängnis verließen, führte mich der Dolmetscher nach dem berüchtigten Töpfermarkt nahebei, dessen Boden mit dem Blute so vieler Tausende von Unglücklichen gedüngt ist. Eigentliche Richtplätze giebt es in China nicht. In Peking werden die Hinrichtungen öffentlich in der Nähe des Gemüsemarktes, in Canton auf dem Töpfermarkt vollzogen. Die Töpfer unterbrechen eben für einige Stunden die Arbeit, ein Plätzchen wird von Töpfen und Gefäßen aller Art freigemacht, und sind die Verurteilten hingerichtet, so wird die Arbeit wieder aufgenommen. Das Erdrosseln gilt als die weniger schmachvolle Art der Hinrichtung und ist den Verurteilten auch insofern lieber (der Tod selbst ist dem stoischen Chinesen durchaus nicht schrecklich), als er im Jenseits so seine Glieder beisammen behält. Der Geköpfte aber kommt ohne Kopf zu seinen Ahnen ins Jenseits, und wie können die Opfergebete seiner Nachkommen ihn finden, wenn sein Körper nicht zu erkennen ist! Deshalb werden die Verwandten oder Freunde des Geköpften, denen der entseelte Körper zur Beerdigung übergeben wird, den Kopf gewöhnlich wieder an den Rumpf befestigen. Dem Verurteilten gilt es als die schlimmste Verschärfung seiner Strafe, wenn ihm angekündigt wird, daß sein Kopf nach der Hinrichtung noch als warnendes Beispiel ausgestellt, also vom Körper getrennt bleiben soll.

Auf dem Töpfermarkt zeigte mein Führer mir ein Kreuz, auf welchem kurz zuvor ein Verbrecher gefoltert worden war, und daneben lag ein mit einer kleinen Strohmatte bedeckter Gegenstand. Als der Führer diese Matte wegzog, zeigte sich meinen entsetzten Blicken ein blutiger Menschenkopf, der von einer Hinrichtung herrührte. Nahebei lag ein etwa fußhoher, mit Blutspuren und zahlreichen tiefen Einschnitten versehener Holzklotz. Weil die zum Tode Verurteilten freiknieend enthauptet werden, so konnte ich mir die Bestimmung des Holzklotzes nicht erklären. Da erwähnte der Führer nur das Wort Lei-tschei und machte mit der Rechten die Bewegung des Zerhackens. Nun entsann ich mich, in Hongkong auf einer grauenvollen Photographie denselben Holzklotz bemerkt zu haben. Lei-tschei ist die gesetzliche Todesart für Elternmörder und besteht darin, daß der Verurteilte, wie die Vorschrift lautet, vor der Enthauptung in tausend Stücke zerhackt wird. Die Scharfrichter beginnen mit dem Abhauen der Weichteile ... doch, man möge mir die Schilderung dieser entsetzlichen Grausamkeit ersparen. Genug, das Lei-tschei wird jetzt noch alljährlich in Dutzenden von Fällen angewendet.

Die drei genannten Todesarten, das Erdrosseln, Köpfen und Zerstückeln, sind noch nicht die schlimmsten. Sind sie auch die allein gesetzlichen, so giebt es noch viel grausamere, wenn auch nicht so blutige. In der großen Stadt Futschau wird der ausländische Stadtteil durch die berühmte Wan-schan-Kian, die Brücke der zehntausend Alter, mit dem chinesischen Stadtteil verbunden. Mitten unter den vielen Kramladen und Kaufständen, welche die Ränder der Brücke einnehmen, und über welchen häufig genug auf langen Stangen die Köpfe enthaupteter Verbrecher prangen, sieht der Spaziergänger zuweilen einen Käfig aus Bambusstäben, in welchem irgend ein Verbrecher unter den glühendsten Sonnenstrahlen schmachtet. Zwei den Hals umschließende Querbretter halten den Kopf so hoch, daß die Fußspitzen des aufrecht stehenden Unglücklichen kaum den Boden berühren. Papierstreifen, auf den Käfig geklebt, verkünden den Vorübergehenden sein Verbrechen. So bleibt er tagelang ausgestellt, bis endlich der Tod ihn von dieser langsamen Folter befreit. Aehnliche Käfige sah ich nachher bei meinen Reisen durch das Innere von China beinahe in allen Städten, gewöhnlich auf den belebtesten Verkehrspunkten, an Brücken, vor den Yamen der Mandarine und vor den Stadtthoren.

Aber noch mehr. Als in den siebziger Jahren die furchtbarste Hungersnot in den nördlichen Provinzen herrschte, blieb Tausenden der darbenden Landleute nichts übrig als der Kannibalismus, und die Feder sträubt sich, die entsetzlichen Vorkommnisse niederzuschreiben, die der Geschichte angehören. Wurden derlei Unmenschen auf der That ertappt, so wurden sie in Tientsin in Käfigen an den Pranger gestellt und mußten verhungern; andere wurden lebendig an die Stadtmauern gepflöckt, und eine Anzahl Frauen, welche des Kannibalismus an ihren eigenen Kindern überwiesen wurden, ließen die Mandarine lebendig begraben.

In Kowloon, der Hongkong auf dem Festlande gegenüberliegenden Chinesenstadt, wurde mir die Stelle gezeigt, wo vor einigen Jahren fünfzehn Piraten, welche ein europäisches Schiff überfallen und die Mannschaft getötet hatten, summarisch geköpft wurden. Vertreter der europäischen Konsulate in Hongkong waren dabei zugegen, und ich erwarb in Hongkong Photographien dieser Exekution, welche die letztere in verschiedenen Momenten darstellen.

Die Köpfe waren mit erstaunlicher Sicherheit von den Körpern getrennt worden; kein einziger der letzteren zeigte die geringste Verletzung. Wie mir Chinesen erzählten, wird die Enthauptung selten vom Scharfrichter selbst, sondern gewöhnlich von einem Sträfling vollzogen, der sich vorher an Gurken für sein schauerliches Amt einübt. Er ist wohl zu derartigen Vorstudien gezwungen, denn trennt er das Haupt nicht auf den ersten Strich, so darf er keinen zweiten ausführen, sondern muß die Trennung durch Sägen vollenden.

Hat der chinesische Provinzmandarin auch nicht das Recht über Leben und Tod der Verbrecher, so hat er auf andere Weise die Mittel hierzu doch in seiner Hand. In China besteht nämlich heute noch die gesetzliche Folter. Kein Verbrecher darf verurteilt werden, ohne daß er sein Verbrechen selbst eingestanden hat, selbst wenn die Beweise erdrückend wären. Erst wenn er sein Geständnis selbst unterschrieben hat, und häufig genug unterschreibt auch der Unschuldige ein solches, um der Tortur zu entgehen, wird ihm die Strafe zugemessen. Die Foltern selbst, obschon grausam genug, sind lange nicht so entsetzlich wie jene, welche in früheren Zeiten in Europa gebräuchlich waren, und von denen in manchen unserer alten Burgen und in den Museen heute noch die Folterwerkzeuge Zeugnis ablegen.

Die gebräuchlichsten Foltern in China sind eine Art von Hand- und Fußschrauben, Knien auf Ketten, auf Glassplittern gemischt mit Salz und andere. Das Entsetzliche der Sache liegt hauptsächlich darin, daß nicht nur der Angeklagte, sondern auch Kläger und Zeugen häufig der Folter unterworfen werden, um weitere Geständnisse von ihnen zu erpressen. Ist der Drang der Geschäfte zu groß, so werden die Beschuldigten mit den Zeugen zusammen ins Gefängnis geworfen, bis der Mandarin Zeit hat, den Fall zu prüfen; und das allein erklärt schon die heilige Scheu der Chinesen vor dem Gesetz. Stirbt jemand an den Folgen dieser entsetzlichen Behandlung, so wird die Sache möglichst vertuscht; auch lassen die Mandarine mit sich reden, und gewöhnlich bekommt von zwei streitenden Parteien diejenige recht, welche den Mandarin durch Schmieren beeinflußt hat. Diese Bestechlichkeit der Richter ist in China geradezu sprichwörtlich und erklärt auch die bedeutenden Einkünfte derselben, sowie das Streben der chinesischen Litteraten, Beamtenposten zu ergattern. Freilich wird der Willkür der Mandarine teils durch die Furcht vor ihren Vorgesetzten, teils durch die öffentliche Meinung ein wirksamer Hemmschuh angelegt. Wird das Treiben eines Mandarins der Bevölkerung zu bunt, so wird er, besonders häufig in den Inlandstädten, von den Stadtältesten höflich eingeladen, die Stadt zu verlassen. Man stellt ihm die Sänfte vor die Thür, veranlaßt ihn sie zu besteigen und trägt ihn vor die Stadtthore. In solchen Fällen behält die Bevölkerung gewöhnlich recht, und der Provinzgouverneur oder die Zentralregierung ernennt einen anderen Mandarin auf den freigewordenen Posten.

Häufiger noch als die Bastonnade kommt in China die Strafe des Kangtragens zur Anwendung. Auf meinen Wanderungen in chinesischen Städten fand ich fast überall derartige unglückliche Kangträger, besonders zahlreich in den Gefängnissen selbst. Der Kang besteht ans zwei Brettern, welche, an den Innenseiten mit Ausschnitten für den Hals versehen, dem Verurteilten als eine Art Halskrause angelegt und durch Ketten oder Riegel miteinander verbunden werden. Diese Halsbretter, etwa sechzig bis achtzig Centimeter im Geviert und bis zu zwei Finger dick, bleiben dem Sträfling während der ganzen Strafdauer, von ein bis drei Monaten. Sie wären an und für sich, obschon bis zu fünfzehn oder zwanzig Kilogramm wiegend, gar nicht so schrecklich. Die Schwere der Strafe kann man sich erst vorstellen, wenn man erfährt, daß der Kang Tag und Nacht auf dem Nacken des Unglücklichen ruht, daß er sich also niemals niederlegen kann, sondern stehend oder sitzend schlafen muß. Ebensowenig kann er seine Hände zum Kopfe führen oder Nahrung zu sich nehmen und muß also durch mitleidige Vorübergehende oder Freunde gefüttert werden. Auf die Bretter geklebte Papierstreifen enthalten seinen Namen, das Verbrechen und die Dauer der Strafe.

In manchen Werken über China wird behauptet, daß Frauen zum Tragen des Kangs niemals verurteilt würden. Ich habe aber selbst weibliche Kangträger gesehen und auch Photographien erworben, welche nicht nur einzelne, sondern auch drei Frauen zusammen in einem Kang mit drei Halslöchern steckend darstellen. Wie stark das weibliche Geschlecht unter den Gefangenen oder sonstigen Verurteilten in China vertreten ist, konnte ich trotz eifriger Nachfragen ebensowenig erfahren, wie die Zahl der letzteren überhaupt. Ja in den Gefängnissen der größten Städte konnte man mir nicht einmal die Zahl der Gefangenen während eines Jahres angeben. Mit der Statistik ist es in China schlecht bestellt, aber doch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die Zahl der Gerichtsfälle in dem Reiche der Mitte verhältnismäßig bedeutend geringer ist, ja vielleicht kaum die Hälfte jener in zivilisierten Ländern beträgt. Der Wunsch des Kaisers Kang-Hi in Bezug auf die Rechtspflege in China ist also in Erfüllung gegangen.

Spaziergänge in chinesischen Arbeitervierteln.

An den Sehenswürdigkeiten chinesischer Städte, an Tempeln, Pagoden und Ehrenpforten, hat sich der Europäer gewöhnlich bald satt gesehen, denn der großen Mehrzahl nach sind sie von einem ewigen Einerlei. Kam ich im Reiche der Mitte in eine mir noch unbekannte Stadt, so bangte mir gewöhnlich schon vor dem Confuciustempel oder der Pagode, die ich besichtigen sollte. Was wirklich interessant wäre, wie die Kaiserpaläste und Ahnentempel in Peking, ist nicht zugänglich, und wo diese Kaiserpaläste und Tempel wirklich zugänglich wären, wie in Nangking, sind nur noch traurige Ruinen davon übrig.

Weit interessanter als diese Bauten in den chinesischen Städten ist das Leben und Treiben ihrer Einwohner, darunter vor allem die chinesische Industrie. Gewöhnlich ließ ich mich von einem Dolmetscher zuerst in die Geschäftsstraßen führen, wenn die engen, dunklen, feuchten Gäßchen der meisten Städte den Namen Geschäftsstraßen überhaupt verdienten. Allerdings war ich selbst dort viel mehr der Gegenstand der Neugierde, als es die Chinesen für mich waren. Solange ich mich mitten durch das rege Gewühl und Gedränge fortbewegte, beschränkte sich mein neugieriges Gefolge gewöhnlich auf etwa ein Dutzend Personen; blieb ich irgendwo stehen, so verdoppelte sich der mich umdrängende Menschenhaufe, und begann ich gar durch meinen Dolmetscher zu fragen oder zu feilschen, dann schrieen die bezopften Straßenjungen vor lauter Verwunderung und lockten noch die Menschen aus den Seitengäßchen herbei. In der ersten Zeit war mir diese schmutzige, zerlumpte Gesellschaft in hohem Grade lästig, aber später gewöhnte ich mich daran. Bei solchen Gelegenheiten kam mir immer der erste Chinese in den Sinn, den ich als kleiner Junge in Europa gesehen habe. War ich ihm dort etwa nicht ebenfalls nachgelaufen? Wurde er nicht durch böse Gassenjungen geneckt und beim Zopfe gezupft und ausgelacht? Jetzt zahlten seine Landsleute mir diese Neugierde zurück.

In Canton kümmern sie sich um die Europäer wenig mehr. Canton, diese größte Stadt des Reiches der Mitte, ist an Europäer schon seit dreihundert Jahren gewöhnt, man sieht ihrer dort viel mehr als in anderen Städten Chinas, und das Gefolge beschränkt sich gewöhnlich nur auf ein halbes Dutzend Menschen, die man sich hier auch leichter vom Leibe halten kann. Dazu ist Canton das Paris, oder ich möchte lieber sagen das Neuyork von China, Peking ist sein Washington. Canton ist der Hauptsitz der chinesischen Industrie; Hunderttausende sind dort mit der Anfertigung von Waren beschäftigt, die auf zahllosen Dschunken und Kanalbooten, auf dem Rücken von Mauleseln oder Lastträgern durch das ganze Reich geführt werden; in Canton sind die geschicktesten Arbeiter, die reichsten Kaufleute, die schönsten Läden, und wohin ich auch kam, nach Städten in Nord und Süd, in den Industrievierteln fand ich mit geringen Abweichungen doch nur den Abklatsch des industriellen Lebens von Canton. Es ist in dieser Hinsicht die erste Hauptstadt Chinas, alles andere Provinz.

Gerade wie es in vielen Städten Europas der Fall ist, so sind auch in den chinesischen Städten die einzelnen Industrien gewöhnlich in bestimmten Quartieren zu finden; hier eine Gasse, vielleicht ein bis zwei Kilometer lang, gefüllt mit Goldarbeiterläden, die sich dicht aneinander reihen, so daß ich oft gar nicht wußte, ob ein Schaukasten zu dem einen oder dem anderen Laden gehörte; bog ich um eine Straßenecke, so befand ich mich vielleicht im Viertel der Fächerfabrikanten, in der nächsten Straße in jenem der Möbeltischler, und so ging es weiter.

Ein Haus gleicht dort dem andern: das untere Stockwerk wird ganz von dem Geschäft eingenommen, das von der einen Hauswand zur anderen offen steht, um das in den düsteren Gäßchen an und für sich spärliche Licht einzulassen; im oberen Stockwerk sind die Wohnungen, und vor jedem Hause baumeln die roten, gelben, goldenen oder schwarzen langen Schilder herab, ein Wald von Schildern, der jeden Ausblick verhindert, das Sonnenlicht ausschließt und die Gäßchen selbst in ewige Dämmerung hüllt, während die Schilder darüber glitzern und glänzen. Man denke sich nur sämtliche Firmentafeln des Wiener Grabens oder der Berliner Friedrichstraße, statt an den Häusern befestigt, vor denselben von Stangen der Länge nach herunterbaumeln! Unten in den Gäßchen ein ewiges Gewoge und Getriebe, ein Lärmen, Schreien, Stoßen und Drängen, ein Hin- und Herzerren, Schieben und Drücken von Zehntausenden bartloser, langbezopfter, halbnackter Gestalten, alle auf der Jagd nach Erwerb, alle im Kampf ums Dasein. Rechts und links in den kleinen finsteren Gewölben aber wird gehämmert und geklopft, gesägt und gefeilt, ohne Unterlaß vom Morgengrauen bis zur anbrechenden Dunkelheit. Ueberall wird so emsig gearbeitet, als gälte es, Bestellungen auszuführen, die unbedingt am Abend fertig sein müssen. Welcher Fleiß! Welche Unermüdlichkeit des Schaffens!

In diesen Industrievierteln Cantons wie anderer chinesischer Städte sah ich niemals die Menschen rasten und ruhen, ausgenommen, sie lagen still und tot unter dem weißen Leinentuche, aufgebahrt in denselben Läden, in denen sie ihr ganzes Leben in Arbeit verbracht hatten. Aber in den Läden ringsum wurde dabei doch rastlos geschafft, obschon niemand wußte, ob nicht die Arbeit unter seinen Händen die letzte war, ob nicht der tückische Tod sich ihn als nächstes Opfer ausersehen hatte. Wanderte ich durch diese Straßen, Kampfer im Munde und ein mit Kampfergeist getränktes Taschentuch vor der Nase, so vergaß ich über dieser Emsigkeit des Schaffens selbst die furchtbaren Verhältnisse, die eben in Canton herrschten. Ich war der einzige Spaziergänger, der einzige Müßiggänger unter all diesen Zehntausenden und hätte mich selbst hinsetzen mögen, um mitzuthun. Betrachte ich heute die Dutzende von Sachen, die ich auf meinen Spaziergängen in den chinesischen Städten erworben habe, dann sehe ich im Geiste auch die Arbeiter vor mir, die sie verfertigten, diese halbnackten, schweißtriefenden, emsigen Gestalten, wie sie stumm, ihrer Arbeit vollständig hingegeben, auf dem feuchten Boden kauern, und der höchst eigentümliche Geruch, der all den Industriestädten Chinas eigen ist, haftet auch meinen Fächern und Stickereien, Stoffen und Gerätschaften noch heute an. Entfalte ich eine der herrlichen Stickereien, so ist bald mein ganzes Zimmer mit diesem berauschenden modrigen Duft geschwängert, ein Gemenge von Opium-, von Sandelholz- und Theegeruch. Er ist unangenehm, bedrückend, ich möchte sagen furchteinflößend. Er erinnert an Grüfte. Es sind ja in der That Grüfte, in denen die großen Massen der Chinesen arbeiten, und auch ihre Arbeit ist furchteinflößend. Wie, wenn diese Hunderte von Millionen fleißiger Menschen ihre althergebrachten Werkzeuge fortwürfen und zu unseren modernen Arbeitswaffen, zu unseren Maschinen, griffen? Wie, wenn ein industrieller Li-Hung-Tschang den rastlosen Fleiß, die Fertigkeit dieser größten Arbeiterarmee der Welt gegen die unserige, europäische, ins Feld führte und in China Hunderte von Fabriken, von Hochöfen und Gießereien schaffen sollte? Was würde dann aus uns?

Dieses Gedankens konnte ich mich niemals erwehren, wenn ich die Chinesen bei der Arbeit sah, und als Europäer, als Weißer, dankte ich im stillen der Vorsehung, daß sie den Chinesen wohl Fleiß, Enthaltsamkeit, Kraft, Geschicklichkeit, aber keinen Fortschrittsgeist gegeben hat. Wie vor Tausenden von Jahren, so arbeiten sie heute noch mit den gleichen rohen Werkzeugen, und ich kaufte mir in China dieselben Fläschchen, die man unter den Pyramiden in den Gräbern der alten Aegypter gefunden hat, Artikel, welche die Chinesen damals in alle Welt versandten, bis andere Völker, andere Kulturen des Abendlandes als ihre Konkurrenten auftraten und sie vom Markt verdrängten. Aber droht die mongolische Flut nicht von neuem über das Abendland hereinzubrechen?

Nicht so bald! Der konservative Zug der Chinesen, die Achtung vor dem Althergebrachten schützt uns noch für lange Zeit vor ihnen. Kennen sie doch die Europäer schon seit Jahrhunderten und ihre Werkzeuge, ihre Maschinen, ihre praktischen Arbeitseinrichtungen schon seit Jahrzehnten. Die weißen Barbaren brachten ihnen bequeme Arbeitswaffen, einfach, leicht, der doppelten Leistung fähig, aber die Mongolen ließen sie unbeachtet und arbeiteten mit den alten plumpen, schweren Werkzeugen weiter, dabei möglicherweise besser, sorgfältiger als wir mit unserer praktischen Schulung und unseren praktischen Werkzeugen. Man sehe sich nur ihre Bronzen, ihre Holzschnitzereien, ihre Lackwaren, Porzellane, Möbel an! Jeder Artikel ist das Werk einer einzigen Familie, vielleicht eines einzigen Arbeiters, denn Arbeitsteilung kennt der Chinese nicht. Sang Ting oder Han Tschang hat möglicherweise die Form für seine Bronze selbst modelliert, die Metallmischung und den Guß vorgenommen; er hat selbst mit dem Stichel die einzelnen Figuren ciseliert und emailliert, vergoldet und vollendet. Sang Ching macht nicht etwa nur die Holzarbeit eines Möbels. Er webt die Stoffe, macht die Stoffmuster, das Gerippe des Möbels, schnitzt kunstvolle Verzierungen, lackiert und tapeziert selbst. Mag man über die bizarren Formen dieser uns fremdartig berührenden Erzeugnisse lächeln, jedes Stück hat doch einen gewissen Charakter und zeigt etwas Individuelles. Maschinen wurden schon vor fünfzig Jahren eingeführt, und die Engländer boten alles Erdenkliche auf, sie unter die Leute zu bringen, aber die Chinesen nahmen nur solche an, welche kraftspendend waren, andere jedoch, welche die Handarbeit selbst übernehmen und vollkommener verrichten, wie z. B. die Nähmaschinen, wiesen sie zurück. Tausend Fächer, einander so gleich wie ein Ei dem anderen, werden Stück für Stück, Blatt für Blatt von einem einzigen Arbeiter geschnitzt, gebunden, gemalt und verkauft. Reichen bei größeren Arbeiten die Hände nicht aus, so werden die Füße, die Zehen zu Hilfe genommen, und mancher Chinese leistet mit seinen Zehen Besseres als mancher Weiße mit seinen Händen. Sie haben ein erstaunliches Geschick; jeder einzelne ist ein Meister Hämmerlein. In manchen chinesischen Dörfern fand ich keinerlei Kaufläden, und als ich mich erkundigte, wo denn die Menschen ihre Stoffe, Schuhe, Gerätschaften hernähmen, hieß es, sie verfertigten sie selbst. In Bauernhäusern fand ich uralte Webstühle, vor den Häusern saßen Frauen, die Kleider nähten, hockten Männer, die Sandalen flochten. Ist etwas zu besorgen, wozu ihnen die Werkzeuge fehlen, so rufen sie irgend einen der wandernden Handwerker. Schmiede, Flickschneider, Schuster, Barbiere, Gewerbtreibende aller Art wandern von Ort zu Ort, gerade so, wie ich es auch in Korea getroffen habe und wie es bei uns die Scherenschleifer thun. Wo sie Arbeit finden, wird Halt gemacht, das Ränzlein ausgepackt und gearbeitet. Auf dem Wege von Zikawei nach Sutschan begegnete ich einem Schmied, der eben im Begriffe war, seine ambulante Schmiede einzurichten, um einige Flickarbeiten zu besorgen. Statt wie bei uns die Ränzchen auf dem Rücken zu tragen, oder einen Handwagen mit sich zu führen, schieben die chinesischen Handwerker ihre Siebensachen auf einem unförmlichen Schubkarren vor sich her, oder sie verteilen sie in zwei flache Körbe und hängen diese an die beiden Enden eines mannslangen, armdicken Bambusrohres, das sie auf den Schultern oder auf dem Nacken tragen. So befördern sie meilenweit Lasten, welche wir nicht hundert Schritte weit tragen würden, ohne erschöpft zu sein. Mein guter Schmied hatte an dem einen Ende des Bambusrohres einen Blasbalg hängen, an dem ein unförmiges Stück Eisen, sein Amboß, festgebunden war. Am anderen Ende hing ein schwerer Korb mit alten Eisenstücken, Werkzeugen und einem Kohlensack. Darüber thronte eine Pfanne und ein irdener Topf. Während ich meinen Tiffin (Gabelfrühstück) einnahm und ein wenig ruhte, beobachtete ich seine Thätigkcit. Er legte den Amboß auf einen Stein, den er zuvor mit etwas feuchter Erde bedeckt hatte, holte die Pfanne hervor, die er mit Kohlen füllte, fügte durch eine Oeffnung in der ersteren den Blasbalg ein und begann das Feuer anzufachen. Dann füllte er den Topf in dem nahen Kanal mit Wasser, und nun sah ich erst, daß er im Begriff war, zuerst seine Mahlzeit zu kochen, denn er warf eine Handvoll gepreßtes Seegras in den Topf, dazu eine Menge gekochten Reis. Mit einem Appetit, als wäre es Trüffelragout, verschlang er dann dieses Gemengsel, und derselbe Topf diente ihm später zum Abkühlen der Eisenstücke und Gerätschaften, die ihm von den Einwohnern zur Ausbesserung gebracht wurden.

In den Städten halten sich diese wandernden Künstler länger auf; sie bleiben stunden-, auch tagelang an irgend einer Mauer hocken und warten auf Kundschaft. In Tschinkiang am Jangtsekiang wohnte ich einer ergötzlichen Szene bei. Es war gerade großer Festtag, die Feier irgend eines Provinzheiligen, und in der Stadt drängten sich viele Tausende von Landleuten aus der ganzen Provinz. Ein zerlumpter, struppiger Mongole kam durch die Hauptstraße gewandert und kauerte vor einem an der Schattenseite im Freien thätigen Barbier nieder. Bevor er sich seinen Schädel kahl rasieren ließ, zog er seine blaue Aermeljacke aus und warf sie einer wandernden Flickschneiderin zu, die vor seinen Augen mitten auf der Straße die Schäden ausbesserte. Da kam ein Flickschuster mit seinem Schnappsack herbeigelaufen, und wie in England die Bootblack- (d. h. Stiefelwichs-) Jungen, so wies auch dieser mongolische Crispinusjünger beharrlich auf die Schäden an den Filzschuhen des Chinesen. Nach längerem Geschrei und Geplapper schienen die beiden handelseinig; der Schuster zog dem Chinesen die Schuhe ab, setzte sich neben das Flickweib und begann nun seinerseits, Lederflecke auf die Löcher der Fußbekleidung zu setzen.

Leder findet in China bei weitem nicht die ausgebreitete Verwendung wie bei anderen Völkern. Lederschuhe sieht man fast gar nicht, denn die Fußbekleidung der ärmeren Klassen besteht aus Strohsandalen, jene der bemittelteren aus Seide, mit Filzsohlen.

In gar manchen Industrien sind uns die Chinesen wie gesagt trotz ihrer primitiven Werkzeuge ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Ihre Silberarbeiten sind bewundernswert; einzelne Arbeiter modellieren, schmieden und vergolden die herrlichsten Vasen, Prunkbecher, Blumenhalter mit Hunderten von getriebenen Figürchen, kaum ein oder zwei Centimeter groß, aber so zart gearbeitet, daß man die Gesichtszüge und den Faltenwurf der Gewänder daran unterscheiden kann; dann werden diese Arbeiten von denselben Künstlern noch ciseliert.

Noch zarter und künstlerischer sind die herrlichen Stickereien. Viele Tausende von Männern und Frauen sind in Canton mit Stickarbeiten beschäftigt, die auch in großen Mengen nach Europa ausgeführt werden und hier willige Abnehmer finden. Monatelang wird manchmal an einem Stück gearbeitet; die Blumen, Vögel, Schmetterlinge werden ihnen nicht vorgezeichnet; sie arbeiten direkt nach dem Muster auf der Seide und führen bestimmte Stickereien auf beiden Seiten derselben aus, wobei sie die Enden der Fäden so geschickt verarbeiten und verstecken, daß man sie nicht entdecken kann. Die schönsten Muster werden in Seidenstoffe auf ganz einfachen Webstühlen eingewebt. Mit den Geheimnissen der Färberei sind sie, obwohl sie von der Chemie als Wissenschaft keine Ahnung haben, wohl vertraut, und die von ihnen gefärbten Stoffe halten die Farben besser als diejenigen, die sie von Europa geliefert bekommen. In der Zartheit und Genauigkeit von Holz-, Elfenbein- und Steinskulpturen stehen sie unerreicht da. Mit großer Findigkeit benutzen sie z. B. in geädertem Marmor die dunklen Adern, in Astholz die Astknoten für die Zwecke ihrer Arbeit; aus einer knorrigen Wurzel schneiden sie im Handumdrehen einen langbärtigen Götzen, aus einem vielkantigen Speckstein einen grotesken Alten, wobei ihnen die Auswüchse und Vorsprünge des Materials eher förderlich als hinderlich sind. An Häuserfronten, Thüren, Wänden, Möbeln bringen sie derlei Skulpturen an, wo sich nur Platz bietet, schneiden, polieren, vergolden und bemalen sie mit großer Kunst, aber sie verstehen es nicht, den Figuren die richtigen Verhältnisse, landschaftlichen Darstellungen die Perspektive zu geben. Das zeigt sich auch bei ihren Malereien. In Canton fand ich Tausende mit dem Bemalen des sogenannten Reispapiers beschäftigt, eine Eigenart der chinesischen Industrie. Dieses vermeintliche Reispapier, zart, blendend weiß, sehr gebrechlich und federleicht, ist keineswegs Papier, sondern das Mark einer Abart des Brotfruchtbaumes, das sehr sorgfältig abgelöst und dann mit dünnen, breiten Messern in ganz dünne Scheiben geschnitten wird. Auf diese Scheiben malen die Chinesen mit Wasserfarben alle möglichen Bildchen aus dem Volks- und Familienleben, Porträts, Landschaften, aber sie haben es nicht gelernt, den Bildern Schatten zu geben, ja in einem Porträt wird beispielsweise die Schattierung als Fehler angesehen; bei Darstellungen von Landschaften denken sie sich dieselben nicht von einem einzigen Standort aus gesehen, sondern sie verändern denselben jeweilig und malen also eine entfernt stehende Person ebensogroß und mit ganz denselben Einzelheiten, wie eine nahestehende, nur stellen sie die letztere tiefer, die entfernt stehende höher im Bilde.

In der Mehrzahl der Städte, selbst der kleinsten, werden Seidenstoffe gewebt, aber nirgends befindet sich eine Fabrik in unserem Sinne des Wortes; die Seide wird in einzelnen Familien verarbeitet, deren wertvollste Habe ihr unförmiger Webstuhl bildet. Und doch verstehen diese armen, unwissenden Mongolen bessere Seidenstoffe zu machen als wir. Die Worte Seide (Setum), Satin, Senshaw, die heute in der ganzen Welt eingebürgert sind, stammen aus dem Chinesischen, wo sie Sse, Ssetum und Ss’inscha heißen. In Nanking ließ ich mich in die berühmte kaiserliche Seidenfabrik führen, wo die Seide für den kaiserlichen Hof in Peking, sowie für die Ahnen- und Götzenopfer angefertigt wird, gewaltige Mengen, denn in Peking werden für Opferzwecke jährlich dreißigtausend Stück Seide allein verbrannt. Statt einer Fabrik fand ich dort eine Reihe schmutzstarrender dunkler Räume und in jedem einen plumpen, vorsündflutlichen Webstuhl; aber auf diesen entstanden allmählich unter meinen Augen die herrlichsten Damastbrokate, welche am chinesischen Kaiserhofe die Bewunderung der Gesandten in so hohem Grade erregen.

Welche Künstler die Chinesen in Bezug auf das Porzellan sind, ist ja bekannt; von China kam die Porzellanfabrikation auch nach Korea und von dort nach Japan, wo man heute vielleicht noch zarteres Porzellan macht wie in dem eigentlichen Mutterlande desselben.

Ob es wohl bekannt ist, daß der Name Porzellan nicht aus diesem letzteren, sondern aus dem Portugiesischen stammt? Als die Portugiesen vor drei Jahrhunderten die zarten durchscheinenden gebrechlichen Theetassen zum erstenmal sahen, hielten sie das Material für geschliffene Perlmuttermuscheln, im Portugiesischen Porcellana genannt, und dieser Name blieb dem Porzellan in den meisten Ländern und Sprachen bis auf den heutigen Tag.

Papier war ihnen schon im ersten Jahrhundert vor Christo bekannt, aber gerade so wie damals machen sie es heute noch aus Bambusfasern, die sie in einem großen Mörser zerstampfen und mit etwas Baumwollfaser mischen. Sie selbst betrachten das koreanische Papier als das beste, und bis auf die jüngste Zeit bestand ein Teil des Tributs, welchen Korea an den Kaiser von China zu zahlen hatte, in Papier. Aus derselben Zeit stammt die Erfindung der Tusche, die sie immer noch aus denselben Stoffen, Oel-, Kohlen- und Fichtenholzruß (also nicht etwa aus dem Tintenfisch, wie es in Europa vielfach angenommen wird), erzeugen. Vielfach wurde von seiten der Europäer in China versucht, besonders bei Artikeln, welche nach Europa ausgeführt werden, den Chinesen billigere Erzeugungsmethoden beizubringen, aber sie bleiben mit rührender Beharrlichkeit bei ihren althergebrachten Methoden, wie sie möglicherweise schon zur Zeit des Confucius gebräuchlich waren. Fast könnte man daran verzweifeln, daß sie sich in ihren Industrien überhaupt aufrütteln lassen, wenn nicht die wohlfeilen europäischen Produkte die chinesischen unterbieten und deshalb immer mehr und mehr Eingang finden würden.

Der Chinese ist viel zu sehr Rechenmeister und Handelsmann, um sich auch dann auf seine Ueberlieferungen zu steifen, wenn es ihm an den Geldbeutel geht; einzelne Artikel hat er schon aufgegeben, um sie durch europäische zu ersetzen, andere europäische hat er selbst zu erzeugen begonnen. So z. B. machen die Chinesen wohl schon seit langer Zeit Nähnadeln, aber jede einzelne wird mit der Hand gefeilt und gebohrt und ist deshalb nicht nur kostspielig, sondern auch so plump, daß sie sich mit unseren spottbilligen Nadeln gar nicht vergleichen lassen. Bekanntlich werden unsere Nadeln in kleine schwarze Paketchen gepackt. Die guten chinesischen Damen stießen sich anfänglich an der schwarzen Unglücksfarbe des Packpapiers und meinten, wenn die Nadeln in rotes Papier gepackt wären, würden sie sie doch versuchen. Natürlich beeilten sich die Birminghamer, ihre zarten Produkte für den chinesischen Markt in schönes rotes Papier zu hüllen, und jetzt haben sich die Chinesen so sehr an die billigen europäischen Nadeln gewöhnt, daß sie auch schwarze Packungen annehmen. Der chinesischen Nadelindustrie aber ist der Garaus gemacht. In den entfernten Provinzen des Innern schmieden sich die Bauern ihre Nadeln freilich noch immer selbst. Auch den Nutzen von Glas haben sie einsehen gelernt, das sie bis zum Verkehr mit den Europäern gar nicht gekannt haben. Ihre Fensterscheiben waren Papierbogen, ihre Spiegel aus Metall. Allmählich lernten sie das Schmelzen des Glases, und Tausende von Tonnen Glasscherben und alten Flaschen wurden jährlich nach China exportiert; jetzt verstehen sie es schon, den Kies selbst zu schmelzen und Glasscheiben zu erzeugen, so daß die Ausfuhr von Glasscheiben nach China vollständig aufgehört hat. Aber Spiegel können sie noch immer nicht erzeugen, dafür schleifen sie ihre runden Metallspiegel so glänzend, daß dieselben wirklich Ersatz für die Glasspiegel bilden.

Auch Brillen fanden bei den Zopfträgern willigen Eingang, aber während sie viele aus Europa einführen lassen, machen sie die Linsen und Horneinfassungen auch schon selbst; je größer die Linsen, je dicker die Rahmen, desto besser, denn es gehört in China zum guten Ton, große Brillen zu tragen. Die Mandarine, Beamten, wohlhabenden Geschäftsleute und die Compradores (Zahlmeister) der europäischen Kaufleute tragen gewöhnlich unförmig große Augengläser mit Krystallscheiben darin, welche ihr halbes Gesicht bedecken. Unsere europäischen Linsen können sie nicht gebrauchen, weil diese ihrer Ansicht nach viel zu klein sind. Deshalb bestehen in China einige Schleifereien solcher Linsen, und da ihr Glas zu unrein ist, verwenden sie nur Krystall und schleifen die Linsen so lange, bis sie den betreffenden Augen entsprechen. Auf meiner Reise den Jangtsekiang aufwärts legte unser Schiff auch in Wuhu an. Während eines Spazierganges dort begegneten wir einem meinem Begleiter bekannten Chinesen, der eben zum Sekretär des Tao-Tais (Präfekten) ernannt worden war. Durch unseren Dolmetscher ließ er uns mitteilen, er wäre eben im Begriff, zum Optikus zu gehen, um sich Brillen für seine schwachen Augen schleifen zu lassen. Offenbar schämte er sich vor uns, als Beamter noch keine Brille zu tragen. Thatsächlich sahen wir ihn bei einem Brillenmacher halten, und als wir zwei Stunden später zufällig wieder vorbeikamen, rief er uns lächelnd zu, die Linsen wären nun für sein Auge passend geschliffen. Der Neugierde halber blickte ich durch diese riesigen kreisrunden Gläser; sie waren flach wie Fensterscheiben.

Aus dem ganzen industriellen Leben der Chinesen konnte ich erkennen, daß sie mit Zähigkeit an ihren althergebrachten Werkzeugen und Herstellungsarten festhalten und ungemein schwer dazu gebracht werden können, sich die unsrigen anzueignen. Selbst im Auslande, wie z. B. in Kalifornien, wo sie doch mitten unter den Amerikanern leben und arbeiten, haben sie ihre altchinesischen Handwerksmethoden beibehalten; sie lassen sich ihren ganzen Bedarf an Kleidern, Gerätschaften, Werkzeugen aus China bringen, statt die praktischen, billigen amerikanischen Artikel anzuschaffen. Nur Artikel, die sie vor der Berührung mit den Europäern nicht besaßen, nehmen sie willig an, vorausgesetzt, daß ihnen deren Nützlichkeit einleuchtet. So war es gar nicht schwer, den Gebrauch von Petroleum und damit auch Petroleumlampen bei ihnen einzuführen, aber die letzteren machen sie jetzt in Canton schon selbst und verschicken sie jährlich nach vielen Tausenden ins Innere. Ebenso unbekannt war ihnen unsere Eisenindustrie mit ihren großen Gießereien, ihren gewaltigen Stahlwerken, Maschinen aller Art. Es dauerte gar nicht lange, so besaß die Regierung an verschiedenen Orten Arsenale und Maschinenwerkstätten, geleitet von Europäern, die sie aber allmählich durch eingeborene Ingenieure und Mechaniker zu ersetzen bestrebt sind. Augenblicklich sind sie daran, den Eisenbahnbau von Europäern zu studieren, um seinerzeit ihre Eisenbahnen selber bauen zu können.

Trotz der großen Erfindungen, welche die Geschichte den Chinesen des Altertums zuschreibt, sind die heutigen Bewohner Chinas kein erfindungsreiches Volk; dafür ist ihr Nachahmungsvermögen ungewöhnlich stark ausgeprägt. Haben sie einmal europäische Gegenstände, von deren Nützlichkeit sie überzeugt sind, und werden sie durch Europäer in die Geheimnisse ihrer Herstellung eingeweiht, so ist es ihnen ein leichtes, selbständig zum Nachteil der europäischen Industrien weiter zu schaffen.

In Hongkong, Shanghai, Singapore und anderen Großstädten Ostasiens ist die Kleinindustrie fast ganz in die Hände der Chinesen übergegangen, denn der Europäer kann mit ihnen nicht konkurrieren. Der Bedarf an Kleidern und Schuhwerk für die dort ansässigen Europäer wird größtenteils von Chinesen geliefert, die sich auch in diesen Sachen als sehr flinke, verläßliche und äußerst anspruchslose Arbeiter erweisen. Für neue Kleider, Wäsche oder Schuhe Maß zu nehmen, ist nicht ihre Sache; aber sobald ich ihnen ein europäisches Kleidungsstück als Muster mitgab, verfertigten sie danach in der kürzesten Zeit genau das gleiche Kleidungsstück zu erstaunlich billigen Preisen. Ganze Anzüge aus guten europäischen Stoffen wurden mir in Shanghai und Singapore für zehn bis zwölf Silberdollars (nach dem gegenwärtigen Werte zwanzig bis fünfundzwanzig Mark) binnen vierundzwanzig Stunden geliefert. Nur muß in kleineren Orten darauf Bedacht genommen werden, diesen bezopften Kleiderkünstlern nicht etwa geflickte Kleider als Muster mitzugeben, weil das neue Kleidungsstück dann gewiß den gleichen Flickschaden an der gleichen Stelle zeigen würde.

Wie die chinesischen Jungen das A B C lernen.

Wie in den mohammedanischen Ländern, braucht man auch in China die Kinderschulen nicht lange zu suchen; schon aus der Ferne künden sie sich durch einen Heidenlärm an, und es ist geradezu erstaunlich, welches Geschrei die kleinen kahlrasierten sechs- bis achtjährigen Rangen entwickeln können. Gewöhnlich sitzen ihrer nicht mehr als zwanzig bis dreißig in einer Schule, aber man könnte glauben, sie wären von der zehnfachen Zahl, so kräftig sind ihre Lungen. Vom frühen Morgen bis nach Sonnenuntergang schreien sie sich ihre Kehlen aus, Tag für Tag, Monat für Monat, ohne sonntägliche Unterbrechung, ohne Ferienzeit, denn diese schönste Zeit der europäischen Schuljugend ist in China unbekannt. Zu Neujahr ist Schulanfang, und kurz vor dem nächsten Neujahr geht der Kursus zu Ende, um nach den Festlichkeiten neuerdings zu beginnen. So geht es drei, sechs, zehn Jahre lang, je nach der Schulbildung, welche die chinesischen Eltern ihren Söhnen zukommen lassen wollen. Ihren Söhnen allein, denn die Töchter sind im Reiche der Mitte von der Schulbildung ausgeschlossen. Sie gehören in das Haus, nicht ins Leben, und selten begegnet man einer Chinesin, die geläufig lesen und schreiben kann.

Bei meinen Spaziergängen durch Canton wollte ich auch diese chinesischen Kinderschulen kennen lernen, allein der Besuch eines Europäers hätte wohl Lehrer wie Schüler befangen gemacht. So trachtete ich, Gelegenheit zu erhalten, sie unbemerkt zu beobachten. Gegenüber einem der vielen gemauerten, mehrstöckigen Pfandhäuser, welche das Häusermeer der Zweimillionenstadt überragen, befand sich ein kleines, einstöckiges Häuschen. Das untere Stockwerk wurde von einem Kastenverfertiger eingenommen, der den ganzen lieben Tag an seinen Kisten und Kasten hämmerte. Das obere Stockwerk hatte er an einen Privatlehrer vermietet, der etwa zwanzig schlitzäugige Söhnchen des Himmels in den Lehren des Confucius unterrichtete. Mein Dolmetscher hatte von dem Pfandhausbesitzer die Erlaubnis für mich erwirkt, einen Vormittag im ersten Stock seines festen, turmartigen Gebäudes zubringen zu dürfen. Ich schloß die schweren Holzläden des der Schule gerade gegenüberliegenden Fensters und stellte mich an das Guckloch. Das Schulzimmer war nur etwa ein Meter von mir entfernt, und ich konnte es ganz übersehen.

Der Mentor war bereits am Werk: ein alter Mann mit ungeheurer Brille auf der Nase, über welche er beim Lesen hinwegguckte. Alle Lehrer, die ich später in anderen Städten zu sehen bekam, trugen Brillen, nicht etwa ihrer schlechten Augen wegen, sondern als Zeichen ihrer Gelehrsamkeit und größeren Autorität. Neben meinem Lehrer stand ein kleines Tischchen, auf dem sich ein langes elastisches Bambusröhrchen befand. Der Zweck desselben ist bekannt. Auch in Europa weiß es jeder Schuljunge. In einer Ecke der hinteren Wand stand etwa ein Meter hoch vom Boden ein spannenlanges Holztäfelchen, mit einigen chinesischen Schriftzügen bedeckt, wie mir mein Dolmetscher erklärte, zu Ehren des Confucius. In der anderen Ecke bemerkte ich eine scheußliche Fratze auf Papier gemalt, den Gott der Schulweisheit darstellend. Vor beiden standen mit Sand gefüllte Töpfe, in denen einige Räucherkerzchen glimmten. Der Rest der Schulstube wurde von etwa zwei Dutzend kleinen Tischchen und Stühlen für die Schüler eingenommen; die Jungen standen in Reihen vor dem Lehrer und schrieen laut die Sätze nach, die er ihnen aus einem kleinen Buche vorsagte. Dabei schlenkerten sie mit den Händen und tanzten von einem Fuße auf den andern, daß die langen Scheitelzöpfchen ihrer sonst kahlrasierten Schädel wie Uhrenpendel hin- und herbaumelten. In einer Hand trug jeder ein kleines rotes Zettelchen, mit einigen Schriftzeichen bedeckt, auf welche mitunter ein Blick geworfen wurde. Von Zeit zu Zeit kehrte die ganze bezopfte Gesellschaft zu ihren Sitzen zurück, augenscheinlich um das eben vom Lehrer Gehörte auswendig zu lernen. In sitzender Stellung konnten die Jungen nicht so gut mit den Beinen strampeln und die Arme bewegen, dafür schüttelten sie die Köpfe oder wiegten den Oberkörper hin und her und schrieen dabei nach Leibeskräften ihre Lektion herunter. Das verhinderte den bebrillten Lehrer aber nicht, allmählich einzuschlummern. Zuerst schien es, als würde er in dem vor ihm auf dem Schoße liegenden Büchelchen lesen; dann begann er mit dem Kopfe zu nicken, wie eine chinesische Porzellanfigur mit beweglichem Kopf, und endlich schlief er ganz fest, trotz des Gebrülles rings um ihn. Mitten während der Schulstunde trat ein verspäteter Schüler ein, was die anderen zu noch stärkerem Schreien veranlaßte. Der Lehrer erwachte. Zornig blickte er auf den kleinen putzigen Nachzügler, der schüchtern vor das Bild des Weisheitsgottes trat und sich davor auf die Knie werfend mit der Stirn den Boden berührte; dann bezeigte er dem Confuciustäfelchen und schließlich auch dem Lehrer die gleiche Verehrung. Aber dieser nahm den Jungen sehr ungnädig auf. Ihn bei den Kleidern packend, legte er ihn über seine Knie und drosch mit dem Bambusrohr recht unbarmherzig auf ihn los. Die anderen Schüler wagten es gar nicht, aufzublicken. Hatte einer von ihnen seine Lektion erlernt, so trat er vor den Lehrer, reichte ihm das rote Zettelchen und plapperte dann den Inhalt herunter, aber nicht mit der Vorderseite dem Lehrer zugewandt, wie bei uns, sondern mit der Kehrseite. Bei den Chinesen ist eben alles umgekehrt.

Die letzte Schulstunde wurde dem Schreiben gewidmet. Jeder Schüler hatte vor sich auf dem Tische ein kleines Schreibheft aus dünnem, durchscheinendem Papier, eine Tuschschale, ein Stückchen Tusche und einen Haarpinsel mit Bambusstiel. Der Lehrer verteilte kleine Schreibunterlagen mit einigen chinesischen Schriftzeichen; diese wurden unter das letzte Blatt des Heftes geschoben (die Chinesen schreiben bekanntlich von oben nach unten, von hinten nach vorn), und jeder Schüler malte nun mit schwarzer Tusche die durch das dünne Papier sichtbaren Schriftzeichen mit ziemlicher Gewandtheit nach, ohne daß sie dabei ihren Arm auf den Tisch legten, sondern ganz frei hielten. War eine Seite damit bedeckt, so wurde die Uebung auf der zweiten von neuem begonnen, während der Lehrer von Schüler zu Schüler schritt und die Reihenfolge der einzelnen auszuführenden Striche erklärte. Jedes der zahllosen Schriftzeichen der chinesischen Sprache besteht nämlich aus verschiedenen Strichen, viele darunter haben deren sogar dreißig oder mehr, und die unrichtige Stellung auch nur eines einzigen Striches würde den Sinn des ganzen Zeichens verändern. Ebenso ist es auch nicht einerlei, ob man das Zeichen von oben oder unten oder in der Mitte zu malen beginnt; der unrichtige Anfang erschwert das Malen des ganzen Zeichens, ähnlich wie es bei unserer Schrift der Fall ist, wenn wir ein Wort mit einem Buchstaben in der Mitte zu schreiben beginnen würden. Etwas nach zehn Uhr vormittags wurde der Unterricht für eine Stunde unterbrochen, die Jungen packten ihre Siebensachen zusammen und gingen nach Hause, nicht lärmend und schreiend und lachend, wie zuweilen unsere Schüler, sondern ernst und gravitätisch. Wieder die verkehrte Welt!

Die Schulstube war nun leer, und mein Dolmetscher führte mich hinüber. Die Tische und Sitze waren nicht beschmutzt, bekritzelt und zerschnitten, wie jene unserer Schulen, sondern von makelloser Reinheit. Auf dem Tische des Lehrers lag das Buch, aus welchem er seine Weisheit schöpfte, dasselbe Buch, das ich später in Shanghai, in Nanking und anderen Städten Chinas überall in Verwendung finden sollte und das den Chinesen seit tausend Jahren unverändert von Generation zu Generation als Urquell ihres Wissens dient. Ein Zeitgenosse Karls des Großen war sein Verfasser. Mit einer gewissen Ehrfurcht nahm ich das Buch zur Hand. In der chinesischen Schrift giebt es bekanntlich keine Buchstaben, sondern jedes Wort, jeder Begriff hat sein eigenes Zeichen. Immerhin ist es befremdend, daß die Tausende von Millionen chinesischer Schulkinder, welche seit dem neunten Jahrhundert nach diesem Lehrbuche unterrichtet worden sind, als ersten Anfang, unserem ABC entsprechend, gleich die philosophischen Lehren des Confucius eingetrichtert bekommen haben. Der erste Satz dieses Sant-tsz-king genannten Lehrbuches lautet nämlich folgendermaßen:

„~Dschin tschi tsu, sing pun schen sing siang kin, si siang yeten~”.

Da stand es in den eigentümlichen, verzwickten Hieroglyphen, jedes Zeichen eine Art Rösselsprung mit Strichlein und Punkten, dick und dünn, keilförmig oder gebogen, mit Quadrätchen und Dreiecken dazwischen, ohne irgendwelche Anleitung zur Erforschung des Rätsels, ein Dutzend Rösselsprungfiguren in vertikalen Reihen untereinander. Mein Dolmetscher sagte mir den Inhalt her, ohne die Zeichen auch nur anzusehen, denn ebenso wie jeder andere Chinese, vom Kaiser bis zum letzten Handwerker, hatte auch er als Kind dieses ABC des chinesischen Unterrichtswesens auswendig lernen müssen. Die Uebersetzung lautete:

„Menschen sind bei ihrer Geburt von Natur aus gut, Im praktischen Leben weichen sie weit voneinander ab”.

Dann folgen gelehrte, tiefsinnige Sätze über die Notwendigkeit der Kindererziehung und die Art, wie sie erfolgen soll, endlich einige Fundamentallehren, z. B.:

„Es giebt drei Mächte -- Himmel, Erde, Mensch.

Es giebt drei Lichter -- Sonne, Mond und Sterne.

Es giebt drei Bande -- zwischen Fürst und Beamten: Gerechtigkeit, zwischen Sohn und Vater: Liebe -- zwischen Mann und Weib: Eintracht.

Menschlichkeit, Gerechtigkeit, -- Anstand, Weisheit, Wahrheit: diese fünf Kardinaltugenden muß man beachten. Reis, Hirse, Hülsenfrüchte, Weizen, Roggen und Gerste -- sind sechs Lebensmittel, mit denen die Menschen sich ernähren.

Gegenseitige Liebe zwischen Vater und Sohn, Eintracht zwischen Mann und Weib, vom älteren Bruder Güte, vom jüngeren Bruder Achtung;

Ordnung zwischen älteren und jüngeren Leuten, Freundschaft zwischen Gefährten, vom Fürsten Rücksicht und vom Minister Treue:

diese Pflichten sind allen Menschen auferlegt”.

Dieser Art sind die Sätze, welche alle chinesischen Jungen auswendig zu lernen haben, ohne auch nur ein Wort davon wirklich zu verstehen, denn sie sind in der alten klassischen Sprache der Chinesen verfaßt, die von den vielen Dialekten, wie sie heute in dem ungeheuren Lande gesprochen werden, mitunter ebenso verschieden ist, wie etwa Lateinisch vom Deutschen. Der Unterricht der Chinesen beginnt also etwa ebenso, als würde man unseren des ABC unkundigen Schülern einen lateinischen Klassiker, etwa Cicero, in die Hände geben und z. B. mit dem Satz beginnen:

~Homo sum; humani nihil a me alienum puto --~,

wobei man ihnen sagt, wie die einzelnen Wörter ausgesprochen werden. Aehnlich hat es ja wirklich der Dichter des Verlorenen Paradieses, der blinde Milton gethan, der sich von seinen Töchtern lateinisch vorlesen ließ, ohne daß sie selbst ein Wort davon verstanden; aber sie kannten doch zum mindesten die Buchstaben und ihre Zusammensetzung zu Wörtern; nach der chinesischen Lehrmethode aber müssen die Kinder das Wort nicht nach den einzelnen Schriftzeichen, aus denen es besteht, sondern nach seinem allgemeinen Aussehen erkennen und die Aussprache wissen, ohne auch nur von einem den Sinn, die Bedeutung zu verstehen. Wie geplagt müßte ein europäischer Schriftsetzer sein, der, ohne jemals ein chinesisches Schriftzeichen gesehen zu haben, ein chinesisches Buch in Typen setzen sollte! Aber er wäre noch glücklich zu preisen im Vergleich zu den jugendlichen Söhnen des Reiches der Mitte, welche außerdem noch die Aussprache jedes dieser Tausende und Abertausende von Schriftzeichen kennen müssen.

Tausende und Abertausende von Zeichen! Mit jenen des San-tsz-king ist es nämlich lange nicht abgethan. Denn auf dieses erste Lehrbuch folgt ein zweites mit ähnlichem Inhalt und tausend Wortzeichen, von denen nicht zwei in Aussprache oder Bedeutung einander gleich sind. Das Buch stammt aus dem Jahre 550 nach Christi Geburt, also aus der Zeit der Langobardenzüge über die Alpen. Und haben die chinesischen Jungen auch dieses von Anfang bis zu Ende auswendig gelernt, so müssen sie dasselbe mit den vier Büchern und fünf Klassikern thun, welche die großen Schätze der chinesischen Litteratur enthalten.

Der dritte Band der fünf Klassiker, Lun-yü, enthält die wichtigsten Gespräche von Confucius und darunter auch das in Deutschland so viel gebrauchte Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir thut, das thue auch den anderen nicht”.

In diesen sogenannten neun heiligen Büchern befinden sich 4601 verschiedene Wortzeichen, von denen manche, wie gesagt, bis zu dreißig verschieden gestellte Striche, Punkte, Keile enthalten, wobei die falsche Stellung eines einzigen den Sinn des ganzen Zeichens ändert. Die chinesische Schriftsprache enthält im ganzen gegen 200000 verschiedene Wortzeichen, von denen jedoch die größte Zahl veraltet ist. Das große Wörterbuch von Kang-hyi enthält 44449 der gebräuchlichsten.

Erst wenn die Jungen eines dieser Bücher nach dem anderen auswendig gelernt haben, erfolgt die Erklärung des Sinnes durch den Lehrer, wobei gewöhnlich die Kommentare von Tschu-fu-tze benützt werden, welche zur Zeit der Kreuzzüge geschrieben wurden. Das ist das Um und Auf des Wissens, welches der chinesischen Jugend beigebracht wird. Mathematik, Geographie, Geschichte, Religion, ihre eigene Umgangssprache, irgend welche praktische Wissenschaften sind dem chinesischen Lehrplan absolut unbekannt, und selbst Leute, welche von den Chinesen als die größten Gelehrten angesehen werden, haben häufig nicht die leiseste Ahnung von der Lage der Kontinente, geschweige denn der einzelnen Länder. Alles, was jenseits der Grenzen des himmlischen Reichs liegt, heißt einfach Barbarei, und nur die Mandarine, welche in den offenen Häfen Dienst thun, kennen die Bedeutung, wenn auch nicht die Lage von Deutschland, England, Rußland. In all diesen Dingen, welche bei uns jedem Schuljungen der ABC-Klassen geläufig sind, herrscht eine ebensolche Unkenntnis wie etwa bei unseren ABC-Schülern über Confucius. In China giebt es keinen staatlichen Unterricht, keine Staats- oder städtischen Schulen, Schulzwang, Schulklassen, Diplome, Schulferien und Prüfungen, ausgenommen die allgemeinen Wettprüfungen für die Beamtenstellen. Aber dennoch hat jede Stadt, jedes Dorf eine bestimmte Anzahl von Privatschulen, welche gewöhnlich von durchgefallenen Prüfungskandidaten für Beamtenposten unterhalten werden. Sie erheben von den Schülern ein jährliches Schulgeld von zwei bis fünf Taels (etwa sechs bis fünfzehn Mark), was ihnen bei einer Schülerzahl von zwanzig bis vierzig ein spärliches Jahreseinkommen von hundert bis hundertundfünfzig Taels, oft auch weniger, gewährt, also ein ähnliches Schullehrerelend wie in Ländern, die uns näher liegen. In größeren Städten kommt es häufig vor, daß die wohlhabenderen Einwohner einer Straße oder eines Stadtviertels sich zusammenthun und einen eigenen Lehrer zum Unterricht für ihre Kinder nehmen, zuweilen geschieht dies auch von einzelnen reichen Familien allein, oder von kaufmännischen Zünften, welche gewöhnlich einen Raum ihres Zunfthauses oder Klubs für Schulzwecke einrichten. Auch die in China sehr ausgebreitete Wohlthätigkeit hat viele Schulen geschaffen, aber der Unterricht ist in allen derselbe. Auch in den höheren Schulen, welche in manchen Großstädten, wie z. B. in Canton, Shanghai, Tientsin, in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, giebt es keine anderen Lehrbücher; die wichtigste Fertigkeit, die dort gelehrt wird, ist der elegante Stil, die Dichtkunst und Korrespondenz; bei der letzteren kommt es aber nicht darauf an, eigene Gedanken leicht und klar niederzuschreiben, sondern die größtmögliche Zahl stereotyper Wendungen und Floskeln auswendig zu lernen, in welchen der Schreiber sich und seine Familie möglichst herabzusetzen, die Person des Adressaten in den übertriebensten Ausdrücken herauszustreichen sucht. Auch die neugegründeten Hochschulen und Universitäten in Peking, Tientsin, Nanking sind keineswegs als solche aufzufassen, doch gehen sie weiter als die gewöhnlichen chinesischen Schulen und zeigen Mathematik, Geographie, Geschichte und vor allem moderne Sprachen unter ihren Lehrfächern. Soll ein Junge in Arithmetik, in verschiedenen Künsten und Fertigkeiten ausgebildet werden, so wird er nach mehrjährigem Besuch einer der oben geschilderten Schulen zu einem Handelsmann oder Gewerbetreibenden in die Lehre gegeben. Was er ins Leben an Kenntnissen mitbringt, sind Lesen und Schreiben, aber auch das nur in beschränktem Maße, das desto größer wird, eine je größere Zahl von Jahren er in einer Schule Unterricht genossen hat. Die unteren Stände begnügen sich damit, ihre Jungen zwei, drei Jahre in die Schule zu schicken, Gärtner, Bootsleute, Kulis, Lastträger thun auch das nicht. Im allgemeinen kann man annehmen, daß etwa dreißig Prozent mindestens ihren Namen schreiben und die einfachsten Aufschriften, Firmenschilder und dergleichen lesen können, etwa zehn bis zwanzig Prozent, je nach der Provinz, können einfache Briefe schreiben, und nur vielleicht fünf Prozent beherrschen die Sprache und Litteratur einigermaßen. Sie genießen dafür aber auch bei ihren Mitbürgern das größte Ansehen.

Nach dem Buch der Gebräuche, das seit vielen Jahrhunderten von den Chinesen nach Thunlichkeit befolgt wird, soll der Knabe im siebenten Lebensjahr die Kardinalpunkte des Wissens und das Zählen lernen; aber es darf ihm nicht gestattet werden, auf derselben Matte (mit den Eltern) zu sitzen, oder an demselben Tische zu essen; im achten Jahre muß ihm gelehrt werden, Näherstehende zu bedienen und anderen vor sich selbst den Vorrang zu lassen; mit zehn Jahren muß der Knabe zu Privatlehrern in die Schule geschickt werden und dort Tag und Nacht bleiben, um Arithmetik und Schreiben zu lernen; er muß dort einfache Kleider tragen und sich anständig, aufrichtig und zweckentsprechend benehmen. Mit dreizehn Jahren soll der Knabe sich mit Musik und Dichtkunst befassen; mit fünfzehn Bogenschießen und militärische Künste lernen. Dann ist er mit zwanzig Jahren so weit, um als Mann ins Leben zu treten und noch mehr Anstandsregeln zu lernen, sowie seinen Kindes- und Geschwisterpflichten treu nachzukommen; mit dreißig Jahren soll er heiraten und die Leitung von Geschäften übernehmen; mit vierzig Jahren kann er in den Staatsdienst eintreten, und wenn der Landesfürst seine Regierungspflichten mit Weisheit erfüllt, soll er ihm treu dienen, sonst nicht. Mit fünfzig Jahren kann er zum Rang eines Ministers erhoben werden, und mit siebzig Jahren muß er sich ins Privatleben zurückziehen.

Diese Vorschriften lesen sich sehr schön, aber mit ihrer Ausführung kann es natürlich nicht sehr genau genommen werden. Immerhin steht der Lebenslauf der Chinesen trotz der einseitigen Schulbildung auf einer viel höheren Stufe, als es gewöhnlich angenommen wird. Dank ihrer guten und strengen häuslichen Erziehung und ihrer Beobachtungsgabe lernen sie zu Hause von praktischen Dingen vielleicht ebensoviel wie in den Schulen von den alten Klassikern, und das Auswendiglernen der letzteren stärkt ihr Gedächtnis in hervorragender Weise. Welch große Fähigkeiten in der jungen Welt Chinas schlummern und nur geweckt zu werden brauchen, zeigt der überraschende Erfolg und das rasche Vorwärtskommen jener, welche in den vielen christlichen Missionsschulen Chinas, in den von Europäern geleiteten Schulen in den offenen Vertragshäfen, dann in jenen der ostasiatischen Kolonien erzogen werden. Ich habe deren in Shanghai, Hongkong, Batavia und vor allem in Singapore besucht, und die Lehrer waren des Lobes voll über die Lernbegierde und das verhältnismäßig rasche Auffassungsvermögen der chinesischen Schüler. Am meisten Gelegenheit, dies zu beobachten, bietet wohl das großartig angelegte, reich ausgestattete Raffle’s Institute in Singapore, wo ich selbst mehrere Tage in den verschiedenen Klassen unter mehreren Hunderten chinesischer Schüler zubrachte. Junge Chinesen, welche in europäischen oder amerikanischen Lehranstalten ausgebildet wurden, haben ihre Lehrer in Erstaunen gesetzt und bei den Prüfungen die besten Studenten der kaukasischen Rasse in mancher Hinsicht übertroffen.

Meine erste chinesische Mahlzeit.

In den ersten Tagen meines Aufenthalts in Canton machte ich die Bekanntschaft eines der reichsten und vornehmsten Kaufherren der chinesischen Millionenstadt und stattete ihm in seinem aus Dutzenden von Hallen und Häusern bestehenden Heim meinen Besuch ab. Kaum war ich wieder in mein Hotel, auf der Insel Shameen gelegen, zurückgekehrt, so fand sich auch schon ein langbezopfter Bote mit einem großen roten Papierblatt bei mir ein, auf welchem einige chinesische Hieroglyphen verzeichnet waren. Mein Dragoman las: „Am sechsten Tage des Mai wird ein bescheidenes Fest das Licht deiner Gunst erwarten. Grüße von T. T.” -- also eine Dinereinladung, wie ich sie gewünscht hatte. Nur war die Stunde nicht angegeben. Mein Dolmetscher erklärte mir, diese würde später mitgeteilt werden. Am Morgen des sechsten Mai erschien in der That wieder ein Diener mit einer zweiten roten Karte, auf welcher die Speisestunde, sieben Uhr abends, angegeben war.

Als ich eine halbe Stunde früher im Begriff stand, meine Sänfte zu besteigen, erschien ein Abgesandter meines Gastgebers, um mich nach dessen Haus zu geleiten. Am Eingange zu seiner mit einer hohen grauen Ziegelmauer umschlossenen Wohnung empfing mich der Wirt in eigener Person mit einer tiefen Verbeugung, indem er gleichzeitig die zusammengeballten Hände zur Stirn erhob. Er war in einen langen Talar von schwerer Seide gekleidet und trug auf seinem bezopften Haupte den schildförmigen Tatarenhut mit langer roter Seidenquaste. In seinem Empfangssalon, geschmückt mit herrlichen Ebenholzschnitzereien, Lampions und Vasen mit künstlichen Blumen, befanden sich bereits einige chinesische Gäste, sowie ein junger Engländer, der mit mir auf demselben Schiffe nach Canton gekommen war. Wir wurden allen Anwesenden vorgestellt, und diese beeilten sich, die gewöhnliche Frage an uns zu richten, welches denn unser „ehrenwertes” Alter wäre. Vor mir, dem Vierziger, machten die Zopfträger tiefere Verbeugungen als vor dem viel jüngeren Engländer. Natürlich mußten auch wir uns nach dem ehrenwerten Alter der Chinesen erkundigen. Mr. Clark, mein Engländer, schien überrascht, als unser Gastherr ihm sein Alter als Sechziger nannte, und auf die Frage nach der Ursache seines Staunens ließ Clark ihm sagen, er sähe viel jünger aus, er hätte ihn nicht für so alt gehalten. Konsternation auf allen Gesichtern. Diese europäische Höflichkeitsäußerung zog hier entschieden nicht, Clark hätte besser gethan, ihm zu sagen, daß er ihn für einen Achtziger hielte. Während es in Ländern, die uns Europäern näher liegen, Sitte sein soll, daß besonders die Damen von ihrem Alter einige Jährchen abzwacken, hören es die Chinesen sehr gern, wenn man ihnen ein paar Jahre mehr giebt.

Sieben Uhr. Schon hatten wir auf Damengesellschaft verzichtet, als plötzlich aus dem benachbarten Raum sechs höchst elegant gekleidete junge Damen trippelten, mit Füßchen kaum so lang wie mein Zeigefinger, mit Perlenschnüren und Schmetterlingen in dem glattgekämmten, glänzend pomadisierten Haar, weißgeschminkten Gesichtern und brennroten Lippen, reizende kleine Wesen, deren Erscheinen sofort alle Gesichter aufheiterte. Hinter ihnen schritten ebensoviele noch jüngere Mädchen in einfacherer Kleidung einher, die an der Thür stehen blieben. Jede hielt eine Wasserpfeife und eine glimmende Lunte in der Hand. Sie waren die Dienerinnen der Damen.

Der Ausdruck Dame ist hier nicht recht gewählt, denn die Frauen der Chinesen sind bei den Mahlzeiten, an denen andere Männer, ob Chinesen oder Europäer, teilnehmen, niemals zugegen. Da aber die Bewohner des Reiches der Mitte sich bei solchen Festlichkeiten auch gern unterhalten, so ziehen sie an Stelle ihrer Frauen öffentliche Sängerinnen bei, von jener Sorte, die nach unseren Anschauungen den Namen Dame nicht verdienen. Nicht etwa, daß sich die anwesenden Chinesinnen irgend welche Freiheiten in der Toilette oder im Benehmen gestattet hätten. Beileibe nicht. Ihre langen, blauseidenen Gewänder, über und über mit den köstlichsten Stickereien bedeckt, reichten vom Halse bis an die Knöchel, und niemals würde sich bei solchen Gelegenheiten auch die Schlimmste dieser „Blumen” nur halb so viel Toilettefreiheiten erlauben wie unsere Damen der Gesellschaft. Die sechs Blumen unserer Tafelrunde gebärdeten sich sittsam und bescheiden, und als endlich der Gastherr uns einlud, den Speisesaal zu betreten, trippelten sie alle zusammen uns Männern nach. In China würde es für Verrücktheit oder gar Unverschämtheit angesehen, wollte man einer Dame den Arm reichen, um sie zu Tisch zu führen.

Der Speisesaal war ein geräumiges, hohes Gemach, dessen eine Wand ganz aus kuriosen, durchbrochenen Ebenholzschnitzereien bestand, mit runden, weiten Oeffnungen, durch die wir den schönen Garten und Lotosteich des Gastherrn sehen konnten. Die Tafel stand der gegenüberliegenden Seite etwas näher und war zickzackförmig angeordnet; die Sitze befanden sich aber nur an der äußeren Langseite, sowie an den Stirnen, während die innere Langseite frei blieb. Den chinesischen Gastmahlzeiten pflegen nämlich Vorstellungen von Sängerinnen, Zauberkünstlern und dergleichen zu folgen, und eine vollständige Besetzung der Tafel würde den Ausblick auf dieselben verhindern. Große farbige Laternen hingen an Seidenschnüren von der Decke; die Wände bedeckten lange Papierstreifen mit Inschriften und Sinnsprüchen, und rings um den Saal waren kleine Ebenholztischchen aufgestellt mit ebensolchen, schön geschnitzten Stühlen zu beiden Seiten. Auf einem dieser Tischchen stand ein großer Kohlenbehälter mit einem Kessel darüber für den Wein, ein anderer größerer Tisch diente als Serviertisch, dicht besetzt mit Schalen, Schüsseln und Täßchen.

Es war köstlich anzusehen, unter welchen Verbeugungen und Zeremonien die Gäste Platz nahmen. Der Hausherr hatte mir den Ehrenplatz zu seiner Linken angewiesen; die Höflichkeit erfordert es, zu warten, bis der Gastgeber Platz genommen hat, er aber lud seinerseits wieder die anderen Teilnehmer zum Sitzen ein, und es vergingen einige Minuten, ehe die Verbeugungen ihr Ende erreichten. Mir zur Linken hatte eine der kleinen Dämchen Platz genommen, die fortwährend kicherte und mit ihren Kolleginnen Bemerkungen austauschte, die wohl uns Fremde betrafen. Der Tisch war über und über mit Speisen und Blumen bedeckt; große Schüsseln mit Enten, Schinken, Gemüsen und Früchten, und über jede Schüssel waren noch Blumen gestreut. Die herrlichen Blumenvasen, Schüsseln, kleinen Thee- und Weintäßchen, die vor jedem Gaste standen, waren aus feinstem Porzellan. Zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß neben meinem Tellerchen nicht Messer und Gabel, sondern nur Chop Sticks lagen. Weiß der geneigte Leser, was Chop Sticks sind? Die Chinesen ebenso wie die Japaner essen nur mit zwei etwa zwanzig Centimeter langen Stäbchen, die den Netznadeln unserer Damen so ziemlich gleichen. Gewöhnlich sind sie aus Holz geschnitzt, in diesem Falle waren sie aus Elfenbein und hatten überdies noch hübsch ciselierte silberne Köpfe. Aber was nützte mir das kostbare Material, da ich auf ihren Gebrauch noch nicht eingedrillt war? Die Chinesen nehmen zwei Sticks in eine Hand, derart, daß der Mittelfinger zwischen ihnen liegt, und handhaben sie so geschickt, daß sie selbst einzelne Reiskörner damit aufnehmen können. So haben sie es schon vor Jahrtausenden gethan, während unsere Vorfahren noch im siebzehnten Jahrhundert mit den Fingern aßen und keine Teller kannten. Wem kommt nicht die Verordnung der großen Kaiserin Maria Theresia in den Sinn, in welcher sie den Offizieren verbot, an der Hoftafel mit den Fingern zu essen, oder sich die Nase am Rockärmel abzuwischen? Und doch machte ich diesmal den Chinesen im stillen einen Vorwurf daraus, daß sie noch keine Gabeln besaßen, denn wie sollte ich denn all die guten Dinge essen? Sollte ich wie Ludwig XIII. von Frankreich auch die Finger gebrauchen? Die Antwort gab mir mein Gastherr selbst, indem er zu Beginn der Mahlzeit seinen kleinen Porzellanbecher mit warmem Reiswein, Samschu, d. h. dreimal gebrannt, zur Hand nahm und erklärte, er hätte auf meinen Wunsch dieses Gastmahl veranstaltet, um mir Gelegenheit zu geben, die chinesische Küche kennen zu lernen. Dazu gehörten auch die Chop Sticks. Er hoffe, ich werde dieselben noch recht häufig in seinem Hause gebrauchen. Darauf leerte er sein Schälchen Wein, und sich gegen mich verneigend drehte er das Schälchen in seiner Hand um. In ähnlicher Weise zeigten mir auch die anderen Gäste ihre geleerten Samschuschälchen, und ich mußte selbstverständlich das gleiche thun. Der Geschmack des Weines war wie lauwarmer scharfer Sherry.

Neben meinem winzigen Tellerchen lag glücklicherweise noch ein Löffel von Porzellan und Silber, in seiner Form einem kleinen Kochlöffel nicht unähnlich; an Stelle der Serviette hatte jeder Gast einige bedruckte Papierblättchen, wie sie durch die Japaner auch in Europa bekannt geworden sind, nur kleiner, denn sie dienen nicht als Serviette, sondern zum Abwischen der Eßstäbchen, die während der Mahlzeit nicht gewechselt werden. Die schmutzigen Papierchen werden einfach unter den Tisch geworfen. Vor jedem Gast stand überdies ein kleines silbernes Schälchen für Gewürze und ein zweites aus schönem blauen Porzellan für Soya, eine Gewürzsauce, die bei den wenigsten Mahlzeiten fehlt.

Ich hatte schon gefürchtet, daß die schönen Schinken und Gänse, die vor uns in so leckerer Weise den Tisch zierten, die Mahlzeit bilden würden; gefürchtet deshalb, weil ich ja kein Messer zum Zerschneiden der Speisen hatte. Ich wurde aber eines Besseren belehrt, als die Diener jedem einzelnen Gaste aus der Küche kommende Speisen, schon in winzige Stückchen zerschnitten, in kleinen Porzellanschälchen vorsetzten. Was diese Fleischstückchen wirklich waren, konnte ich wegen der dicken verschiedenfarbigen Saucen, in denen sie schwammen, nicht ausfinden. Vergeblich bemühte ich mich, mit Hilfe meiner Stäbchen einzelne Stückchen herauszufischen, zum höchsten Gaudium der kleinen Mädchen, bis sich endlich mein Gastgeber erbarmte und ein Stückchen mit den von ihm benutzten Stäbchen aus seiner Schale nahm und mir in den Mund schob; er that dies nicht sowohl um mir zu helfen, sondern weil dies bei den Chinesen auch als besondere Auszeichnung gilt. Es war nicht gerade appetitlich, aber „~in Rome, one must do as the Romans do~”. Der Geschmack war süßlich, ölig und so widerwärtig, daß ich den Ehrenbissen am liebsten wieder von mir gegeben hätte. Aber wie konnte ich die Gastfreundschaft so verletzen! Also herunter damit. Hätte ich nur ein Gläschen Wasser gehabt! Mit Verlangen blickte ich auf die schönen Orangen und Leitschis und Mangos, die vor mir aufgetürmt waren, dabei war ich hungrig wie ein Wolf und konnte es doch nicht über mich bringen, einen zweiten Bissen hinunterzuwürgen. Vielleicht brachte der nächste Gang, der uns etwa vorgesetzt wurde, etwas Besseres. Abermals Fleischstückchen, abermals Sauce, aber so sehr mit Knoblauch versetzt, daß ich mich mit einem geschickt erwischten Bissen begnügte. Ich hoffte über diesen zweiten Gang dadurch hinwegzukommen, daß ich recht lange mit meinen Stäbchen herumfischte. Ja, wenn nur meine holde Nachbarin nicht gewesen wäre! Kichernd beobachtete sie meine Versuche, dann erbarmte sie sich meiner, der ich dieses Erbarmen gar nicht wollte. Sie nahm ein Stückchen aus ihrer Schale und schob es mir in den Mund. So wurde ich auch während der folgenden Gänge bald von rechts, bald von links gefüttert, mein Schälchen Reiswein wurde immer wieder halbgeleert weggenommen und durch ein neues, gefülltes ersetzt. Nun bemerkte ich erst, auf welche Weise dies geschah: Auf einem Seitentischchen standen zwei Weingefäße in heißer Kohlenasche. Die halbgeleerten Schalen wurden bei jedem Gange vom Tische genommen und die Reste in das eine Gefäß zusammengegossen; dann wurden die Schalen aus dem anderen wieder gefüllt. War dieses leer geschöpft, so holte sich der Mundschenk den Wein aus dem anderen Gefäß, in welchem die zusammengeschütteten Reste mittlerweile wieder warm geworden waren.

Neun Uhr. Immer noch wurden neue Gerichte aufgetragen, es mochte wohl der zwölfte oder vierzehnte Gang dieses Banketts sein, und gar keine Aussicht auf ein baldiges Ende. Die Geschichte war recht langweilig. Mein Nachbar zur Rechten schob mir unter höflichen Verneigungen immer neue Bissen in den Mund, meine Nachbarin zur Linken kicherte fröhlich weiter und trank mir zu. Die anderen Gäste begannen ihre Befriedigung über die gebotenen Leckerbissen in einer Sprache zum Ausdruck zu bringen, zu der man keine chinesische Grammatik braucht, biedere, kräftige Naturlaute, die so recht von Herzen zu kommen schienen. Es war aber auch gar nicht anders möglich auf die vielen Zwiebeln, Knoblauch, die verschiedenen Oele, Fette, Wurzeln, Gemüse, Kräuter, Suppen, Leckereien, Präserven, Saucen, Fleisch- und Fischstückchen und den warmen Wein. Meine Odaliske bestand fest darauf, mit mir zu konversieren. Sie fragte mich die allermerkwürdigsten Dinge, die von ihrem Nachbar zur Linken, meinem Dolmetscher, in erbärmliches Englisch übertragen wurden. Ich suchte meine Antworten durch Kopfnicken und Zeichen aller Art auszudrücken, um nicht meinen Dolmetscher durch englische Antworten in Verlegenheit zu bringen. Sprach ich wirklich mit ihm, so lachten die Dämchen alle laut auf und schrieen ~yes, yes~, was es nur Platz hatte. Clark benutzte fortwährend das Taschentuch, um die in seinen Mund geschobenen Bissen auf unmerkliche Weise zu beseitigen. Sein ganzes Diner mußte unter dem Tische liegen.

Die Hitze, der ~odeur chinois~, der in dem Raume herrschte, der warme Wein, die Gerüche der Speisen hatten den Aufenthalt für uns zwei Kaukasier geradezu unerträglich gemacht, und wir ermunterten uns gegenseitig durch Zeichen, den Tisch für einige Augenblick zu verlassen. Der Gastherr schien diese Zeichen zu verstehen, denn er selbst stand nun auf und sprach unter einer Verbeugung gegen mich einige Worte, auf welche die ganze Gesellschaft sich von den Sitzen erhob. Endlich! Erleichtert sprangen wir auf unter dem Eindruck, die Sache wäre beendigt. Zeremoniös kam aber der Dolmetscher auf mich zu, um mir zu sagen, der Hausherr wünsche uns Gelegenheit zu geben, die jungen Damen, ausgezeichnete Sängerinnen Cantons, zu hören und ein paar Pfeifen Tobak zu rauchen; dann würden wir das Diner fortsetzen. Welcher Schrecken! Es stand uns also noch eine zweite Auflage Knoblauch und Zwiebel, Oel und Fett bevor! Wir begaben uns in den anstoßenden Raum, wo die Dienerinnen der Dämchen uns die eigentümlichen Wasserpfeifen der Chinesen zu rauchen gaben und langbezopfte Aufwärter schön servierten. Jeder von uns erhielt ein kleines Theetäßchen ohne Henkel, aber wie eben in China alles verkehrt ist, so stand auch das Täßchen nicht auf der Untertasse, sondern die letztere lag umgekehrt auf dem Täßchen und deckte dasselbe zu. Die Aufwärter hoben diesen Deckel auf, schütteten einige graue Theeblätter in das Täßchen, gossen kochendes Wasser darüber und legten die Untertasse wieder auf. Wollten die Gäste den Thee trinken, so faßten sie die heiße Tasse so, daß sie mit den Fingern gleichzeitig die obenliegende Untertasse ganz wenig zurückschoben und so festhielten. Durch den offenen Spalt wurde der Thee mit einem Male ausgeschlürft, während die Theeblätter durch den Deckel zurückgehalten wurden. Sahne und Zucker werden in China zum Thee nicht verwendet, bei der vorzüglichen Qualität der Theeblätter durchaus kein Nachteil.

Als die Sängerinnen ihre monotonen, fortwährend zwischen Dur und Moll einherschwebenden Gesänge unter Guitarrebegleitung abgeleiert hatten, ließ der Gastherr einen chinesischen Taschenspieler seine in der That merkwürdigen Kunststückchen ausführen. Die Abwechselung war uns sehr willkommen, denn das ~pehng, pehng, pit, pit, pit~ des Guitarregezupfes war nicht länger zu ertragen. Gern hätten wir uns nach den Vorführungen des Taschenspielers verabschiedet, um dem zweiten Teil des Diners zu entgehen, aber der Gastherr ließ uns durch den Dolmetscher sagen, er hätte gerade für dieses zweite Diner einige chinesische Delikatessen, Schwalbennestsuppe und Haifischflossen, zubereiten lassen, und so folgten wir denn wieder der bezopften Gesellschaft in den Speisesaal. Es war zehn Uhr, und während der ganzen folgenden Stunde wurden uns wieder ein Dutzend Gänge der verschiedensten Art vorgesetzt: Entenzungen, Schweinsmaul, Garnelen mit Knoblauch und Zucker zubereitet, kleine Fischchen mit eingemachten Fichtenzäpfchen, geröstete Lilienwurzeln, Fischhirn mit Pilzen und anderes. Wo das Englisch meines Dolmetschers zur Erklärung der Speisen nicht ausreichte, zeichnete er mir die betreffenden Dinger auf eine Papierserviette. Eine fade schmeckende Speise, die wie Kalbskopf nach Schildkrötenart zubereitet aussah, wurde mir endlich als die berühmten Schwalbennester bezeichnet; beim nächsten Gang bekamen wir in kleinen Schälchen eine schwärzliche Gallerte vorgesetzt, in welcher dunkelrote Eidotter staken; die Gallerte, von der ich ein Stück mit einem Stäbchen aufspießte, schmeckte uns doch so sehr nach Schwefelwasserstoffgas, daß ich mich desselben sofort wieder entledigte; mein Nachbar zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, der Dolmetscher machte ein wichtiges Gesicht und meinte: „~vely good, that vely old egg~” „sehr gut, das sehr altes Ei” (ich schreibe ~vely~ und nicht ~very~, weil der Chinese das ~r~ nicht aussprechen kann und statt ~r~ stets ~l~ anwendet). Sehr altes Ei! Ich erfuhr die Zubereitung dieser Eier aus einem chinesischen Kochbuch. Vielleicht ist sie unseren Köchinnen von Nutzen: Aus Holzasche, Kalk, Salz, Wasser und einigen aromatischen Kräutern wird ein dicker Brei bereitet, in welchen die frisch gelegten Eier gelegt und darin unter hermetischem Verschluß vierzig Tage lang aufbewahrt werden. Dann sind sie schon genießbar, aber je länger sie liegen bleiben, desto besser werden sie nach chinesischen Begriffen, gerade so wie unsere Weine, und ein mehrere Jahre altes Ei ist das Nonplusultra einer Delikatesse. Solche Eier waren es, die wir vorgesetzt bekamen!

Indessen, es ist doch alles Geschmacksache auf unserer Erde. Ich forderte meinen Dolmetscher auf, mir die Bemerkungen meines Gastfreundes mitzuteilen, und er antwortete, der letztere hätte gehört, die Europäer äßen Käse aus Milch von Kühen, Eseln und Schafen zubereitet. Sie ließen diese Käse auch so lange liegen, bis sie schimmlig würden und noch viel schlimmer stänken als diese Eier; wie es denn käme, daß wir gerade die alten Eier schlecht fänden. Ich mußte ihm darauf meine Antwort schuldig bleiben.

Nach einigen Suppen, mit wohlriechenden Oelen versetzt und gekochten Nudeln darin, kam eine Speise, die aus dünnen, weichen Knorpeln zubereitet schien und gar nicht so schlimm mundete. Das waren die berühmten Haifischflossen, von denen nicht etwa das Fleisch, sondern nur die weichgekochten Gräten gegessen werden. Die Pausen zwischen den einzelnen Gängen stillten die anscheinend noch immer hungrigen Gäste damit aus, daß sie fortwährend getrocknete Melonenkerne knabberten, die in kleinen Schüsselchen vor ihnen standen, ebenso wie man bei englischen Mahlzeiten mit Salz gebrannte Mandeln knabbert. Eine Speise, die bei großen Banketten in China gewöhnlich auf den Tisch kommt, Fisch in Ricinusöl gebacken, fehlte glücklicherweise diesmal, daß sie aber thatsächlich serviert wird, geht aus den übereinstimmenden Mitteilungen der Chinareisenden hervor. Ich habe vier Jahre später in Tsiho, an der Südgrenze von Petschili, am Hoangho, auch Kuchen vorgesetzt bekommen, die in Ricinusöl gebacken waren[1].

Auch bei diesem Diner bewahrheitete sich das Sprichwort: „Das Letzte ist das Beste”. Es kam in Gestalt einer dampfenden Schüssel gekochten Reises, der uns vorzüglich mundete. Damit war die Mahlzeit beendet. Es war elf Uhr geworden, und wir verabschiedeten uns mit herzlichem „Tschin-Tschin” (Heil, Heil!) von unserem Gastgeber und den übrigen Anwesenden. In unser Hotel zurückgekehrt, ließen wir uns noch eine Flasche Bier und ein Stück Roquefortkäse gut munden, denselben Käse, den die Chinesen so sehr verschmähen, und der bei uns als Delikatesse gilt. Andere Länder, andere Sitten.

Wie ich nachher auch in anderen Städten erfuhr, spielen sich die Festmahlzeiten der Chinesen, auch jene der Regierungsmandarine in Peking, in ähnlicher Weise ab wie das geschilderte. Speisen sie allein oder doch nur in Gesellschaft näherer Freunde, so sind die Mahlzeiten selbstverständlich viel einfacher, ja, es giebt selbst in Ostasien kaum eine Nation, die genügsamer und einfacher wäre wie eben die Chinesen. Nur die Wohlhabenden und die Mandarine gestatten sich zuweilen den Luxus eines derartig großartigen Banketts, dessen Speisen unter gewöhnlichen Verhältnissen hinreichen würden, das Menü für einen ganzen Monat zu füllen.

[1] Siehe Hesse-Wartegg, „Schantung und Deutsch-China”, Leipzig, J. J. Webers Verlag, 1900.

Speisen und Getränke der Chinesen.

Wem kämen beim Lesen der vorstehenden Ueberschrift nicht Ratten, Mäuse, Katzen und Regenwürmer in den Sinn? Wer hat nicht schon gehört, daß diese und andere Dinge zu den Leibspeisen der bezopften Söhne des Reiches der Mitte zählten? Als ich zuerst meinen Fuß auf chinesischen Boden setzte, graute mir vor den verschiedenen Leckerbissen, die ich im Laufe meiner Reisen möglicherweise vorgesetzt bekommen würde, und ich nahm mir fest vor, kein Ragout, keine Fleischspeise mit kleinen Knochen, und wenn sie noch so lecker aussähe, zu genießen. Als ich China verließ, war mein Widerwille gegen die Küche der Chinesen verschwunden, nicht etwa, weil ich mich an die Regenwurm- und Rattenragouts gewöhnt hatte, sondern einfach deshalb, weil ich selbst in den Hütten der Landleute statt der genannten ekelhaften Dinge ganz schmackhafte Mahlzeiten zu genießen bekam.

Freilich ist es nicht zu leugnen, daß der zerlumpte Pöbel in den chinesischen Großstädten, besonders in Canton und Swatow, nicht nur Ratten und Hunde, sondern auch noch andere, viel unappetitlichere Tiere mit Wohlgefallen verzehrt, aber man möge ja nicht glauben, daß dieselben etwa auf den Mittagstisch der besseren Stände oder gar der Mandarine kämen. Was wird in unsern europäischen Großstädten nicht alles verzehrt! Haben wir nicht auch Gasthäuser, in denen Pferdefleisch und, unter wohlgewürzter Wildbretsauce verborgen, schmackhafte Katzenragouts verkauft werden? Essen wir etwa nicht auch Schnecken, Austern, Seespinnen, Tintenfische, faulen Käse, Aale und Krebse geradezu als Delikatessen? Wer mit solchen Genüssen einverstanden ist, den sollte es gar nicht wunder nehmen, daß der weniger verwöhnte Gaumen der Chinesen auch an Schlangen, fettgemästeten Hunden und mürbegebackenen Seidenwürmern Gefallen findet.

Der Chinese verzehrt eben alles, was da kreucht und fleugt, und in dieser Hinsicht steht das vielgerühmte Kulturvolk der Japaner auch nicht viel über ihm. Ich erinnere mich, auf dem Wege von Nikko nach Chuzendschi im Innern von Japan in einem Gasthause eingekehrt zu sein, an dessen Balkendecke seltsame Dinge, Cigarrenbündeln nicht unähnlich, herabhingen. Als ich eines dieser Bündel zur Hand nahm, bemerkte ich, daß es braungeschmorte Eidechsen waren. Gegessen habe ich sie freilich nicht, aber sie können ebenso schmackhaft sein wie Schnecken. Daß auch die Chinesen Eidechsen essen, habe ich nicht erfahren, dafür haben sie in ihren Mahlzeiten aber doch mehr Abwechselung als irgend ein anderes Volk der Erde. Würden sie zur Bereitung ihrer Speisen nicht so viel schlechtes Oel, zuweilen sogar Ricinusöl, dann große Mengen von Zwiebel und Knoblauch verwenden, so könnte sich der Europäer mit der chinesischen Küche, wenigstens bei den besseren Klassen, ganz einverstanden erklären. Die Chinesen sind geborene Köche, selbst der geringste Landarbeiter ist im stande, schmackhafte Speisen zuzubereiten, und die Küche ist keineswegs ausschließlich in den Händen der Frauen.

Im Vergleich mit den Europäern genießen die Chinesen viel weniger Fleisch; während Gemüse bei uns die Beilagen zu den Fleischspeisen bilden, sind bei den Chinesen die Gemüse die Hauptgerichte, und Fleisch oder Fische bilden nur die Beilagen. Das weitaus wichtigste Lebensmittel im Reiche der Mitte gerade so wie in Japan und in anderen Ländern Ostasiens ist der Reis, derart, daß „eine Mahlzeit einnehmen” im Chinesischen Tschi fan, Reis essen, heißt. Begegnen zwei Chinesen einander, so sind die einleitenden Worte ihrer Unterhaltung „tschi kno fan”, d. h. „haben Sie Reis gegessen?” Ebenso wie wir uns gegenseitig mit „Wie geht es Ihnen?” und „Haben Sie gut geruht?” begrüßen. Auch bei den Mahlzeiten der Mandarine oder bei Festbanketten ist Reis die ~pièce de résistance~ und wird stets am Ende der oft aus dreißig bis vierzig Gängen bestehenden Mahlzeit aufgetragen. So viel andere Dinge die Teilnehmer von den Schwalbennestern an bis zu den Haifischflossen und Bambussprossen heruntergewürgt haben, niemals verschmähen sie diese letzte Speise, den Reis.

Der Reis wird in Ostasien in vorzüglicher Weise zubereitet, und die Europäer gewöhnen sich so leicht an ihn, daß er in den meisten Häusern und auf den Ostasiendampfern täglich auf den Tisch kommt. Die Zubereitung ist von der in Europa gebräuchlichen verschieden. Um die Hülsen der Reiskörner zu brechen, werden sie im Innern Chinas mittels hölzerner Hämmer in ebensolchen großen Mörsern gestampft; dann werden sie in einer irdenen Schüssel mit rauhem Boden umhergerieben, um die noch anhaftenden Hülsenteile zu entfernen. Ist der Reis gereinigt, so wird er nicht wie bei uns in Wasser gekocht, sondern in ein Sieb aus Bambusgeflecht gethan, das auf einen halb mit Wasser gefüllten Topf gestellt wird. Der Dampf des kochenden Wassers erweicht die Körner, kocht sie aber nicht zu einem Brei, wie es bei uns häufig geschieht. Gewöhnlich wird in demselben Wasser gleichzeitig auch Fleisch gekocht, während auf das erste Sieb ein zweites mit Gemüsen, ein drittes mit Nudeln, vielleicht auch ein viertes mit Popos, das heißt Fleischklößchen, getürmt wird. Der Dampf durchzieht die Siebe und kocht alle Speisen der Mahlzeit gleichzeitig. Der Reis ersetzt auch das Brot, das der Chinese nicht kennt. Wohl bereitet er aus Mehl und Wasser Teig, aber er läßt diesen nicht backen, sondern in Form unserer Knödel oder Dampfnudeln abdampfen. Buchweizen, Mais und Gerste werden wohl zu Mehl zerrieben, aber auch in Körnerform gekocht zu verschiedenen Speisen verarbeitet.

Neben Reis genießen die Chinesen unzählige andere Feldfrüchte, Gemüse, Bambussprossen, selbst den gewöhnlichen Seetang, von welchen ungeheure Quantitäten, besonders zwischen den japanischen Inseln und der koreanischen Küste, aus dem Wasser gefischt und nach China gebracht werden. Ich begegnete in den chinesischen Gewässern mehrfach ganzen Dschunkenflottillen, die mit Seetang gefüllt waren. Wichtiger noch als dieses sind die Bohnen, besonders im nördlichen China, dann Erbsen, die in allen möglichen Arten gezogen und zubereitet werden. Alle unsere Gemüse, von Kohl und Salat bis zu Sellerie und Spinat, leider auch Zwiebeln und Knoblauch, sind in ganz China zu finden und sind an Größe und Geschmack mit den unserigen gar nicht zu vergleichen. Im Norden Chinas kommen auch Kartoffeln vor, im Süden tritt an ihre Stelle die süße Kartoffel. Unzählige andere Vegetabilien, Wasserpflanzen, Wurzeln, Blätter, Stengel, manche von absonderlichem Aussehen und Geschmack, finden sich auf den Märkten von Canton, Swatow und Tientsin, ja, man kann ruhig sagen, daß der Chinese, wenn er wolle, jeden Tag im Jahre ein anderes Gemüse auf seinem Tisch haben könnte.

Aehnlich bunt ist die Liste der Fleischspeisen, die aber, wie gesagt, nicht den Hauptbestandteil, sondern, namentlich bei der ärmeren Klasse, eine Zugabe der Mahlzeit bilden. Während bei uns das Rind die wichtigsten Fleischspeisen liefert, ist dieses in China am seltensten und wird für Nahrungszwecke überhaupt gar nicht gezüchtet. Rinder ebenso wie Büffel sind zu nützliche Tiere, um geschlachtet zu werden, auch mag die buddhistische Religionslehre, welche sich dagegen wendet, mit in Betracht kommen. Wenigstens kommt es bei Ueberschwemmungen und Trockenheit häufig vor, daß von seiten der Behörden das Schlachten dieser Tiere gänzlich verboten wird, um die zürnenden Götter zu versöhnen. Auch Ziegen- und Hammelfleisch wird von den Chinesen selten gegessen, obschon in der Mongolei ausgezeichnete Fettschwanzhammel gezogen werden. Pferdefleisch, im Norden auch Kamelfleisch, kommt auf den Märkten häufiger vor, aber die in ganz China und Tibet bis nach der Mandschurei beliebteste Fleischspeise liefert das Schwein. In manchen Sprachen des südlichen China wird sogar unter dem Worte Fleisch überhaupt nur Schweinefleisch verstanden. „Schwein” heißt im Chinesischen geradeso wie „Herr”, nämlich Tschu, womit aber keinerlei Anspielung gemacht werden soll. Selbst die ärmsten Familien halten wenigstens eines dieser Tiere. Auf dem Perlfluß habe ich Dschunken und Flöße gesehen, auf denen Schweine gehalten wurden, die frei herumliefen und von den Abfällen der schwimmenden Haushaltung gefüttert wurden. In den Märkten der großen Städte fand ich sie braunglänzend, fettstrotzend in Reihen von Hunderten aufgehängt; oder sie waren schon zerlegt, und ihre kleinen wohlschmeckenden Schinken, über den Fleischhandlungen oder an den Bambusstangen wandernder Händler aufgehängt, wurden zum Kauf aufgeboten. Seltsamer war es schon, wenn ich auf meinen Spaziergängen in Canton Händlern begegnete, die in ihren an Bambusstangen aufgehängten Holzkäfigen junge Katzen oder junge, fette Möpse einhertrugen. Zuweilen blieb ein Käufer davor stehen, nahm ein Hündchen heraus und befühlte und bezwickte die heulenden Tiere gerade so, wie es unsere Köchinnen mit den Gänsen thun, wenn sie sich von der Fleischmenge überzeugen wollen. Diese wohlschmeckenden Möpschen werden, wie die Straßburger Gänse, eigens gefüttert, nur daß neben Mais vornehmlich Reis dabei die wichtigste Rolle spielt. Ich besuchte in Canton ein Hunde- und Katzenrestaurant, fand dort aber nur Gäste aus den ärmsten Volksklassen. Ueber der Thüre hängen neben den genannten schon geschlachteten Tieren auch ganze Stränge von getrockneten oder braungeräucherten fetten Ratten, die aber auch nur von den Aermsten der Armen gegessen werden und keineswegs, wie man in Europa glaubt, zu den beliebtesten Lebensmitteln der Chinesen gehören. Sprach ich mit Mandarinen oder wohlhabenden Kaufleuten darüber, so schienen sie von dem Gedanken, Ratten oder Mäuse zu essen, gerade so angewidert wie wir Europäer. Mit „~Tête de chien à la vinaigrette~” oder „~dogs tail soup~” schienen sie sich eher befreunden zu können. Warum auch nicht? Die zarten, mit Reis gemästeten Hündchen müssen mindestens so schmackhaft sein wie die von ekelhaftem Futter lebenden Schweine.

Geflügel wird von den Chinesen massenhaft gegessen, vornehmlich Gänse und Enten. Auf der Fahrt von Hongkong nach Canton und weiter stromaufwärts begegnete ich zahlreichen Booten, deren Insassen sich ausschließlich mit dem Brüten und Mästen der Gänse befaßten. Diese guten Gaben Gottes werden in China fast ausschließlich in künstlichen Brutanstalten ausgebrütet, deren es auch an den Ufern der vielen Arme des Perlflusses unzählige giebt. Nach etwa vierwöchentlichem Lagern in den gleichmäßig erwärmten Körben kriechen die jungen Tierchen aus der Schale, und die Gänseboote fahren nun langsam den Fluß entlang, um die Tiere an günstigen Stellen der schlammigen Ufer zur Fütterung ans Land zu lassen. Bei einbrechender Dunkelheit kehren sie regelmäßig wieder auf die Boote zurück. Im nördlichen China, zum Beispiel in Tientsin und Peking, werden vornehmlich Enten gezüchtet, die fast die Größe und das Gewicht der Gänse erreichen und von den Chinesen äußerst schmackhaft gebraten werden. Auch die meisten anderen Arten unseres Geflügels, Wildenten, Rebhühner, Wachteln, Schnepfen, Fasane, Reisvögel kommen in den hochkultivierten Ebenen Chinas massenhaft vor und werden von den Einwohnern entweder in Netzen gefangen oder mit uralten Büchsen mit Eisenschrot geschossen.

Wie wir, so essen auch die Chinesen Froschschenkel. Die Tiefebenen rings um die großen Flüsse strotzen von Fröschen. die auf eigentümliche Weise gefangen werden. Auf einem Spaziergange gegen Whampoa zu gewahrte ich einen Chinesen, der in dem schilfigen Uferschlamme umherwatete und seine Angel nicht ins Wasser, sondern in das Gras warf. Als ich ihm näher kam, bemerkte ich, daß an dem Ende der Leine ein winziges munteres Fröschlein zappelte, um dessen Leib die zarte Leine festgebunden war. Geschickt warf der Fischer das Tierchen in das dichte saftige Gras der Reispflanzung, dem Lieblingsaufenthalt der dicken, alten, fettgemästeten Frösche. Kaum wurde das Köderfröschlein von einem solchen alten Quaker bemerkt, so sprang er mit einem Satze darauf los und verschlang es. In demselben Momente zog aber auch der Angler die Angelleine ein, packte den alten Frosch mit einer Hand, das Ende der Leine mit der anderen und zog langsam den verschlungenen Köder wieder aus dem Magen des Tieres heraus. Der Frosch wurde in einen Korb gesteckt, das zappelnde Köderfröschlein aber neuerdings ausgeworfen. Auf diese Weise verloren in dem Viertelstündchen, während dessen ich den Fang beobachtete, etwa ein halbes Dutzend fetter Quaker nicht nur ihr Frühstück, sondern gleichzeitig auch Freiheit und Leben.

Nirgends in der Welt dürften die Flüsse, Seen, Tümpel fischreicher sein als in China, nirgends dürfte auf Fische und Amphibien aller Art eifriger Jagd gemacht werden. Die Flüsse sind, mit Ausnahme schmaler Fahrstraßen für die Schiffe, ganz mit Netzen und Netzstangen bedeckt; in jedem Tümpel, sogar in den Reisfeldern, werden Fische gezüchtet, und in den Städten des Südens sah ich sogar in den Straßen Bassins und Kübel, in welchen Salme oder Karpfen gemästet wurden, Tiere, zuweilen so dick und fett, daß sie sich in den engen Behältern gar nicht umwenden konnten. In anderen Bottichen lagen lebende Aale und Wasserschlangen in allen möglichen Größen und Farben, denn auch die Wasserschlangen werden von den Chinesen gerne gegessen und hauptsächlich für die Zubereitung schmackhafter Suppen benützt. In Amoy werden meterlange braune Schlangen mit ihren Köpfen an Bambusstangen aufgehängt und so feilgeboten. Das Recht des Fischens ist freigegeben, und da es die bequemste Art von Erwerb bildet, sind Flüsse und Seen gewöhnlich mit Fischern übervölkert, die in jeder erdenklichen Weise auf die Wasserbewohner Jagd machen. Sie stechen sie geschickt mit Speeren, fangen sie mit Angeln, Netzen, holen sie mit Rechen aus dem Schlamm, locken sie in Fallen oder lassen sie durch Kormorane fangen. Diese Art des Fischens ist für den Europäer wohl die interessanteste, und in China sowohl wie in Japan sah ich den flinken klugen Tieren mitunter stundenlang zu, wie sie auf das Kommando des Fischers von den Booten ins Wasser glitten und nach einigen Minuten, zuweilen auch nach längerer Zeit, wieder auftauchend, auf das Boot zurückkehrten. Der Schnabelkropf war gewöhnlich mit Fischen oder Aalen gefüllt, die sie hintereinander wieder ausspieen und dafür von dem Fischer mit einem Stück Fisch belohnt wurden. Damit sie ihre Beute nicht selbst verschlingen und die Fischer das leere Nachsehen haben, tragen diese pelikanartigen, häßlichen Vögel ein Hanfseil um den Hals, so eng geschnürt, daß sie nur kleine Fischchen verschlingen können, nicht aber größere. Von frühester Jugend an abgerichtet, folgen sie ihrem Beruf mit größtem Eifer. Die eigentümlichste Art des Fischens ist wohl in Hankau, am oberen Jangtsekiang. Die (durchwegs chinesischen) Matrosen der Jangtsedampfer verhelfen sich, wenn sie dort im Hafen lagern, zu guter Fischkost dadurch, daß sie eine etwa zwei Fuß große eiserne Kochschüssel, die sonst zum Abkochen von Reis verwendet wird, an der Innenseite mit Fett beschmieren und das Gefäß dann horizontal mittels Stricken ins Wasser hinablassen. Ziehen sie die Schüssel nach einer Stunde wieder heraus, so ist sie bis zur Hälfte mit kleinen, breitlingartigen Fischchen gefüllt. Das Fett zieht diese Fische massenhaft an, bis sie sich allmählich in der Schüssel und im Wasser rings um dieselbe in dichten Schwärmen drängen. Bei dem raschen Herausziehen der Schüssel können die untersten wegen der über ihnen befindlichen Fischmengen nicht entschlüpfen und fallen den Matrosen zum Opfer.

Bei den Apachen und Pueblo-Indianern Arizonas fand ich als Lieblingsspeise aus gerösteten und gestampften Heuschrecken zubereitete Kuchen. Diese Speise wird auch von den Chinesen gerne gegessen; viel lieber haben sie freilich geröstete Seidenwürmer, die in großen Mengen verspeist werden. Williams behauptet in seinem ausgezeichneten Werke über China, daß sie auch Regenwürmer äßen. Die Chinesen, bei denen ich mich hierüber erkundigte, leugneten es entschieden, während sie von den Seidenwürmern als Leckerbissen sprachen. Zu diesen letzteren zählen in China vor allem die vielgenannten Schwalbennester, dann Haifischflossen, Tripang (Seewalze) und Fischmagen, nur sind die Schwalbennester so kostspielig, daß sie auf den Tisch der Reichen beschränkt bleiben. Für einen Teller Schwalbennestsuppe bedarf es für etwa sechs Mark Nester. Es ist bekannt, daß diese Schwalbennester von den Sundainseln, hauptsächlich von Java stammen, nicht bekannt dürfte es indessen sein, daß in Canton allein jährlich über acht Millionen Nester eingeführt werden. Im Innern des Landes wird das Kilogramm Schwalbennester mit fünfzig bis hundert Mark bezahlt. Der Grund dieser hohen Preise dürfte weniger darin liegen, daß die Chinesen die Nester als wohlschmeckende Delikatesse betrachten, sondern vielmehr in dem Umstande, daß man dem Genuß der seltsamen Speise besonderen Einfluß auf den Körper zuschreibt. Aus demselben Grunde werden auch die ekelhaften lederartigen Seewalzen und die Haifischflossen gegessen.

Die chinesischen Schwalbennester sind von der Größe einer kleinen Damenhand und bestehen der Hauptsache nach aus dem Speichel der Schwalben, der mit Federn und Seegrasfasern vermengt ist, die sorgfältig entfernt werden. Ihre Zubereitung fand ich in einem chinesischen Kochbuch folgendermaßen angegeben:

„Entferne sorgfältig alle Federn. Koche die Nester in Suppe oder Wasser, bis sie weich und von der Farbe des Nephrytsteines (gründlichweiß und durchscheinend) sind. Lege sie auf eine Lage Taubeneier, bedecke sie mit Schinkenschnitten und koche sie nochmals. Liebst du sie süß, so füge kandierten Zucker bei. Bereite sie sorgfältig und ohne Oel. Habe acht, daß sie lange kochen, denn ißt du sie, bevor sie weich sind, so bekommst du Durchfall.”

Haifischflossen werden von den Chinesen ebenfalls massenhaft gegessen, und in dem südlichen Hafen Koreas, in Fusan, fand ich eine große Kolonie von Japanern, die sich fast ausschließlich mit dem Haifischfang beschäftigten. Die zuckenden Leichname der vielen getöteten Haifische boten keineswegs einen appetitlichen Anblick, denn die kleinen flinken Japaner sprangen zwischen ihnen umher und hieben den noch lebenden Tieren die Flossen und den Schwanz ab. Das chinesische Kochbuch giebt folgende Zubereitung von Haifischflossen an:

„Lege sie in einen Kochtopf, füge Holzasche bei und koche sie mehrmals ab. Dann kratze sorgfältig die Haut ab. Entfernt sie sich nicht leicht, koche abermals und kratze wieder. Koche nochmals, schabe das Fleisch ab und behalte die Floßfedern. Koche diese nochmals und thue sie hierauf in Quellwasser, das du mehrmals wechseln mußt, damit der kalkige Geschmack verschwinde. Dann thue die Floßfedern in die Suppe, lasse sie mehrmals aufkochen, bis sie weich sind. Dann füge der Suppe Krebsfleisch und ein wenig Schinken bei und esse.”

Die Schilderung ist so deutlich, daß jede Köchin danach Haifischsuppe zubereiten kann. Die beste Bezugsquelle für Haifischflossen ist Cheng Ming & Co. in Canton.

Einfacher als die Speisen der Chinesen, von denen hier nur die gebräuchlichsten und merkwürdigsten angeführt wurden, sind ihre Getränke. Wasser trinken sie nur wenig; an seine Stelle tritt überall der Thee, aber ohne Zucker und Milch, da sie Milch ebenso wie Butter verschmähen. Nur in der Mandschurei wird schmutzige, schlechtschmeckende Butter und Käse bereitet, auch zuweilen Milch getrunken.

Geistigen Getränken huldigt der Chinese nur wenig; nie habe ich in China einen Betrunkenen gesehen. Wohl haben sie viele und schmackhafte Weinreben, allein die Zubereitung von Wein ist ihnen nicht bekannt. Dafür machen sie Soki, eine Art Reisbranntwein, und bei keinem Festmahl fehlt Samschui, das ist warmer Reiswein. Bei den Mandarinen hat neuestens sogar in den Inlandstädten ein ihnen früher unbekanntes Getränk Eingang gefunden, dem sie recht gerne zusprechen, und das chinesisch Hsiang-pin, d. h. wohlriechender Trank für Gäste, heißt. Wir in Europa haben dafür einen anderen Namen. Er lautet: Champagner.

Shanghai.

Wer von Hongkong nach dem großen Handelsemporium des Jangtsekiang, nach Shanghai will, thut gut daran, zu dem Zwecke einen der großen Palastdampfer des Norddeutschen Lloyds zu benützen, denn je schneller er die Reise ausführt, desto besser ist es für ihn, und die Lloydschiffe nehmen gewöhnlich in keinem der fünf offenen Häfen zwischen Hongkong und Shanghai Aufenthalt, sondern fahren direkt nach dem letztgenannten Reiseziele. Wohl befindet sich unter den fünf Vertragshäfen, die man passiert, Futschau, eine der großen Städte Chinas mit einer Million Einwohnern, aber wer Canton gesehen hat, dem wird Futschau, ausgenommen die herrlichen Landschaften am Minfluß und die weitere hochmalerische Umgebung, nur wenig Interessantes bieten. Die südlich von Futschau gelegenen zwei Vertragshäfen Swatow und Amoy sind des Besuches kaum wert. Beide werden selbst von den Chinesen als sehr schmutzige Städte angesehen, auch ist die Bevölkerung den Europäern durchaus nicht besonders freundlich gesinnt, was seinen triftigen Grund hat: bald nach der Eröffnung dieser Häfen gaben sich die Europäer, welche sich dort ansiedelten, einem schmachvollen Kulihandel hin, ähnlich wie es früher die Portugiesen in Macao thaten. In den letzten Jahren hat die Feindseligkeit der Chinesen wohl etwas nachgelassen, aber die Zahl der in den beiden Städten residierenden Europäer hat doch nicht in ähnlichem Maße zugenommen wie in den anderen Häfen und dürfte zusammen etwa 350 betragen, die zahlreichen chinesischen Zollbeamten und Missionäre mit eingeschlossen.

Aehnliches kann auch von den beiden nördlich von Futschau gelegenen Vertragshäfen Wentschou und Ningpo gesagt werden; beide Häfen leiden unter der erdrückenden Nachbarschaft von Shanghai, und der europäische Handel will nicht recht vorwärts; vielleicht teilweise auch deshalb, weil die Schiffahrt in diesen Gewässern bis hinauf nach Shanghai recht gefährlich ist.

Spät am Abend kam ich in Shanghai an und fuhr durch die glänzend erleuchteten, mit modernen Palästen besetzten Straßen nach dem Astor House, einem neuen eleganten Hotel ersten Ranges. Dort überreichte man mir eine Einladung zu der St. Georges Celebration, die gerade heute Abend um neun Uhr in Chang-Su-Ho’s Garten stattfinden sollte. Die Einladung war auf schönes Papier mit Goldbuchstaben gedruckt und mit bekannten, geachteten Namen unterzeichnet. Rasch warf ich mich in Toilette und war ein halbes Stündchen später an der Pforte eines Gartens, an der eine Reihe glänzender Equipagen ihre Insassen entlud. Damen in reichen Abendtoiletten, begleitet von tadellos gekleideten Gentlemen, eilten scherzend und schäkernd dem Inneren des Gartens zu, von wo Tausende von Lampions und Lichtern mir entgegenstrahlten. Triumphbogen aus tropischen Gewächsen und unbekannten Blumen wölbten sich über dem wohlgepflegten Wege; aus allen Bäumen und Bosketts glühten verschiedenfarbige Lichter, und in der Mitte einer weiten Rasenfläche erhob sich ein großer Tempel, ganz aus chinesischen Laternen zusammengesetzt, ein feenhafter Anblick. Ein schöner dunkler See mit einer dreißig Meter hohen Pagode in der Mitte trennte diesen Tempel von einer Reihe von Gebäuden, Tribünen, Schaubuden und Cafés, die, in ein Lichtmeer getaucht, Tausende von Menschen beherbergten, Menschen, wie ich sie bei den großen Gartenfesten von London und Paris zu sehen gewohnt war, alle in großer Toilette, alle von weltmännischen, ungezwungenen Manieren, alle einander kennend und begrüßend. Nur ich war fremd und kannte nicht eine Seele. Ueberrascht von diesem seltsamen und unerwarteten Anblick mengte ich mich in das Gewühl und beobachtete die einzelnen Gruppen. Niemals und nirgends habe ich auf einem so kleinen Raum innerhalb weniger Minuten so viele Sprachen sprechen hören. Zwischen dem Anzünden und Fertigrauchen einer Cigarette vernahm ich in den einzelnen Gruppen Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Dänisch, Portugiesisch, am meisten aber Englisch und Deutsch, gutes Hamburger Deutsch. Vermengten sich diese Gruppen untereinander, dann sprangen die Sprechenden von einer zur andern Sprache über, mit einer Leichtigkeit, die einfach überraschte. Wo war ich denn? War der Garten, in dem ich mich eben befand und der mit Entzücken das Band, das mich an die Heimat fesselt, wieder strammer anzog, war dies China? Wo waren denn die Chinesen? Im Schatten der Bäume und der Bosketts, hinter den Häusern huschten sie umher als dienende Geister, brennende Lampions zu löschen, verlöschende Lichter durch neue zu ersetzen, Stühle zu tragen, Paletots und seidene zarte Damenmäntel zu halten. War dies China, das Reich der Mitte, den Europäern versperrt, beherrscht von einem Kaiser, welcher der Sohn des Himmels ist, und verwaltet von zugeknöpften, mißtrauischen, finsteren Mandarinen?

In den Cafés und Schaubuden ging es gar lustig her. Allerhand Allotria standen auf dem ellenlangen Programm, und die in knisternde Seide gehüllte, juwelengeschmückte Damenwelt eilte von einer Bude zur andern, um Konzerte und Dramen und Ballett- und Zaubervorstellungen mitzumachen, alles das veranstaltet durch Gentlemen-Amateurs. Und als diese Produktionen im Freien zu Ende waren, strömte alles in einen großen, säulengeschmückten, glänzend erleuchteten Tanzsaal, wo ein ausgezeichnetes Orchester lustige Weisen spielte und sich die eleganten Pärchen im Kreise drehten und über den glatten Parkettboden flogen. War das China?

Am nächsten Morgen an das Fenster meines Hotelzimmers tretend, hatte ich einen überraschenden Anblick: ein mächtiger Strom, wohl eine halbe englische Meile breit und bedeckt mit Dutzenden von großen Ozeandampfern, Kriegsschiffen, Leichtern und Booten. Die auf den Masken lustig flatternden Flaggen zeigten alle Farben in allen möglichen Zusammenstellungen: Engländer, Oesterreicher, Belgier, Franzosen, Dänen, Spanier, dazwischen die blaue Flagge der englischen Naval Reserve, der rote Ball in weißem Felde der Japaner, der chinesische blaue Drache auf gelbem Felde, aber am zahlreichsten das Schwarz-Weiß-Rot der deutschen Handelsflotte. Die größten und stolzesten Schiffe, die hier auf dem breiten gelben Strom vor Anker lagen, waren deutsche, darunter der gewaltige Koloß „Preußen” des Norddeutschen Lloyds, mit dem ich selbst von Süden heraufgekommen war. Ein schöner Park mit wohlgepflegten Blumenbeeten und schattigen Baumgruppen zog sich von meinem Hotel dem linken Stromufer entlang südwärts, auf der Landseite eingefaßt von großen Steinpalästen mit Balkonen und Arkaden, mit Gittern und monumentalen Thorbogen davor. Von den Dächern erwiderten Flaggen aller Nationen die Grüße der fremden Schiffe; soweit ich nur sehen konnte, boten sich mir Bilder großartigen Lebens und Verkehrs, wie sie nur noch in den Handelsemporien unseres eignen alten Kontinents zu finden sind, und dieses Leben und dieser Verkehr trugen dabei auch das Gepräge unserer eigenen Kultur. War das China?

Diese europäische Großstadt an der Pforte des Jangtsekiang, des mächtigsten Stromes von Asien und der Hauptverkehrsader des chinesischen Reiches, ist eine der merkwürdigsten Schöpfungen unseres Zeitalters. Rings umgeben von mongolischer Kultur, Tausende von Meilen östlich von Europa, ebensoviele Tausende von Meilen westlich von Amerika ist es der entlegenste Außenposten unseres die Welt beherrschenden Handels, unserer Industrien, nicht etwa eine künstlich genährte und gehegte Kolonie, sondern eine Hochburg, welche die furchtlosen Kaufherren der letzten Generation selbst dem Mongolenkoloß abgezwungen, groß und stark gemacht haben. Man hat Shanghai das „Paris von Ostasien” genannt, und ein solches ist es in der That.

Im Vergleich zu Shanghai treten alle anderen europäischen Städte Ostasiens in den Hintergrund, Singapore, Penang, Hongkong, Batavia, Manila, Yokohama, Kobe, Nagasaki. Manche darunter sind schöner, größer, behaglicher, keine aber hat einen ähnlich entwickelten Handels- und Schiffsverkehr, eine so aufgeweckte liberale, energische, vergnügungslustige Bevölkerung.

Es sind freilich weder architektonische Wunder noch großartige Schöpfungen nach unseren Begriffen, die man hier zu sehen bekommt, denn man darf ja nicht vergessen, daß Shanghai in China liegt. Aber die Menschen, die aus allen Ländern und Weltteilen hierher in das flache, sumpfige, ungesunde Tiefland an der Mündung des Jangtse verschlagen wurden, haben sich ihre neue Heimat, dieses europäisch-chinesische Babel, überraschend schön und behaglich und zweckmäßig eingerichtet.

Ueberraschend, das ist das rechte Wort. Ich hatte mir die Handelsmetropole Chinas als eine lebhafte, lärmende Geschäftsstadt mit großen Warenlagern und Quais und Schiffsbureaus, mit chinesischen Arbeitern und chinesischem Schmutz vorgestellt, etwa so wie Hongkong. Als ich aber meine erste Promenade auf dem Bund von Shanghai machte, fühlte ich mich eher in einem europäischen Badeort, etwa einem nordischen Nizza, so elegant, so vornehm und durchaus europäisch zeigt sich Shanghai von der Flußseite her. Auf etwa zwei Kilometer zieht sich dieser Bund dem Ufer entlang, eine von hohen Laubbäumen beschattete, vorzüglich gehaltene Straße mit schönen Fahrwegen auf beiden Seiten. Der Raum zwischen dieser Straße und dem Flußufer wird durch weite Rasenflächen, Baumgruppen und den vorerwähnten Stadtpark eingenommen, während auf der anderen Seite, die Fronten gegen den Fluß gewendet, die Paläste des Handels sich erheben. Würden nicht an den Thoren auf kleinen Schildern die Namen solcher Weltfirmen wie Butterfield & Swire, Jardine Matthison & Co., Siemssen & Co., Melchers & Co., Sassoon & Co., Deutsch-asiatische Bank, Hongkong- und Shanghaibank und andere zu lesen sein, man würde in jedem einzelnen dieser langen Reihe von Palästen viel eher vornehme Privatresidenzen vermuten, so schön und behaglich erscheinen sie, so wohlgepflegt sind die kleinen ihnen vorgelagerten Gärtchen, so absolut gar nichts sieht man von den wenig ansprechenden Einzelheiten des Großhandels. Ich bin während meines ersten vierzehntägigen Aufenthaltes in Shanghai den Bund mehrmals täglich auf- und abgewandert, aber niemals sah ich auch nur einen Warenballen, einen Dockarbeiter, einen Frachtwagen in dieser merkwürdigen Straße. Und doch wechseln hier im Jahre Hunderttausende von Tonnen Waren die Hände, werden von hier in jeder Woche zahlreiche Dampfer nach Indien, Japan, den Philippinen und Sundainseln, nach Europa und Amerika, nach dem nördlichen China, Korea, Ostsibirien und den Jangtse aufwärts tausend Meilen weit bis nahe nach Tibet expediert. Alles geht hier merkwürdig still und glatt vor sich; in den großen Geschäftsbureaus herrscht ein vornehmer Ton, eine gewisse weltmännische Eleganz, grundverschieden von den Verhältnissen, an die man zu Hause gewöhnt wurde. Im Verkehr mit den Geschäftsleuten erhält man den Eindruck, als hätte man es mit lauter wohlhabenden, wohlsituierten Gentlemen zu thun, welche das Geschäft eben nur als Sport betreiben. Obschon Shanghai nicht nur der Waren-, sondern auch Geldmittelpunkt von China ist, und eine stattliche Zahl von Banken hier ihren Sitz haben, giebt es doch keine Börse. Der ganze Börsenverkehr wird einfach beim Mittagscocktail an der Bar des Shanghaiklubs abgewickelt. Vor zehn Uhr morgens sind nur wenige Geschäftsbureaus geöffnet; mittags erscheinen vor den meisten elegante Equipagen, welche die Herren Prinzipale nach Hause oder in einen der Klubs bringen; nachmittags wird wieder zwei bis drei Stunden gearbeitet, und das Tagwerk ist vollbracht, wenigstens was das Geschäft betrifft. Ich hatte gehofft, den Kleinhandel und etwas von dem großen Warenverkehr Shanghais in den vom Bund landeinwärts führenden Seitenstraßen zu sehen, aber auch dort ist wenig davon zu merken. Diese Seitenstraßen sind auf über hundert Meter nur Fortsetzungen des Bunds, und darüber hinaus beginnt der chinesische Stadtteil, jedoch keineswegs mit dem ekelerregenden Hongkonger Schmutz. Die Straßen behalten auch im chinesischen Viertel ihre beträchtliche Breite und auffällige Reinlichkeit, und hat man das Chinesenviertel durchfahren, so gelangt man wieder in hübsche, wohlgepflegte, schattige Avenuen, wo halb verborgen in großen schattigen Gärten hübsche moderne Villen stehen. Nur in der eigentlichen, mit einer Ringmauer umgebenen Chinesenstadt und teilweise auch in der französischen Konzession sieht man die engen und schmutzigen Gäßchen, welche jede Stadt Chinas kennzeichnen. Wer das chinesische Shanghai sehen will, muß sich dort hinein bemühen, denn in der europäischen Stadt ist davon fast gar nichts vorhanden. Chinesen sieht man hier nur als Kutscher, Rickshaw Boys und als Angestellte oder Diener in den Handlungshäusern. Die japanische Rickshaw, eigentlich Jinrickshaw, hat sich auch in Shanghai eingebürgert, und ich glaube, es sind davon nicht weniger als tausend vorhanden, kleine zweiräderige, einsitzige Wägelchen, zwischen deren Deichseln statt Pferden kräftige, dickwadige Chinesen laufen. Noch ein anderes merkwürdiges Vehikel verirrt sich zuweilen aus der Chinesenstadt auf den Bund: ein Schubkarren mit einem großen Rad und Sitzen auf beiden Seiten desselben. Für wenige Pfennige gönnen sich die Chinesen auf derlei Schubkarren das Vergnügen des Fahrens. Sie setzen sich auf eine der beiden Sitzbänke, und der kräftige Kuli schiebt sie rasch, wie eine Ladung Steine, nach ihrem Bestimmungsort. Zuweilen werden diese Schubkarren auch von zwei Passagieren, gewöhnlich Frauen, gleichzeitig benutzt, und man muß über die Kraft der Kulis staunen. Hat ein chinesischer Diener irgend ein Gepäckstück zu befördern, ein Bauer ein Schwein auf den Markt zu führen, eine Mutter ihr krankes Kind nach dem Hospital zu bringen, flugs wird ein Schubkarren requiriert, Gepäckstück, Schwein oder Kind auf die eine Seite angebunden, auf der andern Seite selbst Platz genommen und fort geht es im Laufschritt nach dem Ziele. Von Europäern werden diese Schubkarren niemals benutzt, und selbst die in Japan so beliebte Jinrickshaw scheint bei der eleganten Welt Shanghais etwas verpönt zu sein. Damen benutzen sie selten, dagegen sind die Rickshaws bei den Chinesinnen beliebt. Eines Tages sah ich zwei derselben in einer Rickshaw sitzen, und sie näher betrachtend, gewahrte ich zu meiner Ueberraschung an ihnen blondes, in langen Zöpfen herabfallendes Haar, blaue Augen, kaukasische Gesichtszüge. Blonde Chinesinnen! Aber das ethnologische Wunder wurde mir bald erklärt. Die Fräuleins der schwedisch-protestantischen Mission halten es für ihre Zwecke entsprechender, sich in chinesische Gewänder zu kleiden. Ich sah deren später noch andere in den Uferstädten des Jangtsekiang. Auch die Missionare tragen fast ausschließlich die chinesische Tracht.

In den Banken, Geschäftsbureaus, in den Haushaltungen, Gärten, in der Küche und Kinderstube besteht die dienende Welt nur aus Chinesen, und ich glaube nicht, daß in ganz Shanghai ein halbes Dutzend weißer Diener, wenn überhaupt so viele, zu finden sind. Die Kaukasier sind dort nur Gentlemen und Ladies, die Chinesen im Verkehr mit ihnen nur Untergeordnete, treu, zuverlässig, ehrlich, aufmerksam, still und emsig, so daß den Europäern dank ihnen das Leben in Shanghai wirklich leicht gemacht ist. Häusliche Verrichtungen kennen sie gar nicht. Von den Einkäufen für die Küche bis zum Hausreinigen und Stiefelputzen wird alles in der glattesten Weise durch die Chinesen besorgt, welche Kassierer, Stubenmädchen, Köchinnen, Hausdiener, Kutscher, mit einem Worte alles sind. Die Europäer haben deshalb sehr viel Zeit und überdies alle erdenklichen Gelegenheiten, diese Zeit in der angenehmsten Weise totzuschlagen. Selbst in europäischen Großstädten dürfte es nicht mehr Klubs, Gesellschaften, Vergnügungen aller Art geben, und man kommt im Winter und Frühjahr aus diesem Taumel fast gar nicht heraus. Shanghai hat davon vielleicht sogar ein bißchen zu viel, und es würde den jungen Herren besser bekommen, wenn sie von ihren in neuerer Zeit durchaus nicht mehr übermäßig hohen Bezügen etwas zurücklegen würden, statt sie auf Equipagen, Reitpferde, Klubs und Jagden zu verwenden.

An der Spitze der Gesellschaft stehen die Konsularvertreter und Gerichtsbeamten der europäischen Mächte, da ja die europäischen Bewohner Shanghais den chinesischen Gerichten selbstverständlich nicht unterstehen, sondern ihre eigenen Konsulargerichte haben. Die Konsulate Deutschlands, Englands und Frankreichs sind in wahren Palästen untergebracht, und die betreffenden Vertreter üben die Repräsentation mit sehr viel Takt und Eleganz. Die Generalkonsuln Englands und Frankreichs sind gleichzeitig die obersten Behörden Shanghais. England wie Frankreich erhielten nämlich vor einigen Jahrzehnten die Handvoll chinesischer Erde, auf welcher Shanghai steht, als Konzession. Auch die Vereinigten Staaten ergatterten sich eine solche; sie ist aber längst mit der englischen Konzession vereinigt und hat keine selbständige Munizipalität mehr wie diese oder die französische. Ein kleiner Kanal bildet die geographische Grenze zwischen beiden, eine gesellschaftliche giebt es aber längst nicht mehr, denn viele französische Ansiedler, müde der Nörgeleien ihres konsularischen Diktators, sind nach der englischen Konzession ausgewandert, kleinere englische Kaufleute traten auf französischen Boden über, und die ganze Fremdengesellschaft bildet in Shanghai eine einzige Happy Family, wo von Rassenhaß und Nationalitätenhader nichts zu sehen ist. Wohl giebt es einen deutschen, englischen und französischen Klub, der erstere einer der schönsten und gastfreiesten Ostasiens, allein bei Festlichkeiten, Soireen, Musikabenden und dergleichen wird die Gesellschaft geladen ohne Unterschied der Nationen. Kurz vor meiner Ankunft in Shanghai fanden auf dem herrlichen Rennplatz zur Seite des Bubbling Well Road große Wettrennen statt, an denen sich ganz Shanghai beteiligte. Wenige Tage später veranstaltete die ~Société dramatique française~ in dem hübschen kleinen Lyceumtheater ganz reizende Amateurvorstellungen in französischer Sprache, zu denen die Deutschen ebensogut geladen waren wie die Engländer; und in Erwiderung des englischen St. George- und des französischen Thalia-Abends gaben wieder einige Tage später die Deutschen eine glänzende Soiree zu Ehren einer eben durchreisenden Künstlerin von Weltruf, bei welcher die großen Säle des Konkordiaklubs mit einer ähnlich internationalen Gesellschaft dicht gefüllt waren und Champagner in Strömen floß. So geht es auch auf den Jagden, Konzerten, auf dem Lawntennisboden, wie bei den Regatten auf dem Wusungstrome zu.

Es ist ein wahres Glück, daß sich die Menschen hier so gut vertragen, denn Organisation auf staatlicher Grundlage ist keine vorhanden, und kein Mensch kann sagen, wem Shanghai eigentlich gehört. Das Zollwesen ist chinesisch, die Munizipien sind englisch und französisch, und an Postämtern giebt es ein deutsches, französisches, englisches, japanisches, chinesisches und Shanghaipostamt für den Lokalverkehr, sechs verschiedene Postämter, jedes mit seinen eigenen Postbeamten und Postwertzeichen. Die Chinesen haben in Shanghai ihr eigenes Militär und nahe der Stadt auch ein großes, vortreffliches Arsenal. Die Polizei des europäischen Stadtteils ist größtenteils auch chinesisch, untersteht aber den Munizipien und hat mit den chinesischen Behörden nichts zu thun. Neben den etwa dreihundert chinesischen Polizisten giebt es aber auch fünfzig europäische und fünfzig indische. Dieses seltsame Gemengsel hält die Ordnung in Shanghai in ausgezeichneter Weise aufrecht, und kommen größere Unruhen vor, bedrohen Rebellen die Stadt, wie es vor einem Vierteljahrhundert geschah, so lassen die Bewohner Shanghais ihre eigene Armee aufmarschieren. Diese besteht aus drei europäischen Freiwilligenkorps, nämlich einer Schwadron Kavallerie, einer Feldbatterie und drei Kompagnien Infanterie, durchweg von Bürgern Shanghais gebildet. Verschiedene Telegraphengesellschaften verbinden diese Stadt mit der Außenwelt, und die Kaufleute lesen morgens beim Frühstückstisch in den vortrefflichen englischen Zeitungen Drahtberichte aus London, Paris, Berlin, Neuyork. Shanghai hat vier englische Tageszeitungen, von denen die North China Daily News die beste ist, dann mehrere Wochenblätter, unter denen der deutsche, vorzüglich redigierte Ostasiatische Lloyd besonders rühmend hervorgehoben zu werden verdient.

Nun sage man noch, Shanghai sei keine europäische Großstadt! Europäisch im wahren Sinne des Wortes. Denn die Chinesen mit ihrer Viertelmillion Seelen leben für sich und vermengen sich, ausgenommen durch die dienende Klasse, niemals mit den Europäern. Ist es nicht wunderbar, daß diese letzteren, so verschiedenen Rassen, Nationen, Gesellschaftsklassen und Berufsarten angehörend, eine so große, schöne Stadt gründen konnten und so einträchtig darin leben? Man wird gewiß fragen, wie viele europäische Einwohner Shanghai besitze. Die Antwort wird vielleicht mehr Staunen erregen als alles andere: nicht mehr und nicht weniger als irgendeine unserer hauptstädtischen großen Infanteriekasernen: sechstausend, das ist alles. Am stärksten sind, wie überall, die Engländer vertreten, und ihnen zunächst kommen nicht nur an Zahl, sondern auch an Einfluß, Wohlstand, Handel und in gesellschaftlicher Hinsicht die Deutschen.

Dabei geht es in geschäftlicher Hinsicht in Shanghai mit Riesenschritten vorwärts. Die Stadt entwickelt sich zusehends, sowohl was die europäische wie die chinesische Bevölkerung anbetrifft. Zwischen 1870 und 1880 nahm die europäische Einwohnerzahl ab, während sie in den fünf auf 1880 folgenden Jahren um fünfzig Prozent wieder zunahm und sich seit 1885 sogar verdoppelte und heute, wie gesagt, sechstausend Seelen erreicht hat. Unter diesen sind über 2000 Engländer, 450 Deutsche, 380 Amerikaner und nur 300 Franzosen, dann 800 sogenannte Portugiesen, größtenteils Mischlinge aus Macao. Der Dampferverkehr erreicht jährlich etwa 6000 Schiffe mit acht Millionen Tonnen, der Wert des Handels tausend Millionen Mark.

Auch in industrieller Hinsicht wächst Shanghai seit dem Frieden von Shimonoseki, hauptsächlich deshalb, weil den Chinesen die freie Einfuhr von Maschinen in die Vertragshäfen abgezwungen wurde. Im Jahre 1896 allein entstanden in Shanghai vierundzwanzig neue Seidenfilaturen, an denen sich auch Chinesen mit bedeutendem Kapital beteiligten. Die Erschließung des Stromgebietes des oberen Jangtsekiang, der nicht mehr zu hemmende Handelsverkehr mit den Provinzen des Innern sichern Shanghai einen glänzenden Aufschwung, der durch Kriege und Unruhen nur zeitweise unterbrochen werden kann.

Europäische Republiken in China.

Seit einigen Jahren ist auch das Deutsche Reich Besitzer kleiner Landstrecken in den Vertragshäfen Hankau und Tientsin geworden. Deutschland folgte mit dieser Landerwerbung dem Beispiel Englands, Frankreichs, Nordamerikas und Portugals, welche Staaten schon seit Jahrzehnten in verschiedenen Teilen Chinas, hauptsächlich in der Nähe der offenen Häfen Konzessionen, d. h. Gebietsabtretungen von seiten Chinas erlangt haben, deren älteste an der Mündung des Cantonflusses gelegen sind: Hongkong und Macao. Freilich zählt die ganze Insel Hongkong mit ihrer Hauptstadt Victoria nur achtzig Quadratkilometer, Macao nur zwölf Quadratkilometer Grundfläche, eine Messerspitze voll im Vergleich zu den elf Millionen Quadratkilometern des chinesischen Landbesitzes; allein diese beiden Gebiete wurden England und Portugal unbedingt abgetreten und bilden eigene, von China vollständig unabhängige Kolonien unter europäischer Verwaltung.

Abgesehen von Hongkong und Macao sind jedoch in der Mehrzahl der drei Dutzend den Europäern geöffneten Häfen europäische Settlements, d. h. Ansiedelungen, zu finden, deren Grund und Boden entweder von der chinesischen Regierung an die eine oder andere auswärtige Macht bedingungslos abgetreten, oder gegen Zahlung einer Miete für neunundneunzig Jahre verpachtet wurde; in einigen Häfen verständigten sich die europäischen Ansiedler mit den chinesischen Ortsbehörden bezüglich der käuflichen Erwerbung einer Landstrecke für ihre Wohnungen und Geschäftshäuser, in anderen Häfen, wie z. B. in Futschau, giebt es überhaupt kein eigenes europäisches Settlement, sondern die Europäer wohnen zerstreut mitten unter den Chinesen.

Praktisch, wie die Engländer in allen Kolonialsachen sind, und eingedenk der Thatsache, daß fünfundsechzig Prozent des ganzen chinesischen Außenhandels in ihren Händen liegen, waren sie auch diejenigen, welche sich gleich zu Anbeginn die weitestgehenden Vorteile zu sichern wußten, und die weitaus große Mehrzahl der fremdländischen Ansiedelungen in China befinden sich auf englischen Konzessionen. Ihnen zunächst kommen die Franzosen mit ihren Konzessionen in Shanghai, Canton, Hankau, Tientsin. Allein die Franzosen haben es nicht verstanden, ihre durch blutige Kriege in China erworbenen Vorteile auszunützen. Die fremden Kaufleute verschiedener Nationen, vor allem die Deutschen, zogen es vor, sich in den englischen Konzessionen anzusiedeln, und selbst die Mehrzahl der französischen Kaufleute entzog sich der Willkür und dem Absolutismus ihrer eigenen Behörden, so daß beispielsweise von den in Shanghai ansässigen Franzosen die größere Zahl in der englischen, nicht in der französischen Konzession wohnt. In Hankau wohnt auf der dortigen französischen Konzession überhaupt nur der Konsul, und in Tientsin hat sich der französische Konsul als Leiter der dortigen Konzession seines Landes durch Eigenmächtigkeiten aller Art so unliebsam gemacht, daß gerade sie und die fortwährenden Reibungen mit den Engländern und Deutschen die Hauptveranlassung zu der Errichtung einer eigenen deutschen Konzession waren.

In den Verträgen der europäischen Mächte mit China ist von diesen Landschenkungen nicht die Rede; die Mächte haben sich nur das Recht der unbehinderten Ansiedlung und des freien Handels ihrer Unterthanen in den offenen Häfen, sowie das Recht der freien Religionsübung und des Reisens durch alle Gebiete Chinas gesichert. Reisende in China bedürfen nur eines von ihrem Konsul ausgestellten und von den chinesischen Behörden visierten Reisepasses; auf etwa vierzig Kilometer rings um die offenen Häfen und für die Dauer von fünf Tagen sind Reisepässe nicht erforderlich; die Chinesen sind also in dieser Hinsicht viel liberaler, als es die Japaner bis 1898 waren, in deren Land Europäer nur mit gebundener Marschroute reisen durften. Die größte Zahl der offenen Häfen Chinas verdanken wir England; fünf weitere wurden durch die Verträge mit Frankreich dem europäischen Verkehr eröffnet, und in dem Vertrag zwischen Preußen und China vom Jahre 1861 erscheinen die wichtigen Häfen Hankau, Tschin-kiang und Kiu-kiang als offene Häfen. Während aber England und Frankreich als Folge dieser Verträge von den Chinesen territoriale Konzessionen erwarben, wurde dies von Preußen in den drei letztgenannten Häfen unterlassen, und die Landerwerbung Deutschlands in Tientsin war überhaupt seine erste in China.

Schon aus dem Gesagten geht hervor, daß die Konzessionen der verschiedenen Mächte in den Vertragshäfen nicht ausschließlich nur den eigenen Unterthanen als Wohnort dienen; ja diese ein bis drei Quadratkilometer großen Gebiete sind nicht einmal den Konsularbehörden dieser Mächte unterstellt, sondern bilden sozusagen kleine Republiken, die gegebenenfalls unter dem Schutze aller Mächte stehen. Aehnlich lagen die Verhältnisse bis 1898 auch in den fünf Vertragshäfen Japans, und diese Republiken sind eine Eigenart Ostasiens, wie sie sonst auf dem Erdball nicht wieder vorkommt. In Ostasien hören die Engländer oder Deutschen dem Chinesen oder Japaner gegenüber auf, Engländer oder Deutsche zu sein; sie, sowie die Amerikaner, Franzosen und Angehörige anderer Nationen, sind glücklicherweise einfach Kaukasier, oder, wie sie von den Chinesen genannt werden, Barbaren. Freilich hat sich England im Vertrag von Tientsin 1858 ausdrücklich ausbedungen, daß kein englischer Beamter oder Unterthan mit dem Worte Barbar bezeichnet werden dürfe, indessen wird dieses Wort doch noch immer, und zwar täglich, von den Chinesen gebraucht.

Das hervorragendste Beispiel dieser europäischen Republiken in China ist Shanghai; dort besaßen ursprünglich die Engländer, Amerikaner und Franzosen eigene streng abgegrenzte Konzessionen, allein die Bevölkerung dieser Fremdenstadt ist so international, und die Interessen sind dabei so gemeinsam, daß die Amerikaner und Engländer ihre Hoheitsrechte aufgaben und die ganze Verwaltung der Bevölkerung selbst überließen, diese gleichzeitig unter den Schutz aller in Peking vertretenen Mächte, d. h. deren Gesandten, stellend. Nur die Franzosen beteiligten sich nicht daran, sondern behielten ihre eigene, unter dem Generalkonsul stehende Verwaltung, obschon, wie gesagt, der größte Teil der französischen Kaufleute außerhalb der französischen Konzession wohnt. Jeder Kaufmann, der eine bestimmte jährliche Steuer zahlt, ist in dieser Republik Shanghai stimm- und wahlberechtigt. In jedem Jahre wird eine öffentliche Versammlung einberufen, welche die Mitglieder des Stadtrats zu erwählen hat. Dieser aus neun Räten und einem Sekretär bestehende Stadtrat ist die oberste, und man könnte beinahe sagen, souveräne Behörde der Republik. Da die Engländer und Deutschen in Shanghai am zahlreichsten sind, so sind sie auch im Stadtrat am stärksten vertreten, obschon es ebensogut vorkommen könnte, daß dort die Franzosen oder Portugiesen die Majorität besäßen. Es handelt sich glücklicherweise in Shanghai nicht um Nationalitäten, ebensowenig giebt es Parteiwesen und Opposition; die tüchtigsten und angesehensten Bürger werden gewählt und wiedergewählt, solange sie ihre Schuldigkeit thun. Unter dem Stadtrat (Municipal Council) stehen die Steuerbeamten, das Ingenieur- und Vermessungsamt, die Sanitäts- und Polizeibehörden, die Feuerwehr und das Freiwilligenkorps. Die einzelnen Komitees des Stadtrats überwachen diese Einrichtungen und legen jährlich in einer allgemeinen öffentlichen Versammlung den Bürgern der Republik Rechenschaft ab, ähnlich wie es in einzelnen Kantonen der Schweiz, z. B. in Unterwalden und Appenzell, der Fall ist.

Während die inneren Angelegenheiten dieser Republik, wie diejenigen von Hankau, Canton, Tientsin, in den Händen der Bürger selbst liegen, werden die äußeren Angelegenheiten, vornehmlich der Verkehr mit den Chinesen, durch die Konsuln vermittelt. Die chinesischen Behörden haben innerhalb der europäischen, genau abgegrenzten Ansiedelungen keine Rechte; sie dürfen sie nicht militärisch besetzen lassen, auch von den dortigen Einwohnern, selbst wenn sie Chinesen wären, keine Steuer erheben. Deshalb dienen die Settlements auch zahlreichen Chinesen als Asyl, wo sie, unbelästigt von den Mandarinen, in Frieden leben und schaffen können. So wohnen innerhalb der Grenzen des europäischen Settlements in Shanghai (abgesehen von der französischen Konzession) allein 260000 Chinesen, im Vergleich zu 75000 im Jahre 1870. Sie stehen in allen Dingen unter der europäischen Verwaltung der Settlements, und nur die Rechtspflege über sie wird von einem chinesischen Mandarin gehandhabt, dem aber abwechselnd ein Assessor des europäischen Konsulargerichts zur Seite steht, der thatsächlich der Richter ist. Die europäischen und amerikanischen Bewohner der Settlements sind exterritorial, gerade so, wie es die fremdländischen Gesandten in unseren Staaten sind; in Bezug auf die Rechtspflege stehen sie unter ihren Konsuln, denen Gerichtsassessoren beigegeben sind. Die Europäer können aber auch außerhalb der Konzessionen irgendwo in den Städten oder auf dem Lande Grund und Boden erwerben oder ihrem Beruf nachgehen und bleiben dennoch unter der Gerichtsbarkeit ihrer Konsuln. Chinesische Behörden dürfen sie nicht aburteilen, sondern müssen sie den betreffenden Konsuln abliefern. Bei Rechtsstreitigkeiten zwischen Europäern und Chinesen treten gemischte Gerichte in Thätigkeit.

Die Konzessionen sind nicht etwa für ewige Zeiten auf den ursprünglich bestimmten Flächenraum beschränkt. Sind die vorhandenen Bauplätze vergeben, so daß neue Ankömmlinge keinen Grund und Boden mehr finden, sollen Gärten, Spielplätze, Fabrikanlagen geschaffen werden, so erwerben die Betreffenden durch Kauf die ihnen passenden, an die Konzession grenzenden Strecken, die Kaufbriefe werden von den chinesischen und europäischen Behörden bestätigt und in dem betreffenden Konsulate aufbewahrt. Das erworbene Land aber wird in die Fremdenkonzession einverleibt. Die Zentralregierung in Peking, selbst die Provinzbehörden haben damit nichts zu thun; in den meisten Fällen genügt die Bestätigung durch die Ortsbehörden.

Auch in Häfen, wo nur englische Konzessionen bestehen, bilden die dort lebenden Europäer der verschiedensten Nationen eine kleine Republik für sich, nur daß die Maßnahmen des Municipal Council, wie Steuerauflagen, Wege- und Hafeneinrichtungen, polizeiliche Anordnungen, der Bestätigung des Konsuls bedürfen. Ähnlich sind auch die neuen German Settlements in Tientsin und Hankau eingerichtet worden.

Chinesische Seide und ihre Metropole.

Man braucht im Reiche der Mitte gar nicht weit zu wandern, um zur Erkenntnis zu kommen, daß neben Thee die Seidenzucht die wichtigste Industrie und die einträglichste Erwerbsquelle der Zopfträger bildet. Millionen der chinesischen Landbevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, beschäftigen sich hauptsächlich mit der Zucht der Seidenraupen, Millionen mit Spinnen und Weben der Seidenstoffe, und wollte man die Geldsummen nennen, welche die fleißigen Bauern der mittleren Provinzen im Laufe des letzten Jahrhunderts allein durch diese kleinen unscheinbaren weißen Würmer verdient haben, man müßte zu Milliarden greifen. Werden doch alljährlich allein nach Europa und Amerika Seide und Seidenwaren im Werte von etwa zweihundert Millionen Mark ausgeführt, und diese bilden nur einen Bruchteil der Unmassen Seide, welche die Chinesen für Kleidung und Opferzwecke jährlich selbst verbrauchen. In Peking allein werden von dem Sohne des Himmels und den kaiserlichen Prinzen jährlich Tausende von Stücken der kostbarsten Seidenstoffe im Werte von Hunderttausenden verbrannt, um den Göttern und den eigenen Ahnen wohlgefällig zu sein. Quadratmeilen Landes könnten mit den von fleißigen Händen angefertigten Seidenstoffen bedeckt werden, und alle diese Massen rühren von der kleinen Seidenraupe her. Kein Wunder, daß die Chinesen diesen Tierchen die größte Sorgfalt, die aufmerksamste Pflege angedeihen lassen und sie mit solcher Auszeichnung, ja Ehrfurcht behandeln, als wären es lauter Mandarine mit roten Hutknöpfen. Gerade so wie die Mandarine ihre eigenen strengumschlossenen und bewachten Yamen (Amtslokale) haben, so besitzen auch die Seidenraupen ihre eigenen Häuser, fern von jedem Straßenverkehr, von jedem Lärm gelegen, geschützt gegen Zug und Wind, gegen Kälte und übergroßes Licht. Die Chinesen, die sie zu pflegen haben, essen keinen Knoblauch und keine Zwiebel, weil den Tierchen der Geruch unangenehm sein soll; sie kleiden sich viel reinlicher und waschen sich vor dem Eintritt in das Raupenhaus die Hände; innerhalb des Hauses aber ist Singen, Pfeifen, lautes Sprechen streng verboten. Wenn überhaupt gesprochen wird, so darf dies nur im Flüsterton geschehen. Wie beneidete ich häufig die Seidenraupen um ihre köstliche Nachtruhe! Was herrschte in den chinesischen Städten, die ich besuchte, für ein Höllenlärm! Schreien, Schießen, Gongschlagen, Trompeten die ganze Nacht hindurch! Wir Menschen mußten leiden, und diese kleinen Dingerchen, die ja nur unsertwegen überhaupt gezüchtet werden, können ruhig schlafen! Was wurde ich bei meinen Wanderungen durch die Chinesenstädte von zerlumpten, aussätzigen, verkrüppelten Bettlern belästigt, und ich mußte es geduldig ertragen. Wehe aber diesen Bettlern, wenn sie sich einem Raupenhause auch nur nähern sollten! Mit Stöcken werden sie davongejagt. Selbst kerngesunde Menschen dürfen ein derartiges Heiligtum nur betreten, wenn sie sich mit Wasser, in dem Maulbeerblätter liegen, besprenkelt haben. Wo das Wasser fehlen sollte, müssen sie vor dem Eintritt Sand auf ihr Haupt streuen, ähnlich den Mohammedanern, denen es auch gestattet ist, ihre Waschungen vor dem Gebet statt mit Wasser mit Sand vorzunehmen. Man könnte glauben, die Seidenraupe sei der Gott der Chinesen. In ihren Tempeln verkehren sie mit derselben Gleichgültigkeit wie auf der Straße; sie wickeln sogar Geschäfte dort ab und spielen in den Tempelhöfen Theater. Die Raupenhäuser aber sind geheiligt; niemand darf sie während der Trauerzeit um einen Anverwandten betreten, und auch Frauen, die einen Zuwachs in ihrer Familie erwarten, sind von dem Besuche ausgeschlossen.

Diese Gebräuche sind durch Jahrtausende geheiligt, wie so viele andere in dem blumigen Reiche der Mitte. China ist ja die eigentliche Heimat der Seidenraupe, von wo sie ihren Weg nach anderen Ländern Ostasiens und nach Europa genommen hat. Die Gattin des Kaisers Huang-Li war es, die im 26. Jahrhundert vor Christi Geburt als erste die Seidenraupe nährte und mit ihren zarten Fingern die Seidenfäden von den Cocons haspelte. Sie wird darum auch in ganz China unter dem Namen Yuen-fi als Göttin der Seide hoch verehrt.

In Peking ist ihr ein innerhalb der verbotenen Kaiserstadt gelegener Tempel geweiht, und dort werden ihr alljährlich einmal von der ersten Kaiserin (der Sohn des Himmels hat deren nämlich zwei) und ihrem ganzen Hofstaate Opfergaben dargebracht. In feierlichem Aufzuge begeben sie sich nach dem Yuen-fi-Tempel. In dem Tempelgarten angelangt, schneiden sie eigenhändig Blätter von den Maulbeerbäumen, wozu die Kaiserin eine goldene Schere verwendet, während die Hofdamen solche aus Silber haben. Mit diesen Blättern füttern sie die Seidenraupen im Innern des Tempels; dann werden ihnen von den Priestern Cocons dargereicht, von denen die hohen Damen die Seide abwickeln. Ob es ihnen gelingt, die zarten Fäden wirklich unversehrt auf die Spule zu bringen, ist zweifelhaft, denn diese Arbeit erfordert ungemein viel Übung; aber sie geben wenigstens dem Lande ein gutes Beispiel, das auch überall befolgt wird. Das Coconfest gehört zu den großen Feiertagen des chinesischen Jahres, und wie in Peking, so wird es auch in den Provinzen von den Mandarinen und den Beamten in feierlichster Weise begangen.

Indessen, die gute Yuen-fi und ihre Schützlinge, die Seidenraupen, werden erst seit ein paar hundert Jahren so sehr verehrt. Als im Jahre 1260, unter der Yuandynastie, Baumwolle von Indien her in China eingeführt wurde, verdrängte diese durch ihre Wohlfeilheit die Seide immer mehr. Die Seidenindustrie verfiel, und zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts wurde noch gerade so viel Seide erzeugt, als der kaiserliche Hof für seine Opferfeste und die Mandarine für ihre Kleidung bedurften. Erst die Europäer waren es, die die Seidenzucht in China wieder zu Ansehen brachten, denn die europäischen Damen fanden bekanntlich an den kostbaren, reizenden Seidenstoffen besonderen Gefallen, und da der Bedarf von den europäischen Seidenzüchtereien nicht befriedigt werden konnte, so bestellten die europäischen Händler Seidenstoffe in China.

Die Industrie entwickelte sich immer mehr, die vielen Millionen Silber, welche die Europäer den Chinesen für ihre Seide bezahlten, brachten erneuten Wohlstand unter die letzteren, so daß sie sich bald selbst wieder in kostbare Seidenstoffe kleideten. Statt der Kaiserin Yuen-fi sollten also die Chinesen eigentlich die europäischen Damen als Göttinnen verehren und in ihren Tempeln Bildnisse von Europäerinnen aufstellen, die sich an Liebreiz und Schönheit gewiß mit der vorsündflutlichen Kaiserin messen können und denen auch von Rechts wegen der Dank der Zopfträger gebührt. Jetzt wird Seide wieder in allen Provinzen des eigentlichen Chinas, vornehmlich in Schantung, ja sogar in der fernen Mandschurei hergestellt, und auf meiner Reise nach Korea fand ich, daß die Seidenkultur auch dort Eingang gefunden hat. Die beste chinesische Seide aber wird in der Provinz Tschekiang hergestellt, und die Hauptstadt derselben, Hangtschou, ist gleichzeitig das Lyon von China, die Metropole der Seidenindustrie.

Man darf aber nicht etwa glauben, es gäbe in China große Maulbeerplantagen, Massenkultur in Seidenraupen, Spinnereien und Webereien mit Dampfbetrieb. Die chinesische Industrie bewegt sich in anderen Bahnen. Gerade so, wie zur Zeit der Gattin des Kaisers Huang-Li, liegt auch heute noch die ganze Seidenzucht in den Händen der Bauern. Der Arbeitsteilung, Vereinfachung der Arbeit durch Maschinen, Neuerungen und Verbesserungen ist der Chinese schwer zugänglich. Wie unsere Bauern ihre eigenen Kartoffeln und gelben Rüben in ihren Gärtchen pflanzen, so pflanzt auch jeder Bauer in Tschekiang seinen Reis und Thee und zieht seine Seidenraupen, die letzteren nicht etwa allein der Seide, sondern auch der Nahrung wegen. Sind nämlich die Cocons abgebrüht und die Seidenfäden abgewickelt, so werden die Larven den Cocons entnommen und als Leckerbissen verzehrt.

Da nun für die Raupenzucht Maulbeerbäume unerläßlich sind, so findet man deren auch auf den meisten kleinen Landgütern, wo immer nur ein Plätzchen vorhanden ist, auf dem weder Reis noch Thee gepflanzt werden kann. Es giebt aber auch zahlreiche größere Maulbeerpflanzungen, in die die jungen Bäumchen gewöhnlich im Dezember in Abständen von etwa zwei Meter voneinander gepflanzt werden. Man läßt sie nicht zu Bäumen emporwachsen wie bei uns, sondern schneidet sie bis auf fünfzig Centimeter Höhe, und dieses fortwährende Beschneiden giebt ihnen ein Aussehen, wie es beiläufig unsere Weidenbäume zeigen, mit dicken Knollen am oberen Ende des Stammes, an dem zahlreiche Schößlinge hervorsprießen. Die Bäume werden fünfzig bis sechzig Jahre alt, und würde man sie wachsen lassen wie die wilden Maulbeerbäume, so besäßen sie in diesem Alter eine Höhe von zwanzig bis fünfundzwanzig Meter.

Für die Zucht der Seidenraupe werden natürlicherweise nur die größten und vollkommensten Cocons verwendet. Schon am ersten Tage, nachdem der weibliche Falter sich durch die seidene Hülle des Cocons gebohrt und das Licht der Welt erblickt hat, legt er gewöhnlich mit musterhafter Pünktlichkeit die Eier. Man setzt ihn für diesen Zweck auf einen großen Bogen groben Papiers, in den nördlichen, kälteren Provinzen wohl auch auf ein Stück Stoff, und auf diesem sieht man bald gegen fünfhundert winzige Eierchen. Diese Papierbogen oder Stoffe werden nun sorgfältig in reines Wasser getaucht und auf horizontale Bambusstangen zum Trocknen aufgehängt. Dort bleiben sie den Sommer und Herbst über bis zum Dezember und werden dann in ein reines, staubfreies, sonniges Zimmer auf den Boden gelegt. Im Februar werden die Eierbogen nochmals dadurch gewaschen, daß man sie eine Zeit lang mit lauwarmem Wasser übergießt; dies geschieht teilweise auch, um ein möglichst gleichzeitiges Auskriechen der Raupen zu erzielen. In manchen Gegenden bewahren die Chinesinnen die Eierbogen an ihrem Körper, um den Eiern die natürliche gleichmäßige Wärme zu teil werden zu lassen, oder sie legen sie auch zwischen die Untertücher ihrer Betten.

Naht die Zeit des Auskriechens der Würmer, so werden die Papierbogen auf reine Bambusmatten gelegt und diese in Fächer eingeschoben, die sich ringsum an den Wänden des Raupenhauses hinziehen. Diese Fächer sind ebenfalls aus Bambus angefertigt, weil Bambus geruchlos ist und die Raupen nach der Meinung der Chinesen Gerüche nicht vertragen können. Wenn nur die guten Zopfträger diese vortreffliche Eigenschaft ebenfalls besäßen! Das Reisen in China und der Aufenthalt in den Städten wäre dann unendlich viel angenehmer.

Es ist erstaunlich, welche Mengen an Maulbeerblättern die neu ausgekrochenen Würmchen vertilgen können. Sie sind kaum ein viertel Centimeter lang und von der Dicke eines Menschenhaares, aber dabei fressen sie sich in die saftigen grünen Blättchen hinein, daß es eine wahre Freude ist. Ursprünglich sind sie von schwarzer Farbe; während der zweiunddreißig Tage ihres Raupendaseins werden sie aber immer heller, bis sie schließlich eine schmutzigweiße Farbe zeigen und die Länge eines kleinen Fingers erreicht haben. Ihre einzige Lebensaufgabe scheint es zu sein, möglichst viel zu fressen, und die Chinesen behaupten, daß sie in einem Tage zwanzigmal ihr eigenes Gewicht an Maulbeerblättern verzehren. Alle fünf Tage setzen sie mit ihrem Fraß aus und geben sich dem Schlafe hin, während dessen sie sich häuten. Am zweiunddreißigsten Tage werden in den Raupenhäusern lose Strohbündel aufgehängt und auf jedes derselben sechzig bis siebzig Raupen gesetzt. Die Strohhalme geben ihnen den Halt, um sich einzuspinnen, und nach fünf Tagen haben sie sich aus den zartesten Seidenfäden ihren Sarkophag gesponnen. Ließe man sie darin ruhig schlafen, so würden sie am zehnten Tage als Schmetterlinge ihre Auferstehung feiern.

Dies ist natürlich keineswegs die Absicht der Seidenzüchter. Kaum sind die Cocons fertig gesponnen, so werden sie von den Strohhalmen abgelöst, auf Bambusmatten gelegt und der Hitze von Holzkohlenfeuern ausgesetzt, welche die Puppen tötet. Nun werden die Cocons in heißes Wasser gelegt, um die Seide zu lockern, und die Fäden mittels primitiver Mittel abgewickelt. Nur in Shanghai, Macao, Canton und Tschifu haben bisher europäische Filaturmaschinen zum Aufwinden der Coconfäden Anwendung gefunden. Wären diese in China ebenso allgemein eingeführt wie in Europa oder in Japan, das auch hierin die Europäer nachgeahmt hat, so würde die chinesische Seide noch viel mehr begehrt werden und größeren Wert besitzen, als jetzt, aber wem gelänge es, die Chinesen dazu zu bringen? Sie sind all diesen, von den europäischen Barbaren stammenden Neuerungen abhold, und wie ihre Großväter und Väter, so arbeiten auch sie heute noch in der althergebrachten Weise. Ich habe Bauernhäuser besucht, deren Inwohner nicht nur die Maulbeerbäume auf ihrem Grund und Boden pflegten und Seidenwürmer großzogen, die Weiber wickelten auch die Seide von den Cocons, spannen die Fäden und webten die Stoffe auf den ursprünglichen Webstühlen, die vielleicht seit Jahrhunderten schon in ihren Familien sich von einer Generation auf die andere vererbt haben.

Dabei sind die Stoffe fester, dauerhafter als jene, die auf europäischen Maschinen angefertigt werden, allein die letzteren sehen hübscher und gefälliger aus, und deshalb wetteifern sie mit chinesischen Stoffen in China selbst. Es giebt in dem ganzen großen Vaterlande der Seide heute noch keine einzige von Chinesen geleitete Seidenfabrik nach europäischem Muster. Selbst die kaiserliche Seidenfabrik in Nanking, die ich auf meiner Fahrt den Jangtsekiang aufwärts besuchte, hat noch keinen Dampfbetrieb, und die schweren herrlichen Brokate für die kaiserliche Familie, welche in Peking das Entzücken der europäischen Gesandten erwecken, werden auf den plumpen chinesischen Webstühlen gerade so wie um Christi Geburt hergestellt.

Aber es giebt doch eine Stadt in dem großen Reiche, wo man wirklich von einer großartigen, ausgebreiteten Seidenindustrie sprechen kann, wo gegen hunderttausend Menschen jahraus jahrein Stoffe weben, während in der Umgebung dieser Stadt noch eine gleich große Zahl von Arbeitern ihren Lebensunterhalt durch die Seidenweberei verdienen. Es ist Hangtschou. Obschon nur zwei Tagereisen von Ningpo, einem der großen Vertragshäfen Chinas entfernt, und leicht zu erreichen, wird es von Europäern nur selten besucht. Und das mit Unrecht, denn Hangtschou, die Hauptstadt der Provinz Tschekiang, ist eine der bedeutendsten und interessantesten Städte des Reiches der Mitte, bei den Chinesen hochberühmt seit undenklichen Zeiten. Sogar in Europa erlangte Hangtschou während einiger Zeit eine gewisse Berühmtheit, die es den überschwänglichen Schilderungen des großen Weltfahrers Marco Polo verdankte. „Sie hat hundert Meilen in der Runde”, so schreibt er, „und hundertsechzigtausend Häuser; dazu dreitausend Bäder, zwölftausend steinerne Brücken, jede einzelne bewacht von zehn Soldaten, und so hoch, um ganze Flotten durchzulassen; jede der zwölf Handwerksgesellschaften besitzt zwölftausend Häuser.” Nirgends hat Marco Polo etwas gesehen, wie diese „edelste der Städte, die großartigste und schönste der Welt”. Aber auch andere spätere Reisende, darunter der arabische Ahasverus Ibn Batuta, schwärmen von Hangtschou in ähnlicher Ueberschwänglichkeit. Die Chinesen sagen: „Um glücklich zu sein, muß man in Sutschou geboren sein und in Hangtschou leben”, und ein ähnliches Sprichwort der Zopfträger lautet: „Der Himmel über uns, Sutschou und Hangtschou auf Erden”.

Thatsächlich war Hangtschou schon zu Beginn der christlichen Zeitrechnung eine große Stadt und von 1127 bis 1278 die Hauptstadt des chinesischen Reiches mit zwei Millionen Einwohnern. Heute entspricht es freilich weder seiner eigenen Vergangenheit, noch den begeisterten Schilderungen der früheren Reisenden, aber es ist dennoch eine der sehenswertesten Städte von China. Wer es besucht, darf allerdings auf Dampferfahrten, Hotels und andere europäische Bequemlichkeiten, wie sie heute sogar schon tausend Kilometer den Jangtsekiang aufwärts im Herzen von China zu treffen sind, keinen Anspruch machen. Er muß von Ningpo aus in einem chinesischen Kanalboot die Reise unternehmen, will er nicht auf kantigen Maultierrücken und elenden holperigen Wegen landeinwärts reiten und in einem chinesischen Hotel übernachten, was auch nicht gerade zu den Annehmlichkeiten des Lebens zählt. Hangtschou liegt am Nordufer des breiten Tsientangflusses, nahe seiner Mündung in die Bucht von Hangtschou. Der Fluß wird auf Fährbooten übersetzt, welche jedermann, vom Mandarin erster Klasse bis zum letzten Bettler, zur freien Verfügung stehen. Diese Fährboote sind eine Eigentümlichkeit Hangtschous, ein Beispiel chinesischer Wohlthätigkeit. Bei dem ungeheuren Verkehr zwischen der immer noch eine Viertelmillion Einwohner zählenden Provinzialhauptstadt und ihrem großen Seehafen Ningpo würde eine geringe Abgabe den Inhabern der Fährboote, ob nun Regierung oder Privatunternehmer, reiche Einnahmen verschaffen, Hunderttausende von Taels jährlich. Allein die vornehmen Herren von Hangtschou, die Gilden und reichen Kaufleute dieser Stadt, sowie von Ningpo schossen ein beträchtliches Kapital zusammen, aus dessen Zinsen etwa dreißig Dschunken unterhalten und zur kostenfreien Verfügung der Reisenden gestellt werden.

Schon an dem seiner wilden Springfluten wegen berüchtigten Fluß zeigt sich Hangtschou viel großartiger als so manche andere noch volkreichere Chinesenstadt. Mächtige Mauern und Wälle mit hohen kanonengespickten Thoren umgeben die Stadt, und über diese ragen zahlreiche Pagoden und Tempel empor, schöner, prächtiger, höher als irgendwo in China. Sie sind die einzigen Ueberreste aus der nunmehr viele Jahrhunderte zurückliegenden Glanzzeit der Stadt. Damals lagen sie in der Mitte derselben, heute aber erheben sich viele in den Reisfeldern und Maulbeerpflanzungen der Umgebung, weit außerhalb der jetzigen Ringmauern. Wie die früheren, weit ausgedehnteren Ringmauern, so sind auch viele Tausende von Häusern und Palästen der Zeit zum Opfer gefallen. Die Chinesen bauen aber nicht wie die Griechen, die Römer und Aegypter es gethan, aus Stein, sondern aus Lehm, und nur für die wenigsten Bauten, hauptsächlich Pagoden und Ehrenpforten, verwenden sie Quadern. Welch herrliche alte Städte würde China sonst besitzen! Was könnte es im Reiche der Mitte für Roms und Athens geben! Am verderblichsten war für die Größe und Blüte von Hangtschou der furchtbare Aufstand der Taipings um die Mitte des Jahrhunderts, und heute noch sind die trostlosen Spuren dieses verderblichsten aller Bürgerkriege selbst in der inneren Stadt nicht verwischt.

Die Chinesen errichten beim Häuserbau eben nur die Grundmauern bis auf etwa einen Meter über dem Erdboden aus Ziegeln oder Stein. Der Rest der Mauern wird aus gestampftem Lehm oder Erde errichtet und darüber aus Balken der Dachstuhl gebaut. Solche Mauern können heftigen Regengüssen und sonstigen Witterungseinflüssen natürlich nicht lange standhalten. Aehnlich wurden auch die Stadtmauern hergestellt. So dräuend sie auch aussehen mögen, sie sind aus Lehm aufgeworfen und nur äußerlich mit einer Lage von Steinen bekleidet, die aber nicht mit Mörtel aneinander gefügt werden. Die zahlreichen alten Tempel, Pagoden, Kaiserpaläste, Lusthäuser und Befestigungstürme, die heute im Umkreis von mehreren Kilometern um die jetzige Stadt in Feldern und Sümpfen liegen, liefern wie gesagt den Beweis, daß Hangtschou einstens vielleicht die überschwänglichen Lobpreisungen Marco Polos und des Ibn Batuta verdient hat. Auf den Inseln des großen Sees Si-Hu im Westen der Stadt erheben sich inmitten üppiger Vegetation derartige verfallene Bauten, deren leichte, elegante Architektur noch heute erkennbar ist. An den Ufern des Tsientangflusses steht die mächtige aus dem zwölften Jahrhundert stammende Pagode der sechs Harmonien, und an der Nordseite des Si-Hu die schlanke, vor nahezu einem Jahrtausend gebaute Pao-Schupagode. Der gewaltigste Bau ist jedoch wohl die ganz aus gebrannten Ziegeln hergestellte Lui-Fung-Ta, d. h. die Pagode des donnernden Felsens, gegen siebzig Meter hoch und aus dem zehnten Jahrhundert stammend.

Indessen Hangtschou geht dank seiner Seidenindustrie neuer Blüte entgegen und hat sich in den letzten Jahrzehnten abermals weit über seine jetzigen Ringmauern ausgedehnt, so daß zwischen den Stadtthoren und dem Tsientangfluß eine neue volkreiche Vorstadt entstanden ist. Wenige Städte Chinas zeigen in ihren geraden, verhältnismäßig breiten Straßen so lebhaften Verkehr; die Kaufläden, die nach den verschiedenen Industrien und Warengattungen beisammen liegen, sind schöner, größer, reichhaltiger, die Menschen sind besser gekleidet, und über der ganzen Stadt liegt ein Anstrich von Wohlstand, denn Hangtschou wird von vielen reichgewordenen Mandarinen und Kaufleuten, von Litteraten und Industriellen bewohnt. Ganze Quartiere werden von den Seidenwebern und Spinnern eingenommen, die Tag für Tag ohne Unterbrechung ihrem Gewerbe nachkommen und sich nur an acht oder zehn Tagen im Jahre, während des Neujahrsfestes, Ruhe gönnen. Gerade so wie in Canton werden auch hier in den kleinen Häusern Pongeeseide, Kopftücher, Stückseide und Brokate in vorzüglichen Gattungen hergestellt, aber während Canton sehr viel für die Ausfuhr nach Europa arbeitet, wird der größte Teil der Erzeugnisse von Hangtschou im Inlande abgesetzt, und die ganze Ausfuhr der Provinz Tschekiang beläuft sich nur auf etwa 400 Pikuls (25000 Kilogramm) im Werte von einer Viertelmillion Taels.

Am meisten Seide wird aus Hankou, im Herzen Chinas am Jangtsekiang gelegen, ausgeführt und ihr Wert erreicht jährlich gegen vierundzwanzig Millionen Mark; beiläufig ebensoviel exportiert Canton; dann folgen der Reihe nach Tschifu und Itschang. Im Jahre 1891 erreichte die Ausfuhr chinesischer Seide nach Europa zweihunderttausend Pikuls, im Jahre 1893 belief sich der Wert der Seidenausfuhr aus siebenunddreißig Millionen Taels oder etwa hundertundvierzig Millionen Mark.

In den nördlichen Provinzen, sowie in der Mandschurei werden die Seidenwürmer nicht allein mit Maulbeerblättern, sondern auch mit Eichenlaub großgezogen. Man läßt die Würmer auf den Bäumen, wo sie sich selbst nähren, und sie bleiben ohne Pflege und ohne Schutz, bis sie sich eingesponnen haben. Die Frühjahrscocons werden nicht eingeheimst; man läßt die die Falter auskriechen, und erst die Herbstcocons bilden die Ernte. In diesen nördlichen Provinzen ebenso wie im Stromgebiete des Jangtsekiang sind die Krankheiten der Seidenraupen, welche in Frankreich und Italien so große Verheerungen unter ihnen anrichten, unbekannt, dagegen sind sie in Tschekiang schon aufgetreten. Trotzdem liefert China unzweifelhaft auch heute noch die beste Rohseide, und sollten die Chinesen endlich die bewährten europäischen Erzeugungsmethoden annehmen, so würde es ihnen leicht werden, den japanischen Wettbewerb aus dem Felde zu schlagen und ihre jetzt schon so großen Einnahmen zu verdoppeln.

Leben, Trachten und Sitten der chinesischen Frauen.

Am ersten Tage meines Aufenthaltes in Canton gewahrte ich in dem Straßengewirr dieser größten Stadt des Reiches der Mitte an einer Straßenbiegung eine junge Chinesin, ihrer Kleidung nach zu schließen, den besseren Ständen angehörig. Auf ihren winzigen Füßchen trippelte sie unbeholfen, auf einen Schirm gestützt, einher, ein seltsames Wesen mit bemaltem Gesicht und üppigem schwarzen Haar, in welchem einige natürliche Blumen steckten.

Die Chinesen, die ihr begegneten, blickten sie spöttisch an, einige riefen ihr mir unverständliche Worte zu, andere verhöhnten sie durch Gebärden. Die Chinesin aber ließ alle Vorübergehenden unbeachtet.

Das zarte Geschöpf interessierte mich, denn ihr unschuldsvoller Gesichtsausdruck und ihre Scheu sagten mir, daß sie unmöglich eine Jüngerin Aphrodites sein könne. Mein Dolmetscher, den ich darüber befragte, bestätigte meine Vermutung. „So geht es den Frauen immer”, fügte er hinzu, „wenn sie sich ohne Begleitung auf die Straße wagen. Anständige Frauen sollen bei uns das Haus nicht verlassen, und thun sie es, so lassen sie sich in geschlossenen Sänften tragen, oder sie nehmen Begleiterinnen mit.”

„Aber die vielen Frauen, die wir hier in den Straßen sehen”, frug ich weiter, „bleiben doch unbeachtet? Kein Mensch scheint sich um sie zu kümmern.”

„Weil sie arm sind, nur Arbeiterinnen und Frauen aus dem Volke. Aber Damen dürfen sich so nicht sehen lassen: das ist gegen die Sitte.”

Thatsächlich fand ich während meiner folgenden Reisen und Aufenthalte in größeren Städten diese Bemerkungen bestätigt. Der Gegenstand war so interessant, daß ich überall trachtete, so viel als möglich darüber zu erfahren. Auf vielen früheren Reisen hatte ich beobachtet, daß nichts so richtig auf den Kulturzustand eines Volkes schließen läßt, als die Stellung der Frau. In China ist diese Stellung nicht so tief, als es den Anschein hat. Die Mißachtung der Frau ist nur äußerlich und durch althergebrachte Formen eingeimpft. In Wirklichkeit spielt sie vielleicht eine ebenso wichtige, wenn nicht wichtigere Rolle und ist geachteter und einflußreicher als bei so manchem anderen Volke, dessen Kulturzustand für höher angesehen wird als jener der Chinesen. Der Fremde, der länger in China weilt, wundert sich in der ersten Zeit, den Chinesen niemals in der Gesellschaft ihrer Frauen und Töchter zu begegnen. Empfängt der Chinese zu Hause, so bleiben die weiblichen Mitglieder seiner Familie unsichtbar; giebt er Diners, so nehmen nur Männer, zuweilen auch Courtisanen daran teil, niemals die Frauen; besucht er das Theater, so werden die Frauen in einer abgesonderten, den Männern unzugänglichen Galerie Platz nehmen; fährt er an einem besonderen Festtage spazieren, so geschieht dies ausschließlich nur in Gesellschaft von Männern; die Frauen fahren in einem anderen Wagen und zu anderer Zeit aus. Bei Familienfesten, Hochzeiten und dergleichen bewirtet der Hausvater die Männer, seine Gattin die Frauen. Ja, es ist unter den Chinesen sogar ein Verstoß gegen die gute Sitte, nach dem Befinden der Frau überhaupt nur zu fragen, geschweige denn ihr einen Besuch abzustatten oder die (stets rote) Visitenkarte bei ihr zu hinterlassen. Im gesellschaftlichen Verkehr werden die Frauen vollständig ignoriert, als wären sie gar nicht vorhanden, obschon die Chinesen unter sich ein sehr ceremoniöses, höfliches Volk sind. Das einzige weibliche Wesen, das im Gespräch unter Bekannten beachtet wird, ist die Mutter. In einem fremden Hause erkundigt sich der Besucher nach dem Alter und dem Befinden aller männlichen Bewohner. Er fragt nicht: „Wie geht es Deinem Vater?” sondern in wörtlicher Uebersetzung: „Ausgezeichneter Bejahrter, welches ehrenwerte Alter?” d. h. „wie alt ist Dein Vater?” Der Vater des Hausherrn wird von Besuchern als der ausgezeichnete Ehrenwerte oder der ehrwürdige große Fürst bezeichnet; der Sohn nennt seinen Vater Majestät der Familie oder Fürst der Familie; der verstorbene Vater heißt der frühere Fürst. Will aber ein Gast der Mutter des Hausherrn (niemals der Frau) seine Aufmerksamkeit bezeugen, so sagt er: „Ausgezeichnete Langlebigkeit Halle bezeuge für mich Wunsch Ruhe”. Die drei ersten Worte deuten die Wohnung der Mutter an. Spricht ein Chinese mit einem näheren Bekannten von dessen Frau, so nennt er sie die ehrenwerte Dame oder Deine Bevorzugte; spricht er aber von seiner eigenen Frau, so bezeichnet er sie mit den Worten „tsien nui”, d. h. die Geringe der inneren Gemächer oder auch die Närrische der Familie. Selten dringt ein Fremder bis in die Frauengemächer seines Gastfreundes.

Unter solchen Umständen ist es ungemein schwierig, aus eigener Anschauung etwas über das Leben und die Stellung der Frauen in der besseren Gesellschaft der Chinesen zu erfahren; der Fremde wird sie im Theater, im Wagen oder in der Sänfte, dann bei festlichen Aufzügen oder in Tempeln sehen können, aber er kann nicht mit ihnen sprechen; die einzigen Auskünfte über sie kann er nur von Dolmetschern, von katholischen Missionären, welche vermöge ihres Berufes in das Familienleben der Chinesen näheren Einblick erhalten, und endlich von aufgeklärten, an den Umgang mit Europäern gewöhnten Chinesen selbst erhalten, wie es deren in den Hafenstädten, besonders in Shanghai, viele giebt. Ich habe diese Quellen nach Thunlichkeit benutzt und mir überdies die bezüglichen Stellen des in ganz China anerkannten Buchs der Gebräuche übersetzen lassen; einen tiefen Einblick in das Frauen- und Familienleben gewährt überdies ein äußerst interessantes Buch eines neueren chinesischen Schriftstellers, Luhtschau, genannt der weibliche Lehrmeister. In seiner Vorrede sagt er von den Frauen:

„Im Gespräch soll eine Frau nicht dreist und geschwätzig sein, sondern streng sich danach halten, was recht ist; ob sie ihrem Gatten einen Rat erteilt, oder ihm Vorwürfe macht, oder ihre Kinder unterrichtet, sie muß immer die Etikette beobachten, ihre Erfahrungen unterwürfig vorbringen.... Das Betragen der Frau soll streng, ernst und nüchtern sein, sich aber doch den verschiedenen Gelegenheiten anpassen, z. B. im Bedienen ihrer Eltern, im Empfangen oder Begrüßen ihres Gatten, beim Aufstehen oder Niedersetzen. Wenn in gesegneten Umständen oder in Trauer, oder bei der Flucht vor dem Kriege, soll sie durchaus anständig sein. Die wichtigsten Beschäftigungen eines Weibes sind die Zucht des Seidenwurmes und das Weben von Stoffen; die Zubereitung und das Austeilen der Speisen für die Haushaltung, dann das Vorbereiten der Opfergegenstände; danach können Studien und Lektüre die Zeit ausfüllen.”

Dieser Abschnitt aus dem Werke Luhtschaus sagt in wenigen Worten sehr viel, und was die Hauptsache ist, seine Vorschriften werden von der großen Menge der Frauen Chinas streng eingehalten. Es kann kaum sittsamere, keuschere und tugendhaftere Frauen geben, als es die Chinesinnen sind, sittsam im Betragen wie in der Kleidung. Im Gegensatz zu den Japanerinnen zeigt sich die Chinesin unter allen Verhältnissen stets vollkommen bekleidet, von der Fußspitze bis zum Halse; selbst unter den untersten Ständen, unter den Bootsleuten Cantons oder den Theearbeiterinnen Hankaus, bleiben höchstens die Füße und Unterarme unbekleidet.

Wie kleidet sich die Chinesin? Das ist gewiß für europäische Damen ein sehr interessantes Kapitel, zumal jetzt, wo die Schöpfer der Damenmoden wohl ihr ganzes Erfindungstalent aufgebraucht haben, wo die ganze Geschichte der Mode von der Jetztzeit bis zum Altertum und vom Altertum bis zur Jetztzeit mehrmals durchprobiert, wo alles bisher Erdachte schon mehrmals hervorgeholt, eingeführt und wieder abgesetzt wurde, wo nichts mehr übrig bleibt, als zu den Moden der letzten Jahre zurückzugreifen; denn mit jedem Jahre, mit jeder Saison wechseln die Damenmoden zum Schrecken aller Gatten und Familienväter. Wo kann man noch etwas Neues, nicht Dagewesenes hervorholen? Die Toiletten der Negerinnen und Indianerinnen sind selbstverständlich ausgeschlossen, die Gewänder der Bewohnerinnen Indiens und Japans entsprechen nicht dem europäischen Geschmack, also vielleicht China? Ich glaube nicht, daß unsere Damen an der Tracht der Chinesinnen besonderen Gefallen finden dürften, ebensowenig wie die letzteren an unseren Moden Gefallen gefunden haben. Beträgt die Bevölkerung Chinas wirklich vierhundert Millionen, so giebt es dort beiläufig zweihundert Millionen Evatöchter, also um vierzig Millionen mehr als in ganz Europa. Aber unter diesen zweihundert Millionen hat es bisher keine gegeben, welche die Tracht der europäischen Damen angenommen hätte, ja, ich habe in China keine einzige Chinesin gesehen, die auch nur ein Hütchen, ein Stiefelchen, einen Handschuh oder Strümpfe nach europäischem Muster getragen hätte. Ein ähnliches Beharren an althergebrachten Trachten, eine ähnliche Standhaftigkeit habe ich bisher bei keinem Volke angetroffen. Auf meinen Reisen sah ich zahlreiche Negerinnen, Indianerinnen, Mulattinnen, Frauen der Indier, Javaner, Malayen, Siamesen, Japaner, Birmaner, selbst der Araber in europäischen Frauentrachten. Noch zahlreicher waren jene, welche wenigstens einzelne Kleidungsstücke, vor allem Strümpfe, Schuhe und Hüte angenommen haben. Nicht daß diese europäischen Kleidungsstücke ihrem Aussehen zuträglich gewesen wären, im Gegenteile, bei keiner einzigen von den Tausenden des bunten Völkergemisches, das mir vorschwebt, hat ein europäisches Kleidungsstück je eine Erhöhung ihrer weiblichen Reize, eine Verschönerung ihres Aussehens zur Folge gehabt. Anderseits kann merkwürdigerweise die Europäerin, besonders jene der germanischen Rassen, die Tracht irgend einer anderen Rasse, ausgenommen der Negerinnen und Indianerinnen, die, sagen wir, zu geringfügig ist, anlegen, sie wird dadurch an eigentümlichem Reiz nur gewinnen. Nur eine Frauentracht macht darin eine Ausnahme: gerade jene der Chinesin, die unschönste, die ich unter den Frauentrachten der einzelnen fremden Völker kennen gelernt habe. Von den Chinesinnen werden die Erfinder der europäischen Damenmoden wohl kaum jemals etwas holen. In einer Hinsicht ist dies sehr bedauerlich, und diese ist die Beharrlichkeit, mit welcher die Chinesinnen an der althergebrachten Tracht festhalten. Wie ihre Urgroßmütter, so kleiden sie sich auch heute noch, und so werden sich voraussichtlich auch ihre Enkelinnen kleiden. Die Chinesin hat so wenigstens Gelegenheit, ihre Kleidungsstücke auszutragen, sie braucht sie nicht nach einjährigem Gebrauch wieder beiseite zu legen. Sie kann ihren Geist, ihre Mittel, ihre Zeit nützlicheren Dingen zuwenden als der leidigen Mode.

Im ganzen großen Weltreiche herrscht eine merkwürdige Gleichheit der Frauentracht, wie sie sonst in so ausgesprochener Weise nirgends vorkommt. Von der Mandschurei bis Tonkin, von Tibet bis ans Gelbe Meer zeigt der Schnitt der Kleider bei hoch und niedrig nur geringe Unterschiede. Am einfachsten sind wohl die armen Frauen jener Hunderttausende gekleidet, welche in Canton auf dem Perlflusse leben. Ihre Armut, ihr Elend gestattet ihnen keine anderen Kleidungsstücke als ein blaues bis über die Knie reichendes Oberhemd, an der Seite zugeknöpft, und ein Paar blaue Beinkleider aus Baumwollstoff, die bis nahe an die Knöchel reichen. Sie kennen keine regelrechte Kopfbekleidung, und ihre Füße sind nackt. Ebensowenig kennen sie Unterwäsche. Die einzige Koketterie, die sie entfalten, betrifft die gewöhnlich sorgfältige Haarfrisur, welche sie noch mit natürlichen Blumen schmücken; aber die Chinesin flicht ihre Haare nicht in Zöpfe, sondern kämmt sie glatt von der Stirn nach hinten und steckt sie dort, bandartig zusammengeklebt und verschlungen, mit einer langen Stecknadel fest. Jede trägt überdies Ohrgehänge aus milchgrünem Nephritstein (Jade), und jene, welche sich durch Arbeit mühsam einige Mark zusammensparen, legen diese gewöhnlich noch in einem ebensolchen Armring aus einem Stück an. Reichen ihre Mittel nicht dafür aus, so kaufen sie sich wenigstens Ohr- und Armringe aus grünlich-milchigem Glas.

Andere Kleidungsstücke als das Baumwollhemd und die Beinkleider kennen die Frauen und Mädchen der niederen Stände nicht; auch die Feldarbeiterinnen der südlichen Provinzen tragen sie Tag und Nacht. Bei brennender Sonnenhitze schützen sie ihren Kopf durch große Strohhüte, und dann sind sie aus einiger Entfernung von den Männern kaum zu unterscheiden, besonders wenn diese ihren langen Zopf nicht über den Rücken fallend, sondern um den Kopf gewunden tragen. In China, diesem Lande der verkehrten Welt, wo unsere Kultur auf den Kopf gestellt ist, tragen die Männer Zöpfe, nicht die Frauen.

Je höher man in der gesellschaftlichen Rangstufe der Chinesen aufwärts steigt, desto zahlreicher werden die Kleidungsstücke der Frauen. Jene, denen man in den Straßen Cantons, Swataus, Futschaus begegnet, tragen Sandalen oder Schuhe. Ihre Füße und Knöchel sind mit weißen Baumwollstreifen umwunden, welche zuweilen das untere Ende der Beinkleider umfassen. An ihren großen oder vielmehr natürlichen Füßen erkennt man, daß sie umherziehende Tagelöhnerinnen sind, die sich ihren Verdienst heute hier, morgen dort durch saure Arbeit erwerben. Die nächst höhere Stufe, die Frauen der Handwerker und kleinen Händler, sind durch reichlichere Kleidungsstücke und bessere Schuhe erkenntlich, die bei den Chinesen beider Geschlechter niemals aus Leder, sondern stets aus Stoff mit dicken Filzsohlen ohne Absätze bestehen. Gewöhnlich ist die Farbe der Schuhe schwarz. Sind sie blau, so befindet sich ihr Träger in leichter Trauer, sind die Schuhe und mit ihnen auch die Kleidungsstücke weiß, so befindet sich ihr Träger in tiefer Trauer. Nur die Unterkleider sind unter gewöhnlichen Verhältnissen weiß, und der Besitzer derselben zeigt dadurch allein schon, daß er dem Mittelstande angehört. Eine Frau aus diesen Ständen läßt sich schon aus der Ferne als solche durch ihren beschwerlichen, unbeholfenen Gang erkennen, der sich ausnimmt, als ginge sie auf kurzen Stelzen einher. Nähert man sich ihr, so gewahrt man auch die Ursache dieses eigentümlichen Ganges, denn die Füße zeigen sich wie schmale Ponyhufe, mit weißen Baumwollstreifen umwunden und in winzigen Schuhen steckend, die, kaum eine Spanne lang, mit bunten Zieraten und Stickereien versehen sind.

Viele Reisende, die auf ihrer Jagd um den Erdenglobus flüchtig durch Canton oder Shanghai wanderten, berichten, die Unsitte der Verkrüppelung der Füße sei im Abnehmen begriffen. Sie haben eben nur Frauen der untersten Stände gesehen, bei welchen die Fußverkrüppelung überhaupt nicht vorkommt. Aber bei den Frauen der mittleren und höheren Stände findet sie heute gerade so statt wie vor Jahrhunderten. Ja auf meinen Reisen durch die nördlichen Provinzen, vornehmlich in Schantung, habe ich selbst auf den Feldern, in den ärmsten Dörfern keine einzige Frau, kein Mädchen von über zwölf Jahren gesehen, deren Füße nicht verkrüppelt gewesen wären. Je höher die gesellschaftliche Stufe, welcher die Frau angehört, desto mehr werden auch ihre Füße von früher Jugend auf eingezwängt, desto kleiner erscheinen die Füßchen, ja ich habe in China neue sowohl wie getragene Schuhe erworben, die neun bis zwölf Centimeter lang sind. Als ich in einem Schuhladen in Hongkong zum erstenmale derlei Schuhe erblickte, hielt ich sie für solche von zwei- oder dreijährigen Kindern, bis ich erwachsene Frauen mit solchen Schuhen einhertrippeln sah. Hätte man mir dergleichen in Europa erzählt, ich hätte es für unglaublich gehalten. Die winzigen schmalen Füßchen in den hübschen, bunten Seidenschuhen nehmen sich ungemein zierlich und kokett aus, besonders wenn die Damen sitzen oder stehen. Gehen sie, so kann man sich der Gedanken an die Qualen, die sie ausstehen müssen, nicht erwehren, aber hat man Gelegenheit, einen nackten derartigen Fuß zu sehen, dann wird man von Entsetzen erfaßt. Im chinesischen Hospitale von Hongkong zeigte mir der (europäische) Arzt vom Dienste die Füße einer kranken Frau. Die vier kleineren Zehen waren unter der Fußsohle eingebogen, und ihre Nägel erschienen in die Sohle eingewachsen. Die Ferse war nach vorn gezwängt, derart, daß der Abstand zwischen dem fleischlosen Fersenknochen und der Spitze der großen Zehe kaum zwölf Centimeter betrug; und die Wadenknochen waren vollständig fleischlos, nur mit der runzeligen, roten Haut bedeckt.

Das ist chinesische Frauenschönheit, auf welche die Männer den größten Wert legen; das sind Reize, welche die chinesische Braut besitzen muß, wenn sie überhaupt einen Mann finden will. Von einer Abnahme dieses entsetzlichen Gebrauches in China habe ich nirgends etwas vernommen, auf dem Lande wie in der Stadt sind die Kin-lien, d. h. goldenen Lilien (so heißen die verkrüppelten Füße bei den Chinesen), nach wie vor ein Schönheitszeichen, und nur in Hangtschou habe ich erfahren, daß viele dortige Männer in ihren Heiratskontrakten die goldenen Lilien nicht mehr erwähnen, daß sie also die verkrüppelten Füße der Braut nicht mehr vorschreiben. Ich habe mit vielen Chinesen über diese entsetzlichen Martern, welche die armen Frauen ausstehen müssen, gesprochen, aber die meisten lächelten und meinten statt jeder weiteren Antwort, es wäre eben Sitte. Ein aufgeklärter Kaufmann in Shanghai stellte statt aller Antwort die Gegenfrage auf: „Verkrüppeln denn Ihre europäischen Damen nicht auch ihre Füße, verkrüppeln sie nicht ihre Körper, indem sie dieselben ebenso zusammenzwängen wie unsere Frauen ihre Füße?”

In dieser Hinsicht sind die Frauen der Tataren und Mandschuren viel besser daran. Die Fußverkrüppelung kommt bei ihnen nicht vor, es genügt ihnen, ihre an und für sich sehr kleinen, wohlgeformten Füßchen in zierliche Pantöffelchen zu stecken, und sie finden doch ihren Mann. Da die herrschende Kaiserdynastie einem Mandschurengeschlechte entstammt, so besitzt auch die Kaiserin von China keine verkrüppelten Füße, und am ganzen Kaiserhof ist diese Unsitte unbekannt.

Bei den Chinesen ist sie einfach Modesache, deren Entstehung noch von niemand erklärt worden ist. Uebrigens können sich viele fashionable Damen Chinas trotz ihrer Hemmschuhe erstaunlich gut fortbewegen. Freilich sah ich einmal in Nanking eine Dame, die vor ihrem Hause von einer Dienerin aus der Sänfte gehoben und auf ihrem Rücken in das Innere getragen wurde, gerade so wie die Fellachenweiber ihre Kinder auf dem Rücken tragen. In Chinkiang sah ich mehrere Sklavinnen, die ihre reich geputzten Herrinnen in derselben Weise über die Straße in ein Freundeshaus trugen. Die Damen hatten ihre Arme um den Nacken der Trägerinnen geschlungen, und die letzteren hielten ihre Lasten wieder dadurch, daß sie, mit ihren Händen nach rückwärts greifend, die Schenkel der Damen unterstützten. Die goldenen Lilien waren unter den Kleidern auf beiden Seiten der Sklavinnen sichtbar. Gesprächsweise erwähnte ich dies einem im Innern von China wirkenden Missionar gegenüber. Dieser, seit einer Reihe von Jahren dort thätig und mit dem Leben der Chinesen eng vertraut, erzählte mir seinerseits, er habe schon viele Chinesinnen kennen gelernt, die ungeachtet ihrer verkrüppelten Füße ohne Schmerz beträchtliche Strecken weit gehen konnten. Eine derselben war jeden Sonntag von ihrer mehrere Kilometer weiten Wohnung zum Gottesdienst in die Kirche gekommen und wieder zu Fuß heimgekehrt. Viele Hausfrauen haben bei ihren häuslichen Verrichtungen in den zumeist sehr geräumigen Homes mit ausgedehnten Gärten und Höfen täglich recht viel zu gehen, so daß der Einwand, die verkrüppelten Füße hinderten am Gehen, keineswegs richtig ist. Auf meinen späteren Inlandreisen sah ich Chinesinnen, mit ihren verkrüppelten Füßchen in Seidenschuhen steckend, auf den Feldern arbeiten; ja, als ich den heiligen Berg Taischan, sechstausend Fuß hoch, bestieg, thaten Dutzende von Frauen, darunter Greisinnen, das gleiche mit ihren winzigen Krüppelfüßchen.

Die Toilette der vornehmen Chinesinnen ist in Schnitt und Farbe jener der niederen Stände ähnlich, aber mit farbigem Besatz und den prächtigsten Stickereien reich verziert. Die Aermel sind weiter und länger, so daß bei herabfallenden Armen sogar die Hand davon bedeckt wird. Ein steifes Nackenband mit Stickereien hält den Faltenwurf in Ordnung, und auf der Brust sind dieselben Stickereien von Bären, Drachen, Reihern, Pfauen und dergleichen zu sehen, welche ihr Gatte je nach seinem Mandarinsrange tragen darf. Ueber dem Beinkleid tragen die vornehmen Damen Chinas noch einen langen blauen Rock, der bis an die Füße reicht und an den Hüften festgehalten wird. Das gestickte blaue Oberhemd fällt über diesen Rock bis nahe an das Knie herab. Jede Seite des Unterrockes zeigt sechs senkrechte Doppelfalten, und auf die Vorder- und Rückseite sind viereckige Stücke aus den schwersten Seidenstoffen aufgenäht, welche die herrlichsten und zartesten Stickereien tragen, Arbeiten, die unsere Damen in helles Entzücken versetzen würden. Sie, sowie der Kopfputz und die Füße bilden den Stolz der chinesischen Frauenwelt. Auf Schmucksachen, ausgenommen Ohrgehänge und Armspangen aus Halbedelsteinen, Perlen oder Edelmetall, wird kein besonderer Wert gelegt. Hüte sind auch bei vornehmen Damen unbekannt; ebensowenig tragen sie Kopftücher oder Schleier. Der Kopf ist stets unbedeckt und unverhüllt. Nur wenn Mandarinsfrauen zu Festlichkeiten an den Kaiserhof befohlen werden, erfordert die ungemein strenge Etikette, daß sie dieselben Hüte mit denselben Rangabzeichen tragen wie ihre Männer.

Viele Damen finden Gefallen daran, die Fingernägel des dritten und vierten, zuweilen auch des kleinen Fingers der linken Hand ein paar Centimeter lang wachsen zu lassen. Im Hause werden die Nägel durch zierlich ornamentierte Fingerhüte aus Gold oder Silber geschützt, die nach unten zu offen sind. Es blieb mir unverständlich, auf welche Weise die chinesischen Damen Hände und Gesicht waschen konnten, auf welche Weise sie auch ihre Zeit verbrachten, denn Handarbeiten mit derartigen Krallen sind ausgeschlossen, und mit dem Romanlesen ist es im Reich der Mitte schlimm bestellt.

Die kostbaren Juwelen werden von den Damen im Haar getragen. Ueberhaupt gefiel mir an ihnen der Kopfputz am besten, denn die Gesichter sind gewöhnlich mit einer dicken Schicht Puder bedeckt, über welche die Damen noch eine ebenso dicke Schicht von Rot legen, das bis an die Augenbrauen reicht. Sie suchen diese Malerei auch keineswegs zu verbergen, sie ist ehrlich, offen und dick aufgetragen, und gewiß kann sich niemand rühmen, eine chinesische Dame jemals zum Erröten gebracht zu haben. Die Augenbrauen werden zuweilen ausgezupft oder abrasiert, stets aber mit Holzkohle derart nachgezeichnet, daß sie etwa die Form des Mondes an den ersten Tagen nach Neumond besitzen. Was Wunder, daß mir unter solchen Umständen das Haar am besten gefiel? Auch hier werden falsche Haare zu Hilfe genommen, ganz so, wie es bei Damen, die unseren Rassen näher stehen, zuweilen auch der Fall sein soll. Nur ist es den Chinesinnen leichter, die Haarfarbe des Chignons zu treffen, denn sie sind durchweg rabenschwarz. Eine blonde oder rote Chinesin würde vielleicht größeres Aufsehen erregen als die siamesischen Zwillinge. Junge Mädchen tragen das Haar lang herabfallend. Frauen verleihen ihrem gewöhnlich sehr üppigen Haarwuchs erhöhten Glanz dadurch, daß sie es in harzigen Flüssigkeiten baden und sorgfältig kämmen. Haarbürsten sind den orientalischen Völkern unbekannt.

Durch Zufall sah ich einmal mit Hilfe des Feldstechers der Haartoilette einer Dame zu, eine gewiß verzeihliche Indiskretion, wenn man bedenkt, daß ich sie nur in ethnographischem Interesse, und um die Europäerinnen vielleicht etwas Neues zu lehren, beging. Die blatternarbige Schöne saß auf ihren Fersen auf dem Boden. Sie kämmte ihr reiches Haar von der Stirne glatt zurück und hob es etwas vom Kopfe dadurch, daß sie einen Finger darunter hielt. Dann wurde der flache Haarstrang am Scheitel nach vorn umgebogen, so daß er eine Schleife bildete, und mit einer Nadel festgesteckt. In ähnlicher Weise bildete sie mit dem Seitenhaar Schleifen, die weit vom Kopfe abstanden, und steckte sie am Scheitel mit Nadeln fest. Dann schmückte sie das Haar mit Juwelen und Blumen, von denen die hübscheste in ein kleines schmales Gefäß gesteckt wurde, das sie in dem Haar verbarg.

In den mittleren Provinzen Chinas wird das Haar von rückwärts nach aufwärts gekämmt und in einem hohen, vom Kopfe abstehenden Bogen nach vorn geführt, wo es festgesteckt wird. Ein chinesischer Poet besingt eine Schöne mit folgenden Worten: „Wangen wie die Mandelblüte, Lippen wie die Pfirsischblüte, den Leib wie ein Weidenblatt, Augen, so munter wie in der Sonne glitzerndes Wassergekräusel, und Füße wie die Lotosblume.”

Würden unsere Damen die Lage ihrer Schwestern bei den anderen Völkerrassen aus eigener Anschauung kennen lernen, so würden sie uns wahrscheinlich größeren Dank wissen für die gewiß beneidenswerte Stellung, welche wir ihnen, wir wollen es zugeben, auch mit vollem Rechte eingeräumt haben. Die Chinesen vergleichen beispielsweise die Stellung der Frau zum Manne wie jene der Erde zum Himmel, wobei der letztere selbstverständlich durch das starke Geschlecht dargestellt wird. Die Geschlechter sind in dem uralten Reiche der Mitte keineswegs gleichberechtigt wie bei uns. Der Chinese huldigt der Frauenschönheit und Frauentugend nicht wie wir, er besingt und umschwärmt sie nicht, Frauenwünsche und Frauenlaunen sind ihm nicht Befehle, die Ritterlichkeit und Höflichkeit, mit welcher unseren Damen, wie sie meinen, noch viel zu wenig begegnet wird, ist den Chinesen vollständig unbekannt. Der Mann herrscht dort, die Frau dient, dem Manne allein gehört das öffentliche Leben, die Frau bleibt im Hause, der Mann genießt vollständige Freiheit, die Frau ist dem Willen des Mannes unterworfen. Sie tritt überhaupt nicht an die Oeffentlichkeit und wird im großen ganzen als ein geringeres Wesen angesehen. Die Geburt eines Sohnes ist ein Freudenfest im Hause und in der ganzen Familie des Chinesen; die Geburt einer Tochter wird kaum berücksichtigt. Fragt man einen Chinesen, ob er Kinder besitze, so wird er das nur auf die Söhne beziehen und die Töchter gar nicht mit nennen, ja, es ist Thatsache, daß Tausende von neugeborenen Mädchen jährlich ermordet werden. Armut und übergroßer Kindersegen sind die Hauptursachen dieses verbrecherischen Gebrauchs. Von den Eltern selbst wird der Kindermord selten begangen; das Kind wird gewöhnlich der Hebamme übergeben oder vielleicht an einer Polizeistation oder an dem Kreuzungspunkt von Straßen weggelegt. Wird es gefunden, bevor es dem Hunger oder den Unbilden der Witterung unterlegen ist, so wird es einem der vielen in den Städten bestehenden Waisenhäuser übergeben und dort großgezogen. Die Regierung hat den Kindermord in mehreren kaiserlichen Edikten verdammt und mit Strafe belegt; er ist auch in den meisten Gegenden nicht so häufig, wie es angenommen wird, nur in Schantung und Honan scheint er überhand genommen zu haben. Uneheliche Kinder werden stets beseitigt. Auch bei Knaben kommt es zuweilen vor, besonders wenn sie mit Gebrechen behaftet sind, oder wenn die abergläubigen Eltern der Meinung sind, daß das Kind von bösen Geistern besessen ist. So wurde mir in Tsining am Kaiserkanal erzählt, daß kürzlich ein Knäblein in das dortige Waisenhaus gebracht wurde, das auf der Brust von Raben ganz zerhackt war. Ein christlicher Chinese soll es vor den Stadtmauern gefunden haben. In Tsining und Tsautschou-fu kommt das Weglegen von neugeborenen Töchtern besonders in Zeiten von Hungersnot sehr häufig vor. Gewöhnlich werden die armen Wesen schon im Elternhause getötet, die Leichen aber über die Stadtmauer geworfen, wo sie von Hunden und Raben gefressen werden. Ein chinesisches Sprichwort sagt: ~Igo guinia pango örr~, d. h. „eine Tochter ein halber Sohn”, und wenn in einer Familie der Reihe nach mehrere Töchter geboren werden, so wird häufig auch in den besseren Ständen eine Tochter geopfert, in der Hoffnung, daß bei der Seelenwanderung ihre Seele doch in den Körper eines Knaben kommen dürfte.

In den meisten Großstädten befinden sich eigene Kindertürme, gemauerte Behälter, in welche die Leichen neugeborener Kinder geworfen werden, um die Beerdigungskosten zu ersparen. Aber es ist unrichtig, daß sie zur Aufnahme lebender weggelegter Kinder dienen.

In vielen Familien gleicht das Leben der Mädchen und Frauen, natürlich nur nach europäischen Begriffen, einem langsamen Hinsterben, denn sie sind an das Haus gefesselt, keine Frau darf es ohne Bewilligung ihres Gatten verlassen, und thut sie es, so kann der Mann sie einem anderen Manne als Konkubine verkaufen. Man hat mir von vielen Frauen erzählt, welche das Haus jahrelang nicht verlassen haben. Freilich darf man sich unter den Häusern der Reicheren nicht etwa solche wie die unserigen vorstellen. In China wohnen ganze Familien, oder vielmehr Familiengruppen, mit zahlreichen Männern, Frauen, Kindern und Sklavinnen in einem ausgedehnten Häuserkomplex mit Gärten und Lotosteichen, Lusthäuschen, Hallen und Tempelchen, alles von einer hohen Mauer umschlossen, aber über diese Mauer hinaus gelangen die Frauen nur selten. Sie haben ihre eigenen Häuser und Gemächer, und schon als Kinder von sechs bis sieben Jahren werden sie von ihren Brüdern und Vettern, mit einem Worte, von den Männern so viel als möglich abgesondert. Selbst in den Räumen der ärmeren Klassen dürfen Knaben und Mädchen nicht auf denselben Matten sitzen oder gemeinschaftlich ihre Mahlzeiten einnehmen. Ja, einem alten chinesischen Gebrauch zufolge sollen Frauenkleider mit jenen der Männer nicht auf denselben Nagel gehängt werden; Frauen sollen nicht an denselben Stellen baden, an welchen sich Männer zu baden pflegen; die Frau darf auch nicht mit dem Manne essen. Zuerst stillt er seinen Hunger, dann kommt die Frau. In den untersten Volksschichten können diese Gebote natürlich nicht eingehalten werden, aber in den höheren Ständen werden sie streng beachtet.

Erreicht das Mädchen ein Alter von dreizehn bis fünfzehn Jahren, so wird sie von den Eltern verlobt, ja sehr häufig findet diese Verlobung schon statt, wenn die Kinder kaum das fünfte oder sechste Jahr erreicht haben. Von einer selbständigen Wahl ihrer Gatten ist natürlich niemals die Rede. Nur in seltenen Fällen hat das Mädchen der besseren Stände Gelegenheit, andere Männer wenigstens flüchtig zu sehen, aber selbst wenn zwei junge Leutchen auf solche Art Zuneigung zu einander fassen sollten, müssen die Eltern ihre Zustimmung geben. Ein chinesisches Sprichwort sagt darüber: ~T’schü t’schi yu ho, pi ku fu mo~, d. h. „will man ein Weib freien, so muß man sich an die Eltern wenden”. Die Eltern sind die unumschränkten Gebieter über ihre Kinder; diese werden niemals zu Rate gezogen, und nur von Seite der Männer darf eine Heiratsaufforderung ergehen, niemals von den Mädchen. Papa und Mama des zukünftigen Ehemannes, selbst wenn er erst acht oder zehn Jahre alt sein sollte, lassen durch eigene Heiratsvermittler in den verschiedenen, ihnen im Range annähernd gleichen Familien nach einem passenden Mädchen Umschau halten. Ohne Heiratsvermittler giebt es in China keine Heirat. Der Chinese sagt: ~Tien schang wu yün pu hsia yü, ti hsia wu mei pu t’scheng t’schin~, „wie der Himmel ohne Wolken keinen Regen spenden kann, so kann auch keine Heirat stattfinden ohne Heiratsvermittler”, wobei diese Vermittler meistens pfiffige, alte Weiber sind.

Die beiden Familien erkundigen sich eingehend nach den beiderseitigen Verhältnissen, und sind diese befriedigend, so wird die Summe festgestellt, welche die Eltern des angehenden Ehemannes den Eltern der Braut zu zahlen haben, denn die Ehe in China ist im Grunde nichts weiter als der Ankauf einer Frau. Unrichtige Angaben dürfen dabei nicht gemacht werden, sonst erhält der schuldige Papa vom Gerichte hundert Stockstreiche verabreicht, und die Geschenke, welche der Braut beim Abschluß der Verlobung gemacht werden, müssen zurückgeschickt werden. Auch darf kein Zwang eintreten. Sollte es sich herausstellen, daß jemand die Tochter eines freien Mannes zur Ehe mit seinem Sohne oder einem sonstigen Anverwandten gegen den Willen ihrer Eltern oder Vormünder veranlaßt hat, so wird er gerichtlich erdrosselt. Die Tochter wird aber niemals nach ihren Wünschen gefragt, obschon die chinesischen Mädchen doch auch Herzen haben. Ihre Pflicht ist es, den Eltern zu folgen und sich fürs Leben an jenen zu ketten, den die Eltern für sie angenommen haben, mag auch das Herz dabei zu Grunde gehen. Deshalb kommen auch in China Liebestragödien gar nicht selten vor. Will die junge Braut sich der Ehe mit einem ihr verhaßten Manne entziehen, so bleibt ihr nichts übrig, als Selbstmord zu begehen.

Sind die Erkundigungen, wie gesagt, befriedigend ausgefallen und die Verträge unterzeichnet, so sendet der Bräutigam seiner ihm gänzlich unbekannten Braut Verlobungsgeschenke, unter denen sich als wichtigstes häufig dieses nützliche, aber keineswegs besonders angesehene Haustier, eine Gans befindet. Die Gans gilt in China wie in Korea als das Symbol der ehelichen Treue. Mit der Annahme der Gans ist das Mädchen verlobt, obschon sie je nach ihrem Alter häufig noch Jahre warten muß, ehe ihr das zweifelhafte Glück zu teil wird, Frau zu werden. Was immer in manchen Werken über China behauptet werden mag, es kommt doch nur selten vor, daß Männer unter zwanzig Jahren, Mädchen unter fünfzehn Jahren wirklich heiraten.

Man kann sich die Gefühle eines solchen eben aufblühenden jungen Mädchens vorstellen, wenn sie den chinesischen Verlobungsring, die Gans, erhält. Sie hat keine Ahnung von dem Aussehen und Charakter des Menschen, mit dem sie für ihr ganzes Leben verbunden werden soll. Von ihren Eltern und Brüdern oder gar von Bekannten kann sie darüber wenig erfahren; denn vom Tage ihrer Verlobung an wird sie noch strenger gehalten als zuvor. Sie darf mit Fremden gar nicht verkehren, und sollten ihre Eltern Besuche erhalten, so muß sie sich aus dem Raume entfernen.

Wie ihre kleinen Füßchen, die goldenen Lilien, so werden auch ihre Gefühle, ihr ganzes inneres Wesen und Sein absichtlich verkrüppelt, und es wäre unverständlich, wie chinesische Mädchen unter solchen Umständen noch fröhlich sein, lachen und scherzen können, wüßten wir nicht, daß sie eben keine Ahnung von den glücklichen Verhältnissen haben, unter denen ihre kaukasischen Schwestern in Europa und Nordamerika leben. Ihr Horizont reicht nicht weiter als die Mauern ihres Heims, ihre Urteilsfähigkeit ist eingedämmt durch die althergebrachten Formen und Sitten, ihre Lektüre, wenn sie lesen gelernt haben, beschränkt sich auf langweilige Klassiker, Theaterstücke und chinesische Erzählungen, denn Bücher über Länderkunde, Geschichte und dergleichen giebt es nur wenige.

Am Tage der Ehe wird sie von einem Freunde ihres Gatten abgeholt, in eine rote Sänfte eingesperrt und so nach ihrem zukünftigen Heim getragen. Aber ihre Stellung bleibt nach wie vor die gleiche, denn sie erhält keinen eigenen Hausstand. Als Mädchen war sie die unterwürfige Dienerin ihrer Eltern und älteren Brüder, als Frau ist sie die Dienerin ihrer Schwiegereltern und ihres Gatten. Der Verkehr mit dem Elternhause hört auf, die Eltern ihres Gatten sind nun ihre Eltern, und selbst wenn ihr Gatte sterben sollte, so bleibt sie in der Familie desselben und darf zu ihren eigenen Eltern nicht zurückkehren. Dies ist sogar der Fall, wenn der Tod ihres Verlobten vor der Heirat erfolgen sollte. Ein derartiges Los ist gewiß nicht beneidenswert. Sie gelangt mitten unter Fremde, die ihr nicht immer mit Liebe begegnen, ohne Murren muß sie die Befehle ihrer neuen Mutter, der Herrin des Hauses, ausführen, sie selbst hat nichts zu sagen, ja sie findet mit Beschwerden bei ihrem Manne kaum irgendwelche Unterstützung, denn als erstes Gebot im chinesischen Familienleben gilt die Unterwerfung gegenüber den Eltern. Zeigt die junge Frau Unwillen oder Trotz, so kann sie von ihrem Manne geschlagen werden. Hilfe findet sie nirgends. Nur durch sklavische Befolgung ihrer Pflichten, durch Demut und Unterwürfigkeit kann sie sich allmählich die Neigung ihrer neuen Verwandten erwerben; wird ihr aber ein Sohn geboren, so ist ihre Stellung gesichert, sie wird fortan mit Achtung und Liebe behandelt. Während des ersten Monats nach der Geburt ihres Kindes ist sie das Opfer einer Menge eigentümlicher Gebräuche. Mutter, Vater, ja ihr eigener Gatte meidet das Gemach, in dem die Kranke liegt. Niemand als ihre Dienerin darf es betreten, und ein großer Strauß von Immergrün, über der Thür aufgehängt, warnt alle Besucher vor dem Eintritt. Ja die letzteren dürfen sogar ihre großen roten Visitenkarten nicht abgeben. Alle Personen, die mit ihr in demselben Hause wohnen, selbst Fremde, die das Haus während dieses ersten Monats betreten sollten, werden unrein und dürfen beispielsweise bis nach Ablauf des Monats keinen Tempel betreten. Stirbt die unglückliche Mutter während dieser Zeit, so hat sie im Fegefeuer bestimmte Strafen auszustehen, bis sie aus demselben durch besonders vorgeschriebene Tempelopfer befreit wird.

Ist das junge Wesen, dem sie das Leben gegeben hat, ein Mädchen, so wird die Stellung der jungen Frau womöglich noch ungünstiger, denn nicht nur, daß sie in der Achtung ihrer Eltern und Verwandten sinkt, ihr Gatte wird sich auch bald, wenn es seine Mittel erlauben, nach einer zweiten Gattin, oder vielmehr nach einer Konkubine umsehen. Die chinesischen Gesetze erkennen freilich nur eine Frau, und zwar die erste, als die rechtmäßige an, allein sie gestatten es dem Manne, so viele Konkubinen in sein Haus aufzunehmen, als er ernähren kann oder will. Diese Art der Vielweiberei kommt hauptsächlich bei den wohlhabenden Kaufleuten und Mandarinen vor, in den ärmeren Klassen nur selten. Dennoch sind mir auch hier derartige Fälle vorgekommen. Meine Bootsfrau in Canton, ein energisches, sparsames, flinkes Wesen, erzählte mir selbst, daß ihr Gatte sich eine Konkubine im Hause hielte, und beklagte nur das schwere von ihr sauer erworbene Geld, welches er ihr für diesen Zweck abpreßte. Ruderte sie mich mit ihren starken Armen auf dem breiten Strom umher, dann kam ihr Gespräch immer wieder auf ihren verlumpten Mann zurück und auf seine zweite Frau, die sie im Hause dulden mußte. Aus jedem Worte sprach ihre Eifersucht. Sind die Chinesinnen denn keine Frauen? Mein Dolmetscher in Canton besaß drei Frauen, jener in Chinkiang zwei. Durch Zufall begegneten wir diesen letzteren in der Straße, häßliche, ärmlich gekleidete Wesen: die eine war in einer Seidenzucht beschäftigt, die andere verkaufte den chinesischen Bootsleuten im Hafen Eßwaren. Wie ich mir nachher von einem Zollbeamten sagen ließ, hatte der gute Lin Tun Fung seine zweite Frau nur ins Haus genommen, weil er durch ihre Thätigkeit seine Einnahmen vermehrte.

So gefügig und duldsam die chinesische Frau auch sein mag, eine Nebenbuhlerin im Hause muß ihr doch arge Seelenschmerzen bereiten, denn nicht selten kommt es vor, daß sie durch allerhand kleine Mittelchen trachtet, ihre Schwester oder sonst eine Anverwandte ihrer eigenen Familie mit ihrem Manne zusammenzubringen, damit er sie als Konkubine wähle. Mehrere Konkubinen sind weniger schlimm als eine einzige. Um die Ruhe seines Hausstandes zu sichern, weist der Gatte der zweiten Gattin gewöhnlich eine eigene Haushaltung an, denn ein chinesisches Sprichwort sagt: „Ein Schlüssel macht keinen Lärm, zwei Schlüssel verursachen Gerassel”. Auch wenn die erste Frau ihm Söhne geboren haben sollte, nimmt der Chinese gerne noch eine zweite Frau; besonders Schiffer, Boots- und Handelsleute, die viel auf Reisen gehen, und wohlhabendere Beamte, welche die Bäder besuchen wollen. Seine erste Frau kann er nicht mitnehmen, weil ihr die Leitung der Hausgeschäfte obliegt, als Reisefrau nimmt er die zweite mit.

Der Ausdruck zweite oder dritte Frau ist nicht in diesem Sinne zu verstehen, denn nur die erste ist wirklich seine legitime Frau, und bei ihren Lebzeiten darf er keine zweite heiraten, er darf auch keine solche an die Stelle der ersten setzen, also ihre Stellungen in seinem Haushalte vertauschen. Die Nebenfrauen sind nur Konkubinen und unterstehen der wirklichen Gattin; sie werden auch nicht mit demselben Ceremoniell wie die letztere geheiratet, sondern einfach ihren Eltern abgekauft, und dabei kann der Gatte wenigstens dem Zuge seines Herzens folgen, lieben und in sein Haus aufnehmen, wen er will.

Die Nebenfrauen eines Chinesen sind, wie bemerkt, der Autorität der ersten Frau unterworfen. Diese allein hat im Hause zu befehlen, und das ist vielleicht die einzige Genugthuung, die ihr nach ihrer Demütigung durch den Gatten bleibt. Mädchen der besseren Stände werden auch für Nebenfrauen nicht hergegeben; gewöhnlich entstammen sie den armen Volksklassen, sind möglicherweise Sklavinnen oder sogar Dienerinnen aus dem eigenen Hausstande. Ihre Kinder müssen sie aber der ersten Frau abtreten, welche die Mutter aller Kinder ihres Gatten wird und mit diesem allein über ihre Eheschließung und alle andern Verhältnisse zu verfügen hat. Die wirklichen Mütter dürfen keine Einsprache erheben.

In Arbeit, Erziehung der Kinder und Verwaltung des Hausstandes vergehen die Jahre, und je älter sie wird, desto mehr steigt ihr Ansehen. War ihr Gatte der älteste Sohn der Familie, und sterben seine Eltern, so hat sie die höchste Stellung in der Familie erreicht, ist umgeben und hochgeachtet von den Frauen der jüngeren Brüder, ihren Kindern und Enkeln, die alle unter ihrer Leitung in demselben Häuserkomplex wohnen. Stirbt ihr Gatte aber noch bei Lebzeiten seiner Eltern, und solange sie jung ist, so gilt es nicht für anständig, wenn sie sich einen zweiten Gatten nimmt, und die Fälle einer Wiederverheiratung kommen bei Witwen von Beamten niemals, bei solchen der höheren Stände nur selten vor. Aber ein chinesisches Sprichwort sagt: ~t’ieu yan hsia, niang yan tschia, wu fa k’o tschy~, d. h. will der Himmel regnen und deine Mutter wieder heiraten, so kann sie nichts daran verhindern. Um die althergebrachten Sitten zu wahren und angesehenen Familien die Schande zu ersparen, eine Witwe ihres Hauses in ein anderes Haus übertreten zu sehen, werden standhafte Witwen in China auf eigentümliche Weise belohnt. Ich habe in chinesischen Städten und Dörfern häufig freistehende Thorbogen aus Stein, mit Inschriften bedeckt, wahrgenommen. Ursprünglich dachte ich, sie wären Triumphbogen, zum Andenken an kriegerische Thaten oder tapfere Generale aufgeführt. Aber diese tapferen Generale sind in diesem Falle gewöhnlich standhafte Witwen oder besonders brave Töchter gewesen. Ich kann mit meinem bescheidenen Europäerverstand freilich nicht begreifen, wie es bei einer Witwe besonderer Standhaftigkeit bedarf, nach den gewöhnlich sehr traurigen Erfahrungen der ersten Ehe dem Ansturm neuer Freier zu widerstehen. Aber in China scheint die Sache doch anders aufgefaßt zu werden, denn dieser tapfere Widerstand wird dem Distriktstaotai gemeldet, dieser macht einen Bericht an den Provinzgouverneur, und der letztere sendet ihn sogar an den Kaiser in Peking. Ich fand zuweilen in der Pekinger Staatszeitung Edikte, mit welchen Seine Majestät anordnet, daß der Witwe X. X. oder der braven Tochter Y. Y. in ihrem Heimatsorte ein Triumphbogen zu errichten sei. Wieder die verkehrte Welt. Bei uns sind es große Staatsmänner und Kriegshelden, welchen solche Ehren erwiesen werden, in China Mädchen und Witwen.

Stirbt die gesetzliche Frau eines Mannes, so darf er sich wieder verheiraten oder eine seiner Konkubinen zur ersten Frau erheben, die mit zunehmendem Alter endlich die Herrschaft über den ganzen Familienclan erhält. Ja, sollte sie in dieser höchsten Familienstellung ihren Gatten verlieren, so tritt nicht etwa der älteste Sohn an dessen Stelle als Leiter der Familie, sondern die Mutter bleibt es in unumschränkter Weise bis zu ihrem Tode. Der Chinese sagt, seine legitime Frau sei wie der Mond, die Konkubinen wie die Sterne, und alle drehen sich in ihrem Laufe um die Sonne, den Mann.

Die chinesischen Ehen sind nicht etwa unauflöslich. Die Gesetze nennen sieben Gründe für die Ehescheidung, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse des Reiches der Mitte grell beleuchten. Sie sind: Ehebruch, Unfruchtbarkeit, Eifersucht, Ungehorsam, Diebstahl, Aussatz und Geschwätzigkeit. Auch kann die Scheidung auf gegenseitiges Einverständnis erfolgen. Sollte der Mann bei Ehebruch seiner Frau die Scheidung nicht verlangen, so setzt er sich der Bestrafung durch Stockstreiche aus; sollte sie während seiner Abwesenheit eine neue Ehe eingehen, so wird sie erdrosselt; nur wenn diese Abwesenheit drei Jahre dauert, kann sie nach Anmeldung bei den Gerichten ihre Freiheit erlangen.

Die armen Frauen der höheren Stände haben es kaum viel besser als jene der indischen Zenanas oder der arabischen Harems, und beinahe könnte man sagen, daß die Frauen der untersten Stände Chinas ein günstigeres Los haben, als ihre reichgekleideten, geputzten und geschmückten Schwestern. Sie sind wenigstens nicht an das Haus gefesselt, sie genießen einigermaßen Freiheit. Besonders in Canton und den südlichen Provinzen sah ich sie allen möglichen Berufen nachgehen. Schneiderinnen kauern an den Straßenecken, um Kleider zu flicken; Dienerinnen durchwandern die Gäßchen, um Einkäufe oder Besorgungen für ihre Herrin zu machen; auf dem Flusse und im Hafen verkehren die Frauen ungezwungen, durch keine gesellschaftlichen Formen eingeengt, mit den chinesischen oder fremden Männern. Die ärmsten der Frauen ziehen durch das Gewirre von Gäßchen der Städte, um allerhand Abfälle und Unrat für ihre Schweine zu sammeln. Draußen auf dem Lande sind sie in den Seidenzüchtereien oder auf den Reisfeldern thätig; sie schneiden Gras oder suchen auf den Bergabfällen nach Wurzeln, Zweigen und sonstigem Brennmaterial; Hunderte pflücken Theeblätter an den sich meilenweit hinziehenden kleinen Stauden; überall sind es kräftige, gut gebaute Gestalten, weit größer und stärker als ihre Schwestern in Japan oder Hinterindien. Weiter gegen Norden, in der Umgegend von Swatau oder Amoy, sind sie schon viel seltener; auch am Jangtsekiang und Kaiserkanal genießen sie lange nicht die gleichen Freiheiten wie in Canton.

Der Haarzopf der Chinesen.

Das auffälligste Merkmal eines Chinesen ist wohl sein Haarzopf. Ohne Zopf kein Chinese; er ist ihr größter Stolz und der hervorragendste Gegenstand ihrer Eitelkeit, sowie das Streben jedes Chinesenjungen, dem der Zopf erst in seinem zwölften bis vierzehnten Jahre zu tragen gestattet ist. Der Kaiser trägt ihn ebensogut wie der letzte Lastenträger, der tapfere Reitergeneral ebensogut wie der Apotheker, und nur eine Berufsklasse ist davon ausgenommen: die Priester, deren Schädel spiegelglatt rasiert sind. Diese Rattenschwänze entlocken den Europäern unwillkürlich ein Lächeln, aber sie bedenken nicht, daß unsere eigenen europäischen Feldtruppen bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, die englischen Seeleute sogar noch bis zur letzten Generation, ebenfalls Haarzöpfe getragen haben. Allerdings waren die letzteren nicht so lang wie bei den Chinesen, dafür aber waren sie weiß gepudert und erhielten sich gerade beim Militär am längsten, während in China nahezu die ganze männliche Bevölkerung diese bis unter das Knie herabfallenden Haarzöpfe trägt. Die Mädchen haben in China nur bis zu ihrer Verlobung einen über den Rücken fallenden Haarzopf. Bis gegen die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts trugen die Chinesen ihr Haar ähnlich wie wir, und erst von der Vertreibung der angestammten Mingdynastie durch die Mandschuren stammt die Sitte, das Scheitelhaar zu einem Zopf zu flechten. Die Mandschuren waren Zopfträger, und kaum hatten sie die Herrschaft über das gewaltige Chinesenreich an sich gerissen, so machten sie den Zopf zum Zeichen der Unterwerfung. Jeder Chinese mußte sich seinen Schädel mit Ausnahme des Scheitelhaares kahl rasieren und das letztere in einen Zopf flechten lassen. Die Barbiere im ganzen weiten Reiche wurden mit der Ausführung dieser kaiserlichen Verordnung betraut. Mit dem Rasiermesser in der einen und dem Schwert in der andern Hand durchzogen sie ihre Distrikte, und den Chinesen blieb die Wahl, ihr Kopfhaar oder ihren ganzen Kopf zu opfern. Die große Mehrzahl entschloß sich natürlich zu der weniger schmerzlichen Operation. Immerhin kam es zu vielen Aufständen gegen diese drakonische Maßregel, zumal die Barbiere damals wie bis auf die jüngste Zeit den geächteten Ständen angehörten und nicht gut kaiserliche Beamte sein konnten. Deshalb kam der erste Mandschukaiser, einer der größten Herrscher, die China jemals gehabt hat, auf einen anderen, friedlicheren Ausweg: er verordnete, daß Verbrecher, Sträflinge und die Angehörigen der geächteten Volksklassen keinen Haarzopf tragen dürfen. Dadurch machte er den Zopf zum Wahrzeichen der Ehrbarkeit und des guten Bürgertums, der Widerstand hörte auf, und bald konnte man sich keinen Chinesen mehr ohne Zopf denken.

Uebrigens stammt aus jener Zeit ein charakteristisches Barbierzeichen, das seinen Weg auch durch ganz Nordamerika, zum Teil auch nach Europa gefunden hat. Den Besuchern der Neuen Welt wird es aufgefallen sein, daß die dortigen Barbiere vor ihren Läden kurze, dicke, bemalte Stangen als Abzeichen ihres Berufes errichten, und bis auf den heutigen Tag hat man vergeblich nach dem Ursprung dieser Sitte geforscht. Für den Kenner chinesischer Verhältnisse dürfte es indes zweifellos sein, daß dieser Ursprung in China zu suchen ist. Wie heute, so war auch schon vor Jahrhunderten das Abzeichen kaiserlicher Beamter eine oder eine Anzahl hoher Stangen vor ihren Wohnungen. Der Distriktsgouverneur hat deren z. B. zwei, der Provinzgouverneur vier vor seinem Amte stehen. Nun waren die Barbiere, als sie mit dem Abrasieren der Chinesenschädel von seiten der ersten Mandschuregierung betraut wurden, gewissermaßen kaiserliche Beamte und errichteten vor ihren Häusern den Beamtenpfahl. Diejenigen, die mit ihren Werkzeugwägelchen oder Schubkarren im Lande umherzogen, brachten diesen Pfahl, allerdings von geringerer Länge, an den Fuhrwerken an, und wie ich auf meinen Reisen selbst wahrgenommen habe, ist dies noch heute in China allgemein Sitte. Als die Chinesen ihre Wanderung übers Meer nach Amerika antraten und sich dort ansiedelten, war das Barbierhandwerk dasjenige, dem sich die Einwanderer am liebsten zuwandten; sie errichteten auch in Amerika ihre Barbierpfähle, und von ihnen nahmen die meisten Barbiere dieses Abzeichen an, das bald allgemein wurde. Den Chinesen ist die schönste Zierde des Mannes, der Bart, vorenthalten; erst im späteren Alter erscheinen um den Mund und an den Backen vereinzelte struppige Haare, die dann ihr größter Stolz sind und sorgfältig gepflegt werden. Sonst zeigen sich Haare nur auf etwaigen Gesichtswarzen, und auch diesen wenden die Chinesen besondere Pflege zu. Was ihnen die Natur im Gesicht versagt hat, ersetzte sie durch überreichen Haarwuchs am Hinterkopf, ein Haarwuchs, der stets tiefschwarz ist. Der kleinen Chinesenbrut wird der Schädel bis zum Alter von zwölf oder vierzehn Jahren in eigentümlicher Weise rasiert. Hier und dort, über den Ohren, am Scheitel, am Nacken werden einzelne kleine Haarbüschel stehen gelassen, so daß diese possierlichen Jungen aussehen, als würde die Natur ihnen gleich an sechs oder mehr Stellen Zöpfe wachsen lassen. Erst nachdem die Knaben das genannte Alter erreicht haben, wird der Schädel ganz glattrasiert und nur das Scheitelhaar stehen gelassen. Natürlicherweise wird dies erst nach Jahren lang genug, um daraus einen Zopf zu flechten. Im Mannesalter reicht das natürliche Scheitelhaar der Chinesen bis auf etwa den halben Rücken, bei manchen erreicht es sogar eine Länge von einem Meter und noch mehr, stets aber muß durch künstliche Mittel nachgeholfen werden, um dem Zopf die erforderliche Länge bis zu den Fußknöcheln zu geben. In das natürliche Haar wird gewöhnlich noch ein Strang Menschen- oder Pferdehaar eingeflochten, der am Nacken dicke, fest- und glattgeflochtene Zopf wird nach abwärts immer dünner, und etwa in der Nähe des Sitzteils besteht er nur noch aus einem Geflecht von Seidenschnüren von schwarzer oder roter Farbe mit einer Seidenquaste am Ende.

Sind die Chinesen in Trauer um ihre Eltern oder nahe Verwandte, so dürfen sie ihr Kopfhaar während der Dauer von sieben Wochen weder in Zöpfe flechten noch schneiden lassen, noch dürfen sie es kämmen. Stirbt der Kaiser, so gilt diese Vorschrift für alle Chinesen während der Dauer von hundert Tagen, und man kann sich unter solchen Umständen das wüste Aussehen dieser Millionen von Menschen leicht ausmalen, eine Nation von Struwelpetern. Die armen Barbiere haben während dieser Zeit gegen ihren Willen Ferien, und viele nagen am Hungertuche. Gewiß wird in dem ungeheuern Reiche niemand für Gesundheit und Langlebigkeit des Landesvaters eifriger beten, als es diese Ritter des Rasiermessers thun.

Ist die erste Zeit der tiefen Trauer verstrichen, so flechten die Chinesen in ihr hinteres Anhängsel statt der schwarzen Seidenschnüre weiße, weil Weiß die Farbe ihrer Trauer ist. Leute, die viel zu reisen oder in den Straßen der Städte zu thun haben, verwenden statt weißer auch blaue Schnüre, die den Schmutz weniger zeigen. Um das Beschmutzen möglichst zu verhindern, wird der Haarzopf auch auf Reisen oder bei schmutzigen Arbeiten, wie auf Flußbooten, beim Lastentragen, mehrmals um das Hinterhaupt gewickelt und festgesteckt. Bei der Annäherung von Höhergestellten oder im Verkehr mit diesen muß der Zopf losgebunden werden, denn ihn auf dem Kopfe zu behalten, wäre ein ebensogroßes Vergehen gegen die gute Sitte, als würde bei uns jemand den Hut aufbehalten oder Besucher in Hemdärmeln empfangen. Auf nichts verwenden die Chinesen bei ihrer Toilette größere Sorgfalt als auf ihren Zopf, nicht nur in ihrem eigenen Lande, sondern auch in ganz Ostasien überhaupt, ja selbst in Amerika. Ich habe auf meinen Reisen Zehntausende Chinesen gesehen, die den ärmeren Volksklassen angehörten und weder viel Kleidungsstücke, noch Nahrung, noch Wohnung besaßen, allein der Haarzopf war selbst bei diesen armen Teufeln in schönster Ordnung. Es kann einem Chinesen keine größere Schmach angethan werden, als wenn ihm der Zopf abgeschnitten wird. Mit abergläubischer Sorgfalt behüten sie ihn, und als vor einigen Jahren die Vegetarianersekte (Geheimbündler, die den Sturz der fremden Mandschudynastie anstreben) dem von dieser eingeführten Haarzopf den Krieg erklärten, als in unheimlicher Weise den Chinesen auf der Straße, im Theater, im Theehause, überall wo nur möglich, die Zöpfe abfielen, da herrschte die größte Erregung im Lande. Die Behörden befahlen der Bevölkerung, am Abend das Haus zu hüten, sowie Thüren und Fenster sorgfältig zu verschließen, ja, manche Stadtbehörden befahlen durch Maueranschläge allerhand Zaubermittel zur Beschützung des Zopfes. So verordnete z. B. der Taotai (Bürgermeister) von Peking als unfehlbares Mittel, in die Zöpfe einen roten und einen gelben Faden einzuflechten. In Hangtschau fand der Magistrat ein noch viel besseres Mittel. Drei verschlungene chinesische Schriftzeichen werden mit schwarzer Tinte auf gelbe Papierschnitzel dreimal niedergeschrieben. Eins der letzteren wird verbrannt und die Asche mit einer Tasse Thee getrunken, eins wird in den Haarzopf eingeflochten, und das dritte wird über die Hausthür geklebt. Bei solchen Gelegenheiten hat gewöhnlich zuerst die weiße Bevölkerung zu leiden; der Verdacht, mit den bösen Geistern in Verbindung zu stehen, fällt zunächst auf Missionare, Kaufleute, Reisende, und der geringste Anlaß, ein unbedachtes Wort, eine verdächtige Gebärde reicht hin, die Wut des abergläubischen Volkes auf die Weißen zu lenken. Also Respekt vor dem chinesischen Zopf!

Tschinkiang.

Von den großen volkreichen Handelsstädten, welche an den Ufern des mächtigen Jangtsekiang liegen, und der Mehrzahl nach dem fremden Handelsverkehr geöffnet sind, ist Tschinkiang für den Reisenden am leichtesten erreichbar. Von Shanghai, der Metropole des ganzen Jangtsethales und wichtigstem Hafen desselben, fahren nahezu täglich große, bequeme Passagierdampfer stromaufwärts nach Hankau und berühren auf ihrer durchschnittlich fünf- bis sechstägigen Fahrt alle größeren Hafenstädte, darunter Tschinkiang.

Wir waren um Mitternacht von Shanghai abgefahren, und am frühen Nachmittag des folgenden Tages sahen wir in weiter Ferne die malerischen Wahrzeichen von Tschinkiang aus der vom gelben schlammigen Strom durchzogenen sumpfigen Ebene hervorragen: die wie eine riesige Halbkugel von achtzig Meter Höhe geformte Silberinsel mit ihrem Adjutanten, dem kleineren bewaldeten Federfelsen, beide mit kurios geformten Tempeln und Pagoden bedeckt. Kaum hatte unser Dampfer sie umfahren, so sahen wir am südlichen Ufer des Stromes die große Stadt vor uns liegen, zu beiden Seiten von bebauten Hügeln eingefaßt, die wie natürliche Wachttürme aus dem tiefen Sumpflande aufsteigen. Beide Hügel sind von geschichtlichem Interesse. Auf dem einen, uns näherliegenden, zeigt sich inmitten von grünen Parkanlagen das größte und imposanteste Gebäude von Tschinkiang, nicht etwa ein Tempel, eine Pagode oder Ahnenhallen, sondern das im europäischen Stil gebaute englische Konsulat. Im Jahre 1889 befand sich dasselbe in einem anderen Gebäude, als der hier stets unruhige, leicht erregbare Pöbel der Stadt ohne irgend welche Veranlassung einen Angriff auf das Konsulat unternahm und mit vielen anderen europäischen Häusern auch dieses Gebäude niederbrannte. Als Genugthuung den Engländern gegenüber mußten die Chinesen auf dem bewaldeten Hügel ein neues Konsulatsgebäude errichten. Auch der jenseits der Stadt, stromaufwärts gelegene Uferhügel erinnert die Chinesen an ihre vielen Kämpfe mit ihren besten Freunden, den Engländern. Dieser Hügel, die Goldene Insel genannt, lag noch im Jahre 1842 mitten im Fluß, und an der Südseite war die englische Flotte verankert, während die Landtruppen zu Lande jene Siege erkämpften, welche zu dem Friedensvertrag von Nanking führten. Diese einstige Insel ist längst mit dem Festlande innig verwachsen, ja sogar an ihrer Nordseite haben die Anschwemmungen des Jangtsekiang schon einen breiten Landstreifen geschaffen.

Zwischen beiden Hügeln sahen wir das Häusermeer von Tschinkiang in buntem, malerischem Flaggenschmuck prangen. Jedes Haus, jeder Tempel, die Masten der Tausende von Frachtbooten, welche sich im großen Kanal und an den Ufern des Jangtsekiang zusammendrängten, sogar die Bäume zeigten rote und weiße Flaggen; die ganze Bevölkerung schien auf den Beinen zu sein, und von der breiten, dem Jangtseufer entlang laufenden Bundstraße drang entsetzliches Lärmen und Schreien zu uns herüber. Der Comprador unseres Dampfers, selbst ein langbezopfter Chinese, klärte mich auf meine Frage darüber auf. Heute wäre gerade das Tiu-Tiufest, zu welchem gewöhnlich viele Tausende aus dem Innern des Landes hier zusammenzuströmen pflegten, und es sei an solchen Tagen nicht rätlich, sich zu weit in die Stadt hineinzuwagen. Allein gerade dieses heidnische Fest reizte meine Neugierde. Der Ingenieur des Dampfers erklärte sich bereit, mich zu begleiten, wir schlangen die Feldstecher um die Schultern, steckten Revolver ein und machten uns auf den Weg.

Wegen der Unterwaschung der Flußufer, wie sie auf dem ganzen unteren Jangtsekiang vorkommen, können die Dampfer auch hier nicht direkt an dieselben anlegen, sondern an eigene Hulks, alte abgetakelte Schiffskörper, die in der Nähe des Ufers fest verankert und mit dem letzteren durch Brücken verbunden sind. Jede der drei großen Dampfergesellschaften des Jangtse hat ihren eigenen Hulk, und der ganze Uferraum zwischen denselben ist mit zahllosen Dschunken, Segelbooten, Sampans, Frachtschiffen und Kanonenbooten dicht gefüllt. Tschinkiang ist ja nicht nur ein großer Verkehrshafen und Handelsplatz des Jangtsethales, es liegt auch im Mittelpunkte eines Netzes von Kanälen, deren größter, der Kaiserkanal, gerade hier den Jangtse kreuzt. An diesem Kreuzungspunkte der beiden wichtigsten Wasserstraßen von China mußte eine große und reiche Stadt entstehen, trotz der schweren Katastrophen, welche sie während des letzten halben Jahrhunderts zu überstehen hatte. Im Jahre 1842 wurde sie nach langer Verteidigung von den Engländern gestürmt und eingenommen, aber die rothaarigen Barbaren fanden innerhalb der Ringmauern zu ihrem Entsetzen nichts als Leichen vor. Die Verteidiger, größtenteils Mandschuren, hatten zuerst alle Weiber und Kinder, dann sich selbst getötet, um ja nicht in die Hände des von ihnen so sehr gehaßten Feindes zu fallen. Dreizehn Jahre später hatte die Stadt durch Zuwanderer wieder sehr gewonnen, als die furchtbaren Horden der Taiping sie einnahmen und teilweise zerstörten, und weitere vier Jahre später, im Jahre 1859, fiel sie in die Hände der kaiserlichen Truppen, die hier ebenso wütend hausten, wie in dem benachbarten Nanking. Die ganze Bevölkerung wurde niedergemetzelt, die Stadt bis auf die Ringmauern und einige Straßen dem Erdboden gleichgemacht. Noch im Jahre 1894 sah ich dort Ruinen, welche aus jener Zeit herrührten.

Aber alles das waren nur zeitweilige Hindernisse für den Aufschwung von Tschinkiang, das heute wieder an zweihunderttausend Einwohner zählt und innerhalb des von den Ringmauern umschlossenen Vierecks gar keinen Platz mehr hat. Es hat sich über die Stadtmauern ausgedehnt, und gerade in den westlich entstandenen Vorstädten ist der Sitz des Handels, des hauptsächlichsten Verkehrs und Reichtums der Stadt, während der östliche Teil ganz dem großartigen Leben und Verkehr auf dem Yunhokanal untergeordnet ist. An die westliche Vorstadt stoßen gegen die Landseite zu ärmere Quartiere, die sich bis zu den sanften von Festungswerken gekrönten Höhen hinter der Stadt hinanziehen und in weit ausgedehnten Friedhöfen mit kleinen, konischen, grünen Grabhügeln endigen.

Die Fremdenkonzession liegt dicht an den Ufern des Jangtsekiang. Obschon in derselben alles in allem genommen nur siebzig Europäer wohnen, haben sie doch einen hübschen mit steinernen Warenhäusern und schmucken Villen besetzten Bund (d. h. Uferstraße) geschaffen, der ebenso wie die nächstliegenden Seitenstraßen wohl gepflastert, beleuchtet und mit üppigen schattenspendenden Bäumen besetzt ist. Von dem chinesischen Ueberfall im Jahre 1889, bei welchem die Hälfte aller Häuser der Konzession zerstört wurde, ist keine Spur mehr wahrzunehmen. Die Handvoll Europäer, welche hier neben und mitten unter zweihunderttausend Chinesen wohnen, haben ihre eigene städtische Verwaltung, ihre Feuerwehr, Polizei, zwei Kirchen und einen Klub. Es fehlt ihnen nur noch eine tägliche Zeitung, aber auch sie wird kommen.

Wir fanden die Mehrzahl der europäischen Bewohner von Tschinkiang im Garten des Zollkommissärs versammelt. Die gegen den Bund gelegene Ecke der hohen festen Gartenmauer war mit Erde zu einer Art Terrasse angefüllt worden, und von dieser beobachteten die europäischen Damen des Orts (etwa ein halbes Dutzend) in völliger Sicherheit die Vorgänge auf der Straße, zumal eine Reihe von Polizisten mit langen mehrzackigen Lanzen, Säbeln und ballschlägerartigen, rot gestrichenen Holzkeulen hier Wache standen. Der mich begleitende Schiffsingenieur und ich waren die einzigen Europäer in den Straßen.

War schon auf dem Bund das Brüllen und Stoßen, Lärmen, Schreien, Gestikulieren, Tamtamschlagen und Musizieren der Chinesen zum Davonlaufen, so wurde es in der eigentlichen Chinesenstadt noch weitaus überboten, denn alle Augenblicke fuhren uns auch noch die massenhaft zum Knallen gebrachten Feuerfrösche (Fire-Crackers) zwischen die Beine, die Mehrzahl der sich drängenden und umherstoßenden Chinesen trugen brennende Joßkerzen, rasselten mit langen auf die Erde fallenden Ketten oder schlugen mit eisernen Pilgerstöcken heftig auf den Boden. Jedes einzelne Haus, fast ohne irgend welche Ausnahme, war mit rotweißen Fahnen bunt ausstaffiert, vor jedem Hause, selbst dem ärmlichsten, war ein Altar errichtet, oder doch wenigstens ein mit einem Tuch bedeckter Tisch aufgestellt. In der Mitte des Altars oder Tisches standen überall Sandbüchsen mit glimmenden Räucherkerzchen, und zu beiden Seiten derselben steckten brennende Kerzen aus rotgefärbtem Wachs in zinnernen Leuchtern. In den Straßen gewahrte ich nur Männer und Knaben, keine Frauen. Ihnen blieben die Häuser überlassen, und sie nutzten diese Gelegenheit, das seltsame Schauspiel zu betrachten, auch gehörig aus. In den Fenstern, auf Balkonen, Hausdächern und Gartenmauern standen oder saßen sie in ihren kostbarsten Festkleidern, hauptsächlich von blauer Farbe, seltener grün, schwarz oder weiß, aber keine einzige von den Tausenden, die ich sah, war rot oder gelb gekleidet. Ihre mitunter recht hübschen Gesichter waren mit Puder- oder Schminkeschichten überzogen, in der äußerst sorgfältigen Haarfrisur steckte allerhand Schmuck, vom billigsten Flittergold und Papierrosen bei den Armen bis zu kostbaren Perlschnüren und großen Jade(Nephrit-)steinen bei den Reichen. Die letzteren waren überdies durch ihre winzigen, nicht viel mehr als daumengroßen Füßchen kenntlich, die sie kokett zwischen den Balkongittern hervorstreckten.

Was das Gewimmel und das Getöse in den Straßen zu bedeuten hatte, war mir nicht recht klar. Jeder schien den Festtag des heidnischen Schutzpatrons von Tschinkiang in seiner eignen Weise feiern zu wollen. Die reichen Kaufleute der Stadt hatten große Summen dazu beigesteuert, und aus der Provinz waren viele Tausende, darunter das schlimmste Gesindel, hierhergekommen, um sich einen guten Tag zu machen. Sie wurden noch durch Tausende von Bootsleuten von der Flotte des großen Kanals verstärkt.

In langen malerischen Prozessionen zogen sie durch das enge Straßengewirre der Stadt. Viele von ihnen waren in phantastischer Vermummung, in langen hellroten Talaren mit hohen zuckerhutförmigen Hüten, von denen lange Fasanenfedern wagerecht abstanden; andere mit goldenem und silbernem Flitterwerk bedeckt, wieder andere hatten den Oberkörper ganz unbekleidet, und ihre Köpfe steckten in scheußlichen Tierfratzen; alle aber trugen groteske Waffen, Dreizack, flammende Schwerter, Morgensterne, Lanzen oder Pilgerstäbe mit rasselnden Ketten umwickelt.

Hier und da wurden den Prozessionen bunt aufgeputzte Kinder vorangetragen, die auf drei bis vier Meter hohen Stangen saßen und auf die Papierrosen in ihren Haaren und ihre glänzende Goldflitterkleidung nicht wenig stolz schienen. In jeder Prozession wurden prachtvolle Sänften umhergetragen, mit Vergoldungen und Schnitzereien bedeckt, manche sogar aus getriebenem Silber. Durch die Glasfenster gewahrte ich im Inneren aus Holz geschnitzte, langbärtige Fratzen. Die zahlreichen Fahnen, Sonnenschirme und Inschriftentafeln, die wie ein wandelnder Wald jeder Prozession vorangetragen wurden, zeigten die Namen der einzelnen Zünfte und Gilden der Stadt. Zwischen den einzelnen Umzügen wogte zerlumptes halbnacktes Gesindel auf und nieder, von den berittenen Soldaten mühsam in Ordnung gehalten. Zahlreiche Bettler, die Stirnen seltsamerweise mit weißem Papier verklebt, warfen sich uns auf den Knien entgegen, so daß wir kaum vorwärts kommen konnten. Gleichzeitig kam von einer Seitenstraße ein phantastischer Karnevalszug des Wegs, lärmend, heulend und waffenschwingend, als wären sie alle eben dem Tollhaus entwichen. Zwischen ihnen befanden sich einzelne Reiter. Wir konnten weder vor- noch rückwärts. Der Zug, mehrere hundert Menschen umfassend, hatte uns bald umringt, ich wurde von meinem Gefährten getrennt, und als ich den Versuch machte, ihm nachzueilen, versperrten mir die Reiter durch die Pferdekruppen den Weg. Gleichzeitig begann ein wilder Geselle mit langem zerzausten Haar und Kettenstäben in den Händen auf mich loszuschreien und schien die übrigen auf mich zu hetzen, denn ich bemerkte, wie sich die Gesichter verfinsterten und drohend überall die bewaffneten Hände erhoben. Schließlich spie der wilde Geselle mich an und trachtete mich über den Haufen zu werfen. Da war guter Rat teuer. Ich war allein inmitten vieler Tausende fanatischer Chinesen, deren leichte Erregbarkeit durch die Aufstände und Abschlachtungen in früheren Jahren hinreichend bekannt war, und ein Nachgeben, einen Augenblick des Zögerns hätte ich möglicherweise mit meinem Leben bezahlen müssen. Rasch entschlossen griff ich nach meinem Revolver, den ich in der rechten Rocktasche trug. Auf dem Wege dahin streifte meine Hand das Etui mit meinem Fernglase; ich weiß nicht wie es kam, einer plötzlichen Eingebung gehorchend, zog ich statt des Revolvers mein Fernglas hervor und hielt es an mein Auge. Verwunderung malte sich auf den Gesichtern der Umstehenden, das Geschrei und Geheul verstummte, und derselbe wilde Hallunke, der mich eben zuvor hatte niederschlagen wollen, riß mir das Glas aus der Hand. Kaum hatte er es an sein Auge gesetzt, so begann er zu lachen und die ihn Umgebenden der Reihe nach zu betrachten. Sein Erstaunen mußte die Neugierde der anderen in hohem Grade erwecken, denn ein Reiter entriß nun ihm mein Glas, und kaum hatte er lachend durch dasselbe geblickt, so wanderte es zu seinem Nachbar. Seine Ausrufungen versetzten die Zopfträger in große Heiterkeit. Alle lachten, und ich glaubte am besten zu thun, indem ich mitlachte. Mein Glas war nun in den Händen eines Mannes, der an der Ecke eines seitwärts führenden engen Gäßchens stand. Ich zwängte mich zu ihm durch, nahm ihm lachend das Glas aus der Hand, und ohne mich umzublicken, verschwand ich in dem Gäßchen, das gerade weit genug war, um einen Menschen durchzulassen. Durch dasselbe hatte sich auch mein Begleiter geflüchtet, und zu meiner Freude erwartete er mich am anderen Ende dieses finsteren Durchgangs.

Wir hatten nun genug von den Festlichkeiten der Provinzheiligen und wanderten aus der Stadt hinaus, die sanfte Anhöhe empor, die von einem Fort mit merkwürdigen Pagodendächern gekrönt wird. Auf den Umfassungsmauern steckten Hunderte von kleinen dreieckigen Fahnen in Rot und Weiß. Der Weg führte durch eine ausgedehnte Nekropole mit Tausenden und Abertausenden von kleinen Grabhügeln, hier und dort unterbrochen von kleinen Rasenflächen und Baumgruppen. Unter einer der letzteren gewahrten wir auf einer Steinbank sitzend vier Chinesinnen, die in den Anblick des wunderbar schönen Jangtsekiangthales versunken schienen, das sich zu unseren Füßen auf viele Meilen stromauf- und -abwärts ausdehnte. Als wir ihnen näher kamen, bemerkten wir erst, daß diese vermeintlichen Chinesinnen hellblonde Haare und blaue Augen hatten, dabei so große Füße, wie sie eine Tochter des Reiches der Mitte noch niemals besessen haben mag. Die vier Damen waren Angestellte irgend einer schwedischen Mission, die hier oben unter dem Schutz des Forts ein Missionshaus besaß. Neben diesem, und auch auf dem jenseitigen Abhang der Anhöhe im Freien zerstreut, liegen noch einige andere Missionshäuser, hauptsächlich amerikanischen Sekten angehörend. Die Missionäre leben hier mit ihren Frauen recht lauschig und behaglich und geben den Chinesen die verschiedenen Arten und Wege an, auf welchen sie als Christen selig werden können. Da giebt es eine Amerikan-Baptist-Mission, Amerikan-Methodist-Episkopal-Mission, Amerikan-Southern-Presbyterian-Mission, China-Inland-Mission, aber sie alle zusammengenommen mit ihren Dutzenden von Missionären und deren Frauen und ihren reichen Mitteln haben nicht ein Viertel des Erfolges aufzuweisen, den die beiden katholischen Padres französischer Nation hier mit ihren bescheidenen Mitteln erzielt haben. Wenn diese vielen amerikanischen Missionäre wenigstens für die Europäer von irgend welchem Nutzen wären! Wie wünschenswert wäre es z. B., wenn in den Spitälern der Missionen kranke Europäer Aufnahme fänden. Leider ist dies nicht der Fall; Europäer werden abgewiesen und nur kranke Chinesen aufgenommen.

Das Fort auf der Anhöhe schien mir von den Hunden besser bewacht als von den Soldaten. Während die ersteren bei unserem Kommen Lärm schlugen, blieben die letzteren, große Damenstrohhüte auf den bezopften Köpfen, ruhig auf dem grünen Rasen liegen und schielten nur mit halboffenen Augen zu uns herüber. Als ich Miene machte, das Thor zu durchschreiten, sprang einer der Soldaten auf und verwehrte uns den Eintritt. Nur wenn wir einen Erlaubnisschein vom Mandarin besäßen, dürften wir in das Innere des Forts. Indessen wir wurden durch die wunderbare Aussicht auf den Jangtsekiang reichlich für diese Enttäuschung entschädigt. Von hier oben konnten wir deutlich die früheren Ufer des ewig wechselnden Stromes verfolgen. Bald reißt er von einem Ufer ganze Morgen, ja Quadratkilometer Landes ab, um sie am jenseitigen anzusetzen, bald bricht er sich eine neue Laufbahn durch die üppigen Gersten- und Roggenfelder, bald läßt er Inseln aus seinem Bett verschwinden, bald weiter abwärts neue entstehen. Mit dem Fernglas musterten wir das jenseitige Ufer des gewaltigen Gelben Stromes, wo sich noch zur Mitte des 19. Jahrhunderts die große Stadt Koatschen befunden hat, eines der wichtigsten Salzdepots von ganz China, und zeitweilig waren zu ihren Füßen im Fluß gegen zweitausend Salzboote und Dschunken verankert. Wir konnten davon nichts mehr wahrnehmen als einzelne elende Hütten, mitten im Morast steckend. Der Jangtsekiang hat die Stadt verschlungen. Auch das einst so berühmte Jangtschau hat seine frühere Bedeutung gänzlich eingebüßt. Jangtschau liegt nur einige zwanzig Kilometer von Tschinkiang an der Nordseite des Jangtsekiang und war in früheren Zeiten die Hauptstadt des Jangreiches. Vor sechshundert Jahren, lange bevor irgend ein Europäer den Fuß auf chinesischen Boden setzte, besaß Jangtschau einen europäischen Gouverneur, keinen anderen als Marco Polo, der drei Jahre hier residierte.

Aus jener Zeit ist wohl weder dort, noch in Tschinkiang etwas übrig, nicht einmal die alten Pagoden der Goldenen Insel dürften dieses Alter besitzen. Als wir von unserem Ausflug zurückgekehrt waren, ließen wir uns nach diesem Heiligtum der Buddhistenwelt rudern, wo kolossale Buddhastatuen, umgeben von solchen seiner Apostel und Gelehrten, der Anbetung durch die andächtigen Zopfträger harren, aber das Leben und Treiben auf dem Bund, der Hauptstraße der Fremdenansiedelung. interessierte uns mehr, und stundenlang hätte ich dem Treiben in den offenen Eßbuden, rings um die ambulanten Küchen, bei den Spieltischen, Frucht- und Eierhändlern zusehen können, wenn nicht der furchtbare, ohrenbetäubende Lärm gewesen wäre. Die Chinesen scheinen nichts thun zu können, ohne dabei aus vollem Halse zu schreien; selbst die Lastenträger schreien bei jedem Schritt ihr ha-ho desto kräftiger, je größer die Last, die sie zu tragen haben, als ob sie die Arbeit mit Geschrei allein verrichten könnten. Vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Nacht aus Tausenden von Kehlen ohne Unterbrechung ha-ho schreien zu hören ist begreiflicherweise kein Vergnügen für die europäischen Bewohner der Konzession. Vor einigen Jahren wandten sie sich deshalb an den Taotai von Tschinkiang mit dem Ersuchen, das Schreien zu verbieten. Das geschah auch, aber am folgenden Tage schrieen die Kulis ihr ha-ho vielleicht nur noch kräftiger, und dabei ist es bis heute geblieben.

Nanking.

Eine Stunde nach Mitternacht hielt der große, nach Hankau bestimmte Jangtsekiangdampfer mitten auf dem breiten Strom, und der langbezopfte chinesische Steward bedeutete mir, ich wäre in Nanking angekommen. Vom Verdeck aus sah ich von dieser Weltstadt, deren Bevölkerung Millionen zählte, dieser einstigen Hauptstadt des größten Reiches der Erde, nichts weiter als eine gewaltige Ringmauer. Der Vollmond beschien die einsamen Ufer des Stromes. Kein Schiff, nicht einmal eines der vielen chinesischen Kanonenboote, welche auf dem Jangtsekiang den Polizeidienst versehen, deutete die Einfahrt in den Hafen an; nur zwei niedrige ärmliche Gebäude standen dort dicht am Stromufer, und von diesem stieß eben ein kleiner, von ein paar Kulis gelenkter Sampan ab, um mich abzuholen. Ein paar Minuten später saß ich darin, und während meine chinesischen Bootsleute mit kräftiger Hand durch die Fluten des hier reißenden Stromes dem Lande zuruderten, verschwand der große Dampfer in der Richtung gegen Hankau.

Es war ein Glück, daß die englischen Professoren der Marineschule in Nanking von meinem Kommen unterrichtet waren und mir eine Sänfte mit vier Trägern entgegengesandt hatten, sonst hätte ich wohl im Freien außerhalb der Stadtmauern übernachten müssen. Raschen Schrittes trugen mich die Kulis durch die elende Hüttenstadt, welche den Hafen von Nanking bildet. An dem Kanal angelangt, welcher dieses verkommene Nest mitten durchschneidet, mußten die Bootsleute der Fähre durch kräftige Hiebe aus dem Schlaf geweckt werden. Was sind die Chinesen doch für ausgezeichnete Schläfer! Der Kanal war über und über mit Pantoffelbooten bedeckt, deren jedes einer Familie als Wohnung dient. Obschon nun Hunderte von Hunden bei unserem Kommen wütenden Lärm schlugen, ließ sich doch niemand aus dem Schlafe wecken. Nur aus einem der Boote drangen leise Gongschläge zu mir herüber. Einer der Insassen mochte wohl im Sterben liegen, und die aufmerksamen Verwandten trachteten durch diese Gongmusik die bösen Geister zu vertreiben.

Jenseits des Kanals trugen mich die schweißtriefenden, stinkenden Kulis abermals eine Viertelstunde lang durch eine öde, verlassene Gegend, ehe wir an die ungeheuren Stadtmauern von Nanking gelangten. In dem bleichen Mondlichte zeigten sich diese noch viel gewaltiger, als sie wirklich sind. Auf viele Meilen zogen sie sich zu beiden Seiten unseres Weges in die Ferne, aus großen Quadern bestehend und vortrefflich erhalten, noch immer eines der größten Werke, welche Menschenhände geschaffen haben. Sie umgeben die alte Kaiserstadt in einem Umkreise von vierunddreißig Kilometern und erreichen bei einer Stärke von acht bis vierzehn Metern eine Höhe von fünfzehn bis dreißig Metern. Im ganzen genommen, enthalten sie nicht weniger als sieben Millionen Kubikmeter Mauerwerk und dreißig Millionen Kubikmeter Erde, also das Sechzehnfache der größten Pyramide Aegyptens. Hunderttausende von Menschen müssen jahrelang an diesem ungeheuren Werke gearbeitet haben, und die Mauer hat auch den Jahrhunderten, die seit ihrer Erbauung verflossen sind, ebenso wie den vielen Kriegen und Belagerungen getrotzt, deren letzte zur Zeit der Taipingrevolution die furchtbarste war. Nur nach langer Mühe gelang es den kaiserlichen Truppen im Jahre 1864, eine Bresche in dieses gewaltige Werk zu schießen. Sie wurde seither wieder ausgebessert. Der Vizekönig der Provinz verwendete dafür, sowie für die Erneuerung der Thortürme mit den schön geschwungenen Dächern eine Million Mark, eine Geldsumme, welche mit größerem Nutzen in der Stadt selbst hätte verausgabt werden können. Das ungeheure Thor, durch welches unser Weg in die Stadt führte, war fest verschlossen. Lange mußten meine Kulis mit den Tragstangen der Sänfte pochen, ehe die inneren Querbalken losgelöst wurden und der eine Thorflügel sich so weit öffnete, um uns durchzulassen. Ein Soldat in Pantoffeln und ohne irgend welche Bewaffnung sah mich mit schlaftrunkenen Augen an, richtete aber weder eine Frage an meine Begleiter, noch verlangte er mir meinen Reisepaß ab. Und das zu einer Zeit, als die Japaner sich mit allen Kräften zu dem großen Kriege rüsteten, der einige Monate später wirklich ausbrechen sollte.

Jenseits des vielleicht hundert Meter langen gewölbten Thorweges, der unter den Mauern und Wällen der Stadt in das Innere derselben führte, mußten meine Kulis noch eine geraume Zeit wandern, ehe wir das Thor der Marineschule, meiner Behausung, erreichen. Die Straßen waren wohl mit gutem Pflaster versehen, allein die Häuser zu beiden Seiten waren nur erbärmliche Lehmhütten, ähnlich wie ich sie in den ärmsten chinesischen Dörfern gesehen habe. Die einzigen Menschen, denen wir auf unserem nächtlichen Marsche begegneten, waren Nachtwächter, die schläfrig durch die einsamen Straßen wanderten und bei jedem Schritt mit ihrem eisernen Speer auf den Boden schlugen, oder mit Zinken und Trommeln etwaigen Dieben und Einbrechern ihr Nahen verkündeten. In der Wachtstube gegenüber der Marineschule lagen zehn Soldaten schlafend auf ihrem harten Holzlager ausgestreckt. Bei unserem Kommen wurde von einem dieser Vaterlandsverteidiger kräftig eine Trommel gerührt, in der ganzen Stadt, nah und fern, antworteten Dutzende von Trommeln. Trotz dieses laut durch die Nacht hallenden Wachtrufes rührten sich die schlafenden Soldaten nicht. Wozu auch? Sie sind ja längst an diesen nächtlichen Lärm gewöhnt. Als ich eine Stunde später selbst in dem ganz modernen europäischen Hause der Marineschule zur Ruhe gegangen war, dauerte das Trommeln noch fort. Alle Augenblicke wurde ich durch Trommeln aus dem Schlafe geweckt; aber mit der Zeit gewöhnte auch ich mich daran. In allen chinesischen Städten wird zur Nachtzeit fortwährend getrommelt, Gong geschlagen, Tuba geblasen, und ohne diesen Lärm müßte es den Hunderten von Millionen schlafender Chinesen ganz unheimlich vorkommen.

Als ich am nächsten Morgen meinen ersten Spazierritt durch Nanking unternahm, wunderte ich mich, warum der Vicekönig, der in einem bescheidenen Yamen seine Residenz aufgeschlagen hat, für die Ausbesserung der Stadtmauern so viel Geld ausgegeben haben konnte. Wo war denn eigentlich das vielgerühmte Nanking? Ich war innerhalb der Stadtmauern, aber die Stadt selbst suchte ich stundenlang auf- und niederreitend vergeblich. Reis-, Gerste- und Roggenfelder bedeckten weite Flächen, andere waren von wüstem Sumpfland eingenommen, wieder andere bedeckte dicht wucherndes Gestrüpp und Wald. Hie und da zwischen den Feldern erhoben sich elende Strohhütten, in welchen armselige Weiber ihren Hausrat besorgten, während die Männer die Wasserbüffel bewachten, die in den Feldern den Pflug zogen. Weiterhin führte mich mein Weg durch Trümmerfelder von Quadratkilometern Ausdehnung, bedeckt mit Steintrümmern und Schutthaufen, zwischen denen das Unkraut üppig emporschoß. Wohl hatte ich von den furchtbaren Verwüstungen gehört, die der große Taipingkrieg in den sechziger Jahren in seinem Gefolge hatte, allein so entsetzlich, wie ich sie nun in Wirklichkeit fand, hätte ich dieselben nicht für möglich gehalten. Sollte denn von all den Tausenden von Palästen, Tempeln, öffentlichen Gebäuden, Pagoden, welche die Millionenstadt in früherer Zeit besessen hat, wirklich nichts mehr übrig geblieben sein? Wo war die Purpurstadt, wo der Kaiserpalast, in dem die Kaiser der Mingdynastie residiert haben, wo der Palast des letzten Taipingkaisers? Ich ließ mir die Tatarenstadt zeigen, die, von einer eigenen Ringmauer umschlossen, im östlichen Teil von Nanking gelegen ist. Auch dort nichts als Steintrümmer, ähnlich jenen des Dschebel Mokattam in Kairo oder denen von Karthago, wo ich vor Jahren umhergewandert, nur noch trostloser, weil sie frischer waren, aus der neuesten Zeit stammten. Ich hatte wenigstens Ruinen erwartet, wie sie Paris in seinen Tuilerien, seinem Staatsratsgebäude, seinem Hôtel de ville besessen hat, und als ich auf dem weißen Steingeröll umherreitend endlich meinen Begleiter nach dem Kaiserpalast fragte, antwortete er mir, ich befände mich eben auf der Stelle, wo er sich vor der Taipingrevolution befunden hätte. Und die Ruinen? Das Steingeröll, über das mein Pferd einherstolperte! Nicht ein Stein liegt dort auf dem anderen. Nanking ist nicht mehr. Es wurde während der Revolution einfach zu Staub zermalmt, vom Erdboden weggewischt, wie man Staub vom Spiegel wischt. Kein Erdbeben, kein Brand, keine Ueberschwemmung hätte hier schlimmere Verwüstungen anrichten können als die Hand von Menschen während der Revolution. Ich befand mich in Tokio, als ein Erdbeben viertausend Häuser zerstörte oder beschädigte. Ich habe Chicago bald nach dem großen Brande gesehen, der es großenteils vernichtete, und St. Cloud in Minnesota nach dem furchtbaren Tornado, der es in Trümmer geblasen hat. Nirgends war die Vernichtung auch nur annähernd so vollständig wie hier, wo nichts als weiße Trümmerfelder die Stelle anzeigen, wo noch Mitte dieses Jahrhunderts eine der größten, ältesten und volkreichsten Städte unseres Erdballes gestanden hat. Innerhalb der Mauern von Nanking hat sich in der That eines der merkwürdigsten, leider nur zu wenig bekannten Ereignisse der Weltgeschichte abgespielt. Hier war es, wo der berüchtigte Hong-Sin-Tsien, ursprünglich ein armer Schullehrer, durch seine Ueberzeugung und Thatkraft sich zu einem gewaltigen Heerführer emporgeschwungen und schließlich während elf Jahren als Kaiser über die Hälfte des chinesischen Reiches herrschend, der Dynastie in Peking so starren Widerstand entgegengesetzt hat. Seine Armeen waren überall erfolgreich, überall wurden die kaiserlichen Heere durch die Taiping geschlagen, und eine Zeit lang glaubten die Chinesen selbst an die Intervention des Himmels zu Gunsten des Friedenskaisers in Nanking. Aber als die Kaiserlichen endlich die Europäer um Hilfe anriefen, war es mit der sagenhaften Unüberwindlichkeit vorbei. Unter ihren Heerführern waren überdies Zwistigkeiten ausgebrochen; viele kämpften auf eigene Faust, etliche fielen in den Schlachten, andere gingen mit ihren Mannschaften zu den Kaiserlichen über. Müde von den Bedrückungen, dem Sengen, Rauben und Morden der umherziehenden Taipingbanden fielen ganze Provinzen von dem Rebellenkaiser ab, und diesem blieb schließlich von seinem großen Reiche nichts weiter als seine Residenzstadt Nanking. Lange Zeit hielt er sich dort, hauptsächlich geschützt durch die gewaltigen Ringmauern. Am 30. Juni 1864 gelang es endlich der Artillerie des kaiserlichen Belagerungsheeres, in diese Mauern eine Bresche zu schießen, und damit war der weitere Widerstand der Rebellen ein erfolgloses Bemühen. Aber die letzteren ahnten wohl, welch schreckliches Schicksal ihnen schließlich bevorstand, und deshalb entschlossen sie sich, lieber auszuharren, als sich zu ergeben. Nur der Rebellenkaiser selbst verlor den Mut. Schon lange war sein Geist durch die rasch aufeinanderfolgenden Schläge getrübt worden, und als er noch die Nachricht von dem Fall der großen Ringmauer erhielt, nahm er sich durch Gift das Leben. Seine Generale riefen nun seinen Sohn zum Kaiser aus, und der sechzehnjährige Jüngling übernahm den Befehl über die Verteidigungstruppen. Achtzehn Tage hielten sich die Rebellen noch gegen die Kaiserlichen. Am 19. Juli 1864 aber drangen die letzteren durch die Bresche in die Stadt. Ein treuer Diener von Hong-Siu-Tsien rettete den jungen Rebellenkaiser dadurch, daß er ihm sein eigenes Pferd gab, allein ebenso wie sein Retter, fiel schließlich auch der Kaiser in die Hände der siegreichen Belagerer und wurde enthauptet.

Beim Lesen des offiziellen Berichts über die Einnahme von Nanking stehen einem vor Entsetzen die Haare zu Berge. Nicht weniger als hunderttausend Menschen wurden innerhalb dreier Tage niedergemetzelt, viele Tausende starben in der durch so viele verwesende Leichname verpesteten Stadt. Alles wurde zerstört und verwüstet, die ganze Stadt mit unbeschreiblicher Wut dem Erdboden gleichgemacht. Selbst der Leichnam des verstorbenen Hong-Siu-Tsien wurde nicht verschont. Die Kaiserlichen fanden sein Grab; sie rissen der verwesenden Leiche die Haut vom Körper, warfen seine Gliedmaßen den Hunden vor und ließen seinen Kopf auf einer Stange steckend durch die aufrührerischen Provinzen tragen. So endete die Rebellion der Tschang-Mao, vielleicht die schrecklichste und blutigste aller Zeiten. Nankings Ruinen sind nicht die einzigen. Im ganzen Jangtsekiangthale und in den südlich davon gelegenen Provinzen blieb wohl keine Stadt verschont. Jahrzehnte werden noch vergehen, ehe sich die Bevölkerung der verwüsteten Provinzen, über hundertfünfzig Millionen, von den furchtbaren Verheerungen der Taiping erholt haben wird, Nanking aber ist wohl auf Jahrhunderte hinaus gebrochen. Die Regierung ließ allerdings aus den umliegenden Provinzen Ansiedler kommen, sie unterstützte die Wiederaufnahme der einst so berühmten Industrien, der Seidenspinnerei, der Fabrikation des unter dem Namen Nanking bekannten Baumwollstoffes, der Porzellanmanufaktur; sie ließ außerhalb der Mauer ein Arsenal errichten, und die Stadt soll heute chinesischen Berichten zufolge wieder eine Viertelmillion Einwohner haben. Ich glaube es nicht. Nach meiner Schätzung können die wenigen Straßen, die hier und dort auf dem weiten Trümmerfelde wieder entstanden sind, kaum mehr als hunderttausend Menschen enthalten. Sie wohnen in ärmlichen Häusern, zum größten Teil aus den Trümmern der zerstörten Stadt erbaut, und Handel und Wandel sind nur ein Schatten dessen, was er früher, und wie er heute in benachbarten Städten, in Shanghai, Tschingkiang, Wuhu herrscht. Armut und Aberglaube überall. In den elenden Kaufläden hängen lange Schnüre von Shoes, d. h. Silberbarren, aber aus Silberpapier angefertigt, welche die Chinesen an den Gräbern ihrer Verstorbenen oder in den Tempeln ihren Götzen opfern. Vor den Thoren der wenigen besseren Häuser stehen kurze hohe Wände mit allerhand Fratzen bemalt, um die bösen Geister zu bannen. Als ich nach meinem ersten Spazierritt in die Marineschule zurückkehrte, fiel mir auf, daß das Hauptthor nicht in derselben Linie mit der Umfassungsmauer war, sondern schief stand. Als ich die Professoren, meine Gastfreunde, darüber befragte, erklärten sie mir, daß auch beim Bau dieses europäischen Hauses, wie bei jenem der chinesischen Häuser, Gelehrte und Wahrsager zu Rate gezogen wurden, um die günstigste Lage gegenüber den guten und bösen Geistern zu bestimmen. Sie erklärten, das Thor müsse genau nach Süden gerichtet sein, und deshalb die schiefe Lage desselben. Nun vergingen sich die europäischen Professoren beim Bau des Hauses insofern, als sie es ein Stockwerk hoch aufführen ließen. Darob großes Geschrei unter den Chinesen, die es nicht zugeben wollten, daß dieses Haus höher sein sollte als jenes des obersten Leiters der Schule, eines chinesischen Generals. Glücklicherweise stand dasselbe aber auf einem Hügel. Die Professoren erklärten nun ihrerseits, sie hätten alle Rücksichten für ihren Vorgesetzten beobachtet, denn das Dach ihres neuen Hauses wäre thatsächlich tiefer gelegen als jenes des chinesischen Generalshauses. Die Gelehrten überzeugten sich durch Augenschein von der Richtigkeit dieser Behauptung, und das Haus blieb stehen. Sonst hätte gewiß das erste Stockwerk wieder abgetragen werden müssen.

Die verhältnismäßige Neuheit der Häuser in den über die ungeheure Fläche zerstreuten Stadtteilen läßt diese auch reinlicher erscheinen als andere chinesische Städte; die Leute, großenteils im Dienste der Provinzialregierung stehend, die hier ihren Sitz hat, und überdies durch die vielen christlichen Missionen beeinflußt, sehen auch reinlicher und besser gekleidet aus; die Straßen sind breiter, und vor den zahlreichen ärmlichen Kaufläden befinden sich, durch Holzgitter eingefaßt, kleine Vorplätze mit Sitzbänken, welche den Inhabern und Käufern tagsüber als Aufenthalt dienen. Die großen Entfernungen erschweren natürlich den Verkehr; an Stelle der Schubkarren, welche in Shanghai, Tschinkiang, Tschifu und anderen Städten des Nordens zur Beförderung von Menschen und Lasten dienen und von kräftigen Kulis geschoben werden, verwenden die Bewohner Nankings größtenteils Esel, die im Vergleich zu den elenden, mageren Tieren, die man in Italien und der Levante sieht, viel kräftiger und besser genährt sind. Kein Wunder! Befinden sich doch innerhalb der Ringmauern dieser merkwürdigen Stadt ganze Quadratmeilen von Feldern und futterreichen Wiesen, die vielleicht vier Fünftel des ganzen Raumes einnehmen. Nur auf einem Fünftel erheben sich die Anfänge der neuen Stadt. Die christlichen Missionshäuser sind hier zahlreicher als die Götzentempel, deren es in dieser alten Kaiserstadt nur drei giebt. Auch sie wurden erst nach dem Taipingkriege neu erbaut. Der schönste ist wohl der aus mehreren Höfen und Hallen bestehende Confuciustempel, der friedlich zwischen jenen der Buddhisten und Taoisten in der Nähe der französischen katholischen Mission gelegen ist. Kein Priester oder fanatischer Anbeter des großen chinesischen Weltweisen verwehrt dem europäischen Besucher den Eingang, und mit Muße kann man die mit schöngeschwungenen Schiffsschnabeldächern gedeckten Hallen durchwandern. Während in dem Taoistentempel scheußliche langbärtige Götzenbilder aufgestellt sind, prangt hier nur eine große Tafel mit dem Namen des unsterblichen Confucius in goldenen Lettern, umgeben von ähnlichen Tafeln mit den Namen seiner Apostel.

Auf einem Hügel im Mittelpunkte Nankings erhebt sich eine hölzerne Pagode mit einer ungeheuren Bronzeglocke, die ähnlich wie die japanischen durch einen horizontal schwingenden Holzbalken, der sich außerhalb befindet, geläutet wird. Als ich zu diesem von allen Teilen der Stadt sichtbaren Glockenturm emporritt, warfen sich mir eine Menge Bettler entgegen. Schon in der Ferne sanken sie mitten in der Straße auf ihre Knie und schlugen mit ihrer Stirne auf den Boden, so daß ich Mühe hatte, mein Pferd zwischen ihnen hindurchzulenken. Nahe der Pagode gewahrte ich mehrere Missionsanstalten und auch die Mauern eines chinesischen Militärforts mit zahlreichen Schießscharten, aus denen die Mündungen gewaltiger Kanonen hervorlugten. Als ich diese näher betrachtete, sah ich erst, daß die Schießscharten sowohl wie die Kanonenrohre auf die Mauern gemalt waren! Im Innern des Forts exerzierten chinesische Truppen mit Bogen und Pfeilen, sowie langen dreieckigen Lanzen. Nur wenige Abteilungen waren mit Schießgewehren bewaffnet, und diese Soldaten wurden einige Monate später den japanischen Heeren mit ihren modernen Hinterladern entgegengestellt!

Die größte Sehenswürdigkeit Nankings befindet sich im Osten der Stadt, außerhalb der Ringmauer: das Mausoleum der berühmten Kaiser der Mingdynastie. Eines Morgens ritt ich, begleitet von Professor Hearson der Marineschule, dort hinaus. Da der Weg uns durch Sümpfe und Reisfelder geführt hätte, galoppierten wir auf der oberen Fläche der ungeheuren Stadtmauer bis zum Taipingthor, etwa zehn Kilometer weit von unserer Wohnung gelegen, und gelangten durch dieses ins Freie. In dem kühlen, dunkeln Thortunnel kauerten Hunderte von Chinesen an den Wänden und rauchten oder spielten Domino, geschützt gegen die brennende Sonnenhitze. Draußen vor dem Thore breitete sich ein großer, sumpfiger See aus, und jenseits desselben auf einer kahlen, hügeligen Fläche gewahrte ich die ungeheuren Steinfiguren, welche gerade so wie bei den Kaisergräbern von Peking zu den Minggräbern führen. Die Anlage dieser Gräber ist sehr merkwürdig. Angelehnt an die Bergketten im Norden, erhebt sich ein etwa sechzig Meter hoher, dicht bewaldeter Hügel, und vor diesem liegt ein Tempel, von einer hohen Mauer aus rotgebrannten Ziegeln eingeschlossen. Die Tempeldecke wird durch eine Säule getragen, die auf einer ungeheuren steinernen Schildkröte, etwa vier Meter lang und drei Meter breit, steht. Von diesem Grabtempel führt in südlicher Richtung eine etwa fünfhundert Meter breite Avenue bis zu zwei hohen Steinsäulen, wo sie sich im rechten Winkel nach Osten wendet und bei einer auf einem Hügel stehenden offenen Tempelhalle, etwa ein Kilometer von den Steinsäulen entfernt, endet. Der erste, nach Süden gerichtete Teil der Avenue ist zu beiden Seiten mit ungeheuren Steinfiguren alter Kaiser besetzt, der nach Osten gerichtete Teil dagegen enthält ebenso ungeheure Tierfiguren, durchwegs aus Steinmonolithen gemeißelt, deren Größe mich an jene von Oberägypten und Nubien erinnerte. Diese Tierfiguren stehen mit den Köpfen einander zugewendet an den Seiten der etwa zehn Meter breiten Straße in Abständen von etwa dreißig Meter voneinander. Das erste, den Steinsäulen zunächst stehende Tierpaar sind, wenigstens dem Aussehen nach, zwei ungeheure aufrechtstehende Tapire, das nächste Paar sind ebenfalls Tapire, jedoch in liegender Stellung; ihnen folgen zwei aufrechtstehende, dann zwei liegende Löwen; dann aufrechte und liegende Elefanten; an sie schließen sich ebensolche Doppelpaare von Kamelen, Pferden und dergleichen bis an die Tempelhalle. Die Figuren sind ziemlich gut ausgeführt, etwa vier Meter hoch und von entsprechender Länge, nur haben die chinesischen Bildhauer es mit der Anatomie der Tiere nicht besonders genau genommen. So z. B. sind die Vorderfüße der liegenden Elefanten mit den Knieen nicht nach vorwärts, wie bei den Pferden, angefertigt, sondern mit den Knieen nach rückwärts, so daß die Füße dieselbe Stellung zeigen wie bei liegenden Löwen. Auf den Rücken der aufrechten Elefanten bemerkte ich eine Menge kleiner Steinchen, was wieder mit einem abergläubischen Gebrauch der Chinesen zusammenhängt. Professor Hearson erklärte mir, Zopfträger, welche im Begriff stehen, zu heiraten, pilgern zuvor zu einem dieser Elefanten und werfen ein Steinchen auf seinen Rücken. Bleibt dasselbe oben liegen, so wird die Ehe innerhalb eines Jahres durch einen Sohn gesegnet werden. Fällt aber das Steinchen herab, so wird der Zopfträger Vater einer Tochter. Um dieses Unglück in den Augen der Chinesen zu verhindern, wird die Ehe mitunter auf ein Jahr hinausgeschoben, oder findet sie doch statt, so macht der Ehemann von seinen Rechten bis zum folgenden Jahre keinen Gebrauch und wiederholt dann seine Anfrage bei dem Elefantenorakel. Vielleicht wird dann durch einen Zauberer oder Wahrsager künstlich nachgeholfen, um das gewünschte Ziel zu erreichen.

Wie die Chinesen Theater spielen.

Die Chinesen lieben das Theater gerade so sehr, wenn nicht sogar mehr, als Europäer. Auf meinen Reisen im Reiche der Mitte habe ich in allen Städten, ja in vielen Dörfern Theater angetroffen, und der Besuch derselben würde den Neid jedes europäischen Theaterdirektors erweckt haben. Alle waren stets zum Erdrücken gefüllt, und geschlossene Theater, oder solche mit schlechtem Besuch sind in China unbekannt. Die dortigen Theater sind eben etwas anders eingerichtet als die unsrigen, und nur ihr Ursprung dürfte derselbe sein. Seltsamerweise hatten die Chinesen in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung noch keine Theater. Seltsamerweise deshalb, weil ja sonst die meisten Einrichtungen der Zopfträger in die Zeit vor Christi Geburt, einzelne sogar in die Zeit vor der Erbauung der Pyramiden zurückgreifen. Musik war ihnen wohlbekannt, das Theater aber wurde ihnen erst durch die von Westen in China einfallenden Völkerschaften von unseren gemeinschaftlichen Lehrmeistern des Theaterspiels, den Griechen, überbracht. Die erste glaubwürdige Nachricht über das Theater in China stammt aus dem Ende des siebenten Jahrhunderts. Damals regierte über das große Reich ein sehr vergnügungslustiger Herr, der Kaiser Tang Ming Huang. Er fand Gefallen an der Musik und an der von den westlichen Völkern ausgeübten Schauspielerei und suchte sie in seinem Lande dadurch zu verbreiten, daß er an seinem Hofe eine eigene Musik- und Theaterschule errichtete. Die Hunderte junger Mädchen, die er in dieser Schule ausbilden ließ, erregten begreiflicherweise sein Wohlgefallen; er schuf für sie ein eigenes ~Pensionat des demoiselles~, das in einem großen Obstgarten mit Birnbäumen stand, und die jungen, chinesischen Misses führten deshalb unter den dem Gebrauch von Beinamen sehr ergebenen Chinesen die Bezeichnung „Die Birnbaumschülerinnen Seiner Majestät”. Noch heute heißen die chinesischen Schauspieler die Brüder aus dem Birnbaumgarten. Schwestern giebt es leider keine mehr, und damit haben die chinesischen Theater, wenigstens nach unserm Geschmack, ihren größten Reiz verloren. Eine Bühne ohne Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen wäre bei uns wohl undenkbar. Die Chinesen würden diese angenehmen Persönlichkeiten gewiß auch sehr gerne wieder auf den Brettern, welche die chinesische Welt bedeuten, sehen und bewundern, aber sie dürfen nicht. Ein kaiserliches Edikt hat es ihnen verboten. Die Theaterdamen waren in China wahrscheinlich ebenso verführerisch wie anderswo. Eine derselben hatte dem Kaiser Yung Tsching, der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts das Szepter führte, den Kopf so verdreht, daß er ihr sogar Herz und Hand anbot und sie unter jene nach Tausenden zählende Damengesellschaft aufnahm, welche mit ihm auf dem vielsitzigen chinesischen Herrscherthron saßen. Die Frucht war ein Sohn, der im Jahre 1736 unter dem Namen Kien Lung seinem Vater als Kaiser des Reiches der Mitte folgte, einer der weisesten und gerechtesten, welche die chinesische Geschichte kennt. Im ersten Jahre seiner sechzigjährigen Regierung veranlaßte ihn seine Mutter, um an ihren einstigen Beruf nicht mehr erinnert zu werden, das Auftreten von Frauen auf der Bühne zu verbieten. Er willfahrte nicht nur ihrem Wunsche, sondern ging sogar noch weiter. Die Gefahren kennend, welche auch mitunter von seiten männlicher Bühnenmitglieder zarten Frauenherzen drohen, verbot er auch Männern die Mitwirkung auf der Bühne, und seither befindet sich der Schauspielerstand ausschließlich in den Händen der Eunuchen. Aber glücklicherweise nur bei Hof. Die Schauspieler, aus welchen sich die wandernden Truppen von China zusammensetzen, erfreuen sich, wenigstens der Form nach, der vollen Mannbarkeit, selbst wenn sie in Frauenkleidern stecken und weibliche Rollen spielen.

Ständige Theatergesellschaften giebt es in China nur bei Hofe; alle anderen sind umherziehende Banden, die bald hier bald dort ihre Vorstellungen geben, je nachdem in den Ortschaften Märkte, religiöse oder weltliche Feste abgehalten werden. Ebensowenig giebt es in China Theatergebäude nach europäischem Muster. Allerdings bestehen solche in Hongkong und Shanghai; auch in Canton und einigen anderen Städten hat man die Zweckmäßigkeit derselben eingesehen, und Kapitalisten haben Theater erbaut, die sie an wandernde Truppen vermieten. Allein im Innern des ungeheuren Landes fehlen sie vollständig. Kommt eine Gesellschaft mit ihren Kisten und Kasten in eine Ortschaft, so wird von einer eigenen Klasse von Handwerkern in aller Eile ein Theater gebaut. Binnen ein, zwei Tagen ist es fertig. Hohe starke Bambusstangen bilden das Gerippe; Bühne, Dach und Ankleidezimmer werden durch Bretter hergestellt, die mit Rattanseilen (einer Art spanischem Rohr) an die Bambusstangen festgebunden werden. Nägel kommen selten zur Verwendung. Dann wird ein ähnliches Flugdach vor der Bühne errichtet, unter dem sich die Stühle für die besser zahlenden Zuschauer befinden, der Rest der Zuschauer steht rings um die Bühne unter freiem Himmel. Zieht die Truppe nach einigen Tagen oder Wochen wieder ab, so wird das Theater wieder auseinandergebunden und für die nächste Gesellschaft aufbewahrt.

Ich habe derlei Theater auch in großen Städten gesehen, selbst in der größten, in Canton. Dort wollten gerade die Priester ein religiöses Fest begehen, und um die Götter zu ehren und sie versöhnlich zu stimmen, wurden auch Theatervorstellungen auf das Programm genommen. Die Priester sammelten unter den wohlhabenden Einwohnern freiwillige Beiträge, die sie dadurch öffentlich quittierten, daß sie die Beträge der Spenden und die Namen der Geber auf rote Zettel schrieben und diese dann an die Tempelwände klebten. Sobald die erforderliche Summe beisammen war, ließen sie eine Truppe anwerben und im inneren Tempelhofe ein Theater bauen, mit der Bühne dem Tempel zugewendet, damit die bemalten und vergoldeten Götterfiguren, die grimassenschneidend auf ihren Altären hockten, doch auch die Vorgänge auf der Bühne wirklich sehen konnten, und während mehrerer Tage wurde unter kolossalem Andrang des Publikums Theater gespielt. Um ihre Einnahmen noch zu vermehren, vermieteten die Priester den übrigen freien Raum der Tempelhöfe für Garküchen, Spielhöllen und noch viel schlimmere Zwecke, ~ad maiorem dei gloriam~. Der Zweck heiligt die Mittel.

Die Gesellschaften werden aber auch von reichen Privatleuten häufig angeworben, um in ihren Häusern vor der weiblichen Welt, deren Erscheinen in öffentlichen Theatern gegen die gute Sitte verstoßen würde, Vorstellungen zu geben. Auch Hochzeiten, Geburtstage und dergleichen werden mit Theatervorstellungen gefeiert, wobei aber die Gastgeber Sorge tragen, daß kein zu vertraulicher Verkehr mit den Schauspielern stattfindet, denn diese gehören in China zu den geächteten Ständen und sind mit ihren Nachkommen bis ins dritte Glied von allen Beamtenposten ausgeschlossen.

Die Theatervorstellungen beginnen gewöhnlich am Morgen und dauern bis zur einbrechenden Dunkelheit. Nachtleben giebt es in chinesischen Städten keines, die Thore, ja selbst einzelne Stadtviertel und Straßen werden für jeden Verkehr abgesperrt, und die chinesischen Theaterbesucher könnten gar nicht nach Hause gelangen. Eine Ausnahme machen freilich die Theater in den großen, den Fremden geöffneten Hafenstädten. Dort sind die Sing Song, d. h. in chinesischem Patois Theater, ebenso abends geöffnet wie die englischen Sing Song. Ebenso habe ich sie auch in San Francisco, Singapore abends geöffnet gefunden. Es ist aber ein gewaltiger Irrtum, zu glauben, daß die chinesischen Theaterstücke, wie es vielfach von flüchtigen Globe trotters dargestellt wurde, tage- und wochenlang ohne Unterbrechung dauern. Die Chinesen haben ebenso ihre ein- und mehraktigen Stücke wie wir, nur ist bei ihnen der Vorhang und demnach das Fallen des Vorhangs unbekannt, ein Stück folgt fast ohne Unterbrechung auf das andere, und will sich irgend ein reicher Herr unter den Zusehern ein bestimmtes Theaterstück vorspielen lassen, so braucht er es nur zu verlangen und dafür einige Taels zu bezahlen.

Fast alle Theaterstücke der Chinesen werden durch Musik begleitet, fast in allen kommen Gesänge vor. So sehr ich mir während vieler Besuche in den verschiedensten Theatern Mühe gab, in dem furchtbaren Lärm, den die auf der Bühne selbst kauernden Gongschläger, Lautenbläser und Violinenkratzer unausgesetzt machten, irgend eine Methode, Rhythmus, Melodie zu finden, ist es mir doch niemals gelungen, und als ich einmal in Shanghai einen der englischen Sprache mächtigen Chinesen darüber befragte, so antwortete er mir lächelnd, es sei ihm mit der europäischen Musik, die er gehört, gerade so gegangen. Wir können uns Gesang nicht ohne Melodie denken, und wenn wir sprechen, geschieht es in der gleichen Tonart. Die Chinesen sprechen, indem sie jedem Worte einen anderen Ton geben, also nach unseren Begriffen in singender Weise, dafür sind aber ihre Gesänge monoton. Wir können die letzteren mit unseren Musikzeichen nur annähernd wiedergeben, denn statt acht Töne enthält die chinesische Musik nur sieben. Dabei kennen sie kein Piano, keine der Modulationen, welche unserer Musik den großen Reiz verleihen; sie singen mit näselnder Stimme, gewöhnlich so laut, wie sie nur können, und doch sagt Confucius von der Musik, sie sei die „Essence der Harmonie, welche zwischen Himmel, Erde und den Menschen herrscht”. Die Chinesen lieben die Musik über alle Maßen; sie haben ihre Musikgesellschaften, ihre Musikkorps, und keine Festlichkeit, keine Prozession, kein Gottesdienst, kein Hochzeitszug oder Begräbnis ist ohne Musik. Sie sind darin die Deutschen des Orients. Ein großer Prozentsatz der Chinesen beiderlei Geschlechts kann irgend ein Instrument spielen; sie haben die Musik schon vor nahezu fünftausend Jahren, zur Zeit des Kaisers Fu-hsi gekannt und sind auch die eigentlichen Erfinder der Orgel, auf chinesisch Scheng; sie besitzen eine große Zahl der verschiedensten Instrumente, darunter sogar solche aus Stein. Bei einer solchen Leidenschaft für die Musik ist es begreiflich, daß dieselbe auch im Theater nicht fehlen darf, ja ein großer Teil der Besucher kommt nur ihretwegen, denn vom gesprochenen Text ist bei den mit voller Kraft geschrieenen Fisteltönen, deren sich die chinesischen Schauspieler befleißigen, doch nur wenig zu verstehen. Die Mehrzahl der chinesischen Dramen sind übrigens den Zuhörern bekannt; sie stammen aus verschiedenen Jahrhunderten, behandeln die militärischen Großthaten, die Feldzüge, Schlachten, Hofereignisse, aber nur bis zur Erhebung der jetzt herrschenden Kaiserdynastie auf den Thron; seitherige Ereignisse dürfen nicht auf der Bühne behandelt werden, und da die Schauspieler ihre Rollen nicht aus Büchern, sondern der Tradition nach von Generation zu Generation lernen, gewähren ihre Darbietungen einen tiefen, höchst interessanten Einblick in Leben und Sitten der Chinesen in früheren Jahrhunderten. Von der Gegenwart darf nur das bürgerliche und Familienleben behandelt werden, nach Art unserer Volksstücke, und ich habe gerade aus diesen durch aufmerksames Beobachten und durch die Erklärungen des Dolmetschers sehr viele Züge aus dem Leben dieses merkwürdigen Volkes gelernt, die mir sonst gewiß entgangen wären.

Die Bühneneinrichtung der chinesischen Theater ist etwa von derselben lächerlichen Einfachheit, wie unsere Bühnen sie zur Zeit Shakespeares zeigten. Im Hintergrund befindet sich irgend eine bemalte Leinwand, durch welche zwei Thüren nach dem Schauspielerzimmer führen; aus diesem stürzen die Mimen mit grotesk bemalten Gesichtern und in ebenso grotesken Anzügen heraus, schreien ihre Rolle herunter und verschwinden wieder in den Thüren; dabei lärmt und tobt die Musik ununterbrochen. Die Musiker sitzen auf einer Seite der Bühne im Hintergrunde, und anscheinend besteht zwischen ihrem Getöse und dem Gesang der Schauspieler gar kein Zusammenhang. Ein paar Stühle, Kisten und Kasten, auf der Bühne aufgestellt, vervollständigen die Einrichtung, und je nach Bedarf werden diese szenischen Hilfsmittel während der Handlung von den Angestellten umhergetragen, aufeinandergetürmt. Es wird dabei vorausgesetzt, daß diese letzteren dem Publikum unsichtbar sind. Ueberhaupt wird die Phantasie der Zuschauer in etwas übermäßiger Weise in Anspruch genommen. Ich entsinne mich, in Canton eine Schauspielerin, d. h. einen als Dame verkleideten Schauspieler gesehen zu haben, der mühselig eine aus Stühlen und Kisten gebildete Pyramide erklomm. Sie sollte einen Berg darstellen, und die Handbewegungen und Wendungen der Dame zeigten an, daß sie sich durch einen Wald den Weg bahnte. Bei einer anderen Gelegenheit legten sich sechs Kerle übereinander auf die Mitte der Bühne. Von zwei Seiten stürzten phantastisch vermummte Krieger aufeinander, eine Partei rollte die daliegenden Kerle beiseite und wurde dann mit der anderen handgemein. Mein Dolmetscher erklärte mir, die sechs Kerle hätten eine Festungsmauer dargestellt. Ein anderes Mal sprang ein Krieger, indem er die Bewegung des Reitens machte, quer über die Bühne von einer Seite zur anderen und schien dort an eine unsichtbare Person einen Brief abzugeben. Wie ich erfuhr, war dies ein reitender Bote, der von einer handelnden Person im Stücke nach der Mongolei gesandt wurde. Damit aber das Publikum die Sache auch verstände, erklärte der Bote, als er mit seinem Briefe auf der Seite der Bühne dastand, er sei nun in der Mongolei angekommen und erfülle gerade seine Mission. Gewöhnlich erscheinen mit den handelnden Personen auch die guten und bösen Geister, denn ohne Geister geschieht bei diesem abergläubigen Volke überhaupt nichts. Statt aus der Hinterthür kommen diese aber ihrem überirdischen Charakter entsprechend aus Versenkungen. Einmal bemerkte ich, während drei groteske Gestalten ihre Szene darstellten, den Kopf eines solchen Geistes aus einer Versenkung erscheinen. Aber weiter schien er trotz aller Anstrengungen nicht emporkommen zu können. Deshalb schrie er den Schauspielern zu, sie möchten ihm doch helfen. Sofort sprangen sie auf ihn zu und zerrten ihn aus seinem Loche. Kaum war er auf den Beinen, so stellte er sich in Positur, und die Schauspieler machten alle Zeichen des Erschreckens.

So lächerlich diese Dinge mir auch vorkamen, die Tausende, die um mich herum saßen und ihre Kürbiskerne kauten, die gewöhnliche Beschäftigung der Theaterbesucher, behielten ihren ruhigen Ernst und folgten mit Spannung der Handlung. Bei besonders packenden Szenen drückten sie ihre Bewunderung nicht durch Händeklatschen aus, sondern durch laute Rufe, wie: Hau Hau, Ei, Hai, Wau, Buh, Jah und dergleichen. Die reine Menagerie. Uebrigens sollen sich die chinesischen Dramen auch nach unseren Begriffen durch schöne Sprache und geradezu klassischen Aufbau auszeichnen, und Sir John Davis, vielleicht der beste Kenner des chinesischen Theaters, äußert sich voll Entzücken über einzelne Tragödien, die er auch ins Englische übersetzt hat. Was wenigstens mir und wohl allen Besuchern Chinas große Bewunderung einflößte, war die vollkommene Art, wie die Schauspieler sich als Frauen verkleideten und die weiblichen Bewegungen und Sprache wiedergaben, sowie die ganz erstaunliche Pracht der Kostüme. Selbst Schmiertruppen in Dörfern haben deren eine beträchtliche Zahl, und es muß eine gewaltige Summe Geldes in diesen kostbaren Helmen, Federn, Waffen, Goldbrokaten und Seidenstickereien stecken.

Die Schauspieler sehen es gar nicht ungern, wenn man ihnen in ihren Ankleidezimmern einen Besuch abstattet, und sie zeigten mir mit Befriedigung und Stolz auf ihren Gesichtern alle ihre Kostbarkeiten. Sie rekrutieren sich der Mehrzahl nach aus den ärmsten Volksklassen. Kinder werden zu Theaterdirektoren in die Lehre gegeben, viele werden von armen Eltern sogar an sie verkauft. Während der ersten drei Jahre müssen sie Handlangerdienste versehen und Rollen lernen, indem sie den älteren Schauspielern zuhören und von diesen auch Unterricht empfangen. Aus Büchern lernen sie, wie bemerkt, nicht, und so kommt es auch, daß durch die Willkürlichkeiten und Extempora der Schauspieler dieselben Stücke von den verschiedenen Truppen verschieden gegeben werden. Die einmal erlernten Rollen vergessen sie niemals wieder. Jedes der zwanzig bis dreißig Stücke, die eine Theatertruppe in ihrem Repertoire haben dürfte, kann ohne Probe zu jeder Zeit gespielt werden. Souffleure, Inspizienten, Regisseure sind auf der chinesischen Bühne unbekannte Pflanzen.

Die chinesischen Schauspieler bilden eine eigene Zunft und haben gerade so ihre lokalen Vereinigungen wie ihre europäischen Kollegen; ihren Direktoren gegenüber besitzen sie aber viel größere Unabhängigkeit und Gewalt als die letzteren. Sie haben sogar ihren eigenen Schutzgott, einen fratzenhaft aussehenden Götzen, dem sie Opfer darbringen und den sie in jedem Jahre durch große Festlichkeiten günstig zu stimmen suchen, eine Art chinesischer Generalintendant.

Chinesischer Thee und seine Metropole.

Von den vielen Millionen Menschen, welche täglich mit Wohlbehagen ihren Thee schlürfen, haben wohl noch die wenigsten darüber nachgedacht, woher die kleinen braunen Blättchen am Grunde ihrer Theekanne eigentlich stammen. Ob aus Indien oder Ceylon oder China, ob er Oolong oder Pekko oder Souchong heißt, ist der großen Mehrzahl der Theetrinker ziemlich gleich. In Hotels oder Kaffeehäusern wird einfach eine Portion Thee verlangt, bei den vornehmen Five o’clock teas erhält man die Schälchen mit dem mehr oder minder köstlichen Naß vorgesetzt, ohne daß man sich weiter darum kümmern würde. Wenn nur die rechte Menge Zucker und Sahne dabei ist! Ohne diese beiden Dinge kein Thee.

Wie anders ist es im wahren Heimatslande des letzteren, in China! Es würde dort, wo für Hunderte von Millionen Menschen der Thee nicht nur das wichtigste, sondern man könnte füglich sagen, das einzige Getränk bildet, niemandem einfallen, auch nur ein einziges Stückchen Zucker beizufügen, die Sahne aber ist dem Chinesen ganz unbekannt. Sie trinken überhaupt keine Milch, und die Kühe werden nicht gemolken. Nur in Tibet wird dem Thee Grütze und Mehl zugesetzt und so eine Art dicke Suppe bereitet.

In den ersten Tagen meines Aufenthaltes in China konnte ich mich an den nach chinesischer Art zubereiteten Thee gar nicht gewöhnen. Machte ich bei Chinesen Besuche oder besorgte ich Einkäufe, so wurde mir stets ein Täßchen Thee vorgesetzt. Ein bezopfter, mandeläugiger Mongole brachte die Täßchen herbei, legte einige Theeblätter hinein, goß kochendes Wasser darauf und deckte dann jedes Täßchen mit der umgekehrten Untertasse zu. Nach einigen Minuten nahm mein Gastgeber gewöhnlich seine Tasse in die Rechte, schob mit dem Zeigefinger derselben Hand die Untertasse ein wenig zurück, um beim Trinken die Theeblätter nicht in den Mund zu bekommen, und schlürfte dann mit Wohlbehagen die gelblich-grüne klare Flüssigkeit. Bei meinem ersten ungeschickten Versuche entschlüpfte die Untertasse meinen Fingern und zerbrach, ich verbrannte mir die Hand und Zunge und fand den Thee dazu auch noch abscheulich. Bei den folgenden Versuchen ging es schon besser, und nach einer Woche begriff ich vollkommen, daß man Thee nach Chinesenart trinken muß. Dann ist er ein wahres Labsal. Wenn die Chinesen so wenig geistige Getränke genießen und unseren Wein, unser Bier gar nicht kennen, so mag dies großenteils den erquickenden, belebenden Eigenschaften ihres ausgezeichneten Thees zuzuschreiben sein. Dasselbe kann von den Indiern und Japanern gesagt werden. Beide Völker übernahmen den Thee von den Chinesen und sind auch in Bezug auf den Theebau ihre größten Wettbewerber geworden. Ungeheure Mengen indischen und japanischen Thees gelangen heute auf den Weltmarkt, in England und seinen Kolonieen trinkt man fast ausschließlich nur indischen, in Amerika großenteils japanischen Thee, aber der beste bleibt doch der chinesische.

In der Umgebung von Canton bekam ich keine Theepflanzung zu sehen, denn Thee wird in China erst weiter nördlich, hauptsächlich im Stromgebiet des Jangtsekiang gebaut. Bei Ningpo, einem der den Europäern geöffneten Häfen, gedeiht er am besten, und dort war es auch eine meiner ersten Unternehmungen, die Theepflanzungen der Umgebung zu besuchen. Es war Anfang Mai, und wie bei uns, so ist auch dieser Monat in China der schönste. In den Reisfeldern unten am Flusse prangten die kleinen Pflänzlein im herrlichsten Grün; weiter oben am Fuß der Berghänge stand das Getreide schon kniehoch, vermengt mit Mohnblumen und rotblühendem Klee; und die Berge bis hinauf zu den Gipfeln zeigten den wunderbarsten Azalienschmuck. Hier und da, in der Umgebung der weitverstreuten kleinen Bauernhöfe, erhoben sich Gruppen mächtiger Weiden- und Kampferbäume mit ihren dunkelgrünen buschigen Kronen. Dickstämmige Wistarias, diese schönsten und beharrlichsten aller Schlingpflanzen, wanden sich an den Baumstämmen empor, ihre Zweige umklammerten die Zweige der Bäume, und zwischen deren Laub prangten ihre lila Blütentrauben in ungezählten, erdrückenden Massen.

Der Gesang von Drosseln erfüllte die Luft ganz so wie bei uns, und die warme Frühlingssonne beschien ein so herrliches Landschaftsbild, wie ich es in China gar nicht erwartet hätte. Ihre Strahlen spiegelten sich tausendfach in den scharf umgrenzten Wasserflächen der Reisfelder wieder und glitzerten in dem Flusse, dessen Ufer die üppigste Vegetation zeigte. In den kleinen, von wohlgepflegten Gemüsegärten umgebenen Dörfchen und Höfen, die ich auf meiner Wanderung passierte, zeigten sich nur wenige Menschen. Die ganze Bevölkerung war draußen auf den Feldern bei der Arbeit.

Nach etwa zweistündigem Marsche erreichte ich ein größeres Dorf, und jenseits desselben zogen sich auf weite Strecken die ersten Theepflanzungen hin, durchwegs kleine Felder mit den eigentümlichen, hagedornartigen Theesträuchern bedeckt. Man war eben an der ersten Ernte, und auf dem Wege hinauf begegnete ich zahlreichen Landleuten, welche, meinen Gruß mit freundlichem Tschin-tschin erwidernd, die frischgepflückten Blättchen in großen Körben heimtrugen, Männer, Frauen und Kinder, alle gleich gekleidet. Sie trugen ein dunkelblaues, loses Baumwollhemd mit weiten Aermeln und ebensolche Beinkleider, die bis etwas unter die Knie reichten. Die Männer hatten auf ihren mehrfach gewundenen Haarzöpfen große Strohhüte sitzen, Frauen und Mädchen aber trugen ihr üppiges schwarzes Haar sorgfältig gekämmt und mit frischen Blumen geschmückt. Hier war es auch, wo ich zum erstenmale wirklich hübsche schlankgewachsene Chinesinnen sah. Ihre Gesichter waren gebräunt und nicht wie jene ihrer Schwestern in den Städten bepudert und bemalt; ihre unteren Gliedmaßen und ihre nackten Unterarme zeigten runde pralle Formen. Paarweise trippelten sie einher, auf ihren Schultern Bambusstäbe tragend, von denen die schweren Körbe, mit Theeblättern gefüllt, herabhingen. Kamen sie an mir vorbei, so schlugen sie verschämt die Augen nieder und wandten ihre Gesichter mit verlegenem Lächeln ab. In den Pflanzungen selbst ließen sie sich durch mein Kommen nicht in ihrer Arbeit stören. Emsig streiften sie mit ihren kleinen Händchen die Blätter von den Zweigen und warfen sie in die Körbe auf ihrem Rücken. Hunderte von Mädchen, ja selbst Kinder von fünf oder sechs Jahren, waren so mit dem Einheimsen der Blätter beschäftigt, denn in einer Woche mußte die Ernte beendigt sein. Sie ist ja die beste und kostbarste der drei oder höchstens vier Ernten, welche der Theestrauch jährlich liefert. Die Blättchen sind Ende April und Anfang Mai fleischiger, wohlriechender als die nachfolgenden und zeigen eine zarte weiße Behaarung, welche wahrscheinlich der Grund war, warum man in Europa den Thee dieser Ernte irrtümlich als Blütenthee bezeichnet. Die Blüten selbst werden nicht zur Theebereitung verwendet. Sie sitzen auf den Spitzen der buschigen, etwa meterhohen Sträucher und sind weißlich, geschmack- und geruchlos. Im Herbst entwickelt sich die Frucht, eine Kapsel mit drei kleinen Bohnen, aus welchen die Sträucher gezogen werden.

Mit dem Abstreifen der frischen grünen Blätter ist die Arbeit des Theebaues nicht etwa beendet. Freilich erfordert der Theestrauch keine besondere Düngung oder Bearbeitung des Bodens; lehmiger und sandhaltiger Boden, dazu Sonnenlicht und eine hinreichende Menge Regen ist alles, was erforderlich ist. Aber dennoch hat der Theebauer den größten Teil des Jahres mit seiner Pflanzung zu thun. Aus den Samenkörnern werden zuerst Sprößlinge gezogen und diese, sobald sie einige Monate alt sind, in die Pflanzungen selbst versetzt, wo sie in langen Reihen mit etwa anderthalb Meter breiten Abständen voneinander stehen. Zwischen sie werden noch allerhand Gemüse gepflanzt. Nach dem zweiten Jahre pflegt man in manchen Gegenden (der Thee ist in dem ganzen, zwei Millionen Quadratkilometer umfassenden Stromgebiet des Jangtsekiang verbreitet) die Blätter schon zu pflücken, doch ist die Pflanze erst im sechsten Jahre ausgewachsen und liefert dann bis zu ihrem achtzehnten oder zwanzigsten Jahre zwei bis vier Ernten jährlich. Läßt man die Stauden wachsen, so erreichen sie drei bis fünf Meter Höhe; sie müssen also jährlich beschnitten werden, um das Pflücken der Blätter zu erleichtern.

Dieses Pflücken kann nur an warmen, sonnigen Tagen erfolgen, und deshalb beeilten sich die Mädchen und Kinder so sehr, als ich zwischen ihnen durch die Pflanzungen wanderte. Wie mir mein Dolmetscher erzählte, waren sie schon seit Morgengrauen an der Arbeit. Kaum gönnten sie sich Zeit, um ihren gekochten Reis und ihr Gemüse zu verzehren; dann arbeiteten sie sich wieder ihre kleinen Händchen blutig und blickten mitunter ängstlich auf, um zu sehen, ob nicht Wolken im Anzuge wären, deren Entladung ihre Ernte verderben würde. War ein Korb mit den glänzenden fleischigen Blättchen gefüllt, dann sprang wohl ein Mädchen darauf und stampfte die Blätter mit ihren nackten Füßen fester zusammen, und konnte nichts mehr hineingepreßt werden, so wurde rasch ein Bambusstock durch die Handhabe gezogen, die Last auf die Schultern gehoben, und fort gings in raschem Getrippel hinab zum Farmhause.

Unten in den verstreuten Höfen und kleinen Dörfchen sind Männer und Frauen mit der Zubereitung der Theeblätter beschäftigt, und bricht die Dämmerung an, dann eilt alles aus den Pflanzungen hinab, um bis Mitternacht die Blätter zu dörren. Ein paar Stunden Schlaf nur sind den jungen Arbeiterinnen gegönnt, dann springen sie wieder zurück in die Pflanzung, und das Tagewerk beginnt von neuem. Ihre einzigen Werkzeuge sind ihre Hände und Füße. Sobald ein Korb Blätter in die Farmhäuser gelangt, so machen sich Frauen und Kinder darüber her, um geschickt die alten und gelben Blätter daraus zu entfernen, die guten Blätter aber auf luftige Bambusgeflechte zu werfen, wo sie bald welken und weich werden, so daß sie mit der flachen Hand leicht zu rollen sind. Diese Arbeit dauert so lange, bis sich an den Blättern rötliche Flecken zeigen. Das Rollen der Blätter heißt im Chinesischen kung-fu, woraus die europäischen Handelsleute Kongu oder Kongo machten. Der als Kongo bezeichnete Thee stammt also nicht etwa vom Kongo, sondern heißt so viel als gerollter Thee.

Nun werden die Blätter in baumwollene Säckchen gestopft und diese in durchlöcherte Kisten oder Fässer geworfen. Dann springen die Arbeiter hinein und treten und kneten die Säckchen, ähnlich wie die Italiener und Spanier die Weintrauben, so lange, als aus den Oeffnungen noch der Saft der Blätter, eine klebrige, ölige Flüssigkeit, herausläuft. Auf diese Weise wird ein großer Teil des bitteren Tanningehaltes entfernt und das Gewicht der Blätter auf etwa ein Viertel verringert.

Nun sind die Blätter für das Feuern reif. Dies geschieht in manchen Gegenden von den Theebauern selbst, oder sie verkaufen die Blätter, nachdem diese einige Stunden in Körben einer leichten Gärung ausgesetzt wurden, den Händlern der großen chinesischen Theekaufleute. Diese ziehen Ende April und Anfang Mai durch die Theedistrikte und kaufen den Bauern ihre Ernten ab. Großer Grundbesitz ist in China eine Seltenheit. Jeder Bauer hat ein kleines Stückchen Land, höchstens einige Morgen groß, auf dem er seinen Thee, Reis, Getreide, Bohnen und Gemüse selbst zieht. Den Ueberschuß verkauft er an die Händler. Diese senden den Thee nach ihren Hongs oder Warenhäusern, und dort erfolgt die weitere Zubereitung. Die Blätter werden von halbnackten Chinesen auf heiße Eisenpfannen geworfen und dort unter fortwährendem Umrühren erhitzt; dann breitet man sie auf große Bambusrohrtische aus und drückt nochmals durch Kneten mit der Hand die vorhandene Feuchtigkeit aus. Dieses Erhitzen, Rollen und Trocknen wird mehrmals wiederholt, bis die Blätter vollständig gedörrt sind und eine dunkle Farbe angenommen haben. Blätter verschiedener Ernten werden in den Hongs auch gemischt; dann werden ihnen auch, um verschiedene Theesorten zu erzeugen, mancherlei wohlriechende Blüten zugesetzt, und der grüne Thee wird überdies noch einer Behandlung mit Preußischblau und Gipsmehl unterworfen, um ihm eine schönere Färbung zu geben.

Alles das ist sehr leicht niedergeschrieben, aber wir europäischen Theetrinker machen uns kaum eine Vorstellung von der unendlichen Sorgfalt und Zartheit, welche diese Zubereitungen erfordern. Wohl stehen den Zopfträgern des Reiches der Mitte jahrhundertelange Erfahrungen zu Gebote, aber doch bleibt die Theeindustrie die schwierigste aller chinesischen Industrien. Durch Generationen hat sie sich ohne irgend welche Neuerungen fortvererbt, und gerade so wie die Urgroßväter, so machen auch die Enkel ihre Theearten nach denselben Vorschriften. Indier wie Japaner verwenden praktische, vorzüglich arbeitende Maschinen, größere Länderstrecken sind durch Gesellschaften oder einzelne zu einem Betrieb vereinigt worden, und der Wettbewerb dieser beiden Länder bedroht den chinesischen Theemarkt in der empfindlichsten Weise, allein die Zopfträger sind viel zu konservativ, um sich dadurch aus ihrem alten Gleise heben zu lassen. Bei ihnen macht der Schaden nicht klug. Die Preise sind durch die Indier und Japaner so sehr herabgedrückt worden, daß es sich bei aller Sparsamkeit und Enthaltsamkeit kaum mehr lohnt, Thee zu bauen. Und hier zeigt sich eine der Eigentümlichkeiten der Chinesen, ihr negativer Geist. Statt es den anderen Völkern durch Annahme von Maschinen, durch vereinigten Betrieb, durch Arbeitsteilung gleichzuthun, leben sie einfach noch enthaltsamer und widmen ihren Produkten stets dieselbe zeitraubende und kostspielige Bearbeitung.

Ihr einziger Bundesgenosse im Kampf mit den anderen Theebauern ist die ausgezeichnete Qualität ihres Thees. Oolong, Souchong und Pekko beherrschen noch immer den Markt auf dem europäischen Kontinent, hauptsächlich in Rußland. Die genannten drei Namen sind nicht etwa solche von Städten oder Theedistrikten. Oolong heißt in der chinesischen Sprache schwarzer Drache und ist eine Art schwarzen Thees, Souchong heißt kleine Pflanze und Pekko weißer Flaum nach dem Flaum, welchen die Blätter der ersten und besten Ernte zeigen.

In Europa herrscht immer noch ziemlich allgemein die Ansicht, daß schwarzer und grüner Thee aus zwei verschiedenen Pflanzen hergestellt wird und daß besonders Indien und Ceylon die Heimat des schwarzen, China und Japan die Heimat des grünen Thees seien. Das ist ein Irrtum. Beide Sorten werden aus demselben Thee hergestellt. Grüner Thee wird einfach weniger gebrannt als schwarzer.

Aus den Händen der chinesischen Theehändler gelangt der Thee in die Hongs der europäischen Kaufleute in den großen Hafenorten, wo er für den Transport nochmals getrocknet und in Kisten, die mit Blei gefüttert sind, verpackt wird. Von den hundertzwanzig Millionen Kilo Thee, welche in der letzten Zeit jährlich aus China ausgeführt wurden, stammen etwa dreieinhalb Millionen Kilo aus Kiukiang am Jangtsekiang, gegen je zwei Millionen aus Ningpo und Tamsui, dem Haupthafen von Formosa, je eine halbe Million aus Lappa und Canton, eine Viertelmillion aus Amoy, aber der große Haupthafen des chinesischen Thees, ja die Metropole des Thees überhaupt ist immer noch Hankau, von wo jährlich über hundert Millionen Kilo nach aller Welt verschifft werden.

Den wenigsten ist Hankau, eine der wichtigsten und größten Städte des Reiches der Mitte, auch nur dem Namen nach bekannt. Es liegt tausend Kilometer den Jangtsekiang aufwärts im Herzen von China, im Mittelpunkte des größten Theedistriktes und hat wohl mit den es umlagernden Städten eine Bevölkerung von anderthalb Millionen.

Als ich meine Reise von Shanghai den gewaltigen Strom aufwärts unternahm, waren meine Mitpassagiere durchwegs nach Hankau gebucht. Die Warenballen, die auf den Docks in Shanghai verladen wurden, gingen nach Hankau, alles sprach nur von Hankau. Was Shanghai für das ganze chinesische Reich ist, das ist Hankau für das Innere desselben; Shanghai liegt am Anfang, Hankau am Ende des Dampferverkehrs auf dem chinesischen Riesenstrom. Wohl gehen heute deutsche Dampfer noch einige hundert Kilometer weiter aufwärts nach Itschang, allein für die großen transozeanischen Dampfer, die Kriegsschiffe und die zahlreichen Passagierdampfer des Jangtsekiang ist Hankau die Endstation. Die Stadt liegt am linken Ufer des großen Hanflusses, der, aus dem Hochlande von Schansi kommend, sich hier in den Jangtsekiang ergießt. Jenseits Hankau, am rechten Hanufer, liegt die alte Chinesenstadt Hanyang, und beiden gegenüber, am Südufer des Jangtsekiang, liegt die befestigte Hauptstadt der Provinz Hupei, Wutschang. Sie erinnerten mich in Bezug auf ihre Lage lebhaft an die Metropole der neuen Welt, an Neuyork mit seinen Schwesterstädten Brooklyn und Jersey City. Aber während dort eine gewaltige Brücke und Dampffähren den Verkehr herstellen, während Tausende von Dampfern und Segelschiffen den breiten Strom durchfurchen und der Verkehr ein betäubender, alles überwältigender ist, bekümmert sich in dem Städtetrio des Jangtsekiang keine Stadt um die andere. Jenseits des ungeheuren, meilenbreiten Stromes zeigen sich von Wutschang nur die Festungsmauern, hinter denen die Stadt selbst liegt, und ähnlich scheint auch der Unternehmungsgeist der Chinesen mit einer hohen, unbezwingbaren Mauer umgeben zu sein. Hanyang, einst viel bedeutender als Hankau, ist ein elendes, schmutziges Nest, in dem einige hunderttausend Zopfträger ihr freudloses Dasein fristen und das nichts von Interesse für den Fremden bietet, es sei denn der pagodengekrönte Hügel, der sich hinter der Stadt mit ihren geraden, meilenlangen Straßen auf etwa hundert Meter über den Fluß erhebt. Von dort genießt man eine herrliche Aussicht auf die beiden Ströme und die drei Städte an ihrem Zusammenfluß. Das Häusermeer von Hankau mit seinen niedrigen, unendlich einförmigen Ziegeldächern zeigt ebenfalls nur geringe Abwechselungen. Gegen Norden schließt es eine hohe Mauer von den Reisfeldern der Umgegend ab, und in der Mitte erheben sich einige citronengelbe Porzellandächer, die der Residenz des Taotais oder Distriktsgouverneurs angehören. An den Ufern der mächtigen, gelben, trüben Wasserfläche des Jangtsekiang wird das trostlose Stadtbild Hankaus von einem langgestreckten Park mit hohen Bäumen begrenzt, zwischen deren Kronen ein paar größere Häuser hervorlugen. Dort ist die europäische Konzession, die Residenz der Handvoll Europäer, die Hankau zu dem gemacht haben, was es heute ist, zur Metropole des Theehandels.

Und kommt man in diese kleine europäische Niederlassung, so sieht man von dem großen Geschäftsverkehr erst recht nichts. Die Häuser sind geräumige, einstöckige Villen mit breiten Veranden und Galerien im Stile der indischen Bungalows, etwa wie in den vornehmen Stadtteilen von Bombay und Singapore, umgeben von gutgepflegten Gärten. Parkanlagen trennen sie von dem steinernen Uferkai des Jangtsekiang, auf dessen Fluten nahebei ein paar Hulks liegen; sie sind die Anlegestellen für die gewaltigen schneeweißen Flußdampfer, die mich in Größe und Einrichtung ganz an die gleichen Hudson- und Mississippidampfer erinnerten. Weiter draußen im Strome liegen ein paar Ozeandampfer vor Anker. Zwischen den hübschen Privatresidenzen zeigen sich zwei Klubhäuser und zwei Kirchen, weiter gegen Osten ein Kloster, und daran schließt sich ein großer Rennplatz für die Wettrennen, welche die Handvoll Europäer sogar im Herzen von China veranstalten. Der Rennplatz ist eigentlich der Boden der französischen Konzession, während die Wohnungen der Europäer, hauptsächlich Russen, Engländer und Deutsche, auf der englischen Konzession stehen. Da sich bisher aber kein Franzose in Hankau angesiedelt hat, steht dort nur das französische Konsulat. Hinter dieser eigentümlichen Europäerstadt erheben sich ein paar Theefabriken, und an diese schließt sich das schmutzige, übelriechende Straßengewirr der Chinesenstadt. Das ist Hankau.

Nach diesem Fleckchen europäischer Erde im Innern Chinas werden die ungezählten Tonnen Thee aus dem Stromgebiet des Jangtsekiang zusammengeschleppt. Sie kommen auf den Rücken von chinesischen Kulis, auf Maultieren, auf grotesken Dschunken und Booten und auf großen europäischen Dampfern. Dorthin reisen im Frühjahr die Theehändler und Tscharsiehs (Theekoster) von Europa, von Singapore und Shanghai; täglich kommen Dampfer an, täglich lichten andere ihre Anker für ferne Ziele. Während weniger Wochen in jedem Frühjahr herrscht in Hankau fieberhafte Thätigkeit. Europäische Handelsherren und ihre Agenten, Koster und Spekulanten, chinesische Compradores (Geschäftsleiter), Schroffs (Geldzähler), Kommis und Kulis arbeiten dann von früher Morgendämmerung bis in die Nacht hinein. Das geht so, wie gesagt, während einiger Wochen im Jahre, etwa von Anfang Mai bis Anfang Juni. Dann wird es wieder still in Hankau.

Warum diese Eile? Warum diese angespannte Thätigkeit während so kurzer Zeit? Die wichtigste Theeernte des Jahres tritt eben dann ein, und die einzelnen europäischen Theehäuser trachten natürlicherweise, die besten Sorten zu den niedrigsten Preisen einzukaufen. Dazu muß aber jede Kiste, jeder Sack geprüft werden, und diese Prüfung ist die wichtigste Sache des ganzen Theehandels, denn von dem Urteil des Prüfers oder Tscharsieh hängen mitunter sehr hohe Summen ab. Tausende von Kisten werden der Reihe nach von flinken Kulis geöffnet, die Farbe und Qualität der Blätter geprüft. Dann wird jeder Kiste eine Probe entnommen, aus welcher in kleinen Schälchen Thee bereitet wird.

Während draußen die Kulis lärmen und schreien, sich stoßen und drängen, Kisten öffnen und vernageln, geht es in den dämmerigen Prüfungsräumen still und feierlich her. Mit derselben Genauigkeit, mit welcher die Apotheker bei der Mischung von giftigen Arzneien verfahren, werden die einzelnen Proben abgewogen, die Schälchen gereinigt, das Kochen des Wassers und die Dauer des Ziehens auf Sekunden nach Sanduhren beobachtet, dann schlürft der Tscharsieh einen Schluck durch die Zähne in den Mund, und nach diesem einzigen Schluck fällt die Entscheidung. Ein Zögern, Nachdenken, nochmaliges Prüfen ist nicht gestattet. Nun prüft ein Tscharsieh mitunter hundertundfünfzig bis zweihundert Theesorten an einem Morgen, und man kann sich denken, welche Verantwortlichkeit auf dem heiklen Gaumen dieser Theekoster ruht!

Der größte Teil der Theemengen, welche in Hankau von den chinesischen Kaufleuten erworben werden, geht mittels Dampfer direkt oder über Shanghai nach Europa, teilweise auch über den Stillen Ozean und die Kanadische Pacificbahn, um in Montreal oder Neuyork auf transatlantische Dampfer übergeladen zu werden. Die großen Theekaufleute Englands ziehen es vor, ihren Thee über den Stillen Ozean und Kanada nach Europa zu verschiffen, weil der Transport durch die Singaporestraße und den Indischen Ozean den Thee der Gefahr des Schwitzens, also einer Art Gärung aussetzt, die dem Geschmack der wertvollen Theeladung natürlich nicht förderlich wäre.

Die Prüfung der zweiten und dritten Theeernte, welche weniger kostbare Theesorten liefert, erfolgt gewöhnlich durch lokale Tscharsiehs in Hankau oder Shanghai.

Während des Rollens und Brennens des Thees sowie während des Transportes auf den elenden Straßen wird eine große Menge von Blättern zerbröckelt oder zu Staub zerrieben. Diese Abfälle werden sorgfältig gesammelt und in den vorerwähnten Hankauer Fabriken zur Bereitung des Ziegelthees verwendet. Bei uns ist Ziegelthee nahezu unbekannt, in Rußland und Sibirien aber gehört er neben dem Karawanenthee zu den beliebtesten Sorten. Die steinharten Täfelchen des Ziegelthees werden in Sibirien, wo es zuweilen im Geldverkehr an kleinen Münzen fehlt, sogar an deren Stelle ausgegeben und ziemlich allgemein als Zahlung angenommen.

In den großen, dunklen, staub- und dampferfüllten Räumen der Fabriken stehen zahllose Fässer mit feinem Theestaub oder Blätterabfällen, welche sorgfältig zerkleinert und durch Siebe geschüttelt werden. Hunderte von halbnackten, schweißtriefenden Kulis, den langen Scheitelzopf um ihre kahl rasierten Schädel gewunden, wiegen dieses gelbliche Theemehl in Partien von je einem Kilogramm und füllen damit kleine Säckchen aus Baumwollstoff, andere werfen diese Säckchen in große durchlöcherte Metallcylinder, wo sie mit heißem Dampf durchtränkt werden. Von Zeit zu Zeit beugt ein Chinese seinen Oberkörper über den dampferfüllten Cylinder, holt die Theesäckchen wieder heraus und trägt sie zu der Preßmaschine, wo sie in ziegelartige Formen gepreßt werden. Unter diesen Preßmaschinen darf man sich aber nicht etwa solche aus Eisen und Stahl vorstellen, wie sie bei uns in Verwendung stehen. Ein langer Bambusstamm ist mit einem Ende in einem Scharnier befestigt; nahe diesem trägt er an der unteren Seite einen in die Ziegelform genau passenden Stempel. Ist die Form mit einem Theesäckchen gefüllt, so springt ein Chinese mit seinem vollen Körpergewicht auf das andere Ende des Bambusstammes, und während dieses sich senkt, legen sich noch ein paar andere Kulis darüber. Dann wird der Bambusstamm wieder gehoben, der steinhart gepreßte Theeziegel herausgenommen und ein anderes Theesäckchen in die Form geworfen. Die fertigen Ziegel, etwa von der Form und Größe unserer gewöhnlichen Dachziegel, nur von nahezu schwarzer Farbe, werden noch getrocknet, in Papier geschlagen und sind nun zum Transport durch die Karawane fertig.

In Europa wird ziemlich allgemein angenommen, daß der Karawanenthee wirklich auf Kamelrücken den viele tausend Kilometer weiten Weg nach Rußland zurücklegt. Das ist aber ein Irrtum. Von der ganzen ungeheuren Strecke wird nur ein verhältnismäßig kleiner Teil wirklich auf Kamelrücken zurückgelegt. Der gesamte produzierte Ziegelthee wird zunächst den Jangtsekiang abwärts nach Shanghai verschifft. Von dort geht ein kleiner Teil zu Schiff nach Tientsin und Peking, wird dort auf Kamele verladen und von diesen karawanenweise quer durch die Mongolei nach Kiachta in Sibirien gebracht. Von dort gehen die Ladungen zu Wasser nach Irkutsk am Baikalsee. Die größte Menge des Karawanenthees wird von Shanghai nach Nikolajewsk an der Mündung des Amur in das Ochotskische Meer verschifft und dort auf die Amurdampfer verladen, unter denen sich auch einige deutsche Dampfer befinden. Diese bringen den Thee den Amur und Schilka aufwärts nach Strjetensk. Von hier aus übernehmen Karawanen den weiteren Transport landeinwärts über Tschita nach Werchne-Udinsk am Selengafluß, von wo wieder Dampferverbindung mit Irkutsk jenseits des Baikalsees besteht. Erst hier beginnt der eigentliche Karawanentransport quer durch Sibirien nach Tomsk. Dort wird der Thee wieder auf Dampfer verladen, die ihn über Tobolsk nach Tjumen führen, von wo die Eisenbahnlinie über Jekaterinenburg nach Perm benützt wird. Dann geht er in Dampfern die Kama abwärts, die Wolga aufwärts nach Nischni-Nowgorod und von da mittels Eisenbahn endlich nach Moskau.

Wie kann sich denn der verwickelte Transport von so wohlfeilen Theesorten über so ungeheure Strecken überhaupt lohnen? Warum werden gerade die besseren Theesorten durch Dampfer von Hankau direkt nach Odessa gesandt und nicht die wohlfeileren? Der Seetransport von Hankau nach Odessa ist ja unverhältnismäßig billiger als der Landweg nach Sibirien. Der Grund liegt in den russischen Einfuhrzöllen. In Odessa beträgt er gerade das Doppelte von jenem an der Amurmündung, und so kommt es, daß der Thee trotz der größeren Transportkosten auf dem Landweg in Moskau selbst immer noch billiger ist, als würde er über Odessa kommen. Auf dem letzteren Wege kommt das Kilogramm Thee einschließlich Transport und Zoll auf etwa drei Mark, auf dem Land- oder Karawanenwege nur auf zweieinhalb Mark zu stehen. Darin liegt der eigentliche Grund des Karawanentransportes, und die herrschenden Ansichten über die Güte des Karawanenthees, eben weil er zu Land befördert wurde, gehören in das Reich der Fabel. Nur ein kleiner Teil der besten Theesorten wird durch Karawanen nach Rußland befördert. Die Hauptmenge kommt zu Wasser nach Europa.

Hankau als Handelsstadt.

Hankau ist unzweifelhaft der wichtigste Handelsmittelpunkt im Innern von China, eine der größten Städte des Reiches der Mitte, an der größten Verkehrsstraße des letzteren, an dem Jangtsekiang gelegen. Etwa tausend Kilometer von der Mündung dieses mächtigen Stromes aufwärts mündet der von Norden herkommende Hanfluß in den Jangtsekiang, und rings um diese Mündung liegen die schon im vorigen Kapitel erwähnten drei Städte, welche irrtümlicherweise zu dem Begriff Hankau zusammengefaßt werden. Stellt man sich den Zusammenlauf der Flüsse etwa wie ein umgekehrtes ~T~ (⟂) vor, so bildet der Horizontalstrich den Jangtsekiang, der Vertikalstrich den Hanfluß. In der linken Ecke liegt die Stadt Hanyang, in der rechten Hankau, und beiden gegenüber auf dem südlichen Ufer des Jangtsekiang, also auf der unteren Seite des Horizontalstriches, die große Stadt Wutschang, die Hauptstadt der Provinz Hupei und bis vor kurzem Residenz des aufgeklärten und europäerfreundlichen Vicekönigs Tschang-tschi-Tung. An Einwohnerzahl ist Wutschang die größte des Städtetrios, aber der Handelsverkehr steht nicht im Einklang mit dieser Größe, was teilweise auf die steilen, für Hafenanlagen und dergleichen ungünstigen Ufer und die festen hohen Mauern zurückzuführen ist, welche Wutschang umgeben und direkt von den Ufern emporsteigen, ähnlich wie es auch in Nanking der Fall ist. Diese Mauern verbergen auch die Stadt fast vollständig, und man sieht von ihr vom Flusse aus nur einige Pagoden, darunter die berühmte Hoang holin, d. h. die Pagode vom gelben Kranich, eine der bemerkenswertesten und seltsamsten von ganz China, weshalb ihre Abbildung in geographischen Werken auch häufig zu sehen ist und auch auf den Briefmarken des europäischen Postamtes in Hankau vorkommt. Wutschang ist hauptsächlich Militärstadt und Festung. Von Europäern wohnen innerhalb ihrer Mauern nur einige Missionare; der Handel mit europäischen Waren für Wutschang sowohl wie für das angrenzende Gebiet gegen Süden zu liegt in den Händen von chinesischen Kaufleuten, und der lokale Flußverkehr zwischen Wutschang und den am gegenüberliegenden Ufer des Jangtsekiang gelegenen Städten Hankau und Hanyang ist sehr gering. Ebenso gering ist auch jener über den Hanfluß zwischen den beiden letztgenannten Städten, obschon alle drei zusammen eine Einwohnerzahl von etwa anderthalb Millionen Seelen besitzen dürften. Anderswo wären bei einer so großen Menschenansammlung gewiß längst Dampffähren für den Lokalverkehr eingerichtet worden, und es ist zu verwundern, daß Tschang-tschi-Tung diese nicht auf eigene Rechnung laufen läßt. Nächst dem Vicekönig von Tschili, Li-Hung-Tschang, ist der frühere Vicekönig von Hupei der unternehmendste aller Provinzgouverneure. Er hat in Wutschang selbst große Baumwollspinnereien und Eisenwerke anlegen und zu den etwas weiter flußabwärts befindlichen Eisengruben eine Eisenbahn bauen lassen. Bis zum Jahre 1894 lag die Leitung dieser Unternehmungen in den Händen eines deutschen Ingenieurs.

Gerade so wie Wutschang ist auch Hankau mit einer Umfassungsmauer umgeben, eine der Dutzendstädte des chinesischen Inlandes ohne besondere Sehenswürdigkeiten, ja man könnte sagen, ohne besondere Bedeutung, denn die letztere beschränkt sich auf die wenigen Schollen Landes außerhalb der Chinesenstadt an den Ufern des Jangtsekiang, wo die Europäer ihre Wohnsitze aufgeschlagen haben. Die Engländer und Franzosen starteten im Wettlauf um den Handel des Jangtsekiangthales ziemlich gleichzeitig, aber während sich auf der englischen Konzession schöne Bungalows (Wohnhäuser indischen Stils), Godowns (Warenlager), Klubs, Kirchen und dergleichen erheben und dem Bund, d. h. der längs dem Jangtsekiang angelegten Uferstraße, ein so großstädtisches Aussehen geben, wie es in Ostasien nur der Bund in Shanghai besitzt, ist die französische Konzession öde und verlassen. Nur der französische Konsul hat dort, wie bereits bemerkt, seinen Wohnsitz und mag aus lauter Langeweile seine Fingernägel benagen, denn französische Geschäftsleute giebt es in Hankau keine. Wären sie vorhanden, so würden sie wahrscheinlich ebenso wie jene in Shanghai und Canton fürsorglich die französische Konzession meiden und in der englischen ihre Wohnsitze aufschlagen.

Zu der englischen und französischen Konzession ist im Jahre 1895 nun auch eine deutsche gekommen, allerdings etwas spät, aber sie ist nun vorhanden, was in Anbetracht der großen Wichtigkeit Hankaus für den deutschen Handel die Hauptsache ist. Sie hätte schon vor mehr als drei Jahrzehnten erfolgen sollen, denn es war Preußen, welches sich in seinem 1861 mit China abgeschlossenen und 1863 ratifizierten Vertrage die Eröffnung Hankaus für den fremden Handel ausbedungen hat. Leider ist dieser handelspolitische Erfolg damals nicht weiter ausgebeutet worden. Die Engländer und nächst ihnen die Franzosen ließen sich bald nach der Oeffnung des Hafens von der chinesischen Regierung kleine Landstrecken längs der Ufer des Jangtsekiang in Hankau abtreten, und die sieben dort ansässigen deutschen Firmen sind seither bei den Engländern zu Gast. Nun hat Deutschland das Versäumte nachgeholt, und die deutsche Konzession im Herzen Chinas kann nur auf das freudigste begrüßt werden. Sie erstreckt sich auf etwas über einen Kilometer längs der Uferfront und hat den allerdings nicht sehr großen Umfang von etwa sechsundvierzig Hektar.

Was Shanghai für das ganze Jangtsekiangthal ist, das ist Hankau für den oberen Teil desselben und für die angrenzenden mittleren Provinzen, ja, eine beträchtliche Zahl von Seeschiffen berührt den Hafen von Shanghai, Wusung, kaum, sondern fährt direkt nach Hankau, klariert, nimmt Ladung und fährt wieder direkt nach Europa, hauptsächlich nach England und Odessa zurück. Große Kriegsschiffe erscheinen häufig vor Hankau. Der Jangtsekiang ist aber für größere Dampfer noch um sechshundertvierzig Kilometer weiter stromaufwärts bis nach Itschang schiffbar, und kleinere Dampfer können sogar bis nach Tschungking, das noch einmal soweit stromaufwärts liegt, vordringen.

1887 liefen in Itschang 24 englische und 31 chinesische Dampfer, von Hankau kommend, ein. 1896 war diese Zahl auf 46 englische und 43 chinesische gestiegen, und der Tonnengehalt erreichte 63000 Tonnen. Der Wert der Waren betrug, soweit er überhaupt bekannt wurde, etwa 50 Millionen Mark, dürfte aber in Wirklichkeit viel höher gewesen sein. Davon waren mehr als die Hälfte für Tschungking bestimmt. Indessen sind Tschungking sowohl wie Itschang ausschließlich nur Dependenzen von Hankau. Welchen Handelsverkehr die etwa hundert dort angesiedelten Europäer zu bewältigen haben, geht aus den großen, stets steigenden Ein- und Ausfuhrwerten hervor. 1887 beliefen sich die Einfuhrwerte zusammen auf 120 Millionen Mark, die Ausfuhrwerte auf 92 Millionen; im Jahre 1896 hatten die Einfuhrwerte den englischen Konsularberichten zufolge etwa 140 Millionen Mark, die Ausfuhrwerte über 70 Millionen Mark erreicht, zusammen also 210 Millionen Mark, während der Gesamtwert des Handels nach mir vorliegenden Privatnachrichten 300 Millionen Mark überstiegen haben dürfte. Diese Zahlen beweisen die Wichtigkeit Hankaus für den deutschen Handel und die Notwendigkeit, diesem Emporium des Jangtsekiang noch größere Aufmerksamkeit zuzuwenden als bisher. Die Einrichtung eines deutschen Settlements wird dazu wohl das Ihrige beitragen. An den deutschen Industriellen und Exporteuren liegt es, auch ihrerseits mehr Unternehmungsgeist zu zeigen und womöglich eigene erfahrene Leute zum Studium des chinesischen Inlandmarktes nach Hankau zu senden, wie es mehrere französische Handelskammern gethan haben. Die Regierung hat die Bresche geschaffen, den Weg geebnet; jetzt liegt es an den Interessenten selbst, das Weitere zu thun. Der Norddeutsche Lloyd unterhält einen zweiwöchentlichen Dampferverkehr mit Shanghai, und im Anschluss an diese Prachtdampfer laufen nunmehr auch deutsche Dampfer auf dem Jangtse.

Die wichtigsten Ausfuhren Hankaus sind in erster Linie Thee im Werte von nahezu 100 Millionen Mark. Ein deutscher Theehändler, Herr Theodor aus London, hat im Jahre 1894 allein für etwa 4 Millionen Mark Thee aufgekauft und nach Europa verschifft. Nächst Thee kommen Tabak, Seide, Medizinalwaren, Baumöl, Hanf, Häute, Wachs, Galläpfel und Reis. Die wichtigsten Einfuhren Hankaus sind:

Baumwollwaren (Schirtings und Baumwollgarne) im Werte von etwa 30 Mill. Mark Wollwaren im Werte von 4 „ „ Metallwaren „ „ „ 3 „ „ Opium „ „ „ 7 „ „ Zucker „ „ „ 7 „ „ Petroleum „ „ „ 5 „ „ Farbwaren „ „ „ 1½ „ „ ferner Fensterglas, Nadeln, Schirme und dergleichen.

Dieser große Warenverkehr bewegte sich bisher hauptsächlich auf englischen Schiffen; denn von der gesamten Schiffahrtsbewegung Hankaus im Jahre 1896, etwa 1400 Schiffe mit 1½ Millionen Tonnen, waren über 1000 englische, 400 chinesische, etwa 38 norwegische und nur 10 deutsche. Frankreich ist an dem Handel von Hankau, wo es, wie gesagt, ein eigenes Settlement besitzt, gar nicht beteiligt.

Diese Verhältnisse werden sich nunmehr gewiß bald zu Gunsten Deutschlands ändern, und man möge ja rechtzeitig die erforderlichen Schritte thun, damit ein noch größerer Anteil an dem Handel gesichert werden kann; denn Hankau ist dazu ausersehen, der Mittelpunkt des chinesischen Eisenbahnnetzes zu werden. Die einleitenden Schritte zur Erbauung der chinesischen Zentralbahn Peking-Hankau sind bereits geschehen, und die Weiterführung derselben von Hankau nach Canton steht nicht mehr in weiter Ferne.

Für deutsche Kaufleute bietet Hankau günstigeren Boden zur Ansiedelung und Errichtung von Agenturen als irgend eine andere offene Stadt Chinas, Shanghai und vielleicht Tientsin ausgenommen. Die Fahrt von Shanghai nach Hankau auf prächtigen Flußdampfern erfordert vier Tage, und fast täglich kommen und gehen Dampfer, so daß die Verbindung mit der Außenwelt und mit Europa sehr günstig ist. Das Leben in Hankau ist ganz ansprechend, das Klima ähnlich dem unserigen, nur ist es im Sommer während einiger Wochen heißer und feuchter. An Vergnügungen ist dort eher zu viel als zu wenig vorhanden; es bestehen zwei Klubs mit vielen Zeitungen, Billards und Spielsälen, Cricket, Lawntennis, Jagden, Ruder-, Yacht- und sonstige Sportvereine. Im Winter werden Bälle, im Frühjahr Pferderennen und Football matches veranstaltet. Es fehlt nicht an Aerzten, an Kaufläden für den nötigen Hausbedarf, und die beiden katholischen Missionen haben eigene Hospitäler, von denen eins eine Abteilung für Europäer besitzt.

Die chinesische Bevölkerung wird zuweilen ein wenig unangenehm, und es ist schon zu ziemlich ernsten Unruhen und Aufständen gegen die Europäer gekommen, doch pflegt im Strome vor den europäischen Ansiedelungen irgend ein englisches, deutsches oder sonstiges Kriegsschiff zu liegen, das im Notfalle die ganze fremde Bevölkerung leicht aufnehmen kann. Ueberdies wissen die Europäer sich sehr gut zu verteidigen. Sie haben zu diesem Zweck ein eigenes, mit Gewehren, Kanonen, Hieb- und Stichwaffen versehenes Arsenal, dazu spanische Reiter zur Absperrung der Zugänge. Gelegentlich der Unruhen im Jahre 1891 erließ der englische Konsul am 19. Juni an die Europäer Hankaus eine Proklamation, die zur Charakterisierung der dortigen Zustände und als Kuriosum hier wörtlich wiedergegeben werden mag, denn ein ähnliches Schriftstück ist wohl in der Geschichte selten vorgekommen.

I. Das Verteidigungskomitee von Hankau hat die Hongs (d. h. Warenhäuser) der Herren Moltschanoff, Petschatnoff u. Cie. und der Herren Jardine, Matheson u. Cie. als die beiden Zufluchtsstätten bestimmt, wohin im Falle von Alarmierung alle Frauen und Kinder sofort gebracht werden sollen. Dies soll von den Familienvätern persönlich besorgt werden.

Alarmsignale. Bei Tage: drei rasch aufeinanderfolgende Kanonenschüsse. Bei Nacht: außerdem Raketen und blaue Signalfeuer.

II. Der unterzeichnete Konsul hat keine Nachricht, der zufolge in absehbarer Zeit ein Angriff auf die Europäer beabsichtigt wird. Wir haben im Strome zwei Kanonenboote liegen, die uns beschützen würden.

Der Unterzeichnete hat volles Vertrauen in den Willen und in die Macht der (chinesischen) Behörden, Aufstände zu unterdrücken. Dem Unterzeichneten ist es aus seiner dreißigjährigen Erfahrung in China bekannt, daß geheime Gesellschaften hier immer bestanden haben, allein sie sind seiner Ansicht nach heute weniger gefährlich als früher, und auch in den Gesinnungen der chinesischen Beamten gegen uns ist eine Wendung zum Bessern bemerkbar.

Der Unterzeichnete unterstützt alle von den Europäern unternommenen Vorkehrungen zur Verteidigung;... er besitzt in Bezug auf das Verhalten des chinesischen Pöbels gewisse Erfahrungen; Aufstände des letzteren können durch einige resolute Männer, welche gemeinsam und unter einheitlicher Leitung sofort auftreten, leicht unterdrückt werden.

Der kgl. großbritannische Konsul: C. T. Gardner, ~m. p.~

Eigentümlichkeiten der chinesischen Inlandstädte.

Aehnlich wie die jüngsten Städte der Neuen Welt, so zeigen auch die uralten Städte des chinesischen Reiches in ihrem Aussehen wie in ihrer Anlage große Einförmigkeit. Was von den ersteren gilt, kann auch von den letzteren gelten: hat man eine gesehen, so hat man alle gesehen.

Wer in China erwartet, ähnliche Sehenswürdigkeiten zu finden, wie die Städte Europas sie in ihren Kirchen, Palästen, Museen, Gärten, Theatern, Denkmälern, Fabrikanlagen besitzen, würde in ärgster Weise enttäuscht werden. Die erste Chinesenstadt, welche der Europäer besucht, sei es Canton oder Tientsin oder Tschifu, wird ihn durch die eigenartige Bauart der Häuser, die alten Ringmauern und Thore, die hohen Pagoden und vor allem durch das seltsame bewegte Volksleben fesseln, das sich in den bunten, kuriosen Straßen abspielt. Aber in der nächsten Stadt, die er berühren sollte, wird er dieselben Ringmauern, dieselben Pagoden, dieselben Häuser und Straßen wiederfinden, und so wiederholt sich dies in dem ganzen Reiche mit geringen Abwechslungen. Selbst die beiden berühmten Hauptstädte Chinas, Peking und Nanking, bilden keine Ausnahmen. Es ist wie bei einem Regiment Soldaten: die Individuen sind verschieden, die Uniform ist dieselbe. Und dabei ist diese Uniform, das Aeußere der chinesischen Städte, bei weitem nicht so malerisch, so fesselnd, so altertümlich, wie beispielsweise irgend eine Stadt unserer schönen, sonnigen Mittelmeerküsten.

Wer eine chinesische Inlandstadt besuchen will, die nicht gerade an dem mächtigen Jangtsekiang liegt, der muß entweder ein plumpes, von Chinesen geleitetes Boot mieten, oder den Weg dahin auf Maultierrücken zurücklegen, denn mit Ausnahme des genannten Stromes herrscht auf keinem Fluß Chinas für größere Strecken Dampferverkehr; Eisenbahnen sind vorläufig unbekannt, und da es in China nur sehr wenige fahrbare Straßen giebt, ist auch der Reisewagen als Transportmittel ausgeschlossen. Wo er vorhanden ist, wie etwa zwischen Tientsin und Peking, wird es sich der Reisende wohl dreimal überlegen, ehe er sich zu einem derartigen Marterkasten entschließt. Weder die Unsicherheit, noch die Unkenntnis der ungemein schwierigen Sprache, noch die Kosten bilden so bedeutende Hindernisse für Reisen in China, wie der Mangel an Verkehrswegen. Die Unsicherheit ist nicht so groß, als man bei uns annimmt, keineswegs größer, als in vielen anderen von Europäern gern bereisten Ländern; die Schwierigkeit der Verständigung mit den Chinesen wird durch die Anwerbung eines Dolmetschers umgangen, ja ein solcher ist geradezu eine unbedingte Notwendigkeit; und was die Reisekosten betrifft, so sind sie sehr gering, kaum die Hälfte, unter Umständen sogar ein Viertel jener, an welche man in Europa gewöhnt ist.

Gerade wie es bei uns im Mittelalter der Fall war, ist die weitaus größte Zahl der chinesischen Städte mit festen Ringmauern umgeben, deren Thore bei einbrechender Dunkelheit gesperrt und erst nach Sonnenaufgang wieder geöffnet werden. Ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden, so wird in der Regel von den Militärwachen an den Stadtthoren eine rote Kerze entzündet, und ist der letzte Rest derselben verbrannt und die Flamme erloschen, so werden die mächtigen, mit Eisen beschlagenen Thorflügel geschlossen, ein gewaltiger Querbalken durch die an den Flügeln und in den Mauern angebrachten eisernen Lager geschoben und ein schweres Schloß vorgehängt. In vielen Städten, besonders zur Zeit von Krieg oder Unruhen, werden die Thore unter keinen Umständen zur Nachtzeit geöffnet, selbst nicht für irgend einen Mandarin mit dreiäugiger Pfauenfeder. Sollte ein kaiserlicher Postläufer, an seinem gelben Fähnchen und dem Schellengeklingel kenntlich, verspätet eintreffen, so wird er vielleicht in einem herabgelassenen Korbe längs der Stadtmauer emporgezogen. Der Reisende muß sich also darauf gefaßt machen, inmitten von allerlei Gesindel vor den Stadtthoren im Freien zu übernachten, will er nicht in irgend einer der elenden, schmutzstarrenden, übelriechenden Spelunken einkehren, deren es gewöhnlich vor den Thoren mehrere giebt. In Söul entging ich der Sache dadurch, daß ich einfach an einer schadhaften Stelle über die hohe Mauer hinwegkletterte, eine Turnübung, der sich dort schon sehr oft auch die Gesandten fremder Mächte unterziehen mußten. Einen chinesischen Paß wird wohl jeder Reisende mit sich führen, obwohl er nur selten abverlangt wird. Man ist in dieser Hinsicht in China viel weniger streng als in manchem Lande Europas.

In den meisten chinesischen Städten bildet die Ringmauer das bedeutendste und interessanteste Bauwerk. Zehn bis fünfzehn Meter hoch, umgiebt diese mit Granitquadern bekleidete Mauer die ganze Stadt, und nur die wenigen Pagoden ragen darüber empor, die einzigen Gebäude, welcher man bei der Annäherung an die Stadt gewahr wird. Den oberen Rand der Mauer entlang zieht sich eine Parapetmauer mit Schießscharten, aus denen möglicherweise die Mündungen von alten eisernen Geschützen hervorlugen. Vor der Mauer befinden sich gewöhnlich tiefe, breite Gräben, stellenweise mit stagnierendem Wasser oder übelriechenden Abfällen angefüllt; denn die Chinesen haben in ihren Städten noch keine Kanalisierung oder Rieselfelder nach europäischem Muster, sondern lassen den Unrat ihrer Häuser von Kulis in Bottichen vor die Stadtmauern tragen, falls sie ihn nicht anderweitig verwerten. In Peking beispielsweise dient dieser Unrat zum Besprengen und Niederschlagen des Staubes in den Straßen.

Am stärksten und dräuendsten erscheinen die Stadtmauern in der Nähe der Thore, ansehnlicher als wohl in irgend einer Festung Europas, vielleicht die alten Sarazenenmauern im südlichen Spanien ausgenommen. Die Wachthäuser sind auf die Thore aufgesetzt und gewähren mit ihren geschwungenen doppelten Dächern, ihren Schießscharten und Kanonen einen ungemein malerischen Anblick. Hat man das Thor durchschritten, so gelangt man in einen kleinen Festungshof, hinter dem sich mitunter noch ein zweites, ebenso hohes, starkes Thor erhebt. Treppen führen zur Festungsmauer empor, die oben gewöhnlich mit Steinen gepflastert ist und eine Breite von drei bis fünf Meter besitzt. Aber so drohend und unbezwingbar diese chinesischen Ringmauern von außen auf den ersten Blick aussehen mögen, so verwahrlost und verfallen zeigen sie sich bei näherer Besichtigung. Die Parapetmauern liegen in den meisten Städten in Ruinen, die Granitbekleidung der Hauptmauer ist an vielen Stellen abgefallen und läßt erkennen, daß der gewaltige Bau nur aus aufgeschütteter Erde besteht. Die Kanonen sind überall verrostet, vollständig unbrauchbar und liegen vielleicht sogar ohne Lafetten in dem üppig emporwuchernden Unkraut. Längs der ganzen, über fünfzig Kilometer langen Stadtmauer von Nanking sah ich überhaupt kein einziges Geschütz, und von den Hunderten eiserner Kanonen auf den Mauern Cantons, der größten Stadt des Reiches der Mitte, fand ich nicht eine, bei welcher ein Schuß nicht größere Gefahren für die Verteidiger als für die Angreifer mit sich bringen würde. Die dräuenden Kanonenmündungen über den Stadtthoren von Peking sind überhaupt nur auf die schwarzen Holzläden der Schießscharten aufgemalt. Ueberall herrscht Verwahrlosung und Verfall; die Thorwachen, in zerlumpte Uniformen gehüllt, lungern schläfrig an den Thoren, Lanzen, Flaggen, Schwerter und Schilde, in den seltsamsten Formen, verrostet und unbrauchbar, hängen hinter ihnen an der Wand. Dringt die Kunde von irgend welchen Unruhen in die Stadt, wird ein neuer Gouverneur ernannt oder eine Inspektion von seiten irgend eines hohen Generals angekündigt, dann wird über Hals und Kopf alles notdürftig ausgebessert und übertüncht, und dabei bleibt es bis zu dem nächsten derartigen Anlaß. In einer Hinsicht sind diese Mauern aber doch von Nutzen für die Städte: sie sind die beliebtesten, wenn nicht einzigen Spaziergänge für den besseren Teil der Bevölkerung. An warmen Sommerabenden kann man dort oben Hunderte lustwandeln sehen, Gelehrte und Litteraten, Kaufleute und junge Stutzer in ihren langen blauen Gewändern, gewöhnlich mit einem kleinen Käfig in der Linken, in dem irgend ein Singvogel oder eine Wachtel umherhüpft. Was die Schoßhündchen bei uns, das sind die Vögel bei den Chinesen.

Außerhalb der Stadtthore breiten sich bei vielen Städten Vorstädte aus, in deren elenden Lehmhütten die ärmeren Klassen der Bevölkerung wohnen und in deren Straßen es gewöhnlich lebhafter zugeht als in der Stadt selbst. Ein fortwährendes Schreien und Lärmen, Drücken, Stoßen, Hin- und Herlaufen, Klopfen und Hämmern, Feilschen und Zanken von zerplumptem, schmutzigem Gesindel, das tagsüber fast ausschließlich auf der Straße lebt. Selbst die Frauen scheinen es zu verschmähen, im Innern der schmutzstarrenden Lehmhütten zu verweilen. In manchen Städten ist um diese Vorstädte noch eine zweite Ringmauer angelegt worden, und man hat zwei Thore zu durchschreiten, ehe man in die innere Stadt gelangt. Auch in dieser ist das Leben und Treiben lebhaft, wenn auch ruhiger und vornehmer als draußen in den Vorstädten. Das Straßennetz der chinesischen Städte ist im allgemeinen regelmäßiger angelegt als jenes der alten europäischen; die Straßen schneiden sich in rechten Winkeln, über Flüsse und Kanäle führen zahlreiche, gewöhnlich sehr steile Brücken, um den Schiffen die Durchfahrt zu gestatten, und wäre alles wirklich so, wie es von den Erbauern der Stadt und den Behörden vorgesehen wurde, dann wäre der Aufenthalt dort gar nicht unangenehm. Aber leider teilen die Chinesen eine charakteristische Eigenschaft mit den meisten anderen Völkern des Orients, bis ans Mittelmeer: städtische Anlagen, Häuser, Tempel, Paläste, einmal hergestellt, werden nur in den seltensten Fällen wieder ausgebessert und bleiben in der Regel bis zum gänzlichen Zerfall sich selbst überlassen. Ueberdies verwenden die Chinesen nur für ihre Pagoden, für kaiserliche Paläste, einzelne Tempel und Ehrenpforten Stein als Baumaterial, ihre Häuser bauen sie zum größten Teil aus Holz und Lehm, im besten Fall aus ungebrannten Ziegeln. In Hangtschau, Sutschau, Ningpo, Tschinkiang und vielen anderen Städten werden wohl die Grundmauern bis auf etwa einen Meter Höhe über dem Erdboden aus Stein oder Ziegeln ausgeführt. Dann werden von diesen Mauern aufwärts vertikale Bretterverschalungen errichtet, so hoch als das höchstens ein Stockwerk hohe Haus werden soll, und zwischen die beiden Bretterwände wird nun auf die Grundmauern feuchte Erde und Lehm geschüttet. Dieser wird fest gestampft, und sobald er trocken ist, werden die Bretterwände entfernt. Auf die Lehmmauern werden nun die Dachbalken befestigt, das Dach mit gebrannten Hohlziegeln eingedeckt, und das Haus ist fertig. Die Fenster werden mit Papier verklebt, doch kann man in den Städten, besonders längs der Küste, schon sehr viele Fenster mit Glasscheiben finden. Oefen giebt es keine. Im Süden bedarf es deren nicht, im Gebiet des Jangtsekiang wärmen sich die Leute im Winter wie im mohammedanischen Orient an Holzkohlenbecken, und im Norden bis nach Korea wird der Rauch des Küchenfeuers unter den Fußboden geleitet, der auf diese Weise erwärmt wird. Besitzt das Haus über dem Erdgeschoß noch ein Stockwerk, so enthält das obere Stockwerk gewöhnlich die Wohnräume, zu denen man mittels einer steilen, leiterartigen Holztreppe gelangt.

Daß derartige Häuser den Unbilden der Witterung und der Zeit nicht lange Widerstand leisten können, ist wohl einleuchtend. Deshalb findet man in chinesischen Städten so zahlreiche Ruinen und Schutthaufen, und daher kommt es auch, daß in diesem ältesten Kulturlande der Welt keine Denkmäler aus früheren Jahrtausenden zu finden sind, wie sie selbst in jenen Ländern heute noch bestehen, welche längst der Geschichte angehören: Babylonien, Assyrien, Altgriechenland und Altägypten. Dort ist die Kultur vergangen, und nur die steinernen Kolossalbauten legen Zeugenschaft ab von dem einstigen Glanze; hier ist die Kultur geblieben, aber die steinernen Denkmäler fehlen. Was davon vorhanden ist, Pagoden aus Stein oder Ziegeln, Ehrenpforten, Festungsmauern und dergleichen, reicht zum größten Teil nicht weiter zurück als in das achte oder neunte Jahrhundert und geht sicher dem gänzlichen Verfall entgegen. Handel und Verkehr konzentrieren sich auf einige wenige Hauptstraßen, wenn man die engen, drei bis vier Meter breiten Gäßchen überhaupt mit diesem Namen bezeichnen kann. In den Städten des Nordens sind die Straßen breiter und für den Wagenverkehr berechnet, die Kaufläden finden sich zumeist nach den einzelnen Geschäftszweigen beisammen; hier die Goldschmiede, daneben vielleicht Buch- oder Papierläden, dort Hutläden, Verkäufer von Kleidern, Fächern, Matten, Möbeln und dergleichen, ähnlich wie es früher auch in vielen Teilen Europas der Fall war. In den Seitenstraßen geht es viel ruhiger zu, und am stillsten ist es in den Bezirken, wo sich die Yamen der Behörden und die mit hohen Mauern umgebenen Wohnungen der Reichen befinden. Innerhalb dieses Viertels oder anstoßend an dasselbe befindet sich in den meisten Provinzhauptstädten noch eine eigene mit Mauern umgebene Stadt, welche die Wohnungen der Mandschukrieger enthält, die sogenannte Tatarenstadt.

Aehnlich wie die mohammedanischen Städte, so zeichnen sich auch die chinesischen vor allem durch Schmutz und Unrat aus. Wohl sind in vielen Kloaken vorhanden, die in der Mitte der Hauptstraßen angelegt und mit Steinplatten bedeckt worden sind; wohl laufen auch an den Häusern entlang schmale Abzugsgräben, aber es ist niemand da, der die Pflasterung, niemand, der die Kloaken in Ordnung hält, und so kommt es, daß sich beides, Pflaster und Kloaken, längst friedfertig vereinigt haben, daß man in Kloaken fällt, wenn man auf lockere Steine tritt, und in den Unratspfützen, in welche man häufig durch den ungemein lebhaften Verkehr gedrängt wird, über Steine stolpert. Hier und dort haben sich die Kloaken einen Ausweg nach den Wasserkanälen gesucht, und in diesen waschen die sorgsamen Hausfrauen am Morgen Reis und Gemüse für ihre Mahlzeiten. In den Häusern der Reichen geht es wohl besser zu. In den chinesischen Städten, wo alle Berufszweige zu Zünften vereinigt sind, selbst die Lastträger, Barbiere und Bettler, giebt es auch eine Zunft der Kanalräumer. Für geringes Geld holen sie täglich den Unrat aus den Häusern derjenigen, die sie bezahlen, und tragen ihn in Kübeln, die von wagerechten Schulterstangen herabhängen, vor die Stadtthore oder auf offene Plätze neben den Hauptstraßen, um ihn dort in der Sonne trocknen zu lassen. Welche Gerüche unter solchen Umständen die chinesischen Städte erfüllen, läßt sich eher ahnen als sagen.

Von passender Unterkunft für europäische Reisende kann natürlich keine Rede sein; freilich giebt es in allen Städten chinesische Hotels, aber gewiß würde jeder lieber in unseren Kuhställen die Nacht zubringen als in diesen elenden, von Schmutz, Unrat und Ungeziefer erfüllten Löchern, die, gewöhnlich im ersten Stockwerk gelegen, nichts weiter enthalten als Schlafbretter an den Wänden, ähnlich den Schiffskojen, die man überdies noch mit chinesischen Reisenden teilen muß. Ueber diese Bretter sind schmutzige Matten gebreitet, im Winter vielleicht noch schmutzigere Wolldecken. Von Bequemlichkeiten für die Toilette, Auskleiden und dergleichen ist nichts vorhanden. Die fensterlosen Räume sind mit den widerwärtigsten Gerüchen geschwängert, in denen Opiumrauch den Grundton angiebt; in den unteren Räumen herrscht die Nacht über Lärmen, Schreien und Gepolter; hat es sich vielleicht zeitweilig gelegt, dann kommt man wegen des unaufhörlichen Gebells der Hunde oder dem Geknabber der Ratten nicht zur Ruhe, und steht man bei Tagesanbruch auf, so ist vielleicht der Reisesack mit Geld und Gut verschwunden. Glücklicherweise befinden sich heute schon in den meisten Städten christliche Missionen mit europäischen Missionaren, und dorthin pflegen sich die Reisenden zunächst zu wenden, um deren Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.

Nächst den mehrstöckigen Pagoden und Buddhatempeln sind in den verschiedenen Provinzstädten wohl die Yamen der Regierungsbehörden die anspruchsvollsten Bauten. Den Yamen des obersten Mandarins, gewöhnlich vom Range eines Taotai, kennzeichnen zwei hohe Flaggenmasten vor dem Haupteingange; residiert in der Stadt ein Provinzgouverneur, so stehen vor seinem Yamen vier derartige Flaggenstangen, und die Dächer seiner Wohnung sind mit gelben Glasurziegeln bekleidet, ähnlich wie der Kaiserpalast in Peking. Auch in Bezug auf die Yamen herrscht in China große Einförmigkeit. Wer jemals einen dieser Häuserkomplexe betreten hat, der findet sich ohne Führer in allen zurecht. Während in den alten Städten Europas häufig genug die Aemter in verschiedenen, voneinander recht weit entfernten Gebäuden untergebracht sind, liegen sie in den chinesischen Städten alle innerhalb der Yamenmauer beisammen: Stadtwache, Gefängnis, Gerichtssaal, Polizei, Kasse und endlich die Wohnungen der Beamten. Die einzelnen Gebäude sind rechtwinkelig zu einander angelegt und umschließen mehrere viereckige Höfe, deren innerster gewöhnlich die Privatwohnung des Taotai selbst enthält.

Der Vorhof der Yamen dient den ärmeren Volksklassen zum Aufenthalt, den Kindern zum Spielplatz. Obwohl die Chinesen vor dem Regierungsvertreter einen Heidenrespekt haben, trocknen sie doch in dem Vorhof seines Palastes ihren Reis oder ihre schmutzige Wäsche oder geben sich verschiedenen Arbeiten hin. Von diesem Platze führen drei, stets nach Süden gerichtete Pforten in das Innere. Die mittlere, größte Pforte wird nur bei besonders festlichen Anlässen geöffnet; auf ihre schweren, schwarzen Thorflügel sind zwei riesengroße Fratzen gemalt, welche die bösen Geister abwehren sollen. Die Pforte zur Linken ist ebenfalls geschlossen und öffnet sich nur, um die zum Tode verurteilten Verbrecher hinauszulassen. Die Pforte zur Rechten ist die gewöhnliche Eingangspforte. Ueber alle drei erhebt sich ein kleines Ziegeldach, an dem große Holztafeln mit den Würden und Titeln des höchsten Mandarins in Goldlettern befestigt sind. An der Innenseite des Eingangs hängt eine große Trommel, für jene bestimmt, die den Mandarin um Schutz und Recht anrufen wollen. Sobald der Mandarin die Trommel hört, ist er verpflichtet, die Hilfesuchenden sofort zu vernehmen und ihnen Genugthuung zu gewähren. Ich fand diese Trommeln auch im Norden Chinas und selbst in den Städten Koreas. Allein gewiß werden sich nur sehr wenige rühmen können, den Klang der Trommeln jemals gehört zu haben, nicht etwa, weil sich in China niemand über Unrecht zu beschweren hätte, sondern vielmehr deshalb, weil die Chinesen dank der Willkür und Habsucht der Mandarine stets trachten, ihre Differenzen auf irgendwelche andere Art auszutragen, ehe sie sich den Mandarinen in die Hände geben.

Von den ebenerdigen Gebäuden mit vorspringenden Ziegeldächern, die den ersten Hof umschließen, ist jenes zur Linken das Gefängnis, jenes zur Rechten das Wachthaus, auf dessen Wand gewöhnlich eine ganze antike Waffensammlung prangt: zweischneidige oder doppelte Schwerter von verschiedenen Formen, Lanzen, Dreizacke, Schilde, Fahnen und dergleichen, selten Feuerwaffen. Das der Pforte gegenüberliegende Gebäude ist eine Art Säulenhalle mit einer nach dem zweiten Hof führenden, gewöhnlich verschlossenen Pforte. Hier werden die Gerichtssitzungen abgehalten; an dem in einer Ecke aufgehängten Gong schlagen die Wachen zur Nachtzeit die Stunden an.

Jenseits der Gerichtshalle liegt ein zweiter Hof, dessen Seitengebäude die Bureaus der Sekretäre enthalten, während das Mittelgebäude von dem großen Empfangssaal des Mandarins eingenommen wird. Die Wände sind mit schönen Ebenholzschnitzereien, Zeichnungen und Inschriften bedeckt, von der Decke hängen Lampions herab, und an der hinteren Saalwand liegt eine etwa zwei Fuß hohe Estrade mit einem kleinen Theetischchen und einigen roten Kissen, der gewöhnliche Sitz für den Mandarin und seine Besucher; an den Seitenwänden stehen abwechselnd kleine geschnitzte Tscha-ki (Theetischchen) und ebensolche Armstühle. Durch zwei Seitenthüren steht diese Empfangshalle mit den Privatgemächern des Mandarins in Verbindung, die sich in den um einen dritten Hof angeordneten Gebäuden befinden.

Die Yamenbeamten sind nur die Vertreter der kaiserlichen Regierung, von dieser bestellt, nicht etwa städtische Beamte. Die Stadtverwaltung wird ähnlich wie bei uns von der Bürgerschaft gewählt, und nur das Tatarenviertel der einzelnen Städte untersteht direkt den kaiserlichen Behörden. Je nach der Größe der einzelnen Städte sind diese in eine verschiedene Zahl von Stadtvierteln eingeteilt, deren jedes etwa sechzig bis hundert Familien umfaßt. Man darf sich aber diese Familien nicht etwa so vorstellen wie bei uns. Häufig gehören mehrere hundert Personen zu einer Familie und wohnen in eigenen ummauerten Häusergruppen beisammen: Großeltern, Eltern, Kinder und Kindeskinder, vielleicht zwanzig bis vierzig Familien derselben Abstammung. Die Aeltesten jeder dieser Familiengruppen, chinesisch Kia-tschang, bilden eine Art Stadtrat und wählen unter sich einen Aeltesten oder Pao-tsching. Dieser ernennt die verschiedenen Beamten seines Viertels und hat die Bestimmungen des Stadtrates bezüglich der Reinigung, Aufsicht und Sicherheit in seinem Gebiet auszuführen. Für die gemeinschaftlichen Interessen aller Stadtviertel wählen die Stadträte der letzteren eigene Vertreter, und über diesen steht endlich der Regierungsmandarin oder Taotai.

Man darf nicht etwa glauben, daß diese Mandarine überall mit ihren Erpressungen und Bedrückungen leichtes Spiel haben. Ganz wie ich es in den koreanischen Städten gefunden habe, so geht es auch in China zu, das ja doch nichts weiter als ein großes Korea ist. Treiben es die Mandarine zu arg, so werden sie von der Stadtbevölkerung einfach vor die Thüre gesetzt, ohne daß der Provinzgouverneur oder gar die Pekinger Regierung dagegen Einspruch erheben würde. Ist die Stadtbevölkerung dagegen mit der Verwaltung des Taotai zufrieden, so wird die Dankbarkeit ihm gegenüber auf recht eigentümliche Weise zum Ausdruck gebracht. Am Ende seiner Dienstzeit begeben sich die Mitglieder des Stadtrats nach dem Yamen und bitten den Mandarin in ihrer blumenreichen Sprache, der Stadt doch ein Paar seiner Stiefel zu schenken. Gewährt er diese ihn besonders ehrende Bitte, so werden die Stiefel in feierlicher Prozession mit Musik und Fahnen nach dem südlichen Stadtthor getragen und dort an der Decke aufgehängt, wo sie bleiben, bis sie in Stücke fallen.

Aber nicht nur der Stadtrat, auch das niedere Volk versammelt sich häufig, um über öffentliche Angelegenheiten zu beraten, und als Versammlungsort dienen in den Städten eigene Beratungshallen mit großen Höfen, wo auch die wandernden Theatertruppen ihre Buden aufzuschlagen pflegen, Hahnen- und Wachtelkämpfe stattfinden. Die unteren, ungemein abergläubischen Volksklassen sind von Agitatoren leicht aufzuwiegeln, besonders wenn irgendwo in einer Stadt das Feng-schui verletzt wurde. Feng-schui heißt wörtlich Wind-Wasser, bedeutet aber den Schutz gegen die bösen Geister, die in China überall in der Luft wie im Innern der Erde herumziehen und fortwährend bestrebt sind, den Chinesen Unheil anzuthun. Die glückliche Seite ist die südliche, und deshalb stehen auch alle offiziellen Gebäude in China mit den Hauptfronten nach Süden; vor den Thoren zu Privathäusern werden eigene freistehende Mauern errichtet, um die bösen Geister abzuhalten. Kein Gebäude darf höher sein als das andere, es sei denn eine Pagode oder ein Tempel, und die Fremden, besonders die Missionare, müssen bei dem Bau ihrer Häuser alle möglichen Finten anwenden, um die Chinesen zu beruhigen. Selbst Flaggenmaste und Telegraphenstangen zerstören das Feng-schui. Die Mehrzahl der Unruhen und Aufstände gegen die Missionare hat diesen einfältigen Aberglauben zur Ursache. In Ningpo bestand der amerikanische Konsul darauf, einen hohen Flaggenmast vor seiner Wohnung zu errichten, und da er seinen Willen, gestützt auf die Kriegsschiffe, durchsetzte, errichteten die Chinesen nahebei einen noch höheren Mast, auf den sie als Gegenwirkung eine kleine teuflische Fratze setzten. Lange, gerade Kanäle findet man in chinesischen Städten selten, denn in solch breiten Avenuen könnten die bösen Geister zu leicht verkehren; wo solche Kanäle sind, werden sie durch künstliche Inseln durchbrochen, oder durch zahlreiche, verschieden hohe Brücken überspannt. Die geraden Straßen der Stadt würden den bösen Geistern auch ungehinderten Durchzug gewähren, deshalb werden die Firmentafeln vor die Häuser in die Straße gehängt, wodurch die Teufelchen natürlich abgelenkt werden.

Ebensowenig wie Wasserleitung und Kanalisierung giebt es in den chinesischen Städten Straßenbeleuchtung. Bis neun oder zehn Uhr abends geht es in den Geschäftsstraßen recht lebhaft zu, und die kleinen Oellämpchen in den weit geöffneten Kaufbuden werfen auch auf die Straßen hinreichend Licht. Aber dann werden die Thore geschlossen, die hölzernen Läden der Kaufbuden geräuschvoll zugeschlagen, die Lampen ausgelöscht, und es herrscht überall Dunkelheit und Ruhe. Nur hier und dort an Straßenkreuzungen oder an Brückenaufgängen flackern armselige Lichter, die entweder durch gemeinschaftliche Beiträge der Straßenbewohner oder durch die Freigebigkeit einzelner unterhalten werden. Verspätete Passanten, die nach Hause eilen, tragen stets Handlaternen, um auf den elenden Wegen nicht zu stolpern oder in Löcher zu stürzen. Gegen Mitternacht hört alles Leben in den Straßen auf, man hört nur den Schritt der Wachen und das Aufstoßen ihres Bambus- oder Eisenstabes auf das Pflaster; alle zwei Minuten schlagen sie auch noch kräftig auf einen Gong, um zu zeigen, daß sie wachen. Nichts konnte mich zur Nachtzeit mehr ärgern als diese dumpfen, feierlichen Schläge, die mich jedesmal aus dem Schlafe weckten. Schreitet ein einsamer Wanderer durch die Straßen, erweckt er zufällig einen Hund, so bellen bald Hunderte oder gar Tausende dieser Bestien und machen während einer halben Stunde einen derartigen Heidenlärm, daß von Schlafen keine Rede sein kann.

Gegen Diebe und Einbrecher gewähren die Wachleute natürlich keinen Schutz, weil sie ja ihr Nahen selbst durch ihre lärmenden Schritte und Stockschläge verkünden. Häufig folgen ihnen aber ein paar hundert Schritte hinderdrein andere, ruhig einherschleichende Wachleute, und diesen gelingt es nicht selten, Einbrecher auf frischer That zu ertappen.

Zwei oder drei Stunden nach Mitternacht beginnen die zahlreichen Hähne zu krähen, endlich bricht die Dämmerung an, und bald erwacht die Stadt aus ihrem Schlafe; das Gepolter mit Thüren und Fensterläden ertönt von neuem; die niedrigen Schornsteine beginnen zu rauchen, die Einwohner kochen ihren Morgenreis und bereiten sich zu neuem Tagewerk vor. So viele Arme es in den chinesischen Städten auch geben mag, ihre Mahlzeiten, Reis, Gemüse, Fische haben auch die Bettler, ausgenommen zur Zeit von Hungersnot. Die Glücksgüter sind in China lange nicht so ungleich verteilt wie bei uns, und herrscht in dem Reiche der Mitte auch nicht so protziger Reichtum und Luxus, so giebt es dafür auch nicht so viel offenes und verstecktes Elend.

Tsingtau und Deutsch-China.

Schon in der im Jahre 1896 verfaßten ersten Auflage dieses Buches habe ich auf den Hafen von Kiautschou verwiesen und im Kapitel über die europäischen Handelshäfen in China bemerkt: „Die Zahl, das Ansehen und der Handel der Deutschen in Ostasien sind so groß, daß auch in anderen Häfen deutsche Landerwerbungen sehr wünschenswert wären, wenn man sich nicht entschließt, einen eigenen Hafen von der chinesischen Zentralregierung zu erwerben. Niemals war die Gelegenheit dazu günstiger als jetzt.” -- Ich ahnte damals nicht, daß dieser gewiß allgemein geteilte Wunsch so bald in Erfüllung gehen sollte. Wenige Monate nach der Besitzergreifung Tsingtaus durch das Deutsche Reich traf ich dort ein, um den Hafen und das Hinterland, das bis dahin von keinem Europäer in allen seinen Teilen bereist worden war, kennen zu lernen.

Als wir zwischen den kleinen Felseninseln, die Kiautschou vorgelagert sind, gewissermaßen den Portierlogen des neuen Deutsch-China, hindurchfuhren, wies der Kapitän unseres Schiffes auf ein langes felsiges Vorgebirge, das von Süden her weit vorspringt und das er mit Kap Evelyne bezeichnete. Diesem gegenüber, aber weit landeinwärts, verläuft eine zweite langgestreckte Halbinsel im Meere, gegen Osten an eine Gruppe von mächtigen, schwarzen Bergen anschließend, von denen bis zur Besetzung des Gebietes durch die Deutschen nur der höchste, der bis auf elfhundert Meter in die Wolken ragende Lauschan, einen Namen besaß. Seither sind auch die anderen Berge mit Namen belegt worden. Dem Lauschan zunächst liegt der Prinz-Heinrichberg mit feinen an die Mythen bei Schwyz gemahnenden Spitzen; dann folgt der Kaiserstuhl, und noch näher an die Einfahrt zur Kiautschoubucht der Diederichsberg, dann als Wahrzeichen und Signalpunkt der Bucht der teilweise bewaldete Kegel des Truppelberges, genannt nach dem wackeren damaligen Kommandanten in Kiautschou, Kapitän Truppel.

Ich kann nicht sagen, daß mich der Anblick dieses Hafens besonders fesselte. Die Berge, und selbst die zwischen ihnen liegenden Thäler, zeigten nur wenige Spuren von Grün, auf dem zackigen Grat des schwarzen, düsteren Lauschangebirges lag Schnee, und von Besiedlung, von Dörfern, Städten und Gärten war nicht das geringste zu sehen. Und doch ist Schantung eine der reichsten, fruchtbarsten, am dichtesten besiedelten Provinzen Chinas.

Erst als wir der Küste der nördlichen Halbinsel ganz nahe waren und die Ankerkette rasselnd in dem hellgrünen Seewasser verschwand, lenkte der Kapitän unser Augenmerk auf eine Anzahl niedriger Lehmmauern, die sich von der graugelben Umgebung kaum abhoben und nur durch die schwarzen Dächer kenntlicher gemacht wurden. Das ist der Sitz der deutschen Regierung, das ist Tsingtau, der Hafen von Kiautschou. Ich richtete mein Fernglas auf diese öde Häuserguppe. Nahe dem sandigen Meeresstrande breitete sie sich aus, rings umgeben von Militärlagern, über denen schwarz-weiß-rote Flaggen wehten. Das nächste Lager oder Fort, wenn man will, liegt unmittelbar am Meere, und von dort streckt sich eine lange, eiserne Brücke in die See, der Landungsplatz von Tsingtau.

Bald war unser Dampfer umschwärmt von kleinen weißen Dampfpinassen, bemannt mit fröhlichen, frisch aussehenden deutschen Matrosen, welche die Post für die verschiedenen Schiffe abzuholen hatten. Die Frachten und Passagiere wurden in einer chinesischen Dschunke an die Landungsbrücke gebracht, die noch aus der Chinesenzeit stammt, gerade so wie alle Militärlager und die meisten von der deutschen Regierung besetzten Gebäude. In den wenigen Wintermonaten, die seit der ersten Landung der deutschen Truppen verstrichen waren, ist wohl sehr viel gearbeitet worden, aber ein chinesisches Küstendorf kann nicht so ohne weiteres in eine deutsche Hafenstadt verwandelt werden. In Deutschland war der Name Tsingtau bis zu meiner Abreise Anfang Februar 1898 ganz unbekannt, und Kiautschou war in aller Mund. Nach Kiautschou wurden die Postkarten aller Kolonialenthusiasten gerichtet, nach Kiautschou die Briefe von zahlreichen Briefmarkensammlern, die sich chinesische Briefmarken mit dem Poststempel Kiautschou erbaten. Kiautschou liegt aber etwa fünfzig Kilometer landeinwärts und ist von der See aus ganz unzugänglich, ja es ist überhaupt nur ganz vorübergehend von den deutschen Truppen besetzt worden. Tsingtau ist, wie gesagt, nur ein kleines Fischerdörfchen, aber es ist für die Schiffahrt und die künftigen Hafenanlagen so günstig gelegen, daß es von den Behörden auch zum Sitz der Regierung ausersehen worden ist. Kiautschou hat in Deutschland den Rahm abgeschöpft und ist ganz unverdienterweise zu einer Berühmtheit gelangt, die eigentlich Tsingtau zufallen sollte.

Von der Landungsbrücke führte ein Fußweg an dem von deutschen Soldaten besetzten Brückenfort vorüber, dem sandigen Meeresstrande entlang, nach dem Dörfchen, als dessen erstes Gebäude sich ein ganz ansprechender, hübsch gebauter Götzentempel präsentiert. Zwei hohe Flaggenstöcke ragen über die mit wunderlichen Steinfiguren geschmückten Dächer der verschiedenen Tempelbauten hinaus. Diese letzteren sind auch die größten des ganzen Ortes, denn zum Namen des Gouverneurs schreitend, sah ich zu beiden Zeiten der engen Hauptstraße nur kleine niedrige Chinesenhäuser mit winzigen, papierbekleideten Fensterchen. Glas war in dieses entlegene Nest von Schantung noch ebensowenig gedrungen wie Seife. Hunderte von den langbezopften Söhnen des Reiches der Mitte drängten sich in dieser Straße zwischen den ärmlichen Kaufläden, alle in der gleichen charakteristischen Kleidung: blaue Baumwolljacken, blaue Beinkleider. Im Sommer tragen sie nur diese, im Winter werden Jacken und Beinkleider mit Baumwolle gefüttert. Wird es kälter, so legen sie darüber noch eine zweite dick wattierte Jacke an und häufig noch eine dritte und vierte, so daß manche von ihnen aussehen wie wandelnde Baumwollballen zumal die Aermel wie bei Zwangsjacken um einen halben Fuß länger sind, als die Arme. Daß von einem Wechsel der Kleider während des Winters keine Rede sein kann, sah ich auf den ersten Blick, und auch meine Nase konnte diese Wahrnehmung machen. Zwischen den Kaufläden kauerten ambulante Händler mit ihren nichtigen Waren, Nägeln, Streichhölzern, Tabak in Papierbeutelchen, Pfeifen, Erdnüssen, Kuchen. Hier und da war an der Häuserfront auch ein Kochherd gebaut, mit einem kleinen Schutzdach darüber, und darauf wurde in riesigen Töpfen der Tschau-Tschau, das Mittagmahl, zubereitet.

Von der Marktstraße zweigt sich zur Rechten eine zweite, breitere ab, und diese war augenscheinlich das vorläufige Europäerviertel des Ortes. Freilich zeigte auch diese Straße nur langgestreckte, ebenerdige Chinesenhäuser mit Steinmauern, Papierfenstern und Strohdächern, aber der frische Anstrich, die neu eingesetzten Hausthüren und vor allem die große Reinlichkeit, die überall herrschte, bewiesen, daß hier unmöglich Chinesen wohnen könnten. In der That trugen zwei der Häuser die Namen der zwei einzigen deutschen Handelsherren, welche sich bisher hier angesiedelt hatten: Schwarzkopf & Co. aus Hongkong und Sietas & Co. aus Tschifu. Ihnen gegenüber trägt ein Haus die Bezeichnung „Kaiserlich Deutsche Post”. Ein paar Schritte weiter öffnet sich ein großer Platz, auf welchem sich der Yamen des Gouverneurs von Tsingtau erhebt, ganz so eingerichtet, wie alle Yamen der chinesischen Mandarine. Dem von einem Militärposten besetzten Haupteingang gegenüber erhebt sich eine hohe Schutzwand gegen die bösen Geister, sowie der große Flaggenstock, auf dem heute die weiße Kriegsflagge mit dem schwarzen Kreuz weht. Ins Innere des Yamens tretend, gelangte ich zunächst in einen geräumigen Hof, von ansprechenden chinesischen Häusern umschlossen, in welchem sich die Bureaus und Wohnungen der Offiziere des Stabes befanden. Hier sollte auch ich Unterkunft finden, denn von Hotels oder Logierhäusern war zur Zeit meines Eintreffens, Mitte März, noch keine Spur vorhanden, und erst später ging man daran, das frühere chinesische Zollhaus zu einem Absteigequartier für Fremde einzurichten. Ein breiter Durchgang in dem Mittelhause führt in einen zweiten Hof, ebenfalls von chinesischen Gebäuden mit schön geschwungenen Dächern und Veranden aus geschnitztem Holz eingefaßt. Das mittlere und größte Haus enthält die nur aus zwei Räumen bestehende Wohnung des Gouverneurs, und die beiden Zimmer, die für den bevorstehenden Besuch des Prinzen Heinrich eingerichtet wurden. Bureaus nehmen die anderen Gebäude vollständig ein, ja es mußten noch die dahinter befindlichen Kasernen der längst verschwundenen chinesischen Soldaten dafür eingerichtet werden.

Dieses Einrichten der Kasernen und Wohnhäuser, das Reinigen der Straßen und Plätze des Dorfes, die Verbesserung der Wege, Brücken, Flußläufe, Dämme und dergleichen war die größte Aufgabe, welche die wackeren deutschen Truppen während der bisher verflossenen kalten Wintermonate auszuführen hatten. Der chinesische Bauer und der chinesische Soldat sind keineswegs für ihre Reinlichkeit berühmt, und andere Bewohner besaß Tsingtau überhaupt nicht. Polnische Dörfer hätten in Tsingtau vor der deutschen Besetzung als Muster von Reinlichkeit angesehen werden können, und daß auch die chinesische Regierung für ihre Unterthanen nur sehr wenig thut, ist sattsam bekannt. Um diese Mistgrube von Deutsch-China zu reinigen, wurden allerdings die bezopften Kulis, deren man habhaft werden konnte, in den Dienst gepreßt, allein die Matrosen von den Kriegsschiffen und die Soldaten des Marine-Infanteriebataillons mußten fleißig mithelfen. Ihr Fleiß, ihre Ausdauer, und die Freudigkeit, mit der Offiziere sowohl wie Mannschaften sich an das ungewohnte, und man kann wohl sagen, unwürdige Werk machten, verdienen alle Bewunderung. Wohl gab es in Tsingtau das Gouverneursyamen und die fünf großen mit Lehmmauern umgebenen Militärlager, in deren ebenerdigen Gebäuden das chinesische Militär bis zur Besetzung wohnte, ja dieselben waren sogar in einem besseren Zustande, als ich sie sonst bei früheren Reisen im chinesischen Reiche angetroffen hatte. General Tschang, der arme Befehlshaber von Tsingtau, war für chinesische Verhältnisse ein ganz ausgezeichneter Offizier. Zur Zeit des chinesisch-japanischen Krieges sollte Tsingtau in einen festen chinesischen Kriegshafen umgewandelt werden, und Tschang hatte rings um den Ort der ganzen Seeküste entlang Mauern aufführen, die festen Militärlager anlegen und alles in, allerdings chinesischen, Verteidigungszustand setzen lassen, so daß die Deutschen bei ihrer Besetzung des Ortes viel vorgearbeitet fanden. Wollten aber deutsche Soldaten die chinesischen Kasernen beziehen, so mußten diese doch von Grund aus neu gereinigt, verbessert, neu eingerichtet werden. Wo die Maurer, Schlosser, Zimmerleute und dergleichen finden? Da wurde denn der Offizier zum Maurerpolier, der Soldat zum Handwerker, und statt mit Gewehr und Säbel, mußten sie mit Kelle und Hobel arbeiten, aber das Gewehr doch stets zur Seite. Nur der umsichtigen Leitung, der Ordnung, Disciplin, Anspruchslosigkeit und dem guten Mute, der alle beseelte, gelang das anscheinend Unmögliche. Nach der harten Tagesarbeit kamen die Entbehrungen der Nacht. Betten gab es natürlicherweise nicht, desgleichen waren keine Oefen zum Wärmen der eisig kalten, dunklen Räume, keine Glasscheiben für die papierüberklebten Fenster, keine Küchen vorhanden; die armen Leute mußten in Hängematten schlafen, Offiziere wohnten zu zweien und dreien in engen, dunklen, feuchten Räumen, speisten wie im Felde vor dem Feinde, entbehrten der notwendigsten Bequemlichkeiten und mußten dabei auch noch den anstrengenden Garnisonsdienst versehen.

Das Ergebnis dieser harten Arbeit zeigte sich schon nach wenigen Monaten. Die Kasernen, die ganzen Militärlager wurden zu Mustern von Sauberkeit; ganz Tsingtau wurde gesäubert, die Straßen wurden beleuchtet, ein in einem chinesischen Dorfe unerhörtes Ereignis; die Häuser wurden mit Nummern versehen, an den Straßenecken sah man Tafeln mit Benennungen wie Marktstraße, Bankgasse, Yamenplatz, Paroleplatz und andere. Die Wege waren ausgebessert, zwischen dem Yamen und den verschiedenen, Tsingtau umgebenden Militärlagern herrschte Telephonverbindung, auf dem hohen Truppelberg, der sich über Tsingtau erhebt, befand sich bereits eine Signalstation, in den Straßen sah man zwischen dem lebhaften Chinesengedränge schon Polizisten, überall herrschte Ordnung, und die Grundlage für eine gesicherte Weiterentwickelung der jungen Hauptstadt von Deutsch-China war gelegt. Auch die vorläufigen Untersuchungen über den neuen deutschen Kriegshafen und über das zukünftige Handelsemporium wurden beendet. Die Offiziere der Kriegsschiffe, welche jenseits der Halbinsel Tsingtau in der Bucht von Kiautschou ankern, haben die Untersuchungen durchgeführt und gefunden, daß dieser Hafen längs der Nordküste der Halbinsel von Tsingtau, an der Bucht von Kiautschou angelegt werden müsse, denn dort befindet sich ein etwa zehn Kilometer langer, einen Kilometer breiter Streifen tiefen, sicheren Fahrwassers, der durch die fortschreitende Anfüllung und Verseichtung der Bucht erst nach Jahrhunderten gefährdet werden dürfte.

Von dem hohen Erdwalle des Höhenlagers, das nahe der Spitze der Halbinsel Tsingtau liegt, gewann ich den ersten Ueberblick über die ganze zukünftige Anlage und kam zu der Ueberzeugung, daß die Zeiten gewiß nicht fern sind, wo an Stelle der sandigen Gerstenfelder, die sich zwischen dem heutigen Tsingtau und dem Hafen in der Bucht ausdehnten, eine blühende deutsche Handelsstadt sich erheben wird, mit allen modernen Einrichtungen, wo elektrische Bahnen zwischen beiden Küsten verkehren und der Hafen mit Schiffen aller Flaggen gefüllt sein wird. Vor meinem geistigen Auge sah ich an Stelle der Götzentempel christliche Kirchen stehen und längs des sandigen Meeresstrandes, der die Bucht von Kiautschou umfaßt, Eisenbahnzüge laufen, welche die Schätze der Provinz zum Hafen, die deutschen Industrieprodukte aber nach der Provinz bringen sollten. Seit Jahren war ich in den Zeitungen und durch zahlreiche öffentliche Vorträge für diese Erwerbung eingetreten, und jetzt, da ich sie gesehen, war ich mehr als jemals überzeugt, daß sie dem deutschen Handel zum Segen gereichen würde. In Hongkong und Shanghai lagen die Verhältnisse in den Anfangszeiten viel ungünstiger als in Tsingtau, und es hat Jahre gebraucht, bis auch nur der Keim zu den Weltstädten von heute gelegt war. Hongkong wurde im Jahre 1841 als offener Hafen erklärt, aber erst fünf Jahre später, 1846, war der Grund für die neu zu bauende Stadt trockengelegt und überhaupt bewohnbar. Die Verhältnisse waren dort überaus ungünstig, Malaria und Fieber wüteten so fürchterlich, daß ein Regiment Soldaten binnen einem Jahre über zweihundert Mann verlor. Ja der erste Gouverneur, Sir John Davis, empfahl der englischen Regierung auf Grundlage mehrjähriger Erfahrungen sogar, die Kolonie ganz aufzugeben. Und trotz dieser scheinbar kaum zu überwindenden ungünstigen Verhältnisse ist Hongkong heute ein Welthafen von der größten Bedeutung.

Mit Shanghai erging es bei seiner Gründung nicht viel besser wie mit dem letztern. Am 17. November 1843 als offener Hafen erklärt, bedurfte es mehrerer Jahre, um die Sümpfe trocken zu legen und die Flußläufe zu regulieren. Während der ersten zwei Jahre wurden nur fünf Häuser gebaut, und 1849, sechs Jahre nach der Eröffnung, hatten sich in Shanghai erst 25 Firmen niedergelassen mit 100 Europäern, darunter sieben Frauen; Futschou, 1842 eröffnet, brauchte sogar zehn Jahre, bis es einigen Handel bekam. Zur Zeit meines ersten Besuches war Tsingtau freilich noch ein ganz merkwürdiger Ort. An fünftausend deutsche Männer wohnten hier, aber keine einzige deutsche Frau, und seit Monaten hatten diese fünftausend ein weibliches Wesen ihrer Rasse überhaupt gar nicht gesehen. Keiner der fünftausend war über fünfzig, keiner unter zwanzig Jahre alt, es gab keine Greise, keine Kinder. In den Straßen war niemals ein Wagen gefahren, in den Ansiedelungen hat niemals ein Hotel oder eine Wirtschaft unserer Art bestanden. Bürgermeister, Richter, Militärkommandant, Landrat, alles war der Gouverneur in eigner Person, und Zivilbeamte gab es noch keinen einzigen. Niemals hat es unter so viel Männern so viel Ordnung, Gemeinsinn, Arbeitseifer und dabei so wenig Erwerbssinn und Eigennutz gegeben. Ich habe auf meinen Reisen, hauptsächlich in den jungen Minenstädten der Felsengebirge, Ansiedelungen gesehen mit einer Bevölkerung, die auch nur aus Männern bestand. Aber wie anders waren die Verhältnisse hier und dort!

Das regierte Element bilden hier die Chinesen. Als die rotbärtigen Teufel mit ihren blinkenden Waffen landeten, gab es in Tsingtau nur einige hundert Einwohner, vier Monate später waren ihrer ebensoviele tausend, und die Einwohnerschaft hat sich seither wohl verzehnfacht. Ein Winter hatte schon genügt, um dieser armen elenden Bevölkerung verhältnismäßigen Wohlstand zu geben, und so viel Geld wie jetzt haben sie in ihrem Leben gar nicht gesehen. Früher erhielten sie dreißig bis vierzig Cash, das heißt sechs bis acht Pfennige am Tage, heute wohl das sechsfache. Es hat sich in der ganzen Gegend herumgesprochen, daß die Deutschen nicht stehlen und bedrücken, wie es die chinesischen Soldaten gethan haben, sondern daß sie alles bar bezahlen. Arbeit gab es sofort in Hülle und Fülle, und täglich kamen Dschunken mit Waren, täglich lange Züge von Schubkarren. Diese letzteren sind die Equipagen, Lastwagen, Karren, das wichtigste Beförderungsmittel der ganzen Provinz. Für diesen Zuzug mußten Quartiere gebaut werden, überall entstanden neue Häuser, überall wurde gemauert, gezimmert, gehämmert. Und diese Thätigkeit wurde seit meinem Besuche, man könnte sagen, von Tag zu Tag immer lebhafter. Jedes Schiff brachte neue Ansiedler, Kaufleute, Unternehmer, Beamte, Missionare; dazu massenhaft Waren, Baumaterial, Maschinen, Bestandteile für industrielle Unternehmungen aller Art. Unter vorzüglicher Leitung wurde in kürzester Zeit ein praktischer Stadtplan entworfen und seine Ausführung sofort in Angriff genommen. Hunderte von Chinesen arbeiteten an dem Unterbau der breiten Prinz-Heinrichstraße, welche von dem Haupttempel parallel mit der Meeresküste nach dem Brückenlager führt, und an der dieser entlang laufenden Kaiser-Wilhelmstraße; zusehends entstanden die Bismarck-, Tirpitzstraße mit zweckmäßigen Kanalanlagen; es wurde eine Wasserleitung angelegt, der Bau eines Wellenbrechers im Hafen, von Regierungsgebäuden und Beamtenwohnungen begonnen; das Material dazu gewann man aus Steinbrüchen, nach welchen Eisenbahngeleise gelegt wurden. Neben der Bauthätigkeit der Regierung entwickelte sich auch jene von Privatunternehmern mit gleicher Lebhaftigkeit, und heute, drei Jahre nach der Besitzergreifung Tsingtaus, steht an Stelle des elenden Chinesendorfes eine freundliche, anspruchsvolle geschäftige deutsche Stadt mit Hotels, Banken, großen Warenhäusern, Fabriken und industriellen Anlagen der verschiedensten Art; dazu junge Gartenanlagen, Privathäuser, Villen, im ganzen ein Gemeinwesen, wie es in solcher Raschheit und verhältnismäßiger Vollkommenheit in China noch niemals geschaffen worden ist. Das geht auch aus dem Jahresberichte der kaiserlich-chinesischen Zollbehörde vom Jahre 1899 hervor, in welchem gesagt wird: „Die neue Hafenstadt Tsingtau, früher ein ärmliches Fischerdorf, welches auf dem Wasser- wie Landwege sehr viel weiter als die andern Dschunkenhäfen der Bucht von den Hauptmärkten des Inlandes entfernt, keinerlei kommerzielle Bedeutung besaß, ist auf dem besten Wege, in baldigster Zeit eine in vielen Beziehungen mit den schönsten Städten des Ostens rivalisierende moderne Stadt zu werden. Ausgedehnte Kanalisations- und breite Straßenanlagen werden aus dem Felsen gesprengt; elektrisches Licht und Telephonanlagen, Wasserwerke und Anforstungen werden schnell gefördert, bequeme Wohnungen, komfortable Hotels, Bureaus und Werkstätten sind überall im Entstehen. Die früheren chinesischen Häuser sind aufgekauft und die Bewohner in eine gefällig angelegte Musterstadt verpflanzt worden in der Nähe des nördlichen Innenhafens. Auf diese Weise, getrennt von einer unter gesunden Bedingungen untergebrachten chinesischen Bevölkerung, mit vorzüglichen sanitären Anlagen, dazu beglückt mit einem herrlichen Klima, milder als Tschifu im Winter und ebenso kühl im Sommer, mit vortrefflichen Seebädern und luftigen Bergzügen, wie geschaffen für Sommerfrischen, in unmittelbarer Nähe, bietet Tsingtau die beste Gewähr, sich zu einem der ersten klimatischen Erholungsorte des Ostens zu entwickeln.

Als Handelshafen erscheint die Zukunft des Hafens von Tsingtau in gleicher Weise vielversprechend. Seine augenblicklichen Nachteile, ungeschützte Ankerplätze und das Fehlen von Quais, ein Umstand, der Umladen in Leichter, Zeitverlust und Unkosten für Schiffe wie Ladung verursacht, sowie das Fehlen guter ins Hinterland führender Straßen, werden bald der Vergangenheit angehören. Die neuen Häfen mit Anlegestellen für die Schiffe, Geleisen, Güterspeichern und allen modernen Einrichtungen sind schon im Bau begriffen; der kleinere, für Küstenfahrer geeignet, wird voraussichtlich Ende 1900 fertiggestellt sein, während der andere, für die größten Schiffe zugänglich, noch mehrere Jahre bis zu seiner Vollendung bedarf. Die gleichfalls in der Ausführung stehende Eisenbahn wird Tsingtau zum Ausgangspunkte nehmen und den Hafen mit Kiautschou und den andern bedeutenden Städten der reichen und nordwestlichen Distrikte der Provinz in Verbindung bringen und die Haupt-Kohlen-, Seiden- und Strohgeflecht-Distrikte durchschneiden.”

Die Umgegend von Tsingtau ist weitaus nicht so reizlos, wie sie sich vom Schiffe aus zeigt und wie sie vielfach geschildert wird. Zwischen den einzelnen Küstendörfern ist jedes irgendwie verwendbare Stückchen Land sorgfältig von den fleißigen Chinesen geackert und bebaut, rings um die Dörfer und in diesen selbst erheben sich zahlreiche Obstbäume; über den kegelartigen Erdhügeln der Toten stehen Föhren und Pinien, und der Baumwuchs würde noch stattlicher sein, wenn es den Bewohnern nicht vollständig an Brennmaterial fehlen würde. Die Chinesen lieben die Natur, sie umgeben ihre Heimstätten und die Heimstätten ihrer Toten mit Baum- und Blütenschmuck, aber der Selbsterhaltungstrieb ist stärker. Um die Bäume zu schützen, brennen sie trockene Gräser, die sie mit den Wurzeln ausreißen, sie fällen nicht die Föhren, sondern schneiden die grünen Nadeläste ab, und jeder abgestorbene Baum wird durch die Pflanzung eines neuen ersetzt. Dabei liegen reiche Kohlenschätze nur hundertfünfzig Kilometer nördlich von ihnen. Die Eisenbahn, welche jetzt schon von deutschen Ingenieuren gebaut wird, wird auch in dieser Hinsicht segenbringend sein.

Draußen im deutschen Gebiete und auf den entlegenen Außenposten an den Grenzen von Deutsch-China halten junge Offiziere mit kleinen Abteilungen Ruhe und Ordnung aufrecht. Sie wohnen in den mehr als bescheidenen Bauernhäusern der Chinesen, kaum viel besser als die Chinesen selbst, auf Stunden in der Runde nur von solchen umgeben. Aber der Aufenthalt auf dem Lande entbehrt nicht eines gewissen Reizes, besonders wenn der nahende Frühling alles verklärt, wo die Sonne wärmer scheint und wo auch schon wie traute Grüße aus der fernen Heimat die lieblichen Veilchen zu blühen beginnen. Ich habe das ganze große Gebiet kreuz und quer durchzogen und war dabei nicht so sehr überrascht von der Sorgfalt, mit welcher Obstgärten und Felder gepflegt und gehütet werden, denn ich kannte den Fleiß des chinesischen Landmannes von früheren Reisen. Was meine Verwunderung in viel höherem Grade erregte, war die Dichtigkeit der Bevölkerung, die große Zahl von Dörfern, die innerhalb Deutsch-Chinas liegen und die zusammen wohl an siebzigtausend Einwohner zählen mögen. Es ist keineswegs ein wertloses Stück Land, das deutsche Missionare ihrem Vaterlande mit ihrem Blute erkauft haben, denn es kann diese ganze Bevölkerung nähren. Auf den elenden Fußwegen zwischen den Feldern, an ausgewaschenen Flußläufen und gefahrvollen Schluchten entlang reitend, gewahrte ich überall junge Gerste, Bohnen, Erdnüsse, süße Kartoffeln; in den Obstgärten stehen in langen Reihen Birnbäume, sorgfältig beschnitten und mit abgeschälter Rinde, um die Bäume gegen Insekten zu schützen; in den Dörfern sah ich über die steinernen Umfassungsmauern der Häuser mitunter Bambusstauden, Myrten und Lorberbäume, Pinien, ja sogar große blühende Kamelienbäume. Am Eingang jedes Dorfes erhebt sich ein Götzentempel, gewöhnlich von alten, hohen Bäumen überschattet; in den Straßen wurde überall fleißig gearbeitet, an Stelle der Mistjauchen unserer Dörfer liegt der Dünger, mit zerkleinerten Bauziegeln vermischt, im Hinterhause und wird mit rührender Sorgfalt und Sparsamkeit auf die Felder verteilt. An freien Stellen befinden sich in jedem Dorfe Mahlmühlen, aus großen flachen Steinen bestehend, auf denen sich eine schwere Steinwalze, gewöhnlich durch Eselchen gezogen, im Kreise wälzt. Frauen bringen die schweren Säcke herbei, verteilen die Körner auf der Mühle, treiben das Eselchen an und verbringen die Zwischenzeit noch mit Nähen und Flicken. Bei der Annäherung eines Europäers wenden sie ihr Gesicht ab oder laufen davon, so schnell ihre winzigen Füßchen sie nur tragen können. Ich war überrascht, wie sehr die Qual der Fußverkrüppelung in diesem Gebiete verbreitet ist. Unter den Tausenden von Frauen, die ich zu Gesicht bekam, besaß keine einzige ihre natürlichen Füße. Selbst wenn sie auf den Feldern arbeiteten, oder Lasten trugen, steckten ihre Füßchen in den kaum spannenlangen gestickten Seidenschuhchen. Sonst ist ihre Kleidung jener der Männer ähnlich, nur daß sie an Stelle der blauen oder weißen Beinkleider solche von knallroter Farbe tragen. Die Knaben tragen schon von etwa zehn Jahren an den langen Zopf, der mit Hilfe von eingeflochtenen Schnüren bis nahe an den Boden herabbaumelt; die Frauen stecken ihre prächtigen, rabenschwarzen Haare mit Silbernadeln auf dem Kopfe fest.

Auch an landschaftlichen Schönheiten ist das deutsche Gebiet reich; auf der tiefblauen, weiten Fläche der Kiautschoubucht liegen kleine und große Inseln; die letzteren, mit Dörfern und Tempeln bedeckt, sind gut bebaut, vor allem Potato-Island und die Tschiposaninsel. Etwa in der Mitte des Gebietes erhebt sich der mächtige schwarze Woschan, mit seinem östlichen malerischen Ausläufer, dem bewaldeten Prinz-Heinrichberg. Die Grenze gegen das chinesische Gebiet aber bildet der lange scharfgezackte Gebirgszug des Lauschan, dem einer meiner letzten Ausflüge galt. Aus dem ungemein lieblichen, wohlbebauten Connythale mit seinen Dörfern, Tempeln und Friedhöfen erhebt sich seine gewaltige Masse, überragt von himmelanstrebenden Felsnadeln und Spitzen. Die Besteigung dieses mit ungeheuren Trümmern besäten, vollständig vegetationslosen Gebirgszuges war nicht gerade ein Genuß, aber wir wurden doch belohnt durch den Anblick des reizenden Thales von Jia-kung-tiën, mit dem gleichnamigen Kloster, das zwischen Bambusstauden, Myrten- und Lorberbäumen halb verborgen daliegt. Die freundlichen Taoistenmönche zeigen als ihren größten Stolz einen wunderbaren Kamelienbaum von etwa sechs Metern Höhe und anderthalb Metern Stammesumfang.

Je mehr ich von dem neuesten und gleichzeitig entferntesten Besitz des Deutschen Reiches zu sehen bekam, desto mehr stieg meine Dankbarkeit für diejenigen, die ihn dem deutschen Volke gegeben haben, denn ich bin überzeugt, daß er mit jedem Jahre an Wert gewinnen und dem deutschen Handel, wie der deutschen Industrie Segen bringen wird.

Quer durch Schantung[2].

Mit Tsingtau hat das Deutsche Reich nur eine Pforte zu dem großen unbekannten Hinterlande erreicht, und dieses, nicht Tsingtau, ist für den deutschen Handel in China von der größten Wichtigkeit. Von diesem Hinterlande und seiner Eröffnung wird es abhängen, ob der neue Hafen an der chinesischen Küste eine Bedeutung erlangen wird, die über jene einer Kohlenstation und eines Stützpunktes für die deutsche Flotte hinausgeht, und die Errichtung von Faktoreien, größeren Hafenanlagen, Leuchttürmen, Befestigungen rechtfertigt.

Wo immer man auf dem Erdball Umschau halten mag, wird man große blühende Handelshäfen ausschließlich nur dort finden, wo schiffbare Wasserstraßen nach einem fruchtbaren, dicht bewohnten Hinterlande führen, oder wo die Bodenverhältnisse die Anlage von Eisenbahnen, dieses wichtigsten Ersatzes für Wasserstraßen, möglich machen.

Wie sind nun diese Verhältnisse im Hinterlande von Deutsch-China bestellt? Was liegt dahinter? Worauf stützt man die Hoffnungen auf eine gedeihliche Entwickelung des Keimes, den die deutschen Blaujacken an der fernen Küste von Schantung gepflanzt haben? Wer kennt dieses Schantung aus eigner Anschauung? Was bisher davon ins Abendland gedrungen ist, beruht großenteils auf Hörensagen. Seitdem der große Venetianer Marco Polo im dreizehnten Jahrhundert das ferne Cathai bereist und mit seiner wundersamen Mär von dem chinesischen Riesenreiche die Alte Welt in Erstaunen gesetzt hat, haben nur ein paar englische Reisende, hauptsächlich Missionare, verschiedene Teile von Schantung besucht; ein Deutscher ist vor dreißig Jahren ihren Pfaden gefolgt, allein hauptsächlich mit wissenschaftlichen Zielen vor Augen. Was sie berichtet haben, und was die in dieser Hinsicht unzuverlässigen Chinesen über Schantung erzählen, bildete bis zu diesem Jahre die Grundlage unseres Wissens. Was dort für den Handel zu holen ist, welche Aussichten sich für einen Hafen an der Küste darbieten, hat uns noch niemand, gestützt auf eigne Anschauung, erzählt. In dieser Hinsicht, wie auch in Bezug auf die Geographie und Ethnographie des Landes, ist Schantung großenteils noch eine ~terra incognita~.

Und doch sind die wenigsten Gebiete des großen asiatischen Kontinents interessanter und würden eine so ergiebige Ausbeute für den Reisenden darbieten, als gerade Schantung; denn abgesehen von den mineralischen Schätzen, die dort unter der Erde schlummern, abgesehen von dem eigenartigen Thun und Lassen der Bewohner dieses Landes zwischen dem mächtigen Gelben Strom und dem großen Kaiserkanal, liegt ja dort, am Südfuße der malerischen Berge des mittleren Schantung, das heilige Land von China. Dort liegt die Geburtsstätte des großen Religionsstifters der Chinesen, Confucius, sowie die seiner Apostel Mencius, Tse-Tse und anderer. Dort liegen heute noch, wohlbehütet von ihren Nachkommen, die Gräber dieser Weisen; und in einer Großstadt, Yentschou-fu, werden ihre Lehren studiert, erklärt und über das ganze Land verbreitet; unweit davon erhebt sich der sagenhafte heilige Berg von China, der Taishan, mit seinen zahllosen Tempeln, Opferaltären und kaiserlichen Denkmälern, zu Füßen des Taishan aber liegt das Mekka von China, die große Pilgerstadt Taingan.

All das bot mir mehr als hinreichende Veranlassung, von dem deutschen Hafen Tsingtau aus die Reise kreuz und quer durch die Provinz Schantung, ein Gebiet so groß wie Süddeutschland, einschließlich der Reichslande, zu unternehmen. Von meinen früheren Reisen in dem großen Reiche der Mitte wußte ich, daß es galt Abschied zu nehmen von all den Bequemlichkeiten des modernen Reiselebens und von allem Verkehr mit der Außenwelt. In China ist der Reisende auf sich selbst und seine eignen Hilfsmittel angewiesen, und da in Tsingtau der Handelsverkehr noch ein Ding der Zukunft ist, hatte ich mir den erforderlichen Reisebedarf, bis herab zu Kochgeschirren und Bettzeug, von Shanghai aus besorgt.

An einem kalten, stürmischen, regnerischen Märztage verließ ich, begleitet von meinen chinesischen Dienern und Photographen, Tsingtau in einer elenden Dschunke, um über die weite Bucht von Kiautschou nach der Stadt dieses Namens zu segeln. Eine andere Verbindung besteht heute mit Kiautschou nicht, wollte ich nicht zu Pferd über Land um die große Meeresbucht herum nach meinem in wenigen Monaten so berühmt gewordenen Ziele reiten. Die Stadt war auch schon früher einmal, vor Jahrhunderten, berühmt, als die Meeresbucht in ihrer nördlichen Hälfte noch nicht so verschlammt war wie jetzt. Dutzendemale fuhr die kleine, von fünf blöden Zopfträgern bemannte Dschunke auf den Schlammboden auf; die einströmende Flut erst führte sie weiter in einen kaum vier Schritte weiten Kanal, um in der Nähe eines elenden Chinesendorfes, Tapautau, ganz stecken zu bleiben. Auf meine tags zuvor an den Mandarin von Kiautschou gerichtete Bitte standen dort drei, mit mageren Gäulen bespannte zweirädrige Karren bereit, und derartige Karren, mit einem Reitpferd für mich, bildeten die Transportmittel meiner Karawane während der ganzen, zwei Monate langen Reise.

Die einst so blühende Hafenstadt Kiautschou liegt heute mehrere Wegstunden von der Meeresbucht entfernt, auf trockenem Lande, und nichts ist unrichtiger, als in Bezug auf Kiautschou von einer Hafenstadt zu sprechen. Der Name Kiautschou als Bezeichnung für den deutschen Besitz in China sollte überhaupt aus allen Zeitungen wie aus der Leute Mund verbannt und dafür Tsingtau gesetzt werden. Tsingtau ist ja der deutsche Hafen, von Kiautschou zulande anderthalb Tagereisen entfernt. Statt Tsingtau Kiautschou zu nennen, ist gerade so, als würde man in Deutschland statt der deutschen Stadt Emden das holländische Groningen nennen. Kiautschou steht ja trotz seiner kurzen Besetzung durch die deutschen Marinesoldaten im Jahre 1897 vollständig unter dem steinernen Scepter des „Sohnes des Himmels”, und ein bezopfter alter Mandarin, namens Lo, führt dort in seinem Namen die Regierung. Wohl liegt Kiautschou in der Zone des sogenannten „deutschen Einflusses”, und keine wichtigere Regierungsmaßnahme kann dort ohne Einwilligung der Deutschen getroffen werden, allein Stadt und Gebiet sind unanfechtbar chinesisch.

Obschon Kiautschou nach europäischen Begriffen kaum mehr als ein stattlicher, mit hohen Ringmauern umgebener Marktflecken ist, wird es von den Chinesen doch noch immer als eine bedeutende Stadt betrachtet, was schon ihr Name „tschou” besagt. Die Städte erster Größe heißen in China „fu”, wie z. B. die Hauptstadt von Schantung Tsinanfu heißt, Städte zweiter Größe heißen „tschou”, wie Kiautschou, Tsinningtschou, jene dritter Größe, oder Kreisstädte, heißen „hsien”, wie Weihsien, Poschanhsien. Nicht ohne eine gewisse Erregung ritt ich durch das Stadtthor ein, auf welchem eine Zeitlang die deutsche Flagge geweht hat; Abgesandte des Mandarins erwarteten mich hier, um mich durch die von weiten grünen Feldern und schattigen Friedhöfen unterbrochenen elenden Vorstädte nach der inneren Stadt zu führen. Bald hatten wir die mächtige innere Ringmauer erreicht. Jenseits des vollständig unbewachten Thores gelangten wir in ein Gewirr von engen Gassen, eingefaßt von ebenerdigen Häuschen. Vor einem derselben wurde Halt gemacht. Durch die weitgeöffneten Flügelthüren erblickte ich einen Hof, in dessen Hintergrund sich eine Lehmhütte mit Strohdach erhob. Das war mein „Hotel”, das zur Zeit der deutschen Besatzung auch als Hauptquartier der Marinetruppen gedient hat. Eine wackelige Thür, von innen durch hölzerne Querriegel notdürftig verschließbar, führte in einen dunklen Raum, der als einzige Möbel einen Tisch und zwei Stühle besaß. Zu beiden Seiten befanden sich kleine Kabinette mit Holzpritschen; der Fußboden bestand aus festgestampftem feuchten Lehm, die kleinen Fensterchen waren mit dünnem zerrissenen Papier überzogen, von Heizeinrichtungen, Betten, Waschgefäßen und dergleichen keine Spur. All das muß der Reisende in China, wenn er auf etwas Bequemlichkeit Anspruch macht, mit sich führen, und meine Diener hatten während meiner Irrfahrten durch die Provinz mit dem Ein- und Auspacken all der Gerätschaften täglich vollauf zu thun; denn ebenso wie dieses „Hotel”, so sind auch alle anderen in Schantung, nur daß die Mehrzahl bei weitem nicht so reinlich und verhältnismäßig so frei von Ungeziefer waren, wie dieses historische deutsche Hauptquartier in Kiautschou.

Da ich mit offiziellen Empfehlungsschreiben seitens der chinesischen Regierung reiste, so meldete sich bald nach meinem Eintreffen ein Yamenbeamter, der mir die große rote Visitenkarte des Präfekten überbrachte. Chinesische Etikette erfordert es, daß man die eigne Visitenkarte, mit Namen und Titeln in chinesischen Schriftzeichen, durch den Beamten zurücksendet und sich bei dem Stadtmandarin zum Besuch anmeldet. Der erste Besuch, den ich Seiner Ehren, dem Präfekten Lo machte, war nicht ohne Interesse. Allein mit Bedauern denke ich heute an die kostbare Zeit zurück, die in jeder einzelnen der vielen Städte und Marktflecken in Schantung mit den Besuchen und dem Empfang der Gegenbesuche seitens der Mandarine verloren ging. Jeden zweiten oder dritten Tag kam ich in eine Stadt, und statt mich sofort an die Besichtigung derselben machen zu können, mußte ich die ersten zwei oder drei Stunden derlei gesellschaftlichen Erfordernissen opfern. Wie der bezopfte alte Lo, so empfingen mich auch alle anderen Mandarine in vollem Staatskleide, umgeben von ihren Sekretären, Beamten und Ehrengarden, in der Haupthalle ihres Yamens. Die drei großen Höfe, die ich dabei zu durchschreiten hatte, waren gewöhnlich von vielen Hunderten Neugierigen gefüllt, von denen der größte Teil einen Europäer überhaupt zum erstenmal erblickte. In der Haupthalle angelangt, führten die Anwesenden vor mir den Kautau aus, indem sie sich mit vor der Stirn gefalteten Händen bis nahe dem Boden verbeugten. Dann führte mich der Mandarin zu einem der beiden im Hintergrund befindlichen Stühle, nahm aus den Händen eines Dieners eine Tasse Thee und stellte sie auf das zwischen den Stühlen stehende Tischchen. Dann erst nahm er Platz und die Unterhaltung begann mit Hilfe meines Dolmetschers. Leider verlangt es die Höflichkeit, nicht früher aufzubrechen, bis der Mandarin seine Theetasse zum Munde führt, und das dauerte mitunter sehr lange, denn ebenso begierig wie ich es war, die Verhältnisse in Schantung kennen zu lernen, ebenso begierig waren auch die Mandarine, etwas über Deutschland zu erfahren, das sie ja nur dem Namen nach kennen. Geographie wird in den chinesischen Schulen nicht gelernt.

Kaum war ich nach diesen Besuchen nach Hause zurückgekehrt, so ließen sich die Mandarine, in mancher Stadt drei oder vier hintereinander, zum Gegenbesuch anmelden. Den Vortrab bildeten Soldaten und Yamendiener, die zuweilen die großen phantastischen Paradewaffen trugen, dann kam die von vier Dienern getragene, von einem großen roten Zeremonienschirm beschattete Sänfte, in welcher der betreffende Mandarin saß, und die Kautaus, Theezeremonien und langweiligen, überall ziemlich gleichen Gespräche begannen von neuem, bis ich durch das Erheben meiner Theetasse das Zeichen zum Aufbruch gab.

Kiautschou hat von seiner einstigen Größe noch recht viel Reichtum und Industrie bewahrt, auch der Handel mit dem Inlande ist noch ziemlich rege. Die Stadt besitzt reizende Tempel und zahlreiche Steindenkmäler in Gestalt von Ehrenpforten, in den Geschäftsstraßen reiht sich Laden an Laden, in denen die fleißigen Zopfträger unter den Augen der Passanten Pfeifen drechseln, hübsche Messingwaren, Leuchter, Opiumlämpchen und dergleichen herstellen, Tapeten mit chinesischen Ornamenten bedrucken, spinnen, weben, nageln, hämmern, vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. Ja, ich fand in wenigen Städten so viel Industrie wie hier, und die Stadt wird durch die geplante Eisenbahn von Tsingtau nach der Hauptstadt Tsinanfu gewiß viel gewinnen, denn was Schantung vor allem anderen braucht, sind Schienenwege. Als ich nach zweitägigem Aufenthalte mit meiner umfangreichen Karawane aufbrach, um durch die große Ebene nördlich von Kiautschou nach Weihsien zu reisen, bekam ich den ersten Vorgeschmack der gegenwärtigen Verkehrsrouten. Die einzelnen Dörfer und Städte in der ganzen Provinz sind nicht etwa durch Straßen oder auch nur Landwege miteinander verbunden, die irgendwie von den Mandarinen unterhalten werden, sondern Karren, Reiter, Fußgänger schlagen einfach die nächste Richtung nach ihrem Ziele ein, und ihren Spuren folgen die Nachkommenden, so daß allmählich eine breite, tief ausgefahrene Route in dem weichen Alluvialboden entsteht, im trockenen Herbst und Frühjahr mit knietiefem, feinem Staub bedeckt, im Winter festgefroren, in der sommerlichen Regenzeit mit knietiefem Wasser angefüllt. Selbst die wichtigsten Verkehrsstraßen, wie jene zwischen dem einzigen Handelshafen von Schantung, Tschifu, nach der Hauptstadt, und die große, vom Jangtsekiang quer durch Schantung nach Peking führende sogenannte Kaiserstraße sind nicht viel besser, so daß man sich die Annehmlichkeiten des Reisens in der deutschen Provinz von China leicht ausmalen kann. Ermattet, ausgehungert, mit fingerdickem Staub bedeckt, kam ich nach den langen Tagemärschen in mein Nachtquartier, und in den Dorfherbergen war zuweilen das Wasser so schmutzig und übelriechend, daß ich ein paar Flaschen Apollinariswasser opfern mußte, um mich zu reinigen. Die große Mehrzahl der Mandarine und fast alle Kaufleute, die ich sprach, begrüßen die kommende Eisenbahn als einen Segen, und daß dem Bau dieser Eisenbahn keine übergroßen technischen Schwierigkeiten entgegenstehen, konnte ich überall erkennen. Von Kiautschou dehnt sich eine ungeheure, fast durch gar keine Erhebung unterbrochene Ebene in nördlicher Richtung quer durch Schantung und die Provinz Petschili bis nach Peking aus; die auf den meisten Karten verzeichneten Gebirge sind dort nicht vorhanden und erheben sich nur im mittleren Teile von Schantung, so daß sie von der nach der Hauptstadt Tsinanfu geplanten Eisenbahn, ohne einen Umweg zu machen, umfahren werden können. Die Mehrzahl der auf den Karten verzeichneten größeren Flüsse sind einen großen Teil des Jahres über wasserlos und erfordern keine schwierigen Brückenbauten. Auch bezüglich der zu erwartenden Einnahmen braucht man sich keinerlei Sorgen hinzugeben. Ich war auf der Reise nach der Hauptstadt überrascht von der großen Zahl volkreicher Städte und Dörfer; nach jeder halben Wegstunde stieß ich auf ein Dorf von mehreren hundert Einwohnern; häufig sah ich in meiner Sehweite im Umkreis Dutzende von Dörfern, durch die hohen Weiden und Eschen, welche ihren Hauptschmuck bilden, leicht erkennbar, von wirklichem Elend bekam ich nichts zu sehen. Und wenn in manchen Jahren der große Uebelthäter von China, der Hoangho, ungeheure Länderstrecken überschwemmt, wenn in verschiedenen Gebieten heftige Regengüsse oder anhaltende Dürre die Ernte vernichten, so ist dafür in anderen Gebieten der Ertrag der Ländereien an Weizen, Hirse, Bohnen, Reis und anderen Früchten so groß, daß der stellenweise entstehenden Hungersnot gesteuert werden könnte, wenn nur Transportwege vorhanden wären, um den Ueberfluß eines Gebietes nach dem notleidenden anderen schaffen zu können. Aber diese Transportmittel sind der Hauptsache nach Schubkarren, welche von Kulis gelenkt werden. All die zahlreichen Produkte der ungemein fruchtbaren und dichtbevölkerten Provinz, Kohle, Eisen, Lebensmittel, Seide, Wolle, Stoffe, Glas- und Töpferwaren, werden auf Schubkarren verfrachtet, und selbst der Passagierverkehr bedient sich hauptsächlich dieser primitiven Fuhrwerke.

Merkwürdigerweise bedienen sich die Schubkarrenkulis um Schantung zur Beförderung ihres Fahrzeugs auch der Segel. Vor dem Karren stecken zu beiden Seiten des Rades mannshohe Segelstangen, und zwischen diesen hissen die Kulis bei günstigem Winde blaue oder graue Segel. Unter diesen Umständen spricht es ungemein für den natürlichen Reichtum der Provinz, sowie für den Fleiß, die Nüchternheit und Sparsamkeit ihrer Bewohner, daß so viele Millionen ihr Auskommen finden können und daß in einer Reihe von Städten so große Wohlhabenheit herrscht. In Weihsien, Tsingtschoufu, Tsinanfu, Tsinin und anderen Städten giebt es eine ganze Anzahl von Millionären, ja die Hauptstadt der Provinz dürfte zu den reichsten Städten Chinas gezählt werden können. Freilich bekommt nur der aufmerksame Reisende davon etwas zu sehen, denn ebensowenig wie in anderen Provinzen besitzen auch die Städte Schantungs irgend welche Paläste: die Reichen verbergen ihre Wohnungen, ihre Wohlhabenheit hinter hohen Mauern, und die einzigen ansehnlichen Bauten, die man zu sehen bekommt, sind vor allem die mächtigen, von kuriosen Türmchen und Pagoden gekrönten Ringmauern, welche alle Städte und auch zahlreiche Marktflecken umgeben, sowie die vielen, Buddha oder Confucius geweihten Tempel, die sich gewöhnlich inmitten schattiger Cedern- und Fichtenhaine erheben. Sie bilden die einzigen Sehenswürdigkeiten nach unseren Begriffen, denn Monumente, Museen, Theater, große Fabrikanlagen und dergleichen gibt es in Schantung ebensowenig wie in dem ganzen übrigen China. Die Theater werden von den im Lande umherziehenden Wandertruppen jedesmal auf Marktplätzen oder in Tempelhöfen eigens aus Bambusrohren errichtet und nach Beendigung ihres „Gastspiels” wieder abgebrochen. Fabriken giebt es nicht; alles, sogar die Kohlenminen, Glasbläsereien und Töpfereien der großen Industriestadt Poschan sind gewissermaßen Hausindustrie, und die einzigen Dampfmaschinen der ganzen an fünfunddreißig Millionen Einwohner zählenden Provinz befinden sich in dem Arsenal von Tsinanfu.

Für den Mangel an sogenannten Sehenswürdigkeiten wurde ich aber durch das Leben und Treiben der Bewohner in den Städten wie auf dem Lande mehr als entschädigt, denn die Provinz hat noch keine Beziehungen zu der Außenwelt, alles hat sich in malerischer Ursprünglichkeit erhalten, und deshalb war für mich jede Stadt, jedes Dorf eine Art Museum. Weihsien mit seinen großen Märkten, Tsingtschoufu mit den herrlichen Buddhatempeln und interessanten mohammedanischen Moscheen, Lintschi mit seinen mehrtausendjährigen Altertümern, das industriereiche Poschan, dann Tschangschan, Tschangkin und vor allem die gegen vierhunderttausend Einwohner zählende Hauptstadt boten mir eine Reihe von Bildern, wie sie sich dem Reisenden in China selten zeigen. Dazu reiste ich in der schönsten Jahreszeit, im Frühling, und das Klima ist jenem von Mitteleuropa ähnlich, wenn auch die Sommer heißer und an den Küsten viel feuchter sind als bei uns. Die Chinesen sind große Freunde der Natur, sie haben sich für die Anlage ihrer Städte die malerischsten Punkte ausgesucht, und auch die grüne Landschaft besitzt hier großen Reiz; fehlen auch in ganz Schantung die Wälder, so sind doch alle Ortschaften von großen Obstgärten umgeben, und in den Feldern erheben sich überall dunkle Cypressen- und Cedernhaine, in deren Schatten unter mannshohen Erdhügeln die Toten ruhen auf ewig, denn nur in den seltensten Fällen rührt der Chinese an den Gräbern seiner Vorfahren. Schantung besitzt aber auch Königsgräber in der Gestalt hoher Pyramiden, von deren Vorhandensein man im Abendlande bisher nichts wußte. Jenseits von Putang, westlich von Tsingtschoufu ragen sie aus dem grünen Meer der wallenden Felder empor, noch mysteriöser als jene des Landes der Pharaonen. Obschon die Zeit viel von der ganzen Anlage verwischt hat, konnte ich doch erkennen, daß dieser Friedhof einer Königsdynastie einst großartig gewesen sein muß, großartiger vielleicht als jene der Ming, die ich bei Peking und bei Nanking gesehen habe. Der ganze Komplex umfaßt etwa einen Quadratkilometer und ist durchschnittlich drei bis vier Meter über die Ebene erhaben. Nach den aus großen Quadern aufgeführten, stellenweise noch erhaltenen Umfassungsmauern und der ganzen Terrainbildung zu urteilen, muß dieses ausgedehnte Plateau künstlich aufgeführt worden sein, eine übermenschliche Arbeit. Fünf große und mehrere kleine Pyramiden liegen nördlich des Weges, sechs große südlich desselben. Die Höhe der großen Pyramiden, vom Plateau aus gerechnet, schwankt zwischen vierzig und sechzig Meter; die höchsten sind jene, die sich von dem Dorfe in südwestlicher Richtung in einer Reihe gegen einen hohen Kalkfelsen hinziehen, auf dessen Spitze sich eine Anzahl Tempel, Opferhallen und Steindenkmäler erheben.

Wie alle Gräber in Schantung, so sind auch diese Königsgräber nur aus Erde aufgeführt, und es wundert mich nur, daß die Form ihrer Terrassen und Stufen so gut erhalten ist. Selbst die Wände sind glatt und vom Regen nur wenig angegriffen. Dort wo dies der Fall ist, stellte sich die Anfüllung als ein Gemenge von Lehm und Schutt mit zahlreichen Scherben dar. Die Wände jedoch bestehen aus festgeknetetem und gestampftem Lehm. Jede Pyramide hat eine breite Stufenterrasse von zweihundert bis vierhundert Schritt Umfang und zwanzig bis dreißig Meter Höhe, und auf dem Plateau dieses massigen Unterbaues erhebt sich, umgeben von steinernen Inschriftstafeln, eine kleinere Stufenpyramide. Die nördlichste Pyramide besitzt keine derartige Terrasse, sondern steigt vom Boden in fünf mächtigen, gleichmäßigen Stufen empor, so daß sie mich in ihrem ganzen Aussehen lebhaft an die berühmte Stufenpyramide von Sakkara erinnerte. Leider ist es unmöglich, Näheres über das Alter und die Bestimmung dieser Pyramiden zu erfahren, denn der erste Kaiser der Tsindynastie, dieser Napoleon Chinas, dem es gelungen war, all die Fürstentümer und Königreiche zu unterwerfen und unter sein Scepter zu bringen, ließ auch alle Geschichtswerke und Archive der verschiedenen kleinen Dynastien verbrennen.

Der interessanteste Teil von Schantung ist jedoch das Bergland südlich von Tsinanfu; nach all den offiziellen Besuchen, Mahlzeiten und gesellschaftlichen Zerstreuungen chinesischer Art, wie sie der Aufenthalt in der von vielen Mandarinen bewohnten Provinzhauptstadt mit sich brachte, war ich froh, wieder mit meiner Karawane hinauszuziehen in die Natur, um das heilige Land von China kennen zu lernen. Ein Ritt von anderthalb Tagen brachte mich nach dem Mekka von China, nach der viertausend Jahre alten Stadt Taingan. Schon aus weiter Ferne sah ich das Wahrzeichen des heiligen Landes, den mächtigen, beinahe zweitausend Meter hohen Taishan in die Wolken ragen. Mit Spannung ritt ich durch das Thor der hohen Stadtmauer in Taingan ein, denn hier mußte ich doch endlich Altertümer, Denkmäler aus der längst vergangenen großen Zeit Chinas finden, die ich auf meinen bisherigen Reisen in diesem ältesten Kulturlande des Erdballes vergeblich gesucht hatte. Die tausendjährigen Städte besitzen keine Burgen, alte Mauern, malerische Ruinen, wie sie sich in allen Ländern des Abendlandes darbieten, nun war ich in einer der ältesten Städte der Erde, die aus der Zeit der ägyptischen Pyramidenbauer stammt. Aber auch hier wurde ich grausam enttäuscht. Ruinen sah ich wohl, Ruinen von großen Vorstädten und ganzen Stadtvierteln, doch stammen sie nicht aus alten Zeiten, sondern sind die traurigen Ueberreste, welche die wütenden Rebellen aus dem Taipingkriege hier zurückgelassen haben. Dieser Krieg aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts war vielleicht der größte, blutigste, grausamste aller Zeiten, denn ganze Provinzen von der Ausdehnung europäischer Reiche wurden verwüstet, zwanzig Millionen Menschen getötet. An wenigen Stellen wütete er so furchtbar wie hier, denn siebenmal drangen die Rebellen im Laufe der Kriegsjahre in Taingan ein, plünderten und zerstörten, was sie konnten, und das heutige Taingan ist nicht viel besser, nicht interessanter als irgend eine andere Stadt der Provinz. Nur der große Taishantempel, der mit seinem von tausendjährigen Cedern und Cypressen erfüllten Park fast die ganze nördliche Hälfte der Stadt einnimmt, ist von den Taiping verschont geblieben. Dieser Tempel ist das Ziel von vielen Tausenden von Pilgern, die in jedem Jahre aus allen Teilen des chinesischen Reiches hier zusammenströmen, um der „heiligen Mutter des Taishan” zu opfern und ihren Segen zu erflehen. Als ich, begleitet von einigen Soldaten, den Tempelpark betrat, waren gerade an die zehntausend Pilger hier versammelt, von denen die Mehrzahl noch niemals einen Europäer gesehen haben mochte. Natürlicherweise war ich bald von Neugierigen umringt, und als ich gar mit Hilfe meines Photographen den Apparat aufstellte, um die großen Tempelbauten, die uralten Denkmäler und die Menschenmenge selbst aufzunehmen, schienen die abergläubigen Zopfträger zu fürchten, ich wolle sie verzaubern. Ein derartiges dreibeiniges Ding mit glänzenden Metall- und Glasplatten hatten sie ja in ihrem Leben noch nicht gesehen. Bald begann es Steine auf mich zu hageln, und einige Mutige machten Miene, auf mich loszuschlagen. Da erhob ich erzürnt meinen Stock, und in demselben Augenblicke zerstob die Menge vor mir. Meine Soldaten griffen nun ihrerseits ein und trieben die Tausende wie eine Herde Schafe vor sich her, den Ausgängen zu. Binnen wenigen Minuten war der Platz gesäubert, die Thore wurden geschlossen, und ich konnte unbeirrt meine Aufnahmen machen.

Der Taishantempel von Taingan gehört zu den größten Tempeln von ganz Ostasien; der Provinzgouverneur hatte dem Mandarin von Taingan den Befehl zukommen lassen, den sonst nur einmal im Jahre geöffneten Tempel für mich aufschließen zu lassen, und ich war wohl der erste Europäer, der Gelegenheit hatte, ihn in allen seinen Teilen zu besichtigen und Aufnahmen zu machen. Mehr als die auf einem Thron sitzende, kunstvoll geschnitzte und vergoldete Figur der heiligen Mutter bewunderte ich die herrlichen Malereien, welche die Tempelwände bedecken und die, aus dem siebzehnten Jahrhundert stammend, wohl zu dem Schönsten gehören, was die chinesische Kunst hervorgebracht hat. In einer Reihe von Wandgemälden ist hier die Besteigung des Taishan durch den ersten Kaiser der gegenwärtigen Dynastie dargestellt, und in Bezug auf Farbenreichtum, Perspektive, Gruppierung der zahlreichen Figuren habe ich auch in Japan nichts Schöneres gesehen.

Nachdem die Pilger der heiligen Mutter im Taishantempel geopfert haben, unternehmen sie gewöhnlich zu Fuß den Aufstieg auf den gewaltigen Granitberg, dessen Gipfel, etwa fünfundzwanzig Kilometer von Taingan entfernt, der höchste des ganzen Berglandes von Schantung ist. Am zweiten Morgen nach meinem Eintreffen in Taingan zog auch ich, begleitet von meinem Photographen, durch das Nordthor der Stadt, um die sechstausend Stufen, welche von dem ersten Drittel der Höhe zum Gipfel führen, emporzuklettern; und mittags stand ich mitten zwischen den zahlreichen großen Tempeln, welche das oberste Plateau des heiligen Berges krönen. Meinen Leuten die photographischen Aufnahmen überlassend, pilgerte ich zwischen kostbaren Bronzedenkmälern und ungeheuren Steintafeln, welche verschiedene Kaiser hier gestiftet haben, zu dem heiligsten der Tempel, jenem der heiligen Mutter: sie thront auf einem rotlackierten Holzaltar, in kostbare, mit herrlichen Stickereien geschmückte Seidengewänder gehüllt; vor ihr aber ist der Boden des weiten Tempelraumes meterhoch mit Münzen bedeckt, den Opfergaben der Pilger. Auch Silberstücke von verschiedener Größe liegen zwischen den Millionen von Kupfermünzen, die in jedem Jahr einmal von einem Abgesandten des Provinzgouverneurs hinausgeschafft werden. Den größten Teil der zusammen immerhin mehrere hunderttausend Mark betragenden Gaben erhält die Kaiserinmutter in Peking, ein zweiter Teil fließt in die Taschen des Mandarins, den Rest erhalten die Mönche der zahlreichen Klöster, welche sich auf dem Taishan befinden.

Zwei Tagereisen südlich von Taingan liegt das berühmte Kiufu, die Vaterstadt von Confucius, und auch hier war es mir vergönnt, als der erste Europäer den stets verschlossenen Tempel des Heiligen zu betreten. Dank meiner Empfehlungen sandte der Herzog Confucius, der direkte Nachkomme des großen Religionsstifters in der sechsundsiebzigsten Generation, seine Kammerherren und fünfzig Mann seiner grotesk uniformierten Leibgarde, um mich zu empfangen und in den Tempel zu geleiten, der wie jener von Taingan in einem großen Park mit mehrtausendjährigen Bäumen gelegen ist, den Taingantempel jedoch an Größe und Pracht weitaus übertrifft. Ich habe auch in Peking, ja selbst an den heiligen Stätten des Jyeyasu in Japan nichts Schöneres gesehen. Die Denkmäler, Ehrenpforten, Nebengebäude, Pavillons und Kioske strotzen von kunstvollen Holzschnitzereien, Skulpturen und Vergoldungen, am schönsten aber präsentiert sich der ungeheure Tempel selbst in seiner erhabenen Einfachheit. Er erhebt sich auf einer weiten, von Balustraden aus weißem Marmor umschlossenen Terrasse, die etwa mannshoch über dem Parkgrund gelegen ist. Zahlreiche weiße Marmorsäulen, Monolithen, mit köstlichen Skulpturen bedeckt, stehen vor der etwa achtzig Meter langen Fassade und tragen die Architraven des ungeheuren zweistöckigen Daches, das ganz mit Porzellanziegeln von gelber Farbe, der Farbe des Kaisers, eingedeckt ist. Der ganze Tempel besitzt kein Fenster, und in dem weiten inneren Raume ist es so dunkel, daß eine photographische Aufnahme unmöglich war. Mächtige viereckige Säulen tragen das Dach; an den Wänden hängen mehrere Meter lange, mit breiten geschnitzten Goldrahmen umfaßte Inschriftstafeln, Widmungen der Kaiser verschiedener Dynastien. In der Mitte des Raumes erhebt sich eine Art Heiligenschrein aus rotlackiertem Holz mit vergoldeten Skulpturen, und in diesem Schrein sah ich die überlebensgroße Statue des Confucius mit seiner Ahnentafel davor, nach dem Glauben der Chinesen der Sitz seines Geistes. Eine Reihe von Opfertischen vor diesem Schrein tragen zahlreiche Bronzegefäße, Urnen, Behälter für Räucherkerzen, Statuen und dergleichen, Geschenke verschiedener Kaiser während der letzten zweitausend Jahre. Manche dieser uralten Gefäße stammen aus dem persönlichen Besitz des alten Confucius, eine Reihe von seinen Manuskripten und Gegenständen des täglichen Gebrauchs aber sind in der Familie von Vater auf Sohn durch die Jahrtausende bis heute erhalten geblieben und befinden sich in dem Palast des gegenwärtigen Herzogs. Das Wohnhaus des Confucius ist verschwunden, aber eine Ceder, die er selbst gepflanzt hat, steht heute noch in dem Tempelpark.

Auch Vater und Mutter des Confucius, sowie seinen Söhnen, Enkeln und Aposteln sind in diesem Parke eigene Tempel geweiht, umgeben von steinernen oder bronzenen Gedenktafeln verschiedener Kaiser. Das Grab des Religionsstifters befindet sich etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt. Eine Avenue, von tausendjährigen Baumriesen besetzt, führt hinaus zu dieser Stätte, wo, umgeben von etwa zwanzigtausend Gräbern seiner Nachkommen, der Heilige ruht. Ein Erdhügel von etwa zwölf Meter Höhe bedeckt seine sterbliche Hülle, und davor steht ein einfacher Grabstein mit seinem Namen. Auch seine nächsten Nachkommen sind hier begraben, und in jedem Jahre versammeln sich die heutigen Träger des Namens Confucius, oder vielmehr Kung-tse, wie er im Chinesischen heißt, um in einer eignen Opferhalle dem großen Toten zu opfern. Dasselbe geschieht auch in dem Confuciustempel der Vaterstadt Kiufu unter Verbrennung von Opfern, Zeremonientänzen und Mahlzeiten, bei denen dem Geiste des Verstorbenen von dem jetzigen Herzog Speisen und Getränke vorgesetzt werden. Wohl zwei Drittel der etwa 18000 Einwohner zählenden Stadt sind Nachkommen des Confucius und führen seinen Namen; die Begräbnisstätte außerhalb der Stadtmauer ist seit 2400 Jahren benutzt worden, und wie damals, so lassen sich auch heute noch alle Angehörigen des Stammes Confucius hier beerdigen, selbst wenn sie tausend Kilometer weit von Kiufu das Zeitliche gesegnet haben sollten. Wenn immer die Mittel vorhanden sind, werden ihre Leichen hierher transportiert.

Merkwürdigerweise ist Kiufu, dieses Jerusalem von China, kein Wallfahrtsort wie Taingan; nur selten kommen fromme Confucianer hierher, und noch weniger wird das etwa vierzig Kilometer weiter südlich gelegene Tsiuhsien besucht, die Geburtsstadt des größten Apostels der Confuciuslehre, Mencius. Ich fand Tsiuhsien noch ärmlicher und verfallener als Kiufu; bei meinem Einzug lief die ganze zerlumpte Bevölkerung hinter mir her, und es herrschte in der Stadt große Aufregung, so daß mir und meinen Begleitern von seiten des Mandarins nahegelegt wurde, möglichst bald weiterzureisen. Der Ahnentempel und die Grabstätte des Mencius ähneln jenen seines großen Lehrmeisters, nur sind sie kleiner, einfacher, und während die Tempel des Confucius vorzüglich erhalten sind, gehen jene des Mencius dem Verfall entgegen. Die direkten Nachkommen des Mung-tse, dies ist sein chinesischer Name, kümmern sich wenig darum. Die ganze Familie ist verlottert, und ihr Haupt verdient keineswegs die in der Familie erbliche Würde eines Mitglieds der berühmten Pekinger Hanlin-Akademie.

Von Tsiuhsien nahm ich den Weg in westlicher Richtung nach der Gelehrtenstadt Yentschoufu, dem Sitz des kommandierenden Generals von Schantung und einer der schönsten Städte der Provinz. Bischof Anzer, der Leiter der deutschen katholischen Mission von Südschantung, die in Tsining am Kaiserkanal ihren Hauptsitz hat, ließ hier eine Zweigmission einrichten. Wie in Tsining, in Tsautschoufu und anderen Orten, wo die Missionare ihre Thätigkeit entfalten, waren sie auch hier bis zum letzten Jahre unaufhörlichen Verfolgungen ausgesetzt, die bekanntlich in der Ermordung der beiden Missionare Nieß und Henle ihren Höhepunkt fanden. Wie das heilige Grab des Confucius, so besuchte ich auch von Tsining aus die Gräber der beiden Märtyrer, die vorläufig, bis hinreichend freiwillige Beiträge zur Errichtung würdiger Denkmäler einlaufen, auch nur Erdhügel nach chinesischer Art sind. Für die Deutschen besitzen diese Gräber ungleich höhere Wichtigkeit als jene der chinesischen Heiligen, denn die, welche unter diesen Erdhügeln ruhen, waren die direkte Ursache, daß Deutschland sich heute einen Hafen in China und, was mehr ist, den Handel einer großen Provinz gesichert hat, der mit der Zeit viele Millionen eintragen wird. Des bin ich heute, nachdem ich das ganze Gebiet durchwandert, gewiß.

In einigen Jahren werden deutsche Eisenbahnen durch die bisher fast unbekannten Gegenden führen und sie dem deutschen Handel, der deutschen Kultur eröffnen zum Segen ihrer selbst und zum Nutzen ihrer Erschließer.

[2] Näheres über Schantung und seine Merkwürdigkeiten, über die Stromgebiete des Hoangho und Kaiserkanals, sowie über die Provinz Petschili in Hesse-Wartegg, Schantung und Deutsch-China, Leipzig, J. J. Weber. Preis 14 Mark.

Der Kaiserkanal.

Der große Wasserweg, welcher von Süd nach Nord quer durch das chinesische Reich führend, die südlichen Provinzen desselben mit Tientsin und Peking verbindet, ist trotz seines gegenwärtigen Verfalls immer noch eine der wichtigsten Verkehrsstraßen des Kontinents, ja, man könnte ruhig behaupten, nächst dem Jangtsekiang und der transsibirischen Eisenbahn die wichtigste. Auf den wenigsten Wasserstraßen des Erdballs dürften sich so viele Schiffe befinden wie auf dem Kaiserkanal. Nach Zehntausenden zählen die Fahrzeuge, welche das durchschnittlich etwa fünfzig Meter breite Bett des Kanals auf seinem über siebzehnhundert Kilometer langen Laufe von Hangtschau bis Tungtschau (bei Peking) bedecken. Gelegentlich meines Besuches von Tschinkiang und Yangtschau, am Ausgangspunkte des Kanals und des Jangtsekiang, sah ich selbst viele Tausende von Frachtbooten, welche auf einer Strecke von vielleicht zwanzig Kilometer mit nur geringen Unterbrechungen dicht aufeinander folgten und manchmal kilometerlange Ketten bildeten. Noch immer wird der Tributreis auf dem Kanal nach Peking befördert, noch immer herrscht auf dieser Wasserstraße ein ungeheurer Warenverkehr, und hat dieser in den siebziger Jahren vielleicht eine Verminderung erfahren, so ist er seit den letzten drei bis vier Jahren entschieden wieder im Steigen begriffen und wird vielleicht in ebensovielen Jahren denselben Verkehr aufweisen wie zuvor.

Der Anblick, den diese vielen Tausende bei den Schleusen von Tschinkiang zusammengedrängten Fahrzeuge darboten, wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben. Der ganze breite Kanal war von einem Ufer zum andern mit ihnen buchstäblich bedeckt, überhöht von einem Wald von buntbewimpelten Masten, zwischen denen sich hier und da die Flaggen der Mandarinboote und Kriegsfahrzeuge zeigten. Jedes Fahrzeug war von einer Unzahl Menschen bewohnt, welche die vier bis fünf Monate dauernde Fahrt nach Peking und die ebensolange Rückfahrt nach dem Süden des Reiches mitmachten. Jedes der schwerbeladenen Boote besaß auf dem Bug zwei Anker mit je vier Armen und zwischen den über den Stern des Bootes hinausragenden Seitenwänden ein Steuerruder, das je nach der verschiedenen Wassertiefe im Kanal gehoben und gesenkt werden kann. An den Seiten der Boote befanden sich buntbemalte Leeboards (Schwertbretter), welche die Chinesen ähnlich wie die Holländer zur Sicherung der Fahrt bei seitlichen Winden herablassen. Viele Boote waren mit grotesken Fratzen und Ornamenten bemalt, der Bug zeigte sehr hübsche Schnitzereien, und hinter denselben zwei riesige gemalte Fischaugen, denn die Chinesen meinen, daß auch die Boote solcher Augen bedürfen, um ihren richtigen Weg finden zu können. Die Mehrzahl der Boote hatten eine Ladung von 200 bis 400 Pikul (12000 bis 24000 Kilogramm) Reis, außerdem aber noch verschiedene andere Waren, denn die Frachten der Boote, welche den kaiserlichen Tributreis nach Peking bringen, sind von allen Zöllen und Abgaben während der ganzen Reise befreit. Der Besitzer jedes Bootes erhält überdies von der kaiserlichen Regierung eine Vergütung von 800 Cash (etwa 2 Mark) für den Transport jedes Pikul Reis, im ganzen also 400 bis 800 Mark für die acht- bis zehnmonatliche Reise, und von dieser Summe muß er die Löhne und den Unterhalt seiner Leute, den Transport durch die vielen Schleusen und alle sonstigen Ausgaben bestreiten. Die Summe ist nicht so gering, wenn man die Lebensverhältnisse in China in Betracht zieht. Ich fand in den beiden genannten Kanalstädten Hunderte von Privatbooten verschiedener Größe, manche recht bequem eingerichtet, welche mir von den Eigentümern für etwa zwei Mark fünfzig Pfennig für den Tag angeboten wurden, und von dieser Summe bestreitet der Lao-pan (Kapitän) sämtliche Ausgaben, sogar die Nahrung des Passagiers. Auch zahlreiche Omnibusboote verkehren auf dem Kanal, und die Reisekosten betragen einen Cash, d. h. etwa einen viertel Pfennig pro Li (575 Meter). Das Reisen in China ist ungemein billig. Will man statt der langsamen, einförmigen, durch Aufenthalte an den Schleusen und in den Städten unterbrochenen Kanalfahrt lieber auf dem Landwege von Tschinkiang nach Peking reisen, was je nach der Jahreszeit zwei bis drei Wochen Zeit erfordert, so kostet ein zweiräderiger Karren, mit zwei Maultieren bespannt, etwa fünfunddreißig Taels (d. h. neunzig bis hundert Mark). Dafür werden dem Reisenden auf dem über tausend Kilometer langen Wege auch noch luxuriöse Mahlzeiten, sogenannte San-su-san-hoen, geliefert, deren jede aus sechs Gängen besteht.

Viel schneller kommen auf dem großen Kanal freilich die Mandarinboote vorwärts, denn diesen müssen die gewöhnlichen Frachtboote Platz machen, und sie werden auch zur Nachtzeit durch Schleusen gelassen, was bei den gewöhnlichen Booten nicht gestattet ist. Die Boote der höheren Mandarine, vom Taotai aufwärts, dürfen sogar von Dampfschaluppen gezogen werden. Diese Mandarinboote sind wahre schwimmende Paläste, wenigstens nach chinesischen Begriffen, mit schönen Schnitzereien, Vergoldungen, Wimpeln, Flaggen, Ehrenschildern und dergleichen geschmückt und auch im Innern sehr bequem eingerichtet. Zu ihrer Sicherheit werden sie zuweilen auch noch von Kanonenbooten begleitet, deren es auf dem Kanal und den von ihm durchschnittenen Seen des Schmuggels und Piratenwesens wegen zahlreiche giebt. Durch ihre Wachsamkeit ist das Reisen auf dem Kanal ziemlich sicher. Uebernachtet man auf einem, längs der Kanalufer verankerten Boote, so sind bald eigene Wächter, sogenannte Ta-keng zur Stelle, welche für wenige Sapeken die Nachtwache auf dem Verdeck übernehmen und alle halbe Stunden durch heftige Gongschläge ihre Wachsamkeit anzeigen. Bei Tag aber ist der Kanal viel zu belebt, als daß Piraten einen Angriff wagen würden.

Woher der große Kanal den in europäischen Werken gewöhnlich gebrauchten Namen „Kaiserkanal” bekommen hat, ist nicht recht erklärlich. In China ist dieser Name unbekannt. Dort heißt er Yun-ho, d. h. „Fluß für Transporte” oder Yun-liang-ho, d. h. „Fluß für Tributtransporte”. Dabei ist der Name „Fluß” viel richtiger als Kanal, denn der Yun-ho ist kein Kanal im europäischen Sinne. Er wurde auch nicht von einem Ingenieur entworfen und ausgeführt, sondern ist das Werk mehrerer Dynastien, welche Jahrhunderte lang daran arbeiten ließen, bis er seine heutige Gestalt angenommen hat. In dem letzten Jahrhundert diente er hauptsächlich für den Transport des Reistributes, welchen die südlichen Provinzen zu liefern haben. In dem kaiserlichen Jahrbuch fand ich, daß der Kiangnan jährlich einen Tribut von 1430000 Pikul (90000 Tonnen) Reis nach Peking abführen muß, wozu vier- bis fünftausend Boote, in 65 Flottillen geteilt, erforderlich sind. Tschekiang hat 670000 Pikul, Kiangsi 800000, Honan 220000, Schantung 350000 Pikul Reis zu liefern. Aber diese ungeheuren Massen werden in Wirklichkeit fast niemals aufgebracht. Eine Million Pikul im ganzen genommen, dürfte der Wahrheit näher liegen, immerhin eine Menge, für deren Transport vier- bis fünftausend Boote erforderlich sind.

Der Yun-ho ist selbst auf kleineren Landkarten Chinas durch eine lange Linie bezeichnet, welche von Hangtschau in der Provinz Tschekiang ausgehend, in hauptsächlich nördlicher Richtung den Jangtsekiang und Hoangho überschreitend, nach Tientsin beziehentlich Peking führt. Bei seiner Anlage wurden in geschickter Weise alte Flußläufe, Seen, Thalniederungen benutzt, was wohl die augenblickliche Arbeit erleichterte, den Kanal dafür aber den Ueberschwemmungen durch die ungeheuren Ströme, welche er durchkreuzt, aussetzt. Noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts wurde er durch die Gewässer des Jangtsekiang gespeist, und die Strömung war gegen Norden gerichtet; seitdem aber der furchtbare Hoangho in den fünfziger Jahren seinen alten südöstlichen Lauf aufgab, und statt seine Schlammfluten dem Gelben Meer zuzuführen, dieselben durch ein neu gegrabenes Bett in den Golf von Petschili münden ließ, haben sich auch die Verhältnisse im Transportkanal gründlich verändert. Die jährlichen Ueberschwemmungen des nahezu 4500 Kilometer langen, ungemein wasserreichen Hoangho lassen auf dem ausgedehnten Inundationsgebiet erhebliche Schichten von Schlamm und Erde zurück, und auch das Flußbett wird durch diese Ablagerungen so beträchtlich erhöht, daß die Uferbewohner ihre Ortschaften und Felder nur durch die entsprechende fortwährende Erhöhung der Uferdämme schützen können. Neben diesen Ablagerungen fand, nach den Angaben von M. Bickmore im Journal der asiatischen Gesellschaft, auch eine allmähliche Hebung der westlich von der Halbinsel Schantung gelegenen Länderstriche von innen heraus statt, und diese Umstände brachten naturgemäß beträchtliche Veränderungen in dem Flußsystem zwischen Hoangho und Jangtsekiang mit sich.

Heute ist es nicht mehr der letztere, welcher den Transportkanal speist, und die Strömung in demselben ist auch nicht mehr nach Norden gerichtet, sondern der Kanal erhält sein Speisewasser aus dem großen, den Hungtsesee durchfließenden Hoaiho; ja, der Kanal bildet gewissermaßen die Fortsetzung dieses Flusses und führt seine Wassermassen in nördlicher und südlicher Richtung ab. Nun ist der Wasserstand in dem Hoaiho und damit auch in dem ausgedehnten Hungtsesee sehr heftigen und plötzlichen Schwankungen unterworfen, für welche das durch hohe steinerne Uferdämme eingefaßte Kanalbett nicht ausreicht. Das Gebiet westlich des Kanals, eine weite, wasserreiche Ebene, liegt höher als das Kanalbett, das Gebiet östlich desselben bis zur Meeresküste liegt tiefer als das Kanalbett. Der östliche Kanaldamm ragt etwa sechs bis acht Meter über diesen, Hiaho genannten Landstrich empor, der nichts weiter als ein ungeheurer Polder von der Ausdehnung des Königreichs Holland ist. Wie dort, mußte auch das Hiahogebiet gegen die Meeresfluten durch Dämme geschützt werden; wie dort, wird es von zahlreichen Speise- und Abzugskanälen durchzogen und bildet eines der ertragreichsten Reisgebiete nicht nur Chinas, sondern vielleicht von ganz Asien. Noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts befand sich hier die Mündung des Hoangho, und das ausgedehnte Tiefland war alljährlich schrecklichen Ueberschwemmungen ausgesetzt. Seither hat er sich nach Norden gewendet, und die Bewohner sind herzlich froh, daß sie den unangenehmen Gesellen losgeworden sind. Allein sie wären aus dem Regen in die Traufe gekommen, wenn die Kanalbehörden nicht recht sinnreiche Einrichtungen getroffen hätten, um das Hiahotiefland gegen die Wassermassen des Hoaiho zu schützen und die letzteren für die Reiskulturen des Tieflandes dienstbar zu machen. Sie legten dazu an verschiedenen Stellen in dem östlichen Kanaldamm Abzugsschleusen verschiedener Art und Größe an, deren kleinste Art Tong genannt wird. Diese Tong sind Oeffnungen von einem Meter ins Geviert, welche in entsprechender Höhe durch den östlichen Kanaldamm führen, um das Ueberschußwasser des Kanals in die Speisekanäle des Hiaholandes abzulassen. Sie bleiben stets geöffnet.

An gewissen Stellen zwischen den Tong sind größere Schleusen, sogenannte Tscha, im östlichen Uferdamme angebracht. Die Wände dieser bis nahe an den Kanalboden reichenden Oeffnungen sind mit Steinen und Zement bekleidet und besitzen vertikale Coulissen, welche zur Aufnahme schwerer Holzbalken dienen, die horizontal aufeinandergelegt werden. Reichen die Tong nicht aus, um das überschüssige Kanalwasser abzuleiten, so werden je nach der Menge desselben ein, zwei oder mehr dieser horizontalen Balken aus den Tscha genommen, und das Ueberschußwasser ergießt sich in brausendem Falle in die Abzugskanäle, welche durch das Hiahotiefland nach dem Gelben Meere führen. Im Mai und Juni, wenn der aus den Bergen von Honan kommende Hoaiho durch die schmelzenden Eis- und Schneemassen erheblich geschwollen ist, reichen die Tong und Tschas nicht mehr aus, um das im Kanal sich sammelnde Ueberschußwasser abzuführen, und dann liegt die Gefahr nahe, daß selbst der Kanaldamm durchbrochen und damit der ganze Kanal auf lange Strecken vernichtet wird. Um dies zu verhindern, haben die chinesischen Ingenieure an gewissen Stellen des östlichen Kanaldammes sogenannte Pa angelegt. Dazu wurde auf Strecken von achtzig bis hundertzwanzig Meter Länge der östliche Kanaldamm bis nahe an den Boden durchschnitten und durch einen leichten Aufbau aus kleinen Steinen, mit Erde vermischt, ersetzt, der durch Reisigfaschinen zusammengehalten wird. Steigt das Wasser im Kanal durch die Anschwellungen des Hoaiho in gefahrdrohender Weise, so werden in diesen Pa nur ein oder zwei mittlere Reisigfaschinen entfernt; das Wasser bricht sich nun leicht eine Bahn durch die so entstandene Oeffnung und erweitert sie durch seine eigene Kraft. Ist das Ueberschußwasser durch die Abzugskanäle des Hiaholandes abgelaufen, so werden die Pa erneuert, und der Kanal ist wieder hergestellt.

Verkehrsunterbrechungen finden im Kanal besonders im Norden recht häufig statt. In manchen trockenen Sommern sinkt der Wasserspiegel für einige Wochen, so daß auf kilometerlange Strecken die Wassertiefe nur zwei bis drei Fuß beträgt und viele Boote stecken bleiben. In kalten Wintern friert der Kanal zuweilen auch für ein bis zwei Wochen zu, im Winter 1893 war er sogar drei Wochen lang durch eine dicke Eisdecke geschlossen; aber im Frühjahr und Herbst kann man im Kanal kilometerlange Reihen von Frachtbooten sehen, die mit langen Seilen durch die Bootsmannschaften langsam vorwärts gezogen werden. Männer, Frauen, Kinder, alles hilft ziehen, von Tagesanbruch bis gegen neun Uhr abends, und die Wege auf beiden Kanaldämmen zeigen zuweilen ununterbrochene Reihen von im Gänsemarsch hintereinander einherzottelnden Chinesen. Liegen an den Kanalufern Boote vor Anker, über welche das Zugseil der hohen Maste wegen nicht gezogen werden kann, so springt die ganze Gesellschaft an Bord und rudert die Boote vorwärts, bis die Bahn wieder frei ist. Dasselbe findet auch auf einer mehrere Kilometer langen Strecke im Tschao-pe-ten statt, in welchem die Kanaldämme unterbrochen sind. Bei günstigen Winden werden die Segel aufgezogen, und die Bootsmannschaften können ruhen.

Die schwerste Arbeit auf der einförmigen langen Reise durch den Kanal erfordert das Passieren der Schleusen, deren es Dutzende giebt. In der Provinz Kiangsu allein sind deren vier, aber nicht Schleusen nach europäischer Art, sondern das Passieren von einem Niveau zum andern erfolgt auf steilen Rampen, über welche das durch Steinmauern eingezwängte Wasser herabschießt. Auf diesen Mauern zu beiden Seiten der Rampen sind hölzerne Winden (Gangspille) nach Art der Pferdegöpel angebracht. Nähert sich ein Frachtboot einer Schleuse, so sind auch bald achtzig bis hundert Kulis zur Stelle, mit deren Führer der Besitzer des Bootes sich bezüglich des Preises einigen muß. Gewöhnlich beträgt er 1000 bis 2000 Cash. Dann wird das Boot an die Seile der Winden festgebunden, die Kulis stellen sich an die langen hölzernen Arme der Winden, und unter furchtbarem Schreien und Lärmen wird das Boot langsam die Rampe emporgezogen, bis es sich auf dem höhern Wasserspiegel befindet. Während dessen beten und opfern die Bootseigentümer den Kanalgöttern. Das Passieren von einem höhern Wasserspiegel zu einem tiefern geht leichter vor sich und kostet dementsprechend auch weniger.

Auch durch die zahlreichen Zollstationen werden die Boote, besonders jene der Missionare und Geschäftsreisenden, in ihrer Fahrt erheblich aufgehalten. Alle acht bis zehn Kilometer trifft man auf ein Zollamt, dessen Einnahmen entweder den kaiserlichen Kassen oder lokalen Mandarinen zufließen, und bei jedem Zollamt müssen sich die Boote die Untersuchung durch die Zollbeamten gefallen lassen. Nur die Boote des kaiserlichen Reistributs und jene der Mandarine dürfen die Zollämter ungehindert passieren, ja bei hohen Mandarinen müssen sich die Zollbeamten in ihre Staatskleider werfen und den Reisenden durch den Kautau ihre Ehrfurcht bezeigen.

Damit den lokalen Mandarinen ja keine Einnahmen entgehen, wird der Kanal bei mancher Zollstation zur Nachtzeit durch ein Holzgitter gesperrt und erst bei Tagesanbruch wieder geöffnet. Am großartigsten sind die Ansammlungen von Frachtbooten in Hangtschau am Südende und in Tungtschau am Nordende des Kanals, ferner in Tschinkiang und Tientsin. Man kann dort häufig viele Tausende von Booten versammelt sehen, die so dicht aneinander liegen, daß man den Kanal mitunter trockenen Fußes, von einem Boot auf das andere springend, übersetzen kann. Von verschiedenen chinesischen Transportgesellschaften wurden seit Jahren Versuche gemacht, die Erlaubnis zur Einführung von Schleppdampfern zu erlangen, die den Verkehr ungemein erleichtern würden. Allein sie scheiterten an dem Widerstand der Regierung, die vielleicht nicht so sehr den Neuerungen widerstrebt, als das Auswaschen und Zerfallen der Kanaldämme durch den heftigen Wellenschlag befürchtet. Die Instandhaltung des Kanals verschlingt in jedem Jahre ohnehin schon ungeheure Summen, und ihn für den Dampferverkehr einzurichten, dürfte bei den gegenwärtigen Verhältnissen eine Unmöglichkeit sein.

Obschon der Kaiserkanal den weitaus wichtigsten Verkehrsweg zwischen dem Süden und Norden Chinas bildet, ist er seltsamerweise von europäischen Reisenden nur streckenweise befahren worden, ja ich glaube nicht, daß einer von ihnen jemals den ganzen Weg von Hangtschou, dem südlichen Anfangspunkte des Kanals, und Peking, eine Strecke von über achtzehnhundert Kilometern, zurückgelegt hat.

Nachdem ich den südlichen Teil des Kaiserkanals auf früheren Reisen kennen gelernt hatte, bot sich mir im Jahre 1898 Gelegenheit, auch die nördliche, gegen fünfhundert Kilometer lange Strecke, zwischen der Nordgrenze Schantungs und Peking, zu bereisen. Auch hier könnte ich meine Vorgänger an den Fingern einer Hand abzählen, und wie mir der Kapitän meines Schiffes selbst mitteilte, war ich der erste Europäer, den er überhaupt gesehen, einzelne Missionare ausgenommen. Eine solche Reise ist keineswegs mit besonderen Annehmlichkeiten verknüpft. Schon beim Aufstehen von dem erbärmlichen Nachtlager auf der Dschunke beginnen die Schwierigkeiten mit dem Waschen. Wohl fuhr ich auf einem wasserreichen Kanal einher, aber sein Wasser ist womöglich noch ärger mit Erde und allerhand Unrat geschwängert als jenes des großen Hoangho, den ich kurz zuvor befahren hatte. Schwimmen doch auf seinem schmalen Bette zwischen Tschingkiang und Tientsin Hunderttausende von Booten, während des Sommers und Herbstes dürften über eine Million Menschen auf ihm wohnen, und der Kanal nimmt den ganzen Unrat auf. Der schlammige Kanalgrund wird durch die zum Vorwärtsstoßen der Boote benutzten Stangen fortwährend aufgerührt, so daß sich das Wasser im Glase vollständig undurchsichtig zeigt. Ich hätte es nicht mit dem Mikroskop untersuchen mögen. Und doch ist dieses Kanalwasser das einzig vorhandene im Umkreis von vielen Kilometern; die Landleute benutzen es zum Bewässern ihrer Felder, die Bewohner der vielen, längs des Kanals liegenden Städte und Dörfer zum Trinken, ja es soll nach der Aussage der Missionare, die ich in den Städten sprach, sogar sehr gesund sein, wenn sich die darin schwimmenden Schlammteilchen durch mehrstündiges Stehen auf dem Boden abgelagert haben. Filter fand ich nirgends in Verwendung. Ich ließ mir gewöhnlich am Abend mehrere Gefäße vollschöpfen, und des Morgens war das Wasser hinreichend klar geworden, um wenigstens zum Waschen benutzt zu werden. Zu meinem Thee hatte ich mir aus den Gebirgen von Mittel-Schantung Quellwasser, in geleerte Apollinarisflaschen gefüllt, mitgenommen. Wohl giebt es auch in dem ganzen Gebiete zwischen dem Kaiserkanal und den Küsten des Golfes von Petschili zahlreiche Quellen, aber das Wasser ist überall erdig, in vielen Orten auch übelriechend und ungesund, so daß die Einwohner das Kanalwasser als ein wahres Labsal zu betrachten scheinen. Es ist wenigstens fließendes Wasser. Die vielen Flußläufe, die auf den Landkarten dieses Gebietes verzeichnet sind, haben den größten Teil des Jahres über keinen Tropfen Wasser oder existieren überhaupt nicht. Der wichtigste dieser Flußläufe ist der Lao-Huang-Ho, nämlich das Flußbett des Hoangho vor etwa tausend Jahren. Im Grunde genommen sind auch alle anderen Flußläufe südlich und nördlich davon, bis an den Peiho, nichts anderes als alte Flußläufe des Hoangho, der in seiner Unbeständigkeit sich bald hierhin, bald dorthin wandte, ja man könnte füglich behaupten, daß an den ganzen Küsten des Gelben Meeres von Tientsin bis an die Mündung des Jangtsekiang keine Strecke von hundert Kilometern liegt, wo der Hoangho nicht einmal seine Mündung gehabt hätte. Nun haben sich aus früheren Zeiten die einmal angegebenen Flußläufe auf den Landkarten erhalten und sind auch in die neueste Wäbersche Karte aufgenommen worden, so daß dieses Gebiet aussieht, als sei es von wasserreichen Flüssen durchzogen, während das gerade Gegenteil der Fall ist.

Die Städte und Dörfer, die ich passierte, liegen zum Teil in Ruinen. Auf der ganzen Strecke zwischen dem Hoangho und Tientsin befindet sich keine Schleuse, keine Brücke, erst in der Nähe der Millionenstadt Tientsin sah ich wieder Zeichen ähnlicher Wohlhabenheit wie in der Provinz Schantung; der Verkehr auf dem Kanal wurde immer lebhafter, immer gefährlicher. Aber geschickt manövrierten Kapitän und Mannschaften zwischen den zahlreichen Booten hindurch, obschon sie nach der fünf Tage und fünf Nächte dauernden, fast ununterbrochenen Fahrt todmüde waren. Die Kulis standen mit langen Enterhaken bewaffnet auf dem Bug, und wollten Schiffe ihrem Geschrei nicht weichen, so benützten sie rücksichtslos die langen Stangen, ja sie hakten sie in die fremden Boote ein, um das unsere rascher vorwärts zu ziehen, ohne daß die Insassen derselben Protest erhoben hätten. Meine in roten Uniformjacken steckenden Geleitsoldaten und die Flagge auf meinem Boote mochten sie glauben machen, es befände sich ein hoher Mandarin an Bord, und Mandarine erfreuen sich auf Reisen der umfassendsten Privilegien.

An den Ufern mehrten sich die Ansiedlungen, Dörfer, Städte, ja ich gewahrte mitten in dem Gewirre von Häusern, Tempeln mit kurios geschwungenen Dächern und mehrstöckigen Pagoden schon große Fabriken mit rauchenden Schornsteinen, das sicherste Zeichen europäischer Kultur und der Nähe einer europäischen Niederlassung. Der Kanal war hier an sechzig bis achtzig Meter breit, und hatte schon auf der bisher zurückgelegten Strecke der ungemein lebhafte Verkehr mein Staunen erweckt, so überstieg derselbe hier in der Nähe von Tientsin alles, was ich in China bisher gesehen. Es war im Grunde genommen begreiflich, denn der Kanal ist ja eine große Verkehrsroute, ähnlich wie eine unserer Haupteisenbahnlinien. Auf diesen sehen wir vielleicht alle Viertelstunden Züge laufen, aber die Größe des Verkehrs lernen wir erst in den Bahnhöfen der Hauptstationen kennen. Tientsin ist eine derartige Hauptstation des Kaiserkanals, sogar die wichtigste und größte desselben auf seinem ganzen achtzehnhundert Kilometer langen Wege von Hangtschou bis Tungtschou bei Peking. Bei einer nach Hunderttausenden zählenden Menge von Fahrzeugen kann man sich leicht vorstellen, was das heißt. Schon einige Kilometer vor Tientsin war der Kanal von diesen Booten buchstäblich bedeckt; lange Reihen davon lagen dicht neben- und ineinander, vielleicht fünfzig oder noch mehr der Breite nach von Ufer zu Ufer, und das Fortkommen wurde so schwierig, daß meine Bootsleute das Segel einziehen und, sich mit Händen und Füßen gegen die umliegenden Boote stemmend, den Weg für mein Fahrzeug bahnen mußten.

Es dauerte mehrere Stunden, ehe wir wirklich nach der Millionenstadt Tientsin gelangten. Obschon ich diese zweitgrößte Stadt des Reiches der Mitte von früher kannte, sah ich doch erst diesmal den am meisten malerischen, eigenartigsten Teil derselben, jenen, in welchem sich der großartigste Verkehr von ganz China konzentriert. Vom Verdecke meines Bootes sah ich das Häusermeer dieser großen Handelsmetropole mit ihren bis in den Kanal gebauten Warenlagern. Auf beiden Ufern drängten sich Hunderttausende geschäftiger Menschen mit Lasten beladen, Lasten ziehend, Karren führend, im Karren sitzend, zu Pferd oder Maultier oder in Sänften getragen; in den engen Straßen wälzte sich diese Menschenmasse, absonderlich, bunt, lärmend, gestikulierend, auf und nieder. Buntbemalte Mauern, Pagoden, Tempel, Ehrenpforten, Mandarinsyamen mit hohen Flaggenstangen, Tausende von bemalten oder vergoldeten Aushängeschildern in den Straßen, Farbe, Leben, Bewegung, Lärm überall, am meisten aber auf dem Kanale selbst, wo sich Zehntausende von Booten drängten, Boote in allen Farben, mit grotesken Ornamenten bemalt, mit roten Beschwörungszettelchen beklebt; auf dem Bug glotzten ungeheure Fischaugen, auf den Masten wehten lustig bunte Wimpel, am Steuer flatterten allerhand Flaggen mit eigentümlichen großen Schriftzeichen, und auf jedem Verdeck arbeiteten, schrieen Dutzende von Menschen. Die Boote waren so dicht nebeneinander, daß ich bequem, von einem zum andern springend, ans Festland hätte gelangen können. Wo diese Boote wohl herkamen? Wo sie hinwollten? Was sie für Lasten, für Waren haben mochten? Die Menschen, die sie bemannten, waren in ihrem Aussehen verschieden, sie sprachen verschiedene Sprachen, stammten aus den verschiedensten Teilen dieses ungeheuren, einen halben Kontinent umfassenden Reiches, aber es waren doch durchweg Chinesen, nicht ein einziger Angehöriger einer fremden Nation befand sich unter ihnen, nur ich allein. Selbst in Canton oder Peking oder Shanghai habe ich keinen so großartigen, so erdrückenden Eindruck des ungeheuren Handels und Wandels der Chinesen bekommen wie hier, während der Stunden, die ich mit meinem Boote auf dem Kaiserkanal in Tientsin zubrachte.

Mit unglaublichen Anstrengungen hatten wir endlich die große Brücke erreicht, welche die beiden Stadthälften miteinander verbindet, und auf welcher täglich Hunderttausende von Menschen, Wagen, Karren, Pferden, Maultieren, Kamelen verkehren; doch ist diese Brücke vielleicht die elendeste irgend einer Großstadt des Reiches. Auf unförmigen Pontons liegen lose Querbalken, zerfahren, holperig, mit Löchern und fußbreiten Spalten, ohne Geländer gegen das Wasser, so daß nicht selten Passanten, ja Wagen und Pferde darüber hinausgedrückt werden und in den Kanal stürzen.

Mein Kapitän meinte, hier müßte ich landen, denn die Brücke könnte nicht geöffnet werden. Das Landen und Ausladen meiner Gepäckstücke war aber inmitten dieses Wirrwarrs zu Wasser und zu Lande eine Unmöglichkeit. Ich sandte also meinen Boy mit meinem Reisepaß zum Brückenmandarin mit der Bitte, die Brücke öffnen zu lassen. Eine halbe Stunde verrann, dann erhielt die Brückenmannschaft den Befehl, mein Boot durchzulassen. Gongschläge warnten die Passanten. Wie besessen stürzten noch alle, die auf der Brücke waren, hinüber und herüber, die Kutscher hieben auf ihre Pferde ein, daß die Karren aus den holperigen Balken fußhoch emporsprangen. Die Sänftenträger rannten, was sie konnten, und selbst als die Brücke schon ein, zwei Schritte weit geöffnet war, sprangen noch die guten Leutchen über den Spalt. Endlich war der Raum breit genug, um durchzufahren. Jenseits aber war das Gedränge der Boote womöglich noch dichter, und ich sah gar keine Aussicht, durchzukommen. Da nahte sich mir, von Boot zu Boot springend, ein junger Mandarin, das bezopfte Haupt von einem Tellerhute mit weißem Knopfe bedeckt, in der Rechten eine Waffe wie eine lange Cirkuspeitsche. Der Peitschenstiel war ein dickes Bambusrohr, so lang wie eine Angelrute, und daran hing ein mehrere Meter langer, mehrfach geknoteter Strick. Nachdem er vor mir den Kautau gemacht, stellte er sich auf den Bug meines Bootes und übernahm die Führung desselben auf so eigentümliche und geschickte Art, daß ich ihn wahrhaftig bewunderte. Er schrie nicht und gestikulierte nicht, ganz gegen alle Chinesenart. Er gebrauchte nur seine Peitsche. Mit raschem Blick hatte er die Sachlage übersehen und wußte genau, auf welchem Wege er mich durch das Labyrinth von Booten in freies Fahrwasser bringen konnte. Dazu mußten die Boote, die fünf, sechs Reihen breit vor uns lagen, Platz machen. Er sprang zunächst über mehrere hinweg und ließ dann seine Peitsche sprechen. Mit unglaublicher Sicherheit fiel das Peitschenende auf den Rücken des betreffenden Kapitäns, und kaum hatte dieser den Schlag empfangen und, sich umwendend, den Mandarin erkannt, als er auch schon sein Boot weiterführte, um dem nächsten Platz zu machen. Abermals spielte die Peitsche, das zweite Boot wurde in den vom ersten geräumten Platz gedreht, und so ging es fort, bis wir um eine Bootslänge vorwärts konnten. Dann wiederholte sich die Taktik des Mandarins bei der nächsten Reihe, dann bei der dritten, und eine halbe Stunde später waren wir im freien Fahrwasser. Nun machte der Mandarin wieder seinen Kautau, nahm von mir einen Vierteldollar Trinkgeld dankbar entgegen und ließ sich, auf das nächste Boot springend, von diesem ans Ufer rudern.

Ich war in Tientsin. Zu meiner Linken erhob sich der Yamen des Vicekönigs von Petschili, während so langer Jahre die Residenz von Li-Hung-Tschang, und ein paar hundert Schritte weiter sah ich die neuerstandene französische Kirche mit ihren Türmen und kaiserlichen Schutztafeln, im Jahre 1897 aus den Trümmern jener Kirche wieder erbaut, die vor einunddreißig Jahren von fanatischen Chinesen geplündert und verbrannt worden war. Eine Stunde später legte mein Boot am Bund der europäischen Ansiedelung, dem Astor Hotel gegenüber, an, meine Irrfahrten im chinesischen Lande waren vorüber, ich befand mich wieder unter Europäern.

Tientsin.

Von Tientsin wird im Abendlande vielfach als von einer Seestadt, dem Hafen Pekings und der Hauptstadt der Provinz Petschili, gesprochen; aber alle drei Bezeichnungen sind nur in beschränktem Grade richtig. Tientsin ist keine Seestadt, sondern liegt etwa fünfzig Kilometer vom Meere entfernt; es ist wohl in mancher Hinsicht der Vorhafen von Peking, hat aber die Hauptstadt des Reiches der Mitte an Bedeutung und Größe weitaus überflügelt. Während man Peking als eine Millionenstadt anzusehen pflegt, besitzt es thatsächlich kaum eine halbe Million Einwohner; dagegen hat Tientsin deren weit über eine Million und ist nach Canton die bevölkertste Stadt von China, in seinem Verhältnis zu Peking etwa ähnlich wie Amsterdam oder Rotterdam zum Haag; Tientsin ist auch nicht die Hauptstadt der Provinz Petschili, diese ist das kleine Paoting-fu. Der Umstand, daß der letzte Vicekönig der Provinz, Li-Hung-Tschang, den größten Teil des Jahres in Tientsin zu verweilen pflegte, mag die Ursache dieses Irrtums sein.

Tientsin, zu deutsch Himmelsfurt, ist im Grunde genommen eine Inlandstadt, rings umgeben von weiten, vollkommen flachen Niederungen, in denen man vergeblich einen Felsen oder auch nur einen Stein suchen würde. Auf Hunderte Kilometer nach Nord und Süd ist das Land Alluvialboden, die Anschwemmung des von Nordwesten kommenden, wasserreichen Peihoflusses, zu deutsch „Fluß des Nordens”, dessen Schlamm- und Erdmassen mit der Zeit die Westhälfte des Golfs von Petschili ausfüllen werden. Schon jetzt wird die Schiffahrt in dem Golf durch zahlreiche Untiefen erschwert, und die Barre, welche der Peihofluß vor seiner Mündung aufgeworfen hat, macht es den Dampfern unmöglich, zur Ebbe in den Fluß einzufahren. Richten die Seedampfer ihre Abfahrtszeit von Shanghai oder Tschifu nicht so ein, daß sie zur Flutzeit die Peihomündung erreichen, so müssen sie vor der Barre liegen bleiben, und oft sehen die Passagiere der ankommenden Dampfer dort ein Dutzend oder mehr Schiffe vor Anker liegen.

Haben die Lotsen die Dampfer glücklich über die Barre geführt, so dauert es immer noch einen Tag Flußfahrt, um Tientsin zu erreichen, denn obschon die geradlinige Entfernung von dieser Handelshauptstadt des nördlichen China nur etwa fünfzig Kilometer beträgt, muß das Schiff doch auf seiner Fahrt den vielen Flußwindungen folgen, welche diese Entfernung mehr als verdoppeln. Diese Flußfahrt ist wohl eine der eintönigsten, die man unternehmen kann, an jene auf dem unteren Mississippi zwischen dem Golf von Mexico und New-Orleans erinnernd. Ganz wie dort, befindet sich auch hier an den schlammigen Mündungen ein elendes Dorf, die Wohnungen der Lotsen und Fischer enthaltend, das in der neuesten Geschichte Chinas so berühmt gewordene Taku, zu deutsch Große Mündung. Von der Schiffsbrücke gewahrt man in der Ferne die langen Linien der Takuforts, welche auf Veranlassung Li-Hung-Tschangs zum Teil von deutschen Ingenieuren erbaut und mit deutschen Geschützen armiert worden sind. Je weiter der Dampfer stromaufwärts dringt, desto zahlreicher werden die menschlichen Ansiedelungen, elende Dörfer mit strohgedeckten Lehmhütten, deren Farbe von jener der weiten staubbedeckten Ebene kaum absticht. Soweit man sehen kann, kein Baum, kein Strauch; Grabhügel sind streckenweise die einzigen Erhebungen über dem Boden, Gräber, Tausende und Abertausende an der Zahl, einzeln oder gruppenweise beisammen, wahre Totenstädte. An manchen Stellen werden sie von hohen, schmutzigweißen Salzpyramiden oder Ziegelbrennereien überragt.

An den Ufern des schmutziggelben, etwa ein Kilometer breiten Stromes tummeln sich zwischen zahllosen schwarzen Schweinen nackte Kinder umher und baden sich in der Brandung, welche der Dampfer aufwirft. In der Umgebung der Dörfer arbeiten fleißige Mongolen in den Getreide- und Reisfeldern. Mit einem ungeheuern Strohhut als einziger Bekleidung, versetzen sie die zarten Reispflanzen, graben oder schöpfen Wasser aus dem Fluß; an manchen Uferstellen knarren und quietschen Wasserräder, von Büffeln getrieben, auf deren Rücken kleine Chinesen hocken; hier und da wird das Wasser auch von Windmühlen emporgehoben, die aber nicht, wie die unserigen, ihre Segel auf senkrechten, sondern auf wagerechten Flügeln tragen und aussehen wie riesige Haspelräder. Armut und Elend, wohin man blickt. Selbst die zahlreichen Dschunken, welche den Fluß bevölkern, sehen ärmlich und schmutzig aus im Vergleich zu jenen von Canton und Futschau.

Nur mühsam kommen die großen Dampfer in dem vielgewundenen Strome vorwärts. Zuweilen fahren sie beim Ausweichen anderer mit dem Bug in ein Reisfeld und können nicht weiter vorwärts; dann müssen die chinesischen Schiffskulis ans Land, um mit Seilen und Stangen das Schiff wieder in den Strom zu bringen. Die Passagiere auf dem Verdeck haben fortwährend ihre Plätze zu wechseln, wollen sie sich gegen die Sonnenglut schützen; bald scheint die Sonne von rechts, bald von links, bald von hinten oder vorn, so stark sind die Flußkrümmungen, denen das Schiff folgen muß. Sie bringen die Passagiere fortwährend aus der Orientierung. Ortschaften, die man auf der einen Seite gesehen hat, gewahrt man bald darauf auf der andern; dieselben Schiffe sieht man bald nach Westen, bald nach Osten dampfen, und dabei hat es den Anschein, als führen sie auf dem trockenen Lande, denn vom Flusse selbst hat man seiner Krümmungen wegen gewöhnlich nur ein kurzes Stück vor sich.

Diese Tiefebene wäre ein reich gesegneter, fruchtbarer Länderstrich, würde sie nicht so häufig von furchtbaren Ueberschwemmungen, abwechselnd mit anhaltender Dürre, heimgesucht werden. Die Verwüstungen, welche die Elemente hier zeitweilig anrichten, spotten der Beschreibung.

Unter solchen Verhältnissen darf der Reisende über die Armut und das Elend, welches auf der Tiefebene zwischen Taku und Tientsin ihm überall entgegentritt, nicht überrascht sein. Im Gegenteil, es ist zu staunen, daß die Bevölkerung innerhalb der letzten Jahre mit so großem Fleiß wieder die Kulturen hergestellt, die Dörfer wieder aufgebaut hat. Die Zahl der letzteren mehrt sich, je näher man an Tientsin herankommt. Auch die Vegetation wird üppiger, man gewahrt sogar den lange auf weiten Strecken vermißten Baumwuchs. Gegen Nordwesten erscheinen die zahlreichen rauchenden Schornsteine und Gebäude des von Li-Hung-Tschang geschaffenen Arsenals, und bald darauf geht der Dampfer vor der Fremdenstadt am Tientsin vor Anker.

Engländer, Deutsche und Amerikaner, im ganzen kaum tausend Seelen, haben hier und am Südufer des etwa 120 Meter breiten Stromes ein kleines, reizendes Städtchen geschaffen. Mit seinen geraden, von Bäumen beschatteten Straßen und hübschen einstöckigen Häusern in modernem Baustil ließe dasselbe ganz vergessen, daß man sich nicht in Europa, sondern im nördlichen China befindet, wenn nicht auf dem schattigen Bund und an dem davorliegenden Flußufer Tausende langbezopfter Chinesen schreiend und stoßend sich drängen würden, beladen mit Kisten und Säcken, Lasten aller Art, die aus den Schiffen auf den Bund getragen und dort bergehoch aufgetürmt werden. Tientsin ist ja der Hauptstapelplatz und Hauptmarkt des ganzen chinesischen Nordostens, und dabei ist die Geschäftszeit auf neun Monate im Jahre beschränkt. Von Mitte Dezember bis Mitte März ist der Fluß, die große Verkehrsstraße, von welcher Tientsin lebt, gewöhnlich durch Eis gesperrt, und obschon die Chinesen auch dann noch Waren mittels Segelschlitten flußauf und flußab befördern, reicht dieser Transport über das Eis doch lange nicht hin, um den gewaltigen Warenverkehr zu bewältigen. Immer höher werden die Warenberge auf dem Bund; jenseits des Flusses, auf dem Nordufer, gewahrt man noch höhere Berge von Getreide- und Reisfässern, Theekisten, dazu große Pyramiden von Salz, das gerade in der Umgebung von Tientsin massenhaft gewonnen wird und ein Monopol der chinesischen Staatsregierung bildet. Neben diesen Artikeln bilden die Hauptausfuhr Tientsins: Bohnen, Strohgeflechte, Erbsen, Datteln, Kamelhaar, Schafwolle und dergleichen, während die Haupteinfuhrartikel Opium, Baumwollstoffe, Fensterglas, Zucker, Stahl- und Eisenwaren, endlich Papier sind. Der Handel, hauptsächlich in den Händen englischer und deutscher Firmen liegend, ist in den letzten Jahren sehr bedeutend gestiegen, und Tientsin ist heute die dritte Handels- und Hafenstadt Chinas, nur von Hankau und Shanghai übertroffen.

In der Fremdenkonzession von Tientsin, von den Chinesen „Tze-ku-lin”, d. h. Bambusgebüsch, genannt, waren nach dem letzten Bericht des chinesischen Zolldirektors 16 englische, 15 deutsche, 5 französische und je 3 amerikanische, japanische und russische Firmen ansässig, mit 852 Europäern, darunter 380 Engländer, 200 Amerikaner und 60 Deutsche. Gerade so wie Shanghai, besitzt auch Tientsin auf seiner Konzession mehrere Klubs (darunter einen deutschen), Kirchen, Hotels, Konsulate, Kaufläden, und das gesellige Leben ist ein sehr reges. Die dort erscheinende Wochenschrift Peking and Tientsin Times ist eines der besten fremdsprachlichen Blätter von China.

Etwa drei Kilometer oberhalb der Fremdenkonzession oder dem Settlement, wie es die Europäer nennen, dehnt sich an beiden Ufern des Peiho die Chinesenstadt Tientsin aus. Die innere Stadt ist ebenso wie die meisten andern Städte mit einer Ringmauer umgeben, über welche hinaus sich in den letzten Jahrzehnten mehrere große Vorstädte entwickelt haben, volkreicher, belebter und geschäftiger als die innere Stadt. Um diese Vorstädte und das fremde Settlement wurde in den siebziger Jahren noch eine zweite Erdmauer und ein breiter tiefer Wassergraben gezogen in einem Umfang von über dreißig Kilometern. Etwa im Stadtmittelpunkte von der Südseite her mündet der Große Kanal, der allerdings durch die Seeschiffahrt und langjährige Vernachlässigung von seiner früheren Bedeutung etwas verloren hat, aber immerhin noch in hervorragender Weise zur Warenbeförderung benutzt wird.

Für die Fremden, welche schon andere chinesische Städte kennen gelernt haben, bietet die Millionenstadt Tientsin nur sehr wenig von Interesse. An Sehenswürdigkeiten nach unseren Begriffen hat sie kaum irgend etwas aufzuweisen. Sie besitzt keine großen Tempel, Pagoden, Plätze, Paläste; die Wohnungen der Reichen sind gewöhnlich von hohen Mauern umschlossen und auch vom Yamen des früheren mächtigen Vicekönigs ist nichts zu sehen als die große, von Soldaten bewachte Pforte. Selbst wem vergönnt war, in das Innere des Yamens zu dringen und von Li-Hung-Tschang empfangen zu werden, wird außer der gewaltigen Persönlichkeit des letzteren wenig bleibende Eindrücke mit sich genommen haben. Wie alle anderen Yamen in den Provinzhauptstädten enthält auch jenes von Tientsin mehrere Höfe mit ebenerdigen Gebäuden, die sich keineswegs durch ihre Architektur oder durch besondere Reinlichkeit auszeichnen. Nur hat der Vicekönig, seiner Vorliebe für fremdländische Einrichtungen entsprechend, zwei oder drei Räumlichkeiten neben seiner Privatwohnung europäisch möblieren lassen.

Das einzige, wodurch sich Tientsin vor anderen chinesischen Städten, besonders den südlichen auszeichnet, sind seine breiten Straßen und das ungemein rege Leben, das sich in ihnen zeigt. Ich habe dasselbe bereits im vorstehenden Kapitel geschildert. Nirgends, weder in Shanghai noch in Canton, noch in Hankau wird man einen derart lebhaften Verkehr finden wie hier, in der Stadt sowohl wie auf dem Flusse. Auf dem letzteren drängen sich die alten malerischen Dschunken, chinesische Kanonenboote, Schleppdampfer, Ruderboote so sehr, daß sie mitunter das Flußbett vollständig bedecken und man des Wassers kaum ansichtig wird. Und trotz der großen Breite der Straßen kann man sich oft nur mit Mühe zwischen den Menschen, Kamelen, Maultieren, Eseln, Lastwagen und Schubkarren Bahn brechen. Wohin der Weg auch führen mag, überall dasselbe rege, lärmende Leben, derselbe Verkehr. Die ganze Bevölkerung scheint tagsüber auf der Straße zu sein und dringenden Geschäften nachzujagen, als wären sie lauter Börsenspieler, bei denen in Minuten Tausende auf dem Spiele stehen. Im Gegensatz zu den engen Gäßchen der zweiten Millionenstadt Chinas, Canton, welche einen anderen Verkehr als zu Fuß oder in der Sänfte gar nicht ermöglichen, wird hier viel auf Maultieren und Eseln geritten, und an den Straßenecken stehen tagsüber lange Reihen dieser Tiere, gesattelt und auf Kunden harrend, wie in unseren Städten die Droschken. Auch die japanische Rickshaw, der zweiräderige, von Kulis gezogene Handwagen, hat hier schon ebenso wie in Shanghai ihren Einzug gefeiert, aber für die unteren Volksklassen der Chinesen ist doch der Schubkarren noch immer das beliebteste Beförderungsmittel geblieben, weil es das wohlfeilste ist. Die Chinesen benutzen diese Schubkarren nicht nur für Personenverkehr, sondern auch zum Transport kleinerer Lasten, der Hauptfrachtenverkehr aber wird durch die Kamele und zweiräderigen Lastkarren vermittelt, beides Erscheinungen, die in den südlich gelegenen Städten und selbst noch in Shanghai unbekannt sind. Sie bringen einige Abwechselung in die sonst große Eintönigkeit des chinesischen Straßenverkehrs, der, wie bemerkt, in solcher Lebhaftigkeit nicht nur in China, sondern auch in ganz Asien nur an wenigen Orten angetroffen wird.

Mitten in Tientsin, an den Ufern des breiten, lebhaften Stromes, erhebt sich seit Ende der neunziger Jahre wieder die katholische Kathedrale, welche in dem berüchtigten Aufstand des Jahres 1870 von fanatischem Pöbel am 21. Juni zerstört worden war. Mit ihr wurden damals das französische Konsulat und das Kloster der Lazaristen verbrannt, die Priester, Nonnen und eine Anzahl anderer Europäer wurden in grausamster Weise ermordet. Die chinesische Regierung wurde veranlaßt, den Hinterbliebenen eine Entschädigung von zwei Millionen Taels zu zahlen und die zerstörten Gebäude wieder zu errichten, aber es hat beinahe drei Jahrzehnte gebraucht, bis diese Gebäude vollendet waren. Heute erheben sich vor der imposanten Kathedrale auf einer gemauerten Plattform noch zwei offene Pavillons, welche steinerne kaiserliche Schutztafeln bergen, zur Verhinderung ähnlicher Angriffe seitens des fremdenfeindlichen Pöbels. Von dem vielgerühmten Wirken des langjährigen Vicekönigs von Tschihli, Li-Hung-Tschang, sieht man in Tientsin ebenso wie in der Provinz nur wenig. Er hat seine Thätigkeit hauptsächlich der Einrichtung von Verteidigungsmitteln zugewendet, wohl in Vorahnung des Krieges mit den Japanern; er hat die Kriegsmarine von China geschaffen, die Festungswerke an der Mündung des Peiho und weiter stromaufwärts anlegen lassen, das Arsenal gebaut, eine Kriegsschule, sogar ein Hospital gegründet; während früher der Frachtenverkehr zur See zum weitaus größten Teile durch Schiffe unter fremdländischen Flaggen vermittelt wurde, ist es ihm zu danken, daß eine chinesische Dampfergesellschaft, die China Merchant Company, fast ebensoviele Frachten Tientsins befördert wie die englischen Schiffe; Li hat auch die Telegraphenverbindung mit Peking und anderen Inlandstädten, ferner die Eisenbahn nach den Kai-ping-Kohlenminen zu stande gebracht. Aber für die Hebung des Wohlstandes im Volke ist nur wenig geschehen. Vielleicht besaß er die Macht und die Mittel nicht, um jene Werke zu schaffen, die Tientsin, Peking und der ganzen Provinz vor allem andern not thun: die Eisenbahn nach Peking, die Vertiefung und Ausbesserung des immer mehr verfallenden großen Kanals, dieser einzigen Landverkehrsroute mit dem Süden, dann die Entwässerung der Provinz, die Regulierung des Peihoflusses.

Die großen Katastrophen, welchen der Wohlstand der Provinz zum Opfer gefallen ist, hätten doch zur Lehre dienen sollen, daß vor allem für ein Kanalsystem zur Entwässerung der Tiefebenen zu sorgen war. Millionen und Millionen Menschen waren durch die Ueberschwemmungen jahrelang brot- und erwerbslos geworden; statt viele Millionen Goldes zum bloßen Lebensunterhalt dieser Menschenmassen zu opfern, hätte man diese Arbeitskräfte zur Herstellung der erforderlichen Kanalisierung heranziehen sollen; sie wären zu spottbilligen Preisen zu haben gewesen. Nicht für den Krieg allein war zu sorgen, sondern auch für den Frieden, für den Handel, und dieser ist durch das allmähliche Verseichten des Peiho unendlich bedroht. Aehnliche Verhältnisse lagen vor zwei Jahrzehnten an der Mündung des Mississippi vor; ganz wie der Peiho zeigte sein Stromlauf vielfache Windungen, und seiner Mündung lag eine Schlammbank vor. Wenige Millionen Dollars haben hingereicht, die störendsten Flußkrümmungen im Unterlaufe abzuschneiden, den Flußlauf dadurch zu verkürzen, das Gefälle zu vergrößern und so zu ermöglichen, daß in derselben Zeit eine erheblich größere Wassermenge abfließt; so wurde die Ueberschwemmungsgefahr für die Uferländer des Mississippi verringert. Statt die Barre an der Mündung dieses Stromes mühsam auszubaggern, hat sie Kapitän Eads durch den Strom selbst wegreißen lassen, indem er bis nahe an die Barre die reißenden Wassermassen des Mississippi durch weit über die Meeresküste hinausreichende künstliche Dämme zusammenhielt. Aehnliches hätte mit erheblich geringeren Kosten auch am Peiho geschehen können; nicht nur von der Ueberschwemmung von 1889 wäre das Land verschont geblieben, auch die elenden Schiffahrtsverhältnisse wären dadurch wenigstens zum großen Teile beseitigt worden. Erst dem jetzigen Nachfolger Lis bleibt es vorbehalten, die Eisenbahn nach Peking zu bauen, und die Reise nach der nur hundertzwölf Kilometer entfernten Reichshauptstadt, die bisher mühsam in zwei Tagen zurückgelegt werden konnte, beansprucht jetzt kaum vier Stunden. Aber die Regulierung des Peiho und des ganzen Flußnetzes steht noch in weitem Felde. Erfolgt sie einmal, so wird Tientsin einen weiteren und noch größeren Aufschwung erfahren als seit seiner Eröffnung für den Fremdenverkehr im Jahre 1858.

Die Hauptstadt des chinesischen Reiches.

Es dürfte auf dem Erdball kaum eine Stadt mit größerem Namen geben, die diesen letzteren so wenig rechtfertigen würde wie Peking. Alle Illusionen werden dort schon am ersten Tage unter erstickendem schwarzen Staube begraben oder in stinkenden Pfützen ertränkt, und je größer die Sehnsucht war, nach der Hauptstadt des Mongolenreiches zu kommen, desto größer ist gewöhnlich schon nach eintägigem Aufenthalt die Sehnsucht, Peking wieder zu verlassen. In keiner Weltstadt wird das „man war dort gewesen” teurer erkauft, von keiner ist die Erinnerung weniger befriedigend. China ist ja bekannt als ein Land voller Widersprüche, aber der auffälligste derselben ist vielleicht Peking selbst. Durchzieht man im Geiste die Welt, so wird man finden, daß die Hauptstädte aller Länder ein Zehntel bis ein Dreißigstel der Gesamtbevölkerung derselben enthalten. Peking aber, dessen Einwohnerzahl man sich in Europa noch vor gar nicht langer Zeit mit jener Londons wetteifernd dachte, hat wenig mehr als eine halbe Million Einwohner, ein Achthundertstel der Gesamteinwohnerzahl des Reiches. Peking ist die Residenz eines Kaisers, der den Namen „Sohn des Himmels” und „Bruder der Sonne” führt und unumschränkter Beherrscher des größten und ältesten Reiches der Erde ist, eines Reiches, das schon vor Jahrtausenden hohe Kultur besaß, also zu einer Zeit, als wir Europäer überhaupt noch kein menschenwürdiges Dasein hatten. Sehen wir anderswo Länder von Jahrtausende alter Geschichte, so strotzen sie von Denkmälern hoher Kunst, die wir mit Staunen betrachten. Aber vergeblich sieht man sich in der Hauptstadt des ältesten aller Länder, in Peking, nach solchen um; es gleicht eher der Hauptstadt eines Nomadenvolkes, das seine Zelte aus Holz und Ziegel erbaut hat. Von der Pracht und Herrlichkeit des ältesten Kaiserthrones dieses Erdballs sind nur wenige Spuren zu sehen.

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