China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen (part 2 of 3)
Wie die meisten Hauptstädte geistig und schöpferisch die Mittelpunkte der einzelnen Reiche sind, von denen das ganze Leben derselben ausstrahlt, der Verkehr pulsiert, der Kreislauf der Regierungsmaschine ausgeht, so sind sie auch in geographischer Hinsicht im Herzen ihrer Länder gelegen, oder sie entwickelten sich an günstigen Verkehrspunkten, an großen Stromläufen, an Meereshäfen. Die Hauptstadt des Mongolenreiches aber liegt am Nordostende des letzteren, an keinem Flusse, an keinem Meere, sondern in einer staubigen, wenig fruchtbaren, Ueberschwemmungen ausgesetzten Ebene, und vergeblich fragt man sich, warum diese Hauptstadt gerade dort angelegt worden ist. Begegnen wir in unserem Leben etwas Unbegreiflichem, Widersinnigem, so bezeichnen wir es mit Recht als chinesisch. Am allerersten läßt sich das auf Peking selbst anwenden. Wer Indien, Siam, Birma, Kambodscha gesehen hat, der erwartet in der Residenz des größten asiatischen Reiches Paläste, große Tempel, Pagoden ähnlicher Art wie dort. Ja, diese Erwartungen werden noch bestärkt, wenn man Tungtschau, die letzte Etappe auf der Flußreise von Tientsin nach Peking, oder mit der Eisenbahn kommend, die weit außerhalb der Ringmauern gelegene Bahnstation verlassen hat und sich auf den aller Beschreibung spottenden, mit fußhohem Staub bedeckten oder vor Schlamm grundlosen Wegen den ungeheuren Mauern nähert, welche die Hauptstadt des Chinesenreiches umschließen. Fünfzehn Meter hoch, verstärkt durch mächtige, gemauerte Bastionen, erhebt sich dieses Bollwerk über die weite, niedrige, von Gärten und Feldern eingenommene Umgebung. Auf Tausende von Metern kann man es verfolgen, bis es in dräuenden, mehrere Stockwerke hohen Ecktürmen sein Ende erreicht. Der Weg führt zu einem weiten Flügelthor, von einem mächtigen Aufbau mit dreifachem, geschwungenem Dach gekrönt. Je mehr wir uns der Mauer, hinter welcher Peking liegt, nähern, desto reger wird der Verkehr. Wie um den Eingang zu einem ungeheuren Bienenkorbe drängt sich hier alles Leben zusammen, Tausende von Fußgängern, Lastträgern, Reitern auf Mauleseln und Kamelen, Sänften, getragen von vier und sechs Trägern, ganze Karawanen von Kamelen, mit schweren Lasten beladen, alles schreiend, gestikulierend, stoßend, drängend, und wir wundern uns, wie all diese Massen in dem finsteren, tunnelartigen Thorwege Platz finden können. Noch größer aber ist die Verwunderung darüber, daß von all den Tausenden Mongolen an den Thoren der Hauptstadt eines dem Europäer feindlich gesinnten Reiches unter gewöhnlichen Umständen kein einziger den reisenden Fremdlingen auch nur durch Blicke oder Gesten irgend welche Feindschaft zeigt. Wir sind mitten in dem Gedränge von Fußgängern und Reitern und Lasttieren, aber während sie einander drücken und stoßen, machen sie dem Europäer freundlich Platz. Die Soldaten der Thorwache verlangen keinen Reisepaß, unbehindert gelangen wir durch das finstere Thor und sind in Peking. Lasse man doch ein paar reisende Chinesen durch die Vorstädte unserer europäischen Metropolen einziehen! Wie würde der Janhagel sie umdrängen, begaffen und belästigen!
Peking ist eine der ältesten Städte der Welt. In den chinesischen Annalen erscheint sie unter dem Namen Ki schon im zwölften Jahrhundert vor Christi Geburt; aber erst Kublai-Chan, der Enkel des großen Mongolenführers Dschingis-Chan, gab ihr ihre heutige Gestalt und Ausdehnung. Marco Polo, der berühmte Venezianer, schilderte sie, als sie noch den Namen Kambalik führte. Den Namen Peking oder vielmehr Bedsching (Residenz des Nordens) erhielt sie erst im Jahre 1409, als sie zur Hauptstadt des chinesischen Reiches erhoben wurde. Die Chinesen selbst nennen Peking einfach Kingtscheng, d. h. die Residenz, auf den chinesischen Landkarten aber ist sie als Tschun-tien-fu bezeichnet. Die gewaltigen Ringmauern und Türme, mit denen sie heute umgeben ist, wurden in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts erbaut. Als die siegreichen Mandschu sich ein Jahrhundert später Pekings bemächtigten, setzten sie sich in der nördlichen Hälfte fest, ihr Anführer, der Gründer der noch heute regierenden Dynastie, bezog die alten Paläste der Mongolenfürsten und relegierte die Chinesen in die südliche Hälfte der Stadt.
Mit dem Betreten der Hauptstadt beginnt die Enttäuschung, die mit jedem Schritte, mit jeder Stunde des Aufenthaltes sich steigert. Wo ist auch nur die Stadt? Auf weite Strecken Staub und Sümpfe, hier und da ein elendes Chinesenhäuschen, keine Straßen, keine Paläste, keine Pagoden, ganz wie ich es in der alten Hauptstadt des Reiches, in Nanking, gefunden habe. Erst nach langem, ermüdendem Ritt über die elendesten Wege beginnt das Gewirr schmutziger, mit niedrigen Häuschen besetzter Straßen, dicht gedrängt mit ebenso schmutzigen, ärmlichen Leuten. Auch wenn die zweite, die Chinesenstadt von der Tatarenstadt trennende Mauer passiert ist, es wird nicht besser; wir sind endlich in der Straße der Gesandtschaften, ohne daß ihr Aussehen es irgendwie, höchstens durch die Flaggenstangen über den niedrigen Thoreingängen, verriete. Auch das einzige Hotel der Reichshauptstadt Chinas befindet sich hier, kaum bescheidenen Ansprüchen genügend. Und diese schmutzstarrenden Straßen, diese armseligen Mauern und ärmlichen Kaufläden bilden Peking? Sollte es doch nicht irgendwo bessere Stadtteile mit Palästen und schönen Tempeln, mit reinlichen Straßen und Plätzen geben?
Die große Umfassungsmauer, die wir bei unserem Einzuge bewundert haben, ist in Peking wie in jeder anderen Stadt Chinas gleichzeitig das bedeutendste Bauwerk. In der Größe und Mächtigkeit ihrer Ringmauern sind die Chinesen wohl unübertroffen. Hier am Fuße der Ausläufer des mongolischen Hochlandes umschließen sie in einem länglichen Rechteck gegen fünfundsechzig Quadratkilometer Landes, etwa die gleiche Fläche wie Berlin, aber da die Bevölkerung Pekings kaum ein Drittel jener von Berlin erreicht, so ist es begreiflich, daß weite Strecken innerhalb der Ringmauern von Feldern und wüsten, unbebauten Ländereien eingenommen sind, in denen man sich ganz leicht irgendwo in der Mongolei, weit von Peking entfernt, denken könnte. Nur die mittleren Teile des großen Rechtecks sind wirklich mit Häusern und Straßen besetzt.
Das Merkwürdigste der letzteren ist wohl ihre Regelmäßigkeit. Ich kenne in der Alten und Neuen Welt wenige Städte, die so abgezirkelt wären, wie Peking. Unsere alten Städte zeigen ein Gewirr krummer, enger Gäßchen, als hätten ihre Gründer mit Absicht die gerade Linie vermieden. Selbst die neuesten Städteschöpfungen in den amerikanischen Prairien, die wohl einen regelmäßigen, schachbrettartigen Straßenplan haben, dehnen sich nach verschiedenen Richtungen der Prairie ungleich aus. Peking, das doch ebenfalls eine uralte Stadt ist, besitzt zunächst die genau rechteckige Umfassungsmauer der Tatarenstadt, an welche sich südlich eine ebenso regelmäßige Umfassungsmauer um die Chinesenstadt anschließt. Innerhalb beider Städte sind die Straßen nach Schachbrettform angelegt, nur sind jene der Chinesenstadt enger. In der Tatarenstadt sind manche Straßen wahre Boulevards, bis zu dreißig Metern Breite.
Die Umfassungsmauer der Tatarenstadt sperrt diese auch gegen die Chinesenstadt ab, ein merkwürdiges Wechselspiel! In alter Zeit erbauten die Chinesen unweit Peking die berühmte Große Mauer gegen die Tataren, und hier in der Hauptstadt Chinas erbauten die Tataren eine große Mauer gegen die Chinesen!
Das regelmäßige Straßennetz der Tatarenstadt, die entschieden die schönere von beiden ist, wird auf eigentümliche Art unterbrochen. Gewiß hat jeder in japanischen Bazars schon die viereckigen Schachteln gesehen, in denen man beim Abheben des Deckels kleinere Schachteln findet, die wieder kleinere einschließen. Aehnlich liegt innerhalb der Tatarenstadt eine zweite, mit der äußeren parallele Umfassungsmauer, welche die offizielle Kaiserstadt umschließt, und innerhalb dieser zweiten Mauer zieht sich parallel zu dieser eine dritte Mauer hin, ein Rechteck umfassend, welches die allen Europäern und Chinesen vollständig unzugängliche eigentliche Palaststadt des Kaisers und seines Hofes enthält. Drei ummauerte Städte sind auf diese Weise ineinandergeschachtelt, und an die äußerste, größte, schließt sich die durch Thore verbundene Chinesenstadt an.
Wie von den Städten, so gilt das Einschachteln und Ummauern auch von den Wohnsitzen der Prinzen, der Mandarine und militärischen Würdenträger, von den verschiedenen Regierungsämtern und den Yamen. Während wir unseren Gebäuden nach der Straßenseite zu die schönsten und imposantesten Formen geben, während wir sie mehrere Stockwerke hoch aufbauen, mit Türmen, Erkern und Balkonen versehen, ist in Peking, wie überhaupt in ganz China, das gerade Gegenteil der Fall. In der Tatarenstadt wandert man in den breiten, staubigen, sonnigen Avenuen zwischen niedrigen, grauen Mauern einher, die hier und da von freistehenden Thorbogen unterbrochen sind, unter deren Ziegeldächern sich in vergoldeten Lettern die Ueberschriften der verschiedenen Aemter befinden. Von den Gebäuden selbst sieht man höchstens einige mit blauen und grünen Glasurziegeln bedeckte, kurios geschwungene Dächer über die äußeren Umfassungsmauern hervorragen. Anders in der Chinesenstadt. Dort bieten die Straßen einen malerischen, belebteren Anblick dar, denn der Verkehr ist in den viel engeren Straßen auf einen kleineren Raum eingeschränkt, die Häuser enthalten überall Kaufläden der verschiedensten Art, und vor diesen sind noch in der Mitte der Straße lange Reihen von Kaufbuden aufgestellt, zwischen denen sich die Tausende und Abertausende langbezopfter Chinesen drängen. Nur hier bekommt der Fremde ähnliches Leben, ähnlichen Verkehr zu sehen wie in den anderen Hauptstädten Chinas, in Canton, Hankau, Tientsin, sofern es ihm der aller Beschreibung spottende Zustand der Straßen überhaupt gestattet. Während in unseren Ländern den Hauptstädten gewöhnlich die größte Sorgfalt gewidmet wird, ist in China das Umgekehrte der Fall. Kaum eine andere Großstadt des weiten Reiches dürfte einen ähnlichen Schmutz und Unrat zeigen wie Peking. In früheren Zeiten mag es wohl anders gewesen sein, denn noch jetzt zeigen die Straßen Spuren einstiger sorgfältiger Pflasterung. Aber in China wird selten etwas ausgebessert. Einmal gebaut, bleiben die Bauten oder Straßen sich selbst überlassen, bis sie allmählich gänzlich verfallen. Ursprünglich waren die Straßen auf eigentümliche Weise angelegt. Während wir beispielsweise die an den Straßenseiten entlang laufenden Trottoirs erhöhen und den mittleren Teil der Straße tiefer legen, ist in Peking der mittlere Fahrweg für Wagen, Reiter und Sänften erhöht, und die Seitenwege längs der Hausmauern sind tief. Freilich ist durch den regen Verkehr der Unterschied zwischen Fahr- und Fußweg an vielen Stellen verwischt worden; die Pflasterung bot den Chinesen einen bequemen Steinbruch dar, aus welchem sie sich das Baumaterial für ihre Häuser holten, und stellenweise liegt der mittlere Straßenteil sogar tiefer. Die Tausende von Fuhrwerken, Kamelen und Maultieren haben im Laufe der Jahrhunderte den Straßenboden aufgewühlt, und mit Ausnahme der sommerlichen Regenmonate sind die Straßen mit fußtiefem schwarzen Staub bedeckt. Durch den lebhaften Verkehr fortwährend aufgewirbelt, erfüllt dieser Staub die Atmosphäre, legt sich auf Hausdächer, dringt in die Kaufläden, lagert in dicken Schichten auf den Waren, Lebensmitteln und den Verkäufern, schwärzt die zuweilen schön bemalten und mit Vergoldungen geschmückten Häuserfronten, eine furchtbare, ekelerregende Plage, wenn man in Betracht zieht, auf welche Weise der Staub entstanden ist. Aller Unrat von Tieren und Menschen wird auf die Straße geworfen und bleibt dort liegen. Tausende und Abertausende von Lastträgern, Kutschern, Kamel- und Maultiertreibern entleeren sich täglich auf der Straße, und ertönen zur Zeit des Sonnenunterganges vor den Thoren die Gongschläge als Signal der Thorsperre, so erscheinen gewöhnlich gleichzeitig vor den Hausthüren Knechte, um dem mit dem scheußlichsten Unrat geschwängerten Staube auf eine originelle Weise noch weiteren Unrat zuzuführen. Wasser ist nämlich in Peking, das natürlich keine Wasserleitung besitzt, ein kostbarer Artikel. Wasserträger durchziehen die Straßen und verkaufen den Kübel für einige Sapeken. Ebensowenig besitzen die Häuser eigene Kloaken. Die guten Bewohner der Reichshauptstadt töten also zwei Fliegen mit einem Schlage dadurch, daß sie die flüssigen Abfälle der Häuser zum Begießen der Straßen verwenden. Die Knechte schöpfen den Unrat mit großen Schaufellöffeln aus den Kübeln und schleudern ihn möglichst weit über die Straße, ähnlich wie unsere Bauern ihre Felder zu düngen pflegen. Dadurch wird allerdings der Staub für ein Stündchen, gerade zur schönen, kühlen Abendzeit, gelöscht, aber in Peking wird sich dann gewiß jeder aus naheliegenden Gründen hüten, sein Haus zu verlassen.
Kommen dagegen, besonders im Juli und August, die gewöhnlich sehr heftigen Regengüsse, dann ist Peking ein einziger stagnierender Sumpf, aus welchem nur die Häuser und stellenweise der mittlere Fahrweg hervorragen. Für Fußgänger ist dann selbstverständlich der Verkehr ganz unmöglich, aber auch für Reiter und die Insassen von Sänften ist er mitunter lebensgefährlich. Der Schlamm verdeckt die zahlreichen Untiefen, und stolpern Reittiere oder die zuweilen bis über die Knie im Schlamme watenden Sänftenträger, dann purzeln gewöhnlich auch die in kostbare Gewänder gehüllten Mandarine in die stinkende Jauche. Von den beiden Uebeln, Staub und Schlamm, ist der Staub immer noch das kleinere.
Der Kaiser hat von diesen elenden, verlotterten Zuständen seiner Hauptstadt kaum eine Ahnung. Selten verläßt er die verbotene Stadt seiner Paläste, um sich nach irgend einem der großen Tempel zu Gebeten und Opfern tragen zu lassen, und dieses große Ereignis wird gewöhnlich vorher in der Regierungszeitung bekanntgemacht. Dann wird von seiten der Stadtbehörden über Hals und Kopf an der Ausbesserung jener Straßen gearbeitet, durch welche der kaiserliche Zug seinen Weg nehmen soll; der mittlere erhöhte Fahrweg wird mit gelbem Sand bestreut, die Löcher werden ausgefüllt, die Jahrmarktsbuden zu beiden Seiten geschlossen, und wo sich besonders unflätige Stellen in den Häuserreihen zeigen, werden große gelbe Tücher vorgespannt, damit ihr Anblick den kaiserlichen Augen entzogen bleibt. Auch sonst werden alle Fenster und Thüren der Häuser geschlossen, die Straßen aber für jeden anderen Verkehr abgesperrt, und während es bei uns unstatthaft ist, den Souveränen den Rücken zuzuwenden, ist dies bei den Chinesen Vorschrift.
Ja, wenn doch der Kaiser einmal unvermutet den Befehl geben würde, einen andern als den so vorbereiteten Weg einzuschlagen! Aber ebenso, wie die Chinesen Sklaven des Kaisers sind, so ist der Kaiser wieder Sklave der Traditionen und der strengen Hofetikette. Eine derartige Willensäußerung von seiten eines chinesischen Kaisers ist kaum jemals vorgekommen, wie es auch unter den verschiedenen Söhnen des Himmels niemals einen Harun al Raschid gegeben hat.
Recht drollig sind die Namen mancher Straßen der Hauptstadt. Eine Straße in der Nähe der Gesandtschaften heißt die „Straße der glücklichen Spatzen” von den zahlreichen, frechen Sperlingen, die in Peking gerade so ihr Unwesen treiben wie bei uns und im Verein mit Hunden, Raben und Tauben die einzigen Straßenreiniger sind. Eine Straße heißt Barbarenstraße (unter welchem Namen die Europäer in China bekannt sind), andere führen die Namen Affen, Gehorsam, Steinerner Tiger oder Unermeßbar große Straße; die verkehrsreichste und lärmendste aller Verkehrsadern aber heißt sonderbarerweise die Straße ewiger Ruhe. Sackgassen werden in China tote genannt, im Gegensatz, zu den anderen, die lebende heißen. Auch die Paläste und Tempel haben eigentümliche Namen. Der Palast des Kaisers heißt der friedliche Palast des Himmels, jener der Kaiserin der Palast der irdischen Ruhe, ein Confuciustempel heißt die Halle gespannter geistiger Uebung, und einzelne Thore führen die Namen wie: das Große Reine oder das Thor des ewigen Friedens, oder endlich das Thor der standhaften Unschuld.
Die Paläste der verbotenen Stadt bekommt der gewöhnliche Sterbliche niemals zu sehen, außer er wäre kaiserlicher Prinz, Tatarengeneral oder mandschurischer Eunuch. Selbst den Gesandten der Großmächte wurde niemals der Anblick des eigentlichen Kaiserpalastes zu teil. Gelegentlich des Neujahrsfestes wurden sie vor einigen Jahren zum erstenmal innerhalb der Umfassungsmauern des Palastes empfangen, aber auch nur in einer freistehenden, von der eigentlichen Kaiserresidenz entfernten Halle. Mandschurische Palastwachen halten jeden Unbefugten an den Thoren zurück, doch ist wenigstens die äußere oder zweite Kaiserstadt den Europäern geöffnet. Ein großer Teil derselben wird von den schattigen Anlagen des kaiserlichen Parkes eingenommen mit seinem künstlichen See, über welchen mit Statuen geschmückte hohe Marmorbrücken führen, mit seinen künstlich aufgeworfenen, tempelgekrönten Hügeln, mit Yamen und offiziellen Bauten verschiedener Art, durch ihre grünen Dächer kenntlich.
Die orangegelben Porzellandächer, welche über die roten Mauern der verbotenen oder Purpurstadt emporragen, sind jene der kaiserlichen Paläste. Die meisten anderen Hausdächer Pekings bestehen aus grauen Hohlziegeln. Das auswärtige Amt, Tsung-Li-Yamen genannt, und die ausländischen Gesandtschaften sind in ehemaligen Prinzen- oder Mandarinenresidenzen untergebracht, und wer das behagliche Innere einer solchen kennen lernen will, braucht nur eines dieser Gesandtschaftspalais mit seinen vielen Gebäuden, seinen Höfen und Gärten zu besuchen. An Sehenswürdigkeiten in unserem Sinne besitzt Peking nur wenig. Mit Ausnahme der Tempel des Himmels und der Erde am Südende der Chinesenstadt, der alten Jesuitensternwarte, der vielen Pagoden, marmornen Thore und Brücken ist in der Hauptstadt des Chinesenreiches nicht viel zu sehen. Den besten Ueberblick über die Stadt erhält man, wenn man einen Turm der katholischen Kirche besteigt oder aus der breiten äußeren Stadtmauer spazieren geht. Dort ist man wenigstens gegen den furchtbaren Staub und das Gedränge des schmutzigen Volkes geschützt, und dorthin flüchten sich auch an schönen Tagen die Mandarine zu einem Spaziergang; statt Hündchen mit sich zu führen, tragen sie vielleicht auf einem Stöckchen einen Jagdfalken, Kanarienvogel oder eine Wachtel. Von hier oben aus gesehen zeigt sich Peking viel freundlicher, denn die hohen Mauern, mit welchen die Mandarinenwohnungen umschlossen sind, verbergen diese vollständig, während man von den Stadtmauern wenigstens zwischen den Baumkronen der vielen grünen Gärten die Dächer der Häuser zu Gesicht bekommt. Jede größere Residenz hat ihren Garten, und das am meisten ins Auge fallende Objekt inmitten dieser Gartenstadt bleibt immer das Gelb der kaiserlichen Porzellandächer, so daß ein witziger Franzose einmal sagte, von der Stadtmauer aus gesehen zeige sich Peking wie eine ~plat d’épinard aux oeufs~, eine Spinatschüssel mit einem Eidotter in der Mitte.
Bei weitem interessanter als der äußere Rahmen ist das Leben und Treiben, das sich in demselben abspielt. Von dem offiziellen Leben der Kaiserstadt bekommt man allerdings nur wenig zu sehen: Mandarine mit verschiedenen ihrem Rang entsprechenden Stickereien auf Brust und Rücken zu Maultier und begleitet von einem Troß von Dienern oder in Sänften, die, je nach dem Range ihres Insassen, von zwei, vier oder sechs Trägern getragen werden; mandschurische Bannersoldaten und Yamenläufer, Angestellte der Regierungsbureaus. Die Straßen der Tatarenstadt zeigen sonst nur wenig Leben, denn die Chinesen, die eigentlichen Träger des Handels und Verkehrs, dürfen in derselben nicht wohnen, und alle Theater, Freudenhäuser, Opium- und Theehäuser sind hier verboten.
Desto lebhafter ist das Leben und Treiben in der Chinesenstadt. Auf den Fahrwegen in der Mitte der Straßen drängt sich das Volk, wandert von Bude zu Bude, kauft und verkauft, schreit, lärmt, gestikuliert, lebhafter als in der Toledo von Neapel. Endlose Reihen der kleinen, zweiräderigen Maultierwägelchen fahren auf und nieder, alle Augenblicke stockt der Verkehr; auf den Fisch-, Fleisch-, Pelz-, Porzellan- und Gemüsemärkten ein fortwährendes Gedränge, hier und da auch eine öffentliche, grausenerregende Hinrichtung; unter viereckigen Sonnenschirmen gehen ambulante Handwerker, Barbiere, Restaurateure und dergleichen ihren Geschäften nach; zwischen ihnen, besonders aber an der Bettlerbrücke, kauern zahllose Bettler, zum Teil entsetzlich verstümmelt, Blinde, Lahme, Aussätzige, mit offenen Wunden bedeckt, und flehen unter fortwährendem Kumscha- Kumscharufen um Almosen. Als Rahmen dieses ungemein belebten, farbenreichen, seltsamen Bildes dienen die vielen Kuriositätenläden, Konditoreien, Restaurants, Kramläden aller Art; schlanke Pfeiler, von denen verschiedenfarbige lange Holzschilder, mit allerhand Inschriften in großen Goldbuchstaben bedeckt, herabhängen, überragen die einstöckigen kleinen Häuschen. Niedliche, mit geschnitzten Balustraden versehene Galerien ziehen sich unter den Dächern des ersten Stockwerkes hin, und die Häuserfronten, besonders jene der Konditoreien, sind über und über mit vergoldeten Schnitzereien bedeckt, die allerdings von dem schrecklichen Staub geschwärzt sind.
Hier und dort werden auf freien Plätzen von den vergnügungssüchtigen Zopfträgern allerhand Tierkämpfe veranstaltet; nicht nur Hähne, auch Tauben, Wachteln, ja sogar Grillen werden dazu verwendet, und mit gespannter Aufmerksamkeit folgen die Wettenden dem Kampfe der winzigen Tierchen. Leben, Lärmen, Bewegung, Verkehr überall, dazu Staub, Schmutz, Gedränge, Gestank und furchtbare Hitze, die im Winter ebensogroßer Kälte Platz macht. Ebenso still und schläfrig, wie es in der Tatarenstadt zugeht, ebenso lärmend und bewegt ist es in der Chinesenstadt: in den Chinesen steckt das Leben, der Erwerb, der Reichtum, und dennoch sind die Tataren die Herren der Stadt und des ganzen Landes.
An Sehenswürdigkeiten besitzt Peking außerhalb seiner Mauern viel mehr als innerhalb. Einige Wegstunden nördlich von Peking erheben sich die Ausläufer des mongolischen Hochlandes, und verborgen zwischen den stellenweise bewaldeten Abhängen liegen zahllose Klöster, Pagoden, Grabstätten, Tempel; dort liegen auch die kaiserlichen Sommerpaläste und ausgedehnten Parks. Dorthin flüchten sich während der heißen Zeit die fremden Vertreter und Missionare und gehen allerhand Sport nach; noch weiter gegen Norden liegen die bekannten Kaisergräber der Mingdynastie, und den Abschluß der belebten, reich bebauten und bevölkerten Landschaft bildet die ungeheure chinesische Mauer mit ihren gewaltigen Türmen und Thoren. Sie allein übertrifft die gehegten Erwartungen, alles andere in und um Peking bleibt weit hinter denselben zurück, und mit leichtem Herzen verläßt man die weit über das verdiente Maß berühmte, aber immerhin hochinteressante Kaiserresidenz des Chinesenreiches.
Kwang-Su, der Kaiser von China.
Kwang-Su, der Sohn des Himmels, der Herr der zehntausend Jahre, kam, wie man sich in Peking ziemlich allgemein erzählt, durch ein Verbrechen auf den Drachenthron, eine interessante und doch kaum bekannte Geschichte. Sein Vorgänger, der junge Kaiser Tung-Chih, starb im Januar 1875 an den Blattern, trotzdem seine Aerzte für über tausend Taels (viertausend Mark) Joßpapierchen verbrennen ließen, um den Segen des Himmels auf ihn herabzuflehen und den in ihm steckenden Teufel zu vertreiben. Tung-Chih hinterließ eine junge hübsche Witwe, Ah-Lu-Té, deren Zustand einen nachgeborenen Thronerben erwarten ließ. Dann wäre Ah-Lu-Té als Kaiserin-Mutter während der jungen Jahre ihres Sohnes Regentin geworden, und die beiden bisherigen Regentinnen, die Witwen des 1861 verstorbenen Kaisers Hien-föng, hätten abdanken müssen. Das paßte ihnen natürlicherweise keineswegs, und so nahmen sie denn, wie man sich in Peking erzählt, zu einem Pülverchen Zuflucht, das die junge Nebenbuhlerin gleich nach dem Tode des Kaisers aus dem Wege räumte. Die beiden alten Damen beriefen sofort die mandschurischen Prinzen zu einem Familienrate und ließen den kaum mehr als drei Jahre alten Prinzen Tsai-tjen, den Sohn des Prinzen Chun, als Thronerben erklären. Es war Mitternacht, als die Wahl erfolgte, aber die Kaiserinnen mußten doch ihr Bedenken über die Gesetzlichkeit dieses kleinen Staatsstreiches à la chinois haben, denn ohne eine Minute Zeit zu verlieren, ließen sie das schlafende Kind wecken und in den Beratungssaal bringen. Dort empfing der arme heulende Junge die Huldigung der Prinzen und wurde unter dem Namen Kwang-Su, d. h. erhabene Nachfolge, zum Kaiser ausgerufen. In der Pekinger Staatszeitung aber erschien die Nachricht, der verstorbene Kaiser hätte ihn selbst zu seinem Thronerben ernannt.
Natürlich konnte der den Windeln kaum entwachsene Knabe das gewaltige Staatsschiff noch nicht lenken, und so blieben die beiden alten Witwen an der Spitze der Regierung um zu schalten und zu walten, wie es ihnen beliebte. Im Jahre 1881 starb die Kaiserin des östlichen Zimmers, Tung-Tai-Hau, und die Kaiserin des westlichen Zimmers, Si-Tai-Hau, führte die Zügel der Regierung bis Anfang März 1889, d. h. bis zur Mündigkeitserklärung des regierenden Kaisers ganz allein. Seither trägt sie den Titel Kaiserin-Exregentin, aber in Wirklichkeit ist sie immer noch allmächtig und führt den Kaiser am Gängelbande.
Das kleine Söhnchen des Himmels durfte sich seiner Kindheit nicht lange erfreuen. Schon einige Monate nach seiner Erwählung zum Kaiser wurde ein Shi-foo oder Hofmeister für ihn ernannt, und die Pekinger Staatszeitung verkündete auch die Namen der für die Erziehung und Ausbildung des Knaben bestimmten Lehrer. Das astronomische Amt, dem die Feststellung der günstigsten Tage für alle kaiserlichen Unternehmungen obliegt, bestimmte den 14. Mai 1876 für den Beginn des Unterrichtes. An diesem Tage erschien der kleine Kwang-Su, geführt von seinem Vater, zum erstenmal im Schulzimmer. Dort lagen die gelahrten Männer, die ihm angemessene und zweckmäßige Lehren zu erteilen hatten, auf den Knieen und empfingen ihren Schüler, Gebete murmelnd und mit der Stirne den Boden berührend. Kwang-Su überreichte ihnen nun eine Schrift, worin er sie bat, ihn in der chinesischen Weisheit zu unterrichten, und damit begann die Studienzeit des Kaisers, die ohne Unterbrechung bis zu seiner Verheiratung, d. h. bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahre währte. Von Schuleschwänzen, Spielen und Unterhalten war bei dem jungen Kwang-Su keine Rede, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er gewiß lieber den Kaiser aufgesteckt und wäre Prinz geblieben. Seine tägliche Beschäftigung, sein Verhalten gegenüber den Lehrern, das ganze Zeremoniell ihres Empfanges und ihrer Verabschiedung nach empfangener Lektion ist auf das strengste geregelt. Schon um drei oder vier Uhr morgens begann der Unterricht, zunächst in chinesischer Sprache und Litteratur; dann folgten mandschurische und mongolische Lektionen, der Unterricht in den verschiedenen chinesischen Dialekten, Reiten, Fechten, Turnen, Bogenschießen. Dies ging so mit kurzen Unterbrechungen für die Mahlzeiten den ganzen Tag fort, und mit Sonnenuntergang mußte der Kleine ins Bett, um am nächsten Morgen mit Sonnenaufgang wieder seine chinesischen Lektionen zu empfangen. Die starren Lehrer verstanden keinen Spaß. Nutzten die Ermahnungen nichts, so wurde das Bambusstäbchen zu Hilfe genommen. Da man aber den Sohn des Himmels nicht wie einen gewöhnlichen Sterblichen durchbläuen kann, so wurde ein anderer Junge für ihn geprügelt. Dieser Prügelknabe, in chinesischer Sprache Hahachutze, war von gleichem Alter wie der Kaiser und hatte alle Stockschläge, die eigentlich für die kaiserlichen Weichteile bestimmt waren, zu empfangen. Der Kaiser mußte dabei zusehen. In ähnlicher Weise hatten früher auch europäische Monarchen ihre Prügelknaben, z. B. Heinrich IV. von Frankreich, Edward VI. und Edward VII. von England, ja während der Regierung mancher Souveräne giebt es heute noch Prügelknaben, Minister genannt.
Im Jahre 1889 vollendete Kwang-Su sein fünfzehntes Lebensjahr. Schon vorher wurde von der Kaiserin-Regentin eine passende Braut für ihn ausgesucht, und die Staatszeitung vom 28. Oktober 1888 enthält darüber folgendes kaiserliche Edikt:
„Seitdem der Kaiser in aller Ehrfurcht das Erbe seiner Vorfahren angetreten hat, ist er allmählich zum Manne gereift, und es geziemt sich nun, daß eine Person von hervorragenden Eigenschaften als seine Gemahlin ausgewählt werde, damit sie ihn in den Pflichten des Palastes und in seinen tugendhaften Bestrebungen unterstütze. Die Wahl ist auf Yeh-ho-na-la gefallen. Sie ist die Tochter des stellvertretenden Bannergenerals Kwei-Hsiang, eine tugendhafte Jungfrau von angenehmem Aeußeren und Vorzügen. Wir befehlen, daß sie zur Kaiserin erhoben werde.”
Damit aber der Kaiser nicht unvertraut mit den ehelichen Pflichten seine neue Gemahlin heimführe, wurde ihm schon ein Jahr vorher eine Lehrmeisterin beigegeben. Diese Fei wird stets unter den hübschesten Töchtern der mandschurischen Bannerleute ausgesucht und muß ein Jahr älter als der Kaiser, also fünfzehn Jahre alt sein. Von wem diese ihrerseits die ehelichen Pflichten lernt, wird in dem Zeremonienbuche nicht gesagt.
Unmittelbar nach der Vermählung des Kaisers erfolgte seine Thronbesteigung. Eine Krönung giebt es an den orientalischen Höfen nicht, ebensowenig, wie es Kronen giebt. Zunächst wurden kaiserliche Prinzen in großem Aufzuge nach den Tempeln des Himmels und der Erde, sowie nach der kaiserlichen Ahnenhalle gesandt, um dort die Thronbesteigung des Kaisers zu verkünden. Am folgenden Tage stattete der Kaiser, begleitet von allen Prinzen und dem ganzen prächtigen Gefolge der abtretenden Kaiserin-Regentin einen Besuch ab, und am 4. März erfolgte der feierliche Regierungsantritt unter großartigem Zeremoniell, an welchem der ganze Hof mit seinen Tausenden von Würdenträgern und Garden teilnahm. Die Feierlichkeiten fanden jedoch durchwegs innerhalb der Mauern der Palaststadt statt, und von den Hunderten von Millionen chinesischer Unterthanen war nicht ein einziger Zeuge derselben. Selbst bis heute haben nur die höchsten Würdenträger des Reiches und einige der ausländischen Gesandten den Kaiser von Angesicht zu Angesicht gesehen. Bei der Thronbesteigung aber waren auch diese nicht zugegen, und was man davon erfuhr, entstammt dem in der Regierungszeitung veröffentlichten Zeremoniell.
Sobald die kaiserlichen Astrologen vom Chien-ching-Thore der Palaststadt aus verkündeten, daß der günstige Augenblick für den Regierungsantritt gekommen sei, verließ der Kaiser, in seine mit Drachen bestickten Galagewänder gekleidet, seine Gemächer und bestieg eine Prachtsänfte, in welcher er zu der Chung-ho-Halle getragen wurde. Dort nahm er die Huldigung der Beamten und Bannerleute des inneren Palastes entgegen und begab sich nun in seiner Sänfte nach der eigentlichen Thronhalle (Tai-ho), vor welcher ihn sein ganzer Hofstaat unter den Klängen der Musik empfing. Dem Eingange zunächst standen die Prinzen und höchsten Staatsbeamten; dann kamen zehn Palastgardisten mit vergoldeten Helmen und mit Pantherschweifen verzierten Hellebarden; ferner zehn Palastgardisten mit Gürtelschwertern; Beamte des Zeremonienamtes; fünf kaiserliche Elefanten, unzählige Banner- und Standartenträger, Garden, Musikkorps. Während die ganze Gesellschaft sich zur Erde warf, betrat der Kaiser die Halle und bestieg den in der Mitte stehenden Thron, eine hohe Plattform, auf welcher sich ein breiter Stuhl mit hoher Rückenlehne befand. Auf diesen Thronstuhl ließ sich der Kaiser nach mandschurischer Art mit untergeschlagenen Beinen nieder. Die Musik verstummte, und die Beamten des Zeremonienamtes führten der Majestät nun die kaiserlichen Prinzen, die mongolischen Fürsten, den hohen Adel und die Würdenträger des großen Reiches zur Huldigung vor den Thron. Auf ein Zeichen des Zeremonienmeisters knieten alle nieder, und der Reichsherold befahl nun die Urkunde der Regierungsübernahme zu verlesen. Damit war die Thronbesteigung vorüber, und der Kaiser kehrte als Herrscher über China nach seinem Palaste zurück.
Nur durch die seltenen Empfänge der ausländischen Gesandten sind Berichte über das eigentümliche, aber stets würdevolle Zeremoniell am chinesischen Kaiserhofe durch europäische Augenzeugen in die Oeffentlichkeit gelangt. So empfing der Kaiser gelegentlich des 60. Geburtstages der Kaiserin-Exregentin die Gesandten, um die Glückwünsche ihrer Souveräne in Empfang zu nehmen.
Der Schauplatz des feierlichen Staatsaktes war einem ostasiatischen Blatte zufolge diesmal das Wenhuatien (d. h. Halle der Blüten der Litteratur), ein älteres Gebäude von mäßiger Größe im südöstlichen Teile des Palastes. Dasselbe dient zur Abhaltung einer litterarischen Feierlichkeit im zweiten Monat jeden Jahres, bei welcher dem Kaiser von einigen hervorragenden Mitgliedern der Hanlinakademie Vorträge über die Klassiker gehalten werden. Der Eingang für die fremden Vertreter und ihre Begleiter fand durch das Tunghuamen (das östliche Blumenthor) statt, die einzige Oeffnung in der Ostmauer des inneren Palastes. Dort wurden die Sänften zurückgelassen, und man begab sich zu Fuß durch den weiten ummauerten Hofraum, an den Spalier bildenden Palastgarden vorbei, nach dem Chuanhsintien (Halle der Offenbarung der Herzensgüte), einem kleineren dreigeteilten Gebäude, in welchem den mythischen Kaisern und alten Weisen einstmals Opfer dargebracht wurden und das in diesem Falle als Wartesaal für die Gesandten diente. Die letzteren wurden hier durch die Prinzen und Minister des Tsungli-Yamens empfangen, um dann nach kurzem Aufenthalt durch das Wenhuamen (Thor der Blüten der Litteratur) nach einer Reihe offenbar für den Zweck besonders hergerichteter blauer Zelte geleitet zu werden, die dicht neben dem Wenhuatien lagen und in denen für jede Gesandtschaft ein besonderer Raum hergestellt war.
Von hier aus begaben sich die Vertreter mit ihrem Gefolge nach dem Audienzsaal, bis zu der äußeren Freitreppe desselben durch zwei Palastbeamte, vor den Thron durch zwei Minister des Tsungli-Yamens geleitet. Zwanzig Minuten vor zwölf Uhr wurde der Aelteste des diplomatischen Korps, der Gesandte der Vereinigten Staaten, geladen, die übrigen folgten der Amtsdauer nach. Das Weitere spielte sich dann in ähnlicher Weise ab, wie bei früheren Audienzen: der Gesandte näherte sich mit seinen Begleitern unter drei Verbeugungen der Estrade, auf welcher der Kaiser saß und zu der mehrere Stufen emporführten, hielt darauf eine kurze Ansprache, in der er des feierlichen Ereignisses gedachte, und überreichte, nachdem dieselbe von dem betreffenden Gesandtschaftsdolmetscher ins Chinesische, von dem zur Seite des Kaisers stehenden Prinzen Kung bezw. Ching (beide wechselten bei den einzelnen Gesandten ab) ins Mandschurische übertragen war, das Glückwunschschreiben seines Souveräns bezw. Präsidenten in die Hände des ihm entgegenkommenden Prinzen, der es auf den mit gelber Seide behangenen Tisch vor den Kaiser legte.
Das vom deutschen Kaiser gesandte Glückwunschschreiben bestand in buchförmig zusammengelegten Pergamentblättern, auf denen der Text in mehreren Farben kunstvoll ausgeführt war und die durch zwei massive, mit weißem Leder überzogene und mit reicher Goldverzierung sowie dem kaiserlichen Namenszuge geschmückte Deckel zusammengehalten wurden. Das Ganze, ein vornehmes Kunstwerk, das allgemeine Bewunderung erregte, lag in einem eleganten Holzkasten, auf dem ebenfalls ein großes W mit der Kaiserkrone angebracht war.
Der Monarch neigte das Haupt beim Empfang, sprach dann in vernehmlichem Tone zu dem links neben ihm knieenden Prinzen einige Sätze, in denen er seiner Genugthuung und Freude Ausdruck gab, dieser wiederholte die Worte, nachdem er die Estrade verlassen, dem Dolmetscher auf Chinesisch, der letztere in seiner Landessprache dem Gesandten. Damit war die Audienz beendet, und der Gesandte verließ, abermals unter Verbeugungen und in derselben Weise geleitet wie vorher, die Empfangshalle.
Das orientalische Zeremoniell machte sich hierbei in bedeutsamer Weise geltend: das Wenhuatien hat in seiner Südwand drei Eingänge, zu denen drei steinerne Freitreppen emporführen; solange nun der Gesandte Träger des kaiserlichen Schreibens war, überließ man ihm den vornehmsten Zugang, d. h. die große mit einem Teppich belegte Mitteltreppe und die Mittelthüre, die sonst nur von dem Kaiser benutzt wird; der Ausgang fand dagegen durch die linke Seitenthüre statt.
Dem ganzen Vorgang ließ sich eine majestätische Würde nicht absprechen. Der Kaiser saß, wie bemerkt, auf einer Estrade an einem mit gelber Seide behangenen Tische; hinter ihm befanden sich die üblichen Paraphernalien: der Wandschirm, die Pfauenwedel; zur Rechten standen zwei Prinzen des kaiserlichen Hauses, zur Linken der Prinz von Kechin und Prinz Kung bezw. Prinz Ching. In der Halle selbst bildeten schwerttragende Garden zu beiden Seiten Spalier, dahinter standen Eunuchen und Palastbeamte. Das bei weitem Interessanteste in der ganzen Scene war natürlich die Person des mit Zobelpelz und Staatsmütze angethanen jugendlichen Monarchen. Die ungewöhnlich großen, glänzenden schwarzen Augen gaben dem zarten, fast kindlichen Gesichte ein ungemein sympathisches Aussehen, das auch durch die von einem kürzlich überstandenen Fieberanfall herrührende Blässe durchaus nicht beeinträchtigt wurde.
Beim Heraustreten aus der Halle bot sich dem Auge ein malerisches Bild. Zu beiden Seiten, d. h. nach Ost und West, von der nach Süden zu führenden Freitreppe zog sich in weit ausholendem Bogen die lange Reihe der Palastgarden entlang, davor und dahinter bewegten sich Scharen von Beamten in ihren langen Tuniken mit den buntgestickten viereckigen Rangabzeichen auf Brust und Rücken. Bei aller Geschäftigkeit war keine eilige oder überstürzende Bewegung zu beobachten, alles ging, dem chinesischen Amtscharakter entsprechend, feierlich und würdevoll zu. Wandte man sich nach rechts, so erblickte man am Ende des weiten Platzes die hohe, mit gelbglasierten Ziegeln gedeckte Mauer, welche die lange Reihe der Mittelhallen des Palastes einschließt; am Südende derselben gewahrte man das dreiteilige Tsoyimen (Linkes Thor der Rechtlichkeit), und jenseits davon, weit darüber hinausragend, erhob sich der mächtige Bau der Taihohalle, das durch seine architektonischen Verhältnisse am meisten hervorragende Gebäude der Kaiserstadt. Das Ganze wirkte, wie jede chinesische Anlage, weniger durch die Einzelausführung als vielmehr durch das Kolossale der Ausdehnung und das Würdevolle der Gruppierung.
In diplomatischen Kreisen wurde es entschieden mit Genugthuung begrüßt, daß der chinesische Hof sich endlich entschlossen hat, den mit so ängstlicher Sorgfalt gehüteten inneren Palast den fremden Vertretern zu öffnen und so eine endgültige Lösung der langwierigen Audienzfrage herbeizuführen. Wie schwer ihm dies geworden sein mag, haben die jahrelangen Verhandlungen zur Genüge dargethan.
Die Hauptpflichten des Kaisers von China bestehen darin, seinen Vorfahren zu opfern, seiner Stieftante, der alten Kaiserin-Exregentin, alle fünf Tage einen Besuch zu machen, in den Tempeln des Himmels und der Erde zu beten und den Großwürdenträgern Audienz zu erteilen, in denen alle laufenden Regierungsgeschäfte erledigt werden. Nach den Mitteilungen, die ich von Pekinger Diplomaten erhielt, soll der Kaiser viel intelligenter und energischer sein als seine Vorgänger. Dem Aussehen nach ist er klein, mager, bartlos, mit einem unverhältnismäßig großen Kopf; doch machte er auf die wenigen europäischen Gesandten, die ihn zu Gesicht bekommen haben, einen sehr günstigen Eindruck. Daß er auch bestrebt ist, sich über die Grenzen der Purpurstadt hinaus zu informieren, geht aus vielen Thatsachen hervor. Er hat das Studium der englischen Sprache begonnen, er liest die ihm zur Sanktionierung vorgelegten Berichte, und wo er Bestechlichkeit oder Nachlässigkeit der Beamten wittert, läßt er sofort von den Censoren genaue Untersuchungen einleiten. Vor einigen Jahren wurde die ganze chinesische Welt durch die Nachricht überrascht, daß der Kaiser selbst die Prüfung der Zöglinge der Pekinger Hanlinakademie vorgenommen hätte, ein unerhörtes Ereignis. Diese Akademie ist die höchste litterarische Anstalt Chinas. Ihre Mitglieder sind hohe Würdenträger, Mandarine, Gesandte und dergleichen, und aus ihnen rekrutieren sich nach erfolgreich bestandenen Prüfungen die Examinatoren in den Provinzen, sowie die Lehrer für den kaiserlichen Thronfolger, wie für die kaiserlichen Kinder überhaupt. Seine Majestät ist zwar bisher trotz seiner zehnjährigen Ehe mit so vielen Gemahlinnen noch nicht mit Nachkommenschaft gesegnet worden, aber die Lehrer für eine solche sind schon da. Nun hat sich die in ganz China so ausgebreitete Bestechlichkeit sogar bis an diese Hanlinakademie herangewagt, und die Beamten, welche die so wichtigen und einträglichen Examinatorenstellen erlangen wollen, liefern mit ihren schriftlichen Prüfungsarbeiten gleichzeitig eine mehr oder minder hohe Geldsumme ab. Wie eine Bombe fiel nun unter die Prüfungskommission der Befehl des Kaisers, die schriftlichen Arbeiten der Aspiranten ihm vorzulegen. Bei der Durchsicht stürzte er die Rangliste von unterst zu oberst; sechs Beamte, welche die Kommission an die letzte Stelle gesetzt hatte, erlangten die höchsten Ehren, andere, welche in die erste Klasse aufgenommen worden waren, wurden in die dritte oder vierte gestellt, einige sogar ganz abgewiesen. Unter den Aspiranten befand sich auch Tsui-Kuo-Yin, der frühere chinesische Gesandte in den Vereinigten Staaten, ein angesehener, ehrwürdiger Mandarin zweiter Klasse und Lehrer des kaiserlichen Thronfolgers. Seine Arbeit schien den Kaiser nicht befriedigt zu haben, denn es wurde ihm sein Mandarinknopf zweiter Klasse und sein Rang als Lehrer entzogen.
Auch sonst zeigt der Kaiser große Selbständigkeit; das Köpfen oder Degradieren der Generale während des Krieges mit Japan erfolgte direkt auf seinen Befehl; entgegen der Mehrzahl seiner Mandarine dringt er auf die Organisation seiner Armee nach europäischem Muster, und überlebt seine Dynastie die jetzige heftige Erschütterung, so dürften bald bessere Zeiten für China kommen, vorausgesetzt, daß er nicht durch irgend ein Pülverchen vorher aus dem Leben geschafft wird. Seine Hofschranzen, Eunuchen und mandschurischen Bannerleute sind natürlich bestrebt, ihn möglichst von dem direkten Verkehr mit der Außenwelt fernzuhalten und alles durch ihre habgierigen, stets offenen Hände zu leiten. Selbst Audienzen bei dem Sohne des Himmels müssen in vielen Fällen durch hohe Summen erkauft werden; Pfauenfedern, Mandarinknöpfe und sonstige Auszeichnungen sind ziemlich offen im Markt, kurz, alles ist demjenigen erreichbar, der zahlen kann. Zu diesen elenden Verhältnissen in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers haben wohl auch die vielen Prinzen beigetragen, von denen nur die wenigsten standesgemäße Bezüge haben. Andere haben wohl Zutritt zu den obersten Aemtern und damit auch Einfluß, aber dafür keine Bezüge, und so lassen sie sich häufig ihren Einfluß bezahlen. Viele befinden sich in ganz untergeordneten Stellungen, ja sogar als Diener in den Gesandtschaften und bei Fremden, aber sie gehören doch zu dem kaiserlichen Clan, dessen Oberhaupt der Kaiser ist und der seine eigene Verwaltung und seine eigene Gerichtsbarkeit besitzt.
Die ganze prinzliche Gesellschaft ist in zwei Gruppen eingeteilt, deren erste, die Tsung-schih, nur die direkten Nachkommen des Gründers der Dynastie und ersten Kaisers umfaßt. Sie sind dadurch kenntlich, daß sie einen gelben Gürtel tragen. Die zweite, Gioro genannte Gruppe, umfaßt alle Abkömmlinge der Nebenlinien, und ihre Mitglieder tragen einen roten Gürtel. Die Gesamtzahl der männlichen Mitglieder des kaiserlichen Clans dürfte etwa sechstausend betragen; ein eigenes Familienamt in Mukden, der Hauptstadt der Mandschurei, verwaltet die Archive und kontrolliert die Ansprüche jedes Prinzen. Die ganze Gesellschaft ist je nach ihrer näheren oder entfernteren Verwandtschaft mit dem Kaiser in zwölf verschiedene Grade eingeteilt. Die Prinzen erster Klasse heißen Tsin Wang, d. h. Prinzen von Geblüt, und beziehen aus der kaiserlichen Schatulle eine jährliche Apanage von etwa 35000 Mark, Seidenstoffe, Lebensmittel, und verfügen außerdem über eine Hofhaltung von 350 Personen; Prinzen zweiter Klasse, Kiun Wang, d. h. Söhne der Prinzen erster Klasse, haben die Hälfte der genannten Einkünfte und Hofhaltung; Prinzen dritter Klasse, Beile, ein Drittel, solche vierter Klasse, Beitse, ein Viertel, und so fort bis herab zu der letzten Klasse, deren Mitglieder nur etwa zwölf Mark monatlich und einige Rationen erhalten. Etwa 500 Mark werden ihnen bei ihrer Verheiratung und eine ähnliche Summe für Beerdigungskosten bei etwaigen Todesfällen in ihrer Familie gewährt. Natürlich können sie damit ihr Auskommen nicht finden, und so nehmen sie zu allerhand unerlaubten Mitteln Zuflucht, um zu Geld zu kommen. Ja, Wells Williams erzählt in seinem ausgezeichneten Buche The middle Kingdom, daß sie nicht selten ihre Frauen zu Tode mißhandeln, um nur so oft als möglich die Beerdigungs- und Hochzeitskosten zu erhalten.
Von der Pracht der orientalischen Höfe, besonders der indischen und javanischen, ist in China nur sehr wenig zu sehen. Die goldstrotzenden, glänzenden Uniformen, Ordensketten und Sterne fehlen gänzlich, die langen weiten Gewänder sind wohl aus reichen schweren Seidenstoffen, aber mit Ausnahme der Brustplatten, welche die Abzeichen des Ranges bilden, schmucklos und in dunklen Farben. Der Kaiser verläßt seinen Palast nur, um sich nach einem Tempel zu begeben oder die Kaiserin-Exregentin zu besuchen. Einige hundert berittener Garden, dann die gelbe kaiserliche Sänfte, dann wieder einige hundert Garden mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, das ist alles. Die rot-weiß-blau gekleideten Sänftenträger dürfen während der ganzen Promenade nicht miteinander sprechen, nicht spucken oder sich räuspern; gewahren die Garden irgend einen Neugierigen, so machen sie ihn durch wohlgezielte Pfeile darauf aufmerksam, daß der Anblick des kaiserlichen Zuges verboten ist.
Die Ausgänge nach den verschiedenen Tempeln, die Ahnenopfer und Besuche bei der Kaiserin-Mutter bilden beinahe die einzige Abwechselung in dem einförmigen, arbeitsvollen Leben des jungen Kaisers. Zuweilen läßt er sich auch in dem prachtvollen Park der verbotenen Stadt spazieren fahren. Festlichkeiten, Theater- und Tanzvorstellungen kommen nur selten vor, und auch zu diesen werden nur einige der nächststehenden Prinzen und Minister geladen, niemals Frauen. Gewöhnlich werden die Vorstellungen am folgenden Tage für die Kaiserinnen und Damen des Hofes wiederholt, und dann sind wieder die Herren abwesend.
Hofhaltung beim Kaiser von China.
Von den Chinesen, Tataren und Mandschuren in Peking ist über das höchst eigentümliche Frauenleben am Kaiserhofe nichts zu erfahren. Selbst die kaiserlichen Prinzen haben keinen Zutritt zu den kaiserlichen Gemächern. Die wenigen Festlichkeiten, die zuweilen bei Hofe gegeben werden, haben eigene, von den Kaiserpalästen getrennte freistehende Hallen zum Schauplatz, und auch dort kommen die Prinzen mit den Haremsdamen nicht in Berührung, weil bei diesen Festlichkeiten die Damen fehlen. Manchmal giebt die Kaiserin-Exregentin dem Kaiser und seinem Hofe Bankette oder Empfänge. Dann ist sie wohl selbst mit einer Anzahl ihrer Hofdamen zugegen, sitzt auf ihrem Throne und läßt sich von dem Kaiser und den Prinzen die höchsten Ehrenbezeugungen erweisen. Bei Banketten beläuft sich die Zahl dieser demütigen Kautaus, die der Kaiser auszuführen hat, auf sechsunddreißig. Aber auch zu der Kaiserin-Witwe werden nur Männer geladen.
Unter solchen Verhältnissen ist es ungemein schwierig, in das Leben und Treiben am Kaiserhofe zu Peking einzudringen.
Während meines Aufenthaltes in Peking gelang es mir indessen durch Zufall, Einblick zu erhalten in das große Zeremonienbuch, das Hwui Tien. In zweihundert dicken Bänden sind die genauesten Vorschriften für das ganze Thun und Lassen des Kaisers, der Prinzen und der Damen des Kaiserhofes verzeichnet, und besonders der achtundvierzigste Band ist voll des merkwürdigsten Zeremoniells. Daß dieses auch heute noch im vollsten Umfange gebräuchlich ist, geht aus den Mitteilungen der Pekinger Zeitung hervor, und diese beiden Publikationen gestatten es doch, sich eine richtige Vorstellung von dem Leben in dem chinesischen Olymp zu machen, selbst wenn es auch hinter den roten Mauern und unter den gelben Porzellandächern der Kaiserpaläste dem Auge des Sterblichen verborgen bleibt.
Der kaiserliche Hof mit seinen vielen Tausenden von Beamten, Eunuchen, Garden, Haremsdamen und Sklavinnen bildet ein kleines Reich für sich, mit eigenen Ministerien, eigener Gerichtsbarkeit, eigenen Finanzen, und der ganze Apparat ist gewiß viel größer als der Regierungsapparat so manchen europäischen Staates. Das Oberhofmeisteramt, hier Nuiwu Fu genannt, hat eine Anzahl von Ministern und Mandarinen, denen wieder sieben verschiedene Abteilungen untergeordnet sind. Die erste Abteilung besorgt das selbst für die chinesischen Olympbewohner Unentbehrlichste: die Verpflegung. Auch darüber enthält das Zeremonienbuch die genauesten Vorschriften, und es ist interessant, die Mengen von Lebensmitteln zu erfahren, die dem Kaiser vom Verpflegungsamte angewiesen werden. Täglich, so heißt es in den Vorschriften, sind Seiner Majestät vorzusetzen: 15 Kilogramm Fleisch in einer Schüssel und 3½ Kilogramm Fleisch zu einer Suppe zusammengekocht; 1 Kilogramm Schweinefett und ebensoviel Butter; zwei Schafe, zwei Enten und zwei Hühner oder anderes Geflügel und 75 Pakete Thee. Die Kaiserin erhält 10½ Kilogramm Fleisch auf Tellern, 6½ Kilogramm Fleisch mit Gemüsen zusammengekocht, eine Ente, ein Huhn oder anderes Geflügel, 12 Krüge mit Wasser und 10 Pakete Thee. Die Eunuchen, Hofdamen, Konkubinen und Dienerinnen erhalten täglich ebenso genau vorgeschriebene Rationen, deren kleinste aber immer noch aus 500 Gramm Fleisch und einem Paket Thee besteht.
Die zweite Abteilung des Hausministeriums ist der nächstwichtigen Sache, der persönlichen Sicherheit des Kaisers und seines Hofes, gewidmet und besorgt die Leibwachen, die Verteidigung des Palastes und die Garden, die den Kaiser auf Reisen begleiten. Diese Leibwachen belaufen sich zu gewöhnlichen Zeiten auf etwa sieben- bis achthundert Mann und gehören dem sogenannten Gelben Banner an, das sich durchweg aus Mandschuren zusammensetzt. Sie tragen bei Festlichkeiten prächtige seidene Uniformen, reich vergoldete Metallhelme mit dem fünfklauigen kaiserlichen Drachen geschmückt, sind aber nur mit Hellebarden und Schwertern bewaffnet. Einzelne Abteilungen der Garden tragen auch Pfeil und Bogen, aber während ich selbst im Palasthofe des Königs von Korea Gatlingkanonen sah, gab es in der purpurnen Stadt Pekings bis auf die jüngste Zeit keine Feuerwaffen.
Die dritte Abteilung der kaiserlichen Hofhaltung überwacht das Zeremoniell zwischen den einzelnen Mitgliedern der kaiserlichen Familie; die Herolde und Eunuchen dieses Amtes regulieren den Aufzug aller Haremsdamen, wenn sie zur Huldigung vor den Kaiser befohlen werden, sie stellen die Gefolge und die Ehrenwachen, die den Kaiser bei seinen Ausgängen begleiten, und versehen den Dienst bei allen Festlichkeiten und Audienzen. Interessanter ist die vierte Abteilung, denn ihren Beamten liegt die Auswahl der Damen für den kaiserlichen Harem ob, und weil diese Damen die größten Unkosten der ganzen Hofhaltung verursachen, ist dieser Abteilung auch die Einziehung der Steuern und kaiserlichen Revenüen übertragen. Die fünfte Abteilung hat die kaiserlichen Paläste und Gärten unter sich, besorgt alle Neubauten und Reparaturen und reinigt die Straßen der Hauptstadt, falls der Kaiser oder irgend ein Mitglied seiner nächsten Verwandtschaft Ausgänge unternimmt. Obschon sie niemals den Fuß wirklich auf den Boden setzen, sondern stets in Sänften getragen werden oder reiten, müssen doch alle Wege, die sie passieren, mit gelbem Sand bestreut werden. Für den Kaiser ist eine bestimmte Menge Sand vorgeschrieben, für die Prinzen je nach ihrem Range weniger. Die sechste Abteilung verwaltet die kaiserlichen Stallungen, Meiereien und Herden, und die siebente Abteilung hat die Gerichtsbarkeit über die Bewohner der kaiserlichen Stadt unter sich.
Am interessantesten sind unzweifelhaft die Befugnisse der vierten Abteilung, die sich mit dem Harem des Kaisers befaßt. Die Beamten dieser Abteilung sind selbstverständlich der großen Mehrzahl nach Eunuchen. Sie bleiben ihr Lebenlang unverheiratet und lassen sich nicht einmal auf Liebesabenteuer ein. Der männliche Artikel „der” wird ihnen nur aus Höflichkeit beigelegt. Sie tragen die Kleidung der Männer, aber keine Bärte. Ihre Zahl beträgt nicht weniger als dreitausend. Die für den Nachwuchs erforderlichen Leute sind nicht so leicht aufzutreiben, denn die Operationen der Eunuchentaufe sind keine Kleinigkeit. Man erwirbt deshalb gewöhnlich passende Knaben von ihren Eltern oder Anverwandten gegen Zahlung, überdies aber besteht seit 1829 ein Gesetz, demzufolge die Söhne aller wegen Familienmordes hingerichteten Verbrecher den kaiserlichen Haremsbehörden auszufolgen sind. Von diesen werden sie zu Eunuchen verwandelt, ob sie wollen oder nicht.
Dem Namen nach ist allerdings die Kaiserin-Mutter die Herrin über das ganze Heer der kaiserlichen Haremsdamen, in Wirklichkeit aber muß auch sie sich den Verordnungen der vierten Abteilung fügen. Wie viele Frauen der Kaiser im Laufe seiner kurzen Regierungszeit geehelicht hat, weiß er wohl selbst nicht. Auf ein Dutzend mehr oder weniger kommt es ja auch gar nicht an. Gesetzlich bestimmt sind ihm neben der Kaiserin noch neun Frauen zweiten Ranges, siebenundzwanzig dritten Ranges und einundachtzig Beischläferinnen verschiedener Klassen; nach welchen Verdiensten diese Damen in die Klassen eingeteilt werden, ist selbst in dem dicken Zeremonienbuche nicht enthalten, eine bedauernswerte Unterlassung. Es wäre wohl gegen das Ansehen des Sohnes des Himmels, jeweilig nur einer einzigen Gattin Herz und Hand anzutragen, und deshalb werden ihm immer gleich neun Frauen auf einmal zugeführt. Dazu wird alle drei Jahre im kaiserlichen Palaste eine große Mädchenparade abgehalten, wozu die Offiziere der mandschurischen Banner ihre sämtlichen im Alter zwischen zwölf und sechzehn Jahren stehenden Töchter ausrücken lassen müssen. Der Kaiser, begleitet von der Kaiserin-Mutter, hält die Revue ab und wählt die ihm zusagenden Mädchen aus. Sie bleiben nun bis zum vollendeten fünfundzwanzigsten Lebensjahr Beischläferinnen des Kaisers. Hierauf werden sie wieder in Gnaden entlassen, diejenigen ausgenommen, die mit kaiserlicher Nachkommenschaft gesegnet wurden. Diese können dann je nach ihren Verdiensten die ganze Stufenleiter durch die verschiedenen Klassen durchlaufen, ja sogar bis zur Kaiserin erster Klasse vorrücken. Auf hohen Rang und gesellschaftliche Stellung der Familie wird verzichtet. Jede Korporalstochter kann Kaiserin werden. Die Mutter des Kaisers Hien-fu, der von 1850 bis 1861 regierte, war ein blutarmes, den untersten Ständen angehöriges Mädchen und verkaufte in dem schmutzigen Gassengewirr Pekings Obst. Ihre außergewöhnliche Schönheit erweckte die Aufmerksamkeit des ersten Ministers, und ohne weitere Umstände wurde sie in den kaiserlichen Harem aufgenommen.
Der augenblicklich regierende Kaiser Kwang-Su bestieg am 4. März 1889 im Alter von fünfzehn Jahren den Drachenthron. Einem alten Gesetze zufolge mußte der Kaiser jedoch vor seiner Thronbesteigung in den Ehestand treten, und die Vermählung fand am 26. Februar desselben Jahres unter allerhand höchst eigentümlichen Gebräuchen und Zeremonien statt. Schon 1888 fand im Kaiserpalast zu Peking die erste Mädchenparade statt; Tausende von jungen, hübschen Backfischchen im Alter von zwölf bis sechzehn Jahren kamen, begleitet von ihren Vätern, durchwegs Mandschuren, angerückt, und die Kaiserin-Regentin traf die erste Auswahl. Einige Tage später wurden die gewählten Kandidatinnen einer zweiten, engern Wahl unterzogen. Diese wurden nun genau registriert und nach ihrer Heimat mit dem Bedeuten zurückgeschickt, daß sie sich für die dritte, entscheidende Wahl bereithalten möchten.
Am 28. Oktober 1888 wurde diese anbefohlen. Die dreißig jungen Mädchen wurden zunächst im kaiserlichen Palast festlich bewirtet; der Kaiser unterhielt sich mit ihnen und teilte dann der Kaiserin-Regentin seine Wünsche mit. Am 8. November 1888 wurde endlich in der Pekinger Staatszeitung verkündet, daß Yeh-ho-na-la, eine Maid von hoher Tugend, ansprechendem Aeußeren und geziemendem Benehmen, die Tochter eines mit der Kaiserin-Regentin verwandten Mandschugenerals, zur Gemahlin des Kaisers erwählt worden sei. Die Hochzeit konnte aber erst drei Monate später stattfinden, denn sie erforderte sehr umfassende, zeitraubende und kostspielige Vorbereitungen. Dem Volke wurde hierfür eine Hochzeitssteuer im Betrage von zwei Millionen Taels, also etwa acht Millionen Mark auferlegt, die Gesamtkosten der Hochzeitsfeier beliefen sich jedoch auf nicht weniger als siebeneinhalb Millionen Taels. Außerdem mußten die Provinzen noch eine Menge von Lebensmitteln, Kleiderstoffen und Material liefern; darunter auch die berühmte, die Manneskraft fördernde Ginsengwurzel und das Holz für die Särge des Kaiserpaares.
Die feierliche Verlobung fand am 4. Dezember 1888 durch ein großes Bankett statt, woran aber nur Frauen teilnahmen, während die Männer, darunter ein kaiserlicher Prinz, der Stellvertreter des Kaisers, in einem andern Raum bankettierten. Schon bei dieser Gelegenheit erhielten die Braut und ihr Vater kostbare Geschenke, die aber durch die eigentlichen Hochzeitsgeschenke weit in den Schatten gestellt wurden. Ein kaiserlicher Abgesandter überbrachte am 4. Januar 1889 in feierlichem Aufzuge folgende Geschenke: 200 Unzen Gold, 10000 Taels in Silber, ein Theegeschirr mit Kannen und Tassen aus massivem Golde, zwei silberne Waschbecken, 1000 Stück der kostbarsten Seide, 20 mongolische Reitpferde, vollständig gesattelt und gezäumt, und 40 Packpferde ohne Ausrüstung. Die Eltern der Braut erhielten ähnlich wertvolle Geschenke, ja selbst die andern Mitglieder der Familie und die Dienerschaft wurden reich bedacht.
Für den 26. Februar 1889 war die Hochzeit anbefohlen worden, und zwei Tage vorher sandte der Kaiser einen Prinzen nach den Tempeln des Himmels und der Erde, um den Göttern zu opfern, sowie nach dem kaiserlichen Ahnentempel, um den Vorfahren die bevorstehende Vermählung zu verkünden. Es geschah dies dadurch, daß diese Trauungsanzeige auf eine Atlasrolle geschrieben und diese vor den Altären der Ahnen verbrannt wurde. Am Hochzeitstag versammelte sich der ganze, aus Tausenden von Personen bestehende Hof, alle in kostbare neue Seidengewänder gekleidet und mit ihren Rangabzeichen, goldenen Phönixen, Mandarinknöpfen, Pfauenfedern und dergleichen versehen, in der großen Thronhalle (Taiho) des Palastes, wo auf zwei mit gelber Seide überdeckten Tischen die Insignien der Kaiserin, d. h. eine goldene Tafel mit der darauf gravierten Vermählungsurkunde und ein goldenes Siegel bereit lagen. Vor dem Thron wurde das goldene kaiserliche Scepter niedergelegt. Inzwischen beobachteten die kaiserlichen Astrologen unter allerhand Hokuspokus ihre astronomischen Instrumente und verkündeten endlich, daß der günstige, d. h. der den Geistern genehme Zeitpunkt für die Vermählung gekommen sei. Darauf begab sich der Kaiser in seinem mit goldenen Drachen bestickten Staatskleid in einer gelbseidenen Sänfte nach der Thronhalle, nahm dort den Kniefall des Hofes entgegen und besichtigte die Insignien der Kaiserin, alles unter dem großartigsten, bis in die geringsten Einzelheiten geregelten Zeremoniell. Während die Anwesenden kniend, mit der Stirn auf dem Boden, dalagen, verlas ein Zeremonienmeister die Trauungsurkunde: „Seine Majestät der Kaiser hat von Ihrer Majestät der Kaiserin-Regentin ein Edikt erhalten, demzufolge Yeh-ho-na-la, die Tochter des Bannergenerals Kwei-Hsiang, zur Kaiserin erwählt worden ist. Dem Uns ergangenen Befehl gemäß soll die Investierung der Kaiserin mit dem Scepter vorgenommen werden.”
Nun wurde dem mit der Investierung der Kaiserin betrauten kaiserlichen Prinzen das Scepter übergeben. Unter den Klängen der Tatarenmusik begab sich der Kaiser wieder in seinen Palast zurück, das goldene Siegel und die Vermählungstafel aber wurden in kostbare, ungemein reich geschmückte Drachensänften gelegt, um die sich nun der Festzug, der Prinz mit dem Scepter an der Spitze, gruppierte. Hinter den kolossalen Drachensänften wurde der gelbseidene kaiserliche Sonnenschirm einhergetragen; es folgten Minister, Mandarine, unzählige Schirm-, Fahnen- und Bannerträger und endlich die Eunuchensippe mit den Gewändern der Kaiserin in eigenen, prachtvoll vergoldeten Sänften. Vor dem Palast der Braut empfingen der Vater und die männlichen Anverwandten den Zug; die Eunuchen trugen die Insignien und das Kaiserscepter in die Gemächer der Braut, die vor diesen Zeichen ihrer künftigen Würde niederkniete und die vorgeschriebene Zahl von Kautaus machte. Zuvor hatte sie jedoch unter Beihilfe zahlloser weiblicher Zeremonienmeister, Herolde und Hofdamen das Hochzeitskostüm angelegt, das gewiß die Damen interessieren dürfte, zumal es meines Wissens in Europa noch nicht geschildert wurde. Das Kleid war von dunkelblauer, schwerer Seide mit goldenen, eingestickten Drachen und breiten Goldborten an den Aermeln und dem unteren Saume; auf der Vorderseite des Kleides prangten in Goldstickerei die chinesischen Schriftzeichen Wau-fu und Wau-scheu, d. h. immerwährendes Glück und langes Leben. Unterkleider und Schuhe waren von gelber Seide. Die Halsgeschmeide der Kaiserin, hauptsächlich aus Perlen, Diamanten, Türkisen und Korallen zusammengesetzt, sollen nach den Mitteilungen der Shanghaier Blätter einen fabelhaften Wert besitzen. Das Taschentuch war aus grüner Seide, reich gestickt und mit juwelenbesetzten Quasten und gelben Bändern geschmückt. Das wichtigste und kostbarste Stück war jedoch der Kopfputz, eine Mütze aus rotem Samt mit auf die Schulter fallendem Besatz von Zobelpelz, gelb gefüttert und durch diamantenbesetzte Samtbänder festgehalten. Auf der Mitte der Kappe erhob sich ein goldener Phönix, umgeben von einer Anzahl der kostbarsten Perlen. Rings um diesen Schmuck waren an der Kappe nach hinten andere goldene Phönixe befestigt, jeder mit achtundzwanzig großen Perlen besetzt, und auf der Hinterseite der Kappe saß ein goldener Fasan, dessen langer juwelenbesetzter Schweif über das Zobelfell fiel.
In diesem Aufzuge erschien die Braut vor den Eunuchen, die ihr nun das kaiserliche Edikt vorlasen und die an dem gleichen Nachmittag stattfindende Abholung nach dem Kaiserpalast verkündeten. Die Trauungstafel und das Siegel blieben bei ihr, das Scepter aber wurde wieder unter dem weitschweifigsten Zeremoniell dem vor der Brautwohnung harrenden Prinzen übergeben, der es dem Kaiser wieder zurückbrachte. Nachmittags besuchte der Kaiser mit seinem ganzen Hofstaate die Kaiserin-Regentin und gab hierauf in der Taihohalle feierlich unter Trompetengeschmetter und Trommelschlag den Befehl, die junge Kaiserin abzuholen. Sofort wurde der Hochzeitszug wieder mit dem Prinzen an der Spitze gebildet, aber diesmal fungierte an Stelle der Drachenstühle eine Phönixsänfte, mit gelbem Damast ausgeschlagen und von sechzehn Trägern getragen, denen die kaiserliche Palastgarde in ihren pompösen Uniformen mit goldenen Helmen und Pantherfellen folgte.
In dem Palast der Braut hatten sich mittlerweile die kaiserlichen Prinzessinnen, Hofdamen, Frauen der Minister und höchsten Mandarine versammelt. Beim Eintreffen des Zuges überreichten die Prinzessinnen der tiefverschleierten Braut einen Apfel und durchräucherten den Phönixstuhl mit tibetanischem Weihrauch. Nun nahm die Braut allein darin Platz, Trauungstafel und Siegel wurden in die dafür bestimmten Drachenstühle gelegt, und begleitet von dem großartigen, glänzenden Gefolge begab sich die Braut zu dem Palast des Kaisers, diesmal schon beschattet von dem hohen kaiserlichen Sonnenschirm mit sieben eingestickten Phönixen. An dem Außenthore mußten den Vorschriften gemäß alle Sänften zurückbleiben und nur jene mit der Kaiserin wurde bis an die Eingangspforte des Palastes getragen. Dort mußten die Sänftenträger und Eunuchen mit abgewendeten Gesichtern zurücktreten, die Palastgarden aber hinter einem hohen Schirm sich verbergen, um zu verhindern, daß sie die Kaiserin erblickten. Unter Beihilfe der Prinzessinnen verließ die Kaiserin nun die Sänfte und erhielt in der Vorhalle des Palastes abermals einen Apfel sowie ein großes, mit Perlen und Goldstücken gefülltes Gefäß. Langsam durchschritt sie den Korridor zu dem Brautgemach, vor dem der Kaiser, ihr Gemahl, sie erwartete. Zu seinen Füßen lag ein Sattel, daneben standen Pfeil und Bogen. Als der Kaiser seine Braut gewahr wurde, schoß er einen Pfeil tief in den Sattel, trat dann auf die junge Kaiserin zu und schlug ihren Schleier zurück. Zwei Prinzessinnen führten sie nun in das Brautgemach und luden sie ein, auf dem Brautbette Platz zu nehmen. Der Kaiser setzte sich neben sie, und mit ineinander verschlungenen Armen tranken sie nun den von den Prinzessinnen dargereichten Wein. Hierauf genossen sie eine Suppe, die Brühe des langen Lebens genannt, und einen aus allerhand mysteriösen Kräutern und Wurzeln gemachten Brei, „die Mehlspeise der Söhne und Enkel”. Die Prinzessinnen bildeten bei dieser feierlichen stummen Mahlzeit die Bedienung. Dann machten sie das Brautbett zurecht, legten an die vier Ecken desselben vier mit Nephritstein (Jade) eingelegte Scepter und zogen sich zurück. In der offiziellen Pekinger Zeitung, die den ganzen Hergang in der größten Ausführlichkeit schilderte, ist leider nicht erwähnt, ob die kaiserliche Braut ihre Phönixe und Fasanen auf dem Kopf behielt. Es heißt darin nur, daß die Prinzessinnen am nächsten Morgen um drei Uhr wieder erschienen, um das Kaiserpaar zu wecken. Eine halbe Stunde später begaben sich die Neuvermählten nach dem Hwa-Huang-Tempel, um dort ihre Gebete zu verrichten, und hierauf nach dem Chieng-Ching-Palaste, wo sie sich vor den Gedenktafeln der kaiserlichen Ahnen neunmal zu Boden warfen. Nach einem kurzen Höflichkeitsbesuch bei der Kaiserinmutter kehrten sie nach dem Kaiserpalast zurück. Hier mußte die junge Kaiserin neunmal vor ihrem Gatten die Knie beugen und gelegentlich dieser Turnübung dem Kaiser ihr Nephritscepter überreichen. Dafür reichte ihr der Kaiser sein eigenes Scepter. Nun war die Zeit für den Empfang der Nebenkaiserinnen und des ganzen Harems mit Gefolge und Dienerschaft gekommen. Alle, selbst die Nebenkaiserinnen, mußten vor der jungen Herrin den Kautau ausführen.
Glücklicherweise wird nur die Hochzeit mit der ersten Kaiserin mit so großem Pomp und Aufwand gefeiert, sonst käme der Kaiser sein Leben lang aus den Heiratszeremonien gar nicht heraus. Mit den Neben- und Aushilfskaiserinnen wird nicht viel Aufhebens gemacht. Die Pekinger Zeitung verkündet einfach ihre Ernennung, ebenso wie die Ernennung einer Anzahl von Beischläferinnen verschiedener Grade. Sie haben alle ihre eigenen Wohnungen, ihre Dienerschaft und Eunuchen, und der Kaiser macht bei ihnen nach Belieben die Runde. In dieser Beziehung werden ihm von dem Zeremonienmeister keine Vorschriften gemacht, dafür hält dieser unter den Beischläferinnen strenge Ordnung, und sollten sich die Haremsdamen irgend welche Vergehen zu schulden kommen lassen, so werden sie zuweilen streng bestraft. So z. B. veröffentlichte die Pekinger Staatszeitung im Jahre 1895 folgendes Edikt:
„Ich, der Kaiser, habe folgende von mir getroffene Verfügung der allergnädigsten Kaiserin-Exregentin mitgeteilt: Unser Hof hat seine Familientraditionen und Vorschriften, die streng und vernünftig sind. Dem Hofharem gebührt es nicht, sich in Sachen der Staatsverwaltung einzumischen. Die Frauen zweiten Ranges, Zfin und Tscheshen, haben ihre bisherige Bescheidenheit aufgegeben. Sie haben sich dem Prunke ergeben und wenden sich wiederholt an Se. Majestät mit Bitten und Anliegen, ihm viel Sorge verursachend. Das darf nicht weiter vorkommen. Denn wenn man sie nicht warnt, so steht zu befürchten, daß die Frauen des Kaisers von allen Seiten mit Bitten und Intriguen bestürmt werden, während diese Intriguen doch nur eine Leiter zu allerlei Betrug sind. Deshalb sind die Frauen Zfin und Tscheshen zu degradieren und solches zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Jetzt wird Ruhe und Stille im Innern des Palais einkehren. So geschehe es.”
Noch strenger ist vom kaiserlichen Hausministerium unter den Eunuchen aufgeräumt worden, deren es in kaiserlichen Diensten wohl dreitausend giebt. Da sie sich in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers befinden, so ist auch ihr Einfluß auf denselben bedeutend, und sie lassen sich in Anbetracht ihrer unverantwortlichen Stellung häufig zu allerhand Gesetzlosigkeiten verleiten. Jeden Monat veröffentlicht die Staatszeitung Edikte, denen zufolge verschiedene Eunuchen geköpft oder in die Verbannung gesandt worden sind.
Der Thronfolger wird in China unter den Kindern der verschiedenen Beischläferinnen ganz nach Gutdünken des Kaisers erwählt; die Töchter des Kaisers aber werden an hohe mandschurische Generale oder mongolische Fürsten verheiratet, nur dürfen die letztern ihren hochgeborenen Gemahlinnen gegenüber keinerlei eheliche Rechte ausüben, müssen also sozusagen Eunuchen spielen. Sollten sie sich vielleicht doch zu unerlaubten Beziehungen zu ihren eigenen Frauen verleiten lassen, so werden sie streng bestraft. Der Kaiser Taokwang ließ einem solchen kecken Gatten achtzig Stockschläge verabfolgen.
Geistermahlzeiten und Ahnenkultus am Kaiserhofe.
Die Pekinger Regierungszeitung vom 29. Juni 1895 brachte folgendes Edikt des Kaisers: „In den letzten Wochen ist im Bereiche der Hauptstadt viel Regen gefallen, und noch immer ist der Himmel mit Wolken bedeckt, so daß zu befürchten steht, es könnte durch zu viel Regen die Ernte geschädigt werden. Wir sind auf das tiefste besorgt, und es erscheint geziemend, um günstiges Wetter zu flehen. Wir werden uns deshalb am 1. Juli nach Takao-tien zum Opfern begeben und die himmlische Macht bitten, Regen und Sonnenschein, alles zur rechten Zeit, zu gewähren, auf daß man beruhigt der Ernte entgegensehen könne.”
Am 30. Juni erschien in der Regierungszeitung folgende Nachricht: „Der Kaiser wird sich morgen früh drei Uhr zum Opfern nach Takao-tien begeben.”
Aehnliche Edikte und Nachrichten finden sich in der genannten Zeitung nahezu jede Woche. Bald opfert der Kaiser in der Ahnenhalle, bald im Tempel des Himmels oder in jenem der Erde. Die Opferzeit ist gewöhnlich ungemein früh, zwischen drei und fünf Uhr morgens, zuweilen sogar mitten in der Nacht.
Wenn in diesen Edikten von Priestern niemals gesprochen wird, sondern immer nur vom Kaiser, so hat dies seinen Grund darin, daß er selbst der Stellvertreter der chinesischen Gottheit auf Erden ist, eine Art Hoherpriester mit dem Zopfe. Wie in biblischen Zeiten König und Oberpriester häufig in einer Person vereinigt waren, so ist es in China bis auf den heutigen Tag geblieben. Ja noch mehr: der Kaiser ist der Sohn des Himmels, seine Vorfahren auf dem Drachenthrone weilen als Geister in der Gesellschaft der himmlischen Mächte, und er selbst fährt bei seinem Ableben auf einem goldenen Drachen zum Himmel. Sein Geist lebt dort fort und beeinflußt das Leben der Hinterbliebenen in derselben Weise, wie das seine von seinen eigenen Vorfahren beeinflußt wurde. Aus diesem Glauben entwickelte sich der Ahnenkultus, der in China und besonders am Kaiserhofe kaum weiter getrieben werden kann. Innerhalb der verbotenen Purpurstadt im Herzen Pekings befindet sich ein großer kaiserlicher Ahnentempel, und auch in den anderen, dem Himmel, der Erde, der Sonne und dem Monde geweihten Tempeln Pekings sind die kleinen Ahnentafeln der verstorbenen Kaiser aufgestellt. In dem Tai-miau, d. h. dem Großen Tempel, neben dem Kaiserpalast, befinden sich außer den Ahnentafeln der Kaiser auch jene der Kaiserinnen aus den letzten zehn Generationen, einfache Holztäfelchen, auf welchen die Namen und Titel der Verstorbenen verzeichnet sind und die in vergoldeten Holzkästchen auf langen Tischen stehen. Anschließend an den kaiserlichen Ahnentempel befindet sich an der Ostseite eine Halle für die Ahnentafeln der kaiserlichen Prinzen, an der Westseite eine zweite für die Tafeln verdienter Staatsmänner, Feldherren und andere, also eine Art chinesischer Ruhmeshalle, jedoch ohne irgend welchen anderen Schmuck, ohne Statuen oder dergleichen.
In diesem Tai-miau bankettiert der Kaiser unmittelbar nach seiner Thronbesteigung mit seinen kaiserlichen Vorgängern, denn die Opfer, welche diesen dargebracht werden, denken sich die Chinesen als Festmahle. Sobald der Kaiser in großem Ornat die Halle betreten hat, werden vor die Ahnentafeln jedes einzelnen Kaiserpaares die Opfer gesetzt, und zwar vor jede Tafel drei Becher Wein, zwei Schüsseln Suppe, ein kleines Tischchen und ein Stuhl, auf welchem passende Kleider für den unsichtbaren Vorfahren liegen. Jeder Kaiser erhält außerdem noch zwei Stücke kostbaren Seidenstoff. Auf langen Tischen vor jedem Kaiserpaare werden auch noch zwischen Weihrauchfässern und glimmenden Räucherkerzchen je ein geschlachtetes Schwein, ein Rind und ein Schaf gelegt. Hierauf tritt der Kaiser allein in die Mitte der Halle, wirft sich auf die Knie, und mit der Stirne den Boden berührend ruft er der Reihe nach alle seine Vorfahren mit ihren Namen und Titeln an, eine zeitraubende Affaire, wenn man bedenkt, daß diese Titel aus je zwölf bis zwanzig Wörtern bestehen. Dann bittet er sie, diese Opfergaben als Ausdruck seiner Fürsorge und Verehrung entgegenzunehmen. Der Kaiser liest dieses Gebet von einer kleinen gelben Holztafel ab, die er sodann unter den Klängen eines mongolischen Musikkorps und dem Gesang von Chorsängern den Zeremonienmeistern übergiebt. Beamte raffen nun die Seidenstoffe zusammen und tragen sie in feierlichem Aufzuge zu einem großen offenen Altare, wo sie in Gemeinschaft mit der Gebettafel verbrannt werden.
Hierauf folgt eine höchst eigentümliche Zeremonie, die lebhaft an ähnliche Zeremonien im altjüdischen und christlichen Gottesdienste erinnert. Ein hoher Tempelbeamter reicht dem Kaiser einen Becher mit dem Wein des Segens dar. Bevor er ihn empfängt, kniet er dreimal nieder und berührt jedesmal mit der Stirne dreimal den Boden. Hat er den Becher geleert, so wird ihm das Fleisch des Segens auf einer Schüssel dargereicht, wobei er dieselbe Anzahl von Kautaus auszuführen hat. Im Laufe dieses Opferdienstes hat er im ganzen achtzehnmal niederzuknien und die Stirne vierundfünzigmal auf die kalten Steinplatten zu senken, eine recht anstrengende Turnübung, die von allen anwesenden Prinzen und Würdenträgern ebenfalls ausgeführt werden muß.
Der wichtigste Tempel Pekings, in welchem der Kaiser selbst als Hoherpriester den Opferdienst versieht, ist der berühmte Tempel des Himmels. In der Chinesenstadt, anschließend an die starken, hohen Umfassungsmauern Pekings, befinden sich zwei große, mehrere Quadratkilometer umfassende Tempelhaine, eigentlich schattige, mit prachtvollen alten Bäumen besetzte Parks, auf deren grünen Matten die Opfertiere, Rinder, Schafe und andere, grasen. Hohe, blaßrote Mauern umschließen diese weiten Plätze des Friedens, und nur wenigen Fremden ist es vergönnt, in das Innere einzudringen. Der westliche Park enthält den Tempel des Ackerbaues, der östliche den viel größeren und wichtigeren Tian-niau, d. h. den Tempel des Himmels. Bevor die augenblicklich regierende Dynastie auf den Thron gelangte, war der Tempel des Ackerbaues eigentlich der Tempel der Erde. Aber im Jahre 1531 entschieden die Schriftgelehrten, daß dieser Tempel der Erde außerhalb der Stadtmauern liegen müsse, und es wurde deshalb nördlich der Tatarenstadt ein Park von etwa dreihundert Morgen angelegt, in dessen Mitte sich der Tempel oder vielmehr der Altar der Erde erhebt.
Während des größten Teiles des Jahres sind die heiligen Tempelhaine einsam und verlassen, die stillsten Plätzchen des weiten chinesischen Reiches. Aber dreimal im Jahre, zur Zeit der Sommer- und Wintersolstitien und zu Beginn des Frühlings, drängen sich unter den schattigen Bäumen rings um den Altar des Himmels die Großen des Reiches in ihrer ganzen Pracht. Der Kaiser, die Prinzen, Mandarine und Generale sind dann hier versammelt, begleitet von Musikern, Chorsängern, Tempeldienern und Tänzern, von Leibgarden und Palastsoldaten, ein ungemein seltsames, großartiges Bild. Der Kaiser verläßt schon am Tage vorher bei Sonnenuntergang seinen Palast, um im feierlichsten Aufzuge durch die frischgescheuerten, mit gelbem Sand bestreuten Straßen seiner Hauptstadt nach dem Tempel zu pilgern. Aus Ehrfurcht vor der geheiligten Person des Monarchen müssen sämtliche Thüren und Fenster der Häuser geschlossen werden, keine Seele, weder Chinese noch Europäer, darf sich zeigen. Durch diese verödeten Straßen rollt der von einem Elefanten gezogene gelbe Staatswagen, in welchem der Kaiser sitzt. Nicht weniger als zweitausend Hofbeamte, Mandarine, Eunuchen und Garden, mit zahllosen Bannern, Ehrentafeln und Ehrenschirmen begleiten den Monarchen. Im Tempelhain angelangt, besichtigt der Kaiser zunächst die Opfertiere und begiebt sich hierauf in die Halle des Fastens und der Buße, während sein Gefolge sich außen unter den Bäumen auf den Rasen lagert. Kein Laut unterbricht die nächtliche Stille, denn der Kaiser liegt mehrere Stunden in der dunklen Halle auf den Knieen, im Gebet versunken. Hierauf wird der Kaiser in ein Staatszelt geführt, wo er unter großem Zeremoniell die Händewaschung vornimmt und die langen blauseidenen Gewänder als Oberpriester anlegt; nun beginnt der Zug zu dem Opferaltar. Voran schreiten Bannerträger, dann 235 Musiker in blauseidenen Talaren und eine gleiche Zahl von Tänzern, welche während des Marsches langsame, feierliche Tanzbewegungen ausführen. Hierauf kommt der Kaiser, gefolgt von allen Prinzen und hohen Würdenträgern, viele Hunderte an der Zahl.
Mittlerweile ist an der heiligen Opferstätte selbst alles vorbereitet worden. Innerhalb einer zweiten Ringmauer erhebt sich auf einer Marmorterrasse der mächtige runde Tempel des Himmels mit drei hohen, sich verengenden Stockwerken und himmelblauen Porzellandächern. Hehre Einfachheit kennzeichnet das Innere. Vergoldete Holzsäulen tragen die Dächer, und an der Nordseite, dem Eingang gegenüber, stehen auf reich geschnitzten, rot lackierten Tischen die einfachen Täfelchen des Shang-te, das heißt des „obersten Herrn des Himmels, der Erde und aller Dinge”, sowie der acht verstorbenen Kaiser der regierenden Dynastie. Aus diesem Tempel werden die mit blauem Seidenstoff umhüllten Täfelchen nach dem heiligen Altar des Himmels getragen, auf welchem das kaiserliche Opferfest stattfinden soll.
Dieser Altar, eine der heiligsten Stätten des chinesischen Reiches, befindet sich nahebei in einem dichten Cypressenhaine. Umgeben von ehrwürdigen alten Bäumen, erhebt sich hier ein aus blendend weißen, kreisrunden Marmorterrassen bestehender Aufbau, zu dessen oberster Plattform vier breite Treppen von je neun Stufen emporführen. Die Terrassen, ebenso wie die Treppen sind von skulpturengeschmückten Marmorbalustraden umgeben, in denen Drachen- und Phönixmotive die Hauptrolle spielen. In der Mitte des obersten, mit weißem Marmor belegten Plateaus erhebt sich ein großer Marmorblock für den Kaiser, und darüber wird ein die ganze Fläche einnehmender Baldachin gespannt. Bei dem flackernden Schein zahlreicher Fackeln stellen nun die in lange, hellblaue Gewänder gehüllten Diener die Kaisertäfelchen auf die oberste Plattform; auf die nächsttiefere Terrasse werden die Täfelchen der Sonne, des Großen Bären, der fünf Planeten, der achtundzwanzig Konstellationen und ein letztes Täfelchen für die übrigen Sterne aufgestellt. Diesen gegenüber, auf der entgegengesetzten Seite der zweiten Terrasse, werden die Täfelchen für Mond, Wind, Regen, Wolken und Donner auf kleine Tischchen gestellt, so daß also der oberste Gott Shang-te nach chinesischen Begriffen von allen Himmelskörpern umgeben ist.
Vor jedes Täfelchen werden auf langen Tischen Räucherpfannen für Weihrauch gestellt und allmählich auch die Kerzen und Räucherstäbchen entzündet. Während der ganze Cypressenhain durch die brennenden Fackeln erleuchtet wird, flimmern auf der weißen Marmorpyramide, den aztekischen Teocalli nicht unähnlich, Tausende und Abertausende kleiner Lichtchen. Bei ihrem Scheine werden nun vor jedem Täfelchen die Opfergaben aufgetürmt: zwölf Stück der schwersten blauen Seide vor Shang-te, je drei Stück weißer Seide vor jedem Kaiser, dann zusammen siebzehn Stück roter, gelber, blauer, schwarzer und weißer Seide für die übrigen Täfelchen, die, wie gesagt, nichts weiter als etwa fußhohe, zwei Zoll breite, aufrechtstehende Holzplättchen sind, auf welchen die Namen der genannten Himmelskörper stehen. Sobald die Kunde von dem Anmarsch des kaiserlichen Zuges hierher gelangt, werden die Opfermahlzeiten aufgetragen: Shang-te ein geschlachtetes Kalb, den Sternen ein Stier, ein Schaf und ein Schwein. Vor jedes Täfelchen werden drei Schalen Reiswein aufgestellt und dann in acht Reihen achtundzwanzig mit allerhand Lebensmitteln und Früchten gefüllte Schüsseln gesetzt. Manche derselben enthalten Suppe mit Rind- und Schweinefleischschnitten, andere wieder Pökelfleisch mit Vermicelli, wieder andere Hasen- oder Rehfleisch, geräucherten oder gesalzenen Fisch, Bambussprossen, Petersilie, gekochten Reis, Hirse, Zwiebelblüten verschiedener Art, ja selbst Gewürze, wie Salz und Pfeffer, werden bei dieser Göttermahlzeit nicht vergessen. Chorgesang und Musik verkünden das Nahen des kaiserlichen Zuges. Bald ist der ganze Rasenplatz mit Tausenden von Menschen angefüllt; die Prinzen und Würdenträger steigen auf die beiden untersten Terrassen, während der Kaiser allein langsam zur obersten Plattform emporsteigt und dort vor dem Täfelchen des Shang-te sich dreimal zur Erde wirft und neunmal mit der Stirne den Boden berührt. Dasselbe wird hierauf von allen Anwesenden ausgeführt.
Nun schweigt die Musik, Totenstille herrscht ringsherum. Der Kaiser aber hebt ein prachtvolles Stück blauen Nephritsteines (Jade), das Symbol des Himmels, mit beiden Händen zu der Tafel des Shang-te empor, als sichtbares Zeichen des Opfers. Aus der Ferne erhebt sich die Stimme eines Sängers, der eine Opferhymne singt, und währenddessen wird von Dienern das Opferkalb des Shang-te mit heißer Suppe besprengt. Zunächst wird vom Kaiser von einem blauen Gebetstäfelchen ein Gebet abgelesen, in welchem der Segen des Himmels und die Gunst der verstorbenen Kaiser herabgefleht wird. Das Musikkorps spielt nun eine Hymne, während welcher die Tänzer langsam quadrillenartige Figuren ausführen. Bei dem flackernden Fackelscheine, inmitten der dunkeln Waldbäume, mit dem klaren Sternenhimmel darüber, müssen diese malerischen Gruppen, umgeben von Tausenden in prächtige Gewänder gehüllten Prinzen und Würdenträgern, ein ungemein feierliches, fremdartiges Bild darbieten, das leider niemals dem Auge eines Europäers sichtbar wird. Wer erinnert sich aber bei der Vorstellung dieser Scene nicht an die Schilderungen der biblischen Opferfeste, an Melchisedek und das jüdische Paschal? Seit Tausenden von Jahren werden die chinesischen Opferfeste in genau derselben, streng geregelten Weise ausgeführt, und wie sie nach Westen bis an das Mittelmeer gelangt sind, dürften sie auch ihren Weg nach Osten zu den Azteken genommen haben, deren Opferfeste mit den chinesischen bedeutende Aehnlichkeiten besaßen. In Ost und West sind sie verschwunden, nur an der Quelle selbst, in China, haben sie sich bis auf den heutigen Tag erhalten.
Abermals schweigt die Musik, und die nächtliche Stille wird durch eine mysteriöse Stimme unterbrochen, welche die Worte singt: „Reicht den Becher des Segens und das Fleisch des Segens dar”. Hohe Würdenträger bieten nun beides in feierlicher Weise dem Kaiser dar, welcher vor und nach dem Einnehmen dreimalige Kautaus vor den Täfelchen ausführt. Unter den Klängen einer Jubelhymne werden diese Täfelchen wieder nach dem Tempel zurückgetragen, die Seidenstücke, Opfertiere und Speisen aber dem Feuer übergeben, um durch die Verbrennung thatsächlich zu den Geistern zu gelangen, für welche sie bestimmt sind. In feierlichem Zuge werden die Opfergegenstände über den nur durch Fackeln erleuchteten Tempelhain auf den Verbrennungsplatz getragen. In einer Ecke nahe der Umfassungsmauer erhebt sich ein etwa drei Meter hoher offener Feuerherd aus grünem Porzellan, und neben diesem stehen acht kleinere Kamine aus Mauerwerk, in welche runde Eisenschüsseln von etwa einem Meter Durchmesser eingelassen sind. Auf die in allen Herden glimmenden Holzkohlen werden nun die Opfer gelegt, jene für Shang-te auf den grünen Porzellanherd, jene für die Kaiser auf die eisernen Herde, und während die kostbarsten Seidenstücke, das Fleisch und die Gemüse in Rauch aufgehen, kehrt der Kaiser von seinem Opfergange nach dem Palast zurück. Wenn die Sterne am Firmament erblassen und der erste schwache Schimmer des anbrechenden Tages am Horizont erscheint, liegt der große Park des Himmelstempels wieder still und verlassen da, kaum daß noch leichter Rauch sich über den verbrannten Opfern kräuselt.
Neben diesen großen Opferfesten findet alljährlich auf dem Himmelsaltar noch ein anderer höchst eigenartiger Götterdienst statt. Nicht in den reichen kaiserlichen Gewändern, sondern in grobe Sackleinwand gehüllt schreitet der Kaiser von der Halle der Buße zu dem Himmelsaltar. Oben angelangt, verliest er die Namen aller Verbrecher, an welchen während des abgelaufenen Jahres das Todesurteil vollstreckt wurde, und fleht zum Himmel um Gnade für jene, welche möglicherweise an dem ihnen zugeschriebenen Verbrechen schuldlos waren.
Aehnlich den Opferfesten im Tempel des Himmels sind jene im Tempel der Erde, nur daß hier nicht den Himmelskörpern, sondern den Erdgeistern geopfert wird, jenen der vier großen Meere, der vier großen Flüsse Chinas und der vierzehn höchsten Berge; auch hier werden die Täfelchen der verstorbenen Kaiser neben jenen der Erdgeister aufgestellt; aber nur die für die Kaiser bestimmten Opfergaben werden verbrannt, die Opfer für die Erdgeister werden tief in die Erde vergraben, um auf diese Weise wirklich ihre Bestimmung zu erreichen.
Manche religiöse Zeremonien am chinesischen Kaiserhofe stammen aus undenklichen Zeiten. Die Anbetung der Sonne und des Mondes in den ihnen geweihten Tempeln ist noch ein bis auf den heutigen Tag erhaltenes Ueberbleibsel der ältesten Religionen; manche andere Zeremonie, wie z. B. das Ackerbaufest, reicht in dieselbe Zeitperiode zurück, in welcher die ägyptischen Pyramiden erbaut wurden. Vor viertausend Jahren regierte beispielsweise in China der Kaiser Shun. Er wendete dem Ackerbau besondere Aufmerksamkeit zu und eröffnete in jedem Frühjahr selbst die Feldarbeit, indem er mit einem Pfluge Furchen zog. Ganz wie vor viertausend Jahren geschieht dies noch heute in dem großen Tempelhain für Agrikultur, der sich neben jenem des Himmels längs der Südmauer Pekings hinzieht. An einem bestimmten Tage im Frühjahr erscheint der Kaiser mit den kaiserlichen Prinzen und dem gesamten Hofstaate, um zunächst den Göttern zu opfern, oder vielmehr in symbolischer Weise mit ihnen ein Festmahl zu begehen. Nach den nötigen Kautaus vertauschen der Kaiser und die Prinzen ihre prächtigen Gewänder mit der Tracht der Landleute und begeben sich auf ein nahes Feld, wo sie mit gelb lackierten Pflügen, an welche Büffel gespannt sind, neun Furchen ziehen. Hinter den Pflügen schreiten Mandarinen einher, welche den Samen ausstreuen. Während der ganzen Zeit tragen Chorsänger und Musikkorps Hymnen zum Lobe des Ackerbaues vor.
Wie um reichen Erntesegen, muß der Kaiser auch, wie eingangs erwähnt, um den erforderlichen Regen, oder wenn es zu viel regnet, um Trockenheit zum Himmel flehen. Zunächst werden Präfekten oder Gouverneure nach den verschiedenen Tempeln entsendet; werden ihre Gebete nicht erhört, so beordert der Kaiser Prinzen seiner Familie dahin, schließlich geht er selbst opfern und beten, unter der Voraussetzung, daß ein Kaiser nicht nur auf Erden, sondern auch im chinesischen Olymp mehr Einfluß hat als ein gewöhnlicher Sterblicher. So verkündete der Kaiser beispielsweise in der Pekinger Zeitung vom 8. Juli 1894 folgendes:
„Da seit dem ersten Drittel des vorigen Monats in der Hauptstadt und Umgebung reichlich Regen gefallen war und das Wetter sich nicht aufklärte, so begaben Wir Uns zum Opfern und Beten nach Ta-Kao-Tien. Danach blieb der Himmel immer bewölkt und der Regen hört nicht auf. Mit ängstlicher Erwartung sehnen Wir einen Umschwung der Witterung herbei und finden es deshalb angemessen, von neuem darum zu flehen. Wir haben den 10. Juli dazu erwählt, um Uns in Eigener Person nach Ta-Kao-Tien zu begeben. Nach dem Tempel Shih-Ying-Kung beordern Wir den Prinzen dritter Klasse Tsai-Ying, nach Chao-Hsien den Prinzen vierter Klasse Po-lun und nach Niang-ho mian den Herzog Tsitse, um insgesamt an dem genannten Tage zu opfern und um gutes Wetter zu bitten.”
Da sich so einflußreiche Persönlichkeiten bei dem chinesischen Jupiter Pluvius verwendeten und ihm so großartige Opfermahlzeiten gaben, konnte er nicht anders, als sich erweichen lassen. Schon tags darauf trat schönes, trockenes Wetter ein.
Die Umgebung von Peking.
Gegen Süden, Westen und Osten breiten sich um die berühmte Kaiserstadt weite Tiefebenen aus, mit Schnee bedeckt im Winter, staubgefüllt und reizlos im Frühjahr und Herbst, gewöhnlich auf weite Strecken überschwemmt im Sommer. Der Peiho und seine zahlreichen Nebenflüsse nehmen durch diese langweilige Ebene ihren vielgewundenen Lauf; nichts zeigt hier die Nähe einer Großstadt, der Hauptstadt des volkreichsten Reiches der Erde an. Anders ist es aber, wenn man Peking durch das Nordthor verläßt. In weitem Halbkreis wird das Weichbild der Stadt hier von einem Kranz kühner, ungemein malerischer Gebirge umzogen, die sich bis weit in die Mongolei hinein ausdehnen, das beliebteste Jagdrevier des chinesischen Kaiserhofes; der reizendste Sommeraufenthalt für die chinesischen Großen, die fremden Gesandten und europäischen Einwohner Pekings, welche der heißen Jahreszeit entfliehen wollen. Schon unmittelbar nachdem man die schmutzige, volkreiche Nordvorstadt durchritten hat (Spaziergänge bieten in Anbetracht der elenden Wege keinen Genuß), stößt man auf Spuren der tausendjährigen fremdartigen Kultur, welche sich dieses herrliche Stück Land unterworfen hat. Ueberall liegen inmitten ausgedehnter Parks Sommerhäuser und Villen in chinesischem Stil, dazu zahlreiche malerische Tempel, Klöster und vor allem Schlösser des Kaiserhofes und der Prinzen. Auf den Bergspitzen erheben sich hohe vielstöckige Pagoden, und wo immer ein schöner Aussichtspunkt, ein schattiger Wald vorhanden ist, trägt er gewiß einen Tempel oder ein Kloster. Die Mönche sind gerne bereit, ihre Wohnungen mietweise den fremden Teufeln zu überlassen, und sicher werden alle fremden Diplomaten, alle Europäer, welche längere Zeit in Peking verweilt haben, den Sommeraufenthalt in den Bergen als die schönste Erinnerung ihrer ganzen Chinareise bewahren. Kommt die heiße Jahreszeit, dann flüchtet alles in diese prächtige Umgebung, vor allem der kaiserliche Hof, der in den Vorbergen eine der herrlichsten Residenzen besitzt, die ich in Asien gesehen habe, den berühmten Wan-schu-schan, d. h. den Berg der zehntausend Zeitalter.
Der Ausflug von Peking nach Wan-schu-schan ist einer der wenigen in dem ganzen elf Millionen Quadratkilometer großen Reiche, auf welchem man nicht in Gefahr kommt, den Hals zu brechen. Der Weg, der nach Wan-schu-schan führt, wird ja vom Kaiser benutzt und ist demnach in vorzüglichem Zustande. Die Straße führt einem breiten, mit hohen Schattenbäumen bepflanzten Kanal entlang, welcher das Ueberschußwasser des Sees von Wan-schu-schan nach Peking führt, um damit die Bassins, Kanäle und Seen der dortigen Kaiserstadt zu speisen. Einen so angenehmen Ritt wie diesen habe ich auf allen meinen Reisen durch China noch nicht unternommen. Von hundert zu hundert Metern stehen zu den Seiten des Weges gemauerte Wachthäuser für die Mandschurenwachen, welche darauf zu sehen haben, daß zur Zeit der kaiserlichen Reisen kein Fremder den Weg benutzt. Vor dem Eingang zu jedem Wachthause stehen auf Gestellen sechs Lanzen mit roten Pferdehaarbüscheln, und zu den Seiten erheben sich Galgen mit darübergelegten Schnüren, die aber nicht etwa zum Aufhängen der eingefangenen Menschen, sondern nach eingebrochener Dunkelheit zum Aufhängen von Papierlaternen dienen.
Die einzelnen Farmhäuser und Dörfchen, die Tempel, Brücken, Gartenmauern, Landsitze und dergleichen, die sich in der Nähe des Weges befinden, sind in so vorzüglichem Zustande der Erhaltung und von solcher Sauberkeit, daß man sich irgendwo in der Welt, nur nicht in China, diesem Lande der Ruinen und Verwahrlosung, glauben könnte. Es sind Potemkinsche Dörfer, wohl bestimmt, den Kaiser über den wahren Zustand seines ungeheuren Reiches hinwegzutäuschen, denn gerade die Umgebung Pekings ist ein Ruinenfeld, wie es in solcher Ausdehnung und Großartigkeit nur wenige seines Gleichen hat. Ich sah das wieder, als ich von dem Wege ablenkte, um noch dem großen Tempel von Wu-ta-sse einen kurzen Besuch zu machen. Dieses herrliche Denkmal, welches Kaiser Yung-lo vor nahe fünf Jahrhunderten zu Ehren Buddhas mit ungeheuren Kosten errichten ließ, ist dem Verfall nahe, die großen kaiserlichen Gedenktafeln vor dem Tempel sind umgefallen, die riesigen, zwei Meter langen Steinschildkröten, auf denen sie standen, sind mit Erde und Schutt bedeckt, die Dächer der Tempelgebäude sind eingestürzt, und in den Ruinen wohnen in Lumpen gehüllte, verlotterte Priester, die mir für wenige Cents die letzten buddhistischen Gebettafeln verkauften. Das Denkmal selbst, ein monumentaler Steinbau, mit Hunderten von Buddhafiguren bedeckt, trägt auf seiner oberen Terrasse noch immer die wunderlichen fünf Pagoden, doch ist die Treppe, die zu denselben hinaufführt, eingestürzt und nicht mehr benutzbar. Weiterhin, auf Meilen rechts und links vom Wege, nichts als Ruinen. Die herrlichsten und kostbarsten Tempel, einst Zierden des chinesischen Reiches und Schatzkästlein chinesischer Kunst, sind verfallen, überwuchert, verlassen, wie die Ruinen von Uxmal und Palenke, die ich vor Jahren besuchte. Schöne Bronzegefäße, Opferschalen, Glocken liegen halb im Erdreich vergraben auf den Feldern, und niemand kümmert sich um sie. Welch herrliches Bild des Friedens, der Kultur und des Wohlstandes muß dieses Land einstens dargeboten haben! Aber die Chinesen haben es nicht verstanden, es gegen die Einfälle der Feinde zu verteidigen. Die letzten waren die schrecklichen Horden der aufständischen Taiping, und was diese noch in einer Anwandlung von Ehrfurcht verschont hatten, wurde von noch schlimmeren Vandalen, von den Soldaten Frankreichs und Englands zerstört, verbrannt, geplündert. Dieser chinesische Krieg wird immer ein Schandfleck in der Geschichte dieser beiden Völker bleiben. Es wäre genug gewesen, die Chinesen zu bezwingen und den Kaiser zu Paaren zu treiben, es war aber ein Verbrechen, diese entzückenden Paläste und Tempel, diese Sommersitze, Brücken, Denkmäler, Gräber aus mutwilliger Zerstörungswut zu vernichten.
Auf den Kaiserweg zurückgekehrt, kam ich etwa auf der halben Entfernung zwischen Peking und Wan-schu-schan auf einen kaiserlichen Tempel, in welchem der Kaiser, der abwechselnd zu Pferde oder in der Sänfte reist, abzusteigen pflegt, um dort Thee zu nehmen. Jenseits des Kanals gewahrte ich eine große Zahl niedriger Gebäude, von einer Lehmmauer umgeben, die sich wohl einen Kilometer weit den Kanal entlang hinzieht: das Lager mehrerer tausend mandschurischer Bannertruppen, die gerade in ihren bunten malerischen Trachten am Exerzieren waren. Bald darauf stieß ich auf das von einem hölzernen Paifong (Ehrenpforte) überhöhte Eingangsthor des Parkes von Wan-schu-schan, der selbstverständlich jedem Fremden, ob Europäer oder Chinese, verschlossen ist. Eine hohe, viele Kilometer lange Ziegelmauer umgiebt den ganzen großen Sommersitz; die Wachthäuser für die mandschurischen Soldaten mehren sich, und neben den daran stehenden langen Lanzen sah ich noch bei jedem Wachthause ebensoviele Stangen stehen, die an ihrer Spitze scharfe Haken trugen. Diese Instrumente sind dazu bestimmt, Neugierige, welche vielleicht die Mauer erklimmen sollten, bei den Hosen zu fassen und wieder herunterzuzerren.
Nach langem Ritt gelangte ich in das Mandschurendorf Wan-schu-schan, zu Füßen des gleichnamigen Berges, eine Art mandschurisches Paradedorf. Wäre doch ganz China so rein, so wohlhabend, so nett wie dieses Dorf! Und wie leicht wäre dies bei einer halbwegs guten Regierung möglich! War es doch vor Zeiten so, als gute Kaiser mit ehrlichen Beamten über das Reich der Mitte herrschten. In der Mitte des Dorfes befindet sich ein großer, von Wachthäusern und davor stehenden spanischen Reitern eingefaßter Platz, und dieser führt direkt zur monumentalen Haupteingangspforte des kaiserlichen Sommersitzes, von zwei ungeheuren Bronzelöwen bewacht. Hunderte von neugierigen Mandschuren und Chinesen umdrängten mich, als ich, in der Mitte des Platzes stehen bleibend, erstaunt mein Fernglas auf die großartigen Paläste richtete, die sich hinter der Umfassungsmauer auf den Bergabhängen erheben, allein niemand wagte ein Schimpfwort oder einen Steinwurf.
War es mir auch nicht vergönnt, das Innere des herrlichen Sommersitzes zu betreten, weil die kaiserliche Familie eben hier weilte, so sah ich ihn doch in allen seinen Einzelheiten von meinem Standorte hier und dann von einem im Norden sich erhebenden bewaldeten Hügel. Ich habe in China und Japan, in Siam und Indien und anderen Ländern des asiatischen Kontinents keine so eigenartige Palastgruppe gesehen wie jene, welche sich meinem Auge auf dem Berge der zehntausend Zeitalter entrollte. Die Sage, die chinesische Kunst sei im Verfall, wird hier zu Schanden. Als letzter Ausläufer des Hsi-schan (Westgebirges) erhebt sich hier ein steiler Berg, auf der Südseite von einem großen See bespülte steinerne Balustraden mit Statuen, Obelisken und bronzenen Tiergestalten umfassen die spiegelklare Wasserfläche, aus der stellenweise die großen Blätter der Lotospflanze hervorragen. Die reizendsten Pavillons mit zierlichen, kurios geschwungenen Porzellandächern erheben sich an den Ufern, auf der Landseite von Gartenanlagen eingefaßt, hinter denen sich die mächtigen Cypressen und Kiefern eines großen schattigen Parks erheben. Zwei Inselchen unterbrechen den Seespiegel, durch herrliche weiße Marmorbrücken miteinander verbunden; auf einem dieser Inselchen erhebt sich ein großer Tempel mit einer hohen Pagode von mehreren Stockwerken. Zu ihren Füßen ruht auf dem Wasser eine mächtige weiße Dschunke mit einem zweistöckigen Gebäude darauf. Bei näherer Besichtigung ergiebt sich, daß dieses seltsame Fahrzeug vom Seegrunde aus ganz aus weißem Marmor gebaut ist, ein Lieblingsaufenthalt der Kaiserin-Mutter, welche diesen Sommersitz mit dem Kaiser zu teilen pflegt, um ihn so besser unter den Augen und sicherer unter dem Daumen zu haben, denn nicht der Kaiser, sondern diese merkwürdige Frau ist die eigentliche Lenkerin der Geschicke von China.
Noch merkwürdiger, großartiger als der See und die unzähligen in dem weiten ihn umgebenden Park verstreuten Gloriettes, Wohnhäuser, Ehrenpforten, Tempelchen und dergleichen sind die Paläste, welche sich auf dem steilen Berge selbst erheben. Vom Seeufer steigt zunächst eine ungeheure Steinterrasse empor mit vertikalen vielleicht dreißig bis vierzig Meter hohen Wänden, und auf der weiten oberen Plattform steht eine großartige Pagode mit vier schön geschwungenen Dächern aus orangegelbem Porzellan übereinander, gekrönt von einem goldenen Knauf. Die Pagodenwände selbst sind mit grünen Porzellanziegeln bekleidet und auf das reichste ornamentiert. Zu beiden Seiten dieses merkwürdigen Bauwerks bedecken die Anhöhe Tempelchen, Wohnhäuser, Kioske ohne Zahl, durch breite Treppenfluchten miteinander verbunden; zwischen ihnen erheben sich im Schatten mächtiger, knorriger Kiefern Bronzepagoden, Urnen, Vasen von hohem Wert.
Ein Weg führt zu einem breiten Felsenvorsprung an der Südseite des Berges. Auf diesem zeigte sich mir ein geräumiges, luftiges Wohnhaus, mit dreiteiligem grauen Ziegeldach, das auf dicken rotlackierten Pfeilern ruht und weit über die Wohnräume hinwegreicht, so eine breite Veranda bildend. Auf der Terrasse davor erheben sich große Fichten, und unter einer derselben gewahrte ich einen roten Armstuhl mit einem kleinen Tischchen daneben. Dieses Haus wurde mir als das gewöhnliche Wohnhaus des Kaisers bezeichnet, und auf der Terrasse davor soll er den größten Teil seiner Zeit zubringen. Auf meine Frage nach dem Wohnhause der Kaiserin-Mutter wurde mir die Antwort zu teil, daß diese ihren Aufenthaltsort häufig wechsle, bald in diesem, bald in jenem der vielen innerhalb der Umfassungsmauer zerstreuten Gebäude wohne.
Von der kaiserlichen Villa führt ein breiter sonniger, anscheinend zementierter Weg auf den Gipfel des Berges, und dieser wird von der eigentlichen offiziellen Kaiserresidenz gekrönt, ein Palast mit Rundbogenfenstern und ebensolchen Pforten, ganz mit orangegelben glänzenden Porzellanziegeln bekleidet, die in dem Sonnenlichte wie Edelsteine glitzerten. Eben als ich mein Fernglas darauf richtete, erschien auf dem kahlen Wege davor ein farbenreicher Zug von Menschen, dessen Mittelpunkt eine in Gelb gekleidete sitzende Gestalt bildete, über die ein großer roter Sonnenschirm einhergetragen wurde. Von unten herauf näherte sich diesem Zuge ein zweiter, ebenso zahlreicher, aus welchem eine rotgekleidete Gestalt hervortrat, als beide Menschengruppen voreinander Halt machten. Das Volk rings um mich bezeichnete mir die letztere als den Kaiser, die gelbe Gestalt als jene der Kaiserin-Mutter.
Wie alle anderen Kaiserpaläste und Prinzensitze in der Umgebung von Peking, vor allem wie der feenhafte nur einen Kilometer von Wan-schu-schan entfernte Sommerpalast mit seinem ausgedehnten herrlichen Park, so war auch Wan-schu-schan im Jahre 1860 von den französisch-englischen Truppen verbrannt und zerstört worden. Die Kaiserin-Mutter ließ diesen Sommersitz jedoch in den letzten Jahren neu erbauen, und hier war es, wo Prinz Heinrich als erster Prinz eines souveränen Hauses von dem Sohne des Himmels empfangen wurde.
Die Große chinesische Mauer.
Von den vielen Reisenden, die China besuchen, gehen nur wenige über Shanghai hinaus, nach Peking, und von den wenigen, die Peking besuchen, unternimmt höchstens ein Zehntel den Ausflug zur Großen Mauer, weil sie von dieser das eigentlich Imposante, die dreitausenddreihundert Kilometer Länge, doch nicht sehen können, sondern nur ein Stückchen, und dann, weil die Reise keineswegs eine Vergnügungstour genannt werden kann. Es ist nicht jedermanns Sache, eine Woche auf hartem Maultierrücken durch Steinwüsten und über kahle Gebirge zu reiten, in elenden schmutzigen Chinesenspelunken zu übernachten und sonnenverbrannt, ermüdet, wenn überhaupt mit gesunden Gliedern, nach Peking zurückzukehren, nur um eine Mauer gesehen zu haben. Wer sich aber diesen Strapazen wirklich unterzieht, der wird reichlich dafür entschädigt, nicht der chinesischen Mauer wegen, sondern weil er auf dieser Reise das Leben und Treiben der Chinesen im Inlande kennen lernt, ein ungemein malerisches und landschaftlich großartiges Stück China sieht und an der Großen Mauer selbst noch einen Blick in die Mongolei werfen kann, unter die Nachkommen der Horden des Dschingis-Chan und Kublai-Chan.
Schon das Leben auf der großen Heerstraße zwischen Peking und der Großen Mauer gewährt das größte Interesse, denn auf dieser Straße findet der Warenaustausch statt zwischen dem chinesischen Reiche, der Mongolei und Sibirien. Als ich, begleitet von meinem chinesischen Dolmetscher, auf einem Eselchen Peking verließ, um mich nordwärts gegen die Mongolei zu wenden, hatte ich schon im Stadtthore Mühe, überhaupt durchzukommen, denn nach Tausenden zählen die Kamele, die, schwerbepackt mit allerhand Waren, täglich hier ankommen oder ihren Rückweg nach dem fernen Sibirien antreten. Auf dem viertägigen Ritt nach Nankou, am Südabhange der mongolischen Berge, begegnete ich zahlreichen Karawanen, gewöhnlich mit sechs bis acht, aber auch zwanzig und dreißig Kamelen im Gänsemarsch hintereinander, geführt von breitgesichtigen schlitzäugigen Mongolen. Die Kamele bilden heute noch das wichtigste Transportmittel auf dieser Weltverkehrsroute; sie bringen Thee im Werte von vielen Millionen, chinesische Seidenstoffe, Kleidungsstücke, Stickereien, Industrieprodukte aller Art nach Norden und kehren mit Kohle, Kamelhaar, Häuten, Kalk, Soda, Papier und dergleichen von dort wieder nach Peking zurück. Neben den Kamelkarawanen begegnete ich auch solchen von Maultieren, aber verhältnismäßig nur wenigen Fuhrwerken, vornehmlich plumpen, schweren Ochsenkarren. In verschiedenen Werken über China habe ich gelesen, der elende Zustand dieser Weltverkehrsroute ließe einen Wagenverkehr überhaupt nicht zu, und die Strecke von Nankou über das Gebirge nach Kalgan an der Großen Mauer wäre selbst für Reiter auf Maultieren nur mit Lebensgefahr zu passieren. Das war bis vor einem Jahrzehnt wirklich der Fall. Seither sind aber, ein in China unerhörtes Ereignis, die Wege ausgebessert worden, und man kann heute von Peking bis in die Mongolei fahren. Freilich nicht in Equipagen, sondern nur in zweirädrigen federlosen Karren, die dem Reisenden beim Fahren die Knochen aus dem Leibe rütteln, und kommt man zu einer besonders steilen oder der massenhaft umherliegenden Felstrümmer wegen unpassierbaren Strecke, so werden die Räder abgezogen und der Karrenkasten mittels Stangen zwischen zwei hintereinandermarschierenden Maultieren aufgehängt. Wird der Weg wieder besser, dann wird diese sonderbare Sänfte, im Chinesischen Schen-tse genannt, durch das Anstecken der Räder wieder in ein Fuhrwerk verwandelt.
Je weiter ich mich auf meinem Ritt von Peking entfernte, desto kahler und trostloser wurde die weite Ebene. Rings um Peking ist sie wohl bebaut und mit zahlreichen Dörfern, Gärten, Lustschlössern der Prinzen und Großen, Tempeln, Pagoden und Parkanlagen besetzt. Nachdem ich aber um Mittagszeit auf einer schönen Marmorbrücke den wilden Bergstrom Schaho übersetzt hatte, wurde die Gegend einsamer, unfruchtbarer, denn die vielen Wildbäche, welche zur Regenzeit ihre Fluten und Geröllmassen aus den nahen mongolischen Bergen herabwälzen, verheeren dieses Gebiet in jedem Jahre. Das ungemein malerische, vielgezackte Gebirge umschließt die Ebene in einem weiten Halbkreis; nirgends zeigt sich eine Bresche, ein Paß, um hinüberzugelangen auf die mongolische Seite. Erst kurz vor Nankou entdeckte ich den Weg, der dem Pei-Scha-ho, einem kleinen, zeitweilig aber sehr wasserreichen Bergstrom entlang in das Gebirge emporführt. Am Austritt dieses Flusses in die Ebene liegt Nankou, das mein erstes Reiseziel war.
Nankou ist ein kleines Chinesennest, eigentlich nur aus einer einzigen breiten Straße bestehend, in welcher jedes zweite Haus eine Karawanserei für die Kamel-, Maultier- und Pferdekarawanen ist. Hier drängt sich des Abends der ganze Verkehr der sibirischen Route zusammen, um am folgenden Morgen den letzten Tagesmarsch nach Peking zurückzulegen oder auf dem Wege nach Norden den schwierigen Aufstieg durch den Nankoupaß nach der Großen Mauer zu unternehmen. Eine andere Verkehrsroute zwischen der Mongolei und China giebt es auf Hunderte von Kilometern nicht, denn wäre auch die Große Mauer nicht da, so würden doch die weg- und steglosen steilen Gebirge jeden Verkehr unmöglich machen. Binnen wenigen Jahren dürfte es wohl anders werden, denn eine Eisenbahn zwischen Peking und Sibirien durch die Mongolei ist geradezu unvermeidlich, und die langsam, aber stetig und sicher vordringenden Russen haben die Konzession zur Erbauung dieser Bahn bereits erhalten. Vorläufig aber laufen alle Verkehrsrouten nach Norden hier zusammen, ebenso wie all die Verkehrsrouten von Sibirien und der Mongolei aus den verschiedensten Weltgegenden an dem Nordende des Passes oder vielmehr an jenem Thore der Großen Mauer zusammenlaufen, welches bei Kalgan in der Mongolei liegt.
Diese ungemein wichtige Lage von Nankou haben die Chinesen schon vor vielen Jahrhunderten erkannt; sie haben nicht nur Nankou mit einer hohen und starken, von Türmen flankierten Ringmauer umgeben, sondern auch ähnliche Mauern als Thalsperren links und rechts der Berge emporgeführt. Unseren modernen Geschützen würden diese Riesenmauern, welche bereits einen Teil der gegen die Mongoleninvasion errichteten großen Mauer bilden, freilich nicht lange stand halten, aber in früheren Zeiten leisteten sie gegen die nur mit Bogen und Pfeil, Lanze und Schwert bewaffneten Reiterscharen vorzügliche Dienste.
Als ich nach einer elenden, in einer lärmenden Chinesenspelunke verbrachten Nacht bei Sonnenaufgang wieder weiter ritt, passierte ich noch zwei andere derartige Paßsperren, ehe ich die Höhe des Gebirges und damit auch die Große Mauer selbst erreichte. Oder doch wenigstens das, was man als diese eigentlich bezeichnen sollte, denn obschon nur sozusagen ein Vorwerk derselben, ist sie doch viel höher, mächtiger und besser erhalten als die noch zwei Tagereisen weiter nordwestlich vorbeiführende Große Mauer.
Der Eindruck, den das gewaltige Bauwerk beim ersten Anblick hervorruft, wird noch dadurch erhöht, daß der zu ihr emporführende Weg in einem von steilen Felsen eingefaßten finsteren Engpaß läuft, so schmal, daß der Weg neben dem Wildbache, der am Grunde der Schlucht braust, kaum Platz findet. Ist die etwa sechshundert Meter über dem Meere gelegene Paßhöhe erstiegen, so steht man vor dem berühmten Pa-ta-ling, dem Thore, das hier durch die Mauer führt und von einem mächtigen Wachturm überhöht wird. Eine Rampe führt zu der Mauer empor und, auf dieser stehend, konnte ich erst die ungeheure Mächtigkeit und Ausdehnung derselben erkennen. Wie die meisten Stadtmauern in China, besteht auch diese Grenzsperre gegen die Mongolei aus einem Erdwall, der zu beiden Seiten bis hinauf mit mächtigen Granitquadern belegt ist, so fest und genau aufeinander gefügt, daß sich auch heute noch, viele Jahrhunderte nach der Erbauung, nur wenige Lücken zeigen. Dieser Wall, in einer unteren Breite von etwa achtzehn Metern und einer Höhe von elf Metern, ist oben mit Steinen oder gebrannten Ziegeln gepflastert und hat zwischen den Parapetmauern oder Brustwehren, mit denen er auf beiden Seiten seiner ganzen ungeheuren Länge nach eingefaßt wird, eine Breite von fünf bis sieben Meter.
Die Brustwehren sind aus halbmeterlangen, fußbreiten Ziegeln aufgeführt und besitzen auf etwa anderthalb Fuß Höhe vom Boden Schießscharten für Handfeuerwaffen, während zwischen den gewaltigen, drei Meter voneinander entfernten Zinnen die Geschütze eingeführt wurden. Von den letzteren liegen noch Dutzende ohne Laffetten, verrostet, auf dem Wall umher, denn die Große Mauer wird ihrer ganzen Ausdehnung nach nicht mehr bewacht, und auch die von hundertfünfzig zu hundertfünfzig Meter sich über die Mauer erhebenden granitenen Wachthürme sind verlassen, Schlupfwinkel für Fledermäuse und allerhand Ungeziefer.
Von meinem hohen Standpunkte aus konnte ich die Mauer auf viele Meilen weit verfolgen; wie eine ungeheure, zu Stein gewordene Schlange führt sie unabsehbar nach Ost und West die steilen Berge hinauf auf schwindelnde Höhen, in tiefe Thäler hinab, ohne die mindeste Rücksicht auf die Bodenverhältnisse. Kein Berg ist zu hoch, kein Thal zu tief, kein Fluß zu breit. Alles wird von diesem Riesenwerke überwunden. Jeder Granitblock, jeder der zentnerschweren Ziegel mußte aus beträchtlichen Entfernungen durch unwirtliches, unbewohntes Gebiet herbeigeschleppt und dann erst noch auf steile, mitunter fast unzugängliche Höhen getragen werden. Und wie viele Granitblöcke, wie viele Ziegel waren für diese dreitausenddreihundert Kilometer lange Mauer erforderlich! Auf einer früheren Reise hatte ich den ersten Anfang der Großen Mauer bei Schanhaikwan im Gelben Meere gesehen, und wie hier, so setzte mich auch dort ihre Massenfestigkeit, die Höhe und Stärke ihrer Türme, die weit ins Meer vorgeschobene Endbastion in Erstaunen. Um für diese Endbastion das Fundament zu schaffen, wurden große Schiffe mit Eisenstücken und Granitblöcken gefüllt und versenkt. An manchen Stellen ist die Mauer höher und stärker, an manchen schwächer, streckenweise nur ein einfacher Erdwall, aber hier, bei Pa-ta-lin, an der Hauptroute zwischen der Mongolei und China, ist sie durchwegs in verhältnismäßig vorzüglichem Zustand und selbst auf den wolkenumzogenen Berggipfeln durch feste Wachtürme verstärkt.
Und diese Mauer, die ich über den Gebirgskamm in unabsehbare Fernen hinziehen sah, die Steppen der Mongolei und die kahlen Berghänge Chinas zu ihren Füßen, ist, wie gesagt, nur die zweite, innere Mauer, im siebenten Jahrhundert aufgeführt und unter der Mingdynastie vor vierhundert Jahren erneuert. Bei ihrer Erbauung wurden über eine Million Menschen an die chinesische Grenze befohlen, um an dem Riesenwerk zu arbeiten. Die innere Mauer zweigt sich von der äußeren nordöstlich von Peking ab und vereinigt sich mit ihr wieder im Westen der Provinz Schansi, nahe dem mächtigen Hoanghostrom.
Die eigentliche Große Mauer, oder wie sie von den Chinesen genannt wird, Wan-li-tschang-tscheng, das heißt das zehntausend Li lange Bollwerk, liegt auf dem Wege von Nankou nach Sibirien um zwei kleine Tagereisen weiter, unmittelbar an der großen Handelsstadt Tschan-kia-kao, dem Kalgan der Russen, in der Mongolei und zieht vom Gelben Meere bis in die Wüste Gobi im Westen des Reiches. Sie wurde unter dem Kaiser Tschi-Hwangti im Jahre 214 vor Christi Geburt als Schutz gegen die wiederholten Einfälle der Mongolen begonnen und im Laufe der Zeiten wiederholt erneuert, ausgebessert und verstärkt.
Ihre Gesamtlänge beträgt dreitausenddreihundert Kilometer, also wie etwa die Entfernung vom Ural nach Spanien. Wie der Jesuitenpater de Mendoza erzählt, sandte der Kaiser, „um sothanes wunderbahres Werck zu verfertigen, das dritte Theil seiner Unterthanen, und bißweilen von fünff Mann zween dahin; und obgleich die Einwohner einer jeden Landschafft an denen Oertern, so ihren Häusern am nächsten, blieben und arbeiteten, sturben doch nichtsdestoweniger fast alle Diejenigen, welche dahingingen, entweder vor Langwierigkeit der Reyse, oder vom Unterschiede der Lufft, so in diesen Ländern ist.”
Peter de Gojern, der 1655 bis 1657 die Gesandtschaft der Ostindischen Gesellschaft zum großen Tatarenchan, d. h. dem Stammvater der jetzt regierenden chinesischen Kaiserdynastie, nach Peking begleitete, sagt in seiner 1666 in Amsterdam erschienenen Reisebeschreibung:
„Den Baw dieses wundergrossen Wercks ließ der Kayser aufführen nicht so sehr zur Scheide Wandt zwischen dem Sinischen und Tartarischen Reiche, als zum hochnöthigen Mittel hinfüro dem Einfall der Tarter zu wahren und solche mächtige Feinde allerdings aus dem Reiche zu halten. Er ließ eine solche Zahl Menschen daran arbeiten, daß das gantze Werck innerhalb fünff Jahren fertig und vollzogen ward.”
„Denn da nam dieser Kayser auß jedweden zehen Männern durchs gantze China drey, und zuletzt auß jeden fünffen zween heraus, welche täglich an der Mawr arbeiten und ein gewisses Stücke davon fertig schaffen musten. Das gantze Werck ward von Kiesel- und andern Steinen auffgeführt, und dermassen dicht und fest gemawret, daß man nicht die geringste Spalte oder Ritze daran finden konnte. Ja es hatte der Kayser ein gar strenges Gebot publiciret, daß, wo in einigem Winckel oder Fugen des Wercks sich ein Nagel hineinschlagen liesse, derjenige, so am selbigen Stücke gearbeitet, ein Fenster im Galgen geben solte.”
Ein Wort des Kaisers hatte genügt, Millionen von Menschen in Bewegung zu setzen; Millionen verließen ihre Heimat, ihre Familien, um nach der Nordgrenze des ungeheuren Reiches zu ziehen und dort unter den größten Entbehrungen jahrelang zu arbeiten. Hunderttausende büßten ihr Leben ein, von irgend welchem Lohn, irgend welcher Entschädigung für diese Opfer war nicht die Rede, und doch opferten sie sich, weil es der Kaiser befohlen. Aehnliches, wenn auch in unvergleichlich kleinerem Maßstabe, ist bei der Herstellung des Suezkanals erfolgt, aber es ist sehr fraglich, ob sich ein gleiches Zusammentreiben von Menschen noch einmal ausführen ließe. In China indessen gilt das Kaiserwort im Ernstfalle noch immer für allmächtig. Noch heute richten sich trotz aller Mißwirtschaft, trotz Elend, Zerfall und Aufständen doch noch alle Blicke nach Peking. Ich habe das im chinesischen Reiche überall wahrgenommen, und wenn auch das Vertrauen in den Bestand und in die Widerstandskraft des chinesischen Volkes durch den letzten Krieg mit Japan erheblich erschüttert worden ist, so scheint es mir doch sehr gefehlt, diese Widerstandskraft zu unterschätzen. Droht wirklich ernste Gefahr für den Bestand des Reiches und dringt davon die Ueberzeugung in die Massen des Volkes, dann dürfte China nicht so leicht zu besiegen sein, wie es durch die Japaner geschehen ist.
Dafür wird aber die friedliche Eroberung desto sicherer stattfinden, soweit es den Handel, den Verkehr, die Erschließung des Landes betrifft, und gegen diese wird auch die chinesische Mauer nicht standhalten. Die einstigen tapferen Mongolen, welche unter Dschingis-Chan das Reich überfluteten, ziehen heute als friedliche Kameltreiber durch die Mauer nach China; ihre Fürsten sind Vasallen des Kaisers und kommen zeitweilig nach Peking, um dort ihren Tribut zu entrichten.
Nicht die Mongolen drohen dem chinesischen Reiche, sondern das Volk, das nördlich an sie grenzt: die Russen. Gegen sie giebt es keine chinesische Mauer, und durch denselben Engpaß von Nankou, durch welchen heute der ganze Verkehr zwischen China und Sibirien auf Kamel- und Maultierrücken stattfindet, wird binnen einem Jahrzehnt die Lokomotive dampfen.
Hofetikette und Umgangsformen bei den Chinesen.
Die Umgangsformen sind bei den Chinesen vielleicht strengeren Regeln unterworfen als bei irgend einem anderen Volke, nur kommen sie in einer der unsrigen ganz entgegengesetzten Weise zum Ausdruck. Empfängt beispielsweise ein Chinese Besucher in seinem Hause, so nimmt er dazu seinen Hut nicht ab, sondern setzt ihn auf; er schüttelt bei der Begrüßung nicht die Hände des Besuchers, sondern seine eigenen Hände, und er weist dem Gaste nicht die rechte, sondern die linke Seite als Ehrenplatz zu. Es wäre ein schlimmer Verstoß gegen die Etikette, wollte der Gast sich nach dem Befinden der Damen erkundigen oder den Wunsch ausdrücken, ihnen vorgestellt zu werden. Die Damen bleiben unsichtbar, selbst bei Mahlzeiten, und statt ihrer werden Frauen von zweifelhaftem Ruf zugezogen. Die Tafel wird nicht mit einem weißen Tischtuch bedeckt, wie bei uns, denn weiß ist bei den Chinesen die Farbe der Trauer. Während der Mahlzeit werden nicht kalte, sondern warme Getränke aufgetragen; die Reihenfolge der Speisen ist die umgekehrte der unsrigen. Der Chinese hat nicht den Wunsch, möglichst jung, sondern möglichst alt auszusehen, und es ist die größte Schmeichelei, einen jungen Mann zu seinem ehrwürdigen Aeußeren zu beglückwünschen. Wir schneiden unsere Kopfhaare kurz, der Chinese verlängert sie noch künstlich durch Seidenschnüre; wir sind stolz auf unsere Bärte, der Chinese vertilgt bis zu seinem fünfundvierzigsten Jahre sorgfältig alle Bartspuren. Die Chinesin schnürt sich nicht den Leib, sondern die Füße; geht sie aus, so setzt sie nicht einen Hut auf, sondern entfernt jede Kopfbedeckung und zeigt das Gesicht unverschleiert. Der Chinese trägt keinen Spazierstock, sondern einen Fächer, statt sich auf seinen Spaziergängen von einem Hund begleiten zu lassen, trägt er einen Käfig mit einem Vogel; und reitet er, so hält er die Zügel nicht in der linken, sondern in der rechten Hand. Er schreibt nicht mit der Feder, sondern mit einem Pinsel, und zwar von oben nach unten, von rechts nach links, von hinten nach vorn; Randbemerkungen macht er nicht unten, sondern oben, Nachschriften stehen dort, wo bei uns der Anfang ist, und datiert er einen Brief, so schreibt er zuerst das Jahr, dann den Monat, dann den Tag. Spricht er jemanden an, so nennt er den Namen zuerst, den Titel nachher, und sagt nicht: „Guten Morgen, Herr Fischer”, sondern „Fischer Herr, Tschin-Tschin”. Der Chinese kann die schlimmsten Schimpfwörter an den Kopf geworfen bekommen, er wird darüber vielleicht lachen; tritt ihm aber zufällig jemand auf die kleine Zehe, was wir unter gegenseitigen Höflichkeitsformen weiter unbeachtet lassen, so vergeht er vor Zorn und prügelt sich vielleicht sogar. Stirbt sein Sohn, ein Ereignis, worüber wir jammern und wehklagen, so lacht der Chinese, solange er unter Leuten ist, darüber. Alle diese und tausenderlei andere Einzelheiten in den Umgangsformen sind in China durch uralte Ueberlieferungen geheiligt, ja sie werden durch ein eigenes Staatsministerium bis ins kleinste festgestellt. Dieses Ministerium, eine der sechs großen Zentralbehörden in Peking, führt den Titel Li-Pu, etwa Amt der Gebräuche und Zeremonien. Der Hof, die Festtage, der administrative und militärische Organismus, die Geburten, Hochzeiten, Leichenbegängnisse, Trauer, Götter- und Ahnenverehrung, die Ehren und Würden, Uniformen, Trachten, Sommer- und Winterkleidung, die Art der Begrüßung, Gehen, Fahren, Reiten, mit einem Worte das ganze Leben des Chinesen von seiner Geburt bis zu seinem Tode, ja sogar darüber hinaus, ist dem Li-Pu untergeordnet, und seine Vorschriften werden von jedem Bewohner des Reichs der Mitte genau beobachtet.
Das Li-Pu ist in eine Anzahl von Aemtern eingeteilt, deren jedes seine besondere Bestimmung hat und seine Weisheit aus einem uralten Werke, dem Buch der Gebräuche schöpft, das nicht weniger als zweihundert Bände umfaßt. Einem dieser Aemter ist auch der Ahnenkultus untergeordnet mit den Vorschriften für die Verehrung der verstorbenen Kaiser, Generale, Staatsmänner und Gelehrten, der Geistermahlzeiten, Ahnenopfer und dergleichen. Ein anderes Amt, das Amt des Gastes und des Wirtes genannt, regelt den Verkehr mit den fremden Gesandtschaften und tributpflichtigen Fürsten; ihm sind die Dolmetscher und die chinesischen Gesandtschaften im Auslande in Bezug auf die Einzelheiten der Ausrüstung und Reise untergeordnet. Sogar die Musik hat ein eigenes Kaiserliches Musikamt mit einer großen Anzahl von Beamten, welche die Aufgabe haben, „die Grundsätze der Harmonie und Melodie zu erforschen, Musikstücke zu komponieren und Instrumente anzufertigen, um diese Musikstücke aufzuführen”. Die Chinesen sind wohl das einzige Volk des Erdballs, das ein eigenes Musikamt besitzt und so viel offizielle Musik macht. Selbst die Regeln des Tanzes sind von dem Ministerium der Gebräuche vorgeschrieben, denn, so sagt Confucius, „in Wirklichkeit ist nichts ohne seine bestimmten Zeremonien”.
Der Chinese kann sich nicht einmal nach Belieben sein Haus bauen. Er hat in der Anlage des Hauses, in der Richtung der Front, ja sogar in Bezug auf die Höhe bestimmte Vorschriften zu beobachten. Er darf es nicht höher bauen als das nächste Haus eines ihm im Range Höherstehenden, und neben den Gesetzen, welche die Lebenden ihm zur Befolgung auferlegen, darf er auch das Recht der Toten nicht verletzen. Den bösen Geistern, die Himmel und Erde bevölkern, muß er aus dem Wege gehen, oder wie es in China heißt, das Feng-Schui beobachten. Auf Schritt und Tritt, in seinem ganzen Thun und Lassen ist er durch Vorschriften und alte Traditionen eingeengt, besonders dann, wenn er in den kaiserlichen Dienst getreten ist. Auch der gewöhnliche Bürger muß sich dem Li-Pu willenlos unterwerfen. Die Farbe, Stoffgattung und der Zuschnitt der Kleider, die Anzahl der Knöpfe, die Hüte, die Farbe der Sänften, Sänftenstangen, ja sogar die Regen- und Sonnenschirme haben ihre bestimmte Bedeutung. Der chinesische Beamte darf nicht nach Belieben ein wärmeres Kleidungsstück anlegen oder es mit irgend einem beliebigen Pelz verbrämen lassen. Er mag in den kalten Provinzen des Nordens frieren, er mag bei der Annäherung des Sommers in dem tropischen Süden schwitzen, Sommerkleidung oder Pelz muß er anbehalten, solange nicht von Peking der Tag bezeichnet wird, an welchem Seine Majestät der Kaiser seinen Sommer- oder Winterhut aufgesetzt hat. An diesem Tage wechseln auch sämtliche Mandarine ihre Kleidung. Ist es Sommer geworden, so werden die Pelze, die aufgestülpten schwarzen Seidenhüte und die kleinen niedlichen Handöfchen, die jeder Beamte bis dahin zu tragen hat, eingepackt und mit seidenen Gewändern, leichten Bambushüten und Fächern vertauscht. Generalgouverneur, Tatarengeneral oder Minister können sich wohl in den Provinzen den Luxus von sechs oder mehr Sänftenträgern erlauben, in Peking aber dürfen ihre Sänften nur von vier Trägern getragen werden. Würdenträger geringeren Grades haben in Peking Anspruch auf zwei, außerhalb der Hauptstadt auf vier Sänftenträger; noch geringere dürfen sich in Peking der Sänfte nicht bedienen, können aber reiten. Zieht ein hoher Würdenträger diese Art der Fortbewegung vor, so muß er von zehn Stalldienern begleitet werden, von denen zwei vor ihm, acht hinter ihm einherschreiten. Je nach dem Range sinkt diese Anzahl der Begleiter auf sechs, vier und zwei herab, und Beamte des geringsten Grades haben nur einen Begleiter, wobei aber auch noch eine strenge Unterscheidung darin liegt, ob der Begleiter vor dem Reiter oder hinter ihm einherschreitet.
Die gelbe Farbe darf nur von Mitgliedern des kaiserlichen Hofes oder von solchen Würdenträgern getragen werden, denen diese Auszeichnung besonders verliehen wird. Die eigentlichen Rangabzeichen sind die roten, weißen, blauen oder metallfarbenen Knöpfe auf den Hüten und die viereckigen, reich gestickten Schilder auf Brust und Rücken. Zeigen diese Schilder einen in Gold gestickten Storch, so sind die Träger Beamte des höchsten Ranges, zeigen sie einen Drachen mit vier Klauen an den Füßen, so sind die Träger Edelleute. Als besondere Auszeichnung dürfen manche von diesen einen Drachen mit fünf Klauen tragen. Näht sich jemand die fünfte Klaue auf, ohne die Berechtigung dazu zu haben, so wird er durch hundert Stockschläge bestraft und muß einen Monat den schrecklichen Holzkragen, Kang genannt, tragen. Nur gewisse privilegierte Klassen dürfen sich in Seide kleiden; wenn ein Bürger in die Stickereien seiner Kleider Goldfäden einflechten oder es wagen sollte, statt schwarzer Tuchschuhe solche aus Seide zu tragen, so wird er ebenfalls streng bestraft. Das gilt nicht allein von den Männern. Auch die Frauen sind diesen strengen Kleidungsvorschriften unterworfen, so daß man die Gattin eines Mandarins dritter Klasse beispielsweise von einer solchen vierter Klasse, die Beamtenfrau von der Offiziersfrau und von einer gewöhnlichen Bürgersfrau sofort unterscheiden kann.
Die Chinesin kann sich nicht nach Belieben in Samt und Seide hüllen, Sonnenschirme, Spitzen, Federn von Qualität und Farbe tragen, wie ihre Mittel es erlauben oder wie ihr es am besten steht. Es wäre gewiß den gesellschaftlichen und Vermögensverhältnissen in anderen Ländern sehr zuträglich, wenn man dort ebenfalls einige Vorschriften ähnlicher Art machte. Außerhalb Chinas ist die Dame Mode souverän, in China nur der Kaiser.
Wie die Kleidung, so ist auch die Begrüßung bei den Chinesen strengen Regeln unterworfen. Europäische Reisende in China haben die gegenseitige Begrüßung der Chinesen unter dem Sammelnamen Kautau zusammengefaßt. Der Kautau besteht darin, daß man mit geschlossenen Beinen in die Knie fällt und mit der Stirn den Boden einmal berührt. Aber diese Begrüßung gebührt nicht jedermann. Der Li-Pu unterscheidet acht verschiedene Arten der Begrüßung. Die gewöhnlichste besteht darin, daß man die beiden zu Fäusten geballten Hände vor der Brust aneinanderhält. Das ist der Kung-schau. Die nächst höhere Begrüßung, Tso-yih genannt, besteht neben der eben beschriebenen noch in einer Verbeugung. Bei der dritten, Ta-tsien, hockt der Grüßende nieder, als ob er in die Knie fallen wollte; bei der vierten, Kwei genannt, fällt er wirklich auf die Knie. Erst die fünfte Begrüßung ist der einfache Kautau. Die sechste Art der Begrüßung besteht aus diesem Kautau, aber mit dreimaligem Aufschlagen der Stirne auf den Boden. Deshalb auch ihr Name San-kau, d. h. dreimal aufschlagen. Die siebente Begrüßung Lu-kau besteht aus zwei San-kaus und die achte und ehrfurchtsvollste Begrüßung aus drei San-kaus. Bei dieser, San-kwei-kin-kau genannt, muß also der Grüßende dreimal niederknien und jedesmal die Stirne dreimal auf den Boden schlagen. Dieser Gruß gebührt jedoch nur den höchsten Göttern und dem Kaiser, dem Vertreter dieser Götter auf Erden. Manchen Göttern wird nur die siebente oder sechste Begrüßung zu teil.
Die Kaiser der gegenwärtigen Dynastie haben bisher auf diese Begrüßungsart ungemein streng gehalten, und sie bildete auch den Gegenstand eines ernsten diplomatischen Zwischenfalles, als im Jahre 1873 der Empfang der Gesandten durch den Kaiser erörtert wurde. Das Li-Pu bestand darauf, daß auch die Gesandten der Großmächte vor dem Beherrscher des Reiches der Mitte sich dreimal niederwerfen und mit der Stirn den Boden neunmal berühren sollten. Die Gesandten weigerten sich natürlich, diese erniedrigende und keineswegs graziöse Begrüßung auszuführen, und erklärten sich nur bereit, dem Kaiser dieselben Ehren zu erweisen wie ihren eigenen, dem Kaiser im Range gleichstehenden Souveränen. Die Verhandlungen wurden während sechs Monaten fast täglich geführt, bis endlich den Diplomaten die Geduld riß und der amerikanische Gesandte erklärte, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen und von seiner Regierung Instruktionen abzuwarten, welche dem Ernst der Situation entsprechen würden. Daraufhin gab der Kaiser gnädigst nach und begnügte sich mit drei tiefen Verbeugungen der Gesandten. Eine andere Schwierigkeit bildeten die harmlosen schwachen Degen, die zur diplomatischen Uniform gehören. In Gegenwart des Kaisers dürfen keinerlei Waffen getragen werden, und es dauerte lange, ehe die bezopften Zeremonienmeister der verbotenen Mode nachgaben.
Ebensowenig dürfen in Gegenwart des Kaisers Augengläser und Zwicker getragen werden. Nun war einer der Vertreter so kurzsichtig, daß er ohne Gläser vollständig hilflos war. Die Chinesen beschlossen, daraus keine diplomatische Frage zu machen, sondern an die Gutherzigkeit des betreffenden Gesandten zu appellieren. Er gab wirklich nach und wurde von zwei Kollegen in die Audienzhalle des Kaisers geführt.
Augengläser dürfen in China auch im gewöhnlichen Leben vor im Range höherstehenden Personen nicht getragen werden. Selbst der Kurzsichtige muß sie abnehmen, wenn er vor einen Mandarin tritt, und sollte beispielsweise bei Gerichtsverhandlungen ein Kurzsichtiger in die Lage kommen, etwas lesen zu müssen, so muß erst die Erlaubnis des Richters zum Aufsetzen der Augengläser eingeholt werden. Augengläser bilden überhaupt in China das Zeichen von höherem Ansehen und Würde. Sobald ein Litterat irgend eine Mandarinstelle erhält, wird es gewiß sein erstes sein, sich ein paar Augengläser anzuschaffen, selbst wenn er sich des besten Sehvermögens erfreuen sollte.
Jedem Mandarin des Zivil- oder Militärstandes gebührt je nach seinem Range eine der vorstehenden Begrüßungsarten. Begegnet ein niedriger Mandarin auf der Straße einem höheren, so muß er vom Pferde oder aus der Sänfte steigen, um diese Begrüßung vorschriftsmäßig auszuführen. Mandarine desselben Ranges thun dasselbe, ja sie überbieten sich sogar, um einander zuvorzukommen. Man kann sich leicht vorstellen, welcher Zeitverlust und welche Umstände mit so zeremoniösen Begrüßungen auf offener Straße verbunden sind, und deshalb trachten Mandarine, wenn sie einander aus der Ferne ansichtig werden, auszuweichen, oder sie ziehen die Vorhänge ihrer Sänften zu und thun, als bemerkten sie einander gar nicht. Das Volk hat sich vor den Mandarinen, wenn sie im Dienste sind oder zu Gericht sitzen, auf die Knie zu werfen. Nur die Greise machen darin eine Ausnahme. Selbst grauhaarige Sträflinge werden gewöhnlich von den Richtern aufgefordert, sich zu erheben. Diese im Auslande leider so wenig gekannte Achtung vor dem Alter hat in China für viele Ausländer schon sehr schlimme Folgen gehabt. Vor einer Reihe von Jahren begegneten sechs junge Engländer in der Nähe eines Vertragshafens einem alten Manne, der eine schwere Last auf dem Rücken trug. Nach chinesischer Etikette würde jedermann, ob aus den niedrigsten oder höchsten Ständen, einem Greise ausweichen, selbst wenn er keine Bürde trüge. Der Weg war schmal und die Engländer bestanden darauf, daß der Alte ihnen Platz mache. Als er sich weigerte, schlugen sie ihn und stießen ihn endlich in den Sumpf zur Seite des Weges. Diese That sollte ihnen übel bekommen. Die erzürnten Bewohner des Dorfes, zu welchem der Alte gehörte, machten sich zur Verfolgung der Engländer auf und töteten sie insgesamt.
Auch bei Besuchen beobachten die Chinesen ein eigentümliches Zeremoniell. Der Besucher wird sich in seiner Sänfte nicht bis an das Thor tragen lassen, sondern seinen der Sänfte stets vorausschreitenden Visitenkartenträger mit seiner gewöhnlich etwa fünfundzwanzig Centimeter langen roten Visitenkarte zu dem Bewohner des betreffenden Hauses voraussenden. Ist der Besucher in Trauer, so sind seine Visitenkarten von weißer Farbe, und die Schriftzeichen sind blau. Will der Hausbewohner den Besucher nicht empfangen, so verleugnet er nicht seine Gegenwart, wie es in anderen Ländern zu geschehen pflegt, sondern sein Thorhüter wird dem Visitenkartenträger sagen: „Dein Herr braucht sich nicht zu bemühen”. Darauf wird die Karte dort gelassen. Wird der Besuch angenommen, so begiebt sich der Hausherr bis zum Eingang, um den Besucher zu empfangen und ihn selbst unter vielen Verbeugungen in die inneren Räume zu führen. Vorher wird er aber seinen offiziellen Zeremonienhut aufsetzen. Die größeren Häuser und die Yamen (Dienstwohnungen) der Mandarine haben gewöhnlich drei Eingänge. Der mittlere Eingang wird nur Besuchern von gleichem oder höherem Range als der Hausherr geöffnet. Auch diese Frage hat in China schon viele Ungelegenheiten gemacht. In Canton z. B. unterhielten die europäischen Konsuln viele Jahre lang keinen persönlichen Verkehr mit dem Vizekönig, weil dieser sich weigerte, ihnen die mittlere Ehrenpforte zu öffnen. Allerdings standen die Konsuln im Range tief unter dem Vizekönig, allein sie waren die Vertreter ihrer Regierungen und unterließen lieber den Verkehr mit dem Vizekönig gänzlich, als sich durch eine Seitenpforte zu ihm zu begeben; nach langen diplomatischen Verhandlungen setzten sie aber ihren Willen durch.
Sobald der Hausherr seinem Gast den (stets erhöhten) Ehrensitz zu seiner Linken angewiesen hat, werden Thee und Pfeifen aufgetragen. Der Besucher ist nicht verpflichtet, irgend etwas zu genießen, außer wenn der Hausherr ihm als besonderen Beweis seiner Achtung eine Tasse Thee selbst darreicht. Er wird dies niemals mit einer Hand, sondern immer mit beiden Händen thun, indem er sich von seinem Sitze erhebt, und in derselben Weise muß der Besucher die Tasse Thee auch in Empfang nehmen. Bei offiziellen Besuchen zwischen Mandarinen und europäischen Beamten wird der dargebotene Thee erst am Schlusse des Besuches getrunken. Berührt der Hausherr im Laufe der Unterhaltung seine Tasse, so ist dies das stillschweigende Zeichen, daß er die Unterhaltung beendet zu sehen wünscht.
Auch in den einzelnen Redeformen beobachtet der Chinese gewisse feste Regeln, und eine ungezwungene Unterhaltung wie bei uns ist im Reiche der Mitte absolut unbekannt. Ja und Nein werden immer in der sonderbarsten Weise umschrieben, denn es wird in China beispielsweise als schlimmer Verstoß gegen die gute Sitte angesehen, jemandem etwas direkt durch ein Nein abzuschlagen. Seit Jahrhunderten sind die einzelnen Fragen und Antworten bei Besuchen in bestimmte Formen krystallisiert, mit solchen bombastischen Floskeln verziert, so mit Komplimenten ausgeschmückt, daß sie in der wörtlichen Uebersetzung geradezu unverständlich sind. Drückt beispielsweise der Besucher sein Bedauern darüber aus, daß er den Hausherrn so lange nicht gesehen hat, so wird dieser nach den bestehenden Formeln antworten: „Wir beanspruchen die Mühe Ihrer ehrenwerten Schritte zu empfangen; ist die Person in der Sänfte wohl?” was soviel heißt als „Ich danke für Ihren Besuch und hoffe, Sie befinden sich wohl”. Gewöhnlich sendet der Hausherr nach den einleitenden Höflichkeitsbezeugungen nach seinen Söhnen, die beim Eintreten den Kautau vor dem Besucher ausführen. Studiert einer der Söhne, so wird vom Besucher die Hoffnung ausgesprochen, daß er „den Wohlgeruch der Bücher fortführen”, d. h. den litterarischen Ruf der Familie aufrechterhalten wird. Je höher der Besucher die Anwesenden preist, desto verächtlicher wird der Hausherr von seinen Angehörigen sprechen, denn es gehört zur guten Sitte, alles Fremde in den Himmel zu erheben, alles Eigene herunterzusetzen; aber immer in der für Ausländer so schwer verständlichen Umschreibung. Die Frage: „Erfreut sich der ehrenwerte große Mann des Glückes?” will sagen „Befindet sich Ihr Vater wohl?” Fragt der Besucher: „Wie viele würdige junge Herren (Söhne) haben Sie?” so antwortet der Vater, wenn er beispielsweise nur einen Sohn haben sollte: „Mein Los ist armselig, ich habe nur einen kleinen Käfer”. In ähnlichen Formen bewegen sich auch die Gespräche von Fremden, die einander begegnen, selbst wenn sie Bettler sein sollten. So z. B.:
„Wie lautet Ihr ehrenwerter Name?”
„Der erbärmliche Name Ihres minderen Bruders ist Ming.”
„Was ist Ihre erhabene Langlebigkeit?”
„Sehr gering. Nur elende siebzig Jahre.”
„Wo befindet sich Ihr edler Palast?”
„Das Schmutzloch, in welchem ich mich verberge, ist in X.”
„Wie viele würdige junge Herren (oder wie viele „kostbare Pakete”) haben Sie?”
„Nur drei dumme kleine Schweinchen.”
Unter Gleichgestellten ist es ein Verstoß gegen die Etikette, sie bei ihrem Namen zu nennen, selbst wenn sie die besten Freunde oder sogar Brüder sein sollten. Sie sprechen einander als Ehrwürdiger älterer Bruder oder Ehrwürdiger jüngerer Bruder an. Der älteste Sohn einer Familie Namens Ming wird als der große Ming bezeichnet, der zweite Sohn als Ming Nummer zwei, der dritte als Ming Nummer drei und im Verkehr mit Gleichgestellten werden sie von diesen mit Ehrwürdiger großer Ming, oder Ehrwürdiger Ming Nummer zwei und so fort angesprochen. Nur der Höhergestellte hat das Recht, sie bei ihrem wirklichen Namen zu nennen.
So ist das ganze Leben der Chinesen eingeengt durch ein bis in die kleinsten Einzelheiten gehendes Zeremoniell, auf das mit der größten Fürsorge geachtet wird. Der Europäer, der glaubt, sich im Verkehr mit Chinesen darüber hinwegsetzen zu können, wird niemals etwas ausrichten, denn die Chinesen messen den Charakter und die Stellung eines Mannes hauptsächlich nach diesen in unseren Augen nichtigen Einzelheiten. Ich habe das auf meinen Reisen im Innern Chinas und bei meinen Mandarinbesuchen fast täglich beobachtet. Der frühere amerikanische Gesandte in Peking, Chester Holcombe, erzählt darüber einige interessante Beispiele. Einmal sandte er einen Konsul nach einer Provinzialhauptstadt, um dort eine Angelegenheit mit dem Gouverneur zu schlichten. Eine halbe Stunde nach seiner Ankunft in der betreffenden Stadt ritt der Konsul, noch in seinen Reisekleidern, zu dem Yamen des Gouverneurs und klopfte mit seiner Peitsche an die große Thür. Der erschreckte Thorhüter nahm seine Karte ab und brachte sie dem Gouverneur, aber dieser weigerte sich, den Konsul zu empfangen. Während einer Woche ließ er sich täglich beim Gouverneur anmelden, täglich wurde er abgewiesen, und schließlich mußte er unverrichteter Dinge die beschwerliche, wochenlange Rückreise nach Peking antreten. Auf dem Wege wurde er in einer Stadt von dem Pöbel auch noch thätlich insultiert. Die fragliche Angelegenheit, die durch ein höfliches Auftreten des Konsuls ohne weiteres hätte geregelt werden können, zog sich drei Jahre lang hin, und schließlich mußte sich der Gesandte selbst bequemen, nach der betreffenden Provinzialstadt zu reisen. Mit allen Einzelheiten der chinesischen Etikette vertraut, wurde er von dem Gouverneur mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen, und die Sache wurde in der ersten Unterredung beigelegt.
Einmal hatte Holcombe eine Konferenz mit den chinesischen Ministern im Auswärtigen Amte in Peking. Als ich eintraf, so erzählt er, waren zwei von ihnen bereits anwesend. Wir bekomplimentierten einander gegenseitig geraume Zeit an der Thüre, bevor wir eintraten, und wieder eine geraume Zeit, ehe wir an dem großen runden Tische im Konferenzzimmer unsere Plätze einnehmen konnten. Während unserer Beratungen kamen nacheinander fünf andere Minister. Jedesmal stürzten die anwesenden Minister wieder aus der Thüre, verbeugten sich unzähligemal voreinander, ohne daß einer den Vortritt annehmen wollte, und schließlich kämpften sie wieder unter den tiefsten Verbeugungen um den untersten Sitz am Tische, so daß während der Konferenz die Teilnehmer fünfmal ihre Plätze wechselten.
Der Chinese wird selten im Verkehr mit seinen Landsleuten oder mit Ausländern absichtlich eine unangenehme oder anstößige Bemerkung fallen lassen. Ist er unzufrieden, so sagt er es nicht gerade heraus, sondern überläßt es dem Zuhörer, die wirkliche Ursache herauszufinden, während er ihm irgend eine erfundene Geschichte erzählt. Er will seinen Zweck erreichen, aber auf eine, wie er glaubt, angenehmere Weise. Erscheint beispielsweise einem chinesischen Diener sein Lohn zu gering, so wird er sich nicht beschweren. Seiner Ansicht nach wäre dies äußerst unhöflich. Er wird also sofort seinen Vater krank werden oder einen Verwandten sterben lassen, um damit seinen Austritt aus dem Dienst zu entschuldigen. Ist sein Dienstherr ein Ausländer, der mit den chinesischen Gebräuchen noch nicht vertraut ist, so wird er die Angaben des Dieners vielleicht als bare Münze nehmen und den Diener wirklich entlassen. Aber hat er die Chinesen durch langen Verkehr mit ihnen kennen gelernt, so wird er trachten, durch einen anderen Diener den wahren Grund herauszufinden und ihn zu berücksichtigen, stets aber wird er sich dabei den Anschein geben, als schenkte er den Ausflüchten seines Dieners vollen Glauben, um diesen nicht auf einer Lüge zu ertappen.
In der Absicht, unangenehme Wahrheiten, ihre wirklichen Gefühle und Beweggründe zu verbergen, werden die Chinesen zu allen nur erdenklichen Mitteln und Wendungen Zuflucht nehmen. Hoch oder niedrig, verlieren sie selten ihren Gleichmut, und nur in ihrem Hause den vertrautesten Freunden gegenüber legen sie die eisernen Fesseln der Etikette ab und lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Diese Sitte von Unterdrückung und falscher Auslegung ihrer innersten Gedanken hat, wie Holcombe sehr richtig sagt, in der Außenwelt den Eindruck hervorgerufen, daß die Chinesen ein kaltblütiges, gleichgültiges Volk ohne Nerven seien. Aber in Wirklichkeit sind sie äußerst empfindlich, stolz und leidenschaftlich. Nichts bringt die Chinesen so sehr außer Fassung und verwirrt sie, wie die geraden und schroffen Manieren der westlichen Völker, hauptsächlich der Engländer und Amerikaner, und deshalb verschanzen sie sich gerade diesen gegenüber hinter ihrer starren Etikette, während sie dem höflichen, bescheidenen und geduldigen Deutschen größere Offenheit und größeres Vertrauen entgegenbringen.
Wie die Chinesen Verdienste ehren.
Nach der letzten großen Schlacht zwischen den Chinesen und Japanern brachten die Blätter die Drahtmeldung aus China, daß dem Vizekönig von Tschihli (in Europa unter dem Namen Petschili besser bekannt) zur Strafe für die Niederlage seiner Truppen ein Pfauenauge unterdrückt worden sei.
Diese Nachricht dürfte der großen Mehrzahl der Leser unverständlich geblieben sein, denn selbst die in China lebenden Europäer sind mit chinesischen Orden und Ehrenzeichen nicht vertraut, die zuweilen in den absonderlichsten Formen verliehen werden. Orden nach europäischen Begriffen besitzen die Chinesen überhaupt nicht. Allerdings wurden während der Kriege, welche die Chinesen in den letzten Jahrzehnten gegen Engländer, Franzosen und die eigenen Rebellen auszufechten hatten, an die im chinesischen Heere dienenden Europäer Orden und Medaillen verliehen, doch waren diese letzteren nur willkommene Behelfe der Vizekönige und wurden von der chinesischen Zentralregierung nicht anerkannt. Erst am neunzehnten Tage des zwölften Monats des siebenten Jahres Kuangsi (am 7. Februar 1882) stiftete der Kaiser des himmlischen Reiches einen Orden, Shuanglung-Pao-Sing, zu deutsch den Orden des doppelten Drachen, doch auch dieser wird nur an verdiente Ausländer verliehen. So z. B. befanden sich unter den ersten mit dem Großkreuz dekorierten Ausländern der Direktor der chinesischen Zollämter Sir Robert Hart und der von der Chartumer Katastrophe her bekannte englische General Gordon, der sich in der chinesischen Expedition gegen die Taiping ausgezeichnet hatte. Allein Chinesen erhalten weder Orden noch Medaillen. Die gebräuchlichste Belohnung für Zivil- und Militärdienste ist die Erhebung zu einer höheren Rangstufe der Mandarine oder, wie sie in China heißen, Kwun. Mandarin ist keineswegs ein chinesisches, sondern ein vom portugiesischen Mandar, Befehlen, abstammendes Wort, das nur in der lingua franca Ostasiens, dem pidgin English, gebräuchlich ist.
Die Chinesen haben neun Klassen von Mandarinen, deren jede für Militär und Zivil besondere Abzeichen besitzt, durchwegs Tiere, die auf einem etwa einen Quadratfuß großen viereckigen Tuchschild mit farbiger Seide aufgestickt sind. Diese Schilder werden von den Mandarinen auf Brust und Rücken getragen, und an ihnen erkennen die Chinesen ihre Beamten, die Soldaten ihre Offiziere. Die Tiere sind die folgenden:
Rang Armee und Flotte Zivil
1. Klasse Nashorn Kranich 2. „ indischer Löwe Goldfasan 3. „ Leopard Pfau 4. „ Tiger wilde Gans 5. „ Bär Silberfasan 6. „ Tigerkatze Reiher 7. „ Waschbär Ente 8. „ Seehund Wachtel 9. „ Rhinoceros Elster.
Außer diesen Brustschildern ist auch die Art der Leibgürtel genau festgesetzt, so z. B. tragen die Mandarine erster Klasse rote Gürtel mit Schnallen aus Jade (Nephrit) und Rubinen, jene der letzten Klasse Schnallen aus Büffelhorn.
Zu den Abzeichen der Mandarine gehören auch die Knöpfe oder vielmehr nußgroßen runden Kugeln auf der Spitze der chinesischen Hüte. Bei den Mandarinen erster Klasse sind die Kugeln Rubinen, bei jenen der zweiten Klasse Korallen, die Knöpfe der Mandarine dritter und vierter Klasse sind blau, und zwar durchsichtig blau (Saphir) und undurchsichtig (Lapis Lazuli); bei der fünften und sechsten Klasse weiß, durchsichtig (Krystall) und undurchsichtig (Marmor). Sollen Mandarine für leichtere Vergehen bestraft werden, so wird ihnen für eine bestimmte Zeit der Knopf entzogen.
Neben diesen mit dem Rang verbundenen Abzeichen giebt es in China auch außerordentliche Auszeichnungen, von denen die höchste die gelbe Reitjacke ist (im Chinesischen Ma-Kwa), ein gelbseidener Rock, der jedoch nur auf Reisen, im Felde und bei Hofe getragen wird. Sir Robert Hart und von den Chinesen der berühmte Vizekönig von Tschili, Li-Hung-Tschang, sind die bekanntesten Inhaber der gelben Reitjacke. Für ganz besondere Leistungen wird auch die gelbe Flagge verliehen, ein kleines gelbseidenes Fähnchen, das der Inhaber in seiner Rechten trägt. Der Besitz des Fähnchens führt das souveräne Recht von Leben und Tod mit sich und es wird deshalb nur äußerst selten verliehen. In ganz China dürften kaum mehr als sechs Würdenträger die gelbe Flagge besitzen.
Häufiger wird die Pfauen- oder Krähenfeder verliehen. Die so Ausgezeichneten tragen die Feder auf dem Hute hinten nach abwärts geneigt. Prinzen und den höchsten Würdenträgern werden die Pfauenfedern mit drei Augen verliehen, geringeren Beamten nur solche mit zwei Augen, und Federn mit einem Auge sind sogar für geringes Geld käuflich. Li-Hung-Tschang konnte in Anbetracht seines hohen Ranges keine schlimmere Strafe widerfahren als die 1894 erlassene Verfügung, daß er eine Zeit lang nur zwei Augen auf seiner Pfauenfeder tragen durfte.
Krähenfedern werden nur Soldaten der kaiserlichen Garde verliehen. Sie können aber auch die Pfauenfeder erhalten. So z. B. bringt der Titel Baturu die Pfauenfeder mit sich. Ein Baturu ist in der chinesischen Armee etwa dasselbe, was der Ritter der Ehrenlegion in der französischen Armee, nur trägt der chinesische Baturu statt des Kreuzes am roten Bändchen die Pfauenfeder und erhält einen passenden Titel, z. B. der Tapfere oder der Großmütige, mit dem auch höhere Bezüge verbunden sind. Bisher wurde nur ein Europäer, der General Mesny (ein Franzose), Baturu.
Noch seltsamer als die eben erwähnten sind einige andere Auszeichnungen der Chinesen, z. B. das Recht, die Schwertscheide mit der gelben Rinde der Robinia pygmaea, einer Akazienart, überziehen zu lassen, oder das Recht, beim Reiten rote Zügel zu führen. Li-Hung-Tschang ist auch Inhaber dieser Auszeichnungen.
Zivilmandarinen wird als besondere Belohnung gestattet, die Tragstangen ihrer Tragstühle rot überziehen zu lassen. Mandarine gehen niemals zu Fuß aus, sondern reiten oder lassen sich in Tragstühlen tragen. Es wäre eine Entwürdigung für einen Mandarin, zu Fuß oder ohne entsprechende Begleitung von Dienern und Sekretären auf der Straße zu erscheinen.
Zu den zahlreichen Orden chinesischer Art, die der frühere Vizekönig von Tschili besitzt, gehört auch der Zobelorden, wenn diese Bezeichnung erlaubt ist. Das Tragen von Zobelfellen erfordert in China die kaiserliche Bewilligung, und die Kaiserinwitwe sandte Li-Hung-Tschang selbst als Geburtstagsgeschenk die für einen Mantel erforderliche Zahl von Zobelfellen.
In der offiziellen Pekinger Zeitung war vor einigen Jahren von einer noch seltsameren Auszeichnung zu lesen, die damit zusammenhängt, daß es in China keinen Erbadel nach unserer Art giebt. Sir Robert Hart, der früher erwähnte chinesische Zolldirektor, hatte durch seine vortrefflichen Maßnahmen die Einnahmen des Reiches beträchtlich vermehrt, und der Kaiser erließ deshalb folgende Verordnung: „Dem Generaldirektor wird ein Stück Seide verliehen, worauf die Namen seiner drei nächsten Vorfahren in fünf verschiedenen Farben aufgestickt sind. Diese Auszeichnung betrachten Wir (der Kaiser) höher als die gelbe Reitjacke.”
Und bald darauf enthielt die Pekinger Zeitung einen kaiserlichen Erlaß, demzufolge der Kaiser den drei nächsten Vorfahren des Sir Robert Hart die Kappenknöpfe ersten Ranges verlieh. Glückliche Vorfahren! Sir Robert Hart wäre es lieber gewesen, seine Nachkommen so ausgezeichnet zu sehen, aber, so argumentieren die chinesischen Staatsmänner, was haben die Nachkommen des Sir Robert zu seinen Erfolgen beigetragen? Waren die Vorfahren daran nicht viel mehr beteiligt?
Der chinesische Adel ist mit dem europäischen in keiner Weise zu vergleichen und könnte eher als eine Art amtlicher Würden angesehen werden. Er wird ausschließlich nur für militärische Verdienste verliehen und besteht aus neun Klassen, von denen die obersten fünf beiläufig unseren Herzögen, Markgrafen, Grafen, Vizegrafen (Vicomtes) und Baronen entsprechen. Ihre chinesischen Namen sind Kung, Hau, Puk, Tß und Nam. Jede Klasse ist wieder in verschiedene Unterabteilungen geteilt, je nach den Leistungen, für welche der Adel verliehen worden ist. Die oberen Adelstitel sind nur während einer bestimmten Anzahl von Generationen in der Familie erblich, z. B. sechsundzwanzig in der ersten (Herzog), und nur eine in der achten Adelsklasse, so daß die Adelsfamilien nach einer bestimmten Zeit allmählich erlöschen. Den erblichen Adel in europäischem Sinne besitzen in China nur die direkten Nachkommen von Confucius und Koxinga (der Eroberer von Formosa), sowie die acht von den alten Mandschurenfürsten abstammenden Familien.
Die Mandarine.
Würde alles das, was in der letzten Zeit über das chinesische Mandarinentum geschrieben wurde, der Wahrheit entsprechen, so müßte man als die erste und wichtigste Maßregel für die Reorganisierung des chinesischen Staatswesens dem Kaiser empfehlen, alle Mandarine ohne weiteres aufzuhängen. In Europa gilt der Mandarin als das Urbild von Bestechlichkeit, Faulheit und Niedertracht, und alles, was diesen Namen führt, wird mehr oder weniger als ein korruptes Beamtengesindel angesehen, das den Ruin des chinesischen Reiches herbeiführen muß.
Wäre dem wirklich so, dann müßte es längst kein China mehr geben, denn wie das Mandarinentum heute besteht, so hat es schon vor Jahrtausenden bestanden, und China ist doch während dieser Jahrtausende das größte und volkreichste Reich der Erde geblieben, mit großen Reichtümern und ausgebreitetem Handel, mit einer hohen Kultur eigener Art und bedeutenden sittlichen Eigenschaften, welche jener mancher anderer Völker um ein bedeutendes überragen. Das chinesische Mandarinentum kann deshalb nicht so schlecht sein wie sein Ruf und ist es auch nicht.
In China sind Adel- und Kastengeist, sowie die bevorzugten Klassen nicht so ausgeprägt, das Volk ist wahrhaft demokratisch, und jedem, der die Fähigkeiten und Kenntnisse besitzt, stehen alle Stellen bis zu den höchsten Ministerstellen in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers offen. Die Bedingung dafür ist fleißiges Studium der Klassiker, eine schöne Handschrift, guter Stil, Gewandtheit in Aufsätzen, die Kenntnis der alten Lehren des Confucius, dessen Geist das chinesische Staatswesen heute noch regiert. Für alle Beamtenposten werden derartige litterarische Prüfungen ausgeschrieben; die einen in den lokalen Distrikten, die anderen in den Provinzhauptstädten, wieder andere in Peking, ja unter den Augen des Kaisers selbst. Wer diese Prüfungen besteht, erhält dadurch die Befähigung, Beamter zu werden, und je besser er sich seiner Aufgaben entledigt hat, desto größer ist seine Aussicht, wirklich einen Posten zu erhalten. Die Zahl der Beamten ist nämlich im Verhältnis zu jenen, die sich dafür vorbereiten, eine sehr geringe und entspricht auch nicht entfernt den Bedürfnissen des Landes. Im Vergleich zu dem großen Beamtenstand der europäischen Staaten ist derjenige Chinas wie zehn zu eins, das ganze Riesenreich wird alles in allem von 2100 Mandarinen verwaltet; dabei ist der chinesische Beamtenstand der angesehenste und begehrteste aller Stände und steht auch hoch über dem Militär. Finden z. B. Festlichkeiten statt, an welchen die Zivil- und Militärmandarine teilnehmen, so gebührt den ersteren der Ehrenplatz an der Ostseite, den letzteren jener an der Westseite.
Schon die bestehenden Vorschriften über die Besetzung der Mandarinenposten zeigen, in welchen Ehren sie gehalten werden. So dürfen sich z. B. Chinesen, welche von den geächteten Ständen, also von Barbieren, Schauspielern, Schifferknechten und dergleichen abstammen, und selbst wenn ihre Ahnen in der dritten Generation eines dieser Gewerbe betrieben haben sollten, nicht Mandarine werden und auch nicht an den öffentlichen Prüfungen teilnehmen. Das führte in Hankau zu einem ergötzlichen Vorfall, der bezeichnend ist für die chinesischen Sitten. Unter den Bewerbern um die militärischen Prüfungen befand sich ein junger Mann, der durch seine außergewöhnlichen Kenntnisse und Fertigkeiten den Neid der Mitbewerber erweckte; um ihn zu beseitigen, wurde den Examinatoren die Anzeige gemacht, daß der Großvater des Betreffenden, wie es der Wahrheit entsprach, Barbier gewesen sei. Daraufhin wurde der unglückliche Kandidat aus den Listen gestrichen und ihm anbefohlen, die Stadt sofort zu verlassen. Aber die Barbiere von Hankau erhielten Kunde davon, und diese brachte sie so aus der Fassung, daß sie beschlossen zu streiken. In Hankau und dem benachbarten Hanyang legten dreitausend bezopfte Figaros ihre Waffen, die Rasiermesser, nieder; auf der halben Million Chinesenschädel der beiden Städte wuchsen die Haarstoppeln immer länger, die Scheitelzöpfe wurden immer zerzauster, kein Barbier rührte sich. Selbst der Befehl der Behörden an die Figaros, ihr Handwerk wieder aufzunehmen, blieb unbeachtet. So wurde denn das Militär beauftragt, die Ritter vom Rasiermesser abzufassen und in den Yamen zu bringen. Dort zwang man sie unter Androhung der Bastonnade, jeden um den gewohnten Preis zu rasieren, und der Vorhof des Yamens war eine Zeitlang eine ungeheure Barbierstube. Allein da die Mehrzahl der Barbiere ausgerissen war oder sich versteckt hatte, blieben immer noch Hunderttausende von Chinesenschädeln in trauriger Verfassung. Auch die Zerstörung der Wohnungen der entflohenen Barbiere durch das Militär konnte die letzteren nicht zur Reue bewegen, ja noch mehr, die Barbiere der benachbarten Provinzhauptstadt Wutschang schlossen sich dem Streik ihrer Brüder an. Allmählich kamen aber Barbiere aus den anderen Provinzstädten nach Hankau, und die Sache endete schließlich damit, das sich auch die Figaros der letzteren Stadt fügten und die Berechtigung der Ausschließung ihres Standeskollegen von den Prüfungen anerkannten.
Kein Chinese darf in seinem heimatlichen Distrikte Beamter werden; um Begünstigungen vorzubeugen, darf er auch keine Verwandten unter seine Untergebenen aufnehmen, und selbst in verschiedenen Distrikten derselben Provinz dürfen Vettern nicht gleichzeitig Beamtenposten einnehmen. Zur Aufrechterhaltung der Unparteilichkeit dürfen Beamte keine Frau heiraten, die unter ihrem amtlichen Wirkungskreise steht, ja sie dürfen in gerichtlichen Streitfragen zwischen zwei Parteien keine Entscheidung fällen, wenn sie durch ihre Frauen mit einer der Parteien im Verwandtschaftsverhältnis stehen sollten. Ehen mit Tänzerinnen, Schauspielerinnen und Sängerinnen sind nicht nur ihnen, sondern auch ihren Söhnen untersagt, und gehören sie dem erblichen Adel an, so darf selbst ein Enkel keine solchen Ehen eingehen, ohne dadurch in eine tiefere Adelsklasse versetzt zu werden.
Die höchste Reichsbehörde, etwa das, was im Deutschen Reiche das Reichskanzleramt, ist das Großsekretariat, aus vier Großsekretären bestehend, doch sind die Befugnisse desselben und sein Einfluß geringer als jene der Mitglieder des Tschun-Tschi-Tschu, zu deutsch Reichsrat. Dieser setzt sich aus fünf Mandarinen erster Klasse zusammen, gewöhnlich aus einem kaiserlichen Prinzen als Präsidenten an ihrer Spitze, durchwegs hochbetagten Herren, denen es gewiß recht schwer fallen muß, häufig um drei Uhr morgens in Gegenwart des Kaisers über die Regierungsangelegenheiten des Reiches zu beraten. Vom Reichsrate gelangen die letzteren an eines der sechs Ministerien oder, falls es sich um Angelegenheiten handelt, welche das Ausland betreffen, an das in den letzten Jahren so berühmt gewordene Tsung-li-Yamen, welchem viele Jahre lang das chinesische „Mädchen für alles”, Prinz Kung, als Präsident vorstand.
Ebenso wie die Wohnungen der Prinzen und Mandarine (von Palästen kann man bei ebenerdigen, einfachen Gebäuden nicht sprechen), ebenso wie die Ministerien und anderen Regierungsgebäude, so ist auch das Tsung-li-Yamen von einer jener hohen, kahlen Mauern umgeben, welche der Tatarenstadt von Peking ein so einförmiges, düsteres Aussehen verleihen. Ueber dem mit verschiedenen Ziegeldächern eingedeckten Haupteingang stehen auf einer Tafel vier große vergoldete Schriftzeichen, welche, in unsere Sprache übertragen, lauten: „Reich der Mitte, Ausland, Friede, Glück”, was etwa bedeuten soll: „Chinesisches Amt zur Herstellung friedlicher und glücklicher Beziehungen mit dem Ausland”. Von diesen friedlichen und glücklichen Beziehungen haben die Chinesen bisher freilich nicht viel zu verspüren bekommen. Ihre Schuld ist es keineswegs. Das Um und Auf der chinesischen Wünsche in Bezug auf das Ausland ist, in Ruhe gelassen zu werden, und wollte man die vier Worte: „Reich der Mitte, Ausland, Friede, Glück” in chinesischen Sinne auslegen, so müßte man über die Thüren des Tsung-li-Yamens schreiben: „Ausland, lasse das Reich der Mitte in Frieden, dann ist es glücklich”. Seitdem die Europäer nach China gekommen sind, ist die Regierung aus Kriegen, Verlegenheiten, Zahlungen, Verlusten an Macht, Ansehen, Land und Volk nicht herausgekommen, und man kann es den Chinesen wahrhaftig nicht übelnehmen, wenn sie den Europäer mit nicht gerade freundlichen Blicken betrachten, und wenn die Herren des Tsung-li-Yamens bestrebt sind, die Europäer hinzuhalten. Denn es ist ja eine ausgemachte Sache für sie, daß niemals ein Europäer kommt, um zu geben, sondern immer nur, um zu nehmen. Die Gesandten der Mächte wollen Entschädigungen, Gebietsabtretungen, die Kaufleute Konzessionen, Kaufabschlüsse, die Missionare gar werfen durch die christliche Lehre, die mit dem ganzen Gesellschaftsleben, dem Ahnenkultus und der Religion der Chinesen in schroffstem Widerspruch steht, das ganze Gefüge über den Haufen und wirken mit ihren Lehren, wie ein Chinese sich drastisch ausdrückte, wie Sauerteig. Die zehn Mitglieder des Tsung-li-Yamens haben für ihre Unterhandlungen mit den Ausländern diese Halle eingerichtet, bei deren Betreten die letzteren mit zweierlei Gepäck ausgerüstet sein müssen, entweder mit Geduld oder mit Kanonen. Wer Kanonen zu seiner Verfügung hat, kommt besser fort.
Hinter dem Eingange öffnen sich dem Besucher des Yamens eine Reihe von einfachen, aber reinlichen und geschmackvoll ausgestatteten Hallen, deren letzte in einem hübschen wohlgepflegten Garten endigt. Ein kleiner Raum mit einem rundem Tisch und verzwickten chinesischen Stühlen aus schwarzem Holz dient als gewöhnliches Empfangszimmer für fremdländische Gesandte, wobei stets drei Mitglieder des Tsung-li-Yamens mit einer Schar von Sekretären und Dienern gegenwärtig sind. An den Wänden hängen an Stelle von Bildern oder Landkarten die in China allgemein gebräuchlichen langen Papierstreifen mit allerlei Weisheitssprüchen. Der erste derselben lautet: „Zu lernen ist sehr verdienstvoll”, der zweite: „Wenn der Thee halb angebrüht ist, entsteigt ihm das Aroma”, der dritte: „~Wei schan tsui luh~”, was etwa bedeutet: „Gut zu thun ist das höchste Glück”. Den ersten Spruch mögen die Herren des Tsung-li-Yamens wohl beherzigen, denn solange sie nicht wissen, das es neben Frankreich, England und Rußland auch noch andere Reiche in Europa giebt, taugen sie für ihren Beruf nicht viel. Bis vor kurzem unterstanden dem Yamen folgende Aemter: eine englische Abteilung mit sechs Beamten, eine französische mit sieben, eine russische mit sechs, eine amerikanische Abteilung mit sechs Beamten, schließlich eine Abteilung für Seeverteidigung. Es wird wohl nicht lange dauern, bis noch eine deutsche Abteilung hinzukommt.
Ebenso wie die Ministerien sind auch die Mehrzahl der fremdländischen Gesandtschaften in chinesischen Häusern, ursprünglich Wohnungen von Prinzen oder hohen Mandarinen, untergebracht, und sie unterscheiden sich von den übrigen einförmigen Gebäuden nur durch die Flaggenmasten, die über die Thore ragen. Der Verkehr zwischen den Gesandten und den chinesischen Mandarinen beschränkt sich auf das Allernotwendigste. Selten erfolgen gegenseitige Besuche, noch seltener erscheint irgend ein Mitglied des Tsung-li-Yamens zu einer Soiree oder einem Diner, aus Furcht, von den anderen als fremdenfreundlich angesehen zu werden. Ueber das ganze Thun und Lassen selbst der höchsten Mandarine wacht das Zensorenamt mit zahllosen Beamten, und jeder Mandarin hat in den Archiven dieses Amtes seine Konduitenliste. Selbst der Kaiser untersteht den Zensoren. Als Kuang-Su zum erstenmal nach seiner Thronbesteigung seine Ahnenopfer darbrachte, übergab ihm ein Zensor eine Schrift, in welcher er dem Kaiser das Recht absprach, diese Ahnenopfer vorzunehmen, da er nicht direkter Sprosse der letzten Kaiser, sondern nur ein Neffe des vorletzten Kaisers sei. Dann nahm er sich vor den Augen des Kaisers das Leben, weil er es gewagt, die Handlungen des Kaisers zu bemängeln. So ist das ganze Leben an dem merkwürdigen Hofe, so ist die Regierung des chinesischen Reiches ein seltsames Gemisch von gut und schlecht, ein Zwiespalt von Vorwärtsschreiten und Beharren bei dem Althergebrachten, ein Gegensatz von Patriotismus und kleinlichem Intriguenspiel, von Uneigennützigkeit und schlimmster Habgier. Die Wasser sind getrübt, und die Europäer fischen nach Herzenslust darin. An jeder Angel zappelt eine Eisenbahn, ein Hafen, eine Provinz.
Die chinesischen Mandarine sind in neun Rangklassen eingeteilt, die sich durch bestimmte Vorrechte, Gehaltsbezüge und äußerlich durch bestimmte Abzeichen, hauptsächlich durch die eigroßen Rangknöpfe auf den Hüten und die gestickten Tierwappen auf Brust und Rücken ihrer Gewänder unterscheiden. Das ganze Beamtentum als Stand führt in China den Namen Pe-kuan, d. h. die hundert Obliegenheiten, die Mandarine der höchsten Klassen heißen Tai-fu, jene der niederen Kuang-fu. Der Name Mandarin ist portugiesischen Ursprungs und unter den Chinesen unbekannt. Die nominellen staatlichen Bezüge der Ministerbeamten sind anscheinend gar nicht so gering, ja viel bedeutender als jene der europäischen Staaten. So bezieht z. B. der Vizekönig einer Provinz 20000 Taels (nach dem gegenwärtigen Kurse entspricht ein Tael im Werte etwa 3 Mark); der Gouverneur 16000, der Provinzschatzmeister 9000, der Provinzrichter 6000, ein Präfekt 3000, ein Distriktmagistrat zwischen 2000 und 800 Taels; ein Provinzkommandant 4000, ein General 2400, ein Oberst 1300 Taels und so abwärts bis zu dem niedrigsten Beamten, der etwa 130 Taels im Jahre erhält. Wenn diese Bezüge wirklich nur für die Person des Betreffenden bestimmt wären, dann könnten die Mandarine vortrefflich auskommen und hätten es kaum nötig, zu Nebenverdiensten Zuflucht zu nehmen. Allein gewöhnlich kommen sie erst nach einer mehrere Jahre langen Wartezeit auf ihren Posten, und da es für Personen mit litterarischen Graden nicht standesgemäß ist, sich irgend welchem Handels- oder Arbeitsberuf hinzugeben, müssen sie auf ihre zukünftigen Bezüge hin Schulden machen. Haben sie endlich den Posten, so können sie ihn den bestehenden Vorschriften nach nur drei Jahre lang behalten. Um die Beamten nämlich so unabhängig als möglich von Familien- und Freundschaftseinflüssen zu erhalten, werden sie alle drei Jahre auf andere Posten versetzt, und selbst solange sie in einer Stadt bleiben, können sie ihren Gehalt nicht ausschließlich für ihre Bedürfnisse verwenden, sondern müssen davon auch noch ein Heer von Sekretären, Schreibern und Dienern füttern, welche vom Staate nicht bezahlt werden und von den Chinesen nicht mit Unrecht die Bezeichnung Klauen ihrer Vorgesetzten erhalten haben. Der Mandarin ist in seinem Distrikte nicht nur der Vertreter der Regierung, er ist gleichzeitig Polizeibeamter, Richter, Steuereinnehmer, Standesbeamter und Notar, und in seiner Hand vereinigen sich alle Verwaltungszweige. Seine Hauptpflichten sind es, Ruhe und Ordnung zu erhalten, die Steuern einzutreiben und darauf acht zu haben, daß er von den Spionen der Regierung, den Zensoren oder vom Volke selbst seinen Vorgesetzten nicht wegen Mißbrauchs seines Amtes angezeigt wird. Gelingt ihm dies, so kann er nach Ablauf der dreijährigen Amtszeit Beförderung gewärtigen. Er kann auch dem Volk mehr Steuern abnehmen, als dieses zu zahlen verpflichtet ist, und die Chinesen lassen sich das auch ganz gerne gefallen. Sie wissen ja, daß Widerstand gegen die Regierungsvertreter immer Geld kostet und zu zeitraubenden Untersuchungen, zu weiteren Bedrückungen, möglicherweise zu Aufständen führt, wodurch sie viel größere Verluste erleiden würden, als es die rechtswidrige Steuereintreibung verursacht. Der Mandarin seinerseits wird dieses Spiel auch nicht zu weit führen, denn wird er bei seinem Vorgesetzten angeklagt, so muß er diesem vielleicht eine viel größere Geldstrafe zahlen, als sein ganzer dem Volke abgenommener Gewinn ausmacht. Sollte er dann immer noch seine Erpressungen fortsetzen, so kann es vorkommen, daß die Bevölkerung seines Wirkungskreises ihn eines Tages in feierlichem Aufzuge mit einer Sänfte aus dem Yamen abholt und vor die Stadtthore trägt. In solchen Fällen giebt die Regierung, der es vor allem um den lieben Frieden zu thun ist, gewöhnlich dem Volke recht und ernennt einen anderen Mandarin an die Stelle des verjagten. Ebenso wie das Volk eine maßvolle Uebervorteilung durch die Mandarine duldet, ebenso geschieht dies auch von seiten der Regierung, die sehr wohl weiß, daß der Mandarin mit seinem Gehalte nicht auskommen kann, und die direkt und indirekt aus den Erpressungen ihrer Beamten Nutzen zieht. Direkt dadurch, daß sie die Einzahlung eines größeren Steuerbetrages von den Beamten erwarten kann, indirekt dadurch, daß auch die Hände der höheren Mandarine von den unteren geschmiert werden. W. Holcombe erzählt, ein chinesischer hoher Diplomat habe ihm selbst mitgeteilt, er könne in Peking nur dann eine Audienz erlangen, wenn er dieselbe mit gewichtigen Geschenken bezahle. Bei seiner ersten Audienz bei einem Prinzen des kaiserlichen Hauses brachte sein Sekretär hundert Unzen Silber mit, welche er an der Pforte dem Hausoffizier des Prinzen übergab. Derselbe Gewährsmann sah einmal bei einem hervorragenden Pekinger Juwelier hundert lackierte, mit Seide überzogene Servierbretter, von denen jedes zehn kleinere Abteilungen enthielt, bestimmt zur Aufnahme von Silberbarren von je zehn Unzen Gewicht. Die Servierbretter waren von einem hohen Mandarin bestellt worden, der dieselben mit zehntausend Unzen Silber füllen und einem kaiserlichen Prinzen zum Geschenk machen wollte. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, und mit Geld läßt sich eben auch in China viel erreichen, selbst Mandarinstellen.
Daß Titel, Würden, Pfauenfedern und derlei Auszeichnungen im himmlischen Reiche ebenso käuflich sind wie anderswo, wird niemand wundernehmen. Auch die Chinesen sind eitel, und es giebt eine ganze Menge reicher Leute, welchen der Kaiser den Mandarinsrang als Belohnung dafür verliehen hat, daß sie in Zeiten der Bedrängnis große Summen für Brücken, Dammbauten oder gemeinnützige Zwecke opferten. Solche Ehren geben dem Träger gewisse Vorrechte und als äußeres Abzeichen den vielbegehrten Mandarinknopf auf dem Hut (also das Knopflochbändchen ins Chinesische übersetzt); doch ist damit nicht etwa das Recht, wirkliche Aemter zu bekleiden, verknüpft.
Indessen kann man in China auch Aemter für Geld kaufen. Von mancher Seite ist dies bestritten worden, und der vorgenannte amerikanische Diplomat behauptet, er hätte während seines mehrjährigen Aufenthaltes in China niemals einen Mandarin in offiziöser Stellung getroffen, der diese durch Kauf erlangt hätte, niemals auch nur von einem solchen gehört, ausgenommen Leute vom Range eines Dorfpolizisten.
Demgegenüber ist es mir wohl erlaubt, ein Edikt des Kaisers von China anzuführen, das in der offiziellen Pekinger Staatszeitung vom 6. Juli 1894 veröffentlicht wurde. Dasselbe lautet: „Der Lektor im Hanlin yuan, Wen-ting schi, bemerkt in einer Eingabe, daß der Verkauf von Aemtern keine althergebrachte Einrichtung sei, und bittet, denselben zu Gunsten einer geordneten Staatsverwaltung ganz einzustellen. Wenn die Staatsverwaltung den Aemterverkauf zuließ, so war dies ursprünglich eine der äußersten Geldnot entspringende Maßregel. In der letzten Zeit nimmt jedoch der Aemterverkauf dermaßen überhand, daß Verwirrungen im Beamtenkorps entstehen und allerlei Mißstände eintreten müssen. Der Taotai und der Präfekt sollen für das Wohl der Bevölkerung Sorge tragen. Wie können aber Leute, die nichts von Amtsgeschäften verstehen und sich mit Geld ein Amt erkauft haben, ihren Posten genügend ausfüllen? Das Finanzministerium soll deswegen zunächst den Verkauf von Taotai- und Präfektenposten gänzlich einstellen. Wegen der anderen kleineren Aemter möge die genannte Behörde gleichfalls in Erwägung ziehen, wie dem Verkauf derselben passend Einhalt gethan werden kann, und darüber ausführlich berichten.”
Obschon es in China, wie schon aus diesem kaiserlichen Edikt hervorgeht, eine ganze Menge derartiger durch Stellenkauf auf ihre Posten gelangten Mandarine giebt, so machen auch diese vielen Schwalben immer noch keinen Sommer aus. Ein ostasiatisches Blatt bemerkt darüber ganz richtig: „Das hohe Ideal, das einst in Bezug auf die Staatsverwaltung bestand, ist gesunken und verdunkelt durch zahlreiche Fehler und Flecken; dessenungeachtet besteht zweifellos ein Ideal. Sobald man beispielsweise einen Bezirksrichter findet, der seiner Pflicht getreu nachkommt, wird er durch das Volk geehrt, und der Kaiser drückt ihm seine Anerkennung aus. Die Strafen, welche die Pekinger Staatszeitung beständig verkündet, legen auch einen Beweis für die Bemühungen der Regierung ab, das System rein und wirksam zu erhalten. Wie es in der Natur der Religionssysteme liegt, daß sich mit der Zeit in dieselben Mißbräuche und unnötiges Zeremoniell einschleichen, so nimmt auch ein verwickeltes System des Beamtentums allmählich ein gekünsteltes Gewand an und verliert den Lebensatem, der es bei seiner Entstehung beseelt hat.”
„Man darf also die zweifellos bestehenden Mißstände keineswegs verallgemeinern. Unter den Beamten findet man zahlreiche Personen von großer Lauterkeit des Charakters, Talent und Energie; tüchtige, ehrliche, auf das Volk bedachte Männer füllen die Mehrzahl der Posten aus, obgleich sie in Gegenständen Prüfungen bestehen müssen, welche die moderne Wissenschaft verlacht. Die Massen des Volkes erfreuen sich eines guten Teils persönlicher Freiheit; der bescheidene Chinese, obgleich übersteuert, wird nicht so bedrückt, wie wir dies in manchen Ländern des Westens sehen. Es giebt unter den letzteren solche, die für zivilisiert gehalten werden, in denen aber die Mißwirtschaft viel größer ist als im Reiche der Mitte.”
Wer die Verhältnisse in China aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, wird derselben Meinung sein. Anders steht es mit der Ausführbarkeit der europäischen Finanzverwaltung im Reiche der Mitte. In den offenen Hafenstädten und in den Distrikten längs des Jangtsekiang wäre sie heute schon wohl möglich, aber im Innern des Landes ist die Zeit dafür noch nicht gekommen. Die Massen des Volkes müssen die Ueberzeugung gewinnen, daß sie in Bezug auf ihre Taschen unter europäischer Steuerverwaltung besser fahren, und das dürfte doch noch viele Jahre Zeit erfordern.
Litterarische Wettprüfungen.
Ein höheres Ziel, als litterarische Ehren und Würden zu erlangen, giebt es in China nicht, und gerade so wie vor anderthalbtausend Jahren führt auch heute noch nur ein Weg zu diesem Ziele: die Wettprüfung. Niemand, der eine solche Prüfung nicht bestanden hat, kann, wenigstens dem Wortlaut des Gesetzes nach, Mandarin, Beamter, Minister, Gesandter werden. Und selbst falls er einen solchen Posten nicht erreichen sollte, bleibt er doch der angesehenste Mann in seinem Orte, er ist vor dem Gerichte von Körperstrafen befreit, er braucht vor dem Richter nicht zu knien und mit der Stirne die Erde zu berühren wie das gewöhnliche Volk, und gerade so wie der Edelmann in Europa über der Thür seines Palastes das Wappen seiner Väter anbringt, so hängt derjenige, der in China die Prüfungen überstanden hat, eine große Tafel mit seinem von ihm selbst erworbenen litterarischen Titel über seine Hausthür.
Gymnasien, Universitäten, Kollegs, überhaupt Unterrichtsanstalten wie in Europa, sind in China nur in wenigen Hauptstädten in sehr beschränkter Zahl vorhanden und überdies Schöpfungen der neuesten Zeit. Im Inlande treten an ihre Stelle Privatschulen. In diesen werden die Kinder vom zarten Alter an in die Lehren des Confucius und Mencius eingeweiht, dort lernen sie ein paar tausend chinesischer Schriftzeichen lesen und auf Papier malen, dort führt sie der Privatlehrer in die Feinheiten des chinesischen Stils und die chinesische Kalligraphie ein. Geographie, Geschichte, Religion, praktische Wissenschaften sind unbekannte Unterrichtsgegenstände. Eine höhere chinesische Schule ist etwa mit einem europäischen Gymnasium vergleichbar, in welchem vom ersten bis zum letzten Jahre nichts anderes gelehrt würde als die griechischen Klassiker in der Ursprache. Derjenige, der sie am besten auswendig herzusagen und zu erklären weiß, wird in den Staatsdienst aufgenommen.
Glaubt ein Chinese, daß er die vor Tausenden von Jahren geschriebenen Sieben heiligen Bücher hinreichend meistert, so kann er sich zu den öffentlichen Prüfungen melden, welche zweimal in je drei Jahren in der Hauptstadt seines Distriktes abgehalten werden. Alt und jung wird zugelassen, und es kommt häufig vor, daß Großvater, Vater und Sohn gleichzeitig als Prüfungskandidaten in den Wettkampf treten. Die von der Provinzregierung ernannten Examinatoren prüfen die schriftlichen Arbeiten. Diejenigen Kandidaten, welche die besten Arbeiten geliefert haben, gewöhnlich ein Zehntel der ganzen Zahl, erhalten den vielbegehrten Knopf auf ihren Hut und den offiziellen Titel Siu-tz-ai, d. h. Knospendes Genie.
Aber das ist nur die erste und niedrigste Stufe zum chinesischen Parnaß, eine notwendige Vorbedingung, um als Kandidat zu den Prüfungen in der Provinzhauptstadt zugelassen zu werden, welche alle drei Jahre einmal, gewöhnlich im September, abgehalten werden. Die Examinatoren sind Mitglieder der Hanlinakademie in Peking, dieser chinesischen Akademie der Wissenschaften, und werden vom Kaiser ernannt. Außerdem wohnen der Vicegouverneur der Provinz und die hervorragendsten Mandarine denselben bei.
Den Besuchern der chinesischen Provinzhauptstädte, vor allem der Städte Canton, Hangtschau und Nanking, werden gewöhnlich die großen Prüfungshallen gezeigt, in welchen diese Wettprüfungen stattfinden. Woher der Name Prüfungshalle stammt, kann ich mir nicht recht erklären, denn als ich, geführt von meinem Dragoman, jene von Canton betrat, glaubte ich mich eher in einem Viehpark zu befinden, wie ich sie rings um die großen Schlachthäuser von Chicago gesehen habe, als in dem Versammlungsort der Gelehrtenwelt der Provinz Kwantung: eine ebene, mit Gras und Unkraut überwucherte Fläche von etwa sechzehn Morgen Ausdehnung, eingeschlossen von einer hohen alten Mauer. Ein breiter, schlecht gepflasterter Weg führt von einem Thore quer über diesen Platz zu dem gegenüberliegenden Thore und teilt ihn in zwei gleiche Hälften. Von diesem Mittelweg zweigen sich auf beiden Seiten in Abständen von etwa fünf zu fünf Schritten niedrige, stallartige Gebäude ab, welche bis an die Umfassungsmauer reichen. Die Breite dieser sonderbaren langen Gebäude beträgt kaum drei Schritte, die restlichen zwei Schritte entfallen auf die engen Gänge oder Gäßchen zwischen ihnen. Auf der einen Seite zeigt jedes Gebäude etwa hundert kleine Thüröffnungen, die andere wird durch eine kahle Mauer gebildet, die weder Fenster noch Thüren hat. Von einer Halle ist nichts zu sehen. Verwundert erkundigte ich mich nach dem Zweck dieser anscheinenden Stallungen. Mein Dragoman ließ mich durch eine der vielen kleinen Thüröffnungen treten. Ich befand mich in einem kahlen, gemauerten Raume, der das Aussehen und die Größe zwischen einem Schilderhaus und einem Schweinestall haben mochte. Thüre, Fenster, Einrichtung waren nicht vorhanden. Nahe beim Thüreingang und an der gegenüberliegenden Mauer bemerkte ich horizontale Einschnitte. Der Boden starrte vor Schmutz, und bei meinem Eintritt raschelten Eidechsen davon. Kellerasseln und anderes Ungeziefer verschwanden in den Rissen und Sprüngen der Mauer. Genau so sahen auch alle anderen dieser kerkerartigen Räume aus. Jeder zeigte über der Thüröffnung eine Nummer, und ebenso trug auch jedes Gäßchen eine Bezeichnung.
Als wir dieses Labyrinth von Tausenden von Kammern durchschritten hatten, gelangten wir durch das jenseitige Thor in einen kleineren Hof, in welchem sich einige andere niedrige Gebäude, aber mit größeren Räumlichkeiten, befanden. Das war alles. Nirgends war eine Spur von Leben. All diese Räume waren öde und verlassen. Nur an der großen Eingangspforte lungerten einige Wächter und Soldaten umher.
Aber wie anders ist das Bild dieser Prüfungshalle alle drei Jahre während der Septemberprüfungen! Fünfzehn- bis zwanzigtausend Menschen, vielleicht noch mehr, drängen sich dann innerhalb der Umfassungsmauern zusammen, und die Aufmerksamkeit der ganzen Provinz mit ihren dreißig Millionen Einwohnern konzentriert sich hier, wie es etwa in England zur Zeit der großen Rennen auf der berühmten Epsomdown bei Derby oder zur Zeit der Stiergefechte auf der Plaza de Toros in Sevilla der Fall ist. Schon eine Woche vorher treffen aus allen Teilen der Provinz die Prüfungskandidaten mit ihren Familien und Freunden in Canton ein, und nachdem sie in den chinesischen Hotels oder bei Privaten Unterkunft gefunden haben, melden sie sich mit ihren Legitimationen bei der Prüfungskommission, welche in den Gebäuden des vorerwähnten kleineren Hofes ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat und dort während des ganzen Prüfungsmonats wohnen bleibt. Die kaiserlichen Kommissare, hohe Mandarine, Hunderte von Beamten, Schreibern, Sekretären, Soldaten und Wächtern beleben die öden Räume und bereiten alles für die Prüfungen vor, zu denen sich gewöhnlich acht- bis zwölftausend Kandidaten zu melden pflegen, mitunter viel mehr, als die Prüfungshalle Platz besitzt. Der weite Raum wird gereinigt, und auch die kleinen vorgeschilderten Zellen, deren es in der Cantoner Prüfungshalle 8653 giebt, werden gekehrt und für die Aufnahme der Kandidaten einfach dadurch vorbereitet, daß man in die Mauereinschnitte zwei fußbreite Bretter einschiebt; das eine derselben dient als Tisch, das andere als Sitz.
Am frühen Morgen des festgesetzten Tages drängen sich die Prüfungskandidaten, begleitet von ihren Verwandten, Freunden und Dienern vor dem Hauptthore der Halle zusammen, alle sind mit Kleidungsstücken, Decken, Lebensmitteln, Kochgeschirren, Theetöpfen und sonstigem Hausrat schwer beladen, denn die Kandidaten bleiben während der nächsten neun Tage in den winzigen Prüfungszellen wohnen und dürfen nur die dritte und die sechste Nacht außerhalb der streng bewachten Prüfungshalle zubringen. Niemand darf sie in das Innere derselben begleiten. Am Thore nehmen sie von ihren Begleitern Abschied und treten, bepackt mit ihrem Hausrat, einzeln durch das Thor. Hier werden sie von Beamten der Prüfungskommission genau untersucht, ob sie nicht etwa kleine Taschenausgaben der Klassiker oder sonst irgendwelche verbotene Gegenstände mit sich führen, und haben sie diese Untersuchung bestanden, so melden sie sich bei den Mandarinen. Von diesen erhält jeder Kandidat einige gestempelte Papierbogen, auf welchen sein Name und seine Nummer der ihm zugewiesenen Zelle verzeichnet stehen. Mit Spannung erwarten sie die kleinen roten Zettelchen, welche in der Prüfungshalle selbst gedruckt werden und die Themata enthalten, über welche sie binnen zwei Tagen drei Arbeiten und ein Gedicht verfassen müssen. Keine Arbeit darf mehr als vierhundert und weniger als dreihundert Schriftzeichen enthalten, und etwaige Aenderungen oder Randnoten dürfen zusammengenommen weitere hundert Schriftzeichen nicht übersteigen.
Sind diese Arbeiten abgeliefert, so können die Kandidaten unbehelligt die Halle für eine Nacht verlassen. Bei ihrer Rückkehr werden sie abermals untersucht, und man weist ihnen neue Zellen an, wo sie die zweite Serie von fünf Arbeiten über klassische Gegenstände zu schreiben haben. Die dritte Serie, für welche abermals drei Tage Zeit gelassen werden, besteht aus fünf Arbeiten über Gegenstände, deren Auswahl dem kaiserlichen Examinator überlassen bleibt und die in den letzten Jahrzehnten zuweilen auch moderne Fragen, etwa über Staatswissenschaften, die Geographie der Provinz oder des Reiches, oder Mathematik, umfassen. Sind auch diese Arbeiten abgeliefert, so ist die Prüfung vorüber, die Kandidaten können ihre Zellengefängnisse verlassen. Aber es vergehen mehrere Wochen, ehe sie das Ergebnis der Prüfung erfahren. Jedes der bei der Prüfungskommission eingelaufenen Schriftstücke, mitunter bis zu dreißigtausend an der Zahl, muß ja vorher sorgfältig geprüft werden, und diese Prüfung geht, zur Vermeidung von Unterschleifen oder Bevorzugung, mit der größten Strenge vor sich. Zunächst werden über die Namen der Kandidaten auf den einzelnen Arbeiten Papierstreifen geklebt und diese mit Nummern bezeichnet, so daß den Examinatoren die Verfasser der Arbeiten unbekannt bleiben. Dann werden alle die vielen Tausende von Schriftstücken mit roter Tinte abgeschrieben, eine dritte Klasse von Beamten unterzieht sie der ersten Prüfung und wählt die besten aller Arbeiten aus. Nur diese werden den kaiserlichen Examinatoren selbst vorgelegt. Immerhin sind dies noch zehn Prozent, also zwei- bis dreitausend Schriftstücke, von etwa achthundert bis tausend Kandidaten. Nun sind jeder Provinz nur eine bestimmte Anzahl von litterarischen Graden, in Kwantung z. B. nur siebzig bis achtzig, zugewiesen, und den kaiserlichen Examinatoren liegt es ob, unter den nahezu tausend besseren Kandidaten siebzig bis achtzig auszuwählen, deren Arbeiten die vorzüglichsten waren. Auch damit sind die Vorsichtsmaßregeln gegen Unterschleife nicht zu Ende, denn ein kaiserlicher Zensor hat die Arbeiten der von den Examinatoren zur Erteilung von Graden vorgeschlagenen Kandidaten durchzusehen und ihnen die Bestätigung zu erteilen.
Wie mir indessen von chinesischen Litteraten selbst eingestanden wurde, kommen bei diesen Prüfungen trotz aller Strenge dennoch Unterschleife vor; Bücher werden eingeschmuggelt, Thorhüter bestochen, andere Kandidaten verfassen die Arbeiten ihrer Kollegen. Dagegen lassen sich die Examinatoren nicht so leicht zu Unregelmäßigkeiten herbei, denn solche werden mit der größten Schärfe bestraft. In der Mitte der sechziger Jahre wurde beispielsweise ein kaiserlicher Examinator, Mandarin ersten Ranges und Großsekretär des Reiches, weil er seinen Neffen begünstigt hatte, enthauptet. Im Herbst 1894 versuchte es ein reicher Chinese aus der Provinz Tschekiang, den Examinator durch Zuwendung einer Summe von zehntausend Taels zu bestechen. Der letztere erstattete Anzeige, und der Chinese wurde zum Tode verurteilt.
In anderen Provinzstädten ist der Zudrang zu den Wettprüfungen zuweilen noch stärker als in Canton. So z. B. mußten vor einigen Jahren in Hangtschau, dessen Prüfungshalle zehntausend Zellen enthält, in den engen Gäßchen dazwischen noch über tausend Sänften aufgestellt werden, um alle Kandidaten unterzubringen. Man sollte meinen, den siebzig bis achtzig Glücklichen, welchen es von all den Tausenden allein beschieden ist, mit litterarischen Graden aus den Prüfungen hervorzugehen, stände zum mindesten das große Los bevor. Welch große Kosten, welch mühsame Reisen, welche Arbeiten und Entbehrungen sind mit derlei Prüfungen verbunden! Der Aufenthalt in den kleinen Zellen ist bei heißem Wetter geradezu unerträglich, und so mancher alte oder schwache Mann, der als Kandidat die Prüfungshalle betritt, verläßt sie nicht mehr lebend. Gar nicht selten sind die Fälle, daß besonders Greise an Erschöpfung sterben, und da es gegen die Vorschriften wäre, die Thore der Halle während der Prüfungen zu öffnen, so werden Oeffnungen in die Umfassungsmauer gebrochen und die Leichname der Unglücklichen herausgeschafft. Ein großer Prozentsatz der Kandidaten giebt sich auch mit der einmaligen Prüfung nicht zufrieden. Beharrlich melden sie sich ein zweites, drittes Mal, ja noch öfter, und vielleicht ist es ihnen endlich vergönnt, als Greise die Prüfung zu bestehen, d. h. damit den Titel Chü-dschin, d. h. beförderter Mann zu erringen. Und ist dies wirklich geschehen, so werden Eilboten zu Land oder Wasser nach dem Heimatsort gesandt, um das Glück zu verkünden, welches diesem letzteren zu teil geworden ist. Die Familie des neugebackenen Chü-dschin veranstaltet große Freudenfeste, sie läßt an den Straßenecken große rote Plakate anschlagen und alle Freunde und Bekannten durch eigene gedruckte Anzeigen von der erfolgten Ernennung in Kenntnis setzen. Ueber die eigene Hausthür aber wird eine große Tafel mit den Worten Beförderter Mann aufgehängt. Wohlhabende errichten häufig sogar steinerne Triumphbögen zu Ehren eines glücklichen Prüfungskandidaten.
Und was hat der Kandidat dadurch in Wirklichkeit erreicht? Nicht etwa einen einträglichen fetten Mandarinsposten, irgend welche besondere Würden oder Auszeichnungen, sondern einfach die Möglichkeit, mit der Zeit, vielleicht nach vielen Jahren, irgend eine bescheidene Staatsstellung zu erreichen.
Wer schneller und sicherer zu einer solchen gelangen will, muß sich noch zu einer dritten Art von Prüfungen melden, welche alle drei Jahre einmal, gewöhnlich in dem auf die Provinzprüfungen folgenden Frühjahr in der Reichshauptstadt selbst stattfinden. Auch in Peking ist die Prüfungshalle nicht viel besser als in den Provinzhauptstädten, doch sind die Kandidaten die Gäste des Kaisers, und während sie dreimal drei Tage mit je einer mittägigen Unterbrechung in den Prüfungszellen schmachten, erhalten sie aus den Küchen, welche bei jedem Zellengäßchen eingerichtet werden, reichliche Lebensmittel. Aber die Kosten der weiten, mitunter monatelangen und beschwerlichen Reise müssen sie selbst bestreiten. Haben sie keine Mittel dazu, so wird ihnen möglicherweise ein reiches Bankhaus dieselben vorstrecken, und sind sie einmal Mandarin geworden, so müssen sie diese Darlehen mit reichen Zinsen zurückerstatten. Auch in Peking vollziehen sich die Prüfungen in ähnlicher Weise wie in den Provinzhauptstädten, nur sind sie entsprechend schwieriger, die Aufgaben über klassische und philosophische Themata müssen glänzend gelöst werden, die Gedichte fehlerfrei sein. Durchschnittlich melden sich zu jeder Prüfung vierzehntausend Kandidaten aus allen Provinzen, und nur ein Zehntel davon können den vielumworbenen Grad eines Tsen-tse, d. h. fertiger Gelehrter, etwa unserem Doktorgrad entsprechend, erreichen. Jede Provinz hat je nach ihrer Einwohnerzahl Anspruch auf eine bestimmte Zahl von Tsen-tse-Stellen, und diejenigen Kandidaten, welche diesen Grad erlangt haben, werden gewöhnlich nach kurzer Zeit zu Mandarinen befördert und erhalten eine Regierungsanstellung. Wer von den Tsen-tse anstrebt, noch höhere litterarische Ehren zu erreichen, muß sich einer vierten Prüfung unterziehen. Diese wird in der verbotenen Stadt sogar unter den Augen des Kaisers selbst abgehalten, und die Glücklichen, welche diese schwierigste aller Prüfungen bestehen, werden Mitglieder der Hanlinakademie und führen den stolzen Titel Poeten und Historiker des kaiserlichen Hofes. Die besten von diesen werden nach einer formellen Prüfung vor dem Kaiser zu Tschuang-yuen, d. h. etwa poeta laureatus, ernannt und haben damit Anspruch auf den Posten eines kaiserlichen Examinators oder auf andere hohe Würden.
[Illustration: Der Hauptaltar des Menciustempels in Tsiu-hsien].
Wie man sieht, ist das Mandarinentum in China nicht ganz so schlecht wie sein Ruf. Die vielbegehrten Posten müssen mit großen Mühen und durch jahrelanges Studium erworben werden und kommen nicht etwa durch Günstlingswesen, hohe Verwandtschaften oder mächtige Freunde zur Besetzung, wie es in manchen, uns viel näher liegenden Ländern zuweilen geschieht. Wohl kommen sehr viele Unterschleife vor, im ganzen und großen aber hat sich das System der Wettprüfungen durch anderthalb Jahrtausende verhältnismäßig rein erhalten und läßt die Chinesen in einem ganz anderen, günstigeren Lichte erscheinen, als es gewöhnlich geschieht. Nur ist es zu bedauern, daß diese Kenntnisse sich nicht auf nützlichere Gebiete erstrecken als die vergilbten, veralteten Klassiker Chinas.
Die geheimen Gesellschaften Chinas.
Von allen jenen, die China und die Chinesen durch vieljährige Beziehungen kennen, von Missionaren, Kaufleuten, Diplomaten, werden die geheimen Gesellschaften des Reiches der Mitte als die Hauptursachen der Christenmetzeleien und überhaupt als die Urheber der traurigen Zustände in den chinesischen Städten bezeichnet. Sie sind durchwegs politischen Charakters, und bei allen ist der Grundzug Fremdenhaß. Gelänge es der Pekinger Regierung, diese Geheimbünde zu brechen und zu vernichten, dann könnte an eine Wiedererwachung des Reiches gedacht werden; dann wäre es möglich, eine kaiserliche Armee zu schaffen und den Missionsanstalten sicheren Schutz angedeihen zu lassen; solange diese Geheimbünde aber fortbestehen, niemals. Den besten Beweis dafür bilden die englischen Kolonien in Malakka und die holländischen Kolonien in der Sundasee. Solange man dort der chinesischen Geheimbünde nicht habhaft werden konnte, waren Aufstände, blutige Kämpfe, Verbrechen an der Tagesordnung; erst seit den strengen Maßregeln gegen die Geheimbünde sind Ruhe und Ordnung eingetreten. Dasselbe gilt auch von Hongkong.
Gerade in diesen Kolonien, wo die oberste Gewalt in den Händen der Europäer liegt, war es möglich, einen Einblick in das Wesen dieser chinesischen geheimen Gesellschaften zu erhalten und daraus auf ihre Macht und Ausbreitung in China selbst zu schließen. Im Reiche der Mitte gehört die Ausforschung dieser nach Hunderten zählenden Gesellschaften beinahe zu den Unmöglichkeiten; wird doch Verrat an den Chinesen selbst durch den Tod bestraft; wie erst würde es den Europäern ergehen, welche gegen die Geheimbünde vorgehen wollten! Die erste Nachricht von ihrem Bestehen war in einem Buch des bekannten Sinologen Doktor Milne enthalten, das im Jahre 1825 unter dem Titel ~Some accounts of a Secret Society in China~ erschien und die größte dieser Gesellschaften, die Tien-ti-hwey, behandelte. Das Buch erregte die Aufmerksamkeit eines Dolmetschers im Dienste der niederländischen Kolonialregierung, Namens Gustav Schlegel. Gelegentlich einer Haussuchung bei einem des Diebstahls beschuldigten Chinesen in Padang (Sumatra) wurden eine Anzahl Bücher und Dokumente vorgefunden, die Schlegel zur Uebersetzung zugewiesen wurden, und in ihnen fand er die Bestätigung der Angaben Milnes, sowie die Thatsache, daß sich in Padang eine Loge der großen Tien-ti-Gesellschaft befand. Gestützt auf das reiche in seinen Händen befindliche Material, veröffentlichte er 1867 sein berühmtes Buch ~The Thian-Ti Hwei or Hung League~. Einige Jahre nachher gewann der Protektor der Chinesen in Singapore, Mr. W. A. Pickering, so viel Einfluß auf die Hung-Gesellschaft, daß sie ihn zu ihren geheimen Sitzungen zuließ. Er vervollständigte die Kenntnisse, die bis dahin über das Wesen und den Umfang der Gesellschaft in die Oeffentlichkeit gedrungen waren.
In ihrem Katechismus heißt es: „Seit der Erschaffung der Welt besitzen wir den Namen Hung”.... „Ying und Yang, Himmel und Erde zusammen, erzeugten die Söhne von Hung, in Myriaden vereinigt.” Wirkliche Beweise ihres Bestehens stammen jedoch erst aus dem siebzehnten Jahrhundert, d. h. seit der Vertreibung der angestammten Kaiserdynastie durch die Tataren. Damals war ihr Wahlspruch: „Gehorche dem Himmel und thue recht”; und dieser Wahlspruch steht auch heute noch auf jeder Seite ihrer Bücher und Veröffentlichungen; thatsächlich aber ist ihr Wahlspruch: „Hoan Tscheng, Hok Beng”, d. h. „Vertreibe die Tataren und setze die Mings wieder ein”. Im Dialekt, wie er in der Provinz Fokien gesprochen wird, heißt Tscheng die Mandschudynastie und Beng die Mingdynastie. Neben dem Namen Tien-ti-Hwey wird von den Chinesen auch Sam-hap, d. h. Triad (oder Dreiheit, Dreieinigkeit) als offizieller Name des Geheimbundes anerkannt wegen der Vereinigung der drei Begriffe Himmel, Erde, Mensch. Gestützt darauf strebt der Geheimbund die Beteiligung aller Chinesen an, und um dieses Ziel zu erreichen, sind alle Mittel erlaubt. Jede Loge (und es giebt deren wohl in jeder Stadt Chinas) besitzt eine Anzahl von Tai-ma, d. h. Werbern. Sobald sie aus irgend einem Grunde die Mitgliedschaft eines bestimmten Chinesen für wünschenswert erachten, erhält er auf geheimnisvolle Weise einen geschriebenen Befehl, sich zu der angegebenen Zeit an einem genau bezeichneten Orte einzufinden. Hat der Betreffende nicht den Wunsch, der Triad oder, wie sie auch heißt, der Hung-Gesellschaft beizutreten, so wird er seinen Wohnsitz aufgeben und sich unter anderem Namen in einem entfernten Orte verbergen, denn Widerstand wäre vergeblich. Frederick Boyle, der sich mit dem Wesen der Hung-Gesellschaft eingehend befaßt hat, sagt darüber: „Irgend einen Racheakt, sei es körperliche Züchtigung oder eine falsche Anklage bei den Gerichten, zu welcher sich auch falsche Zeugen finden, hat der Betreffende dann gewiß zu erwarten, wenn ihm nicht noch Schlimmeres passiert. Zuweilen wird der Betreffende bei passender Gelegenheit von den Tai-ma überfallen und gefesselt nach der Loge geschleppt oder durch List in eine Falle gelockt.”
Als Versammlungsorte der Hung-Mitglieder werden überall die geheimsten und entlegensten Schlupfwinkel ausgesucht; in Canton und Singapore liegen sie zwischen Sümpfen und Dschungeln, und die Zugänge werden durch Bewaffnete bewacht. Pickering erzählt, daß mehr als einmal Fremde, die den Geheimspruch als Erkennungszeichen nicht zitieren konnten, auf der Stelle getötet wurden. Nach diesen Logenplätzen werden nun die Novizen geführt und dort einem ebenso umfangreichen wie haarsträubenden Zeremoniell unterworfen, ehe sie als Mitglieder aufgenommen werden. Es würde wohl einen stattlichen Band füllen, sollte der ganze Hokuspokus mit seinen Einzelheiten geschildert werden. Nachdem der Novize nahezu die ganze Nacht in Angst und Pein allen möglichen Prozeduren unterworfen wurde, gelangt er endlich vor den Thron des Meisters und liegt dort in weiße Gewänder gekleidet, mit aufgelöstem Haar und offener Brust auf dem Rücken, während acht Räte spitze Schwerter nach seiner Brust richten. Dort hat er zu schwören, daß er seine ganze Familie als tot betrachte und keine irdischen Beziehungen und Verpflichtungen mehr anerkenne. Dann muß er einige Tropfen seines Blutes in einen mit Wein gefüllten Becher fallen lassen, und nachdem er diesen geleert, wird er als Novize in den Bund aufgenommen, um bei späteren Versammlungen noch weiteren Prüfungen unterworfen zu werden.
Die Hung-Gesellschaft besitzt keinen obersten Meister, sondern sie wird von den fünf Großlogen der Provinzen Fokien, Kwangtung, Yüman, Hunan und Tschekiang geleitet. Alle anderen Logen, auch jene in den Kolonien, dann in Amerika und Australien sind irgend einer der fünf Großlogen unterthan, und ihre Mitgliederzahl muß mehrere Millionen erreichen. In Singapore beispielsweise war sie im Jahre 1887 nahezu so zahlreich wie die ganze chinesische Bevölkerung. Alle Mitglieder sind durch die strengsten Gesetze und Androhung furchtbarer Strafen zu Gehorsam und Einhaltung der Vorschriften des Tien-ti verpflichtet. Der vierunddreißigste der sechsunddreißig Grundartikel verbietet ihnen, um nur das Wichtigste hervorzuheben, bei grausamer Todesstrafe, unter keiner Bedingung sich an die bestehenden Gerichte, Behörden oder Polizei zu wenden. Der fünfunddreißigste Artikel setzt ebenfalls die Todesstrafe darauf, wenn ein Mitglied irgendwie vor Gericht Zeugenschaft ablegt, außer es ist falsche Zeugenschaft auf Befehl der Logenleiter. Die ganze Gerichtsbarkeit aller Mitglieder der Loge liegt dem Meister ob. Man kann sich unter diesen Umständen den ungeheuren Einfluß und die Bedeutung der Hung-Gesellschaft in China leicht vorstellen. Sie bildet gewissermaßen einen Staat im Staate, viel stärker, besser organisiert und einflußreicher als dieser selbst, und wie Boyle sagt: „die verkommenste, blutdürstigste und bedrückendste Gesellschaft, welche die Weltgeschichte kennt”. Schlegel sagt: „Die Hung-Gesellschaft hat überall, wohin sie kam, Bürgerkrieg und Mord im Gefolge gehabt”, und Milne sagt: „Die Mitglieder schützen einander gegen das Gesetz, verbergen ihre Verbrechen und helfen ihren Brüdern, sich der Hand der Gerechtigkeit zu entziehen”. Pickering äußert sich folgendermaßen: „Die Tien-ti ist eine Vereinigung, um die Interessen ihrer Mitglieder gegen die Gesetze aufrechtzuerhalten und Reichtümer zu sammeln, indem sie den Freudenhäusern, Spielhöllen und dergleichen unrechtmäßig Tribut auferlegen”. Der Polizeiinspektor von Singapore berichtet: „Sie sind eine ständige Gefahr für den Frieden der Kolonie”. Sie üben überall eine Schreckensherrschaft aus, und die Mandarinen sind dagegen machtlos, denn irgendwelche Unternehmungen gegen sie werden durch Tortur, Mord, Brand oder durch falsche Anklagen gerächt, für welch letztere sich immer, wenn nötig, tausend falsche Zeugen finden.
Die Logenleiter beuten in vielen Fällen ihre Macht zu ihren eigenen Zwecken aus und gelangen so zu großem Reichtum. Tschang-Ah-Kwi, einer der Vorsteher der Loge zu Penang, wurde vor einigen Jahren wegen Mordes angeklagt, und man fand, daß er ein Vermögen von 40 Millionen Mark besaß. Sein Spießgeselle Tschin-Ah-Yam erfreute sich eines nahezu ebensogroßen Vermögens. Das Obergericht in Singapore verurteilte den Distrikt-Großmeister der Hungs, Namens Khu-Tan-Tek, vor kurzem zum Tode, und er erklärte, man würde nicht den Mut haben, ihn hinzurichten. Thatsächlich wurde ihm das Leben geschenkt, wie man sagt, weil man sich vor der Rache der Hung-Mitglieder fürchtete. In China selbst wäre es bisher natürlich vergebliche Mühe gewesen, gegen die Hungs vorzugehen. Der beste Beweis ist ja der große Taipingkrieg, der auf Veranlassung der Hung-Gesellschaft entfacht wurde und den China erst durch die Hilfe der Europäer zu Ende führen konnte, nachdem die volkreichsten Provinzen in Wüsten, die blühendsten Städte in rauchende Trümmerhaufen verwandelt worden waren. In früheren Zeiten schritt die chinesische Regierung wohl energisch gegen die Hungs ein. So wurden in Canton an einem Tage allein dreitausend von ihnen enthauptet, und gelegentlich der Unruhen in Peking im Jahre 1817 wurden zehntausend in die dortigen Gefängnisse geworfen, wo sie verschmachteten. Allein die Hungs sind eine lernäische Schlange und der Kaiser von China leider kein Herakles.
Dagegen wurde in den europäischen Kolonien in Ostasien die Unterdrückung der Hung-Gesellschaft mit mehr oder minder Erfolg durchgeführt. Die Hungs sind die Ursache, daß sich der Sultan des unabhängigen Malayenstaates Perak unter den Schutz Englands stellen mußte, denn er konnte mit seiner Macht gegen die fünfzigtausend Hungs in seinem Staate nicht ankämpfen. In Niederländisch-Indien und in den Philippinnen machte man zuerst in furchtbarer Weise Bekanntschaft mit den Hungs, und dem Morden, Plündern und Rauben wurde dadurch wenigstens teilweise Einhalt gethan, daß man auf die Verleitung zum Eintritt in den Geheimbund die Todesstrafe setzte. Ebenso wurden über jene Chinesen, in deren Besitz man Flaggen, Bücher oder Abzeichen der Hung-Gesellschaft fand, die schwersten Strafen verhängt. Die ganze mongolische Bevölkerung wurde strenger Kontrolle unterworfen, indem man ihnen eigene Quartiere anwies, außerhalb welcher sie nicht wohnen durften. Die Quartiere wurden in Bezirke abgeteilt und eigenen Beamten und Polizisten unterstellt, die für die Bevölkerung verantwortlich waren. In jeder Straße oder Abteilung einer solchen waren eigene Wachleute, die jeden Einwohner persönlich kannten und dafür zu sorgen hatten, daß niemand nach einer bestimmten Sperrstunde ohne triftigen Grund seine Wohnung verließ. Allein auch diese strenge Maßregeln konnten die geheimen Gesellschaften nicht unterdrücken, wie die äußerst bewegte Geschichte der spanischen und niederländischen Kolonien hinlänglich beweist. Wie oft wurde Manila von den Hungs und anderen Geheimbündlern geplündert und besetzt! Wie oft war es notwendig, mit der ganzen Garnison gegen sie vorzugehen! Ebenso war Bandjermassin auf Borneo die Stätte blutiger Kämpfe, so daß die niederländisch-indische Regierung sich entschloß, alle Mitglieder der Hungs und alle verdächtigen Chinesen aus ihrem Gebiet zu verweisen. Zehn Jahre später schrieb aber Schlegel: „Es ist unmöglich gewesen, die Hungs aus ihren Wohnsitzen gänzlich zu vertreiben. Sie bestehen heute noch an allen Orten”. Die vielen Tausende, welche Niederländisch-Indien wirklich verließen, wandten sich nach dem Sultanat von Sarawak im Nordwesten Borneos, und Rajah Brook konnte sich gegen dieses Raubgesindel nicht anders helfen, als indem er zehntausend der eingeborenen Dayaks anwarb und gegen die Chinesen zu Felde zog. So wurden sie vernichtet.
Merkwürdigerweise wurden die Geheimgesellschaften trotz all dieser traurigen Erfahrungen, trotz der großen Unsicherheit in Singapore und Penang, trotz der vielen Raubanfälle, Kämpfe und Morde in diesen englischen Kolonien am längsten geduldet, bis endlich der Aufstand von 40000 bewaffneten Chinesen im Jahre 1876 auch hier energische Maßregeln nach sich zog. Statt aber ihre Unterdrückung anzuordnen, beschränkte sich das englische Kolonialamt auf ihre Registrierung und Beaufsichtigung. Erst 1888, nachdem die Zustände unerträglich geworden waren und die englischen Beamten in ihrem Leben bedroht wurden, beschloß man die gänzliche Ausrottung der Geheimbünde, die auch thatsächlich gelungen sein soll. Auf wie lange, ist eine andere Frage.
Nächst der Tien-ti-Gesellschaft ist der gefürchtetste, mächtigste und verbreitetste Geheimbund Chinas die Wu-wei-kian, zu deutsch „Thue nichts”, jener Bund, welchem das jüngste Hinmorden der christlichen Missionare 1895 zugeschrieben wird und dessen Mitglieder von den Europäern Vegetarianer genannt werden. In früheren Zeiten führte der Bund den Namen „weißer Lotos”, und 1724 erließ der Kaiser Yung-Tsching gegen ihn ein Edikt, demzufolge alle Mitglieder vogelfrei erklärt wurden. H. F. Balfour hat sich während seines langjährigen Aufenthaltes in Shanghai eingehend mit den Vegetarianern beschäftigt, die diesen Namen deshalb führen, weil ihnen der Genuß von Fleischspeisen verboten ist. Ursprünglich durften sie keine farbigen Kleider tragen, keine spitzigen Waffen oder Werkzeuge benutzen (thatsächlich waren die Wunden der jüngst ermordeten Missionare durchweg Hiebwunden) und kein Vermögen besitzen. Beim Eintritt in den Bund müssen sie jetzt noch ihre ganze Habe dem Bund abtreten und behalten nur die Nutznießung, solange sie leben. Die Mehrzahl der Bündler gehören den wohlhabenderen Ständen an, und der Bund, der im Gegensatz zu dem Tien-ti einem einzigen Oberhaupt oder Großmeister untersteht, soll demnach auch ungeheure Reichtümer besitzen. Zu Beginn des Jahrhunderts beschlossen die Vegetarianer die Vernichtung der Kaiserdynastie in Peking. Der Plan wurde entdeckt, und der Kaiser Kia-King dekretierte die Ausrottung der Vegetarianer im ganzen Reiche. Sie zogen sich unter ihrem Großmeister Fang-Yung-Tschen nach ihrem Hauptquartier Nanking zurück und hielten monatelang der Belagerung durch die Kaiserlichen stand. Endlich fiel Nanking, der Vicekönig ließ Tausende köpfen und gewährte nur jenen Gnade, die sich entschließen würden, Fleisch zu essen, um dadurch ihre Unterwerfung und Lossagung von dem Geheimbunde auszudrücken. Thatsächlich unterwarfen sich sehr viele, allein keiner davon blieb lange am Leben. Sie wurden als Renegaten von den übriggebliebenen Geheimbündlern ermordet.
Statt unterdrückt und vernichtet zu sein, wechselten die Mitglieder der Gesellschaft den Namen derselben vom „weißen Lotos” in „Thue nichts” und sind heute zahlreicher und gefürchteter als je zuvor. Der Grund davon liegt darin, daß die Wu-wei-kian auf den Aberglauben des Volkes wirken. Die Chinesen halten sie für Magiker, im Bund mit diabolischen Mächten. Balfour sagt darüber: „Gebildete Chinesen haben mir allen Ernstes versichert, daß die Wu-wei-kian aus Papier Vögel ausschneiden und diesen mittels eines Zaubermittels Leben einflößen. Sie können auch ihren Atem unglaublich lange Zeit anhalten, bis sie im Gesichte schwarz werden und alles Leben in ihnen erloschen zu sein scheint. Während dieser Zeit verläßt die Seele ihren Leib, um allerhand Auskünfte einzuholen; sobald sie zurückkehrt, gelangen die Wu-wei-kian wieder zum Leben”.
Das Hauptstreben der Gesellschaft ist wie bei den Hungs ebenfalls gegen die Fremdherrschaft, also gegen die Mandschuren gerichtet. Allein sie gehen in ihrem Grundsatz „China für die Chinesen” noch weiter und stehen allen Europäern und allen europäischen Religionen, demnach zunächst den Missionaren, feindlich gegenüber. Eine ganze Menge der Morde und Angriffe auf Missionshäuser in den letzten Jahrzehnten werden ihnen in die Schuhe geschoben, ebenso wie sie auch direkt der jüngsten Greuelthaten beschuldigt werden.
Die drittgrößte Geheimgesellschaft ist die Ko-Lao-Wai oder „Gesellschaft des älteren Bruders”. Als der letztere wird die frühere Kaiserdynastie Tang angesehen, und das Streben der Gesellschaft ist es, an die Stelle der Mandschuren die Nachkommen der Tang zu setzen. Das Hauptquartier der Ko-Lao sind die mittleren Provinzen Chinas, Hunan und Honan, und die Mitglieder des Bundes bestehen hauptsächlich aus Soldaten. Boyle sagt über sie: „Nach allen Berichten sind sie eine tollkühne und gewissenlose Bande, die in den mittleren Provinzen des Reiches einen großen Teil der Missethäter und Vagabunden zu ihren Mitgliedern zählt”, und Balfour sagt: „Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß, wenn einer ihrer alten Generale die Fahne des Aufruhrs entrollen würde, binnen kürzester Zeit hunderttausend Mann um ihn geschart wären”. Nach Briefen, die ich während meines Aufenthalts in China erhielt, wird dem Einfluß dieser Ko-Lao großenteils der Mißerfolg der chinesischen Waffen im Feldzuge gegen Japan zugeschrieben. Die Regimenter, welche zahlreiche Ko-Lao in ihren Reihen hatten oder ganz aus solchen bestanden, weigerten sich zu kämpfen oder liefen ganz davon in der Hoffnung, daß durch die Niederlagen die Mandschudynastie gestürzt würde und damit ihre Hoffnungen auf die Tangdynastie größere Aussicht auf Erfüllung hätten.
Auch die Mohammedaner, deren Zahl in China zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen erreicht, haben ihren eigenen großen Geheimbund, Hwuy-Hwuy-Jin genannt. Novizen werden dadurch gereinigt, daß man sie zunächst tüchtig durchbläut und ihnen dann Seifenwasser zu trinken giebt, was die Nachwirkung des bei den Taoisten so beliebten und bei den Mohammedanern verpönten Schweinefleisches paralysieren soll. Die unzähligen anderen Geheimgesellschaften Chinas sind viel kleiner und mehr auf gewisse Provinzen oder Städte beschränkt, gerade wie bei unserer eigenen Vereinsmeierei. Auf die sozialen und politischen Zustände des Reiches üben sie keinen nennenswerten Einfluß aus. Ob der große Mohammedaneraufstand des Jahres 1895 in den Provinzen Schensi und Kansu auf den Einfluß der Geheimbünde zurückzuführen ist, kann nicht gesagt werden. Die Aufständischen waren hauptsächlich von religiösem Fanatismus und blindem Chinesenhaß erfüllte Banden, die hier schon seit Jahrhunderten einen Rassenkrieg gegen die Ungläubigen führen; mit diesem Namen nämlich werden die Chinesen von den Mohammedanern bezeichnet. Die letzteren, obschon ähnlich gekleidet wie die Chinesen und allen Gebräuchen derselben, selbst dem Zopftragen und dem Verkrüppeln der Füße bei den Frauen unterworfen, sind doch anderer Rasse, denn sie stammen aus dem fernen Turkestan und wurden vor einem Jahrtausend von den Kaisern der Tangdynastie nach Kansu gerufen, um dieses gegen die Einfälle der Tibetaner zu schützen. Sie erhielten dafür die Bewilligung, sich in Kansu und Schensi anzusiedeln, verbreiteten sich aber auch auf die Nachbarprovinzen, vornehmlich nach Schantung, und zählen heute zusammen etwa zwanzig Millionen. Sie leben mitten unter den Chinesen, vermengen sich aber niemals mit diesen und sind ihnen auch seit jeher feindlichgesinnt geblieben. Auch die Mohammedaner haben ihre Geheimgesellschaft, deren Streben es ist, die beiden Provinzen ganz von Chinesen zu befreien und ein unabhängiges mohammedanisches Reich zu gründen. Teilweise ist auch religiöser Fanatismus ein Grund des Hasses gegen die Chinesen, denn diese haben ihnen wohl die Ausübung ihrer Religion gestattet, aber die Moscheen im Reiche der Mitte dürfen über den Pforten keinen Halbmond und keine Bezeichnung als Moscheen tragen; im Innern der Moscheen sind überdies auf Anordnung der chinesischen Behörden Statuen des Confucius und die Ahnentafeln der chinesischen Kaiser aufgestellt, die von den Mohammedanern verehrt werden müssen. Das, zusammen mit dem Rassenhaß und den Bedrückungen durch die Mandarine, läßt die Gärung unter den Mohammedanern nicht zur Ruhe kommen.
Bald nach dem chinesisch-japanischen Kriege und vielleicht als Folge desselben und der dabei zu Tage getretenen Ohnmacht der Mandschuregierung entstand auch in Schantung ein Geheimbund, Tjiu-dschung-tsau, allem Anschein nach dasselbe wie die weiße Lotosgesellschaft, nur unter anderem Namen. Die Geheimbündler verbreiteten unter den Chinesen den Glauben, daß sie unverwundbar seien; dadurch gewannen sie so großen Einfluß, daß sogar die Mandarinen sich ihrer bedienten, um dem Räuberunwesen zu steuern, wenn ihre Militärmacht nicht ausreichte. Allmählich wurden aber die Geheimbündler selbst zu Räubern, ein Schrecken für Südschantung, so daß die Provinzregierung endlich reguläre Truppen gegen sie aussandte. Schon im ersten Kampfe mit den Provinztruppen fiel eine ganze Menge der Unverwundbaren unter den Schwertstreichen; die Gefangenen wurden von den Ortsmandarinen in die Holzkäfige gesteckt, wie sie in den Höfen jedes Yamens in Schantung stehen, und in diesen Käfigen am Halse aufgehängt. Nach zwei bis drei Tagen fanden die Unverwundbaren so ihren jämmerlichen Tod. Die Seifenblase war geplatzt, mit den Tji-dschung-tsau war es schon in den Sommermonaten 1895 vorbei.
Aber die Chinesen sind leichtgläubige Leute, und dazu ist die Unzufriedenheit mit der Regierung wie mit dem stetigen Fortschreiten der Europäer so groß, daß es bald zu einem neuen Geheimbunde kam, der wohl ganz wie der letzte auch nur ein Auswuchs der Sekte der Weißen Lotos sein dürfte, nur unter einem anderen Namen. Dieser Name ist eben Ta-tau-hui oder Gesellschaft der Großen Messer. Warum Große Messer, weiß ich nicht, denn ihre Waffe ist ebenfalls nur eine lange, schmale zweischneidige Lanze, im Chinesischen Piau-djiang genannt. Ich sah eine derartige erbeutete Waffe bei einem der Mandarine von Tsinan-fu.
Auch die Ta-tau-hui geben sich als unverwundbar aus, und ihr Schutzmittel sind ebenfalls Papierzettel mit allerhand Zauberformeln. Sie haben auch früher, als sie von der Regierung noch nicht so verfolgt wurden, in ähnlicher Weise Waffenübungen veranstaltet wie die Tji-dschun-tsau. Ihr Streben ist dasselbe: Vertreibung der Mandschuregierung, Vertreibung der Europäer. Hauptsächlich zu dem Zweck, um der Regierung Knüppel zwischen die Beine zu werfen, haben sie im Jahre 1895 über zwanzig Bethäuser der katholischen Mission von Südschantung niedergebrannt. China mußte schon damals der Mission einen Schadenersatz von 10000 Tiau (1 Tiau etwa 1 Mark 60 Pfennig) leisten. Die Provinzregierung wurde angewiesen, die Ta-tau-hui zu vertreiben, und in der That zog der jetzige Nien-Tai (Provinzialrichter) von Schantung, welcher damals Yü-ta-dschen (Mandarin) von Tsau-tschau-fu war, an der Spitze von Regierungstruppen persönlich gegen die Großen Messer ins Feld. Die letzteren wurden versprengt, dreißig von ihnen gefangen und in der Stadt Schain-hsien hingerichtet. Unter den Hingerichteten befand sich auch ein Anführer der Großen Messer, Namens Liu-schö-dsau. Aber das eigentliche Haupt, der schon genannte Tschan-tsia-dschi, flüchtete über die Grenze nach Honan und konnte bis heute nicht festgenommen werden. Ich habe selbst die Proklamation angeschlagen gesehen, in welcher die Regierung den Betrag von 1000 Taels auf seinen Kopf setzt.
Dieses strenge Vorgehen für die an den Missionen verübten Unthaten erbitterte die Großen Messer natürlich noch mehr. Bald darauf wurden in Kü-ye die beiden unglücklichen Missionare Nieß und Henle ermordet und so viele andere Schandthaten verübt, daß auch von Peking auf die Beschwerden des Missionsleiters die strengsten Befehle zur Unterdrückung der Großen Messer kamen. Die Provinztruppen schlugen die Horden auch in mehreren blutigen Gefechten, und der Gouverneur berichtete nach Peking, der Geheimbund bestände nicht mehr. Das war in der That der Fall, denn um der Verfolgung durch die Regierung zu entgehen, organisierten sich die Mitglieder wieder zu einem neuen Bunde unter anderem Namen, jenem der Boxer. Aber der Zweck all dieser Gesellschaften ist, wie die Ereignisse gezeigt haben, stets der gleiche: Vertreibung der Fremden, China für die Chinesen.
Chinesisches Zeitungswesen.
Wie in so vielen andern Dingen, so zeigt die chinesische Kultur auch in Bezug auf das Zeitungswesen die größten Widersprüche. Während Europa nur noch wenige Kleinstädte besitzt, die nicht ihre eigene Tageszeitung aufzuweisen hätten, wohnen zwischen dem Himalaya und der sibirischen Grenze gegen vierhundert Millionen Menschen, denen der Begriff Zeitung in unserm Sinne noch vollständig unbekannt ist. Und doch wären alle Grundbedingungen dafür in China massenhaft vorhanden. Die Chinesen sind ja die Erfinder des Papiers, der Druckerschwärze, des Buchdrucks, ja der Zeitungen selbst. Schon vor dreizehnhundert Jahren schnitten sie ihre Schriftzeichen in Holzplatten und druckten ganze Werke. Vor achthundert Jahren, im Jahre 1040, erfanden sie die beweglichen Drucktypen, und während wir in Europa die Zeitung als eine Errungenschaft der neuesten Zeit ansehen, besaßen die Chinesen deren eine schon vor elfhundert Jahren, denn chinesische Werke aus der Zeit der Dynastie Tang, zwischen den Jahren 713 und 741, erwähnen bereits die Pekinger Staatszeitung. Sie ist also um viele Jahrhunderte die älteste Zeitung der Welt, mit seltener Pünktlichkeit durch Generationen hindurch Tag für Tag erscheinend.
Zu einer Tageszeitung im Inlande haben es aber die Hunderte von Millionen Zopfträgern bis auf die jüngste Zeit nicht gebracht, obschon es weder an schriftstellerischen Talenten, noch an Lesern, noch an Stoff mangelt. Und an Neugierde fehlt es wahrscheinlich ebensowenig, wenn man den großartigen Stadtklatsch in Betracht zieht, der durch Hausierer, Barbiere, Dienerschaft von Straße zu Straße verbreitet wird und stets willfährige Zuhörer findet. Oder ist vielleicht die Regierung daran schuld, die mit eiserner Faust alle Zeitungsunternehmungen niederhält, Redakteure verfolgt und einsperrt, wie es bei uns, sagen wir vor dem Jahre 1848, der Fall war? Nicht im mindesten. Das mittelalterliche China ist im Gegensatz zu manchem unserer modernen Kulturstaaten das Paradies der Preßfreiheit. Jeder kann drucken und veröffentlichen, was er will. Es giebt kein Preßgesetz, keine Bürgschaft, keinen Zeitungsstempel, keine Zensur, keine Beschlagnahme. Litteratur, besonders die klassische, wird in China hochgeschätzt. Die Litteraten gehören zu den angesehensten Ständen, und von der Bevölkerung ist vielleicht ein gleicher Prozentsatz des Lesens kundig wie unter den Völkern von Südeuropa. Dennoch hat sich China bis auf die jüngste Zeit mit der einzigen Pekinger Zeitung begnügt.
Diese Pekinger Zeitung, im Chinesischen „Tzing pao”, ist in Bezug auf ihre Redaktion, ihr Aussehen und ihre Verbreitung ein Unikum. Der Text beschränkt sich auf Hofnachrichten und die Veröffentlichung von kaiserlichen Erlassen, Ernennungen, Gesetzen und Strafen. Alle Dokumente der ganzen Regierungsmaschine dieses größten Reiches der Welt gelangen in den großen Staatsrat, und dieser verfügt, welche Dokumente veröffentlicht werden sollen. Abschriften derselben werden dann dem Geheimen Rat übergeben, von welchem täglich ein Mandarin den Dienst im kaiserlichen Palast versieht. Dem Geheimen Rat liegt es ob, die Dekrete, Diplome, Urteile und dergleichen an ihre Bestimmung gelangen zu lassen, und dazu werden sie der Generalpostdirektion, einer Abteilung des Kriegsministeriums, übergeben, die sie durch eigene Kuriere nach den verschiedenen Provinzen entsendet, denn ein geregeltes Postwesen nach europäischem Muster ist ja in China unbekannt. Gleichzeitig mit den Beamten der Postdirektion finden sich im Geheimen Rate täglich auch Beamte der Ministerien und die Redakteure der Pekinger Zeitung ein, um von den verschiedenen Dokumenten Abschriften anzufertigen. Die Druckerei der Pekinger Zeitung, ein halbamtliches Unternehmen, untersteht der Oberaufsicht der Postdirektion; sie hat darauf zu achten, daß der Wortlaut der amtlichen Bekanntmachungen nicht geändert oder gekürzt werde; sie erhält auch täglich eine für die verschiedenen Behörden der Hauptstadt wie der Provinzen bestimmte Anzahl Abdrücke, die sie gleichzeitig mit den anderen Dokumenten durch die Kuriere versendet.
Man wird sich möglicherweise über den Ausdruck Zeitungsdruckerei wundern, denn bisher wurde ziemlich allgemein angenommen, daß die Pekinger Zeitung täglich in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren geschrieben wird. Dies ist ein Irrtum. Die wirklich offizielle Pekinger Zeitung wird gedruckt, gerade so wie unsere Regierungszeitungen, und es besteht in Peking hierfür eine eigene Druckerei mit Setzern und Pressen, nur erfolgt der Zeitungsdruck dort nicht so einfach und rasch wie bei uns. Es vergehen immer einige Tage, bis eine Ausgabe der Zeitung hergestellt ist. Man muß sich eben vor Augen halten, daß unsere Setzer im ganzen mit ein paar Dutzend Buchstaben zu arbeiten haben, die in Kästen vor ihnen liegen, ja bei den neuen amerikanischen und deutschen Setz- oder Zeilengießmaschinen fallen sogar diese Setzkästen fort, und die Setzer arbeiten wie an einer Schreibmaschine. In der chinesischen Sprache giebt es statt einzelner Buchstaben ebensoviele Tausende verschiedener Zeichen; jedes Wort oder doch jede Silbe hat ihr eigenes Zeichen, und dementsprechend giebt es in chinesischen Druckereien auch ganze Katakomben gefüllt mit Tausenden von Kästchen, jedes mit anderen Typen. Die größte Druckerei, die ich in China zu besuchen Gelegenheit hatte, war jene der katholischen Mission in Zikaway, am Sutschaukanal gelegen. Ich wanderte dort lange Gänge, zu beiden Seiten mit derartigen Kästen besetzt, auf und ab. In jedem lagen verschiedene Typen, nicht etwa die winzigen Metallstäbchen, die so leicht zu handhaben sind, sondern Holzstücke von etwa einem Quadratcentimeter Durchschnitt für die gewöhnlichen Typen. Unsere Buchstaben sind einfach in der Form und leicht zu erkennen. Die chinesischen Zeichen aber bestehen der Mehrzahl nach aus zwanzig bis dreißig verschiedenen Strichlein, kunterbunt durcheinander gezogen, mit Auswüchsen, Quadrätchen, Punkten und Kreislinien, daß einem europäischen Setzer die Haare zu Berge stehen würden, hätte er es auch nur mit sechsundzwanzig derlei Zeichen zu thun. Und die Chinesen haben deren mindestens ebensoviele Tausende. Dabei sind mitunter Dutzende dieser schwer zu unterscheidenden Hieroglyphen nur durch ganz kleine Strichlein oder Punkte voneinander unterschieden. Welche Freude für den Setzer und erst recht für den Korrektor! Ein chinesischer Setzer müßte, wollte er sich aus den langen Galerien die Typen selbst zusammenholen, so viel umherlaufen wie ein Briefträger; er hat deshalb gewöhnlich einige Laufburschen zu seiner Verfügung, welche ihm die verschiedenen Typen, deren er bedarf, aussuchen.
Unter solchen Umständen darf es nicht wundernehmen, daß der Satz chinesischer Handschriften so viele Zeit beansprucht. Aber auch der Druck geht ähnlich langsam vor sich. Die Papierblätter der Pekinger Zeitung, neunzehn Centimeter hoch und zwanzig Centimeter breit, liegen neben dem Drucker, der den Satz in einem Holzrahmen vor sich stehen hat. Zunächst nimmt er mittels einer breiten Bürste, einem umgekehrten Blumenstrauß nicht unähnlich, etwas Druckerschwärze aus einem muldenartigen Gefäß und schwärzt die Typen. Dann legt er sorgfältig ein Blättchen darauf und fährt mit einem kleinen harten Handkissen darüber. Damit ist ein Blatt einer Zeitung fertiggedruckt, denn weder bei chinesischen noch bei japanischen Büchern wird die Rückseite bedruckt. Die Blätter werden mit dem Druck nach außen einmal gefaltet und an den offenen Seiten zusammengeheftet. Würde man ein chinesisches Buch aufschneiden, so ergäben sich nach je zwei bedruckten Seiten immer zwei leere.
Ein solches Buch ist nun auch jedes Exemplar der offiziellen Pekinger Zeitung, denn der Inhalt verteilt sich auf zehn bis zwanzig und noch mehr Blätter, je nach der Menge des Textes. Sind alle Blätter in der geschilderten Weise gedruckt worden, so werden sie gefaltet und zusammengeheftet dadurch, daß man sie etwa einen Centimeter vom Rückenrand durchlocht, Bindfäden aus gedrehtem Papier durchzieht und diese zusammenknüpft. Ueber die Bindfäden aus Papier darf man sich nicht wundern, denn das chinesische Papier ist aus viel zäheren Stoffen angefertigt als das unserige. In Korea fand ich sogar aus Papier gedrehte Seile und Schnüre allgemein im Gebrauch.
Jedes Exemplar der Pekinger Zeitung wird nun mit einem Umschlag von gelbem Papier versehen, denn gelb ist die Farbe des Kaisers; dann wird noch auf der hintersten Seite des Umschlags in roter Farbe der Name Tsing-pao, d. h. Hauptstadtzeitung aufgedruckt, und damit ist die Zeitung zur Ausgabe bereit. Eigene Kuriere der Postbehörde übernehmen die Pakete und laufen damit durch die Straßen Pekings, um sie den einzelnen Mandarinen, Gesandtschaften und sonstigen Abonnenten zu überbringen. Auf die Zeitung kann nämlich auch um den geringen Preis von beiläufig einer deutschen Reichsmark für den Monat abonniert werden.
Davon machen auch eigene halbamtliche Druckereien in jeder Provinzhauptstadt Gebrauch. Kaum ist der Kurier aus Peking mit den Regierungsdepeschen und den Zeitungsnummern im Yamen des Generalgouverneurs oder Vizekönigs eingetroffen, so kommt ein Zeitungsexemplar nach der Druckerei, um dort für die Abonnenten und Behörden der Provinz nochmals vervielfältigt zu werden.
Der ganze geschilderte Vorgang nimmt wie gesagt mehrere Tage in Anspruch. Nun liegt es aber im Interesse der Behörden und Gesandtschaften, so rasch als möglich in den Besitz der einzigen offiziellen Regierungsnachrichten zu kommen, und deshalb werden mit stillschweigendem Einverständnis der Postverwaltung in Peking noch zwei andere Ausgaben der Zeitung veranstaltet. Bei der einen, „T’schang peun”, d. h. lange Zeitung (weil das Format etwas länger ist), wird der Text der Dekrete auf Wachsplatten rasch eingeschnitten und von diesen der Druck veranstaltet; für die zweite „Sie’-peun”, d. h. geschriebene Zeitung, wird der Inhalt der Dokumente von Schreibern rasch in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren abgeschrieben. Sie besteht aus einem einfachen Blatt Papier ohne Umschlag. Diese Ausgabe kommt gewöhnlich einige Tage früher als die gedruckte zur Verteilung und kostet, ihrer Herstellungsweise entsprechend, erheblich mehr, d. h. etwa 24 Reichsmark monatlich.
Nehmen wir einmal eines der gelben offiziellen Zeitungshefte zur Hand. Natürlich müssen wir, wie bei arabischen und jüdischen Büchern, von rückwärts beginnen. Jede Seite wird durch violette Linien in sieben vertikale, etwas über einen Centimeter breite Rubriken geteilt, und in jeder Rubrik stehen vierzehn Zeichen, die aber nicht am oberen Rande, sondern etwa fünf Centimeter weiter unten beginnen. Auf jeder Seite bleibt dieser obere Raum als Ausdruck der Achtung für die kaiserlichen Dekrete und Nachrichten frei, gerade so wie wir es in unseren Briefen an Hochgestellte zu thun pflegen.
Die erste Rubrik der ersten Seite, nach unserer Lesart also die letzte, enthält das Datum: Tag, Monat und Regierungsjahr des Kaisers; die zweite die Inhaltsangabe (mu-lu). Dann folgen auf dem Rest der ersten und zuweilen auch der zweiten Seite Hof- und Palastnachrichten. Jeder Ausgang des Kaisers, jedes Gebet, jeder Besuch wird genau mit allen Einzelheiten des Zeremoniells, der Kleidung und des Gefolges verzeichnet. Die dritte Seite enthält den Garnisonsbefehl, d. h. den Stand und die Dienstleistungen der verschiedenen Tatarenbanner von Peking. Auf den folgenden Seiten befinden sich die Edikte des Kaisers, dann die Ernennungen und Verfügungen auf Grund von Meldungen der Zensoren und Provinzgouverneure, schließlich Meldungen aus den verschiedenen Provinzen und Vorkommnisse in Peking, kaiserliche, militärische oder polizeiliche Strafen und dergleichen. Eine eigentümliche Einrichtung der Pekinger Zeitung ist es, daß die Verfügungen des Kaisers gewöhnlich einige Tage früher veröffentlicht werden als die Berichte der Gouverneure, auf welche hin sie getroffen wurden, denn die chinesische Hofetikette schreibt vor, daß die kaiserlichen Worte stets allen andern vorgehen.
Im ganzen und großen ist also die Pekinger Zeitung etwa unseren offiziellen Regierungszeitungen ähnlich, allein man würde sich gewaltig irren, wollte man annehmen, ihr Inhalt wäre auch ähnlich langweilig. Im Gegenteil, die Lektüre derselben oder vielmehr die Uebersetzung ist für den Europäer, welcher Hof und Regierung, Leben und Sitten in China kennen lernen will, eine unerschöpfliche Quelle des Wissens, und ich gestehe offen, ich verdanke dieser Lektüre mehr Nachrichten, Fingerzeige, Aufschlüsse als allen dickbändigen Reisewerken über China. Ich bin zuerst in Siam auf diese offiziellen Veröffentlichungen aufmerksam gemacht worden, und während meiner folgenden Reisen in China, Korea und Japan war es stets meine erste Sorge, möglichst viele Nummern der Regierungszeitungen durchzustudieren. Sie sind die einzigen Bädeker jener Länder. Das ganze China, von Peking bis in die fernsten Grenzländer, vom kaiserlichen Hofleben bis herab zu dem Treiben der Wegelagerer und Seeräuber entrollte sich in diesen kleinen, mit Hieroglyphen gefüllten Blättchen vor meinen Augen: Militär und Marine, Gerichtspflege, Tempelopfer und Ahnenverehrung, Beamtenwesen, Agrikultur, Industrie, Aberglauben und Volksgebräuche, und fürwahr, es könnte kein besseres Buch über China geschrieben werden, als wenn man einen Jahrgang der Pekinger Zeitung übersetzen und durch Erklärungen ergänzen würde.
Das, was man in anderen Ländern gewöhnlich als offizielles Vertuschungssystem bezeichnet, kennen die Chinesen nicht. Ich war auf das höchste erstaunt, als ich in der Pekinger Zeitung alle Missethaten der höchsten Mandarine, Ministerialbeamten, Tatarengenerale ganz offen geschildert fand. Ja sogar Anklagen gegen die Kaiserin-Exregentin, gegen die Kaiserinnen und Prinzen von seiten der Zensoren finden in der Tsing-pao Aufnahme, dazu die Strafen, welche der Kaiser auf Grundlage von Berichten zu erteilen für gut fand. Wo wäre ein ähnliches Vorgehen in europäischen Staaten denkbar?
Die Erklärung dieses merkwürdigen sozialen Phänomens liegt darin, daß es in China keine innere Politik, keine politischen Parteien, keinen Sozialismus und Anarchismus giebt; daß man in China keine absolute, keine despotische Regierung, sondern im wahren Sinne des Wortes nur ein Patriarchat kennt. Die Chinesen werden wie eine Familie betrachtet, deren Patriarch der Kaiser ist, und vor diesem giebt es kein hoch und niedrig, alle werden nach demselben Recht und Gesetz behandelt.
In den dem europäischen Handel geöffneten Vertragshäfen entstanden in den letzten Jahren auch einige chinesische Tageszeitungen, aber sie wurden ursprünglich nicht durch Chinesen, sondern durch Engländer gegründet. In diesen Vertragshäfen spielt das Zeitungswesen eine bedeutende Rolle. Obschon beispielsweise Shanghai nur etwa 6000 europäische Einwohner zählt, hat es fünf Tageszeitungen, davon vier in englischer und eine in französischer Sprache erscheinend, ferner mehrere Wochenblätter, darunter ein deutsches: Der ostasiatische Lloyd, das einzige deutsche Blatt in ganz Asien. Hongkong mit seinen 10000 Europäern besitzt drei englische Tages- und zwei Wochenblätter, Tientsin, Amoy und Futschau je eine Tageszeitung, obschon die europäischen Kolonien dieser Städte kaum einige hundert Einwohner zählen. In der portugiesischen Kolonie Macao giebt es noch einige portugiesische Blätter. Als nun die Herausgeber einiger dieser europäischer Zeitungen das rege Interesse sahen, welches ihre Veröffentlichungen auch unter den englisch sprechenden Chinesen fanden, versuchten sie die Herausgabe chinesischer Tagesblätter, welche gleichzeitig mit den englischen erschienen, und der Erfolg war derartig, daß in den letzten Jahren eine ganze Reihe chinesischer Blätter entstanden. So erscheint in der Redaktion der China Mail in Hongkong die chinesische Wa T’ziat Pao, in jener der Daily Preß die chinesische Tschung Ngoi San Pao. Die größte chinesische Tageszeitung aber wird von der Redaktion der North China Daily News in Shanghai hergestellt und heißt Tschen-Pao (Shanghai-Neuigkeiten); ja die unternehmenden Herausgeber dieser Blätter veröffentlichen seit einiger Zeit sogar ein illustriertes Wochenblatt in chinesischer Sprache, Hu-Pao (litterarische Neuigkeiten), und machen damit vortreffliche Geschäfte. In Tientsin kommt gleichzeitig mit der dortigen Times der Tsche-Pao (etwa die chinesischen Worte für Times) heraus, und in der größten Stadt Chinas, in Canton, gab vor zwölf Jahren der damalige Vizekönig Tschang-Tschi-Tong selbst die Veranlassung zur Gründung einer chinesischen Tageszeitung, zu deren Redakteur er einen seiner Sekretäre ernannte. Diese Zeitung, Kwang-Pao (Neuigkeiten der Provinz Kwangtung), wurde von dem Nachfolger des Vizekönigs eine Zeitlang unterdrückt, erscheint aber jetzt wieder unter dem Namen Tschung si dsche Pao (Tagesneuigkeiten aus China und dem Westen). Ist es nicht bezeichnend für die Zustände in dem Jahrtausende alten Reiche der Mitte, daß der Vizekönig einer der größten Provinzen desselben zum Zeitungsgründer wird? Friedlich und freundschaftlich verträgt sich dieses vizekönigliche Blatt mit seinem einzigen Cantoner Rivalen, dem Ling nam dsche Pao, zu deutsch Tägliche Nachrichten von Ling nam. Canton hieß nämlich in früheren Zeiten Ling nam. Auch in dem durch den Frieden von Shimonoseki eröffneten Hafen Sutschau wurde 1897 eine neue, dreimal monatlich erscheinende Zeitung gegründet, welche den Namen Schiwu Pao, d. h. etwa „die Zeiten”, führt. Ihre Druckerei beschäftigt sich auch mit der Uebersetzung und Herausgabe von nützlichen europäischen Büchern.
Damit sind wohl alle Zeitungen des Vierhundertmillionen-Reiches erschöpft, ein halbes Dutzend von je drei- bis sechstausend Auflage, das Shanghaier Tschen-Pao ausgenommen, das täglich in einer Auflage von zwölftausend Exemplaren gedruckt wird. Aber neben diesen Blättern wirkt schon seit Jahren noch ein anderes, halbwöchentliches Blatt, das an Auflage alle zusammen übertreffen dürfte und bis in die entferntesten Provinzen des Reiches, ja nach Tibet und der Mongolei geht, überall gelesen, überall beachtet wird und ganz im stillen den größten Einfluß unter allen periodischen Veröffentlichungen Chinas ausüben dürfte, ein Blatt, besser gedruckt und von vornehmerem Aussehen als alle anderen, die Pekinger Zeitung nicht ausgenommen. Es führt den Titel Y-wen-lu und wird von den Priestern der katholischen Mission in Zikawei bei Shanghai herausgegeben. In meisterhafter Weise verstehen es die chinesischen Redakteure, katholische Priester, das Volk zu belehren, Auszüge aus der Pekinger Zeitung wie aus den europäischen Blättern zu bringen, dazu gediegene Artikel über Europa und seine Errungenschaften, aber gleichzeitig wird auch für die katholische Religion Propaganda gemacht, und es ist nicht zum geringsten diesem Blatte zuzuschreiben, wenn die katholische Kirche heute in China weit über eine Million Anhänger besitzt.
Die chinesischen Tagesblätter sind in Aussehen und Einteilung nicht etwa das, was wir in Europa als chinesisch zu bezeichnen pflegen, exotisch, eigentümlich, verzwickt, verschnörkelt, denn sie sind ja nicht der chinesischen Kultur entsprungen, sondern der europäischen und wurden nur der chinesischen angepaßt. Der Mehrzahl nach besitzen sie etwa das Format der deutschen Gartenlaube und haben vier Blätter, bei denen auch die Innenseiten bedruckt sind, gerade so wie bei unseren Zeitungen. Auch die Einteilung ist ganz dieselbe, nur umgedreht; dort, wo bei uns die Anzeigen stehen, also auf der letzten Seite, befinden sich Titel und Leitartikel, und das was bei uns die erste Seite ist, ist bei den chinesischen Blättern die letzte, ganz gefüllt mit Reklamen. Da sage man noch, die chinesische Kultur sei seit Jahrtausenden stehengeblieben! Reklamen von Geheimmittelchen, Pillen und Pülverchen, von Schneidern und Schustern, von Theatern und Vergnügungen, Verlustanzeigen, Land-, Häuserverkäufe und dergleichen. Manche dieser Anzeigen sind sogar schon mit kleinen Bilderchen illustriert, um die Aufmerksamkeit besser anzuziehen. Und all diese Dinge findet man nicht nur auf einer Seite. Nein, bei den meisten Blättern sind vier ganze Seiten, also die Hälfte der Ausgabe, mit Anzeigen gefüllt, deren Lektüre einen tiefen Einblick in das wirkliche Volksleben und den Volkscharakter der Chinesen gewährt. Zeigt die Pekinger Zeitung den Hof, das offizielle China und jene Ereignisse, welche zur Kenntnis und Behandlung von seiten der Regierung kommen, so führen die Reklameseiten der lokalen Blätter den Fremden in den chinesischen Kleinverkehr, in die Details des städtischen Lebens ein und zeigen, daß dieses Volk in den Fremdenstädten im großen und ganzen gerade so lebt wie wir Europäer, nur ins Chinesische übertragen.
Besehen wir uns die letzten, d. h. also die ersten Seiten der chinesischen Zeitungen. Der Kopf ist ganz wie bei unseren Blättern; der Titel recht groß, daneben in kleineren Zeichen die Stellen, wo man in der Hauptstadt wie in den Provinzen abonnieren kann, darunter das chinesische Datum. Der Preis einer Nummer ist durchschnittlich etwa fünf bis sechs Sapeken, beiläufig anderthalb Pfennig. Dann folgen vortrefflich geschriebene Leitartikel über in- und ausländische Dinge, und die chinesischen Redakteure nehmen gar keinen Anstand, der Regierung allerhand gutgemeinte Ratschläge zu geben. Die zweite Seite enthält Auszüge aus der Pekinger Zeitung, Ernennungen, kaiserliche Edikte, welche sich die Zeitungen von ihren hauptstädtischen Korrespondenten, die es auch in China schon giebt, telegraphieren lassen. Daran schließen sich Uebersetzungen der Reuterschen Depeschen über die wichtigsten Ereignisse der westlichen Welt, denn Reuter hat auch in Ostasien seine Abonnenten. Den interessantesten Teil der chinesischen Zeitungen bilden indessen die letzten Textseiten: Lokalnachrichten, Feuilleton, kleine Korrespondenzen aus der Provinz, Personalsachen, Gerichtspflege. Wie man sieht, haben sich die chinesischen Ritter der Feder oder vielmehr des Pinsels, denn man schreibt in China mit einem Pinsel, die europäischen Zeitungsredaktionen ganz zum Vorbilde genommen. Nun kommen in den englischen Blättern, aus welchen sie einen großen Teil ihrer Weisheit schöpfen, eine ganze Menge von Begriffen und Dingen vor, für welche es begreiflicherweise keine chinesischen Wörter giebt, wie z. B. Telephon, Telegraph. Statt lange Umschreibungen zu gebrauchen, nehmen sie ähnlich klingende chinesische Wörter zu Hilfe, die an und für sich ganz andere Dinge bedeuten, was anfänglich dem chinesischen Leser recht chinesisch vorkommen mag. In ihrer Art sind sie wie unsere Bilderrätsel. So z. B. wird das Wort Ultimatum von den chinesischen Redakteuren durch die Zeichen U-li-ma-tung gebildet, Telephon aus den drei Zeichen to-li-fung, und status quo aus ße-ta-tu-ko. Ebenso schwierig ist es für sie, in den Anzeigen europäischer Kaufleute deren Namen zu schreiben. Deshalb besitzt jedes europäische Haus einen eigenen chinesischen Namen, so z. B. heißt Ehlers E-li-si, Golding Go-ting, Morrison Ma-li-sun, Wolf Wa-fu, Wilkinson Way-king-sun. Nur Meier oder Mayer giebt es wie allüberall auf unserm Erdball, auch sogar in China, Meyer bleibt Meyer, wohin er kommt, nur wird der Name im Chinesischen Mei-ier geschrieben.
Trotz all dieser Anpassungen der chinesischen Redakteure an ihre englischen Vorbilder in Ostasien zeigt sich in ihren Berichten doch ein naiver Geist, Aberglauben und Leichtgläubigkeit, die dem Leser unwillkürlich ein Lächeln entlocken. Beim Lesen der einfältigen Lokalberichte und Korrespondenzen aus der Provinz fiel mir die merkwürdige Uebereinstimmung mit ähnlichen Berichten auf, wie sie bei uns noch im letzten Jahrhundert häufig zu lesen waren und allgemein Glauben fanden. Die Geschichte wiederholt sich eben, und man kann die einzelnen Phasen unserer eigenen Kulturentwickelung heute noch in fernen Ländern bei anderen Völkern wiederfinden, unser Altertum, unser Mittelalter, unsere neuere Zeit. Das habe ich auf meinen Reisen in allen Weltteilen in tausenderlei Einzelheiten gesehen, das fand ich, wie gesagt, auch in der chinesischen Presse. Ich erwähne hier nur einige den Cantoner Blättern entnommene Nachrichten, z. B. vom 8. Mai 1894:
„Eine Jungfrau hatte in einem Rocke unvorsichtigerweise eine Nadel stecken lassen, die ihr beim Ankleiden in die Haut drang. Ratlos standen die herbeigerufenen chinesischen Aerzte, ohne Mittel, zu helfen und den Schmerz zu lindern. Da rief ihr Bruder einen Freund herbei, der sich auf dergleichen verstand. Er legte dem Mädchen ein mit geheimen Zeichen beschriebenes Papier auf die Brust, und am folgenden Tage kam die Nadel richtig zum Vorschein, so daß sie entfernt werden konnte.”
9. Mai: „In Schuntak kamen bei einem starken Regenguß zwei Fischlein vom Himmel nieder. Sie sahen so lieblich aus, daß die Bevölkerung sie nicht zu speisen wagte. Sie wurden deshalb sorgfältig in den Fluß gesetzt, wo sie lustig davonschwammen.”
10. Mai: „In der Pu-Tschi-Tschiaostraße mietete jemand ein Haus und machte bekannt, daß er von den Heiligen zum Erlöser der leidenden Menschheit bestimmt sei. Er fand starken Zuspruch, besonders von Frauen. Da thaten sich die Nachbarn zusammen und jagten ihn davon.”
11. Mai: „In einem Gebäude des Panyü-Ritters wuchs vor einigen Tagen ein Bambus hervor, der in einem Vormittag die Höhe von sieben Fuß erreichte, das Dach durchbrach und in drei Tagen siebzig Fuß hoch war. Es giebt Leute, die das wunder finden, obschon eigentlich nichts natürlicher ist. Der Boden ist dort schwefelhaltig, und Schwefel ist bekannt wegen seiner Expansivkraft.”
Derartige Mitteilungen fand ich in jeder Zeitungsnummer, zuweilen auf derselben Seite mit Reuterdepeschen. Das alte und das moderne China begegnen sich in diesen Blättern, aber es wird gar nicht mehr so lange dauern, bis die Bewohner der Hauptstädte derlei naive Nachrichten gar nicht mehr lesen werden. Dafür werden sie größere Aufmerksamkeit den Bank- und Verkehrsnachrichten, den Wechsel- und Aktienkursen zuwenden, die von Jahr zu Jahr in den wenigen bestehenden Blättern immer mehr Platz einnehmen. Der Keim für den neuen Kurs ist auch in China gelegt, und in zwei Jahrzehnten dürfte jede größere Stadt des Reiches der Mitte ihre Zeitung besitzen.
Geld- und Bankwesen.
So sehr der Außenhandel Chinas in den letzten Jahrzehnten auch gestiegen ist, so bildet er noch heute nur einen kleinen Prozentsatz des Binnenhandels dieses ungeheuren, an Größe den ganzen europäischen Kontinent weit übertreffenden Reiches. China ist so überaus reich an Naturprodukten aller Art, daß es bis auf die jüngste Zeit ausländische Produkte kaum gebraucht hat; die Produkte des Südens gehen nach dem Norden, jene des Nordens nach dem Süden. Im ganzen Reiche findet der regste Austausch der eigenen Erzeugnisse statt. Die Flüsse, Kanäle, Straßen, Pfade sind jahraus jahrein mit Frachtladungen bevölkert, und wohl kein einziges Reich der Erde dürfte einen so großen Binnenhandel besitzen wie China.
Dabei hat China noch immer keine von jenen Erleichterungen des Verkehrs, die wir heute bei uns als unerläßlich für den letzteren ansehen: wenige Eisenbahnen, nur teilweise geregeltes Postwesen und kein Münzwesen. Während in allen zivilisierten Staaten der Erde Banknoten, Gold- oder Silbermünzen den Handel vermitteln, giebt es in dem chinesischen Reiche keine solchen; nicht Gold und Silber, sondern Kupfer ist der Standard, und was die Banknoten betrifft, die von den Chinesen erfunden wurden und deren Einführung in den Handelsverkehr schon der alte Marco Polo auf seinen Reisen in China vor sechshundert Jahren gepriesen hat, so sind sogar diese in dem Reiche der Mitte außer Kurs gekommen und nur noch in größeren Städten in lokalem Gebrauch. Statt Pfund Sterling, Dollars, Napoleons, Mark und Gulden giebt es in China nur kleine durchlochte Kupferscheiben als gesetzliche Münze; sie sind es, die dem Tausende von Millionen Mark erreichenden Geschäftsverkehr als Grundlage dienen.
Auf welche Weise geschieht dies nun? Wie können die Kaufleute in Canton und Formosa mit jenen in der Mandschurei oder in Tibet auf Tausende von Kilometern Entfernung den Geschäftsverkehr unterhalten? Wie können sie selbst in den einzelnen Provinzen oder Städten ihre Waren bezahlen, wollen sie es nicht mit ganzen Maultierladungen von Kupfer thun?
Und doch sind diese Kupfermünzen, wie gesagt, die einzigen Münzen des Reiches und waren es schon vor Jahrtausenden. In Mittel-Schantung fand ich Münzen, die zweitausend Jahre alt waren, und im chinesischen Museum zu Hongkong habe ich Kupfermünzen gesehen, die viereinhalb Jahrtausende alt waren. Münzen, nicht von runder Form, sondern viereckige Scheiben mit einem Loch am obern und zwei fingerartigen Ansätzen am untern Rande; die aufgeprägten Schriftzeichen besagten, daß sie im Jahre 2800 vor Christi Geburt unter der Dynastie Wuti zirkulierten; andere Münzen von ähnlicher Form stammen aus der Zeit der Hia-Dynastie, also zweitausend Jahre vor Christi Geburt. Ich selbst besitze chinesische Münzen in der Form und Größe unserer Rasiermesserklingen, die über zweitausend Jahre alt sind, andere runde von etwa sechs Centimeter Durchmesser stammen aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung und besitzen schon die viereckige Durchlochung in der Mitte, welche alle chinesischen Kupfermünzen ohne Ausnahme noch heute zeigen. Ohne Loch keine Münze. Wie ist es nun möglich, daß diese Münzen bei so ungeheuren Summen, um die es sich zuweilen handelt, als Zahlungsmittel dienen?
Nun war freilich in der letzten Zeit in europäischen Blättern viel von den chinesischen Taels zu lesen, in denen Zahlungen geleistet werden und welche nach ihrem Kurse beiläufig drei Reichsmark entsprechen; auch der Briefmarkensammler findet auf den von der chinesischen Zollbehörde herausgegebenen Briefmarken als Wertangabe einen, zwei oder drei Candarins, und fragt er, was der Candarin für einen Wert besitzt, so wird ihm zur Antwort, daß zehn Sapeken oder, wie sie im Chinesischen heißen, Li, einen Candarin ausmachen; allein Taels, Candarins und Li sind nur fiktive Werte, als Münzen bestehen sie nicht, ebensowenig wie heute die englischen Guineen. Der Tael ist einfach eine chinesische Unze reines Silber, und soll eine bestimmte Summe in Silber bezahlt werden, so wird die beiläufige Menge von einem Silberbarren abgeschlagen, das Zuviel abgeschnitten oder das Fehlende durch kleine Stückchen ergänzt. Auch wird das Silber in sogenannte Shoes von der Form einer Badewanne im Gewichte von 5, 10, 20 oder mehr Taels gegossen. Die wirkliche Münze des Kleinverkehrs in ganz China ist der Cash, und etwa 1350 bis 1450 dieser Cash bilden einen Tael. Es befinden sich nämlich unter den Cash so viele falsche oder schlecht geprägte, abgegriffene Münzen, daß nicht einmal die gesetzliche Zahl von 1350 eingehalten wird, sondern je nach der Güte der Münzen 1350 bis 1450 Cash dazu gehören, um einen Tael zu machen. Wie die Kupfermünzen, so haben auch die Taels selbst nicht im ganzen Lande den gleichen Wert. Am wertvollsten ist wohl der Haikwan-Tael, in welchem die Zollabgaben geleistet werden. Daneben hat jede Provinz ihren eigenen Tael, und will ein Kaufmann in Shanghai etwa 100 Taels nach Hankau oder Tientsin oder Nütschwang remittieren, so gelten diese 100 Taels in Hankau vielleicht 101, in Tientsin 98, in Nütschwang 103 Taels, bei beständig wechselndem Kurs.
In Canton sind die Taels überhaupt abgeschafft, und die gesetzliche Münzeinheit ist seit einigen Jahren der Canton-Silberdollar. Der Vizekönig der Provinz Kwantung hat nämlich vor mehreren Jahren in Canton eine Münze mit europäischen Prägemaschinen und unter europäischer Leitung errichten lassen, eine der großartigsten Münzstätten der Erde, deren Graveure, Arbeiter aber durchaus Chinesen sind. Dort kommen nun seit 1890 gut geprägte ganze, halbe und fünftel Dollars zur Ausgabe, welche trotzdem, daß sie keine Durchlochungen in der Mitte zeigen, von der dortigen Bevölkerung allgemein angenommen werden. Auf der Rückseite dieser Canton-Dollars, welche im Wert dem japanischen Yen und dem mexikanischen Dollar ziemlich gleich sind, befindet sich das chinesische Wappentier, der mehrfach gewundene Drache, und die Umschrift in englischer Sprache: Kwantung Province nebst der Wertangabe, die aber nicht auf den Dollar, sondern auf den Tael Bezug hat. So zum Beispiel heißt es auf dem Dollarstück nicht etwa Ein Dollar, sondern 7 mace und 2 Candarins. Auf den silbernen Zehn- und Fünf-Centstücken, die ebenfalls zur Ausgabe gelangten, heißt es 72 resp. 36 Candarins. Wohl hat der Canton-Dollar 100 Cents gerade wie der mexikanische, aber es wird nicht nach Cents, sondern nach Cash gerechnet, von denen 972 auf den Dollar gehen. Diese Cash der Cantoner Münze, heute in China die beliebtesten, zeigen auf ihrer runden Scheibe von 2½ Centimeter Durchmesser chinesische Bezeichnungen, die soviel als „Gangbare Münze” bedeuten. In der Mitte sind sie gerade so durchlocht wie die Cash in anderen Provinzen.
Dieser Wirrwarr von Münzen wird in den offenen Häfen, hauptsächlich in Canton, Shanghai, Tientsin und Futschau, noch durch die vielen ausländischen Münzen erhöht, Singapore-, Hongkong- und mexikanische Dollars, dann japanische Yen, spanische und portugiesische Münzen, alle von verschiedener Silbergüte und demzufolge von verschiedenem Wert. Wenn sie nur alle echt wären! Aber in wenigen Ländern habe ich eine so große Zahl schlechter oder falscher Münzen angetroffen wie in den chinesischen Hafenstädten. Im Inlande oder in den nicht geöffneten Häfen kommen Silbermünzen überhaupt nicht vor. In Shanghai und Hongkong nehmen die chinesischen Großkaufleute oder jene, die mit Europäern in regem Verkehr stehen, die Banknoten der Hongkong and Shanghai Banking Corporation ohne weiteres an. Diese große Bank, unter deren Direktoren sich mehrere Deutsche befinden, besitzt in den größten Städten Ostasiens, von Singapore bis Yokohama, Filialen, und ihre Banknoten sind bei den Europäern Ostasiens überall im Verkehr. Aber obschon sie auf fünf, zehn und mehr Silberdollar lauten, ist ihr Wert in den verschiedenen Städten doch verschieden. So wechselte ich beispielsweise in Singapore englisches Geld in ostasiatische Dollarbanknoten ein und erhielt dank der großen Silberentwertung für jeden Goldsovereign statt 5 Dollar 9½ bis 9¾ Dollar. Man bedeutete mir, daß die Singapore-Banknoten der Hongkong- und Shanghai-Bank in Shanghai ebenfalls kursierten. In Shanghai mußte ich jedoch, als ich die Singapore-Banknoten bei dieser gleichen Bank in Shanghai-Banknoten einwechselte, fünf Prozent des Wertes bezahlen.
Meine erste Erfahrung mit chinesischem Geld in China selbst machte ich in Canton. Ich hatte mir von Hongkong einige hundert Silberdollars mitgenommen, da man mir sagte, Banknoten würden in Canton von den Chinesen nicht angenommen. Bei meinen ersten Einkäufen in Cantoner Juwelierläden bemerkte ich auf jedem Tische eine kleine Wage. Sobald ich meine Silberdollars auf den Tisch gelegt hatte, nahm der Händler die Münzen in eine Hand und legte der Reihe nach jede einzelne auf den aufrecht gehaltenen Zeigefinger der anderen Hand; dann schlug er mit einer zweiten Münze leicht an die erste an, und befriedigte ihn der Silberklang, so ließ er die erste Münze in den Schoß gleiten, legte die zweite auf den Finger und schlug mit der dritten auf die zweite. So ging dies fort, bis alle Münzen geprüft waren. Zwei hatte er ausgeschieden, für die ich ihm andere geben mußte. Damit war aber die Prüfung noch nicht beendigt. Die ganze Menge wurde auf die Wage gelegt, gewogen, und da sich eine Differenz von etwa einem halben Dollar herausstellte, mußte ich ihm auch noch diesen bezahlen. In den anderen Kaufläden ging es mir ebenso, und bei meiner Abfahrt von Canton hatte ich eine ganze Menge zurückgewiesener, schlechter Dollars in der Tasche.
In den großen Bankhäusern von Hongkong und Shanghai bewunderte ich die unglaubliche Fertigkeit, mit welcher die Schroffs (chinesische Unterbeamten) die einzelnen Dollars nach ihrer Güte prüfen. Die Banken Ostasiens, darunter mehrere deutsche, haben nämlich wohl Europäer als Leiter, Kassierer, Korrespondenten und Buchführer, welche die eigentlichen Bankgeschäfte führen, allein Banknoten und klingende Münze sind ausschließlich unter der Obhut der Chinesen. Die langbezopften, bartlosen, mitunter recht ausgemästeten Gestalten, mit ungeheuren kreisrunden Brillen auf der Nase, haben in den Bankhäusern eigene Lokale, wo auf Zähltischen Massen von Banknoten und Geldrollen liegen, wo schwere Kisten, mit Silberdollars gefüllt, bis zu Manneshöhe aufgetürmt stehen und Haufen von Silberbarren auf den Fußböden liegen, oft Hunderttausende von Dollars im Wert. Wird Silbergeld eingezahlt, so übernehmen die Schroffs die Rollen und prüfen jeden einzelnen Dollar, indem sie ihn äußerst geschickt mit den Fingern der einen Hand emporschnellen und mit der anderen auffangen, und jede, deren Klang den Schroff nicht befriedigt, wird zurückgewiesen. Dann werden diese minderwertigen Dollars eigens berechnet, die anderen, um ihr Gewicht zu prüfen, gewogen, und der Eigentümer erhält eine Anweisung an die europäischen Bankbeamten für die entsprechende Summe, die ihm von diesen in einem Check oder, wenn er Banknoten will, von Chinesen in solchen ausbezahlt wird.
Der oberste Beamte der chinesischen Angestellten, selbst ein Chinese, heißt Komprador. Derartige Kompradores besitzt gewiß jede europäische Firma in China, von Hongkong hinauf bis nach Nintschuang, Hankau oder Tschunking, im Innern des Landes, nahe der tibetanischen Grenze. Ohne Komprador wäre der Verkehr mit den Chinesen überhaupt nicht möglich. Alle Kompradores sprechen das eigentümliche, in ganz Ostasien gebräuchliche Pidschen-Englisch, und in dieser, selbst dem englisch sprechenden Fremden ziemlich unverständlichen Sprache verkehrt der ostasiatische Kaufmann mit dem Komprador, der seinerseits den ganzen Bargeldverkehr seines Kaufmanns leitet, das Bargeld in seinen Händen hat und seine Bücher in chinesischer Sprache führt. Die Kompradores erlegen bei ihrem Eintritt in das Geschäft eine Bürgschaft, aber auch ohne diese würden sie das Vertrauen ihrer Firma selten mißbrauchen, ja ihre Ehrlichkeit ist im gewissen Sinne sprichwörtlich. Nicht nur der europäische Kaufmann in China, auch der Privatmann hält sich einen Komprador, der alle Geldgeschäfte seines Herrn unter sich hat. Der Europäer führt gewöhnlich überhaupt kein Geld bei sich, höchstens einige kupferne Cash, um sie gelegentlich einem Bettler zu geben. Bei Einkäufen irgendwelcher Art, auf den Märkten, in Kaufläden, Gasthöfen und Klubs werden alle Rechnungen mit „Chits” bezahlt.
Der Chit (sprich Tschitt) ist ein leeres Blatt Papier von etwa zehn Centimeter ins Geviert, mit der Firma des Eigentümers als Kopf. Gewöhnlich sind deren fünfzig oder hundert zu einem Block zusammengeklebt. Kauft der europäische Kaufmann einen Anzug oder ein Buch oder irgend einen Gegenstand, so wird der Verkäufer den Betrag auf ein Blatt des „Chitbook” schreiben, und der Käufer unterzeichnet es. Will der Europäer in irgend einem Gasthofe oder Klub ein Glas Wein oder eine Flasche Sekt trinken, so wird ihm der Kellner (stets ein Chinese) das Chitbook vorlegen. Der Konsument schreibt den Betrag mit Bleistift darauf, setzt seinen Namen darunter und entfernt sich. Selbst mir, dem Fremden, der in jeder Stadt höchstens ein paar Wochen weilte, wurde nicht Barzahlung abgefordert, sondern einfach das Chitbook vorgelegt. Diese Papierblättchen werden von den Handelsleuten in bestimmten Zeiträumen den Firmen nach gesondert und dann von dem eigenen Komprador den Kompradores der betreffenden Firmen zur Zahlung unterbreitet. Meine eigenen Chits wurden den Kompradores des Hotels, wo ich eben wohnte, gesandt, und diese bezahlten die Beträge ohne weitere Frage. Zahlte ich in größeren Kaufläden mit einer Banknote, auf die ich einen Betrag herauszubekommen hatte, so erhielt ich von dem Verkäufer einen Chit für den Komprador des Geschäftes, der irgendwo in der Ecke hinter seinem Zahltische saß, und dieser zahlte mir den Betrag gegen Abgabe des Chits. Will eine Hausfrau bare Münze haben, so wendet sie sich nicht an ihren Gatten, sondern giebt ihrem Komprador einen Chit, und dieser zahlt ihr den darauf verzeichneten Betrag in bar. Niemand in diesen Großstädten Chinas hat Bargeld in der Tasche, nur der Komprador hat es stets. Er ist die lebendige Geldlade. Er kassiert Beiträge ein, zahlt sie aus, führt Ueberschüsse an die Bank ab und legt zeitweise die Bücher seinem Brotherrn zur Prüfung vor. Das ist alles, was dieser mit Geld überhaupt zu thun hat.
Unter den Chinesen dagegen ist im Lokalverkehr, ausgenommen bei größeren Beträgen, nur Barzahlung gebräuchlich, und deshalb hat auch jeder Kaufmann seine Goldwage und seinen Probierstein für Silber neben sich auf dem Kauftisch stehen, um die Münzen nach ihrer Güte zu prüfen. Goldmünzen hat es in China niemals gegeben und giebt es auch heute nicht. Gold ist in China überhaupt selten zu sehen. Empfängt der chinesische Kaufmann einen Silberdollar in Zahlung, und findet er ihn gut, so prägt er sofort seinen Stempel darauf, den sogenannten „Chop”, und hat er keinen, so drückt er den Farbenstempel auf oder malt seine Unterschrift in roter Farbe auf den Dollar. Als ich das erste Mal in Hongkong Banknoten in Silberdollars umwechselte, erhielt ich in Papier gewickelte Münzenrollen, die ihrer Länge nach zu schließen, den doppelten Betrag enthalten mußten. Ich fürchtete, der betreffende Schroff hätte sich zu seinem Nachteil geirrt, und öffnete die Rolle, um nachzuzählen. Als ich die Dollarmünzen vor mir sah, war auch die verdächtige Länge der Rollen erklärt. Von den hundert Dollars, welche sich in jeder Rolle befanden, waren nicht zehn unversehrt. Alle anderen zeigten mehrere tiefe Eindrücke von chinesischen Firmennamen, jeder etwa zweimal so groß als die Stempelzeichen auf unseren Silber- oder Goldwaren. Bei einzelnen war von der Prägung gar nichts mehr zu sehen, und durch diese Dutzende, ja vielleicht Hunderte von Stempeln waren aus den flachen Münzen silberne Hohlgefäße geworden im Verhältnis so tief wie unsere flachen Theeschalen. Nur die Randprägung war noch erkenntlich und besagte, daß diese Silberschalen einst Münzen waren. Diese Hohlprägungen also waren die Ursache, daß die Geldrollen eine so ungewöhnliche Länge zeigten.
Aber nicht genug damit. In manchen Kaufläden und Wechselstuben Cantons fand ich auf den Tischen kleine Körbe, gefüllt mit kleinen Silberstückchen und Silberringen, und als ich sie näher besah, entpuppten sich die Ringe als die Ränder von Silberdollars, welche so viele Stempel empfangen hatten, daß endlich Stück für Stück aus der Mitte herausgefallen und nur der äußere Rand der Münze übrig geblieben war. Die einzelnen Silberstückchen im Korbe aber waren derartige Teile der Dollars. Auch sie sind noch gangbare Münzen. Sie werden einfach abgewogen, und ihr Wert wird nach dem Gewicht berechnet.
Wie die Wage und der Probierstein, so ist dem chinesischen Kaufmann noch ein dritter Gegenstand für den geschäftlichen Verkehr absolut unentbehrlich, nämlich das Rechenbrett. Ohne Rechenbrett ist der Chinese einfach hilflos und nicht im stande, die kleinsten Rechenexempel auszuführen. Bei jeder gewöhnlichen Addierung, sagen wir, um 5, 7 und 11 zusammenzuzählen, nimmt er das Rechenbrett zu Hilfe und fingert darauf herum, wie auf den Saiten einer Zither. Das Rechenbrett, im Chinesischen Swampan genannt, besteht aus einem Rahmen von der Größe eines Papierbogens, zwischen den eine Anzahl paralleler Stäbchen eingesetzt sind. Diese sind durch ein Querstäbchen in zwei Teile geteilt. Auf der einen Hälfte jedes Stäbchens stecken je fünf kleine Holzkugeln, auf der anderen je zwei. Jede der fünf Kugeln zählt eins, jede der zwei Kugeln fünf. Will der Chinese zählen, so schiebt er zunächst alle Kugeln an die Rahmenwände zurück. Um dann beispielsweise sechs und acht zusammenzuzählen schiebt er eine einzelne der fünf Kugeln und eine der zwei Kugeln desselben Stäbchens gegen den mittleren Teilstab zusammen und hat so sechs; dann schiebt er, um acht dazu zu bekommen, drei weitere Einserkugeln desselben Stäbchens und die zweite Fünferkugel zusammen; zwei Fünfer bilden aber eine Zehn; diese werden durch die auf dem nächsten Stäbchen zur Linken sitzenden Kugeln dargestellt; er schiebt also wieder beide Fünferkugeln an die Wand zurück, dafür eine Zehnerkugel vor und hat so zehn und vier, also vierzehn. Die Kugeln des zweitnächsten Stäbchens stellen die Hunderte, jene des drittnächsten die Tausende dar. Ich habe nicht nur in China und Japan, sondern in allen ausländischen Kolonien der Chinesen, in Siam, Singapore, Japan, Korea, Nord- und Südamerika in jedem einzelnen chinesischen Kaufladen ausnahmslos derlei Rechenbretter gefunden, und die Chinesen hängen mit einem gewissen Aberglauben an ihnen. Werden beispielsweise in Canton morgens die Kaufläden geöffnet, so ist es das erste Werk der Händler, ihren Swampan zur Hand zu nehmen und allmählich immer heftiger zu schütteln, daß die Kugeln lärmend aneinander klappern. Das bringt ihrer Meinung nach gute Geschäfte mit sich.
Im Straßenverkehr der chinesischen Städte spielen die Cashwechsler eine große Rolle. In den Geschäftsstraßen kauern sie zuweilen dutzendweise längs der Häuser, vor sich ein Tischchen mit Haufen von Kupfermünzen, neben sich einen Korb mit einigen zwanzig oder dreißig Strängen von Cash, ihr ganzes Arbeitskapital. Es war mir immer ein Wunder, wie diese langbezopften Leutchen ihr Leben fristen konnten, denn ihr ganzes Barkapital würde einem Europäer mit bescheidenen Bedürfnissen nicht länger als eine Woche genügen. Und diese Wechsler leben damit nicht nur Jahr aus Jahr ein, sie verdienen sich auch noch ganz hübsche Sümmchen. Hat einer der vielen ambulanten Frucht- oder Gemüsehändler, Barbiere, Restaurateure einen Sack voll kupferner Cash verdient, so tauscht er sich diese losen Münzen gegen die entsprechende Anzahl Cashstränge, sogenannte Tiao, ein. Er leert seinen Geldschrank vor dem Wechsler, und dieser untersucht und zählt die Mengen großer und kleiner, alter und neuer, guter und schlechter Kupfermünzen, wie sie eben in dem täglichen Verkehr in ganz China durch so und so viele Hände wandern. Nach längerem Feilschen werden Händler und Wechsler einig, und der letztere giebt dem ersteren für den vollen Münzenhaufen schön zusammengebundene Geldwürste, aus einiger Entfernung betrachtet, einem Pärchen Frankfurter nicht unähnlich.
Jede Wurst, von je 30 Centimeter Länge, enthält etwa 250 durchlochte Bronzemünzen; das Gewicht des Wurstpaares beträgt durchschnittlich 2 Kilo, und der Wert beläuft sich auf etwa 1 Mark 20 Pfennig. Da es im Innern Chinas häufig schwer fällt, Silberbarren gegen derartige Bronzemünzen umzutauschen, so mußte ich auf meinen Reisen, um nicht in Zahlungsverlegenheiten zu kommen, gewöhnlich 30 bis 40 Tiao, also 60 bis 80 Kilo Münzen mit mir führen, und meine Geldbörse war ein zweispänniger Reisekarren.
Während die Zölle und Steuern in Taels bezahlt werden, entsprechen die Cashstränge aber nicht den Taels, sondern t’scha-pu-to (beiläufig) eher dem Dollar. In China ist alles t’scha-pu-to, sogar das Geld. Um einen Strang zu machen, sucht der Wechsler aus seinen Münzhaufen zuerst zehn Säulen von je 100 Cash zusammen, wobei er aber auch eine gewisse Anzahl schlechter, durch Falschmünzer zur Verbreitung gelangter Cash einschmuggelt. In jedem Strange werden sich immerhin 30 bis 50 derartig minderwertige Cash befinden, und darin liegt das Geheimnis des Verdienstes der Wechsler. Dann dreht er ein Hanfseil fest zusammen, macht einen Knoten in der Mitte und fädelt nun 100 Cash auf den Strang; hierauf wird ein kleiner Knoten gemacht, abermals eine Säule von 100 Cash aufgefädelt, bis der Strang zehn derartige Abteilungen von je 100 Cash enthält. Er wird nun fest zu einem Kranz zusammengebunden und repräsentiert t’scha-pu-to einen Dollar spanischer, japanischer, mexikanischer oder Hongkonger Münze. Aber die letzte Abteilung enthält nicht 100, sondern 74 Cash. 20 werden abgezogen, weil es so Sitte ist, und die übrigen 6 Cash sind für den Hanfstrick. Der Wechsler hat also von jedem Dollar 26 Cash offiziell, außerdem etwa 30 bis 50 andere, da er schlechte Cash eingeschmuggelt hat, und überdies läßt er sich für diesen Strang von dem Kunden nicht 1000, sondern vielleicht 1050 bis 1070 Cash zahlen unter dem Vorwande, daß sich unter dessen Münzen eine große Anzahl schlechter Cash befänden. Er mag also bei jedem Strang bis zu 100 Cash verdienen, d. h. bei jedem Dollar ein Zehntel. Verkauft er im Tage 10 bis 20 Dollar, so hat er sich ein für einen Chinesen recht annehmbares Sümmchen verdient. Deshalb also die vielen Wechsler in den Straßen.
Die nächsthöhere Klasse der chinesischen Bankiers sitzt schon in eigenen Läden, die mit dem Gott des Handels, einer abscheulichen bärtigen Puppe, mit phantastischen Gewändern angethan, geschmückt sind. Der Gott des Handels muß ja Glück bringen. In den Geschäften Cantons sind diese Fratzen in Nischen nahe der Decke im Hintergrund des Ladens aufgestellt, und eine brennende Lampe davor soll den bezopften Götzen wach erhalten. Vorn, gegen die Straße zu, befindet sich der Ladentisch mit Silberwage, Rechenbrett und einigen Körben für das Silber, denn diese Klasse von Bankiers hat mit Kupfermünzen wenig mehr zu thun. Sie haben, wie alle anderen Berufszweige, auch ihre eigenen Vereinigungen oder Klubs mit gedruckten Vorschriften, die bei schweren Geldstrafen genau befolgt werden müssen. In ihnen wird z. B. den einzelnen Mitgliedern vorgeschrieben, dieselben Zinsen und Gebühren zu berechnen und einander nicht zu unterbieten.
Die Hauptgeschäfte dieser kleinen Bankiers sind denen ihrer europäischen Kollegen nicht unähnlich, nur berechnen sie für Darlehen, Wechsel, Checks und dergleichen erheblich mehr als die letzteren. Ein fester Zinsfuß besteht selbstverständlich in China nicht, und die Zinsen richten sich beispielsweise bei Darlehen ausschließlich nach der Stellung desjenigen, der ein Darlehen aufnimmt. Genießt er Ansehen und guten Ruf, so braucht er „nur” ½ bis ¾ Prozent im Monat zu bezahlen, oder 8 bis 10 Prozent im Jahre. Papiere, Schuldscheine und ähnliches werden nicht verlangt. Das Wort des Betreffenden oder höchstens noch eines Bürgen genügt. Andere, weniger „gute” Kunden haben 12 bis 14, ja noch mehr Prozente zu bezahlen. Die Bankiers nehmen auch Depositen an, für welche sie etwa die Hälfte der Darlehnszinsen bezahlen. Sind die Geschäftsleute vertrauenswürdig, so können sie auch mehr ziehen, als ihr Guthaben ausmacht, je mehr, desto besser, weil sie ja hohe Zinsen dafür zu zahlen haben. Vertrauen spielt in China vielleicht noch eine größere Rolle als bei uns, und entschieden wird dort viel weniger geschrieben. Geldanweisungen oder Wechsel werden ziemlich allgemein, wenigstens in den Provinzen, in denen sie ausgestellt wurden, als Zahlung angenommen und gehen durch verschiedene Hände. Die Chinesen haben eigentümlicherweise dreierlei Schreibarten für Ziffern. Wie wir etwa die arabischen und römischen Ziffern haben, so besitzen sie für den gewöhnlichen Gebrauch recht einfache Ziffern, z. B. für eins 一, zwei 二, drei 三, zehn 十 und so fort; hundert, tausend und zehntausend setzen sie aber nicht wie wir aus den Grundzahlen zusammen, sondern sie besitzen eigene Zeichen dafür, denn sie haben keine Null. Für Wechsel und Checks verwenden sie viel kompliziertere Schriftzeichen, und eine dritte noch schwierigere Art dient für bedeutende Summen, Urkunden und dergleichen.
Ein chinesischer Wechsel besteht aus einem Streifen zähen Papiers, auf welchem allerhand schwarze, rote und blaue Schriftzeichen aufgemalt und aufgestempelt sind. In Blau prangt der Name des Bankiers und das Datum, in Schwarz jener des Ausstellers und der Betrag, in Rot werden die Unterschriften jener gemacht, durch deren Hände der Wechsel geht. Die Bankfirma drückt, bevor sie den Wechsel aus ihrem Buche reißt, ihren Stempel derart auf, daß die eine Hälfte auf den Wechsel, die andere auf den entsprechenden Coupon fällt, und von diesem Stempel und dem Namen oder der Stellung der Firma hängt auch der Wert des Wechsels ab. Die Provision für den Bankier beläuft sich auf 3 bis 4 Prozent.
In verschiedenen Städten haben die kleineren Bankiers das Recht, Banknoten auszugeben, ohne irgendwelche staatliche Kontrolle, aber sie sind doch gehalten, wenigstens die Hälfte des Wertes ihrer im Umlauf befindlichen Banknoten in Bargeld zu besitzen. Die kleinste Banknote lautet auf 400 Cash (nach dem gegenwärtigen Kurse beiläufig eine Mark), die höchste auf 500 Tiao. Für falsche Banknoten sind die Bankhäuser nicht haftbar.
Am wichtigsten sind für den Europäer die großen chinesischen Banken, deren sich in jeder Stadt mehrere befinden, und die auch mit den europäischen Banken der offenen Häfen in regem Geschäftsverkehr stehen. Das Kapital dieser Banken wird entweder von den Firmeninhabern selbst aufgebracht, oder es beteiligen sich große Kaufleute und Aktionäre daran, ganz wie bei uns. In den offiziellen Berichten der Zollbehörden an die Zentralstelle in Peking fand ich das Kapital der Mehrzahl dieser „großen” Banken durchschnittlich mit 20000 bis 150000 Taels angegeben; das größte Kapital besitzen mehrere Canton-Banken mit 500000 Dollars. Leider hat die Zollbehörde in Shanghai in den letzten bis auf 1880 zurückreichenden Berichten unterlassen, von den dortigen Banken zu sprechen, denn Shanghai ist unzweifelhaft der wichtigste Handelsmittelpunkt des chinesischen Reiches, dasselbe, was die Londoner „City” für England und seine Kolonien ist. Es wäre möglich, daß in Shanghai eine oder die andere chinesische Bank ein Kapital besitzt, das eine Million und mehr erreicht.
Von diesen „großen” Banken sind in den verschiedenen Hafenstädten die Haikwanbanken die wichtigsten, denn diese befassen sich mit den Einzahlungen der Zölle an die Zollämter und der Absendung der Zolleinnahmen nach Peking resp. Tientsin. Die Zölle dürfen nicht in gewöhnlichen Provinz-Taels, sondern nur in vollwertigen, gesetzlich bestimmten Taels einbezahlt werden, und daher auch der Name Haikwan tael, der in der letzten Zeit in den europäischen Zeitungen häufig zu lesen war. In den Europäern nicht geöffneten Städten nehmen diejenigen Banken die erste Stelle ein, welche die Steuern, Likin, Abgaben für Opium und Salz einkassieren, die Beamtenbesoldungen ausbezahlen und die Einnahmen der einzelnen Distrikte nach Peking remittieren. Diese Banken sind nicht etwa Staatsbanken. Gewisse, das Vertrauen des Gouverneurs oder Taotais genießende Bankhäuser werden eben mit den Regierungsgeschäften betraut. Möglicherweise haben sie sich diese Stellung durch Bestechung der Beamten erworben, oder die letzteren beteiligen sich an dem Gewinn. Da sie das größte Ansehen genießen, werden ihnen häufig auch die Gelder von kaufmännischen oder Wohlthätigkeitsgesellschaften, Waisenhäusern und Spitälern zur Verwaltung gegeben. Sie zahlen für Depositen weniger Zinsen und sind überhaupt konservativer als die gewöhnlichen Banken. Ihnen zunächst im Ansehen und Vertrauen kommen die sogenannten Schansibanken. Sie führen diesen Namen deshalb, weil ihre Leiter durchwegs aus der Provinz Schansi im Norden Chinas stammen; auch ihre Angestellten sind größtenteils aus der gleichen Provinz, womöglich sogar aus demselben Orte. Die Hauptsitze dieser Schansibanken befinden sich in den größten Städten Chinas, und von dort werden in kleineren Städten und Hafenplätzen Zweigbanken gegründet. Wie groß das Vertrauen ist, das man diesen Schansileuten entgegenbringt, geht aus der Thatsache hervor, daß die Zweighäuser häufig ohne irgend welches Kapital gegründet werden. Kaum hat die Bank ihre Thüren geöffnet, so erhält sie schon Depositen, mit denen sie ihr Geschäft betreibt.
Jede der genannten Banken besitzt einen Beamtenstand von sechs bis zwölf, ja bis zu zwanzig Leuten, welche feste Summen monatlich beziehen und außerdem noch an dem Gewinn der Bank beteiligt sind. Eine Ausnahme machen die Schansibanken. Wird ein Beamter in irgend einem Zweighause im Innern des Landes angestellt, so geschieht dies gewöhnlich auf die Dauer von drei Jahren, während welcher Zeit die Familie des Betreffenden als Pfand unter der Aufsicht des Haupthauses bleibt und von diesem allen Lebensbedarf erhält, der genau verrechnet wird. Auch der Beamte erhält während der drei Jahre keinen Gehalt, er entnimmt den Bankgeldern alles, was er für Nahrung, Wohnung, Kleidung, für Repräsentationskosten, Bankette und dergleichen bedarf, und bucht jeden Betrag unter den Bankausgaben. Unterbeamte erhalten ihren Bedarf an Kleidung, Nahrung und dergleichen von dem Bankchef. Während der ganzen Dienstzeit dürfen sie mit ihren Familien nur durch das Hauptbankhaus verkehren, d. h. ihre Briefe an die Familie werden zuerst von den Chefs gelesen, bevor sie in die Hände der Familie gelangen. Nach Ablauf der drei Jahre werden sie von anderen Beamten abgelöst und kehren mit ihren Büchern nach dem Hauptsitz der Bank zurück. Dort werden die letzteren geprüft, und hat sich neben ehrlicher Verwaltung der Gelder auch noch ein ansehnlicher Gewinn gezeigt, so erhalten die Beamten eine bedeutende Summe als Belohnung und dürfen zu ihren Familien zurückkehren. Werden Unterschleife entdeckt, so müssen sich die Betreffenden vor dem Gericht verantworten und werden gegebenenfalls eingesperrt.
Diese großen Banken haben es hauptsächlich mit der Regierung, mit reichen Kaufleuten, Zöllen, Salz- und Opiumsteuern, Likin (Wegezöllen) und anderem zu thun. In den Hafenstädten sind das Hauptzahlungsmittel mexikanische, japanische, spanische, Hongkong- und Canton-Dollars, selbst den Jangtsekiang aufwärts bis nach Tschunking werden sie überall als Zahlung angenommen. So z. B. ist in Wuhu der Carolus oder spanische Dollar allgemein eingeführt, und es sind davon auch in der ganzen Provinz über eine Million verbreitet. Im Innern des Landes aber sind es nicht Münzen, sondern Silberbarren, mit denen Zahlungen geleistet werden. Ihrer dem chinesischen Schuh nicht unähnlichen Form nach werden diese Barren allgemein mit dem englischen Namen Shoe bezeichnet. Der gewöhnliche Shoe hat einen Wert von 50 Taels, es giebt aber auch solche von 20, 10 und 5 Taels, welche wohl die kleinsten sind. Im Chinesischen heißt dieses ungeprägte Silber Sycee (Seisieh). Um Fälschungen der Barren zu vermeiden, bestehen in den größeren Städten eigene Probierämter oder Kung-ku, die aber keineswegs Staatsämter sind, sondern von den Bankhäusern und großen Geschäftsfirmen unterhalten werden. Für die Prüfung und Bestimmung eines Shoes von 50 Taels wird eine Gebühr von 50 Cash bezahlt. Da sich Silber auf dem Probierstein je nach dem Silbergehalt mehr oder weniger entfärbt, so werden die Shoes nach der Farbe (im Chinesischen Se) geprüft, und man sagt „der Shoe hat 97 oder 98 Farbe”. Sobald der gewöhnlich sehr hohe Silbergehalt bestimmt ist, wird der Shoe gewogen, und das Probieramt schreibt mit roter Farbe den Inhalt und den Wert des Barrens in Taels auf denselben. Diese Bestimmung wird von den Handelsleuten selten in Zweifel gezogen und gewöhnlich in gutem Glauben angenommen.
Die Banken beschäftigen sich nicht nur mit der Verwaltung, Verzinsung und Versendung von Geldern, sie gewähren auch Darlehen, bezahlen für Kaufleute die Steuern und Abgaben, und ein höchst seltsames Geschäft ist das Spekulieren in Beamtenstellen. Hat einer oder der andere gelehrte Chinese seine Prüfungen gut bestanden, so hat er Anwartschaft auf irgend einen Beamtenposten, den er nach Monaten oder nach Jahren in Peking wirklich erhält. Während dieser Wartezeit werden ihm von Banken, selbst von den Schansibanken, Vorschüsse geleistet, ja bei der elenden Mandarinwirtschaft und der Käuflichkeit der Stellen schießen die Banken die Gelder zum Ankauf einer Stellung vor, senden sie nach Peking, und das Diplom, die Amtsinsignien und dergleichen werden auch nicht dem Beamten, sondern der Bank zugesandt, welche sie dem neuen Regierungsangestellten aushändigt. Die Bank zieht dann die Vorschüsse von dem Gehalt der Beamten ratenweise ab. Der Geldverkehr zwischen den einzelnen Städten wird gewöhnlich durch Wechsel besorgt, und die Banken haben eigene, ich möchte sagen lokale Handlungsreisende, die von Zeit zu Zeit oder auch täglich in den großen Geschäftshäusern vorsprechen, um sich auf dem Laufenden zu erhalten. Sind beispielsweise von vier verschiedenen Häusern in Futschau Gelder an ebensoviele Häuser in Ningpo zu senden, so werden die Banken die Gesamtsumme an ein europäisches Bankhaus in Futschau einzahlen, welches dafür einen Wechsel an ein europäisches Haus in Ningpo sendet. Gleichzeitig benachrichtigt die chinesische Bank in Futschau ihren Korrespondenten in Ningpo, daß der an sie gelangende Wechsel in vier einzelnen Beträgen an die vier bestimmten Handelshäuser zu zahlen sei. Kommt es vor, daß Kaufleute in Ningpo bestimmte Summen an chinesische Kaufleute in Futschau zu zahlen haben, so verständigen sich die Banken, und es wird nur die Differenz übermittelt, also etwa das Prinzip unserer „~Clearing Houses~”, aber ~par distance~.
Der Mittelpunkt dieses clearing für ganz China ist jedoch unzweifelhaft nicht Canton oder Hongkong, sondern Shanghai. Die Bankhäuser in Shanghai haben allerorts ihre Korrespondenten, und der größte Teil des Geld- und Wechselverkehrs spielt sich dort ab. All dies zeigt entschieden ein großes gegenseitiges Vertrauen, eine Ehrlichkeit und Anständigkeit des Geschäftsverkehrs, von welcher man in Europa bisher viel zu wenig Kenntnis hatte, und beweist, daß man die Chinesen in dieser Hinsicht auch viel zu sehr unterschätzt, wie man bisher gewohnt war, die Japaner zu überschätzen. Die geschilderten Verhältnisse zerstören auch gründlich die immer noch in vielen Kreisen bestehende Annahme, China besitze kein Geld, keinen Geschäftsverkehr, das Land wäre seit Jahrtausenden erstarrt und verlottert.
Wie die Chinesen ihre Briefe befördern.
Der Umstand, daß in den Briefmarkenalbums nur chinesische Zollbriefmarken, aber keine eigentlichen Reichspostmarken vorkommen, hat in Europa die Meinung aufkommen lassen, China besitze überhaupt kein Postwesen. Das mag richtig sein, wenn man sich darunter das moderne Postwesen nach Stephanschem Muster vorstellt, mit seinen regelmäßigen Versendungs- und Lieferzeiten, mit Briefmarken, Postkarten und internationalen Einrichtungen. Man würde aber gewaltig fehlgehen, wollte man annehmen, daß es in dem großen Reiche der Mitte überhaupt keine Post gäbe. Im Gegenteil. Briefe, Pakete und Gelder können in China heute von einem Ende des viele Millionen Quadratkilometer großen Landes zum andern befördert werden, und diese Sendungen gelangen mit erstaunlicher Sicherheit in die Hände der Adressaten. Städte und Dörfer aller achtzehn Provinzen sind durch die chinesische Post erreichbar, und unsere europäischen Kaufleute können mit dem Dalai Lama von Tibet oder dem Vizekönig der Mandschurei beinahe ebenso einfach korrespondieren, als wäre China ein Glied des Weltpostvereins.
Dabei sind die postalischen Einrichtungen Chinas nicht etwa Errungenschaften der Neuzeit, den Europäern abgelauscht, wie es beispielsweise in Japan der Fall ist. Das chinesische Postwesen ist das älteste des Erdballs, älter als jenes der Aegypter und Chaldäer, ebenso wie ja auch die chinesische Schriftsprache die älteste ist. Schon vor fünftausend Jahren haben die Chinesen Briefe geschrieben und durch ihre Post befördern lassen. Vor einem Jahrtausend besaßen sie schon ihre Regierungszeitung, die durch Postboten an ihre Abonnenten bestellt wurde, und da sage man, die Chinesen hätten keine Post! Marco Polo hat in seinen Werken die erste Schilderung dieser Post entworfen, und hätten die Europäer damals (etwa im dreizehnten Jahrhundert) mehr Unternehmungsgeist besessen, es wäre, gestützt auf die Ausführungen Marco Polos, vielleicht schon zu jener Zeit unserm Kontinent ein Thurn und Taxis erstanden.
Erst im siebzehnten Jahrhundert gelangte das Postwesen in Europa auf dieselbe Stufe, auf der es in China schon zu Anfang der christlichen Zeitrechnung war. Seither ist es den Chinesen freilich in ungeahnter Weise vorausgeeilt, während es bei den letztern beinahe auf derselben Stufe wie zur Zeit Christi stehen geblieben ist. Bis vor wenigen Jahren verschloß sich ja China sogar dem Telegraphen.
Ohne ein eigenes Postwesen wäre es den Chinesen gar nicht möglich gewesen, ihr ungeheures Reich von einer Hauptstadt aus zu regieren. Deshalb stand schon vor Jahrtausenden und besteht heute noch ein eigener Kurierdienst, der in Peking seinen Mittelpunkt hat und dort dem Kriegsministerium untersteht. In einem der Yamen des letztern stehen beständig Kuriere und Pferde bereit, um die kaiserlichen Dekrete und die Pekinger Zeitung an die Vizekönige der einzelnen Provinzen zu bringen, und es werden davon in jeder Woche eine bestimmte Zahl nach verschiedenen Richtungen versendet. Die Kuriere nach der Mandschurei und nach dem nördlichen Tibet sind gewöhnlich beritten, während jene nach dem Süden die mitunter über zweitausend Kilometer weiten Strecken zu Fuß zurücklegen. Wie rasch diese Kurierpost funktioniert, geht beispielsweise aus der Thatsache hervor, daß den kaiserlichen Beamten für die Reise von Peking nach Canton, eine Strecke von etwa zweitausend Kilometern, drei Monate eingeräumt werden, während die Postläufer gehalten sind, diese Strecke in zwölf Tagen zurückzulegen. Es entfallen also auf jeden Tag gegen hundertsiebzig Kilometer. Gewöhnliche offizielle Dokumente werden mit einer Schnelligkeit von zweihundert Li (etwa hundertzehn Kilometer) pro Tag befördert; Dokumente, welche mit der Bezeichnung „Eilig” versehen sind, müssen mit der Schnelligkeit von zweihundertzwanzig Kilometern, und solche, welche den Vermerk „Sehr Eilig” tragen, mit der Schnelligkeit von vierhundert Kilometern im Tag befördert werden. Während der Taipingrevolution versahen die Reichspostboten zeitweise den Dienst mit einer durchschnittlichen Schnelligkeit von zwanzig Kilometern in der Stunde.
Freilich werden zu kaiserlichen Postläufern nur die größten und stärksten Männer ausgesucht, und sie heißen im Chinesischen auch Tschien-fu, d. h. starke Männer, oder Tsien-li-ma, d. h. Tausendpferd. In ihrer Kleidung unterscheiden sie sich nur wenig von dem chinesischen Landvolk: lose blaue Jacken mit langen, weiten Aermeln, kurze, bis über die Knie reichende Beinkleider und einen schwarzen Hut, der in Form und Größe einer umgestürzten Schüssel ähnelt. Die Waden sind nackt, und die Füße sind mit leichten Strohsandalen bekleidet. In der Rechten halten die Läufer einen papiernen Sonnenschirm, in der Linken eine Papierlaterne, deren Licht nach Eintritt der Dunkelheit angezündet wird. Die Depeschen, Zeitungen und Pakete sind in Oelpapier eingeschlagen und gewöhnlich in einem Rückenkorb aus Bambusgeflecht untergebracht, der durch ein um die Brust geschlungenes Tuch festgehalten wird. An diesem letztern baumelt eine kleine Glocke oder Schelle, das Abzeichen der Postläufer. Obschon die zu tragende Last zuweilen vierzig bis fünfzig Kilogramm beträgt, ist die gewöhnliche Gangart der Postläufer der Laufschritt. Tag und Nacht, bei glühender Hitze oder grimmiger Kälte traben sie auf den elenden Wegen leicht einher, oft mehrere Stunden ohne Unterbrechung. Unterkunft und Nahrung erhalten sie in den einzelnen Ortschaften, die sie berühren, von den Behörden, doch gilt es den Läufern als Regel, sich niemals zu sättigen, sondern lieber öfter, dafür aber nur eine geringe Menge Speisen zu sich zu nehmen. Charakteristisch für die Sicherheitszustände in China ist es, daß die Postläufer keine Waffen tragen. Nur in unruhigen Zeiten werden ihnen ein oder mehrere Geleitsmänner mitgegeben, ebenso kräftig und ausdauernd, wie sie selbst sind. Diese Tschien-fu haben eine eigentümliche Art, sich auf Kämpfe mit etwaigen Straßenräubern einzuüben. In einem hohen Raume werden an langen, von der Decke hängenden Seilen schwere Sandsäcke befestigt. Der Uebende stellt sich in der Mitte zwischen denselben auf und versetzt der Reihe nach jedem Sacke einen kräftigen Stoß, bis sie sich alle in schwingender Bewegung befinden. Die Aufgabe des Uebenden besteht nun darin, die schweren Säcke fortwährend in Schwingung zu erhalten und darauf zu sehen, daß kein Sack ihn von hinten trifft oder gar umwirft. Sollte das geschehen, so wird der Betreffende zum Geleitsdienst nicht mehr zugelassen. Man glaubt gar nicht, welche Behendigkeit und Kraft es von dem Uebenden erfordert, sich diese von allen Seiten auf ihn eindringenden Sandsäcke vom Leibe zu halten, und die chinesischen Straßenräuber haben auch gewöhnlich vor den Geleitsmännern der Post einen heiligen Respekt.
Für die reitenden Boten sind auf bestimmte Entfernungen Pferdewechsel vorhanden, und die Beförderung der Postsäcke erfolgt in ähnlicher Weise, wie sie beispielsweise in den Vereinigten Staaten noch in den sechziger Jahren, vor der Eröffnung der Pacific-Eisenbahnen, stattfand. Dort waren es Privatunternehmer, die bekannte, noch heute blühende Firma Wells Fargo Expreß, welche die Briefbeförderung zwischen dem Mississippithal und Kalifornien besorgten, und noch in den siebziger Jahren bin ich in Arizona diesen Postreitern mitunter selbst begegnet.
Obschon die Läufer der chinesischen Regierungspost nur mit offiziellen Depeschen Peking verlassen, werden ihnen auf ihrem Wege nach den entfernten Provinzhauptstädten doch auch viele Privatbriefe zur Besorgung übergeben, ein recht einträglicher Nebenverdienst, wenn man bedenkt, daß die Beförderung eines Briefes, je nach der Strecke, zwei- bis vierhundert oder selbst noch mehr Cash, d. h. vierzig bis achtzig Pfennig kostet.
Aber der eigentliche nichtamtliche Postverkehr Chinas wird durch private Postunternehmungen besorgt, deren es in jeder größeren Stadt eine beträchtliche Anzahl giebt. Es spricht nicht wenig für die Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit der Geschäftsleute, daß diese privaten Postanstalten unter keinerlei Regierungsaufsicht stehen, keine Bürgschaften zu hinterlegen haben und mitunter nur unbedeutendes Betriebskapital besitzen; dennoch werden ihnen häufig von Kaufleuten beträchtliche Geldwerte zur Beförderung übergeben. Obschon nun diese Beförderung gewöhnlich durch einfache, arme Postläufer erfolgt und die Briefe mitunter mehrmals die Hände wechseln, kommen Verluste doch nur selten vor. Tragen die Angestellten der betreffenden Firmen die Schuld an dem Verlust, so wird derselbe von den Firmen voll ersetzt.
Jede dieser Privatposten besitzt in den verschiedenen Städten eigene Agenten, und wo sich eine Agentur für jeden einzelnen Unternehmer nicht lohnen würde, bestellen mehrere einen gemeinschaftlichen Agenten, welcher dafür an ihre Gesamtheit jährlich eine Art Miete zu entrichten hat. Was er während des Jahres über diese Summe an Beförderungsgebühren einnimmt, ist sein Verdienst. Wird die Summe aber nicht erreicht, so wird ihm der Unterschied von den Postanstalten ersetzt.
Die Chinesen schreiben viel mehr Briefe, als man anzunehmen geneigt wäre, und der ungeheure Geschäftsverkehr im Inland macht die große Zahl von Briefen und dementsprechend auch die große Zahl von privaten Postämtern begreiflich. Dennoch ist der Verdienst der letzteren wegen der Zersplitterung des Postdienstes und der doppelten oder dreifachen Besetzung desselben Postens nur gering. Würde die Regierung das ganze Postwesen in eigene Verwaltung nehmen und in ähnlicher Weise einrichten, wie es heute wohl in allen Staaten des Erdballs geschieht, so könnten sehr beträchtliche Einnahmen erzielt werden.
Die Chinesen schreiben ihre Briefe gewöhnlich auf kleine, weiche, gelbliche Papierbogen, die durch rote Striche in vertikale, fingerbreite Spalten geteilt sind. Jede Spalte enthält eine Zeile der eigentümlichen, von oben nach unten und von rechts nach links geschriebenen Schriftzeichen.
Der Brief wird in einen geklebten Umschlag von länglicher Form gesteckt, der der Länge nach mit einem zweifingerbreiten Streifen von roter Farbe, der Glücksfarbe, bedruckt ist. Auf diesen wird die Adresse geschrieben und der nun fertige Brief auf eines der Postämter getragen. Briefmarken sind in den chinesischen Privatpostämtern unbekannt. Der Beamte erkundigt sich, ob der Briefschreiber die Beförderung ganz oder teilweise bezahlen oder die Bezahlung dem Adressaten überlassen will, und pinselt dementsprechend einen Vermerk auf den Briefumschlag: „Weingeld (d. h. Postgebühr) bezahlt”, oder „Weingeld nach dem Tarif”, oder „so und so viel Cash bezahlt, Rest einzufordern”. Nur wenn der Brief Banknoten, Wechsel und dergleichen enthalten sollte, wird die Beförderungsgebühr von dem Absender bezahlt, und er erhält dafür einen Empfangsschein, auf Grund dessen er im Fall des Briefverlustes die volle Wertsumme vom Postamte einfordern kann. Bei solchen Wertsendungen sind je nach der Entfernung des Bestimmungsortes für je hundert Taels ein halber bis anderthalb Tael Versicherungsgebühr zu bezahlen.
Wohl giebt es bei den meisten Privatpostämtern Chinas, und es sind deren Tausende, feste Tarife; je größer die Entfernung, desto höher die Bestellungsgebühr; das Briefgewicht ist dabei Nebensache. Deshalb kommt es auch in den verschiedenen Großstädten täglich vor, daß eine Anzahl Briefschreiber ihre für dieselbe Stadt bestimmten Briefe in einen einzigen Umschlag zusammenthun, wodurch je nach der Zahl der Briefe ein oder mehrere Taels an Postgebühr erspart werden. Am Bestimmungsorte übernimmt es dann der Adressat, die anderen beigeschlossenen Briefe an ihre Adressen abzuliefern oder nochmals der Post zur Beförderung zu geben. So beträgt beispielsweise die Gebühr für einen Brief von Tschunking am oberen Jangtsekiang nach Hankau, eine Entfernung von 3000 Li, 60 Cash, im Hankauer Lokalverkehr jedoch nur 5 Cash; werden zwanzig Briefe nach Hankau befördert, so würden sie einzeln 60 Cash, zusammen 1200 Cash, d. h. nahezu einen Tael kosten. In einem Umschlag vereinigt, kosten sie nur 60 Cash, und dazu in Hankau selbst je 5 Cash, d. i. 100 Cash Bestellungsgebühr. Statt 1200 Cash haben also die Empfänger zusammen nur 160 Cash zu bezahlen.
Uebrigens gelten die Tarifsätze der Postämter nur für Fremde und Privatleute, die nur selten Briefe absenden. Die Inhaber der Postämter lassen mit sich reden. Je geringer ihr Ansehen und ihre Stellung, desto wohlfeiler ist die Beförderung; haben die Postämter es mit großen Hongs, d. h. Geschäftshäusern zu thun, die viele Briefe absenden, so gehen sie mit ihrem Tarif auf zwei Drittel oder die Hälfte herunter; ja sie befördern die Briefe der Angestellten dieser Häuser ganz frei, d. h. stempeln diese Briefe „Weingeld bezahlt” und lassen an den Abgangstagen ihrer Postläufer die Briefe von den einzelnen Hongs durch ihre Angestellten selbst abholen.
Beim Eintreffen der Kuriere senden die Postanstalten die Briefe den verschiedenen Adressaten ins Haus und ziehen dabei die Gebühren ein. Die großen Geschäftshäuser haben aber gewöhnlich bei ihren Postämtern eine laufende Rechnung und zahlen die Briefgebühren ein- oder zweimal jährlich.
In den Großstädten haben sich die meisten größeren Postunternehmungen untereinander bezüglich der Absendung ihrer Läufer nach anderen wichtigen Städten geeinigt, d. h. einen sogenannten Pool abgeschlossen, demzufolge jeden Tag oder jeden zweiten, dritten, vierten Tag, je nach Erfordernis, der Läufer einer anderen Postanstalt abgeht und die Briefe sämtlicher Postanstalten mitnimmt. Da jeder Brief die zu bezahlende Summe und den Namen der Postanstalt zeigt, so ist die Abrechnung ziemlich leicht. Dank dieser Vereinigung der Postämter lohnt es sich nunmehr auch, zeitweilig Kuriere nach entfernteren, unbedeutenden Städten abzusenden, so daß heute thatsächlich in ganz China von diesen Postanstalten Briefe bestellt werden. Der Kurier erhält von seinem Absender den Auftrag, den betreffenden Brief auf seinem Wege in dem dem Bestimmungsort nächstgelegenen Wirtshause abzugeben. Der Wirt verwahrt den Brief, bis ein nach demselben Dorfe ziehender Maultiertreiber oder Lastträger bei ihm vorkommt, und übergiebt ihn diesem zur Weiterbeförderung. Gewöhnlich sind diese Leute froh, sich durch solche Gelegenheiten ein paar Cash zu verdienen, und geben die Briefe gewissenhaft ab.
Dort, wo zwischen verschiedenen Städten Dampferverkehr herrscht, werden die Briefsäcke den Compradores, d. h. Zahlmeister, der Dampfer zur Beförderung anvertraut, und diese beziehen dafür von den Postämtern gewisse Summen, die entweder für jeden Postsack oder jährlich bezahlt werden. An den verschiedenen Bestimmungsorten der Postsäcke erwarten die Agenten der Postämter die Ankunft des Dampfers und nehmen die Säcke zur Verteilung oder Weitersendung der Briefe in Empfang. In ähnlicher Weise wird sogar auch der Briefverkehr zwischen China und den zahlreichen chinesischen Kolonien in Ostasien, in Singapore, Siam, Tonking, Saigon, den Philippinen besorgt. Die Chinesen gehen so viel wie möglich den europäischen Postämtern aus dem Wege, besonders wenn es sich um Beförderung von Geldsummen handelt. Gerade die Chinesen in den Kolonien senden sehr viel Geld nach ihrem Heimatsland, wohin sie ja gewöhnlich bei zunehmendem Alter selbst zurückkehren.
Auf Flüssen, die einen Dampferverkehr besitzen, werden die Postboten gewöhnlich nur stromabwärts in eigenen Segel- und Ruderbooten nach ihrem Bestimmungsort gesandt; der Verkehr stromaufwärts erfolgt zu Land mittels Läufern. Am besten wird der ganze Postdienst dieser Art aus der Schilderung des Verkehrs auf der wichtigsten Verkehrslinie Chinas, dem Jangtsekiang, erhellen. Der entfernteste dieser Flußhäfen ist Tschungking am oberen Jangtsekiang, in der Luftlinie nur vierhundertdreißig Kilometer von der tibetanischen Grenze entfernt, eintausendfünfhundert Kilometer von Peking und etwa ebensoweit von Shanghai. Die wirkliche Entfernung dürfte zweitausend Kilometer übersteigen.
Tschungking besitzt sechzehn Postämter, von welchen sich drei mit dem Brief-, Geld- und Paketverkehr mit den stromabwärts gelegenen Städten bis Shanghai befassen, während dreizehn den Postverkehr im ganzen westlichen und südwestlichen China besorgen. Neun von ihnen besorgen auch die Beförderung von Waren, Gepäck und Reisenden (mittels Sänften und Tragstühlen) nach der Mehrzahl der dortigen Städte. Alle dreizehn Postämter bilden eine Art Postverein, denn sie berechnen die gleichen Gebühren und senden ihre Läufer, gewöhnlich drei- bis neunmal im Monat, gemeinschaftlich aus. Von diesen Läufern werden nicht weniger als 48 der wichtigsten Städte und Märkte der Provinz Szetschuan regelmäßig bedient, ferner fünf Städte in der 1000 Kilometer entfernten Provinz Schensi, zwei Städte in Kansu, zwei in Kweitschau und drei in Yünnan, zusammen also 60 Städte, in welchen die Postämter von Tschungking eigene Agenturen unterhalten. Im Bedarfsfalle werden nach den verschiedenen Städten noch Extraposten abgesandt, deren Zahl monatlich im Durchschnitt sechs erreicht.
Die drei mit den Flußhäfen des Jangtsekiang verkehrenden Postämter benutzen zur Beförderung der Briefe und Pakete sogenannte Post-Wasserhände, d. h. kleine, von einem, höchstens zwei Mann gelenkte Segel- und Ruderboote, in welchen die Kuriere und Poststücke untergebracht werden. Die Briefpakete werden in Oelpapier gewickelt, dann in wasserdichte Säcke gepackt und mit Schnüren an die Ruder des Bootes gebunden, damit im Falle eines Schiffbruchs diese Ruder als eine Art Rettungsgürtel dienen und die Briefsäcke nicht verloren gehen. Ein Brief von Tschungking nach Hankau kostet 60 Cash, ein Paket etwa 300 Cash für je 500 Gramm Gewicht, ein Wechsel von 1000 Taels nach Hankau 1000 Cash (also 1/10 Prozent), worin die Versicherungsgebühr eingeschlossen ist. Die drei Postämter lassen gemeinschaftlich alle fünf Tage ein Postboot nach Hankau abgehen, und ebenso häufig wird die Post von Hankau nach Tschungking gesandt. Extraposten kommen jetzt, da Tschungking bereits eine Telegraphenverbindung mit dem chinesischen Netz besitzt, auf dieser Linie nur noch selten vor.
Die Postboote sind länger und leichter gebaut als die gewöhnlichen Flußboote; der Bootsmann sitzt am Hinterteile des Schiffes und rudert mit den nackten Füßen, wobei die große Zehe etwa wie der Daumen arbeitet; mit der Rechten handhabt er das Steuerruder. Gleichzeitig wird, wenn irgend möglich, auch das Segel benutzt; dennoch war die kürzeste Zeit, in welcher ein Postboot von Tschungking Hankau erreicht hat, bisher elf Tage, stromaufwärts würde es selbstverständlich noch viel länger dauern; deshalb werden die Postboote, sobald sie Itschang oder Hankau erreicht haben, für 3000 bis 4000 Cash verkauft und Bootsleute, wie Kuriere kehren zu Land nach Tschungking zurück, wobei sie gleichzeitig die Hankauer Post mitnehmen.
Auf der Reise von Tschungking den Jangtsekiang abwärts ist der nächste offene Flußhafen Itschang, gleichzeitig der Endpunkt der Dampferfahrt. Dort befinden sich nur drei Agenturen von Hankauer Postämtern, die aber Briefe und Wertsendungen nach allen größeren Orten Chinas annehmen. Der wichtigste Verkehrsmittelpunkt des Jangtsekiangthales ist die etwa sieben Tagereisen weiter stromabwärts gelegene Stadt Hankau, die Metropole des chinesischen Theehandels, mit etwa einer Million Einwohner. Hier befinden sich nicht weniger als siebenundzwanzig verschiedene Postunternehmungen, von denen fünfzehn ihre Poststücke mit Dampfern, zwölf mit Landboten versenden. Briefe von hier nach Shanghai oder Ningpo kosten 80 Cash, nach Canton 100 Cash, nach Peking oder Tientsin 200 Cash, und die Postanstalten arbeiten so vorzüglich, daß selbst bei der Beförderung auf Fluß- und Kanalbooten Verluste selten vorkommen. So sandte beispielsweise, wie der Zolldirektor von Hankau berichtet, die Postanstalt Hotschang in den letzten fünfzehn Jahren 4200 Postboote aus, von denen nur drei ihre Postsäcke verloren haben.
Die Post des nächsten Posthafens Kiukiang wird durch vierzehn Agenturen von Hankauer oder Shanghaier Postanstalten besorgt, und mehrere Agenturen ruhen in den Händen einer einzigen Chinesenfirma. Auch hier arbeiten die verschiedenen Postämter zusammen und senden gemeinschaftlich einzelne Kuriere mit den Postsäcken nach verschiedenen Städten. So wird beispielsweise an allen Tagen des Monats, welche die Ziffern 1, 4 und 7 enthalten (also am 1., 4., 7., 11., 14., 17., 21., 24. und 27.), die Post nach den Städten des Südens, an allen Tagen, welche die Ziffern 2, 5 und 8 enthalten, nach den Städten des Nordens befördert. Der weiter stromabwärts gelegene offene Hafen Wuhu ebenso wie das nur zwei Tagereisen von Shanghai entfernte Tschinkiang liegen bereits gänzlich innerhalb der Interessensphäre der großen Postanstalten Shanghais, der Hauptstadt des Jangtsekianggebietes.
Neben den privaten Posten und dem oben bezeichneten Kurierdienst für Regierungsdepeschen besteht in China seit einer Reihe von Jahren noch eine Art halboffizielle Post, die von dem ausgezeichneten Leiter der chinesischen Zollämter, Sir Robert Hart, ins Leben gerufen wurde und wohl den bescheidenen Anfang für die nunmehr zur Einführung gelangende chinesische Reichspost bilden dürfte. Ursprünglich war dieser Postdienst nur für den Verkehr der Zollämter bestimmt, allein er hat sich so sehr bewährt, daß die in den Vertragshäfen residierenden Europäer ihre für das Innere Chinas, für Peking und Korea bestimmten Briefschaften hauptsächlich nur der Zollpost anvertrauen. Dieselbe ist ganz nach europäischem Muster organisiert, und die Beförderung geschieht im Sommer durch Dampfer, da ja die Vertragshäfen mit wenigen Ausnahmen Dampferverbindung mit Shanghai und demzufolge auch mit Korea und Tientsin, dem Hafen von Peking, besitzen. Da im Winter die Häfen des Gelben Meeres während mehrerer Monate durch Eis geschlossen sind, erfolgt der Postdienst dann durch Kuriere, und zwar zwischen Peking und Tientsin täglich, zwischen Tientsin und Nintschwang in der Mandschurei einmal wöchentlich, und zwischen Tientsin und den südlicheren Häfen Tschinkiang, Tschifu (d. h. also auch Shanghai) dreimal wöchentlich.
Außerdem geht von Shanghai bei jedesmaliger Ankunft der europäischen und amerikanischen Postdampfer noch eine Extrapost mit den für die Regierung und die ausländischen Gesandtschaften bestimmten Briefschaften über Land nach Peking ab. Diese Extraposten legen die Strecke Shanghai-Peking in zwölf Tagen zurück. Die Zollpostämter besitzen für die Freimachung der Briefe eigene Postwertzeichen, welche in der Mitte den chinesischen Drachen zeigen und am Rande die Wertangabe in englischer Sprache, ein, zwei oder drei Candarins, tragen. Die chinesischen Briefmarken haben jedoch nur für den chinesischen und koreanischen Verkehr Gültigkeit. Sollen Briefe z. B. von Peking oder Söul mittels der Zollpost nach Europa gesandt werden, so wird auf dieselben der Wert der Briefmarken für die Sendung nach Shanghai, also drei Candarins, aufgeklebt und außerdem noch der Wert in so vielen englischen Briefmarken, als für die Sendung nach Europa oder Amerika erforderlich ist. In Shanghai wird von seiten der Zollpost die entsprechende deutsche, englische oder französische Briefmarke dazugeklebt, je nachdem die Briefe mit deutschen, englischen oder französischen Postschiffen nach Europa abgehen.
Für den lokalen Briefverkehr in Shanghai, Hankau, Ningpo, Tschifu und Tschinkiang haben die europäischen Verwaltungen dieser Vertragshäfen eigene Briefmarken zur Einführung gebracht, und dieselben werden auch zur Freimachung der Briefe für andere Vertragshäfen benutzt. Die Behörden machen mit diesen Briefmarken vortreffliche Geschäfte, weniger durch die Lebhaftigkeit des Briefverkehrs als durch den Absatz, den sie bei europäischen Briefmarkensammlern finden.
Wie man aus den vorstehenden Ausführungen sieht, ist China ganz im Gegensatz zu den herrschenden Anschauungen viel mehr mit postalen Einrichtungen versehen, als es wünschenswert ist, ja in keinem Lande der Welt giebt es so vielerlei Postanstalten als gerade in China. Shanghai allein besitzt beispielsweise außer den sechs früher schon erwähnten staatlichen Postämtern noch gegen dreißig Privatposten für den Inlandverkehr.
Im Lauf der letzten Jahre hat es der Leiter des chinesischen Zollwesens, Sir Robert Hart, zu Wege gebracht, an vielen Hauptverkehrsrouten eine kaiserliche Post einzuführen. Er bediente sich dazu der Zollbeamten sowie einzelner Privatpostanstalten, und der ganze Apparat arbeitet so vortrefflich, daß bald das ganze Chinesische Reich kaiserliche Postämter besitzen dürfte.
Chinesisches Militär.
China hat wohl europäisches Kriegsmaterial erworben, aber der militärische Geist ist derselbe geblieben, wie er vor drei Jahrhunderten zur Zeit der Eroberung Chinas durch die Mandschus war. Die europäischen Instruktionsoffiziere fanden in China nicht etwa als Lehrmeister von Strategie und Taktik, sondern einfach als Drillsergeanten Verwendung. Vor drei Jahrhunderten hatte sich die Kriegskunst der Mandschus in so ausgezeichneter Weise bewährt, daß sie das größte Kaiserreich Asiens unterjochten und auf den Thron der gestürzten Kaiserdynastie einen Mandschurengeneral setzen konnten; warum und wozu sollte diese bewährte Kriegskunst geändert werden? Sie ebenso wie die ganze Heeresorganisation wurden also bisher mit fast abergläubischer Konsequenz beibehalten; da aber die Chinesen einsahen, daß ihre Soldaten mit Bogen und Pfeil gegen die modernen Schießwaffen der Europäer nicht aufkommen konnten, drückten sie einem Teil ihrer Streiter an Stelle des Bogens Hinterladergewehre in die Hände und schafften Kruppsche Kanonen an. Daß die Verschiedenheit der Waffen auch eine Aenderung der Taktik mit sich bringt, daran haben sie bisher nicht gedacht, obschon sie während ihrer Kriege gegen die Engländer, Franzosen und Japaner gewiß hinlänglich Gelegenheit bekamen, dies zu beobachten.
Mit rührender Treue halten die Söhne des Himmels an ihren alten Ueberlieferungen fest und stehen den Erfindungen der Yan-kwei-tse, ausländischen Teufel (das ist die gebräuchliche Bezeichnung der Chinesen für die Europäer) fast mit Verachtung gegenüber. Ich sah dies schon in der ersten Woche meines Aufenthalts in China, als ich von Hongkong den Perlfluß aufwärts nach Canton fuhr. Canton, die größte Stadt des himmlischen Reiches, gleichzeitig eines der wichtigsten und reichsten Handelsemporien Chinas, ist mit hohen, gewaltigen Mauern umgeben, und auch die Inseln, sowie die Höhen längs der Flußufer sind von steinernen Festungswerken gekrönt. Doch bestehen diese aus nichts weiter als festen Mauern, die einen weiten Platz umschließen, in deren Mitte sich die ebenfalls aus Stein erbauten Kasernen erheben. Natürlich war es bei der Expedition gegen Canton den Franzosen ein leichtes, diese Mauern zusammenzuschießen, Canton einzunehmen und dasselbe zwei Jahre lang besetzt zu halten. Dies hätte den Chinesen doch zeigen müssen, daß derlei Forts nicht nur kein Verteidigungsmittel sind, sondern daß die Steinmauern beim Aufschlagen der feindlichen Geschosse durch die umhergestreuten Trümmer den Verteidigern noch gefährlicher werden. Man hätte erwarten sollen, daß die Chinesen nach dem Abzuge der Franzosen moderne Forts anlegen würden. Statt dessen hatten sie nichts Eiligeres zu thun, als die noch unbesetzten Höhen längs des Perlflusses mit ganz denselben Steinmauern zu umgeben, wie sie die bisherigen Forts zeigten. Diese Mauern krönen nicht etwa den Gipfel oder das oberste Plateau der Höhen, sondern umschließen deren Fuß, ziehen sich allenfalls auch in den Thälern oder auf den Bergkämmen aufwärts, aber stets so, als wollten die Erbauer geflissentlich das ganze Innere des Forts den feindlichen Kugeln bloßstellen. In den Schießscharten dieser Forts stecken wohl mitunter moderne Geschütze, von Krupp oder Armstrong geliefert, in Canton selbst jedoch fand ich auf den Ringmauern nicht ein einziges modernes Geschütz, sondern nichts als verrostete, vollständig unbrauchbare Kanonen aus früheren Jahrhunderten, auf zerfallenen Holzlafetten ruhend oder einfach im hohen Grase schlummernd.
Die Garnison Cantons besteht aus den Soldaten der alten Mandschu- und Tatarenfamilien, die mit Weib und Kind in der mit einer besonderen Mauer umgebenen Tatarenstadt wohnen. Auf den freien Plätzen dort, sowie außerhalb der Stadtmauer sah ich diese Soldaten exerzieren. Die einen hatten moderne Mauser- oder Winchestergewehre, die anderen Bogen und Pfeil, wieder andere lange dreispitzige Lanzen, Schilde und Schwerter.
Dieselben Festungswerke, dieselben Soldaten fand ich später am Jangtsekiang, ja selbst in den Hafenstädten am Golf von Tschihli, welche doch die Hauptstadt des Reiches, Peking, vor feindlichen Angriffen beschützen sollen. Der wichtigste dieser Häfen ist nächst Tientsin das auf der Halbinsel Schantung gelegene Tschifu. Diese Wichtigkeit wurde in den letzten Jahren sogar von den Chinesen anerkannt, und sie beschlossen, dort neue Forts zu erbauen. Dem Hafen sind zwei Inseln vorgelagert, welche den Zugang vollständig beherrschen. Statt dort wurden die Forts, natürlich wieder nach der alten Schablone, auf dem Festlande weiter einwärts errichtet. Sachverständige schlugen die Hände über den Köpfen zusammen. Endlich wurde der Tatarengeneral der Provinz über die Gründe dieser sonderbaren Art der Küstenbefestigung befragt. „Ja”, antwortete dieser, „wohin soll sich denn im Fall der Einnahme der Forts die Besatzung zurückziehen, wenn diese Forts auf den Inseln angelegt würden?”
In Nanking, der alten Hauptstadt des himmlischen Reiches, wollte ich das dort befindliche Arsenal besuchen. Allein es wurde nicht gestattet. Doch erfuhr ich, daß alle früher dort bediensteten Europäer vor einigen Jahren entlassen wurden. Die ganze Erzeugung von Gewehren, Kanonen, Hieb- und Stichwaffen wird von den Chinesen geleitet. Die Garnison von Nanking hat dieselben Stadtteile inne wie vor dreihundert Jahren, und die Waffen sind, wie ich es bei dem Exerzieren der Truppen selbst sah, auch dieselben geblieben: Lanzen und Schwerter, Bogen und Pfeil. Nur ein kleiner Teil der Truppen ist mit Schießgewehren bewaffnet.
Der Vicekönig von Wutschang am Jangtsekiang hat einen der am Strome gelegenen befestigten Lager vor einigen Jahren hundert Hinterladergewehre mit je hundert Patronen gesandt mit dem Auftrage, Schießübungen anzustellen. Bei der Inspektion durch den Mandschugeneral im darauffolgenden Jahre rückten die Truppen wieder mit Bogen und Pfeil aus. Als nach dem Verbleib der Gewehre gefragt wurde, antwortete der Lagerkommandant, daß er sie weggegeben hätte, als die Munition verschossen war.
Pekinger Diplomaten erzählten mir, die Hälfte der dortigen Garnison hätte ihre Gewehre in den Pfandhäusern, und in den Provinzen käme es häufig vor, daß die Soldaten ihre modernen Hinterladergewehre gegen alte Feuersteinflinten sehr gern umtauschen, da sie mit diesen besser umzugehen wüßten.
Daß übrigens auch die kaiserliche Regierung in Peking keinen allzugroßen Wert auf die moderne Bewaffnung legt, geht aus einem Bericht der kaiserlichen Regierungszeitung hervor, der in der Ausgabe vom 24. Juni 1894 enthalten ist, also schon zur Zeit, als der Krieg mit Japan nahezu Gewißheit geworden war. Er lautet:
„Der Vize-Generalleutnant Ya er chien hatte in einem früheren Berichte eine Vermehrung der Ausrüstung seiner in Tscheng-tu stationierten Bannertruppen mit ausländischen Gewehren beantragt. Die hierfür erforderlichen Geldmittel sollten den Ueberschüssen der Opiumsteuer entnommen werden. Der Bannergeneral Kung schon, sowie der Generalgouverneur der Provinz Szechuan (dessen Hauptstadt Tscheng-tu ist) wurden seinerzeit zur Begutachtung dieses Antrages aufgefordert.
Nach den nunmehr eingereichten Berichten derselben sind die Steuerüberschüsse nicht groß genug für die verlangte militärische Ausrüstung; dieselben müssen auch für Notstandsjahre reserviert bleiben.
Deshalb wird dem Vize-Generalleutnant seine Bitte abgeschlagen. Wenn die zum Schutze des Landes bestimmten Bannertruppen in der vorgeschriebenen militärischen Uebung verharren, so braucht an ihrer Bewaffnung (aus Lanzen, Bogen und Pfeilen) nichts geändert zu werden und bleibt die Tüchtigkeit der Soldaten gesichert. Der Bannergeneral und seine untergebenen Offiziere sollen deshalb mit erhöhtem Eifer die militärische Ausbildung der Truppen betreiben, von welcher die Leistungsfähigkeit im Felde abhängt.”
In demselben Edikt befindet sich auch noch folgender Paragraph:
„Der obenerwähnte Generalleutnant ist mit einem übermäßigen Gefolge von siebzehn Offizieren und Soldaten nach Peking gekommen und soll die Reisekosten eigenmächtig den für den Unterhalt der Truppen bestimmten Fonds entnommen haben. Diese Verwendung öffentlicher Gelder zu Privatzwecken läßt sich aus den von sämtlichen Hauptleuten unter Siegel eingelieferten Dokumenten erweisen. Der Generalleutnant soll über diesen Punkt genauen Bericht erstatten.”
Am folgenden Tage, den 25. Juni 1894, enthält die Pekinger Staatszeitung folgendes Edikt:
„Im Januar hatte das Kriegsministerium Uns gebeten, an alle Provinzen den Befehl zur schleunigen Aufstellung einer Truppenliste zu erteilen, um eine genaue Zusammenstellung der verfügbaren Armeen machen zu können. Dieser Befehl wurde allen Generalgouverneuren und Gouverneuren erteilt und ihnen eine Frist von drei Monaten gestellt.
Da diese Frist abgelaufen ist, so möge das Kriegsministerium die Aufstellung besorgen, gegen die säumigen Beamten jedoch Strafe beantragen.”
Der Zufall spielte mir Auszüge aus den offiziellen Truppenlisten in die Hände, und gestützt darauf, sowie auf die Erkundigungen, die ich in verschiedenen Garnisonen einzog, fand ich das Heerwesen Chinas heute im großen und ganzen ebenso, wie es vor dreihundert Jahren geschildert wurde. Die ganze Organisation des Heeres ist zu interessant, zu originell, um nicht näher besprochen zu werden.
Vor allem ist es auffällig, daß die Hauptmasse des chinesischen Heeres nicht dem Kaiser untersteht und in seinem Namen angeworben und unterhalten wird, sondern daß jeder Vizekönig der achtzehn Provinzen Chinas seine eigenen, von den benachbarten Heeren völlig unabhängigen Truppen besitzt. In dieser Hinsicht haben die chinesischen Vizekönige fast ebenso souveräne Rechte wie früher die einzelnen deutschen Fürsten. Der eine Vizekönig verwendet mehr Sorgfalt auf die Uniformierung und Bewaffnung seines Heeres, der andere weniger; die Vizekönige der mit Fremden mehr in Berührung kommenden Küstenprovinzen haben schlagfertigere und besser gedrillte Truppen als jene des Inlandes, wo die Heere mitunter sehr vernachlässigt werden. Doch ist jedem Vizekönig die Truppenzahl, die er unterhalten muß, vorgeschrieben, und die Zentralregierung kann von ihm die Beistellung irgend eines beliebigen Teiles derselben oder des ganzen Heeres verlangen. So wurden beispielsweise bei Ausbruch des letzten Krieges die ersten 15000 Mann von den Vizekönigen der drei nördlichen Küstenprovinzen auf Befehl des Kaisers beigestellt. Das kleinste Heer besitzt die Provinz Anhuei im Inlande mit 8700 Mann, das größte die Küstenprovinz Kwangtung mit 70000 Mann. Die anderen Provinzen besitzen Heere von 20000 bis 60000, Tschihli, die früher von Li-Hung-Tschang regierte wichtigste Provinz des Reiches, 42000 Mann. Die Gesamtsumme dieser Provinzialtruppen oder, wie sie in China heißen, der Truppen des grünen Banners, beläuft sich auf 650000 Mann. Ihr Sold ist ebenso verschieden wie ihre Bewaffnung und ihre Einteilung. Während beispielsweise die Ausgaben für die Armee Li-Hung-Tschangs im Jahre über 1½ Millionen Taels betragen, erreichen jene der um 8000 Mann stärkeren Armee Kiangfus kaum 1 Million Taels. Die Gesamtausgaben der Provinzen für die 650000 Mann betragen 14½ Millionen Taels oder etwa 60 Millionen Mark. Diese Ausgaben müssen jedoch bei der Zentralregierung verrechnet werden, ebenso ist es diese letztere, welche auf Grundlage der eingereichten Vorschläge sämtliche Offiziere ernennt. Die Truppen des grünen Banners besaßen nach den erwähnten Tabellen des Kriegsministeriums in Peking folgende Offiziere: 16 Generale, 64 Generalleutnants, 280 Oberste, 373 Oberstleutnants, 425 Majore, 825 Hauptleute, 1650 Leutnants und 3500 Fähnriche, im ganzen also etwa 7100 Offiziere. Dies dürfte wohl die geringste Offizierszahl in irgend einem Heere sein, denn beispielsweise besitzt Frankreich bei einer der chinesischen Truppenzahl nahezu gleichen Friedensstärke mehr als die vierfache Zahl von Offizieren, nämlich 28555. Italien besitzt bei einem Drittel der obigen Friedensstärke die doppelte Zahl von Offizieren.
Die Truppen der einzelnen Provinzen sind nicht in Regimenter und Bataillone eingeteilt, sondern liegen in Abteilungen verschiedenster Stärke in Städten, Forts oder in einzelnen Lagern. Jede Provinz ist in eine gewisse Zahl militärischer Distrikte unter dem Befehl eines Obersten eingeteilt, und in jedem Distrikt befinden sich mehrere Lager. In den Städten versehen die Garnisonen gleichzeitig den Polizeidienst, denn Polizei im europäischen Sinne giebt es in China nicht. In den Lagern, besonders wenn diese auf dem Lande gelegen sind, hat der Soldat nicht viel zu thun. Ausgenommen zur Zeit der Manöver oder bei Inspektionen durch die Kommandierenden, beschäftigt er sich mit Ackerbau, Gartenzucht oder allerhand Gewerben. Gewöhnlich ist er auch noch verheiratet und hat Weib und Kind bei sich.
In jeder Provinz giebt es einen Mandschu- oder Tatarengeneral, der unabhängig von dem Provinzgouverneur seine (kaiserlichen) Mandschutruppen befehligt und direkt der Zentralregierung untersteht, außerdem noch einen General der Provinztruppen. Der kommandierende General von Schantung hat sein Hauptquartier nicht in der Kaiserstadt, sondern in Yentschou-fu, wo ich Gelegenheit bekam, Tieng-min-leh, dies sein Name, kennen zu lernen. Er erwies mir nämlich die Ehre seines Besuches. Ihm voraus trabte seine berittene Leibgarde, mit kurzen Schwertern bewaffnet, dann kamen die Träger der Zeremonienschirme und fantastisch geformten, auf langen Stangen sitzenden Zeremonienwaffen, endlich der Karren des Generals, umgeben von zwölf Schwertträgern. Militärmandarine bedienen sich bei Ausgängen oder Besuchen gewöhnlich eines zweiräderigen Maultierkarrens, Zivilmandarine der Sänfte. Der alte Herr war von einer Liebenswürdigkeit, wie ich sie noch bei keinem Mandarin angetroffen hatte. Er blieb eine halbe Stunde bei mir sitzen, sprach unter anderm von Napoleon III. und Moltke, dessen Schriften, ins Chinesische übersetzt, sich in seiner Bibliothek befänden. Er erwähnte auch, er hätte in den chinesischen Zeitungen Shanghais und Pekings von meiner Reise gelesen, sowie von meiner publizistischen Thätigkeit zu Gunsten Chinas während des japanischen Krieges, und ich könne in China überall des freundlichsten Empfanges sicher sein. Er sei ein großer Freund der Deutschen, hätte von diesen viel gelernt und ließe auch seine Truppen nach deutschem Muster drillen. Wie diese aussehen, ist aus den Abbildungen dieses Kapitels zu entnehmen. Im ganzen mochte er in seinem Lager einige hundert Mann haben.
Der Sold der Soldaten des grünen Banners ist äußerst gering und beträgt kaum mehr als zwanzig bis dreißig Pfennige für den Tag, wovon er sich beköstigen und uniformieren muß, vorausgesetzt, daß ihm der Sold überhaupt regelmäßig bezahlt wird. Gewöhnlich halten die Offiziere kleinere Beträge zurück und geben sie den Soldaten dafür an Festtagen oder zum neuen Jahre. Eine feste Dienstzeit giebt es in China nicht, ebensowenig eine allgemeine Wehrpflicht. Es giebt keine Pension, keine Alterszulagen, keine ärztliche Pflege, keine Armeeverpflegung, jeder muß sich selbst nach Belieben verpflegen, nähren und kleiden. Die Uniform der Provinzialtruppen besteht aus einer blauen Bluse mit rotem oder weißem Besatz, auf deren Brust- und Rückenteil in einem etwa zwanzig Centimeter großen, weißgeränderten Kreise die Provinz und das Lager, in welchem der Mann steht, in chinesischen Lettern verzeichnet sind. Die leinenen Beinkleider, gewöhnlich von blauer Farbe, stecken in den kurzen Schäften der aus Filz verfertigten Stiefeln, und auf dem Kopfe sitzt ein tellerartiger Tatarenhut aus Bambusgeflecht, bei manchen Truppen mit einem roten Roßschweif geschmückt. Im Polizeidienst besteht die Bewaffnung der Soldaten aus einer kurzen, ein-, zwei- oder dreispitzigen Lanze, zuweilen auch aus einem Doppelschwert mit zwei Klingen in einer Scheide. Auf dem Lande, außer Dienst, oder in den Lagern sind die Soldaten gar nicht bewaffnet.
Die Rekrutierung erfolgt am Werbetische, und trotz des erbärmlichen Soldes ist der Andrang doch immer stärker als der Bedarf. Ich sah eine derartige Rekrutierung in Nanking. Auf dem freien Platze vor dem Hause eines der höheren Offiziere war ein Zelt aufgeschlagen, in welchem sich einige Offiziere befanden. Ein paar Soldaten, mit Lanzen bewaffnet, hielten die sich herandrängenden Bewerber und das Volk in Ordnung. Vor dem Zelte lag ein etwa sechs Fuß langer Bambusstock auf dem Boden mit runden Steinen im Gewicht von zusammen hundert Catties (etwa 65 Kilogramm), an den Enden des Stabes gleichmäßig verteilt. Die Soldaten ließen die bis zur Hüfte entblößten Applikanten der Reihe nach vortreten. Die Offiziere warfen ein paar prüfende Blicke auf sie, dann wurde ihnen befohlen, den Bambusstock mit beiden Händen bis über den Kopf emporzuheben. Bestanden sie diese Kraftprobe, so wurde ihr Name in ein Register eingetragen und ihnen geheißen, im Lager vorzusprechen. Dort erhielten sie einiges Handgeld, kaum viel mehr als einer Mark entsprechend, und blauen Stoff, um ihre Uniform daraus nähen zu lassen. Damit waren sie kaiserliche Soldaten.
Für diejenigen, welche auf Offiziersstellen Anspruch machen, sind unter der gegenwärtigen Regierung ähnliche Prüfungen eingeführt worden wie für den Zivildienst, und den erfolgreichen Kandidaten werden je nach der Art, wie sie die Prüfung bestehen, auch dieselben Titel, Siu-tsai, Kü-jin und Tsin-sz, verliehen. Für den letzten (höchsten) Grad erfolgt die Prüfung in Peking. Man darf jedoch nicht glauben, daß die Offizierskandidaten wie jene für die Beamtenstellen auf ihre litterarischen Kenntnisse hin oder gar in Taktik und Strategie, Befestigungs- und Ingenieurkunst geprüft werden. Das wird von einem chinesischen Offizier nicht verlangt. Dafür müssen die Kandidaten gewandte Reiter, Fechter und Ringkämpfer sein; nicht die geistige, sondern die Muskelkraft giebt den Ausschlag, und die besten Noten erhalten jene, welche sich überdies als Bogenschützen bewähren. Dazu wird auf dem militärischen Uebungsplatze ein dreißig bis fünfzig Centimeter tiefer gradliniger Graben von etwa einem halben Kilometer Länge und hinreichender Breite gegraben, daß ein Pferd in demselben galoppieren kann. Auf etwa fünfzig bis sechzig Meter Entfernung von dem Graben sind Scheiben aufgestellt, mit Zwischenräumen von etwa fünf Meter voneinander. Der Kandidat, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, hat zu Pferd zu steigen und, während dieses den Graben entlang galoppiert, Pfeile nach den Scheiben abzuschießen. Treffen diese Pfeile das Schwarze, so wird von den Wächtern der Gong angeschlagen, um die Examinatoren davon in Kenntnis zu setzen. Noch 1898 hatte ich selbst in Yentschou-fu, im Innern von Schantung, Gelegenheit, eine derartige Prüfung zu sehen.
Mit dem erfolgreichen Bestehen der Prüfung wird jedoch der Kandidat noch lange nicht Offizier. Dazu muß er entweder viel Geld oder viele Freunde haben. In einem Aufsatz über das Offizierskorps, der in der ersten Zeitung Shanghais, der Daily News erschien, heißt es in dieser Hinsicht: „Irgendwelche wissenschaftliche Ansprüche werden an den Offizier nicht gestellt; die höheren Offiziersstellen werden verkauft, die niedrigeren an Freunde und Verwandte gegeben. Die wenigsten haben eine Ahnung vom praktischen Militärdienst, und es kommt vor, daß die höchsten Kommandostellen der Armee von gänzlich Unwissenden eingenommen werden.”
Deshalb ist der Soldatenstand in China auch keineswegs angesehen, ja man blickt auf ihn verächtlich herab. Die Offizierschargen stehen nicht im gleichen Rang mit den entsprechenden Chargen des Zivildienstes, sondern um einen Grad tiefer. Als in den neunziger Jahren zwei deutsche Instruktionsoffiziere mit dem Einexerzieren der Infanterie der Provinz Tschihli betraut wurden, nahmen auch die Offiziere an den einfachsten Exerzitien teil, gerade so wie die Soldaten. Bald hatten die deutschen Offiziere den Chinesen deutsche Strammheit beigebracht, und diese führten alle Evolutionen vortrefflich aus. Nun wurden von den so gedrillten Bataillonen Unteroffiziere als Drillmeister zu den anderen Truppenkörpern kommandiert, ja die Vicekönige anderer Provinzen erbaten sich solche, und der Einfluß der deutschen Offiziere ist heute in den meisten Provinzialarmeen wahrzunehmen. In einigen dieser letzteren giebt es vortreffliche Truppenkörper, die selbst europäischen Ansprüchen genügen dürften, vor allem in den Armeen von Kwangtung und Tschihli, welch letzterer Li-Hung-Tschang besondere Sorgfalt zuwendete. Die Infanterie ist dort mit dem deutschen Infanteriegewehr bewaffnet, gut geschult und schlagfertig. Noch besser soll, nach dem Urteil von Fachleuten, die Artillerie sein, aus dem begreiflichen Grunde, weil die alten chinesischen Armeen keine Artillerie besaßen, deshalb auch keine althergebrachten Gebräuche und Vorschriften umzustoßen waren. Das ganze Geschützwesen mußte von Grund auf neu gelernt werden, und die deutschen Instruktoren haben in dieser Hinsicht die größten Erfolge aufzuweisen; die Feldgeschütze wurden hauptsächlich von Krupp geliefert, und das Material befindet sich im Gegensatz zu dem Festungsmaterial in bester Ordnung.
Schlimmer ist es in den Provinzialarmeen um die Kavallerie bestellt. China wird niemals eine solche im europäischen Sinne besitzen können, denn vor allem hat es keine Pferde. Die mongolischen Ponies sind wohl kräftig und ausdauernd, besonders auf langen Märschen, aber viel zu klein und leicht. Alle zehn Jahre wird das Material erneuert, dadurch, daß der Vicekönig dem Kommandierenden gewisse Summen zum Ankauf neuer Pferde anweist, oder selbst Remontekommissionen nach der Mongolei entsendet. Den einzelnen Lagerkommandanten wird für den Unterhalt der Pferde das Geld monatlich angewiesen. In Tschihli beträgt dasselbe vierzehn Mark per Pferd und Monat. Die Reiter sind mit Winchester-Karabinern bewaffnet.
In den anderen Provinzen ist es um die Kavallerie ebenso schlecht bestellt wie um die Infanterie, doch soll es in der Mandschurei eine zwischen 40000 und 50000 Mann zählende Armee von Reitern geben. In den Garnisonen der Küstenprovinzen ist davon nichts zu sehen. Wären die 650000 Mann der Armee des grünen Banners wirklich gut geschult und vor allem wirklich vorhanden, so würde dies eine höchst respektable Macht vorstellen. Allein allgemein erzählt man sich, daß die Kommandanten vieler Lager im Inland die vorgeschriebene Truppenzahl nur auf dem Papier besäßen. Das Geld für den Sold und Unterhalt wird eingesteckt. Steht eine Inspektion bevor, so werden schnell Rekruten in der erforderlichen Zahl angeworben, in Uniformen gesteckt und gedrillt. Ist diese Inspektion vorüber, so werden sie wieder entlassen.
Neben dem grünen Banner besteht in China noch die alte Mandschuarmee in ganz derselben Organisation wie vor dreihundert Jahren, zur Zeit der Eroberung Chinas durch die Mandschus. Damals teilte ihr Führer, der nachherige Kaiser Tien-ming, seine Horden in vier Banner, das rote, gelbe, blaue und weiße. Als im Laufe des Krieges zahlreiche Mongolen und abtrünnige Chinesen seinem Heere zuströmten, organisierte er diese in vier weitere Banner mit denselben Farben, nur mit verschiedenfarbigen Rändern. Nach der Gründung des großchinesischen Reiches genügten diese acht Banner für den Dienst nicht mehr, und es wurden neben denselben noch acht weitere Mongolenbanner und acht Chinesenbanner organisiert, die noch bis auf den heutigen Tag bestehen, nominell in einer Gesamtstärke von 105000 Mann. Die stärksten Banner sind jene der Mandschus mit je 85 Kompagnien von je 80 bis 90 Mann; die Mongolenbanner sind durchschnittlich nur 28 Kompagnien, die Chinesenbanner 33 Kompagnien stark. Zusammen besitzen die mandschurischen Banner 678, die mongolischen 221, die chinesischen 266 Kompagnien, im ganzen also sind 1165 Kompagnien Bannertruppen verfügbar, welche von der kaiserlichen Zentralregierung in Peking unterhalten werden und jährlich 16 Millionen Taels, d. h. etwa 64 Millionen Mark erfordern. Mit den Truppen des grünen Banners zusammen beträgt das militärische Budget Chinas demnach 30½ Millionen Taels, und die Bevölkerung Chinas auf 400 Millionen angenommen, entfällt auf den Kopf eine jährliche Militärsteuer von etwa 35 Pfennigen.
Die vierundzwanzig Banner bilden zum Unterschiede von den Provinzialarmeen die eigentliche kaiserliche Armee. In Wirklichkeit aus Leibeigenen bestehend, vom Throne bezahlt und seit Generationen von Vater auf Sohn militärpflichtig, bilden sie die wahren Stützen des Kaiserthrones und der Dynastie in dem von dieser unterworfenen chinesischen Reiche. Die Bannersoldaten sind es, welche den Garnisons- und Polizeidienst in den Großstädten versehen. Doch sind sie dort nicht wie europäische Truppen in Kasernen untergebracht, sondern sie bewohnen in jeder Stadt eigene, mit Mauern umgebene und abgeschlossene Stadtviertel, die sogenannte Tatarenstadt. Dort hausen sie mit Weib und Kind in eigenen Häuschen, jeder Soldat für sich; in der Mitte der Tatarenstadt erhebt sich gewöhnlich der Yamen des Tatarengenerals, unter welchem diese Bannertruppen sowohl wie die Provinzialtruppen stehen. Die Bannertruppen sind über das ganze Reich, je nach der Größe und Zahl der Städte, verteilt, manche Provinzen, wie z. B. Kiangsi, Hunan, Yünnan und Kueitschau, besitzen deren gar keine, andere Provinzen, wie z. B. die Mandschurei, besitzen nur Bannertruppen. Am zahlreichsten sind sie in der Hauptstadt Peking selbst. Dort stehen außer den 4000 Mann der kaiserlichen Leibgarde etwa 15000 Mann der verschiedenen Banner. Je nach ihrer Farbe garnisonieren sie in verschiedenen Stadtteilen: das rote Banner im Süden, das weiße im Westen, das blaue im Norden und die Truppen des grünen Banners (Chinesen) im Osten. Die eigentliche Kaiserstadt wird von den Truppen des gelben Banners bewacht.
Daß die kaiserliche Regierung es mit dieser Bewachung wie überhaupt mit der Disziplin der Pekinger Bannertruppen recht ernst nimmt, geht aus der Regierungszeitung vom 1. April 1894 hervor, deren Bericht ich hier folgen lasse, weil er auch auf die Bestrafungsarten in der Armee einiges Licht wirft. In der Nähe der Stadtthore hatte sich verdächtiges Gesindel herumgetrieben und war zum Teil sogar in die Stadt gedrungen. Dies gelangte zur Kenntnis der Regierung, und diese verordnete Folgendes: „Der Kommandeur der Gardeabteilung des geränderten weißen Banners, Kochin, welcher an dem betreffenden Tage die Wache hatte, wird seiner sämtlichen Aemter entsetzt; aus besonderer Gnade wird ihm aber sein Rangknopf (auf dem Hut) und der Posten eines dienstthuenden Gardeoffiziers zweiter Klasse geschenkt. Der Oberst desselben Banners, ferner vier Gardeoffiziere (namentlich angeführt) sind auf der Stelle zu entlassen. Dem Brigadegeneral des linken Flügels, Shan-yin, und jenem des rechten Flügels, Chang-liu, werden ihre amtlichen Einkünfte während eines Jahres, ferner dem Prinzen Tsai-yina und dem General des mongolischen rotgeränderten Banners ihre amtlichen Einkünfte während drei Monaten entzogen. Die Mannschaften, welche an dem betreffenden Tage die Wache hatten, sind zu prügeln und zu entlassen. Beachtet dies mit Zittern.”
Die Uniform der Bannertruppen weicht von jener der Provinztruppen einigermaßen ab. Sie besteht aus einer bis über die Knie reichenden, nachthemdartigen weißen Tunika, über welcher eine ärmellose Jacke von der Farbe der betreffenden Banner getragen wird. Von derselben Farbe sind die Beinkleider, von denen jedoch nicht viel zu sehen ist, da sie in den kurzen Schäften der Filzstiefeln stecken. Der Hut ist mit zwei Eichhörnchenschwänzen geschmückt. Auf ihren kleinen, kräftigen Ponies sitzend und zu Kompagnien vereinigt, sehen diese Tatarentruppen ungemein malerisch aus. Ueber die farbenreichen Uniformen erhebt sich in jeder Kompagnie ein großes Banner, umgeben von zahlreichen kleineren Fähnchen, welche die Soldaten in eigenen Schäften auf dem Rücken tragen. Die Pfeilköcher sind über die Schultern gehängt, die Säbel aber hängen nicht am Gürtel der Reiter, sondern stecken horizontal auf der linken Seite des Pferdes unter dem Sattel, der Griff voraus. In der Rechten halten die Reiter die Zügel, in der Linken den Bogen. Zur vollkommenen Ausrüstung gehören überdies Tabakspfeife, Fächer und der mit scheußlichen Fratzen bemalte runde Schild.
Allerdings dürfen diese Truppen einem europäisch geschulten und bewaffneten Feinde gegenüber weitaus im Nachteil sein. Indessen müssen die ungeheuren Fortschritte in Betracht gezogen werden, die in den letzten zwei Jahrzehnten in Bezug auf die Ausbildung mancher Truppenkörper gemacht wurden. Neben Abteilungen, die heute noch ebenso sind wie vor hundert Jahren, giebt es andere, die vollständig nach modernen Mustern ausgerüstet und einexerziert sind und die auch, wie die letzten Kriege gezeigt haben, an Tapferkeit manchen europäischen Truppen nicht nachstehen. Von der ganzen verfügbaren Armee, mit den mongolischen und tibetanischen Truppen etwa eine Million, dürften vielleicht nur 50000 Mann den Anforderungen der modernen Kriegskunst entsprechen. Die Armee Li-Hung-Tschangs allein besteht, mit den Bannerleuten zusammen, aus etwa 50000 Mann gut geschulter Truppen mit über 500 Geschützen, von denen etwa die Hälfte moderne Hinterlader sind. Dank dem Einfluß des genannten Vicekönigs von Tschihli sind seit dem letzten Franzosenkrieg in Tientsin, Nanking und anderen Städten von europäischen Fachleuten geleitete Militärschulen und Arsenale angelegt worden, von denen jene von Shanghai und Futschau wohl die bedeutendsten sind. In Bezug auf Ingenieurwesen, Verpflegung, Sanitätswesen ist es bisher noch beim alten geblieben, doch tritt dafür wieder ein anderer wichtiger Umstand in den Vordergrund: die Ausdauer, Furchtlosigkeit und überraschende Mäßigkeit der chinesischen Soldaten. Hätten sie auch noch Disziplin, China würde es mit irgend einem Feinde aufnehmen können. Aber gerade diese fehlt dem chinesischen Soldaten vollständig, und sie kann ihm auch nicht so rasch beigebracht werden.
Die christlichen Missionsanstalten in China.
Die ziemlich verbreitete Ansicht, die Missionen in China stammten erst aus neuerer Zeit und fielen beiläufig mit der Eröffnung chinesischer Häfen für den europäischen Handel zusammen, ist irrig. In China wurde das Christentum schon viel früher gepredigt als in so manchem europäischen Lande. Der Tradition nach soll sogar der Apostel Thomas nach China gekommen sein. Sicher ist es, daß die Nestorianer dieses große Reich zum Felde ihrer Missionsthätigkeit ausersehen haben und schon in den ersten Jahren des sechsten Jahrhunderts, etwa um das Jahr 505, dorthin gelangten. Williams sagt in seinem großen Werke über China u. a.: „Eines der interessantesten alten Denkmäler in China, und gleichzeitig die älteste christliche Inschrift in Asien, rührt von den Nestorianern her und stammt aus dem Jahre 781”. Diese Inschrift wurde 1625 in Schang-an, einer Stadt der Provinz Schensi, entdeckt und beschreibt die Ankunft der christlichen Missionare, sowie den Schutz, den die chinesischen Kaiser der neuen Lehre während anderthalb Jahrhunderten angedeihen ließen. Ein Priester, Olopun, wurde im Jahre 635 vom Kaiser in seinem Palaste empfangen, und in dem gleichen Jahre wurde ein kaiserliches Edikt erlassen, das mit dem Satze schließt: „Laßt den neuen Glauben freien Lauf nehmen durch das ganze Reich”. Nachfolgende Herrscher schützten die christliche Religion, und Klöster erhoben sich bald in hundert Städten. Zu Ende des achten und in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts wetteiferten die buddhistischen Missionare mit den Christen. Im Jahre 841 gelang es der Sekte der Taoisten, den Kaiser zu bewegen, ein Edikt gegen den Buddhismus zu erlassen, und mit diesem litt auch das Christentum. Kirchen und Klöster wurden zerstört, und die Nestorianer konnten sich von diesem Schlage nicht mehr ganz erholen. Wohl erwähnt Marco Polo noch christliche Kirchen in China, allein es wird bezweifelt, daß sie aus der Zeit der Nestorianer stammten. Doch gelang es im Jahre 1307 dem Pater Johannes von Monte Corvino in Peking, oder wie es damals hieß, Khanbalik, festen Fuß zu fassen. Papst Clement V. ernannte ihn zum Erzbischof von Peking, und als solcher wirkte er beinahe zwei Jahrzehnte lang. Sein einziger europäischer Gefährte war ein Deutscher, Bruder Arnold von Köln. Als bald darauf die mongolische Dynastie gestürzt wurde, fand auch die neubegründete Mission ein Ende.
Drei Jahrhunderte nach Marco Polo, in den Jahren 1579 und 1581, erreichten die ersten römisch-katholischen Missionare, die Jesuiten Michael Ruggiero und Matteo Ricci, das chinesische Reich. Von Canton wanderte Ricci nordwärts bis nach Nanking, wo er 1610 starb. Der Kaiser empfing ihn freundlich, und unter seinem Schutz bekehrte Ricci eine beträchtliche Anzahl vornehmer Chinesen zum Christentum; die Tochter eines von ihnen, in der Geschichte unter dem Namen Candida bekannt, erbaute 39 Kirchen, ließ auf ihre Kosten 130 Bücher drucken und sandte zahlreiche eingeborene Missionare in die Provinzen, um den neuen Glauben zu predigen. Bald folgten den ersten Jesuitenvätern eine Anzahl anderer, darunter die berühmten Adam Schaal, Verbiest, Regis, die unter dem Schutz des letzten Kaisers der Mingdynastie, sowie unter den beiden ersten Kaisern der neuen Mandschudynastie Hervorragendes leisteten. Das astronomische Observatorium in Peking, eine Kanonengießerei und eine Anzahl großer geographischer Werke über China legen davon noch heute Zeugnis ab. Unter dem mächtigen Schutz des Hofes und der Regierung machte der Katholizismus in China überaus rasche Fortschritte, bis es aus Anlaß religiöser Fragen zum Zwiespalt zwischen dem Kaiser und den dem Papst gehorchenden Missionaren kam. Den Chinesen leuchtete es nicht ein, daß sie einer außerhalb Chinas residierenden höheren Autorität als jener ihres eigenen Kaisers gehorchen sollten, und 1724 wurde ein Edikt erlassen, wodurch die Verbreitung des katholischen Glaubens in China verboten wurde. Alle Missionare, ausgenommen einige in Peking thätige Gelehrte, wurden des Landes verwiesen. Viele folgten dem Befehl, andere blieben im geheimen und befestigten die Uebergetretenen in ihrem neuen Glauben. Bis zum Jahre 1842 machte der Katholizismus nur geringe Fortschritte. In diesem Jahre jedoch wurde das Christentum in China durch die Verträge mit den europäischen Mächten gestattet; zahlreiche Missionare trafen bald darauf wieder in China ein, und heute giebt es unter den Chinesen weit über eine Million Katholiken. Die in Hongkong erscheinende katholische Zeitschrift „The Roman Catholic Register” gab vor kurzem folgende Statistik der katholischen Missionen in China: 41 Bischöfe, 664 europäische und 559 chinesische Priester; gegen 2000 niedere und 34 höhere Schulen; 34 Klöster, 3000 Kirchen und Kapellen und 1092818 Bekehrte. Es kommt also auf je 400 Chinesen ein Katholik. Neben den Schulen sind in vielen der über alle Provinzen Chinas verbreiteten Missionen auch Hospitäler und Waisenhäuser errichtet worden, die nicht wenig zur Bekehrung der Chinesen beitragen. Am wirksamsten ist jedoch immer noch die Propaganda vermittelst Zeitschriften, Büchern und Flugblättern in chinesischer Sprache geblieben; diese stammen hauptsächlich aus der großen Druckerei der Jesuitenmission in Zikawei, wohl die bedeutendste Druckerei in ganz China.
Von den acht in dem Reiche der Mitte thätigen katholischen Missionen sind jene des Pariser Seminars die zahlreichsten, mit zehn Vikariaten, gegen 250 christlichen Missionaren und gegen 175000 Christen. Erst dann kommt der seit 1660 in China thätige Jesuitenorden mit zwei Vikariaten, 130 Missionaren und etwa 140000 Christen. Dann schließen sich an die Lazaristen, Franziskaner und Dominikaner, deren Mission aus dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts stammen; ferner das belgische Seminar, das Mailänder Seminar seit der Mitte dieses Jahrhunderts und endlich der Augustinerorden, der 1879 eine Mission errichtete. Als letzte kam im Jahre 1887 die deutsche katholische Mission von Südschantung, die binnen kurzer Zeit sehr große Erfolge erzielt hat. Bemerkenswert ist es, daß die beiden Kathedralen von Canton und Peking zu den größten Bauten dieser Städte gehören und daß die katholischen Missionare vielfach die Kleidung der Chinesen und sogar den langen chinesischen Haarzopf annehmen.
Der gewiß überraschende Erfolg der katholischen Missionen wäre nach der Ansicht zahlreicher Katholiken in Ostasien noch großartiger, wenn Frankreich sich nicht so auffällig als der alleinige und rechtmäßige Beschützer aller Katholiken in Asien, vor allem in China, aufspielen würde. Die Sache hat viel zu sehr einen politischen Beigeschmack, und die Chinesen, die von den Franzosen schon wiederholt bekriegt worden sind, fürchten, daß die Franzosen diesen Schutz über die Katholiken nur als Deckmantel für politische Zwecke benützen. Ich habe das von einflußreichen Chinesen selbst wiederholt aussprechen hören, und sie trauen der Aufrichtigkeit der Franzosen in dieser Sache um so weniger, als sie erfahren haben, mit welchem Eifer die Franzosen in Frankreich selbst gegen alle katholischen Institute vorgehen. Viel lieber sehen sie hinter Katholiken in China den Papst als die Franzosen stehen, und es geschah wohl, um ihrem Einfluß möglichst vorzubeugen, daß sie sich herbeiließen, einen päpstlichen Delegaten in Peking zu empfangen. Gleichzeitig wurde aber von der obersten Stelle das sogenannte Duldungsedikt erlassen, worin den Chinesen, die zum Christentum übertreten, wiederholt eingeschärft wird, daß sie dadurch nicht aufhören, Chinesen zu sein, und als solche unter dem Schutz der eigenen Regierung stehen, der allein sie Gehorsam schuldig sind. Von den vorgenannten Bischöfen, oder wie sie in China heißen, apostolischen Vikaren, sind die weitaus große Mehrzahl auch Franzosen, und zwar Jesuiten, Lazaristen oder Priester der schon 1663 gegründeten Gesellschaft der Missions etrangères in Paris, neun Vikare sind Italiener, der Rest verteilt sich auf Spanier und Belgier. Als im Jahre 1887 die deutsche (Steyler) Mission in Südschantung gegründet wurde, ist dort auch ein deutscher Vikar, Bischof von Anzer thätig, und eine der ersten Maßnahmen dieses eifrigen Mannes war es, seine Mission unter deutschen Schutz zu stellen. Alle anderen katholischen Missionen in China stehen auch heute noch unter französischem Schutz.
Der erste protestantische Missionar, der China besuchte, war Doktor Robert Morrison im Jahre 1807, und er blieb bis auf den heutigen Tag auch der verdienstvollste. Damals war der Fremdenhaß in China so stark, daß er an ein Bekehrungswerk nicht denken konnte; dafür unternahm er die Herausgabe eines großen chinesischen Wörterbuchs und die Uebersetzung der ganzen Bibel ins Chinesische, Werke, die seinen Namen für alle Sinologen unsterblich machen. Nach dem Vertrag von Nanking 1842, in welchem Hongkong an England abgetreten und fünf Häfen den Europäern geöffnet wurden, kamen eine Anzahl protestantischer Missionare nach China und begannen ihre Bekehrungsthätigkeit. Damals gab es nur sehr wenige chinesische Protestanten, kaum einige Dutzend. Seither wurde das Reisen im ganzen Reiche freigegeben, andere Häfen wurden eröffnet, den Missionaren der ständige Aufenthalt und die Errichtung von Kirchen, Schulen und Spitälern in einer Reihe von Inlandstädten gestattet. Heute giebt es nach der offiziellen Statistik im ganzen 40 verschiedene protestantische Missionsgesellschaften, die in fast allen Provinzen Chinas thätig sind und ein Personal von 1300 Europäern (darunter 700 Frauen) und 1657 chinesischen Missionaren besitzen. Während die katholischen Missionare europäischer Abstammung größtenteils der französischen Nation angehören, sind die protestantischen zumeist Engländer und Amerikaner, dann auch Deutsche und Schweden. Die Zahl der zum Protestantismus bekehrten Chinesen, Methodisten, Baptisten, Lutheraner, Presbyterianer und dergleichen beträgt im ganzen etwa 50000. Berücksichtigt man die große Zahl der Missionare und die Zeit, die ihnen zur Verfügung stand, so entfällt auf die Thätigkeit jedes protestantischen Missionars nicht viel mehr als jährlich eine bekehrte Seele.
Die Ursachen dieser spärlichen Resultate zu beleuchten, ist hier nicht der Platz. Wer darüber näheres zu erfahren wünscht, lese die Werke der, nebenbei bemerkt, protestantischen Reisenden Cummings, Williams, Moules, Knollys, Spencers, Percivals, Exners und anderer. Die darin enthaltenen Ausführungen lassen es sehr wünschenswert erscheinen, daß das ganze System der protestantischen Missionen eine gründliche Umgestaltung erfahren möge, sollen die ungeheuren Summen, die für Missionszwecke in China geopfert werden, wirklich wenigstens einigermaßen Nutzen bringen.
Der frühere kaiserliche Gesandte in China, Herr v. Brandt, sagt darüber: „Manche Widersprüche würden sich bei gemäßigterem Vorgehen der Missionare vielleicht vermeiden oder ausgleichen lassen, aber wie der Zelotismus der Bettelorden im siebzehnten Jahrhundert das klug begonnene Werk der Jesuiten zerstörte, so tritt jetzt der Fanatismus protestantischer Eiferer einer Annäherung hindernd in den Weg; es kann nur gewünscht werden, daß das zwanzigste Jahrhundert nicht einen Rückschlag zeitigen möge, wie das siebzehnte ihn gesehen.”
Rühmenswerte Ausnahmen bilden nach dem allgemeinen Urteil, das man in China zu hören bekommt, die vier deutschen protestantischen Missionen, die seit 1847 thätige Rheinische Missionsgesellschaft, die Berliner Gesellschaft zur Beförderung evangelischer Missionen, der Allgemeine evangelische Missionsverein und der Berliner Frauen-Missionsverein für China. Die drei erstgenannten Missionsgesellschaften, von denen die Berliner die größte und erfolgreichste ist, haben zusammen etwa 1500 bis 1800 chinesische Gemeindemitglieder aufzuweisen.
Herr v. Brandt sagt über die Missionen weiter: „Versucht man die Thätigkeit der katholischen und protestantischen Missionen nach ihrer erzieherischen Thätigkeit zu charakterisieren, so findet man, daß die ersteren mehr Wert auf praktische, die letzteren auf geistige Erfolge zu legen scheinen. Selbstverständlich besitzen beide besondere Schulen und Institute für die Ausbildung der für den Priesterstand bestimmten Chinesen, aber während in den Waisenhäusern und großen Schulen der katholischen Missionen die Knaben mehr für die praktischen Zwecke des Lebens vorgebildet und zu Handwerkern erzogen und die Mädchen in allen für die künftige Hausfrau erforderlichen Gegenständen unterrichtet werden, da die Erfahrung gelehrt hat, daß eine christliche Frau selbst in einer heidnischen Familie einen oft zur Bekehrung derselben führenden Einfluß auszuüben im stande ist, scheinen die protestantischen Missionen größeren Wert auf eine wissenschaftliche Ausbildung zu legen. Man könnte das eine als das System des ~Labora et ora~, das andere als das des ~Ora et labora~ bezeichnen.”
Wurde von den englischen und amerikanischen Missionen bisher irgendwo ein thatsächlicher, wenn auch verhältnismäßig nur geringer Erfolg erzielt, so ist vor allem die Provinz Fukien zu nennen, und hier, ebenso wie auch in den andern Provinzen, hauptsächlich unter der Landbevölkerung, nicht in den Städten. So hat beispielsweise die bedeutendste und hervorragendste der protestantischen Missionsgesellschaften in China, die Christian Society in Shanghai, wo sie eine große Missionsanstalt besitzt, während vierzigjähriger Thätigkeit im ganzen 33 Bekehrungen erzielt. Arthur Moule, einer der angesehensten protestantischen Missionare in China, sagt in seinem Buche ~New China and old~, daß in dem Hauptsitze der Church Missionary Society, also in der großen Stadt Futschau, nach elfjähriger angestrengter Thätigkeit die Zahl der Christen sehr gering und fast gar kein Fortschritt wahrzunehmen sei.
Knollys erzählt in seinem Buche ~English life in China~, er sei einem Missionar begegnet, der während zwölf Jahren in China thätig war. Auf die Frage, wieviel Bekehrungen er in dieser Zeit vorgenommen hätte, nannte ihm der Missionar drei.
Ich selbst habe in Taingan-fu, im Herzen von Schantung, aus dem Munde des vielleicht ältesten Missionars, ~Dr.~ Crawford, einem Baptisten, vernommen, daß er in seiner sechsundvierzigjährigen Thätigkeit noch keine wahre Bekehrung zu seiner Glaubenssekte aufzuweisen hätte.
In Peking übertrug ein protestantischer Missionar während seiner zeitweiligen Abwesenheit die Besorgung der Kirche und des Gottesdienstes einem chinesischen Christen, an dessen vollständiger Bekehrung er dank siebenjähriger Erfahrung mit ihm nicht zweifeln konnte. Als der Missionar nach Peking zurückkehrte, erfuhr er, daß sein Stellvertreter in der Kirche eine Spielhölle etabliert habe. Mir selbst erzählte ein Prediger der christlichen Missionsgesellschaft, einmal seine Bekehrten dabei angetroffen zu haben, wie sie ihre buddhistischen Götzen verehrten und nach lang anhaltender Dürre um Regen baten. Als er sie darüber zurechtwies, antworteten sie ihm: „Dein Gott hat uns nicht geholfen, wir versuchen es jetzt mit unsern Göttern”. Wiederholt hörte ich von Missionaren die Ansicht aussprechen, daß sich Chinesen aus Spekulation dem Christentum zuwenden, indem sie sagen: „Buddha Gott ist gut, christlicher Gott auch gut, zwei Stück Gott noch besser”. Eine große Zahl Chinesen zeigen sich wenigstens äußerlich dem Christentum nicht abgeneigt, weil sie dann Gelegenheit haben, kostenfrei die Missionsschulen zu besuchen, die englische Sprache, Lesen, Schreiben und andere praktische Kenntnisse sich anzueignen. Sind sie damit fertig, so legen sie das Christentum wieder ab.
Aus diesen Beispielen, denen unzählige andere beigefügt werden könnten, ist zu ersehen, daß die Chinesen für das Christentum im allgemeinen bisher keine große Empfänglichkeit gezeigt haben, ja sie stehen den Missionaren, wie überhaupt allen Fremden, feindlicher gegenüber als jemals zuvor. Das beweisen die wiederholten Angriffe auf die Missionen, die Zerstörung von Kirchen, Wohnhäusern und Schulen, die Verfolgung und Niedermetzelung von Missionaren in fast allen Provinzen des weiten Reiches. Aber man braucht daraus nicht zu folgern, daß die Missionare den Chinesen besonders viel verhaßter sind als die übrigen Fremden. Haben die Missionare zunächst unter dieser Fremdenverfolgung zu leiden, so ist es vornehmlich deshalb, weil sie größtenteils mitten im Inlande zerstreut, fern von den offenen Häfen vollständig schutzlos leben und daher feindlichen Angriffen zu jeder Zeit ausgesetzt sind, während die große Zahl anderer Fremder in den offenen Häfen, die dort zeitweilig vorhandenen Kriegsschiffe und die regen Beziehungen mit Nachbarhäfen solche Angriffe viel schwieriger machen.
Der Schutz der Fremden in China ist eine der schwierigsten Aufgaben, welche die Mächte dort zu lösen haben, um so mehr, als es bisher der Zentralregierung in vielen Fällen thatsächlich an der Kraft und Möglichkeit gefehlt hat, den Fremdenschutz selbst durchzuführen. In Bezug auf die Missionare handelt es sich dabei nicht allein um das religiöse Moment. Was man von dem Vorgehen, der Gesittung und dem Wesen einzelner Gruppen von Missionaren auch halten mag, es darf nicht vergessen werden, daß die Missionare in China, gerade so wie anderwärts, nicht nur die Pioniere des Christentums, sondern auch die Pioniere europäischer Kultur und europäischen Handels sind. Wo die Missionen festen Fuß gefaßt haben, da werden die Chinesen mit europäischem Wesen vertraut, da ist es auch leichter, Handelsposten zu gründen, und zu dem idealen kommt mit der Zeit materieller Gewinn. Mit den Missionen stehen oder fallen die Hoffnungen, friedlichen Eingang in das Reich der Mitte zu erzielen. Schon deshalb verdienen und bedürfen die christlichen Missionen ohne Unterschied des Glaubens den weitgehendsten Schutz der Mächte. Mit Parlamentieren kommt man bei den Chinesen nicht vorwärts, eine Kanonenmündung flößt ihnen größeren Respekt ein als alle Gesandten zusammengenommen.
Seit 1891 sind in China, besonders im Stromgebiet des Jangtsekiang, Dutzende von Missionen zerstört und zahlreiche Missionare ermordet worden; diese Gewaltthaten vermehrten sich noch seit dem Abschluß des chinesisch-japanischen Krieges und erreichten ihren Höhepunkt in dem Ausbruch des Aufstandes in der Provinz Fukien, ja es hat den Anschein, als ob der Feldzug gegen die Missionen in einer Reihe von Provinzen systematisch betrieben würde.
Die englischen Blätter von Shanghai, Tientsin und Hongkong enthalten seit Jahren fast in jeder Woche Berichte über Christenverfolgungen, die sich nicht allein auf die europäischen Missionen beschränken, sondern auch gegen die chinesischen Christen gerichtet sind. Besonders hat man es dabei auf ansässige Missionare und ihre Niederlassungen in größeren Städten abgesehen, also gerade dort, wo sich Behörden und Garnisonen befinden.
Als hervorragendstes Beispiel der letzten Jahre können die Gewaltthaten in der Provinz Szetschuen im oberen Stromgebiet des Jangtsekiang an der tibetanischen Grenze gelten. Dort waren seit Jahren etwa dreißig katholische und protestantische Missionen thätig, mit eigenen Kirchen, Kapellen, Hospitälern und Schulen und über zweihundert Missionaren. In der Hauptstadt von Szetschuen, Tscheng-tu, befanden sich elf Missionen, und die katholische Mission war gleichzeitig der Sitz des Bischofs Dunand. Seit dem letzten Maitage des Jahres 1895 sind diese Missionen vom Erdboden verschwunden, mit ihnen wurden auch andere Missionen in den Provinzstädten zerstört, die Missionare angegriffen, verwundet und gewaltsam vertrieben. Der eigentliche Anstifter war kein anderer als der damalige Vicekönig der Provinz, Li-ping-Tschang, ein fanatischer Fremdenhasser. Während seiner neunjährigen Regierung hat er der Verbreitung des Christentums und europäischer Ideen unaufhörlich Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und seinem Widerstand ist es zuzuschreiben, daß der obere Jangtsekiang für die Dampfschiffahrt so lange Zeit nicht freigegeben wurde.
Auch in Schansi, Yünnan, Hunan und Kiangsi gärt es fortwährend unter den Christenfeinden, und was Schantung betrifft, so fanden die Christenverfolgungen nach der Ermordung der deutschen Missionare Nieß und Henle nur eine zeitweilige Unterbrechung durch das energische Auftreten der Deutschen. Wagt man es nicht, den Europäern selbst entgegenzutreten, so wird die einheimische Bevölkerung gegen den Christenglauben aufgehetzt und die Wut der Leute auf die chinesischen Christen gelenkt. Auffällig war es bei all den Angriffen auf die christlichen Missionen, daß sie in verschiedenen Provinzen fast gleichzeitig vorfielen, und daß nach jeder Greuelthat die Telegraphenleitungen zwischen den betreffenden Provinzen und Peking oder Shanghai unterbrochen wurden. Erst nachdem den Ministern in Peking von seiten der fremden Vertreter energisch zu Leibe gegangen worden, waren die Telegraphen rasch wieder in Ordnung. Ebenso auffällig ist es, daß die Edikte zur Beschützung des Christentums, zur Bestrafung von Gouverneuren und Beamten, welche diese Beschützung unterlassen hatten, zur Auszahlung von Schadenersatz und dergleichen sehr selten in die Pekinger Regierungszeitung kommen. Man hat die Regierung deshalb stark in Verdacht, daß sie gegenüber den fremden Vertretern ein doppeltes Spiel treibt und indirekt die Ausschreitungen gegen Christentum und Fremdlinge duldet. Von seiten vieler Mandarine geschieht dies, wie allgemein anerkannt, ziemlich offen.
Der Grund davon liegt teils darin, daß die Mandarine fürchten, durch das Ueberhandnehmen der christlichen Kultur und des fremden Einflusses ihren Halt am Volk zu verlieren, teils darin, daß sie sich dem Fremdenhaß der Geheimbündler nicht offen gegenüberstellen wollen; wissen sie doch, daß ein Widerstand der geheimen Hunggesellschaft oder den Vegetarianern gegenüber die schlimmsten Folgen für sie selbst hätte. Deshalb hüten sie sich auch, selbst wenn ihnen die wahren Missethäter bekannt wären, sich an ihnen zu vergreifen. Um den Befehlen der Pekinger Regierung und den Anforderungen der fremden Vertreter Genüge zu thun, werden ein paar ganz unschuldige Menschen oder im letzten Fall ein paar Sträflinge aus den Gefängnissen um einen Kopf kürzer gemacht, die als Schadenersatz erforderlichen Summen vom Volke erpreßt, und die Sache ist erledigt. So ist es während der letzten Jahrzehnte gegangen, so wird es auch in Zukunft gehen, wenn nicht von seiten der Mächte ganz andere Schritte unternommen werden als bisher. Es genügt nicht, daß die Chinesen für jede zerstörte Mission, für den Kopf jedes ermordeten Missionars eine bestimmte Summe zu zahlen haben; es geht nicht, daß die Schuldigen straflos ausgehen und ein paar Unschuldige dafür ins Gras beißen. Es handelt sich nicht allein um das Leben des Missionars als einzelnen Menschen, das durch eine gewisse Summe gewissermaßen erkauft werden kann. Den Mandarinen würde dies dann immer ein, allerdings kostspieliger, Spaß bleiben, aber immerhin ein Spaß, den sie sich mit irgend einem Missionar heute oder morgen erlauben dürften. In Peking allein ist diesen elenden Verhältnissen durch Proteste der Vertreter und energisches Einschreiten derselben nicht abzuhelfen. Da die Regierung, wie gesagt, nicht immer die Macht oder Mittel hat, die Verbrecher exemplarisch zu bestrafen, so kann dies nur durch die Mächte geschehen.
Der Jangtsekiang, diese Hanptverkehrsroute Chinas, ist bis über Tschungking, also bis nahe an die tibetanische Grenze für kleinere Dampfer schiffbar, im Jahre 1899 wurde sogar eine deutsche Dampferlinie auf dieser Wasserstraße eingerichtet, und zeitweilig fahren auch englische, französische und deutsche Kriegsschiffe bis Hankau. Nützen die Proteste der Mächte zum Schutze der Missionare nichts, dann brauchen sich die Mächte auch nicht um etwaige Proteste der Chinesen gegen ein Vordringen der Kriegsschiffe bis Itschang und Tschungking zu scheren. Und wurden ägyptische, tunesische und marokkanische Häfen bombardiert, so braucht man vor den chinesischen nicht stille zu halten. Die Chinesen müssen vor dem Europäer Respekt bekommen und durch Schaden erfahren, daß er und sein Eigentum durch Kanonen geschützt wird. Allgemein wird in ganz China, ja in ganz Ostasien, ein gemeinschaftliches Auftreten der Mächte gefordert und die Flußpolizei auf dem Jangtse verlangt. Wäre in Tschungking ein Kanonenboot vor Anker gelegen, so hätten es sich die Chinesen wohl kaum einfallen lassen, die Missionen in Tscheng-tu anzugreifen, und wären nur hundert europäische Marinesoldaten von Futschau landeinwärts marschiert, mit dem Brennen und Morden in den Fukien-Missionen wäre sofort eingehalten worden. Einen ernstlichen Widerstand hätten die mit Bogen, Pfeilen und Feuersteingewehren bewaffneten chinesischen Soldaten in den Provinzen des Innern gewiß nicht geleistet. Allgemein wird auch ein kräftiges Einschreiten in Peking zur endlichen Anlage von Eisenbahnen verlangt, die vor allem andern der Zentralregierung in Peking selbst vom allergrößten Nutzen wäre. Nur mit Eisenbahnen kann das Land regiert werden, durch Eisenbahnen können Aufstände im Keime rasch unterdrückt, die Zentralgewalt des Kaisers befestigt werden. Diese Erfahrungen wurden ja in einer Anzahl anderer Länder gemacht, zuletzt in Mexiko. Vor der Aera der Eisenbahnen verging kein Jahr ohne Pronunciamento, ohne Revolution. Seitdem das Eisenbahnnetz von Amerikanern hergestellt wurde, reicht der Arm der Zentralregierung bis in entfernte Winkel des Aztekenreiches. Dasselbe würde in China geschehen, dann erst wären die Mandarine sofort am Kragen zu fassen, dann Ordnung im Lande zu erhalten. ~Last, not least~ würden die Eisenbahnen die ungeheuren Schätze Chinas eröffnen, den Missionen und Handelsleuten und damit dem europäischen Handelsverkehr und Export Schutz und Förderung gewähren. Kräftiges, gemeinsames Auftreten in Peking, Kriegsschiffe auf den Flüssen und in Tientsin würden den Widerstand der starren Mandarine wohl brechen. Freilich kosten derlei Expeditionen Geld, allein die Summen sind verschwindend im Verhältnis zu dem Nutzen, welcher Europa durch die Eröffnung des chinesischen Reiches in den Schoß fiele. Vor einigen Jahrzehnten, im Jahre 1853, waren es die amerikanischen Kriegsschiffe, welche, mit ihrem wackern Commodore Perry an der Spitze, auf dieselbe Weise die Eröffnung von Japan erzwangen. Wenige Schiffe mit ein paar hundert Mann haben dazu hingereicht, der Welt ein großes asiatisches Reich zu erschließen. Haben wir seither keine Fortschritte gemacht? Haben die vereinten Großmächte nicht die Mittel und die Kraft, dieselbe Prozedur mit China vorzunehmen? Ist kein Perry mehr da? Mit christlicher Liebe allein ist noch kein orientalisches Reich den Europäern geöffnet worden. Immer und überall mußte die Gewalt mitsprechen. Die alten, erstarrten, den Fremden trotzenden Mächte sind wie Austern. Man muß sie mit Gewalt öffnen, dann sind sie tot und können von den Europäern verspeist werden.
Verkehrswege im Innern von China.
Um sich eine Vorstellung von den Schwierigkeiten des Reisens in China zu machen, muß man sich zunächst vor Augen halten, daß es im ganzen chinesischen Reiche keine Straßen, keine fahrbaren Wege nach unseren Begriffen giebt. Wohl sind in früheren Jahrhunderten (man könnte von Jahrtausenden sprechen) einzelne sogenannte Kaiserstraßen angelegt worden, die in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens besser gebaut waren als unsere Chausseen. Dieser Straßenbau erfolgte aber in vielen Fällen nicht etwa, um den Bedürfnissen des Verkehrs zu entsprechen, sondern nur auf Routen, welche die Kaiser des Reiches zu bereisen beabsichtigten. Als beispielsweise die Residenz von Peking nach Nanking und ein paar Jahrhunderte später wieder von Nanking nach Peking verlegt wurde, baute man zwischen diesen beiden Städten quer durch die Provinzen Kiangsu, Schantung und Petschili eine vorzügliche Straße, deren Spuren ich vom Jangtsekiang nach Norden an verschiedenen Stellen begegnet bin. So z. B. in der Nähe von Yangtschou, der früheren Hauptstadt des längst vergangenen Yangreiches, in welcher vor mehr als siebenhundert Jahren der berühmte Venetianer Marco Polo drei Jahre lang Gouverneur war. Dann wieder in verschiedenen Teilen von Westschantung, wo mir stellenweise die großen, durch eine Art Zement miteinander verbundenen Steinquader die Richtung der einstigen Kaiserstraße anzeigten. In China werden, wie schon früher erwähnt, Pagoden und Tempel, Wohnhäuser, Straßen und Brücken selten ausgebessert; einmal gebaut, bleiben sie sich selbst überlassen. Geschieht es zeitweilig doch, dann sind es weniger die Mandarine, die dafür Geld opfern, sondern die Bürger der an der Verkehrsroute liegenden Ortschaften, die es als wohlthätiges Werk betrachten und gewöhnlich an den Brücken oder Wegstrecken, welche sie auf ihre Kosten ausbessern lassen, womöglich schon vor der Ausbesserung eine Steintafel aufstellen, auf welcher in großen Lettern ihre Namen und ihre That verewigt sind. Nur wenn ein Provinzgouverneur oder gar der Kaiser (was freilich schon jahrzehntelang nicht mehr geschehen ist) eine Reise durch ein bestimmtes Gebiet unternehmen soll, dann werden die Wege durch die Mandarine in die schönste Ordnung gebracht. Alle zehn Jahre reist beispielsweise der Kaiser oder ein Prinz als sein Stellvertreter von der Hauptstadt durch Petschili und die chinesische Mandschurei nach Mukden, um dort nach altem Herkommen an den Gräbern seiner Vorfahren zu opfern. Ungeheure Summen werden dann angewendet, um den elenden Weg mit Steinen zu pflastern, alle Unebenheiten auszufüllen und das ganze Straßenbett mit gelbem Sand zu überschütten. Alle Dörfer und Städte längs der ganzen Strecke werden bis auf den letzten Heller gebrandschatzt. Von sieben zu sieben Kilometern werden längs der Straße Pavillons als Rastorte errichtet und mit den kostbarsten Seidenstoffen und Stickereien ausgeschmückt. Selbst wenn der Kaiser nicht in eigener Person die Wallfahrt unternimmt, sondern an seiner Statt nur sein Bildnis nach Mukden schickt, muß dies geschehen. Auf der jüngsten Flucht des Kaiserhofes von Peking nach dem Westen waren die Straßen gewiß in schönster Ordnung. Der Telegraph mußte spielen, Meldereiter wurden vorausgesandt, um den Mandarinen das hohe Glück zu verkünden, daß die Kaiserin in nächster Zeit passieren würde, und die Mandarine preßten die Bevölkerung in den Dienst, um die Wege in aller Eile herzurichten. Leider finden aber diese Reisen des Kaiserhofes und der hohen Excellenzen nur zu selten statt, und deshalb spotten die Wege in den meisten Gegenden jeder Beschreibung. Stieß ich bei meinen Fahrten auf Teile der Kaiserstraßen, dann wich ich ihnen sorgfältig aus und zog mit meiner Karawane gewöhnlich rechts oder links in die Felder, denn die alten Granitquader haben sich an vielen Stellen gesenkt, ein Block steht einen Fuß unter, der nächste oder zweitnächste um einen Fuß über dem anderen. Streckenweise fehlten sie ganz, und tiefe Löcher traten an ihre Stelle. Diese Straße zu benutzen, hätte meinen federlosen Karren wohl die Räder und Achsen, meinen Zugtieren die Beine gekostet. Und doch haben Straßen das chinesische Reich durchzogen, als die ägyptischen Pyramiden noch nicht gebaut waren. Kaiser Hwang-Li, der eigentliche Gründer des Reiches war es, der zuerst im Jahre 2640 vor Christi Geburt, also vor etwa viereinhalb Jahrtausenden, gepflasterte Straßen nach allen Großstädten anlegen ließ. Wäre seinem Beispiel doch nur von einigen seiner Nachfolger gefolgt worden!
Im nördlichen Teile Chinas sind Landwege (Straßen kann man diese über Stock und Stein führenden Routen nicht nennen) viel häufiger als südlich des Jangtsekiang, denn im Norden giebt es viel weniger Flüsse und Kanäle. Wären solche vorhanden, dann gäbe es keine Landwege, denn der Chinese benutzt, wo immer möglich, nur Wasserwege. Selbst Großstädte sind untereinander nur durch solche, für Karren kaum benutzbare Wege miteinander verbunden, und ein europäischer Reisewagen könnte auf keiner Straße in China zehn Kilometer zurücklegen, ohne daß die Achsen brechen würden. Am besten sind die Wege auf ebenem Boden und in den Alluvialgebieten von Westschantung und Petschili. Dort giebt es keine Steine; wo in der Nähe von Städten die Wege mit Steinen gepflastert waren, sind die letzteren längst von der Bevölkerung zum Hausbau weggenommen worden, was dem Reisenden keineswegs unangenehm ist, denn, wie bemerkt, haben die chinesischen Reisekarren keine Federn. Der Wagenkasten, einem großen, nach vorne offenen Reisekoffer ähnlich, sitzt direkt auf der schweren Holzachse zwischen den beiden Rädern, und man kann sich lebhaft vorstellen, welche Reiseeindrücke man auf holperigen Steinstraßen von unten hinauf erhält, zumal der Wagenkasten keine Sitze hat. Der Reisende kriecht von der Gabeldeichsel aus auf allen Vieren in den Karren und nimmt direkt auf dem nackten Holzboden Platz.
Wo keine Straßenpflasterung vorhanden ist, sind die zwischen den Feldern sich dahinschlängelnden, viel gewundenen Wege in der trockenen Jahreszeit natürlich mit knietiefem Staub, in der nassen Jahreszeit mit eben so tiefem dünnflüssigen Kot gefüllt, man fährt also ziemlich weich dahin, hat aber dafür nach einer Stunde Fahrt eine fingerdicke Schicht Staub oder Straßenkot auf dem Leibe und den Augen, Nase und Lunge damit halb verklebt. Stellenweise sind längs der großen Verkehrsrouten schattige Bäume vorhanden, die einzige Labsal während der ermüdenden, anstrengenden Reisen. In bevölkerten Gegenden reist man im allgemeinen ziemlich sicher, in einsameren wird der Reisende nur zu häufig von Räubern angehalten, besonders im Hochsommer, wenn der Sorghum auf den Feldern zu beiden Seiten des Weges zu Manneshöhe gewachsen ist und die Wegelagerer vollständig gedeckt sind und ohne jede Gefahr für sich ihrem einträglichen Beruf nachkommen können. Der fremde Reisende, welcher das Glück hat, einen kaiserlichen Reisepaß zu erhalten und überdies an die hohen Mandarine empfohlen ist, erhält gewöhnlich von den Mandarinen der Ortschaften, die er passiert, eine Anzahl Soldaten als Schutz, aber ich verließ mich wenig auf meine überdies nur mit Stöcken oder alten ungeladenen Pistolen bewaffnete Begleitmannschaft, sondern hielt meinen Revolver schußbereit. In einsameren Gegenden, sowie auf den sogenannten kaiserlichen Hauptrouten sind die Wege durch eine Art Landjäger bewacht, oder sollen es wenigstens sein. Auf Hunderten von Kilometern, die ich diese Straßen entlang gewandert bin, sah ich trotz dem vielen Raubgesindel, das die Gegend dort unsicher machte, nicht einen einzigen Soldaten; doch sagte man mir, die Wachthäuser, die sich alle zwei Kilometer neben der Straße erheben, wären zur Nachtzeit von mehreren Soldaten besetzt. Wozu, ist mir nicht klar geworden, denn der Chinese reist zur Nachtzeit nicht, es ist also auch niemand zu beschützen. Diese Wachthäuser sind eine charakteristische Beigabe der Kaiserstraßen. In den Ueberschwemmungsgebieten des Hoangho stehen sie auf drei bis fünf Meter hohen Erdpyramiden und zeigen nach der Straßenseite eine von einer Mauer umsäumte Veranda, in anderen Gegenden stehen sie in gleicher Höhe mit dem Straßenboden, und von ihren Ecken laufen diagonal zwei mannshohe, mehrere Meter lange Lehmwände aus, wie Schutzleder für Pferdeaugen. Ihren Zweck konnte ich nicht erfahren. Die weißgestrichenen Mauern tragen in riesigen schwarzen Schriftzeichen die Bezeichnung „Wachthaus für Straßenpolizei”. Das Innere dieser Häuschen ist jeder Einrichtung bar, nicht einmal Strohmatten liegen auf dem Boden, dafür zeigen sich gewöhnlich viele Beweise, daß diese Regierungsbauten von den Passanten für Zwecke benutzt werden, zu denen man gewöhnlich die Einsamkeit und Dunkelheit aufsucht.
Wo Flüsse und Bäche zu überschreiten sind, giebt es an den Kaiserstraßen überall Brücken, die meisten aus Steinquadern mit riesigen Pfeilern erbaut, aber mit so holperigem steinernen Pflaster auf dem Brückenbett, daß die Reisenden zur Sicherung der Körperteile, auf denen sie sitzen, die federlosen Karren zu verlassen pflegen. Viele Brücken sind eingestürzt, und neben den Ruinen hat irgend ein unternehmender Chinese aus Bambusstangen und Reisstroh eine fliegende Brücke angelegt, für deren Passierung er von dem Reisenden einen kleinen Betrag erhebt. Freilich senkt sich diese Brücke zuweilen bis in das Wasser, oder ein schwerer Karren bricht mit den Rädern durch das Strohbett, aber wer hinüber will, muß sich eben dieser Gefahr aussetzen. Sind die Flüsse tief genug, dann treten an die Stelle solcher Brücken Fährboote. Auf großen Verkehrsrouten machen die Eigentümer derselben vortreffliche Geschäfte, und zuweilen fand ich an beiden Ufern Dutzende von Karren, Hunderte von Reisenden mit Pferden und Maultieren auf die Beförderung an das jenseitige Ufer wartend. Sobald ich aber mit meiner, nur einem hohen Mandarin gebührenden Begleitmannschaft erschien, mußte alles Platz machen, und ich hatte den Vorzug, mit der ganzen Reisekarawane allein sofort übergesetzt zu werden, ohne daß man eine Zahlung von mir begehrte. Ich leistete sie indessen doch in allen Fällen. Mandarine sind nämlich in China die größten Freiberger. Sie haben überall den Vortritt, und alle Verkehrseinrichtungen, sogar der Aufenthalt in den Mandarinsyamen der verschiedenen Städte, in denen sie übernachten, sind frei, während der Ortsmandarin verpflichtet ist, sie und ihr Gefolge zu verpflegen. Natürlich thun sie das auch nicht aus eigener Tasche, sondern das Volk muß herhalten.
Die gewöhnlichen Reisenden werden auf die verschiedensten Arten ausgebeutet. So traf ich beispielsweise an dem Westschantung durchfließenden Tawönho, über welchen mein Weg mich nach dem Kaiserkanal führte, keine Brücke und keine Fährboote, sondern nur eine Furt. Am Ufer lagerten einige zwanzig junge Burschen, welche ein Geschäft daraus machen, für einige Kupfermünzen Zahlung die Reisenden durch die gelben trüben Fluten zu führen. Damit ihnen dieser Verdienst nicht entgehe, graben sie an verschiedenen Stellen des Flußbettes unter dem Wasser tiefe Löcher und lassen nur eine schmale, ihnen allein bekannte Furt frei. Würde es einem Reisenden einfallen, den Fluß ohne ihre Führung zu durchschreiten, so ist zwei gegen eins zu wetten, daß er in eines dieser Löcher fällt, und dann muß er erst recht die Hilfe der Burschen in Anspruch nehmen, um für zehnfache Zahlung seinen Karren wieder herauszuziehen.
Ueber den ganzen Unterlauf des Hoangho giebt es keine einzige Brücke. Die letzte Brücke befindet sich bei der alten Kaiserstadt Kaifung.
Angenehmer als auf den Kaiserstraßen reist man auf den gewöhnlichen Landwegen, welche die nördlichen Provinzen durchziehen, aber wohlverstanden nur im Frühjahr und Herbst, denn zu anderen Zeiten stehen diese Wege unter Wasser oder sind mit knietiefem Staub bedeckt. Sie sind wenigstens nicht gepflastert und weisen auch nicht so viele Verkehrsstockungen durch Kamel- und Karrenkarawanen auf, die sich gewöhnlich den Hauptspaß machen, mitten auf den Straßen ihre Rasten zu halten. Ehe die Karren, Waren, schlafenden Tiere und Menschen aus dem Wege geräumt sind, vergeht geraume Zeit. Schlimm werden die Reiseverhältnisse, wenn man die Provinzen Anhuei, Kiangsu und Ostschantung verläßt und am unteren Hoangho das ungeheure Lößgebiet betritt, welches, stellenweise schon in Westschantung auftretend, den größten Teil von Schensi, Schansi und Honan umfaßt, ja auch noch viele Tausende Quadratkilometer der westlichen Mongolei einnimmt. Ich stieß auf die ersten Lößmassen am Nordostfuß der Gebirge von Mittelschantung. Karrenräder und Pferdehufe reißen den trockenen, aus feinstem Sand und Erdteilchen bestehenden Boden auf, und der Wind trägt die gelockerte, staubige Schicht fort; kommen Regengüsse, so fließt das Wasser durch den tiefen Wegeinschnitt ab und wäscht diesen noch tiefer. Wird das während Jahrtausenden fortgesetzt, wie es in China der Fall war, so wird aus dem ursprünglich im gleichen Niveau mit der Ebene liegenden Wege eine enge tiefe Schlucht mit senkrechten Wänden auf beiden Seiten. Die Dörfer, Felder, Gärten sind oben, die Wege fünf, zehn, zwanzig und mehr Meter tief unter ihnen. Wo die Lößschichten nicht so stark und die Wege demgemäß nicht so tief eingesunken sind, pflegen Fußgänger diesen, auch noch mit knietiefem, gelbem Staub gefüllten Wegschluchten auszuweichen und oben den Rand derselben entlang zu wandern. Schubkarren, Maultierkarren und Reiter aber müssen durch diese Schluchten, die mitunter viele Kilometer lang sind und nur wenige Unterbrechungen oder Erweiterungen zeigen. Dabei sind die Wegschluchten mit ihren senkrecht aufstrebenden kahlen Lößwänden unten kaum zwei Meter breit. Kommen zwei Karren in entgegengesetzter Richtung gefahren oder auch nur Lastschubkarren, so können sie einander nicht ausweichen. Hier lernte ich zum erstenmal den Wert meiner sonst wenig nützenden Soldatenbegleitung recht kennen; denn kamen wir zu einer derartigen Wegschlucht, so ritt einer der Soldaten rasch voraus, um die etwa entgegenkommenden Karren vor dem Einfahren in die Schlucht zu warnen. Mitunter kam aber dieser bezopfte Vortrab zu spät, eine ganze Kolonne von Lastkarren war bereits eingefahren, und dann galt es für uns, in diesen backofenheißen, staubigen, sonnigen, trockenen Schluchten zu warten, bis die Kutscher ihre Zugtiere ausgespannt, mit unsäglicher Mühe und Gefahr aus den senkrechten Wänden eine kleine Höhlung gegraben hatten, um die Tiere zurückführen und hinten wieder an die Karren spannen zu können. Nun konnten sie die Karren wieder aus der Schlucht heraus bis zur nächsten Ausweichestelle führen, und der Weg war für meine Karawane frei. Keiner wagte es, darüber sich aufzuhalten; sobald sie die nur durch ihre roten oder blauen Kittel erkennbaren, zuweilen ganz unbewaffneten Soldaten gewahrten, gehorchten sie ohne Widerrede.
Um diese höchst beschwerlichen und zeitraubenden Unterbrechungen zu verhindern, pflegen die Kutscher beim Einfahren in die Schluchten mit ihren langen Peitschen zu knallen und laute, langgezogene Warnungsrufe erschallen zu lassen. Mitunter hören sie einander auch deutlich, aber einer hofft auf die Nachgiebigkeit des anderen, beide fahren darauf los, bis sie einander auf der Nase sitzen. Dann geht das Geschimpfe und das Geschrei los, aber was macht’s? Die Chinesen haben ja Zeit, und kommen sie nicht heute ans Ziel, so doch morgen.
Viel tiefer eingeschnitten sind die Wege in Schansi und Honan, und dabei sind sie viele Tausende von Kilometern die einzigen Verkehrsrouten. In den senkrechten Lößwänden, zwischen denen man über sich nur einen schmalen Himmelsstreifen wahrnimmt, giebt es sogar Wohnungen der Landleute, Hotels, Tempel und Götzenschreine. Die Leute graben sich lange Galerien, die sie als Wohnzimmer, Küchen und Vorratskammern einrichten, die Reisenden müssen in ähnlichen Höhlen einkehren, die sie mit ihren Dienern und Zugtieren teilen. In manchen Gebieten haben die Lößablagerungen, welche ein Flußthal, und damit auch eine Stadt, von dem nächsten Flußthal mit dem Reiseziele trennen, Hunderte von Kilometern Ausdehnung, und einmal in der Wegschlucht, kann man nicht wieder heraus, ausgenommen auf steilen Pfaden, die sich gewöhnlich am Zusammenfluß zweier Schluchten die senkrechten Lößwände hinanschlängeln. Man kann unter diesen Umständen begreifen, warum einflußreiche Mandarine schon lange darauf hinwirken, die Kaiserresidenz von dem für Europäer leicht erreichbaren Peking mitten in die Lößgebiete nach dem alten Singanfu zu verlegen. Dort wäre die Regierung der Beeinflussung durch europäische Kriegsschiffe und Kanonen entrückt, dorthin kann niemals ein europäisches Heer gelangen, und die Mandarine könnten nach Belieben schalten und walten. Engpässe wie die Lößwege von Schansi und Honan habe ich nur noch im nördlichen Arizona gefunden. Eine geringe Anzahl Leute genügt, um auch der stärksten Armee den Durchgang zu wehren, und aus diesem Grunde allein schon wäre es einem Heere unmöglich, auf der Route durch Schansi und Honan gegen Singanfu vorzugehen.
Während sich der ungemein lebhafte Verkehr zwischen den großen Städten und Handelsmittelpunkten nördlich des Jangtsekiangs auf den geschilderten Landwegen abwickelt, findet der weitaus größte Verkehr in den südlich des Jangtsekiangs gelegenen Provinzen auf dem Wasser statt. Der Chinese benützt Flüsse und Kanäle in viel größerem Maße, als es in Europa der Fall ist. Schon Kaiser Hwang-ti, unter dessen Regierung die Chinesen, lange vor den Phöniziern, zum erstenmal die offene See befuhren, ließ vor 4500 Jahren ein ausgebreitetes Netz von Kanälen anlegen, und dieses wurde im Laufe der Zeiten vervollständigt, wo immer sich nur eine Gelegenheit darbot. Im Süden des Reiches, vornehmlich in Kwangtung, sind die Flüsse die Hauptstraßen, und Straßen auf dem Festlande wurden dort nicht als Verbindungen zwischen Handelszentren, sondern zwischen zwei nicht durch Kanäle zu verbindenden Wasserstraßen angelegt. Das südliche China ähnelt mit seinen Wasserstraßen Holland. Diese gewöhnlich nur kurzen Landwege sind im Süden in viel besserer Verfassung als im Norden, und selbst Pfade im Hinterlande sind zuweilen mit großen Granitplatten gepflastert, die durch eine Art Zement miteinander verbunden sind. Am auffälligsten zeigt sich das Gewirr von Kanälen dem Reisenden im südlichen Kiangsu und in Tschekiang, im Gebiet der großen Handelsstädte Sutschau und Hangtschau. Fast der gesamte Handels- und Personenverkehr spielt sich auf den Kanälen und Flüssen ab. Ist die Wasserreise auch zeitraubender, so ist sie doch unvergleichlich wohlfeiler als der Landverkehr, und das ist ein Umstand, der bei den vielen Eisenbahnprojekten eine viel viel zu wenig berücksichtigte Rolle spielt. Gewinnsüchtige Unternehmer in Europa haben für den Süden Chinas ein ganzes Netz von Eisenbahnen ausgeheckt, aber sie sollten die Sache doch eingehender prüfen, ehe sie das europäische Kapital zur Beteiligung einladen. Bei einem so ausgebreiteten Kanalverkehr ist der Unterschied in den Transportkosten zwischen Eisenbahn und Wasser ein so gewaltiger, daß er für die Chinesen die Vorteile einer schnelleren Beförderung weitaus aufwiegt. Ueberdies wären über dieses Netzwerk von Kanälen so viele Brücken zu bauen, in dem weichen Boden so kostspielige Fundierungen vorzunehmen, daß die Kapitalsanlage in vielen Fällen kaum eine entsprechende Verzinsung finden würde. Deshalb ist unter anderen auch Hongkong mit der Zweimillionenstadt Canton noch durch keine Eisenbahn verbunden.
Anders liegen die Verhältnisse im Norden, vornehmlich in Schantung und Petschili, und dementsprechend sind auch die meisten, ja fast einzigen Bahnen bisher nur in diesen Provinzen zur Ausführung gekommen. In Schantung giebt es so gut wie keine Wasserwege, der sehr bedeutende Verkehr steht im Zeichen des Schubkarrens und Packesels, und dort werden sich die im Bau begriffenen Eisenbahnen, zunächst jene von Tsingtau nach Tsinanfu, vortrefflich lohnen. Dabei kommt ihnen der Umstand zu statten, daß es sozusagen dort, wie bemerkt, gar keine Straßen giebt und die Mandarine sich im allgemeinen um die Verkehrswege nicht im mindesten kümmern. Freilich ist ungeachtet der elenden Verkehrsverhältnisse das Reisen in Schantung doch sehr wohlfeil. Warentransporte kosten durchschnittlich für je 100 Li und 100 Kattie (= 1 Pikul = 60½ Kilogramm) 50 bis 70 Pfennig. So z. B. kostet der Transport von Tsinanfu nach Peking, etwa 1000 Li (nahe an 500 Kilometer), 5 Mark für den Pikul. Die Kosten eines Karrens oder einer der in Ostschantung gebräuchlichen, von Maultieren getragenen Sänften, Schen-tze genannt, belaufen sich für den Tag auf 3 Mark, und damit kann der Reisende täglich 60 bis 70 Kilometer zurücklegen. Werden auf den neuen Bahnen in Schantung dieselben Fahrpreise gerechnet wie in Deutschland, etwa 6 Pfennig der Kilometer in zweiter Klasse und 4 Pfennig in dritter Klasse, so würden sich die Transportkosten bei einer Tagesreise von etwa 400 Kilometer auf 24 resp. 16 Mark stellen. Die Reise im Karren würde auf derselben Strecke etwa 20 Mark kosten, aber eine Woche Zeit in Anspruch nehmen, so daß die Chinesen wohl die Eisenbahn vorziehen würden.
Im ganzen sind bis heute in China gegen 450 Kilometer Eisenbahnen in Betrieb. Die längste ist die von Tientsin über Tongschan und Tongku nach Schanhaikwan an der großen Mauer führende Bahn mit 214 englischen Meilen. Eine zweite Bahn läuft von Taku über Tientsin nach Peking, eine dritte von 80 englischen Meilen Länge von Peking nach Pautingfu. Die Fahrgeschwindigkeit beträgt auf diesen Bahnen nur 20 englische Meilen in der Stunde. Sonst giebt es in China nur noch die Bahn von Woosung nach Shanghai und eine kurze Kohlenbahn am Jangtsekiang. Die Bahn von Peking nach Pautingfu soll von einer belgischen Gesellschaft durch Schansi nach Kaifung und von dort nach Hankau verlängert werden. Kommt sie zu stande, dann öffnen die glänzenden Stahlschienen wie mit einer Lanzette das Herz des chinesischen Reiches, dann ist Honan und damit auch Singanfu leicht erreichbar, in Berührung mit der abendländischen Welt. Aber bis dahin wird noch eine lange, sehr lange Zeit vergehen. Die Chinesen werden noch viele Jahre fortfahren, ihre bisherigen Verkehrsmittel anzuwenden, und ob sie die Eisenbahn durch Schansi und Honan, wenn sie einmal gebaut ist, auch so rasch benutzen werden, ist noch fraglich.
In Honan, wo ähnlich wie in Schantung der Transport vielfach mit Schubkarren erfolgt, kostet ein solcher mit einem Mann 50 bis 80 Pfennig, bei einer täglichen Durchschnittsfahrt von 30 Kilometer; ein Ochsenwagen, der dieselbe Strecke zurücklegt, kostet je nach der Beschaffenheit der Straße 2 bis 3 Mark täglich. Der Preis eines mit zwei Maultieren bespannten Karrens vom Jangtsekiang bis Peking kostet einschließlich der Unterkunft und Mahlzeiten 70 bis 80 Mark. Die etwa 1000 Kilometer lange Strecke wird in zwei bis drei Wochen zurückgelegt. Bei diesen Verhältnissen ist es zweifelhaft, ob eine Bahn in Honan, die unverhältnismäßig hohe Baukosten erfordert, auf einer gesunden finanziellen Grundlage stehen wird.
Die künftige Bedeutung Chinas für den europäischen Handel.
Angesichts der neuesten Unruhen in China, der ewigen Gefahr, in der die Fremden dort leben, der großen Opfer an Menschen und Geld, der kostspieligen militärischen Expeditionen, welche die Beziehungen Europas mit dem Reiche der Mitte zur Folge gehabt haben und voraussichtlich noch in Zukunft haben werden, hört man die Frage: Hat der Handel mit China überhaupt eine so große Bedeutung, daß er diese Opfer rechtfertigt; wäre es nicht besser, sich anderen Gebieten zuzuwenden und deren Erschließung anzustreben?
Wie groß ist dieser Handel? Im Jahre 1898 belief sich im Gesamtwert die Ein- und Ausfuhr, soweit die in den Vertragshäfen bestehenden Zollbehörden ihn kontrollieren, auf etwa elfhundert Millionen Mark. Diese Summe erscheint nicht groß, wenn man bedenkt, daß der Außenhandel des kleinen Belgien einen Wert von über zweiundzwanzighundert Millionen besitzt, also das Doppelte des Außenhandels von China. Selbst Argentinien hat trotz seiner Jugend als Staat bereits einen Außenhandel von nahezu tausend Millionen Mark. In einer Reihe anderer Staaten entwickeln sich die Handelsbeziehungen mit Europa ruhig, ohne besondere Schwierigkeiten, ohne jedwede Opfer und militärische Expeditionen. Warum, so hört man fragen, sollen also die Steuerzahler wegen des verhältnismäßig geringen Handels so tief in den Säckel greifen?
Und dennoch geschieht dies seitens fast aller Seemächte. Neben dem Deutschen Reiche sind bei den letzten Unruhen England, Frankreich, Oesterreich-Ungarn, Italien, Rußland, Holland, selbst das kleine Belgien an der Expedition gegen China beteiligt gewesen, dazu die Vereinigten Staaten und Japan. Freilich stand dabei zunächst die Aufgabe im Vordergrunde: Bestrafung des Bruchs des Völkerrechts durch die Mißhandlung der Gesandten seitens der chinesischen Machthaber, man könnte besser sagen, der chinesischen Ohnmachtshaber, Sühne für die vielen Menschenleben, die schweren Verluste an Hab und Gut der fremden Einwohner. Aber dabei wurden doch auch geschäftliche Interessen verfolgt, und man dachte auch an den Nutzen, welchen die Expedition nach dem Friedensschluß für die verschiedenen Mächte bringen soll.
Ebenso sicher, wie die endliche Niederwerfung Chinas durch die verbündeten Streitkräfte, ist es auch, daß eine Aufteilung Chinas in absehbarer Zeit nicht stattfinden wird. Im Gegenteile, statt als Kriegsbeute verschiedene Provinzen und Länderstriche einzuheimsen, haben die Mächte alles Interesse daran, das chinesische Reich intakt zu erhalten und ihm eine feste, starke Regierung zu geben, sogar unter der Leitung eines Kaisers aus der gegenwärtig herrschenden Dynastie. Ganz abgesehen von der Eifersucht unter den Mächten bei einer Aufteilung und der Unmöglichkeit einer Einigung über die von jeder Macht beanspruchten Gebiete, hat man sich gewiß schon in jedem Kabinette gefragt, auf welche Weise und zu welchem Zwecke die verschiedenen Provinzen des aufgeteilten Vierhundertmillionenreiches von den Mächten regiert und verwaltet werden sollten. Es ist ja hinlänglich bekannt, welchen Aufwand an Geld, Beamten, Militär, Schiffen und dergleichen schon ein Landgebiet von der Größe einiger hundert Quadratkilometer, etwa wie Deutsch-China, erfordert. Wie viele Hunderte Millionen, Zehntausende von Soldaten, Hunderte von Beamten würde erst die Verwaltung einer ganzen Provinz bedürfen! Es handelt sich bei den chinesischen Provinzen um Ländergebiete so groß wie Preußen oder ganz Süddeutschland, mit Einwohnerzahlen von zwanzig bis vierzig Millionen. Selbst wenn solche Gebiete an die erobernden Reiche angrenzen würden, wie etwa Nordchina an Sibirien, würden solche Bissen in Anbetracht der heterogenen feindlichen Bevölkerung nicht zu verdauen sein. Wie erst, wenn man die ungeheure Entfernung Chinas von den mitteleuropäischen Reichen in Betracht zieht! Der Krieg der Amerikaner gegen das im Vergleich mit den Chinesen verschwindend kleine Völkchen der Philippiner, der Frankreichs gegen Tonkin und Englands gegen die handvoll Boeren sprechen deutlicher, als es alle Argumente vermögen.
Und selbst wenn eine solche Verwaltung unter der Anspannung aller Kräfte doch eingerichtet würde, so würde die Frage entstehen: wozu? Was ist der Nutzen, den ein solch unsinniges Wagnis hätte? Die Erschließung der betreffenden Provinz? Die Hebung der Kaufkraft ihrer Bevölkerung? Die Schaffung eines neuen Absatzgebietes? Würde das letztere wirklich ausschließlich der Industrie der betreffenden Kolonialmacht zu gute kommen, dann wäre dies zum wenigsten etwas Greifbares, obschon viele Jahrzehnte der Aufwand unverhältnismäßig größer sein würde als der Ertrag. Das Spiel wäre die Kerzen nicht wert, die man dabei verbrennt. Aber das ausschließliche Recht der kommerziellen Ausbeutung einer Provinz würde von anderen Mächten niemals zugestanden werden. Mehrere haben mit Säbelgerassel erklärt, unter allen Umständen an der Politik der offenen Thür festzuhalten. Gleiches Recht, gleiche Handelsfreiheit für alle Mächte ist ihre Politik in Bezug auf den chinesischen Markt, und eine Macht, welcher es gelingen sollte, eine Provinz als Kriegsbeute zu ergattern, würde dann einfach nur anderen Mächten, zunächst den Japanern und Amerikanern, die Kastanien aus dem Feuer holen. Wohl ist heute und wohl auf Jahrzehnte hinaus England am chinesischen Handel am meisten beteiligt, aber der Handelsverkehr Japans und Amerikas mit China geht mit Riesenschritten vorwärts; sie haben heute schon alle anderen Mächte, England ausgenommen, überholt, und dank ihrer günstigen geographischen Lage, geringen Frachtsätzen und anderen Umständen wird in Zukunft unzweifelhaft ihnen der Hauptanteil am chinesischen Handel zufallen. Provinzen auf Kosten europäischer Steuerzahler zu erschließen, oder gar die Verwaltung selbst zu übernehmen, hieße also, den genannten großen Handelsrivalen in die Hände arbeiten.
Ueber diese Fragen ist man in den europäischen Kabinetten wohl schon längst im klaren. Es giebt in China keine Provinzen zu holen, keine Kolonien zu gründen, und doch besteht unter allen Industriemächten ein wahrer Wetteifer in Bezug auf China.
Der Grund und Endzweck dieser Bestrebungen ist der Handel, nicht wie er heute ist, denn schon eingangs wurde angeführt, daß er im ganzen nur die Summe von elfhundert Millionen erreicht, sondern der Handel Chinas, wie er sich in Zukunft gestalten wird. Er ist bisher deshalb nicht bedeutender gewesen, weil zunächst nur eine kleine Anzahl von Häfen dem Außenhandel geöffnet waren und es von den wenigsten derselben Verkehrswege nach dem Hinterlande giebt. Europäische Waren konnten demnach nur kleinen Gebieten zu entsprechenden Preisen zugängig gemacht werden. Die Chinesen machen sich diese, wenn sie von ihrem Nutzen überzeugt sind, zu eigen. Aber sie hegen für die europäischen Errungenschaften, Maschinen, Dampfschiffe, Eisenbahnen und dergleichen ebensowenig Bewunderung wie für deren Erfinder und Erzeuger. Es ist ihnen im Laufe der Jahrhunderte von den benachbarten kleineren Völkern viel zu viel Weihrauch gestreut worden, sie werden von ihrer Kindheit an viel zu sehr in dem Glauben ihrer eigenen Unübertrefflichkeit erhalten, als daß sie den Europäern höhere Achtung schenken sollten als etwa dem Zauberkünstler, über dessen Kunststückchen sie staunen. Gerade so wie wir unsere europäische Kultur für die beste halten, so halten die Chinesen die ihrige für die beste, und ebensowenig wie wir die unserige mit der chinesischen vertauschen würden, ebensowenig würden sie die ihrige für die europäische aufgeben. Ein kleines bewegliches Volk wie die Japaner, mit großem Verkehr und ausgebreiteter Schiffahrt, war leichter zu überzeugen, aber auch sie nahmen von den Europäern nur jene Dinge an, deren praktischer Nutzen ihnen sofort ins Auge sprang, alles andere ließen sie links liegen. Es kann keinen größeren Irrtum geben als zu glauben, die Japaner hätten die europäische Kultur angenommen. Dazu gehört unsern Begriffen nach die christliche Religion und Moral. Die Japaner sind aber in diesen ethischen Beziehungen ganz dieselben geblieben, die sie vor der großen Umwälzung waren. Für Christentum und christliche Moral sind sie unendlich viel weniger zugänglich als die Chinesen, was die beiderseitigen Erfolge der Missionen auch beweisen.
Die Chinesen werden ähnlich wie die Japaner zu Werke gehen, nur unendlich viel langsamer; auch sie werden alle europäischen Erzeugnisse und Einrichtungen annehmen, sobald sie ihre Nützlichkeit einsehen lernen. Das beweist die ganze Entwickelung des chinesischen Handels mit Europa. Aber die große Masse der Chinesen kennt mit Ausnahme leicht zu transportierender kleiner Massenartikel die europäischen Produkte überhaupt noch nicht. Würden sie den Chinesen vor Augen geführt werden, so würden sie auch bald ausgedehnte Märkte dort finden, denn die Chinesen sind zu praktische Menschen, zu vorzügliche Geschäftsleute, um den Wert eines Artikels nicht sofort zu erkennen. Was bisher an europäischen und amerikanischen Waren eingeführt wurde, kommt also nicht ganz China zu gute, sondern nur kleineren Gebieten in der Umgebung von offenen Häfen und längs der Wasserstraßen.
Um nur einige Beispiele hervorzuheben: Ich habe noch am Hoangho Leute gefunden, die ihre Kleider mit selbstgeschmiedeten und gefeilten Nähnadeln nähten; mit Staunen betrachteten sie die glänzenden Näh- und Stecknadeln, die ich ihnen zeigte. Den Mandarinen im Binnenlande konnte ich kein willkommeneres Geschenk machen als ein Notizbuch mit Bleistift. Gewöhnt, ausschließlich mit Pinsel und Tusche zu schreiben, kennen sie auch die Stahlfeder noch nicht, die sich für die Niederschrift chinesischer Schriftzeichen auch gar nicht eignet, und wenn ich des Abends in einer Dorfherberge meine Reisenotizen machte, umdrängten mich gewöhnlich Dutzende staunender Chinesen, um dem raschen Lauf meiner Feder auf dem Papier zu folgen. Bleistifte aber eignen sich für die chinesische Schrift, und die Mandarine konnten sich nicht genug wundern, daß ein Stift auch ohne Tusche chinesische Schriftzeichen auf dem Papier hervorbringen kann. Die Verwunderung stieg jedoch aufs höchste, wenn ich den Bleistift umdrehte und mit dem am anderen Ende befindlichen Radiergummi die Schriftzeichen wieder wegputzte. In Städten und Dörfern war ich ein wanderndes Museum. Die Leute hatten wohl schon zuweilen Weiße gesehen, denn die Missionare sind bereits in die meisten Gegenden des Innern vorgedrungen, tragen aber fast ausschließlich chinesische Tracht. Weiße in Europäertracht, wie ich sie trug, waren ihnen noch fremd. Sie befühlten neugierig meine Kleider und Stiefel, besahen Hut und Regenschirm, verwunderten sich in Orten, wo Feuer noch immer mit Feuerstein und Stahl gemacht wird, über meine Zündhölzchen und noch mehr über den in Papier gewickelten Tabak, d. h. Cigaretten, die sogar viele Mandarine noch nicht kannten. Auf den großen inneren Märkten fand ich gerade so wenig europäische Artikel wie auf unseren Märkten chinesische, und wo sie sich dort oder hier vorfinden, werden sie als Kuriosa, nicht als praktische Waren für den allgemeinen Nutzgebrauch betrachtet. Eisenwerkzeuge, Lampen, Gerätschaften werden immer noch zum weitaus größten Teil von den Chinesen selbst gemacht, ebenso Kleiderstoffe und alle möglichen Gebrauchsartikel. Sie kennen eben die praktischen Erzeugnisse des Abendlandes, wie gesagt, nur in beschränkten Bezirken ihres ungeheuren Landes. Wird dieses aber durch Eisenbahnen und freien Verkehr, ungehinderte Ansiedelung seitens europäischer Kaufleute, dann Abschaffung der Inlandszölle den Europäern wirklich erschlossen, wie es früher oder später doch geschehen wird und muß, dann wird der Absatz all dieser Artikel nach vielen Millionen berechnet werden müssen.
Gerade in diesen Massenartikeln ist aber die deutsche Industrie groß. Jetzt schon werden davon nach den wenigen geöffneten Häfen, von denen vielleicht nur ein Zehntel bis ein Zwanzigstel der chinesischen Bevölkerung erreicht wird, große Massen ausgeführt. Wie erst, wenn es sich um ein Absatzgebiet handelt, das auf seinen elf Millionen Quadratkilometer Fläche vierhundert Millionen Einwohner zählt! Die Chinesen brennen heute noch größtenteils Oel in irdenen Lampen; und doch sind Petroleum und Petroleumlampen bereits wichtige Einfuhrartikel. Eine einzelne Lampe hat freilich wenig Wert, handelt es sich aber darum, achtzig Millionen Haushaltungen, so viel wie ganz Europa zählt, mit Lampen zu versehen, dann gewinnt dieser Artikel eine ganz andere Bedeutung. Ebenso geht es mit den meisten anderen Artikeln.
Um dafür einen Markt zu gewinnen, müssen die Leute auch die Mittel haben, alle diese Dinge wirklich zu kaufen. China ist nun thatsächlich ein Land, das viel größere Mittel und damit Kaufkraft besitzt, als man gewöhnlich annimmt. Statt daß die Kaufkraft Chinas erschöpft wäre, könnte man das gerade Gegenteil behaupten. Niemand würde es beispielsweise einfallen, China mit Ländern wie Siam oder Marokko zu vergleichen, und doch ist der auswärtige Handel dieser letzteren im Verhältnis bedeutend größer als jener Chinas. In Siam entfallen etwa 23 Mark jährlich auf den Kopf, in Marokko ungefähr 9 Mark 50 Pfennige, in China nur 3 Mark. Im Jahre 1874 entfielen vom auswärtigen Handel nur 1 Mark 50 Pfennige auf den Kopf. Es ist also eine Steigerung auf das Doppelte innerhalb eines Vierteljahrhunderts zu verzeichnen. Ist es anzunehmen, daß China als einziges Reich der Erde dabei stehen bleiben und nicht weiter fortschreiten wird?
Freilich sind die großen Massen der Chinesen arm, und in Zeiten von Ueberschwemmungen oder Dürre leben Millionen Menschen im größten Elend. In viel größerem Maße ist dies in Indien der Fall. Land und Bevölkerung sind dort viel ärmer als in China, dabei auch nur halb so groß, und doch ist der auswärtige Handel von Jahr zu Jahr gestiegen, bis er heute an dreieinhalb Milliarden Mark erreicht hat, mehr als das Dreifache von China. Man hat eben die Hilfsquellen Indiens entwickelt und dem Lande Eisenbahnen, moderne Verkehrsmittel gegeben. In China sind alle Bedingungen für den blühendsten Handel, für den reichsten Absatz an Waren aller Art vorhanden, das Land verfügt selbst über ganz bedeutendes Großkapital, und Geld ist nach Hunderten von Millionen Mark im Verkehr. Der einheimische, chinesische Binnenhandel besitzt ungeachtet der primitiven Verkehrsmittel, der Dschunken auf dem Wasser, Kamele, Maultiere und Schubkarren auf dem Lande einen Umfang, von dem man sich kaum eine Vorstellung machen kann. In Schantung allein sind mehrere hunderttausend Kulis als Schubkarrenführer beschäftigt und Jahr aus Jahr ein mit Frachten unterwegs. Flüsse und Kanäle wimmeln von Fahrzeugen, Frachtbooten aller Art. In den Großstädten, darunter viele mit Hunderttausenden von Einwohnern, Orte, die man in Europa kaum dem Namen nach kennt, herrscht Wohlstand und Reichtum, giebt es ausgebreitete Industrien, Bankhäuser, Großkaufleute, Postämter, Verkehrsanstalten, alles natürlich nach chinesischem Schnitt. Ich habe all dies in meinem Buche „Schantung und Deutsch-China” (Verlag von J. J. Weber, Leipzig) mit allen wissenswerten Einzelheiten geschildert.
Indessen, diese schon vorhandene Kaufkraft kann noch verdoppelt, verdreifacht werden, wenn es einmal dazu kommt, die geradezu unerschöpflichen Hilfsquellen, welche noch im Schoße der Erde schlummern, zu öffnen. Welche Massen von Gold bergen die Höhen der Mandschurei und die „goldenen Hügel” nördlich von Peking, die aus verschiedenen Gründen nur zum Teil und das auch nur auf die primitivste Art von den Chinesen ausgebeutet werden! Welche Silbermengen bergen Schantung, Schansi, Tschili, Honan, und doch sind die Mehrzahl der Silberlager noch gar nicht eröffnet! Aber wichtiger als Gold und Silber sind die schwarzen Diamanten, die Kohlen. Schansi, diese ungemein wichtige, an die deutsche Interessensphäre Schantung grenzende Provinz hat in seinem südlichen, an den Hoangho grenzenden Teil Kohlenlager, wo über sechshundert Millionen Tonnen der besten Anthrazitkohle der Ausbeute harren. Dort, ebenso wie in ungeheuren Kohlenlagern des benachbarten Honan liegen zwischen den Kohlenschichten solche von vortrefflichem Eisenerz. Dasselbe gilt, wenn auch in geringerem Umfange, von Schantung, und in allen diesen Gebieten wird wohl Kohle schon gewonnen, hat sich auch eine sehr beträchtliche Eisenindustrie schon entwickelt, aber alles mit den primitivsten Mitteln und bedrückt durch die beutesüchtigen Mandarine.
Welcher Ausdehnung sind ferner die Thee- und Seidenkultur in China noch fähig! Und vor allem unter europäischer Anweisung die Industrie, wenn man in Rechnung zieht, welche Millionen fleißiger, flinker, genügsamer Arbeiter den Chinesen zur Verfügung stehen! Werden diese in dem ungeheuren Reiche schlummernden Schätze und Kräfte geweckt, dann wird es kein größeres und dankbareres Absatzgebiet auf Erden geben als China. Dieses wird den Industrieländern der Alten und Neuen Welt stets erhalten bleiben. Vielfach kommt zwar die Befürchtung zum Ausdruck, China könnte das alte Europa einmal, wenn es zu modernem Leben und Schaffen erwacht ist, erdrücken. Diese Befürchtung ist unbegründet. Zunächst wird es noch vieler Jahrzehnte bedürfen, ehe an einen wirksamen Wettbewerb Chinas ernstlich gedacht werden kann; während Europa diese ganze Zwischenzeit vor sich hat, entwickeln sich auch hier die Industrien immer mehr, es entstehen immer neue Industriezweige, neue Artikel, in welchen die europäischen Industrieländer den Chinesen voraus bleiben werden. Der zeitliche Abstand, um welchen China in seiner Entwicklung hinter Europa zurückgeblieben ist, kann nicht leicht ausgeglichen werden. Weder China noch Japan wird Europa bei den hier fortwährend auftauchenden neuen Erfindungen einholen können, sie werden in dieser Hinsicht für absehbare Zeit von Europa abhängig bleiben.
Aus dem Gesagten kann man ersehen, daß der Handel Chinas noch tief in den Kinderschuhen steckt, aber er schreitet doch rasch voran, und wenn alle Mächte sich so sehr um China bemühen, so geschieht es, um sich bei Zeiten einen Platz dort zu sichern. Im Jahre 1766 haben 23 fremde Schiffe hingereicht, den auswärtigen Handel Chinas zu bewältigen; im Jahre 1830 waren schon 150 Schiffe dazu erforderlich; im Jahre 1898 erreichte der Schiffsverkehr in den chinesischen Häfen die Riesenzahl von 43000 Dampfern und 9000 Segelschiffen mit zusammen 34 Millionen Tonnen Gehalt. Vor einem halben Jahrhundert war der Wert des Außenhandels weniger als hundert Millionen Mark. Heute hat er elfhundert Millionen erreicht, d. h. soweit er auf europäischen Schiffen und in den dreißig offenen Vertragshäfen sich abwickelt. Welche Unmassen ausländischer Waren in den anderen Häfen des Reiches und in den 21000 chinesischen Schiffen mit acht Millionen Tonnen Gehalt dazu kommen, entzieht sich der Beurteilung; der Gesamtwert des Außenhandels kann aber jährlich nicht geringer sein als anderthalb Milliarden Mark.
Wohl kann dieser Außenhandel in dem einen oder anderen Jahre durch außergewöhnliche Ursachen, wie Kriege oder geschäftliche Krisen in Europa, durch Währungsschwankungen oder vor allem durch Kriege, Revolutionen und dergleichen in China selbst zeitweilig eine Verminderung erfahren; er wird aber im ganzen und großen stetig zunehmen, und diese Weiterentwicklung zu hemmen, haben weder die reaktionären Mandarine, noch die Regierung die Macht. Ein Blick in die Vergangenheit eröffnet dem Auge auch die Zukunft. Wie lagen die Verhältnisse in China noch vor sechs Jahrzehnten, zur Zeit des berühmten Opiumkrieges? Das Innere Chinas war jedem Europäer verschlossen, und in den wenigen Häfen, in denen sie sich aufhalten durften, waren sie den strengsten, mitunter schmachvollen Beschränkungen unterworfen.
Wäre es damals jemandem eingefallen, zu prophezeien, daß fünfzig Jahre später europäische Großstädte auf chinesischem Boden stehen würden, daß die Flüsse von europäischen Dampfern befahren, Eisenbahnen, Telegraphen das Land durchziehen würden, man hätte ihn für verrückt gehalten. Die Wirklichkeit von heute übertrifft sogar solche Prophezeiungen; dreißig seiner größten und wichtigsten Häfen sind europäischen Kaufleuten und Ansiedlern erschlossen, aus Shanghai und Hongkong sind europäische Großstädte geworden, in denen man mit derselben Sicherheit und Bequemlichkeit wohnt, als lägen sie in Europa. Telegraphenlinien verbinden die Hauptstadt mit den Provinzen, Kabel die Inseln mit dem Festlande; zwischen Tientsin und Shanghaikwan, Tientsin und Peking, Shanghai und Woosung u. s. w. verkehren Eisenbahnzüge. Die einzelnen Küstenpunkte von Tongkin bis hinauf in die Mandschurei sind durch regelmäßige Dampferlinien unter fremden Flaggen miteinander verbunden; auf den Hauptflüssen verkehren europäische Dampfer, und die Hauptwasserstraße des chinesischen Reiches, der Jangtsekiang, ist eine Hanptverkehrsstraße des europäischen Handels geworden bis hinauf gegen die tibetanischen Grenzdistrikte für Handelsschiffe aller Flaggen, vornehmlich auch der deutschen Flagge. Das so lange verschlossene sagenhafte Peking ist heute der Sitz der europäischen Gesandten, die mit den höchsten Beamten des Riesenreiches verkehren und von dem Kaiser in seinem eigenen Palaste empfangen werden. In Peking befinden sich Kirchen, Klöster, Schulen und Universitäten, die letztern chinesische Unternehmungen, aber mit europäischen Lehrkräften. Die Armee hat europäische Instruktoren, moderne Arsenale stehen unter europäischer Leitung, ebenso der ganze Telegraphen-, Post- und Zolldienst mit Beamten, welchen die höchsten chinesischen Auszeichnungen verliehen worden sind. Wer hätte das vor dreißig oder vierzig Jahren zu hoffen gewagt?
Die Wirren der letzten Zeit sind vorübergehend, die Kugel ist einmal ins Rollen gekommen und, wie gesagt, nicht mehr aufzuhalten. Der Aufstand gegen die Fremden und ihre Kultur, welche sie dem alten China bringen wollen, scheint wie ein letztes Aufraffen der Reaktionäre, der alten Partei der Mandarine und Litteraten, der Geheimgesellschaften und des von ihnen abhängigen Gesindels, zusammen immer noch bedeutend genug, daß die schwache Regierung sich ihnen nicht wiedersetzen konnte. Ihnen gegenüber steht aber eine ganz bedeutende Partei von aufgeklärten Leuten, welche in den offenen Häfen oder in Singapore, Hongkong, Batavia moderne Bildung und Kultur kennen gelernt haben, dann der ganze großenteils vom Auslande abhängige Kaufmannstand in den Handelsstädten. Dazu kommen auch zahlreiche Mandarine und ein großer Teil des gebildeten Teils des Volkes. Wenn diese nicht offen für die Erschließung des Reiches eintreten, so ist es teils aus Furcht vor der Regierung einerseits, die ihre Absichten niemals klar und offen zum Ausdruck bringt, und vor den Geheimgesellschaften anderseits, welche fremdenfreundlichen Mandarinen gleich mit dem Mordstahl zu Leibe gehen. Ich habe in den verschiedenen Städten des Innern mit Hunderten von Mandarinen und anderen aufgeklärten gebildeten Leuten gesprochen und aus ihren Aeußerungen diesen Eindruck gewonnen. Dazu kommt noch bei ihnen die Furcht, daß durch die Eröffnung des Reiches die politische Selbständigkeit desselben verloren gehen könnte. So gern sie die europäischen Industrien verwerten möchten, sie haben doch eine ganz ausgesprochene Vaterlandsliebe, die in dem Grundsatz gipfelt: „China für die Chinesen”. Ich hatte Gelegenheit, Einblick zu bekommen in die Berichte, welche seitens der Zentralregierung von den Provinzgouverneuren über die projektierten Eisenbahnen eingeholt wurden. In diesen Berichten kommen Aeußerungen vor, wie: „Zum Bau der Bahnen können wir chinesisches Material benutzen, zur Ausführung von Arbeiten können Leute aus unserem Volke herangezogen werden. Die Gehälter der etwa in Dienst zu stellenden Europäer würden doch nur einen beschränkten Betrag ausmachen” .... „Das nötige Eisenbahnmaterial vom Auslande zu beziehen, wäre zu umständlich und kostspielig. Unser Eisen ist für Schienen ganz geeignet. Wenn sie auch vielleicht teurer zu stehen kämen, so wären sie doch unsere Landeserzeugnisse”.... „Nur für die erste Strecke würde ich empfehlen, Eisenmaterial aus dem Auslande zu beziehen, bis die Hochöfen und Hüttenwerke für die Fabrikation unserer Schienen fertig sind. Dann sollte lediglich einheimisches Eisen verwendet werden, damit die Entwicklung des Eisenbahnnetzes unserer eigenen Industrie zum Vorteil gereiche”.... „Wir sollten für den Eisenbahnbau keine ausländischen Gelder aufnehmen, sondern ebenso wie die chinesische Dampfergesellschaft dreißig Millionen Taels im Inlande aufgebracht hat, eine inländische Anleihe aufnehmen. Eurer Majestät möchte ich das allerunterthänigste Gesuch unterbreiten, alle Anträge, die fremde Anleihen bezwecken, kurzweg abzulehnen, um das Unwesen der ausländischen Banken und Geschäftsvermittler, dieses Ratten- und Heuschreckenungeziefers, das uns aufzehrt, zu vermeiden”... „Wollen wir Bahnen bauen, so müssen wir uns die Erbauer aus unserem eigenen Volke durch Schulen und ausländische Lehrer selbst heranziehen”.... „Wir wollen fremdes Kapital und fremde Arbeit von unseren Eisenbahnunternehmungen ausschließen”....
In diesen Gutachten sprechen die Provinzgouverneure auch die Ueberzeugung aus, daß die Eisenbahnen dem Handel und Wohlstand der Chinesen förderlich sein und überdies die Ausländer von diesem Handel verdrängen werden. Das zeigen unter anderen folgende Stellen in den Berichten: „Der Handel, der jetzt auf fremden Schiffen erfolgt, würde wieder den Landweg einschlagen und den Fremden den Gewinn wegnehmen zu gunsten unserer Bevölkerung. Wenn aber den Fremden kein Gewinn mehr bei uns in Aussicht steht, so werden sie die Sache bald aufgeben und nach Hause zurückkehren”... „Eure Majestät würden durch die Eisenbahnen und die durch sie wachsende Ausfuhr chinesischer Erzeugnisse den Staat und die Nation auf eine sichere Grundlage stellen und nicht den fremden Händlern ein Mittel zum Wettbewerb und zu größerem Gewinn verschaffen”... „Eisenbahnen fördern den Handel, die Maschinen, die Industrie; durch sie wird man die Erzeugnisse des Landes aus entfernten Gegenden zu versenden im stande sein. Die Eisenbahnen sollen uns helfen, durch Eröffnung der verschlossenen Quellen unserer Reichtümer die Verluste wieder gut zu machen, welche wir durch die Ausfuhr unseres Kapitals erlitten haben.”
Wie man sieht, wird in diesen Berichten der Fremdenhaß, welcher die Chinesen kennzeichnet, auch durch die höchsten Reichsbeamten in offizieller Weise zum Ausdruck gebracht. Fremdenhaß ist die bisherige Richtschnur der ganzen Beziehungen Chinas zum Auslande gewesen; nur in geringem Grade bei der Landbevölkerung vorhanden, steigt er mit den höheren Gesellschaftsklassen und wird zum Fanatismus bei den Litteraten, sowie bei der Mehrzahl der Machthaber. Er liegt auch den ganzen jüngsten Unruhen zu Grunde und ist, wenn man die Sache mit kaltem Blute betrachtet, begreiflich. Man denke sich doch in einem europäischen Reiche die wichtigsten Häfen in chinesischem Besitz und den dortigen Welthandel in chinesischen Händen; man denke sich chinesische Dampfer auf den europäischen Hauptströmen, Eisenbahnen, industrielle Anlagen mit chinesischem Kapital gebaut, durch Chinesen verwaltet, in den Hauptstädten chinesische Missionare, den unteren Volksklassen von Buddha und Confucius erzählend, und alles das unter dem Schutze chinesischer Gesandten in den Hauptstädten der europäischen Reiche, mit chinesischen Kanonen und Kriegsschiffen an den Grenzen, welche alle Begehren der Gesandten unterstützen. Gewiß würde sich der Haß gegen die chinesischen Eindringlinge ganz gewaltig regen, und man würde alles einsetzen, um sie wieder hinauszuwerfen. Nun dünken sich die Chinesen auf einer viel höheren Kulturstufe, als die der Europäer; sie sind stolz auf ihre uralte Zivilisation, die sich Jahrtausende lang bewährt und alle anderen überdauert habe. In ihrem Dünkel betrachten sie die Fremdlinge als ebenso „minderwertige” Wesen, wie wir die Chinesen betrachten, und hegen ihnen gegenüber denselben Haß, den wir gegen sie empfinden würden, wenn sie unsere Heimatländer kommerziell ausbeuten würden.
Indessen, diese Gefühle der Chinesen können nicht geschont werden, zumal sie selbst mit Europa und Amerika in den mannigfaltigsten Verkehr getreten sind. China muß entwickelt, erschlossen werden, und dazu ist es nötig, daß China die erdrückende Macht Europas und die große Ueberlegenheit seiner Kultur noch eingehender kennen und fühlen lernt. Es giebt China gegenüber kein Zurück mehr, sondern nur ein Vorwärts. China wird militärisch niedergezwungen werden, wie schon mehrmals zuvor. Ist das geschehen, dann soll wieder Friede herrschen. Damit aber die alten Fehler der Friedensabschlüsse mit China vermieden werden, ist es erforderlich, daß genügende Macht auch in Zukunft über die Erfüllung der Friedensbedingungen wache. Eine der vornehmsten der letzteren wird es sein müssen, daß Angehörige aller Nationen ungehindert in China verkehren dürfen; es soll keine „Vertragshäfen” mehr geben; jede Stadt soll offen sein; Flüsse und Kanäle müssen frei sein für die Schiffahrt der Flaggen aller Länder; es sollen keine „Interessensphären” für verschiedene Staaten mehr geschaffen werden; ganz China soll eine Interessensphäre sein für die ganze Welt und damit auch für sich selbst. Es darf nicht geduldet werden, daß beispielsweise ausschließliche Absichten Englands auf das ganze Jangtsekiangthal, das Rückgrat des chinesischen Reiches, zur Ausführung kommen. Hongkong, Macao, Tsingtau und andere bestehende feste Besitzungen fremder Mächte werden als solche bestehen bleiben, neue aber sollen nicht dazu kommen.
Wieviel von diesen Wünschen zur Durchführung kommen kann, steht dahin. Es wird dies mehr von den Mächten, als von China abhängen, am meisten von England, das schon jetzt bestrebt ist, eine Sonderstellung einzunehmen und seine eigenen Ziele zu verfolgen. Die größten Gewinner aber werden jene Mächte sein, welche als jüngste auf der chinesischen Bildfläche erschienen sind, Amerika und Japan. Alle Konzessionen Chinas kommen zunächst diesen beiden Mächten zu gute; ihr Einfluß und ihr Handel sind, wie bemerkt, in den letzten Jahren rascher gestiegen als die irgend welcher anderer Staaten. Das bringt ihre geographische Lage und ihre Entwickelung mit sich und kann nicht geändert werden. Von den europäischen Mächten ist am chinesischen Handel nächst England das Deutsche Reich am meisten beteiligt. Hoffentlich wird der Friede diese Beziehungen zwischen Deutschland und China zu noch einträglicheren machen!
Zweiter Teil:
Japan.
Nagasaki, die Heimat von Fräulein Chrysanthemum.
Fräulein Chrysanthemum, diese eigenartige, possierliche Schönheit aus dem fernsten Osten, hat vor etwa dreißig Jahren in Europa ihren Einzug gehalten, einen Einzug, der einem Triumphzuge glich durch den ganzen Kontinent. Europa fand Gefallen an ihrem bepuderten und bemalten Rokokogesichtchen, an ihren feinen, geschlitzten schwarzen Augen mit den hochgezogenen Brauen, an ihrem kirschrot geschminkten, stets lächelnden Munde, an ihren drolligen Stellungen und Bewegungen. Sie trug faltenreiche, bunte, blumengestickte Kleider, und ihr reiches, glänzendschwarzes Haar schmückten papierene Schmetterlinge. Ihrem Köpfchen diente gewöhnlich ein großer, bunter japanischer Papierschirm als Folie, wie ein Heiligenschein, aber ein solcher für die Heiligen der fremden Götterwelt.
Eine so frische, anmutige, naiv-natürliche Erscheinung hatte das alte Europa schon lange nicht mehr gesehen. Sie war neu und kam sozusagen über Nacht in die Mode. Man brachte sie auf die Operettenbühne und das Puppentheater, man malte sie auf Fächer, Vasen und Wandschirme, man modellierte sie in Porzellan und Bronze, man schnitt sie aus Holz, und heute ist sie in Millionen von Exemplaren in ganz Europa zu finden, von Spanien bis Rußland, von Norwegen bis Griechenland, in Herrscherpalästen wie in bescheidenen Wohnungen. Keine Primadonna hat sich jemals solchen Ruhmes erfreut wie dieses kleine, putzige, drollige Fräulein Chrysanthemum.
Sie stammt aus Japan und mußte von dort wohl auswandern und sich eine neue Heimat suchen, denn in ihrem Vaterlande ist sie in den letzten Jahrzehnten allmählich aus der Mode gekommen. Sie hat dort lange genug regiert, Jahrtausende lang. Und während sie Japan verlassen mußte, um so vielen Menschen bei uns in Europa die Köpfe zu verdrehen, hat in ihrer alten Heimat eine andere Dame ihren Platz eingenommen und verdreht den Japanern die Köpfe: Prinzessin Mode aus Paris oder Wien oder sonst welchem Geburtsort, in seidenen, tief ausgeschnittenen Schleppkleidern, mit Puffenärmeln und Handschuhen, mit gewaltigen Hüten und seidenen Strümpfen. Der Hof und die elegante Welt im Lande des Sonnenaufgangs frönen nunmehr dieser abendländischen Prinzessin Mode. Fräulein Chrysanthemum aber ist dort leider verschwunden; nur in der Provinz hält sie noch Hof, und unter jenen Städten, die ihr bis auf den heutigen Tag die Treue am meisten bewahrt haben, ist Nagasaki.
Nagasaki ist die südlichste große Hafenstadt des japanischen Inselreiches und dabei wohl auch die entzückendste. Nirgends paßt Fräulein Chrysanthemum besser hinein; die eine erscheint für die andere wie geschaffen, sie ergänzen sich gegenseitig, und deshalb sind sie einander wohl auch so lange treu geblieben.
Wer von dem ungeheuren, düsteren chinesischen Reiche nach Japan fährt, der kommt in Nagasaki mitten in eine neue Welt hinein, in die Welt der Feen. Die Landschaften, die sich dem Reisenden bei der Einfahrt in den tief eingeschnittenen Fjord von Nagasaki zeigen, sind von klassischer Schönheit, ideale olympische Landschaften, die man sich nur von den griechischen Göttern oder von den Schwestern von Fräulein Chrysanthemum bevölkert denken kann. Der Name Fjord erinnert an die kalten, nackten Meereseinschnitte des nebeligen Norwegens mit ihren Schneeflocken und Gletschern und ihren düsteren menschlichen Ansiedelungen in den Thälern; der Fjord von Nagasaki ist das gerade Gegenteil davon. Während dort die Natur majestätisch, allgewaltig, drohend und erdrückend auftritt, schmiegt sie sich hier lieblich und zärtlich an den tiefblauen, klaren, stillen Wasserspiegel, der sich meilenweit ins Herz der Insel Kiuschiu, einem wahren Phäakenlande, hineinzieht. Prächtige Felspartien, sanft ansteigende Berge mit üppigstem Baumwuchs, zierliche, reinliche Dörfchen an den Ufern; Gärten ringsum, daran anschließend wohlgepflegte Reisfelder, so zierlich und schön gehalten, als dienten sie den japanischen Phäaken, ihren Bewohnern, nur als Spielerei; hier und dort ragen Felseninseln aus der blauen Wasserfläche hoch empor, malerisch in der Form, mit kühnen Nadeln und Spitzen, und jede derselben gekrönt von ebenso malerischen Fichten oder hochaufstrebenden Kryptomerien; blühende Schlinggewächse klettern an den gelben Felsmauern empor und spiegeln sich in der glatten Wasserfläche ebenso treu und natürlich wieder; aus dem Grün blickt hier und dort ein Tempelchen hervor, und auf den Felsen erheben sich brennrote Pagoden. Dutzende dieser Inselchen sind in den Fjord hineingestreut, und zwischen ihnen ziehen still und traumhaft die malerisch geschwungenen Boote mit blendend weißen Segeln wie Schwäne einher. Nirgends in der weiten Welt habe ich so ideal schöne Landschaften gesehen wie hier rings um das japanische Inselreich. Fast erscheint es wie eine Profanation, daß die schnaubenden, schwarzen, Kohlenrauch pustenden Dampferkolosse mitten durch diese Feenwelt fahren, daß prosaische stählerne Schiffsschrauben die blauen Wasserfluten aufwühlen, daß noch viel prosaischere Matter-of-fact-Menschen in die Heimat von Fräulein Chrysanthemum hineingedampft kommen.
Dort, ganz im Hintergrunde des Fjords, eingesattelt zwischen den hohen, bewaldeten, tempelgekrönten Bergen liegt diese Heimat, Nagasaki.
Die Dämmerung ist angebrochen, die grauen, einförmigen Dächer der niedrigen, zierlichen Holzhäuschen der Stadt sind kaum von dem Grün der Bäume zu unterscheiden. Bald erscheinen rings um den Hafen Lichter, rot, blau, weiß, in allen möglichen Farben der Papierlampions; sie werden immer zahlreicher und flimmern endlich in vielen Tausenden in den Straßen vor den Häusern, an den offenen Veranden auf; sie ziehen sich die umliegenden Anhöhen hoch hinauf bis zu den Tempeln; aus der Ferne dringen die Klänge der Samisen schwach zu uns herüber, dazwischen Gelächter und Gesang, wie von dem fröhlichen Treiben eines sommernächtlichen Gartenfestes.
Früh morgens werde ich durch ähnlichen Gesang, ähnliches Gelächter aus meinen Träumen geweckt, in denen zierliche Musmis und Tänzerinnen im Gewande Chrysanthemums die wichtigste Rolle gespielt haben. Durch das kleine runde Fensterchen meiner Schiffskabine blickte lächelnd Chrysanthemum selbst herein. Ja, das ist sie! Dieselben schalkhaften Schlitzaugen, derselbe rosige Mund. Aber welcher Anzug, welche Gestalt! Und wie kam sie nur an meine Kabinenluke, die doch gewiß mehr als sechs Meter über dem Wasserspiegel erhaben ist? Nun sehe ich es; ein großes, plumpes Kohlenboot, mit Kohlen schwer beladen, liegt an der Seite unseres Schiffes, und einige hohe, bis aufs untere Verdeck reichende Leitern sind an das Schiff angelehnt worden. Auf den Sprossen dieser Leitern sitzen von oben bis unten lauter Chrysanthemen und gucken neugierig durch die Kabinenluken. Sie sind alle gleich gekleidet: nicht in die schönen, vielfarbigen, faltenreichen Kimonos, sondern sie tragen enganliegende, bis etwas über die Knie reichende Hosen und lose, vorne nur notdürftig schließende Jacken aus dunkelblauem Stoff, ohne irgendwelche Unterkleider. Die Füße sind nackt, dafür umhüllen buntgestreifte Kopftücher den Kopf und lassen nur die hübschen, frischen, freundlichen Gesichtchen frei. Ein Kohlenschiff nach dem andern legt sich an unsere Seite, ganze Reihen von Leitern stehen nun nebeneinander, viele Dutzende von kleinen putzigen, prallen japanischen Mädchen sitzen auf den Sprossen, alle lächeln, schäkern und schwatzen miteinander. Die älteste mag kaum siebzehn, achtzehn Jahre zählen. Unten in den Kohlenschiffen werden endlich große Körbe mit Steinkohlen gefüllt und den Mädchen, die zu unterst auf der Leiter stehen, gereicht. Diese heben sie über ihre Köpfchen zu den nächsten Sprossen empor, und so passieren sie von Hand zu Hand, bis sie auf das Verdeck kommen. Dort nehmen andere Mädchen die Körbe in Empfang, schütten den Inhalt in den Kohlenschacht und schleudern die leeren Körbe mit kräftigem Schwung auf die Kohlenschiffe zurück. Der Kohlenstaub bedeckt sie bald vom Kopf bis zum Fuß, schwärzt die Gesichter, die winzigen Händchen und die Brüste, denn sie haben der Hitze wegen die Jäckchen geöffnet. Darunter erkennt man nicht einmal mehr das stereotype Lächeln, und gar bald sehen sie aus wie kleine, kohlschwarze Teufelchen. Man sollte es kaum für möglich halten! Diese zarten, blutjungen Geschöpfchen, die höchstens zum Guitarrezupfen, zu Spiel und Tanz geboren scheinen, sind in diesem Lande der Phäaken Lastenträger, Kohlenarbeiter!
Um den Bug unseres Riesenschiffes tummeln sich dicht neben und zwischen den rußigen, schmutzigen Kohlenbarken hindurch blendend weiße, so rein gescheuerte Sampans (Ruderboote) herum, daß man glauben könnte, sie wären alle erst vor einer Stunde aus den Werkstätten gekommen. Halbnackte Japaner mit bronzefarbigen, sehnigen Gliedern handhaben sie geschickt und führen die Passagiere des Dampfers ans Land. Ein langes Ruder ist am Steuer befestigt, und mit diesem machen sie ähnliche Bewegungen wie der Fisch mit seinen Schwanzflossen. Die Japaner haben bei ihren kleinen Fahrzeugen die Kunst der Fortbewegung den Fischen abgelauscht. Vor mir dehnt sich auf der Ostseite der weiten paradiesischen Bucht eine lange Reihe einstöckiger Häuser in europäischem Stil aus, die das europäische Settlement von Nagasaki bilden. Dieser reizende Hafen gehört nämlich mit vier anderen zu den für Europäer offenen Häfen des japanischen Reiches, und auf dem wenige Hektare großen Flächenraum, den die Japaner den Weißen zur Verfügung gestellt haben, dürfen sie ihre Häuser bauen, ihren Geschäften nachgehen. Nagasaki ist der älteste dieser Häfen, denn schon vor beinahe dreihundert Jahren hatten die damaligen Herren der Ozeane, die Holländer, die Bewilligung erhalten, hier ein Settlement zu gründen. Davon ist freilich nichts mehr vorhanden. Die den Hafen entlang laufende Bundstraße hat nur moderne, bescheidene Häuser aufzuweisen, ebenso ihre Parallelstraße landeinwärts und die Verbindungsgassen, in denen die Chinesen ihre Wohnungen aufgeschlagen haben. Kaum hundert Europäer, die Konsuln der fremden Mächte mit eingerechnet, wohnen hier, aber doch haben sie ihren eigenen Klub mit Billard-, Spiel- und Lesesälen, wo man sich irgendwo im Herzen von Europa, nur nicht in Japan fühlen könnte. Weiter südlich gegen das Meer zu liegt, versteckt zwischen üppigen Gartenanlagen, ein bescheidenes Hotel, dessen Name Bellevue durch die wunderbare Aussicht auf das japanische Nagasaki sehr wohl begründet ist.
An der Landungsstelle erwarten ganze Batterien von Rickshaws die ankommenden Reisenden. Weiß der Leser, was eine Rickshaw ist? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er sie schon längst in Europa zur Einführung gebracht. Die Rickshaw ist das bequemste, angenehmste, schnellste und billigste Fuhrwerk, das je zur Beförderung der Menschen erschaffen wurde. Helios hätte in keinem bequemeren zur Sonne, der Teufel in keinem luftigeren zur Hölle fahren können. Die Rickshaw ist eine offene, niedrige Viktoria ohne Kutschersitz, auf zwei Rädern und für einen Menschen Raum gewährend, der sie mit derselben Leichtigkeit besteigt, als wolle er sich in einen Armstuhl setzen. Vorn ist eine Gabeldeichsel angebracht. Ein japanischer Kuli stellt sich dazwischen, hebt die Deichsel mit den Händen auf und galoppiert mit der Rickshaw und ihrem Insassen davon. Der gewöhnliche Fahrpreis für eine Fahrt ist zehn bis zwanzig Pfennige, und die Miete für einen halben Tag von sechs Stunden beläuft sich auf fünfzig Pfennige (fünfundzwanzig Sen). Deshalb fällt es in Japan auch keinem Europäer ein zu gehen. Die Rickshaw ist ihr allgemeines Beförderungsmittel. Jede Rickshaw und jeder dazugehörige Kuli hat seine Nummer, gerade so wie unsere Droschken, und alle stehen unter polizeilicher Kontrolle.
Nummer 415 ist leider nicht zu sehen. Ich hätte gar zu gerne Nummer 415 gewählt, denn wer Pierre Lotis Madame Chrysanthème gelesen hat, der weiß, daß 415 Pierre Lotis Schwager war. Indessen Nummer vier hat eben so kräftige Lungen und eben so kräftige Beine. Kaum sitze ich in seiner Rickshaw, so läuft er auch schon im Galopp von dannen. Die Frühlingshitze ist groß, und auf die Gefahr hin, von einem schlitzäugigen Polizisten eingesteckt zu werden, hat sich Nummer vier seiner zwei Kleidungsstücke, ähnlich wie sie die vorgeschilderten Kohlenjungfrauen tragen, entledigt. Um den Anstand einigermaßen zu wahren, thut er es seinen Rickshawkollegen gleich und legt um den Leib einen weißen Leinwandstreifen, so groß wie eine weiße Ballkravatte. Sein muskelreicher Rücken glänzt von Schweiß wie polierte Bronze; das Wasser läuft ihm von den Schultern und Beinen herunter, er keucht und pustet, aber die Beine tragen ihn und seinen Wagen und mich federleicht den Bund entlang nach dem alten japanischen Stadtteil, dem eigentlichen Nagasaki.
Der erste Eindruck, den die langen, engen Gäßchen mit den bescheidenen, einstöckigen Häuschen jetzt in den späten Vormittagsstunden machen, ist enttäuschend. Straßen auf, Straßen ab dasselbe ewige Einerlei; gutes, mit peinlicher Sorgfalt reingehaltenes Pflaster, mit dem Trottoir nicht längs der Häuser, sondern in der Mitte der Straße; Matten- und Leinwanddächer schützen die langen Reihen von Kaufläden gegen die brennende Sonnenhitze; die Kaufläden nehmen die ganzen Häuserfronten ein, die weder Thüren noch Fenster haben; der ganze verfügbare Raum ist mit Waren der verschiedensten Gattung belegt, hier kostbare Bronzen und Porzellane, dort Rüstungen, Schwerter und Helme, daran anstoßend Papierwaren, Lampions, Schmetterlinge, Drachen; dann wieder Seidenwaren oder allerhand Artikel aus Schildpatt, eine der Hauptindustrien von Nagasaki. Ebensowenig wie nach vorne, haben die hölzernen Häuschen nach hinten eine Mauer; während ich durch die Straßen fliege, kann ich das Innere der Häuser von einem Ende zum andern sehen; alles ist offen, auf den ungemein reinlichen Strohmatten des erhöhten Fußbodens kauern schläfrige Japaner, Männlein und Weiblein, der Hitze wegen in tiefem Negligé, und rauchen ihre winzigen Pfeifchen, mit Köpfen, die kaum groß genug sind, um unseren zartesten Damen als Fingerhut zu dienen; oder sie schlafen, auf die Matten hingestreckt, einen Holzklotz als Kissen unter dem Kopf; oder sie hocken auf ihren Waden, die beliebteste Stellung, und schlürfen Thee aus winzigen Täßchen, den Theetopf vor sich auf dem Boden. Mitten durch die Häuser durch gewahre ich hier und dort ein winziges Gärtchen mit kurios gebogenen und verschlungenen Fichten, mit Wassertümpeln und winzigen Brücken darüber; auf den tischgroßen Rasenflächen stehen allerhand Bronze- und Steinfiguren, die reine Spielerei, denn viele der Gärtchen nehmen nicht mehr Raum ein als eines unserer europäischen Wohnzimmer. Plätze, Squares, öffentliche Gärten giebt es in dem alten Nagasaki keine; alles ist uralt, klein, niedlich und, was mich seltsam, aber angenehm berührte, durchaus japanisch. Von der Modernisierung des alten Japan, die sich dem Besucher von Yokohama, Osaka, Tokio und anderen Städten so unangenehm aufdrängt, sind in Nagasaki nur wenige Spuren zu sehen, und doch war gerade dieser Hafen den Kaukasiern schon über zwei Jahrhunderte geöffnet, als die anderen jedem Europäer noch hermetisch verschlossen waren. Damals, im alten Japan, war Nagasaki der moderne, europäische Hafen; jetzt im modernen, europäischen Japan ist Nagasaki derjenige, der am meisten Alt-Japan bewahrt hat. Nirgends sieht man in den Kaufläden so gute, alte Prachtstücke der japanischen Kunst wie hier; nirgends so echtes und schönes Satsuma- und Hizenporzellan; alte Seidenstoffe und Stickereien, Rüstungen und Bronzen. Man könnte sein Vermögen opfern, um all diese entzückenden Produkte einer fremdartigen Kunst zusammenzukaufen; trete ich in einen Kaufladen, flugs liegen die Händler, Vater, Mutter und Tochter, vor mir auf allen Vieren und berühren aus lauter Artigkeit mit der Stirn den Boden, und während der Papa die kostbarsten Stücke aus Schachteln und Papier, Baumwolle und Seidentüchern herauswickelt, um sie mir zu zeigen, bereitet ein Fräulein Chrysanthemum, seine Tochter, mit ihren zarten Fingerchen Thee und überreicht mir kniend eine Tasse. Dabei ist sie so niedlich und hübsch und lächelt so einschmeichelnd kokett, daß man viel eher vor ihr auf die Knie fallen möchte.
Am jenseitigen Ende der eigenartigen alten Stadt mit ihren schnurgeraden, sich rechtwinklig schneidenden Straßen, die wohl noch selten, wenn überhaupt jemals, von einem Lastwagen oder einer Equipage befahren worden sind, zieht sich die Vorstadt Dschudschendschi die reich mit alten Kampferbäumen besetzten Höhen empor. Dort, in einem der niedlichen Häuschen mit den offenen Veranden und den hübschen Gärten mit blühenden Wisterias, hat auch Pierre Loti mit seiner Frau Chrysanthème gewohnt; welches der Häuschen es wohl sein mag? Gegen die Meeresbucht zu sind die Berghänge mit Tausenden von Grabdenkmälern, alten, mit Farnkraut und Myrten überwucherten Steinen bedeckt, und zwischen beiden führt eine wundervolle Treppenanlage mit gewaltigen steinernen Thorbogen die Anhöhen empor zu dem berühmten Osuwatempel, einem der schönsten Shintotempel Japans. Nummer vier macht vor der Riesentreppe Halt, wischt sich mit den Händen den triefenden Schweiß von den Gliedern und ladet mich ein, den Tempel zu besuchen.
Es ist eher eine ganze Reihe von Tempeln, die dort oben inmitten eines Waldes von kolossalsten Kampferbäumen und Kryptomerien vor langer, langer Zeit errichtet wurden: kleine, einfache Holzhäuser mit schweren, grauen, bemoosten Dächern und weiten, von Galerien umgebenen Vorhöfen, in denen fromme Daimios im Laufe der Jahrhunderte Opferlaternen, steinerne Wasserbecken, Drachen- und Götzengestalten, ja sogar ein bronzenes Pferd haben aufstellen lassen. Das letztere ist eine Berühmtheit Japans, wohl wegen seiner für dortige Verhältnisse selten schönen Ausführung. Pierre Loti behauptete, es wäre aus Jade (Nephritstein), indessen sein reizendes Buch Madame Chrysanthème ist so voll von Unrichtigkeiten, daß man ihm auch wohl das steinerne Pferd hingehen lassen muß. Nur seine Chrysanthème, diese Gattin auf Zeit, hat er richtig geschildert, dann auch die Tänzerinnen und Sängerinnen.
Bei jedem Treppenabsatz haben die Japaner hier Tempelchen und Shintoschreine errichtet; über jedem Thor sind die charakteristischen Neujahrs-Hanfseile gespannt, mit langen, herabhängenden Papierfetzen, zur Abwehr der bösen Geister. Die Treppe scheint gar kein Ende zu nehmen. Weißgekleidete Priester mit kahlgeschorenen Schädeln huschen in den Gängen auf und nieder, verschwinden hinter weißen Vorhängen; andere halten eben unter allerhand geheimnisvollem Zeremoniell ihren Götterdienst; wieder andere ruhen in den Nischen und Seitengebäuden und schmauchen ihre Pfeifchen, deren Rauch sich mit jenem der Weihrauchhölzchen vermengt, die in ungezählten Mengen vor den bronzenen, steinernen und hölzernen Götzenbildern brennen.
Zur Linken führt ein Thor nach einem großen schattigen Garten. Welche Ueberraschung! Unter den riesigen Kampferbäumen stehen hier eine Anzahl Theehäuser, und vor jedem derselben laden uns buntgekleidete Musmis mit freundlichem Lächeln zum Besuch ein, Musmis in roten, blauen und rosenfarbigen Kimonos, mit Blumen besäet, Blumen auch in dem üppigen schwarzen Haar, den Samisen, die japanische Guitarre, in der Hand, und treten wir ein, flugs werfen sie sich zu Boden und harren der Befehle. Dann bringen sie, immer lächelnd, Stuhl und Tischchen herbei, es folgen Aschenbehälter mit glühenden Kohlen, dann die zierlichsten kleinen Porzellanschüsselchen mit den seltsamsten Eßbarkeiten. Sie drücken einem in reizend naiver Weise die japanischen Chop-Sticks (Eßhölzchen) in die Hand und lachen über unsere Ungeschicklichkeit. Drei, vier, fünf von diesen zierlichen Geschöpfchen kauern rings um mich auf dem Boden und befühlen meine Kleider, zupfen an meiner Uhrkette, nötigen mich zu essen und zu trinken. Ob ich nicht möchte, daß sie tanzten? Gewiß. Sofort wird der Samisku herbeigeholt, und während eine an den Saiten zupft, tanzen die anderen die eigentümlichen japanischen Tänze, den Manzai, Kisku und Ogurayama, tanzen sie mit den Händen, den Hüften, den Köpfchen und Knieen, nur nicht mit den Füßen. Dabei sehen sie so reizend aus, so verführerisch, so jung, vierzehn, fünfzehn Jahre, daß man nicht französischer Seeoffizier zu sein braucht, um sich in diese Chrysanthèmes zu vergucken. Und reißt man sich endlich los von den kleinen Zauberinnen, dann fallen sie nieder auf alle Viere und berühren ganz demütig mit der Stirne den Boden. Sayonara, Sayonara!
Am andern Tage trete ich den Rückweg nach der Stadt an, und unten angekommen zeigt sich mir in den Seitenstraßen der Vorstädte vereinzelt das seltsame, kaum glaubliche Schauspiel, das Pierre Loti in der Heimat von Fräulein Chrysanthème so oft gesehen hat:
„Zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags ist jedes lebende Wesen nackt; Kinder, junge Leute, alte Männer, alte Frauen, alles sitzt in einem Bottich irgendwelcher Art und badet. Und das findet wo immer statt, in den Gärten, in den Höfen, in den Kaufläden, selbst auf der Thürschwelle, so daß die Unterhaltung mit den Nachbarn auf der anderen Seite der Straße leichter vor sich gehen kann. In dieser Situation werden Besucher empfangen, und die Badenden verlassen ohne das geringste Zögern die Badewanne, um dem Besucher einen Sitz anzubieten oder mit ihm einige liebenswürdige Redensarten zu wechseln. Indessen, weder die jungen Mädchen noch die alten Frauen gewinnen etwas durch dieses ursprüngliche Auftreten. Eine japanische Frau ohne ihren langen Kimono und ihren breiten, anspruchsvollen Obi (Leibbinde) ist nichts als ein winziges, gelbes Wesen mit krummen Beinen und flacher, formloser Brust; keine Spur bleibt zurück von ihren künstlichen kleinen Reizen, die gleichzeitig mit ihrer Kleidung verschwunden sind.”
Die Wahrheit dieser Bemerkung hat gewiß jeder empfunden, der die Japanerinnen im Bade gesehen hat, und gesehen hat sie jeder Japanbesucher, auch wenn er sie nicht gesucht hat, ja selbst, wenn er getrachtet hätte, ihnen auszuweichen, denn sie sind, wie gesagt, morgens und abends überall zu sehen. Wie beim Schmetterling, so sind es auch bei den Chrysanthèmes von Japan nur die Flügel, die Kleider, welche sie so reizend machen.
Ob denn das Urbild von Madame Chrysanthème, der japanischen Gattin Pierre Lotis, auch eine solche Enttäuschung für ihn war? Mein Schiff fuhr erst spät abends weiter, ich hatte also noch hinlänglich Zeit, ihr meinen Besuch abzustatten. Aber wie sie finden? Ueber den Bund schlendernd, kehrte ich bei dem Konsul einer großen, uns nahestehenden Kontinentalmacht ein, um mich nach ihr zu erkundigen. War sie seit dem Erscheinen von Pierre Lotis Buch zu einer Weltberühmtheit geworden, so wird man sie doch in Nagasaki noch viel besser kennen. Der Konsul war nicht zu Hause, und sein Sekretär hatte gar keine Ahnung von Pierre Loti und kannte weder das Buch noch die Heldin desselben. Vielleicht konnte ich beim französischen Konsul Auskunft in dieser Angelegenheit erhalten. Ich kletterte zwischen schönen, tropischen Gärten hinauf zu dessen Wohnung. Loti? Madame Chrysanthème? Er zuckte die Achseln. „Bedaure. Unbekannt.” Wie sollte er jeden Marineoffizier kennen, der in Nagasaki herumspaziert! Es kommen so viele französische Kriegsschiffe hierher. Gewöhnlich steigen sie bei Madame L., der Besitzerin des Hotels Bellevue, ab.
Das Hotel ist ganz nahe, und ich hatte doch die Absicht dort zu essen. Madame L. ist die dritte Witwe eines französischen Journalisten, der vor einigen Jahren in Tokio eine Zeitung, Courrier du Japan, gegründet hat. Nach einigen Nummern starb die Zeitung, gerade so wie ihr Gründer, an der Auszehrung. Seither warf sich die Witwe auf das Hotelwesen und darbt nicht mehr. Beim Kaffee, den ich auf der Hotelterrasse an ihrem Tisch einnehme, frage ich sie nach Pierre Loti und Madame Chrysanthème. Sie lacht auf. „~Mais Monsieur, c’est un farceur!~ Er war in Nagasaki, hat aber weder Haus noch Frau hier gehabt. Das ist ja alles erdichtet! Er hat bei mir gewohnt und gegessen.” „Und Madame Chrysanthème?” fragte ich weiter. „~Quand à ça~”, antwortete sie mir, „es giebt Tausende hier. Sie brauchen nur zu pfeifen, und sie kommen. Aber Pierre Loti hat niemals mit einer solchen zusammengewohnt. Das einzige Wahre in seinem Buche ist seine Beschreibung von Nagasaki und seine Bemerkung, daß das vermeintliche Bronzepferd im Osuvatempel aus Jadestein ist.”
Ich empfahl mich und kehrte enttäuscht auf mein Schiff zurück. Ein paar Stunden vorher hatte ich selbst vor dem Bronzepferde gestanden und mich, mit dem Taschenmesser daran kratzend, überzeugt, daß das Pferd aus Bronze sei. Ob die Geschichte mit Pierre Loti, welche mir die Besitzerin des Hotels erzählt hat, ebenso unrichtig ist wie jene mit dem steinernen Pferd?
Durch das japanische Mittelmeer nach Kobe.
Wenn ich mir die vielen Länder, die ich in den verschiedenen Weltteilen gesehen habe, vor Augen zaubere, so kann ich doch keines finden, das sich an leidenschaftlichem Reiz, an idyllischer Schönheit mit dem Paradiese von Ostasien, mit Japan, vergleichen ließe, und in diesem letztern ist wieder die Inlandsee das Schönste.
Man denke sich den vielgerühmten Lago Maggiore mit Palanza und seinen Borromëischen Inseln hundertmal vergrößert, dann hat man ein annäherndes Bild der Inlandsee. Kein anderer Erdenstrich könnte den Vergleich mit ihr aushalten, und selbst der Lago Maggiore ist lange nicht so lieblich und zugleich großartig. Der großen Hauptinsel des japanischen Reiches, Hondo, sind gegen Südosten drei andere große Inseln vorgelagert, Kiuschiu, Schikoku und Awadschi, und zwischen ihnen breitet sich eine Wasserfläche von etwa 350 Kilometern Länge und zehn bis fünfzig Kilometern Breite aus, die mit der ungeheuren Wasserwüste des Stillen Ozeans nur durch schmale Straßen verbunden ist. Diese von den vier genannten Inseln umschlossene Wasserfläche ist die Inlandsee.
Auf meiner Dampferfahrt von Nagasaki nach dem in der letzten Zeit vielgenannten Schimonoseki bildeten einige Reisebeschreibungen über Japan meine Lektüre, und unwillkürlich mußte ich über die Ueberschwänglichkeit lächeln, mit welcher die Schönheiten der Inlandsee, deren Portierloge sozusagen Schimonoseki bildet, darin gepriesen werden. Allein die Wirklichkeit übertrifft thatsächlich alle Schilderungen. Schimonoseki selbst hat daran freilich keinen Anteil; ein kleines, bescheidenes Städtchen, der Hauptsache nach nur aus einer Straße bestehend, die sich auf zwei Kilometer längs des Nordufers der schmalen Meerenge hinzieht. Der Mastenwald von unzähligen Segelbooten entzog es unserem Anblick, so daß ich den Aufenthalt unseres Dampfers in der gegenüberliegenden großen, schwarzen Kohlenstation Modschi benutzte, um auf einer der flinken Dampfschaluppen, welche den Verkehr zwischen beiden Ufern der Meerenge besorgen, nach dem Städtchen zu fahren. Vor den Holzhäuschen und rings um die Warenhäuser herrschte reges Leben. Schimonoseki ist von der europäischen Kultur noch vollständig unberührt geblieben, und ganz wie vor der großen Revolution kleiden sich und leben die Einwohner auch noch heute. Selten wird es von Europäern besucht, kaum daß ein halbes Dutzend von Touristen in jedem Jahre in einem der kleinen urjapanischen Gasthöfe absteigt. Hinter dem Orte, die waldgekrönten Anhöhen hinauf, ist jedes Fleckchen Landes von den fleißigen Japanern bebaut worden, und auf beiden Seiten der Meeresküste bilden die zahlreichen, mit Kanonen besetzten Festungswerke die einzige Unterbrechung.
Die Schimonosekistraße mit ihren hohen, malerischen Uferbergen und der hier stets heftigen Flutströmung erinnerte mich lebhaft an den Rhein, etwa bei Bingen. Die Breite ist auch nicht viel größer, nur sind die Krümmungen stärker, so daß die großen Seedampfer mit besonderer Sorgfalt gelenkt werden müssen. Nach kurzer Fahrt treten die Ufer zurück, und wir befanden uns in dem am wenigsten schönen Teil des Binnenmeeres, der weiten, tiefblauen, spiegelglatten Suwo-Nada. Aber schon nach zweistündiger Fahrt sahen wir vor uns eine Anzahl von Inseln aus der Seefläche emporsteigen, und während der nächsten zwanzig Stunden kamen wir aus dem großartigen Insellabyrinth der Inlandsee gar nicht mehr heraus. Tausende und Abertausende von Inseln bedecken hier die Wasserfläche, Inseln in jeder Größe, bis zu kleinen, kaum einige Meter hohen Felsen, alle in so malerischen Formen und in so entzückender Gruppierung, daß man bei der Betrachtung dieser idealschönen Scenen in Bewunderung schwelgt. Die Passagiere unseres Dampfers blieben den ganzen Tag über auf Deck; vergeblich wurde der Gong zu den Mahlzeiten geläutet, und selbst als nach der entzückendsten, ewig wechselnden Beleuchtung die Sonne untergegangen war und schließlich Mond und Sterne auf dem Firmament erschienen, konnten sich nur die wenigsten entschließen, die Kojen aufzusuchen. An manchen Stellen befand sich unser Dampfer in einem Seekessel von zehn bis zwanzig Kilometer Durchmesser, auf allen Seiten von Land eingeschlossen, und nirgends war eine Durchfahrt zu entdecken. Hohe Bergketten erhoben sich kulissenförmig hintereinander, manche bewaldet, manche mit steilen, kühnen Vulkanspitzen; die weite Seefläche wurde von zahllosen Segelbooten durchfurcht, alle in alten malerischen Formen mit blendend weißen, viereckigen Segeln; ruhig wie Schwäne glitten sie einher und näherten sich unserem gewaltigen Dampfer; dann konnten wir auch die peinliche Reinlichkeit dieser nicht wie die Chinesenboote bemalten, sondern weiß gescheuerten Schiffe bewundern, deren Insassen ein geradezu ideales Leben von Ruhe und Behaglichkeit führen mochten. Zwischen den hoch aus dem Wasser ragenden Bootenden erhob sich auf den meisten eine kleine Kabine mit Wänden aus Bambusgeflecht, und im Innern lagerten die Insassen, ganze Familien, anscheinend unbekümmert um den häßlichen, schwarzen Rauch pustenden, lärmenden Riesendampfer, der die olympische Ruhe und Erhabenheit dieser einzig schönen Natur so rücksichtslos störte.
Auf solche scheinbar vollständig landumschlossene Seen folgten enge, von hohen Felseninseln eingefaßte Meerengen, die durch ihr heftiges, schäumendes Flutenspiel reißenden Bergflüssen glichen, und waren sie, nicht ganz ohne Gefahr für den Dampfer, passiert, so traten uns wieder die entzückendsten Inselgruppen vor Augen; die aus den blauen Fluten emporsteigenden Anhöhen waren bis hoch hinauf durch die fleißigen Inselbewohner in Terrassen geteilt worden, um die Bebauung zu ermöglichen; auf jeder Insel zeigten sich diese parallelen Terrassenlinien, während in den lauschigen, saftiggrünen Thälern, halb versteckt zwischen schattigen Hainen, die reinlichen Häuschen der Einwohner lagen. Zuweilen fuhren wir so nahe an ihnen vorbei, daß wir mit aller Deutlichkeit die Einzelheiten ihrer bescheidenen Haushaltungen wahrnehmen konnten; oder den Strand entlang zogen sich größere Städte hin mit Tempeln und Pagoden und regem Schiffsverkehr. Tempelchen und Heiligenschreine mit zahlreichen hochroten Opferthoren thronten auch auf den kleinsten Felseninselchen, gewöhnlich einzelne von ungemein malerischen, phantastisch geformten Fichten, deren lange, bis ins Wasser reichende Aeste von dem durch unseren Dampfer aufgeworfenen Wellenspiel bewegt wurden. Ueber dem ganzen entzückenden, stets wechselnden Bilde lag solcher Friede, solch Wohlbehagen, daß man am liebsten gleich hier ausgestiegen wäre, um inmitten dieses glücklichen Inselvölkchens den Rest seiner Tage zu verleben. Manchmal erinnerten mich gewisse Strecken dieses Binnenmeeres an die Azoren, an die schönen Sandwichinseln, Tausende von Kilometern weiter östlich, mitten im Großen Ozean gelegen; dann wieder an die Thousand Islands im St. Lorenzostrom, die ich so oft durchfahren hatte, oder an den herrlichen träumerischen Puget Sound im fernen Washington-Territorium. Wie die noch heute von Indianern bewohnten stillen Waldinseln dieser amerikanischen Inlandsee mochten die Inseln, an denen wir vorüberglitten, vor urdenklicher Zeit ausgesehen haben. Seit Jahrtausenden aber sind sie schon der Kultur unterworfen, und gerade diese Vereinigung von verständnisvoller Kultur und idealer Natur ist es, welche das Inlandmeer so reizvoll macht. Manche dieser Tausende von Inseln sind heilige Stätten der Japaner, so die Insel Miyadschima in der Nähe der großen Stadt Hiroschima. Ein einziger herrlicher Park mit riesenhaften, uralten Kryptomerien umgiebt die wunderbaren Tempel, denn an diese Baumriesen darf die Axt nicht angelegt werden; mitten unter den Pilgern ziehen die flüchtigen Waldbewohner, die Hirsche, umher und lassen sich mit der Hand füttern; nach einer uralten Vorschrift dürfen auf dieser heiligen Insel keine Geburten und keine Todesfälle vorkommen. Erwartet man solche Ereignisse, so werden die Betreffenden ans Festland geschickt.
Zu schnell vergingen uns Passagieren der Tag und die Nacht, und am nächsten Morgen sahen wir mit Bedauern das Ziel unserer Reise, gleichzeitig das Ende des Binnenmeeres, die weiße Stadt Kobe vor unseren Augen am Horizont auftauchen. Aber glücklicherweise wird dem Weltwanderer durch japanische Dampfer Gelegenheit geboten, die Inseln der Inlandsee zu besuchen und länger auf ihnen zu verweilen. Freilich sind diese Dampfer nicht solche europäischer Art. Nur der Schiffskörper und die Maschinen sind europäisch, alles Uebrige ist japanisch; der Reisende muß sich mit der recht frugalen japanischen Kost zufriedengeben, und will er seine Kabine betreten, so muß er sich zuvor seines Schuhwerks entledigen, gerade so, als würde er ein japanisches Haus besuchen. Aber wie gerne opfert man die gewohnte Bequemlichkeit, um diesen ostasiatischen Lago Maggiore zu besuchen und einige Wochen ungetrübten Glückes inmitten der entzückendsten Inselwelt des Erdballes zu verleben!
Obschon Kobe, nächst Yokohama der größte und besuchteste Seehafen des Mikadoreiches, ebenfalls zu den angenehmsten Orten des letzteren gehört, wirkte die Landung hier doch ernüchternd auf uns, als wären wir aus dem Olymp herabgestiegen mitten unter das prosaische, geschäftige europäische Erdenwallen. Kobe ist nämlich in der That nichts weiter als ein Stückchen Europa, an den Strand der größten Japaninsel Hondo versetzt. Freilich ein schönes Stück Europa, etwa ein Stück der Riviera, Mentone oder Bordighera. Eine schöne breite Straße mit Baumalleen und grünen Rasenflächen legt sich um die stets mit Hunderten von Dampfern und Segelfahrzeugen belebte Bucht, an der Landseite mit blendend weißen stattlichen Gebäuden besetzt, in deren Mitte stets die schwarz-weiß-rote Flagge auf dem deutschen Konsulate flattert. Am südlichen Ende dieser Häuserreihe ragt eine von einem Leuchtturm überhöhte Landzunge weit in die Bucht; sie wurde durch die Schlamm- und Steinmassen des zuweilen sehr wasserreichen Minatogawaflusses aufgeworfen, der hier an seiner Mündung die Grenze zwischen Kobe und der japanischen Zwillingsstadt Hiogo bildet. Indessen von einer Grenze zwischen beiden kann hier eigentlich nicht gesprochen werden, denn beide Städte sind durch ihre Interessen, durch ihren geschäftlichen Verkehr längst miteinander vereinigt, und die Ufer zu beiden Seiten des Minatogawaflusses, welche einst die Städte voneinander trennten, sind heute in reizende Parkanlagen verwandelt, ein beliebter Spaziergang der Europäer sowohl wie der Japaner.
Kobe ist ein Beispiel des in seiner Art geradezu amerikanischen Städtewachstums, das auch mehrere andere Orte Japans seit der großen Revolution aufzuweisen haben. Erst vor etwa vierzig Jahren kam der erste europäische Ansiedler nach dem öden Landstrich östlich des kleinen Städtchens Hiogo, den die Japaner für eine europäische Kolonie bestimmt hatten, und heute zählen Hiogo und Kobe zusammengenommen gegen zweihunderttausend Einwohner. Wie Yokohama, so hat auch Kobe seine englischen und deutschen Klubs, große vorzügliche Hotels ganz nach europäischer Art, Vereine, Gesellschaften und einen sehr bedeutenden Handel. Die Straßen Kobes übertreffen sogar jene von Yokohama an Breite und Reinlichkeit. Inmitten des seinem Aussehen nach lebhaft an den europäischen Süden gemahnenden Städtchens befand sich zur japanischen Zeit ein öder Fleck, der Richtplatz von Hiogo. Das Blut Hunderter von Opfern des Schlachtbeils hat den Boden hier gedüngt; an den Ecken des Platzes erhoben sich die hohen Stangen, auf welche die abgeschlagenen Köpfe, eine Beute für Geier, gesteckt wurden. Heute ist dieser Fleck in einen reizenden kleinen Park verwandelt, hinter welchem sich die Kobe umgebenden Anhöhen hinauf eine europäische Villenstadt befindet, die Wohnungen der Geschäftsleute, welche unten am Strande ihre Bureaus und Warenlager haben. Wer diese anmutige, belebte Hafenstadt durchwandert und sie mit ähnlichen Städten in Europa vergleicht, der würde ihre Einwohnerzahl auf mindestens mehrere tausend schätzen. Und doch erreicht sie in Wirklichkeit nicht einmal achthundert, die Frauen und Kinder eingeschlossen. Man würde es nicht für möglich halten. Während meiner Anwesenheit fand in der hübschen Konzerthalle der Stadt ein Konzert statt; das Auditorium war mit Damen in den elegantesten Toiletten und Herren im Frack und weißer Binde vollständig gefüllt, als stände die Halle in Wien oder Berlin und nicht bei den Antipoden; ein ganz annehmbares städtisches Orchester begleitete die fremden Künstler, und das Publikum beklatschte Brahms und Schumann mit Enthusiasmus. Wie tagsüber in den Straßen, so herrschte auch abends in den Klubs reges Leben; besonders wenn fremde Kriegsschiffe im Hafen liegen, was sehr häufig vorkommt, geht es in diesen eleganten Lokalen sehr munter zu. Mein Zimmer im Oriental Hotel ging gerade auf den benachbarten deutschen Klub, und ich kann von diesem fröhlichen Treiben recht viel erzählen. Vor drei Uhr morgens konnte ich keine Nacht die Augen schließen; die Handvoll biederer Germanen machte auf der Klubterrasse bei schäumendem Münchener Faßbier genug Lärm für einen großstädtischen Turnvereinsabend. Die meisten Europäer, die nicht als Regierungsvertreter oder Missionare hier wohnen, sind Importeure, Seiden- und Theehändler. Mit Interesse besuchte ich eines der großen Thee-godowns, wo Hunderte von Japanerinnen bei kärglichem Tagelohn die Theeblätter in heißen Pfannen rösten; mit offenen Jacken, die Brust und Arme entblößt, stehen sie vom frühen Morgen bis nach Sonnenuntergang an ihren Röstöfen und wenden mit den Händen die schmutziggrünen Blätter, die hauptsächlich in Nordamerika guten Absatz finden.
Das Schönste von Kobe ist seine Umgebung. Unmittelbar hinter der Stadt steigen eine Reihe von Bergen auf mehrere hundert Meter vom Meere empor, darunter sogar ein Bismarcksberg, wegen der drei einsamen, schlankstämmigen Bäume, die auf seinem kahlen Scheitel stehen, so genannt; diese Berge entlang ziehen sich prächtige Spaziergänge und führen zu schattigen Wäldern, Aussichtspunkten, Tempeln und Theehäusern. Der anmutigste Spaziergang ist wohl jener zu den berühmten Wasserfällen von Nunobiki, in deren Nähe man häufig große Affen herumklettern sieht. An den Wasserfällen spielt sich, besonders an Festtagen, ein gutes Stück japanischen, recht ursprünglichen Lebens ab. In den Tümpeln zu Füßen der Fälle baden sich nackte Männlein und Weiblein zusammen in rührender Ungeniertheit, in den Theehäusern tanzen die Maikos und singen die Geishas bei unvermeidlichem Samisengezupfe. Kaum wurden die Mädchen meiner oder irgend eines anderen Europäers gewahr, so ging der monotone Singsang los. Man hat die Mädchen hundertmal tanzen gesehen, das Pin-Pin der japanischen Guitarre tausendmal gehört, aber man läßt es doch immer wieder über sich ergehen. Japan ist eben das Land des Gesanges und des Tanzes.
Yokohama.
Die Größe und Bedeutung des modernen Japan im Welthandel, die Leichtigkeit, mit der es sich im Laufe der letzten drei Jahrzehnte der europäischen Kultur erschlossen und die europäischen Industrien angenommen hat, lassen die Ansicht gerechtfertigt erscheinen, daß auch die wenigen europäischen Handelsstädte in Japan in rascher Zunahme begriffen seien. Aber die Zahl der in Japan ansässigen Europäer, welche auch in der besten Zeit kaum viertausend erreicht haben dürfte, hat in den letzten Jahren, besonders nach dem neuen Vertrag mit den europäischen Mächten, welcher die Europäer in Japan in unerhörter Weise den japanischen Gerichten unterstellt, eher ab- als zugenommen. Im ganzen waren in Japan bis 1898 sieben Städte den Europäern geöffnet, d. h. in sieben Städten wurden ihnen eigene, streng begrenzte Quartiere für Wohnsitze angewiesen, und die dort ansässigen Weißen, zum größten Teil Engländer und Amerikaner, verteilen sich bis auf die jüngste Zeit in folgender Weise:
Yokohama etwa 1800 Tokio „ 900 Kobe „ 900 Nagasaki „ 400 Osaka 150 Hakodate 63 Niigata 10.
Unter diesen etwas über 4000 Ausländern befinden sich 2100 Engländer, 1000 Amerikaner, 600 Deutsche und 500 Franzosen.
Wenn man berücksichtigt, daß mehr als die Hälfte dieser Ausländer christliche Missionare sind und daß von den übrigen 2000 wieder mehrere hundert im diplomatischen Dienst ihrer Heimatsländer oder im Dienst der japanischen Regierung stehen, so bleiben im ganzen etwa tausend Europäer, welche in Japan als Kaufleute thätig sind.
Das wichtigste Emporium des europäischen Handels mit Japan und gleichzeitig die größte europäische Ansiedelung im Reiche des Mikado ist Yokohama. Die großen Dampfergesellschaften, welche den Verkehr zwischen Europa, Ostasien und Amerika mit Japan vermitteln, darunter auch der Norddeutsche Lloyd, lassen ihre Schiffe hier anlaufen. Yokohama ist das große Thor nicht nur für den ausländischen Warenverkehr und die Touristenwelt, sondern auch für die Japaner selbst: es ist der Hafen der Reichshauptstadt Tokio und durch seine große Nähe beinahe nur ein Vorort der letztern. In gesellschaftlicher Hinsicht bilden Yokohama und Tokio nur eine Stadt. An größern Festlichkeiten in der einen Stadt nehmen die Europäer der andern gewöhnlich teil, und zwischen beiden herrscht das ganze Jahr über reger Verkehr.
Wer auf einem der großen Passagierdampfer des Norddeutschen Lloyds von China aus oder mit den Prachtschiffen der kanadischen Pacificgesellschaft von Nordamerika aus sich dem Hafen von Yokohama nähert, der wird von dem europäischen Leben dort vor der Hand nichts gewahr. Beim Anblick der malerischen Pracht der Seeküsten dieses ostasiatischen Inselparadieses, der Fremdartigkeit des Schiffsverkehrs auf der tiefblauen, mit zahlreichen, seltsamen Eilanden gespickten Meeresfläche glaubt er sich nach der langen einförmigen Seefahrt eher einem anderen Planeten zu nähern, als dessen erstes Wahrzeichen er bei klarem Wetter den wunderbaren Schneekegel des heiligen Berges der Japaner, des Fudschiyama, erblickt. Scharf hebt sich die den größten Teil des Jahres mit Schnee bedeckte Vulkanspitze von dem italienischen Himmel ab, der mich in seiner Eigenart und Majestät an einen anderen Bergriesen in der westlichen Hemisphäre erinnerte, an den gewaltigen Orizaba in Mexiko. Wie dieser, so weist auch der Fudschiyama mit seinem Schneekegel den Seefahrern leuchtend den Weg. Bald nachdem er über dem Horizont erschienen, zeigt sich gegen Osten ein zweiter mächtiger Vulkan, der stets qualmende Oschima auf der Vriesinsel. Dann kommen die ungemein malerischen Küsten der Bai von Tokio in Sicht, der Dampfer kreuzt die Mississippibucht mit ihren steilen, bewaldeten, malerisch geformten Felsen und geht endlich im Angesicht von Yokohama mitten zwischen Hunderten von Schiffen aller Art, von den größten fremdländischen Kriegsdampfern bis zu den winzigen japanischen Sampans, etwa einen Kilometer weit vom Lande vor Anker. Wie das Theaterschiff im dritten Akt von Meyerbeers „Afrikanerin”, ist auch unser Dampfer bald von fremdartigem, dunkelhäutigem Volke erobert, das aber nicht gekommen ist, um den friedfertigen Seefahrern den Garaus zu machen, sondern mit freundlichem Grinsen in der höflichsten Weise den Kulis Adressen von Hotels, Schneidern, Schustern und Kuriositätenhandlungen zu überreichen. Die drei vornehmsten Hotels von Yokohama holen glücklicherweise die Passagiere in eigenen Dampfbarkassen ab, und ihre Angestellten überheben sie der Sorge um ihr Reisegepäck. Auf der ganz europäisch eingerichteten Landungspier stehen wie bei uns die Droschken, Dutzende von Kurumas, bequeme einsitzige Fauteuils auf Rädern, bereit, und ein Kuli, der Kutscher und zweibeiniges Zugtier zugleich ist, bringt uns in raschem Lauf auf einer durchaus europäischen Straße nach dem ebenso europäischen Grand Hotel.
Was den Reisenden in Yokohama gewiß zunächst auffällt, ist die Abwesenheit von all den unangenehmen, lärmenden und schmutzigen Zuthaten unserer europäischen Häfen. Nirgends die hohen, düstern Warenhäuser, die rauchenden und pustenden Lokomotiven, kreischenden Dampfkräne, Schienengeleise, Frachtwagen, schmutzigen Hafenstraßen mit ihrem internationalen Verkehr, ihren Matrosenkneipen und Kramläden. Yokohama zeigt sich von der See aus eher wie eines unserer fashionablen Seebäder, Ostende oder Norderney, als wäre es gar nicht eine der wichtigsten Hafenstädte und Warenzentren eines großen Kontinents, sondern nur eine Villeggiatur wohlhabender Europäer, die sich hier wie etwa an der Riviera der herrlichen Natur und des gesellschaftlichen Lebens erfreuen wollen. Tausende von Globetrottern und Weltreisenden, vergnügungssüchtigen reichen Amerikanern und Engländern ziehen hier das ganze Jahr über aus und ein; Hunderte von europäischen Ansiedlern in Ostasien, hauptsächlich aus Shanghai, Hongkong, ja aus Bangkok und Singapore bringen den Sommer mit ihren Familien in Japan zu, und Yokohama ist der wichtigste Landungsplatz, der Verteilungspunkt all dieses fashionablen Verkehrs.
Dabei ist diese europäische Stadt im Reiche des Mikado eine ganz neue Gründung; noch vor etwa vierzig Jahren war der Name Yokohama höchstens einigen Diplomaten bekannt, als das damalige elende Fischerdörfchen von ein paar hundert Einwohnern von der japanischen Regierung den Europäern für eine Ansiedelung zugewiesen wurde. Damals hätte gewiß niemand vorausgesagt, daß nach vier Jahrzehnten dieses Fischerdorf zu einer Großstadt von nahe 200000 Einwohnern und einem Welthafen von ein paar Millionen Tonnen, mit einem Warenverkehr im Werte von etwa hundertfünfzig Millionen Yen herangewachsen sein könnte.
Yokohama liegt auf einer nur wenige Meter über dem Meeresspiegel sich erhebenden, vollständig flachen Insel, auf der Ostseite bespült von den Wellen der Bai von Tokio, auf den übrigen drei Seiten durch Schiffahrtskanäle vom Lande getrennt. Diese etwa zwei Kilometer lange und einen Kilometer breite Insel wird durch einen mit schönen europäischen Gebäuden besetzten und mit Gartenanlagen geschmückten Boulevard in zwei Hälften geteilt. Die nördliche Hälfte wird von der japanischen, die südliche von der europäischen Stadt eingenommen.
Man wäre nun geneigt zu glauben, daß die im Laufe der Jahre hierher verschlagenen Europäer von der so sympathischen, so ansprechenden und malerischen Kultur der Japaner, die sie selbst so sehr rühmen, etwas angenommen haben würden. Jeder nach Japan kommende Tourist hat das Verlangen, dies zu thun, und erkennt gerne die großen Vorteile an, welche sie in mancher Hinsicht des Lebens gegenüber der nüchternen, geschäftigen, europäischen besitzt. Aber die ersten Ansiedler waren eben Engländer. John Bull bleibt überall derselbe, ob er an den Ufern der Themse oder bei den Antipoden wohnt. Seine Zivilisation ist ihm so fest an den Leib gewachsen wie seine Beine, und er trägt sie überall mit hin. Die Engländer haben das Werk begonnen, die anderen Nationen sind ihnen gefolgt, und so ist hier eine durchaus europäische Stadt entstanden, mit geraden, wohlgepflasterten und erleuchteten Straßen, mit steinernen Häusern im europäischen Stile, mit Kaufläden, Buchhandlungen, Banken, Apotheken; mit vornehmen Hotels, Klubhäusern, Kirchen, Zeitungsbureaus, daß man sich ebensogut in Plymouth oder Penzance wähnen könnte, wären im Straßenverkehr nicht die japanischen Diener, Arbeiter und Bettler so zahlreich.
Neben dem vorgenannten, Nipon o dori genannten Boulevard mit dem großen Postamte und mehreren anspruchsvollen Konsulatsgebäuden ist die schönste Straße Yokohamas der Bund, eine schnurgerade, mit Bäumen bepflanzte Avenue, die sich wie die Promenade des Anglais in Nizza längs des Meerufers einen Kilometer weit hinzieht und nur auf der Landseite von Häusern besetzt ist. Aber hier, ebenso wie in den hinter dem Bund befindlichen Straßen, befinden sich nur die Hotels, Klubs, Konsulate und Geschäftshäuser. Doch ist die City, das geschäftliche Viertel von Yokohama, nur tagsüber belebt. Die meisten Europäer wohnen auf dem Bluff, südlich der Insel von Yokohama auf dem Festlande von Nipon. Dort erhebt sich steil aus dem Meere ein etwa fünfzig Meter hohes Plateau mit einer entzückenden Rundsicht auf die weite Meeresbucht, die sie umfassenden malerischen Küsten und die entfernten Bergketten des zentralen Japans mit dem alles überragenden Fudschiyama. Wer den steilen, mit japanischen Kuriositätenlagern und Kaufläden besetzten Weg zu dem Bluff emporklettert, befindet sich in wenigen Minuten in einer reizenden Villenstadt, einem kleinen Homburg, ebenso durchaus europäisch wie die Geschäftsstadt zu ihren Füßen. Jede der hübschen, in modernem Baustil errichteten Villen ist von einem Garten umgeben, in welchem die reiche japanische Flora, von eingeborenen Kunstgärtnern gepflegt, zu geradezu großartiger Entfaltung gelangt ist, vor allem in dem weitläufigen, öffentlichen Park, dem Bluff Garden, hinter welchem man sogar einen Wettrennplatz wie jenen in Goodwood oder Epsom gewahr wird. Verborgen zwischen majestätischen Kampferbäumen und japanischen Kiefern liegen hier oben auch das deutsche und englische Hospital, der Friedhof und eine Anzahl Missionsanstalten. Ebenso wie die City unter dem Bluff, enthält auch die Villenstadt auf dem Bluff etwa 300 Häuser mit ebensovielen Gärten. Hier leben die Kaufherren von Yokohama mit ihren Familien in entzückenden Homes, behaglich in ganz europäischem Stil eingerichtet, aber mit durchweg japanischer oder chinesischer Dienerschaft. Ist der Erwerb in Yokohama auch lange nicht so bedeutend wie in Shanghai oder Hongkong, so ist dafür auch das Leben billiger; die Chinesen sind die ehrlichsten und treuesten Diener, die Japaner die freundlichsten, dabei auch ganz vortreffliche Köche, so daß es in Yokohama den europäischen Hausfrauen bei weitem nicht so schwer ist, die Haushaltung zu besorgen, wie in Europa und auch der Junggeselle in seinem eigenen Heim ein sehr behagliches Dasein führen kann. In diesen Haushaltungen geht es zuweilen recht lustig her; es werden Gesellschaften, Tänze, Diners veranstaltet, und für die Vorbereitungen läßt man die japanischen, ungemein findigen Diener Sorge tragen. Sie stehen mit ihren Kollegen in anderen Häusern in Verbindung; fehlt es an Fleisch oder Fischen, so wird das Fehlende von diesen Kollegen entlehnt, und nicht selten kommt es vor, daß ein Kaufherr, bei einem anderen zu Gaste geladen, seine eigenen Bestecke, Teller und Schüsseln zu seiner Ueberraschung auf dem fremden Tische findet.
Recht eigentümlich ist in Yokohama, ebenso wie in Kobe, die Numerierung der Häuser. Wohl führen die Hauptstraßen auch Namen, und die einzelnen Geschäftshäuser haben ihre kleinen Firmentafeln, aber die Häuser sind nicht nach Straßen, sondern insgesamt je nach der Reihenfolge ihrer Erbauung numeriert, so daß es sowohl in der City wie auch auf dem Bluff nur gegen dreihundert Nummern giebt, wobei z. B. auf dem Bluff neben Nummer 99 Nummer 251, gegenüber Nummer 115, 186 und 165 liegen. Wo immer möglich, hat man in den Straßen die Nummern fortlaufend gehalten; denn sie spielen in Yokohama eine viel größere Rolle als in europäischen Städten. Da die Boten, Kuruma-Kulis, Briefträger nur ganz selten die europäischen Schriften lesen und auch die europäischen Namen nur schwer aussprechen können, so wird im öffentlichen Verkehr ein Geschäft gewöhnlich nur mit seiner Nummer bezeichnet. Die Kaufleute drucken auf ihren Briefbogen und Visitenkarten ihre Nummer ebenso bei wie ihre Kabeladresse, aber sonst weder Straße noch Haus. Bei den Kuruma-Boys, Dienst- und Geschäftsleuten heißen die Europäer einfach Gentleman Nummer 3 oder Lady Nummer 10. Einen anderen Namen kennen sie nicht.
Wie die Lebensmittel, so sind auch die Fahrgelegenheiten in Yokohama sehr wohlfeil; die Mehrzahl der Europäer haben ihre eigene Kuruma, die mit dem Lohn und Unterhalt des Kuli monatlich etwa zehn Yen, also ungefähr fünfundzwanzig Mark kostet; Privatequipagen mit Kutscher und Pferd kosten nur etwa hundert Mark monatlich, und deshalb wird auch von den Fahrgelegenheiten ungemein viel Gebrauch gemacht. Das gesellschaftliche Leben unter dem Häuflein der Europäer und Amerikaner der verschiedensten Nationen ist sehr rege; die Geschäftszeit beschränkt sich auf einige Stunden täglich, und auch diese werden nur an Steamer Days, wenn die einlaufenden Dampfer die Post bringen und abholen, streng eingehalten. Die Abende werden im Bekanntenkreise oder in den beiden Klubs zugebracht; zuweilen giebt es Konzerte und Theatervorstellungen von Wandertruppen, und fehlen diese, so hat doch Yokohama seine Gesang-, Orchester-, Cricket-, Renn- und Segelvereine, gerade so wie irgend eine Stadt Europas, obwohl die ganze verfügbare Bevölkerung kaum tausend Seelen umfaßt. Sogar ein städtisches Orchester von japanischen uniformierten Musikern ist vorhanden, und an den Abenden, an welchen dieses Orchester in dem Garten vor dem Grand Hotel Tafelmusik macht, herrscht in den Speisesälen dieses Hotels ein so elegantes und bewegtes Leben wie in den vornehmen Restaurants von Piccadilly, die Damen in großer Abendtoilette, die Herren in Schwarz mit weißer Halsbinde.
Dieses in Bezug auf Eleganz vielleicht sogar ein bißchen zu weit getriebene Gesellschaftsleben wäre in geistiger Hinsicht reger und angenehmer, wenn die Europäer nicht in so viele geschlossene Gesellschaften gespalten wären. So haben vor allem die sehr zahlreichen amerikanisch-protestantischen Missionare und ihre Frauen mit der kaufmännischen und diplomatischen Gesellschaft fast so gut wie gar keinen Verkehr. Ebenso sind die Engländer von den Amerikanern getrennt, beide wieder von den deutschen, und nur bei großen Anlässen, wie bei Wettrennen, Yachtfahrten, Konzerten und dergleichen trifft man sie vereinigt.
Japaner fehlen in der europäischen Gesellschaft vollständig. Die Japaner haben ihren eigenen Stadtteil und leben dort gerade so wie in irgend einer anderen japanischen Provinzstadt. Nur haben sie durch die fortwährende Berührung mit Europäern doch schon, was ihre Trachten anbelangt, einzelne abendländische Kleidungsstücke, Hüte, Schuhe oder Regenschirme angenommen, sie haben im Verkehr mit den rücksichtslosen, häufig roh auftretenden englischen und amerikanischen Touristen viel von ihrer Höflichkeit eingebüßt, und auch die Bazare haben sich diesem, von den ansässigen Europäern nicht mit Unrecht gehaßten Globetrotterverkehr angepaßt. Wohl sind die Kaufläden ungemein zahlreich, aber sie enthalten doch nur auf den Globetrottergeschmack berechnete Artikel, und feine, altjapanische Kunstsachen oder Antiquitäten wird man nur selten finden. Dennoch gehören die beiden Hauptstraßen des japanischen Stadtteiles, Benten-dori und Hondscho-dori, zu den belebtesten und sehenswertesten von ganz Japan. Die berühmte Isezakicho, die breiteste und belebteste Straße Yokohamas mit ihren fünf großen Theatern, ihren Schießbuden, Akrobaten und Märchenerzählern, mit ihren feinen japanischen Restaurants und Theehäusern, ein beliebter origineller Spaziergang für die Fremden und wohlbekannt bei den Einheimischen, ist im Sommer 1899 einem verheerenden Brande zum Opfer gefallen. Die schönen großen Bazare sind bis auf den Grund zerstört, weit schweifte der Blick auf dem öden Trümmerfeld vom Bahnhof bis zur griechischen Kirche, wo wenige Stunden vorher hohe Häuser standen und viele Tausende von Menschen ihr Heim besaßen. Verbrannt sind auch die Hauptpolizeistation, die große Yoshidaschule, die Musaschibank, Backsteinbauten, die der Gluthitze keinen Widerstand zu leisten vermochten.
Von den anderen Häusern sind, da sie nur aus Holz gebaut waren, der steinerne Kochherd und die Dachziegel übrig geblieben. Auf jedem Platze, wo ein Haus gestanden, wird bei einem Brande gewöhnlich von der Polizei eine Tafel mit dem Namen des Besitzers angebracht, damit derselbe im Schutte nach Gegenständen suchen kann, die die Hitze überdauert haben sollten. Binnen wenigen Stunden wurden 3300 Häuser vom Feuer verzehrt, viele Menschenleben sind verloren gegangen, und der materielle Schaden erreichte viele Millionen.
Glücklicherweise sind wenigstens die anderen Stadtteile Yokohamas, welche ebenfalls bedroht waren, verschont geblieben. Das japanische Yokohama wird von den Europäern eher unterschätzt, denn obschon ich fast alle größeren Städte des Mikadoreiches besucht habe, fand ich in Yokohama doch sehr Sehenswertes, vor allem in der stets belebten Theaterstraße mit ihren unzähligen Schaubuden, Theehäusern, Theatern, Vergnügungen der verschiedensten Art. Dazu ist die Umgebung Yokohamas von fast paradiesischer Schönheit; auf viele Meilen in der Runde gleicht die Landschaft einem wohlgepflegten Herrschaftsgarten mit den entzückendsten Tempelchen und Tempelhainen, mit reizenden, ungemein reinlichen Dörfchen, in denen die Bevölkerung auch noch in paradiesischer Einfachheit lebt; Kamakura mit seiner berühmten kolossalen Bronzestatue des Buddha und seinen alten Tempeln, Enoshima mit seinen Seebädern, Atami mit seinem heißen Hochsee und weiterhin die Gebirgsregion von Hakone mit dem gleichnamigen See und dem fashionabelsten Bade- und Sommeraufenthaltsort der Europäer in Ostasien, Myanoshita. Wie man sieht, leben die Handvoll abendländischer Pioniere im fernen Japan ganz behaglich und entbehren nur wenig von den Genüssen und Annehmlichkeiten unserer europäischen Städte; sie haben sogar ihre eigenen Zeitungen. In diesem Oertchen, das an Einwohnern nicht mehr besitzt als irgend eines unserer größern Dörfer, erscheinen nicht weniger als vier Tagesblätter, durchwegs in englischer Sprache. Obschon die Deutschen an Zahl den Engländern und Amerikanern zunächst stehen, haben sie bis jetzt doch noch keine eigene Zeitung, dafür besteht eine englische Wochenschrift, die Eastern World, welche, von einem Deutschen, Herrn Schröder, herausgegeben, die deutschen Interessen in Japan geschickt und kraftvoll vertritt, zuweilen auch deutsche Aufsätze bringt. Wie die vier englischen Tagesblätter bei einer Auflage von sechzig bis einigen hundert Exemplaren bestehen können, dürfte den meisten Zeitungsleuten Europas wohl ein Rätsel sein, vielleicht ist es auch ihren eigenen Redakteuren ein Rätsel. Dabei sind diese Blätter ganz vortrefflich geschrieben und gedruckt und enthalten täglich die wichtigsten telegraphischen Nachrichten aus Europa. Heute untersteht die europäische Einwohnerschaft leider der japanischen Verwaltung und bildet nicht mehr eine jener eigenartigen Republiken, deren Häupter sich aus den Konsuln und angesehenen Kaufleuten zusammensetzen, wie die chinesischen Vertragshäfen. Die stolzen englischen Kaufherren, die deutschen Reserveoffiziere, die anmaßenden Yankees, dazu die den vornehmsten Ständen angehörigen Touristen aller Herren Länder, ob Minister oder General, sind heute den kleinen schlitzäugigen häßlichen Japanern unterworfen, und leider beuten diese ihre souveräne Stellung, welche ihnen in, man kann wohl sagen, unbesonnener Weise, gewährt worden ist, zum Nachteil der Europäer aus. Die Gerichtspflege läßt sehr viel zu wünschen übrig, und die Klagen über erlittenes Unrecht werden immer zahlreicher. Wieder war es England, das, um seinen gewinnsüchtigen Kaufleuten Handelsvorteile zu sichern, seinen kaukasischen Rassenstolz vor der gelben Rasse gebeugt hat. Auch bezüglich des Zoll- und Postwesens enthalten die Zeitungen seit Jahren fortwährende Klagen über die Unzuverlässigkeit der japanischen Merkure. Selbst die offizielle Regierungszeitung, die Japan Mail, hat sich diesen Klagen angeschlossen.
Die Hauptstadt des Mikadoreiches.
Japan wird gerne das England oder Frankreich von Asien genannt, aber seine Hauptstadt Tokio ist nicht das Paris von Asien. Unter den zahlreichen Reisenden, welche die Hauptstadt des Mikadoreiches in den seit ihrer Eröffnung vergangenen vier Jahrzehnten besucht haben, dürfte es nur recht wenige geben, die von dieser frühern Residenzstadt der Schogune und jetzigen Kaiserstadt nicht sehr enttäuscht gewesen sind. Tokio ist wohl in Bezug auf seine Ausdehnung und Bevölkerungszahl mit Paris zu vergleichen; aber seiner Einförmigkeit nach ist es ein asiatisches Philadelphia, seiner Unfertigkeit nach ein asiatisches Chicago, vielleicht die häßlichste und ärmlichste aller Millionenstädte des Erdballs. Man kommt gewöhnlich mit großen Erwartungen nach Tokio, das als der vornehmste Sitz des europäischen Wissens und der europäischen Kultur in Asien gilt. Bis zu einem gewissen Grade ist das auch richtig, allein nehme man die paar Dutzend europäischer Monumentalbauten und Villen fort, welche innerhalb der letzten zehn Jahre hier an den Ufern des Sumidagawa entstanden sind, so bleibt von dem vielgerühmten Tokio, der Hauptstadt des Ostens, nicht viel mehr übrig als ein ungeheures Dorf. Vergeblich sucht man hier irgend welche der glänzenden, fremdartigen Prachtbauten, wie sie die alten Großstädte Indiens oder die Hauptstädte von Persien, Aegypten, Siam, Birma, selbst einzelne chinesische in so großer Zahl besitzen. Tokio ist nicht einmal die schönste und interessanteste Stadt des eigenen Landes. Was die Lage und Umgebung anbelangt, habe ich Nagasaki viel malerischer gefunden, die frühere Hauptstadt des Mikadoreiches, Kioto, viel interessanter; Kioto besitzt auch großartigere japanische Paläste, Nikko schönere Tempel, Nagoya schönere Straßen, Osaka mehr Leben und Industrie. Tokio ist nur die volkreichste der japanischen Städte, dazu die besuchteste und bekannteste, die Residenz des Kaisers, der Sitz der Regierung. In seiner Anlage und Bauart aber wirkt es sehr ernüchternd. Es ist keine japanische Stadt mehr und noch nicht eine europäische, in einem keineswegs malerischen Uebergangsstadium begriffen, das, wenn einmal vorüber, aus dem einstigen urjapanischen Sitz der Schogune eine alltägliche Stadt geschaffen haben wird, wie etwa Minneapolis oder Omaha oder sonst eine Stadt des amerikanischen Westens. Allerdings nur dem äußern Rahmen nach, denn glücklicherweise steckt in dem japanischen Volke ein gesunder Sinn, der sich der von oben kommenden Europäisierung mit Erfolg widersetzt. Gerade dieses harte Aufeinanderprallen der beiden einander so fremden Kulturen, der europäischen und japanischen, macht Tokio augenblicklich interessant und sehenswert. Welche von diesen Kulturen die Oberhand gewinnen wird? Vorläufig ist es nicht zu sagen. Der Druck von oben ist stark; die Regierung arbeitet mit den ihr zu Gebote stehenden, bedeutenden Mitteln; die Großen und Reichen des Landes folgen ihr zum Teil aus Klugheit, zum Teil aus Neigung oder Ueberzeugung. Aber auf das Leben und Treiben des Volkes haben sie glücklicherweise noch keinen maßgebenden Einfluß gewonnen, die Japaner sind im großen und ganzen in der Provinz wie in der Hauptstadt, was Sitten und Trachten anbelangt, dieselben geblieben, wie sie vor der Europamanie der Regierung gewesen sind, und so zeigt denn Tokio als einzige Stadt des Mikadoreiches japanisches Leben im europäischen Rahmen, heute und wohl auch noch für viele Jahre hinaus. Tokio liegt an der Mündung des Sumidagawa, die weite, seichte Bucht von Yeddo und seine sumpfigen Ufer gestatten aber den großen Seeschiffen die Annäherung nicht. Der Seehafen von Tokio ist das einige Kilometer weiter südlich gelegene Yokohama, mit dem es eine Eisenbahn nach europäischem Muster verbindet. Von dem Sumidagawa führt ein breiter Kanal in das Hügelland, auf welchem das Häusermeer von Tokio sich befindet, und windet sich in zwei nahezu vollständigen Spiralen um den Stadtmittelpunkt. Die innere Spirale umschließt die Paläste und Gärten der kaiserlichen Residenz, die äußere jene Stadtviertel, in denen sich die hauptsächlichsten Regierungsgebäude, Gesandtschaften, Paläste und Villen der vornehmen Welt befinden, und jenseits dieser äußern Spirale, mit dem Sumidagawa und der Meeresbucht durch zahlreiche Kanäle verbunden, dehnen sich die großen, ärmlichen Dörfer aus, die allmählich miteinander verschmolzen und in das Weichbild von Tokio einbezogen wurden. Die Japaner bauten sich diese Dörfer und Wohnsitze in den weiten Thälern, die sich zwischen dem Kranz der das einstige Yeddo umgebenden Hügel befinden; die letzteren selbst blieben größtenteils von der Ueberbauung verschont und tragen heute noch den alten, herrlichen Waldschmuck. Sie bilden die Parke und Tempelhaine, den Stolz und die schönste Zierde von Tokio. Wenn der alte Hodscho Udschitsuma, der im Jahre 1524 hier auf dem sumpfigen Boden zwischen den vereinzelten, kleinen Dörfern eine Festung angelegt hat, etwa noch einmal zum Leben käme, wie würde er sich wundern, rings um diese Festung eine der größten Städte des Erdballs zu sehen, noch mehr aber darüber, daß an derselben Stelle, wo einst sein Wohnhaus stand, heute der Mikado selbst residiert! Die Macht und der Besitz der Hodschos wurde durch den ersten Schogun Jjejassu gebrochen, der die kleine Festung Yeddo im Jahre 1598 zu seiner Residenz machte. Aber auch das hätte Yeddo nicht zu so großem Wachstum und solcher Blüte verholfen, wenn die Schogune nicht die Feudalfürsten des Landes verpflichtet hätten, in ihrer unmittelbaren Umgebung einen Teil des Jahres zuzubringen. Uneinig untereinander, zu schwach, um der Macht der Schogune aus dem reichen Hause der Tokogawa zu widerstehen, mußten diese Daimios rings um die befestigte Residenz der Schogune eigene Wohnsitze für sich und ihr Gefolge bauen, und so entstanden zwischen dem innern und äußern Festungskanal die Jaschiki von über dreihundert Daimios. Jeder dieser Daimios zog jährlich mit einer Gefolgschaft von zahlreichen Samurai, mitunter mehreren Tausenden, über die Hauptstraße des Reiches, den Tokeido, nach Yeddo, ein Herold schritt diesen prunkvollen Zügen voran und rief dem Volke, mit dem Fächer winkend, die Worte zu: „Schita-ni-Oru”, „nieder auf die Knie!” In der Residenzstadt der Schogune angelangt, bezogen sie mit ihren Familien und stattlichen Heerscharen die Jaschiki, und sollten sie auf Geheiß der Schogune in den Krieg ziehen, so mußten sie dem Schogun als Geisel ihre Familien zurücklassen.
Diese Ansammlung des gesamten Adels des Landes in Yeddo ließ die Stadt immer größer und volkreicher werden, und als endlich nach blutigen Kämpfen die Macht der Schogune gebrochen und Yeddo unter dem Namen Tokio zur kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt proklamiert wurde, nahm sie einen noch viel größeren Aufschwung, der noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht hat. Aber dies geschah auf Kosten des malerischen Reizes des alten Yeddo, von dem heute nur wenig mehr übrig ist. Zwei Jahrzehnte haben genügt, es von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Wer heute von Yokohama mit der Eisenbahn nach Tokio reist, der trifft nach etwa einstündiger Fahrt auf einem modernen, europäischen Bahnhofe ein, wie etwa in Leipzig, nur daß an Stelle der Droschken lange Reihen von Rickshaws, von japanischen Kulis gezogene Handwägelchen, die Reisenden erwarten. Auch diese Rickshaws sind bereits europäisiert. Die Kulis tragen blaue Jacken, enganliegende Beinkleider und runde Hüte, die Rickshaws selbst zeigen Nummern wie unsere Droschken. Ein Portier in europäischer Uniform besorgt das Gepäck. Man rollt durch breite Straßen, in denen sich Geschäfte mit europäischen Firmentafeln und europäischen Waren befinden, und gelangt endlich zu einem von einem Garten umgebenen europäischen Hotel, dem Imperial, auf japanisch Taikoku Hoteru genannt, das ebensogut in Wiesbaden oder Trouville stehen könnte und dort erst recht die eleganteste und modernste aller Fremdenkarawansereien sein würde. Sogar die freundlichen, hübschen, kleinen Nesans, die in Japan allgemein die Hotelbedienung besorgen, sind der modernen Kultur geopfert worden, und an ihre Stelle sind Kellner getreten. Man schläft in vollständig europäischen Zimmern mit elektrischer Beleuchtung, speist in einem glänzenden Speisesaal nach europäischer Küche und zahlt für Wohnung und Beköstigung, alles einbegriffen, zwölf bis sechzehn Mark für den Tag. Von den Fenstern dieses vornehmsten Hotels nicht nur von Tokio, sondern von ganz Japan, sieht man auch nicht viel mehr, als man etwa in dem Auditorium Hotel in Chicago sehen würde, weite unbebaute Flächen mit einem Dutzend großer, drei- bis vierstöckiger Paläste darüber verstreut, einsame Straßenanlagen, die noch der Häuser harren, und lange Reihen hoher Telegraphenstangen, über die Hunderte von Drähten gespannt sind. Ich zählte deren an manchen Stellen gegen fünfhundert. Selbst auf einer ersten Rundfahrt, die gewöhnlich den Kaiserpalast und die Gesandtschaftsgebäude zum Ziele hat, wird man vergeblich japanisches Wesen, japanische Eigenart suchen. Die breiten, wohlgehaltenen Straßen sind mit Gaslaternen versehen, hie und da gewahrt man eine europäische Villa, von einem Gärtchen umgeben, die Wohnung irgend eines japanischen Prinzen oder irgend eines ausländischen Gesandten; an den Straßenecken stehen kleine, höfliche Polizisten in europäischen Uniformen, möglicherweise mit Brillen auf der Nase; die Menschen, denen man begegnet, tragen zum großen Teil ähnliche Kleider wie wir, die Wagen, Equipagen, das Militär, alles wie in Europa. Die Brücken über die Kanäle und Wallgräben könnten ebensogut über die Spree führen, und als ich bei einer späteren Gelegenheit zur Vorstellung beim Mikado in den Kaiserpalast kam, fand ich auch dort einzelne europäisch eingerichtete Räume, wie in irgend einem Herrscherpalast der Alten Welt. In der Nähe meines Hotels befand sich ein Klub, der Rokumei-Kwan, ähnlich eingerichtet wie St. James oder Grosvenor, mit Billard-, Lese- und Spielsälen, in denen japanische Herrchen in eleganten Pariser Kleidern französisch parlierten oder ihre Whistpartie spielten. Nur eins gemahnt den europäischen Spaziergänger hier daran, daß er sich auf demselben Boden befindet, wo früher die Schogune geherrscht und die Daimios gewohnt haben: die geradezu kyklopischen Festungsmauern, welche die Residenz des Kaisers umgeben. Gewaltigere Bollwerke haben wenige Festungen der Erde aufzuweisen. Dreißig bis vierzig Meter hoch und etwas konkav nach innen gebogen, werden diese Mauern aus lose aufeinandergelegten ungeheuren Quadern gebildet, so groß, daß man sich wundern muß, wie die kleinen japanischen Männlein im stande waren, sie ohne irgend welche Maschine oder unsere modernen europäischen Hilfsmittel in solcher Massenhaftigkeit aufeinander zu türmen. Diese Mauern entlang zieht sich ein fünfzig bis sechzig Meter breiter und stellenweise ebensotiefer Wallgraben hin, an dessen Herstellung Hunderttausende von Menschen jahrelang beschäftigt gewesen sein müssen. Der Wasserspiegel in den Gräben ist zur Sommerszeit mit blühenden Lotospflanzen bedeckt, und auf den Wällen darüber erheben sich ungeheure alte Pinien in phantastischen Formen, mit langen, bis an den Erdboden reichenden Aesten. Während meines Aufenthaltes in Tokio waren diese so malerisch beschatteten Wälle mein liebster Spaziergang. Selten begegnete ich dort einem Menschen, selten sah ich auch in den Straßen jenseits irgend welchen Verkehr, mit Ausnahme eines Nachmittags, als man die Leiche des verstorbenen englischen Gesandten unter großem Pomp und stattlicher Militärbegleitung zu Grabe trug.
Ist das wirklich die Stadt, die vor dreißig Jahren in den Werken von Sir Rutherford Alcock und Lawrence Oliphant so malerisch geschildert wurde? Tokio ist ihnen dann weit vorangeeilt, und was vor dreißig, nein, vor zehn Jahren darüber geschrieben wurde, ist heute nicht mehr richtig. Wo sind die Scenen, welche Alcock folgendermaßen beschreibt:
„Etwa alle hundert Schritte durchschreiten wir ein Thor, das die Japaner schließen, wenn zur Nachtzeit ein Diebesalarm gegeben wird oder bei Tage Unruhen sich ereignen, während eine elende Stadtwache in einem Wachthause nahebei untergebracht ist, die für die Ruhe in ihrem Viertel verantwortlich und stets wachsam sein muß. Sobald wir eines dieser Thore passieren, stürzen die Wachleute aus ihrem Häuschen heraus, mit langen Stangen bewaffnet, an deren oberen Enden eiserne Ringe hängen. Sie schlagen diese Stangen heftig auf den Boden auf, daß die Ringe klirren, und das sehen sie als eine uns zu leistende Ehrenbezeugung an.”
Aehnliches habe ich wohl auf meinen Reisen in China und Korea gefunden, aber in Tokio? Ebensogut hätte ich es in Chicago suchen können.
Und Oliphant, der in den sechziger Jahren Tokio besuchte, schreibt: „Die einzelnen Straßen sind durch zahllose Thore abgesperrt, und von einem Thore zum andern werden wir von einer neugierigen Menschenmenge verfolgt. Sobald wir ein Thor passiert haben, wird es geschlossen, und der Menschenhaufe bleibt hinter uns, um, an die Gitter gedrückt, uns mit neugierigen Blicken zu verfolgen, während sich um uns ein neuer Menschenhaufe sammelt, der uns bis zum nächsten Thore begleitet. Alle in die Hauptstraße mündenden Seitenstraßen sind hier durch quer darübergezogene Seile abgesperrt, und niemand versucht es, sie zu übersteigen oder unten durchzuschlüpfen.”
Wo sind diese Seile, diese Thore heute? Wo die neugierigen Menschenmassen? Ich bin durch die entferntesten Stadtteile von Tokio gewandert, kein Mensch kümmerte sich um mich.
Und die Jaschiki? Die Hunderte von Daimioschlössern, die in einem weiten Kreise das Schloß des Schoguns umgaben? Sie sind der modernen Aera zum Opfer gefallen. Einige Jahre haben hingereicht, um sie niederzureißen und eben jene weite, einsame Fläche zu schaffen, auf der sich die geschilderten Anfänge des europäischen Tokio erheben. Diese Fläche, mehrere Quadratkilometer umfassend, zieht sich in einem breiten Ringe um die kaiserliche Palastumwallung und erinnerte mich in mehr als einer Hinsicht an jene, die in vielen Städten Europas, vornehmlich in Wien, durch die Schleifung der Festungswälle und Glacis entstanden sind. Hier und dort, verborgen hinter den großen Neubauten in europäischem Stil, sind wohl noch einige Jaschiki der Daimio stehen geblieben. Eins dieser seltsamen Schlösser des alten Japan steht noch hinter dem Imperialhotel. Seinem Aussehen nach hätte ich es für eine Stallung gehalten, und thatsächlich dienen die noch vorhandenen Jaschiki als Kasernen und Stallungen für die moderne japanische Reiterei. Nur sind die alten Daimiowappen abgenommen und durch die Chrysanthemumrosette, die das kaiserliche Wappen bildet, ersetzt worden. Man darf sich unter den Jaschiki nicht etwa Schlösser und Burgen mit festen Mauern, Türmen, Erkern und Balkonen vorstellen, wie sie der Adel und auch die Patrizier in unseren Städten, hauptsächlich in jenen Italiens und Spaniens, besessen haben. Die Japaner haben nur auf ihre Tempel und Pagoden besondere architektonische Kunst verwendet, ihre Wohnhäuser waren und sind heute noch mehr als bescheiden, ebenerdige hölzerne Bauten, die nicht eine einzige feste Mauer besitzen, sondern im Grunde genommen aus nichts weiter als einem auf hölzernen Pfählen ruhenden Dache bestehen. Die Wände werden durch hölzerne Latten oder Papierrahmen gebildet. Die langen, niedrigen Außengebäude der Jaschiki dienten früher den Zweischwertermännern, d. h. der bewaffneten Gefolgschaft ihrer Daimios als Wohnungen und haben wohl das Aussehen, als wären sie aus Mauerwerk aufgeführt. Aber sie bestehen auch nur aus Holz mit leichtem Mörtelbewurf. In ihren Residenzen besaßen die Daimios wohl große, mehrstöckige Schlösser, nicht aber in der Hauptstadt.
Deshalb zeigen auch die wirklichen japanischen Stadtviertel, die außerhalb der ringförmigen Kanäle liegen, das Aussehen von Dörfern. Gegen dreimalhunderttausend Häuschen stehen hier auf dem weiten, an Ausdehnung Paris gleichkommenden Plane in einem unentwirrbaren Netze von Gassen und Gäßchen; nur die neuen Stadtteile, die auf dem rings um die Mündung des Sumidagawa dem Meere abgerungenen Sumpfboden entstanden sind, zeigen die schachbrettartige Straßenanlage der amerikanischen Städte. Dort befindet sich auch das Fremdenviertel, Tsukidschi, mit seinen wenigen Kaufleuten, vielen Missionaren und Kirchen. In dem freien europäischen Japan war es nämlich den Europäern bis 1898 ebensowenig erlaubt, frei umherzureisen, wie frei zu wohnen; nur jene, die im Dienste der japanischen Regierung standen, hatten den Vorzug, in Tokio wohnen zu dürfen; alle anderen Europäer wurden in das Tsukidschi verwiesen. Wir haben es in Europa in früheren Jahrhunderten mit den Juden so gemacht und machen es augenblicklich noch hier und da so mit den Zigeunern. Und die europäischen Großmächte ließen es geschehen, daß die gelben schlitzäugigen Mongolen die Angehörigen der stolzesten Rassen des Erdballs in gleicher Weise behandelten! Ist es denn zu verwundern, daß dieses sehr überschätzte Japanervolk vor Dünkel bersten könnte?
In das einförmige, ärmliche Straßengewirr von Tokio ist in den letzten Jahren etwas Ordnung gebracht worden. Den japanischen „Haußmanns” bleibt das Niederlegen ganzer Quartiere und das Durchbrechen neuer Straßen und Avenuen erspart. Diese Arbeit wird durch die zahlreichen verheerenden Schadenfeuer besorgt, die alle Jahre bald hier, bald dort ausbrechen und gleich einige tausend Häuser verzehren. Ich selbst war in Tokio Zeuge einer Feuersbrunst, die über tausend Häuser einäscherte, ohne daß darüber viel Aufhebens gemacht worden wäre. Die leichtgebauten Holz- und Papierhäuser brennen ja wie Streichholzschachteln, und ist irgendwo ein Brand entstanden, so denkt die Feuerwehr gar nicht daran, ihn zu löschen, sondern durch das Niederreißen der umstehenden Häuser nur einzuschränken. „Die Blume von Yeddo ist das Feuer”, sagt ein altes japanisches Sprichwort, und die Bewohner von Tokio sind von Tag zu Tag nicht ihrer Häuser sicher. Viele besitzen in der That die wenigen Balken und Dachgerippe für neue Häuser in Reserve. Brennt ihnen ihr Haus zusammen, so haben sie am folgenden Abend schon ihr neues Haus wieder aufgebaut.
Jedesmal, wenn eine Feuersbrunst ein paar Straßen oder ein Stadtviertel verheert hat, sind die Stadtbehörden zur Stelle und regulieren oder verbreitern das Straßennetz, so daß es heute doch schon einige gerade, breite Hauptstraßen giebt, durch welche sogar Pferdebahnen gelegt worden sind. Die interessantesten und belebtesten Straßen Tokios sind wohl die Ginza und Nakadori, interessant, weil sich in ihnen ein Geschäftsladen an den andern reiht, voll japanischer Produkte, Kuriositäten und Antiquitäten. Bei den Japanern herrscht noch großenteils die Sitte, daß die einzelnen Geschäftszweige in bestimmten Straßen oder Distrikten untergebracht sind, gerade so wie bei den Chinesen; aber in diesen Industrie- und Handelsvierteln sind die Häuser auch nicht größer oder stattlicher, nur haben die Japaner der Feuersgefahr insofern Rechnung tragen gelernt, daß sie kostbarere Waren in gemauerten Häuschen mit schweren Ziegeldächern und eisernen Fensterläden unterbringen.
Dieses einförmige, öde, farblose und armselige Häusermeer von Tokio wird an vielen Stellen durch kleine Hügel mit üppigem Baumwuchs unterbrochen, und zwischen den Bäumen versteckt schlummert irgend ein kleines, verschiedenen Gottheiten geweihtes Tempelchen. Was aber Tokio vor allen anderen Städten Japans auszeichnet, sind seine beiden prachtvollen Parks, der Schiba und der Uyeno, mit ihren ungeheuren, alten Kryptomerien und Kiefern, ihren langen Alleen von Aepfelbäumen, ihren lauschigen Tempelhainen und Lotosteichen. Die wunderbaren Tempel mit ihren nicht zu beschreibenden Einzelheiten von Ausschmückung und Einrichtung enthalten nicht nur die Gräber der Schogune, sie enthalten auch das Grab der altjapanischen Kunst. Wohl hat Tokio dafür moderne Hochschulen, Hospitäler, Bibliotheken, Museen, Arsenale, Fabriken erhalten, mit denen sich die Japaner heute brüsten, aber all das sind fremde Errungenschaften, die sie sich angeeignet haben. Ihr altangestammtes Eigentum, ihre Schöpfung, das Ergebnis ihrer Liebe und ihres Verständnisses für die Natur war ihre Kunst, die so herrliche Blüten getrieben hat; diese haben die Japaner ohne eine Thräne des Bedauerns geopfert, im Austausch für die modernen Wissenschaften der alten Welt hergegeben. Wer diese Tempelhaine durchwandert, die hohen, eigentümlichen Thorbogen durchschreitet, die langen Reihen steinerner und bronzener Opferlaternen passiert, von alten Daimios dem Andenken der Schogune gewidmet, und endlich die heiligen Grabtempel und den Göttern geweihten Hallen betritt, der empfindet neben rückhaltsloser Bewunderung auch jenes tiefe Bedauern für das Dahinschwinden einer großen Kultur, für welche der moderne Japaner kein Verständnis, kein Gefühl zu haben scheint.
Aber es giebt in Tokio noch ein Stück unverfälschten Japans, das die gütige Vorsehung auch noch recht lange zur Freude aller morgen- und abendländischen Besucher erhalten möge: jenseits des herrlichen Uyenoparks, zu Füßen der von gewaltigen Kryptomerien gekrönten Hügel dehnt sich jene eigentümliche Ausgeburt japanischer Sitten, die Yoschiwara mit ihren der Venus gewidmeten Freudenhäusern aus, und dicht daran schließt sich das Quartier von Asakusa, das sehenswerteste der ganzen Hauptstadt des Mikadoreiches. Ein vielstöckiger Steinturm, der schon so manches verheerende Erdbeben überstanden hat, bildet das Wahrzeichen von Asakusa, wenn nicht von Tokio selbst. Rings um diesen Turm liegen in großen Hainen die stattlichsten Tempel der Stadt, der Hongwanji und der der Gnadengöttin Kwannon geweihte Buddhistentempel von Sensodschi. An diesen merkwürdigen Gebäuden mit ihren absonderlichen Göttergestalten, Inschriften, Bildern und zahllosen Andächtigen hat sich der Ansturm der amerikanischen Baptisten-, Methodisten-, Unitarier-, Presbyterianer- und sonstigen Missionare doch gebrochen, ebenso wie der Ansturm der fanatischen Umstürzler mit ihren europäischen Reformen. Rings um diese Tempel liegt der Wurstlprater von Tokio mit zahllosen Schaubuden, Theehäusern, Theatern, Verkaufsständen, stets belebt, besonders aber an den zahlreichen Festtagen, wenn viele Tausende grotesk geputzter Japaner mit ihren Frauen, mit Musmis und Kindern dort hinauspilgern und Volksfeste abhalten, die in ihrer Eigenart dem Europäer entschieden interessanter sind als der Abklatsch europäischer Universitäten, Arsenale, Pferdebahnen und Gasanstalten, mit denen die modernen Japaner gerade dem Europäer gegenüber so gerne prunken.
Der Kaiser von Japan und sein Hof.
Mit dem alten Japanerreich stand in den letzten beiden Jahrzehnten auch Mutsu Hito, der Beherrscher desselben, im Vordergrunde des Interesses. Der Sturz des Schogunats, die Wiedereinsetzung der alten Kaiserdynastie an die Spitze der Regierung, die Einführung europäischer Kultur, die Errichtung einer modernen Armee und Flotte, die Konstitution, mit einem Worte, die ganze wunderbare, in der Geschichte beispiellos dastehende Verwandlung Japans aus einem alten despotischen Feudalstaate in ein modernes Reich mit westlicher Zivilisation wird in Europa ziemlich allgemein der eigensten Initiative des japanischen Herrschers zugeschrieben. Wäre dies richtig, so müßte Mutsu Hito nicht nur als der weitaus bedeutendste der hundertzweiundzwanzig Kaiser seiner Dynastie sein, er wäre auch eine der bedeutendsten Erscheinungen der ganzen Geschichte, und es ist deshalb wohl begründet, sich mit dieser Erscheinung näher zu befassen. Schon der Umstand allein, daß er als der hundertdreiundzwanzigste seiner Familie auf dem gleichen Throne sitzt und daß sein Stammbaum bis auf das Jahr 660 v. Chr., also auf über 2600 Jahre zurückreicht, macht ihn zu einer interessanten Persönlichkeit. Ihm gegenübergestellt wären ja die Häupter unserer ältesten Herrscherfamilien Europas geradezu Parvenus, denn ihr Stammbaum reicht höchstens auf tausend Jahre zurück.
Bei näherer Betrachtung gestaltet sich die Sache freilich etwas anders. In Japan nahm man es mit der Thronfolge lange nicht so genau wie in den europäischen Herrscherfamilien. Der Thronfolger wurde nach Belieben aus der Menge der mit Konkubinen gezeugten Söhne auserwählt, zuweilen wurden Frauen auf den Kaiserthron gesetzt, ja es wurden häufig Söhne aus anderen dem Throne nahestehenden Adelsfamilien von verschiedenen Kaisern adoptiert und zu Thronfolgern gemacht. Eine direkte Thronfolge vom Vater auf den Sohn kam in der japanischen Geschichte nur selten vor. In den ersten Jahrhunderten der Dynastie, welche Jimmu Tenno, den Sohn des Himmels, als ihren Stammvater nennt, waren die Kaiser auch thatsächlich Herrscher; später gelangten Familien aus der nächsten Umgebung der Kaiserfamilie zu Einfluß und Macht, sie rissen allmählich die ganze Regierung an sich, und die Kaiser selbst waren kaum viel mehr als willenlose Puppen, die von den wirklichen Regenten nach Belieben gewöhnlich als Kinder auf den Thron gesetzt und wieder verjagt wurden, sobald sie das Mannesalter erreicht und den Usurpatoren gefährlich werden konnten. So waren beispielsweise unter dem Mikado Go-Nijo (1302-1308) nicht weniger als fünf Mikados gleichzeitig am Leben; nämlich er selbst, der von seinem siebzehnten bis zum dreiundzwanzigsten Jahre auf dem Throne saß; dann seine vier Vorgänger: Go-Fukakusa, der schon in seinem vierten Jahre Kaiser wurde und in seinem siebzehnten abdankte, d. h. abdanken mußte; dann Kameyama, Kaiser von seinem elften bis zum sechsundzwanzigsten Jahre; Go-Uda, Kaiser von seinem achten bis zum einundzwanzigsten Jahre, und der fünfte Kaiser, Fuschimi, schien den Ministern gar nicht zu passen, denn in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre zum Kaiser gemacht, mußte er schon in demselben Jahre abdanken. Wie man sieht, wechselte man im alten Japan die Kaiser ähnlich wie heute in manchen europäischen Staaten die Minister. Nur war das Verhältnis umgekehrt. Nicht der Hund wedelte den Schwanz, der Schwanz wedelte den Hund.
Als die letzte Schogunfamilie, die berühmten Tokugawa, die Macht in den Händen hatte, wurde den Kaisern wohl alle Achtung und Verehrung zu teil, die ihnen gebührte, allein von der Regierung waren sie vollständig ausgeschlossen, ja sie waren kaum besser als Gefangene, die nicht einmal, wie das Sprichwort sagt, einen goldenen Käfig hatten. Dank der kaiserlichen Gnade war es mir gestattet, in der früheren Hauptstadt des Reiches, in Kioto, die Paläste zu besichtigen, die den Vorgängern des Kaisers und in seinen jungen Jahren auch noch dem regierenden Kaiser als Wohnung angewiesen waren. In den weitläufigen, einförmigen Holzgebäuden mit ihren breiten Veranden und papierenen Zimmerwänden sah ich noch viel weniger Pracht als in dem Palaste ihrer Unterthanen, der Schogune. Dort wohnten und lebten die Kaiser vollständig abgeschlossen von der Außenwelt, vollständig unsichtbar und in gänzlicher Unkenntnis der Größe und Eigenart ihres Reiches. Nur in den seltensten Fällen kamen sie über die Palastmauern heraus, und auch das nur in fest verschlossenen und verhängten Wagen. Von ihrem Regierungsantritte bis zu ihrem Tode bildeten ihre Frauen und ihre Hofhaltung den einzigen Verkehr. Nur die Kuge und die Daimios, also der höchste Adel des Landes, wurden in seltenen Fällen in den Thronsaal zugelassen, um dem Sohne des Himmels ihre Glückwünsche darzubringen oder ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Sie lagen an einem Ende des Saales auf den Knieen, mit dem Gesichte auf dem Boden, während der Kaiser auf dem Throne am anderen Ende des Saales saß. Und welcher Thron! Ein Zelt von der Größe und dem beiläufigen Aussehen unserer kleinsten Feldzelte, aus weißem Seidenstoff angefertigt. Im Innern desselben liegt auf dem Holzboden eine Matratze, und auf dieser saß der Kaiser mit verschränkten Beinen. Während der Audienz wurde auch noch ein dichter Vorhang herabgelassen, damit kein Sterblicher das geheiligte Antlitz des Sohnes des Himmels erblicke.
Auch noch der regierende Kaiser empfing seine Fürsten auf diese Weise, und wer vor einem Vierteljahrhundert gesagt hätte, derselbe Kaiser würde auf einer Landesausstellung in Tokio angesichts vieler Tausende seiner Unterthanen selbst die Preise verteilen, mit der Kaiserin an seiner Seite ein neugeschaffenes Parlament eröffnen oder in seinem modernen europäischen Palaste Diners und Garden parties geben, der wäre in Japan als verrückt eingesperrt worden.
Die Sache erscheint in der That unglaublich und liest sich wie ein phantastisches japanisches Märchen. Am unglaublichsten aber erscheint es, daß Kaiser Mutsu Hito, der bis zu seinem sechzehnten Lebensjahre nur wenige fremde Menschen zu Gesicht bekommen hat, der in seinem siebzehnten Jahre zum erstenmal seinen Palast verließ, zum erstenmal grüne Reisfelder und bewaldete Berge, Dörfer und Städte mit seinen eigenen Augen gesehen hat, daß dieser Kaiser einige Jahre später bereits eine Armee nach europäischem Muster schuf, europäische Kultur und Kleidung für seine Unterthanen dekretierte und 1889 sogar seinem Lande eine Konstitution nach europäischem Muster gab.
Alle diese Errungenschaften werden in Europa ziemlich allgemein der persönlichen Thatkraft und Einsicht des Kaisers zugeschrieben, aber mit wie wenig Recht, kann man bei einigem Nachdenken schon aus dem Gesagten erkennen. Zu den herrschenden irrtümlichen Ansichten haben wohl die Begriffe beigetragen, die wir Europäer von unseren Herrschern haben. In Europa sind die letzteren Persönlichkeiten mit ausgesprochener Individualität, in Japan aber ist der Mikado, wie Chamberlain ganz richtig sagt, einfach der Kaiser. Er hat nicht einmal einen Namen, der von seinen Unterthanen ausgesprochen werden darf. Nach seinem Tode wird er unter dem Namen Meji, d. h. Aufklärung, bekannt sein, den er seiner Regierungszeit gegeben hat. Alle Verordnungen, alle Maßnahmen, Neuerungen werden allerdings vom Kaiser dekretiert, allein er ist keineswegs auch der Schöpfer derselben. Es wäre ja auch ganz unmöglich, daß der Kaiser, der beispielsweise in seinem Leben noch niemals das offene Meer gesehen hat und niemals auf einem Schiffe war, eine Kriegsflotte nach europäischem Muster aus eigenem Antrieb schaffen sollte; oder daß er, der niemals einen anderen Soldaten gesehen als etwa die Samurai (Zweischwertermänner) seiner Eskorte auf der Reise nach Tokio, deutsche Stabsoffiziere nach Japan berufen sollte, um seine moderne Armee Taktik und Strategie zu lehren. Aber ein großes Verdienst um sein Land und Volk, gleichzeitig auch um den Triumph unserer europäischen Kultur hat sich der Kaiser unzweifelhaft erworben: das, thatkräftige, kluge, weitsehende Männer seiner Umgebung gewähren zu lassen, ihnen Vertrauen zu schenken und sie auf ihren Posten selbst dann noch zu belassen, als sie seine kaiserlichen Vorrechte beschnitten, ja ihn veranlaßten, von seiner Gottähnlichkeit herabzusteigen unter die Menschen und selbst Mensch zu werden. Dazu gehört viel Seelengröße, viel Einsicht und Klugheit, Eigenschaften, die bei orientalischen Herrschern bei ähnlichen Anlässen nur äußerst selten zu finden sind. Statt wie es sonst zu geschehen pflegt, dem Strome der öffentlichen Meinung nachzugeben, ist er als erster mit seinem Beispiel vorangegangen, er hat befohlen und hat als erster diesen Befehlen Folge geleistet. Wo der Kaiser sich der Notwendigkeit beugt und die tausendjährige eigenartige Kultur seines Landes opfert, um neue, ihm und seinem Volke durchaus fremde, anfänglich unsympathische europäische Kulturfesseln anzulegen, da mußten seine Unterthanen ihm folgen. Die Gebildeten und Klugen der letzteren thaten dies aus eigener Ueberzeugung, die weitaus größte Masse gehorchte eben dem Gebote ihres Kaisers, gegen den von alters her ein Widerstand, eine Auflehnung undenkbar ist. Nur diese allgewaltige Autorität, diese halbgöttliche Stellung, welche der Kaiser aus der früheren Zeit mit hinübernahm bis zur Einführung der konstitutionellen Verfassung, konnte die ungeheuren Umwälzungen möglich machen, welche die Männer der Regierung beschlossen hatten. Wie in Deutschland und Italien, so muß man in dem neugeeinigten Japan neben dem Herrscher auch diese seine Ratgeber nennen, vor allen anderen Graf Ito, den Bismarck von Japan, dann Yamagata, Inouye, Yamada, Aoki, die beiden Saigo, Kuroda, Mutsu, Oyama, Okubo, Yoshida und Terashima. Sie sind die eigentlichen Schöpfer des neuen, ich möchte sagen abendländischen Japan, Männer, beseelt von glühender Vaterlandsliebe und Loyalität, dabei durch und durch ehrenhaft und selbstlos. Nicht sich wollten sie heben, sondern nur ihr Vaterland. Glücklich ein Land, das solche Männer hat!
Der Kaiser wurde am 3. November 1852 geboren und gelangte nach dem Tode seines Vaters am 13. Februar 1866 auf den Thron. Zwei Jahre später, am 9. Februar 1868, vermählte er sich mit Haruko, der dritten Tochter des Kuge (Fürsten) Ichijo Tadaka, am 28. Mai 1850 geboren, somit um zwei Jahre älter als der Kaiser. Am 15. April 1868 verließ das Kaiserpaar die alte Hauptstadt Japans, um die Residenz nach Yeddo zu verlegen, das bald darauf in Tokio, d. h. östliche Hauptstadt, umgetauft wurde. Als der bekannte amerikanische Staatsmann Seward auf einer Reise um die Welt 1871 Japan besuchte, empfing ihn der Kaiser noch in der altjapanischen Kaisertracht, die keineswegs als schön bezeichnet werden konnte: lange, steife Seidengewänder, die den Körper mit Ausnahme der Hände vollständig verhüllten, und auf dem Kopfe eine eigentümliche, schwarze Roßhaarkappe mit einem linealförmigen Aufsatz, der sich von der hinteren Seite der letzteren vertikal etwa einen halben Meter über das Haupt erhob. Der Kaiser sprach kein Wort und würdigte Seward überhaupt mit keinem Blicke. Seine Fragen und Bemerkungen waren auf einzeln bereitgehaltenen Papierbogen niedergeschrieben, die ein Hofbeamter dem Kaiser unterbreitete und dann ablas. Damit war die Audienz beendet.
Einige Monate später vertauschte der Kaiser das traditionelle japanische Kaisergewand mit einer militärischen Uniform nach französischem Schnitt, und seither hat er sich niemals mehr öffentlich in japanischen Gewändern gezeigt. Auf kaiserlichen Befehl mußte der ganze Hof moderne europäische Kleider anlegen, und von der Kaiserin herab bis zum letzten Hofbediensteten darf bei Hof seither niemand mehr in der angestammten Landestracht erscheinen. Mit einem Federzug wurde dem alten Japan, wenigstens den Aeußerlichkeiten nach, ein Ende bereitet.
Ueberhaupt stürzte man sich mit wahrem Feuereifer auf die Umgestaltung des ganzen Hofes, der Regierungsmaschine, ja selbst der Hauptstadt nach europäischen Vorbildern. Prinz Komatsu verweilte während mehrerer Jahre in den Hauptstädten Europas, um die Verhältnisse an den dortigen Höfen zu studieren; der Hofmarschall Sannomiya Yoshitane wurde an den Kaiserhof in Wien gesandt, um bei dem dortigen Oberhofmeisteramte das ganze altspanische Zeremoniell in allen seinen Einzelheiten kennen zu lernen, und nach Japan zurückgekehrt, wurde er damit betraut, dieselben nicht etwa ins Japanische zu übertragen, beziehungsweise den Verhältnissen in Tokio anzupassen, sondern ganz genau so wie in Wien einzuführen. Nicht der Schuh wurde geändert, um für den Fuß zu passen, der Fuß wurde in den schlechtsitzenden Schuh gezwängt.
Damit verlor aber der japanische Kaiserhof seinen eigentümlichen hohen Reiz, seinen ganzen Charakter und die Romantik, die ihn seit so langer Zeit umschwebt hat. So sehr man die Japaner zu ihren Unternehmungen der letzten Jahrzehnte beglückwünschen muß, von allen Europäern und Amerikanern, ja gewiß auch von der Mehrzahl der Japaner selbst wird das Aufgeben der Nationaltracht verdammt. Die alte Kaiserinwitwe beharrte bis auf den heutigen Tag fest an der angestammten Kleidung und mit ihr ein großes Kontingent Japaner der höchsten Stände. Bei allen Gelegenheiten, ausgenommen bei Hoffestlichkeiten, legen sie mit Vorliebe die reizenden, faltenreichen Gewänder an, die sie in ihrer Jugend getragen, denn sie wissen wohl, daß sie ihren sprichwörtlichen Liebreiz, ihre unsagbare Anmut nur in diesen Gewändern besitzen. Hoffentlich ist es zur Rückkehr zu den alten Trachten nicht zu spät, hoffentlich werden die japanischen Machthaber, welche in anderen Dingen so bewunderswerte Weisheit und Diskretion gezeigt haben, die Unzweckmäßigkeit dieser Toilettenreform noch einsehen und die europäischen Modefesseln, die sie ihren eigenen Landsleuten angelegt haben, selbst sprengen. Die europäischen Moden haben nämlich in Japan bei weitem nicht den Eingang gefunden, den man in Europa ziemlich allgemein annimmt. Nur diejenigen, welche durch ihre Stellung bei Hofe oder bei den Regierungsbehörden dazu gezwungen sind, tragen europäische Kleider. Dazu kommen vielleicht noch Mitglieder aristokratischer Familien, Studenten und Modenarren, welche Europa bereist haben. Alles in allem genommen, dürften sie aber bei einer Gesamtbevölkerung von 41 Millionen nicht viel mehr als den vierhundertsten Teil ausmachen. Ich besuchte eine Reihe von Städten, wo ich keinen einzigen europäisch gekleideten Japaner antraf, ja es giebt in Japan noch zahlreiche Ortschaften, wo man einen solchen überhaupt noch niemals gesehen hat.
Selbst dem Kaiser scheint die den Japanern ziemlich willkürlich aufgepfropfte Europäermode unsympathisch zu sein, denn sobald er seine staatlichen Funktionen beendigt hat, zieht er den Europäer aus und den Japaner an. Bei Audienzen, Festlichkeiten und Ausfahrten trägt er gewöhnlich die Uniform eines japanischen Generals, die ihm viel besser steht als so manchem seiner Offiziere.
Bei einer Privataudienz, zu der ich die Ehre hatte befohlen zu werden, hatte ich die gewünschte Gelegenheit, den Kaiser eine Zeit lang in nächster Nähe zu sehen. Das ganze mit der Audienz verbundene Zeremoniell erinnerte mich lebhaft an jenes bei großen europäischen Höfen. Am Eingang zum Palast wurde ich durch Kammerherren empfangen, die europäische Uniform mit Degen und Federhut trugen. Die Dienerschaft war in europäischer Livree, dunkelblauem Frack mit gelben Aufschlägen, welche das kaiserliche Wappen, die sechzehnblätterige Chrysanthemumblüte, eingestickt zeigen, roten Westen, dunkelblauen Kniehosen und weißen Strümpfen. Ich kann nicht sagen, daß diese Livree den kleinen, dunkelhäutigen, schlitzäugigen Japanern mit ihrem struppigen Haar besonders gut stand. Dafür zeigten sich die Kammerherren, dann der Zeremonienmeister und Hofmarschall Sannomiya, denen ich nun vorgestellt wurde, als vollendete europäische Gentlemen. Ihrem Typus, Auftreten und Benehmen nach hätte ich sie für Spanier oder Italiener gehalten, wenn ich ihnen irgendwo in Europa begegnet wäre. Sie sprachen mit fließender Leichtigkeit französisch, englisch und deutsch, und ganz besondere Gewandtheit zeigte der Adoptivsohn des Grafen Ito, der einige Jahre in Halberstadt die Schulen besucht hat. Der hochgebildete junge Mann, ein vollendeter Aristokrat, geht einer ähnlich glänzenden Carriere entgegen wie sein berühmter Vater, einer der Schöpfer des modernen Japan.
Der Saal, in dem wir uns befanden, war ganz europäisch möbliert. Auf einem Tische lagen vier Einschreibebücher für die beiden Majestäten, je eines für Europäer und Japaner.
Nach etwa halbstündigem Warten wurde ich durch lange hohe Korridore in den Audienzsaal geführt, wo gewöhnlich fremde Gesandte ihre Antrittsaudienz haben und ihre Beglaubigungsschreiben überreichen. Mit Ausnahme des herrlichen kassetierten Plafonds, mit Malereien und einem kleinen Thronstuhl in der Mitte, zeigte dieser Saal keinerlei Schmuck, auch keine Möbel. Ueber den spiegelglatten Parkettboden war ein moderner Teppich gebreitet. Zur Linken führte eine Thüre mit großen Spiegelscheiben auf einen Korridor, welcher den Audienzsaal mit den Privatgemächern des Kaisers verband; die Thüre zur Rechten führte nach dem großen Thronsaal.
Auf der Seite, welche wir einnahmen, öffnete sich der Audienzsaal auf einen wunderbar schönen Garten mit Fontänen, felsigen Wasserbecken und Grasmatten, welche durch Gruppen von bronzenen Störchen geschmückt wurden. Dieselben waren weiß übermalt und zeigten so natürliche Stellungen, daß ich sie im ersten Augenblick für lebende Störche hielt.
Ob dem Kaiser ein Zeremonienmeister voranschritt, ob er angemeldet wurde, wüßte ich nicht zu sagen. Er stand plötzlich vor mir. Ich kann es nicht verhehlen, daß ich im ersten Augenblick befangen, überwältigt war. Keine Persönlichkeit der Gegenwart hat eine so wunderbare Geschichte, keine kann auf eine so lange Reihe von Ahnen zurückblicken, die in das graue Altertum hinaufreicht, sechshundert Jahre vor Christi Geburt! Ich befand mich vor dem Inhaber eines Thrones, auf welchem hunderteinundzwanzig seiner Vorfahren gesessen haben und deren Stammvater seine Gewalt von den Göttern selbst empfangen haben soll.
Der Kaiser ist für einen Japaner ein großer, stattlicher, hochaufgerichteter Mann, mit fahlem gelblichen Gesichte, aus welchem große, schwarze, stechende Augen blicken; das Kopfhaar ist länger, als es die Japaner zu tragen pflegen, dicht und struppig; die Nase ist fleischig, Schnurr- und Vollbart sind dünn, mit langen, steifen Haaren; die Thränendrüsen treten auffallend stark hervor. Man kann nicht behaupten, der Kaiser sei ein schöner Mann, allein das wenig ansprechende Aeußere wird durch seinen hoheitsvollen Ausdruck und eine gewisse Unnahbarkeit, die sein Wesen zeigt, aufgewogen. Unter den vielen Tausenden von Japanern, denen ich auf monatelangen Reisen in dem Inselreiche begegnet bin, habe ich keinen von interessanterem, charakteristischerem Aussehen gefunden, und wenn man sich vor Augen hält, daß der Kaiser der Repräsentant einer Familie ist, die seit zweieinhalb Jahrtausenden nicht über einen enggezogenen Kreis herausgekommen ist, so muß man in ihm den reinsten Typus des Japaners sehen.
Der Kaiser trug eine Uniform, die jener der französischen Artillerieoffiziere ähnelt, aus schwarzem Tuch mit ebensolchen Seidenborten. Auf der rechten Brust prangte der Stern seines Chrysanthemumordens und zwei kleinere Ritterkreuze. Nachdem ich durch den Zeremonienmeister vorgestellt worden war, richtete der Kaiser mehrere Fragen an mich, die sich auf meine Reisen, hauptsächlich auf jene nach Korea, bezogen. Er sprach japanisch, mit leiser Stimme, und seine Worte wurden von einem Dolmetscher ins Französische übertragen. Meine Antworten und Ausführungen wurden dem Kaiser wieder japanisch mitgeteilt, der jeden Satz mit heftig ausgestoßenem „hei, hei”, etwa „ja, ja” oder „ich begreife” beantwortete. Während der ganzen Unterredung blickte der Kaiser niemandem in die Augen; er hielt sich steif und unbeweglich wie eine Statue und reichte auch beim Abschiede niemandem die Hand.
Unter den vorgeschriebenen drei Verbeugungen entfernten wir uns nun, rückwärts schreitend, aus dem Saale. Im Korridor teilte mir Hofmarschall Sannomiya mit, der Kaiser hätte ihm aus eigenem Antriebe Befehl gegeben, mir die Räumlichkeiten des Palastes zu zeigen. Geführt von diesem äußerst liebenswürdigen, weltmännisch gebildeten Würdenträger nahm ich nun während der folgenden Stunde die Palasträume in Augenschein, und es hätte gewiß noch viel längerer Zeit bedurft, um die prachtvollen Kunstwerke der Japaner, die hier die Säle schmücken, nach Gebühr zu bewundern.
Die Empfangsräume zeigen eine äußerst glückliche Verbindung zwischen europäischem und japanischem Stil; der Palast selbst besteht aus einer Reihe ebenerdiger, aneinanderstoßender Gebäude, deren jedes sein eigenes Dach, seine eigenen Veranden und Korridore besitzt und nur je einen großen Saal enthält. Alle diese Gebäude sind aus Holz aufgeführt, aber statt der verschiebbaren Papierwände, welche die japanischen Wohnhäuser besitzen, zeigen die Säle feste Wände, mit den herrlichsten Seidenbrokaten bekleidet; die Plafonds sind gerade so wie jene der Kaiserpaläste in Kioto kassetiert und mit Vergoldungen und Malereien geschmückt.
Die ersten Räume, die wir besuchten, waren drei Speisesäle von verschiedener Größe, ganz so eingerichtet wie jene in europäischen Palästen. In dem größten dieser Säle, für mehrere hundert Personen Raum bietend, werden dreimal jährlich große Tiffins d. h. Dejeuners gegeben, die aber nicht, wie es in manchen Büchern zu lesen ist, stets in europäischer Weise aufgetragen werden, sondern den daran teilnehmenden Diplomaten zuweilen durch ihre japanischen Eigentümlichkeiten recht unbequem sind. Auf einer kürzeren, an die Privatgemächer des Kaisers stoßenden Seite steht eine kürzere Tafel, von welcher drei längere Tafeln der Länge nach durch den Saal laufen. An der kürzeren Tafel sitzt der Kaiser, während an den langen Tafeln, aber immer nur auf einer Seite, das diplomatische Korps, die Minister und Generale Platz nehmen, so daß sie kein Gegenüber haben. Die Mahlzeiten finden um elf Uhr morgens statt; Teller, Gläser und dergleichen sind nach europäischen Mustern und zeigen an den Rändern die Wappenblume des Kaisers; an Stelle der Bestecke liegen jedoch japanische Eßstäbchen, mit denen sich so mancher Diplomat vergeblich abmüht, ein Stückchen Speise zu erwischen.
An einem kleinen Nebentischchen in der Nähe des Kaisers sitzt ganz allein der geistliche Chef des kaiserlichen Hauses, der Leiter der religiösen Shintozeremonien und des kaiserlichen Ahnenkultus, gewöhnlich ein Prinz der Kaiserfamilie. In der letzten Zeit lag diese Würde in den Händen des Prinzen Takuhito, aus dem Hause Arisugawa no-miya. Bei Besuchen europäischer Prinzen wie z. B. des Zarewitsch oder des österreichischen Thronerben im Jahre 1893 finden derlei Mahlzeiten gewöhnlich in einem der kleineren Speisesäle statt.
Der große Gesellschaftssaal nahebei ist ganz im europäischen Stil eingerichtet und enthält fast ausschließlich deutsche Möbel. In der Mitte des Saales befinden sich zwei runde Divans, über welchen sich auf Holzpiedestalen zwei große Bronzen Augsburger Fabrikats erheben, Kämpfe von reitenden Figuren mit Löwen und Bären darstellend. In den Ecken stehen europäische Sofas mit kleinen Tischchen davor, zwischen den Fenstern Sèvresvasen und französische Bronzen. Sie würden überall, nur nicht im japanischen Kaiserpalaste zur Bewunderung einladen. Ein vollständig neuer Zweig der japanischen Kunstindustrie, der mir bisher unbekannt war, wird durch zwei Wandgobelins nach französischem Muster repräsentiert. Die Japaner haben die Gobelinmanufaktur in Frankreich vor mehreren Jahren erlernt, und die beiden im Kaiserpalaste aufgehängten Prachtstücke zeigen, wie weit es die Japaner auch darin in der kürzesten Zeit gebracht haben. Weniger schön ist der anstoßende Musiksaal eingerichtet, und die schweren Brokatvorhänge an den hohen Fenstern, die Brokatbekleidung der Wände, die Teppiche auf dem Parkettboden, die vielen Divans sind auch nicht dazu angethan, die Bestimmung dieses Saales zu fördern. In einer Ecke steht ein großer Konzertflügel. Die schönen Vasen, Bronzen und Emailgegenstände, darunter ein wunderbar emaillierter Hahn in natürlicher Größe, stehen merkwürdigerweise auf deutschen Sockeln billigster Arbeit, plump in der Form, schlecht lackiert und vergoldet. Warum man an ihrer Stelle nicht solche japanischen Ursprunges mit dem schönen Gold- oder Rotlack verwendet hat?
Am imposantesten von allen Räumen des Palastes ist der große Thronsaal, den wir nun betreten, ein gewaltig großer hoher Raum, dessen Wand- und Deckenschmuck ein wahrer Triumph der japanischen Kunstindustrie ist. Von der Decke hängen zwei Glaslüster mit unzähligen elektrischen Lämpchen, die aber selten angezündet werden, da man sich in dem hölzernen Gebäude sehr vor Schadenfeuern fürchtet. Deshalb giebt es in dem Palaste auch keine Kamine, und die im Winter recht notwendige Erwärmung wird durch Luftheizung besorgt. Auf einer niedrigen, teppichbedeckten Estrade an einer Langseite des Saales stehen zwei gleich große, in Deutschland angefertigte Thronstühle für die beiden Majestäten unter einem hohen faltenreichen Sammetbaldachin. An Stelle der Kronen, welche in europäischen Herrscherpalästen Baldachin und Thronstühle schmücken, sind hier überall sechzehnblätterige goldene Chrysanthemumblüten, sowie drei Blätter und drei Blüten der Kiripflanze (~Paulownia Imperialis~) verwendet. Während die ersteren das Staatswappen bilden, ist die letztere seit undenklichen Zeiten das Familienwappen der Mikados von Japan. Obschon sonst die europäischen Höfe in allen Dingen genau nachgeahmt worden sind, hat man doch, ich möchte sagen glücklicherweise, vor den erhabensten Insignien des europäischen Herrschertums, Krone, Szepter und Reichsapfel, Halt gemacht. Es giebt in Japan keine Krone, ebensowenig wie in China und Korea. Erst die Herrscher der an China grenzenden hinterindischen Reiche, dann jene Zentralasiens tragen Kronen. Die größte Sammlung der letzteren habe ich im Kreml zu Moskau gesehen, die schönsten und kostbarsten jedoch in der Hauptstadt von Siam. Die Insignien der japanischen Kaiserwürde sind auch in der neuen Aera dieselben geblieben, die sie in früheren Zeiten waren, das heilige Schwert des Mikado Uda aus dem neunten Jahrhundert und der heilige Spiegel, das Sinnbild der Tonno. Der letztere wurde dem Stammvater der Kaiserdynastie von seiner Mutter, der Sonnengöttin, mit auf die Erde gegeben, und seit jener Zeit blieb dieses kostbare Kleinod in dem Besitz der Familie.
In dem Thronsaale finden am Neujahrstage, am Geburtstage des Kaisers und bei außergewöhnlichen Anlässen große Empfänge statt. Die Majestäten stehen auf der Estrade vor den Thronen, rechts von ihnen neben der Estrade die kaiserlichen Prinzen, links die Prinzessinnen; die Gesandten, Minister, Generale und sonstigen hohen Würdenträger defilieren in der in Europa, vornehmlich am spanischen Königshofe üblichen Weise, während das kaiserliche Musikkorps die Mikadohymne spielt, dieselbe Hymne, die Japan schon vor dem Sturz des römischen Reiches und vor der Regierungszeit Karls des Großen besessen hat.
Aber während bei diesen Festlichkeiten von der alten Pracht des feudalen Japan absolut nichts mehr zu sehen ist, während die Prinzen in moderne Uniformen, die Prinzessinnen in Pariser Toiletten gekleidet sind und unter den Hunderten von Anwesenden auch nicht einer das japanische Nationalgewand trägt, hat sich hinter den Kulissen dieses modernen Kaiserhofes ein ganz erkleckliches Stück des Alten erhalten. An den genannten Festtagen pflegt der Kaiser schon um zwei Uhr morgens aufzustehen und unter allerhand Zeremoniell ein Bad zu nehmen; dann werden ihm die altjapanischen Kaisergewänder angethan, und so begiebt er sich, begleitet von seinem engeren Hofstaate, zu dem Shintotempel innerhalb der Mauern des kaiserlichen Palastes; der Hofstaat bleibt vor dem Tempel auf den Knien liegen, während der Kaiser allein eintritt und eine Andacht vor den Tafeln seiner göttlichen Ahnen verrichtet. Dann erst wird das alte Japan abgelegt, das moderne angezogen, und der Kaiser hält die Gratulationscour und die Truppenrevue ab.
Ebenso durchaus altjapanisch ist auch die gewöhnliche Lebensweise des Kaisers. Seine Privatgemächer zeigen nichts von europäischer Einrichtung. Ein langer, kahler Korridor führt von dem eben geschilderten Kaiserpalast zu einer inmitten von prachtvollen Gärten gelegenen Gruppe niedriger Häuser, und hier bewohnt der Kaiser drei Gemächer. Nach unseren europäischen Begriffen würde man dort wahre Schatzkästlein japanischer Kunst erwarten, mit glänzendem Goldlack, herrlichen Bronzen, Vasen und Porzellannippes. Statt dessen ist in diesen aus unscheinbaren Papierwänden gebildeten Räumen alles kahl. Kein Stuhl, kein Bett, nichts von den Bequemlichkeiten des Europäers ist vorhanden. Der Boden ist mit geflochtenen Matten belegt, und der Beherrscher des japanischen Reiches schläft auf einer harten Matratze. Nicht einmal unsere europäischen Badeeinrichtungen sind hier eingeführt worden, und gerade so wie der geringste seiner Unterthanen badet der Kaiser in einem hölzernen Bottich.
Auch die Kaiserin bewohnt hier drei ähnliche Gemächer, und nahebei waren für den Thronfolger bis zu seiner 1900 erfolgten Vermählung einige Zimmer reserviert, welche er bewohnt, wenn er das Kaiserpaar besucht. Jedes der vielen kaiserlichen Kinder von verschiedenen Müttern hat nämlich eine eigene Hofhaltung. Sie werden von ihrer frühesten Jugend auf verschiedenen Familien im Lande zur Pflege und Erziehung gegeben, wachsen in diesen auf, und je älter sie werden, desto größer wird ihr Hofstaat. Zeitweilig werden sie zum Besuch des Kaiserpaares in den Palast gebracht. Die Kaiserin selbst ist kinderlos geblieben. Dem Kaiser ist es freigestellt, sich so viele Gattinnen beizulegen, als er wünscht, allein nur eine, Haruko, hat den Rang einer Kaiserin und wohnt im kaiserlichen Palast an seiner Seite.
Der Kaiser pflegt sich gegen Mitternacht zur Ruhe zu begeben und zwischen sechs und sieben Uhr aufzustehen. Bald darauf empfängt er die Minister und unterschreibt die ihm vorgelegten Dokumente. Die Zeit bis zu den Mahlzeiten, die er um elf Uhr vormittags und sieben Uhr abends in Gemeinschaft mit der Kaiserin einnimmt, verbringt er mit Reiten, Bogenschießen und allerhand Sport. In den achtziger Jahren bewog man ihn zum Studium der englischen und französischen Sprache, allein er gab die Sache bald wieder auf und versteht auch jetzt noch keine europäische Sprache.
Innerhalb der weiten Parkanlagen, die, inmitten von Tokio gelegen, von einer dreifachen festen Mauer und dreifachen tiefen Wassergräben umgeben sind, befinden sich auch einige Hofämter, sowie die Wohnungen der kaiserlichen Dienerschaft und der Hofdamen. Jede derselben besitzt ihr eigenes Haus und selbständige Haushaltung und Küche. Sie kommen als Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren an den Hof und werden dort in aller Abgeschiedenheit großgezogen und mit den Pflichten gegen den Kaiser, sowie dem ganzen weitläufigen Zeremoniell vertraut gemacht. Früher wurden zu Hofdamen nur Töchter von Kuges und Daimios gewählt, seit einigen Jahren wird diese Ehre jedoch auch Töchtern der Samuraiklasse (niederer Militäradel) zu teil.
Seinem Volke zeigt sich der Kaiser ausschließlich als europäischer Herrscher, in europäischer Uniform und mit den Bändern oder Sternen von Orden, die natürlich bei der Europäisierung des Reiches ebenfalls eingeführt werden mußten und auch dieselbe Einteilung zeigen wie die europäischen Orden. In ihrer Ausführung sind sie bunt und unschön. Der höchste derselben ist der Chrysanthemumorden, der nur an Mitglieder von Herrscherfamilien verliehen wird. Im Range nächststehend ist der Sonnen- oder Paulowniaorden, so genannt, weil die Insignien derselben den Sonnenspiegel, umrahmt von den Blättern der vorerwähnten Paulowniapflanze zeigen. Dasselbe gilt indessen auch von dem dritten Orden, jenem der aufgehenden Sonne, der in acht Klassen eingeteilt wird. Geringere Orden sind jener des Spiegels oder des geheiligten Schatzes, der Verdienstorden der goldenen Weihe (Militärorden), dann der Kronenorden, ein Damenorden, dessen Kleinod einen Blumentopf mit Blumen und den goldenen Vogel Hoo zeigt. Die Japaner haben an wenig Dingen so rasch Geschmack gefunden wie an den Orden. Bei seinen Ausfahrten benutzt der Kaiser gewöhnlich einen reich vergoldeten Staatswagen mit Spiegelscheiben, in dem er allein zu sitzen pflegt. Im Februar 1889 geschah es zum erstenmal, daß der Kaiser auch seine Gemahlin in dem gleichen Wagen mitfahren ließ, ein in den Annalen des japanischen Hofes unerhörtes Ereignis, gleichzeitig die indirekte Anerkennung der Ebenbürtigkeit der Kaiserin. Dem kaiserlichen Wagen pflegen Polizeibeamte, dann drei Ulanen vorauszureiten, deren einer, in der Mitte der Straße, die Lanze aufrecht hält, während die zwei an den Straßenseiten reitenden Ulanen die Lanze gefällt halten. Auch den Schluß des kaiserlichen Zuges bilden drei Ulanen, die jedoch die Lanzen mit der Spitze nach hinten halten. Unmittelbar vor dem Wagen reiten unter Anführung eines Generaladjutanten einige Offiziere, von denen einer die goldene Kaiserstandarte mit der Chrysanthemumblume trägt. Das Volk verhält sich beim Anblick des Kaisers stumm und wagt gar nicht, zu ihm emporzusehen. In einigen Gegenden des Landes herrscht der Glaube, daß es Unglück und Tod mit sich bringen würde, das Antlitz des Mikado zu sehen. Dem Wagen des Kaisers folgen stets einige andere mit der Suite.
Stünde die Person des Kaisers in Japan nicht so göttergleich, so hoch erhaben über jedes irdische Getriebe, sie würde gewiß, wenn möglich, noch an Volkstümlichkeit gewinnen durch die Gattin des Mikado, die Kaiserin Frühling (Haruko). Geboren in Kioto als die dritte Tochter eines Kuge (Prinzen), wurde sie in den strengen, starren Grundsätzen des alten Japan erzogen; sie lernte die chinesischen Klassiker, die japanische Dichtkunst, das Samisen- und Kotospiel (Guitarre und Lyra), Nähen und Sticken. Nach ihrer Vermählung mit dem Kaiser ließ sie sich der früheren japanischen Sitte gemäß die Zähne schwärzen und die Augenbrauen abrasieren. Seit der Europäisierung des Landes kam glücklicherweise diese Sitte außer Gebrauch, und heute ist diese edle Frau mit dem schönen Namen der modernisierte Typus einer japanischen Aristokratin, klein, schwächlich, mit wunderbar kleinen Händchen und langem, schmalem Gesicht. Wohl wenigen dürfte das Aufgeben der malerischen Frauentracht des alten Japan und das Annehmen von Schuhen und Korsett, steifen Röcken und großen Hüten nach europäischer Mode schwerer gefallen sein, wenigen steht diese moderne Tracht auch ungünstiger als der Kaiserin. Heute kann ein europäischer Besucher des Landes dies kaum mehr beurteilen, aber wer Gelegenheit gehabt hat, eines der großen Gartenfeste am Kaiserhofe vor und nach 1885 mitzumachen, der wird diese Wandlung vom Schönen zum Häßlichen schmerzlich empfinden. Alljährlich werden zwei dieser Feste gegeben, eines im Frühjahr während der Blütezeit der Kirschen, eines im Herbst, wenn die Nationalblumen der Japaner, die Chrysanthemen, in ihrer unbeschreiblichen Blütenpracht stehen. Tausende und Abertausende dieser Blumen, in allen erdenklichen Farben und Größen bis zu jener unserer Sonnenrose, stehen in den breiten Avenuen des kaiserlichen Parkes unter langen Mattendächern; manche Pflanzen tragen nur eine einzige Blüte, manche Dutzende, ja geschützt durch seidene Zelte kann man dort einzelne Pflanzen mit zwei- bis vierhundert Blüten sehen.
Wer könnte die bezaubernde Anmut und Schönheit der japanischen Damen, ihre zarte, faltenreiche Kleidung, den Reichtum und die Zeichnung der Stoffe schildern, wie sie damals vor 1885 sich zeigten! In den Avenuen und auf den weich besandeten Plätzen des Parkes harrten diese reizenden Gestalten der Majestäten, bewundert von den Gesandten, den Würdenträgern und sonstigen geladenen Europäern. Und nun erst die Kaiserin selbst, mit ihrem zahlreichen Gefolge von Prinzessinnen und Hofdamen, die in langer Prozession langsam die Zelte entlang wandelten. Die Tracht der Kaiserin bestand damals aus weiten, faltenreichen Hakama (Beinkleidern) aus dem schwersten, scharlachroten Damast, einem Ziban (Unterkleide) und einem Kimono (eine Art Schlafrock) von lila Seide mit eingestickten Wistaria und Chrysanthemumblüten. Um den Hals war ein vielfarbiges Seidentuch geschlungen. Das reiche, schwarze Haar umrahmte in einem breiten Zopf das Gesicht und fiel hinten bis zu den Hüften herab; stellenweise waren in das Haar kleine Stückchen von weißem Reispapier eingebunden wie bei den Shintopriesterinnen. Ueber der hohen Stirn prangte ein kleiner, goldener Phönix, in Japan wie in China das Abzeichen des Herrschers. In der einen Hand trug sie einen vielfarbigen Sonnenschirm, in der anderen einen hölzernen, bemalten Fächer mit schweren, lang herabfallenden Seidenschnüren.
Die Prinzessinnen und Damen des Gefolges trugen ähnliche Kostüme aus den herrlichsten Gold- und Silberbrokaten, wie man sie in Europa nur an den alten Priestergewändern findet. Der Aufzug dieser seltsamen farbenreichen, glitzernden Gestalten inmitten einer wahren Wildnis von Chrysanthemumblüten muß traumhaft gewesen sein.
Bei dem nächsten Kirschblütenfeste war all diese Herrlichkeit vorbei. Die Pariser Moden waren im Winter in Japan eingezogen und hatten den weiblichen Schmetterlingen Japans ihre Flügel abgeschnitten. Aber das ging nicht so leicht von statten, als es gesagt ist. Welche profane Schneiderin der Rue de la paix hätte die geheiligte Person der Kaiserin mit ihren Händen berühren und ihr die Kleider anpassen können? Lange sträubte sich die Kaiserin, lange wußte man keinen Ausweg. Endlich entschloß sich die kluge Gräfin Ito, Gattin des ersten Ministers und die Leiterin der europäischen Mode in Japan, als Probiermamsell für die Kaiserin zu dienen, und seither sieht man die Kaiserin nur mehr in europäischen Kleidern, die allerdings aus japanischen Stoffen angefertigt werden. Ihr mußten alle Damen des Hofes notwendigerweise folgen. Die herrlichsten alten Kimonos, die zartesten Stickereien, die reichsten Goldbrokate und schwersten Stoffe wurden geopfert, um dafür moderne Hüte und Schuhe und Pariser Kleider zu kaufen, und heute ist ein Gartenfest bei Hofe oder ein Ball beim ersten Minister nahezu eben so langweilig und einförmig wie in Europa. Die Wandlung hat der japanischen Aristokratie, die nach dem Sturz des Schoguns ohnehin schon den größten Teil des angestammten Vermögens auf den Altar des Vaterlandes legen mußte, große Kosten verursacht, von denen sie sich nur schwer erholt. Selbst das Kaiserhaus ist mit irdischen Gütern nicht überreich gesegnet. Das Familienvermögen ist gering, und die jährliche Zivilliste beläuft sich nur auf drei Millionen Yen (etwa sechs Millionen Mark).
Auch von diesen opfert die Kaiserin ihren Anteil für allerhand wohlthätige Anstalten, deren eifrigste Schöpferin und Förderin sie ist. Der eigene Kindersegen blieb ihr vorenthalten, dafür trachtet sie im schönsten Sinne des Wortes die Mutter ihres Volkes zu sein. Das Hospital des Roten Kreuzes und die Adelsschule erfreuen sich ihrer besonderen Fürsorge. Häufig sieht man die Kaiserin im Frühling durch die Straßen Tokios fahren, um diesen Anstalten Besuche abzustatten, die gewöhnlich mehrere Stunden währen. Mit engelgleicher Geduld hört sie den französischen und englischen Prüfungen der Schulkinder zu, obschon sie selbst kein Wort dieser Sprachen versteht. Sie ermuntert und beschenkt die Schüler, unterhält sich mit den Lehrern und verläßt selten eine Schule, ohne den Damen des Lehrerpersonals das gewöhnliche kaiserliche Geschenk, eine Rolle japanischen Seidenstoffes, zurückzulassen. Bei ihren Ausfahrten in einem prächtigen Galawagen wird sie gewöhnlich von zahlreichem Gefolge begleitet. Eine seltsame, wohl nur Japan eigentümliche Einrichtung ist es, daß der kaiserliche Wagen, sobald die Kaiserin denselben, am Bestimmungsorte angelangt, verlassen hat, von Dienern während des Wartens sorgfältig gewaschen und mit einer grünen Seidendecke verhüllt wird.
Hoffestlichkeiten finden außer den geschilderten nur wenige statt. Der Kaiser scheint an denselben keinen besonderen Gefallen zu finden. Zuweilen werden jedoch ihm zu Ehren von den anderen Mitgliedern der kaiserlichen Familie oder von den zehn Fürstenfamilien des Landes Festlichkeiten veranstaltet, denen das Kaiserpaar gerne beiwohnt.
Der Thronfolger Prinz Joschihito Harunomiya, ein Sohn des Kaisers und der Frau Yanagiwara, im Jahre 1879 geboren, wird als sehr aufgeweckt, energisch und ehrgeizig geschildert. Er erhielt seine Erziehung in der ganz nach europäischen Vorbildern geleiteten Adelsschule, und sollte seine schwächliche Gesundheit ihm je gestatten, den Thron seiner Väter zu besteigen, so dürften noch weitere europäische Reformen in Japan zu gewärtigen sein. Soweit das japanische Staatshandbuch es angiebt, ist er heute der einzige lebende Sohn des Kaisers, aber das Aussterben der kaiserlichen Familie ist deshalb keineswegs zu befürchten, denn es bestehen neben dieser noch neun Nebenlinien, deren Häupter kaiserliche Prinzen sind und Zivillisten in der Höhe von zehn- bis dreißigtausend Yen beziehen.
Die vornehme Gesellschaft.
Im heutigen Japan ist von dem alten Glanze der Kugefamilien, von der Pracht der Daimios, wie sie in früheren Werken über das Inselreich des Mikado geschildert werden, gar nichts mehr zu finden. Mit dem Jahre 1871 fand die Feudalherrschaft in Japan, welche achthundert Jahre lang gewährt hatte, ihr Ende. Ein Federstrich ließ sie verschwinden, als wäre sie nichts weiter gewesen als Staub, im Laufe der Jahrhunderte angesammelt. Der uralte Hofadel ebenso wie die Duodezfürsten des Landes gaben in vielen Fällen ganz freiwillig ihre Länder, ihre Güter, Reichtümer und Einkünfte auf und wurden getreue Unterthanen ihres seit sechsundzwanzig Jahrhunderten regierenden Herrscherhauses. Keine Klasse der Bevölkerung nahm die Reformen, welche der Kaiser dekretierte, williger an als gerade der Adel, und keine hat sich so rasch in die europäischen Sitten und Gebräuche, wie sie heute wenigstens äußerlich am japanischen Kaiserhofe bestehen, eingewöhnt.
Welche Opfer dieser uralte Adel des Reiches dem Vaterlande gebracht hat, kann man ihrer wahren Größe nach erst beurteilen, wenn man den Einfluß und die Machtstellung der einzelnen Familien in früheren Zeiten kennen gelernt hat. Wohl kaum irgend ein Adelsgeschlecht Europas kann auf so zahlreiche Ahnen zurücksehen wie eine ganze Reihe der japanischen Kugefamilien, von denen einzelne ihre Abstammung bis in das sechste Jahrhundert vor Christi Geburt zurückführen. Die berühmteste Adelsfamilie Japans, die Fujiwara, stammen beispielsweise von einem Diener des Großvaters von Jimmu Tenno, dem Gründer der japanischen Kaiserdynastie, ab und sind seit mehr als 2600 Jahren mit den Geschicken der japanischen Nation auf das innigste verflochten. Andere, wie die Sugawara, die Taira und Minamoto, wenn auch viel jünger als die Fujiwara (zu deutsch Glycinenfeld), sind doch älter als alle europäischen Herrscherfamilien, und ihre Ahnen nahmen fast durchgehends die höchsten Stellen im Reiche ein. Von den heute noch bestehenden 155 Kugefamilien leiten 95 mehr oder minder direkt ihre Abstammung von den Fujiwaras ab, alle aber sind mit der Kaiserfamilie verwandt, und eine große Zahl dieser Familien des Hofadels haben kaiserliche Prinzen zu ihren Stammvätern. Gewöhnlich waren es Söhne des Kaisers mit Konkubinen, welche eigene Namen annahmen und eigene Familien gründeten; ihre Söhne erhielten dank ihrer innigen Verbindung mit dem Kaiserhause einträgliche Aemter, und fast in jeder Familie ist eines oder das andere erblich geblieben. Die Mehrzahl der Aemter hatten die Fujiwara an sich gerissen, und sie verstanden auch, dieselben jahrhundertelang in ihrem Besitze zu erhalten. Im siebenten Jahrhundert waren sogar alle Hofämter und die Mehrzahl der Gouverneurstellen in den Provinzen in ihren Händen. Gerade so wie ich es in meinem Buche „Korea” bezüglich der mächtigen Familie der Min geschildert habe, bildeten auch die Fujiwara einen undurchdringlichen Ring um den Mikado, der nichts weiter als ihr willenloses Werkzeug war. Wie die Min in Korea gewohnt sind, aus den Reihen ihrer Töchter eine Gattin für den König auszusuchen, um dadurch ihren Einfluß auf diesen zu sichern, so waren auch in Japan Jahrhunderte hindurch die Kaiserinnen stets Töchter des Hauses Fujiwara, und noch die in Tokio residierende Witwe des verstorbenen und Mutter des regierenden Kaisers entstammt diesem allmächtigen Hause. Wie Parasiten wanden sie sich um den Herrscherstamm und saugten an seinem Safte, sich selbst stärkend, indem sie ihn schwächten. So ging allmählich die ganze Macht der Mikados in die Hände des Hofadels über; den Kreisen der letzteren entstammten die Schogune bis auf die letzte Zeit, und sie, nicht die Kaiser, waren die eigentlichen Regenten und Herren des Landes.
Neben diesen Kuge oder dem Hofadel bildete sich in den Provinzen von Japan, sowie bei uns, allmählich ein Landadel heraus. Wohlhabendere Bauernfamilien vermehrten ihren Grundbesitz durch Erbschaft und Heiraten, ihre Stellung und ihr Ansehen aber durch einzelne tapfere Familienmitglieder; die fortwährenden Räubereien veranlaßten minder zahlreiche, minder wohlhabende Familien, bei ihren reichen und mächtigeren Nachbarn Schutz zu suchen; Aufstände und Unruhen in verschiedenen Teilen des Reiches zwangen die Regierung, diese Familien zur Unterdrückung derselben in Anspruch zu nehmen, und zu Beginn des siebenten Jahrhunderts wurden ihnen für ihre Dienste kaiserliche Vorrechte zu teil, sie erhielten Beamtenposten in der Provinz oder an den Grenzen des Reiches. Die Kaiserin Suiko erließ im Jahre 603 ein Dekret, demzufolge jedem Beamtenposten eine entsprechende Adelsstellung gebühre, und so entwickelten sich allmählich in den Provinzen adelige Familien, die an der Spitze ganzer Distrikte oder Clans standen, wie es noch heute beispielsweise in Schottland der Fall ist. Die Häupter dieser Familien sind die Daimios, zu deutsch „große Namen”, deren es bei dem Zusammensturz des alten Feudalsystems in den siebziger Jahren etwa dreihundert gab.
Nachdem diese Daimiofamilien in ihren Distrikten sich einmal zu den reichsten und mächtigsten emporgeschwungen hatten und der Ball ins Rollen gekommen war, stieg diese Macht je nach der Größe ihres Distriktes, nach der Energie, mit der sie auftraten, oder durch Zufall, so daß sie bald zu einer Art Souveränität gelangten. Damals war dies um so leichter, als es keine Verkehrswege gab und die Zentralregierung am Hofe des Mikado selbst viel zu schwach war, um dem Weitergreifen der Daimioherrschaft einen Damm entgegenzusetzen. Die Kuge blieben freilich die höchste Aristokratie des Landes, Legitimisten, könnte man sagen; die Daimios aber waren die reichsten und mächtigsten, und viele von ihnen besaßen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ungeheure Einkünfte. Ihr Rang wurde je nach der Größe der letzteren bemessen. So hatte beispielsweise der reichste Daimio, jener von Kaga, eine jährliche Einnahme von einer Million Koku Reis (nahezu zwei Millionen Hektoliter), während sich die niedrigsten Daimios auf Einkünfte von zehntausend Koku Reis (etwa achtzehntausend Hektoliter) standen. Die Macht der Daimios wurde im achten Jahrhundert noch durch eine Verordnung des Hofes vergrößert, derzufolge alle wohlhabenderen Bauern, welche im Waffenführen, Bogenschießen, Reiten bewandert waren, eine Art Miliz im ganzen Lande bilden sollten, unter Anführung der Daimios. Diese Maßregel war eine der wichtigsten in der ganzen Geschichte des Mikadoreiches, denn sie teilte die Bevölkerung in zwei große Klassen, die Ackerbauer und die Soldaten. Griffin sagt in seinem Werke „The Mikados Empire” sehr richtig: „Dabei wurde ein Teil des Volkes auf eine Lebensweise geführt, in welcher Reisen, Abenteuer, soldatische Tugenden, Ehre und Ritterlichkeit eine bedeutende Rolle spielten, und damit wurde die beste Klasse der Männer von Japan, die Samurai, geschaffen. Die Samurai haben jahrhundertelang das Waffenwesen, Ritterlichkeit, Patriotismus und Intelligenz des japanischen Reiches nahezu monopolisiert. Sie sind die Männer, welche stets bereit waren zu lernen und denen die großen Reformen des modernen Japan, das Aufheben des Feudalwesens, die Niederwerfung des Schogunats und die Wiederherstellung der einstigen Macht der Kaiser zuzuschreiben sind. Ihr Geist ist es, welcher Japan heute regiert; ihre Söhne sind es, die in Europa die Zivilisation des Abendlandes studieren; die Samurai sind die Seele der Nation.”
Jeder Daimio hatte eine mehr oder minder große Zahl von Samurai (Zweischwertermännern) unter seinem Befehl; sie teilten sich in zwei Klassen: Schizuko oder Samurai höheren Grades, deren es in Japan nach Aufhebung der Feudalherrschaft etwa 260000 gab, und Sotsu oder Samurai niederen Grades in einer Gesamtzahl von 167000. Die mächtigsten Daimios mit der größten Zahl und tüchtigsten Klasse von Samurai waren jene von Satsuma, Chosu, Tosa und Hizen; von ihnen gingen auch hauptsächlich die Ideen aus, welche zu den großen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte führten, und Männer aus diesen Clans oder Stämmen haben auch heute die Zügel der Regierung in ihren Händen. Die Träger der Namen Ito, Yamagata, Yamada, Inouye und Aoki sind frühere Samurai von Chosu, die beiden Saigos, Terashima, Yoshida, Oyama, Kuroda sind frühere Samurai von Satsuma, welchem Clan überdies nahezu die ganze Seemacht Japans angehört.
Wie am Hofe des Mikado die Kuge allmählich die Gewalt an sich rissen, so erging es auch an den kleinen Höfen der Daimios, wo die Samurai die Rolle der Kuge übernahmen und die Gewalt der Daimios in ihre Hände bekamen. Die ganze Regierung des Clans, die Verwaltung des Landes wurde durch die Samurai besorgt, die Daimios hatten sich um die Regierungsgeschäfte gar nicht zu kümmern; sie wohnten mit ihren Familien in ihren prachtvollen Schlössern auf dem Lande oder in der Nähe ihrer Hauptstädte und vertändelten ihre Zeit weniger mit Waffenübungen als mit allerhand Spielereien, Theezeremoniell, Poesien, Aufführungen von alten Theaterstücken, Tänzen und Gesängen; allerdings unterstützten sie die schönen Künste, und die herrlichen Porzellane, Bronzen, Waffen, Metallarbeiten, Stoffe und Stickereien, die heute in unseren Museen so große Bewunderung erregen, wurden zum größten Teile auf Bestellung der Daimios ausgeführt. Aber auf der anderen Seite war dieses weichliche, thatenlose Leben nicht dazu angethan, den Daimios ihre frühere Energie, ihren Thatendienst zu erhalten, und was ihre Frauen anbelangt, so waren sie nicht viel mehr als Puppen. In den Schlössern der Daimios gab es weder die geistige Thätigkeit, welche an dem Hofe des Mikado herrschte, noch die Pflichten und Arbeiten der Samuraifrauen, so daß das Leben der Daimiofrau vielleicht, wie Alice Bacon in ihrem reizenden Büchlein über die japanischen Frauen sagt, langweiliger und zweckloser war als das irgendwelcher Frauen des Landes. Umgeben von endlosen Vorschriften der Etikette, ohne die Anregung, die von physischer Arbeit oder intellektueller Thätigkeit kommt, vegetierten diese Frauen mehr, als daß sie lebten. Kein Wunder, daß die Daimios unter der Herrschaft der Schogune aus dem Hause Tokugawa geistig wie physisch degeneriert waren, denn in dem Leben der Frauen gab es absolut nichts, was sie befähigt hätte, Gattinnen und Mütter starker Männer zu sein. Zart, niedlich, gekünstelt, geschickt in allerhand kleinen Nichtigkeiten, aber unfähig, selbständig aufzutreten, waren sie wohl vornehme Damen in jeder Weise, mit Instinkten von Ehre und Noblesse von ihrer frühesten Kindheit an, aber diese Jahre von Absperrung, von Unterwürfigkeit seitens ihrer Hunderte von Dienern, von fortwährendem Unterricht in den Pflichten, Würden und Zeremonien ihrer Stellung zeigen sich heute in auffälliger Weise an diesen Geschöpfen. Alice Bacon sagt über sie: „Es fehlt ihnen an Kraft, Ehrgeiz, an Klarheit des Denkens, während die Nation der Japaner diese Eigenschaften im höchsten Grade besitzt; dafür haben sie aber seltenen Anstand, reizvolles Benehmen, starkes Ehrgefühl und Rassenstolz, gepaart mit persönlicher Bescheidenheit, die nahezu Unterwürfigkeit erreicht.” Alice Bacon kennt sie genau, denn sie war einige Jahre lang Lehrerin in der seit anderthalb Jahrzehnten bestehenden Adelsschule in Tokio, wo die Söhne und Töchter der Aristokratie ganz nach europäischen Vorbildern ihre Erziehung genießen.
Während der letzten Generationen waren die Daimios durch ihr weichliches, üppiges Leben so weit herabgekommen, daß die Schogune der Dynastie Tokugawa leichtes Spiel mit ihnen hatten. Um sie besser im Zaume zu halten und etwaigen Unternehmungen zu Gunsten der Wiederherstellung der Kaisergewalt vorzubeugen, zwangen die Schogune sie, in der Hauptstadt Tokio Paläste zu bauen und während einer Hälfte des Jahres dort, in der unmittelbaren Umgebung der Schogune, zu wohnen. Aeußerlich wurden ihnen alle erdenklichen Ehren zu teil, aber in Wahrheit waren sie der Mehrzahl nach machtlose Puppen der Schogune. Griffin sagt über sie: „Rang-, Ehren- und Titelsucht ist die hervorragendste Leidenschaft der Japaner. Die reichsten Daimios opferten große Summen und ließen alle Einflüsse in Kioto spielen, um nur einen neuen Titel zu erhalten.” Titel und Orden spielen deshalb auch im modernen Japan eine wichtige Rolle, und selbst posthume Titel werden heute verliehen.
Von dieser Kuge- und Daimiowirtschaft ist in Tokio, wenigstens was die Aeußerlichkeiten betrifft, heute alles verschwunden; verschwunden sind auch die geräumigen Paläste des Adels, die sich noch vor zwanzig Jahren in weitem Kreise rings um die feste, mit Mauern und Wällen umgebene Residenz der Schogune hinzogen und eine Adelsstadt, ein Faubourg St. Germain, bildeten, wie es in dieser Art wohl auf Erden nicht wiederzufinden war. An der Stelle des Schogunpalastes innerhalb der Ringmauern steht heute der moderne Palast des Kaisers; auf den Trümmern der niedergerissenen Adelspaläste erheben sich kolossale moderne Bauten, Ministerien, Schulen, Universitätsgebäude, oder die weiten Grundflächen wurden zur Anlage von Parks und Gärten verwendet. Nur wenige jener Paläste sind der Zerstörungswut des modernen Japan entgangen, und an ihnen kann man erkennen, wie die Daimios in ihnen gewohnt haben. In den langen niedrigen Außengebäuden, welche viereckige Höfe bilden, wohnten die Samurai, die ihre Herren auf den Reisen nach der Hauptstadt zu begleiten pflegten, und in den inneren Gebäuden, einfach, kahl, niedrig, mit papierüberzogenen Holzrahmen als Wänden, wohnten die Daimios. Ihre Wappenblumen sind von den Thoren verschwunden, und an ihrer Stelle zeigt sich dort das Wappen des Kaisers, die Chrysanthemumblüte; an Stelle der Samurai hausen in diesen Räumen japanische Kavallerie und Artillerie modernen Musters. Ebenso sind die stolzen, vielstöckigen, eigentümlichen Stammburgen und Schlösser in den Provinzen in Kasernen umgewandelt worden. Die Familien selbst wohnen teils in altjapanischen Häusern, teils in modernen englischen Villen, je nachdem es ihre Mittel gestatten, denn der größte Teil ihrer Einkünfte wurde ihnen bei der Aufhebung der Feudalherrschaft ebenso entzogen wie ihre Länder. Sie wurden viel gründlicher mediatisiert, als es in Europa seinerzeit geschah. Es war auch bei diesen verweichlichten, mittellosen Herren leichter durchzuführen, zumal einige wirklich groß angelegte, patriotische Daimios selbst den Anstoß dazu gaben. Jene von Satsuma, Choshiu, Tosa und Hizen richteten eine Eingabe an den Thron, in welcher sie ihre Ländereien nicht als Privatbesitz, sondern als Eigentum der Krone bezeichneten und sich bereit erklärten, dieselben zusammen mit den Registern des ganzen Clans dem Kaiser zur Verfügung zu stellen. Die kleineren Daimios wußten nun, daß auch die Tage ihrer Herrschaft gezählt seien und Widerstand vergeblich wäre. Im September 1871 erschien ein kaiserliches Edikt, welches alle Daimios des Landes nach Tokio berief und ihnen befahl, sich ins Privatleben zurückzuziehen. In ihren Schlössern, in den weiten Hallen ihrer Vorfahren, nahmen sie Abschied von ihren Samurai und begaben sich, von einigen Dienern begleitet, nach der Hauptstadt. Ihre ehemaligen Fürstentümer wurden in Provinzen geteilt und unter Präfekten gestellt. Mit der Feudalherrschaft in Japan war es voraussichtlich für immer vorbei.
Selbst ihren alten angestammten Namen büßten sie vielfach ein. Die Bezeichnungen Kuge und Daimio wurden fortdekretiert und an ihrer Stelle eine neue Rangordnung des Adels eingeführt, ganz nach europäischem Muster. Es wurden Fürsten, Marquis, Grafen, Vizegrafen und Barone geschaffen und die früheren Daimios je nach ihrem alten Rang und Reichtum dieser oder jener Klasse zugeteilt. Sogar Samurais, die sich um die moderne Bewegung Verdienste erworben hatten, wurden diese neuen Adelstitel verliehen. Aber die alten Kuge konnten sich auch in dem neuen Gewande nicht dazu bequemen, die Daimios und geadelten Samurais, obschon sie vielleicht denselben Adelstitel besaßen, als ebenbürtig zu betrachten; die Hofkreise Japans sind in ähnliche Fraktionen und Cliquen gespalten wie die Aristokratie Frankreichs. Auch in dem Reiche des Mikado giebt es ein Faubourg St. Germain und ein Faubourg St. Honoré, bei allen aber dreht es sich hauptsächlich um die Gunst des Kaisers.
Der heutige Adel von Japan zählt 10 Fürsten, 25 Marquis, 80 Grafen, 352 Vicomtes und 98 Barone. Von den 10 Fürsten sind die 5 alten Gosekke, d. h. die höchststehenden der früheren 155 Kugefamilien, nämlich die Ichijo- (denen die regierende Kaiserin entstammt), Kujo-, Takatsukasa-, Nijo- und Konoyefamilien; ihnen wurden 1883 noch die Häuser Sanyo, Iwakura, Shimadzu, Mori und Tokugawa beigesellt, und diese zehn Familien genießen das Privilegium, daß aus ihren Töchtern die Braut des Kaisers oder des Thronfolgers gewählt wird.
Der Kaiser verkehrt auch in den Häusern der Fürsten, und vor einigen Jahren waren es gerade die Tokugawa, welche dem Souverän in ihrem Palaste eine große Festlichkeit im altjapanischen Stile gaben. Bei dem Preisfechten und der Novorstellung (eine Art lyrischen Dramas) kamen dieselben Gesichtsmasken und unschätzbaren Kostüme zur Verwendung, die in der Familie der Tokugawa seit Jahrhunderten im Gebrauch waren. Uralter Sitte gemäß wurden dem Kaiser bei seinem Besuche ein kostbares Schwert und ein Festgedicht in einem Kästchen aus Goldlack überreicht. Der Kaiser nahm diese Geschenke aus den Händen des Gastgebers entgegen, eines Mannes, dessen Vater Keiki der letzte der Schogune war. Dieser, ein Rebell gegen die kaiserliche Gewalt, lebt heute vergessen, ohne jeden Anhang und ohne politische Absichten und Hoffnungen, auf einem kleinen Landgute in der Nähe von Shidzuoka, während sein Sohn sich mit der gegenwärtigen Regierung vollständig ausgesöhnt hat und sich der Gunst des Kaisers erfreut. Den heutigen Marquis und Grafen und Vicomtes würde man es gewiß nicht ansehen, daß sie vor dreißig Jahren noch in den alten Daimiokostümen, begleitet von einer Anzahl Zweischwertermännern und zahllosem, malerischem Gefolge, auf dem Tokaido oder anderen Straßen des Landes einherzogen, kleine Souveräne mit Hofstaaten und großen Einkünften. Schmächtige, bewegliche, ungemein höfliche Männer, kleiden sie sich nach der neuesten Mode und sehen so elegant aus, als wären sie ihr Leben lang nicht über Piccadilly oder St. James hinausgekommen. Sie fahren in modernen Equipagen umher, reiten, spielen Lawn Tennis und unterhalten sich mit den ausländischen Diplomaten in französischer, deutscher oder englischer Sprache über allerhand europäische Dinge. In ihrem Adelsklub, dem Rokumeikwan, lesen sie die Times oder Kreuzzeitung, spielen Billard wie Franzosen und Poker wie Yankees; dazwischen machen sie Damen den Hof, besuchen Afternoon Teas und lassen sich bei Wohlthätigkeitsbazars ausplündern. Der vornehme Prinz Shimadzu von heute ist kein anderer als der einstige Daimio von Satsuma; der Marquis Maeda, bekannt wegen seines Reichtumes und Schwager eines kaiserlichen Prinzen, ist der frühere Daimio von Kaga. Sein Palast hat den Bauten der neuen Universität Platz gemacht, seine früheren Jahreseinkünfte von nahe zwei Millionen Hektoliter Reis fließen in die kaiserlichen Kassen, aber er hat doch genug übrig behalten, um überall, auch in Europa, als reicher Mann zu gelten.
Aber noch auffälliger ist die Wandlung, die mit den früheren Kuge- und Daimiodamen vor sich gegangen ist. Die zarten, bemalten Geschöpfchen mit den glattrasierten Augenbrauen und geschwärzten Zähnen, mit den buntfarbigen Kimonos und schweren Holzpantoffeln, die ihr ganzes Leben auf den Schlössern ihrer Väter verträumten, sind heute Pariser Modedamen mit modernsten Toiletten und Brillantenschmuck; sie haben sich die Augenbrauen wieder wachsen lassen, ihre Zähne sind wieder weiß geworden, und wären sie nicht so schlitzäugig und von gelblichem Teint, man könnte sie für vornehme Europäerinnen halten. Während sie früher vom Hauswesen, von Gesellschaften und dergleichen gar nichts wußten, sind manche heute die Leiter ihrer Hauswesen in großen Palästen oder Villen, ganz nach abendländischem Muster, und erfüllen ihre vielen Pflichten mit einer Gewandtheit, die Staunen erweckt. Selbst ans Reiten und Fahren haben sie sich gewöhnt. In Tokio besteht unter dem Schutze der Kaiserin, die selbst eine passionierte Reiterin ist, eine Damenreitschule, wo sich die jungen Aristokratinnen auf vortrefflichen Pferden, Mischlingen von japanischen und ungarischen Tieren, herumtummeln.
Nichts spricht so sehr für das Nachahmungs- und Anschmiegungstalent der Japaner als die Schnelligkeit, mit welcher selbst ihre Frauen ihre ganze Kultur und Anschauungsweise verändert haben. Sie legten das alte Japanertum anscheinend mit ebensowenig Schwierigkeit und Bedauern ab wie ein Paar getragene Handschuhe, aber nur anscheinend, denn ihre Anstrengungen mit den neuen, fremden Sprachen, Kleidern und Etikettevorschriften waren geradezu heroisch. Die Mütter studierten Sprachen und Sitten gleichzeitig mit ihren Töchtern bei denselben Lehrerinnen, und die Frauen der japanischen Diplomaten, wie zum Beispiel die Prinzessin Komatsu, welche einige Jahre in Europa gelebt hat, gaben der vornehmen Gesellschaft Japans nach ihrer Rückkehr dorthin Unterricht in abendländischer Etikette und Lebensart. Viel haben dazu auch einige europäische an Japaner verheiratete Damen beigetragen, in erster Linie Madame Sannomiya, die englische Gattin des japanischen Hofmarschalls dieses Namens. Zwei Japanerinnen, den vornehmsten Hofkreisen angehörig, haben das bekannte Vassar Kollege in Nordamerika mit Erfolg absolviert, und die Anschauungen, die sie von dort nach Japan mitgebracht haben, wirkten auf die dortige Gesellschaft wie Sauerteig. Die eleganteste und schönste der modernen Damen des Hofes ist wohl die Marquise Nabeshima, die Gattin des Oberzeremonienmeisters und reichsten Pairs von Japan.
Wie Paris und Wien, so hat auch Tokio seine gesellschaftliche Wintersaison, die gewöhnlich vom Oktober bis Mai, d. h. bis zum Eintritt der heißen Jahreszeit dauert, und während dieser Saison geht der soziale Eiertanz noch viel peinlicher und zeremoniöser vor sich als in den großen Residenzen Europas. Staats-, Diners- und sonstige Visiten müssen genau innerhalb einer gewissen Zeit gemacht werden, und der Europäer, der eine Wintersaison in der Gesellschaft von Tokio zubringt, kommt vor Visitenkartenabgabe kaum zum Atemholen. Und fügen muß er sich, will er nicht aus den Gesellschaftslisten gestrichen werden. Sogar das Tanzen nach europäischer Mode hat die junge Welt Japans schon erlernt, und auf den zahlreichen Bällen bei den Ministern, Hofwürdenträgern und Gesandten tanzen die schlitzäugigen Komtessen und Baronessen mit einer Präzision, gehen durch die Figuren der Quadrille und der Lanciers mit einer Kenntnis der Details wie alte pommersche Grenadiere auf dem Exerzierplatz. Wehe dem Europäer, der da irgend einen falschen Schritt macht! Er wird nicht durch Scherze oder huldvolles Lächeln, sondern im Gegenteil, durch tiefen Ernst zurechtgewiesen und könnte vor Scham über die Kenntnis seiner Tänzerinnen unter den Parkettboden versinken. In den Tänzen auf japanischen Bällen wird der Europäer zumeist nur militärischen Drill finden, und es ist kaum anzunehmen, daß die japanischen Damen besonderen Gefallen daran haben. Aber es ist eben europäische Sitte, und ihr muß gefolgt werden. Die Festlichkeiten am Kaiserhofe beschränken sich auf einige Staatsbankette an besonderen Festtagen und auf zwei Garden parties, bei welchen die Majestäten zu erscheinen pflegen. Dagegen giebt der Premierminister gewöhnlich am Vorabend des kaiserlichen Geburtsfestes einen Staatsball, und ihm folgt kurze Zeit darauf der Gouverneur von Tokio mit einem zweiten. Auch in den Gesandtschaften der europäischen Großmächte finden zahlreiche Festlichkeiten, Soirées dansantes, Diners und Garden parties statt, dann bei den Prinzen und Mitgliedern der hohen Aristokratie. Nur mit musikalischen Unterhaltungen war es bisher sehr schlecht bestellt. Neben diesen europäischen Kreisen giebt es in Tokio jedoch immer noch altjapanische Kreise, ja dieselben nehmen in der letzten Zeit eher zu als ab. Sie stellen sich die Erhaltung ererbter Sitten und Gebräuche zur Aufgabe, pflegen die alte Musik und das alte Theater und stellen sich auch in der Kleiderreform auf die Seite der feudalen Trachten. Die glänzenden, goldstrotzenden und gestickten Daimiokostüme sowie die Waffen haben sie wohl abgelegt, aber der nationale Kimono und der Obi sind in diesen Kreisen des legitimistischen Adels alleinherrschend. Daß sie diesem Adel angehören, lernt der Europäer schon nach kurzem Aufenthalte erkennen, denn die Japaner beiderlei Geschlechts tragen auf den Kimonos ihr Familienwappen aufgestickt. Gewöhnlich sieht man rückwärts auf dem Kragen, dann auf beiden Aermeln und auf der Brust weiße Kreise in der Größe unserer Damenuhren und innerhalb dieser Kreise weißgestickte Figuren, Blätter und Blüten verschiedener Pflanzen, Schmetterlinge, Vögel. Dies sind die alten Daimiowappen, an ihnen erkennt man die Angehörigen der Tokugawa, der Satsuma, Fujiwara und anderer großer Familien. Selbst die Samurai tragen derartige Wappen als das einzige, was die europäische Kultur von dem alten Japan noch nicht weggeschwemmt hat. In mancher Hinsicht ist dies bedauerlich. Eine Verbindung der altjapanischen mit der modernen europäischen Kultur wäre gewiß zweckentsprechender gewesen und hätte auch bei den Japanern selbst größeren Beifall gefunden.
Die Japanerin.
Das Studium der Frauen (und welches Studium wäre interessanter?) fällt dem Reisenden in Japan viel weniger schwer als in den meisten anderen Ländern des Orients. In der Heimat des Islam werden die Frauen verborgen und streng gehütet, so daß kein fremdes Männerauge sie erblicken kann; in Indien stecken sie in ihren Zenanas, in China hausen jene der besseren Klassen hinter den hohen Umfassungsmauern ihrer weitläufigen Familienwohnungen, in Korea bedecken sie bei der Annäherung eines fremden Mannes die Gesichter oder fliehen. Der Reisende kann also dort gewöhnlich nur die eine, die männliche Hälfte der Bevölkerung in ihrem Thun und Lassen genauer kennen lernen. Anders in Japan. Den Bewohnern des großen asiatischen Inselreiches sind Harems oder Zenanas unbekannt, und die Frauen werden in der Freiheit ihrer Bewegung viel weniger beschränkt. Keine Kopftücher oder Schleier verhüllen ihre Gesichter, ja statt des Verbergens ihrer reizenden, liebenswürdigen Persönlichkeit findet oft das gerade Gegenteil statt, eher ein Zuviel als ein Zuwenig. Die Sprache ist bei weitem nicht so schwierig als jene anderer Völker, und auch in Bezug auf den Verkehr mit den Ausländern werden ihnen ebensowenig Beschränkungen auferlegt als wie mit ihren eigenen Landsleuten des starken Geschlechts. Selbst für denjenigen, der sich nicht die Mühe giebt, die klangvolle, sympathische Sprache der Japaner zu studieren, offenbart sich das Frauenleben bis in viele seiner interessantesten Einzelheiten. Nicht etwa deshalb, weil sich die Japaner in Bezug auf ihre Frauen, oder gar diese selbst, großer Mitteilsamkeit befleißigten. Im Gegenteil. Sie sind darin gerade so schweigsam wie andere orientalische Völker, aber dafür tritt das Familienleben in Japan in vieler Hinsicht ganz offen zu Tage. Im Straßenleben, bei Festlichkeiten, in Theehäusern und Theatern, in Hotels, auf Reisen spielen die Frauen eine fast ebensogroße Rolle wie die Männer, und wer Japan im Sommer besucht, dem gewähren die tagsüber offenen Häuser mit ihren Gärtchen und Höfen einen tiefen Einblick in das häusliche Leben. Die Japaner thun gut daran, denn gerade ihre Frauen verleihen diesem herrlichen Lande den größten Reiz. Gewiß wird jeder Reisende, der einige Monate in Japan verweilt hat, von den Frauen schwärmen, sein Entzücken steigert sich, je länger er dort verweilt.
Eine Reihe von liebenswürdigen Bildern der Erinnerung zieht vor meinen Augen vorüber, während ich diese Zeilen schreibe. Vornehme Damen mit langen schmalen Gesichtern und schwarzen schönen Augen, angethan mit den kostbarsten Seidengewändern, gefolgt von kleinen bescheidenen Dienerinnen; festlich geputzte Mädchen in farbenreichen, blumengestickten Kimonos, den bunten Sonnenschirm in der einen, den einem Schmetterling gleichenden Fächer in der anderen Hand, die Gesichter weiß gepudert, die schwarzen Augen munter und kokett in die Welt blickend, ein ewiges Lächeln um ihre rot geschminkten Lippen; fleißige Frauen in dunkelblauen Schlafröcken beim Kochen, Nähen und Waschen; auf den Feldern andere, die mit hochgeschürztem Kleid bis über die Knie im Schlamm stehend und im höchsten Sonnenbrand sorgsam ein Reispflänzlein um das andere pflanzen, stundenlang ohne Unterlaß; reizende junge Mädchen mit vollen blühenden Gesichtern und üppigen Formen, die, in enge Röckchen und Hosen gekleidet, rittlings auf schwer bepackten Pferden sitzen und sie geschickt über gefahrvolle Bergpfade lenken, die zierlichste Kavallerie, die man sich denken kann; freundliche aufmerksame Dienerinnen in den Hotels, die sich bei meinem Kommen und Gehen ehrfurchtsvoll auf den Boden werfen und ihn mit ihren weißen Stirnen berühren; Damen, kleine Tabakspfeifchen im Munde, in Theaterlogen auf ihren Fersen hockend, Aug’ und Ohr für die grotesken Vorgänge auf der Bühne; einschmeichelnde, putzige, hübsche Wesen, die mir in den Theehäusern die winzigen Schälchen mit Thee und Sake kredenzen und dann mit Samisenspiel und anmutigem Tanz die Zeit vertreiben: Frauen überall, daß man darüber fast die Männer vergessen könnte. Nirgends in Asien erscheinen sie so sehr als die bessere Hälfte wie hier, aber nirgends wird dies auch von den Männern so wenig gewürdigt. Und doch sind sie zeitlebens bestrebt, nur den Männern zu dienen, ihnen zu gefallen, das Leben zu erleichtern und zu verschönern, willig sich selbst dabei aufopfernd. Hier sind die lieblichsten Babies, die muntersten Kinder, die zärtlichsten Töchter, die liebendsten Frauen, die besten Mütter, die man in Ostasien vielleicht finden kann.
Es ist die verkehrte Welt. In Europa würde man derartige Frauen auf den Händen tragen, sie verzärteln und lieben, und hier in ihrer Heimat werden sie von der männlichen Welt mit Geringschätzung als untergeordnete Wesen behandelt, und ihre Aufopferung wird als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen. Niemals gab es in Japan einen Werther, einen Toggenburg, einen Romeo, niemals hat ein Japaner einer schönen Frau zuliebe ritterliche Thaten begangen, ein Turnier ausgefochten oder gar sein Leben eingebüßt. Schillers Lied vom „Handschuh” muß dem Japaner einfach lächerlich erscheinen. In Japan giebt es keinen Ritter Delorges, und das edle Fräulein Kunigunde hätte sich wohl selbst hinabbemühen müssen unter die Löwen und Leoparden, um ihren Handschuh zu holen. Entfällt einem Japaner Fächer oder Pfeife, so wird sich seine Frau eifrig bücken, um den Gegenstand vom Boden aufzuheben. Nicht den Damen wird der Vortritt gelassen, sondern den Männern; ~Place aux Messieurs~ ist dort die Parole.
Allerdings wird der Frau von den überaus zuvorkommenden und höflichen Japanern ein gewisser Grad von Höflichkeit gezeigt; die Tochter des Hauses wird von ihrer eigenen Familie O Jo Sama, d. h. junge Dame, genannt, und spricht man von der Hausfrau, so wird ihrem Namen stets O, d. h. ehrenwerte, vorgesetzt. Das will aber nicht viel sagen, denn auch die Kulis werden mit ehrenwert angesprochen. In seinem Buche über Japan erzählt ~Dr.~ Kleist, sein europäischer Nachbar habe einen Hund besessen, der auf den nicht ungewöhnlichen Namen Meyer hörte. Riefen ihn die japanischen Diener, so setzten sie jedesmal O vor, also etwa „ehrenwerter Herr Meyer!”
Hat die japanische Frau ihre demütigende Stellung vielleicht selbst verschuldet? Betrachten wir sie näher. Ein ungemein zierliches, reizvolles Wesen von kleiner Gestalt, mit winzigen Händen und Füßen und sorgfältig frisiertem, rabenschwarzem Haar, ihre Augen sind die einer Madonna, ihr Herz das eines Kindes; ihr Lächeln, als würde sie ewig ihren Geliebten vor Augen haben, ihr Benehmen unsagbar einnehmend und höflich; ihr Gesicht nach europäischen Begriffen entschieden hübsch. Die Hautfarbe ist jene der Andalusierin, soweit man die Hautfarbe bei den Damen beider Rassen unter der dicken Puderschicht überhaupt entdecken kann. Sie spricht mit sympathischer, leiser, einschmeichelnder Stimme, und aus ihrem Alter macht sie kein Geheimnis. Im Munde sitzen kleine, regelmäßige weiße Zähne, die sie nach der Verheiratung schwarz färbt, damit sie keinem Manne mehr gefalle. Vergebliches Bemühen, denn bei geschlossenem Munde ist sie gerade so hübsch. Und die Japanerinnen können den Mund geschlossen halten. Sie wissen, daß die Geschwätzigkeit eine der sieben Ursachen der Ehescheidung bildet. Das ganze Persönchen steckt in einem an den Hüften zusammengebundenen Schlafrock von verschiedenen Farben. Setzt sich die Japanerin, so kniet sie zuvor nieder und legt ihren Körper auf ihre Fersen zurück. Liegt sie, so dient ein Holzklotz als ihr Nackenkissen, damit ihre sorgfältige Frisur nicht zu Schaden komme; geht sie, so thut sie das mit einwärts gewandten Füßen, wie die Enten, und neigt den Körper vor, als müsse sie bei jedem Schritt vornüberfallen. Begegnen ihr Bekannte, so verneigt sie sich mehrere Male zeremoniös zur Erde, als wären es lauter Könige, und ihr ganzer gesellschaftlicher Verkehr wird durch die strengste Etikette geregelt; sie trinkt nicht, spielt wenig, dafür raucht sie gerne bei jeder Gelegenheit ihr Pfeifchen, das sie immer nebst Tabaksbeutel und Zündhölzchen in den Aermelsäcken ihres schlafrockartigen Kimono trägt. Reinlichkeit ist eine ihrer schönsten Tugenden; um ihr zu frönen, opfert sie gerne eine andere Tugend, die Schamhaftigkeit. Sie nimmt täglich ein oder mehrere Bäder in oder außer dem Hause, allein oder in Gesellschaft, und zeigt dabei in ihrer naiven Unschuld aller Welt, wie sie gewachsen ist. Sie ist aber entsetzt über die tief ausgeschnittenen Ballkleider unserer Damen. Nur keine verführerischen Halbheiten! Entweder sie ist ganz bekleidet, oder, wo es die Umstände erfordern, wirft sie den Kimono ab und kleidet sich nur in ihren natürlichen Liebreiz, der ihr aber lange nicht so gut steht wie der Kimono. Auch in der heißen Jahreszeit, in ihrem Hause oder bei der Arbeit im Freien, befreit sie häufig ihren Oberkörper von aller Gewandung.
Besonders anregende Unterhaltung, geistige Genüsse, kann man von ihr nicht erwarten, denn sie lernt in ihrer Jugend wohl Singen, Tanzen, Samisen (die japanische Guitarre) spielen, sie lernt notdürftig lesen und schreiben und das Hauswesen führen. Dafür versüßt sie den Männern das Leben durch ihren Liebreiz, ihre Engelsgeduld, ihre Sanftmut und Unterwürfigkeit. Sie versteht es vortrefflich, einen Blumenstrauß in künstlerischer Weise zu binden und ihrem Gatten die Kleider zu flicken. Sie zieht ihre Kinder groß, liebt und verzärtelt sie und verbringt ihr eigenes Leben in Arbeit und Enttäuschungen. Ihre glücklichste Zeit ist ihre Kindheit. Einmal verheiratet, kann sie einen dicken Strich durch ihren Kalender machen. Mit vierzehn, sechzehn Jahren beginnt ihr Ehejoch, das sie schwer durchs ganze Leben trägt.
Der Schlüssel zu ihrem ganzen Charakter ist Unterwürfigkeit, Gehorsam. Als Mädchen schuldet sie diesen dem Vater, als Gattin dem Manne, als Witwe ihrem ältesten Sohne. Was immer ihr befohlen wird, hat sie auszuführen, und sie wird einen ihr unsympathischen Gatten nehmen, ohne zu murren. Zieht sie als Hausfrau in die Wohnung ihres Gatten, so ist es nicht, um an seiner Seite dem Hause vorzustehen. Sind ihre Schwiegereltern am Leben, so wird sie sofort deren Dienerin, und selbst ihr eigener Gatte wird sie gegen die Nergeleien ihrer Schwiegermutter nicht schützen können. Alice Bacon ruft in ihrem hübschen Buche über die japanischen Frauen mit Recht aus: „Glücklich die Frau, deren Schwiegereltern nicht mehr am Leben sind!” Das Unglück ihres Gatten gereicht ihr zum Vorteil, denn statt zwei Herren hat sie dann nur einem zu dienen.
Allerdings liegt ihr dann allein die Leitung des ganzen Hauswesens ob, aber nicht als die ebenbürtige Gattin des Mannes, sondern als seine erste Dienerin. Sie erscheint im öffentlichen Leben selten an seiner Seite; auch zu Hause sitzt sie nicht an seinem Tische. Er nimmt die Mahlzeiten allein ein, sie hat ihn dabei zu bedienen. Seine Wünsche sind ihre Befehle, die sie willig und freundlich ausführen muß. Sie muß nicht nur seine Kleider nähen und waschen, sie muß ihm selbst beim An- und Auskleiden behilflich sein; ja häufig setzt sie sogar einen gewissen Stolz darauf, mit eigener Hand Dienste zu leisten, welche sonst der Dienerschaft obliegen. Selbst die Kaiserin ist von diesen Pflichten des persönlichen Dienstes nicht befreit, sondern muß den Kaiser, ihren Gatten, auf verschiedene Weise bedienen.
Wie strenge es mit ihren Pflichten genommen wird, geht aus einem weit verbreiteten Werke des japanischen Moralisten Kaibara hervor. Darin heißt es: „Niemals darf die junge Frau sich gegen die Befehle ihrer Schwiegereltern auflehnen; in jedem Punkte muß sie dieselben befragen und ihnen gehorchen; selbst wenn sie von diesen gehaßt oder beschimpft würde, hat sie zu schweigen. Sie darf nicht selbstsüchtig zuerst an ihre Eltern denken. Jenen ihres Gatten, dann ihren Schwägern und Schwägerinnen gebührt zunächst ihre Achtung, denn die letzteren sind die Geschwister ihres Gatten. Eine Frau soll zu ihrem Gatten emporsehen, als wäre er der Himmel selbst, und niemals soll sie ermüden, ihrem Gatten in allen Dingen zu folgen, um so der himmlischen Züchtigung zu entgehen. Möge sie niemals von Eifersucht auch nur träumen; sie kann sich dadurch ihren Gatten nur noch mehr entfremden und sich in seinen Augen unerträglich machen. Am Morgen muß sie früh aufstehen, am Abend spät zu Bett gehen. Statt in der Muße des Tages zu schlafen, soll sie ihre Haushaltung besorgen und nimmer müde werden zu weben, zu nähen und zu spinnen. Sie darf nicht zu viel Thee und Wein trinken, noch zu vielen Vergnügungen nachgehen. Sie darf sich durch Medien oder Wahrsagerinnen nicht verleiten lassen, in unehrerbietige Vertraulichkeit mit den Göttern zu verfallen, und soll nicht fortwährend mit Beten beschäftigt sein. Wenn sie ihre Pflichten als ein menschliches Wesen zufriedenstellend erfüllt, braucht sie überhaupt nicht zu beten und wird sich doch des göttlichen Schutzes erfreuen. Väter”, so endet Kaibara seine Ausführungen, „lehrt eure Töchter diese Maximen schon von ihrer frühesten Kindheit an!”
Daß diese Mahnungen von den Eltern thatsächlich befolgt werden, zeigen ihre Töchter durch ihr ganzes dornenvolles Leben, und es ist nur erstaunlich, mit welcher Anmut, welcher demutsvollen Hingebung die Frauen die größten Erniedrigungen ertragen. Sie bleiben Kinder so lange, bis sie selbst Mütter werden, und dann wenden sie ihre ganze Liebe, ihr ganzes Leben ihren eigenen Kindern zu, deren Sklaven sie sozusagen werden. Niemals verschwindet das Lächeln von ihren Lippen: ein kindliches Lächeln, solange sie unter der Mutter Obhut sind, ein naiv-fröhliches Lächeln als Mädchen, ein bitteres Lächeln als Frauen. Aber daß es in Gegenwart ihres Gatten von ihren Lippen schwinden würde? Nein. Während mehrmonatlicher Reisen in Japan habe ich viele Tausende von Frauen in allen Lebenslagen gesehen, aber niemals sah ich eine im Zorn, niemals hörte ich eine Frau laut sprechen oder schelten, niemals ein Gezänk mit Männern oder anderen Frauen. Sie wissen, daß die Männer ihre unumschränkten Herren sind und von diesen nur so lange geduldet werden, als sie ihnen gehorchen und angenehm sind. Eifersuchtsscenen, Ungehorsam, Zänkerei, Geschwätzigkeit sind hinreichende Gründe, um sie aus dem Hause zu jagen. Der geringste Anlaß kann als Scheidungsgrund gelten, und sie müssen dann unter Zurücklassung ihrer Kinder enttäuscht und unglücklich in ihr Vaterhaus zurückkehren, ohne von ihren geschiedenen Gatten auch nur den geringsten Beitrag zu ihrem ferneren Lebensunterhalt zu bekommen. Sie fallen dann wieder ihren Eltern und Brüdern zur Last, denn eigenes Vermögen besitzen Japanerinnen niemals. Nur die Söhne sind erbberechtigt, und ist kein eigener Sohn vorhanden, so wird ein fremder adoptiert. Die Frauen besitzen nichts als ihre Kleider und einige Hausgerätschaften. Erwerbszweige stehen ihnen keine offen; was bleibt ihnen also übrig als zu leiden und zu dulden?
Wenn all ihre Mühen und Plagen für ihre Gatten von diesen nur durch Liebe und Zärtlichkeit vergolten würden! Aber ebensowenig wie von ihnen erwartet wird, daß sie den Gatten, denen sie von ihren Eltern gegeben werden, Liebe entgegenbringen, ebensowenig werden sie auch von ihren Gatten wirklich geliebt. Professor Chamberlain, der seit mehr als zwanzig Jahren in Japan weilt, gesteht in seinem Werke Things japanese, er hätte in dieser langen Zeit nur von einer einzigen Liebesheirat gehört, und dabei hatten die beiden jungen Leute ihre Erziehung auch noch in Amerika genossen. Sehr häufig kommt es allerdings vor, daß zwischen den Gatten eine gewisse Neigung herrscht, allein diese ist weit entfernt von Liebe in unserem europäischen Sinne.
Und doch erscheinen diese kleinen, herzigen, zärtlichen Wesen, die hübschesten Mädchen, die geduldigsten Frauen, die aufopferndsten Mütter wie für die Liebe geschaffen. Ist es nicht wie ein Fluch, daß der Himmel diesem intelligenten und zivilisierten Volke das herrlichste aller Gefühle, unsere Liebe, versagt hat? Sogar der Kuß ist ihnen unbekannt. Er erscheint ihnen als etwas Tierisches.
Wenn die Frauen noch wenigstens in ihrem Hause mit Gatten und den Kindern ihr Leben lang allein bleiben würden! Aber bald nach der Geburt des ersten Kindes entfremdet sich ihnen der Gatte nur zu häufig, und sie müssen es geduldig ertragen, daß er eine zweite Frau, vielleicht auch eine dritte, ins Haus nimmt, sie müssen lächeln, während er diesen seine Zärtlichkeit zuwendet, sie müssen schweigen, wenn er sie fürderhin nicht mehr beachtet. Ihr ganzes Wesen sollte sich dagegen aufbäumen, aber die Japanerin hat von frühester Jugend an dulden und leiden gelernt, und sie leidet auch nicht in dem gleichen Maße, wie unsere Frauen, eben deshalb, weil sie die wahre Liebe nicht kennt.
Wenn vorhin davon die Rede war, daß den Frauen Japans keine selbständigen Erwerbsquellen offen stehen, so müssen doch einige Ausnahmen gemacht werden, die hauptsächlich für die Frauen der unteren Volksklassen gelten. Sehr zahlreich sind die Dienerinnen in Privathäusern, Hotels und Theehäusern, sowie jene, welche Terpsichore ihr Talent, und wenn auch das nicht, so doch ihre Jugend weihen. Wer hat nicht schon von den reizenden Gaishamädchen gehört, welche mit Musik und Tanz die geselligen Abende der Japaner erheitern? Aber auch diese finden trotz ihres losen Lebenswandels zuweilen einen Mann, ja die Gaishas heiraten sogar in die höchsten Stände ein und werden ehrbare Hausfrauen, die ihre Männer durch ihren Witz und ihr Talent viel länger zu fesseln verstehen als viele andere Frauen.
Die glücklichsten Frauen sind in Japan doch jene der ärmsten Volksklassen, und vornehmlich auf dem Lande. Die Männer haben nicht die Mittel, sich Nebenfrauen zu nehmen, und Not kennt kein Gebot. Gemeinschaftlich begeben sich Mann und Frau zur Arbeit, gemeinschaftlich wird gegessen, sie teilen Freud und Leid miteinander, und die Frau ist mitunter, statt Dienerin zu sein, selbst der herrschende Geist der ärmlichen Haushaltung. Bei dem geringen Ansehen, das die Frauen in Japan genießen, und bei der großen Freiheit der Männer, ihrer Herren, ist es ein wahrer Segen, daß die Japaner im allgemeinen so höflich, zuvorkommend und ruhig sind, selbst bis in die unteren Stände. Welches elende Los wäre den Frauen beschieden, wenn in den ersteren ebensoviel Roheit, Rücksichtslosigkeit und Flegelei herrschen würde wie in Ländern, die dem unserigen viel, viel näher liegen!
Japanische Frauentoilette.
Einer der Hauptreize der Japanerin liegt wohl unbestreitbar in ihrer Toilette. Nicht in jener, die durch eine der unsinnigsten Verordnungen des neuen Japan aus unserer alten westlichen Welt auch in dem fernen Lande des Sonnenaufgangs teilweise zur Einführung kam, sondern in jener Toilette, die die Japanerin seit undenklichen Zeiten bis auf die Gegenwart beibehalten hat. In Japan sind die Toiletten glücklicherweise nicht so sehr den Launen der Prinzessin Mode unterworfen wie anderswo. Dort hat man niemals etwas von Krinolinen, von Puffenärmeln und Culs de Paris gehört, der Schwerpunkt der Damentoiletten springt nicht in jedem Jahre, in jeder Saison von oben nach unten, von hinten nach vorn. Die japanischen Damen tragen keine mit ausgestopften Vögeln, Flügeln von Käfern, Federn und anderen barbarischen Zuthaten geschmückten Hüte; sie durchlöchern sich ihre Ohrläppchen nicht, um sie mit schwerem Geschmeide aus Edelmetall und Steinen zu beschweren; sie schnüren ihre zarten Füßchen nicht in enge, drückende Schuhe, und was den Stahl- und Fischgrätenpanzer anbelangt, mit welchem die Damen anderer Länder ihre Leiber umspannen, um sich, nach dem Ausspruch eines chinesischen Mandarins, das Aussehen von Wespen zu geben, so sind ihnen dieselben vollkommen unverständlich.
Die Toilette der Japanerin ist, was ihre Zusammensetzung und ihren Zuschnitt betrifft, von klassischer Einfachheit; sie erinnert am ehesten an jene der Griechin aus der klassischen Zeit und ist vielleicht ebenso alt wie diese. Aber dabei ist sie im ganzen genommen schöner, denn zu den langen, faltenreichen Gewändern treten noch die Feinheit und Kostbarkeit der Stoffe und vor allem die herrlichen Farben, an denen sich das künstlerische Auge niemals sattsehen kann. Wer jemals in Tokio oder in der alten Hauptstadt von Dai Nipon, in Kioto, eines der zahlreichen Volksfeste mitgemacht hat, den wird neben der Anmut und Lieblichkeit der japanischen Frauen nichts so sehr in Entzücken versetzt haben wie diese zarten, duftigen, farbenreichen Trachten, die den Volksmassen, aus der Ferne gesehen, das Aussehen lebendiger Blumenbeete geben, umflattert von den herrlichsten Schmetterlingen. Den Flügeln der letzteren, den Farben der ersteren mögen die Japaner bei ihrem einträchtigen Zusammenwirken mit der sie umgebenden herrlichen Natur, ja ihrem vollständigen Aufgehen in derselben ihre Toiletten abgelauscht haben. Wie Blüten um den Stengel, wie die Flügel an den Schmetterlingen liegen diese reizenden bunten Trachten auf der Japanerin, und beinahe könnte man sagen, nur diese verleihen ihr jenen eigenen, seltsamen Reiz; ohne sie erscheint auch die Japanerin wie der Schmetterling ohne Flügel, denn sie ist im Gegensatz zu ihrer europäischen Schwester keineswegs von besonderer Körperschönheit.