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The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) (part 3 of 4)

Part 3 of 4 · Müller, F. Max (Friedrich Max) · Public domain text

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Source: Project Gutenberg e-text #51389, public domain in the United States · text not rewritten or summarized · How RedLectern is built

 

Contents (4)

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The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2) (part 3 of 4)

Ez was hie vor ein burcstat, diu machte manegen riter mat. ein riter wolte drûffe wesen und wânde dâ vil wol genesen: er bowete dâ ein veste sô ers aller beste drûffe gemachen kunde. in einer kurzen stunde warf si diu ertbibe nider. dô bowete er aber hin wider und verlôs ab sîne habe: si brante im der doner abe. 10 sus wart er dicke hûslôs. swie manic hûs er dâ verlôs, so geviel im doch daz wesen dâ baz danne iender anderswâ: er bowete ie baz unde baz. alsô lange tet er daz daz er sîn guot verzerte und sich diu stat erwerte daz si ze jungest œde beleip und ouch den riter dâ vertreip 20 und vertreip vil manegen sît. nû habent gnuoge den strît daz si dar ûf bouwent noch, und erwert si sich in allen doch. Diu stat lât iu sîn bekant: si ist daz göuwe genant. die des geniezen wolten für baz dan si solten und dar ûf bouweten veste und der ie wurden geste, der ist gewesen harte vil. swer ûf daz göuwe zimbern wil der hât vil schiere bejaget daz man zallen zîten klaget dem landesherren über in. ze jungist sendet er dâ hin und heizet daz hûs brechen. sus kan sich daz göu rechen. dâ ist des herren gwalt 10 zuo der ertbibe gezalt. der herre schadet noch für baz. diu ertbibe leibet etwaz, so enleibent des herren boten niht: daz beste daz von in geschiht sô si daz göu rechent, ob si daz hûs niht brechent, sô wirt iz doch von in verbrant. dâ hât der donr dar gesant daz fiwer daz alsô rihtet 20 und die krumben voite slihtet. daz göu hât sô grôze kraft, an im wirt nieman sigehaft: ez pflag ie des ez immer pfliget daz ez in allen angesiget, die ez niezen wellent âne reht. ez sî riter oder kneht, der muot dar ûf ze hûsen hât, der sehe wie Kirchelinge stât: daz stiezen göuhüenre nider. den göuhüenren ist niht wider, die heten ie vil grôzen prîs. si lâzent rehte in tracken wîs daz fiwer ûz dem munde gân. 10 in enmac ein burc niht vor gestân: ders ungenædic wellent wesen diu ist vor in vil ungenesen. ir stimme ist ein donrslac, si schrîent daz manz hœren mac in dem lande über al. ir zorn machet bürge val: swie grôze veste ein burc habe, si brennents oder stôzents abe, alss Kirchelinge tâten. 20 man mags ungerne brâten, sît si sich alsô rechent dazs bürge nider brechent. swie œde Kirchelinge stê, der hiuse ist z’Œsterrîche mê diez göu hât zebrochen. er hât sich sô gerochen daz sis noch alle enkolten diez göu twingen wolten. Swer muot ze stæten dingen hât der neme die niht an sînen rât die in ûf daz göu reizen und in daz niezen heizen 10 und sprechen durch ir geslende ‘herre, ir sît ellende in iuwer besten künde. daz ist ein michel sünde: ir gebâret rehte in gastes wîs. welt ir gwinnen grôzen prîs, sô erzeiget iuch des muotes daz ir lîbes unde guotes ein meister unde ein herre sît, und machet iwern gwalt wît. 20 habt riterlîchen mannes muot, lât iu dienen liute und guot in der gegende swes ez sî: des enlâzet ir deheinen vrî. ez kumet vil schiere an die vrist daz daz ir beste vreude ist daz si iwer hulde müezen hân und sint iu gerne undertân. sô fürhtent die rîchen iwer kraft, die armen sint iu diensthaft. wir kunnen mit gefüegen dingen die liute wol dar zuo bringen daz si iu dienent alle tage mit guotem willen âne klage. 10 swaz wir mit guoten minnen noch hiure ab in gewinnen, daz müezens ouch ze jâre geben: da geturrens nimmer wider streben, sô müezen siz ouch iemer tuon, swer iu hiure gît ein huon, der gît iu âne geschrei ze jâre driu ode zwei. sô wehset iemer mêre iwer frum und iwer êre 20 und werdet werder danne ê. swelich gebûre iu wider stê, den gewinnet zeinem muntman. swaz er geleisten danne kan, daz ist iemer iwer eigen. sus sult irs alle neigen mit listen unde mit gewalt, sus werdet ir mit êren alt.’ Die ir herren alsô heizent leben, daz sint verworhte râtgeben: die enhânt nicht willen wan der zuo daz er sîn guot mit in vertuo. des æhtent si âne mâze, si swelhen und si vrâze. swie vaste si ûf daz göu streben und niht wan roubes wellen leben, 10 si erkennent niht des göuwes kraft und der göuhüenre meisterschaft. diu kluckent etlîchem abe den hals und alle sîne habe, der gar wil sîn ein göustrûz. si kluckent manegem d’ougen ûz und füeze abe und hende. sô dôwent si daz geslende. swelch herre ir râte volgen wil der gwinnet vînde harte vil, 20 daz im diu hüenre werdent sûr, sînen ieglich sîn nâchgebûr sînen dienest widersaget und dem landesherren über in klaget. daz ist der göuhüenre geschrei. sô machent driu ode zwei daz er muoz suochen einen tac, dâ er niht über werden mac, ezn müeze in kosten zehen pfunt. dâ sint diu hüenre ungesunt. daz muoz er von den rîchen hân, den er daz laster hât getân. noch sint die armen übersehen, den der schade ist geschehen. 10 ê er den und gote gebüeze, im wirt der hüenre süeze ein sô bitterlîchiu siure daz si in dunkent ungehiure.

Es war vordem ein Bauplatz für eine Burg, der setzte manchen Ritter matt. Ein Ritter wollte sich darauf niederlassen und hoffte dort sehr wohl zu fahren: er baute da eine Feste, so gut er sie darauf nur anlegen konnte. Nach kurzer Zeit warf sie ein Erdbeben nieder. Da baute er eine zweite dahin und verlor wiederum Hab und Gut: ein Blitzstrahl äscherte sie ein. 10 So ward er wiederholt häuserlos. Wie manches Haus er auch da verlor, so gefiel ihm doch der Aufenthalt da besser, als irgend wo anders: er baute immer mehr und mehr. Also lange that er das, bis er sein Gut verzehrte, während sich die Stätte behauptete, so dass sie zuletzt öde blieb und auch den Ritter vertrieb, 20 und vertrieb noch manchen seitdem. Auch jetzt noch bemühen sich genug, darauf zu bauen, aber sie erwehrt sich ihrer aller. Lasst euch die Stätte nennen: sie heisst der Gau. Die den mehr ausnützen wollten, als sie sollten, und darauf Burgen bauten und die stäts wieder verlassen, mussten. derer sind sehr viele gewesen. Wer auf dem Gau zimmern will, der hat sehr schnell erzielt, dass man jeder Zeit über ihn bei dem Landesherrn Klage führt. Schliesslich sendet der (seine Leute) hin und lässt das Haus brechen. So kann der Gau sich rächen. Vorhin wurde des Herren Gewalt 10 mit einem Erdbeben verglichen. Der Herr schadet aber noch viel mehr. Das Erdbeben schont doch noch etwas, das aber thun des Herren Boten nicht: das mindeste das von ihnen geschieht, wenn sie den Gau rächen, ist, wenn sie das Haus nicht niederbrechen, dass es von ihnen verbrannt wird. Dort hat der Blitzstrahl hingesandt das Feuer, das also richtet 20 und die falschen Vögte auf den rechten Weg bringt. Der Gau hat so grosse Gewalt, über ihn erringt niemand den Sieg: es pflegte noch stäts und pflegt auch heut’ über alle den Sieg davonzutragen, die ihn wider Recht ausnützen wollen. Sei es Ritter oder Knecht, wer Absicht hat darin zu hausen, der sehe, wie es mit Kirchlingen steht: das stiessen die Gauhühner nieder; den Gauhühnern widersteht nichts, die hatten immer sehr grossen Ruhm. Sie lassen ganz nach Drachenart Feuer aus ihrem Munde gehn. 10 Vor ihnem kann keine Burg bestehn: mit der sie es nicht gnädig machen wollen, die ist vor ihnen unrettbar verloren. Ihre Stimme ist ein Donnerschlag, sie schreien, dass man sie hören kann in dem Lande überall. Ihr Zorn bringt die Burgen zu Fall: Wie starke Befestigungen eine Burg auch habe, sie brennen oder stossen sie nieder, wie sie an Kirchlingen gethan. 20 Man wird sie lieber nicht braten, da sie sich so kräftig rächen, dass sie die Burgen niederbrechen. Wenn Kirchlingen verödet liegt, so sind der Häuser in Österreich mehr, die der Gau gefällt hat. Er hat sich so gerächt, dass sie es noch jeder Zeit entgolten haben, die den Gau zwingen wollten. Wer an gesicherten Verhältnissen Gefallen hat, der nehme die nicht zu Berathern, die ihn gegen den Gau aufreizen und ihn den auszupressen auffordern 10 und ihrer Schlemmerei zu Liebe sprechen: ‘Herr, ihr seid ausgestossen aus eurer eigensten Heimat. Das ist eine wahre Sünde: ihr lebt ganz wie ein fremder Gast. Wollt ihr grossen Ruhm gewinnen, so bethätigt eure Gesinnung, dass ihr über Leib und Gut Meister und Herr seid und erweitert eure Gewalt. 20 Zeigt ritterlichen Mannes Muth, lasst euch in der ganzen Landschaft Leute und Gut dienen gleichviel, wem es angehört: befreit keinen davon. Bald kommt es dann so weit, dass das ihre höchste Freude ist, wenn sie eure Huld besitzen, und dass sie euch gerne untergeben sind. Dann fürchten die Mächtigen eure Kraft und die Armen sind euch dienstbar. Wir wissen Mittel und Wege, die Leute dahin zu bringen, dass sie euch tagtäglich gutwillig ohne Klage dienen. 10 Was wir ihnen heuer noch in Liebe abgewinnen, das müssen sie auch übers Jahr geben: da wagen sie nicht mehr zu widerstreben, und dann müssen sie’s auch immer thun. Wer euch heuer ein Huhn giebt, der giebt euch ohne Geschrei übers Jahr zwei oder drei. So wächst dann mehr und mehr euer Nutzen und eure Ehre 20 und ihr werdet angesehener als vordem. Wenn euch ein Bauer Widerstand leistet, so gewinnt ihn zu eurem Schützling (Clienten). Was er dann erarbeiten kann, das ist immer euer eigen. So sollt ihr alle unter euer Joch beugen mit List oder mit Gewalt. Dann werdet ihr mit Ehren alt.’ Die ihren Herren ein solches Leben empfehlen, das sind verwünschte Rathgeber: die haben damit keinen andern Zweck im Auge, als dass er sein Gut mit ihnen verthun soll. Das verfolgen sie masslos, die Prasser und Fresser! Wie sehr sie auch den Besitz des Gaus erstreben und von nichts als Raub leben wollen, 10 so kennen sie doch nicht des Gaues Kraft und der Gauhühner Meisterschaft. Die brechen gar manchem den Hals und bringen ihn um sein Gut, der durchaus ein Gaustrauss sein will. Sie reissen manchem die Augen aus und Füsse und Hände ab. So verdauen sie das Geschmauste. Der Herr, der ihrem Rathe folgen will, der erwirbt sich viel Feinde, 20 wenn ihm die Hühner aufsessig werden, so dass ihm alle seine Nachbarn ihren Dienst aufsagen und beim Landesherren über ihn Klage führen. Das ist der Gauhühner Geschrei; dann bewirken zwei oder drei, dass er einen Ausgleich suchen muss, wo es ihm nicht erspart bleibt, dass er zehen Pfund Strafe zahlen muss. Dann sind die Hühner ungesund. Das muss er von den Mächtigen hinnehmen, denen er den Schimpf angethan. Noch aber sind die Armen übersehen, denen auch Schade geschehen ist. 10 Eh er vor denen und Gott sich rechtfertigt, verwandelt sich ihm der Hühner Süssigkeit in so bittere Säure, dass sie ihm unlieblich erscheinen.

WERNER DER GÄRTNER.

[Scherer D. 227, E. 218.]

Ein Dichter aus dem damals baierischen, jetzt österreichischen Innviertel, verfasste um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts den ‘Meier Helmbrecht’, eine baierische Dorfgeschichte. Herausgegeben von Haupt in seiner Zeitschrift, Bd. 4; von Lambel ‘Erzählungen und Schwänke’ Nr. 3.

Dô si dô mit freuden gâzen, der wirt niht wolte lâzen, er frâgte in der mære wie der hovewîs wære dâ er wære gewesen bî. ‘sage mir sun, wie der sî; sô sag ich dir denne wie ich etewenne bî mînen jungen jâren die liute sach gebâren.’ ‘vater mîn, daz sage mir; zehant sô wil ich sagen dir wes dû mich frâgen wil: der niuwen site weiz ich vil.’ ‘Wîlen dô ich was ein kneht 10 und mich dîn ene Helmbreht, der mîn vater was genant, hin ze hove het gesant mit kæse und mit eier, als noch tuot ein meier, dô nam ich der ritter war und markte ir geverte gar. sî wâren hovelîch unde gemeit und kunden niht mit schalkheit, als nû bî disen zîten kan 20 manic wîp und manic man. die ritter heten einen site, dâ liebtens sich den frouwen mite: einez ist buhurdiern genant; daz tet ein hoveman mir bekant, dô ich in frâgte der mære wie ez genennet wære. si fuoren sam si wolten toben (dar umbe hôrte ich si loben), ein schar hin, diu ander her; ez fuor diser unde der als er enen wolte stôzen. under mînen genôzen ist ez selten geschehen daz ich ze hove hân gesehen. als si danne daz getâten, 10 einen tanz si danne trâten mit hôchvertigem gesange: daz kurzt die wîle lange. vil schiere kam ein spilman; mit sîner gîgen huop er an: dô stuonden ûf die frouwen; die möht man gerne schouwen; die ritter gegen in giengen, bî handen si si viengen. dâ was wunne überkraft 20 von frouwen und von ritterschaft in süezer ougen weide. junkherren unde meide, si tanzten frœlîche, arme unde rîche. alz des danne nie mê was, sô gie dar einer unde las von einem der hiez Ernest. swaz ieglîch aller gernest wolte tuon, daz vander. 30 dô schôz aber der ander mit dem bogen zuo dem zil. maneger freude was dâ vil: ener jagte, diser birste. der dô was der wirste, der wære uns nû der beste. wie wol ich etewenne weste waz triuwe und êre mêrte ê ez valscheit verkêrte! die valschen und die lôsen, die diu reht verbôsen mit ir listen kunden, 10 die herrn in dô niht gunden ze hove der spîse. der ist nû der wîse, der lôsen unde liegen kan; der ist ze hove ein werder man und hât guot und êre leider michels mêre danne ein man der rehte lebet und nâch gotes hulden strebet. als vil weiz ich der alten site. 20 sun, nû êre mich dâ mite und sage mir die niuwen.’ ‘Daz tuon ich entriuwen. daz sint nû hovelîchiu dinc: “trinkâ, herre, trinkâ trinc! trinc daz ûz; sô trinke ich daz.” wie möhte uns immer werden baz? vernim waz ich bediute: ê vant man werde liute bî den schœnen frouwen: nû muoz man si schouwen bî dem veilen wîne. 10 daz sint die hœhsten pîne den âbent und den morgen, wie si daz besorgen, ob des wîns zerinne, wie der wirt gewinne einen der sî alsô guot, dâ von si haben hôhen muot. daz sint nû ir minne: “vil süeze lîtgebinne, ir sult füllen uns den maser. 20 ein affe und ein narre waser, der ie gesente sînen lîp für guoten wîn umbe ein wîp.” swer liegen kan, der ist gemeit, triegen daz ist hövescheit; er ist gefüege, swer den man mit guoter rede versnîden kan; swer schiltet schalclîche, der ist nû tugentrîche. der alten leben, geloubet mir, die dâ lebent alsam ir, der ist nû in dem banne und ist wîbe und manne ze genôze als mære als ein hâhære. âht und ban daz ist ein spot.’ 10 Der vater sprach ‘daz erbarme got und sî im immer gekleit daz diu unreht sint sô breit. die alten turnei sint verslagen, und sint die niuwen für getragen, wîlen hôrte man kroyieren sô “heyâ, ritter, wis et frô!” nû kroyiert man durch den tac “jagâ, ritter, jagâ jac! stichâ stich! slahâ slach! 20 stümbel den der ê gesach; slach mir dem abe den fuoz, tuo mir dem der hende buoz: dû solt mir disen hâhen, und enen rîchen vâhen, der gît uns wol hundert phunt.” ‘Mir sint die site alle kunt. vater mîn, wan deich enwil, ich trouwe dir gesagen vil niuwan von den niuwen siten. ich muoz slâfen: ich hân vil geriten; mir ist hînte ruowe nôt.’ dô tâten si als er gebôt.

Als sie fröhlich assen, da konnte der Wirth sich nicht länger zurückhalten, er fragte ihn darnach, wie man bei Hofe gelebt, da wo er gewesen wäre. ‘Sage mir, Sohn, wie es damit steht, so sag ich dir nachher, wie ich einstmals in meiner Jugend die Leute sich benehmen sah.’ ‘Vater, das sage mir, so will ich sofort dir sagen, was du mich fragen willst: denn die neuen Sitten kenn ich sehr wohl.’ ‘Früher als ich Knecht war, 10 und mich dein Grossvater Helmbrecht, also mein Vater, mit Käse und Eiern nach Hof geschickt hatte, wie die Meier noch thun, da hab ich mir die Ritter angesehen und ihr Treiben genau beobachtet. Sie waren höfisch und fröhlich und wussten nichts von niedriger Gesinnung, die in unseren Tagen 20 manche Frau und mancher Mann besitzt. Die Ritter hatten eine Gewohnheit, womit sie sich bei den Damen beliebt machten: das hiess ‘buhurdieren’; so erklärte mir ein Diener bei Hofe, als ich ihn darnach fragte, wie das Ding genannt würde. Sie jagten wie die Verrückten (und dafür hört ich sie noch loben), eine Schaar hin, die andere her; der eine fuhr auf den andern los, als wollte er ihn stossen. Unter meines Gleichen ist das nie geschehen, was ich da bei Hof gesehen habe. Als sie damit zu Ende waren, 10 da traten sie einen Tanz unter heiterem Gesange: das vertrieb die lange Weile. Nun kam gleich ein Spielmann; Sobald der zu geigen anfieng, da erhoben sich die Damen; es war eine Lust sie zu sehen; die Ritter giengen ihnen entgegen und fassten sie bei den Händen. Da war an Wonne Überfluss 20 von Frauen und Ritterschaft zu süsser Augenweide. Junker und Mägdlein tanzten fröhlich, Arm und Reich durcheinander. Als das nun vorüber war, da kam einer und las vor von einem Namens Ernst. Jeder konnte thun, wozu er am meisten Lust verspürte. 30 dort schoss wieder einer mit dem Bogen nach dem Ziel. Da gab es vielerlei Lustbarkeiten: der eine jagte, der andere pirschte. Und wer damals nicht viel bedeutete, der wäre für uns heute noch der beste. Wie wohl ich mich damals darauf verstand, was Treue und Ehre zu mehren in Stande ist, ehe Falschheit es in’s Gegentheil verwandelte! Die Falschen und die Schlimmen, die ihre Künste darauf gerichtet, das Recht zu stürzen, 10 ihnen gönnten die (adelichen) Herren damals bei Hof nicht einen Bissen. Heute ist der weise, der lügen und trügen kann; der ist bei Hof ein angesehener Mann und besitzt leider weit mehr Gut und Ehre, als ein Mann, der schlecht und recht lebt und nach Gottes Huld strebt. So viel weiss ich vom alten Brauch. 20 Mein Sohn, nun erweise mir die Ehre und berichte mir von dem neuen.’ ‘Das will ich thun meiner Treu. Jetzt heisst das höfisches Benehmen: “Trink zu, Herr, trink nur, trink! trink den aus; ich trinke nach.” Wie möcht’ es uns jemals besser ergehn? Höre nur, was ich erzähle: ehedem fand man anständige Männer bei schönen Frauen: jetzt muss man sie bei feilem Weine suchen. 10 Das sind ihre grössten Schmerzen am Abend und am Morgen, wie sie es fertig bringen, dass, wenn ihnen der Wein zu Ende geht, der Wirth einen anschafft, der ebenso gut ist, daran sie sich ergötzen können. Das ist heute ihre Liebe: “Viel süsses Kellnermädchen, füllt uns die Kanne! 20 Ein Affe und ein Thor war der, der je in Sehnsucht seinen Leib verzehrt nach einem Weibe statt nach gutem Wein.” Wer lügen kann, der ist flott; trügen, darin besteht die rechte höfische Lebenskunst; es ist ziemlich, dass man den Leuten mit geschickter Rede die Ehre abschneidet; wer boshaft klatscht, der ist heut tugendreich. Der Alten Weise, glaubt mir nur, die so leben wie ihr, die ist heut verpönt, und Frauen und Männer wünschen sie zum Henker. Über Acht und Bann macht man sich lustig.’ 10 Der Vater sprach ‘Das erbarme Gott, ihm sei’s ewig geklagt, dass das Unrecht sich so breit macht. Die alten Turniere sind dahin, an ihre Stelle sind neue gesetzt. Ehedem hörte man solch Feldgeschrei: “Heisa, Ritter, sei wohlgemuth!” Nun rufen sie den lieben langen Tag: “Jage zu, Ritter, jage doch, jage! Stich doch, stich! schlag zu, schlag! 20 verstümmle den, der vordem sehen konnte; hau mir dem den Fuss ab, hilf mir dem von den Händen: diesen sollst du mir aufhenken, den Reichen dort fangen, der giebt uns wol hundert Pfund (als Lösegeld).” ‘Mir sind die Bräuche alle wohlbekannt. Wollte ich, lieber Vater, so konnte ich dir noch viel erzählen nur von den neuen Bräuchen; doch ich muss schlafen: ich bin weit geritten; mir thut heut abend Ruhe noth.’ Da thaten sie, wie ers haben wollte.

DER WEINSCHWELG.

[Scherer D. 228, E. 220.]

Eine satirische Novelle, nach 1260 gedichtet. Der Verfasser ist wie bei den meisten gleichzeitigen Gedichten dieser Gattung unbekannt. Herausgegeben von Grimm ‘altdeutsche Wälder’ 3, 13; Schröer (Jena, 1876) mit Übersetzung.

Swaz ich trinkens hân gesehen, deist gar von kinden geschehen; ich hân einen swelch gesehen: 10 dem wil ich meisterschefte jehen. den dûhten becher gar enwiht, er wolde näpf noch kophe niht: er tranc ûz grôzen kannen. er ist vor allen mannen ein vorlouf allen swelhen. von ûren und von elhen wart solher slünd nie niht getân. ez muos alle zît vor im stân ein grôz kanel wînes vol. er sprach ‘wîn, ich erkenn dich wol; ich weiz wol, daz du guot bist. die wîl dîn in dem vazze iht ist, sô wil ich bûwen dise banc.’ Dô huob er ûf unde tranc ein trunc von zweinzec slünden. er sprach ‘nu wil ich künden, waz tugent du hâst, vil lieber wîn. 10 wie möhtestu tugenthafter sîn? du hâst schœne und grôze güete, du gîst uns hôhgemüete, du machest küene den zagen. swer dîn wâfen wil tragen, der wirt wîse unde karc, er wirt snel unde starc, er fürhtet niemannes drô. du machst die trûrigen vrô, du gîst dem alten jungen muot, 20 du rîchst den armen âne guot, du machst die liute wol gevar. du bist ouch selbe schœne gar: du bist lûter unde blanc.’ Dô huob er ûf unde tranc ein trunc der für die andern gie. er sprach ‘war umbe oder wie sold ich den wîn vermîden? ich mac in wol erlîden, sît er allen mînen willen tuot. er dunkt mich bezzer denne guot; ich geniete mich sîn nimmer. ich wil in loben immer für bûhurdieren und für tanz. krône, tschapel unde kranz, 10 pfell, samît unde scharlât, swaz gezierde disiu werlt hât, die næme ich niht für den wîn. in hât in dem herzen mîn Minne alsô behûset, versigelt und verklûset: wir mugen uns niht gescheiden. swer mir in wolde leiden, der mües immer haben mînen haz. er kürzet mir die wîle baz 20 denn sagen, singen, seiten klanc.’ Dô huob er ûf unde tranc ein trunc noch grœzer vil dann ê. er sprach ‘gras, bluomen unde klê und aller krûte meisterschaft, die würze und aller steine kraft, der walt und elliu vogelîn, die möhten dîn, vil lieber wîn, die liute niht ergetzen; si möhten dich niht ersetzen mit allem dem, daz si künnen, ich wil dir gerne günnen, daz du mir kürzest die zît. swaz fröude mir diu werlt gît, 10 diu kumt vil gar von dîner tugent. dîn lop hât immer jugent; dîn werdekeit wirt nimmer kranc.’ Dô huob er ûf unde tranc einen trunc alsô starc: und solde er ein halbe marc ze lôn dâ mit verdienet hân, ern dörft niht bezzers hân getân. ‘beidiu ich und der wîn müezen immer ensamt sîn, 20 mir ist an im gelungen. er hât mich des betwungen, deich ie tet swaz er mir gebôt. der wîn ist guot für manige nôt. künde er iht wan fröude geben, diu werlt sold immer gein im streben. sîn fröude ist vor allen dingen. ich wil nâch fröuden ringen, sît mir der wîn fröude gît. nu wil ich ringen unz an die zît, daz er mir sô vil fröuden gebe, daz ich mit fröuden immer lebe: wie kan ich denne verderben? ich wil nâch fröuden werben. des habe mîn lîp immer danc.’ 10 Dô huob er ûf unde tranc, daz man mê solhes niht vernam. er sprach ‘der herzoge Ytam, der was gar âne wîsheit, daz er einem wisent nâch reit, er und sîn jäger Nordiân. si soldenn wîn gejagt hân; sô wærn si wîse, als ich pin. mir ist vil samfter denne in; ich kann jagen unde vâhen; 20 mich enmüedet niht mîn gâhen. ich jage den vil lieben wîn; des jäger wil ich immer sîn: er hât mir ie sô wol getân. swaz ich sîn her getrunken hân, und swaz ich sîn noch immer tac in mînen lîp geswelhen mac, daz ist wan ein anevanc.’ Alrêst huob er unde tranc vil manigen ungefüegen slunt. ‘wîn, mir ist dîn tugent kunt ich erkenne wol dîne kraft, dîn kunst und dîne meisterschaft. du bist meister der sinne; du liebest mir die minne; 10 du machest stæte manigen kouf, du machest manigen wettelouf, du machest maniger hande spil, mit fröuden kurzewîle vil. diu werlt ist gar mit dir erhaben. du kanst die durstigen laben, du machst die siechen gesunt. sît du mir êrst würde kunt, sô bin ich dir gewesen bî, swie vil dîner diener sî, 20 daz mich doch niemen von dir dranc.’ Dô huob er ûf unde tranc, daz die slünde lûte erklungen. unde einander drungen. dô wart von starken slünden ein sturm, daz den ünden diu drozze wart ze enge, daz sich von dem wâcgedrenge diu güsse begunde werren, blôdern unde kerren als ein windes prût ûf dem mere.

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Dô huob er ûf unde tranc ein trunc, der wart swære. swie grôz diu kanel wære, si was zem trunke niht volgrôz, 10 wan man zeiner nôt în gôz. er hiez et vaste în giezen und lie daz in sich vliezen, daz dâ noch solhez niht geschach. dô saz er nider unde sprach ‘der wîn ist rehte ein gimme. ich hœre ein süeze stimme in mînem houbet singen. die hœre ich gerne klingen. ez ist reht, daz ich in krœne. 20 er singet mêre süezer dœne denn aller slahte klingen und aller vogele singen, mir wart solhes nie niht bekant. er singt sô wol, daz Hôrant daz dritteil nie sô wol gesanc.’ Dô huob er ûf unde tranc, daz diu banc begunde krachen. er sprach ‘des muoz ich lachen. des ist ze lachen harte guot. daz krachen freut mir den muot. ez machet des wînes güete. ich hân allez mîn gemüete in den fröuden wol getrenket. dar in hân ich mich gesenket. ich sanc ie sît der stunde, 10 daz ich êrste trinken kunde und mir der wîn sô wol geviel. ich weiz wol daz dehein kiel in daz mere sô tiefe nie gesanc.’ Dô huob er ûf unde tranc einen vierschrœtigen trunc. er sprach ‘ich pin worden junc an lîbe unde an muote. wol mich’ sô sprach der guote, ‘daz ich sô gar ein meister bin 20 an trinken, seht, daz heiz ich sin. ich weiz wol, datz Parîs, ze Padouwe und ze Tervîs, ze Rôme und ze Tuscân vindet man deheinen man, ich ensî sîn meister gewesen, daz mir nie gein einer vesen ir deheiner möhte gelîchen. halt in allen diutschen rîchen kom mir nie deheiner zuo, 30 der beidiu spât unde fruo sô wol an trinken tûre. wînes nâhgebûre wil ich hiute und immer wesen. mîn sêle muoz mit ime genesen, im ist mîn sêle immer holt. swenne er schœne als ein golt von dem zaphen schiuzet, wie wênic mich des verdriuzet, swaz man sîn in mich giuzet! 10 vil wol mîn lîp des geniuzet. man sagt von turnieren: vaste swelhen under vieren daz kan ich wol; des hab ich danc.’ Dô huob er ûf unde tranc ein trunc, der vil grôz was. er sprach ‘swaz man ie gelas von den, die minne pflâgen und tôt von minne lâgen, die wâren mir niht glîche wîs. 20 wie starp der künic Pârîs der durh Helênam wart erslagen! des tumpheit sol man immer klagen. er solden wîn geminnet hân: sô het im niemen niht getân. vrô Dîdô lac von minnen tôt. Grâlanden sluoc man unde sôt und gab in der vrowen zezzen. want si sîn niht wolde vergezzen. Pîramus und Tispê, den wart von minne sô wê, daz si sich rigen an ein swert. mîn minne ist bezzers lônes wert, denn ir aller minne wære: mîn minne ist fröudebære. 10 ich bûw der minne strâze. mir ist baz denn Curâze, der von minne in dem sê ertranc.’ Dô huob er ûf unde tranc ein trunc mit grôzer île; der wert unz an die wîle, daz im diu gürtel zebrast. er sprach ‘daz bant ist niht ein bast, dâ mit ich zallen stunden zuo dem wîne bin gebunden. 20 daz ist mîn sælde und mîn heil; und sint ouch driu vil starkiu seil. daz eine ist des wînes güete, daz ander mîn stæte gemüete, daz dritte ist diu gwonheit. er mac mir nimmer werden leit: ich muoz in immer minnen. ich mac im niht entrinnen; wie zebræche ich ein sô starken stranc!’ Dô huob er ûf unde tranc sô sêre, daz si alle jâhen, die sîn trinken rehte ersâhen, swaz er getrunken het unz dar, des solde man vergezzen gar: der trunc behielte gar den prîs. 10 er sprach ‘diu werlt ist unwîs, daz si niht ze wîne gât, sô si deheinen gebresten hât, und trunke dâ für allez leit, für angest und für arbeit, für alter unde für den tôt, für siechtuom und für alle nôt, für schaden und für schanden slac, und für swaz der werlt gewerren mac, für nebel und für bœsen stanc.’ 20 Dô huob er ûf unde tranc sô sêr, daz sich diu kanel bouc. ‘swaz ie gevlôz ode gevlouc, daz sol billîch erkennen mich. die liute solten alle sich ze mînem gebote neigen. diu werlt ist gar mîn eigen. ich hân gewaltes sô vil, daz ich tuon daz ich wil. swaz ich wil, daz ist getân, deich allen mînen willen hân, dâ von heiz ich ungenôz. mîne tugende sint sô grôz; wær der werlde sô vil mê, daz daz mer und ieslich sê als guot wær als daz beste lant, 10 daz müese stên ze mîner hant und mües mir dienen âne wanc.’ Dô huob er ûf unde tranc sô lange und sô sêre, sô vil und dannoch mêre, sô vaste und sô harte, daz sich daz hemde zarte. er sprach ‘des wirt guot rât: ich weiz wol waz derwider stât; ich kan wol wâfen mich.’ 20 er zôch ein hirzhals an sich: den hiez er vaste brîsen; darzuo von guotem îsen ein vestez banzier enge. er sprach ‘des wînes gedrenge lât mich nu ungezerret. ich hân mich sô versperret: ern mac mich niht entsliezen. des sol ich wol geniezen, daz ich ze fröuden mînen lîp getwungen hân, daz man noch wîp sîn lîp sô sêre nie getwanc.’ Dô huob er ûf unde tranc.

Was ich von Trinken gesehen habe, das war alles Kinderspiel; einen Säufer jedoch hab ich kennen gelernt: 10 dem will ich die Meisterschaft zuerkennen. Dem galten Becher für nichts, er wollte von Näpfen noch Schalen etwas wissen: er trank aus grossen Kannen. Er ist vor allen Menschen ein Vorläufer aller Zecher. Von Auerochsen und Elenthieren wurden solche Schlucke nie gemacht. Jeder Zeit musste vor ihm stehn eine grosse Kanne voll Wein. Er sprach: ‘Wein, ich kenne dich wohl; ich weiss wohl, dass du gut bist. So lange von dir noch etwas im Fasse ist, weich’ ich nicht von dieser Bank.’ Da setzte er an und trank einen Trunk von zwanzig Schlucken. Er sprach: ‘Nun will ich künden, was du alles vermagst, viel lieber Wein. 10 Wie könnt es etwas volkommneres geben? du besitzest Schönheit und grosse Güte, du verleihst uns frohen Muth, du machst den Zaghaften kühn. Wer Deine Rüstung tragen will, der wird weise und sparsam, der wird schnell und stark, er fürchtet Niemandes Dreun. Du machst die Traurigen froh, du giebst den Alten Jugendmuth, 20 du bereicherst den Armen ohne Gut, du machst die Leute wohl aussehn. Du bist auch selber gar schön: du bist lauter und blinkend.’ Da setzte er an und trank einen Trunk, der die andern übertraf, er sprach: ‘Warum oder wie sollt’ ich von dem Weine lassen? Ich mag ihn recht wohl leiden, da er allen meinen Willen thut. Er dünkt mich besser als gut; ich bekomme ihn nimmer satt. Ich will ihn immerdar mehr loben als Buhurdieren und als Tanz. Nicht Krone, Kopfschmuck noch Kranz, 10 Seide, Sammet und Scharlachzeug, nicht allem Putz, den diese Welt hat, Gäb ich je den Vorzug vor dem Wein. Ihn hat in meinem Herzen die Liebe also einquartiert, versiegelt und eingeschlossen, dass wir uns nicht trennen können. Wer mir ihn verleiden will, den verfolge stäts mein Hass. Er kürzt mir die Zeit besser 20 als Sagen, Singen und Saitenklang.’ Da hub er die Kanne empor und trank einen noch viel grösseren Trunk als vorher. Er sprach: ‘Gras, Blumen und Klee und aller Kräuter Heilgewalt, die Gewürze und aller Steine Kräfte, der Wald und alle Vöglein, die vermöchten dich nicht, mein lieber Wein, bei den Leuten in Vergessenheit zu bringen; sie könnten dich nicht ersetzen mit alle dem, was sie vermögen. Ich will dir gerne gönnen, dass du mir kürzest die Zeit. Die Freude, die mir die Welt verleiht, 10 die kommt durchaus von deiner Tugend. Dein Lob hat ewige Jugend; dein Werth wird nimmermehr krank.’ Da hub er die Kanne und trank einen so gewaltigen Trunk: ja hätte er eine halbe Mark Belohnung damit verdient, er hätt es nicht besser machen können. ‘Wir beiden, ich und der Wein, Wir müssen immer beisammen sein! 20 Ich bin mit ihm ganz einig. Er hat mich dazu gezwungen, dass ich das stäts that, was er geboten. Der Wein ist gut in mancher Noth. Und vermöchte er auch nicht nur Freude zu geben, die Welt sollte doch immer zu ihm streben. Seine Freude steht über allen Dingen. Ich will nach Freuden ringen, da mir der Wein Freude giebt. Jetzt ringe ich bis auf die Zeit, dass er mir so viel Freuden giebt, dass ich immerdar in Freude lebe. Wie kann ich dann verderben? Um Freude will ich werben. Mein Leib empfange dafür Dank.’ 10 Da hub er die Kanne auf und trank so gewaltig, dass man solches nie mehr erlebte. Er sprach: ‘Der Herzog Itam der war von Weisheit ganz verlassen, dass er einem Wisent nachritt, er und sein Jäger Nordian. Hätten sie auf den Wein Jagd gemacht: dann wären sie so weise, wie ich bin. Mir geht’s viel leichter von der Hand als ihnen: ich kann ihn jagen und fangen; 20 mich ermüdet nicht mein Hasten. Ich jage den viel lieben Wein; des Jäger will ich immer sein: er hat mir stäts so wohl gethan. Was ich seither getrunken habe, und was ich dessen mein Lebtag auch noch schlingen kann in meinen Bauch, das ist ja nur ein Anfang.’ Erst recht nun hub er auf und trank gar manchen ungefügen Schluck. ‘Wein, mir ist dein Wesen kund. Ich kenne wohl deine Kraft, deine Kunst und deine Meisterschaft. Du bemeisterst die Sinne; du reizest zur Minne; 10 du bestätigst manchen Kauf, du machst manchen Wettlauf, du treibst mancherlei Spiel, mit Freuden unterhältst du viel. Die Welt wird durch dich ganz erhaben, du kannst die Durstigen laben, du lässt die Siechen gesunden. Seit deine Freundschaft ich gefunden, so war ich bei dir immerdar, wie gross auch deiner Diener Schar, 20 dass mich doch keiner bracht zu Wank.’ Da hub er die Kanne empor und trank, dass die Schlucke laut erklangen und stossend durcheinander drangen. Da ward von der Schlucke Schwall ein Sturm, dass dem Wogenprall der Schlund ward zu enge, dass in der Wellen Gedränge die Fluth sich durch einander schlang, ein wildes Rauschen erklang, als führ die Windsbraut übers Meer.

* * * * *

Da hub er auf und trank einen schweren Trunk. Wie gross die Kanne auch war, sie war für den Trunk nicht gross genug, 10 mit Mühe brachte man etwas hinein. Da hiess er tüchtig hinein giessen und liess das in sich fliessen, dass so etwas noch nie geschehen. Darauf setzte er sich nieder und sprach: ‘Der Wein ist ein wahrer Edelstein. Ich höre eine süsse Stimme in meinem Haupte singen; die höre ich gerne klingen. Es gehört sich, dass ich ihn kröne. 20 Er singt mehr süsse Töne als aller Art Wohlklang und aller Vögel Gesang. Nie ward mir so etwas bekannt. Er singt so schön, dass Horant nicht den dritten Theil so schön gesungen hat.’ Da hub er auf und trank, dass die Bank zu krachen begann. Er sprach: ‘Darüber muss ich lachen. Darüber ist gut lachen. Das Krachen macht mir Vergnügen. Das thut des Weines Güte. Ich habe meine Seele ganz in Freuden getränkt. Da hinein hob ich mich versenkt. Ich sank stäts von der Stunde an, 10 wo ich zuerst trinken konnte, und mir der Wein so wohl gefiel. Ich weiss wohl, dass kein Schiff je in das Meer so tief gesunken.’ Da hub er die Kanne auf und trank einen vierschrötigen Trunk. Er sprach: ‘Ich bin jung geworden an Leib und an Seele. Wohl mir,’ so sprach der Gute, ‘dass ich solch ein Meister bin 20 im Trinken. Seht, das nenn ich mir Verstand. Ich weiss wohl dort in Paris, in Padua und Treviso, in Rom und in Toscana findet man keinen Menschen, dessen Meister ich nicht wäre, der sich auch nur ein Linschen mit mir vergleichen könnte. In allen deutschen Landen ist mir nie einer begegnet, 30 der früh und spät sich in Trinken so auszeichnete. Mit dem Weine will ich heute und immerdar gute Nachbarschaft halten. Meine Seele muss mit ihm gesunden, ihm ist sie immerdar hold. Wenn er schön wie Gold von dem Zapfen schiesst, hei wie wenig mich das ärgert, mag man noch so viel in mich giessen. 10 Meinem Leibe bekommt das sehr wohl. Man redet viel von Turnieren: tüchtig schlucken unter Vieren kann ich wohl; das ist mein Fall.’ Da hub er die Kanne empor und trank einen Schluck, der sehr gross war. Er sprach: ‘Was man erzählt von denen, die der Liebe pflagen und von der Liebe todt gelegen, die waren nicht so weise wie ich. 20 Wie starb der König Paris, der um Helenas willen erschlagen ward? Dessen Thorheit sollte man ewig beklagen. Hätte er lieber den Wein geminnet, so hätt’ ihm niemand etwas gethan. Frau Dido fand durch die Liebe ihren Tod. Graland wurde erschlagen und gesotten und drauf seiner Herrin zu essen gegeben, weil sie ihn nicht vergessen wollte. Piramus und Thisbe, denen geschah von der Liebe so viel Weh, dass sie sich in ein Schwert stürzten. Meine Liebe ist besseren Lohn werth, als ihrer aller Liebe: Meine Liebe ist freudebringend. 10 Ich wohne an der Liebe Strasse, doch ist mir wohler als Curas, der vor Liebe in der See ertrank.’ Da hub er die Kanne empor und trank einen Trunk in grosser Eile, den dehnte er so lange aus, bis ihm der Gürtel zersprang. Er sagte: ‘Das Band ist nicht von Bast, womit ich jeder Zeit mit dem Weine verbunden bin. 20 Das ist mein Glück und mein Heil; und zwar sind es drei starke Seile. Das eine ist des Weines Güte, das andere mein starker Geist, das dritte die Gewohnheit. Niemals wird er mir leid, ich muss ihn immer lieben. Ich kann ihm nicht entrinnen. Wie vermöcht ich einen so starken Strang zu zerreissen?’ Da hub er die Kanne auf und trank so gewaltig, dass alle sagten, die sein Trinken richtig sahen, was er bis dahin getrunken hätte, das sollte man ganz vergessen: dieser Trunk verdiente den Preis vor allen. 10 Er sagte: ‘Die Welt ist unklug, dass sie nicht zu Weine geht, wenn sie irgend ein Gebresten hat, und dass sie nicht gegen alles Leid trinkt, gegen Angst und Mühsal, gegen Alter und gegen den Tod, gegen Siechthum und alle Noth, gegen Schaden und der Schande Schlag, und gegen alle Widerwärtigkeiten der Welt gegen Nebel und schlimmen Gestank.’ 20 Da hub er empor und trank so kräftig, dass sich die Kanne bog. ‘Was da fliesset und flieget, soll mich billig anerkennen. Die Leute sollten sich alle meinem Gebote neigen. Die Welt ist ganz mein Eigen. Ich habe so viel Gewalt, dass ich thue, was ich will. Was ich will, das ist gethan, so dass ich allen meinen Willen habe. Davon heisse ich Ungenoss. Meine Kräfte sind so gross, wär der Welt so viel mehr, dass das Meer und jeglicher See so gut wäre wie das beste Land, 10 das müsste unter meiner Botmässigkeit stehn und müsste mir ohne Wanken dienen.’ Da hub er die Kanne empor und trank so lange und so gewaltig, so viel und immer noch mehr, so tüchtig und so heftig, dass sein Hemd zerplatzte. Er sprach: ‘Dem wird schon abgeholfen: ich weiss wohl, was Allem widersteht; ich kann mich wohl waffnen.’ 20 Er zog ein Koller von Hirschleder an, da liess er sich fest hinein schnüren; dazu von trefflichem Eisen einen engen festen Panzer. Drauf sagte er: ‘Des Weines Drängen lässt mich nun ungezerrt. Ich habe mich so versperrt: er kann mich nicht mehr aufschliessen. Das soll mir gut bekommen, dass ich meinen Leib zum Vergnügen mir eingezwängt habe, dass Mann noch Weib sich nie so fest verschnürt haben.’ Und immer noch hub er die Kanne empor und trank.

HUGO VON TRIMBERG.

[Scherer D. 228, E. 220.]

Ein gelehrter Dichter, wirkte als Schulmeister einer Vorstadt von Bamberg. Sein bedeutendstes Werk ist ein Lehr- und Strafgedicht, ‘der Renner’ 1300-1313 verfasst, herausgegeben vom historischen Vereine in Bamberg (Bamberg, 1833).

DER RENNER.

Ein wolf, ein fuhs und ouch ein nôz gein Rôme wolten: ir riuw was grôz. und dô si nâhten gein der stat, 10 dô sprach der wolf ‘sît got uns hât mit sînen gnâden her brâht, eins dinges hân ich mich bedâht: alsô daz ouch süllen wir vor bîhten, daz gevellet mir, ê wir den bâbest ane sehen.’ dô sprach der fuhs ‘daz sol geschehen: wan der bâbst hât vil ze schaffen beide mit leien und mit pfaffen: des hât er selten muoze. bîhte wir, und setzen buoze, und bittenn daz er si bestete durch got und durch unser bete.’ dô sprach der wolf ‘nu sît gemein, und bîhte ie einr den andern zwein 10 daz grœste daz er habe getân. sô hebich ze dem êrsten an. ich tet ein sünde, ze der ich hân grôze vorhte. ez het ein man ein zuhtmuoter bî dem Rîn. diu het zwelf kleiniu verchelîn ligen in einer stîgen. diu hôrtich vaste schrîgen des morgens nâch ir ammen, wan si mit voller wammen 20 gie am velde, unde ir jungen mit grôzem hunger rungen. daz jâmerte mich, wan ichz sach. an der ammen ich mich rach eins tages dô sir niht enpflac: ich beiz si, daz si tôt gelac, und fulte mit ir mînen magen. nu lât iu grœzer sünde sagen. dar nâch, dô ich mich es versan daz ich vil übele hæt getân, erbarmten mich diu verchelîn ellende unde ir hungers pîn, und half in gar ûz aller nôt: si lâgen elliu von mir tôt; von rehter herzeleide 10 beslôz ichs in mîn gweide: weinende ich iu daz künde. setzet buoz umb mîne sünde.’ ‘alsô ich iuch vernomen hân, so enhât ir niht missetân’ sprach der fuhs: ‘ir tâtz durch guot, als manec ander man noch tuot, den dicke muoz erbarmen ellender und hûsarmen. ir sult knien für unser klôster 20 unde sprechen ein paternôster: daz ist umb die sünd ze vil. ein sünde ich ouch bîhten wil’ sprach der fuhs, ‘diu mich vil sêre twinget unde mir manc siufzen bringet. bî einem dorf saz ein gebûr: der het ein hanen. der was sô sûr, daz er all die hanen beiz die zuo im giengen in den kreiz, und het dâ bî vil grôzen braht mit zwelf hennen tac und naht, daz dick von im betoubet wart siecher liute houbet. daz tet mir wê von herzen. eins tages sach ich in scherzen 10 mit sînen gspunsen ime garten. ich nam in bî der swarten, und truog in durch die barre vür baz in ein ander pfarre, dâ ich den lîp im an gewan: in sîner pfarr vorhtich den ban. dar umbe schriuwen sîniu wîp al tage über mînen lîp: daz betoubte mir den sin, und rach ich mich ouch an in, 20 daz ich eine nâch der ander az: wie sold ich mich gerechen baz? wan si truogen nâch mir haz. herr, nu sprechet mir antlâz umb die grôze missetât.’ dô sprach der wolf ‘sîn wirt guot rât, daz daz schrîen und der braht ist zeinem guoten ende brâht. du enhâst niht sêre missetân, als ich mich nu versinnen kan. iedoch faste an drîn frîtagen, ob du fleischs enmüges bejagen. ich geloube dir: als tuost du mir. wol, her esel, nu bîhtet ir.’ ‘ich enweiz waz ich bîhten sol: ir wizzet beide selben wol daz ich bin martelær genôz: 10 wan mîniu arbeit ist sô grôz, daz ich von leid mac immer sagen. ir seht mich ûf und abe tragen wazzer, holz, korn unde mist, und swaz teglîch ze tuonne ist ûf einer hôhen bürge, daz ich ân danc mich würge mit maneger herten arbeit. ich tet ein sünde: diust mir leit, und hât mich vil gerûwen sît. 20 ein kneht der mîn pflac zaller zît gienc zeimâl für mich durch den snê. dô tet mir frost und hunger wê, und wart gewar daz im ein strô ragete ûz beiden schuohen dô. des zuctich im her ûz ein teil: daz was sîn schade, und mîn unheil: an der sêle bin ichs schuldic. nu sît gein mir geduldic und setzt mir buoze gnædiclîch.’ si sprâchen ‘wê dir êwiclîch! morder, waz hâstu getân! du hâst verderbet einen man, 10 dem sîne füeze sint erfrorn: der mort hât dir die sêle vlorn. so ensol der ouch niht genesen, der diep und morder ist gewesen.’ sus nâmens beide im sîn leben. sô gtân buoze künnen noch geben in klôstern übel platten: swem si niht sint gerâten, wirt hin und her gediuset biz er sêle und lîp verliuset 20 als der esel umb kleine schulde: der fuhs behielt des wolves hulde.

Ein Wolf, ein Fuchs und auch ein Esel wollten nach Rom: ihre Reue war gross. Und da sie der Stadt nahe kamen, 10 da sprach der Wolf: ‘Da Gott uns hat mit seiner Gnade hergebracht, hab’ ich mich eines Dings bedacht: also dass wir auch sollen vorher beichten, das gefällt mir, ehe wir den Pabst ansehn.’ Da sprach der Fuchs: ‘Das soll geschehn: denn der Pabst hat viel zu schaffen sowohl mit Laien als Pfaffen: deshalb hat er selten Musse. Beichten wir und bestimmen die Busse, und bitten ihn, dass er sie bestätige um Gott und unsres Gebets willen.’ Da sprach der Wolf: ‘Nun seid einig und beichte je einer den andern zwein 10 das Grösste, was er gethan hat. So heb’ ich zuerst an. Ich that eine Sünde, vor der ich habe grosse Furcht. Es hatte ein Mann am Rhein eine Zuchtsau. Die hatte zwölf kleine Ferkel in einem Stalle liegen. Die hört ich sehr schreien des Morgens nach ihrer Amme, während sie mit vollem Bauche 20 im Felde umhergieng, und ihre Jungen mit grossem Hunger rangen. Das jammerte mich, als ichs sah. An der Amme rächte ich mich eines Tags, da sie sie nicht pflegte: ich biss sie, dass sie todt dalag, und füllte meinen Magen mit ihr. Nun lasst euch grössere Sünde sagen. Danach, da ich mich besann, dass ich sehr übel gethan hätte, erbarmten mich die Ferkel, die elenden, und ihres Hungers Pein, und half ich ihnen ganz aus aller Noth: sie lagen alle von mir todt; aus rechtem Herzeleid 10 schloss ich sie in mein Eingeweide: weinend künd’ ich euch das. Bestimmt die Busse für meine Sünde.’ ‘So wie ich euch vernommen habe, so habt ihr nicht gesündigt,’ sprach der Fuchs, ‘ihr thatet es aus Güte, wie mancher andre Mann noch thut, den oft erbarmen muss der Elenden und Hausarmen. Ihr sollt vor unsrem Kloster knien 20 und ein Paternoster sprechen: das ist für die Sünde zu viel. Ich will auch eine Sünde beichten,’ sprach der Fuchs, ‘die mich recht sehr drückt und mir manch Seufzen bringt. Bei einem Dorfe wohnte ein Bauer, der hatte einen Hahn; der war so böse, dass er all’ die Hähne biss, die zu ihm in den Kreis kamen, und machte dabei sehr grosses Geschrei mit zwölf Hennen Tag und Nacht, dass oft von ihm betäubt ward der Kopf kranker Leute. Das that mir von Herzen weh. Eines Tags sah ich ihn spielen 10 mit seinen Gemahlinnen im Garten. Ich nahm ihn bei der Schwarte und trug ihn durch den Zaun fürbass in eine andre Pfarre, wo ich ihm das Leben nahm: in seiner Pfarre fürchtete ich den Bann. Darum schrien seine Weiber alle Tage über mich: das betäubte mir den Sinn, und rächte ich mich auch an ihnen, 20 dass ich eine nach der andern ass: wie konnte ich mich besser rächen? Denn sie trugen mir Hass. Herr, nun sagt mir Ablass für die grosse Missethat.’ Da sprach der Wolf: ‘Dessen wird guter Rath, dass das Schreien und das Krähen zu einem guten Ende gebracht ist. Du hast nicht sehr gesündigt, wie ich mich nun besinnen kann. Jedoch faste an drei Freitagen, wenn du kein Fleisch erjagen kannst. Ich erlaube es dir, wie du mir es thust. Wohl, Herr Esel, nun beichtet ihr.’ ‘Ich weiss nicht, was ich beichten soll: ihr wisst beide selber wohl, dass ich ein Märtyrer-Genosse bin: 10 denn meine Arbeit ist so gross, dass ich immer von Leid zu sagen habe. Ihr seht mich auf und nieder tragen Wasser, Holz, Korn und Mist, und was täglich zu thun ist auf einer hohen Burg, dass ich ohne Dank mich plage mit mancher harten Arbeit. Ich that eine Sünde: die ist mir leid, und hat mich seither viel gereuet. 20 Ein Knecht, der meiner zu aller Zeit pflegte, gieng einmal vor mir durch den Schnee. Da thaten mir Frost und Hunger weh, und ich ward gewahr, dass ihm Stroh aus beiden Schuhen da heraus ragte. Da riss ich ihm etwas heraus, das war sein Schade und mein Unheil: an der Seele bin ichs schuldig. Nun seid gegen mich geduldig und bestimmt mir Busse gnädiglich.’ Sie sprachen: ‘Weh dir, ewiglich! Mörder, was hast du gethan? Du hast einen Mann zu Grunde gerichtet, 10 dem seine Füsse erfroren sind: der Mord hat deine Seele vernichtet. So soll der (Leib) auch nicht gerettet werden, der Dieb und Mörder gewesen ist.’ So nahmen sie beide ihm sein Leben. Solche Busse können noch austheilen in den Klöstern die bösen Plattköpfe: wem sie nicht günstig sind, wird hin und her gezaust, bis er Seele und Leib verliert, 20 wie der Esel wegen einer kleinen Schuld: der Fuchs behielt des Wolfes Huld.

ULRICH BONER.

[Scherer D. 230, E. 221.]

Ein Predigermönch aus Bern. Er lebte bis nach 1349. Sein ‘Edelstein’ ist eine Sammlung von hundert Beispielen aus lateinischen und deutschen Quellen. Herausgegeben von Benecke (Berlin 1816) und von F. Pfeiffer (Leipzig 1844). Älteste Ausgabe Bamberg 1461, das erste deutsche Buch, welches im Druck erschienen.

Wen[221] sprichet ‘dô der siech[222] genas, dô was er, der er ouch ê was.’ wer bettet vil, und übel tuot, der ist sælig, wirt sîn ende guot. um guot geding[223] und übel leben wirt vil swacher lôn gegeben. Eines zîtes daz beschach, daz ein wîg[224] ze sîner muoter sprach und klagte ir bitterlîche nôt: wand er was siech unz[225] ûf den tôt; 10 er sprach ‘vil liebiu muoter mîn, mich dunkt ez müg nicht anders sîn, ich müez leider sterben. sol ich ouch denn verderben an der sêl, daz ist mir leit. sich an mîn grôzen erebeit, und bit die götte daz si sich wellen erbarmen über mich.’ diu muoter sprach ‘mîn liebez kint, die götte vaste erzürnet sint; du hâst bereicht der götten zorn: ich vörcht du müezist sîn verlorn. vil kûm[226] die götte vergezzent des si sich vermezzent ze tuonde um dîne missetât. ûz vorchte nu dîn riuwe gât. dîn riuwe ist nu ze spâte komen: er mag dir kleine nu gevromen. nâriuwe[227] wirdet selten guot. 10 mich dunkt, er hab ein tumben muot, der nâch der rossen diupstâl alrêrst besliezen wil den stal. der riuw der sêle ist nicht gesunt, der von des tôdes vorchte kunt. ein wolf was siech: do er genas, er was ein wolf als er ê was. hætist du nicht erzürnet got noch übergangen sîn gebot, und hætist weder wîp noch man 20 betrüebt, und hætist ab gelân dîn bœsiu werk in dîner jugent, und hætist dich gesetzt ûf tugent: sô möcht dîn bet got dankber[228] wesen, und möchtist an der sêl genesen.’ Wer werden wil von gotte erhœrt, der achte daz sîn sünd zerstœrt werden, und sîn leben guot. wâ bittent werk, wort unde muot, die bet sol got erhœren wol, gât si von herzen, als si sol. wer got bittet umb diu ding 10 diu der sêlen nütze sint, der wirt ân zwîvel des gewert, des er nâch nutz der sêl begert. wer bittet daz im schaden tuot, wirt der erhœrt, daz ist nicht guot. got wil erhœren dîn gebet nâch nutz, als er Sant Paulus tet, und nicht nâch dem willen dîn, mag ez der sêlen schedlich sîn. ist daz, dar umb du bittest got, mit werken hâst verdienôt, 10 und du ûz dînem herzen lâst, ungunst und des nîdes blâst[229]: sô wirst du vätterlîch gewert von gotte des dîn herze gert.

BRUDER BERTHOLD VON REGENSBURG.

[Scherer D. 234, E. 226.]

In Regensburg geboren, Schüler des Bruders David, des Minoriten, Franziskaner zu Regensburg. Reiste viel in Deutschland umher und hielt Predigten vor dem Volke, die überall einen ungeheuren Zulauf fanden, von 1250 bis zu seinem Tode 1272. Herausgegeben von Pfeiffer und Strobl 2 Bde. (Wien 1862, 1880).

‘Sælic sint die armen, wan daz himelrîche ist ir’ etc. Mit disen aht tugenden sint alle die ze himelrîche komen, die dâ sint, unde mit den selben aht tugenden müezent noch alle die dar komen, die iemer mêr dar komen süln. Nû wil ich die siben under wegen lân, und wil niwan von ir einer sagen; wan alse vil guoter dinge an ir ieglîcher ist (unde von ir ieglîcher wære gar vil und gar lanc sunderlîchen ze sagenne) unde wie manigiu untugent uns an disen ahte tugenden irret, daz würde eht von ieglîcher gar lanc ze sagenne. Wande man ez allez in einer predigen niht verenden mac noch in vieren noch in zehenen, sô wil ich iu hiute niwan sagen von den die ein rein herze habent unde von den man hiute dâ liset in dem heiligen êwangeliô: ‘sælic sint die reines herzen sint: die werdent {10} got sehende.’ Die sint wol von rehte sælic, die dâ got sehent. Ein übergülde ist ez aller der sælikeit, diu ie wart oder iemer mêr eht werden mac, swer got ansehende eht wirt: alse süeze und alse wünneclich ist diu gesiht, die man an gote siht. Sô wart nie deheiner muoter ir kint nie sô liep, ân unser frouwen, unde solte si ez drîe tage ane sehen ân underlâz, daz sie anders niht enpflæge, wan eht sie ir liebez kint solte an sehen: si æze an dem vierden tage vil gerner ein stücke brôtes. Unde wolte ich vil gerner daz ich als ein guot mensche wære, als daz wâr ist, daz ich iezuo reden wil. Ob daz alsô wære, daz man zuo einem menschen spræche, der iezuo bî gote ist: ‘dû hâst zehen kint ûf ertrîche, unde dû solt in koufen allen samt, daz sie êre unde guot haben unz an ir tôt, dâ mite, daz dû einigen ougenblic von gotes angesiht tuost, niuwen als lange als einz sîne hant möhte umbe kêren, unde sich danne wider ze gote, unde dû solt dîn ougen niemer mêr von im kêren’: der mensche entæte sîn niht. Alse wâr, herre, dîn wârheit ist, alse wâr ist disiu rede, daz er disiu zehen kint unze an ir tôt ê nâch dem almuosen lieze {10} gên, ê danne er sich die kleine wîle von gote wolte wenden. In habent die engel wol sehzig hundert jâr an gesehen, unde sehent in hiute als gerne als des êrsten tages unde sie sint ouch alle samt sam des êrsten tages: sâ dô sie got an sehende wurden, dô wart ir deheiner sît nie eltlîcher danne des êrsten tages unde sint doch sider wol sehzig hundert jâr alt. Swelher hundert jâr alt würde under uns, der wære den liuten alse smæhe an ze sehenne von ungestaltheit unde von dem gebresten, den daz alter an in hæte gemachet. Sô man mâlet die engele, dâ seht ir wol, swâ man die engele mâlet, daz man sie eht anders niht enmâlet wan als ein kint von fünf jâren, als junclich, oder von sehsen. Wan alle die got sehent, die werdent niemer eltlîcher, die in in himelrîche sehent in sînen freuden und in sînen êren. Ûf ertrîche sehen wir in alle tage in sînem gewalte. Dehein irdenischer muot noch irdenisch lîp möhte daz niht erlîden, daz in dehein irdenisch ouge iemer an gesehen möhte in sînen freuden und in sînen êren, als er ze himelrîche ist. Wir sagen iu {10} etewenne ein glîchnüsse, wie schœne got sî. Seht, allez daz wir iemer gesagen künnen oder mügen, daz ist rehte dem glîche, als obe ein kint uns solte sagen, ob ez mügelich wære, die wîle ez in sîner muoter lîbe ist beslozzen, unde daz solte sagen von aller der wirde unde von aller der gezierde die diu werlt hât, von der liehten sunnen, von den liehten sternen, von edeler gesteine kraft unde von ir maniger slahte varwe, von der edelen wurze kraft unde von der edelen gesmaeke unde von der rîchen gezierde, die man ûzer sîden und ûzer golde machet in dirre werlte, und von maniger hande süezen stimme, die diu werlt hât, von vögelîn sange unde von seiten spil, unde von maniger hande bluomen varwe unde von aller der gezierde, die disiu werlt hât. Alse unmügelîche und alse unkuntlîchen eime kinde dâ von ze sprechen wære, daz noch beslozzen ist in sîner muoter lîbe, daz nie niht gesach weder übel noch guot noch nie deheiner freuden enpfant: als unkunt dem kinde dâ von ze redenne ist, als unkunt ist ouch uns dâ von ze redenne, von der unsägelîchen wünne, diu dâ ze himel ist unde von dem wünneclîchen antlütze des lebendigen gotes. Wan alliu {10} diu freude diu dâ ze himel ist, der ist niht wan von dem schîne, der von unsers herren antlitze gêt. Unde rehte als alle sternen ir lieht von der sunnen nement, alsô habent alle heiligen ir gezierde und ir schônheit von gote, und engele und allez himelische her: reht als alle die sternen des himels, der mâne und die planêten, grôz unde kleine, die habent alle samt ir lieht von der sunnen, diu uns dâ liuhtet. Und alsô hât allez himelischez her, engele unde heiligen, die hœhsten unde die minnesten, die habent alle samt ir freude und ir wünne und ir gezierde unde die êre unde die wirde und ouch die schœnde, daz habent sie alle samt von der angesihte gotes, daz sie got an sehent. Die engele die dâ unser hüetent, die sehent in ze aller zît an, als ob sie bî im wæren; wan alliu diu freude diu in himelrîche ist, diu diuhte sie ze nihte, solten sie got niht an sehen. Unde dâ von: ‘sælic sint die reines herzen sint, wan sie werdent got sehende.’ Nu seht, ir liebe kristenheit, wie sælic die sint, die dâ reinez herze tragent! Ir junge werlt, die noch unbewollen sint mit sünden, behaltet iuwer herze vor allen tœtlîchen {10} sünden: sô werdet ir got sehende in solichen freuden und in sô grôzen êren, die ouge nie gesach oder ôre nie gehôrte, alse sant Paulus dâ sprichet unde alse sant Johannes sprichet: ‘wær ez mügelich, daz man ez allez samt geschrîben möhte, sô möhte diu werlt diu buoch in ir niht behalten, dâ ez an gestüende daz ich gesach, und allez daz ich gesach, daz was niht wan got alleine.’ Und dar umbe möhten wir doch gerne ze dem himelrîche komen unde drumbe arbeiten. Ob uns niht diu liebe unde diu minne dar twünge der wir gote schuldic sîn, seht, sô möhten wir dar umbe dar komen durch daz wunder daz dâ ist. Ez ist maniger vor mir, der im von sô getâner freude seite, daz si jenhalp meres wære, er füere gar gerinclîchen dar von hinnen über mer, niwan daz erz gesæhe. Sô möhtet ir hundertstunt gerner dar umbe arbeiten, daz irz iemer mêre êwiclîchen niezen soltet. Die vil wünneclîchen angesiht des almehtigen gotes unde der himelischen küniginne ze der zeswen sîner sîten in guldîner wæte, die möhtet ir gerne an sehen. Wan würde iu einiger anblic, sô wære iu alliu diu freude unde diu êre und aller {10} der wollust, den diu werlt ie gewan, daz wær iu hinne für als widerzæme und ouch alse unmære, reht als sant Paulus dâ sprach. Nû hœret wie er sprach. Er sprach: ‘alliu diu êre unde diu freude unde daz gemach, diu disiu werlt ie gewan von keisern unde von künigen, wider der freude diu in himelrîche ist; als widerzæme einem wære ein diep an einem galgen, als kurz einem diu wile dâ mit wære, daz er einen erhangenen man triuten solte, wider aller der freude die diu werlt hât: alse widerzæme ist mir diu freude aller der werlte wider der êwigen freude.’ Ei, wol iuch wart, daz iuch iuwer muoter ie getruoc, die sô getâne freude süln besitzen! Der ist, ob got wil, vil maniger vor mînen ougen. Ouch ist maniger, der vil kleine freude dar für nimt hie ûf ertrîche, unde daz den guoten sante Paulen gar versmâhte, des wirt im der tûsentste teil niht. Unde die habent übele koufet, die sô übergrôze freude gebent umb ein sô kurzez freudelîn in dirre werlte: die habent übele gevarn, wan sie habent weder hie noch dort niht. Als ich iezuo sprach, rehte in glîcher wîse, reht alse alle sternen des himels ir lieht von der sunnen habent, alsô hât {10} allez himelische her ir lieht von dem wâren sunnen, sît danne unser herre der wâre sunne unde daz wâre lieht ist, alse der guote sant Johannes dâ sprichet. Der heizet in daz wâre lieht; als ouch daz vil wâr ist, wan er ist daz wâre lieht, daz niemer mêr verlischet. Und alle die von sîme gotvarwen liehte enzündet werdent, die erleschent ouch niemer mêre von der schônheit, die sie von dem wâren sunnen hânt. Und als vil diu sunne liehter unde gelpfer ist danne wir dâ sehen, rehte als vil diu liehtes unde glastes über alle sternen hât die an dem himel stênt: als vil hât der wâre sunne in himelrîche schînes unde glastes mêr über alle engele, und ist geschœnet unde gewirdet an allen êren, alse billich ist. Unde dâ von sint sie sælic, die ein reinez herze habent, wan sie werdent got sehende.

* * * * *

‘Selig sind die Armen, denn das Himmelreich ist ihr’ u. s. w. Mit diesen (hier erwähnten) acht Tugenden sind alle die in das {20} Himmelreich gekommen, die darinnen sind. Und mit denselben acht Tugenden müssen noch alle dahin kommen, die jemals hineinkommen sollen. Nun will ich die sieben unterwegs lassen, und {20} will nur von ihrer einer reden, da an einer jeglichen von ihnen so viel des Guten ist (und von einer jeglichen von ihnen wäre gar viel und gar lang besonders zu reden), und wie manche Untugend uns in diesen acht Tugenden irre macht, das würde besonders von jeder gar lang zu sagen sein. Da man dies Alles in einer Predigt nicht zu Ende bringen kann, noch in vieren, noch in zehn, so will ich heute nur von denen reden, die ein reines Herz haben, und von denen man heute in dem heiligen Evangelio da liest: ‘Selig sind die reines Herzens sind, sie werden Gott sehen.’ Die sind wohl wahrhaft selig, die Gott sehen. Es überbietet alle Seligkeit, die je {30} ward oder jemals werden kann, wer Gottes ansichtig wird: so süss und so wonniglich ist der Anblick, den man an Gott hat. Keiner Mutter ward je ihr Kind so lieb (ich spreche nicht von Unserer Frauen), sollte sie es drei Tage ohne Unterlass ansehn, so dass sie nichts andres pflöge, denn dass sie nur ihr liebes Kind ansähe: doch ässe sie lieber am vierten Tage ein Stück Brot. Und nun möchte ich gern, dass ich ein so guter Mensch wäre, wie wahr das ist, was ich jetzt sagen will. Wenn das so sein möchte, dass man zu einem Menschen, der jetzt bei Gott ist, spräche: ‘Du hast {20} zehn Kinder auf Erden, und du sollst für sie alle das erwerben, dass sie damit Ehre und Gut bis an ihren Tod haben, so du einen einzigen Augenblick von Gott hinweg siehst, nur so lange als Jemand seine Hand umkehren möchte, und blicke dann wieder auf Gott, und sollst deine Augen nie wieder von ihm kehren’: der Mensch thäte es nicht. So wahr, o Herr, als deine Wahrheit ist, so wahr ist diese Rede, dass er diese zehn Kinder bis an ihren Tod lieber nach Almosen gehn liesse, als dass er sich die kurze Weile von Gott wenden wollte. Die Engel haben ihn wohl sechstausend Jahre angesehn, und sehen ihn heute so gern als am ersten Tag. {30} Und sie sind auch allesammt wie am ersten Tage, da sie Gottes ansichtig wurden. Keiner von ihnen ward seither älter als am ersten Tage, und sind doch seither wohl sechstausend Jahr alt. Wer von uns hundert Jahr alt würde, der wäre den Leuten so schmählich anzusehn, wegen seiner Hässlichkeit und wegen der Gebrechen, die das Alter an ihm gemacht hätte. Wenn man malet die Engel, {20} da seht ihr wohl, wo man sie auch malet, dass man sie nie anders malt als ein Kind von fünf Jahren, so jung, oder von sechs Jahren. Denn alle die Gott sehn, die werden nie älter, die ihn im Himmelreich sehen in seinen Freuden und seinen Ehren. Auf Erden sehen wir ihn alle Tage in seiner Macht. Kein irdischer Sinn und kein irdischer Leib könnte das ertragen, dass ein menschlich Auge ihn jemals ansähe in seinen Freuden und seinen Ehren, wie er im Himmelreich ist. Wir sagen euch manchmal ein Gleichniss, wie schön Gott sei. Seht, Alles was wir je sagen können oder mögen, das ist so recht dem gleich, als ob ein Kind uns sagen sollte, wenn {30} es möglich wäre, während es in seiner Mutter Leib beschlossen ist, und dies Kind sollte erzählen von all der Würde und all der Zierde, die die Welt hat, von der lichten Sonne, von den lichten Sternen, von edler Steine Kraft und ihrer mannigfachen Farbe, von der edlen Gewürze Kraft und von ihrem edlem Geruch, und von dem reichen Schmucke, den man aus Seide und aus Gold macht in dieser Welt, und von dem mannigfachen süssen Getön, welches die Welt hat, von Vogelsang und Saitenspiel, und von mancherlei {20} Blumen Farbe, und von all dem Schmuck, den diese Welt hat. So unmöglich und so unbekannt es einem Kinde wäre davon zu sprechen, das noch in seiner Mutter Leib beschlossen, das nie weder Böses noch Gutes sah, noch irgend welche Freude empfand; so unbekannt dem Kinde davon zu reden ist, so unbekannt ist auch uns davon zu reden, von der unsäglichen Wonne, die da im Himmel ist, und von dem wonniglichen Antlitz des lebendigen Gottes. Denn alle die Freude, die da im Himmel ist, die kommt alle nur von dem Glanze, der von unsres Herrn Antlitz ausgeht. Und gerade wie alle Sterne ihr Licht von der Sonne empfangen, so {30} haben alle Heiligen ihre Zierde und ihre Schönheit von Gott, und ebenso die Engel und das ganze himmlische Heer. Gerade wie alle Sterne des Himmels, der Mond und die Planeten, grosse und kleine, die haben allesammt ihr Licht von der Sonne, die uns da leuchtet: ebenso hat das ganze himmlische Heer, Engel und Heilige, die höchsten und die geringsten, die haben allesammt ihre Freude und ihre Wonne und ihre Zierde und die Ehre und die Würde und auch die Schönheit, das haben sie allesammt von dem Anblick Gottes, {20} davon dass sie Gott ansehn. Die Engel, die da unser hüten, die sehen ihn zu aller Zeit, als ob sie bei ihm wären. Denn all die Freude, die im Himmelreich ist, die däuchte ihnen nichts, sollten sie Gott nicht ansehn. Und deshalb: ‘Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott sehn.’ Nun seht, ihr liebe Christenheit, wie selig die sind, die da ein reines Herz tragen. Ihr junge Welt, die ihr noch unbefleckt von Sünden seid, hütet euer Herz vor allen tödlichen Sünden: dann werdet ihr Gott sehn in solchen Freuden und so grossen Ehren, die kein Auge je sah und kein Ohr gehört hat, wie St. Paulus spricht. Und wie St. Johannes spricht: {30} ‘Wäre es möglich, dass man es alles insgesammt schreiben könnte, die Welt würde die Bücher nicht in sich fassen, wo es geschrieben stände, was ich sah. Und alles was ich sah, das war nichts als Gott allein.’ Und darum möchten wir doch gern in das Himmelreich kommen und dafür arbeiten. Wenn uns auch nicht die Liebe und die Minne, die wir Gott schuldig sind, dazu drängten, seht, so möchten wir doch darum schon dahin kommen, nämlich um des Wunders willen, das dort ist. Es steht so Mancher vor mir: {20} wer dem von solcher Freude sagte, dass sie jenseit des Meeres wäre, er führe gar schnell dorthin von hier übers Meer, nur damit er es sähe. So solltet ihr also hundertmal lieber dafür arbeiten, dass ihr es auf immer und ewig geniessen solltet. Das wonnigliche Angesicht des allmächtigen Gottes und der himmlischen Königin zu seiner rechten Seite in goldenem Gewand, die möchtet ihr gern ansehn. Würde euch ein einziger Blick zu Theil, so wäre euch all die Freude und die Ehre und all die Wollust, welche die Welt je gewann, das wäre euch hinfür so widerwärtig und auch so gleichgültig, gerade wie St. Paulus da sprach. Nun höret, wie der {30} sprach. Er sprach: ‘Alle die Ehre und die Freude und das Gemach, das diese Welt je gewann von Kaisern und von Königen, gegen die Freude, die im Himmelreich ist; so widerwärtig einem, ein Dieb an einem Galgen wäre, so kurz einem die Zeit damit wäre, dass man einen gehängten Mann lieb haben sollte, gegen alle die Freude, die die Welt hat: so widerwärtig ist mir die Freude der ganzen Welt gegen die ewige Freude.’ Ei wohl euch, dass euch eure Mutter je trug, euch, die solche Freude besitzen sollen. {20} Von denen ist, so Gott will, Mancher hier vor meinen Augen. Auch ist Mancher, der dafür gar kleine Freude hier auf Erden empfängt, und was dem guten St. Paulus so verächtlich erschien, davon wird ihm nicht der tausendste Theil. Und die haben übel gekauft, die so übergrosse Freude für ein so kurzes Freudelein auf dieser Welt hingeben. Die sind übel gefahren: denn sie haben nichts, weder hier noch dort. Wie ich eben sagte, ganz in gleicher Weise, gerade wie alle Sterne des Himmels ihr Licht von der Sonne haben, also hat das ganze himmlische Heer sein Licht von dem wahren Sonnen, sintemal unser Herr der wahre Sonne und {30} das wahre Licht ist, wie der gute St. Johannes da spricht. Der nennet ihn das wahre Licht, wie das auch ganz wahr ist: denn er ist das wahre Licht, das nie verlischt. Und alle die von seinem gottfarbigen Lichte entzündet werden, die erlöschen auch nimmer zufolge des Glanzes, den sie von dem wahren Sonnen haben. Und wie viel die Sonne lichter und glänzender ist, als (Alles) was wir da sehn, wie viel sie Licht und Glanz über alle Sterne hat, die am Himmel stehn, so viel hat der wahre Sonne im Himmelreich mehr Schein und Glanz über alle Engel, und ist geziert und geehrt mit allen Ehren, wie es billig ist. Und deshalb sind sie selig, die {10} ein reines Herz haben: denn sie werden Gott sehn.

HEINRICH SUSO.

[Scherer D. 238, E. 230.]

Mystiker. Aus edlem Geschlecht im Jahre 1300 zu Constanz geboren, ward Dominikaner, lebte später in Cöln und vorzüglich in Ulm, wo er 1365 starb. Der Name Suso stammt von seiner Mutter, welche Seuse hiess. Herausgegeben von Diepenbrock (Regensburg 1829, 3 Aufl. Augsburg 1854); Denifle Bd. 1 (München 1880).

WIE ER BEGIE DAZ ÎNGÂNDE JÂR.

Als zuo Swâben in sînem lande an etlichen stetten gewonlich ist an dem îngândem jâre, sô gânt die jungelinge des nahtes ûz in unwîsheit[230] und bitent des gemeiten[231], daz ist: siu singent lieder und sprechent schœniu gediht und bringent ez zuo, wie siu mügent mit hovelîcher wîse, daz in iriu liep schappel gebent. Daz viel sînem jungen minnerîchem herzen alsô vast în, sô er ez hôrte, daz er ouch der selben naht für sîn êwigez liep gie und bat ouch des gemeiten. Er gie vor tage für daz bilde, dâ diu reine muoter ir zartez kint, die schœnen êwigen wîsheit ûf irre schôze an ir herze hâte getrücket {20} und kniuwete nider und huop an zuo singende in stillem süezem getœne sîner sêle ein sequenzie[232] der muoter vor an, daz siu ime erloubte ein schappel zuo erwerbende von irem kinde, und dô er ez niht wol kunde, daz siu ime dâ hulfe. Und wart ime dik[233] als ernst und alsô nôt zuo weinende, daz ime die heizen trahen über diu wangen ab walten. Sô er dâ ûz gesang, sô kêrte er sich denne gên der herzelieben wîsheit und neig[234] ir ûf die füeze und gruoste si von dem tiefen abgründe sînes herzen und ruomde siu mit lobe an schœne, an adel, an tugenden, an zartheit, an frîheit mit iemer werender wirdikeit über alle schœnen juncfrowen diser welt, und tet daz mit singende, mit sagende, mit gedenken und mit begirden, sô er iemer beste kunde; und wunschte denne, daz er in geistlîcher {10} wîse aller minner und minneclîcher herzen ein vorloufer wêri und aller lieplîcher gedenken, worten und sinnen ein orthaber[235] wêri, dar umb, daz er die wirdigen gnuog minneclîch von irem unwirdigem diener kunde geloben. Und sprach denne ze jungest alsô: ‘ach du bist doch, liep, mîn frœlîcher ôstertag, mîns herzen sumerwunne, mîn liebiu stunde! Du bist daz liep, daz mîn jungez herze allein minnet und meinet, und allez zîtlich liep durch dich hât versmâhet. Des lâz, herzen trût, mich geniezen und lâz mich hiut ein schappel von dir erwerben. Ach, miltez herze, tuo ez durch dîn götlîchen tugende, durch dîn natiurlîchen gnâde, und lâz mich hiute an disem {20} îngândem jâre niht lêr von dir gân. Eyâ wie stüende ez dir, süeziu süezikeit! Gedenke, daz ein dîn lieber kneht uns von dir seit und sprichet, daz in dir niht sî Nein und Jâ: in dir sî niuwent[236] Jâ und Jâ. Dar umb, mîns herzen minne, biut mir hiut ein minneclîchez Jâ dîner himelschen gâbe; und als den touben minnern ein lieplîchez schappel würt gegeben, alsô müeze mîner sêle hiute zuo einem guoten jâre etwaz sunderlîcher gnâden oder niuwes liehtes von dîner schœnen hant werden gebotten, zarte, trûte mîn wîsheit!’ Diz und des glîch begunde er dô und gie niemer ungewert dannân.

Fußnoten:

[166] ringsum, in der Nähe.

[167] das ich.

[168] dir zu Liebe verlassen.

[169] ich möchte es nicht wünschen.

[170] ihren Geliebten.

[171] denn.

[172] d. i. eine Schande.

[173] der vor der Fahrt nach dem gelobten Lande zurückgeschreckt.

[174] warne sie.

[175] Schmach.

[176] beweine.

[177] allein.

[178] habe meine Gedanken so an sie verloren.

[179] missgönnte.

[180] ins geheim.

[181] versündigt.

[182] mitten durch.

[183] gehobene, fröhliche Stimmung.

[184] funkelnden.

[185] entzündete.

[186] wie.

[187] warum nicht.

[188] sich von m. K. erzählt.

[189] missgönnt, beneidet.

[190] Kummer.

[191] Wiese.

[192] gegen.

[193] linkisch, falsch.

[194] taugte.

[195] Begierde.

[196] verschnitt, verbrauchte.

[197] Art.

[198] Unerfahrenheit.

[199] Verstand, englisch: wits.

[200] Sitz, Besitz.

[201] Kummer.

[202] überwogen.

[203] das ist.

[204] geniessen.

[205] Verlangen.

[206] Würde.

[207] Verbrechen.

[208] Gesetz.

[209] unverständig.

[210] überwunden.

[211] geschwächt.

[212] vermieden.

[213] turren, wagen, to dare.

[214] Linderung bringend.

[215] sehnend.

[216] trocken.

[217] erfeuchten.

[218] thauen.

[219] bereit.

[220] Die eingeklammerten Zeilen fehlen in den ältesten Handschriften.

[221] man.

[222] der Kranke, sick.

[223] Versprechen.

[224] Weihe.

[225] bis.

[226] schwerlich.

[227] Reue nach der That.

[228] angenehm.

[229] Blasen, Schnauben.

[230] Thorheit.

[231] um Liebeslohn bitten.

[232] Kirchenlied.

[233] oft.

[234] sich verneigen.

[235] Anführer.

[236] nur.

DAS AUSGEHENDE MITTELALTER.

DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN.

[Scherer D. 245, E. 238.]

Behandelt die neutestamentliche Parabel von den klugen und thörichten Jungfrauen; soll 1322 vor dem Landgrafen Friedrich von Thüringen aufgeführt sein, wurde aber schon früher verfasst. Herausgegeben von L. Bechstein (Halle 1855); Rieger in der ‘Germania’ 10, 311.

Die erste dorechte sprichet alsus:

Herre vater, hymelischer got, thuwe es durch dinen bitteren dot, den du liede an dem crutze frone[237], vnde habe vnser armer juncfrauwen schone[238]. vns hat leider versumet vnser dorheit: lass vns genyssen diner grossen barmehertzekeit vnde Marien, der lieben muter din, vnde lass vns zu der wirstchafft[239] hien in.

Jhesus sprichet alsus: 10

Wer die zyt der ruwe versumet hat vnde nit enbussete sin missedat, kommet der vor myn thore stan, er wirdet nommer in gelan.

Die ander dorechte sprichet alsus:

Thuwe vff, herre, din thore! die gnadenlosen juncfrauwen sten hie vore. wir bidden dich, lieber herre, daz du din gnade wullest zu vns keren.

Jhesus sprichet alsus: 20

Ich weiss nit wer ir syt, want ir zu keiner zyt mich selben erkant hat nach die andern myn hantgedat[240]. des wirdt uch vil unuerdrossen[241] die hymelthore vor beslossen.

Die dritte dorechte sprichet alsus:

Sint vns got hat verseid[242], so bidden wir die reinen meid, muter aller barmehertzekeit, daz sie sich erbarme uber vnser grosse hertzeleit vnd bidden iren sone vor vns armen, 10 daz er sich uber vns wulle erbarmen.

Die vierde dorechte sprichet alsus:

Maria muter vnde meit! vns ist dicke geseit, du sist aller gnaden vol: nu bedurffen wir gnaden wol. diss bidden wir dich sere durch aller juncfrauwen ere, daz du biddest dinen sone vor vns armen, daz er sich uber vns wulle erbarmen. 20

Maria sprichet alsus:

Hettit ir mir ader[243] myme kinde ye keinen dinst getan, daz muste uch nu zu staden stan. des entadet ir leider nicht: des wirdit vnser beider bedde vnuerfenclich. doch wil ich versuchen an myme lieben kinde, ob ich keine gnade moge finden.

Maria fellet vff ir knye vor vnsern herren vnde sprichet:

Eya liebes kynt myn, gedencke an die armen muter din. 30 gedencke an die manicfaldigen not, die ich leid durch dinen dot. herre sone, do ich din genas, do hatte ich wedder hus nach palas, dan alles armude[244]: daz leit ich alles durch din gude. ich hatte mit dir arbeit, daz ist ware, me wan dru vnde dryssig jare. siech, liebes kint, des lone mir vnde erbarme dich uber diese armen hier.

Jhesus zu Marien sprichet:

Mutter, gedencket an die wort, 10 die sie finden geschrieben dort: wolken unde erden sal zugen, mine worte sullen ommer stille sten. du nach[245] alles hymelisch here mogen einen sunder nit ernern[246].

Die erste dorechte sprichet alsus:

Eya herre, durch dine gude entwich hude dim gemude vnde erzorne dich nit so sere! durch aller juncfrawen ere 20 siech an hude vnser iamerkeit. was wir gein dir getan han, daz ist vns leit: wir wullen din gebot me halden stede. erhore hude diner muter bedde vnde lass vns armen juncfrauwen din wirtschafft beschauwen. Maria, aller sunder drosterin, hilff vns zu der wirtschafft hien in!

Maria sprichet alsus:

Ich will gerne uwer vorsprecherin sin, 30 weret ir von sunden fry, so mocht ir desto bass herin kommen. ich wil aber vor uch bidden myn kint Jhesum.

Maria sprichet alsus:

Liebes kint, la dich myner bede nit verdriessen. lass hude vnser trehen vor din augen fliessen vnde gedencke an daz vngemach, daz von diner martel[247] mir geschach, do ein swert durch myne sele ging. so was ich pine durch dich enphing, der lone mir mit diesen armen vnde lass sie dich erbarmen. du bist ir vater vnde sie din kint: 10 gedencke wie sure sie dir worden sint mit manchem vngemache. mit so welcher hande sache der sunder dich erzornet hat, so ist er doch din hantgedat[248]. drut sone guter, erhore din muter. ob ich dir ye keinen dinst getede, so gewere mich dieser einigen bede vnde lass diese jemerlichen schare 20 ane vrteil zu hymel varn.

Jhesus sprichet alsus:

Nu swyget, frauwe muter myn: die redde mag nit gesin. die wyle sie in der wernde[249] waren, guder wercke sie verbaren[250], gereidt[251] was yne alle bosheit: des versage ich yne mine barmhertzekeit, want sie ir dort nit geruchten[252]. des beuel ich sie den verfluchten: 30 ir spade ruwe daug zu nichte. ich wil nu zu rechte richten. get, ir verfluchten ane sele vnde ane libe, von mir wil ich uch vertriben: get in daz fure, daz uch bereidt ist dem tufel vnde sime genist[253]. sunder, gang von mir: droist vnde gnade versagen ich dir. kere von den augen myn, min antlitz wirdt dir nommer schin. scheide von myme riche, daz du vil jemerliche mit dinen sunden verlorn hast: drag mit dir der sunden last. 10 gang hien vnde schry ach vnde we; din wirdt rad[254] nu iach[255] nommer me.

OSTERSPIEL.

Befindet sich in einer Wiener Handschrift aus dem Jahre 1472. Herausgegeben von Hoffmann in seinen ‘Fundgruben’ 2, 296.

[Scherer D. 247, E. 239.]

Hie hebet sich an das spil von der besuchunge des grabes und von der uferstendunge gotes.

Precursor.

Hüt und tret mir aus dem wege, Dass ich meine sache vorlege: Wer seine sache nicht wol vorlegen kan, Der nimt ofte schaden daran. Wer ist gewest nach meinen sitten? Ich wolte daher haben geritten Ein pfert, ane pfenninge mochte ichs gekaufen: 20 Darumme muss ich zu fusse laufen. Wol umb, ir herren, und wol umbe, Die weite und auch die krumme, Die breite und auch die firre[256], Dass uns niemant irre. Nu horet zu alle geleich, 20 Beide arm unde reich; Horet zu alle gemeine, Beide gross unde kleine; Ir jungen und ir alde, Horet zu also balde, Und ir alten flattertaschen[257], Ir kunnet vil smetzen[258] unde waschen, Und wo man icht wil beginnen, Da wolt ir euch auch zu dringen. Wir wellen haben ein osterspil, Das ist frolich und kost nicht vil, Wie got ist erstanden Von des todes banden, 10 Und hat die heiligen veter erlost Von der bittern hellen rost. Das welle wir tun in seiner ere, Dass sich sein gedechteniss mere In allen guten herzen, Die da wellen erlost werden von smerzen. Und wer unser darumme spott, Es sei Kunze Heinrich oder Ott, Hensel oder Eckehart, Oder Nitsche mit dem grossen bart; 20 Auch wirt uns iemant hindern daran, Es sei frau oder man: Entstet[259] im darunter icht, Das welle wir achten gar vor nicht, Und wünschen im dass er falle Als eine feder von eime stalle. Darumb bleibet alle stille sten Und horet wie sich das wirt ergen. Ich kan euch nicht mer geschallen[260]: Ir sulet uf treten alle.

Pilatus und die juden gen mit im.

* * * * *

Ein kaufman spricht.

Ich bins nemlich kommen von Paris; Uf erztei[261] habe ich geleget meinen fleiss Wol vier und vierzig jar: 10 Was ich euch sage, das ist nicht war.

Aliud.

Nu horet, ir jungen und ir alten, Ir rauchen und ir kalten; Nu horet alle gleich, Beide arm unde reich. Ich bin ein meister her kommen: Ir sollet mein nemen kleinen frommen[262]. Ich habe erztei also vil, Die ich euch itzunt nennen wil; 20 Ich habe auch gutes geretes vil, Nuscheln[263] unde deisselseil[264], Beutel unde teschelein, Darzu die glesen[265] tepfelein. Ich bin ein meister gar hoch geborn, Und habe meinen knecht verlorn: Und wer ierne[266] einer in dem lande Der gebrauen[267] hette eine schande, Und welte meines dienstes pflegen, Zwar reichen solt wolte ich im geben.

Rubin kommet.

Herre, wie dunket euch umbe mich? Ich bin jung und hofelich. Ich kan den alten weiben Die beutel abesneiden; 10 Auch kan ich stelen und gar wol verslan[268], Und bin doch nie zu der staupe[269] gehan[270]. Aber in Beierlant Da wart ich durch die backen gebrant: Wer ich nicht entgangen, Man hette mich vorwar gehangen.

Der kaufman spricht.

Nu sage mir, liebes knebelein, Wie ist genant der name dein?

{20} Rubin antwort.

Rubin bin ich genant, In Beiern wart ich geschant; Ich kan keufen und verkeufen Und die leute wol leichen[271].

Medicus ad servum.

Rubein, solte ich die warheit jehn, Ich hette dich vor in eime lande gesehn: Da was ein kleines knebelein, Das was genant Rubein; Das zalte[272] die heuser umb den mittag Und nam das gemerke[273] in den sack.

Rubein antwort.

Ja herre, zwar, 10 Ich bins gewest vorwar.

Medicus dicit.

Nu sage, lieber Rubein, Was ist das lon dein?

Rubein respondit.

Herre, mein lon ist gar stark: Ein pfunt pulze[274] und ein gebraten quark[275].

Medicus dicit.

Rubein, ich wil dir den quark geben, Dass du das jar nicht must uberleben, 20 Und auch einen fladen[276] darzu Den da machet die ku: Das ist ein grosses lon zwar, Das ich dir gebe zuvor.

Rubinus spricht.

Herre, in euerem dienst wil ich leben Und das stete pflegen.

Der arzt spricht.

Nu sage, knecht, was das bedeute: Ich sehe aldort gar vil leute: Mich dunket in meinem mut Dass sie suchen salbe gut. Nu setze aus die buchsen schier, Zwei, drei, oder vier, 10 Ob wir icht mochten gekeufen[277] gelt. Nu slag uf unser gezelt, Und tu das alzuhant. Dass die erztei werde den leuten bekant.

Mercator dicit.

Nu ist das die eine: Die slug ich aus eime steine. So ist das die ander: Die brachte ich von Flandern. So ist das die dritte: 20 Die brachte ich von Egipten. So ist das die vierte: Die macht ich zu dem biere. So ist das die fumfte fein und klar, Als eine ku die kalben sal: Wer da hat ein har oder zwe, Der wirt rauch als ein ganse[278].

Medicus antwort.

Ich wil dir sagen, Rubein, Und vernim gar wol die rede mein: Sich die buchsen gar eben[279] an, Dass sie niemant mag von hinne getran; Wirt dir ierne eine genommen, Du wirst sein nemen kleinen frommen: Du wirst mir dieselbe teuer gelten, Oder ich werde dich gar sere schelten ...

Nu gen die person und singen.

Almechtiger got, vater der hochste, Der engel trost der uns erloste 10 Von grossen noten unde troste.

Die ander persone.

Vater, almechtiger got, Dem die engel sten zu gebot, Wie sol uns armen nu geschehn, Dass wir dich nicht me sullen sehn?

und spricht.

Wir han verlorn Der uns zu troste wart geborn, Jesum Christum 20 Der reinen juncfrauen sun So er was der werlde hoffenunge ... Owe wie gross ist unser smertze! Wir haben verlorn Jesum Christ, Der aller werlde ein troster ist, Marien son den reinen: Darum müsse wir beweinen Swerlichen seinen tot: Wenn er half uns aus grosser not.

Die dritte persone.

Wir sullen gan ‖ da Jesus wart geleit[280] Und trauer han ‖ durch unser selikeit Und salben im die grossen wunden sein. Owe wie gross ist unser herzepein! Vil lieben swestern beide, 10 Wie sulle wir uns haben[281] zu unserem leide, Wenne wir Jesu des süssen Leider entberen müssen. Des gehe wir und kaufen salben Damite wir in allenthalben Bestreichen seine wunden Nu zu disen stunden.

Der kaufman ruft dem knechte.

Rubein, Rubein, Rubein!

{20} Rubinus komt gelaufen.

Was welt ir, herre meister mein?

Mercator.

Rubein, wo bist du so lange gewest? Du tust meinem dienste nicht recht: Du soltest hie keufen und verkeufen Und die leute wol teuschen unde leichen ... Rubein, es mag wol schiere tagen. Ich hore jemmerliche klagen Drei frauen unde singen: Uns mag noch gar wol gelingen An dem kaufe den wir da han. Gehe und heiss sie her gan.

Rubinus.

Herre, welche meinestu? 10 Sol ich sie alle rufen herzu?

Mercator.

Nein, rufe mir die alleine, Die da an dem wege klagen und weinen.

Rubinus get zu den swestern.

Got grüsse euch, ir frauen, zu aller zeit: Ich sehe wol dass ir betrübet seit; Was euch auch werre, Ir holet das seufzen ferre[282]; Das ist mir leit, das gleubet mir, 20 Dass ir also betrübet stet alhier.

Die personen sagen.

Gut kint, got lone dir: Wir haben swer gemüte alhier.

Rubinus.

Das besser euch got durch seine güte Und euch von allem leiden behüte! Dürft ir nicht hülfe oder trost, Get zu meinem hern: ir wert erlost.

Die ander persone.

Got ere dich, guter jüngeling; Dass got gebesser deine ding! Unser leit ist verborgen. Wir wellen dir gerne volgen; Nicht lenger welle wir alhie stehn: Wir wellen gerne mit dir gehn. 10

Mercator canit.

Ir frauen, nu seit mir wilkommen: Ich hoffe, ich neme euer guten frommen. Ist hier icht das ir begert, Des wert ir von mir ganz gewert. Ich habe die besten salben Die da allenthalben In dem lande mag gesein, In Ysmodia und in Neptaleim[283]. Summer[284] mein korp und mein stap, 20 Die brachte ich von Arab; Summer mein schones weip Anthonie, Die brachte ich von Babylonie; So müsse euch die wol gedein: Wenne ich brachte sie von Allexandrein.

Die dritte persone.

Gut man, ich habe in meinen henden Drei gute gulden besanden[285]: Gip uns darumme deine masse, Dass dich got leben lasse.

Mercator.

Ir frauen, ir keuft ane schelten[286]: Euer gelt wil ich euch abe gelten[287]. Nemet dise buchse darumme: Wenne sie ist besser wenne ander funfe; 10 Und nemet die buchse dabei: Die ist besser wenn ander drei; Auch nemet die darzu: Sie ist besser wenne ander zwu.

Tercia persona.

Nu sage uns, guter man: Sulle wir mit diser salbe gan?

Mercator.

Ja frau, were ich rot golt, Ir soltet sie tragen wohin ihr wollt. 20

Die erztin zornig spricht.

Ir frauen, lat die büchsen stan; Ir sullet sie nicht von danne tran: Sie kost mich alzu teuer; Ich machte sie nechten[288] bei dem feuer; Und geht gar engelich[289] von meinem kram[290], Oder ich wil euch mit eime knuttel slan.

Der kramer spricht zu ir.

Wie, ir rechte übel haut! Wie tort ir[291] immer werden laut, Dass ir strafet mein verkeufen? Darum muss ich euch slan und reufen.

Mercatrix.

Se[292] wie dunket dich um den flessen[293] bart? Du bist ein mudig[294] von der art. Dass dich der geier schende 10 Hie unter meinen henden!

Mercator.

Sweiget, fraue, und lat euer swantzen[295] Zu Breslau uf dem tume[296] becket man gute mosanzen[297]; Zu Otmachau[298] gar gute weiche kese; Ich getraue gar wol vor euch genesen.

Mercatrix.

Ich sweige noch nicht so schiere. Wenn du kommest von dem biere, So bistu trunken sam ein swein: 20 Dass es dir nummer müsse gedein!

Mercator.

Sweiget, frau, oder ich gebe euch einen puf[299].

Mercatrix.

Dorte get der monde uf.

Mercator.

Sweiget! ich gebe euch einen slag.

Mercatrix.

Zolch[300] da er hie lag!

Mercator.

Ach du altes redefass[301], 10 Ich bin dir nie worden gehass: Ich wil dich nu slan umb den kop, Dass du wirst werden top[302]; Nu sehe dir eines uf den rucke[303] Zu deinem grossen ungelucke.

Mercatrix.

Ach ach ach leider! Sein das die neuen kleider Die du mir zu den ostern hast gesant? Dass du must werden gebrant! 20 Got gebe dir das korfel[304] in den magen, Dass du das jar nicht musst überleben! Werstu zu Wiene nicht entgangen, Man hette dich an den galgen gehangen. Du hast auch einen roten bart, Und bist ein mudig von der art.

Mercator.

Fraue, liebe fraue mein, Dass ir immer selig müst sein! Vergib mir dass ich dich habe geslagen Gar hertlich an deinen kragen[305]. Du machst deine klage gar manchfalt: Daran tustu mir gewalt; 10 Und hast ein wunderlich geberde, Und wilt mich bringen unter die erde.

Mercatrix.

Nein, ich vergebe dir nicht dise slege, Ich sehe dich denne in ein grab legen.

Mercator spricht zu Rubein.

Wol hin mit den pulvern: Ich kan alhie nicht me bleiben. Hebe uf korb unde stab, Und laufe wir gein Arab, 20 Und mache wir uns aus dem lande: Anders wir mochten werden zu schanden.

Rubinus dicit.

Herre, ich lege ein alzuhant, Und laufe mit euch in fremde lant.

Die personen sagen.

Owe uns drei armen frauen! Mag man schauen Jammers not? Nu ist er tot, Den die Juden han ermort Ane sache[306] und ane schulde, Als ir dicke hat gehort. Owe uns armen drei frauen! Was jammers mag man schauen 10 Den wir tragen in unserm herzen! Awe des jemmerlichen smerzen Den wir umb unseren herren tragen, Den uns die Juden haben erslagen!

Prima persona.

Wenn der meister und der hirte Jemmerlich geslagen wirt, So verirren sich die schefelein Und die lieben junger sein. Von seiner verlust so leiden wir 20 An dem herzen jammers vil.

Die ander persone.

Nu schaut wie das stet, Wo das vie ane hirten get, Und die schüler ane meister sein: Das ist uns wol worden schein, Sint wir haben verlorn Den der uns zu troste wart geborn. Darumb beweine wir seinen tot: Wenne er half uns aus aller not. 30

Die dritte persone.

Swestern, wir sullen hie nicht lenger stan: Wir sullen zu dem grabe gan: Wenne ich habe ein alt sprichwort Gar dicke unde ofte gehort, Dass man die treue lobet allermeist Die man nach dem tode leist. Darumme, lieben swestern mein, Was uns liep das leben sein, Das tu wir nach dem tode schein. 10 Zu dem grabe wolle wir eilen, Ob wir finden Jesum Christ Der uns ie der liebeste ist, Und alle seine wunden gross Die er empfangen hatte bloss Bestreichen allenthalben Mit diser teuern salben.

Persone sil. euntes ad sepulcrum canunt.

Wer hilft uns welzen abe 20 Den stein von dem grabe Der dar uf gelegit ist, Dass wir unserm herren Jesu Christ Salben seine wunden? Die sten noch im unverbunden.

Die engel antworten.

Wen sucht ir, frauen gut, Mit so traurigem mut, Also frü vor tage Mit so jemmerlicher klage?

Die ander persone.

Gottes kint, das sage wir dir: Jesum von Nazareth suche wir, Den wir hatten vor einen waren got, Und taten gerne seine gebot.

Die engel singen.

Er ist nicht hie, den ir sucht: Sunder get, ob irs gerucht[307], Und saget seinen jungern 10 Und Petro besunder Dass er ist erstanden Und gein Galilea gegangen.

Die dritte persone.

Weist uns, vil stolzen jungelinge, Die stat da er hat gelegen inne.

Die engel singen.

Get her und schauet die stat Da Jesus inne gelegen hat. Hie ist nicht me denne ein tuchelein, 20 Da Jesus was gewunden ein.

Die personen alle singen.

Owe, wir armen swestern waren komen mit leide zu unsers hern grabe: Der stein was abe, Die engel sageten uns mere Wie Christus erstanden were.

Die ander persone.

So wir zu dem grabe quamen, Der engel stimme wir vernamen: Sie sageten uns liebe mere, Dass Jesus erstanden were Von dem tode wol gesunt Und het zubrochen der hellen grunt.

Der erste engel.

Vil lieben frauen, wir sagen euch vor war Dass Jesus alhie hat gelegen zwar: Sunder[308] er ist nu erstanden Und vorbass gegangen. 10 Darumb wolt ir in han, So suchet in zu Galilean.

Die dritte persone geseinende[309].

Got geseine euch, liebe swestern mein! Seht, noch heute komt mir swere pein: Ich mag weder gerasten noch gerun Bis ich meinen herren finde nu; Ich wil auch meine hende winden Bis ich meinen herren vinde.

{20} Die erste persone.

Jesu, du bist der milde trost Der uns von sunden hat erlost, Von sunden und von sorgen Den abent und den morgen.

Die ander persone.

Er hat dem teufel angesiget, Der noch[310] vil feste gebunden liget; Er hat vil manche sele erlost: O Jesu, du bist der werlde trost.

Die dritte persone.

Nu schauet alle dise stat Da Jesus inne gelegen hat. Ich habe das tuch in meiner hant Das im seine mutter umbbant. Ich bin genant Maria von Magdala: Ich werde nimmer fro; 10 Trauren mag mich nicht vorgan, Ich sehe in denne mit den augen an. Der mir meine sunde vergap, Der wart geleget in ein grap: Des muss ich aber klagen mer Und grossen[311] meines herzen swer. Owe der mere! Owe der jemmerlichen klage! Das grap ist lere: Owe meiner tage! 20 Wo ist nu hin mein trost, Der mich von sunden hat erlost? Der mir die sunde vergap, Den sach ich legen in ein grap.

Tercia persona.

Ich quam gegangen salben Den herren in ein grab allenthalben: Da vant ich das grap wan[312], Und da erkante ich an Dass er was erstanden Von des todes banden[313].

Silete, canitur.

Der stein ist abe, Des meret sich mein ungemach, Von unsers herren grabe, Also mir der engel sprach. Ich suchte den engel nicht: 10 Ja suchte ich Jesum, der engel licht. Ich sterbe durch das licht: Vil süsser got, nu tröste mich!

Tercia persona dicit.

Der stein ist werlich geleget von der stat Darinne unser herre gelegen hat; Mit rittern was das grap besatzet wol: Nu weiss ich nicht wo ich in suchen sol.

MARIEN KLAGE.

[Scherer D. p. 247, E. 241.]

Aus einer dem 15. Jahrhundert angehörigen Handschrift der Trierer Stadtbibliothek herausgegeben von Hoffmann in seinen ‘Fundgruben’ 2, 259.

Deinde Maria ut sequitur:

Owê owê hiute! waz sol ich Oder wer wil nû trœsten mich? Sint ich den süezen hân verlorn 10 Der mich ze muoter hete erkorn. Owê owê! nû gên ich wider unde vür; Nieman tritet vür die tür, Der dise nôt welle enden! Des ringe ich arme muoter mîne hende. Owê owê der jæmerlîchen nôt! Owê, mich dunket er sî tôt. Johannes neve, nû vüere mich Zuo mîme kinde, des bite ich dich.

Wehe wehe über den heutigen Tag! was soll ich, und wer wird mich nun trösten, da ich den Süssen habe verloren, 10 der mich zur Mutter hatte erkoren? Wehe wehe! nun geh ich auf und ab; und niemand tritt vor die Thür, der diese Noth will enden: darum ringe ich arme Mutter die Hände. Oweh, oweh der jammervollen Qual! Oweh, mich dünkt er sei tod. Johannes, Neffe, nun führe mich zu meinem Kinde, darum bitte ich dich.

Tunc vadunt ante crucem et Maria cantat plangendo cum manibus.

Owê owê der jæmerlîchen klage, Die ich muoter eine trage Al von des tôdes wâne. Weinen was mir unbekant, Sint ich muoter wart genant, 10 Und bin doch mannes âne. Nû ist ze weinen mir geschehen, Sint ich sînen tôt muoz sehen Den ich âne swære gar Muoter unde meit gebar. Owê tôt! Dise nôt Mahtû wol volenden, Daz du von dir Her zuo mir Dîne boten wellest senden. Owê der leide! 20 Der tôt der wil uns scheiden. Tôt nû nim uns beide, Daz er niht aleine Sô jæmerlîche von mir scheide. Owê! waz hât er iu getân? Muget ir ime niht sîn leben lân Und nemt mir mînen lîp? Owê! waz sol ich armez wîp! Grôzer klage ist mir nôt. Owê, læge ich vür in tôt! Vater schepfer bistû mîn, Und ich dîn gebererîn: Dîne wunden tuont mir wê. Miner klage ist worden mê, Sint dû herzeliebez kint trût 10 Wider mich niht maht werden lût. Herzekint, Dîne ougen sint Dir sô gar verblichen. Dîne maht Und dîne kraft Ist dir sô gar entwichen. Owê owê, vil lieber sun mîn! Owê der grôzen marteln dîn! Owê, wie jæmerlîchen dû hengest! Owê, wie dû mit dem tôde ringest! Ach wie jæmerlîchen bibet dir dîn lîp! 20 Eiâ, waz sol ich armez wîp, Sint ich dich, liebez kint mîn, Sihe lîden alsô grôze pîn! Des sticht mich ze dirre stunt Ein swert durch mînes herzen grunt. Simeonis grimmec swert Daz hât mich wol bevunden. Pînen bin ich wol gewert Ze disen selben stunden.

Weh weh, welch jammervolle Klage, die ich, die Mutter, alleine trage von des Todes Gedanken. Weinen war mir unbekannt, seitdem ich Mutter ward genannt, 10 obwohl ich des Mannes ledig bin. Nun ist mir das Weinen angekommen, seitdem ich seinen Tod vernommen, den ich ohne jeden Schmerz trug unter jungfräulichem Herz. Oweh Tod! Dieser Noth machst du leicht ein Ende, wenn du von dir her zu mir deine Boten willst senden. Weh und Leid! 20 Der Tod der will uns scheiden. Tod, nun nimm uns beide, dass er nicht alleine so jämmerlich von mir scheide. Oweh! was hat er euch gethan? Könnt ihr ihm nicht seine Leben lassen und nehmt mir meinen Leib? Oweh! was soll ich armes Weib! Grosse Klage thut mir Noth. Oweh, läg ich statt seiner tod! Vater Schöpfer bist du mir, und ich, die dich geboren hat: deine Wunden thun mir weh. Meine Klage hat sich vermehrt, seit du herzliebes trautes Kind 10 zu mir keinen Laut mehr sprechen kannst. Herzenskind, deine Augen sind dir so ganz verblichen. Deine Macht und deine Kraft ist dir so ganz entwichen. Oweh, oweh mein viel lieber Sohn! Weh über deine grosse Marter! Weh, wie jämmerlich du hängest! Weh, wie du mit dem Tode ringest! Ach, wie jämmerlich bebt dir der Leib! 20 Weh, was soll ich armes Weib, da ich dich, liebes Kind mein, Sehe leiden solch grosse Pein! Damit sticht mich zu dieser Stund ein Schwert durch meines Herzens Grund. Simeons grimmes Schwert das hat mich wohl getroffen. Qualen sind mir reich beschert zu dieser selben Stunde.

Post hoc Salvator cantat: Mulier ecce filius tuus, et dicit cum hoc Rhythmo:

Sich, wîp, ditz ist der sun dîn, Johannes sol nû dîn pfleger sîn Und sol nû dîn sun wesen, Wande dû wol sihest daz ich niht mac genesen.

Sieh, Frau, dies ist dein Sohn, Johannes soll dein Pfleger sein und soll nun dein Sohn werden, da du wohl siehst, dass ich nicht am Leben bleiben kann.

Et deinde dicit ad Johannem: Ecce mater tua, cum hoc Rhythmo:

Johannes, lieber neve mîn, 10 Ich bite dich daz dû mîner muoter pfleger wellest sîn Und daz dû trœstest ir herzeleit, Daz si durch mîne martel treit.

Johannes, mein lieber Neffe, 10 ich bitte dich, du mögest meiner Mutter Pfleger sein und sie trösten in ihrem Herzeleid, das sie wegen meiner Marter trägt.

Johannes respondet:

Gerne, Jesus meister mîn, Ich wil gerne ir huoter sîn Und si bewarn die wîle ich leben, Sint dû mich ir ze pfleger hâst gegeben.

Gerne, Jesus Meister mein, ich will gerne ihr Hüter sein und sie bewahren Zeit meines Lebens, Da du mich ihr zum Pfleger gegeben hast.

Maria dicit R. ad Salvatorem.

Owê Jesus, vil liebez kint mîn, 20 Wie grôz ist dînes lîbes pîn! Ach owê, wie dîn munt nû bibet! Owê des urloubes, des er mir nû gibet! Owê leit vor allen leiden! Sol ich mich nû von im scheiden Von deme der ie ist gewesen mîn trôst? Von jâmer bin ich ungelôst. Owê, wâ herberge ich die êrste naht? Mit grôzem jâmer bin ich überdaht. Ditz ist ein bitterlîcher mort. Ach liebez kint, nû sprich mir doch zuo ein wort, Ob ich dîn muoter bin. Owê! er enmac, er ist dâ hin. Er ist leider übel gereiset, 10 Wande ich bin ze mâle verweiset: Des muoz ich schiere vor leide vergân. Ach dû herter kriuzeboum, Wie dû dîne arme hâst zetân, Dâvon ich grôzes jâmers vil hân. Ach wistest dû an dirre stat, Waz man an dir gesperret hât, Dû tætest dîne arme zesamne sint Und liezest ruowen mîn liebez zartez kint. Eiâ dû sûre jüdesche diet, 20 Warumbe tœtet ir mich niet? Wand mînen trôst hât ir mir benomen. Owê, wâ sol ich hinnen komen? Nune weiz ich leider war ich vlîe. Des tôdes wil ich bîten hie.

Wehe Jesus, mein viel liebes Kind, 20 wie gross ist deines Leibes Pein! Ach wehe, wie dein Mund jetzt bebt, weh über den Abschied, den er mir giebt! Weh Schmerz über alle Schmerzen! Soll ich mich nun von ihm trennen, von dem, der jeder Zeit mein Trost gewesen? Mit Jammer bin ich unlöslich verbunden. Oweh, wo kehre ich die erste Nacht ein? Mit grossem Jammer bin ich überdacht. Dies ist ein bitterer Mord. Ach liebes Kind, nun sprich doch zu mir ein einzig Wort, wenn ich deine Mutter bin. Weh, er kann nicht, er ist dahin. Er ist leider auf einer schlimmen Reise, 10 und ich bin zumal verweiset: drum muss ich schier vor Leid vergehn. Ach du harter Kreuzesbaum, wie hast du deine Arme geöffnet! Das bereitet mir grossen Schmerz. Ach wüsstest du nur, was man an dich gehängt hat, du schlössest deine Arme und liessest mein liebes zartes Kind ruhen. Weh du rauhes Judenvolk, 20 warum tödtet ihr mich nicht? Habt ihr mir doch meinen Trost benommen. Weh, wohin soll ich nun von hier mich wenden? Leider weiss ich nun nicht, wohin fliehen. Des Todes will ich harren hier.

Et sic residet in terram.

THEOPHILUS.

[Scherer D. 248, E. 242.]

Von einem niederdeutschen Dichter verfasst. Aus einer dem 15. Jahrhundert angehörigen Handschrift der Stadtbibliothek zu Trier herausgegeben von Hoffmann (Hannover 1853).

Theophilus.

Ik bin geheiten Theophilus, Myne klage begint aldus[314]. Ik was geheiten ein kloken man, An pâpheit[315] kundik my wol verstân Und ôk noch als ik hoppe. Ik was gekoren to einem bischoppe Unde sold ein here[316] syn gewesen, 10 Do verdrôt my singen unde lesen. Nu hebben sei einen anderen koren, De hevet my dôr synen toren Verdreven unde myne provende[317] nomen, Dei my plach degeliks in to komen An wyne und ôk an weite[318], So dat ik nu ein arm man heite. Seit, dat mojet[319] my also sere: Wistik ef jenich[320] duvel were Hyr an dusser êrden, 20 Syn eigen woldik wêrden! De my helpen wold dâr an, Dat ik worde so ryken man, Dat ik dem bischop unde dem stichte[321] Mochte wederstân mit gichte[322]. Is ôk an dusser stunt Jenich duvel an hellengrunt Edder an der hellen dore, De make drade sik hervore, Edder wâr hei besloten sy, De kome drade her to my! Ik beswere dy, duvel Satanas, By dem gode, de lôf[323] unde gras 10 Und alle dink geschapen hât, Des hemels lôp[324], der êrden stât[325]; Ik beswere dy by dem valle, Den gy duvele vellen alle, Da unde dyne medegenoten[326], Do gy worden van dem hemel stoten; Ik beswere dy by dem jungesten dage, Wan godes sôn kumt mit syr klage Over alle sunderlude[327], Dat du to my komes hude 20 Mit bescheide und antwôrdes my Allet des ik vrage dy!

Hyr komet nu de duvel springen unde secht to Theophilo mit greseliker stemme dussen rymen:

Satanas.

Theophile, wat mênstu hyr mede? Dit is jo juwer[328] papen sede: Wan ju is ein vort entgân, So wil gy uns armen duvele hân, Wy en blasen ju den weder in: 30 Sus sêrdy[329] uns, eft[330] wy ju eigen syn. Jo en egen[331] wy es nicht van ju papen, Wente[332] wêr wy duvele nicht geschapen, Dat gy de leien mit uns vervêrt[333], Gy mosten ôk halden den plôchstêrt[334]. Nu twing gy uns mit juwer klôkheit, It sy uns leif, it sy uns leit, Dat wy moten to ju komen. Dû hefst my eine lange reise benomen: Ik was dâr hento India, Myne gesellen sochtik da. Dâr was de konink gestorven, Ik had syn sele na[335] erworven. 10 Tohant do ik dyn bannen hôrde Unde dyne greseliken wôrde, Do mostik rôklose[336] komen to dy. Nu sech up[337] drade, wat woltu my?

Theophilus.

Hefstu silver unde golt So wil ik dy den dûrsten solt Den ik ye gewan verkopen: Myne sele, dei in der dopen[338] Mit godes blode is gereinet 20 Unde na synem bilde is vereinet, Dei wil ik setten in dyne hant, Ik en hebbe nein durer pant[339]. Woltu solke pande entfân, So wil ik met dy einen kôp angân.

Satanas secht weder:

Satanas.

Nein, nein, dâr mede schaffestu nicht! Dat is uns ôk wol mêr geschicht[340], Dat wy gôt den luden geven, 30 Dat sei er wâllust mede dreven Twintich edder dertich jâr, So begunden sei dan to lesten dâr In einen wech to komen, Dat sei uns worden benomen. Doch wo em sy, is dy icht leif Gelt unde gôt, so schryf einen breif! De breif sal also wesen, Al dei en sein[341] efte lesen, Den salstu bekennen unde gein[342] Openbâr unde dâr nicht entein[343]; Dat Theophilus des duvels sy. Dyn segel[344] sal dâr hangen by, 10 Dat du dregest an dyner hant: So antwôrd my breif unde pant. Ik wil dy so vele gudes geven, Dat du hêrliken moges leven.

Theophilus.

Wat solen dei breive myn? Myn wôrt doch recht solen syn! Ik en wil dy nicht vôrleigen[345], Wente woldik dy bedreigen, Wat dochtik dan to einem papen?

Satanas.

Nicht, nicht! it is al anders schapen. 20 Woltu my wêrden underdân, Dyne hantveste[346] wil ik êrst entfân, Dâr inne salstu dat schryven, Dat du myn willes ewich blyven Mit lyf, mit sele. Ôk schryf dârby, Dat nein trôst mêre an dy en sy. Und ôk we vor dy bede, Dat hei dy unrecht dede. Hefstu leive to solken saken, So wil ik den kôp mit dy maken 30 Unde wil dy so vêl godes geven, Dat du moges hêrliken leven.

Theophilus.

Ik bin darum to dy gekomen, Als du ein deil wol hefst vernomen, Dat ik gêrne jummermere Um geldes willen dyn eigen were.

Satanas.

Dyn wille sal dy wol geschein, Ân ik wil êrst pant unde breive sein.

Theophilus.

Nu du my dârto wolt dryven, Dat ik dy einen breif sal schryven, Dei my an myne sele geit, Dârto bin ik gâr bereit. 10 Wat helpet, dat ik dâr weder sage? Went ik môt doch al myn dage Eweliken syn verloren. Nu recket my her ein inkethoren[347], Eine vederen unde permint[348]! Dat is my recht so ein wint. Ik wil schryven ein tractât, Dat nummer myr[349] sele wêrde rât.

KAISER UND ABT.

[Scherer D. 249, E. 243.]

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts verfasst. Herausgegeben von Keller (Tübingen 1850).

Der apt dicit:

Mulner, pis mir gotwilkumm her! 20 Dreier ret ich von dir beger: du pist ein abenteuerlich man. Wer mag das geluck am nechsten han?

Der mulner:

Herr, das ist gar guot zuo erraten, als wurst zuo essen, wenn sie sein gepraten: vil leicht kan ich euch das gesagen.

Der apt:

Mulner, ich wil dich mer fragen: was gult ein keiser, solt man in kaufen?

Der mulner dicit:

Müest ich dann ausz der müle laufen, das wundert mich von herzen ser. 10

Der apt:

Wie vil ist wassers in dem mer?

Der mulner:

Sein das die ratnus alle drei?

Der apt:

Ja, lieber mulner, hab fleisz da bei, wann mir leit nit ein kleinsz daran.

Der mulner:

Ei herr, was wer ich fur ein man, kund ich des nit und het es gesehen? 20

Der apt:

Die ret müessen vor dem keiser geschehen. Wann du sie erretst, so wil ich dir geben genuoc, die weil du magst iemer leben.

Der mulner:

Herr apt, ir sult mir warlich getrauen, oder laszt mir den kopf abhauen.

Der apt:

Mein mulner, ich gelaub dir gern! Du muost dir lassen ein platten schern, 30 und leg auch an ein kutten frei, das der keiser maint, das ich das sei....

Der mulner kumpt in der kutten und spricht zuo dem apt:

Mein herr der apt, bona dies!

* * * * *

Der apt:

Herr, ir wert nu auf sitzen.

Nu sitzt der mulner auf das wegenlein, so ziehen in die pauren in die stuben fur den keiser. Der herolt:

Ir durchleuchtiger keiser her, eur apt ist hie und hat beger, woll euch die drei rete raten hie.

Der keiser:

Wir wollen in gern horen, wie; wann groszer weisheit tet im noten, 10 sol er uns die drei sach erroten.

Der keiser:

Herr apt, habt ir die sach nu bracht?

Der neu apt:

Herr keiser, ich habsz kaum erdacht: kein dink ist mir nie seurer worden, mir und mein bruodern in dem orden, pisz wir die sach erfunden han.

Der keiser dicit:

Herr apt, herr apt, nu ratent an, 20 wie vil ist wassers in dem mer?

Der neu apt:

Das sag ich euch, genediger herr, das solt ir mir gelauben wol: das mer ist neur drei kuofen vol.

Der keiser dicit:

Herr apt, sagt, wie mag das gesein? Tet man all kuofen darausz und drein, So kunt man es umb ein tropfen nit sehen. Wie tort ir dann ein solches jehen, 30 des meres sei neur drei kuofen vol?

Der neu apt:

Des wil ich euch bescheiden wol. Wenn grosz genuoc weren die zuber, so belieb des mers nit ein tropf uber.

Der keiser spricht zuo reten:

Ir herrn, wie gefelt euch die sach? Was sol ich thuon, dan das ich lach? Muosz mich dar an benuogen lan. Das ander muosz er mich auch lassen verstan: was sei wir keiser an gelt wol wert?

Der neu apt:

Herr, gilt der grosch heur als fert?

Der keiser dicit:

Herr apt, er gilt der pfennig siben. 10

Der neu apt:

Ich find in mein puochern geschriben, dass eur genade gult vier groschen.

Der keiser:

Maint ir, wir sein als gar erloschen, oder wir sein ausz taig gemacht?

Der neu apt:

Genediger keiser, habt selbs acht! Cristus, der ward umb dreissig geben, ir gelt kaum achtundzweinzig darneben. 20

Der keiser:

Herr apt, herr apt, ich straf euch nit. Nu ratend uns hie auch das dritt, wer ie das geluck am nechsten gewan.

Der neu apt:

Genediger keiser, so hort an! Ich bin der herr, des gelauben habt! Vor was ich ein mulner, iez ein apt: und kunt ich lesen, singen und schreiben, man müest mich lan im closter bleiben. 30

Der keiser:

Nu tret zuo uns, ir alter apt! Seit ir mit im gewechselt habt und er fur euch die dinc erriet, darumb solt ir eur lebtag niet mer apt sein, und gebt im das regiment! Mulner, die schlussel gebt im in die hent und nim von im weis und ler.

Der neu apt:

Euren keiserlichen genaden dank ich ser! Ich bit euch, erlaubt mir acht tag, pis ich mein mül verkaufen mag, das ich sag meiner mulnerin, wie sie nu sei ein eptissin, und meinen tochtern und knaben, 10 das sie ein munch zuo eim vater haben, im kloster sei ich das hochste haupt.

Der keiser.

Ja, mulner, das sei dir erlaupt!

ALBRECHT VON EYB.

[Scherer D. 251, E. 245.]

Aus Franken, wurde geboren 1420, studierte zu Pavia, erwarb dort den Doctorgrad, wurde Domherr zu Bamberg, Eichstädt und Würzburg, starb 1475. Er schrieb eine Art Anleitung zur Beredsamkeit ‘Margarita poetica’ (Nürnberg 1472); ein Ehebuch ‘Ob einem mann sey zu nemen ein eelich weib oder nit’ (Nürnberg 1472); die moralische Chrestomathie ‘Spiegel der Sitten’ erschien erst nach seinem Tode (Augsburg 1511) und enthält u. a. die Übersetzung von zwei Comödien des Plautus.

PLAUTUS BACCHIDES.

(Nach der Probe bei Cholevius, ‘Geschichte der deutschen Poesie nach ihren antiken Elementen’ I, 286).

Götz.

Lentz, ich bin dir lang, heimlich nachgangen und hab gewartet, wo du hin willst, und als ich sehe, so möcht ein Karthäuser (Lycurgus) an den Enden verführt werden. Sag bald, wo willst du hin mit solchem Muth, mit diesem Kleid, mit solcher Hochfahrt {20} und mit solchem Umgeug (? pompa).

Lentz.

Dahin.

Götz.

Wie dahin? wer wohnet da?

Lentz.

Es wohnt da Liebe, Wollust, Venus, Freud, Schimpfscherzen, Spiel, süsse Red, Halsen und Kussen (Amor, Voluptas, Venus etc.)

Götz.

Was Heiligen sind das, was Gemeinschaft hast du mit solchen verfluchten Heiligen? (cum diis damnosissimis)

Lentz.

Das sein böse Menschen, die frommen Leuten übel reden, und du redest auch übel den Heiligen; wahrlich du thust nit recht.

Götz.

Ist auch ein Heilig, der da heisset Halsen und Kussen?

Lentz.

{10} Hast du das nie gewisst? O Götz, du bist fürwahr ein grob Mensch; ich wollt wähnen, du wärst weiser denn Salomon (Thales), so bist du der grösst Narr, der da lebt, und bist so alt und weisst noch nit, wie die Heiligen heissen.

Götz.

Wie dem Allem, mir gefällt nit das Kleid, das du anhast.

Lentz.

Man hat es nit gemacht, dass es dir gefallen soll, sondern es soll mir gefallen.

Götz.

Du spottest mein; ja und hättest du zehen Zungen, so sollt du doch stillschweigen deinem Schulmeister.

Lentz.

Sicher Götz, es ist nicht ein jegliches Alter gut zum Schimpf; {20} ich gedenk jetzund mehr, wie ich hab ein guten Koch, der das Mal zubereite.

Götz.

O Lentz, ich sehe wol, es ist alle Mühe und Arbeit an dir verloren, was ich dich je Gutes hab gelehrt.

Lentz.

Da hab ich (auch) mein Müh verloren, dir zuzuhören, so du dein Müh hast verloren, mich zu lehren; dein Lehrung ist weder dir noch mir zu nutz kommen.

Götz.

O du verfluchtes Mensch!

Lentz.

Schilt mich nit, Götz; schweig still und geh mit mir zu den Frauen.

Götz.

{10} Sieh ein Mann zu, du heisst mich Götz und nit Schulmeister?

Lentz.

Es ist nit ziemlich, so ich bei den Frauen bin und hals und kuss sie, dass du gegenwärtig seiest als ein Schulmeister, sonder als ein Götz und gut Gesell.

Götz.

Wird das dein Mahl sein, Halsen und Kussen?

Lentz.

Ich hoff es, aber es steht zu Gott.

Götz.

{20} Und wirst du bei dir haben deinen Buhlen?

Lentz.

Ja, so du es sehn wirst, wirst du es glauben.

Götz.

Wahrlich, es geschicht nit; ich lass es nit zugehn; ich will es deinem Vater offenbaren.

Lentz.

Thu das nit, Götz, willst du dich hüten vor Übel.

Götz.

Wie sagst du, hüten vor Übel?

{20} Lentz.

Ja, ich bin deiner Ruthen entwachsen (iam excessit mihi ætas ex magisterio tuo).

Götz.

O Höll (barathrum), wo bist du, das du mich nit verschlingest! ich hab länger gelebt, dann mir lieb ist....

MICHEL BEHEIM.

[Scherer D. 252, E. 246.]

Der Sohn eines Webers, geb. 1416 bei Weinsberg, gest. nach 1474. Gab sein Handwerk auf, ward Soldat und Dichter, wanderte viel umher und hielt sich an verschiedenen Fürstenhöfen auf. Er schrieb viele Gedichte, theils historische Beschreibungen, theils Meistergesänge. Bekannt ist sein ‘Buch von den Wienern’ herausgegeben von Karajan (Wien 1843, 1867) und sein ‘Leben Friedrichs I von der Pfalz’ herausgegeben von K. Hofmann (München 1863). Karajan veröffentlichte ‘Zehn Gedichte Michael Beheims zur Geschichte Österreichs und Ungarns’ (Wien 1848). Geistliche Lieder Beheims wurden herausgegeben von Ph. Wackernagel in ‘Das deutsche Kirchenlied’ Bd. 2 (Leipzig 1867).

EIN MEISTERGESANC.

Hie wil ich Michel Behamer mit singen machen offenber wie ketzer und auch zauberer manchen menschen petœren, und stellen sich doch in dem schein als ob si frum und geistlich sein; vil manchen si in hellepein[350] verleiten und petauben[351] mit wildem ungelauben 10 und ach artikeln mancherlei und vil zauberstücken dabei, daz als perüret ketzerei, daz ir ein teil solt hœren. des ersten wurt[352] euch hie benannt vil ungelauben mancherhant, daz mit warsagen wurt bekant von den die sich an nemen[353] kunftige ding zu offenbarn; das sie an dem fewer ervarn und an den wolken wellen larn[354] und an des windes wehen: auch mein[355] si es zu sehen an dem wasser und an der erd; an dem sand es in kundig werd und mit puncten. hort waz geverd[356] 10 sölhe ketzer hie gemen[357]. auch wellen si ein solhs erscheinn mit teufelhaften menschn unreinn und auch mit toten, die si meinn zu erkiken[358] mit zaber[359]; darzu mit der vogel geschrei und ach wuhin ir fliegen sei, mit messen[360] und mit mancherlei unglauben also grossen; und mit den würfeln losen und mit dem salter und der schrift. ach wirt unglaub durch trem[361] gestift, und mit der teufel antwirt[362] prift[363] man solhs unglauben aber und auch mit sternen sehen. wer 10 zu vast daran geloubet, der velt ach in unglaben, und mer wer glabt in tages zeite, das eine für die andern bei dem menschen gluckhaftiger sei. ach ist das grosse ketzerei, wer glaubt in die geschöpfen, daz die menschen stöpfen[364] und uflegen waz im beschicht: wan ob daz also wer gericht, 20 so gings keim menschen anders nicht dan im würd of geleite[365]. daz ist ein grosser ungelab: wan uns got freien willen gab, daz wir mit werken gen hell ab oder gen himmel keren. auch wirt manch ungelaub behert[366] der von beswerung widervert, da man die teufel mit beswert, und auch von manchem segen, des tœreht cristen pflegen, und ach von wurzeln oder craut, oder daz man warsagern traut, daz einer eim in sein hant schaut, im vil dings wil vermeren[367], und im selb nichts gutz sagen kan. 10 ach nimpt sich mancher zaberns an, daz die leut zamen mussen han beid veintschaft ader libe. ich tun euch mer unglaben kunt. wer auch gelaubt das man pegund[368] die leut an sprechen für den gsund[369]. auch sagt man wie daz trollen[370] in Norwegen sein sollen. nu hon ich verr[371] durch varn die lant, das mir kein troll nie wart bekant. 20 hort auch von lüpeln[372] mancherhant, daz ich euch füre gibe, von valschen kractarn[373], und der man etwaz bei im tragen began, das er davon gelück sol han. hort, mer wil ich euch sagen. ez ist ach ketzerlich geverd, wer glaubet daz der alb[374] uf erd von unzeitigen kinden werd, der die weib tu betauben. der ach des hat gelauben, daz man mit heissem wasser und heiss eisen schuldig leut erfund, 10 und ach mach den manslachter[375] kund mit anrüern des erslagen. auch wirt unglaub do mit bewert[376], das man eins toten sel beswert[377] und zwingt das sie erwider vert und sagt wie ir beschichte. auch wirt unglaub da mit gepreut[378], daz man gelaubet daz die leut zu wolfen werden. daz sein neut[379] wan ketzerlich unglaben. 20 auch etlich glauben haben, ieglichs haus hab ein schreczlin[380]: wer das ert, dem geb es gut und er; auch vint man das * an der berecht nacht[381] seinen tisch richte[382]. etlich glaben daz kline kind zu pilweissen[383] verwandelt sind. auch wie die schreczlin so geswind uf vich reiten und varen. auch sprechen ir etliche me von unholden, ich daz verste, wie das die machen reif und schne, schauren[384] und regens giessen; wie sie mit börsten[385] schiessen, und den leuten ir mich versteln, 10 und den mannen nemen ir gseln[386] und sy zu irer liebe weln[387] mit irem zauber karen[388]. mit tauf, mit krisem[389] und weichbrun[390], mit des mon scheinen und der sunn und vil sach mein sie es ze tun; das als unglaben seine. auch meinen etlich mit geschrei und mit gedœn und ach dabei mit segen und mit ketzerei 20 die weter[391] zu vertreiben. noch vint man mancherhand gestüp[392], da ich ietzunt nit innen grüp[393]. dis ist alles nit wann gelüp[394], das man nit glaben selle: wann ob ez wol also beschicht, so ist ez doch umb anders nicht, dann es der teufel nur zuricht, das sein unglab werd veste. darumb rat ich daz beste, wer mit solhem zauber umb ge, das er abloss und davon ste, e es in bring in ewig we in das abgrund der helle.

HANS ROSENBLÜT.

[Scherer D. 250. E. 244.]

Hiess vermuthlich Hans Schnepperer und war Büchsenmeister der Stadt Nürnberg, an deren Kämpfen er 1449 theilnahm. Er suchte, wie er selbst angiebt, zeitweise als Wappendichter an den Höfen der Fürsten und Herren seinen Unterhalt und schrieb hauptsächlich Fastnachtspiele, Erzählungen und Schwänke. Sieh v. Keller ‘Fastnachtspiele aus dem 15. Jahrhundert’ 3 Bde. (Stuttgart 1853). Seine ‘Weingrüsse’ und ‘Weinsegen’ herausg. von Haupt in ‘Altdeutsche Blätter’ Bd. 1, 401.

WEINGRUSS.

Gott gruss dich, du lieber landtmann! Keinen bessern gesellen ich nye gewan Vnd den ich lieber bei mir wil wissen, Wenn ich des morgens hab angepissen[395]. Wenn ich dich hab in meinem trunkvass, 10 So dynest du mir zu tisch vil pass Denn alle die truchsessen die da leben. Got behut den pergk den stock vnd die reben Daran du hewer gewachssen bist. Gott fuge deim stock pfel[396] pant vnd mist Vnd sunnen vnd regen vnd auch ein man, Der dich wol sneyden vnd hacken kan Das du biss jar mugst wider geraten, Die grossen weck, die veisten praten, Wenn ir drew bei einander seyt, 20 Das es mir vil mer frewden geyt Dann harpffen, geygen, tantzen vnd paden. Dorumb wil ich dich zu gast laden: Kum spet oder frw, so wil ich dich einlassen Vnd wil dich nicht lang an der thur lan possen[397].

HUGO VON MONTFORT.

[Scherer D. 253, E. 247.]

Graf Hugo II, Herr von Bregenz, geb. 1357, begann seine dichterische Thätigkeit 1396. Er bildet mit einigen andern Dichtern der Zeit den Übergang der älteren höfischen Poesie in die spätere lyrische Volkspoesie und den Meistergesang. Herausgegeben von Bartsch (Tübingen 1879); Wackernell (Innsbruck 1881).

Ich schrib dir gerne cluoge wort, So hast du min hertz gfangen, Min lieber buol[398], min höchster hort! Du hasts in dinen banden.

Von gold ein ketten die ist vin, Damit hast du es beschlossen: Din eigen wil es iemer sin, Des ist es unverdrossen.

Und hat mir nüwlich[399] potschaft tan, Es well sich von mir ziehen 10 Und well in dinem dinst bestan, Zuo diner liebi fliehen.

Und spricht, daz es kein anders trib, Es well bi dir beliben, (Im gefiel uff erd nie bas ein wib), Zuo diner liebi schiben[400].

Also hast du mir das hertz abtrünig gmachen Mit gewalt an alle fürbot[401]: Ich muoss mins schaden selber lachen. Uns beide behuet der ewig got! 20

Ich chan mich zwar nicht ab dir clagen, Du tuost mim hertzen guetlich; So wil ich ie die warheit sagen: Bi dir so ist es frödenrich.

Geben nach Crists gebürt vierzehenhundert jar (Das schrib ich dir mit einem wort) Und in dem andern (das ist war), Min lieber puol, min höchster hort!

OSWALD VON WOLKENSTEIN.

[Scherer D. 253, E. 247.]

Aus Tirol, geboren 1367, gestorben 1445. Er machte mit Hugo von Montfort eine Wallfahrt nach Jerusalem und suchte ritterliches Wesen und Dichten wieder zu beleben. Herausgegeben von Weber (Innsbruck 1847).

Wuninklicher wol gezierter may, dein suess geschray 10 pringt freuden mangerlay, besunderlich wo zway an ainem schœnen ray[402] sich muetiklich verhendelt[403] han. Gruen ist der perg ow gevild und tal; die nachtigal und aller voglin schal man hœret ane zal erklingen uber al. 10 Seyd[404] nu die zeit wennt[405] lieplich ungemach, so wach, lieb, ach! zwar mir sol wesen gach zu hengen[406] der hin nach, der ich lang nye gesach, uncz mich ir ermlin weyss umbfan.

VOLKSLIEDER.

[Scherer D. 253, E. 248]

Herausgegeben in Wackernagel ‘Das deutsche Kirchenlied,’ B. II. (Leipzig, 1867); Uhland ‘Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder’ (Stuttgart, 1844, 45); Hoffmann von Fallersleben ‘In dulci iubilo. Nun singet und seid froh’ (Hannover, 1854); Liliencron ‘Die historischen Volkslieder der Deutschen,’ 5 Bde. (Leipzig, 1865-69); Böhme, ‘Altdeutsches Liederbuch’ (Leipzig, 1877).

1.

In dulci iubilo nu singet und seit fro! alle unser wonne leit in præsepio; sie leuchtet vor die sonne matris in gremio; que est a et o, que est a et o.

O Jesu parvule, nach dir ist mir so we, 10 tröste mein gemüte, o puer optime, durch aller jungfraun güte, o princeps glorie. trahe me post te. trahe me post te!

Mater et filia, o jungfrau Maria, hettest du uns nicht erworben celorum gaudia, so wär wir alle verdorben per nostra crimina. quanta gratia, quanta gratia!

Ubi sunt gaudia? nierne[407] wen alda, 10 da die engel singen in nova cantica mit iren süssen stimmen in regis curia. eia wär wir da, eia wär wir da!

2.

Ein kindlein ist geboren von einer reinen mait! Gott hat ims auserkoren in hoher wirdigkeit. 20 Ein sun ward vns gegeben zu trost an alles mail[408]: Daz sult ir merken eben; er bracht vns alles heil.

Ave, du Gotes minne! wie wol ir mit im was! 20 Heil werde trosterinne! vnd do sie sein genas, Gros freud wart vns gekundet von einem Engel klar; Wirt nimmer mer durchgrundet[409], sagt vns die schrift fürwar.

Freut euch der selden[410] mere: Messias der ist kumen. Er hat an alls gefere[411] die menschait an sich gnumen. Fur vns mit ganzen treuen volbracht er alle dink. 10 Der greis wolt sich verneuen: er ward ein jungelink.

Got vater in dem trone was mit der zarten weis. Die tochter von Syone hat wol den hochsten preis. Drei edel kunig milde die brachten reichen solt; zugen vber gefilde nicht anders als Got wolt.

Elend ward jn bekande; die seld must fere[412] bas, Ferr in Egypten lande: Herodes trug jn has. Er zog in nach mit listen: manch kint vergos sein blut. Got wolt sich lenger fristen: das was vns allen gut. 10

Wol dreisig iar vnd mere trug er fur vns die not; Wol umb sein rechte lere leid er fur vns den tod: Danck wir im zu den stunden! Hilf, edler kunig rein! Sein heiliglich fünf wunden solnt vns genedig sein.

3.

Wolauf, jr brüder allzumal, quos sitis vexat plurima. 20 ich weiss ein Wirt klug überall, quod vina spectat optima. sein wein mischt er nicht mit dem saft, e puteo qui sumitur. ein jeder bleibt in seiner krafft, e botris ut exprimitur.

Herr wirt, bringt uns ein guten wein, im keller quod est optimum! 20 die brüder wöllen frölich sein, ad Noctis usque terminum. wer greinen[413] oder murren will, ut canes decet rabidos, der mag wol bleiben aus dem spil, ad porcos eat sordidos!

4.

ZECHLIED.

Den liebsten bulen[414] den ich hab der leit beim wirt im keller, er hat ein hölzens[415] röcklein an und heist der Muscateller; er hat mich nechten[416] trunken gmacht und frölich heut den ganzen tag, gott geb im heint[417] ein gute nacht!

Von disem bulen den ich mein wil ich dir bald eins bringen, er ist der allerbeste wein, macht mich lustig zu singen, frischt mir das blut, gibt freien mut, als[418] durch sein kraft und eigenschaft, nu grüss dich gott, mein rebensaft!

5.

LASS RAUSCHEN!

Ich hort ein sichellin rauschen, wol rauschen durch das korn, ich hort ein feine magt klagen: 10 sie het ir lieb verlorn.

‘La rauschen, lieb, la rauschen! 10 ich acht nit wie es ge; ich hab mir ein bulen erworben in feiel[419] und grünen kle.’

‘Hast du ein bulen erworben in feiel und grünen kle, so ste ich hie alleine, tut meinem herzen we.’

Lass rauschen, sichele, rauschen 20 und klingen wol durch das korn! weis ich ein meidlin trauren, 20 hat iren bulen verlorn.

6.

HASEL.

Es wolt ein mägdlein tanzen gen, sucht rosen auf der heide, was fand sie da am wege sten? eine hasel, die war grüne.

‘Nun grüss dich gott, frau Haselin! von was bist du so grüne?’ ‘nun grüss dich gott, feins mägdelein! von was bist du so schöne?’

‘Von was dass ich so schöne bin, das kan ich dir wol sagen: ich iss weiss brot, trink külen wein, davon bin ich so schöne.’

‘Isst du weiss brot, trinkst külen wein und bist davon so schöne: 10 auf mich so fällt der küle tau, davon bin ich so grüne.’

‘Hüt dich, hüt dich, frau Haselin, und tu dich wol umschauen! ich hab daheim zwen brüder stolz, die wollen dich abhauen.’

‘Und haun sie mich im winter ab, im sommer grün ich wider; verliert ein mägdlein iren kranz, den findt sie nie mer wider.’ 20

7.

ZWEI KÖNIGSKINDER.

Et wassen[420] twe künigeskinner, de hadden enanner so lef[421], de konnen to nanner nich kummen, dat water was vil to bred[422].

‘Lef herte, kanst du der nich swemmen? lef herte, so swemme to mi! ick will di twie keskes[423] upstecken un de sölld löchten to di.’

Dat horde ne falske nunne up ere slopkammer, o we! se dei de keskes utdömpen[424], lef herte blef[425] in de se.

Et was up en sunndage morgen, de lüde wören alle so fro, nich so des königes dochter, de augen de seten[426] er to.

‘O moder,’ sede se, ‘moder! mine augen dod mi der so we; 10 mag ick der nich gon spazeren an de kant[427] von de ruskende[428] se?’

‘O dochter,’ sede se, ‘dochter! allene kanst du der nich gon, weck up dine jüngste süster und de sall met di gon.’

‘Mine allerjüngste süster is noch so n unnüsel[429] kind se plücket wol alle de blömkes de an de sekante sind. 20

Un plückt se auk men[430] de wilden un lett de tammen[431] ston, so segged doch alle de lüde, dat hed dat künigskind don.

O moder,’ sede se, ‘moder! mine augen dod mi der so we, mag ick der nich gon spazeren an de kant von de ruskende se?’

‘O dochter,’ sede se, ‘dochter! allene sast[432] du der nich gon, 30 weck up dinen jüngsten broder! und de sall met di gon.’

‘Min allerjüngsten broder is noch so unnüsel kind, he schütt[433] wull alle de vügel[434] de up de sekante sind.

Un schütt he auk men de wilden un lett de tammen gon, so segged doch alle de lüde, dat hed dat künigskind don.

O moder,’ sede se, ‘moder! min herte dod mi der so we, 10 lot annere gon tor kerken! ick bed an de ruskende se.’

Do sad de künigsdochter upt hœfd[435] ere goldene kron, se stack up eren finger en rink von demanten so schon.

De moder genk to de kerken, de dochter genk an de sekant, se genk der so lange spazeren bes se enen fisker fand. 20

‘O fisker, leveste fisker! ji könnt verdenen grot lon, settet jue netkes[436] to water, fisket mi den künigesson!’

He sette sin netkes to water, de lotkes[437] sünken to grund, he fiskde un fiskde so lange, de künigsson wurde sin fund.

Do nam de künigesdochter von hœfd ere goldene kron: 30 ‘süh do, woledele fisker! dat is ju[438] verdende lon.’

Se trock[439] von eren finger den rink von demanten so schon: ‘süh do, woledele fisker! dat is ju verdende lon.’

Se nam in ere blanke arme den künigsson, o we! se spranc met em in de wellen: ‘o vader un moder, ade!’

8.

TANHAUSER.

Nun will ich aber heben an 10 von dem Danhauser singen und was er wunders hat getan mit Venus, der edlen Minne.

Danhauser was ain ritter gůt wann er wolt wunder schawen, er wolt in fraw Venus berg zu andren schönen frawen.

‘Herr Danhauser, ir seind mir lieb, daran sölt ir gedenken! ir habt mir ainen aid geschworn: 20 ir wölt von mir nit wencken.’

‘Fraw Venus! das enhab ich nit, ich will das widersprechen, und redt das iemants mer dann ir gott helf mirs an im rechen!’

‘Herr Danhauser, wie redt ir nun? ir sölt bei mir beleiben; ich will euch mein gespilen geben zu ainem stäten weibe.’

‘Und näm ich nun ein ander weib ich hab in meinen sinnen: so můst ich in der helle glůt auch ewiklich verprinnen.’

‘Ir sagt vil von der helle glůt, habt es doch nie empfunden, gedenkt an meinen roten mund! der lacht zu allen stunden.’

‘Was hilft mich euer roter mund? er ist mir gar unmäre[440]; 10 nun gebt mir urlob, frewlin zart, durch aller frawen ere!’

‘Danhauser! wölt ir urlob han ich will euch kainen geben: nun pleibt hie, edler Danhauser, und fristen euer leben!’

‘Mein leben das ist worden krank, ich mag nit lenger pleiben; nun gebt mir urlob, frewlin zart, von eurem stolzen leibe!’ 20

‘Danhauser, nit reden also! ir tůnd euch nit wol besinnen; so gen wir in ain kemerlein und spilen der edlen minne!’

‘Eur minne ist mir worden laid, ich hab in meinem sinne: fraw Venus, edle fraw so zart! ir seind ain teufelinne.’

‘Herr Danhauser, was redt ir nun und dass ir mich tůnd schelten? 30 und söltt ir lenger hier innen sein ir mŭstens ser engelten.’

‘Fraw Venus! das enwill ich nit, ich mag nit lenger pleiben. Maria můter, raine maid, nun hilf mir von den weiben!’

‘Danhauser, ir sölt urlob han, mein lob das sölt ir preisen, und wa ir in dem land umb fart nemt urlob von dem greisen!’

Do schied er widrumb auss dem berg in jamer und in rewen: 10 ‘ich will gen Rom wol in die statt auf aines bapstes trewen.

Nun far ich frölich auf die ban, gott well mein immer walten! zu ainem bapst der haist Urban ob er mich möcht behalten.--

Ach bapst, lieber herre mein! ich klag euch hie mein sünde die ich mein tag begangen hab als ich euch will verkünden. 20

Ich bin gewesen auch ain jar bei Venus ainer frawen, nun wolt ich beicht und bůss empfahn ob ich möcht gott anschawen.’

Der bapst het ain steblin in seiner hand und das was also durre: ‘als wenig das steblin gronen mag kumstu zu gottes hulde.’

‘Und sölt ich leben nun ain jar, ain jar auf diser erden, 30 so wölt ich beicht und bůss empfahn und gottes trost erwerben.’

Do zoch er widrumb auss der statt in jamer und in laide. ‘Maria můter, raine maid! ich můss mich von dir schaiden.’

Er zoch nun widrumb in den berg und ewiklich on ende: ‘ich will zu meiner frawen zart, wa mich gott will hin senden.’

‘Seind gottwillkomen, Danhauser! ich hab eur lang emboren[441]; 10 seind willkom, mein lieber herr, zu ainem bůlen ausserkoren!’

Es stond biss an den dritten tag, der stab fieng an zu gronen, der bapst schickt auss in alle land: wa Danhauser hin wär komen?

Do was er widrumb in den berg und het sein lieb erkoren, des můss der vierde bapst Urban auch ewig sein verloren. 20

9.

LINDENSCHMID.

Es ist nit lang dass es geschah dass man den Lindenschmid reiten sah auf einem hohen rosse, er reit den Reinstrom auf und ab, hat sein gar wol genossen[442], ja genossen.

‘Frisch her, ir lieben gsellen mein! es muss sich nur gewaget sein, wagen das tut gewinnen; wir wöllen reiten tag und nacht biss wir ein beut gewinnen!’

Dem marggrafen von Baden kamen newe mär wie man im ins gleit gefallen wär, das tet in ser verdriessen; wie bald er junker Casper schreib: er solt im ein reislein dienen!

Junker Casper zog dem beurlein ein kappen an, er schickt in allzeit vorne daran 10 wol auf die freie strassen: ob er den edlen Lindenschmid fünd den selben solt er verraten.

Das beurlein schiffet über Rein, er keret zu Frankental ins wirtshaus ein: ‘wirt! haben wir nichts zu essen? es kommen drei wägen, seind wol beladen, von Frankfurt auss der messen.’

Der wirt der sprach dem beurlein zu: ‘ja wein und brot hab ich gnug, 20 im stall da sten drei rosse, die seind des edlen Lindenschmid, er nert sich auf freier strassen.’

Das beurlein dacht in seinem mut: die sach wird noch werden gut, den feind hab ich vernommen; wie bald er Junker Casper schreib dass er solt eilends kommen!

Der Lindenschmid der het einen son, der solt den rossen das futter tun, 30 den habern tet er schwingen: ‘stet uf, herzliebster vatter mein! ich hör die harnisch klingen.’

Der Lindenschmid lag hinderm tisch und schlief, sein son der tet so manchen rief, der schlaf hat in bezwungen. ‘ste auf, herzliebster vatter mein! dein verräter ist schon kommen.’

Junker Casper zu der stuben ein trat, der Lindenschmid von herzen ser erschrak. ‘Lindenschmid, gib dich gefangen! zu Baden an den galgen hoch, daran so soltu hangen.’ 10

Der Lindenschmid der war ein freier reutersman, wie bald er zu der klingen sprang: ‘wir wöllen erst ritterlich fechten!’ es waren der bluthund also vil, sie schlugen in zu der erden.

‘Kan und mag es dann nit anders gesein, so bitt ich umb den liebsten sone mein auch umb meinen reutersjungen, und haben sie iemands leid getan darzu hab ich sie gezwungen.’ 20

Junker Casper der sprach nein darzu: ‘das kalb muss entgelten der ku, er sol dir nicht gelingen, zu Baden in der werden statt muss im sein haupt abspringen.’

Sie wurden alle drei gen Baden gebracht, sie sassen nit lenger denn eine nacht; wol zu der selbigen stunde da ward der Lindenschmid gericht, sein son und der reutersjunge, ja junge. 30

10.

REITERLIED.

Der gutzgauch[443] hat sich zu tod gefallen von einer holen weiden, wer soll uns disen sommer lang die zeit und weil vertreiben?

Das soll sich tůn fraw Nachtigal, sie sitzt uf einem zweige, sie singt, sie springt, ist freuden voll wann andere vöglen schweigen.

Mein bůl[444] hat mir ein brief geschickt, 10 darinn da stet geschriben: sie hab ein andern lieber dann mich; darauf hab ich verzigen.

Hastu ein andern lieber dann mich das acht ich warlich kleine, da sitz ich uf mein apfelgrows ross und reit wol über die heide.

Und do ich über die heide kam mein feins lieb trauret sere; lass farn, lass farn was nit bleiben will! 20 man findt der schön junckfrewlin mere.

Der uns das liedlen new gesang, von newem hat gesungen, das haben getan zwen reuter gůt, ein alter und ein junger.

REINEKE FUCHS.

[Scherer D. 259, E. 254.]

Der flämische Dichter Willem verfasste um 1250 den niederländischen ‘Reinaert’ nach einem französischen Original. Sein Werk wurde um 1380 umgearbeitet und fortgesetzt und um 1480 von Hinrek van Alkmer mit einer prosaischen Glosse versehen. Der niederdeutsche ‘Reinke de Vos,’ von dem hier eine Probe folgt, wurde 1498 zu Lübeck verfasst und gedruckt. Er ist eine Übertragung der Arbeit Hinreks. Herausgegeben von Lübben (Oldenburg, 1867); Schröder (Leipzig, 1872).

DAT VI. GESETTE.

Wô Brûn dê bare mit einen brêve wart gesant tô Reinken, unde wô hê ene vant unde ansprak.

Wie Braun der Bär mit einem Brief zu Reineke gesandt ward, und wie er ihn fand und ansprach.

Dê konnink sprak tô Brûne den ber ‘Brûne, ik segge jû alse jûwe hêr, dat gî mit vlît desse bodeschop dôt. men sêt, dat gî sît wîs unde vrôt, wente Reinke is sêr valsch unde quât, 10 hê wêt sô mannigen lôsen rât, hê wert jû smêken unde vorelêgen, jâ kan hê, hê wert jû wisse bedrêgen.’ ‘Wanne nein’ sprak Brûn, ‘swîget der rede! ik segget bî mîneme swâren êde: sô geve mî got ungeval, wô mî Reinke icht hœnen sal. ik wolde em dat sô wedder inwrîven hê scholde vor mî nicht wetten tô blîven.’ Alsus makede sik Brûn up dê vârt. stolt van môde, tô berge wert; dorch eine wôstenî grôt unde lank, dâr dorch makede hê sînen gank. dô quam hê dâr twei berge lâgen: dâr plach Reinke, sîn ôm, tô jagen unde hadde den vordach dâr gewest. 10 sô quam hê vor Malepertûs tô lest, wente Reinke hadde mannich schôn hûs, men dat castêl tô Malepertûs was dê beste van sînen borgen, dâr lach hê alse hê was in sorgen.

Dô Brûn vor dat slot was gekomen unde dê pôrten gesloten vernomen dâr Reinke ût plach tô gân, dô gink hê vor dê pôrten stân unde dachte, wat hê wolde beginnen. hê rêp lûde ‘Reinke ôm, sint gî dâr binnen? ik bin Brûn, des konninges bode. hê heft gesworen bî sîneme gode: kome gî nicht tô hove tô deme gedinge unde ik jû nicht mit mî enbringe, dat gî dâr recht nemen unde geven, dat wert jû kosten jûwe leven. kome gî nicht, gî stân bûten gnâde, 10 jû is gedrauwet mit galgen unde rade. dâr umme gât mit mî, dat râde ik int best.’ Reinke hôrde wol desse wôrde êrst unde lest. hê lach dâr binnen unde lûrde unde dachte ‘wan mî dit eventürde, dat ik deme baren betâlde desse wôrt dê hê sô hômôdigen sprikt vôrt! hîr ût wil ik denken dat beste.’ dâr mit gink hê dêper in sîne veste, wente Malepertûs was der winkel vul, hîr ein gat unde gindert ein hol, hadde mannige krumme, enge und lank, unde hadde ôk mannigen seltzên ûtgank, dê hê tôdede unde tôslôt, alse hê vornam, dat hê des hadde nôt; wan hê dâr jennigen rôf in brochte edder wan hê wuste, dat men ene sochte umme sîne valschen missedât, sô vant hê dâr den nauwesten rât. 10 mannich dêr in simpelheit ôk dâr in lêp dat hê dâr in vorrêtlîken grêp.

_Der König sprach zu Braun dem Bären: ‘Euch will ich mit dieser Botschaft beehren. Ich befehl’ euch, Braun, werbt sie mit Fleiss; Doch seht euch vor, seid klug und weis‘: Sehr falsch ist Reineke und voll von Ränken. 10 Er weiss manch losen Rath zu erdenken; Er wird euch schmeicheln und belügen, Und glaubt mir, wie er nur kann, betrügen.’ ‘O nein,’ sprach Braun, ‘beruhigt euch nur, Ich sag’ euch bei meinem höchsten Schwur, So lass’ es Gott mir nimmer glücken, Wenn mich Reineke höhnen soll und berücken; Ich wollt’ es so übel ihm wieder eintränken, Dass er zu bleiben nicht wüsste mit seinen Schwänken.’ Da machte Braun der Bär sich auf Mit stolzem Muth, den Berg hinauf; Durch eine Wüste, gross und lang, Nahm er zuvörderst seinen Gang. Dann kam er, wo zwei Berge lagen, Und sein Neffe Reineke pflegte zu jagen; Er war erst dort den Tag zuvor. 10 So kam er vor Malepartus Thor. Denn Reineke hatte manch schönes Haus; Doch Malepartus, die Burg, voraus War die beste von allen gar: Da lag er, wenn er in Sorgen war._

_Als Braun nun vor dem Schlosse stand Und dessen Thor geschlossen fand, Durch welches Reineke pflegte zu geh’n, Da blieb er vor der Pforte steh’n. Und bedachte sich, was zu beginnen. ‘Freund Reineke,’ rief er, ‘seid ihr drinnen? Ich bin Braun, den der König zum Boten erkoren. Er hat bei seinem Gott geschworen, Kommt ihr nicht an Hof zu Gericht, Oder bring ich euch mit mir nicht, Da Recht zu nehmen und zu geben, So soll es euch kosten euer Leben. Bleibt ihr aus, ihr verwirkt des Königs Gnade, 10 Euch ist gedräut mit Galgen und Rade; Drum rath’ ich euch gut, mit mir zu kommen.’ Reineke hatte wohl Alles vernommen; Er lauerte drinnen und dachte bei sich: Wenn es das Glück doch wollte, dass ich Den Bären bezahlte für die Worte, Die er so hochfährtig spricht vor der Pforte! Ich will’s bedenken, das ist das Beste. Da gieng er tiefer in seine Feste._

DAT VII CAPITTEL.

Wô Reinke vorsichtigen sik bedachte unde dâr nâ ûtgink unde Brûnen mit vruntlîken wôrden wilkome hêt.

Wie Reineke sich vorsichtig bedachte, und dann hinausgieng und Braun mit freundlichen Worten willkommen hiess.

Dô Reinke sus des baren wôrde wol vornam unde ôk hôrde, hê lôvede nicht gruntlik den wôrden stolt, 20 em was leide vor ein achterholt. dô hê dat enkede hadde vornomen, dat Brûn alleine was gekomen, desto min hê dô vorschrak. hê gink ût tô em unde sprak ‘ôm Brûne, wilkome môte gî wesen! ik hebbe recht nû dê vesper gelesen, dâr umme konde ik nicht êr komen. ik hope, it schal mî sîn tô vromen, dat gî tô mî gekomen sît. sît wilkomen, ôm Brûne, tô aller tît. 10 deme enwêt ik des jô nênen dank, dê dat schaffede, dat gî dessen gank scholden overgân, dêde is sêr swâr. gî sweten, dat jû nat is dat hâr. envant unse hêre dê konnink nû nênen anderen boden tô senden dan jû? wente gî sint dê eddelste unde grôtste van love dê nû is in des konninges hove. it wert mî sîn sunderlik tô vromen, dat gî sît her tô mî gekomen, jûwe vrôde rât wert mî helpen sêre bî deme konninge dêde is unse hêre. al hadde gî dessen wech nicht angenomen, ik wêre doch morgen tô hove komen. doch dunket mî sêre in mîneme wân, ik schal nû nicht wol konen gân: ik hebbe mî geten alsô sat; it was nie spîse dê ik at, dat ganze lîf deit mî wê dâr van.’ 10 Dô sprak Brûn ‘Reinke ôm, wat ête gî dan?’ dô sprak Reinke ‘lêve ôm, wat hulpe jû dat wan ik jû sêde wat ik at? it was ringe spîse, dâr ik nû bî leve, ein arm man enis jô nên grêve! wan wî it nicht konen beteren mit unsen wîven, sô môte wî eten versche honnichschîven. sôdâne kost at ik dorch dê nôt, dâr van is mî dê bûk sô grôt. ik môt sê eten ân mînen dank, dâr van bin ik wol half krank. wan ik dat jummer beteren kan, wolde ik umme honnich nôde upstân.’ Dô sprak Brûn alsô vôrt ‘wanne, wanne, wat hebbe ik nû gehôrt! holde gî honnich sô sêr unwêrt, dat doch mannich mit vlîte begêrt? honnich is ein sô sœten spîse dê ik vor alle gerichte prîse. 10 Reinke, helpet mî dâr bî tô komen, ik wil wedder schaffen jûwen vrômen.’ Reinke sprak ‘Brûn ôm, gî holden jûwen spot!’ Brûn sprak ‘nein, sô helpe mî got! scholde ik spotten, dat dô ik nôde.’ dô sprak wedder Reinke dê rôde ‘is dat jûwe êrnst, dat lâtet mî wetten! moge gî dat honnich sô gêrne eten, ein bûr wonet hîr, dê hêt Rustevîle, dat is men eine halve mîle: 20 bî em is sô vele honniges, vorstât mî recht, gî sêgens nî mêr mit al jûwem slecht.’ Brûnen deme stak sêr dat smer, nâ honnige stunt al sîn beger. hê sprak ‘lâtet mî komen dâr bî, ik denke des wedder, lôvet des mî. wan ik mî honniges sat mochte eten, sô môste men mî des vele tômeten.’ Reinke sprak ‘gâ wî hen up dê vârt, honniges schal nicht werden gespârt. 10 al kan ik nû nicht wol gân, recht trûwe môt jummer schînen voran, dê ik mit gunst tô jû drage. wente ik wêt nên mankt al mînen mâge den ik alsus wolde mênen, wente gî mî sêr wol wedder konen dênen jegen mîne vîende unde jegen ere klage in des konninges hof tôm hêrendage. ik make jû noch tâvent honniges sat, dâr tô van deme besten, merket dat, sô vele alse gî des jummer mogen dregen.’ men Reinke mênde: van grôten slegen. Reinke lôch sêr unde swinde, Brûn volgede eme nâ alse ein blinde. Reinke dachte ‘wilt mî gelingen, ik wil dî tô degen uppet honnichmârket bringen!’ Sê quêmen tôhant tô Rustevîls tûn. dô vraude sik sêr dê bare Brûn, men des hê sik vraude, dâr wart nicht van. 10 sô geit it noch mannigem unvrouden man.

_Als Reineke so des Bären Worte Vernommen hatte, bei der Pforte, Da glaubt’ er dem Stolzen nicht alsbald, 20 Er sorgte vor einem Hinterhalt. Doch als er’s gründlich jetzt vernommen, Dass Braun alleine war gekommen, Da war’s gar um seine Furcht gethan. Er gieng hinaus und sprach ihn an: ‘Willkommen, Ohm Braun, in meinem Heimwesen! Ich hatte so eben die Vesper zu lesen, Drum konnt’ ich nicht eher zu euch kommen. Ich hoffe gewiss, es soll mir frommen, Dass ihr hieher gekommen seid. Seid willkommen, Ohm Braun, zu jeder Zeit; 10 Weiss ich gleich dem keinen Dank, Der da schuld ist, dass ihr diesen Gang Übernahmt, der zu schwer euch war. Ihr schwitzt ja, dass euch trieft das Haar. Fand unser Herr, der König reich, Keinen andern Boten zu senden als euch? Denn ihr seid der grösste, der edelste Mann, Den man am Hofe finden kann. Doch wird es mir ganz absonderlich frommen, Dass ihr zu mir seid hergekommen. Sehr wird mir helfen euer kluger Rath Bei dem König, der uns zu gebieten hat. Hättet ihr die Fahrt nicht übernommen, Ich wär’ doch morgen zu Hof gekommen. Zwar dünkt mich jetzt in meinem Sinn, Dass ich zu gehen unfähig bin. Ich ass mich heut schier übersatt An fremder Speise, das macht mich matt; Der ganze Leib, seht, schwoll mir an.’ 10 Da fragte Braun: ‘Was asset ihr dann?’ Reineke sprach: ‘Was hülf’ euch das, Wenn ich euch sagte, was ich ass? Es war schlechte Kost, die ich hier traf; Ist doch ein armer Mann kein Graf! Wissen wir Bess’res nicht aufzutreiben, So essen wir frische Honigscheiben. Das ass ich heut’ aus Hunger auch; Davon ist mir so dick der Bauch. Ich musst’ es essen wider Willen Und kann die Schmerzen nun nicht stillen. Wenn ich was Bess’res finden kann, So rühr’ ich keinen Honig an.’ Verwundert sprach Herr Braun sofort: ‘Ei, ei, was hör’ ich für ein Wort! Dünkt Honig euch so wenig werth, Den mancher doch mit Fleiss begehrt? Honig ist eine süsse Speise, Die ich vor allen Gerichten preise. 10 Reineke, helft mir daran zu kommen, So bedenk’ ich wieder euer Frommen.’ Er sprach: ‘Ohm Braun, es ist euer Spott’: ‘O nein,’ sprach Braun, ‘so helfe mir Gott. Sollt’ ich spotten? das thu ich nicht.’ Da gab ihm Reineke, der rothe, Bericht: ‘Ist das euch Ernst, das lasst mich wissen: Seid ihr des Honigs so beflissen? Hier wohnt ein Bauer, heisst Rüstefeile, Es ist nur eine halbe Meile, 20 Der hat viel Honig, versteht mich recht, Nie saht ihr es mehr, noch eu’r ganzes Geschlecht.’ Braun den Bären gelüstete sehr, Nach Honig stund all sein Begehr; Er sprach: ‘Zeigt mir den Weg dahin, Ich gedenk’ es euch wieder, so wahr ich bin; Wann ich mich Honigs satt sollt’ essen, Man müsst’ ihn mir mit Scheffeln messen.’ Reineke sprach: ‘Nur gleich an die Fahrt! Der Honig werde nicht gespart. 10 Ich bin zwar noch gar schlecht zu Fuss, Die Liebe jedoch mich stärken muss, Und die Ehrfurcht vor des Königs Gesandten; Auch weiss ich Keinen von meinen Verwandten, Dem ich Gutes stäts so gern gegönnt; Zumal ihr mir wieder dienen könnt Gegen meine Feinde und ihre Klage, An des Königs Hof, am Herrentage. Ich mach’ euch Honigs satt und voll Noch heut’, von dem besten, merket wohl; Ihr werdet ihn nicht allen mögen.’ Doch Reineke sprach es von derben Schlägen. Reineke lief voraus geschwind, Da folgte Braun ihm nach wie blind. Reineke dachte: Will’s gelingen, Ich will dich schön auf den Honigmarkt bringen. Sie kamen bald an Rüstefeils Haus: Da freute Braun sich im Voraus; Doch des er sich freute, das ward zunicht. 10 So geht es noch manchem unklugen Wicht._

DAT VIII CAPITTEL.

Wô Reinke mit Brûnen deme baren gink unde en leidede, dâr hê honnich eten scholde, dat em ovel bequam; wô en Reinke bedrôch unde lêt en stân beklemmet in den bôme eft blocke mit deme hôvede unde beiden {20} vôten.

Wie Reineke Braun den Bären dahin geleitete, wo er Honig essen sollte, was ihm übel bekam, und wie ihn Reineke betrog und ihn mit dem Haupt und den Füssen in einen Baum oder Block geklemmt da stehen {20} liess.

Dô dê âvent was gekomen unde Reinke dat hadde vornomen, dat Rustevîl, dê vorgesechte bûr, tô bedde was in sînem schûr,-- Rustevîl was van grôteme love ein timmerman unde hadde in sînem hove liggende eine êke, dê hê wolde klôven, unde hadde dâr in geslagen boven twei grôte kîle, dê wêren sêr glat. Reinke dê vos merkede dat: dat sulve holt was an einer sît upgeklôvet einer elen wît,-- hê sprak ‘hôret mî, Brûn ôm! 10 recht hîr in dessem sulven bôm is honniges mêr wan gî lœvet: steket dâr in wol dêpe jûwe hœvet, nemet nicht tô vele, dat is mîn rât, jû mochte dâr anders af komen quât in jûweme lîve, sît des bericht.’ Brûn sprak ‘Reinke, sorget nicht. mêne gî, dat ik sî unvrôt? mâte is tô allen dingen gût.’ alsus lêt sik dê bare bedôren 20 unde stak dat hœvet in over dê ôren unde ôk dê vordersten vôte mede. Reinke dô grôt arbeit dede: hê brak ût dê kîle mit der hast,-- dâr lach dê bare gevangen vast mit hôvet unde vôten in der êken, em halp wêr schelden edder smêken. hê plach tô wesen kône unde stark, men hîr hadde hê sîn vulle werk. sus brachte dê neve sînen ôm mit losheit gevangen in den bôm. 10 hê begunde tô hûlen unde tô brâschen, mit den echtersten vôten tô krâschen, unde makede alsô grôten lût, dat Rustevîl mit der hast quam ût: hê dachte, wat dat wesen mochte; jâ ein scharp bîl hê mit sik brochte up eventûr, efte des wêre nôt. Brûn lach dô in anxte grôt: dê klôve dâr hê in lach; ene knêp, hê brak sik unde tôch, dat hê pêp, men dat was pîn umme nicht gedân. hê vormôde sik nummer van dâr tô gân. dat mênde ôk Reinke, unde sach Rustevîle van vêrne komen mit deme bîle. hê rêp tô Brûne ‘wô steit it nû? etet nicht tô vele, dat râde ik jû, des honniges. segget mî, isset ôk gût? ik sê, dat Rustevîl kumpt hîr ût, villichte wil hê jû bedenken 10 unde wil jû up dê mâltît schenken.’ dâr mede gink Reinke wedder nâ hûs nâ sîneme slote tô Malepertûs.

_Der Abend war heran gekommen: Da hatte Reineke vernommen, Dass Rüstefeil, wie stäts er pflag, Zu Haus in seinem Bette lag. Rüstefeil war als Zimmermann Berühmt; in seinem Hofe sah’n Sie eine Eiche, die wollt er zerkloben. Schon hatt’ er eingeschlagen oben Zwei Keile, die waren glatt. Reineke merkt’ es an der Statt. Das Holz war schon an einer Seite Gespaltet in einer Ellen Weite. Er sprach: ‘Nun hört mich, Oheim Braun! 10 Seht hier, in diesem hohlen Baum Ist des Honigs mehr, als ihr wohl glaubt. Nun stecket tief hinein das Haupt, Übernehmt euch nicht, ich rath euch zum Frommen, Es möchte euch übel sonst bekommen In euerm Leib, lasst euch berichten.’ Braun sprach: ‘Reineke, sorgt mich nichten. Meint ihr gar, ich sei ein Frass? Zu allen Dingen gut ist Maass.’ Also ward der Bär zum Thoren: 20 Er steckte das Haupt bis über die Ohren Nebst den Vorderfüssen in den Spalt. An die Arbeit gab sich Reineke bald: Er brach die Keile heraus mit Kraft, Da lag der Bär in schmählicher Haft; Die Eiche klemmt’ ihm Haupt und Füsse, Ihm half nicht Schelten, noch Schmeicheln süsse; Sonst war er stark und kühn, doch nun Hatt’ er mit Überkraft zu thun. So brachte der Neffe den Ohm mit List In den Baum, aus dem keine Rettung ist. 10 Er begann zu heulen und zu schnarren, Mit den Hinterfüssen im Sand zu scharren, Und machte solchen Lärm vor dem Haus, Dass Rüstefeil eilends sprang heraus. Was bedeutet, dacht’ er, dies Geheul? Er brachte mit ein scharfes Beil Für den Fall, dass es zu brauchen wär’. Braun lag indes in Ängsten schwer. Der Kloben, drin er lag, ihn kniff, Er zog und zerrte sich, dass er pfiff: Die Müh’ war all’ umsonst gescheh’n. Schon glaubt’ er, nimmer zu entgeh’n. Auch Reineke meint’ es, und sah Rüstefeil Von ferne kommen mit dem Beil. Da rief er dem Bären: ‘Wie steht es, Braun! Esst nicht zu viel, das rath ich euch traun, Des Honigs! Sagt mir, mundet der Schmaus? Ich sehe, Rüstefeil kommt heraus; Vielleicht will er den Gast bedenken 10 Und will euch auf die Mahlzeit schenken.’ Hiermit gieng Reineke heim zuhand, Nach seinem Schloss, Malepartus genannt._

DAT IX CAPITTEL.

Wie der gefangene Braun von den Bauern geschlagen wird, endlich doch loskommt und sich ins Wasser begiebt.

Dô quam Rustevîl altôhant, den baren hê sus gevangen vant. 20 hê lêp hastigen mit eineme lôpe dâr hê dê bûre wuste tô hôpe, dâr sê hêlden gesterî. hê sprak ‘komet hastigen mit mî, in mîneme hove is ein bare gevangen, dat segge ik jû vorwâre.’ sê volgeden em alle unde lêpen sêre, islik nam mit sik sîne were wat hê êrst krêch ût sînem werke: dê eine eine forke, dê ander eine harke, dê dridde ein spêt, dê vêrde eine rake, 10 dê vîfte einen grôten tûnenstake; dê kerkhêre unde dê koster beide, dê quêmen dâr ôk mit ereme gerêde; dê papemeiersche, dê hêt vrôw Jutte-- dat was dê dê dê besten grutte konde bereiden unde kocken-- dê quam gelôpen mit ereme wocken dâr sê des dages hadde bî geseten, den armen Brûne mede tô meten. dô Brûn hôrde dat rochte sô grôt, dâr hê lach up sînen dôt, hê tôch mit pînen dat hœvet ût, men dâr binnen blêf bekleven dê hût bî beiden ôren umme dat hœvet her. ik mêne, men sach nü lêtlîker dêr. dat blôt em over dê ôren ran. al brochte hê dat hœvet ût, nochtan bleven beide vôte dâr in al vast. doch ruckede hê sê ût mit der hast 10 al râsende, eft hê wêre van den sinnen: men nochtan bleven dê klâwen dâr binnen, dâr tô dat fel van beiden vôten. dat honnich was nicht van deme sôten dâr em Reinke, sîn ôm, van sêde. eine quâde reise Brûn dô dede, jâ it was eine sorchlîke vârt. dat blôt lêp vaste over sînen bârt dê vôte dêden em wê sô sêr, hê konde nicht gân wêr nâ edder vêr. Rustevîl quam unde begunde tô slân, sê gingen en altômâlen an, al dê mit em quêmen her, Brûnen tô slân was al er beger. dê pape hadde einen langen staf, wô mannigen slach hê eme gaf! hê konde nergen gân efte krûpen. sê quêmen up en in eineme hûpen, ein dêl mit spêten, ein dêl mit bîlen; 10 dê smit brachte beide hamer unde vîlen, etlîke hadden schuffele, etlîke spaden, sê slôgen en âne alle gnâden, alle gêven sê em mannigen slach dat hê sik bedede dâr hê lach. al slôgen sê, jâ dâr enwas nên sô klêne: Slobbe mit deme krummen bêne unde Lûdolf mit der brêden nese, alderwrêdest wêren eme dese. hê slôch mit sîner holten slingeren, 20 Gerolt mit dem krummen vingeren unde sîn swâger Kuckelrei; aldermeist slôgen desse twei, Abel Quack unde dâr tô vrouw Jutte, unde Tâlke Lôrden Quacks dê slôch mit der butte, nicht dese alleine, men al dê wîve, dê stunden al nâ Brûnen lîve; hê môste nemen al wat men eme brochte. Kuckelrei makede dat meiste gerochte, wente hê was dê eddelste van gebôrten: 10 vrôw Willigetrût vor der kafpôrten, dê was sîn môder, dat wuste iderman, wê aver sîn vader was, dâr wust men nicht van; doch sêden dê bûr under malkander, it wêre dê stoppelmeter, dê swârte Sander, ein stolt man dâr hê was allein. Brûn môste ôk van mannigem stein den worp entfangen up sîn lîf: sî worpen nâ em, beide mans unde wîf. int leste Rustevîls brôder her sprank, dê hadde einen knuppel dicke unde lank unde gaf em int hœvet einen slach dat hê wêr hôrde edder sach: van deme slage entsprank hê mit sîneme lîf, al râsende quam hê mankt dê wîf unde vêl mankt sê alsô sêr, dat der vîve quêmen int revêr dat dâr bî was unde ôk sêr dêp. hastigen dô dê pape rêp 10 unde was schêr half vorzaget ‘sêt, gindert vlüt vrûw Jutte mîn maget beide mit pelze unde mit rocke! sêt, hîr licht ôk noch er wocke! helpet er altômâlen nû, twei tunne bêrs dê geve ik jû, dâr tô aflât unde gnâde grôt.’ sus lêten sê Brûnen liggen vor dôt unde lêpen hastigen hen mankt dê wîve unde hulpen en ût deme water al vîve.

Dê wîle sê hir mit wêren vorwôrn, krôp Brûn int water van grôten tôrn unde begunde van grôtem wê tô brummen. hê mênde nicht dat hê konde swummen, sîn andacht was unde begunde tô denken, dat hê sik sulven wolde vordrenken, up dat en nicht mêr slôgen dê bûre. dô weddervôr em noch dit eventûre: hê konde noch swommen unde swam tô degen. 10 jâ dô dit dê bûre alle sêgen, mit grôtem gerochte unde mit gremen sprêke sê ‘wanne, wî mogen uns wol schemen!’ sê hadden dâr umme grôte undult unde sprêken ‘dit is desser wîve schult. in untît quêmen sê hîr tô mâte. sêt, hê swommet wech sîne strâte!’ sê sêgen den blok unde worden des enwâr, dat dâr noch in sat beide hût unde hâr van vôten unde ôren. dat was en lêf, sê rêpen ‘kum wedder, ôrlôse dêf! hîr sint dîne ôren unde hantschen tô pande!’ sus volgede em tô deme schaden schande, doch was hê vrô dat hê entgink. hê vlœkede deme bôme dê ene vink, dâr hê van vôten unde ôren wes lêt; hê vlœkede Reinken dê ene vorrêt-- dit was dat gebet dat hê dô las, 10 dê wîle hê in deme water was. dê strôm lêp snelle unde vast, den drêf hê nedder mit der hast unde quam in einer kôrten wîle vil nâ bî kant eine mîle. hê krôp tô lande bî dat sulfste revêr. nî werlde sach jêmant bedrôveder dêr: hê mênde sînen geist dâr up tô geven unde trôste dô nicht lenger tô leven. hê sprak ‘ô Reinke, dû valsche creatûr!’ ôk dachte hê up dê quâden bûr, dat sê en sus hadden slagen tôr stûpen, unde dat Reinke en hêt sô dêp in krûpen.

_Da kam Rüstefeil gerannt: Als er den Bären gefangen fand, 20 Da gab er hastig sich ans Laufen: Er wusste einen Bauernhaufen Im Wirthshaus sitzen überm Bier. Er sprach: ‘Kommt eilends all mit mir! Es hat sich in meinem Hofe dort Ein Bär gefangen, auf mein Wort!’ Sie folgten ihm all und liefen sehr; Ein Jeder nahm mit sich seine Wehr, Was er zuerst zu fassen bekam, Der die Gabel, jener die Harke nahm, Der dritte den Spiess, der vierte den Rechen, 10 Der fünfte gieng einen Stab aus dem Zaune brechen. Der Kirchherr und der Küster beide Kamen auch hin mit ihrem Gereide. Die Pfaffenköchin, Frau Jutte genannt, Die die beste Grütze im ganzen Land Bereiten konnte, auf den Socken Kam sie gelaufen mit ihrem Wocken, An dem sie den ganzen Tag gesessen, Den armen Braun damit zu messen. Als Braun hörte den Lärm mit Angst und Noth, Gefangen lag er auf den Tod, Da zog er das Haupt heraus mit Gewalt; Doch sitzen blieb ihm in dem Spalt Von Gesicht und Ohren Haar und Haut: Ein kläglicher Thier ward nie geschaut. Das Blut ihm über die Ohren lief. Zwar bracht er das Haupt heraus, doch tief Hielt ihm der Spalt die Füsse gefasst. Nun ruckt’ er sie auch heraus in Hast, 10 Als wär’ er rasend und ganz von Sinnen. Da blieben ihm die Klauen drinnen Und das Fell dazu von beiden Füssen. Der Honig war nicht von dem süssen, Zu dem ihm Reineke Hoffnung gemacht. Eine üble Reise hatte Braun vollbracht, Ja, es war ihm eine sorgliche Fahrt: Das Blut lief hell über seinen Bart; Die Füsse schmerzten ihn so sehr, Er konnte nicht gehen noch stehen mehr. Da kam Rüstefeil, der zu schlagen begann; Sie fielen ihn all zumalen an: Alle, die mit ihm kamen daher, Braunen zu schlagen war ihr Begehr. Der Pfaffe trug einen langen Stab. Wie manchen Schlag er damit ihm gab! Er konnte sich nirgend nur verschnaufen, Sie bedrängten ihn in dichtem Haufen, Ein Theil mit Spiessen, ein Theil mit Beilen, 10 Der Schmied mit dem Hammer und mit der Feilen; Etliche hatten Schaufeln, etliche Spaten: Damit zermürbten sie ihm den Braten. Sie gaben ihm so manchen Schlag, Dass er im eigenen Unrath lag. Ihn schlugen Alle, die Grossen und Kleinen, Schloppe mit den krummen Beinen, Und Ludolf mit der breiten Nase, Die schlugen ihn, als wär’s ein Hase. Auf seine krummen Finger stolz, 20 Schlug ihn Gerold mit dem Riegelholz, Und sein Schwager Kukelrei; Am schlimmsten schlugen ihn die Zwei, Abel Quak und dazu Frau Jutte, Und Talke Lorden Quacks, die schlug mit der Butte. Nicht die allein, nein all’ die Frau’n, Nach dem Leben stunden sie dem Braun. Er musste nehmen, was man ihm brachte; Kuckelrei des Lärms am meisten machte. Denn er war der edelste von Geburt. 10 Frau Willigtraut von der Schweinefurt War seine Mutter, das war bekannt, Sein Vater aber blieb ungenannt; Doch raunten die Bauern unter einander, Der Stoppelmesser wär’s, der schwarze Sander, Ein stolzer Mann für sich allein. Auch musste Braun von manchem Stein Den Wurf empfangen auf seinem Leib Sie warfen nach ihm, Mann und Weib. Zuletzt kam Rüstefeils Bruder gesprungen Und hat einen mächtigen Knüttel geschwungen Und gab ihm einen Schlag auf’s Haupt, Dass er aller Sinne lag beraubt. Dem Schlag entsprang lebendig Braun, Wie rasend fuhr er zwischen die Frau’n, Und hatte sich so als Weiberhasser, Dass ihrer etliche fielen in’s Wasser, Das da vorbeifloss, ziemlich tief. Da begann alsbald der Pfaff’ und rief 10 Und war beinah’ schon halb verzagt: Da treibt Frau Jutte, meine Magd; Die in dem Pelz und grauen Socken; Seht, hier liegt auch noch ihr Wocken. Nun helft ihr allzumal davon! Zwei Tonnen Bieres geb’ ich zum Lohn, Auch sollt ihr grossen Ablass kriegen!’-- Da liessen sie Braun für todt da liegen, Und liefen hastig zu den Weibern, Sie herauszuzieh’n mit nassen Leibern._

_Da sie dies betrieben, dieweil Kroch Braun ins Wasser in zorniger Eil’, Und brummte dabei vor Schmerz und Grimmen. Er dachte sich nicht, er könne schwimmen, Er wusste nicht andern Rath zu erdenken, Als sich hier selber zu ertränken, Dass ihn die Bauern nicht mehr schlügen. Da wollt’ es sich ihm so glücklich fügen, Er konnte noch schwimmen, und schwamm fürwahr. 10 Ja, als dies die Bauern wurden gewahr, Mit grossem Lärmen und mit Grämen Riefen sie: ‘Wetter, wir müssen uns schämen!’ Sie sahn’s mit grosser Ungeduld Und sprachen: ‘Das ist der Weiber Schuld; Zur Unzeit sind sie hieher gekommen: Nun ist er seiner Wege geschwommen.’ Sie besah’n den Block und wurden gewahr, Dass noch darin sass Haut und Haar von Ohren und Füssen: das war ihnen lieb. Sie riefen: ‘Komm wieder, ehrloser Dieb, Hier sind deine Ohren und Handschuh’ zu Pfande!’ So folgt’ ihm auf den Schaden die Schande! Doch war er froh, dass er entgieng. Er fluchte dem Baum, der ihn fieng, Ihm die Haut von Füssen und Ohren schied; Er fluchte Reineken, der ihn verrieth. Dies war das Gebet, das er da sprach, 10 Dieweil er in dem Wasser lag. Der Strom lief schnell und sonder Rast; Er trieb herab mit gleicher Hast. Und ward in einer kurzen Weile Herabgeführt wohl eine Meile. Da kroch er aus der Flut an’s Land: Betrübter Thier hat die Welt nicht gekannt. Den Geist schon meint’ er aufzugeben, Er getraute länger nicht zu leben. Er sprach: ‘O Reineke, falsches Geschöpfe!’ Auch dacht’ er an die Bauerntröpfe, Wie die ihn geschlagen und ausgestaupt, Weil er so tief hinein gesteckt das Haupt._

SEBASTIAN BRAND.

[Scherer D. 262, E. 256.]

Geboren zu Strassburg 1457, studierte zu Basel und wurde 1489 Doctor beider Rechte. Später ward er Stadtschreiber zu Strassburg und von Kaiser Maximilian zum Rath und Pfalzgrafen erhoben. Starb 1521. Ein satirischer und didactischer Schriftsteller. Sein berühmtes ‘Narrenschiff’ erschien zuerst Basel 1494 und ward oft nachgedruckt. Es wurde in das niederdeutsche, in lateinische Hexameter und hiernach in das Französische, Englische und Niederländische übersetzt. Herausgegeben von Zarncke (Leipzig 1854), Gödeke (Leipzig 1872).

1.

Wer sinen kinden übersicht irn můtwil und sie strofet nicht, dem selbst zů letzst vil leides gschicht.

VON LER[445] DER KIND.

Der ist in narrheit ganz erblint, der nit mag acht han, das sin kint 10 mit züchten[446] werden underwiszt, und er sich sunders[447] daruf fliszt, das er sie losz[448] irr gon on straf glich wie on hirten gönt die schaf, und in all můtwil übersicht, und meint, sie dörfen[449] strofens nicht, sie sigen[450] noch nit bi den joren, das sie behalten in den oren was man in sag, si strof[451] und ler. o groszer dor, merk zů und hör: die jugent ist zů bhalten gring[452], sie mercket wol uf alle ding; was man in nüe häfen[453] schitt, den selben gsmack[454] verlont[455] sie nit. ein junger zwig sich biegen lot[456]. wann man ein alten understat[457] 10 zu biegen, so knellt[458] er entzwei, zimlich[459] strof bringt kein sorglich gschrei; der růt der zucht vertribt on smerz die narrheit usz des kindes herz; on strafung selten iemens lert[460]. alls übel wechszt, das man nit wert: Hely was recht und lebt on sünd, aber das er nit stroft sin kind, des stroft in got, das er mit klag starb, und sin sün uf einen tag. 20 das man die kind nit ziehen wil, des findt man Catilinen vil. es stünd ietz umb die kind vil bas, geb man schůlmeister in, als was Phenix[461] den Peleus sinem sůn Achilli sůcht, und zů wolt důn; Philippus durchsůcht Kriechenland bisz er sim sůn ein meister fand: dem gröszten kunig in der welt wart Aristoteles zůgsellt; 30 der selb Platonen hort lang jar, und Plato Socratem darvor. aber die väter unser zit, darumb das sie verblendt der git[462] nemen sie uf sölich meister nůn[463], der in zům[464] narren macht ein sůn und schickt in wider heim zů hus halb narrechter[465], dann er kam drus. des[466] ist zů wundern nit daran, das narren narrecht kinder han. Crates, der alt, sprach, wann es im zůstůnd, wolt er mit heller stim schreien: ir narren unbedacht, 10 ir hant uf gůtsamlen grosz acht und achten nit uf uer kind, den ir sölich richtum samlen sind[467]. aber uch wirt zůletst der lon, wan uer sůn in rot sönt[468] gon und stellen zücht und eren nach, so ist in zů dem wesen gach[469], wie sie von jugent hant gelert; dan wirt des vatters leid gemert und frist sich selbst[470], das er on nutz 20 erzogen hat ein winterbutz[471]. etlich důnt sich in bůben rot[472], die lästern und gesmächen got; die andern henken an sich säck[473]; dise verspielen rosz und röck; die vierden prassen tag und nacht. das würt usz solchen kinden gmacht, die man nit in der jugent zücht und mit eim meister wol versicht. dan anfang, mittel, end, der ere 30 entspringt allein usz gůter lere. ein löblich ding ist edel sin, es ist aber frömbd, und nit din, es kumbt von dinen eltern har[474]; ein köstlich ding ist richtum gar, aber das ist des glückes fall, das uf und ab danzt wie ein ball; ein hübsch ding der welt glori ist, unstantbar[475] doch, dem alzit gbrist[476]; schonheit des libes man vil acht, wert etwan doch kum ubernacht. glich wie gesuntheit is vast liep und stielt sich ab doch wie ein diep. 10 grosz sterck acht man für köstlich hab, nimt doch von krankheit, alter ab; darumb ist nützt[477] undötlich[478] mer und bliblich[479] bi uns, dan die ler. Gorgias frogt[480], ob selig wer von Persia der mächtig her? sprach Socrates: ‘ich weisz noch nüt, ob er hab ler und tugent üt[481]’, als ob er sprech, das gwalt und golt on ler der tugent nützet solt[482]. 20

2.

Wer nit die rechte kunst[483] studiert derselb im wol die schellen[484] rürt und wurt am narrenseil[485] gefürt.

VON UNNUTZEM STUDIEREN.

Der Studenten ich ouch nit fůr[486] sie hant die kappen vor zů stůr[487], wann sie allein die streifen[488] an der zipfel[489] mag wol naher gan[490]; dan so sie solten vast studieren, so gont sie lieber bůbelieren[491]. die jugent acht all kunst gar klein; sie lerent lieber ietz allein was unnütz und nit fruchtbar ist; dasselb den meistern ouch gebrist, das sie der rechten kunst nit achten, unnütz geschwetz allein betrachten, ob es well tag sin[492] oder nacht? ob hab ein mensch ein esel gmacht, 10 ob Sortes[493] oder Plato louf? solch ler ist ietz der schůlen kouf[494]. sind das nit narren und ganz dum, die tag und nacht gant domit um und krützigen sich und ander lüt? kein bessere kunst achten sie nüt. darum Origenes von in spricht, das es sint die frösch gesin und die hundsmucken[495], die do hant gedurechtet[496] Egyptenlant. 20 domit so gat die jugent hin, so sind wir zů Lips, Erfort, Wien, zů Heidelberg, Menz, Basel, gstanden, kumen zů letst doch heim mit schanden. Das gelt das ist verzeret do, der truckeri[497] sint wir dan fro, und das man lert ufftragen win, darusz wurt dan ein Henselin[498]. so ist das gelt geleit wol an. studentenkapp wil schellen han! 30

JOHANN GEILER VON KAISERSBERG.

[Scherer D. 280, E. 276.]

Geboren 1445 zu Schaffhausen, studierte zu Freiburg und Basel, ward Doctor der Theologie, predigte zu Freiburg, Würzburg und Strassburg. Hier starb er 1510.

1.

VON KIRCH NARREN.

+Die andere schel+[499] ist: gotz dienst irren[500]. Es seint ettlich, wan sie in die kirchen wöllen gon, so rüsten sie sich, als wolten sie gon beissen[501] oder jagen, und nemmen die vögel mit den schellen uff die hend, und ein huffen hünd: so klinglen da die schellen unnd beissen die hünd einander, und wird der predicant geirret, und hœrt man nit, was man im chor singt, und künnen die lüt nit betten. O brüeder, es ist nit da ein feld venandi sed veniandi, zejagen, aber zevenjen[502]. Nun wiewol es ynn allen menschen {10} straffbar ist, so stot es doch geweichten[503] leuten übeler an, dan anderen: als dann vil pfaffen thuontt, die vögel uff den henden tragen, mitt federspil[504] umbgond; dar umb das sie edel[505] seint, so wenen sie, inen zimm das und anders noch weitter (baz), den anderen priestern; wann am morgen so seint sie priester, und am andern tag ein edelman. Denen sol geantwurt werden, wie ein buer ein mal eim bischoff ein bequemliche[506] oder guote antwurt gab.

Es reit ein bischoff uff ein mal über feld mitt viertzig pferden und mit seim zug: da liess ein buer den pfluog ston und sach dem zeug zuo, und het das mul offen und die hent jn die seitten gestelt. {20} Der bischoff der sach es, reit zuo im unnd sprach: ‘meier[507], was denckstu, das du uns also zuoluogst?[508]’ Der buer sprach: ‘Her, ich hab gedacht, ob sant Martin auch also mitt eim reisigen zeug geritten sei, der auch ein bischoff was.’ Der bischoff wart rott im antlit, schamt sich und sprach: ‘Ich bin nit allein ein bischoff, ich bin auch ein weldtlicher fürst; jetz bin ich ein fürst. Wiltu aber ein bischoff sehen, so kum uff den tag in die kirchen, so würd ich das fron ampt haben.’ Der buer fieng an lachen, das er in einander hotzlet[509]. Der her fraget yn, wess er lachte. Der bur sprach: ‘herr, da lach ich, da gott vor sei: wan der teuffel den fürsten am letsten nimpt, was thet dan der bischoff dar zuo?’ Also fuor der bischoff dar von und het ein antwurt gelœsst.

2.

VON PREDIG NARREN.

+Die andere schel+ ist: nitt recht predig hœren. Und wie sol man recht hœren? In dreierlei weg: Zuo dem ersten mit fleiss. {10} Ein schuoler mit grossem fleiss loset[510] er zuo dem doctor, der siech dem artzet, und ein lantzmann[511] dem botten[512]. Also sollen wir fleisslichen zuohœren dem predicanten: der ist unser doctor und artzet und bott. Gedenck, was fleiss und ernst du an kerst, wan man dir das heilig sacrament gibt, das es nit uf das erterich fal. Selichen fleiss ker an zuo dem wort gotz, das nit minder ist, dan der leib Christi, seit sanctus Augustinus. Zuo dem anderen sol man predig hœren behaltlich, Matth. 23. Wa für wer es, das man predig horte, wan man es nit behielte. Dar umb sollen wir sein wie ein fenster, das lasst den sonnenschyn und das liecht durch sich gon; {10} aber schne, regen und hagel lasst es nit hin yn. Aber leider vil seint gleich eim sibi[513], oder eim büttel[514] und eim seythuoch[515]: da bleiben fliegen und wuost[516] darin, aber das guot laufft als da durch; also das guot an der predig ist von inen verloren, aber was lecherlich ist und spöttig und bœss, das behalten sie, und seint gleich eim hündle der edlen, wan man ym etwas guotz beut zeessen, so laufft es etwan einer mucken nach; und seint gleich eim fischen garn[517], die weil es im wasser ist, so ist es vol wasser, so bald es uss dem wasser kumpt, so ist es ler. Von denen seit der weiss (Pred. 21): +eins narren hertz ist wie ein zerbrochen fass, es behalt {30} kein wyssheit, und ein zerbrochen fass kein wein+.

Zuo dem dritten sol man hœren gehorsamlich, wan so dar umb prediget man, das man es sol thuon u. s. w.

THOMAS MURNER.

[Scherer, D. 263, 286, E. 257, 282.]

Geboren angeblich 1475 zu Oberehenheim bei Strassburg, besuchte die Franciskaner Schule zu Strassburg, durchzog Frankreich, Deutschland, Polen als fahrender Schüler, studierte zu Paris Theologie, 1499 zu Freiburg die Rechte; dann Guardian des Franciskaner Klosters zu Strassburg, 1506 vom Kaiser Maximilian zum Dichter gekrönt, um 1509 Doctor der Theologie in Bern. Er führte ein unstätes Leben und wurde oft von seinen Gegnern gezwungen, seinen Aufenthaltsort zu wechseln. In Strassburg veröffentlichte er 1512 sein satirisches Werk ‘die Narrenbeschwörung’ (her. von Gödeke, Leipzig 1879), eine Nachahmung von Brands ‘Narrenschiff.’ In demselben Jahre erschien seine ‘Schelmenzunft,’ welche aus Predigten entstand, die er zu Frankfurt am Main gehalten hatte (photolithographische Nachbildung her. von Scherer, Berlin 1881). Im Kirchenkampf nahm M. zunächst für Luther Partei, dann aber wurde er einer seiner heftigsten Gegner und schrieb das Schmähgedicht ‘Von dem grossen Lutherischen Narren, wie ihn Doktor M. beschworen hat’ Strassburg 1522 (her. von Kurtz, Zürich 1848). Unter den vielen Schriften, die er sonst noch verfasst hat, ist am bekanntesten seine ‘Gäuchmatt’ Basel 1519, ein derbe Satire gegen die Weiber. Er starb um 1536 zu Oberehenheim, wo er eine kleine Pfründe hatte.

DIE NARRENBESCHWÖRUNG.

Aller adel weisst im land, Wann wir schon kein erbteil hant, Wir künnen uns der armůt weren, Allein von disem sattel neren.

DIE SATTELNARUNG[518].

Wann du des sattels nerest dich, So kanstu warlich me dann ich. Es můss ein wilde narung sin, Den sattelpfenning bringen in. 10 Hat der sattel solche kraft, Das nimt ein selzam rechenschaft. ‘Ja frilich, herr, das mügt ir sagen, Solt ich min kost vom sattel nagen Und des stegreifs mich erneren, Vil böser wörter můss ich hören. Hört mir zů, ich wills üch leren, Man seit von künig Ferinand, Wie er vil nüwer inselen fand Bi dem Calecutterland, Darin man fand vil spezeri, Silber, gold was ouch dabi. 10 Inselen finden ist kein kunst, Ich habs ir manchen glert umsunst; Inselen find ich, wann ich will: Ich schrib min gsellen in der still, Die ouch ein solchen sattel haben Und in dem stegreif künnent traben. Wann man fart gen Frankfurt hin Und ich ein schiff weiss uf dem Rin, Dann zwing ichs faren zů dem land, Darin vil spezeri ich fand, Silber, gold und tůchgewand. Solch inselen find ich mit mim kunden 10 Und habens uf dem Rin gefunden, Das vor kein mensch nie hat gewist, Das spezri da gewachsen ist. Ich bin der erst, ders funden hat An der unerkanten stat; Noch schadts mir nit an miner eren, Das ich des sattels mich erneren, Erzühe min kind kurz von der hand, Als der lanssknecht uf dem land; Ich halts fürwar ein kleine schand. 20 Solt man die strassen allzit frien, Das bilger, kouflüt sicher sien, So wer doch nüt der fürsten hůt. Wir machen in ir gleit nun gůt. Wann wir ein insel funden haben, Absagent wir mit rüterknaben, Der wir keine me hont ton, Wir hetten dann den roub dar von. Es heisst bi uns das rüterspil Setz uf, der mit uns keglen will. Wir sind die nüwen insel finder Vnd lerent unser jungen kinder, 10 Von dem sattel suppen kochen Und wie man sol die puren bochen[519], Land und lüt und dörfer kriegen, Ein knebel zwischen die befzen fiegen Den stegreif halten und den zoum, Ein puren binden an ein boum, Fůssisen werfen, für inlegen, Wie man den finden gat entgegen, Das korn verwůsten, rebstöck brechen Und einen undern gul[520] abstechen, 20 Fahen, fieren und verblenden, Meisterlichen keren, wenden, Das der pur nit anders gloubt, Er si des tütschen lands beroubt; So ist er an derselben stat, Do ich in vor gefangen hatt. Der arbeit můss er uns ergetzen, So wir in fahen an zů schetzen. Dann hont wir aber etlich jor Zů brassen, als wir hattent vor. Komt uns die armůt wider an, So můss der sattel aber dran, Vnd sůchent mer der spezeri, Oder ob kein insel si Uf der Tonau, uf dem Rin, Den sattelzins zů bringen in. Hett Absolon den sattel gspart, Do er sins vaters finde ward, 10 Er wer im har nit bliben hangen, Durchrant mit so vil scharfer stangen; Do in im staken so vil spiess, Ward im die rüteri nit siess. Was darf ich vil von Juden sagen, Mir gdenkt, das wol in unseren tagen Herzog Karle von Burgund Durch rüteri gieng gar zů grund. Hannibal der hatt gross macht, Dennocht hat in der sattel bracht, Das er dran erworget ist. Der sattelnarung vil gebrist, Ja frilich heisst er rüterspil, Setz uf wer mit in spilen will, Sie kartens also wunderlich, Eins ums ander, stich um stich. 10 Nüt schedlichrs ist uf disen dingen, Dann um ein hütlin fleisch zů springen, Das rüterspil wills also han, Des setzen wirs all samen dran.’

KAISER MAXIMILIAN I (1493-1519).

[Scherer D. 263, E. 258.]

Der Theuerdank, ein allegorisch-episches Gedicht, ward von Maximilian selbst entworfen und theilweise ausgeführt. Es enthält die Darstellung seiner Brautwerbung um Maria von Burgund und anderer ritterlicher Abenteuer. Das Werk wurde von Treizsaurwein von Ehrentreiz und vom Probste Melchior Pfinzing (1481-1535) beendigt und zum Druck befördert. Es erschien zuerst 1517, in prächtiger Ausstattung, namentlich mit vorzüglichen Holzschnitten von Hans Schauffelin, dem Schüler Albrecht Dürers (Neu her. von Haltaus, Quedlinburg 1836; Gödeke, Leipzig 1878). Ein andres allegorisch-historisches Gedicht, der ‘Weisskunig’, wurde ebenfalls vom Kaiser begonnen, aber erst 1775 veröffentlicht.

THEUERDANK.

Wie Theurdannckh durch Fürwittig aber in ein geferlichait mit einem Löwen gefüert ward.

Eines tags da fürt Fürwittig den helden mit im fälschiglich umspazieren durch ein gassen darin ein leo, aus der massen gross und freissam[521] gefangen lag. Alsbald[522] den Fürwittig ersach, fiel im in seinen sinn: möcht ich zu diesem löben bringen dich in das kleine häuslein hinein, so hoffet ich, es solt in pein derselb löb bringen dich fürwar. In den gedanken kamens dar. 10 Fieng der Fürwittig an und sprach: ‘Hier, in diesem hölzen[523] gemach man ein löben gefangen hält. Warlich der möcht werden gezält für teurlich[524], freidig[525] und manhaft, der demselben löben aus kraft griff trutzlichen in seinen mund, dann er kennt zu der selben stund geleich einen freidigen man und lässt in widerum weg gan 20 von im genzlichen on alls leid. Doch so rat ichs bei meinem eid nit, das ir solt euchs underfahen; dann wurdet ir schaden empfahen, so mocht mir drin werden die schuld gegeben, dardurch ich eur huld verlür, das het ich nit geren. Wolt irs aber nit emperen, so mügt ir das tun, ob ir wellt. Aber der küngin es gefällt 30 wol, wann sie hört von einem man sagen, der sich darf understan der geleichen erlich[526] sachen. Euren namen wurdt ir machen in gar vil manchem fremden land durch solch tat mit eren bekant.’ Der Teurheld[527] zu dem löwen gieng und sich das zu tun underfieng, bedacht die sachen auch nit bass, dann er darfür hielt, alles das, so im der Fürwittig sagt vor, es bescheh on list und wär war; greif damit den löwen in schlund. Der stund vor im als ein zam hund, 10 dann er des helds mandlich[528] gemüt erkant, darum er mit nicht[529] wüt gegen im, als er vor het tan; Teurdank gieng on schaden darvon. Des wundert sich Fürwittig ser, gdacht heimlich: ich sich, das nit mer mich wellent mein ränk und anschläg helfen, ich gedenk wol der täg[530], er wär ie nit komen darvon. In den danken sach er hergon 20 gegen im den teurlichen held. Zu dem er sprach: ‘herr, euch erwält billichen mein frau zu der e, dann ich dergleichen sach nit me gehöret hab von eim sagen bei allen meinen lebtagen. Und dieweil ichs selbs hab gesehen, so mag ichs mit warheit jehen[531] und öfnen der edlen küngein, die wird darob voll freuden sein.’ 30 Mit den worten sie hin kamen widerum zu haus und namen von einander ein gute nacht. Fürwittig sich weiter bedacht, wie er möcht durch subtilig weg den held bringn, das er niderläg. Sein bosheit die lernet[532] in das, wiewol es alls[533] verloren was.

HEINRICH STEINHÖWEL.

[Scherer D. 265, E. 261.]

Geboren zu Weilderstadt an der Wirm, promovierte 1442 zu Padua in der Medicin, wurde Arzt in Esslingen und 1450 als Stadtarzt nach Ulm berufen, starb 1482. Er ist durch seine Übersetzungen aus dem Lateinischen für die deutsche Prosa wichtig. Von seinen Übersetzungen sind besonders hervorzuheben: der Roman ‘Apollonius von Tyrus’ Augsburg 1471 (her. von K. Schröder, Leipzig 1873); der ‘Äsop’ Ulm zwischen 1476-1480 (her. von Österley, Tübingen 1873); Boccaccio’s ‘de claris mulieribus’ Ulm 1473. Die Übersetzung von Boccaccio’s ‘Decameron’ (her. von von Keller, Stuttgart 1860) wird ihm mit Unrecht zugesprochen.

1.

DIE VIII FABEL VON DEN FABELN VND DEN SCHAUFEN.

Ain jünger hett besondern lust, mangerlay fabeln ze hören und batte synen maister, daz er im ain lange sagen wölte. Do sprach der maister zuo im: Wartt, daz zwischen uns itt beschehe[534] als ains mals zwischen ainem künig und synem fabelsager geschahe. Der {10} jünger batte den maister im das ze sagen; do sprach der maister: Ain künig hett ainen maister der gar vil und mangerlay hystorien sagen kunde, und wann der künig ruowen wolt, so waz syn ordnung, daz er im fünff fabeln sagen solte, damit er syn müdes gemüt und krefften wider erholet[535] und erkükte[536]. Uf ain zyt als der künig abends in syn bett gienge und den vergangen tag mit mangerlay geschäfftes überladen nun müd waz, daz er nit geschlaffen kund, begeret er mer fabeln zuo hören, wann syn gewonhait was. Der maister sagt im dry ander aber gar kurcze. Do sprach der künig: Du hast gar kurcze gesagt. Ich wolte gern ain {20} lange hören; darnach liesse ich dich schlauffen. Des verfolget[537] im der maister, und fieng an ze sagen: Ain rycher pawr[538] nam zuo im tusent pfund pfenning, und zoget uff ain iarmarkt und kouffet darumb zwei tusent schauff, ietlichs umb ain halbes pfund pfenning. Do er aber die schauff von dem jarmarkt haim trib, was der bach, über den er tryben muoss, so ser gewachsen von zuofliessendem güswasser, daz er weder durch den furt[539] noch über die brucken tryben mocht. Do suochet er mangerlai weg, wie er die schauff hinüber brächte. Ze letzt fand er ain kleines schifflin, darinne er nit mer dan ains oder zway zemal mocht überfüren. Also fänge {10} der paur an die schauff überzefüren je zwei und zwei. Mit disen worten entschlieffe der maister also by dem künige. Der künig weket in bittende, daz er die fabel gar uss wolt sagen. Do sprach der sager: Herr, das wasser ist gross und ist das schifflin klain und sint die schauff one zal. Lasse den pawren die schauff vor alle hinüber füren, so will ich darnach sagen, wie es im mit den schauffen ergienge. Mit disen schimpffworten[540] stillet er den künig, daz er benügig ward und vergündet[541] dem sager[542] ze schlaffen. Darumb, lieber sun, (sprach der lerer zuo dem jünger) wilt du mich fürbas bekümern ze sagen, so würd ich dir dises byspil für heben.

2.

{20} DIE XV. FABEL VON DES KÜNIGES SCHNYDER UND SYNEM KNECHT.

Untrüw umb böslist iecz gemain ist, und das du dir nit beschenhen wilt, das tuo kainem andern. Des hör ein schimpffrede. Ain künig hettainen schnyder, der ieder zyt syne klaider wol kund machen, ouch iedem menschen nach synem wesen[543]. Er hette ouch vil guoter knecht, die fast wol[544] neyen[545] kunten, under denen was ainer, Nedius gehaissen, der für die andern alle der best was. Uff ain zyt als der hochzytlich tag nachnen was, berüffet der künig den selben schnyder, und sprach zuo im. Du solt mir und mynen {30} dienern uff dises fest kostliche klaider machen, und tuo das unverzogenlich[546], und dar umb daz kain verziehen dar inn beschähe, ordnet er inen ainen obmaister Eumicus gehaissen, der in uff wartet, daz sie ennlich[547] solten arbaiten, und sie mit essen und trinken wol versähe. Uff ain zyt als Nedius nit anhaimisch[548] was, gabe Eumicus den schnydern allen warmes brot und hönig zuo ander spys und sprach zuo inen: Ir söllen Nedio synen tail behalten. Do sprach der maister, Nedius ässe kain hönig, ob er ouch da wäre. Do Nedius komen was, sprach er: Ir habent on mich geessen und mir mynen tail nit behalten. Do sprach Eumicus: Dyn maister sagt, ob du wol hie gewesen waurest, dannocht hettest kain hönig geessen. Nedius schwige dar zuo, und gedacht emsiglichen[549], {10} wie er synem maister möcht widergelten. Und uff ain zyt, do der maister nit gegenwirtig was, füget sich under andern reden, daz Eumicus zuo Nedio sprach: Sag mir, Nedie, ob du ie kain bessern zuoschnyder gesehen habest, wann dyn maister ist. Antwürt Nedius: Ja, herr, er wäre fast gut, wa die krankhait in nicht so ser bschwärte. Do in Eumicus fraget, waz krankhait er an im hette, do sprach der Nedius zuo im: Ja, herr, er würt ouch etwan so wütend tobsüchtig und so gauchlingen[550], wa man nit bald dar vor wäre mit binden oder villycht mit ruotenschlahen, nieman möchte sicher by jm belyben. Do sprach Eumicus: Habt ir aber kain {20} zaichen, dar by ir kennen mügent, wann in die krankhait an wölle stossen? Nedius antwürt: Herr, ja. Wann er umb sich hin und her senhen würt und mit den füssen[551] uff die taffeln klopffen, mit den füssen strögeln[552] und synen stuol, dar uff er siczet, uff heben, so komt die tobsucht an in. Do sprach Eumicus: So will ich dester bas[553] warten, das niemand von im geleczet[554] werde. Du tuost wol dar an, sprach Nedius. Unlang dar nach, als Eumicus und syn diener by den schnydern warent, verbarg Nedius dem maister syne scher, und als er schnyden solt, und die scher nit enfand, ward er[555] umb sich senhen und uff die büny[556] klopffen mit den henden, {30} ob er die scher itt höte, und synen stuol uff heben. Do wenet Eumicus, in wolte die tobsucht an komen, und schuoff als bald, daz man in binden solt, und do er sich weret und schryen ward, schluogen sie in so lang, uncz daz sie müd wurden und er blöd[557] ward. Do er sich aber wider erholet, sprach er: O herre warum hast du mich so hart lassen schlahen? Antwürt Eumicus. Maister, ich hab das dir zenucz gethan, wann Nedius hat mir gesagt, wie du zuo ettlichen zyten tobsüchtig werdest und nieman vor dir sicher sie, und dir nit ee noch bass geholffen werden, wann durch binden und schlahen. Do sprach der maister in zorn bewegt zuo Nedio: Sag, du schalk, wa hast du erfaren, oder von wannen waist du, daz ich tobsüchtig würd? Nedius antwort und sprach: Zuo den zyten als du erfurest, daz ich warm brot und honig nit essen mocht, do ward mir dyn tobsucht kund gethan. Diser antwürt {10} lachent Eumicus und allen gesellen, und merktent, daz er syne schuld mit gelycher müncz wolte bezalen. Nach gemainem sprichwort: Ein gefatterschaft über den zon, die andern herwider. Darumb, was du dir nit beschenhen wellest, das tuo kainem andern.

EULENSPIEGEL.

[Scherer D. 266, E. 261.]

Die vielfach erweiterte Geschichte eines Menschen des Namens Eulenspiegel, der wahrscheinlich im vierzehnten Jahrhundert wirklich gelebt hat. Sie wurde 1483 in Niederdeutschland niedergeschrieben und etwa um 1500 ins Hochdeutsche übertragen und zuerst gedruckt. Herausgegeben von Lappenberg (Leipzig 1854), Neudruck (Halle 1885).

WIE VLENSPIEGEL ZU BERLIN EINEM KÜRSSNER WOLFF FÜR WOLFFSPELTZ MACHET.

Gros[558] listige leut sein die schwaben, vnnd wo die des ersten[559] hinkommen vmb narung vnnd die nicht finden, da vertirbet ein anderer gar. Doch sein jr etliche auch mehr geneiget auff den bierkrug vnnd auff das sauffen, denn auff jhr arbeit, deshalben jhre {20} werckstat wüst ligen u. s. w. Auff eine zeit[560] wonet ein kürssner[561] zu Berlin, das was ein schwab, seins handwercks seher künstreich, auch guter anschleg[562]; er was reich vnnd hielt ein gute werckstat, denn er mit seiner arbeit an jhm het den fürsten des landts, die ritterschaft vnnd viel guter leut vnnd bürger. Also begab es sich, dass der fürst des lands ein grossen hoff[563] mit rennen und stechen des winters halten wolt, darzu er sein ritterschafft vnnd andere herren beschreib[564]. Als denn keiner der hinderst sein wil, worden zu denselben zeiten viel wolffspeltz bei dem vorgemelten kürssner zu machen bestelt. Das war Vlenspiegel gewar, kam zu dem meister vnnd bat jhn vmb arbeit. Der meister bedorfft auff die zeit gesinde, was seiner zukunfft[565] fro, vnd fragt jhn, ob er auch Wolff machen künd. Vlenspiegel sagt: ja; er wer nicht der minst[566] jm Sachssen land bekant. Der kürssner sprach: ‘lieber knecht, du kömpst mir eben recht. Kom her, des lohns wollen wir vns wol vertragen.’ Vlenspiegel sagt: ‘ja, meister, ich sihe euch wol so {10} redlich an[567]. Ihr werdet selbs erkennen, wenn jhr mein arbeit sehet. Ich arbeit auch nicht bei den andern Gesellen; ich mus allein sein, so kan ich mein arbeit nach willen vnd ungeirt[568] machen.’ Also gab er jhm ein stüblein ein[569], vnd legt ihm für viel wolffsheut, die zu peltzen bereit waren, vnd gab jhm die mass von etlichen peltzen gros vnd klein. Also begund Vlenspiegel die Wolffsfell an zu gehn[570], schneid zu vnd macht aus allen den fellen eitel wolff vnd füllet die mit hew vnnd macht jhn bein von stecken, als ob sie all lebten. Da er nu die Fell all zerschnitten vnd die wolff aus gemacht hat, da sprach er: ‘meister, die Wolff sind {20} bereit. Ist auch etwas mehr zu thun?’ Der meister sprach: ‘ja, mein Knecht; nehe[571] sie als viel du das jmer thun kanst.’ Mit dem gieng er hinaus jnn die Stuben: da lagen die Wolff auf der erden, klein vnd gros; die sahe der meister an vnd sprach: ‘was sol das sein? dz dich der ritt schit[572]! was hastu mir grossen schaden gethan! ich wil dich fahen vnd strafen lassen.’ Vlenspiegel sagt: ‘meister, ist das denn mein lon? ich hab es doch nach ewrem eigen willen gemacht; jhr hiesset mich, doch Wolff machen. Hettet jhr gesagt: “mach mir Wolffs peltz;” das het ich auch gethan; und het ich das gewost[573], das ich nicht mehr {30} danck solt verdient haben, ich wolt so grossen vleis nicht gebraucht haben.’ Also schied der gut from Vlenspiegel von Berlin, vnd lies niergent guten rhum hinder jhm, auch ward jhm selten etwas gutes nach gesagt; vnd zog also gen Leipzig.

JACOB TWINGER VON KÖNIGSHOFEN.

[Scherer D. 267, E. 262.]

Geboren zu Strassburg 1346, trat in den geistlichen Stand, starb 1420 zu Königshofen. Er schrieb eine grössere Chronik, die bis auf das Jahr 1415 reichte, und eine kleinere, die bis auf das Jahr 1391 reichte. Er folgt meist der Chronik Closeners. Herausgegeben von Hegel, ‘Chroniken der deutschen Städte viii und ix’ (Leipzig 1870, 1871).

VON DER GRÔSSEN GEISCHELFART.

Dô men zalte M. CCC. xlix. jôr, viertzehen nacht nôch sungichten[574], dô kôment gên Strôsburg wol CC. geischelære[575]; die hettent leben und wîse an in alsô ich hie ein teil sagen wil. Zuom êrsten sô hettent siu gar kostbere vanen von samîttüechern und von baldeken[576], ûf[577] zehen oder acht vanen, und alsô menige gewunden kertzen: die truog men in vor wô siu in stette oder in dörfer giengent, und stürmede alle glocken gegen in. und die geischelære giengent den vanen nôch ie zwêne und zwêne mittenander, und hettent alle {10} mentelîn an und hüete ûf mit rôten criucen. zwêne sungent vor und denne die andern alle nôch. und ir leis[578] und ir gesang was alsô.

Nu ist die betevart[579] alsô hêr[580]. Crist reit selber gên Jerusalêm; er füerte ein criuce in sîner hant. nu helfe uns der heilant! Nu ist die betevart alsô guot. hilf uns, herre, durch dîn heilges bluot das du an dem criuce vergossen hest und uns in dem ellende gelôssen hest. Nu ist die strôsse alsô bereit 20 die uns zuo unser frowen treit[581], in unser lieben frowen lant. nu helfe uns der heilant! Wir sullent die buosse an uns nemen, das wir gotte deste bas gezemen[582] aldort in sîns vatter rîch. des bitten wir dich alle glîch. sô bitten wir den heilgen Crist der aller welte gewaltig ist.

Sô siu alsus in die kirchen kôment, sô kniuweten[583] siu nider und sungent:

Jhêsus der wart gelabet[584] mit gallen: des sullent wir alle an criuce vallen. 10

und dô vielent siu alle criucewys an die erden das es clapperte. und sô siu ein wîle alsus gelôgen, sô huop ir vorsenger an und sang:

Nu hebent ûf iuwer hende, das got dis grôsse sterben wende. Nu hebent ûf iuwere arme, das sich got über uns erbarme.

und denne stuondent siu ûf, und dôtend sus dristunt[585]. und denne luodent siu die liute heim zuo imbisse[586], und eins luod zweinzig, {20} eins zehen, und ieglîches nôch sînen statten, und buttentz in wol[587].

Und dis was ir regel. Wer in die bruoderschaft wolte und an die buosse tretten, der muoste xxxiiij. tage dar inne sîn und blîben, und muoste alsô vil phennige hân, das ime alle tage vier phennige an geburtent[588]: das wôrent xj. schillinge phennige und vier phennige. und dar umbe sô entorstent siu nieman heischen[589]. siu getorstent ouch keine herberge heischen noch in kein hûs komen, men lüede[590] in denne drin, und füerte siu denne ône heischen drin. siu getorstent ouch zuo keiner frowen gereden. welcher aber das brach, der kniuwete vor sînen meister und bîchtet es ime. sô satte {30} ime der meister buosse und sluog ime mit der geischeln ûf sînen rucke und sprach:

Stant ûf durch der reinen martel[591] êre, und hüete dich vor den sünden mêre.

Siu hettent ouch ein gesetzede das siu phaffen under in hettent: aber ir keiner solte meister under in sîn noch an iren heimelîchen rôt gôn.

Wenne siu nu woltent büessen: alsô nantent siu das geischeln; das was zuom tage zwürent[592], früege und spôte; sô zogetent siu zuo velde ûs: sô liute men die glocken, und giengent ie zwêne und zwêne und sungent iren leich alsô vor geseit ist. und wenne siu kôment an die geischelstat, sô zugent siu sich ûs nacket und barfuos untz an die bruoch[593] und dôtent kittele oder wîsse lînen an, und die giengen in von dem nabel untz ûf die füesse, und leitent sich nider {10} an einen wîten creis. und wie ieglîcher gesündet hette, dernôch leit er sich. was er ein meineidiger bœsewicht, sô leit er sich ûf eine sîte und rekete sîne drîe vingere ûf. was er ein êbrecher, sô leit er sich ûf den bûch. sus leitent siu sich in meniger hande wîs nôch maniger hande sünde. dô by erkante men wol was sünde ieglîcher getôn hette. sô siu sich alsus hettent geleit, sô vieng ir meister an wô er wolte und schreit über einen und rüerte in mit sîner geischeln und sprach:

Stant ûf durch der reinen martel êre, und hüete dich vor den sünden mêre.

{20} Sus schreit er über siu alle, und über welchen er schreit, der stuont ûf und schreit dem meister nôch über die vor ime lôgent, untze siu alle ûf gestuondent. und sungent denne und geischeltent sich mit riemen: die hettent vornân knöpphe und nôlden[594] dar in gestecket; und sungent maniger hande leis. die stônt in der crôniken ûf unser frowen hûs geschriben: dar umbe lôsse ich siu hie under wegen durch kürze willen. und wenne siu sich alsus gegeischeltent und gesungent, sô las einer under in einen brief; und siu sprôchent der engel hette in von himel her abe brôcht. und in dem briefe stuont wie das got erzürnet wære über der welte sünde und wolte siu hân {30} under lôssen gôn: dô wurde er gebetten von sîner muoter und von sînen engeln das er sich solte erbarmen über die welte; und vil anders dinges stuond in dem selben briefe geschriben. und wenne der brief gelesen wart, alsô zogetent siu wider in die stat singende ie zwêne und giengent iren vanen und kertzen nôch.

Ouch wenne siu sich geischeltent, sô wart gar grôs zuo loufen, und das volk weinte und hette grôsse andâht: wan das volk wônde[595] und gloupte das der brief von dem himele her abe wære komen, und alles das siu seitent, das es alles wôr wære. und wenne die phaffen sprôchent wô by men erkennen solte das die geischelvart gerecht wær und wer den brief besigelt hette, dô entwurtent siu und sprôchent wer die ewangelien besigelt hette. Sus brôchtent siu die liute das zuo, das men den geischlæren mê gloubete denne den priestern. und wô siu in die stette kôment, dô kam gar vil volkes in ire bruoderschaft, die ouch geischelære wurdent.

{10} Zuo Strôsburg kam mê denne tûsent manne in ire geselleschaft, und siu teiltent sich zuo Strôsburg: eine parte der geischelære gieng das lant abe, die ander parte das lant ûf. und kam sô vil volkes in ire bruoderschaft, das es verdrôs den bôbest und den keiser und die phafheit. und der keiser verschreip dem bôbeste das er etwas hie zuo gedæchte: anders die geischeler verkêrtent alle die welt. wan siu nôment sich grôsser heilekeit an, und sprôchent das grôsse zeichen durch siu geschæhent. und men truog zuo Strôsburg ein dôt kint umbe iren ring dô siu sich geischelten, und woltent es lebendig hân gemachet: aber es geschach niut. dise {20} geischelvart werte lenger denne ein halp jôr, das alle wuche etwie menige schar kam mit geischelern. dô nôch machtent sich ouch frowen ûf und giengent ouch after lande und geischeltent sich. dô nôch fuorent junge knaben und kint ouch after lande in der geischelvart. dô nôch woltent diu von Strôsburg niut mê gegen in stürmen[596], und men wart ir alsô müede, das men diu niut mê zuo hûse luot alsô vor. und men geriet sagen den falsch und die trugende dô mit sin umbe giengent, und das der brief ein lugener was den siu bredigetent. und ze jungest verbôt der bôbest ire vast und gebôt allen bischoven das siu in iren bistuomen soltent die geischeler {30} abe duon und verbieten. und zuo Strôsburg gebôt men ouch das kein geischeler geturste mê das komen; und wer sich geischeln wolte, der solte sich heimelîch in sîme hûse geischeln wie vil er wolte. sus nam die geischelvart in eime halben jôre ein ende: die solte nôch ire sage geweret hân xxxiiij. jôr.

DER ACKERMANN AUS BÖHMEN.

[Scherer D. 268, E. 263.]

Dialog zwischen einem Wittwer und dem Tode. Verfasst von Johannes Ackermann aus Saaz in Böhmen 1399 nach dem Tode seiner Frau Margarethe. Herausgegeben von Knieschek (Prag 1877).

Hie bitt der ackerman fur seiner frauwen sele. Die roten buchstaben, die grossen, nennent den clager. Disz capitel stet eines betes weise und ist das vier und dreisigest capitel.

Immerwachender wachter aller welte, gott aller gotter, wunderhaftiger her aller herren, almechtiger geist aller geiste, fürst aller fürstentum, brun, ausz dem alle gutheit fleusset, kroner und die kron, loner und der lon, kurfürst, in des kurfürstentum alle kure! wol im wart, wer manschaft[597] von dir empfahet. Der engel freud unde wunne, indruck der allerhosten formen, alter greiser jungeling, {10} erhore mich!

O liecht, das nicht emphahet ander liecht, liecht, das vervinstert unde verplendet alle auszwendige liecht, schein, vor dem verswindet aller ander schein, schein, zu des achtung alle lieht sint vinsternusz, zu dem alles schatt erscheinet, liecht, das in der beginnusz gesprochen hat: werde liecht, fewr, das unverloschen ewig prinnet, anefang unde ende, erhore mich!

Heil unde selde uber alles heil unde selde, weg an allen irrsal zu deme ewigen leben, bessers, ane das dann nicht bessers ist, leben, in dem alle ding leben, warheit uber alle warheit, weiszheit, die {20} umb fleusset alle weiszheit, aller sterk gewaltiger, recht und gerecht hantbeschawer[598] und widerbringer, aller bruch gantz vermugender, satung der durftigen, labung der krancken, sigel der allerhochsten majestat, besliesung des himels armonei, einiger erkenner aller menschengedenke, ungleicher bilder aller menschenantlitz, gewaltiger planete aller planeten, gantz wurkender einflusz alles gestirnes, des himelhofes gewaltiger unde wunsamer hofmeister, zwang, von dem alle himelische ordenung ausz irem geewigten angel nimmer treten mag, liehte sonne, erhore mich! Ewige lucern[599], ewiges imerliecht, recht varender marner[600], dein koke[601] unterget nimer, panerfurer, unter des paner niemant siglos wirt, der helle stifter, des erdenkloses pauwer, des meres termer[602], der luft unstetikeit mischer, des fewers hitz kreftiger, aller element tirmer[603], doners, bliczen, nebels, schauwers, snes, regens, regenbogens, miltawes[604], windes und aller irer mitprauchung einiger essemeister[605], alles himelschen heres gewaltiger hertzog, unversagenlicher keiser, allersenftigclichster, allersterkster, allerbarmhertzigister schopfer, erparme dich unde erhore mich! Schatz, von dem alle schetz {10} entsprissen, ursprung, ausz dem alle reine auszflusz fliesen, leiter, nach dem niemant ververt[606] in allen wegen, nothaft, zu dem alle gute ding als zu dem weisel der pin[607] nehen und halten, ursach aller sach, erhore mich!

Aller seuchen widerpringender artzt, meister aller meister, allein vater aller schopfung, allweg unde an allen enden gegenwertiger zuseher, ausz der muter in der erden gruft selbmugender geleiter, bilder aller formen, gruntfest aller guten werke, alte weltwarheit, hasser aller unfletigkeit, loner aller guten ding, allein rechter richter, einig ausz dem anfang aller sachen, ewigclicher nimmerweicher, {20} erhore mich!

Nothelfer in allen engsten, vester knode, den niemant aufgebinden mag, volkomens wesen, das aller volkomenheit mechtig ist, aller heimlichen niemant gewissener sachen warhaftiger erkenner, ewiger freuden spender, irdischer wunnen storer, wirt, ingesinde unde hauszgenoss aller guten leute, jeger, dem alle spur unverborgen sein, aller sinnen ein feiner ingusz, rechter und zusammenhalter aller mittel und zirkelmasz, genediger erhorer aller zu dir rufender, erhore mich!

Nahender beistendiger aller bedurftigen, traurenwender aller in {30} dich hoffender, der hungerigen widerfuller, ausz nichts icht, ausz icht nichts allein vermugender wurker, aller wesen zeitwesen unde immerwesen, gantz mechtiger erquicker, aufhalter unde vernichter des wesens, aller ding aussrichter, visirer, entwerfer und abenemer, gut uber alle gut, wurdigster ewiger herre Jesu, empfahe gutlichen die sele meiner aller liebsten frauwen! Die ewige ruwe gib ir, mit deinen gnadentawe labe sie, unter den schatten deiner flugel behalte sie, nim sie, herre, in die volkomen genuge, do genugt den minsten als den grosten; la sie, herre, von dannen sie komen ist, wonen in deinem reich bei den uberseligen geisten!

Mich rewet Margaretha, mein auszerweltes weip. Gunne ir, genadenreicher herre, in deiner almechtigen unde ewigen gotheit spigel sich ewigclichen besehen, beschawen unde erfrewen, darin sich alle engelischen kor erleuchten!

{10} Alles, das unter des ewigen fanentragers fanen gehoret, es sei welicherlei creature es sei, helfe mir ausz hertzengrunde seligclichen mit innigkeit sprechen: Amen!

NICLAS VON WYLE.

[Scherer D. 268, E. 263.]

Ein Schweizer, geboren zu Bremgarten, Schulmeister zu Zürich; 1445 Rathsschreiber zu Nürnberg, 1449 Stadtschreiber zu Esslingen, 1469 im Dienste des Grafen Eberhard zu Würtemberg, starb 1478 oder 1479. Er hat wie Steinhöwel durch seine Übersetzungen aus dem Lateinischen Bedeutung und übertrug unter andern den Roman des Äneas Silvius ‘Euriolus und Lukretia,’ die lateinischen Bearbeitungen Petrarcas und Leonardo Aretinos von Boccaccios Novellen ‘Griseldis’ und ‘Guiscard und Sigismunde.’ Seine Werke wurden vermuthlich zuerst 1478 zu Esslingen gedruckt und öfter wiederholt unter dem Titel: ‘Translatzion oder tütschungen etlicher bücher Enee Sylvij, Pogij florentini,’ etc. Herausgegeben von von Keller (Stuttgart 1861).

VORREDE.

[Im Original steht jedes Mal an Stelle des Semicolons ein Häkchen mit untergesetztem Punkt.]

Dem edeln hochgelerten vnd strengen herrn Jergen von absperg ritter vnd doctor der rechten minem lieben herren günner fründ vnd gebieter Enbütt[608] jch niclaus von wyle, des hochgebornen herren herrn Vlrichs grauen zů wirtemberg vnd zů Mümpelgarte etc., mines gnedigosten herren minster[609] cantzler vil hails. du haust (fürtreffender[610] vnd wytverrümpter mane) vor langem; als du des {20} yetz genanten mines gnedigosten herren lanthofmaister gewesen bist; min translatze vnd tütschung boecy de consolacione philosophie zů meren maulen gelopt vnd mir gerauten? die gedruckt, vsz zegeen laussen Vnd als jch das dozemaul nit tůn mocht, vrsachen halb, daz das letscht[611] bůche nit gantz zů end gebraucht was; rietest du; daz jch doch dann etlich ander miner translatzen vnd schriften; die jch in vergangen zyten vsz schwerem vnd zierlichem latine nit aune arbeit zů tütsch gebracht hett; wölt laussen trucken vnd vsgeen; vmb daz die menschen, vil klůger dingen dar Inne begriffen; vnd so zewissen gůt sint ouch antailhäftig werden möchten, vnd ir gemüt zů zyten darmit in kurtzwyle ergetzen. wie wol jch nu {10} waisz dero vil sin[612]; die dise min translaciones schelten vnd mich schumpfieren[613] werden vnd sagen; daz die an vil enden wol verstentlicher möchten worden gesetzet sin, dann von mir beschechen syg[614] noch dann[615] dinem raute vnd gůt beduncken nauch (die ich acht sin oraculum appolinis) so wil ich sölich[616] min translaciones yetz laussen vszgeen; bis vf boecium den jch noch etlicher vrsachen halb wil verhalten[617]. vnd gestee[618] disen maistern minen schumpfierern jrer schuldigung nechst gemelt[619] danne war ist, daz jch in der ersten translatze von Euriolo an den anfange in der andern epistel von Enea siluio an marianum sozimum gestellet; dise latinischen wort {20} (Sed inuenies aliquos senes amantes, amatum nullum) Also hab getütschet vnd transferyeret; du findest aber etlich alt liebhabend mane; aber liebgehapten kainen. Welche wort Ich wol verstentlicher hett mugen setzen also. du findest aber etlich alt mane die frouwen liebhabent; Aber kainen alten findst du, der von frouwen werd lieb gehept. jch waisz ouch daz mir so wyt vszlouffe[620] hier Inne erloupt gewesen wer nauch dem vnd[621] oracius flaccus in siner alten poetrye (als du waist) schribet; daz ain getrüwer tolmetsch[622] vnd transferyerer; nit sorgfeltig sin söll; ain yedes wort gegen aim andern wort zeverglychen, sunder syge[623] gnůg; daz zů zyten ain {30} gantzer sine gegen aim andern sine verglychet werd. als ich dann ouch oft vnd vil in disen nauchfolgenden translatzen an andern orten getaun han vnd etwenne[624] genötiget tůn můst; von gebruch wegen[625] tütscher worten gegen den latinischen; dero der grösser folle[626] ist, in dem latine (als wir dann oft mit ainandern von sölichen worten), etas senium senectus. vnd mens animus. felix beatus. vnd der gelychen hunderterlay geredt hant, daran vns gebruchh ist aigenlicher tütscher worten vnd darumbe man die vmbreden[627] můsz. daz Ich aber kom da hin ich wolt, vnd verstanden werd, warumb ich dise translaciones vf das genewest[628] dem latin nauch {10} gesetzet hab; vnd nit geachtet; ob dem schlechten gemainen vnd vnernieten[629] man das vnuerstentlich sin werd oder nit. das ist darumb. Ich waisz du haust gelesen daz leonardus aretinus der gröst vnd beste redner vnd dichter, so zů vnsern zyten gelept haut in ainem tractaut de studys literarum, schribet der hochgebornen vnd wolgelerten fürstin baptiste de malateste, die dann zů diser kunst wolredens vnd dichtens (die wir nennent oratoriam) entzündet waz; daz sy nit durch ützit[630] belder vnd bas zů sölicher begerter kunste komen noch die erfolgen[631] möcht; danne daz sy oft vnd vil lese in geschriften gůter vnd zierlicher gedichten vnd {20} sich darInne emsenklich[632] übte; vnd lesung grober vnd vnzierlicher gedichten vermitte[633] vnd die fluch[634] als ain dinge hieran aller grösten schaden geberende. disen raute haut ouch geben der hochgelert poet Eneas siluius dem durlüchtigen fürsten vnd herren hertzog Sigmunden von österrych zů zyten siner Jünglikait[635] in ainer epistel die in diesen minen nauchfolgenden translacionen ouch funden wirt. Vnd sagent dise bed. daz durch sölich emsig lesung gůter vnd zierlicher gedichten; dem lesenden menschen, haimlich und verborgenlich nauch vnd nach wachse, ain naigung geschicklichkait vnd arte; daz der selb mensch ouch vf sölich {10} form werd vnd müsz arten[636] zereden zeschriben vnd zedichten. füro hort ich[637] ains mauls als ich zů nüremberg rautschryber was; von dem hochgelerten wyt verrümpten redner hern gregorien haimburg beder rechten doctor; den du allain; an kunst wyshait vnd gesprechnüsz[638] yetz tůst verglychen von vns ersetzen (got syg jm barmhertzig) daz er sagt; daz ain yetklich tütsch[639], daz usz gůtem zierlichen vnd wol gesatzten latine gezogen vnd recht vnd wol getranferyeret wer; ouch gůt zierlich tütsche vnd lobes wirdig, haissen vnd sin müste, vnd nit wol verbessert werden möcht. dem allem nauch; do mir vor zyten vil wol geschickter Jüngling, erberer vnd fromer lüten kinder ouch etlich baccalary von manchen enden her zů tische in min cost wurden verdinget; die in obgemelter[640] kunste schribens vnd dichtens ze Instituwieren zeleren vnd zevnderwysen; {10} fielent mir zů; diser dryer höchstgelerter mannen rät vnd lere; die mich bewagten[641]; daz jch ye versůchen wollt; etlich costlich zierlich vnd verrümpte latinisch gedichte von den gelertesten mannen vnser zyten in diser kunste; gemachet in tütsch zebringen vnd aller maiste die; so disen minen jungern lustig vnd kurtzwylig wurden zelesen; vmb des willen daz vsz dero emsiger lesung in Inen die art wůchs dar von obgemelt ist. als bald jch aber aine oder zwo translaciones volbraucht; vnd die an den tag kament; ward ich von etlichen fürsten fürstin herren vnd frouwen gebetten wyter etliche andere ding zetranferyeren; welich bitte mir {20} wauren ain gebotte vmb nichte zeuerachten. Diser beder vrsachen halb; minen jungern zů gůt; vnd das ich disen herren vnd frouwen jrs willens ouch lebte, vnd also (wie daz sprüchwort ist) mit ainem ainigen zů gelte[642], zwo töchtern hin geben vnd usstüren möcht; hab ich sölicher translacionen etwa vil gemachet; dero ich dann als vil her nauch folgent yetz lausz vsgeen dinem raute nauch obgemelt; Nu hab ich vor etlichen Jaren die colores rethoricales ains tails getransferyeret vnd Jn ain verstentlich tütsche gebraucht; vnd wird yetz von vilen gebetten; darjnne ze volfaren[643] die vsz zemachen[644] vnd gedruckt hin nauch[645] zegeen lavssen; so sint ander gelert die {30} mir daz wider rautent; sagende; daz yemer schad were; daz mancher vngelerter grober laye; dise loblichen kunst von marco tulio cicerone vnd andern so kostlich gesetzt, erfolgen vnd vnderricht werden sölt aune arbeit; die doch vil der gelerten nit anders danne mit arbait vnd groussem flysse haben erfolget vnd zů dero verstentnisz vnd bruhe[646] komen sint; deshalb lieber herre vnd gebieter Ich hierInn hitthabe[647] vnd nit waisz was mir zetůn gebürret[648], danne daz Ich das diner hohen vernunft haim setz[649] vnd gib; Und was du ainiger hierInne rautest vnd vrtailest; dem wil ich leben vnd folg tůn vnd niemant anderm. wo du ouch daz rietest so wurd jch die exempel aller farwen vnd colorn ains tails wysen vnd laiten vf dise nachfolgenden translaciones. In welcher vnd an welchem blatte man die finden wurd. deshalb aber not gewesen ist; mich in disen translatzen by dem latin (so nechst ich {10} mocht) beliben sin, vmb daz nützit[650] der latinischen subtilitet durch grobe tütschung wurd gelöschett[651], vnd wil hiermit mich gegen disen groussen maistern minen schumpfierern gnůgsam verantwort han. dwyle[652] ich aber diner wyshait allain haim geben hab zeurtailen ob ich die colores rethoricales söll laussen ersitzen[653] oder zů ende bringen; so kum ich widerumb vf den vorgenanten doctorem gregorium hainburg; der zů minen zyten zů nürenberg von aim erbern raut daselbs minen lieben herren besöldet was; vnd uf ain maul zů mir redt; daz er in der latinischen rethorick wenig ützit fund zů zierung vnd hofflichkait loblichs gedichtes dienende; daz {20} nit in dem tütsche ouch statt haben vnd zů zierung sölicher tütscher gedichten als wol gebrucht werden möcht als in dem latine etc. daz ich nauch emsiger erfarung diser dingen sidher getaun; yetz gantz geloub vnd dir des ain mustre schick nit wyter danne an den gemainen figuren die wir nennen gramaticales dann warumb solt ich nit wol vnd recht reden oder schriben? die stat costentz das hochzyt ostern der manot[654] maye? daz jm latin haissent apposiciones vnd warumbe nit wol? jch armer schryb so du rycher růwest[655]? daz jm latine sint euocaciones. warumb nit recht? Ich vnd du louffen du vnd der schribent die da haissen concepciones {30} numeri vnd personarum. so ferre man zwüschen disen worten schriben vnd schribent louffen vnd louffent vnderschaid haben wölt in personis als etlich tůnt. Item warumb nit? Ich niclas von wyle vnd Ich Cristina sin elich huszfrouwe Bed burger zů Nüremberg etc. für burger vnd burgerin. Und Jerg rat vnd dorothea von wyle sint liebhaber gotes etc. für liebhaber vnd liebhaberin daz da sin concepciones generis. warumb nit wol vnd zierlich? Ich schryb wie du. du redest wie Ich oder der. die zů latin genennet werden zeumates oder zeume Vnd warumb nit zierlich vnd recht? dise louffent. der bald vnd der gemachh. vnd dise schribent. der wol; vnd der v̈bel. die da haissent prolempses. Item warumb solt nit wol vnd recht geredt oder geschriben sin. bescheche aber daz wir bede oder vnser ains todes abgienge etc. oder bescheche daz vnser ains oder wir bede todes abgiengent. oder bescheche, {10} daz vnser ains todes abgieng oder wir bede etc. vsz der satzung prisciani de verbi propinquioris conformacione also vnd dem gelych mugen die colores rethoricales vnd die transumciones gar nauch alle in tütschen gedichten wie in dem latine gebrucht werden; als du selbs daz bas waist danne jch dir dar von schriben könn oder mug. aber ir groussen patrone tůnt üch nützit annemen noch beladen; so klainer dingen sunder[656] allain grösser; also daz not wer (wie tulius schreibt) daz ainer zeuor ainen menschen ertötet hett der sich üwer hilf wölt gebruchen. Aber anders waisz ich sin an dir, gegenm mir; des hertze du in trüwen erkennest, vnd der du {20} waist daz nützit ain waurer fründe sinem fründe getůn mag gůtes; daz er jm nit schuldig syg; vnd darumb, so wil ich des warten diner vrteil; darInne du dich nit abfüren[657] lassen wöllest dises min langes schriben, dar usz du mich[658] nach diner wyshait merckest (waisz ich) vf wedern taile ich genaigter wer[659]. aber ich wil noch danne lieber wenig geltes[660] mangeln; danne tůn; daz von dir vnd andern hochgelerten sölt werden gescholten. jch wirt ouch noch dann nützit dester minder min translatze boecy de consolacione gedruckt laussen usgeen. wie wol mir darzů schaden komen wirt; daz nechst by vier Jauren ain andere translatze desselben boecij {30} ouch gedruckt usgangen vnd Jn werdem kouffe[661] vertriben worden ist; Vnd haben diser köffern[662] vil gewändt sölich translatze syge min gewesen; nauch dem vnd vor gesagt worden was, Das die In miner schmitten[663] leg vnd bald vsgeen sölte; das Ist aber mir dargegen zů troste; daz sölicher köffern wenig sint, die da sagent daz sy dise translatze mercken oder versten mugen etc. Ich heb aber dich edeln hochgelerten vnd wytverrümpten ritter zelang vf[664], mit disem minem langen schriben; Vnd ja wol zelangem; dan so oft Ich die federn in min hande nim; dir ützit zeschriben; so waisz Ich kain rechte form me schribens noch rechte mausz vf hörrens; Als jch doch yetz hie (gebruchh halb der zyt) stumpf[665] vf hören můsz vnd wil; Mit flysz bittende, daz du mir sölich vorgemelte vrtail vnd din gůt beduncken hierInne; fürderlich[666] vnd so {10} Erst gesin mug schicken wöllest, vnd mich gegen minen schunpfierern wo du die hören wurdest; usz obgemelten vrsachen getrülich verantworten; so ferre dich beduncken werd; das du sölichs vsz waurhait billich vnd wol tůn mugest; wil Ich das v̈brig so Ich noch wyter dir geschriben haben wolt; In der fädern stecken laussen; der hoffung, daz gelück schier fügen werd; daz wir persönlich zesamen komen vnd sölichs vnd anders muntlich vsz gerichtem. mugen Geben zů stutgarten vf dem fünften tage des aberellen[667] Anno domini. M.CCCC.LXXVIIJ.

ERASMUS.

[Scherer D. 272, E. 267.]

Geboren 1466 zu Rotterdam, gestorben 1536 zu Basel. Einer der berühmtesten Humanisten des sechzehnten Jahrhunderts. Sein ‘Lob der Narrheit,’ woraus eine Probe folgt, schloss sich an Brands Narrenschiff an und ist eine Satire auf die kirchlichen und wissenschaftlichen Zustände seiner Zeit.

DE PHILOSOPHIS.

{20} Sub hos prodeunt philosophi, barba pallioque verendi, qui se solos sapere prædicant, reliquos omnes mortales umbras volitare. Quam vero suaviter delirant, cum innumerabiles ædificant mundos, dum Solem, dum Lunam, stellas, orbes tanquam pollice filove metiuntur, dum fulminum, ventorum, eclipsium ac cæterarum inexplicabilium rerum causas reddunt, nihil usquam hæsitantes, perinde quasi naturæ rerum architectrici fuerint a secretis, quasive e deorum consilio nobis advenerint, quos interim Natura cum suis conjecturis magnifice ridet. Nam nihil apud illos esse comperti, vel illud satis magnum est argumentum, quod singulis de rebus inexplicabilis inter ipsos est digladiatio. Ii cum nihil omnino sciant, tamen {10} omnia se scire profitentur, cumque se ipsos ignorent, neque fossam aliquoties aut saxum obvium videant, vel quia lippiunt plerique, vel quia peregrinantur animi, tamen ideas, universalia, formas separatas, primas materias, quidditates, ecceitates videre se prædicant, res adeo tenues, ut neque Lynceus, opinor, possit perspicere. Tum vero præcipue prophanum vulgus aspernantur, quoties triquetris et tetragonis, circulis atque hujusmodi picturis mathematicis, aliis super alias inductis, et in labyrinthi speciem confusis, præterea literis velut in acie dispositis, ac subinde alio atque alio repetitis ordine, tenebras offundunt imperitioribus.

* * * * *

LOB DER THORHEIT, VERTEUTSCHT DURCH SEBASTIANUM FRANCKEN VON WÖRD.

Philosophi die weisen Narren.

Nach disen tretten herfür die Philosophi, das ist, die liebhaber der Weyssheit, mit Barth vnd Mantel eerwirdig vnd zů förchten. Welche fürgeben sie seien allein weyss, Die andern Menschen allzůmal wie einen fliegenden schatten vnd flüchtigen geist haltende. Wie sůss aber dollisieren[668] vnd narren sie, so sie vnzalbare welt bawen, so sie die Sonnen, den Mon, Stern, Welt etc. gleich als mit einem finger vnd faden abmessen. So sie der wind, blitz, finsternus, vnd anderer vnerforschlichen ding vrsach vnd grund {20} angeben, wo sie herkommen. Haben niendert kein Zweiffel, gleich als seien sie dem Bawmeister vnd erschaffer der natur der ding beisitzer vnd Secretari gewesen. Ja gleich als seien sie vns auss dem heymlichen Rath der Götter herkommen. Welche die weil die natur mit jrer kunst vnnd gegenwürffen gar dapffer verspott. Dann das dise nichts gewiss haben, ist das gnůgsam ein gross anzeygen, das von allen vnd jeden sachen ein vnaufflösslicher kampff vnd Disputatz vnder jnen selbs ist. Nun wiewol sie gar nichts wissen, wöllen sie doch alle ding wissen, so sie sich selbs nit wissen, noch gnůg erkennen. Auch zů zeiten ein grůb oder vorragenden {30} eckstein nit sehen, darumb das sie entweder schier all trieffende augen haben, oder das jn gemüt vnd sinn so spacieren geen. Doch geben sie für, wie sie sehen aller ding wesen, art, natur, seel, innwendig form, vrsprung, vnd ersts herkommen, auss was materi alle vnnd jedes ding gemacht sei, wie gross, weit, vnd dick, welcher gestalt vnd art auch die verborgen geist vnd schatten seien, wie vil würblen vnd füncklen die Sonnen von sich geb, wie gross der Mon, wie vil sands am Mör, stern im himmel, wie gross ein jeder, etc. so subtil ding, das auch Lynceus, acht ich, nit möcht durchsehen. Dann aber verachten sie fürnemlich den gemeinen Böfel, so offt sie mit jrem runden Triangel, vierecktem circkel, vnd mit der gleich Mathematischen instrument vnd Circkel einen riss über den andern ziehen, vnd so vil riss in einander werffen vnd mischen, das niemandt weyss, wo er drauss soll kommen, vnd gleich ein irrhauss, wie Labyrinthus ist gewesen, drauss machen. Darnach verordenen sie etlich bůchstaben in die spitz der riss, vnd weil sie immerdar einen fund vnd subtilitet über die andern finden, machen sie die sach den vngelerten fast schwer vnd finster, Ja ziehen jn gleichsam ein nebel vnnd fell für die ohrn, augen vnd verstandt.

EPISTOLÆ OBSCURORUM VIRORUM.

[Scherer D. 273, E. 269.]

Der erste Theil erschien 1515 und hatte Crotus Rubianus zum hauptsächlichen Verfasser; der zweite Theil, an dem Ulrich von Hutten stärker betheiligt war, erschien 1517. Die Briefe wurden veranlasst durch einen Streit Reuchlins mit den Kölner Theologen und sind eine in Küchenlatein geschriebene Satire auf den Scholasticismus und die Geistlichkeit der Zeit. Herausgegeben in Böckings ‘Hutteni opera’ (Supplement, Leipzig 1864-1869, 2 Bde.).

Lyra Buntschuchmacherius 20 ordinis prędicatorum theologus Guillermo Hackineto qui est theologorum theologissimus Salutem dicit.

Vos scripsistis mihi ex Anglia de Londino unam longam litteram pulchre latinisatam, in qua petivistis quod deberem vobis scribere unam novitatem sive bonam, sive malam, quia estis naturaliter inclinatus ad audiendum nova: sicut faciunt omnes qui sunt de complexione sanguinea, et audiunt libenter cantilenas musicales, ac in mensa sunt lętę mentis. Ego fui valde lętatus, quando accepi vestram litteram, sicut qui invenit unam preciosam margaritam, et ostendi eam dominis meis Ioanni Grocino et Linacro dicens: ‘Videte, domini mei, videte, nonne iste magister noster est formalis in latinisando et componendo dictamina, et arte epistolandi?’ Et iuraverunt quod non possunt similes epistolas componere in arte latinitatis, quamvis sunt poetę, gręci et latini. Et extulerunt vos {10} super omnes qui sunt in Anglia, Francia, Germania, et omni natione quę sub cęlo est. Ideo non esset mirum quod vos estis generalis in vestro ordine, et quod rex in Gallia diligit vos: non enim habetis similem in latinisando, disputando, et prędicando, ac scitis regem cum regina optime informare in confessione. Etiam isti duo poetę laudaverunt vos quod habetis artem rhetoricalem: verum fuit ibi unus iuvenis socius, qui intitulavit se Richardum Crocum: ille pręsumpsit contra vos, quod non scribatis secundum regulas artis rhetoricalis; verum fuit valde confusus quando debuit probare. Ipse nunc stat in Lypsi et discit logicam Petri Hispani: {20} credo quod postea erit cautior. Sed accedo ad novitates. Schwitzenses et Lanssknechti fecerunt unam magnam guerram inter se, interficientes se ad multa milia: est timendum quod nullus illorum venit in cęlum, quia faciunt propter pecuniam, et unus christianus non debet interficere alium. Sed vos ista non curatis, sunt enim leves personę et sequuntur rixas ex proposito. Alia novitas est peior, deus det quod non sit vera: scribunt de Roma, quod speculum Ioannis Reuchlin est de novo translatus de materna lingua in latinum ex mandato domini papę, et quod plus quam in ducentis locis aliter sonat in latinitate quam transtulerunt magistri nostri et {30} dominus Ioannes Pfefferkorn in Colonia; ac dicunt pro certo quod Romę publice legitur et inprimitur cum Iudęorum Talmut. Ex hoc inferunt quod magistri nostri sunt falsarii et infames, quia male transtulerunt; etiam quod sunt asini, non intelligentes latinum, vel teutonicum; ac sicut combusserunt istum librum apud sanctum Andream in Colonia, sic etiam debent comburere sententiam suam, et sentimentum Parisiense, vel ipsi met debent esse hęretici. Ego possem sanguinem flere, adeo doleo: quis vult amplius in theologia studere, et magistris nostris exhibere condebitam reverentiam qui talia audit? Omnes credent quod doctor Reuchlin est profundior quam magistri nostri; quod est impossibile. Cum hoc etiam scribunt quod post tres menses debet venire finalis sententia contra magistros nostros, necnon quod papa mandabit sub pena latissimę censurę, quod fratres ordinis prędicatorum debent propter suam protervitatem portare unum album brillum sive perspicillum in sua nigra cappa in dorso ad perpetuam memoriam et scandalum, quod fecerunt iniuriam speculo oculari domini Ioannis Reuchlin, sicut {10} iam etiam dicuntur pati unum scandalum in celebratione missali propter intoxicationem alicuius imperatoris. Ego non spero quod papa erit tam stultus quod faciet: Si faciet, volumus per universum nostrum ordinem contra ipsum legere psalmum: ‘Deus, laudem.’ Ceterum patres et magistri nostri nunc cogitant quomodo possunt obviare isto malo. Ipsi volunt a sede apostolica impetrare latissimas indulgentias, et maximam pecuniam colligere in Germania et Gallia, per quam possunt resistere illi fautori Iudęorum donec moriatur: quia est senex. Et tunc volunt eum omnino damnare. Valete, et date consilium vestrum secundum vestrum {20} posse, et promovete bonum ordinis.

Fußnoten:

[237] was den Herren betrifft, heilig.

[238] verschone uns.

[239] Gastmal, Fest.

[240] Thaten.

[241] unermüdlich.

[242] abschlägig beschieden.

[243] oder.

[244] sondern nur Armuth.

[245] weder du, noch.

[246] erretten.

[247] Marter.

[248] Geschöpf.

[249] Welt.

[250] nicht thaten.

[251] zur Hand.

[252] sich nicht um sie bekümmerten.

[253] seiner Brut.

[254] dir wird Hilfe.

[255] noch.

[256] Ferne.

[257] Plaudertasche.

[258] schwatzen.

[259] geschieht ihm etwas zu Leide.

[260] vorschwatzen.

[261] Arznei.

[262] Nutzen.

[263] Spange.

[264] Deichselseil.

[265] gläsern.

[266] irgend.

[267] brauen, verursachen.

[268] falsche Münzen schlagen.

[269] Staupe, Prügel.

[270] gehabt, gebracht.

[271] betrügen.

[272] zählen.

[273] Merkzeichen.

[274] Pilz.

[275] weicher Käse.

[276] dünner Kuchen.

[277] verdienen.

[278] Gänseei.

[279] sorgfältig.

[280] gelegt, begraben.

[281] was sollen wir thun, to behave.

[282] tief.

[283] Erdichtete Namen.

[284] so wahr mir --.

[285] byzantinische Goldmünze.

[286] schimpfen, streiten.

[287] abverdienen, abnehmen.

[288] nächten, gestern Abend.

[289] endlich, eilig.

[290] Kaufbude.

[291] wagt ihr.

[292] sieh.

[293] flachsen.

[294] Plagegeist.

[295] Grossthun.

[296] Dom.

[297] Matzen, ungesäuerte Kuchen.

[298] ein Dorf bei Breslau.

[299] Schlag.

[300] Klotz.

[301] Sieb.

[302] taub.

[303] Rücken.

[304] eine Art Geschwür.

[305] Hals.

[306] Ursache.

[307] wenn ihr es wollt.

[308] aber.

[309] segnen.

[310] nun auch.

[311] gross machen.

[312] leer.

[313] ein altes Kirchenlied lautet:

“Christ ist erstanden Von des Todes Banden: Des sollen wir alle froh sein; Christ will unser Trost sein.”

Der Anfang dieses Liedes ist von Goethe in der ersten Scene des Faust benutzt.

[314] also.

[315] geistliche Dinge.

[316] vornehmer Herr.

[317] Präbende.

[318] Weizen.

[319] müht, schmerzt.

[320] irgend einer.

[321] Stift.

[322] Gabe.

[323] Laub.

[324] Lauf.

[325] Beschaffenheit.

[326] Mitgenossen.

[327] Sünderleute.

[328] euer.

[329] plagt ihr.

[330] als ob.

[331] verdienen.

[332] denn.

[333] erschreckt.

[334] Pflugsterz.

[335] beinahe.

[336] ohne Weiteres.

[337] sage an.

[338] Taufe.

[339] Pfand.

[340] geschehen.

[341] sehen.

[342] sagen.

[343] zum Vorwurf machen.

[344] Siegel.

[345] vorlüget.

[346] schriftliche Versicherung, Urkunde.

[347] Dintenfass.

[348] Pergament.

[349] meiner.

[350] Höllenpein.

[351] bethören.

[352] wird.

[353] über sich nehmen.

[354] lernen.

[355] meinen.

[356] Betrug.

[357] für mhd. goumen, göumen, trachten nach etwas.

[358] wieder beleben, to quicken.

[359] Zauber.

[360] Messe.

[361] Träume.

[362] Antwort.

[363] prüfen, zeigen.

[364] antreiben.

[365] aufgelegt.

[366] ausgeführt.

[367] verkünden.

[368] beginnen.

[369] Gesundheit.

[370] Gespenst.

[371] fern.

[372] Zauberei.

[373] Zeichen.

[374] der Alp, nightmare.

[375] Mörder.

[376] gezeigt.

[377] beschwören.

[378] gebraut.

[379] nichts.

[380] Kobold.

[381] die Nacht der Göttin Berchte, Epiphany, der 6. Januar.

[382] zurichten.

[383] Kobold.

[384] Donnerwetter.

[385] Borsten.

[386] Geselle.

[387] wollen.

[388] kehren.

[389] Chrisma.

[390] Weihwasser.

[391] Gewitter.

[392] Zauberei.

[393] ergraben, ergründen.

[394] Zauberei.

[395] meinen Imbiss nehme.

[396] Pfähle.

[397] passen, warten.

[398] Buhle, Geliebte.

[399] neulich.

[400] rollen.

[401] Vorladung.

[402] Reigen, Tanz.

[403] in die Hände fassen.

[404] seit, since.

[405] wendet.

[406] nachtrachten.

[407] nirgends.

[408] Sünde.

[409] ergründet.

[410] Glück.

[411] Betrug, Zweifel.

[412] fern.

[413] weinen.

[414] Freund.

[415] hölzern.

[416] last night.

[417] to night.

[418] alles.

[419] Viol, Veilchen.

[420] waren.

[421] lieb.

[422] breit.

[423] Kerzen.

[424] ausdämpfen, verlöschen machen.

[425] blieb.

[426] sassen, fielen.

[427] Kante, Rand.

[428] rauschende.

[429] unschuldig.

[430] nur.

[431] zahmen.

[432] sollst.

[433] schiesst.

[434] Vögel.

[435] auf das Haupt.

[436] Netze.

[437] Senkblei.

[438] euer.

[439] zog.

[440] gleichgültig.

[441] entbehrt.

[442] Vortheil davon gehabt.

[443] Kuckuck.

[444] Geliebte.

[445] Erziehung.

[446] sittsam.

[447] insonderheit.

[448] lasse.

[449] bedürften.

[450] seien.

[451] strafe, tadle.

[452] behende.

[453] Töpfe.

[454] Geruch.

[455] verlieren.

[456] lässt.

[457] unternimmt.

[458] knackt.

[459] geziemende.

[460] lernt.

[461] die Beispiele aus Plutarchs Kinderzucht.

[462] Geiz.

[463] nur.

[464] ihnen.

[465] noch einmal so närrisch.

[466] deshalb.

[467] sammelt.

[468] sollen.

[469] eilig.

[470] verzehrt sich (vor Kummer).

[471] Scheuche (?)

[472] begeben sich in die Rotte der Buben.

[473] hängen sich Schleppsäcke (liederliche Personen) an.

[474] her.

[475] unbeständig.

[476] das jeder Zeit abnimmt.

[477] nichts.

[478] unsterblich.

[479] bleibend.

[480] fragt.

[481] etwas.

[482] nichts werth sei.

[483] Wissenschaft, artes liberales.

[484] die Schellen der Narrenkappe.

[485] das Seil, an dem ein Narr die andern führt.

[486] feiern, übergehen.

[487] sie haben die Kappe, i.e. die Narrenkappe, voraus zu ihrer Aussteuer; sind Narren von Haus aus.

[488] anziehen.

[489] Zipfel der Narrenkappe.

[490] nachfolgen.

[491] sich vergnügen.

[492] Dubia indissolubilia aus der damaligen Scholastik.

[493] Sortes, einer der Hauptpersonen in den scholastischen Scheinschlüssen. Posito quod Sortes semper currat donec reperiat aliquem dicentem sibi falsum; et Plato obviet primus Sorti et dicat: Sortes, non curres. Quaeritur an Plato dixerit verum an falsum.

[494] das Treiben.

[495] Floh.

[496] peinigen.

[497] Druckerei, Anstellung bei einer Druckerei.

[498] wüster Gesell.

[499] Schelle an der Narrenkappe, Zeichen eines Narren.

[500] stören.

[501] mit Falken jagen.

[502] niederknien.

[503] ordinirt.

[504] Jagdvogel.

[505] adelig.

[506] passend, becoming.

[507] Pächter.

[508] anschauen, to look.

[509] zusammenkrümmen.

[510] hören.

[511] Landmann.

[512] Gerichtsbote.

[513] Sieb, sieve.

[514] Mahlbeutel.

[515] Tuch zum Seihen.

[516] Wust.

[517] Fischnetz.

[518] Strassenraub des Adels.

[519] mishandeln.

[520] Gaul.

[521] fürchterlich.

[522] sobald.

[523] hölzern.

[524] theuer, werth.

[525] muthig.

[526] ehrenvoll.

[527] Teurdannckh, der auf Abenteuer denkt.

[528] männlich.

[529] mit nichten.

[530] dieser Tage.

[531] sagen.

[532] lehrte.

[533] alles.

[534] geschehen.

[535] widergewinnen.

[536] erquicken.

[537] befolgen.

[538] Bauer.

[539] Furth, ford.

[540] Scherzwort.

[541] vergönnen.

[542] Erzähler.

[543] Gestalt.

[544] sehr gut.

[545] nähen.

[546] unverzüglich.

[547] eifrig.

[548] zu Haus.

[549] fleissig.

[550] plötzlich.

[551] Faust, Hand.

[552] stampfen.

[553] desto besser.

[554] verletzen.

[555] begann er.

[556] Bühne, Arbeitsitz.

[557] schwach.

[558] sehr.

[559] erst einmal.

[560] once upon a time.

[561] Kürschner.

[562] voll guter Anschläge.

[563] court.

[564] einlud.

[565] Ankunft.

[566] der geringste.

[567] ich sehe euch für so redlich an.

[568] ungestört.

[569] allein.

[570] in Angriff nehmen.

[571] nähen.

[572] dass dich das Fieber schüttele!

[573] gewusst.

[574] Sonnenwende.

[575] Geissler, Flagellant.

[576] Goldgewebe, i. e. baldaco, Stoff aus Bagdad.

[577] auf, gegen.

[578] Leich, Gesang, lay.

[579] Betfahrt.

[580] hehr, heilig.

[581] trägt, führt.

[582] wohlgefallen.

[583] knien.

[584] erfrischen.

[585] dreimal.

[586] Mittagessen.

[587] bewirtheten sie gut.

[588] gebühren, zukommen.

[589] verlangen.

[590] einladen.

[591] Martyrium.

[592] zweimal.

[593] Hosen, breeches.

[594] Nadel.

[595] wähnen, to wean.

[596] Glocken läuten.

[597] Lehnspflicht.

[598] Schützer mit der Hand.

[599] Leuchte.

[600] Seemann.

[601] Schiff.

[602] Begränzer.

[603] Schöffer.

[604] Melthau.

[605] Metallarbeiter, Verfertiger.

[606] irre fährt.

[607] Bienenkönigin.

[608] entbiete.

[609] mindester, geringster.

[610] vortrefflich.

[611] letzte.

[612] dass deren viele sind. Niklas v. W. verwendet die Construction des Accusativs mit Infinitiv wie andere lateinische Constructionen häufig.

[613] herunterreissen, schmähen.

[614] geschehen sei.

[615] dennoch.

[616] solche.

[617] zurückhalten.

[618] bin geständig.

[619] ihrer eben erwähnten Beschuldigung.

[620] Abweichung.

[621] wie.

[622] Dolmetscher.

[623] es sei.

[624] manchmal.

[625] in Ermangelung.

[626] Fülle.

[627] umschreiben.

[628] aufs genauste.

[629] unkundig, ungebildet.

[630] irgend etwas.

[631] erlangen.

[632] emsig.

[633] vermiede.

[634] flöhe.

[635] Jugend.

[636] gelangen.

[637] ferner hörte ich.

[638] Beredheit, eloquentia.

[639] jedes Deutsch.

[640] oben erwähnt.

[641] bewogen.

[642] Mitgift.

[643] fortfahren.

[644] vollenden.

[645] nachher.

[646] Anwendung, usus.

[647] vermuthlich ein verderbtes Wort.

[648] gebührt.

[649] anheimstelle.

[650] nichts.

[651] verloren gehe, exstinguatur.

[652] weil.

[653] liegen lassen, aufgeben.

[654] Monat.

[655] ruhest.

[656] sondern.

[657] beirren lassen durch.

[658] lateinische Construction (vorausgenommenes Subject des abhängigen Satzes).

[659] in welcher Hinsicht ich mich am geneigtesten mache.

[660] Geltung.

[661] im Handel.

[662] Käufer.

[663] Schmiede.

[664] halte auf.

[665] mittendrin, plötzlich.

[666] unverzüglich.

[667] April.

[668] tollen, toll sein.

REFORMATION UND RENAISSANCE.

MARTIN LUTHER.

[Scherer D. 276, E. 272.]

Geboren zu Eisleben 10. Nov. 1483 als der Sohn eines Bergmanns. 1501 auf der Universität zu Erfurt, wo er 1502 promovierte und 1505 ins Augustinerkloster trat. 1508 nach der Universität Wittenberg berufen; 1510 nach Rom gesandt; 1512 Doctor der Theologie; 1517 seine Thesen gegen Tetzel; 1520 vom Pabst in den Bann gethan; 1521 auf dem Reichstag zu Worms, dann versteckt auf der Wartburg; 1522 nach Wittenberg zurück, wo er seine deutsche Übersetzung des Neuen Testaments herausgiebt; 1523 die Bücher Moses; 1524 die Psalmen; 1529 den deutschen Katechismus. Vollständige Bibelübersetzung 1534. Luther starb am 18. Februar 1546. Die beste Gesammtausgabe Erlangen 1826-57, 67 Bde. Eine kritische Gesammtausgabe ist im Erscheinen begriffen; bisjetzt kamen Bde. I-III (Weimar 1883-85) heraus. Kritische Ausgabe der Bibelübersetzung von Bindseil und Niemeyer, 7 Thle (Halle 1850-55); Facsimile der sogenannten Septemberbibel, d. i. des Neuen Testaments vom September 1522 (Berlin 1883). Briefe herausgegeben von de Wette Bd. 1-5 Berlin (1825-28), Bd. 6 von Seidemann (Berlin 1856); ferner von Seidemann, Dresden 1859; Burkhardt (Leipzig 1866); Kolde ‘Analecta Lutherana’ (Gotha 1883).

1.

AUS DEM NEUEN TESTAMENT VON 1522. (1 COR. 13).

Wenn ich mit menschen vnd mit engel zungen redet, vnd hette die liebe nicht, so were ich eyn dohnend ertz, odder eyn klingende schelle, Vnd wenn ich weyssagen kundt, vnd wuste alle geheymnis, vnd alle erkentnis, vnd hette allen glawben, also, das ich berge versetzete, vnd hette der liebe nicht, so were ich nichts. Vnd wenn ich alle meyn habe den armen gebe, vnd liesz meynen leyb brennen, vnd hette der liebe nicht, so were myrs nichts nutze.

Die liebe ist langmutig vnd freuntlich, die liebe eyffert nicht, die liebe schalcket nicht, sie blehet sich nicht, sie stellet sich nicht honisch, sie sucht nicht das yhre, sie lest sich nicht erbittern, sie gedenckt nicht arges, sie frewet sich nicht vber der vngerechtickeyt, sie frewet sich aber mit der warheyt, sie vertreget alles, sie glewbet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles, die liebe verfellet nymer mehr, {10}szo doch die weyssagung auffhoren werden, vnd die zungen auffhoren werden, vnd das erkentnis auffhoren wirt.

Denn vnser wissen ist stuckwerck, vnnd vnser weyssagen ist stuckwerck, Wenn aber komen wirt, das volkomene, so wirt das stuckwerck auffhoren. Da ich eyn kind war, da redet ich wie eyn kind, vnd richtet wie eyn kind, vnd hette kindische anschlege, Da ich aber eyn man wart, that ich abe was kindisch war. Wyr sehen ytzt durch eyn spiegel ynn eynem tunckeln wort, denne aber von angesicht zu angesicht. Itzt erkenne ichs stucksweysz, denne aber werd ichs erkennen, gleych wie ich erkennet byn. Nu aber bleybt, glawbe, hoffnung, liebe, dise drey, aber die liebe ist die grossist vnter yhn.

* * * * *

VORLUTHERSCHE ÜBERSETZUNG (NACH DER FÜNFTEN DEUTSCHEN BIBEL, AUGSBURG, ETWA 1473-75, BEI GÜNTHER ZAINER).

Ob ich red in der czungen der aengel und der menschen, aber ich {10} hab der lieb nit, ich bin gemachet als eyn glockspeis lautent oder als ein schell klingent. Und ob ich hab die weyssagung unnd erkennen alle heymlikait unnd alle kunst, unnd ob ich hab allen den gelauben, also das ich uebertrag die baerg, hab ich aber der liebe nit, {20} ich bin nichts. Und ob ich ausztayl alles mein guot in die speys der armen, und ob ich antwurt meinen leyb, also das ich brinne, hab ich aber der liebe nit, es ist mir nichts nutz.

Die lieb ist duldig, sy ist guetig. Die lieb die neyt nit, sy thuodt nit unrecht, sy zerpläet sich nit, sy ist nitt geitzig auf eer, sy suocht nit die ding, die ir seynd, sy wirt nit geraytzet. Sy gedenckt nit das uebel, sy freut sich nit ueber die boszheyt, aber sy mit frouwet sich der warheyt, alle ding uebertregt sy, alle ding gelaubt sy, alle ding hoffet sy, alle dyng duldet sy. Die lieb gevil nye. Es sey das die weyssagungen werden geraumet, oder das die zungen aufhoerent, {30} oder das die wissenheyt werde verwuest.

Wann wir erkennen unvolkumenlich, und weissagen unvolkumenlich. So aber kumpt, das do volkumen ist, so wirt auszgeraumet, das do unvolkumen ist. Do ich klein was, ich redt als ein kleiner, so ich aber bin ein man worden, do han ich auszgeraumet die ding, die do warn des kleinen. Wann nun sehen wir durch den spiegel in bedeckung, aber denn von antlitz zu antlutz. Nu erkenn ich unvolkumenlich, aber denn wird ich erkennen, als auch ich bin erkant. Aber nu beleibent dise drey ding, der gelaub, die hoffnung, die liebe, aber die groesser ausz den ist die liebe.

2.

AUS DEM BRIEFE ‘VOM DOLMETSCHEN’ (8 Sept. 1530).

Gnad und Friede in Christo! Erbar, fursichtiger lieber herr vnd Freund! Ich hab ewer Schrifft empfangen mit den zwo Fragen, {10} darin jr meines Berichts begert. Erstlich, warumb ich in der Epistel Röm. 3 die wort S. Pauli Arbitramur hominem justificari ex fide absque operibus legis also verdeudscht habe, Wir halten, das der Mensch gerecht werde, on des Gesetzes werck, allein durch den Glauben, Vnd zeigt daneben an, wie die Papisten sich vber die massen vnnütz machen, weil im text St. Pauli nicht stehet das Wort sola (allein) Vnd sey solcher Zusatz von mir nicht zu leiden in Gottes worten....

Ich weis wol, was fur kunst, vleis, vernunfft, verstand zum guten Dolmetschen gehöret. Es heisst, Ver am Wege bawet, der hat {20} viel Meister, Also gehet mirs auch.... Ich hab mich des gefliessen im dolmetschen, das ich rein vnd klar deudsch geben möchte. Vnd ist vns wol offt begegenet, das wir 14 tage, drey, vier wochen haben ein einiges Wort gesucht vnd gefragt, habens dennoch zuweilen nicht funden. Im Hiob erbeiten wir also, M. Philips, Aurogallus[669] vnd ich, das wir in vier tagen zuweilen kaum drei zeilen kundten fertigen. Lieber, nu es verdeudscht vnd bereit ist, kans ein jeder lesen vnd meistern, Leuft einer jtzt mit den augen durch drey oder vier Bletter, vnd stösst nicht einmal an, wird aber nicht gewar, welche Wacken[670] vnd Klötze da gelegen sind, da {30} er jtzt vber hin gehet wie vber ein gehoffelt Bret, da wir haben must schwitzen vnd vns engsten, ehe denn wir solche Wacken und Klötze aus dem wege reumeten, auff das man kündte so fein daher gehen. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist. Aber den Wald vnd die Stöcke ausrotten, und den Acker zurichten, da wil niemand an, Es ist bey der Welt kein danck zu uerdienen, Kann doch Gott selbs mit der Sonnen, ja mit Himel vnd Erden, noch mit seines eigen Sons tod, keinen danck verdienen, Sie sey vnd bleibe Welt ins Teufels namen, weil sie ja nicht anders wil.

Also habe ich hie Röm. 3 fast wol gewusst, das im Lateinischen vnd Griechischen Text das wort sola oder solum nicht stehet, vnd {10} hetten mich solchs die Papisten nicht dürffen leren. War ists, Diese vier buchstaben sola stehen nicht drinnen, welche buchstaben die Eselsköpff ansehen, wie die Küe ein new thor. Sehen aber nicht, das gleichwol die Meinung des Texts in sich hat, vnd wo mans wil klar vnd gewaltiglich verdeudschen, so gehöret es hinein, Denn ich habe Deudsch, nicht Lateinisch noch Griechisch reden wöllen, da ich Deudsch zu reden im Dolmetschen furgenommen hatte. Das ist aber die art vnser Deudschen sprache, wenn sich ein Rede begibt von zweien dingen, der man eins bekennet vnd das ander verneinet, so braucht man des worts (allein) neben dem wort {20} (nicht oder kein), Als wenn man sagt, Der Bawr bringt allein Korn vnd kein Gelt, Item, ich hab warlich jtzt nicht gelt, sondern allein Korn, Ich hab allein gessen und noch nicht getruncken, Hastu allein geschrieben vnd nicht uberlesen? Vnd dergleichen vnzeliche Weise in teglichem brauch. In diesen reden allen, obs gleich die Lateinische oder Griechische Sprache nicht thut, so thuts doch die Deudsche und ist jr art, das sie das wort (Allein) hinzusetzt, auf das das wort (nicht oder kein) deste völliger vnd deutlicher sey. Denn man mus nicht die buchstaben in der Lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deudsch reden, Sondern man mus die Mutter {30} im hause, die Kinder auff der gassen, den gemeinen Man auff dem marckt drumb fragen, vnd denselbigen auff das Maul sehen, wie sie reden, vnd darnach dolmetschen, So verstehen sie es denn und mercken, das man Deudsch mit jnen redet.... So wil ich auch sagen, du holdselige Maria, du liebe Maria, Vnd lasse die Papisten sagen, du vol gnaden Maria. Wer Deudsch kan, der weis wol, welch ein hertzlich fein wort das ist, die liebe Maria, der liebe Gott, der liebe Keiser, der liebe Fürst, der liebe Man, das liebe Kind. Vnd ich weis nicht, ob man das wort liebe, auch so hertzlich vnd gnugsam in Lateinischer oder andern sprachen reden müge, das also dringe vnd klinge ins hertz, durch alle sinne, wie es thut in vnser Sprache....

3.

AUS DER PREDIGT ‘DAS MAN KINDER ZUR SCHULEN HALTEN SOLLE’ (1530).

Es meinen wol etliche, das Schreiberampt sey ein leicht, geringe ampt, Aber im Harnisch reiten, hitz, frost, staub, durst vnd ander vngemach leiden, das sey eine erbeit. Ja, das ist das alte gemeine {10} tegliche Liedlin, das keiner sihet, wo den andern der schuch druckt; Jederman fület allein sein ungemach und gaffet auff des andern gutgemach. War ist’s: Mir were es schweer, im Harnisch zu reiten; Aber ich wolt auch gern widerumb den Reuter sehen, der mir künde einen gantzen tag still sitzen und in ein Buch sehen, wenn er schon nichts sorgen, tichten, dencken noch lesen solt. Frage einen Cantzelschreiber, Prediger und Redener, was schreiben und reden fur erbeit sey, Frage einen Schulmeister, was leren und knaben zichen fur erbeit sey. Leicht ist die Schreibfedder, das ist war, ist auch kein Handzeug unter allen Handwercken bas zu erzeugen, {20} denn der Schreiberey. Denn sie bedarff allein der gense fittich; der man umbsonst allenthalben genug findet. Aber es mus gleichwol das beste Stücke (als der Kopff) und das edelste glied (als die Zunge) und das höhest werck (als die rede), so am Menschenleibe sind, hieher halten und am meisten erbeiten, da sonst bey andern entweder die faust, füss, rucken oder dergleichen glied allein erbeiten, und können daneben frölich singen und frey schertzen, das ein Schreiber wol lassen mus. Drey finger thuns (sagt man von Schreibern); Aber der ganz Leib und Seel erbeiten dran.

{30} Ich hab von dem löblichen theuren Keiser Maximilian hören sagen, Wenn die grossen Hansen drumb murreten, das er der Schreiber so viel brauchte zu Bottschafften und sonst, das er sol gesagt haben: Wie sol ich thun? sie wöllen sich nicht brauchen lassen, so mus ich Schreiber darzu nemen? Und weiter: Ritter kan ich machen, aber Doctor kan ich nicht machen. So hab ich auch von einem feinen Edelman gehöret, das er sagt: Ich wil meinen Son lassen studiren. Es ist nicht grosse Kunst zwey bein uber ein Ross hengen und Reuter werden; das hat er mir bald gelernt: und ist fein und wol geredt.

Das will ich nicht zur verachtung des reisigen Standes, noch einiges andern Standes, sondern wider die losen Scharhaufen gesagt haben, die alle Lere und Kunst verachten, und nichts rühmen können, denn das sie Harnisch füren und zwey Bein uber ein Ross hengen, wiewol sie solchs selten thun müssen, und dafur das gantze {10} jahr gemach, lust, freude, ehre und guts gnug haben. Es ist wol war, Kunst ist leicht zu tragen (sagt man) und Harnisch schweer zu tragen. Aber widerumb ist Harnisch füren bald gelernet, aber Kunst ist nicht bald gelernet, und nicht leicht zu uben und zu brauchen.

Und das ich dieses Gewesschs ein mal ein ende mache, So sollen wir wissen, dass Gott ein wünderlicher HERR ist. Sein Handwerck ist aus Bettler Herrn machen, gleichwie er aus Nichte alle Ding macht: Solch Handwerck wird im niemand legen noch hindern. Er lessts gar herrlich in aller Welt von sich singen: Ps. 113. Wer {20} ist, wie der Herr, der so hoch sitzt, und so tief hernieder sihet? Der den Geringen auffricht aus dem staube und erhohet den armen aus den kot, Das er jn sitzen lasse unter den Fürsten, ja unter den Fürsten seines Volcks. Sihe dich umb in aller Könige und Fursten höfe und in Stedten und Pfarren, was gilt’s, ob nicht dieser Psalm mit vielen starcken Exempeln drinnen regiret? Da wirstu finden Juristen, Doctores, Rethe, Schreiber, Prediger, die gemeiniglich arm gewest, und ja gewislich allzumal Schüler gewest sind, und durch die Fedder so emporgeschwungen und auffgeflogen, das sie Herrn sind, wie dieser Psalm sagt, und wie die Fürsten Land und {30} Leute regiren helffen. Gott wils nicht haben, das geborne Könige, Fürsten, Herrn und Adel sollen allein regiren und Herrn sein. Er wil auch seine Bettler dabey haben, Sie dechten sonst, die eddel Geburt macht alleine Herrn und Regenten, und nicht Gott alleine.

Man spricht, und ist die wahrheit, der Bapst ist auch ein Schüler gewest: Darumb verachte mir nicht die Gesellen, die fur der thür Panem propter Deum sagen, und den Brodreigen singen; du hörest (wie dieser Psalm sagt) grosse Fürsten und Herrn singen. Ich bin auch ein solcher partecken Hengst[671] gewest, und hab das brot fur den Heusern genomen, sonderlich zu Eisenach in meiner lieben Stad; wi wol mich hernach mein lieber Vater, mit aller liebe und trew in der Hohenschulen zu Erffurt hielt, und durch seinen sauern schweis und erbeit dahin geholffen hat, da ich hin komen bin. Aber dennoch bin ich ein Parteckenhengst gewest, Und nach diesem Psalm, durch die Schreibfedder so fern kommen, das ich jtzt noch wolt mit dem türckischen Keiser beuten, das ich sein Gut solt haben, und meiner Kunst emperen. Ja ich wolt der Welt gut {10} vielmal geheufft nicht dafur nemen, Und were doch on zweivel nicht dahin komen, wo ich nicht in die Schule und ins Schreiberhandwerck were geraten.

Darumb las deinen Son getrost studiren, Und solt er auch dieweil nach Brod gehen, so gibstu unserm HERRN Gott ein feines Höltzlin, da er dir einen Herrn aus schnitzen kan. Es wird doch dabey bleyben, das dein und mein Son, das ist, gemeiner Leute kinder, werden die Welt müssen regiren beide in geistlichem und weltlichem Stande, wie dieser Psalm zeuget. Denn die reichen Geitzwanste könnens und wollens nicht thun; Sie sind des {20} Mammon Cartheuser und Münche, des müssen sie tag und nacht warten. So vermügens die gebornen Fürsten und Herrn alleine nicht, und sonderlich vermügen sie das geistlich Ampt gar nichts verstehn: Also mus wol beide Regiment auff Erden bleiben bey den armen mittelmessigen und gemeinen Leuten und bey jren Kindern....

4.

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort, Und steur des Papsts und Türkenmord, Die Jesum Christum deinen Sohn Stürzen wollen von seinem Thron.

Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, 30 Der du ein Herr all’r Herrn bist, Beschirm dein arme Christenheit, Dass sie dich lob in Ewigkeit.

Gott heiliger Geist, du Tröster werth, Gieb deinem Volk einerlei Sinn auf Erd, Steh bei uns in der letzten Noth, G’leit uns ins Leben aus dem Tod.

(1511).

5.

Ein feste burg ist vnser Gott, ein gute wehr vnd waffen; er hilfft vns frey aus aller not, die vns itzt hat betroffen. Der alt böse feind, mit ernst ers itzt meint; 10 gros macht vnd viel list sein grausam rüstung ist; auff erd ist nicht seins gleichen.

Vnd wenn die welt voll Teuffel wer vnd wolt vns gar verschlingen, so fürchten wir vns nicht so ser; es sol vns doch gelingen. Der Fürst dieser welt, wie sawr er sich stelt, thut er vns doch nicht: 20 das macht, er ist gericht; ein wörtlin kan jn fellen.

Mit vnser macht ist nichts gethan; wir sind gar bald verloren. Es streit für vns der rechte man den Gott hat selbs erkoren. Fragstu, wer der ist? Er heisst Jhesus Christ, 10 der HERR Zebaoth; vnd ist kein ander Gott; das felt mus er behalten.

Das wort sie söllen lassen stan vnd kein danck dazu haben. Er ist bey vns wol auff dem plan mit seinem Geist vnd gaben. Nemen sie den leib, gut, ehr, kind vnd weib: las faren dahin! 20 sie habens kein gewin; das Reich mus vns doch bleiben.

6.

Schertzschrifft D. M. L. an seine Tischgesellen, von der Dolen vnd Kraen Reichstage, Dahinter doch ein rechter grosser Ernst ist.

Gnade vnd Friede in Christo, Lieben Herren vnd Freunde. Ich hab ewer aller Schreiben empfangen, vnd, wie es allenthalben zustehet, vernomen. Auff dass jr nu widerumb vernemet, wie es hie zustehet, füge ich Euch zu wissen, das wir, nemlich Ich, M. {30} Veit und Ciriacus, nicht auff den Reichstag gen Augsburg ziehen, wir sind aber sonst wol auff einen andern Reichstag komen. Es ist ein Rubet[672] gleich für vnserm Fenster hinunter, wie ein kleiner Wald, da haben die Dolen vnd Kraen einen Reichstag hingelegt, da ist ein solch zu vnd abreiten, ein solch geschrey, tag vnd nacht, one auffhören, als weren sie alle truncken, voll vnd toll; da geckt[673] Jung vnd Alt durch einander, das mich wundert, wie Stim vnd Odem so lang wehren möge, vnd möcht gerne wissen, ob auch solches Adels vnd reisigen Zeugs auch etliche noch bey euch weren: mich dünckt, sie seien aus aller Welt hieher versamlet. Ich hab jren Keiser noch nicht gesehen, aber sonst schweben vnd {10} schwentzen der Adel vnd grossen Hansen jmer für vnsern Augen, nicht fast köstlich gekleidet, sondern einfeltig in einerley farbe, alle gleich Schwartz, vnd alle gleich Grawaugig, singen alle gleich einen gesang, doch mit lieblichem vnterscheid der jungen vnd der alten, grossen vnd kleinen. Sie achten auch nicht der grossen Pallast vnd Saal, denn jr Saal ist gewelbet mit dem schonen weiten Himel, jr boden ist eitel Feld, getefelt mit hübschen grünen zweigen; so sind die Wende so weit als der welt Ende. Sie fragen auch nichts nach Rossen vnd Harnisch, sie haben gefidderte[674] Reder, damit sie auch den Büchsen empfliehen vnd eim zorn {20} entsitzen[675] können.

Es sind grosse mechtige Herrn; was sie aber beschliessen, weis ich noch nicht. So viel ich aber von einem Dolmetscher hab vernomen, haben sie für einen gewaltigen zug vnd streit wider Weitzen, gersten, haffern, maltz vnd allerley korn vnd getreidig[676], vnd wird mancher Ritter hie werden vnd grosse Thaten thun.

Also sitzen wir hie im Reichstag, hören vnd sehen zu mit grosser lust vnd liebe, wie die Fürsten vnd Herrn, sampt andern Stenden des Reichs, so frölich singen vnd wolleben. Aber sonderliche Freude haben wir, wenn wir sehen, wie ritterlich sie schwentzen[677], {30} den Schnabel wisschen vnd die Wehr stürtzen[678], das sie siegen vnd ehre einlegen wider Korr vnd Maltz. Wir wündschen jnen glück vnd heil, das sie allzumal an einen Zaunstecken gespiesset weren. Ich halt aber, es sey nichts anders, denn die Sophisten vnd Papisten mit jrem predigen vnd schreiben: die mus ich alle auff eim Hauffen also für mir haben, auff das ich höre jre leibliche stimme vnd predigten, vnd sehe, wie seer nützlich Volck es ist, alles zuuerzeren, was auff Erden ist, vnd dafür gecken für die lange weil.

Heute haben wir die erste Nachtigal gehöret, denn sie hat dem Aprill nicht wöllen trawen. Es ist bisher eitel köstlich wetter gewest, hat noch nie geregnet, one gestern ein wenig. Bey euch wirds vielleicht anders sein. Hiemit Gott befohlen, vnd haltet wol Haus.

Aus dem Reichstag der Maltztürcken. XXVIII. Aprilis. Anno M. D. XXX.

Martinus Luther D.

7.

{10} AUS WIDER HANS WORST.

ES hat der von Brunsuig zu Wolfenbuttel itzt aber mal ein lesterschrifft lassen ausgehen, darin er an meines Gnedigsten Herrn des Churfursten zu Sachsen ehren, seinen grind[679] vnd gnatz[680] zu reiben furgenomen, auch mich zweimal angetastet vnd gelocket. Erstlich da er schreibt. Ich hab meinen Gnedigsten Herrn, Hans Worst genennet, Darnach die gantze heubtsache des Glaubens angreifft, der ich mich mus bekennen der furnemesten Lerer einen zu dieser zeit. Da flucht, lestert, plerret, zerret[681], schreiet, vnd speiet er also, das wenn solche wort mündlich von jm gehöret würden, so {20} würde jederman mit keten vnd stangen zulauffen, als zu einem der mit einer Legion Teuffel (wie der im Euangelio) besessen were, das man jn binden vnd fangen muste. Wie wol ich aber den vnfletigen man nicht werd achte, das ich jm einen buchstaben antworten wolte, doch weil ers nicht allein ist, wil ich den vnsern etwas zureden geben.

Fur mich zwar zureden, hab ichs seer gerne, das solcher art bücher wider mich geschrieben werden, denn es thut mir nicht allein im hertzen, sondern auch in der kniekele vnd fersen sanfft, wenn ich mercke, das durch mich armen elenden menschen, Gott {30} der HErr, beide die hellischen vnd weltlichen Fürsten, also erbittert vnd vnsinnig macht, das sie fur bosheit sich zureissen vnd zubersten wollen, Vnd ich die weil vnter des Glaubens vnd Vater vnsers schatten sitze vnd lache, des Teuffels vnd seiner schupen[682] in jrem grossen zorn, plerren vnd zerren. Damit sie doch nichts ausrichten, on das sie jre sache teglich erger vnd meine (das ist Gottes) sache fordern vnd besser machen. Vnd wenn sie es könten leiden oder verstehen, wolt ich jnen darfur gedanckt haben vnd bitten, das sie on vnterlas solche Bücher wider mich schrieben, solch zerren vnd plerren trieben sampt allen Teuffeln in der Hellen. Wie künd ich sie besser plagen, denn dauon werde ich jung vnd frisch, starck vnd frölich.

Denn solche Bücher alle, wenn der selben so viel tausent weren, als der zu Wolffenbüttel lügen vnd vntugent an sich hat, vnd alle {10} tage vnd stunde so viel geschrieben würden, sind sie doch leichtlich zuuerantworten mit einem wortlin, das heist, Teuffel du leugest, wie denn der hohmutige Bettler Doct. Luther in seinem liedlin stöltzlich vnd verdrieslich singet, Ein wörtlin kan jn fellen. Der halben weil der Teuffel in seinem Heintzen zu Wolffenbüttel, so zornig ist, vnd die lügen so genaw sucht, das er an mir auch mit dem wort, Hans Worst, wil ritter werden, gedencke ich nicht viel noch besonders seinem verdampten gefangenen Heintzen zu antworten, als der nicht wirdig bey mir geacht, das ich an jn dencken wolt. Sondern wil dem selben seine ehre lassen suchen wie er kan, {20} denn er sol wol tausent jar süchen, ehe er ein kleines harlin dauon finden wird. Von Hans Worst wil ich erstlich ein wenig sagen.

Wie gar gern von grund aller seiner krefften der Teuffel leuget, zeiget er hie, auch da mit an, das er so aus der massen genaw durch seinen Heintzen zu Wolffenbüttel zu liegen sucht, da ich warlich gemeinet vnd mich nicht versehen hette, das der hohmütige Geist solte solche lecherliche, kindische vrsache zu liegen süchen, so er wol andere vrsachen hat, on das es mus sein, wie man spricht. Wer gern lachet, der kutzelt sich selbs, Also auch wer gern leuget, der mus auch liegen wenn er die warheit sagt, wie Chrysippus sagt. {30} Denn du zorniges Geistlin weissest wol, dein besessener Heintz auch sampt ewren Tichtern vnd schreibern, das dis wort, Hans Worst, nicht mein ist, noch von mir erfunden, Sondern von andern leuten gebraucht wider die groben tolpel, so klug sein wollen, doch vngereimbt vnd vngeschickt zur sachen reden vnd thun. Also hab ichs auch offt gebraucht, sonderlich vnd allermeist in der Predigt. Vnd weis mich nicht zu erinnern in meinem gewissen, das ich jemals eine Person in sonderheit gemeinet hette, weder feind noch freund. Sondern wie die sachen sich zugetragen, so hab ichs gebraucht. Denn es solte mich nicht hel haben zubekennen, wo ich mir bewust were, welche person ich gemeinet hette, wens gleich dein Heintz von Wolffenbuttel selbs were mit allem seinem anhang, ich wolts zu recht fur euch allen, von Gottes gnaden, wol verteidigen.

Aus dem folget nu, weil du vnd dein Heintz so vnuerschampt lieget vnd die lügen so genaw suchet, das auch durch gantz ewr Buch in grössern sachen, nichts denn eitel lügen sein wird, wie {10} vnser HERr spricht, wer im geringen vntrew ist, der ist auch im grossen vntrew. Wer sich kleiner vnnötiger lügen nicht enthalten kan, wie kan sich der aller ander grossen lügen enthalten? Ja weil dein Heintz vnd du solche grobe tolpel seid, das jr gemeinet, solcher fauler, lamer zote solte in diesen sachen mir schaden thun, oder euch glimpff bringen, so seid jr beide die rechten hans worst, tolpel, knebel[683] vnd rültze[684], Vnd wil hiemit euch beiden geantwort haben das jr alle beide, Vater vnd Son, seid verzweiuelte, ehrlose, verlogene böswichter, da jr sagt, ich habe meinen Gnedigesten Herrn, Hans worst genennet, Keiner antwort darffs mehr auff {20} solche wörstliche kunst.

ULRICH VON HUTTEN.

[Scherer D. 286, E. 283.]

Geboren 1488 auf dem Schlosse Steckelberg bei Fulda. Ein ritterlicher Vorkämpfer der Reformation. Er schrieb erst meist lateinisch, später deutsch für das Volk. Starb 1523 auf der Insel Ufnau im Zürichersee. Seine Werke sind zuletzt herausgegeben von Böcking (Leipzig 1859-1862, 5 Bde. mit 2 Supplementbänden). Die Gespräche sind übersetzt und erläutert von Strauss (Leipzig 1860). Vgl. Strauss ‘Ulrich von Hutten’ (Leipzig 1857, Bonn 1871, 2 Bde.)

1.

AIN NEW LIED HERR VLRICHS VON HUTTEN.

Ich habs gewagt mit sinnen und trag des noch kain rew. Mag ich nit dran gewinnen, noch muss man spüren trew. Dar mit ich main: nit aim allain, wen man es wolt erkennen, dem land zu gut, wie wol man tut ein pfaffen feint mich nennen.

Da lass ich ieden liegen und reden, was er wil; Het warhait ich geschwigen, mir weren hulder vil. 10 Nun hab ichs gsagt, bin drumb verjagt, das klag ich allen frummen, wie wol noch ich nit weiter flich, villeicht werd wider kummen.

Umb gnad wil ich nit bitten, die weil ich bin on schult; Ich het das recht gelitten, so hindert ungedult[685], 20 Dass man mich nit nach altem sit zu ghör hat kummen lassen! villeicht wils got und zwingt sie not zu handlen diser massen.

Nun ist oft diser gleichen geschehen auch hie vor, Dass ainer von den reichen ain gutes spil verlor. 30 Oft grosser flam von fünklin kam: Wer waiss, ob ichs werd rechen! stat schon im lauf, so setz ich drauf: muss gan oder brechen!

Dar neben mich zu trösten mit gutem gwissen hab, Das kainer von den bösten mir er mag brechen ab Noch sagen, dass uff ainig mass ich anders sei gegangen 10 dan eren nach, hab dise sach in gutem angefangen.

Wil nun ir selbs nit raten dis frumme nation, Irs schadens sich ergatten[686], als ich vermanet han, So ist mir laid; hie mit ich schaid, wil mengen bass die karten. 20 bin unverzagt: ich habs gewagt und wil des ends erwarten.

Ob dan mir nach tut denken der curtisanen list: Ain herz last sich nit krenken, das rechter mainung ist. Ich waiss noch vil, wöln auch ins spil, und soltens drüber sterben. 30 auf, landsknecht gut und reuters mut, last Hutten nit verderben!

2.

AUS DER AN FRANZ VON SICKINGEN GERICHTETEN VORREDE ZU DEN GESPRÄCHBÜCHLEIN VOM JAHRE 1521.

-- -- Für solche deine wohlthat[687] dir genuogsamen danck sagen, hab ich nit mangel an gemüt[688] vnd willen, sonder am glück vnd vermögen gebrechen. Würt mir aber ye ein bessere zeyt erscheinen vnd sich anderung des glückes (als dann mein freye hoffnung zuo gott) begeben, wil ich dir, allem meinen vermögen nach, der massen wider thienen, das du ye vffs wenigest mich keinen fleiss, dir danckbarkeit zuo erzöigen, gespart haben[689], spüren solt, vnd mitler {10} zeyt[690] mit dem, das mir kein frevel noch gewalt, kein trotz noch übermacht, kein armuot noch ellend benemen mag, das ist: mit krefften meiner synnen vnd vermögen der verstäntnuss[691] trewlich vnd fleissigklich thienen, auch dir yetzo, wie ettwan Virgilius den zweyen wolverthienten jünglingen[692], zuo gesagt haben:

Wo etzwas mein geschrifft vermag, Dein lob muossz sterben keinen tag.

Wiewol, ob du dich schon gegen mir der massen (wie obberürt) nit gehalten, hettest du dannocht on das mit deinen ritterlichen eerlichen[693] gethaten verthient, das ich vnd alle, deren vermögen ist, {20} gegenwärtige oder vergangene ding durch behelff der geschrifft in erkantnuss zuokünftiger zeyt bringen, deinen namen vss dunckelem vergessz in das lyecht der ewigen gedechtnuss setzeten. Dann, on schmeychelen vnd liebkossen zuo reden, bist du, der zuo disser zeyt, do yederman bedäucht, Teütscher Adel hette etzwas an strengkeit[694] gemüten[695] abgenommen, dich der masszen erzöigt[696] vnnd bewissen hast, das man sehen mag Teütsch bluot noch nit versygen, noch das adelich Teütscher tugend gantz aussgewurtzelt sein. Vnnd ist zuo wünschen vnd zu bitten, das gott vnserem haubt, keysser Carlen, deiner tugenthafftigen vnerschrockenen muotsamkeit erkentnuss jngebe, damit er dich deiner geschicklichkeit nach in hohen trefflichen seinen händeln, das Römisch Reich oder auch gantze Christenheit betreffend, so mit rat vnd der that brauche; denn als dann würde frücht deiner tugend zuo weiterem nutz komen. Fürwar, einen solchen muot solt man nit ruowen lassen, noch innwendig bezyrcks[697] kleiner Sachen gebraucht werden lassen. Aber ich hab mir nit fürgenommen, in disser vorred dein lob zuobeschreiben, sonder einmal meinem hertzen, das gesteckt voll guoter gedäncken vnd freüntlicher guotwilligkeit, die ich gegen deinen vnwidergeltlichen {10} an mir begangenen wolthaten, die doch du noch täglich ye mer vnd mer überhauffest, trag, einen lufft geben, schenck dir zuo dissem newen jar die nachfolgende meine büchlin, die ich in nechst verschinenen[698] tagen in der gerechtigkeit (wie vor genannt) herbergen[699] eylendts vnd on grösseren fleiss verteütscht hab; vnnd wünsch dir damit, nitt, als wir offt vnserenn freünden pflegen, ein fröliche sanffte ruo, sonder grossze, ernstliche, dapfere vnd arbeitsame geschäfft, darinn du vilen menschen zuo guot dein stoltzes heldisch gemuot brauchen vnd üben mögest. Darzuo wöl dir gott glück, heyl vnd wolfarn verleyhen.

{20} Geben zu Ebernburgk, vff den heyligen newen jars abent, im jar nach Cristi geburt MCCCCC. vnd einvndzweintzigsten.

NICLAS MANUEL.

[Scherer D. 286, E. 284.]

Geboren etwa 1484 zu Bern; Maler, Staatsmann und Soldat. Er schrieb reformatorische Tendenzdramen, einen poetischen Dialog und einen prosaischen Dialog ‘die Krankheit der Messe’ 1528. Er starb 1530. Herausgegeben von Grüneisen (Stuttgart 1837); Bächtold (Frauenfeld 1878).

DIE KRANKHEIT DER MESSE.

Cuderli Nebelkapp.

Land üch lingen[700] ir herren, die arzet! dann die Mess ist ie lenger ie schwecher, sie kürblet[701] und lurket[702] an der red.

Doctor Schryegk[703].

Herr früemesser, bringend uns unsern herrgott, dass wir sie versorgend!

Früemesser[704].

Herr doctor, ich mag in nit erlangen! der himel ist sin stůl und die erd sin fůssschemel, wie möcht ich in erlüpfen[705]?

Doctor Schryegk.

Ich mein, du syest völler narren, dann der summer mugken! bring uns unsern herrgott, oder du můst gen Costenz uf die schiben[706], {10} bi dem gott, den ich hüt gehept und gelegt hab. Früemesser.

Hand ir in hüt gehept, wo hand ir in hingelegt?

Doctor Heioho[707].

Ich hab in gessen, weistu’s nun? ich hab in gessen.

Früemesser.

Ich mein, ir syend völler fantasten, dann ein zotteter hund flöchen im ougsten[708], und unsinniger, dann die süw[709], die sich im meer ertrankten, Matth. am viii ca. Hand ir in hüt gessen, wo sol dann ich in nemen? Lieber, ja schickend eins wegs nach dem {20} wind, der üch fern[710] das hüetlin abwarf und heissend mich glich ouch S. Bernharts berg zum goltschmid dragen, dass er in in ein gulden ring fasse, an ein finger zů stecken! Das sind mir gůt sachen!

Doctor Heioho.

Nit vil gespeiws[711] und wenig kramanzens[712]! nemend die schlüssel und bringend uns us dem sacramenthüsli den zarten fronlichnam Christi!

Früemesser.

Er sitzt zů der gerechten sins vaters im himel, oder unsere artickel des waren christlichen gloubens, ja die ganz heilig geschrift müest falsch sin; er ist erstanden und ist nit hie. Luce am xxiiii. Grifend ir ufhin und nemend in abher, ich bin im zů kurz, ir aber sind gross Hansen[713]!

Doctor Heioho.

Schnell bring uns du, caplan, das heilig öl! die zit nahet sich.

Caplan.

{10} Ich merk wol, ir meinend das öl, das man vom bischof kouft hat; des ist nit mer im büchslin, der sigrist[714] hat die schůch mit gesalbet.

Doctor Heioho.

So ist er im ban, da mag im niemant vor sin! er můss es tür gnůg bezalen.

Doctor Schryegk.

Schnell bringend ein liecht! louf zum beinhus! bi den ampelen zünd an wunder behend!

Sixst Stichdennebel.

{20} Do ist weder für noch liecht, kerzen noch ampelen; ir send[715] sin nun nüt denken! es sind dis jars ob den zehen tusent müs und ratzen hungers tot, und küechlet[716] des kilchherrn junkfrouw nit halb als vil, als vor vier jaren.

Doctor Heioho.

So hör ich wol, man brent den lieben selen weder öle, anken[717] noch unschlit und tůt inen nüt gůts nach. Dass gott erbarm, warzů ist es komen! Wer hat die irrung hie pflanzet, oder was ist die ursach?

Pauli Wattimtauw[718].

{30} Als der römisch versprochen aplass so vil schuldig was und gelten solt, dass er mit dem schelmen vom land můst loufen, hat er vor und e den nachtliechtern grosse ding verheissen; darumb sind sie im nachzogen, aber sie werdent alle erlöschen, ob sie in betretend, sonder so sie nit zůschub, stür[719] und hitz vom fegfür hand.

Burki Reigelbett[720].

Was darf man ir, der nachtliechter? die totenschedel sehend nüt, so tanzen die hülznen götzen nit; so hat gott erschaffen alle liechter, himelisch und irdisch, bi im ist die ewig klarheit und kein finsternuss. Darumb ist es ein heidnische torheit, im understan mit liechtern zů dienen.

{10} Doctor Thoman Katzenlied[721].

Bringend uns doch ein wenig palmen[722], dass wir ein gesegneten rouch machend für das bös gespenst[723]!

Wolfgang Adlerei[724].

Die wiber hand vor vier jaren das fleisch mit gereucht und sidher kein nimmermer lassen beschweren.

Doctor Lügegk[725].

Wo nun us? sprach der fuchs in der fallen; ietz sind wir im meer on schiff und růder. Wer kan kuechlen on für und anken, oder on federen fliegen? Es wär glich als müglich, das ganz meer {20} an den regenbogen zů henken wie ein brotwurst an ein stecken, dass es tüerr und drucken[726] wurd, als diser Mess zů helfen, so sie schon verlorn hat die rechten herzadern, nemlich das fegfür, welches in siner flucht mit im hinweg gefüert hat begrebt, dritten, sibenden, drissgost[727], vigilg und jarzit, sampt iren opfern, liechtern, wiewasser, öl und palmen. Nun rat, räter gůt, wie wir unbrämpt[728] vom kessel komend, es hilft doch weder schryen noch salben.

Doctor Heioho.

Sölt sie uns undern henden sterben, so wurd uns nüt für den arzetlon; darumb wil not sin, uns von hinnen zů füegen! ob sie {30} denn in unserm abwesen stirbt, so wend wir sprechen, sie si ermördt.

Doctor Schryegk.

Ich folg, ir hand’s erraten und wol troffen! hetten wir die hamerankensalb[729], so wir verschmirbt hand, wider in der büchsen, wir wöltend uns selber mit salben. Das ist nun ein verlorne red, bringt eben als vil frucht, als vogellim im pfeffer. Ich rat, wir ritend von hinnen, und wer uns fragt: wie stat es umb die Mess? wend wir antwurten: wol, wol, marter liden wol[730]! sie hatt’ gestern ein vortanz mit dem legaten.

Doctor Lügegken knecht, Fäit Verzechdenstifel.

{10} Potz marter, herr! wo wölt ir mit den süwen[731] allen hin, die ir dise jar mit üch heim bringend? Man würt uns für fürköufer uffahen.

Doctor Schryegk.

Lass meich ungefatzt[732]! dass deich sant Veltins arbeit besteh, els[733] bůben! eich hab sunst gnůg, das meich betrübt, woltst du meich erst gespoien[734]?

Datum zů Bergkwasser wind, nebem stuben offen, vff der zůkunfft des Herren Nachtmals. M.D. XXVIII.

BARTHOLOMÄUS RINGWALD.

[Scherer D. 290, E. 286.]

Geboren 1530 zu Frankfurt an der Oder; 1557 Prediger, 1567 Pfarrer in der Neumark. Starb gegen 1600. Er verfasste ausser zahlreichen geistlichen Gesängen zwei Lehrgedichte und einige Schauspiele. Vgl. Hoffmann, Spenden zur deutschen Litteraturgeschichte, II (Leipzig 1844).

{20} DIE LAUTER WARHEIT.

EIN LIED DER KRIEGSLEUTE, WIDER DEN ERBFEIND, IM THON, VOM STÖRTZEBECHER, ETC.

NVn mach dich eilends auff, du Teutsche Nation, denn sih es kömpt ein Hauff, vons Türckischen Keysers Kron, mit Spiessen vnd Hellparten, mit Ross vnd Wagen viel, vnd Bogen ohne Ziel, in Vngern wolln sie warten.

Gemelte lose Leut, die rühmen sich gar frey, wie dass sie grosse Beut, von dingen mancherley, vns wollen abestreiffen. daneben alle Fest, 10 vnd Wien die allerbest, zubrechen vnd zuschleiffen.

Sie drawen[735] auch gar frech, dass sie ohn widerstand, mit Puluer vnnd mit Bech[736], das gantze Teutsche Land, stracks wollen niderbrennen, vnd aller Menschen Schar, im Blut erseuffen gar, die Jesum Christ bekennen. 20

Darumb so nemet bald die Rüstung von der Wand vnd macht euch jung vnd alt, hinein ins Vngerland mit Harnisch, Spiess vnnd Degen, mit hurtigem Geschoss, zu fuss vnd auch zu Ross, vnd zieht dem feind entgegen.

Vnd wenn jhr kommen seid dahin mit ewer Wehr, 30 so fürchtet nicht ein meit[737], das wunderliche Heer, in sich gar hoch vermessen, Seht sie nur tapffer an, in Gott dem starcken Man, sie werden euch nicht fressen.

Doch nemet euch in acht, an diesem scharffen Tantz, seid nüchtern, bett vnd wacht, vnnd stercket ewre Schantz, bey tag vnd auch bey nachte, vnnd schickt euch alle stund, 10 als solt jhr mit dem Hund, rümbspringen in der Schlachte.

Vnd da jhr vnterweil mit jm scharmützeln müst, so seid mit ewrem Pfeil, des Glaubens wol gerüst, vnd rückt hinein mit freuden, vnd brent sie mit dem kraut, geschwinde auff die haut, sie werdens vbel leiden. 20

Vnd da in solchem Ritt, ein Man zwey oder drey, im Felde blieben mit, was wer es vor Geschrey, was könt ein solches machen, Dieweil dieselben fein, in GOTT verschieden sein, und in dem Himmel lachen.

Ach wie kan doch ein Man, in dieser argen welt, 30 sein Leben besser lan, dieweil er in dem feld, auff CHRIstum wird erschossen, dieweil er auch sein Blut, der Christenheit zu gut, gar willig hat vergossen.

Deshalben seid getrost, jr Reuter vnd jhr Knecht, frey in die Feinde stost, gar Ritterlichen fecht, vnd seid also gesunnen, Ir sieget oder falt, den Glauben doch behalt, 10 vnd habt in Gott gewonnen.

Darumb wenn nun der Feind, ir seiner grossen macht, euch anzugreiffen meint, mit einer feldesschlacht, vnd kömpt daher gedrungen, in hesslicher gestalt, wie ein verdorrter Wald, geschriehen vnd geklungen.

So seid nur wolgemut, 20 gedenckt an Jesum Christ, der mit der Engel Hut, forn an der spitzen ist, Den angriff erst zu setzen, da er mit eime stich, die feinde wünderlich, wird schrecken vnd verletzen.

Vnd wenn jhr so mit Gott, vnnd Gideonis Schwert, die lesterliche Rott, 30 behertzt angreiffen werd, So wird jhr Ross vnd Wagen, darzu der Man im helm, gleich wie ein schlimmer Schelm, erschrecken vnd verzagen.

Derwegen rückt hinan, macht ewer Euglein auff, vnd schlagt in Gottes Nam, mit allen freuden drauff, Der Heiland wird euch stercken, vnnd seine Herrligkeit, 10 bey euch in diesem Streit, gewaltig lan vermercken.

Vnd da jr nun befind, das GOTTes starcke Hand, hab ewer Feinde blind, was in die Flucht gewandt, Der Christenheit zu gute, so schmeist ja ferner zu, Last jhnen keine ruh, Wascht euch in jhrem Blute. 20

Das helff euch ja die Krafft, des HErren Jesu Christ, der in der Ritterschafft der beste Kempffer ist, Vnnd kann mit schlechtem sprechen, all seiner Feinde Macht, wie gros sie wird geacht, im Augenblick zu brechen, Amen.

FRIEDRICH DEDEKIND.

[Scherer D. 291, E. 287.]

Geboren als Sohn eines Fleischers zu Neustadt an der Leine, 1551 Pastor zu Neustadt, 1576 zu Lüneburg, wo er 1598 als Superintendent starb. Er dichtete als Wittenberger Student 1549 den ‘Grobianus’ und später geistliche Dramen. Der Grobianus wurde 1551 von Kaspar Scheidt, einem Wormser Schulmeister, verdeutscht. Herausgegeben von Milchsack (Halle, 1882).

GROBIANUS.

[Sidenote: Vng gentil ueau.]

[Sidenote: Diss ist der groben leut sententz,]

[Sidenote: Sie thůnd niemandt kein reuerentz.]

[Sidenote: Wo wolt der filtz ein ander filtzhütlin nemen.]

[Sidenote: Wer möcht der arbeit zůkomen.]

[Sidenote: Verware das grob häuptgen.]

[Sidenote: Das ist in schimpff geredt, bedenckt es aber niemand mit ernst.]

[Sidenote: Clotho colum baiulat, Lachesis filat, Atropos occat.]

[Sidenote: Trasones nostri et elati milites.]

[Sidenote: 12.

Mit solchen geseln ist gůt spatzieren gehen.]

Wer dir begegnet auff der strassen, Den soltu für sich ziehen lassen, Vnangeredt, on grůss, on bscheidt, On alle zucht vnd freundtlichkeit, Ob er schon gleich vom Adel her, Oder ein Burgermeister wer, Oder sunst säss in rhat vnd gricht, Oder die jugent vnderricht, Ein Doctor oder Predicant, 10 Rhatgeber, oder aussgesandt, Vnd wie solch Herren sind genant, Die gůt leer vnd exempel geben, Vnd füren ein vnsträflich leben: So gib bey leib kein achtung drauff, Vnd lass dein schön filtzhütlin auff: Dann soltst dus offt heraber rauffen[738], Wie bald müst du ein anders kauffen? Vnd sind darzů solch hütlin thewr, Wer gäb dir etwas dran zu stewr[739]? 20 Hüt dich vor solchem kappen rucken, Mit neigen vnd paretlin zucken. Im winter ist der lufft zu kalt, Vnd ist dein har nicht wol gestalt, Zeuchstu das hütlin dann hernider, Vnd wilts dann gleich auff setzen wider, So komen dann gleich ander Herren, Vnd můsts wider heraber zerren. Wer liess dem armen hütlin rhů? Vnd wer verloren müh darzů: Lůg ob man dir dergleichen thů. Geh still für vber, vnd passier, Dass dir dein häuptlin nicht erfrier, (Darin du hast so seltzam meuss, Vnd druff ein walt, darin vil leuss.) 10 Darneben vnsern stand betracht, Sind wir nicht all auss leymen[740] gmacht? Wer kan jm etwas setzen zu, Ist er dann gschickter weder[741] du? So sterben täglich hin zu gleich, Jung, alt, feisst, mager, arm, vnd reich. Sprich, wir sind erden[742] all zumal, Ich gäb kein nestel[743] vmb die wal, Darumb will ich kein brangens[744] treiben, Ir lasst mich doch wol bey euch bleiben. 20 Clotho jr werck hat zů gericht, Atropos niemandt vbersicht, Wann sie den letsten faden bricht: Hat sie auch je verschont eim reichen? Warumb solt ich dann jemands weichen? Vnd breit dich auss, vnd brang dahin, Vnd nimb die halben gassen ein, Vnd stoss ein andren an ein seiten, Sprich, lantzman hebah[745], gib mir weiten. Du aber gib niemandt kein platz, 30 Vnd was du magst thů jn zu tratz[746]. So du spatzieren wilt zu zeiten, Mit gsellen oder erbarn leuten, Ob er schon gschickter ist dann du, Vnd hat mehr ehr vnd gůt darzů, So will ich dir ein regel deuten, Geh allzeit auff der rechten seiten, Dass er zur lincken geh daher, Als ob er dein Discipel wer.

JOHANN FISCHART, GENANNT MENTZER.

[Scherer D. 291, E. 288.]

Geboren zu Mainz um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts, erzogen zu Worms, bildete sich auf vielen und weiten Reisen, ward 1574 in Basel zum Doctor juris promoviert, lebte dann in Strassburg, Speyer und Forbach, wo er 1590 als Amtmann starb. Seine Werke sind sehr zahlreich. Er verfasste Übersetzungen, Bearbeitungen, originale Arbeiten, in Prosa und in Versen; satirischen und didaktischen Inhalts; auch Psalmen und andere geistliche Gesänge. Er war der gewaltigste protestantische Publicist nach Luther. Am bekanntesten ist seine Nachahmung Rabelais’, die ‘Affentheurliche, Naupengeheurliche Geschichtklitterung: Von Thaten vnd Rhaten der vor kurtzen, langen vnnd je weilen Vollenwolbeschreiten Helden vnd Herren: Grandgoschier, Gorgellantua vnd dess dess Eiteldurstlichen Durchdurstlechtgien Fürsten Pantagruel von Durstwelten, Königen in Vtopien, Jederwelt Nullatenenten vn̄ Nienenreich etc. etc. Durch Huldrich Elloposcleron. Getruckt zur Grensin im Gånsserich.’ (Berlin) 1590. Erste Ausgabe 1575. Herausgegeben von Kurz (3 Bde. Leipzig, 1866-67); Gödeke (Leipzig, 1880).

1.

ERNSTLICHE ERMANUNG AN DIE LIEBEN TEUTSCHEN, AUS ANLASS DIESES BEIGESETZTEN BILDS DES TEUTSCHLANDS ANGEBRACHT.

Was hilfts, o Teutschland, das dir gfalt Diss bild, so herlich sighaft gstalt[747], Das es bedeit[748] der Teutschen macht, 10 Die unter sich der welt macht bracht, Und das du weisst, das dein uralten Den namen mit rum han erhalten, Wann du dasselbig lasst veralten, Was dein voralten dir erhalten; Wann nicht dasselbig wilt verwaren, Was dein Vorfaren dir vorsparen[749]; Wann nicht den namen wilt vermeren, Der auf dich erbt von grossen eren? Was ists, das man sich rümet hoch Der eltern und folgt in nicht noch[750]? Bist aller tugend grosser preiser, Aber der tugend kein erweiser; Tust gut alt sitten hoch erheben Und schickst doch nicht darnach dein leben. Was rümst du dich vil adelichs Und tust doch nichts dann tadelichs? 10 Was rum hat der jung adler doch, Wann er sich rümt der eltern hoch, Wie sie frei wonten in bergsklüften, Und frei regierten in den lüften: Und er sitzt gfesselt auf der stangen, Muss, was der mensch nur wil, im fangen! Also, was ist dir für ein ehr, Wann rümst die alten Teutschen sehr, Wie sie für ire freiheit stritten Und keinen bösen nachbarn litten, 20 Und du achtst nicht der freiheit dein, Kanst kaum in deim land sicher sein, Lasst dir dein nachbarn sein pferd binden An deinen zaun fornen und hinden! Sollt auch solch feiger art gebüren, Das sie soll kron und scepter füren? Ja! ir gbürt für den königsstab[751] Ein hölzlin ross, welchs sie nur hab, Und füre für den adler kün Ein bunte atzel[752] nun forthin, 30 Und für den weltapfel ein ball, Den man schlegt, wann er hupft im fall. Weil heut doch schier keim[753] ernst ist mehr, Handzuhaben freiheit und ehr; Sonder man scherzt nur mit der freiheit, Sucht fremde sitten, brauch und neuheit, Und für alt teutsch standhaftigkeit Reisst ein weibisch leichtfertigkeit. Drum ist nichts, das man adler fürt, Wann man des adlers mut nicht spürt; Nichts ists, das man fürmalt die welt Und kaum ein stuck der welt erhelt: Sonder man muss erweisen fein Diss, des man wil gerümet sein, Und nicht der alten wacker taten 10 Schenden mit untun ungeraten[754]. Aufrecht, treu, redlich, einig und standhaft, Das gwinnt und erhelt leut und landschaft; Also wird man gleich unsern alten, Also möcht man forthin erhalten Den erenrum auf die nachkomen, Das sie demselben auch nachomen[755]; Und also kan man sein ein schrecken Den nachbarn, das sie uns nicht wecken, Sonder dem hund lan seinen tratz[756], 20 Zu verwaren sein gut und schatz, Gleich wie man deren noch findt etlich, Die solchem rat nachsetzen[757] redlich Und recht bedenken ire würden, Wie ir vorfaren scepter fürten. Gott sterk dem edlen teutschen gblüt Solch anererbt teutsch adlersgmüt. Secht, diss hab als ein Teutscher ich Aus teutschem gblüt treuherziglich Euch Teutschen, die herkommt von helden, 30 Bei diesen helden müssen melden, So bald ich diss teutsch bild schaut an: Gott geb, das ir es recht verstan, Und beides treu seid euern freunden Und auch ein scheu[758] alln euern feinden.

2.

AUS DEM GLÜCKHAFTEN SCHIFF.

Da freuten sich die raisgeferten, Als sie den Rein da rauschen hörten, Und wünschten auf ain neues glück, Das glücklich sie der Rein fortschick, Und grüssten jn da mit trommeten: ‘Nun han wir deiner hilf von nöten, O Rein, mit deinem hellen fluss! Dien du uns nun zur fürdernus[759]! Lass uns geniessen deiner gunst! 10 Dieweil du doch entspringst bei uns, Am Vogelberg bei den Luchtmannen[760] Im Rheinzierland[761], von alten anen, Und wir dein tal, dadurch du rinnst, Mit baufeld ziern, dem schönsten dienst. Schalt diss wagschiflein nach begeren[762], Wir wöllen dir es doch vereren[763]; Leit es gen Strassburg, deine zierd, Darfür du gern laufst mit begierd, Weil es dein[764] strom ziert und ergetzt, 20 Gleich wie ein gstain im ring versetzt[765].’ Der Rein mocht dis kaum hören aus, Da wund er um das schiff sich kraus, Macht um die ruder ain weit rad, Und schlug mit freuden ans gestad, Und liess ain rauschend stimm da hören, Draus man mocht dise wort erkleren: ‘Frisch dran, ir liebe eidgenossen!’ Sprach er, ‘frisch dran, seid unverdrossen! Also folgt eueren vorfaren, 30 Die diss taten vor hundert jaren[766]! Also muss man hie rum erjagen, Wann man den alten wil nachschlagen[767]. Von euerer vorfaren wegen Seid ir mir wilkumm hie zugegen. Ir sucht die alt gerechtigkeit[768], Die euer alten han bereit[769]; Dieselbig will ich euch gern gonnen, Wie es die alten han gewonnen. Ich waiss, ich werd noch oftmals sehen, Solchs von euern nachkommen gschehen. 10 Also erhelt man nachbarschaft; Dann ie der Schweizer aigenschaft Ist nachbaurliche freuntlichkeit Und in der not standhaftigkeit. Ich hab vil erlich leut und schützen, Die auf mich in schiff teten sitzen, Gelait gen Strassburg auf das schiessen, Dafür[770] mit freuden ich tu fliessen; Aber kaine hab ich gelait, Noch heut des tags[771] mit solcher freud. 20 Far fort! far fort! lasst euch nichts schrecken Und tut die lenden daran strecken! Die arbait tregt darvon den sieg, Und macht, das man hoch daher flieg Mit Fama, der rumgöttin herlich; Dann was gschicht schwerlich, das würd erlich. Mit solchen leuten solt man schiffen Durch die mörwürbeln und mördiefen; Mit solchen forcht man kain merwunder Und kain wetter, wie sehr es tunder; 30 Mit solchen dörft man sich vermessen, Das ainen fremde fisch nicht fressen: Dann dise alles überstreiten, Durch ir unverdrossen arbaiten. Mit disen knaben solte ainer Werden des Jasons schiffartgmainer[772] In die insul zum gulden widder: Da wüsst er, das er käm herwider. Weren dise am meer gesessen, So lang wer unersucht nicht gwesen America, die neue welt: Dann ir lobgier het dahin gstellt. Lasst euch nicht hindern an dem tun, Das auf die haut euch sticht die sunn: Sie will euch manen nur dadurch 10 Das ir schneid dapfer durch die furch, Dann sie seh gern, das ir die gschicht Vollbrechten bei irm schein und liecht, Damit sie auch rum davon drag, Gleich wie ich mich des rümen mag, Die blatern[773], die sie euch nun brennt, Und die ir schaffet in der hend, Werden euch dienen noch zu rum Wie zwischen tornen aine blum. Ir dörft euch nicht nach wind umsehen: 20 Ir seht, der wind will euch nachwehen, Gleich wie euch nun diss wetter liebt, Also bin ich auch unbetrübt. Ihr sehet ja mein wasser klar, Gleich wie ain spiegel offenbar, So lang man würd den Rein abfaren, Würd kainer euer lob nicht sparen, Sonder wünschen, das sein schiff lief, Wie von Zürch das glückhafte schiff. Wolan! frisch dran! ir habt mein glait 30 Um euer standhaft freudigkeit. Die strass auf Strassburg sei euch offen! Ir werd erlangen, was ir hoffen; Was ir euch heut frü namen vor, Das würt den abent euch noch wor[774]. Heut werd ir die statt Strassburg sehen, So war ich selbs herzu werd nehen[775]. Heut werd ir als wolkommen gest, Zu Strassburg noch ankommen resch[776]! Nun libs wagschifflin, lauf behend! Heut würst ain glückschiff noch genent, Und durch dich werd ich auch geprisen, Weil ich solch treu dir hab bewisen.’ Solch stimm der gsellschaft selzam war Und schwig drob still erstaunet gar, 10 Es daucht sie, das sie die Stimm fül[777] Als wann ain wind bliess in ein hül[778]: Derhalb jagt sie ir ein ain mut[779], Gleich wie das horn und rüfen tut Des jegers, wann es weit erschallt Den hunden in dem finstern wald, So sie im diefen tal vorlaufen, Und die berg auf und ab durchschnaufen, Alsdan in erst die waffel schaumt[780], Und kommen auf die spur ungsaumt: 20 Also war auch dem schiff die stimm, Bekam zu rudern erst ain grimm[781]; Teten so stark die ruder zucken, Als wolten fallen sie an rucken[782], In gleichem zug, in gleichem flug, Der steurman stund fest an den pflug[783], Und schnitt solch furchen in den Rein, Das das underst zu oberst schein[784]. Die sonn het auch ir freud damit Das so dapfer das schiff fortschritt, 30 Und schin so hell in druder rinnen[785], Das sie von fern wie spiegel schinen: Das gestad scherzt auch mit dem schiff, Wann das wasser dem land zulief, Dann es gab ainen widerton, Gleich wie die ruder teten gon[786]: Ain flut die ander trib so gschwind, Das sie aim underm gsicht verschwind: Ja, der Rein wurf auch auf klain wellen, Die danzten um das schiff zu gsellen. In summa: alles freudig war, Die schiffart zu vollbringen gar.

3.

ANMAHNUNG ZU CHRISTLICHER KINDERZUCHT (1578).

{10} AUS DEM ‘KATECHISMUS.’

Was lust und fleiss haben die leut In iren gerten oft zur zeit Mit setzung, impfung und aufsetzung Etwan ein pflenzlein zur ergetzung? Wie warten sie doch sein so eben, Das sich das schösslein mög erheben? Frü machen sie im raum zur sonnen, Zu mittag sie im schatten gonnen; Da pfropfens, biegens, understützen, Beschüttens vor der frost zu schützen, 20 Messens bei ruten und minuten Sein teglich wachsen zu vermuten; Da gehen sie alle tritt hinzu, Sehen wie es aufschiessen tu. Und ist in süss all zeit und müh, Die sie damit zubringen ie: Wie viel mehr lust solt haben dann Ein hausvater und iederman, Dem gott die kinder tut bescheren, Oder befihlet, die zu leren, Das sie dieselben himmelspflenzlein, 20 Ir hauschösslein, ir ehrenkrenzlein Ziehen und schmuckn zu gottes ehren Sein wort gern hören und gern leren? Das sie zu preis dem aller höchsten, Auch mit der weil nutz sein dem nechsten? Was schöners opfer kan man geben Dem herren gott in diesem leben? Denn das sind die recht frücht und güter, Die gott gibt das man opfer wider; Das sind die ölzweig und die reben, Die fruchtbar deinen tisch umbgeben; Diss ist des hauses benedeien, Des alters früling, glenz und meien, 10 Das sind die beumlein und die palmen, Von denen David singt in psalmen, Das sie gebaut sind und gepflanzt Neben die wasserbech des lands, Welche kein hitz im sommer mindert, Noch im winter kein frost nicht hindert, Dann nicht erwelken ire bletter Oder abfallen von dem wetter, Die zu rechter zeit ir frucht bringen, Damit erfreuen sie, die tüngen, Vnd die zu letzt gott gar versetzt, Ins paradeis, sie da ergetzt, Sie macht zu ewigen himmelssprösslein, Zu gnadenfeuchten engelsschösslein. Wie solt ein lehrer und ein vater, Wa er hat ein barmherzig ader, Nicht han ein freud mit ihrer zucht, Dieweil es ist ein schöne frucht, Und noch viel mehr an inen wird 10 Natur lieblich anmutung gspürt, Als in den aller schönsten geschöpfen Daraus wir sonst ergötzung schöpfen, Das macht die lebhaft freundlicheit, Die anlachend gesprechlicheit, Die in den kindern wir all spüren, Wie sie schön all geberden zieren. Dann was ist lieblichers zu hören, Als wann die kinder reden leren? Wanns herauslispeln bald die red 20 Und rufen: abba, vater, ett[787], Rufen der muter, memm und ammen, Geben nach irer notturft namen, Brauchen den ererbt Adams gwalt, Der jedem geschöpf ein nam gab bald, Wie ist im zuzusehen wol, Wanns wankeln[788] wie ein wasserpfol?[789] Und so halslemig[790] ungwis tasten, Und wie ein engelchen erglasten[791]? Solch freundlicheit und lieblich sitten Solten die elter und ein ieden, 10 Reizen, das sie dess lieber mehr Mit kinderzucht umgiengen sehr, Dieweil solch blüend alter frisch Umsonst so lieblich gstalt nit ist Auch oft das wild und vieh bewegt, Das es zu dem ein gfallen tregt. Und dieweil die engel sich nicht schemen, Der kindspfleg sich selbs anzunemen. Wie Christus zeugt, das vor gott standen Allzeit die kinder engels gsanden: 20 Wie wolt ir dann solch arbeit scheuen, Weil es euch komt zu nutz und treuen? Dann wen mags freuen mehr dann euch, So euere kind sind tugendreich? Wie kanstu bessere ruh dir schaffen Und friedlicher in gott entschlafen, Dann so du weist, das dein kind seind Erzogen wol und drum gott freund? Und weisst, das nach dem tod dein kinder An gott han ein ewigen vormünder? 10 Zu dem solt euch auch darzu bringen, Das ir gern mit der zucht umgiengen, Dieweil Christus der herr verheisst, Das, was man solchen kindern bweist, Das wöll er halten und ansehen, Als obs im selber sei geschehen: Dann er in klar spricht: Wer ein kind In seim nam aufnimmt, im selbs dient: Wie kan man aber in seim namen Kinder aufnemen von seim stamen? Zwar[792] anders nicht, dann so die Zur gottsforcht anhallt zimlich frü, Es sei obere oder herren, Die sie in kirch und schulen leren, So wird selbs Christi drinn gepfleget Als ob man in im geren[793] treget, Und werden oberkeit und lerer Dardurch sein seugam und sein nerer. 10 Dann was sein kleinsten gliedern gschicht, Das rechnet er, das in anficht. Drum thun wol, die als dahin schlichten, Das man djugend mög recht berichten, Zu kennen lernen iren gott, Der sie von sünden, höll und tod Auch mit seins sons blut glöset hat, Und schenkt in als durch lauter gnad. Hingegen treut der herr gross pein Den, die der kleinsten ergern ein, Dann dem ein mülstein besser wer Am hals, und sein versenkt im mer. Derhalben aus mit losem gschwetz Welchs gute sitten nur verletzt! O aus mit unzucht, völlerei, Mit böser gsellschaft büberei! Raumt[794] weit von diesen zarten herzen Das gottlos gsind, das schandbar scherzen, Lasst solch wort nit mehr von euch hören, 10 Das djugend weltlichkeit muss leren[795]: Es dunkt mich, es leret sich früh, Mutwill und frechheit komt ohn müh. Ler du sie die recht gottsforcht vor, Die ist zu weisheit tür und tor, Und denk, das rechenschaft must geben Für die verderbnus und bös leben. Es lesst sich zwar nicht also schimpfen[796]: Und mit der weltlichkeit verglimpfen[797]: Du hörst wol, was dein Christus melt, 20 Sein völklein sei nit von der welt, Wiltu dein kinder weltlich machen, So stecksts dem teufel in den rachen: Dann man sol brauchen so die welt, Als ob mans[798] nit brauch, noch was gelt. Man kan nit dienen ie zugleich Gott und der welt, des teufels reich, Daher umsonst nit Christus spricht: ‘Ir Engel sehen gotts angsicht,’ Als sprech er, das sie die verklagen, 10 Die kindern hie bös vorbild tragen. O weh der welt vor ergernus, Welchs weltlichkeit heut heissen muss: Damit man reizt gotts rach herzu, Zu strafen das kalb mit der ku. Dann wie wolt gott das leiden immer, Das man sein grün setzling bekümmer, Und im dasselb beschmutzen tut, Was sein Son reinigt durch sein blut, Das man die zarte gfess verwüst 20 Die zu seim lob warn zugerüst. Bedacht[799], das der prophet sagt dort, Gott leg in kindsmund auch sein wort, Und müssen auch ir sön und töchter Sein aposteln sein und wechter, Und aus der unmündigen stamlen Will er seins namens lob auch samlen. Wie samlet er aber diss sein lob? Nemlich durch sein wort die recht prob, Das lasst er treulich durch sein lerer 10 Teilen nach glegenheit der hörer, Also das ers auch nicht verschweigt Dein kindern, wie diss büchlein zeigt, Darinn er in nach irm verstand Durch kurze fragstück macht bekant, Die fürnemst stück christlicher lere, Wie man in recht nach seim wort ere. Derwegen niemand nicht veracht Die Fragen, hie kurz eingebracht, Sondern denk, das wir müssen all Zu kindern werden in dem fall, Wollen wir andern glauben recht Die gheimnus unsers glaubens schlecht, Die kindlich einfalt muss uns füren, Und müssen lassen uns regieren Gotts worts, gleich wie das kind regiert, Des vaters red, was der ordiniert; Müssen von uns nit hoch ding halten, Sondern wie kind demütig walten, 10 Welchs Christus damals hat gemelt Da er das kind für djünger stellt. Hierum so brauch, mein liebe jugend, Diss büchlin zu ler und rechter tugend, Die dann in gotts erkantnus stehet, Das man nach seinen gboten gehet. Darzu wöll gott sein gdeien geben Und nach disem das ewig leben.

BURKARD WALDIS.

[Scherer D. 297, E. 294.]

Dieser berühmte Fabeldichter wurde in Hessen vermuthlich um 1495 geboren, lebte aber in seiner Jugend meist im Ausland, namentlich in Livland. 1523 wurde er vom Erzbischof Jasper van Linden als Abgesandter an den Kaiser und den Pabst geschickt, um Hilfe gegen den einbrechenden Protestantismus zu verlangen. Auf dem Rückwege ward er von den Protestanten in Riga gefangen genommen, trat dann selbst zum Protestantismus über und lebte als Zinngiesser in Riga. Später kehrte er nach Hessen zurück, war Pfarrer zu Abterode (1544) und starb wahrscheinlich 1557. Herausgegeben ‘Esopus’ von Kurz (2 Bde. Leipzig, 1862); Tittmann (2 Bde. Leipzig, 1882); ‘Der verlorene Sohn’ von Milchsack (Halle, 1881); ‘Streitgedichte’ von Koldewey (Halle, 1883).

DIE LXXXIJ FABEL VOM REICHEN UND ARMEN MANN.

ZV Lübeck in der schönen Stadt 10 Ein alter Bürger sass im Rath, Der war gar reich an Gut und Hab, Da mit sich nit zu frieden gab, Er hett ein Fraw vnd keine Erben, Dennoch hört er nit auff mit werben[800], Allzeit dem Gelt vnd Gut nach tracht, Dauor er weder tag noch nacht Kein ruh nit hett, so sehr jn plagt Der Geitz, wie der Poet auch sagt, Das sich gleich mit dem Geld vnd Gut, Die lieb des Gelts vermehren thut, Nun ist am selben end der brauch, Wie sonst in andern Stedten auch, Da sind viel tieffer Keller graben 10 Darinn vil Leut jr wonung haben, Die sich nur von dem Taglohn nehren, Nach kleinem Gut auch messig zeren, Also sass auch desselben gleichen, Ein armer vnter diesem Reichen, Pflag den Leuten die schuhe zu flicken, Mit Holtz vnd Henffen drad[801] zu sticken, Dauon er sich, sein Weib vnd Kind Ernehrt, wie man vil armen findt, Jedoch war er seins mutes frey, 20 Sang, vnd war stets frölich dabey, Des abends er daheime blieb, Vnd seine zeit also vertrieb, Des wundert sich der reich gar sehr, Er dacht, was ists doch jmmermehr, Das disen armen Mann erfrewt? Nun weyss ich doch das er offt kewt An armetey[802], die jn besessen Vnd hat offt kaum das Brodt zu essen, Vorwar ich keinen fleiss nit spar 30 Biss ich sein wesen recht erfahr. An einem Sontag kurtz darnach Also zu seiner Frawen sprach, Du must dichs nit verdriessen lassen Daniden[803] vnsern haussgenossen, Zu gast bitten heut disen tag Mit seiner Frawen, das ich mag Von jm werden einr frag bericht, Die mich bekümmert vnd anficht. Er schickt baldt seinen Knecht hinunder Bat jn zu gast, das nam gross wunder Denselben armen Mann, gedacht[804] Wer hat den jetzt so kostfrey[805] gmacht? Doch gieng er hin, versagts jm nit; Nach essens sprach der Wiert, ich bit 10 Vmb ein ding hab ich euch zu fragen Drauff wöllet mir die warheit sagen: Ich weyss das euch am gut zerrinnet[806], Vnd mit ewrm thun nit viel gewinnet, Mit grosser arbeit jr euch nehrt Vnd dennocht kaum des hungers wehrt, Vnd trincken auch gar selten Wein Vnd dennocht allzeit frölich sein, Beid[807] tag vnd nacht, abents vnd morgen Als ob jr hetten nichts zu bsorgen. 20 Nun hab ich gelts vnd gutes gnug An essen, trincken, gutem fug[808], Mit gutem Wein thu mich offt kröpffen[809], Kan dennocht solchen muth nit schöpffen. Er sprach, warumb solt mich betrüben, Mein gut ist sicher vor den Dieben, Zu Wasser vnd zu Landt der halb[810] Stirbt mir kein Pferdt, noch Kuh, noch kalb, Es kan kein Kauffman mich betriegen Oder in der handlung vorliegen, 30 Vnd wie ich hab ein kleine nerung[811], So halt ich auch ein kleine zerung, Verzer nit mehr denn ich erwerb Sorg nit das ich dabey verderb, Vnd steck mein fuss nit weiter nab Denn ich wol zu bedecken hab[812], Vnd mich zu frieden geb damit: Was ich nit hab, entfellt mir nit. Ich lass mir an demselben gnügen Was mir Gott teglich thut zu fügen, Gedenck, morgen kompt auch ein tag Der vor sich selber sorgen mag. Mit solcher redt wardt er bewogen Das ern vorbass nit mehr dorfft fragen, 10 Vnd dacht, er ist recht willig arm, Billich das ich mich sein erbarm, Lieff hin, vnd bracht baldt hundert gulden Vnd sprach, damit bezalt ewr schulden, Damit ich euch jetzt will begaben Das jr ewr not zu schützen haben. Der Mann wardt fro, gieng damit hin Vnd dacht baldt das ers auff gewin, Vnd auff Kauffmannschaft mocht anlegen Damit noch hundert brecht zu wegen[813], 20 Vnd tracht mit fleiss drauff tag vnd nacht Damit jm selb viel sorgen macht, Das er vor mühe den Kopff stets hieng Vnd auff der Gassen trawrig gieng, Des singens er dabey vergass. Den reichen sehr verwundert das, Er bat jn abermal zu gast, Der Mann die hundert gülden fasst In einen Beutel, brachts jm wider, Vnd sprach, von der zeit an vnd sider[814], 30 Das jr mir habt die gülden geben Ist mir vergahn mein bestes leben. Seht hin, fahrt wol mit ewrem gut, Ich nem dafür ein guten muth. Desselben ich viel bass geniess; Das Gelt macht mir bekümmerniss. -- Solch einfalt ist gar vnderkommen[815] Vnd hat der Geitz das Landt eingnommen, Ich kenn auch jetzt viel armer leut, Doch halt ich nit, das man jetzt heut Vnder jn allen einen findt, Der gleich wie diser sey gesinnt. Es sind viel Wiert auff allen strassen Die Leut bei jn herbergen lassen, Doch solt man schwerlich ein bekommen, 10 Der dem Gast zu seim nutz vnd frommen, Ein Kopff[816], von Silber oder Golt In sein Sack heimlich stecken sollt, Wie man sagt, das ehe sey geschehen. Ists war, weyss nit, habs nit gesehen. Vielleicht man sonst wol ein bekem, Der eim eh etwas aussher[817] nem, So gar ist jetzt die gantze Welt Gericht auff das verfluchte Gelt. Dennocht so ists gewisslich war 20 Es zeugt die Schrifft so hell vnd klar, Das man nit zgleich dem Gelt kan dienen Vnd dennocht sich mit Gott versünen, Denn wer sein Datum[818] dahin richt Das er sich nur dem Gelt verpflicht, Vnd darinn all sein wollust hat, Der macht das Gelt zu einem Gott, Vnd fellt baldt in des Teuffels strick. Derhalben sich ein jeder schick, Das er seins guts ein Herre sey, 30 So ist er vieler sorgen frey.

GEORG ROLLENHAGEN.

[Scherer D. 297, E. 294.]

Geboren 1542, zu Bernau bei Berlin, studierte in Wittenberg, gestorben 1609 zu Magdeburg, wo er Rector der Schule war. Er ward vorzüglich berühmt durch seine Nachahmung der Batrachomyomachie, der Froschmäusler genannt. Herausgegeben von Gödeke (2 Thle. Leipzig, 1876).

FROSCHMEUSELER.

BRÖSELDIEB[819] SAGT, WER MURNER[820] SEI.

Murnern, der katzaner patron, Lert mich kennen mein mutter fron; Ich bat, wie ich noch war ein kind, Wie die kinder fürwitzig sind, Sie wolts lassen einmal geschehen, Mich auch lassen die welt besehen, Dieweil ein heimgezogen[821] kind Unverstendig blieb als ein rind, 10 Wie sie denn oftmals diese wort Vom herrn vater selbst het gehort. Sie weret ab mit hand und mund, Predigt mir viel von katz und hund, Wie die uns weren so gefer[822]. Ich bat und gilfert[823] immermer, Bis sie zuletzt williget drein, Das ich ein stund möcht von ihr sein, Warnet doch mich mit ganzem fleiss Und saget von des Murners weis, 20 Das er versteckt im winkel sess Und die meuslein on brot einfress, Das wern sein allerliebste speis, Den solt ich ja meiden mit fleiss. Ich schlich unter der wand herfür Nach unsers schlosses vordertür, Die in des mantiers[824] haus hingieng, Davon es werme und rauch empfieng, Und kuckt[825] heimlich zuerst heraus Wie ein unbewanderte maus, Ob auch da wer sicher geleit, Odr ob der Murner sess zur seit. So sass im haus im sonnenschein Ein schönes weisses jungfreulein, Sein euglein glenzten hell und klar, Es leckt und schlichtet seine har, Küsset die hend und wusch sie rein 10 Über die zarten wengelein; Das herz im leib verlanget mir, Das ich nur möcht treten herfür, Dasselb mit adeligen sitten Um seine lieb und freundschaft bitten, Küssen ihre schneweisse hend: So het al meine sorg ein end. -- Es trat aber am platz herum Im haus die leng und in die krüm Ein erschreckliches wundertier, 20 Dafür die haut erschuttert mir, Vom haupt zu fuss aller gestalt Wie man ein basilisken[826] malt; Ich dacht, ob das der Murner wer, Der uns meusen ist so gefer. Vornen am kopf war er geschlacht[827], Wie man die bösen geister macht, Mit einem krummen spitzen schnabel, Hat füss, geteilt wie ein mistgabel, Und ein zweispitz geteilten bart 30 Nach des mantiers greulicher art, Und auf dem haupt ein glühend kron Mit vil türnen[828] erhoben schon[829], Und aus dem leib giengen beisammen Ein grosser hauf gelber feurflammen[830], Gekrümt unten und über sich, Übraus hesslich und erschrecklich; Damit pranget er über erd[831], Trat herein wie ein reisig[832] pferd, Und seiner trabanten wol zehen Giengen alzeit hinter ihm stehen, Doch nicht so statlich ausgemacht[833], Der könig fürt allein den pracht. Wie ich nun blieb im löchlein stecken, Dem abenteur zusehe mit schrecken, 10 Fengt er an dem boden zu schnablen[834], Scharret mit den zween mistgabeln Und ruft: ‘Guck, guck, curit, merkauf!’ Da erhob sich ein gross zulauf, Die trabanten waren gar schnell, Zu hören des königs befel, Reckten auch die köpf zu der stet, Zu sehn was er geschrieben het; Bis der könig mit grossem prassen[835] Sprang auf die haustür nach der gassen 20 Und schlug die arm auf beide seit, Sperret den rachen auf gar weit Und rief, man hets ein meil gehort, Diese drei erschreckliche wort: ‘Rück, rück ihn herausser beim kragn![836]’ Als het mich der donner geschlagn, So stürzt ich zu dem loch hinein, Lief zu meinem frau mütterlein. Die erschrak und fragt, was mir wer, Das ich fast het kein atem mer 30 Und also ser fieng an zu beben; Wolt mir erzenei fürs schrecken geben. Ich sprach: ‘O mutter, der Murner Hat mich erschrecket also ser, Das ich schier nimmer atem hol; Wie habt ihr mich gewarnt so wol!’ ‘Was tat er denn?’ die mutter sprach. Ich sagt: ‘Im haus ich sitzen sach Ein zartes schönes jungfreulein, Im weissen pelzlein, artig fein, Das schmückt sich mit geleckter hand; Ich het mich gern zu ihm gewandt Und um ein kuss freundlich gebeten, So kömt der Murner hergetreten 10 Mit gabelfüssen, mit der kron, Mit brennenden schwanz angeton, Das mich daucht ser erschrecklich stehen. Der schelm het mich im loch gesehen, Springet auf die tür und rufet laut (Wenn ichs gedenk graust mir die haut): ‘Rück, rück ihn herausser beim kragn!’ Damit wolt er sein dienern sagn, Das sie mich solten nemen an[837]. Und sie hettens warlich getan, 20 Wenn ich nicht bald entlaufen wer. Davon bin ich erschreckt so ser.’ Da sagt die mutter: ‘Liebes kind, Die so schrecklich anzusehen sind, Die tun uns meusen nichts zu leid; Die aber dichten[838] freundlichkeit, So leis und lieblich einher schleichen, Die hendlein küssen, wilkom reichen, Die sind giftige creatur, Teufl unter englischer figur; 30 Die sind geferliche katzen, Die vorn lecken, hinten kratzen. Judaskuss ist geworden neue, Fürt gute wort, helt falsche treue; Der dich anlacht, der reist dich hin: Das ist dieser welt weis und sin. Das jungfreulein, das so schön war, Bringt uns meuschen die gröst gefar, Futtert sein pelz mit unserm blut, Gott sei dank, das er dich behüt!’

ÆGIDIUS TSCHUDI.

[Scherer D. 295, (611) E. 292.]

Geboren 1505 zu Glarus; gestorben 1572, als Landamman. Sein ‘Chronicon Helveticum’ reicht bis 1570.

ÜBER WILHELM TELL.

Darnach am Sonntag nach Othmari, was der 18. Wintermonats, gieng ein redlicher frommer Land-Mann von Uri, Wilhelm Tell genannt (der auch heimlich in der Pundts-Gesellschaft[839] was), zu Altorf etlichmal für den uffgehängten Hut und tett Im kein {10} Reverentz an, wie der Land-Vogt Gessler gebotten hat. Das ward Ime, Land-Vogt, angezeigt. Also morndes[840] darnach am Montag berufft Er den Tellen für sich, fragt In trutzlich, warumb er sinen Gebotten nit gehorsam wäre, und dem König, ouch Ime zu Verachtung dem Hut keine Reverentz bewisen hette? Der Tell gab Antwurt: ‘Lieber Herr, es ist ungeward[841] vnd nit uss Verachtung geschehen; verzichend mirs; wär ich witzig, so hiess ich nit der Tell, bitt umb Gnad, es soll nit mehr geschehen.’ Nun was der Tell ein guter Armbrust-Schütz, dass man In besser kum fand, und hat hübsche Kind, die Im lieb warend, die beschickt der {10} Land-Vogt und sprach: ‘Tell, welches unter denen Kindern ist dir das liebste?’ Der Tell antwurt: ‘Herr, sie sind mir alle glich lieb.’ Do sprach der Land-Vogt: ‘Wolan Tell, du bist ein guter verruempter Schütz, als ich hör; nun wirst du din Kunst vor mir müssen beweren, und diner Kinder einem ein Öpffel ab sinem Haupt müssen schiessen; darumb hab eben Acht, dass du den Öpffel treffest: dann triffst du In nit des ersten Schutzes[842], so kost es dich din Leben.’ Der Tell erschrack, bat den Land-Vogt vmb Gottes willen, dass Er In des Schutzes erliesse, dann es unnatürlich wäre, dass er gegen sinen lieben Kind sollte schiessen; Er wolt {30} lieber sterben. Der Land-Vogt sprach: ‘das must du thun, oder du und das Kind sterben.’ Der Tell sach wol, dass Ers tun must, bat Gott innigklich, dass Er In vnd sin lieb Kind behüte; nam sin Armbrust, spien es, legt uff den Pfil und stackt noch ein Pfil hinden in das Göller; und legt der Land-Vogt dem Kind (das nit mehr dann sechs Jar alt was) selbst den Öpffel uf sin Houpt. Also schoss der Tell dem Kind den Öpffel ab der Scheitlen des Houpts, dass Er das Kind nie verletzt. Do nun der Schutz geschehen was, verwundert sich der Land-Vogt des meisterlichen Schutzes, lobt den Tellen siner Kunst und fragte Ine, was das bedüte, dass er {10} noch ein Pfil hinten in das Göllert gesteckt hette? Der Tell erschrack aber, und gedacht, die Frage bedutet nützit[843] Gutes; doch hett Er gern die Sach glimpfflich[844] verantwurt und sprach: Es wäre also der Schützen Gewonheit. Der Land-Vogt merckt wol, dass Im der Tell entsass[845], und sprach: ‘Tell, nun sag mir frolich die Wahrheit und fürcht dir nützit darumb: du sollt dins Lebens sicher sin; dann die gegebene Antwurt nimm ich nit an: es wird etwas anders bedut haben.’ Do redt Wilhelm Tell: ‘Wolan Herr, sitmalen Ir mich mines Lebens versichert habend, so wil ich uch die grundlich Warheit sagen, dass min entlich Meinung {20} gewesen, wann ich min Kind getroffen hette, dass ich uch mit dem andern Pfyl erschossen und ohne Zweifel uwer nit gefält wollt haben.’ Do der Land-Vogt das hört, sprach Er: ‘nun wolan Tell, Ich hab dich dins Lebens gesichert, das will ich dir halten; dieweil ich aber din bösen Willen gegen mir verstan, so will ich dich füren lassen an ein Ort und allda inlegen, dass du weder Sunn noch Mon niemerme sechen sollt, damit ich vor dir sicher sig.’ Hiess hiemit sin Diener In fachen und angentz[846] gebunden gen Flulen fuhren. Er fur auch mit Inen und nam des Tellen Schiesszüg, Kocher, Pfyl und Armbrust auch mit Im; wolts Im selbs behalten. {30} Also sass der Land-Vogt sambt den Dienern und dem gebundenen Tellen in ein Schiff, wolt gen Brunnen fahren, vnd darnach den Tellen über Land durch Schwitz in sin Schloss gen Küssnach füren, und allda in einem finstern Thurn sein Leben lassen enden. Des Tellen Schiesszüg ward im Schiff uff den Bieten oder Gransen[847] bim Stürruder gelegen.

Wie si nun uff den See kamend, und hinuff furend biss an Achsen das Ecke, do fugt Gott, dass ein solcher grusamer ungestümer Sturm-Wind infiel, dass si sich all verwegen[848] hattend ärmklich ze ertrinken. Nun was der Tell ein starker Mann, und kondt vast wol uff dem Wasser; do sprach der Dienern einer zum Land-Vogt: ‘Herr, Ir sechend üwre und unsre Not und Gfar unsers Lebens, darinn wir stand, und dass die Schiff-Meister erschrocken und des Farens nit wol bericht; nun ist der Tell ein stärcker Mann, und kan wol schiffen, man solt In jetz in der Not bruchen.’ Der Landt-Vogt was der Wasser-Not gar erklupfft[849], {10} sprach zum Tellen: ‘Wann du uns getruwtist uss diser Gfahr ze helffen, so wölt ich dich diner Banden ledigen.’ Der Tell gab Antwurt: ‘Jo Herr, ich getruwe uns mit Gottes Hilff wol hiedannen zu helffen.’ Also ward Er uffgebunden, stund an das Stürruder, und fur redlich dahin, doch lugt Er allweg uff den Schiess-Züg, der ze nächst bi Im lag, und uff ein Vorteil hinuss zu springen, und wie Er kam nah zu einer Blatten (die sidher den Namen des Tellen Blatten behalten, und ein Heilig Hüsslin dahin gebuwen ist) beducht Im, dass Er daselbs wol hinuss gespringen und entrinnen möcht, schry den Knechten zu, dass sie hantlich {20} zugind, biss man fur dieselb Blatten käme, wann si hättend dann das Bösist überwunden, und als Er nebent die Blatten kam, trukt Er den hindern Gransen mit Macht (wie Er dann ein starker Mann was) an die Blatten, erwüscht[850] sin Schüsszüg, und sprang hinuss uff die Blatten; stiess das Schiff mit Gwalt von Im, liss si uff dem See schweben und schwenken, der Tell aber luff Bergs und Schattens halb (dann noch kein Schnee gefallen was) über Morsach uss durch das Land Schwitz, bis uff die Höhe an der Landt-Strass, zwüschend Art und Küssnach, da ein hole Gass ist, und Gestüd[851] darob, darinn lag Er verborgen, dann Er wust, dass der Landt-Vogt allda fürryten {30} wurd gen Küssnach zu siner Burg.

Der Landt-Vogt und sin Diener kamend mit grosser Not und Arbeit übern See gen Brunnen, rittend darnach durch Schwitzer-Land, und wie si der gemelten holen Gassen nachneten, hört Er allerley Anschläg des Land-Vogts wider Ine, Er aber hat sin Armbrust gespannen und durchschoss den Landt-Vogt mit einem Pfyl, dass Er ab dem Ross fiel, und von Stund an tod was.

SEBASTIAN FRANCK.

[Scherer D. 286, 295, E. 282, 292.]

Geboren zu Donauwörth, gestorben gegen 1543 in Basel. Er führte ein unstätes Leben, ward als Mystiker und Schwärmer verfolgt, und scheint sich nothdürftig durch Schriftstellerei erhalten zu haben. Seine geschichtlichen Arbeiten, namentlich die ‘Chronik der Deutschen’, waren volksthümlich. Als Verfasser von mystischen Büchern ward er des Unglaubens verdächtig, und Luther nennt ihn: ein Lästermaul, des Teufels liebstes Maul, einen Enthusiasten und Geisterer, dem nichts gefällt als Geist, Geist, Geist. Seine Sprichwörtersammlung (vom Jahre 1532) wurde herausgegeben von Latendorf (Poesneck, 1876).

1.

AUS DER VORREDE ZUR GERMANIA.

Es ist immerzu das frembd besser dann das heymisch. Was vor der thür, has hat mann niendert für[852]. Also ist es den Teutschen auch, daher haben sie so gar nicht von jn selbs, dass kaum ein volck ist, dass weniger von jm selbs weyss vnd hat. Zu dem hat das vnglück auch darzu geschlagen, dass sie mer krieger bissher dann glert Leut haben gezogen vnd gehabt: das macht, dass sie also versaumpt vnd dahinden bliben seind, dass sie so gar nicht von jn selbs wissen odder haben. Nit dass sie, so vnendlich[853] leut, {10} nichts Chronick wirdigs haben gestifft, geredt vnd thon; ja mer dann viel andere völcker, also dass sie in dem fall weder den Griechen noch Latinern weichen, sonder dass sie niemant haben gehabt, der jr weise kleinmüetige[854] red vnd that auffschrieb, vnd jrer eygen histori, so sie täglich gewont vor augen gesehen, vnd nichts seltzams oder wunders bey jnen gewesen ist, nit haben acht genommen, vnd nur fürwitzig auff andere völcker vnd lender gesehen, vnd jn lassen treumen[855], weil nuon von anderen orten inn Latein, Griechischer vnnd Judischer zung vil bücher seyen, so seyen allein dieselben land voller wunders, weissheit, reichthumb, {20} kunst, vnd jn ja lassen träumen, sie seien Barbari, darumb dass sie die Römer etwa Barbaros haben genent; dann Teutsche seind von art ein volck, dass nicht von seim ding helt, nur frembd ding guot ding, vnd allein in vnd mit kriegen niemant weicht, den sieg aber der weissheit lasst es leicht andern nationen, ja scheubts vonn sich vnd gibts den Latinern, Griechen vnd anderen völckern. Mann sihet, dass ein Gallus, Italus, Jud etc. nicht dann sein spraach, volck, histori, kunst, weissheit, sterck etc. rhümpt. Dauon schreiben sie grosse büecher; allein die kriegerischen Teutschen bleiben krieger vnd fromm landsknecht, +den+ rhuom lassen sie jn nit gern zucken[856]; künst, spraach, weissheit, weise red vnnd that lassen sie gern demüetig anderen, ja gebens selbs anderen, vnd rhüemen {10} odder verwunderen[857] auss einer sonder schier torechten demuot anderer rath, that, bücher, leer, red, vnd gefelt einem Teutschen in summa nicht, was seyn eygen ist, sonder nur auss fürwitze frembder siten, gang, kleyder, spraach, geberde, so gar, dass etlich mit kunst auss gelbem weissen hare, darumb dass es Teutsch ist, schwarz, Frantzösisch, Spaniolisch odder Welsch hare lassen machen[858], mit seltzamen beschoren köpffen, verkerter spraach, welche, so sie es gleich reden, vngern vnd verkert, als kunden sie es nimmer reden[859], vnd in summa wie die affen alle aller land verderbt sitten vnd kleyder anmassen[860], vnd in Teutschland bringen, {20} also dass Germania jetz voller Teutscher Frantzosen, Teutscher Walhen[861] vnd Spanier ist. Es ist kein volck, es bleibt bei seiner spraach vnnd kleydung, dunckt sich der gemeyd[862] sein, vnd rhümpt sich deren, wil auch, dass mans darbey erkenn. Allein die Teutschen verleugnen jre spraach vnd kleydung vnd geen in frembder seltzamer mummerey herein, als haben sie einn böss stuck thon[863], dass mann sie an nicht kan kennen, dann an sauffen vnd kriegen....

Auss disser vnachtsamkeit ist kommen, dass wir nicht vonn vns selbs haben noch wissen vnd bass[864] von Türcken vnd Dattern[865] {10} wissen zu sagen dann von vns selbs vnd vnseren ältern, dass vns die Römer nit gar vergebens Barbaros haben genent vnd in dem fall nit vnrecht thon. Es ist kaum ein vernüfftig höflich wort, spruch, red vnd that eim Griechen auss dem mund vnd hand gefallen, es ist in die feder kommen vnd als heiltumb[866] vffgehebt worden. Aber von Teutschen wissen die Teutschen nicht, sogar, wann nit die Latini für vns sorgfeltig etwas hetten auffgezeichnet (doch immer zu, dz jn der glimpffe[867], sieg vnd rhuom bleib), so wissten vnd hetten wir gar nicht. Das haben zu vnserer Zeit vil hochgelerter bedacht vnd noch seuffzen, klagen[868], als Wilibaldus Birckheymer, Christoferus Scheurlin, Conradus Celtis, Jacobus Wimphelingius, Beatus Rhenanus, Conradus Peuttinger, Nauclerus, Irenicus, vnd vor jn allen der gelert Auentinus, Item Petrus Apianus, Bart. Amantius vnd {10} andere etc. vnd auss mangel der büecher solch müeh vnd schweiss drob verrert[869], dass kaum ein ander arbeyt schwerer sein mag; vnd dissen vmb Germania woluerdienten mennern bin ich auff die achsel gestanden, mich vnderstanden[870], den Teutschen diss, das ist sich selbs, zu Teutsch geben; wiewol ich nuon höre, dass andere auch mit vmbgeen, vnd, ob Gott wil, mit grossen ehren herauss vff den plan werden kommen, wie ich ein jar, zwey[871] vff sie gewart, so wil ich doch im verlorn hauffen als einer auss dem halt[872] mich erster herfür lassen, allein darumb, ob ich die andern möcht vffbringen vnd auss dem leger[873] locken. Vbermögen[874] sie mich {20} übelgewapneten, wie ich zu Gott verhoff, so wil ich gern vnd mit eern wider zu ruck in hag[875] fliehen, vnnd soll disse flucht mein grosse eer, sieg vnd gewin sein, dass ich solch landschirmer vff den plan hab gelockt vnd auss dem leger bracht, vnd sol disser mein erster aussrit sein gleich als wann man ein künstler oder senger zu singen durch bit, wie jr art ist, nit kan bewegen, dass man ein andern grif[876] brauchen muoss, dass man gantz übel vor jn singen muoss oder ein harpffen nemen vnd vor den orn des harpffenschlagers zittel discordantz vnd rossquit druff schlagen[877], dass den in oren wee thuot vnd nit leiden konden, da heben sie an zu singen {30} wie der Schwan, vnd mit genommener harpffen wöllen sie den misshal zu schanden machen. Also geb Gott, dass durch diss mein raspen[878] einn ander auffgeweckt mich nit allein, wo ich erlegen bin, ersetze, sonder mich mit meiner kunst zu schanden mache vnd Teutschland ein besser, warer melodey vnd simphonei schlag, vnnd eigentlicher heraus butz[879], dann ich geringer in disser profession vnd Chronick hab geleyst.

2.

KLEINE VÖGLIN, KLEINE NESTLIN.

Ein grosser Vogel muss ein gross nest haben. Grosse herrn müssen vil verzern. Vil einnemens vil aussgebens. Man trinckt aus kleinen brunnen eben so gnug als auss grossen. Der hirt hat eben so gnug vnnd lebt eben so lang vnd wol als der schultheyss {10} im hauss, der bawr als der fürst. Es ist allein vmb ein wenig mehr bracht[880] zu thun, vnd der vnderscheid allein im schein. Die speise vnd kleyder seind wol vngleich; halt aber das habermuss[881] gegen eim hungerigen magen vnd die capaunen gegen dem saten, vnlustigen magen der reichen, so lebt der baur wie der fürst. Ja, was sag ich, der bauwer lebt wohl vnnd der fürst wie ein arm man vnnd Tantalus in der hell. Der baur schläft müd auf einem strosack, wasen[882], banck, vnd sonst, wo er ligt: der fürst mag in helffenbeynen betten, auff pflaumfeder, mit eitel spinet[883], seidin vnd gold vmbhenckt, vnder vnd vberlegt, nit schlaffen. Hie frage ich doch, {20} welcher wol lig? Der fürst kan den last der kleyder etwa kaum tragen; der baur singt vnd springt frei, hurtig in eim grawen röcklin daher, darff[884] der nit verschonen, vnd zert mit einem creutzer so weit als der reich mit einem ducaten.

... Wo vil vässer[885] seind, da seind vil abesser. Grosser hoff muss vil mägt vnd knecht haben, vnd vil einnemens macht vil aussgebens. Der baur, so sein höflin on mägd vnd knecht mit seiner hand kan bawen, vnd die bewrin, so on mägd jr vihe kan allein melcken: die mögen leicht haben, das jn gnug, vnnd seind in jrem nestlin wol so reich, als der gross Meyer[886] mit fünffzig haupt {30} vihe, fünfftzehen meyd vnd knechten. Vnd ist der vnderscheyd an der narung des meysslins[887] vnd des pfawen nur im schein. Das meysslin hat wenig vnd ein klein nestlin, es darff[888] aber auch wenig. Der pfaw aber muss vil vnd ein gross nest haben. So nun in das gross vnd weit vil gehört vnnd das klein vöglin an kleiner speiss vnd nest vergnügt ist, so seind sie ye gleich reich. Ein eymerig vass vol ist eben so reich vnd vol, als das füderig[889]; was jhens mehr fasst, darff es mehr, vnnd geht mehr in es. Weil aber ein Christ gar ein nidertrechtig[890] vöglin ist, darff er auch gar wenig, vnd steht doch in diesem wenig aller welt reichthumb, also dass in disem wenig alles jr ist, was die welt hat vnd ist. Ich sehe manchen reichen in stetten hin vnd wider, der vnrüwig fast zablet[891] {10} vnd in dem nicht thut, dann dass er seiner mägd vnd knecht knecht ist. Wie vil seliger ist das vöglin, an seinem kleinen Nestlin benügt, dass sich nach der deck streckt! Wer sich also einziehen kann, der wirt nimmer arm vnd ist gar an leichtem[892] reich.

3.

SPRICHWÖRTER.

Thl. I (1541), Bl. 123.

Eygner herd ist golds werdt.

Es sol niemand jm selbs loben.

Freuntschafft thuot mehr not, dann wasser vnd brot.

Ein guoter freund ist in der not besser, dann gelt.

{20} Guoter freund, guoter fund.

Guot freund verzeihen einander leicht.

Bl. 20.

Das angesicht verrath den man.

Es ist niemand weniger allein, dann allein.

Thl. II, Bl. 24.

Zween hart stein muolen nie klein.

Zween streitköpff werden nimmer eins.

Bl. 79.

Mensch helff dir selbs, so hilfft dir Gott.

JOHANNES PAULI.

[Scherer D. 298, E. 295.]

Geboren, 1455 zu Pfeddersheim von jüdischen Eltern, trat zur katholischen Kirche über, wurde Franciscaner und starb 1530 zu Thann im Oberelsass. Er war ein Anhänger Geilers von Kaisersberg und sammelte dessen Predigten. Sein Buch ‘Schimpf und Ernst’ ist eine Sammlung von 700 Schwänken, Erzählungen, Fabeln, Anekdoten u. dgl. Herausgegeben von Österley (Stuttgart, 1866).

SCHIMPF UND ERNST.

DIE BEIDEN BLINDEN.

Es stunden auff ein mal zwei blinden vnder einem thor, da der künig oben in dem sal sasz vnd asz vnd mocht zů demselbigen thor sehen, vnd sahe wer da vsz vnd yn gieng. Da schrei der ein blind. O wie ist dem so wol geholffen, dem der Künig oder Keiser wil helffen. Da fieng der ander blind auch an zůschreien vnd sprach, O wie is dem so wol geholffen, dem got wil helffen! vnd also eins vmb das anders schrauwen die zwen blinden, dieweil der keiser {10} oder künig asz. Der keiser wolt doch versůchen was sie für glück hetten, vnd liesz zwen kůchen bachen, vnd in den einen thet er vil guldin, das er schwer was, in den andern thet er vil dottenbein, das er leicht was, und hiesz dem blinden den schweren kůchen geben, der da zů dem künig schrei, da ieglicher sein kůchen het, da giengen die blinden zůsammen, vnd fragten einander was im worden wer. Der ein sprach, man hat mir als ein leichten kochen geben. Da sprach der ander, so ist meiner als schwer, ich mein es sei häbere brot lieber lassen vns tuschen mit einander, ich hab alwegen gehört, brot bei der leichte, vnd kesz bei {20} der schwere. Die tuschten mit einander, morgens kam der aber vnd schrei. O wie ist dem so wol geholffen, dem der künig wil helffen. Der ander blind kem nit me, er het gnůg. Der keiser kam vnd liesz den blinden fragen, wa er den kůchen hin het gethon. Der blind sprach, er het mit dem andern blinden getuscht, wan er wer leichter gewesen dan der sein. Da sprach der künig, der ander blind hat noch recht geschruwen, das dem wol geholffen ist dem got wil helffen. Du solt nichtz haben, darumb bleib du in dem ellend.

JÖRG WICKRAM.

[Scherer D. 299, E. 297.]

Aus Kolmar, wo er eine Meisterschule gründete. 1554 Stadtschreiber zu Burkheim am Rhein. Seine Erzählungen ‘Knabenspiegel’, ‘Von guten und bösen Nachbarn’, ‘Gabriotto und Reinhard’, ‘Goldfaden’ (herausgegeben von Brentano, Heidelberg, 1809) schrieb er zwischen 1551-1556. Sein ‘Rollwagenbüchlein’, zuerst 1555 erschienen, ist eine Sammlung von Schwänken und Anekdoten; herausgegeben von Kurz (Leipzig, 1865). Wickram dichtete auch Dramen.

AUS DEM ROLLWAGENBÜCHLEIN.

Der schmackhafte Trunk.

Auf ein zeit fůr ein mechtig schiff auf dem mer mit grossem gůt und kaufmanschatz beladen. Es begab sich, das ein grosse fortun oder torment an sie kam, also das sich menniglich zů sterben und {10} zů ertrinken verwegen tet. Auf dem schiff was ein grober und gar ein ungebachner Baier. Als er von menniglich hort, das sie sich zů versinken und zů ertrinken verwegen hatten, gieng er über seinen ledernen sack, nam daraus ein gůte grosse schnitten brot, reib ein gůt teil salz darauf, hůb an und ass das ganz gütiglichen in sich, liess ander laut beten, gott und seine heiligen anrüfen. Als nun auf die letzt der torment vergieng und alles volk auf dem schiff wider zů růwen kamen, fragen sie den Baier, was er mit seiner weis gemeint hat? der gůt Baier gab auf ire fragen antwort und sagt: ‘Dieweil ich von euch allen hört, wie wir undergon und gar {20} ertrinken solten, ass ich salz und brot, damit mir ein solcher grosser trunk auch schmecken mocht.’ Dieser wort lachten sie genůg.

DOCTOR FAUST.

[Scherer D. 301, E. 298.]

Das älteste Volksbuch vom Doctor Faust erschien zuerst zu Frankfurt 1587 bei Johann Spies (herausgegeben von Braune, Halle 1878; in photolithographischer Nachbildung Berlin, 1884). Eine neue Originalausgabe zu Frankfurt 1588. Erweiterte Ausgaben zu Berlin 1590; zu Frankfurt 1592. Eine englische Übersetzung (nach einem Nachdruck der ersten Ausgabe vom Jahre 1588) erschien zu London, 1592, und bald darauf Marlows Tragödie. Das alte Faustbuch wurde in Deutschland seit 1595 durch Widmanns Bearbeitung verdrängt.

1.

DOCT. FAUSTUS EIN ARTZT, VND WIE ER DEN TEUFFEL BESCHWOREN HAT.

[Sidenote: D. Faustus Beschweret den Teuffel zum erstenmal.]

[Sidenote: O dess armen Diensts vnd Gehorsams.]

WIe obgemeldt worden, stunde D. Fausti Datum dahin, das zulieben, das nicht zu lieben war, dem trachtet er Tag vnd Nacht nach, name an sich Adlers Flügel, wolte alle Gründ am Himmel vnd Erden erforschen, dann sein Fürwitz, Freyheit vnd Leichtfertigkeit stache vnnd reitzte jhn also, dass er auff eine zeit etliche zäuberische vocabula, figuras, characteres vnd coniurationes, damit er den Teufel vor sich möchte fordern, ins Werck zusetzen, {10} vnd zu probiern jm fürname. Kam also zu einem dicken Waldt, wie etliche auch sonst melden, der bey Wittenberg gelegen ist, der Spesser[893] Wald genandt, wie dann D. Faustus selbst hernach bekandt hat. In diesem Wald gegen Abend in einem vierigen Wegschied[894] machte er mit einem Stab etliche Circkel herumb, vnd neben zween, dass die zween, so oben stunden, in grossen Circkel hinein giengen, Beschwure also den Teuffel in der Nacht, zwischen 9. vnnd 10. Vhrn. Da wirdt gewisslich der Teuffel in die Faust gelacht haben, vnd den Faustum den Hindern haben sehen lassen, vnd gedacht: Wolan ich wil dir dein Hertz vnnd Muht erkühlen, {20} dich an das Affenbäncklin setzen, damit mir nicht allein dein Leib, sondern auch dein Seel zu Theil werde, vnd wirst eben der recht seyn, wohin ich nit (wil) ich dich meinen Botten senden, wie auch geschach, vnnd der Teuffel den Faustum wunderbarlich äfft vnnd zum Barren[895] bracht. Denn als D. Faustus den Teuffel beschwur, da liess sich der Teuffel an, als wann er nicht gern an das Ziel vnd an den Reyen käme, wie dann der Teuffel im Wald einen solchen Tumult anhub, als wolte alles zu Grund gehen, dass sich die Bäum biss zur Erden bogen, Darnach liess der Teuffel sich an, als wann der Waldt voller Teuffel were, die mitten vnd neben dess D. Fausti Circkel her bald darnach erschienen, als wann nichts denn lauter Wägen da weren, darnach in vier Ecken im Wald {10} giengen in Circkel zu, als Boltzen vnd Stralen, dann bald ein grosser Bůchsenschuss, darauff ein Helle erschiene, Vnd sind im Wald viel löblicher Instrument, Music vnnd Gesäng gehört worden, Auch etliche Täntze, darauff etliche Thurnier mit Spiessen vnd Schwerdtern, dass also D. Fausto die weil so lang gewest, dass er vermeynt auss dem Circkel zu lauffen. Letztlich fasst er wider ein Gottloss vnd verwegen Fürnemen[896], vnd beruhet oder stunde in seiner vorigen condition, Gott geb, was darauss möchte folgen, hube gleich wie zuvor an, den Teuffel wider zu beschweren, darauff der Teuffel jhm ein solch Geplerr vor die Augen machte, {20} wie folget: Es liess sich sehen, als wann ob dem Circkel ein Greiff oder Drach schwebet, vnd flatterte, wann dann D. Faustus seine Beschwerung brauchte, da kirrete das Thier jämmerlich, bald darauff fiel drey oder vier klaffter hoch ein feuwriger Stern herab, verwandelte sich zu einer feuwrigen Kugel, dess dann D. Faust auch gar hoch erschracke, jedoch liebete[897] jm sein Fůrnemmen, achtet jhms hoch, dass jhm der Teuffel vnterthänig seyn solte, wie denn D. Faustus bey einer Gesellschafft sich selbsten berühmet, Es seye jhm das höchste Haupt auff Erden vnterthänig vnd gehorsam. Darauff die Studenten antworteten, sie wüssten kein höher Häupt, {30} denn den Keyser, Bapst oder König. Drauff sagt D. Faustus, das Häupt, das mir vnterthänig ist, ist höher, bezeugte solches mit der Epistel Pauli an die Epheser, der Fürst dieser Welt, auff Erden vnd vnter dem Himmel, &c. Beschwur also diesen Stern zum ersten, andern, vnd drittenmal, darauff gieng ein Fewerstrom eines Manns hoch auff, liess sich wider herunder, vnnd wurden sechs Liechtlein darauff gesehen, Einmal sprang ein Liechtlin in die Höhe, denn das ander hernider, biss sich enderte vnd formierte ein Gestalt eines fewrigen Manns, dieser gieng vmb den Circkel herumb ein viertheil Stund lang. Bald darauff endert sich der Teuffel vnd Geist in Gestalt eines grauwen Münchs, kam mit Fausto zu sprach, fragte, was er begerte. Darauff war D. Fausti Beger, dass er morgen vmb 12. Vhrn zu Nacht jhm erscheinen solt in seiner Behausung, dess sich der Teuffel ein weil wegerte[898]. D. Faustus beschwur jhn aber bey seinem Herrn, dass er jm sein Begern solte erfüllen, {10} vnd ins Werck setzen. Welches jm der Geist zu letzt zusagte, vnd bewilligte.

2.

D. FAUSTUS LÄST JHM DAS BLUT HERAUSS IN EINEN TIEGEL, SETZT ES AUFF WARME KOLEN, VND SCHREIBT, WIE HERNACH FOLGEN WIRDT.

[Sidenote: O HERR Gott behüt.]

ICh Johannes Faustus D. bekenne mit meiner eygen Handt offentlich, zu einer Bestettigung, vnnd in Krafft diss Brieffs, Nach dem ich mir fürgenommen die Elementa zu speculieren, vnd aber auss den Gaaben, so mir von oben herab bescheret, vnd gnedig mitgetheilt worden, solche Geschickligkeit in meinem Kopff nicht {20} befinde, vnnd solches von den Menschen nicht erlehrnen mag, So hab ich gegenwertigem gesandtem Geist, der sich Mephistophiles nennet, ein Diener dess Hellischen Printzen in Orient, mich vntergeben, auch denselbigen, mich solches zuberichten vnd zu lehren, mir erwehlet, der sich auch gegen mir versprochen, in allem vnterthenig vnnd gehorsam zuseyn. Dagegen aber ich mich hinwider gegen jhme verspriche vnd verlobe, dass so 24. Jahr, von Dato diss Brieffs an, herumb vnd fürvber gelauffen, er mit mir nach seiner Art vnd weiss, seines Gefallens, zuschalten, walten, regieren, führen, gut macht haben solle, mit allem, es sey Leib, Seel, Fleisch, {30} Blut vnd gut, vnd das in sein Ewigkeit. Hierauff absage ich allen denen, so da leben, allem Himmlischen Heer, vnd allen Menschen, vnd das muss seyn. Zu festem Vrkundt vnnd mehrer Bekräfftigung, hab ich disen Recess eigner Hand geschrieben, vnderschrieben, vnd mit meinem hiefür getrucktem eygen Blut, meines Sinns, Kopffs, Gedancken vnnd Willen, verknüpfft, versiegelt vnd bezeuget, &c.

Subscriptio,

Johann Faustus, der Erfahrne der Elementen, vnd der Geistlichen Doctor.

3.

WIE DOCT. FAUSTUS ZU ERFFORD DEN HOMERUM GELESEN, VND DIE GRIECHISCHEN HELDEN SEINEN ZUHÖRERN {10} GEWEIST VND VORGESTELT HABE.

ES hat sich auch D. Faustus viel Jahr zu Erfford gehalten, vnd in der hohen Schul daselbst gelesen, vnd viel Ebenthewr in dieser Stadt angerichtet, wie noch etliche Personen beim leben, die jn wol gekandt, solche Ebenthewr von jhm gesehen, auch mit jm gessen vnd getruncken haben. Als er nun seinen Zuhörern einmal den Griechischen fürtrefflichen Poeten Homerum gelesen, welcher vnter andern Historien auch den zehenjärigen Krieg von Troia, der sich der schönen Helenæ wegen vnter den Griechischen Fůrsten erhaben hatte, beschreibet, vnd da vielmals der Tapffern Helden, {20} Menelai, Achillis, Hectoris, Priami, Alexandri, Vlissis, Ajacis, Agamemnonis vnd anderer gedacht wird, hat er derselben Personen, gestalt vnd gesichte den Studenten dermassen beschrieben, das sie ein gros verlangen bekommen, vnd offt gewünscht, wo es jhr Præceptor zu wegen bringen könte, dieselbigen zu sehen, haben jn auch darumb bitlichen angelanget[899]. Faustus hat jn solches verwilligt vnd zugesagt in der nechsten Lection, alle die sie begerten zusehen, vor augen zu stellen, derwegen ein grosser concursch vnd zulauff von Studenten worden. Wie dann die Jugend allzeit mehr auff Affenwerck vnd Gauckelspiel, denn zu dem guten, Lust vnd {30} Zuneigung hat. Als nun die Stunde komen, vnd Doctor Faustus in seiner Lection fortgefahren, auch gesehen, das wegen seiner gethanen zusag, mehr Zuhörer verhanden, dann sonsten, Hat er fast mitten in der Lection angefangen, vnd gesagt: Ir lieben Studenten, weil euch gelüstet die Griechischen berhümbten Kriegsfürsten, welcher der Poet alhier neben vielen andern Scribenten gedenckt, in der Person, wie sie domals gelebt vnd herein gangen seind, anzuschawen, sol euch dieses jtzt begegnen, vnd sind auff solche Wort alsbald obernante Helden in jhrer damals gebreuchlichen gewesenen Rüstung in das Lectorium nacheinander hinein getreten, sich frisch vmbgesehen, vnd gleich als wenn sie ergrimmet weren, die Köpffe geschüttelt, welchen zu letzt nachgefolgt ist, der greuliche {10} Rise Polyphemus, so nur ein Aug im Kopffe mitten in der Stirn gehabt hat, vnd einen langen zottichten fewrrohten Bart, hat ein Kerln, den er gefressen, mit den Schenckeln noch zum Maul heraus zottend[900] gehabt, vnd so gresslich ausgesehen, dass jhnen alle Haar gen Berg gestanden, vnd sie vor schrecken vnnd zittern schier nicht gewust haben, wo sie naus solten. Dessen aber Faustus sehr gelacht, vnd jhnen einen nach dem andern bey namen genandt, vnd wie er sie beruffen, also auch ordentlich heissen wider hinaus gehen, welches sie auch gethan, alleine der eineugige Cyclops oder Poliphemus hat sich gestalt, als wolte er nicht weichen, sondern {20} noch ein oder zween fressen, Darüber sich dann die Studenten noch mehr entsatzt, sonderlich weil er mit seinen grossen dicken Spiesse, der lauter Eisen, vnd eim Weberbaum gleich war, wider den Erdboden sties, das sich das gantze Collegium bewegte vnd erschutterte. Aber Faustus winckete jhm mit eim Finger, da traff er auch die Thůr, vnd beschlos also der Doctor seine Lection, des die Studenten alle wol zu frieden waren, begerten fortan kein solch Gesichte von jhme, weil sie erfahren, was für gefahr hiebey zu fürchten.

THOMAS NAOGEORG.

[Scherer D. 309, E. 308.]

Aus Baiern. Eine Zeitlang Pfarrer zu Kahla in Thüringen. Führte, nachdem er mit Luther zerfallen, ein unstätes Leben. Er dichtete protestantische Tendenzdramen in lateinischer Sprache: ‘Pammachius’ 1538; ‘Mercator’ 1540; ‘Incendia’ 1541; ‘Hamanus’ 1543; ‘Hieremias’ 1551; ‘Judas Icariotes’ 1552.

AUS DEM PAMMACHIUS.

(Porphyrius. Pammachius. Satan.)

Porphyrius:

Er würt nun gwisslich ledig sein Und sein stůl haben gnomen ein Ich halt es sei der greülich man Gehörnt, der uns sicht hesslich an. Sein augen seind nür feüres glast, Eyn Habichs nass geknodet[901] vast. Sein maul ist weiter dann es sol. Sein gantzer leib schwartz wie eyn kol. 10

Pammachius:

Du hast verstand: es ist der man. Lass sehen was er hie wöll than.

Porphyrius:

Mir zittert aller meyner leib. Ich weyss nit, wo ich vor im bleib.

Pammachius:

Du můst sein angsicht leiden lern, Er gibt sunst grosse gaben gern Wann eyners eyn mol leiden mag 20 So leidt ers darnach allen tag.

Porphyrius:

Sag mir, Pammachi, wer sind die, Die also gkrönet stond alhie? Sichstu sie oder sichstus nit? Sag mirs, das ist mein grosse bitt.

Pammachius:

Es ist die öberkeyt im reich Ich sich ye sunst nit ires gleich.

Satan:

Die habend noch keyn feindlich gsicht, Mit forcht ir augen abgericht, Als ob sie etwas hetten gern, Das ich sie solt umb bitt gewern.

Porphyrius:

Sie ungleichen dem fürsten nit, 10 Als werns in eyner ess geschmit.

Pammachius:

Wolher, wir wöllen zů im gahn Und mit im zreden heben an.

Porphyrius:

O grossmechtiger fürst und her, Wir grüssen dich beyd ich und der.

Satan:

Was sůchend meyne find alhie? Ich hett solchs in vertrawet nie. 20

Porphyrius:

Ich weyss nit wie mir gschehen ist, So meyner zungen red gebrist[902]. Mich hat erschreckt die greülich stim, Das ich kan forter[903] reden nim[904].

Pammachius:

Du můst eyn starck gemüt hie hon Und wie eyn starcker kriegsman thon.

Porphyrius:

Wir deine diener hond eyn bitt, 30 Begerend: fürst, verschmeh uns nit.

Satan:

Was habt ir dann für bitt an mich? Sags von stund an, dazů schick dich!

Porphyrius:

O grosser fürst, gnediger her, Wiewol es von sich selbs ist schwer, Das eyner bei sein finden redt Und er werd gweret seiner bedt Bei denen, die er hett zůvor Mit wort und werck beleydigt zwor Noch tröst uns dein gross miltigkeyt Die bei dir allweg ist bereyt Die macht das wir auch hoffnung han 10 Dein gnad die werd uns nemen an Bissher hond wir noch nie erkant Dein onüberwintliche handt Und das mit unserm schaden gross Das wir nit wurden zerst dein gnoss Dieweil du so freigebig bist Das all den deinen nichts gebrist Mit grossem bracht sie gond daher Als ob die gantz welt iren wer. Nichts mangelt in an eer und gůt. 20 Dazů hond sie eyn gůten můt. On arbeyt werden sie all reich, So uns gar nit geschicht der gleich. Wir sind verschmacht[905] in aller welt Wir hond auch weder gold noch gelt, Wir sind veracht und gar verbandt. Man nimbt uns alles was wir handt. Mit hauss und hoff, mit weib und kind Wir täglich in den gferden sind Thůnd wir schon gůts, so ists keyn danck 30 Also leiden wir grossen zwanck Aber uns gschicht da eben recht Das wir nit wöllen sein dein knecht Die in deim reich hie müssend won. Drumb nemend wir eyn solchen lon. Eyn knecht sol warten auff sein hern, Will er von im eyn lon begern. Solchs solten wir betrachtet hon Und nit wöln deim gwalt widerston. Aber es gschach auss unverstandt. Drumb strecken wir auss unser hand, Du wölst dein knechten gnedig sein. Die vorhin haben straff und pein. Jetzt nim uns auff auch in dein reich. Mach uns dein underthonen gleich: 10 Wir wöllen gůten fleiss an kern, Dasselbig fürdern und zů mehrn. Das du můst sagen sicherlich, Du habst zůvor nit unsers gleich. Wie wir dir theten widerstandt, So wöln wir fürter mern dein landt, Also das keyner strenger sei Von allen die dir wonen bei.

JOHANNES CHRYSEUS.

[Scherer D. 310, E. 308.]

Deutscher Tendenzdramatiker der Reformationszeit. Lebte zu Altendorf in Hessen. 1546 übersetzte er den ‘Haman’ von Naogeorg. Sein ‘Hofteufel’ steht an der Spitze der gesammten Teufelsstücke des sechzehnten Jahrhunderts.

AUS DEM HOFTEUFEL.

Actus Quarti Scena Septima.

Sibilla. Salomon. Ben Jamin. Blepsidemus. Joseph[906].

Ach, Blepsideme, böse mehr Bringt jr mit euch mir jetzund her. 20 Ach Gott, mein Gott, klag dir mein leid; Ach Herr, hilff jetzt zu diser zeit! Ach hertzenliebsten kinder mein, Solt jr denn jetzt so jung vnd klein Zu armen elendn waysen werdn? Das klag ich dir mein Gott vnd Herrn. Wie hertzlich hat euwr Vatter doch Geliebet euch, vnd sollet noch Sein werdn beraubt so jämmerlich? Ach Gott, solchs jetzund krencket mich.

Salomon.

Wer wil denn vnserm Vatter thun? 10

Sibilla.

Die Gottlosn Leut, mein lieber Son. Bin doch ein gantz elende Frauw. Du treuwer Gott von Himmel, schauw, Sih an mein jammr und gross ellend: Diss böss fürnemmen gnedig wend! Ach Blepsideme, günner gut, Ich bitt, geht hin, erfaren thut, Wies vmb mein Herren sey gestalt, Ob er noch leb, vnd sagt mirs bald, 20 All weil ich hie verziehen wil.

Blepsidemus.

Wils bald erfarn, steht jr hie stil.

Sibilla.

Ach lieben kindr, bitt jetzt auch Gott, Das er errett euwrn Vattr vorn Tod.

Ben Jamin.

Ich wil flugs bettn, mein Memelein.

Sibilla.

Das thu, du hertzer Sone mein. 30

Joseph.

Wil ich meim Vatter helffen wol?

Sibilla.

Der treuwe Gott jm helffen sol. Ach lieben kindr, jr jammert mich. Du heiligr Gott, erbarme dich Vbr meinen Mann, den diener dein!

Ben Jamin.

Ach greinet nicht, mein Memelein.

Blepsidemus.

Ich habs erkundt, er ist noch frey, Drumb geht nur her, trett bass herbey.

Sibilla.

Mag mich jn jetzt nicht sehen kan: 10 Die kindr würdn jm zu hertzen gan.

Blepsidemus.

Ey, seit getröst vnd weinet nicht. Kan noch wol werden als geschlicht.

Sibilla.

Ach Gott, er jammert mich zu sehr.

Blepsidemus.

Seit stil, der König kompt jetzt her.

THIEBOLD GART.

[Scherer D. 304, E. 303.]

Bürger zu Schlettstadt. Sein Volksstück ‘Joseph’ wurde 1540 von Schlettstädter Mitbürgern aufgeführt und in demselben Jahre das erste Mal gedruckt zu Strassburg. Herausgegeben von E. Schmidt (Strassburg 1880).

SOPHORA.

O wee mein höchster Jupiter, Cupido du gewaltigster, 20 O Venus, dein gestrenges kind, Durchtringt mein traurigs hertz geschwind, Mit scharpffen pfeilen heysser lieb, Du brünnens[907] fewr, der ehren dieb, Was bringstu für ein preiss daruon? Wann du ein weib bezwingest schon, Ein plede[908] creatuer seer, Du plinder schütz, wa ist dein ehr? Mir kam doch in mein keüsches hertz, Nie semlich[909] vngehörter schmertz, Als seit der zeit so Joseph kam, In vnser hauss der heysse flamm, So bitt ich edle Venus mein, Gib jm das auch dagegen ein, 10 Vnd aber nim du bald hinweg, Das du mir gabst, das gross gekläg, Heu[910] soll ich mir ein sollchen mann, So hertzlich lassen ligen an Treib auss deim keuschen hertzen treib, Die schandtlich lieb, o leydigs weib, So fast du magst, ja wann ich möcht? So wer ich auch geschickter lecht[911], Mich zwingt vnwillig newe macht, Ein anders hat mein hertz betracht, 20 Ein anders radt mir liebes brunst, Ich kenn das recht vnd lobs vmb sunst, Denn ich folg nur dem bösen nach, Du arme, was ist dir so goch? Nach disem Hebreischen knecht, Er ist der thewren frawen zschlecht, Wa komm ich hin, was foch ich an? Du schändtlichs fewr, weich weit hindan Solt mich erbitten liebes lust, Eim dem mein lieb noch vnbewusst, 30 Wie möcht ichs jmmer vndersthon? Schamm würd mein mund beschliessen than. Jetzt weyss ich mir ein freien fund, Brieff brieff, die müssens machen kundt, Keyn bessers möcht ich han erdacht, Er kumpt, O wee die thür die kracht, Er ists, ich wags vnd solt ich schon, Eya meins hertzen höchste kron, Du bists nach dem mein hertz verlangt, An dir mein leib vnd leben hangt.

HANS SACHS.

[Scherer D. 306, E. 304.]

Geboren 1494 zu Nürnberg. Er besuchte die lateinische Schule, wurde Schuhmacher, gieng auf die Wanderschaft und befleissigte sich der Dichtkunst. 1515 nach Nürnberg zurückgekehrt, heiratete er 1519 und starb 1576. Zwischen den Jahren 1514, wo er zu dichten angefangen, und 1567 hatte er 34 Bände mit 6048 Stücken gedichtet. Eine neue Ausgabe durch Keller und Götze begonnen (Tübingen 1870 ff.); eine Sammlung der Fastnachtspiele von Götze (Halle 1880 ff.); eine Auswahl veranstalteten Gödeke und Tittman (3 Bde. Leipzig 1870, 1871).

1.

WARUMB BETRÜBSTU DICH.

Warumb betrübstu dich mein hertz, bekümmerst dich vnd tregest schmertz Nur vmb dz zeitlich gut, Vertraw du deinem Herren vnnd Gott, der alle ding erschaffen hat. 10 Er weyss gar wol, was dir gebricht, Himel vndt Erdt ist sein, Mein Vatter vnnd mein Herre Gott, der mir beisteht in aller not. Weil du mein Gott vnnd Vatter bist, Dein Kind wirst du verlassen nicht, du Vätterliches hertz, ich bin ein armer erden Kloss, auff Erden weiss ich keinen trost. 10 Der Reich verlest sich auff sein zeytliches gut, ich aber wil dir vertrawen mein Gott. ob ich gleich werdt veracht, So weiss ich vnd glaub vestiglich, wer dir vertrawt dem mangelt nicht. Helia wer erneret dich, da es so lange regnet nicht, Inn so schwer thewrer zeyt, Eine Widwe auss Sodmer landt, zu welcher du von Gott warst gesandt. Do er lag vnter dem Wacholder baum, der Engel Gottes vom Himmel kam, bracht jm Speiss vnde tranck, Er gieng gar einen weiten gang, Biss zu dem berg Horeb genandt. Des Daniels Gott nicht vergass, da er vnter den Löwen sass: 10 sein Engel sand er hin, vnd liess jm speise bringen gut durch seinen diener Habacuck. [Joseph in Egypten verkauffet ward, von König Pharao gefangen hart vmb sein Gottsförchtigkeit: Gott macht jn zu eim grossen Herrn, das er kundt Vatter vnd Brüder ernehrn. Es verliess auch nicht der trewe Gott die drey Menner im Fewer ofen rot: 20 sein Engel sandt er jhn, Bewart sie für dess Fewres glut vnd halff jhnen auss aller noht.] Ach Gott du bist noch heut so Reich, Als du gewesen Ewigkleich, Mein trawen steht zu dir, Mach mich an meiner Seelen reich, so hab ich genug hie vnd ewigkleich. Der zeitlichen ehr will ich gern entpern, du wöllest mich nur des ewigen gewern, das du erworben hast durch deinen herben bittern todt, des bit ich dich mein HERR vnd Gott. Alles was ist auff diser Welt, 10 es sey Silber Gold oder gelt, Reichtumb vnnd zeitlich gut, das weret nur ein kleine zeit vnd hilfft doch nichts zur seligkeyt. Ich danck dir Christ O Gottes Son, das du mich solchs hast erkennen lon[912] durch dein Gottliches Wort, Verley mir auch bestendigkeyt zu meiner seelen seligkeyt. Lob ehr vnd preiss sey dir gesagt 20 für alle dein erzeigte wolthat vnd bit demütig, Lass mich nicht von deim angesicht verstossen werden ewigklich, Amen.

2.

LANDS KNECHT SPIEGEL.

Dess Kriegs art, frucht vnd lohn, Magst du hierinn verstohn.

ALS ich vor dreyssig Jaren, Noch Jung vnd vnerfahren, Offt hört vom Kriege sagen, Vnd mir auch hart anlagen Mein Gsellen, das ich hin Solt in den Krieg mit jhn, Auch etwas zuerfahren, 10 Das ich in alten Jaren Daruon zusagen west[913], Fürsagten mir das best, Das ich ein lust gewunn Zum Krieg, vnd dem nachsunn, Wie noch manch Junges blut, Auss vnwissenheit thut. Nun, eins Nachs gegem Tag, Als ich frey munder lag, Erschin mir hell vnd pur 20 Der gross Gott der Natur Genius, sprach zu mir: Wolauff Gsell, das ich dir Den Krieg thu zeygen on, Sein art, frucht vnd sein lohn, Wenn ich dir den fürstell, Nach dem dir ausserwel In disen Krieg zuziehen, Oder jhn gar zufliehen. Nachdem da nam er mich, 30 Führt mich hoch vbersich Hindurch den klaren lufft, Vnd auff der Erden grufft Mir zeigt ein weytes thal, Verwüstet vberal, Verhawen warn die Wälder, Zertretten die Bawfelder, Würtz, Kraut, Laub vnde Grass Als abgefretzet was, 10 Sampt allerley Getreyd, Vnd aller wunn vnd weyd, Vnd die edlen Weinreben, All fruchtbar Bäum darneben Waren all abgehawen, Die Ecker vngebawen, Auch stunden die Weyer Von Visch vnd Wasser leer, Auch zeigt er mit darumb Ein vber grosse sumb, 20 Lang vnd breyt etlich meyler Dörffer vnd kleine Weyler Die brunnen[914] hoch vnd lo,[915] Eins theils die lagen do In der Aschen, vnd rochen[916], Zeigt mir wie sich verkrochen Die Bawern in den Wälden, In heckn vnd finstern hälden[917], Der ich doch vil sah schetzn[918], Fahen, Martern vnd pfetzn, 30 Auch wie da an den Strassen, Vor den Dörffern sassen Weib vnd die kleinen Kinder, Hin war Rossz, Schaf vnd Rinder, Auch jhr Schätzgelt eingraben, War hin von den Kriegsknaben, Sampt Futter vnd Getreyd, Dess sassens in hertzleyd, In hunger, durst vnd frost, Elend ohn allen trost, Vnd westen nit wohin, Nach dem zeigt er mir in 10 Den Bergen mannich Schloss, Welche durch das Geschoss, Warn hart worden bekümmert, Zerscherbet vnd zertrümmert, Vnd aussgebrendt mit Fewer, Doch stund noch etlich gmewer, Sonst all NotFest[919] zerstört, Kein Adel man drinn hört, Hin war als Frawen Zimmer, Vnd als was man vor jmmer 20 Geflöhnet[920] hett darein, Das war hin gross vnd klein, Nach dem er mir auch hat Gezeiget die Hauptstatt, Die vor war vest beschlossen, Jetzt durch den Feind zerschossen, Jhr Pastey[921] warn zerschellet, Thürn vnd Brustwör gefellet, Mit Pölern[922] hart gedrenget, Vnd mit Puluer zersprenget, 30 Die Mawer vnd den Graben Gar aussgefüllet haben, Auch lag da noch vom sturm Kriegsrüstung mancher furm[923], Von den die Statt ward gewunnen Das Wasser vnd die Brunnen Warn abgraben vnd gnommen, Als wir darob sind kommen, Zeigt er mir hin vnd her All gassen öd vnd lär, Elend stund das Rathauss, All Grechtigkeit war auss, Niemand hett straff noch schutz, 10 Es lag gemeiner Nutz, Freyheit, Original, All Pollicey zumal, Es schwieg Rath, Gsetz vnd Recht Es galt Herr wie Stadtknecht, War als verjagt vnd blöd, Auch stund die Kirch gar öd, Geblündert jhrer zier, Kein Freyheit war in jhr, Kein Ampt noch Sacrament, 20 Als Kirchengsang hett end, Kein Glocken noch kein Vhr, In jhr gehöret wur, Da war kein Priester mehr, Hin war jhr Würd vnd Ehr, Derhalb das Göttlich Wort Ward darinn nit gehort Mehr auff dem Predigstul, Auch stund gantz öd die Schul, Niemand da mehr studieret 30 In Künsten Arguiret, Kein freye Kunst gelehret, Dardurch würde gemehret Die zucht, weissheit vnd Tugend, Bei der blüenden Jugend, Auch stunden all Hämmer vnd Mül, Auch sah ich alle Stühl In den Werkstätten lär, Ich sah kein Handwercker Darinn schmieden noch drehen, Bachen[924], schneyden noch nehen, Schmeltzen, Giessen noch Weben, Graben, Zimmern, darneben 10 Buchtrucken noch Binden, Blieb alles dahinden, Sticken vnd Seidenfitzen, Mahln, Gulden oder schnitzen, Sah weder Badn noch schern, Lär waren all Tafern[925], Sah kein Hochzeit noch Tentz, Kein Bulerey noch Krentz, Kein Seytenspiel, hofiern, Kein Kurtzweil noch Thurniern, 20 Trawrig war all jhr wandel, Aller Gewerb vnd Handel Vom Krieg gefeget was, Vnsicher war die Strass, Auff alle Mess vnd Märck, In Summa all Handwerck Vnd Händel lagen nider, Ich schawet hin vnd wider Die Häuser alle offen, Das Volck hett sich verschloffen[926], 30 All winckel hin vnd dar Mit klag erfüllet war, Mit seufftzen, gschrey vnd weinen, Von grossen vnd von kleinen, Dann all Häuser in zorn Zerrissn, geblündert worn, Aller Haussrath war hin, Pettgwand, Silber vnd Zinn, Kleyder vnd die Barschafft, Der gantzen Burgerschafft, Dergleich gemeine Stadt, 10 War an jhrem vorrath, Beraubt, sampt aller Schätz, Erst sah ich das all plätz Vnd Gassn vol Burger lagen, Erschossen vnd erschlagen, Im Blut geweltzt jhr Leiber, Darbey Töchter vnd Weiber Sassen ein grosse Schar, Raufften jhr eygen Har, Wanden vor leyd jhr Händ, 20 Ihr vil waren geschend An jhr Weiblichen Ehr Von dem vnzüchting Heer. Genius sprach zu mir: Nun will ich zeygen dir Auch das gewaltig Heer, Das mit blutiger Weer Die Landschafft hat verhert, Schlösser vnd Städt vmbkehrt, Was sie für werth vnd lohn 30 Auch entpfangen daruon. Schnell mit mir Genius Durch die Wolcken hin schuss Vber ein weittes Feld, Das stund voller Gezeld, Vnd darumb Circkel rund Ein Wagnburg gschlossen stund, Da lag die blutig Rott An der Erd in dem Kot, Samb[927] lebendig begraben, In jrn Hüttn gleich den Raben, Gantz Wetterfarb vnd hager, Hungerig, dürr vnd mager, Ihre Kleyder zerrissen, 10 Erfaulet vnd zerschlissen, Bey der Nacht sie erfrurn, Beym Tag hart peinigt wurn Von der Sonn, hitz vnd staub, Macht sie gantz matt vnd taub, Regen vnd vngewitter, Herb kalte Wind warn bitter, Die Leuss in nassem Kleyd, Theten auch vil zu leyd, Offt ward gesperrt das Land, 20 Bracht mangel an Prouant, Derhalb Alter vnd Junger Musst leyden grossen hunger, Wann sie dann hetten wol, Warens denn gar stüd vol[928], Frassens fleisch hinein gar, Wans kaum halb gsotten war, Durch so vnorndlich leben Thet sich bey jhn begeben Das jhr vil waren kranck, 30 Vmb sie war gross gestanck, Sie hetten Breun vnd Ruhr, Vil jhr begraben wur, Kein rhu thetens auch haben Mit schantzen vnd mit graben, Mit Tagwach vnd schiltwachen, Vnd andern Kriegessachen, Der Pfenningmeister[929] gar Offt zu lang aussen war, Vil loffen auff die Beut, Zaltens offt mit der heut[930], Vil auch durch Armut kamen Das Feind vnd Freunden namen, Die henckt man dann an Galgen, O wie sah ich ein palgen[931], 10 Ein Gottlestern vnd schwern, Das niemand kund erwehrn, Auff dem vmbplatz vil ringer Lagen Händ vnde Finger, Ohn zahl jhr worden wund, Die man offt schlecht verbund, Das sehr vil Krüppel gab, Ich sah von oben ab, Wie sie litten zumal Vom Feind gross vberfal, 20 Auch kamen vom Scharmützel Ihr offt herwider lützel, Auch zeigt er mir von ferren In eim Zelt die Kriegsherren, Theten vil anschläg machen, Felten doch in vil sachen, Dess war jhn heimlich bang, Der Krieg verzog sich lang, Das Land gar zugewinnen, Offt thet jhn Gelts zerrinnen, 30 Bey all jhren auffsetzen[932], Der Vnderthanen schetzen, Denn thet der Krieg sie tringen[933], Eylend Gelt auffzubringen, Musten zu underpfand Versetzen jhr eygen Land, Ihr Kleinat vnd Credentz, Gieng auch dahin behends, Ietzt fehlt Puluer, dann Bley, Vnd ander Municey[934], Dem reysing Zeug gebrach Fütterung vnd Obtach, Das wasser mancher zeyt 10 Dem Läger war zu weyt, Offt ward Proviant verlegt, Der Lerman[935] sie erschreckt, Klag kam abend vnd morgen, Auch mustens hart besorgen, Ihn würd heimlich vergeben[936], Ander aufsetz darneben, Auch fürchtens mancherley Auffruhr vnd Meuterey In jhrem eygnen Heer, 20 Auch ereygnet sich mehr Vntrew jhrer Amptleut, Ihr vil trugen schalksheut, Auch war jhr kundschafft schlecht Offt falsch vnd vngerecht, Auch wurd jhn hin vnd wider Vil Post geworffen nider, Dardurch kam an den Tag Jhr heimlicher vorschlag, Von jhnen fiel auch ab 30 Etlich Stätt, sich begab Ir Bundgnossn wurden gweltigt, Noth, angst wurd manigfeltigt, Ihr Land vnd Fürstlich gnad Stund als auff dem glückrad, Der Feind auch auff sie zug, Das Läger an sie schlug, Beyd theil zuthun ein Schlacht, Wurden ordnung gemacht, Beyde zu Fuss vnd Ross, Abgieng das Feldgeschoss, Dass gleich das Erdrich kracht, Nach dem gieng an die schlacht, Vom Gschütz war ein gedöss, 10 Von Rossen ein gestöss, Ein stechen vnde hawen, In dem da thet ich schawen Das ein Heer siegloss floch, Der ander Hauff abzog. Genius liess mich sehen, Bald die schlacht ward geschehen, Die Walstatt diser Wisen, Sah ich mit Blute fliesen, Da grosse hauffen lagn 20 Erstochen vnd erschlagn, Eins theils lagen todwund Echtzten noch mit dem Mund, Eins theils hört ich laut gemmern Seufftzen vnd kläglich wemmern Vnd nach dem Tode schreyen, Auss ängsten sie zu freyen. Genius zeigt herab, Wie man auch vrlaub gab Dem gantzen hellen Hauffen, 30 Ach wie sah ich ein lauffen, Beyde von Jung vnd Alt, Dess Sold nicht gar bezahlt, Derhalb die strassen schlecht Lag gar vol Krancker Knecht, Ihr vil sah wir gefangen, Auch an den Baumen hangen, Ihr vil die Bawern erschlugn, Gantz elend sie heimzugn, Wann der tausent theil gleich Nit heim kam gsund vnd reich, Der meist theil kam zu Hauss Erger dann er zog auss, 10 Vol Laster vnd Vntugend, Also die blüend Jugend Im Krieg verdorben war, Das jhr anhangt vil Jar. Genius sprach zu mir: Sag an Gsell, wie gfelt dir Der Krieg vnd die Kriegsleut, Sein art, frucht, lohn vnd peut? Ich antwort jhm gar klug, Dess Kriegs hab ich genug, 20 Dieweil ich hab mein leben, So will ich mich begeben In kein Krieg nimmermehr, Weil er ohn nutz vnd Ehr Handelt, allein mit schaden Wirdt Land vnd Leut beladen, Welche der Krieg thut rühren, Sampt denen die jhn führen, Derhalb der Krieg ich sag Ist lautter straff vnd plag, Dess gar soll müssig gan Ober vnd Vnterthan. Da antwortet Genius Vnd sprach: Gesell man muss Dess Feindes sich offt weren, 10 Der wider Recht vnd Ehren Bekümmert Leut vnd Land, Allda mit thewrer hand Wehrt man sich recht vnd billig, Da solt du auch gutwillig, Deim Vatterland beystahn, Als ein ehrlicher Mann, Dran setze Leib vnd Blut, Krafft, Macht, Gwalt vnde Gut, Dein Vatterland zu retten, 20 Als auch die Alten theten, Das frid vnd rhu jhm wachs, Spricht von Nürnberg Hans Sachs.

3.

AUS DIE WITTEMBERGISCH NACHTIGALL, DIE MAN JETZT HÖRET ÜBERALL.

Wach auff, es nahend gen dem tag! Ich hör singen im grünen Hag Ein wunnigkliche Nachtigal, Ihr stimb durchklinget Berg und Thal. Die Nacht neigt sich gen Occident, Der Tag geht auff von Orient, Die rotbrünstige Morgenröt Her durch die trüben Wolcken geht, Darauss die liechte Sonn thut plicken Dess Mondes schein thut sie verdrücken[937]; Des ist jetzt worden bleich und finster, Der vor mit seinem falschen glinster[2] Die gantzen Herd Schaf hat geblend, Das sie sich haben abgewend Von ihrem Hirten und der Weyd Und haben sie verlassen beyd, 10 Sind gangen nach des Mondes schein In die Wildnuss den Holzweg ein, Haben gehört des Löwen stimb Und sind auch nachgefolget jhm, Der sie geführet hat mit liste Gantz weit abwegs tieff in die Wüste; Da habens ihr süss Weyd verlorn, Hant gessen Unkraut, Distel, Dorn ... Zu solcher Hut haben geholffen Ein gantzer Hauff reissender Wolffen ... 20 Auch lagen vil Schlangen im Grass, Sogen die Schaf ohn unterlass Durch all Gelid biss auff das Marck. Dess wurden die Schaf dürr und argk Durchauss und auss die lange Nacht Und sind auch allererst erwacht, So die Nachtigall so hell singet, Und des Tages Gelentz[938] herdringet, Der den Löwen zu kennen geit[939], Die Wölff und auch jhr falsche Weid. 30 Dess ist der grimmig Löw erwacht, Er lawret und ist ungeschlacht Uber der Nachtigal Gesang, Das sie melt der Sonnen auffgang ... Der schein niemand verbergen kan. Nun das ihr klärer möcht verstan, Wer die lieblich Nachtigal sey, Die uns den hellen tag ausschrey, Ist Doctor Martinus Luther, Zu Wittenberg Augustiner, Der uns auffwecket von der Nacht, Darein der Mondschein uns hat bracht. Der Mondschein deut die Menschen Lehr Der Sophisten hin und her Innerhalb der vierhundert Jaren, 10 Die sind nach ihr Vernunfft gefaren Und hant uns abgeführet ferr Von der Evangelischen Lehr Unseres Hirten Jesu Christ Hin zu dem Löwen in die Wüst. Der Löwe wird der Bapst genennt, Die Wüst das Geistlich Regiment, Darinn er uns hat weit verfürt Auff Menschensünd, als man jetzt spürt ... Darumb, ihr Christen, auss der Wüste 20 Kehrt zu dem Hirten Jesu Christe! Derselbig ist ein guter Hirt, Hat sein Lieb mit dem Tod probiert[940], Wie samlet er aber diss sein Lob? Nämlich durch sein wort, die recht prob, Das lasst er trewlich durch sein Lehrer Theylen nach gelegenheit der Zuhörer, Also, das ers auch nicht verschweigt Den Kindern, wie diss Büchlein zeigt, Darinn er ihn nach jhrm Verstand 30 Durch kurtze Fragstück macht bekant Die fürnemst stück Christlicher Lehre, Wie man jhn recht nach seim wort ehre. Derwegen niemand nicht veracht Die Fragen, hie kurtz eingebracht, Sondern denck, das wir müssen all Zu Kindern werden in dem fall, Wollen wir anders glauben recht Die gheimnuss unsers glaubens schlecht. Die kindlich einfallt muss uns führen, Und müssen lassen uns Regieren Gotts wort, gleich wie das Kind regiert Des Vatters Red, was der ordiniert; Müssen von uns nicht hoch ding halten, Sondern wie Kind demütig walten, 10 Welchs Christus damals hat gewelt, Da er das Kind für die Jünger stelt. Hierumb so brauch, mein liebe Jugend, Diss Büchlin zu Lehr und rechter Tugend, Die dann in Gotts Erkantnuss stehet, Das man nach seinen Gebotten gehet. Darzu wöll Gott sein gdegen[941] geben Und nach disem das ewig Leben.

4.

FABEL.

{20} DER KRÄMER MIT DEM AFFEN.

Ein Krämer sein Krämerey trug Darmit er hin vnd wider zug Auff alle Kirchwey in dem Land, Auff den Dörffern, wo er die fand, Darmit er sich gar kaum ernehrt, Mit müh vnd arbeit streng vnd hert[942], Lid darbey hitz, frost, hunger vnd kommer Nun begab sich im heissen Sommer, Dass diser armer Krämer alt Sein krämerskorb trug durch ein Wald, 30 Nun schien die Sonn so vberheiss, Das vber sein Leib loff der schweiss, Gieng daher helig[943], müd vnd schwach, In dem ein Brünnlein er ersach, Das in eim gelben sand auffqwül[944], Gantz silberfarb, klar frisch vnd kül, Zu dem der Krämer nider sass In schatten in das grüne Grass, Vnd sein Krämerskorb von jm setzt, Vnd seines vnmuts sich ergetzt, Thet sich mit disem Brünnlein laben, Vnd gedacht jhm allda zu haben 10 Ein halbe stund ein stille rhu, Vnd höret den Waldvögeln zu, Wie sie sungen mit freyer stim, In dem giengen die augen jm Zu, vnd bey dem Brünnlein entschlieff, In süssem schlaff gar hart[945] vnd tieff, Vnter eim hohen Kistenbaum[946]. Im schlaff gedaucht jn in dem Traum Wie er auff einr Dorff-Kirchwey wer, Darauff sehr vil Gelds löset er, 20 Von Bawersvolck alten vnd jungen, Die sich vmb seinen Kram vast drungen[947]. Dess wurd der Krämer frewden vol Im schlaf, das es im gieng so wol, In dem ein Aff ersehen was[948] Den Krämer ligen in dem Gras. Der lof, vnd bracht im Wald daher Bey zweintzig Affen, oder mehr. Die Affen alle vmb jn stuhnden, Bleckten jr Zän, sein spotten kunden, 30 Aus fürwitz bald der Affen hauff Brachen jm sein Krämers-Korb auff, Vnd schütten jm herausser gar All seine elende Krämers Wahr, Als Brüch[949], Pfeiffen vnd Schlötterlein[950], Niesswurtz, Zucker vnd Brentenwein, Leckuchen[951] süssholtz, dergleich gneschlein[952] Gürtel, Nestel vnd Kindstäschlein Spiegel, Schelln, Kämb[953] vnd Harpand, Fingerlein[954], Nadel, das alles sand[955] Hieng der fürwitzen Affen Hauff Im Walde in dem Baumen auff, An den Esten hin vnde her, Samb im Wald ein Dorfkirchwey wer. Nach dem die Affn aneinander hiengen, 10 Ein Tantz vmb den Krämer anfiengen ... Die Schu jm von sein Füssen zugen, Vnd sie jhm in den Wald vertrugen ... Von disem so ist munter worn Der Krämer, vnd schnell aufferwacht, Fuhr auff, vnd gar vngeschlacht[956], Die Affen aber flohen bald, Hin vnd her zerstrewt in dem Wald, Vnd dem Krämer alle entloffen; Der fund seinen Krämerskorb offen, 20 Der war von aller Wahr gantz ler, Die hieng in Baumen hin vnd her, Vnd dazu in Hecken vnd Stauden, Die samlet er mit schweiss vnd schnauden[957]. Ein theil war jhm zu hoch gehangen, Dieselben kund er nit erlangen. Was er erlanget, packt er ein Widerumb in den Kramkorb sein, Vnd zog also barfuss darvon; Must spot vnd schmach zum schaden hon. 30

DER BESCHLUSS.

Also sich hie in diser zeit Manch Mann mit grossr müh vnd arbeit Kan sich gar kümmerlich ernehrn, Mit Weib vnd Kind hungers erwehrn, Mit schwerer Armut ist beladen, Vnd ist gantz jederman ohn schaden Mit seim Gewerb was er thut treiben, Kan doch vor den Affen nicht bleiben, Welche man sonst nent die Spottvögel, Welche sind frech, fürwitz vnd gögel[958], Die öffnen vnverschembt allzeit Eins guten Mannes heimligkeit Spott weiss mit jhren hinterschlegen, 10 All sein ding zum ärgsten ausslegen, In all seim Handl jn verunglimpffen, Sehr grob mit wort vnd wercken schimpffen[959] Wiewol mit solchem groben schimpff Kompt der gut Mann vmb ehr vnd glimpff Dardurch der gut Mann wird veracht, Wenn aber der in ernst erwacht, Vnd redet den vnd jenen an, Was er geredt hat vnd gethan, Als denn solch Spottvögel fliehen, 20 Vnd den Kopff auss der Schlingen ziehen Wischen das Maul, drollen darvon, Keiner wil nichts geredet hon, Oder sie geben für jhm glimpff[960], Es sey geschehn in gutem schimpff. Solches sind recht vntrewe tück, Vnd arg, neckische Bubenstück, Welches thut gar kein Byderman, Derselb schertzen vnd schimpffen kan, In fröligkeit ohn allen schaden, 30 Dass sein Nechster bleibt vnbeladen, Beyde an glimpff, Ehren vnd Gut; Solchs abr der Schandvogel nicht thut, Sonder schertzweiss aussbreit er das, Vnd doch auss bitter neyd vnd hass, Alls was er sicht, hört vnd erfehrt, Er alle ding zum ärgsten kehrt. Solch Affen vnd Schandvögel auff Erd Die sind gar keiner Ehren werd. Sie richten an vil vngemachs. Nur mit jn hin! das wünscht Hans Sachs.

Anno Salutis MDLVIII. Am 19. Tage Decembris.

5.

AUS DER COMEDIA: DIE UNGLEICHEN KINDER EVÆ.

{10} Ausgabe: Nürnberg bey Christoff Heussler 1558.

Actus III.

Adam vnnd Eua geen ein, vnd Abel selb sechst, Kain auch selb sechst.

Adam spricht.

Eua ist das hauss gezirt Auff das wenn der Herr kummen wirt Das es als schön vnd lüstig Ste Wie ich dir hab befolhen Ee.

Eua spricht.

Alle ding war schon zu bereyt Za nechten[961] vmb die versperzeit. 20

Adam spricht.

Ir kinderlein ich sich den Herrn Mit seinen Engeln kummen von Ferrn Nun stelt euch in die ordnung fein Vnd bald der Herre dritt herein Neygt euch und bietet jm die hend Schaw zu wie stelt sich an dem End Der Kain vnd sein Galgen-rott Sam wöllen sie fliehen vor Gott.

{30} Der Herr geet ein mit zweyen Engeln, geyd den segen vnd spricht.

Der Fried sey euch jr Kinderlein.

Adam hebt sein hend auff vnnd spricht.

O Himelischer Vater mein Wir dancken in vnsrem gemüt Das du vns Sunder durch dein güt Heimsuchst in vnser angst vnd not.

Eua hebt jr hend auff vnd spricht.

Ach du trewer Vatter vnd Got. Wie soll wirs verdienen vmb dich Das du kumbst so demütigklich 10 Zu vns elenden an diss ort Dieweil ich hab veracht dein wort Vnd gefolgt der hellischen schlangen Da ich die gröst sünd hab begangen Wider dich, drumb wirt mein gewissn Bekümmert, geengst vnd gebissn.

Der Herr spricht.

Mein Tochter sey zu frieden eben Deine Sünde seind dir vergeben Wann ich bin barmhertzig vnd gütig 20 Genedig, Trew vnd gar langmütig Ein Vater der trostlosen armen Ich wirt mich vber euch erbarmen So ich euch send in meinem namen Des verheissenen weibes samen Der wirt von übel euch erlösen Zertretten die hellischen bösen Schlangen doch mitler zeit vnd fort Solt jhr euch halten an mein wort Mit eim festen vnd starcken glaubn 30 Vnd last euch des niemand beraubn Das sol die weil ewer trost sein.

Adam spricht.

O himelischer vater mein Des sey dir lob, danck, preiss vnd ehr Jetzund ewig vnd jmmer mehr Nun jhr kinder euch hieher macht Mit reuerentz den Herrn entpfacht Sich, Sich, wie sich der Kain stelt Mit seiner rott so vngschickt helt Vnd wend vnserm herr gott den rück Wend euch und habt euch als[962] vnglück Empfacht jn nach einander rumb.

Kain entpfecht den Herrn mit der lincken hand vnd spricht.

Herr nun biss mir wilkumb. 10

Eua spricht.

Ey reicht jr denn an diesem end Vnserm hergott die lincken hend Ziecht auch ewre hütlein nit ab Wie ich euch vor geleret hab Ir groben filtz[963] an zucht vnd ehr Mein Abel kum zum Herren her Sambt den ghorsamen brüdern dein Entpfahet Gott den herrn fein.

{20} Abel beut dem Herrn sein hand sampt den frommen kindern vnnd spricht.

O Herr Got du himlischer vater Ich danck dir du höchster Wolthater Der du dich vnser so gnedigklich Annembst wer kan vol loben dich.

Der Herr spricht.

Abel vnd diese fünffe sind Gehorsam wolgezogne kind Kumpt thüt neher zu mir her trettn 30 Saget mir her wie künd jhr bettn.

NICODEMUS FRISCHLIN.

[Scherer D. 310, E. 309.]

Geboren 1547 zu Balingen in Würtemberg, schon 1568 Professor der freien Künste zu Tübingen, 1575 vom Kaiser Maximilian zum Dichter gekrönt und später zum Comes Palatinus ernannt. Wurde dann viel besonders von Seiten des Adels angefeindet und verfolgt, führte daher ein unstätes Leben, ward schliesslich eingekerkert und verunglückte bei einem Fluchtversuch 1590. Er dichtete meist in lateinischer Sprache sechs Comödien und zwei Tragödien; ‘Priscianus vapulans’ 1571; ‘Rebecca’ 1576; ‘Susanna’ 1578; ‘Hildecardis magna’ 1579; ‘Julius redivivus’; ‘Helvetiogermani’ 1589; ‘Phasma’ 1592.--‘Dido’ 1581; ‘Venus’ 1584. Unter seinen sonstigen Gedichten sind seine ‘Elegien’ und die ‘Hebrais’ die bedeutendsten. Die deutschen Dichtungen gab Strauss heraus (Stuttgart 1857).

AUS DER COMMEDIA JULIUS REDIVIVUS, DEUTSCH BEARBEITET VON JACOB AYRER (herausg. von v. Keller, Stuttgart, 1865).

Hermannus sagt:

Wer seidt jhr dann? so zeigt mirs an! Ich hets vorhin lengst gern gewüst.

Cicero sagt:

Dises Julius Cesar ist, Der aller erst Keiser zu Rom, Vnd Cicero heiss ich mit Nahm, Ein Meister aller redner Kunst. 10

Hermannus sagt:

Ey schweigt! eur reden ist vmbsunst. Dise beid, die jhr habt genendt, Vor Sechzehenhundert Jahrn todt sendt Vnd in die Erd gescharret sein. Wo wolt jhr kommen da herein? Ihr seidt loss vnd verlogen Leut. Darumb führt sie hin allebeidt! Ihrer lügen ich schon gnug hab.

Cicero sagt:

Mercurius vns das lebn gab Vnd hat vns auch drey Monat gebn, Darinn wir möchten wider lebn, Zu sehen, wie es stündt im Landt.

Hermannus sagt:

So löset ihn auff jhre Pandt, Das ich mich bass mit jhn beredt! Vnd jhr solt mir sagen allbeed, Wie es steh drunden in der Helln. 10

Julius Cesar sagt:

So viel wir euch vermelten wölln, Das in der Helle seind zugleich Beide Jung vnd Alt, Arm vnd Reich, Auch Edl vnd vnedel drinn fahrn. Doch dörff wir euch nit offenbarn, Was bey den thaten heimblich ist.

Hermannus sagt:

So saget mir allein nur dist: Warumb seidt jhr auff Erden kommen? 20

Julius Cesar sagt:

Das wir so gern haben vernommen, Wie sich das Teutschlandt hab verkerdt, Wie es sich bessert vnd gemehrt, Das es könn Griechisch vnd Latein.

Hermannus sagt:

Keine sprach auff der Erden sein, Die man nicht auch im Teutschlandt kan.

Julius Cesar sagt:

Was seidt jhr für ein grosse Person, 30 In Eissern Kleidung wol gerüst, Darinn sich böss zu wehren ist: Der keine ist gwest bey mein zeitn. Wie wolt jhr mit den Feinden streitn Mit disen schweren Instrument?

Hermannus sagt:

Die besten Wehrn diss derzeit sendt. Meine Feind kan ich Würgen mit Dardurch wol auff Dreyhundert schrit, Also das er stracks auffm platz bleibt.

Julius Cesar sagt:

Zu grossem Wunder mich das treibt. Zu meiner zeit da braucht man Schleiter, Kondt doch damit werffen nit weiter, Als etwan ein Zwaintzig schrit weit. 10 Nit wissen wir zu dieser zeit, Wie dise Waffen gbrauchet wern.

Hermannus sagt:

Ich wil euchs lassen sehen gern.

Er reist die Büchssen rab, spandt sie, schüet Pulffer auff vnnd zeucht den Hannen herrüber vnnd trucket loss. Julius fellt auff die Knie, hebt die Händ auff vnd sagt:

O erschröcklich Gott, sey mir gnädig! Ob ich mich ghalten vnflätig, Verzeuch mirs! ich wills nit mehr than. 20 O Cicero, beth den Gott auch an, Der mit seim schröcklichn Donnerkeil Vns beidt vmbbringt über ein weil! Wir haben vns an jhm versündt.

Cicero fellt nider vnd sagt:

Ja wir seind ein weng gwest zu gschwindt, Das wir nit glauben, was er redt. Dein Donder mich erschrecken thet, Das ich nit west, wie mir war gschehen. Ach das wir etwas köndten sehen, 30 Das wir geben zum Opffer dir!

Hermannus sagt:

Steht auff! ich bin ein Mensch wie jhr, Heiss Hermannus vnd bin ein Fürst.

WOLFHART SPANGENBERG.

[Scherer D. 297, E. 264.]

Magister in Strassburg, war ein gelehrter Theolog und besass vielseitige Bildung. Er war ungefähr zwischen 1601-1611 literarisch thätig. Er verfasste moralisierende Stücke für die Gesellschaft der Meistersinger, übersetzte antike und moderne Tragödien und Comödien; mit seinem berühmten ‘Ganskönig’ und seinem unvollendeten ‘Eselkönig’ setzte er Fischarts Thierdichtung fort. Auch in kleineren Gattungen der Poesie versuchte er sich.

AUS DEM STRASSBURGER ‘SAUL.’

Michal.

Deiner Tochter erbarme dich, Die jetzund thut den Fussfall dir. Ach, er geht gar weg. O weh mir! O welch ein hartes Vatter Hertz. Wer hilfft mir nun in meinem Schmertz? Wer wird sich mein erbarmen fein, Weil mich verstosst der Vatter mein? 10 Ach, du mein Hertz, mein Frewd, mein Leben, Wohmit soll Jch dir helffen eben? Solt Jch dich sehn doch nur ein mahl, Vnd dich gesegnen in dem Fall: Vnd dir erzeygen in dem Schmertzen Ein zeugniss meiner lieb im Hertzen. Ach, was solt mir nun Frewde geben, Wann du nicht mehr bist in dem leben. Ach, solt Jch jetzt sterben mit dir. O Jhr Trabanten hört, die jhr 20 Den David vmbbringt grimmiglich: Tödet mit jhm zugleich auch mich. Jch will mit Frewden sterben nuhn. Was solt jch mehr bei Menschen thun? Solt Jch mich auch hinfort erzeygen Bey den Jungfrawen an dem Reygen? Niemand wird mich mehr hören singen Jch werd auch heim kein Hoffnung bringen Dass Er mein Breutgam werd bewegt. Ja mein zung mir am Gaumen klebt: Vnd alle die Gelieder mein Seind erhartet gleich wie eyn Stein. Die Erd mich eh verschlingen solt, Eh jch dich nit mehr lieben wolt. Inn ein Einöd will jch mich eben In diesem meim Elend begeben 10 Damit jch wasch, so offt jch wein, Mit den Thränen die Backen mein. Wenn mein Zung red nach Menschen brauch So folg eyn klag der andern auch. Gleich wie eyn Vöglein sitzt allein Auff eim Dannbaum vnd klaget fein. Oder auff einer Eichen Breit: Also will jch klagen mein leyd Mit Seufftzen, die auss meinem Hertzen Heuffig werden tringen mit Schmertzen. 20 Seuffzend will Jch meine Brust schlagen: Vnd den langsamen Tod anklagen. Ja für Trawren werd Jch verschmachten. Eim blümlein wird man mich gleich achten, Das früh emporhebt sein Häuptlein Wann herfür bricht der Sonnenschein Welchs die scharff Senss abhawt behend, Vnd wird durch strenge Hitz verbrennt: Das es abends verdorret balt, Ligt im Feld vnd hat kein gestalt. 30 Also hett Jch mir eingebild Des morgens früh eyn hochzeit mild: Vnd werde gleich mit schwerer plag Dahin gericht den ersten Tag Vnd leid mit Seufftzen vnd mit Schmertzen So grosse Angst, in meinem Hertzen: Dass jch balt gegen abend, gleich Sein werde, einer Toden Leich. Aber was ist das? was seh Jch? Wen schlept Jhr da jhr Bösewich! Wen schleifft Jhr da? last jhn balt gehen, Ach liebes Hertz, thu Jch dich sehen? Seh Jch nicht, den begehrt mein Hertz?

DIE ENGLISCHEN COMÖDIANTEN.

[Scherer D. 314, E. 313]

Eine Schauspielertruppe, die 1585 aus England herüberkam, ganz Deutschland durchzog und hier Shakespearesche und andere englische Stücke in prosaischer Übersetzung zur Aufführung brachte. Eine erste Sammlung dieser Prosadramen ‘Engelische Comedien vnd Tragoedien--Sampt dem Pickelhering’ erschien 1620. Vgl. A. Cohn, ‘Shakespeare in Germany’ (London und Berlin 1865); Tittmann ‘Die Schauspiele der englischen Komödianten in Deutschland’ (Leipzig 1880).

AUS DER TRAGÖDIA VON TITO ANDRONICO.

_Nun ist die Morgenstunde heran gekommen, vnnd man jaget; die Jägerhörne vnd Tumpeten werden geblasen._

{10} Titus Andronicus (kömpt herausz).

O wie lieblich vnnd freundlich singen jetzt die Vogel in den Lüfften; ein jeglich suchet jetzt seine Nahrung, vnd die Jaget ist auch schon angefangen in Frewde vnnd Herrligkeit. Aber mein Hertz ist mir dennoch beängstiget vnd beschweret, denn ich diese vergangen Nacht solch ein schrecklichen Traum gehabt, vnd nicht weisz was er bedeuten wirdt. Nun musz ich wiederumb zum Keyser reiten, der Persönlich bey der Jagt vorhanden.

Gehet weg etc.

Jetzt kömpt herausz Andronica, hat jhr Gemahl bey der Handt; {20} die Kayserin kömpt jhm entgegen, die Jäger blasen.

Andronica.

Hertzliebes Gemahl, schöner vnnd lustiger Jaget habe ich mein Tage nicht gesehen.

Gemahl.

Ich auch, mein schöne Gemählin, kan mit Warheit sagen, das ich auff vielen Jagten gewest, aber nimmermehr lustiger vnnd frewdiger gesehen. Was aber sehe ich jetzt für ein Wunder: die Kayserin die da gar alleine eilend zu vns spatziret?

Kayserin (kömpt zu jhnen).

Sich welch ein grosz Wunder nimpt mir doch diese Andronica. Wie gehestu mit deinem Gemahl gar allein. Hastu nicht ein tausent Reuter vnnd Fuszvolck hinter dich, die da auff euch {10} warten?

Andronica.

Schöne Kayserin, ich frage euch wieder, wie kömpts, dasz jhr alleine gehet vnnd auch nicht ein Hauffen Diener auff euch bestellet haben? Aber ewrn Spott den jhr jetzt an vns treibet, thu ich doch weniger denn nichtes achten vnd jhne auch leichtlich vertragen. Verhoffe auch wann es würde von nöhten seyn, wolte ich eben so wol ein tausent Reuter vnd Fuszvolck können auffbringen dann jhr.

Kayserin.

{20} Andronica, das du jetzt so frech vnd mit spitzsinnigen Worten wiederumb fragest, warumb ich auch alleine gehe, soltu wissen, dasz es mir also gefelt. Aber ich frage, wie kömpts doch, dasz du mir so frech vnd trotziglich darffest antworten. Bin ich nicht deine Keyserin, vnd solst nicht wissen, wie hoch du mich ehren soltest; gedenck nun aber nicht, dasz ichs also dabey wil bleiben lassen.

Andronica.

Ja Keyserin, wie mann ins Holtz ruffet, also krieget man ein Widerschall, denn wie jhr mich ausz hoffertigen Gemüth fraget, so antworte ich euch. Ob ihr aber wol Keyserin seyd, wil ich euch {30} drumb nicht vnter den Füssen liegen, denn bedencket dieses: waret jhr nit erstlich meines Herren Vater gefangen, vnd nun weil jhr Keyserin worden seyd, wisset nicht wie jhr euch für Hoffart lassen wollet. Derhalben könnet jhr wol immer hinfahren in ewer Hoffart vnd mich bleiben lassen wer ich bin. Ich frage: was hat diese Stadt Rom für Nutz von euch vnd den ewren gehabt? was hat sie aber für Nutz von den meinigen, vnd mein Herr Vater? ja warlich wenn der es nicht gethan, vnd mit seinen Ritterlichen Händen erhalten, das Kayserthumb vnnd gantz Rom würde vorlangst zu Boden gangen seyn, thut aber so viele böses an mir, was jhr nicht lassen könnet.

Keyserin.

O mein Hertz wil mir im Leibe zerspringen; gehe mir ausz meinen Augen, du verfluchte Creatur, maszen ich dann dein Hochmuth nicht straffen könte, so wolte ich mich selbest tödten. Sich {10} ich thu schweren bey allen Göttern, dasz ich zuvor nicht essen oder trincken, auch nunmehr mein Häupt sanffte legen wil, bisz ich mein Muth sats vnd genugsam an dich gekület, vnnd mit Frewden vber dir triumphiret.

Gehet ein Schritt sex fort; da kommen jhre zween Söhne zu jhr; die Andronica redet vnter dessen in geheim mit jhrem Gemahl.

Helicates.

Gnädige Fraw Mutter, es nimpt vns grosz Wunder, dasz jhr so gar allein vnd von allen spatzieren gangen. Aber vielmehr thun wir vns verwunderen, warumb jhr so sehre betrübet, vnnd in {20} schwermütigen Gedancken gehet.

Mutter.

O mein liebe Söhne, öffenet ewre Ohren vnd observiret meine Wörter wol: jhr sollet wissen, dasz ich nit weit von hie einem Orte spatzierete, da die Andronica sampt jhrem Gemahl ist, welche mich also erfasset vnd mit spöttischen vnnd hönischen Worten wer vber mich bald toll vnd vnsinnig wordn, derhalben kömpft nur vnd rechnet euch mächtigklich wieder an sie; vnd gehet erbärmlich mit jr vmb; vnnd erstecht jhr alszbald ihren Gemahl an der Seiten, darvon jhr mich lieb habet. So jhrs aber nicht thut, so wil ich {30} euch verfluchen vnd nicht für meine Söhne halten.

Söhne.

Gnädige Fraw Mutter, wir seynd willich euch zu gehorsamen. Kömpt nu mit vnd zeiget vns an welchen Orte sie seyn, so wil ich jhm alszbald sein Leben nehmen.

Mutter.

Nun so folget mir vnd habt keine Erbarmnisse nit.

Gehen zu ihm. Helicates ziehet sein Schwerdt.

Helicates.

Sich, finden wir euch hie! Du hast nun gar zu lange gelebet.

Ersticht jhn.

O mordio, mordio!

Andronica.

Ach wehe, ach wehe! ist dar denn kein wehr vnd zeter dieser {10} mordtliche Todt.

Gehet für den todten Cörper auff die Erde sitzen.

Kayserin.

Sich nun du hoffertiges Weib: Wie gefelt dir disz? was düncket dir? hab ich den Eydt nicht gehalten, welchen ich geschworen? Ja dieser sol noch gar nichts seyn, sondern so wil ich dich zämen, dasz du mir vnter meinen Fuszsolen solt liegen, vnd ich vber deinem Leichnam trete; dein gantz Geschlechte sampt deinem Vateren vnnd Brüder wil ich gar auszrotten vnd bey meinem Gnädigsten Herrn Kayser mit List vnd Practicken zu wege {20} bringen, dasz sie alle eines jämmerlichen Todes sterben sollen. aber ich bin dir hoffertige Mensche so spinne feindt, denn mir vnmüglich ist lenger lebendig fur meine Augen zu sehen. Derohalben mein lieber Sohn; thue mir jetzt dein Schwerdt; damit wil ich jhr selbst jämmerlich jhr Leben nehmen.

JOHANN VALENTIN ANDREÄ.

[Scherer D. 315, E. 314.]

Geboren 1586 zu Herrenberg in Würtemberg. Er war der Sohn eines Predigers, studierte in Tübingen Theologie, reiste dann in Deutschland, Frankreich und Italien und erhielt nach seiner Rückkehr verschiedene Anstellungen als protestantischer Geistlicher. Er starb als Abt von Adelberg 1654. Er schrieb satirische Dialoge und Parabeln und Comödien in lateinischer Sprache. Unter seinen deutschen Werken sind zu nennen: ‘Christenburg’ 1615 (herausgegeben von Grüneisen); ‘Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreuz’ (1616); ‘Geistliche Kurzweil’ 1619.

1.

AN DEN GRÜBLER.

OHn kunst, ohn müh, ohn fleiss ich dicht, Drumb nit nach deinem kopf mich richt, Biss du witzt[964], schwitzst, Spitzst, Schnitzst im Sinn, Hab ich angsetzt, vnd fahr dahin. Biss du guckst, buckst, schmuckst[965], truckst im Kopff, Ist mir schon aussgelehrt der Topff: Biss du flickst, spickst, zwickst, strickst im Hirn, Ist mir schon abgehaspt[966] die Zwirn. Gfelts dir nu nit, wie ich im thu, 10 Machs besser, nimb ein Jahr darzu.

2.

EIN GESPRÄCH CHRISTI MIT EINER WELTLIEBENDEN SEELEN.

Christus.

CHristus zu einer Seelen spricht, Ach lass mich bey dir ein: Eh dann dir kompt das schwer Gericht Das nichts bringt dann nur pein: Dann dein vnrhüwigs[967] Hertz, Sucht hie vnd da sein schertz, 10 Vnd findt doch nichts dann schmertz.

Seel.

HErr Christ, antwort die Seel alsbald, Du bist mir gar nicht frembdt. Mein Hertz gegen dir ist gar nit Kalt, Mein Mund dich stehts bekendt: Ich hab im Leben mein Mich geben dir allein, Mein Heyland soltu sein.

Christus.

Reichlich redet dein Munde mir, Ich find es aber nit, So offt ich kam für deine Thür, 20 So wiltu noch nit mit, Die Eytelkeit der Welt, Darzu das schnöde gelt Dir noch zuwol gefellt.

Seel.

In dieser Welt ich leben muss, Allda ist wunders vil, Solt ich mir legen auff mehr buss, Wer wer dem dis gefiel, Dann solt nicht auch sein frewd, Vnder so vielem leid, Wer blib zu diser zeit.

Christus.

Sich Seel was mir versprochen hast, Als ich dich gnommen an, In diser welt wöllst han kein Rast, All tag zu Kampffe stahn, Nun hastu dich gelendt[968], 10 Zu meinen Feinden gwendt, Dein Frewd zur Höllen rendt[969].

Seel.

Tracht ich dann nicht nach deiner Ehr, So hast zu klagen wol, All Ketzerey von mir ist ferr, Mein Mund dir betten[970] soll, Doch bitt ich mir verzeich, Dass ich den Leuten gleich, Vnd doch von dir nit weich. 20

Christus.

Ich eyffer zsehr, vnd nit vertrag, Dass du liebst Andre mehr, Alda ich auch nit bleiben mag, Wa herrscht ein andrer Herr, Ist mirs nit grösser Spott, Dass du ehrst für dein Gott, Ehr, Gelt, vnd die bös Rott.

Seel.

Ach nit, das wer ein böse Sach, Fürthin mich massen[971] will, Mein armes Fleisch, das ist so schwach, Dass ich diss lieb zu vil, Drumb mein Hertz öffne ich, Zeuch ein Herr gnädiglich, Treib auss, was wider dich. 10

Christus.

Nit denck dass Ich dir kan[972] mit Pracht, Mein schmuck ist Creutz vnd schmach, Bey mir wirstu nur sein veracht, Dass jedermann dein lach, Jedoch biss wol gemut, Sey still in meiner hut, Ich bring dirs höchste gut.

Seel.

Adi O Welt vnd Fleisches Rhu, 20 Ich hab das gut erwehlt, Nun zeuch ich all mein Thürlin zu, Forthin mirs nimmer fehlt, Dir Christ ich nun allein, Einraum das Hertze mein, Dein vnd mein Will sey Ein.

JOHANN ARNDT.

[Scherer D. 315, E. 315.]

Geboren 1555 zu Ballenstädt im Anhaltischen. Sein Vater war Prediger. Arndt studierte zuerst Medicin, dann Theologie. 1583 erhielt er eine Pfarrei zu Badeborn im Anhaltischen, wurde aber von den Calvinisten vertrieben und nahm 1590 eine Stelle als Prediger zu Quedlinburg an. 1599 wurde er nach Braunschweig, 1608 nach Eisleben berufen. Er starb 1621 zu Celle als Generalsuperintendent. Er suchte in seinen Schriften fûr die Idee des wahren Christenthums zu wirken. Am verbreitetsten waren sein ‘Wahres Christenthum’ und das ‘Paradisgärtlein voll christlicher Tugenden.’

1.

DANKLIED.

JEsu, meine Liebe, die ich offt betrübe, hier in dieser Welt, dir danckt mein Gemüthe, wegen deiner Güte, die mich noch erhält, die mir offt gar unverhofft hat geholffen in den Klagen, 10 Noth, Leid, Angst und Zagen. Nun ich wil dran dencken, wenn ich werd in Kräncken und in Ängsten seyn, wo ich werde stehen, wo ich werde gehen, wil ich dencken dein, ich wil dir, Heyl, für und für Danckbar seyn in meinem Hertzen, dencken dieser Schmertzen. 20 Ich bat dich mit Thränen, mit Leid, Angst und Sehnen, mein Aug und Gesicht hub ich auff und schriee, neigte meine Kniee, stund auch auffgericht, ich gieng hin und her, mein Sinn war bekümmert und voll Sorgen durch die Nacht an Morgen. Ich, als ich nicht sahe, dass du mir so nahe, 10 sprach zu dir im Sinn: Ich kan nicht mehr beten, komm, mein Heyl, getreten, sonst sinck ich dahin ja ich sinck! Ey, sprach dein Winck: Halt, meynst du, dass ich nicht lebe, noch fort ümb dich schwebe? Ich war noch im Glauben, den mir doch zu rauben 20 Satan war bemüht, der die armen Seelen in der Leibes-Höhlen vielmahls nach sich zieht. Ich sprach doch: Ich gläube noch: Gläubt ich nicht, nicht wolt ich beten, noch für dich hintreten. HErr, wer zu dir schreyet, seine Sünd anspeyet, rufft dich hertzlich an, aus getreuem Hertzen, dessen grosse Schmertzen 10 wirst du, HErr, alsdann, wann er fest gläubt, dich nicht lässt, als die deine selbst empfinden, tilgen seine Sünden. Drum, O meine Liebe, die ich oft betrübe hier in dieser Welt, dir danckt mein Gemüthe, wegen deiner Güte, die mich noch erhält, die mir offt gar unverhofft 10 hat geholffen in dem Klagen, Noth, Leid, Angst und Zagen.

2.

VON DER KRAFFT UND NOTHWENDIGKEIT DES GEBETS, IN DIESEN GÖTTLICHEN BETRACHTUNGEN.

WEil das lebendige Erkäntniss GOttes, vnd auch des gecreutzigten Christi nicht kan erlanget werden, man lese denn täglich vnd ohne Vnterlass in dem Buch des vnschüldigen vnd heiligen Lebens CHRisti JEsu vnsers HERRn, vnd aber dieselbe Betrachtung vnd Erhebung des Gemüths zu Gott nicht kan geschehen ohn ein {20} andächtig, gläubig, demütig vnd fleissiges Gebet, welches nicht allein ein Gespräch des Mundes, sondern vielmehr des gläubigen Hertzens vnd Gemüts, vnd aller Kräffte der Seelen Erhebung ist: So ist von nöten, dass man die Art vnd Tugend des Gebets verstehen lerne. Denn ohne Gebet findet man Gott nicht. Das Gebet ist ein solch Mittel, dardurch man Gott suchet vnd findet. Dasselbe ist nun dreyerley, Mündlich, Innerlich, vnd Vbernatürlich, wie S. Paulus sagt: Ich wil im Geist beten, vnd mit dem Gemüthe. Das mündliche Gebet ist eine feine demütige eusserliche Vbung, welche zu dem innerlichen Gebet führet, ja welches den Menschen {30} in sein eigen Hertz führet, sonderlich wenn man im Glauben andächtig betrachtet die Wort so man betet, denn dieselbe bewegen vnd erheben den Geist vnd die Seele zu Gott, dass man ein gläubig Gespräch in kindlicher Zuversicht mit Gott hält. Das innerliche Gebet geschicht ohn vnterlass im Glauben, Geist vnd Gemüte, wie Joh. 4. vnser lieber HERR sagt, die wahren Anbeter werden den Vater im Geist vnd in der Warheit anruffen, vnd der 19. Psalm, lass dir wolgefallen das Gespräch meines Hertzens für dir. Item, Psa. 37. Mein Hertz redet, mein Geist muss forschen. Item, Rom. 8. Durch welchen wir ruffen Abba lieber Vater. Durch ein solch innerlich Gebet wird man denn geführet zu dem vbernatürlichen Gebet, welches geschicht, wie Taulerus sagt, durch wahre Vereinigung mit Gott durch den Glauben, da vnser {10} erschaffener Geist verschmelzt vnd versenkt wird in den vnerschaffenen Geist Gottes, da alles in einem Augenblick geschicht was sonst von allen Heiligen mit Worten vnd Wercken, von Anfang der Welt her geschehen, vnd so klein ein Heller ist, gegen 1000. Marck Goldes, so viel besser ist diss Gebet gegen das auswendige. Denn hie wird das Gemüt durch waren Glauben also mit Gottes Liebe erfüllet, dass es nichts anders gedencken kan, denn Gott, vnd wenn ein ander Gedanck ins Hertz vnd Gemüt fället, so ists der Seelen leid. Ein solch Gemüt lässet die Zunge nicht reden, oder ja sehr wenig, seufftzet jmmer zu Gott, dürstet {20} nach Gott, hat seine einige Lust vnd Liebe an Gott, vnd schleust die gantze Welt aus, vnd alles was in der Welt ist, vnd wird jmmer mehr vnd mehr mit Gottes Erkäntniss, Liebe vnd Frewde erfüllet, welches die Zunge nicht aussreden kan. Denn was die Seele alsdenn erkennet, ist vnaussprechlich, vnd wenn sie in solcher hoher Andacht gefragt würde, was erkennestu? Würde sie antworten, ein Gut, das alles Gut ist: Was sihestu? Eine Schönheit die alle Schönheit vbertrifft: Was empfindestu? Eine Frewde vber alle Frewde: Was schmäckestu? Eine Freundligkeit vber alle Freundligkeit. Ja sie würde sprechen alle Wort die ich darvon rede, sind {30} nur ein Schatten, denn das köstliche das ich in meiner Seelen empfinde, kan ich nicht aussreden. Das ist des ewigen Worts Stimme, vnd redet zu der liebhabenden Seele, wie Johan. 14 geschrieben ist, Wer mich liebet dem wil ich mich offenbaren, vnd was man als denn sihet vnd empfindet, ist vber die Natur, da höret man vnaussprechliche Wort vnd Stimme, welche heissen Vox intellectualis & mentalis. Da lernet denn die Seele Gott recht erkennen vnd schmäcken. Vnd in dem sie Gott erkennet, liebet sie jhn, vnd in dem sie jhn liebet, begehret sie jhn gantz zu haben. Vnd ist das rechte Zeichen der Liebe, dass sie das geliebte gantz haben, sich mit demselben gantz vereinigen, vnd sich in dasselbe verwandeln wil. Diss wird offt in der Seele des Menschen empfunden als in einem Blick, der bald vergehet. So suchet denn die Seele embsiglich, ob sie diesen himlischen Blick vnd Geschmack könte wieder bekommen, dass sie sich mit dem Geliebten müge vereinigen. Vnd fähet denn an zu beten mündlich vnd innerlich. Denn sie sihet wol, dass man solche himlische Lust vnd Erquikung {10} durchs Gebet widersuchen muss. Denn also hats die göttliche Weissheit verordnet, vnd dieselbe thut nichts ohne die allerschöneste Ordnung, vnd gibt auch allen Dingen jhre Ordnung. Darumb hat sie es also geordnet, dass niemand ohne das mündliche Gebet kommen kan zu dem Gebet des Gemüts, vnd ohne dasselbe kan niemand kommen zum vbernatürlichen Gebet vnd Vereinigung mit dem höchsten lieblichsten Gut: Welches man zwar empfindet, aber nicht aussreden kan. Darumb hat Gott das Gebet so ernstlich, so offt vnd so betheurlich befolen, dieweil das Gebet ist ein Pfand, vnd ein Band dardurch vns Gott zu sich {20} zeuhet, dardurch er vns desto offter vnd länger bey sich behalten wil, dardurch wir auch desto näher zu jhm kommen könten, vnd vns mit jhm als dem Vrsprung alles guten vereinigen, vnd sein in allen Dingen nicht vergessen sollen. Sonst dächten wir selten an jn, vnd würden seiner Güter nicht theilhafftig. Wenn du nun recht beten wilt, so mustu mit gantzem, vnd nicht mit halbem Hertzen beten. Vnd da gehöret grosse Vbung, vnd grosser Fleiss zu, sonst wirstu die Frucht des Gebets nicht erlangen. Im Gegentheil, wenn du andere eusserliche Ding thust, so mustu sie also thun, dass du nicht mit gantzem Hertzen daran hangest, als, wenn du issest vnd {30} trinckest, oder andere eussere Ding thust, das muss nicht dein gantz Hertz seyn, sondern dein Hertz sol gantz in Gott seyn, dass du durchs innerliche Gebet stetiglich an Gott hangest. Vnd je mehr du also beten wirst, je mehr du wirst erleuchtet werden. Je klärer du nun wirst Gott erkennen, je lieblicher du das höchste Gut empfinden wirst, vnd je mehr du wirst in der Liebe Gottes angezündet, vnd fähiger werden des höchsten Gutes, welches du vbernatürlich in deiner Seelen, als das allerköstlichste, so nicht ausszureden ist, schmecken wirst. Dieses dreyerleyes Gebets Exempel, Lehr, Art vnd Weise haben wir an vnserm HERRn Jesu Christo, wenn wir seine weise zu beten recht ansehen. Denn er offt etliche Tage vnd Nacht im Gebet verharret, vnd mit allen Kräfften gebetet, vnd sich im Gebet vnd im Geist gefrewet. Darumb er vns mit Worten vnd Wercken, mit seinem Exempel hat lehren beten, wie er sprach zu seinen Jüngern: Wachet vnd Betet, dass jr nicht in Anfechtung fallet. Vnd wie sehr offt vermahnet er vns zum Gebet, zubezeugen, dass ihm nichts liebers vnd angenehmers sey, denn {10} vnser Gebet, vnd dass er vns warhafftig also lieb habe, dass wir durchs Gebet das edelste vnd köstlich Gut der Seelen erlangen möchten. Vnd damit wir keine Entschüldigung hätten, als könten wir diese edle hohe Frucht des Gebets nit erlangen, so hat er nicht allein gesagt: Bittet so werdet jhr nehmen, dass ewer Frewde vollkommen sey, sondern er hat mit seinem Exempel vns zum Gebet bewegen wollen, in dem er für vns gebetet in seinem Leyden, wie der Evangelist sagt: Es kam aber, dass er mit dem Tode rang, vnd betet hefftiger, Es war aber sein Schweiss wie Bluts-Tropffen, die fielen auff die Erden. Setze diesen Bet-Spiegel für deine {20} Augen, vnd lerne im Gebet verharren, vnd ob du schwach bist im Gebet, so sihe deinen HERRn Jesum an. Denn er hat nicht für sich, sondern für dich gebetet, vnd dadurch dein Gebet geheiliget, gesegnet, vnd kräfftig gemacht. Sihestu, dass dein Erlöser, ob er gleich als warer Gott alles hatte, so hat er doch als ein Mensch alles durchs Gebet von seinem himlischen Vater erlangt vnd erbetet vmb deinet willen. Darumb sein gantzes Leben nichts anders gewest ist denn ein stetig Gebet vnd Seufftzen den Willen Gottes zuthun. Darumb er auch sein Leben am Creutz mit dem Gebet beschlossen hat. So nun der HERR Christus vmb deinet willen {30} so hefftig gebetet, vnd erhöret worden ist, Ach so wird er dich auch ja vmbsonst nit beten lassen: Vnd so dein HERR vnd Erlöser durchs Gebet alles erlanget hat, dir zu gut, meynestu denn, dass du ohne Gebet etwas erlangen wirst? Du weist ja, dass ohne Gottes Gnade, Liecht, Erkäntniss, vnd Glauben niemand kan selig werden: Wiltu aber Gottes Gnade, Liecht vnd Erkäntniss haben, so mustu beten. Denn ohn Gebet wirstu es nicht erlangen. Bitte vmb den Glauben, vmb die Liebe, vmb die Hoffnung, vmb Demuth, vmb Gedult, vmb den H. Geist, vmb alle Christliche Tugende, sie werden dir gegeben, vnd vermehret werden durch den, der sie hat. Denn der sie nicht hat, der kan sie dir nicht geben. Der sie dir aber geben kan, vnd wil, von dem mustu sie bitten. Du kanst aber nimmer brünstiger vnd andächtiger beten, du setzest dir denn den Spiegel des demütigen sanfftmütigen Lebens CHristi für deine Augen, seine Armuth, Verachtung, Schmertzen, vnd seinen schmählichen Tod. Wenn du in diss Bettbüchlein sihest, so wird dein Hertz vnd Gemüt angezündet werden mit inniglichem brünstigem {10} fewrigem Seufftzen, vnd werden dir zwar viel Anfechtungen des Teuffels vnd deines Fleisches begegnen, aber du wirst sie durch beten vberwinden. Durch das anschawen des gecreutzigten Christi wird das Gebet erwecket vnd wird starck. Dardurch wird auch das Hertz gereiniget. Ohne welche Reinigung des Hertzens durch den Glauben kein recht Gebet geschehen kan. Vnd durch solch Gebet kompt der H. Geist zu dir, wie am Pfingsttage vber die Apostel, als sie beteten. In deinen Anfechtungen aber vber deinem Gebet thue, wie der HERR JEsus that: Je hefftiger er angefochten ward in seinem Gebet am Ölberg, je hefftiger er betet. So wirstu {20} auch durchs Gebet vberwinden. Durchs Gebet offenbaret sich Gott den Menschen, durchs Gebet wird die Demut recht geübet. Da kömpt denn zusammen das höchste vnd nidrigste, das demütigste Hertz, vnd der höchste Gott. Vnd durch solche Demut wird viel Gnade in des Menschen Seele eingegossen. Denn je mehr die Gnade Gottes den Menschen demütigt, je mehr in solcher Demut die Gnade Gottes wächset vnd zunimpt, vnd je mehr Gottes Gnade im Menschen zunimpt, je mehr sich die Seele demütiget. Die gröste Anfechtung vnd Hinderung aber des Gebets ist, wenn Gott die Gnade der Andacht vnd Inbrünstigkeit entzeucht, vnd {30} denn solt du am meisten beten. Denn ob wol Gott ein inbrünstiges Gebet sehr lieb ist, so ist jhm doch das Gebet vil lieber, welches du in solcher deiner Seelen noth, in deiner Anfechtung, Betrübniss vnd Trawrigkeit thust. Denn gleich als es einem natürlichen Vater viel mehr jammert, wenn jhn ein kranckes Kind mit kläglicher Stimme anwinselt, denn wenn jhn ein starckes gesundes Kind mit vollem Munde anruffet: Also ist dem lieben Gott eines kleinmütigen, schwachgläubigen, trostlosen, geistarmen Menschen innerlich heimliches Leyden vnd Seufftzen viel lieber denn eines starckgläubigens Gebet, der voller Frewde ist. Gott wird dir seine Gnade zu seiner zeit wol wiedergeben, vnd dieselben dir nicht vergünnen oder versagen.

JACOB BÖHME.

[Scherer D. 315, E. 315]

Geboren 1575 zu Altseidenberg bei Görlitz. Er erhielt eine streng religiöse Erziehung und einen guten Schulunterricht in der Stadtschule seiner Vaterstadt. Zu schwach um den väterlichen Beruf, Bauernwirthschaft, zu betreiben, wurde er Schuhmacher. Er verfasste mehrere mystische Werke, die er als Offenbarungen ausgab. Die bedeutendsten sind: ‘Aurora, oder Morgenröthe im Aufgang,’ verfasst 1612; ‘Psychologia Vera, oder vierzig Fragen von der Seelen Urstand,’ 1618; ‘Mysterium Magnum, oder Erklärung des ersten Buches Mosis.’ Er zog sich Verfolgungen der Geistlichkeit zu, gab später sein Schuhmacherhandwerk auf, und starb 1624. Herausgegeben von Schiebler (7 Bde. Leipzig, 1831-1846).

AUS DEM MYSTERIUM MAGNUM.

VON ERSCHAFFUNG DES HIMMELS UND DER ÄUSSERN WELT.

WUnderlich kommts der Vernunft vor, wenn sich dieselbe beschauet, wie Gott habe Sternen und 4 Elementen geschaffen: Sonderlich wenn sie die Erde mit den harten Steinen, und gantz rauhen {10} strengen Wesen betrachtet: und siehet wie grosse Felsen und Steine geschaffen sind, welche ein Theil zu nichts mögen gebraucht werden, und dem Gebrauche der Creaturen dieser Welt nur hinderlich sind: So dencket sie, woraus mag eine solche Compaction entstanden seyn in so vielerley Formen und Eigenschaften? Denn es sind mancherley Steine, mancherley Metalle, und mancherley Erde, daraus auch mancherley Bäume und Kräuter wachsen.

2. So sie sich nun also besiehet, so findet sie nichts, als dass sie erkennet, es müsse eine verborgene Kraft und Macht sein, welche unergründlich und unerforschlich sey, welche alle Dinge habe also {20} erschaffen; dabey läst sie es bleiben, und läuffet also in dem Geschöpf hin und her, als wie ein Vogel in der Luft flieget, und siehets an, als die Kuhe eine neue Stallthür; und betrachtet sich niemals, was sie selber sey; und kommt selten also weit, dass sie erkennete, dass der Mensch ein Bilde aus alle diesem Wesen sey. Sie lauffet dahin als das Vieh, das keinen Verstand hat, das nur begehret sich zu füllen und zu gebären: und wenns am höchsten mit ihr kommt, dass sie will etwas forschen, so forschet sie in dem äussern Spielwercke der Sternen, oder sonsten um ein Schnitzwerck der äussern Natur, sie will schlecht[973] ihren Schöpfer nicht lernen kennen; und ob es geschiehet dass ein Mensch dahin kommet, {10} dass er Ihn lernet kennen, so heisset sie ihn närrisch; und verbeut ihme den edlen Verstand an Gott, und rechnets ihm noch wol für Sünde zu, und verspottet ihn darinnen.

3. Solche Viehe-Menschen sind wir nach dem Fall Adams worden: Dass wir nicht eins betrachten, dass wir sind in Gottes Bilde geschaffen, und mit rechten natürlichen Verstande beydes nach der ewigen und zeitlichen Natur begabet worden, dass wir gedächten das Verlorne durch grossen Ernst wieder zu erlangen; und da wir noch eben dieselbe erste Seele haben, darinnen der wahre Verstand lieget, so wir nur dahin möchten arbeiten, dass {20} dasselbe verlorne Licht wieder in uns scheine, welches uns doch aus Gnaden angeboten wird.

4. Darum wird keine Entschuldigung seyn auf dem grossen Tage des HErrn, da Gott das Verborgene der Menschheit richten wird; dieweil wir Ihn nicht haben wollen lernen erkennen, und seiner Stimme, welche täglich bey und in uns angeklopfet, nicht gehorchen und uns ihme nicht ergeben: dass unser Verstand aufgethan würde; und wird ein strenges Gericht über den ergehen, welcher sich läst Meister und Herr nennen, und doch den Weg Gottes nicht kennet noch wandelt, und auch noch darzu denen verbeut, so ihn kennen {10} und gehen wollen.

5. Die Schöpfung der äussern Welt ist eine Offenbarung des innern Geistlichen Mysterii, als des Centri der ewigen Natur mit dem heiligen Elemente: Und ist durch die Bewegung des Innern als ein Aushauchen, erboren worden durch das ewig-sprechende Wort, welches aus der innern Geistlichen Welt das Wesen hat ausgesprochen; und da es im Sprechen doch kein solch Wesen gewesen ist, sondern als ein Brodem[974] oder Rauch vor dem Innern, beydes aus der finstern Welt und Licht-Welt Eigenschaft, darum ist das äussere Wesen der Welt bös und gut.

6. Und ist uns dieselbe Bewegung des ewigen Mysterii der geistlichen Welt gar wol und gantz-inniglich zu betrachten. Wie das sey zugangen, dass ein solch grimmig rauhe, gantz stachlicht[975] Wesen und Regiment sey erboren, und offenbar worden, wie wir an den äussern Gestalten der Natur, an dem webenden[976] Wesen, sowol an Stein und Erden sehen. Wovon ein solcher Grimm entstanden {10} sey, welcher die Kräfte der Eigenschaften also in solche wilde Art compactirt und eingeführet hat, wie wir an der Erden und Steinen sehen.

7. Denn uns ist gar nicht zu dencken, dass im Himmel, als in der geistlichen Welt, dergleichen sey; Es sind nur die Eigenschaften der Möglichkeit in der Geistlichen Welt: Sind aber in solcher wilden Eigenschaft nicht offenbar, sondern als wie verschlungen, gleichwie das Licht die Finsterniss verschlinget, und da doch die Finsterniss wahrhaftig im Lichte wohnet, aber es nicht ergreiffet.

{20} 8. So ist uns deme nachzuforschen; Wie doch die finstere Begierde sey in der Kraft des Lichts offenbar worden, dass sie beyde sind mit einander in die Compaction oder Coagulation eingangen. Und noch viel ein grösser Nachdencken gibt uns das, dass da der Mensch nicht bestehen konte im Geistlichen Mysterio der Paradeisischen Eigenschaft, Gott dieselbe Compaction, als die Erde, verfluchte, und ein ernst Gericht anstellete: das Gute in der Compaction der Erden vom Bösen wieder zu scheiden, dass das Gute soll also im Fluche als im Tode stehen; wer allhier nichts siehet, der ist ja blind. Warum wolte Gott sein gutes Wesen verfluchen, {30} so nicht etwas wäre darein kommen, dass dem Guten zuwieder sey? oder ist Gott mit Ihme uneins worden? würde die Vernunft sagen; Denn bey Mose stehet: Und Gott sahe an alles was er gemacht hatte; und siehe, es war sehr gut. Gen. 1: 31.

9. Nun hatte doch der Mensch (um welches willen die Erde verfluchet ward) nichts in die Erde gebracht, davon sie dismal wäre also bös worden: dass sie Gott hätte mögen verfluchen, als nur seine falsche und unrechte Imagination der Begierde vom Bösen und Guten zu essen; die Eitelkeit, als das Centrum der Natur, in ihme zu erwecken, und Böses und Gutes zu wissen: Aus welcher Begierde der Hunger in die Erde einging, daraus der äussere Leib, als eine Massa war ausgezogen worden, der führte seinen Hunger der Begierde wieder in seine Mutter ein; und erweckte aus der finstern Impression des Centri der Natur, die Wurtzel der Eitelkeit, daraus ihme der Versuch-Baum, als Bös und {10} Gut, offenbar wuchs; und als er davon ass, ward die Erde um seinent willen verflucht.

GEORG RUDOLF WECKHERLIN.

[Scherer D. 316, E. 320.]

Geboren 1584 zu Stuttgart. Nachdem Weckherlin seine Studien in Tübingen beendet, reiste er viel in Deutschland umher, gieng dann nach Frankreich und England, wo er mit politischen Geschäften beauftragt war. 1616 wurde er Secretär und Hofdichter des Herzogs von Würtemberg. Seit 1620 war er auf Empfehlung des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz in der Deutschen Kanzlei zu London angestellt, woselbst er 1653 starb. Er verfasste Trink- und Liebeslieder, Preisgedichte auf historische Personen, geistliche Gedichte. Herausgegeben von Gödeke (Leipzig, 1873).

1.

VBER DEN TOD DES KÖNIGS VON SCHWEDEN.

DEin aigner muht, O Held, weil Gotsforcht, Ehr vnd Recht, Dein hertz vnd schwerd allein gestörcket vnd gewötzet[977], Weil auch der erdenkraiss für dich zu eng vnnd schlecht, Hat in den himmel dich (zu früh für vns) versötzet. Dan gleichwie deine faust der gläubigen geschlecht, Als es in höchster noht, erröttet vnd ergötzet: Also hat durch dein haupt die kugel (layder!) recht Der Teutschen Freyheit hertz vnd Tugent haupt verlötzet. 20 Sigreich vnd seelig zwar hat dich, weil in der schlacht Du frey für Gottes wort dein thewres blut vergossen, In die endlose frewd vnd ehr dein end gebracht: Jedoch in layd vnd noht seind deine bunds-genossen, Weil deine herrschung du mit sig, triumff vnd pracht Dort in dem himmelreich anfangend, hie beschlossen.

2.

AN HERREN MARTIN OPITZEN.

INdem mein Ohr, hand, mund schier müd, die schwere plagen Die diser grosse Krieg mit hunger, schwert, pest, brand, Vnd vnerhörter wuht auff vnser Vatterland Aussgiesset, ohn ablass zu hören, schreiben, klagen, Da wird mit wunder mir vnd mit wohn[978] fürgetragen: 10 Mein Opitz, deiner lieb vnd freindschafft wehrtes pfand, Pfand, welches mir alssbald die feder auss der hand, Vnd auss dem mund vnd gaist die klag vnd layd geschlagen. Dan ja dein Orgelstraich[979], vnd deiner Harpfen klang So lieblich das gehör vnd hertz zugleich berühren, Dass (wer sinnreich) mit mir erforschet jhren zwang, Der kan nichts dan dein werck vnd wohrt zu hertzen führen, Vnd sein mund muss dich bald mit einem lobgesang, Vnd seine hand dein haupt mit Lorbörzweigen zieren.

3.

{20} ODE.

FRisch auff, jhr dapfere Soldaten, Ihr, die jhr noch mit Teutschem blut, Ihr, die jhr noch mit frischem muht Belebet, suchet grosse thaten! Ihr Landsleut, jhr Landsknecht frisch auff, Das Land, die Freyheit sich verlieret, Wa jhr nicht muhtig schlaget drauff, Vnd vberwindend triumfieret. Der ist ein Teutscher wolgeboren, Der von betrug vnd falschheit frey, 30 Hat weder redlichkeit noch trew, Noch glauben, noch freyheit verlohren: Der ist ein teutscher ehren wehrt, Der wacker, hertzhafft, vnverzaget, Für die Freyheit mit seinem schwert In die gröste gefahr sich waget. Dan wan jhn schon die feind verwunden, Vnd nemen jhm das leben hin, Ist doch ruhm vnd ehr sein gewin, Vnd Er ist gar nicht vberwunden: 10 Ein solcher tod ist jhm nicht schwer, Weil sein gewissen jhn versüsset; Vnd Er erwirbet lob vnd ehr, Indem er sein blut so vergiesset. Sein Nahm vnd ruhm allzeit erklingen In allem land, in jedem mund: Sein leben durch den tod wird kund, Weil sein lob die Nachkömling singen: Die edle freyheit ist die frucht, Die er dem Vatterland verlasset; 20 Da der hertzloss durch seine flucht Wirt gantz verachtet vnd gehasset. Also zu leben vnd zu sterben Gilt dem redlichen Teutschen gleich: Der Tod vnd Sig seind schön vnd reich, Durch beed kan er sein hayl erwerben: Hingegen fliehen allen danck Die flüchtige vnd der verrähter, Vnd jhnen folget ein gestanck, Weil sie verfluchte vbelthäter. 30 Wolan derhalb, jhr wehrte Teutschen, Mit Teutscher faust, mit kühnem muht, Dämpfet nu der Tyrannen wuht, Zubrechet jhr joch, band und beutschen[980]: Vnüberwindlich rühmet sie Ihr titul, torheit vnd stoltzieren: Aber jhr Heer mit schlechter müh Mag (vberwindlich) bald verlieren. Ha! fallet in sie: jhre fahnen Zittern auss forcht: Sie trennen sich, Ihr böse sach hält nicht den stich, Drumb zu der flucht sie sich schon mahnen: Gross ist jhr heer; klein ist jhr glaub, Gut ist jhr Zeug, böss jhr gewissen: Frisch auff, sie zittern wie das laub, 10 Vnd weren schon gern aussgerissen. Ha! schlaget auff Sie, Liebe brüder, Ist die müh gross, so ist nicht schlecht Der sig vnd beut: vnd wol vnd recht Zuthun, seind sie dan jhr viel müder: So straff, O Teutsches hertz vnd hand, Nu die Tyrannen, vnd die bösen; Die Freyheit vnd das Vatterland Must du auff dise weiss erlösen.

MARTIN OPITZ.

[Scherer D. 320, E. 319.]

Geboren 1597 zu Bunzlau in Schlesien, woselbst er eine gute Erziehung erhielt. Er besuchte später das Gymnasium zu Breslau und studierte die Rechte. 1618 gieng Opitz zur Universität nach Frankfurt an der Oder und trat mit dem herzoglichen Hof zu Liegnitz in Verbindung. Sein erstes Werk, der ‘Aristarch,’ war lateinisch geschrieben. Er befürwortet darin den Gebrauch der deutschen Sprache für die Dichter Deutschlands und empfiehlt den Alexandriner als Versmass. 1619 begab er sich als Erzieher nach Heidelberg, wo er die Bekanntschaft von Janus Gruter und unter jüngern Leuten von Zinkgref, Caspar Barth und H. A. Hamilton aus Kopenhagen machte. Beim Ausbruch des dreissigjährigen Krieges gieng Opitz (1620) von Heidelberg nach Holland, wo er mit Heinsius in Verbindung trat. 1622 nahm er eine Stelle am Gymnasium zu Weissenburg in Siebenbürgen an, kehrte aber bereits 1623 nach Schlesien zurück, wo er fürstlicher Rath beim Herzog von Liegnitz wurde. 1626 trat er, obwol Protestant, in die Dienste des Burggrafen Karl Hannibal von Dohna, eines erklärten Feindes der Protestanten. 1628 ward er von Kaiser Ferdinand II. als Martin Opitz von Boberfeld in den Adelstand erhoben, nachdem er bereits 1625 zum Dichter gekrönt war. 1630 reiste Opitz, in politischen Aufträgen nach Paris und machte die Bekanntschaft von Hugo Grotius. Nach dem Tode des Grafen Dohna (1633) fand Opitz neue Gönner und Beschützer und ward endlich Secretär und Historiograph des Königs Ladislaus IV. von Polen. Er starb 1639 an der Pest, angesteckt von einem Bettler, dem er ein Almosen gegeben. Er ist der Gründer der ersten schlesischen Schule. Von seinem ‘Buch von der deutschen Poeterei’ (1624) gab einen Neudruck heraus Braune (Halle, 1876). Eine Auswahl seiner Gedichte sowie der Werke der bedeutendsten Dichter des siebzehnten Jahrhunderts findet sich in Wilhelm Müllers ‘Bibliothek deutscher Dichter des XVII. Jahrhunderts’ (14 Bde. Leipzig 1822); auch von Tittman wurden ausgewählte Dichtungen herausgegeben (Leipzig 1867).

1.

AUS DER ‘PROSODIA GERMANICA ODER DEM BUCH VON DER DEUTSCHEN POETEREY.’

ÜBER DEN ACCENT IN DEUTSCHEN VERSEN.

Nachmals ist auch ein jeder verss entweder ein iambicus oder trochaicus; nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner eine gewisse grösse der sylben können inn acht nemen; sondern das wir aus den accenten vnnd dem thone erkennen, welche sylbe hoch vnnd welche niedrig gesetzt soll werden. Ein Jambus ist dieser: +Erhalt vns, Herr, bey deinem wort+. {10} Der folgende ein Trochéus: +Mitten wir im leben sind+. Dann in dem ersten verse die erste sylbe niedrig, die andere hoch, die dritte niedrig, die vierde hoch, vnd so fortan, in dem anderen verse die erste sylbe hoch, die andere niedrig, die dritte hoch etc. aussgesprochen werden. Wiewol nun meines wissens noch niemand, ich auch vor der zeit selber nicht, dieses genawe in acht genommen, scheinet es doch so hoch von nöthen zue sein, als hoch von nöthen ist, das die Lateiner nach den quantitatibus oder grössen der sylben jhre verse richten vnd reguliren. Denn es gar einen übelen klang hat: +Venus die {20} hat Juno nicht vermocht zue obsiegen+; weil +Venus+ vnd +Juno+ Jambische, +vermocht+ ein Trochéisch wort sein soll: +obsiegen+ aber, weil die erste sylbe hoch, die andern zwo niedrig sein, hat eben den thon welchen bey den lateinern der dactylus hat.

2.

GESANG ZUR ANDACHT.

AVff, auff mein Hertz’, vnd du, mein gantzer Sinn, Wirff alles dass was Welt ist, von dir hin: Im fall du wilt[981] was Göttlich ist erlangen, So lass den Leib in dem du bist gefangen: Die Seele muss von dem gesaubert seyn 10 Was nichts nicht ist als nur ein falscher Schein, Muss durch den Zaum der Tugend dämpffen können Die schnöde Lust der eusserlichen Sinnen. Ein jeder Mensch hat etwas dass er liebt, Dass einen Glantz der Schönheit von sich gibt: Der suchet Gold, vnd trawet sich den Wellen; Der gräbet fast biss an den Schlund der Hellen, Viel machen sich durch Kriegesthat bekandt, Vnd stehn getrost für GOTT vnd für jhr Land: Der dencket hoch, vnd strebet gantz nach Ehren; 20 Vnd jener lässt die Liebe sich bethören. Indessen bricht das Alter bey vns ein, In dem man pflegt vmb nichts bemüht zu seyn; Eh’ als wir es recht mögen innen werden, So kömpt der Todt, vnd rafft vns von der Erden. Wer aber gantz dem Leib’ ist abgethan, Vnd nimpt sich nur der Himmels-Sorgen an, Setzt allen Trost auff seines Gottes Gnaden, Dem kan noch Welt, noch Todt, noch Teuffel schaden. Den Ancker hat der Noa eingesenckt, 30 Da als er war mit Lufft vnd See verschrenckt; Der grosse Trost hat Abraham erquicket, Als er sein Schwerdt nach Isaac gezücket. Der Glaube muss von GOTT erbeten seyn, Der einig macht, dass keine Noth noch Pein, Vnd Todes-Angst auch den geringsten Schmertzen Erwecken kan in frommer Leute Hertzen. Drumb schaw’, O Mensch, hinauff vnd vber dich, Nach dem was nicht den Augen zeiget sich, Was niemand kan beschliessen in den Schrancken Der Sterbligkeit vnd flüchtigen Gedancken. Vollbringst du dass, mein Hertz’, vnd du, mein Sinn Vnd legst die Last der Erden von dir hin, 10 Sagst ab dem Leib’ in dem du bist gefangen, So wird GOTT dich, vnd du wirst GOTT erlangen.

3.

AUFF LEYD KOMPT FREUD.

SEy wolgemuth, lass trawren sein, Auff Regen folget Sonnenschein, Es gibet endtlich doch das Glück Nach toben einen guten Blick. Vor hat der rauhe Winter sich An vns erzeiget grimmiglich, Der gantzen Welt Revier gar tieff 20 In einem harten Traume schlieff. Weil aber jetzt der Sonnen Liecht Mit vollem Glantz herausserbricht, Vnd an dem Himmel höher steigt, Auch alles frölich sich erzeygt, Das frostig Eyss muss gantz vergehn, Der Schnee kan gar nicht mehr bestehn, Favonius der zarte Windt Sich wider auff die Felder findt, Die Saate gehet auff mit macht, 30 Das Grase grünt in vollem Pracht, Die Bäume schlagen wieder auss, Die Blumen machen sich herauss. Das Vieh in Felden jnniglich, Das Wild in Püschen frewet sich, Der Vögel Schaar sich frölich schwingt, Vnd lieblich in den Lüfften singt, So stelle du auch trawren ein, Mein Hertz, vnd lass dein Zagen sein, Vertrawe Gott, vnd glaube fest Dass er die seinen nicht verlest. Vlysses auch, der freye Heldt, Nachdem er zehn Jahr in dem Feldt Vor Troja seine Macht versucht, Zog noch zehn Jahr vmb in der Flucht. 10 Durch Widerwertigkeit im Meer, Ward er geworffen hin vnd her, Noch blieb er standhafft allezeit, In Noth vnd Todt, in Lieb vnd Leydt. Die Circe mit der Zauberkunst, Bracht jhn niemals zu jhrer Gunst, Auch der Sirenen süsser Mundt Vnd Harfen jhn nicht halten kundt, Er warff doch endtlich von sich noch Des rauhen Lebens schweres Joch, 20 Penelopen er wieder fandt, Vnd Ithacen sein Vaterland, So biss du auch getrost, mein Hertz, Vnd vbersteh des Glückes Schertz, Traw Gott, sey nur auff jhn bedacht, Die Hoffnung nicht zu schanden macht.

4.

ICH EMPFINDE FAST EIN GRAUEN.

Ich empfinde fast ein Grawen Dass ich, Plato, für vnd für Bin gesessen vber dir; 30 Es ist zeit hinauss zu schawen, Und sich bei den frischen Quellen In dem grünen zu ergehn, Wo die schönen Blumen stehn, Vnd die Fischer Netze stellen. Worzu dienet das studieren 30 Als zu lauter Vngemach? Vnter dessen laufft die Bach[982] Vnsers Lebens das wir führen Ehe wir es inne werden, Auff jhr letztes Ende hin, Dann kömpt ohne Geist vnd Sinn. Dieses alles in die Erden. Hola, Junger, geh’ vnd frage, Wo der beste Trunck mag seyn, Nimb den Krug, vnd fülle Wein. Alles Trawren, Leid vnd Klage Wie wir Menschen täglich haben Eh’ vns Clotho fortgerafft, 10 Wil ich in den süssen Safft Den die Traube giebt vergraben. Kauffe gleichfals auch Melonen Vnd vergiess des Zuckers nicht; Schawe nur dass nichts gebricht. Jener mag der Heller schonen, Der bey seinem Gold’ vnd Schätzen Tolle sich zu krencken pflegt, Vnd nicht satt zu Bette legt; Ich wil weil ich kan mich letzen. Bitte meine gute Brüder Auff die Music vnd ein Glass: Nichts schickt sich, dünckt mich so bass Als gut Tranck vnd gute Lieder. Lass’ ich gleich nicht viel zu erben, 10 Ey so hab’ ich edlen Wein; Will mit andern lustig seyn, Muss ich gleich alleine sterben.

SIMON DACH.

[Scherer D. 321, E. 322.]

Geboren 1605 zu Memel. Er erhielt eine sorgsame Erziehung in Memel, Königsberg, Wittenberg und Magdeburg, gab sich 1626 in Königsberg zunächst theologischen und philosophischen, dann allgemein humanistischen Studien hin, nahm hier 1633 eine Anstellung an der Domschule an, wurde 1638 zum Professor der Poesie an der Universität ernannt und starb 1659, nachdem ihn kurz vorher Friedrich Wilhelm, der grosse Kurfürst, mit einem kleinen Landgut belehnt hatte. Dach war der Mittelpunkt der sogenannten Königsberger Schule, die ausser ihm noch Heinrich Albert, Robert Roberthin, Johann Peter Titz und andere unbedeutende Dichter umfasste. Herausgegeben von Osterley (Tübingen 1876).

1.

PERSTET AMICITIÆ SEMPER VENERABILE FÆDUS!

Der Mensch hat nichts so eigen So wol steht jhm nichts an, Als dass er Trew erzeigen 20 Vnd Freundschafft halten kan; Wann er mit seines gleichen Sol treten in ein Band, Verspricht sich nicht zu weichen Mit Hertzen, Mund vnd Hand. Die Red’ ist vns gegeben 20 Damit wir nicht allein Vor uns nur sollen leben Vnd fern von Leuten seyn; Wir sollen vns befragen Vnd sehn auff guten Raht, Das Leid einander klagen So vns betretten hat. Was kan die Frewde machen Die Einsamkeit verheelt[983]? Das gibt ein duppelt Lachen 10 Was Freunden wird erzehlt; Der kan sein Leid vergessen Der es von Hertzen sagt; Der muss sich selbst aufffressen Der in geheim sich nagt. GOtt stehet mir vor allen, Die meine Seele liebt; Dann soll mir auch gefallen Der mir sich hertzlich giebt, Mit diesem Bunds-Gesellen Verlach’ ich Pein vnd Noht, Geh’ auff dem Grund der Hellen Vnd breche durch den Tod. Ich hab’, ich habe Hertzen So trewe, wie gebührt, Die Heucheley vnd Schertzen 10 Nie wissendlich berührt; Ich bin auch jhnen wieder Von grund der Seelen hold, Ich lieb’ euch mehr, jhr Brüder, Als aller Erden Gold.

2.

TOD DER FROMMEN.

O wie selig seyd ihr doch, ihr Frommen, Die ihr durch den Tod zu Gott gekommen! Ihr seyd entgangen Aller Noth, die uns noch hält gefangen. 20 Muss man hie doch wie im Kerker leben, Da nur Sorge, Furcht und Schrecken schweben; Was wir hie kennen, Ist nur Müh’ und Herzeleid zu nennen. Ihr hergegen ruht in eurer Kammer, Sicher und befreit von allem Jammer: Kein Kreuz und Leiden Ist euch hinderlich in Euren Freuden. Christus wäschet ab euch alle Thränen; Habt das schon, wornach wir uns erst sehnen: 30 Euch wird gesungen, Was durch Keines Ohr allhie gedrungen. Ach, wer wollte denn nicht gerne sterben Und den Himmel für die Welt ererben? Wer wollt’ hie bleiben, Sich den Jammer länger lassen treiben? Komm, o Christe, komm, uns auszuspannen, Lös’ uns auf, und führ’ uns bald von dannen! Bei dir, o Sonne, Ist der frommen Seelen Freud’ und Wonne.

3.

TREWE LIEB’ IST JEDERZEIT ZU GEHORSAMEN BEREIT.

(In der Mundart des preussischen Landvolks.)

ANke van Tharaw öss, de my geföllt, 10 Se öss mihn Lewen, mihn Göt on mihn Gölt. Anke van Tharaw heft wedder eer Hart Op my geröchtet ön Löw’ on ön Schmart. Anke van Tharaw mihn Rihkdom, mihn Göt, Du mihne Seele, mihn Fleesch on mihn Blöt. Quöm’ allet Wedder glihk ön ons tho schlahn, Wy syn gesönnt by een anger tho stahn. Kranckheit, Verfälgung, Bedröfnös on Pihn, Sal vnsrer Löve Vernöttinge syn. Recht as een Palmen-Bohm äver söck stöcht, 20 Je mehr en Hagel on Regen anföcht. So wardt de Löw’ ön onss mächtich on groht, Dörch Kryhtz, dörch Lyden, dörch allerley Noht. Wördest du glihk een mahl van my getrennt, Leewdest dar, wor öm dee Sönne kuhm kennt; Eck wöll dy fälgen dörch Wöler, dörch Mär, Dörch Yhss, dörch Ihsen, dörch fihndlöcket Hähr. Anke van Tharaw, mihn Licht, mihne Sönn, Mihn Leven schluht öck ön dihnet henönn. Wat öck geböde, wart van dy gedahn, 30 Wat öck verböde, dat lätstu my stahn. Wat heft de Löve däch ver een Bestand, Wor nich een Hart öss, een Mund, eene Hand? Wor öm söck hartaget, kabbelt on schleyht, On glihk den Hungen on Katten begeyht. Anke van Tharaw dat war wy nich dohn, Du böst min Dühfken myn Schahpken mihn Hohn. Wat öck begehre, begehrest du ohck, Eck laht den Rack dy, du lätst my de Brohk. Dit öss dat, Anke, du söteste Ruh’ Een Lihf on Seele wart vht öck on Du. Dit mahckt dat Lewen tom Hämmlischen Rihk, Dörch Zancken wart et der Hellen gelihk. 10

3.

ÄNNCHEN VON THARAU.

(Herder’s Übertragung.)

Ännchen von Tharau ist die mir gefällt, Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld. Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz Auf mich gerichtet in Lieb’ und in Schmerz. Ännchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut! Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut! Käm’ alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, Wir sind gesinnt bei einander zu stahn. Krankheit, Verfolgung, Betrübniss und Pein 20 Soll unsrer Liebe Verknotigung sein. Ännchen von Tharau, mein Licht und mein’ Sonn’! Mein Leben schliess’ ich um deines herum[984]. Recht als ein Palmenbaum über sich steigt, Hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt[985]; So wird die Lieb’ in uns mächtig und gross Nach manchen Leiden und traurigem Loos[986]. Ännchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut! Du, meine Seele, mein Fleisch und mein Blut! Würdest du gleich einmal von mir getrennt, Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt; Ich will dir folgen durch Wälder und Meer, Eisen und Kerker und feindliches Heer[987]. Ännchen von Tharau, mein Licht und mein’ Sonn! Mein Leben schliess ich um deines herum.

Die folgenden Verse fehlen bei Herder. Das Übrige heisst in hochdeutscher Sprache:

Was ich gebiete, wird von dir gethan, Was ich verbiete, das lässt du mir stahn. Was hat das Leben doch für ein’ Bestand, Wo nicht ein Herz ist, ein Mund, eine Hand? 10 Wo man sich ärgert, kabbelt und schlägt, Und gleich den Hunden und Katzen beträgt? Ännchen von Tharau, das werden wir nicht thun, Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn! Was ich begehre, begehrest Du auch, Ich lass den Rock dir, du lässt mir die Bruch[988]. Dies ist, dass, Ännchen, du süsseste Ruh’, Ein Leib und Seele ward aus Ich und Du. Dies macht das Leben zum himmlischen Reich, Durch Zanken ward es der Höllen gleich. 20

WILHELM MÜLLER.

4.

SCHÖNER HIMMELSSAAL.

Schöner Himmelssaal, Vaterland der Frommen, Die aus grosser Qual Dieses Lebens kommen, Und von keiner Lust, In der Welt gewusst! Sey mir hochgegrüsst! Dich such’ ich für allen, Weil ich öd’ und wüst In der Welt muss wallen Und von Kreuz und Pein Nie befreit kann sein. Deinetwegen blos Trag’ ich diess mein Leiden, Diesen Herzensstoss Willig und mit Freuden; Du versüssest mir Alle Höll’ allhier. Trüg’ ich durch den Tod Nicht nach dir Verlangen, O, in meiner Noth Wär’ ich längst vergangen; 10 Du bist, einig du, Nichts, sonst meine Ruh! Gott, du kennst vorhin Alles, was mich kränket, Und woran mein Sinn Tag und Nacht gedenket: Niemand weiss um mich Als nur du und ich. Hab ich noch nicht sehr Ursach’, mich zu klagen, 20 Ei, so thu’ noch mehr Plage zu den Plagen; Denn du trägst, mein Heil, Doch das meiste Theil. Lass diess Leben mir Wohl versalzen werden, Dass ich mich nach dir Sehne von der Erden, Und den Tod bequem In die Arme nehm’. O wie werd ich mich 10 Dort an dir erquicken! Du wirst mich, und ich Werde dich anblicken, Ewig herrlich, reich Und den Engeln gleich. Schöner Himmelssaal, Vaterland der Frommen, Ende meiner Qual, Heiss mich zu dir kommen, Denn ich wünsch’ allein 20 Bald bei dir zu sein!

PAUL FLEMING.

[Scherer D. 321, E. 322.]

Geboren 1609 zu Hartenstein im Voigtlande; besuchte die Schule zu Meissen, und studierte Medicin in Leipzig. Der Dreissigjährige Krieg trieb ihn nach Holstein, wo er sich der Gesandtschaft anschloss, welche Herzog Friedrich von Holstein an seinen Schwager, den Zar Michael Feodorowitz, nach Moskau schickte. Nach seiner Rückkehr von Russland (1635) wurde er mit Olearius vom Herzog als Gesandter an den Schah Sefi nach Persien geschickt. Er starb bald, nachdem er diese Reise beendigt, im Jahre 1640 zu Hamburg. Seine gesammelten Gedichte erschienen erst nach seinem Tod 1646. Lappenberg gab die lateinischen Gedichte Stuttgart 1863, die deutschen Stuttgart 1865 heraus, Tittmann (Leipzig 1870) eine Auswahl.

1.

GEISTLICHES LIED.

Lass dich nur nichts tauren mit Trauren! Sei stille! Wie Gott es fügt, so sei vergnügt, mein Wille! Was wilst du heute sorgen, auf morgen? Der Eine 10 steht Allem für, der giebt auch dir, das Deine. Sei nur in allem Handel ohn’ Wandel, steh feste! Was Gott beschleusst, das ist und heisst, das Beste. 10

2.

NACH DES VJ. PSALMENS WEISE.

In allen meinen Taten lass ich den Höchsten raten, der Alles kan und hat; er muss zu allen Dingen, solls anders wol gelingen, selbst geben Rat und Tat. Nichts ist es spat und frühe, um alle meine Mühe[989], mein Sorgen ist ümsonst: 20 er mags mit meinen Sachen nach seinem Willen machen, ich stells in seine Gunst. Es kan mir nichts geschehen, als was er hat versehen[990] und was mir selig ist. Ich nehm’ es, wie ers giebet; was ihm von mir geliebet[991], das hab’ auch ich erkiest. Ich traue seiner Gnaden, 30 die mich für[992] allem Schaden, für allem Übel schützt. Leb’ ich nach seinen Sätzen, so wird mich nichts verletzen, nichts fehlen, was mir nützt. Er wolle meiner Sünden, in Gnaden mich entbinden, durchstreichen meine Schuld! Er wird auf mein Verbrechen nicht stracks das Urteil sprechen und haben noch Gedult. 20 Ich zieh’ in ferne Lande, zu nützen einem Stande, an den er mich bestellt. Sein Segen wird mir lassen was gut und recht ist fassen zu dienen seiner Welt. Bin ich in wilder Wüsten, so bin ich doch bei Christen; und Christus ist bei mir. Der Helfer in Gefahren, 30 der kan mich doch bewahren, wie dorte, so auch hier. Er wird zu diesen Reisen, gewündschten Fortgang weisen, wol helfen hin und her, Gesundheit, Heil und Leben, Zeit, Wind und Wetter geben und Alles nach Begehr. Sein Engel, der getreue, macht meine Feinde scheue, trit zwischen mich und sie. Durch seinen Zug, den frommen, 10 sind wir so weit nun kommen und wissen fast nicht wie. Leg’ ich mich späte nieder, erwach’ ich frühe wieder, lieg’ oder zieh’ ich fort, in Schwachheit und in Banden, und was mir stösst zu Handen[993], so tröstet mich sein Wort. Hat er es denn beschlossen, so will ich unverdrossen 20 an mein Verhängnüss gehn; kein Unfall unter allen wird mir zu harte fallen, ich will ihn überstehn. Ihm hab’ ich mich ergeben zu sterben und zu leben, so bald er mir gebeut. Es sei heut’ oder morgen, dafür lass ich ihn sorgen, Er weiss die rechte Zeit. Gefällt es seiner Güte, und sagt mir mein Gemüte nicht was Vergeblichs zu, so werd’ ich Gott noch preisen 10 mit manchen schönen Weisen daheim in meiner Ruh’. Indess wird er den Meinen, mit Segen auch erscheinen, ihr Schutz, wie meiner, sein; wird beiderseits gewähren was unser Wundsch und Zähren ihn bitten überein. So sei nun, Seele, deine[994] und traue dem alleine, 20 der dich geschaffen hat! Es gehe wie es gehe, dein Vater in der Höhe weiss allen Sachen Rat.

3.

HERRN PAULI FLEMINGI DER MED. DOCT. GRABSCHRIFT, SO ER IHM SELBST GEMACHT IN HAMBURG, DEN XXIJX. TAG DES MERZEN M DC XL. AUF SEINEM TODBETTE, DREI TAGE VOR SEINEM SELIGEN ABSTERBEN.

Ich war an Kunst und Gut und Stande gross und reich, des Glückes lieber Sohn, von Eltern guter Ehren, 30 frey, meine, kunte mich aus meinen Mitteln nähren, mein Schall floh über weit, kein Landsmann sang mir gleich, von Reisen hochgepreist, für keiner Mühe bleich, jung, wachsam, unbesorgt. Man wird mich nennen hören, Bis dass die letzte Glut diss Alles wird verstören. Diss, deutsche Klarien[995], diss Ganze dank’ ich euch. Verzeiht mir, bin ichs wert, Gott, Vater, Liebste, Freunde, ich sag’ euch gute Nacht und trete willig ab. Sonst Alles ist getan bis an das schwarze Grab. Was frei dem Tode steht, das tu er seinem Feinde. Was bin ich viel besorgt, den Othem aufzugeben? An mir ist minder[996] Nichts, das lebet, als mein Leben.

GEORG PHILIPP HARSDÖRFER.

[Scherer, D. 322, E. 323.]

Geboren 1607 zu Nürnberg. Er gehörte einer vornehmen Familie an, erhielt eine gute Erziehung, studierte und bereiste Frankreich, England, Holland und Italien. Er lebte später in Nürnberg, wo er 1658 als Rath starb. Im Jahre 1644 stiftete er in Nürnberg den Blumenorden an der Pegnitz, einen Verein, zu dessen Mitgliedern ausser ihm noch Johann Klaj (1616-1656) und Sigmund Betulius oder von Birken (1626-1681) und Andere gehörten. Von seinen Werken sind am bekanntesten die ‘Gesprächspiele’ oder ‘Frauenzimmer-Gesprächspiele’ (8 Bde. Nürnberg 1642-49) und der ‘Poetische Trichter’ (3 Thle. 1648-53). Vgl. Tittmann ‘Die Nürnberger Dichterschule.’

1.

DER WALD.

WOl dem der weit von grossen Stätten 10 ein dienstbefreites Leben führt; Er wird sich von viel Sünden retten, und geben Gott was Gott gebührt: Er wird sein Leben bringen zu, in Fried und überwehrter[997] Ruh.’ Er kan sich in den Wald gesellen, zu vieler Baumen Schatten-Raum, dass sie ihm zu betrachten stellen, dass auch er grune wie der Baum, und dass er sonder gute Frucht, 20 wird zu der Höllen Brand verflucht. Er siht die hochbelaubten Eichen, begipfelt gleichsam Wolcken-an; So soll sein Sinn an Himmel reichen, der seine Wurzel nehren kan, dort ist sein rechtes Erdenland das ihn hält mit verborgnem Band. Der Unterscheid ist bei den Baumen und bey dem Menschen, dass der Lentz kan die beschneeten äste raumen, und ihnen flechten grüne Kräntz: Hingegen is der Mensch veralt, so bleibt er todt und ungestalt. 10 Die Baumen zu dem Leben dienen, zum fahren, brennen und zum bau, sie blühen, fruchten, grauen, grünen, benasset von dem Himmels-tau; ermahnen uns der Christen Pflicht, die uns des Nechsten Dienst bericht[998]. Nun gute Nacht ihr hohen Forren[999] ihr Fichten und du Erlenstamm, grunt lange zeiten ohn verdorren gesichert vor des Feuers-flamm. 20 Ich wünsch euch alle reiffe Frucht, und dickbelaubte Schatten Zucht.

2.

ABBILDUNG DES ZWEISPITZIGEN PARNASSUS.

Hohe +welcher+[1000] +nehret+ unser +eure Spitzen+ morgens mahlen Phöbus und die Pierinnen welcher Lustbereichte[1001] Frucht 30 für die Ceres und dem Pan Schaut die neubegrünten Hügel, bald wir auf der Pfeiffen klingen[1002],

Berge, +Weide+ Hirtenfreude, Sonnenstralen +und erhitzen:+ wohnen auf so grossen Zinnen, unser Pegnitz Hirt Montan 30 zu besingen hat gesucht. wünschen pfeilgeschwinde Flügel. und der Heerd zu Tische[1003] singen.

JOHANNES RIST.

[Scherer D. 323 (366), E. 324.]

Geboren 1607 zu Ottensen bei Altona, gestorben 1667. Prediger und äusserst fruchtbarer, aber sehr flacher Dichter. Er war Opitzianer und stiftete 1656 den Elbschwanenorden. J. R. ‘Das friedewünschende Teutschland’ und ‘Das friedejauchzende Teutschland’ herausgegeben von Schletterer (Augsburg 1864).

1.

SCHRECKEN DER EWIGKEIT.

O Ewigkeit, du Donnerwort! O Schwerdt, das durch die Seele bohrt! O Anfang sonder Ende! O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, Ich weiss für grosser Traurigkeit Nicht, wo ich mich hinwende; Mein ganz erschrocknes Herz erbebt, Dass mir die Zung’ am Gaumen klebt: 10 O Ewigkeit du machst mir bang. O Ewig, ewig ist zu lang, Hie gilt fürwahr kein Scherzen. Drum, wenn ich diese lange Nacht Zusammt der grossen Pein betracht’, Erschreck’ ich recht von Herzen; Nichts ist zu finden weit und breit So schrecklich als die Ewigkeit. Was acht’ ich Wasser, Feu’r und Schwerdt? Dies alles ist kaum nennenswerth, 20 Es kann nicht lange dauren. Was wär’ es, wenn gleich ein Tyrann, Der fünfzig Jahr’ kaum leben kann, Mich endlich liess vermauren? Gefängniss, Marter, Angst und Pein Die können so nicht ewig sein. Wenn der Verdammten grosse Qual So manches Jahr, als an der Zahl Hie Menschen sich ernähren, Als manchen Stern der Himmel hegt, Als manches Laub die Erde trägt, Noch endlich sollte währen: So wäre doch der Pein zuletzt Ihr recht bestimmtes Ziel gesetzt. Nun aber, wenn du die Gefahr, Viel hundert tausend, tausend Jahr’ Hast kläglich ausgestanden Und von den Teufeln solche Frist 10 Ganz grausamlich gemartert bist, Ist doch kein Schluss vorhanden; Die Zeit, die niemand zählen kann Die fänget stets von neuem an. Ach Gott, wie bist du so gerecht! Wie strafst du deinen bösen Knecht So hart im Pfuhl der Schmerzen, Auf kurze Stunden dieser Welt Hast du so lange Pein bestellt! Ach, nimm dies wohl zu Herzen. 20 Betracht es oft, o Menschenkind: Kurz ist die Zeit, der Tod geschwind! Ach, fliehe doch des Teufels Strick; Die Wollust kann ein’n Augenblick Und länger nicht ergetzen. Dafür willt du dein arme Seel’ Hernachmals in des Teufels Höll’, O Mensch, zum Pfande setzen? Ja schöner Tausch! Ja wohl gewagt, Das bei den Teufeln wird beklagt! 30 So lang ein Gott im Himmel lebt Und über alle Wolken schwebt, Wird solche Marter leben. Es wird sie plagen Kält’ und Hitz’, Angst, Hunger, Schrecken, Feu’r und Blitz Und sie doch nie verzehren; Dann wird sich enden diese Pein, Wenn Gott nicht mehr wird ewig sein. Wach’ auf! o Mensch vom Sündenschlaf; Ermuntere dich, verlornes Schaf; Und bess’re bald dein Leben! Wach’ auf, es ist doch hohe Zeit; Es kommt heran die Ewigkeit, Dir deinen Lohn zu geben. Vielleicht ist heut’ der letzte Tag; Wer weiss noch, wie man sterben mag? O Ewigkeit, du Donnerwort! 10 O Schwerdt das durch die Seele bohrt! O Anfang sonder Ende! O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit! Ich weiss für grosser Traurigkeit Nicht, wo ich mich hinwende. Nimm du mich, wenn es dir gefällt, Herr Jesu, in dein Freudenzelt.

2.

DAPHNIS BEKÜMMERTE LIEBES-GEDANCKEN. ALS ER BEY SEINER GALATHEEN NICHT SEYN KONTE.

Daphnis gieng für wenig Tagen 20 Über die begrühnten Heid’, Heimlich fieng er an zu klagen Bey sich selbst sein schweres Leid, Sang aus hochbetrübten Hertzen Von den bittern Liebes-Schmertzen: Ach dass ich dich nicht mehr seh’ Allerschönste Galathe!

Ist mir recht, das sind die Spitzen Die ich an den Bäumen schaw’, Hinter welchen pflegt zu sitzen 30 Galathee bey der Auw’ Als sie zwinget meine Sinnen. O du Preyss der Schäfferinnen, Weh mir dass ich dich nicht seh’ Allerschönste Galathe.

Könt’ ich in den Lüfften fliegen Wie ein schnelles Vögelein, Ach wie wolt’ ich dich betriegen, Bald, bald wolt’ ich bey dir seyn Und dir Tausend Schmätzlein geben, Das wehr mein erwündschtes Leben, Nun ist mir von Hertzen weh’ Allerschönste Galathe.

Möcht’ ich bey der Sonnen stehen, Bey dem güldnen Himmels-Licht, 10 O wie fleissig wolt’ ich sehen Auff dein freundlichs Angesicht. Tausend Strahlen wolt’ ich schiessen Deiner äuglein zu geniessen, Nun ist mier von Hertzen weh’ Allerschönste Galathe!

Kan ich denn nicht zu dier kommen Der ich dier so nah’ itzt binn, Ist mier schon der Weg benommen, Ey so nim die Seufftzer hinn, 20 Die ich dier von Hertzen sende Biss das Glück sich wiedrumb wende Und ich dich mit Freuden seh’ Allerschönste Galathe.

Drumb ihr Winde solt ihr bringen Meine Klag’ und Seufftzen zu, Selber kan ich nicht mehr singen Denn mein Hertz’ ist sonder Ruh’, Ach ich Armer hab’ ersehen Ihr Gezelt von ferne stehen. 30 Nun ist mir von Hertzen weh’ Allerschönste Galathe!

O ihr Vöglein die ihr wendet Euren Flug an ihren Ort, Sagt, ich hab’ euch hergesendet Dass ihr mit euch nehmet fort Die getrewen Liebes-Thränen, Die sich stündlich nach ihr sehnen, Biss ich dich mit Freuden seh’ Allerschönste Galathe!

Galathee du mein Leben Nim die Wind und Vöglein auff, Die sich dir zu Dienst’ ergeben Mit so schnellem Flug’ und Lauff’ Und weil ich dich nicht kan schauen, Wollest du dem Boten trauen, 10 Biss ich selbst dich wieder seh’ Allerschönste Galathe!

ANDREAS GRYPHIUS.

[Scherer D. 324, E. 325.]

Geboren 1616, im Todesjahre Shakespeares, zu Glogau. Seine Jugend war trübe, sein späteres Leben durch die Ereignisse des Krieges sehr bewegt. Er verschaffte sich weitgreifende Kenntniss namentlich in der ältern und neuern Literatur und gewann sich seinen Unterhalt als Hauslehrer, bis er durch ein Vermächtniss seines Gönners, des kaiserlichen Pfalzgrafen Georg von Schönborn, in den Stand gesetzt wurde nach Holland zu gehen, wo er 1638 zu Leiden immatriculiert ward. 1643 kehrte er nach Glogau zurück und reiste 1646 nach Italien und Frankreich. Er verheiratete sich 1649 und wurde 1650 Syndicus der Stände des Fürstenthums Glogau. Er starb plötzlich 1663, ungefähr hundert Jahre nach Shakespeares Geburt. Er dichtete Trauerspiele, Lustspiele, Singspiele, Oden, Sonette, Epigramme, übersetzte ein lateinisches geistliches Drama und Comödien aus dem Italienischen und Französischen. Die Lustspiele und Trauerspiele herausgegeben von Palm (Tübingen 1878 und 1882); dramatische Dichtungen von Tittmann (Leipzig 1880); ‘Horribilicribrifax’ und ‘Peter Squenz’ von Braune (Halle 1876 und 1877); Sonn-und Feiertags-Sonette von Welti (Halle 1883).

1.

THRÄNEN DES VATERLANDES, ANNO 1636.

WIr sind doch nunmehr gantz, ja mehr denn gantz verheeret Der frechen Völcker Schaar, die rasende Posaun, Das vom Blut fette Schwerdt, die donnernde Carthaun, Hat aller Schweiss, und Fleiss, und Vorrath auffgezehret. Die Thürme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret. Das Rathhauss liegt im Grauss, die Starcken sind zerhaun, Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun Ist Feuer, Pest, und Tod, der Hertz und Geist durchfähret. Hier durch die Schantz und Stadt, rinnt allzeit frisches Blut. Dreymal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut, Von Leichen fast verstopfft, sich langsam fort gedrungen; Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnoth, Dass auch der Seelen-Schatz, so vielen abgezwungen. 10

2.

DOMINUS DE ME COGITAT.

IN meiner ersten Blüt’, Im Frühling zarter Tage, Hat mich der grimme Tod verweiset, und die Nacht Der Traurigkeit umhüllt, mich hat die herbe Macht Der Seuchen ausgezehrt. Ich schmacht in steter Plage. Ich theilte meine Zeit, in Seuffzer, Noth und Klage, Die Mittel, die ich offt für feste Pfeiler acht, Die haben (leider!) all’ erzittert und gekracht, Ich trage nur allein den Jammer, den ich trage. Doch nein! der treue GOtt beut mir noch Aug und Hand, 20 Sein Hertz ist gegen mir mit Vater Treu entbrand, Er ists, der iederzeit vor mich, sein Kind muss sorgen. Wenn man kein Mittel find, sieht man sein Wunderwerck, Wenn unsre Krafft vergeht beweisst er seine Stärck, Man schau’t ihn, wenn man meint, er habe sich verborgen.

3.

ES IST ALLES EITEL.

DU sihst, wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden. Was diser heute baut, reist jener morgen ein: Wo itzund Städte stehn, wird eine Wisen seyn, Auff der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden: 30 Was itzund prächtig blüht, sol bald zutretten werden. Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein, Nichts ist, das ewig sey, kein Ertz, kein Marmorstein. Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden. Der hohen Thaten Ruhm muss wie ein Traum vergehn. Soll denn das Spil der Zeit, der leichte Mensch bestehn? Ach! was ist alles diss, was wir vor köstlich achten, Als schlechte Nichtikeit, als Schatten, Staub und Wind; Als eine Wisen-Blum, die man nicht wider find’t. Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

4.

{10} MORGEN-SONNET.

DIe ewig-helle Schaar wil nun ihr Licht verschlissen, Diane steht erblasst; die Morgenrötte lacht Den grauen Himmel an, der sanffte Wind erwacht, Vnd reitzt das Federvolck, den neuen Tag zu grüssen. Das Leben diser Welt, eilt schon die Welt zu küssen, Vnd steckt sein Haupt empor, man siht der Stralen Pracht Nun blinckern auff der See: O dreymal höchste Macht Erleuchte den, der sich itzt beugt vor deinen Füssen! Vertreib die dicke Nacht, die meine Seel umbgibt, Die Schmertzen Finsternüss, die Hertz und Geist betrübt, 20 Erquicke mein Gemütt, und stärcke mein Vertrauen. Gib, dass ich disen Tag, in deinem Dinst allein Zubring: und wenn mein End’ und jener Tag bricht ein Dass ich dich, meine Sonn, mein Licht mög ewig schauen.

5.

AUS DEM TRAUERSPIEL ‘CARDENIO UND CELINDE’.

Der hohe Geist der in der Sterblichkeit, Vnsterblich herrscht, Der seines Fleisches Kleid Als eine Last, (so bald die Stunde schlägt Die scheiden heist) gantz unerschreckt ablegt;

Der hohe Geist würd’ alles was die Welt, 30 Was Lufft und See in ihren Schrancken hält, Was künfftig noch, und was vorlängst geschehn; Mit lachen nur und Miss-Preiss übersehn.

Dem Vogel Trotz! der in die Lufft sich schwingt Ob schon der Schall der harten Donner klingt, Vnd ob der Sonn’ auff die er einig harrt, Mit steiffem Aug sich wundert und erstarrt.

Der hohe Geist würd über alles gehn, Vnd bey dem Thron der höchsten Weissheit stehn; Wenn beyde Flügel ihm nicht fest gehemmt, Vnd Füss und Leib mit schwerer Last beklemmt.

Alsbald er auff den Kreiss der Dinge trat; Erschrack der Fürst der zu gebitten[1004] hat 10 Der Untern-Welt, der wenn er umb sich blickt, List, Hass und Grimm in unser Licht ausschickt.

Er schüttelte dreymal sein Schlangen-Har. Die Höll erbeb’t; was umb und umb ihn war Versanck in Furcht, die Glutt schloss einen Ring, Als er entsteckt[1005] von heissen Neid anfing;

Auff! Götter auff! die mit mir von dem Thron Hiher gebannt: Es steht nach jener Kron Die ich besass, ein hoch-glückselig Bild Das leider mehr bey seinem Schöpffer gilt! 20

Man ging zu Rath: Es ward ein Schluss erkist Zu dämpfen was in Menschen Himmlisch ist, Mit Macht und Trug! bald drungen aus der Nacht Geitz, Hochmutt, Angst, Einbildung, Wahn und Pracht.

Doch allen flog erhitzte Brunst zuvor Die voll von List den Namen ihr erkor Von steter Lib’ und unter ihrem Schein Die Hertzen nam mit Gifft und Gallen ein.

Ihr bot alsbald die Rach-Lust treue Hand Die, leider! jetzt der allgemeine Tand[1006] 30 Auff dem Altar der tapffern Ehren ehrt, Indem die Burg der Ehren wird zustört.

Die Rasereyen pochen was man schätzt, Vnd heilges Recht auff festen Grund gesetzt; Sie stecken Reich und Land mit Flammen an Die auch kein Blutt der Völcker dämpffen kan.

Sie färben See und Wellen Purpur-roth, Sie stürtzen Stül und Kronen in den Koth, Vnd treten was auff Erden sterbens-frey Vnd ewig, mit entweyhtem Fuss entzwey.

Sie reissen (ach!) des Menschen reine Seel Von ihrem Zweck in des Verderbens Höl 10 Vnd zihn, die den Gott gab den Himmel ein Aus stiller Ruh, in immer-strenge Pein.

6.

VANITAS! VANITATUM VANITAS!

Die Herrlichkeit der Erden Muss Rauch und Aschen werden! Kein Fels, kein Erz kann stehn. Dies, was uns kann ergötzen, Was wir für ewig schätzen, Wird als ein leichter Traum vergehn.

Was sind doch alle Sachen, 20 Die uns ein Herze machen, Als schlechte Nichtigkeit? Was ist des Menschen Leben, Der immer um muss schweben, Als eine Phantasie der Zeit?

Der Ruhm, nach dem wir trachten, Den wir unsterblich achten, Ist nur ein falscher Wahn. Sobald der Geist gewichen Und dieser Mund erblichen, 30 Fragt keiner, was man hier gethan.

Es hilft kein weises Wissen. Wir werden hingerissen Ohn’ einen Unterscheid. Was nützt der Schlösser Menge? Dem hie die Welt zu enge, Dem wird ein enges Grab zu weit.

Dies alles wird zerrinnen, Was Müh’ und Fleiss gewinnen Und saurer Schweiss erwirbt. Was Menschen hier besitzen, 10 Kann für den Tod nicht nützen; Dies alles stirbt uns, wenn man stirbt.

Ist eine Lust, ein Scherzen, Das nicht ein heimlich Schmerzen Mit Herzensangst vergällt? Was ist’s, womit wir prangen? Wo wirst du Ehr’ erlangen, Die nicht in Hohn und Schmach verfällt?

Was pocht man auf die Throne? Da keine Macht, noch Krone 20 Kann unvergänglich sein, Es mag vom Todtenreihen Kein Scepter dich befreien, Kein Purpur, Gold, noch edler Stein.

Wie eine Rose blühet, Wenn man die Sonne siehet Begrüssen diese Welt, Die, eh’ der Tag sich neiget, Eh’ sich der Abend zeiget, Verwelkt und unversehn’s abfällt: 30

So wachsen wir auf Erden, Und hoffen, gross zu werden Und schmerz- und sorgenfrei. Doch, eh’ wir zugenommen Und recht zur Blüte kommen, Bricht uns des Todes Sturm entzwei.

Wir rechnen Jahr auf Jahre; Indessen wird die Bahre Uns vor die Thür gebracht. Drauf müssen wir von hinnen Und, eh’ wir uns besinnen, Der Erde sagen gute Nacht.

Weil uns die Lust ergötzet, Und Stärke freie schätzet, Und Jugend sicher macht, Hat uns der Tod bestricket, 10 Die Wollust fortgeschicket Und Jugend, Stärk’ und Muth verlacht.

Wie viel’ sind jetzt vergangen! Wie viel’ liebreicher Wangen Sind diesen Tag erblasst, Die lange Raitung machten Und nicht einmal bedachten, Dass ihn’n ihr Recht so kurz verfasst.

Auf, Herz! wach und bedenke, Dass dieser Zeit Geschenke 20 Den Augenblick nur dein. Was du zuvor genossen, Ist als ein Strom verschossen; Was künftig, wessen wird es sein?

Verlache Welt und Ehre, Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre, Und fleuch den Herren an, Der immer König bleibet, Den keine Zeit vertreibet, Der einig ewig machen kann. 30

Wohl dem, der auf ihn trauet! Er hat recht fest gebauet; Und ob er hier gleich fällt, Wird er doch dort bestehen Und nimmermehr vergehen, Weil ihn die Stärke selbst erhält.

7.

AUS DEM TRAUERSPIELE ‘CAROLUS STUARDUS.’

_Der König. Juxton. Thomlisson. Hacker. Die Hencker. Die Jungfrauen an den Fenstern._

1. Jungf. O schrecklich Schau-Gerüst! 2. Jungf. Soll Karl den Platz betreten?

3. Jungf. Sol er, wo vor sein Volck ihn schier pflag anzubeten, In höchster Schmach vergehn? 4. Jungf. Fällt er in seinem Land? Für seiner eignen Burg durch eines Henckers Hand?

1. Jungf. Ach hätte, wehrter Printz! das Schwerdt dich hingenommen, Da wo auf blankem Feld Heer gegen Heer ankommen! Ach! hätte dich bey Wicht die tolle See bedeckt, So würde nicht dein Tod mit so viel Schmach befleckt! 10

7. Jungf. Der Tod hat keine Schmach; die Schmach liegt auf den Richtern. Sein Unschuld lässt sich schaun vor tausend Angesichtern. Man wird an seiner Stirn, an den Geberden sehn Den unbefleckten Geist, die Tugend, die wir schmehn, Die wir, wenn Gottes Rach wird Himmel ab erscheinen, Noch werden mit viel Reu in heisser Angst beweinen.

1. Jungf. Herr! scheub disz Urtheil auf, bis mein Gesicht erblasst! Wo nicht, so nimm nur bald der Glieder schwere Last 20 Von dem gepressten Geist! 5. Jungf. O Schwestern! O sie kommen!

2. Jungf. Die Majestät hat gantz sein Antlitz eingenommen Und streicht, indem sie nicht in Purpur fünckeln kan, Mit unerschöpfftem Glantz die schönen Glieder an.

4. Jungf. Itzt sieht er nach dem Klotz auf dem er soll verschwinden.

Carol. Ob denn kein höher Block in Britten mehr zu finden?

1. Jungf. Der vor drey Königreich mit höchster Macht besasz, Hat kein bequemer Holtz zu seinem Tod, als das.

Carol. Man wird uns, leider! hier nicht viel Gehöre gönnen; 30 Drum zeugt uns, Thomlisson! Wir hätten schweigen können, Jedennoch zu entgehn dem rasenden Verdacht, Als wenn durch eigne Schuld wir in die Noth gebracht, Erfordert unsre Pflicht, durch die wir Gott verbunden, Und Reich und Vaterland, dass in der letzten Stunden Ich darthu, dass ich sey ein Mann ohn arge List, Dass ich ein guter Printz und unverfälschter Christ. Was nöthig aber, hier von Unschuld viel zu handeln? Er weisz wer Athem zeucht, und was nach uns wird wandeln, Er weisz, der alles weisz, der Well und Welt bewegt, Und der schon über mich ein gröszer Urtheil hegt, 10 Dass wir zum ersten nicht das grimme Schwerdt erwischet, Dass auf die Freyheit uns kein Eyver angefrischet. Der Parlamente Macht ist nie durch uns verletzt, Sie haben sich vorher uns grimmig widersetzt. Sie suchten aus der Faust das Kriegsrecht uns zu winden: Die sich doch überzeugt durch ihr Gewissen finden, Dass es das meine war. Gilt unser Wort nicht hier, So red an Carlen statt so mein, als ihr Papier. Wer beyder Unterschrifft wil redlich überlegen, Wird sonder Brille sehn, wer nach dem ersten Degen 20 In heiszem Vorsatz grieff. Entdeck’ es, groszer Gott! Ich aber, ich verzeih und will den hohen Spott Der Blutschuld nicht auf sie und ihre Köpffe schieben (Die sauber mögen seyn!). Vielleicht fleuszt disz Betrüben, Die Mordquell, beyderseits aus nichtgetreuem Rath. Uns überzeugt der Geist, dass wir durch diese That Auffs minste nicht beschwert, und möchten wol vernehmen, Dass sie sich vor sich selbst nicht etwa dörfften schämen. Disz aber, disz sei fern: dass Karl sich so verführ, Und nicht in seiner Noth des Höchsten Urtheil spür! 30 Der Höchst ist ja gerecht und pflegt gerecht zu richten, Auch durch nicht rechten Schluss, den Ungerecht’ erdichten. Wie Wentwort durch uns fiel in nicht verdiente Pein, So muss sein herber Tod itzt unser Straffe seyn. Wir müssen durch den Spruch, durch den er hingerissen, Unschuldig, wider Recht, auch Blut für Blut vergieszen Und geben Hals für Hals. Doch klag ich niemand an, Weil ich, ein rechter Christ, von Christo lernen kan, Wie man verzeihen soll. Sagt, wenn ich nun erblichen, Sagt, Juxton, wenn die Seel aus dieser Angst gewichen, Wie willig ich vergab dem, welcher mich verletzt, Dem, der mich unterdrückt, dem, der das Richt-Beil wetzt, Dem, der nach meinem Tod sich Tag und Nacht bemühet, Vielleicht mir unentdeckt. Doch siehts, der alles siehet. Ich forsche nicht mehr nach, schreib ihnen disz nicht an. Gott! ewig guter Gott! Wer nur verzeihen kan, Erfüllt nicht alle Pflicht. Mein Lieben dringt noch weiter. 10 Ich wündsche, dass die Nacht zertreib ein helles Heiter, Dass ihr verfinstert Hertz den schwartzen Greuel Fleck, Und wie es sich verstürtzt[1007], bey klarem Licht entdeck. In Wahrheit, Eigen-Nutz hat schrecklich hier gefrevelt Und Gottes Donner-Keil auf seinen Kopff geschwefelt[1008]! Ich aber steh für euch und bitt, als jener rieff, Der unter rauhem Sturm der harten Stein entschlieff: Vergib, erhitzter Gott! hilff ihre Sinnen lencken! Lass sie nach rechtem Weg und wahrem Friede dencken, Dass sich mein Unterthan in höchster Angst erquick! 20 Mein Unterthan, den ich bey letztem Augenblick Befehl in deine Gunst! Wer wird den Wundsch entdecken? Ich hoff, er werde noch viel aus dem Schlaff erwecken, Die dieser Wind einwiegt. Eur Weg ist gantz verkehrt. Ich seh und alle Welt, dass ihr das Reich verhert. Um durch ein rasend Schwerdt die Cronen zu gewinnen, Zu theilen Land und Land. Wer lobt ein solch Beginnen? Wenn man ohn rechtes Recht, ohn Ursach um sich greifft, Wird man nicht jenem gleich, der Thetis Schaum durchstreifft Und wider Völcker Recht die freye Flacke hindert 30 Und die durch Brand und Stahl zustückten Seegel plündert? Philetas rieb disz selbst dem groszen Griechen ein: Wer härter raub als ich, muss mehr ein Rauber seyn. Solt euch auf diesem Weg ein heilig Fortgang segnen? Solt euch die wahre Ruh auf diesem Pfad begegnen? Nein, sicher! wo ihr nicht Gott und den Fürsten gebt Was beyder eigen ist, so fällt, was um euch schwebt, Disz Wetter über euch. Ihr musst dem Fürsten geben Und denen, die nach ihm ihr Erbrecht soll erheben, Und denen, über die der Fürst den Scepter führt, Was Printz und Printzen Erb und Unterthan gebührt. Gebt Gott sein eigne Kirch! Ihr selbst habt sie zustreuet. Sie wird durch Gottes Wort und Ordnung nur erfreuet. Mein Rath kommt hier zu kurtz. Setzt einen Reichs-Tag an Und hört, was unerschreckt ein ieder sagen kan, 10 Der mehr des Höchsten Ehr als seinen Nutz behertzet Und nicht mit seinem Heil und aller Wohlfahrt schertzet! Wer rührt das grimme Beil? Lasst, lasst es unverletzt, Dass es nicht vor der Zeit werd an den Hals gesetzt! Disz, was mein eigen ist, wil ich nicht ferner rühren, Ich rede nicht für mich. Euch mag das Recht anführen! Es zeig euch eure Pflicht! Was nun das Volck angeht, Zeugt der, der für sein Volck und Volckes Freyheit steht, Der dessen Freyheit mehr als Eigennutz betrachtet: Wenn man des Volckes Heil und Leben recht beachtet, 20 Und, wie es recht, beherrscht und treu versichert hält, So hat es seinen Wunsch. Wer nach dem Scepter stellt, Reiszt alle Schrancken durch und sucht ein schrecklich Ende, Weil Printz und Unterthan doch unvermischte Stände. Versucht auch, was ihr könnt! nennt Unterdruckten frey, Wenn Albion betraurt, dass es gezwungen sey! Und drum erschein ich hier. Hätt ich disz können schlieszen, Dass man die Grund-Gesetz und Ordnung gantz zurissen, Wenn mir des Lägers Trotz und unbeherrschte Macht Und Frevel ie beliebt, man hätte sich bedacht, 30 Mich auf dem Traur-Gerüst zum Opffer vorzustellen, Zum Opffer für disz Volck. Herr lass kein Urtheil fällen Auf die verblendte Schaar, vor welch ich dir mein Blut Hingeb und den für Kirch und Reich verlobten Muth. Verzeiht! Ich halt euch auf! wir wolten Zeit begehren, Um uns zu guter Nacht was besser zu erklähren. Man gibt uns die nicht nach. Doch was sind Worte noth, Dafern die Unschuld spricht und zeuget mit dem Tod? Die hat euch itzt entdeckt mein innerstes Gewissen. Die wünscht, wo ihr ja noch könnt etwas heilsams schlieszen: Dass euer Rath forthin dem Reich ersprieszlich sey Und eure Seele selbst von grauser Schuld befrey.

Juxt. Ob zwar sein Gott’sdienst, Herr! durch alle Welt erschollen, Doch, weil Verleumdung denn auch rasend schertzen wollen, Benehm er durch ein Wort der Schlangen dieses Gifft!

Car. Gar recht erinnert! Was disz hohe Werck betrifft, So glaub ich fest, es sey der Erden unverborgen, 10 Wie mein Gewissen steh, das seine Seelen-Sorgen Auf Gottes Hertze setzt, dem ich wie je und eh Auch sterbend als ein Kind der Kirch, entgegen geh, Der Kirchen, die vorhin in Albion geblühet, Die nun sich in der Irr und höchstem Kummer siehet. Ich missbrauch eurer Zeit! 1. Jungf. Die Mörder kommen an!

2. Jungf. Vermummt, weil Bosheit nicht das Licht vertragen kan.

Carol. Wir haben rechte Sach und einen Gott voll Gnaden.

Juxt. Der aller Fluch und Noth auf seinen Sohn geladen.

Carol. Man marter uns nicht mehr, als euch das Blutrecht heiszt! 20 Wir schreyn den Höchsten an. Verzeuch, bis sich der Geist Dem Schöpffer anvertrau! Wenn wir die Händ ausstrecken, Thu deinen Schlag getrost! Langt uns[1009] das Haubt zu decken!

3. Jungf. Disz ist die letzte Cron! wohin verfällt die Pracht! Wohin der Erden Ruhm! wohin der Throne Macht!

Carol. Wird unser langes Haar auch wohl dein Richt-Beil hindern?

Henck. Ja! 1. Jungf. Soll man noch den Schmuck des höchsten Haubtes mindern!

6. Jungf. Er streicht die Locken selbst unzaghafft auf die Seit Und steckt die Flechten auf. Carol. Weg alle Traurigkeit! Wir haben ja, uns zu erquicken 30 Ob unser Sachen gutem Recht Und an dem Gott, der an wird blicken Voll Gnad und Liebe seinen Knecht.

Juxt. Den Schauplatz muss mein Fürst zum letztenmal beschreiten, Den Schauplatz herber Angst und rauher Bitterkeiten, Den Schauplatz grimmer Pein, auf dem ein jeder findt, Dass alle Majestät sey Schatten, Rauch und Wind. Der Schauplatz ist zwar kurtz, doch wird in wenig Zeiten Auf kurtzer Bahn mein Printz das ferne Reich beschreiten, Den Schau-Platz höchster Lust, auf dem die Ewigkeit Mit Frieden schwangrer Ruh krönt unser Seelen Leid.

Carol. Wir scheiden aus der trüben Nacht des Zagens Zu dem gewünschten Licht der schönsten Sonne. 10 Wir scheiden aus dem Kercker herbes Klagens In das geziehrte Schloss der höchsten Wonne. Wir gehn aus dem engen Lande in der Engel weites Land, Wo kein schmertzend Weh betrübet den stets unverrückten Stand. Niemand wird die Cron ansprechen, Niemand wird den Scepter brechen, Niemand wird das Erbgut kräncken, Das der Himmel uns wird schencken. Nimm, Erden, nimm, was dein ist, von uns hin! Der Ewigkeiten Cron ist fortan mein Gewinn. 20

8. Jungf. Wol diesem, dessen Cron der Abschied so vergröszet!

Carol. Schau, ob der Nacken nun von allem Haar entblöszet!

7. Jungf. Er giebt den Mantel weg. 3. Jungf. Leg ab mit diesem Kleid, Was dich bisher umhüllt, dein überschweres Leid!

4. Jungf. Er nimmt das Ritter-Band und Kleinod von dem Hertzen.

6. Jungf. Der Höchst’ entbinde dich, mein Fürst, von deinen Schmertzen!

Carol. Fahrt wol mit diesem Band Welt, Scepter, Cron und Stab! Ade beherrschtes Reich! wir legen alles ab. Lasst unserm ältern Sohn disz Ritter-Ehren-Zeichen Nechst meinem Petschafft-Ring zum Denkmahl überreichen! Nehmt ihr, weil auf der Welt ich nichts mehr geben kan, 30 Disz Kettlin, Thomlisson, disz Uhrwerck, Hacker, an! Bleibt, Bischoff, bleibt gegrüszt, stets indenck meiner Worte!

4. Jungf. Da steht die Tugend blosz. 5. Jungf. Ist niemand an dem Orte, Der mit dem letzten Dienst den groszen Fürsten ehr?

4. Jungf. Nein! er entdeckt sich selbst. 5. Jungf. Sind keine Diener mehr?

3. Jungf. Der so viel tausend vor beherrscht durch einig Wincken, Von dem setzt alles ab noch vor dem Niedersincken.

2. Jungf. Da geht der werthe Printz zu seinem Mord-Altar.

1. Jungf. Der Britten Opffer-Platz und letzten Todten-Bahr! 10

Carol. Steht dein Block fest? Henck. Er ist, mein Fürst, recht fest gesetzet.

Carol. Hat uns Albion keines höhern werth geschätzet?

Henck. Er mag nicht höher seyn. Carol. Wenn ich die Händ’ ausbreit, Verrichte deinen Streich! 2. Jungf. O Schandfleck aller Zeit! Soll der Britten Maiestät sich so tieff zur Erden neigen Und ihr drey-bekröntes Haubt vor des Henckers Füszen zeigen?

Carol. O König, der uns durch sein Blut Der Ehren ewig Reich erwarb, 20 Der seinen Mördern selbst zu gut An dem verfluchten Holtze starb, Vergib mir, was ich ie verbrochen, Und lass die Blutschuld ungerochen! Nimm nach dem überhäufften Leiden Die Seele, die sich dir ergiebt, Die keine Noth kan von dir scheiden, Die, Herr! dich wie du mich geliebt, Auf in das Reich der groszen Wonne! Erfreue mich du Lebens-Sonne! 30 Erhalt mich unerschöpffte Macht! Hier lieg ich, Erden gute Nacht!

1. Jungf. Da liegt des Landes Heil. 4. Jungf. Da liegt des Landes Leben.

2. Jungf. Und aller Printzen Recht! 3. Jungf. Wer wird, wer kan erheben, Was der geschwinde Streich in einem Nun zerknickt!

5. Jungf. Was die gestürtzte Leich mit ihrem Fall erdrückt!

6. Jungf. Ach! beweint nicht dessen Cörper, der ein gröszer Reich empfangen! Weint über dem, was Gott hat über uns verhangen!

Alle Jungf. O Jammer! O! O groszer Schmertzen Höh!

2. Jungf. Ach, Himmel Ach! Alle Jungf. Ach tausendfaches Weh!

Die Geister der ermordeten Könige. Die Rache.

1. Geist. Rach! Rache groszer Gott! 2. Geist. Rach! Rach. 3. Geist. Herr komm zur Rache!

4. Geist. Rach über unser Blut! 5. Geist. Herr richte meine Sache!

Alle. Rach! Rache! Rache! Rach! Rach über diesen Tod!

6. Geist. Rach über diesen Fall und aller Printzen Noth! 10

1. Geist. Erscheine, Recht der groszen Himmel! Erschein’ und sitze zu Gericht, Und hör ein seuffzend Weh-Getümmel, Doch mit verstopfften Ohren nicht!

2. Willst du die Ohren ferner schlieszen? Siehst du nicht, wie man Throne bricht, So lass doch dieses Blutvergieszen, Gerechter, ungerochen nicht!

Alle. Rach, himmel! übe Rach! 1. Geist. Rach, König aller Götter!

4. Geist. Rach, aller Printzen Printz! 1. Geist. Rach über Ubelthäter! 20

5. Geist. Rach über unser Angst! 2. Geist. Rach über aller Noth!

7. Geist. Rach über disz Gericht! Alle. Rach über Carels Tod!

Die Rache. Die Donner-schwangre Wolcken brechen Und sprützen um und um zertheilte Blitzen aus. Ich komme Tod und Mord zu rächen Und zieh disz Schwerdt auf euch ihr Hencker und eur Haus. Weh zitternd Albion! Die Rache Schwer’t bey der Götter Gott und deines Königs Blut, Dass auf dein Grund-Verderben wache Ein unerhörter Grimm und Plagen-volle Fluth. Reisz auf du Schlund bestürtzter Erden! Lasst ab, die ihr bemüht, die Schuldigen zu quälen! Aus Engelland wird Helle[1010] werden. Hört, was die Rach euch wil, ihr Furien, befehlen! Komm Schwerdt! komm Bürger-Krieg! komm Flamme! Reisz aus der Tieffe vor geschminckte Ketzerey! Kommt, weil ich Albion verdamme! Ich geb Jerne preis und Britten Vogel-frey! 10 Ihr Seuchen! spannt die schnellen Bogen! Komm! komm geschwinder Tod! nimm aller Gräntzen ein! Der Hunger ist voran gezogen Und wird an Seelen statt in dürren Gliedern seyn. Komm Zwytracht! Hetze Schwerdt an Schwerdter! Komm Furcht! besetz all End und Örter! Komm Eigenmord mit Strang und Stahl! Komm Angst mit allzeit neuer Qual! Ihr Geister, laufft! weckt die Gewissen Aus ihren sichern Schlaffen auf 20 Und zeigt, warum ich eingerissen Mit der gesammten Straffen Hauff! Ich schwere noch einmal bey aller Printzen König Und der entseelten Leich, dass Albion zu wenig, Zu dämpffen meine Gluth, dass Albion ersäufft, Wo es sich reuend nicht in Thränen gantz verteufft.

Fußnoten:

[669] Professor der alten Sprachen zu Wittenberg, † daselbst 1543.

[670] Feldsteine.

[671] Der Partekensack = der Brotbeutel der Schulkinder.

[672] rubetum.

[673] schwatzen.

[674] gefiedert.

[675] entgehn.

[676] Getreide.

[677] einher schreiten.

[678] die Waffen einsenken.

[679] Grind, Ausschlag.

[680] Schorf.

[681] kreischen.

[682] Beweismittel.

[683] roher Gesell.

[684] Rülpser, roher Mensch.

[685] Ungeduld, aber auch Unduldsamkeit.

[686] gut machen.

[687] die vorher erwähnte Sicherheit und Gastfreundschaft, die Sickingen Hutten bewiesen.

[688] Absicht, mind.

[689] lateinische Construction des Infinitivs.

[690] in the mean time.

[691] Vernunft.

[692] Nisus und Euryalus.

[693] ehrenhaft.

[694] strength.

[695] der Gesinnung.

[696] bezeugt.

[697] within the sphere.

[698] vergangen.

[699] ‘Herberge der Gerechtigkeit,’ das Schloss Sickingen’s, die Ebernburg in der Pfalz.

[700] Eilt euch.

[701] röchelt.

[702] stammelt.

[703] Spottname für Dr. Eck.

[704] Berchtold Haller, bei der Disputation in Baden auf Seite der Evangelischen.

[705] in die Höhe heben.

[706] aufs Rad.

[707] Dr. Faber, eigentlichen Namens Heigerlin, auf katholischer Seite.

[708] August.

[709] Säue.

[710] im vorigen Jahr; Anspielung auf Fabers Streben nach dem Bischofshut und seine Niederlage an der Disputation zu Zürich.

[711] Gespött.

[712] grand merci sagen, Umstände.

[713] Prahler.

[714] Küster.

[715] sollt.

[716] bäckt Kuchen.

[717] Butter.

[718] Der St. Galler Joachim Watt (Vadianus), einer der Präsidenten bei dem Gespräch in Bern.

[719] Hülfe.

[720] Benedict Burgauer?

[721] Thomas Murner.

[722] Geweihte Palmen galten als Mittel zur Abwehr des Bösen.

[723] das Gespenst ist die Reformation.

[724] wol der Basler Bürgermeister Adelberg Meyer.

[725] Dr. Eck.

[726] dürr und trocken.

[727] den dritten u.s.w. Gedächtnisstag für die Todten.

[728] unberusst.

[729] Anspielung auf Fabers gegen Luther geschriebenen ‘Malleus’ (Hammer).

[730] ganz gewaltig wohl.

[731] Säue; ähnlich wie damals Sau gebraucht man jetzt Bock figürlich.

[732] ungeneckt.

[733] Ecks bairische Mundart soll verspottet werden.

[734] verspotten.

[735] drohen.

[736] Pech.

[737] kleine Münze, also: durchaus nicht.

[738] raffen, reissen.

[739] Beisteuer, Hülfe.

[740] Lehm.

[741] als.

[742] aus Erde.

[743] Schnürriemen.

[744] prangen, sich gross thun.

[745] heb dich weg!

[746] Trotz, Ärger.

[747] gestaltet.

[748] bedeutet.

[749] ersparen.

[750] nach.

[751] Scepter.

[752] Elster.

[753] keinem.

[754] mit bösen Unthaten.

[755] nachahmen.

[756] Trotz.

[757] nachfolgen.

[758] Furcht, Schrecken.

[759] Fortkommen.

[760] die Luckmanier am Gotthart.

[761] Rhätierland, Rheinzier-Land.

[762] führe es nach Wunsch.

[763] weihen.

[764] deinen.

[765] gefasst.

[766] 1456 hatte eine ähnliche Wasserfahrt von Zürich nach Strassburg stattgefunden.

[767] nachfolgen, ähnlich sein.

[768] Recht.

[769] erworben.

[770] wo vorbei, i. e. vor Strassburg.

[771] bis heut zu Tag.

[772] Schiffsgefährte.

[773] Blasen, blister.

[774] wahr.

[775] nahen.

[776] rasch.

[777] fühle.

[778] Höhle.

[779] gibt ihr, der Gesellschaft, Muth.

[780] das Maul schäumt.

[781] grimmen Muth.

[782] auf den Rücken.

[783] Steuerruder.

[784] erschien.

[785] Ruderfurche.

[786] gehn.

[787] Vater.

[788] hin und herschwanken.

[789] Pfahl im Wasser.

[790] mit noch lahmem Halse.

[791] erglänzen.

[792] Fürwahr!

[793] Schosse.

[794] entfernet.

[795] lernen.

[796] scherzen.

[797] entschuldigen.

[798] man sie.

[799] zumal, wenn man bedenkt.

[800] erwerben.

[801] Hanfzwirn, hempen thread.

[802] an Armuth kauen.

[803] da unten.

[804] er dachte.

[805] gastfrei.

[806] gebricht, mangelt.

[807] both.

[808] comfort.

[809] den Kropf füllen.

[810] so weit, ein blosses Flickwort.

[811] Gewinn.

[812] sich nach der Decke strecken.

[813] zu Wege bringen, schaffen.

[814] seit.

[815] untergegangen.

[816] Kopfstück, eine Münze.

[817] heraus.

[818] Thun und Streben.

[819] Sohn des Mäusekönigs.

[820] Name des Katers.

[821] im Haus erzogen.

[822] gefährlich.

[823] schwatzte, schrie.

[824] Mannthier, i. e. Mensch.

[825] kucken, schauen.

[826] Basilisk.

[827] geartet.

[828] Thurm, Spitze.

[829] schön.

[830] die Federn des Hahns.

[831] auf der Erde.

[832] gerüstet.

[833] ausgestattet.

[834] mit dem Schnabel wühlen.

[835] Lärm.

[836] ziehe ihn heraus beim Hals.

[837] anpacken.

[838] heucheln.

[839] Eidgenossenschaft.

[840] morgens.

[841] unbedacht.

[842] Schuss.

[843] nichts.

[844] höflich.

[845] ausweichen.

[846] anfänglich.

[847] Hintertheil.

[848] gefasst gemacht.

[849] beängstigt.

[850] erwischt.

[851] Gebüsch.

[852] für nichts halten.

[853] zahlreich.

[854] bescheiden.

[855] sich träumen lassen, sich einbilden.

[856] nehmen.

[857] bewundern.

[858] sich das Haar färben lassen.

[859] als könnten sie nicht mehr deutsch sprechen.

[860] annehmen.

[861] Italiener.

[862] froh, stolz.

[863] als hätten sie etwas Böses gethan.

[864] besser.

[865] Tataren.

[866] Heiligthum.

[867] Ehre.

[868] und seufzen und klagen noch darüber.

[869] vergossen, verwandt.

[870] habe mich unterstanden zu geben.

[871] ein oder zwei Jahre.

[872] Hinterhalt.

[873] Lager.

[874] übertreffen.

[875] Gehäge.

[876] Kunstgriff.

[877] schlecht darauf spielen (ein veralteter Ausdruck).

[878] kratzen, rasping.

[879] herausputzen.

[880] Pracht.

[881] Hafermus.

[882] Rasen.

[883] gesponnenes Zeug.

[884] braucht.

[885] Gefässe.

[886] Hofpächter.

[887] Meise.

[888] bedarf.

[889] ein Fass, das ein Fuder oder sechs Eimer hält.

[890] arm.

[891] der sehr zappelt.

[892] mit Wenigem.

[893] Spessart.

[894] nach vier Richtungen auslaufende Wegscheide.

[895] = Barn, Krippe.

[896] Vorsatz.

[897] wurde ihm lieb.

[898] weigerte.

[899] mit Bitten angegangen.

[900] in Zotten niederhangen.

[901] mit Knoten, Knorren versehen.

[902] gebricht, geht aus.

[903] fürder.

[904] nicht mehr.

[905] verschmäht.

[906] Sibilla ist ‘Danielis Weib’; Salomon, Joseph, Ben Jamin ‘Danielis Söne’; Blepsidemus ‘ein Kundtschaffer’. Sibilla spricht zuerst.

[907] brennend.

[908] blöde, schwach.

[909] so beschaffen.

[910] weh, ei.

[911] vielleicht.

[912] lassen.

[913] wüsste.

[914] brannten.

[915] licht.

[916] rauchten.

[917] Halde.

[918] mit Steuern belegen.

[919] Festung.

[920] geflüchtet, mhd. vlœhenen.

[921] Bastei.

[922] Kanone, Böller.

[923] Form, Art.

[924] backen.

[925] Gasthof.

[926] verkrochen.

[927] gleichsam.

[928] strotzend voll.

[929] paymaster.

[930] Haut.

[931] Streiten.

[932] imposts.

[933] drängen, zwingen.

[934] ammunition.

[935] Lärm, Allarm.

[936] Gift geben.

[937] unterdrücken, verdunkeln.

[938] Glanz.

[939] giebt.

[940] bewiesen.

[941] Gedeihen.

[942] hart.

[943] matt.

[944] aufquoll, sprudelte.

[945] fest.

[946] Kastanienbaum.

[947] heftig drängten.

[948] = ersah.

[949] Unterhosen.

[950] Klapper.

[951] Lebkuchen.

[952] Naschwerk.

[953] Kämme.

[954] Ringe.

[955] mitsammen.

[956] bösartig.

[957] schnaufen.

[958] ausgelassen.

[959] spassen.

[960] Scherz.

[961] last night.

[962] alles.

[963] grober, bäurischer Mensch.

[964] den Witz gebrauchst.

[965] schmiegst.

[966] abgehaspelt.

[967] unruhiges.

[968] abgekehrt.

[969] rennet.

[970] zu dir beten.

[971] mässigen.

[972] mich auf Pracht verstehe.

[973] schlechthin.

[974] wie ein Dampf.

[975] husky.

[976] sich bewegenden.

[977] gewetzt.

[978] Wonne.

[979] Orgelton.

[980] Peitsche.

[981] Wenn du willst.

[982] der Bach.

[983] Was kann die Freude helfen, welche die Einsamkeit verbirgt.

[984] Steht im Original etwas weiter unten. Wörtlich:

Mein Leben schliess’ ich in deines hinein.

[985] Wörtlich: Je mehr ihn Hagel und Regen anficht.

[986] Wörtlich: Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Noth.

[987] Wörtlich: Durch Kreuz, durch Eisen, durch feindliches Heer.

[988] d. h. die Beinkleider. Sprichwörtlich so viel als: Ich lasse dich frei schalten in deinem weiblichen Bereich, und du störst mich nicht in meinem männlichen Rechte.

[989] Es ist nichts um alle meine Mühe oder mit aller meiner M.

[990] vorgesehn.

[991] beliebet.

[992] vor.

[993] zustösst.

[994] bleibe bei dir.

[995] Musen.

[996] geringer.

[997] überdauernder.

[998] befehlen.

[999] Föhren.

[1000] deren.

[1001] Lust bereichernde.

[1002] spielen.

[1003] zum Essen.

[1004] gebieten.

[1005] entzündet.

[1006] Leichtsinn.

[1007] verirrt.

[1008] unter Schwefeldunst geschleudert.

[1009] reicht uns etwas.

[1010] Hölle.

DIE ANFÄNGE DER MODERNEN LITERATUR.

FRIEDRICH SPEE.

[Scherer D. 334, E. 338.]

Geboren 1591 zu Kaiserswerth am Rhein. Er trat früh in den Jesuitenorden zu Cöln und starb zu Trier 1635 an einer Krankheit, die er sich bei der Pflege kranker Soldaten zugezogen. Er schrieb gegen das Verbrennen der Hexen. Sein ‘Güldnes Tugendbuch’ ist ein prosaisches Erbauungsbuch mit eingeschalteten Gedichten; seine ‘Trutz-Nachtigal’ eine Sammlung geistlicher Lieder. Beide Werke erschienen erst nach seinem Tode 1649. ‘Trutz-Nachtigal’ herausgegeben von Balke (Leipzig 1879).

AUS DER TRUTZ-NACHTIGALL.

LIEBGESANG DER GESONSS JESU, IM ANFANG DER SOMMERZEIT.

Der trübe winter ist fürbei, Die Kranich widerkehren, Nun reget sich der Vogelschrei, Die Nester sich vermehren; Laub mit gemach Nun schleicht an tag[1011], Die Blümlein sich nun melden; Wie Schlänglein krumm Gehn lächlend umb Die Bächlein kühl in Wälden. 10 Die Brünnlein klar und Quellen rein Viel hie, viel dort erscheinen, All silberweisse Töchterlein Der holen Berg und Steinen, In grosser Meng Sie mit Gedräng Wie Pfeil von Felsen zielen; Bald rauschens[1012] her Nit ohn Geplärr[1013] Und mit den Steinlein spielen. 20 Die Jägerin Diana stolz, Auch Wald- und Wassernymphen Nun wieder frisch in grünem Holz Gahn spielen, scherz und schimpfen. Die reine Sonn Schmuckt ihre Kron, Den Kocher füllt mit Pfeilen, Ihr beste Ross Lässt lauffen los, Auf marmerglatten Meilen[1014]. 10 Mit ihr die kühle Sommerwind, All Jünglein[1015] still von Sitten, Im Luft zu spielen seind gesinnt, Auf Wolken leicht beritten. Die Bäum und Näst[1016] Auch thun das Best, Bereichen[1017] sich mit Schatten, Da sich verhalt Das Wild im Wald, Wanns pflegt von Hitz ermatten. Die Meng der Vöglein hören lasst[1018] Ihr Schyr- vnd Tyre-Lyre; Da sauset auch so mancher Nast, Sampt[1019] er mit musiciere. Die Zweiglein schwank Zum Vogelsang 10 Sich auf, sich nieder neigen. Auch höret man Im Grünen gahn[1020] Spazieren Laut und Geigen. Wo nur man schaut, fast alle Welt Zun Freuden thut sich rüsten, Zum Scherzen alles ist gestellt, Schwebt alles fast in Lüsten; Nur ich allein, Ich leide Pein, 20 Ohn End ich werd gequälet, Seit ich mit dir, Und du mit mir, O Jesu, dich vermählet. Nur ich, o Jesu, bin allein Mit stetem Leid umbgeben, Nur ich muss nur in Schmerzen sein, Weil nit bei dir mag leben. O stete Klag! O während[1021] Plag! 30 Wie lang bleib ich gescheiden? Von grossem Weh, Dass dich nit seh, Mir kombt so schweres Leiden. Nichts schmecket mir auf ganzer Welt Als Jesu Lieb alleine, Noch Spiel noch Scherz mir je gefelt Bis lang[1022] nur er erscheine; Und zwar[1023] nun frei Mit starkem Schrei 10 Ruf ihm so manche Stunden, Doch nie kein Tritt, Sich nahnet nit; Sollt michs nit hart verwunden? Was nützet mir dann schöne Zeit? Was Glanz und Schein der Sonnen? Wass Bäum gar lieblich ausgebreitt? Was Klang der klaren Brunnen? Was Athem lind Der kühlen Wind? 20 Was Bächlein krumm geleitet? Was edler Mai? Was Vogelschrei? Was Felder grün gespreitet? Was hilft all Freud und Spiel und Scherz, All Trost und Lust auf Erden? Ohn ihn ich bin doch gar in Schmerz, In Leid und in Beschwerden. Gross Herzenbrand Mich tödt zu Hand, Weil Jesu dich nit finde; Drumb nur ich wein Und heul und grein, Und Seufzer blas in Winde. Ade, du schöne Frühlingszeit, Ihr Felder, Wäld, und Wiesen, Laub, Gras, und Blümlein neu gekleidt, Mit süssem Tau beriesen[1024]! 10 Ihr Wässer klar, Erd, Himmel gar, Ihr Pfeil der gülden Sonnen! Nur Pein und Qual, Bei mir zumal Hat Ueberhand gewonnen. Ach Jesu, Jesu, treuer Held, Wie kränkest mich so sehre! Bin je doch harb und harb gequeelt; Ach, nit mich so beschwere! Ja wiltu sehn All Pein und Peen[1025] Im Augenblick vergangen, 10 Mein Augen beid Nur führ zur Weid, Auf dein so schöne Wangen.

JOHANN SCHEFFLER, GENANNT ANGELUS SILESIUS.

[Scherer D. 336, E. 338.]

Geboren 1624 zu Breslau. Er studierte Medicin und ward Leibarzt bei dem Kaiser Ferdinand. Durch das Studium theosophischer Schriften und persönliche Bekanntschaft mit holländischen Mystikern ward er zum Übertritt zur Römischen Kirche bewogen. Er wurde Priester und lebte meist im Jesuiten-Kloster zu Breslau. Starb 1677. Ausser seinen theologischen Streitschriften sind am bekanntesten: sein ‘Cherubinischer Wandersmann’, eine Sammlung mystischer Sprüche; seine ‘Heilige Seelenlust’, eine Sammlung geistlicher Hirtenlieder; seine ‘Sinnliche Betrachtung der vier letzten Dinge’. Seine geistlichen Lieder haben trotz ihrem pantheistischen Charakter zum Theil Eingang in protestantische Gesangbücher gefunden. Herausgegeben von Rosenthal (Regensburg, 1862).

1.

ICh wil dich lieben meine Stärke, Ich wil dich lieben meine Ziehr, Ich wil dich lieben mit dem Werke, Und immerwehrender Begihr: Ich wil dich lieben schönstes Licht Biss mir das Hertze bricht. Ich wil dich lieben O mein Leben Als meinen allerbesten Freind; Ich wil dich lieben und erheben, So lange mich dein Glantz bescheint. Ich will dich lieben Gottes Lamm Als meinen Bräutigam. Ach dass ich dich so spät erkennet, Du Hochgelobte Schönheit du! 10 Und dich nicht eher mein genennet, Du höchstes Gut und wahre Ruh! Es ist mir leid und bin betrübt, Dass ich so spät geliebt. Ich lieff verirrt und war verblendet, Ich suchte dich und fand dich nicht; Ich hatte mich von dir gewendet Und liebte das geschaffne Licht; Nu aber ists durch dich geschehn Dass ich dich hab ersehn. 20 Ich danke dir du wahre Sonne, Das mir dein Glantz hat licht gebracht: Ich danke dir du Himmels-Wonne, Das du mich fro und frey gemacht: Ich danke dir du güldner Mund, Dass du mich machst gesund. Erhalte mich auff deinen Stegen, Und lass mich nicht mehr irre gehn; Lass meinen Fuss in deinen Wegen Nicht straucheln oder stille stehn: 30 Erleucht mir Leib’ und Seele gantz Du starker Himmels glantz. Gib meinen Augen süsse Thränen, Gib meinem Hertzen keusche brunst; Lass meine Seele sich gewöhnen Zu üben in der Liebe-Kunst: Lass meinen Sinn, Geist und Verstand, Stäts sein zu dir gewand. Ich wil dich lieben meine Krone, Ich wil dich lieben meinen Gott; Ich wil dich lieben ohne lohne Auch in der allergrösten Noth; Ich will dich lieben schönstes Licht, Biss mir das Hertze bricht.

2.

AUS DEM CHERUBINISCHEN WANDERSMANN.

Man weiss nicht was man ist.

Ich weiss nicht was ich bin, Ich bin nicht was ich weiss: Ein Ding und nicht ein Ding, Ein Stüpffchen[1026] und ein Kreiss.

Der Ewige Tod.

Der Tod, auss welchem nicht ein Neues Leben blühet, 10 Der ists, den meine Seel auss allen Töden fliehet.

Kein Tod ist ohn ein Leben.

Ich sag es stirbet nichts; nur dass ein ander Leben, Auch selbst das Peinliche, wird durch den Tod gegeben.

Wie wird man GOtte gleich?

Wer GOtt wil gleiche seyn, muss allem ungleich werden, Muss ledig seiner selbst, und loss seyn von Beschwerden.

Die Rose.

Die Rose, welche hier dein äussres Auge siht, Die hat von Ewigkeit in GOtt also geblüht.

Die GOttheit ist ein Nichts.

Die zarte GOttheit ist ein nichts und über nichts: Wer nichts in allem sicht, Mensch glaube, dieser sichts[1027].

Wie ruhet GOtt in mir?

Du must gantz lauter seyn, und steh’n in einem Nun, 20 Sol GOtt in dir sich schaun, und sänfftiglichen ruh’n.

Der Mensch der macht die Zeit.

Du selber machst die Zeit: das Uhrwerck sind die Sinnen: Hemm’stu die Unruh nur, so ist die Zeit von hinnen.

Immer dasselbige.

Ich ward das was ich war, und bin was ich gewesen, Und werd’ es ewig seyn, wenn Leib und Seel genesen.

GOtt ist, Er lebet nicht.

GOTT ist nur eigentlich: Er lebt und liebet nicht, Wie man von mir und dir und and’ren Dingen spricht.

{10} Die Einsamkeit.

Die Einsamkeit ist noth, doch sey nur nicht gemein, So kanstu überall in einer Wüsten seyn.

Die Morgenröth’ und Seele.

Die Morgenröth’ ist schön, Noch schöner eine Seele, Die GOttes Stral durchleucht in ihres Leibes Höle.

Die Perlen-Geburt.

Die Perle wird vom Thau in einer Muschel Höle Gezeuget und gebohr’n, und diss ist bald beweist Wo dus nicht glauben wilt: Der Thau ist GOttes-Geist, Die Perle Jesus Christ, die Muschel meine Seele. 20

Die Sünde.

Die Sünd’ ist anders nichts, als dass ein Mensch von GOtt Sein angesicht abwendt, und kehret sich zum Tod.

Der Mensch.

Das gröste Wunder Ding ist doch der Mensch allein: Er kan, nach dem ers macht, GOtt oder Teuffel seyn.

Das Meer in einem Tröpfflein.

Sag an wie geh’t es zu, wenn in ein Tröpffelein In mich, das gantze Meer Gott gantz und gar fleust ein?

{30} GOtt schafft die Welt noch.

GOtt schafft die Welt annoch: kombt dir diss fremde für? So wiss’ es ist bey ihm kein Vor noch Nach, wie hier.

Alles muss wider in Eins.

All’s kombt auss einem her, und muss in Eines ein: Wo es nicht wil gezweyt, und in der Vielheit seyn.

Die Sünd ist allein das Ubel.

Kein Ubel ist als Sünd’: und wären keine Sünden, So wär in Ewigkeit kein Ubel auch zu finden.

Viel Götter und nur einer.

Ein einger GOtt, und viel, wie stimbt diss überein? Gar schöne: Weil sie all’ in einem Einer seyn.

{10} Eins kan nicht ohn das andre.

Zwey müssen es vollzieh’n: ich kans nicht ohne GOtt, Und GOtt nicht ohne mich: dass ich entgeh dem Tod.

Die schönste Weissheit.

Mensch steig nicht allzu hoch, bild dir nichts übrigs ein: Die schönste Weissheit ist nicht gar zu Weise seyn.

Wir dienen uns, nicht GOtt.

Mensch, GOtt ist nichts gedient, mit fasten, beten, wachen; Du dienst mehr dir damit, weils dich kan Heilig machen.

Den Himmel kan man stehlen.

Wer heimlich Gutes würckt, sein Geld ausstheilt verholen, 20 Der hat das Himmelreich gar meisterlich gestohlen.

Die neue und alte Liebe.

Die Liebe wenn sie neu, praust wie ein junger Wein: Je mehr sie alt und klar, je stiller wird sie seyn.

Die Seraphische Liebe.

Die Liebe welche man Seraphisch pflegt zu nennen, Kan man kaum eusserlich weil sie so still ist kennen.

3.

Mir nach! spricht Christus, unser Held, Mir nach! ihr Christen alle; 30 Verleugnet euch, verlasst die Welt, Folgt meinem Ruf und Schalle, Nehmt euer Kreuz und Ungemach Auf euch, folgt meinem Wandel nach.

Ich bin das Licht, ich leucht euch für Mit heilgem Tugendleben. Wer zu mir kommt und folget mir, Darf nicht im Finstern schweben; Ich bin der Weg, ich weise wohl, Wie man wahrhaftig wandeln soll.

Mein Herz ist voll Demüthigkeit, Voll Liebe meine Seele; 10 Mein Mund, der fleusst zu jeder Zeit Von süsser Sanftmuth Öle; Mein Geist, Gemüthe, Kraft und Sinn Ist Gott ergeben, schaut auf ihn.

Fällts euch zu schwer, ich geh voran, Ich steh euch an der Seite, Ich kämpfe selbst, ich brech die Bahn, Bin Alles in dem Streite. Ein böser Knecht, der still darf stehn, Wenn er den Feldherrn sieht angehn. 20

Wer seine Seel zu finden meint, Wird sie ohn mich verlieren; Wer sie hier zu verlieren scheint, Wird sie in Gott einführen. Wer nicht sein Kreuz nimmt und folgt mir, Ist mein nicht werth und meiner Zier.

So lasst uns denn dem lieben Herrn Mit Leib und Seel nachgehen, Und wohlgemuth, getrost und gern Bei ihm im Leiden stehen. 30 Denn wer nicht kämpft, trägt auch die Kron Des ewgen Lebens nicht davon.

PATER MARTIN VON COCHEM.

[Scherer D. 336, E. 339.]

Capuziner; gestorben 1712. Er schrieb das ‘Leben Christi’, eins der besten katholischen Erbauungsbücher, das aus der mystischen Literatur des Mittelalters schöpft. Es erschien zuerst Frankfurt am Main 1691.

AUS DEM GROSSEN LEBEN CHRISTI.

AUS DEM 57 CAPITTEL: WIE DER HERR JESUS IST GEBOHREN WORDEN.

Die Höhl darin Christus gebohren worden war in einem lebendigen Felsen von der Natur formiert: drey vnd zwantzig Schuch lang, eilff Schuch breit, vnd dreyzehen Schuch hoch. Vor der Höhl war ein Schopffen oder hangendes Strohdach, darunder man das Viehe stellen kont. In diser Höhl waren Maria und Joseph allein, vnd warteten mit Verlangen auff die gnadenreiche Geburt. Als die {10} H. Christnacht anbrache, da gieng der H. Joseph in die Höhl, brachte der Jungfrawen ein angezündte Kertz (wie die Offenbahrung meldet) steckte sie in die Maur, vnd gieng wieder hinauss vnder den Schopffen. Als nun die gebenedeyte Jungfraw in der Höhl allein war, da zuge sie zum ersten jhre Schuh von jhren Füssen: gleich wie GOtt dem Moysi bey dem brinnenden Dornbusch befohlen hatte. Dan sie wuste wohl dass diss Orth, an welchem der eingebohrne Sohn Gottes solt gebohren werden, so heilig wäre, dass niemand würdig wäre dasselbige mit seinen Schuhen zubetretten. Darnach thät sie jhren Mantel ab, nahm den Schlayer von jhrem {20} Haupt, legte diese beyde neben sich, vnd stund allein im Rock: vnd jhre schöne goldgelbe Haar hiengen über die Schultern hinab. Darnach zuge sie zwey leinene, vnd zwey wüllene gantz reine vnd zarte Tüchlein heraus, so sie mit sich gebracht hatte, das Kindlein darein zu wicklen: wie auch zwey andere kleine leinene Tüchlein sein Häuptlein zu verbinden: welche alle sie neben sich legte, damit sie sich deren zu gelegener Zeit gebrauchte. Vnd als sie bedachte wie dieses so schlechte Ding wären, ein so Edles ja Königliches Kind darein zu wicklen, welchem alle Reichthumb der Welt viel zu gering wären, da giengen jhr die Augen über, vnd sprach zu GOtt: O Himlischer Vatter, siehe diss ist die gantze Fürbereitung, so ich deinen Sohn zu empfangen gemacht hab. Siehe hie lege ich für deine Göttliche Augen alle die Reichthumb, welche ich deinem Sohn verehren werd. Ich waiss wohl dass er, als der allerhöchste HErr Himmels vnd der Erden, würdig ist dass ich jhn in Sammet vnd Seyden, ja in güldene vnd silberne {10} Stück solte einwicklen: aber du waist dass ich wegen meiner Armuth nichts bessers hab können verschaffen. Drumb nemme mit meinem guten Willen für lieb: dan wan ich die Reichthumb aller Welt hätte, so wolt ich sie gern zu seinem Dienst anwenden.

Da nun alles also bereit war, da kniet die Jungfraw mit grosser Ehrerbietung nider, erhebte jhre Händ vnd Augen gen Himmel, vnd blieb also biss vmb die Mitternacht knien. O wer wil nun auss sprechen wie andächtig, wie demütig vnd wie ehrerbietig Maria gebettet, vnd was sie in diesem Gebett an Leyb vnd Seel empfunden hab! Die Offenbahrung sagt, sie seye in dieser jhrer Betrachtung {20} gantz verzückt, vnd für lauter Göttlicher Süssigkeit truncken worden. Ja der liebe GOtt gab jhr ein so klare Erkandnus seiner vnendlichen Wesenheit, so viel als jhre sterbliche Natur jmmer könte ertragen. In dieser Verzückung erkente sie gantz klärlich, wie gross der jenige GOtt wäre, der bald von jhr solt aussgehen: vnd wie gering die jenige Menschheit wäre, in welcher er würde gebohren werden. Sie erkendte auch (so viel ein Mensch erkennen mag) wie derjenige, den sie bald gebähren würde, von Ewigkeit von GOtt dem Vatter wäre gebohren worden: vnd wie sie dess jenigen wahre natürliche Mutter würde seyn, dessen GOtt Vatter ein wahrer {30} übernatürlicher Vatter ware.

Endlich kam die jenige Stund herzu, nach welcher Himmel vnd Erden so lang verlangt hatten: nemblich die jenige allerglückseeligste Stund, in welcher der Sohn Gottes, als ein gekrönter Bräutigam, aus der Schlaff-Kammer des Jungfräwlichen Leybs solte herfür gehen. O wohl ein güldene Stund, in welcher alle Creaturen seynd gesegnet vnd erfrewt worden! Diss war die zwölffte Stund in der Mitternacht, da die Finsternus des Alten- in das Liecht des Newen Testaments solte verändert werden. Derwegen so bald als die Mitternacht herzu kam, da kam ein solcher Glantz vom Himmel herab, dass es so hell wurde als mitten im Tag. Vnd durch diesen himlischen Schein wurde nit allein die Höhl sampt der Stadt Bethlehem, sonder auch die gantze Welt erleucht; also dass sich alle Menschen verwunderten, dass zu Mitternacht der helle Tag erschiene.

ABRAHAM A SANCTA CLARA.

[Scherer D. 338, E. 340.]

Der unter diesem Namen bekannte Augustiner, Ulrich Megerlin, war 1642 in Schwaben geboren und lebte seit 1669 als Hofprediger zu Wien, wo er 1709 starb. Seine bedeutendsten Werke sind: ‘Judas der Erzschelm’, ‘Merk’s Wien’, und ‘Etwas für Alle’. Eine Auswahl seiner Werke erschien Wien 1846, 2 Bde., eine Ausgabe seiner sämmtlichen Werke, Passau und Lindau 1850, 21 Bde. 2 Aufl. Lindau 1856; Neudruck der Schrift ‘Auf, auf ihr Christen’ (Wien 1883).

Prediger, was geschicht dir? was ist dem H. Paulo begegnet? den haben die Herren Galater für einen jrrdischen Engel gehalten, {10} haben seine Predigen mit solchem Lust angehöret, dass sie ihn ein Posaun dess Himmels benambset[1028]. Die Kinder auff der Gassen haben mit Fingern gedeut auff Paulum, vnd ihn allerseits geprysen. Der Paulus, dess Pauli, dem Paulo, den Paulum, o Paule, vom Paulo: Vom Paulo war kein andere Red, als Lob. O Paule, sagt ein jeder, gebenedeyt ist dein Zung, den Paulum hat man wegen seines Predigen vor ein Wunderwerck aussgeschryen: dem Paulo hat man aller Orthen Ehr vnd Reverentz erzaiget, dess Pauli Wörter waren lauter Magnet, so die Hertzen gezogen, der Paulus war bey den Galatern so angenehm, dass sie ihn wie ihr aigne Seel {20} liebten. Wie er dann selbsten sagt: Testimonium enim perhibeo, quia si fieri posset, oculos vestros eruissetis, et dedissetis mihi: Ich bekenne es selbsten meine Herren Galater, dass ihr hättet euere Augen aussgestochen, vnd mir geben auss lauter Lieb: ihr Herren Galater seyt halt galante Leuth. Gemach! nachdem Paulus hat angefangen scharpff zu predigen. O insensati Galatæ! O ihr Sinnlose Galater, sagt er, wer hat euch verzaubert der Wahrheit zu widerstreben, seyt ihr Thorre, dass ihr mit dem Geist habt angefangt, vnd nunmehr mit dem Fleisch endet? Wie Paulus solch scharpffe Saitten auffgezogen, da hat ihm kein einiger mehr mit dem Fuss Reverentz gemacht, ja man hätt ihn lieber mit Füssen tretten; keiner hat ihm mehr ein Ehr erzaigt, man hat ihm darvor den Rucken zaigt, keiner hat ihn mehr angelacht, sondern nur aussgelacht, keiner hat ihm mehr die Herberg anerbotten, sondern die {10} Herberg auffgesagt, alle waren wider ihn: Inimicus factus sum vobis veritatem dicens.

So lang ein Prediger ein schöne, zierliche, wolberedte, ein auffgebutzte, mit Fabeln vnd sinnreichen Sprüchen vnderspickte[1029] Predig macht, da ist jedermann gut Freund. Vivat der Pater Prediger! ein wackerer Mann, ich hör ihm mit Lust zu, &c. Wann er aber ein scharpffen Ernst anfangt zu zaigen mit Paulo: O insensati Germani, o insensati Christiani, &c. Wann er anfangt grossen Herren die Warheit zu sagen, sie sollen doch einmahl die Brillen brauchen vnd nit allzeit durch die Finger schauen: sie sollen doch {20} mit der Justitz nicht vmbgehen, als mit einem Spinnen-Gewöb, allwo die grosse Vögl durchbrechen, die kleine Mucken hangen bleiben: sie sollen doch nicht seyn wie die Destillier-Kolben, welche auss den Blumen den letzten Tropffen herauss saugen. Wann er anfangt die Warheit zu predigen denen hohen Ministris vnd Räthen, sie sollen lehrnen 3. zehlen, sie sollen jene Lection recht lehrnen, welche Christus seinen Gehaimisten gegeben. Visionem, quam vidistis, nemini dixeritis. Wann er anfangt den Edl-Leuthen die Warheit zu predigen, dass sie denen Barbierern in ihr Profession eingreiffen[1030], vnd ihr mehristes Einkommen nicht im {30} Wein oder Trayd[1031], sondern in Zwifflen[1032] stehe, weilen sie die Bauren gar zu starck zwifflen; Wann er die Warheit sagt denen Geistlichen, dass sie gar offt seynd wie die Glocken, welche anderen in die Kirchen leutten, vnd sie selber bleiben darauss: dass sie gar offt seynd wie die Zimmerleuth dess Noë, welche anderen die Archen gebauet, dass sie sich _salvie_ret, vnd sie selbsten seynd zu grund gangen: dass vil Geistliche seynd wie die Nacht-Eulen, welche das Öl bey nächtlicher Weil auss denen Lampen aussauffen vnd sich von der Kirchen erhalten, vnd sonst nichts nutzen; Wann er die Warheit sagt denen Soldaten, dass sie halsstärriger Mainung seynd als seye ihr Gewissen auch priviligirt, aber da haist es Privilegia Briff-Lügen; Die Warheit dem Magistrat vnd Obrigkeiten, dass sie gar offt seynd wie ein Spittal-Suppen, worauff wenig Augen: Die Warheit denen Mauthnern vnd Beambten, dass sie gar zu barmhertzig seynd, nicht zwar in Beherbergung der {10} Frembdling, wol aber dess frembden Guts. Die Warheit denen Zimmerleuthen, dass man bey ihnen allzeit frische Spänn, aber zugleich faule Gespänn finde. Die Warheit denen Becken, dass sie gar offt solche Leuth seyn, welche Mehl genug, aber zu wenig Taig zum Semblen nehmen. Die Warheit denen Gartnern, dass sie gar offt den Garten säubern, aber das Gewissen lassen verwachsen vnd nichts mehrers pflantzen als das Weinkräutl; Die Warheit denen Wirthen, dass sie gar offt Kein-Wein für Rhein-Wein, Lugenberger für Luetenberger aussgeben, vnd öffters auch den Tuchscherer in die Arbeit greiffen[1033]: Die Warheit den Bauren, dass sie sich zwar {20} einfältig stellen, aber so einfältig, wie die Schweitzer-Hosen, so hundert Falten haben. Die Warheit denen Kindern, dass sie denen Passauer-Klingen nicht nacharten, dero beste Prob ist, wann sie sich biegen lassen: Die Warheit den Frauen-Zimmer, dass sie gar zu vil ziehen an den Schwaiff dess Rocks, zu wenig vmb den Halss tragen: Die Warheit den gemeinen Weibern, dass sie fast die Natur einer Uhr an sich haben, welche nie ohne Unruh, &c. Wann dergestalten der Prediger den Scharffhobl brauchen wird, wann er auff solche Weiss wird die Warheit reden, so bringt ihm solches Reden, Rödern[1034], so bringen ihm solche Wörter, Schwerdter, so {30} bringt ihm solches Sagen, Klagen; Inimicus factus sum dicens. Er verfeindt sich allenthalben. Sein Auditorium wird bald die Schwindsucht leyden: die Kirchenstüel werden bald lauter Quartier der alten Weiber werden, die Kirchen wird bald werden wie ein abgebrochener Jahrmarckt, an allen Orthen wird man hören, was key[1035] ich mich vmb den Prediger. Sic facta est veritas, in Aversionem.

PAUL GERHARDT.

[Scherer D. 339, E. 342.]

Der grösste evangelische Liederdichter nach Luther. Er war gegen 1606 in Gräfenhainichen in Kursachsen geboren, studierte in Wittenberg, lebte später in Berlin, von wo er 1651 als Prediger nach Mittenwalde gieng. Er heiratete 1655 und kam 1657 als Diaconus an die Nicolai-Kirche zu Berlin. Hier wurde er in die Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten verwickelt und musste, da er sich dem Religionsedikt des Kurfürsten widersetzte, nach Sachsen auswandern. 1668 ward er Prediger in Lübben und starb 1676. Seine ersten Kirchengesänge wurden 1648 bekannt gemacht, und 1667 erschien die erste Gesammtausgabe von 120 Liedern. Herausgegeben von Bachmann (Berlin 1866); Gödeke (Leipzig 1877).

1.

WACH AUF, MEIN HERZ, UND SINGE.

Wach auf, mein Herz, und singe Dem Schöpfer aller Dinge, Dem Geber aller Güter, Dem frommen Menschenhüter. Heint[1036] als die tunkle Schatten Mich ganz ümgeben hatten, Hat Satan mein begehret, Gott aber hats gewehret. Ja, Vater, als er suchte, Dass er mich fressen möchte, 10 War ich in deinem Schosse, Dein Flügel mich beschlosse. Du sprachst: Mein Kind, nun liege, Trotz dem, der dich betriege! Schlaf wol, lass dir nicht grauen, Du sollt die Sonne schauen. Dein Wort, das ist geschehen; Ich kann das Licht noch sehen; Für Not bin ich befreiet; Dein Schutz hat mich verneuet. Du willt ein Opfer haben: Hie bring ich meine Gaben; Mein Weirauch und mein Widder Sind mein Gebet und Lieder. Die wirst du nicht verschmähen, Du kannst ins Herze sehen; 10 Denn du weissst, dass zur Gabe Ich ja nicht Bessers habe. So wollst du nun vollenden dein Werk an mir und senden Der mich an diesem Tage auf seinen Händen trage. Sprich Ja zu meinen Thaten, Hilf selbst das Beste raten, Denn Anfang, Mittl und Ende, Ach Herr, zum Besten wende. Mich segne, mich behüte, Mein Herz sei deine Hütte, Dein Wort sei meine Speise Bis ich gen Himmel reise.

2.

NUN RUHEN ALLE WÄLDER.

Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Stadt und Felder, Es schläft die ganze Welt; Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf, ihr sollt beginnen Was eurem Schöpfer wolgefällt! 10 Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind; Fahr hin! ein ander Sonne, Mein JEsus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint. Der Tag ist nun vergangen, Die güldnen Sterne prangen Am blauen Himmelsaal; Also werd ich auch stehen, 20 Wenn mich wird heissen gehen Mein Gott aus diesem Jammerthal. Der Leib eilt nun zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit, Die zieh ich aus. Dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit. Das Häupt, die Füss und Hände Sind froh, dass nu zum Ende Die Arbeit kommen sei; Herz, freu dich, du sollt werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei. Nun geht, ihr matten Glieder, 10 Geht hin und legt euch nieder, Der Betten ihr begehrt; Es kommen Stund und Zeiten, Da man euch wird bereiten Zur Ruh ein Bettlein in der Erd. Mein Augen stehn verdrossen, Im Hui sind sie geschlossen, Wo bleibt denn Leib und Seel? Nimm sie zu deinen Gnaden, Sei gut für allen Schaden, 20 Du Aug und Wächter Israel! Breit aus die Flügel beide, O JEsu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein! Will Satan mich verschlingen, So lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein. Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heinte nicht betrüben Kein Unfall noch Gefahr! 30 GOtt lass euch selig schlafen, Stell euch die güldne Waffen Ums Bett und seiner Engel Schaar!

3.

BEFIEHL DEM HERRN DEINE WEGE, UND HOFFE AUF IHN, ER WIRDS WOL MACHEN.

+Befiehl+ du deine Wege Und was dein Herze kränkt Der allertreusten Pflege Dess, der den Himmel lenkt: Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuss gehen kann. +Dem HErren+ must du trauen, Wenn dirs soll wolergehn; 10 Auf sein Werk must du schauen, Wenn dein Werk soll bestehn. Mit Sorgen und mit Grämen Und mit selbsteigner Pein Lässt GOtt Ihm gar nichts nehmen, Es muss erbeten sein. +Dein+ ewge Treu und Gnade, O Vater, weiss und sieht Was gut sei oder schade Dem sterblichen Geblüt: Und was du denn erlesen, 20 Das treibst du, starker Held, Und bringst zum Stand und Wesen Was deinem Rat gefällt. +Weg+ hast du allerwegen, An Mitteln fehlt dirs nicht; Dein Thun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht, Dein Werk kann niemand hindern, Dein Arbeit darf nicht ruhn, Wann du, was deinen Kindern Erspriesslich ist, willst thun. +Und+ ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn, So wird doch ohne Zweifel GOtt nicht zurücke gehn: Was er Ihm fürgenommen Und was Er haben will, 10 Das muss doch endlich kommen Zu seinem Zweck und Ziel. +Hoff+, o du arme Seele, Hoff und sei unverzagt! GOtt wird dich aus der Höle, Da dich der Kummer plagt, Mit grossen Gnaden rücken: Erwarte nur die Zeit, So wirst du schon erblicken Die Sonn der schönsten Freud. 20 +Auf+, auf, gib deinem Schmerze Und Sorgen gute Nacht! Lass fahren was das Herze Betrübt und traurig macht! Bist du doch nicht Regente, Der alles führen soll; GOtt sitzt im Regimente und führet alles wol. +Ihn+, Ihn lass thun und walten, Er ist ein weiser Fürst 30 Und wird sich so verhalten, Dass du dich wundern wirst, Wann Er, wie ihm gebühret, Mit wunderbarem Rat, Das Werk hinausgeführet, Das dich bekümmert hat. +Er+ wird zwar eine Weile Mit seinem Trost verziehn Und thun an seinem Theile Als hätt in seinem Sinn Er deiner sich begeben; Und solltst du für und für In Angst und Nöten schweben, So frag Er nichts nach dir. 10 +Wirds+ aber sich befinden, Dass du Ihm treu verbleibst, So wird Er dich entbinden, Da dus am wengsten gläubst: Er wird dein Herze lösen Von der so schweren Last, Die du zu keinem Bösen Bisher getragen hast. +Wol+ dir, du Kind der Treue: Du hast und trägst davon Mit Ruhm und Dankgeschreie Den Sieg und Ehrenkron. Gott gibt dir selbst die Palmen In deine rechte Hand, Und du singst Freudenpsalmen Dem, der dein Leid gewandt. +Mach End+, o HErr, mach Ende An aller unsrer Not! 10 Stärk unser Füss und Hände, Und lass bis in den Tod Uns allzeit deiner Pflege Und Treu empfohlen sein, So gehen unsre Wege Gewiss zum Himmel ein.

4.

AN DAS ANGESICHT DES HERRN JESU.

O Häupt voll Blut und Wunden, Voll Schmerz und voller Hohn! 20 O Häupt zu Spott gebunden Mit einer Dornenkron! O Häupt, sonst schön gezieret Mit höchster Ehr und Zier, Jetzt aber hoch schimpfieret: Gegrüsset seist du mir! Du edles Angesichte, Davor sonst schrickt und scheut Das grosse Weltgewichte, Wie bist du so bespeit! Wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht, 20 Dem sonst kein Licht nicht gleichet, So schändlich zugerichtt? Die Farbe deiner Wangen, Der roten Lippen Pracht Ist hin und ganz vergangen; Des blassen Todes Macht Hat alles hingenommen, Hat alles hingerafft, Und daher bist du kommen Von deines Leibes Kraft. Nun, was du, HErr, erduldet, Ist alles meine Last, Ich hab es selbst verschuldet, Was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, 10 Der Zorn verdienet hat; Gib mir, o mein Erbarmer, Den Anblick deiner Gnad! Erkenne mich, mein Hüter! Mein Hirte, nimm mich an! Von dir, Quell aller Güter, Ist mir viel Guts gethan; Dein Mund hat mich gelabet Mit Milch und süsser Kost, Dein Geist hat mich begabet 20 Mit mancher Himmelslust. Ich will hie bei dir stehen, Verachte mich doch nicht; Von dir will ich nicht gehen, Wenn dir dein Herze bricht; Wenn dein Herz wird erblassen Im letzten Todesstoss, Alsdann will ich dich fassen In meinen Arm und Schoss. Es dient zu meiner Freuden und kömmt mir herzlich wol, 10 Wann ich in deinem Leiden, Mein Heil, mich finden soll. Ach möcht ich, o mein Leben, An deinem Kreuze hier Mein Leben von mir geben, Wie wol geschähe mir! Ich danke dir von Herzen, O JEsu, liebster Freund, Für deines Todes Schmerzen, Da dus so gut gemeint! 20 Ach gib, dass ich mich halte Zu dir und deiner Treu Und, wann ich nun erkalte, In dir mein Ende sei. Wann ich einmal soll scheiden So scheide nicht von mir; Wann ich den Tod soll leiden, So tritt du dann herfür. Wann mir am allerbängsten Wird um das Herze sein, So reiss mich aus den Ängsten 10 Kraft deiner Angst und Pein! Erscheine mir zum Schilde, Zum Trost in meinem Tod, Und lass mich sehn dein Bilde In deiner Kreuzesnot; Da will ich nach dir blicken, Da will ich glaubensvoll Dich fest an mein Herz drücken: Wer so stirbt, der stirbt wol.

Salve, caput cruentatum, totum spinis coronatum, 30 conquassatum, vulneratum, arundine verberatum, facie sputis illita. Salve, cuius dulcis vultus, immutatus et incultus, immutavit suum florem, totus versus in pallorem, quem cœli tremit curia. 30 Omnis vigor atque viror hinc recessit: non admiror; mors apparet in aspectu. totus pendens in defectu, attritus ægra macie, Sic affectus, sic despectus, propter me sic interfectus, peccatori tam indigno cum amoris intersigno 30 appare clara facie. In hac tua passione me agnosce, pastor bone, cuius sumpsi mel ex ore, haustum lactis cum dulcore præ omnibus deliciis. Non me reum asperneris, nec indignum dedigneris: morte tibi jam vicina tuum caput huc inclina, in meis pausa brachiis. Tuæ sanctæ passioni me gauderem interponi, in hac cruce tecum mori; præsta crucis amatori, 30 sub cruce tua moriar. Morti tuæ tam amaræ grates ago, Jesu chare; qui es clemens, pie deus, fac quod petit tuus reus, ut absque te non finiar. Dum me mori est necesse, noli mihi tunc deesse; in tremenda mortis hora veni, Jesu, absque mora, tuere me et libera. Cum me jubes emigrare, 10 Jesu chare, tunc appare; o amator amplectende, temetipsum tunc ostende, in cruce salutifera.

ST. BERNARDUS.

CHRISTIAN SCRIVER.

[Scherer D. 343, E. 345.]

Geboren 1629 zu Rendsburg; Pfarrer zu Stendal und zu Magdeburg; gestorben 1693 als Oberhofprediger und Consistoriatrath zu Quedlinburg. Ausgezeichneter Erbauungschriftsteller. Seine Werke sind: ‘Gottholds zufällige Andachten’ 1663; ‘Unschätzbarer Seelenschatz’ 1675-1691.

1.

AUS DEM SEELENSCHATZ. 4. THEIL 1. PREDIGT. § § 23. 24.

Das Creutz lehret uns, dass wir selbst mit allem was uns die Natur und die Welt geben kan, nichts sind, Gott aber und seine Gnade alles ist, dass der Glaube Gottes Werck ist, dass der Anfang, Mittel und Ende unsers Christenthums, und des Wercks unser Seligkeit, nicht in unser Krafft, Weissheit, Fürsichtigkeit, Frömmigkeit, {20} sondern allein in Gottes Gnade und Barmhertzigkeit bestehet, dass kein gewisser und beständiger Trost in der Welt sey, als welchen Gott durch sein Wort und Geist in unserm Hertzen wircket, dass wir keine rechte und wahre Freude und Ruhe, keinen Frieden, keine Treue noch Glauben, keine völlige Vergnügung für unsere Seele, als nur bey Gott finden können, dass alles, was in der Welt ist, eitel, nichtig, und für den Geist des Menschen untauglich ist, und dass ausser der Gnade und Güte Gottes in Christo Jesu nichts zu finden, daran unsere Seele sich halten könte. Gleichwie man den besten Steuermann im Ungewitter, den erfahrnsten Artzt in der schwersten Kranckheit, den besten und klügsten Rathgeber in gefährlichen und hochwichtigen Sachen, den getrewesten und besten Freund in der Noth erkennet, also lernet man im Creutz und Trübsal, was wir an {10} Gott haben, nehmlich den allerbesten, getreuesten, beständigsten, bewerthesten Helffer, Artzt, Rath und Freund; Daher wirfft man alles irrdische Vertrauen weg, und begiebt sich alles weltlichen Trostes, und hänget sich lauterlich an GOTT. Also ist das liebe Creutz ein Hündlein, das die Schaffe zu ihren Hirten treibet, ein Diener unsers himmlischen Vaters, der mit einer angenommenen Larve die Kinder schrecket, dass sie der Stuben zu, und nach dem Schooss des Vatern oder der Mutter eilen, ein in einen Feind verstellter Freund, der zwischen Gott und uns die beste Freundschafft machet.

{20} Gleichwie, wenn es im Sommer schön und lieblich Wetter giebt, die Menschen ihre Lust und Freude an der Erden suchen, sie spatzieren und fahren ins Grüne, sie sitzen unter einem schattigten Baum, oder sonst an einem beqvemen Ort, sie essen, sie trincken, sie lachen, sie schertzen und dencken wenig an den Himmel, dem sie doch solche ihr Ergetzligkeit zu dancken; wenn aber ein Ungewitter auffsteiget, wann die schwartzen finstern Wolcken den Sonnenschein hinweg nehmen, und mit Donner und Blitz sich schrecklich erzeigen, so eilen sie zu ihren Häusern und Kammern, so fahen sie an zu singen und zu beten, also dass der Himmel nie {30} mehr angesehen und geachtet wird, als wenn er am scheusslichsten aussiehet, und sich am schrecklichsten bezeiget; So ists auch mit der zeitlichen Glückseligkeit und Unglückseligkeit bewandt: wann es uns Menschen nach Wunsch und Willen ergehet, und die Sonne des Wohlergehens uns scheinet, so verlieben wir uns mehrentheils an dem Irrdischen, und suchen unsre Lust in der Eitelkeit, wenn aber ein Ungewitter der Trübsal über uns kömmt, und uns die irrdische Freude verstöret und benommen wird, so wenden wir uns zu Gott, so lernen wir beten, weinen, seufftzen, so vergessen wir der Welt, und suchen Trost und Schutz im Himmel.

2.

AUS § 44 (GLEICHNISS VOM SCHÄFFER UND VON SCHWACHEN BLUMEN).

Ich habe gesehen, dass die Hirten eine Schlammpfütze im Felde im Sommer pflegen mit einem Zaun umher zu verwahren, damit die Schafe in grosser Hitze nicht hinzu kommen, und ihnen den Tod in den Leib trincken mögen; So machts der getreue Hirte und Bischoff unser Seelen mit seinen Schäfflein: er umstecket die Welt-Lust und die Eitelkeit mit so viel Dornen und Trübsal, dass sie dazu nicht gelangen können. Abraham sahe einen Widder in der Hecken (in {20} dem verworrenen Gesträuche) mit seinen Hörnern hangen, und nahm denselben und opfferte ihn dem HERRN zum Brand-Opffer an seines Sohnes statt: Der Widder wäre kein Opffer GOttes worden, wenn er nicht in der Hecke wäre mit den Hörnern hängen blieben: und mancher Mensch würde sich seinem GOtt zum heil Opffer nicht darstellen, wenn er nicht in Creutz und Trübsal gerathen wäre. Die gläubigen Seelen sind wie die Blumen, die einen schwachen Stengel haben, oder wie die schlanken und kriechenden Gewächse der Hopfen, die Erbsen, der Weinstock und andere, welchen man muss Pfäle beystecken, und sie daran hefften, damit sie für Schaden {20} bewahret, und zu fruchtbaren Wachsthum gedeyen mögen.

JOACHIM NEANDER.

[Scherer D. 344, E. 346.]

Der bedeutendste Liederdichter der reformierten Kirche. Geboren 1610 zu Bremen, Rector an der reformierten Schule zu Düsseldorf, 1679 Prediger an der Martinikirche in Bremen, gestorben 1680. Vgl. Iken ‘Joachim Neander. Sein Leben und seine Lieder’ (Bremen 1880).

Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele! das ist mein Begehren. Kommet zu Hauf; Psalter und Harfe, wach auf! lasset die Musicam hören.

Lobe den Herren, der Alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittigen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt! hast du nicht dieses gespüret?

Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet! In wie viel Noth hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet! 10

Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet, der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet! Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet!

Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen! Alles was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen! Er ist dein Licht; Seele vergiss es ja nicht; lobende schliesse mit Amen!

GOTTFRIED ARNOLD.

[Scherer D. 345, E. 347.]

Geboren 1665 zu Annaberg, studierte in Wittenberg und ward 1697 Professor der Geschichte in Giessen. Schon früh durch Spener zur mystischen Theologie hingeleitet, trat er später in das Predigeramt und schrieb theologische und geistliche Lieder. Er starb 1714 als Prediger zu Perleberg. Sein grösstes Werk ist die ‘Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie’. Ausserdem: ‘Göttliche Liebesfunken’; ‘Geheimniss der göttlichen Sophia oder Weisheit’. Herausgegeben von Ehmann ‘Sämmtliche geistliche Lieder’ und ‘Geistliche Minne-Lieder’ (2 Bde. Stuttgart 1856).

ICH LASS IHN NICHT!

Ach nein, ich lass dich nicht, ach nein! 20 Du sollst und kanst mir nicht entgehen, Ich halte dich, mein einig Ein, Und lässt du auch zuletzt geschehen, Dass Erd und Himmelreich vergieng, Es irrt mich nicht, es mag vergehen, Um dich lass ich schon alle Ding, Wie sollt darauff mein Wille sehen? Mein GOtt, mein Lieb, mein einig Guth! Und gieng mir Lieb und Seel zu Grunde, So lang da noch in meinem Muth Ein Schmack und Fünckgen wird gefunden, So lang bleib ich dir treu gesinnt, Mit Zucker hast du mich gefangen, 10 Als wie man lockt ein spielend Kind, So lüstet mich dir anzuhangen. Du bist mein Grund, wo sollt ich hin? Du bist mein GOtt, dir halt ich stille: Mein Wille, Geist hat seinen Sinn, Dir gantz verknüpfft: so gehs nur wie es ist.

NICOLAUS LUDWIG GRAF VON ZINZENDORF.

[Scherer D. 346, E. 348.]

Geboren 1700 in Dresden, in Halle unter Francke erzogen, studierte in Wittenberg die Rechte, neigte sich aber mehr und mehr zur Theologie. Gegen seinen Willen nahm er 1721 eine Stelle bei der Regierung in Dresden an, legte aber schon 1724 mit einigen Mährischen Brüdern den ersten Grund zu seiner Stiftung in Herrnhuth. 1734 wurde er selbst Geistlicher und widmete sein übriges Leben meist auf Reisen frommen Zwecken und der Verbreitung seiner Lehre. Gestorben 1760. Er hat mehr als 2000 geistliche Gedichte verfasst. Herausgegeben von Knapp (Stuttgart 1845).

GEBUNDENHEIT VON JESU.

Ach mein verwundter Fürste! Nach dessen Heil ich dürste, In dem mein Sehnen ruht, An dessen Liebesherzen 20 Mir wohl ist, und die Schmerzen Selbst heilsam für mich sind und gut:

Nach dir allein verlangen, Das heisst schon an dir hangen; Zu dir voll Liebe seyn, Das heisset dich besitzen; Vor Dienstbegierde schwitzen, Das schreibst du schon als Arbeit ein.

Nimm mich mit Liebserbarmen Bei’m Herzen, bei den Armen, Und setz’ ein Siegel d’rauf; Lass mich verschlossen werden 10 Vor dem Geräusch der Erden, Dir aber mache selber auf.

BARTHOLD HEINRICH BROCKES.

[Scherer D. 349, E. 351.]

Geboren 1680, als Sohn eines reichen Kaufmanns zu Hamburg. Studierte in Halle die Rechte, bereiste dann Italien, die Schweiz und die Niederlande und wurde später Senator zu Hamburg. Er starb 1747. Seine durch die Naturschilderungen ausgezeichneten Gedichte erschienen unter dem Titel ‘Irdisches Vergnügen in Gott’, 9 Bde. (Hamburg 1721-1748). Ausserdem sind noch zu nennen sein Passionsoratorium ‘Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus’ (Hamburg 1712) und ‘Schwanengesang in einer Anleitung zum vergnügten und gelassenen Sterben’ (Hamburg 1747).

AUS DEM IRDISCHEN VERGNÜGEN IN GOTT.

FRÜHE KNOSPEN AN EINEM BIRN-BAUM.

EIn Birn-Baum von sehr früher Art Zeigt’ allbereits im Mertz die Knospen seiner Blüthe. Diess trächtige Gewächs, das noch so zart, Beschaut’ ich mit betrachtendem Gemüthe, Und ward mit reiner Lust erfüllt, Als ich nicht nur die zarte Zierlichkeit Der Knospen selbst, die Vollenkommenheit Der Blätter, die sie eingehüllt, 20 Die kleinen Knoten mit fünf Spitzen, Worinn die zarten Blumen sitzen, Samt ihren schlancken Stielen sahe, Nein gar, wie jeden Theil ein zartes Pelz-Werck schmückte Von weissen Zäserchen, vor Lust erstaunt erblickte; So dass mir diess mit weiss gemischte Grün Durch einen geistigen Verstand Und mehr von unsichtbarer Hand Gebildet, als gewachsen, schien. Wodurch ich denn gerührt von Gottes Macht und Liebe Zu Seiner Ehr’ und meinem Troste schriebe: Du Allmachts-voller Gott, der Du so wunderbar 10 In jeder Creatur, in allen Deinen Wercken Macht, Lieb’ und Weisheit lässest mercken, Der Du sogar In weissem Sammt, in weicher Seiden Die frühe Blüth des Birn-Baums pflegst zu kleiden, Um für ihm drohenden Gefahren Des späten Frosts sie zu bewahren; Ach warum soll denn ich mit kindlichen Vertrauen Auf deine Lieb’ und Vater-Treu nicht bauen, In fester Zuversicht, Du werdest hier im Leben 20 Den’n meinigen und mir leicht Kost und Kleider geben.

LEIBNIZ.

[Scherer D. 352, E. 354.]

Geboren 1646 in Leipzig, wo er die Nicolaischule besuchte und später studierte. Seit 1667 Canzleirevisionsrath in Mainz, und viel zu diplomatischen Geschäften benutzt. Nachdem er auf seinen Reisen in Holland, Frankreich und England die bedeutendsten Männer der Wissenschaft kennen gelernt, zog er sich nach Hannover zurück, wo er Hofrath und Bibliothekar wurde. Seine Werke sind lateinisch, französisch und deutsch geschrieben. Er war Stifter und erster Präsident der Berliner Academie (1700). Starb 1716.

AUS DEN UNVORGREIFLICHEN GEDANKEN BETREFFEND DIE AUSÜBUNG UND VERBESSERUNG DER TEUTSCHEN SPRACHE.

Ich finde, dass die Teutschen ihre Sprache bereits hoch bracht in allen dem, so mit den fünf Sinnen zu begreifen, und auch dem gemeinen Mann fürkommet; absonderlich in leiblichen Dingen, auch Kunst- und Handwerks-Sachen, weil nemlichen die Gelehrten fast allein mit dem Latein beschäftiget gewesen, und die Mutter-Sprache dem gemeinen Lauf überlassen, welche nichts desto weniger auch von den so genannten Ungelehrten nach Lehre der Natur gar wohl getrieben worden. Und halt ich dafür, dass keine Sprache in der Welt sey, die (zum Exempel) von Erz und Bergwercken reicher und nachdrücklicher rede, als die Teutsche. Dergleichen kann man von allen andern gemeinen Lebens-Arten und Professionen {10} sagen, als von Jagt- und Waid-Werk, von der Schifffahrt und dergleichen. Wie dann alle die Europäer, so aufm grossen Welt-Meer fahren, die Namen der Winde und viel andere Seeworte von den Teutschen, nehmlich von den Sachsen, Normannen, Osterlingen und Niederländern entlehnet.

Es ereignet sich aber einiger Abgang bey unserer Sprache in denen Dingen, so man weder sehen noch fühlen, sondern allein durch Betrachtung erreichen kann; als bey Ausdrückung der Gemüths-Bewegungen, auch der Tugenden und Laster, und vieler Beschaffenheiten, so zur Sitten-Lehr und Regierungs-Kunst gehören; {20} dann ferner bey denen noch mehr abgezogenen und abgefeimten Erkenntnissen, so die Liebhaber der Weisheit in ihrer Denk-Kunst, und in der allgemeinen Lehre von den Dingen unter dem Namen der Logik und Metaphysik auf die Bahne bringen; welches alles dem gemeinen Teutschen Mann etwas entlegen, und nicht so üblich, da hingegen der Gelehrte und Hofmann sich des Lateins oder anderer fremden Sprachen in dergleichen fast allein und, in so weit, zu viel beflissen: also dass es denen Teutschen nicht am Vermögen, sondern am Willen gefehlet, ihre Sprache durchgehends zu erheben. Denn weil alles was der gemeine Mann {30} treibet, wohl in Teutsch gegeben, so ist kein Zweifel, dass dasjenige, so vornehmen und gelehrten Leuten mehr fürkommt, von diesen, wenn sie gewollt, auch sehr wohl, wo nicht besser, in reinem Teutsch gegeben werden können.

Nun wäre zwar dieser Mangel bey denen logischen und metaphysischen Kunstwörtern noch in etwas zu verschmerzen, ja ich habe es zu Zeiten unser ansehnlichen Haupt-Sprache zum Lobe angezogen, dass sie nichts als rechtschaffene Dinge sage, und ungegründete Grillen nicht einmal nenne (ignorat inepta). Daher ich bey denen Italiänern und Franzosen zu rühmen gepfleget: Wir Teutschen hätten einen sonderbaren Probierstein der Gedanken, der andern unbekant; und wann sie denn begierig gewesen, etwas davon zu wissen, so habe ich ihnen bedeutet, dass es unsere Sprache selbst sey; denn was sich darin ohne entlehnte und ungebräuchliche Worte vernehmlich sagen lasse, das seye würklich was Rechtschaffenes: aber leere Worte, da nichts hinter, und gleichsam nur ein leichter Schaum müssiger Gedanken, nehme die reine {10} Teutsche Sprache nicht an.

Alleine, es ist gleichwohl an dem, dass in der Denk-Kunst und in der Wesen-Lehre auch nicht wenig Gutes enthalten, so sich durch alle andere Wissenschaften und Lehren ergiesset, als wenn man daselbst handelt von Begrenzung, Eintheilung, Schluss-Form, Ordnung, Grund-Regeln, und ihnen entgegen gesetzten falschen Streichen; von der Dinge Gleichheit und Unterscheid, Vollkommenheit und Mangel, Ursach und Würkung, Zeit, Ort, und Umständen, und sonderlich von der grossen Muster-Rolle aller Dinge unter gewissen Haupt-Stücken, so man Prädicamenten nennet. {20} Unter welchen allen viel Gutes ist, damit die Teutsche Sprache allmählig anzureichern.

Sonderlich aber stecket die gröste natürliche Weisheit in der Erkäntniss Gottes, der Seelen und Geister aus dem Licht der Natur, so nicht allein sich hernach in die offenbahrte Gottes-Gelehrtheit mit einverleibet, sondern auch einen unbeweglichen Grund leget, darauf die Rechts-Lehre sowohl vom Rechte der Natur, als der Völker insgemein und insonderheit auch die Regierungs-Kunst samt den Gesetzen aller Lande zubauen. Ich finde aber hierin die Teutsche Sprache noch etwas mangelhaft, und zu verbessern.

{30} Zwar ist nicht wenig Gutes auch zu diesem Zweck in denen geistreichen Schriften einiger tiefsinnigen Gottes-Gelehrten anzutreffen; ja selbst diejenigen, die sich etwas zu denen Träumen der Schwärmer geneiget, brauchen gewisse schöne Worte und Reden, die man als güldene Gefässe der Egypter ihnen abnehmen, von der Beschmitzung reinigen, und zu dem rechten Gebrauch wiedmen könnte. Welchergestalt wir den Griechen und Lateinern hierin selbst würden Trotz bieten können.

Am allermeisten aber ist unser Mangel, wie gedacht, bey denen Worten zu spüren, die sich auf das Sittenwesen, Leidenschaften des Gemüths, gemeinlichen Wandel, Regierungs-Sachen, und allerhand bürgerliche Lebens- und Staats-Geschäfte ziehen, wie man wohl befindet, wenn man etwas aus andern Sprachen in die unsrige übersetzen will. Und weilen solche Wort und Reden am meisten fürfallen, und zum täglichen Umgang wackerer Leute so wohl, als zur Brief-Wechselung zwischen denselben erfordert werden; so hätte man fürnehmlich auf deren Ersetzung, oder weil sie schon {10} vorhanden, aber vergessen und unbekannt, auf deren Wiederbringung zu gedenken, und wo sich dergleichen nichts ergeben will, einigen guten Worten der Ausländer das Bürger-Recht zu verstatten.

Hat es demnach die Meynung nicht, dass man in der Sprach zum Puritaner werde, und mit einer abergläubischen Furcht ein fremdes, aber bequemes Wort als eine Tod-Sünde vermeide, dadurch aber sich selbst entkräfte, und seiner Rede den Nachdruck nehme; denn solche allzu grosse Scheinreinigkeit ist einer durchbrochenen Arbeit zu vergleichen, daran der Meister so lange feilet und bessert, {20} bis er sie endlich gar verschwächet, welches denen geschieht, die an der Perfectie-Krankheit, wie es die Holländer nennen, darnieder liegen.

Ich erinnere mich gehöret zu haben, dass wie in Frankreich auch dergleichen Rein-Dünkler aufkommen, welche in der That, wie Verständige anitzo erkennen, die Sprache nicht wenig ärmer gemacht, da solle die gelehrte Jungfrau von Journay, des berühmten Montagne Pflege-Tochter, gesaget haben: was diese Leute schrieben, wäre ein Suppe von klarem Wasser (un bouillon d’eau claire), nehmlich ohne Unreinigkeit und ohne Kraft.

{30} So hat auch die Italiänische Gesellschaft der Crusca oder des Beutel-Tuchs, welche die böse Worte von den guten, wie die Kleyen vom feinen Mehl scheiden wollen, durch allzu eckelhaftes Verfahren ihres Zwecks nicht wenig verfehlet, und sind daher die itzigen Glieder gezwungen worden, bey der letzten Ausgebung ihres Wörter-Buchs viel Worte zur Hinterthür einzulassen, die man vorhero ausgeschlossen; weil die Gesellschaft anfangs ganz Italien an die Florentinische Gesetze binden, und den Gelehrten selbst allzu enge Schranken setzen wollen. Und habe ich von einem vornehmen Glied derselbigen, so selbst ein Florentiner, gehöret, dass er in seiner Jugend auch mit solchem Toscanischen Aberglauben behaftet gewesen, nunmehr aber sich dessen entschüttet habe.

Also ist auch gewiss, dass einige der Herren Fruchtbringenden und Glieder der andern Teutschen Gesellschaften hierin zu weit gangen, und dadurch Andere gegen sich ohne Noth erreget, zumalen sie den Stein auf einmal heben wollen, und alles Krumme schlecht[1037] {10} zu machen gemeinet, welches wie bey ausgewachsenen Gliedern (adultis vitiis) ohnmöglich.

Anitzo scheinet es, dass bey uns übel ärger worden, und hat der Mischmasch abscheulich überhand genommen, also dass die Prediger auf der Cantzel, der Sachwalter auf der Cantzley, der Bürgersmann im Schreiben und Reden, mit erbärmlichen Französischen sein Teutsches verderbet; mithin es fast das Ansehen gewinnen will, wann man so fortfähret, und nichts dargegen thut, es werde Teutsch in Teutschland selbst nicht weniger verlohren gehen, als das Engelsächsiche in Engelland.

{20} Gleichwohl wäre es ewig Schade und Schande, wenn unsere Haupt- und Helden-Sprache dergestalt durch unsere Fahrlässigkeit zu Grunde gehen sollte, so fast nichts Gutes schwanen[1038] machen dörfte; weil die Annehmung einer fremden Sprache gemeiniglich den Verlust der Freyheit und ein fremdes Joch mit sich geführet.

HOFMANNSWALDAU UND LOHENSTEIN.

[Scherer D. 362, E. 366.]

Hauptvertreter der ‘italienischen Schreibart’ oder des ‘Schwulsts’. Christian Hofmann v. Hofmannswaldau war 1618 zu Breslau geboren und erhielt eine sorgsame Erziehung. Er studierte in Leiden, reiste dann in den Niederlanden, England, Frankreich und Italien und war noch sehr jung Rathsherr in Breslau. Er starb 1679.--Daniel Casper v. Lohenstein, ebenfalls ein Schlesier, war 1635 geboren, erhielt eine gute Erziehung, bildete sich auf Reisen und lebte als Regierungsrath in Breslau, wo er 1683 starb. Hofmannswaldau zeichnete sich in Gedichten, Lohenstein hauptsächlich in Tragödien und im Romane aus.

HOFMANNSWALDAU.

AN FLAVIEN.

Will das gelücke denn gantz meine feindin werden? Stürmt süd, ost, nord und west? Bin ich ein gauckel-spiel und leichter ball der erden, Den Venus fallen läst? Will keine sonne mehr mein schwartzes haupt berühren? Umhüllt mich nichts als nacht? Will das verhängniss mich an einer kette führen, So mich verzweiffelnd macht? Orontes weiss fast nicht, was ferner sey zu dencken: Zürnt Venus oder du? 10 Ach, gläub es, Flavia! mein leiden und dein kräncken Kommt mir und dir nicht zu. Was hab ich dir gethan, dass du mich nicht willst kennen? Wie heist du meine schuld? Soll mein verbrechen sich mit rechtem nahmen nennen, So rufft es: Lieb und huld, Du läst mein auge nicht zu deinen gräntzen dringen, Mein auge sonder licht, Du deckst den schönen mund mit deines schatten schwingen, Und kennst mich ferner nicht. 20 Das basilisken-gifft, der rauch von allen drachen, Der fledermäuse blut, Kan meiner Flavie nicht solchen eckel machen, Als des Orontes glut. Doch hab ich dich erzürnt, so will ich treulich büssen, Es schweret hand und geist. Wie solte nicht mein blut mit reichen strömen fliessen. Wenn du es springen heist! Solt ich, o Flavia! zu deinen füssen sterben, So stürb ich ohne spott; 30 Denn liebe, so nicht kan die gegenlieb erwerben, Ist ärger als der tod.

LOHENSTEIN.

AUS IBRAHIM BASSA.

Asien wird in Gestalt einer Frauen von den Lastern abgefesselt auf den Schau-Platz gestellet.

Weh! Weh! mir Asien! ach! weh! Weh mir! ach! wo ich mich vermaledeyen; Wo ich bey dieser Schwermuths-See, Bey so viel Ach selbst mein bethränt Gesicht verspeyen; Wo ich mich selbst mit Heul’n und Zetter-Ruffen, Durch strengen Urtheils-Spruch verdammen kan! So nihm dis lechzend’ Ach, bestürtzter Abgrund an! Bestürtzter Abgrund! O die Glieder trieffen Voll Angst-Schweiss! Ach des Ach’s! der laue Brunn der dürren Adern schwellt Den Jäscht der Purper-Fluth! Mein Blut-Schaum schreibt mein Elend in den Sand! 10 Entthrönte Königin! entzepterte Beherrscherin der Welt! Gestürztes Asien! aus Ichts in Nichts und Staub verstobnes Land! Ja wohl aus Ichts, als mein gekröntes Haupt, Ein Haupt so viel gekrönter Häupter war; Als ich noch mit Siegs-Palmen war belaubt, Und aller Welt Gesetze reichte dar: Als noch gesenckt zu diesen Füssen Europens Haupt und Africa mein Zepter musten küssen: Als mein Gebot wie Stahl und Gluth durchdrang, Und Länder zwang. 20 Ach! aber ach! so hoch als ich beym Tugend-Gipffel In Gold-gestückten Kleidern stand; So tieff hat sich das Spiel verwandt. So starb mein Ruhm! so schlägt die Zeit die grünen Wipffel Von den bejahrten Zedern ab. Man schmückt mich ja noch wohl mit diesem Purpur-Rocke Mit Inseln, Kron und Königs-Stab Hals, Achseln, Händ und Haupt; wo man mit solchem Schmincke Mich nicht nur spöttlich schminck, und äffet und geheih’t. Doch auch gesetzt: dass dis Beschönungs-Kleid Mich nicht beschimpfft: So trag’ ichs doch nur zu Vermummung meiner Flecke, Zur Brand- und Schandmahls-Schminck’, und meiner Schalckheits-Decke Wiewol ich weiss: dass man die Nase rimpfft Und Mäuler auf mich flennet, Ich weiss nicht, wie? wohl nennet. Und prächt’gen Schmuck, der aussen gleisst und schimmert, 10 Dass der Sere von den Wipffeln seidne Wolle drüselt ab; Dass der Tyrer Schnecken-Farbe, Gangens Schaum-Schwolst Perlen hab’; Der Inde Gold; des bin ich nicht bekümmert. Wird wer den Aussen-Glantz beym innern Glieder-Koth besehen, Der wird mich viel verächtlicher noch schmähen. Mich schmertz’s, und ich beschmertz es auch mit diesem langen Seuffzer-Galme, Wenn ich mich wie aus einem Traum und Quallme Auf mich, als ich noch in der Blüthe war, besinn’. War ich nicht Asien, die gröst’ und ältst’ und schönste meiner Schwestern? Hat Neid und Geifersucht mich für der Themis Richt-Stuhl können lästern? 20 Der Menschen Anherr hielt mich erblich inn’. Hat alles All, den Ost und West, und Sud und Nord nicht schlüssen, Mich selbst nicht oft mit seinem Glantz erfüllt, Und sich selbst-ständig in mich ein verhüllt? Lufft, Himmel, Erde, Meer, Gluth, Felder, Wälder, Klippen wissen Mit stummer Zunge nachzusprechen: Dass sie gesehn die Sonne stehn, Gewölckte Feuer-Säulen gehn, Die Felsen bersten, Klippen brechen, Den Regen Brodt, die Wellen Mauern werden. 30 Weh! weh! mir Asien! ach weh! Stund iemand auf dem Schau-Saal dieser Erden So hoch gepflantzt zur Ehren-Höh? Mein Mund hat Kirch und Volck den Gottes-Dienst gelehrt. Die Welt hat unsern Arm als Kronen Herrn verehrt. Das zwölff-bekrönte Haupt, des Halses Alabaster, Pflügt unter Gog und Magogs Joch. Der freie Nacken ist verkoppelt an die Laster, Für denen ich kaum athme noch. Der Zepter und die Hand, die vor nichts mördrisch’s misshandelt, Hat sich mir in Metall und blut-durstig Ertzt verwandelt. 10 Das dürre Hertze schwimmt in Flamm und Gluth; Der Glieder Ketten schwirrn, die stählernen Gelenck’ erschüttern, Der steinern-schwere Fuss tritt und zerknickt durch sein Erbittern, Die treuge Zunge leckt gelieffert Blut; Die welcke Seuge-Brust, An die die Schöpffers Sohn der Schöpffer angehangen, Giebt Hunger, Krieg und Pest, als Egeln, Molch und Schlangen Vergiffte Lebens-Kost. Geitz, Mord-Lust, Geld-Durst, Hass und was der Abgrund zeiget, Wird all’s an mir gesäuget. 20 Fragt Sterbliche, nach Kind- und Elter-Mördern, Und die durch Dolch und Gifft, und Strang und Schwerdt, Der Freunde Rey’, und Brüder-Schaar begehrt, Ins Bein-Hauss für bestimmter Zeit zu fördern. Fragt, Fürsten, fraget nach, nach denen die die Klauen, Umb Lust zu herrschen durch des Herrschers Brust gehauen. Ach! tausend Würme wohl, die sich also beflecket, Hat meine Schooss gehecket. Ha! Bluthund! ha! unmenschlichs Mensch! verzweiffelter Tyrann! Durch-teuffeltes Gemüth! Ertz-Mörder, Solymann! 30 Ertz-Mörder! Ach! hab ich Dich Tieger-Thier, dich Wurm, mit meiner Milch gesogen? Hab! ich dich, Drache, mich zu fressen auferzogen? Dich, Kinder-Mörder, dich? Was stifftes du? du Greuel dieser Zeit! Auf Ibrahims gerechten Kopff für Leid? Blitzet ach! blitzet ach! Wolcken, und machet von den umfesselnden Lastern mich loss! Donner ach! donner! zerschlag und zersplitter iedes in einen zerdrümmerten Kloss.

HANS MICHAEL MOSCHEROSCH.

[Scherer D. 363, E. 367.]

Moscherosch stammte von einer spanischen Familie ab, die sich in Deutschland niedergelassen hatte. Er wurde 1601 zu Wilstädt bei Strassburg geboren, studierte die Rechte, reiste nach Paris, war eine Zeit lang Hauslehrer, und erhielt nach seiner Verheirathung 1628 die Stelle als Amtmann zu Crichingen. Er litt viel von den Trübsalen des Kriegs und musste seine Stelle und seinen Aufenthaltsort oft wechseln. Er lebte zuletzt in Kassel und starb 1669. Seine Satiren, die er unter dem Pseudonym Philander von Sittewald herausgab, geben ein lebendiges Bild des damaligen Sittenzustandes. Herausgegeben von Dittmar (Berlin 1830); Bobertag (Berlin und Stuttgart o. J.).

AUS DEM GEDICHT: A LA MODE KEHRAUSS.

1.

Fast jeder Schneider will jetzund leyder Der Sprach erfahren sein vnd redt Latein, Wälsch vnd Frantzösisch, halb Japonesisch, Wan er ist doll vnd voll, der grobe Knoll. 10 Der Knecht Matthies spricht bona dies, Wan er gut morgen sagt vnd grüst die Magd; Die wend den Kragen, thut jhm danck sagen, Spricht Deo gratias Herr Hippocras. Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen, Das jhr die Muttersprach so wenig acht. Ihr liebe Herren das heist nicht mehren, Die Sprach verkehren vnd zerstören. 10 Ihr thut alles mischen mit faulen fischen Vnd macht ein misch gemäsch, ein wüste wäsch, Ich muss es sagen, mit vnmuth klagen, Ein faulen Haaffenkäss ein seltzams gfräss. Wir hans verstanden mit spott vnd schanden, Wie man die Sprach verkehrt vnd gantz zerstöhrt. Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen, In vnserm Vatterland; pfuy dich der schand!

2.

Was sind vnsere von den Frantzosen kommende oder zu den Frantzosen ziehende vnnd die Frantzosen liebende Teutschlinge anderst als Effaeminatissima Virorum pectora? (Gott verzeihe mir, weil ich diese vns Feindseelige Sprach mit vndermische) welche kein eigenes Hertz, kein eigenen Willen, kein eigene Sprach {10} haben, sondern der Wälschen willen, ihr willen, der Wälschen Meynung ihr Meynung, der Wälschen Rede, Essen, Trincken, Sitten vnd Geberden Ihr Reden, Ihr Essen vnd Trincken, Ihr Sitten vnd Geberden? sie seyen nun Gut oder Böss.

O der täigigen[1039] Feigen weyche[1040]! Darauss eitel forchtsame Verzagte Weychlinge vnd nichts-gültige Weiber-Hertzen werden, die nicht gut noch tauglich, jhre Weibische Weiber, geschweige Statt oder Land zu regieren sind. Dann wan ein solcher Weichling gegen Niemand seine Meynung vnd die Wahrheit mit Ernst vnd Mannlich reden darff, wie wird er darffen die Wehr zucken, wan {20} die offenbahre feinde das Vatterland, als dan geschicht, angreiffen? wie dan ein Jeder Ehrenmann vor Gott vnd seinem Blut schuldig ist.

Woher kompt es jetzt in vnserem betrübtem Land, das man Stätt vnd Vestungen so freventlich ohne verschulden angreifft? auch hergegen dieselbe den Erb- vnd anderen Feinden so willig auffgibt? Allein auss dieser Weyche.

Woher kompt es, das mancher Fürst vnnd Potentat fast nirgend kein Redlichen Auffrichtigen Diener bekommen kann, welchem er nicht mit grosser Sorg vertrawen müsse? kompt alles auss dieser {30} Abschewlichen Sucht vnd auss dieser Weyche her, das die Diener, so sie ohne Gewissen sind, sich von widrigen durch Geschenck vnd Versprechen gewinnen vnd nach derselben Willen vnnd Meynung lencken lassen.

Woher kompt es, dass mancher Fürst vnd Potentat fast keinen Redlichen Gewissenhaften Diener mehr kan leiden vnd behalten? oder denselben seiner trewen Verdienste wegen will Erkennen? Kompt auss eben dieser Verdampten vnd Land-Verderblichen Sucht vnd Weyche her, dass die Herrschafften von Weychlingen, von Fuchsschwäntzern, Auffschneidern, Sitten- vnd Geberden-Narren sich einnemen vnd wider die Jenige so Redlichkeit, Auffrichtigkeit vnnd Warheit lieb haben, verleyten lassen.

Wehe dem Diener, der an seinem Herren vnd Vatterland vntrew {10} vnd ein Verrähter wird! wie können seine Kinder einige Hoffnung haben der Wohlfahrt!

Wehe der Herrschafft, die einen Gewissenhafften Diener wegen der Vngemeisterten vnd Vnvberwindlichen Warheit von sich lasset! Wie kan es anderst sein, als dass jhr armes Land endlich durch die Lügenhaffte Fuchsschwäntzer (welche den mangel vnnd das böse zu sagen sich schewen, vnd nur jmmerzu nach glatten, weichen, wohlgefälligen Worten vnnd Zeitungen trachten) muss zu grund vnd in das Verderben kommen!...

O alte Mannheit, O Alte Teutsche Dapfferkeit vnd Redlichkeit, wo {20} bistu hien verflogen?

JOHANN LAUREMBERG.

[Scherer D. 364, E. 368.]

Geboren 1590 zu Rostock, war daselbst 1618-1623 Professor der Poesie und dann bis an seinen Tod (1658) Professor der Mathematik an der Universität Soroe in Seeland. Er schrieb vier Scherzgedichte in plattdeutscher Sprache, die sich in derb realistischer Weise gegen die gelehrten und modischen Thorheiten richten. Herausgegeben von Lappenberg (Stuttgart 1861); Braune (Halle 1879).

AUS DEM RÜDDEN SCHERTZGEDICHTE.

Ein hübscher junger Kerl gebahren in Westfalen, Sick vörgenamen had, he wolde Wyssheit halen[1041]: He hedde wol gehört, dat men in keinem Land, Als in Franckrick alleen fünd Wyssheit und Verstand. Vernufft de lege dar, als Dreck licht up der Straten, Ein jeder kond darvan einn groten Sack vul vaten[1042]: Dar konde men discours und Complementen lehren, Dörch welke men nu kömt in ansehn, und tho ehren. Als he was tho Parys gewesen achtein[1043] Weken, Kond he so wol Frantzösch als ein Frantzose spreken, He wüste cermoni, he konde caresse driven, Darmit kam he tho Hus, willkamn van Man und Wyven. Vnd wyl he altidt hed der Hocheit nagejaget, Ward he dörch GOttes Gnad up einem Huse Vaget[1044]. 10 Vaget up einem Huse, und Schriver up dem Schlate, Sehr hoge Ampter sind, van grœt profit und bate[1045]: Der Buer se früchten[1046] mœt, und dantzn na ere Pipen, Idt drüppet[1047] all van Geld, wor se man henne gripen. Se bilden sick vel in, und willen grötter syn, Als am Frantzöschen Hoff Cardinal Mazarin. In sodanem respect was de darvan ick rede. Einmals reep[1048] he den Kock, und also tho em sede: ‘Escoute Cuisinier, von meinen Cameraden Hab ich zwei oder drei zum desieuner geladen, 20 Mach myr ein gut potage, mit alle appertenance, Wie man es à la Cour dressiren pflegt _en France, à la nouvelle mode_, du solt incontinent Für dieses dein travail haben ein gut present. Ich wil à la pareille dein Freund sein en effait, Mach mir die Suppe nur so wie ich hab geredt.’ De Kock sprack, ‘ja Her Vagt, als gy hebben[1049] gespraken, So wil ick juw de Supp up goden gloven kaken[1050].’ He lachde bi sick sülvst, und rönde[1051] na der Köken[1052], Begünd uth allen winkeln de Pötte[1053] uth to stöken[1054], 30 Koel, Arfften[1055], Grütt[1056], Warmbeer[1057], ded he tosamen schrapen[1058], Vnd goet idt altohoep[1059] in einen groten Grapen[1060], Dartho dede he, dat idt schold schmecken desto schmucker, Eine hand vul stötten Peper, und anderthalff lot Zucker. Dat muste kaken dick, als Weitenmehlen Brie[1061], Nümmer heb ick gesehen ein solke companie. Als idt nu was bereit, und ferdig altomahle[1062], Gaff idt de Meister up in eine sülvern Skale, He bröcht[1063] idt tho den Heern, de alle darna töffden[1064]. Men[1065] do de goden Lüd de kakeratze[1066] pröffden, De Ogen würdn en groet, vul runtzeln kam de Stern, Ein jeder hedd de Supp weddr uth gespiet gern. 10 De ein seed, ‘fi diabl, par ma foy dat schmeckt brösig[1067], De Kock de dat gekaeckt, de moet syn dum und dösig[1068].’... De ander sprack: ‘fi, fi, bö, bö, potz veltes[1069] Wunden, Man schold mit sülker Supp vergeven[1070] Kattn und Hunden,’ Ein inventarium recht nu ick maken moet, Van allem wat my waant[1071] im Lyve bös und goet. Hyrmit so toch he loes: ein Wort twe Ellen lanck, Bald twischen sine Tene herfloet under de Banck, Se müsten de dar wern sünt Olrick all anropen. Mit einem Spanschen Reed[1072] de Vaget quam gelopen, 20 ‘Coqvin,’ sed he, ‘Cojon, Vidase[1073], loser Tropff, Itzunder wil ich dir eins langen auff den Kopff, Cuisinier de Houdan[1074]: was ist das für ein fressen? Hastu noch nicht gelernt potage recht zu dressen? Was pesle mesle ist das? was sinds für dolle sachen Darmit du uns in sampt darffst solchen eckel machen? Ich wolt dich setzen lahn auffs newe holtzern Pferd, Wenn ich dich, Maqvereau[1075], achtet meines Zornes werth.’ ‘I Heer Vagt,’ sed de Kock, ‘wil gy mi so betalen? De Supp is thogericht als gy mi hebt befahlen, 30 Gy seden my, ick schold juw[1076] eine Suppe kaken Even up sülck maneer als gy hadden gespraken. Idt was jo althomahl verplümpert[1077] wat gy spreken, Idt was tho samen schrapt uth Düdschland, Franckrick, Greken, So is de Suppe ock, se is van velen stücken, Ein jede vör sick sülffst hed sick wol könen schicken, Men nu is se vermengt, nu is se nicht vel werth, Schmeckt nicht na Fisch noch Flesch, hefft wedder Kop noch Stert[1078]. Also wen gy Frantzösch und Düdsch thosamen rören[1079], So kant kein Düdsch verstahn, schold he idt schon anhören, Men weet nicht wat idt is, und moet so wat narahmen[1080], Ehr ment[1081] vernehmen kan, und up de Mening[1082] kahmen. 10 Darüm gnedig Heer Vagt, wen gy wilt Suppe eten, So spreket Düdisch mit Frantzöschem nicht besmeten[1083].

JOACHIM RACHEL.

[Scherer D. 365, E. 369.]

Geboren 1618 zu Lunden im Ditmarschen. Auf der Schule zu Hamburg, auf der Universität in Rostock und Dorpat. Später Hauslehrer und Schullehrer. Er starb 1669 als Rector der Schule in Schleswig. Er dichtete zuerst im Anschluss an Lauremberg niederdeutsch und schrieb dann hochdeutsche Satiren nach classischen Vorbildern. Herausgegeben von H. Schröder (Altona 1828); vgl. Sach ‘J. R. Ein Dichter und Schulmann des 17 Jahrhunderts’ (Schleswig 1869).

JOACHIM RACHELS, EHEMALIGEN RECTORS ZU WESLINGBUREN CARMEN, WORIN DER ALTEN DITHMARSCHEN PROVERBIA UND RITUS GAR ORDENTLICH WERDEN ANGEFÜHRT.

Nu, min dochter, segg van harten, Wat dünkt Di bi Reimers Marten? is it nicht een karschen[1084] knecht? lank van leden[1085] rik van goede un vam allerbesten bloede, weer he Di nicht even recht?

Jarrens Dulffs, sin oldervader[1086] was een deftich[1087] landberader, ja! he was een weldich[1088] mann van de acht un veertich heeren, de Ditmarschen to regeeren plegten, eer’t de fient gewann.

In de groten landesfeide[1089] schloech he up der grönen heide mangen schoenen Holsten[1090] doet: he schloech lustich up de deusen[1091] 10 dat se pepen un mit steusen[1092] musten laten haer un bloet.

As de havik vör de küken gung de groete garde striken[1093], kam der Jarrens Dulffs in’t felt: Alle fiende musten springen, alle fründe musten singen: ‘dat’s een kerel! dat’s een helt!’

Schapken schlachten[1094] na de rammen[1095] und de twige na dem stammen: 20 Marten is ok goeder haer[1096]. Marten schall sik nicht verkrupen[1097], de mit em up’t best will supen, de neem em de füste waer.

Karsten Palk leet sik gelüsten em to kamen in sin füsten: man dar was neen vordeel bi. Karsten mochte stan und trampen[1098] un mit beeden föten stampen[1099]: ‘Schit[1100], see Marten, dat’s vör di!’

Marten gung man ut der katen[1101], wull mit gunst wat lopen laten dar bisüden[1102] bi de boes[1103]. he sprak to de andern heeren: ‘leven fründe, stat mit eeren!’ darna schloech de Karsten loes.

Man he kreech sin deel ok wedder, 10 Marten greep em up sin ledder, neem darna dat knif[1104] herut. he hat em dat levent namen, was dar nemant twischen kamen: Karsten kreech en blaue snut[1105].

Dat was recht, min goede Harke[1106], solk lohn hört up solke warke! Sü! ik bin ie mar[1107] een wif, mar schall ik mi brüen[1108] letten, dar will ik entgegen setten, 20 hut un haer un’t heele lif.

Ister ichtes wat to braden[1109], Marten wert darme geladen; Marten achter, Marten vör. Wenn se na dem ringe riden[1110], edder um den Rolant striden, he geit mit de büte dör[1111].

Tweemal is he konink heten, do se na den schiven schöten, dar he eenen leepel[1112] wann. Tweemal heft he in der reegen[1113] den faslavents haen[1114] gekreegen un darto de tinnen kann.

Wenn se vör dat karspel[1115] treden 10 un tosamen sik bereden, Marten heft de grötste eer; he heft--schull Di’t nicht gefallen?-- eenen ganzen kop[1116] vör allen, as wenn he de vaget[1117] weer.

Lat de andern fri wat seggen, Marten weet it umbtoleggen[1118], Marten is vörn düvel klok. All de buer de möt wol swigen un vör Martens mütz sik nigen 20 edder vör sin sündagsbrok[1119].

Wenn he in der karken singet un mit siner stimme klinget, hei! wo röpt he över all! ja! so röpt he trotz den mester[1120], trotz heern Peter un sin köster, dat em eener nadoen schall.

Un dat schastu ok wol weten[1121], dat he klei[1122] het ünner’n föten[1123] dat he Di neen pracher[1124] is. he het nümmer not van Gelde, geit mit seven mann to felde an sin deerens[1125], dat’s gewis.

He het lammer[1126], ploech und eggen, he het höner, de em leggen, he het so veel quik un krup[1127] as een husmann to mach föden, 10 un dar schastu Di vör höden, nich een schillink schult darup.

Wat schit ik up hunnert morgen, wenn ik sit in schult un sorgen un heb nicht een frien klut[1128]. Wenn mi gripert[1129] na geit schliken, dörf ut miner dör nicht kiken[1130], as nu manger schulen[1131] moet.

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